Walter Scott Anna von Geierstein oder Das Nebelmädchen – Zweiter Band Roman aus den schweizerischen Bauernkriegen. Erstes Kapitel. Die englischen Handelsleute lenkten nun ihre Schritte zum Hofe des Herzogs von Burgund, nachdem sie im Verein mit den Schweizern beschlossen hatten, der Gesandtschaft vorauszuziehen. Sie ritten dahin, gleich Männern, die tief in ihre eigenen Betrachtungen versunken sind, und redeten wenig miteinander. Der Adel in der Natur des älteren Philippson und seine Hochachtung vor der Redlichkeit des Landammannes, verbunden mit der Dankbarkeit für dessen Gastfreundschaft, hatten ihn bewogen, seine Sache nicht von der der Schweizer Abgeordneten zu trennen, auch bereute er keineswegs die Großmut, die in seiner Anhänglichkeit an diese ehrlichen Leute lag. Wenn er aber das Wesen und die Beschaffenheit der persönlichen Angelegenheiten erwog, die er selber mit einem hochfahrenden, herrschsüchtigen und reizbaren Fürsten abzumachen hatte, konnte er es nur beklagen, daß zu seiner für ihn und seine Freunde hochwichtigen Sendung nun noch die Botschaft von Männern hinzugekommen war, die dem Herzoge von Burgund verhaßt waren; und wie dankerfüllt er auch für die auf Geierstein genossene Bewirtung war, so beklagte er doch die Verhältnisse, die ihn sie anzunehmen genötigt hatten. Die Gedanken Arthurs waren nicht minder beklemmend. Abermals sah er sich von dem Wesen getrennt, zu dem stets seine Gedanken, fast ganz wider Willen, zurückkehrten. Und diese zweite Trennung hatte stattgefunden, nachdem er Anna von Geierstein nur noch innigeren Dank schuldig geworden war, und dabei fand er von neuem nur noch geheimnisvollere Nahrung für seine erhitzte Einbildungskraft. Wie sollte er das Gemüt und die äußere Schönheit Annas, die er als ein so liebliches, redliches, reines und einfaches Mädchen kennen gelernt hatte, mit denen der Tochter eines Weisen und Elementargeistes vereinbaren, für die die Nacht gleich dem Tage und ein undurchdringlicher Kerker nichts anderes als eine rings offene Säulenhalle war? Konnten beide einunddasselbe Wesen sein? Oder, da sie sich genau an Gestalt und Gesichtszügen glichen, war die eine ein Geschöpf dieser Erde, die andere bloß ein gespenstisches Wesen, dem es gestattet ist, sich unter den Lebenden zu zeigen? Vor allem sollte er sie niemals wiedersehen, nie von ihren eigenen Lippen eine Erklärung der Geheimnisse vernehmen, die so mystisch mit seinen Erinnerungen an das Mädchen verflochten waren? Das waren die Fragen, die das Gemüt des jungen Reisenden beschäftigten und ihn hinderten, die Träumereien, in die sein Vater versunken war, zu unterbrechen. Das linke Ufer des Rheines, das zum größten Teil zum Reiche Karls von Burgund gehörte, befand sich unter dem geregelten Schutze ordentlicher Obrigkeiten, die mit Hilfe großer Scharen von Söldnern ihres Amtes walteten. Diese wurden von Karl aus seinem Privatschatze besoldet; er sowohl als sein Nebenbuhler Ludwig, und andere Potentaten jener Zeit, hatten ausfindig gemacht, daß das Lehnswesen ihren Vasallen zur Unabhängigkeit verhalf, weshalb sie auf den Gedanken gerieten, an dessen Statt ein stehendes Heer zu errichten, das aus Freigenossen und Söldnern von Handwerk bestand. Italien lieferte die meisten dieser Scharen, die den Kern von Karls Truppen, mindestens denjenigen Teil ausmachten, auf den er das meiste Vertrauen setzte. Unsere Reisenden setzten deswegen ihren Weg am Ufer des Rheins ungefährdet fort, bis endlich der Vater, nachdem er eine Weile die Person des von Arthur angenommenen Führers betrachtet hatte, plötzlich seinen Sohn fragte, wer oder was der Mann wäre. Arthur versetzte, in seinem Eifer einen Menschen zu finden, der des Weges genau kundig und gern bereit wäre, sie ehrlich zu führen, hätte er nicht sonderlich nach des Mannes Stand und Beschäftigung gefragt; dem Aeußern nach, sei er wohl einer jener wandernden Geistlichen, die mit Reliquien, Ablaß und anderen kirchlichen Nichtigkeiten durch das Land zögen, und die man im allgemeinen, das jüngere Volk ausgenommen, gering schätzte, weil diese Verkäufer von Gegenständen des Aberglaubens nicht selten sich grober Betrügereien schuldig machten. Des Mannes Aeußere glich eher dem eines andächtigen Laien oder Pilgers, der auf seiner Wanderschaft verschiedenen Altären sich nahen mußte, als dem eines Almosen sammelnden Bruders oder Bettelmönches. Er trug den Hut, den Brotsack und das härene Gewand eines solchen. Sankt Peters Schlüssel, aus einem scharlachroten groben Stücke Zeuge, war auf dem Rücken seiner Kutte, und zwar, wie Wappenkundige es nennen, in Form eines Andreaskreuzes plump aufgenäht. Er schien ein Mann von fünfzig Jahren und darüber zu sein, wohl gebaut und rasch für sein Alter, mit einem Angesicht, das zwar nicht häßlich, jedoch auch nichts weniger als wohlgestaltet war. Seine Augen und Gebärden verkündeten Schlauheit und standen daher im Widerspruch mit dem scheinheiligen Benehmen, das sein Stand ihm auferlegte. Dieser Unterschied zwischen seiner Kleidung und seiner Gesichtsbildung war bei Leuten von seiner Art nicht selten, da oft fragwürdige Menschen die Kutte des Mönches mehr als Deckmantel räuberischen und müßigen Wandels, als aus irgend einem gottesfürchtigen Antriebe wählten. »Wer seid Ihr, guter Mann,« fragte Philippson, »und bei welchem Namen habe ich Euch zu nennen, solange wir Reisegefährten sind?« – »Bartholomäus, Herr,« sagte der Mann, »Bruder Bartholomäus; wiewohl es einem armen Laienbruder kaum zusteht, einen so gelehrt klingenden Namen zu führen.« – »Und wohin führt Deine Reise, guter Bruder Bartholomäus?« – »Allwege dahin, wohin Euer Liebden ziehen wollen,« antwortete der Pilger, »vorausgesetzt, daß Ihr mir gestattet, meine Andacht an den heiligen Orten zu verrichten, durch die wir kommen.« – »Es kommt Dir also nicht darauf an, ein bestimmtes Ziel schnell zu erreichen?« fragte der Reisende. – »Meine Pilgerfahrt hat so viele Zwecke,« antwortete der Mönch, »daß es mir gleichgültig ist, welchen ich zuerst erreiche. Meine Gelübde legen mir auf, vier Jahre lang von Altar zu Altar, von Heiligenbild zu Heiligenbild zu wandern; allein ich bin nicht gebunden, sie in vorgeschriebener Reihenfolge zu besuchen.« – »Das heißt, Dein Pilgerschaftsgelübde hindert Dich nicht, Dich diesem oder jenem Reisenden als Führer zu verdingen?« erwiderte Philippson. »Wenn ich die Andacht an den Altären der gottgesegneten Heiligen mit einem Dienste vereinigen kann, den ich einem wandernden Mitgeschöpfe erweise, das Führung auf seiner Reise von mir begehrt, so meine ich, daß beides sich miteinander vereinbaren läßt,« sagte Bartholomäus. In diesem Gespräch wurden sie unterbrochen, denn es kamen Fremde hinter ihnen her. Als erste überholte sie eine junge, höchst geschmackvoll gekleidete Dame auf einem spanischen Zelter, den sie mit seltener Anmut und Behendigkeit zu lenken wußte. Sie trug an ihrer rechten Hand einen jener Handschuhe, die man anlegt, wenn man einen Jagdfalken trägt, und ein Lerchenhabicht saß darauf. Ihr Kopf war mit einer Jagdmütze bedeckt, und sie trug, wie es zu jener Zeit häufig der Fall war, vorm Gesichte eine Art schwarzseidener Larve, die allerdings ihre Gesichtszüge verdeckte. Ungeachtet dieser Verhüllung klopfte Arthurs Herz in gewaltigen Schlägen, als er diese Fremde erblickte, denn er war sofort überzeugt, in ihr die unnachahmliche Form des Schweizermädchens zu erkennen, mit welcher seine Seele so unaufhörlich beschäftigt war. Ihre Begleiter waren ein Falkenierer mit seinem Jagdstecken und eine weibliche Person, die beide dem Anscheine nach zu ihrer Dienerschaft gehörten. Der ältere Philippson, dessen Erinnerungsvermögen nicht so lebendig war wie das seines Sohnes, sah in der schönen Fremden nur eine Dame oder ein Fräulein von Bedeutung, die sich auf der Falkenjagd befände, und fragte sie zur Erwiderung ihres schnellen Grußes bloß mit geziemender Höflichkeit, ob sie diesen Morgen gute Beute gemacht hätte. »Unbedeutende, guter Freund,« sagte die Dame. »Ich darf meinen Vogel nicht so nahe an den breiten Strom fliegen lassen, sonst möchte er mir zum andern Ufer hinüber entwischen und ich mit ihm meinen Gefährten verlieren. Allein ich rechne darauf, ein besseres Wild zu finden, sobald ich die andere Seite der Fähre, der wir uns jetzt nähern, erreicht haben werde.« – »Dann mögt Ihr, edle Dame,« sagte Bartholomäus, »die Messe in der Kapelle hören und um gute Jagd bitten.« – »Ich wäre eine Heidin, wenn ich an dem heiligen Orte vorüberzöge, ohne solches zu tun,« versetzte die Fremde. – »Das, edle Dame, berührt gerade den Punkt, worüber wir eben sprachen,« sagte der Führer Bartholomäus, »denn ich kann diesen werten Herrn nicht überzeugen, wie wichtig es für das Gelingen seines Unternehmens ist, die Segnungen Unserer heiligen Mutter zur Fähre zu erlangen.« »Der ehrliche Mann,« sagte die junge Dame ernsthaft, ja in etwas strengem Tone, »muß wenig vom Rheine wissen. Ich will diesem Herrn die Notwendigkeit erklären, Euren Rat zu befolgen.« – Nun ritt sie nahe an den jungen Philippson heran und sprach, während sie sich bisher einer rein hochdeutschen Aussprache bedient hatte, in schweizerischer Gebirgsmundart: »Erstaune nicht, sondern höre mich!« und die Stimme war die der Anna von Geierstein. – »Sei nicht bestürzt, sage ich – oder laß Dir mindestens nichts merken! Du bist von Gefahren umringt. Besonders auf dieser Straße ist Eure Absicht bekannt – Eurem Leben wird nachgestellt. Setze bei der Fährkapelle über den Strom.« Hier drängte sich der Führer so nahe zu ihnen, daß sie es für unmöglich zu halten schien, die Unterredung fortzusetzen, ohne von ihm gehört zu werden. In demselben Augenblick flog eine Schnepfe aus dem nahen Gebüsch auf, und die junge Dame ließ ihren Habicht, den sie auf der Hand trug, hinter ihr her. – »Hussahoh! Hoho! Hoha!« schrie der Falkenierer in einem Tone, von dem rings die Gebüsche widerhallten, und ritt dann hinterdrein. Der ältere Philippson und selbst der Führer folgten mit lebhaften Blicken dem Jagdtiere, so anziehend war jene Jagdweise für Leute aus allen Ständen. Allein über des Mädchens Stimme hätte Arthur noch weit interessantere Dinge außer acht gelassen. »Setzt über den Rhein,« widerholte sie, »auf der Fähre nach Kirchhof. Nehmt Eure Wohnung im Goldenen Vließe, wo Ihr einen Führer nach Straßburg finden werdet. Ich darf hier nicht länger weilen.« – Indem die Dame so redete, erhob sie sich im Sattel, gab ihrem Rosse einen leichten Schlag mit dem locker gehaltenen Zügel, und das feurige Tier, das längst schon ungeduldig geworden war, sprengte mit einer Schnelligkeit davon, als wollte es den Habicht im Fluge einholen. – Die Dame und ihre Begleiter waren bald den Blicken unserer Reisenden entschwunden. Ein tiefes Schweigen herrschte eine Zeitlang. Arthur sann nach, wie er seinem Vater die erhaltene Warnung mitteilen sollte, ohne den Argwohn ihres Führers zu erregen. Der Vater brach jedoch selbst das Schweigen, indem er zu dem Begleiter sprach: »Setze Deinen Gaul mehr in Bewegung und reite etliche Schritte weit voraus, ich möchte gern mit meinem Sohne allein reden.« – Der Führer gehorchte, und als wollte er die Meinung erwecken, daß sein Gemüt allzusehr mit himmlischen Dingen beschäftigt wäre, um irgend einen Gedanken an diese hinfällige Welt zuzulassen, brüllte er ein Psalmlied zum Preise des heiligen Wendelin, des Hirten, und das in so übelklingenden Tönen, daß die Vögel aus den Büschen aufflogen, an denen er hinritt. »Arthur,« sagte inzwischen der ältere Philippson, »ich bin fest überzeugt, daß dieser heulende, heuchlerische Landstreicher einen Anschlag gegen uns im Schilde führt; und ich glaube, wir führen ihn am besten irre, wenn ich unsere Nachtherberge und unsere Reiseroute ganz allein bestimme, ohne ihn zu Rate zu ziehen.« – »Eure Folgerung ist richtig wie immer,« sagte sein Sohn, »ich bin ebenfalls überzeugt, daß er ein Verräter ist, denn die Dame, die eben hier war, hat mir zugeflüstert, wir sollten uns nach Straßburg an der Ostseite dieses Stromes wenden und vorerst nach dem gegenseitigen Ufer zu einem Orte übersetzen, der Kirchhof heißt. Und daß ihr Rat getreu ist, dafür will ich mein Leben verpfänden.« – »Wie!