Wilhelm Heinrich Riehl Land und Leute 1861 Seiner Erlaucht dem Herrn Reichsrath Grafen Carl von Ciech in Thurnau. Zur Einleitung Wir lesen in den Geschichtsbüchern, daß die Fürsten und ihre Räthe in alter Zeit ihre Residenzen und Kanzeleien wechselnd bald in diesem, bald in jenem Theile des Landes aufgeschlagen haben. Sie absolvirten bei diesem Wanderleben ihre politischen Studien; denn sie lernten Land und Leute kennen. Auch auf ihren Jagdzügen fanden sie manchmal die Staatskunst und Waidmannskunst nebeneinander. Heutzutage ziehen die Fürsten nicht mehr von Burg zu Burg, und die Minister reiten auch nicht mehr regierenshalber durch das Land. Da nun die Staatsmänner nicht mehr auf die Wanderschaft gehen können, so sollten es wenigstens die politischen Schriftsteller für sie thun. Diese Erwägung trieb mich seit Jahren hinaus, die schönen deutschen Gaue zu durchstreifen, um im unmittelbaren Verkehr mit dem Volke diejenige Ergänzung meiner historischen, staatswissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Studien zu suchen, die ich in den Büchern nicht finden konnte. Ich ging bei dieser gleichsam naturgeschichtlich analytischen Untersuchung unserer öffentlichen Zustände nicht von einem vorgefaßten politischen Parteistandpunkte aus. Erst aus der Summe der eigenen Anschauungen entwickelte sich mir ein social-politischer Conservatismus, der mir nun aber auch um so sicherer bestimmend wurde für meine ganze Lebenspraxis. Zuerst ward ich Fußwanderer und nachher politischer Schriftsteller. Wenn ja etwas Eigenes und Neues in meiner Art der Behandlung von Gesellschafts- und Staatswissenschaft steckt, dann habe ich es diesem Umstande zu danken. Als ich mein Buch über die »bürgerliche Gesellschaft« schrieb, ging ich nicht entfernt von der Absicht aus, eine neue Schutzrede für die ständische Gliederung im Volke zu liefern. Ich wollte lediglich aus einem künstlerischen Trieb das deutsche Volksleben nach seinen allgemeinsten Gruppen zeichnen und fand die natürliche ständische Gliederung am Wege, ohne daß ich sie suchte. Ja zuerst galt es mir nur, eine einzelne Volksgruppe zu skizziren, die Bauern, und der Plan ein Gesammtbild der Gesellschaft zu entwerfen, rührte ursprünglich gar nicht von mir her. Er ward in mir erst angeregt durch den Freiherrn von Cotta , als ich demselben meine Arbeit über »die Bauern« für die Deutsche Vierteljahrsschrift vorlegte. Die Idee des ganzen Buches wurde zwischen uns in mündlichem und brieflichem Verkehr mannichfach erörtert, und viele Winke des mit unsern gesellschaftlichen Zuständen gründlich vertrauten Mannes, dessen Förderung meines ganzen literarischen Strebens ich mit Freuden öffentlich anerkenne, sind beim Ausarbeiten jener Schrift nicht unbenutzt geblieben. Wie ich nun aber bei der Skizze des einzelnen Standes der Bauern nicht hatte stehen bleiben können, sondern allmählich zu einem Gesammtbilde der bürgerlichen Gesellschaft gekommen war, so konnte ich auch bei diesem wiederum nicht stehen bleiben. Das eben ist die wunderbare Wirkung eines in's Einzelne sich versenkenden Studiums, daß uns die Erforschung der Einzelthatsachen immer weiter treibt zum Nachweis ihres Zusammenhanges mit einem immer größeren, reicheren Ganzen. In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Volk in seinen allgemeinsten Beziehungen durch sich selbst, in seiner von den örtlichen Besonderungen losgelösten Gliederung, in seinen Ständen geschildert. Will man die naturgeschichtliche Methode der Wissenschaft vom Volke in ihrer ganzen Breite und Tiefe nachweisen, dann muß man auch in das Wesen dieserörtlichen Besonderungen des Volksthumes eindringen. In der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft ist das Verhältniß der großen natürlichen Volksgruppen zu einander nachgewiesen: hier sollen diese Gruppen nach den örtlichen Bedingungen des Landes, in welchem das Volksleben wurzelt, dargestellt werden. Erst aus den individuellen Bezügen von Land und Leuten entwickelt sich die culturgeschichtliche Abstraction der bürgerlichen Gesellschaft. So stehet das vorliegende Buch meinem Buche von der bürgerlichen Gesellschaft, welches sich als zweiter Band in zweiter neu überarbeiteter Auflage anschließen wird, gegenüber als der Entwurf zu einer socialen Volkskunde Deutschlands , einer allgemeinen Systematik der Gesellschaft dieses Landes. Das Ganze aber wird zusammengehalten und getragen von dem Gedanken, daß die naturgeschichtliche Untersuchung des Volkslebens zur Gesellschaftswissenschaft, zur socialen Politik führe, und daß es noch früher oder später möglich werden müsse, auf der Grundlage solcher naturgeschichtlichen Untersuchungen ebensowohl einen Kosmos des Volkslebens, einen Kosmos der Politik zu schreiben, wie die naturgeschichtliche Untersuchung des Erd- und Weltorganismus einen ihrer höchsten Triumphe in dem Werke eines deutschen Gelehrten feiert, welches wir jetzt mit einem stolzen Worte den »Kosmos« schlechthin nennen. Bei meinem Buche über die bürgerliche Gesellschaft erlebte ich die Freude, daß es mir zwar nicht die lärmschlagende Gunst der politischen und literarischen Parteien gewann, wohl aber eine große Zahl persönlicher Freunde und eifriger Anhänger in den verschiedensten Gauen Deutschlands. Ich schloß aus dieser Erfahrung, daß man wohl aus dem Buche herausgefühlt haben müsse, es sey kein gemachtes, es sey ein erwandertes und erlebtes Buch, welches nicht blos zufällige Ansichten, sondern die Persönlichkeit, den Charakter seines Verfassers spiegele. Der hochverehrte Mann, dessen Namen ich an die Spitze dieser Widmung gestellt, ist ein solcher Freund, dessen befruchtender persönlicher Umgang, dessen unermüdliche Förderung meines bescheidenen Strebens mir lediglich durch jenen ersten größeren literarischen Versuch gewonnen worden ist. Ich hielt es darum für meine Pflicht, Ihnen, hochverehrter Herr Graf, ein kleines Wahrzeichen meines Dankes auch öffentlich aufzustellen. Und wenn je eine Gelegenheit mir passend hierzu erschien, dann däuchte sie mir bei diesem Buche gegeben zu seyn, zu dessen Ausarbeitung Sie mir in den vergangenen Frühlingstagen einen so köstlichen Mußesitz eingeräumt hatten, in Ihrem Thurnau, dessen freundliche Natur einst Wilhelm von Humboldt fesselte und dessen unvergleichliche Lindenallee Jean Paul für würdig erklärte, daß Fichte in ihr als dem stolzesten Laubdome seine Reden an die deutsche Nation gehalten hätte. Augsburg, am 18. September 1853. W. H. Riehl. Vorwort zur zweiten Auflage. Diese neue Auflage nennt sich eine vermehrte. Es sind nämlich, außer mancherlei kleinen Erweiterungen, zwei neue selbständige Kapitel hinzugekommen. Das eine, ein Einleitungskapitel, führt die Ueberschrift: »Die vier Fakultäten.« Es soll nicht blos in den vorliegenden Band, sondern in das ganze Werk einführen, welches sich nunmehr in drei Bänden abgeschlossen in den Händen des Publikums befindet. Indem ich den Widerstreit zeichnete, in welchem die von der naturgeschichtlichen Analyse des Volkes ausgehende Volks- und Staatswissenschaft mit unserm altüberlieferten System der Fachwissenschaften steht, konnte ich zugleich Andeutungen geben über einen neuen organischen Bau der gesammten Staatswissenschaften, wie ich ihn in meinen Universitätsvorlesungen in strenger Systematik durchzubilden suche, und auch später, so Gott will, in ausgeführter wissenschaftlicher Form der lesenden Gelehrtenwelt vorzulegen gedenke. Das zweite neu eingefügte Kapitel ist überschrieben: »Thesen zur deutschen Landes- und Volkskunde. « Meine Idee der ethnographischen Dreitheilung Deutschlands ist fast auf jeder Seite des Buches veranschaulicht, erläutert und in Einzelzügen ausgemalt. Sie ließe sich aber ebenso gut in ganz trocken statistischer Weise, ja tabellarisch und chartographisch, überall mit Zahlen und positiven Thatsachen belegt, darstellen. Das Material dazu liegt größtentheils zu andern Zwecken ausgearbeitet vor mir; ich hätte es nur abdrucken zu lassen brauchen und würde solchergestalt das Buch mit einem sehr gelehrt dreinschauenden Kapitel ausstaffirt haben, welches aber nur sehr Wenige lesen würden. Um daher die künstlerische Einheit in der Schreibart des Buches nicht zu zerreißen, schob ich nur einzelne Thesen ein, in denen sich die weiteren Ausführungen concentrirt vorgebildet finden, Thesen, aus welchen man erkennen wird, daß ich nicht versäumt habe, meinen Grundgedanken nach allen Seiten zu erwägen und am positiven Material zu prüfen, Thesen, die zugleich mithelfen sollen, die vielen überallhin abschweifenden skizzenhaften Ausführungen des Buches etwas mehr in's Blei zu stellen und das Ganze einheitlich in Rand und Band zu halten. Denn lieber wollte ich die doch in der Regel ziemlich wohlfeile Gelehrsamkeit von Citaten und anderswoher abgeschriebenen statistischen Notizen preisgeben, als die künstlerische Freiheit der Darstellung. Wie ich durch ein luftiges Wanderleben erst in's Bücherschreiben hineingewandert bin, so sollen auch meine Bücher allerwege lustig zu lesen seyn; die Gelehrsamkeit soll darin stecken, ohne sich selbstgefällig zu präsentiren, und wenn der Autor auch mühselig und langsam, prüfend und zaudernd gearbeitet hat, so wünscht er doch, die Leser möchten gar nichts merken von dieser Mühsal, sondern meinen, das Buch sey nur eben so von selber geworden, nur so von ungefähr hingeschrieben, rasch und unverzagt wie auf der Wanderschaft und immer mit gutem Humor, und ohne daß je der Autor vorher den gelehrten Schlafrock angezogen habe. München, am 18. März 1855. W. H. R. Vorwort zur fünften Auflage. Die dritte Auflage hatte ich mit folgenden Worten eingeleitet: »Viele der im vorliegenden Buche gegebenen Beispiele und Einzelzüge sind aus den unmittelbaren Eindrücken der Zeit geflossen, in welcher die ersten Skizzen zu den meisten Kapiteln entworfen wurden; es waren dies die Jahre 1850-52. Vieles würde ich in dieser Beziehung jetzt anders geben, namentlich in der zweiten Hälfte des Buches. Manche der hier angezogenen Thatsachen haben sich auch inzwischen wesentlich geändert. Was damals als eine unmittelbar aus dem Leben des Tages gegriffene Anschauung galt, ist mitunter bereits ein historisches Exempel geworden. Da mir aber in diesem Bande nicht sowohl die Darstellung bestimmter Thatsachen, als die an deren Behandlung zu erweisende Methode das Wesentliche war, so mögen jene Specialitäten immerhin in der Form stehen bleiben, wie sie der Zeitpunkt der ersten Abfassung eingab. Der feinfühlige Leser wird selber schon merken, wo die so zahlreich eingestreuten Einzelzüge aus unserm socialen und politischen Leben eine Erweiterung, wo eine Einschränkung erfahren müßten, wenn ich das Buch heute neu zu schreiben hätte. Dennoch wollte ich nicht ohne diese Gewissensverwahrung mit einem unveränderten Wiederabdruck vor das Publikum treten.» Den hier dargelegten Grundsatz hielt ich auch bei allen Verbesserungen der fünften Auflage fest und tastete das Wesen des Buches nicht an. Nur in Sprache und Ausdruck suchte ich sorgsam die letzte Feile anzulegen und, indem ich den Text freier und fester sprachlich ausrundete, dem deutschen Publikum thatsächlich zu danken für die dauernde Theilnahme, welche es meinen Schriften bewahrt hat. München, am 6. Oktober 1860. W. H. R. Erstes Kapitel. Das Volk in Bild und Schrift. Durch Poesie und bildende Kunst geht seit Jahrhunderten der rastlose Drang nach Erweiterung des Kreises der darzustellenden Stoffe. Es will uns nicht mehr genügen an Einzelfiguren und Gruppen. War früher das Volk als Gesammtperson höchstens nur leicht angedeutete Staffage oder ein Schmuck des Hintergrundes, dann wird es jetzt mehr und mehr eine selbständige, ja eine Hauptfigur, die sich flott durchgearbeitet in den Vordergrund von Bildern und Dichtwerken stellt. Die Gegenwart sucht entschiedener als irgend eine frühere Zeit das Volk als Kunstobject zu fassen. Mit dem Ausgange des Mittelalters, da die großen socialen Neugestaltungen begannen, in denen wir noch fortweben, gewinnt das Volk den Reiz eines neuen Stoffes für die Künstler und Poeten. Die weitschichtigen, gleichsam episch in's Breite gehenden Geschichtsbilder der deutschen Malerschulen aus dem 15. und 16. Jahrhundert wurden damals äußerst figurenreich. Mit einzelnen bildsäulengleichen Heiligen hatte man begonnen, war fortgeschritten zur Gruppe, dann zum Gruppengewimmel und durch dieses zum Charakterbilde der Massen. Das deutsche Volk wird nun derb leibhaftig mitten in die Scenen aus der biblischen Geschichte, aus dem Leben der Heiligen und Märtyrer gestellt. Dürer, Holbein, Kranach waren nicht bloß insofern volksthümliche Maler, als sie in ihrem Styl den deutschen Volksgeist in einer bis dahin nicht gekannten Freiheit und Naturfrische versinnbildeten; sie waren auch mit ihren unmittelbaren Vorgängern, Genossen und Nachfolgern die ersten, welche das deutsche Volk als Volk malten. Sie machten freilich trotzdem das Volk noch nicht zum Mittelpunkte ihrer historischen Bilder; sie stellten es nur in die Peripherie derselben, erläuternd, füllend, schmückend, daß es manchmal fast auftritt wie der Chor in der griechischen Tragödie. So getreu auch die Einzelfiguren und Köpfe in den Volksgruppen der altdeutschen Maler aus dem Leben gegriffen, ja oft in ihrer naturwüchsigen Gemeinheit geradezu von der Straße aufgelesen sind, so hat doch die Gesammtfigur des Volkes vorwiegend nur einen typischen Sinn. Im Einzelnen wechselt die reichste Charakteristik der Köpfe; im Ganzen sind es immer dieselben niederrheinischen, fränkischen, schwäbischen Bürger und Bauern, die auf den Bildern der niederrheinischen, fränkischen, schwäbischen Schule gegensatzlos, in stehenden, überlieferten Formen wiederkehren. Allein der Anstoß war gegeben, die Selbsterkenntniß des Volkes im Bilde geweissagt. Aehnliches zeigt die damalige Poesie. In der Volksdichtung, die sich am Ende des Mittelalters und zur Reformationszeit ausbildet, greifen die Dichter ihre Stoffe unmittelbar aus dem Volksleben. Die niederen Stände erschauen sich im Gesammtorganismus des Volkes ebenso klar wie weiland die höheren: das ist in den Volksbüchern und den satyrischen Lehrgedichten des 15. und 16. Jahrhunderts mit wahrhaft epochemachender Neuheit, Kraft und Tiefe ausgesprochen. Hier an den Pforten der neuen Zeit ahnten die Leute mit einemmale, welch ein wunderbares Kunstobject das Volk sey. Die Reformationszeit ist auch in diesem Stücke Spiegel und Seitenbild der Gegenwart. Sebastian Brandt geißelt in seinem Narrenschiff die Schwächen und Gebrechen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Er macht bereits die moralische Gesammtperson des Volkes zum Stoff seines Lehrgedichtes. Die Satyriker jener Zeit beginnen überhaupt das Volk naturgeschichtlich zu zerlegen; freilich nicht zu politischem Zweck, sondern der Moralpredigt halber; aber die Thatsache dieser Untersuchungen bleibt darum nicht minder bedeutsam. Es ist nur erst der Theologe Gailer von Kaisersberg, der sich den Text zu seinen Predigten aus Brandt's satyrischer Naturgeschichte des Volks nimmt; im 19. Jahrhundert werden die Staatsmänner ihre Texte in den naturgeschichtlichen Analysen des Volkes suchen müssen. Sowie die sociale Romantik des Mittelalters verblaßt, wird der Gegensatz des gemeinen Mannes zum vornehmen mit einemmale lebendig in der Literatur. Volkslieder und Volksbücher verdrängen die Königslieder und Heldenbücher. Narren predigen die neue Weisheit; in dem Humor seiner Schwänke und Spottlieder erkennt das Volk als Gesammtcharakter sich selbst in seiner Eigenart und Naturkraft, und Eulenspiegel wird ein Prophet der socialen Revolution. Die »grobianische Literatur,« in welcher das geringe, das arme, gedrückte Volk als das »eigentliche« Volk gedacht ist, fordert die ausgesungene höfische und ritterliche Poesie zum Knüttelkampfe heraus und fährt siegreich mit ihrem Prügel darein. Ein Stück des Volkes wenigstens wird solchergestalt Kunstobject, ein wunderliches Stück, die göttliche Grobheit der Sprache und Sitte des gemeinen Mannes soll ihre poetische Naturkraft bekunden; bei Spott und Hohn auf den modischen Anstand und das eigensinnige Herkommen der höheren Stände fühlen sich die Volksschriftsteller kannibalisch wohl. Dieselben von der Straße aufgelesenen Gestalten mit den gemeinen Gesichtern, welche theilweise auf den Historien- und Kirchenbildern den typischen Chor des Volkes bilden, pflanzen sich in dem Vordergrund der Spott- und Lehrgedichte auf. Sie drohen hier als eine Schaar der Rache, welche den Muth und die Faust hat, das Unrecht der Zurücksetzung hinter Fürsten, Ritter und Pfaffen – nicht bloß in der Kunst, sondern auch in der Politik - wieder wett zu machen. Wie in der Dichtkunst die Sehnsucht nach der Natur erst dann bei allen Sängern widerklingt, wenn die Menschen sich der Natur entfremdet haben, so kann auch die künstlerische Selbstschau des Volkes, der poetische Genuß an dem rohen Volksleben, erst da eintreten, wo der sociale Stand der Unschuld bereits gebrochen ist, wo die Entfremdung einer verfeinerten Welt von volksthümlicher Sitte und Art bereits sociale Nervenleiden, Blutarmuth und Muskelschwäche erzeugt hat, gegen die man in dem Schlammbad einer naturwüchsigen Rohheit und Flegelei Hülfe sucht. Die »grobianische Literatur« vom Ausgange des Mittelalters ist in unserer Zeit in den Dorfgeschichten, mehr noch in den Mysterien des großstädtischen Proletariats wieder aufgelebt. Solche Erscheinungen, die das Volk in seiner ungebrochenen, unverhüllten Natürlichkeit als Kunstobject nehmen, sind entscheidend für den Fortschritt der Naturgeschichte des Volkes. Was der Poet ahnt und schildert, das soll der Social-Politiker durchforschen und anwenden. Wie im einzelnen Menschen, so zeigt auch im Volke dieses ruckweise Vorschreiten der Selbsterkenntnis jedesmal einen bevorstehenden Umschlag im Organismus an. Der Bauernkrieg machte der Lust an den Dorfgeschichten des 16. Jahrhunderts ein Ende. Da waren mit einemmale die »Grobiane« aus dem literarischen Rahmen herausgetreten und hatten wirkliche Arme und Fäuste bekommen. Der Dämon, welcher im Bild, im Lied und in der Satyre längst gegeistet und in abenteuerlichen Gesichten sich vorverkündet hatte, stieg endlich auch leibhaftig an's Tageslicht. Das 16. Jahrhundert malte nicht bloß das Volk und sang von dem Volke, es beschrieb auch dasselbe mit ganz besonderem Behagen. In »Weltbüchern« und »Kosmographien« schilderte der populäre Gelehrte das Volk nach Stand und Beruf, nach seinem Zusammenhang mit dem Lande und ergötzte die Leser mit der Kunde von allerlei wunderlichen Sitten, die er in der eigenen Heimath versteckt gefunden. Neben den Holzschnitten von Meerfräulein, Menschenfressern und fabelhaften Völkern mit Hundeköpfen sehen wir in Sebastian Münster's »Kosmographey« den Allgäuer Bauer am Spinnrocken, den Landsknecht, den Ritter, den Zigeuner, den Juden. Wie diese derben Holzschnitte ist auch das Konterfei der mittelaltrigen vier Stände fest und treuherzig in Worten gezeichnet. Wer vermag heute sociale Charaktergruppen zu malen, die sich an Dürer'scher Kraft der Umrisse mit Sebastian Frank's Prachtstücken der Schilderung messen könnten? Und an diesen Spiegelbildern ihrer selbst konnten sich die Leute des 16. Jahrhunderts nicht satt sehen. Die Selbsterkenntnis des Volkes war mit nie gekannter Macht erwacht: dieß ist eine der wichtigsten Thatsachen der Reformationszeit. Mit gutem Griff hat darum Kaulbach in seinem großen Reformationsbild zu den Humanisten, zu den Entdeckern und Naturforschern auch einen Forscher von Land und Leuten, den alten, ehrlichen Münster mit seiner langen Forschernase, in den Vordergrund gestellt. In der Kunstthätigkeit des 17. und 18. Jahrhunderts tritt das Volk als Kunstobjekt wieder in den Hintergrund. Die Zopfzeit hatte keine sociale Politik. Wo es nur Unterthanen, keine Bürger gibt, da wird freilich das Studium des Volkes überflüssig. Während selbst der typische Chor der Volksgruppen von den Historienbildern verschwindet, sind es nur noch die republikanischen Holländer, welche Art und Sitte des gemeinen Volkes behaglich vor unsere Sinne bringen. Sie führen die erloschene grobianische Literatur der früheren Zeit mit dem Pinsel fort; Teniers, Ostade, Jan Steen boten dem verschnörkelten Wesen der vornehmen Welt Trumpf, indem sie in unvergleichlicher Naivetät Studien zur Naturgeschichte des Volkes malten. Allein so groß auch die Rückschritte waren, die man seit dem dreißigjährigen Krieg in der Erkenntniß und Würdigung des Volkslebens machte, so ist doch die Brücke zwischen den Volksstudien des 16. Jahrhunderts und der Gegenwart niemals ganz abgebrochen gewesen. Im Simplicissimus und den Gesichten des Philander von Sittewald wird noch einmal, wenn auch mit roher Hand der Versuch gewagt, ein unverhülltes Naturbild des Volkes poetisch zu gestalten. In diese traurige Zeit, wo die Politik vorzugsweise zu scholastischen staatsrechtlichen Formen zusammenschrumpfte, wo von wirklichen Originalzöpfen die Grundsteine zu der modernen, alle Naturkräfte im Volksleben übersehenden politischen Schulmeisterei gelegt wurde, fallen trotzdem höchst wichtige Anfänge einer social-politischen Tages-Literatur . Als man auf Bildern, in Lehrgedichten, Satyren, Romanen und Weltbüchern keinen Raum mehr hatte für die Zeichnung des Volkes, warf man wenigstens noch auf fliegende Blätter Skizzen zur Naturgeschichte des Volkslebens hin. Die Gelehrten hatten sich einseitig des Staatsrechtes bemächtigt; populär aber blieben die wenn auch noch so dürftigen Fragmente zur Gesellschaftswissenschaft. In der Wissenschaft des Staates und des Rechtes ging Griechenland und Rom voran; aber die Wissenschaft vom Volke in ihrer ausgeprägtesten, naturgeschichtlich zerlegenden Form, ist ein Eigenthum der modernen und vorab der germanischen Welt. Es lag unserem Volksgeiste seit Urwalds Zeiten näher, die individuelle Sitte auszubilden als das völkerverschmelzende Recht, das Sonderleben der Gesellschaft aufrecht zu halten neben und über der ausgleichenden Gewalt des Staates. Die Deutschen sind geborene Social-Politiker und von diesem Standpunkte aus sind sie stets ein politisch wunderbar strebsames und rühriges Volk gewesen. Die Glanzperiode unserer weltbeherrschenden volksthümlichen Herrlichkeit, das Mittelalter, war die Zeit des einseitig socialen Staates. So beleuchten jene fliegenden Blätter des 16. und 17. Jahrhunderts, die Vorläufer der modernen Tagespresse, die gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit von allen Seiten; von den politischen im engern Sinne sprechen sie nur da, wo der religiöse Zwiespalt mittelbar auch so etwas wie politische Parteigruppen beim Volke eingeschwärzt hatte. Es fallen ganz neue Schlaglichter auf die Geschichte unsers öffentlichen Lebens, wenn wir die Entwickelung der deutschen Journalistik rückwärts bis zu ihren Ursprüngen verfolgen, und dabei untersuchen, inwiefern dieselbe vorzugsweise die Interessen der Gesellschaft oder des Staates durchgesprochen hat. Wir kommen dann zu dem culturgeschichtlich bedeutsamen Ergebniß, daß unsere sociale und culturpolitische Journalistik reich war seit alten Tagen, unsere rein politische fast immer bettelarm. Für die Geschichte und Politik der Gewerbe, des Handels und Ackerbaues, für die Zustände der Aristokratie und des Bürgerthums, ja des Proletariats bieten jene fliegenden Blätter immer noch eine reichlich strömende Quelle; für die Kunde des staatlichen Lebens eine ganz dürftige. In einer Flugschrift des 16. Jahrhunderts, dem liber vagatorum (1510), sind die Proletariergruppen jener Zeit, bereits gezeichnet und in Reih und Glied gestellt, daß es sich schier wie ein erster kindischer Versuch zu einer Naturgeschichte der Gesellschaft ausnimmt. Man besaß damals bereits ein Lexikon der Gaunersprache, aber noch lange kein Staatslexikon. Als sittengeschichtliche Merkwürdigkeit finde ich, daß in jenem Wörterbuch kaum je Synonyma des wortkargen Kauderwelsch vorkommen. Nur bei einem Wort überrascht der Ueberfluß von vier Synonymen; es ist das Wort Bordell; man sieht, die Zeit begünstigte in allen Stücken das corporative Genossenleben, und das Laster war in selbigen Tagen noch eben so grob wie die Tugend. In der ungeheuren Masse des Stoffes zur Gesellschaftskunde, welcher in der Literatur der beiden größten germanischen Kulturvölker, der Deutschen und Engländer aufgehäuft ist, liegen reiche nationale Schätze geborgen, welche nur der hebenden und ordnenden Hand bedürfen. Eine Geschichte dieser Vorstudien zur Gesellschaftskunde zu schreiben, wäre eine geistige That, die ganz neue Schlaglichter auf die Geschichte unserer politischen Entwicklung werfen würde. Welch reicher und stetiger Fortschritt in der eingehendsten Untersuchung des Volkes von jenem mageren liber vagatorum bis zu dem Riesenwerke »London labour and the London poor,« in dessen drittem Theil eben Henry Mayhew die nämliche Gesellschaftsgruppe der vagatores für die einzelne Stadt London systematisch und mit schwindelerregender Ausführlichkeit zu behandeln begonnen hat, und nicht minder bis zu Avé-Lallement's meisterhaftem Buche über das deutsche Gaunerwesen; von jenem Gaunerlexikon auf wenigen Duodezblättern bis zu Dr. Pott's neuesten grammatischen und lexikalischen Untersuchungen über die Gauner- und Zigeunersprachen. Wie arm ist die Literatur der Franzosen, Italiener und Spanier an solchen socialen Vorstudien gegenüber der deutschen und englischen! In Frankreich tritt der epochemachende Meister einer Construction der Gesellschaft auf: Rousseau. Nicht die Untersuchung des Volksorganismus als einer historischen Thatsache, sondern das Phantasiebild eines »Gesellschaftsvertrags« stellt er an die Spitze seiner neuen Gesellschaftswissenschaft. Die sociale Politik wird zur socialistischen. So ist es bis auf unsere Tage in Frankreich überwiegend geblieben; die Franzosen haben bis jetzt stets nur eine verneinende, ausebnende, nicht aber eine positive, aufbauende sociale Politik gewinnen können. Montesquieu hatte das Zeug zu einem ächten Social-Politiker: gerade darum ist er dem deutschen Geiste verwandter, als irgend ein damaliger Staatsschriftsteller unter den Franzosen. Seine Landsleute haben seine Weisheit mehr bewundert als aufgenommen und weitergebildet. Gerade so erging es durch viele Jahrhunderte mit Aristoteles, neben Plato, dem großen Erzvater der socialen Politik. Man hält nach einer landläufigen Auffassung die Deutschen für besonders idealistische Politiker, für geborene Doctrinäre vom reinsten Wasser. Allein gerade in der socialen Politik, wo sich die Franzosen fortwährend in ihrem Phantasiebau einer aus der Luft gegriffenen neuen Gesellschaft verrennen, sind sie ohne Vergleich unpraktischer und idealistischer als der Deutsche, dem es wenigstens noch möglich ist, die tatsächlichen Volkszustände zu begreifen und zu schätzen. Als französische Sitte, französische Sprache und Kunst Deutschland beherrschte, da war es, wo der geniale Meister der politischen Schule, Montesquieu, und der Ahnherr der socialen Schulmeister, Rousseau die deutschen Anschauungen vom Volke auch in dem französisirten Deutschland in das Joch französischer Abstraktion schlugen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Erkenntnis, und Erforschung des Volkslebens in Deutschland am armseligsten und verachtetsten gewesen. Es war aber auch diese Zeit politisch weit trostloser, als selbst jene des dreißigjährigen Krieges. Voltaire sagt: »Es gibt Hunde, die man kämmt, die man liebkost; die man mit Bisquit füttert, denen man schöne Hündinnen zum Privatvergnügen hält; es gibt andere Hunde, die man aushungern läßt, die man tritt und schlägt, die zuletzt ein Anatom an den Pfoten auf den Tisch nagelt, um sie bei lebendigem Leibe langsam zu seciren. War es das Verdienst oder die Schuld dieser Hunde, daß sie glücklich oder unglücklich gewesen sind?« Solch wohlfeile Epigramme über das Naturrecht der Gesellschaft schlugen ihrer Zeit tiefer ein als die gründlichsten Untersuchungen über die Naturgeschichte derselben. Die gewaltige Frage von der natürlichen Ungleichheit der Gesellschaftsgruppen, die nicht trotz der ewigen Menschenrechte, sondern mit und in denselben besteht, läßt sich nicht mit allgemeinen moralischen Schlagsätzen abfertigen. Ja es liegt sogar ein frevelnder Leichtsinn in jenem scheinbar von der gerechtesten sittlichen Entrüstung eingegebenen Voltaire'schen Spruch! in den mit Rohheiten und Gemeinheiten gespickten Werken dagegen, in welchen die deutschen Satyriker des 15. und 16. Jahrhunderts das Naturrecht des niedergehaltenen Volkes naturgeschichtlich feststellen wollten, liegt gar oft ein tiefer sittlicher Ernst. Die ersten deutschen Wochen- und Monatschriften im achtzehnten Jahrhundert waren den englischen nachgebildet. Ihr politischer Inhalt war verzweifelt gering, und dieses kleine Procent politischen Stoffes, welches sie brachten, ging wiederum vollständig auf in den Berichten über Land und Leute, nicht über den Staatsorganismus. Je selbständiger sich diese deutschen Zeitschriften entwickelten, desto einseitiger wandten sie sich dem reinen Literaturleben der Nation zu. Die historisch merkwürdigste deutsche Zeitschrift, die Horen, war ein Literaturblatt, aber nicht ohne mittelbare politische Tendenz. Man wollte den Staatsbürger ästhetisch wieder zum politischen Menschen erziehen und kam auf dem Umweg der Literaturgeschichte wieder zur Naturgeschichte des Volkes. In Goethe's Götz und Egmont war das Volk wieder Kunstobject geworden, durch die Begeisterung für Shakespeare ward man wider Willen zu socialen Studien geführt. Den Franzosen erschien Corneille als der Poet der Staatsmänner, den deutschen Shakespeare. Corneille hat aber, gegen Shakespeare gehalten, das Volk gar dürftig als Kunstobject ausgebeutet, und die Franzosen haben keine sociale Politik. Der größte deutsche social-politische Journalist des 18. Jahrhunderts war Justus Möser . Es ist ganz unmöglich, sich einen französischen Justus Möser zu denken. Er steht im Gegentheil häufig den englischen Schriftstellern näher, als den schreibenden Zeitgenossen Deutschlands. Die französischen Encyklopädisten wollten nichts für wahr nehmen, als was sie mit ihren fünf Sinnen angeschaut! Möser's größte Vorzüge wurzeln gleichfalls darin, daß er stets seine fünf Sinne offen hielt: der Unterschied ist nur, daß die Encyklopädisten mit ihren fünf Sinnen das vorgefaßte naturrechtliche System in die Volkszustände hineinschauten, während Möser die naturgeschichtliche Eigenart des Volkes klar und rein herauszuschauen wußte. Darum ist er auch unser einziger politischer Zeitungsschreiber, dessen Artikel theilweise wirklich volksthümlich geworden sind, ein Eigenthum der ganzen Nation, aufgestellt nicht nur in dem literarischen Pantheon unseres klassischen Volksschriftenthums, sondern auch in dem buchhändlerischen der Groschen- und Volksbibliotheken. Möser ist der ärgste Widersacher einer abstract naturrechtlichen Politik, durchweg Historiker und Staatsmann, ein Mann, der, wie seine Tochter sagt, nichts gründlicher haßte, als die Spieler und Schreiber, obgleich er selbst nichts leidenschaftlicher that, als – spielen und schreiben. Er schrieb zu einer Zeit, wo die Politik im engern Sinne für unsere Tagespresse noch gar nicht existirte, er schrieb seine »Patriotischen Phantasien« für das Localblatt eines abgelegenen Winkels von Deutschland, und als er diese kleinen, meist an ganz beschränkt örtliche Fragen anknüpfenden Artikel zu einem Buche sammelte, befürchtete er, sie möchten dem großen deutschen Publikum wenig munden wegen des »erdigen Beigeschmacks,« den sie aus dem Stift Osnabrück mitbrächten, und ließ sich's gewiß nicht träumen, daß sie nach hundert Jahren noch in den »Groschenbibliotheken der deutschen Classiker« umgehen würden. Worin liegt nun der Zauber der Möser'schen Phantasien? Vor allen Dingen darin, daß Möser unser Volk aus dessen eigenster Natur heraus erschaut, daß er der große Ahnherr unserer social-politischen Literatur gewesen. Er hat nur Fragmente hingeworfen, aber in allen diesen Fragmenten ist der Gedanke von dem Recht der Gesellschaft neben dem Recht des Staates, von der tiefen Bedeutung der geschichtlich überlieferten Sitte neben dem allgemeinen Vernunftrecht der leitende. Als eine naturgeschichtliche Schilderung von Land und Leuten schrieb er seine »Osnabrückische Landesgeschichte« und wies dadurch der Ortesgeschichtschreibung und Topographie, die jetzt schon für die Begründung einer deutschen Social-Politik so unermeßlich wichtig geworden ist, einen neuen Weg. Die »Patriotischen Phantasien« sind die vom politischen Standpunkt genialsten naturgeschichtlichen Studien aus dem deutschen Volksleben, welche wir besitzen; sie sind die Weissagung des achtzehnten Jahrhunderts auf die sociale Wissenschaft des neunzehnten. Möser war nichts weniger denn ein Künstler, aber das Volk behandelt seine plastische Hand recht als ein Kunstobject. Der moderne, historisch forschende und aufbauende Socialpolitiker wird immer wieder auf Möser zurückgreifen müssen, wie der Aesthetiker auf Shakespeare, wie der Theolog auf die Bibel. Und es sprüht in der That ein Shakespeare'scher Geist aus der Gedankenschärfe, dem gesunden Mutterwitz dieses Mannes, aus dem wunderbaren Blick für die Beobachtung und Erfassung jeder lebendigen Thatsache, für die Enthüllung der natürlichen und freiwüchsigen Grundstoffe im Volksleben, wie aus dem vernichtenden Spott, mit welchem er die Verkehrtheiten alter und neuer Gesellschaftszustände geißelt. Möser konnte von seiner eigenen Literatur-Epoche nur halb verstanden werden, denn sie war die Epoche der poetischen und künstlerischen Befreiungskämpfe; diesem derben, urrealistischen Niedersachsen aber fehlte der Sinn für das tiefere Erkennen des Kunstlebens. Noch ferner lag Möser der nächstfolgenden Periode, denn sie war eine wesentlich philosophische. Hätte Deutschland jemals Beruf zur naturrechtlich construirenden Politik gehabt, so müßte es in dieser Periode gewesen seyn, die einen Möser nothwendig vergessen mußte. Die geistige Grundrichtung unserer Tage ist, im Gegensatze zu jener philosophischen Epoche von Kant bis Hegel, eine historische. Für uns ist der prophetische Patriot von Osnabrück wieder von den Todten erstanden. Er steht mitten in den social-politischen Kämpfen der Gegenwart. Striche man das äußere, rein seiner Zeit angehörende Beiwerk in seinen patriotischen Phantasien weg, man könnte sie heute wieder als schlaghaft wirkende Leitartikel neuesten Datums in unsere Zeitblätter einführen. Die Blüthezeit unserer modernen philosophischen Literatur, die Zeit von Kant bis Hegel, war, wie gesagt, im Allgemeinen keine günstige für die Pflege der Wissenschaft vom Volke. Die welterschütternden Ereignisse der Revolutionszeit und der napoleonischen lenkten den Blick vom inneren Weben der einzelnen Völker auf die große Politik Europa's. Wenn die Soldaten Politik machen, verstummt der Social-Politiker. Deutschland war damals eben erst heraus getreten aus dem gräulichen Wirrsal lebensunfähiger politischer und socialer Besonderungen, die das deutsche Reich in seiner letzten Periode zu einem so mißgestalteten Körper gemacht hatten. Der äußere Neubau der Staaten war viel wichtiger geworden, als die Vertiefung in das Kleinleben des Volksthums. Es geht durch diese Zeit ein mächtiger Zug zum Aufbau des Allgemeinen, Einheitlichen, zur ausebnenden, uniformirenden Politik, zur theoretischen Construction in der Wissenschaft. Es war weit mehr eine Zeit der Systeme, als der stofflichen Forschung. Selbst in der Kunst, namentlich der bildenden, war die Läuterung der äußeren Formen und ein verständigendes Wort der allgemeinen ästhetischen Grundsätze weit dringender geboten, als ein Hinabsteigen in die unendliche Fülle neuer Stoffe. Aber trotzdem machen sich in dieser Zeit der Vorarbeit zum Aufbau neuer Staatskörper und neuer Staatsideale bei vielen bedeutenden Männern die Zeichen bemerklich, daß sie die Wichtigkeit einer naturgeschichtlichen Analyse des Volksthums wohl begriffen oder geahnt haben. Als einen merkwürdigen Arbeiter in dieser Richtung will ich beispielsweise nur Einen Mann hervorheben, den Philosophen Johann Jacob Wagner . Er wird uns vielfach in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als seinen Zeitgenossen, denn wie mir dünkt, beruht das Auszeichnende dieses Mannes weniger in dem geschlossenen Bau seines Systems, als in den allseitigen Anregungen, mit welchen er die wissenschaftlichen Ziele einer Zukunft, die uns nunmehr zur Gegenwart geworden ist, vorgedeutet hat. Er ist ein Prophet unter den Philosophen seiner Zeit gewesen, wie Möser unter den Publicisten. So hat er die wissenschaftlichen Grundzüge der Nationalökonomie bereits zu einer Zeit systematisch geordnet, wo für das Stoffliche dieses Faches, wenigstens in Deutschland, noch wenig oder nichts gethan war, wo man sich namentlich den selbständigen Aufschwung der Volkswirthschaftslehre, wie sie jetzt Schule und Leben beherrscht, noch nicht entfernt träumen ließ. Er ging sogar noch weiter, als wir gegenwärtig gehen, indem er den originellen Gedanken durchfühlte, als Seitenstück zur Nationalökonomie ein System der Privatökonomie zu schreiben, in welchem die Wirthschaft der Familie in ähnlicher Weise auf ihre allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze zurückgeführt ist, wie in der Nationalökonomie die Wirthschaft des Volkes. Der Versuch mag auf den ersten Anblick seltsam erscheinen, allein für die Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft hätte namentlich eine historisch begründete Kenntniß der Privatwirthschaft unserer einzelnen Volksstämme einen unberechenbaren Werth. Hunderte der praktischen Versuche, die jetzt zur Lösung der socialen Wirren gemacht werden, schlagen in das Gebiet der Privatökonomie ein, ohne daß wir uns immer wissenschaftlich dessen bewußt sind. Es wird diese Disciplin nicht allezeit so brach liegen bleiben, wie gegenwärtig; sie hat ihre Zukunft, und wäre es auch nur, weil sie sich ergänzend in die allgemeine Sittenkunde einreihen muß. Noch überraschender tritt uns der prophetische Standpunkt J. J. Wagners entgegen, wenn wir sein Buch vom Staate zur Hand nehmen. Hier sind namentlich über den materiellen Inhalt des Staatslebens, über die Unterscheidung der Familie, der Gesellschaft und des Staates, über die Gruppen und Glieder des Volkes, über das Verhältniß der Volkswirthschaft zur Staatsverwaltung und vieles Aehnliche so neue Gedanken gegeben, daß wir oft keineswegs glauben, das Buch eines Philosophen vor uns zu haben, dessen Blüthezeit bereits um mehr als ein Menschenalter hinter uns liegt, sondern die Untersuchung eines Praktikers aus der Gegenwart, dessen Geist von den modernen Thatsachen der socialen Politik erfüllt ist. In den Urstaaten des Orients fiel die Staatswissenschaft mit aller übrigen Weisheit zusammen in der Theologie . »Theologie war die Eine Wissenschaft, Cultus die Eine Kunst.« Hiervon befreiten sich die Griechen, indem sie die politische Philosophie schufen. Aehnlich erscheint in der auf das Mittelalter unmittelbar folgenden Periode die Staatswissenschaft als aufgegangen in der Rechtswissenschaft . Sie aus dieser verwandten Disciplin selbständig herauszuarbeiten, ist die noch keineswegs vollendete That der neuesten Zeit. In einzelnen Zweigen wird freilich die Staatswissenschaft immer mit der Jurisprudenz verwachsen bleiben, wie nicht minder mit der Theologie und Philosophie. Es kommt nur darauf an, denjenigen Theil, der ihr ächtestes Eigenthum ist, auch für sich festzuhalten und durchzubilden, und dieser ist, im Gegensatze zu dem formellen Theile, dem Staatsrecht, der materielle, die Wissenschaft vom Volke . Die Erkenntniß dieser Thatsache blickt aus allen Ausführungen des Wagner'schen Buches vom Staat hervor. Gegenüber jener Periode der wissenschaftlichen Systeme, der staatsrechtlichen Constructionen, der ästhetischen Theorien, der theologischen Streitfragen, ist nachgerade ein ungeheurer Realismus in unser literarisches Schaffen eingezogen, ein Vorherrschen der Beobachtung des thatsächlichen Lebens, daß man uns zu Kant's und Fichte's Zeit darob Barbaren gescholten haben würde. Der philosophischen Epoche ist eine wesentlich historische gefolgt. Die unerhörten Triumphe, welche die Naturkunde auf dem Wege der Analyse gewann, haben alle anderen Wissenschaften auf denselben Weg fortgerissen. Da mußte die Zeit auch wieder günstig werden für die naturgeschichtliche Untersuchung des Volkes. Ein unübersehbarer Stoff ist in dieser Richtung seit Jahrzehnten von tausend Händen mit wahrem Ameisenfleiße aufgehäuft worden. Leichtfertige Touristen und ernste Forscher wetteiferten, des deutschen Volkes Art bis ins Kleinste zu erkunden und zu schildern. Es erstand eine Wissenschaft der deutschen Sage, der deutschen Sitte, eine neue Wissenschaft der Statistik. Was dem modernen Geschichtschreiber die unmittelbare Quellenforschung , nicht in Büchern, sondern in Archiven, das ist dem Manne der Volkskunde das Anschauen des Volkes, wie es lebt und webt, mit eigenen Augen. Aber die unendlichen Massen des rohen Stoffes liegen großentheils noch formlos und ungeordnet durcheinander. Es gilt die gesammelten Einzelkenntnisse aus der Naturgeschichte des Volkes nutzbar zu machen in der Lehre für die Idee des Staates, nutzbar in der Praxis für die Weiterbildung unseres Verfassungs- und Verwaltungswesens, für den Wiederaufbau der zerrütteten bürgerlichen Gesellschaft: es gilt diese naturgeschichtlichen Thatsachen zu benutzen als Schild und Schwert wider einseitig politische Parteilehren, die unser politisches Leben nach einmal vorgezeichneter Schablone zurechtschneiden wollen. Dieß nenne ich sociale Politik . Es gilt, auf den Grund dieser naturgeschichtlichen Thatsachen, die Staatswissenschaft zu erweitern und einen selbständigen Theil derselben als Gesellschaftswissenschaft neben das Staatsrecht und die Verwaltungskunde zu stellen. Denn es ist staatsrechtlich ganz gleichgültig und theilweise auch gleichgültig für die Verwaltungslehre, ob der Bauer einen Kittel trägt oder einen städtischen Rock, ob er seine Volksmundart spricht, oder nicht, ob er in seinem Familienleben die alten Sitten bewahrt, oder mit neuen vertauscht hat, ob der Verkehr eines Landes sich auf Eisenbahnen bewegt oder auf Kunststraßen oder auf Knüppeldämmen und Feldwegen, ob die Stammes- und Charakterzüge des Volkes sich nach großen Massen sondern, oder nach kleinen Gruppen, ob das Land, in dessen Gränzen die Staatseinrichtungen zur Geltung gebracht werden sollen, Bergland oder Flachland, Feldland oder Waldland, Küsten- oder Binnenland ist. Das öffentliche Recht sucht die allgemeinen Grundsätze auf, welche über diesen natürlichen Besonderungen von Land und Leuten stehen. Es wird aber doch eine todte, unpraktische Abstraction bleiben, wenn es nicht zugleich auf das berechtigte Wesen dieser Besonderungen selbst gegründet ist. Die sociale Politik, indem sie von dem gesammten Culturbild einer Volkspersönlichkeit ausgeht, ruht darum auch auf weit breiterer Basis, als die bloße Volkswirthschafts-Politik. Die Nationalökonomie ist nur ein Hülfsfach zur Wissenschaft der Gesellschaft, denn sie untersucht wohl die Arbeit des Volkes, allein das ideale Moment der volksthümlichen Sitte, welches in und mit der Arbeit erwächst, liegt außerhalb des Kreises ihrer Studien. Die unwägbare, unmeßbare, trotzdem aber doch als eine gewaltige politische Macht vorhandene Sitte des Volkes bildet den eigensten Stoff der Untersuchung für die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer socialen Politik. Im Gegensatz zu einer früheren Zeit, welche die feste Basis des Zählens, Messens und Wägens im Staatshaushalt über Gebühr vernachlässigte, scheint aber der an sich so löbliche Eifer, mit welchem man jetzt diese Dinge betreibt, bald wieder ins Extrem überschlagen zu wollen, indem die ganze Kunst der Staatsverwaltung in die einseitige Function einer kaufmännischen Buchführung verkehrt zu werden droht. Und vor den ungeheuren Zahlenreihen, welche gegenwärtig unsere Zeitungen wie unsere publicistischen Schriften erfüllen, darf man wohl zu Zeiten erschrecken: denn hinter ihnen lauert oft der trügerische Gedanke, daß mit diesen Ziffern zugleich die Kenntniß der öffentlichen Zustände gegeben sey: hinter ihnen verbirgt sich bereits nicht selten die politische und sittliche Ketzerei, welche die Mehrung des materiellen Nationalwohlstandes als einziges Ziel des Volks- und Staatslebens setzt. Man verwechselt eben hier die Wirthschaftspolitik mit der socialen. Dem entspricht auch die einseitige Richtung, welche die Statistik genommen hat. Denn der große und ruhmwürdige Eifer, mit welchem in den letzten Jahren diese Wissenschaft in Deutschland selbständiger herausgearbeitet worden ist, hat zumeist entweder der Ergründung der Staatshaushalte, oder der Kunde vom Handels- und Gewerbewesen, der Volkswirthschaft im allgemeinen Sinne gegolten. Dagegen ist für die in beglaubigten Zahlen und zeitgeschichtlichen Schilderungen festgestellte Kunde des Volkslebens nach seinen örtlichen Gruppen, des Gemeindewesens, der Gestaltungen der Stände und Berufe im Kleinen und Einzelnen noch weit weniger geschehen. Das heißt: wir besitzen wohl gute Anfänge zur Statistik des Staates, aber noch keineswegs zur Statistik der bürgerlichen Gesellschaft, zur Statistik der Volkswirthschaft, aber nicht der Naturgeschichte des Volkes. Denn die Wirthschafts- und Finanzstatistik ist für die Wissenschaft vom Volke zwar eine unentbehrliche, aber keineswegs die einzige Quelle. Soll diese erst in ihrer Frühblüthe entwickelte Wissenschaft einen urkundlich beglaubigten Boden der Thatsachen erhalten, dann muß sich zu der wirtschaftlichen Zahlenstatistik eine geistige Statistik der Sitten gesellen. Wie die Landesgeschichte in der Ortsgeschichte gründet und sich ergänzt, so muß auch die sociale Statistik bis zum Dorf und Gehöfte sich verzweigen. Wir verlangen von ihr beispielsweise: Tabellen über Ab- und Zunahme der Bevölkerung der einzelnen Völker, Gauen und Gemeinden, nicht bloß aus der Gegenwart, sondern wo möglich auch aus der alten Zeit! Aufzeichnung über Stand, Beruf, Charakter, Sitten und Gebräuche der Bewohner der Gemeinden oder Gemeindegruppen; das Wesentliche vom Gemeindevermögen, Güterreichthum und Güterreintheilung, Nutzungen, Gerechtsamen und Lasten; eine Skizze der Flurmarkungen, Proben merkwürdiger Flurnamen; Angaben über die kirchlichen Zustände etc. Unsere geschichtlichen Topographien gehen selten bis auf die neueste Zeit, geben meist nur die politische, nicht die Culturgeschichte der einzelnen Städte und Dörfer, und wenn sie auch alles dieß vereinigten, so ist doch bis jetzt in den meisten deutschen Ländern die Statistik des Besitzstandes der einzelnen Gemeinden und seiner Formen, der Gerechtsame, Lasten u. dgl. nur in den Akten, nicht in Büchern zu finden gewesen. Und endlich von einem bis auf einzelne Gemeinden heruntergehenden gesellschaftlichen Charakterbild ist überall noch kaum eine Spur vorhanden. Auf solcher Ortsstatistik aber beruht hauptsächlich die »Landeskunde« in der vollwichtigsten Bedeutung des Wortes und eine solche urkundliche und ins Einzelste gehende Landeskunde ist wiederum die reichste und reinste Quelle für die Wissenschaft der Gesellschaft. Trotz aller Lücken sind in den letzten Jahrzehnten die Vorarbeiten zur Naturgeschichte des Volkes und zur Gesellschaftskunde wie ein mächtiger Strom über uns hereingebrochen. Fast jeder Literaturzweig hat in allerlei Form sein Theil dazu gespendet. Als die belletristische Presse des jungen Deutschlands die ästhetischen Schulfragen sattsam durchgearbeitet hatte, stahl sich mit der socialen Frage die Politik in die Schöngeisterei hinein. Als die junghegel'schen Philosophen mit ihren religiös-philosophischen Folgerungen zum äußersten Rande gekommen waren, wandten sie sich zu den socialen und culturpolitischen. Die Armuth und das Elend des Volkes hat die Männer der Kirche zu reichen naturgeschichtlichen Studien des Volkslebens geführt, und die »innere Mission« ist nicht bloß eine Mission der Kirche, sondern auch der aufbauenden Socialpolitik. Deutschland war der theoretischen Constructionen müde: da fing man an, sich wieder für die großen materiellen Interessen zu begeistern, für Zoll- und Handelsfragen, Industrie, Volkswirthschaft, Regelung der Auswanderung, Abhülfe der Armennoth. Aber überall lauerte die sociale Frage im Hintergrunde; man förderte die naturgeschichtliche Analyse des Volksthumes oft ohne daß man es merkte. Die sociale Frage war das eigentliche Salz auf diesem trockenen Brode der materiellen Interessen. Darin bekundete sich recht der mächtige Zug der Zeit, daß selbst ganz fernstehendes wissenschaftliches und literarisches Wirken doch wieder zuletzt der Gesellschaftskunde dienstbar werden mußte. Mit dem Studium der deutschen Grammatik brach für die Erforschung unserer Sitten, Sagen und Rechtsalterthümer ein neuer Morgen an. Die Finanzwissenschaft führte zur Nationalökonomie, die Nationalökonomie zur Wissenschaft vom Volke. Die Socialisten wollten die historische Gesellschaft theoretisch vernichten und bewirkten dadurch, daß die Untersuchung dieser selben historischen Gesellschaft erst recht im Geiste der empirischen Analyse aufgenommen wurde. Der moderne Roman mußte sich mehr und mehr zur Charakterzeichnung und den Geschicken des Volkes und der Volksgruppen wenden, wo früher nur von den einzelnen Helden die Rede war. Das Volk spielt wieder eine entschieden größere Rolle als Kunstobject denn je zuvor. Kaulbach malt Völkergeschichte, wie man vordem einzelne historische Personen und Gruppen gemalt hat. So verstand auch Rottmann, der größte Landschaftsmaler unserer Zeit, den Charakter eines ganzen Landstrichs auf seinen großartigen Landschaftsfresken darzustellen, wo man sich vordem mit einem kleinen Bruchstück aus einer solchen Charakteristik begnügt haben würde. In der Oper ist der Chor, das Volk, musikalisch gleichberechtigt worden mit dem einzelnen Helden, und die Ensemblenummern wetteifern in ebenbürtiger Dramatik mit dem Sologesang. Das Volk in seinen Gruppen und Gliedern wird zum ästhetisch bedeutsamsten Helden in der ganzen modernen Kunst. Die gefeiertsten Männer der Wissenschaft haben es nicht verschmäht, in der Journalistik unserer Tage die großen socialen Culturfragen fleißig zu erörtern. Die sociale Politik beginnt allmählig der ganzen deutschen Zeitungspresse einen eigenthümlichen Charakter zu geben. Bis etwa gegen das Jahr 1844 handelte man hier die Vorstudien zur Gesellschaftskunde noch ziemlich kühl und sparsam ab; die literarischen und religiösen Zeitfragen standen obenan; aber mit jenem Zeitpunkt bricht das bestimmte social-politische Interesse entschieden durch, bis es im Jahr 1848 plötzlich wieder wie weggefegt erscheint. Es war aber auch nur ein Schein, denn gleichviel welche Partei in jenen Revolutionstagen gesiegt haben würde, wir wären doch durch den innern Lebenstrieb unsers Nationalcharakters zuletzt wieder auf dem Weg angekommen, wo wir durch die Reform der Gesellschaft den Staat zu reformiren und neuzubauen gesucht hätten; aber nie und nimmer umgekehrt nach französischer Art die Gesellschaft durch den Staat. In den Jahren 1848 und 49, wo das Staatsrecht von allen Dächern gepredigt wurde, war die deutsche Journalistik verhältnißmäßig minder einflußreich als vorher, obgleich sie zum Erschrecken in die Länge und Breite gewachsen war. Die Macht der Presse war an die Parlamente und Volksversammlungen übergegangen. In England oder Frankreich würde ohne Zweifel das Umgekehrte eingetreten, die Macht der Presse würde gewachsen seyn mit der Macht der Parlamente. Die »Deutsche Zeitung« von Gervinus ging zu Grunde, weil sie sich drei Jahre lang ausschließlich mit der reinen Politik beschäftigen wollte. Nicht das angewandte Staatsrecht, sondern die angewandte Sittengeschichte gibt der deutschen Journalistik ihren eigenthümlichen Reiz, ihren wahrhaft nationalen Farbenton. In den wildbewegten Tagen einer gewaltigen großherzigen Aufwallung des ganzen deutschen Volkes konnte der »Rheinische Merkur« als rein politisches Organ eine nationale Macht seyn. Hätte man ihm aber Lebensfrist für ruhigere Zeiten gegönnt, er wäre gewiß an demselben organischen Herzfehler gestorben wie später die »Deutsche Zeitung« – er wäre langweilig geworden. In Frankreich wird man es nicht begreifen können, warum ein politisches Blatt zu Grunde gehen müsse, lediglich weil es ein rein politisches Blatt sey. Aber in dem centralisirten Frankreich ist der Staat der hundertarmige Riese, die Gesellschaft der Zwerg; in Deutschland ist es umgekehrt. Die Deutschen sind kein unpolitisches Volk; sie sind ein entschieden social-politisches. Der alten Schule, die bloß von Verfassungsfragen einerseits, andererseits vom dunkeln Räthselspiel der hohen Politik zehrt, will das freilich nicht in den Kopf. Die alte Schule erkennt nur eine Politik des Rechtes oder der Diplomatie (wie man in den kleinen Staaten noch häufig glaubt, nur ein Jurist oder Diplomat könne Minister werden), keine Politik der Sitte. Belauschet aber das deutsche Volk bis zum bildungslosesten gemeinen Mann abwärts, und ihr werdet finden, daß Kleinbürger, Bauern und Tagelöhner in den Fragen der Wirthschaftsinteressen, des Gewerbelebens, der Gesellschaftsgliederung durchschnittlich ein gesundes Urtheil, ja sogar einen vorweg festgeprägten Parteistandpunkt haben. Die Naturgeschichte des Volkes fassen sie mit ahnendem Verständnis trefflich auf. Social-politische Parteien gibt es im deutschen Volke sehr entschiedene nach rechts und links, nicht künstlich eingeimpfte, sondern naturwüchsige. Das rein politische Parteiwesen ist dagegen noch niemals bei unserm gemeinen Mann angeschlagen, und wer sich nicht durch die deutlichen Winke in der neuesten Entwicklung unserer gesammten Wissenschaft, Kunst und Literatur von der Wahrheit des Satzes überzeugen lassen mag, daß der Deutsche ein geborener Social-Politiker sey, der kann sich in jeder Stadtschenke und Dorfkneipe darüber belehren lassen. Dort kannegießern die Leute bloß, sofern es sich um eine Frage des Staatsrechtes oder der äußern Staatsmacht handelt, dagegen über die socialen Gebrechen, Bedürfnisse und Forderungen ihres Standes und Gewerbes, über die großen Tagesfragen der Arbeit, der Genossenschaften und Vereine, der Gemeindeverfassung, der Familienzucht, der Sitte im öffentlichen Leben, über die naturgeschichtliche Eigenart der sie umgebenden Volksgruppen sprechen solche deutsche Naturalisten der Social-Politik nicht selten wie ein Buch und oft auch gescheidter wie ein Buch. Man wähne nicht, es mangle unserm Volke am Sinn für die großen Probleme des Staats- und Völkerrechtes, weil es zur Zeit noch viel tieferes Verständnis für Arbeit und Sitte als für Rechtszustände zeigt, und es sey wohl gar dieser Mangel ein künstliches Produkt unserer inneren Unfreiheit und äußeren Ohnmacht! Der Weg zum Recht führt durch die Sitte, der Weg zur Freiheit durch die Selbsterkenntnis, der Weg zur Macht durch das liebevolle Umfassen unserer nationalen Eigenart. Solch ein Weg ist langsam, aber sicher, und eine gute Krümm' »führt nit üm.« Die Erfassung des Volkes als Kunstobject soll in dieser gegenwärtigen Zeit nicht bloß dem Schriftsteller, Lehrer und Künstler gewonnen seyn, sondern in noch weit reicherem Maße dem Staatsmann. Hat sich der Politiker in des Volkes Wesen nicht eingelebt, wie der Künstler in seinen Stoff, weiß er sich die Charaktere des Volksthumes nicht als ächte Kunstobjekte plastisch abzurunden, dann wird er in aller seiner Staatsweisheit doch immer nur mit der Stange im Nebel herumschlagen. Die naturgeschichtliche Analyse des Volkslebens aber führt dazu, daß uns das Volk zuletzt in seiner plastischen Persönlichkeit recht wie ein harmonisches Kunstwerk erscheinen muß. Wie aller naturwissenschaftlichen Untersuchungen höchste Aufgabe dahin geht, das Weltall als einen in sich vollendeten harmonischen Gesammtbau zu erkennen, als einen Kosmos , so müßte es auch zuletzt mit allen naturgeschichtlichen Untersuchungen des Volkes geschehen. Es ist eines der stolzesten Ziele der Gegenwart, die Welt als ein in sich selbst befriedigtes, freies, harmonisches Kunstwerk zu begreifen; so wird es auch eines der stolzesten Ziele der Gegenwart werden, denselben gewaltigen Gedanken in unserm engeren Kreise zu wiederholen und auch das Volk allmählig naturgeschichtlich zu begreifen und darzustellen als ein geschlossenes Kunstwerk, als den Kosmos der Politik . Zweites Kapitel. Die vier Fakultäten. Alle Dinge wechseln; nur die vier Fakultäten scheinen für die Ewigkeit gebaut. Kaiser und Reich ist vergangen, Deutschland ward zweigetheilt in seinem christlichen Bekenntniß, große wissenschaftliche Revolutionen loderten auf und verglommen wieder in ihrer eigenen Asche, die Epoche der sogenannten Wiedergeburt der Wissenschaften, die Epoche der Renaissance und des Zopfes, die Epoche der dicken holländischen Gelehrsamkeit, des leichtsinnigen französischen Encyklopädismus und der tiefsinnigen deutschen Philosophie – Alles ging vorüber; nur die grauen vier Fakultäten sind geblieben. Die letzten zwei Jahrhunderte haben nur Eine Kunst wahrhaft neu geschaffen: die Musik; dagegen aber ganze Kreise neuer Wissenschaften. Diese neuen Wissenschaften mußten hineinwachsen in die unsterblichen vier Fakultäten der Theologie, der Jurisprudenz, der Medicin und der Philosophie, statt daß sie mit ihrem selbständigen Wachsthum ein neues System der Fakultäten hätten heraustreiben müssen. Sie wurden zerstückelt oder verkrüppelten in ihren schwächeren Zweigen durch den Bann jenes alten Gemäuers, oder wo sie ihre Schößlinge mit unbesiegbarer Lebenskraft trieben, da wuchsen sie in wilden Ranken hinaus über dasselbe. Aber was kümmern uns hier die vier Fakultäten? Sie kümmern uns nicht wenig; denn sie tragen eine Hauptschuld, daß die Wissenschaft vom Staate so lange verkrüppelt blieb, daß die Wissenschaft vom Volke noch so gar jung und unentwickelt ist. Wer eine Naturgeschichte des Volks schreiben will, der muß dieselbe Stellung einnehmen, wie der Mann der eigentlichen modernen Naturwissenschaft: er muß Kampf bieten den vier Fakultäten und trachten, daß die vier Fakultäten zersprengt werden, oder die mittelalterliche Maschine der vier Fakultäten wird seine Wissenschaft in Stücke reißen. An den vier Fakultäten möchte ich zeigen, was die Volks- und Staatskunde werden kann und was sie nicht geworden ist. Also zurück zu den vier Fakultäten. Als in den letzten traurigen Zeiten des römischen Reiches die antike Wissenschaft erstarrte, ward der Grundstein zu den vier Fakultäten gelegt. Man begann die Theile der Wissenschaft zu zergliedern, wie man eine Leiche zergliedert, und als anatomische Präparate gingen daraus hervor die »sieben freien Künste,« die wir sammt ihrer Scheidung in das Trivium und Quadrivium bereits bei dem Grammatiker Macrobius finden. Die sieben freien Künste aber sind der Grundbau zur späteren philosophischen Fakultät. Die Wissenschaften erschienen nunmehr als fertige, abgeschlossene Dinge, vergleichbar den sogenannten »todten Sprachen.« Alle Weisheit wird eingefügt in das Fachwerk der Schulwissenschaften. Was zu lange ist, wird abgeschnitten, was zu kurz, ausgereckt, bis es in das System paßt. Die neu erstehenden germanischen und romanischen Völker des Mittelalters bringen keine neue Wissenschaft mit. Sie borgen vorerst nur die Wissenschaft der erstarrten antiken Welt, und das Schulsystem der sieben freien Künste nehmen sie natürlich auch mit in den Kauf. So bleibt die Wissenschaft wesentlich etwas Geschlossenes, Gemachtes durch das ganze frühere Mittelalter. Auch die Kunst befand sich anfänglich in dem gleichen Bann. Aber der künstlerische Schaffenstrieb dieser Zeit ist ungleich mächtiger als der wissenschaftliche, und aus der verdorbenen Antike und dem Byzantinismus wächst rasch ein im innersten Wesen neuer romanischer und germanischer Kunststyl auf. Mit den sieben freien Künsten plagen sich die Gelehrten Jahrhunderte lang. Da wird gegrübelt, wie man die eigenthümlichste Wissenschaft der Zeit, die Theologie, zusammenkuppeln könne mit diesen Künsten. Sie gehört zur Geometrie, weil die Arche Noä und der Tempel Salomonis nach geometrischen Grundsätzen aufgebaut waren; zur Arithmetik, weil Gott alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet; zur Rhetorik, weil die Priester auch predigen sollen; zur Dialektik, weil mit deren Waffen die Ketzer im geistlichen Turnier zu Boden geschlagen werden müssen. So sucht das Mittelalter die einzelnen Wissenschaften an einander zu fesseln; die neuere Zeit hingegen sucht sie frei zu machen. In todte Formen eingehegt, waren die Wissenschaften nicht nur vergleichbar den todten Sprachen, sie redeten auch durch das ganze Mittelalter in der todten Sprache der alten Welt. Eine wahrhaft lebendige Wissenschaft aber kann niemals in einer todten Sprache ihre Vollendung finden. Sie schafft sich selber ebensowohl ihre neue Sprache, wie neue Gesammtgruppen, darin sich das Verwandte wiederfindet, das heißt eben neue »Fakultäten.« Mit dem Aufblühen der hohen Schulen wird jene todte mittelalterige Wissenschaft über sich selbst hinausgeführt, sie wird zum Leben erweckt. Eine erste Vorbedingung dazu war es aber, daß die Schranken der »sieben freien Künste« fallen mußten. Jetzt erheben sich die vier Fakultäten als ein Wahrzeichen der lebendig gewordenen mittelalterigen Gelehrsamkeit. In der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ersteht auf der Pariser Hochschule zuerst die theologische Fakultät, welcher sich rasch die drei andern gegenüberstellten – nicht um die Wissenschaft einzuzwängen, sondern um sie frei zu machen. Das Eindringen der Ordensgeistlichen in die Hochschulen führt zur theologischen Fakultät; deren Uebermacht aber wollen die andern brechen durch die neue Macht, die facultas ihrer eigenen Wissenschaftsgruppen. Es war ja überhaupt die Zeit, wo Wissenschaft und Kunst überging aus der ausschließlichen Pflege der Geistlichen in die Pflege alles Volkes. Die Mediciner und Juristen, die schon in Salerno und Bologna die Selbständigkeit ihrer Wissenschaft erkannt hatten, trotzten dem Clerus mit der Gründung eigener Fakultäten, und indem man zuletzt die Summe der bisherigen sieben freien Künste in der philosophischen Fakultät zusammenfaßte, schloß sich das vierblättrige Kleeblatt ab. So wurden die vier Fakultäten für das spätere Mittelalter Werkzeuge der heilsamen geistigen Reibung, Grundpfeiler des Fortschrittes und der wissenschaftlichen Befreiung. Allein mit dem Anbruch der neuen Zeit wurde auch den Wissenschaften eine neue Welt entdeckt. Neue Stoffe wurden gefunden, die bisher weitab gelegen hatten dem gelehrten Forschen. Die vier Fakultäten blieben. Schon im sechzehnten Jahrhundert begannen die Wissenschaften mächtig aus diesem alten Fachwerk herauszuwachsen. Namentlich erheben sich zwei große Wissenschaftsgruppen immer selbständiger, für welche die vier Fakultäten nicht Raum noch Namen hatten: die Naturwissenschaften und die Staatswissenschaften . Die wissenschaftliche Naturforschung war ja vom Mittelalter nur geahnt, nicht begriffen worden, und aus den für die eigene Zeit verhüllten mittelalterigen Staatsideen konnte noch keine Staatswissenschaft hervorwachsen. Seit der Wiedergeburt des klassischen Alterthums wurde es anders. Die Naturforschung begann sich auf die eigenen Füße zu stellen; aber sie blieb die Magd der Medicin; denn wo wäre sonst Raum für sie gewesen in den vier Fakultäten? Das wunderliche und wunderbare Charakterbild des Paracelsus zeigt uns, wie die Naturwissenschaft ringt, sich frei zu machen, und immer wieder zurückfällt in die Knechtschaft des Schulsystems. Die Staatswissenschaft blieb die Magd der Jurisprudenz. So haben also die vier Fakultäten seit dem Ausgange des Mittelalters ganz dieselbe traurige Rolle übernommen, welche beim Beginn dieser Epoche den sieben freien Künsten zugefallen war. Sie trugen die erstarrten Formen einer abgelebten Zeit in die neue herüber und durchschnitten und hemmten die natürlichen neuen Gliederungen der Wissenschaft. Man darf die culturgeschichtliche Wucht dieser Thatsache wahrlich nicht gering anschlagen. Beispiele mögen reden. Mit den großen Länderentdeckungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts erschließt sich eine ganz neue Weltkunde. Die Geographie wird zu einer selbständigen Wissenschaft, gerüstet mit einer Fülle und Tiefe des Inhalts, wovon das Alterthum, geschweige das Mittelalter, sich nichts träumen ließ. Aber diese neue Geographie, in welcher der erwachende Geist der modernen Zeit mit seine ersten und größten Triumphe feiert, kann nirgends recht zünftig werden. Sie paßt nicht in das Fachwerk der alten Fakultäten. Sie bildet sich vereinsamt aus, lange Zeit fast zusammenhangslos mit der eigentlichen Schulgelehrsamkeit. Sie stiehlt sich wohl ein in die philosophische Fakultät, allein sie muß sich seitab in den Winkel kauern; aus Gnaden decken ihr die Philosophen ein Katzentischchen, sie darf nicht mitsitzen an der großen Tafel der alten Schulwissenschaften. Noch im achtzehnten Jahrhundert ist man in Verlegenheit, unter welche gangbare Rubrik man die Geographie reihen soll und stellt sie daher unter die Geschichte! Die Folge dieser Heimathlosigkeit eines so wichtigen Wissenschaftszweiges war dann, daß er weder überall in den befruchtenden Zusammenhang mit den übrigen Wissenschaften gebracht wurde, noch den vollen Einfluß auf die allgemeine Bildung üben konnte. Noch schlimmer erging es bei den Staatswissenschaften. Zuerst kam die Praxis, dann die Theorie: aus der Medicin lösen sich allmählig die Naturwissenschaften selbständig ab, aus der Jurisprudenz die Staatswissenschaften. Die praktische und historische Untersuchung der Rechtssätze führte zuletzt zu einer Theorie des Staates als der allgemeinsten Rechtsanstalt. So ward die juristische Fakultät das Geburtshaus der Wissenschaft vom Staate. Mancherlei Vorzüge, aber auch mancherlei Einseitigkeit, die wir noch lange nicht alle abgeschüttelt, verknüpfte sich mit diesem Ursprung. Das Staatsrecht verschlang jeden andern Zweig der politischen Fächer. Die Kunst der Staatsverwaltung konnte bis tief in's achtzehnte Jahrhundert nur handwerksmäßig, nicht wissenschaftlich erlernt werden, weil die juristische Fakultät keinen Raum bot zur selbständigen Durchbildung der Verwaltungwissenschaften. Der künftige Staatsbeamte mußte von Kanzlei zu Kanzlei in die Lehre gehen, wie der angehende Schneider von einer Schneiderwerkstatt zur andern. So erstarrten denn auch die Verwaltungswissenschaften in der rohesten Praxis. Ausgeschlossen aus den vier Fakultäten fehlte jene befruchtende Wechselwirkung des allgemeinen Wissenschaftsverbandes. Kein Zweig der Gelehrsamkeit war im siebzehnten Jahrhundert und im Anfange des achtzehnten so strohdürr, wie sämmtliche Fächer der Politik mit Ausschluß des Staatsrechts. Die Staatswirthschaft galt noch als die Lehre »von dem Erwerb und den Einkünften der Fürsten.« Die Summe der Kameralwissenschaften ward für gleichbedeutend genommen mit der Kenntniß des Steuerwesens, und man bestimmte wohl gar die Kameralwissenschaft als die Unterweisung, welche lehre, »wie dem Bürger am schicklichsten Geld abgenommen werden könne, ohne daß er es allzu sehr spüre.« Wer als ein aufgeklärter Kopf Front machte gegen die juristischen Fakultätszöpfe, der schob allenfalls die Politik als »Klugheitslehre« in den weiten Sack der Philosophie. Die Polizei ging dann auch mit darein bei der Philosophie, und die gesammte unermeßliche Wissenschaft der Nationalökonomie galt wohl gar als ein kleiner Sprößling der Polizei, den man verstohlenerweise eben auch noch den Philosophen in die Tasche stecken konnte. Ein großer Fortschritt war es schon, daß die allgemeine Staatslehre als »Naturrecht« – also immer noch die Eierschale ihres Ursprungs aus der juristischen Fakultät hintennach ziehend, – in der philosophischen Fakultät ein anständiges Unterkommen fand. Man muß nicht meinen, daß solch ungeheures Wirrsal etwa in dem Wesen der politischen Wissenschaften begründet sey, oder daß diese Fächer damals an sich noch zur Ausbildung unfähig gewesen. Ihre schiefe Stellung, ihre Heimathlosigkeit in dem weiten Reiche der gelehrten Welt war schuld daran, die vier Fakultäten waren schuld daran. Haben nicht die Italiener schon am Ende des sechzehnten Jahrhunderts, mehr noch im siebzehnten eine höchst wichtige nationalökonomische und finanzwissenschaftliche Literatur sich geschaffen? eine Literatur, in der sie den anderen Völkern um mehrere Menschenalter vorangingen und oft wahrhaft prophetisch verkündet und in seinen Bahnen vorgezeichnet haben den späteren mächtigen Aufschwung der Volkswirthschaftslehre? Warum blieben diese alten Italiener denn so vereinsamt stehen, wenig gekannt, bald vergessen? Kam es nicht nachgehends häufig, daß Deutsche, Engländer und Franzosen dieselben Wahrheiten noch einmal für sich entdecken mußten, welche die Italiener bereits entdeckt hatten, und wußten nichts mehr von dieser Arbeit ihrer Vorläufer? Dies alles wäre nicht wohl möglich gewesen, wenn die Verwaltungswissenschaften zünftig anerkannt gewesen wären in den Fakultäten, eingereihet in den Grundplan der gelehrten Reichsordnung. So aber hatten wir durch Jahrhunderte ein planloses, zusammenhangloses Arbeiten. Nicht also im Wesen der politischen Wissenschaften war die andauernde Dürftigkeit ihres Daseyns bedingt, sondern zumeist in ihrer äußeren verlassenen Stellung. Im siebzehnten Jahrhundert hatten Männer wie Hugo Grotius, Bodin, Hobbes u. A. wenigstens den Grund zu einer allgemeinen Staatslehre gelegt. Aber diese neue Staatswissenschaft fiel nun halb in die philosophische, halb in die juristische Fakultät. Und am Ende wußten die Philosophen so wenig mit der neuen Lehre fertig zu werden wie die Juristen. Durch ihre Zwitterstellung ward die Staatswissenschaft mitten entzwei geschnitten und wird es noch heutzutage. Ist es nicht ein Wunder, daß nach langem fruchtlosem Ringen endlich doch ein leidlich ganzer und heiler Organismus wieder zusammenzuwachsen beginnt? Welche ungeheuern Folgen für die staatsmännische Praxis hatten ihrer Zeit die wirthschaftlichen Grundsätze der Mercantilisten und Physiokraten! Sie bereiteten Revolutionen in den Staaten vor: aber die Fakultätsgelahrtheit schwieg damals nach Kräften die neuen zündenden Ideen todt, die man nicht einregistriren konnte in das herkömmliche Fakultätsfachwerk. Adam Smith, dessen epochemachendes Werk über Natur und Ursachen des Reichthumes der Nationen bedeutsam in dem Jahre der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten erschien und selber eine Freiheitsproklamation der ökonomischen Wissenschaft war – Adam Smith zog zwar genug Gelehrte aller Zungen in den Zauberkreis seiner Gedanken, aber die Fakultäten begriffen seine culturgeschichtliche That nicht und die Staatswissenschaften blieben zerstückt und vereinsamt. Bis auf den heutigen Tag ist die allgemeine Grundwissenschaft der Staatslehre, die Statistik, ein Wissenszweig, der sich selber sucht, der sich selbst nicht klar werden kann über seinen eigenen Begriff und Inhalt. Die ganze Geschichte der Statistik von Achenwall bis auf unsere Zeit ist eine Kriegsgeschichte; indem man sich fortwährend stritt, was Statistik sey, wo sie anfange und aufhöre und wie sie sich abscheide von andern staatswissenschaftlichen Zweigen, wuchs die Statistik groß. Man wird dabei erinnert an die ältesten, ungeordneten Staatszustände, wo das politische Leben sich gleichfalls erschöpft in Gränzstreitigkeiten, in Eroberungs- und Vertheidigungskriegen. Die Fakultäten sollten für unsere Wissenschaftsgruppe die Gränzordnung setzen; sie können es aber nicht, weil sie selbst eine ganz veraltete Form für einen neuen Inhalt, weil ihre eigenen Gränzmarken total verschoben sind. Mit der Statistik hängt unsere »Naturgeschichte des Volkes« sehr nahe zusammen. Wenn aber die Statistik noch nicht einmal ganz sich selber gefunden hat, wie kann man von unserer ideelleren Volkskunde mehr erwarten, als daß sie eben erst anfängt, sich selbst zu suchen? Indem ich die Lebensläufe der vielen Männer musterte, welche seit anderthalbhundert Jahren den Staatswissenschaften einen neuen positiven Inhalt in der allgemeinen Volkskunde und in der Volkswirthschaftslehre gewonnen haben, fand ich die auffallende Thatsache, daß die meisten dieser Männer sich ursprünglich den Staatswissenschaften gar nicht gewidmet haben. Im Gegentheil: dadurch, daß sie nicht ausgingen von dem Fachstudium des Staatsrechtes, war es ihnen erst möglich gemacht, die Schranken des Fakultätswesens zu umgehen, die politische Formenlehre in zweite Linie zu stellen und die Erkenntnis der materiellen Grundlage des Staates, des Volkslebens , zum Ausgangspunkte ihrer Untersuchung zu machen. Die großen Begründer der nationalökonomischen und statistischen Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert sind für den zünftigen Fakultätsmann fast allesammt bloße Dilettanten in der Staatswissenschaft gewesen. Aber diese Dilettanten nennt die Geschichte heute noch; die meisten zünftigen Fakultätsleute dagegen sind längst vergessen. Colbert, der dem mercantilistischen System durch die Praxis erst zur vollen theoretischen Pflege verhalf, so daß man ja das System selber auch den Colbertismus genannt, war von Hause aus gar kein Gelehrter, sondern praktischer Finanzmann. Franz Quesnoy, der Vater der physiokratischen Lehre, war Arzt. Adam Smith, der Begründer der wissenschaftlichen Nationalökonomie, war zuerst Theolog, dann Philosoph, Lehrer der Rhetorik und schönen Wissenschaften; er schrieb ein System der Moralphilosophie, bevor er zu seinem System der Volkswirthschaft kam. Achenwall, den man in Deutschland den Schöpfer der Statistik nennt, war zuerst Historiker, dann Lehrer des Natur- und Völkerrechtes, dann schuf er sich seine »Statistik.« Süßmilch, der den Anstoß zur selbständigen Bearbeitung der politischen Arithmetik gegeben, war Oberconsistorialrath; Büsching, der Begründer der vergleichenden Statistik, war Theolog und Geograph und hat es gleichfalls bis zum Oberconsistorialrath gebracht. Schlözer, der bedeutendste Schüler und Fortbildner Achenwalls, war zuerst Theolog, dann Mediciner, dann Orientalist, dann Historiker und dann endlich erst Statistiker und staatswissenschaftlicher Schriftsteller. Sonnenfels, der sich um die Pflege der Finanz- und Polizeiwissenschaft seiner Zeit so mancherlei Verdienst erwarb, war Soldat, Jurist, ein Stück von einem Orientalisten, Litterat und stieg zuletzt vom »Rechnungsführer der Arcierengarde« in Wien zum Professor der Staatswissenschaften auf. Adam Müller, obgleich er nicht bloß äußerlich, sondern auch inwendig ein Dilettant war und blieb, wirkte in seinen Irrgängen dennoch befruchtend auf die allmählige Entwickelung der historischen Schule der Staats- und Wirthschaftslehre. Johann Jakob von Moser und Justus Möser waren zwar von Haus aus Juristen und wußten trefflich Nutzen zu ziehen von ihren staatsrechtlichen Studien, aber ihr eigenstes, ihr epochemachendes Wirken ging nicht aus der Facultätsweisheit hervor, es ward vielmehr angeregt durch praktische Amtsthätigkeit und scharfsinnige Beobachtung der gegebenen Zustände. Moser ward groß durch seine unbeugsam strenge Kritik der politischen Verderbniß seiner Zeit und Möser durch seine naturgeschichtlichen und ortsgeschichtlichen Volksstudien. Alle diese Thatsachen sind nicht zufällig. Bei der Stellung der Staatswissenschaften zu den Fakultäten mußte es so kommen, daß schöpferische Geister auf neuen Wegen und Umwegen ein neues Leben dieser Wissenschaftsgruppe erkämpften, und da ihre Wissenschaft von der Fakultät bei Seite geschoben worden war, nunmehr ihrerseits wiederum die Fakultät bei Seite schoben. Das Mittelalter hatte nur insofern ein wissenschaftliches Interesse am Staatsleben genommen, als es sich um Rechtsfragen handelt. Daher verschlang damals die Rechtsgelehrsamkeit alle andere politische Wissenschaft. Die moderne Staatsidee schließt natürlich auch vorwiegend die Rechtssphäre in sich; denn nur im Staat und mit dem Staat entwickelt sich das Rechtsleben der Völker und ohne die Voraussetzung eines öffentlichen Rechtsbewußtseyns ist gar kein vollgültiger Staat denkbar. Allein andererseits hat auch die Staatsidee einen viel tieferen Inhalt gewonnen; der Staat ist uns mehr, denn eine bloße Rechtsanstalt. Ein Gemälde ist nicht denkbar ohne Zeichnung; dennoch ist ein Gemälde mehr, als eine bloße Zeichnung, und die Lehre von der Zeichnung wird niemals die ganze Lehre von der Malerei vollständig in sich schließen können. Aehnlich steht die Rechtswissenschaft zur Staatswissenschaft. Man erkannte allmählig diese Wahrheit und sprach von einer »Rechts- und Staatswissenschaft« als einem zusammengekuppelten Lehrzweig. Es war aber damit die Staatswissenschaft gleichsam als ein Anhängsel der Rechtswissenschaft hingestellt. Das ist abermals falsch. Die Staatswissenschaft ist die allgemeine, umfassendere; die Rechtswissenschaft nur ein Theil derselben. So lange diese Wahrheit nicht Kraft gewinnt, werden die staatswissenschaftlichen Lehrfächer vereinzelt und zerstückt bleiben und wird uns nimmer ein Gesammtbau der Staatswissenschaften, der organisch und logischfolgerecht aufwächst, zu gewinnen seyn. Denn die materielle Grundlage der Staatswissenschaft ist die »Lehre vom Volk« – für diese aber gibt es keinen Raum in der Rechtswissenschaft. Der Eifer, mit dem man seit mehr als hundert Jahren gearbeitet hat, die Statistik zu einer selbständigen Wissenschaft zu erheben, zielte bewußt oder unbewußt auf die Gründung dieser Lehre vom Volk: die Fülle der Geistesarbeit, welche man seit derselben Zeit aufgeboten, um der Verwaltungskunde eine selbständige wissenschaftliche Basis in der Nationalökonomie zu schaffen, um die Nationalökonomie selbst wieder nach historischen und ethnographischen Gesichtspunkten zu behandeln, steuerte auf die Befreiung der Staatswissenschaft von den Fesseln der juristischen Fakultät. Dieser Kampf ist noch nicht ausgefochten; hier und da schloß man höchstens einen Waffenstillstand, begründet auf das Zugeständnis; einer fünften Fakultät, einer staats wirthschaftlichen neben der juristischen. Damit war aber nur ein neuer Lappen an den alten Rock gestickt. Die bloße Staats wirthschaft ist eine viel zu kleine Wissenschaftsgruppe, als daß sie ebenbürtig stehen könnte neben den vier großen alten Fakultäten. Eine staats wissenschaftliche Fakultät dagegen würde diese Ebenbürtigkeit sieghaft behaupten können. So erscheint dann auch die staatswirthschaftliche Fakultät, die an einigen deutschen Hochschulen in neuerer Zeit aufgetaucht ist, in der Regel als ein bloßer Anhang zur juristischen, und in Bayern tragen die staatswirthschaftlichen Professoren bedeutsam genug einen Talar von derselben rothen Grundfarbe, wie die Rechtsgelehrten, nur mit dem Unterschiede, daß das staatswirthschaftliche Roth etwas matter im Ton ist, und schier aussieht, wie ein etwas verschossenes juristisches. Außerdem ist durch diesen Nachtrag einer fünften Fakultät (verhängnißvoll genug an das fünfte Rad am Wagen erinnernd) die Staatswissenschaft nicht nur nicht geeint, sondern statt in zwei Stücke vollends in drei zerrissen worden; sie hat ihre Bruchtheile jetzt aus dreien Fakultäten zusammenzusuchen: aus der staatswirthschaftlichen, juristischen und philosophischen. Das sage ich, nicht um die Bedeutung des Versuchs eines Mündigkeitsspruches der staatswirthschaftlichen Fächer (wie sie bekanntlich auch einer der großen Dilettanten, Friedrich List, hat anregen helfen) zu verringern, sondern im Gegentheil, weil ich die Geltung dieser Wissenschaftszweige erweitert und vertieft wissen möchte. Die Naturwissenschaften theilen das Schicksal der Staatswissenschaften. Von der Praxis ausgehend, begann man dort mit der medizinischen Fakultät, wie hier mit der juristischen. Das mochte dem Mittelalter genügen. Aber die Erforschung der Natur wurde immer selbständiger und unabhängiger von der Heilkunde. Es bildeten sich Zweige der Naturlehre aus, die nur an ganz dünnen Fäden, ja fast gar nicht mit der Medicin zusammenhängen. Man warf sie in die philosophische Fakultät und zerriß also auch hier die Gesammtwissenschaft. Die Naturlehre war anfangs die Magd der Arzneikunde, wie die Staatslehre die Magd der Jurisprudenz. Jetzt erscheint uns umgekehrt die Medicin nur als die angewandte Naturforschung: diese ist das Mächtigere, Allgemeinere, Umfassendere geworden: es gibt keine Arzneikunde, die der Naturwissenschaft entbehren könnte, wohl aber zahlreiche Fächer der Naturwissenschaft, welche ganz unabhängig von der Medicin bestehen. Diese Thatsachen müßte man zum Frommen der modernen Wissenschaft auch praktisch in Kraft zu setzen wagen. Allem damit hat es bei der Starrheit des gelehrten Zunftwesens in Deutschland noch gute Weile. Einstweilen möge man mir nur vergönnen, den Bau der vier neuen Fakultäten, wie sie geboten sind durch die Mündigkeitserklärung der Staats- und Naturwissenschaften, hier auf dem Papier zu zimmern. Das geschieht aber nicht aus eitler Lust am bloßen Phantasiegebilde des Baues, sondern weil ich dabei zeigen will, wie eigentlich die Socialpolitik sich verhält zur Staatswissenschaft überhaupt, wie in der Naturgeschichte des Volkes ein neuer Grundbau dieser Wissenschaft gelegt werden muß neben den staatsrechtlichen Tragpfeilern . Der Gesammtplan der drei Bände dieses Werkes, der sich verhüllt unter so vielen bunten Einzelschilderungen und der dennoch vorhanden ist, soll dem, welcher nicht bloß in, sondern auch zwischen den Zeilen zu lesen weiß, klarer gemacht werden durch meine nachstehenden Sätze über die vier Fakultäten. Unser Wissen mag zum Ersten erforschen den menschlichen Geist in seiner Allgemeinheit, losgelöst von den Besonderungen der Völker und Individuen, und den göttlichen Geist, wie er sich widerspiegelt im gemeinsam Menschlichen. Dadurch entsteht der doppelte Wissenschaftskreis der Theologie und Philosophie . Wir können aber auch die Menschen betrachten in ihrer natürlichen Besonderung als Nationen und Familien, in ihrem Zusammenhang mit dem Boden, den sie bewohnen, in ihrem je nach der Nationalität verschiedenen gesellschaftlichen, wirthschaftlichen und Rechtsleben. Die höchste Entfaltung dieses Zusammenlebens der Völkerindividuen erblüht im Staate. So stellt sich der Lehre von dem allgemein Menschlichen (Theologie und Philosophie) gegenüber die Lehre von den unterschiedenen Volkspersönlichkeiten, von ihrem Nationalitäts-, Familien-, Gesellschafts- und Rechtsbewußtseyn in der Staatswissenschaft , worin die Rechtswissenschaft eingeschlossen ist. Bis dahin blieben wir bei dem Menschen stehen und zwar den geistig-sittlichen Lebenskreisen des Menschen. Dem Geiste steht aber zur Seite die Natur. So wird sich auch diesen drei Fakultäten der Theologie, Philosophie und Staatswissenschaft zur Seite stellen die vierte Fakultät, der Naturwissenschaft . In ihr ist die alte medicinische Fakultät einbegriffen. Durch eine solche neue Gliederung der Wissenschaften würde dem wunderbar reichen Forschen der neueren Zeit in der Naturlehre wie in der Staatslehre erst die rechte Sammlung und zugleich die rechte Ehre gegeben seyn. Die Staatslehre würde dann nicht mehr ausgehen vom Staatsrecht, sondern sie würde schließen mit demselben. Sie würde vielmehr ausgehen von einer Wissenschaft vom Volke, die noch ganz vom öffentlichen Rechtsleben, vom Staate absieht, d.h. von der Naturgeschichte des Volkes. Die organische Gesammtpersönlichkeit des Volkes wäre zuerst zu bestimmen nach ihren natürlichen ethnographischen Grundzügen – »Land und Leute,« wie sie sich gegenseitig bedingen. Voran stünde also die allgemeine Landes- und Volkskunde . Dann käme die Lehre von jenen durch die Bande der Natur und des häuslichen Lebens zusammengehaltenen kleinen Gruppen im Volke, welche den Staat noch nicht nothwendig voraussetzen – die Lehre von der Familie . Dann die Kunde von jenen umfassenderen organischen Gliedern der Volkspersönlichkeit, von jenen Gruppen, welche durch die aus der Arbeit, dem Lebensberuf emporwachsenden Unterschiede in Sitte, Siedelung und Lebensart sich von einander abheben , von den natürlichen Ständen - die Lehre von der Gesellschaft . Diese drei Fächer zusammen aber bilden im staatswissenschaftlichen Gebiete die »Naturgeschichte des Volkes« und in ihr erkenne ich den Grundbau der »socialen Politik« – gegenüber der staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Politik. Erst nachdem man solchergestalt den leiblichen Stoff des Staates, das Volk, erkannt, mag man den Staat bestimmen und dann auch den Begriff des Staatsvolles gründlich erörtern. Erst wenn ein Volk sich selber als die (in der Naturgeschichte des Volkes analysirte) organische Gesammtpersönlichkeit erfaßt; dann seine inneren und äußeren Verhältnisse auf den Grund eines gemeinsamen Rechtswillens ordnet und solchergestalt die Wohlfahrt des Einzelnen mit dem Gesammtwohl in Einklang bringt, bildet es einen Staat. Hat man auf diesem Wege die Staatswissenschaften als ein Ganzes erfaßt und jenen Ausgangspunkt der Lehre vom Volk gefunden, dann gliedern und ordnen sich die Einzelfächer klar und leicht. Allein diese Logik ist schlechterdings nicht in die Staatswissenschaft zu bringen, wenn man nicht das Fachwerk der alten vier Fakultäten zerbricht. Ein streng wissenschaftliches System der Staatslehre nach den angedeuteten Grundsätzen darzustellen und die befruchtende Wirkung der an die Spitze gestellten Lehre vom Volk auf alle Einzelfächer der Staatswissenschaft nachzuweisen, soll eine der nächsten literarischen Aufgaben des Verfassers seyn. Das vorliegende Buch hat sich das bescheidenere Ziel gesteckt, zusammenhängende Skizzen zu liefern zur Naturgeschichte des Volkes in seinem Zusammenhang mit dem Lande . In den alten vier Fakultäten wäre kein Raum für ein solches Beginnen. In jener staatswissenschaftlichen Fakultät aber, wie sie meinem Geiste vorschwebt, würde die Kunde von Land und Leuten als eine Fundamentallehre voranstehen, und was im Folgenden oft nur flüchtig umrissen oder mehr mit dem Griffel des Künstlers als mit der Feder des strengen Fachgelehrten gezeichnet ist, das müßte dort auch in durchgebildet wissenschaftlicher Form Geltung und Ausbeutung finden. I. Feld und Wald Will sich der Politiker den innigen Zusammenhang zwischen Land und Leuten verdeutschen, so kann er gleich von der äußerlichsten Ueberschau des Landes ausgehn. Er sieht da Berg und Thal, Feld und Wald, so bekannte Gegensätze, daß man sie fast überhaupt nicht mehr sieht; und doch bedingen dieselben manch feinen, geheimen Zug des Volkslebens. An dem Faden von Berg und Thal und Feld und Wald könnte ein geschickter Schulmeister ein ganzes System der Volkskunde aufreihen. Ich begnüge mich, zu weiterem Nachsinnen anzuregen durch einige Gedanken über Feld und Wald, die zahme und die wilde Cultur unsers Bodens. In Deutschland besteht dieser Gegensatz noch in seiner ganzen Breite, wir haben noch einen wirklichen Wald; England dagegen hat so gut wie keinen wirklichen freien Wald mehr, keinen Wald, der sociale Bedeutung hätte: dadurch sind eine Menge der schärfsten Unterschiede deutschen und englischen Volksthumes von vornherein mit Nothwendigkeit vorgezeichnet. Bei jeder entscheidenden Volksbewegung in Deutschland wird sogleich dem Walde der Prozeß gemacht. Ein großer Theil der Bauern lebt in steter geheimer Fehde mit den Herren des Waldes und ihren Gerechtsamen: zündet ein Revolutionsfunke, dann entbrennt bei diesen Leuten vor allem »der Krieg um den Wald.