Die Flasche und mit ihr auf Reisen von Joachim Ringelnatz 1932 Rowohlt Berlin Gewidmet den Sieben: Magda Frohn, Magdalena Stahn, Hans Bensch-Rutzer Hans W. König, Otto Rouvel, Erich Kronen Reinold Hendrich Inhalt: Die Flasche Die Flasche I. Akt II. Akt III. Akt Mit der »Flasche« auf Reisen Einleitung und Vorbereitung Premiere in Hannover Zwangsurlaub und drei Tage Kassel Gotha, Liebenstein, Salzungen, Eisenach Bad Kissingen Koblenz und Abstecher Vier Tage Darmstadt Pforzheim Baseler Leckerli Zürich, leider nur ein Tag Zürich München Nürnberg Würzburg Wieder in Kissingen, Plauen abgesagt 4 Tage Bad Elster Praha-Peux In Teplitz ausgespielt Die Flasche (Eine Seemannsballade) Personen         Boris Georgewitsch , ein russischer Fürst Grischa , ein russischer Musikant Hans Peppe , ein Matrose Witwe Mewes , die Wirtin der Kneipe             »Zur Kiautschoubucht« Petra , ein dänisches Mädchen, ihre Stieftochter Ein Heizer Ein Kellner Sitty Smile , ein farbiger Seemann Ein Kapitän, ein Steuermann, zwei Hafen- mädchen , und anderes, internationales Seevolk . Der erste und der dritte Akt spielen in Hamburg in der Seemannskneipe »Zur Kiautschoubucht«. Der zweite Akt spielt in Konstantinopel in einem Salon eines Hotels. Zeit 1927 bis 1929 Zur Aufführung: Die Rolle der Petra ist mit einer auch deutsch sprechenden Dänin, die Rolle des Grischa möglichst mit einem auch deutsch sprechenden Russen zu besetzen. Erster Akt März 1927 In der Kneipe »Zur Kiautschoubucht«. Im Lokal sitzt ein Heizer . – Hinten die Theke. Ein Grammophon spielt eine Platte aus der Zeit, also z. B. »Mein Liebling heißt Mädi« oder »Hallo, du süße Klingelfee«. – Ein Sofa, ein Schiff in einer Flasche, an der Wand eine Gitarre und ein Krokodil, Flaggen, ein Schiffsbild, Panamahut, Speere usw. eventuell ein Klavier Mewes (stellt Grammophon ab und geht hinter die spanische Wand am Ausgang links, wo sie zu einem nicht sichtbaren Gast spricht) : Trinkst du noch einen? He! Du! – Schläft wie ein Sack. – He, du! – Mußt du nicht an Bord? – Er wacht nicht auf. – Na, meinetwegen schlaf dich aus! Aber trocken! Das rate ich dir. Ich will meine Getränke aus dem Hause haben. (Kehrt zur Theke zurück.) (Kapitän, Steuermann, erstes und zweites Hafenmädchen kommen teils singend, teils pfeifend herein an die Theke.) Alle vier : Wir Fahrensleute Lieben die See. Die Seemannsbräute (usw.) Kapitän : Schnell, Mutter Mewes! Zwei Bier und zwei Köm! (Zu den Mädchen.) Was trinkt ihr? Erstes Hafenmädchen : Dasselbe. Zweites Hafenmädchen : Zwei Köm und Bier. Mewes (einschenkend) : Also viermal »Alt-Hamburg«. Heizer (zu ihnen gehend) : Kaptain, geben Sie einen aus für mich? Kapitän : Meinetwegen. (Zu Mewes.) Also noch mal dasselbe. Aber rasch. Wir müssen an Bord. Wir laufen aus. Heizer : Wenn ich Kaptain wäre, würde ich mir immer Zeit lassen. Steuermann : So siehst du Bursche aus. (Zu den andern.) Na denn Prost. Kapitän : Prost! (Trinkt und singt dann.) Steuermann (fällt ein) : Wir Fahrensleute Lieben die See. Die Seemannsbräute Gelten für heute, Sind nur für to-day. Die Mädchen, die weinen Sind schwach auf den Beinen. Was schert uns ihr Weh! Das Weh, ach das legt sich. Unsre Heimat bewegt sich Und trägt uns in See, Far away. Kapitän : Wenn ich das höre, schmilzt mir das Herz. Erstes Hafenmädchen : Ich hab' das mal im Theater gesehen. Steuermann : Das ist doch kein Theaterstück. Das ist doch ein Lied. Zweites Hafenmädchen : Es ist eine Operette. Das singen die Seeleute beim Abschied. – Erstes Hafenmädchen : Ja. Und dann singen die Mädchen ihnen nach (singt) . Zweites Hafenmädchen (fällt ein) : Wir, die Bräute Der Fahrensleute, Lieben und küssen Doch wissen, sie müssen Zur Seefahrt zurück. Und wenn sie ertrinken, Dann – wissen wir – winken Uns andre zum Glück. Kapitän : Trinkt aus! So, Mutter Mewes, da ist Geld! (Gibt den Hafenmädchen Geld.) Da habt ihr auch was! – Adjüs! (Singend ab.) Steuermann : Adjüs! (Singend ab.) Erstes Hafenmädchen (halblaut zum zweiten Mädchen) : Was hat er dir gegeben? Heizer : Viel! Wollt ihr einen für mich ausgeben? Zweites Hafenmädchen : Dir ist wohl die Kohle zu Kopf gestiegen! (Zur andern.) Komm, Kläre! (Beide singend ab: »Wir, die Bräute« . . .) Heizer (auf seinen Platz zurückkehrend) : Hurenpack! Grischa (eintretend) : Guten Abend, Mutter Mewes. So leer? So düster?! Mewes : Guten Abend, Herr Musikus. Ja, es wird heute nicht viel werden. »Cap Finisterre« ist ausgelaufen, auch das englische Wochenboot. Und Kapitän und Steuermann von der »Florida« sind gerade zur Tür hinaus. Grischa : Schade! Gestern war es so lustig. Mewes : Wie sich das so gibt; heute werden Sie nicht wieder einsammeln können. Grischa : Elf Mark hab ich gestern zusammengebettelt. Mewes : Hm – Ja. Und hundertzwölf Mark und noch was darüber verzecht. Heizer (räuspert sich höhnisch. Halblaut.) Ein fetter Junge. Grischa : Nicht allein. Mit meinem Freund zusammen. – – Kommt das dänische Fräulein heute nicht? Mewes : Die Petra? Hat sie dir gefallen? Grischa : Mir auch. Aber mein Freund ist ganz verrückt auf sie. Mewes : Der feine Matrose, der bei dir saß? Ist er scharf auf sie? – – Hütet euch vor der. Die ist klug. Und ich vertrete Mutterstelle an ihr. Heizer : Du? Mutterstelle an der? Wieso? Mewes : Sie hat kein Blut von mir, aber ich bin schon lange ihre Mutter. Mein ertrunkener Mann hat sie von seiner ersten Frau übernommen. Er war auch nicht ihr leiblicher Vater. Petra (eintretend) : Guten Abend. (Nimmt Platz.) Grischa : Guten Abend, Fräulein Petra. Mewes : Guten Abend, Petra. Ist dein gestriger Rausch verpufft? Petra : Ja. Es war lustig gestern. Ich muß Hundehaare auflegen. Gib mir eine Flasche Whisky. Heizer (setzt sich zu Petra) . Petra (erhebt sich und nimmt anderswo Platz) . Mewes : Eine ganze Flasche? Nein, Petra. Ein Glas. Du wolltest dir doch Schuhe kaufen. (Holt Flasche und Glas.) Petra : Ja ja, ich weiß. Grischa (nimmt Gitarre) . Petra : Das ist recht. spielen Sie uns wieder eins. Gestern kamen wir dabei so schön in Fahrt. Grischa : Gestern ja, herrlich! Wunderschön! Heizer (stellt sich zwischen Petra und Mewes) : Was kostet der Dreck? Petra (ihn beiseite schiebend) : Was ich bestelle, bezahle ich selber. Grischa (fängt an, leise zu spielen und beobachtet dabei Petra und den Heizer) . Heizer (zu Petra) : Gestern hast du aber alles angenommen. Petra : Gestern ging ich mit dir schlafen. Heizer : Nun, und heute? Grischa (spielt lauter und wie drohend) . Petra : Heute weiß ich, daß du ein Schwein bist. Heizer (geht lachend zur Theke und legt Geld hin) . Mewes : Petra, trink heute nicht wieder so viel. Petra (nimmt Grischa die Gitarre ab und spielt und singt) : Nashornida nannte ich die Kleine. Eigentlich klingt das so mild. Nashornida hatte Trampelbeine Und war wild. Nashornida hat mir einen Knochen Alle Gläser, Porzellan und die Linke Wand vom Kleiderschrank zerbrochen. Doch sie hat nach Afrika gerochen, Und das reizte meine Phantasie. – Ich bin in bester Stimmung. – Aber beruhige dich, Mutter Mewes, (halblaut) Hans Pepper trinkt mit. Er kommt heute zurück. Mewes : Hans Pepper kommt heute? Petra : Ja. Sein Schiff ist schon von Oevelgönne gemeldet. Mewes : Dann wird's heute doch noch lustig. Heizer (geht zu Petra) : Eins will ich dir sagen. Ich brauche dich nicht. Es gibt jüngere Mädchen. Petra (zu Grischa) : Hallo, Musiker, komm doch mal zu mir! Ich muß dich etwas fragen. Grischa : Ja. Ich dich auch. (Er eilt breit zu Petra und stößt dabei den Heizer vom Stuhl.) Heizer (sich erhebend) : Was?! Du Papierfetzen! Du windiges Geklimper! (Er läuft Grischa nach, der aus dem Lokal entflieht.) Mewes : Also Hans kommt heute? Ist das bestimmt? Petra (nickt) : Ich sagte doch: Er ist schon von Oevelgönne gemeldet. Ich habe ihm einen Aal durch den Lotsen entgegengeschickt. (Lauscht.) Hörst du? Die hauen sich jetzt da draußen. Mewes : Draußen. Was geht's uns an? (Auf Gitarre zeigend.) Der ist ein russischer Flüchtling. – – Freust du dich sehr auf Hans? Er war diesmal lange weg. Genau – ein Jahr – laß mich nachdenken – ein Jahr und siebzehn Tage. Petra : Einmal hat er mir in der Zeit geschrieben. Eine Ansichtskarte aus San Franzisco. (Zieht die Karte hervor und liest laut.) »Aus Liebe Hans Pepper.« Mewes : »Aus Liebe Hans Pepper.« Ja, das ist so sein Briefstil. Petra : »Aus Liebe Hans Pepper.« Mehr schreibt er nicht. Mewes : Solche Flossen schreiben nie viel. Er hat sicher viel hineingelegt in diese vier Worte. Denn er ist echt. Grischa (zurückkehrend zu Mewes) : Hatte der noch was zu bezahlen? Mewes : Der Heizer? Nein. Kommt er nicht wieder zurück? Wo ist er? Grischa : Wahrscheinlich unter einem Wasserhahn. (Zu Petra.) Was wollten – du fragen? Petra : Es ist nicht wichtig. Aber was wolltest du fragen? Grischa : Nein, frag du zuerst. Petra : Kennst du das Lied »La Paloma«? »Es zog mich an Bord, und es wehte ein kühler Wind –«? Grischa: Ja. Es ist ein mexikanisches Lied. Wir sangen es oft auf See. Petra : Bist du ein Seemann? Grischa : Ich bin früher einmal als Steward gefahren. Lange vor dem Krieg. Wir sangen oft. Petra : Also du kannst es singen? Grischa : Nein. Ich kann nicht singen. Aber ich kenne es. Man sagt, es ist von einem Kaiser gesungen, den man mit diesem Liede erschoß. Petra : Du kannst es also nicht singen? Grischa : Ich kann es spielen. Soll ich es spielen? Petra : Jetzt nicht, aber später, wenn ich dich bitte. Wie heißt du? Grischa : Grischa. Petra : Grischa? – Grischa, du wolltest mich auch etwas fragen. Grischa : Ja viel. Hör zu: Reisen ist doch schön? Petra : Reisen? Grischa : Ja. Reisen mit Auto und Aeroplan und mit einer Luxusyacht, wo das Deck aus Magagoni ist – Petra : Aus was? Grischa : Aus Magagoni. Petra : Mahagoni meinst du. Bist du ein Russe? Grischa : Ja. Und die Treppen mit Silber beschlagen. Und zwischendurch in vornehmste Hotels wohnen. Möchtest du das? Petra : Ja, das möchte doch jeder. Das ist doch so, als ob du fragst: »Möchtest du reich sein?« Grischa : Möchtest du mit meinem Freunde – er hat eine eigene Yacht und ein Schloß in Frankreich – möchtest du mit ihm so reisen? Petra : Nein. Grischa : Er bezahlt alles. Petra : Selbstverständlich. Aber ich möchte nicht. Grischa : Warum nicht? Petra : Was kümmert mich dein Freund? Grischa : Er mußte aus Livland fliehen. Petra : So? Das tut mir leid. Grischa : Nein, der ist noch rechtzeitig geflohen. Der hat sein ganzes Vermögen gerettet. Petra : Was kümmert mich das. Ich habe meinen eigenen Freund. Grischa : Warum willst du nicht einen mehr haben? Petra : Wenn es über mich kommt, einen mehr, einen weniger. Aber vorläufig habe ich keinen Bedarf. Ich bin in festen Händen. Grischa : In was? Petra : Laß! Ich kann schneller zu dir reden, als du zu mir. Ich rede besser deutsch. Grischa : Du bist doch eine Dänin. Petra : Ich bin dänisch. Ganz gleich. Aber ich begreife schneller. Ist es nicht so: Ein Freund von dir will mich kennenlernen? Grischa : Ja. Petra : Irgendein Freund von dir, der mich einmal oder zweimal gesehen hat, will mit mir in die Betten gehen? Grischa : Davon hat er kein Wort gesagt. Petra : Aber mit jedem Wort daran gedacht. Grischa : Nein, du brauchst nicht. Ich schwöre es. Er wird es nie verlangen. Er will dich nur immer in seiner Nähe haben. Die Männer und Frauen, die er um sich hat, sollen alles gemeinsam mit ihm leben. Verstehst du? Auf seine Kosten. Er ist sehr reich. Petra : Deshalb meint er, er kann alles kaufen. – – Mich nicht! Grischa : Nein. Weil er reich ist, hat er keine Freuden. Petra : Hat er zuviel Freuden, und weil sie ihn nicht lange freuen, sucht er immer wieder neue. Grischa : Nein, er hat keine Freuden, wenn nicht auch möglichst viele andere mitmachen. Verstehst du? Petra : Ich verstehe. Er möchte ein Bett so groß wie der Hopfenmarkt. Sag deinem Freund, er soll sich ein junges Mädchen suchen und ein schönes. Grischa : Er hat junge genug und schöne genug. Er sucht etwas anderes dazu, etwas Besseres. Er sagt, du bist anders. Petra : Nun, der hat einen guten Blick. Grischa : Ja. Er sagt auch: du bist ehrlich. Petra : Er kennt mich doch gar nicht. Grischa : Du hast gestern hier mit ihm getanzt. Er ist ein schöner Herr. Petra : War es der russische Salonmatrose? Grischa : Der russische Matrose. Petra : Der hat mir gar nicht gefallen. Der hat Hebammenfinger. Das ist kein Matrose. Er macht Schwindel. Er ist vielleicht ein Steward oder ein Kriminaler. Grischa : Er ist ein Fürst. Petra : Noch schlimmer. Er ist ein feiger Hund. Er zeigt nicht Flagge. Er geniert sich vor uns Proletariern. Grischa : Nein. Petra : Laß mich ausreden. Er schickt dich zu mir, weil er selbst zu feig ist, mich zu fragen, ob er mich aushalten darf. Grischa : Nein. Ich schwöre! Er ist ein guter Herr. So gut! Petra : Nun gut. Es ist ja gut, wenn jemand gut ist. Aber damit ist es auch gut. Sprechen wir von andern Sachen. Grischa : Er ist für Fürst geboren – nein laß mich bitte noch einmal ausreden – er kann doch nichts dafür. Und er ist traurig, wenn die Menschen erkennen, daß er ein Fürst ist. Denn dann sind sie alle anders zu ihm. Petra : Ich nicht. Grischa : Doch! Auch du! Alle! Jeder anders. Die einen lecken ihm am Arsch, und die andern wollen das nicht und verachten ihn nur. Und noch andere sagen, er ist dumm. Oder sie sagen, er ist stolz. So ein Mann will doch auch einmal sein wie wir und will einfache Worte hören und ehrlich sprechen dürfen. Er hat Angst vor Mißverständnissen – verstehst du – – Falschverständnissen. Deshalb hat er mich zu dir geschickt, damit ich erst – Petra : Bist du denn sein Diener? Ich denke, du bist sein Freund. Grischa : Ich bin als Musiker bei ihm angestellt, aber ich bin auch sein Freund. Petra : Warum verstellt er sich? Warum verstellst du dich? Grischa : Wir verkleiden uns manchmal, wenn wir in einfache Kneipen gehen. Petra : Aber ihr verkleidet euch mit Glas. Jeder durchschaut euch. Mutter Mewes hat gleich zu mir gesagt (sie flüstern. Der Schläfer hinter der Wand erwacht, zahlt und geht geräuschvoll) . Grischa (wieder laut) : Du wirst dich überzeugen. Er muß jede Minute kommen. Petra : Nein, nein, nein! Er will alles besitzen und alles kriegt niemand. Und er ist doch feig, und du bist wahrscheinlich auch feig. Ihr lügt wahrscheinlich beide. Grischa : Willst du mit ihm sprechen? Petra : Nein, ich will nicht. Du gefällst mir genug. Grischa : Bitte laß ihn sprechen. Er drückt sich besser aus. Und du bist auch klug, du wirst schon heraushören. Du mußt nicht Angst haben. Petra : Ich Angst? Auch mein Freund wird gleich kommen. Wenn der was in die falsche Kehle kriegt – Fürst (bescheiden elegant gekleidet, geht auf Grischa zu und drückt ihm die Hand) . Grischa (vorstellend zu Petra) : Das ist mein guter Freund. (Will gehen.) Petra (reicht dem Fürsten die Hand) : Ihr Kapellmeister hat mir alles gesagt. (Sie hält Grischa zurück.) Bleib hier, ich will nicht allein mit ihm sprechen. (Zum Fürsten.) Sie sollen so edel sein, daß mir ganz gruselig wird. Aber meine Antwort ist Nein. Fürst : Es ist freundlich von Ihnen, daß Sie mich überhaupt anhören. (Er gibt Grischa einen Wink, Whisky zu bestellen.) Petra : Gern, aber nur kurz. Denn ich kann nur Nein sagen. Ich habe einen festen Freund, den ich über alles stelle. Fürst : Das erstaunt mich gar nicht. Petra : Ich erwarte ihn gerade. Er wird gleich kommen. Wir sind so wie verlobt. Fürst : Das gönne ich Ihnen. Petra : Also was bleibt noch zu sagen? Fürst : Eins schließt doch nicht das andere aus. Sie sollen natürlich zusammenbleiben. Er könnte doch mitreisen, bei Ihnen wohnen. Petra : Der wird sich bedanken. Der reist sowieso. Und anders wie Sie. Der hat keine Luxusyacht. Der reist nicht zum Vergnügen. Der ist kein Faulenzer. Der ist ein Kerl. Der hat einen Beruf. Seemann ist er. Fürst : Ich wollte, ich wäre in dieser Karriere. Petra : Karriere! Ho, wie das klingt–das klingt wie Kavallerie. – Er ist ein einfacher Matrose und wird immer Matrose bleiben. Fürst : Nun, immer wird er es nicht bleiben. Petra : Immer! Der hält es an Land nicht aus. Fürst : Immer wird er es gar nicht bleiben können. Petra : Nun ja, er wird auch einmal zugrunde gehen. Fürst : Von Unfällen abgesehen. Er wird sich einmal zur Ruhe setzen wollen, wenn er sich etwas erspart hat. Petra (lachend) : Erspart! Wir sparen nicht. Für uns ist Geld so wie Wellen. Schön, wenn sie kommen, schön, wenn sie gehen. Nur gefährlich, wenn sie bleiben. Wir sind Fahrensleute. Fürst : Ich habe auch manche Seeleute gekannt. Wenn sie alt und gebrechlich wurden, sehnten sie sich doch danach, einmal auszuspannen, zu genießen, spazierenzufahren, ein Häuschen zu besitzen – Grischa : Schön! Mit einem Gärtchen, und eine Kuh – Petra : Und Gickelgackelhühner und Obstbäume mit Kinderwindeln – ich verstehe. Fürst : Ich bin zufällig reich genug, euch das alles zu verschaffen. Petra : Verdienst du soviel Geld? Fürst : Verdienen – nein. Petra : Hast du soviel erspart oder gestohlen? Fürst : Ich habe es geerbt. Leider habe ich es. Petra : Leider? Schmeiß es doch auf den Mist! Geh arm zur See wie mein Freund. Fürst : Darf ich denn wegwerfen, was ich an gute Menschen verteilen kann? Petra : Ach rührend. Sie wollen also nur herschenken und gar nichts verlangen? Fürst : Verlangen werde ich nichts. Ich werde mich freuen, wenn Menschen mein Geld genießen, die es mehr verdient haben. Und ich möchte mit diesen Glücklichen dann glücklich werden . . . Petra : Und sonst wollen Sie gar nichts? Von mir gar nichts? Fürst : Ich will Sie genießen. Aber nicht so, wie Sie denken – Petra : Aha, nur die Seele. Der Leib ist Ihnen gleichgültig. Fürst : Gleichgültig?! Petra : Sie sind wohl aus einem Märchen stehen geblieben? Lieber Freund, es ist 1927. Fürst : Ich gebe zu: ich habe die ganze Nacht von diesem Leib geträumt. Ich bin doch nebenbei auch Mann. Petra : Nun also. Warum umgehst du das? Rede doch wenigstens offen. Was verlangst du von mir? Wahrscheinlich bist du pervers. Was forderst du von mir? Fürst : Ich fordere nichts. Ich bitte nur, daß ihr mit mir reist und um mich seid. Ich will dir ein eigenes Heim einrichten, wo du mit deinem Verlobten wohnen kannst. Und ich führe euch in Gesellschaften ein, wo ihr euch untereinander alle wohlfühlen sollt. – Ihr sollt Theater besuchen und Konzerte und Kinos oder Zirkus – was ihr wollt. Ihr sollt Kleider und alles haben, was du brauchst, um glücklich zu werden und gesund und frei zu sein. Petra : Ich bin gesund und frei. Fürst : Nein, du bist sehr elend und nicht frei. Petra, du bist noch sehr schön, aber noch viel schöner würdest du aussehen, wenn du gesünder und freier wärest. Bedenke das wohl! Petra : Aber glücklich bin ich. Fürst : Es ist ja schon ein Glück, wenn wir das von uns glauben. Aber wir könnten alle noch glücklicher sein. (Pause.) Petra : Und was forderst du weiter? Fürst : Ich bitte um weiter nichts als dies und werde dir nie zu mehr zureden. Grischa : Ich schwöre für ihn! Fürst (tadelnd zu Grischa) : Danke. Ich kann allein schwören. (Zu Petra.) Was du darüber hinaus mir – freiwillig – im Einverständnis mit deinem Freunde schenkst, wird mich natürlich unendlich froh machen. Petra : Und was zahlst du außer Reise, Kleidung und freier Station? (Pause.) Fürst : Ich möchte nichts versprechen. (Pause.) Petra : Wie lange soll es denn dauern? Einen Monat? Ein Jahr? Zwei Jahre? Fürst : Wenn du es aushältst, zwei Jahre. Wenn du verlangst, nur drei Tage. Wenn es dir und euch beiden gefällt, länger und länger. Petra : Welchen »euch beiden«? Fürst : Dir und deinem Freunde. Petra : Richtig; du willst ihn dulden. Fürst : Dulden? Nein, nein! Wir wollen uns zusammenfinden aus allen Ständen und alles teilen. Und wenn ich zufällig Geld mitbringe: Es bringt jeder Mensch schon von Natur aus etwas mit sich. Petra : Ah, ich verstehe. Das nennt ihr Orgie? Fürst : Manche nennen es vielleicht Paradies. Petra : Nein, nein, mein Freund weiß nichts von eurer Lebewelt. Der schlägt einen ganzen Palast entzwei, wenn wir mit den Beinen Skat spielen wollen. Fürst : So meinte ich es nicht. Aber wie bist du klug! (Will ihre Hand küssen.) Petra (Hand zurückziehend) : Zwei Jahre sagtest du. Aber was du zahlen willst, sagst du nicht. Fürst : Traust du mir nicht? Petra : Nein. Gar nicht. – – Wenn ich nun forderte? Nach sechs Monaten zwölf Fenster und zehn Obstbäume mit reichlich Erde. Nach zwölf Monaten ein Dach und vier Mauern. Nach achtzehn Monaten das Notwendige, was noch zu solchem Hof gehört. Und nach dem zweiten Jahr die Erlaubnis, mit meinem Freunde ohne Dank von dir zu scheiden. –? (Pause.) Fürst : Ich wäre einverstanden und glücklich. Das ist mal ein Vorschlag, der Hand und Fuß hat. Petra : Aber wer garantiert, daß du nach dem zwölften Monat oder nach dem vierundzwanzigsten noch Wort hältst? Fürst : Ich bürge mit meinem Leben dafür. Ich schwöre es. Petra : Das klingt nach was. Ich will mir's überlegen. – Prosit! Pepper (schleudert seine Mütze in die Stube) : Mutter Mewes, ahoi! Mewes (ihm entgegengehend) : Na endlich zurück. Herzlich willkommen! Pepper (schwer bepackt mit einem Kleidersack, einem Bananensack, einem ausgestopften Krokodil und einem Bastkörbchen. Hinter ihm Sitty Smile. Pepper bleibt stehen und zeigt auf Petra) : Do you see, Sitty Smile? That is my Petra! Is that a wife or not? Sitty Smile : A beautiful wife. (Laut.) Ich möchte ein große Bier. Pepper (reicht Mewes den Bananensack) : Das habe ich dir mitgebracht. Bananen aus Madeira. (Reicht ihr das Bastkörbchen.) Und das mußt du nachher allein auspacken. Es ist eine Überraschung darin. Mewes (es in der Hand wiegend) : Es ist sehr leicht. Ich trage es in die Küche. (Abgehend.) Ich danke dir später. Jetzt schieß auf dein Glück zu. Pepper (eilt zu Petra) : Hallo Petra! (Drückt ihr das Krokodil in die Arme.) Das hab' ich dir mitgebracht. Petra : Guten Abend, geliebter Hans. (Küßt ihn auf den Kopf.) Seit mehr als einem Jahr erwarte ich dich. Grischa (der sich mit dem Fürsten zurückziehen will, fixiert plötzlich Pepper) : Bist du nicht Hans Pepper? Pepper (sich von Petra losreißend) : Was? Grischa? Der Russki?! – Mein alter Freund Grischa! (Sie umarmen und küssen sich.) Du, Petra, mit dem hab' ich gefahren! – Wir sind einmal fast abgesoffen. Vor Rio de Janeiro. – Hallo old Grischa! Grischa : Es ist lange her. Ich war Steward an Bord. Pepper : Ein Schweinestall hat uns gerettet. Grischa : Das Schiff ging unter mit Mann und Maus, auch meine schöne Gitarre. Pepper : Ja verflucht, es ging hart her! Nur wir zwei Ratten blieben übrig. Grischa : Und konnten beide nicht schwimmen. Aber da trieb ein – wie nennt man das? – ein Holzkäfig im Wasser – Pepper : Ein Saustall. Grischa : Ja, ein Schweinekäfig trieb im Wasser mit einer lebenden Sau darin. Pepper : Darauf haben wir zwei wohl acht Stunden lang balanciert, bis sie uns auffischten. Die andern sind alle abgebuddelt. Grischa : Auch die süße kleine Pia, die Schauspielerin. Pepper : Es war die fetteste Sau, die ich je gesehen habe. Und sie ist trotzdem ersoffen, weil wir sie durch unser Gewicht unter Wasser drückten. Und denke dir, Petra – – Petra : Nun setzt euch doch erst mal alle. Du auch, Fürst. Fürst : Sag doch Boris zu mir. Petra : Gut. Also das ist Fürst Boris, und das ist Grischa, und das ist Hans Pepper. Pepper : Der sieht auch wirklich aus wie ein richtiger Fürst. Petra : Das ist auch ein richtiger. Und außerdem mein Freund. Also auch dein Freund. Pepper (drückt dem Fürsten die Hand) : Allright shake hands! Ich hab' auch schon mal einen Fürsten kennengelernt. Der hieß Wildenstein oder Wassermann oder so ähnlich. Fürst : So? Den kenne ich leider nicht. Pepper : Ja, das waren zwei Brüder, und die schulden mir jeder noch vier Dollar. Grischa (umarmt Pepper und küßt ihn) : Ach welche Freude, dich wiederzusehen. – Ich bin damals noch ein Jahr gefahren und dann wurde ich Kellner und dann wieder wandernder Musiker. Bis mich Fürst Boris von der Straße aufgelesen – – Fürst : Aufgelesen, du Esel? –Bis ich dich entdeckt und als fleißig helfenden, treuen Freund bei mir behalten habe. Petra : Hans, hat dir der Lotse den Aal gegeben? Pepper : Ja, danke dir. Aber der stank schon. Und da haben wir ihn dem Steuermann Kittel in die Matratze genäht. Das Aas hat uns so schikaniert. Petra : Das Aal? Pepper : Nein, das Aas, sage ich. Übrigens: Ich habe eine Flasche echten Black Label durchgeschmuggelt. (Kramt sie hervor.) In der dreckigen Wäsche. Wir hatten alle furchtbar drauf gespuckt, und ich habe im Freihafen dem Zollmann gesagt: »Sieh doch selber nach, du Papagei!« Da hat er mich, ohne weiter nachzusehen, rausgeschmissen. Petra : Hier steht schon Whisky für dich bereit. Prost Hans! (Betrachtet seine Stirn.) Du blutest ja. Pepper : Ich habe mit Larsen geboxt. Es ist nicht der Rede wert. Skol, Petra! Petra : Skol Hans! Fürst : Prost Hans Pepper! Petra : Nasdorowje Boris und Grischa! (Alle durcheinander: Prost, Skol und Nasdorowje .) Warum hast du mit Larsen geboxt? Pepper . Ach nun – der weiß doch genau, daß du mein einziges Glück bist. Und dieses Sonofabitch läuft mir am Petersenkai vor den Bug und erzählt mir, er hätte dich zwei Nächte lang in seiner Koje gehabt. Petra : Aber das ist wahr. Pepper : Mag sein. Aber ich will's nicht wissen. Petra : Das ist sehr traurig, Hans Pepper. Pepper : Ich will sowas nicht hören. Fürst : Bravo. Recht hat er. Prosit Hans Pepper. Du bist mein Mann. Grischa : Ja der ist recht. Pepper (in seinem Zeugsack kramend) : Gleich! Sauft mal inzwischen allein. Ich habe für euch beide auch etwas. (Zieht ein seidenes Tuch hervor.) Da, Grischa. Echte Seide. Du kannst es so zusammenknutschen. Sieh her! – So. Und jetzt öffne ich die Hand und – bums – springt es wieder glatt. (Bückt sich und reicht dem Fürsten etwas.) Das kannst du behalten. Floridaseife. Fürst : Danke herzlich. Oh, wie süß das riecht. Pepper : Ja, wie Puff. Kostet mich eine Unterbüchs. Grischa : Du bist noch immer mein liebster Freund. Besinnst du dich noch auf den gestohlenen Hammel in Buenos Aires? Pepper : Natürlich! Wo du den Steert an die Nock gehängt hast! Ha, ha! (Sie fallen sich in die Arme und küssen sich.) Petra : Hans, nun küss' mich doch endlich auch einmal. Pepper (neigt sich zu ihr. Beschnuppert plötzlich ihr Haar) : Ah! Ach du! Dein Haar riecht wunderbar! Weißt du, wie dein Haar riecht? So – wie wenn nach langer Fahrt Land in Sicht kommt. – So – erst Seegras – dann Treibgut und dann – oh! Schenk ein Mutter Mewes! (Singt.) Denn was nützt denn dem Seemann sein Geld, wenn's ihm schließlich ins Wasser reinfällt. Petra (streichelt ihn) : Was soll ich denn mit dem großen Krokodil machen? Grischa : Immer bringt er Krakadile mit. Pepper (Grischa nachäffend) : Krakadile! Krakadile! Du lernst nie deutsch. (Zu den andern.) An Bord nannten wir ihn Gorgonzola. Fürst : Meinen Grischa? Warum Gorgonzola? Pepper : Grischa, sag mal »Hohenzollern«. Grischa : Hohenzollern. Pepper : Jetzt hat er's endlich gelernt. Früher hat er Gorgonzola dafür gesagt. Petra : Ha, ha. Gorgonzola ist ein Käse. Pepper : Als ob ich nicht wüßte, was Käse ist. Skol Petra! Das Krokodil mußt du aufhängen. Mutter Mewes hat auch mal eins von mir bekommen. Das dort. Mewes : Ja, ein schönes Tier. Aber das hast du damals erst in Hamburg gekauft. Petra : Mich hätten die Bananen viel mehr gefreut. Mewes : Tauschen wir doch. Petra : Gern. (Sie tun's.) Pepper : Prost Borisfürst! Nasdorowje Petra! – Du, ich habe schon eine neue Chance, einen Motorschoner nach Grönland. Olaf heißt er. Petra : Wir werden uns vielleicht lange nicht sehen. Pepper : Das macht gar nichts. Wenn wir nur immer wieder zusammenkommen. Hamburg ist doch meine zweite Heimat, eigentlich meine einzige. – Olaf ahoi! Petra : Auf die Weise sehen wir uns nur alle Jahre einmal, und nun vielleicht sogar erst in zwei Jahren wieder. Pepper : Aber wie dann! – Und das kann uns keiner nehmen. Petra : Und wo bauen wir unser Häuschen, wenn wir einmal alt sind, und du so viel Geld gespart hast, wie du dir selber immer vorlügst? Ich will doch wissen, wo ich als alte Frau dir Strümpfe stopfe? Pepper : Das hat noch Zeit. Wenn wir wirklich mal soviel Geld zusammensparen – Petra : Wer? Wir? Pepper : Ich. – Weißt du – dann fahren wir – Petra : Fahren? Mit dem Häuschen? Pepper : Häuschen! Häuschen! – Irgendein kleiner Gaffelschoner. Dann fahren wir zum Beispiel so – Mittelmeerküste. – Alle Tage Häfen – oder Samoa-Inseln. Hast du einmal Samoaweiber gesehen? Die schönsten Weiber auf der ganzen – Petra : Hans, hast du heute schon an Bord getrunken? Nimm dich doch ein wenig zusammen und hör zu: Du reist nach Grönland. Wir andern hier, der und der und ich, wir reisen auch fort, und zwar auf zwei Jahre. Pepper : Hoho! Mit der Hafenrundfähre? Grischa : Petra spricht wahr. Der Fürst hat doch eine eigene Yacht. Notschinka heißt sie. Ein schönes großes Boot. Und du und Petra fahrt mit uns. Erst nach Frankreich, dann – Pepper : Ich? Nein! Ich mustre morgen auf der Olaf an. Petra (zum Fürsten) : Schade. Dann muß ich allein mit euch fahren. Fürst : Hans Pepper, laß den Olaf schwimmen! Ich zahle dich besser, und du kannst Bootsmann bei mir werden. Pepper : Auf keinen Fall. Ich bin für Olaf angeheuert, und ich lasse den Bas nicht im Stich. Petra: Und ich will hier nicht länger allein sitzen, ohne Abwechslung und ohne – Pepper : Du willst wirklich mit ihm reisen? Petra : Ja Hans. Ich sterbe hier vor Faulheit und Langeweile. Pepper : Als was willst du denn fahren? Willst du Stewardeß spielen bei dem? Petra : Stewardeß? Nein. Dann hätte ich ja auch hier bei meiner Mutter Kellnerin sein können. Fürst : Wir fahren als Freunde. Ihr beiden sollt uns beiden Gesellschaft leisten. Pepper (sich erhebend zu Petra) : Weil er ein Fürst ist?! – Da scheiß einer einen Langspliß! (Ergreift Sack und Mütze und will fort.) So long! – Tjüs, Mutter Mewes. Mewes (ihm den Weg verstellend) : Ich denke, du bist ein Seemann und kannst ein offenes Wort vertragen? Grischa : Hans Pepper, hol dich der Teufel! Sind wir zwei Freunde oder nicht? Pepper : Ja, Grischa, das sind wir. Karacho! Diavolo! Porco dio Madonna! Petra (zum Fürsten) : Ich sagte doch gleich, daß er nicht mitmacht. Aber was tut es? Ich bin nicht anders von ihm getrennt wie sonst. Er bleibt mein Hans und ich bleibe seine Petra. Grischa : Ja, Pepper. Und wenn wir in einem Hafen liegen, wo du bist oder hinkommen kannst, dann ißt du bei uns und trinkst bei uns – Fürst : Und schläfst bei uns (auf Petra zeigend) in Petras eigener Kabine. Am schönsten aber wär's, wenn du ganz bei uns bliebst. Sei doch mein Freund. Grischa : Und Bootsmann von S. S. Notschinka. Petra : Und dabei immer mein höchstes Glück. Sag zu, Hans! (Pause) Pepper : Da freut man sich ein Jahr lang auf sie und kauft überall Andenken. Und sticht sich ihren Namen in den Arm und hängt ihr Bild an die Koje. Und ich sage heute früh noch zu Hein Buck: »Die wiegt mehr als tausend von deinen stinkigen Negerweibern.