« sprach der Vater, »weil die Schöne zu Gaul sitzt und einen fehlerfreien Wuchs zeigt? Das heißt, wie ein Knabe folgern – und doch fühlt mein eigenes altes, vorsichtiges Herz sich geneigt, ihr zu trauen. Wenn unser Geheimnis in diesem Lande kund geworden ist, so gibt es ohne Zweifel viele, die sich ein Verdienst zu erwerben meinen, wenn sie mir den Zutritt zum Herzog von Burgund, selbst durch die gewalttätigsten Mittel, verwehren; und wohl weißt Du, daß ich mein Leben daranzusetzen habe, meine Botschaft auszurichten. Ich sage Dir, Arthur, daß ich mir innerlich Vorwürfe mache, bisher so wenig Sorgfalt auf mein Geschäft verwendet zu haben, indem ich dem natürlichen Wunsche folgte, Dich in meiner Gesellschaft zu wissen. Es liegen jetzt, den Hof des Herzogs zu erreichen, zwei Wege vor uns, die beide gefahrvoll und ungewiß sind. Entweder wir folgen diesem Führer und wagen es auf seine Treue, oder wir nehmen den Wink jenes Fräuleins an und setzen über nach dem andern Ufer, um bei Straßburg dann wieder über den Rhein zu fahren. Beide Wege sind vielleicht auf gleiche Weise gefahrvoll. Ich halte es für meine Pflicht, einem etwaigen Mißlingen meines Auftrages vorzubeugen, indem ich Dich hinüber an das rechte Ufer sende, während ich hier auf dieser Seite weiterziehe. So kann, wenn einer von uns aufgehalten wird, der andere doch wohl entrinnen, und die wichtige Botschaft, die er bei sich führt, genügend ausrichten. Die Pflicht gebeut es uns. Wir müssen uns trennen.« »Nun denn,« versetzte der Sohn lebhaft, »so setze Du, mein Vater, über den Rhein und laß mich die Reise auf dem anfänglich bestimmten Wege fortsetzen.« – »Und warum, ich bitte Dich,« fragte der Kaufmann, »soll ich gerade diese Straße wählen?« – »Weil,« erwiderte Arthur, »ich mit meinem Leben dafür bürge, daß dieses Mädchen es ehrlich gemeint hat.« – »Schon wieder, junger Mann,« sagte der Vater, »und warum hegst Du soviel Vertrauen zu der Fremden? Kennst Du sie denn etwa näher?« – »Das tut ja doch nichts zur Sache, teuerster Vater,« antwortete der Sohn. »Ich schenke ihr Glauben, wie ich jeder ritterlichen Dame vertrauen würde. Drum nochmals! Setzt Ihr ans andere Ufer hinüber, denn dieses ist der sichrere Weg!« – »Und wäre es der Fall,« sagte der Vater im Tone zärtlichen Vorwurfs, »ist denn das ein Grund, meinen fast abgesponnenen Lebensfaden zu schonen und den Deinigen, mein lieber Sohn, der sich erst zu entwickeln begonnen hat, zu gefährden?« »Ei, Vater,« entgegnete der Sohn mit Feuer, »wenn Ihr so redet, vergeßt Ihr, daß Ihr weit befähigter seid als ich, die Aufgabe zu erfüllen, der Ihr Euch so lange gewidmet habt und die sich jetzt ihrer Vollendung zu nähern scheint. Ich kenne ja auch den Herzog nicht und würde mich nicht ausweisen können.« – »Du brauchst bloß diese Edelsteine vorzuzeigen, so wird man Deiner Botschaft unstreitig Glauben schenken,« antwortete der Vater. »Ich brauche diese Diamanten minder nötig, da ich mich auf andere Umstände beziehen kann, unter denen ich Glauben finden werde. Sobald sich eine Gelegenheit darbietet, wirst Du also zum jenseitigen Rheinufer hinüberfahren und erst bei Straßburg wieder an dieses Ufer zurückkehren, wo Du Nachrichten von mir in der Herberge zum fliegenden Hirsch finden wirst. Hörst Du dort keine Kunde von mir, so ziehst Du weiter zum Herzog und übergibst ihm die Päckchen.« Bei diesen Worten legte er so heimlich wie möglich das Kästchen mit dem diamantenen Halsgeschmeide in die Hand seines Sohnes. »Was außerdem noch Deine Pflicht ist,« fuhr der ältere Philippson fort, »das ist Dir wohlbekannt; nur beschwöre ich Dich, verzögere nicht durch müßige Nachfrage nach meinem Schicksale die Ausübung Deiner wichtigen Obliegenheiten! Und somit lebewohl, mein geliebter Sohn Arthur! Wollte ich mit dem Abschiede von Dir bis zu dem Augenblicke unserer Trennung warten, so würde mir nur kurze Frist verliehen sein, das Scheidewort auszusprechen, und kein Auge außer dem Deinigen darf die Träne sehen, die ich mir jetzt abwische.« Hierauf rief er den gottesfürchtigen Bartholomäus zurück, um ihn zu fragen, wie weit sie sich noch von der Kapelle zur Fähre befänden. »Ein halbes Stündlein,« war die Antwort, und in dieser Zeit erreichten, sie denn auch die Fähre. Zweites Kapitel. Am jenseitigen Ufer, an einer kleinen, von Wald und Buschwerk gelegenen Höhe lag der Flecken Kirchhof. Wenn das Fährschiff vom linken Ufer abging, wurde es selbst bei günstigen Verhältnissen stark vom Winde abgetrieben, bevor es die entgegengesetzte Seite des tiefen und vollen Rheines erreichen konnte, so daß es im schrägen Kurs nach Kirchhof gelangte. Andererseits mußte ein Kahn, der von Kirchhof abging, große Nachhilfe von Wind und Rudern haben, um mit seiner Ladung oder Mannschaft an der Kapelle zur Fähre anzulegen. Als der ältere Philippson mit einem einzigen Blick sich von der Beschaffenheit der Fähre überzeugt hatte, sprach er standhaft zu seinem Sohne: »Zieh hin, mein lieber Arthur, und tue, wie ich Dir befohlen habe,« – Mit von kindlicher Besorgnis zerrissenem Herzen gehorchte der Jüngling und schlug seinen Weg nach den einsam gelegenen Hütten ein, neben denen die Kähne lagen, welche sowohl zur Ueberfahrt als gelegentlich zum Fischen benutzt wurden. – »Euer Sohn verläßt uns?« fragte Bartholomäus den älteren Philippson. – »Für den Augenblick, ja,« sagte der Vater, »da er in jenem Weiler gewisse Nachfragen zu halten hat.« »Sollte diese Nachfrage,« entgegnete der Führer, »Eure Weiterreise betreffen, so kann ich, Preis sei den Heiligen! Eure Frage besser beantworten als jene Tölpel, die kaum Eure Aussprache verstehen.« – »Sollte ihre Auskunft uns unverständlich sein, so werden wir sie uns von Dir erläutern lassen,« sagte Philippson, »unterdessen führ mich zur Kapelle, wo mein Sohn wieder zu uns stoßen wird.« Sie gingen auf die Kapelle zu, jedoch mit langsamen Schritten, indem beide ihre Blicke seitwärts nach dem Fischerdörfchen wendeten; der Führer, als wollte er erforschen, ob der junge Reisende zu ihnen zurückkehrte, der Vater, um mit Besorgnis wahrzunehmen, ob an der breiten Rheinbucht ein Kahn flott würde, seinen Sohn nach dem Ufer hinüberzutragen, das für das sicherere gehalten wurde. Etliche umher sich erhebende Bäume gaben dem Orte ein angenehmes, waldartiges Aussehen, und die Kapelle, die sich auf einer Erhöhung in einiger Entfernung von dem Weiler erhob, war in gefälliger Einfachheit, die der Gesamtumgebung völlig entsprach, erbaut worden. Ihre geringe Größe bestätigte die Sage, nach der sie ursprünglich eine Fischerhütte gewesen war; und nur ein mit Baumrinde belegtes Kreuz aus Tannenholz zeigte den Zweck an, dem sie jetzt gewidmet war. Die Kapelle, sowie die Umgebung atmeten Frieden und feierliche Ruhe, und das dumpfe Plätschern des gewaltigen Stromes schien jeder menschlichen Stimme, die sich mit dem ehrfurchtgebietenden Murmeln des Wassers hätte vermischen wollen, Stillschweigen zu gebieten. Als Philippson dem Orte näher kam, benutzte Bartholomäus die Gelegenheit, die das Schweigen des Reisenden ihm darbot, um zwei Strophen zum Preise »Unserer lieben Frau zur Fähre« herzubrüllen, worauf er wie ein Verrückter zu schreien anfing: »Hierher, Ihr, die Ihr Schiffbruch fürchtet, hier ist Euer Hafen! Hierher Ihr, die Ihr verdürstend schmachtet, hier ist ein Gnadenbronn Euch geöffnet! Hierher Ihr, die Ihr müde und weither gereist seid, hier ist Euer Erquickungsort!« Und mehreres dergleichen würde er noch gesagt haben, allein Philippson gebot ihm ernsten Tones zu schweigen. – »Wären Deine Andachtsübungen aufrichtig,« sagte er zu dem Pilgrim, »so würdest Du dabei nicht so schreien; allein es ist wohlgetan, das zu tun, was an sich selbst gut ist, auch wenn ein Heuchler es uns rät. – Laß uns eintreten in diese heilige Kapelle und beten für einen gesegneten Ausgang unserer bedenklichen Reise.« Der Ablaßkrämer fing die letzten Worte auf. – »Wußte ich doch gewiß,« sprach er, »daß Euer Gestrengen allzu wohl unterrichtet sein müßten, um an diesem heiligen Orte vorüberzugehen, ohne den Schutz und den Einfluß unserer lieben Frau zur Fähre anzuflehen. Verzeihet nur einen Augenblick, bis ich den Priester finde, der diesem Altare dient, daß er zu unserm Heil eine Messe lese.« Da öffnete sich plötzlich die innere Tür der Kapelle, und ein Geistlicher erschien auf der Schwelle. Philippson erkannte in ihm sofort den Pfarrherrn von St. Paul, den er diesen Morgen in La Ferette gesehen hatte. Auch Bartholomäus erkannte ihn, wie es schien; denn seine amtsmäßige heuchlerische Beredsamkeit versagte ihm für einen Augenblick, und er stand mit über die Brust geschlagenen Armen vor dem Priester, einem Menschen gleich, der sein Verdammungsurteil erwartet. – »Schändlicher!« sprach der Geistliche mit strengem Blick auf den Führer; »leitest Du einen Fremden in die Wohnung der gesegneten Heiligen, daß Du ihn erschlagen und berauben möchtest? Allein der Himmel wird Deine Gottlosigkeit nicht länger dulden. Zurück, Du Elender, zu Deinen verworfenen Gesellen, die hierher eilen. Sage ihnen, daß Deine Ränke nichts fruchteten und der unschuldige Fremde unter meinem Schutze stände. Wer ihm Unheil zufügen will, wird den Lohn erhalten, den Archibald, der Hagenbacher, empfing.« – Der Führer stand ganz bewegungslos, als der Pfarrherr ihn auf so drohende, gebietende Weise anredete; und nicht eher hörte letzterer auf zu reden, als bis Bartholomäus, ohne ein Wort der Rechtfertigung oder des Widerspruches zu wagen, sich wendete und schnellen Schrittes denselben Weg Zurückging, auf dem er zur Kapelle gelangt war. »Und Ihr, würdiger Engländer,« sprach der Priester, »tretet her zu diesem Altäre und vollendet in Sicherheit die Andacht, unter deren Vorwand jener Heuchler Euch hier zurückhalten wollte, bis seine gottlosen Genossen herangekommen wären. Jedoch zuvor sprecht, warum Ihr allein seid? Ich will hoffen, es habe Euren jungen Reisegesellen kein Unfall betroffen.« – »Mein Sohn,« sagte Philippson, »geht über den Rhein auf jener Fähre, da wir am andern Ufer wichtiges Geschäft zu besorgen haben.« Indem er so sprach, sah man einen Kahn vom Ufer stoßen und in den Strom schießen, der ihn fast hinwegriß, bis ein ausgespanntes Segel, ihn in den Stand setzte, in schräger Richtung den Fluß zu durchschneiden. – »Nun, Gott sei gelobt,« sagte Philippson, denn er erkannte, daß die Barke, die er im Auge hatte, nunmehr seinen Sohn außer dem Bereich der Gefahren brachte, von denen er selbst sich umringt sah. – »Amen!« setzte der fromme Priester hinzu. »Große Ursache habt Ihr, dem Himmel zu danken.« – »Des bin ich überzeugt,« versetzte Philippson, »aber dennoch hoffe ich von Euch die besondere Ursache der Gefahr zu vernehmen, der ich entronnen bin?« – »Zu solcher Auseinandersetzung ist hier weder Zeit noch Ort,« antwortete der Pfarrherr von St, Paul. »Es genügt zu sagen, daß jener Bursche, der wegen seiner Heuchelei und seiner Missetaten nur allzu bekannt ist, mit angesehen hatte, wie der junge Schweizer Sigismund den Schatz, der Euch von Hagenbach geraubt wurde, dem Scharfrichter wieder abnahm. Dadurch wurde die Habgier des Bartholomäus erregt. Er unternahm es, Euch als Führer bis Straßburg in der verbrecherischen Absicht zu dienen, Euch unterwegs so lange aufzuhalten, bis eine Rotte Meuchler heraufgekommen wäre, gegen die Widerstand vergebens sein würde. Allein, sein böser Plan ward vereitelt. Und jetzt, bevor Ihr irgend einem weltlichen Gedanken, so der Hoffnung, wie der Furcht, Raum gebt, tretet zum Altar, Herr, und sendet Gebete zu dem, der Euch Beistand lieh, sowie für die, deren er sich zu solchem Zwecke als Werkzeug bediente!« – Philippson trat mit seinem neuen Führer zum Altar und dankte dem Höchsten für die Errettung, die ihm zu teil geworden war. Als diese Pflicht getan war, äußerte Philippson seine Absicht, weiter reisen zu wollen, worauf der schwarze Priester erwiderte, daß, weit entfernt, ihn in einer so gefährlichen Gegend zu verlassen, er selber ihn vielmehr einen Teil des Wegs geleiten wollte, da auch er an den Hof des Herzogs von Burgund zu ziehen hätte. »Ihr? ehrwürdiger Vater, Ihr?« fragte der Handelsmann mit einigem Erstaunen. – »Und weshalb seid Ihr verwundert?« entgegnete der Pfarrer. »Ist es so seltsam, daß einer meines Standes eines Fürsten Hoflager besucht? Glaubt mir, es werden deren nur allzu viele daselbst gefunden.« – »Ich spreche nicht in Beziehung auf Euren Stand,« sagte Philippson, »sondern mit Rücksicht auf das Amt, das Ihr heute bei der Hinrichtung des Archibald von Hagenbach verwaltet habt. Kennt Ihr so wenig den heftigen Herzog von Burgund, daß Ihr Euch einbildet, mit seinem Zorn sicherer spielen zu können als mit der Mähne eines schlafenden Löwen?« – »Ich kenne seinen Grimm wohl,« sagte der Priester, »und nicht um den Tod des Hagenbachers zu entschuldigen, sondern um mich deswegen zu verteidigen, begebe ich mich in die Nähe des Herzogs. Karl von Burgund mag seine Knechte und Dienstmannen nach Gefallen behandeln, jedoch auf meinem Leben ruht ein Zauber, der fest ist gegen all seine Macht. Doch laßt mich die Frage zurückgeben – Ihr, Herr Engländer, der Ihr die Verhältnisse des Herzogs so genau kennt, Ihr, der Ihr erst jüngst der Gast und Reisegenoß der unwillkommensten Besucher waret, die jemals dem Herzoge sich nahen können; Ihr, dem Anscheine nach mindestens verwickelt in den Aufruhr zu La Ferette, – was bürgt Euch dafür, seiner Rache zu entgehen? Und weshalb wollt Ihr Euch freiwillig seiner Macht überliefern?