« Das aufständische ländliche Proletariat kann keine Barricaden bauen, keine Königsschlosser niederreißen; aber es verwüstet statt dessen den herrschaftlichen Wald, denn dieser Wald ist in seinen Augen das Zwing-Uri der großen Herren neben dem schutzlosen Aeckerchen des kleinen Landmannes. Siegt dann die Staatsgewalt wieder über die empörten Massen, so hat sie allemal nichts eiligeres zu thun, als den Prozeß, welchen man dem Wald gemacht, wieder aufzuheben, die Schutzbriefe des Waldes, welche man zerrissen, wieder in Kraft zu setzen. Dieses Schauspiel wiederholt sich, je nach dem Geiste der Zeit abgestuft, in allen Jahrhunderten unserer Geschichte, und es wird auch wohl noch Jahrhunderte lang in immer neuen Formen wiederkehren. Die Erhaltung, die erneut verbriefte Schutz des Waldes ist gegenwärtig wieder eine Tagesfrage, und in den deutschen Kammern sind in den letzten Jahren gewichtige Worte zu Gunsten des Waldes vom Standpunkte des Volkswirthes gesprochen worden. Es wird jetzt wieder populär, dem armen geschundenen Walde das Wort zu reden. Der Wald hat aber nicht bloß einen wirtschaftlichen, sondern auch einen social-politischen Werth. Wer aus politischem Freisinn den Unterschied zwischen Stadt und Land leugnet, der sollte auch, nach englischem Muster, den Unterschied zwischen Feld und Wald wegzubringen suchen. Wo ein Gemeinbesitz des Waldes neben einem Privatbesitz des Feldes fortbesteht, da wird es in alle Ewigkeit keine rechte sociale Gleichheit im Volke geben. Der Wald zeichnet die Aristokratie in dem Bilde der Bodencultur; das Feld das Bürgerthum. Die Zugeständnisse, welche von den Regierungen in Sachen der Waldrodung, der Wildhegung, der freigegebenen Waldnutzungen u. gemacht werden, bilden einen ziemlich genauen Gradmesser für das siegreiche Vordringen aristokratischen oder demokratischen Geistes. Im Jahr 1848 ward gar manches mächtige Stück Wald geopfert, um ein kleines Stückchen Popularität damit einzukaufen. Jede Revolution thut dem Wald weh; sie wird dagegen das Feld unberührt lassen, wofern sie sich nicht selber erwürgen will. Nach dem 2. December 1851 begünstigte man im Elsaß wieder das Streulaubsammeln in den Wäldern, um den Staatsstreich populär zu machen. Das war klug ausgedacht; denn der nimmer ruhende Krieg um den Wald kann der Regierung ein mächtiger Hebel des Einflusses auf eine Volksschicht werden, die im allgemeinen gar schwer herumzukriegen ist. Das Zugeständniß des Streulaubes und des allgemeinen Stimmrechts ist ein und derselbe Akt bonapartistischer Staatsklugheit, nur auf verschiedene Volksklassen zielend. Es ist die sociale Politik, die selbst hinter den Waldbäumen und unter dem rothen raschelnden Laub des letzten Herbstes lauert. Seltsamer Ring von Ursachen und Wirkungen! Der unmäßige Anbau der Kartoffel hilft nicht wenig dazu, dem modernen Staate das Proletariat auf den Hals zu schaffen! aber dieser selbe Kartoffelbau, der dem kleinen Bauern das Stroh entzieht, treibt ihn in den Wald, damit er dort die verwelkten Blätter als Streu für sein Vieh suche, und gibt so wieder der Staatsgewalt ein Mittel an die Hand, auf Grund der wunderlichen historischen Ruine unserer Waldeigenthumsgerechtsame, einen mächtigen Theil des Proletariats zu zügeln! Der Wald gilt in der deutschen Volksmeinung für das einzige große Besitzthum, welches noch nicht vollkommen ausgetheilt ist. Im Gegensatz zu Acker, Wiese und Garten hat Jeder ein gewisses Recht auf den Wald, und bestünde es auch nur darin, daß er nach Belieben in demselben herumlaufen kann. In dem Rechte oder der Vergunst des Holzlesens und Laubsammelns, der Viehhut, in der Vertheilung des sogenannten Loosholzes aus Gemeindewäldern u. dgl. liegt ein nahezu communistisches Herkommen geschichtlich begründet. Wo hat sich dergleichen sonst noch erhalten außer beim Wald? Das ist die Wurzel ächt deutscher socialer Zustände. In der That, der Wald ist bei uns noch nicht vollständig ausgetheilt. Darum greift jeder politische Wühler, der dem Volke vorerst ein kleines Stück »Wohlstand« als das Handgeld auf den verheißenen Allerwelts-Wohlstand auszahlen möchte, flugs zum Walde. Am Wald und an nichts anderem könnt ihr dem deutschen Bauern den Communismus handgreiflich predigen. Es ist allbekannt, daß der Gedanke des Privatwaldbesitzes bei den deutschen Völkern erst spät und allmählig aufkam. Wald, Weide, Wasser sind nach einem uralten deutschen Rechtsgrundsatze gemeine Nutzungen aller Markgenossen. Der Spruch von Wald, Weide und Wasser ist noch nicht ganz vergessen beim Volke. So bestätigt uns eine schwach dämmernde Erinnerung, eine halbverklungene Sage, welche das gemeinsame Anrecht auf allerlei Waldnutzen wie einen von Anfang der Tage her in Kraft stehenden naturrechtlichen Grundsatz betrachtet, die Ergebnisse des historischen Forschens, demzufolge die Idee der Gütergemeinschaft des Waldes eine ächt altgermanische war. Auf diesem Wege könnten wir dann aber auch wieder zu dem weiteren Resultat kommen, daß die Gütergemeinschaft nur ein einzigesmal folgerecht verwirklicht worden sey, nämlich – am und im Urwalde. In aufgeregten Tagen hat man wunderschöne Rechenexempel auf's Papier gebracht über das Zerschlagen des Waldbodens zu kleinen Ackerstücken für die Armuth. Das Papier ist geduldig, und es liest sich so idyllisch, so behaglich, wenn uns vorgerechnet wird, wie man aus dem karg ertragenden Waldboden Hunderte von allerliebsten kleinen Landgütchen herausschneiden könne, auf welchen die Proletarier zu einem zufriedenen urväterlichen Farmerleben sich niederlassen würden. Es sind auch praktische Versuche in diesem Sinne nicht ausgeblieben. Aber statt das Proletariat zu vermindern, zog man es durch solche Vermehrung der bäuerlichen Kleinwirthschaft erst recht herbei. Probirt geht über studirt. Die Leute hätten Gott danken sollen, daß der Wald fast allein noch nicht klein geschlagen ist; nun zerschlugen sie gar den Wald, um dem kleinen Bauern unter die Arme zu greifen! Der arme Bauer mühte ja in vielen Gegenden Deutschlands verhungern, wenn die herkömmlichen Waldnutzungen nicht eine feste Leibrente für ihn wären. Durch den Wald wird die Kleingüterei in hundert Fällen erst gediegen: zerstört man dann den Wald, um die kleinen Güter zu vermehren, so unterwühlt man festgewurzelte Existenzen, um neue daneben in den Sand zu pflanzen. Daß in Deutschland der Gegensatz von Wald und Feld noch so allgemein feststehet, daß wir noch eine ganze Gruppe förmlicher Waldländer haben, ist ein großer Trost für den Social-Politiker. Ein Volk, welches noch den offenen, gemeinheitlichen Wald neben dem im Privatbesitz abgeschlossenen Felde festhält, hat nicht bloß eine Gegenwart, sondern auch eine Zukunft. So ist in Rußlands undurchdringlichen Wäldern, deren inneres Dickicht nach den Worten des Dichters Mickiewicz ein so tiefes Geheimniß ist, daß es das Auge des Jägers so wenig kennt, wie des Fischers Auge die Meerestiefe, die Zukunft des großen Slavenreiches verbürgt, während uns aus den englischen und französischen Provinzen, die gar keinen ächten Wald mehr haben, ein schon halbwegs ausgelebtes Volksthum entgegenschaut. Die nordamerikanischen Freistaaten mit ihrer vom rohen Materialismus zersetzten Gesellschaft, mit ihrem wunderlichen Gemisch eines jugendlichen und eines erstarrten Volkslebens würden rasch ihrem Untergänge entgegeneilen, wenn sie im Hintergrunde nicht den Urwald hätten, der ein frischeres, kräftigeres Geschlecht für das rasch sich auslebende Küstenland großzieht. Die Wildniß ist das große ruhende Baarkapital, auf dessen Grundlage die Nordamerikaner noch lange die kecksten socialen und politischen Börsenspiele wagen können. Aber wehe ihnen, wenn sie dieses Stammkapital selber aufzehren würden! Der deutsche Wald mit seinen Gerechtsamen und Servituten ist ein letztes überlebendes Stück Mittelalter. Nirgends liegen die Trümmer des feudalen Elementes noch offener zu Tage, als in den Forstordnungen: der Wald allein sichert dem Landvolke – ächt mittelalterlich – eine von der Hetzjagd der Concurrenz und der Kleinwirthschaft unberührte Beisteuer zu seinem Bestand. Darum verkehren die Demagogen den Krieg »um« den Wald so gerne in einen Krieg »gegen« den Wald: sie wissen, daß man zuerst den Wald niederhauen muß, wenn man mit dem Mittelalter in Deutschland aufräumen will. Und also kommt der Wald bei jeder Volksbewegung am schlimmsten weg. Denn wenn man in unserem raschen Jahrhundert durchschnittlich einen fünfzehnjährigen Zwischenraum von einer Revolution zur andern gelten lassen will, so braucht ein ordentlicher Waldbaum viel längere Zeit, um auszuwachsen; wenigstens wird der unermeßliche Verlust, den das Jahr 1848 durch Verschleuderung, Plünderung und muthwilligen Ruin von Waldeigenthum gebracht hat, bis zu dieser Frist auf natürlichem Wege gewiß noch nicht wieder ausgeglichen seyn. In Anhalt-Dessau wurde im Jahr 1852 durch eine Verordnung dahin entschieden, daß alle Eichen, die auf Privatgrund stehen, dem alten Herkommen gemäß, landesherrliches Eigenthum bleiben. Der Gegensatz von Feld und Wald ist dadurch als ein ganz ideeller gefaßt; auch der vereinzelte Waldbaum ist für sich noch Wald und hat Waldrecht, wie in entwaldeten Gegenden die Bauern einen vereinzelt stehen gebliebenen Waldbaum häufig noch mit dem Titel ihres »Gemeindewaldes« auszeichnen. Die Männer der Staatswirthschaft führen den Beweis, daß unser gegenwärtiger Waldbestand zur Befriedigung des Holzbedarfs keineswegs zu groß, eher zu gering ist. Die grundsätzlichen, die politischen Feinde des Waldes aber zählen uns die alljährlich sich mehrenden Ersatzstoffe des Holzes vor und deuten siegesgewiß auf die nicht mehr ferne Zeit, wo man gar keine Wälder mehr brauchen wird, wo man alles Waldland in Ackerland verwandeln kann, damit jede Scholle in dem civilisirten Europa auch einen Menschen ernähre. Dieser Gedanke, jeden Fleck Erde von Menschenhänden umgewühlt zu sehen, hat für die Phantasie jedes natürlichen Menschen etwas grauenhaft unheimliches: ganz besonders ist er aber dem deutschen Geiste zuwider. Es wäre alsdann Zeit, daß der jüngste Tag anbräche. Emanuel Geibel hat dieses natürliche Grauen vor dem äußersten Maß der jegliche wilde Natur aufsaugenden Cultur in seinem Gedichte »Mythus« versinnbildet. Er schafft sich eine Sage von dem zum Knechtesdienst gefesselten Dämon des Dampfes. Erst dann wird dieser seine Bande sprengen und mit seiner im Kern der Erde schlummernden titanischen Urkraft die Erde selber zertrümmern, wenn einmal der ganze Ball überzogen seyn wird mit dem Zaubernetze der Eisenbahnen. Bis dahin werden auch alle Wälder in Ackerland umgewandelt seyn. Es ist eine matte Schutzwehr, welche die Fürsprecher des Waldes ergreifen, wofern sie lediglich aus ökonomischen Gründen die Erhaltung des gegenwärtigen mäßigen Waldumfanges fordern. Die social-politischen Gründe wiegen mindestens eben so schwer. Haut den Wald nieder und ihr zertrümmert die historische bürgerliche Gesellschaft. In der Vernichtung des Gegensatzes von Feld und Wald nehmt ihr dem deutschen Volksthum ein Lebenselement. Der Mensch lebt nicht vom Brode allein. Auch wenn wir keines Holzes mehr bedürften, würden wir doch noch den Wald brauchen. Das deutsche Volk bedarf des Waldes, wie der Mensch des Weines bedarf, obgleich es zur Nothdurft vollkommen genügen mag, wenn sich lediglich der Apotheker eine Viertelohm in den Keller legte. Brauchen wir das dürre Holz nicht mehr, um unsern äußeren Menschen zu erwärmen, dann wird dem Geschlecht das grüne, in Saft und Trieb stehende, zur Erwärmung seines inwendigen Menschen um so nöthiger seyn. In unsern Walddörfern – und wer die deutschen Gebirge durchwandert hat, der weiß, daß es noch viele ächte Walddörfer im deutschen Vaterlande gibt – sind unserm Volksleben noch die Reste uranfänglicher Gesittung bewahrt, nicht bloß in ihrer Schattenseite, sondern auch in ihrem naturfrischen Glanze. Nicht bloß das Waldland, auch die Sanddünen, Moore, Heiden, die Felsen- und Gletscherstriche, alle Wildniß und Wüstenei ist eine nothwendige Ergänzung zu dem cultivirten Feldland. Freuen wir uns, daß es noch so manche Wildniß in Deutschland gibt. Es gehört zur Kraftentfaltung eines Volkes, daß es die verschiedenartigsten Entwickelungen gleichzeitig umfasse. Ein durchweg in Bildung abgeschliffenes, in Wohlstand gesättigtes Volk ist ein todtes Volk, dem nichts übrig bleibt, als daß es sich mit sammt seinen Herrlichkeiten selber verbrenne wie Sardanapal. Der ausstudirte Städter, der feiste Bauer des reichen Getreidelandes, das mögen Männer der Gegenwart seyn, aber der armselige Moorbauer, der rauhe, zähe Waldbauer, der einsame, selbstgewisse, sagen- und liederreiche Alpenhirt, das sind die Männer der Zukunft. Die Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft ist die Lehre von der natürlichen Ungleichheit der Menschen. Ja, in dieser Ungleichheit der Gaben und Berufe wurzelt die höchste Glorie der Gesellschaft, denn sie ist der Quell ihrer unerschöpflichen Lebensfülle. Wie die See das Küstenvolk in einer rohen Ursprünglichkeit frisch erhält, so wirkt gleiches der Wald bei den Binnenvölkern. Weil Deutschland so viel Binnenland hat, darum braucht es so viel mehr Wald als England. Die ächten Walddörfler, die Förster, Holzhauer und Waldarbeiter sind der kräftige, derbe Seemannsschlag unter uns Landratten. Rottet den Wald aus, ebnet die Berge und sperrt die See ab, wenn ihr die Gesellschaft in gleichgeschliffener, gleichgefärbter Stubencultur ausebnen wollt! Wir sehen, wie ganze gesegnete Länder, denen man den schützenden Wald geraubt, den verheerenden Fluthen der Gebirgswasser, dem ausdörrenden Odem der Stürme verfallen sind, und ein großer Theil Italiens, des Paradieses von Europa, ist ein ausgelebtes Land, weil sein Boden keine Wälder mehr trägt, unter deren Schutz es sich wieder verjüngen könnte. Aber nicht bloß das Land ist ausgelebt, auch das Volk. Ein Volk muß absterben, wenn es nicht mehr zurückgreifen kann zu den Hintersassen in den Wäldern, um sich bei ihnen neue Kraft des natürlichen, rohen Volksthumes zu holen. Eine Nation ohne beträchtlichen Waldbesitz ist gleich zu achten einer Nation ohne gehörige Meeresküste. Wir müssen den Wald erhalten, nicht bloß damit uns der Ofen im Winter nicht kalt werde, sondern auch damit die Pulse des Volkslebens warm und fröhlich weiter schlagen, damit Deutschland deutsch bleibe. Die Bewohner der deutschen Walddörfer haben fast durchweg ein ungleich eigeneres, frischeres geistiges Gepräge als in den reinen Felddörfern. Hier steht meist mehr feister Wohlstand grell neben größerer Entartung der Sitten als dort. Die Walddörfer sind oft sehr arm, aber der mißvergnügte Proletarier haust viel öfter in den reinen Felddörfern. Die letzteren sind volkswirthschaftlich, die ersteren social-politisch von größerer Wichtigkeit. Der Waldbauer ist roher, händelsüchtiger, aber auch lustiger als der Feldbauer; es wird oft da ein genialer Lump aus ihm, wo aus dem schwerfälligen Feldbauer ein herzloser Geizhals geworden wäre. Die Erhaltung oder Vertilgung der alten Volkssitten und Trachten folgt nicht so sehr dem Gegensatze von Bergland und Flachland, als von Waldland und Feldland; wofern man unter jenes auch die Heiden, Moore und andere wüste Gegenden einbegreift. Das Waldland ist der Heerd der volksthümlichen Kunst; der Waldbauer singt mit den Vögeln des Waldes noch durch lange Geschlechter seinen eigenen Sang, wenn dem benachbarten Felddörfler das Volkslied schon weitab verklungen ist. Ein Dorf ohne Wald ist wie eine Stadt ohne historische Bauwerke, ohne Denkmäler, ohne Kunstsammlungen, ohne Theater und Musik, kurz ohne gemüthliche und künstlerische Anregung. Der Wald ist der Turnplatz der Jugend, oft auch die Festhalle der Alten. Wiegt das nicht mindestens ebenso schwer als die ökonomische Holzfrage? In dem Gegensatze von Feldland und Waldland tritt die einfachste und natürlichste Vorstufe der deutschen socialen Vielgestaltung und Vielfarbigkeit zu Tage, jener Fülle der eigensten Volkscharaktere, darin die zähe Verjüngungskraft unserer Nation geborgen liegt. Die Zopfzeit hatte kein Auge für den Wald, sie hatte entsprechend auch kein Verständniß für das Naturleben im Volke. Sie versetzte die fürstlichen Lustschlösser überall in deutschen Gauen aus den waldigen Bergen hinaus in das entwaldete Flachland. Die Kunst der Zopfzeit war aber auch eine fast durchaus undeutsche. Den Künstlern des Zopfes war der Wald zu unordentlich in der Anlage, zu buckelig in den Formen, zu dunkel in der Farbe. Als ein flaches Beiwerk der Landschaft wird er in den Hintergrund geschoben, während die Landschaftsmaler der vorhergegangenen großen Kunstperiode ihre Waldbilder so recht aus der Tiefe der Waldeinsamkeit heraus gemalt haben. Kein Künstler romanischen Stammes hat den Wald gemalt wie Ruisdael und Everdingen; sie setzen sich in ihren besten Bildern geradezu mitten in's Dickicht hinein. Poussin und Claude Lorrain haben großartige Studien am Wald gemacht, Ruisdael aber kann den Wald von Kindesbeinen an auswendig wie das Vaterunser. Die französisirte Hagedorn-Gleim'sche Lyrik singt Waldlieder, als ob sie auf's Hörensagen hin sich nach dem Wald sehne. Da kommt mit dem wiedererstandenen Volkslied und dem wiedererweckten Shakespeare, der des Waldes Herrlichkeit tiefer als Alle poetisch ausgekundet hat, die englische Gartenkunst, die Nachbildnerin der freieren Waldnatur, nach Deutschland; gleichzeitig schlägt Goethe den ächten Waldton in deutscher Dichtung wieder an, den er dem Volksliede abgelernt, und von dem Augenblick, wo den Poeten der Wald nicht mehr zu unordentlich erschienen ist, erscheint ihnen auch das derbkräftige Volksthum nicht mehr zu unsauber und struppig zur künstlerischen Gestaltung. Der herrliche neueste Wiederaufschwung der Landschaftsmalerei knüpft sich auf's engste an die erneute Vertiefung der Künstler in das Waldstudium. So musicirten auch zur Zeit, da Goethe seine besten Lieder dichtete, Mozart und Haydn, gleichfalls offenen Herzens für das Volkslied, als ob sie's »den Vögeln abgelauscht,« nämlich den Vögeln im Walde, nicht wie eine neueste Zweigschule romantischer Miniaturpoeten den Vögeln, die in vergoldeten Käfigen im Salon ihr krankes Lied schlagen. Der Wald allein läßt uns Kulturmenschen noch den Traum einer von der Polizeiaufsicht unberührten persönlichen Freiheit genießen. Man kann da doch wenigstens noch in die Kreuz und Quere gehen nach eigenem Gelüsten, ohne an die patentirte allgemeine Heerstraße gebunden zu seyn. Ja ein gesetzter Mann kann da selbst noch laufen, springen, klettern nach Herzenslust, ohne daß ihn die altkluge Tante Decenz für einen Narren hält. Diese Trümmer germanischer Waldfreiheit sind in Deutschland fast überall glücklich gerettet worden. Politisch freiere Nachbarländer, wo die widerwärtigen Zäune der fessellosen Wanderlust gar bald ein Ende machen, kennen sie nicht mehr. Was hilft dem nordamerikanischen Großstädter seine Polizeilosigkeit in den Straßen, wenn er nicht einmal im Wald der nächsten Umgegend frei umherlaufen kann, da ihn dort die gräulichen Fenze despotischer als ein ganzes Regiment Polizeidiener überall auf den geweisten Weg bannen? Was helfen den Engländern ihre freien Gesetze, da sie nur gefesselte Parke, da sie kaum noch einen freien Wald haben? Der Zwang der Sitte ist in England und Nordamerika einem deutschen Manne unerträglich. Da die Engländer nicht einmal mehr den freien Wald zu schätzen wissen, so ist es kein Wunder, daß sie fordern, man solle zu dem Eintrittsgeld, welches man für Theater- und Concertbesuch bezahlt, auch noch einen schwarzen Frack und eine weiße Halsbinde mitbringen. Deutschland hat eine größere Zukunft der socialen Freiheit als England, denn es hat sich den freien Wald gerettet. Den Wald ausrotten könnte man vielleicht in Deutschland, aber ihn sperren, das würde eine Revolution hervorrufen. Aus dieser deutschen Waldfreiheit, die so fremdartig aus unsern übrigen modernen Zuständen hervorlugt, strömt tieferer Einfluß auf Sitte und Charakter aller Volksschichten als mancher Stubensitzer sich träumen läßt. Unserm großstädtischen Leben merkt man es andererseits freilich auch in tausend Zügen an, wie weit sich der ächte Wald von diesen Städten zurückgezogen hat, wie entfremdet ihre Insassen dem Wald geworden sind. Den freien Wald und das freie Meer hat die Poesie mit tiefsinnigem Wort auch den heiligen Wald und das heilige Meer genannt, und nirgends wirkt darum diese Heiligkeit der unberührten Natur ergreifender, als wo der Wald unmittelbar dem Meere entsteigt. Wo der Wogenschlag des brandenden Meeres mit den rauschenden Wipfeln der Bäume zu einem Hymnus zusammenbraust, aber auch in dem lautlosen, mittägigen Schweigen des deutschen Gebirgswaldes, wo der Wanderer, meilenweit von jeder menschlichen Niederlassung entfernt, nur den Schlag des eigenen Herzens in der Kirchenstille der Wildniß hört, da ist der rechte heilige Wald. Doch selbst für den freien, heiligen Wald gibt es in Deutschland Prachtstücke polizeilichen Humors. Wenn man auf der Insel Rügen in den von den Norddeutschen als eine Art Urwald gepriesenen uralten Buchenforst der Granitz tritt, so leuchtet dem Wanderer an einem mächtigen Baumstamm eine Tafel entgegen mit der Inschrift: daß man in diesem Wald nur umhergehen dürfe in Begleitung eines fürstlich Putbusischen Forstaufsehers zu 5 Sgr. die Stunde. Die Schauer eines Urwaldes in forstpolizeilicher Begleitung zu 5 Sgr. die Stunde genießen, das kann doch nur ein geborener Berliner. Es ist eine seltsame Begriffsverwirrung, wenn viele die Waldrodungen in dem Deutschland des 19. Jahrhunderts noch wie ein Urbarmachen des Bodens, wie einen Akt der inneren Colonisation ansehen, durch den das gerodete Stück überhaupt erst der Cultur gewonnen würde! Der Wald ist für uns nicht mehr die Wildniß, aus der wir in's geklärte Land hinausstreben sollen, sondern eine wahrhaft großartige Schutzhege unserer eigensten volksthümlichen Gesittung. Darum nannte ich ihn die wilde Cultur des Bodens im Gegensatz zu dem zahmen Feldbau. Den Waldboden roden, heißt bei uns nicht mehr ihn urbar machen, sondern nur eine Form des Anbaues mit einer andern vertauschen. Wer den Werth einer Bodencultur nur nach den Procenten ihres Reinertrags schätzt, der wird freilich Waldflächen roden wollen, um sie »urbar« zu machen. Wir schätzen aber die verschiedenen Formen der Bodencultur nicht bloß nach ihrem Geldwerth, sondern auch nach ihrem ideellen Gehalte. Der vielgestaltige Landesanbau ist eine der tiefsten Wurzeln unseres Reichthums an individuellen socialen Gebilden, und damit der Lebensfülle unserer Gesellschaft selber. Der Wald stellt ein aristokratisches Element in der Bodencultur dar. Er gilt mehr durch das, was er vorstellt, als durch das, was er schafft und einträgt. Nur der Reiche kann Waldwirtschaft treiben, ja oft ist nicht einmal der Reichste reich genug dazu, und der Staat, als der Inbegriff des Landesreichthums, ist darum mit Recht der erste und größte Waldbesitzer. Waldbau bloß für das lebende Geschlecht treiben, ist eine armselige Heckenwirthschaft; die großen Bäume erzieht man für kommende Geschlechter. Darum ist der Wald in erster Linie Gegenstand der Volkswirtschaft und erst dann der Privatwirtschaft. In dem Wald wird für das Ganze gesorgt; er soll über alles Land möglichst gleichmäßig vertheilt seyn, denn seine Schätze widerstreben der Beweglichkeit des Verkehrs. Das sind Gedanken, die einen ächten Waldwirth stolz machen können auf seinen eigenartigen Wald. Für die Gegner der Erhaltung eines großen geschlossenen Grundbesitzes wird der Wald allezeit der ärgste Stein des Anstoßes seyn, denn mit dem Walde wird sich niemals eine auch nur scheinbar ausgiebige Kleinwirthschaft durchführen lassen. Beim Feldbau läßt sich über die Vortheile der Kleingüterei streiten, wer aber das armselige eines in's Kleine getriebenen Waldbaues nicht sehen will, der muß sich die Hände vor beide Augen halten. In dem Maße als der Waldbau in's Kleine gearbeitet, d. h. als er ausschließlich darauf hin angelegt wird, aus möglichst geringem Kapital in möglichst kurzer Frist die größtmögliche Rente herauszuschlagen, verliert der Wald sein geschichtliches Gepräge, seinen Cultur-Einfluß auf die sociale und ästhetische Erziehung des Volks und die Charakterunterschiede der Gesellschaft. Deutschland sondert sich nicht in der Weise in Feld- und Waldland, daß etwa ein Theil fast ausschließlich der Waldcultur, der andere dem Feldbau gewidmet wäre. Der Gegensatz von Feld und Wald besteht vielmehr überall, er durchkreuzt die natürlichen Scheidungen von Berg- und Flachland und besondert solchergestalt den Boden des gesammten deutschen Reiches in einer Weise, wie sich dessen kein anderes Land Europa's rühmen kann. Dazu stellt sich Feldbau und Waldwirtschaft an sich wieder in allen möglichen berechtigten Formen dar. Die ganze Stufenleiter von der Spatencultur bis zu den größten geschlossenen Gütern ist auf deutschem Boden in den buntesten Exempeln durchgeführt und in den Formen der Waldwirtschaft sind wir noch weit zerspaltener als in unserer politischen Wirthschaft. In dieser beispiellosen Vielgestalt des Bodenbaues ist nicht nur die wunderbar reiche Gliederung unserer Gesellschaftszustände vorgebildet, sondern auch der eigenthümlichen Biegsamkeit, Vielseitigkeit und Empfänglichkeit deutscher Geistescultur und Gesittung die natürlichste Wurzel gegeben. Deutschland hat durch die in neuerer Zeit aus Gründen der Noth oder kurzblickender Finanzweisheit immer weiter getriebene künstliche Umwandlung des stolzen Laubholzhochwaldes in kurzlebige Nadelwälder mindestens ebensoviel von seinem eigenthümlichen Waldcharakter verloren als durch die völlige Rodung ungeheurer Waldflächen. In den alten Forstordnungen wird auf den Schutz der Eichen mit Recht ein besonderes Gewicht gelegt. Selbst der deutsche Reichstag beschäftigte sich in diesem Sinn bereits im 16. Jahrhundert mit der »Holzsparkunst.« Die wenigen Waldculturarten, welche einigermaßen eine Zerstückelung zulassen, wie etwa die örtlich vorkommende Haubergswirthschaft, wo auf demselben Land im Wechsel Waldbau und Ackerbau getrieben wird, oder die im Geldpunkte so rasch ergiebige Eichenschälwirthschaft, diese wenigen, der Zerstückelung günstigen Wirthschaftsarten heben an sich schon den Begriff des Waldes in unserm Sinne auf. Ein Eichenschälwald, der, sowie er einigermaßen kräftig in's Holz treibt, auch dem Wanderer alsbald nur dünne abgeschälte Stämmchen mit verdorrten Laubresten entgegenstreckt, unterbrochen von dem dazwischenwuchernden kümmerlichen Raumholz von Haselhecken und Hainbuchen, ein Hauberg, in welchem Feld- und Waldcultur vollständig durcheinander geworfen wird, ist eigentlich gar kein rechter Wald mehr. Das werthvollste, anderswie durchaus noch nicht zu ersetzende Werkholz der wuchtigen Eichen- und Buchenstämme, dieser eigenste Schatz des Waldes, kann nur da erzielt werden, wo eine reiche Körperschaft, die hundert Jahre lang auf Zinsen warten kann, den Waldbau betreibt. Die alte Zeit hatte einen richtigen Blick für diesen aristokratischen Charakter des Waldes, indem sie denselben zum bevorrechteten Tummelplatz fürstlicher Lust erkor und das Waidwerk adelte, obgleich es beim Licht einer philosophischen Studirlampe besehen, doch eigentlich gar so etwas nobles nicht ist, wenn sich ein im glättesten Schliff der Sitte glänzender Hof zeitweilig in die Barbarei des Urwaldes zurückzieht und im getreuesten Nachbild des rohen Jägerlebens gleichsam die Uranfänge der Civilisation von vorn wieder durchbuchstabirt. Um keinen Titel wurde von deutschen Reichsfürsten erbitterter gestritten, als um den eines »Reichsoberjägermeisters.« Die centralisirende Gewalt des Königthums erprobte sich auf fränkisch-deutschem Boden am ersten und entschiedensten in der Errichtung von Bannforsten. Des Königs Wald stand von da an unter einem höheren und wirksameren Schutze als unter dem des gemeinen Rechtes. Ein schlagenderes aristokratisches Vorrecht als das der Bannforsten ist gar nicht denkbar, und doch hat es Deutschland diesem Einzelvorrechte zu danken, daß es noch so grün bei uns aussieht, daß unsere Berge nicht entwaldet sind wie die italienischen, daß Land und Volk nicht ausgelebt und ausgetrocknet ist, daß noch so herrlich große Waldstrecken als geschlossenes Ganze später in die Hände des Staates übergehen konnten. Aber an diese aristokratische Waldlust knüpfte sich auch die mittelalterliche Waldtyrannei. Die Waldbäume und das Wild wurden schonender behandelt, als die Saatfelder und die Bauern. Wollte ein grausamer Herr den Bauer recht empfindlich züchtigen, dann schickte er ihm das Wild über den Hals, und die Jagd, welche das Wild erlegen sollte, zertrat noch, was dieses nicht gefressen hatte. Der Krieg um den Wald drängte dem Bauersmann recht heiß die Frage auf, ob sich denn die alten Vorrechte der Aristokratie auch wirklich vor Gott und Menschen rechtfertigen ließen? Von G. A. Bürger besitzen wir ein Gedicht, welches das nackte Recht der Arbeit dem historischen Standesrecht in so schneidender Weise entgegensetzt, daß man es, wenn es heute erschiene, ohne Zweifel als ein communstisches beschlagnahmen würde. Diese alte Probe moderner social-demokratischer Poesie greift aber für jene Zeit ganz charakteristisch ihr Thema aus dem »Krieg um den Wald;« sie führt den Titel: »Der Bauer an seinen durchlauchtigsten Tyrannen.« Weil der fürstliche Jäger den Bauer unter dem Hurrah der Jagd durch das zerstampfte Saatfeld getrieben, darum kommt der Bauer in dem Gedicht mit einemmal zu der gefährlichen Frage: »Wer bist du, Fürst?« Die furchtbaren Strafen, mit welchen im Mittelalter Forstfrevler und Wilddiebe bedroht waren, erklären sich nur als der Ausfluß der Erbitterung zweier um den Wald kriegführenden Parteien. In diesem Kriege war das Standrecht erklärt. Der Wilddieb fühlte sich in seinem Rechte wie der Pirat, beide wollen keine gemeinen Diebe seyn. Ich stellte oben den Wald mit dem Meere zusammen: die frühere barbarische Bestrafung der Piraten läuft gleichfalls parallel der grausamen Züchtigung der Waldfrevler. Der letztere glaubt noch immer häufig genug, daß er nur ein durch Gewalt ihm entrücktes Eigenthumsrecht mit List und Gewalt sich wieder hole. Es gibt ganze Dörfer, ganze Landstriche in Deutschland, wo die Sitte heute noch Wilddieberei und Holzfrevel scharf unterscheidet von gemeinen, beschimpfenden Verbrechen. Einen Hasen in der Schlinge zu fangen, ist für diese Bauern so wenig etwas Entehrendes, als für einen Studenten den Nachtwächter zu prügeln. Darin steckt der uralte Hintergedanke des »Krieges um den freien Wald.« Im Walde weiß das aufgestachelte Landvolk in bewegter Zeit den Staat oder auch den einzelnen großen Grundbesitzer an seiner empfindlichen Seite zu packen. Wir sahen, wie im Jahre 1848 ausgedehnte Waldschläge planvoll verwüstet – nicht geplündert – wurden; man hieb den Wald nieder und ließ die Stämme absichtlich liegen und verderben, man brannte ihn ab, um mit jedem Tagewerk weiter verbrannten Waldes eine neue »Volksforderung« zu erzwingen. Die alte Sage des Krieges um den Wald war wieder einmal leibhafte Geschichte geworden. Und dieser ewige Unruhstifter Wald, der aber, wie bemerkt, bei den Unruhen selber immer am schlimmsten wegkommt, ist doch zugleich ein so mächtiger Schutzwall historischen Herkommens. Nicht bloß ein altes Volksthum, auch die ältesten Reste geschichtlicher Denkmale hat er uns schirmend bewahrt. Viele der merkwürdigsten alten Namen sind in den Benennungen der Waldreviere uns erhalten geblieben, und wenn einmal die deutsche Sprachwissenschaft mit dem Durchforschen der Dörfer- und Städtenamen fertig geworden ist, dann wird sie sich den Namen der Waldreviere, die meist weit weniger gewechselt haben als der Feldmarken, als einer neuen, reichen Quelle zuwenden. Fast nur unter dem Schutze des Waldesdickichts sind die Ringwälle jener Völker, welche in einer vorgeschichtlichen Zeit in unsern Gauen gesessen, dazu die Gräber und Opferstätten unserer Vorfahren als älteste Denkmale für die Gegenwart erhalten worden. Und während man im Namen einer reinen Fabrikcultur die deutschen Wälder vertilgen möchte, haben sie allein in ihrem Schatten die frühesten redenden Zeugen vaterländischer Industrie uns bewahrt. In den mittelrheinischen Waldgebirgen findet man häufig auf abgelegenen Hügelköpfen, fern von Bächen und Wasserlauf, große Schlackenhaufen. Es sind dieß die Stätten der uralten vielleicht als Hand- oder Trethütten betriebenen »Waldschmieden,« von denen unsere Heldensage singt, die Stätten der ersten rohen Anfänge unserer seitdem so mächtig entfalteten Eisenindustrie. So hebt die älteste Kunde des deutschen Fabrikwesens, wie unserer ganzen Gesittung, bei dem Walde an. Jahrhunderte lang war es eine Sache des Fortschrittes, das Recht des Feldes einseitig zu vertreten; jetzt ist es dagegen auch eine Sache des Fortschrittes, das Recht der Wildniß zu vertreten neben dem Rechte des Ackerlandes. Und wenn sich der Volkswirth noch so sehr sträubt und empört wider diese Thatsache, so muß der volksforschende Social-Politiker trotzdem beharren und kämpfen auch für das Recht der Wildniß. II. Wege und Stege In der Urwildniß rodet der erste Siedler: er schafft den Gegensatz von Feld und Wald und hebt damit das Verhältnis von Land und Leuten über die Linie der uranfänglichen bestialischen Natürlichkeit. Nur wo Feld und Wald ist, da ist feste Siedelung, da bildet der Boden selbst den Grund organischer Gesellschaftszustände. Später hebt sich aus der allgemeinen Form der Siedelung der Gegensatz von Stadt und Land heraus. Hiermit kommt eine sociale Revolution, ein neuer Umschlag im Naturleben des Volkes. Die größten Culturfragen des germanischen Alterthumes laufen in der Thatsache von Rodung und Anbau des Landes, in dem Herausbilden des Gegensatzes von Feld und Wald als in ihrem Brennpunkte zusammen; die größten Culturfragen des Mittelalters im Herausbilden des Gegensatzes von Stadt und Land. Hierdurch bestimmen sich die zwei entscheidenden Zeiträume in der ältesten Naturgeschichte des deutschen Volkes. Es wird aber der Widerstreit dieser Gegensätze niemals ganz erledigt, sie bleiben flüssig, bis das Volk selber abstirbt; denn sie bedingen die zum Leben berechtigende innere Vielgestalt seiner Bildungen. Das Verhältnis der Leute zum Lande ist übrigens seit dem Mittelalter schon um deßwillen ein ganz anderes geworden, weil das Land selbst nicht mehr das nämliche ist, weil die früheren Länder und Ländchen zu Ländermassen geworden sind, die einzelnen Städte zu Städtegruppen, weil sich in ausgedehntestem Maße Dörfer in Städte und dafür wieder Städte in Dörfer verwandelt haben, weil die Großstädte, als wesentlich moderne Gebilde, ein Massenwesen im Städteleben hervorgerufen haben, welches der Umbildung der Länderindividuen zu Ländermassen entspricht. Wir messen das Land mit einem neuen Maßstabe. Die Länder wurden größer und die Erde kleiner. Die Leute sind näher zusammengerückt. Dadurch ist ein anderes Land, sind andere Leute geworden. Die Rodung der Wildniß und die Scheidung von Stadt und Land vereinzelte ursprünglich Länder und Völker; das Erschließen der neuen großen Verkehrswege und Verkehrsmittel, diese moderne Colonisirung im großen Style nicht der Länder, sondern der Erde, faßt wieder mit eherner Hand zusammen, was durch jene Gegensätze auseinandergetrieben war. Und doch bestehen jene Gegensätze fort, im Maßstab verändert, nicht aber in der Art. Zuerst kam die oceanische Schifffahrt, dann kamen die Kunststraßen, dann Dampfschiffe und Eisenbahnen. Bei den Bauern hat sich bereits ein Sagenkreis der Eisenbahnen gebildet. Sagenkreise entstehen bekanntlich kaum mehr im Tageslicht der modernen Prosa. Allein wo dem Volke eine neue Wunderkraft so dämonisch gegenüber tritt wie in den Eisenbahnen, da schafft es sich auch noch neue Sagenkreise. Es ahnt die Umwälzung unserer gesammten Gesittung, unserer ganzen Gesellschaft, welche durch das neue Verkehrswesen früher oder später eintreten muß; der Bauer insbesondere ahnt, daß er neben der Eisenbahn nicht der alte Bauer bleiben kann. Vielverbreiteter Bauernglaube ist es, daß die Eisenbahnen nach einer bestimmten Frist wieder plötzlich verschwinden würden, wie sie plötzlich gekommen seyen; ihre Frist ist gleich der, welche der Teufel den Leuten vergönnt, die sich ihm zum Gewinn irdischer Genüsse verschrieben haben. Im Badischen geht die Sage, daß beim Anhalten der Eisenbahnen an den größeren Stationen jedesmal Einer fehle, den der Teufel für seinen Lohn genommen habe, und im Elsaß mußte im Jahr 1851 von den Kanzeln wider den Eisenbahnaberglauben gepredigt werden. In dieser kindlichen Form spricht sich des Volkes Ahnung von der Thatsache aus, daß der moderne Verkehr nicht nur ein neues Land schaffe, sondern auch neue Leute. Jeder aber fürchtet sich ein Anderer zu werden, und wer uns unsere Eigenart rauben will, der erscheint uns weit eher wie ein Gespenst des Satans, denn wie ein guter Geist. Man sagt verschiedenen Tiroler Gemeinden nach: sie hätten in alter Zeit ihre Straßen absichtlich nicht an den Bergen her, sondern über die Berge geführt, damit die Reisenden und ihr Geld recht lange im Lande bleiben und die Fuhrleute gehörig für Vorspannpferde bezahlen möchten. Das gemahnt an die Politik deutscher Postverwaltungen, welche unbedenklich auch die krumme Linie als die kürzeste zwischen zwei Punkten annahmen, wenn es galt, einem im geraden Weg liegenden auswärtigen Postbesitzer ein paar Kreuzer Transitporto abzuzwacken und die Briefe möglichst lang im eigenen Bezirk zu behalten. Es steckt aber auch ein tieferer Sinn hinter jener angeblichen Praxis der Tiroler. Als man in alten Zeiten Straßen baute, individualisirte man das Land; die Straße schuf eine Masse neuer Ansiedelungen, neue Städte, neue Dörfer. Wenn wir dagegen heutzutage die ächt modernen Straßen, nämlich Chausseen, Eisenbahnen und Dampfschifflinien anlegen, so centralisiren wir das Land; diese Straßen verderben die kleinen Städte, schaffen dagegen den großen einen riesigen Zuwachs an Macht und Volkszahl. Der Fußweg, der Feldweg, die alte Heerstraße führten die Städte ins Land hinein; unsere neuen wunderbaren Straßenbauten des Weltverkehrs führen die Stadt zur Stadt und – das Land in die Stadt. Darum war es im Geiste des mittelalterigen Wegbausystems durchaus nicht widersinnig, die Reisenden auf möglichst langer Linie im Lande herumzuführen. Wollten also die Tiroler nicht bloß die Reisenden, sondern auch das alte Herkommen und die alte bürgerliche Gesellschaft möglichst lang im Lande behalten, so mußten sie in der That die Straßen nicht zur Eilfahrt durch's Thal, sondern zur Schneckenfahrt über die Berge legen. Ich greife ein schlagendes Beispiel des Gegentheils aus tausenden heraus: die große natürliche Verkehrslinie des Rheinstroms. Im Mittelalter rief diese Wasserstraße Dutzende von kleinen Städten zu selbständiger Blüthe. Der Fluß war dermaßen mit Zöllen aller Art belastet, die Güterbewegung auf demselben vielfach so gefahrvoll, daß man neue mühselige Umwege zur Rechten und Linken, durch den Einrich, über den Hunsrück u. aufsuchte, und dennoch nährte der Verkehr die kleinen Städte an der Wasserstraße neben den großen. Jetzt sind fast alle Schranken gefallen, eine Dampfflottille fährt tagtäglich stromab, stromauf, die Zahl der Reisenden ist tausendfach gewachsen, und - der Verfall jener kleinen Städte frißt von Jahr zu Jahr um sich; nur einzelne große Mittelpunkte heben sich im gleichen reißenden Fortschritt, in welchem jene sinken. Häuser, die in einzelnen solcher kleineren Städte vor 40 Jahren mit einem Aufwand von 30,000 Gulden erbaut wurden, sind seit der vollen Eröffnung der Dampfstraße für 3000 feil, und finden doch keinen Käufer. Tausend Reisende sehen sich jetzt im Vorüberfahren an den schönen armen Städten satt, in welchen sich früher hundert Reisende satt zehrten. So geht es mehr oder minder in ganz Deutschland. Zu allen Zeiten sind alte große Handelsstraßen verödet, und neue Wege führten den befruchtenden Reichthum des Weltverkehrs andern Gegenden zu. Aber jedesmal war es auch nicht bloß ein wirthschaftliches, sondern zugleich ein politisches und sociales Erkranken, welches dadurch über die verlassenen Gegenden verhängt wurde. Die Zeit heilt; doch Jahrhunderte waren hier zur Heilung oft immer noch zu wenig Zeit. Eine so gründliche, so allgemeine und so reißend schnell durchgeführte Umlegung aller großen Verkehrsstraßen, wie sie mit dem Ausbau der europäischen Eisenbahnnetze vollendet seyn wird, ist aber noch nicht erhört worden, so lange die Welt steht. Es werden freilich nicht, wie bei der Veränderung der Handelswege am Ausgange des Mittelalters, reiche Großstädte veröden, wohl aber sind zahllose kleine Städte, blühende Flecken und Dörfer dem Kränkeln, Abmagern und Absterben eben so sicher geweiht, als sich den großen Städten eine immer unförmlichere Corpulenz ansetzen wird. Darin liegt eine europäische Krisis. Die Herrschaft der großen Städte über das Land ist eine der socialen Kernfragen unserer Zeit. Sie erschüttert gegenwärtig den hundertjährigen Bestand von Englands gesellschaftlich-politischen Institutionen, sie schlägt die frischeste Kraft des französischen Volksthumes in Banden, sie ist das dunkle Gespenst der deutschen socialen Zukunft. Die kleineren und mittleren Städte waren die Wiege des selbständigen Bürgerthums, die Riesenstädte sind die Wiege des selbständigen Proletariats, aber auch neuer schaffender Mächte, die uns unheimlich dünken, weil wir sie nur erst zu ahnen, nicht zu erkennen und zu schätzen vermögen. Diese Riesenstädte zerstören die kleinen – buchstäblich sowohl als bildlich – mit des Dampfes Kraft und Eile. Und je breiter sich die Thore der Stadt dem Lande öffnen, um so unzugänglicher verschließt sich das Innere des Landes mit seiner verjüngenden Naturkraft der Stadtbevölkerung. Diese centralisirende Kraft der neuen großen Straßenlinien offenbarte sich aber nicht erst bei den Eisenbahnen, sie begann ihre Wirkung bereits bei dem Ausbau des großen modernen Landstraßennetzes zu zeigen, welches man seiner Zeit nicht minder wie jetzt das Eisenbahnnetz als ein Wunderwerk angestaunt hat. Die große Reform des Straßenbaues im 18. Jahrhundert fällt zeitlich ziemlich genau zusammen mit den durchgreifenden modernen Reformen der Staatsverwaltung, Die neu erstehende centralisirte Bureaukratie konnte damals mit keinem segensreichem Werke ihre weltgeschichtliche Sendung beginnen als indem sie den maßlos zersplitterten Verkehr durch ein System des gleichsam neu wieder entdeckten Kunststraßenbaues einigte. Die großen Straßenanlagen aus dem letzten Viertel des vorigen und dem ersten des laufenden Jahrhunderts sind das stolzeste Denkmal der berechtigten Bureaukratie. In einem Katechismus der Volkswirtschaft für Schulkinder fand ich, daß unter anderm den nationalökonomischen ABC-Schützen zu beweisen gesucht wird, wozu überhaupt Beamte nutz seyen? Die Schüler werden zu diesem Zweck von dem Katecheten vor allen Dingen auf die Landstraße geschickt. Das ist sehr treffend. Napoleon, der kriegerische Heros der Völkercentralisation, ahmte das alte Rom nach auch in der Anlage riesiger Straßenbauten. Und Rom hatte in der That bei seinen Straßenanlagen ganz dasselbe Princip verfolgt wie die neueste Zeit mit ihrem Eisenbahnnetz; es baute möglichst geradlinig von Stadt zu Stadt, quer durch über Bergrücken und Flußlinien; denn es baute Straßen, nicht um die eroberten Länder in's Einzelne zu beleben, sondern um sie allesammt geradenwegs nach Rom zu führen. Darum konnte das individualisirende deutsche Mittelalter die Trümmer dieser Heerstraßen der römischen Centralisation größtentheils nicht mehr brauchen, und wo auf unsern deutschen Karten ein Römerweg verzeichnet steht, da läuft seit vielen Jahrhunderten häufig nicht einmal ein Fußpfad mehr die gleiche Linie. Napoleon liebte es, seine Chausseen mit Pappelreihen einzufassen. Die alten Bonapartisten am linken Ufer des deutschen Oberrheins zeigen uns heute noch mit Stolz die langgestreckten Pappelzüge, welche die Eintönigkeit der Stromlandschaft bis unterhalb Mainz so auffallend erhöhen, mit der Bemerkung, daß der Kaiser viele derselben persönlich anzulegen befohlen habe. Die Pappel ist das ächte Sinnbild der von außen her aufgedrungenen Centralisation; sie ist der uniformmäßige Baum, den man in Reihen aufmarschiren lassen kann gleich einer Paradeordnung von Soldaten. Im 18. Jahrhundert hatte man ausgezeichnete Straßen gern mit Linden bepflanzt, dem volksthümlichsten deutschen Waldbaume, dem Baume, in welchem unsere Vorfahren die Romantik des Waldes in den traulichen Frieden des Dorfes übersiedelten, wenn sie ihn auf den Marktplatz pflanzten, auf den Tanzrasen, neben das Bild des Schutzheiligen – und auf den Kirchhof, zugleich dem altherkömmlichen stolzen Schmuck der Auffahrten zu Burgen und Klöstern, wie der Burg- und Klosterhöfe. Als die Burgen des deutschen Adels sich in Herrenhäuser verwandelten, ward es gleichsam standesmäßig, dieselben durch stolze Lindenalleen vor bürgerlichen Prunkgebäuden auszuzeichnen. Solche Alleen, die sich oft meilenweit ausdehnten, sind culturgeschichtlich wichtig, denn sie weckten zuerst die Lust der großen und kleinen Herren am Kunststraßenbau. Indem der begüterte Adel seinen Rittersitzen einen neuen Schmuck, ein neues Sinnbild seiner herrschaftlichen Würde gründete, ebnete er damit ahnungslos die Wege für jene neue Zeit, die seine alte Stellung vernichten sollte. Die alten Fürsten und Edeln schützten ihre Alleen, eben weil diese ihnen vorzugsweise ein adeliges Wahrzeichen waren, mit einem Nachdruck, der oft zum Druck umschlug. Der Markgraf Friedlich Wilhelm von Schwedt, dessen ausgedehnte und zahlreiche Alleen einen deutschen Ruf gewannen, soll jeden Schulzen, in dessen Bezirk ein Baum zerstört worden, oder auch nur ausgegangen war, höchst eigenhändig mit dem Stocke gezüchtigt haben. Der Bauersmann aber begann in späterer Zeit einen Krieg gegen diese Alleen, wie er ihn gegen den herrschaftlichen Wald begann. Hunderte von Dörfern processiren heute noch mit den Edelleuten wegen der Ausrottung der bereits so stark gelichteten Ueberreste der gutsherrlichen Alleen; und zwar nicht immer deßhalb, weil Schatten und Wurzelwerk der alten Bäume den angrenzenden Aeckern schaden, sondern oft bloß darum, weil der Bauer sie nicht leiden mag, als ein Denkmal der alten Adelsherrschaft mit ihren Leistungen und Lasten. Mancher hundertjährige schattenreiche Baumgang dieser Art ist im Jahre 1848 dem »Volke« zum Opfer gefallen. Aber noch ehe die Bauern den Alleen zu Leibe gingen, hatte schon die Bureaukratie die Art angelegt. Sie hatte keinen Sinn für die Schönheit dieser lebendigen Geschichtsdenkmale und faßte nur den in der Regel armseligen Ertrag der Fällung für das Budget in's Auge. So wurden z. B. schon am Ausgang des 18. Jahrhunderts die großartigen Alleen bei dem bayreuthischen Schloß und Kloster Himmelkron, welche in Süddeutschland nicht minder berühmt waren, wie die des Markgrafen von Schwedt im Norden, im eben erwachten modernen Kanzleieifer gegen einen Erlös von baaren tausend Gulden niedergeschlagen! Statt der altfränkischen Linden und Kastanien nahm die Bureaukratie – bewußt oder unbewußt, aber jedenfalls ganz in ihrem eigensten Geiste – die napoleonische Vorliebe für die Pappel an und zerstörte mit den endlosen Pappelalleen den eigensten Reiz von hundert deutschen Landschaftsbildern. Es that mir von Herzen wohl, als ich vor einiger Zeit im preußischen Staatsanzeiger eine energische Verfügung an die Verwaltungsbeamten las, gerichtet gegen den centralisirenden Unfug des maßlosen Anpflanzens von Pappeln an den Landstraßen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren es zuerst einige kleinere Staaten, die sich mit der Einführung des neuen Kunststraßenbaues hervorthaten. Und zwar sagt man, daß die erste moderne Chaussee gerade von zwei sehr kleinen Kleinstaaten, Oettingen-Spielberg und der Reichsstadt Nördlingen angelegt worden sey. Es liegt ein eigener Humor in diesem Umstand. Jene Staaten ahnten die gewaltige, staatlich centralisirende Macht eines vollendeten Straßensystems nicht, sie ahnten nicht, daß sie doch eigentlich nur die Wege ebneten, damit ihre eigene Souveränetät desto geschwinder auf denselben zum Land hinausfahre. Selbst einige geistliche Fürsten zeichneten sich damals durch Straßenbauten aus; sie ahnten noch nicht die Politik Gregors XVI., der keine Eisenbahnen in seinem Kirchenstaate haben wollte. Priesterfürsten bewegten sich sehr sicher auf mittelalterigen Saumpfaden, die moderne Eisenbahn dagegen fährt ihnen zu schnell. Später mußten die kleinen Staaten von den großen im Straßenbau natürlich eingeholt und überholt werden. Allein wenn auch Preußen und Oesterreich in einzelnen Landstraßenzügen vorzugsweise Großartiges leisten konnten, so werden sie doch von verschiedenen Kleinstaaten wiederum weit übertroffen in der Vollendung des Localstraßenbaues, in der kunstmäßigen Behandlung der Gemeindewege. Es liegt in der Natur der Kleinstaaten, auch hier in's Kleine zu arbeiten. Die Gemeindewege sind jetzt noch die individualisirenden Verkehrslinien neben den centralisirenden Staatsstraßen. Durch recht vollständig ausgezweigte Gemeindewege, die das Innere und Einzelnste des Landes aufschließen, wird ein kleines Gebiet größer gemacht, während es zusammenschrumpft durch Eisenbahnen und Heerstraßen. Von dem in hundertfach gekreuzten Thal- und Höhenzügen, in wunderbar gemischter Bodenbildung und Volksart gegliederten, in seinen politischen Herrschaften zerstückten Mitteldeutschland, dem Herde des deutschen Kleinlebens, ging der Kunststraßenbau aus. In Mitteldeutschland wurden auch hundert Jahre später die ersten Eisenbahnen angelegt. Die großen Ländermassen des äußeren deutschen Nordens und Südens sind heute noch nicht zur Hälfte eines so in's Einzelne gehenden tausendfältig verschlungenen Systems von Verbindungswegen theilhaftig, wie Mitteldeutschland. Wohl gehen die Eisenbahnen bis zur Meeresküste und bis in die Alpen, aber die örtlichen Straßenzüge sind im Vergleich mit dem übrigen Deutschland noch so lückenhaft, wie vor hundert Jahren. Das Flachland mühte hier nicht Sumpf und Moor haben, und Quadersteine statt Sand und Gerölle, die Alpen keine Felsen, keinen Schnee und keine Gießbäche, wenn es anders seyn sollte. Diese dem großen Verkehr zugänglicheren, im kleinen Verkehr aber immer noch abgeschlossenen, ausgedehnten Ländermassen sind es dann, wo der Gegensatz von Feld und Wald noch ungebrochen besteht und seine volle sociale Bedeutung hat, wo Stadt und Land noch nicht in einander übergeht, wo es noch natürliche Stände gibt, deren Unterschiede man nicht mit dem Vergrößerungsglase aufzusuchen braucht. Wenn an den pommer'schen Küsten der Häringsfang über Erwarten gut geräth, dann wissen die Leute heute an vielen Orten noch nicht, was sie mit ihren Fischen anfangen sollen und verschleudern sie zu unglaublichen Spottpreisen! ihren Viehstand könnten sie da und dort vermehren, wenn sie wüßten, was mit so viel Milch, Butter und Käse zu machen wäre. Das sind noch mittelalterliche Zustände. In Pommern wurden aber auch erst in unsern Tagen die ersten Chausseen angelegt. Als man dort vor 20 bis 30 Jahren mit diesen Bauten begann, liefen die Leute von Stadt und Land herzu, um die feste Straße wie ein Meerwunder anzustaunen. Hätten aber an der Ostsee nicht so lange die alten halbversunkenen Knüppeldämme florirt, so würden gewiß auch schon längst nicht mehr die handfesten, zähen, treuen pommerschen Bauern floriren. Wo hier der Volkswirth nur Schatten sieht, da erblickt der Socialpolitiker wenigstens auf einer Seite Licht. Aber nicht bloß in diesem allgemeinen Sinne, auch wenn wir uns mitten in die innere Häuslichkeit unserer politischen Zustände versetzen, spielt der Straßenbau seit 60 bis 70 Jahren bei uns eine unmittelbar politische Rolle. In den Händen der Regierungen hat man die Erlaubnis oder Verweigerung von Straßenanlagen oft genug als Mittel der Aneiferung des Lohnes und der Schmeichelei, wie andererseits des Schreckens und der Zucht für einzelne Gemeinden und ganze Landstriche benutzt. Bei den Wahlen zu unsern kleinen Landtagen haben die Candidaten oft förmlich Stimmen für Landstraßen eingekauft – für versprochene nämlich. Es wird wenige noch so kleine Dörfer in unsern vormärzlich constitutionellen Ländern geben, denen nicht von irgend einem Wahlcandidaten irgend einmal feierlichst vorgelogen worden ist, daß er eine unmittelbar an ihren Hausthüren vorübeiführende Staatsstraße oder Eisenbahn unfehlbar auf dem Landtage durchsetzen werde. Dieser Schacherhandel mit Staatsstraßen erscheint als ein sehr wohlfeiler, da er einerseits nur ein Versprechen, andererseits nur eine Stimme kostet. Und doch hat der Staat gar oft in den Säckel greifen und unnütze Wegstrecken bauen müssen, um einer politischen Partei die Zeche zu bezahlen, und höchst nothwendige Straßen blieben wüst liegen, weil man verabsäumt hatte, sie als Mittel der Schmeichelei, der Bestechung oder der Drohung zu benutzen. In dem heutigen Straßenwesen bekundet sich hundertfach das politische Leben des Volkes. Die Landstraße war der erste sichtbare, greifbare Gegenstand, an dem es dem gemeinen Manne deutlich gemacht wurde, daß im modernen Staate der Einzelne seinen besondern Vortheil opfern müsse, um ihn aus dem Ganzen nachher mit Zinsen wieder zu erhalten. Ueber diesem Satz steht heute noch unsern meisten Bauern der Verstand still, aber sie lernen doch daran glauben, weil sie Straßen bauen müssen. Sie wehren sich Jahre lang mit Händen und Füßen gegen den kunstmäßigen Neubau eines Gemeindeweges, und sticken die Löcher so lange mit Fichtenzweigen und Kartoffelstroh, bis sie durch Pfändung und Execution gezwungen werden, von diesem köstlichen System des »Naturbaues« abzustehen, welches Frost und Hitze für den besten Straßenbaumeister erklärt. Hintendrein ergeht es ihnen dann aber, wie den Seckenheimern bei Heidelberg, welche so lange gegen den Zug der Eisenbahn auf ihr Dorf protestirten, bis man dieselbe auf Friedrichsfeld richtete. Da erst gingen ihnen die Augen auf, und sie beschwerten sich nun, »warum man sie denn nicht wider ihren Willen zur Eisenbahn gezwungen habe? Die Regierung zwinge sie ja doch sonst zu allem!« So liest das Volk die Erkenntniß, daß der persönliche Eigennutz im Staate gebrochen werden müsse, an der Landstraße und der Eisenbahn auf. Auch in die innere Geschichte unseres Beamtentums greift der Straßenbau entscheidend ein. Durch die Straßen seines Bezirks tritt der Verwaltungsbeamte am offensten und unmittelbarsten vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung. In dem Localstraßenbau ist ihm eine der seltensten Gelegenheiten zu unmittelbar praktischer, durch eben so augenfälligen und raschen als dauernden Erfolg lohnender Wirksamkeit gegeben. Er kann sich hier einmal aus der unfruchtbaren Schreiberei herauswinden, und schöpferisch werden im edelsten Sinne des Worts. Indem er für die Vicinalwege auch nach der Aufbringung der Geldmittel sich umschauen muß, ist er für dießmal zugleich der Finanzminister seines Bezirks. Es muß Selbstgefühl bei den Verwaltungsbeamten schaffen, wenn sie das mehreren Herrschern der alten Zeit in den Mund gelegte Wort, daß man einen Fürsten aus seinen Straßen erkennen möge, im modernen Staat auf den Beamten umzubilden berechtigt sind. Hieraus entwickelt sich aber bei den obersten Bezirksverwaltungsbehörden ein Geist der Selbständigkeit, den wir im rechten Maß für einen sehr guten Geist halten, der aber von den bureaukratischen Centralbehörden allezeit als ein sehr schlechter angesehen worden ist. So knüpft sich gerade an das Straßenbauwesen ein fortlaufender Competenzstreit zwischen Central- und Localbehörden. Und während der Staatsstraßenbau, dem wir die centralisirende Eigenschaft zugesprochen haben, naturgemäß der Centralbehörde, dem Ministerium, anheimgegeben ist, wirkt der Gemeindestraßenbau als strittiger Besitz der nach höherer Selbständigkeit ringenden Localbehörden auch in der Art individualisirend, daß er die geschlossene Phalanx der Bureaukratie zeitweilig auseinandertreibt. Für die Gemeinden selbst aber ist der Localstraßenbau einer der sichersten Probsteine, nicht bloß um zu erfahren, ob sie die rechte politische Selbständigkeit besitzen, sondern auch, ob sie derselben würdig sind. Ich komme immer wieder auf die centralisirende Macht der Staatsstraßen zurück. Unser Steuersystem hätte nicht seine alle Vorrechte vernichtende, alle Standesunterschiede ausgleichende Ausdehnung gewonnen, wenn nicht der Straßenbau eine so ungeheure Schuldenlast auf die Staaten geworfen hätte. Keine andere Staatsausgabe wird so reißenden Schrittes gewachsen seyn wie die Riesenziffer für den öffentlichen Verkehr. Eine Zusammenstellung dieses Postens seit den letzten 70 Jahren aus verschiedenen Staaten müßte einen überraschend lehrreichen Beitrag zur Culturstatistik liefern. Als im vorigen Jahrhundert in Sachsen, Kur-Trier und etlichen andern Ländern nicht bloß gute Landstraßen angelegt, sondern auch Meilensteine an denselben aufgestellt wurden, rühmte man letzteres als eine wahre Wunderthat öffentlicher Freigebigkeit. Man machte Gedichte über diese Meilensteine, neben denen Bänke angebracht waren, damit, wie es im Styl jener Zeit heißt, nicht nur der »vernünftige,« sondern auch der »empfindsame« Reisende sich an denselben erfreuen könne, und berechnete die Kosten eines solchen Sternes durchschnittlich auf 10 Thaler. Heutzutage hat man auf einigen süddeutschen Eisenbahnstrecken Bahnwärterhäuschen hingestellt, davon wenigstens 4 bis 5 auf einen Meilenstein kommen und Stück für Stück wenigstens 1000 fl. kostet, und die Vorüberfahrenden nehmen das ohne weiteres hin, als ob es eben nur so seyn müsse. Vor 30 Jahren stellte man die Wegstunde der Staatsstraßen in Bayern noch durchschnittlich für 19 bis 20,000 fl. her, während in letzter Zeit bei der württembergischen Staatseisenbahn die Erbauung einer Wegstunde durchschnittlich 373,400 fl. kostete. Freilich werfen deutsche Eisenbahnen gegenwärtig schon über 5 Procent reinen Gewinn ab. Allein dadurch wird von dem ungeheuren centralisirenden Einfluß, welchen das der Erzielung dieser Rente vorhergegangene Aufbringen einer Capitalmasse von 500 Millionen Thalern auf das Staatsleben der einzelnen Länder – leider nicht des Gesammtvaterlands! – geübt hat, auch nicht das mindeste abgebrochen. Im Gegentheil. In der rentirenden Eisenbahn entwickelt sich eine Staatsindustrie: diese wird riesig wachsen, mancherlei kleinere Industrien, sehr viele kleine Gewerbe in sich aufsaugen, und so auch nach dieser Richtung eine industrielle Centralisation herbeiführen, die in den Händen des Staats noch immer vom Uebel gewesen ist. Da das deutsche Eisenbahnnetz in seinen Hauptlinien nunmehr ausgewoben erscheint, so ist es an der Zeit jetzt auch wieder für die durch die Eisenbahn in die Ecke geschobenen Gegenden das Wort zu ergreifen. Ueber dem löblichen Eifer für den Weltverkehr haben wir den davon abgesonderten Theil des örtlichen Kleinverkehrs vielfach vergessen. Darin liegt eine große sociale Gefahr. Sie ist nahe verwandt jener Gefahr, welche aus der einseitigen Blüthe des Fabrikwesens neben dem Verfall des Kleingewerbes hervorwächst. Bei der in den letzten Jahren an einzelnen Punkten, namentlich in weniger zugänglichen Strichen der deutschen Mittelgebirge, epidemisch ausgebrochenen Verarmung hat man den Mangel genügender örtlicher Verkehrsbahnen fast überall mit Recht als eine der Hauptquellen des Uebels geltend gemacht Es sind das aber nicht solche Gegenden, die von jeher unwegsam waren und von der Natur dazu bestimmt sind bis zu einem gewissen Grade immer unwegsam zu bleiben. Es waren vielmehr fast alle jene Gegenden, für deren Errettung aus Hungersnoth man mit der Armenbüchse durch ganz Deutschland nicht bloß, sondern selbst bis über den Ocean sammeln ging, seit alten Zeiten in den Verkehr hineingezogen. Jetzt erst hat man sie bei den Eisenbahnanlagen auf die Seite geschoben, während man früher daselbst Erwerbszweige hervorgelockt hatte, die nur an großen Straßen blühen können. Viele solcher gebirgigen Gegenden sind obendrein auch noch durch die neueren Fortschritte des Kunststraßenbaus ihrer alten Verkehrslinien verlustig gegangen. Die mangelhafte Technik des 18. Jahrhunderts suchte ihren Ruhm in Hochstraßen, sie führte die Wege geflissentlich über's Gebirg, um einen natürlichen festen Unterbau zu haben. Jetzt, wo wir dem Güterwagen viel schwerere Fracht, dem Postwagen viel rascheren Lauf zumuthen, wo wir im künstlichen Unterbau, im Dämme- und Brückenbau so erstaunlich fortgeschritten sind, corrigiren wir die ganzen Linien und verwandeln die Hochstraßen in Thalstraßen. Dies ist ein großartiger Gewinn. Aber gerade die bedürftigsten Gebirgsstriche veröden darüber vollends. In dem weit unwegsameren Hochgebirge, auf den weitgedehnten Hochflächen und an der Meeresküste mit dem schlechten Straßenbau herrscht dagegen nicht entfernt die Armuth wie in den von Straßen durchfurchten und dennoch vom Verkehr ausgeschlossenen Mittelgebirgen. Denn dort war die Unwegsamkeit eine natürliche und nothwendige, und die Leute haben sich darnach eingerichtet. Keine Wege anlegen, ist nicht immer vom Uebel; aber Wege anlegen und sie nachher wieder veröden lassen: das ist immer vom Uebel. Der blasirte Reisende, welcher von einer reichen Stadt zur andern fliegt und in dem Anblick der auf und an den neuen Eisenstraßen so wunderbar entwickelten Betriebsamkeit schwelgt, denkt freilich nicht daran, daß auf hundert früher belebten Seitenwegen jetzt Gras wachsen muß, damit die eine große Straße so mährchenhaft von Leben und Thätigkeit wimmeln kann. Wer in jetzt beliebter Weise nach dem Eindruck von Eisenbahnreisen den Wohlstand eines Landes beurtheilen will, dem mag es leicht ergehen, wie der Kaiserin Katharina von Rußland, als man ihr gemalte Dörfer an die Landstraße stellte. Die Armseligkeit, welche hinter den schönen Bahnhöfen anhebt, sehen sie nicht. Es würde nur ein Akt politischer Gerechtigkeit seyn, wenn man einen Theil des reinen Gewinnes aus unsern Eisenbahnen, der nach vollendeter Abrundung des ganzen Liniensystems sehr beträchtlich werden muß, als Zuschuß für den Localwegbau bestimmte. Denn grundfalsch dünkt uns die gegenwärtig fast überall befolgte Regel, nach welcher man in demselben Grade Landstraße und Feldweg vernachlässigt als die Eisenbahnen in einer Gegend sich mehren. Umgekehrt: ein von vielen Eisenbahnen durchschnittenes Land muß weit mehr auf den gemeinen Wegbau verwenden, als es ohne Eisenbahnen gebraucht hätte. Nur dann wird der centralisirenden Uebermacht der Eisenstraßen die Spitze abgebrochen, wenn die andern Wege verbessert und gemehrt werden in gleichem Schritt wie der Eisenbahnverkehr an Bedeutung gewinnt. Es gibt deutsche Länder, die so schlechte Landstraßen und Feldwege besitzen, daß sie eigentlich noch gar nicht reif gewesen sind zum Eisenbahnbau. Doch mußten sie nothgedrungen Schienenwege bauen. Aber wenn sie jetzt nicht schleunigst sich reif machen für den Besitz der Eisenbahnen, indem sie das Versäumte an Staats- und Gemeindestraßen gründlich nachholen, dann werden sie sich mit ihren eigenen Locomotiven den Verkehr aus dem Lande führen, statt in's Land. Beim Vergleich der Ertragsprocente unserer Bahnlinien fand ich, daß fast überall wo man Eisenbahnen baute, ohne vorher rechte Heerstraßen und Gemeindewege gebaut zu haben, die Eisenbahnen auch am schlechtesten rentiren. Denn nicht der Weltverkehr füllt die Personenwagen der Eisenbahn, sondern der Localverkehr. Während man den Eisenbahnanlagen nutzbares Land oft in sehr verschwenderischer Weise zumißt, soll all dieser Verlust für die Bodenkultur an den Feldwegen und Fußpfaden wieder herausgespart werden. Tausende von nützlichen Wegen derart sind in den letzten zehn Jahren umgeackert worden. Zum Aerger des Fußwanderers verschwinden die sogenannten »Streckwege« immer mehr. Für die Dorfgemeinden, welche ohnedieß am liebsten gar keine Wege bauten, ist das von oben gegebene Beispiel der Vernachlässigung der kleinen Verkehrslinien nicht auf steinigten Boden gefallen. Früher galt es als ein Curiosum, wenn ein Dorfweg taut Placat bloß »für Auswärtige« verboten wurde, jetzt wird diese eigennützige Klausel immer häufiger. Man findet sogar mitunter Tafeln, welche einen Weg »bei nassem Wetter für Auswärtige« verbieten, nicht etwa aus Besorgniß, daß fremde Wanderer in die Löcher solcher schlechten Straßen fallen und ertrinken möchten, sondern aus reinem Eigennutz von wegen des »Naturbaues.« Denn bei Frost und Hitze stellt der Wanderer eine natürliche Stampfmaschine dar, und fördert durch sein Begehen diesen »Naturbau« der Straße, bei nassem Wetter aber wühlt sein Tritt den Boden auf, und könnte also die Gemeinde in Kosten stürzen. Ich will gewiß die Selbständigkeit der Gemeinden und Bezirke auch im Gemeindewegbau möglichst gewahrt wissen. Von den Gemeinden aber wird diese Selbständigkeit fast nur benutzt, um Wege zu verbieten. Und die Oberbehörden, welche einschreiten sollten, haben über dem großen Verkehrswesen schier allen Sinn für den kleinen Verkehr verloren. Bei einer badischen Landstadt stieß ich vor etlichen Jahren auf einen breiten schönen Weg, den kein Mensch für einen verbotenen angesehen haben würde, an demselben aber stand eine Tafel mit der Aufschrift: »Dieser Weg ist erlaubt.« Eine klarere Urkunde des modernen Polizeigeistes als diese Wegtafel ist mir noch nicht vor Augen gekommen. Sie setzt voraus, daß jeder Weg, der nicht ausdrücklich als erlaubt bezeichnet werde, für verboten gelte, während wir in unserer Einfalt bis dahin umgekehrt der Meinung waren, daß jeder Weg, der nicht ausdrücklich verboten ist, ein erlaubter sey. Während die Eisenbahnen die großen Städte verbinden und in ihnen, was man so sagt, »die Welt aufschließen,« schließen die Landstädte und Dörfer ihre Gemarkungen zu. Auf den Hauptstraßen stürmen wir vorwärts in eine neue Zeit, und auf den Nebenstraßen gehen wir zurück in die alte. Das ist die Wahrheit von der Phrase des »allgemeinen« Aufschwunges des Verkehrs. Dort ein Uebermaß rastlos drängenden Lebens, hier Todtenstille und Verödung. Diese schroffen Gegensätze zu vermitteln, den Verkehr zu einem in der That allgemeinen zu machen, die jetzt ganz abgeschnittenen, verarmenden Gegenden wieder zu demselben heranzuziehen: dies wird jetzt eine ernste Aufgabe seyn. Wenn die gegenwärtig verachteten Landstraßen, Feldwege, Fußpfade nicht in einem den Leistungen der Eisenbahnlinien ihrerseits entsprechenden Maßstabe verbessert und vervollständigt werden, dann ist aller wirthschaftliche und politische Gewinn unsrer Eisenbahnen nur hohler Schimmer und gefährlicher Trug. In ihrer socialen Bedeutung reihen sich diese Mißstände des einseitig vorgeschrittenen Verkehrs unmittelbar an jene des einseitig aufblühenden Fabrikwesens. Wenn aber der stockende Localverkehr das Land noch eine Zeit lang herab, der blühende Weltverkehr aber die Städte in die Höhe zieht, dann wird unsere ganze Cultur ein schiefes Gesicht bekommen. Als im vorigen Jahrhundert die Kunststraßen aufkamen, schalten die Frachtfuhrleute vom alten Korn darüber, weil nunmehr die Feinheiten ihres Gewerbes, die ächten Lehr- und Meistergeheimnisse überflüssig geworden seyen. Auf einer schlechten buckeligten Straße voller Löcher und Pfützen zu fahren, das sey noch eine Kunst gewesen, auf einer ebenen Chaussee dagegen könne jeder Schneider ein Fuhrwerk lenken. Es hat sich aber ergeben, daß das Fahren auf dem glatten Heerweg doch auch wieder seine Feinheiten, seine Lehr- und Meistergeheimnisse hat und nicht minder den Mann von Fach erheischt wie das Fahren auf den alten Knüppeldämmen. Der gewürfelte Fuhrmann spürt aus den feinen Stufen in der Bewegung des Wagens, aus dem Auftreten der Pferde die feinsten verborgenen Unterschiede im Bau der Landstraße heraus, und wo der Laie und Dilettant nur immer die gleiche ebene Fahrbahn sieht, da schaut er dem Wege gleichsam in den Leib und sagt dir, wo der Unterbau aus weichem oder hartem, grob oder fein geschlagenem Gestein wechselt, ohne jemals diesen Unterbau anders wahrgenommen zu haben als durch das Schütteln seines Wagens. Also soll auch der Social-Politiker den Straßen in den Leib sehen. Er wird dann gleich dem gewürfelten Fuhrmanne in dem Unterbaue unserer Verkehrslinien ganz andere Dinge wahrnehmen als der gewöhnliche Beobachter. Er wird in dem Zusammenhange unserer neuen Straßennetze mit Land und Leuten, mit der gesammten Naturgeschichte des Volkes eine moderne Thatsache von unberechenbarer Wichtigkeit erkennen. Der gewürfelte Fuhrmann wird auf seinem Wagen ein Hellseher, indem er gleichsam mit allen Nerven seines Leibes unter die staubige Decke der Straße schaut, wohin sein Auge nicht mehr reicht. Ein solcher Hellseher soll auch der Social-Politiker seyn, und er wird es, wenn er gleich dem Fuhrmann seine ganze Beobachtung unermüdlich auf die nämlichen Thatsachen bei Land und Leuten sammelt und hier auch das scheinbar einfältigste Ding nicht zu gering achtet, daß er fleißig darüber nachdenke. III. Stadt und Land. Erstes Capitel. Oertliche Gruppen der Gemeindenbildung in Deutschland. Natürliche und künstliche Städte. Die großen Städte. Das Bestehen des Gegensatzes von Stadt und Land galt noch vor mehr als zwanzig Jahren für eine so ausgemachte und gemeine Wahrheit, daß es ein politischer Kopf gar nicht der Mühe werth hielt, davon zu sprechen. Jetzt ist die Behauptung, daß es in Deutschland noch Stadt und Land gebe, auf der einen Seite ein politischer Glaubenssatz geworden, auf der andern eine Ketzerei. Ich glaube noch an Stadt und Land, nicht darum, weil mir das in mein politisches System paßt, sondern weil ich doch wohl glauben muß, was sich als eine Thatsache täglich vor meine Sinne drängt. Es gibt aber allerlei Stadt und Land in Deutschland, und die Stufen dieses natürlichen Gegensatzes sind so reich, so vielverschlungen, daß der einseitige Beobachter wohl glauben kann, Stadt und Land sey gar nicht mehr vorhanden. Schon die geographische Vielgestalt der deutschen Landstriche wirkt bestimmend auf den Gegensatz von Stadt und Land. Städte und Dörfer gliedern sich hier nach großen Gruppen, die durch unverlöschliche Naturunterschiede, durch das Fundament der Bodenbildung auseinandergehalten sind. Der Wechselbezug von Land und Leuten ist auch hier als ein nothwendiger gegeben, der durch historische Thatsachen, durch den politischen Gang der Nation in seinen äußeren Formen wohl mannichfach verändert, nicht aber in seinen Grundvesten erschüttert werden kann. Im Hochgebirge, wo die Wildniß Herr ist, wo für Wald und Feld ewige Marken durch die Natur gesetzt sind, herrscht das Land über die Stadt; auch die vereinzelten Städtchen sind meist nur große Dörfer. Wo Felsen und Abgründe Dorf von Dorf, Hof von Hof scheiden, da kann es in alle Ewigkeit nur Bauern geben, keine Bürger. Wo der Nachbar dem Nachbarn den nächsten Besuch vom Herbst auf's Frühjahr zusagt, »wann das Gebirg wieder offen ist,« da wehrt die Natur die Städtebildung. Das Dorf selbst erscheint hier oft noch in seiner Urform als eine Gruppe vereinzelter Höfe. Ja der einzelne Hof, die »Einöde,« wie man's im Süden nennt, muß nicht selten eine ganze Gemeinde darstellen. Diese »Vereinödung« der Wohnsitze aber prägt den Leuten einen ganz bestimmten socialen Charakter auf. Der Einödenbauer ist der Urbauer: der Welt verschlossen, in seinen Sitten erstarrt, in Bildung und Bedürfnissen zurückgeblieben, von Herz und Faust ein ganzer Mann, politisch aber ein unmündiges Kind. Die Einöde hat auch so gut ihr besonderes moralisches Gesicht, ihre erbgesessenen Laster eigenster Art, wie die große Stadt. Es ist diese Zone der reinen Bauernlandschaften aber keineswegs klein in Deutschland. Sie erstreckt sich über einen großen Theil von Tirol, Ober- und Unter-Österreich, Steyermark, Kärnthen, das bayerische Hochland, über die höheren, minder culturfähigen Gegenden fast aller deutschen Mittelgebirge, über die Marschländer an den Nord- und Ostseeküsten. In allen diesen Strichen erscheint das Volk in seinem reinsten, aber auch rohesten Naturwuchs; sie stechen gegen das übrige Deutschland ab wie Waldland gegen Feldland, wie unwegsames gegen verkehrsreiches; sie sind arm an historischen Denkmalen, das Volk selbst mit seinen Höfen, Dörfern und Gemeinden ist dort das einzige Denkmal der Art. Die Kunstgeschichte zog zu allen Zeiten, wie die Geschichte des Handels und der Industrie, den Flüssen und Ebenen nach, sie steigt nicht gern in das Innere der Gebirge. Das kunstreichste Gewerbe selber wird in jenen Gebirgsgegenden zu einer Bauernarbeit, wie auf dem Schwarzwald, im Erzgebirge, in den bayerischen Alpen, in Tirol. Denn die dortigen Uhrenmacher, Spitzenklöppler, Geigenmacher und Holzschnitzer sind im Ganzen social vollgültige Bauern und wenn ihre Hand auch niemals einen Pflug berührte. Steigen wir tiefer hinab, in das Hügel- und Hochflächenland des Südens und in die großen offenen norddeutschen Ebenen, so finden wir hier große, ächte Dörfer neben ansehnlichen, zum Theil großen Städten von gleich bestimmtem städtischem Gepräge und zugleich die reichsten geschlossenen Rittergüter, den bedeutsamsten, am besten erhaltenen Ueberrest der Sitze des alten Landadels. Hier liegt Stadt und Land auf's bestimmteste gesondert neben einander. Diese Ländermassen bilden das Hauptgebiet der größeren deutschen Staaten, namentlich Oesterreichs, Preußens und Bayerns. Hier liegt eine große Zahl der wichtigsten alten Reichs- und Hansastädte, in denen das eigenthümlichste Bürgerleben sammt zahlreichen Trümmern, wenn auch nicht mehr uralten Sonderrechtes, so doch daraus erblüheten Herkommens heute noch fortbesteht. Hier sind aber zugleich auch die großen Kornkammern Deutschlands, und in den großen und reichen Dörfern dieser weiten Fruchtländer hat sich die spätere Dorfgemeindeverfassung und Sitte und Lebensart des ächten deutschen Dorfbauern am gründlichsten durchgebildet. Der gesellschaftlich originellste unter diesen Landstrichen, Westphalen, zeigt uns, wie die verschiedensten Formen der Siedelung in Bauernhöfen, Herrengütern, Dörfern und Städten neben einander bestehen und doch der Gegensatz von Stadt und Land auf's strengste gewahrt bleiben kann. Im Norden der Lippe sitzen hier noch die Hofbauern, im Süden die Dorfbauern; neben den Gemeinden der ehemals freien, ächt aristokratischen Hofbauern gibt es Gemeinden, die ihr Verhältniß zu dem adeligen Gutsherrn noch immer aus alter Gewohnheit und Anhänglichkeit aufrecht erhalten, wenn sie auch das Gesetz nicht mehr dazu zwingt; neben ehemaligen Reichsstädten liegen ehemals reichsfürstliche und moderne Fabrikstädte: bei allen hat sich der individuelle Charakter lebendig erhalten, aber der große Gegensatz zwischen Stadt und Land ist darum nirgends vermischt. Wesentlich anders ist es in Mitteldeutschland und dem Südwesten, dem Paradies der deutschen Kleinstaaterei. Hier zeigt sich in der That eine mit Riesenschritten fortschreitende Ausgleichung der Unterschiede zwischen Stadt- und Landgemeinden. Nur die höheren Gebirgsstriche, deren ich schon oben gedacht, sind auch hier auszunehmen. Die socialen Gleichmacher nehmen dann gern diesen kleinen Theil für das Ganze, und schreiben ganz Deutschland zu, was doch nur von diesem Kleindeutschland im engsten Sinne gilt. In den großen Ländermassen Süd- und Norddeutschlands hat der dreißigjährige Krieg die Städte nachhaltiger heruntergebracht als die Dörfer. Der mecklenburgische, pommer'sche, altbayerische Bauer ist heute noch eine gewichtigere sociale Macht als die Bürger dieser Landstriche, deren Städte meist sociale Ruinen geblieben sind. In dem zerstückelten Mitteldeutschland dagegen, wo obendrein der Bauernkrieg dem dreißigjährigen vorgearbeitet hatte, wo beim Kampf der vielen kleinen Reichsstände um die Souveränetät die Kleinstädterei die beste Hege und Pflege fand, blühten die Städte zuerst wieder auf. Krüppelhaft genug war zwar diese Blüthe in der armseligen Perücken- und Zopfzeit; allein die zahlreichen Fürsten- und Bischofsstädte bildeten doch immerhin den bestimmenden Mittelpunkt von hundert winzigen Gebieten. So beherrschten hier die kleinen Städte das 18. Jahrhundert; die großen werden das 19. beherrschen. Dieser Satz wird am einleuchtendsten bei einem Blick auf die Geschichte Mitteldeutschlands. Eine der traurigsten Folgen des dreißigjährigen Krieges besteht überhaupt meines Dafürhaltens darin, daß in so vielen deutschen Gauen das richtige Verhältniß zwischen Stadt und Land verschoben, ein einseitiges Vorwiegen zuerst der kleinstädtischen, dann der großstädtischen Interessen über die Interessen des Landvolkes möglich gemacht, und so eine in sich hohle, aller Naturkraft bare Blüthe des städtischen Lebens geschaffen worden ist neben einer im Kern zwar gesunden, aber in ihrem materiellen Bestand zurückgeschobenen, social und politisch vereinsamten Landbevölkerung. Nach dem westphälischen Frieden traten in Mitteldeutschland all die traurigen Anzeichen ein, welche die vollendete Parcellirung der meisten Bauerngüter und damit die Zerstörung der bäuerlichen Macht verkündigen. Es verschwindet zuerst die starke Pferdezucht, die große geschlossene Güter voraussetzt. Dann nehmen die Zugochsen ab, dann die Kühe und zuletzt bleiben nur noch die Ziegen übrig als das eigentliche Hausthier des vierten Standes, welches man, ohne eigenen Besitz, auf den Oedungen, an den Grasrändern der Wege und, wenn die Armseligkeit vollendet ist, in den grasbewachsenen Gassen der Dörfer und Städtchen vagabundirend weiden lassen kann. Noch bedenklicher aber erscheint es, daß hier seit dem dreißigjährigen Kriege die Zahl der Familien in den Dörfern häufig gewachsen, die Häuserzahl aber vermindert ist. Vor jener Zeit wohnte fast jede Familie im eigenen Haus, jetzt wohnt bereits eine bedeutende Zahl zur Miethe. Zur Miethe wohnen ist aber durchaus nicht bäuerlich; in einem rechtschaffenen Dorf muß jede Familie ihr eigenes Haus allein bewohnen und wäre es auch nur eine Hütte. So wie Miethsleute in die Häuser ziehen, zieht auch die Stadt auf's Land. Wenn man z. B. am Mittelrhein eine ganze Reihe von Ortschaften findet, bei denen sich's gar nicht mehr genau unterscheiden läßt, ob sie eigentlich Städte oder Dörfer sind, so sind das Zwittergestalten, die der Teufel gesegnet hat, Denkmale politischer Ohnmacht und socialer Erschlaffung, Urkunden für die Ausgelebtheit des Landes und die Widernatürlichkeit seiner Zustände. Solche Dorf-Städte sind dann in der Regel nicht der Sitz von Bürgern und Bauern neben einander, sondern vielmehr von bürgerlichen und bäuerlichen Proletariern. Mit den ruinirten Dörfern stehen in den süd- und mitteldeutschen Kleinstaaten zusammen die künstlichen Städte . Nirgends gibt es so viele »künstliche Städte,« die man, der Natur und Geschichte trotzend, dem Lande zu Stapelplätzen des geistigen und materiellen Verkehrs aufgezwungen hat, als in Deutschland, nirgends so viele Städte, welche eine Bedeutung ertrotzen und erheucheln, zu der sie nicht berechtigt sind, welche durch die Launen Einzelner oder auch auf Grund verkehrter Staatskunst zu reinen Treibhausblüthen entwickelt wurden und werden. Diese künstlichen Städte haben überall die natürlichen Bahnen des Handels und der Industrie verrückt, sie haben den wirthschaftlichen Schwerpunkt mit dem politischen in Widerstreit gebracht und dadurch nicht wenig die Grundvesten des materiellen Flores der Nation erschüttern helfen. Wohin sich unser Blick auf der Karte Deutschlands wendet, da sehen wir uralte Knotenpunkte des Handels und Gewerbes in die Ecke geschoben, während man daneben Städte zu Landesmittelpunkten gemacht und mit dem Aufgebot aller künstlichen Hülfsquellen in die Höhe getrieben hat, welche ihrer ganzen Lage gemäß höchstens ein Recht hätten, als Dörfer oder Landstädte zu figuriren. Das Kapitel von den künstlichen Städten ist wichtiger als man glauben mag, denn es rührt an den wundesten Fleck unserer verschrobenen Staatenbildung, es hängt ganz eng zusammen mit dem großen Kapitel von unserer materiellen Ohnmacht und Zersplitterung, und weiß beiläufig von einer furchtbaren Summe tiefbegründeten Grollens und Schmollens zu erzählen. In den Jahren 1848 und 49 war Rheinhessen vorzugsweise demokratisch gestimmt. Diese Provinz aber würde wohl ganz andern Geist behauptet haben, wenn man Mainz nicht bei der Anlage der Taunus- und Main-Neckar-Eisenbahn zu Gunsten des künstlichen Landesmittelpunktes, nämlich Darmstadts, in die Ecke geschoben hätte. Aehnliche Thatsachen wird man bei fast allen natürlichen Stapelplätzen des Handels und Verkehrs behaupten können, und es knüpft sich daran eine Kette beachtenswerther Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren zu machen Gelegenheit hatten. Es ist ein tiefgehender Haß, eine fort und fort in aufreizendem Kleinkriege begriffene Eifersucht der natürlichen historischen Städte gegen die künstlichen, dem ganzen Zuge der Geschichte in's Gesicht schlagenden, in unserer revolutionären Bewegung durchgebrochen. In manchen kleineren Ländern lief der Freiheitsdrang weit mehr hinaus auf eine Erlösung des Landes von der Last seiner künstlichen Hauptstadt, als von allen den Lasten zusammengenommen, die man von dieser Hauptstadt aus seit Menschenaltern dem Lande aufgebürdet hatte. Hiermit hängt die auffallende Wahrnehmung zusammen, daß an so vielen alten Sitzen der Industrie und des Handels nicht etwa bloß unter dem Proletariat, sondern gerade unter den begüterten Geschäftsleuten der Radicalismus herrschte, daß namentlich in vielen ehemaligen Reichsstädten, die vor allen die Wiege des ächtconservativen deutschen Bürgerstandes gewesen, jetzt die auflösenden modernen Gesellschaftslehren am leichtesten Eingang fanden. Der alte Groll über die Stiefmutterliebe, welche der moderne Staat dem materiellen Flor dieser Städte gezeigt, hatte in der politischen Bewegung einen neuen Zündstoff gefunden, und so jene wunderliche Verkehrtheit der Parteibildung erzeugt, derzufolge der besitzende, gediegenste Bürger mit den heimath- und besitzlosen Aposteln des Umsturzes Hand in Hand ging. Wenn ich von künstlichen Städten und künstlichen Landesmittelpunkten rede, dann denke ich etwa an Karlsruhe im Gegensatz zu Mannheim, Constanz u., an Stuttgart im Gegensatz zu Eßlingen, Reutlingen, Heilbronn u., an Darmstadt im Gegensatz zu Mainz und Frankfurt, an Wiesbaden im Gegensatz zu Limburg, an die Hauptstädte der deutschen Nordweststaaten im Gegensatz zu Hamburg, Lübeck und Bremen – und so fort durch fast aller Herren Länder. Es beruht aber die in Rede stehende Naturwidrigkeit und Verschrobenheit bei den künstlichen Städten nicht etwa dann, daß sie überhaupt als Städte existiren – denn viele derselben sind uralt – auch nicht darin, daß sie zufällig Residenzen sind, was sich meinetwegen auch auf lange Jahrhunderte zurück datiren mag, sondern einzig und allein darin, daß man diese Städte künstlich zu Verkehrsmittelpunkten, zu Industriesitzen, zu großen Städten hat hinaufschrauben wollen. Wir finden bei den künstlichen Städten ganz dasselbe Verhältniß wie bei den Kleinstaaten, die wohl das Recht hätten zu leben, wenn sie nur nicht als Großstaaten leben wollten. Und in der That sind die künstlichen Städte die rechten Stützpunkte und Strebepfeiler der Kleinstaaterei, denn beide haben gleiche Ursache, sich vor jeder naturgemäßen Reform unserer nationalen Zustände zu fürchten. Vor anderthalbhundert Jahren wollte jeder Fürst sich ein Versailles bauen, das war ganz löblich, sofern er Geld dazu besaß. Seit der Napoleonischen Zeit ging man noch weiter: aus jeder kleinen Residenzstadt sollte ein klein Paris werden, und das war verkehrt. Man bot Millionen auf, um Städte in die Höhe zu bringen, die, wie alle die ebengenannten, von Anbeginn zwischen zwei Stühlen saßen. Hätte man auch nur so viele Hunderttausende an die rechten Orte fließen lassen, so würde man die materielle Macht des Landes verzehnfacht haben, wo man sie jetzt zersplitterte und abschwächte. Indem man den natürlichen Strom des Verkehrs zur Hälfte abgrub und in die neuen Canäle leitete, ließ man den alten Städten zum Leben zu wenig und gab den neuen, künstlichen doch nur zum Sterben zu viel. Die Regierungen lockten in manchen Staaten besitzlose Massen durch allerlei Vergunst in die künstlichen Hauptstädte, um die kleinliche Eitelkeit einer möglichst hohen Einwohnerziffer zu befriedigen. Daß dadurch nebenbei die Vollkraft der Bürgerschaft gebrochen und die Blüthe der Arbeit geknickt wurde, schien man zu übersehen. In den letzten Jahren aber ließ sich's nicht mehr übersehen, daß gerade dieses von Regierungswegen künstlich erzeugte Proletariat der künstlichen Städte das gesunkenste und zügelloseste von allen sey. Es fehlte ihm nur die Macht. Diese Macht wird es gewinnen, wenn einmal über kurz oder lang Gras auf den Märkten und Straßen unserer künstlichen Städte wächst, und dann wird es auch die gefährlichste Art des Proletariats seyn. Als Peter der Große Petersburg gründete – eine Stadt, die beiläufig nicht zwischen zwei Stühlen sitzt, sondern von vornherein in ihrer Lage als ein natürlicher und nothwendiger Pfeiler zu Peters welthistorischen Planen aufgefaßt war – mußte der Selbstherrscher trotzdem alle Zwangsmittel des Despoten zu Hülfe nehmen, um seine Schöpfung zur rechten Lebenskraft zu fördern. Nur in einem absoluten Staate ist es überhaupt denkbar, daß sich das Scheinleben künstlicher Städte festige. In Verfassungsstaaten dagegen wird ihr Bestand in eben dem Grade schattenhafter, als Handel, Industrie und Gemeindewesen größere Selbständigkeit und Freiheit gewinnen. Wir hinterlassen unsern Enkeln in den künstlichen Städten nichts weiter als sogenanntes fressendes Capital – einen Reichthum, der den Besitzer zuletzt bankerott macht. Im Anfang des 18. Jahrhunderts war es einmal Modesache bei manchen deutschen Fürsten geworden, künstliche Städte zu gründen. Dieß war eine unschuldige Spielerei, welche man nicht verwechseln darf mit der späteren gefährlichen Passion, solche künstliche Städte zu Mittelpunkten jeglichen Verkehrs zu stempeln. Wenn man den fürstlichen Städtebauern jener Tage ein Compliment machen wollte, dann hat man sie wohl mit Heinrich dem Finkler verglichen. Allein die Geschichte lehrt gerade von diesem deutschen König: daß er Städte hervorgerufen habe, ohne selber eigentlich an deren Gründung zu denken. Das Gelüsten einzelner Machthaber zu ihrem Privatvergnügen auch einmal eine Stadt zu gründen, gehört durch und durch der Zopfzeit an, wo man mit der Scheere in der Hand die Natur corrigirte, weil sie das Laubwerk der Bäume krumm und nicht geradlinig hatte wachsen lassen. Die Spielerei mit dem Städtebauen hatte meist ihren guten Humor. So gerieth der Fürst Georg Samuel von Nassau-Idstein im Jahr 1694 auf den Einfall, wenigstens ein Dorf zu gründen, das seinen Namen fortpflanze, da er vermuthlich einsah, daß ihm zur Gründung einer Stadt die Mittel fehlten. Er legte demgemäß »Georgenborn« auf einer waldigen, steinigen und rauhen Bergkuppe an, die der liebe Gott gewiß nicht zu dem Zwecke geschaffen, daß sie jemals ein Dorf tragen solle. Die Anlage entsprach denn auch den Erwartungen so wenig, daß sein Nachfolger im Jahr 1723 beschloß das Dorf wieder eingehen zu lassen; allein als dieser Beschluß gefaßt war, fing dasselbe nun gerade wie zum Trotz an recht fröhlich in die Höhe zu kommen, und steht bis zu dieser Stunde als der tatsächliche Beweis, daß man durch Decrete Dörfer nicht nur nicht in Blüthe bringen, sondern nicht einmal eingehen lassen kann. Mit dem Auflösungsproceß des alten deutschen Reiches begann man in steigender Starrköpfigkeit den Grundsatz überall auf den Kopf zu stellen, daß an den Punkten, wo Industrie und Handel, wo der materielle und geistige Verkehr gravitirt, auch das politische Leben seinen Schwerpunkt finden solle. Das auf diesem Wege endlich erzielte Institut der deutschen Residenzstädtelei ist darum ein ganz modernes, welches jedenfalls die Originalität voraus hat, da man es in andern Ländern vergebens suchen wird. Als ein seltsames Spiel der Geschichte haben sich die Fehden der großen selbständigen Stände des Mittelalters gegen die Fürsten und ihre Städte und Burgen zu einem Guerillaskriege rastloser Eifersucht und Widerborstigkeit gegen die künstlichen Mittelpunkte der Höfe und des Beamtenthums fortgesetzt. Denn dies gerade ist ein weiterer bedenklicher Punkt; daß die künstlichen Städte nebenbei als die rechten Burgen der Bureaukratie erschienen sind, und die kastenhafte Absperrung des Beamtenstandes und der Höfe recht augenfällig mauerfest gemacht haben. Lange Zeit fiel es den Leuten nicht auf, welches klassische Meisterstück staatswirthschaftlicher Unnatur durch die steigende Pflege der künstlichen Städte in unserem Vaterlande dargestellt sey. Die Geschäftsleute auf den großen Handels- und Industrieplätzen sahen in dem zunehmenden Rückgang ihrer Städte mehr die Einwirkung persönlicher Mißgunst, als daß sie die Sachlage im Zusammenhang mit unserm ganzen naturwidrigen Staatensystem erfaßt hätten. Erst als in den letzten Jahrzehnten umfassendere ökonomisch-politische Gesichtspunkte allen Bildungskreisen eröffnet wurden, erst als man zurück blicken lernte auf die Naturkraft in dem großartigen Städtewesen des Mittelalters, gingen Vielen die Augen auf, und nun endlich, wo in den verwichenen Jahren ein nationaler Aufschwung wenigstens auf karge Augenblicke durchbrach, fand auch das Bewußtseyn überall Eingang, daß es sich hier um verschrobene Entwickelungen einer ganzen Culturepoche handle. Wenn einige vormärzliche Minister noch kurz vor Thorschluß in dem Aufschwung des national-ökonomischen Studiums etwas Demagogisches erblickten, dann wurden sie dabei von einem ganz richtigen Instinkte geleitet, von dem Instinkte nämlich, daß das Studium der politischen Oekonomie vom nationalen Standpunkte – den eingerosteten bureaukratischen Verkehrtheiten zu allererst den Hals brechen würde. Und doch wäre wiederum hier allein auch nur Heilung und Versöhnung zu finden gewesen. Es sey nur ein Beispiel erwähnt. Die fürstlichen Civillisten würden dem Volk nicht so gehässig erschienen seyn, man würde in den bewegten Tagen nicht halb so leicht durch die Predigt von dem übermäßigen Privatvermögen der Fürsten, von der Verschwendung der Höfe haben wühlen können, wenn die fürstlichen Kassen auch nur die Hälfte des Geldes zu Schmuck und Pflege der natürlichen Verkehrsmittelpunkte unter die Leute gebracht hätten, welches behufs der Treibhausblüthe künstlicher Städte ohne eine Rente für den allgemeineren Landeswohlstand verausgabt worden ist. Bei den geschäftlichen Krisen und Nöthen der letzten Jahre zeigte sich's, wie schwankend die künstlichen Existenzen sind, welche sich jetzt zu Tausenden an die künstlichen Städte knüpfen. Dadurch ist der Zukunft eine trostlose Doppelwahl gestellt. Mit dem unvermeidlichen Verfall der künstlichen Städte werden auch die meisten dieser Existenzen fallen; versuchte man aber sie künstlich zu halten, so könnte das nur auf Kosten der naturgemäßen Entwicklung des gesammten Städtewesens geschehen, beiläufig auch auf Kosten der politischen Moral. Wie im 18. Jahrhundert die Laune der Fürsten, oft aber auch ihre Eifersucht und ihr Mißtrauen gegen die natürlichen Städte, gegen die alten festen Burgen des selbständigen Bürgerthumes die künstlichen Städte schuf, so sind im 19. Jahrhundert zahlreiche künstliche Städte durch die Laune und Mode unsers bedürfnißreichen überfeinerten Lebens geschaffen und mit ihrer Existenz in die Luft gestellt worden. Hieher gehören namentlich die wie Pilze auftreibenden Badestädte, viele kleine Fabrikstädte und jene seltsamen Touristenstädte in unsern schönen Gebirgs- und Flußthälern, wo sich rasch eine neue »Stadt« um ein paar große Gasthöfe anlagert, wie früher um eine Burg, ein Schloß oder ein Kloster. Unsere Badeindustrie ist so breit über ihre natürliche Grundfläche hinausgewuchert, daß sie so lüderlich und unsicher wie nur möglich werden mußte. Die Bewohner der glänzenden Badestädte sind häufig im Sommer Bürger, im Frühling und Herbste Bauern und im Winter Proletarier. Da hört dann freilich der Unterschied zwischen Stadt und Land auf. Stattliche Neubauten drängen sich in solchen Städten binnen wenigen Jahren zu großen neuen Straßen und Vierteln zusammen – allein sie sind mit dem Gelde auswärtiger Kapitalisten erbaut, und der Bürger, welcher darinnen haust, bleibt jenen fremden Geldmännern seine Lebtage leibeigen. Bei französischen Spielpächtern müssen solche Städte betteln gehn, um ihre dringendsten Gemeindebedürfnisse befriedigen und ihre auf die äußerste Spitze gestellte Existenz behaupten zu können. Hier wird man freilich den stolzen freien deutschen Bürger vergeblich suchen und manches kleinstädtische, aber doch wenigstens von Natur lebensfähige Krähwinkel steht wie ein Augsburg oder Venedig der alten Zeit neben solchen im Kerne hohlen Prunk- und Schaustädten. Es ist der größte Segen der europäischen socialen Bewegung, in deren Auswallungen wir jetzt so steuerlos umhertreiben, daß sie alle Unnatur unserer Gesittung vorerst wenigstens zur nacktesten Blöße enthüllt. Nur auf die Diagnose kann die Heilung folgen. In diesem Betracht möge man es nicht als etwas kleines ansehen, daß sich in den künstlichen Städten eine so wurmstichige, weil auf den baaren Eigennutz basirte Loyalität breit gemacht hat, in den natürlichen Mittelpunkten des Verkehrs ein so rostiger Radikalismus, daß eine so durchgreifende Eifersüchtelei plötzlich lebendig geworden ist gegen die neuen Hauptstädte, und wenn der Neid dabei auch nur dem Besitz eines Zuchthauses oder eines Consistoriums, eines Irrenhauses oder einer Eisenbahn gegolten hätte. Beim nächsten Anlaß wird sich der Kampf gegen die künstlichen Städte organisiren. Am schwersten straft sich allezeit die Unnatur in socialen und volkswirthschaftlichen Dingen, denn sie tastet hier an das empfindlichste, an die Sitte und den Geldbeutel. Man muß nüchtern genug seyn, um einzugestehen, daß alle Revolutionen zu drei Viertheilen durch den leeren Geldbeutel eingebrockt wurden, »nicht aus Durst nach Rache,« – wie der Plebejer in Shakespeare's Coriolan sagt – »sondern aus Hunger nach Brod.