« – Und ich sage noch vorhin zu Sitty Smile – (zu Sitty Smile) : Hallo Sitty Smile, what did I say to you, before wir hier went in? Sitty : Oh you said: »Let us drink like hell.« Mewes : Du bist ein Esel, Hans Pepper. Pepper : Jawohl, das bin ich. Mewes : Ich sage dir: die Petra hat sich mehr auf dich gefreut als du dich auf sie, und sie hat es schlimmer als du erfahren, was Warten heißt. Fürst : Du mußt mir nicht mißtrauen. Ich will dir deine Braut nicht nehmen. Grischa : Mich kennst du doch. Glaube mir doch, es ist eine ehrliche Sache. Petra : Stell dir doch einmal vor, ich führe zur See, und du bliebst zurück. Und ich müßte arbeiten und erlebte Stürme und sähe fremde Länder und bin in den Häfen vergnügt mit Türken und Kreolen und Japanern. Und du solltest inzwischen hier in der Kiautschoubucht warten und warten und warten. Mit wenig Geld. Und aus Gnade von der lieben Mutter Mewes. Du würdest aus Stumpfsinn und Verzweiflung nur saufen und – Pepper : Das geht euch aus dem Maul wie ein Wasserstrahl. – Wir Deutschen sind dumm. Und ihr Dänen seid schlau. Und die Russen sind noch schlauer. Fürst : Sind wir falsch? Grischa : War ich jemals falsch zu dir? Petra : Hast du denn ein Brett vorm Kopf? Es bleibt doch alles beim alten. Nur daß du mich eine Zeitlang statt in Hamburg irgendwo anders triffst. Wahrscheinlich öfter als bisher. Und nach zwei Jahren bleiben wir dann hoffentlich einmal ganz beisammen. – Das heißt, wenn du mich dann noch magst. Fürst : Du gibst uns deine Adressen und wir schreiben dir jeden Tag. Grischa : Ich schwöre es. Pepper : Ach du mit deinen Geschwüren. Damals bei Kap Horn – mit der Leberwurst, da hast du auch falsch geschworen. Grischa : Das ist Lüge. Pepper : Das ist keine Lüge! Du hast noch Leberwurst gehabt. Grischa : Wie kannst du das behaupten! Es ist nicht wahr. Ich hatte keine Spitze mehr von Leberwurst. Pepper : Das ist Lüge. Shut up! Grischa : Das ist Wahrheit! Ich schwöre. Petra : Nun stecht euch um Leberwurst. Fürst : Ja, das ist wirklich kein Zank unter Männern. Pepper : Da hat er recht. Fürst : Also merk dir: wir werden dir täglich schreiben, was wir vorhaben, und wo du uns erreichen kannst. Grischa : Und wenn dir ein Schiff nicht gefällt, oder wenn dir ein Steuermann so dumm kommt, wie der Steuermann Kittel – Petra (lächelnd) : Das Aal! Grischa : Dann telegraphierst du an den Fürsten um Geld. Fürst : Oder legst es aus, wenn du gerade Geld hast, und kommst zu uns. Mewes : Das ist ein sauberer Vorschlag. Aber zwischendurch besuche auch mal Mutter Mewes. Du bist mein liebster Gast, und meine Petra meint es gut mit dir. Pepper : Ja, Mutter Mewes. Ich besuche dich ewig. Und Geld haben wir auch. Das verdienen wir uns selber. (Er schmeißt Geld um sich auf den Boden.) Es ist schön, wenn's so prasselt. Petra : Aber Hans! Warum spielst du dich jetzt auf? (Sie sammelt die Münzen auf.) Du verdienst es doch sauer. Und wenn du einmal alt und klapprig wirst oder wenn du vorher Malheur mit deinen Knochen hast – Pepper : Das weiß ich wohl – aber ich will euch was sagen. Ganz wahrhaft. Denn ich bin nicht besoffen – Petra : Doch du bist es. Aber du kannst auch dann manchmal sehr schön reden. Pepper : Ich will euch wahrhaft sagen: – Ich kann das mit der Leberwurst nicht beweisen, aber – Alle : (Lachen.) Fürst : Sie läßt ihm keine Ruh. Grischa : Denk darüber, wie du willst. Mein Gewissen ist rein. Fürst (lachend) : In einem sind die Deutschen doch wirklich dumm. Pepper (aufspringend) : Was sagst du? Wir Deutschen wären dumm! (Will auf den Fürsten eindringen.) Grischa (ihn zurückhaltend) : Das hast du doch eben selber gesagt. Pepper : Ja, ich darf das sagen. Aber ein Ausländer darf mir das nicht sagen. (Er ringt mit Grischa und wirft Tisch und Stühle um.) Sitty (Flieht aus den Lokal.) Petra (Pepper zurückziehend) : Hast du nicht eben auch die Dänen und die Russen beschimpft!? Pepper : Ja, helft euch nur zu dritt, Hand über Hand. Fürst : Ich stamme selbst von einer deutschen Mutter. Aber ich meinte das, was ich sagte, auch ganz anders. Ich wollte sagen: in einem sind die Deutschen sonderbar. Wenn sie einmal einen anständigen Standpunkt gefunden haben, dann wollen sie ihn nie mehr verlassen und halten es für Untreue, ihn gegen bessere Einsicht umzutauschen. Aber ich drücke mich wohl zu kompliziert aus. Petra : Ja, Boris, bei uns mußt du dich einfacher ausdrücken. Wollen doch endlich friedlich sein. (Sie tuschelt Grischa ins Ohr, der sich zur Gitarre schleicht.) Ich habe mich ein Jahr lang auf Hans gefreut. Und nun ist er da, und es gibt Streit. Und er glaubt nicht mehr an mich. Fürst (zu Pepper) : Laß mich noch ein letztes Wort sagen. – Liebst du Petra aufrichtig? Pepper : Ja, das meine ich wohl! Bis heute war sie mein einziges Glück. Überall, bei jedem Wetter und bei jeder See. Fürst : Gut, Hans Pepper. Ich glaube es dir. Nun schau dir einmal deine Petra an. Siehst du nicht, wie nervös, wie blaß sie ist, wie dringend sie Erholung braucht? Petra : (Winkt lachend ab.) Pepper : Wenn sie so säuft und mit jedem Kerl loszieht – Petra : Pfui, das ist gemein von dir. Pepper : Warst du nicht bei Larsen? Und warst du nicht bei dem Araber? Und bei Jonny Bay? Petra : Ich war bei vielen und ich hab' dir's immer gesagt, damit du mir vertraust. Pepper : Ich habe dir vertraut wie der Ankerkette von einem Feuerschiff. Petra : Ich bin gar nicht mit so vielen losgezogen, wie du meinst, weil ich es so sagte. – Ich war auch nicht bei Larsen. Ich war auch nicht bei Jonny Bay. Pepper : Warum schwindelst du dann? Warum hast du mir erst so gesagt? Petra : Weil ich darauf wartete, daß du einmal sagen würdest: »Petra, du gehörst mir, und darfst dich nicht an alle andern hingeben.« (Pause) Pepper : Ich habe gedacht – ja wie soll ich das sagen – in allen Häfen habe ich Mädchen gehabt. Es kann sogar sein, daß in vielen Ländern Kinder von mir herumkröpeln, von denen ich gar nichts weiß. Und ich weiß auch, daß du so allein in Hamburg festliegst. Und da habe ich gedacht, man kann nicht verlangen, daß sie in der langen Zeit nicht auch sich amüsiert und – Petra (ihn streichelnd) : Und auch Kinder kriegt – Fürst : So denken sich Menschen vorbei, die zusammengehören. Ihr wußtet beide nicht, wie gut es eines mit dem andern meint. (Reicht Pepper die Hand hin.) Schlagt doch meine Freundschaft nicht aus. Ich meine es gut mit euch. Deine Braut soll sich bei mir erholen und nicht mehr so lange nachts hier herumlungern. Sei mein und ihr Freund, und bleibe Grischas Freund. Komm als Bootsmann zu mir und reise einmal mit deiner Petra zusammen. Mewes : Schlag ein, Hans. Ich habe dir noch niemals schlecht geraten. Grischa (beginnt leise La Paloma zu spielen.) Pepper : Ja, sie darf nicht mehr so viel saufen, und sie muß auch mal raus aus dieser Wirtschaft. Fürst : Ja. Sie soll doch gesund leben. Schlag ein, Hans Pepper! Pepper (einschlagend) : Aber sie muß immer zu mir gehören. Petra (küßt Pepper) : Immer. Fürst : Dein Heimathafen soll immer Petra heißen. (Küßt Pepper.) Mewes : Seid ihr endlich einig um eine so schöne und reelle Sache? (Sie knipst Lichter an.) So jetzt sehe ich mir die Überraschung an. (Ab.) Petra : Prost alle ihr Versöhnten! Pepper : Pst! Still! (Lauscht.) La Paloma. – Das ist mein Lieblingslied. – Das hat er sich gemerkt. (Singt und summt dann weiter.) Es zog mich an Bord und es wehte ein kühler Wind . . . (Die andern schweigen. – – Plötzlich in der Küche ein Schrei und dann Radau.) Mewes' Stimme : Das ist ein ganz übler Spaß! – Solch ein Höllenvieh! – Hans Pepper! Hans Pepper! Pepper : (Lacht.) Mewes (aus der Küche stürzend und die Tür hinter sich zuschlagend) : Hans Pepper, fang mir sofort das Biest wieder ein! Das kannst du einem andern schenken. Ich bin eine alte Frau und will sowas nicht. Das tobt da herum und zerschlägt mir alle Töpfe. Pepper : Nicht wahr, das ist ein tolles Luder? Und dabei so lütt. (Läuft in die Küche.) Petra (ihm folgend) : Was hat er denn da gebracht? Mewes (folgend) : Einen lebendigen Affen. Der springt wie besessen umher. Fürst (folgend) : Das muß ich sehen! (Draußen Radau. Gelächter. Grischa spielt inzwischen unaufhörlich immer wilder La Paloma und lacht dabei in sich hinein. – Die drei andern kehren zurück.) Pepper (das Bastkörbchen tragend) : Ein tolles Luder. Aber sie will ihn gar nicht. Borisfürst, willst du ihn haben? Fürst : Ja Hans, gern. Ich danke dir. Er wird Bord-Affe auf Notschinka. Und wir gehen jetzt an Bord von Notschinka und wollen dort feiern. Mewes : So!? Bei mir macht ihr's aus, und besaufen wollt ihr's wo anders. Fürst : Du sollst nicht zu kurz kommen. Was wir trinken, nehmen wir von hier mit. Mewes : Das geht in Ordnung. Dann trinkt aus und geht. Wir kommen alle hier wieder zusammen. Fürst (zieht Mewes beiseite und zahlt) . Pepper : Hallo, Boys, trinkt aus! Prost alle! Prost Grischa! Ich danke dir für La Paloma. Daß du dir das gemerkt hast – Grischa : Petra hat das bestellt. Jetzt sind wir eine crew, ein Herz und eine Seele. Petra : Ja, wir halten alle ewig zusammen. Prosit mit dem letzten Schluck! Fürst : Und kommen auch immer wieder zusammen. Petra : Ja. Allerspätestens in zwei Jahren. Pepper : Ja! Wir kommen wieder zusammen. Petra : Spätestens in zwei Jahren! Am selben Tag! Also am – Mewes : Ja. Also spätestens am 21. März 1929 – ich schreib es an die Wand unter das Krokodil. Fürst : Spätestens in zwei Jahren hier. Aber hoffentlich zwischendurch früher. Grischa : Ja, ganz gleich, ob wir uns früher sehen oder nicht. Aber bestimmt am 21. März 1929. Wir alle. Mewes (setzt sich die Brille auf. Unters Krokodil schreibend) : 21. März 1929. Petra : Am 21. März 1929 treffen wir uns hier wieder. Pepper : Jawohl als treue Freunde. Mewes : Bei mir in der Kiautschoubucht. Petra : Selbstverständlich. Bei Mutter Mewes. Als fünf treue Freunde. Fürst : Fünf treue Freunde. Mewes : Abgemacht. Ich danke euch. Dort steht der Whisky. Und nun laßt euch nicht halten. Grischa : Warte noch. Wir müssen es ernst nehmen. Also hört alle: Am – Fürst : Am 21. März 1929 ist jeder von uns fünf, wenn er noch lebt, hier. Alle : Ja! Grischa : Wir schwören es! Fürst (sich erhebend) : Ich schwöre es! Grischa : Ich schwöre es nochmals. Petra : Ich schwöre es auch. Am 21.März in zwei Jahren. Vergeßt den Tag nicht. Fürst : Spätestens dann. Mewes : Dort steht es an der Wand. Ich vergesse es nicht. Ich bin dann ja sowieso da. Und sollte das Haus inzwischen abgebrannt sein, dann stehe ich in der Asche und erwarte euch. Grischa : Hans Pepper, du mußt auch schwören. Wir sind doch jetzt alle Freunde. Pepper . Ja, Grischa. Jetzt glaube ich dir auch wegen der Leberwurst. – Aber ich kann nicht schwören in diesem Fall. Denk mal, wenn ich nun dann gerade auf See bin – Mewes : Sagen wir so: Wer ernsthaft verhindert ist, muß wenigstens rechtzeitig eine Nachricht senden. Fürst : Jawohl. Und muß schreiben, wann er spätestens nach bestem Willen hier eintreffen kann. Wir andern bleiben dann solange hier, bis er eintrifft. Grischa : Bis wir alle beisammen sind. Mewes : Abgemacht. Nun redet nicht mehr darüber. Wie ihr das einhaltet, zeigt ihr, wie ihr seid und wer ihr seid. Pepper : Das geht in Ordnung. Ich schwöre auch. Also am 21. Mai – Alle : März!! März! Pepper : März 1929. Ahoi! Der 21. März 1929. Mewes : Das ist gerade Frühlingsanfang. (Aufbruch. Alle küssen sich immer wieder.) Fürst : Auf! Wir besiegeln das jetzt auf der Notschinka! Wer hilft mir den Whisky tragen? Alle : Alle! Mewes : Auf Wiedersehen! Petra (küßt Mewes) : Ich danke dir, Mutter Mewes. Du hast mir immer alles leicht gemacht. Aber diesmal ist mir so schwer ums Herz. Mewes : Auf Wiedersehen, Kind, mach dein Glück und bleibe ehrlich. Grischa : Auf Wiedersehen, Mutter Mewes! Fürst : So komm doch, Hans Pepper! Pepper : Ja, heute müßt ihr euch heiß saufen. – Aber ich kann nicht mitkommen. Ich muß jetzt an Bord der Olaf. Ich habe heute Hundswache. ( Ende des ersten Aktes ) Zweiter Akt August 1928 Salon eines Hotels in Konstantinopel. Auf dem Tisch Kaffeegeschirr, eine Flasche Whisky mit Glas und ein Grammophon. Das Grammophon spielt die Oper »Bajazzo« (Caruso). Grischa versucht die Melodie auf der Gitarre zu begleiten. Er hat einen Radio-Kopfhörer an den Ohren. Petra : Hallo, my dear Grischa, hallo! Hallo Grischa! (Nimmt ihm den Kopfhörer weg.) Spielst du wieder einmal internationale Musik? Mich hörst du nicht vor lauter Hören. Grischa (stellt Grammophon ab) : Guten Tag, Verzeihung. Ich hörte nicht. Petra : Stimmt denn das nun heute zusammen? Dein Weltorchester? Grischa : Nein. Gar nicht. – In Mailand singt ein Lautsprecher den toten Caruso. Aber Grammophon läuft anders als Lautsprecher, und Gitarre stimmt nicht zu Grammophon. Man wird verrückt dabei. Petra : Wird? Wir sind es schon. Du bist verrückt, Boris ist verrückt, ich bin verrückt. Alle sind wir hier verrückt. Und jeden Tag werden wir verrückter. Grischa : Es ist schön, wenn man verrückt ist, man friert dann nicht. Petra : Was? Man friert dann nicht? Grischa : Ja. Wenn man arm ist, hungert und friert, dann ist man nie verrückt. Petra : Du redest wirr. – Sing mir lieber etwas vor. Ich bin heute so vergnügt. Grischa : War es lustig bei Herrn Baron? Petra : Nein, eigentlich war es gar nicht lustig. Aber ich werde tun, als ob es sehr lustig war. Boris soll denken – – Warum lachst du? Grischa : Weil ich auch so vergnügt bin. Petra : Gut. Also wollen wir beide vergnügt sein. Sing mir etwas vor. Grischa : Ich kann ja nicht singen. Petra : Doch, du kannst. Sing das von der Hochseekuh. Ich singe mit. Grischa (singt, Petra singt den Refrain mit) : Das Lied von der Hochseekuh         Zwölf Tonnen wiegt die Hochseekuh. Sie lebt am Meeresgrunde. Ohei! – – Uha! Sie ist so dumm wie ich und du Und läuft zehn Knoten in der Stunde. Ohei! – – Uha! Sie taucht auch manchmal aus dem Meer Und wedelt mit dem Schweife. Ohei! – – Uha! Und dann bedeckt sich rings umher Das Meer mit Schaum von Seife. Ohei! – – Uha! Die Kuh hat einen Sonnenstich Und riecht nach Zimt und Nelken. Ohei! – – Uha! Und unter Wasser kann sie sich Mit ihren Hufen melken. Ohei! – – Uha! Petra : Bravo! Noch eins! Das kleine russische, was dir Boris übersetzt hat. Grischa (singt und spielt) : Liedchen         Die Zeit vergeht. Das Gras verwelkt. Die Milch entsteht. Die Kuhmagd melkt. Die Milch verdirbt. Die Wahrheit schweigt. Die Kuhmagd stirbt. Ein Geiger geigt. Petra : Das ist schön. Aber es ist zu ernst. Etwas anderes. Grischa : Ich kann nicht mehr singen. Petra : Dann spiel etwas, aber etwas Frohes. Grischa : Ja ja. Ich spiele etwas sehr Frohes. (Er spielt La Paloma.) Petra (wendet sich ab und winkt schließlich Grischa zu, aufzuhören.) Grischa (das Spiel abbrechend) . Das war damals, als Sie den Fürsten kennenlernten. Als Sie zum ersten Male mit ihm tanzten. Petra : Auch mit dir! Zuerst mit dir. Ach ja, das war schön. Mußt du auch immer wieder an die Zeit zurückdenken. Grischa : Ja. Und an meine Seefahrtszeit. Als ich mit Hans Pepper – Petra : Ist es seitdem noch schöner geworden? Wo sind wir überall herumgekommen! Zur See, mit Pferden, im Auto, auch durch die Luft. Nicht wahr, Grischa, es ist noch schöner geworden? Grischa : Ja. Wir sind seitdem mehr herumgekommen als Hans Pepper. Petra : Viel mehr. Und haben seitdem viel mehr erlebt und gesehen als er. – Und viel gelernt. Grischa : Beinahe jeder Tag eine Gesellschaft mit Fest, durch die Nacht bis in den Morgen. Petra : Ja, nicht wahr? Das war doch noch schöner? Sprich Grischa: Das war doch noch schöner? Grischa : Noch schöner? Petra : Was hat Boris alles erdacht, um uns den »Gimmel« auf Erden zu bereiten. Grischa : Den Himmel. »Himmel« heißt es. Petra : Ach du bist so dumm. – – Nein, komm her. Ich wollte dich nicht kränken. – Aber ich bin heute so – ich weiß selbst nicht wie – so unternehmungslustig. Grischa : Ja, vergnügt. Petra : Nein, noch mehr. – – Es muß endlich etwas geschehen. – Wo ist Boris? Grischa (lachend) : Ich weiß nicht. Petra : Warum lachst du, Grischa? Du lachst so selten. Aber ich habe dich gern, wenn du lachst. Bist du heute besonders glücklich? Wo ist Boris? Grischa : Der deutsche Kellner sagt: Durchlaucht hätte sich ganz eilig rasiert und ist dann plötzlich mit Frau Baronin fortgegangen. Petra : – – Sie hat meine Figur. Auch ihr Haar ist wie meins. – (Sie betrachtet die Flasche.) Black Label! Das haben wir damals getrunken. Erinnerst du? Im Äroplan nach London. Grischa : Ich erinnere genau. Das ganze Flugzeug war Lilien. Petra : Ja, ja. Alles voll Lilien. Meine Lieblingsblume. Daran hatte er gedacht. Trink auf sein Wohl! Er verbringt die halben Nächte damit, daß er nachdenkt, wie er andre erfreut. Und was andre lieben. Ist es so, Grischa? – Er hat einmal gemerkt: Lilien sind Lieblingsblumen von Petra – – Grischa : Ja, und auf einmal ist ein Flugzeug wie ein Gewächshaus mit Lilien. (Spielt leise vor sich hin »La Paloma«.) Petra (ihn unterbrechend) : Nein, das nicht mehr! Nie mehr. Erzähl mir etwas. – Aus deiner Seefahrtszeit. Grischa : Ja. Von Hans Pepper. Petra : Nein, nicht von ihm. Von deinen anderen Erlebnissen als Steward. Grischa : Ich habe etwas von Hans Pepper zu erzählen. Petra : Denkst du denn nur an ihn? Hast du ihn so lieb? Grischa : Ja. Sie doch auch. Petra : Hast du Boris lieb. Grischa : Ja, ich liebe den Fürsten sehr. Er ist ein guter und vornehmer Herr. Petra : Wen hast du lieber? Den Fürsten oder Hans Pepper? Grischa : Beide. Petra : Ach du feiger Hund. Einen hat man noch lieber als den andren. Sag: Wen von beiden hast du lieber? Boris oder Hans Pepper? Grischa (strahlend) : Hans Pepper besucht uns heute. Petra : Was sagst du? – Ist das wahr? – Hans Pepper ist hier? Grischa : Ja. Sein Schiff liegt im Hafen. Sie löschen Ballast. Nach der Arbeit will er uns besuchen. Ich traf ihn zufällig am Kai. Petra : Heute? – Hans Pepper kommt? – Nach so langer Zeit. – Aber so war es ja früher auch. – – Und wir wollen doch heute nach Algier reisen. Grischa : Er will sich beeilen. Petra : Hast du es Boris schon gesagt daß Hans Pepper kommt? Grischa : Nein. Petra : Sag's ihm nicht. Grischa : Ich verstehe. Sie wollen den Fürsten überraschen. Petra (in Gedanken versunken) : O ich fürchte mich. (Zu Grischa.) Überraschen? – Ich bin ganz verwirrt. – Der Fürst wird mich damit überraschen wollen. Sag ihm, daß Hans Pepper kommt. – – Grischa, wen hast du lieber? Boris oder Hans Pepper? Antworte. (Ihn anschreiend.) Antworte doch! Grischa : Ja. Frau Petra. Der Fürst ist ein edler Herr. Petra : Grischa, sei doch nicht so dienerhaft. Sei doch mein Freund. Sei doch mein Freund! Es war doch so ausgemacht. Früher sagtest du »du« zu mir, und nun – Grischa : Ja, aber wir haben doch später verabredet, daß wir – Petra : Ja, daß wir aus Rücksicht auf Hotelpersonal usw. – ja, ja, ja. Das haben wir. Wir alle drei. Boris und du und ich. Aber warum? Was sind das für alberne Rücksichten. Hier soll man so sein, und dort muß man so sein. – Setz dich hier zu mir, Grischa. (Grischa tut's.) Sei doch mein Freund, wir sind doch beide vom Volk. Grischa (küßt ihr die Hand) : Ja, Petruschka. Petra (umarmt und küßt ihn) : So mußt du mich küssen. Auf den Mund. Grischa : Um Gottes willen. Wenn das – Petra : Wenn das der Fürst sähe? O du Feigling! Warum hast du Angst vorm Fürsten? Ich denke, er ist dein Freund? Grischa : Ja, das ist er. Petra : In der Kiautschoubucht hast du es mir so gesagt. Grischa : Er ist mein Freund. Petra : Nun, und was wäre denn, wenn dein Freund sähe, wie wir uns küssen? Grischa : Ich meinte ihn ja gar nicht. Petra : Was wäre dann Grischa? Er will doch, daß wir alle ganz frei sind. Grischa : Ja das sind wir. Petra : Ich bin es nicht. Aber ich will es endlich werden. – Sag mir, Grischa, sag mir als Freund die Wahrheit: Glaubst du, ob ich den Fürsten liebe? Grischa : Er liebt Sie über alles. Petra : Er mich, – ja. Aber vielleicht auch das nicht. Vielleicht wäre ich allein ihm nicht genug. Ich glaube, er liebt ein Tier, das unzählige Beine und Köpfe hat. Ein Tier, das es gar nicht gibt. Er redet sich ein Leben ein – – Aber das verstehst du alles nicht. – – Sag mir doch ganz wahr, Grischa, ganz wahr: meinst du, ob ich den Fürsten liebe. Grischa : Ja, er ist doch so gut, so fein. Petra : Ach du redest immer drumrum. Du kannst nie mutig reden, wie Hans Pepper redet. Grischa : Ja, Sie lieben den Fürsten. Aber Sie lieben Hans Pepper noch mehr. Petra : Meinst du? Heute noch?– Ich weiß es nicht. – Monate ist er fort. – Manchmal denke ich so, manchmal so. Grischa : Heute wird es große Freude geben. Heute kommt er wieder. (Lauscht.) Er kommt. Petra (erschrocken) : Hans Pepper? Grischa : Nein. Der Fürst kommt. (Will aufspringen.) Petra : Laß ihn kommen! Warum hast du Angst vor ihm! (Ihn umarmend.) Grischa küss' mich! Küss' mich auf den Mund. – So – Fürst : Guten Tag. Grischa (aufspringend) : Guten Tag. Fürst : Warum so militärisch? Wir sind doch, wie ich sehe, unter uns. Guten Tag, Petra. (Küßt ihr die Hand.) Petra : Guten Tag, Boris. Wir brauchten auch sonst nicht militärisch zu sein. Fürst (Platz nehmend) : Nein, gewiß nicht. (Zu Grischa.) Bleib doch sitzen. (Zu Petra.) Wie ist's dir ergangen? Petra : Wundervoll. Bei dem Baron war ein wilder Zauber. Ich bin so vergnügt. – Und der Teppichhändler hat mir ein Armband geschenkt. Und vier Artisten waren da. Reizende Jungens. Schneidig und adrett. Fürst : Ja, ich kenne die. Das sind nette Burschen. Reisen sie mit uns? Petra : Nein. Sie können doch nicht fort; sie sind im Engagement. – Aber der Baron selbst kommt auch nicht mit. Fürst : Kommt nicht? Er hatte doch schon so gut wie zugesagt. Petra : Er meint: Algier wäre ihm zu weit. Aber das ist wohl Ausrede. Ich glaube, er ist nur eifersüchtig. Fürst : Meinst du wirklich? – – Petra : Nun, Boris, und wie weit bist du inzwischen mit seiner Frau gekommen? Fürst : Sie war charmant, entzückend. – Sie grüßt dich sehr und freut sich auf die Reise nach Algier. Petra : So. Sie macht also die Reise mit? Fürst : Ja, sie holt uns ab. Wir fahren mit ihrem Wagen an Bord. Petra : Hast du sie überredet? Fürst : Überredet? Nein. Ich überrede nie. Ich habe sie gefragt. Ich habe ihr das Fest geschildert. Es war doch eine ganz nette Idee. Du selber warst doch davon begeistert. Petra : Ja, sehr. – Aber ich habe den Baron überredet. Fürst : Du sagtest doch eben, der käme nicht mit. Petra : Ja, ich habe ihn überredet, nicht mitzukommen. Fürst : Du? – So. – Das macht mich ja erstaunt. (Halb lächelnd.) Was ist denn hier los? (Zu Grischa.) Liegt sonst was vor? Grischa : Nichts Wichtiges. Der Bootsmann läßt melden: Notschinka wäre seit vier Uhr seeklar. Fürst : So sehr unwichtig erscheint mir das gar nicht. Grischa : Weil ich noch was Wichtigeres weiß. Fürst : Ach. Das ist ja sehr interessant. Du weißt noch Wichtigeres. Petra : Hans Pepper kommt heute. Fürst : Ach! – So! – Deswegen seid ihr so mutig aufgelegt. Petra : Warum nicht, Boris? Sollen wir uns nicht geben, wie uns zu Mut ist? Ist das nicht das, was du immer willst? Fürst : Ja doch, natürlich. Uns leicht geben und leicht nehmen. Und uns ganz geben. Wärt ihr nur auch so zu mir. – Grischa geh! Packe alle Koffer. Recht schnell. Die Baronin holt uns mit ihrem Wagen ab, dann muß alles bereit sein. Wir müssen sehr eilig fort. Grischa (zögernd) : Ja – aber – heute kommt doch – Petra : Geh nur, Grischa. (Sie küßt Grischa.) Beeile dich. Grischa (zögernd ab) . Fürst : Was bedeutete nur dieses Theater mit Grischa? Du weißt doch wahrhaftig, daß ich nicht eifersüchtig bin. Petra : Doch, auch du bist eifersüchtig. Du verbirgst es nur hinter deiner Großzügigkeit und hinter deiner Güte. Fürst : Wie könnte es mir gleichgültig sein, wenn du andren schenkst, was du mir versagst? Warum hast du mir nicht einmal – Petra : Weil die andern nicht du sind. Aber du bist auch nicht Hans Pepper. Fürst : Ich stelle dich doch über alle andren. Petra : Boris, ich bin verwirrt an dir. Weil ich nicht weiß, ob ich Hans Pepper noch mehr liebe als dich. Fürst : Du liebst ihn mehr. Aber so war es ja auch ausgemacht. In dem ungeschriebnen Kontrakt. Petra : Wir sind über den Kontrakt hinausgewachsen. Fürst : Ja. Hinaus. Auseinandergewachsen oder zusammengewachsen? Petra : Wir philosophieren immer über das Thema. Fürst : Ja, und das macht mich ganz krank. Petra : Mich auch. Fürst : Es könnte doch alles so einfach sein, wenn – Petra : Ja wenn – Fürst : Wenn wir – Petra : Wenn du – Fürst : Wenn wir alle – Petra : Nein, wenn du! Wenn du ein Kerl wärst. – – Boris, nimm mal diesen Stuhl und schlage ihn in die Fensterscheibe dort. Fürst : Ach das wäre ja sehr einfach. Aber wenn es nicht spontan – Petra : Also schlage ihn spontan ins Fenster. Zu! Zu! Fürst : Wenn es dir Freude macht – (Ergreift Stuhl.) Petra : Zu! Zu! Nicht, weil es mir Freude macht, zu! Zu! Ohne Überlegung. Fürst : Mir tut die Scheibe leid. Petra : Der arme Stuhl! – Also lasse uns wieder philosophieren. Fürst : Warum bist du heute so angreifend zu mir? Petra : Ich will sehen, wie du dich wehrst. Fürst : Warum denn? Ich bin ja längst wehrlos. Was willst du noch von mir? Petra : Klarheit. – Deine Wehrlosigkeit ist Bequemlichkeit, ist Schlappheit. Du wagst es nicht, etwas zu zerbrechen. Fürst : Kommt Hans Pepper wirklich heute? Petra : Ja. Er liegt mit einem Segler hier. Grischa hat ihn am Hafen getroffen. Fürst : Du mußt ihn natürlich abwarten. Petra : Nein. Ich will nicht. Es könnte häßlich werden. Ich traue mir selber nicht. – Ich traue auch dir noch nicht. Aber ich liebe dich. Fürst : Gerade deshalb müßtest du ihn wiedersehen. Vielleicht wird vieles dann klarer, so oder so. Petra : Ich werde ihn wiedersehen. Aber nicht heute. Fürst : Du willst mir ein Opfer bringen. Du bist so gut zu mir. Petra : Du warst ja auch immer gut zu mir. Fürst : Für mich so leicht mit so viel Geld. Petra : Was hat das mit Geld zu tun. Du schenkst mir Lilien, meine Lieblingsblumen. – Und Hans Pepper schenkt mir ein Krokodil. Fürst : Das Krokodil ist für ihn tausendmal teurer, und das ist doch rührend. Petra : Was ist rührend? Daß er sein Geld leichtsinnig und blindlings ausgibt? Fürst : Nein, daß er wegen des Krokodils auf viele Genüsse verzichtet. Daß er es monatelang mit sich herumschleppt unter Schwierigkeiten, die nur der kennt, der die Bordverhältnisse kennt. Nein, Petra, es scheint mir doch ehrlicher, daß wir Hans Pepper noch abwarten. Petra : Wozu? Er wird mir sagen »Petra, du bist mein einziges Glück«, und dann wird er mir von wüsten Saufereien und Raufereien im Ausland erzählen. Fürst : In der guten Überzeugung, daß du an seinem Leben teilnimmst. Petra : Ich habe lange genug teilgenommen. Aus der Ferne, in Gedanken, er war ja meistens fort. In Sidney oder Shanghai. – Und dann so lange im Kriege. Fürst : Du selbst hast mir immer wieder gesagt: Die Jahre, die du mit ihm verlebt hast, wären deine schönsten gewesen. Petra : Die Tage, nicht die Jahre. Ja. Ich war vielleicht zufrieden, weil ich nichts bessres kannte. Ich war ja auch zufrieden in der Kiautschoubucht. Der enge Raum war mir zur Welt geworden. Fürst : Sei nicht ungerecht. Hans Pepper ist primitiv, aber – Petra : Primitiv ist plump, das habe ich bei dir inzwischen gelernt. Und dann kann man es nicht mehr ertragen. Fürst : Das Primitive ist das Stärkere. Wir kommen immer wieder darauf zurück. Petra : Das weiß ich nicht. Fürst : Du darfst jetzt nichts gegen Hans Pepper sagen. Er ist nicht hier und kann sich also nicht verteidigen. Petra : Weißt du, was du jetzt tust? Du nimmst Hans Pepper in Schutz, eigentlich, um ihn herabzusetzen. Stimmt das? Fürst (läßt Kopf sinken) : Wahrscheinlich stimmt es. Aber ich wollte es gar nicht. Ich kann mich ja euch nicht verständlich machen. Ihr versteht mich ja nicht. Ich möchte zu dir lieb sein – Petra (streichelt ihn) : Du bist es immer. Du bist lieb und zart zu mir. So zart wie du war noch niemand zu mir. (Es klopft.) Kellner (eintretend zu Petra) : Ihre Durchlaucht werden ans Telephon gebeten. Petra (zum Fürsten) : Entschuldige. (Ab.) Fürst (auf und ab gehend) : Anderthalb Jahre hat er auf keinen Brief geantwortet. (Es klopft.) Herein. Grischa : Es ist alles gepackt. Fürst : Warum lächelst du so feindselig? Grischa : Ich freue mich, weil Hans Pepper kommt. Fürst : Ja, du freust dich. – Sagtest du ihm nicht, daß wir heute nach Algier reisen. Grischa : Doch. Er wird sich beeilen. Sowie er mit dem Dienst fertig ist, rast er zu uns. Er ist ganz verrückt vor Freude. Fürst : Ja, nun gut. Ich muß jetzt an andres denken. Ist alles gepackt? Grischa : Jawohl, gnädiger Herr. Fürst : Warum sagst du auf einmal »gnädiger Herr« zu mir? Grischa : Weil ich merke, daß Sie etwas gegen mich haben. Fürst : Ach, das ist ja dummes Zeug. Was ihr euch immer einredet! Was ihr immer ausgrübelt! Ihr könnt doch machen und lassen, was ihr wollt! Ich will doch nur, daß wir alle zufrieden sind. Was habe ich denn nun wieder Böses getan. Grischa : Nichts, Boris Georgewitsch. – Aber ich habe Frau Petra nicht geküßt. Sie hat mich – Fürst : Warum sollst du sie nicht küssen, wenn du sie plötzlich liebst, oder wenn sie dich plötzlich liebt. – Grischa : Nein! Nein! Ich schwöre – Fürst : Ich habe doch nichts dagegen gesagt! Nicht ein Wort! – – Ich könnte es ja auch nicht aufhalten. – Lebt doch wie ihr wollt. Grischa : Nein! Ich schwöre – Fürst : Ach du schwörst um jeden Wodka. Meinst du, ich merke nicht, daß du zu ihr vertrauter bist als zu mir? Grischa : Nur, weil sie doch auch – – Fürst : Und daß