« »Würdiger Vater,« sagte der Kaufmann, »laßt jeden von uns, ohne dem andern wehe tun zu wollen, sein Geheimnis für sich behalten. Ich besitze freilich keinen Zauber, um mich gegen des Herzogs Zorn zu schützen. – Ich habe Gliedmaßen, um Folter und Kerkerhaft zu erdulden, und Hab und Gut, das mir genommen werden kann. – Allein ehedem hatte ich manches mit dem Herzoge zu schaffen, ich kann sogar sagen, daß ich ihn mir verpflichtete, und hoffe, mein Ansehen bei ihm wird nicht nur mich vor den Folgen der Ereignisse dieses Tages schützen, sondern auch meinem Freunde, dem Landammann, nützlich sein.« – »Aber so Ihr wirklich an den Hof des Herzogs von Burgund als Kaufmann zieht,« sagte der Priester, »wo sind denn die Waren, mit denen Ihr handelt? Habt Ihr deren keine, als die, welche Ihr an Eurem Leibe führt? Ich hörte von einem beladenen Saumrosse. Hat jener Schurke Euch dessen beraubt?« Dies war eine verfängliche Frage für Philippson, welcher, bekümmert über die Trennung von seinem Sohne, keine Weisung gegeben hatte, ob das Gepäck bei ihm bleiben oder nach dem andern Rheinufer hinübergebracht werden sollte. So kam es, daß er, durch die Frage des Priesters verwirrt, etwas Unzusammenhängendes darauf antwortete, –»Ich glaube, mein Gepäck ist im Weiler – das heißt, wenn mein Sohn es nicht mit über den Rhein nahm.« – »Das wollen wir bald erfahren,« sagte der Priester. – Auf seinen Ruf erschien aus der Sakristei der Kapelle ein Novize und erhielt Befehl, im Weiler nachzuforschen, ob Philippsons Warenballen mitsamt dem Rosse, das dieselben trug, dort gelassen oder mit übergesetzt worden wären. Nach kurzer Abwesenheit kehrte der Novize hurtig mit dem Saumrosse zurück, das zusamt seiner Last von Arthur, aus Rücksicht auf seines Vater Bequemlichkeit, am westlichen Stromufer zurückgelassen worden war. Aufmerksam schaute der Priester ihn an, als Philippson sein Pferd bestieg, den Zügel in die Hand nahm und dem schwarzen Pfarrer mit folgenden Worten Lebewohl sagte: »Und nun, Vater, gehabt Euch wohl! Ich muß fürbaß ziehen mit meinem Gepäcke, ehe die Nacht hereinbricht; wäre das nicht, so würde ich mit Eurer Erlaubnis gern zögern, um Eure Gesellschaft unterwegs zu genießen.« – »Wolltet Ihr das wirklich, wie ich es in der Tat Euch eben anbieten wollte,« sagte der Priester, »so sollt Ihr drum Eure Reise nicht verzögern. Ich habe hier ein gutes Pferd; und Melchior, der sonst hätte zu Fuß gehen müssen, kann Euer Saumroß besteigen. Ich schlage dies um so mehr vor, da es übereilt von Euch gehandelt sein dürfte, bei Nacht zu reisen. Ich kann Euch zu einer etwa einer halben Stunde Weges von hier entlegenen Herberge führen, die wir bei Tage erreichen können. Dort seid Ihr für gutes Geld gar wohl aufgehoben.« Der englische Kaufmann hielt einen Augenblick inne. Er hatte keine Lust zu einem neuen Reisegefährten, und obgleich das Angesicht des Pfarrers für sein Alter eher hübsch als häßlich war, so war doch der Ausdruck darin keineswegs vertrauenerweckend. Im Gegenteil, auf des Mannes Stirn lag etwas Geheimnisvolles und Düsteres, und ein ähnlicher Ausdruck sprach sich in seinen matten grauen Augen aus und deutete auf Strenge, ja auf Härte des Gemüts. Doch hatte der Priester unserem Philippson einen bedeutenden Dienst erwiesen, indem er die Verräterei jenes heuchlerischen Führers aufdeckte, und der Kaufmann war kein Mensch, der sich durch irgend eine Voreingenommenheit beeinflussen ließ. Er nahm daher des Pfarrers Anerbieten, ihn an einen Ort der Erholung und Ruhe zu geleiten, höflich an. Nachdem man also einig war, führte der Novize den Gaul des Priesters vor, den dieser gewandt bestieg, und der Neophyt, der wahrscheinlich derselbe war, dessen Person Arthur bei seiner Flucht aus La Ferette hatte darstellen müssen, übernahm auf seines Vorgesetzten Befehl die Leitung des Saumrosses und schritt, nachdem er sich in gebückter Stellung bekreuzt hatte, als der Priester an ihm vorübergeschritten war, hinter dem Zuge her, wo er, gleich wie der tückische Bruder Bartholomäus, sich die Zeit dadurch zu vertreiben suchte, daß er mit einem Ernst, der mehr erzwungen, als aus wirklicher Frömmigkeit entstanden sein mochte, seinen Rosenkranz anbetete. Nach einem Blicke zu urteilen, den der schwarze Pfarrer von St. Paul auf seinen Novizen warf, schien er die Förmlichkeit in der Andacht des jungen Mannes geringschätzig anzusehen. Er ritt auf einem starken, schwarzen Gaule, der mehr dem Roß eines Kriegsmannes als der langsam einherschreitenden Stute eines Priesters glich, und die Art und Weise, wie er das Pferd lenkte, war frei von aller Angst und Unbeholfenheit. Sobald Philippson von Zeit zu Zeit seinen Begleiter betrachtete, wurde sein prüfender Blick durch ein hochmütiges Lächeln erwidert, das zu sagen schien: »Ihr starrt meine Gestalt und meine Gesichtszüge wohl an, jedoch das Geheimnisvolle, das mich umgibt, vermögt Ihr nicht zu durchschauen.« Die Blicke Philippsons, die noch nie vor einem sterblichen Menschen den Boden gesucht hatten, schienen gleich hochmütig zu erwidern: »Ebensowenig sollst Du, stolzer Pfaff, wissen, daß Du jetzt ein Begleiter dessen bist, der ein Geheimnis von ungleich größerer Wichtigkeit besitzt, als das Deine sein kann,« Nach einem halbstündigen Ritt gelangten sie in ein Dorf, und der schwarze Priester bemerkte, dies sei der Ort, wo er die Nacht zuzubringen gedächte. – »Der Novize,« sagte er, »wird Euch die Herberge zeigen, die in gutem Rufe steht, und wo Ihr sicher ruhen möget. Was mich betrifft, ich habe ein Beichtkind hier im Orte zu besuchen, das meines geistlichen Beistandes begehrt; vielleicht sehe ich Euch noch diesen Abend, vielleicht erst morgen früh. – Auf jeden Fall, gute Nacht für jetzt!« Drittes Kapitel. Der Novize ritt ein Stück mit Philippson, zeigte ihm ein halbverfallenes Gebäude, gab ihm dann den Zügel des Maultieres in die Hand und verschwand in der Dunkelheit. Da sich am Tore der Herberge niemand blicken ließ, fing unser Engländer an, durch lautes Rufen und endlich durch Klopfen seine Gegenwart kund zu geben; jedoch bekam er lange Zeit hindurch keine Antwort. Endlich steckte ein graubärtiger Aufwärter den Kopf durch ein kleines Fenster und fragte mit einer Stimme, die eher Verdruß über erfahrene Störung, als Hoffnung auf Gewinn von einem ankommenden Gaste auszudrücken schien, nach des Klopfenden Begehr. – »Ist dies eine Herberge?« versetzte Philippson.– »Ja!« erwiderte grob der Dienende und war im Begriff, sich vom Fenster zurückzuziehen, als der Reisende fortfuhr: »Und wenn es eine ist, kann man hier unterkommen?« – »Kommt herein!« war die kurze, dürre Antwort, – »Schickt jemanden heraus, die Pferde zu besorgen,« sagte Philippson. – »Niemand hat Zeit,« war die einladende Antwort, »Ihr müßt Euren Pferden selbst, so gut es geht, die Streu bereiten.« »Wo ist der Stall?« fragte der Kaufmann, der bei aller Klugheit und Gelassenheit gegenüber diesem mehr als holländischem Phlegma fast die Geduld verlor. – Der Bursch, der mit Worten so sparsam zu sein schien, als hätte er, wie die Prinzessin im Feenmärchen, mit jedem derselben einen Dukaten zu verschütten, zeigte auf eine Tür im Nebengebäude, das mehr einem Keller als einem Stalle glich, und zog sodann, als wäre er der Zwiesprache überdrüssig, den Kopf zurück, indem er das Fenster vor dem Gaste zuschlug, als wenn er einen zudringlichen Bettler abzufertigen hätte. Philippson machte aus der Not eine Tugend, führte die beiden Gäule nach der als Stalltür bezeichneten Pforte und war hocherfreut, als er Licht durch die Ritzen schimmern sah. Er trat mit seinen Tieren in den Raum ein, der so ziemlich das Kerkergewölbe eines alten Schlosses zu sein schien und mit einigen Krippen dürftig versehen war. Dieser sogenannte Stall war von bedeutender Länge, und am unteren Ende waren zwei oder drei Männer beschäftigt, ihre Pferde abzuschirren, zu bedecken und ihnen Futter vorzuwerfen. Das letztere wurde von dem Stallknechte, einem sehr alten verlahmten Manne gereicht, der die Hand weder an die Striegel, noch an den Mähnenkamm legte, sondern sich begnügte, das Heu abzuwägen und, wie es schien, den Hafer körnchenweise zu zählen, so besorgt, beugte er sich bei dem Scheine eines dünnen Lichtchens in einer hörnernen Laterne über seine Arbeit. Bei dem Geräusche, das der Engländer machte, als er mit seinen beiden Gäulen eintrat, wendete er nicht einmal den Kopf und schien nicht daran zu denken, sich um den Fremden zu kümmern oder ihm den geringsten Beistand zu leisten. »Laßt die Gäule hier stehen, oder nehmt sie mit, wie Ihr wollt,« brummte er, als Philippson ihn um Auskunft bat. Wahrend der Mann des Hafers sich also vernehmen ließ, schloß er seine orakelreichen Kinnbacken und konnte durch keine einzige Frage, die der Gast noch vorbringen mochte, bewogen werden, dieselben wieder zu öffnen. Im Verlaufe dieses kalten und widerwärtigen Empfanges bedachte Philippson die Notwendigkeit, sich als kluger und vorsichtiger Handelsmann zu zeigen, welches er an diesem Tage schon einmal zu tun vernachlässigt hatte, und indem er dem Beispiele der andern folgte, die gleich ihm beschäftigt gewesen waren, für ihre Gäule zu sorgen, nahm er sein Gepäck auf und schaffte es, nebst seiner eigenen Person in die Herberge. Hier war er eher geduldet als zugelassen: denn man gestattete ihm in die Gaststube oder in das allgemeine Versammlungsgemach einzutreten. Als Philippson seine Pferde versorgt hatte, trat er in die Gaststube, die sogenannte »Stove«, ein. Hier pflegten sich alle Reisenden, jedes Alters und Standes, zu versammeln, hier wurden sonder Scham und Scheu die Oberkleider zum Trocknen oder Auslüften rings umhergehängt – und die Gäste selbst sah man sich waschen und dergleichen Handlungen verrichten, die in neuerer Zeit gewöhnlich in die Zurückgezogenheit eines Ankleidezimmers verwiesen worden sind. Die verfeinerten Gefühle des Engländers hegten Widerwillen gegen diesen Auftritt, und es ekelte ihn an, sich unter diese Gesellschaft zu mischen. Aus diesem Grunde fragte er den Wirt, ob er ein von dem Gewühl abgelegenes Quartier erhalten könne, wo er für sich allein speisen und ruhen wolle. Der Wirt aber, ein sauertöpfischer Alter, schlug ihm dies rundweg ab, trotzdem gute Bezahlung dafür geboten wurde, und erklärte, daß in seinem Gasthause niemand eine besondere Wurst gebraten würde. »Herr Reisender,« sprach der Wirt, »wer immer in dieses Haus kommt, muß essen, was alle hier essen, trinken, was alle hier trinken, an dem Tische mit allen übrigen Gästen sitzen und schlafen gehen, wenn die Gesellschaft aufgehört hat zu zechen. Bleibt Ihr hier, so sollt Ihr mit gleicher Aufmerksamkeit, wie alle die andern, bedient werden – seid Ihr nicht gewillt, Euch zu verhalten wie die andern, so verlaßt mein Haus und sucht eine andere Herberge!« Nach diesem abweisenden Bescheid kehrte Philippson in die überfüllte Stove zurück. Etliche von den Gästen schliefen und schnarchten, derweil sie des Abendessens harrten, andere schwatzten über Landesangelegenheiten, andere spielten Würfel oder trieben sonstwelchen Zeitvertreib. – Die Gesellschaft war aus verschiedenen Ständen zusammengesetzt: von denen herab, die dem Anscheine nach wohlhabend und angesehen waren, bis zu denen, an deren Kleidung und Sitten zu erkennen war, daß sie noch gerade von der Armut unangetastet blieben. Ein Bettelmönch, ein Mann von anscheinend fröhlicher und heiterer Gemütsart, näherte sich unserm Philippson und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Der Engländer war bekannt genug mit dem Weltlauf, um einzusehen, daß er Stand und Vorhaben am besten unter einem geselligen und offenen Benehmen verbergen könne. Er nahm deswegen des Mönchs Annäherung gefällig auf und plauderte mit ihm über den Zustand Lothringens und darüber, wie man wohl den Versuch des Herzogs von Burgund, sich dieses Krongutes zu bemächtigen, in Frankreich wie in Deutschland aufnehmen möchte. Er begnügte sich damit, über diese Gegenstände die Meinung seines Gegenübers, zu vernehmen, indem er mit der eigenen Ansicht zurückhielt. Während er sich so in ein Gespräch einließ, das am meisten seinem Gewerbe zuzusagen schien, trat der Wirt plötzlich in das Gemach, bestieg eine alte Tonne, warf den Blick langsam auf das mit Menschen gefüllte Gemach und rief, nachdem er sattsam umhergeschaut hatte, in gebietendem Tone: »Schließt die Tore – macht den Tisch zurecht!« »Sankt Antonius sei gelobt!