« Aber nicht bloß in der Bildung neuer Städte, auch in dem riesigen Anwachsen vieler alten zeigen sich in unserer Zeit bedenkliche Symptome der Widernatur. Europa wird krank an der Größe seiner Großstädte. Die gesunde Eigenart Altenglands wird in London begraben, Paris ist das ewig eiternde Geschwür Frankreichs. Man fürchtet, Rußland werde schon wegen der bloßen Riesengestalt seiner Ländermassen die aus dem Individuellen hervorgewachsene abendländische Civilisation verschlingen; warum bejubelt man denn die Riesengestalt unserer sogenannten Weltstädte, die doch als Städtebildungen ganz dieselbe Gefahr drohen, wie Rußland als Ländergebilde? Die Urheimath der einförmig centralisirten unermeßlichen Großstädte ist China, überhaupt der Orient, das Land der politischen und socialen Erstarrung. Im 18. Jahrhundert sollte jede deutsche Residenzstadt ein Versailles seyn, jetzt soll jede Paris und London werden. Auch die kleinste Stadt will nunmehr eine Großstadt wenigstens vorstellen , wie jeder Bürger einen vornehmen Herrn. Diese großen und kleinen Großstädte, in denen jede Eigenart des deutschen Städtewesens abstirbt, sind die Wasserköpfe der modernen Civilisation. Wasserköpfe bekunden bekanntlich nicht selten ein frühreifes und äußerst erregtes Seelenleben. Man wird aber doch daraus nicht folgern wollen, daß die dicksten Köpfe allemal die gescheidesten und lebensfähigsten seyen. Das fabelhaft rasche Anwachsen unserer größeren Städte geschieht nicht durch einen Ueberschuß an Geburten, sondern durch einen Ueberschuß der Einwanderung. Das Land und die kleine Stadt wandert aus nach der Großstadt. Die überwiegende Masse dieser Einwanderer besteht aber aus einzelnen Leuten, die noch keinen festen Beruf, kein eigenes Hauswesen haben, die in der großen Stadt erst ihr Glück machen wollen. Es ist ihnen daheim zu langsam vorwärts gegangen, in der großen Stadt aber hoffen sie ernten zu können, ohne gesät zu haben. Sicher finden nur Wenige dieses geträumte Glück, die Mehrzahl dagegen strömt nach einiger Zeit wieder ab: dafür treten aber wieder ebensoviele und noch mehr Nachströmende ein, die ebenso rasch wieder verschwinden. Nicht durch die seßhafte, sondern durch die fluthende und schwebende Bevölkerung werden unsere Großstädte so ungeheuerlich. Schon diese einzige Thatsache sollte den Social-Politiker stutzig machen. Luxusarbeiter, Speculanten, Lehrlinge, Gehülfen, Dienstleute, Taglöhner u. sind es, die den Bevölkerungsziffern solcher Städte so viel Nullen ansetzen. Das Proletariat ist es, was von den kleinen Städten in die großen fluthet, um von dort aus Stadt und Land zu beherrschen. Nicht die nothwendigen, den unabweislichen Lebensbedürfnissen dienenden Gewerbe vermehren sich auffallend rasch in den Großstädten, sondern die kurzlebigen Luxusgewerbe, denen das Proletariat im Schooße sitzt. In Berlin z. B. haben sich seit 1784 die Zimmerleute, Maurer, Gerber u., gar nicht vermehrt, sondern vermindert; dagegen sind die Buchbinder, Lakirer, Fabrikanten von musikalischen Instrumenten u. wunderbar zahlreich geworden. Am stärksten aber nehmen zu Taglöhner und Gesinde. Die ländliche Bevölkerung lebt größtentheils familienweise zusammen, die städtische dagegen zu einem starken Theile vereinzelt. Diese Vereinzelung nimmt zu, je mehr die größeren Städte Großstädte werden. Schon hierdurch ist eine sehr bedeutende Kluft zwischen Stadt und Land gesetzt, die sich leider durchaus nicht verringert, sondern vielmehr zusehends erweitert. Das Wachsen der städtischen Bevölkerungsziffer gegenüber der ländlichen verliert durch diesen Umstand gar sehr an socialem Gewicht. Unterläßt der Staatsmann aber die Erwägung des socialen Momentes, dann wird die Zunahme der großstädtischen Volksmasse von einem wahrhaft vernichtenden Gewicht für unsere ganze Civilisation. Das allgemeine Stimmrecht würde die bereits angebahnte Uebermacht der großen Städte über das Land vollenden, während ein auf Seßhaftigkeit, eigenen Hausstand und Besitz gegründetes Stimmrecht das moderne Ueberwiegen der Stadt über das Land so ziemlich wieder ausgleichen würde. Die Herrschaft der Großstädte wird zuletzt gleichbedeutend werden mit der Herrschaft des Proletariats. Schon im Jahre 1840 war der 45. Preuße ein Berliner, der 35. Franzose ein Pariser und von je 15 Engländern wohnte je einer in London. In diesen Ziffern der Einwanderer vom Lande zur Großstadt liegt eine weit größere Summe von Gefahren für die individuelle Entwicklung unseres gesammten Volkslebens versteckt, als in den Ziffern der Auswanderer nach fernen Welttheilen, die freilich dem Volkswirth unheimlicher in's Ohr tönen mögen. Am auffallendsten gestaltet sich das Verhältniß von Stadt und Land in Belgien. Dieses kleine Königreich wird mehr und mehr ein rein städtisches Land. Schon bei der mit Ende 1850 abschließenden Volkszählung war beiläufig jeder dritte Belgier ein Stadtkind! Die Städte beherrschen hier das Land, die städtische Industrie den bäuerlichen Beruf wie in keinem andern Strich des europäischen Festlandes von gleicher Größe. Das Anwachsen der Städte geht hier mit Sturmeseile. Die Einwohnerzahl von Brüssel hat sich binnen 45 Jahren nahezu verdoppelt, von Gent mehr als verdoppelt, von Antwerpen wenigstens um mehr als ein Drittel gemehrt. Und zwar ist dieses Ueberwiegen des städtischen Lebens in Belgien nicht willkürlich und gemacht, es ist historisch und in der Natur und Lage des Landes tief begründet. Die Verfassung des modernen Königreichs, welche »Bürgerthum« und »Gesellschaft« als wesentlich gleiche Begriffe voraussetzt, entspricht daher dem Zustande des Landes als eines überwiegend städtischen, industriellen und wird – für Belgien – mit Recht als die trefflichste gepriesen. Daraus folgt aber noch lange nicht, daß eine Verfassung, welche für Belgien die beste ist, eben darum auch die beste seyn müsse für Deutschland. Denn in Deutschland bestehen ganz andere Verhältnisse von Stadt und Land. Die abstrakte Politik der Schule kümmert sich freilich nicht um solche Unterschiede bei Land und Leuten. Das Wesen und der Vorzug einer socialen Politik aber ist es, daß sie die Lehre aus dem Leben entwickelt und nicht umgekehrt das Leben aus der Lehre . Bei den in's Ungeheuerliche und Formlose ausgereckten Großstädten hört der besondere Charakter der Stadt als eines originellen, gleichsam persönlichen Einzelwesens von selber auf. Jede Großstadt will eine Weltstadt werden, d. h. uniform allen anderen Großstädten, selbst das unterscheidende Gepräge der Nationalität abstreifend. In den Großstädten wohnt das ausgleichende Weltbürgerthum. Hier verschwinden die natürlichen Unterschiede der Gesellschaftsgruppen; und die moderne Ansicht, welche neben reich und arm, gebildet und ungebildet keine »Stände« mehr kennt, ist hier mehr als Einbildung, sie ist eine von dem großstädtischen Pflaster aufgelesene nackte Wahrheit. Die Weltstädte sind riesige Encyklopädien der Sitte wie der Kunst und des Gewerbfleißes des ganzen civilisirten Europas. Ich verkenne das Stolze dieses Gedankens nicht, ich verkenne nicht, welch reiche Ernte namentlich das schaffende und erfindende industrielle Talent, der Handel, überhaupt alle materielle Betriebsamkeit aus diesen Encyklopädien ziehen wird. Wo sich die Menschen zu ungeheuren Massen ansammeln, da blühet Arbeit und reift Gewinn und der Nationalökonom freut sich darüber. Das gesunde Gedeihen der bürgerlichen Gesellschaft aber ist nicht immer da wo die größten Massen sind, so wenig als es andererseits im Einödhof der Gebirgsbauern zu suchen ist. Es begehrt das mittlere harmonische Maß selbst im Wachsthum der menschlichen Siedelungen. Mit den großen Encyklopädien unserer Literatur zog bekanntlich auch der Geist des Encyklopädismus ein. Und dieser ist kein guter Geist gewesen. So wird es auch gehen mit diesen Riesenencyklopädien der Großstädte und ihren weiteren Auflagen. Man schickt junge Leute in die Großstädte, damit sie die Welt kennen lernen. Allein den Rausch, die Verwirrung und – das Mißbehagen des Encyklopädismus werden die meisten zurückbringen, nicht reife Studien. Wer alles auf einmal sieht, der sieht nichts. Der Großstädter braucht nicht mehr zu wandern, er kann sich die Welt behaglichst innerhalb seiner Stadtmauern beschauen, er läßt die Welt zu sich kommen, statt zu der Welt zu gehen. Und doch zeitigt nur das Wandern den Geist, wo die Anschauungen der Natur, des Volkslebens, der menschlichen Betriebsamkeit schrittweise errungen werden. Wer in der Welt wie in einer Encyklopädie herumstöbert, der gewinnt, was er nicht errungen hat, darum wird er von dem Gewonnenen wenig behalten. Die weit überwiegende Mehrzahl der großen Männer Deutschlands, namentlich in Kunst und Wissenschaft, sind aus den kleineren Städten hervorgegangen und vom Lande gekommen. Die Sammlung des Geistes auf Einen Punkt macht den großen Mann, und diese wird sich in dem Encyklopädismus der Großstadt schwer finden lassen. Wenn die hervorragenden Talente auf dem Lande zeitig und fertig geworden sind, dann zieht man sie wohl in die Großstadt, und doch erlebten wir auch dann noch häufig, daß solche Talente dort sofort in eine Art geistigen Pensionsstandes versetzt erschienen. Die mittelalterliche Kunstthätigkeit entwickelte sich weit eigenartiger als die unsrige in mittleren Städten. Jene Künstler sahen, hörten und lasen eben nicht zu viel, darum konnten sie recht aus ihrer Seele Tiefen herausschaffen. Auf gar viel moderner Kunst und Art dagegen liegt der Mehlthau der Großstädterei. Das Theater von ganz Europa ist für Generationen ruinirt worden durch die unersättlichen Ansprüche des höchst großstädtischen Pariser Publikums auf Prunk und Spektakel. In Deutschland ist bereits keine wirklich gute kleine Bühne mehr möglich, denn der deutsche Philister ist auch in Paris und Wien und Berlin gewesen und wird die kleine Bühne in seinem Krähwinkel fortan nur noch mit großstädtischem Auge messen. Und doch sind solche kleine Bühnen einst die Zufluchtstätten einer weit reineren und nationaleren dramatischen Kunst gewesen. In der Architektur hat das Kasernensystem des modernen großstädtischen Häuserbaues den entschiedensten Schaden gestiftet. Und doch wird man es um so weniger aufgeben können, je mehr von Tag zu Tag die »vereinzelten Leute« den großen Städten zuströmen, während kaum noch auf dem Lande die Familie das Haus bewohnt. Schon kann für die Ueberzahl der einzelnen Arbeiter und Tagelöhner in den Großstädten nicht mehr Raum geschafft werden, weil sie als Miether den Häuserspeculanten nicht genügenden Profit bieten. In Berlin droht diese Miethfrage bereits zur »socialen Frage« zu werden, und in Kurzem wird man in solchen Städten von Gemeindewegen Proletarierkasernen bauen müssen, man mag wollen oder nicht. Die »Gesellenhäuser« in England sind schon Kasernen der Art, und man geht eben damit um, sie auch nach Deutschland zu verpflanzen. Man wird sie trefflich einrichten, man wird sogar das Mögliche aufbieten, um den Gesellen in diesen Häusern Ersatz für das verlorene Familienleben zu schaffen, aber Kasernen bleiben sie trotzdem. Wir könnten diese Ausführung weiter verfolgen und würden dann sehen, daß auch in der Musik und Malerei von den Großstädten der gleiche zersetzende Einfluß geübt wird. Die Kunstausstellungen mit ihren Paradestücken legen Zeugniß genug ab von dem auf die Blasirtheit und Frivolität des großstädtischen Publikums berechneten Geschmack, der vor allen Künsten die Kunst der Prahlerei verlangt. Die social so bedeutsame Hausmusik und Kammermusik ist lange Zeit fast ganz unterdrückt worden durch die Wucht der prunkhaften großstädtischen Hausaufführungen und durch das Virtuosenthum, welches in diesen Städten seine eigentliche Herberge gefunden hat. Wir müssen aber auch die entgegengesetzte Seite hervorheben. In den Großstädten als den Stammsitzen der Luxusindustrie beginnt das Handwerk wieder von künstlerischen Elementen durchdrungen zu werden, wie es seit Jahrhunderten nicht mehr der Fall war. Dies ist eine Lichtseite des großstädtischen Wesens, welches überhaupt aus dem Gesichtspunkte der materiellen Betriebsamkeit stets in glänzender Beleuchtung erscheinen wird. Bei Zeiten, die vorwiegend künstlerisch und erst in zweiter Linie industriell waren, lag in dieser Verschmelzung der Kunst mit dem Handwerke keine Gefahr für die höheren, idealen Interessen des Künstlerthums. Bei der Gegenwart aber ist es umgekehrt! wir sind in erster Linie industriell und erst in zweiter künstlerisch. Daher liegt jetzt der großen Menge der Wahn so nahe, daß der Glanz handwerklicher Technik am Kunstwerke das Kunstwerk selber sey. Dieser Wahn, der den idealen Gehalt des Künstlerthumes zur Magd der Technik erniedrigt, findet in dem ganzen Kunsttreiben der Großstädte unglaublich Nahrung. Der vollendete Sieg der Technik in der Kunst und die Erniedrigung der Kunst zur Magd der Luxusindustrie stellte sich dar auf der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851. Sie war der Jubeltag des großstädtischen Geistes in der ersten Großstadt Europas gefeiert. Ihre Nachwirkungen sind schon um deßwillen unberechenbar, weil sie die Siegestrunkenheit des großstädtischen Industrialismus auf lange Jahre permanent gemacht hat. In den Sälen des Krystallpalastes hatte man griechische Götterbilder zur Decoration moderner Fabrikwaaren aufgepflanzt. Selbst Jules Janin, das ächte Pariser Kind, meinte, der Apoll von Belvedere spiele da eine Rolle, als ob man ihn vor einen Waarenballen gespannt, der olympische Jupiter, als ob man ihn als Bierzeichen an einem Wirthshaus ausgehängt habe. Wachen wir, daß über dem Siegesrausche der materiellen Arbeit die höhere Würde des geistigen Schaffens nicht ganz vergessen werde! Ich bekenne wenigstens, daß bei all den schimmernden Einzelheiten des Eröffnungstages, wie sie uns in tausend jubelnden Berichten zugefluthet wurden, nur die Kunde von einer einzigen einen wahrhaft herzerwärmenden Eindruck auf mich gemacht hat. Als der Erzbischof von Canterbury sein Gebet gesprochen, stimmten die Schaaren der Sänger Händels Hallelujah an, und vor der zermalmenden Majestät dieses idealen Meisterwerkes des tiefsinnigen deutschen Künstlers beugten sich erschüttert die stolzen Söhne des materiellen Jahrhunderts. Damals war es, wo man mit schneidender Frivolität den »kerkerhaft festen und schweren« Kölner Dom, den sechs Jahrhunderte nicht vollenden konnten, wegwerfend mit dem Prunkstück des Glashauses an der Themse verglich, mit dem »leichten luftigen Haus,« welches ein Winter hervorgezaubert. Hier hatten wir schwarz auf weiß jene in den Großstädten ausgeborene Ueberhebung der rein technischen Meisterschaft über die Schöpfungen des vollen, aus der Tiefe des Geisteslebens geborenen Künstlerthums. Wir werden nicht vermögen, dem anerkannten Ruhm eines so außerordentlichen Technikers wie Paxton ein Stücklein auch nur um Haaresbreite ab- oder zuzuschreiben. Aber Protestiren müssen wir, wenn man ein aus dem ganzen Ideenreichthum der religiösen und künstlerischen Begeisterung der Jahrhunderte geborenes Kunstwerk ersten Ranges mit der Londoner Industrie-Elle messen will, und den Standpunkt der Geschwindigkeit des Hervorbringens von einer rein technischen Construction wie der Glaspalast auf eine architektonische Kunstschöpfung übertrat. Dann wäre Luca fa Presto der größte Maler gewesen, weil er am geschwindesten gemalt hat. Die Kunst hat Segen dem Handwerk gestiftet, das Handwerk soll es nicht mit Undank zurückzahlen, wie wenn es heischte, daß die Kunst sich demüthige vor der bloßen Technik. Der einfache künstlerische Schönheitssinn war das Charakterzeichen des hellenischen Alterthums. Aber als derselbe einseitig in seiner höchsten Blüthe stand, brach Hellas sittlich, politisch und social zusammen. Die Mystik des religiösen Lebens im Verein mit einem wunderbar individuellen Bau der Gesellschaft erzeugte im Mittelalter jenen spiritualistischen Schaffenstrieb, der unsere Dome thürmte. Aber als abermals der Bau dieser Riesentempel in seiner Blüthe stand, brach das Mittelalter zusammen. Der forschende, rechnende, der bienenfleißig industrielle Geist des 19. Jahrhunderts hat die wunderbaren Colosse der modernen Großstädte vollendet und in der größten derselben jene stolze Ruhmeshalle der Industrie aufgestellt. Jene Städte und jene Halle entsprechen einander, beide ein »freies, luftiges Haus.« Aber es wird eine höhere und höchste Blüthezeit des Industrialismus kommen und mit ihr und durch dieselbe und die moderne Welt, die Welt der Großstädte zusammenbrechen und diese Städte zusammt viel fabelhafteren Industriehallen als diejenige war, welche wir geschaut, werden als Torsos stehen bleiben, auf dem Kopfe den Krahn, wie der Kölner Dom. Wo die Weltgeschichte über vergangene Zeiten tragisch gerichtet hat, da sollten wir nicht in frivolem Uebermuth mit dem kleinen Maße des Tages messen und ausrufen: Sehet, wie groß wir sind! Zweites Kapitel. Die Politische und sociale Gemeinde. Mit dem verkrüppelten und verkünstelten Wuchs der Städte im 17. und 18. Jahrhundert ward der Grund zu einer auch noch in unsere Zeit tief hineingreifenden Gleichgültigkeit des Bürgers gegen das Gemeindeleben gelegt. Allein auch hier scheidet sich Stadt und Land, Großstadt und Kleinstadt. Es ist noch nicht lange her, daß es in deutschen Landen für eines fein gebildeten und frei denkenden großstädtischen Mannes unwürdig und geradezu für philisterhaft galt, sich um das Gemeindeleben zu bekümmern. Die Zeit der rationalistischen Aufklärung im vorigen und im laufenden Jahrhundert schwärmte für die Menschheit und hatte kein Herz für das eigene Volk: sie philosophirte über den Staat und vergaß die Gemeinde darüber. Keine Periode ist armseliger in der Entwicklung des gemeindebürgerlichen Geistes als das 18. Jahrhundert; die mittelalterliche Gemeinde löste sich auf und die moderne war noch nicht fertig. Die Bärenhäuter in den germanischen Urwäldern haben glücklichere Ahnungen über die Gemeinde gehabt, als die große Mehrzahl der Staatsmänner in den Tagen unserer Großväter. Wer in der damaligen satyrischen Literatur einen pokernden Schafskopf zeichnen wollte, der zeichnete einen Bürgermeister, und wer ein Kollegium von Eseln zu schildern vorhatte, der schilderte ein Kollegium von Rathsherren. Dieser Spott auf alle Gemeindewürden ging in stehenden Formen herab bis zur untersten, bis zum Nachtwächter. Was einfältiger als einfältig ist, das nennen wir heute noch »unter dem Nachtwächter,« gleich als ob dieser von Amts wegen der einfältigste Mann im Orte sey. Ein Zeitalter, in welchem der Spott auf das Gemeindewesen und seine Würde so wohlfeil und gangbar geworden ist, kann aber kein politisches seyn. Die Staatsdienerschaft sah es in den meisten Ländern als ein Vorrecht an, daß ihre Glieder nicht Gemeindebürger zu werden brauchten, statt daß sie darin eine empfindliche Verkürzung hätte erblicken sollen. Schutzbürger zu seyn (»Permissionist« sagt man gar zierlich in modernem Wort) galt noch in unsern Tagen Vielen für nobler als der Vollbürger. Das sind noch Nachwehen jener hundert Jahre alten Verachtung des Gemeindelebens, die mit dem Kapitel von den künstlichen Städten und von der eifersüchtigen Fehde wider die alten mächtigen natürlichen Städtebildungen seitens der damals neugebackenen winzigen Sonderherrschaften in sehr inniger Verbindung steht. Es ist eines der merkwürdigsten socialen Krankheitszeichen der Gegenwart, daß so viele Leute das Ideal der häuslichen Behäbigkeit darin erblicken – im Wirthshause sich einzumiethen, am Wirthstische zu speisen und täglich wie auf der Reise zu leben. So erschien es auch als eines vorurtheilsfreien Geistes besonders würdig, die Gemeinde wie ein großes Wirthshaus aufzufassen, in welchem man, von allen Banden örtlicher Seßhaftigkeit frei, ein sociales Junggesellenleben führen könne. In Preußen, wo die politischen Reformen des vom Rande des Abgrundes sich aufraffenden Staats durch eine neue Städteordnung begonnen worden waren, ist auch in Folge dieser bedeutsamen Thatsache der Kredit der Ehrenämter der Gemeinde wieder weit höher gestiegen, als er annoch in den meisten kleineren deutschen Staaten steht. Dann hatte sich Stein als einen wahrhaft politischen Mann bewährt, daß er die Hebung des Gemeindelebens an die Spitze der neuen Erhebung des ganzen Staates gestellt hatte. Ganz anders als die aufgeklärten gebildeten Leute im 18. Jahrhundert, faßten zu selber Zeit noch die Handwerker, die Kleinbürger, die Bauern, der gemeine Mann, den Gedanken des Gemeindelebens auf. Als man die Macht der Städte und des darinnen verschanzten Bürgerthums aus Staatsraison brach, wie man früher aus denselben Gründen die Burgen des Adels gebrochen hatte, hielt man es nicht der Mühe werth, auch den Dorfgemeinden und unselbständigen Kleinstädten auf den Leib zu rücken. So ist die historische Gemeinde überwiegend nur auf dem Lande in den zerstörungssüchtigen Zeiten der Hofdespoten, später der Bureaudespoten, gerettet worden. Die Bauern und Kleinbürger hatten darum fast allein einen tiefen angeerbten Respekt vor der Würde der Gemeinde behalten. Das ist die Gloria des gemeinen Mannes, daß er dazumal von Herzen gesund geblieben war, während die feinere Gesellschaft entartete. Also blieb ihm auch die Gemeinde ans Herz gewachsen. Der Bauer war und ist so stolz auf den Titel eines Feldgerichtsschöffen, eines Gemeinderaths oder Rechners, wie der Beamte auf einen Geheime-Hofraths-Titel. Die Dorfschulzen waren nicht umsonst so grob. Die Fülle ihres Standesbewußtseyns war es, die als Grobheit über den Rand des Bechers schäumte. Die Dorfgemeinde war und ist des Bauern politische Welt. Der gebildete Städter aber trieb viele Menschenalter Staatspolitik ohne Gemeindepolitik. »Wir die Gemeinde N. N.« – mit diesem stolzen Pluralis majestatis huben vordem Dorfgemeinden selbst Fürsten gegenüber ihre Sendschreiben an. Wo der Städter ein allgemeines Urtheil etwa einen Spruch der »öffentlichen Meinung« nennen würde, da spricht der Bauer: »die ganze Gemeinde sagt es.« Auch der Kleinbürger der alten Reichsstädte fand im 18. Jahrhundert in seiner Gemeinde noch ganz seine Welt. Nicht sein Haus, wohl aber seine Stadt war seine Burg. Es zeugt von der politischen Oberflächlichkeit jener Zeit, daß die freien Geister dieses tiefe sociale und politische Heimathbewußtseyn fast nur von seiner lächerlichen, fast nie von seiner ernsten Seite faßten. Und je kleiner das reichsfreie Nest war, desto gesteigerter war in der Regel dieses Bewußtseyn. Es ist heutigen Tages noch immer eine wichtige politische Thatsache, daß in dem Dorfe zumeist ein strengerer Gemeindegeist herrscht als in der Stadt, in der kleineren Stadt ein strengerer als in der großen. Das klettenhafte gemeindebürgerliche Zusammenhalten in den ehemaligen Reichsstädten ist auch keineswegs schon ganz zerstört. Merkwürdige Vergleichungspunkte bieten z. B. in dieser Hinsicht die als Sitte überlieferten Miethgesetze in den verschiedenen deutschen Städten. In den modernen Städten sind sie auf die ab- und zuströmende Einwohnerfluth berechnet; die Stadt ist eine große Kaserne. Die sociale Junggesellenwirthschaft gilt bereits als die Regel. Man hat also kurze Kündefristen, man kann miethen oder ausziehen an jedem Tage des Jahres, und der Miether findet die Wohnung bereits mit allem Behagen der häuslichen Einrichtung ausgestattet. In den alten Städten dagegen bietet man ihm häufig nur die kahlen Wände, man erwartet wohl gar, daß er sich seinen Küchenheerd und seinen Ofen selber mitbringe; man rechnet nach halbjähriger Kündefrist: der Miether kann nur zu bestimmten »Zielen,« etwa zwei- oder dreimal im Jahr ab- und zuziehen. Der Hausbesitzer ist in solchen Miethstatuten angesehen, wie der wahre Herr, alles ist zu seinen Gunsten gesetzt und zu Ungunsten des Miethers, der gedacht ist als der Vagabund, als der fremde Eindringling, dem man aus Gnaden gestattet, für theures Geld eine Wohnung zu miethen. Dahinter lugt noch das alte stolze Bewußtseyn der Eigenherrlichkeit der Gemeinde, zur Hälfte in modernen Eigennutz umgesetzt. Städte wie Hamburg, Frankfurt, Bremen, Lübeck, sind doch gewiß in hohem Grade bereits durchdrungen von modernem Einfluß. Sie sind bereits hinlänglich großstädtisch geworden, aber sie sind doch immer »natürliche« Städte geblieben. In den erstgenannten ist die Masse der »Permissionisten,« der neuen Schutzbürger, die den alten Gedanken gemeindebürgerlichen Zusammenhalts allmählig ganz wegtilgen müssen, bereits ungeheuer angewachsen. Dennoch unterscheidet man dort immer noch den eingeborenen Bürger und den fremden ansässigen mit einer Strenge, von der man in jüngeren großen Städten keine Ahnung hat. Es ist dort, als laste ein geheimer Fluch auf dem Worte »fremd«. Indem der deutsche Kleinbürger und der Bauer im achtzehnten Jahrhundert und im Anfange des 19. den hohen Gehalt des Gemeindewesens praktisch würdigte, zeigte er darin weit mehr politische Spürkraft als der Gebildete, der zur Unterhaltung Zeitungen las und in der europäischen Politik kannegießerte, die Gemeindewirthschaft aber als eine kleinliche Philisterei übersehen zu müssen glaubte. Dieses Vergessen der nächsten und eigensten bürgerlichen Interessen über den entfernten, schulmäßig allgemeinen politischen sitzt manchen deutschen Zeitungen noch heute im Fleische. Daher kommt es, daß gerade unsere publicistisch bestgeschriebenen Zeitungen oft am wenigsten praktisch auf die Gesellschaft einwirken, wahrend unbedeutende Localblätter mit einem Häuflein Abonnenten zu Zeiten wirkliche Volksführer oder auch Verführer geworden sind. Im Bilde der Gemeinde ahnt und begreift das Volk erst den Staat. Aber nicht die politische Form, sondern der sociale Inhalt des Gemeindelebens war es, an welchem das Volk hing und noch hängt. Darum führte man in Deutschland den tödtlichsten Streich gegen den politischen Geist im Volke, als man in und nach der Napoleonischen Zeit die französische centralisirte Gemeindeverfassung einzubürgern suchte, denn nach ihr ist die Gemeinde bloß noch eine politische Form. Die Staatsmänner zeigten damit, daß sie den Gedanken einer socialen Politik vollständig verloren hatten. In dieser Ertödtung des socialen Inhalts im Gemeindeleben war der rechte Grundstein des modern bureaukratischen Staats gelegt. Durch die theilweise wiederhergestellte Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung ist jener Staatsdienerstaat bereits stark aus den Fugen geschoben worden: durch die Vollendung einer organischen Gemeindeverfassung wird er zuletzt ganz aufgelöst werden. Nicht bloß in der Lehre, sondern auch in der Geschichte geht der Weg von Familie und Stamm zum Staat und der Gesellschaft durch die Gemeinde. Ein ganz richtiger Trieb vereinigte in der unmittelbar vormärzlichen Zeit fast alle politischen Parteien in dem Andringen auf Reform des Gemeindewesens. Es war, Vielen wohl unbewußt, der wiedererwachte Geist einer socialen Politik, der zu dieser Forderung trieb. Die Gemeinde ist nicht bloß eine politische, sie ist vielmehr in erster Linie eine sociale Körperschaft; die Gemeinsamkeit der Arbeit, des Berufes und der Siedelung begründet das Gemeindeleben, welches erst durch den Staat hinterdrein eine secundäre politische Form gewinnt. Darum schlug die ausebnende Demokratie sich selber mit der versuchten Durchführung einer politisch möglichst freien Gemeindeverfassung; denn die politische Selbständigkeit führt hier zugleich zum festen Abschluß jener individuellen Orts- und Berufsinteressen, die der ausebnenden Demokratie der größte Gräuel sind. Freie Landgemeinden werden aristokratisch, social ausschließlich, nicht demokratisch. Die malt germanische Idee des Gemeindeeigenthums, der Markgenossenschaften, der Gesammtbürgschaft der Gemeinden u., anscheinend eine Vorstufe zur allgemeinen Gütergemeinschaft, hat noch nirgends den modernen Communismus geweckt, wohl aber im Gegentheil ein allzuschroffes gesellschaftliches Abschließen der mitbesitzenden Gemeindegenossen. Man wird darum stets zu falschen Resultaten kommen, wenn man bei der Herausbildung unserer Gemeindeverfassungen bloß von dem Gedanken ausgeht, daß die Gemeinde eine politische und nicht weit mehr eine sociale Körperschaft sey. Ueber diese Doppelseitigkeit im Begriff der Gemeinde gilt es noch gar sehr Klarheit zu verbreiten. So reich unsere staatswissenschaftliche Literatur ist an trefflichen Untersuchungen über die Gemeinde als politische Corporation, so wenig ist noch die sociale Bedeutung der Gemeinde erörtert worden. Und doch ist eine Festigung und Veredlung der modernen Gesellschaft undenkbar, ohne eine sociale Reform des Gemeindelebens. Dieser Gedanke eines Unterschieds des socialen und politischen Wesens der Gemeinde ist aber keine bloße Einbildung der Schule mehr, er lebt und lebte allezeit in der That. Treten wir mit einem Exempel in die Mitte der Sache. Es ist eine der obersten Voraussetzungen unserer gesammten bürgerlichen Ordnung, daß jeder selbständige Staatsbürger, jeder Begründer eines eigenen Haushaltes einer bestimmten Gemeinde angehören müsse. Man sollte nun meinen, durch diese an sich unantastbare Forderung müsse der Sinn für das Gemeindeleben gefestigt, ja der ächte Gemeindegeist erst geschaffen werden. Dem ist nicht immer so. In der alten Zeit blieben die meisten Leute in ihrer Heimath, in ihrer Stadt, und nährten sich redlich. Jetzt können aber viele Tausende gerade nur dann sich redlich nähren, wenn sie ihren Wohnort zeitweise wechseln. Besonders für die mächtigsten, acht modernen Berufsgruppen der Industrie, der Geistesarbeit, des Staatsdienstes ist die Gemeinde, der Gau, ja das einzelne Land zu klein und eng geworden. Gut die Hälfte unsers heutigen Bürgerstandes wechselt, nicht von Jahr zu Jahr, aber doch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ihren Wohnort. Dieser Zustand wird steigen, je mehr die Theilung der Arbeit wächst. Ich spreche hier nicht von unselbständigen Gehülfen und Lohnarbeitern, sondern von selbständigen, besitzenden, betriebsamen Leuten, großentheils mit eigenem Hausstand, von Präsidenten und Geheimeräthen, Kapitalisten, Technikern, Künstlern, Gelehrten, Schriftstellern u. Sie würden in ihrem Berufe »sitzen bleiben,« wenn sie immer örtlich sitzen blieben. Gerade um der Mehrung des nationalen wie des eigenen Wohlstandes willen, müssen sie es anders machen als der Schuster, der auf seines Großvaters Stuhl, in seines Großvaters Fensterecke fortschustert bis an sein seliges Ende, als der Bauer, der den Pflug auf demselben Acker regiert, wo ihn sein Urahn regiert hat. Wir kommen hier zu einem Punkte, wo der oben geschilderte moderne Gegensatz zwischen Stadt und Land als den Herden der vorwiegend festsitzenden und der vorwiegend fluthenden Bevölkerung für den Staatsmann praktisch wird. Man muß die neuen Städtegebilde in ihrer neu herauswachsenden Eigenart nehmen und darnach behandeln. Wir haben es hier mit einer eben im Entstehen begriffenen socialen Macht zu thun. Denn jene fluchende, nicht zerflossene, fluctuirende, nicht vagabundirende, Bevölkerung wird in den Städten in Kurzem eben so die Mehrheit bilden, wie auf dem Lande die stehende Bevölkerung. Nun kann aber doch einer, der um seines Berufes willen etwa alle fünf bis zehn Jahre seinen Wohnort wechselt, nicht an jedem dieser Orte Bürger weiden. Er hilft sich also in der Regel dadurch, daß er an keinem derselben Bürger wird, sondern seinen Bürgerbrief da zu gewinnen sucht, wo er ihn am leichtesten und billigsten erhalten kann, d. h. entweder in seinem Geburtsorte oder in irgend einem andern Ort seiner engern Heimath, in welchem man gerade am wenigsten spröde ist mit Bürgeraufnahmen. So kommt es jetzt bei Tausenden achtbarer und bürgerlich gediegener Leute vor, daß sie den Ort niemals gesehen haben, in welchem sie sammt ihrer Familie heimathberechtigt sind! Sie stehen nirgends in einem Gemeindeleben. Mit ihrer Heimathgemeinde hängen sie nur insofern zusammen, als sie ihren Bürgerbrief bezahlt haben und alljährlich ihre Bürgerrechts-Rekognitionsgebühr hinübersenden, mit der Gemeinde, wo sie wohnen und wirthschaften, nur durch ihre Aufenthaltskarte. Der Verfasser dieses Buches war selber geraume Zeit Bürger in einer Gemeinde, mit welcher er nur durch die Verpflichtung in Verbindung stand, daselbst einen ledernen Feuereimer unterhalten zu lassen. Man schlage die Bevölkerungslisten derjenigen unserer größten Städte nach, in welchen vorwiegend eine moderne Betriebsamkeit herrscht, und man wird finden, daß die Zahl der dauernd dort wohnenden, aber nicht eingebürgerten Familien in erschreckender Weise anwächst. Es steht zu erwarten, daß in nicht ferner Zeit die Mehrzahl des großstädtischen Volkes faktisch gemeindelos sein werde. Die Fiction, im Besitz eines anderwärts ruhenden Bürgerrechts zu sein, vermag aber die heilsamen sittlichen, socialen und politischen Einflüsse des wirklichen Gemeindebürgerthums ebenso wenig zu ersetzen als ein Hungriger durch den Gedanken gesättigt wird, daß er jetzt an einem andern Ort allerdings würde essen können. Aus dieser Klemme ist nur herauszukommen, indem man die Doppelnatur des socialen und politischen Wesens der Gemeinde praktisch schärfer hervortreten läßt. Social gehört der selbständige Mann, welcher in einer Gemeinde dauernd auf Aufenthaltskarte wohnt und wirthschaftet, unstreitig dieser Gemeinde an. Seine Existenz, sein Privatwohlstand verwächst mit dem Wohlstand dieser Gemeinde. Politisch gehört er der Gemeinde an, welche ihm den Bürgerbrief gegeben. Darum müßte überall unterschieden werden zwischen Ansässigen und Heimathberechtigten. Die Ansässigen bilden die sociale, die Heimathberechtigten die politische Gemeinde. Ansässig könnte und müßte werden, wer in einer zu bestimmenden Reihe von Jahren in einer Gemeinde seinen Wohnsitz und sein Berufsgeschäft gehabt hat. Alle Fragen des innern Gemeindehaushaltes sind dann auch Existenzfragen für ihn geworden und er hat das Recht und die Pflicht, in diesen Fragen als ein Bürger seine Stimme abzugeben. Er wäre Schutzbürger, nicht Vollbürger; Schutzbürger in einem höheren, modernen Sinn. Der schöne, aber so vielfach mißverstandene und unpraktisch ausgedeutete Gedanke eines allgemeinen deutschen Heimathrechtes könnte durch das »sociale Gemeindebürgerthum« am ersten seiner Verwirklichung genähert werden. Denn Jeder könnte in einem deutschen Lande socialer Gemeindebürger seyn, in welchem er nicht Staatsbürger wäre. Es dämmert dieser Zustand bereits am Horizonte auf: er muß nur noch klares Licht und festen Umriß gewinnen. Unser ganzes sogenanntes »Permissionistenwesen« ist nichts als ein vorweggenommenes deutsches Heimathsrecht. Nur daß jetzt solchergestalt die Gesellschaft entfesselt, der Permissionist gemeindelos gemacht wird, während ich die vorhandene Thatsache der immer massenhafter fluctuirenden städtischen Bevölkerung zur socialen Reform der Gemeinde ausgebeutet wissen möchte. Bei der Volkszählung, welche im Zollverein behufs der Vertheilung der Vereinseinnahmen vorgenommen wird, hält man bereits die Regel fest, die Köpfe der socialen Gemeinden und nicht der politischen zu zählen. Der Antheil für den preußischen Gemeindebürger, welcher in Bayern wohnt und wirthschaftet, fällt Bayern zu, nicht Preußen. Und zwar von Rechtswegen. Denn in der Summe der socialen Bürger stellt sich die ernährende und verzehrende Einwohnerschaft dar, nicht in der Summe der formell politischen Staatsbürger. Dagegen zählt bei allen politischen Fragen, bei allen Staatswahlhandlungen und dergleichen mit Fug und Recht nicht der sociale, sondern lediglich der politische Gemeindebürger. Recht grell zeigt sich die jetzige ungenügende Bestimmung des Gemeindebürgerthums auch in einem andern Falle. Es gibt viele Fabrikherren, viele große Grundbesitzer, die in verschiedenen Gemeinden zugleich bedeutende Güter haben, ein einflußreiches Geschäft betreiben. Ja es kommt namentlich in kleinen Städten und auf dem Lande häufig vor, daß ihre Landwirthschaft, ihr industrieller Betrieb den Wohlstand und die sociale Gesundheit der ganzen Gemeinde bedingt. Nicht minder berührt dann aber auch umgekehrt die Führung des Gemeindehaushalts den geschäftlichen Erfolg solcher großen Besitzer aufs unmittelbarste. Sie können aber nur an Einem Orte politischer Gemeindebürger seyn. Das Gegentheil wäre in sich widersinnig. Allein jedenfalls nicht minder widersinnig ist es, daß sie in all den andern Orten, in welchen sie vielleicht thatsächlich die einflußreichste sociale Person sind, in welchen das Gesammtgedeihen der Gemeinde mit ihrem Privatgedeihen aufs engste verknüpft ist, auch nicht ein Wort mitzureden haben in den Angelegenheiten des innern Gemeindehaushalts! Kann Jemand nur an einem Ort politischer Gemeindebürger seyn, so ist damit doch gar nicht ausgeschlossen, daß er nicht an verschiedenen Orten zugleich socialer Gemeindebürger seyn könne. Das politische Gemeindebürgerthum muß ein einziges, ein ausschließliches bleiben, weil hier die Gemeinde als eine Stufe der örtlichen Gliederung des Staatsganzen erscheint, in welchem der Einzelne nirgends für zwei zählen kann. Das sociale Gemeindebürgerthum dagegen gründet sich nur auf die sociale Geltung, welche der Einzelne durch seinen Beruf an einem bestimmten Ort gewinnt, die er aber ebenso gut an mehreren Orten zugleich, wie an einem einzigen gewinnen kann, es verleiht nur die Pflicht und das Recht, zur Regelung der materiellen Wohlfahrt einer Gemeinde mitzuwirken, deren Glied man durch die Verflechtung der eigenen Privatwohlfahrt in ihren bürgerlichen Gesammtbestand geworden ist. Die Anwendung auf den gedachten Fall mag sehr unpopulär erscheinen, da sie zumeist dazu führen würde, den öffentlichen Einfluß der großen Besitzer gegenüber den kleinen Leuten zu erhöhen. Sie schließt aber eine Forderung der Gerechtigkeit in sich, und was gerecht ist, kann des Schmuckes der Popularität entbehren. Diese doppelseitige, politische und sociale Natur der Gemeinde ist in mancherlei Punkten unserer Gemeindeordnungen thatsächlich bereits aus einander gehalten. In Preußen, Bayern und anderwärts hat man zweierlei Magistratspersonen aufgestellt: bürgerliche und rechtskundige. Darin zeigt sich schon die Ahnung des Unterschiedes zwischen socialen und politischen Ortsbürgern. In manchen Städten sind die Permissionisten mit Familie, welche einen dauernden Aufenthalt in Berufsgeschäften genommen haben, von der Lösung einer Aufenthaltskarte entbunden. Hier hat also auch einmal die Polizei einen ganz guten politischen Gedanken gehabt, denn sie unterstellt offenbar, daß solche Permissionisten Ansässige, sociale Bürger seien. Die Unschlüssigkeit früherer Theoretiker, ob sie die Lehre von der Gemeinde im Privatrecht oder im Staatsrecht abhandeln sollten, zeigt an, daß sie über das Doppelwesen der Gemeinde stolperten, ohne den eigentlichen Stein des Anstoßes zu merken, denn dieser war für sie die Lehre von der Gesellschaft, die sie nicht sahen, ob sie ihnen gleich vor den Füßen lag. Stellt man die neueren deutschen Gemeindeordnungen neben einander, so gibt das eine merkwürdige Musterkarte von Definitionen der »Gemeinde,« des »Bürgerrechts« u. Die Einen heben mehr den socialen, die Andern mehr den politischen Inhalt der Gemeinde hervor. In der preußischen Städteordnung von 1808 ist das Bürgerrecht noch als die Befugniß erklärt, städtische Gewerbe zu treiben und bewohnte Grundstücke im städtischen Polizeibezirk der Stadt zu besitzen. Dahinter steckt eine veräußerlichte rein sociale Auffassung der Gemeinde. Im Gefühle dieser Einseitigkeit schlug man in der revidirten Städteordnung von 1831 zum schroffen Widerspiel um. Dort wird derjenige für einen Bürger erklärt, welcher das Recht gewonnen hat, an den öffentlichen Geschäften der Stadtgemeinde durch Abstimmung bei der Wahl Theil zu nehmen. Hier ist also die Gemeinde wieder als ein rein politisches Institut gefaßt. Im Geiste jener Zeit war dies ein wahrer Fortschritt. Uns ist nun noch übrig, fortzuschreiten zur Anerkennung beider Gegensätze neben einander und in einander. Die meisten Gesetzgeber haben den Stadtgemeinden eine andere Verfassung zugesprochen, als den Landgemeinden. Diese Thatsache ist für den Social-Politiker wichtig genug. Denn nicht nur die einzelnen Gemeinden sind halbwegs socialer Natur, sondern die von der Natur gegebenen zwei Hauptgruppen der Gemeinden scheiden sich gerade nach ihrem socialen, nicht nach ihrem politischen Inhalt. Land- und Stadtgemeinden entsprechen dem Doppelzug in der bürgerlichen Gesellschaft, den Mächten »des socialen Beharrens« und der »socialen Bewegung.« In den Großstädten, den Sitzen eines fluthenden Bürgerthums und des vierten Standes, hat jener Geist der Ausebnung sein Hauptquartier aufgeschlagen, welcher den Unterschied zwischen Stadt und Land ebenso gut für gefallen hält, wie den Unterschied der Stände. Den künstlichen, unächten Städten stellen sich in der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft die unächten Stände zur Seite, und der Ursprung beider weist auf dieselben Zeitläufte zurück. So zeigt es sich in dieser von der Natur gegebenen Unterscheidung der Stadt- und Landgemeinden recht deutlich, daß die Gemeinde ein Kleinbild nicht nur des Staates, sondern mehr noch der Gesellschaft ist, daß in ihr die Interessen beider am tiefsten in einander verwachsen sind. In der That, es ist gefährlich, Stadt und Land zu unterscheiden, denn wo ihr es thut, seyd ihr zur Hälfte schon den verfehmten Ideen von der natürlichen Gliederung der Gesellschaft verfallen! Wo in den Gemeindeordnungen Stadt- und Landgemeinden aus einander gehalten werden, da hat man auch schon einen Fuß auf den Pfad der socialen Politik gesetzt. Sehet euch für, dieser Pfad ist sehr abschüssig! Im Mittelalter zeigen die Dorfordnungen weit buntere Vielgestalt und Eigenart, als die Gemeindeverfassungen der Städte. Das ist nichts Zufälliges. Auf dem Lande wuchert überhaupt die sociale Besonderheit am üppigsten, in der Stadt wird sie ausgeglichen. Auch in der Gemeinde ist hier der Gegensatz von Natur und Civilisation angedeutet. Während die preußische Städteordnung von 1808 die Verfassungen der Stadtgemeinden zusammenschmolz, blieben die landschaftlichen Eigenthümlichkeiten in den Dorfgemeinden großentheils fortbestehen. Die westphälischen Landgemeinden hatten bis in das helle 19. Jahrhundert hinein ihre mittelalterlichen erblichen Schultheißen, und hätte nicht Napoleon dieser seltsamen socialen Würde, in welcher eine Bauernaristokratie ihre Eigenherrlichkeit versinnbildete, ein Ende gemacht, so würde sie vielleicht heute noch in Kraft seyn. Gerade in unsern Tagen wird es wieder recht einleuchtend, wie schwer es ist, das Dorfgemeindewesen eines Staates wie Preußen unter einen Hut zu bringen. Jede Provinz, die ihre eigene sociale und politische Geschichte hat, besitzt auch ihre eigenen Voraussetzungen des Gemeindewesens. Ich gedachte bereits im Eingange dieses Kapitels der zwiefachen ländlichen Siedelungen in Westphalen diesseit und jenseit der Lippe. In diesem Gegenbilde von Dorf- und Hofverfassung zeigt sich die Doppelart des socialen und politischen Gemeindebürgerthums bereits seit Jahrhunderten mit wunderbarer Klarheit vorgebildet. Nördlich der Lippe bildet der »Hof« für sich die sociale Gemeinde, eine Gruppe von benachbarten Höfen dagegen schließt sich zusammen zur politischen und kirchlichen Gemeinde. Diese Gemeinde ist nur ein geographischer Bezirk, der einen Verband zu polizeilichen, kirchlichen u. Zwecken in sich begreift; Gemeindeeigenthum, Gemeindehaushalt gibt es aber in diesem Bezirke nicht; was etwa dahin gehörte, fällt den einzelnen Gehöften, den socialen Gemeinden, zu. Ganz anders ist es dagegen auf dem südlichen Lippeufer, im Lande der Dorfverfassung. Hier ist die sociale Grundlage der Gemeinde fast bis zum socialistischen Extrem ausgebildet und in die politische Form verschmolzen. Es ist dies jener uralte Socialismus der deutsch-suevischen Dorfverfassung, wie ihn Julius Cäsar geschildert und der sich durch fast zwei Jahrtausende lebendig erhalten hat. Sämmtliche Aecker, Wiesen, Gärten, Weiden, Waldungen des Dorfes bilden ein geschlossenes Ganze, die Dorfmark. Die Einwohner besitzen dieses Ganze nur als eine sociale Körperschaft, ihre Antheile daran sind gleich Aktien nutznießlicher Art. Nur dieses sociale Verhältniß hat man dort ursprünglich die »Gemeinde« geheißen, und dabei von dem politischen Verband der Eingesessenen zu polizeilichen, gerichtlichen, kirchlichen Zwecken ganz abgesehen, wählend man umgekehrt im Lande der Hofverfassung nur den politischen und kirchlichen Verband die Gemeinde schlechtweg nennt. Aehnliche und noch viel weiter verzweigte Gliederungen des Gemeindelebens in der Gemeinde haben sich, in alten Städten erhalten. So gab es in Erfurt bis auf diesen Tag innerhalb des großen Ganzen der Stadtgemeinde eine Reihe kleinerer Kreise, sogenannte »Specialgemeinden.« Es waren ursprünglich kirchliche Gemeinden gewesen, später aber wurden es politische Gemeinden innerhalb der Sammtgemeinde, welche ihre eigenen Hauptleute besaßen, von denen der eine jährlich gewählt wurde, der andere fest im Amte blieb, daher man ihn den »eisernen Hauptmann« nannte. Von diesem dem mittelalterigen Drang des Sonderns und Gliederns entsprechenden Institut kleinerer Gemeinden in der Gemeinde finden sich auch in Köln, Augsburg, Frankfurt und anderen Städten noch Trümmer, bei denen gleichfalls der Pfarrsprengel allmählig in einen politischen oder socialen Kreis umgewandelt worden war. In Rostock hat man erst neuerdings die alte sociale Vertretung durch »Quartiere,« in welchen die Zünfte und die Kaufmannschaft begriffen sind, wieder aufgefrischt. Bei dieser Gelegenheit kam es aber zu mancherlei Streit und Widerspruch, die Polizei wollte das letzte Wort reden, und die Stadt, welche ohnedieß dazumal als der Herd der mecklenburgischen Demokratie verschrieen war, zog sich die besondere Ungnade des Fürsten zu. Um nun diese Mißstimmung des Großherzogs gegen die Stadt zu beseitigen, faßten die Quartiere im Einverständniß mit dem Rathe einen Beschluß, auf »Wiederannäherung« an den Landesherrn. Dieser wunderliche Ausdruck ist höchst bezeichnend für die ganze Stellung Rostocks, welches sich halb als mecklenburgische Stadt, halb als freie Hansestadt weiß, einer Stadt, deren Selbstverwaltung an kein Oberaufsichtsrecht des Staates gebunden ist, ja welche den Landesgesetzen erst durch eigene Publication in Stadt und Gebiet Gültigkeit verschaffen muß. Da läßt sich ja wohl auch noch ein Beschluß der »Wiederannäherung« an den Großherzog fassen. Bei dieser Gelegenheit mochten wir darauf aufmerksam machen, daß die Trümmer und Träume des alten Städtelebens , in der Form, wie sie namentlich in den ehemaligen Reichsstädten jetzt noch leben und weben und von neuer Sitte durchwachsen sind, bei weitem nicht mit dem Fleiß aufgezeichnet und beglaubigt werden, wie wir es von den alten Sittentrümmern des bäuerlichen Volkslebens seit Jahren selbst in der Tagespresse gewohnt sind. Es fordert ersteres freilich ein mühseliges Forschen und Beobachtungen, welche nicht bei kurzem Aufenthalt, sondern nur bei längerem Einleben in einer einzelnen Stadt gewonnen werden können. Aber das Beginnen ist auch dankbar, es fördert überraschend neue zeitgeschichtliche Stoffe zu Tage und liefert neue Beweisstücke für das tiefangelegte Sonderthum, welches immer noch durch das deutsche Städtewesen geht. Bei der Erkenntniß dieser Mannichfaltigkeit eigenster Gebilde im Kreis der Städte selber wird dann der Gedanke gar nicht aufkommen können, als habe nun vollends der Unterschied von Stadt- und Landgemeinden in der Gegenwart sich bereits glatt und platt ausgeglichen. Es werden allerdings in vielen, den großen Städten benachbarten Dörfern jetzt bürgerliche Gewerbe betrieben. Aber auch nur das ächte Stadtkind, dessen Blick nicht über den Umkreis hinausreicht, den man von seinem städtischen Pfarrthurm aus beherrschen kann, wird sich der Täuschung hingeben, als seyen alle Landgemeinden gleich dieser Vorpostenkette von halbstädtischen Dörfern. Siedelt der großstädtische kleine Handwerksmann jetzt häufig in die naheliegenden Dörfer über, dann ziehen sich die Bauern auch ebenso stark aus Städten heraus, in denen sie vor fünfzig bis hundert Jahren noch einen starken Theil der Insassen bildeten. Noch im Anfang dieses Jahrhunderts gab es in Deutschland eine Masse ächter »Bauernstädte.« Es waren Städte mit Thoren und Wall und Graben und städtischen Vorrechten, wohl gar Residenzen und Hauptstädte. Und doch verspottete man sie mit Recht mit dem Spruch: »wenn alle Bauern aus der Stadt in's Feld gegangen sind, dann ist kein Bürger mehr zu Hause.« Diese Städte sind fast alle entweder zu wirklichen Sitzen des Bürgerthums umgewandelt, oder sie sind thatsächlich, das heißt social Dörfer geworden, die nur noch den nichtssagenden politischen Titel einer Stadt führen. Dieser Umwandlungsproceß wird sich in wenigen Menschenaltern vollendet haben. Die deutschen Staatenkörper müssen über kurz oder lang aus vielen kleinen zu wenigen großen zusammenwachsen. Aber jeder Schritt dieser Centralisation löst eine Reihe von kleinen zwitterhaften Landstädten auf und gibt ihnen den reinen Dorfcharakter wieder. Nur die Kleinstaaterei kann dauernd den Unterschied von Stadt- und Landgemeinden verwischen. Ihr aber steuert unsere Zukunft nicht entgegen. Man hat für einzelne deutsche Länder durch Zahlen nachgewiesen, daß das Handwerk in seinen bedeutendsten Zweigen (Schmiede, Schneider, Schreiner, Zimmerleute, Maurer u.) ebenso stark oder nur um ein geringes schwächer auf dem Lande als in der Stadt vertreten sey. Dieser Nachweis hat aber für die sociale Scheidung von Stadt und Land nur halben Werth. Die socialen Gruppen gliedern sich nicht schlechtweg nach der Arbeit, sondern nach der aus der Arbeit aufkeimenden, in der Sitte geschiedenen Lebensart. Der Schmied und Schuster und Schneider auf dem ächten Bauerndorf (und hierher zählt immer noch die ungeheure Mehrzahl unserer Dörfer) ist und bleibt eben ein gewerbtreibender Bauer, dessen Hauptgeschäft in der Regel der Ackerbau, dessen Nebengeschäft das Handwerk ist und der sich in Sitte und Lebensart, ja sogar auch Geschäftsbetrieb auf's entschiedenste vom städtischen Handwerker unterscheidet. Es ist sogar die Zahl der auf dem Lande wohnenden »Musikanten« vielfach größer als die der städtischen. Es sind dann nämlich alle Dorfmusikanten, die am Werktag pflügen und am Sonntag geigen, unter diese Ziffer begriffen. Es wird aber Niemand daraus folgern wollen, daß sich die Kunst jetzt vorwiegend auf das Land gezogen habe und die Musik zumeist in den Bauerndörfern blühe. Vielmehr ist der einzig richtige Schluß aus solchen Ziffern, daß eine lediglich aus den Gesichtspunkten der Gewerbesteuer aufgestellte Bevölkerungsstatistik für die sociale Statistik durchaus ungenügend ist. Der Geschäftsberuf und der gesellschaftliche Stand ist keineswegs ein und dasselbe. Es ist auch eine ganz unbegründete Annahme, als sey der beiläufige Gewerbebetrieb beim Bauernvolke früher nicht vorhanden gewesen und ein ganz neues Wahrzeichen der angeblichen Verschmelzung von Stadt und Land. Dörfer, wo der Pflug das einzige Werkzeug ist, welches die Insassen zu handhaben verstehn, waren vordem so selten als jetzt. Die Bauern vor hundert Jahren haben ihre Pferde ebenso wenig von städtischen Schmieden beschlagen, ihre Wagen von städtischen Wagnern bauen, ihre Häuser von städtischen Meistern zimmern lassen, als die heutigen. Im Gegentheil haben sie damals eine Menge derartiger Geschäfte selber besorgt, die sie heute in der Stadt besorgen lassen, und man kann in diesem Sinne sagen: es gibt jetzt mehr reine Bauern als früher. Es fiel aber auch damals Niemanden ein, den Dorfschmied für einen Handwerker zu nehmen und den Dorfmusikanten für einen Künstler, sondern man nahm beide für das, was sie sind, in ihrer ganzen socialen Natur, für Bauern. Hier zeigt es sich wiederum recht klar, daß wir bei der von allen Parteien gesuchten neuen Gruppirung der bürgerlichen Gesellschaft durchaus zu keinem folgerecht durchzuführenden Eintheilungsgrunde kommen, wenn wir äußerlich bloß von den geschäftlichen Berufen ausgehen, statt von dem in Geschäft, Sitte und Lebensart gleichmäßig gewurzelten socialen Beruf, der eben bei dem handwerkenden Bauern ein ganz anderer ist als bei den bürgerlichen Gewerbtreibenden. Vordem hat der Kaiser durch seine Privilegien die Städte gemacht, jetzt macht die Eisenbahn die Städte. Mauern und Thore, auch wenn sie nur ein Dutzend Bauernhütten beschlossen, bildeten sonst das äußere Wahrzeichen der Stadt. In Zukunft wird man die Stadt an dem innern Wahrzeichen von Beruf und Sitte ihrer Einwohner erkennen. An die Stelle der oft willkürlichen politischen Scheidung von Stadt- und Landgemeinde tritt mehr und mehr die nothwendige sociale. Bei dieser Uebergangsbildung, in welcher wir uns gegenwärtig befinden, mag es dann freilich für manches befangene Auge den Anschein gewinnen, als werde der Unterschied zwischen Stadt- und Landgemeinde überhaupt verwischt. Nur die alte willkürliche äußerliche Gränzlinie ist es, die verwischt wird. In den Dörfern wird das sociale und politische Gemeindebürgerrecht in einander aufgehen, sich decken, denn dort wohnt die beharrende Bevölkerung; in den Städten werden beide Arten des Bürgerrechts auseinandergehen, denn hier wird das bewegende und bewegte Element im Bürgerstande immer mehr Raum gewinnen. Abseiten der großen Verkehrswege werden die Dörfer und Landstädte immer dorfmäßiger werden, während die großen Städte in riesigem Maßstabe anwachsend, immer großstädtischer sich gestalten. Dadurch muß sich ein so schroffer Gegensatz von Stadt- und Landgemeinden herausbilden, wie man ihn vordem gar nicht geahnt hat, wie man ihn jetzt noch nicht kennt. Die zwei scheinbar geringfügigen Thatsachen, daß es bei jedem Schritt, den die moderne Gesittung vorwärts thut, auch immer tieferes Bedürfniß wird, der fluthenden, zeitweilig seßhaften und doch gemeindelosen Stadtbevölkerung eine neue Möglichkeit des Gemeindelebens zu schaffen, und aufzuräumen in dem babylonischen Wirrsal, das gegenwärtig in der Definition von Stadt- und Landgemeinden herrscht: diese einfachen Thatsachen sind an sich schon mächtig genug, die gründlichste Reform unserer ganzen bürgerlichen Ordnung zu erzwingen. Durch die Gemeinde führt der Weg zur socialen Politik. Im kleinen ist durch jene zwei Thatsachen ganz dasselbe Streben vorgesteckt, von dessen Erfüllung im großen man die Reform der ganzen Gesellschaft weissagt: die social heimathlos gewordenen Glieder der Gemeinde wie der Gesellschaft sollen unter einer neuen beweglicheren Form wieder eingebürgert und seßhaft gemacht, die in der jetzigen Uebergangsphase äußerlich verwischten Gruppenbildungen der Gemeinde wie der Gesellschaft mit neuen festen Linien umrissen werden. Die Dorfgemeinde entspricht dem Bauernthum, die Stadtgemeinde dem Bürgerthum. Die Thatsache dieser beiden Stände wird darum auch am wenigsten angefochten, weil beide in der Gemeinde bereits eine örtliche Unterlage ihres socialen Bestandes sich gegründet haben. Ein der Gruppe der Aristokratie entsprechendes Gebilde der Gemeinde würde erst dadurch möglich werden, daß dieser Stand sich der wirthschaftlichen Basis seines socialen Berufes als Inhaber des geschlossenen großen Grundbesitzes wieder tiefer und allgemein bewußt würde. Das Sträuben des Landadels, sich dem politischen Organismus der Dorfgemeinde unterzuordnen und der Gewalt des Schulzen zu fügen, beruht vielfach auf einer gänzlichen Verkennung von Wesen und Würde der modernen Gemeinde. Bei Vielen wird aber auch diesem Sträuben das ganz richtige Gefühl zu Grunde liegen, daß der große Grundbesitzer in der Dorfgemeinde, in deren Banne er zufällig wohnt, seine sociale Heimath durchaus nicht finden kann. Früher dachte man wohl, daß das Rittergut an und für sich eine Gemeinde darstelle, und der Ritter war Schultheiß, Magistrat und Gemeinde in Einer Person. Eine solche Fiktion würde jetzt Vielen sehr barock erscheinen. Allein in einem nicht bloß politisch, sondern auch social wohl ausgebauten Staate wird es wenigstens nicht ungereimt seyn, die Genossenschaft der großen Grundbesitzer eines ganzen Gaues als eine sociale Sammtgemeinde zu fassen. Ob diese Rittergutsbesitzer dann auch allesammt Ritter seyen, wäre hierbei völlig gleichgültig. Denn obgleich die Gemeindegruppen im Allgemeinen den Gesellschaftsgruppen entsprechen, fallen sie doch keineswegs vollständig mit diesen zusammen, wie die Stadt immer der Sitz des Bürgerthums bleiben wird, wenn auch neben der bürgerlichen Mehrheit noch Adelige, Bauern und Proletarier in Masse wohnen. Das deutsche Gemeindewesen duldet durchaus keine Gleichmacherei, in socialer Hinsicht so wenig als in politischer. So gewiß das Streben jedes deutschen Patrioten auf eine nach außen geschlossene staats- und völkerrechtliche Einigung des großen Vaterlandes gerichtet ist, so gewiß würde es eine Sünde gegen den Geist der deutschen Nation seyn, wollte man das Gemeindewesen, wollte man die gesellschaftsbürgerliche Ordnung der einzelnen Länder und Landschaften über Einen Kamm scheeren. Die Uniformirung des Gemeindewesens läuft jenem germanischen Freiheitssinn geradezu wider die Natur, der da will, daß man ihn bei seinen persönlichen, häuslichen Angelegenheiten in persönlicher Eigenart ungestört sich entfalten lasse. Die deutschen Gemeinden bestehen aus einer bunten Reihe moralischer Personen, die aber wirklich ein persönliches Gepräge tragen, die Charaktere sind, häufig Karikaturen, aber doch immer persönlich charaktervolle Karikaturen, nicht todte politische Rubriken. Selbst der kirchlichen Gemeinde gibt der deutsche Protestantismus Raum zur absonderlichsten Vielgestalt. Es ist nicht zufällig, sondern wesentlich deutsch, daß in Deutschland fast bei jeder protestantischen Kirchengemeinde ein eigenes mündlich fortgepflanztes Gemeindeherkommen gilt. Der romanische Geist dagegen centralisirt das Gemeindewesen. Er hat auch die Kirchengemeinden des katholischen Deutschlands gleichheitlich zusammengeschweißt und jene Fülle örtlich abgestufter kirchlicher Sitte, die im protestantischen Lande wuchert, nirgends aufkommen lassen. IV. Die Dreitheilung in der Volkskunde Deutschlands Erstes Kapitel. Thesen zur deutschen Landes- und Volkskunde 1. Das deutsche Tiefland; hochgebirgiges und mittelgebirgiges Deutschland. Auf den ersten Blick erscheint alles deutsche Land in zwei große Massen der Bodenoberfläche getheilt: Tiefland und Hochland; Nieder- und Oberdeutschland. Im Norden läuft die große uralische Niederung längs der Meeresküsten her und erstreckt sich in einer Breite von durchschnittlich vierzig Meilen in das Innere Deutschlands herein. Diese norddeutsche Tieflandszone nimmt etwa ein Drittel der Gesammtfläche Deutschlands hinweg. Dann aber erhebt sich ein Bergwall, der bei den Oderquellen am Westende der Karpathen beginnend unter häufig wechselnden Formationen und Namen bis zu den Ardennen hinüberzieht, gegen Norden vielfach in das Tiefland eingreifend: die mächtige Schwelle Oberdeutschlands. Dieser für die ganze Culturentwickelung Deutschlands so entscheidende Bergwall hat merkwürdiger Weise keinen gemeinsamen volksthümlichen Namen. Darin liegt ein tiefer Sinn. Denn eben dieses namenlose Gebirg sollte der eigentliche Grundbau der guten deutschen Mannichfaltigkeit und der schlimmen deutschen Zerstückelung werden. Die moderne Landeskunde hat die ganze Kette dagegen mit mancherlei volltönenden Namen getauft! ich nenne den gesammten über 130 Meilen langen Berggürtel kurzweg das deutsche Mittelgebirge . Von da gen Süden steigt der Boden fortwährend. Massenhafte Hochflächen (wie in Bayern), massenhafte Gebirgsbecken (Böhmen) bilden den Uebergang zu den Alpen. Das eigentliche Oberdeutschland breitet sich vor uns aus, dessen Bodenfläche nur ausnahmsweise in tiefen Einschnitten unter 800 Fuß über den Meeresspiegel sinkt. Dieses gebirgige Oberdeutschland könnte man – dem Boden nach – auch das alte Deutschland, Ur-Deutschland nennen; die erst viel später dem Meere entstiegene Tiefebene dagegen das neue Deutschland. Der Bevölkerung nach würde sich aber die Benennung umkehren müssen; denn im Norden strömen zuerst die Germanen ein, während in Oberdeutschland noch lange die Kelten sitzen bleiben. Eine genauere Rundschau zeigt jedoch, daß Oberdeutschland wieder aus zwei grundverschiedenen Gebirgsgruppen besteht. Der große nördliche Grenzwall, das namenlose deutsche Mittelgebirge, ist eine wahre Musterkarte der mannichfaltigsten Gestein- und Bodenarten; das südliche Hochgebirg dagegen mit seinen vorgeschobenen Hochflächen und Becken strebt nach einförmig massenhaften Gebilden. Dieser Unterschied ist im geologischen Bau wie in dem äußeren landschaftlichen Gepräge so groß, daß die massenhafte Hochgebirgszone oft weit mehr Aehnlichkeit zeigt mit der einförmig massenhaft angelegten Tiefebene des norddeutschen Küstenlands als mit den zerstückelten Formen des Mittelgebirges. So kommen wir denn zu einer dreifachen Gliederung der deutschen Bodenoberfläche: Das deutsche Tiefland . Das mittelgebirgige und das hochgebirgige Deutschland. 2. Dreitheilung der deutschen Wasserlinien. Das deutsche Tiefland ist vorwiegend Küstenland und schon hierdurch ganz besonders berufen zu Schifffahrt und Handel. Aber auch die Flußzüge bilden hier große, schiffbare Wasserstraßen. Fast in Parallelzügen strömen Niederrhein, Ems, Weser, Oder und Weichsel in ruhigem Strom und festen Bahnen dem Meere zu. Eine Flußschifffahrtslinie von mehr als 600 Meilen Länge erstreckt sich tief in's Land hinein. Hier fand also ein Handelsvolk den bereiteten Boden. Dagegen haben die Gewässer dieser Tiefebene sehr wenig Gefälle. Dies hinderte ein massenhaftes und allgemeines Gedeihen der Industrie. Dafür spricht schon die Geschichte der ältesten industriellen Anlagen: der Mühlen. Jahrhunderte lang hatte Mittel- und Oberdeutschland bereits Wassermühlen besessen, bevor man im norddeutschen Küstenlande den großen Fortschritt von der Handmühle zur Windmühle machte. Erst in der modernen Zeit beginnt die Kraft des Dampfes hier ausgleichend zu wirken. Das mittelgebirgige Deutschland zeigt eine ganz andere Flußkarte. Hier ist ein nach allen Winden ausstrahlendes Netz von Flüssen und Bächen. Schifffahrt und Industrie theilen sich im Ausbeuten dieser Wassergefälle. Namentlich aber ließen die zahllosen, überallhin verbreiteten, kleinen und doch nutzbaren Wasserkräfte eine beispiellose Mannichfaltigkeit der industriellen Entwickelung zu. Am Rande des mitteldeutschen Bergwalles lagern die großen Steinkohlenschätze der Saar und Ruhr, der Eifel, des Thüringer Waldes, des Erzgebirges und Riesengebirges. Als Vorposten Mitteldeutschlands schiebt sich, auf diese Kohlenschätze gegründet, die Maschinenindustrie im Nordwesten weit in's Flachland vor. Während die Parallellinien der großen Ströme das norddeutsche Tiefland zu großen Massen vereinen, wird das mittelgebirgige Deutschland durch die planlos gekreuzten Thal- und Flußlinien zerstückt. Elbe und Rhein durchbrechen den ganzen Gebirgswall, Donau- Rhein- und Elbegebiet zieht gegeneinander und verschlingt sich ineinander. Darum sind hier jene berühmten Dachtraufen zu finden, von welchen das Regenwasser nach zweien Meeren abläuft, und die Bergköpfe, von welchen man in acht bis zehn deutsche Staaten hineinschauen kann. Das hochgebirgige Deutschland läßt wiederum ein dem Norden verwandtes Gleichmaaß im Zuge der Flußlinien erkennen. Hier gibt es wieder eine einigende Hauptwasserstraße: die Donau. Fast in Parallelzügen fallen ihr die meisten größeren Alpenströme zu. Aber die meisten dieser wilden verheerenden Alpengewässer taugen weder zur Schifffahrt noch mögen sie sich dienstbar dem Gewerbe fügen. Sie verbinden die Gaue nicht, sondern schließen das Land in großen Massen ab. Der langsame Fortschritt, das reine Bauernleben zahlreicher Landstriche ist hier schon durch Berg und Fluß bedingt. Dagegen zieht im Südosten die Industrie in breiter, reicher Entfaltung durch Böhmen aus Mitteldeutschland herüber nach Oesterreich und bildet hier eine Enclave, die wie ein Gegenbild zu den westphälisch-niederrheinischen Industriestrichen am Saume der nordwestdeutschen Tiefebene erscheint. Die Grenzlinien lassen sich überhaupt nicht überall mathematisch genau ziehen, und die Dreitheilung der Tiefebene, des mittelgebirgigen und hochgebirgigen Deutschlands läßt sich keineswegs durch drei Parallellinien auf der Karte darstellen. Wie das Mittelgebirg im Osten schmal anhebt, dann aber im westlichen Zug sich immer mehr gegen Norden und noch stärker gegen Süden verbreitert, so geht auch das mittelgebirgige Deutschland herauf bis zum Bodensee und in die nördliche Schweiz, herunter bis gegen Köln. Seine größte Ländermasse liegt in West- und Südwestdeutschland, während im Osten, in Obersachsen und Schlesien niederdeutsche und oberdeutsche Art ganz nahe zusammenrücken. Auf der Karte würde also das mittelgebirgige Deutschland fast wie ein Dreieck aussehen, dessen einer Winkel in Schlesien, der andere am Bodensee, der dritte an der preußisch-belgischen Grenze bei Aachen läge. 3. Dreitheilung des Klima's Der Bodenbildung entsprechen klimatische Unterschiede. Die norddeutsche Ebene hat schwere, feuchte Luft, massenhaft gleichmäßigen Zug der Windströme, wie der Gewitter- und Nebelbildungen. Im hochgebirgigen Deutschland dagegen herrscht dünne, trockene Luft vor, schroffer Temperaturwechsel, die schärfsten Gegensätze der Jahreszeiten, verheerende Gewitter- und Hagelgüsse. In beiden Zonen aber stählt der Kampf mit den Unbilden des Klima's den Menschen. Das mittelgebirgige Deutschland weiß wenig von diesem Kampf. Hier gleichen sich die klimatischen Gegensätze aus, die milde weiche Luft der Thäler half wohl auch die Menschen behäbig, üppig und weich machen. Nur in den höheren Gebirgslagen wird man an die rauhe, sprunghafte, einen verzärtelten Körper aufreibende Witterung der süddeutschen Hochflächen erinnert. Wie die Luft von den norddeutschen Küsten hinauf zum hochgebirgigen Deutschland stätig leichter und dünner wird, so nimmt auch die Durchschnittsziffer der Selbstmorde von Norden nach Süden stätig ab. Mecklenburg steht hier voran, dann folgt Preußen: dagegen kommen in Bayern und Oesterreich am wenigsten Selbstmorde vor. Die Isothermen neigen sich im Osten Deutschlands gegen Süden herab und steigen im Westen gegen Norden auf. So erscheint also der Westen, das rheinische Land, die breite Basis des mitteldeutschen Dreiecks als das mit dem gleichförmig mildesten Klima gesegnete. Am frühesten der Cultur erschlossen, ist es zum Theil ebenso gründlich cultivirt als anderntheils auscultivirt. 4. Drei Gruppen der deutschen Pflanzengeographie. Die Tiefebene des Nordens ist noch reich an unbedingten Oedungen, als Dünen, Mooren, Sümpfen, Haiden; nicht minder der hochgebirgige Süden, wo sich zu den Haiden und Mooren Schneefelder und nackte Felsengebirge gesellen. Dagegen sind im mittelgebirgigen Deutschland fast alle größeren Oedungen längst der Cultur gewonnen und absolute Wüsten gleich den Dünen und Schneefeldern sind massenhaft gar nicht vorhanden. Im Norden treten die Wälder nicht nur in großen Massen auf, sondern auch die Art des Waldbestandes ist einförmig, vorwiegend in's Große und Ganze angelegt: große Nadelholz- und Birkenwälder im Osten, reine Buchenwälder in Holstein und Mecklenburg, reine Eichenbestände in Westphalen. Man kann Eiche und Buche immer noch die charakteristischen Waldbäume Norddeutschlands nennen, während sich im Mittelgebirg Nadelholz und Laubholz um den Vorrang streiten. Hier sind überhaupt die Wälder kleiner, zerrissener, die verschiedensten Baumarten wechseln in denselben; gemischte Waldbestände sind häufig. Freilich ist dies eine neuere Thatsache; denn vor anderthalbhundert Jahren herrschte auch im Mittelgebirg noch das Laubholz massenhaft und einseitig. Aber wie viel schärfer hat sich seitdem überhaupt die Dreitheilung im Bodenbau wie im Volksleben Deutschlands ausgeprägt! Die Uebergangsformen von Wald und Feldbau, in der Haubergswirthschaft, ferner von Forstwirthschaft und Forstgärtnerei, wie von Waldarbeit und gewerblicher Arbeit (im Eichenschälwald) finden im Mittelgebirg ihren Stammboden. Dagegen sehen wir im hochgebirgigen Deutschland wieder massenhafte und einförmige Wälder. Entschieden überwiegt das Nadelholz. In zahlreichen Winkeln des Hochgebirgs wuchern die Bäume noch wie im Urwald und tausende von mächtigen Stämmen brechen vor Alter verwitternd in sich zusammen, bevor die Axt des Holzhauers sie erreicht. Dieselben Gegensätze wiederholen sich auf anderen Gebieten der Pflanzenwelt. Man hat den allgemeinen Satz aufgestellt, daß in Norddeutschland die Flora ärmer sey an Gattungen, die Gattungen aber reicher an Individuen als in Süddeutschland. Dabei ist jedoch Süddeutschland, wie so oft, mit dem mittelgebirgigen Deutschland verwechselt. Der eigentliche Süden, die Zone der Hochflächen und Hochgebirge, zeigt wieder massenhaft gesellige Haidepflanzen, Alpenpflanzen, Sumpf- und, Moorpflanzen, Wiesenkräuter, wie die nach großen Gruppen vertheilten Gewächse der Wald- und Feldcultur: er ist also (mit Ausnahme der mildesten südlichen Hochgebirgsthäler) bei weitem nicht durch die auf kleinstem Raume mannichfaltigste Pflanzenfülle ausgezeichnet wie die Mittelgebirge. Unbedingt gilt dies namentlich von den Culturpflanzen. Im Norden sehen wir ungeheure gleichförmige Getreidefluren, weitgedehnte Kartoffelfelder, große zusammenhängende Wiesengründe, Haiden, die auf viele Stunden Wegs mit geselligen Haidekräutern derselben Gattung überdeckt sind. Die gleiche Erscheinung wiederholt sich auf den südlichen Hochflächen und dem Waideland der Alpen. Im Mittelgebirgsland dagegen wechseln Brod- und Handelsgewächse und Obstbäume aller Art auf kleinstem Raume. In ganzen Gauen wird der Acker schier zum Garten. Nicht bloß die Bodenbildung, auch der damit zusammenhängende Gattungsreichthum der Flora lädt hier ein zur Kleingüterei, wie er andernseits wieder durch letztere zum Aeußersten erhöht wird. So konnte also in Mitteldeutschland der Ackerbau zu gartenmäßiger Vielgestalt gebracht werden, während er im Norden und Süden weit mehr durch die Massen seiner Produkte mächtig ist. Entsprechend haben die rohesten, ursprünglichsten Wirthschaftsweisen noch ihren Hauptsitz im Tiefland und im Hochgebirg: Waidewirthschaft oder Graswechselwirthschaft geht durch fast alle norddeutsche Küstenländer, wie durch die Alpenstriche, die alte Dreifelderwirthschaft herrscht noch immer in Bayern, Oesterreich, Böhmen, einem großen Theile von Preußen, Hannover und Braunschweig. Dagegen ist die vollendetste, geschulteste Bauart des Fruchtwechsels recht eigentlich in Mitteldeutschland zu Hause: Sachsen, das südliche Westphalen und Schlesien, die Pfalz, Württemberg und Baden gehen hier voran im durchgebildetsten landwirthschaftlichen Betrieb. Als Parallele dazu kann man anführen, daß auch die älteste, roheste Betriebsart des Waldbaus, die Fehmel- oder Plänterwirthschaft nur allein im Hochgebirg und einzelnen unbedingten Waldstrichen der Meeresküste ihr Recht nicht nur behauptet hat, sondern behaupten muß. Denn der Kampf mit der Natur zwingt hier, wie beim Ackerbau, zum einfachsten aber auch unergiebigsten Wirthschaftsverfahren. 5. Geschichtliche Entwicklung der drei Volksgruppen. Im Nordosten strömen die deutschen Stammvölker in die Tiefebene ein und bilden dort für viele Jahrhunderte ein Hinterland des rohen, ursprünglichen deutschen Volksthumes. Im Südwesten dagegen stößt deutscher Naturwuchs zusammen mit römischer Cultur. Hier bildet sich der eigentliche Heerd der mittelalterlichen Gesittung, in welcher germanische und romanische Eigenart verschmolzen erscheint. Das südwestliche Mitteldeutschland wird die bewegende deutsche Culturmacht des früheren Mittelalters. während die Bewohner des Rheingebiets, siegend oder besiegt, im Kampfe mit höher civilisirten Völkern deren Gesittung aufnehmen und weiterbilden, erprobt sich die Naturmacht des deutschen Volksthumes im Norden und Südosten gegen barbarische Völker, von denen wenige oder gar keine Bildungselemente in jene Gaue einströmen konnten. Das entscheidende deutsche Culturvolk des früheren Mittelalters, die Franken, übernimmt die große Rolle der Verschmelzung deutschen und romanischen Wesens je mehr es aus seinen ursprünglichen nordwestlichen Sitzen heraufsteigt zum Nieder- und Mittelrhein. Der Geist der Wildniß, zugleich aber auch der strengen, harten germanischen Eigenart, weicht von ihm, so wie es aus den Marschen des Küstenlandes dem Zauberbanne des mittelgebirgigen Westdeutschlands näher rückt. Wie ein Keil schieben sich die Franken zuletzt in das mittelgebirgige Deutschland selbst hinein und Klodwig legt schon am Mittel- und Oberrhein den Grund einer neuen fränkisch-deutschen Cultur. Die mächtigen Nebenbuhler der Franken in unserer älteren Culturgeschichte, die Gothen, kommen hier nicht in Betracht, weil ihre Sitze außerhalb der Grenzen des späteren Deutschlands fallen, und weil sie ihr Volksthum auch nicht zum Theil wenigstens, gleich den Franken, selbständig zu bewahren wußten, sondern es ganz hingegeben haben in den großen Zersetzungsproceß mit dem Wesen der besiegten Romanen. Karl der Große gründete den Stuhl seiner Weltmacht im westlichen Mitteldeutschland. Durch ihn wird der Rhein erst recht der König der deutschen Flüsse. Die dichterische Feier rheinischer Natur, rheinischen Geistes, rheinischer Sage und Geschichte zieht sich von da an durch alle Zeitstufen unseres Volkslebens. Die Heimwehseligkeit nach dem Rhein, die den Deutschen auch dann so oft beschleicht, wenn er kein Rheinländer, ist zugleich das Heimweh nach der verklungenen Herrlichkeit der poetischen Jugendtage unserer nationalen Macht. Und diese Jugendgeschichte ist überwiegend eine mitteldeutsche, eine rheinische Geschichte bis zu den Tagen der Hohenstaufen – oft auch nur ein rheinisches Mährchen. Dem vielfach gemischten deutschen Culturvolk der Franken steht im Norden das rein germanische Naturvolk der Sachsen gegenüber, während im Südosten noch der deutsche Boden den aus Ungarn andringenden Barbaren abgerungen werden muß. In den Glaubens- und Nationalitätskämpfen Karls des Großen im deutschen Norden und Südosten sind es bereits die Vorgebilde der später immer kräftiger entwickelten deutschen Volksdreiheit, welche auf einander stoßen. Mit dem Erlöschen der karolingischen mitteldeutschen Großmacht schiebt sich der Schwerpunkt des kaiserlichen Regiments wie der Culturblüthe auf längere Zeit von der westlichen Basis des mitteldeutschen Dreiecks gegen das Innere unsers Mittelgebirgslands vor. In dem Jahrhundert der Herrschaft der sächsischen Kaiser werden in Thüringen und Obersachsen neue Herde der Gesittung und Staatsmacht gegründet; dieses Land wird nun erst recht hineingezogen in die Individualisirung des mitteldeutschen Volkslebens. So geht es weiter bis in die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Durch Thüringen und Sachsen zum Rheine geht die Achse der großen Culturentwickelungen und mit den Hohenstaufen wird im mittelgebirgigen Deutschland zum letztenmale das bewegende Centrum unserer nationalen Macht aufgestellt. Greifbar hat sich die Geschichte der alten Culturmacht Mitteldeutschlands verkörpert in den Baudenkmalen. Denn die Baukunst des Mittelalters war wie keine andere an den Zusammenhang von Land und Leuten gebunden. Die älteste deutsch-romanische Architektur der karolingischen Zeit hat ihre Werke am Rheine gegründet. Dann aber verdeutscht sich der Basilikenbau des romanischen Styles immer mehr, je entschiedener die Architektur zur Zeit der sächsischen Kaiser nach Sachsen und Thüringen hinüberdringt. Die kunstgeschichtlich wichtigsten Denkmale reihen sich hier genau an die Mittelgebirgszone: der Harz und der Thüringerwald bilden auch in der Geschichte der Architektur die Brücke zum Norden für das am Rheine erweckte Kunstleben. Dann fluthet zur Zeit der fränkischen Heinriche und der Hohenstaufen der Strom der künstlerischen Entwickelung wieder zurück zum Südwesten, um auch die Binnengaue am Obermain, in Hessen, in Schwaben befruchtend zu erfüllen. Die höchste Blüthe des romanischen Styles und die keusche Frühblüthe der Gothik gehört nicht mehr bloß dem Rheinthal an, sondern dem ganzen weiten Rheinstromgebiet sammt den in's Mittelgebirge verflochtenen Wassernetzen der Donau, Weser- und Elbe – dem ganzen mittelgebirgigen Deutschland, aber die eigentliche Basis bleibt doch auch hier immer noch die Rheinlinie. Mit dem Schlusse des dreizehnten Jahrhunderts hat das Mittelgebirgsland seine volle Individualisirung erreicht, seine Culturmacht nach allen Seiten entfaltet und fortgepflanzt. Darum beginnen jetzt die zwei andern großen Gruppen deutscher Landes- und Volksart in den Vordergrund zu treten. Schon lange hatte sich im Stillen die kriegerische, gesammelte, unabhängige Macht der östlichen Markgrafen gefestet. Die Kreuzzüge machen das südöstliche Donau- und Alpenland zur großen Bühne des Zwischenhandels im orientalisch-nordischen Weltverkehr. Mit Rudolph von Habsburg hört Mitteldeutschland auf, die Basis der kaiserlichen Hausmacht zu bilden und das Ostreich im hochgebirgigen Süden tritt in diese Rolle ein. Böhmen greift mitentscheidend herüber in die deutschen Geschicke. In der norddeutschen Tiefebene wird die Hansa zu einer neuen Großmacht des deutschen Handels, der deutschen Kriegs- und Seetüchtigkeit und des Städtebürgerthums. Die Hansa und die großen landesherrlichen Städte des Nordens concentriren das Land. Der zersplitternde innere Zwist der Geschlechter und Zünfte, dann der Städte und Fürsten berührt das mittelgebirgige Südwestdeutschland am tiefsten, den hochgebirgigen Süden und die nordische Tiefebene dagegen nur wenig. Im Nord- und Südosten dringt jetzt deutsches Volk, niederreißend und erbauend zugleich, in die Slavenländer; im Südwesten dagegen verhält sich alsbald das deutsche Volksthum nur noch vertheidigend und abwehrend gegen das centralisirte Frankreich, um zuletzt die wichtigsten Grenzstriche demselben preiszugeben. Auch hier versinnbildet uns die Entwickelung der Architektur den Umschwung in der politischen und Culturmacht. Im vierzehnten Jahrhundert erst erhält das Ostseeland seine eigensten Baudenkmale in den strengen, schlichten, oft massenhaft gewaltigen und kühnen Kirchen- und Schlösserbauten dieses weiten Striches, die unter sich ebenso nahe verwandt sind als grundverschieden von der mitteldeutschen Gothik. So war Mitteldeutschland am frühesten mächtig, am frühesten durchgearbeitet und gegliedert, aber auch am frühesten zerstückt und als selbständige Macht aufgelöst. In tausend Einzelzügen aus der Geschichte der alten Zeit bis herab zu unsern Tagen ließe sich dieß noch weiter ausführen. Der Erfolg liegt jetzt vor Aller Augen. Im nördlichen Tiefland und in der süddeutschen Hochgebirgs- und Hochflächenzone haben die großen und mittleren Staaten Deutschlands die Pfeiler ihrer Macht gefunden. Die städtischen Mittelpunkte des Großhandels, der Kunst und Wissenschaft, der modernen landesherrlichen Macht und theilweise auch der Industrie, sind immer umfangreicher und bedeutsamer im centralisirten Süden und Norden erwachsen, während uns in Mitteldeutschland weit mehr die Vielgestaltigkeit, Geschmeidigkeit und Zerfahrenheit als die Machtfülle des deutschen Culturlebens entgegentritt. So charakterisirt es gegenwärtig schon den deutschen Norden und Süden, daß er im Eisenbahnnetz die größten und wichtigsten Linien des Weltverkehrs besitzt, während das mittelgebirgige Land ein weit reicher gekreuztes Eisenbahnsystem des Ortsverkehrs aufzeigt, die meisten Linien und die größten Strecken der Schienenwege auf kleinem Raum. 6. Die Vertheilung der Volksmassen Wie man unbedingte und bedingte Oedungen unterscheidet, Landstrecken, die überhaupt nichts Nutzbares erzeugen können, und Striche, die einstweilen noch wenig oder nichts erzeugen, so gibt es auch Gegenden, die für immer nur eine ganz magere Bevölkerung besitzen werden und solche, die aus historischen Gründen einstweilen noch dünn bevölkert sind. Unbedingt volksleere Gegenden fallen bei uns mit den unbedingten Oedungen zusammen: sie gehören dem Hochgebirg, den culturunfähigen Geröll- und Sandwüsten des Südens und Nordens an. Im mittelgebirgigen Deutschland finden wir auf den wasserarmen Flächen der Jurakalkgebirge, aus den Haiden des westlichen Basaltgebirgsgürtels u. s. w. Landstriche, die zur Zeit nur eine dünne Volksmasse ernähren, früher dagegen theilweise schon weit dichter bevölkert waren und überhaupt zu einer dichteren Bevölkerung durchaus nicht schlechtweg ungeeignet sind, Mitteldeutschland ist überall fähig einer dichten und dichtesten Bevölkerung, Nord- und Süddeutschland nicht überall. Mitteldeutschland besitzt aber auch jetzt schon im Großen und Ganzen weitaus die dichteste relative Bevölkerung. Abgesehen von den überall am stärksten bevölkerten Gebieten der großen Städte, zeigen die an der Schwelle des Mittelgebirges gelegenen Industriebezirke bei Düsseldorf, dann einige mittelrheinische und obersächsische Striche (namentlich Rheinhessen und der Kreis von Zwickau) die stärkste Bevölkerung. Hier wohnen zwischen 9-10,000 Menschen auf der Geviertmeile. Das Königreich Sachsen hat überhaupt die Durchschnittszahl von mehr als 7000 Bewohnern auf die Quadratmeile. In Hessen, der Rheinpfalz, Rheinpreußen, Baden, Württemberg und den thüringischen Landen geht diese mittlere Zahl durchaus über 5000. In Böhmen und Oesterreichisch-Schlesien sinkt sie schon auf 5000 herab, in Altbayern auf 2000-2500, in Salzburg, Tirol und Kärnthen auf 1100-1700; desgleichen in Oldenburg, Hannover, Mecklenburg und den nördlichen und östlichen preußischen Regierungsbezirken auf 1800-2800. So erhalten die Hauptstaaten der norddeutschen Tiefebene und der südlichen Hochgebirgszone, Preußen, Oesterreich und Bayern, obgleich sie theilweise bedeutend in reich bevölkertes Mittelgebirgsland hinübergreifen, doch nur eine Durchschnittsziffer von 3-4000 Köpfen auf die Geviertmeile, während diese Zahl bei den mitteldeutschen Staaten 5000 übersteigt. In der niedrigsten Ziffer trifft hier wieder der äußerste Norden mit dem äußersten Süden zusammen, indem in einigen westpreußischen und pommer'schen Bezirken, wie in einigen Gegenden Tirols nur 800-1000 Menschen auf der Quadratmeile wohnen. Dagegen ist Niederdeutschland wie das hochgebirgige Oberdeutschland gegenwärtig durch einen viel stärkeren Volkszuwachs ausgezeichnet vor der Mittelgebirgszone. Ja es erfolgt durch die massenhafte Auswanderung sogar eine Abnahme der Volkszahl in einigen mitteldeutschen Gegenden. Im Norden hat das Auswanderungsfieber nur in Holstein und Mecklenburg festen Fuß gefaßt: im ersteren Lande wohl überwiegend aus äußeren, politischen Gründen; in Mecklenburg dagegen aus socialen. Denn kein anderes Land der Tiefebene erinnert durch seine sociale Verwirrung so bedenklich an mitteldeutsche Zustände, wie Mecklenburg. Bemerkenswerth dürfte dem Social-Politiker wohl auch erscheinen, daß im mittelgebirgigen Deutschland die meisten Juden wohnen (trotz der sehr kleinen Judenschaft der sächsischen Länder); das geringste Procent der Gesammtbevölkerung bilden dagegen die Juden in Nord- und Süddeutschland, trotzdem, daß hier wiederum Posen und die Provinz Preußen mit ihrer sehr starken Judenschaft ausgleichend in die Wagschale fallen. Die äußersten Punkte sind auch hier durch das nordische Küstenland, das südliche Hochgebirg und das rheinische Mitteldeutschand bezeichnet. In Steyermark nämlich und in Oesterreich ob der Ens gibt es gar keine Juden, in Tirol kommt auf nahezu 3600 Einwohner nur ein Jude, im Regierungsbezirk Stralsund einer auf 1180. Dagegen bilden die Juden in Hessen ein Vierundvierzigstel der Volkszahl, im mittleren Westdeutschland überhaupt ein Sechsundvierzigstel, im Südwesten ein Siebenundsiebzigstel. Wo die Juden massenhaft sitzen, da sitzt fast allemal das Gesammtvolk staatlich und wirthschaftlich zersplittert. Das Kleinkapital des kleinen Schacherjuden läuft viel lustiger um im buntscheckigen Mittelland bei den Städtebauern und Dorfbürgern, als im Hochgebirg und der Ebene beim ächten Bauersmann. Diese Thesen von der Landes- und Volksdreiheit Deutschlands lassen sich noch bedeutend vermehren. Ich begnüge mich hier nur mit den einfachsten Grundzügen. Die folgenden Abschnitte bringen in einer freieren und mehr künstlerischen Form weitere Studien, namentlich in Betreff jenes dreifachen Gegensatzes, der sich durch die innere Welt des socialen und religiösen Volkslebens zieht, wie in der äußeren Staatenbildung. Nur gegen zwei Mißverständnisse möchte ich mich hier noch von vornherein verwahren. Erstlich nehme ich den Ausdruck »Mitteldeutschland« stets als gleichbedeutend mit dem »mittelgebirgigen« Lande, wie es sich in dem oben beschriebenen Dreieck von Schlesien und Sachsen hinüberzieht bis an den Niederrhein und in die westliche Schweiz, so daß Thüringen und Obersachsen nicht sowohl als Centrum, denn als Spitze und Uebergangsgebiet dieser Gruppe erscheint. Zweitens finde ich die »Zerrissenheit« dieses Mittellandes nicht bloß darin, daß einzelne Striche wirklich in socialer Auflösung und politischer Zerstückelung sich verfangen haben, sondern daß auch die besten Elemente ächten deutschen Volksthums hier vielfach noch inselartig eingesprengt liegen zwischen Gegenden, die nur noch ein zersetztes verwitterndes Volksleben zeigen. Der Mangel an innerer Einheit, die Individualisirung im Guten und Schlimmen spricht sich also für Mitteldeutschland auch darin aus, daß auf kleinen Strecken (z. B. im Altenburgischen) noch ein festgeschlossenes, alterthümliches Bauernthum in der Nachbarschaft von modernisirten Bauern sitzt, daß in einzelnen Strichen, ja in vereinzelten Dörfern, noch strenger Kirchenglaube herrscht neben kirchlicher Gleichgiltigkeit. Ich verstehe unter Individualismus eben nicht eine besonders neumodische Sitte und Art, sondern jene bunte Musterkarte des Volkslebens auf engem Raum, in welcher - grundverschieden vom Norden und Süden – überall Neues und Altes, Fremdes und Eigenes, Gutes und Schlimmes sich kreuzt und entgegensteht. Darum findet man allerdings norddeutsche und süddeutsche Elemente ganz bestimmt, ja hier und da in örtliche Selbständigkeit abgeschlossen, auch im mittleren Lande; aber für das Ganze maßgebend bleibt dann um so mehr die Auflösung, Vielfarbigkeit und innere Zersplitterung dieser Gruppe, die freilich nicht klar wird, wenn man den Blick lediglich auf einzelne kleine Landstriche heftet, sondern wenn man die ganze Gruppe vergleicht mit den für den Social-Politiker in's Massenhafte geeinigten Ländern der norddeutschen Tiefebene und der südlichen Hochgebirgszone. Zweites Kapitel. Randzeichnungen des Social-Politikers. Auf der Schauseite norddeutscher Bauernhäuser steht der Spruch zu lesen: »Wat frag' ick na de Lü! – Gott helpet mi!