sie freier mit dir redet als mit mir. Grischa : Weil sie doch auch von Geburt – – Fürst : Ich weiß, was du sagen willst. Aber darüber kann ich mit dir nicht reden. Du hast ein enges Gehirn. Grischa : Ja, ganz eng, Boris Georgewitsch. Verzeihen Sie mir. Fürst : Was denn? Was willst du denn? Was soll ich denn wieder verzeihen? Du hast mir doch nichts getan. Ich habe auch euch nichts getan. Quält mich doch nicht und quält euch doch nicht unnütz. Ihr könntet euch doch alle hier wohlfühlen. Grischa : Ja, wir fühlen uns sehr wohl. Fürst : Ich quäle doch auch Petra nicht. Sie hat heute nach anderthalb Jahren schon mehr in der Hand als ich versprach. Und was habe ich? – Grischa : Frau Petra liebt Sie so sehr. Fürst : Ich will es glauben! – Es läßt sich ja nicht erzwingen. Grischa : Sie liebt Sie mehr als alle andren. Fürst : So! »Mehr als alle andren«, sagst du. Grischa : Ich schwö – –Nein, ich schwöre nicht mehr zu Ihnen. Aber wirklich: Frau Petra liebt Sie über alle. Fürst : Wirklich? (Er packt und schüttelt Grischa.) Über alle? Grischa : Ja, über alle. – Fast so wie den Hans Pepper. Fürst : Hans Pepper! Spassibo! Ich danke dir! O du! Grischa : Aber Boris Georgewitsch – Fürst : Schweig! Du hast es angerichtet! Du hast es eingefädelt. Aber nicht als mein Freund. Du hast dieses Feuer immer wieder in ihr geschürt. Es wäre sonst längst erloschen. Du liebst ihn mehr als mich. Ihr liebt ihn beide mehr als mich. Grischa : Verzeihen Sie – Fürst : Schweig! Du! Du hältst zu ihm. Du bist gegen mich. Du bist mein Feind! Du, der mein Freund sein sollte, du bist ein Verräter. – Ach – (Er ergreift einen Stuhl und wirft ihn in eine Fensterscheibe.) Ach! (Er sinkt in einen Stuhl.) Grischa : Mein Gott, mein Gott! Ich ein Verräter! (Pause) Petra (eintretend) : Die Baronin – (Das zerbrochne Fenster erblickend.) Ha, was ist das? Fürst : Ich habe einen Stuhl hineingeschlagen. (Lächelnd.) Spontan hineingeschlagen. Petra : Hast du? Warum? Fürst : Aus Wut. Petra : Nur aus Wut? Nicht auch aus Eifersucht? (Es klopft.) Fürst (zu Grischa) : Nein, Grischa, du bist kein Verräter. (Laut.) Entrez! Kellner : Pardon. Ich dachte, den Herrschaften wäre etwas entzweigegangen. Fürst : Im Gegenteil. Aber setzen Sie die Fensterscheibe auf meine Rechnung. – Danke. Kellner : Jawohl, Durchlaucht. (Ab.) Petra : Die Baronin läßt dich grüßen. Sie kommt nicht mit. Fürst : Sie kommt nicht mit? Petra : Nein, sie fühlt sich nicht wohl, aber ihr Wagen ist schon unterwegs. Fürst : Dann haben also alle abgesagt. Petra : Ja, alle Gäste. Fürst : Nun gut. Dann fahren wir eben allein. Petra : Ja. Schön Boris. Schön! Schön! Schön! Fürst : Petra, soll es schön werden – restlos schön werden? Petra : Ja Boris. (Es klopft an die Tür.) Kellner (in der Tür) : Der Wagen ist vorgefahren. Petra : Grischa, pack die Koffer in den Wagen. Grischa : Er muß jede Minute kommen. Petra : Geh, Grischa. Sei nicht traurig. Grischa (ab) . Fürst : Petra! Geliebte Petra! (Umarmt sie.) Ich danke dir. Und verzeihe mir alles. Petra : Guter Boris! Es ist unsre zweite Ausfahrt. Fürst : Schön soll es werden! Schön!! Petra : Vor allen Dingen kein Nebel. Fürst : Und wir wollen darauf bedacht sein, Hans Pepper recht anständig zu – – Petra : Wir sehen ihn wieder. Spätestens im nächsten März. Fürst : Ja. Und ich werde dann ganz frei und offen mit ihm reden können. Petra : Es kann sich ja auch bei ihm manches geändert haben. Fürst : Hast du ein schlechtes Gewissen, Petra? Petra : Nein Boris! Grischa (eintretend. Bleibt schweigend an der Tür stehen) . Petra : Ist alles bereit, Grischa? Grischa (nickt) . Fürst : Der Gute ist traurig, weil wir Hans Pepper nicht abwarten können. Grischa : Verzeihen Sie. Ich bin sehr dumm. Aber Hans Pepper freut sich so auf Sie. Er muß gleich kommen. Petra : Aber es geht nicht immer wie man will, oder wie man sich das denkt. Fürst : Wir können ihn diesmal nicht abwarten. Wir werden ihm schreiben, warum es nicht ging. Grischa : Er wird traurig sein. Petra : Ja, es ist ein Jammer. Aber diesmal geht es nicht. Du wirst das später einmal verstehen. Es mußte wohl so kommen. Fürst : Wenn er doch vorher geschrieben hätte. Aber er hat uns ja nie geantwortet. Grischa : Er muß jede Minute hier sein. Nur ein Druck mit der Hand. – Petra : Nein Grischa. Grischa : Ach Gott! Er muß jede Minute kommen. Nur ein Druck mit der Hand! Petra : Nein, Grischa. Glaub mir: so kurzes Wiedersehen wäre gar nicht gut. Das macht das Herz nur wund. Wir sehen ihn im März. Spätestens im März. Fürst : Und das wird schön werden. – Komm Grischa. Acht Monate sind schnell um. Grischa : Nein, nein! Petra : Nein? Wollen wir im März nicht in Hamburg sein? Grischa : Doch, wir müssen. Wir haben es geschworen. Fürst : Und das halten wir. Grischa : Leben Sie wohl, Frau Petra. Leben Sie wohl, Boris Georgewitsch. Fürst : Was heißt das? Petra : Er fährt nicht mit. Fürst : Du willst nicht mit uns? Grischa : Nein. Petra : Grischa! Grischa! Fürst : Du willst dich von mir trennen? Grischa : Ja. Ich bin nicht mehr Ihr Musiker. Petra : Grischa, wenn ich dich sehr bitte – Fürst : Du willst nicht mehr unser Freund sein? Grischa : Doch. Ewig! – Aber ich reise nicht mehr mit Ihnen. Petra : Liebster Grischa. Fürst : Lieber Freund! Was willst du anfangen? Grischa : Ich warte auf Hans Pepper. Fürst : Und dann? Grischa : Ich warte auf Hans Pepper. Petra (umarmt und küßt Grischa) . Fürst : Wir bitten dich herzlich: Mach keine Dummheiten! Komm mit uns. Grischa : Nein! Ich schwöre nein. Fürst : Grischa. Petra : Nein, nun bleibt er. Fürst : Wie du willst natürlich. Ich kann dich nicht zwingen. Aber überlege dir, was du tust. Du weißt ja, wie du mich jederzeit erreichen kannst. Und was du auch tust: Wir bleiben immer deine Freunde. Petra : Adieu Grischa. Wir bleiben deine Freunde. Und grüße Hans Pepper. Fürst : Ja grüße ihn aufrichtig. Sag ihm, daß es diesmal nicht ging. Daß wir leider fort mußten. Daß wir ihn aber bestimmt in Hamburg wiedersehen. Lebe wohl, Grischa! Auf Wiedersehen. Petra : Wie wir's beschworen. Auf Wiedersehn! Fürst : Auf Wiedersehn! – Und nun komm, Petra, komm! (Laut.) Fort! (Ab.) Petra : Leb wohl! Auf Wiedersehn, Grischa! (Ab.) (Pause) Grischa (fällt auf die Knie) : Boris Georgewitsch! – Sie sind fort. Ich bin entlassen. (Pause.) Nun betrügen sie Hans Pepper doch. (Schluchzend.) Was soll ich ihm nun sagen. Ich kann ihm nicht ins Auge lügen. Ich will etwas schreiben. Das soll der Portier ihm geben. (Er sucht und findet Papier und Bleistift, setzt sich zum Schreiben und überlegt laut.) »Wir mußten fort« – nein, sie mußten nicht. – Vielleicht mußten sie wirklich. Unsereins denkt langsam. Der Fürst ist klüger als ich, und Petra hat auch gesagt, ich bin dumm. (Schreibt. Laut.) »Wärst du doch früher gekommen. Auf Wiedersehen am 21. März 1929, dein Grischa.« (Er faltet das Papier zusammen.) Er wird kommen. Das schwöre ich. – – Und was fang' ich nun an? Wieder von Wirtshaus zu Wirtshaus – spielen? (Geht ab.) Kellner (kommt tänzelnd, eitel) : Ta bumm da da, ta bumm da da. (Erblickt die Flasche, trinkt aus ihr und beginnt langsam abzuservieren.) Ta bumm da da, ta bumm da da. (Er betrachtet die Flasche und kostet.) Bezahlt ist sie. Und niemand wird mehr danach fragen. Also Diebstahl ist es nicht. Aber man kann ja noch eine Zwischenstufe einlegen. (Stellt die Flasche versteckt unter den Tisch und prüft, herumspazierend, ob sie nicht zu sehen ist.) Ta bumm da da, ta bumm da da. (Draußen Lärm, er lauscht.) Wenn Türken besoffen sind. (Er öffnet leise die Tür und lauscht.) Pepper (Peppers Stimme unten) : Das ist mir egal! Ich will sehen, wo sie saßen. Nein, ich gehe nicht hinaus. Wenn du mich anrührst, schlage ich dir das Auge durch den Arsch! Kellner (eilt hinunter) . (Pause. Unten Stimmengewirr.) Kellner (eintretend, zeigt nach dem Tisch) : Dort! An dem Tisch! Pepper (mit einer ausgestopften Möve, und Bananen) : Dort haben sie gesessen? Wo saß der Fürst? Kellner : Durchlaucht saß dort. Pepper : Und sie? Kellner : Die Dame? Dort. Pepper : Auf diesem Stuhl? Kellner : Ja. Pepper (betrachtet den Stuhl nachdenklich, befühlt ihn und legt dann die Bananen darauf) : Sind sie wirklich fort? Kellner : Ja, Sie haben es doch schon vom Portier gehört. Pepper : Ja, ich Rindsknochen bin zu spät gekommen. Der Donkeymann hat mich gebeten, ich soll die Wäsche bei seiner Frau abgeben, weil er krank ist. Kellner (wendet sich nervös ab) . Pepper : Und dann fand ich lange keine Bananen. – – Wo saß denn Grischa? Kellner : Dort saß die Dame. Ich sagte es doch schon. Pepper : Nein, Grischa meine ich. Kellner (zuckt die Achseln) : Kenne ich nicht. Pepper : Hast du gehört, wovon sie sprachen? Kellner : Wir pflegen unsere Gäste nicht zu belauschen. Pepper (drohend) : Du, wenn du mir altbacksch kommst, – – ich bin ein alter Seemann. Kellner : Ich war nur flüchtig oben. – Aber nun haben Sie sich doch überzeugt, daß hier niemand mehr sitzt. (Öffnet die Türe.) Pepper : Ja, es ist alles fort. (Er sieht ringsumher, sieht immer wieder auf den Tisch und die Stühle, sieht dann unter dem Tisch die Flasche und ergreift sie.) Ist das von meinem Freund? Kellner (teils verlegen, teils wütend) : Es ist die Flasche von Durchlaucht. Aber ich habe jetzt andere Arbeit. Pepper (liest Etikett) : Black Label! – Das kenne ich! (Zum Kellner.) Ja natürlich, wenn du Arbeit hast – – Ich sage kein Wort mehr. Kellner : Ja, aber ich habe unten zu tun, und ich kann Sie hier nicht allein lassen. Ich bin nur ein Angestellter. Pepper : Ja, ja, richtig. Du bist ein feiner Kerl. (Er greift in die Tasche und gibt ihm eine Dollarnote.) Kellner (verbeugt sich) . Pepper : Ich habe mich da zu weit hineingedacht. Das sind meine liebsten Freunde. Und ich wollte sie nun wiedersehen nach siebzehn Monaten, und nun bin zu spät gekommen, weil der Donkeyman krank war –. Kellner : Ich verstehe. Schade! – Die Herrschaften waren gerade abgefahren. Pepper : Als ich kam? Kellner : Jawohl, Herr Kapitän! Zuletzt ging der Herr mit der Gitarre. Pepper : Das ist Grischa. Das hat er mir beim Portier hinterlassen: (entfaltet Papier und liest) »Wärst du doch früher gekommen! Auf Wiedersehen am 21. März 1929, dein Grischa.« Kellner : Sie sind gewiß verwandt mit den Herrschaften? Pepper (auf den Stuhl zeigend) : Petra ist meine Braut. Wir haben uns siebzehn Monate nicht gesehen. (Er zieht ein Photo hervor und zeigt es dem Kellner.) Kellner : Ja, das ist die Dame. Pepper : Ist sie nicht schön? Kellner : Eine wunderschöne Dame. Pepper : Ja. Wunderschön! – – Können wir von der Flasche was trinken, wenn ich das bezahle? Kellner : Selbstverständlich, Herr Kapitän. Pepper : Direkt aus der Flasche, was kostet das? Kellner : Nichts. Durchlaucht hat das übrig gelassen. Pepper (greift groß in die Tasche und gibt dem Kellner Geld) . Kellner : Danke gehorsamst. Es ist zu schade, daß Sie nicht früher gekommen sind. Pepper : Ja, ich könnte mich selber umbringen. – Na prost! (Trinkt und reicht die Flasche dem Kellner.) Kellner : Aufs Spezielle von Herrn Kapitäns Verlobte! Pepper (zeigt nochmals das Photo) : Solche Augen hat sie. – Ach wenn sie hier wäre und mich wenigstens beschimpfte, weil ich zu spät gekommen bin. – Wenn sie schimpft, das ist so, als wenn einer, der sich nicht selbst waschen mag, von ihr gewaschen wird. Prost! (Trinkt und reicht die Flasche dem Kellner.) Kellner : Es ist eine bezaubernde Dame. (Trinkt.) Pepper : Ja, so ist sie. Aber ich kann's ihr nie sagen. Wenn ich sie sehe, hab' ich ein Brett vorm Kopf. Kannst du das verstehen? Kellner : Jawohl, Herr Kapitän. Es ging mir genau so. Pepper . Kapitän? Ich bin kein Kapitän. Sehe ich so aus? Kellner (zwinkernd) : Ich verstehe – –. (Das Telephon klingelt, er stürzt an den Apparat.) Pepper : Dabei habe ich einmal richtig geweint um sie. – In Narvik. – Nur weil der Koch von der »Oslo« genau so gelacht hat, wie sie lacht. (Er steckt langsam die Flasche in die Tasche.) Kellner : Pst! Moment! (In den Apparat.) Jawohl, Herr Direktor, ist noch hier – –Jawohl! – – Hm ja,– – jawohl, Herr Direktor – –. No, he understands perhaps – – jawohl, Herr Direktor, etwas schwierig. Aber es wird gehen. – – Jawohl, Herr Direktor – –. Nein, angeblich – Freund – –. Jawohl, Herr Direktor, jawohl, Herr Direktor. Das ist das Beste. (Hängt Hörer ein.) Pepper (dem Kellner abwinkend) : Ich gehe schon! (Er nimmt die Möve und geht rückwärts zur Tür, dabei starr nach Petras Stuhl blickend.) Kellner (nimmt die Bananen und reicht sie ihm) : Ihre Bananen, Herr Kapitän! Pepper (geht, ohne sie zu nehmen, ab) . Kellner (die Bananen in seine Serviette wickelnd) : Ta bumm da da. (Ab.) ( Ende des zweiten Aktes ) Dritter Akt März 1929 Hafenkneipe »Zur Kiautschoubucht« Petra (kommt, vornehm, aber einfach gekleidet, sieht sich ängstlich um) : Mutter Mewes?! – Mutter Mewes!? – Sie ist nicht da. – Es ist niemand da – –. (Geht langsam durch den Raum.) Wie es hier riecht – –. Vielleicht lebt sie gar nicht mehr. Aber dann muß eine andere Wirtin sein. Es ist noch alles unverändert. Das Bild. – Das Buttelschiff. Das Krokodil. Und hier steht es (liest laut) : »21. März 1927.«Das ist heute. (Pause) Wenn Hans Pepper – – nicht Wort hält. – (Setzt sich mit dem Rücken nach der Theke gewandt.) Dann bin ich doch frei. – Dann kann ich doch den andern mit gutem Gewissen – –. Es ist unheimlich hier. – Jetzt kommt jemand. – Warum habe ich solche Angst? Mewes (aus der Küche. Sie trägt eine Flasche, die sie an der Theke sorgfältig abwischt, entkorkt und kaltstellt) : Guten Abend. Entschuldigen Sie. – Ich war im Keller. – Ich bin noch ganz außer Atem. – Es gibt vielleicht Überraschungen. Und wenn was kommt, muß was da sein. – Das ist nun etwas ganz Besonderes. Die stammt noch vom meinem Mann. Er hätte sie gewiß allein ausgesoffen, wenn er nicht plötzlich selbst ertrunken wäre; so sind die Seeleute. Aber Scherz beiseite. Es ist gar kein Grund zum Scherzen. Außerdem waren wir dreißig Jahre glücklich verheiratet. – So! Was darf ich nun der Dame bringen? (Erkennt plötzlich Petra.) Petra?? – Petra!! Petra : Ja ich bin es. Guten Abend, Mutter Mewes! (Umarmt sie.) Mewes : Und da quatsche ich so im Zickzack, um Zeit zu gewinnen, um den Sekt kalt zu stellen, der doch für euch bestimmt ist, ganz besonders für dich. Petra : Wie geht es dir, Mutter Mewes? Mewes : Gut, Petra. Ach, daß du an den 21. März gedacht hast! – Was macht denn der Fürst? Kommt er? Seid ihr – – Petra : Er wird gleich kommen. Er ließ mich nur voran, damit ich erst einmal allein mit dir und mit – – Mewes : Mit ihm – –. Das ist sehr feinfühlig gedacht. Und ihr kommt wirklich! Ja Petra! Steh mal auf. – Was bist du für eine vornehme Dame geworden. Ich habe dich gar nicht erkannt. Petra : Wie ist es dir inzwischen ergangen. Mewes : Mir selber gut. Aber geschäftlich ging's abwärts. Man spürt den verlorenen Krieg immer schlimmer. Das Geld rollt nicht mehr. Die Seeleute sterben aus. Es werden wenig Schiffe gebaut. Denke dir: im Segelhafen liegt eine einzige Dreimastbark. Petra : Wo man früher sagte: »Der Mastenwald«. Mewes : So ist es. Aber jetzt wollen wir zwei das erste Glas trinken. Petra : Nein, danke, ich mag nicht. Mewes : Hat er's dir verboten? Petra : Nein nein. Er verbietet mir nichts. Aber es macht mir nicht mehr soviel Spaß wie früher. Mewes : Bist du krank? Petra : Nein, gute Mutter Mewes. Nur etwas aufgeregt. Wann kommt Hans Pepper? Mewes : Ach, ich bin ganz aufgeregt. Und ich bin doch ein altes Weib. Petra : Du siehst gut aus. Ganz unverändert. Mewes : Aber du siehst elend aus. Wie war er zu dir, der Fürst? Ich danke auch noch für eure vielen Karten. Nicht wahr, ihr habt keine Antwort von mir erwartet? Petra : Nein. Mewes : So fein bist du geworden. Aber ich sehe schon: es hat dich nicht verdorben. Wie war er zu dir? Petra : Er war zu mir wie ein Vogelmütterchen. In den ganzen zwei Jahren. Er liebt mich sehr. Mewes : Ihr liebt euch! Das ist ja herrlich. Das ist dein Glück. Und auch meins. Petra : Es liegt nicht so ganz einfach. Ich habe oft Mühe gehabt, mich selbst zu beherrschen. – Aber ich wußte, was ich wollte. – Sag doch: Kommt er? Hast du Nachricht von ihm? Wann? Mewes : Wie soll es denn nun werden mit dem Fürsten? Petra : Ach, Mutter Mewes. Dir darf ich ja alles sagen. Mewes : Mir? Das meine ich auch. – Liebst du ihn jetzt sehr? Petra (legt ihren Kopf an sie) : Ich kann nicht mehr von ihm los. Mewes : Ein Kind in Sicht? Petra : Nein, aber er ist so zart, so weich, so liebevoll. – So ganz anders als – – Ach, Mutter Mewes, ich habe solche Angst vor Hans – Mewes (streichelt sie) : Ach wie bin ich froh, daß du gekommen bist, daß ihr beide gekommen seid. Es freut mich für euch. Petra : Sag endlich, wann kommt Hans Pepper? Mewes : Die Nacht ist lang. (Pause) (Zeigt auf die Wand.) Dort steht es angeschrieben. Petra : Ja, ich habe es wieder gelesen. Mewes : Du mußt mir viel vom Fürsten erzählen. Petra : Ja, wenn diese Nacht vorüber ist. Mewes : Ja, wenn diese Nacht vorüber ist. Diese Nacht, auf die wir uns alle damals so freuten. Petra : Ja, das taten wir. Mewes : Petra, du hast dein Glück gemacht. Petra : Meinst du? Mewes : Du hast es nicht gemacht, sondern du hast dein Glück verlängert. (Sich abwendend.) Ach es ist kaum auszuhalten. Fürst (eintretend) : Guten Abend, Mutter Mewes. (Schüttelt ihr die Hände.) Nun? Sind wir treu? Mewes : Ja, wahrhaftig. Das sind Sie. Wenn ich frei sprechen darf: ganz sicher war ich dessen nicht. Desto mehr freut es mich nun. Fürst : Ist Hans Pepper da? Mewes (schüttelt den Kopf) . Petra : Nein, noch nicht. Fürst : Aufgetischt! Wir wollen Whisky trinken wie damals. Habt ihr euch fürs erste ausgesprochen? Mewes : Nein, nur angefühlt. (Holt Whisky.) Petra (sich umschauend) : Wie gut es hier riecht! So seemännisch! Mewes : Es wird nach Teer riechen. Der Segelmacher war hier. (Zu Petra.) Weißt du, der, der dich einmal aus der Elbe gezogen hat. Er hat hinten eine Manila-Leine abgestellt und Schiemannsgarn und solchen Bordkram. Petra : Gut riecht es! (Atmet tief ein.) Wunderbar! Mewes : Kommt der Herr auch, der damals Musik machte? Petra : Unser Hausmusiker? Nein. Er ist nicht mehr bei uns. Fürst : Er hat seine Stellung gekündigt und hat nie wieder von sich hören lassen. Ich glaube nicht, daß er kommt. Petra : Obwohl der nie sein Wort brach. Fürst : Er wird sich genieren. Törichterweise – Mewes : Er hat damals geschworen, daß er kommt. Fürst : Der schwur den ganzen Tag. Petra : Aber er hielt seine Schwüre immer. Mewes (zum Fürsten) : Ich danke auch noch für Ihre Kartengrüße, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie heute wirklich gekommen sind. Mit Petra. Fürst : Das ist doch selbstverständlich. Sie sind doch Petras Mutter. Petra : Hier hängt und steht noch alles wie vor zwei Jahren. Mewes : Ja, zwei Jahre ist's her. Und verging so schnell wie langsam – –. Jetzt fällt mir's ein: Grischa hieß er. Petra : Ja. Ich bin schuld, daß er von uns ging. Fürst : Du? Was redest du da für Unsinn? Petra : Ja ich bin schuld. Fürst : Wie geht's denn geschäftlich, Mutter Mewes? Mewes : Sie sehen es ja. Noch seid ihr die einzigen Gäste. Aber werte Gäste. Hochwerte Gäste. Ich zünde Kerzen für euch an. Das hab' ich mir ausgedacht. (Zündet drei von fünf Kerzen an.) Eine für Sie, eine für dich, Petra, und eine für die Alte. Fürst : Nun bin ich aber neugierig, ob Hans Pepper – Mewes : Was soll ich euch denn nun noch zu trinken geben? Fürst : Petra, willst du Moselwein? Wonach steht dir der Sinn? Wir wollen heute so fröhlich werden wie damals. Petra : Und so frei werden wie damals. – Sekt! Fürst : Das wollen wir. –Hast du Sekt, Mutter Mewes? Mewes : Das habe ich, und er steht schon kalt, und dazu seid ihr von mir eingeladen. (Sie will abgehen, hebt plötzlich einen Brief auf und liest, ihn weit von sich haltend, die Anschrift laut.) »Erst auf See zu öffnen.« Petra (nach dem Brief greifend) : Wie konnte ich das verlieren! Fürst : Mutter Mewes hat gute Augen. Sie liest das ohne Brille. Petra : Und hält dabei den Brief drei Seemeilen von sich ab. (Zu Mewes.) Das ist eine Überraschung für Hans Pepper. Mewes : Eine Überraschung? Petra : Ja. Er soll es erst öffnen, wenn er wieder weit draußen in See ist. Ich gebe ihm das Kuvert, wenn ich ihm gesagt habe – Mewes : Wartet einen Moment. Ihr sollt nicht trocken sitzen. Ich hole den Sekt. (Eilt nach der Küche.) Fürst : Wann soll er es öffnen? Petra : Auf See. Und ich gebe ihm das Kuvert, wenn ich ihm gesagt habe, daß – ich nicht mehr seine Liebste und daß er nicht mehr mein Liebster sein kann –. Fürst : Ach, Petra, wenn du das sagen willst, dann sag es ganz deutlich, damit ich endlich weiß, woran ich bin. Petra : Unterbrich mich doch nicht immer. Daß ich nicht mehr Hans Peppers Liebste sein kann und daß er nicht mehr mein Liebster sein kann, weil ich nicht mehr von dir lassen kann. Fürst : Vielleicht habe ich mich an euch beiden versündigt, oder wie man das nennen mag. (Umarmt sie leidenschaftlich.) Ich will versuchen, es an Hans Pepper gutzumachen. Petra : Es ist mein eigener Entschluß, wenn ich bei dir bleibe. (Pause) Weißt du, was in dem Brief steht. Fürst : Ich kann mir's denken. Du hast es ja oft genug angedeutet, und ich müßte dich nicht kennen, wenn ich es nicht ahnte. Es steht darin die Bitte, daß Hans Pepper dein und mein treuer Freund bleiben möchte. Mewes (kommt mit Flasche und Gläsern) : Und wenn ihr was essen wollt, dann müßt ihr's sagen. (Schenkt ein.) Petra : Es steht noch mehr darin. (Zu Mutter Mewes.) Du darfst es auch hören, was in diesem Brief steht. Du kannst doch schweigen. Mewes : Gott weiß, ich kann es. Aber manchmal fällt es sehr schwer. Petra : Dieser Brief ist für Hans Pepper bestimmt. Aber er darf ihn erst auf See öffnen. Weißt du, was er enthält? (Sie erschrickt.) Er kommt! Fremder Mann (bärtig und zerlumpt tritt ein, stellt sich, ihnen den Rücken kehrend, zur Theke) . Mewes : Nein, das ist ein fremder Gast. Sprich nur weiter. Der ist nicht viel. Die Art trinkt einen Köm und Bier und geht weiter. Petra : In diesem Brief ist ein Häuschen mit Garten, mit Kuh und Katz, mit allem Zubehör. – Das ist ein Geschenk von Boris an Hans Pepper. Mewes : Der Fürst ist ein edler Mann. Fürst : Nein nein! Es ist ein Geschenk von Petra. Ich bin kein edler Mann. Ich will das auch gar nicht sein. Petra : Also ist es ein Geschenk von uns beiden. Mutter Mewes wird Hans Pepper nichts verraten. Mewes : Ach, lieber Gott! – Ich muß den Gast bedienen. (Geht zur Theke.) Was wünschen Sie? Fremder Mann (zeigt auf die Getränkekarte) . Mewes : Einen Tee? Fremder Mann (schüttelt den Kopf und zeigt auf Karte) . Mewes : Einen Grog? Fremder Mann (nickt) . Mewes : Einen Grog. Gern. Von Rum oder Arrak? Fremder Mann (zeigt auf Karte) . Mewes : Von Rum. Gern. Fürst : Sie ist doch eine gute Haut, deine Mutter Mewes. Petra : Ja. Sie hat das, was du »Stil« nennst. Und es ist etwas an ihr, die Deutschen sagen dafür »Lauterbar« – »Lauterbarkeit«. Fürst : Ja, es ist ein zuverlässiges Volk hier. (Er sieht sich um.) Und sauber. Petra (zusammenschreckend) : Jetzt kommt er. Fürst : Sei doch nicht so nervös, Liebling. Es ist niemand gekommen. – Du brauchst doch auch keine Angst vor ihm zu haben. Ich muß Angst haben. Weil mein Gewissen Angst vor ihm hat. Petra : Er tut mir schrecklich leid. Sein Herz hat langsamen Eingang und langsamen Ausgang. (Pause. – Zwölf Glockenschläge.) Fürst : Es schlägt zwölf Uhr. Petra : Acht Glasen. Mewes : Es schlägt zwei Jahre. (Sie seufzt tief.) Nach dem Kalender soll heute der Frühling anfangen. Es ist einem gar nicht danach zumute. Fürst : Uns wohl. Warum nicht dir? Freust du dich nicht, daß deine Tochter wieder zurück ist? Fremder Mann (laut) . Kommt Hans Pepper heute? (Er wendet sich den andern zu.) Fürst , Petra (gleichzeitig) : Grischa!! (Eilen auf ihn zu und umarmen ihn.) Grischa (schluchzend) : Länger hielt ich es nicht. Ich muß weinen, weil ihr gekommen seid. Mewes : Jetzt erkenne ich dich, und ich dachte, du wärst ein Stummer. (Zum Fürsten.) Sehen Sie, er ist wirklich gekommen, wie er's geschworen hat. Auch er. Petra : Grischa, dir geht es nicht gut. Ich sehe es. Grischa : Doch, jetzt geht es mir gut. Ihr seid gekommen, und ich fahre wieder zur See. Petra : Fährst du wirklich wieder? Ach, herrlich! Grischa : Ja, von heute an. Heute bin ich dem Glück begegnet. Ich habe eine Stelle als Kochsmaat gefunden. Wir laufen heute noch aus. Ich bin nur heimlich schnell entflieht. Ist Hans Pepper schon da? Petra : Nein, noch nicht. –Was hast du denn die ganze Zeit getrieben? Fürst : Warum hast du nie mehr von dir hören lassen? Was hast du inzwischen getan? Grischa : Ach – ein wenig gehungert, ein wenig gearbeitet, ein wenig gehungert, ein wenig gearbeitet, und so – wie früher, ehe mich Boris Georgewitsch zu sich nahm. Petra : Und niemals in fester Stellung? Armer Teufel. Grischa : Doch. Das letzte sollte fest werden. Die haben gewünscht, daß ich soll bleiben. Aber weil ich doch mit Hans Pepper versprochen bin – nun und da habe ich mich hierher gebettelt – (froh) aber heute bin ich Kochsmaat geworden. Petra : Du Guter! Komm trink! Was willst du essen? Du hast sicher Hunger. Grischa : Nein, gar nicht. Mir geht's gut. Ich muß gleich wieder an Bord. Da ist viel zu essen. Ach mir geht's gut. Fürst : Wie mich das schmerzt, daß du nicht zu mir kamst. Grischa : Ich wollte einmal. Aber dann wird man so schwach – weil die Kleider schmutzig sind – Petra : Laß ihn erst mal essen. Grischa : Nein, ich kann nicht essen. Es wird mich würgen. Ich zittere innen. Mewes : Er ist schon überhungert. Grischa : Nein, weil so viel Glück zu mir kommt. Prosit! (Er trinkt in großen Zügen.) Petra : Prosit, Grischa! (Zum Fürsten.) Nun wollen wir wieder Whisky trinken. Ich fühle mich auf einmal so wohl. Und es riecht hier so himmlisch nach Hafen. Fürst : Ja, Petra, aber langsam. (Zu Grischa.) Grischa, bleibe wieder bei mir. Wir haben dich herzlich vermißt, und wir sind doch alte – Petra : Vertraute. Ja, bleibe bei uns. Prosit! Grischa : Ich liebe euch wie früher. Prosit! Aber ich muß wieder an Bord, wenn nur noch Hans Pepper bald kommt, dann wird das meine schönste Reise werden. Mewes : Ein treuer Mensch. Der liebe Gott hat ihn angeheuert. (Sie zündet noch zwei Kerzen an.) Petra (pustet eine davon aus) . Mewes (zündet die Kerze von neuem an, abgehend) : Jetzt hole ich wieder Whisky. Fürst : Überleg es dir, Grischa! Nasdorowje! (Alle trinken.) Petra : Heute früh wußte er noch nicht, wovon leben, und morgen fährt er auf hoher See. So leben die. Jetzt fehlt nur noch Hans Pepper. Fürst : Dem wird es nicht möglich gewesen sein, sich einzurichten. Grischa : Hat er einmal geschrieben, seit ich fort bin? Fürst : Nein. Und wir konnten ihm auch nicht mehr schreiben, weil wir keine Adresse mehr hatten. Petra : Alle Briefe kamen zurück. Er hat anscheinend zuletzt oft Schiff gewechselt. Grischa (lächelnd) : Ja. Und er liebte nie Schreiben. Petra : Nein. Mir hat er früher jedes Jahr höchstens eine Karte geschrieben. Darauf stand immer: »Aus Liebe Hans Pepper.« Grischa : Er kommt bestimmt. Fürst : Mein Glas für Hans Pepper, auch wenn er nicht kommt und keine Nachricht gab. Petra (ruft) : Mutter Mewes, Whisky! Fürst : Aber es ist doch noch Whisky da. Mewes (kommt langsam und verbirgt etwas auf dem Rücken) : Heute ist der 21. März 1929. Fünf Freunde haben Wort gehalten. Vier sind hier anwesend, und von Hans Pepper ist eine Nachricht da. Fürst Was? Petra (gleichzeitig) : Ja? Grischa (gleichzeitig) : Ha! Petra : Hört ihr's?! Ach, der Herrliche! Fürst (zu Mewes) : Und das sagst du erst jetzt! Mewes : Weil es feierlich sein sollte. Grischa : Ich wußte, daß er Wort hält. Er hatte geschworen. Fürst : So zeigen Sie doch rasch. Petra : Was –? Wo ist die Nachricht? Mewes : Er hat eine Flasche geschickt. (Zieht sie hinterm Rücken hervor.) Eine leere Flasche. Grischa : Das ist Hans Pepper. Ha ha. Petra : Eine leere Flasche! Ja, das ist echt Hans Pepper! Fürst : Aber das ist schön. Das ist eine kurze, aber reine Sprache. (Zu Petra.) Trink nicht so rasch, mein Liebling. Du bist es nicht mehr gewöhnt. Mewes : Das ist die Flasche. (Gibt sie Petra.) Fürst : Wer weiß, was ihn hinderte? So einen Seemann treibt's weit umher. Grischa : Vielleicht ist er auch wieder einmal irgendwo desertiert. Fürst : Zeig mir die Flasche, Petra. – Kein Etikett auf der Flasche. Aber ich kenne die! Johnnie Walker – Black Label – ausländisches Erzeugnis! Petra (lachend) : Ist das an mich gerichtet? Fürst : Ja natürlich. Muß auch darunter stehen: »Garantiert mehr als zwölf Jahre alt.« Natürlich. Damit bist du gemeint. (Lacht.) Petra (äugt in die Flasche) : Er hat daraus getrunken. Grischa : Ja ja. Sein Mund hat die Flasche geküßt. Petra (hält die Öffnung ans Ohr) : Und ich höre ihn. Er zieht an einem Tau und singt dabei aus, und hinter ihm ziehen andere an dem Tau und singen mit. O–u–h–a, O–u–h– a, O–uha!! Hör mal, Grischa. (Reicht ihm die Flasche.) Hörst du es? Grischa (an der Flasche lauschend) : Ja, es klingt wie Rauschen von Meer. (Reicht die Flasche dem Fürsten.) Hör mal, Boris Georgewitsch. Fürst (Flasche beiseitestellend) : Jedenfalls wußte er, daß wir wissen, was für ihn Black Label bedeutet. Mewes : Es ist derselbe Whisky, den ich euch heute vorgesetzt habe. Fürst : Das war eine schöne Idee von dir. Mewes : In der Flasche von Hans Pepper war auch ein Zettel. Petra , Fürst (gleichzeitig) : Was?! Mewes : Ein Zettel mit einem Gruß an Petra. Grischa : O Petruschka. Petra : Wo? Zeig her! Fürst : Tempo! Mutter Mewes. Wir brennen doch darauf. – (Beiseite.) – Die Hauptsache vergißt sie. Mewes (zieht Zettel aus der Schürzentasche und reicht ihn Petra.) Dieser Zettel – Petra : Zeig her. (Versucht zu lesen.) Alles verschwimmt vor meinen Augen. Boris, lies mir vor. Fürst (liest laut) : »Aus Liebe Hans Pepper.