« sprach der Mönch, »Unser Wirt hat die Hoffnung aufgegeben, heute noch mehr Gäste für diese Nacht zu erhalten. Nun gibt's endlich was zu essen. Ha! hier kommt das Tischtuch, die alten Pforten des Hofraumes sind jetzt fest genug verriegelt, und wenn Johann Mengs einmal gesagt hat: »Schließt die Tore!« so mag der Fremde draußen klopfen, so lange er will, wir können versichert sein, daß ihm nicht aufgemacht wird.« – »Herr Mengs hält strenge Zucht in seinem Hause,« sagte Philippson. »Ebenso unbedingt Strenge und unumschränkte Zucht wie der Herzog von Burgund,« antwortete der Mönch. »Nach zehn Uhr keine Aufnahme! Wer draußen ist, bleibt draußen, und wer drinnen ist, muß drinnen bleiben, bis mit Tagesanbruch die Pforten geöffnet werden. Bis dahin gleicht das Haus einer belagerten Feste, Johann Mengs ist Vogt.« – Während sie so schwatzten, hatte der betagte Aufwärter unter Seufzen und Murren etliche Anschiebsel hervorgeholt, mittelst welcher ein in der Mitte stehender Tisch vergrößert wurde, so daß die Gesellschaft daran Platz finden konnte. Dann wurde ein Tuch darauf gedeckt, das sich weder durch besondere Reinlichkeit noch durch Feinheit des Gewebes auszeichnete. Als so der Tisch zur Aufnahme sämtlicher Gäste geordnet war, wurden vor jeden Gast ein hölzerner Plattteller, ein hölzerner Löffel und ein Trinkglas hingestellt, indem man annahm, daß mit einem Messer jeder selbst versehen sei. Was die Gabel anbelangte, so war dieselbe erst zu viel späterer Zeit bekannt, und alle Europäer bedienten in jenen Tagen sich der Finger, um, wie die Asiaten es noch jetzt tun, sich die Bissen auszuwählen und zum Munde zu führen. Kaum war die Tafel geordnet, als auch die hungrigen Gäste eilten, ihre Plätze einzunehmen. Die Schlafenden wurden geweckt, die Würfler entsagten ihrem Spiele, und die Müßigen und Plaudernden hielten inne mit ihren weisen Abhandlungen. Die Gäste saßen bald in Reih und Glied, jeder mit gezogenem Messer, der Speisen harrend, die sich noch unter den Händen des Kochs befanden. Mit verschiedenen Graden von Geduld hatten die Hungernden eine volle halbe Stunde gewartet, als endlich der alte Aufwärter mit einer Kanne Moselwein eintrat, der so leicht und so sauer war, daß Philippson seinen Becher niedersetzte, indem ihm, wie wenig er auch davon verschluckt hatte, doch jeder Zahn im Munde stumpf geworden war. Der Wirt, Johann Mengs, der am oberen Ende des Tisches einen erhöhten Sitz innehatte, verfehlte nicht, diesen Beweis von Insubordination zu rügen. »Der Wein schmeckt Euch wohl nicht, mein Herr?« sagte er zu dem englischen Kaufmann«, – »Als Wein, nein!« antwortete Philippson, »doch käme eine Speise, die gesäuert werden möchte, so würde ich schwerlich bessern Essig bekommen können.« – Dieser Scherz, wiewohl äußerst ruhig und gelassen vorgebracht, schien den Herbergsvater in Wut zu bringen. »Schweigt, Ihr boshafter Spötter!« rief er, »und legt sogleich bei mir und dem Weine, den Ihr verleumdet habt, ein gutes Wort ein; sonst gebe ich Befehl, das Abendessen bis Mitternacht zu verschieben.« Hier erhob sich ein allgemeiner Aufstand der Gäste, indem alle miteinander beteuerten, in Philippsons Tadel nicht einzustimmen. Die meisten schlugen vor, Johann Mengs sollte sich lieber an dem wirklich Schuldigen rächen, indem er ihn sofort zur Türe hinauswürfe, statt soviel schuldlose und hungrige Männer die Ungezogenheit eines einzelnen büßen zu lassen. Während Johann Mengs von allen Seiten mit Bitten und Vorstellungen bestürmt wurde, war der Mönch, gleich einem weisen Ratgeber und zuverlässigen Freunde, bemüht, den Zwist dadurch zu enden, daß er unserm Philippson riet, sich der Gewaltherrschaft des Wirtes zu unterwerfen. – »Würdige Gäste,« sagte Philippson, »es tut mir leid, unsern verehrten Wirt erzürnt zu haben, und ich bin soweit entfernt, den Wein zu verachten, daß ich eine Doppelkanne bezahlen will, damit sie in dieser ehrenwerten Gesellschaft herumgereicht werde, – nur darf man nicht verlangen, daß ich mittrinken soll.« – Diese letzten Worte wurden beiseite gesprochen; allein der Engländer erkannte an den verzerrten Mäulern etlicher Gäste, die mit einem zarteren Gaumen begabt waren, daß ihnen ebenso vor einem zweiten Schlucke des essigsauren Gesöffs graute. Der Mönch machte hierauf der Gesellschaft den Vorschlag, daß der fremde Handelsmann, statt mit einer Doppelkanne des von ihm geschmähten Weines gestraft zu werden, lieber zur Buße ein gleiches Maß eines feineren Weines zahlen solle, wie sie nach geendeter Mahlzeit gereicht zu werden pflegten. Hierin fanden so Wirt wie Gäste ihren Vorteil; und da Philippson sich des nicht weigerte, so wurde der Vorschlag einstimmig angenommen, und Johann Mengs gab von dem Sitze seiner Würde herab das Zeichen, die Speisen aufzutragen. Die langerwarteten Gerichte erschienen endlich, und die Gesellschaft fiel eifrig darüber her, Schüsseln voll Suppe und Gemüse, Teller voll geschmorten und gebratenen Fleisches machten die Runde um die Tafel, so daß jeder der Reihe nach davon nehmen konnte. Schwarze Klöße, gedörrtes Fleisch und getrocknete Fische gingen ebenfalls herum mit verschiedenem Eingemachten, Bortago, Caviar und dergleichen, die mit starken Gewürzen versehen und ganz darauf berechnet waren, Durst zu erwecken und zu rüstigem Trinken anzuregen. Weinkannen begleiteten diese aufreizenden Leckerbissen, und das darin enthaltene Getränk übertraf den zuvor gereichten Wein an Stärke, so daß binnen kurzem die ausgelassenste Laune an der Tafel herrschte. Philippson allein verhielt sich still, und Johann Mengs begann sich bereits darüber aufzuhalten, indem er Worte wie »Störenfried«, »Spaßverderber« fallen ließ, die alle auf den Engländer gemünzt waren und wohl bald die Mehrzahl der Gäste gegen den einsilbigen Genossen aufgehetzt hätten, der sich weigerte mitzuzechen und Miene machte, im Stuhl einzuschlafen; als plötzlich laut und anhaltend an das Tor des Gasthauses geklopft wurde. »Was gibt's denn da?« fragte Mengs, dessen Nase der Unwille noch höher rötete. »Welch böser Geist schlägt an die Pforte des Goldenen Vließes zu solcher Stunde, und das mit einer Gewalt, als donnere er an die Tür eines Freudenhauses? Hinaus einer an das Turmfenster – Gottfried, Du Schuft von einem Stallknecht, oder Du, alter Timotheus, sagt dem heftigen Manne, daß zu so ungehöriger Zeit niemand mehr herein darf.« Die beiden taten, wie ihnen befohlen war, und man konnte in der Stube hören, wie sie miteinander wetteiferten, dem Manne draußen, der durchaus eingelassen werden wollte, die Tür zu weisen. Doch kehrten sie bald zurück und berichteten ihrem Herrn, sie seien nicht imstande, die Hartnäckigkeit des Fremden zu beschwichtigen, der einfach nicht gehen wolle, bis er Mengs selbst gesprochen hätte. Der Gebieter im »Goldenen Vließ« fuhr von seinem Sessel auf, packte einen derben Knüttel, der sein gewöhnliches Scepter oder sein Herrscherstab zu sein schien, murmelte etwas in den Bart von Prügeln und Eimern kalten Wassers und stürzte zu dem Fenster, das auf den Hof hinausging. Es kam ganz anders, als die Gäste erwarteten; denn nachdem einige unhörbare Worte gewechselt worden waren, wurden zur allgemeinen Verwunderung die Tore der Herberge aufgeschlossen, und gleich darauf ließen sich Tritte zweier Männer auf der Stiege hören; dann trat mit allen Zeichen plumper Höflichkeit der Wirt herein und bat die Versammelten, einem verehrten Gaste Platz zu machen, der, wenn zwar spät, ihre Gesellschaft zu vermehren käme. Eine lange, düstere Gestalt, in einen Reisemantel gehüllt, folgte ihm; der Mantel fiel, und in dem Ankömmling erkannte Philippson sofort den schwarzen Priester von St. Paul. Dieser Umstand hatte an und für sich nichts Staunenerregendes, da es sehr natürlich war, daß ein Wirt, wie grob und frech er gegen gewöhnliche Gäste auch sein mochte, doch Rücksicht auf einen Geistlichen nehmen mußte. Philippson wunderte sich denn auch weniger darüber, als vielmehr über den Eindruck, den das Erscheinen dieses unerwarteten Gastes machte. Ohne weiteres setzte dieser sich an den obersten Platz der Tafel und ließ sein mattes graues Auge langsam und schleichend über die Gesellschaft schweifen, gleich als beabsichtigte er, in aller Herzen zu lesen. An Philippson sah er rasch vorüber und schien ihn nicht wiederzuerkennen; und trotz alles Mutes, der unserm Engländer zu eigen war, beschlich ihn doch ein Gefühl des Unbehagens, solange er sich unter den Augen dieses geheimnisvollen Mannes befand, so daß ihm wohler wurde, als dessen steinerner Blick von ihm ließ und auf einem andern in der Gesellschaft ruhte, der dann ebenfalls unter den eiskalten Blicken zu erbeben schien. Das Getöse berauschter Lust und trunkenen Streites, das lärmende, gellende Gelächter – alles war sofort verstummt, als ob das Festmahl in ein Leichenbegängnis, jeder Gast aber plötzlich in einen Stummen verwandelt worden wäre. Alle waren so gespannt darauf, was nun folgen würde oder was der Unheimliche zu sagen hätte, daß bei dem Schalle der Dorfglocke, die die erste Stunde nach Mitternacht verkündigte, die Gäste erstarrten, gleich als ob der dumpfe Klang ihnen den Ansturm eines Feindes oder den Ausbruch einer Feuersbrunst verkündigt hätte. Der schwarze Priester, der hastig etwas Speise zu sich genommen hatte, womit der Wirt ihn bereitwilligst versorgte, faßte den Glockenruf als Zeichen zum Dankgebet und zur Aufhebung der Abendtafel auf. »Wir haben gegessen,« sprach er, »um unser Leben zu fristen, lasset uns beten, daß wir tüchtig sein mögen, dem Tode zu begegnen, der dem Leben so zuverlässig folgt wie die Nacht dem Tage oder wie der Schatten dem Sonnenstrahle, obwohl wir nicht wissen, von wannen oder zu welcher Stunde er uns ereilen werde.« Wie mechanisch beugte die Gesellschaft das unbedeckte Haupt, während der Priester mit tiefer und feierlicher Stimme ein Gebet in lateinischer Sprache hersagte, worin er Gott für den am verflossenen Tage gewährten Schutz dankte und ihn anflehte, auch diesen Schutz während der zaubervollen Stunden zu verleihen, die noch bis zum Anbruch des neuen Tages verrinnen müßten. Als die Zuhörer wieder aufsahen, war der schwarze Priester mit dem Wirte zum Gemache hinausgegangen, wahrscheinlich um sich in die ihm als Schlafgemach angewiesene Kammer zu begeben. Kaum waren sie gewahr geworden, daß er fort war, so flüsterten sie miteinander und wechselten verstohlene Gebärden, doch keiner sprach laut, so daß Philippson nichts Deutliches verstehen konnte. Er selbst wagte, jedoch auch nur mit gedämpfter Stimme, den neben ihm sitzenden Klosterbruder zu fragen, ob der würdige Geistliche, der soeben hinausgegangen, nicht der Priester von St. Paul in dem Grenzorte La Ferette wäre. »Und so Ihr wisset, daß er es ist,« sagte der Mönch mit einem Blicke und einem Tone, aus denen jegliche Spur seines Rausches – denn er hatte trotz seines heiligen Standes wacker getrunken – plötzlich verschwunden war, »warum fragt Ihr mich denn?« – »Weil ich gern den Zauber kennen lernen möchte,« sagte der Kaufmann, »der so plötzlich all die lustigen Zecher in enthaltsame Männer und ein fröhlich Gelag in einen Konvent von Mönchen verwandelt hat.« – »Freund, wonach Du fragst,« sagte der Pater, »scheint Dir schon wohlbekannt zu sein. Doch ich bin kein Dummkopf, der sich so leicht fangen läßt. So Du den schwarzen Priester kennst, so mußt Du wissen, welchen Schrecken seine Gegenwart einflößt.« Mit diesen Worten zog er sich von Philippson zurück. In demselben Augenblick kam der Wirt wieder herein und befahl mit weit mehr feiner Sitte, als er bisher gezeigt hatte, der Gesellschaft den Nachttrunk zu reichen, der in einem Becher gewürzten Branntweins bestand; ein Getränk, wie es Philippson selten besser bekommen hatte. Unterdessen schrieb der alte Timotheus auf jeden Teller mit Kreide den Betrag, den ein jeder zu zahlen hatte, was durch herkömmliche Schriftzeichen kurz angedeutet wurde, während auf einem andern hölzernen Teller die Gesamtsumme verzeichnet wurde, die die Einzelzahlungen bringen würden, worauf er von jedem den Anteil einkassierte. Als der böse Teller, auf welchem das Geld geopfert werden mußte, an den lustigen Klosterbruder kam, schien dessen Gesicht sich ein wenig zu verwandeln. Er warf einen kläglichen Blick auf Philippson, von dem er am ersten Beihilfe erhoffte; und unser Kaufmann, wie unzufrieden er auch mit der Verschlossenheit des Mönches war, wollte doch in einem fremden Lande und in der Hoffnung, eine ihm vielleicht nutzbringende Bekanntschaft gemacht zu haben, eine kleine Ausgabe nicht scheuen und zahlte daher mit seiner eigenen Zeche auch zugleich die des Mönches. Der arme Pater stattete seinen Dank mit einem in gutem Deutsch und schlechtem Latein ausgesprochenen Segen ab, allein der Wirt fiel ihm dabei in die Rede; denn indem er sich Philippson mit einem Lichte näherte, bot er ihm seine Dienste an, um ihn in sein Schlafgemach zu führen; ja er hatte sogar die Herablassung, des Engländers Felleisen oder Mantelsack eigenhändig aufzuheben und fortzutragen. »Ihr gebt Euch zu viel Mühe, mein Herr Wirt,« sagte der Kaufmann etwas betroffen über die Veränderung in dem Benehmen dieses Johann Mengs, der ihn bisher so unfreundlich behandelt hatte, – »Ich kann nicht Sorge genug für einen Gast tragen,« war seine Antwort, »den mein ehrwürdiger Freund, der Priester zu St. Paul, ganz besonders meiner Obhut empfahl.