« Dieser auserlesen schöne Sinnspruch spiegelt das stolze Selbstbewußtseyn des norddeutschen Volkes. Im individualisirten Mitteldeutschland, dessen Dome und Burgen, dessen in modernem Glanze gebauten Stadtdörfer die niedrigen, namenlosen norddeutschen Bauernhäuser so hoch überragen, fällt doch schon längst keinem Bauern mehr so ein stolzer Kraftspruch ein, daß er ihn heute noch über seine Hausthüre schriebe. Das norddeutsche Volk ist stolz auf seine Eigenart, es »fühlt sich« in derselben: das süddeutsche nicht minder, wenn es gleich sein fröhliches Heimathbewußtseyn nicht in so ausschließender, vordringender Art auszusprechen pflegt, wie das norddeutsche. Das mitteldeutsche Volk dagegen hat seinen Stolz verloren, es schämt sich vielfach der eigenen Sitten und schwört dieselben ab. Seit dem allmähligen Verfall des alten deutschen Reiches hat sich diese natürliche Dreitheilung Deutschlands, die im Boden und Volksstamm wie im daraus erwachsenen socialen Lehen ihre Grundlagen hat, immer deutlicher herausgebildet. Die Politische Trias kommt hinzu, diese Gruppen noch schärfer zu umreißen. Der alten Zeit war der Gesammtbegriff eines »Norddeutschland,« wie wir ihn fassen, fremd, am allerwenigsten war er in's Volksbewußtseyn übergegangen. Letzteres geschieht jetzt mehr und mehr, fast jeder Tag bringt uns Belege dafür. In der Natur des Landes war diese Dreitheilung von Anbeginn vorgezeichnet, allein eine politische Möglichkeit ist sie erst geworden durch den Verfall des deutschen Reichs und das Emporwachsen Oesterreichs und Preußens zu selbständigen Großmächten. Als Denkmal von dem Verfall des deutschen Reiches ist Mitteldeutschland stehen geblieben mit seinem sich selbst zersetzenden, in's Kleinste getriebenen Sonderleben, mit seiner Politischen Zerrissenheit, mit seinem übercultivirten Volk, mit seiner Auflösung der natürlichen Gesellschaftsgruppen, aber auch mit seiner rastlosen Einzelbetriebsamkeit, mit seinen tausend Ruinen alter Pracht und alter Macht. Es zeigt uns was ganz Deutschland geworden wäre, wenn nicht im Süden und Norden eine großartige politische und sociale Einung Raum gewonnen hätte. Das Glück und das Genie, mit welchem preußische Fürsten in den letzten Jahrhunderten die Auflösung des deutschen Reiches für ihre Hausmacht ausnützten, gewann ihnen nicht bloß diesen neuen norddeutschen Großstaat Preußen. Trotz der geographisch heute noch so ungünstigen Abgrenzung des preußischen Landes wuchs dazu auch ein preußischer Gemeingeist im Volke groß. Man spricht sogar von einem preußischen »Nationalstolz,« obgleich es eigentlich gar keine preußische »Nation,« sondern nur ein preußisches Volk gibt. Wohl aber gibt es einen deutschen Nationalgeist des Norddeutschen, der sich politisch vertreten weiß in Preußen, und mit dem fabelhaften Aufblühen des neuen Großstaates Preußen wuchs auch schrittweise dieser norddeutsche Nationalstolz wieder auf. Der bindende Kitt, welcher für das norddeutsche Volk des Mittelalters die Hansa gewesen, ist für das moderne Norddeutschland Preußen. Die preußische Rheinprovinz, die ihrem größten Theile nach geographisch, ethnographisch und social zu Mitteldeutschland gehört, wird durch das Massengewicht der preußischen Hauptlande schrittweise für Norddeutschland erobert. Trotz des Widerstrebens im Volke ist hier binnen wenigen Jahrzehnten ein ungeheurer Umschwung in den Sitten und im politischen Geiste angebahnt worden, ja selbst der Dialekt der Gebildeten verberlinert merklich. Geht es so fort, dann wird binnen hundert Jahren die Rheinprovinz einen wesentlich neuen, einen überwiegend preußisch norddeutschen Charakter haben. Andererseits dringt aber auch in dem südlichsten Winkel des deutschen Westens, in Baden und Württemberg, das mitteldeutsche Wesen immer entschiedener vor, das alte Schwaben, vor Zeiten das Kernland des deutschen Südens, ist nicht bloß politisch, sondern auch social in Stücke gegangen. Es fehlt bei jenen beiden Staaten der Rückhalt einer großen von Natur gefesteten Volksgruppe, wie sie für Preußen in der Mark, in Pommern u. s. w., für Bayern in Altbayern und bayerisch Schwaben, für Österreich in dem weitgedehnten Gebiet seiner Hochgebirgsländer gegeben ist. Und gleichwie sich die hannoverische, mecklenburgische, oldenburgische Bevölkerung in der neueren Zeit enger als je zuvor mit dem preußischen Volke verbunden weiß, so ist es auch trotz noch nicht verjährten politischen Grolles mit den Bayern und Oesterreichern geschehen. Beklagt man auch in Bayern die Zugänge der österreichischen Staatslenker, so vergißt doch das Volk seine Verwandtschaft mit dem deutschen Oesterreich in Stamm und Sitte nicht. Politisch waren beide Völker häufig Gegner, social fühlten sie sich immer als Vettern, und wenn der Gegensatz zu nord- und mitteldeutscher Art daneben stand, sogar als leibliche Brüder. Dem individualisirten, confessionell gemischten württembergischen und badischen Volke dagegen erscheinen die mitteldeutschen Nachbarn im Allgemeinen weit verwandter als das große Centralland des deutschen Südens, Oesterreich. Die drei Gruppen also haben ihre Vermittelungen und Uebergänge: nicht ausschließende , sondern nur entschieden vorwiegende Eigenthümlichkeiten bestimmen ihren socialen Charakter. Aber dem Wesen nach besteht dennoch die dreifache Gliederung. Man kann jetzt nur erst ihre ungefähren Grenzen ziehen, allein diese Scheidelinien werden immer bestimmter werden, je thatkräftiger das sociale Leben überhaupt sich weiter entwickelt. Und dazu sind wir auf dem geradesten Wege. Gegenwärtig sucht namentlich Mitteldeutschland noch sich selber. Es wird sich aber finden. Je tiefer der Gedanke einer socialen Politik in das Volksbewußtseyn dringt, je klarer die Thatsache wird, daß ein nach kleinen Häuflein abgesondertes Volk in ganz anderer Art sich hervorbildet, als ein nach großen Massen gegliedertes, um so deutlicher weiden die Grenzen dieses gesuchten Mitteldeutschlands an's Licht treten. Wenn das zähe Festhalten an überlieferten Sitten und das bewegliche Wechseln derselben, das Vorwiegen des großen Grundbesitzes oder der Kleingüterei, die Scheidung von Stadt und Land oder die Verwischung dieses Gegensatzes, das Vorhandenseyn oder die Abwesenheit einer social eigengearteten grundbesitzenden Aristokratie, die Bewahrung oder die Ausebnung der uralten natürlichen Ständeunterschiede, der Gegensatz eines vielfältig noch neu zu bauenden und eines bereits ausgebauten Landes, – wenn diese und hundert ähnliche Gegensätze Land und Leute in socialem Betracht sondern können, dann besteht auch jenes gesuchte Mitteldeutschland. Die Geographen sind bekanntlich uneinig über die Grenzlinie zwischen Nord- und Süddeutschland. Der Stein des Anstoßes ist eben Mitteldeutschland; sie wissen nicht, ob sie es zum Norden oder zum Süden rechnen sollen. Das Volk aber ist hierüber gleichfalls noch uneinig und unklar. Denn Mitteldeutschland ist der Uebergangspunkt, wo die bestimmten leicht greifbaren Gegensätze des deutschen Wesens zusammenstoßen, sich kreuzen, verwischen und aufheben. Es läßt sich leichter bestimmen nach dem was es nicht ist, als nach dem was es ist. Es ist in dieser Beziehung vergleichbar dem »vierten Stande« in der bürgerlichen Gesellschaft, der tatsächlich vorhanden, aber noch nicht abgeschlossen ist, dessen flüssiges Wesen die scharfe Grenze des Begriffes flieht, der im Einzelnen nur die Elemente der modernen Stände in sich enthält, als Ganzes aber doch neu und eigenartig erscheint. Weil in Mitteldeutschland die widersprechendsten Charakterzüge des deutschen Volkslebens zusammengedrängt und unter einander gemengt sind, so liegt die Versuchung nahe, diese bunte Encyklopädie unserer Gesellschaft für die bürgerliche Gesellschaft von ganz Deutschland zu nehmen. In diesem einseitigen Verfahren sind sehr viele ehrlich liberale Politiker befangen. Dasselbe gewinnt um so mehr den Schein für sich, als in der Thal eine große und reiche Periode unseres nationalen Lebens noch nicht weit hinter uns liegt, in welcher unsere ganze literarische Bildung wesentlich von denselben Elementen durchdrungen und getragen war, welche auch das mitteldeutsche Volksleben tragen und durchdringen. Der Humanismus, der die religiösen Gegensätze verwischt oder übersieht, die Standesunterschiede ausgeglichen denkt und sich um die gewaltigen Trümmer der alten rohen, naturwüchsigen Volksgebilde nicht kümmert, fand sein leibhaftes Leben in den Gesellschaftszuständen der mitteldeutschen Kleinstaaten. Es ist darum auch mehr als eine abgedroschene Phrase, wenn man seiner Zeit das »im Herzen« Mitteldeutschlands gelegene Weimar das »deutsche Athen« und Leipzig klein Paris genannt hat. Unsere klassische Literaturepoche gehört vorwiegend Mitteldeutschland an. Wien zählte kaum; Berlin war beim Beginn des Jahrhunderts noch eine Art literarischer Vorstadt von Weimar, Jena, Leipzig, Göttingen und all den andern kleinen Centralpunkten mitteldeutschen Geisteslebens. Selbst in den geistlichen Staaten und den »finsteren Pfaffenstädten« am Rhein und Main herrschte damals ein Geist der Aufklärung und des Weltbürgerthums, von dem man in den uralt freien Marschen unsers Nordens und in mancher weiland republikanischen Hansestadt wenig oder nichts wußte, und welcher der weitaus größten Ländermasse des centralisirten deutschen Südens bis auf diese Stunde fremd geblieben ist. Darum vergaß man aber auch bei der Schätzung der geistigen und gesellschaftlichen Nationalzustände diese Barbaren am Meere und im Hochgebirg. Trotz seiner politischen Ohnmacht war Mitteldeutschland durch einen großen Theil des achtzehnten Jahrhunderts tonangebend für das lediglich mit literarischem und künstlerischem Maße messende Urtheil über unser gesammtes Culturleben. Die brennende Streitfrage unserer Zeit, ob die deutsche Gesellschaft bereits ein gleichheitlicher Molluskenbrei oder noch immer ein gegliederter Körper sey, diese Streitfrage mit all ihren Konsequenzen ist ein Kampf des deutschen Nordens und Südens zur Freimachung von der socialen Oberherrschaft Mitteldeutschlands. Vom Norden und Süden, wo noch die großen Wälder, Sümpfe und Berge sind, kam die deutsche Reaction. Ist nicht in Norddeutschland dermalen das Hauptquartier der Junker und Aristokraten, der Männer der Stände und Körperschaften, der Frommen und Strenggläubigen, der protestantischen Missionleute, der Treubündler, der Männer des christlichen Staates? Sitzen nicht im Süden die Ultramontanen, die mönchischen Maler, die Schutzzöllner, die Zunftleute, die schwarzgelben Monarchisten? In Norddeutschland ist heute noch ein Streit auch der politischen Parteien vorhanden, der sich um große Fragen dreht. In Mitteldeutschland hat man die großen Fragen schon längst mit den kleinen und kleinsten vertauscht. Das Alles wäre nicht so gekommen, wenn die »barbarischen« Hinterländer des deutschen Nordens und Südens nicht gleichsam neu wieder entdeckt worden wären auf der socialen Karte von Deutschland. Wäre die neueste Reaction aus Süden und Norden bloß eine Reaction der Regierungen, der Parteien, oder gar, wie man es gerne darstellt, eine Gruppe von Schulpolitikern gewesen, sie würde ohnmächtig geblieben seyn. Sie war aber zugleich eine Reaction aus dem Volke, eine gesellschaftliche Reaction, und soweit sie das letztere ist, hat sie nichts Verlebtes wieder aufgefrischt, sondern sie sucht Lebendes, aber Vergessenes und Zurückgeschobenes wieder zu seinem Rechte zu bringen Und bekundet hiemit auch das Wesen eines wirklichen Fortschrittes. Im Norden wie im Süden Deutschlands hat übrigens die sociale Centralisirung keineswegs die berechtigten örtlichen Besonderheiten vernichtet. Einigung und Uniformität ist Zweierlei. Schon die Musterkarte der Volksdialekte, die an den Meeresküsten nicht minder bunt ist als in den Alpen oder den Mittelgebirgen, verkündet, daß unser Volksthum noch nirgend uniform geworden. Allein die niederdeutschen und oberdeutschen Mundarten haben noch eine Einheit, die mitteldeutschen kaum mehr. Schon in dem oberflächlichen Gesammtnamen des »Plattdeutschen,« so reich sich auch dasselbe im Einzelnen wieder abstuft, ist der Gedanke eines herrschenden Grunddialekts für ganz Niederdeutschland ausgesprochen. Für die obersächsischen, thüringischen, fränkischen, pfälzischen Mundarten Mitteldeutschlands ist eine solche Gesammtbezeichnung gar nicht denkbar, denn sie sind längst zu Mischdialetten des verschiedensten Ursprunges geworden. Gs ist mir begegnet, daß man mich um der rheinfränkischen Farbe meines Dialektes willen in Norddeutschland für einen Oesterreicher hielt, im Süden dagegen für einen ausgemachten Norddeutschen. Dergleichen kann eben nur einem Mitteldeutschen begegnen. Die schwäbischen, bayerischen und österreichischen Mundarten, nicht minder das Plattdeutsche, sind für den Poeten noch äußerst bildsam und haben sogar in unserer modernen Literatur sich wieder deutsche Geltung verschafft. Dies ist bei keiner einzigen mitteldeutschen Mundart der Fall gewesen. Ja es hat sich sogar durch die moderne künstlerische Nachahmung und Erweiterung des süddeutschen Volksliedes, durch die schwäbischen Dorfgeschichten und österreichischen Volkspossen eine allgemeine, gleichsam schriftmäßige Form des Schwäbischen, Bayerischen und Oesterreichischen festgestellt, die keiner der hundertfältigen Abstufungen der Dialekte, wie sie in jenen Ländern wirklich gesprochen werden, vollständig entspricht, sondern die höhere Dialekteinheit all dieser örtlichen Schattirungen geradezu literarisch repräsentirt. Hebel, Auerbach, Kobell, Gotthelf, Raymund, Klaus Groth haben nicht blos für ihre Stammlandschaft, sondern für ganz Deutschland gedichtet. Es ist ein wunderbares Ding um diese tiefe, oft den Leuten selber unbewußte Einheit in der bunten Vielgestalt des norddeutschen und süddeutschen Volkslebens. Der Bewohner der Hochalpenthäler lernt oft seine nächsten Nachbarn, die vielleicht nur zwei, drei Stunden Wegs von ihm entfernt sitzen, niemals kennen, weil sie in einem andern Thalgefälle wohnen. Er weiß von ihnen nur vom Hörensagen: sein eigenes enges Thal ist und bleibt seine ganze Welt. Dennoch würden sich diese Nachbarn, die sich nie gesehen, sofort als Brüder und nächste Landsleute erkennen und begrüßen, wenn sie ja einmal zusammenkämen. In einer ihm selbst unbewußten Einheit, nicht der einzelnen Sitten, wohl aber der Gesammtgesittung, ist dieses Naturvolk verbunden. In dieser äußerlichen Vereinsamung bei innerem Zusammengehören trifft das Volk zahlreicher abgeschlossener Marschen und abgelegener Inseln der deutschen Nordküsten mit den Alpenbewohnern zusammen. So sind z.B. die Marschbewohner des Stade'schen Altlandes ein kleines Volk für sich. Ihre Häuser kehren eine andere Front der Straße zu, als die aller übrigen Bauern der Elb- und Wesermarschen. Die Altländer unterscheiden sich auf's Schärfste in Sitte und Art von ihren unmittelbaren Nachbarn, den Kehdingern, die den Bewohnern des Landes Hadeln verwandt sind und doch auch von diesen wieder für den feineren Kenner in hundert Stücken verschieden. Von der Giebelfirst des Altländer Hauses schaut das uralte Schwanenzeichen herab, welches sich auch in Flandern findet, während in den angrenzenden elbaufwärts gelegenen Haidestrichen das alte Wahrzeichen des Sachsenstammes, die beiden Pferdeköpfe, an der Giebelspitze prangt. Allein auch in diesen Pferdeköpfen selbst sind wiederum feinere Unterschiede des Volksthumes angedeutet. Denn bei Lüneburg, Uelzen etc. sind die beiden Köpfe nach außen gekehrt, während sie bei Bremen, Nienburg und stromaufwärts bis in Westphalen nach Innen schauen. Im Altland waren die Rechtsgewohnheiten noch bis in die neueste Zeit altgermanischen Gepräges. Es gab Grafen, Hauptleute, Vögte, Schöffen, Findungsmänner, es gab ein Gräfding, ein Botding, Jartentage u.s.w. Aehnliches finden wir bei vielen andern dieser kleinen abgeschlossenen Küstenbezirke, die trotz ihres eigensinnigen Sonderlebens dennoch in der Gesammtgesittung einiger zusammenstehen, als die zerrissenen Ländchen des zumeist in voller Auflösung der alten Sitte begriffenen Mitteldeutschlands. In dem von der Natur wie von der Politik so viel vernachlässigten Pommern machen sich die verschiedenen Städtchen in Volkssprüchen und Spitznamen über ihre Armuth gegenseitig lustig. Wenn sich vordem Boote aus Wollin, Cammin ober Gollnow auf der Oder begegneten, so eröffneten sie ein kleines Gefecht mit Wasserspritzen gegen einander und die Wolliner wurden dabei als »Stintköppe« begrüßt, die Camminer als »Plunderköppe,« die Gollnower als »Pomuffelsköppe,« aber »Plump aus Pommerland« hält darum doch fester zusammen, als die mitteldeutschen Leute, die großentheils gar nicht den Humor mehr haben, sich gegenseitig zu bespotten. Den Kreisen Büzow und Rummelsburg sagt man in Pommern nach, sie hätten gemeinsam nur eine Lerche, die des Morgens in Bütow, des Nachmittags in Rummelsburg sänge. »In Pencum hängt de Hunger up'm Tuhn (auf dem Zaun).« »In Greifswald weht der Wind so kalt.« »Masso – was so – is so – und blüwt so.« »In Nörenberg haben die Krebse die Mauer abgefressen.« »Jakobshagen, Schaokopshagen.« »In Ball wohnen die Schelme all.» »Wer sinen Buckel will behullen heel, de heed sich vor Laobs und Strameehl; wer sinen Buckel will hewwen vull, de goh noah Regenwull.« Wer diese Auswahl von Spottsprüchen, mit denen sich die kleinen pommer'schen Städte gegenseitig beehren, noch erweitern will, der findet in der trefflichen Schrift von Th. Schmidt in Stettin über »die pommer'schen Chausseen« weiteres Material dazu. Ein Volk, welches sich solchergestalt noch über sich selber lustig machen kann, muß noch ein kräftiges Volk seyn, und so lange sich kleinstädtisches Sonderthum wesentlich in Versen Luft macht, hat es mit demselben auch keine Noth. Der Bewohner einer Marsch heirathet so selten in eine andere, als der Bewohner eines Hochalpen-Flußgebietes in das andere. In den abgelegensten Thalwinkeln des bayerisch-tyrolischen Hochgebirgs gibt es noch einzelne Bauernhöfe, die nachweislich schon seit drei Jahrhunderten ununterbrochen im Besitze derselben Familie sind. Die Abschließung von der Welt hat vielleicht der sehr armen Bauernfamilie solchergestalt zwei der wichtigsten sozialen Attribute des alten grundbesitzenden Adels geschaffen: den Stammbaum und das geschlossene Familiengut. Das Leben in der gleichen wilden Natur und der Kampf mit derselben einigt die vereinsamten Siedler in den Bergen, und so steht der Vorarlberger dem fernab wohnenden Steyermärker weit näher, als der Pfälzer dem schwäbischen Nachbar, oder der Rheinfranke dem Thüringer. Ein merkwürdiges Exempel der von einer höheren Einheit zusammengehaltenen Besonderung des norddeutschen Volksthumes im Gegensatze zu einheitlos zersplitterten mitteldeutschen Gauen bildet die Insel Rügen. Betrachtet man die Silhouette der Insel auf der Landkarte, dieses spinnenartig ausgespreizte Gebilde von Vorgebirgen, Halbinseln und Landzungen, deren Kern selber wieder von Binnenseen durchlöchert, dann sollte man glauben, hier könne nur ein zerrissen gesondertes Volksthum seinen Sitz haben. Wirklich tritt auch die entschiedene Anlage dazu überall hervor. Und doch ist der Volkscharakter dieser Insulaner zugleich wieder in den Hauptzügen auf's straffste zusammengehalten und in sich abgeschlossen. Diese doppelseitige Natur macht das Eiland zu einem Volks-Beobachtungspunkte, der wohl ohne Gleichen in Deutschland ist. Wie es besonders bevorzugte meteorologische Stationen gibt, so auch ethnologische Hauptstationen, auf denen sich je ein steter Beobachter der Entwickelungen im Volksleben festsetzen müßte. Dann könnten aus dem Austausch einer ganzen Kette von Beobachtungen unsere Staatsmänner erst ungefähr merken, wie sich, in den unteren Regionen Wind und Wetter macht. Obgleich nun mein Wissen von dieser Insel blos flüchtig erwandert, nicht gründlich erlebt ist, so möge doch der Leser um des lockenden Stoffes willen nachsehen, daß ich ein kleines Charakterbild zu Gunsten meiner Sätze zu zeichnen versuche. Die Bewohner Rügens sind geographisch so streng gegliedert, daß sie in der gemeinen Redeweise ihre Insel gar nicht einmal als ein einheitliches Ganze gelten lassen. Von den Halbinseln Wittow, Jasmund, Mönchgut, Zudar spricht man hier, als ob das lauter selbständige Länder seyen. »Rügen« gilt nur für einen kleinen Theil, und wollte man den Namen für die ganze Insel gebrauchen, so würde der gemeine Mann aus dieser geographischen Abstraction so wenig klug werden, wie andere Leute aus der Abstraction eines Gesammtdeutschlands. Der Verkehr zwischen den einzelnen Halbinseln ist erstaunlich gering, und auf den beiden verbindenden großen Isthmen, der »Schabe« und der »smalen Haide,« hört fast alle Cultur auf. Man kann hier den ganzen Tag auf sogenannten Straßen bis über die Knöchel im Dünensand und Geröll waten, ohne einer sterblichen Seele zu begegnen. Wie in den Hochalpen ein Felsrücken, ein Gletscher zwei nachbarliche Thäler gleich als zwei ferne Welten von einander abscheidet, so halten hier die Landengen das Volksleben auseinander. Jede Halbinsel hat ihren besonderen Localton der Mundart, Mönchgut namentlich seine ganz originelle Sprache. Hier herrscht auch eine besondere Volkstracht, während sich sonst überall an der Ostsee bei dem außerdem so zäh beharrenden Volke nur kümmerliche Reste der alten Trachten erhalten haben. Die Leute in diesen Landen haben wenig Sinn für künstlerische Formen und Farben, Frisia non cantat , sagt man auch auf der andern Seite der schleswig-dänischen Landzunge. Charakteristisch für den farb- und klanglosen Norden ist bei der Fischertracht auf Mönchgut, daß das Auszeichnende beim Kleide der Männer nur im Schnitt, nicht in der Farbe liegt, die als ein wahres sans-couleur , als ein abscheuliches Gemisch von Schmutzbraun und Theerbraun sich darstellt. Nur die Frauen tragen noch derbe reine Farben an Rock und Mieder. Die Mönchguter haben anderes Herkommen als die Leute von Jasmund, von Wittow. Man spricht auf Mönchgut noch von dem Bußplatz der gefallenen Mädchen, von dem Schemel der Wittwen in den Kirchen. Davon weiß man auf anderen Theilen der Insel nichts mehr. So herrscht hier überall das eigensinnigste Sonderthum, aber das Volksleben fällt darum doch nicht auseinander, wie im Binnenland. Das würde nur dann möglich gewesen seyn, wenn dieses so abenteuerlich gegliederte Land nicht eine Insel wäre, und zwar eine Insel im Meer. Was dieser bunte unruhige Wechsel von Berg und Thal, Feld und Wald, Haideland, Dünenland, Sumpfland, Felsland, in der Natur der Eingebornen zersplittern mochte, das hielt das ringsum fluthende Meer wieder mit starkem Arm zusammen. Das Meer ist die oberste social erhaltende Macht für Rügen. Im Großen wiederholt sich die gleiche Erscheinung bei den britischen Inseln. Das Meer hält Norddeutschland zusammen, wie die Hochgebirge den deutschen Süden. Auf dem festen Boden sind die Interessen der Küstenbewohner mannichfach gestuft und gekreuzt, auf der See sind sie gleichartig. Die See erzeugt hier jene Einseitigkeit, die eine wesentliche Vorbedingung alles Genies ist, beim Einzelnen wie bei einer Volkspersönlichkeit. Man sieht das an dem kleinen Bilde Rügens gar deutlich. Der Ausfall des Häringsfanges ist eine »brennende Frage« für die ganze Insel. Kommen im Frühjahr die Häringe in zahllosen Schwärmen angeschwommen, dann sind die Leute auf Rügen für's ganze Jahr lustig, wie die Weinbauern nach einem guten Herbst. Beide beten um volle Fässer, und das volle Häringsfaß läßt sich eben so wenig mit Sicherheit prophezeien, wie das volle Weinfaß. Die Rügen'sche Chronologie zählt nach guten Häringsjahrgängen, wie die Rheingau'sche nach guten Weinjahrgängen. Aber die Olympiaden der guten Häringsjahre sind glücklicherweise nicht so lang wie die Olympiaden der guten Weinjahre. Selbst der Bauer auf Rügen, der keinen Fischfang treibt, ist wenigstens stolz darauf, eine Tonne »selbst eingemachter« Häringe, die er »grün« aufgekauft, im Hause zu haben, und setzt sie dem Fremden mit den nämlichen selbstgefälligen Randglossen vor, wie der Weinbauer seinen Haustrunk als eigenes Wachsthum. Die ganze Art der Bildung, der Stoff des Wissens ist bei diesen Küstenbewohnern bedingt durch das Meer. Ein Rügen'scher Bauer weiß sich in der Regel auf einer Landkarte ganz gut zu finden. Am Meere fehlt auch dem gemeinen Mann selten einige Anschauung von den gewöhnlichsten geographischen Hülfsmitteln. Ueberdies braucht der Rügener nur auf den Rugard, das Pehrd oder die Höhenpunkte der Granitz zu steigen, so hat er seine Insel gleich als Landkarte im Original vor sich liegen. Zieht dagegen bei abgelegenen süddeutschen Bauern der Wanderer eine Karte aus der Tasche, so kann er noch in den Verdacht kommen, ein Hexenmeister zu seyn, oder ein Beamter, der die Grund- und Hypothekenbücher nachzusehen komme. Von der Bedeutung einer Karte als Reisehülfsmittel haben diese Leute noch keinen Begriff. Die Rügener erschrecken auch nicht, wenn man ein Fernrohr an's Auge setzt, denn sie halten das Ding nicht, wie so oft unsere binnenländischen Bauernjungen, für eine Schießwaffe. Daraus aber zu schließen, daß dieses Inselvolk gebildeter sey, als das binnenländische, wäre sehr verkehrt. Es besitzt nur eine Bildung anderer Art. Dem Küstenbewohner wird Mutterwitz und Wissen gleichsam vom Meere an den Strand geworfen; das Meer macht ihn zum Genie der Volkspersönlichkeit, aber nur – weil es ihn zur Einseitigkeit zwingt. Die Thierfabel der Rügener spielt unter den Wasserthieren wie die Thierfabel der Binnenlandsbewohner unter den Thieren des Waldes. Die Flunder z. B., ein kleiner plattgedrückter, possierlicher Fisch mit zur Seite gezogenem aufgeworfenen Maul, ist den Rügener Fischern der hohle Renommist in der Fischgesellschaft. Als die Flunder den ersten Häring sah, zog sie ein schiefes Maul und sagte hochmüthig-spöttisch: »Ist der Häring auch ein Fisch?« Da blieb ihr zum Wahrzeichen ihres Hochmuths für alle Zeiten das Maul schief stehen. Vielleicht schreibt einmal ein Volkspoet an der Ostsee einen Reineke Fuchs, der in der Meerestiefe seine Ränke und Schliche entfaltet, und Kaulbach zeichnet die Charakterbilder der menschlich-närrischen Fische dazu. Selbst die Poesie des volksthümlichen Sagenschatzes hat hier ihre lautersten Heiligthümer in die Tiefe des Meeres versenkt. Der Nibelungenhort dieser Ostsee-Insulaner ist Vineta, die versunkene Stadt an der Küste von Usedom, das Traumbild unter den goldglitzernden Wasserwogen. Wisby auf Gothland, die märchenhafte Trümmerstadt, das skandinavische Pompeji, ist gleichsam ein über den Wellen stehengebliebenes Vineta. Auf Arcona, der am weitesten in die offene See vorgeschobenen Rügen'schen Inselspitze, stand der Tempel Swantowits, des großen Slavengottes. Der Punkt, wo das Meer, das »alte, ewige, heilige Meer,« ringsum brandet, wo die schmale Spitze Landes dem, der lange sinnend über die Fluth hinausschaut, unter den Füßen schwindet, daß er mitten in den Wogen zu stehen vermeint – dieser Punkt und kein anderer mußte das Mekka der Insel seyn. Mir ist die tief-poetische Erzählung des Evangeliums, wie Christus auf dem Meere wandelt, nie großartiger und so ganz in ihrer anschaulichen und plastischen Fülle erschienen, als hier auf der Tempelstätte des Swantowit. Wäre ich Pastor auf Rügen, ich würde dem Inselvolk fleißig über diesen Text predigen. Saxo Grammaticus beschreibt den vierköpfigen Götzen Swantowit. Die Gesichtszüge waren ernst und tiefsinnig, der Bart herabhängend, die Haare nach Art der Wenden gescheitelt. Das gestrählt herabhängende Haar zeichnet heute noch die Fischer auf Rügen aus. Statt die Haare aus der Stirn zu streichen, lassen sie dieselben niederfallen, wie man wohl bei Meergöttern die Blätter des Schilfkranzes über die Stirne niederhängend malt. Die Sitte ist wiederum, wie fast alles auf der Insel, vom Meere dictirt; Wasser und Wind sind die einzigen Haarkräusler dieser Leute. Der ganze Entwicklungsproceß von Rügen ruht gleichsam auf einem fortwährend ausgebeuteten Strandrecht. Nicht bloß »Bildung« wirft den Küstenbewohnern die See aus, nicht bloß Muscheln und verwesenden Seetang, den die Bauern zu wirthschaftlichen Zwecken heimfahren, nicht bloß Quallen und vornehme Badegäste: auch die Granitblöcke, mit denen die Kirchen gefundamentet, die Landstraßen unterbaut sind, wurden in einem großen. Weltschiffbruch auf dieses Land geschleudert. Die räthselhaften erratischen Blöcke aus den skandinavischen Gebirgen liegen auf Rügen noch in ungezählter Menge, obgleich doch schon Jahrhunderte an diesem gefundenen Capital gezehrt haben. Sie sind vielfach so groß, daß man sie mit Pulver sprengen muß, um die Bruchstücke zur weiteren Benützung fortzuschaffen. Höchst charakteristisch nehmen sich diese Granitsteine um den Untermauern und Sockeln der zahlreichen gothischen Kirchen der Ostseeländer aus. In buntem Farbengemisch, grün, grau, roth durcheinander, sind die verschiedenartigen formlosen Steintrümmer zu einem cyklopischen Bau zusammengesetzt, wie sie gerade eine Sündfluth von den Wracks der verschiedensten Urgebirgsfelsen abgerissen hat. In scharfem Gegensatz erhebt sich dann darüber der Oberbau aus gleichgeformten, gleichfarbigen Backsteinen. – So sind auch auf Rügen die mannichfaltigsten Steinbrocken, wie man sie nur aus Dutzenden von Steinbrüchen zusammentragen könnte, zu buntscheckigen trockenen Gartenmauern aufgeschichtet, während überhängende Dornbüsche diese Granitmusterkarte malerisch bekrönen. Man muß eine von den pommerischen, aus Granit gebauten Landstraßen, die gleich den norwegischen fast wie aus Eisen gegossen sind, einmal auf einem Tagemarsch unter den Füßen gehabt haben, um in dem brennenden Schmerz der Sohlen, für welche die granitene Solidität des Guten zu viel ist, eindringlich belehrt zu werden, welch königliches Geschenk das Meer dem steinlosen Flachland mit diesen gestrandeten Steinblöcken gemacht hat. So muß das Strandrecht den Ostseevölkern wohl als das erste Naturrecht erschienen seyn, und es ist kein Wunder, daß sie sich angesichts ihrer Kirchen, ihrer Straßen, ihrer Gartenmauern, so schwer von seiner Unmenschlichkeit überzeugen konnten. Häufig wird der Wanderer in den abgelegenen Dörfern und Gehöften Rügens mit der Frage empfangen. – Wie sieht es in der Welt aus? Die Frage ist sehr ernstlich gemeint. Ein alter Häringsfischer auf Mönchgut, dem abgeschlossensten Winkel der ganzen Insel, der dieselbe Frage im Herbste 1851 an mich richtete, hatte natürlich von dem damaligen politischen »Aussehen der Welt« nicht die dunkelste Ahnung; nur eines interessirte ihn: ob die Franzosen wieder losgeschlagen hätten, oder ob es bald geschehen werde? Sein ganzes Wissen von der europäischen Politik beschränkte sich auf den einzigen Gedanken, daß, zeitungsmäßig gesprochen, Frankreich der europäische Revolutionsherd sey. Die »Revue des deux Mondes« hatte zur selben Zeit diese Auffassung als ein künstliches Werk der europäischen Reaction bezeichnet. Aber sie ist in Deutschland eine tief im Volk gewurzelte, ein wirklicher Volksglaube, oder nach Umständen ein Volksaberglauben. Dieser Häringsfischer an den entlegensten Nordostmarken unseres Vaterlandes, der von der ganzen außerrügen'schen Welt nichts weiß, der von dem Lande Frankreich gewiß höchst abenteuerliche Begriffe hat; ist von der europäischen Reaction in Petersburg, Wien und Berlin vermuthlich nicht bearbeitet worden, und doch wurzelt jener Gedanke als ein Glaubenssatz in seinem Kopfe. Und der gemeine Mann in ganz Deutschland schwört auf denselben Glauben. Solch ein allgemeiner Volksglaube steht aber nie ganz in der Luft. Demselben Mann erzählte ich von Süddeutschland – es war ihm ein weit fremderes Land als das revolutionäre Frankreich seiner Phantasie. Ich schilderte ihm die Hochgebirge, die Gletscher und den ewigen Schnee – und nahm dabei wohl wahr, daß er mich im Stillen für einen Aufschneider hielt. Ich sprach ihm von den reißenden Gießbächen, im Gegensatz zu den zahmen, schleichenden Sumpfgräben der Insel und des Küstenlandes, von den verheerenden Wassergüssen, die wir dort bei dem kleinsten Bache zu gewärtigen hätten, während die Leute hier, umringt von der unermeßlichen Fluth des Meeres, sicher vor dem Wasser wohnten, von Hagelschlag und Gewittern, die im Binnenland so furchtbaren Schaden anrichteten, während es hier eine wahre Rarität ist, wenn es einmal donnert, und fügte hinzu, wie bei den vorsorglichen Schwaben schier auf jedem Gartenhäuschen ein Blitzableiter stecke, da doch an diesen flachen Meeresküsten die höchsten Thürme, Fabrikschornsteine und Paläste meist schutzlos und ungefährdet zum Himmel ragten. Dem zweifelnden Alten gegenüber mochten sich diese meine höchst einfachen Schilderungen fast wie die Reiseberichte des Shakespeare'schen Othello ausnehmen: »Wo's von gewalt'gen Höhlen, todten Wüsten, Von Brüchen, Felsen, himmelhohen Bergen Zu reden im Verlauf der Dinge galt, Von Kannibalen, die einander fressen, Antropophagen, Leuten, deren Kopf Hervorwächst unterm Arm« – Aber der Eindruck bei dem Alten schlug völlig um, als ich ihm die bäuerlichen Verhältnisse im Innern Deutschlands darstellte. Ich erzählte ihm von der unbegrenzten Theilbarkeit der Güter, die dort alljährlich Tausende von kerngesunden, arbeitsfähigen Bettlern in's Land setze, während man auf Rügen nur Krüppel und Lahme betteln sehe. Ich machte ihm anschaulich, wie dort die Morgenzahl der einzelnen Bauerngüter in gleichem Maße abnehme, in welcher die Zahl dieser kleinen im Elende freien Gutsbesitzer wachse. Ich führte ihm als Exempel die mir genauer bekannte Lage von sechs zu einer gemeinsamen Herrschaft gehörigen Dörfern im Hohenzollern'schen an. Dort hatten vor 40 Jahren noch 77 Hofbauern gesessen, deren Güter je über hundert Morgen umfaßten, während jetzt in allen sechs Ortschaften kein einziger Bauer mehr hundert Morgen besitzt. Das erklärt sich leicht, denn jetzt müssen sich 5000 Menschen in denselben Güterbering theilen, worein sich damals nur 3000 getheilt hatten. Vor vierzig Jahren gab es in diesen 6 Dörfern 360 Pferde, jetzt gibt es noch 60, früher waren dort 830 Zugochsen vorhanden – jetzt besitzen die dortigen Bauern gar keine mehr und pflügen mit den Kühen. Wollte man vordem in Mitteldeutschland einem recht armseligen Bauern einen Schimpfnamen anheften, so nannte man ihn einen »Kuhbauern,« d. h. einen Bauern, der so heruntergekommen ist, daß er mit den Milchkühen pflügt und diese im Zug abmelkt. Bald wird dieser Schimpfname ein prahlerischer Ehrentitel geworden seyn, denn schon beginnt man da und dort auf den winzig zusammengeschrumpften Bauerngütern die ganze Ernte mit Menschenhänden nach Hause zu schaffen, und wer es noch mit einer Kuh kann, der gilt so viel als weiland ein zweispänniger Pferdebauer. Ich bat den Häringsfischer, nun einen Vergleich mit seiner heimathlichen Insel zu ziehen, wo der Ueberschuß der jungen Mannschaft, statt das väterliche Gut zu zerfetzen, hinaus auf's Meer, geht und – oft genug auf englischen Schiffen unter der Firma eines »dänischen« Matrosen - den Engländern Respect vor der Seetüchtigkeit des Volkes an der Ostsee beibringt, mit seiner Insel, wo die bäuerliche Abgeschlossenheit so schroff ist, daß die Mönchgüter nicht einmal von einem andern Theil Rügens sich eine Frau holen und so »auswärtige« Familien in ihren väterlichen Gutsbesitz hineinziehen mögen. Als der Alte das gehört, da begann er meinen vorhergegangenen Schilderungen einer großartigen Berg- und Flußnatur, für die ihm seine Hügel und Bäche keinen Maßstab abgegeben, Glauben beizumessen, und meinte: so etwas Schlimmes müsse freilich bei unserm Lande dahinter stecken; gleich als Ware der Gedanke des Dichters in ihm aufgestiegen, daß es auch Länder gebe, die zu schön sind, als daß dort die Menschen glücklich seyn könnten! Der unvertilgbare Heimathstolz des Nord- und Süddeutschen hängt sich bei dem naiven Mann aus dem Volke jetzt vielleicht an allerlei wunderliche Kleinigkeiten. Er hat aber seine tiefe historische Wurzel. Süddeutschland hatte seit uralten Tagen bis gegen die neue Zeit den stählenden Kampf mit Hunnen, Magyaren und Türken zu bestehen, Norddeutschland mit den Normannen und den slavischen und skandinavischen Grenznachbarn. Süddeutschland drang colonisirend in den Donauländern vor, und es ist seine Ehre, wenn man in Ungern heute noch jeden Deutschen einen Schwaben heißt; Norddeutschland colonisirte die Ostseeländer. Mitteldeutschland hat nichts colonisirt, es ist ihm vielmehr ein Theil seiner besten Gaue bald vorübergehend, bald für die Dauer von den Franzosen abgenommen worden. Das Ausland unterscheidet darum vorwiegend auch nur Nord- und Süddeutschland. Die Mitteldeutschen blieben seit Jahrhunderten in ihrem engsten politischen Kleinleben sitzen, entwickelten sich freilich im geistigen Leben zu Zeiten desto reicher und freier, lebten sich aber auch rascher aus. Nur Norddeutschland und Süddeutschland hat in neuerer Zeit an der europäischen Politik theilgenommen, und gerade um die Kraft unserer beiden mächtigsten Ländermassen zu brechen, war es, daß Napoleon I. einen politisch von beiden losgelösten mitteldeutschen Staatskörper nach eigener Phantasie schaffen wollte. Es ist ein historischer Zug bei den kleinen Bauern Mitteldeutschlands, daß sie sich, namentlich in Gegenden, wo früher der schwerste feudale Druck auf ihnen gelastet, dem städtischen Fremden gegenüber fast immer für geplagter und gedrückter ausgeben, als sie wirklich sind, während umgekehrt die Bauern in den uralt freien Gegenden des Nordens, oder aus den Hochgebirgen des Südens, wo die Wildniß den Mann frei macht, gern mit ihrem Wohlstand und Behagen oder mit der Pracht und Herrlichkeit ihres Landes prahlen. Der reiche Bauer aus den Marschen kommt freilich in verdächtig abgeschabten Manchesterhosen nach Hamburg, er läßt es aber mit um so größerem Stolze merken, wie viele schwere Thaler in den Taschen dieser Hosen zusammenklingen, und der arme Senner und Alpenhirte, dem Ihr alle Vorzüge Mitteldeutschlands preist, glaubt Euch doch zuletzt mit der einzigen Bemerkung aus dem Felde zu schlagen, daß es dort ja nicht einmal Gemsen gebe. In Norddeutschland gibt es noch einen einflußreichen grundbesitzenden Adel, es gibt daneben auch noch ein »Junkerthum.« In Mitteldeutschland gibt es kein eigentliches Junkerthum mehr, weil der Adel größtenteils zerfahren ist gleich dem übrigen Volke. Dafür herrscht aber der Jude (derselbe kleine Jude, den der Adel zur Zeit seines entschiedensten Abfalles von sich selbst in's Land rief und hegte) in den mitteldeutschen Dörfern, und der Bauer hat bereits zahllose Züge von der Art dieses kleinen hausirenden Juden in seine eigene hinübergenommen. So besitzt auch der geringe Jude auf dem Lande meist eine wahre Kunst, sich angesichts der Gojim recht elend und armselig zu geberden: er trägt absichtlich einen verschabten Rock, und wenn ihn kein Mensch arm nennt, dann nennt er sich selber so, während andererseits die vornehmen städtischen Juden ihren Reichthum in der Regel um so besser zur Schau zu tragen wissen. Bei den kleinen Bauern wie bei den kleinen Juden spukt nämlich das dunkle Erinnerungsbild mittelalterlicher Zustände, denen gemäß ein Mächtigerer sie gebrandschatzt und geplündert haben würde, wofern ihr wahrer Besitz ruchbar geworden wäre. Die Erkenntnis des Unterschiedes unserer großen social centralisirten Ländermassen und der individualisirten mitteldeutschen Gaue ist für die Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft von größter Tragkraft. Was hier bei den Skizzen des Verhältnisses von Land und Leuten in seine geographische Besonderungen zerlegt erscheint, das soll in einen Grundriß der bürgerlichen Gesellschaft von Deutschland wieder zu seiner principiellen Einheit zusammengefaßt weiden. Es gilt dann aus den hier geschilderten örtlichen Gliederungen und Bruchstücken des Volkslebens in Deutschland die idealen Gruppen des deutschen Bürgers, des deutschen Bauern ec in ihrer Allgemeinheit abzuziehen. Diese allgemeinen Züge der deutschen Gesellschaftsgruppen werden aber so selten richtig erfaßt, weil man die örtlichen Besonderungen und Zufälligkeiten vorher nicht bestimmt genug als solche erkannt hat, und darum sie selber wieder je nach persönlicher Neigung oder politischer Parteilaune für das Ganze nimmt. Ich wurde dessen recht deutlich inne. als ich die vielfältigen Urtheile, welche mein Buch über »die bürgerliche Gesellschaft« veranlaßte, im Geiste zusammenstellte. Was man vom nord- oder süddeutschen Localstandpunkte als allgemein treffend und wahr in den Schilderungen erkannte, glaubte man häufig in der Anschauung der Mitteldeutschen für einseitig und irrig erklären zu müssen und umgekehrt. Gerade durch diese sich kreuzenden Urtheile aber kam ich zu der beruhigenden Ueberzeugung, daß ich im Allgemeinen beiläufig das Richtige getroffen haben müsse. Ich sah aber auch ein, wie nothwendig es sey, sich über das örtliche Sonderleben und sein Verhältniß zu dem daraus geschöpften Gesammtbild der bürgerlichen Gesellschaft klar zu werden, und so entstanden diese Untersuchungen über Land und Leute als die nothwendigen Prolegomena zu dem Buche von der bürgerlichen Gesellschaft. Bei den centralisirten Volksmassen des deutschen Nordens und Südens, denen vorwiegend die Gegenwart und die nächste Zukunft gehört, brechen auch alle sociale Bewegungen um so thatkräftiger und einseitiger hervor. Man muß sich aber dadurch ebensowenig verführen lassen, diese kräftigen Einseitigkeiten dem Ganzen unterzuschieben, als man dies früher bei der bunten encyklopädischen Mannichfaltigkeit, den Mitteltönen und Uebergängen, bei der Auflösung und Vertuschung der schroffen Gegensätze deutscher Art und Sitte im mitteldeutschen Volksthum hätte thun dürfen. In den folgenden drei Abschnitten suchte ich nun die Aufgabe durchzuführen, zuerst ein recht in's Einzelne ausgemaltes Bild des Volkslebens eines ächt mitteldeutschen Gaues aufzurollen, dann demselben ein stark abstechendes Gegenstück aus einer centralisirten süddeutschen Landschaft zur Seite zu stellen, und dabei möglichst fleißig die Parallele mit dem centralisirten Land im Norden zu ziehen. Zum dritten aber gebe ich die Skizze einer Gruppe von Gegenden, bei welchen der Kampf des norddeutschen Küstenbewohners und des süddeutschen Hochgebirgsvolkes mit dem unwirthlichen Boden, mit der Wildniß und den feindseligen Elementargewalten in die friedlich anmuthigen Gebirge Mitteldeutschlands hineingeschoben erscheint und im Verein mit dem eigenthümlichen Culturzustande dieser Gaue die merkwürdigsten Uebergangsgebilde des Volkslebens erzeugt hat. V. Individualisirtes Land. Zwei der derbsten Gegensätze deutscher Volkspersönlichkeit sollen hier als ein Exempel aller verwandter Volksgruppen neben einander gestellt werden: die Rheingauer als ächte Vertreter des zersplitterten mitteldeutschen Volkslebens und die Südbayern als ächte Stammhalter des nach breiten Massen entfalteten süddeutschen Volksthumes. Ein armes Volk und ein reiches. Aber in dem Bilde des armen Volkes wird ein heiterer, ein humoristischer Grundzug überall hervorlugen, wie in dem Conterfei des reichen ein melancholischer. Und das arme Volk wohnt in dem reichen Winkel der alten goldenen Pfaffengasse am Rheinstrom, und das reiche auf den armen öden Hochflächen und Vorbergen Rhätiens! Treten wir zuerst zu dem armen Volk im reichen Lande. Es ist ein altes Lied, daß der Rheingau kranke an einseitiger Uebercultur, denn es wird bereits seit dem fünfzehnten Jahrhundert gesungen. Schon damals standen Gewerbe, Ackerbau und Viehzucht in keinem Verhältniß mehr zu dem Uebermaß der Weingärten, schon damals war der Weinbau eine Sucht geworden, und das Volk verarmte und verdarb, weil es von der fixen Idee nicht lassen konnte, daß aus jeder Scholle Landes ein Weinbrunnen rinnen müsse. Wir haben hier eine ganze Bevölkerung vor uns, welche jenes sociale Elend, das uns ein modernes dünkt, bereits seit Jahrhunderten ausstudirt hat, ein Bauernland, welches schon seit vielen Menschenaltern gerade den Fluch am schwersten trägt, den man sonst von den bäuerlichen Gegenden am meisten weggenommen wähnt, den Fluch des Mißverhältnisses zwischen der Rente des Capitals und dem Lohn der Arbeit. Wie jetzt der rheingauische Winzer nach Nordamerika und Australien auswandert, um zu versuchen, ob er dort leichteren Herzens die Frucht seines Weinstockes brechen könne, so ist er schon im 12. und 13. Jahrhundert nach Sachsen und Hessen, ja nach Brandenburg und Pommern hinausgezogen, wo er Weinbaucolonien gründete, die freilich längst zu Grunde gegangen sind. Aber bestehen blieb der Weltruf, welchen diese Auswanderer den Produkten ihres heimatlichen Bodens gewannen und die Absatzwege, welche durch sie denselben geöffnet wurden. Die Uebercultur bedrängt schon seit unvordenklichen Tagen diesen Landstrich. Doch erst in neuester Zeit ließen sich die Bewohner durch die bitterste Noch zwingen, hier und da zu einfacheren, gröberen Formen des Anbaues zurückzukehren und zu dem Weine sich auch ein Stück Brod zu suchen. Im Namen der höheren Cultur rodet man Weinberge zu Kartoffeläckern und Kornfeldern um, und freut sich des Gewinnes, als ob man eine Wüstenei gerodet hätte. Wenn man sonst im Rheingau einen Mann als recht nachlässigen lüderlichen Wrrthschafter bezeichnen wollte, so sagte man von ihm: »Er pflügt seinen Weinberg.« Jetzt hat das Pflügen des Weinberges aufgehört Barbarei zu seyn, denn aus den Furchen des Pfluges wächst doch vielfach da ein gewisses Stück Brod, wo vordem aus dem mühseligen Häuselwerk der Weinbergshaue nur der gewisse Bankerott aufgesproßt war. Der Viehstand der meisten Weinbauern war bisher viel zu klein – nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Jahrhunderten – und doch beginnt man jetzt erst den Zauberkreis der Weinberge zu durchbrechen und prosaische Kleeäcker und Wiesengründe anzulegen. Gleich hinter dem Johannisberg wurde im Spätsommer 1850 der Wanderer durch den Anblick eines weitgedehnten Berghanges überrascht, auf welchen sich tausende von kleinen qualmenden Feuern aneinander reiheten, zur Nachtzeit anzuschauen, als habe hier ein Kriegsheer sein Lager aufgeschlagen, während sie bei Tag dem von der Höhe Herabsteigenden das ganze Rheinthal in die dichteste Rauchhülle versenkten. Es war dies ein großartiges Rodungsfeuer, welches die auf kleine Pyramiden gehäuften Rasenstücke sammt dem endlosen Wurzelwerk eines buschigen Waldbodens verzehren und so die Fläche zum ersten Umbruch fruchtbar machen sollte, ein Rodungsfeuer, nicht, wie in Amerika, wider die uralte Wildniß gerichtet, sondern wider das Elend der Ueberkultur, wie es in den angrenzenden königlichen Rebenhügeln des Johannisberges unter goldgleißender Hülle sich verbirgt. Die alten Rheingauer würden sich allesammt im Grabe umdrehen, wenn sie erführen, daß man Anno 1850 an den Grenzfurchen des Johannisberges neue – Kartoffeläcker angelegt. Und doch ist es wirklich so geschehen! Drei weiland geistliche Fürstenthümer stießen am Mittelrheine zusammen: Würzburg, Kurmainz und Kurtrier. Im Rhein-, Main- und Moselthale fielen die köstlichsten Weinlagen in ihre Gebiete. Dieser von Südost noch Nordwest weithin gestreckte Landstrich bildet den eigentlichen Kern des westlichen Mitteldeutschlands. Hier ist seit Jahrhunderten der Ackerbau selbst eine Luxusindustrie geworden; der Winzer speculirte im Mittelalter schon auf die Schwelgerei der zahlreichen Fürsten und Edeln, die sich hier ringsum zu Dutzenden angesiedelt hatten, und auf die durstigen Kehlen in den reichen norddeutschen Handelsstädten. Kam die Zeit der Noth, dann brauchte Niemand mehr seinen Rheinwein zu trinken und der Weinbauer trank sich an seinem eigenen Gewächs zum Lumpen. Reiche und arme Leute gibt's in diesen gesegneten Gauen des Mittelrheins und seiner Seitenthäler seit uralten Tagen, aber keinen festen Mittelstand. Hier ist für Deutschland eine der Stammburgen des vierten Standes. Der Weinbau setzte bereits das ganze Elend des industriellen Proletariates in die Welt, als es noch gar keine moderne Industrie gab. Dem traubenreichen Maingrund zur Seite aber liegt auf würzburgischem und kurmainzischem Gebiete Rhön und Spessart mit ihrem verkümmernden Volke, dem üppigen Rheingau zur Seite im Taunus der Hungerbezirk des ehemaligen kurmainzischen Amtes Königstein, und an die Weinthäler Kurtriers grenzt der arme Trier'sche Antheil des Westerwaldes und die noch viel ärmere Eifel und der Hunsrück. So haben wir hier in den Thälern den Humor und auf den Bergen die Tragik des Elendes beisammen. Der eigentliche Mittel- und Knotenpunkt dieser merkwürdigen Ländergruppe ist unser Rheingau. Kein dem Luxus dienender Industriezweig erholte sich langsamer von den Erschütterungen des Jahres 1848 als die höhere Weincultur. Bei der nassauischen Domanialweinversteigerung von 1850 fiel der höchste Preis einem Stück Hochheimer Domdechantei 1846ger zu, welches nur mit 5000 fl. bezahlt wurde. Drei Jahre früher wären für ein Stück solchen Weines vielleicht 12 bis 14000 fl. gegeben worden! Seltene, ganz alte Cabinetsweine aus den besten Jahrgängen des 18. Jahrhunderts, die man vordem zu ungeheuren Preisen verkaufte, sinken immer tiefer im Werth. Wenn jetzt so viele Hunderte für derlei Seltenheiten gelöst werden, als wohl Tausende im Laufe der Zeit für sie aufgewandt wurden, dann ist der Handel am Ende noch nicht schlecht gewesen. Merkwürdig schnell ist die frühere Vorliebe für den alten Wein geschwunden und der junge gleich einseitig in Mode gekommen. Dieser Wandel im Weingeschmack ist dem des geistigen Geschmackes nicht unähnlich. Die alten Weine sind schwer, kräftig, aber auch herb, rauh und ohne den prickelnden Reiz des feinen, modernen Aroma's; es steckt nicht so feine Kunst der Behandlung in ihnen, wie in den jungen. Nur in dem aristokratischen England erfreut sich der alte Rheinwein in Flaschen, die mit Kellersand bedeckt und mit Spinnweben verziert sind, noch des überlieferten Vorzugs. Der 42ger Wein galt am Rheine Anno fünfzig schon für »alten Wein,« dem ächten Zecher war er bereits »eine Arznei,« kein »süffiger Trunk« mehr, und nur in den wenigsten Privatkellern lagerten noch Vorräthe desselben. Auch der 1846ger würde wohl gar gleichfalls nicht mehr jung seyn, wenn dazwischen ein anderer ausgezeichneter Jahrgang dagewesen wäre. Der Abt würde sich bei einer neuen Theilung der Erde nicht mehr wie zu Schillers Zeit den »edlen Firnewein« wählen, sondern einen recht jungen, der gerade bis dahin ausgetrunken seyn müßte, wo er firn geworden wäre. Wie aber der Weinpreis im Anfange der fünfziger Jahre gefallen war, so reißend stieg er auch wieder gegen die Mitte des Jahrzehntes. Nun ward Geld die Fülle geboten, allein die Bauern hatten keinen Wein. Es fluthet der feine Weinbau wie ein Bergstrom, der heute überläuft und morgen vertrocknet. Diese Abhängigkeit der Erwerbsverhältnisse eines ganzen Landstriches von der Mode, von der Laune einer guten oder schlechten Zeit unterwühlt alle Vesten des socialen Lebens. Der kleine Weinzapf wächst in dem Grade, als der größere Handel zusammenschrumpft; darum schossen in jener kurzen Frist der Fülle, da ich dies schrieb, die sogenannten Strauß- und Heckenwirthschaften im Rheingau überall wie Pilze empor. Schier jeder kleine Bauer wollte Wirtschaft halten. Der Wein ward solchergestalt im Trödelhandel verschleudert, im Ausverkauf unter dem Fabrikpreise, damit nur etwas baares Geld herbeikomme. Es lugte ein furchtbares Elend hinter jenen zahllosen Straußwirthschaften. Auf dem jenseitigen Rheinufer kam es vor, daß der geringe Wein nicht mehr nach dem Maße, sondern nach der Trinkzeit ausgeschenkt wurde: »Eine Stunde zu trinken kostet 6 Kreuzer, die angefangene Stunde gilt für voll!« Die Mode wandte sich von den geringeren Weinen des eigentlichen Rheingaues immer mehr ab; die leichten Pfälzerweine, die minder herben, aber auch matteren Weine des unteren Rheinthales hatten die geringen Rheingauer Sorten vielfach aus den Schoppenwirthschaften der Nachbarländer verdrängt, und dies begann auf die Existenz der kleinen Weinbauern den traurigsten Einfluß zu üben. Zudem hatte Preußen seinen Weinbau durch einen förmlichen Schutzzoll vor der gefährlichen Nebenbuhlerschaft der Rheingauer Weine gesichert, indem es von diesen eine Weinübergangssteuer erhob, welche bei den geringeren Sorten einem Einfuhrverbot gleichkam, und den diesseitigen Producenten, die sich keines solchen Schutzes erfreuten, den empfindlichsten Nachtheil brachte. Der Häuserwerth war selbiger Zeit in den meisten rheingauischen Ortschaften unglaublich tief gesunken. Häuser, deren bloße Baukosten sich wohl auf 12 bis 14,000 Gulden belaufen haben mögen, sind, obgleich im besten Zustande, hie und da zu 3 bis 4000 Gulden wieder verkauft worden. Aus stattlichen alten Herrenhäusern, deren Portale mit Wappen und andern Bildwerken geschmückt sind, schauten proletarische Insassen hinter zerbrochenen oder mit Papier verklebten Fensterscheiben hervor. Man hat nach einem zweihundertjährigen Durchschnitt ausgerechnet, daß im Rheingau auf 20 Jahre 11 geringe Weinjahre kommen – für den größeren Gutsbesitzer; für den kleinen Bauer sind das 11 Noth- und Hungerjahre! In den 9000 Morgen Weingelände des Rheingaues, die dem auf dem Dampfschiffe vorüberjagenden Touristen im Rebengrün so lustig entgegenschimmern, wird gar manche bange Hoffnung in jedem Frühling mühselig eingegraben, und im Herbst findet sich's doch, daß mehrentheils nur Hunger und Kummer darinnen aufgewachsen sey. Mehr als sieben und eine halbe Million Flaschen großentheils vortrefflichen Weines erzeugt ein guter Rheingauer Herbst, aber es sitzen viel bittere Thränen in dem süßen Wein. Das Würfelspiel der »Weinjahre« ist die Angstfrage des Rheingauers. Der fromme Glaube hat nicht umsonst so viele Herrgottsbilder in die Weinberge gestellt: er läßt sich den Johanniswein in der Kirche segnen, und schüttet ihn als den letzten Aufguß zu dem jungen Wein in's Faß, damit gleichsam ein Segen das Faß schließe und den edlen Stoff behüte. Der Volksaberglaube ist in tausend Formen geschäftig: er fragt die geheimnißvolle Blüthe des Epheus um Rath über die nächste Weinernte, und sucht in den Blumenkelchen der Jerichorose die Zukunft des Herbstes zu lesen. Die Wissenschaft hat ausgerechnet, daß man die Zahl der Wärmegrade einer Sommerperiode in die Zahl der darin gefallenen Regenmenge nach Kubikzollen auf den Quadratfuß dividiren müsse, um die auf das Mostgewicht zurückgeführte Weingüte darnach mit Sicherheit zu bestimmen, und Jeder kann sich so von der Zeit des Verblühens des Weinstockes an alltäglich in seinem Kalender notiren, um wie viel Grade er zum reichen Besitz höher aufgestiegen, oder um wie viel Kubikzoll er tiefer in Noth und Elend zurückgefallen ist. Alle diese Vorausbestimmungen haben ihren unversiegbaren Reiz in einem gemeinsamen Punkt – in ihrer Unzuverlässigkeit. Selbst wenn der Most aus der Kelter rinnt, weiß der Winzer noch nicht ganz, was er an ihm hat. Mancher scheinbar geistlose Most ist schon mit der Zeit zu einem wahren Genie von einem firnen Wein herangewachsen – so ging es z. B. vielfach mit dem 1848er - und umgekehrt offenbart mancher vielversprechende »federweiße« erst dann seine Flachheit und Mattheit, wenn er ausgegohren. Das ist das Geheimniß des Geistigen im Wein, seines Duftes, seiner Würzen, die sich mit der Mostwage nicht wägen lassen, so wenig als eines Menschen Genius, seiner »Gähre,« die sich nicht vorherbestimmen läßt, so wenig als eines Menschen innerer Entwicklungsgang. Ein Spielball aber für diese dunkle Mystik der Naturkräfte ist des armen Weinbauern ganze Existenz. Die alten Rheingauer Klosterbrüder, welche die beiden nebenbuhlerischen Großmächte des Rheingaues schufen, den Steinberg und den Johannisberg, erzielten keine so feinen Weine als wir, aber ihre Weinbaupolitik war viel feiner als die unsere. Wo die Eberbacher Bernhardinermönche in ihrer bewundernswerthen Colonisationsweisheit Weinberge anrodeten, da gründeten sie Höfe, keine Dörfer, da rundeten sie das Weingut zu großen, geschlossenen Massen ab, ja sie kauften bestehende Dörfer an, um alle Bewohner auszutauschen und zum Frommen einer großartigen Weincultur das Dorf in einen Hof zu verwandeln. So haben sie binnen 60 Jahren wohldurchdacht und allmählich das Dorf Reichardshausen wieder zu einem Hofe zurückgeschnitten. Wenn man aber schon vor 700 Jahren nur durch abgerundete große Hofgüter den Weinbau fördern konnte, wie will dann vollends jetzt der kleine Weinbauer gegenüber dem ungeheuer gesteigerten Wettjagen, gegenüber der zum Aeußersten getriebenen Verfeinerung der Weincultur mit seinen paar Läppchen zerstückten Landes zurechtkommen? Der Rheingauer Herbst ist nicht mehr das farbenbunte Fest, wie es in Büchern beschrieben, in Liedern besungen ist, auch in den besten Jahren nicht, wo der plötzliche reiche Gewinn das Volk selber noch zu festlicher Stimmung berauschen mag. In kleineren Weingütern wird in schlechten Jahren wohl der ganze Traubenwuchs gegen ein Spottgeld an den Stöcken verkauft, weil der Besitzer sich nicht getraut, das Kapital der Erntekosten hineinzustecken. Wenn man dann mit den Weinbeeren der rauheren Lagen, wie der örtliche Kunstausdruck ist, »Spatzen schießen« kann, mag man wohl das Pulver zu den sonstigen herbstlichen Freudenschüssen sparen. Das »Spätherbsten« ist ein großer technischer Fortschritt: aber es hat den Novemberreif auf das Volksfest der Weinlese geworfen. In laublosen Weinbergen mit durchweichtem oder halbgefrorenem Boden, den aschgrauen Himmel des Vorwinters über sich, vor Kälte zitternd, kann man kein Volksfest im Freien begehen. Als eine halbverklungene Mähr aus schönerer Zeit hat sich das Andenken an 1811 erhalten, wo, wie die Überlieferung alter Winzer lautet, die Zehenterheber in Hemdärmeln unter freiem Himmel den ganzen Tag an den Zehntbütten standen, weil die Oktobersonne noch so gluthheiß stach, daß man den Oberrock selbst ruhig stehend und im Freien nicht ertragen konnte. Dieses durchtriebene Kunststück des Spätherbstens bezeichnet einen merkwürdigen Gegensatz zwischen den Weinbauern im Rheingau, wohl auch auf der Mosel und der Ahr und den Winzern von Württemberg und dem badischen Oberlande. Hier zieht man noch vorwiegend einen »Landwein,« einen »Haustrunk,« während der Rheingauer seinen Wein fast nur für den Handel baut. Im badischen Oberland braucht der Winzer Geld zu den Kirmessen, die meist in den Oktober fallen. Also muß im September geherbstet werden. Bekommt er wenig für seinen schlechten Wein, aber das Wenige früh genug, dann ist ihm dies im Augenblick lieber, als ob er nach dem Feste das Doppelte löste. Zudem würde der Kirmes der schönste Schmuck fehlen, wenn man keinen »Neuen« zu trinken hätte. Auf diese Art aber kann die Weinernte nur dann einmal recht gut ausfallen, wenn der liebe Gott und die Kirmes sich zufällig in gleicher Zeitrechnung begegnen. Da nun der Mensch eher über die Kirmes gebieten kann als über Regen und Sonnenschein, so wäre es vielleicht gut, wenn man die erstere tiefer in den Spätherbst hineinrückte. Beim warmen Ofen tanzt sich's auch so übel nicht. Man sieht aber aus diesem einzigen Zug, wie die Oberländer noch den Weinbau als Nebengeschäft zu ihrer Lust und nach ihrem Behagen betreiben. Im Rheingau ist dieses Behagen und mit ihm die Poesie des Herbstes jener andern Poesie geopfert worden, welche sich im kommenden Jahre auf dem Goldgrund eines auf's höchste veredelten Weines widerspiegelt und jener Prosa, welche bei dem Most, der aus der Kelter rauscht, nur noch die Musik der Thaler hört, die in den zusammengeschrumpften Beutel fallen werden. Auch die alten sinnigen Herbstbräuche sind im Rheingau in gleichem Grade schlafen gegangen als das Spätherbsten über Hand nahm. Fast am längsten noch hat sich das uralte Schlußstück dieser Volksfeste erhalten, die sogenannte »Herbstmucke,« indem nach vollendeter Lese das schönste Mädchen und der schmuckste Bursche der Gemeinde in buntem Maskenputze zusammen auf das zum letztenmal gefüllte Ladefaß gesetzt und unter Gesang und Musik, von allen Winzern begleitet, in's Dorf gefahren werden. Das alles findet rasch sein Ende. Ist man doch selbst jener ergötzlichen Satyre auf die Weinbereitung, die unter der Firma des »Zinsweines« im ganzen Rheingau durchgeführt wurde und gleichsam den Humor in der Kelter darstellte, durch landständischen Beschluß zu Leibe gerückt. Der Zinswein ist eine altübliche Naturalabgabe des Weinbauern an den Klerus. Es ist aber nur das zu liefernde Maß vorgeschrieben, nicht die Güte. Und hierin steckt eben der Humor des Zinsweins. Wenn man mit dem Auskeltern des wirklichen Weines fertig ist, dann wird der Zinswein gemacht. Den bereits ausgepreßten Trestern sucht man durch einen Aufguß gefärbten Wassers, einer nicht blos bildlichen, sondern natürlichen Lehmbrühe, oder wenn man recht anständig seyn will, alten sauren Weines, und durch abermaliges Zerquetschen den letzten Rest weinartiger Substanz zu entlocken. Das gibt den »Zinswein.« Kein Mensch hielt seit unvordenklicher Zeit dieses Verfahren für eine Fälschung; die ehrbarsten Leute erzeugten den Zinswein auf die beschriebene Weise, und die Pfarrer erwarteten nichts besseres. Jede stehende Naturalbesoldung erhöht sich von selber mit dem sinkenden Geldwerth. Dies hatte man ausgeglichen, indem man den Zinswein immer um so viel schlechter machte als das Geld wohlfeiler und also der wirkliche Wein theurer geworden war. Die Naturalbesoldung war daher auf ihrem stiftungsmäßigen mittelalterigen Nominalwerth stehen geblieben, denn der Preis des Zinsweines im 19. Jahrhundert stimmte auf's interessanteste mit den rheinischen Weinpreisen des 14. Jahrhunderts, wo zu Zeiten das Fuder Wein zwei bis drei Gulden galt. Der Zinswein war eine zur Sitte gewordene Unsitte, eine Fälschung, die durch ihren historischen Boden ehrlich gemacht, ein Betrug, bei dem Betrüger und Betrogene einverstanden waren, so daß schließlich nur der Sprachgebrauch der Betrüger war, indem er diese Flüssigkeit »Wein« taufte. Das Elend des Weinbaues hat aber doch die Fülle der Lebenslust nicht vertilgen können, die dem rheingauischen Volkscharakter innewohnt. Die Leute vertrinken ihre Noth; denn je weniger Geld der Weinbauer hat, um so mehr hat er ja zu trinken. Den im Weine stets neu erblühenden Lebensmuth des Rheingauers hat der Volksmund gar ergötzlich in einer kleinen launigen Historie gefeiert. Nirgends, so erzählt man, legt seltener ein Mann Hand an sich selbst als im Rheingau, besonders aber ist es in der ganzen Chronik des Gaues unerhört, daß ein Lebenssatter je die der düstersten Melancholie eigenthümliche Todesart des Erhenkens gewählt hätte. Nur einmal war ein Rheingauer Mann, der sich erhängen wollte. All sein Hab und Gut war zerronnen; das letzte Hausgeräthe hatten sie ihm gepfändet. Bloß eine halbe Zulast Wein hatten die Gläubiger noch im Keller liegen lassen. Da ging der Mann auf den Speicher, nahm einen neuen Strick, strich ihn mit Oel, damit er besser rutsche, drehte eine kunstvolle Schlinge und stellte sich unter einen Querbalken. Er wollte eben die verhängnißvolle Reise antreten, als ihm das halbe Zulästchen einfiel, das noch im Keller lag. Nur noch einen einzigen Schluck auf den Weg; Er besann sich lange; aber er schlich hinunter, nahm den Stechheber und steckte ihn zum Spundloch ein, wo man immer den besten Trunk, so recht das edelste Herzblut des Fasses, herauszieht, und füllte sich einen einzigen Schoppen. Und als er den geleert, fand er, daß der Wein gut sey und setzte den zweiten darauf. Beim dritten kam ihm her Gedanke, wie es doch gar thöricht wäre, noch einen so großen Rest des guten Weins lachenden Erben zu lassen; darum holte er auch noch den vierten dazu. Als er aber beim siebenten Schoppen angekommen war, lupfte er ganz sacht den Spunden, nahm den neuen geölten Strick, warf ihn zum Spundloch hinein und rief: so ertränk dich selbst, verdammter Strick! Erst will ich das ganze Faß bis auf den Grund leeren, dann wollen wir sehen, ob du noch zu brauchen bist. Als der Mann aber nach einiger Zeit das ganze Faß wirklich ausgetrunken, fand er, daß der Strick nicht mehr zu brauchen sey. Das war der einzige Rheingauer Mann, der sich erhenken wollte. Seit tausend Jahren ist das Rheingauer Leben gleichsam in Wein getränkt, es ist »weingrün« geworden wie die guten alten Fässer. Dies schafft ihm seine Eigenart. Denn es gibt vielerlei Weinland in Deutschland, aber keines, wo der Wein so eins und alles wäre wie im Rheingau. Hier zeigt sich's, wie »Land und Leute« zusammenhängen. Der Wein ist allerwege das Glaubensbekenntniß des Rheingauers. Wie man zu Cromwells Zeit in England die Royalisten an der Fleischpastete, die Papisten an der Rosinensuppe, den Atheisten am Roastbeef erkannte, so erkennt man seit unvordenklicher Zeit den Rheingauer an der Weinflasche. Man erzählt sich im Rheingau von Müttern, die ihren neugeborenen Kindern als erste Nahrung ein Löffelchen guten alten Weines einschütteten, um ihr Blut gleich in der Wiege zum rechten Pulsschlag der Heimath zu befeuern. Ein tüchtiger »Brenner,« wie man am Rhein den vollendeten Zecher nennt, trinkt alltäglich seine sieben Flaschen, wird steinalt dabei, ist sehr selten betrunken und höchstens durch eine rothe Nase ausgezeichnet. Die Charakterköpfe der gepichten Trinker, der haarspaltenden Weingelehrten und Weinkenner, die übrigens doch gemeinhin mit verbundenen Augen durch die bloße Zunge noch nicht den rothen Wein vom weißen unterscheiden können, der Weinpropheten, der Probenfahrer, die von einer Weinversteigerung zur andern bummeln, um sich an den Proben gratis satt zu trinken, finden sich wohl nirgends anders in so frischer Eigenart als im Rheingau. Alle diese Charakterköpfe in ihren unzähligen Spielarten zu Gruppen von »Weinproben« u. dgl. zusammengefaßt, scheinen, gleich den Matrosenkneipen bei den alten Holländern, ein stehendes Thema in unserer modernen Genremalerei werden zu wollen. Das Zeitbuch des Rheingauers theilt sich nicht ab nach gewöhnlichen Kalenderjahren, sondern nach Weinjahren. Leider fällt die übliche Zeitrechnung, welche von einem ausgezeichneten Jahrgang zum andern zählt, so ziemlich mit der griechischen nach Olympiaden zusammen. Die ganze Redeweise des Rheingauers ist gespickt mit ursprünglichen Ausdrücken, die auf den Weinbau zurückweisen. Man könnte ein kleines Lexikon mit denselben füllen. Mehrere der landesüblichen schmückenden Beiwörter des Weines sind ein Gedicht aus dem Volksmunde, in ein einziges Wort zusammengedrängt. So sagt man gar schön von einem recht harmonisch edlen firnen Trank: »es ist Musik in dem Wein;« ein guter alter Wein ist ein »Chrisam,« ein geweihetes Salböl. Die »Blume,« das »Bouquet« des Weines sind aus ursprünglichen örtlichen Ausdrücken bereits allgemein deutsche geworden. An solch prächtigem poetischem Wortschmuck für seinen Wein ist der Rheingauer so reich wie der Araber an dichterischen Beiwörtern für sein edles Roß. Aber nicht minderen Ueberfluß hat des Rheingauers Wortschatz an spöttischen Geißelworten für den schlechten, aus der Art geschlagenen Wein, in denen sich der rheinische Humor gar lustig spiegelt. Im Mittelalter ist der schlechte, saure Wein, »davon die Quart nicht ganz drei Heller galt,« am Rhein »Rathsmann« geheißen worden, aber wohl schwerlich aus dem unschuldigen Grunde, den ein späterer Chronist angibt, wenn er meint: »denn wie viel man dessen trank, ließ er doch den Mann bei Verstand, gleichwie alle Rathsleut verständig seyn sollen.« Malerisch anschaulich ist die neuere rheingauische Bezeichnung als »Dreimännerwein,« welcher nur dergestalt getrunken werden kann, daß zwei Männer den Trinker festhalten, damit ihm ein Dritter das edle Naß in die Kehle gießen könne. Musikalisch anschaulich klingt der dröhnende »Rambaß« für den groben, rohen Polterer unter den Weinen. Des Dreimännerweines leiblicher Bruder ist der »Strumpfwein,« ein Gesell von so sauren Mienen, daß bei seinem bloßen Anblick die größten Löcher in den Strümpfen sich von selber zusammenziehen. Der leichte, flaue, milde, charakterlose Wein, der Philister unter den Weinen, den man täglich wie Wasser trinkt, läuft als »Flöhpeter« mit. Dem oberdeutschen »Batzenwein« entspricht der rheingauische »Groschenburger,« als der Chorführer sämmtlicher »Kutscherwein«.« Der Rheingau hat bekanntlich auch seine eigenen Weinheiligen. Vorab den heiligen Goar, dessen von Kaiser Karl geschenktes Faß sich immer von selbst füllte und der besonders reich die Gäste beschenkte, welche, wofern sie vorher die Wassertaufe empfangen, bei ihm nun auch noch die Weintaufe begehrten. Die Sage vom heiligen Theonest, der sein Märtyrthum bestand, indem er in lecker Weinkufe längs dem ganzen Rheingau den Rhein hinabschwamm und dann bei Kaub landete, wo er die ersten Reben pflanzte, schließt eine sinnige Bilderreihe von all den Martern in sich, welche die Traube zu bestehen hat, bis sie, erstanden »aus den Todesbanden der Kufe,« zum goldenen Weine sich verklärt. Wenn der norddeutsche Lastträger mit einer schweren Last nicht recht vorwärts kommt und in kleinen Pausen immer von neuem wieder ansetzen muß, dann kräftigt er sich zu jedem neuen Ansatz durch einen herzhaften Fluch, und der hilft allemal. Wenn die Rheingauer Küfer ein recht schweres Faß aus dem Keller heraufschroten, daß sie in Pausen immer von neuem wieder ansetzen müssen, dann kräftigen sie sich zu jedem neuen Ansatze durch einen herzhaften Trunk Wein, und der hilft auch allemal. Nicht minder unerschöpflich als die Poesie des Weinbergs, aber noch viel weniger ergründet ist die Poesie des rheingauischen Kellers. Nicht Schloß Johannisberg und Kloster Eberbach allein haben ihren Wein in prachtvollen Kreuzgewölben lagern, wo der Doppelschein des gebrochenen Tageslichts und des Lampenschimmels so magisch an den Wölbungen widerstrahlt, während schwer lastende Mauerpfeiler die riesig ausgereckten Schatten dazwischen werfen. Das wiederholt sich im Kleinen in Hunderten von alten Privatkellern – stolze unterirdische Prachtbauten in ihrer Art. Füllen sich im Vorwinter die Kellerräume mit den tödtlich betäubenden Dünsten des gährenden jungen Weines, dann werden, wenn man hinuntergehen muß, Feuerbrände von einem Absatz der Kellertreppe zum andern vorgeschoben, und während die dunkle Tiefe von dem grellen Scheine durchzuckt wird, steigt man unter dem Schutz und der Vorhut der reinigenden Flamme mählich zu den Fässern hinab. Dringt im Frühjahr unversehens die Rheinfluth in die weingefüllten Keller, dann fahren die Küfer nicht selten gleich dem heiligen Theonest in Weinkufen drunten herum, um die Fässer zu sprießen und solchergestalt am Boden zu befestigen. Aber nicht immer wissen sie sich so geschickt über dem Wasser zu halten wie jener Heilige, was dann manches nasse Abenteuer herbeiführt. So hat sich überall der Goldfaden der Poesie in das Elend der Rheingauer gewebt. Ueberall, wo eine Uebercultur des Bodens stattfindet, wird der Volksschlag nüchtern, mehr noch, wo der proletarische Geist im Gefolge dieser Uebercultur einzieht. Beide Vorbedingungen sind im Rheingau in hohem Grad vorhanden, und doch ist die eigenthümliche Poesie des Volkscharakters hier gerettet, lediglich durch den göttlichen Humor des Weines, der all die Prosa der mageren Jahre im Volksleben noch immer mit magischem Goldschein durchleuchtet hat. Der Einfluß der Rebe auf den Mann, der Weincharakter des Einzelnen, wiederholt sich in den größeren Gruppen des Volkes. Es sitzt auch Politik im Wein. Die Rheingauer versichern wenigstens, daß 1848 ihre ganze Märzrevolution durch den Wein gemacht worden sey. Die essigsaure Gähre des Siebenundvierzigers begünstigte die politische Gährung außerordentlich. Nicht daß er die Leute durch Verzweiflung zur Revolution getrieben hätte. Aber weil er so schlecht war, daß man ihn nicht verkaufen konnte, schenkte man ihn weg, man ließ ihn laufen, und in der Richtung, in welcher man ihn laufen ließ, durchsäuerte er als ein rechter politischer Sauerteig auch das süßeste Gemüth. Der Siebenundvierziger führt bis auf diesen Tag den Namen »Revolutionswein.« Obgleich er so sehr sauer gewesen, obgleich er in Strömen des Ueberflusses ausgekeltert war und seine Käufer sich einfanden, war er doch alsbald fast ganz verschwunden aus den Rheingauer Kellern. Die Revolution hat ihn ausgetrunken – bezahlt hat sie ihn freilich nicht; er war dabei auch nichts werth. Wenn der reiche Weinaristokrat dann und wann eine Viertelohm dem »Volke« opferte, so war damit jedes kommunistische Gelüsten eingelullt. Daß der Spender dabei mit »bourgeoismäßigen« Hintergedanken nur den proletarischen Siebenundvierziger dem gemeinen Besten weihete, den vornehmen Sechsundvierziger aber für sich behielt, sah ihm die rheinische Gutmütigkeit gerne nach. Der Revolutionswein erzeugte namentlich eine außererordentliche Vorliebe für alle Arten von Wahlhandlungen. Man ging hier und da so weit, die heute gewählten Bürgerwehrhauptleute und ähnliche volksthümliche Würdeträger nach 14 Tagen wieder abzusetzen, und so immer weiter, lediglich auf daß es einen frischen Wahlakt gebe, da doch jeder Neugewählte seinen Wählern anstandshalber ein Fäßchen setzen mußte. Das gab dann immer wieder ein allgemeines Volksfest. Das Fäßchen wurde hinausgerollt auf die Uferwiesen unter die alten Linden- und Ulmengruppen, wie sie so häufig bei den Rheingauer Dörfern stehen, zu den Linden, in deren Schatten schon die Vorväter angesichts des großen Stromes volksfestlich versammelt gewesen waren, und deren flüsternde Blätter nun schon seit Jahrhunderten keinen Becherklang mehr belauscht hatten. Dort zechte dann alles zusammen und jubelte, Vornehm und Gering, Männer und Weiber und Kinder, und wenn am Abend die ganze Gemeinde bis zu den Schulbuben abwärts angetrunken war, so stimmte das vollkommen zu dem Ideal der Gleichheit und Brüderlichkeit. Es war doch noch Humor in dieser Art Revolution zu machen, und ist wenigstens eine anmuthige Erinnerung daran übrig geblieben. Wann wieder einmal die Kunde einer neuen Welterschütterung von der Seine herüberhallt, dann werden alle Weinfässer in den Rheingauer Kellern vor Schreck erzittern. Als die nassauischen Soldaten im Sommer 1848 in den schleswig-holsteinischen Krieg zogen, und die Mannschaft auf Dampfern den Rheingau entlang schwamm, zogen von allen Ortschaften Nachen mit Wein beladen nach den Schiffen hinüber und brachten den Söhnen des Weinlandes – nicht in armseligen Gläsern, sondern in Achtelohmfässern und wuchtigen Krügen – den Valettrunk auf's Deck. Von dem Ufer zu den Nachen, von den Nachen zu den Dampfschiffen trank man sich herüber und hinüber zu, und das hielt an, bis die zögernden Dampfboote die Grenzlinie der ächten Weinregion überschritten hatten. Es war dieß ein ächt Rheingauisches Bild, das man hätte malen können. Die Rheingauer sind ein Volksschlag, der zuerst in der Schule der Ueppigkeit und des Wohllebens, später aber in der allzustrengen Zucht des Unglücks verdorben worden ist, dem man aber nur ein paar Festtage zu geben braucht, um den warmen Lichtglanz seines Charakters wieder hervorzulocken. Ein Volk bildet und veredelt sich überhaupt immer noch eher als der Einzelne im Jubel der Festesfreude; wer das erproben will, der studire die Einzelzüge des rheingauischen Volkscharakters. Man sagt, der südliche Thalhang des Rheingauer Gebirgs habe die höchste mittlere Jahreswärme in ganz Deutschland; man vergleicht den hier breitgestauten, inselgeschmückten Rheinstrom gern mit den italienischen Seen, und die alten Zopfdichter haben den Rheingau standhaft das »deutsche Italien« genannt. Man muß hinzufügen, daß auch die Rheingauer Leute derjenige deutsche Volksschlag sind, dessen Charakter wohl am meisten Wahlverwandtschaft mit dem italienischen hat. Als vor einiger Zeit ein rheingauisches Dorf fast zur Hälfte niederbrannte, half die Mannschaft des nächstgelegenen Städtchens mit so muthigem Eifer löschen, daß die abgebrannten Bauern in der aufwallenden Rührung des Dankes den Nachbarn die Spritze zurückhielten und deren Wasserkasten mit Wein füllten. Und nun lagerten sich die beiden Gemeinden auf der rauchenden Brandstätte, sangen und zechten brüderlich, Arm in Arm, und müheten sich in die Wette die Spritze auszutrinken. Da stimmten die Stadtleute in aller Unschuld das Lied an: »Wir sitzen so fröhlich beisammen etc.,« dessen Verse bekanntlich mit dem Rundreim schließen: »ach wenn es doch immer so blieb'!« Dieser Rundreim wurmte den Bauern, sie schauten umher auf die Asche- und Trümmerhaufen, darunter ihre Habe begraben lag und geboten ihren Gästen einzuhalten mit dem Liede, da sie keineswegs wollten, daß es immer so bleiben solle. Diese aber meinten, es sey ein gutes Lied und sey nicht so gemeint, und sangen weiter. Als aber der Rundreim wieder kam, schlugen die Bauern mit Fäusten drein, die Städter gaben es zurück, und ehe noch die Spritze halbleer getrunken war, mußten die großmüthigen Wirthe und die aufopferungsvollen Gäste schon mit blutigen Köpfen auseinander gerissen werden. Wäre diese Geschichte nicht wirklich gewesen, so bliebe sie doch wahr; sie hat so ächt rheingauischen Localton, daß man sagen kann, sie müsse sich in Zukunft noch zutragen, wenn sie sich nicht bereits zugetragen hätte. Aber mit ihrer aus der edelmüthigsten Rührung plötzlich um nichts und wieder nichts jäh zum wildesten Groll überspringenden Katastrophe könnte sie eben so gut unter Italienern geschehen seyn wie unter Rheingauern. Nur müßte man dann den einzigen Zug herauswischen, daß die Leute eine ganze Feuerspritze voll Wein auf einen Sitz austrinken wollten, denn derselbe ist jedenfalls rein germanisch. Der Rheingauer ist leicht empfänglich für jede Art von Anregung und Aufregung, namentlich für politische; allein bisher konnte man wahrnehmen, daß dieselbe immer eben so rasch wieder verflog. Der gemeine Mann, der hier durchschnittlich eher einem verbauerten Städter als einem wirklichen Bauern ähnlich sieht, hat ein ungleich lebhafteres Temperament als die schwerfälligen Kornbauern in seiner Nachbarschaft, ein rascheres Urtheil, ein höheres Selbstgefühl und einen gewissen Schliff allgemeiner Bildung. Der Wein schmeidigt den Volksgeist. Aber die Begeisterung dieses Volkes gleicht darum auch oft einem Weinrausche. Als die Leute merkten, daß sich's in der Revolution zwar recht lustig gratis zechen lasse, daß aber die zahlenden Zecher von außen ausblieben, wurden sie, die kleinen Weinbauern vorab, praktisch sehr reaktionär; theoretisch gehört dagegen die Oppositionslust zu den stehenden Zügen des rheingauischen Charakters. Aus fast allen politischen Bewegungen, von denen die Geschichte des Rheingaues berichtet, reckt leichtblüthige, gutherzige Schalkheit das Gesicht hervor. In dem wilden Bauernkriege vergossen die rheingauischen Bauern nur Rebenblut und ließen sich gleichsam beim Fasse todtschlagen. Als später einmal die streitbaren Bürger von Rauenthal ihrem Landesherrn, dem Kurfürsten von Mainz, grollten, weil er nicht erfüllte, was er ihnen verheißen, kamen sie viele Jahre lang allabendlich beim Glase zusammen, um ihrem Zorn in recht fürchterlichem Trinken Luft zu machen, und die Sage bezeichnet heute noch die Stube, worin sie gesessen, als die »Krawallstube.« Das war ihre ganze Empörung. In der ersten Verwirrung des Jahres 1848 fürchtete man für die großen Keller in Johannisberg und Eberbach, worin für Millionen flüssiges Gold lagert, und schickte Bürgerwehrleute hin, um diese Schätze vor räuberischen Händen zu bewahren. Der Schutz erwies sich als ganz überflüssig. Denn da, wie die Volkssage berichtet, wenigstens an einem dieser Plätze der Geist des Ortes dergestalt auf die Besatzung gewirkt haben soll, daß die Wachen, die mit dem Gewehr in dem einen und dem Weinkrug in dem andern Arm vor den Kellerthüren schilderten, mitunter nicht bloß abgelöst, sondern auch abgetragen werden mußten, so kann es mit den Angriffen theilungssüchtiger Umstürzler wohl nicht sehr ernsthaft gemeint gewesen seyn. Es gibt ganze Bibliotheken von Reisehandbüchern über den Rheingau, davon gemeiniglich eines dem andern dieselben breitgetretenen Historien nachschreibt. Man notirt jede steinerne und hölzerne Staffage der Landschaft, aber die herrlichste und eigenste Staffage, die scharf geprägte Charakterfigur dieses Volksschlages stellt keines dieser Bücher in den Vordergrund. Hier zeigt sich recht die Neuheit des Studiums von »Land und Leuten«: das »Land« ist topographisch so ausgebeutet, wie kaum ein anderer Strich in Europa, die »Leute« übersieht man. Es liegt aber eine gewisse Beruhigung für den gründlicheren Beobachter in dem Umstand, daß für die allergrößte Mehrzahl von frivolen Touristen, welche alljährlich kommen, um die Reize des Rheingaues abzugrasen, gerade der feinste Reiz des Genusses, der in dem Zauberbild eines originellen Volkslebens liegt, doch ewig verschlossen bleibt. So ist es überhaupt in Deutschland. Die so wunderbar mannichfaltig abgestufte Physiognomik unseres Volkslebens harret in ihren Feinheiten und in ihren kleinen Einzelzügen fast überall noch des Ausbeuters und Zeichners. Wir treiben so eifrig die Zahlenstatistik des materiellen Volksbestandes; die geistige Statistik der Nation liegt zum besten Theile noch brach. In den zahllosen Einzelgruppen, worin sich unsere Volksstämme wieder spalten, webt eine sprudelnde Fülle des frischesten Lebens, die sich als der dankbarste Stoff jedem Beobachter von selbst darbietet, der sich in liebevoller Hingabe dem Volksleben zu nähern weiß. Die meisten Reiseschriftsteller stolpern über diesen Stoff und merken doch noch nicht einmal, daß er ihnen im Wege gelegen habe. Der heutige Rheingau hat keine ächten Städte und keine ächten Dörfer. Alle Ortschaften sind Mitteldinge zwischen beidem. So ist auch der rheingauische Winzer kein eigentlicher Bauer mehr, ob er gleich das Land baut. Andererseits ist er aber zum ganzen Bürger auch noch nicht fertig. Diese Vermischung der natürlichen socialen Gegensätze läßt allemal auf ein Volk schließen, das seine beste Kraft bereits in früheren Zeitläuften ausgelebt hat. Auch in dem geschäftlichen Beruf des Rheingauer Weinproducenten kreuzen und verschmelzen sich drei Hauptgruppen der Arbeit: Ackerbau, Industrie und Handel. Man kann aber sagen, daß hier weder im Ackerbau noch in der Industrie, noch im Handel ein rechter Segen wohne, obgleich fast alle Einwohner Ackerbau, Industrie und Handel zugleich betreiben. Es gibt fast nur ganz reiche und ganz arme Leute, sehr große Güter, die aber größtentheils auswärtigen Besitzern gehören, neben einem auf's äußerste zerstückten Boden. Gleich allen ausgelebten Volksschlägen hat der rheingauische längst keine eigene Tracht mehr. Der Bauer kleidet sich wie ein verlumpter Bürger. Auch die Volkssprache hat ihre schärfste Eigenart längst abgeschliffen. Schon im 16. Jahrhundert war sie durch die verschiedensten Sprachen- und Dialekt-Elemente, welche sich ihr vermengt hatten, ausgezeichnet. Aber es war nicht der seit uralter Zeit sehr starke Fremdenverkehr allein gewesen, welcher die Besonderheiten der Volkssprache verwischt hatte. In dem ganzen politisch und social individualisirten Mitteldeutschland sind die selbständigen Dialekte aufgelöst. Nur Nord- und Süddeutschland zeigen noch die strengen Gegensätze abgeschlossener und annähernd reiner Volksmundarten, in den mittleren Gauen herrschen auch sprachlich zersplitterte, buntscheckige Uebergangsbildungen. Hat der Rheingauer aber auch keine streng gesonderte Mundart, so besitzt er wenigstens noch eine Fülle derb kräftiger Bilder und sinnlich greifbarer Redeweisen und Sprüche, Zeugnisse der Poesie und Frische des Volksgeistes, und in ergötzlicher Genialität gangbarer Spott- und Schimpfreden thun es ihm nicht einmal die Pfälzer zuvor. Die Geschichte des Rheingaues seit dem Ausgange des Mittelalters zeigt, wie trügerisch der allgemeine Satz ist, als müsse die Einwanderung reicher Leute in ein Land und das Einströmen eines großen Verkehrs nothwendig auch Wachsthum und Erstarken des Volkswohlstandes zur Folge haben. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich eine bedeutende Zahl von Mainzer Patriciern nach dem Rheingau gezogen, eine Schaar reicher Forensen brachte Luxus und Wohlleben dorthin, die Mainzer Erzbischöfe betrachteten den Gau als ihr kostbarstes Besitzthum, als die vergnüglichste Wohnstätte in guten und den sichersten Zufluchtsort in bösen Zeitläuften, sie statteten ihn deßhalb mit allen möglichen Freiheiten und Vergünstigungen aus, – und doch erwuchs aus all diesen scheinbar so glücklichen Umständen gerade der sociale Ruin der Bewohner, welchem überall auch der materielle Ruin auf dem Fuße folgt. Die Bevölkerung war zu klein und zu unselbständig, um sich vor dem Eindringen dieser fremden Elemente zu schützen, das ganze Land, überdeckt mit Fürsten- und Adelssitzen, ward gleichsam ein großes Hoflager. Damit wurden allmählig alle natürlichen Grundlagen der Gesellschaft erschüttert; die Bauern wurden bürgerlich, die Bürger sahen aus wie vornehme Leute, die alten Sitten wurden zerbrochen, es kam namentlich damals eine förmliche Revolution über das vordem sehr strenge und einfache Hauswesen der Rheingauer. Diese Zustände die sich zu jener Zeit in verschiedenen mitteldeutschen Landstrichen wiederholten, finden ihr schlagendes modernes Gegenbild in den Gegenden, wo jetzt die Bäderindustrie blüht. Wenn sich's ein ganzes Gebiet zum ausschließlichen Berufsgeschäfte macht, auf die Vergnügungssucht und die Verschwenderlaune reicher Leute zu spekuliren, dann wird zuletzt des Volkes ganze Sinnesart sich veräußerlichen, die Leute werden das Aufsteigen zu immer mehr verfeinerten Genüssen als letztes Ziel aller Arbeit ansehen, und tüchtige Bürger verwandeln sich in servile Bedientennaturen und vornehmthuerisches Gesindel. Zur Bewahrung gesunder Gesellschaftszustände ist es nicht genug, daß das Volk arbeite und den nationalen Wohlstand mehre: es kommt auch darauf an, was und warum es arbeitet. Gar mancher moderne Arbeitsverdienst, der dem reinen Finanzmann eine Mehrung des Volkswohles dünkt, ist ein Blutgeld, ein Beutel voll elender Silberlinge, um welche der freie und ehrenfeste Sinn der Bürger verkauft und verrathen wird. Abgeschlossenheit eines Landes schafft ein in seinen Sitten gefestetes, am überlieferten Staatsleben festhaltendes Volk. Dies gilt aber nur, wo die Beschaffenheit des Landes eine natürliche, wo das Volk groß genug ist, um in seinen gesellschaftlichen Gebilden sich selbst genügen zu können. Die willkürliche Abschließung eines Landes, das von Natur kein selbständiges Ganzes bildet, erzeugt den Partikularismus. Dieser löst die Sitte des Volkes und tilgt in ihm den Sinn für eine in stetiger Gemessenheit fortschreitende politische Entwicklung. Das Unruhige, Unfertige in dem Staatsleben eines allzukleinen Landes prägt sich auch dem Volkscharakter ein. Es geht hier mit den Gauen, wie mit den Ständen. Das feste körperschaftliche Zusammenhalten der ächten Stände gibt der natürlichen socialen Gliederung erst Kraft und Halt, während die Uebertragung der nämlichen corporativen Beschlossenheit auf die unächten Stände die ganze Gesellschaft auseinandersprengt. Die mittelalterige Landesverfassung des Rheingaues gibt das anschaulichste Bild eines solchen falschen Abschlusses. Der Gau, obgleich viel zu klein, um sich selbst genügen zu können, war geschlossen gleich einer Burg. Im Süden und Westen sperrte der breite Grenzgraben des Rheinstromes das Land ab; längs der Ostgrenze erhob sich vom Rheine bis zum Gebirg hinauf ein festes Bollwerk von Mauern und Thürmen, und wo diese Landesmauer aufhörte, da zog sich nördlich über das ganze Waldgebirg bis wieder zur Westgrenze des Rheines hinüber eine Grenzwehre der eigensten Art, das sogenannte Rheingauer Landgebück. Hier war der Wald selbst zur Festung gemacht, indem Baumzweige und Buschwerk auf Meilen weit zu dem festesten Zaun in einander geflochten und im Laufe der Jahrhunderte so dicht zusammen verwachsen waren, daß sie das Land besser als eine Mauer absperrten. Man konnte den ganzen Gau wie ein Haus zuschließen. Dieser territorialen Beschlossenheit entsprach die sociale und politische Abschließung des Volkes. Der Landesfürst schloß den Gau politisch durch seine Vogtei, und die Bewohner selbst schlossen sich social ab durch die äußersten Schwierigkeiten bei der Aufnahme eines Fremden in ihre Genossenschaft. Allein auch positiv sprach sich das social-politische Sonderthum aus in dem höchst merkwürdigen uralten Markverein der »rheingauischen Heimgeraide.