« Petra : Steht nicht mehr darauf? Fürst : Nichts – auf der andern Seite auch nicht. Grischa : Aus Liebe Hans Pepper. Petra : Kein Ort? Fürst : Nein, auch kein Datum. Nichts mehr. Petra : Dann kommt er heute noch! Grischa : Hans Pepper hält immer Wort. Fürst : Aber das Schreiben liegt ihm nun einmal nicht. Grischa : Wozu schreiben? Wir haben doch geschworen. Petra : Ganz recht! Und deshalb kommt er bestimmt! Prost Grischa! Weißt du noch, wie ihr hier euch wiedergetroffen habt? Und wie ihr euch stundenlang über eine Sau unterhalten habt, die euch rettete? Und ich saß ganz vergessen daneben. Grischa : Ich weiß noch alles. Damals schenkte er mir ein seidenes Tuch. (Zieht es hervor.) Hier ist es. Und wenn ich verhungern müßte, das Tuch verkaufe ich nie. Petra (ballt das Tuch mit der Hand zusammen und ahmt Pepper nach) : »Du kannst es zusammenknutschen. So, und jetzt öffne ich die Hand, und bumms ist es wieder so.« – Wie hat er sich darüber gefreut. Grischa : Wie ein Kind. – Nasdorowje, Boris Georgewitsch! Skol Petra! Prost Mutter Mewes! Mewes : Ich bin gleich zurück. Ich stelle nur die Mülleimer hinaus. (Ab zur Küche.) Petra : Prosit! (Trinkt.) Fürst : Petra, bitte trink nicht so viel. Petra : Laß mich doch wieder einmal trinken. Wir sind so vergnügt. Glaubst du denn nicht daran, daß er kommt? Fürst : Es kann noch sein. Grischa (spielt froh »La Paloma«) . Petra : Es laufen Schiffe ein und aus, bei Tag und Nacht, zu jeder Stunde. (Lauscht.) Jetzt! Jetzt kommt er! Fürst : Nein! Das ist Mutter Mewes. Ach Petra, du bist furchtbar erregt. Petra (ruft) : Mutter Mewes! Mir fällt ein: Steht vielleicht noch etwas auf dem Kuvert, wo der Zettel in war? Grischa : Auf dem Packpapier, wo die Flasche in war? Mewes (außer Atem, schüttelt den Kopf) . Petra (zu Mewes) : Ja? Wie war die Flasche verpackt? Fürst : Und wie war sie adressiert? Grischa : Vielleicht hat sie das Packpapier noch. Mewes : Es ging gar nicht an mich, sondern an die Reederei. Die kennen mich seit vielen Jahren und haben mich benachrichtigt. Und ich habe die Flasche und den Zettel abgeholt, so wie ihr's hier vor euch habt. (Sie wischt sich die Augen.) Fürst : Wann traf denn die Sendung bei der Reederei ein? Mewes : Bei der Reederei? – Ja – mein Gott. Ich bin ganz wirr – sie traf ein – vor zwei Monaten. Fürst : So lange ist es her? Grischa : Vor zwei Monaten? Petra : Redet nur! Ich rede heute noch mit ihm selber. Mewes : Der Rest aus der Pulle. (Will einschenken.) Petra : Wir wollen das aus Peppers Flasche trinken! Fürst (nimmt ihr die Flasche aus der Hand) : Wir wollen Peppers Flasche erst ausspülen. Sie steht seit zwei Monaten – Mewes (nimmt die Flasche dem Fürsten aus der Hand) : Hans Peppers Flasche stand verschlossen unter Glas. Und wenn sie Dreck enthielte, der Dreck wäre heilig. Fürst (zu Mewes) : Nanu? Wo ist denn auf einmal dein Humor, Mutter Mewes? Du bringst den Gruß von Hans Pepper, und wir freuen uns darüber und über die lustige Idee mit der Flasche, und du machst einen Ernst darum und ein sentimentales Pathos. Wer sagt dir, daß Hans Pepper aus der Flasche getrunken hat?! Mewes : Das kann man wirklich nicht sicher sagen. Petra : Ich kenne Hans Pepper besser als ihr. Er hat daraus getrunken. Mutter Mewes, kommt Hans Pepper heute? Mewes : Nein. Petra : Geh du! Ihr kennt ihn alle nicht wie ich. Grischa : Ob er heute kommt oder morgen, er hat bestimmt versucht, was er konnte. Wie spät ist es? – Ach, ich muß fort. Mewes : Ich muß etwas sagen, und ich kann es nicht. Keiner von euch hat bisher gefragt, woher die Flasche kam – Fürst : Ja, woher? Petra : Woher kam sie? Mewes (räuspert sich heiser) : Diese Flasche wurde – verkorkt und mit Margarine eingefettet – treibend aufgefischt – sieben Seemeilen südöstlich von der Insel Martinique. Sie enthielt die letzten Grüße von fünfzehn Seeleuten eines Schoners, die teils im Wasser, teils im Feuer umgekommen sind. – Unter den Grüßen war der an Petra. Und die Flasche hat mir die Reederei überlassen. (Pause) Grischa (schluchzt) . Fürst (tritt zu Petra) : Ach Mutter Mewes, warum sagst du das so spät? Mewes : Ich habe es nicht übers Herz gebracht. – Fünf Freunde – (Sie preßt ihr Tuch an die Augen und geht in die Küche.) (Pause) Fürst : Arme Petra. Dort ist ein Sofa. Leg dich ein wenig. Petra : Ich danke. (Pause) Mewes (mit einem vertrockneten Kränzchen) : Das habe ich damals geflochten, als ich es erfuhr. Es hat bis gestern an dem Krokodil gehangen. Aber dann nahm ich es fort. Ich wollte euch nicht erschrecken. Ich habe nicht viel Andenken von ihm. Man hat nie daran gedacht. (Sie hängt Kranz an Krokodil.) (Pause) Hans Pepper kommt nicht mehr. Grischa : Ich muß fort. Leb wohl, Petra. (Küßt ihr die Hand.) Petra : Leb wohl, Grischa, ich möchte dich ans Schiff begleiten, um dir nachzuwinken. Aber ich zwinge es jetzt nicht. Grischa : Leb wohl, Boris Georgewitsch. (Küßt ihm die Hand.) Fürst : Lebewohl, Grischa. Lebewohl. Grischa : Lebewohl, Mutter Mewes. (Küßt ihr die Hand.) Mewes : Alles Gute mit dir, mein Junge. (Sie bringt ihn hinaus und schließt die Tür hinter ihm ab. Zurückkehrend.) Ich habe abgeschlossen. Heute soll kein Gast mehr herein. (Pause) Fürst : Petra? Petra (verträumt) : Zwischen Korallen – Stücken von Schiffe – Perlmutter – Mewes (streichelt Petra.) Arme Petra. Gutes Kind. Fürst : Petra –? Petra (ohne ihn anzusehen) : Du wolltest die Flasche erst ausspülen. Fürst : Ach Petra, wer hätte dieses Ende geahnt. – Mutter Mewes, was wird nun? Sagen Sie etwas. Petra ist doch Ihre Tochter. Petra (reicht Mutter Mewes die Hand) : Sie ist nicht meine Mutter. Sie ist meine Freundin. (Lächelnd zu Mewes.) Soll ich Kellnerin bei dir werden? – Ich will etwas trinken. (Nimmt die Flasche.) – Die Flasche ist ausgetrunken – mein Leben ist leer – Mewes : Nein, Petra, es geht weiter. Meine gute Petra. Und du wirst nicht Kellnerin. Du warst immer mein freies Kind. Petra : Dein freies Kind. Mewes : Mein ertrunkener Mann hat dich von seiner ersten Frau übernommen. Die war eine Norwegerin. Deren Mann ist auch ertrunken – Drei Ertrunkene gaben dich zurück. Petra : Drei Ertrunkene gaben mich zurück – an wen zurück? – (Draußen Stimmengewirr. Es wird gegen die Tür geklopft.) Gäste kommen, Mutter Mewes. Mewes : Sie sollen nicht herein. (Löscht die Kerzen und das elektrische Licht.) Wir wollen leise sein. Heute kommt niemand herein. Petra : Mach Licht, Mutter Mewes! Laß sie herein! Mewes (macht Licht) : Petra, wäre es nicht besser – – Petra (zu Mewes) : Stelle die Flasche dort auf das Bord. Mewes (stellt die Flasche ins Regal) : Ja, Petra. Petra : Nein, noch höher – ganz oben. Mewes (steigt auf einen Stuhl) : Hierhin? Petra : Nein, mehr rechts. An die Ecke. (Draußen zunehmender Lärm und Pochen.) Ja, so ist's recht. Dort soll sie stehen. – Wie ein Leuchtturm steht sie da. – Schließ auf, Mutter Mewes! Laß die herein! Sie kommen von Bord. Von See. Mewes : Soll ich sie wirklich einlassen? Petra : Ja, öffne, sonst öffne ich. Mewes : (geht zur Tür) . Fürst (erhebt sich) : Ich wage kein Wort. Aber ich weiß auf einmal alles – (Er blickt Petra lange an.) Adieu Petra. – Vier Ertrunkene gaben dich zurück. (Geht ab. An ihm vorbei strömen lärmende Seeleute herein.) Petra : Seeleute kommen!!!   Ende Mit der »Flasche« auf Reisen (Ein Tagebuch von 1932) Einleitung und Vorbereitung Den Drei-Akter »Die Flasche« hatte ich seinerzeit auf Hiddensee bei Asta Nielsen und für Asta Nielsen geschrieben. Es war so gedacht, daß sie die Petra und daß Gregory Chmara den Grischa spielen sollte. Ich selbst hatte von Anfang an mit der Rolle des Hans Pepper geliebäugelt. Diese Besetzung kam nicht zustande. Aber für mich steht das Stück sozusagen unter dem Protektorat der Asta Nielsen. »Eine Seemannsballade« nannte ich es. Einerseits um das Publikum darauf vorzubereiten, daß es sich hier um kein gewichtiges, hochdramatisches Opus handelte und andererseits, um a priori den Vorwurf zu entkräften, das Stück wäre zu sentimental. Denn ich wußte aus Erfahrung, wie sentimental Seeleute sind, wie sentimental das Volk in den Häfen ist. Und ich meinte, daß eine Ballade sich in der Beziehung etwas herausnehmen dürfte. Im Januar 1932 fand die Uraufführung im Schauspielhaus in Leipzig statt. Das wurde – vielleicht nur durch die geniale Regie des Direktors Otto Werther – ein großer Erfolg, der mir für den Weitergang Hoffnung gab. Bald danach folgten Aufführungen in Nürnberg, Hamburg und Nordhausen. Als das Nordhäuser Stadttheater für die Sommersaison schloß, wandte sich eine Gruppe der dortigen Schauspieler und Schauspielerinnen an mich. Ob ich mit ihnen eine Gastspielreise durch Bäder und Städte unternehmen wollte, um »Die Flasche« zu spielen. Ich sollte den Hans Pepper mimen. Das Geschäftliche sollte auf kollektiver Basis aufgebaut werden. Das war damals, aus der Not der Zeit geboren, Mode geworden. Wir korrespondierten darüber hin und her, dann suchte mich einer der Nordhäuser zu einer mündlichen Besprechung in Frankfurt am Main auf. Es war der Herr, der den Fürsten spielen wollte. Er schilderte das Übernehmen und seine Aussichten in so festen Strichen und so rosigen Farben, daß ich zusagte. Die organisatorische Leitung der Tournee übernahm der Bühnen-Nachweis. Verantwortliche Leiter wurden der erwähnte Fürst und der Schauspieler, der Grischa darstellte. Dieser Grischa übernahm auch die Abwicklung des geschäftlichen Teils. Ich selbst gab nur und unverbindlich meinen Namen her und war im übrigen wie die andern Teilnehmer in der Gageanteilsberechnung nach Punkten beteiligt. Während die Nordhäuser schon in Berlin die Vorarbeiten einleiteten, war ich noch durch ein kabarettistisches Gastspiel an Frankfurt gebunden. Aber ich fing sofort an, meine Rolle zu studieren nach einem Textbuch, das mir »unser Regisseur« mit seinen Strichen versehen zugesandt hatte. Auch kümmerte ich mich um meine Bühnenausrüstung, erstand eine Seemannsmütze, und der Schauspieler Walter Janßen, der mir zufällig begegnete, schenkte mir einen echten, herrlichen Jumper. Andere Kleidungsstücke besaß ich noch aus meiner Seefahrtszeit. Aber ein Überzieher der ehemaligen Kaiserlichen Marine mit breitem Kragen und breitem Revers war nicht aufzutreiben, obwohl ich sämtliche Schifferkneipen am Main durchforschte. Seestiefel suchte ich auch. Sie sollten bequem sitzen, denn ich litt an wunden Füßen. Deshalb zog ich zwei Paar Strümpfe übereinander, als ich die Trödlerläden in der Altstadt durchstöberte. Eines Morgens legte mir der Kellner lächelnd das Stadtblatt der Frankfurter Zeitung vor. Da stand unter dem Titel »Ein belauschter Dichter« ein witziges Gedicht, das etwa fragte: »Was tut Kuttel Daddeldu beim Altkleiderhändler?« Darüber war ein Bild, das mich von hinten zeigte, wie ich gerade einen Trödlerladen betrat. Ein Zeitungsphotograph hatte mich dort zufällig erwischt. Ich antwortete im gleichen Blatt mit einem Gegenreim und einem mich rechtfertigenden Photo, auf dem ich triumphierend meine gekauften gigantischen Seestiefel vorwies. Endlich traf ich in Berlin mit meinem Ensemble zusammen, und wir probten vier Tage lang trotz einer tollen Hitze unermüdlich. Manchmal war M. dabei. Sie hatte einige der Nordhäuser schon vor mir kennengelernt, und was sie darüber Sympathisches berichtete, fand ich nun bestätigt. Wohl erschien mir die »Petra« etwas molliger als die Petra, die mir vorgeschwebt hatte, aber sowohl sie wie auch die andre Dame, die »Mutter Mewes« darstellte, gewannen sehr rasch mein Herz durch ihr natürliches und frohes Wesen. Diese zwei Damen hatten Männer, der von Mutter Mewes war unser Regisseur. Er übernahm gleichzeitig die Rolle des »Heizers«, und zwar diese im Programm unter andrem Namen (um seiner Würde nicht Abbruch zu tun). Er war überhaupt der Seriöseste in der Gesellschaft, und die andern hatten etwas Dampf vor ihm, was mir sehr günstig erschien als Gegengewicht zu dem leichten und allzu optimistischen Naturell des Fürsten. Petras Gatte war der Grischa, ein kleiner, dunkeläugiger Mann mit weichem Gemüt, wie es für seine Rolle paßte. Baumlang dagegen war »Sittty Smile«, der als Neger nicht viel mehr zu sagen hatte als zweimal »U–ah! U–ah!«, aber mit studierter und bewährter Erfahrung für das Bühnenbild sorgte. Auf des Fürsten eifrige Fürsprache hin nahm für die kleine Rolle des Kellners noch ein junger Mann teil, der gerade, vor dem Abitur, das Gymnasium verlassen hatte. So waren wir mit mir zusammen acht Personen. Aus finanziellen Gründen mußten auf dieser Tournee alle Nebenpersonen wie der Kapitän, der Steuermann, die Hafenmädchen usw. wegfallen, und darum gewisse Szenen leider verändert oder ganz gestrichen werden. Der Regisseur hatte das geschickt ausgeführt. Er lobte mich gleich zu Anfang, weil ich meine Rolle so fließend auswendig konnte. Die Generalprobe veranstalteten wir auf einer dazu gemieteten Saalbühne. Asta Nielsen war zugegen und ein Freund von mir, der einen Eiskühler und Sekt mitbrachte, und natürlich M., die gar zu gern mit uns gereist wäre. Asta gab mir noch einige gute Ratschläge, die ich dankbar annahm. Denn es war das erstemal, daß ich ohne kabarettistischen Rahmen als Schauspieler auf Theaterbühnen auftreten sollte. Ich war etwas besorgt, ob meine Sprache ausreichen würde, ob meine wunden Füße rechtzeitig heilen würden, ich war in manch andrer Beziehung besorgt. Aber auch wiederum unternehmungslustig. Denn es gefiel mir bei meinen neuen, durchweg jüngeren Kollegen, die alle Lust und Eifer mitbrachten. Wenn wir mit Ausnahme des Fürsten uns auch keinen übertriebenen pekuniären Hoffnungen hingaben, so galt es doch, sich in der wirtschaftlich unerträglich schweren Zeit über Wasser zu halten. Das mit Reisen verbunden lockte mich ehemaligen Seemann. Auch in Berlin war kein altes Seemannsjackett aufzutreiben. Schließlich versuchte ich's einmal beim Reichsmarineamt. Der Portier dort verband mich telephonisch mit einer Kleiderkammer. Die wies mich an eine Stelle X. Um dahin zu kommen, mußte ich einen peinlich ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Als ich daraufhin ein Duplikat dieses Schriftstückes anfertigen sollte, lehnte ich das mit einem energischen »Nein« ab. Die erschrockene Ordonnanz brachte mich durch kilometerlange Korridore zu einer Dame. Die brachte mich Kilometer weiter nach dem Süd-, Nord-, Ost- oder Westflügel des Gebäudes. Ein subalterner Beamter ließ mich zu einem Kapitänleutnant führen. Der hörte mich sehr höflich an und wollte mich mit einem Geheimrat verbinden. Ich unterbrach ihn: »Bitte, bringen Sie mich nicht noch bis zum Großadmiral. Ich will doch nur einen gebrauchten, speckigen Matrosenüberzieher kaufen. Für die Bühne!« Der wohlwollende Kapitänleutnant riet mir, mich mit einem schriftlichen Gesuch an die Stelle Y., Abteilung B, Sektion 3, Zimmer 4 in Wilhelmshaven zu wenden, und er gab mir zum Abschied noch kilometerweit das Geleit. Unten händigte mir der Portier das Paket ein, das ich bei ihm deponiert hatte. Es enthielt vier leere, vierkantige Flaschen Whisky Black Label, auch für die Bühne bestimmt. Als das Tor des Reichsmarineamts hinter mir ins Schloß fiel, schien die Sonne. Von drei an verschiedenen Stellen ermittelten ausgestopften Möwen, die alle übereinstimmend sieben Mark fünfzig kosten sollten, wählten wir aus Platzmangel die kleinste. An Stelle der zwei unerschwinglichen, ausgestopften Krokodile hatte Sitty Smile künstliche Tiere angefertigt. Das kleinere, das ich »meiner Braut mitbringen« sollte, gefiel mir gar nicht, denn ich konnte nur seinen Rücken dem Publikum zeigen, weil es am Bauch sich als Gipswerk verriet. Für diese und einige andere unentbehrliche Requisiten erstanden wir nach langstündiger Kostendebatte einen großen Reisekorb, der von Ort zu Ort als Passagiergut aufgegeben werden und auch die empfindliche Salongarderobe Petras und den Frackanzug des Kellners aufnehmen sollte. Zeitungsnotizen erschienen. – Wir setzten die Kollektivpunkte fest und schlossen und unterschrieben die Kontrakte. Die Nordhäuser hatten ein ebenso wirkungsvolles wie geschmackvolles Plakat anfertigen lassen: »Gastspiel Ringelnatz mit Ensemble-Berlin in Die Flasche, Seemannsballade . . . Hans Pepper, Matrose – Joachim Ringelnatz«. Dahinter bescheiden gedruckt die Namen der anderen Mitwirkenden. Diese Plakate und Photos von mir und sonstiges Reklamematerial versandte der B.-Nachweis an die Theater, mit denen er abgeschlossen hatte. Die Tournee konnte beginnen. Es waren bereits etwa 12 Orte festgelegt. Hannover war der Ausgangspunkt. Vier anschließende Badeorte sagten im letzten Moment ab, des plötzlich eingetretenen schönen Wetters wegen. Das war unsere erste Enttäuschung. Premiere in Hannover Fürst, Kellner und Sitty Smile fuhren voraus, um die bühnlichen Vorbereitungen zu treffen. Es war ein erquickender Morgen, als M. und ich auf dem Bahnhof Charlottenburg zu den übrigen Schauspielern stießen. Im Speisewagen beschnüffelten wir einander, fachsimpelten, prophezeiten und toitoitoiten. Einige Nordhäuser hatten sich vorher die Karten legen lassen. Übrigens waren die Nordhäuser nicht etwa gebürtige Nordhäuser, sondern Grischa z. B. stammte aus Gustrow und die »Dänin Petra« aus Wiesbaden. Ich bat Petra, es mir nicht zu verübeln, wenn ich im dritten Akt statt ihres Konterfeis das der Asta Nielsen hervorzöge und bewunderte. Asta hatte mir dazu auf meinen Wunsch einige Photokarten von sich und für die Premiere eine besonders schöne mit einer lieben Widmung mitgegeben. Petra verstand. Sie lachte sonnig und hatte schöne Zähne. M. und ich zogen in Hannover in das uns vertraute Hotel Kasten. Für die andern hatte Sitty Smile im Waterloo Zimmer bestellt. Ich ging sofort schlafen, denn ich wollte bei meinem Schauspielerdebut frisch sein. Eine leichte Heiserkeit hatte mich befallen, aber die war vielleicht nur auf die große Hitze zurückzuführen, die sich entwickelt hatte und die für den abendlichen Theaterbesuch nichts Gutes versprach. Um fünf Uhr trafen wir uns im Schauspielhaus, stellten uns dem Direktor Dr. Altman und dem technischen Personal vor. Auf der Drehbühne wurde mit lärmender Betriebsamkeit am Aufbau der beiden Bühnenbilder gearbeitet. Ich sah mir die Eingänge und Ausgänge an und floh dann aus der lebensgefährlichen Atmosphäre. Zwei junge Berichterstatter interviewten mich, aber sie wußten nicht zu fragen, und aus dem, was ich ihnen zur Anregung mitteilte, machten sie hinterher ein so albernes und entstellendes Geschreibsel, daß ich mir vornahm, in künftigen Fällen nur auf präzise Fragen zu antworten und auch nur unter der Bedingung, daß man die Fragen und meine Antworten dann wörtlich wiedergäbe. Schon im Hotel hatten mich einige Besucher mit durchaus nicht überraschenden Anliegen nervös gemacht. Andererseits hatte ich aber auch Blumen und freundliche Briefe dort vorgefunden. Abends lagen in meiner Garderobe wieder zwei Sträuße. Den einen hatten mir meine Kollegen mit einer herzlichen Widmung hingebracht. M. wollte der Petra einen Strauß auf die Bühne schicken, aber das war an diesem Theater verboten, weil einmal vor Jahr und Tag ein Schauspieler durch einen herabfallenden Lorbeerkranz verletzt worden war. Ich lugte einmal flüchtig durch das Vorhangloch. Das Theater war gut besetzt, in Anbetracht der drückenden Hitze sogar sehr gut. Ich sah M. im Zuschauerraum sitzen. Wir waren im letzten Moment alle ruhig. Im Vorbeigehen spuckten wir uns gegenseitig an. Bei meinem Auftritt wurde ich mit Applaus empfangen. Ich war ebenfalls ruhig und sehr glücklich darüber, daß ich weder Heiserkeit noch Fußschmerzen verspürte. Dem Rate M.s und der Kollegen zuwider hatte ich mich weder geschminkt noch mir die Haare gefärbt. Als ich »die durchschmuggelte Whiskyflasche aus meinem Seesack packte«, merkte ich, daß man vergessen hatte, sie zu füllen. Ich half mir, indem ich »meiner Braut Petra« extemporierend vorlog, die Flasche wäre unterwegs ausgelaufen. Diese Bemerkung wurde vom Publikum als verdächtig belacht. Schon nach dem ersten Akt wurden wir Schauspieler herausgerufen. Im zweiten vergaß ich einen allerdings unwichtigen Satz. Auch nach diesem Akt mußten wir uns wiederholt zeigen. Uns war wohl zumut. M. besuchte mich in der Garderobe. Sie hatte anerkennende und rührende Bemerkungen belauscht, auch einige ungünstige. So hatten Leute, die wohl Matrosen nur in Kriegsmarineuniform oder in Lunapark-Luftschaukeldreß kannten, Anstoß an meiner gerade so echten Kauffahrteikleidung genommen. Da ich im letzten Akt nicht mehr mitspiele, kleidete ich mich um, tastete mich im Halbdunkel leise nach einer unbesetzten Loge und sah mir von dort aus einige Szenen an. Das Publikum konnte mich nicht sehen, und ich sah auch das Publikum nicht. Ich hörte nur vielfach jenes heisere Räuspern, das ein Weinen verdecken will. Und ich war selbst gerührt und dankbar und glücklich. Meine wieder und wieder herausgerufenen Kollegen zerrten mich dann allzu oft auf die Bühne. Sie wollten alle Anerkennung nur auf mich wälzen. Wir speisten hinterher zusammen, und ein mir befreundetes Ehepaar spendierte den Wein dazu. Es gab nicht wenig zu erzählen nach dieser ersten Schlacht. Ich fragte Grischa: »Warum sind Sie nicht so fidel wie die anderen? Und warum rechnen Sie nicht erst mit uns ab, wie das doch vereinbart ist?« »Gerade wegen der Abrechnung bin ich traurig«, antwortete Grischa und schob mir verstohlen unterm Tisch einen Zettel mit Zahlen zu. Die Abrechnung zwischen ihm und dem Theater hatte vertragsgemäß in der Pause nach dem zweiten Akt stattgefunden. Ich studierte die Ziffern. Nach dem pflichtgemäßen Abzug von behördlichen Abgaben, Vermittlungsprovisionen, Tantiemen usw. verblieben für uns acht Personen: . . ., verblieb also, nach Punkten errechnet, für mich: ach, du lieber Gott! Nicht einmal soviel, daß ich das Reisegeld Berlin-Hannover für mich und M. damit bestreiten konnte. Aber die Aufführung und mein Debüt als Schauspieler waren ein Erfolg gewesen. So tröstete ich Grischa und trank mit ihm und allen Brüderschaft. Sittys Vater war ein bekannter Kammersänger in Hannover. Seitdem er pensioniert war, hatte er jahrelang kein Theater mehr besucht. Aber nun war er doch zu unserer Premiere erschienen, um seinen Sohn zu bewundern, wie der auf der Bühne, schwarz angepinselt, zweimal »U–ah!« sagte. Wir sahen nun notgedrungen vier arbeitslosen Tagen entgegen. Meine Kollegen wollten diese Zeit in einer billigen Pension bei Hildesheim verbringen. M. und ich zogen es vor, nach Berlin zurückzukehren. So trennten wir uns. »Auf Wiedersehen am 25. Mai nachmittags im Kleinen Theater in Kassel!« M. und ich bummelten noch bis vier Uhr durch Nachtlokale, Erinnerungen auffrischend und immer wieder von der Aufführung sprechend. Sie war wohl gut gewesen. Aber wir mochten das nicht direkt aussprechen. Es kam nun ja noch darauf an, wie sich die Zeitungen äußern würden, und wovon hing das nicht alles ab. Auf meinem Bett lag ein Sträußchen Maiglöckchen. M. hatte es hingelegt, weil Maiglöckchen die Lieblingsblumen meines verstorbenen Vaters waren, dessen Geburtstag der 20. Mai war. Durchs offne Fenster drang in dieser warmen Nacht aus Richtung Oper her der Sang einer Nachtigall. Zwangsurlaub und drei Tage Kassel In Berlin ließ ich mir vom B.-Nachweis über die weiteren Abschlüsse für die Tournee berichten. Der übliche Ärger blieb nicht aus. Verschiedene Badeorte hatten nachträglich wieder abgesagt, ohne Recht, aber mit der allgemein übereinstimmenden Begründung, daß sie viel zu wenig Badegäste hätten, um auch nur den geringsten Erfolg für uns zu erhoffen. Ich las Kritiken über die Hannoversche Aufführung. Mehrere tadelten den Fürsten, der allerdings auch die schriftstellerisch schwächste Figur in meinem Stück vertrat. Einige Blätter fanden das Stück zu sentimental. Ein Herr R. M. nannte mich in einer durchaus strengen, aber anständigen Kritik eine »tragische Kruke« und einen »dürren Sandhering«, worüber ich herzlich lachen mußte. Was mich aber am meisten freute, war, daß alle Zeitungen meine schauspielerische Leistung lobten. »Er macht seine Sache ganz famos, er stand fest und sicher in der Rolle . . .« (Hannoverscher Anzeiger) . . . usw. Ab nach Kassel! Hoffentlich haben mir die Kasselaner verziehen, daß ich einmal vor Jahren in einem gereimten Reisebrief nichts weiter an ihrer Stadt rühmte als »Die Karpfen Wilhelmstr. 15«. Erster Abend im Kleinen Theater. Das Haus ist noch kleiner, als sein Name erklärt. Aber es hat drei Direktoren, einen künstlerischen Beirat und sogar eine kleine Bühne. Die war allerdings so eng, daß wir beim Spielen Angst hatten, in den Souffleurkasten zu fallen. Die Dekoration für die »Seemannskneipe« war verblüffend primitiv. Nur ein großes Büffelhorn fiel auf. Der Dramaturg war stolz darauf, dieses Stück als »typisch fürs Milieu« herangeschafft zu haben. Er übersah dabei, daß dieses Horn zu einem prunkvollen korpsstudentischen Trinkgefäß aufmontiert war. Applaus nach allen Akten. Den dritten sah ich mir von der Galerie aus an. Viele Leute lachten an den unpassendsten Stellen und brachten andererseits für Humor keinen Sinn auf. Mir war zumut, als hätte ich schon jahrelang Theater gespielt. – – Hatte ich ja eigentlich auch. Die drei Direktoren erwiesen sich als überaus zuvorkommend und waren eifrigst um uns und um das Stück bemüht. Ich verwechselte sie dauernd. Am nächsten Tag unternahmen wir einen Ausflug nach Wilhelmshöhe. Dann schickte ich die Kollegen in die herrliche Bildergalerie. Ich selber suchte die Fisch- und Feinkosthandlung Klippert auf. Ich hatte für die Firma durch das erwähnte Karpfengedicht einmal gute Propaganda gemacht. Darauf wollte ich mich berufen und hoffte dabei eine Sprottenspende oder etwas Ähnliches für mein Ensemble herauszuschinden, zumal ich einen der Gebrüder Klippert inzwischen irgendwo kennengelernt hatte. Aber die Dame an der Kasse, bei der ich mich meldete, benahm sich so, daß ich das Gespräch abbrach und den Laden verärgert verließ. In Kassel gibt es so seriöse Leute, daß der liebe Gott, wenn er ihnen begegnete, wahrscheinlich stramm stehen würde. Sitty Smile und der Kellner überbrachten mir, von einem Spaziergang zurückkehrend, drei Gänseblümchen. – Mehrere auswärtige Bekannte besuchten mich. Ich kaufte mir Trinkeier, die ich zum Wohle meiner Stimme vorm Auftreten ausschlürfen wollte. In unserer Garderobe stand der »Kellner«. Er ließ sich gerade vom Garderobier schminken und befahl diesem – unbewußt im hochmütigen Ton seiner Rolle – »süffisanten Zug um die Lippen!« Ich mußte lachen. Wir waren etwas deprimiert über die schlechten Einnahmen. Am dritten Tag setzten sich der Fürst und der Kellner abwechselnd zur Kassiererin an die Schalter der Tages- und Abendkassen um den Billettverkauf zu kontrollieren. Ich suchte eine alte, mir aus früherer Zeit vertraute Kneipe auf und wurde durch die Reden eines Schornsteinfegers gefangen, der einem blöden Schafkopf in auffallend klugen Bemerkungen die politische Lage erklärte. Es regnete an diesem Tage ununterbrochen. Ich sah mir trotzdem den achteinhalb Meter langen Walfisch an, den der Taucher Sievers bei Cuxhafen gefangen hatte und nun im Freien zur Schau bot. Das Tier war schon tot. Es hätte in der Sündflut und in dem Schlamm auf dem Friedrichplatz eigentlich noch leben können. Unsere letzte Vorstellung war sehr schwach besetzt. Die wenigen Anwesenden waren allerdings dankbar und sehr ergriffen. Sogar die Souffleuse kam ins Weinen. Kaum hatte ich nach Schluß die »sechs Bananen«, die vertragsmäßig vom Theater gestellt wurden, der Petra geschenkt, so kam eine Angestellte vom Bühnenpersonal herbeigestürzt und rief: »Essen Sie die Bananen schnell auf! Der Direktor hat angeordnet, daß sie nach Beendigung des Gastspiels ihm zurückgegeben werden.« Mein Anteil an der Abendeinnahme betrug zehn Mark. Sitty Smile und der Kellner übernahmen es wie immer, die uns gehörenden Requisiten einzusammeln, sie kunstgerecht in den Funduskorb zu packen und diesen als Passagiergut aufzugeben. Wir schieden sehr unzufrieden von diesem Kasseler Theater. Aber nachts als Gäste des freundlichen Wirtes vom Herkules-Bräu wurden wir wieder vergnügt. Am nächsten Morgen holte ich meine Kollegen in ihrem Hotel ab. Sie saßen mit dicken Köpfen beim Frühstück und zählten während des Essens Geld und rechneten und rechneten immer wieder. Nur der Kellner rechnete nicht, sondern futterte sorglos. Er wurde nach Punkten am schlechtesten bezahlt. Aber er aß am meisten und sorgte dafür, daß an unserer Tafel niemals Speisen übrig blieben. Seine Jugend rechtfertigte das. Dieser Kellner war wie so viele Jungens dieser Zeit, dieser unglücklichen Zeit, unbekümmert, ungeistig, farblos und durch keinerlei Respekt gehemmt. Gotha, Liebenstein, Salzungen, Eisenach Wir füllten gerade ein Kupee. Obwohl wir leichte und lustige Gespräche führten, waren doch dahinter die Sorgen zu spüren, die uns alle bewegten. Nur der Fürst triumphierte mit einer für uns günstigen Kritik in der nationalsozialistischen Zeitung »Hessische Volkswacht«. Sitty Smile hatte in Kassel noch den Funduskorb mit einer künstlerischen Aufschrift in Spirituslack versehen »Ringelnatz-Tournee Berlin«. In Gotha fühlten wir uns im Hotel Alt sehr bald wohl. Durch den Garten zog am Nachmittag ein unwiderstehliches Düftchen nach Rostbratwürsten. Eine vornehme Straße mit üppig blühenden Vorgärten führte nach dem Theater. Thüringer Klöße erfüllten uns schwer. Mutter Mewes spähte nach dem berühmten Ersten Krematorium aus, nicht aus Lebensüberdruß, sondern in ihrem nie gelöschten Durst nach abgestempelten Sehenswürdigkeiten. Ich sah mich nach einem Weinstübchen um, weil ich an M. schreiben und etwas dichten wollte. Die Dekorations- und Beleuchtungsprobe war für drei Uhr bestellt. Aber wir trafen um diese Zeit nur den Kastellan an. Das technische Personal des Theaters war mit dem Stamm der Schauspieler und mit dem Intendanten Curt Strickrodt auf Gastspiel in Eisenach. Diesen Stammtrupp von Schauspielern und technischem Personal ließ Herr Strickrodt mit den nötigen Requisiten dauernd zwischen verschiedenen Städten pendeln, deren Theater alle ihm unterstellt waren. Man erzählte uns, daß er auf diese Weise, nicht zu seinen persönlichen Ungunsten, viel Geld von den behördlichen Theaterzuschüssen ersparte, die er erhielt. Staat und Stadt ließen ihm dabei aus Bequemlichkeit freie Hand. Strickrodts Tochter war bekanntlich mit einem Prinzen von Anhalt verheiratet gewesen. So erzählte man uns. Wir konnten das nicht nachprüfen. Aber daß der Intendant unserer fremden Truppe und unseren kurzen Gastspielen an seinen Theatern wenig Interesse entgegenbrachte, das trat bald drastisch zutage. Als ich abends eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung das Theater betrat, fand ich meine Kollegen in großer Aufregung. Es stand noch kein Bühnenbild fertig, kein Vertreter des Intendanten war anwesend, keine Souffleuse, keine Friseuse war da. Sitty Smile und der Kellner packten in äußerster Eile den soeben eingetroffenen Funduskorb aus. Wir überlegten, ob man unter solchen Umständen überhaupt noch eine Vorstellung wagen könnte, entschlossen uns aber einmütig, unseren Ärger herunterzuschlucken und uns mit Eifer dem Spiele zu widmen. Trotzdem litt die Aufführung begreiflicherweise unter Nervosität, zumal an den vom Hause gestellten Requisiten vieles nicht stimmte. Das Grammophon und Grischas Kopfhörer funktionierten nicht. Ich ging im zweiten Akt versehentlich durch Petras Schlafzimmer statt nach der Straße ab. Und der Fürst versprach sich einmal sehr sinnentstellend. In Ermangelung der Souffleuse war Mutter Mewes, soweit sie frei war, in die »Gedächtnishalle« gekrochen, wie der Fürst den Souffleurkasten nannte. Meine Abendeinnahme betrug elf Mark.   