« Dann öffnete er die Tür einer für einen Gast hergerichteten Schlafkammer und sagte zu Philippson: »Hier mögt Ihr ruhen bis morgen und bis zu welcher Stunde es Euch beliebt, und so viele Tage es Euch gefällt. Der Schlüssel wird Eure Habe gegen jeglichen Raub oder Diebstahl sichern. Ich tue das nicht für all und jeden; denn wenn von meinen Gästen jeder ein Bett für sich allein haben wollte, so würde jeder gleich auch an einem Tisch für sich essen wollen; und vorbei wäre es dann mit den guten alten deutschen Sitten, und wir würden ebenso läppisch und lüstern werden, wie unsere Nachbarn es sind. Ich hoffe, es herrscht kein Mißverständnis zwischen uns, mein werter Gast,« setzte er hinzu. »Wir deutschen Wirte tun uns nun einmal was zu gute darauf, nicht so höflich zu sein wie die französischen oder italienischen Wirte. Doch wenn auch unser Benehmen rauh ist, so sind doch unsere Forderungen billig, und was wir liefern, ist gut.« – In diesen Worten schien er seine ganze Beredsamkeit erschöpft zu haben; denn als sie gesprochen waren, drehte er sich kurz herum und verließ das Gemach. So hatte Philippson abermals keine Gelegenheit, nachzufragen, wer oder was dieser Geistliche sein könnte, der solchen Einfluß auf alle hatte, die sich ihm näherten. Er lechzte danach zu wissen, wer der Mann wäre, der die Macht besaß, durch ein einziges Wort den Mordstahl elsässischer Straßenräuber abzuwehren, die doch wie alle Grenzdiebe an Raub und Plünderung gewöhnt sein mußten, und der imstande war, die beispiellose Grobheit eines deutschen Herbergsvaters sofort in Höflichkeit umzugestalten. Viertes Kapitel. So anstrengend und aufreibend der Tag für den älteren Philippson auch gewesen war, so vermochte er nun doch nicht die ersehnte Ruhe zu finden. Er war zu aufgeregt, die Adern pulsierten ihm viel zu fieberisch, seine Besorgnis um den Sohn, seine Befürchtungen über den Ausgang seiner Sendung an den Herzog von Burgund, und tausend andere Gedanken, die ihn an frühere Erlebnisse erinnerten oder ihm künftige Erlebnisse vorspiegelten, fuhren ihm durch die Seele gleich Wogen eines aufgeregten Meeres und verscheuchten jede Hingebung zur Ruhe. Schon eine Stunde lang hatte er schlaflos im Bette gelegen, da fühlte er plötzlich, daß das Feldbett, auf dem er lag, unter ihm sank und mit ihm hinabglitt, ohne daß er wissen konnte, wohin. Das Knarren von Wirbeln und Stricken ließ sich, wenn auch undeutlich, vernehmen, als wenn man sich Mühe gäbe, sie so geräuschlos wie möglich arbeiten zu lassen, und der Reisende erkannte bald, daß das Bett, das ihn trug, auf einer Falltür gestanden haben müßte, mit welcher es in die unteren Gewölbe oder Gemächer hinabgelassen werden konnte. Furcht ergriff ihn; denn wie konnte er einen glücklichen Ausgang von einem Abenteuer hoffen, das so seltsam begonnen hatte? Jedoch seine Besorgnisse waren die eines tapferen, entschlossenen Mannes, der selbst in der dringendsten Gefahr die Geistesgegenwart nicht verlor. Obgleich an Jahren vorgeschritten, war er doch ein Mann von großer Körperstärke und Behendigkeit, und zu furchtbarer Gegenwehr entschlossen. Doch sollte ihm jeder Widerstand vereitelt werden; denn kaum erreichte er den Boden des Gewölbes, in das er hinabgelassen worden war, so legten von beiden Seiten zwei Männer, die sein Hinabsinken abgewartet zu haben schienen, Hand an ihn und warfen ihm einen Strick über die Arme. So war er gezwungen, sich widerstandslos dreinzugeben, und den Ausgang dieses fürchterlichen Abenteuers abzuwarten. Gebunden oder geschnürt, wie er war, konnte er nur den Kopf von einer Seite zur andern wenden; und mit Freuden erblickte er endlich schimmernde Lichter, die jedoch in weiter Ferne von ihm sichtbar wurden. Nach der Unregelmäßigkeit zu schließen, in der die einzelnen Lichter sich näherten, indem sie manchmal in gerader Linie sich bewegten, manchmal sich untereinander mischten oder durchkreuzten, mußte das Gewölbe, worin sie erschienen, von bedeutendem Umfange sein. Auch wuchs ihre Zahl immer mehr, und als mehrere an einem Punkt beisammen waren, konnte Philippson erkennen, daß der Lichtschein von vielen Fackeln ausging, die von Männern in schwarzen Mänteln getragen wurden. Sie schritten einher, gleich den Trägern einer Leiche, und hatten die Kappen über den Kopf gezogen, um ihr Gesicht zu verbergen. Sie schienen emsig beschäftigt zu sein, einen Teil der düsteren Kluft auszumessen, und dabei sangen sie in altdeutscher Sprache folgende Reime, die viel zu dumpf und fremdartig klangen, als daß Philippson sie hätte verstehen können. »Bringt, den Platz hier anzuweisen, Richtscheit, Schnur und Winkeleisen, Grube grabt und Altar setzt, Beide dann mit Blut benetzt, Sechs Schuh lang von Eck zu Ecken, Muß die Schreckensbank sich strecken, Sechs Schuh querbreit zwischen Richter Und verklagte Bösewichter – Das Gericht im Ost sich hebt, Wenn im West der Schuld'ge bebt. All und Einer saget an. Ob der Form genug getan?« Ein dumpfer Chor schien auf die Frage zu antworten. Nach den vielen Stimmen zu urteilen, war eine große Zahl bereits im unterirdischen Gewölbe, viele aber auch noch draußen in den mancherlei Zugängen, die mit demselben in Verbindung standen. Der Gesang der Antwort erklang folgendermaßen: »Bei Leib und Seele, bei Blut und Gebeinen, Einer für alle und alle für einen, Wird unser Tun wohl als recht erscheinen? Noch ist es Nacht. Im breiten Rhein Spiegelt sich der Sterne Schein, Kein Morgenlicht glänzt weit und breit. Nur eine Stimm' ist hörbar auf der Flut, Der finstre dumpfe Ruf nach Blut für Blut, Ihm zu gehorchen, ist's nun an der Zeit!« Der Chor erwiderte darauf in zahlreich vermehrten Stimmen: »Auf denn! Ging der Tag zur Rüst, Ist es Zeit für uns, zu wachen. Auf! daß zum Gericht wir taugen; Rache hat nicht Schläfers Augen – Rach' und Nacht Gemeinschaft machen!« Der Inhalt dieser Strophen brachte unsern Philippson bald zu der Erkenntnis, daß er sich in der Nähe der Femrichter befände, der berühmten Richter des heimlichen Gerichts, das zu jener Zeit in Schwaben, Franken und andern Gegenden des östlichen Deutschlands bestand. Philippson hatte gehört, daß insgeheim sogar auf dem linken Rheinufer ein Oberrichter dieses furchtbaren Tribunals seinen Sitz hatte, dessen Macht sich selbst über das Elsaß ausbreitete, obgleich Herzog Karl von Burgund, sie zu brechen, bemüht gewesen war. Aber die Dolche dieser geheimen Verbindung arbeiteten so furchtbar, daß es selbst für ein gekröntes Haupt gefährlich war, einen Vernichtungszug gegen die Feme zu versuchen. Diese Erwägungen klärten Philippson auch gleich über Stand und Rang des schwarzen Priesters von St. Paul auf, und er vermutete in diesem einen Präsidenten oder Oberrichter des heimlichen Gerichtes. Nun konnte er sich nicht mehr darüber wundern, daß dieser Mann es voller Zuversicht auf sich genommen hatte, die Hinrichtung des Hagenbachers zu rechtfertigen, daß sein Erscheinen jenen Bartholomäus, den er auf der Stelle hätte verurteilen und töten lassen können, in Schrecken versetzte und daß seine Anwesenheit an der Abendtafel zum »Goldenen Vließe« alle Gäste erblassen machte; denn obwohl alles, was das heimliche Gericht, dessen Tun und Treiben und dessen Richter und Beisitzer betraf, durchaus geheim gehalten wurde, so wußte man doch auch von dem und jenem, daß er einer der Richter wäre und gar hohe Gewalt bei dem Bundestribunal besäße. Solche Männer waren sehr gefürchtet, und niemand wagte, ihnen Achtung und Gehorsam zu verweigern. Alles dies ging dem Engländer durch den Kopf. Er fühlte, daß er in die Hände eines schonungslosen Gerichtes gefallen war, und daß es für einen freundlosen Fremdling, wie unschuldig er sich auch fühlen mochte, bloßer Zufall sein mußte, wenn ihm vor diesem Tribunal Gerechtigkeit zuteil würde. Zu gleicher Zeit beschloß er aber auch, seiner Sache nichts zu vergeben, sondern sich auf das beste zu verteidigen. So lag er da, während die Männer, die er im Lichtschimmer vor sich sah, wie Phantome eines Fieberkranken erschienen. Endlich versammelten sie sich im Mittelpunkte des Gewölbes und stellten sich in Reih und Glied. Eine Menge schwarzer Fackeln wurde nach und nach angezündet, bis der Ort völlig erleuchtet war. In der Mitte konnte Philippson jetzt einen der Altäre wahrnehmen, die sich bisweilen in alten, unterirdischen Kapellen befinden. Hinter dem Altar, der den Mittelpunkt zu bezeichnen schien, auf welchen aller Blicke gerichtet waren, befanden sich, gleichlaufend hingestellt, schwarzbehangene Bänke. Jede derselben war mit einer Anzahl Personen besetzt, welche Richter zu sein schienen. Allein die, welche auf der vordersten Bank saßen, waren minder zahlreich und schienen höheren Ranges als diejenigen, die die übrigen Sitze innehatten. Erstere schienen durchweg Männer von Bedeutung, hohe Geistliche, Ritter und Adelige zu sein, und obschon unter allen Anwesenden eine gewisse Gleichheit zu herrschen schien, so wurde doch auf die Meinung und das Zeugnis der ersteren ein größeres Gewicht gelegt. Sie hießen Freiritter oder Freigrafen, während die Richter der geringeren Klasse den Namen Beisitzer führten. Außer denen, die die Bänke besetzt hielten, standen andere umher, schienen die verschiedenen Eingänge zur Gerichtssitzung zu bewachen oder verhielten sich hinter den Sitzen ihrer Oberen, bereit, die Befehle der letzteren auszuführen. Auch diese waren Mitglieder des Ordens, jedoch von niedrigerem Range. Gewöhnlich wurden sie Frei- oder Femschöffen, also Diener des heimlichen Gerichtes, genannt, dem sie geschworen hatten, Gutes wie Böses zu berichten, auch wenn es ihre nächsten geliebtesten Verwandten betraf. Die Missetat selbst einer Mutter vor dem Tribunal zu verheimlichen, wäre ebenso strafbar gewesen, als hätte der betreffende Schöffe oder Beisitzer das Femverbrechen selber begangen. Als die Richter versammelt waren, wurde ein Strick und ein bloßes Schwert, die wohlbekannten Sinnbilder der heiligen Feme, auf dem Altar niedergelegt, wobei das Schwert, gewöhnlich mit einem Griff in Form eines Kreuzes versehen, als das geheiligte Emblem der christlichen Erlösung, der Strang aber als Zeichen des Rechtes, des Urteils auf Leben und Tod, anzusehen war. Dann erhob sich der Vorsitzer oder Freigraf, der den mittelsten Platz auf der ersten Bank einnahm, legte seine Hand auf die Symbole und sprach laut die Eidesformel der Richter aus, die von allen Beisitzern und Schöffen mit dumpfer und tiefer Stimme nachgesagt wurde. »Ich gelobe und schwöre bei der heiligen Dreifaltigkeit, sonder Erlaß den Dingen fördersam zu sein, die die heilige Feme betreffen, deren Grundsätze und Wahrsprüche gegen Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Weib und Kinder durchzuführen, auch gegen Feuer, Wasser, Luft und Erde, gegen alles, was die Sonne bescheint, gegen alles, was der Tau benetzt, gegen alle erschaffenen Dinge im Himmel und auf Erden oder in den Wassern und unter der Erde; und ich schwöre, dem heiligen himmlischen Gerichte alles kundzutun, was ich für wahr halte oder durch glaubwürdiges Zeugnis als wahr angeben höre und was nach den Satzungen der heiligen Feme Tadel oder Strafe verdient; schwöre, daß ich nichts bemänteln oder verhehlen will, wovon mir Kunde wird, weder um der Liebe, noch um der Freundschaft willen, noch um Goldes, Silbers und aller Edelsteine willen; auch will ich nicht Bündnis schließen mit den Verfemten, das heißt, ich will keinem Schuldigen einen Wink geben von der ihm drohenden Gefahr, will ihm nicht Rat erteilen zur Flucht, ihm weder mit Hilfe noch mit Hilfsmitteln dazu an die Hand gehen; will solchen Schuldigen weder Feuer noch Bekleidung, weder Nahrung noch Obdach reichen, ja, sollte auch mein Vater von mir einen Becher Wassers bei der Glut eines Sommertages erbitten oder mein Bruder in der bitterkältesten Winternacht an meinem Herde zu sitzen begehren. Und endlich gelobe und schwöre ich, den Bund der heiligen Feme zu ehren und dessen Geheiß vorzugsweise vor jedem Spruch eines andern Gerichtes rasch, getreu und standhaft auszuführen. – So wahr mir Gott helfe und seine heiligen Evangelisten!