« Im ursprünglichen Geiste dieses Markvereins sind alle Landesinsassen als eine große Familie gedacht. Die Heimgeraide bildete das gemeinsame Eigenthum dieser Familie, die Almende des Landes. »Wald, Weide, Wasser, Weg und Steg« sind die Nutzungen, auf welche jeder Rheingauer ein angeborenes Recht hatte, aber nur im Sinne der Gütergemeinschaft, denn Keiner durfte sich von diesen Stücken etwas zum Privatbesitz aneignen. Dieser urväterliche Communismus, der eine ganze Gaubevölkerung zur engverbundenen socialen Familie zusammenrückte, war außer dem Rheingau gerade in solchen Gegenden ganz besonders ausgebildet, wo heute noch eine starke politische Zerstückelung und Kleinstaaterei herrscht, in der südwestdeutschen Staatengruppe. In der ältesten Zeit ein mächtiger Hebel zur Förderung der Cultur, politischen Gemeingeist weckend im Volke, wurden diese Markvereine und Waldgenossenschaften später die Stützen eines falschen Sondergeistes. Selbst die immer kräftiger herausgebildete bundesherrliche Gewalt vermochte lange nicht, den im Volksleben gewurzelten Partikularismus zu bemeistern. Die Grenzen der Markvereine durchkreuzten mitunter die Grenzen der fürstlichen Territorien und trugen so noch eine sociale geographische Zersplitterung in die politische hinein. Die wetterauische »hohe Mark von Oberursel« z. B. griff in Mainzer, Hanauer, Solmser, Frankfurter und anderherrisches Gebiet hinüber. Umgekehrt schloß dann die Rheingauer Mark wieder einen Theil rein mainzischen Gebietes als selbständiges Ganze ab. Die deutsche Kleinstaaterei ist keine Schöpfung der Fürsten, sie gründet sich auf den Partikularismus des Volkslebens, der altersgrau ist neben dem noch sehr jungen Institute der fürstlichen Landeshoheit. Der Bürgerstolz, diesem hochbegünstigten Gau anzugehören und die Eifersucht, daß kein Unberufener eindringen möge, spricht sich in der alten rheingauischen Landesverfassung auf's kräftigste aus. Wer den Charakter eines Gaugenossen hatte, dem fielen die Ansprüche auf Theilnahme an den Freiheiten und Nutzungen zu, wenn er auch nur soviel Grundeigenthum besaß, »daß man einen dreibeinigen Stuhl darauf stellen konnte,« während ein anderer, der, ohne jenen Charakter, die größten Liegenschaften im Gau sein eigen genannt hätte, dennoch davon würde ausgeschlossen gewesen seyn. Hier liegt der Vergleich mit den alten Reichsstädten nahe. Aus ihrer früher so heilsamen Abschließung entwickelte sich bei vielen dieser Städte später ein versteiftes und verknöchertes Gemeinwesen, derart, daß sie im Wettstreit mit dem entfesselten modernen Städteleben vollständig in die Ecke geschoben wurden; bei andern aber, namentlich den kleineren, trat das gegentheilige Uebel ein: sie verloren alle Eigenart und der ganze Charakter ihres Bürgerthums löste sich gründlicher als irgendwo in der socialen Ausgleichung der Gegenwart auf. Das letztere gilt auch vom Rheingau. Im Mittelalter hat er sein Volksleben auf's individuellste entfaltet und – ausgelebt. Das Uebermaß der Abschließung schlug in sein Gegentheil um, in die Verflüchtigung alles Besonderen. Der Gau, welcher früher so spröde that bei der Aufnahme von Fremden, war in unserm Jahrhundert, wie zur Strafe, einmal geraume Zeit eine wahre Freistätte für fahrendes Gesindel geworden. Allein ob gleich fast alle die früheren socialen Charakterzüge des rheingauischen Volkes erloschen sind, so war doch ein einziger nicht zu vertilgen: der Rheingauer ist der Mann des deutschen Weinlandes, des Weinbaues und des Weintrinkens als solcher. Das ist die wunderbare natürliche Wahlverwandtschaft zwischen »Land und Leuten,« die durch keine politische Umwälzung zerstört weiden kann. Der oberste Kanon der alten rheingauischen Landesrechte hieß: » Im Rheingau macht die Luft frei. « Dieses große Privileg des salischen freien Landstriches hat längst seinen politischen Sinn verloren. Aber ein tiefer poetischer Sinn ist dem wunderlich klingenden mittelalterigen Rechtsgrundsatze geblieben. Die Luft ist es in der That, die das moderne, in den Banden einer eben so unreifen als überreifen Civilisation gefangene rheingauische Volksleben einzig noch frei macht, die milde, hesperische Luft, in ganz Deutschland sonder Gleichen, welche die Traube des Steinbergs und Johannisbergs reift, damit der Wein wenigstens das arme Volk im reichsten Gau mit einem Strahl der Poesie verkläre, und ihm das Köstlichste nicht ganz verloren seyn lasse, was den einzelnen Menschen wie Volksgruppen und Nationen auszeichnet: eigenartige Persönlichkeit. VI. Centralisirtes Land. Wer aus dem westlichen Mitteldeutschland kommt, wo überall auf engstem Raum so große Mannichfaltigkeit des Volks und Bodens zusammengedrängt ist, wo man bei jeder Meile Wegs gleichsam um eine Ecke tritt, daß sich der Anblick eines neuen Landes, anders gearteter Menschen eröffnet, für den fällt auf den langgestreckten bayerischen Hochflächen zwischen der Donau und den Alpen vor altem das Weitschichtige, Auseinandergezogene der Landschaft wie der Volksgruppen auf, der Mangel der feineren Durchbildung auf kleinem Raum. In den erstgenannten Gauen liegt der Stoff zu Landes- und Volkskunde in zahlreichen Duodezbändchen angehäuft, hier in zwei bis drei großen Folianten. Wo dort manchmal ein Nachmittags-Spaziergang genügt, um Gegensätze von Land und Leuten neben einander im Original zu vergleichen, da fordert dieß hier Tagemärsche. Nicht als ob es dem Flach- und Hügellande zwischen Iller und Inn an scharf geprägtem Charakter fehle: derselbe ist nur in breiten Zügen angelegt, und eben darum wußte er sich so ungebrochen derb zu bewahren. Den bis in's Kleinste individualisirten Landstrichen gehört die Vergangenheit, namentlich die mittelalterige. Gehört vielleicht den in's Breite und Massenhafte angelegten Ländergruppen die Zukunft? Der Hauptstock der am individuellsten durchgebildeten Gegenden Deutschlands: Thüringen, Hessen, die Uferlande des Ober- und Mittelrheins etc. ist in der Kleinstaaterei stecken geblieben; die Ländergebiete der drei mächtigsten deutschen Staaten: Oesterreich, Preußen, Bayern gliederten sich seit alter Zeit nach massenhafteren Gruppen. Auf den weiten Hochflächen an der Isar, in den weiten Sandniederungen an der Spree zogen sich in der neuesten Zeit die zwei bedeutendsten Mittelpunkte deutschen Kunstlebens zusammen; nie und nimmer hätte das Mittelalter an solchen Punkten Kunsthauptstädte zu gründen vermocht. Die große Fabrikindustrie und der Weltverkehr der Eisenbahnen sucht jetzt mit Vorliebe die weiten gleichförmigen Ebenen auf, und die endlosen Steppen des russischen Reiches sind es, aus welchen die beklommene Phantasie des vielgliedrigen Abendlandes die dunkeln Schattenbilder einer neuen Völkerwanderung von ferne heranziehen sieht. Es gibt wohl einen Dualismus des deutschen Volksthumes, aber er fällt durchaus nicht mit den Gegensätzen von Nord- und Süddeutschland zusammen. Er gründet sich auf die Doppelart gleichheitlich geeinigten und vielgestaltig gesonderten Landes und Volkes . Die beiden bewegenden Kräfte des Einigungstriebs und des Sondergeistes in der bürgerlichen Gesellschaft entwickeln sich hier auch geographisch und ethnographisch. Der Norden und Süden unsers Vaterlandes zeigt entschieden wahlverwandte Gruppen von Volkscharakteren: Mitteldeutschland ist es, was den Gegensatz hierzu bildet. Sieht man von den Zufälligkeiten, von der Dekoration, dem äußeren Gewand des Volksthumes ab, dann stehen die Ostfriesen, Schleswig-Holsteiner, Niedersachsen, Mecklenburger, Pommern den Altbayern, Tirolern, Steyermärkern unendlich näher als Beide den Obersachsen, Thüringern, Rheinfranken ec. Im Norden und Süden sitzen noch Volksstämme in großen und ganzen Gebilden, im Binnenland sind die Trümmer ursprünglicher Stämme aufgelöst und bunt durcheinander geworfen. Im Norden und Süden findet sich noch reines Bauernvolk, reine Dörfer, dazwischen aber auch reine Städte. In der Mitte ist bäuerliches und städtisches Wesen vielfach verwischt und in einander getrieben, die Bauern sind städtisch, die Kleinstädter bäuerisch, bei hunderten von kleinen Städten und großen Dörfern läßt es sich gar nicht genau bestimmen, ob sie mehr das eine oder das andere sind. Rein bäuerliche Bezirke sind da nur noch im kleinen eingesprengt, Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Reine Großstädte wie etwa Hamburg, Berlin, Wien, hat Mitteldeutschland nicht aufzuweisen, eben so wenig so reine Bauerndörfer gleich jenen am Fuß der Alpen und an der Meeresküste. Im Norden und Süden weiß man noch ungefähr, was Stände sind, in der Mitte ist das Verständniß für die organische Gliederung der Gesellschaft fast ganz erloschen. Die letzten bedeutsamen Reste des alten Innungswesens muß man an der Nord- und Ostsee und in den Vorländern der Alpen suchen. In Ober- und Niederdeutschland herrschen noch reine Volksmundarten vor; die aufgelöste und verwitterte Volkssprache zeichnet Mitteldeutschland. Im Süden und Norden wurzelt vorzugsweise noch ein strenges Kirchenthum im Volke, und der Pommer sieht noch ebensogut im Papste den wirklichen Antichrist, wie ihn der Tiroler im Doctor Luther sieht. Im Binnenland mischen sich die Bekenntnisse, und Duldung und Gleichgültigkeit hat selbst im niederen Volke fast nur noch gebrochene und gedämpfte Tinten des kirchlichen Lebens übrig gelassen. Im Norden und Süden wohnen noch einsame Menschen, der Cultur entrückte Volksgruppen, in der Mitte sind alle Pfade aufgeschlossen und jedes Einzelnen Haus steht an der großen Heerstraße. Dort kann man noch Entdeckungsreisen machen, hier stolpert je alle zehn Schritte ein Tourist über den andern. Wie die Bewohner des einsamen Oberlechthales und vieler andern Alpenthäler in jungen Jahren in die weite Welt ziehen, um draußen ihr Brod zu suchen und erst am späten Lebensabend als gemachte Männer in die stille Heimath zurückzukehren, so ziehen Tausende von Küstenbewohnern in gleicher Absicht nach allen Meeren. Von den alten Normännern geht die Sage, daß sie durch das Loos ein Procent des jüngern Volks zu ihren Seezügen ausgewählt hätten, und wunderbar genug wird ganz das Gleiche auch in den alten schweizerischen Wandersagen erzählt. Norddeutsches und süddeutsches Volksthum unterscheidet sich in vielen Äußerlichkeiten; im Kern und Wesen stehet sich beides erstaunlich nahe. Schon in der Landesart ist diese Verwandtschaft im Gegensatze zu Mitteldeutschland auf's schärfste herausgekehrt. Im Norden und Süden herrschen die massenhaften geographischen Gebilde vor, große Ebenen, das Meer, große Ströme, große Gebirge; in Mitteldeutschland der bunteste Wechsel kleiner Hügel- und Flachlandpartien, Mittelgebirge der mannichfaltigsten geognostischen Zusammensetzung, eine Ueberfülle kleiner Gewässer. Dem entspricht massenhaft geeintes Volksthum auf der einen Seite, zersplittertes auf der andern. Wenn Prof. Bernhard Cotta auf den schlagenden Zusammenhang zwischen dem revolutionären Volksgeiste und den örtlichen geologischen Bodengebilden in Deutschland hingewiesen hat, so liegt in solcher Vergleichung in der That mehr als ein bloßes Spiel des Witzes. Wo die urweltlichen Revolutionen augenfällig am tollsten gewirthschaftet und die mannichfaltigsten Gesteinschichten neben und untereinander geworfen haben, da konnte naturgemäß auf dem zerrissenen Boden auch das Volksleben am frühesten zerrissen und zersplittert werden, und in diese Risse setzte sich die moderne Bildung und mit ihr die Empfänglichkeit auch für die revolutionären Produkte derselben, während ein auf massenhaft gruppirtem Lande heimisches, massenhaft abgeschlossenes Volksthum ungleich spröder und zäher in seiner Eigenart verharren wird. Den mitteldeutschen Stämmen fehlt jene ausschließende Einseitigkeit, aus welcher sich große Volksgruppen als ein einheitliches, zäh beharrendes Originalgenie entwickelten, wie diese Einseitigkeit den geognostischen und geographischen Bildungen seines Bodens fehlt. In der Absicht nun, ein nach breiten Massen angelegtes Land, ein in großen Zügen gestaltetes Volksthum dem auf's äußerste durchgearbeiteten kleinen Winkel des Rheingaues gegenüberzustellen, wenden wir uns zu den südbayerischen Hochflächen. Blicken wir zuerst auf die Eigenthümlichkeiten des Landes. Ein hohes, rauhes Tafelland, bildet es die Riesenbrücke zwischen den Alpen und unsern binnenländischen Mittelgebirgen. Nur Hügel, namenlose Hügel, keine Berge beleben die ungeheure Fläche. Jeder Fernblick gegen Süden wird begrenzt durch die am Himmel verschwimmenden Bergspitzen der Voralpen. Man kann auf zwanzig Meilen von Westen nach Osten wandern, und schaut immer dieselbe Bergkette im Hintergrunde. Die ewigen Alpen, das Sinnbild der Stätigkeit in der Natur gleich dem ewigen Meere blicken als Herrscher und Hüter über das ganze weite Land. Zahlreiche kleinere Flüsse schießen vom fernen Bergwall in reißendem Laufe die steil geneigte Hochfläche hinab der Donau zu, aber kein größerer Strom gliedert das Land. Ufer und Wasserlauf gleichen sich täuschend bei fast allen diesen Gewässern; die meisten strömen in gleicher Linie von Südwest nach Nordost. Bei den Thälern des Lech, der Isar, Iller, Amper, Paar, Glon, Zusamm, Schmutter etc., ist allenthalben, sowie sie den äußersten Damm des Hochgebirges durchbrochen haben, die Thalweitung unverhältnißmäßig breit gegen die Höhe der umsäumenden Hügel und die Masse des Wasserlaufs. Sonst bändigt und beherrscht in der Regel der Berg, ja der Hügel den Fluß oder Bach, zwingt ihn um seine Ecken und Vorsprünge sich zu beugen: die Felsen und Höhen sind die Riesen, und die Bäche, zu ihren Füßen sich windend, die Zwerge. Hier dagegen sieht es aus, als ob die Hügel den Bächen nachliefen, und obendrein stets in ehrerbietiger Entfernung: diese Alpenströme ohne Alpen sind die Riesen, und die Hügel ohne sichtbaren Felsenkern, mit weibisch rundlichen Formen die Zwerge. Man sieht fast überall zu viel Himmel und zu viel Erde. Die größeren Flüsse dieser Hochfläche haben selten ein geregeltes Bett, sie laufen fast überall in zahlreiche Zweiggeflechte und Seitenarme aus einander, und nehmen mit nutzlosen Inselchen, Sand- und Geröllbänken, Altwassern, kleinen Sümpfen dreimal mehr Platz ein, als ihnen von Rechtswegen gebührte. In diesen schwer zugänglichen Flußauen herrscht oft noch Urwildniß. Denn es sind diese Flüsse noch nicht Knechte der Gesittung, sondern wilde Feinde derselben. Sie hemmen den Verkehr, statt ihn zu beleben. Die menschliche Ansiedelung hat sich nicht an ihren Ufern gesammelt, sie ist ihnen vielmehr möglichst weit ausgewichen. Das Schwemmland, welches das Hochwasser heuer geschaffen, wird im nächsten Jahre wieder verschlungen von den tobenden Fluthen. Vielleicht zeigen sie nur in einer einzigen regnerischen Sommerwoche ihre volle jähe Zerstörungswuth, aber ein paar Stunden genügen dann, um den Acker, welchen man jahrelang dem Element mühselig abgetrotzt, in eine für immer zur Cultur unfähige Geröllbank zu verwandeln. In der Meringer-Au am Lech lag das uralte Schloß Gunzenlech, wie die Sage erzählt, ein Bau von fabelhafter Größe und Herrlichkeit, in welchem die alten bayerischen Herzoge ihre stolzesten Feste feierten – es ist im Lech versunken und nicht bloß das Schloß, auch der Boden, auf dem es mit seinen weitberühmten Prunkgarten gestanden, und Keiner weiß mehr seine Stätte. Uebermäßig breite Strombette, weitgedehnte unfruchtbare Alluvionen, große Moorflächen, in denen noch vereinzelte Siedler wohnen neben den kleinen Dörfern, ansehnliche Seen und Weiher, zahllose Hügelgruppen, die einander folgen und sich gleichen wie eine Wasserwoge der andern, darüber ein Himmelsgewölbe, welches südwärts von den Alpen aufsteigt, um im Norden weit über die Donau hinaus im Frankenlande sich wieder auf der Grundlinie des Erdkreises niederzulassen. Diese breite Physiognomie sitzt dann auch den natürlichsten Kunstwerken des Landes wie angeboren: den Dörfern. Sie sind viel gedehnter angelegt, die Häuser geräumiger, als man's bei den Bauernwohnungen Mitteldeutschlands zu finden pflegt, die Fenster so breit, daß sie zum Entsetzen jedes künstlerischen Auges wohl gar quadratförmig werden. Selbst auf den Kirchhöfen liegen die Todten oft auffallend weit auseinander gebettet. Ueberall der Eindruck, daß in diesen Gegenden noch sehr viel Platz sey, Platz für eine verdoppelte Volkszahl. Es ist noch allerlei Rohstoff des Landes vorhanden, nicht jedes Zipfelchen der Oberfläche präsentirt sich sofort als verarbeitetes Produkt. Die Wahrnehmung, daß hier die Welt noch nicht ganz vertheilt sey, hat für Jemand, der aus einem übervölkerten Landstrich kommt, etwas Behagliches, Beruhigendes. Die Ackerstücke sind für ein mittelrheinisches Auge mehrentheils erstaunlich groß. Es wäre freilich sehr verkehrt, wenn man diese Raumgröße als Beweis eines größeren Reichthums nehmen wollte, denn auch der Bau des Bodens zielt meist mehr auf das Massenhafte, als auf die Benützung im Kleinen und Einzelnen. Die Ackerfurchen sind auffallend breit und tief gezogen, die Pflanzen meist weitschichtig gesetzt. Wie folgerecht leuchtet dieser Grundcharakter eines ausgedehnten, geräumigen Landstrichs überall durch! Und diese hohen und breiten Beete des gepflügten Ackers, deren Urbild die bis zur Donau streifenden sogenannten Hochäcker oder Bifänge zeigen, sind zugleich historische Denkmale; denn so breit und tief wie heute der oberbayerische Bauer seine Furchen zieht, zog sie hier auch vor langen Jahrhunderten der Kelte mit dem rhätischen Pflug, den Plinius beschreibt. In den Wäldern sieht man mehrentheils die gefällten Bäume mehrere Fuß über der Wurzel abgesägt, während dieser lange Stumpf mit der Wurzel im Boden stecken bleibt und häufig genug unbenutzt verwittert. Das ist das letzte Zeichen der Erinnerung an die Zeiten, wo die ganze Bevölkerung an dem in den Wäldern von selbst verdorrenden Holze gerade genug hatte, um ihren gesammten Feuerbedarf damit zu bestreiten. Dem regellosen Lauf der Flüsse auf diesen Hochflächen sind mehrentheils auch die Wege zu vergleichen. Die kleineren Gemeindewege zumal nehmen sich mit ihren Krümmen – die in uralter Zeit der Fuß des Wanderers vorgezeichnet haben mag, nicht die Meßschnur des Wegbauers – mit ihren dem Hauptweg bald nahe bald weitab zur Seite laufenden Hülfsfußpfaden genau wie das wilde Strombett eines vertrocknenden Flusses aus. Diese ungeregelten, überzähligen wilden Pfade fressen unglaubliche Strecken culturfähigen Landes weg. Wenn Walther in seiner »Topischen Geographie von Bayern« versichert, daß Bayern durch die Cultur aller seiner Moore innerhalb seiner eigenen Grenzen an urbarem Flächeninhalt ein nicht unbedeutendes Fürstenthum erobern könne, so glauben wir, daß durch die Regelung der wilden Wege wenigstens auch noch eine stattliche Grafschaft dazu zu gewinnen wäre. Aber dann müßten die geregelten Wege freilich in einem ganz andern Stande gehalten werden als gegenwärtig; denn so lange man bei nassem Wetter selbst im frisch gepflügten Acker reinlicher geht, als in dem Schlammstrom der Straße, wird die Nothwehr von Roß und Mann doch immer die wilden Wege erzwingen. Nur wer die Armuth an Bruchsteinen auf diesen Hochflächen mit eigenem Auge gesehen, begreift, wie die Straßen so schlecht seyn können, während doch das Budget so beträchtliche Summen für deren Pflege aufweist. Elendes kleines Kalkgerölle, welches man in andern Gegenden zu schlecht erachten würde, um den letzten Feldweg zu stücken, wird hier wohl gar meilenweit verfahren zur Unterhaltung von Staatsstraßen ersten Ranges. Wenn man in dem weiten Hügel- und Flachlande zwischen Ulm und München gelegentlich einen durch den Zufall verschleuderten tüchtigen Bruchstein am Wege liegen sieht, so betrachtet man ihn mit kindischer Freude, mit jener Pietät, mit welcher man in holzarmen Gegenden zu einem vereinzelten Baume aufblickt. Hölzerne Grenzsteine sind in den Dorfmarken nichts seltenes; dem Widerstreit mit der Logik, der in diesen hölzernen Steinen liegt, geht man in neuerer Zeit wohl auch durch Grenzsteine von gebranntem Thon aus dem Weg. Wo der Backsteinbau ausschließend herrscht, werden Land und Leute fast immer nur nach breiten Massen gegliedert seyn. Der Backstein und die ebenmäßigen breiten Wandflächen bedingen sich gegenseitig, und der Mensch ist enger mit seinem Haus verwachsen, als man gemeinhin glaubt. Ich habe oben auf die Parallele zwischen den Marschen und Niederungen des deutschen Nordens am Saume des Meeres und den Mooren und Hochflächen des deutschen Südens am Fuße der Hochalpen hingewiesen, da nicht bloß die Bodengestalt, sondern auch die darin gewurzelte Verwandtschaft des Culturlebens des Volkes zum Vergleich herausfordern. Und gerade diese letztere Verwandtschaft läuft in hundert Zweigen auf den gemeinsamen Mangel des Bruchsteins und die Aushülfe durch den gebrannten Stein zurück. Ein Landmann vom Nordsaum der Allgäuer Alpen erzählte mir als etwas mährchenhaftes, daß er in Mannheim Häuser gesehen habe, deren Dächer »ganz mit Schreibtafeln benagelt« seyen. Er war entzückt von diesem Eindruck; ganz dasselbe hätte bei einem norddeutschen Küstenbewohner der Fall seyn können. Den Einfluß des Bruchsteins oder Backsteins auf den Volkscharakter in seiner ganzen Breite und Tiefe nachzuweisen, ist noch eine stattliche Aufgabe für einen Culturhistoriker. Die Gegensätze, welche sich auf diese entscheidenden Rohstoffe der Civilisation gründen, erweitern sich bei geschichtlichem Rückblick in riesigem Maßstabe; aus dem örtlichen Gegensatze wächst ein weltgeschichtlicher auf: der Orient des Alterthums, der, wie Babylon durchaus, oder wie Indien zum großen Theil, auf den gebrannten Thon hingewiesen war, und das bruchsteinreiche Hellas und Rom; der backsteinbauende Nordosten Deutschlands im Mittelalter und die südwestdeutschen Bruchsteingegenden in demselben Zeitraum! Ueberall kommen wir auf gleiche Grundunterschiede zurück, die zuletzt in dem Bruchsteinhaus des Gebirgsbauern und in dem Lehm- oder Backsteinhaus des Flachland- oder Moorbauern zu dem kleinsten Maßstab zusammengeschrumpft, aber nicht erloschen sind. Wie fein stuft sich wieder, um auf der südbayerischen Hochebene stehen zu bleiben, hier der ziegelgedeckte Backsteinbau in den Dörfern des hügeligen Theils gegen die strohgedeckten Häuser der Moosdörfer, gegen die schweizerischen Holzschindelhäuser der höheren Lage ab! Die plumpen, massiven, breit und tief gebauten Häuser der Hügelregion mit ihren quadratförmigen Fenstern, ihren hohen, aber fast im stumpfen Winkel gespannten Giebeln, ihrer weiten Hausfluren stellen uns den festen, wohlhäbigen, aber schwerfälligen Kornbauer dieser Gegend, der aussieht, als könne man Wände mit ihm einrennen, den Pommer Süddeutschlands, in klarster architektonischer Symbolik dar. Da, wo die Amper bei Wildenrott, die Würm bei Obermühlthal gegen die Ebene des Dachauer Mooses durchbricht, hat die Natur zum letztenmal, als auf dem letzten vorgeschobenen Posten, ein Stück wildromantischer Hochgebirgsscenerie inmitten des Flachlandes improvisirt, und genau in dieser Gegend tritt auch bei den Dörfern die Bauart des Gebirges ein, obgleich bei den Nachbarn rechts und links noch weit hinaus die Bauart der Hügel- und Moosstriche gilt, und eine zwingende klimatische Nothwendigkeit zur Anlage dieser Hochgebirgshäuser gewiß noch nicht vorhanden war. Mit so wunderbar sicherem Instinkt hat der Volksgeist seine bescheidenen architektonischen Gebilde dem Charakter des Landes angepaßt. Eine vergleichende Ueberschau des überlieferten deutschen Dorfbaustyls, nach Gauen und Stämmen geordnet, würde äußerst lehrreich seyn, und es wäre hohe Zeit, dieselbe zusammenzustellen, bevor die immer weiter fressende Gleichmacherei auch hier die alten natürlichen Unterschiede verwischt hat. Die Bauart der Bauernhäuser, wo sie noch historisch und ächt ist, gehört ebensogut der Kunstgeschichte, als das Volkslied der Geschichte der Musik. Nicht überall freilich gibt es Dörfer, deren Bau den ästhetischen Gehalt eines volksthümlichen Kunstwerkes beanspruchen darf, aber auch nicht überall sprudelt der Quell des Volksliedes. Die moderne Architektur, nachdem sie mit der Nachahmung der höheren Kunstformen vergangener Jahrhunderte so ziemlich fertig geworden ist, hat jener Baukunst des Volkes schon manche für neu geltende Formen abgelauscht, was uns lebhaft an die Ausbeutung des Volksliedes durch unsere gelehrten Componisten erinnert; und wenn bei manchen neumodischen Fabrik- und Eisenbahnbauten das travestirte Bauernhaus des Hochgebirges aus allen Ecken hervorlugt, so ist dies nichts anderes, als wenn die große Oper durch den Schmuck alter Volkslieder wieder jugendlichen Reiz zu gewinnen sucht. Wie im deutschen Mittelalter das Volksleben in allem Sonderthum auf's einzelnste durchgebildet war, so zeigt auch die gothische Architektur das gleich Individuellste in ästhetischer Hinsicht. Der Backstein ist der ärgste Feind der gothischen Architektur. Nicht leicht mag eine Stadt solch redendes Zeugniß dafür ablegen, als Augsburg, der uralte Centralpunkt der südbayerischen Hochflächen. Die gothische Architektur ist hier verkümmert in dem widerstrebenden Material, die altromanische Weise und der Zopf, beide mit breiten Wandflächen, herrschen despotisch. Das geht dann weiter fort durch's ganze Land. Die Centralisierung des Dorfkirchenbaues hat sich zwischen Iller und Isar in einer Weise vollendet, die vielleicht in ganz Deutschland ohne Gleichen ist. Ueberall derselbe romanische Unterbau des Kirchenthurmes, auf den der Zopf dann einen luftigen achteckigen Pavillon gesetzt und diesen mit einer zwiebelförmigen Kappe gekrönt hat, überall dieselben schlanken minaretartigen Thürme, die, dem Charakter des Flachlandes entsprechend, wie riesige Spargeln aus der weiten Ebene aufschießen. Es geht eine scharfe Grenzlinie des bayerischen und schwäbischen Volksstammes mitten durch die Hochfläche, das Land in zwei große, nach Geschichte, Sitte, Mundart grundverschiedene Gruppen theilend, aber die Dorfkirchen sind in der gleichen Weise gebaut, hüben wie drüben. Wer da weiß, wie folgerecht sich im Mittelalter der Kirchenbau, und zumal dieser kleinere, handwerksmäßige, streng nach den Grenzen des Gaues sonderte, der wird das Gewicht dieses Umstandes ermessen. Ich wies oben auf die unterschiedliche Bauart der Hügelland-, Moor- und Gebirgsdörfer hin: für die alten Dorfkirchen allein gelten diese Unterschiede nicht: sie sehen sich in allen drei Strichen fast durchweg so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Diese Gleichförmigkeit mag das künstlerische Auge zur Verzweiflung bringen: der Culturhistoriker sieht in den Hunderten gleich gebauter Thürme, Schiffe und Chöre ein imponirendes Denkmal der centralisirenden Gewalt der Kirche. Auch diese alten Dorfkirchen sind wenigstens ein Bruchstück volksthümlicher Kunst. Wenn uns die charaktervollen Bauernhäuser die schöpferische architektonische Kunstrichtung des Volkes darstellen, dann bezeichnen uns diese Kirchen die nachbildende. Denn in ihnen spiegelt sich die rohe, handwerksmäßige Auffassung, welche der gemeine Mann in alter Zeit von dem höheren Kunststyl sich aneignete, gleichsam sein praktisch dargelegtes Verständniß des letzteren. Wer freilich an den modernen Dorfkirchenbau denkt, der lediglich durch die Willkür des Baumeisters, der Gemeindevorstände etc. bestimmt wird, der mag schwer begreifen, welch ein ungehobener Schatz für die Kunstgeschichte noch in den alten Dorfkirchenbauten liegt, die sich nach ganz natürlichen örtlichen Gruppen ordnen und, wie die ganze mittelalterliche Baukunst, auf's festeste in dem engbegrenzten Boden gewurzelt sind, der sie trägt. Eines der merkwürdigsten Denkmale der Wahlverwandtschaft der norddeutschen Küstenländern mit den süddeutschen Hochflächen ist die gothische Frauenkirche zu München. Sie zeigt in ihrer Bauart die auffallendste Aehnlichkeit mit den gothischen Kirchen der deutschen Ostseeländer, die eine so ganz eigenthümliche, in der Natur von Land und Volk wie in der Art des Baumaterials (Backstein) begründete Einzelart des gothischen Styles darstellen. Weite Länderstrecken liegen trennend zwischen diesen beiden Polen Deutschlands, nirgends ist eine örtliche Vermittelung, ein Uebergang: und doch bauete man zu München in derselben, weil dem Volksgeist, dem Boden und dem Material entsprechenden Weise, wie an der fernen Ostseeküste. Barthold in seiner Geschichte des deutschen Städtewesens zieht eine Parallele zwischen dem alten Lübeck und dem alten München, und weiset auf den großen Abstand in den jüngsten Epochen beider Städte. Nur in zwei Bauwerken findet er, daß ein Denkmal der alten Verwandtschaft geblieben sey: in den düsteren, hünenhaft über das Maß ausgereckten Formen der Münchner Frauenkirche und der stylverwandten St. Marienpfarre zu Lübeck. Und wie der Dachgiebel und die wunderlich bekuppten Doppelthürme der Frauenkirche, alles moderne Werk nebenan an Masse überragend, dem von den Alpen niedersteigenden Wanderer als erstes Wahrzeichen aus der Ebene aufsteigen, so begrüßt auch der Schiffer im Golf von Wagrien das Gewölbe und Nadelpyramidenpaar der Marienpfarre als erste Landmarke. Ein Holsteiner oder Mecklenburger könnte von Heimweh überwältigt werden, wenn er an den kleinen Seen zwischen dem Ammer- und Starnbergersee wandert, durch diese Buchenhaine von so tief gesättigtem, saftigem Grün, wie es nur die Nähe des Meeres oder der Alpen erzeugen kann, über diese smaragdfarbigen Triften, wie sie nur dem äußersten Norden und dem äußersten Süden unseres Vaterlandes eigen sind. Unter unsern älteren Landschaftsmalern haben die größten Meister jener duftigen Luftperspectiven, jener feuchtverklärten Fernen entweder an unsern nordischen Meeren oder auf unsern südlichen Hochflächen ihre besten Studien gemacht. In der Mitte Deutschlands, im besonderten Land, spielt der vorzugsweise romantische Theil unserer Geschichte und Sage. Dort ragen auch unsere schönsten Burgen, der reichste Kranz von dichterisch schönen Städtetrümmern und Kirchen- und Klosterruinen. Viel grimmigere Völkerschlachten wurden aber im Nordosten und im Süden geschlagen; an beiden Punkten Vertilgungskämpfe gegen einbrechende Barbarenhorden. Die südbayerische Hochfläche ist seit länger als einem Jahrtausend gleichsam Ein großes Schlachtfeld gewesen. Hier prallten die Massen auf einander, wenn im individualisirten Mitteldeutschland die Individuen zusammenstießen. Und doch sind unsere nordöstlichen Grenzmarken gleich den Hochflächen des Südens arm an augenfälligen historischen Trümmern. Die zahlreichen Burgen des linken Lechufers sind fast alle bis auf die Grundmauern hinweggetilgt. Es ist ein Charakterzeichen für diese Gegend, daß man fast immer entweder lediglich die Burgkapelle stehen ließ, oder aus dem letzten Trümmerrest eine Kirche auf die Burgstätte gebaut hat. Mehr als bloßer Zufall aber ist es, daß in den Gauen, wo die äußeren historischen Denkmale am reichsten bewahrt sind, der historische Charakter des Volkes am meisten erloschen ist, während in den von monumentalen Trümmern so arg entblößten großen Landstrichen des Südens und Nordens das lebende Denkmal alter Sitte, Sage, Sprache und Siedelung am festesten sich erhalten hat. An den norddeutschen Meeresküsten zeigt man oft kleine Strecken des Küstensandes, die ganz roth gefärbt sind von zermalmten, aus der Tiefe des Meeres aufgespülten Ziegelsteinen. Es sind die Stätten, wo ganze Dörfer vor Jahrhunderten von den Fluthen verschlungen wurden. So sieht man auf den südbayerischen Flächen mitunter Hügel, deren Köpfe ganz roth gefärbt sind von einer förmlichen Saat zerbröckelter Backsteine. Einen solchen Hügel nennt man am Lechrain einen Burgsel, weil er eine Burg getragen; das rohe Gerölle aber ist jetzt das einzige Monument versunkener Macht und Herrlichkeit. In ihrer Masse und Fülle sind diese Hochflächen schön, wie die flachen Meeresküsten in ihrer Masse. Der landschaftliche Reiz unserer mitteldeutschen Gegenden liegt dagegen fast immer in gesonderter Plastik einzelner Formen. So geht auch die landschaftliche Schönheit Hand in Hand mit dem allgemeinen Landes- und Volkscharakter. Das Lechfeld von der Sage wie von der Geschichte geweiht, ist eine Oede, baumlos, hügellos, eine unabsehbare braungrüne Fläche. Man hat sie mit einem erstarrten See verglichen. Aber gerade über dieser endlosen Oede schwebt im verglimmenden Abendsonnenschein ein heimlicher herzbewegender Zauber. Es ist nur eine ungeheure Oede, aber doch wieder von tiefem, ureigenem Gepräge. Und in der Erhabenheit der endlosen Oede überwältigt uns der Gedanke, daß die Erde überall schön sey, denn sie ist überall Gottes. Alles südlich der Donau gelegene bayerische Land gliedert sich für unsere Anschauungsweise nur in zwei große Hauptmassen. Seit uralten Tagen macht hier der Lech den Satz zu Schanden, daß die Flüsse nicht trennende Grenzlinien, sondern Verbindungslinien der Ufervölker seyen. Und nicht bloß Südbayern theilt sein Lauf von der Quelle bis zur Mündung in zwei große Gruppen, sondern alle südlich der Donau gelegene deutsche Gaue in eine schwäbische und eine bayerisch-österreichische Hälfte. Der Charakter des Bodens auf beiden Ufern bildet durchaus keinen entsprechenden Gegensatz, und doch hält der schmale Wasserstreif so scharfe Gegensätze im Volkscharakter mit der Genauigkeit einer mathematischen Linie auseinander. Es ist merkwürdigerweise eine Völkerscheide ohne zugleich eine Landesscheide zu seyn. Lediglich im äußeren Grundriß des Bodens liegt die Grenznatur: der Lech ist die senkrechte Linie von den Alpen auf die Donau gefällt, also die natürlichste Vertheidigungslinie gegen jedes durch die breite Heerstraße des Donauthales einfluthende Heer. Und so ward der natürliche Landwehrgraben in so vielen Völkerkämpfen zum Grenzgraben, an welchem die zwei Hauptgegensätze süddeutschen Volksthumes auseinander gehen. Aber auch die politische Zersplitterung der Ecke zwischen Iller und Lech war eine zufällige, nicht durch des Landes Art gebotene. Selbst das landschaftliche Gesicht der Gegend verkündet dieses Verhältniß. Die Hochfläche zerklüftet sich zwar in zahllose Hügel, diese aber sondern sich nirgends zu selbständig geschlossenen Einzelgruppen ab. Das Bewußtseyn der alten zufälligen Gebietsunterschiede wird gar bald beim Volke vollends erloschen seyn, aufgesogen durch den in unvordenklicher Verjährung eingewurzelten Hauptunterschied der schwäbischen und bayerischen Lechseite, den keine politische Verschmelzung so bald vertilgen wird. Nur ein Rückgedanke an die alten Herrschaftsverhältnisse ist – wie fast überall – auch bei den bayerischen Schwaben des linken Lechufers noch unverloren, daß nämlich alte Leute aus den ehemals geistlichen Gebietstheilen mit wehmüthigem Behagen der goldenen Zeit erwähnen, wo sie noch unter dem Schatten des Krummstabs wohnten, und – die Maas Bier nur zwei Kreuzer kostete. Wie scharf die Lechlinie sich auch als Grenze der beiden Mundarten bewährt, dafür genüge ein einziges Beispiel. Auf dem linken Lechufer gehen gut drei Viertel aller Ortsnamen auf die Schlußbildung »ingen« aus, diese charakteristische Form der schwäbischen Ortsnamen, die im Herzen Schwabens bis zum Komischen die Alleinherrschaft behauptet. Also: Göggingen, Bobingen, Inningen u. s. w. Sowie man aber den Fuß über den Fluß setzt, ist schlechterdings kein »ingen« mehr aufzuspüren: dieselbe Form hat sich in »ing« verwandelt, welches in Bayern eben so bezeichnend vorherrscht wie »ingen« in Schwaben. Also: Meering, Statzling, Derching u. s. w. Diese Ortsnamen auf »ing« geben aber, obwohl sparsamer, durch das ganze südlich der Donau gelegene Oesterreich fort bis zur ungarischen Grenze; auf der andern Seite läuft das schwäbische »ingen« durch Württemberg und Baden nach dem Elsaß, und erlischt erst in den Ostgrenzen Lothringens und der Freigrafschaft. Diese Strenge, mit welcher sich die am meisten charakteristische Formbildung der Ortsnamen für ganz Süddeutschland am Lech abschneidet, zeigt uns recht, welch eine scharf gezogene Grenze der Volksstämme in diesem Flusse gegeben ist. Im Norden der Donau wird man die Grenzlinie zwischen »ingen« und »ing« da finden, wo die Marken des alten schwäbischen und fränkischen Reichskreises im Flußgebiet der Altmühl und Wörnitz in einem Winkel mit dem bayerischen Kreise zusammenstoßen. In Franken kommen beide Endungen neben einander, doch nur vereinzelt, vor. Vorzugsweise in Süddeutschland zeigt sich die Kreiseintheilung des Reichs, wie sie Kaiser Maximilian I. geschaffen, als großentheils trefflich begründet auf die natürlichen Länder- und Völkergrenzen. So hatte sie sich auch bei Bayern und Schwaben streng an den großen Wehr- und Grenzgraben des Lechbettes gehalten. Heute noch hat der Lech auffallend wenig Brücken, und der Ortsverkehr zwischen beiden Ufern ist erstaunlich gering. Der nächste Uebergangspunkt oberhalb Augsburg ist nicht weniger als sechs bayerische Stunden von dieser Stadt entfernt bei dem Dorfe Lechfeld. Hier ist eine Brücke, allein nur für Fußgänger praktikabel. Sie ist mit einem Thor abgeschlossen, und eine gute Strecke seitab in den Wiesen steht das Haus des Pförtners und Brückenzollerhebers. Will man diese Brücke passiren, so ruft man diesen Mann herbei, der uns mit dem Schlüssel zur Brücke begleitet, das Thor aufschließt und den Zoll erhebt, um dann wieder hinter uns abzuschließen. Diese ebenso gemächliche als gründliche Art der Brückengelderhebung und Controle gibt ein Bild von der hier herrschenden Lebhaftigkeit des Verkehrs zwischen beiden Ufern. In alten Tagen lag es im Interesse der Politik, möglichst wenige feste Brücken über den großen Grenz- und Vertheidigungsgraben des Lech zu bauen; die moderne Zeit aber hat in Bayern überhaupt noch nicht allzuviel von dem nachgeholt, was frühere Jahrhunderte in Brücken- und Straßenbau versäumten. Der Abgeordnete v. Koch bemerkte in einem 1850 erstatteten Bericht über das Budget des Straßenbaues als etwas besonders auffallendes, daß fast sämmtliche Brücken des Königreichs Bayern als gleichzeitig reparaturbedürftig aufgeführt seyen. Als Sanct Sebaldus im heutigen Bayern an die Donau kam, fand er weder eine Brücke noch ein Fahrzeug. Er besann sich aber nicht lange, breitete seinen Mantel aus und steuerte wie auf einem Schifflein wohlbehalten über das Wasser. Man sieht, die Brückennoth ist historisch im Lande. Aeußerst wenige Dörfer liegen unmittelbar am Uferrande des Lech, die meisten sind bis auf eine Stunde Wegs landeinwärts geschoben; dagegen sieht man vielfach die verwachsenen Reste alter Wälle, Schanzen und Gräben am Wassersaum. Im allgemeinen ist auf der bayerischen Lechseite noch viel größere Abgeschlossenheit des Volkslebens, ältere Sitte, minder bewegliche Entwicklung wahrzunehmen als auf der schwäbischen. Schon die Bauerntracht, obgleich nicht mehr ganz streng nach der Flußgrenze geschieden, macht dies anschaulich. Auf beiden Ufern sind alterthümliche Volkstrachten, aber das Datum der bayerischen ist das bei weitem ältere. Wenn unsere heutigen Volkstrachten nichts anderes sind als aus der Mode gekommene städtische Trachten, dann sind die Altbayern bei einer wenigstens um hundert Jahre früher abgelegten Garderobe stehen geblieben als die schwäbischen Bayern. Das rechte Lechufer zieht den Rock des 17., das linke den des 18. Jahrhunderts vor. Dort hohe spitze Hüte, kurze Wämser und lange faltige Lederstiefel bei den Männern und die über die Schultern emporgedrückten Schinkenärmel der Frauen; hier das kleine runde Hütchen oder der Dreimaster der Zopfzeit, lange Oberröcke mit stehendem Kragen, kurze Hosen mit Schnallenschuhen und Zwickelstrümpfen, oder auch kurze Hosen mit Schnallenschuhen und – keine Strümpfe, wobei das possirlichste Widerspiel von Natur und Etikette auf Beineslänge zusammengedrückt ist. In der Dachauer Gegend ist die altüberlieferte Tracht der Frauen häßlich, unbequem und ungesund zugleich. Aber je mehr man die Leute verspottet über ihr wunderliches Kleid, welches auch das schlankste Mädchen von hinten wie eine Buckelige, von vorn wie eine Schwangere erscheinen läßt, desto fester halten sie an demselben. Warum sind aber diese Volkstrachten gerade bei den oben bezeichneten bestimmten Zeitpunkten stehen geblieben, warum nicht eben so gut bei einem späteren oder früheren? Und ist nicht beiläufig in demselben Zeitraum, wo der Dorfkirchenbau auf dem rechten Lechufer zu stehenden Formen erstarrte, auch die Volkstracht dieser Gegenden für die kommenden Geschlechter gefestet worden? Wäre ein solches Zusammentreffen so ganz zufällig? Wenn ein Volk die Tracht einer bestimmten Zeit auf Jahrhunderte beibehält, dann betrachtet es damit jene Tage als die für sein ganzes nachfolgendes Culturleben entscheidenden, als die Periode, in welcher es, Hegelisch zu reden, den letzten »Ruck in seiner Weltgeschichte« gemacht hat. Die Formen der altbayerischen Dorfkirchenthürme und der altbayerischen Volkstrachten gehören wesentlich den nächsten Jahrzehnten nach dem dreißigjährigen Kriege an. In diesem Vernichtungskampfe war in den bayerischen Landen von Freund und Feind furchtbar gründlich aufgeräumt worden. Es war Raum für Neubildungen da. Daß sie hervorbrachen, darf nicht Wunder nehmen. Weil aber gleichzeitig das vorwärts drängende politische Leben in Bayern erstarrte, blieben auch diese einzelnen äußerlichen Schöpfungen des Volksgeistes stehen. Die geistigen Kämpfe des 18. Jahrhunderts mit ihren Gährungen, Zersetzungen, Auflösungen, mit ihren Vorgebilden der Neuzeit sind für Altbayern im Allgemeinen kaum, für das Bauernvolk gar nicht vorhanden gewesen. Das 19. Jahrhundert setzte hier gleichsam unvermittelt an das 17. an, das 18. war für diese Gegenden nur eine Wiederholung des 17. gewesen. Dieser Umstand, daß Altbayern an der Hand seiner geistlichen Führer um das 18. Jahrhundert herumgekommen ist, mag gar manche Eigenart des Volkslebens wie neuerer politischer Zustände erst in das klare Licht setzen. Der gemeine Mann ist hier im Durchschnitt noch streng kirchengläubig, er weiß nichts von den religiösen Kämpfen und Zweifeln, die seit den letzten hundert Jahren wieder die gebildetere Welt aufgerüttelt haben. Er kennt nur seinen Katholicismus, und mancher sehr anständige Mann in Altbayern, der einen sehr feinen Rock trägt, würde baß erstaunen, wenn man ihm die Neuigkeit berichtete, daß die Protestanten auch an Christum glauben. Als Luther mit Langenmantel zur Nachtzeit Augsburg verlassen, ritten sie acht große Meilen in Einem fort das Lechfeld hinauf dem blauen Hochgebirg zu, und die zur Verfolgung ausgesandten Leibwächter des päpstlichen Legaten kehrten erschreckt um, da sie Luther und den Langenmantel auf gluthschnaubenden und die dunkle Oktobernacht erhellenden Rossen mit Windeseile vor sich herbrausen sahen. In einer in der Lechgegend merkwürdig allgemein verbreiteten Kunde fügt der plumpe Volkshumor hinzu, daß der Reformator bei seiner Flucht in Augsburg die Zeche für zwei Bratwürste schuldig geblieben sey. Diese Geschichte von den Bratwürsten und den feuerschnaubenden Rossen ist dem Landvolk jedenfalls geläufiger als irgend eine auch nur entfernte Anschauung von Luthers Lehre. Der Bauer vom alten Schrot und Korn treibt hier sein Roß an mit den stehenden Worten: »Vorwärts in Gottes Namen!« und wenn er's muthwillig unterließe, vor jedem Crucifix und Heiligenbild am Wege den Hut zu lüpfen, so würde er schwerlich mit heiler Haut oder ganzem Geschirr heimzukommen glauben. In München hörte ich, wie zwei Bettelleute von Fach, die geschäftsmäßig für jede empfangene Gabe ein Paternoster zu beten versprachen, sehr nachdenkliche Erwägung pflogen, inwiefern die Fürbitte eines Lebenden einem andern Sterblichen nützen könne, und ob sie den vornehmen Hallunken, denen sie für ihre Pfennige ein Gebet zurückzahlten, noch zu einem Danke verpflichtet seyen oder nicht vielmehr diese ihnen. Unter den bayerischen Volkssagen bilden die kirchlichen Legenden eine ungeheure Zahl. Der bestimmte kirchliche Geist sitzt so tief im Volksleben, daß selbst der Volksschwank noch arglos kirchliche Anschauungen in seinen Bereich zieht. Eine fromme Mutter aus Balderschwang hatte ihr Söhnlein vermahnet, vor jedem Crucifix die Kappe zu ziehen und auch, wo möglich, dasselbe andächtig zu küssen. Der Bube nahm sich's zu Herzen und als er auf dem Felde ein eisernes Ding wie ein Crucifix liegen sah, warf er sich andächtig zum Kusse nieder. Es war aber kein Crucifix, sondern eine Fuchsfalle: sie schlug zu und nahm dem Andächtigen die halbe Nase weg. Allein der Bube rief bloß voll Verwunderung über diesen Empfang: »O g'rechter Herrgott, wie g'schnell bist du!« Selbst in vielen Spruch- und Redeweisen spricht sich noch diese Sättigung des ganzen Volksgeistes mit kirchlichen Bildern aus. Ein Ding das schnell läuft, läuft »wie ein Vaterunser.« und ein bestialischer Trinker säuft nicht wie ein Bürstenbinder, sondern noch, nach dem mittelalterlichen Worte, »wie ein Templer.« Hier hat die Macht des Clerus in der That ihre feste Stütze im Volke selbst. Eine höchst eigenthümliche Erscheinung ist der altbayerische niedere Geistliche des vorigen Jahrhunderts gewesen, wie ihn Bucher so oft und mit so großer Meisterschaft seines humoristischen Griffels geschildert hat. Diesen Priestern aus der guten alten Zeit machte die Wissenschaft in der Regel nicht viel Beschwerde, sie waren kapuzinerhaft volksthümlich, Bauern, die geistlich studirt hatten, und deren höchst handfeste Auffassung des priesterlichen Berufes vortrefflich zu der handfesten Natur ihrer Beichtkinder paßte. Diese merkwürdigen Leute waren es, welche zumeist dafür sorgten, daß das bayerische Volk vom 17. Jahrhundert in's 19. herüberging, ohne etwas vom 18. gemerkt zu haben. Sie hielten zugleich das gemüthliche Zusammenhalten des Bauernvolkes mit dem Clerus zu einer Zeit fest, wo sich's anderwärts der gebildetere Geistliche gerade umgekehrt zur Pflicht machte, jede unmittelbare Berührung mit der rohen Natürlichkeit des Volkslebens von sich zu weisen, ja von seinem einsamen Pastoralstandpunkte aus die überlieferten Volkssitten möglichst umzubilden und zu zerstören. Das altbayerische Volk ist politisch conservativ, allein erst in zweiter Linie; in erster Linie ist es kirchlich conservativ. Das weiß der Clerus sehr wohl. In den social zersetzten Kleinstaaten Mitteldeutschlands respectirt das Volk vielfach nur noch deßwegen die Macht der Kirche, weil es durch die Staatsgewalt gesetzlich dazu gezwungen ist. In den streng protestantischen Provinzen Preußens dagegen geht im Volksbewußtseyn noch vorwiegend die Treue gegen die ideelle Herrscherwürde der Kirche in den allgemeinen Gedanken einer preußisch-protestantischen Loyalität auf. Wenn irgendwo, dann ist dort noch der protestantische Grundsatz, daß der Landesfürst summus episcopas sey, eine in der Volksauffassung gewurzelte Thatsache. Wir erhalten also auch hier wiederum drei Gruppen. Allein der Gegensatz des streng-katholischen Südens und des streng-protestantischen Nordens berührt sich auch wieder ungleich näher in sich, als mit der kirchlichen Indifferenz Mitteldeutschlands. Südbayern war zuerst durch die Kirche geeinigt, nachher durch den Staat. Im Norden und Osten Preußens dagegen trat die neue kirchliche Einung, wie in allen protestantischen Ländern, erst mit der politischen und durch dieselbe ein. Der Protestantismus kennt nicht nur Landeskirchen, sondern auch Provincialkirchen, und wo der Partikularismus seiner Kirchenverfassung teilweise aufgehoben wurde, da ist dies immer auf den Anstoß oder wenigstens unter thätigster Mithülfe der Staatsgewalt geschehen. Im Süden sehen wir, daß die katholischen Bischöfe durch sehr entschiedene Forderungen zu Gunsten der politischen Unabhängigkeit ihrer Kirche die Ministerien in Verlegenheit setzen, wahrend im protestantischen Norden die Ministerien in dem kirchlichen Eifer ihrer Bischöfe eine Stütze für ihre eigenen, an das Volk gerichteten politischen Forderungen finden. Wir kehren zu unserer Charakterskizze des Volkes auf den südbayerischen Hochflächen zurück. Auf dem rechten Lechufer sind bis zur Donau hinab buntbemalte »Todtenbretter« an allen Straßen aufgestellt, und überall prangt noch in den Dörfern der altbayerische Maibaum, statt des Laubes und der Zweige mit Hunderten von geschnitzten und übermalten kleinen Figuren geziert. Auf der linken Lechseite wird man so wenig ein einziges Todtenbrett oder einen mit Holzfiguren prangenden Baum finden, als einen Ortsnamen, der auf »ing« statt auf »ingen« auslautete. Es bekunden aber die Todtenbretter sowohl wie die Maibäume einen eigenthümlichen monumentalen Sinn bei den altbayerischen Bauern. Ist Jemand gestorben, so wird ein Brett von Manneshöhe bunt bemalt mit den Sinnbildern des Todes, die Leiche wird eine Weile auf das Brett gelegt und dasselbe nachher mit einer Inschrift versehen, die gewöhnlich anhebt: »Auf diesem Brett ist todt gelegen der ehrengeachtete N. N.« etc. Diese Bretter werden an Feldwegen, bei Crucifixen und Heiligenhäuschen, an einem Acker des Verstorbenen, oder auch an seinem Lieblingsplatz, wo er sich in Wald oder Feld auszuruhen pflegte, aufgestellt. Mehrentheils findet man sie an Grundstücken der einzelnen Familien, und zwar familienweise, zusammengeordnet. Der Bauer hat keine Familiengruft, aber die » Monumenta « seiner Familie, wie sie auch oft ausdrücklich genannt sind, stehen bei einander auf dem ererbten Grundstück. Der Cultus der Leiche, welcher darin liegt, daß der entseelte Körper durch unmittelbare Berührung das Brett, auf dem er »todt gelegen,« sich zu eigen weihen muß, hat etwas schaudererregendes, und wenn der einsame Wanderer des Nachts am Saume des Waldes oder der Feldflur sich plötzlich von einem solchen Brett mit dem hellgemalten Todtenkopfe angegrinst sieht, so weckt das gerade nicht die behaglichste Stimmung. Und doch wohnt diesen bunten Brettern zugleich etwas Ehrwürdiges bei; sie sind einer der Uranfänge aller monumentalen Kunst, die in der vollen Naivetät des grauen Alterthums hier in unsere gesittete Welt hereinragt. Ein roh bemaltes Brett, das sich in seinen Umrissen sogar oft der menschlichen Gestalt nähert, zum Gedächtniß eines Verstorbenen an seinem Acker aufgestellt, könnte ebensowohl auf einer Südseeinsel landesüblich seyn als in Altbayern. Der Maibaum ist das Denkmal der Lebenden und zwar in ihrer Arbeit wie in ihrem Spiele. Statt der Zweige sind breite Brettchen sprossenartig über einander in den Stamm gefügt, und auf demselben die Kirche des Orts und die vornehmsten Häuser in Schnitzwerk nachgebildet, dazu die Figuren der Bewohner in ihren verschiedenen Hantierungen begriffen. In den Rathhäusern unserer alten Reichsstädte haben unsere Vorfahren mitunter die Modelle ihrer Häuser, dazu Abbildungen der üblichen Trachten u. dgl. als ein ausdrückliches Vermächtnis für kommende Jahrhunderte niedergelegt. Ist ein solcher Baum, an dessen Stamm das Abbild des Dorfes mit seinen bedeutsamsten Häusern und Berufszeichen sich bis zum Gipfel rankt, nicht ganz dasselbe Vermächtniß, zwar nicht für kommende Jahrhunderte, aber doch vielleicht, wenn Sturm und Wetter gnädig sind, für die nächste Generation? Das Bestreben, dem Einzelnen eine besondere Erinnerung zu stiften und zu bewahren, offenbart sich auch noch in vielen anderen Eigenheiten des geschilderten Volksschlages. So gilt es z. B. als Ehrenpunkt der Familien, daß bei dem Begräbniß eines jeden ihrer Glieder vom Pfarrer ein Lebensbild des Verstorbenen in die Grabrede eingeflochten werde, ja bei Kindern, die keine acht Tage alt geworden, werden die Geistlichen häufig um ein »Lebensläufle« ersucht. Denn nach den Anschauungen dieser Bauern mangelt es auch bei einem Säugling von drei Tagen keineswegs an biographischem Stoff. Es gilt da zu erörtern, ob er leicht oder schwer zur Welt gekommen und gestorben sey, namentlich aber einen Excurs über die Eigenschaften der Eltern und Taufpathen einzuflechten und ihre Stellung in der Familie und in der Gemeinde zu schildern, wobei der Würden, welche dieselben etwa im Gemeinderathe, im Feldgericht etc. bekleiden, um keinen Preis vergessen werden darf. In diesem Herkommen spricht sich ein merkwürdiges Werthhalten des Individuums aus, welches sehr gut zu dem historischen Geiste stimmt, der überhaupt in dieser Bevölkerung webt. Während diese Bauern selbst dem Säugling seine persönliche Geschichte zuerkennen und dieselbe über dem offenen Grabe ausdrücklich beurkundet wissen wollen, ist es eine angeblich unendlich höhere Civilisation, welche die Menschen nur noch nach Haufen und Massen mißt und es darum für ganz passend hält, daß der einzelne Verstorbene, der ja aufhört »Werthe zu produciren,« in der Stille wie ein Hund verscharrt und sein Gedächtniß der Vergessenheit überliefert werde! Eine andere Betätigung des monumentalen Sinnes im Volke zeigt sich in den gemalten Votivtafeln, die in ungezählter Menge in allen den südbayerischen Kirchen hängen, welche ein wunderwirkendes Kleinod besitzen. Auf diesen Tafeln sind die Gebrechen und Krankheiten, welche geheilt wurden, die Stücke Vieh, welche durch das Mirakel vor Seuchen, die Häuser, welche vor Feuer- und Wassersnoth bewahrt werden sollen, in einem höchst populären Genrestyl abconterfeiet. Mustert man eine solche oft hunderte von Tafeln umfassende Bildergalerie, dann wird man eine Menge interessanter Züge aus dem Volksleben vieler Generationen in naivster Weise bildlich verewigt finden. Dieses buntfarbige Bildwerk aller Art, wozu auch noch die zahllosen ausgemalten Gedenktafeln für Verunglückte zu rechnen sind, hebt in den Alpen an, herrscht auf der rechten Lechseite weit entschiedener vor als auf der linken und verschwindet größtentheils an der Donau. Auch der Schmuck der Bauernhäuser innen und außen mit allerlei bunten Schnörkeln des Tünchers (den man hier, und zwar oft mit vollem Recht, einen »Maler« nennt) pflanzt sich aus den Alpen über die südbayerischen Hochflächen fort, gegen das Donauthal hin mehr und mehr verblassend. Es ist der Zug der alten Handelsstraße aus Italien, auf welchem diese rohen Aeußerungen des Kunstsinnes beim Volke immer noch fortleben. In den Städten hat selbst der Mangel guter Pflastersteine den Vorwand zu künstlerischem Schmuck abgeben müssen, indem man die kleinen dunkeln und hellen Flußkiesel zu allerlei Rosetten, Sternen, Schachfeldern, mit Arabesken und Namenszügen durchwebt, mosaikartig zusammengepflastert. Dasselbe findet sich auch in italienischen Städten. Die Rohheit der Sitten und die dürftige Schulbildung, in welcher vielfach noch das südbayerische Landvolk befangen ist, erhält ein merkwürdiges Gegengewicht durch die Pflege des künstlerischen Schaffenstriebes. Die Kunst hat hier wirklich einen volksthümlichen Boden, und wer die Malereien und Schnitzwerke in Hunderten von altbayerischen Dörfern gesehen, der wird nicht behaupten, daß die moderne Kunstpflege in München willkürlich in die Luft gestellt sey und außer allem Zusammenhange mit der Bildung und dem Geiste des Landes stehe. In Sachen der Volksbildung sind überhaupt unsere städtischen Literaturmenschen gar flink mit einseitigen Urtheilen zur Hand. Die oberdeutschen Gebirgsbauern, welche von den niederdeutschen Küstenbewohnern in allerlei Kenntniß und Wissen weit überflügelt werden, besitzen wiederum für sich einen Schatz des Kunstsinnes und technischer und künstlicher Fertigkeiten, von welchen jene keine Ahnung haben. Wenn in den bayerischen und tyrolischen Dörfern hübsche Heiligenbilder gemalt, niedliche Holzschnitzereien gemacht werden, wenn dort von allen Feldern sinnige Volkslieder in tausendfacher Auswahl erklingen, wenn auf dem Schwarzwald in Strohflechterei und Uhrmacherei treffliches geleistet wird, so ist das auch Volksbildung. Es gehört zu den größten modernen Verkehrtheiten, daß man die Volksbildung bloß darnach mißt, wie viel Procent von Artikeln des Conversationslexikons der gemeine Mann im Kopfe hat. Zwischen Lech, Iller und Donau dehnt sich ein waldbewachsenes Hügelland, dessen Bewohner, die sogenannten »Staudenbauern,« gewiß zu den abgeschlossensten und bildungsärmsten des ganzen südbayerischen Tafellandes gehören. Man wird hier wahrlich keinen sonderlichen Kunstsinn suchen. Und doch stieß ich auch hier auf die überraschendsten Spuren volksthümlicher Kunstübung. Einen verweltlichten Nachklang der Schauspiele von Oberammergau, vielleicht auch einen Ueberrest jener Bauernspiele, wie sie im 17. Jahrhundert durch die Jesuiten eingeführt wurden, fand ich in einem der abgelegensten Thale dieser Waldhügel, in dem Markte Weiden. Auf einer Anhöhe über diesem Orte standen bis vor wenigen Jahren die Trümmer einer Burg mit dem Aufgang einer stolzen hundertjährigen Lindenallee. Diese malerischen Ruinen bildeten die Schaubühne, auf welcher früher in bestimmten Jahrescyklen zwischen Ostern und Pfingsten weltliche dramatische Bauernspiele von den Bauern aufgeführt wurden. Jetzt, wo man die Burg der Erde gleich gemacht und die herrlichen Propyläen des Theaters, die Lindenallee, niedergehauen hat, ist die kühle Bräuhalle des Marktes zum Musentempel erwählt worden. Im Frühling 1852 wurde die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes vom Schulmeister eigens für die Bretter gerecht gemacht, an allen Sonntagen und einigen Mittwochen zwischen Ostern und Pfingsten dargestellt. Aus der Umgegend war fortdauernd großer Zustrom des Bauernvolkes. Der Bearbeiter hatte sein Buch ganz im Geiste der Darsteller und dieser Zuhörerschaft gehalten. Unstreitig hatte er ein Ritterschauspiel aus dem vorigen Jahrhundert zu Grunde gelegt, dieses aber in der Art umgebildet, daß er alles eigentlich Buchmäßige daraus entfernte, namentlich die Phrasen und Gefühlsergüsse strich, die psychologischen Motivirungen auf das nothdürftigste einschränkte, dagegen alle thatsächlichen, die Handlung vorwärts bewegenden Züge stehen ließ und in derben, unvermittelten Gegensätzen aneinander reihte. So war das literarische Ritterstück in der That zu einem ächten Bauernspiel geworden, und die Darsteller fanden sich vortrefflich zurecht in dieser ihrem Bildungsstandpunkte durchaus angepaßten Dichtung. Sie entwickelten die in rohen Umrissen gezeichneten Charaktere auf das Bestimmteste und sprachen ihren Dialog in bayerisch-schwäbischer Mundart, öfters unverkennbar improvisirend, mit einer Naivetät, welche ein Ueberschlagen der ernsthaft pathetischen Geschichte in's Komische durchaus verhütete. Wir sahen im Dämmerlichte der kühlen Halle auf Brettern, die über Bierfäßchen gelegt waren, hinter uns eine athemlos lauschende, durchaus andächtige, von allem Splitterrichten weit entfernte Zuhörerschaft, vor uns die matt erleuchtete Bühne mit ihrer kindlichen im Orte selbst gemalten Scenerie, mit den derben, überkräftigen Gestalten der bäuerlichen Spieler, die in seltsam travestirtem Gewand dröhnenden Schrittes auf dem Kothurn einhergingen, und unvermerkt wurden wir kritische städtische Zuschauer in dieselbe Andacht hineingezogen wie die Bauern, und folgten der Handlung gleich Kindern, die zum erstenmal die Zauberei der Bühne schauen; wir waren vollkommen von dem Ernste der dargestellten Situationen erfüllt und verließen die Halle mit einem Eindruck, mit dem man bei Dramen verwandten Inhaltes unsere besten Theater so selten verläßt, mit dem Eindrucke, das historische Ereigniß mitgelebt zu haben. Dies kam aber lediglich daher, weil die Darsteller selbst noch so unbefangen waren, daß sie im vollen Ernste in ihren Rollen staken, weil sie mit heiligem Eifer spielten, in dem naiven Bewußtseyn, das einzig Richtige zu wollen und zu leisten, ohne alle Kritik sich dem geahnten Verständniß der ganz einfachen für ihre Bildung passenden Thatsachen, Charaktere und Ereignisse hingebend. Das begeisterte Lob, welches einer der ausgezeichnetsten Kenner deutscher Bühnenkunst unlängst der freilich ohne Vergleich höher stehenden vollendeten Natürlichkeit der Kunstübung bei den Passionsspielen von Oberammergau spendete, hat die Zionswächter der nüchternen Aufklärerei im Volksleben sofort allarmirt. Denn daß ein Volksschlag dem Drange nach geistiger Bewegung in derlei idyllischer Kunstpflege Genüge thut, statt nützlichere Dinge zu lernen und seinen Geist zur selbständigen Kritik an Staat und Kirche zu schärfen, ist doch wohl schlimm genug, und dem in sich befriedigten Traumleben einer solchen Kunstspielerei das Wort zu reden, dahinter steckt doch wohl ein arger Obskurantismus! Wie wir aber die persönliche Mannichfaltigkeit in den Gliederungen der Gesellschaft erhalten und weiterbilden möchten, so auch bei den örtlichen Volksgruppen. Das Volksleben eines jeden Gaues strebt seinem eigenthümlichen Berufe zu, und statt darüber zu streiten, ob oberdeutsches Volksthum um seiner natürlichen Poesie und seiner naiven Sitten willen höher oder tiefer stehe als manche in Wissen und Urtheil besser geschulmeisterte Volksgruppen des deutschen Nordens, sollten wir froh seyn, daß wir beide Bildungsformen neben einander besitzen; denn die vielgestaltige Durchbildung des Charakters der einzelnen Volkskreise ist eine Bürgschaft für die Lebensfähigkeit der gesammten Nation. Der oben aufgestellte Satz, »daß in jenen deutschen Gauen, wo die äußeren historischen Denkmale am reichsten bewahrt sind, der historische Charakter des Volkes am meisten erloschen sey, während in andern von monumentalen Trümmern entblößten Landstrichen das lebende Denkmal der historischen Einrichtungen und Sitten am festesten sich erhalten habe,« läßt sich auch auf die moderne Pflege des überlieferten volksthümlichen Kunstschaffens theilweise anwenden. In den Rheingegenden, wo im Mittelalter so reges Kunstleben waltete, ist jetzt der schöpferische Kunsttrieb im Volke entweder ganz erloschen, oder außer allem Zusammenhang gekommen mit der früheren volksthümlich künstlerischen Thätigkeit. Ein neues Volk wandelt zwischen den alten Denkmalen. Ganz anders ist dies bei Südbayern. Hier hat das Volk die geschichtliche Spur seiner alten Künstlerthätigkeit bis auf diesen Tag nicht ganz verloren. Namentlich in der bildenden Kunst sind die verschiedensten populär gewordenen Spielarten des Styles neben und durch einander stehen geblieben und weiter verarbeitet worden, ganz wie bei dem ächten Volkslied, wo auch Jahrhunderte ihren Beitrag zu einzelnen Formen, Wendungen und Zügen liefern, so daß es vielen Geschlechtern zu eigen gehört, aber keinem von ihnen ganz. Dies zeigt sich schon in dem Häuserbau der Dörfer, in dessen mannichfaltigen Abstufungen von den Alpen bis zur Donau die verschiedensten Zeitalter neben einander vertreten sind. Klarer noch tritt es in den Cultusbildern zu Tag. Die steifen, byzantinischen Formen der Muttergottes von Altötting, mit geradlinigem, durchaus vergoldetem Gewande, schwarzem Gesicht und einem Mohrenknaben als Christkind auf dem Arme, werden von dem ländlichen Bilderschnitzer Südbayerns immer noch in alterthümelnder Weise nachgeahmt, während bei anderen Bildern der Madonna das Ideal der gothischen Sculptur oder der Zopfzeit in einer modernen und volksthümlichen Auffassung festgehalten und weitergebildet worden ist. So sind die ältesten Anfänge der geistlichen Bauernspiele in dem »Pfingstritt« zu Kötzing im Bayerwalde, in dem »Drachenstich« zu Furth in der Oberpfalz etc. lebendig geblieben, während in den Oberammergauer Passionsspielen diese Volksdramen nach der Tradition ihrer reifsten Entwickelung fortgeführt wurden und in den oben geschilderten periodischen Schauspielen zu Weiden im Zopfgewand des 17. Jahrhunderts erscheinen, wobei aber einzelne ältere historische Erinnerungen halb erloschen immer noch durchschimmern. Zu solch unläugbarem künstlerischem Instinkt, der überall im südbayerischen Volksleben aufblitzt, stehen dann freilich so manche hervorstechende Züge massiven, rohen, ungeschlachten Wesens in grellem Gegensatz, Züge jenes derben Sinnenlebens, welches der deutsche Norden, so gern in Verbindung bringt mit den vielberufenen 7½ Millionen bayerischen Eimern Bier, die jährlich im Lande gebraut werden. Der Zug des Plumpen und Derben im Charakter des Volkes dieser rauhen Hochflächen spiegelt sich trefflich in einer bayerisch-schwäbischen Variante zu einer hessisch-thüringischen Legende von der heiligen Elisabeth. Der frommen Landgräfin von Hessen verwandelten sich bekanntlich die Speisen, welche sie verbotenerweise den Kranken zutrug, in Rosen, als sie, von ihrem Gemahl ertappt, behauptet hatte, der Korb enthalte Rosen. Die heilige Radegundis, welche von den Anwohnern des Lechs verehrt wird, trug gleichfalls Speisen verbotenerweise den Kranken zu; als sie ertappt wurde, behauptete sie, sie trage Lauge und Kämme im Korbe, und Milch und Butter fand sich in Lauge und Kämme verwandelt. Das charakterisirt mitteldeutsches und oberdeutsches Volksthum: dort Rosen, hier Lauge und Kämme. Auch im volksthümlichen Kunstbetrieb Südbayerns wird man die Anmuth, den rheinisch-französischen Schick für eine zierliche Gesammtwirkung vergeblich suchen. Jeder, der auch nur ein winzig Bruchstück des deutschen Volkes kennt, glaubt sich berechtigt, dieses Stücklein für das deutsche Volk schlechtweg zu nehmen und demgemäß von den Ansichten, dem Bewußtseyn, den Forderungen des Volkes zu sprechen. Das Bewußtseyn des deutschen Volkes unterscheidet sich aber dadurch von dem der meisten andern Völker Europa's, daß es sich im reichsten Sonderleben durcharbeitet und abstuft und dennoch in den großen Grundzügen eins ist. Die Bauern der südbayerischen Hochflächen, die so gut wie gar nicht politisch räsonniren; die in der überfüllten Schenkstube, wenn die Abendglocke das Ave Maria läutet, das Bierglas vom Munde setzen und in dem plötzlich kirchenstill gewordenen Raume, während vielleicht die Wirthin oder gar die Kellnerin den Abendsegen spricht, andächtig die Responsorien sagen, und wenn der letzte Ton der Glocke verklungen, wieder zum Bierglas greifen und weiter zechen, wie die Bürstenbinder – diese Bauern sind ebensogut ein Stück deutschen Volkes, und zwar ein tüchtiges Stück, wie ihre viel aufgeklärteren Brüder in Baden, Rheinpreußen oder sonstwo. Die groben Verbrechen gegen Person und Eigenthum: Mord, Todtschlag, Raub, Diebstahl sind hier verhältnißmäßig noch häufig unter dem rohen Volk; anderwärts wiegen die feineren selbst bei dem gemeinen Manne schon vor: Meineid, Fälschung, Betrug etc. Wer will entscheiden, welches von beiden für die tiefere Unsittlichkeit zeuge? Man erzählt sich von altbayerischen Orten, wo eine Kirmes nicht für eine recht lustige gilt, wenn nicht Einer wenigstens im Jubel todtgeschlagen worden ist. Es wird den Leuten so kannibalisch wohl, daß sie ausrufen: »Heute ist's sakrisch lustig, heute muß noch Einer hin werden! « Das ist etwas zu viel Natur, aber doch eben noch Natur. Es gibt gar manche feine Schlechtigkeit, die viel schlechter ist als gar manche grobe, und die Criminalstatistik läßt uns vielleicht auf die Bildung eines Volkes schließen, aber sie hat keine Prozentziffern für das Herz eines Volkes. Das Landvolk steht im weitaus größeren Theil Süddeutschlands fast durchweg unter geistlichem Einfluß. Man muß daher in Sachsen oder am Rhein nicht glauben, daß dem »deutschen Volke« überhaupt der Weg zur Kirchenthüre bereits aus dem Gedächtniß gefallen sey. Bei Bergheim im Wertachthale sind zwei merkwürdige hölzerne Unglückstäfelchen aufgerichtet. Das eine besagt, daß hier ein Bauer des Ortes im dreißigjährigen Krieg von einem Schweden erschlagen worden; das andere, daß der Dorfschmied dem Pferde eines schwedischen Reiters an den Schweif gebunden, bis dorthin geschleift worden sey und an der Stätte seinen Geist aufgegeben habe. Solche landesübliche hölzerne Tafeln dauern in der Regel nur zehn bis zwanzig Jahre, man läßt sie verwittern und mit der erlöschenden Schrift erlischt auch allmählich das Gedächtniß des Unglücksfalles. Aber während man tausende solcher Tafeln zu Grunde gehen ließ, sorgte man, daß gerade diese Denksäulen von Gräuelthaten der Schweden durch mehr als zwei Jahrhunderte immer wieder hergestellt wurden, damit dem Volke das Grauen vor den schwedischen Ketzern recht frisch und lebendig bleibe. Das wunderliche Gemisch von natürlicher Rohheit und naiv religiöser und volkskünstlerischer Bildung macht den südbayerischen Bauer zu einer höchst anziehenden Charakterfigur. Gesteigert finden sich dieselben Züge bei den Tirolern wieder, wo die blasirten vornehmen Leute ja längst das Anziehende solchen Wesens herausgefunden haben und dem pfiffigen Gebirgssohn einen Sechsbätzner geben, damit er sie dutzt und ihnen ein paar Grobheiten sagt und hinterher die dummen Teufel auslacht, welche meinen, diese bezahlte Grobheit sey Natur gewesen. Viele bayerischen Dörfer haben ihre förmlichen Heroen der Rauf- und Prügelkunst, Bursche von fabelhafter Kraft der Faust, deren Thaten oft noch nach hundert Jahren im bewundernden Gedächtniß des Volkes fortleben. Wir wissen nicht einmal, ob der alte Heide Herkules, oder der starke Hermel aus Rheinland wirklich gelebt hat; aber daß der »Herkules von Bächingen« wirklich gelebt hat, daß er den bayerischen Hiesel mit der Faust zu Boden geschlagen, daß er die Franzosen in den Revolutionskriegen gefoppt und durchgewalkt hat, wie Simson die Philister, das wissen wir bestimmt. Dieser Herkules aus dem 18. Jahrhundert, von dessen Thaten noch immer die Spinnstuben in dem Winkel zwischen Donau, Iller und Lech widerhallen, ließ sich an den Webstuhl fesseln, wie der alte Herkules an den Rocken, und starb als ehrsamer Webermeister. Wo die Rohheit dieses Volk herabwürdigt, da adelt es auf der andern Seite die Kraft. Wenn man solchen Leuten mit einemmale raschen Geist und feinen Schliff aufdringen wollte, dann würde man sie in Grund und Boden verderben. An den bayerischen Seen theeren sie ihre Kähne nicht, so daß dieselben nach wenigen Jahren verfaulen. Ich möchte aber den Hexenmeister sehen, der es solchen Stockbauern in den Kopf brächte, daß ein getheertes Schiff, welches doppelt so lange hält, als ein ungetheertes, darum fast noch einmal so wohlfeil sey, als dieses. Die Bauern der südbayerischcn Hochflächen sind unzugänglich, schwer in's Gespräch zu bringen: sie verrathen dem Fremden gegenüber durchaus nicht jene vordringliche Neugier, welche den mitteldeutschen Bauer auszeichnet. Wo die nächsten Hügel grenzen, da ist ihnen, wie man sagt, die Welt mit Brettern zugenagelt. Eben weil ihnen die Neugierde fehlt, kann eine fremde Bildung nicht bei ihnen eindringen. Einem ganz gescheidten und in seiner Art sehr gewürfelten Bauersmann am Ammersee suchte ich vergeblich die Thatsache begreiflich zu machen, daß seine Seegegend vor den benachbarten Hügelregionen durch große Regenmassen heimgesucht sey. Er meinte, wenn es am Ammersee regne, werde es auch in der übrigen Welt regnen, übrigens bekümmere es ihn gar nicht zu wissen ob es anderwärts regne, er habe an seinem eigenen Regen genug. Der rheingauische Bauer ist das gerade Widerspiel zu dieser Art. Er ist das neugierigste Geschöpf, und seine Phantasie weilt oft lieber in Holland, dem gelobten Lande seiner Schiffer und Floßknechte, als in der eigenen Heimath. Der gemeine Mann auf den südbayerischen Hochflächen trägt zu jeder Jahreszeit einen schweren Tuchmantel, der aufgeklärte Bauer der mitteldeutschen Gebirgsgegenden meist einen luftigen Kittel. In Südbayern ißt man im Dorfe noch Fleisch, und zwar großmächtige Stücke, dazu auch häufig Weizenbrod, und trinkt ein kräftiges Bier. In den rauheren Gegenden Mitteldeutschlands ist Fleisch längst eine Rarität beim Bauersmann geworden, man hilft mit Kartoffeln und Käse aus, ißt schweres, nasses Hafer- oder Kartoffelbrod und trinkt Branntwein dazu. Das materielle Wohlbehagen ist im äußersten Süden wie im äußersten Norden Deutschlands dem Landvolk auch in solchen Schichten noch zu Theil geworden, wo in Mitteldeutschland die Armseligkeit vorwiegt. Bei den südbayerischen Bauern, die doch immer noch auf einem Wagen mit ein paar schweren Pferden wettfahrend in die Stadt zum Markte kommen, ist der letzte Rest des städtischen Wohlstandes, der weiland in Augsburg Geschäfte mit 175 Procent Reingewinn machte, gleichsam auf's Land gezogen. Wenn ich in einem Dorfwirthshause nur die Hälfte der aufgetragenen mächtigen Fleischportionen zu bewältigen vermag, und der Wirth überrascht mich mit einem Bogen Papier, damit ich die andere Hälfte, weil sie ja bezahlt sey, zu mir stecken und mit mir nehmen möge, so zeugt das doch noch von Wohlstand und Gediegenheit. Erkennt man nicht auch hierin, wie sich in Bayern die neue Zeit unvermittelt an die alte angesetzt hat? Treten wir in unsere mitteldeutschen Dörfer, so fällt mehrentheils das Schulhaus, als der Palast im Dorfe, dem Wanderer zuerst in's Auge. In Südbayern ist dagegen mehrentheils das Wirthshaus der Palast im Dorfe, das Schulhaus findet man seltener heraus. Aber neben dem Wirthshaus steht gemeiniglich die Kirche, und wenn das Wirthshaus am Sonntag Abend bis zum Erdrücken voll ist, so war doch auch die Kirche im Lauf des Tages nicht minder überfüllt. Es gibt mancherlei Volkserziehung, und aus sich selber bildet das Volk immer diejenige Pädagogik heraus, die seiner Natur am angemessensten ist. Diese so grundverschieden geartete Natur der deutschen Volksstämme läßt sich vielleicht ausgleichen im Laufe der Jahrhunderte, aber gewiß nicht heute oder morgen. Wer so frischweg von dem Bewußtseyn und den Bedürfnissen des deutschen Volkes im Allgemeinen spricht, der bringe es einmal erst dem südbayerischen Bauern bei, daß er den Schulmeister über den Pfarrer setze, daß er links vom Lech einen spitzen und rechts vom Lech einen runden Hut trage, daß er Kartoffeln esse statt Kalbsbraten: daß andererseits der mitteldeutsche Bauer im Sommer einen schweren Tuchmantel überhänge, statt des Kittels, und daß die rheinischen Gastwirthe aus freien Stücken dem Gast einen Bogen Papier bringen, damit er den bezahlten, aber unverzehrten Rest seiner Mahlzeit mitnehmen könne. Wer das nicht fertig bringt, der muß auch das ihn zunächst umgebende Bruchstück des deutschen Volkes nicht flugs für das ganze Volk nehmen. Es gibt zweierlei Kunst der inneren Verwaltung: für individualisirtes und für centralisirtes Land. Das ausgelebte, übervölkerte, individualisirte Land fordert, daß man neue Entwickelungsbahnen für die Thatkraft seiner Bewohner aufschließe, neue Gewerbe, neue Formen des Bodenbaues schaffe: das dünn bevölkerte von der Natur in's Große angelegte Land mit seiner in der Cultur noch naiven Bevölkerung bleibt steif und störrig in seinen alten Formen stehen. Dem alten Ackerbau, dem alten Gewerb muß man hier breiteren Raum gewinnen, das Volk aus seiner eigenen Art heraus zu größerer Rührigkeit wecken, nicht aber eine fremde Cultur ihm unvermittelt aufpfropfen wollen. Hier wäre Gift, was dort heilende Arznei. VII. Das Land der armen Leute. Ich begegnete einmal im Walde zwei Holzhauern, welche mit der dem gemeinen Manne eigenen Liebhaberei für allgemeine moralische Betrachtungen über ihre eigene Armuth philosophirten. Der Eine meinte, Armuth sey ein böser Stand, der Andere aber, nein, Armuth sey der beste Stand und die armen Leute die besten Leute; denn wäre Armuth nicht der beste Stand, so würde ihn Christus nicht vor allen andern sich erwählt haben und aus freien Stücken ein armer Mann geworden seyn. Darauf erwiederte der zuerst gesprochen: eben darum weil unser Herr Christus aus freien Stücken arm geworden, sey er gar kein rechter armer Mann gewesen, denn wer arm seyn und bleiben wolle, der höre damit schon von selber auf »arm« zu seyn: nur wer arm sey und reich werden wolle ohne es zu können, der sey der rechte arme Mann. Vervollständigt man die Theorie dieses Holzhauers, dann gibt es zweierlei Armuth, die eigentlich nicht arm ist; die freiwillige und die naturnothwendige. Die Letztere kann wiederum eine unbewußte seyn wie bei ganz rohen Naturvölkern und Naturmenschen, oder eine bewußte, die sich aber in ihrer Naturnothwendigkeit erkennt oder ahnt. Mit diesen beiden Arten der gezwungenen und doch nicht armen Armuth haben wir es hier zu thun. Es ist eine ganze Kette deutscher Landstriche, welche uns die natürliche, an dem Boden haftende Armuth darstellt, mehr als geographische und ethnographische denn als sociale Thatsache. Diese Gegenden sind darum aber doch nicht bloß für das Studium der Wechselbeziehung von »Land und Leuten« besonders wichtig, sondern auch eben so sehr für das der socialen Gebilde. Wir können hier den Unterschied zwischen armen Leuten und Proletariern, zwischen der naiven und bewußten, der ruhigen und umsturzwüthigen Armuth im Spazierengehen kennen lernen. Diese Gegenden sind in socialem Betracht eine großartige historische Ruine. Wir sehen in denselben die armen Leute des Mittelalters noch leibhaftig vor uns stehen, während eine Wanderung von wenigen Stunden seitab in üppigere Gründe und Ebenen uns zu den modernen armen Leuten führt, das heißt: von verarmten Bauern, die aber noch ächte Bauern sind, zu ächten Gliedern des vierten Standes. Hier also können wir höchst praktische Vorstudien für eine der entscheidendsten Fragen in der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft sammeln. Ich habe schon mehrfach im Vorbeigehen auf diese für den Culturhistoriker wie für den Social-Politiker gleich wichtigen Landstriche hingewiesen. Zuerst in dem Kapitel von den »Wegen und Stegen.« Dort zeigte ich, daß die Armuth in den hier zu besprechenden Gegenden der deutschen Mittelgebirge nicht zu allen Zeiten eine naturnothwendige war, wie in den unzugänglichen Winkeln des Hochgebirgs, sondern daß sie zum Theil erst in neuerer Zeit eine naturnothwendige geworden ist, geworden durch die veränderten Bahnen des deutschen und europäischen Handels und Wandels. Allein nicht aus Zufall oder Willkür wurden diese Gegenden hierbei allmählig in die Ecke geschoben, sondern die zwingende Notwendigkeit der Bodenverhältnisse entzog sie dem großen Strome des Verkehrs. Gerade durch diese zusammengesetzte Einwirkung der Nothwendigkeit flüssigen, freien Culturlebens und der Nothwendigkeit für alle Zeit feststehender Bodenverhältnisse bieten die Zustände dieser abgeschlossenen Mittelgebirgsgegenden ein ungleich tieferes sociales Interesse als jener bloß durch die Naturgewalt von jeher vereinsamten Winkel des Hochgebirgs und der Meeresküsten. Zum andernmale gedachte ich der naiven Armuth dieser Mittelgebirge, als ich von dem mit Elend gesättigten Reichthum, dem proletarischen Reichthum jener Rebengaue sprach, die an ihrer Schwelle liegend, unmittelbar unter ihren Schuh gestellt sind. Ich fasse hier vorzugsweise die, auch geologisch eng zusammenhängende, Basaltkette des Westerwaldes, des Vogelsbergs und der Rhön in's Auge. Denn in dieser Gebirgsgruppe finden sich die gedachten Verhältnisse am reinsten vor: wie eine Insel, voll eigenartiger, in sich abgeschlossener Natur ragt sie aus dem individualisirten Mitteldeutschland auf und bildet zugleich in ihrem nordwestlichen Theile eine Grenzscheide zwischen mitteldeutschem und norddeutschem Land. Der hohe Westerwald ist ein in's Rheinfranken- und Hessenland vorgeschobenes Stück Westphalens; er bildet den vordersten Wall des westlichen Norddeutschlands, ja er zeigt in Volksart und Sitte bereits Züge norddeutschen Charakters, wie sie viel weiter nördlich im Rheinthale noch nicht hervortreten. Fränkische und sächsische, oberdeutsche und mitteldeutsche Natur stößt hier auf einander, vermittelt und verbündet sich. Diese kahle, arme, fast nur mit dem grünen Sammt der Heidevegetation geschmückte Hochfläche, auf welcher zahllose Basaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel in seinem Zorn Felsen gehagelt, bildet darum schon in rein ethnographischem Betracht eine der merkwürdigsten Uebergangslinien Deutschlands. Nicht am Main, nicht am Taunus, nicht an der Lahn, sondern erst auf den südlichen Höhevorsprüngen des Westerwaldes beginnt die oberdeutsche Mundart sich von der niederdeutschen zu scheiden; hier aber auch so schroff und plötzlich, daß man die Grenzlinie oft bis auf eine Stunde Wegs ausrechnen kann. Der westphälische und kölnische Dialekt des Westerwälders schließt sich äußerst spröde ab, wie alles auf diesem Gebirgszug in Eigenheit und Eigensinn sich abschließt. Die südlichen Vorberge des Rothhaargebirges, wo Ruhr und Lippe entspringen, stoßen von Norden her in einem stumpfen Winkel auf die Nordostspitze des Westerwaldes. Sie verknüpfen sich so eng mit demselben, daß man sie auch als dessen nordöstliche Vorkuppen ansehen kann. An dem Edderkopf, um dessen Besitz sich Rothhaar und Westerwald streiten können, quillt gen Westen die Sieg, gen Norden die Edder, gen Osten die Lahn, gen Süden die Dill, Mittelrheinisches, niederrheinisches und Wesergebiet sind in dieser Waldwildniß mit ihren Wurzeln förmlich in einander verflochten: die Marklinie West- und Mitteldeutschlands stößt mit der Marklinie Süd- und Norddeutschlands in dieser öden Ecke zusammen. Ganz ähnlich wie hier an der westlichen Pforte Mitteldeutschlands ist es auch an der östlichen, beim Fichtelgebirg, dessen sociale Zustände sich vielfach mit denen unserer Basaltgebirgsgruppe vergleichen ließen. Am Fichtelgebirg stößt Böhmen, Sachsen, Thüringen und Franken zusammen, und von seinem Hauptstock fließen Saale, Eger, Naab und Main nach den vier Weltgegenden und den vier Hauptströmen Deutschlands ab. Solche natürliche Grenzburgen sind aber immer auch in socialem Betracht Burgen geblieben, die nur wenig fremdes Wesen einließen, deren Volksleben namentlich unter einer politischen Centralisirung sehr gelitten hat. Keine dieser Grenzburgen war früher in den Händen einer starken politischen Macht, und die bureaukratische Gleichmacherei konnte in diesen Einöden der Sitte wenig anhaben. So mochte der Fichtelberger zur Zeit der kraftlosen bayreuthischen Wirthschaft wohl das trutzige Verschen sprechen: »Bayreuther Gebot, Selb'er Brod, Thiersteiner Bier Währet nur ein Wochener vier.