Wieder hatten wir leider einen spielfreien Tag. Wir fuhren nach Liebenstein, und meine Kollegen blieben dort für die nächsten Tage, während ich derzeit meinen Freund W. in Hattorf bei Philippsthal besuchte. Freund mit Frau und Töchterchen verwöhnten mich in jeder Beziehung. Man fuhr mich auch auf Wunsch in einem Privatauto nach Hersfeld in Hessen zu einem Kriegskameraden. Aber ich war anfangs ein recht undankbarer und stimmungsloser Gast, weil mich Geldsorgen bedrückten und weil ich traurig an M.s ärmliche Einsamkeit dachte. Mein Freund war Bergingenieur, und so fuhr ich unter seiner Leitung am nächsten Morgen in das Kalibergwerk Hattorf ein. Wir wanderten, entsprechend gekleidet, 700 Meter tief in der Erde durch die interessanten, weiten Schächte. Hinterher nahmen wir das notwendige, mir sehr wohltuende Bad. Und ich lernte allerlei Leute von der Führung und von der Belegschaft der Zeche Hattorf kennen, die ich alle mit Glückauf begrüßte und von denen ein großer Teil versprach, abends nach Liebenstein oder am nächsten Abend nach Salzungen zu kommen, um sich »Die Flasche« anzusehen. Spät nachmittags fuhr mich W. nach Liebenstein. Einige von den Nordhäusern standen vor dem Säulenportal des hübschen Theaters und winkten mir entgegen. Da merkte ich, daß ich in 24 Stunden Getrenntsein Sehnsucht nach ihnen empfunden hatte. Sie waren zufrieden mit ihren Quartieren, freuten sich über das Regenwetter. Und weil an der Abendkasse ein paar wohlgekleidete Herrschaften gestanden hatten, prophezeite der optimistische Fürst uns den Siebenten Himmel. Auf die Frage, wo eigentlich die fünfundzwanzig Zigaretten blieben, die die Theater vertragsgemäß uns für die Bühne stellen mußten, erwiderte er rührend fürstlich: »Achtzehn davon brauche ich natürlich selber. Eine erhält Sitty Smile –« »Eine ist viel zuviel für Sitty Smile«, unterbrach Grischa. – Um diese Zigaretten rissen wir uns sehr. Eine davon bot mir der Fürst in einer gewissen Szene auf der Bühne an, aber ich hatte jedesmal dasselbe Malheur damit. Denn wenn ich sie gewohnheitsmäßig nach ein paar Zügen im Aschenbecher ablegte, wurden sie unbrauchbar, weil diese Aschenbecher von den Feuerwehrleuten mit Wasser gefüllt waren. Ich rettete dann noch das, was vom Tabak trocken geblieben war und rauchte das in einem ganz kurzen Kalkpfeifenstummel, welche Geste mir sehr charakteristisch für Seeleute erschien. In manchen Orten verbot uns die Feuerwehr auch die fünf Kerzen, die Mutter Mewes im letzten Akt anzünden muß. Wir bedienten uns dann elektrischer Kerzen. Waren solche nicht aufzutreiben – (wie z. B. später in den Münchner Kammerspielen!) – so mußten wir die betreffende Szene weglassen. Das Theater war schwach besucht, das Publikum anerkennend und ergriffen. Ein pekuniärer Erfolg war nicht zu verzeichnen. Wäre ein solcher überhaupt zu erwarten gewesen, dann hätte Herr Strickrodt, dem das Theater unterstellt war, statt unseres sein eigenes Ensemble gastieren lassen. Weil der Garderobier zu spät eingetroffen war, hatte Grischa bei der Badefrau ein Plätteisen entliehen und unsere Hosen und Petras Kleider gebügelt. Sehr kunstgerecht, denn Grischa hatte ursprünglich das Schneiderhandwerk erlernt. Mein Freund W. gestand mir: auch er hätte sich im letzten Akt nicht der Tränen erwehren können. Andererseits hatte er komische Bemerkungen im Publikum belauscht. Eine Dame vor ihm hatte ganz ernst und bestimmt berichtet, daß ich ein Sohn des Regierungspräsidenten v. Bötticher in Magdeburg wäre, meinen Adel aber abgelegt hätte. Auch der letzte Maientag war grau und kalt. Lotte W. schoffierte mich nach Vacha vor der Rhön, wo ich auf der Veranda des Ratskellers dichtete. Auf einer Turmspitze guckte ein Storch aus seinem Nest. Auf dem hübschen Marktplatz spielten wandernde Musikanten. Ein Huhn gackerte dazwischen. Ich geriet vom Dichten ins Dösen und träumte von einem Mäzen, der meinen Kollegen plötzlich eine großzügige Überraschung bereitete. Freund W. hatte eine Gesellschaft von zirka fünfundzwanzig Personen zusammengetrommelt, die abends nach Salzungen fuhren, um »Die Flasche« anzusehen, alles Herren aus dem Kaliwerk Hattorf mit ihren Damen. Es regnete langweilig auf den langweiligen Ort Salzungen. Trotzdem wäre das Theater ohne die Hattorfer Gesellschaft nahezu leer gewesen. Es stand auch unter dem Regime des Herrn Strickrodt. Wir Künstler aber plauderten herzlich in den Garderoben, denn wir waren heiter aus gutem Gewissen heraus. »Es ist Post für uns verlorengegangen«, erzählte mir Grischa. Dann zeigte er mir die gestrige Abrechnung. Darin waren u. a. »zwei Freikarten für den Bürgermeister von Liebenstein« verzeichnet. Armer Bürgermeister von Liebenstein! Das Publikum lauschte unserem Spiel mäuschenstill, obwohl die Leute – wie ich hinterher erfuhr – in dem ungeheizten Zuschauerraum sehr froren. Zum Schluß wurde mir ein großer, wunderschöner Blumenstrauß überreicht, den ich unseren Damen schenkte. Wieder waren wir für einen Tag zu Müßiggang verurteilt. Da ging es mir bei meinen Hattorfer Freunden natürlich besser, als meinen Kollegen in Salzungen. Nach einem Frühschoppen im Kasino »Glückauf« unternahmen wir eine längere Autofahrt durch die Umgebung, wobei mir auffiel, daß die preußischen Straßen sauber und gepflegt, die Thüringer Strecken aber empörend verwahrlost waren. Ich erhielt einen Brief von M. Sie war deprimiert und schalt auf Strickrodt und auf den B.-Nachweis, der uns an den verschachert hätte. Auch ich war deprimiert und wartete nervös auf Wäsche. Aber nun kam endlich die Sonne hervor, und da sah die Gegend und alles wieder freundlicher aus. Auf Wunsch der Hattorfer pinselte ich im Kasino eine Zeichnung und einen Spruch an die Wand. Auf der Autofahrt nach Eisenach rief mir die anmutige Gegend viele und zum Teil weit zurückführende Erinnerungen wach. Auch das Eisenacher Stadttheater gehörte zum Machtbereich Strickrodts. Ich traf dort zunächst nur drei von unserer Bande an. Des Fürsten frohe Fanfarentöne betreffs unserer guten Aussichten erhielten einen Dämpfer, als die Bühnenarbeiter sich äußerten. Sie meinten, unser Gastspiel wäre ganz deplaziert, da am selben Abend die Comedian Harmonists in Eisenach gastierten, die uns alles Publikum wegschnappen würden. Dasselbe äußerten alle die Menschen, die mich bis zum Abend auf der Straße oder in Lokalen ansprachen, nur daß die meisten den Namen Comedian Harmonists wegließen, weil sie ihn nicht aussprechen konnten. Einer sagte dafür Christian Science. Es war natürlich einleuchtend, daß eine Stadt wie Eisenach nicht zwei Premieren an einem Abend vertrug. Wir vom Kollektiv waren sehr verstimmt und schimpften auf einen gewissen Jemand, der uns und das hessische und das thüringische Publikum betrog. In diesem Theater war das Rauchen sogar auf der Bühne verboten, was uns wiederum verdroß. Nach dem ersten Akt fragte mich ein Feuerwehrmann: »Wie lange dauert denn das Ganze?« – »Nun, etwa bis elf.« – Da sagte er unwirsch: »Na, Ginder, beeild euch mal ä bißchen. Sowas sinn mer hier nich gewehnt.« Ich flocht in meinen Schlußmonolog des ersten Aktes eine kleine satirische Anzüglichkeit gegen das Rauchverbot ein. Das wenige Publikum nahm unser Spiel sehr wohlwollend auf. Freund W. hatte nochmals eine Hattorfer Gesellschaft mitgebracht. Aber dennoch erfüllte mich der Gedanke an den spärlichen Theaterbesuch bei uns und an das ausverkaufte Haus bei den Comedian Harmonists (das war mir bereits berichtet) mit ungerechter Wut, so daß ich nach dem zweiten Akt meinen Kollegen sagte, ich würde mich auf keinen Fall dem Publikum zeigen, und ich würde überhaupt nicht zurückkommen, sondern erwartete sie, die Kollegen, hinterher im Zwingerkeller. Sonst pflegte ich mich immer zum Schluß des dritten Aktes noch einmal einzufinden, um bei dem von uns allzu flau betriebenen »Gesang- und Stimmengewirr der nahenden Seeleute« mitzuwirken und um mich eventuell noch »von den Schauspielern herausgezerrt« als Autor zu verneigen. Es gab da jedesmal einen kleinen Kampf zwischen Autor und den Schauspielern, denn diese wollten am liebsten, daß ich sofort nach dem ersten Vorhang mich verbeugte. Aber das ging doch nicht an. Denn ich hatte im letzten Akt gar nicht mitgespielt, sondern war sogar »als Ertrunkener betrauert« worden. Sowie also das Schluß- und Stichwort von Petra fiel »Seeleute kommen«, versteckte ich mich irgendwo zwischen dem phantastischen Kulissen-Schwindelwirrwarr und lächelte, wenn ich bald danach herumeilende Stimmen rufen hörte »Ringelnatz! Wo steckt er denn wieder?« Meist war dann Kellner der Detektiv, der mich in meinem Versteck aufstöberte. Also ich verließ das Eisenacher Theater in der großen Pause und suchte die Süße Ecke und andere vertraute Plätze auf, wo ich Jahre zuvor manchmal mit glühenden Backfischen und auch mit M. gesessen hatte. Da blieb auf der Straße ein Ehepaar mir nachsehend stehen, und die Dame rief: »Dort geht ja der Ringelnatz, und wir klatschen uns im Theater die Hände nach ihm wund!« Ich grüßte und schritt versöhnt lächelnd weiter. Im Zwingerkeller stellte ich mein Ensemble den Bergherren und Bergdamen vor. Die Hattorfer spendierten etwas. Aber die Nordhäuser mußten bald scheiden. Sie fuhren mit einem Sonderomnibus, der billiger war als die Eisenbahn, nach Liebenstein zurück. Wir andern zechten weiter, und die ausgelassene Gesellschaft tröstete mir den letzten Rest von Wut aus der Galle. Mein Freund W. wurde von auswärts am Telefon verlangt. Wer? Was war geschehen? Das Auto der Nordhäuser hatte eine Panne erlitten. Glücklicherweise nicht mitten auf einsamer Straße, sondern in der Nähe eines Waldlokals »Zum grünen Jäger«. Der getreue W. telefonierte nach allen Himmelsrichtungen, um für die Festsitzenden ein Hilfsauto zu zitieren, aber die Aussichten waren zu so später Nachtzeit gering. Sämtliche Hattorfer stellten sich und ihre Autos zur Verfügung. So brausten wir schließlich – eine weinselige Rettungskolonne von mehreren Wagen – durch die entzückende Nachtlandschaft. Rechts und links lichtgrüne Bäume mit weißen Bauchbinden gegen einen dunkelbraunen Hintergrund, dann zwischendurch von Zeit zu Zeit fahle, leuchtende Geländersteine oder Nebelschwaden. Wir erreichten die Panne-Gruppe, ein dramatisches Bild von Licht und Schatten, eine laute Diskussion von erregten, aber anständigen Leuten. Es blieb gerade noch Zeit, um im Grünen Jäger mit einem Schnaps anzustoßen. Dann – »tut – tut –« kam der Hilfswagen. W. hatte telefonisch darauf gedrungen, daß dieses Hilfsauto den Schauspielern keinerlei Unkosten verursachen dürfte. Wir Hattorfer trennten uns herzlich von den Nordhäusern. Am folgenden Morgen besichtigte ich noch die Übertagmaschinen des Kaliwerkes, badete noch einmal in dem salzhaltigen Badewasser der Bergleute und ließ mich nach Salzungen bringen, wo ich Abschied von W. nahm und dann mit der Eisenbahn durch ein skandalierendes Gewitter nach Kissingen fuhr. Bad Kissingen Am Kissinger Bahnhofsportal erschreckte mich ein Heer von Hoteldienern. Die verfolgten mich lockend, und Spaliere von Droschkenkutschern umwarben mich, aber ich widerstand und trug meine schweren zwei Koffer persönlich durch den Regen bis zum nächsten Hotel. Als ich in einem Zimmerchen im höchsten Stock landete, hörte der Regen auf, brach die Sonne durch. Ich öffnete das Fenster und sah den Fürsten und Grischa unten auf der Straße vorübergehen. Ich rief sie an. Wir wechselten nur wenige Worte und Gesten, aber ich freute mich daran, und ich empfand die ganze Poesie unseres Schmieren- und Freundschaftslebens. Nach meinem gewohnten Vorabendschläfchen schlenderte ich durch die Straßen. Von Ansprechern hörte ich so viel Gutes über das Theater, daß ich wieder Mut schöpfte. Mit diesem Theater hatte Herr Strickrodt nichts zu tun. Es machte einen sauberen und soliden Eindruck. Ein Vertreter des Direktors empfing uns mit verbindlichen Grüßen, und wir fanden auf der Bühne und in den Garderoben alles in bester Ordnung. Das Haus war reichlich gefüllt, das Publikum sah intelligent und vornehm aus. Kein Wunder, daß wir in froher Stimmung spielten. Nun gar ich, der ich schon vorm Theater von den unterschiedlichsten Menschen und darunter auch vom Geldbriefträger abgefangen war. M. hatte mir telegrafisch Geld gesandt. Nach dem ersten Akt unternahm ich einen Bummel und kam noch viel zu früh hinter die Kulissen zurück, hörte, wie Fürst und Petra auf der Bühne von Grischa Abschied nahmen, setzte mich, Möwe und Bananen im Arm, auf ein Stühlchen und beobachtete abwartend die Feuerwehrleute und Bühnenangestellten, die durch Kulissenspalten und Luglöcher nur Bruchteile des Stückes erfaßten und doch so rührend ergriffen sein konnten. Und ich streichelte meine Möwe zärtlich. Bis ich plötzlich auf ein Stichwort hin, »laut und roh zu schimpfen anfing«. Nachts besuchte ich meine Kollegen in ihrem malerischen, aber etwas unheimlichen Gasthof, der zu einer Brauerei gehörte und mich an Hauff's Wirtshaus im Spessart erinnerte. Sie saßen beim Nachtmahl, aßen und rühmten riesige Schnitzel für eine Mark, und Petra behauptete, daß das Bier nach Karbol schmeckte. Hinterher traf ich in Nachtlokalen noch Bekannte aus verschiedenen Zeiten und Situationen. Unsere Fahrt durchs Maintal nach Koblenz verlief munter und gesellig. Wir waren des Lobes voll über das Kissinger Theater, das uns in jeder Beziehung einen schönen Erfolg gebracht hatte. – Der Name Strickrodt war uns zu einem Adjektiv geworden, das wir häufig anwandten. Der Regisseur schwärmte noch immer von den großen Schnitzeln. Mutter Mewes vertilgte unter einem verschämten Lächeln, das ihr so gut stand, Berge von Süßigkeiten. Sitty Smile erzählte von seinen Erlebnissen als Angelsportler. Der Kellner, der noch nicht Brüderschaft mit mir getrunken hatte, holte das mit Hilfe einer Feldflasche nach und machte mich dann auf die Dreckflecke an meinem Mantel aufmerksam. Der Fürst hatte Kopfschmerzen oder war verstimmt, jedenfalls weigerte er sich, uns frohe Aussichten für Koblenz zu künden. Um so vergnügter war Petra, obwohl sie Eisenbahnfahrt nicht vertrug. Grischa verlor eine Wette gegen mich zugunsten einer neugegründeten Kasse. Sitty Smile verwaltete die Kasse, für die ich den Tresor lieferte, nämlich eine blecherne Zigarettenschachtel. Dahin flossen von nun an alle Wettgelder, Spielgelder und einstimmig beschlossene Strafgelder. Wer von den Nordhäusern mir eine Ansichtskarte zur Unterschrift vorlegte, mußte dafür fünf Pfennige einzahlen. Auch verloste ich ein handschriftliches Gedicht, das ich auf dieser Fahrt verfaßte: An meine Kollegen         Liebe Freunde, wenn wir weiter reisen Wie bisher auf redlichen Geleisen, Daß die Freundschaft uns am höchsten steht, Ach, dann werden wir etwas erleben, – Was auch immer sich begeben Mag – etwas, was nie vergeht. Jeder soll sein Schlechtes unterdrücken. Jeder soll sich für den andern bücken. Achtmal Freude minus achtmal Leid. Jeder sorge, daß er nichts bereue. Denn fürs Alter sammeln wir das Neue. – Und ich dank euch, daß ihr mit mir seid. Wir übten auch gelegentlich unseren Bühnen-Chorgesang »Wir Fahrensleute . . .«. Das schien aber den übrigen Fahrgästen nicht zu imponieren. Der Zug berührte Frankfurt a. M., Wiesbaden, Eltville und andere Städte, wo ich gute Freunde wußte. Da uns leider wieder ein freier Abende beschert war, widerstand ich ungern der Versuchung, die Fahrt zu unterbrechen. Als wir den Rhein entlang dampften, geriet Petra in heimatliche Begeisterung. Sie erklärte der wißbegierigen Mutter Mewes die Burgen. Beide Damen protestierten dagegen, daß ich die Ruinen »lächerliche Steinhaufen« nannte. Koblenz und Abstecher Meine Kameraden suchten in Niederlahnstein Unterkommen. Ich fuhr weiter bis Koblenz, wo ich im Ersten Hotel »Riesenfürstenhof« ganz besonders aufmerksame Aufnahme fand. Der Besitzer hieß Kämpfer, und weil er die Front seines Hauses mit roten Lampen ausgeschmückt hatte, gab man ihm den Spitznamen Rotfrontkämpfer. Die Musik eines vorbeimarschierenden Vereins weckte mich aus meinem Nachmittagsschlaf. Ich aß als Mittagsmahl ein mitgebrachtes Mettwürstchen mit einer Semmel und verbarg dann sorgfältig Papier, Wursthaut und Krümelchen. Abends suchte ich die Hubertusweinstube beim Gemüsegäßchen auf. Dort spielte gerade ein herumziehendes Musikerpaar, er Geige und sie Harfe. Ich hätte sie gern gefragt, ob ihnen La Paloma bekannt wäre, aber ich unterließ es doch. Ich unterließ auch ein Ferngespräch mit M., was mich sehr lockte. Ich saß dort allein, unerkannt und ein wenig wehmütig. Dem Musikanten gab ich ein gutes Tellergeld, weil ich daran dachte, daß wir morgen in gar nicht unähnlicher Rolle auf der Bühne stehen würden. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Niederlahnstein, fragte von Wirtshaus zu Wirtshaus nach den sieben Schauspielern, aber es gelang mir nicht, deren Quartiere ausfindig zu machen, obwohl ich stundenlang durch die Straßen ging, La Paloma vor mich hinträllerte und von Zeit zu Zeit laut »Grischa« rief. Mißmutig darüber kehrte ich nach Koblenz zurück. Erst spät am Nachmittag traf ich auf der Straße die andern, und wir tauschten in einem Café Neuigkeiten aus. Die Kollegen waren schon im Theater gewesen. Das grenzte an die Sektkellerei Deinhard. Kerzen für den dritten Akt waren nicht aufzutreiben usw. Es gab viel zu erörtern, denn wir hatten auch Post vom B.-Nachweis und Privatbriefe erhalten. Das Gastspiel in Frankfurt war nicht zustandegekommen. Dagegen lag ein erfreuliches Telegramm vor »Neunter bis zwölfter Juni Darmstadt Orpheum perfekt«. Ich fragte, warum niemand aus Niederlahnstein mich einmal im Hotel angerufen hätte. Meine Freunde bereuten das sehr, und es tat ihnen aufrichtig leid, daß ich dort solange vergeblich nach ihnen gefahndet hatte. Wir trennten uns bis zum Abend, weil sie noch Denkmäler und sonstige Sehenswürdigkeiten bewundern wollten. Ich schrieb indessen zwischen Sonntagsspießern bei zwei Glas Moselwein à 25 Pfennig. Trotz Regen und Kälte war das Theater mit Ausnahme der Galerie schwach besetzt. Man rief uns nach allen Akten mehrmals heraus. Ich wollte mich in der ersten Pause für einen Trunk fortschleichen, fand aber das eiserne Tor verschlossen. So wandte ich mich an die Feuerwehrleute, schilderte die Gefahr, die im Fall eines Brandes durch geschlossene Türen gegeben wäre. Das half sofort. Die gelangweilte Feuerwehr war sichtlich erfreut, einmal einschreiten zu können. In einer kleinen Wirtschaft saß ich bei zwei Liebesleuten. Die hielten mich für einen echten Seemann, aber sie hielten einen hinter mir laut renommierenden Seemann für einen Schwindler, und gerade der war echt. Ich sah mir ein Stück vom letzten Akt an. Grischa hatte wieder das »seidene Tuch« vergessen. Aber er und alle spielten mit voller Hingabe. Anderntags war das Wetter wieder so kalt und unfreundlich. Ich hatte mir aus dem politischen Teil einer Zeitung schlechte Stimmung angelesen. Nun unternahm ich im Regen kurze, trostlose Spaziergänge, wobei ich von Zeit zu Zeit die Münzen in der kleinen, rechten Rocktasche nachzählte. Riesenfürsten entdeckte ich nicht in meinem Hotel, aber einmal saß, nach Aussage des Besitzers, Reichskanzler Brüning dort in meiner Nähe. Eine Dame, die sich auf ihrer Visitenkarte »wissenschaftliche Astrologin und Schauspielerin« nannte, schickte mir einen Band ihrer ersten lyrischen Gedichte. Ich überflog diese ernste Poesie und muß gestehen, daß ich dann den Band in der Mitte einriß und ihn unter den Schminktisch warf. Sitty zog ihn wieder hervor. Er fand, daß die Gedichte sehr unterhaltend wären, zumal, wenn man das eingerissene Heft wie ein Vexierbuch handhabte und die eine halbe Seite des einen Gedichtes über die entsprechende Hälfte des nächsten deckte. So gelesen ergab sich in diesem »Blühen und Verwelken« betitelten Buch z. B. folgendes Poem: Mein Junge         Ich döste in leeren Straßen Und du begegnetest mir. Fasziniert über alle Maßen, Lockte ich dich wie ein Tier. Du bist ein Junge wie andre auch Mit blonden Locken und trotziger Stirne; Nur hast du schon ein klein wenig Bauch Und – es ist möglich – eine weiche Birne. Blüten bring ich dir von rotem Mohn. Rot wie Mohn soll deine Neigung brennen. Alles Gefühl wird Dein Atem mir nennen. Du: – von plötzlicher Glut beglückt: Ein japanischer Dolch auf deinen Leib gezückt, Mach ich mit diri Harakiri. O verführi, verführi, verführi! Abstecher nach Bad Ems. Der Theateromnibus beförderte uns gratis. Er führte einen zweirädrigen Anhänger für die Kulissen im Schlepp. Damit war schwierig zu lawieren, aber diese Fuhre war lustig. Der Koblenzer Spielleiter, das technische Personal, die Friseuse, die Souffleuse und die Garderobiere fuhren mit uns. Das Kurtheater entzückte uns. Der Spielleiter führte uns durch das vornehme Kurhaus. Wir tranken Kränchen. Man sah wenig Publikum im Theater, aber viele Feuerwehrleute hinter der Bühne. Einer von denen schluchzte während der Vorstellung, daß es einen Stein hätte erbarmen können. In der Pause machte ich wieder Ausflüge in Seemannskluft. Ich war gewiß nie gern gesehen in den Lokalen, die ich so aufsuchte, aber da ich mich ordentlich benahm, wagte niemand, mich auszuweisen. Diesmal in der Altdeutschen Weinstube, nahm sich eine Kellnerin sogar betont herzlich meiner an. Auf meine Frage, ob um diese Zeit noch irgendwas »los wäre«, wo ich mich amüsieren könnte, schaute sie in die Zeitung. »Die Flasche, Eine Seemannsballade. – Das ist etwas für Sie. Die Hälfte ist zwar schon vorbei, aber da gibt's noch genug zu sehen.« Unsere Einnahmen waren etwas höher als die gestern in Koblenz. Aber Hotel, Verpflegung, Eisenbahn, Porti, Seife, Briefpapier, Bindgarn, Wäsche, Rasierklingen, Schminke usw. Und man nahm auch einmal ein Bad. Und für jeden und jede von uns schlug auch einmal unaufschiebbar die Stunde des Haarschneidens. – Von diesem Haarschneiden wurde dann wie von einem Ereignis gesprochen. Ich sah nach Schluß der Aufführung Sitty zu, wie er mit erstaunlicher Routine den Funduskoffer packte. Jedes Stück genau angepaßt an seine bestimmte Stelle. Auf der Rückfahrt ließ ich eine Koblenzer Zeitungskritik herumgehen, die besonders die Leistungen des Fürsten und des Kellners hervorhob, was uns für die freute. Ich kehrte in Koblenz nachts noch in der »Traube« ein. Außer mir und einigen verstreuten Einzelpersonen saß dort noch eine große Gesellschaft von nicht mehr jungen, aber höchst ausgelassenen Leuten, Dicke und Dünne, Große und Kleine. Anscheinend Rheinländer. Die tanzten nach alter Schule und so komisch, daß ich ein paarmal laut auflachen mußte. Später luden sie mich und die anderen Einzelgäste ein, doch an ihre Tafel zu kommen und an ihrer Fröhlichkeit teilzunehmen. »Schon daran habe ich erkannt, daß ich es mit Rheinländern zu tun habe«, sagte ich zu meiner Tischdame. Aber es stellte sich heraus, daß niemand von der Gesellschaft aus dem Rheinland stammte, sondern daß alle aus Königsberg oder Berlin oder sonstigen rheinfernen Gegenden kamen und sich nur auf einer vom Reisebüro arrangierten Rheinfahrt zusammengefunden hatten. Auch ich ließ mir die Haare schneiden. Mittags aß ich wieder heimlich Brot mit Wurst auf meinem Zimmer, wobei ich die Wursthaut mit einer Schere entfernen mußte, weil Grischa mein Messer verschlampt hatte. Ich schlenderte durch die Armutsgassen, die wohl einem Maler oder Dichter etwas bieten mochten, im übrigen aber einen äußerst deprimierenden Eindruck machten. Arbeitslose überall. Mädchen und junge Männer saßen auf den Türschwellen. Ein Mädchen kaufte für sich und ihren Freund zwei Zigaretten. Sie gab ihm die eine schweigend, und dann rauchten sie in tiefen Zügen und blieben ernst und schweigsam. – Kindergewimmel und -geschrei. – Fahrende Spielleute. – Alte, wirrhaarige Weiber, die müßig aus den Fenstern schauten. – Auf den Plätzen große, starke Bengels, die mit lächerlich kleinen Bällchen Fußball spielten. – In einer Hurengasse sprach mich eins von den vielen Mädchen, die sich aus den Parterrefenstern lehnten, mit »Ringelnatz« an. »Woher kennst du mich?« – »Nun, ich lese doch Zeitungen.« Für den zweiten Abstecher nahmen wir einen Mietomnibus. Diesmal gastierten wir in Bad Neuenahr. Saal, Bühne und Garderoben waren in Ordnung, und ich fand ein Sofa, wo ich ein Schläfchen machen konnte, zugedeckt mit dem Wäsche- und Kleiderkram aus meinem Seesack. Dann spazierten wir durch die hellen Straßen. Mutter Mewes war eine Zeitlang verschollen, weil eine Klo-Tür sich nicht mehr öffnen wollte. Schließlich befreite sich unsere gute Freundin doch, angeblich mit ihrer ungeheuren, durch Kuchen angegessenen Kraft. Ich gurgelte Brunnen und trank Brunnen. An allen Orten, wo es Heilquellen gab, hatte ich davon getrunken. Ungern, aber prophylaktisch. Ich bildete mir gewaltsam ein, nun gegen Zuckerkrankheit, Herz-, Magen-, Blasen-, Nieren- und Halsleiden, Gicht, Rheuma, Gallenstein, Syphilis, Fettsucht, Frauenkrankheiten und Flöhe gefeit zu sein. Denn ich glaube zwar nicht immer an Gedrucktes, aber an die Macht der Suggestion und Autosuggestion. Im Kurpark sprachen mich verschiedene Leute an. Alle versicherten mir, daß sie leider kein Geld hätten, »heute Abend ins Theater zu kommen«. Sie sagten das so, als ob sie erwarteten, daß ich das interessant fände und sie bedauerte. Vor dem Theater kam mir der Fürst entgegen: »Hast du bemerkt? An jeder Ecke und an jedem Baum springt einem der rote Ringelnatz mit der blauen Schrift darum entgegen. Die haben vorzügliche Propaganda gemacht. Und es sind schon 180 Plätze im Vorverkauf weg. Und das eisige Wetter kommt uns zustatten. Und es sind 3000 Badegäste im Ort. Und – – –« Der Fürst sah mein Lächeln und brach gekränkt seine Rede ab. Alle Kollegen waren trotz Brüderschaft und aller von mir provozierten Intimitäten nach wie vor ausgesucht rücksichtsvoll, hilfsbeflissen und herzlich zu mir, ihrem Häuptling. Mit dem künstlerischen Erfolg waren wir bisher zufrieden gewesen. Warum schien die Sonne nicht auf uns und aus uns? Aber in die Tagebuchbriefe, die ich beinahe täglich an M. sandte, konnte ich doch noch immer ein dankbares Trostwörtchen legen. Und in den fast täglichen Briefen von M. fand ich auch immer eine liebe, fromme Ermunterung. 7. Juni. So schreibend, sitze ich in einem Weinlokal mit dem Blick auf den Theatereingang, um zu beobachten, was dort hineinströmt. Vorläufig sind drei Damen hineingeströmt. Davon konnten zwei Garderobieren sein. Es ist allerdings noch nicht acht Uhr, und die Vorstellung beginnt 15 Minuten nach acht Uhr. Nun taucht der Fürst auf, offenbar ebenfalls, um sich über das Strömen zu unterrichten. Ich winke ihn zu mir zu einem Gläschen Roten. Meine Kollegen hatten mir eine eigene Garderobe reserviert. Als ich diesen Raum betrat, erblickte ich ein hübsches Fräulein, damit beschäftigt, Petras Kleider und unsere Männerhosen zu bügeln. Ich zog entzückt sofort meine Hosen aus und reichte sie dem holden Kind, mußte dann aber erleben, daß meine Kollegen auffällig oft zu mir hereinkamen, und zwar unter den nichtigsten Vorwänden. Besonders Grischa war nicht abzuweisen. Ich erzählte es später seiner Frau (weil er sich geweigert hatte, eine Bestechungs-Schweigegebühr von 50 Pfennigen in die Sitty-Kasse zu zahlen). Da die Bügelfee sich wenigstens den zweiten und dritten Akt ansehen wollte, erzählte ich ihr rasch den Inhalt des ersten. Das Publikum in Neuenahr nahm »Die Flasche« freundlich auf. Nur ein Mann im Parkett hielt es für witzig, mir an einer ernsten Stelle »Prost« zuzurufen. Auf der Rückfahrt sangen wir im Omnibus alle Lieder ab, die uns einfielen und nahmen einen armen Jungen von der Straße mit, der mit Heiligenbildern hausierte und auch nach Koblenz wollte. Im Riesenfürstenhof lud mich eine fidele Gesellschaft noch zu einer köstlichen Erdbeerbowle ein. Der Kurdirektor von Ems war dabei. Er sagte: »Eigentlich wollte ich Sie und Ihr Ensemble in Ems einladen – –.« Ich hörte ihm gar nicht weiter zu. »Eigentlich wollte« oder »Ja, wenn ich gewußt hätte« oder »Leider konnte ich nicht« waren uns zum Überdruß bekannte Redensarten. Ich konnte knapp meine Hotelrechnung bezahlen und ein Dampferbillett nach Mainz lösen. Die Kollegen wollten sich in Niederlahnstein auf demselben Dampfer einschiffen. Kurz vor der Abfahrt kam mir ein guter Einfall. Ich eilte nach der Firma Deinhard und ließ mich Herrn Wegeler melden. Ich sagte ihm, meine Kollegen hätten im dritten Akt statt Sekt Apfelstrudel getrunken, obwohl im Nebenhaus Tausende Flaschen von echtem Sekt lagerten. Ich spräche nicht für meine Person, denn ich selbst wäre ja im dritten Akt bereits ertrunken. – – Herr Wegeler nahm mein Anliegen mit Verständnis und Humor auf und ließ sich unsere nächste Adresse geben. Ich stand auf der Back des modernen und wohlgeführten Dampfers »Hindenburg«. Noch immer war das Wetter kalt, und die Regenwolken gaben dem Wasser eine unfreundliche Färbung. Am rechten Ufer folgte uns eine von »Hindenburg« aufgewühlte Schaumwelle, die sich mißmutig an den Steinen rieb. Aber ich war in bester Stimmung. Von weitem erkannte ich schon meine Gefährten am Landungssteg in Niederlahnstein. Ich schwenkte meinen Hut und rief ihnen ein schallendes »Olaf ahoi!