« Nachdem dieser Amtseid geleistet worden war, redete der Oberrichter oder Freigraf die Versammelten als Männer an, die gleich der Gottheit im verborgenen richten und strafen, und forderte sie auf, ihm zu sagen, warum dieser Sohn des Stranges[R1] gebunden und hilflos vor ihnen läge? Einer der Richter erhob sich auf einer der entferntesten Bänke und erklärte in einer Stimme, die, obschon sie verstellt wurde, Philippson doch zu erkennen glaubte, er erscheine vor dem heiligen Gerichte, dem er durch seinen Eid verpflichtet wäre, als Kläger gegen den vor ihnen liegenden Gefangenen oder Sohn des Stranges. »Bringt den Gefangenen heran!« sagte der Freigraf. Sechs der Schöffen trugen sofort das Feldbett, auf dem Philippson lag, vor den Altar. Als dies geschehen war, entblößte jeder von ihnen seinen Dolch, während zwei ihn von seinen Banden lösten und ihn leise warnten, daß er beim geringsten Versuch, Widerstand zu leisten oder zu fliehen, niedergestochen würde, »Erhebe Dich,« sagte der Freigraf, »höre auf die Klage, die gegen Dich vorgebracht werden wird, und glaube, daß Du in uns eben so gerechte wie unbeugsame Richter finden wirst.« [F1: Sohn – oder Kind des Stranges hieß der vor der Feme Angeklagte.] Philippson, der noch Unterwams und Beinkleider anhatte, richtete sich auf dem Lager zu sitzender Stellung auf, so daß er den vermummten Oberrichter des entsetzlichen Tribunals ins Auge fassen konnte. Selbst unter diesen fürchterlichen Umständen blieb der unerschrockene Engländer gefaßt und zuckte mit keiner Wimper, sein Herz pochte nicht stärker als sonst, obwohl er, wie es in der Schrift heißt, ein Pilgrim im Schatten des Todes zu sein schien, umgarnt von Schlingen und umringt von dichter Finsternis, da, wo Licht zu seiner Sicherheit so nötig war. – Der Freigraf fragte ihn nach seinem Namen, seinem Geburtslande und seiner Beschäftigung. – »John Philippson,« war die Antwort, »von Geburt ein Engländer, von Gewerbe ein Kaufmann.« – »Habt Ihr jemals einen anderen Namen geführt und ein anderes Gewerbe betrieben?« fragte der Richter. »Ich bin Kriegsmann gewesen – und war damals unter einem andern Namen im Heere bekannt,« – »Wie nanntet Ihr Euch da?« – »Ich habe den Namen zusammen mit dem Schwerte abgelegt und will unter diesem Namen nie wieder gekannt sein. Ueberdies führte ich ihn damals da, wo Euer Gericht nichts zu sagen hat,« antwortete der Engländer. – »Weißt Du, vor wem Du stehst?« fuhr der Richter fort. – »Ich glaube, ich befinde mich vor dem heimlichen Gericht der Feme.« »Ganz richtig,« versetzte der Richter, »dann weißt Du auch, daß Du Dich sicherer fühlen würdest, hingst Du an einem Haare über dem Rheinfall bei Schaffhausen, oder lägest Du unter einem Henkerbeil, das nur durch einen seidenen Faden am Fallen gehindert wird. Was hast Du verbrochen, daß Du hier stehst?« – »Darauf mögen die antworten, die mich dem Gerichte überliefert haben,« antwortete Philippson mit eben der Gelassenheit wie vorher. »Sprich, Kläger,« sagte der Freigraf, »sprich zu allen vier Winden des Himmels! sprich zu den Ohren der freien Schöffen dieses Gerichtes und zu den getreuen Spruchvollstreckern! sprich in das Angesicht dieses Sohnes des Stranges, der seine Schuld verhehlt oder leugnet, rechtfertige also Deine Klage!« »Höchstgefürchteter!« redete der Kläger den Freigrafen an; »dieser Mann hat sich dem Boden genaht, der die rote Erde heißt – ein Fremdling unter falschem Namen und erlogenem Gewerbe. Als er noch auf der Ostseite der Alpen zu Turin in der Lombardei und an anderen Orten weilte, hat er zu mehrerenmalen von der heiligen Feme in Worten des Hasses und der Verachtung gesprochen und erklärt, wäre er Herzog von Burgund, so würde er ihr nicht gestatten, sich aus Westfalen und Schwaben in seine Staaten zu verpflanzen. Auch klage ich ihn an, daß er die Absicht geäußert hat, an den Hof des Burgunderherzogs zu ziehen, um seinen Einfluß daselbst gegen das heilige Gericht geltend zu machen, der, wie er vorgibt, bedeutend genug sein wird, ein Verbot gegen die Sitzungen der Feme in den burgundischen Landen auszuwirken und die Richter und Schöffen des Gerichtes mit denjenigen Strafen belegen lassen, die an Räubern und Meuchlern vollzogen zu werden pflegen.« »Das ist eine schwere Anklage, mein Bruder,« sagte der Freigraf, als der Kläger zu reden aufhörte. »Wie gedenkst Du, sie zu rechtfertigen? Welches sind Deine Beweismittel? Du sprichst zu heiligen und wissenden Ohren.« – »Ich beweise meine Anklage,« sprach der Kläger, »durch das Geständnis des Beklagten und durch meinen Eid auf die heiligen Zeichen des Bundes, auf Schwert und Strang.« »Ein rechtmäßiger Beweis,« sprach einer der andern auf den Bänken sitzenden Richter. »Dieser Herzog von Burgund hat eine Menge Fremder in seine Heerscharen aufgenommen, die er leicht gegen diesen heiligen Gerichtshof führen kann; besonders wenn diese Fremdlinge Engländer, ein kühnes Inselvolk, sind, die blind an ihres Landes Gebräuchen hängen und die Gebräuche aller andern Völker hassen. Nicht unbekannt ist es uns, daß der Herzog von Burgund bereits zum Widerstand gegen die heilige Feme in mehr als einer seiner deutschen Besitzungen aufrief. So es sich ergibt, daß der Angeklagte einer von denen ist, welchen dergleichen Grundsätze eingeimpft wurden, so sage ich, lasset Schwert und Strang ihr Werk an ihm vollführen!« Ein allgemeines Murmeln schien das, was der Sprecher gesagt hatte, zu billigen; denn alle erkannten die Notwendigkeit, die Furcht vor der Feme durch gelegentliche Beispiele schwerer Strafe wach zu halten, und wohl keiner konnte bereitwilliger geopfert werden als ein unbekannter und wandernder Fremdling. – Alles das hätte unserm Philippson wohl den Mut nehmen mögen, doch hinderte es ihn nicht, standhaft auf die Anklage zu antworten: »Ritter, Herren und Bürger,« sprach er, »wisset, daß ich in früheren Jahren weit größeren Gefahren gegenüber gestanden habe, als mir jetzt drohen, und daß ich noch nie in meinem Leben zur Rettung meines Lebens die Flucht ergriff. Strang und Dolch sind nicht geeignet, demjenigen Schrecken einzuflößen, der Schwerter und Lanzen hat blinken sehen. Meine Antwort auf die Anklage lautet, daß ich ein Engländer bin, also einem Volke angehöre, das gewohnt ist, offenes und unverhohlenes Recht bei hellem Lichte des Tages zu geben und zu empfangen. Dennoch weiß ich, daß ich ein Reisender bin, der nicht das Recht hat, sich den Satzungen und Regeln anderer Völker zu widersetzen, weil dieselben nicht den Gesetzen seines Landes gleichen. Der Kläger beschuldigt mich, daß ich zu Turin oder andern Orten Norditaliens mich tadelnd über das Gericht ausließ, vor welchem ich mich gegenwärtig befinde. Ich will nicht leugnen, daß ich mich dessen erinnere; allein, es geschah, weil ich mit Fragen darüber von zwei Gästen, die zufällig mit mir an der Tafel saßen, bestürmt wurde. Ich ließ mich lange und eindringlich auffordern, ehe ich meine Meinung äußerte.« »Und wie lautete diese Meinung?« fragte der Vorsitzende, »war sie dem Stuhle der heiligen Feme günstig oder nicht? Laßt Wahrheit Eure Zunge lenken, – bedenkt, das Leben ist kurz, das Gericht dauert ewig.« – »Ich würde nie mein Leben auf Kosten einer Lüge zu verlängern suchen. Meine Meinung war nachteilig. Ich drückte mich folgendermaßen aus: Kein Gesetz noch gerichtliches Verfahren kann gerecht noch anratungswert sein, das auf geheimer Anordnung beruht und nach derselben verfährt. Ich sage, die Gerechtigkeit vermag sich nur dann zu behaupten, wenn sie öffentlich geübt und verkündet wird. Sowie sie aufhört, öffentlich zu sein, artet sie in Haß und Rache aus,« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so brach unter den Richtern höchst ungünstiges Murren aus, – »Er lästert die heilige Feme! Schließt ihm den Mund für immer!« »Hört mich,« sagte der Engländer, »sowie Ihr eines Tages wünschen werdet, gehört zu werden! Ich sage, das war meine Meinung, und so sprach ich sie aus – ich sage auch, daß ich ein Recht hatte, diese Meinung auszusprechen, mochte sie nun verständig oder irrig sein; denn ich befand mich in einem Lande, wo dieses Gericht weder Anerkennung fordern, noch Gewalt ausüben konnte. Meine Gesinnungen sind noch dieselben. Ich würde das bekennen, wenn dieses Schwert in meiner Brust wühlte, jener Strang mir um den Hals gelegt würde. Allein ich leugne, daß ich jemals gegen die heilige Feme und deren Satzungen in einem Lande sprach, wo sie als landesübliches Gericht ihren Sitz hat. Weit kräftiger noch, wenn möglich, widerspreche ich der Lächerlichkeit der falschen Bezichtigung, die von mir, einem wandernden Fremdling, aussagt, als sei ich beauftragt, mit dem Herzoge von Burgund über so hohe Gegenstände zu verhandeln oder ihn zu einem Kriegszug gegen die Feme zu bestimmen. Davon ist gar keine Rede.« »Kläger,« sprach der Freigraf: »Du hast den Beklagten gehört. Wie lautet Deine Erwiderung?« – »Den ersten Teil der Anklage,« sagte der Aufgeforderte, »hat er in Deiner hohen Gegenwart eingestanden, namentlich, daß seine schändliche Zunge unsere heiligen Mysterien höhnend entweiht hat; wofür er verdient, daß sie ihm aus dem Halse gerissen werde. Daß der übrige Teil der Anklage ebenso wahr ist, wie das, was er nicht abzuleugnen vermocht hat, das will ich auf meinen Richtereid nehmen.« »Vor Gericht,« sagte der Engländer, »wird in Ermangelung triftigen Beweises der Eidschwur dem Beklagten auferlegt, doch wird dem Kläger nicht gestattet, durch einen Eid seine lückenhafte Anklage zu stützen.« – »Fremdling,« erwiderte der Freigraf, »wer unter diesen ehrwürdigen Richtern sitzen will, muß von untadelhaftem Charakter sein. Der Eidschwur eines solchen Richters würde daher die feierlichste Behauptung eines Jeden aufwägen, der nicht in unsere heiligen Geheimnisse eingeweiht ist. Die Aussage des Kaisers selbst, so dieser nicht zur Feme gehört, würde in unserm Kreise nicht soviel Gewicht haben, wie die des Geringsten dieser Schöffen. Die Behauptung des Klägers kann nur durch den Eid eines Beisitzers höheren Ranges zurückgewiesen werden.« »So sei denn Gott mir gnädig! Ich habe keine Hoffnung als nur im Himmel!« sprach der Engländer in feierlichem Tone: »doch will ich nicht fallen, ohne den letzten Versuch gemacht zu haben. So rufe ich denn Dich an, Du finsterer Geist, der Du in dieser Todeshalle den Vorzug hast! Ich rufe Dich auf, bei Ehre und Glauben, zu erklären, ob Du mich für schuldig hältst dessen, warum mich jener boshafte Verleumder verklagt! Ich beschwöre Dich bei dem heiligen Namen, den Du –« – »Halt!« versetzte der Freigraf. »Der Name, unter welchem wir in freier Luft bekannt sind, darf vor diesem unterirdischen Gerichtsstuhle nicht ausgesprochen werden.« Dann fuhr er, zu dem Gefangenen, den Richtern und Schöffen gewendet, in folgenden Worten fort: »Ich, der ich zur Beweisführung aufgerufen bin, erkläre, daß die Anklage gegen Dich insofern wahrhaft ist, als Du sie selbst eingestandest, namentlich daß Du in andern Ländern leichtfertig von den Satzungen der heiligen Feme sprachest. Allein ich glaube in meiner Seele, und ich will es mit meiner Ehre bezeugen, daß der übrige Teil der Klage unglaubwürdig und falsch ist. Und dies schwör ich, indem ich die Hand auf Dolch und Strang lege. – Was ist Euer Urteil, meine Brüder, über diesen also verhandelten Fall?« Einer der Richter in der Vorderreihe, anscheinend ein hochbetagter Mann, erhob sich mühevoll und sprach mit zitternder Stimme: »Der Sohn des Stranges, der hier vor uns ist, war der Torheit und Uebereilung schuldig, unsere heiligen Satzungen gelästert zu haben. Allein er äußerte seine Torheit vor Ohren, die nimmer von unseren heiligen Statuten gehört hatten. Durch unwidersprechliches Zeugnis ist er davon freigesprochen worden, an machtlosen Umtrieben zum Sturze unserer Gewalt oder an der Aufhetzung von Fürsten gegen unsern heiligen Stuhl beteiligt zu sein. So ist er zwar ein Tor, jedoch kein Verbrecher; und da die heilige Feme keine andere Strafe als die Todesstrafe kennt, so schlage ich den Spruch vor, das Kind des Stranges unverletzt der menschlichen Gesellschaft und der Oberwelt zurückzugeben, sobald es gehörig wegen seiner Irrtümer ermahnt worden sei.« »Sohn des Stranges,« nahm jetzt der Freigraf das Wort. »Du hast Deine Freisprechung vernommen. Allein so Du wünschest, in einem blutlosen Grabe zu schlummern, so laß mich Dich warnen: Bewahre die Geheimnisse dieser Nacht gegen Vater und Mutter, Gattin, Sohn oder Tochter, versprich nie davon zu sprechen, weder laut noch leise, noch in Andeutungen, Gebärden, Zeichen oder Gleichnissen! Gehorche diesem Geheiß, und Dein Leben ist gesichert. Laß Dein Herz fröhlich sein in Dir, allein laß es fröhlich sein mit Zittern! Nie mehr laß Eitelkeit Dich verleiten, Dir einzureden, Du seiest sicher vor den Richtern und Dienern der heiligen Feme, ob Du auch tausend Meilen Weges lägen zwischen Dir und uns, ob Du auch in einem Lande weiltest, wo man unsere Macht nicht kennt, ob Du auch auf Deiner heimatlichen Insel Dich geschützt wähntest durch das Weltmeer, von dem sie rings umgeben ist. Ich warne Dich, schlag ein Kreuz, sooft Du des heiligen, unsichtbaren Femgerichtes gedenkst, und verschließ Deine Gedanken fest in Deiner Brust! Geh von hinnen, sei weise und fürchte stets die heilige Feme!