« Mit den Vorhöhen des Westerwaldes heben die natürlichen Sympathien für die norddeutsche Großmacht, für Preußen an. Der Westerwälder des Südabhanges wohnt noch im Guldenlande, er rechnet aber trotzdem nach Thalern; seine Flüßchen und Bäche ziehen nach Süden in's Lahngebiet, aber er folgt nicht diesem natürlichen Zuge. Eine Meile südwärts in's Thal hinab ist ihm weiter als drei Meilen nordwärts über den Kamm des Gebirges. Nach Norden zieht ihn sein ganzes Interesse; nach dem Kölner Lande führt er seine Produkte aus, und aus den gewerbfleißigen Thälern der Sieg, der Wupper und der Ruhr strömt ihm das industrielle Leben zurück. So wird auch der südliche Westerwald zu einer moralischen Provinz Preußens, obgleich öde Bergköpfe und Wasserscheiden den mitten über die Hochfläche laufenden preußischen Grenzgraben nicht nur als Staatsgrenze sondern auch als Naturgrenze bezeichnen. Der Westerwald weiß sich als ein Ganzes trotz der politischen Theilung, weil er social zusammengehört. Sowie man hier die preußische Grenze auch nur um ein paar Stunden überschreitet, stößt man auf eine blühende Industrie, während auf der nassauischen Seite ein armes Bauernland ist, in welchem sich die Keime gewerblicher Betriebsamkeit erst mühselig durchzuringen beginnen; aber Industrieland und Bauernland fühlt sich hier verbunden und einig, weil beides Westerwälderland ist. Grenzwälle und Grenzgräben pflegt man öde liegen zu lassen: so sind auch diese riesigen Grenzwälle der Basaltberge, welche theils Mitteldeutschland von Norddeutschland scheiden, theils sich in das mitteldeutsche Land hineinkeilen, um diese ohnedieß schon hinreichend zerrissenen Striche noch mehr zu zerreißen, öde liegen geblieben. Die Stätigkeit der Sitte, dazu auch das ökonomische Verwildern und Zurückbleiben der Bauern unserer Basaltgebirgsgruppe erhält durch die Grenzlage dieser Hofburgen der Armuth eine historisch-politische Wurzel. Wenn der Westerwald als ein weit hinausgeschobenes Vorgebirg erscheint, dann trafen neben und in den Bergzügen der Rhön und des Vogelsbergs in alten Zeiten die Kreuzungswinkel der verschiedensten Landesgrenzen auf einander. Auf der Rhön stieß fuldaisches und würzburgisches Gebiet zusammen, dann berührten sich hier die Spitzen von hanau-münzenbergischen, hessenkasselschen, hennebergischen Ländertheilen, und dazwischen eingestreut lagen Enclaven der fränkischen Reichsritterschaft. So klein die Kette des Vogelsberges ist, so grenzten an und auf derselben doch die Marken von Hessen-Darmstadt, Fulda, Hersfeld, Isenburg, Solms-Lich, Solms-Laubach, Hanau-Münzenberg, Stolberg-Gedern und von reichsritterschaftlichem Gebiet. Von einer gemeinsamen Verwaltungspolitik des ganzen Gebirges konnte also nicht entfernt die Rede seyn, fast jedes Thal lag ja für sich abgesperrt in dem Grenzwinkel eines andern Landes. Heutzutage stehen bayerische, hessische, weimarische und meiningische Marksteine auf der Rhön; doch ist wenigstens die überwiegend größere Masse zu Bayern gefallen. Für den Culturfortschritt der Gebirge sind jene alten politischen Zustände natürlich vom größten Nachtheil gewesen. Sie vermochten aber nicht auseinanderzureißen, was die Einheit der Bodenbildung zu einem socialen Ganzen verband. Die Gleichförmigkeit namentlich des Westerwaldes und Vogelsbergs in den Berg- und Thalformen, in der Pflanzenwelt, in der Anlage der menschlichen Siedelungen wirkte mächtiger, als die Buntscheckigkeit der willkürlichen politischen Grenzen. Dies ist ein sehr merkwürdiges Zeugniß für den zähen Zusammenhang von Land und Leuten. Sodann zogen sich seit dem Ausgange des Mittelalters die Residenzen der Fürsten wie die Herrensitze des begüterten Adels immer mehr nach den Ebenen und großen Flußthälern, nach den dort gelegenen größeren Städten. Seit dem dreißigjährigen Kriege bis gegen die neuere Zeit hin sind jene rauhen Berggegenden unsers Vaterlandes für die gebildete Welt wie verschollen gewesen: sie mußten erst wieder entdeckt werden. Nicht einmal die modernen Touristen mochten die Romantik der einförmigen Oede des hohen Westerwaldes und Vogelsberges schmecken. Als im Herbste 1850 deutsche Heerestheile auf den unwirthlichen Hochflächen des Fulderlandes Quartier bezogen hatten, und nun die Klagelieder über die entsetzliche Dürftigkeit dieses Strichs durch alle Blätter hallten, da wurde für einen guten Theil des deutschen »Lesepublikums« das Elend erst entdeckt, in welchem die Leute von der Rhön gefangen liegen. Man hörte gespannten Ohres die Schilderungen dieser patriarchalischen Armuth und Genügsamkeit, die dann auch der westerwäldischen und vogelsbergischen wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah. Es ist bemerkenswerth, daß die Händel großdeutscher und kleindeutscher Politik – Bronnzeller Andenkens – unsere Oedungen und Wüsteneien auf eine Zeitlang tagesgemäß gemacht haben. Nachgehends kamen die Hungersnöthe auf den unwirthlichen Basaltbergen, da wurden dann die »Mysterien« dieser vergessenen Winkel erst recht interessant für die blasirten Stadtleute. Seit alten Tagen sind jenen Landschaften von tausend Fortschritten der Volkswirthschaft und der Culturpflege des Staates nur kümmerliche Pflichtteile zu gut gekommen. Die abgelegenen Bergbewohner fühlen es heute noch, und sprechen es aus, daß sie die Stiefkinder des Staates seyen gegenüber den Bewohnern der Niederungen mit ihren Residenzen, Haupt- und Handelsstädten, mit ihren gesammelten Erwerbsquellen. In dem individualisirten Mittelalter waren die Gaben gleichmäßiger vertheilt, darum standen damals diese unwirthlichen Gebirge weit weniger in der Cultur zurück gegen die gesegneteren Ebenen zu ihren Füßen. In der bureaukratischen Zeit betrachtete man wohl gar solche Berggegenden als ein kleines Sibirien, wohin man mißliebige und unfähige Beamte verbannte, als bequeme Strafcolonien für anstößige Geistliche u. dgl. Als ob es nicht im Gegentheil der natürlichste Akt der Staatsklugheit gewesen wäre, gerade den Kern der Beamten dorthin zu senden, wo die härteste Arbeit winkte, wo am heißesten zu schaffen war, um durch gesteigerte Cultur, durch Ausbeutung aller Hülfsquellen der Ungunst von Boden und Klima Trotz zu bieten! So liefen seit Jahrhunderten tausend feine Fäden zusammen, um allmählich dieses große Netz von Noth und Elend zu stricken, welches sich um die deutschen Gebirge zusammengezogen hat, und die feinen Fäden dünken Vielen bereits unzerreißbar wie Schiffstaue. Ein Blick auf die Specialkarten lehrt, daß die Dörfer fast nirgends dichter bei einander liegen als auf unsern magern mitteldeutschen Basaltgebirgen, und zwar seltsamerweise oft in den ödesten Strichen am allerdichtesten. Es ist dieses Phänomen aber leichter zu erklären, wie etwa das verwandte, daß die ärmsten Leute in der Regel die meisten Kinder bekommen. Den rauhen Gebirgen entging die chirurgisch heilende Kraft der großen Kriege, welche die Bevölkerung der Ebenen gar mächtig centralisirte. Im Mittelalter waren die Dörfer in den Ebenen ebenso dicht gesäet, wie jetzt noch auf manchen Bergzügen. Die Kriege fegten ein starkes Procent dieser kleinen Dörfer vom Boden weg, und trieben die Bewohner zu größern wehrhafteren Orten zusammen. Zahllose Namen im Bauernkriege und im dreißigjährigen Kriege ausgegangener Dörfer geben Zeugniß dafür. Auf der hohen Rhön, der Eifel, dem hohen Westerwald etc. verbietet sich das Kriegführen von selbst. Anno 1850 machten wir diese Erfahrung zum letztenmal. Die ärmsten und unwirthlichsten Gegenden haben deshalb noch die Ueberzahl der kleinen mittelalterigen Dörfchen bewahrt, weil der Hunger kein Magnet für Kriegsheere ist. Also auch hier ist wieder ein mittelalterlicher Zustand unberechtigt in's moderne Leben hineingewachsen. Auf dem Westerwald, wo die Kriege so wenig auf die Zusammenziehungen der Siedelungen einwirkten, daß jetzt noch ein großer Theil auf der Uebergangsstufe von einer bloßen Hofgemeinde zur Dorfgemeinde steht, gingen im 18. Jahrhundert noch einzelne Dörfer aus, sie gingen von selber aus, wie ein Licht ausgeht, weil ihm die Nahrung fehlt. Das wird sich im übrigen Deutschland in dieser Zeit selten finden. Auf dem Westerwald lag im 14. Jahrhundert eine Burg, Rohrbruch, inmitten eines kleinen Sees. Sie soll über Nacht spurlos in den See versunken seyn. An diese melancholische Sage gemahnten mich immer die ausgegangenen Westerwälder Dörfer. Sie versanken spurlos, weil der Boden der Cultur, der sie tragen sollte, zu dünn war, weil er immer mürber geworden; sie sind nicht vertilgt worden, sie sind verloren gegangen, versunken über Nacht, man weiß nicht, wo sie hingekommen sind. Auch auf der Rhön begegnen wir der melancholischen Volkssage von im Moor versunkenen wohlhabenden Dörfern. Die historische Kritik hat zwar dort das versunkene Dorf im Schwarzen-Moor auf ein verlassenes zurückgeführt, allein es bleibt immerhin ein bedeutsamer Zug, daß die Rhöner die »dumpfen Abendglocken« ihres Vineta's unter dem Schlamm eines Moorgrundes läuten hören, und da von versunkenen Schätzen träumen, wo dieselben jetzt nur noch in der Form von Torf zu heben sind. Es ist der rückwärts gekehrte Seherblick des Volkes, dem die Vision von den versunkenen Dörfern erschienen ist, und der Wanderer wird ergriffen von der Wahrheit dieser Sage, wenn er durch so manches rhönische Dorf wandert, welches seinem innern Auge auch bereits als versunken erscheint, ob es gleich für das äußere noch fest auf dem Boden steht. Die Barbarei der Philanthropie, welche es für menschlich hält, dem Proletarier die Gründung einer existenzlosen Familie zu gestatten, und für staatsklug, Menschen zu züchten auf die Stückzahl, wie man Vieh züchtet, diese Barbarei der modernen Philanthropie trug redlich das Ihrige dazu bei, daß die oben angedeuteten unberechtigten mittelalterlichen Zustände festgehalten und erweitert wurden. Ich sah auf einem der höchsten bewohnten Punkte der Rhön ein einsam gelegenes ganz stattliches steinernes Haus. Der Besitzer hat aber wenig oder gar kein Feldgut. Er speculirt im Sommer auf allerlei gelegentlichen Erwerb und der Sommer muß den Winter ernähren, In dem harten März 1852 als ich jene traurige Einöde besuchte, hatte er keine Kartoffel mehr im Haus, kein Geld und keine Arbeit, wohl aber neun lebendige Kinder. Er konnte nicht einmal mit Erfolg betteln gehen, denn sein Haus ist so abgelegen, daß eine halbwegs einträgliche Bettelfahrt ihm täglich einen Fußmarsch von 6 bis 8 Stunden im Schnee kosten würde. Man wird ihn unterstützt haben, und er wird nicht verhungert seyn mit seinen neun Kindern. Aber es fragt sich, ist das nicht Barbarei aus Philanthropie, Grausamkeit aus weichem Herzen gewesen, welche einem Mann erlaubte eine Familie zu gründen, wo er in einer den Ackerbau kaum zulassenden Gebirgslage bloß ein Haus besaß, dazu etwas Speculationsgeist, aber keine Aussicht jemals weder Handwerk noch Landwirthschaft betreiben zu können? Den Proletariern das Heirathen zu verbieten ist oft wenig »human,« aber desto menschlicher. Wenn einer auf der hohen Rhön bloß ein Haus besitzt und auf diesen Besitzstand hin eine Familie gründen will, so ist das gerade, wie wenn ein Städter nachwiese, daß er Eigenthümer eines Ehebettes und einer Kinderwiege sey, und auf Grund dieses Besitzstandes um Heirathserlaubniß einkäme. Unsere Bureaukratie, die keine sociale Politik studirt, greift oft in gar curioser Weise in solche Zustände des socialen Kleinlebens hinein. So fand ich in den höchsten Lagen des Fichtelgebirges ein Einödenhaus, worin ein – Schneider wohnte. Um auch nur zu seinen nächsten Kunden zu kommen, mußte er schon eine Stunde Wegs marschiren. Mit einer 10 Köpfe starken Familie bewohnte er sein kleines Häuschen, welches kaum für drei Menschen hinreichenden Raum bot. Das jüngste Kind, 3 Wochen alt und noch nicht getauft, schaukelte statt in der Wiege in einem Kissen, welches mit Stricken an der Stubendecke befestigt war und also eine Art Hängematte darstellte. Das Häuschen war in früherer Zeit der Familie dieses Schneiders vom Staate geschenkt worden, nicht aber der Grund und Boden, worauf es stand. Dazu hatte der Mann das Recht, sich seinen ganzen Holzbedarf unentgeltlich zu fällen. Nun wollte er bei der wachsenden Familie das Häuschen erweitern; allein man gestattete es ihm nicht, weil man solchen Einödensiedelungen schon aus forstpolizeilichen Gründen mit Recht nicht hold ist. Er kann aber auch ein solches Haus nicht verkaufen, er kann es auch nicht zusammt der kostbaren freien Holznutzung im Stich lassen. Die Behörden zwingen ihn also aus Gründen, die im Einzelnen alle ganz triftig sind, mit seiner ganzen Familie zum vollendeten Proletarier zu werden. Aus Gründen der socialen Politik dagegen bliebe den Behörden nichts anderes übrig, als ihm sein Haus und sein Holzungsrecht abzulösen und ihm dadurch die Mittel an die Hand zu geben, sich anderswo eine vernünftigere und berechtigtere Existenz zu schaffen. In den statistischen Tabellen figurirt dann (beiläufig bemerkt) ein solcher schneidernder Einödenbauer natürlich auch unter der Rubrik der »Handwerker auf dem Lande« und hilft jene Zahl füllen, durch welche uns die socialen Gleichmacher beweisen wollen, daß der Unterschied zwischen Stadt und Land nicht mehr bestehe. Er gehört auch zu der »Stadt,« die auf das Land gezogen ist. Wie solche Familien kein Recht haben, in solcher Weise zu bestehen, so gibt es in unsern Gebirgen ganze Dörfer, denen das Recht der Existenz fehlt. Man sagt, der Begriff der Uebervölkerung ist ein Unding. Wohl. Wer aber etliche Tage selbst hungrig auf der Rhön oder dem Vogelsberg umher gewandert ist, der überzeugt sich gewiß, daß wenigstens die falsche Vertheilung der Bevölkerungsmassen kein Unding sey. Vergleicht man die Einwohnerzahl dieser Bergketten mit der Ziffer des Flächengehaltes, dann scheint es, als sitze das Volk dort allzudünn, nicht allzudicht. Es ist dies aber nur Trug und Schein, der abermals lehrt, wie vorsichtig man bei den Schlüssen aus nackten statistischen Ziffern seyn müsse. Da ein großer Theil des Bodens aus Wäldern und Wüsteneien besteht, welch letztere kaum je culturfähig werden dürften, da ferner das angebaute Land selbst einen unverhältnißmäßig geringen Ertrag abwirft, so ist die an sich dünne Bevölkerung dennoch zu dicht. Auch in den Häusern der zahllosen winzigen Dörfchen drängen sich hier die Leute weit enger zusammen, als es sonst auf dem Lande zu geschehen pflegt. In dem Spessart, dem Vorhofe der Rhön, in dessen weitgedehnten, unwegsamen Wäldern gut die Hälfte aller deutschen Räuberromane spielt und wo die menschlichen Wohnsitze wirklich nur äußerst sparsam eingestreut erscheinen, herrscht trotzdem Uebervölkerung. In den elenden Häusern, die meist nicht einmal Schornsteine haben, sondern wie bei halbwilden Völkern den Rauch zum Fenster hinaus lassen, wohnen durchschnittlich sieben bis neun Menschen , ein Verhältniß, welches dem der übervölkerten oberschlesischen Dörfer gleichkommt und in dem angrenzenden Frankenland nur erst in den kleineren Städten wiedergefunden wird. Dafür sind dann aber auch diese überfüllten, ungesunden Häuser, die sich mit ihrer hinteren Wand meist an feuchte Bergabhänge lehnen, die steten Herde langsamen Siechthums und schnell hinraffender Seuchen. Von so traurigen Zuständen suchen sich aber die Bewohner keineswegs frei zu machen, sie nehmen dieselben vielmehr als nothwendige, von der Natur gegebene hin. Prof. Virchow, welcher sehr lehrreiche ärztliche Untersuchungen über »die Noth im Spessart« veröffentlicht hat, erzählt von einer dortigen Bauernfamilie, von deren sechs Gliedern fünf am Typhus erkrankten und drei rasch nach einander starben. Nichts desto weniger ging der Familienvater zu keinem Arzte, sondern gab nur, als es gar zu schlimm ging, sein letztes Geld hin, um dafür einige Messen lesen zu lassen! Nach der Bemerkung desselben Schriftstellers sind im Spessart die meisten Orte, welche von den Pesten des 17. Jahrhunderts heimgesucht wurden, auch in unserer Zeit die Stammsitze jener Typhen gewesen, die oft sehr nahe an den Hungertyphus grenzen. Also nicht bloß der Bau der Dörfer, nicht bloß die Sitte der Bewohner, nicht bloß die Armuth, sondern auch ganz bestimmte Formen des Siechthums sind hier historisch. Und doch erreichen trotz alledem viele arme Leute des Spessarts ein hohes Alter! das Leben in der Wildniß, das unverkünstelte, rohe Naturleben erhält den Körper zäh bei allem Elend und die meisten der so verrufenen Bezirke des Spessart zeigen ein günstigeres Sterblichkeitsverhältniß als die Großstadt London und die bedeutendsten englischen Fabrikbezirke, deren wohlgenährte, mit Fleisch gesättigte Bevölkerung uns die Männer des modernen Industrialismus als so gar glücklich auszumalen pflegen. Auf unsern verödeten Basaltgebirgen will sich die Natur erlösen von dem krankhaften Zustand der Uebervölkerung, weil ihr von außen her durch Kriegsheere oder Staatsmänner nicht geholfen worden ist. Sie reagirt durch Seuchen und Hungersnoth. Die modernen örtlichen Nothzustände sind die Anzeigen der Krisis, in welcher der kranke Leib sich zur Gesundheit aufzuringen trachtet. Was die Arznei nicht heilt, das muß Eisen und Feuer heilen. So sagen die Aerzte. Auch für die Pathologie und Therapie in der Volkswirtschaft gilt dieser Spruch. Unten in den Thälern sitzen die kleinen Menschen und sticken Lehrsätze zusammen über sociales Elend und materielle Noth, und oben auf den Bergen fähret der Herr einher im Sturmwind und sendet Unwetter, Seuchen und Hunger, damit sie die chirurgische Operation, die Feuer- und Eisencur an dem kranken Gliede vornehmen, welche die Kriegsstürme vorzunehmen nicht vermochten. Das ist nationalökonomisches und socialpolitisches Heilverfahren im großen Styl. Der Westerwald hat kaum eine eigene politische Geschichte, er hat nur eine Culturgeschichte, die seltsamer Weise durch ihre unendlich langsame Entwicklung das höchste Interesse gewinnt. Er zeigt kaum ein paar dürftige Baudenkmale aus alter Zeit; aber diese Dörfer selbst, obgleich meist nur aus zehn bis zwanzig strohgedeckten Lehmhütten bestehend, sind historische Denkmale. Sie sind großentheils uralt, und doch weiß der Forscher nur gar selten eine geschichtliche Thatsache aus ihrer Vorzeit aufzuspüren. Allein das Bild selber, welches sie bieten, malt dem Auge eine geschichtliche Thatsache. Heute noch wie vor hundert Jahren baut sich der Bauer mit einem Capital von beiläufig fünfundzwanzig Gulden sein Häuschen; die Arbeit der eigenen Hände, die er in den Bau steckt, ist der bedeutendste Theil seines Anlagecapitals, er baut sein Haus im Wortsinn selber. Darum sieht man auch hier noch so häufig, wie in alten Zeiten, verlassene, in sich zusammenfallende Häuser, namentlich auf einsameren Punkten. Denn der hypothekarische Werth, der Werth des Rohstoffs, der Arbeit, der Lage ist da oft so gering, daß gar keine andere Wahl bleibt als das Haus verfallen zu lassen, wenn der Bewohner verdorben ist und ein Anderer sich nicht sofort einfindet. Die Kosten des Abbruchs würden den Werth des abzubrechenden Materials bei weitem übersteigen. Man reißt heraus, was an Holzwerk noch halbwegs brauchbar ist; den Rest mag dann der Nordwestwind zusammenblasen. Ganz ähnlich ist es mit dem Vogelsberg. Die Rhön dagegen hat bessere Tage gesehen als die gegenwärtigen, sie hat eine Geschichte gehabt, welche mehr war als eine bloße Geschichte des Elendes. Für die feudale Zeit war sie kein übles Land, aber unser industrielles Jahrhundert weiß nicht, was es mit solchen abgelegenen, produktenarmen Gebirgen anfangen soll. Nicht bloß die Ungunst des Klima's, auch der ganze eigentümliche Entwicklungsgang unseres Culturlebens, wenn man will, die Weltgeschichte, hat sich wie ein tragisches Schicksal auf diese Berge gelegt. Die Rhön gehört so ganz zu jenen deutschen Gauen, von welchen einer unserer Dichter sagt: sie seyen zu romantisch, um noch glücklich seyn zu können, ein Dichter, der selber zu romantisch war, um glücklich seyn zu können – Gottfried Kinkel. Hier ist also die Rhön dem sonst so gleichgearteten hohen Westerwalde ungleich; ihre Blüthezeit liegt in der Vergangenheit, die des Westerwaldes in der Zukunft. Die Parallele ließe sich in tausend Einzelzügen entwickeln. Auf der Rhön gibt es allerlei an den natürlichen Schätzen des Gebirges haftende Industrie, aber immer nur sprunghaft, verspritzt, und wie zum Versuch. Es werden Eisenerze gewonnen, plastischer Thon, Schwerspath, Torf, Traß, Braunkohlen, es werden Färberpflanzen gebaut sogar für Lyoner Seidenfabriken, es wird fleißig gewebt, es werden Holzschnitzwaaren gefertigt, Krüge gebacken und Porcellan gebrannt; aber eine massenhafte, das ganze Gebirg beherrschende und emporhebende Industrie hat sich an keinen dieser oft glücklichen Versuche zu helfen vermocht. Die »Silberhöfe,« welche neben einem der ärmsten Dörfer, Altglashütte, liegen, haben ihren Namen, charakteristisch genug, daher, weil man dort Silber gesucht und keins – gefunden hat. Das Eisen findet sich nur »nesterweis.« Dies ist eben der Fluch der Rhön, daß sich alles hier nur »nesterweis« findet, Industrie und Ackerbau so gut wie das Eisenerz. Wo man früher auf Eisen gebaut, sind mitunter längst alle Gruben verschüttet. Auf dem Markt zu Bischofsheim reden alte eiserne Brunnentröge von dem verschollenen Bergbau des Kreuzberges, und in den herrschaftlichen Häusern zu Fulda stehen große eiserne Oefen aus den versunkenen Schachten des Dammersfeldes. Auf dem Fichtelgebirg erscheinen Ortsnamen, die gleichfalls wie eine fürchterliche Ironie auf die heutigen Zustände klingen, ganz wie auf der Rhön als die letzten Erinnerungsmale einer längst abgestorbenen Industrieblüthe. Wir finden dort Goldkronach, den Goldhof, die Goldmühle, Goldberg u. dgl. Die Schlacken, welche man bei dem früheren Goldbergbau übermüthig weggeworfen, sammelt man heute wieder auf, um mit weit bescheideneren Ansprüchen Antimonium daraus zu gewinnen. Das verarmte Volk aber tröstet sich über die versunkenen Goldschätze durch einen reichen Sagenkreis, der ihm die Wiederauferstehung derselben verheißt. Die Schatzgräberei war bis in die neueste Zeit dort zu Hause und die dahin zielenden »Wahl- und Geheimnißbüchlein« gehören zum eigensten Hausrath des Fichtelgebirgs. Während der arme Mann in den dichten Wäldern Gras sammelt oder Baumpech auskratzt, Holz fällt, harte Granitblöcke zerschlägt, Kohlen oder Wagenschmiere brennt, träumt er sich vielleicht als den reichsten Mann, dem nur noch der letzte Schlüssel zu seinem Reichthum fehlt. Denn nach dem Volksglauben soll jeder, auch der gemeinste Feldstein auf dem Fichtelgebirg edle Metalle bergen. Nur muß ein Fremder kommen, um diese besonderen Qualitäten der Steine aufzuschließen, und man hielt vordem dafür, daß namentlich die »Wälschen« diesen Zauber besäßen und unter ihnen vor Allen die »Venediger.« Man sagt darum: »Auf dem Fichtelgebirg wirft der Bauer einen Stein nach der Kuh und der Stein ist mehr werth als die Kuh.« Diese dichterisch geweihete Genügsamkeit, welche sich mit dem Goldschimmer der Sage einstweilen abfinden läßt für das wirkliche Gold, ist ein durchaus bezeichnender Zug in dem Charakterbilde unserer so kindlich befriedeten Gemüthes armen Bergbewohner. In der Nähe von Wunsiedel wächst ein seltenes Moos: man nennt es Goldmoos. Schaut man von ferne darüber hin, so funkelt es im prächtigsten Goldschimmer, tritt man aber näher hinzu, so ist der goldige Glanz durchaus verschwunden und bei genauerer Untersuchung läßt sich nirgends eine äußere Ursache des trügerischen Schimmers wahrnehmen. Wo dieses Moos wächst, da ist auch der Sagenkreis von den goldenen Reichthümern des Fichtelgebirges gewachsen. Die Wohnhäuser und Kirchen vieler Rhöndorfer sind stattlicher gebaut, als sich's mit dem gegenwärtigen Wohlstand der Bewohner zusammenreimt. Vergebens sucht man hier die moosige Lehmhütte des hohen Westerwaldes, welche mitunter eher für Indianer, als für deutsche Bauern bestimmt erscheint. Auch die Reste der alten Volkstracht deuten durchaus nicht auf den Bettlerrock zurück. Der thurmartig spitze schwarze Kopfaufsatz der Weiber in den Rhönthälern mit den langen flatternden Bändern ist ein kostbares Stück, weit reicher, als das rothe, von zwei auf- und niederschwankenden Eselsohren flankirte Kopftuch der Bäuerinnen im reichen Bamberger Maingrund. Ja jene in den mitteldeutschen Gebirgen so weit verbreitete Hauben-Pyramide ist sogar eine der seltenen, noch wirklich aus dem Mittelalter stammenden Volkstrachten. Auf zahlreichen Bildern und Sculpturen der spätgothischen Zeit sieht man vornehme Frauen mit demselben Kopfputz. Der Westerwald dagegen hat weit nüchternere, ärmere und minder alte Trachten. Dort ist in der That der Bettlerrock vielfältig seit Anbeginn das Volkskleid gewesen. Die hohe Rhön hat im Mittelalter eine ausgeprägte politische Geschichte: eine Menge zertrümmerter Burgsitze zeugen dafür. Der hohe Westerwald hat in alter Zeit nur eine Culturgeschichte, und obendrein eine negative, nämlich eine Geschichte der Uncultur. Keine geistliche Genossenschaft mochte im Mittelalter auf dem hohen Westerwald ein Kloster gründen, und selbst die Ritter und Herren stiegen nur selten mit ihren Burgsitzen über die Grenzen des Gebirges auf. Den südlichen Thalbewohnern galt der Westerwald von Alters her als die äußerste Thule, als das unwirthliche Land des Nebels und des Schnees: die Luft machte da droben mehrentheils »eigen,« wie in dem sonnigen Rheingau die Luft »frei« machte. Es ist als ob heute noch über einem Theil der Westerwälder Bevölkerung dieser Fluch ruhe, daß die Luft »eigen« mache. Stillstand und Rückgang des Kulturlebens war Jahrhunderte lang auf dem hohen Westerwald leibhaftig geworden, eine viel schlimmere Reaction als der formellen Politik. Die Sage geht, vor zweihundert Jahren sey einmal eine Kirchenvisitation über den Westerwald gesendet worden, sie habe aber nirgends ein Protokoll aufnehmen können, weil bei keinem einzigen Pfarrer ein Schreibzeug aufzufinden gewesen wäre. Dergleichen Stücklein, wahr oder unwahr, erzählt man sich zu Hunderten. Die Leute von dem südlichen Halbscheid der Westerwälder Hochfläche schlafen und ruhen schier das halbe Jahr. Ihr einziger Erwerbszweig in dem langen Westerwälder Winter ist mehrentheils das Schneeschaufeln! Dem armen Westerwälder sagt man nach: er bete an jedem Winterabend, daß ihm Gott über Nacht einen tüchtigen Schneesturm bescheeren möge. Dann hat er bei den gewaltigen Schneemassen, die da droben fallen, und von dem dort fast nimmer rastenden Sturm oft haushoch zusammengejagt werden, wenigstens ein nahrhaftes Geschäft, das ihm in Staats- und Gemeinde-Tagelohn 24 Kreuzer täglich abwirft. Und das ist oft die ganze Winterblüthe des Erwerbs auf dem industrielosen hohen Westerwald! Viele hundert Hände werden so in jedem Winter beschäftigt, viel tausend Gulden von staatswegen in den Schnee geworfen, und doch preisen sich die armen Leute glücklich, wenigstens diese Schneeindustrie zu haben, die der Wind in ein paar Tagen wieder wegbläst, die der erste Frühlingssonnenschein jedenfalls in Wasser zerrinnen lassen wird. Es ist als ob Gewerbe und Industrie förmlich zurückgeschaudert seyen vor dem »eigentlichen« Westerwald, während sie am Saume desselben, in den Vorbergen überall, wenn auch nur schüchtern, hereinlugen. So haben einst stattliche Wollmanufacturen am Ostrande des Westerwaldes geblüht: die Feuersäulen der Hochöfen gruppiren sich wie zu einem Strahlendiadem rings um den Saum der Hochflächen, aber sie meiden das Hochland selber; auch das Land der Krug- und Kannenbäcker liegt hart an der Grenze des Gebirges: reiche Silber- und Kupferbergwerke fangen just da an, wo der hohe Westerwald aufhört, während dieser nur die viel ärmere Ausbeute der Braunkohlenlager dagegen setzen kann. Die verkümmernde Westerwälder Eisenindustrie war bis auf die neueste Zeit großentheils in den Händen von Ausländern, von Engländern und Franzosen, und der arme Westerwälder mußte in fremdem Solde taglöhnern auf seinem eigensten Besitz. Es ist ein seltsames Ding um diesen öden »eigentlichen« Westerwald. Wenn man den Südabhang der Bergkette hinaufsteigt und bei den Bewohnern Umfrage hält, wo denn nun der »eigentliche« Westerwald beginne, so wird man immer weiter nordwärts gewiesen: hat man aber endlich den höchsten Kamm des Gebirges erreicht und steigt die nördlichen Thalgesenke hinab, so weisen einen die Leute wieder nach dem Südabhang zurück. Kein Mensch will auf dem »eigentlichen« Westerwald wohnen. Und doch ist das Heimathsgefühl und der Heimathsstolz des ächten Westerwälders mächtig genug. Auch der heimwehselige Jung Stilling war ein Westerwälder. Nur den Namen möchte man meiden. Daraus läßt sich folgern, daß der Westerwald besser sey, als sein Ruf. Und so ist es in der That. In gleicher Weise verleugnen die Vogelsberger überall den Vogelsberg. Die Rhöner dagegen, deren Gebirg einen weit glänzenderen historischen Namen hat, machen es nicht also. Dort war das Dammersfeld, jetzt berühmt durch seine Armuth, einst berühmt durch seinen Bodenreichthum. Die Hoftafel der Fuldaischen Fürstäbte wurde buchstäblich fett durch seine Ergiebigkeit, denn es sollen alljährlich an dreißig Centner der besten Butter von dort in die Hofküche gewandert seyn, der saftigen Dammersfelder Rinds- und Kalbsbraten gar nicht zu gedenken. Andere herrschaftliche Domänen wurden aufgebessert mit den Überschüssen vom Ertrag der Dammersfelder Güter. Es klingt uns jetzt wie ein Mährchen, wenn wir lesen, daß Eroberungskriege (zwischen Fulda und Würzburg) um das Dammersfeld geführt worden sind, weil dieser reiche Besitz den Fürsten so verlockend in die Augen gestochen hatte. Jetzt führt man hier keine Eroberungskriege mehr, nur noch Vertheidigungskriege – gegen den Hunger. Es ist aber (beiläufig bemerkt) eine für den Volkswirth höchst beherzigenswerthe Thatsache, daß die Wiesen des Dammersfeldes nur so lange ihren großen Werth behaupteten, als sie in Form einer großen herrschaftlichen Schweizerei in einer Hand geeinigt bewirthschaftet wurden. »Seitdem das Dammersfeld einzeln verpachtet ist,« sagt Schneider in seiner Beschreibung der Rhön, »und die den Graswuchs befördernden Schweizerpferche fehlen, ist es ein mageres kahles Gebirge, wie seine Nachbarn.« Der Trieb zur gewerblichen Arbeit neben der landwirthschaftlichen sitzt den deutschen Gebirgsbauern im Fleisch. Und doch haben sie bisher fast überall mehr den Fluch als den Segen dieses Triebes geerntet. Das geschichtliche Andenken erloschener Betriebsamkeit kann bei den Rhönern nur dazu beitragen, die Naivetät der Armuth zu brechen, und die fehlgeschlagenen Versuche mit modernen Industrieanlagen zeigen den Leuten erst recht, wie arm sie eigentlich sind. Die Fichtelberger wären auch glücklicher, wenn sie statt der magischen Feldsteine einfaches Granitgeröll auf ihren Aeckern liegen sähen. Die Leute vom hohen Westerwald, deren Industriegeschichte mit dem Kapitel von Schneeschaufeln anhebt und endigt, sind viel zufriedener. Wie es mancherlei Stand und Beruf unter den einzelnen Menschen gibt, so auch unter den Ländern. Man vermeint aber in unserer geldgierigen Zeit, jedes Land müsse schlechterdings zu einem Industrielande gemacht werden. Im Spessart hat man's mit Bergwerken versucht, die eingestellt sind, mit Glashütten, die aufgehört haben. Geblieben aber ist den Leuten durch diese verunglückten Versuche das Bewußtseyn ihrer Ohnmacht und Armuth. Ja manche ursprüngliche und natürliche Formen des Gewerbfleißes im Lande sind durch diese Versuche mit neuen Betriebszweigen obendrein verdrängt worden. Früher bereiteten sich die Leute ihre Kleider selbst, jetzt beziehen sie auswärts gefertigte Stoffe. Die vom bayerischen Ministerium im Frühjahr 1852 zur Untersuchung der dortigen Nothstände ausgesendete Commission fand nach Virchow's Bericht die alte Spessarttracht aus »Beidergemang,« einem braunen Zeuge eigener Fabrik von Naturwolle und Leinen, nur noch bei einem einzigen Manne. Selbst die Fußbekleidung, welche inmitten eines Walddistricts so natürlich aus Holz seyn könnte, ist überall durch lederne Schuhe ersetzt worden. Die bei einem solchen Klima zweckmäßige ursprüngliche Tracht ist dem modernen, leichten, vergänglichen Stoffe gewichen; die Bedürfnisse sind gesteigert, während sich die Nahrungsquellen bei einer zunehmenden Bevölkerung proportional verminderten. So ist es gekommen, daß die ganze Existenz dieser Bevölkerung zuletzt auf den Kartoffelbau gesetzt war." Wir finden in diesen Gebirgen den merkwürdigen Widerspruch, daß die Leute oft einen unbestreitbaren inneren Beruf zur Gewerbsthätigkeit haben, während ihnen die Lage des Landes ihre industriellen Talente, ihren Eifer zum Fluch werden läßt. Darum ist es in diesen Gegenden ganz besonders bedenklich, mit solchen neuen Industriezweigen zu experimentiren, deren Gedeihen nicht sicher vorauszusehen ist. Ein verunglückter Versuch, der im Flachland höchstens ein paar Familien auf einige Jahre zurückbringen würde, verderbt und verstimmt hier eine ganze Volksgruppe auf ein Menschenalter und darüber. In diesen Gebirgen geht das Handwerk barfuß, hier wohnen die Naturkinder der Industrie. Ja man könnte sagen, unsere Gebirgsbauern unterscheiden sich dadurch von den Flachlandbauern, daß sie das angeborene technische Genie besitzen, welches jenen mangelt. Dasselbe Elend, welches sich bei den industriellen Dörfern des schlesischen Gebirges und des Erzgebirges in großen weltbekannten Zügen darstellt, wiederholt sich bei den Rhöner Holzschnitzern im kleinen. Die Besitzer größerer Werkstätten in den Städten und an den Landstraßen klagen nicht über Mangel an Absatz, dagegen gehören die Holzschnitzer in den abgelegeneren Orten zu den ärmsten unter den armen Leuten. Jene arbeiten theilweise für auswärtige Abnehmer, diese aber für den beschränktesten Ortsbedarf, d. h. für Kunden, die selbst nichts haben! Die Industrie unserer Gebirgsbauern ist meist erst ein Kind der neueren Zeit. Am Schlusse des 16. Jahrhunderts finden wir auf dem jetzt so betriebsamen Schwarzwald noch keine Spur industrieller Arbeit. Erst die gänzliche Umwandlung der bäuerlichen Verhältnisse in der Uebergangsperiode zur modernen Zeit und die landwirthschaftliche Feuer- und Eisencur des dreißigjährigen Krieges zwang die Gebirgsbauern zum Handwerk. Aber mit welch unglaublicher Triebkraft hat sich nun seit etwa 150 Jahren diese neue Industrie der Holzschnitzer, Uhrenmacher, Stroh- und Weidenflechter, Spitzenklöppler, Leineweber, Nagelschmiede und Besenbinder überall in die Höhe zu arbeiten gesucht! In diesem gewaltsamen Durchbruch der jüngsten Metamorphose des Gebirgsbauern zeigt sich recht, wie unzweifelhaft ihm der technische Genius von Gott und der Natur zum Lehen gegeben wurde, zum Ersatz für die immer magerer gewordenen Felder. Allein mit dieser Gabe ist zugleich ein tief tragisches Element in das Leben des Gebirgsvolkes gekommen. Das unbelohnte Ringen ganzer Bauerschaften nach Tüchtigkeit im Handwerk läßt sich wohl vergleichen mit dem fruchtlosen Abmühen so manches einzelnen begabten Geistes um eine hervorragende Stelle unter den geistigen Größen der Nation. Der lustige Senner wird allmählig zum ernsten und gesetzten Mann, wenn er sich der Schnitzbank ergibt, und in den nächsten Geschlechtern werden die Holzschnitzer im Schwarzwald auch keine »G'sätzlen« mehr neu ersinnen und singen. Der industrielle Geist ist oft genug ein Kassandrageschenk für unsere in der Unschuld der Armuth glücklich dahin lebenden Gebirgsbauern. Auf den magern Hochflächen der rauhen Alp zwischen Pfullingen und Urach verschlug mich vor zehn Jahren ein Hagelwetter in ein einsam gelegenes Haus. Es sah so dürftig aus, daß es mir bangte, einzutreten, bis mir - die Töne eines Klaviers aus demselben entgegen klangen. Ein kleiner barfüßiger Bube spielte das Instrument; er sah nicht aus, als ob er sich alle Tage wüsche, vielleicht aber Sonntags, Feiertags und Markttags. Ich erfuhr, daß die ganze Familie musikalisch sey, man zeigte mir in der Kammer auch noch eine kleine Hausorgel: und das Klavier und die Orgel hatte der Hausvater selbst gemacht. Derselbe war aber keineswegs ein Instrumentenmacher, sondern – ein Maurer, und stand damals zu Pfullingen in Arbeit. Das Klavier war kein englischer Patentflügel, aber man mußte es doch so gewiß ein Klavier nennen, als man einen Holzapfel einen Apfel nennen muß. Geben Holzäpfel keinen Most, so geben sie wenigstens Essig. Es war der drängende industrielle Geist des Gebirgsbauern gewesen, der den Maurer zu seinem Sonntagsvergnügen ein Klavier und eine Orgel hatte bauen heißen! Wer es verstünde, ein edles Reis auf solche Holzäpfelstämme zu pfropfen! Gerade der Theil des Westerwaldes, der keine industrielle Geschichte kennt, hat eine industrielle Zukunft, weil hier die Naturschätze nicht »nesterweis« liegen, wie auf der Rhön, sondern in großen Massen und Gruppen beisammen, und weil sie eine harte, mager lohnende Betriebsamkeit, dem Charakter von Land und Leuten entsprechend, voraussetzen. Ein merkwürdiges Beispiel von raschem und segenverheißendem Aufblühen eines neuen Gewerbes erlebten wir hier in den letzten Jahren, und es zeigte sich dabei, was bei unsern Gebirgsbauern eine gut geleitete gewerbliche Aneiferung vermag, wenn sie auch nur noch ein klein Stück alten Bodens vorfindet. Es galt einen ganz eigenthümlichen Industriezweig wieder zu erwecken, welcher der südwestlichen Ecke des Westerwaldes geradezu geschenkt ist durch die unerschöpflichen Lager des trefflichen plastischen Thones, aus denen man das sogenannte »steinerne Geschirr,« die Mineralwasserkrüge und dergl., fertigt. Die sämmtlichen Mineralquellen des Taunus und der Lahn hängen in diesem Stücke ab von den Westerwälder Krugbäckereien. Der Verbrauch ist außerordentlich. Selters und Fachingen allein brauchen jährlich über zwei Millionen Stück solcher Krüge. Bis in weite Ferne werden Westerwälder Gefäße seit alter Zeit verführt. Im Mittelalter mußten an diesen Thonlagern gelegene Gehöfte ihre Abgaben nicht in Geld, sondern in Schüsseln an den Kurfürsten von Trier zahlen. Ein ganzer Hof zahlte 600 Schüsseln und ein halber 300. Liefen die Abgaben dem Kurfürsten richtig ein, dann konnte er alljährlich einen ganz anständigen Schüsselmarkt in Trier abhalten. Aber trotz dem vielhundertjährigen Stammbaum dieses Industriezweiges ließ man ihn verkümmern bis auf die neueste Zeit. Die rohen Thonblöcke wanderten großentheils in's ferne Ausland, nach Belgien, Holland und Frankreich, um dort verarbeitet zu werden! Den Fuhrlohn, den man erhielt, die Blöcke zur Verladung an den Rhein zu schaffen, nahmen Viele als den höchsten für die Gegend aus dem edlen Rohstoff zu erzielenden Gewinn, Als vor Jahren von Staatswegen eine Musteranstalt für die Verarbeitung des Thones, namentlich für die mehr künstlerische zu feineren Gefäßen, errichtet werden sollte, sträubte man sich dagegen, weil man den Frachtgewinn für die rohen Blöcke einzubüßen fürchtete! Erst als zuletzt der rechte Mann kam und den Leuten aus dem Krugbäckerlande fast täglich in's Gewissen hinein predigte, daß nicht in der Ausfuhr des Rohstoffes, sondern in der möglichst verfeinerten Verarbeitung desselben der beste Gewinn für die Gegend liege, raffte man sich auf. Die Krugbäcker einten sich zu freien Innungen, die fröhlich gedeihen, warfen sich auf feinere, kunstmäßigere Arbeiten, die sich zusehens einen immer größeren Markt erobern, so daß man jetzt dieses Handwerk nur noch künstlerisch etwas reicher befruchten müßte, um die alte rohe Westerwälder Krugbäckerei in eine Kunstindustrie zu verwandeln, die für den Westerwald ebenso bedeutsam werden könnte, wie die Uhrenmacherei für den Schwarzwald. Auf dem hoben Westerwald brauchen die Kirschen zwei Jahre Zeit um reif zu werden. Im ersten Jahre nämlich wird die Frucht auf dem einen Backen roth und im folgenden auf dem andern. Mit diesem kleinen Zug hat der Volkswitz die ganze Obstcultur des Landstrichs meisterhaft gezeichnet. Man kann in runder Durchschnittssumme rechnen, daß hier auf 4000 Morgen Landes etwa drei Morgen Gartenland kommen. Dem Auge des Rheinländers macht es einen sibirischen Eindruck, daß längs der Landstraßen Ebereschen und in den Gärten wohl gar Tannen statt der Obstbäume stehen. Der Boden ist großentheils ausgezeichnet, aber der jähe Windstrom, welcher durch's ganze Jahr die kahle Hochebene fegt, läßt keinen Obstbau aufkommen, und die Nässe dieses Nebel- und Regenlandes hat selbst die edleren Getreidearten verbannt. »Nordweststurm und alter Weiber Gegreine hat nimmer ein Ende.« Das Register der vornehmsten Westerwälder Ackerpflanzen läßt sich leicht auswendig behalten: Kartoffeln, Hafer und Gerste. Gesottene Kartoffeln, Kartoffelbrod und Kartoffelbranntwein sind der tägliche Küchenzettel gar manches Haushalts. Dazu kreist Morgens, Mittags und Abends der Kaffeekessel, der hier ganz in die häuslich gemüthlichen Rechte des Theekessels der Küstenländer eingetreten ist. Man könnte den Volkscharakter unserer Basaltgebirgsgruppe unter dem Gesichtspunkte des Kartoffelbaues darstellen, wie den rheingauischen unter dem Gesichtspunkte des Weinbaues. Die Kartoffel übt vielleicht in keinem andern Striche Deutschlands so zwingende Alleinherrschaft, wie hier. Der Brodbaum des Südsee-Insulaners und die Kartoffelstaude dieser Berge gäbe keine unpassende Parallele. Als vor zweihundert Jahren die ersten Kartoffeln auf den Westerwald kamen, hat eine Braut, in dem Westerwälder Städtchen Herborn beim hochzeitlichen Kirchgang ihren Busen mit den Blüthen der Kartoffel statt mit Myrthen und Rosen geschmückt. So ist dieses Gewächs, das man sonst als den Erzphilister unter seinen Geschwistern ansieht, hier zu den Ehren der Poesie gekommen. Und Westerwälder Poeten haben auch in der That die Kartoffel in Liedern besungen. Die erste ihrer Art, welche auf dieses blumenarme Gebirg gebracht wurde, hegte ein Apotheker als Zierpflanze und stellte das blühende Kraut in einem Blumentopfe aus. Die edelste Sorte der Westerwälder Kartoffel, bei den Samen- und Pflanzenhändlern weitberühmt, führt den bedeutsamen Namen: »der Preis vom Westerwald.« Wenn man inne wird, wie fast alle bäuerlichen Existenzen der weiten Hochfläche in dem Bau der Kartoffeln wurzeln, dann erhält die Weihe, mit der diese Pflanze hier an dem Ehrentage einer Braut eingeführt ward, wohl ihren tiefen Sinn. Dem Anbau des trügerischen Gewächses könnte hier sogar sein proletarischer Charakter genommen werden. In trockenen Jahren mißräth die Kartoffel in den angrenzenden Thalgegenden, sie gedeiht dann aber um so besser auf dem wasserreichen Gebirg. Man könnte hierauf fußend die sonst nur am Orte haftende Frucht auf die Ausfuhr bauen, wenn der Blick des kleinen Westerwälder Bauern überhaupt weiter reichte, als der heimathliche Nebel zu sehen erlaubt. Der Kartoffelbau hat aber hier nicht bloß seine Poesie, er hat auch seine herbe Prosa. Wo vorwiegend Kartoffelland ist, da ist auch Branntweinland. Dies bestätigen unsere Basaltberge. In einem Städtchen der Rhön von nur 2200 Einwohnern wurden in einem der letzten Jahre nach Ausweis der städtischen Accistabelle nahe an 400 Eimer Branntwein getrunken. Dagegen ist z. B. in Altbayern, wo Kornland vorwiegt und Kartoffeln verhältnismäßig wenig gebaut werden, das Branntweintrinken auch entsprechend selten geblieben. Kartoffelbau und Güterzerstückelung gehen Hand in Hand; so ist denn auch auf unsern Basaltbergen das Ackerland bis zum äußersten Maße zertheilt. Während das Getreide und das daraus bereitete Brod in der Sitte und Redeweise des Volkes heilig gehalten wird, geht man mit der nicht minder wichtigen Kartoffel weit weniger respectvoll um. Das Volk hat eine Ahnung von dem unheimlichen Wesen, welches in unserer Kartoffelcultur steckt. Es setzt sogar eine gute Anzahl Schimpfwörter mit der »Kartoffel« zusammen. Im Meiningischen sind die Schimpfwörter »Kartoffelkröt« und »Erdäpfelgehäukröt« gangbar; ein plumpes, dummes Gesicht nennt man überall ein »Kartoffelgesicht« und eine dicke formlose Nase eine »Kartoffelnase.« Was plump und gemein ist, wird von dem Volke überhaupt gern mit der Kartoffel verglichen. Allein trotz dieser geringen Artigkeit gegen die Kartoffel hat sich der Bauer der mitteldeutschen Gebirge völlig verrannt in den übermäßigen Kartoffelbau. Die schweren Warnungen der Hungerjahre haben dort den Anbau dieser tückischen Frucht noch keineswegs erheblich vermindert. Selbst als in den schlimmsten Jahren die Noth auf der Rhön am höchsten gestiegen war, ließen sich viele Bauern nicht abhalten, mit dem Setzen von halb kranken Kartoffeln wiederholt den Versuch zu wagen. Es war nicht die bare Noth, welche sie hierzu trieb. Denn auch dem Aermsten war durch die Sammlungen und die Maßregeln der Behörden Gelegenheit gegeben, gesunde Saatkartoffeln zu erhalten. Aber die Leute hatten den Kopf verloren. Die Entsagung schlägt hier in ihrer äußersten Spitze zu unsinniger Vermessenheit um. Der Kartoffelbau gestattet nicht nur so kleine Kleinbauern, daß zuletzt aus gar manchem ein leibhafter Proletarier wird; er lockt auch die großen Bauern in ein Speculationswesen hinein, welches sonst diesem Stande ganz fern lag. In dem Nothjahr 1852 gab es Landwirthe am Fuße des Vogelsberges, welche 50-60 Stück Vieh besaßen und mehr als 100 Morgen Ackerlandes, also gewiß wohlhabende Leute, deren Viehstand aber förmlich ausgehungert war, weil sie, durch den möglichen großen Gewinn verlockt, vielleicht 9/10 ihres Gutes mit Kartoffeln bestellt hatten. Diese waren mißrathen, und die reichen Leute hungerten nun zusammt ihrem Vieh. Hätten sie die Hälfte ihres Kartoffellandes mit Hafer und Runkelrüben bestellt, so würden sie mit mäßigem Verlust davon gekommen seyn. Man sieht, es sind hier ganz eigenthümliche Formen der Armuth zu entdecken, die in keine der hergebrachten Gruppen passen. Der mögliche hohe Ertrag der Kartoffeln durch die Branntweinbrennereien verlockt die Bauern zu einem wirklichen Glücksspiel, sie setzen das Glück eines ganzen Jahres auf eine einzige Karte. Darin liegt ein ungeheurer moralischer Ruin. Waren jene großen Bauern zu pfiffig gewesen, dann gibt es andererseits wieder Striche in unsern Gebirgsgegenden, wo die kleinen Bauern förmlich dumm geworden sind in ihrer Armseligkeit. Man sollte landwirtschaftliche innere Missionen hinsenden, um den Leuten die Köpfe aufzuräumen – wenn's möglich ist. In einem Seitenthale der Wisper, wenige Stunden nur seitab von der Weltstraße des Rheins, begehrte ich einmal Eier. Man sagte mir, es gebe keine im ganzen Dorf, weil es keine Hühner gebe, und Hühner halte man keine, weil man Gärten habe, denn die Hühner würden die Gärten verwüsten. Es ist nämlich dort Sitte, Garten und Hof ohne Zaun zu lassen, und ist den Bauern wohl seit Jahrhunderten noch niemals in den Sinn gekommen, daß man die Vortheile des Gartenbaues und der Hühnerzucht zugleich genießen könne, wenn man nur Zäune ziehe. Es wird ihnen diese Einsicht vielleicht auch in langen Jahren noch nicht kommen, obgleich ihnen die Steine zu den Mauern vor den Hausthüren liegen und die Hecken nutzlos bis in's Dorf hinein wachsen. Das ist die Nachtseite der beharrenden Bauernsitte. In den Bergen ist gar manches auf den Kopf gestellt, und die im Flachland in den Städten wohnen, merken es nicht. So blitzt es im Hochgebirg zuweilen den Berg hinauf. Ein rhönischer Frühlingspoet müßte den Mai begrüßen als die Zeit, wo die Spitzen der Berge schwarz werden, nicht grün, denn das ist des Lenzes sicherstes Wahrzeichen, wenn die Sonne den Schnee von den nackten schwarzen Basaltkuppen leckt. Auf den öden, wasserarmen Hochflächen des Frankenjura's düngt man die Aecker mit Steinen und mähet das Heu von den Bäumen herunter; denn die Millionen der über die Aecker verstreuten kleinen Kalksteine bewahren denselben die Feuchtigkeit, und statt der Obstbäume sieht man zahllose kugelrund geschorene Lindenbäume im Feld, deren Laub beim Mangel des Grases das Viehfutter abgibt. Ist's im Flachlande trocken, dann nebelt's und feuchtet's oft auf dem Westerwald, dem Vogelsberg und der Rhön und umgekehrt. Manchmal ist droben ein Segensjahr, wenn unten ein Mißjahr war. Aber seltsamer noch ist's, daß auch Sitte und Art unserer meisten deutschen Gebirgsbauern in wirthschaftlichem Betracht auf den Kopf gestellt erscheint. Sie sollten die durchtriebensten, die rationellsten Landwirthe seyn, denn die Natur schenkt ihnen nichts, und sind doch meist die verstocktesten ökonomischen Reactionäre, und in den Thälern wohnt der landwirthschaftliche Fortschritt. Darum bleiben sie bei allem Fleiß, bei aller Entsagung doch immer im alten Elend stecken. Man zeigte mir große, freilich etwas abgelegene Ländereien auf der hohen Rhön, die trefflichen Boden haben sollen, aber doch nur alle paar Jahre einmal eine geringe Ernte bringen, weil man sie niemals düngt. Die Besitzer treiben starke Viehzucht und haben Dung genug. Aber weil es die Vorfahren nicht nöthig hatten, abgelegene Aecker mit mühseliger Sorgfalt zu bebauen, thut dies der Enkel auch nicht, obgleich er es sehr wohl nöthig hätte. Sein Feldbau ist noch ganz darauf berechnet, daß die Ernte wie ehedem von Hand zu Munde gehe. Auf der ganzen großen Basaltkette von der Rhön bis zur Eifel hinüber findet man's häufig noch, daß der Ackerbau schier mittelalterlich betrieben wird, während doch die Bedürfnisse modern geworden sind. Die Leute entwerfen ihren Wirthschaftsplan, als ob es noch keine Tabakspfeife, keinen Kaffee und keine Steuern gäbe, können aber doch zuletzt das eine nicht entbehren, und der anderen sich nicht erwehren. Ich nannte oben den Westerwald einen vorgeschobenen Posten Westphalens, bei welchem der Hofbauer in seinem Uebergang zum Dorfbauern stecken geblieben ist. Darum sehen wir hier fast nur Weiler, die mit allen wirthschaftlichen Nachtheilen der zerstückten Dorfackerverfassung behaftet sind, ohne darum andererseits der socialen Vortheile größerer Gemeindeverbände theilhaftig zu werden. Dies ist das Loos der meisten Uebergangsbildungen, daß sie wohl die einzelnen Mängel der vermittelten Gegensätze in sich vereinigen, nicht aber die Vorzüge. Selbst ein Mittelzustand zwischen der Rodung des Waldlandes und dem Anbau geklärten Bodens hat sich auf den Nord- und Osthängen des Westerwaldes gleichsam flüssig erhalten. Ich meine die sogenannte Haubergwirthschaft. Man läßt Niederwaldungen von Eichen und Birken auf einen 16 bis 20jährigen Bestand anwachsen, treibt sie dann ab, schält den Boden mit der Hainhacke und verbrennt zur Düngung den Rasen und das kleine Reisig. In dieses neugebrochene Land, das gleichsam die ganze Jugendkraft eines Urbodens in seinem Schooße gesammelt hat, säet man dann zwei Jahre lang Frucht, um es hierauf wieder an die 20 Jahre ausruhen und als Waldgrund sich erfrischen zu lassen. Diese Haubergwirthschaft ist also ein fortwährendes Roden, ein von Geschlecht zu Geschlecht wiederkehrender Kampf der Ackercultur wider die wilde Naturkraft des Waldes. Die stählende Arbeit des Neubruchs, welche sonst in alten Tagen ein für allemal zum Frommen aller Nachkommen abgethan wurde, ist hier gleichsam portionenweise für alle Jahrhunderte aufgespart. Sowie aber der südliche Abhang des Westerwaldes eine selbständige Gewerbeblüthe gewönne – und die Natur hat so vielen Anhalte dazu gegeben – würde er aufhören ein vorgeschobener Posten Westphalens zu seyn. Er würde aus dem verödeten Grenzwall ein wichtiger streitiger Grenzgau werden, auf welchen niederdeutsches und mitteldeutsches Culturleben mindestens gleichen Anspruch erheben könnten. An der Lahn und am Mittelrhein würden sich neue und bequemere Märkte für die Rohstoffe des Westerwaldes öffnen. Der Viehzüchter vom hohen Westerwald brauchte die stattlichen Heerden seines Schlachtviehes nicht mehr über die Berge und dann noch Tagemärsche weit zum Niederrhein hinabzutreiben. Es grenzt an's Fabelhafte, wie verlassen von allem industriellen Geist ein großer Theil des Südabhanges und des hohen Westerwaldes ist. Die wenigen großen Geldmänner dieser Gegend kaufen den Grundbesitz von halben Aemtern auf, wodurch der Bauer zum Tagelöhner wird, während sie selber ihren Reichthum nicht einmal sonderlich vermehren. Dasselbe Geld auf Gewerbeanlagen verwandt, würde die ganze Cultur des Westerwaldes umwälzen. Die Bauern vom hohen Westerwald – und Städter gibt es hier keine – sind arm, aber sie sind reich in ihrer Sitteneinfalt. Geld brauchen sie oft nur zum Zinsen- und Steuerzahlen. Durch ihr ererbtes Ackergut stehen sie beim lieben Gott in freier Kost und Wohnung. Leute, die ihre Schuhe mit Weidengerten zusammenbinden weil sie kein Geld haben, um eine Schnur oder ein Riemchen zu kaufen, und die dennoch durchaus nicht zum Proletariat zählen, sind hier nicht selten. Für die socialen Irrlehren, welche die halbe Welt berücken, ist ein solches Geschlecht noch nicht geboren. Demagogische Wühlereien sind wohl an wenigen Gegenden so wirkungslos vorübergegangen, wie am Westerwald. Oede und von Natur arme Gegenden sind meist in Treue fest. Mühsal und Noth übernimmt Geschlecht von Geschlecht als einen Ausfluß von Gottes unerforschlichem Rathschluß. Wo das Erbrecht des Elends so tief im historischen Boden wurzelt, da zweifelt man auch nicht, daß das Erbrecht des Ueberflusses eine historische Nothwendigkeit sey. Nur wo die Armuth im Gefolge der verfeinerten Sitte einzieht, wird sie empörungslustig. Auf der Rhön kreuzen sich die Ueberlieferungen uralter Armuth mit denen früherer Gewerbsblüthe. Die historische Armuth haftet dort mehr an einzelnen Thälern und Hochlagen als am ganzen Gebirg. Schon eine Menge Ortsnamen bezeugen dann als epigrammatische Geschichtsurkunden aus grauer Vorzeit, daß von Anbeginn Armuth, Oede und Düsterheit das Grundwesen solcher Striche gewesen sey: Sparbrod, Wüstensachsen, Kaltennordheim, Wildflecken, Schmalenau, Dürrhof, Dürrfeld, Todtemann, Rabenstein, Rabennest, Teufelsberg, Mordgraben etc. Im Geiste der Etymologie des 18. Jahrhunderts leitete man den Namen der Rhön selbst frischweg von »rauh« ab. Bei andern deutschen Gebirgen kommt Aehnliches vor, aber schwerlich sind irgendwo auf so kleinem Raum so viele schauerlich deutsame Namen zusammengedrängt. Unter den Würzburger Bischöfen findet sich auch ein Mann von der hohen Rhön: Heinrich von der Osterburg. Er soll aber seinen Hofhalt so kümmerlich ausgestattet haben, daß man ihm den Beinamen »Käs und Brod« gegeben. Wenn man heutzutage durch die hohe Rhön wandert und tagelang in den elenden Dorfschenken in der That noch immer keine andere Kost als Käse und Brod nebst widerlichem Kartoffelfusel auftreiben kann, dann bleibt einem dieser Bischof fortwährend in lebhaftem Andenken, und man wird versucht, ihn als das ächteste Rhöner Kind zum Schutzpatron des ganzen Gebirges zu erklären. Der kleine Westerwälder Bauer treibt nicht unbedeutende Viehzucht, aber er ißt kein Fleisch. Und wenn ja an hohen Festtagen ein Stück auf seinen Tisch kommt, dann hat er es in der Stadt gekauft. Verbrechen gegen das Eigenthum sind selten. Einzeln gelegene Gehöfte und Mühlen sind fast nirgends mit Mauern umgeben oder von Kettenhunden bewacht. Das Eigenthum hat zu wenig allgemeinen Werth, als daß es der Mühe lohnte, zu rauben und zu morden. Stehlen würde kostspieliger seyn als kaufen, und hier, wo Obdach so billig ist, wäre das Zuchthaus eine theure Herberge. Je höher die Bedürfnisse steigen, um so wohlfeiler erscheint gegentheils das Quartier im Zuchthause. In Paris und London sucht es bekanntlich der arme Teufel freiwillig auf, wenn ihm die gewöhnlichen Miethpreise zu hoch werden. Die umliegenden Thalbewohner schildern die hohen Westerwälder nicht selten als roh und grob. Ich habe diese Grobheit immer sehr liebenswürdig gefunden, denn sie ist eine höchst natürliche Grobheit. Man sieht nicht ab, von wo den Leuten bei ihrem Schnee, ihrem Nebel und ihren Kartoffeln die Feinheit kommen sollte. Der Schwurgerichtshof des südlichen und hohen Westerwaldes hat in manchen Jahren durchschnittlich fast nur so viele Tage nöthig gehabt, um die criminellen Folgen der Westerwälder Rohheit abzuurtheilen, als die Assisen der angrenzenden Rhein- und Maingegend Wochen brauchten, um mit den strafrechtlichen Früchten der dortigen Feinheit fertig zu werden. Die Armuth, wo sie von einer kargen Natur aufgedrungen wird, erhält bis zu gewissem Grade das Volk hart und kraftvoll; die Armuth der Civilisation macht das Geschlecht siech und elend. Der Westerwälder, ob er gleich wenig Fleisch isset, ist doch ein starker Mann. Die Weiber sind meist massiver von Knochen und Muskeln, als der Begriff weiblicher Schönheit verträgt. Die Wucht einer Westerwälder Faust, wenn sie Schläge austheilt, hat historischen Ruf. Jene deutschen Heerschaaren, deren Blut den alten Oraniern die Freiheit der Niederlande erobern half, bestanden wohl großentheils aus Westerwäldern. Ja die alten kraftvollen oranischen Fürsten selber mögen zu den Westerwäldern gezählt werden: ihre Burg stand auf den Vorbergen unseres Gebirges, und die heimathliche Linde, worunter Wilhelm der Verschwiegene mit den holländischen Gesandten Raths gepflogen haben soll, ist ein Westerwälder Baum. Und unvergessen ist noch immer die Kunde der glorreichen oranischen Vorzeit auf dem Westerwald. Es gibt heute noch alt oranisch gesinnte Westwälder genug, denen das Herz aufgeht, wenn sie die Volkslieder von den Heldenthaten in Holland hören. Wer sich überzeugen will, daß die Geschichte Hollands ein Stück deutscher Geschichte ist, der möge die Ueberlieferungen des ehemals oranischen Westerwaldes ausforschen. Holland hat ein kürzeres Gedächtniß gehabt, als das deutsche Volk. Die Linde des Oraniers auf den Vorbergen des Westerwaldes hat länger Stand gehalten, als die Erkenntlichkeit Niederlands gegen Deutschland. So lange es Volksgruppen gibt, deren, volle jugendliche Triebkraft noch halb im Schlummer liegt, gleich der Triebkraft ihres heimischen, vom Anbau noch nicht ausgesogenen Bodens, Volksgruppen, die noch in den Flegeljahren ihrer Culturgeschichte stecken, wie die Westerwälder Bauern, so lange soll man noch nicht vom Ende Deutschlands reden. Wenn die Mittagssonne der Civilisation die Ebenen bereits versengt hat, dann wird von den culturarmen Berg- und Hochländern der Odem eines ungebrochenen naturfrischen Volksgeistes wie Waldesluft wieder neubelebend über sie hinwehen. Man muß den Naturzuständen im Volksleben wieder gerecht werden und zwar nicht bloß in den Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt. Ich möchte, daß jede Seite dieses Buches für diesen meinen Glaubensartikel predigte, und wenn das vielleicht in Einseitigkeit geschieht, dann geschieht es doch jedenfalls aus begeisterter Ueberzeugung. Darum nehme ich den Wald in Schutz gegen das Feld, das Land gegen die Stadt, das rohe, aber stark- und frohgemuthe jugendliche Naturleben des Volkes gegen greisenhaft altklugen Sittenschliff, und die Politik, welche solchergestalt mit der Erkenntniß von Land und Leuten anhebt, müßte eine farben- und gestaltenreiche fröhliche Kunst und Wissenschaft werden, nicht eine dürre, graue Kathederlehre. In den Proletariervierteln der Großstädte wohnt das sieche, hektische, absterbende Volksleben. In den abgelegenen Winkeln unserer öden Gebirge dagegen, wo auch die armen Leute hausen, ist der Kern des Volkes noch immer kräftig und unverdorben, trotz der Jahrhunderte alten Geißel von Hunger, Elend und Seuchen. Wie die Entartung unserer verbreitetsten Nutzpflanzen nicht vom mageren Boden, sondern von den fetten Fluren ausgegangen ist und sich von da epidemisch als ein Fluch der Uebercultur über alles Land verbreitet hat, so droht es auch mit der Entartung und Erkrankung des Volkslebens zu gehen. Jede Nation, die nicht mehr eine gewisse Masse rohen Naturvolkes in ihren Gesammtkreis einschließt, ist ihrem Untergange nahe. Kann sie sich aus sich selbst nicht mehr verjüngen, dann werden andere Völker über sie strömen, um sie wieder jung zu machen – aber freilich auf Kosten ihrer theuersten Besitzthümer, ihres Stammes, ihrer Sprache, ihrer Sitte. Die bildungsstolzen, ausgelebten Städtegegenden Mittel- und Norddeutschlands schaudern zurück vor dem mit einer immer engeren Einigung mit Oesterreich unvermeidlich verknüpften Einströmen noch sehr jugendlicher Culturelemente, wie sie in den südlichen Hochlanden walten. Und doch hätte das Jahrhundert kein großartigeres Ereignis gesehen, als wenn solchergestalt ein uraltes Naturleben des Volksgeistes im Süden mit dem vielhundertjährigen Bildungsleben des mittleren und nördlichen Deutschlands sich austauschend vermischte. Nicht bloß Finanzfragen, nicht bloß politische, auch die größten socialen Fragen treten im Gefolge des großen deutschen Einigungswerkes auf. Wer den Westerwald, den Vogelsberg und die Rhön in ihrer schärfsten Eigenart beobachtet, wer den Eindruck von diesen Höhen als »dem Leib des Volksgeistes« mitnehmen will, der muß sie im Winter durchwandern, im Winter, wo der Sieg der spröden, unwirthlichen Natur hier am vollkommensten erscheint, und das Ringen und die Noth des Menschendaseyns am schneidendsten sich dagegen abhebt. Kein anderes deutsches Gebirg von gleich mäßiger Höhe wie der Westerwald sammelt eine solche Unmasse von Schnee auf seinem Rücken. An den Häusern, deren Strohdach auf der Wetterseite fast bis zur Erde herabgeht, wird der Schnee vom Sturm oft dergestalt zusammengefegt, daß man, von der Wetterseite kommend, einen Hügel, nicht ein Haus zu sehen glaubt. Der scharfe, weithin die Luft durchdringende Geruch des aus den Schornsteinen qualmenden Braunkohlenrauches macht, daß der Wanderer die verschneiten, in Nebel gehüllten Dörfer oft leichter auffindet, wenn er der Nase, als wenn er dem Auge nachgeht. Der Fall, daß Einer ein Dorf in der Ferne sucht, während er - auf der Wetterseite – unmittelbar vor den Häusern steht, ist in harten Wintern auf dem hohen Westerwalde nichts Seltenes. Oft genug werden die niedern Hütten derart verschneit, daß den Insassen das Tageslicht ausgeht, und daß Stollen und Gewölbe durch den Schnee von einer Hausthür zur andern gegraben werden müssen, um den Verkehr mit den Nachbarn wieder herzustellen. Wird der Arzt auf ein Dorf gerufen, dann muß er nicht selten vorerst Mannschaft aufbieten, die vor ihm her den Weg aufschaufelt. Würde der Wald in noch größeren Massen gehegt, dann wäre auch die Zwingherrschaft der Schneestürme zur Hälfte gebrochen. Die vereinzelten Wälder erscheinen hier oben in ihrer schönsten Bedeutung: als die Schutzhegen der Landescultur, als die Wälle und Vorburgen der Gesittung. Man fühlt da erst, was der Wald werth ist, wenn man stundenlang vom Winde gezaust, plötzlich in seinen heiligen Frieden eintritt. Auf dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe fast überall am Waldsaume angelegt, selbst wenn man sie darum über die Gebühr vom Orte entfernen mußte. Es ruht eine dichterische Weihe auf dem Gedanken, daß die Leute ihre Todten vor dem Streit der Elemente in den schirmenden Burgfrieden des Waldes geborgen haben. Der rheinpreußische Provinciallandtag berieth im Jahre 1852 über den reicheren Anbau der Eifel, die so viel Verwandtes mit der hier besprochenen Gebirgskette bietet. Er kam schließlich zu dem Plan, mit Hülfe von Staatsdarlehen die Oeden des Gebirgs wieder in Waldland zu verwandeln. Durch Waldbau will man den Feldbau neu befruchten, durch die künstliche Rückkehr zu der besten Form der Wildniß, zum Wald, eine neue Cultur gründen. Dann liegt eine tiefgehende Symbolik auch für die Wiedergeburt des Volkslebens in diesen Gebirgen, die nicht durch das Hinzutragen einer fremden verfeinerten Gesittung zu erzielen ist, sondern durch die veredelt wiederaufgefrischten altüberlieferten Sitten und Zustände. Der gewaltige Schneefall mit seinem Gefolge von Unfällen und Abenteuern hat für Rhön, Westerwald und Vogelsberg zu einem ganz eigenen volksthümlichen Geschichten- und Sagenkreise den reichen Stoff gegeben. Es liegt aber eine tiefe Versöhnung mit dem Geschick in dem Umstande, daß fast alle diese Schneegeschichten, wie man sie sich hier in den Bauernstuben am Kachelofen, der »Hitze speien« muß, erzählt, einen humoristischen Grundzug haben. Der Schnee ist recht eigentlich der böse Dämon des Landes, und doch faßt ihn der Volkswitz am liebsten als den lustigen Kobold, der die Leute neckt und anführt. Ueber nichts wird dem Fremden so viel vorgelogen und aufgeschnitten, als über den ungeheuren Schnee. Es ist vor Zeiten den Schwaben nachgesagt worden, daß sie den Schnee zu rösten versucht hätten, um ihn in Salz zu verwandeln. Die Rhöner und Westerwälder aber wissen das Salz im Schnee zu finden, auch ohne daß sie ihn zum Rösten auf den Ofen streuen. Münchhausens Abenteuer vom verirrten Reiter, der des Nachts sein Pferd an ein aus dem Schneefeld einsam aufragendes Kreuz bindet, und des andern Morgens bei eintretendem Thauwetter entdeckt, daß er es an das Kirchthurmkreuz eines eingeschneiten Dorfes gebunden habe, ist auf diesen Basaltbergen gewachsen, und längst volksthümlich gewesen ehe es in das Anekdotenbuch kam. Im Schnee liegt die Poesie dieser Gegenden; der liebe Gott hat sie nun einmal als Winterlandschaften angelegt, und der Schnee verleiht ihnen den Silberschein des Absonderlichen, des Romantischen und Abenteuerlichen. Das ahnen die armen Leute, die in ihrer Art auch wissen was Romantik heißt, und erzählen uns darum ihre Schneegeschichten mit demselben stolzen Behagen, mit welchem der Matrose die Fährlichkeiten des Meeres schildert, und Einer will immer tiefer im Schnee gesteckt haben, als der Andere. Wer aber nicht selbst zum öftern mit darin gesteckt hat, der hält gar manches für Sage, was in der That strenge geschichtliche Wahrheit ist. Als ich am Ende des März die höchste Spitze der Rhön, den Kreuzberg erstieg, fand ich an vielen Stellen kleine Zweige, wie von niederen Stauden aus dem Schneefeld aufragend; wagte ich's aber mich ihnen zu nähern, dann brach ich bis an die Brust ein, und es waren stattliche Büsche gewesen, deren äußerste Wipfel nur noch zu Tag standen. Der Pater Guardian des Klosters zum heiligen Kreuz erzählte mir, daß er an ähnlichen Stellen wenige Tage vorher noch bis über's Gesicht versunken, und nur durch die angestrengteste Beihülfe seines Führers wieder herausgezogen worden sey. Und in dieser Region ist die Bevölkerung noch größtentheils auf den Ackerbau angewiesen! Der Fuldaer Arzt Dr. Schneider erzählt in seiner Beschreibung der Rhön, daß er einst im halben März zu einem Kranken in Rengersfeld gerufen worden sey, wobei er durch das Dach in das gänzlich verschneite Haus einsteigen mußte. Bei demselben Rengersfeld, einem in schauerlicher Wildniß gelegenen Dorf, fand ich im Frühjahr die meisten Feldwege zu den nächsten Dörfern über die Höhen noch ganz unbrauchbar für Reiter oder Fuhrwerk. Auf die Schneemassen hatte es kurz vorher geregnet, und so waren die Fahrgeleise wie die Tritte der Menschen und Pferde gleichsam in Eis eingegossen, darüber aber hatte sich inzwischen wieder eine neue leichte Schneedecke gelagert. Bei jedem Schritt geräth nun selbst der Fußgänger in Gefahr, in diese verdeckten, fest ausgefrorenen Geleise und Löcher zu treten und den Fuß zu verletzen, so daß ein jeder vorzieht, sich trotz dem seitab liegenden Steingeröll einen neuen Weg zu bahnen. Bei den steten Schneewehen kommt aber solchergestalt ein eigentlicher leitender Pfad gar nicht wieder zu Stande, die Gegend wird geradezu weglos, und der Wanderer muß, wie man zu sagen pflegt, lediglich seiner Nase nachgehen. An den Südabhängen vieler Berge findet man den Schnee in Folge vorhergegangener warmer Tage mit einer festen spiegelglatten Eiskruste überzogen. Dies wiederholt sich in solchen Gegenden fast alljährlich, es ist der Ruin der Obstbäume wie der Wälder. Selbst das Wild geht durch diese den Frühling verkündende Metamorphose des Schnees vielfach zu Grunde. Namentlich brechen die Rehe mit ihren spitzen Klauen leicht in die Eiskruste ein, und können sich bei den manchmal viele Fuß tief locker darunter angehäuften Schneewehen nicht wieder herausarbeiten. So fand ich im Frühjahr 1845, welches durch die Eiskruste über einer gewaltigen Schneedecke den Forsten besonders verderblich geworden war, an den steilen Berghängen des Westerwaldes, als der Schnee verging, zahlreiche von den Füchsen halbaufgefressene Körper von Rehen, die unzweifelhaft auf die beschriebene Art zu Grunde gegangen waren. Wenn aber auch die warme Frühlingssonne den Schnee oft genug nur langsam wegzuschmelzen vermag, dann ist der Frühlingsdrang der Pflanzenwelt dennoch mächtiger als der Schnee. Man sieht dann wohl den Haselstrauch in voller Blüthe aus dem Schnee aufragen und seinen gelben Blüthenstaub weithin über die starre weiße Fläche streuen. Ich wüßte kein deutungsvolleres Sinnbild für das gesammte Culturleben jener Basaltgebirge als diese selbst im Schnee zur Blüthe sich emporringenden Lenzesboten. Als es mich zur Zeit der schweren Noth des Nachwinters von 1852 hinaus auf die Rhön getrieben hatte zu den armen Leuten, schrieb ich unter anderem folgende Sätze nieder, die hier als eine summarische Rückschau auf das bisher gesagte eine Stelle finden mögen: »Es lag eine dunkle Wolke auf den Bergen, und wo der Sturm das Gewölk zu Zeiten zerriß, schaute ich von meiner schnee- und eisbedeckten hohen Warte auf beschneite Bergkuppen hinab und in winterstarre Thalgründe, in denen die Hütten der Dörfer ausgestreut lagen, grau und formlos, gleich den Basaltblöcken ringsumher, daß das Auge die einen von dem andern nicht zu unterscheiden vermochte.« »Ich stand auf dem Arnsberge, einem steilen Basaltkegel der Rhön, der mitten inne liegt zwischen zwei der ärmsten Striche des Gebirges, dem Dammersfeld und der Kreuzberggruppe, gleich einem Wartthurm vor den Thoren dieser Hofburg der Armuth und des Elendes, Es war aber am 25. März dieses Jahres, am Tage Mariä-Verkündigung, und drunten im Maingrunde war heute ein lauer, sonniger Frühlingstag. Heitere Menschen werden in's Freie geströmt seyn, um sich an dem ersten Gezwitscher der Vögel, an den ersten Veilchen und dem blauen Himmel zu erfreuen, und nur im Hintergrund erblickten sie einen dämmernden, wogenden Nebel, der das Gebirg verhüllte. Das ist der große düstere Vorhang, der sich in jedem Frühjahr an warmen, klaren Märztagen vor der weitgedehnten Basaltkette der Rhön, des Vogelsberges und des Westerwaldes niedersenkt, und die wenigsten Thalbewohner wissen wie viel Eis und Schnee, Hunger und Kummer, Seufzer und Thränen dieser Vorhang jahraus jahrein verbergen muß. Gleich einer cyklopischen Schutzmauer schließen die drei Gebirgszüge von der Südwestspitze Thüringens bis zum Siebengebirg den gesegnetsten Winkel Deutschlands, den Rheingau und den untern Maingrund, schirmend gegen Norden und Osten ab. Hier trifft der Nordsturm den armen Kartoffelbauer dreifach, damit der rheinische Weinbauer die Rebe während des kältesten Winters frei am Pfahle kann stehen lassen und sie nicht gleich dem schwäbischen Winzer mühselig loszupfählen, umzulegen und mit dem Winterbett einer Erdscholle zu decken braucht; hier werden im Sommer die übermächtigen Regenmassen zurückgehalten, damit sie den Wein auf den südlichen Rebenhängen nicht in Wasser verwandeln; es sind diese drei Bergketten zwei Drittheile des Jahres mit dem Fluch eines hochnordischen Klimas beladen, damit uns der Rhein- und Maingrund ein Italien in Deutschland vordichten könne. In diesen Bergen und ihrem räthselhaft abenteuerlichen Widerspiel zu den umliegenden Gauen hat es die Natur mit Lapidarbuchstaben schriftlich gegeben, daß die Ungleichheit das oberste Grundrecht aller organischen Entwicklung sey.« »Frühling und Winter lagen hier so eng zusammengerückt, wie man es außerdem nur auf den Alpengebirgen des Südens finden wird. Vor drei Stunden noch hatte ich unten im Brendthale geglüht vor Sonnenhitze, daß ich kaum den Mantel ertragen konnte, während bei dem Dorf Oberweißenbrunn am Fuß des Arnsberges mein Bart bereits bereift und fest gefroren war, und hier oben, auf dem Gipfel bei der eisigen Nordluft und dem fußtiefen Schnee eine plötzliche Ermattung mir trotz dem Mantel den sichern Tod des Erfrierens gebracht hätte. Der bayerische Topograph Walther erzählt von einem russischen Soldaten, der im Wonnemond erfroren ist auf diesen Bergen, die im Durchschnitt nicht viel höher liegen als die Stadt München.« »Wie die Gegensätze des Klimas, so sind auch die Gegensätze von Arm und Reich auf der Rhön eng zusammengerückt, denn die Bevölkerung des ganzen Gebirges ist keineswegs arm. Die Armuth tritt weniger überall hin verstreut auf, wie in den meisten mitteldeutschen Gegenden, als nach Berggruppen und Thalzügen ziemlich bestimmt abgesondert. Die historische, unausrottbare Armuth haftet an einzelnen Strichen, an denen auch das hoch nordische Klima haftet. Diese sind namentlich: das Dammersfeld, die Kreuzberggruppe und die lange Rhön.« »Die Armuth dieser ödesten Winkel unserer feuchten und kalten Basaltgebirge will mit ganz anderem Maßstabe gemessen seyn als die andauernde oder vorübergehende Verarmung der glücklicheren Gegenden. Sie ist hier ein uraltes Erbstück des Volkes, und der Hunger ist nicht bloß heuer, sondern in jedem Frühjahr der treueste Hausfreund. Es geht diesen Leuten wie dem Wild, wie den Vögeln, die auch im Sommer fette, im Winter magere Zeiten haben. Und sie wissen's nicht besser.« »Sonst ist der Begriff der Armuth schwer zu bestimmen; hier ganz leicht. Diese Naturkinder sind arm, weil sie mit ihrem Kartoffelvorrath bis zum Junius hätten reichen sollen, und haben nur bis zum Februar ausgereicht. Sie sind arm, nicht weil die Summe ihrer Bedürfnisse im Mißverhältniß stünde zu der Summe ihrer Arbeitskraft, sondern nur zu der Summe des schlechten Wetters vom vorigen Jahr. Der Himmel hat ihren Hunger größer werden lassen, als ihre Kartoffeln. Dies ist die einfachste und ursprünglichste Form der Armuth. Die nationalökonomischen Werthbegriffe des Geldes und der Arbeitskraft sind hier noch nicht entdeckt.« »Diese eigenthümliche Erscheinungsform der naturnothwendigen passiven Armuth ist als ein Anachronismus in unserer Zeit stehen geblieben: die Bewohner solcher unwirthlichen, weltverlassenen Hochflächen sind heute noch die »armen Leute« des Mittelalters. So sehen wir auch den letzten Schatten der mittelalterlichen Hungersnöthe über solche Gebirge streifen, während bei der gegenwärtigen Verkehrs- und Arbeitsweise eine Hungersnoth im übrigen Deutschland nicht mehr möglich ist. Aber ich hörte auch auf der hohen Rhön von Geistlichen und Beamten allgemein rühmen, daß diese »armen Leute« mit einer christlichen Ergebenheit ihr Kreuz trügen, wie sie uns sonst nur von den Armen des Mittelalters, aber kaum je von denen der neueren Zeit berichtet wird.« »Ich bin auf der ganzen hohen Rhön von keinem Menschen angebettelt worden. Ich habe ganz allein, lediglich mit einem tüchtigen Eichenstock, flinken Beinen und einem frischen Wandermuth bewaffnet, die weitgedehnten Wälder und die schaurig öden Hochflächen durchwandert. In der tiefen Einsamkeit bei wildem Schneesturm und bei sinkender Nacht sind mir oft seltsam zerlumpte »verwegene« Gestalten begegnet. Aber es hat mir niemand ein Leides gethan. Und doch würde meine geringe Reisebaarschaft für eine hungrige Rhönerfamilie ein Kapital gewesen seyn, von dem sie flott hätte leben können bis zur nächsten Kartoffelernte. Erst als ich in die begünstigteren Thäler der Fulda und Kinzig niederstieg, strömten mir Bettelleute zu Schaaren entgegen. Hier hebt die moderne Noth an, hier wird die Armuth selbstbewußt, der Arme bespiegelt sich in seinem Elend, trotzt und speculirt auf dasselbe. Es könnte Einer gegenwärtig über die ganze Rhön reisen, ohne den erhöhten Nothstand überhaupt wahrzunehmen, während er nicht einmal im Postwagen von Fulda nach Hanau fahren kann, ohne daß ihm allenthalben das düsterste Bild der Armuth entgegentritt. Neben den Bettelleuten fluthet auf dieser Straße jetzt ein wahrer Strom von Auswanderern. Bei Hanau begegnete ich einem Weib aus dem Fulder Land, welches als einziges Reisegepäck ein etwa vierteljähriges Kind auf dem Arm trug! Und in dieser Verfassung hatte sie sich zu Fuß nach einem Seehafen auf den Weg gemacht!« »In den Studien unserer Socialisten über die Armuth wird man jenen Rhöner Schlag von naiven, entsagenden Armen, die gleichsam seit ihrer Urahnen Zeit erbgesessen sind in Noth und Mangel, wenig berücksichtigt finden, denn er paßt ihnen nicht in's theoretische Concept. Aber, um so erschütternder fordern gerade diese historischen, von eherner Naturgewalt niedergehaltenen Armen, die nicht trotzen und nicht aufbegehren, das menschliche Mitgefühl heraus. Im Ulsterthale sah ich einen zerlumpten alten Mann, dem das Elend aus den Augen lugte. Er hatte sich an einem Rain, wo die Sonne den Schnee weggeleckt, aus dem noch halbgefrorenen Boden gelagert, um sich allem Anschein nach von den matten Morgensonnenstrahlen erwärmen zu lassen. Ich ging langsam an ihm vorüber; allein er sprach mich um keine Gabe an. Dieser silberhaarige Greis, der genug daran hatte, daß ihn die Sonne beschien, wuchs vor meinen Augen zu einer Heldengestalt von antikem Gepräge, und ist es doch höchstens nur ein verkommener Kochlöffelschnitzer gewesen.« »Auf der hohen Rhön ging es den weltverlassenen Dorfbewohnern durchaus nicht in den Kopf, daß ich lediglich aus eigenem Antrieb zur Beobachtung einer so eigenthümlichen Art der Verarmung im Schneegestöber ihr rauhes Land durchwandere. Ich merkte wohl, daß sie mich zumeist für einen verkappten Regierungscommissär ansahen, Sie ließen sichs nicht träumen, daß ihre Armuth eine höchst interessante Armuth sey. Städtische Proletarier wissen bereits recht gut, daß ihre Lumpen neuerdings interessant geworden sind.« »Der unverdrossene Muth der hohen Rhöner bei ihrem steten Kampf mit der feindseligen Natur ist seit alten Tagen sprüchwörtlich. In einem Spruchverse, der die rhönischen Städte nach ihren besondern Besitzthümern schildert, heißt es von Bischofsheim, der Stadt der hohen Rhön, bloß, sie habe »den Fleiß.« Das ist eine schöne Devise unter dem Wappenbild einer Stadt. Man sieht in den obern Rhönthälern noch Versuche von Obstbaumzucht in Lagen, wo man anderwärts längst aufhört, sich mit Schnee und Nordsturm um saure Aepfel zu raufen. In den Wäldern zwischen Dammersfeld und Kreuzberg begegnete mir in diesen Märztagen ein Mann, der mit einer Spitzhacke hinauszog, wie man sie sonst braucht, um Steine loszubröckeln. Als er mir erklärte: er wolle in entlegene Waldwiesen gehen, um die frühmorgens noch halb gefrorenen und halbverschneiten Maulwurfshügel zu zerschlagen, glaubte ich ihm nicht, und hatte Verdacht, er gehe auf schlimmen Wegen. Als ich ihm aber nachgehends von einer Höhe herab lange noch zusah, wie er in der That die gefrornen Maulwurfshügel im Thalgrunde zerschlug, schämte ich mich über mein Mißtrauen. Ich hatte keinen solchen Begriff mitgebracht von dem hoffnungslosen kummervollen Fleiß dieser armen Leute.« »Wenn die Stadtleute etwa auf einer Pfingstpartie einmal in unsere Gebirge kommen und dort die Strohdächer sehen und die mit Papier verklebten Fensterscheiben, und dazu entdecken, daß die überwiegende Mehrzahl des Volkes barfuß geht, so meinen sie häufig, sie hätten in ein ungeheures Elend geschaut. Und doch waren es vielleicht ganz glückliche, nach Landesart wohlhabende Menschen, die sie gesehen haben. Denn ein Strohdach hält wärmer als ein Ziegeldach, eine verklebte Scheibe macht eine Bauernstube immer noch hell genug, und wer barfuß geht, den drückt wenigstens kein Schuh. Im Winter und Frühjahr sieht es ganz anders aus! Allein der Kampf mit den unbändigen Naturgewalten hat selbst für den ganz rohen gemeinen Mann unbewußt seinen Reiz, es ist das Ritterthum dieser Leute, mit dem Winter und seiner Noth zu kämpfen. Es kann Einer so gut am Heimweh nach dieser öden aber großartigen Winterwildniß krank werden, wie ein anderer am Heimweh nach den Orangengärten Italiens.« »Ein Chronist des Mittelalters, der Zeit, wo die Rhöner »armen Leute« in ganz Deutschland ihre Sitze hatten, hat uns eine wunderbar ergreifende Sage überliefert von diesem Heimweh, welches sich sehnt, mutterseelenallein in der starren Wildniß zu seyn. Von dem Fortsetzer des Geschichtsbuchs des Lambert von Aschaffenburg finden wir nämlich zu dem Jahre 1344 angemerkt, daß damals, wo Witterungsnoth, Hunger und Seuchen in einer Weise gewüthet hatten, gegen welche unsere modernen Nothzustände Spielerei sind, bei Hersfeld in den Wildnissen des verödeten und entvölkerten Landes ein Knabe gefunden worden sey, den die Wölfe erzogen hätten. Er ward vor den hessischen Landgrafen geführt und lernte mit großer Mühe menschlich gehen und essen. Der Chronist aber sagt, als er sprechen gelernt, habe er den Wölfen den Vorzug vor den Menschen gegeben und sey, in der ungestillten Sehnsucht nach seiner Wildniß, am gebrochenen Herzen gestorben!« VIII. Volksgruppen und Staatengebilde. Erstes Kapitel. Zufallsstaaten. Die sociale Dreitheilung Deutschlands, wie ich sie in den vorhergehenden Kapiteln gezeichnet, wird vielfach durchkreuzt von dem Staatensysteme. Wie Europa nicht zum wahren Frieden und Gedeihen kommen kann, weil die Staatengebilde nicht in Einklang zu bringen sind mit den Nationalitäten, so werden auch die inneren Zustände Deutschlands immer unbefriedigende bleiben, so lange unsere Staatsgrenzen der natürlichen socialen Gruppirung von Land und Leuten so gar stracks widersprechen. Die alten Reichskreise des Kaisers Maximilian waren schier tiefer auf die Natur der Dinge begründet als unsere heutige politische Landkarte, und jeder Versuch einer organischen Gliederung der großen deutschen Gaue wird in den meisten und Hauptzügen die Linien jener Reichskreise wieder aufsuchen müssen. Neben den größern Staaten, welche die politische Macht, die innere Lebenskraft haben, auch fremdartige Gebietstheile sich zu verschmelzen und mit der Zeit auch in socialem Betracht ein einheitliches Ganze herauszubilden – wie Oesterreich, Preußen und Bayern – besitzen wir eine ganze Reihe künstlicher Staaten, unächter Staatengebilde, entsprechend den »unächten Ständen« in der bürgerlichen Gesellschaft, den »künstlichen Städten,« von denen ich oben handelte. Aus dem Widerspruch dieser willkürlichen Gebiete mit den in Natur und Geschichte begründeten Bevölkerungsgruppen entwickelt sich der nichtsnutzige politische Particularismus (der von den berechtigten Besonderungen unseres Volkslebens eben so weit entfernt ist, als die geläufigen willkürlichen Rang- und Standesordnungen von einer natürlichen Gliederung der Gesellschaft), der politische Particularismus, welcher den lebenskräftigen Wuchs unserer Volksstämme verkrüppelt und dennoch von der Nationaleinheit immer weiter abführt. Sicher und rasch rächt sich stets jegliche Unnatur im politischen Leben. In Folge der Länderfabrikation zu Zeiten des Lüneviller Friedens, des Rheinbundes und des Wiener Congresses, ist im Südwesten Deutschlands eine Staatengruppe entstanden, die ich in ihrer dermaligen Gestalt als »Zufallsstaaten« bezeichnen möchte. Die Diplomaten verfuhren bei der Bildung dieser Länder wie die plastische Chirurgie, welche einen Fetzen Stirnhaut herunterschneidet, um eine neue Nase daraus zu machen. Es erwies sich aber, daß die plastischen Chirurgen erfolgreicher dem lieben Gott in's Handwerk pfuschen können, als die plastischen Diplomaten der Geschichte. Denn gerade diese auf mechanischem Wege ausgerundeten kleinen südwestdeutschen Staaten waren fortan die Unruhe in der Uhr der großen deutschen Bundesmaschine. Sie erhielten ihre gegenwärtige Gestalt in einer Zeit, wo die sociale Politik fast ganz verschollen war, wo nur die militärische, bureaukratische, diplomatische Politik und die Hauspolitik der Fürsten herrschte. Mehr als ein Zufall, ein strafendes Verhängniß ist es daher, daß gerade in diesen Staaten die immer noch vorschreitende sociale Zersetzung Mitteldeutschlands ihren eigentlichen Herd gefunden hat. Ohne innere geschichtliche Nothwendigkeit geriethen sie in ein stetes Schwanken; ihre politische Magnetnadel deutet heute nach Preußen, morgen nach Österreich, übermorgen schwirrt sie ziellos her und hin. Diese Staaten waren es, die den österreichisch-preußischen Dualismus so oft schon doppelt gefahrdrohend für Deutschlands Einheit und Bestand machten, weil sie nach beiden Seiten ein steter Gegenstand der Eifersucht waren und bleiben werden. Einigten sich die kleinen Gebiete mit den Mittelstaaten zu einem dritten Staatengebilde neben den beiden Großmächten, so wären sie dazu angethan, den alten Zwiespalt zu versöhnen. Blieben dabei auch Einzelne immer noch Zufallsstaaten, ihr Bund würde kein Zufallsbund seyn. Jetzt die äußeren Denkmale einer im Geiste der Nation bereits überwundenen Zerrissenheit, würden sie Grundsteine nicht zwar eines einheitlichen, aber doch eines einigen Deutschlands werden. Schon die Natur hat dem Südwesten einen vermittelnden Einfluß auf die beiden großen Ostmächte vorgezeichnet: im Südwesten beginnt die große Wasserscheide der Nordsee und des schwarzen Meeres; am Rhein zieht sich mitteldeutsche Bodenform ungeschieden südwärts in die oberdeutsche hinüber und ragt gen Norden tiefer als irgendwo in die niederdeutsche Ebene; der Rhein verbindet überhaupt den äußersten Süden und Norden unsers Vaterlandes (trotz aller Bergketten, die sich dazwischen drängen wollen) durch eine Naturstraße, die gen Osten keine Parallele hat; nieder-, mittel- und oberdeutsche Art schmilzt zusammen in der rheinischen; der Rhein gehört den drei Stufen deutschen Landes zumal an, indeß die Donau nur ein süddeutscher Strom ist, Weser, Elbe und Oder nur mittel- und norddeutsche Flüsse. Weil aber der deutsche Südwesten politisch zerstückt und aufgelöst ist, so vermögen seine Staaten nicht die Rolle zu spielen, welche ihnen von der Natur zugewiesen wurde. Das bewegliche Volk wußte wohl, rascher als andere Stämme, einen neuen Gedanken zu packen, Neues anzuregen, Altes zu zertrümmern, es verstand ganz Deutschland zu spornen und zu treiben, aber die südwestdeutschen Regierungen vermochten nicht, diesen Geist gleicherweise zu Thaten der aufbauenden Politik zu führen. Zur Zeit der inneren Revolution war darum die südwestdeutsche Staatengruppe bestimmend weit über das Maß ihrer Quadratmeilen- und Einwohnerzahl hinaus: zur Zeit der innern Ruhe, wo es galt den politischen Zwiespalt der deutschen Großmächte auszugleichen und den ganzen Bund neu zu gestalten, daß er auch nach Außen Achtung gebiete, verschwand urplötzlich all der herrschende Einfluß des Südwestens. Hier zündete die Revolution des Jahres 1848 zuerst; hier ward sie sofort Sache des Gemüthes, der Begeisterung. Hier ward angeregt, während der Norden und Südosten die Revolution auf der einen Seite consolidirte, auf der andern zurückschlug. In derselben Ebene zwischen Rhein und Schwarzwald, wo vor dreihundert Jahren Hans Müller von Bulgenbach, mit rothem Mantel angethan und mit rothem Barett, die Sturmfahne der ersten deutschen Social-Revolution erhoben hatte, führte Hecker die erste bewaffnete Schaar der neuen Empörung in's Feld. Man sieht, die rothe Farbe hat hier ihren historischen Boden. In den südwestdeutschen Staaten, in Hessen, Baden, Nassau, Württemberg, wurde zuerst die Idee eines deutschen Parlaments auch von den Fürsten geltend gemacht. Der Schwerpunkt des neuerstandenen Deutschlands wurde, wenn auch nur auf kurze Frist, nach Frankfurt, dem Mittelpunkt dieser Staatengruppe, geworfen. Das Vorparlament war der Zahl nach von den Abgeordneten dieser kleinen Staaten beherrscht, noch mehr vertrat es ideell den hier webenden Geist. In seinen Beschlüssen diktirte die südwestdeutsche Ecke dem ganzen Deutschland Gesetze. Die vom Parlament geschaffene Centralgewalt wurde am raschesten und unbedingtesten von den Fürsten dieser Staaten anerkannt. Dagegen brach auch hier der Groll gegen die Reichsversammlung von demokratischer Seite zuerst in offene Empörung aus, weil das Parlament durch das Ueberwiegen der conservativen Männer, die aus dem Norden und Südosten herzugekommen waren, der Einbildung nicht mehr entsprach, welche sich der im Südwesten bei der Masse zum Durchbruch gekommene Geist der Revolution von einer deutschen Volksvertretung machte. Die Märzministerien hielten sich in den südwestdeutschen Staaten am längsten. Der Gedanke eines Erbkaiserthums siegte durch den Bund des preußischen Nordens mit den Vertretern der südwestdeutschen Staaten. Die Reichsverfassung fand hier den entschiedensten Eingang in's Volk, und die Fürsten waren am härtesten gedrängt, dieselbe anzuerkennen. Die unheilvolle Vereidigung auf dieselbe wurde mitunter nicht nur rasch, sondern auch voreilig vorgenommen. Der Aufstand zu Gunsten und unter dem Vorwand der Reichsverfassung gewann hier den breitesten Boden und den tiefsten Erfolg. Die Mediatisirungspläne, mit welchen man sich im Herbst 1848 in der Paulskirche trug, wurden dort zumeist aus Rücksicht auf die südwestdeutschen Staaten zurückgelegt, denn Centralgewalt und Parlament sahen unzweifelhaft ein, daß hier ihre größte moralische Stütze sey. Auch die Demokratie fand nebenbei, daß die südwestdeutschen Kleinstaaten das eigentliche Stamm- und Erbgut der Revolution seyen, und wollte denselben gleichfalls nicht wehe thun. Wenn man sich in Wien und Berlin rasch gewöhnte, das Parlament als die Sondervertretung Südwestdeutschlands im Gegensatze zu Oesterreich und Preußen aufzufassen, so hatte man wenigstens in sofern nicht unrecht, als jenes schwankende Zwischenglied der südwestdeutschen Staatengruppe eigentlich in der schwankenden Stellung des Parlaments sich versinnbildete. Fast alle moderne Theilungsplane Deutschlands, vom »Manuscript aus Süddeutschland« bis zum Pentarchisten und den Phantasien des Journal des Debats abwärts, speculirten auf die zweifelhafte Lage der südwestdeutschen Staatengruppe. Eine Großmacht, welche hier Herr und Meister wäre, besäße Deutschland, denn sie könnte die österreichisch-preußische Eifersucht ausbeuten, wie der Mechaniker zwei auf- und niederziehende Gewichte als bewegende Kraft benutzt. Frankreich und Rußland haben in diesem Sinne den deutschen Südwesten immer auf's schärfste in's Auge gefaßt. Diese Verhältnisse schreiben sich auch nicht von heute oder gestern; sie sind ein historisches Erbtheil, zu welchem die ganze deutsche Reichsgeschichte seit Karl dem Großen beigesteuert hat. Von Alters her war der Südwesten der empfindlichste Theil Deutschlands. Nirgends hat die deutsche Nation Verluste erlitten, die ihr so wehe gethan, als das was sie an diesen Grenzmarken eingebüßt. Was hier jetzt Grenze geworden, war einst der politische Mittelpunkt Deutschlands; aber in dem Maße als die deutsche Kaisermacht ihren Hauptsitz mehr und mehr in den Osten des Reichs hinüberzog, keilte sich im Westen eine feindliche Macht nicht nur immer tiefer in's deutsche Gebiet ein, sondern zugleich wuchs auch die Vereinzelung, der Particularismus der ganzen Staatengruppe. Hier zersplitterten sich die reichsritterschaftlichen Gebiete in eine solche Unzahl kleiner Besitzungen, daß dadurch die Schwäche, nicht die Macht der Aristokratie verewigt wurde. Das linke Rheinufer, ein klassischer Boden der deutschen Sage und Geschichte, wie kaum ein anderer, wurde von französischem Geiste überfluthet, so daß es jetzt theilweise vergleichbar ist jenen uralten Gesteinschichten, über welche sich später ein neues, fremdartiges Geschiebe gelagert hat, unter dem nur noch das Auge des Forschers das Urgestein entdecken kann. Nirgends haben die großen Religionskämpfe des 16. und 17. Jahrhunderts ihre trennende und zersplitternde Gewalt so scharf bekundet, als im deutschen Südwesten. Während sich anderwärts die Bekenner des alten oder neuen Glaubens nach breiten Landstrichen sonderten, ist in Baden, Württemberg, Rheinbayern, Hessen und Nassau die äußerste Zerrissenheit eingetreten, und in buntester Reihe schieben sich die Gebiete des einen Glaubens in die des andern hinein. Hier trifft am meisten der Ausspruch von Görres, wenn er sagt, im Religiösen habe sich das alte Reich zu einem Lebermeere umgestaltet, wie es die alten griechischen Seefahrer im Norden gefunden: nicht Wasser, Land noch Luft, sondern ein dickes, geronnenes Magma von allem. Auch in handelspolitischem Betracht lastete die gleiche Zerrissenheit auf dieser Staatengruppe. Man sollte meinen, die großartige Wasserstraße des Rheins, welche mitten durchzieht, müsse hier geeint haben; sie diente aber von Alters her fast mehr zur Absperrung und Trennung der Handelsinteressen. Die alten Zollsperren des Stromes, welche den Kaufmann nöthigten, am Mittelrhein seinen Weg über den Hundsrück oder durch den Einrich zu suchen, finden heute noch, wenn auch in noch so verringertem Maße, ihr Fürwort in dem Eigennutz mehrerer kleiner Uferstaaten. Sie müssen sich der Aufhebung des Rheinzolles widersetzen, denn die daraus fließende Einnahme bildet einen zu bedeutenden Posten im Staatsbudget und ist bei früheren Ländertauschen hoch genug angerechnet worden. Frankfurt, als Mittelpunkt des Handels in dieser Staatengruppe, hat in Sachen der nationalen Handelspolitik keineswegs einen Standpunkt eingenommen, welcher es in Vergleich treten ließe mit Hamburg, Bremen, Triest und andern Städten. Wahrend Oesterreich, Bayern, Württemberg einerseits schon lange eine feste Stellung in Bezug auf die großen Industrie- und Handelsfragen der Zeit behaupten, Preußen und die norddeutschen Länder andererseits nicht minder, schwankte der Kampf der Parteien in dieser Staatengruppe und namentlich in Frankfurt stets bis zur letzten Stunde. Ueberhaupt zeigte sich Frankfurt recht als das leibhaftige Sinnbild von den innern Widersprüchen der Länder, deren Mittelpunkt es bildet. Auf der einen Seite strenges Festhalten am alten reichsstädtischen Herkommen und eine Bürgeraristokratie, die mitunter an die Blüthezeit des mittelalterigen Städtewesens erinnert, auf der andern blinde Hingabe an jede Neuerung, wie sie sich von Ronge's Triumphen bis zu den letzten Augenblicken der Constituante in einer gleich mächtigen radicalen Partei verkörperte. Jene lange Reihe diplomatischer Verhandlungen, welche im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts im Gefolge von Napoleons Siegen das deutsche Reich auflösten, führten immer neue Umgestaltungen der staatlichen Verhältnisse Südwestdeutschlands herbei, während man erst im letzten Zug an den Norden und Osten ging. Es wäre lehrreich, in diesem Betracht eine durchgeführte Parallele zu ziehen zwischen den neuesten Krisen und jenen Agitationen, wie sie vor der Rheinbundszeit von österreichischer, preußischer und französischer Seite betreffs der südwestdeutschen Staaten veranlaßt wurden. Die Geschichte würde dann vielleicht lehren, daß unsere Politiker gegenwärtig den mittelbaren Einfluß dieser Ländergruppe, weil die einzelnen Staaten an sich nicht schwer in die Wagschale fallen, viel zu gering anschlagen, wie man auch damals erst bei der letzten Zeche inne ward, zu welcher Summe sich diese kleinen Posten zusammengezählt hatten. Die Staatengruppe, von der ich rede, bildete den Kern des Rheinbundes, bei dessen Stiftung Napoleon den deutschen Südwesten dem österreichischen Einflusse entziehen wollte. Aus diesen willkürlichen Umwandlungen historischer Verhältnisse erwuchs aber zuletzt die Länderkarte des Wiener Congresses. Was man in dem Zeitalter des ärgsten politischen wie religiösen Nationalismus, wo man recht gescheidt zu seyn glaubte, wenn man die Geschichte recht gründlich verachtete, ausgeklügelt hatte, das diente jetzt als Grundlage zu den neuen Ländergebilden. Es liegt entweder eine tiefe Weisheit oder eine unbewußte Selbstironie in der Zusammenfügung der südwestdeutschen Länder und Provinzen. So schweißte man jedesmal mit einem liberalen Vorlande ein conservatives Hinterland zusammen: Rheinhessen an Hessen-Darmstadt, den Rheingau an Altnassau, die Pfalz zum Theil an Baden, zum Theil an Bayern u.s.w. Dadurch wurde die Unruhe und der innere Widerstreit in dieser Staatengruppe recht eigentlich verewigt. Ein wahrhaft ergötzliches Kunststück willkürlicher Gebietsvertheilung gründete man aber in dem Mittelpunkte dieser Staatengruppe, nämlich in der Nachbarschaft der freien Stadt Frankfurt. Die Landkarte ist hier das anschaulichste Sinnbild der Willkür des Wiener Congresses. Etwa zwanzig buntgemischte Enclaven auf einer Fläche von wenigen Quadratmeilen, darunter wirkliche mikroskopische Gebietstheilchen, die selbst auf den Spezialkarten nicht mehr verzeichnet sind, sondern bloß noch auf den Localkarten, da sie nicht einmal ein Dorf oder ein Gehöfte, sondern höchstens einen Waldschlag oder einen Berg in sich schließen! Wenn man die Rheinprovinz an Preußen fügte, so hatte dies einen Sinn. Ein Staat wie Preußen besitzt die Kraft, das fremdartige Rheinland zu sich herüberzuziehen; denn Preußen wird mit der Zeit ganz Norddeutschland selbst in Sitte und Lebensart ausgleichend verschmelzen. Schon seine Heerverfassung wirkt hier gar tief. Das preußische Soldatenwesen gleicht tausende der zähesten Besonderungen im Volksleben gründlicher aus, als alle Eisenbahnlinien, die durch's Land führen. Aus den entlegensten Winkeln, die kaum je ein Fremder besucht, holt es die ungehobelten Bauernbursche in die Kasernen, um dort ihre Sitten langsam aber sicher abzuschleifen. Und diese Bursche tragen den neuen Geist in die versteckte Heimath zurück. Vielleicht bemerkt man jetzt noch nicht überall, wie gefährlich die allgemeine Wehrpflicht den Sondersitten des Volkes ist, wie förderlich also der socialen Uniformität. Aber schon in den nächsten Menschenaltern wird man dies an allen Orten mit den Händen greifen können. Die Demokratie will die stehenden Heere abschaffen im Interesse der allgemeinen Gleichheit. Welche Verblendung! Im Interesse der allgemeinsten Ungleichheit, im Interesse der Rückkehr zu einem völlig mittelalterlichen Einzelleben aller einzelnen Gaue und Winkel müßte man sie abschaffen. Kann sich aber Preußen das fremdartige Rheinland auch innerlich aneignen, dann wird dies z.B. Hessen-Darmstadt mit seiner Provinz Rheinhessen kaum vermögen. Denn hier sind es ziemlich gleiche Kräfte, die sich widerstrebend gegenüberstehen. Der Rheinhesse hing erst da recht eifersüchtig und zähe an seinen alten politischen Einrichtungen, als er darmstädtisch geworden war. Er wurde erst recht inne, welche große Freiheiten er bereits besitze, als man ihm von Darmstadt aus neue schenken wollte, er merkte nun erst, daß seine Handels- und Gewerbeinteressen ganz andere seyen, als die darmstädtischen. In der Zeit der politischen Aufregung lag ihm darum die bayerische Rheinpfalz und Baden viel näher, als Darmstadt. Vor allen Dingen aber traten nun erst recht die socialen Gegensätze zu Tage, die sich nicht ausgleichen können, weil auf keiner von beiden Seiten eine überwältigende Anziehungskraft ist. Hier eine handeltreibende Gegend, dort eine ackerbautreibende; hier ein selbständiges Bürgerthum, dort fast nur Kleinstädterei und Beamtenwelt; in Rheinhessen ein städtisches Proletariat, dazu ein fast durchgängig aus den Schranken des alten Bauernthums herausgerissenes, verfeinertes und verstädteltes Volk, in Oberhessen noch vielfach der alte in sich abgeschlossene Bauernschlag. Eine Staatengruppe, die solche Widersprüche organischen politischen Lebens und gemachter Staatskunst in sich schließt, wird immer in kritischen Zeitläuften bedeutungsvoll erscheinen. Mag das Geschick der inneren politischen Kämpfe Deutschlands sich erfüllen, wie es sey: diese südwestdeutsche Staatengruppe wird als der krankhaft erregteste, in sich zerrissenste Theil unsers Vaterlandes wo nicht entscheidende Einflüsse üben, doch jedenfalls auf sich üben lassen, und schwer wird sich dabei die Unnatur rächen, daß die staatlichen Gebiete hier sich abgrenzen im geraden Widerspruch mit den natürlichen Gruppirungen von Land und Leuten. Zweites Kapitel. Der Particularismus und die Großstaaten. Man konnte oft genug wahrnehmen, daß eine deutsche Großmacht, sobald sie als Macht aufzutreten begann, sofort die Teilnahme des übrigen Deutschlands verlor; verfiel sie dagegen in Schwäche und Ohnmacht, so klammerten sich rasch wieder die »politischen Hoffnungen« an dieselbe. Es ist dies der Naturtrieb des Particularismus, der, weil er ahnt, daß sein eigenes Staatsganze etwas zufälliges, willkürliches und darum machtloses sey, auch den anderen Staatengebilden das Leben absprechen möchte und überall da erschrickt und für sein innerstes Wesen zittert, wo etwas Großes, Geschlossenes und Ganzes vor seinen Augen aufsteigt. Und unwiderstehlich zieht es ihn dann, zur Ausgleichung sein Bündniß dem Schwachen zu bieten. Nur wo es der Nation an Hals und Kragen geht, da pflegt in der letzten Stunde solche Eifersucht zu weichen, daß die Herzen alles deutschen Volkes dem deutschen Staate zufallen, der das Kühnste wagt. Wollte Gott, wir erlebten's bald wieder, wie es weiland unsere Väter erlebten! Nicht die Kleinstaaten als solche bedingen jene Scheu vor einer großen, thatkräftigen Politik. Kleine Staaten, sofern sie als natürliche Gebilde von Land und Leuten, nicht als Zufallsstaaten erschienen, würden auch ihre Stelle in der Nation erkennen, sie würden zum Mittelpunkte streben und nicht zum Umkreise, und nicht der Hegemonie der Macht durch die Herstellung einer Gleichheit der Ohnmacht zu entrinnen suchen. In dem Maße als in Wien im Frühjahr 1848 die Studentenwirthschaft obenauf kam, und das Regiment nach innen und außen immer haltloser wurde, wuchsen die Sympathien des Nordens und Westens für Oesterreich; kein Name hatte dagegen bei einem guten Theil der Constitutionellen wie bei den Demokraten des Südens und Westens schlechteren Klang als der preußische, so lange man der Politik dieses Landes Thatkraft und Entschlossenheit zutraute; erst als die Bummelei in Berlin ihre Triumphe feierte, zog die Schale der norddeutschen Macht wieder nieder auf der Wage der »öffentlichen Meinung.