« übers Wasser. Als sie an Bord waren und der Funduskorb mit Sittys auffälliger Lackschrift an Deck stand, gesellte sich ein Fahrensmann vom Personal zu mir, um seine Hochseeerinnerungen anzubringen. Einen Moment lang verstimmte mich das Gefühl, daß meine Kollegen diese Situation des Wiedersehens an Bord nicht so begeistert und herzlich erfaßten wie ich. Aber die herrliche Fahrt, die billigen Speisen, der billige Wein stimmten uns alle bald so glücklich, daß wir laut sangen. Ich warf plötzlich vor Freude mein weiches Hütchen über Bord und trieb übermütig allerlei Unsinn. Ich »gab an«, wie man sagt. So daß unser stets gesetzter Regisseur einmal die Stirn runzelte. Wir faßten Beschlüsse über unsern weitern Verbleib an diesem wieder spielfreien Tag. Petra und Grischa wollten bis morgen in Mainz bleiben, um das Grab von Petras Mutter zu besuchen. Den andren riet ich, in Groß-Gerau zu übernachten, wo ein Freund von mir den Gasthof »Zum Adler« besaß. Groß-Gerau lag ganz nahe von Darmstadt, und da zum »Adler«, wie ich wußte, ein großer Saal mit einer Bühne gehörte, so konnten wir dort vielleicht am Sonntag mit einer Nachmittagsvorstellung uns eine unvorhergesehene Nebeneinnahme verschaffen. Vier Tage Darmstadt In Mainz angelangt, telefonierten wir nach Groß-Gerau. Der Adlerwirt hieß meine fünf Kollegen willkommen. In einem Hausflur zog ich mich bis aufs Hemd um. Grischa stand Schmiere, konnte aber nicht verhindern, daß eine Dame pikiert durch unsere Aktion ging. Dann sagte ich ihm und Petra Lebewohl, denn mich rief eine brennende Sehnsucht nach Frankfurt a. M. Auf dem Bahnsteig begegnete mir plötzlich unser Funduskorb. Ich grüßte ihn mit Hut und Verneigung, und der Mann, der den Korb vorbeifuhr, sagte lächelnd: »Ich weiß Bescheid.« Im Börsenstübl in Frankfurt traf ich alle die an, die ich dort erwartet hatte, vor allem den lieben und geistreichen Glasmaler L., der »gerade im Moment von mir gesprochen« hatte. Er nahm mich mit nach Haus zu seiner Frau und bewirtete mich ausgiebig. Wir führten so intensive Gespräche, daß wir immer wieder Fäden unterbrachen durch Fäden, die wir wiederum unterbrachen. Da ich hinterher noch die Astoriabar und dann noch die Martinibar aufsuchte, um möglichst viel Erlebnisse im trauten Frankfurt einzuheimsen, erreichte ich schließlich – gegen einen Rausch kämpfend – mit knapper Not den Zug nach Darmstadt. Im Hotel »Zur Traube«, wo ich zuletzt mit Paul Wegener gesessen hatte, schlief ich bis zum nächsten Mittag. Der B.-Nachweis schrieb, wir sollten an Darmstadt keine großen pekuniären Hoffnungen knüpfen. Dort wäre nicht viel zu holen. Wir sollten aber nicht den Mut verlieren, sondern auf die Großstädte Basel, Zürich, München vertrauen. Ich erhielt beglückende Briefe von M. und eine Kiste mit vier Flaschen Deinhard-Sekt aus Koblenz. Der Intendant Hartung vom Landestheater begrüßte mich. Er erwähnte, daß er sich für mein neues Stück »Briefe aus dem Himmel« interessiere und daß er sich morgen unsere »Flasche« ansehen wolle. Ungern und nicht ohne ein Fünkchen Angst vor der Rache des Schicksals – aber notgedrungen – wechselte ich den Dollar ein, den mir ein Berliner Freund, gewissermaßen als Talisman, mitgegeben hatte. Darmstadt, 10. Juni 1932. Der letzte Beifall ist verrauscht. Wir Männlichen sitzen abgeschminkt, umgezogen in unserer Garderobe, ich vor meinen zwei treuen Bühnentieren, der Möwe und dem Krokodil. Neben mir rechnen Grischa und Regisseur – Zahlenschweiß auf der Stirn – wieder und wieder die Aufstellung der Einnahmen durch. Es dringen Satzbrocken an mein Ohr wie »zwei Parkett – sechzehn Vorzugskarten – Balkon – Sperrsitz – achtzig Plätze, davon sechzig zurück – Studentenkarten – verkauft – davon Freikarten – – –« Endlich händigt uns Grischa gesenkten Hauptes das Resultat ein. Für mich ergibt das an diesem ersten Darmstädter Abend dreizehn Mark und einige Pfennige. Such is life! Das Orpheum war früher ein Zirkus. Ein großer, runder Bau, der zirka eintausendzweihundert Plätze faßt. Meist spielt man hier Varieté oder Operette. Mit solcher Erwartung mochte ein Teil des Publikums gekommen sein, denn es gab viele »Lacher an falscher Stelle«. Aber man spendete uns reichlich Applaus, und ich wurde sogar beim ersten Auftritt mit Händeklatschen empfangen. 1. [11.?] Juni. Die »Hessische Landeszeitung« und das »Darmstädter Tagblatt« haben die »Flasche« als Stück verrissen. Mich würde mehr interessieren, was der gescheite Darmstädter Kritiker Michel zu unsrer Aufführung gesagt hätte, auch wenn sein Urteil noch so ablehnend wäre. Ich hatte Freunde zu Besuch, aber die Sorge, wie ich das Geld für die Weiterreise, fürs Hotel, für eine notwendige Hutreparatur und anderes aufbringen sollte, machte mich griesgrämig. Wir waren alle deprimiert, und dieser Unmut wuchs, als wir abends in dem riesigen Theater nur wenige Zuschauer erblickten. Wir konnten uns das absolut nicht erklären. War die Reklame ungenügend? War dieser schwache Besuch eine Folge der unflätigen Kritik im »Darmstädter Tagblatt«? Oder war Bestechung im Hintergrund? Wir wurden nach allen Seiten hin mißtrauisch und gingen sehr bedrückt einher. Ich selbst fand allerlei an meinen Freunden auszusetzen. Glücklicherweise sprach ich das nicht aus, denn am nächsten Tage war ich schon wieder anderer Meinung. Ich wappnete mich mit Energie und fuhr nach dem Frühstück nach Frankfurt. Eine mir wohlgesinnte Redaktion zahlte mir einen Honorarvorschuß aus und, da ich kluge und herzliche Gesellschaft genossen und obendrein eine Flasche Whisky und Briefpapier geschenkt erhalten hatte, kehrte ich abends sehr reich und stark nach Darmstadt zurück. Ich saß auf der Terrasse meines Hotels. Auf dem Platz davor staute sich eine aufgeregte Menge. Autos mit Polizisten rasten hin und her. Polizisten zu Pferd erschienen und verteilten sich. Polizisten zu Fuß mit Gummiknüppeln in der Hand standen irgendwo und liefen plötzlich im Laufschritt anderswohin. Dann passierte ein langer Zug sozialdemokratischer Demonstranten. Musik – Sprechchöre – leuchtend rote Fahnen mit Silberpfeilen – Schilder mit Aufschriften wie z. B. »Fegt Hitler weg« – dahinter Leute mit geschulterten Besen – dahinter Leute in Reih und Glied, die immerzu riefen »Deutschland erwache«. Dahinter jüngere Mädchen und Burschen, die zur Marschmusik einer zweiten oder dritten Kapelle sangen »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«. Das war ein Theater, das unserem Theater gewiß nur Schaden bringen mußte. Dazu kam noch die plötzlich eingetretene, unerträgliche Hitze. Aber ich wußte, daß an diesem Abend eine große Gesellschaft von meinen Bekannten aus Frankfurt sich die »Flasche« ansehen wollte. Mit denen verbrachte ich hinterher noch schöne Stunden, wieder auf jener luftigen Terrasse. Die fünf von uns, die in Groß-Gerau wohnten, hatten inzwischen im »Adler« die Kleinstadtbühne vorbereitet, mit einem emsigen Fleiß aus altem vernachlässigten Kulissenkram alles Nötigste für die Flaschendekoration zusammengestellt, Plakate angeschlagen und in der Lokalzeitung wie auch mündlich in der Umgebung Propaganda für unsere Nachmittagsvorstellung gemacht. Sonntags früh waren wir alle im Adler versammelt, auch der Funduskorb war zur Stelle. Der Adlerwirt setzte uns mittags gebratne Hähnchen vor. Dazu tranken wir Deinhard-Sekt. Oho! Auf den Straßen vor dem Gasthof waren die Groß-Gerauer und die Nachbardörfler in lebhafter Bewegung. Ungeachtet der Gluthitze spielten sie Militär, traten an, zählten ab, schwenkten links, marschierten hin und her mit Musik. Männer, Frauen und Kinder wurden des politischen Schreiens nicht müde. Im Pissoir des »Adler« hatte ein Unbekannter an die Wand geschrieben »der Arbeiter, wo Hindenburg oder Hitler wählt, gehört mein Lebetag gequält«. Um halb vier Uhr sollte unsere Vorstellung beginnen. Um halb vier Uhr waren als Publikum erschienen: zwei Damen und ein Knabe. Denen dankten wir für ihr Erscheinen und erklärten die Vorstellung für abgeblasen. Die Witzeleien, die wir daran knüpften, kamen uns nicht recht aus dem Herzen. Der Kraftwagen, der uns nach Darmstadt zurückbrachte, prellte uns, daß uns die Knochen schmerzten, und er kostete vierzehn Mark. Als wir ausstiegen, schüttelte der Chauffeur jedem von uns die Hand und sagte: er schäme sich als Groß-Gerauer, daß wir in seiner Vaterstadt keinen Erfolg gehabt hätten. In der letzten Darmstädter Vorstellung waren fast nur persönliche Bekannte von mir anwesend. Mit dem Bildhauer Fiori und andrer Gesellschaft saß ich noch auf der Terrasse, empfahl mich aber bald, weil wir sehr früh weiterreisen wollten. Ich meldete ein Ferngespräch nach Berlin an und unterhielt mich lieb mit M. von Bett zu Bett. M. sagte: »Ich sehe gerade durchs Fenster eine große Feuersbrunst, etwa in der Richtung Funkturm.« Pforzheim Das waren vier schlimme Tage in Darmstadt gewesen. Ich las im Eisenbahnzug anderntags, daß es in Berlin im Lunapark gebrannt hatte. Es war beklemmend schwül im Kupee. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, mein Tagebuch zu ergänzen. Das fiel überhaupt oft schwer, und manchmal wollte ich diese Arbeit sogar ganz aufgeben, zumal ich wußte, daß ich gewisse Ereignisse und Beobachtungen, die zum Teil gerade besonders interessant oder amüsant waren, aus Gründen der Diskretion und des Geschmacks niemals veröffentlichen konnte. Ich schrieb nur ein kleines Gedicht aus dieser Bahnfahrt. Bahnfahrt in Hitze         Die Hitze heizt. Die Hose klebt. Ich sitze ohne Jacke Im Zug. – An meine Backe Fliegt etwas Kitzelndes, was lebt. Die Ähren und das grüne Laub Werden reifer im Vergilben. – Warum hat nur zwei Silben. – Die Zigarette schmeckt nach Staub. Ein Schaffner gibt von Zeit zu Zeit Uninteressante Zeichen. – Dummfaulsein ohnegleichen Macht wie ein Teig in mir sich breit. Es kann ein Schiff, es kann ein Faß Stets gegen Hitze dienen. Die Eisenbahn auf Schienen – Macht in der Hitze feucht, nicht naß. Keiner von uns kannte Pforzheim. Wir erwarteten nicht viel von dieser Stadt. Des Spielens selber aber waren wir nicht müde. Es hatte doch immer wieder einen neuen Reiz, trotzdem es sich stets um dasselbe Stück handelte. Ich konnte mir jede Phase meiner Rolle jeden Abend anders gespielt vorstellen. Sitty Smile litt unter einem argen Heuschnupfen. Er nieste lange Serien, und seine Nasenlöcher waren entzündet. Er und der Regisseur trugen grüne Brillen. Es galt nun, immer sparsamer zu werden. Denn ein auf die Tournee mitgebrachter Reservekassenfonds war aufgebraucht. Der Kellner blieb mit unsren Koffern im Warteraum des Pforzheimer Bahnhofs, während wir andren auf Wohnungssuche auszogen. Wir fragten in allen Gasthöfen nach Zimmern und Preisen mit und ohne Pension, stellten viele Fragen. – Nein, das taten wir nicht. Das tat nur unsre ebenso tapfre wie natürliche Mutter Mewes. Wir andern genierten uns vor dieser Mission. Da war ein ganz einfacher Gasthof mit niedrigen Preisen. Wir ließen uns von der Wirtin die billigen Zimmer zeigen. Sie waren freilich bedenklich primitiv. Wir tauschten Blicke des Zweifels und waren ganz unschlüssig. In diesem Moment tönte von unten aus der Gaststube ein roher Lärm von einer entstehenden Schlägerei zu uns. Das entschied. Wir zogen dankend weiter und bezogen schließlich saubere Zimmer im Hotel Rose. Der Wirt, ein Italiener, fragte uns beim Essen neugierig aus, und wir versuchten einmal den Trick, aus Propagandagründen aufzuschneiden und über unsre Erfolge berichtend in den höchsten Tönen zu übertreiben. Bis wir selbst über diese uns gar nicht liegende Taktik ins Lachen gerieten. Es war mir wiederholt in gedruckten und mündlichen Kritiken der Vorwurf gemacht, daß das Stück zu lang wäre, beziehungsweise, daß wir es nicht straff genug spielten. So setzten wir uns einmal zusammen, lasen das ganze Stück durch und strichen dies und jenes Überflüssige unbarmherzig, aber doch nach freundschaftlichem Übereinkommen weg. Das Schauspielhaus war mäßig besetzt. Die vorgenommene Kürzung wirkte sich bei unsrem Spiel vorteilhaft aus. Wir ernteten starken Beifall. Am nächsten Morgen saßen wir schon um sechs Uhr reisebereit beim Frühstück. Ich war rasch noch nach dem buntfrischen Gemüsemarkt gelaufen und hatte einen Radi und noch warme Semmeln für uns erstanden. Schön war es in Pforzheim gewesen. Nun auf nach Basel! Die Schweiz sollte uns endlich reich machen. Baseler Leckerli Unsere Segel waren von Hoffnung und Erwartung gebläht. Mutter Mewes beschied sich, schon zufrieden mit dem Gedanken, einmal ein Stück Schweiz kennenzulernen. Ich freute mich auf das mir noch unbekannte Basel und auf Freunde von mir, die dort wohnten, z. B. auf den jungen Konditor Spillmann, Sohn des ersten Konditors in Basel, den ich wenige Monate zuvor in Frankfurt als einen naiven, heimwehkranken, herzlichen Schweizer kennen- und schätzengelernt hatte. Der Fürst erwartete von Basel – – Nein, ich weiß nicht, was der alles erwartete. Der letzte Schaffner gestattete uns, aus der überfüllten dritten Klasse in Kupees zweiter Klasse überzusiedeln und ermunterte uns sogar dazu, im Nichtraucher zu rauchen. Die Zollbeamten schikanierten uns nicht, nachdem wir uns als zusammengehörige Schauspielertruppe vorgestellt hatten und den Devisenkontrolleur, der die Frage an uns stellte: ob wir mehr als zweihundert Mark bei uns hätten –, verscheuchten wir einfach durch ein schallendes Gelächter. Im Hotel Stadthof in Basel waren zwar die Zimmer sehr einfach, aber dafür die Speisen ausgezeichnet und so reichlich, daß wir mittags zum erstenmal etwas übrigließen. Grischa und ich unterhielten uns improvisierend in einer fingierten Fremdsprache, die aus willkürlich zusammengereimten Lautmischungen bestand, aber von uns mit temperamentvollen Gesten begleitet wurde. Weil mir dabei zufällig das sinnlose Wort »peux« unterlief, nannten wir diese Sprache fortan die Peuxsprache. Von den übrigen Besuchern des Hotels mochten sich einige die Köpfe darüber zerbrechen, was das wohl für eine Sprache wäre. Während die andern die erste Fühlung mit dem Theater nahmen, suchte ich die Confiserie von Spillmann auf, ein vornehmes und schön gelegenes Lokal. Die mir noch unbekannte Mutter Spillmann erkannte mich ihrerseits gleich an meiner Nase. Sie, ihr Mann und ihre Söhne überboten sich in Aufmerksamkeiten gegen mich. Ich labte mich an Eis, denn das Wetter war auch hier kaum erträglich heiß. Mein Spillmann junior erbot sich, mich in seinem Auto spazierenzufahren und fragte, ob ich einige von meinen Schauspielern mitnehmen wollte. »Ja, gern.« Wir erreichten die Kollegen im Hotel. Ich wunderte mich, daß sie die Einladung zu der Fahrt ziemlich gleichgültig aufnahmen. Regisseur und Fürst zogen mich beiseite. Man hatte ihnen im Theater gesagt, der Vorverkauf wäre so kümmerlich, daß man uns riet, wenigstens die morgige Vorstellung abzusagen. Das fuhr uns wie Blei in die Gedärme. Das war nun die Stadt, von der wir zum erstenmal positiven Geldgewinn erträumt hatten. Jetzt befanden wir uns am südlichsten Punkt unserer Tournee in der Angst, morgen nicht einmal unser Hotel bezahlen, geschweige denn nach Zürich weiterreisen zu können. Was tun? In Zürich – das hatte jemand herausgekriegt – waren genau so schlechte Aussichten. Wer konnte es auch den Leuten verdenken, daß sie in dieser plötzlich aufgekommenen Gluthitze kein Theater besuchten?! Sollten wir die zweite Baseler Vorstellung und den Züricher Abend absagen und per Bummelzug ganz billig nach München reisen? Durften wir das? – Konventionalstrafen – –? Keiner von uns war in der Lage, Geld zu beschaffen. Es blieb uns nichts übrig, als die Kasse anzugreifen, in der Grischa treu die Provision für den B.-Nachweis verwahrt hielt. Wir entschieden uns endlich dahin: Nichts abzusagen. Sondern die erste Vorstellung abzuwarten und es »darauf ankommen zu lassen«. Unsere zwei Damen und Sitty Smile bestiegen mit mir das Auto, und Spillmann lenkte uns im Rasetempo durch die Landschaft, führte uns auf einen Aussichtsturm, erklärte uns das Panorama, nannte uns die Namen der Berge und merkte vielleicht, daß unsre schweren Gedanken ganz wo anders waren. Dann setzten wir Sitty und die Damen wieder am Stadthof ab. Ich ermahnte die Kollegen, nicht mutlos auf der Bühne zu erscheinen. Bei Spillmanns zum Abendbrot vermochte ich keinen Bissen zu essen, aber ich trank Wein und ließ mir zwei rohe Trinkeier mitgeben. Vor dem Theater standen wohlgekleidete Leute. Einige kannten mich. Einige begrüßten mich. Wir Schauspieler waren inzwischen etwas gefaßter. Das große Haus war schlecht, aber nicht so schlecht besetzt, wie wir nach dem Vorverkauf angenommen. Der Fürst hatte einen Sonderzug ermittelt, der uns für fünf Franken nach Zürich bringen würde. – »Kinder, gebt euch größte Mühe!« Wir hatten ein so dankbares und gutes Publikum wie nie zuvor. Uns wurde warm ums Herz. Aber nach dem ersten Akt bekamen wir wieder einen Dämpfer. Grischa zeigte die Abrechnung. Darin stand ein Posten, der zwar vertragsmäßig war, den wir jedoch in den Kontrakten übersehen hatten: Wir sollten an diesem Theater die Hälfte der Reklameunkosten tragen. Ohne diesen Abzug wären wir noch ganz glimpflich davongekommen. So aber lautete das Ergebnis »Gesamteinnahme des Theaters fünfhundertsechzig Franken fünfundneunzig Rappen. Davon der Gesamtanteil für uns acht Personen: vierundneunzig Franken fünfunddreißig Rappen«! Nach dem zweiten Akt ließ ich mich dem Präsidenten Schwabe melden. Diesem Herrn, der in unserer Sache den meisten Einfluß hatte, erklärte ich ganz einfach und freimütig unsere Situation und bat ihn, jenen Posten zu streichen. Der Präsident sprach zunächst sein Bedauern darüber aus, daß das heiße Wetter uns ein so leeres Haus beschert hätte. Dann versprach er, unsre Bitte zu erfüllen. Unser Kollektiv-Barometer stieg wieder. Nach dem letzten Akt wurden wir immer wieder von neuem mit »Bravo« herausgerufen, und man überreichte mir für uns alle ein großes Blumenbukett, ein Paket Baseler Leckerli und andre Süßigkeiten, ferner eine Flasche Whisky. An der Whiskyflasche waren eine weiße Nelke und eine Karte mit dem Namen Alexander von Radowitz befestigt. Diesem Herrn danke ich hiermit herzlichst. Ich konnte seine Adresse in Basel nicht mehr ermitteln. Kaum war der letzte Vorhang gefallen, so umarmten und küßten wir Schauspieler einander. Aus Glücksgefühl. – Es waren mir wieder eine Menge Ringelnatz-Bücher gebracht worden, die ich mit Autogrammen versehen sollte. Ich zeichnete in alle einen kleinen Blitzjux. Plötzlich trat die sonnige Frau Spillmann in die Garderobe, wo wir Männer noch in Unterhosen saßen. Sie lud uns alle zu sich in die Wohnung und hatte auch schon andre Gäste eingeladen. Das wurde eine entzückende Nacht. Wir sangen, tanzten, tranken wunderbare Weine und schwelgten in delikatesten Sandwiches und Baseler Leckerlis usw. Mutter Mewes wünschte sich tausend Magen für dieses Schlaraffenland der Süßigkeiten. Ich hielt eine Rede auf Spillmanns. Wir acht beschlossen eine Goldene Liste und eine Schwarze Liste der Tournee zu gründen. Zunächst sollten die Namen »Strickrodt« und »Familie Spillmann« auf diese Listen verteilt werden. Es tat sich was dort bei diesen treuherzigen Gastgebern. Und wir »lustiges Volk der Künstler« tobten uns aus. Grischa spielte am Klavier auf dem Kopf stehend »Sous les Toits de Paris«. Ich trug Gedichte vor und verliebte mich nach mehreren Seiten. Herr Spillmann erzählte interessant und klug vom Armbrustschießen und von seiner Münzen- und Briefmarkensammlung, andre äußerten sich eingehend über unsre Aufführung. Alle gaben etwas. Es war nirgends je eine Lücke im Gespräch oder in der Unterhaltung. Um ein Uhr alarmierte ich meine Flaschenkinder. Wir schieden von guten und aufrichtigen Menschen. Grischa gestand mir auf der Heimfahrt, daß er mir einmal mehr Punkt-Gage ausgezahlt hätte, als mir zukam, weil er's nicht übers Herz gebracht hätte, den richtigen, gar zu geringen Anteilbetrag auszusprechen. Ich bat Sitty, mich zu wecken, wenn er morgen wach würde. Aber anderntags war ich doch wieder der erste, der aufstand. Ich frühstückte Schweizerkäse mit Bier, wechselte meine letzten deutschen Mark bei der freundlichen Wirtin und ging ins Restaurant Schlüsselzunft, wo ich einen billigen französischen Kognak trank und schrieb, schrieb, schrieb. Eine gute Kritik in der Baseler National-Zeitung vergoldete uns diesen Tag. Wir sahen uns, jeder auf seine Weise oder auch gruppenweise, Basel an. Aber abends im Theater spielten wir sehr schlecht. Das war wohl einerseits die bekannte Reaktion auf die vorangegangene gute Premiere, andrerseits die Auswirkung unsres gestrigen Nachtgelages. Trotzdem wurde zum Schluß dem Fürsten ein pompöses Blumen-Arrangement auf der Bühne überreicht. Hinterher geriet ich in die entzückende Bar der »Kunsthalle«, traf dort einen Bekannten aus alter Zeit, der sich für Bilder und auch für meine Malereien interessierte und saß mit ihm und den sympathischen Lokalinhabern, schließlich mit einer größren Gesellschaft von Vergnügten bei echtem Black Label Whisky. Der Black Label, den wir auf der Bühne so reichlich aus Original-Flaschen tranken, war nie echt, sondern nur Tee-Wasser. Ich erzählte von unserem Kollektiv, und es mag sein, daß ich, vom Echten animiert, etwas zu plump die geldliche Misere der Tournee schilderte. Denn der Bildermäzen stiftete mir zum Abschied nicht nur eine Flasche Whisky, sondern auch fünfzig Franken für die Sitty-Kasse. Und ich war darüber doch mehr froh als beschämt. Meine Kollegen waren nachts noch von der Hotelwirtin zu Wein eingeladen worden. Als ich sie am folgenden Morgen beim Frühstück wiedersah, waren wir alle frohgelaunt, wenn auch noch sehr müde. Alles, wie es gewesen war, und die ansehnliche Spende für die Sitty-Kasse bewirkten, daß wir dankbar von Basel schieden. Petra, der Regisseur und der Funduskorb reisten per Bahn nach Zürich. Uns andre fuhr mein Spillmann junior im Auto dorthin, eine Fuhre, die durch unsre vielen Koffer etwas beengt wurde. Mutter Mewes knabberte verstohlen und verschämt lächelnd Spillmanns Baseler Leckerli. Ich hatte auf eine Packung vor das Wort »Leckerli« fünf drastische Buchstaben geschrieben, ich hätte auch vier sanftere, doch noch anstößige Buchstaben dafür setzen können. Zürich, leider nur ein Tag Zürich Ich führte mein Ensemble in den billigen Gasthof »Zum goldenen Sternen«, den ich von frühren Jahren her kannte. Er hatte aber inzwischen den Besitzer gewechselt, war modernisiert durch Fließendes Wasser und erhöhte Preise, und niemand dort erinnerte sich meiner. Das Fließende Wasser wurde uns vom Portier anderntags immer wieder unter die Nase gerieben. Die Aussichten für den Theaterbesuch standen schlecht. – Ein gefährliches Föhnwetter attackierte meine Stimmbänder. – All meine Züricher Freunde traf ich an den Orten, wo ich sie vermutete, nicht an. Erst abends am Eingang vom Theater fand ich sie treu versammelt, den herrlichen Maler Hügin, den Bildhauer Haller und andre Künstler mit Familie oder Gesellschaft und sogar aus weit entfernter Heimat der verehrte Maler Professor Deußer. Mit diesen allen habe ich später die ganze Nacht bis zum hellen Morgen verbracht und bereue es nicht, trotzdem ich dafür eine tödliche Müdigkeit auskämpfen mußte. Die Züricher Aufführung der Flasche wurde die beste auf unsrer ganzen Rundfahrt, sowohl in bezug auf Aufnahme und Applaus wie auch in pekuniärer Hinsicht. Ein geistig hochstehendes, elegantes Publikum, entgegenkommendes Personal, eine höfliche und fürsorgliche Direktion. – Von Trude Hesterberg lag ein Kartengruß an mich im Büro. Sie hatte vor uns dort gastiert mit einem Ensemble, das fernerhin auch in andren Orten uns bald vorausging, bald folgte. Zwischen dem zweiten und dem dritten Akt half ich einer Garderobiere mit ausgebreiteten, schwankenden Armen Garn abwickeln, wie ich das als Kind bei meiner Mutter gelernt hatte. Wir verbrachten köstliche Stunden in der schönen Stadt Zürich. Aber am nächsten Tag hieß es ganz früh aufstehen, um die weite Reise nach München anzutreten. Wir frühstückten in dem rühmlichst bekannten Restaurant des Hauptbahnhofes. Eine nicht enden wollende Bahnfahrt in überfüllten Wagen. Nicht einmal unterwegs eine Gelegenheit, unsere müden Glieder auszustrecken. Wir gähnten und stöhnten, hockten uns so hin und dann so hin, nickten für ein paar Minuten ein, bis uns irgendein schmerzender Knochen wieder aufschreckte. Die Zeit schien stehenzubleiben. Wenn ich an den leeren Kupees erster und zweiter Klasse vorbeiging und die unbesetzten, gepolsterten Bänke sah, war ich dem Weinen nah. Dennoch versuchten wir uns gegenseitig zu erheitern. Wir witzelten über eine bäurische Schweizerfamilie, deren vier runde und gesunde Mitglieder wie Nilpferde aussahen und wie Nilpferde riesige Bissen verschlangen. Den Dialekt dieser Leute konnten wir ebensowenig verstehen wie sie unsere Peux-Sprache, die wir gelegentlich zum Zeitvertreib einsetzten. Es war schwül in unserem Abteil und dabei gleichzeitig zugig, weil die unempfindlichen Nilpferde alle Fenster aufrissen. Trotzdem ich mich mit Rauchen und Trinken in acht nahm und unsere gesamten aus Ems mitgebrachten Vorräte von Emser Salz vergurgelte, nahm meine Heiserkeit doch zu. Ich spürte Fieber und wurde um mein Auftreten in München besorgt. Aber die malerischen Aussichten auf die Alpen lenkten ab. Mutter Mewes und Petra begeisterten sich am Anblick schneebedeckter Bergspitzen. Die schweizerischen, österreichischen und deutschen Zollbeamten ließen uns fahrende Artisten unbehelligt passieren. Ich zählte mein Geld nach. Es reichte doch nicht aus, um M. nach München kommen zu lassen, was ich gar sehr gewünscht hätte. Petra, der ich dies Leid klagte, sagte sofort: »Zieh doch die Franken zurück, die du der Sitty-Kasse gestiftet hast.« So gute Freundschaft hielten wir noch. Pasing. O Gott! Jetzt nur noch zehn Minuten!! Ein ehemaliger Nordhäuser Schauspieler – durch eine Depesche benachrichtigt – empfing meine Kollegen in München am Bahnhof und hatte schon Zimmer für sie belegt. München Als mich amicus Fritzl umarmt hatte und mich auf mein Zimmer brachte mit der Frage: »Was hast du für Wünsche?« antwortete ich: »Nur erst schlafen!