« Am Schlusse dieser Rede erloschen zischend alle Lichter zu gleicher Zeit. Philippson wurde leise auf seine Lagerstatt hinabgedrückt und wieder an den Ort getragen, von dem aus man ihn an den Fuß des Altars gebracht hatte. Das Strickwerk wurde wieder angelegt, und Philippson fühlte, wie etliche Minuten lang sein Bett sich immer höher hob, bis ein leichter Stoß ihn belehrte, daß es wieder auf dem Fußboden des Schlafgemaches stand, in das man ihn in der vorigen Nacht oder, besser gesagt, an diesem Morgen geführt hatte. Er erwog, was er erlebt hatte, und fühlte, zu wie großem Dank er dem Himmel für seine Befreiung verpflichtet war. Endlich siegte die Müdigkeit über seine Bekümmernis, und er verfiel in einen tiefen und festen Schlaf, aus dem er erst bei hellem Tage wieder erwachte. Augenblicklich beschloß er, einen so gefährlichen Ort zu verlassen, und ohne einen einzigen Bewohner, den alten Stallknecht ausgenommen, zu sehen, setzte er seine Reise nach Straßburg fort und erreichte diese Stadt ohne ferneren Unfall. Fünftes Kapitel. Als Arthur Philippson seinen Vater verlassen hatte, um sich an Bord eines Kahnes zu begeben, der ihn über den Rhein tragen sollte,, nahm er nur wenig Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse, da er des Glaubens war, daß sie nur auf kurze Zeit voneinander getrennt sein würden. Ein paar Kleider und eine Handvoll Goldstücke war alles, was er vom gemeinsamen Vorrat für sich abnahm; das übrige Gepäck sowie alles Geld ließ er mitsamt dem Saumtier zurück. Als er sich samt seinem Pferde und seinem leichten Bündel auf das Fährboot begeben hatte, richtete dieses sogleich seinen Mast, breitete seine Segel aus, und vom Winde getrieben, fuhr es in schräger Richtung über den Rhein nach dem Dorfe Kirchhof. Die Ueberfahrt ging so gut von statten, daß sie das jenseitige Ufer nach wenigen Minuten erreichten. Arthur entschloß sich, nicht in Kirchhof zu verweilen, sondern so schnell wie möglich seinen Weg nach Straßburg fortzusetzen und, wenn Dunkelheit ihn zwänge anzuhalten, in einem der Dörfer oder Flecken zu übernachten, die er auf seiner Reise an der deutschen Seite des Rheins vorfinden würde. Zu Straßburg, so hoffte er in dem feurigen Geiste, der der Jugend eigen ist, würde er seinen Vater wiederfinden; und vermochte er auch nicht sogleich alle Bekümmernis über ihre Trennung zu unterdrücken, so nährte er doch die fröhliche Zuversicht auf glückliches Wiedersehen. Arthur erfreute sich an den in diesem Teile herrlichen Landschaften des Rheins, bis das erblassende Tageslicht ihn daran erinnerte, daß ein allein reisender Jüngling, der wertvolle Gegenstände bei sich führte, besser daran täte, eine Nachtherberge zu suchen. Er hatte eben den Entschluß gefaßt, bei den nächsten Wohnungen den Weg zu einem Gasthaus zu erfragen, als er plötzlich ein unerwartet schönes Landschaftsbild vor Augen hatte. Umrahmt von hohen Bäumen, lag eine Wiese vor ihm. Sie war von einem breiten Gewässer durchflossen, das in den Rhein mündete. Dieses Gewässer umspülte ein halbes Stündlein weiter eine felsige Anhöhe, die mit Seitenwällen und gotischen Türmchen geziert war – den Teilen einer Ritterburg ersten Ranges. Das ebene Land am Ufer des Flusses war zum Teil mit Weizen bepflanzt, von dem nur noch die Stoppeln standen, zum Teil war es eine weite Wiesenfläche. Ein Bursch in ländlicher Kleidung war beschäftigt, mit Hilfe eines abgerichteten Wachtelhundes Rebhühner zu jagen, während eine junge Frauensperson, anscheinend die Zofe einer Edeldame, auf dem Stumpfe eines abgestorbenen Baumes saß und diesem Treiben zuschaute. Der Wachtelhund, dessen Amt es war, die Rebhühner unter das Netz zu treiben, ließ davon ab, als er den Fremden erblickte, und hätte seine Aufgabe ganz vergessen, wenn nicht das Mädchen sich unserm Arthur genähert und ihn gebeten hätte, etwas mehr zur Seite zu reiten, um ihnen das Vergnügen nicht zu stören. Willig erfüllte der Reisende ihre Bitte. – »Ich will reiten,« schönes Mädchen,« sagte er, »so weit weg es Dir gefällt. Zum Ersatz dafür erlaube mir zu fragen, ob das Gebäude dort ein Kloster, eine Burg, oder sonst eine Wohnung guter Menschen ist, wo ein Fremder, der sich verspätet hat und müde ist, auf eine Nacht Gastfreundschaft finden kann?« Die Dirne, deren Gesicht er bis jetzt noch nicht deutlich gesehen hatte, schien ein Gelüst zum Lachen zu unterdrücken, indem sie erwiderte: »Sollte jene Burg denn keinen Winkel haben, der einem Fremden Obdach bieten könnte? Ich selbst gehöre zur Besatzung jener Burg, und gewiß werdet Ihr Euch vor solch einem Soldaten fürchten. Ich bürge Euch dafür, daß Ihr Aufnahme findet. Doch da Ihr mich in so kriegerischer Weise anredet, so werde ich, wie es unter Bewaffneten üblich ist, mein Visier herunterlassen.« Indem sie dies sagte, verbarg sie ihr Antlitz unter einer der Halblarven, die zu jener Zeit viel von Frauen getragen wurden, wenn sie sich außer dem Hause befanden, teils um den Teint zu schützen, teils um sich vor zudringlichen Beobachtern zu sichern. Allein, ehe sie dies zustande bringen konnte, hatte Arthur bereits die schalkhaften Mienen Anneli Veilchens entdeckt, eines Mädchens, das er als Dienerin Annas von Geierstein kennen gelernt hatte. Sie war eine kecke Dirne, stets bereit, zu lachen, zu scherzen und mit den Jünglingen des Landammanns, in dessen Familie sie sehr lieb und wert gehalten wurde, ihre Neckereien zu treiben. Dies fiel nicht sonderlich auf, indem die Sitten der Berggegenden zwischen Herrin und Dienerin wenig Unterschied machen. Arthur selbst war sehr aufmerksam gegen Anneli Veilchen gewesen, da er bei seiner Leidenschaft für Anna von Geierstein natürlich von Herzen wünschen mußte, sich die gute Meinung ihrer Zofe zu sichern, was er durch kleine Geschenke an Schmuck und Kleidungsstücken, wie sie jede Zofe gern annimmt, mit Leichtigkeit erreicht hatte. Das Bewußtsein, sich in Anna von Geiersteins Nähe zu befinden, die Hoffnung, vielleicht die Nacht mit ihr unter einunddemselben Dache zuzubringen, worauf des Mädchens Anwesenheit und ihre Aeußerungen deuteten, ließen das Blut rascher durch Arthurs Adern kreisen. Voll Verlangens, von Annas Verhältnissen soviel wie möglich aus Annelis Munde zu vernehmen, ließ er die Zofe nichts von seiner Freude merken und tat so, als habe er sie noch nicht erkannt. Er war entschlossen, zu warten, bis sie selbst es für gut finden würde, die Maske abzulegen. Während diese Gedanken ihm rasch durch den Kopf fuhren, befahl Anneli dem Burschen, die Netze einzuziehen, zwei der besten und fettesten Rebhühner von der Brut zu nehmen und sie in die Küche zu schaffen, die übrigen aber wieder in Freiheit zu setzen. – »Ich muß für ein Abendessen sorgen,« sagte sie zu dem Reisenden, »da ich unerwartete Gesellschaft heimbringe.« »Ich möchte Deiner Herrin keine Ungelegenheiten verursachen,« antwortete Arthur. – »Schau, schau!« sagte Anneli Veilchen; »ich habe nichts von einem Herrn und einer Herrin gesagt, und dieser arme verirrte Reisende hat schon bei sich selbst ausgemacht, daß er in der Wohnung einer Dame Herberge finden werde!« – »Wie? sagtest Du mir nicht,« sprach Arthur etwas verwirrt, sich verschnappt zu haben, »daß Du eine Person zweiter Bedeutung in der Burg wärest? Doch wie heißt dieses Schloß?« »Die Burg führt den Namen Arnheim,« sagte das Mädchen. – »Eure Besatzung muß bedeutend sein,« sagte Arthur, indem er das weitläufige Gebäude anblickte, »so Ihr imstande seid, solch ein Labyrinth von Mauern zu bemannen.« – »In diesem Punkt,« versetzte Anneli, »sind wir schlimm beraten, wie ich gestehen muß. Jetzt verbergen wir uns mehr in der Burg, als daß wir sie bewohnen, und doch ist sie mehr als geschützt durch das Gerücht, das von ihr im Umlauf ist und jeden abschreckt, der ihre Ruhe stören möchte.« – »Und dessen ungeachtet wagt Ihr, darin zu wohnen?« fragte der Engländer, der sich dessen erinnerte, was Rudolf von Donnersberg ihm einst von dem Freiherrn von Arnheim und dem düsteren Schicksale seiner Familie erzählt hatte. »Vielleicht,« versetzte seine Führerin, »haben wir Mittel in Händen, dem uns angedichteten Schrecken zu widerstehen – vielleicht auch haben wir keinen besseren Zufluchtsort finden können. Das scheint auch Euer Geschick zu sein, Herr, denn die Spitzen der fernen Hügel verschwinden schon in der Dunkelheit, und wenn Ihr nicht auf Arnheim befriedigt oder unbefriedigt einkehrt, so möchtet Ihr Gefahr laufen, in der nächsten Stunde keine andere Herberge zu finden.« Während sie dies sprach, trennte sie sich von Arthur, indem sie den Vogelsteller, der sie begleitete, mit sich nahm und mit ihm einen steilen, jedoch kurzen Fußpfad einschlug, der gerade hinauf zur Burg führte. Dem jungen Engländer hatte sie die Weisung gegeben, einer Spur von Pferdehufen zu folgen, die auf einem weitern, doch bequemeren Wege zu demselben Ziele führte, Arthur machte bald Halt vor dem südlichen Eingange der Feste Arnheim, die ein weit größeres Gebäude war, als er es sich aus Rudolfs Beschreibung vorgestellt hatte. Es war zu verschiedenen Zeiten daran gebaut worden, und ein bedeutender Teil war weniger im streng gotischen, als vielmehr im sogenannten maurischen Stil errichtet. Diese seltsame Feste trug zwar im allgemeinen Spuren der Verwüstung und Zertrümmerung; allein Rudolf von Donnersberg war falsch berichtet, als er erzählte, sie wäre in Ruinen zerfallen. Im Gegenteile trug man, als die Burg in die Hände des Kaisers fiel, Sorge, das Gebäude in gutem Zustande zu erhalten, und es wurde von Zeit zu Zeit von einem Beauftragten des kaiserlichen Kanzlers regelmäßig besichtigt. Der Besitz des Grundgebietes um die Burg her war wertvoller Ersatz für die Bemühungen dieses Abgeordneten, der es sich deshalb angelegen sein ließ, die Einkünfte daraus nicht durch Vernachlässigung seiner Pflicht zu verscherzen. Vor kurzem war dieser Beamte an den Hof gerufen worden, und nun traf es sich, daß die junge Freiin von Arnheim in den verödeten Türmen ihrer Vorfahren einen Zufluchtsort gefunden hatte. Das Schweizer Dirnchen ließ unserm jugendlichen Reisenden nicht Zeit, die Außenseite des Schlosses genau in Augenschein zu nehmen oder die Bedeutung der dem Anscheine nach morgenländischen Sinnbilder und Inschriften zu entziffern, die sich auf dem Mauerwerk befanden. Arthur hatte kaum einen flüchtigen Blick auf das ganze Gebäude geworfen, so rief ihm auch schon das Mädchen von einem Mauerwinkel herab zu, von dessen Vorsprung ein langes Brett über einen ausgetrockneten Graben führte, »Habt Ihr Eure Schweizer Lehrstunden schon wieder vergessen?« sagte sie, als sie bemerkte, daß Arthur ziemlich furchtsam über die schwankende und äußerst schmale Brücke daherschritt. Der Gedanke, daß Anna von Geierstein dieselbe Bemerkung machen möchte, verlieh dem jungen Reisenden die nötige Beherztheit. Er schritt über das Brett mit eben dem kalten Blick, womit er gelernt hatte, die weit fürchterliche Klippe neben den Trümmern des Geiersteins zu betreten. Kaum war er in der Burg angelangt, so nahm Anneli ihre Larve ab und bewillkommte ihn in ihrem und im Namen alter Freunde mit neuem Namen auf deutschem Boden. »Anna von Geierstein,« sagte sie, »ist nicht mehr; allein Ihr sollt sofort die Freiin von Arnheim erblicken, die ihr außerordentlich ähnlich sieht, und ich, die ich im Schweizerlande Anneli Veilchen, die Magd einer Jungfrau war, die eben nicht höher geschätzt war als ich, bin jetzt die Zofe jener Freiin und weiß meinem Stande Ehre zu machen.« – »So sage Deiner jungen Herrin,« erwiderte der junge Philippson, »als ich mich dieser Feste nahte, hatte ich keine Ahnung, daß sie darinnen weilte, sonst hätte ich mich ihr nicht aufgedrängt.« – »Weg, weg!« versetzte das Dirnchen lachend, »ich weiß was Besseres zu Eurem Vorteile zu sagen. Ihr seid nicht der erste arme Mann und Handelskrämer, der die Gunst einer vornehmen Dame gewann. – Doch wenn Ihr von Entschuldigungen und ahnungslosem Eintritt schwatzt, erreicht Ihr gar nichts. Von Liebesglut will ich ihr erzählen, die der ganze Rheinstrom nicht löschen kann, und die Euch hierher trieb, indem Ihr keine andere Wahl hattet, als entweder hieher zu kommen oder zu sterben.«– »Nicht doch, Anneli, Anneli!« – »O, was Ihr für ein Narr seid – macht einen kürzeren Namen daraus, ruft Anna! Anna! und Ihr habt mehr Aussicht auf Antwort!