« Es bedarf der Zuchtruthe des neuen Napoleon, wie vordem des alten, um diesen bösen Geist in unserm Hause zu bannen. Das Parlament, welches sich nicht auf die Macht einer der beiden Großmächte, sondern auf die Ohnmacht beider stützte, wurde so lange auf den Fittigen der Volksbegeisterung emporgehalten, als es, nur im Worte stark, die abwägende Gleichheit der eigenen Ohnmacht darstellte; sowie es zu Thaten übergehen wollte, ward es ein Spielball der Parteien und ging zu Grunde. Scheinbar vertrat es den deutschen Einheitsgedanken, in der That aber sehr häufig den nach allen Seiten gleich eifersüchtigen Trieb des Sonderthums. Auf den Grund der alten Stammesunterschiede Deutschlands hätte es die wahre Einheit bauen können, aber es wird noch lange dauern, bis man den willkürlichen Palticularismus wird scheiden lernen von den naturnothwendigen Besonderungen, in Stamm und Staat sowohl wie in dem Organismus der bürgerlichen Gesellschaft. Die Sympathien eines großen Theiles von Deutschland trieben zu der Idee des preußischen Erbkaiserthums. So wie dieselbe aber auf dem Punkte stand, eine Thatsache, eine Macht zu werden, zogen sich diese Sympathien in den Schmollwinkel der Zeitungen und kleinen Landtage zurück, statt gerade dann gewappnet in's Feld zu rücken. Deutschlands Glück und Deutschlands Unglück ist dieser Instinkt des Particularismus gewesen, je nachdem er bald an die zufälligen, bald an die nothwendigen Gliederungen des Reiches sich anlehnte. Als dem deutschen Oesterreich in den Jahren 1848 und 49 von Ungarn und Italienern hart zugesetzt wurde, ließen die deutschen Demokraten nicht bloß Ungarn und Italien, nein, sie ließen gleichzeitig auch Oesterreich hoch leben, weil ihnen dieses Oesterreich eben das zu seyn schien, was sie haben wollten, die machtlose deutsche Großmacht. Als Preußen mit Gotha und Erfurt Versuch spielte, stand ihm eine Weile nur eine Partei zur Seite, weil die meisten glaubten, es versuche, um zu handeln; als man aber nachgerade sah, daß es vielmehr versuche, um nicht zu handeln, fielen ihm die Sympathien des Nordens und Westens wieder massenhaft zu. In dem Zeitpunkt der entschiedensten Schwäche, den die preußische Politik seit Jahr und Tag gehabt, in den letzten Wochen vor den Olmützer Conferenzen, konnte man selbst bei süddeutschen demokratischen Bauern die weit verbreitete wunderliche Sage hören, der Prinz von Preußen habe sich an die Spitze der Demokratie gestellt. Diese Leute, welche sonst nur einen angeerbten Widerwillen gegen das Preußenthum hatten, hofften jetzt auf Preußen, waren begeistert für dasselbe, da doch dessen Politik eben gleich einem Rohr im Winde schwankte. Es war der dunkle Instinkt des Particularismus, der zum sympathetischen Bunde mit der Schwäche trieb. Und war es etwa die kühne Thatkraft, welche dem Ministerium Schleinitz im Herbste 1859 so urplötzlich den Beifall von halb Deutschland gewann? Im Frühjahr 1861, als die Schachbrettzüge der Diplomatie, die natürliche Stellung der deutschen Staaten zu einander geradezu umgekehrt hatten, als Kurhessen das Baden der Oesterreicher zu werden schien und die Bataillone der süddeutschen Großmacht am Strande der Nordsee standen, wie ein Jahr früher die der norddeutschen am Fuße der Alpen, damals, als die That der Einigung Deutschlands dem Süden ebenso in dem österreichischen Gedanken des großen, deutschen Zollbundes vorgebildet erschien, wie weiland dem Norden in der preußischen Erbkaiseridee: – damals trat die tiefgewurzelte Abneigung des Nordens und Westens gegen Oesterreich wieder in derselben Schroffheit hervor, wie zur Zeit des preußischen Erbkaiserplanes das Mißtrauen des Südens gegen Preußen. Selbst jener süddeutsche Argwohn, der die preußische Politik bei jedem Schritt auf dem Gelüsten der Gebietsvergrößerung zu ertappen meint, begann damals im Norden seine vollständige Parallele zu finden. Man konnte zu selbiger Zeit in den ersten norddeutschen Zeitungen österreichische Theilungspläne lesen, die denjenigen auf ein Haar ähnlich sahen, welche man kurz vorher noch Preußen untergeschoben hatte. Im Frühling 1859 handelte Oesterreich ohne Geschick und Glück, aber es handelte doch, es bot Schach unserm tödtlichen Erb- und Nationalfeind. Viele deutsche Männer fielen damals Oesterreich zu, obgleich sie seine innere Politik beklagten, viele andere aber wandten sich nun erst recht ab von dem handelnden Staate; sie wollten lieber noch eine Hegemonie Bonaparte's in Europa, als eine Hegemonie Oesterreichs in Deutschland! Es wird eben den Leuten im Norden allemal unheimlich zu Muthe, wenn die Großmacht des deutschen Südens als Macht aufzutreten beginnt, und umgekehrt den Süddeutschen, wenn Preußen sich rührt, denn bei der Willkür, mit welcher ohnedieß unsere Staatengrenzen abgesteckt, wäre es ja am Ende gar nichts so abenteuerliches, wenn die alten Zufallsgebilde der meisten deutschen Staaten wieder einmal durch neue Zufälle umgewandelt und die Kleinen von den Großen verschlungen würden. Als Preußen in den dreißiger Jahren durch einen Akt der Wirthschafts-Politik, durch den Zollverein, die im Spiele mit neuen und alten Staatslehren aufgeregten Geister beschwichtigte und so das kurze Nachspiel der Juliusrevolution in Deutschland abschloß, hatte es zum Dank dafür eine gute Weile jenes gerüttelte Maß der Mißgunst hinzunehmen, welche später in vollkommener Parallele Oesterreich zu Theil ward, weil dieses den Abgrund einer weit größern Revolution gleichfalls durch das entsprechend großartigere Project einer handelspolitischen Einigung des ganzen Deutschlands zu schließen suchte. In Norddeutschland wollten die Leute von der Zolleinigung nichts wissen, weil ihnen der Tarif verwerflich erschien, in Mitteldeutschland aber erschien ihnen umgekehrt der Tarif verwerflich, weil sie von der Einigung nichts wissen wollten. Jahrelang hatte man Klage geführt über die neun verschiedenen Zollgrenzen sammt den mannichfaltigsten Zolltarifen, welche immer noch in Deutschland bestanden, über die zersplitterte Vertretung unserer Handelsinteressen im Ausland, welche sich auf die ungeheure Summe von mehr als tausend Vertretern vertheilt, die aber im entscheidenden Falle doch nichts Rechtes zu vertreten vermögen, und nun es endlich, wie man sagt, »an den Bindriemen ging,« schauerte doch der Particularismus wieder zurück, und wollte lieber an seinen zehn Zollgrenzen und seinen tausend Handelsconsuln festhalten, als daß er dies um den Preis aufgegeben hätte, eine deutsche Großmacht als Macht gelten zu lassen. Die Historien von den Schrecken des Aberglaubens, mit welchen die Bevölkerung im Norden den Einmarsch der Oesterreicher im Jahre 1850 erwartete, bilden ein in sich vollendetes Sittengemälde. Furchtsame Leute vergruben ihr baares Geld, athmeten aber wieder auf, als sie die Truppen mit grünen Tannenzweigen geschmückt anrücken sahen, weil sie diesen Schmuck für das »Friedenszeichen« jener fabelhaften deutschen Hinterwäldler hielten! Die Verwunderung über die gute Mannszucht war allgemein. Man hatte die Parallele der gegenwärtigen Zeitläufte und des dreißigjährigen Krieges nicht bloß auf den verwandten Charakter des damaligen Kurfürsten von Sachsen mit Friedrich Wilhelm IV. ausgedehnt, sondern glaubte auch bei den heute einziehenden Oesterreichern gleiche Soldatenrohheit suchen zu müssen, wie bei jenen Schaaren der Wallonen und Croaten, die zu Wallensteins Zeit im Norden gehaust. Man sprach von den »Kaiserlichen« mit ominöser Auffrischung dieses zweihundertjährigen Parteiwortes. Der Volksglaube, daß der dreißigjährige Krieg nicht ganz ausgefochten sey, hat in der That eine furchtbare innere historische Wahrheit. Man sollte sie nicht durch solche Wortspiele »berufen.« Als die Preußen 1849 das badische Land besetzten, zog eine ähnliche Gespensterfurcht vor ihnen her. Und als sie nach anderthalb Jahren wieder abzogen, zeigte sich's, daß gerade durch die Haltung dieser vordem im Südwesten so verschrieenen Soldaten der preußische Name dort in einer Weise populär geworden war, wie er es durch die damalige Politik des preußischen Kabinets wahrlich nicht hatte werden können. Der gebildetere und besitzendere Mittelstand namentlich hatte jetzt erst Respekt gekriegt vor den Preußen, weil er sie jetzt erst von Angesicht geschaut hatte. Es waren Leute aus social centralisirten Gauen, die man gesehen, aus einem Lande, welches noch reiche Elemente zum Wiederaufbau der Gesellschaft im conservativen Geiste besitzt. Dies mußte in dem social zerfahrenen Mitteldeutschland imponiren. Aehnlich erging es mit den Oesterreichern an der Nordsee. Man war überrascht von der guten Mannszucht, wo man, alten eingefleischten Vorurtheilen nach, die schlechteste erwartet hatte. Ist es nicht seltsam, daß solchergestalt die deutschen Volksstämme erst auf dem Wege der Einquartierung sich kennen und schätzen lernten? Die politischen Zustände eines Volkes kann man wohl auch aus der Ferne kennen lernen, die socialen Zustände, die Grundlagen seines eigentlichen »Volksthums« aber nur, wenn man in Person unter dasselbe tritt. Kriegszeiten, welche die deutschen Stämme nach allen Gauen zerstreuten, waren immer nützlich für die Selbsterkenntniß unsers Volkes, und wir haben leider in den langen Friedensjahren manch gutes Stück solch gegenseitiger Kenntniß und Werthsschätzung wieder verloren, welches unsere Väter in den Tagen der Befreiungskriege theuer genug gewonnen hatten. Es gibt viele gebildete und weitgereiste Männer im Norden, die sich einen förmlichen Ruhm daraus machen, niemals Wien gesehen zu haben, und im Süden, die stolz darauf sind, daß sie immer der Hauptstadt an der Spree aus dem Wege gegangen. Gerade die Hauptstädte der beiden deutschen Großstaaten stehen beim Volke der andern Gaue am meisten in Ungnade, und jener Spott und Groll, der sich so reichlich über Berlin und Wien ergießt, wird Städten wie Hamburg, Frankfurt, Breslau etc. nicht entfernt zu Theil. Als Nürnberg noch die mächtige Reichsstadt war, ergoß sich der Volkswitz hageldicht über die stolzen Nürnberger; heutzutage verspottet man keinen Nürnberger mehr, außer etwa mit altüberliefertem Stachelwort; denn mit dem Ruhme der Väter vererbt sich wohl auch ein Stücklein des Spottes, den sie hinnehmen mußten. Gleich nach Wien und Berlin kommt jetzt München als die am drittbesten gescholtene und verleumdete Stadt. Bevor München eine Kunstmetropole Deutschlands war, ein Sammelpunkt von allerlei Wissenschaft, bevor es namentlich in seinem raschen Aufblühen als ein Abbild des Aufblühens der dritten Macht unter den deutschen Staaten erschien, fiel es den Leuten im Norden und Osten gar nicht ein, so spitzig und witzig über München zu reden. Zu Neid und Eifersucht gesellt sich in all solchen Fällen die Unkenntniß. Wie wenige gebildete und besitzende Deutsche bemühen sich, das deutsche Land und Volk mit eigenen Augen zu sehen! Man reist viel, wandert aber desto weniger, und nur im Wandern ergründet man Land und Leute. Man reist den schönen Gegenden, höchstens den Kunst- und Geschichtsalterthümern nach und vergißt darüber, dem lebendigen Leben unsers heutigen Volkes nachzureisen. Wenn der reiche Hanseate seinen Sohn ausschickt die Welt zu sehen, so läßt er ihn nach Amerika und Australien segeln. Das ist ganz löblich; aber fein und löblich wäre es auch, ihn in das Innere Deutschlands nicht segeln und fahren, sondern wandern zu lassen. Der niederdeutsche Vergnügungsreisende geht in der Regel in den Harz, den Thüringerwald, die sächsische Schweiz; ist er bis Frankfurt oder Heidelberg gekommen, so war er schon hoch im Süden. Noch viel seltener geht der ächte Oberdeutsche aus freien Stücken gen Norden. Auf hundert Bayern, die nach Italien ausfliegen, kommen schwerlich fünf, die zu unsern nordischen Meereslüften ziehen, und unter diesen fünfen findet sich selten nur ein Einziger, der neben den Städten auch das niederdeutsche Land eines genaueren Blickes würdigt. Wenn nun die Reichen und Gebildeten überall so wenig von deutschem Land und Volk gesehen haben, wie soll man von der großen Masse Besseres erwarten! Und doch erwächst das rechte, neidlose Gemeinbewußtseyn einer Nation immer nur aus jener gegenseitigen Erkenntniß aller Glieder, welche die Liebe erzeugt. Es ist höchst bezeichnend, daß in der neuern Zeit die Stockpreußen – namentlich die Pommern – und die Stockösterreicher für die deutschen Böotier gelten, während der ältere Volkswitz etwa die Schwaben als solche ansah. In ihrer Furcht vor der Machtentfaltung bei beiden deutschen Großmächte bleibt die landläufige Volksmeinung sich selber so treu, daß sie zu all dem Dualismus derselben hier sogar einen Dualismus der Dummheit herausgefunden hat. Es ist der Selbsterhaltungstrieb des politischen Sonderthums und der gesellschaftlichen Verwaschenheit unserer mitteldeutschen Zustände, der sich aus dem gediegeneren Volksthum der Großmächte die Zerrbilder der deutschen Böotier herausgreift, um auch mit den Waffen des Humors und der Satyre seinen Todfeinden zu Leib zu gehen. Wurzelt nicht vielleicht gleicherweise die Sage, welche die Schwaben zu den deutschen Böotiern macht, in jener Hohenstaufischen Zeit, wo Schwaben die deutsche Großmacht war? So hat man in neuester Zeit auch den Bayern die Ehre angethan, sie als Böotier dieses Schlages fort und fort zu verspotten, eben weil noch Natur in der überwiegenden Masse des altbayerischen Volkes ist, weil hier eine Eigenart, Kraft und Geschlossenheit der socialen Zustände des gemeinen Mannes besteht, wobei es den über den gleichen Kamm geschorenen Bildungsmenschen unheimlich zu Muthe wird. Allein sie sollten nur kommen und sehen, um jenes Grauen zu verlieren, welches uns so leicht befällt, wenn wir die Dinge im Dämmerlichte des Halbwissens von fernher an unserm Auge vorüberhuschen lassen. Was kurzsichtige Staatsmänner seit Jahr und Tag in den deutschen Großstaaten gesündigt, das büßen jetzt die Völker, das büßt der gesammte Staatenorganismus Deutschlands. Die Erbitterung über gewisse politische Systeme verkehrt sich in einen Groll auf Stämme und Städte. Es ist eine eigene Sache um den Aberglauben der Völker wie der Einzelnen. Er ist oft zehnmal zäher, als die vernünftige Ueberzeugung. Nicht bloß für heute und morgen, sondern für Jahrzehnte werden Österreichs wie Preußens Staatsmänner herzhaft zu arbeiten haben, wenn sie einzig nur jenes historisch gewordene Mißtrauen der anderen deutschen Volksstämme wegschaffen wollen, welches sich auf die beiden Großstaaten als solche geworfen hat, genährt durch die Verwechslung jener langen Kette von Mißgriffen des zeitweiligen politischen Regiments mit der gesammten politischen Entwicklungsfähigkeit, wohl gar dem gesammten Volksthum dieser Länder. Drittes Kapitel. Die Kleinstaaterei und die natürlichen Besonderungen des Volksthumes Im 18. Jahrhundert gab es bekanntlich zehnmal so viel kleine Staaten in Deutschland als gegenwärtig. Die äußerliche Lächerlichkeit und Nichtigkeit von gar zu winzigen Herrschaftsgebietchen trat dazumal wohl drastischer hervor und ist auch in Spott und Ernst genügend geschildert worden, allein die Unnatur der Kleinstaaterei im Großen und Ganzen empfand man durchaus nicht in dem Maße wie gegenwärtig. Diese Unnatur war aber damals auch gar nicht in so hohem Grade vorhanden. Die kleinen Staaten bescheideten sich in ihren Ansprüchen. Man verlangte nicht, daß sich die Bürger einer jeden Reichsgrafschaft als selbständiges reichsgräfliches Volk fühlen sollten, daß sie durchdrungen seyn sollten von einem aparten reichsgräflichen Nationalbewußtseyn. An die Forderung einer solchen idealen Loyalität dachte kein Mensch. Jetzt denkt man daran auch in dem kleinsten deutschen Ländchen. Man fingirt in höheren und höchsten Kreisen ein »Volk« (wohl gar einen »Stamm«) der Waldecker, Sachsen-Coburger, Hessen-Homburger, Neuß-Schleizer etc., da doch solche Völker und Stämme gar nie bestanden. Es gibt freilich deutsche Staaten, bei welchen ein eigener Volksstamm den Kern auch noch der heutigen Bevölkerungsmasse bildet, wie bei Preußen, Sachsen, Bayern, Hannover, Württemberg etc., allein bei den Kleinstaaten handelt es sich nur um das Unterthanenverhältniß von Bruchstücken größerer Volksgruppen zu einem, allerdings historisch berechtigten, Fürstenhause. Indem man die Kleinstaaten so einrichtet, als umfaßten sie auch eine selbständige, geschlossene Volkspersönlichkeit, zeigt man die Unnatur erst recht grell auf, welche in der Bildung dieser Staaten steckt. Nicht die Existenz der Kleinstaaten an sich ist vom Uebel, wohl aber, daß sie gegenwärtig ganz ebenso regiert und angesehen werden wie die großen. Ich will diesen Widerspruch der Maße in den politischen Einrichtungen unserer Kleinstaaten mit den Maßen von Land und Leuten an einem Exempel nachweisen. Es bedarf dazu einiger in's Kleine gearbeiteten Sittenmalerei, und ich greife darum denjenigen Kleinstaat heraus, dessen Zustände ich gleichsam unter der Lupe zu betrachten Gelegenheit hatte, meine Geburtsheimath Nassau. Die hier geschilderten Verhältnisse wiederholen sich wesentlich in allen deutschen Kleinstaaten. Sie sind überhaupt charakteristisch für das mittelgebirgige Deutschland . Wenn man die Geschichtbücher des gedachten Landes nachliest und wahrnimmt, welche naturgemäß einfache Verwaltung gerade zu der Zeit herrschte, wo sich sein gegenwärtiger Umfang noch in eine ganze Anzahl kleinerer Herrschaften abtheilte, wo also die Kleinstaaterei ihre höchste Blüthe erreicht hatte – dann begreift man erst, daß diese politische Kleinwirthschaft in der That vordem ihr Recht haben und höchst bestechende Vorzüge entfalten konnte. Ich will gar nicht der Zeit gedenken – ob sie gleich erst drei Jahrhunderte hinter uns liegt – wo die Landesfürsten von Burg zu Burg zogen, um solchergestalt eine wandernde Regierung in Person auszuüben und jedenfalls dadurch viel an Schreibereien, an Referenten, an Expeditions- und Registraturpersonal ersparten, während der Hofcapellan die Stelle eines Kanzlers und Schreibers zugleich versah, und also ein ganzes Ministerium vom Präsidenten bis zum letzten Kanzelisten abwärts in Einer Person darstellte. Von diesen Zeiten, wo der Kleinstaat wie das Musterbild des einfachsten und natürlichsten Staatswesens erscheint, will ich, wie gesagt, nicht reden. Ich erinnere vielmehr nur an das 17. und 18. Jahrhundert. Damals gab es in den nassauischen Landen bloß ein Hofgericht als oberstes Justizcollegium, eine Kammer als oberste Verwaltungsbehörde und einen Kirchenrath zur Leitung der geistlichen Angelegenheiten, Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts kam noch als höchstes Collegium die Landesregierung hinzu. Dabei beschränkte sich die Zahl des höhern Beamtenpersonals, der Präsidenten, Direktoren, Assessoren etc. so viel als möglich, d. h. in der Regel auf einen Mann. Bei einer so eingerichteten Regierung hing natürlich das Meiste von dem persönlichen Ermessen des Einzelnen ab, man verfuhr patriarchalisch-absolutistisch. Der Fürst forderte von seinem Volke das einfache, strenge Unterthanenverhältniß. An den nassauischen Höfen hatte die Lebensweise eines begüterten Privatmannes geherrscht und zwischen dem Bürger und dem Fürsten meist eine ganz vertrauliche persönliche Beziehung stattgefunden, deren sich mancher Altnassauer noch freundlich erinnert und die sich für ein kleines Land ganz wohl schickt, wo sich die ganze Bevölkerung gegenseitig genauer kennt, als in einer großen Stadt die Bewohner eines einzelnen Viertels. Von einer Volksvertretung bestand in den nassauischen Landen in dem ganzen großen Zeitraum, seit die freien Männer zum letztenmal auf den uralten Mallstätten getagt hatten, bis zum Jahre 1817 keine Spur. Nur im Rheingau hatte sich der alte Landtag, welcher auf einer Rheininsel zusammenkam, bis in's 16. Jahrhundert erhalten. Man scheint aber auch dieses Gegengewicht gegen die Fürstengewalt früher um so weniger vermißt zu haben, da der Einfluß der überaus zahlreichen adeligen Grundherren ein sehr bedeutender war und die Fürstengewalt weit mehr als anderwärts in Schranken hielt. Auch dies war eine naturgemäße Folge jener alten, weiland berechtigten Kleinstaaterei, denn die faktische Machtvollkommenheit des kleinen Fürsten ragte nicht allzuweit über die des großen Grundherrn hinaus. Als man nun nach der napoleonischen Zeit die Kleinstaaten in gleicher Art wie die großen Reiche einzurichten begann, mußte natürlich auch eine vollständige Volksvertretung geschaffen werden. Bei fast allen deutschen Kleinstaaten sind aber von vornherein gar nicht einmal alle socialen Elemente zu einer vollständigen Volksvertretung vorhanden – weil es nämlich an einem Volke fehlte; denn nicht jede beliebige Summe von Menschen ist ein Volk, Eine unabhängige grundbesitzende Aristokratie mangelt allen den kleinen Ländchen, oder sie beschränkt sich auf zwei bis drei Leute. Aus dem Bürgerthume finden sich meist nur der Kleinbürger vor, da die größeren Städte fehlen, während unsere republikanischen Kleinstaaten, die freien Städte, keine entsprechende Landbevölkerung haben. Eine Volksgruppe aber, welche nur Fragmente der bürgerlichen Gesellschaft in sich schließt, ist auch nur befähigt zur Repräsentation vereinzelter Interessen, nicht aber zu einer Vertretung »des Volkes,« Denn »das Volk« muß die ganze Gesellschaft in sich umfassen. Nirgends zeigt sich aber die schwache Seite der Kleinstaaten schroffer als bei den Abgeordnetenkammern, die von Haus aus auf ein größeres Land, auf eine vollgültige Volkspersönlichkeit berechnet sind. Nassau zählte nach dem Wahlgesetz von 1848 einundvierzig Landtagsabgeordnete. Würde etwa Frankreich nach derselben Proportion seine Volksvertretung wählen, so müßte es ungefähr vierthalbtausend Abgeordnete zur Nationalversammlung schicken! Es ergibt sich daraus, daß die Volksvertretung mit der zunehmenden Kleinheit des Staates in steigender Progression theurer wird. Die nassauische Volkskammer hat im Jahr 1848 12,000 fl. allein für den Druck ihrer Protokolle verausgabt, während sich die Gesammtsumme der Staatseinnahmen nur auf einige Millionen Gulden beläuft. Dazu kommt aber, daß die Zahl von einundvierzig Abgeordneten, trotzdem daß in einem so kleinen Lande eine eigentliche sociale Vertretung des »Volks« gar nicht stattfinden kann, doch eigentlich noch viel zu niedrig ist. Denn um das rechte Maß für eine Volksvertretung zu finden, muß man nicht sowohl das Zahlenverhältniß der Vertretenden zu den Vertretenen in Betracht ziehen, als vielmehr darauf sehen, daß die Versammlung groß genug werde, um den Charakter einer Volksrepräsentation überhaupt zu erlangen, welche alle wesentlichen Elemente des Volkes im Auszug in sich schließen soll. Da man aber bei dem Glücksspiel der Wahlen auf zehn taube Nüsse höchstens eine zählen kann, welche einen Kern enthält, und erst in einer größeren Zahl von Gewählten die Zufälligkeiten der einzelnen Wahlakte sich ausgleichen, so sind vierzig Männer eben so gewiß nicht zureichend, um ein trotz aller Wahlzufälle doch sicheres Abbild aller Hauptgruppen eines Völkchens von vierhunderttausend Köpfen darzustellen, als etwa fünf- bis sechshundert vollkommen genügen, um vierzig Millionen zu vertreten. Diesen Mißstand der Volksvertretungen in kleinen Staaten hat man auch sofort herausgefühlt, und als im Jahre 1849 Stimmen sich erhoben, welche forderten, daß man mit der Mediatisirung der Einzelkammern in den Kleinstaaten das Werk der deutschen Einigung beginne, fanden diese Stimmen ein lautes Echo in den Kleinstaaten, und zwar nicht bloß bei den Reaktionären und Absolutisten. Freilich würde diese Mediatisirung der Kammern dann auch zur Mediatisirung der Ministerien führen müssen – und so weiter! Die kleinen deutschen Länder haben sich nothgedrungen Verfassungen gegeben, welche ihrem ganzen Wesen nach auf größere Staaten berechnet sind. Unsere Kleinstaaten nehmen sich aus wie eine Compagnie Soldaten, der man einen auf ein ganzes Armeecorps eingerichteten Generalstab vorgesetzt hat. So lange die Regierung und Verwaltung der Ländchen ganz bescheiden aus ihren geschichtlichen Verhältnissen hervorwuchs, wie es meist bis zum Jahr 1816 gewesen, kannte man den Begriff der Kleinstaaterei gar nicht, er drängte sich erst auf, als man den Staaten von ein paarmal hunderttausend Einwohnern den vollständigen Abklatsch einer für England, Frankreich oder meinetwegen auch für Ruhland bestimmten Verfassungs- und Verwaltungsform geben zu müssen glaubte. Denn der kleinste Staat ist kein »Kleinstaat,« so lange der Verwaltungsaufwand zu dem Verwalteten, so lange die beanspruchten politischen Rechte zu den politischen Leistungen in richtigem Verhältniß stehen. Es kann sogar ein großer Staat zur Kleinstaaterei herabsinken, wenn er mehr zu seyn sich anmaßt, als er wirklich seyn kann. Die Verfassung des Nassauer Landes vom Jahr 1814, und namentlich die Verwaltungsorganisation galt in den zwanziger Jahren für musterhaft. Sie war in der That ein Musterbild, aber in dem Wortsinn des todten Modells, welches nach abstracten Lehrsätzen entworfen ist, im Gegensatze zu dem lebendigen Leibe. Man hätte glauben sollen, damals, als noch der Hofcapellan das ganze nassauische Ministerium vorstellte, müsse die Verwaltung viel centralisirter gewesen seyn, als nunmehr, wo sie an ein ganzes Regiment von Behörden und Unterbehörden überging. Es war aber gerade umgekehrt. Es gab wohl keine deutsche Verfassung, welche den Grundsatz der Centralisirung so folgerichtig durchgebildet, welche jede freie Bewegung der vielen im Staatsleben ineinander greifenden socialen und politischen Mächte so vollständig in der obersten Regierungsgewalt hatte binden und aufgehen lassen, als jene nassauische. Bekannt ist die humoristische Klage, die der Freiherr von Stein in seinen Briefen an Gagern darüber erhebt, daß nicht einmal die einzelnen Gemeinden ihre Faselstiere nach eigenem Ermessen sich ankaufen dürften: auch dies war Sache der Regierung! sie kaufte die Ochsen für das ganze Land. Und wie mit den Faselstieren, so ging es mit allen andern Dingen, mit Kirche und Schule, Handel, Gewerbe und Ackerbau, Gemeindewesen, Medicinalverwaltung, Forstcultur, alles wurde von der Regierung vorsorglich angeordnet, über alle technischen Angelegenheiten entschieden fast nur Juristen, das Haus- und Staatsministerium bereinigte alle Zweige ministerieller Wirksamkeit in Einem Bureau. Man ging so weit in der Centralisation, daß man sich fürchtete, studirte Finanzmänner und Kameralisten in Staatsdienst zu nehmen, weil es für einen der obersten Grundsätze der Staatsweisheit galt, daß auch die ökonomischen Fragen nur durch die Hände von Männern der Schreibstube oder von Juristen gehen dürften. Man glaubte, daß durch das Eindringen der »Techniker« die rechte disciplinarische Uniformität der Schreibstube gestört würde, und in letzterer hatte man es in der That in den meisten kleinen Staaten zu einer musterhaften Einheit gebracht. Es ist z. B. in Nassau vorgekommen, daß ein Beamter in seinem Bericht an eine vorgesetzte Behörde den »Submissionsstrich« zwischen dem Text und seiner Namensunterschrift weggelassen hatte, worauf demselben die Weisung zuging, in Zukunft den Submissionsstrich nicht wieder zu vergessen. Der Beamte hatte Humor genug, der Behörde ein ganzes Buch Papier voll großer Submissionsstriche einzusenden, mit der gehorsamsten Bitte, sich hiervon, falls er den Strich wieder vergessen sollte, einen solchen auszuwählen: und die sittengeschichtlich denkwürdige Komödie endigte mit einer Geldstrafe für den allzu humoristischen Beamten. Preußen verfolgte in jener Zeit eine ganz ähnliche bureaukratische Centralisation, und am Ende ist man in den kleinen »Musterstaaten« noch vielfach freisinniger dabei zu Werk gegangen als in Preußen. Allein Preußen erfüllte in dieser Blüthezeit der Bureaukratie einen großen historischen Beruf, er schaffte reines Feld, es half die letzten Reste der abgestorbenen mittelalterlichen Gesellschaft zertrümmern, es brachte strenge Ordnung in den Staatshaushalt, es bereitete der Zukunft des gesammten deutschen Verfassungslebens neue Bahnen vor, es leitete die sociale Centralisation des ganzen deutschen Nordens ein. In Nassau dagegen reichte die ganze Macht des neuen bureaukratischen Regiments nicht einmal hin, um das Sonderthum der einzelnen kleinen Landstriche in dem kleinen Sonderstaat zu brechen. Die nassauischen Länder waren damals binnen fünfundzwanzig Jahren so häufig in ihrem Bestand geändert worden, daß wirklich ein gutes Gedächtnis und keine geringen statistischen und geographischen Kenntnisse dazu gehörten, um genau anzugeben, welche Gebietstheile seit einem Menschenalter nassauisch gewesen und geworden waren. Als im Jahr 1816 das Herzogthum zu seiner jetzigen Gestalt abgerundet wurde, nahm es nicht nur fremdartige Bestandtheile in seinen Verband auf, sondern es wurden in demselben Maße altnassauische, durch Jahrhunderte engverbundene Landstriche auch wiederum abgeschnitten. So fiel z. B. das Siegener Land und der sogenannte Hüttenberg an Preußen, wo heute noch ein großer Theil der Bevölkerung viel besser nassauisch gesinnt ist, als in den Nassau zugetheilten kurmainzischen und kurtrier'schen Gebietstheilen. Die Schicksale der nassau-oranischen Regentenfamilie, als dieselbe ihre deutschen Stammlande verlor, gingen den Alt-Oraniern im Dillenburgischen und Siegen'schen tief zu Herzen, und der Anfall an die weilburgische Linie ist von vielen damals wohl gar als ein Landesunglück betrachtet worden! Es ist darum eben geradezu unmöglich, eine Geschichte des Herzogthums Nassau als »nassauische Geschichte« zu schreiben. Es gibt überhaupt nur eine Nassau-dietzische, Nassau-weilburgische, nassau-usingische etc. Geschichte, keine nassauische; wiederum ist etwa die Geschichte der Herrschaft Kirchheim-Bolanden in der bayerischen Rheinpfalz, der Grafschaft Saarbrücken etc. etc. für die Geschichte Nassaus wichtiger, als die des jetzt zu Nassau gehörenden Rheingaues. Ein gutes Theil ihrer Geschichte haben die Nassauer auch in den Niederlanden, ja wohl gar ein Zipfelchen derselben in Südfrankreich zu suchen, und so liegt ein großes Bruchstück ihrer historischen Erinnerungen in der That in partibus infidelium. Wie soll man da von einem »nassauischen Volksthum« sprechen! Dies eben sollte nun gleichsam mit Dinte und Feder hergestellt werden, indem man aus dem diplomatischen Flickwerk des neuen nassauischen Gesammtstaates durch die straffste Verwaltung ein ganzes Stück Zeug machen wollte. Man tilgte aber auf diesem Wege viele berechtigte Besonderungen im Volksleben weg und kam doch nicht zu dem erstrebten höhern Ganzen. So viele Aemter jetzt das Herzogthum zählt, aus fast ebenso vieler Herren Ländern war es im Lauf der Zeiten zusammengesetzt. Es spaltet sich in eine katholische und eine protestantische Hälfte, und zwar ist in den strengprotestantischen Landestheilen das Andenken an ein altes patriarchalisches Fürstenregiment noch ebenso lebendig, als in den strengkatholischen an die ehemalige priesterliche Herrschaft von Kur-Mainz und Kur-Trier. Dazwischen liegen wieder kleinere Striche, wo im Lauf des 16. und 17. Jahrhunderts fast von Geschlecht zu Geschlecht der Glaube gewechselt wurde, nach dem Grundsatze, daß dessen der Glaube sey, dem der Herrscherstab. Wollte einer eine Confessionenkarte dieser zweiundachtzig Quadratmeilen entwerfen, sie würde ebenso buntscheckig ausfallen, ebenso bespritzt mit zerstreuten Einzeltheilchen, wie die geognostische Karte des Landes, welcher an zerrissener Mannigfaltigkeit auf so kleinem Raum kaum eine gleichkommt. Eben so bunt nehmen sich die socialen Zustände aus, und doch kann man nicht einmal sagen, daß hier alle berechtigten und nothwendigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft vollständig vertreten seyen. Ein armer, aber bedürfnißloser Bauernschlag, nach der Urväter Weise mehr in Gruppen von Gehöften als in geschlossenen Dörfern wohnend, bevölkert den hohen Westerwald; ein aristokratischer, auf den geschlossenen Besitz stolzer Bauernstand theilweise die Mainebene und die obere Lahn; ein furchtbar verkommenes, an Schlesien und Irland gemahnendes Bauernproletariat hat auf dem östlichen Taunus seine Sitze, wo der magere Boden die wenigen Bewohner nicht ernähren kann, wo verunglückte Industriespeculationen ganze Gemeinden an den Bettelstab gebracht haben, und in den elenden Hütten nicht selten ein Haufen Laub die Stelle des Bettes vertritt; ein städtisches Proletariat, welches sonst beinahe fehlte, hat die frühere Regierung in wahrhaft fabelhafter Verblendung nach der Hauptstadt gepflanzt, indem sie hier den verkommenen Leuten aus aller Herren Ländern eine förmliche Freistätte öffnete, und mit dem Zuschub einer besitzlosen Menschenmenge ein großes nationalökonomisches Kunststück vollführt zu haben glaubte. Der Rheingau zeigt uns in dritter Abstufung das Proletariat der Winzer, welche auf das Glückspiel des Weinhandels wetten müssen und ein Jahr im Ueberfluß schwelgen, um sechs Jahre am Hungertuch zu nagen. Dazu gesellt sich in den mittleren Theilen des Landes ein halb wohlstehender; halb dürftiger Bauernstand, der noch schwankt zwischen den alten Ueberlieferungen des Bauernmajorats und moderner Güterzersplitterung. Die zahlreichen kleinen Städte sind größtentheils mit einer Bevölkerung angefüllt, welche Ackerbau und Gewerb zugleich treibt, und dadurch in keinem von beiden zu was rechtem kommt. Die Badeorte umgeben sich im Sommer mit dem trügerischen Schein des großstädtischen Lebens, während sie doch eigentlich in jedem Betracht ebenso arme Landstädtchen sind wie die übrigen. Ein paar Orte haben auch den Anschein, als ob sie Handel trieben, indeß dies doch bei der Concurrenz der großen Nachbarstädte und der Dürftigkeit der Verkehrsmittel im Inneren des Landes ebensowenig bedeuten will, als die Scheinindustrie der handwerkenden Bauern. So gewahren wir hunderterlei Proben von diesem und jenem, von allen Elementen eines größeren Staates ein bißchen, von keinem etwas rechtes. Wir finden ganz jene Mischung und jenes Maß der socialen Elemente, wie es in Mitteldeutschland die Auflösung der Gesellschaft bedingte, und bei der Ohnmacht und Zersplitterung der natürlichen Stände treten dann auch hier die »unächten Stände,« namentlich ein kastenmäßig abgeschlossenes Beamtenthum, statt eines selbständigen, unabhängigen Bürgerstandes und ein machtloser Hof- und Titularadel, statt der grundbesitzenden Aristokratie in den Vordergrund. Unter den dreißig Städtchen des Nassauer Landes sind fast die Hälfte in früherer Zeit fürstliche und gräfliche Residenzen gewesen, nicht nur mit Hofhaltungen, sondern auch mit Regierungscollegien ausgestattet. Die Erinnerung an diese Zeit ist noch nicht ganz erloschen, und wenn auch nur die verfallenen Schlösser und die verwitterten öffentlichen Gebäude wären, deren täglicher Anblick dieselbe wach erhält, und die diesen Städtchen in der That den äußern Anschein von etwas größerem geben, als sie wirklich sind. Es ist dadurch ein Zug der Bitterkeit, der gegenseitigen Eifersucht und des Neides bei den Bewohnern dieser ehemaligen Residenzen heimisch geworden, der dem Geiste des Particularismus im Particularismus, wie wir ihn eben in Nassau schildern, nicht geringen Vorschub leistet. Namentlich war es dieser Geist der Eifersucht, welcher mehr als alles andere den Einungsplänen der früheren Regierung entgegenarbeitete. Je mehr sich dieselbe bestrebte, das neu aufblühende Wiesbaden zum eigentlichen Mittelpunkt des Landes zu machen, desto höher stieg ein stillgenährter Groll gegen diese Stadt, die freilich eine sehr geringe historische Berechtigung hatte gegenüber vielen andern uralten Fürstensitzen des Landes. Und mit der Revolution brach diese unter der Asche glimmende Eifersucht zur hellen Flamme aus. Sehen wir auf das geistige Leben, so erscheint uns die Zerklüftung schier noch größer. In früherer Zeit besaß das Land eine Akademie (welche der Nassauer gerne eine Universität nennt) in Herborn, und die Stadt hatte eine der ältesten und bedeutsamsten Buchdruckereien, ebenso wie das rheingauische Städtchen Eltville, aufzuweisen. Herborn war ein Sitz solider Gelehrsamkeit und wichtig für das Land. Seine Akademie ging ein, als der Umfang des nassauischen Gebietes an Quadratmeilen zwar zunahm, die politische Geltung aber zusammenschrumpfte. Denn dies ist gerade die wunderbarste Eigenthümlichkeit unserer Kleinstaaten, daß sie, wenn ihr Landbestand auch derselbe bleibt, doch von Jahr zu Jahr kleiner werden, weil nämlich die Welt größer wird, und der Blick des Menschen jetzt mit demselben Maß ein Landesgebiet ermißt, wie vordem eine Stadtgemarkung. Weilburg besaß eine vielhundertjährige, altberühmte lateinische Schule, die es zu einem Bildungsmittelpunkte für die Gauen weit und breit machte; die lateinische Schule ist zwar geblieben, aber so viele gleichgute sind ringsum erstanden, daß sie eben zu einer Localanstalt in einem kleinen Lande herabgesunken ist. Der Rheingau und das Lahnthal waren Brennpunkte mittelalterlicher Kunstthätigkeit, aber in dem Maß, als die geistlichen Reichthümer von Mainz und Trier aufhörten hieher zu fließen, erlosch dieselbe. Die Kunst wie die höhere Wissenschaft erscheint in dem constitutionellen Kleinstaat als ein Ueberfluß, ein Luxusartikel, für den weder der Staat noch der Fürst Geld genug besitzt. Man wird kein neues Weimar im 19. Jahrhundert hervor zaubern können, die moderne Kunst ist zu theuer geworden für die Kleinstaaten. Hängt vollends die Pflege der Kunst von einer kleinstaatlichen Volksvertretung ab, dann ist gar alles verloren. Auch hier tritt dann der Particularismus im Particularismus hervor. Ein schlagendes Exempel erlebten wir im Jahr 1848 in der nassauischen Volkskammer, wo ein Abgeordneter erklärte, er stimme deßhalb nicht für einen Staatszuschuß zum Wiesbadener Theater, weil man die Erhaltung desselben als einer Kunst- und Bildungsanstalt befürworte. Er erläuterte hiezu, daß ja Wiesbaden bereits am meisten Kunst und Bildung im ganzen Land besitze, er könne daher nur für einen Theaterzuschuß stimmen, wenn man dieses Institut in denjenigen Theil des Landes, wo bis jetzt noch am wenigsten Kunst und Bildung vorhanden sey, nämlich auf den Westerwald, verlege. Diese Ansicht war ernstlich gemeint und der Abgeordnete wußte nicht, daß die Kunst sich selbst ewig fortbilde und von Einem Mittelpunkte einen weitern Umkreis überstrahle, und daß man nicht sagen könne, eine Stadt habe nunmehr genug Kunst, man müsse jetzt auch einmal einer anderen ein gleich großes Stück Kunst bringen und so weiter die Reihe um durch's ganze Land! So fehlt es denn in fast allen solchen Kleinstaaten an jedem größeren Sammelplatze wissenschaftlichen und künstlerischen Strebens, und ganz in gleicher Weise wie der Gewerbestand verbauert ist und die Bauersleute mit der kläglichen kleinen Arbeit für des Leibes Nothdurft sich abquälen, ist auch die Geistesarbeit zur Kleinkrämerei heruntergedrückt. Da sich dem wissenschaftlichen Mann gar keine andere Aussicht eröffnet, als für den Hausbedarf einer eng begrenzten Amtsthätigkeit seine Talente und Kenntnisse zu vernutzen, so begreift sich's, daß ein weitgreifender wissenschaftlicher Drang ebenso wenig sich entfalten mag, als die große Speculation auf gewerblichem Gebiet. Als die Revolution einigermaßen diese Schranken niederwarf, und wenigstens hier und da höhere Ziele des geistigen Ringens eröffnete, da merkte man erst mit großem Schrecken, welch ein Mangel an hervorragenden Köpfen in diesen Ländern herrsche, und bei den Landtags- und Reichstagswahlen hatten oft die unbedeutendsten Leute ganz leichtes Spiel, weil auf weit und breit gar kein Nebenbuhler zu finden war. Namentlich vermißte man schmerzlich, daß der eigentliche Bürgerstand so wenig geistige Kräfte in's Feld zu schicken wußte, wodurch für die Wühlereien des Beamtenproletariates von vornherein der Boden gewonnen war. Zur Verwirklichung eines großen und reichen constitutionellen Staatslebens stehen sich die Menschen in den kleinen Staaten viel zu nahe; jeder betrachtet den andern von dem bekannten Standpunkte des Kammerdieners, der an seinem Herrn keine Größe mehr entdecken kann. Im alten patriarchalischen Staate war dieses Nahestehen dagegen von entschiedenem Vortheil gewesen, da man ja ohnedieß das ganze kleine Ländchen nur als eine große Familie dachte. Bei unsern constitutionellen Zuständen suchte man geschlossene politische Parteien in den Kleinstaaten zu bilden und ward selbst in den aufgeregtesten Tagen nicht recht fertig damit. Denn zu einer politischen Partei gehört doch auch, daß man einen Führer anerkenne, während in einem Kleinstaate, wie in einem kleinen Neste von einer Stadt, keiner dem andern die erforderlichen hervorragenden Eigenschaften zusprechen mag. Gelang es auch einer Partei in einer einzelnen Stadt etwa in einem Vereine ihre Kraft zu sammeln, dann brachte man es in der Regel wieder nicht zu Stande, daß sich ähnliche Vereine zum Anschluß in den übrigen Städtchen des Landes bildeten; denn dazu war die gegenseitige Eifersucht viel zu groß. Die Kammern fanden auch schon hierdurch in den Kleinstaaten ungleich schwieriger die Wirksamkeit einer Gesammtvolksvertretung als in den größeren. Es ist leichter die preußischen Interessen einheitlich zu vertreten, als die waldeckischen oder hessen-homburgischen. Wir begegnen in diesen kleinen Kammern einer solchen durch Jahr und Tag fortschwankenden Zersplitterung der Ansichten, daß eigentlich nie eine rechte Stimmenmehrheit vorhanden war. Die wichtigsten Fragen wurden mitunter dadurch entschieden, daß ein ober das andere Mitglied krank oder verreist gewesen, ja wohl gar, daß sich jemand eine Weile aus dem Saal entfernt hatte. So hing der Ausschlag fast immer an einer einzigen Stimme. Jeder Abgeordnete hatte die ganze Tasche voll von Sonderwünschen und Bedürfnissen seines kleinen Wahlbezirks, und nicht selten wurde dann im parlamentarischen Kleinhandel ein Zugeständnis; für die eine Gegend gegen ein Zugeständniß für die andere wechselsweise ausgetauscht. Dadurch spannen sich die Verhandlungen endlos fort, und die wichtigsten Staatsfragen blieben hängen, weil sich die Heerschaar der Localfragen immer wieder dazwischen drängte. Am schlimmsten kamen die Landeskassen bei diesem parlamentarischen Particularismus weg, indem sich die hunderterlei kleinen Verwilligungen für die einzelnen Gegenden und Einzelinteressen zu einer gewaltigen Gesammtsumme thürmten. Die widerstrebenden Elemente in den künstlich zusammengesetzten Kleinstaaten glaubte man am besten dadurch verschmelzen zu können, daß man die natürlichen Besonderungen als gar nicht vorhanden ansah. Dies ist nicht der Weg der socialen Politik. So schnitt man in Nassau den ehemals unter geistlicher Herrschaft gestandenen Landestheilen ihr uralt heiliges Herkommen ab, verbot z. B. die Prozessionen, verletzte die katholische Bevölkerung durch die Art der Verwendung von allerlei aus den Säcularisationen geflossenen Geldern. Um diese Gebiete den andern zu verschmelzen, hätte man eben gerade ihr besonderes Volksthum bis zu einem gewissen Punkte gewähren lassen sollen. Man centralisirte die Gemeindeverwaltung, in welcher just die örtlichen Verschiedenheiten das größte Recht hatten, auf's strengste, konnte es aber nicht einmal dahin bringen, daß die Kronenthaler und die preußischen Thaler in dem kleinen Lande einerlei Curs gewannen, indem dieselben bis vor einigen Jahren nördlich der Lahn je um drei Kreuzer höher verausgabt wurden, als südlich dieses Flusses. Das nasse Maß wechselte trotz aller Verwaltungscentralisation durch alle Stufen, und war fast in jedem Städtchen ein anderes. Noch viel schlimmer stand es mit dem Fruchtmaß. Statt hier eine sehr wohlthätige Einigung herbeizuführen, begründete man z. B. eine höchst überflüssige Einheit des Kalenders, indem jeder Einwohner gezwungen ist, den sogenannten Landeskalender zu kaufen, und bis auf diesen Tag eine Visitation nach Neujahr von Haus zu Haus geht, um nachzufragen, ob man seinen Kalender auch richtig gekauft hat! Es bildet einen wahrhaft komischen Gegensatz, wenn man bedenkt, daß sich der Staat so viele Mühe gibt, sämmtliche Einwohner nach der nämlichen Kalenderausgabe ihre Zeitrechnung regeln zu lassen, während er auf einem Raume von 62 Quadratmeilen nicht weniger als siebenzehnerlei verschiedenes Fruchtmaß im Schwange gehen ließ, nämlich: zweierlei Mainzer Maß, Darmstädter, Friedberger, Frankfurter, Wetzlarer, Weilburger, Herborner, Dillenburger, Hachenburger, Herschbacher, Nassauer, Hadamarer, Dietzer, Limburger, Coblenzer und Bopparder Maß! Diese Maße unterschieden sich obendrein nicht bloß nach der Größe, sondern mehrentheils auch wieder nach ihrem Eintheilungsgrund, sie wurden demgemäß im Einzelnen wieder zerfällt nach dem System der Achtel, Malter, Virnsel, Mesten, Sester, Simmern, Kompf, Gescheid, Mäßchen, Minkel, Schoppen u. s. w., was dann schließlich zu einem babylonischen Wirrsal führte. Und trotz der centialisirten Verwaltung ist es doch erst in neuester Zeit möglich geworden, eine Einheit des Maßes herzustellen! Ja die Bureaukratie hatte im Gegentheil früher mitunter ihr sonderliches Wohlgefallen an derlei sinnloser Vielfältigkeit, während ihr die natürlichen Besonderungen ein Gräuel waren. Wie es eine Zeit gab, wo es in Deutschland für eine Art von Demagogie galt, auf Zoll- und Münzeinigung und dergleichen zu dringen, so in Nassau, wenn Einer über das bunte Farbenspiel dieser Schoppen und Malter Beschwerde führte. Als die frühere Abgeordnetenkammer den gleichmäßigen Curs des preußischen Thalers für das ganze Ländchen nicht ohne Kampf durchsetzte, galt dies als ein Triumph der Opposition, als ein Sieg der »modernen Ideen«! »So schwer man es in einem Kleinstaate irgend einer bedeutenderen Persönlichkeit oder Thatsache machen wird, sich zur Geltung zu bringen, so blind hängt hier doch gemeiniglich der Autoritätsglaube an dem, was sich einmal einer gewissen Anerkennung erfreut. Es mag widerspruchsvoll erscheinen, aber es ist doch richtig: nicht sowohl der Freiheitsdrang war es, als vielmehr der pure Autoritätsglaube, das Gelüsten einer anerkannten Macht zu gehorchen, was die kleinen Staaten so rasch zu Anhängern der Revolution machte. Man konnte sich vorher die Möglichkeit einer solchen Staatsumwälzung gar nicht denken, darum war, als sie wirklich hereingebrochen, der Glaube an die Allmacht ihrer Triebkräfte ein unbegrenzter. Man hielt zu der Revolution nicht um der Freiheit willen, sondern aus Furcht vor ihrer Macht, d. h. man ward freisinnig aus Knechtssinn: man katzbuckelte vor den neuen Volksmännern, nicht weil man sie für besser gehalten hätte, als die Herren vom alten Regiment, sondern weil man sie für mächtiger hielt. In den größeren Staaten behielt die Regierung doch immer noch ein Stück ihres Ansehens, und der Glaube an ihre Macht war nicht ganz verschwunden; in den kleinen Staaten hatte die herrschende Gewalt mit dem ersten Stoß alle Autorität eingebüßt. Allein deßwegen waren die Männer der Revolution auch wiederum der gleichen Gefahr ausgesetzt. So lange die revolutionäre Stimmung oben war, regierte und verwaltete der Landtag, und die Ministerien konnten höchstens einen guten Rath geltend machen; als der Rückschlag des neu gekräftigten conservativen Sinnes eintrat, regierten wiederum bloß die Ministerien und die Kammer sank von selbst zu einem bloßen Beirath herab. Wozu nützte nun all der großstaatliche constitutionelle Apparat in diesen kleinen Ländern? Es waren bei diesem Wechsel der Macht keineswegs förmliche Verfassungsverletzungen hüben oder drüben vorgekommen, es war bloß die moralische Macht oder Ohnmacht gewesen, die zwischen beiden Extremen auf- und abgestiegen war. In Oesterreich und Preußen konnte die Krone in den schlimmsten Tagen doch immer noch auf das treffliche Heer weisen, das auch eine Art von Volksvertretung ist, und wenn revolutionäre parlamentarische Versammlungen auf das Recht des Aufruhrs pochten, dann war bei so ausgedehnten Ländermassen die Größe und die natürliche sociale Gliederung der Landesbevölkerung selber wieder das natürliche Hinderniß einer allgemeinen Volkserhebung. In Nassau dagegen konnte, als die Kammer herrschte, die Bevölkerung des ganzen Landes binnen zwei Tagen vor dem Hotel eines widerstrebenden Ministeriums versammelt werden, und als gegentheils das Ministerium oben war, bedurfte es nur eines telegraphischen Hülferufs nach Mainz, um mit ein paar Regimentern Reichstruppen die ganze widerspenstige Bevölkerung in die Tasche zu stecken. Da hört der Constitutionalismus von selber auf. So lange die nassauischen Soldaten in dem Revolutionsjahr in den einheimischen Garnisonen lagen, fehlte die Autorität, und es zeigten sich bedenkliche Symptome der Widersetzlichkeit, mancher Vers des Heckerliedes wurde gesungen, und die verblendeten badischen Republikaner glaubten, sie hätten deßwegen schon das ganze nassauische Militär in der Tasche. Als aber dieselbe Mannschaft gegen den badischen Aufruhr in's Feld rückte und zwischen preußische und hessische Truppen zu stehen kam, da ging ihnen wieder der Glaube an eine ganz andere Autorität auf, als diejenige war, der sie im Heckerlied gehuldigt, und sie schlugen kraft dieser Autorität den Freischaaren unbedenklich auf die Köpfe. Diese Mischung des neuen und des alten Autoritätsglaubens machte sich dann auch in ganz humoristischer Weise geltend, namentlich bei den Bauern, von denen nicht wenige nach der Republik verlangten, dazu aber auch den Herzog beibehalten wollten. Aus allen diesen Thatsachen, welche das Mißverhältniß zwischen großstaatlichem Regierungswesen mit einem kleinstaatlichen Landesgebiet darlegen, läßt sich eine zwiefache Folgerung ziehen: Die wesentlich auf einen großen Staatsorganismus berechneten modernen Verfassungsformen sind in einem Kleinstaat nur dem Wortlaut, nicht der Sache nach, zu verwirklichen, und in Ländern so kleinen Umfanges kann nur die patriarchalische Regierungsform eine Wahrheit seyn. Nimmt man aber an, daß die patriarchalische Regierungsform in unsern Tagen eine Unmöglichkeit ist, dann muß man sich auch nicht scheuen, weiter zu folgern, daß auch die kleinen Staaten eine Unmöglichkeit geworden sind. Viertes Kapitel. Die staatlichen Uebergangsgebilde und die politische Moral. (Geschrieben im Jahre 1850) Höchst lehrreiche Züge zur Zeichnung des Verhältnisses zwischen unserm Volksleben und unsern Staatenbildungen bietet Kurhessen mit seinen neueren Krisen und Zuständen. Hessen hat von Haus aus das Zeug zu etwas mehr als einem Kleinstaat, es gibt einen Stamm, ein Volk der Hessen, es gibt eine wirkliche hessische Geschichte. Das Land ist aber durch die Ungunst seiner geschichtlichen Schicksale auf der Uebergangsstufe von einem Kleinstaat zum größern Staate stehen geblieben. Seit Jahrhunderten bereits hat das Hessenland der ältern Linie den Kelch des gemeinsamen deutschen Jammers immer auch noch einmal in besonderer Füllung zu trinken gehabt. Zur Zeit des schmalkaldischen Bundes war Hessen auf den Gipfel seiner politischen Bedeutsamkeit gestiegen, ein genialer Fürst saß auf dem Thron und die Landgrafschaft spielte eine Rolle in den deutschen und europäischen Händeln, welche wir mit modernem Ausdruck als die eines deutschen Großstaates bezeichnen würden. Aber mit dem Tage vor Ingolstadt, wo die Entscheidung über des deutschen Reiches Zukunft in Hessens Händen lag, erschien auch jenes dämonische Schicksal, welches fortan nicht mehr von Althessen gewichen, und jenem Moment des entscheidenden deutschen Einflusses folgte die Gefangennehmung des Landgrafen Philipp und die Vernichtung seiner politischen Macht auf dem Fuße. Das Märtyrthum, welches Philipp in fünf Jahre langer Haft auf sich genommen, ist von da an gleichsam auf das ganze alte Hessenland übergegangen. Mit des Landgrafen Tode kam die hessische Brudertheilung, in ihr ward die natürliche Geltung Hessens als des politischen Schwerpunktes im westlichen Mitteldeutschland für Jahrhunderte vernichtet. Darmstadt, das neue Hessenland, welches der Volkswitz der Althessen in Armstadt umtaufte, blühte auf und wurde reich, indeß Althessen zurückging. Politischer Hader und Religionskämpfe entzweiten die beiden, ob auch religionsverwandten, Bruderländer, und Hessen schmeckte so den dreißigjährigen Krieg vor, noch ehe derselbe für ganz Deutschland hereingebrochen war. Ein Landgraf, der zugleich König in Schweden, ließ Kurhessen schon vor langer Zeit das Elend jener zwieschlächtigen Stellung durchkosten, an welchem jetzt eine der edelsten deutschen Volksgruppen, die schleswig-holsteinische, zu verbluten droht. Dann kam das Regiment der persönlichen Laune und der geheimen Einflüsse; von dem 18. Jahrhundert wurde es dem 19. vererbt. Das tolle Fastnachtstück des »Königreichs Westphalen,« als Jerome in Kassel Komödie spielen ließ und Maskenbälle hielt und beiläufig auch regierte, fiel als lustige Episode zwischen so manche tragische Situation; es stellte wenigstens eine neue und originelle Schattirung des Regiments der persönlichen Laune dar. Die kurhessischen Zustände wurden sprüchwörtlich. Die Stürme des Jahres 1830 zertrümmerten die alte ständische Verfassung; die neue Constitutionsurkunde nahm sich auf dem Papier vortrefflich aus, und galt bald doch nur für ein Stück Papier. In Kurhessen und Hessendarmstadt hatte sich allmählig ein förmlicher hessischer Dualismus herausgebildet, der auch noch heute für das ganze politische Leben beider Länder maßgebend wird. Darmstadt ist nicht nur ein neues Land seiner Gebietszusammensetzung nach, es ist auch seit Menschenaltern im Sinne eines modernen Staates verwaltet worden. Bei Kurhessen dagegen versuchte man's immer wieder mit dem patriarchalischen Regiment; über den Erfolg hat uns noch die jüngste Vergangenheit zur Genüge belehrt. Hessenkassel sah sich, als ihm Marburg wieder zugefallen war, im Besitze von fast der ganzen althessischen Ländermasse; fast alle die Orte, an welche sich die großen Erinnerungen der hessischen Geschichte knüpfen – Kassel, Marburg, Frankenberg, Fritzlar u. s. w. zusammt den Stammsitzen der einst so mächtigen niederhessischen Ritterschaft – lagen in seinen Grenzen, und jener ächte althessische Volksschlag, der sich in den Bauern im Schwalmgrunde, an der oberen Lahn und anderwärts so merkwürdig rein erhalten hat, bildete den Kern einer ganz originellen Bauernschaft. Wie das Land im Laufe der Zeiten geschwankt hat zwischen dem Beruf zu einem kleinen oder zu einem größern Staate, so steht dieses zähe, trotzige Volk der Althessen, der blinden Hessen, auf der Verbindungsbrücke zwischen norddeutschem centralisirtem und mitteldeutschem individualisirtem Volksthum. Da sind noch die störrigen Bauern, die von Haus aus gar nicht recht nach Mitteldeutschland passen wollen, die aber durch politische Einflüsse immer tiefer in mitteldeutsches Wesen hineingetrieben worden sind. Eine Sage von einem hessischen Dorfe im Ohmgrund, welches katholisch blieb, obgleich es ganz nahe bei dem streng protestantischen Marburg liegt, zeichnet dieses trutzige Wesen. Die dortigen Bauern waren nämlich, so lautet dieser historische Mythus, kurz nach der Reformationszeit wirklich zur neuen Kirche übergetreten. Als sie nun zum erstenmale das Abendmahl unter beiden Gestalten erhalten sollten, trug sich's zu, daß man aus Versehen den Inhalt eines Essigkruges statt Weines in den Kelch geschüttet hatte. Da erklärten die Bauern, lieber, als daß sie solchen Wein tränken, wollten sie gar keinen trinken, kehrten zur alten Kirche zurück, und mitten unter protestantischen Nachbarn blieben sie ihr treu bis auf diesen Tag. Diese wunderbare Kreuzung des äußersten Eigensinnes mit dem äußersten Leichtsinne bekundet uns, daß wir an den Grenzmarken des starren niederdeutschen und des beweglichen mitteldeutschen Wesens stehen. In den schweren Krisen, welche Kurhessen in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat, zeigt es sich, daß das Staatsregiment mächtiger war, als in den Kleinstaaten, aber minder mächtig als in den deutschen Großstaaten, und gerad hierdurch war das Land in weit höherem Grade ein Gegenstand des Kampfes für die sich befehdenden Mächte der deutschen Sonderpolitik, als es irgend ein vollendeter Kleinstaat gewesen ist. Es entspricht dieser Stellung das passive, aber keineswegs theilnahmlose Verharren des kurhessischen Volkes, welches weder mit jener besonnenen Energie, wie sie die Schleswig-Holsteiner entwickelten, noch mit dem ebenso rasch auflodernden als wieder zusammensinkenden Studentenenthusiasmus der südwestdeutschen liberalen Volksmassen zu vergleichen ist. Nicht bloß die Substanz der kurhessischen Händel war dem Volke sehr einleuchtend, sondern auch die Form, in welcher dieselben sich entwickelten. Sie ist im politischen Leben für uns zwar neu, im bürgerlichen aber trivial: die Form einer Proceßverhandlung. Die beiden Hauptmächte des Staatslebens, die gesetzgebende und vollziehende Gewalt, führten in Kurhessen einen großen Proceß mit einander: jeder Theil versicherte, sich auf sein gutes Recht berufen zu können, die Advokaten stritten herüber und hinüber, aber freilich sprach jeder Theil zu einem andern Richter. Und wunderlich genug ist der ganze Gang dieses großen Processes wiederum aus einer Mosaik von lauter kleinen Processen zusammengesetzt gewesen, ein endloser Knäuel von Specialprocessen umschlang alle Vorkämpfer der processirenden zwei Parteien, und seltsamer Weise war es endlich ein Proceß, mit welchem man den ersten Stein auf den kurhessischen Minister schleuderte. Was ein Proceß ist, das weiß der gemeine Mann in Deutschland leider nur allzugut, er kennt die processualischen Formen ganz anders als die diplomatischen. Circulardepeschen und Instructionen und Noten sind ihm fremd, aber was Decrete, was Insinuationen, was Erkenntnisse und Instanzen sind, das hat er gründlich los, sein eigener Geldbeutel hat ihm zum öftern Ausweis darüber gegeben. Die Analogie des Protestes geht aber noch weiter. Dem gemeinen Mann in Deutschland ist der Proceß freilich ein Rechtsstreit, aber der Ausgang ist ihm nach uralter Tradition nicht sowohl der Wahrspruch des allgemeinen Rechtsbewußtseyns als eine Lotterie des Rechtes. Der Civilproceß ist dem Bauern ein Hazardspiel. Mit ganz ähnlichen Geheimmitteln des ererbten Aberglaubens, mit welchen andere Völker zum Glücksspiele sich rüsten, betritt der deutsche Bauer heute noch am entscheidenden Tage die Gerichtsstube. Die Leidenschaft der Deutschen des Tacitus für das Spiel lebt weit mehr noch in den Gerichtsstuben fort als an den grünen Tischen. Der Proceß ist dem gemeinen Manne ein »Rechtsspiel.« Als ein »Rechtsspiel« sieht die große Masse des Volkes ihre Privatprocesse an, als ein Rechtsspiel ist auch der Bevölkerung des Landes der politische Proceß in Kurhessen erschienen, und darin lag die auflösende und zersetzende Kraft der kurhessischen Händel. Es waren die zwei höchsten Autoritäten der Gesetzesgewalt, welche im Processe mit einander lagen, im »Rechtsspiele,« wie es das Volk auffaßt. Mag in solchen Fällen gewinnen, wer will, die volle, ganze Autorität des Gesetzes im Volksbewußtseyn wird jedenfalls verlieren. Das Volk urtheilt nicht so fein, daß es die abstracte Würde des Gesetzes unterschiede von den persönlichen Vertretern derselben. Auch beim Civilprocesse glaubt der Bauer, der von seinem guten Rechte vollständig überzeugt war, darum doch nicht, daß der Entscheid etwas anderes gewesen sey, als der letzte Würfelfall im Rechtsspiel. Die schwächste Seite in dem Volkscharakter der mitteldeutschen Kleinstaaten liegt nun gerade darin, daß der Glaube an die Autorität des Gesetzes hier am meisten unterwühlt und gebrochen, daß der Geist der conservativen Sitte vielfach erloschen, daß die naive Loyalität verschwunden ist. Darum sollte man hier gerade alles vermeiden, was einen Proceß der Autoritäten, was ein politisches Rechtsspiel herbeiführen kann. Dadurch erhielt Preußen ein so gewaltiges moralisches Uebergewicht in den mitteldeutschen Ländern, daß es in den entscheidenden Augenblicken der Jahre 1848 und 1849 bewies, wie tief der instinktive Respekt vor der Wucht des Gesetzes noch in dem Bewußtseyn seiner Bevölkerung gewurzelt sey. Dies war just jenes eigenthümliche Wesen, welches den Demokraten als »specifisches Preußenthum« so erstaunlich lästig vorkam. Das Bedürfniß, unter der Zucht einer strengen Gesetzesautorität zu stehen, ist einer der ersten Vorzüge, welche der ernstere, abgeschlossenere, an größere politische Maße gewöhnte norddeutsche Volkscharakter vor dem zerfahrenen mitteldeutschen voraus hat. Vor wenigen Menschenaltern war auch in den mitteldeutschen Kleinstaaten der Sinn für die Autorität des Gesetzes noch weit stärker vorhanden. Aber die moderne Kleinwirthschaft, welche, wo es die Executive galt, das Gesetz nicht als die Basis des Vollzugs, sondern als die Satire auf den Vollzug erscheinen ließ, zerstörte furchtbar rasch diesen guten Geist. Nicht als ob wir Mitteldeutsche allesammt Anarchisten und gesetzlose Menschen wären, aber jener gleichsam angeborene Instinkt der Gesetzmäßigkeit ist den Massen der Bevölkerung verloren gegangen. Er kann nur wiedergewonnen werden durch die andauernde Herrschaft einer strengen und gerechten Autorität des Gesetzes, einer Autorität, die nicht mit sich selber in Fehde liegt, die nicht im Rechtsspiel um ihre eigene Macht processiren muß, einer Autorität, die zugleich zwischen den Zufälligkeiten unseres politischen Staatensystems und den natürlichen Besonderungen des Volksthumes zu vermitteln weiß. Die kurhessischen Händel, insofern sie eben in der Gestalt eines Kampfes um die Macht des Gesetzes auftraten, der andererseits doch wieder nur ein persönlicher Kampf war, in der Gestalt eines Processes, eines Rechtsspieles, sind nach beiden Seiten ein furchtbarer Stoß für die Autorität des Gesetzes im deutschen Volksbewußtseyn gewesen, und zwar nicht bloß, weil sie als ein so populärer, dankbarer Stoff in so populärer Form erschienen, sondern auch, weil sie gerade in dem Theile Deutschlands spielten, wo es am meisten noth thut, daß das Ansehen der gesetzlichen Gewalt auch als mit den Trägern derselben untrennbar verbunden wieder Boden gewinne. In Staaten mit anderen Volkszuständen, in Staaten von größerer materieller Macht, hätte die Regierung hoffen können, einen solchen Proceß wirklich zu gewinnen, in Kurhessen dagegen hätten es beide Theile aus Gründen der socialen Politik, um der Autorität des Gesetzes im Volksbewußtseyn, um der Schwachen willen (und die Schwachen bilden die Masse) nicht zum Proceß, nicht zum Rechtsspiel kommen lassen dürfen. Nicht die streitenden Parteien gewinnen bekanntlich in der Regel bei den Processen, sondern die Advokaten, und da die Advokaten im Lande nicht fertig zu werden schienen, so standen die auswärtigen Advokaten alsbald viele tausend Mann hoch vor der Thüre des armen Hessenlandes. Der Staat ist heutzutage der mächtigste, in welchem die Autorität des Gesetzes am tiefsten und naivsten im Volksbewußtseyn wurzelt und – die Autorität der Sitte. Denn was der Instinkt der Gesetzlichkeit im politischen Leben ist, das ist der Instinkt der Sitte im socialen. Wenn ja eine Nothwendigkeit vorhanden ist, daß die deutschen Kleinstaaten von den großen verschlungen werden, dann ist sie es zumeist darum, weil in jenen mit dem zerfahrenen Staatsregiment auch die Autorität des Gesetzes und der Sitte am ärgsten zerfahren ist. Hessenland hat ein historisches Recht auf der Karte von Deutschland, es hat im deutschen Westen denselben natürlichen Beruf der Vermittelung norddeutschen und mitteldeutschen Wesens, wie Sachsen im Osten. Dabei müßten aber freilich die Grenzen Hessens wie Sachsens anders gesteckt seyn wie gegenwärtig. Die Zerstückelung und theilweise Zertrümmerung Hessens und Sachsens ist im Hinblick auf die gesammte staatliche Volksgliederung Deutschlands nicht tief genug zu beklagen. Wenn man durch einen großen Theil Kurhessens geht, dann sieht der Wanderer häufiger als anderwärts die Trümmer früheren Wohlstandes, stolze alte Kirchen in kleinen heruntergekommenen Dörfern: stattliche Brunnen, mit hübscher Steinmetzarbeit geziert, die auf einen früheren Ueberschuß des Gemeindevermögens hindeuten, der sich jetzt allem Anschein nach in einen Ueberschuß an Gemeindeschulden verwandelt hat; Ringmauern, wo man jetzt den Ort passender mit einer Gartenhecke einfrieden würde. Und dennoch wohnt in diesen Dörfern mehrentheils noch der alte hessische Bauer, heruntergekommen, oft aus eigenem Trieb verbittert, öfter verhetzt, häufig vom Branntwein entnervt, und doch im großen Ganzen zumeist sich selber treu. Und wie ist die einst so stolze, reiche und mächtige hessische Ritterschaft zusammengeschmolzen! Aber auch jene Denksteine fürstlicher Macht, mit denen des Landes Hauptstadt so überreich geschmückt ist, beginnen zu verwittern, ob sie auch meist kaum ein Jahrhundert erst gedauert haben. Und zwischen ihnen ragt bedeutungsvoll jene seltsame moderne Ruine, die »Kattenburg« hervor, ein kolossaler Steinhaufen, der den Unterbau zu einem an Pracht und Festigkeit alles überstrahlenden Fürstenschlosse bilden sollte; aber der erschütternde Schritt der modernen Zeitgeschichte ließ das stolze Werk nicht über das Erdgeschoß aufsteigen, und die Grundgewölbe beginnen zu bersten, noch ehe die Last schützend auf ihnen ruht, denen sie wiederum eine Stütze seyn sollten: grüne Reiser sprossen zwischen den Steinen auf, ob es gleich kaum ein paar Jahrzehnte her ist, daß man sie wie für eine Ewigkeit fest zusammengefügt, und die Knaben spielen in den labyrinthischen Gängen der im Entstehen gebrochenen Burg. Das sind einige Züge zu der Geschichte vom Widerstreit der deutschen Volksgruppen und der deutschen Staatengebilde. IX. Die kirchlichen Gegensätze Erstes Kapitel. Volksthümliche Mystik der Revolution (Geschrieben im Jahre 1850.) In den langen Friedensjahren war ein Zug des religiösen Nationalismus langsam aber tief in das deutsche Volksthum eingedrungen. Es war seltsam anzuschauen, wie sich in den Tagen der Bewegung von 1848 selbst in den kirchlich und politisch durchwühltesten Gauen diesem volksthümlichen Rationalismus plötzlich ein Gegenzug volksthümlicher Mystik, ein Zug bald mehr religiösen, bald mehr politischen Aberglaubens zugesellte. Mit Einem Schlage hatte sich ein ganz absonderlicher Zweig von Volksliteratur entwickelt, oder richtiger neu belebt, die uns einen tiefen Blick in das innerste Seelenleben unseres Volkes werfen läßt: ich meine jene tausenderlei politischen und religiös-mystischen Prophezeiungsbüchlein, wie sie vom Buchhandel, mehr noch auf den Jahrmärkten und von Hausirern feilgeboten, in unzähligen Exemplaren unter dem gemeinen Mann verbreitet worden sind. Ausdeutungen der Apokalypse auf den nahen Weltuntergang, Weissagungen unserer politischen Zukunft aus dem Volksmunde, sibyllinische Mönchsorakel, Vorgesichte von Hellseherinnen u. dergl. wurden in jedmöglicher Form und Unform zusammengetragen. In den Sturmtagen, wo sonst fast kein Buch verkauft wurde, ging dieser wunderliche literarische Artikel reißend ab. Nicht der Umstand, daß diese Schriften damals abgefaßt worden wären, daß also das hoch erregte Geschlecht sich plötzlich erfüllt von der Gabe der Weissagung gefühlt hätte, ist das Merkwürdige – (denn die meisten und eigensten dieser Orakel stammen aus längst vergangenen Tagen) – sondern, daß die große Masse der Gebildeten und Ungebildeten mit Einemmale so gierig nach diesen geheimnißvollen Blättern griff, die das nämliche Publikum ein Jahr vorher mit Spott und Lachen als Alteweiberhistorien und Ammenmährchen bei Seite geschoben haben würde. Man blieb aber nicht stehen bei dieser volksthümlichen Mystik der Revolution. Vom Aberglauben zog es den gemeinen Mann in Gegenden, wo er die Kirche fast vergessen hatte, weiter zum kirchlichen Glauben, und aus einem zuerst mehr allgemeinen kirchlichen Conservatismus, welcher Katholiken und Protestanten auf kurze Zeit zum gemeinsamen Kampfe wider die kirchliche und politische Gleichmacherei einigte, trat rasch eine so scharfe Sonderung des protestantischen und katholischen Deutschlands hervor, wie sie seit Jahr und Tag nicht bestanden hatte. Das kirchliche Element ist seitdem auch äußerlich zu einer wunderbaren Macht in unserem ganzen Staats- und Gesellschaftsleben aufgewachsen. Betrachten wir zuerst jene Rolle, mit welcher der Aberglaube mahnend im deutschen Volksthum hervortrat, als man sich dessen am wenigsten gewärtigte, damit wir dann zu der Rolle des Glaubens übergehen und das Gewicht, welches den kirchlichen Gegensätzen für die neueste Volkskunde Deutschlands zugefallen ist, in einigen Federstrichen zeichnen. Ein theosophischer, ein poetisch-mystischer Grundzug des deutschen Volkscharakters war es, der so unerwartet hindurchdrang, als die Geister in der politischen Bewegung auf einander platzten, ein mystischer Grundzug, den ein ganzes Menschenalter voll rationalistischer Schulmeisterei wohl hatte verhüllen, aber nicht austilgen können. Es handelt sich um ein Stück roher, formloser, aber tief angelegter Volkspoesie, um eine höchst wunderbare Märzerrungenschaft – doch just nicht die schlechteste! Unsere Gelehrten haben sich seit Jakob Grimms ruhmreichem Vorgange die Erforschung jenes Volksaberglaubens eifrig angelegen seyn lassen, wie er in sagenhafter Anschauung von Geist und Natur, in Lebensregeln und Sprüchen historisch abgeschlossen und fertig sich ausprägt: warum sollte man eine nicht mindestens gleich große Aufmerksamkeit dem Volksaberglauben zuwenden, wie er hier flüssig werdend und gestaltenbildend vor uns tritt, die eigensten Ideen der Gegenwart in deutungsvolle poetische Formen gießend? Denn indem der Volksglaube sich der alten Weissagungen eines Hermann von Lehnin und seiner Geistesbrüder bemächtigte, bildete er dieselben allerdings auch weiter, durchwob sie mit den Gedanken der Zeit und spann sie auf die Erfüllung seiner nächsten Wünsche und Hoffnungen aus, so daß es hier in der That einem Forscher, der nicht bloß in vergilbten Pergamenten zu schürfen, sondern auch in die frische Gegenwart des Volkslebens einzudringen weiß, vergönnt ist, mitten in die Werkstatt des poesievollen Volksaberglaubens zu schauen. Es ist etwas ganz naturgemäßes, daß das Volk, als es sah, wie alle Weisheit der Schriftgelehrten durch den unberechenbaren Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse zu Schanden wurde, zu den Propheten aus seiner eigenen Mitte umkehrte, daß es in den Weissagungen des wandernden Spielmannes, Bernhard, der Tagelöhnerin Helene von Brügge, des Krämers Kunz von Eichstetten, des Schäfers Jaspars tiefere Wahrheit fand, als in den Büchern und Zeitungen, die aus einer seiner Gedankenwelt fremden Bildungsschicht sich ihm aufgedrängt hatten. Es war das auch eine Art Emancipation. Man gewahrte überall, selbst in den gebildetsten Kreisen, daß die ernsten Mahnungen der überstandenen und der drohenden politischen und socialen Kämpfe den Einzelnen religiöser, gläubiger stimmten, und die rohesten Schichten des Volkes wurden im Anfang wenigstens für den Aberglauben empfänglich gestimmt. Die Revolution hat das sogenannte Freikirchenthum ruinirt, dagegen dem strengen Kirchenregiment, dem werkthätigen Glauben wie dem Pietismus und der Mystik ein unabsehbares Feld geöffnet. Das trifft zumal beim gemeinen Manne zu. Der Bauer, der in den letzten Jahren vor der Revolution vielleicht kaum mehr in den Evangelien las, griff während und nach derselben zur Apokalypse und ihren socialen und politischen Auslegern. Ein mystischer Grundzug hat sich bei ihm in die Auffassung der Zeitgeschichte eingeschlichen. Das ist eben nichts neues: es ist in allen Zeitläuften dagewesen, wo erschütternde Weltereignisse beängstigend an die Seele des Menschen pochten. Oft schon verkündete man den jüngsten Tag bei solchem Anlaß. So hat sich die Volkssage also schon in uralter Zeit die Weltgeschichte, wenn sie wieder einmal mit Händen zu greifen war, als das Weltgericht versinnbildet. Mißwachs und theure Zeit, Seuchen, strenge Winter, merkwürdige Naturerscheinungen sind fast allen großen politischen Umwälzungen prophetisch vorangegangen: das weiß der Bauer, wenn er auch sonst nicht viel von der Geschichte weiß, und bildet sich daraus einen mystischen Zusammenhang zwischen Natur und Geschichte. Ein Chronist des Mittelalters erzählt, »die Hühner und Hähne hätten gar betrüblich gesungen,« weil schwere Zeiten nahe waren. In diesem Style schreibt heute noch der gemeine Mann – pragmatische Geschichte! Wenn der deutsche Bauer glaubte, das Erdbeben, welches im August 1846 verspürt wurde, sey das Vorzeichen gewesen des zunächst folgenden Hungerjahres und der daran gereihten Jahre des Krieges und Aufruhrs, wenn er sich dann weiter im Taumel der Umwälzung den neubelebten alten Sagen von einer letzten großen, entscheidenden Schlacht, auf welche die goldene Zeit folgen solle, überzeugungsvoll zuwandte, so entstand dadurch häufig ein Schicksalsglaube an die Revolution und deren endlichen Sieg, welcher mit der sonst so beharrenden Natur des ächten deutschen Bauern im grellsten Widerspruche stand. Wie tief unterscheidet sich auch hier die von dämmernder Poesie erfüllte Natur des Bauern von dem prosaischen städtischen Arbeiter, den Manche mit dem Kleinbauern in Einen Sack zusammenwerfen wollen! Jener Schicksalsglaube zeigte sich recht auffallend in Betreff des ungarischen Krieges. Er wurzelte hier in historischem Boden. Keine Art von Weissagungen war bei den Deutschen in den letzten Jahrhunderten so volksbeliebt und volksverbreitet, als die »Türkenprophezeiungen.