« Ich war so müde, daß ich sogar einen vorgefundenen Brief von M. noch nicht öffnete. Ich schlief zwei Stunden und nahm dann ein Bad, aber dann war ich noch immer müde, weil mir wilde Fieberträume den Schlaf gestört hatten. Auch konnte ich vor Heiserkeit kaum sprechen. Fritzl pflegte mich mit heißer Milch und Honig und allem erdenklichen anderen. Mehr als anderthalb Jahrzehnt hatte ich einst in München verbracht. Nun empfingen mich die Kassiererinnen in der Osteria-Bavaria so herzlich wie Geschwister. – Aber kein Essen wollte mir schmecken. Ich las M.s Brief. Zwischen den rührend tapferen Zeilen stand soviel von Alleinsein, Entsagen und Sehnsucht. Wie gern hätte mich M. in München besucht. Ich wurde sehr traurig durch den Brief. Billinger ging durch das Lokal. Ich hörte, daß er mit seinem Stück »Rauhnacht« ebenfalls auf Kollektiv-Tournee gehen wollte. Der mir das mitteilte, hatte keine gute Meinung von solchen Tourneen und von den gegenwärtigen Theaterzuständen im allgemeinen. Er konnte sein abfälliges Urteil mit Namen und Zahlen belegen. Aber das war mir nichts Neues. Ich wußte, daß angesehene Schauspieler für eine tägliche Gage von zwei Mark spielten, nur weil sie spielen wollten, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich mochte gar nichts mehr hören über das Thema »Korruption und Elend in der Theaterwelt«. In der Garderobe der Münchner Kammerspiele erwarteten mich viel Briefe, Blumensträuße und Geschenke. Es lag dort auch ein sehr plumpes Autographenalbum auf dem Tisch. Der Garderobier sagte: es gehöre der Tochter des Oberbürgermeisters Scharnagl, und ich sollte mein Photo mit Widmung für das Buch geben. Ich schob das Album, dem kein Begleitschreiben beilag, als »nicht in Frage kommend« beiseite und öffnete die Briefe. Von Menschen, die mich kannten oder anderen, die mich kennenlernen wollten. Menschen, die um ein Darlehn oder um Freibilletts fürs Theater oder um ein Autogramm baten. Es war mir unmöglich, das alles zu erledigen. Im übrigen lag den meisten Briefen nicht einmal Rückporto bei, und einige Handschriften konnte ich überhaupt nicht entziffern. In den Kammerspielen war eine vorzügliche Akustik. Meine Heiserkeit behinderte mich nicht. Meine Kollegen hatten seit Zürich noch gar nicht geschlafen. Aber wir gaben uns alle große Mühe und hatten das Gefühl, daß unser Spiel mehr als wohlwollend aufgenommen wurde. Leider mußten wir die Szene mit den Kerzen weglassen, weil die Polizei keine offenen Lichter duldete und bei den Kammerspielen keine fünf elektrischen Kerzen aufzutreiben waren. Ich persönlich war für die drei Münchner Tage nicht nur ans Theater, sondern auch an das berühmte Kabarett Simplizissimus verpachtet, wo ich so oft und schon zu Zeiten der Kati Kobus und schon vor dem Kriege vorgetragen hatte. Die Direktion dieser stimmungsvollen Künstlerkneipe begrüßte mich mit echter Herzlichkeit und bewirtete mich gastfrei und schenkte mir Blumen. Das Lokal war mehr als überfüllt, so daß nicht einmal meine Flaschenkollegen mehr Einlaß fanden. Es saßen dort Endrikat, die einzige Marietta, die allbeliebte Mucki Berger und viele andere Freunde und Bekannte. Ich war jedoch nach meinem Vortrag so übermüdet und überdies um meine Stimme besorgt, daß mir vor langen Gesprächen grauste, bei denen ich doch meine Sinne und Gedanken nach jeder Person hin anders umkurbeln mußte. So verließ ich ohne Abschied das Haus durch eine Hintertür und ging heim, schlafen. Am zweiten Münchner Tag erwachte ich um sieben Uhr, legte den weiten Weg von Schwabing bis zur Heiliggeistgasse zu Fuß zurück, um nach Jahren wieder einmal richtige Weißwürste zu essen, und besuchte dann meine Kollektivgenossen, die noch in den Betten lagen. Ich war wieder so heiser, daß ich mich nicht getraute, an M. zu telefonieren. Mein Kabarett-Vortrag mußte ausfallen, da an diesem Tage »Die Flasche« als Nachtvorstellung angesetzt war. Der Dramaturg Fischer begrüßte mich im Namen des Direktors Falckenberg. Während der Vorstellung verträumte ich mich einmal mit meinen Gedanken mitten im Spiel, aber das Loch, das dadurch entstand, war unbedeutend, und sonst verlief alles gut. Von den Bananen, die ich auf die Bühne brachte, fielen zwei zu Boden. Die griff der Neger Sitty Smile gierig auf und verzehrte sie, indem er sie bissenweise in sein Bier tunkte. Das nahm sich gut aus, und wir wollten das künftig beibehalten. Unsere Requisiten waren bedenklich gealtert. Die geliehene Ziehharmonika hatte Anfälle von Asthma, der Affenkäfig ging mehr und mehr aus dem Leim, und mein Krokodil wackelte mit seinen angebrochenen Gipspfötchen. Spät nachts ging ich doch noch in den Simplizissimus und nahm einen Teil der Nordhäuser mit nach dort. Auf allgemeines Verlangen mußte ich etwas vortragen. So lernten mich meine Kollegen auch einmal als Kabarettisten kennen. Sie hatten im übrigen tagsüber schon alle Sehenswürdigkeiten der Stadt besucht. Besonders der Mutter Mewes war nichts entgangen. Sie hatte sogar das Deutsche Museum sozusagen auswendig gelernt. Ich machte noch einen Seitensprung nach dem neueren, literarischen Kabarett Zwiebelfisch, wo ich ebenso turbulent aufgenommen wurde wie im Simpl. Marietta erzählte mir, wie man in Paris, besonders im Kreise Pascins, so warm meiner gedacht hätte. Dann brachte der Dichter Willy Seidel eine seit Jahren fällige Versöhnung zustande zwischen dem E. T. A. Hoffmann-Forscher von Maaßen und mir. Es ging sehr vergnügt dort zu, bis ich meine Kehle, durch heimliche Flucht, vor Lärm, Rauch und Alkohol rettete. Am Sonntagmorgen nahm das Kollektiv einen Frühschoppen im Hof des Hofbräuhauses. Für meine Kollegen waren die Weißwürste, die Menschentypen, die Dialektgespräche und der für die Fremden betriebene Hokuspokus neue Erlebnisse. Fritzl und ich tauschten nur lächelnde Blicke. Das Sonntagskonzert im Hofgarten wurde leider politischer Unruhen wegen im letzten Moment abgesagt. »Die Flasche« kam diesmal als Nachmittagsvorstellung heraus, was bei der Hitze besonders ungünstig schien. Trotzdem waren noch an hundert Personen gekommen, die uns stürmischen Beifall erwiesen, obwohl meine Stimme auch durch rohe Eier nicht mehr zu glätten war. In der Garderobe Blumen und Bettelbriefe und während der Pause Besuche von Freunden aus dem Zuschauerraum, z. B. der Schauspieler Schweikart. Und sogar meine gute, nun schon so alte Tante Michel. Alle sprachen sich anerkennend über die Vorstellung aus und sagten, ich möchte die schlechten Münchner Kritiken als belanglos ignorieren. Ich hatte schon in der Schweiz meinen Kollegen vorausgesagt, daß wir in München auf eine gehässige Presse gefaßt sein müßten, weil ich bei den dortigen Kritikern nicht gut angeschrieben wäre. Nun las ich als erste Kritik die der Münchner Neuesten Nachrichten: »Im Schauspielhaus gastierte Joachim Ringelnatz mit einer eigenen Truppe und einem eigenen Dreiakter als sein eigener Hauptdarsteller. Warum er den Stoff seiner »Flasche« nicht als Fünfminuten-Schlager für das Kabarett, sondern als Zweistunden-Erschlager für die Bühne aufgezogen hat, ist bei einem Autor mit sonst so sicherem Formgefühl nicht recht ersichtlich. Der Seemann Kuttel Daddeldu ist in der Abwicklung seiner verschiedenen Bräute entschieden amüsanter, wenn ihn Ringelnatz im Simpl spukhaft verwehen läßt, als wenn er ihn auf der Bühne mit Heimkehren, Trinken, Krakeelen, Raufen, Zwischenlanden, Ertrinken langsam zu Tode quält. An sich wäre aus dem Stoff, der drei Menschen scheitern läßt, an dem Versuch, ein Hafenmädchen zu teilen, vielleicht was zu machen gewesen. Der Regie Hans Bensch-Rutzer gelang auch so etwas wie Stimmung; das zweimalige Landen des furchtbar anständigen rauhen Matrosen, den Ringelnatz spielte, mit all den aus »Kuttel Daddeldus Weihnachtsfeier« bekannten Requisiten, wie Bananensack usw., hatte Schwung und Farbe. Es gab dann noch einen ebenfalls hochanständigen russischen Fürsten Boris, den Hans Walter König mehr trainierte als spielte, einen von Rouvel nicht schlecht gegebenen russischen Musikanten Grischa; das Hafenmädchen Petra lag bei Magdalena Stahn in allzu gesunden Händen. Das Haus, ziemlich voll, wurde von Akt zu Akt zurückhaltender, um den Schlußbeifall schließlich einem Häuflein Unentwegter zu überlassen. (s.)« Dann überzeugte ich mich aber davon, daß die Besprechungen in der »Münchner Post« und in der »Bayrischen Staatszeitung«, obwohl beide mancherlei an unserer Aufführung auszusetzen hatten, doch mit Achtung und Freude aufzunehmen waren. »Münchner Post« vom 20. Juni 1932: »Auf die Gefahr hin, mich bloßzustellen: Ich fand diese naive, einfache, aber rund und redlich herausgestaltete Sache doch sehr viel besser als den ganzen Literaturkrampf der letzten Wochen und ging mit der heute immer seltener werdenden Empfindung, endlich wieder einmal einen Dichter gehört zu haben. Von außen her ist gar nicht so viel an dieser alltäglichen Seemannsgeschichte, und vor allem, man verkennt sie, wenn man sie direkt verstehen will. Man kann sagen, das sei doch unmöglich, das mit dem fabelhaft reichen russischen Fürsten, der rein aus Menschenliebe mit allerlei dunklem Kneipenvolk erster Klasse durch die Welt reist. Man kann fragen, wer denn eigentlich dieser flackrig nervöse, skurrile und fatale Matrose Hans Pepper sei, der immer zu spät kommt, dessen kuriose Gaben niemanden erfreuen, der immer nur Ansichtskarten »aus Liebe« schreibt und, ein tief Geliebter, tief Liebender, jedesmal fortrennt, wenn er zugreifen sollte. Nun, dieser Pepper ist wohl kein nach den Regeln der Kunst entwickelter, aber ein von Ringelnatz selbst uns vorgelebter und damit auf der Bühne restlos überzeugender Charakter. Er muß der Mittelpunkt dieser Gesellschaft sein, des Hafenmädchens Petra, des Musikers Grischa, des Fürsten Boris, denn alle diese Leute, die stets einander suchen und nie einander finden, immer wieder voreinander davonlaufen, sind im Grunde immer wieder derselbe einsame Gemütsmensch. Außerdem ist aber der Fürst auch noch das rasch ergriffene Romansymbol für ein Stück Gesellschaftstragik, das hier noch neben allem Persönlichen spielt: die Hafenkneipe und das Schloß können niemals zusammenkommen, denn das Wasser, darin der gute Hans Pepper schließlich ersäuft, ist viel zu tief. Doch in beiden Örtlichkeiten leben und leiden dieselben Menschen. Wie immer dazu die kitschige Weise von La Paloma erklingen mag, es ist doch mehr rührend als lächerlich und mehr natürlich als sentimental. Wäre die Welt nicht, wie sie heute ist und zu sein verdient, so hätte Ringelnatz für sein gut volkstümliches Stückchen die Anteilnahme der Bühnen und ein gut volkstümliches Publikum. Mir will scheinen, daß es gerade an diesen menschlich romantischen Dingen heute fehlt inmitten der Überfütterung mit falscher, unmenschlicher Kino-Romantik. Mein Kompliment auch dem Schauspieler Ringelnatz. Gäbe es noch Dichter, so gäbe es auch tragikomische Rollen genug für ihn. Seine Selbstdarstellung erinnerte mich, die ganz andersartige Person in Rechnung gesetzt, an den armen, vielen Münchener Theaterfreunden noch heute unvergessenen Kellerhals. Auch die anderen spielten gut, aber sprachen nachlässig und undeutlich, und so kam der ungewöhnlich echte und gefüllte Abend, den das Publikum sehr dankbar aufnahm, für mich doch leider um einen Teil seiner Wirkung. (H. E.)« Bei der Nachmittagsvorstellung betrug die Bruttoeinnahme des Theaters laut Abrechnung 188.75 RM. Davon kam auf uns acht vom Kollektiv der Gesamtbetrag von 41.13 RM. Ich war um M. besorgt, weil ich seit zwei Tagen keine Nachricht von ihr hatte und auch das erwartete Wäschepaket nicht eingetroffen war. Als aber die andern auch Nachricht vom B.-Nachweis und private Briefe vermißten, schob ich die Schuld dafür auf das bekannte Tempo der Münchner Postämter, die sich auch das Extrawürstchen leisteten, am Sonntag überhaupt keine Briefe auszutragen. Großer Abschied von lieben Freunden. Als am 20. Juni unser Zug nach Nürnberg auslief, winkte Fritzl uns noch lange nach. Nürnberg Wir besprachen unsere schlimme, pekuniäre Lage und trugen uns mit der Absicht, den Kellner aus unserem Ensemble zu entlassen, weil er unseren Etat unnötig belastete. Seine kleine Rolle konnte der Regisseur mit Leichtigkeit übernehmen. In unseren Verträgen war aber eine vierzehntägige Kündigung vorgesehen. Der Kellner selbst wollte uns durchaus nicht verlassen. Er führte an, daß sein Vater ihm für seine Rolle doch extra einen Frackanzug gekauft und andere Ausgaben gemacht hätte und ungehalten sein würde, wenn der Sohn ihm nun wieder als Stellungsloser zur Last fiele. Außerdem empfände er, der Kellner, es als schimpflich, wenn wir ihn vor Beendigung der Tournee »herausschmissen«. Wir suchten den jungen Mann zu beruhigen. Wir wollten ihm schriftlich bestätigen, daß nicht künstlerische Erwägungen oder sonstige Unzufriedenheit uns zu seiner Entlassung zwängen, sondern nur die Notwendigkeit äußerster Sparsamkeit in unserer Gemeinwirtschaft. Wir wollten ihm auch die Schulden erlassen, die er noch an unsere Kasse hatte. Über diese Beratungen entstand in unserem Kollektiv zum erstenmal ein vorwurfsvoller Zank. Aber nur für kurze Minuten, dann sorgten die meisten dafür, daß der alte freundschaftliche Ton wieder hergestellt würde. Und wir vertagten vorläufig die Frage der Entlassung. Im Posthörndl unterbrach ein Redseliger meine Schreibarbeit. Er sagte unter anderem: »Ja, hier in Nürnberg haben die Leute keinen Sinn fürs Theater.« »Überall sagt uns jemand von seiner Stadt das gleiche.« »Wenn Sie das zusammenfassen, wissen Sie, was das deutsche Volk vom Theater hält.« Wir waren jetzt alle mehr oder weniger heiser. Wahrscheinlich durch die Hitze. Der Kellner hatte sogar Fieber. Aber wir spielten gut, und in der Raufszene schwang ich Grischa so vehement herum, daß die Flaschen von der Theke rollten, Stühle umfielen und das Wasser im Eimer hohe Wellen schlug. In der großen Pause kam die schöne Schauspielerin Elisabeth Funken zu mir. Sie hatte seinerzeit – vor unserem Ensemble – im selben Theater in der »Flasche« die Petra gespielt. Wie man mir berichtete: vorzüglich gespielt. Nun kam sie aus dem Zuschauerraum, lobte meine Schauspielkunst und mußte weinen, indem sie sagte: »Ich würde so gern mit Ihnen da oben spielen.« Ich wurde in der Garderobe von Professor Körner gezeichnet. – Eine Bekannte aus Tiroler Tagen schickte mir Rosen. Diese Dame fing mich hinterher am Bühnen-Ausgang ab. Sie fragte, ob ich mich am nächsten Tag mit ihr treffen wollte. Ich hätte doch den ganzen Tag nichts zu tun. Diese letzte Bemerkung, die wir Schauspieler so oft zu hören bekommen, ärgerte mich. Ich antwortete abschlägig und schroff. Anderntags schrieb ich wieder im Goldenen Posthorn und wurde wieder von einem Störenfried angesprochen. Der kannte mich angeblich von der Marine her und war nach dem Krieg angeblich Farmer in Südamerika gewesen. Er lud mich für den Abend zu einem »gemütlichen Souper mit Sekt« ein. Aber als es so weit war, erschien er nicht, und der Kellner sagte mir, daß der Mann ihm als Schwindler bekannt wäre. Wozu hatte ich nun eine stundenlange Rede über die Unrentabilität brasilianischer Rinderherden angehört? Ich ging über den Grünen Markt. In allen Städten hatten die Märkte für mich etwas Anziehendes. Ich trieb mich gern zwischen dem Wimmelvolk von emsigen Männern und derben Frauen herum, die unter riesigen Schirmen buntes Gemüse und Eier und lebendes Geflügel anboten. Der Grüne Markt in Nürnberg war aber jetzt, da ich ihn querte, schon von den Bauern geräumt. Der letzte Stand wurde gerade abgebrochen, zwei müde Burschen luden das Bretterwerk lustlos auf einen Wagen. Aus den verstreuten Abfällen suchten Kinder sich Strünke und Blättchen heraus, Kaninchenfutter, und in dem, was zurückblieb, pickten die Tauben. An beiden Nürnberger Abenden ernteten wir reichlich Applaus. Zwar gab es dann noch ein Theater-Skandälchen, das aber durch einen Vergleich beigelegt wurde. Da ich diesen Vergleich mitunterschrieben habe, ist darüber nichts mehr zu sagen. Würzburg Im Huttensaal, wo wir spielen sollten, hieß man uns höflich willkommen. Der Direktor, Dr. Wolz, zeigte uns den hübschen, großen Saal, die geräumigen, sauberen Garderoben, sowie die Reklame, die er gemacht hatte. Er gab uns korrekte Auskünfte und händigte uns schließlich Post ein. Vom B.-Nachweis war noch immer keine Nachricht dabei, und wir warteten doch so dringlich auf Dispositionen und Kontrakte bezüglich unserer weiteren Reiseroute. Ein Verwandter von mir, Professor Dr. Hans Rietschel, schrieb mir. Er erinnerte mich daran, daß wir Jugendgespielen waren, und er schlug ein Zusammentreffen vor. Ein zweiter Brief an mich war der ersehnte von M. Sie war – lange ohne Nachricht von mir – auch besorgt um mich, zumal meine letzten Mitteilungen recht kleinlaut geklungen hatten. Sie war prompt und zuverlässig wie immer in täglicher Telefon-Verbindung mit dem B.-Nachweis geblieben. Ich las ihren Brief – soweit er uns alle anging – den Nordhäusern beim Mittagessen vor, das wir in einer simplen Schenke einnahmen. M. schrieb: »Deine Berichte beunruhigen mich überhaupt mehr und mehr. Dein Fieber, Deine Überanstrengung, das kann ja nicht so weitergehen! Deshalb ist es vielleicht ganz gut, worüber ich gestern noch deprimiert war, daß Eure Tournee abgebrochen wird. Ich habe gestern mit dem B.-Nachweis telefoniert. Er sagt: die politische Lage, die Geldarmut, das schlechte Wetter nehmen jede Aussicht auf den kleinsten Erfolg. Die großen Bäder haben alle aus Unentschlossenheit abgeschrieben. Er kann Euch nur kleine Bäder, wie z. B. Warmbrunn verschaffen, und das hat gar keinen Sinn, das würde wieder so eine Pleite wie in Thüringen. Die böhmischen Bäder haben auch abgesagt, die Fremden seien alle wegen der Politik abgereist. Nun hat der B.-Nachweis telegrafisch in Prag angefragt, ob man die Daten für dort vorverlegen könnte, also direkt als Anschluß an Elster. Und dann soll Eure Tournee mit Prag beendet sein.« Wir sahen einander an, und ehe es ausgesprochen war, wußten wir alle, daß wir diesen Schluß geahnt hatten. Es war aber doch eine schwerwiegende Nachricht. Die Angelegenheit mit dem Kellner war nun damit erledigt. Aber wir fragten uns, ob es überhaupt ratsam wäre, die teuren Reisen nach Prag und zurück zu wagen, die sich unmöglich rentieren konnten. Schon Kissingen, Plauen und Elster konnten nichts mehr an dem Faktum ändern, daß wir arm wie die Kirchenmäuse und obendrein noch mit Schulden belastet heimkehrten. – – Mutter Mewes fand das erste Wort: »Laßt uns die letzten Tage noch recht lieb zueinander sein.« Und in verschiedenen Variationen brachten wir alle es zum Ausdruck, daß unsere Reise trotz aller düsteren Erfahrungen doch viele schöne Stunden gehabt hätte und daß sie auf jeden Fall eine unvergeßliche Erinnerung hinterließe. Ich wohnte mit den beiden Paaren Regisseur-Mewes und Grischa-Petra sehr preiswert bei Hemmerlein auf der Hofpromenade. Ich trug mein letztes Hemd. Wo mochte mein Wäschesack jetzt sein? Im Zimmer Nr. 13 im Juliusspital – hinter dem Zimmer, dessen Tür die Aufschrift »Krankenaufnahme« trägt – trinkt man Sonnenschein aus Bocksbeutelflaschen. Aber der ist nicht so leicht und spritzig wie Saarwein. Wir spielten heiseren Halses und heiseren Herzens. Das Theater war gut besucht, und es klappte alles. Doch meine Whiskyflasche war im Seesack ausgelaufen. Dr. Wolz überbrachte mir sogar die Botschaft, daß das Kurtheater in Kissingen bereits ausverkauft wäre. An diese Nachricht glaubte aber nicht einmal unser optimistischer Fürst. Vom Maler Robert Wetzel erhielt ich ein entzückendes, selbstverfaßtes Bilderbuch. »Wißt ihr«, sagte Sitty Smile, »daß wir gestern in Nürnberg über unserer Misere ganz vergessen haben, das Jubiläum unserer 25. Aufführung zu feiern?!« Nach einem kurzen Zusammensein mit Rietschel und einem Professor der Archäologie ging ich heim und vergrub mich in mein Bett. Aber wüste Träume, in denen neben tausend anderen Erscheinungen mein Krokodil eine Rolle spielte, quälten mich so, daß ich aus dem Bett fiel und darüber wach wurde. Da hörte ich draußen eine Nachtigall schlagen. Wir frühstückten gemeinsam in Hemmerleins Gaststube. Im Nebenzimmer sang eine bunte chinesische Nachtigall so froh in ihrem engen Bauer, aber nicht so schön, wie jene deutsche Nachtigall der Freiheit in der Nacht gesungen hatte. Wieder in Kissingen, Plauen abgesagt In Kissingen klapperten wir viele Pensionen ab, in Vierteln, die weiter vom Stadtinnern entfernt waren. Aber es dauerte lange, bis wir alle ein Unterkommen zu erschwinglichen Preisen hatten. Petra, Grischa, Sitty und ich wohnten in dem Kurhaus Carola. Die Nachricht von dem ausverkauften Haus war erfunden. An sich war es ja überhaupt schon ein erfreuliches Zeichen, daß uns dieses Theater ein zweites Mal geholt hatte. Wir fanden auch meinen Wäschesack und andere verirrte Postsachen vor. So daß wir zunächst mal alle uns mit Genuß auffällig in saubere Taschentücher schneuzten. Sonst aber schien alles zunächst gegen uns verschworen zu sein. Es regnete unaufhörlich. Der Intendant des Theaters in Plauen, dem auch das Theater in Bad Elster unterstellt war, rief mich an. Er riet uns, die Vorstellungen in diesen beiden Orten abzusagen, da der Vorverkauf und die Aussichten katastrophal wären. Wir baten uns Bedenkzeit aus und berieten. Wir hätten gern auf Plauen und Bad Elster verzichtet, wenn man uns die teure Reise nach Prag erlassen hätte. Aber das Prager Theater bestand auf unserem Gastspiel. Der B.-Nachweis hatte ja leider alle Verträge so geschlossen, daß sie von den Theatern jederzeit gelöst werden konnten, während wir die Vorstellungen von uns aus nicht absagen durften. Aber nun lagen zwischen Bad Elster und Prag außerdem drei unbesetzte Tage – – nein nein – – wir wollten Plauen und Bad Elster nicht absagen. Denn wenn wir nur eine Mark verdienten, so war das doch mehr als nichts. Also wir depeschierten entsprechend nach Plauen. Ich schrieb ein Gedicht: Schauspieler-Tournee-Panne         Trifft das Leid gute Einigkeit, Daß das Dach zerbricht, Dann bleiben doch die Wände. Und dann sorgen warme Hände Dafür, daß das Allerherz nicht Verregnet noch verschneit. Wenn der Allersinn Dann noch Treue liebt Und zu beten vermag, Wird aus allem Verlust doch Gewinn Noch herausgesiebt, Und kommt immer wieder ein heller Tag. Armes Deutschland, arme deutsche Kunst, Eins, neun, drei und zwei! Aber Gemeinheit ist Teufelsdunst, Stinkt, stickt – und geht doch vorbei. Im Theater eine mäßige Aufführung bei mäßigem Besuch. Nach dem ersten Akt wollte ich mich in den Schatten eines angrenzenden Gartens verdrücken, wurde dort aber von einem Münchner Bekannten aufgestöbert. Den bat ich, mit mir in eine Kneipe zu gehen, und zwar verabredeten wir, sie getrennt zu betreten, uns getrennt zu plazieren, um dann eine Szene dort aufzuführen »Gentleman spricht einfachen Schiffsmann an und traktiert ihn mit Grog«. Der Münchner war aber schauspielerisch völlig unbegabt und verpatzte mir dann alles bis auf den Grog. Andern Morgens erhob ich mich sehr früh, weil ich meine Uhr in der Theatergarderobe vergessen hatte und darüber beunruhigt war. Denn ich liebte diese Uhr sehr und noch mehr eine goldene Kugel, die mit einer goldenen Kette daran hing und die ein interessantes Freimaurerzeichen war, das ich anno 1901 in Amerika einem Matrosen abgekauft hatte. Diese Kugel führte ich als Talisman bei mir. Wir besaßen alle solche Amulette. So trug Petra immer eine Kette aus kleinen weißen Muscheln um den Hals. M. hatte ihr die Kette bei Antritt unserer Reise geschenkt. Eine Reinmachefrau war schon zu so früher Stunde in der Garderobe tätig. Sie regte sich über meine Frage nach der Uhr unnötig auf. Ich entdeckte die Uhr sehr bald. Sie lag wohlverwahrt im Schminkfach. Froh darüber, mischte ich mich unter die lustwandelnden Menschen im Kurpark und traf dort Bekannte. Eine gute Kapelle spielte. Ich trank Marksbrunnen, kaufte mir zwei gekochte Eier und einen Rollmops und wanderte nach der Pension Carola zurück. Ich weckte Sitty und wartete dann auf ihn mit dem Frühstück in dem niedlichen Gärtchen, obwohl es noch sehr kühl im Freien war. Die Hälfte des Rollmopses und ein Ei hatte ich neben Sittys Marmelade aufgebaut, vergessend, daß er keinerlei Speisen vertrug, an denen eine Ei-Zutat war. Er freute sich aber über den halben Rollmops und plauderte froh und stimmungsbewußt mit mir, wobei der Bedauernswerte hundertmal heunieste. Ich wurde ans Telefon gerufen und nahm Sitty mit. Es lag ein Telegramm vor: ich möchte das Stadttheater Plauen anrufen. Das tat ich sofort, und ich hatte denselben Gedanken wie Sitty: Plauen wollte uns nochmals zureden, die Vorstellung abzusagen, hatte ein verdächtiges Interesse daran, uns abzuwimmeln. Vielleicht ließ sich da eine anständige Abfindungssumme herausschinden. In einem langen Gespräch einigte ich mich (unterstützt von Sitty und dem hinzugekommenen Grischa) mit dem Intendanten dahin: Wir verzichteten auf die Plauener Vorstellung. Dafür sollten wir gewisse Vergünstigungen in der Abrechnung am Theater in Elster erhalten. Außerdem wurde uns für unseren Gewinnanteil dort als Mindestbetrag ein Fixum von 200.– RM. garantiert. Und überdies hinaus wollte der Intendant uns noch billige Wohngelegenheit verschaffen. Alle Nordhäuser begrüßten das Ergebnis freudig und gratulierten mir zu diesem Erfolg. (Wir schnitten, wie sich später ergab, mit dieser Vereinbarung besser ab, als wenn wir normalerweise auch in Plauen gespielt hätten. Allerdings ersetzte man uns nicht das lange Telefongespräch. Es kostete zehn Mark fünfzig.) Wir nahmen am Bahnhof vom Kellner herzlich Abschied. Er sollte nach Hause fahren, denn es hatte keinen Sinn, daß er sich noch in die Unkosten teilte, die wir von Prag zu erwarten hatten, und seine Heimkehr war ja genügend motiviert. Wir winkten ihm, und er winkte uns noch lange nach, und ich hatte noch versucht, ihn mit einer hübschen, jungen Dame zu verkuppeln, die auch auf dem Bahnsteig zurückblieb und mich als Ringelnatz-Verehrerin begrüßt hatte. Wir vertrieben uns die Fahrzeit mit Kreuzworträtseln und mit einem anderen Ratespiel zugunsten der Sitty-Kasse. Da wir mancherlei Postsachen nach Plauen bestellt hatten, z. B. eine Kellner-Ausrüstung für den Regisseur, und weil wir die telefonische Verabredung mit dem Intendanten noch einmal mündlich erhärten wollten, unterbrachen wir unsere Fahrt in Plauen. Als wir durch die lange Hauptstraße dieser Stadt marschierten und dabei die Menschen studierten, wurden wir noch mehr damit zufrieden, daß wir unser Gastspiel dort abgesagt hatten. 4 Tage Bad Elster Als wir den Zug in Elster verließen, mußten wir noch einen Omnibus nehmen, um unser Ziel zu erreichen. Der kostete für uns sieben und für unser Gepäck abermals böses Geld. Er trug uns durch schöne Landschaft und am Kurhaus und am Kurtheater vorbei, beides repräsentative Gebäude, bis zum »Goldenen Anker«, wohin uns der Intendant empfohlen hatte. Das war ein nagelneues Haus. Ein Bett kostete dort pro Nacht 2.– RM., das meinige sogar noch 30 Pfennige mehr, weil ich Fließendes Wasser hatte. Ach, dieses ewige, mich betörende Fließende Wasser. Es floß aus dem Warmhahn noch kälter als aus dem Kalthahn und so tückisch plötzlich, daß ich beim leisesten Andrehen sofort nasse Hosen und nasse Schuhe bekam. Ich legte mich gleich ein wenig aufs Ohr. Da hörte ich draußen eilige Schritte hin und her laufen, hörte eine keuchende Stimme verzweifelte Rufe ausstoßen wie »mein Gott! mein Gott!« – »Auch das noch!« – auf einmal aber laut aufjubelnd »ich habe sie! Sie lag im Örtchen.« Beim Worte »Örtchen« erkannte ich am Tonfall die Stimme von Mutter Mewes. Die gute Haut hatte plötzlich ihre Handtasche vermißt. Wir spielten an diesem Abend nicht. Deshalb legten sich meine Kollegen bald nach dem Abendbrot zur Ruhe. Ich machte die einzige Bar im Orte ausfindig. Die war, angeblich einer Johannisfeier wegen, kitschig-sächsisch düster illuminiert, und die Pärchen in den Nischen flüsterten laut gebrülltes Sächsisch. Aber der Besitzer oder Geschäftsführer und die Kellner erkannten mich und ermangelten nicht, das ausführlich festzustellen. Von dort aus ging ich nach dem vornehmen Kurhausrestaurant, wo mich die Kapelle und die Kellner mit verständnisvollem Augenzwinkern begrüßten. Ich lernte das dort engagierte Tanzpaar van Hall kennen und den Kurdirektor Exner und den Pressechef und andere. Alle waren sehr nett zu mir, und die meisten von ihnen hatten wieder Beziehungen zu meiner Vergangenheit. Einen reichlich selbstbewußten ehemaligen Farmer aus Liberia beunruhigte ich etwas dadurch, daß ich zufällig mancherlei über diese Negerrepublik wußte. Der Neubau »Goldener Anker« war noch so feucht, daß uns in der Nacht die Bettlaken einweichten und wir abscheulich froren. Husten bellte durch alle Etagen. Deshalb gab es morgens beim Frühstück große Debatten über das Thema: »Sollen wir uns andere Wohnung suchen oder nicht?« Zwei von uns hatten eine Pension entdeckt, die gesünder und vor allem billiger war als der »Goldene Anker«. Wir schickten nun Sitty hin, um sich nochmals genau nach den Preisen zu erkundigen. Er brachte erfreuliche Zahlen zurück – Zimmer mit Pension soundsoviel, Zimmer ohne . . . Wir entsandten den Fürsten, die Zimmer fest zu mieten. Als das geschehen war, entstanden irgendwelche Bedenken, und wir schickten wieder jemanden aus, die Zimmerbestellung rückgängig zu machen. Darauf durchrechneten wir den Fall nochmals hin und her und kamen über tausend Erwägungen zu dem Entschluß, doch den »Goldenen Anker« aufzugeben und die weitaus billigere Pension zu beziehen. Aber keiner von uns wagte es jetzt mehr, dort vorzusprechen. Da war es wieder Mutter Mewes, die sich aufmachte und nicht nur die Zimmer fest mietete, sondern sogar von dem Mietbetrag noch etwas herunterhandelte und dabei den neuen Wirtsleuten sichtlich imponierte. Diese Leute waren einfache Menschen, vielleicht ehemalige Bauern, worauf der Name ihrer Pension »Landmannsruhe« deutete. Sie redeten mich mit »Herr Direktor« an, bis ich ihnen sagte, daß ich kein Direktor, sondern Kapitän wäre. Da ich mich dann auch einmal in Marinedreß zeigte und meine Freunde mich laut Kapitän nannten, hieß ich bei den Wirtsleuten fernerhin »Kapitän Ringelnatz«. Wir zogen um. Sitty Smile trug meinen Koffer hinüber. Dafür zahlte ich 50 Pfennig in die Sitty-Kasse. Ich hatte Sitty besonders lieb gewonnen und diese Feststellung einmal in einer Kartengrußbeischrift seinen Eltern berichtet. Nun zeigte er mir einen Brief von zu Hause, worin die Mutter ihre Freude über meine Äußerung ausdrückte. Ich hatte auch etwas für die Allgemeinheit getan, nämlich meinem Freunde Pabst von der Konservenfabrik Türk \& Pabst geschrieben, er möchte meinem Kollektiv eine Dose Rollmops spendieren. Daraufhin hatte er uns eine reichhaltige Kiste Konservenwunder nach Bad Elster gesandt. Die packten wir nun staunend aus in einer reizenden Laube im Garten der Pension und verlosten die einzelnen Dosen und Gläser. Das Los kostete 20 Pfennige, und das Geld kam in die Sitty-Kasse. Später setzten wir uns wieder in dieser Laube zusammen, um einmal gemeinsam vergleichend nach Belegen unsere bisherigen Einnahmen, Auszahlungen, Vorschüsse, Schulden usw. zu errechnen. Das dauerte sehr lange, war sehr ernst und brachte zwar ein deprimierendes Ergebnis, aber auch endlich einmal Klarheit. 25. Juni. Das Wetter kalt und trübe. Bad Elster feierte das Brunnenfest mit langem, sich über den ganzen Tag und den Abend erstreckendem Programm. Weckruf – – Ansprache des Kurdirektors – – Tanz der Bademädchen im Freien – »Zähmung der Widerspenstigen« als Nachmittagsgastspiel des Plauener Theaters auf einer Freilichtbühne – Konfetti-Schlacht – Konzerte – abends ein Hellseher, ferner ein Sonderabend des Tänzerpaares van Hall im Kurhausrestaurant und gleichzeitig im Kurtheater »Die Flasche«. Viel zuviel Veranstaltungen! Wir konnten für uns nicht viel Publikum erwarten. Wir bemerkten auch Inder in den Straßen. Sie sollten in den nächsten Tagen im gleichen Theater eine Musik und Tanzvorführung geben. Der Fürst kam mit diesen schönen Menschen ins Gespräch und wies ihnen Freiplätze für unsere »Flasche« an, wofür wir dann die indische Vorstellung frei besuchen sollten. Die Hindus beklagten sich gleichfalls über die Enttäuschungen, die ihre Tournee bisher erfahren hatte. Mein Schwager Hermann rief mich aus Leipzig an. Er lud mich ein, die drei spielfreien Tage, die mir nach der Vorstellung in Elster aufgezwungen waren, bei ihm zu verbringen. Das lehnte ich ab. Aber der Schwager hatte noch eine andere, entzückende Idee gehabt, er hatte mir telegrafisch 150.– RM. angewiesen. Die trafen ein und lösten große Freude bei mir aus. Ich konnte die Miete an M. senden. Keiner von uns fragte vor der Vorstellung: »Wie ist's besucht?« Keiner sah durchs Vorhangloch. Wir ließen uns überraschen. Wir waren auch untereinander niemals neugierig oder indiskret in bezug auf Kofferinhalt, Wäsche und dergleichen. Petra kam zu spät – nein nein, sie kam nie zu spät, aber immer kam sie fast zu spät. Das blutarme Frauchen schlief gern lange. Ihr treuherziger Grischa mit den verträumten Augen hatte den ganzen Tag über emsig noch an den Abrechnungen gearbeitet. Der Fürst hatte wenig Kinn, aber viele schöne Erinnerungen an ein langjähriges Engagement in Riga-Lettland. Er war von uns sieben derjenige, der die längste Bühnenpraxis hinter sich hatte. Mit seinem Lieblingsthema Riga-Lettland zogen wir ihn oft auf. Ich tat das schon deswegen gern, weil er dann in ein halb verschämtes, halb gekränktes Lächeln geriet, das ich gut leiden mochte. Mutter Mewes setzte ja auch ein ähnliches Lächeln auf, wenn ihr gelegentlich ein Lapsus unterlief. Es war ein großes Glück für unser Kollektiv, daß die beiden weiblichen Mitglieder grundgütige Menschen waren. Auch dem Regisseur war diese Eigenschaft nachzurühmen. Er hatte ein lederfarbenes Gesicht, trug die Hände meist in den Taschen seiner melierten Knickerbockers, und wenn man ihm etwas mitteilte, machte er den Mund langsam ganz weit auf und sagte dann »Ach«. Er war und blieb ein wenig seriös, wenn auch unsicher seriös und redete einige von uns bis zum Schluß der Tournee mit »Sie« an. Unser Riesen-Neger Sitty Smile mußte alle erdenkbaren Kannibalen-Witze über sich ergehen lassen. Er war keineswegs geizig. Da er sich aber alle die kleinen Ausgaben versagte, die den Moment bequem machen, aber sich doch zusammenläppern, kam er am besten von uns mit seinen Einnahmen aus, besser gesagt: er hatte am wenigsten Schulden. Ich war übermäßig pastoral, oft streng und unbequem und – doch darüber müssen meine Kollegen aussagen. Die Vorstellung fand statt und war schlecht besucht. Da wir aber unser garantiertes Fixum bekamen, beklagten wir uns nicht. Grischa hatte die Pfötchen meines Krokodils sauber mit Brettchen von Zigarrenkisten besohlt. Der Regisseur debütierte in der Kellnerrolle und sah in seinem Frack überraschend anders aus. Sitty, der für ihn als Inspizient den Vorhang kontrollierte, ließ diesen im zweiten Akt zu früh fallen. Ich schenkte meine Bananen zum Schluß der Feuerwehr. Das Kollektiv speiste in Villa Landmannsruhe im Salon der Mutter Mewes des beurrées und Konserven von Pabst. Es ging sehr gemütlich zu. – Dank der Spende meines Schwagers, konnte ich mir's nun wieder einmal erlauben, nachts noch vornehmste Lokale aufzusuchen, was meine Kollektivgenossen mir aufrichtig gönnten, und was sich auch meist als eine nicht zu unterschätzende Propaganda für unsere Aufführung erwiesen hatte. Diesmal fand ich beim Weggehen die Haustür verschlossen, und weil unsere Wirtsleute schon schliefen, stieg ich durch Petras Fenster aus. Im festlich erleuchteten Kursaal musizierte noch die Kapelle. Das Publikum empfing mich mit Applaus, und die Musik spielte einen Tusch. Ich wurde mehrfach angesprochen. Später gesellten sich das Tanzpaar van Hall und der Hellseher Ludio To Rhama (aus Hannover) zu mir. Wir berichteten gegenseitig über unsere Abendergebnisse. Der Hellseher hatte besser abgeschnitten als van Halls und wir Flaschenkinder, weil ihm nach seiner Vorführung alle Zuhörer noch Horoskope abgekauft hatten. Auch in den Wettiner Hof ging ich und ärgerte mich dort über einen geschmacklosen Dicken vom Schlage der Inflationsschieber, der an der Bar stand und drei Weiber mit Sekt traktierte. Er führte sehr laut und geschmacklos das Wort und zog alle seine Register auf, um sich als Weltmann zu legitimieren. Er gebrauchte bald französische Brocken, bald englische, und dazwischen sprach er ein besonders ordinäres Sächsisch. Es war ihm anzumerken, daß er sich gern auch mit mir angebiedert hätte. Ich wartete darauf. Ich hatte mir für diesen Fall vorgenommen, gleich zu antworten: »Ein Gespräch mit mir kostet hundert Mark.« Es war nicht ausgeschlossen, daß dieser Protz die hundert Mark gezahlt hätte, und die wollte ich dann triumphierend der Sitty-Kasse bringen. Aber er sprach mich doch nicht an. So wanderte ich heim, pochte an Grischas Fenster und entrichtete eine Einsteigegebühr von 50 Pfennigen für die Sitty-Kasse. Sehr vergnügt erwachte ich am andern Morgen, wusch mich, rasierte mich, kleidete mich an und weckte Sitty und den Fürsten. »Hallo boys! Kommt in die Laube zum Frühstück!« Dabei beobachtete ich, wie Mutter Mewes im Pyjama aus der Tür trat und für sich und den Regisseur Kaffee aufs Zimmer bestellte. Ich fragte verstimmt: »Wollt ihr denn nicht mit uns trinken? Ich denke doch, wir gehören zusammen.« Die Laube stand in einem Wildwachsgarten, der nach der Straße zu abfiel. Sie sah aus wie ein Eisenbahnwagen ohne Räder. Ein langer Tisch stand darin, an dem gerade sieben Personen bequem Platz fanden. Die Kollegen erschienen, zuletzt die Damen, als allerletzte – fast zu spät – Petra. Grischa gab bekannt, daß er Spielkarten aufgetrieben hätte. Mich interessierte das nicht. Ich schrieb lange, hatte zuvor ein Ferngespräch mit M. angemeldet. Es war mir eine langentbehrte Freude, ihre Stimme zu hören, die nicht deutlich zu verstehen war, aber nach Glück und Dankbarkeit trotz allem klang. Wir sprachen der Unkosten wegen mit knappen Worten und hauptsächlich über Geschäftliches. Dresden hatte abgesagt. Nach Prag sollten wir noch – als letzte Aufführung – in Teplitz spielen. Das war immerhin um eine kurze Strecke näher an Berlin, beziehungsweise an Nordhausen. Ich kaufte sieben Stück Quarkkuchen und eine Zeitung. Die Sonne trat endlich hervor. Ich war in sehr glücklicher Stimmung. Ferienzeit. Einige von uns spielten Skat. Andere spazierten durch die verlockende Gegend. Niemand las Zeitungen. Ich ruderte eine halbe Stunde lang auf einem Teich oder See oder Meer, oder wie sie das dort nennen mögen. Abends delektierte sich das Kollektiv in der Gartenlaube gemeinsam an Kartoffelsalat, Würstchen, japanischen Krebsen und anderem päbstlichen Segen. Sitty Smile spendierte eine Flasche Wein dazu, die er seit Würzburg mit sich herumtrug und auf deren Etikett ein sehr unanständiger Titel stand. Danach sahen wir uns auf Freibilletts ein Gastspiel des Plauener Stadttheaters an. Wir saßen nun also im Zuschauerraum des hübschen Theaters, auf dessen Bühne wir gestern vor wenig Leuten gespielt hatten. Diesmal war das Haus sehr voll. Allerdings ein anderes Publikum. Das bog sich vor Lachen. Das Stück war ein dürftiges, sinnloses Kitschgewebe aus alten Witzen und gestohlenen Melodien. Aber es war für dieses Publikum zurechtgeschnitten. Die Aufführung dauerte fast drei Stunden. Sie hatte für uns etwas Peinliches, für mich sogar etwas Trauriges, aber selbstverständlich applaudierten wir kollegial. Klein bei klein wuchs die Sitty-Kasse, gefüttert durch allerlei Provokationen. Vom Garten her rief mir der seriöse Regisseur zu: er würde zehn Pfennige stiften, wenn ich meinen nackten Po aus dem Zimmerfenster zeigte. Das tat ich sofort in aller Interesse. Genaue Zahlen über den Bestand der Sitty-Kasse erfuhren wir nicht. Darüber wahrte Sitty eisernes Schweigen. Nach einer frostigen Juni-Nacht wieder ein Morgenfrühstück im sonnigen Garten: Kaffee, Butter, Marmelade und dazu jene sächsischen Käse, die der Volksmund Leichenfinger oder auch Polizeifinger nennt. Leuchtender Mohn blühte am Gartenrand. Eine Amsel trug einen Regenwurm durchs Gras. Sie ging richtig zu Fuß. Nach dem Essen marschierten Fürst, der Neger (tagsüber natürlich weiß) und ich über die Grenze nach dem tschechoslowakischen Ort Grün. Durch eine idyllische Landschaft, an so viel heubedeckten Wiesen vorüber, daß Sitty aus dem Niesen nicht mehr herauskam. Ich überredete ihn zur Ablenkung, sich in Grün endlich einmal die Haare schneiden zu lassen. Grischa hatte das zuvor provisorisch mit sehr merkwürdigem Halbresultat an ihm versucht. Nun tranken wir drei aber vor allem einmal im »Grünen Baum« in Grün ein großes echtes Pilsner für zwölfeinhalb Pfennige und aßen vorzügliche Schinkenbrote dazu. Dann schrieb ich bei gutem Kaffee. Rast auf Wanderschaft         Der Lautsprecher sprach, doch ich hörte es nicht. Er sprach zu dumm und zu laut. – Ein Stiefmütterchen mit einem Bulldoggesicht Hat mich angeschaut. Wir saßen im Freien, gezwungen ganz frei, In dem böhmischen Orte Grün. Wir waren nicht reich, doch wir waren unsrer drei Und Freunde. – Und Freundschaft macht kühn. Das gelbe Mütterchen, braun getupft, Konnte auch ein Schmetterling sein. Ich hab's abgerupft. Unser Herz hat gehupft. Drei Freunde bei zwei Glas Wein. Heuwagen von Hornvieh gezogen. – Sanfte und lückenhaft bewaldete Hügel. – Wiesen mit duftigem Mischwachs. – Dazu Sonne, ein Lüftchen, Mädchen mit hellen Kleidern. Es war dort wirklich ländlich schön. Als ich das Gedicht beendet hatte, las ich es gleich Sitty und dem Fürsten vor. Neben mir blühten in einem Kasten viele Stiefmütterchen. »Welches davon meinte ich?« »Das!!« sagten beide Freunde gleichzeitig, und zeigten auf die richtige Blume. Die rupfte ich ab und legte sie einem Briefbericht an M. bei. Und ich malte mir aus, wie die gute M. sich morgen, übermorgen über den Brief freuen, aber ein wenig traurig sein würde, weil sie nicht in Grün mit dabei war. Ach, arme Zeit! Wir begegneten auf dem Rückwege dem Zollmann. Er sprach uns angenehmerweise nicht an. Wir hatten für den Weg, auf dem wir gingen, nicht den vorgeschriebenen Ausweis. Als wir an dem Teich vorbeikamen, ruderten dort einige von den Indern. Ich rief sie englisch an: »Hallo! Wir hoffen euch heute Abend zu sehen!« Einer der Hindus antwortete: »Und wir haben euch am Sonnabend gesehen. Bravo, bravo!« Abends sahen wir sie im Kurtheater. »Uday Shan-Kar« und die französische Tänzerin »Simkie« mit einem Hindu-Orchester. Das war sehr interessant, sehr echt, sehr geschmackvoll und farbig wunderschön. Ich lachte den Regisseur und Mutter Mewes aus, weil sie den prachtvollen Nachmittag in der Lesehalle verbracht hatten und durch die Berichte über Schießereien und Unruhen in ganz Deutschland nun verstimmt waren. Früh um sieben Uhr erhob ich mich, packte meinen Wäschesack und ordnete einmal gründlich meine Sachen. Ich frühstückte im Garten mit Grischa zusammen, der auch so zeitig aufgestanden war, um endlich einmal seine Abrechnung abzuschließen. Die andern pennten noch. Ich hatte bei dem herrlichen heißen, aber doch windigen Wetter keine Lust, auf sie zu warten. Deshalb marschierte ich allein los. Über »Das alte Forsthaus« nach Grün. Diesmal auf der richtigen Zollstraße. Ein tschechischer Zollbeamter hielt mich an und untersuchte mich. Ich hätte einige Zigaretten zu viel bei mir. Ich lachte zu allem, was der Mann sagte und flocht immer wieder das Wort peux in meine Reden. Der Zollbeamte untersuchte mich sichtlich nur aus Langeweile. Er lachte jedesmal erschüttert, wenn ich peux sagte. Und dann mußte wiederum ich lachen. Weil ich an den ängstlichen Regisseur dachte, der uns tiefernst eingeschärft hatte, in der Tschechoslowakei niemals die Peux-Sprache anzuwenden, weil diese als Verhöhnung aufgenommen würde. Vorm »Grünen Baum«, wo wir gestern noch zu dritt gesessen hatten, wartete ich nun allein auf den Omnibus und dichtete. An der Straße vorm »Grünen Baum«         Wie Gold auf der Straße liegt Vor mir ein Kuhfladen. Dahinter baden Tausend Käfer im Gras, das der Wind biegt. Da gehen unter hunderten Vielleicht drei Mädchen vorbei, Die, wenn sie mein Gelüsten wüßten, Sich baff darüber wunderten. Mich gelüstet: daß jede die meinige sei. Doch auf einmal sind meine Gedanken fort, Weit weg und um eine Woche voraus. Sind in Berlin. – Dort Wohnt M. Dort bin ich zu Haus. Ich hatte erwartet, daß mir in der ausländischen Stadt Asch, wohin ich gefahren war, das eine oder andre Abenteuerchen begegnen würde. Das traf keineswegs ein. Eine ganz langweilige Stadt, ohne Fuß und ohne Kopf, wo immer ich sie anpackte. Im Hotel Löw aß ich. Das Essen war außerordentlich billig und ebenso schlecht. Der Wirt flüsterte mir zu, daß ich ihn an einen Zirkusdirektor erinnerte. Es gab einige Bars mit Mädchen dort. Aber das war auch nur Nepp und Nichts. Die vielen Läden mit billigen und offenbar gutem Schuhwerk interessierten mich bei dem Stand meiner Kasse nicht. Als ich in der »Post« einkehrte, um wenigstens ein gutes Pilsner zu trinken, sprachen mich drei Herren an, von denen der eine, ein Sänger Heinrich Laurin, mich aus München kannte. Ich merkte, daß die beiden andern besoffen waren, und ich trieb denen zunächst einmal das blöde »Schweinigeln« aus, womit sie sich gegenseitig überboten, um mir zu imponieren. Daraufhin wurden sie vorübergehend sehr nett, und als ich aufbrechen wollte, überredeten sie mich, noch bei ihnen zu bleiben. Einer versprach, mich in seinem Privatauto heimzubringen. Als es dann aber so weit war, hielt er nicht Wort, weil ein abscheuliches Weib an den Tisch gekommen war. Ich entwischte heimlich und fuhr in einem Omnibus, den auch das abscheuliche Weib im letzten Moment bestieg, nach Grün. Dort trank ich Kaffee in dem Lokal, wo das Stiefmütterchen-Gedicht entstanden war. Es setzte sich ein Mann zaghaft an meinen Tisch, der eine Zither auspackte. Diesen reisenden Musikus unterstützte ich durch eine gewisse Trinkgeldpropaganda, und er spielte mir dafür La Paloma. In Landmanns-Ruh angelangt, wurde ich mit Kollektiv-Vorwürfen empfangen und wegen Heimlicher Entfernung zu dreißig Pfennigen Geldstrafe für die Sitty-Kasse verurteilt. Müde vom langen Wandern warf ich mich gleich ins Bett und erwachte erst gegen neun Uhr durch klägliches Feuerwerksgeknatter. Ich inszenierte einen Spuk an Petras Fenster, trieb noch mehr Allotria mit meinen Kollegen und zog mich dann zurück, um einen langen Trostbrief an M. zu schreiben. Sie hatte mir betrübt mitgeteilt, daß die Steuerbehörde von mir, der doch zur Zeit nichts verdiente, im Gegenteil nur zuzahlen mußte, wieder neue Vorauszahlungen verlangte. Letzter Morgen in Bad Elster. Mein Wäschesack stand gepackt vor der Tür. Der Fürst hatte mir versprochen, ihn zur Post zu tragen. Weil er aber keine Miene machte, dieses Versprechen zu halten, schulterte ich den Wäschesack und trug ihn selber fort. Aber ich war über die Trägheit des Fürsten immerhin so verärgert, daß ich ihn später an andrer, und zwar unrechter Stelle einmal sehr hart anfuhr, worüber ich mich allerdings sofort entschuldigte. Unsere Wirtsleute nahmen mit echter Herzlichkeit von uns Abschied. Sie hatten mir, dem Kapitän, alle Allgemeinposten auf die Rechnung gesetzt. Meine Freunde, die immer auf prompte Gerechtigkeit hielten, wollten mir diese Posten zurückerstatten. Und weil sie so beharrlich darauf bestanden, ließ ich den Betrag schließlich in die Sitty-Kasse fließen. Dazu kam noch, daß wir auf der Fahrt Eger–Pilsen–Prag ein Bild amerikanisch versteigerten, eine von Grischa gezeichnete Karikatur. So kamen wieder an fünf Mark in den geheimnisvollen Tresor. Wir vertrieben uns die langweilige Fahrzeit so gut es ging, zuletzt mit fadenscheinigem Unsinn. Grischa, Sitty und ich unterhielten uns ganz ernsthaft über eine unbenannte, zerstückelte Leiche und deren grausige Verarbeitung; so daß eine Dame neben uns das Gruseln kriegte und der Regisseur unruhig hin und her rückte. Auch die Peux-Sprache mußte wieder herhalten. Vor Prag wurden wir von einem tschechischen Irrenhausbeamten und von einem deutschen Herrn angesprochen. Diese beiden erteilten uns alle erwünschten Auskünfte, und der eine bewirtete sogar unsre Damen mit Limonade. Praha-Peux Man kam uns in Prag überaus aufmerksam und wohlwollend entgegen. Zwei Leute vom Theater holten uns ab und beförderten unser Gepäck und den Funduskorb. Aber bis das und die Zollrevision erledigt war, bis Mutter Mewes von mehreren Hotels endlich das billigste erfragt hatte, war es fast fünf Uhr geworden. Wir bezogen das Hotel »Blauer Stern«, wo schon die Hindus zu Sonderpreisen gewohnt hatten. Aus der Zeitung ersahen wir, daß die »Flasche« für siebeneinhalb Uhr angesetzt war, und daß sie, wie eine Bemerkung zu unterst betonte, nicht für Jugendliche geeignet wäre. Es war ein heißer Mittwoch. In Prag feierte man das Sokol-Fest. Tausende von Menschen badeten in der Moldau, oder vergnügten sich im Badekostüm an den Ufern. Ich wusch mich mehrere Male, denn die tschechischen Waggons waren unbeschreiblich schmutzig gewesen. In neuer Wäsche wie neugeboren holte ich mir meine Bühnenstimmung im Restaurant Lippert. Ich war der einzige vom Kollektiv, der Prag schon kannte. Im Theater hörte ich, daß der Dichter und Kritiker Max Brod und der Chefredakteur vom Prager Tagblatt, Dr. Blau, anwesend wären. Ich hatte an Dr. Blau und an seine liebenswürdige Gattin, sowie auch an gewisse andre Herrschaften nette Erinnerungen von einem Vortragsabend in der Urania her. Als ich das »Kleine Haus« nach Schluß verließ und am Ausgang niemand auf mich wartete, war ich doch arg enttäuscht. Ich pendelte unentschlossen in einem Nieselregen umher, der für uns leider zu spät eingesetzt hatte. Das Theater war ziemlich leer gewesen. Ob das Stück gefallen hatte, und wie das Publikum mitgegangen war, wußte ich nicht, wußten wir alle nicht. Als ich später nochmals am Theater vorbeikam, standen dort junge Leute, die auf mich gewartet hatten, um ein Autogramm zu erhalten, Gymnasiasten und junge Damen und ein älterer Rechtsanwalt. Der Rechtsanwalt stellte sich als Dr. Otto Arje vor und führte mich in eine Kneipe, wo er telefonisch eine Verabredung mit seinem Freunde Max Brod und mir für den nächsten Tag festlegte. Dann ging ich lange über den illuminierten Wenzelsplatz in der Richtung nach dem pompös belichteten Landesmuseum. Und das war, wie wenn ich als Kind in ein Feenland geraten wäre, etwa durch ein abendbeleuchtetes Warenhaus geführt würde. Alles fremd um mich, aber bunt, wirr und kostbar strahlend. Nur daß dieses Kind jetzt alles Täuschende erkannte. Und dann saß ich in der türkisch verteppichten Diele des Hotels Esplanade genau so, wie ich ein Jahr zuvor, auch in einer ersten Nacht von zwei Nächten gesessen hatte, gut bedient und in einem angenehmen Milieu, aber empfindlich einsam und trüb gesinnt. Der kleine, emsige Boy war noch da, selbst für einen Zwerg war er noch auffallend klein. Und im Nebenraum tanzten aparte oder schamlos eitle Solo-Nummern zwischen allgemeinen Tanztouren. Aber ich wußte dieser Art Unterhaltung nichts mehr abzugewinnen und entfernte mich neu enttäuscht. In einer tschechischen Arbeiterkneipe empfing man mich so offensichtlich feindselig, daß ich nur einen Schnaps trank. Als ich dann dem Wirt eine Handvoll Kleinmünzen hinhielt, weil ich mich darin nicht auskannte, nahm dieser alles, was ich ihm hinhielt. Ich trudelte lächelnd langsam heim, indem ich mir die Frage vorlegte, was ich wohl über diese erste Prager Theatervorstellung niederschreiben könnte. Der Intendant war äußerst liebenswürdig gewesen, auch der Direktor war zur Begrüßung in meine Garderobe gekommen, aber was mochten wir Spieler wohl für einen Eindruck hinterlassen haben? – Der Garderobier hatte mein Herz gewonnen, als er meine Hose vorbildlich schneidig bügelte. Auf jeden Fall war ich auf die Kritik von Max Brod gespannt. Sie fiel so gut aus, daß sie den Schreiber mehr ehrte als mich. 30. Juni 1932. Kurz nach sieben Uhr war ich zum Frühstück bereit. Meine Kameraden schliefen noch. Sie schliefen meiner Meinung nach immer zur falschen Zeit, aber dafür gab es echte und sogar rührende Erklärungen. Als ich im Hotel noch kein Bier um diese Stunde erhielt, entfernte ich mich laut klagend, mußte aber – noch fußmüde von gestern – eine Stunde lang herumirren, bis ich zu einer mitgebrachten Semmel ungarische oder tschechische Salamiwurst und mein Pilsner bekam. Es war ein Jugendtraum von Mutter Mewes gewesen, einmal auf der großen Brücke über die Moldau zu gehen. Das erfüllte sich nun. Am andern Tag erreichte ich umständlich den Chef-Redakteur des Prager Tagblatt, Dr. Blau. Er gab mir gleich zwei freundliche Kritiken, die eine von Brod und eine andre von der »Bohemia«, und er war in jeder Beziehung mir behilflich und zugetan. »Kann ich Ihnen noch etwas helfen? Man muß etwas über Sie ins Abendblatt bringen. Haben Sie ein Bild von sich da?« »Nein.« »Dann wollen wir ein Bild von Ihrer Petra bringen, mit einem netten Text. Haben Sie eine Photo von der Dame? Aber ich brauche sie bis Mittag.« Ich lief trotz meiner wunden Füße nach dem Hotel und anderwärts hin und suchte überall nach Petra, fand aber weder sie noch die andern Kollegen. Petra und Grischa hatten seinerzeit ihre Stellung in Nordhausen in der Begeisterung für die Flaschen-Tournee gekündigt und suchten nun eine neue Position. Dafür war nun die ungeeignetste Zeit. Beide waren Schauspieler, die man mit bestem Gewissen empfehlen konnte. Arme Petra! Da war nun eine Chance für dich! Ein Bild von dir im Abendblatt mit wohlverdientem Lob darunter!! Warum hinterließest du nicht Bescheid, wohin du gingst. Eigentlich und letzthin war es doch erfreulich, daß sämtliche Kollegen von mir – gegen meine Erwartung – nicht die geringste Begabung dafür hatten, zum Handwerk zu klappern. Sie sammelten nicht einmal empfehlende Kritiken, und der Photo-Apparat, den einer von ihnen mitgebracht hatte, kam nie in Anwendung. Weil die Platten zu kostspielig waren. Endlich gabelte ich Sitty und den Fürsten auf. Sie hatten Hradschin, Judenfriedhof, Alchimistengasse und andres besichtigt, hatten sich aber sehr bald von Petra-Grischa und Mewes-Regisseur getrennt, weil diese Paare vor jedem ersten besten Schaufenster beharrlich stehengeblieben waren. Wir aßen zu dritt Mittag. Mein Bierglas brach versehentlich entzwei, worauf der Kellner sofort herbeistürzte und dringend Bezahlung forderte, und dann ein Dienstmädchen, das die Scherben zusammenfegte, mich tschechisch unverständlich deutlichst beschimpfte. »Peux« sagte ich nur. M. schrieb, daß der B.-Nachweis uns noch von Prag aus für zwei Tage Zoppot festmachen könnte. Wie dachte sich der B.-Nachweis das? Von Prag nach Zoppot?! Ich schrieb meine Antwort, unsere Antwort, im Beisein von Sitty auf der Schützeninsel, sehr drastisch, aber im Bewußtsein, daß M. meine Worte gemildert an den B.-Nachweis weitergeben würde. Die kluge, gefällige, kleine Frau Blau holte Sitty und mich mit ihrem Auto ab, fuhr uns auf den Barrandov, jener großzügigen, geschmackvollen Anlage, die ein junger Ingenieur ohne städtische Unterstützung, also auf eigene Faust erbaut, aus einem nackten Felsen herausgesprengt, herausgezaubert hatte. Riesenlokale, Tanzflächen, Tennisplätze, modernste Villen, ein ideales Schwimmbassin, herrliche, breite Straßen und nach überall hin weiter, wundervoller Ausblick. Frau Blau lud uns zu Eis ein und interviewte mich für das Abendblatt, weil sie meinte, das wäre eine günstige Reklame für Teplitz. Auf dem Umweg über eine Taverne brachte sie uns schließlich nach dem Theater. Das Haus noch leerer als tags zuvor. Aber die Stimmung im Publikum stärker. Es begrüßten mich Freunde vor dem Theater und hinter den Kulissen, z. B. der Bruder des Malers Orlik. Der Regisseur war sehr niedergeschlagen wegen des schlechten Besuches. Ich redete ihm und allen zu, noch einmal – in dieser wichtigen Großstadt – den Kopf hochzuhalten, und ich illustrierte diesen Rat damit, daß ich eins von meinen rohen Trinkeiern an die Wand pfefferte. Nach der Vorstellung saß ich mit Blaus und Max Brod und andrer Gesellschaft zusammen. In der Stadt demonstrierte man gegen die Deutschen. Der Wenzelsplatz war polizeilich abgesperrt. Darum kümmerten wir uns nicht. Ich war sehr schlecht gelaunt. Ich hatte hundertfünfzig Kronen verloren, besann mich noch, sie leichtsinnig verwahrt zu haben. Außerdem ersah ich aus dem Abendblatt, daß Herr Blau das Interview seiner Frau leider umgeändert und einen Satz weggelassen hatte, auf den ich besondren Wert legte, weil er das kameradschaftliche Verhalten meines Ensembles zu mir hervorhob. Es war dabei kein Zweifel, daß Dr. Blau das Beste gewollt hatte, wie er denn überhaupt so gern andren Menschen half. Ich wachte schon um sechs Uhr auf und ging spazieren, bis die andren herunterkamen, als letzte wie immer Grischa und Petra. Wir waren alle gedrückter Stimmung. Sollte doch heute noch – in Teplitz – unsere Abschiedsvorstellung stattfinden, und es stand schlimm um unsre Kasse. Aus der Morgenzeitung sprang uns eine Notiz entgegen: Der bekannte Filmschauspieler Bruno Kastner, der sich, wie ich, mit Ensemble auf einer Tournee befand, hatte sich aus Geldsorgen in Bad Kreuznach erhängt. Ein reger Betrieb auf den reich beflaggten Straßen. Darunter besonders viel amerikanische Flaggen, weil viele tschechische Turner aus Amerika extra zu diesem Sokol-Fest herübergekommen waren. Wir Deutschen mußten sehr achtgeben, weil alle Fahrzeuge in Prag links fahren und man auch links ausweicht. Der Regisseur sagte noch viel häufiger »– – Ach!« und wir alle sagten es, denn die Stunde der Trennung rückte immer näher. Was sollte aus dem Reisekorb, was aus dem Krokodil und was aus uns werden? Wir hatten nichts verdient, sondern nur zugesetzt. Aber wir nahmen es nun so, als hätten wir eine Vergnügungsreise gemacht. Eine beträchtlich weite Reise, und dafür waren wir dann noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Ich persönlich sah einem ersehnten Ereignis herzensfroh entgegen: Wiedersehen mit M.! Unsre Plakate »Die Flasche« waren bereits mit einem aktuelleren Plakat überklebt, das den Namen Lipinskaja nannte. Ich zog den Hut vor einem dieser Plakate, weil ich diese Lipinskaja als eine ausgezeichnete Vortragskünstlerin schätzte. Heilsam, lehrreich und schön war unsre Kollektivreise doch gewesen, so daß wir alle Ursache hatten, dankbar zu sein. Einige von uns sprachen sogar schon ein paar Brocken tschechisch. Die andren begnügten sich mit Peux. In Teplitz ausgespielt Wir bezogen in Teplitz den Gasthof »Anker« auf dem Markt. Der war uns vom Theaterportier empfohlen. Wir fanden keinerlei wichtige Post vor. Also ging unsre Tournee zu Ende. Teplitz gefiel uns gar nicht. Wir waren bei dem schwülen Wetter auf schlechten Theaterbesuch gefaßt. Ich entdeckte auf Alleinwegen die südmährische Weinstube: »Tatra-Keller.« Dort trank ich vor dem letzten Auftreten mein Animierschöppchen, nachdem ich meiner Kasse noch zögernd das Geld für ein letztes rohes Ei abgerungen hatte. Das große und schöne Theater war, wie erwartet, leer. Die wenigen Menschen aber, die dort saßen, applaudierten dankbar. Wir spielten nicht sonderlich gut, weil wir die Akustik des allzu weiten Raumes nicht berechneten und auch nicht an den für die Tschechen fremden Akzent unsrer Sprache dachten. Dennoch machte mir der Direktor zum Schluß ein höfliches Kompliment. Es lagen Bücher mit Autogrammwünschen vor. Nach dem Umkleiden eilten wir schnellstens zum Anker und nahmen nach einem billigen Abendbrot unsre Schlußabrechnung mit Grischa vor. Das dauerte stundenlang und war sehr kompliziert, bei den vielen Kassen, die wir hatten, den vielen Schulden, Anrechten und Verpflichtungen. – Und Schweizer Geld umrechnen – und tschechisches Geld umrechnen. – – Wir waren auf dem Höhepunkt unsrer Nervosität, und in der lebhaften Debatte sah es aus, als ob einige von uns hart aneinanderprallen würden. Aber immer sorgten die andren dann dafür, daß alles anständig erledigt oder umgebahnt wurde. Dieser Prüfstein wurde zum Denkmal. Als wir uns noch über den Verbleib des Fundus-Koffers geeinigt hatten, was keineswegs eine einfache Frage war, verlas ich ein Gedicht, das ich jedem von uns in Handschrift zustellen wollte: An meine Flaschenkinder (Auflösung der Ringelnatz-Tournee)         Das Schicksal pustet ins Kollektiv. Freunde, die wir uns nennen, Durch enges Gemeinsam uns kennen, Nun müssen wir uns trennen. Wir gingen gerade. Der Weg ging oft schief. Wir haben – jedes nach seiner Kraft – Uns herzlich zusammengenommen – Haben ein gutes Erinnern geschafft. – Anständige Sorge ist heilsamer Saft Und wird uns gut bekommen. Lebt wohl! Viel Glück eurer Künstlerschaft! Ihr, die ihr euch um mich schartet, Wenn's einmal keinen Urpepper mehr gibt, Er liebte euch. Und ihr bewahrtet Euer bestes an ihm. Gott mit euch! Euer alter, strenger Ringelnatz Teplitz, Tatra-Keller       1. Juli 1932 Es war ein Uhr nachts geworden. Um fünf Uhr sollten wir schon wieder geweckt werden für den Omnibus nach Dresden. Wir küßten einander und gaben uns die Hände, und der Petra kamen die Tränen. Meine Kollegen gingen schlafen. Sie wußten – und begriffen es – daß ich auch diesmal noch als Einziger weiterbummelte. Ich ging in den Tatra-Keller, um mein Tagebuch weiterzuführen. Einunddreißigmal hatten wir die Flasche gespielt. Punkt fünf Uhr morgens donnerte es an meine Tür. Nicht nur der Hausdiener, sondern die eigne Sippe donnerte – fast klang es schadenfroh. Bezahlt hatten wir am Abend zuvor, aber wir mußten ohne Frühstück abziehen. Und dennoch, bis Petra erschien, war natürlich immer noch so viel Zeitchen, daß ich Brot, Butter und Wurst für unterwegs einkaufen konnte. Der Autobus fuhr uns durchs Erzgebirge, an der Sächsischen Schweiz vorbei nach Dresden. Dort auf dem Hauptbahnhof frühstückten wir zum letztenmal zusammen. Ich wußte viel Freunde in Dresden. Aber mein Portemonnaie wagte nicht, an sie zu denken. Wir trafen die allerletzten Abrechnungen. Nun lüftete auch Sitty endlich einmal das Geheimnis der Sitty-Kasse und dividierte durch sieben. Es kam auf jede Person etwas mehr als neun Mark. Unsre Wege trennten sich in Dresden. Ich nahm Abschied von meinen Flaschenkindern. Einige brachten mich an den Omnibus, und als der sich in Bewegung setzte, stieß ich in meine Bühnen-Trillerpfeife und rief ein Ahoi, das ein kräftiges Echo fand. Diese Ahois sollten eine zarte Wehmut übertönen. Der Omnibus fuhr nach Leipzig. Aber in einem plötzlichen Einfall löste ich nur Billett bis Wurzen. Diese Fahrt bot mir die seltene Gelegenheit, einmal meine Geburtsstadt Wurzen wiederzusehen, vielleicht kennenzulernen. Ich dachte über die ganze Kollektivirrfahrt nach, zuletzt über den Funduskorb, der leider – weil niemand wußte, wohin damit – an meine Berliner Adresse abgeschickt war. Der Korb selbst und einige Stücke darin waren für uns Allgemeinbesitz, aber nicht durch sieben zu teilen. Zum Beispiel die beiden Krokodile, die Möwe – – nein! Die Möwe hatten meine Kollegen einstimmig mir als Geschenk bestimmt. Ich meinerseits hatte Grischa das rotseidene Tuch verliehen. Wurzen!?!?! – ach du liebe Zeit! Mein Wurzen. Dann etwas Leipzig. Dann räusperte ich mich und fuhr nach Berlin. Vergehe Zeit!               Vergehe Zeit und mach einer besseren Platz! Wir haben doch nun genug verloren. Setz einen Punkt hinter den grausamen Satz »Ihr habt mich heraufbeschworen.« Was wir, die Alten, noch immer nicht abgebüßt, Willst du es nicht zum Wohle der Jugend erlassen?! Kaum kennen wir's noch, daß fremde Hände sich fassen Und Fremdwer zu Ungleich sagt. »Sei herzlich gegrüßt.« Laß deine Warnung zurück und geh schnell vorbei, Daß wir aufrecht stehen. Vergönne uns allen zuinnerst frei Das schöne Grün unsrer Erde zu sehen. Ich begrüßte M.: »Guten Tag, die Tournee ist beendet.«