« Noch bis zur Zeit der ersten französischen Revolution erschienen alljährlich sogenannte »Türkenkalender« mit haarsträubenden Schildereien künftiger und vergangener Türkengräuel angefüllt. Die Türken sind eine stehende mythologische Figur im deutschen Volksglauben geworden. In vielen Gegenden wird noch heute alltäglich zur bestimmten Stunde geläutet zum Gedächtniß der Türkennoth, und das regelmäßige Türkengebet ist noch nicht gar lange verschwunden. Diese, ich möchte sagen historische, Angst vor den Türken, welche durch allerlei kirchliches Herkommen ihre religiöse Weihe erhalten hat, tauchte wieder auf im Volksgeiste unmittelbar mit der ersten Erschütterung der langjährigen Friedensruhe Europa's. Allein erst mit dem Ausbruche des ungarischen Krieges schienen die Türkenprophezeiungen sich verwirklichen zu wollen. Darum glaubten z. B. die rheinischen Bauern – und anderwärts wird es nicht anders gewesen seyn – trotz aller Zeitungsnachrichten lange nicht, daß Kossuth besiegt sey, weil ihnen der unausbleibliche Türkenkrieg ein und dasselbe däuchte mit dem Siege Kossuths, weil es ihnen gleich einem Evangelium feststand, daß im Jahre 1850 die Türkenpferde aus dem Rheine trinken und an den Pfeilern des Kölner Domes angebunden seyn würden. Dieser Glaube erhielt eine Weile in der wunderlichsten Weise Nahrung durch die freundschaftlichen Beziehungen eines türkischen Grenzcommandanten zu Kossuth, durch das Asyl der ungarischen Flüchtlinge auf türkischem Boden, durch den Uebertritt Bems zum Islam, und endlich wohl gar durch die nachfolgenden orientalischen Verwicklungen. Die Theilnahme, welche das Geschick des Magyarenvolkes bei dem politisch noch sehr naiven Kern des gemeinen Mannes in Deutschland gefunden, war zum geringsten Theile politischer Natur; sie war in weit größerem Maße hervorgerufen durch den geheimnißvollen, fast orientalischen Zauber des Wunderbaren, welcher über dem ungarischen Krieg und seinen Helden schwebte, durch den festen Glauben an uralte Prophezeiungen, die sich von dorther hätten erfüllen müssen. In Westphalen, dem classischen Lande der Sage und des Volksaberglaubens, hat man sich eifriger als anderwärts bemüht, die Prophezeiungen, welche in den Jahren 1848 und 1849 eine so große Rolle bei dem Volke gespielt, zusammenzustellen. Dort zeigte sich auch die anziehendste und reichste Gruppe volksthümlicher Propheten, und Th. Beykirch zu Dortmund erwarb sich das Verdienst ihre Aussprüche in seinem »Kalender für unsere verhängnißvolle Zeit« zu sammeln. Dieses Buch hat mehrfache historische und literarische Erörterungen hervorgerufen; man beschränkte sich aber darauf, so viel mir bekannt, in das Materielle der Prophezeiungen einzugehen, während doch die fabelhafte Rückwirkung derselben auf das Volk das culturgeschichtlich Wichtigste bei der Sache ist. Ein statistischer Nachweis über den jedenfalls beispiellos ausgedehnten Vertrieb der Prophezeiungsbüchlein wäre lehrreicher als der scharfsinnigste Traktat über die Erfüllung oder Nichterfüllung des darin Verkündeten. Vergleicht man übrigens die in Beykirchs Sammlung aufgenommenen Prophetenstimmen mit einer großen Masse von Prophezeiungsbüchlein ganz andern Kalibers, welche nicht minder den literarischen Markt und die Jahrmärkte überschwemmten, dann entdeckt man leicht das unterscheidende Merkmal zwischen der historisch ächten und wirklich dem Munde des Volkes entquollenen Weissagung und vielfachem in neuester Zeit für den Markt gearbeiteten Fabrikat. Jene ungefälschten alten Prophetenstimmen wurzeln fast allesammt in dem Boden bekannter Sagenkreise, aus denen auch unsere dichterische Nationalliteratur so reichen Stoff geschöpft hat. Zum großen Theil laufen sie im Style der Barbarossa-Sage auf die Wiederkunft eines großen Kaisers oder Helden hinaus, der auf weitem Blachfeld, bald am Niederrhein, bald in Westphalen, bald im Elsaß den letzten großen Kampf ausfechten wird. Die streitenden Schaaren werden im Blute bis an die Knöchel waten, und ist der Sieg errungen, dann wird der Feldherr seinen Schild an den Birnbaum oder die Birke aufhängen, und die glückselige Zeit beginnt. Wie arm und mager nehmen sich diesen oft großartig poetischen Träumen gegenüber jene gemachten oder mit schlechtem Geschick gefälschten Prophezeiungsbüchlein aus, welche man am eifrigsten unter dem Volk zu verbreiten suchte, und die mit dem endlichen Siege der social-demokratischen Republik in dürren modernen Zeitungsphrasen um sich warfen! Wenn es gerade dem gemeinen Mann am schwersten hielt, das Vertrauen wieder zu finden auf eine festere Gestaltung der Dinge, wenn er auch dann, als die Heere längst den äußeren Entscheid gegeben hatten, dennoch die Revolution für noch lange nicht beendet hielt, wenn er oftmals schwankte, auf welche Seite er sich wenden sollte, dann wirkte hiezu gewiß nicht wenig der starre Schicksalsglaube, mit welchem er der Erfüllung seiner Prophetensprüche harrte. Und sollte auch ein voller europäischer Friede wiedergekehrt seyn, so wird es doch gewiß noch jahrelang dauern, bis der Bauersmann seine Felder wieder in der freudigen Gewißheit bestellt, daß er, was er gesäet, auch ernten werde. Haben sich doch auch unsere Staatsmänner zuletzt nicht frei bewahren können von dem mystischen Grundzuge! Mit rückwärts gewandtem Prophetengesicht sahen sie den mittelalterlichen Kaiser deutscher Nation auf dem Throne sitzen, umgeben von verantwortlichen Ministern und Unterstaatssecretären, gerüstet nicht mit dem Schwerte, sondern mit einem unbedingten oder aufschiebenden Veto, in Fehde liegend nicht mit Heiden und Ungläubigen, sondern mit unfügsamen Volkshausmajoritäten, während der Bauersmann, freilich ohne Vergleich poetischer, den kaiserlichen Retter und Helden auf dem Schlachtfelde erblickte, wie er seinen Schild an den geheimnißvollen verdorrten Birnbaum hängt, dessen Gezweig urplötzlich neu ergrünet! Die Prophezeiungen bildeten einen wirklichen Factor der Revolution. Sie waren eine bewegende Kraft in den untern Schichten des Volkes. Sie waren eine politische, weil eine kulturgeschichtliche Thatsache, obgleich vielleicht kein Staatsmann sie als solche erkannt und gewürdigt hat. Diese unscheinbaren löschpapierenen Büchlein voll dunkler Sprüche und Gesichte wirkten viel tiefer greifend revolutionär, als Struve's und Heinzens Brandschriften. Die Parteien ahnten das; aber statt das Volk bei seinem historischen, ureigenen Prophetenglauben zu packen, der in der dunklen, unverstandenen Tiefe seines religiösen Bewußtseyns wurzelt, gossen sie ihre kahlen Tendenzphrasen in die Form von prophetischen Blättern, die sich dann wie verrückt gewordene Zeitungsartikel ausnahmen. Der Volksführer hätte eine fürchterliche Macht in Händen gehabt, welcher in den Tagen der allgemeinen Gährung und Auflösung den Glauben des Volkes und dessen Aberglauben zu seinen Gunsten auszubeuten gewußt hätte. Das verstanden aber die deutschen Volksführer nicht! Kossuth verstand es beinahe, keiner aber hat es in neuerer Zeit, wenigstens in Betreff des Aberglaubens, besser verstanden, als der erste Napoleon. Und doch lag es so nahe, auf den wiederbelebten mystischen Zug des Volksgeistes welterschütternde Erfolge zu gründen, wenn das ganze gebildete Geschlecht nicht gar zu gescheidt geworden wäre! Die hessischen Bauern sagen mit einem prachtvoll schlagenden Ausdruck, »unvernünftig gescheidt,« um ein allerhöchstes Maß von Gescheidtigkeit zu bezeichnen: dieser Ausdruck ist wie gemacht für ein Geschlecht, dem über lauter Verstandesbildung gerade der einfachste Verstand abhanden gekommen ist. Zweites Kapitel. Die neue Macht der Kirche (Geschrieben im Jahre 1850) In den Ländern, wo noch ächter Wald und Wildniß ist, wo die Dörfer noch nicht städtisch geworden sind und das Volksthum noch nach größeren Massen zusammengehalten wird, in diesen streng protestantischen Landstrichen des deutschen Nordens und den entsprechenden streng katholischen des deutschen Südens, war auch in der Blüthezeit des modernen freien Kirchenthums der alte Kirchenglaube wenig oder gar nicht angegriffen worden. Hier fand die kirchliche Reaction, die so rasch und siegreich wieder einzog, ihren mächtigsten Rückhalt. Der westphälische Bauer vom alten Schlag, der jeden Juden, sey er noch so vornehm oder reich, mit Du anredet und einen Hebräer von sechs Fuß Höhe dennoch immer mit der Verkleinerungssilbe als ein »Jüdchen« bezeichnet, ist für die verneinende Kritik der Kirchenlehre noch nicht geboren. Der Tiroler, welcher den fremden Touristen mit Prügeln bedroht, wenn derselbe arglos am Freitag im Wirthshause eine Fleischspeise begehrt, ebensowenig. Die kirchliche Bedeutung solcher Länder und Volksgruppen hatte man durch lange Jahre ganz vergessen gehabt und es bedurfte der herzhaftesten politischen Erschütterungen, damit selbst scharfblickende und wohlgelehrte Leute inne wurden, nicht nur wie viel Aberglaube, sondern auch wie viel Glauben – in groben und feinen Formen – noch immer in dem deutschen Volke festsitze. In Gegenden Deutschlands, wo man seit 1845 keine Wallfahrt mehr gesehen, bewegten sich im Jahre 1850 mit einemmale wieder die langen Züge der Bittgänger. In Städtchen, durch deren Straßen seit der Reformationszeit keine Prozession gezogen, wurde in diesem Jahr die Frohnleichnamsprozession mit größerem Zustrom ausgeführt, als sonst in manchen altkatholischen Orten. Selbst in Berlin, wo Friedrich der Große die Erlaubniß zu einer solchen Prozession geben wollte, »falls es die Straßenjungen erlaubten,« haben es im Jahr 1850 die Straßenjungen wirklich erlaubt. Von allen öffentlichen Autoritäten hat die Kirche allein vollwichtigen Erfolg aus unserer Revolution gewonnen. Alle andern Mächte schwächten sich gegenseitig: die Macht der Kirche ist um das Zehnfache gewachsen. Und obendrein ganz im Stillen. Ein Tagesschriftsteller, der auf Originalität Anspruch machte, mußte sich vier bis fünf Jahre vorher noch ordentlich scheuen, Notiz zu nehmen von der kirchlichen Entwicklung, wie von einer abgethanen Sache, von einem zu kleinen Ding in so großen politischen Krisen – und siehe, da war mit einemmale die Kirche der Politik wieder über den Kopf gewachsen, und stand als eine entscheidende Macht inmitten all der schwankenden neuen Gebilde! Die Kirche wird schwach, sobald sie sich dem Volksleben entfremdet, darum waren die glänzendsten Perioden der theologischen Gelehrsamkeit nicht selten Perioden der Ohnmacht der Kirche. Sie wird stark und verjüngt sich, sobald sie wieder in unmittelbare Berührung mit dem Volk und seinen praktischen Bedürfnissen tritt. Diese Thatsache ist vor allem eine deutsche Thatsache, sie zeichnet das deutsche Volk, welches im tiefsten Sinne des Wortes ein christliches ist. Für den religiösen Radicalismus war schon beim Beginn der Märzbewegung kein Vorschreiten mehr möglich, denn er hatte theoretisch bereits den äußersten Gipfel erklommen; die praktische Spitze aber war ihm abgebrochen, weil der Gegendruck des Polizeistaates gewichen war. Es war über Nacht altmodisch, eine Art von vormärzlichem Liberalismus geworden, in kirchlichen Dingen verneinend aufzutreten, man hatte auch für den Augenblick gar keine Zeit dafür. Die meisten Wortführer des Freikirchenthums fühlten diese Verlegenheit, und trugen, um nicht ganz »in's Wasser gelegt« zu werden, ihre Fortschrittsfahne aus dem kirchlichen Lager ungesäumt in's demokratisch-socialistische hinüber. Ronge's Auftreten am Vorabend des Vorparlaments gab das Signal dazu – freilich in nicht sehr imponirender Weise! Der Deutschkatholicismus und was damit zusammenhängt wurde auf fast volle zwei Jahre auf Wartegeld gesetzt, und erst gegen das Jahr 1850 hin, als die politischen Hebel des Umsturzes nicht mehr recht packen wollten, wurden auch die Kirchenstürmer wieder zum activen Dienst berufen. Aber sie fanden nunmehr ein ganz anderes Publikum vor, sie mußten, wo sie noch vor zwei Jahren an das »Jahrhundert,« an die »Menschheit« appellirt, jetzt an die Partei und obendrein an eine sehr kleine und geschlagene appelliren. Ganz andere Wahrzeichen standen von vornherein auf der entgegenstehenden Seite. Während sich im ersten Ansturm der Revolution sonst kaum die dunkeln Spuren einer Parteibildung kundgaben, tauchte die katholisch kirchliche Partei plötzlich festgeschlossen und mit klaren Zielen aus dem politischen Strudel empor. Man beachtete es dazumal wenig, aber es war eines der bedeutendsten Zeichen der Zeit, daß schon in den Märztagen 1848 katholische Vereine – auch sie schienen über Nacht aus der Erde gewachsen – Wahlmanifeste für die bevorstehenden Reichstagswahlen mit ausdrücklicher Betonung des kirchlichen Interesses erließen. Und zwar geschah dies nicht bloß in rein katholischen Ländern, sondern gerade auch im Lande des gemischtesten Volksbestandes, in Mitteldeutschland, wo ein selbständiges Auftreten des Katholicismus – und vollends in politischen Dingen – bis dahin ganz unerhört gewesen war. Man ging dabei sehr klug zu Werke. Die Vereine gaben sich etwa den Titel »Für religiöse Freiheit« und dergleichen. Sie luden die Pfarrer ein, diejenigen Männer aus ihren Gemeinden, welche sich »durch Einsicht in die Bedürfnisse der Zeit und aufrichtige Anerkennung des Principes der religiösen Freiheit« auszeichneten, dem Vereinspräsidenten namhaft zu machen, der Verein werde dann die Wahlcandidaten bezeichnen, damit Zersplitterung der Stimmen vermieden werde u. s. w. Es ist bemerkenswerth, wie klar in der damaligen Begriffsverwirrung der katholische Klerus die Tragkraft der Religionsfreiheit erfaßte, und sofort einsah, daß nichts der Macht der Kirche förderlichen seyn könne, als die Befreiung von der gefährlichen Freundschaft der Constabler und Gendarmen. Noch schwebt mir recht lebhaft das Bild einer großen Volksversammlung aus den Märztagen vor, wo sich ein ehrsamer Schlossermeister über die einfältigen Pfaffen lustig machte, die da meinten, durch die Religionsfreiheit sey ihnen nun auch die Freiheit gegeben, das ganze Jahr hindurch wieder Prozessionen zu halten oder gar Klöster zu erbauen, während doch Religionsfreiheit klärlich heiße: »Befreiung von der Religion.« Die Hörerschaft bekundete durch jubelndes Beifallsgelächter wie hoch sie, gleich dem Redner, über jener curiosen Naivetät des Klerus stehe, und die Lachenden ahneten nicht, daß sie selber im vorliegenden Fall eigentlich die Naiven seyen. Die katholischen Vereine wucherten über Nacht wie Schlingkraut. So etwas läßt sich nicht äußerlich machen. Diese Vereine hatten unzweifelhaft Wurzel im Volke geschlagen. Ihr festes Zusammenhalten, ihre Disciplin fand nur in der Organisation der radicalen Vereine, später auch des Treubundes, ein Seitenstück. Die gemäßigten Vereine sahen neben diesen schlaglustigen und geregelten Truppenkörpern recht wie der Krähwinkeler Landsturm aus. Und doch bargen gerade sie so viel Weisheit und edlen Willen! Aber nicht Weisheit und Wohlwollen entscheidet, wenn ein Volk vom Fieber der Revolution glüht, sondern Klugheit und Thatkraft. Ich hatte Gelegenheit, in den aufgeregtesten Tagen einer Art von Provincialversammlung mehrerer Piusvereine beizuwohnen, die in einer sehr durchwühlten und kirchenfeindlichen Gegend abgehalten wurde. Der Eindruck war ein ganz romantischer. Ohne vorher viel Kunde in's große Publikum kommen zu lassen, hatten sich die Vereinsglieder in einem Saal versammelt, dessen Fenster von der Straße aus nicht »bestrichen« werden konnten. Statt des obligaten Tumultes damaliger Volksversammlungen herrschte feierliches Schweigen in dem Raume. Wenn man sich die Versammelten im gesteigerten Lichteffecte der erregten Phantasie etwa als eine in tiefer Höhleneinsamkeit ihre Mysterien feiernde Urchristengemeinde hätte ausmalen wollen, dann würden dießmal auch die heidnischen Verfolger nicht gefehlt haben, welche in Gestalt von allerlei Straßenpöbel bedenklich das Haus umwogten. Unter andächtiger Kirchenstille ward ein das Streben der Vereine anerkennendes Schreiben des Papstes verlesen. Nur auserlesene Redner traten auf, wie wenn es zur selbstverständlichen Disciplin dieser einer strengen Kirchenzucht befreundeten Versammlung gehöre, daß nicht jeder Laie und Liebhaber dreinrede wie ihm der Schnabel gewachsen. Man vernahm nicht bloß den breiten phlegmatischen Kanzelton, sondern daneben auch jene hinreißenden Accente eines glühheißen Glaubenseifers, rednerische Bruchstücke, welche klangen wie wenn sie aus dem Munde eines wandernden mittelalterlichen Kreuzpredigers kämen, wohl auch gewürzt mit einem derben volksthümlichen Humor, der nicht unvortheilhaft an die Tradition der Capuziner erinnerte. Den dramatischen Mittelpunkt aber bildete das Erscheinen der historischen Figur des Hofraths Buß auf der Rednerbühne, der, eben auf einer seiner Rundreisen begriffen, von der nächstvorhergehenden Station geraden Wegs aus den Händen insultirender Gassenbuben in die Versammlung gekommen war. Das zähe Wesen dieses merkwürdigen Mannes, ein wunderbares Gemisch von glühender Leidenschaft und äußerster Trockenheit, verfehlte nicht leicht seine Wirkung. Meistens abstract in seinem Gedankengange, anschauungslos und langathmig verwickelt in der Redeform, durch den rastlos sich zudrängenden Ueberschwall der Ideen unverständlich, wurde der Agitator allein durch den Nimbus eines nie gebrochenen Eifers, durch die Sammlung all seines Strebens in dem Brennpunkt eines unverrückten Ideals – der Herrlichkeit der katholischen Kirche – in seinen Kreisen volksbeliebt. Vielleicht hat unsere ganze Revolutionsgeschichte keinen eifrigeren und einseitigeren Charakter aufzuweisen. Aber seine unendliche Zähigkeit war nur das Spiegelbild der Zähigkeit seiner Partei. Alle andern Fractionen konnten es nicht verwinden, bald hier bald dort seitwärts zu blicken, die ultramontane allein steuerte unverrückt auf ihr einziges Ziel los, und jeder neue politische Gedanke, der aus dem Gewoge des großen Geisterkampfs aufwallte, wurde sofort ihrem letzten Gedanken, dem Gedanken an die Erhöhung der Kirche dienstbar gemacht. Am Eröffnungstage der deutschen Reichsversammlung fiel zwar der Antrag eines geistlichen Mitglieds durch, die Sitzungen mit einer kirchlichen Feier zu beginnen; aber wer in dem Augenblick, wo unter dem lauten Spott der Gegner und der Galerie über diesen Vorschlag abgestimmt wurde, ungeblendeten Auges die Reihen der Abgeordneten musterte, der mußte eingestehen, daß der Klerus und sein Anhang in einer für jene Tage unglaublich starken Schaar in der Paulskirche vertreten war. Noch wußte man nicht, wem diese Fraction sich zuwenden würde: um so mehr zeigte der Hohn, womit die Demokratie den Antrag jenes Geistlichen entgegennahm, daß unsere Radikalen mit Blindheit geschlagen seyen. Der entscheidende Augenblick war gekommen, wo die ultramontane Partei ihren Frieden schließen konnte mit der protestantischen Fürstengewalt, wo in Vergessenheit getaucht werden konnte das Gedächtniß jener langjährigen Reibungen, um derentwillen nicht wenige protestantische Regierungen das katholische Element in ihren Staaten als ein schlechthin gegnerisches angesehen hatten. Und dieser Friede ist damals – wenigstens für die nächsten Jahre der politischen Bewegung – geschlossen worden, ohne daß es die Demokratie auch nur des Versuchs werth hielt, seinen Abschluß zu verhindern! Sie hatte eben damals ganz vergessen, daß es überhaupt noch Fürsten und daß es überhaupt noch eine Kirche gebe! Es war ein böses Wahrzeichen, daß des deutschen Reichstages erste Abstimmung die Eröffnung des ernsten Werkes durch ein Gebet stracks zurückwies. Das war nicht nach deutscher Art und Sitte gehandelt; denn das deutsche Volk betet noch. Philipp Wackernagel ruft in seinem schönen Büchlein »Trösteinsamkeit« jenen Männern, die damals gegen das Gebet stimmten, das herrlichste Lied Arndt's in's Gedächtniß, das ein so ächt deutsches Lied ist, wie wenige andere: Sind wir vereint zur guten Stunde, Wir starker deutscher Männerchor, So dringt aus jedem frohen Munde Die Seele zum Gebet hervor.« Inmitten der politischen Bewegung wußten sich die kirchlichgesinnten Protestanten nicht so rasch auch äußerlich zu sammeln und zu ordnen, wie die Katholiken. Später dagegen griffen sie um so tiefer und nachdrucksvoller die kirchliche Behandlung der socialen Fragen auf. Im ersten Sturm des Jahres 1848 wollte die protestantische Geistlichkeit an vielen Orten ihre Kirchenverfassung als eine schwebende Frage den politischen Errungenschaften anbequemen; der katholische Klerus schmiegte umgekehrt diese Errungenschaften dem feststehenden Interesse seiner Kirche. Die Protestanten erwogen wohl etwa, wie man kirchlicherseits dem Zeitgeist die ungefährlichsten Zugeständnisse machen könne; die Katholiken dagegen fragten, wie die Zugeständnisse des Zeitgeistes am besten für die Kirche zu nützen seyen. Der Protestantismus organisirte anfänglich keine Vereine, keine politische Zeitungspresse. Die Politik seiner Consistorien war gegenüber dem Andrang der Bewegung vertheidigungsweise und unterhandelnd; die Politik des katholischen Klerus angriffsweise und gebietend. Beides entspricht dem Charakter der beiden Kirchen: es läßt sich aber leicht errathen, wer bei seiner Politik am besten wegkommen mußte. In den kleineren protestantischen Ländern zumal suchten die Kirchenbehörden eine Art von konstitutionellem Weg einzuschlagen. Es galt aber vor allen Dingen, eine kirchliche Volksbegeisterung an der politischen zu entzünden, nicht kirchenrechtliche Religionsgespräche zu eröffnen. An Thaten und Anschauungen begeistert sich das Volk; gelehrte Debatten sind allen guten Christen gleich langweilig. Man schrieb z.B. Gemeindeversammlungen und Provinzialsynoden aus, die sich später in Generalsynoden gipfeln sollten, wozu es aber in der Regel nicht gekommen ist; man räumte wohl auch den Laien bedeutende Zugeständnisse zur Mitberathung einer neuen Kirchenverfassung ein. Weil man aber solchergestalt auf halbem Wege stehen blieb, so schwächte man dadurch einerseits die Autorität der Kirche, ohne doch auf der andern Seite irgend ein bestimmtes Ergebniß zu gewinnen. Man hat wohl auch hier und da durch das ganze Jahr 1848 zahlreiche kleinere, örtliche Synoden abgehalten, wobei ungeheuer viel geredet, geschrieben und gedruckt worden ist. Bei diesen Vorarbeiten ließ man's dann aber auch vorläufig bewenden. Dadurch wurde aber nur ein verneinendes Resultat erreicht. Denn alle diese Miniatursynoden waren eigentlich nur darin einig, daß der dermalige Zustand der Kirchenverfassung ein unhaltbarer sey; allein das hatte man auch ohne Synoden schon lange vorher gewußt. Beiläufig machte man auch die Bauern mißtrauisch, welche glaubten, wo von den Pfarrern so eifrig gesprochen und geschrieben werde, da müsse es sich doch schließlich nur um Pfarrgehaltserhöhungen handeln oder um Bereicherungen des Kirchenfonds. So prägte sich also dem Volk nichts tiefer ein, als das Bewußtseyn des Schwankenden und Unfertigen in dem neuen Uebergangsstadium der protestantischen Kirchenverfassung, während die katholische Kirche gerade durch das Geschlossene ihrer Zustände in so bewegter Zeit imponiren konnte. Der Protestantismus scheute sich als politische Macht aufzutreten. Trotzdem entwickelte sich eine politische Macht aus demselben. Durch die Wucht der Ereignisse zur Energie getrieben, schloß sich in Preußen die kirchlich-conservative Partei zusammen, mit der Tendenz, das legitime Königthum mit dem heiligen Oel moderner Gläubigkeit zu salben. Der religiöse Kitt schließt diese Partei nicht minder fest als der politische, und ohne den im allgemeinen immer stärker sich bekundenden Hunger nach einem positiven Kirchenthum würde sie nicht eine so mächtige Partei geworden seyn. Der Conservatismus dieser Partei scheidet sich jedoch wesentlich ab von dem der ultramontanen. Sie ist die Partei der positiven Politik mit kirchlicher Farbe, der Ultramontanismus dagegen des positiven Kirchenthums mit politisch-legitimistischer Farbe. Die katholisch-klerikale Partei stand bereits beim Beginn der Revolution fertig da, einer Armee vergleichbar, die man nur mobil zu machen braucht, die protestantisch-conservative ist erst durch den Verlauf der Revolution zum inneren Abschluß getrieben worden. Aber ihr Einfluß wuchs ebenso unglaublich schnell, wie jener der katholisch-klerikalen. Man darf sich nicht wundern, wenn später nach der Entkräftung der Demokratie diese Partei neben der ultramontanen unzweifelhaft die zäheste und thatkräftigste in Deutschland ward, denn beide sind ganz unerschrocken in der Durchführung ihrer Consequenzen und gehen dabei durch dick und dünn. Beide wissen, daß sie eine Stütze in den erstarkenden kirchlich gesinnten Gruppen des Volkes haben. Es ist darum auch ganz naturgemäß, daß beide Parteien sich die Hand reichen zum Kampfe wider die gemeinsamen liberalen Gegner, und daß solchergestalt die Partei, welche sich die specifisch preußische nennt, nicht selten im engsten Bunde stand mit der großdeutschen, österreichisch ultramontanen. Zwischen der Disciplin des Treubundes und der Piusvereine ließen sich schlagende Parallelen ziehen, und zu dem kleinen Sittenbild, in welchem ich oben eine Scene der katholischen Vereine aus bewegter Zeit zu skizziren suchte, wäre leicht ein Gegenstück aus den Entstehungstagen des Treubundes auszuführen. Als Hoffmann von Ludwigsburg im September 1848 in der Paulskirche seinen gläubig-kirchlichen Standpunkt geltend machte, faßte man dies noch als eine vereinzelte Curiosität, etwa wie andererseits den Humor des Atheismus in Vogt's Munde. In kürzester Frist aber war aus der »Curiosität« eine mächtige Partei geworden, eine Partei, die selbst auf die große deutsche Verfassungsfrage und ihre Unlösbarkeit tiefgreifend geheimen Einfluß übte. Von der Trennung der Schule von der Kirche, von der Civilehe und ähnlichen Dingen hatte man sich vordem fabelhafte Erfolge gegenüber der Hierarchie versprochen, und nun man eine Weile damit experimentirt, bleibt nur Eines erwiesen, daß die Sitte im Volke mächtiger sey, als jede theoretische Satzung. Die Gesetzgebung verbriefte die Rechte der Juden und zur Antwort darauf steinigte das »Volk« die Juden – gerade in seinen freisten Märztagen. Gründlicher als je zuvor wenden gegenwärtig die Kirchlichen beider Confessionen ihre thatkräftige Aufmerksamkeit der socialen Entartung und der materiellen Noth des Volkes zu. Die Organe der protestantischen inneren Mission haben sich neuerdings weit gründlicher mit dem Studium der »Naturgeschichte des Volkes« befaßt, als die meisten politischen Blätter. Alle jene norddeutschen Vereine, die den Arbeitern Häuser, den Gesellen Herbergen bauen, die eine Pfennigliteratur für das Haus des gemeinen Mannes schaffen und seinen Schönheitssinn durch gute Holzschnitte mit Bildern aus der Bibel heranziehen wollen, die meisten jener Vereine zur Linderung von Noth und Elend in allen Formen verfolgen zugleich religiöse Tendenzen oder sind durch dieselben zunächst angeregt. Auf der andern Seite haben die Jesuitenmissonäre auf einmal ganz neue Predigtthemen aufgebracht. Sie predigen über die socialen Fragen. Sie halten sogenannte Standespredigten. Diese Standespredigten verfehlen schon um ihres Stoffes willen selten ihren Eindruck auf das Volk. Es hat namentlich für den gemeinen Mann den Reiz des Neuen, Praktischen und Zeitgemäßen, daß er hier die nächsten Fragen seiner bürgerlichen Existenz, seiner Stellung in der Gesellschaft vom kirchlichen Standpunkt erörtern und prüfen hört, statt der weiland beliebten allgemeinen Moralfragen. Diese Standespredigten übersetzen die Naturgeschichte des Volkes in's Erbauliche. Dies wirkt hinreißend auf das Volk selber, es fühlt bei den Jesuitenpredigten wohl heraus, daß durch dieselbe die Kirche dem Volksthum wieder näher treten will. Wir sahen Bauern und Handwerksleute, die alle Geschäfte stehen und liegen ließen, und täglich fünf solcher Predigten eine und zwei Wochen lang anhörten und doch nicht müde wurden. Es ist das eine ganz neue Art von Volksreden, von denen man sich etliche Jahre früher nichts hätte träumen lassen. Die Jesuiten ziehen gleich den Männern der protestantischen innern Mission die sociale Politik in die Kirche, Mögen wir uns erfreuen oder ärgern an dieser Thatsache, so sollen wir wenigstens ihre Tragkraft nicht unterschätzen, und der Staatsmann, der Volksredner und Volksschriftsteller kann von den Jesuiten lernen, wie man das Volk am Herzen packt. Schon hört man die Behauptung immer allgemeiner, daß der Neubau unserer zerbröckelnden Gesellschaft durch gar keine andere Macht mehr geschehen könne, als durch die Kirche. Während man noch vor wenigen Jahren allgemein in der entgegengesetzten Einseitigkeit befangen war und gar nicht daran dachte, daß die Kirche Theil nehmen könne und müsse an der Reform unserer socialen Zustände, halten Viele jetzt alle Heilversuche der weltlichen Mächte hier für eitel Spielerei. Auch der »christliche Staat« ward seit 1850 auf's Neue ein Schlagwort für Freunde und Feinde der Kirche. Diese Richtung steckt so tief in unserer Zeit, daß sie sogar schon veräußerlicht als Modesache auftritt, namentlich bei den höheren Ständen, und hier wieder insbesondere bei den Frauen. Wie im 18. Jahrhundert der Unglaube eine noble Passion war, so ist es jetzt zur noblen Passion geworden, möglichst kirchlich zu scheinen und sich an dem guten Werke der kirchlichen Erziehung des unteren Volkes, an der Linderung des socialen Elendes bei geistlichem Zuspruch - wenigstens durch den Geldbeutel zu betheiligen. Als die Kluft zwischen den rein politischen Parteien immer größer wurde, als der Riß, welcher den Norden und Süden Deutschlands durch die sich befehdende Politik Oesterreichs und Preußens trennte, immer klaffender, gerade damals hatten sich die Protestanten im Norden und die Katholiken im Süden insoweit wenigstens auffallend genähert, als sich die entschiedenen Glieder beider Bekenntnisse auf dem Boden positiver Kirchlichkeit begegneten. Der Mutterwitz des Volkes begriff das recht gut und drückte es in seiner Sprache aus, wenn er behauptete, die Pfaffen seyen diesmal früher einig geworden als die Fürsten. Aber je entschiedener man am Kirchenthum festhielt, um so weniger konnte dieses Vergessen der kirchlichen Gegensätze von Dauer seyn. Der kirchliche Doppelzug des deutschen Volkslebens trat bald wieder immer strenger hervor und es zeigte sich, daß er nicht durch Zufälligkeiten bedingt, sondern in dem innersten Wesen der deutschen Volksbesonderungen als etwas Nothwendiges gegeben sey. Noch hat nach jeder großen politischen Bewegung die Kirche einen Sieg gefeiert, denn eine solche Bewegung führt sie eben immer dem lebendigen Volksthum wieder näher. Erst nach dem Bauernkriege schloß sich der Protestantismus in kirchlich strengere Formen ab, und es ist bekannt, wie gerade die Eindrücke dieser socialen Revolution es waren, welche in Luthers Geist die Bedeutung des äußeren Kirchenthums wieder in den Vordergrund drängten. Durch die erste französische Revolution und die Befreiungskriege ward die Macht des protestantischen Rationalismus gebrochen und der Orthodoxie sammt der Mystik der Romantiker ein neuer Weg gebahnt. Durch die Wucht politischer Erschütterungen ist den Deutschen schon unzähligemale die Lust am leidigen Dogmatisiren zu Gunsten einer praktischeren Religiosität ausgetrieben und der edlere Theil der Nation vom Pelagius zum Augustinus bekehrt worden. In social nivellirten Gegenden und in großen Städten, von denen das Gleiche gilt, hat die Unkirchlichkeit auch neuerdings vielleicht nicht in dem Grade abgenommen, wie in den anderen Gauen. Sie hat dagegen ihren Platz gewechselt und ist binnen wenigen Jahren merklich aus gebildeteren Schichten der Gesellschaft zu ungebildeteren, ja zu den ungebildetsten hinabgestiegen. Wenn Schleiermacher noch nöthig hätte, gegen die »gebildeten Verächter« der Religion zu Felde zu ziehen, so wäre jetzt überhaupt eine Bekämpfung ihrer ungebildeten und halbgebildeten Verächter mehr an der Zeit. In dem Maße, als der begüterte Mittelstand und die Gebildeteren religiöser gesinnt wurden, als die Regierungsgewalten in der Kirche ihre Verbündete wieder erkannten, schwand die religiöse Sitte unter den sogenannten »Arbeitern« modernen Styles, bei dem Rahm des Proletariats, und leider auch in den social zersetzten Staaten Mitteldeutschlands bei den städtisch gewordenen Kleinbauern. Selbst der äußerliche klerikale Einfluß hat hier offenbare Rückschritte gemacht. Dies hätte weniger zu bedeuten. Allein es wird in solchen Gegenden auch geklagt, daß sich z. B. die Zahl der Meineide in den unteren Volksschichten neuerdings erschreckend gemehrt habe. Der Begriff der religiösen Heiligkeit des Eides ist gewichen, weil dort dem Volke mit dem Ansehn der überlieferten Sitte überhaupt auch das Ansehn der religiösen Sitte wankend geworden, und das Gesetz ist im Volksleben ja etwas todtes, nur die Sitte ist das lebendige Gesetz. Auch Kirchendiebstähle sind in manchen Gegenden etwas alltägliches geworden, seit man dem Proletariat die Kirche selber zu etwas alltäglichem zu machen wußte. Der Fall ist in Südwestdeutschland nicht selten vorgekommen, daß die Hälfte einer Gemeinde sich als eine freikirchliche constituirte, bloß deßhalb, weil sie keine Kirchensteuer und kein Glockenschmiergeld mehr bezahlen wollte, und daß nachgehends die andere Hälfte beitrat, weil es die Leute nicht mehr anhören mochten, daß ihnen Jene von ihrer neuen Steuerfreiheit im Wirthshause täglich vorprahlten. Oder eine Gemeinde mag einen Pfarrer nicht, den ihr die Kirchenbehörde hingesetzt; erst wird petitionirt, darauf protestirt, und um den höchsten Trumpf auszuspielen, tritt schließlich die Gemeinde aus dem Kirchenverbande, wo dann der mißliebige Pfarrer in Gottesnamen im Dorfe sitzen bleiben mag. Wer die sociale Auflösung ganzer Gaue in Mitteldeutschland kennt, den werden solche Thatsachen nicht Wunder nehmen. Die tief gewurzelte Sitte bringt es mit sich, daß namentlich das Landvolk einen Glaubenswechsel als das Außerordentlichste ansieht, einen Abtrünnigen, einen Convertiten mit unheimlichem Grauen betrachtet. Diese Auffassung der Religion als einer ewig unantastbaren Sitte, welche durch Jahrhunderte widergehalten, um derentwillen die Vorfahren vielleicht Elend und Verfolgung freudig auf sich nahmen, über deren Bruch wohl noch die Väter des lebenden Geschlechts im Grabe sich umdrehen würden – diese Auffassung kann nicht wie über Nacht bei dem gemeinen Manne wankend werden, wo nicht die ganze sociale Persönlichkeit des Volkes, das Volksthum, schon lange der Auflösung preisgegeben ist. In jenen Gegenden, wo Stadt und Land sich ausgleicht, wo die Dörfer städtisch geworden sind, findet man wohl, daß der Kirchenbesuch in den Städten zunimmt, während die Kirchen in den Dörfern veröden. Der Bürger fühlt sich zu innigerer Einkehr in seine kirchliche Gemeinschaft hingedrängt; der Bauer tritt aus derselben, weil er kein Glockenschmiergeld mehr bezahlen mag. Das Kirchenregiment hat auch in den hier besprochenen Gegenden neue Autorität bei der weltlichen Macht gewonnen; aber mancher gemeine Mann mag vor seinem Pfarrer nicht mehr die Mütze abziehen. Schwerer aber als alle äußere Gewalt und Herrlichkeit der Kirche wiegt die hier gebrochene religiöse Sitte des Volkes, die kirchliche Tradition, das uralt heilige Herkommen. Wo dies einmal zu wanken beginnt, da kann es durch kein Schulmeistern, durch kein Predigen wieder gestützt weiden, sondern nur durch eine politische und sociale Erfrischung des ganzen Volkslebens von innen hervor. Nur Stürme aber und schwere Wetter reinigen die Luft und die Völker von Grund aus, mit dem bloßen Wetterleuchten ist es nicht gethan. Wenn der Drang zur »Emancipirung« von allem Kirchlichen vielfach aus den gebildeten Schichten in die minder gebildeten übersiedelt, so ist dieser Verlauf ein ganz natürlicher. Ein großes Resultat der Wissenschaft geht in der Regel im Verlauf von Menschenaltern in der Weise in die Stufenreihe der Volksmassen über, daß je mit dem folgenden Geschlecht eine niederere Bildungsschicht die geistige Erbschaft der höheren antritt, um sich dieselbe zu verwässern und populär zurecht zu schneidern. So nahm im 18. Jahrhundert die kritische, zersetzende Philosophie bei den ersten Denkern der Nation ihren Ausgang; einige Jahrzehnte später bemächtigten sich die Leute, welche aus der Intelligenz Profession machten, die Schöngeister, Pastoren, Pädagogen u. s. w. dieser Errungenschaft und verbreiteten sie in Literatur, Theologie, Erziehungslehre; wiederum eine Weile nachher griff der gebildetere Mittelstand diesen Rationalismus auf und verwässerte den schon einmal verwässerten Stoff zum andernmal in seiner Weise als praktische Lebensmoral; die dritte Verwässerung des bereits zwiefach Verwässerten zu Gunsten der ächten Halbbildung erfolgte durch den Deutschkatholicismus; und nun sind wir endlich bei dem vierten Stadium dieses Verdünnungsprocesses angelangt. Denn was die ganz Bildungslosen, was das Proletariat unter der Firma der freiesten Kirche jetzt begierig entgegen nimmt, ist nichts weiter, als der Schaum der alten kritischen und skeptischen Philosophie in seiner unendlichsten Verflüchtigung. Das Aergerlichste für den Mann der Wissenschaft besteht bei diesem Hergange nur darin, daß man ihm zumuthet, jede dieser Verwässerungsformen als etwas ganz Neues anzusehen, da er doch weiß, daß alles schon einmal dagewesen, und nur in dem Geschäfte des Abrahmens und Verdünnens das einzig Neue liegt. Gegenüber diesem Proceß der Trivialisirung überlieferter Resultate zeigt sich gegenwärtig bei allen thatkräftigen, originalen Richtungen des geistigen Lebens die Tendenz, mit dem 17. und 18. Jahrhundert zu brechen. Liberale und Conservative, Philosophen und Theologen schreiben auf ihr Banner die Befreiung von den uns noch immer theilweise anhängenden Fesseln der Zopfzeit. Dieselbe war aber nicht nur die Zeit der politischen Willkürherrschaft, deren Reste der freisinnige Politiker wegschaffen will, der künstlerischen Unnatur, gegen welche der vorwärts strebende Künstler eifert, sie war auch die Zeit des ärgsten Verfalles der Gesellschaft, der Auflösung in Religion und Sitte. Es fragt sich nur, wo die Zopfzeit aufhört und die neue Zeit, unsere Zeit, die rechte, für uns berechtigte Zeit anfängt. Darüber eben sind die Gelehrten noch gar nicht einig. Denn während die Aufklärungsperiode des 18. Jahrhunderts von den Liberalen als der Frühmorgen dieser gesegneten neuen Zeit bezeichnet wird, gilt sie den Kirchlich-Orthodoxen gerade als die rechte Mitternacht der Zopfzeit. Man verfängt sich hierbei in den Extremen: es gibt keine Periode der Weltgeschichte, die an sich ganz unberechtigt und schlecht gewesen wäre. Vor hundert Jahren lag es der Literatur des aufgeklärten Europa nahe, alle geistlichen Dinge weltlich zu richten, während in der modernen Literatur eine mächtige Phalanx dem entgegengesetzten Ziele immer näher rückt, alle weltlichen Dinge geistlich zu richten. Der Kunst soll nur noch vom Standpunkte der Kirche ihr Urtheil gesprochen werden, nicht minder der Wissenschaft, den Institutionen der Gesellschaft und des Staates. Man kann aber die Bedeutung der Kirche für das gesammte Leben der Nationen vollauf anerkennen und doch bei der zwischen den Extremen des 18. Jahrhunderts und der neuesten Zeit mitten innen stehenden Forderung beharren, daß eben Weltliches weltlich und Geistliches geistlich gerichtet werde, daß der Staat und die Gesellschaft dem Staatsmanne bleibe, die Kunst dem Künstler, wie die Kirche Herrin in ihrem eigenen Hause bleiben soll: alle diese Mächte aber sollen darum nicht weniger einträchtig zusammenwirken zum Aufbau des gesammten öffentlichen Lebens, an dessen Vollgehalt jede derselben ihre gerechten Ansprüche hat. Drittes Kapitel. Das Katholische und das protestantische Deutschland. (Geschrieben im Jahre 1851.) Im Jahre 1536 war ein Pfarrer in Rod an der Weil, der hatte zugleich die Pfarrei in Hasselbach zu versehen und vermuthlich fiel ihm sein Gehalt von den beiden Orten zu gleichen Theilen. Nun kam aber die Reformation in's Land, und die Gemeinde zu Rod wurde lutherisch, die zu Hasselbach aber hielt fest am Papste. Darum kam der Pfarrer in große Verlegenheit. Wäre er katholisch geblieben, dann hätte er Rod verloren, wäre er protestantisch geworden, Hasselbach. Er fand aber eine Auskunft. Früh Morgens hat er im Chorrock eine lutherische Predigt gehalten in Rod, und eine Stunde später ist er das Thal hinaufgegangen nach Hasselbach und hat dort in der Stola Messe gelesen. Erst taufte er protestantisch in Rod, und dann – es ist nur eine gute halbe Stunde Wegs – katholisch in Hasselbach, copulirte nach Luthers Weise hüben, nach des Papstes drüben. Und so ging es eine ziemlich lange Zeit. Unversehens kam aber eine protestantische Kirchenvisitation in's Weilthal, und die Visitatoren hörten zu ihrer besondern Erbauung die Geschichte von dem zwieschlächtigen Pfaffen, fragten ihn, warum er solches gethan, und wollten ihm den Dienst aufsagen. Der Pfarrer aber entschuldigte sich, indem er sagte, das Volk habe ihn gezwungen auf beiden Achseln zu tragen, und gelobte, sich zu bessern. Darauf ließ man ihn im Dienst. Diese Geschichte des zwieschlächtigen Pfaffen ist eine ächt mitteldeutsche. Sie zeichnet die Verwischung der kirchlichen Gegensätze in einer Ländergruppe, in welcher die Gebietstheile des protestantischen und katholischen Bekenntnisses noch weit mehr zerrissen, weit bunter durcheinander geworfen sind als die politischen. Wir müssen hier noch einmal auf die bereits flüchtig berührte Thatsache zurückkommen, daß Deutschland eben so wie in Siedelung und Sitte, so auch kirchlich dreifach gegliedert ist. In den centralisirten Gauen des Südens und Nordens tritt der Katholicismus und Protestantismus massenhaft auf, und diese Gegensätze durchdringen das Volksleben viel tiefer als in den zerstückten mittleren Ländern. Der kirchliche Dualismus, aus dem sich allmählig eine Trias herausbildet, ist organisch hervorgewachsen aus der Natur von Land und Leuten. Die Kirchentrennung hat freilich in den zunächstfolgenden Jahrhunderten traurige Politische Folgen für das Gesammtvaterland nach sich gezogen, schon jetzt aber mag man erkennen, wie sie eine Tiefe und Vielgestalt des geistigen und socialen Lebens der Nation nach beiden Seiten hin angeregt hat, die außerdem unmöglich gewesen wäre. Sie hat die natürliche Besonderung unserer Ländergruppen erst zur vollen Wahrheit gemacht, die darum das nationale Gemeinbewußtseyn tiefer noch gewurzelt zeigt, als wenn wir in Glauben und Sitte nach französischer Art über Einen Kamm geschoren wären. Hätte Deutschland den Zwiespalt des Glaubens nicht gründlicher als jede andere Nation durchgerungen, so würden wir nicht so geistesmächtig und verjüngungsfähig im alten Europa fortbestehen, trotz alles Elendes unserer äußern Politik. Beiden deutschen Bekenntnissen aber muß man gerecht werden, indem man sie von dem Standpunkt ihres eigenen volksthümlich gewordenen Kirchenlebens betrachtet. Schon lange vor der Reformation war der deutsche Süden weit tiefer in das unmittelbare Interesse Roms verflochten als der Norden. Schon die Abgeschlossenheit des niederdeutschen Bauernvolkes, welche im Mittelalter noch vielfach auf altgermanische Urzustände zurückwies, während Oberdeutschland schon bis in die entlegensten Winkel der Civilisation geöffnet war, wirkte dazu mit. Als Denkmal dessen haben sich in vielen sächsischen und friesischen Strichen des Nordseelandes bis auf unsere Tage die uralt deutschen Taufnamen beim Landvolk erhalten, während in Oberdeutschland schon vor dem Ausgange des Mittelalters die deutschen Namen fast allgemein durch jene der gefeiertsten römischen Kirchenheiligen verdrängt wurden. Und während in dem katholischen Oberdeutschland die neutestamentlichen und lateinischen Taufnamen des späteren Mittelalters, in Niederdeutschland die altdeutschen Taufnamen charakteristisch blieben, hält das mitteldeutsche Volk mit Vorliebe an den im 16. und 17. Jahrhundert gangbaren Taufnamen des gemischtesten Ursprunges fest. Nicht nur im Bewahren des überlieferten protestantischen Kirchenthums, sondern gleichzeitig auch in den Versuchen zur Auflösung desselben bekundete der Norden in unsern Tagen eine weit größere Thatkraft als Mitteldeutschland. Wir stoßen hier wiederum auf den Gegensatz von Stadt und Land. Während die Bauern altgläubig blieben, befestigte sich in den größeren norddeutschen Städten der vulgäre wie der speculative Rationalismus zusammt dem Freikirchenthum der verschiedensten Form. Von Preußen ging die Protestantische Union aus, und in Preußen widerstrebt man derselben heute noch am heftigsten. In Mitteldeutschland hatte man nicht sonderlichen Werbens für dieselbe bedurft, nahm sie aber willig hin und vergaß im Volke auffallend rasch die alten Unterschiede. So ward die hegelische Philosophie in Berlin und Königsberg zu ihren äußersten praktischen Folgerungen geführt, und während der Deutschkatholicismus in Südwesten seine populärsten, aber auch rasch wieder verschollenen Triumphe feierte, fand er in den norddeutschen Städten seine zähesten grundsätzlichen Anhänger. Die Gegensätze einer instinktartig ihrer Sitte folgenden Landbevölkerung und gleich daneben einer städtischen, deren »gebildete« Schichten vielfach in der äußersten theoretischen Schulmeisterei über Gott und die Welt befangen sind, bestehen überhaupt nirgends unvermittelter neben einander als in Norddeutschland. Vor einigen Jahren wanderten norddeutsche Literaten nach Australien aus, um dort durch Gründung einer Zeitung deutsche Cultur zu verbreiten. Das Unternehmen war, soweit uns die Nummern dieses merkwürdigen Blattes, »der Südaustralischen Zeitung,« zu Gesicht gekommen sind, ein ganz ehrenwerthes, mit Anstand und Mäßigung durchgeführt. Allein die Schulpolitik, der Gedanke, durch die Paragraphenlogik des Katheders die Leute über Staat und Kirche belehren zu können, war den deutschen Journalisten wie ihr Schatten aus dem alten Europa nachgefolgt. Bewundern muß man dieses zähe Beharren in der eigenen Art, welches nicht einmal in Australien den angeborenen deutschen Schulmeister verläugnen mag, in Australien, wo studirte deutsche Einwanderer um Anstellungen als Schafhirten und Buschschlächter werben und Officiere und Kaufleute froh sind, als Ackerknechte, Steinklopfer und Bullochsentreiber ein Unterkommen zu finden. Es ist eine culturgeschichtlich merkwürdige Thatsache, daß der norddeutsche Doctrinär den Versuch des lehrbuchmäßigen Aufbaues eines neuen Staatslebens und eines neuen Kirchenthums, als uns derselbe eben erst in Deutschland beinahe bankerott gemacht hatte, wenigstens noch in den Eukalyptenwäldern Neuhollands für ausführbar erachtete! Den vornehmsten Inhalt der neuen »Südaustralischen Zeitung« (1850) bildeten staatsphilosophische Leitartikel; die Angelegenheiten der Colonie laufen nur so nebenher. Die bloßen Überschriften dieser australischen Artikel sind an sich schon ein Epigramm. »Der Staat.« »Das Verhältniß der Kirche zum Staat.« »Politisches Bewußtseyn.« »Preußen seit dem Jahr 1848.« »Verantwortlichkeit aller in allem.« »Das Recht der Revolution.« »Betrachtungen Napoleons über den Zustand von Europa« u. s. w. Für ein Berliner Publikum würden diese Abhandlungen, die in theoretischer Begriffsentwicklung förmlich schwelgen, gar nicht übel geschrieben seyn. Wir greifen eine Probe aus dem Artikel »Der Staat.« Dort wird den australischen Siedlern wörtlich eröffnet: »Das Wesentliche ist, daß der Staat Organismus ist. Ist aber der Staat Organismus, so wird das jedem Organismus nothwendige Moment der Einheit nicht abstract vorherrschen, der Staat wird nicht asiatische Despotie, Autokratie seyn, und eben so wenig wird das Moment der Vielheit das entgegengesetzte Moment vernichten dürfen, weil sonst der Staat bald aus seinen Fugen gehen wird; er soll eben so wenig abstracte Demokratie seyn.« Wenn der deutsche Einwanderer in Australien, der nach glaubwürdiger Kunde selber schier »aus seinen Fugen geht,« weil er nicht Brod noch Arbeit findet, den langen Tag in diesem Aegypterland Ziegel gestrichen hat, dann wird es ihm, unseres Bedünkens, am Feierabend ziemlich gleichgültig seyn, ob der Staat zusammenbricht, weil das Moment der Vielheit das entgegengesetzte Moment der Einheit, oder umgekehrt, weil das Moment der Einheit das entgegengesetzte Moment der Vielheit vernichtet hat. Der Verfasser eben jenes Artikels vom Staat zählt die Arten von Staaten auf, die bereits in der Geschichte dagewesen sind. Er nennt darunter auch die »Ideokratie.« Wie es scheint, beabsichtigte die Südaustralische Zeitung eine solche Ideokratie (freilich nicht im Sinne der Ideokratien des Orients) unter den dortigen deutschen Siedlern zu gründen. So wenig industrielles Leben ist noch in Australien entwickelt, daß der dortige Gewerbefleiß vorwiegend nur erst in der Förderung von Rohstoffen, nämlich Metall, Getreide und Schafwolle sich darstellt. Und doch werden dort die geistigen Stoffe von dem deutschen Zeitungsschreiber schon als in's Feinste verarbeitet vorausgesetzt, wo die Naturstoffe erst noch so ganz im Groben producirt werden. Die Südaustralische Zeitung muß sich zum Druck in eine englische Officin flüchten, die nicht einmal die deutschen Schriftformen ä, ü, äu etc. in ihrem Letternkasten hat, sondern dafür mit ae, ue, aeu aushilft; die deutschen Schulformen der politischen Doctrin werden also den Australiern früher zu Gebot gestellt als die deutschen Schriftformen. Dieser Feuereifer für die Verbreitung von philosophischen Systemen und Lehrsätzen über Kirche und Staat, der eben so gut wie der kirchliche Glaubenseifer auf die überseeische Mission geht, der auch in der Einsamkeit des Urwaldes die alten Berliner Anschauungen und Gedanken nicht von sich schütteln kann und zuletzt den Känguruhs predigen würde, wenn sich dort keine menschlichen Zuhörer mehr fänden, zeugt von einer Thatkraft der Begeisterung auf diesem Felde, die sich keineswegs in allen deutschen Gauen wiederholt. Den norddeutschen Widersachern des alten Kirchenglaubens, welche mit ihrer praktischen Ausbeutung der großen philosophischen Resultate Hegels und seiner Schüler frischweg durch Dick und Dünn gingen, standen in dieser Beziehung die wissenschaftlich ungleich bedeutenderen Genossen in Schwaben schroff gegenüber. Was im Anfange unseres Jahrhunderts unter den mitteldeutschen Staaten Sachsen für die wissenschaftliche Ausbeutung des Rationalismus gewesen ist, das war Württemberg in den späteren Jahrzehnten für die Fortbildung der speculativen Philosophie. Das verschlossene, in sich schauende Wesen des schwäbischen Volkscharakters neigt zum Grübeln in philosophischen und religiösen Dingen, aber die ganze Natur von Land und Leuten schuf auch hier eine unendliche, die Thatkraft lähmende Zersplitterung der Persönlichkeiten. Katholiken und Protestanten aller Farben, Orthodoxe, Pietisten, Mystiker, Nationalisten und Philosophen begegnen sich hier auf kleinem Raum und in den engsten bürgerlichen und politischen Verhältnissen. Darum gewann man hier eine bewundernswerthe Vertiefung in den Einzelstudien; fast jeder Pfarrer ist hier ein gelehrter Mann oder gar ein schaffendes Talent, aber dem Volke fehlt ein bestimmter kirchlicher Gesammtcharakter. Ein äußerst anschauliches Bild dieses in sich vertieften, aber nach Außen unpraktischen und machtlosen wissenschaftlichen und kirchlichen Kleinlebens in Württemberg hat uns vor einigen Jahren David Friedrich Strauß in seiner Lebensbeschreibung Märklins gezeichnet. Um den Gegensatz gleichartiger Bestrebungen im deutschen Südwesten und im deutschen Norden zu verdeutlichen, will ich einige Züge dieses Lebensbildes hier nachzeichnen. Wer war Märklin? Ein Mann, dessen Lebenslauf so einfach gewesen, daß man ihn um seiner Einfachheit willen einen seltenen nennen könnte, ein innerlich tüchtiges, aber in der Wirksamkeit nach Außen über Noth sich bescheidendes Talent, in kleinen Verhältnissen aufgewachsen, ein Gelehrter, der auf dem großen Markt der Wissenschaft oder des öffentlichen Lebens nie eine Rolle gespielt hat, ein württembergischer Theologe, den der Zwang der Klosterschule und des akademischen Stifts zum Philosophen gemacht – wie hundert andere seiner Landsleute – Repetent, Vicar auf dem Lande, der, im Widerstreit der Theologie mit der modernen Philosophie mit sich selbst zerfallend – wie hundert andere – die geistliche Bürde zuletzt von sich wirft und – hier glücklicher als neunundneunzig von jenen Hunderten – als Gymnasialprofessor den Frieden der Seele im Umgang mit der Jugend, im Umgang mit dem Alterthum wiederfindet. Da überrascht ihn der Tod am frühen Lebensabend. Ein solches Lebensbild wäre an sich gar kein Gegenstand, ein Buch damit zu füllen. Aber der Märklin von Strauß ist mehr als dieser einzelne Mann, dieser »Helfer« in Calw, dieser Professor in Heilbronn. Märklin ist ein Gesammtbegriff; eine ganze Zeitrichtung, wie sie eben bei dieser bestimmten schwäbischen Volkspersönlichkeit zur Erscheinung kam, ist versinnbildet in diesem Helfer, diesem Professor. Strauß selber, indem er dessen Biographie schreibt, schreibt zugleich ein Stück Selbstbiographie. Dieser Märklin ist Strauß, nur ein klein wenig blasser im Colorit, er ist Strauß, wie dieser geworden wäre, hätte er den letzten Schritt der Konsequenz um Fingersbreite kürzer angesetzt, hätte er einen Funken Thatkraft, ein kleines Bruchtheil zäher Einseitigkeit weniger besessen. Wir sehen einen Jüngling, zum gelehrten Beruf bestimmt, aus einer Familie hervorgehen, deren Glieder nach allen Seiten dem Beamten- und Gelehrtenstand angehören. Man preist dies als ein besonders günstiges Geschick. Mir däucht mit Unrecht. Die deutschen Schulweisen, die Männer, welche Abhandlungen über den Verdauungsproceß austheilen, um den Hunger damit zu stillen, haben gemeiniglich eben diesen socialen Stammbaum. In kleinen Staaten gibt es bloß eine besoldete Intelligenz, die wissenschaftliche Bildung ist für eine besondere Klasse der Gesellschaft verbrieft, der geschlossene Beamten- und Gelehrtenstand ist aus dem natürlichen Boden des Bürgerthums gerissen, und dadurch die Entfremdung der abstracten Bildung von dem Volksleben mit dem Amtssiegel gestempelt. Und des Pfarrers Sohn wird wieder Pfarrer, des Staatsdieners Sohn wieder Staatsdiener, seine Tochter verheirathet sich womöglich mit einem Beamten; so gewinnt diese officielle Intelligenz auch wieder ihre besonderen Gesellschaftsinteressen, sie lebt in ihrer eigenen Welt. Sie schauert zurück vor der Fülle des derb kräftigen leibhaften Volkslebens. Das blasse, grau in grau angelegte Colorit der modernen deutschen Wissenschaft rührt gewiß großentheils von der socialen Vereinsamung des sogenannten Beamten- und Gelehrtenstandes. In vielen protestantischen Familien ist der Beruf zum Pfarramte (ich sage nicht der geistliche Beruf) gleichsam erblich. Man spricht wohl gar von »geistlichem Blute.« Das bricht die Frische und Thatkraft der wissenschaftlichen Persönlichkeiten, und oft genug läuft ein solches hundertjähriges Pfarrergeschlecht in separatistisch-pietistische, oder gegentheils in höchst ungeistlich gesinnte Sprößlinge aus. Aus dem »Beamten- und Gelehrtenstand,« der die Brücke mit dem Volksleben namentlich in den Kleinstaaten hinter sich abgerissen, ist gewiß die Mehrzahl der Männer hervorgegangen, denen der Zwiespalt der modern wissenschaftlichen Ueberzeugung mit der Sitte, der Poesie, der Phantasie des Volkslebens das Herz gebrochen hat. Zu dieser socialen Schranke tritt bei Märklin noch die Schranke der klösterlichen Theologenschule Württembergs. Als reifer Mann kommt Märklin wieder einmal mit Strauß nach Blaubeuren, wo beide vordem die Klosterschule besucht hatten. Die Freunde steigen zu den Burgruinen des Rusenschlosses hinauf: und als hier Strauß seine Blicke über die wirklich märchenhaft originelle Felsenwelt dieses Thales schweifen läßt, da ruft er aus: »Es wäre schmählich, wenn in solcher Natur nichts aus uns geworden wäre!« Aber gerade was Strauß geworden ist, das ward er, wie er selbst bei seiner Schilderung des klösterlichen Schülerlebens in Blaubeuren erzählt, nicht durch den steten Umgang mit dieser stolzen Natur, nicht durch die freie Hingabe des wilden Knaben an dieselbe, sondern gewiß zum guten Theil durch die Absperrung von dieser Natur, durch ein verfrühtes Studirstubenleben inmitten all der Pracht und Herrlichkeit. Den Schüler, der den halben Tag in diesem Felsgeklüft hätte umher klettern, auf diesen Bergen hätte schweifen müssen, erlöste ja nur dann und wann ein beaufsichtigter Spaziergang aus der Haft der Zelle. Der Zwang und die Absperrung der ersten Erziehung ist es, was so viele bedeutende Talente des Schwabenlandes, trotz der köstlichen Natur dieser Gaue, zu wissenschaftlicher Einseitigkeit erzogen hat. Wer Blaubeuren gesehen mit der in ihrer Verödung und Verwüstung immer noch dichterisch geweihten Klosterkirche, wo Meister Sürlin's wundervolles Holzschnitzwerk an den verwaisten Chorstühlen prangt, und die prächtigen altdeutschen Bilder am Hochaltar, wer durch den verwitterten Kreuzgang gewandelt ist und den traulichen Klosterhof, der wird meinen, in diesen Mauern müßten lauter Erzromantiker, Poeten und Maler erzogen werden, nicht aber Helden der eiskalten philosophischen Kritik. Aber Druck erzeugt Gegendruck, und aus den württembergischen Stiftern gingen, bei aller Romantik des Orts, Hegel und Strauß, Zeller und Vischer und Märklin hervor. Das zeichnet uns Strauß gerade recht anschaulich, wie sein und seiner Freunde Bildungsgang von der Klosterschule bis zur Repetentenzeit ein durch und durch vereinsamtes Studienleben war. Wenn dabei Strauß in allen philosophischen Krisen sich stets eine so frische Begeisterung für die Kunst bewahrt, wenn Vischer ein so scharfes künstlerisches Auge sich gerettet hat, dann müssen wir dies lediglich dem angeborenen Genius dieser Männer gut schreiben, der trotz Blaubeuren und trotz Tübingen nach dieser Seite hin nicht zu verwüsten gewesen ist. Die überstrenge Zucht der Schule trug, wie gesagt, unstreitig viel dazu bei, so manchen jungen württembergischen Theologen einerseits zur philosophischen Opposition gegen das Christenthum, andererseits zu pietistischem Exceß zu treiben. Aber sie schuf doch auch wieder jenen nachhaltigen, ernsten wissenschaftlichen Sinn, der vielen von den schwäbischen Jüngern Hegels durch's ganze Leben eigen geblieben ist. Diesen muß auch der Gegner ehren. Männer wie Strauß, Zeller, Märklin sind einseitige Theoretiker geworden, aber in ihrer einseitigen Theorie steckt der Ernst der Wissenschaft. Ja dieses unverdrossene Ringen nach wissenschaftlicher Erkenntniß festigt sich zu einer sittlichen Grundlage ihres Strebens. Die Wissenschaft wird zur Lebensmoral, für die Zucht der Volkssitte und der Religion tritt die Zucht der Wissenschaft ein. Aber gerade hierin liegt der Grund, daß diese Philosophen so vereinsamt blieben, daß sie das Volk nicht verstanden und von diesem nicht verstanden wurden. Nur das Mißverständniß der Resultate der Hegel'schen Religionsphilosophie konnte theilweise in's Volk übergehen, nur das Zerrbild, nicht das reine Abbild der wissenschaftlichen Errungenschaft. Das ganze Leben jener Männer war eine fortgesetzte Klosterschule, ihre Einflüsse blieben lediglich gelehrte und literarische. Treffend spricht sich darüber Moriz Carriere in seinen »Religiösen Reden und Betrachtungen« aus: »Strauß, ein scharfsinnig klarer Kopf, sah in der Religion nur einen Gegenstand der Wissenschaft, er vergaß, daß sie Leben und That ist, er verwechselte sie mit Theologie und orthodoxer Dogmatik, er gewahrte, daß der Friede, den das Hegelthum mit ihr geschlossen, nur scheinbar und übereilt war, er zerriß ihn mit kecker Hand, die Bedürfnisse des Volkes galten ihm nichts, er stieß es höhnisch oder kalt zurück, und hieß die Gemeinde der Gläubigen ihren Weg ziehen und die Wissenden sich von ihnen trennen. Wer sich aber außerhalb des Volkes stellt und gar eine Kluft zwischen sich und ihm befestigt, der wird bei allem Reichthum des Geistes bald vereinsamen und keine nachhaltige Wirksamkeit gewinnen.« Ganz anders verfuhren jene norddeutschen Jünger Hegels, denen Strauß wiederum als ein »Reactionär« erschien und die man als eine Berliner Philosophenschule gegenüber der schwäbischen bezeichnen mag. Hier verdichtete sich die philosophische Wissenschaft zu einem subjectiven Jakobinerthum der verneinenden Philosophie. Hier ist praktische Tendenz und Thatkraft. Hier sind nicht vereinsamte Geister, die sich von einem nach den feinsten Schattirungen gesonderten Volksleben umgeben wissen, sondern Leute, die auf den Markt zu treten gewohnt sind, großstädtische Allerweltsmenschen. Der kecke Sprung von der Theorie zur That ward gewagt. Die religiöse Volkssitte wird unter die Guillotine des philosophischen Dilettantismus gebracht, dem die französischen Atheisten des 18. Jahrhunderts »gründlichere« Männer waren, als der Professor Hegel. Die Jugend ist »mit Gott brouillirt,« und sie möchte gern das ganze deutsche Voll mit Gott brouilliren. Statt gleich den Schwaben beim wissenschaftlichen Kampf stehen zu bleiben, erscheint es bequemer und »menschlicher,« beim perlenden Champagner Trinksprüche auf den Atheismus auszubringen. Der wissenschaftliche Ernst eines Strauß erscheint als ein Zopf des Professorenthums. Die bramarbasirende Gottlosigkeit ist der Fortschritt, welchen man dagegen setzt. Und wir begegnen einem norddeutschen Professor der Philosophie, der mit schlichten Bürgern im Biergarten Kegel spielt und sie dabei über die »eingebildete Spukgewalt im Himmel« aufzuklären sucht. Sie fassen ihn aber nicht. Da kommt ein schweres Gewitter heraufgezogen, und der Philosoph tritt in's Freie, ballt seine Faust gegen das schwarze Gewölk und fordert den persönlichen Gott heraus, sein Daseyn kund zu geben, seine Macht zu erweisen, falls er welche besitze, und ihn, der sie leugne, mit seinem Blitze zu zerschmettern. Und die Donner des Herrn rollten weiter, und der Herr Professor der Philosophie ward nicht zerschmettert. Gegen diese Bramarbasie der Gottlosigkeit, wie sie aus der Schule Ruge's und Bruno Bauers hervorgegangen ist, erscheint das stille, redliche, wissenschaftliche Ringen eines Märklin im ehrenhaftesten Lichte. Wir finden hier noch altschwäbische Gründlichkeit und Tüchtigkeit, die nur darum fruchtlos sich abarbeitet, weil sie nicht erkennt, daß alle Grundfragen der Religion wie der Philosophie unlösbar sind, und daß gerade in dem Umstand, daß wir uns wohl stets der theoretischen Erkenntniß nähern, niemals aber dieselbe vollenden können, so recht der stete Fortschritt des Menschengeschlechts, die beste Gewähr einer nie erstarrenden Gesittung gegeben ist. Darum wird der weiseste Mann zugleich inwendig der demüthigste werden. Sowie die religiöse Wahrheit zu einem wissenschaftlichen Abschluß käme, würde der Mensch aufhören ein »Kämpfer,« d. h. ein Mensch zu seyn, es bliebe ihm nichts mehr übrig, als gleich einem indischen Nabelbeschauer ewig dasselbe langweilige Wort der Erkenntniß zu sprechen. Wenn einmal die absolute Philosophie gefunden wird, dann ist die rechte Zeit für den jüngsten Tag gekommen. Wir sehen in der ganzen Geschichte des Geistes, daß die wissenschaftliche Lösung der religiösen Fragen immer nur bis zu einem gewissen Punkte getrieben wird, der kein Schlußpunkt ist, und dann auf Rückwegen und Umwegen zu einem Neuen Gipfel aufsteigt, auf welchem der Wanderer immer wieder eine höhere, ungeahnte Spitze über sich erblickt. Dies ist der Kern in dem Leben Märklins, der eigentliche Inhalt des Zwiespaltes, den Strauß in den Schicksalen der genannten Persönlichkeit darstellt, daß Märklin glaubt, zu dem Punkte gekommen zu seyn, wo der letzte Entscheid in den religiösen Fragen gefunden ist, wo wissenschaftlich ein für allemal mit denselben abgeschlossen wird. So lange Märklin noch an dem Dogma Hegels festhält, daß die Philosophie denselben materiellen Inhalt habe, wie die Religion, nur in anderer Form ausgesprochen, kann er den Bauern noch mit gutem Gewissen predigen, obgleich ihm auch damals schon eine theologische Professur, oder, wenn diese unerreichbar, »eine Nachtwächterstelle irgendwo« lieber wäre als die eines Priesters und religiösen Volkslehrers. Als ihm aber auch die Hegel'sche Auffassung zweifelhaft wird, als er glaubt, daß die Wissenschaft, über den materiellen Inhalt der Religion hinausgehend, hier das letzte Wort gesprochen habe, da kann er nicht mehr predigen. Und nun beginnt bei ihm erst recht jener innere Kampf, der eine so große Rolle in der Sittengeschichte der neuern Zeit spielt. Die Gegner drangen zu dem Geständniß, daß er nicht mehr auf kirchlichem Boden stehe, auf Niederlegung des Amtes. Die Ehrlichkeit der eigenen Ueberzeugung tritt in Widerstreit mit jedem Wort, jeder Handlung seines geistlichen Berufs. Was soll der mit sich selbst Zerfallende beginnen? »Wer mag gerne,« fragt Strauß, »von einer lieben Gewohnheit des Denkens und Fühlens, ja des Daseyns überhaupt, scheiden? Wer eine Kluft zwischen sich und seinen Mitmenschen aufreißen, über die keine Gemeinsamkeit des Vorstellens, keine Möglichkeit der gemüthlichen Einwirkung mehr hinüberführt?« In diesem innern Kampf vereinsamt der gequälte Denker vollends. Das Volksbewußtseyn wird ihm immer fremdartiger, das öffentliche Leben gleichgültig. Die politischen Entwicklungen werden vorab vergessen über dem philosophisch-theologischen Zwiespalt. Als die politischen Gährungen nach der Juliusrevolution auch dem in sich zurückschallenden Sinne Märklins nicht mehr entgehen konnten, als er plötzlich das mächtige Regen in der Idee des Staatslebens wahrnimmt, da »kommt er sich selber oft sonderbar vor,« weil er mit den Franzosen jauchzt, mit den Polen trauert! Und er bemerkt naiv und höchst charakteristisch dazu: »Ich lasse alle eiteln politischen Kannegießereien, weil da doch alles in den Tag hineingeht und ohne philosophischen Verstand , kann mich auch dessen in Bezug auf den Stand unseres politischen Lebens selbst nicht rühmen, möchte mich aber gern von einem Hegel'schen Staatsmann ein wenig instruiren lassen ." Dieser falsche wissenschaftliche Aristokratismus des einsamen Denkers, den die kleinen politischen Thatsachen – aus denen sich übrigens die großen zusammensetzen – kalt lassen, weil sich nicht sofort ein »philosophischer Verstand« darin entdecken läßt, dieser wissenschaftliche Aristokratismus, der sich von der Berührung mit dem unmittelbaren Volksleben scheu zurückzieht, dagegen von einem »Hegel'schen Staatsmann« sich gern »ein wenig instruiren« lassen möchte, hat sich an der ganzen gebildeten Welt schwer gerächt. Denn dieser Ausspruch Märklins ist leider ein Ausspruch einer großen Schnur der wissenschaftlich Gebildeten in jener Zeit. Darum waren diese Leute so verblüfft, und wußten nicht, was beginnen, als plötzlich die rohe Masse das große politische Wort nahm. Die Februarrevolution schob die religiöse Parteiung in den Hintergrund, das politische Parteiwesen drängte sich dafür hervor. Da traten Strauß und Märklin in die Reihen der Constitutionellen. Dies konnte auffallen. Eine Consequenz ihrer theologischen Parteistellung war es keineswegs. Der letztern entsprach unzweifelhaft auf politischem Felde die ideale Republik, eine Republik, deren Urbild die Begeisterung für Hellas und Rom so leicht in der Seele des deutschen Gelehrten wiederspiegelt, eine Republik, die dem Ideal jenes Rechtsstaates als eines Vereines freier und gleichberechtigter Bürger entspricht, welcher statt der historischen Basis des öffentlichen Lebens lediglich die Basis der theoretischen Vernunftmäßigkeit gelten läßt und statt aus der Natur und den Bedürfnissen des Volkes heraus aus dem philosophischen Bewußtseyn des einzelnen Denkers seine Organe aufbaut. Strauß selber gesteht, daß ihn der Gedanke an eine solche Republik einen Augenblick elektrisirt habe. Aber »nie dachte ich ernstlich an die Möglichkeit einer solchen Staatsform unter uns.« Und doch hat er sein ganzes Leben lang sehr ernstlich an die Möglichkeit einer Kirche desselben abstrakt philosophischen Ideales gedacht. In der Politik sah er ein, daß es noch andere zwingende Mächte neben der abstracten Staatsidee gebe, die Mächte der Volkssitte, des bürgerlichen Lebens, in Summa, jene historischen Mächte, die den Staatsmann zwingen, nach der so und nicht anders geschichtlich erwachsenen Persönlichkeit des Volkes, nach der Bildungsstufe der Masse, nach den historisch-socialen Vorbedingungen, seine Politik zu schaffen, nicht umgekehrt aus der Theorie das Volksleben zu zimmern. Der Constitutionalismus, zu dem sich Strauß bekennt, will die Vermittlung übernehmen zwischen dem historischen Volksleben und dem abstracten Staatsideal. Es beruht dieses System in den Zugeständnissen, die nach beiden Seiten gemacht werden. Die constitutionelle Lehre ist ein supranaturalistischer Rationalismus, in die Sprache der Politik übersetzt. Sie ist das staatsrechtlich geformte Bekenntniß, daß es nicht fromme, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Von dem Bewußtseyn begeistert, daß es wohl ein reineres politisches Ideal gebe, als das dieses Systems der Concession, hielt es Strauß – und wir denken in diesem Punkte ganz wie er – doch keineswegs für eine verwerfliche Heuchelei politischer »Pastoralklugheit,« den Staat als in der Geschichte erwachsen und fortwachsend zu nehmen, und nur an diesem historischen Staate nach den Forderungen des freien Gedankens weiter zu bauen. Die Kirche dagegen wollte er nicht nehmen, wie sie historisch geworden, wie sie in der Volkssitte, in der religiösen That, wie sie im gläubigen Gemüthsleben, hier zunächst des germanischen Volks, sich aufgebaut hat. Hier sollte die Theorie das Geschichtliche vertilgen, in der Politik aber sich mit ihm versöhnen. Die radicalen Atheisten der Berliner Schule waren consequenter. Sie griffen zur Socialdemokratie. Und wie sie sich mit dem alten historischen Gott offen brouillirt hatten, so brouillirten sie sich jetzt mit der alten historischen Gesellschaft; wie sie Trinksprüche auf den Atheismus ausgebracht, so ließen sie jetzt die sociale Bestialität hochleben, die Vernichtung des Eigenthums, die Vernichtung der göttlichen Vorrechte des Genius, die Vernichtung des Persönlichen im Menschen – das war folgerecht. Ich stelle diese Parallele nicht aus, um Männern wie Strauß und Märklin einen Vorwurf damit zu machen, sondern nur um zu zeigen, wie diese selber die Consequenz ihres Princips fallen ließen angesichts der Macht der Thatsachen. In der Politik mußte man sich bequemen, Realitäten anzuerkennen, von denen sich die Philosophie nichts träumen läßt: solche Realitäten gibt es aber auch im religiösen Leben. Wenn wir sehen wie Märklin als ein gemäßigter, besonnener, patriotischer Bürger bei den Märzstürmen in Heilbronn gegen die unvernünftige Masse nicht aufkommt, im Wahlkampf unterliegt, als Aristokrat verketzert wird, und vor einer ungewaschenen Demagogie überall das Feld räumen muß, so schleicht sich bei diesem trüben Bilde doch auch der Gedanke ein, daß dies eine gerechte Buße gewesen, die nicht ihn allein, die uns alle getroffen hat. Es ist die Buße für die Vereinsamung, in welche sich der Gebildete und vollends der Gelehrte vor dem Volksleben zurückgezogen hat, seinen Gedankenkämpfen in stolzer Abgeschlossenheit nachgehend. Das ganze Straußische Buch ist eine Schilderung dieses wissenschaftlichen Einsiedlerlebens. Der deutschkatholische Bierbrauer Hentges in Heilbronn hält eine Volksrede als Gegencandidat Märklins, und zählt darin gelegentlich unter den deutschen Kaisern aus dem Hause Habsburg auch die Hohenstaufen auf. Und sein Parteiblatt, das »Neckardampfschiff,« meldet am andern Tag, der beredte Bierbrauer habe neben edler Volksthümlichkeit in seinem Vortrag auch »tiefe geschichtliche Kenntnis,« gezeigt. Und der geschichtskundige Braumeister siegte. Diese Episode zeichnet besser als eine ganze Abhandlung die tiefe Kluft zwischen der modernen Bildung und dem Volksleben; das Bewußtseyn aber dieser Kluft bei der Unmöglichkeit, sie zu überbrücken, bildet recht eigentlich das tragische Motiv in dem Leben Märklins wie seiner wissenschaftlichen Mitstreiter. Ich kehre nach diesem Seitengang zu der näheren Aufgabe zurück, die neuerdings wieder so bedeutend im Wachsen begriffene Entfaltung der kirchlichen Gegensätze in Deutschland zu zeichnen. Es wurde oben aufgeführt, wie seit 1848 die streng kirchlich gesinnten Protestanten und Katholiken gemeinsam Front gemacht hatten gegen die Revolution. In diesem Einigungspunkt waren – demokratisch gesprochen – »die katholischen und protestantischen Jesuiten« brüderlich zusammengestoßen. Aber solches augenblickliche Vergessen uralter Gegensätze konnte nur so lange Stich halten, als die eigentliche Zeit der Noth dauerte. Denn es handelt sich hier nicht bloß um theologische Unterschiede, sondern um Gegensätze, die sich durch Art und Form der Gesittung und Bildung des ganzen Volksthumes ziehen. Eine recht seltsame, unerhörte Erscheinung namentlich in Sitten und Gebräuchen nennt der gemeine Mann in Norddeutschland »katholisch,« während das mitteldeutsche Volk dergleichen Dinge häufiger »adelig« nennt, und wenn der Süddeutsche bei einer recht verzweifelten Sache nicht gerade sagen mag: darüber möchte man »des Teufels werden,« so sagt er allenfalls: darüber möchte man ja »lutherisch werden.« Schon die äußerliche Stellung der beiden auf kurze Zeit verbündeten kirchlichen Parteien war von vornherein nicht gleichmäßig begünstigt gewesen. Die großartige Organisation des katholischen Vereinswesens fand sich beim Ausbruch der Revolution in den Grundzügen schon vorgezeichnet: die protestantischen Kirchentage und die umfassende Propaganda der innern Mission wuchsen erst aus den Wirren des Revolutionsjahres heraus. Die Katholiken hatten zuerst in Reih und Glied gestanden, sie hatten den Vorsprung einer auch in's Politische hinüberspielenden wühlenden und werbenden Regsamkeit, die dem Protestanten fremd ist, und ihr äußerlicher Erfolg war ein entschieden glänzenderer. Als Urkunde der wiederauflebenden Gegensätze zeigten sich eine Reihe von Uebertritten von einer Kirche zur andern. Auch hier wiederholte sich das Schauspiel der Restaurationsperiode nach den Befreiungskriegen im Kleinen, als plötzlich eine Anzahl bekannter und unbekannter Leute als neueste Romantiker »von Babylon nach Jerusalem« pilgerten. Nicht bloß im politischen, auch im kirchlichen Leben ward es offenbar, daß wir in eine Zeit der »Bekehrungen« eingetreten waren. Aus den als am meisten religiös »verfinstert« verschrieenen zwei Ländern Deutschlands, aus Tyrol und Bayern, zogen zwei Patres, Ambrosius Zobel und Roder, in den nach Franz Raveaux »reifsten« Gau, nach Baden, und wir sahen die seltsame Bekehrung, daß viele Tausende von jenen Leuten, die eben erst im Aufruhr ihre Reife kundgegeben, als Büßer vor dem Missionskreuze niedersanken! Diese Jesuitenmissionen, die bald in's Wachsen kamen und aus den Bergen des Schwarzwaldes hinausgingen in große und kleine Städte und nicht blos in rein katholisches Land, sondern auch in gemischtes, ja in Gegenden, wo die Protestanten weit zahlreicher wohnen als die Katholiken, suchten, neben ihrer engeren kirchlich-socialen Tendenz, dem Rationalismus und Protestantismus auf seinem eigenen Boden und mit seinen eigenen Waffen zu begegnen. Sie stellten die überwiegend protestantischen Cultusformen Predigt und Choral voran, um das Volk zur Generalbeichte zu führen, und suchten in ihren dogmatisch-polemischen Vorträgen nicht selten die rationalistischen Anschauungen durch Vernunftgründe, wohl gar durch Citate aus Voltaire zu widerlegen und dem protestantischen Dogma nicht die Autorität des Papstes und der Concilien, sondern des Bibelwortes entgegenzuhalten. Die neue Erscheinung der protestantischen »Reiseprediger,« wenn sie auch vorerst noch sehr vereinzelt aufgetreten sind, versuchte ihrerseits wieder der propagandistischen Tendenz der Jesuitenmissionen die Spitze zu bieten. Klingt es nicht wie ein Mährchen in unsern Ohren, daß jetzt die Rede wieder so stark von Kryptokalholiken geht? Aber dieses Mährchen ist Zeugniß dafür, daß das Bewußtseyn der kirchlichen Gegensätze im deutschen Volksthum wieder sehr lebendig geworden, daß man mit argwöhnischem Auge auf die Gegenüberstehenden schaut. Hat man nicht im Jahr 1851 so offen gemunkelt von dem angeblichen Kryptokatholicismus desjenigen deutschen Fürsten, dessen Haus seit Friedrichs erstem schlesischen Krieg als die königliche Burg des Protestantismus gilt, so offen, daß dieser Fürst sich veranlaßt sah, in öffentlicher Rede Notiz zu nehmen von dieser Fabel als einer boshaft ausgesonnenen? Man wollte dann weiter damals bei der ganzen neupreußischen Partei katholisirende Tendenzen entdeckt haben. Die Möglichkeit von derlei Argwohn war eine gewichtige Thatsache. Sie ließ wie in einem Traumbild die Zeitläufte wieder aufsteigen, wo ganze Länder zitterten, weil man im Thronerben einen Kryptokatholiken, andererseits einen heimlichen Lutheraner argwohnte, wo man in Sachsen die Kryptocalvinisten mit Verbannung und Kerker in's Gebet nahm und dem Kanzler Crell zum Beschlusse den Kopf abschlug. Das waren freilich auch Zeiten, wo der katholisch-protestantische Gegensatz im deutschen Volksthum noch nicht vertuscht war, sondern in wildem Kampf sich auseinandersetzte. Gott verhüte, daß sie wiederkehren. Mit dem Abschluß des dreißigjährigen Krieges hat die Vertuschung der kirchlichen Gegensätze ihren Anfang genommen, durch zwei Jahrhunderte war sie ein Zeichen des Fortschrittes, und der Humanismus zeitigte die Frucht der religiösen Duldung und der nationalen, ja der allgemeinen menschlichen Brüderlichkeit, die uns nicht verloren seyn soll. Aber bei und mit dieser Brüderlichkeit sollen doch auch die Gegensätze, welche die Fülle des persönlichen Volkslebens bergen, bestehen und sich durchbilden können. Diese höhere Mitte zu finden, ist die Aufgabe der Gegenwart und gerade darum soll sie die Gegensätze nicht vertuschen. Es ist merkwürdig, daß mit dem Abschluß des dreißigjährigen Krieges, wo man die kirchlichen Gegensätze zu vergessen anfing, zugleich die gemischten Ehen in Deutschland allmählich eine unverfängliche Sitte wurden. Und wiederum waren dieselben gemischten Ehen der äußere Anstoß, durch welchen im Jahr 1834 die Verhüllung der confessionellen Gegensätze plötzlich auseinander riß. Es ist noch nicht lange her, daß in den Lehrbüchern und Kathedervorträgen vieler protestantischen Theologen die herkömmlichen Rubriken der »Polemik« und »Apologetik« als ein alter Zopf mit wegwerfendem Spott zur Seite geschoben wurden. Seit der Katholik Möhler seine Symbolik geschrieben, merkten Viele erst, daß wenigstens im Dogmatischen die Polemik und Apologetik für beide Theile mehr noch als ein alter Zopf sey. Seit aber der Katholicismus neuerdings mit so ungeheurer Anstrengung auf kirchenrechtlichem Gebiet wie im Vereinswesen und der praktischen Pastoralthätigkeit Schritt um Schritt vorwärts dringt, gehen den Leuten vollends die Augen auf, wie gar zeitgemäß jene beiden verstaubten Fächer auch noch in der Praxis des kirchlichen Lebens seyen. Die Erkenntniß, daß auch im kirchlichen Conservatismus der Weg des Lutherischen ein ganz anderer sey, als des Katholiken, bricht jetzt allerwärts als neuerwacht hervor. Sie ist das Wahrzeichen der gegenwärtigen großen kirchlichen Parteistellung. Das protestantische Kirchenthum drängt jetzt wie das katholische zum Wiedererfassen längst entrissenen Einflusses. Aber welch ein Gegensatz kennzeichnet hier schon das beiderseitige äußere Verfahren! Welch ungeheurer Abstand z. B. zwischen den Verhandlungen und dem Beschluß des Elberfelder Kirchentags über die Stellung der Gymnasien zur Kirche und den Forderungen gleichen Zieles in den Denkschriften der oberrheinischen und bayerischen Bischöfe! Die katholische Kirche hat zu jeder Zeit ein ganz besonderes Geschick darin bewiesen, scharfsinnige Lehrer und Advokaten des Kirchenrechts hervorzuziehen und an den rechten Ort zu stellen. In dem zweiten Viertel unsers Jahrhunderts, wo sich die protestantische Theologie vorzugsweise in der Dogmatik wieder aufringen mußte von der rationalistischen Niederlage, wo sie wider die Kritik der Evangelien und für den Gehalt der Bekenntnißschriften stritt, führte die katholische Kirche Deutschlands auf den verschiedensten Punkten gleichzeitig ihren großen Proceß über die Unbilden von 1803, über geschmälerte Dotationen, säcularisirte Besitzthümer, entwundene klerikale Rechte. Also dort Dogmatik, hier Kirchenrecht, dort Doctrin, hier thatsächliches Zugreifen. Der große kirchenrechtliche Proceß der katholischen Kirche gegen die modernen weltlichen Herrschaften war nicht überall von thatsächlichem Erfolg begleitet, aber daß er von moralischem Erfolg für die eigene Partei begleitet war, beweist die Sprache der verschiedenen bischöflichen Denkschriften seit 1848, Aktenstücke zur Zeitgeschichte, deren historische Beweiskraft man wahrlich nicht gering anschlagen soll. Die protestantische innere Mission kämpft in erster Reihe nicht bloß gegen Armuth und Elend, sie kämpft auch gegen die auf das Selbstbewußtseyn der Armuth gegründete Schulweisheit – den Communismus – und gegen das zur Lehre geformte Selbstbewußtseyn der Armseligkeit – den Atheismus und Nihilismus. Die katholischen Vereine dagegen kämpfen in erster Reihe gegen die realistisch-praktische Kirchenlosigkeit und – gegen die nicht minder realistisch-praktische Bureaukratie. Es zeichnet die beiderseitigen Gegensätze, daß von den Katholiken in ähnlicher Weise eine Propaganda beim gemeinen Mann mit dem Vertrieb von bildlichen Darstellungen aus den Evangelien und der Legende versucht wird, wie von den Protestanten mit Bibeln, Erbauungsbüchlein und Tractätchen. Man vergleiche die Thätigkeit des seit 1848 so kräftig entwickelten kirchlichen Vereinswesens beider Bekenntnisse. Das protestantische Vereinswesen geht in allerlei größern Gruppen auseinander, Kirchentag, innere Mission, Gustav-Adolfs-Verein (an dem bis jetzt nichts kriegerisch ist als der Name); ein ideelles Band verknüpft diese Gruppen, aber die gesammelte äußere Leitung fehlt. Bei den Katholiken finden wir auch Borromäus-, Pius-, Bonifacius-Vereine u. a, aber wie läuft das alles in einem und demselben Schnürchen! Auf dem protestantischen Kirchentag zu Elberfeld wär' es fast zu einem Bruch gekommen durch den Streit zwischen Nitzsch und den Jüngern Hengstenbergs über die Kirchen verfassungs frage. Ein solcher Zwischenfall ist auf einem katholischen Vereinstage bei der eigenthümlichcn Leitung und Organisation dieser Vereine ganz undenkbar. Man will auf den katholischen Versammlungen wesentlich nicht discutiren, sondern für längst fertige Resultate neue Bekenner gewinnen und die alten neu begeistern. Der protestantische Kirchentag ist hauptsächlich ein Congreß zur Verständigung und Selbstbelehrung derer, die in demselben sitzen; die Darsteller sind sich selber zugleich Publikum. Die Generalversammlung der katholischen Vereine ist ein wirkungsreiches Schauspiel, welches die Mitwirkenden vor allen Dingen für die Draußenstehenden aufführen. Dem Protestantismus ist das Werbesystem der katholischen Kirche fremd. Dort zeigt sich die Macht der ringenden Selbsterkenntnis, hier die Macht der in sich fertigen That. In einem Aufsatz über die Mission in der »Deutschen Vierteljahrsschrift« (1850, Heft 4) spricht Wolfgang Menzel diesen Gegensatz in der katholischen und protestantischen Mission treffend in folgender Weise aus: »Bei den katholischen Missionen hat das verschuldete Volk vor der Kirche gebeichtet; bei dem Congreß für innere Mission stattete umgekehrt die verschuldete Kirche gleichsam eine Generalbeicht vor dem Volk ab, und deckte alle ihre Schäden auf, um Heilung zu suchen im Volk, in dessen aller Gläubigkeit, in dessen gesundem Sinn noch Kräfte schlummern, die der durch die Schule verdorbenen Kirche abhanden gekommen.« Der Protestant kann von der Ueberzeugung durchdrungen seyn, daß die kirchlichen Gegensätze nothwendige, im deutschen Volksthum begründete sind, daß erst durch diese Gegensätze der ganze inwendige Reichthum unserer Nationalität sich entfaltet. Der ächte Katholik darf diesen Gedanken nicht hegen. Er muß wünschen, daß ganz Deutschland, daß die ganze Welt katholisch werde. Extra ecclesiam nulla salus. Diese Consequenz wird gegenwärtig den Katholiken immer einleuchtender, auch in Bezug auf die Würdigung der abgelaufenen geschichtlichen Perioden unseres Nationallebens. Auch der zäheste Protestant wird sich nichts vergeben, wenn er den großartigen Einfluß der katholisch-kirchlichen Malerei auf unser gesammtes Kunst- und Geistesleben anerkennt; dem strengen Katholiken ist dagegen schon Albrecht Dürer halb und halb ein Mann des Abfalls, Lucas Cranach ist ihm gar kein Künstler mehr und den »Barden Sined« möchte er eher zu den deutschen Klassikern zählen als Lessing. Man konnte Stimmen vernehmen, welche behaupteten, die Geschichte der Musik sey nichts weiter als ein Bruchstück aus der Geschichte der katholischen Kirche, – wie wenn Händel und Bach gar nicht gelebt hätten und Gluck, Haydn und Mozart (obgleich namentlich Haydn ein sehr frommer Katholik war) in ihrer ganzen Kunstrichtung dem deutschen Hellenenthum Schillers und Goethe's nicht unendlich näher stünden, als dem katholisch-kirchlichen Kunstideal, dessen herrlichste Blüthe sich etwa in Palestrina entfaltet hat. Der deutsche Katholicismus hat bereits eine ausgesprochene katholische politische Zeitungspresse, wie sie der deutsche Protestantismus durchaus nicht besitzt. Der Verein vom h. Karl Borromäus beginnt sogar im deutschen Buchhandel eine Macht zu werden, indem er nicht bloß katholische Schriften druckt und unter seinen Mitgliedern billig verbreitet, sondern auch die von ihm empfohlenen Bücher anderer Verleger sämmtlichen Mitgliedern und Theilnehmern zu zwei Drittheilen des Ladenpreises liefert, so daß die Vereinsgenossen ihren Bücherbedarf nach und nach gar nicht mehr von den Buchhändlern zu beziehen brauchen, bei denen man freilich eher das allgemeine Handelsinteresse als das besondere katholisch-kirchliche voraussetzen darf. So droht sogar die deutsche Literatur, welche man bisher auch in den trübsten Zeiten als das letzte einigende Band unserer Nation anzusehen gewohnt war, sich in eine durchaus geschiedene katholische und protestantische aufzulösen. Immer bedeutsamer tritt wieder die äußere Organisation des Kirchenwesens in den Vordergrund. Schon allein durch den gänzlichen Mangel an jenem wühlenden, werbenden und organisirenden Geiste, der sich so deutlich in dem katholischen Vereinswesen ausspricht, mußte der Deutschkatholicismus Schiffbruch leiden. Er wollte eine Kirche bauen ohne äußere Organisation, ohne Kirchenregiment und Kirchenzucht. Das ist ein Unding. Man hat gesagt, die Deutschkatholiken seyen zu arm gewesen, zu arm an Geld, und darum sey ihre Sache zu Grund gegangen. Allein Christus und die Apostel waren auch arm an Geld, viel ärmer noch als die Deutschkatholiken. Die christliche Kirche der Urzeit aber war reich, überschwänglich reich nicht nur an neuen weltbezwingenden Gedanken, sondern auch – an der Gabe der Organisation und des Regiments, und an beiden sind die Deutschkatholiken viel ärmer noch als an Geld, darum zerflattert das Leinwandzelt ihrer Kirche im Wind. Kirchenregiment und Kirchenzucht – wie altmodisch sind uns diese jetzt wieder ganz modernen Begriffe noch vor zehn Jahren erschienen! Viele hielten dies gerade für das Beste an dem damaligen Protestantismus, daß er vom Kirchenregiment sehr wenig mehr wußte und von der Kirchenzucht gar nichts. Und das große Publikum klatschte diesen Beifall. Als dasselbe unsterbliche große Publikum den Worten des Atheners Phocion Beifall geklatscht hatte, fragte derselbe bekanntlich erschrocken seine Freunde: ob er denn eine Dummheit gesagt habe? Eine Kirche ohne Kirchenregiment und Kirchenzucht ist gleich einem Staatsorganismus ohne Vollzugsgewalt. Die Einbildung, daß die Summe der politischen Freiheit durch eine möglichst schwache Vollzugsgewalt gesichert werde, ist seit einigen Jahren doch aus vielen Köpfen gründlich ausgetrieben worden. Die Consequenz für das kirchliche Gebiet wollen aber noch die wenigsten erkennen. Der Calvinismus mit seiner Presbyterialverfassung, als der freiesten Form im protestantischen Kreise, hat von jeher die strengste Kirchenzucht gehabt. Im Gegensatz zur Consistorialkirche wie zur römischen Hierarchie ist er republikanischen Charakters, darum bedurfte er der schärfsten Vollzugsgewalt. Wer sich als Glied eines öffentlichen Verbandes weiß, der muß diesem Verbande doch naturgemäß möglichst viel Macht und Einfluß wünschen. Es gehört zu den seltsamsten Widersprüchen, daß gegenwärtig noch immer so viele Glieder der Kirche nichts lieber sehen, als wenn diese ihre eigene Gemeinschaft möglichst wenig Macht besitzt, und beileibe keine Vollzugsgewalt! Diktirt der Staat einseitig die erneuerte Machtvollkommenheit der Kirche und stellt ihr dabei zum nöthigen Nachdruck seine Polizeidiener zur Verfügung, so wird statt der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der Kirchenzucht nur der Trotz gegen dieselbe gesteigert werden. Das ist der Grundfehler so mancher neuen Verordnung in protestantischen Landen über die Heilighaltung des Sonntags, über die kirchliche Controlirung der Kindtaufsgevattern u. s. w. Die Gemeinde muß in der Macht der Kirche ihre eigene Macht wachsen sehen, dann erst wird sie das Recht der Kirchenzucht anerkennen. Auf dieses Ziel wirken die katholischen Vereine hin, insofern sie Volksvereine sind, und der Einzelne sich in ihnen in seiner kirchlichen Bedeutsamkeit fühlen lernt. Die protestantischen Vereine sind noch viel zu ausschließlich Vereine der Geistlichkeit. Der Protestantismus besitzt viel entschiedener das Zeug zu einer kirchlichen Repräsentativverfassung als der Katholicismus, der die Vollziehungsgewalt des Kirchenregiments vorwiegend ausgebildet hat. Darum auf beiden Seiten je die entgegengesetzte Lücke. Das moderne Vereinswesen sucht beide zu ergänzen. Die katholischen Vereine sind freilich keineswegs eine wirkliche Vertretung des Laien, aber sie geben doch den Schein einer solchen. Sie haben wenigstens die Form, wenn auch nicht Inhalt und Gewalt der Repräsentation. Aber was will man denn heutzutage mehr als diesen Schein des constitutionellen Lebens? Die Gesammtheit der katholischen Vereine sieht aus wie eine große Volkskammer – in welcher der Widerspruch geschäftsordnungsmäßig verboten ist. Wie ein Congreß der Friedensfreunde; wo keiner für den Krieg sprechen darf. Man sieht es in den katholischen Vereinen gerne, wenn Laien das Wort ergreifen, man schiebt wohl geflissentlich begeisterte Redner aus dem Gewerbstande vor. Die Volkstümlichkeit der Kirche soll sich hier in ihrem Glanze entfalten; ein kleines Bruchstück des allgemeinen Laienpriesterthums ist neben die Hierarchie gestellt. Der Protestantismus dagegen hat seit Luthers Tagen seine Noth mit dem drohenden Uebermaße des allgemeinen Laienpriesterthums gehabt. Bei den protestantischen Vereinen sehen wir daher umgekehrt das Streben der gesunkenen Vollzugsgewalt der Kirche zu Hülfe zu kommen. Aber so lange die Geistlichen auf den Kirchentagen fast ausschließlich in den Vordergrund treten, wird der Laie hiebei allzuleicht ein bloßes geistliches Sonderinteresse argwöhnen. Das katholische Vereinswesen konnte sich in den Jahren 1848 und 1849 die äußern Formen der damaligen politischen Clubs borgen, die protestantischen Congresse hätten das nicht gekonnt, ohne die Gefahr einer demokratischen Entartung des Laienpriesterthums. Die katholischen Vereine konnten sogar auf politischem Felde ganz sorglos nebenbei ein bischen in großdeutsch-conservativer Politik agitiren. Dergleichen mußten die protestantischen Kirchentage bleiben lassen, wenn sie nicht jenen Fluch der Selbstauflösung auf sich laden wollten, der auf den politisirenden freigemeindlichen und deutschkatholischen Versammlungen gelastet hat. Der Protestantismus wurzelt in der kirchlichen Mündigsprechung des Volks – darum erklärt sich's, daß so viele Pfarrer den großen Agitator Wichern scheel ansehen, weil er kein ordinirter Geistlicher ist. Der Katholicismus wurzelt in der priesterlichen Zucht des Volks – darum hat hier umgekehrt der Klerus den Agitator Buß, eben weil derselbe gleichfalls kein geweihter Priester, so hoch auf den Schild gehoben. Das zeigt, wie man auf beiden Seiten die Extreme fürchtet, und wohl weiß, auf welchem Punkt die Entartung zuerst hereinbrechen könnte. Nur ein Blinder mag es gegenwärtig nicht mehr sehen, daß die schonungslose Bloßlegung der Gegensätze nicht nur in den kirchlichen Gebilden, sondern auch in den socialen und politischen mehr und mehr zum tiefsten Charakterzug der deutschen Gegenwart wird. In wenigen Jahren haben wir in der Erkenntniß der natürlichen Unterschiede der deutschen Volksgruppen erstaunliche Fortschritte gemacht. Das Netz der Schienenwege mag hier und da die Sonderthümlichkeiten unseres Volkslebens ausgleichend überspinnen, allein im Großen und Ganzen dient es weit mehr dazu, diese Unterschiede Allen erst recht offenbar zu machen. Jetzt wo dem Berliner Wien und München, dem Rheinländer die Ostsee, dem Küstenbewohner das Binnenland bis auf eine oder zwei Tagreisen nahe gerückt ist, jetzt sieht erst ein jeder mit eigenen Augen, in welch durchgreifenden Gegensätzen seine neuen Nachbarn von ihm geschieden sind, jetzt verblassen freilich die kahlen Kategorien von Nord- und Süddeutschland u. dgl. m., an welche sich bisher die abgedroschene Phrase angeklammert hatte, aber nicht um augenblicklich dem Bewußtseyn der Einheit, sondern umgekehrt dem einer unendlich reicheren und vielgestaltigeren Mannichfaltigkeit Platz zu machen. Jetzt wird freilich aber auch der Widerspruch recht klar zwischen so vielen unserer künstlichen, zufälligen politischen Besonderungen und den natürlichen der Gesellschaft und des Volksthumes. Wie es die Aufgabe von Gegenwart und Zukunft ist, eine natürliche Gruppirung der neuen Stände festzustellen, so auch wenigstens eine natürlichere der modernen Staaten. Auch in kirchlichen und religiösen Dingen hat die allgemeinere Bildung die confessionellen Gegensätze im Volksbewußtseyn keineswegs vollends ausgeglichen. Vielmehr ist die Breite der trennenden Kluft, die vordem fast nur der Priester und Gelehrte ermaß, jetzt allem Volk vor's Gesicht gerückt; weit eher steht hier vor der Hand eine noch größere Sonderung zu erwarten, als eine Ausebnung, und gerade der Anblick der reichen Einzelgruppen statt der in philanthropischer Trunkenheit geträumten Ausgleichung aller Unterschiede, ist es auch hier, in welchem denen, die vom Baume der Erkenntnis gegessen, die Augen aufgehen. Das ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt. Denn, um für die Einheit reif zu werden, müssen wir erst reif werden für das Verständniß und die Würdigung unsers Sonderlebens. Hätten wir das confessionelle Sonderthum nicht, so müßten wir zusehen, daß wir es gewännen. Wohl wurzeln die Leiden unserer Nation in diesen Gegensätzen, aber mit den Leiden auch unsere eigenthümlichste Lebenskraft. Das am persönlichsten geartete Volk, und dies ist das deutsche vor allen Nationen Europa's, kann sich eine Weile zersplittern und ohnmächtig werden in solcher Zerfahrenheit, aber es birgt auch eine kaum zu erschöpfende Kraft steter Wiederverjüngung. Künstliche, willkürliche Trennung unserer Glieder (in Staat und Gesellschaft) entkräftete uns, ein neidlos fröhliches Durchbilden der natürlichen Unterschiede dagegen wird uns nach Innen und Außen persönlich, das ist in lebendiger Einheit stark machen.