« Mit diesen Worten rannte die wilde Dirne weg, entzückt über den Gedanken, daß sie es trefflich eingefädelt hätte, zwei Liebende zusammengeführt zu haben, die schon die Trennung auf ewig befürchtet hatten. In dieser selbstzufriedenen Stimmung hüpfte Anneli eine kleine Wendeltreppe hinan – zu einem Kabinett oder Ankleidegemach, wo sich ihre junge Gebieterin befand, rief mit lachendem Munde: »Anna von Gei – – Fräulein, wollt ich sagen, sie kommen, sie kommen!« »Die Philippsons?« fragte Anna halb atemlos. – »Ja – nein –,« versetzte die Dirne, »doch ja; denn der Beste ist gekommen, nämlich Arthur.« – »Was sprichst Du, Mädchen? Ist der Vater nicht bei seinem Sohne?« – »Nicht doch,« sagte die Veilchen, »auch habe ich gar nicht daran gedacht, nach ihm zu fragen. Er war eben nicht mein Freund, denn er hatte immer nur Sprichwörter im Munde und Sorge auf der Stirn.« – »Ungefällige, unbedachtsame Dirne! Was hast Du angerichtet?« fragte Anna von Geierstein. »Befahl ich Dir nicht angelegentlich, beide hieher zu führen; und nun hast Du den jungen Mann allein hieher zu uns in diese Einsamkeit gebracht? Was wird – was kann er von mir denken?« »Ei, was hätte ich denn tun sollen?« versetzte Anneli. »Er war allein; hätte ich denn ihn hinabschicken sollen ins Dorf, daß die Landsknechte des Rheingrafen ihn erschlügen? Traun, ist doch alles Fisch, was ihnen ins Netz läuft, und wie sollt' er sich durch dieses Land finden, das mit umherziehenden Reisigen, Raubrittern und schurkischen Welschen angefüllt ist?« – »Still! Laß uns erwägen, was zu tun ist. Um unseretwillen, um seinetwegen muß dieser junge Mann sogleich die Burg verlassen.« – »So mögt Ihr ihm diese Botschaft selbst überbringen, Anna – um Verzeihung, hochedles Fräulein – es mag sich wohl für eine Edeldame besser schicken, dergleichen Bescheid zu erteilen, wie es wohl in den Romanzen der Meistersänger vorzukommen pflegt; allein für ein offenherziges Schweizermädchen ist solcher Auftrag nicht geeignet. Jetzt aber keine Torheit mehr! sondern bedenkt, wenn Ihr auch ein hochgeborenes Fräulein von Arnheim seid, so wurdet Ihr doch im Schoße der Schweizerberge erzogen und solltet Euch wie ein Mädchen mit biederem Herzen und freiem Sinn benehmen. Hört mich an!« »So rede denn,« sagte Anna, indem sie schmollend das Gesicht abwendete, um der Zofe zuzuhören; »allein hüte Dich, daß Du nichts sagst, was ich nicht anhören darf.« – »Ich will natürlich und vernünftig sprechen, und wenn Eure edlen Ohren das nicht hören und verstehen mögen, so liegt die Schuld an den Ohren, nicht aber an meiner Zunge. Schaut! Ihr habt diesen jungen Mann zweimal aus großer Gefahr errettet – einmal bei dem Erdsturz auf Geierstein, ein anderesmal heut, wo sein Leben bedroht war. Und rund heraus, er ist ein hübscher Mann und wohl geeignet, einer Dame Gunst zu verdienen. Bevor Ihr ihn saht, waren die Schweizer Jünglinge Euch mindestens nicht verhaßt. Ihr tanztet mit ihnen – Ihr scherztet mit ihnen – Ihr wart der allgemeine Gegenstand ihrer Bewunderung – und Ihr hättet, wie Ihr recht wohl wißt, im ganzen Kanton die Wahl haben können, ja sogar Rudolf von Donnersberg hätte Euer Liebster werden können.« – »Niemals, niemals!« rief Anna von Geierstein. – »Seid Eurer Sache nicht so überaus gewiß, mein Fräulein! Hätte er sich nur gehörig bei dem Ohm zu empfehlen gewußt, so würde er in irgend einem günstigen Augenblicke wohl die Nichte gewonnen haben. Aber seitdem wir diesen jungen Engländer kennen lernten, nimmt man an Euch geradezu Geringschätzung, Verachtung und bisweilen etwas dem Hasse Aehnliches gegen alle die Männer wahr, die Ihr sonst recht wohl leiden konntet.« »Wart nur, ich will Dich,« sagte Anna, »noch mehr als irgend einen von ihnen hassen und verabscheuen, wenn Du mit Deinem Geschwätze nicht bald zu Ende kommst.« – »Edles Fräulein, laßt uns langsam, sanft und freundlich weitergehen. Aus all dem geht hervor, daß Ihr den jungen Mann liebt, und mögen diejenigen, die an der Sache etwas Wunderbares finden, sagen, daß Ihr unrecht habt. Es läßt sich gar vieles dafür, nichts aber dagegen sagen,« – »Wie, törichtes Mädchen! Meine Geburt verbietet mir, einen Mann von geringer Herkunft zu lieben – mein Stand verbietet mir, einen armen Mann zu lieben – meines Vaters Gebot befiehlt mir, nur mit seiner Zustimmung zu wählen – vor allem aber verbietet mir mein Mädchenstolz, meine Neigung jemandem zuzuwenden, der sich aus mir nichts macht, – ja, der vielleicht völlig gegen mich eingenommen ist.« »Das ist ein schöner Grundtext,« sagte Anneli, »aber ich kann jeden Satz darin ebenso leicht widerlegen, wie der Pater Franziskus seine Textworte in einer Festtagspredigt zu entwickeln versteht. Eure Geburt ist ein törichter Traum, den Ihr seit zwei oder drei Tagen erst hegt, denn seitdem Ihr deutschen Boden betreten habt, begann etwas von dem alten deutschen Unkraute, Familienstolz genannt, in Eurer Brust zu keimen. Denkt über solche Torheit so, wie Ihr darüber dachtet, als Ihr zu Geierstein als vernünftiges Mädel lebtet, und dies gewaltige Vorurteil wird in nichts versinken. Was den Stand betrifft, so dünkt mich, Ihr versteht darunter Vermögen. Nun, Philippsons Vater, der freigebigste Mann von der ganzen Welt, wird seinem Sohne gewiß soviel Goldstücke geben, daß Ihr Euch eine Meierei pachten könnt. Ihr versteht die Wirtschaft, und Arthur kann schießen, jagen, fischen, pflügen, eggen und ernten. Drum geht hinab in das Gemach, redet mit Eurem Liebsten oder laßt ihn zu Euch reden; laßt Eure Hände zusammengehen, zieht ruhig als Mann und Weib gegen Geierstein und bringt alles in Bereitschaft, Euren Ohm bei seiner Rückkehr zu empfangen. Das ist der Weg, den eine schlichte Schweizerdirne einschlägt, um dem Roman einer deutschen Freiin ein Ende zu machen.« »Dein Plan ist nichtig, Dirne,« sagte Anna, »ist der kindische Traum eines Mädchens, das vom Leben weiter nichts weiß, als was es hinter der Milchbutte darüber vernommen hat. Bedenke, daß mein Ohm von jedem Kinde den weitgehendsten Gehorsam fordert, und daß ich durch eine Handlung gegen meines Vaters Willen mir seine gute Meinung verscherzen würde. Warum bin ich sonst hier? Weshalb hat er der Aufsicht über mich entsagt? Und warum bin ich genötigt, die Sitten abzulegen, die mir so wert sind, und mich Gebräuchen zu unterziehen, die mir fremd und lästig sind? Was den jungen Mann betrifft, so hätte ich ihn wohl lieben können. Er wäre dessen wert, ich will's nicht leugnen, sein Betragen gegen mich war jederzeit ehrenwert und aufrichtig – hätte nicht ehrerbietiger, nicht rechtschaffener sein können. Aber,« hier legte das Fräulein die Hand an die Stirn, und Tränen flossen zwischen ihren zarten Fingern hindurch, »er hat noch nie von Liebe zu mir gesprochen. Wenn er mich wirklich liebt, so hält ihn gewiß ein unüberwindliches Hindernis ab, sie zu gestehen,« »Ein Hindernis?« fragte die Schweizer Zofe und setzte hinzu: »irgend ein törichter Begriff von Eurer Geburt, als stündet Ihr zu hoch für ihn – irgend eine kindische Verschämtheit – irgend ein Traum von übertriebener Bescheidenheit – das werden die Hindernisse sein. Diese Verblendung wird durch eine einzige Ermutigung schwinden, und dieses Geschäft will ich, teuerste Anna, um Euch das Rotwerden zu ersparen, über mich nehmen,« – »Nein, nein, um Himmels willen, Anneli!« rief die Freiin, »Du kannst gar nicht wissen, was es für Hindernisse sind, die es ihm verbieten, an das zu denken, was Du gern befördern möchtest. Ich bin fest überzeugt, diese Philippsons sind Männer von Stande, denn ihre Sitten, ihr Benehmen sind weit über ihr scheinbares Gewerbe erhaben. Der Vater ist ein Mann von tiefem Beobachtungsgeiste, von hohen Gesinnungen und von einer Freigebigkeit, die sich kein Handelsmann erlauben könnte.« »Das ist wahr,« sprach Anneli, »denn ich muß sagen, die Silberkette, die er mir schenkte, ist zehn Krontaler wert, und das Kreuz, das Arthur mir dazu gab, soll noch mehr wert sein. Doch was dann weiter? Die Philippsons sind also reich und vornehm wie Ihr. Um so besser!« – »Ach, Anneli, Du weißt nicht, wie oft es unter Leuten vornehmer Geburt Brauch ist, ihre Kinder schon von der Wiege ab mit dem Kinde eines andern Adeligen zu verloben. Was denn, wenn der Vater Philippsons in seiner Heimat ein Mann von hohen Würden ist und seinen Sohn aus diplomatischen Rücksichten schon zum Gatten eines englischen Edelkindes ausersehen hat? Und welchen andern Grund, als daß er schon versprochen ist, sollte die Zurückhaltung des jungen Mannes haben?« – »O weh, Fräulein,« antwortete Anneli. »Was ist dann zu tun? Ich habe diesen jungen Mann hierhergeführt, indem ich, Gott weiß es, Eurem Zusammentreffen einen glücklicheren Ausgang wünschte. Allein es ist klar, Ihr könnt ihn nicht heiraten, wenn er Euch nicht zur Ehe begehrt. Trotzdem dürfen wir ihn aber jetzt nicht wieder ziehen lassen, er könnte gar leicht den Kehlabschneidern des Rheingrafen in die Hände fallen.« »So mag der Willibald ihn hereinführen, und Du sorge dafür, daß es ihm an nichts fehle. Es ist am besten, wenn ich ihn nicht sehe,« – »Gut,« sagte Anneli; »was soll ich aber Euretwegen sagen? Unglücklicherweise ließ ich ihn wissen, daß Ihr hier wäret.« – »O, unverständiges Mädchen! Doch wie sollt' ich Dich tadeln,« sagte Anna von Geierstein, »da der Unverstand auch auf meiner Seite so groß war? Ich selbst habe mir das eingebrockt, indem ich mich in Gedanken zu sehr mit dem jungen Mann und seinen Vorzügen beschäftigte. Doch nun will ich diese Torheit besiegen und trotzdem die Pflichten der Gastfreundschaft erfüllen. Fort, Anneli, laß Erfrischungen besorgen! Du sollst mit uns zu Abend essen und darfst uns nicht verlassen. Du sollst sehen, daß ich mich nicht nur wie ein deutsches Edelfräulein, sondern auch wie ein Schweizer Mädchen zu benehmen weiß. Schaffe mir jedoch erst Licht, meine Liebe; denn ich muß meine Kleider ordnen und auch diese Verräter, meine Augen, waschen.« Sechstes Kapitel. Trepp ab, trepp auf, trippelte Anneli Veilchen, als die Seele von allem, was in dem einzigen bewohnbaren Winkel der weitläufigen Arnheimer Feste vorging. Sie taugte zu jeglichem Dienste und steckte deswegen ihr Köpfchen in den Stall, um sich zu überzeugen, ob Willibald gehörig für Arthurs Pferd sorgte, guckte in die Küche, um nachzusehen, ob Märten, der alte Koch, die Rebhühner zu gehöriger Zeit würde geschmort haben (eine Einmischung, für die sie wenig Dank erntete), holte etliche Krüge Rheinwein von dem großen Faß im Keller und lugte endlich in das Vorgemach, um nachzuschauen, wie es um Arthur stünde. Da hatte sie denn die Freude zu sehen, daß dieser seine Person auf das beste herausstaffiert hatte, und so versicherte sie ihm, er solle ihre Gebieterin bald erblicken, die zwar unpaß wäre, sich's jedoch nicht versagen könnte, herabzukommen, um einen so werten Bekannten zu begrüßen. Arthur errötete, als das Mädchen so sprach, und erschien dabei der Zofe so hübsch, daß sie unterwegs, als sie wieder hinaufsprang in das Gemach ihrer Gebieterin, zu sich selbst sprach: »Wenn treue Liebe trotz aller Hindernisse es nicht dahin bringen kann, dieses Pärchen zusammenzuführen, so will ich nimmermehr glauben, daß es überhaupt ein Ding wie wahre Liebe auf der Welt gibt, mag Martin Springer auch sagen, was er will, und mag er es noch so hoch und teuer auf das Evangelium beschwören.« Als sie das Gemach des jungen Fräuleins erreicht hatte, fand sie, daß Anna, statt alles anzutun, was sie an Schmuck besaß, das einfache Gewand angezogen hatte, das sie an dem Tage trug, wo Arthur zum erstenmale auf Geierstein zu Tische saß. Betroffen und zweifelhaft sah die Zofe anfänglich ihre Gebieterin an; dann aber erkannte sie das feine Gefühl, das sie bewog, dieses Kleid zu wählen, und rief aus: »Ihr habt recht! – Ihr habt recht – am besten ist es, Ihr tretet ihm als das freiherzige Schweizermädchen entgegen!« Auch Anna lächelte und erwiderte: »Doch muß ich in den Mauern von Arnheim zu gleicher Zeit auch gewissermaßen als die Tochter meines Vaters erscheinen. Hier, Mädchen, hilf mir diesen Edelstein auf das Band heften, das in mein Haar geflochten ist.« Es war ein Kopfputz, der aus zwei von einem Opal zusammengehaltenen Geierfedern bestand, diese Edelsteine funkelten in so reichen Farben, daß die Schweizerdirne, die in ihrem Leben dergleichen Dinge noch nicht gesehen hatte, den Schmuck entzückt bewunderte. – »Traun, gnädiges Fräulein Anna,« sprach sie, »wenn das hübsche Ding wirklich als ein Zeichen Eures Standes getragen wird, so ist es an all Eurer Würde das einzige, wonach mich gelüsten könnte; denn es schimmert und schillert gar wunderlieblich.« – »Ach, Anneli,« sagte die Freiin, indem sie mit der Hand über die Augen fuhr, »von allem Geschmeide, das die Ahnfrauen meines Hauses ihr eigen nannten, ist dieser Stein seinen Besitzerinnen vielleicht der verhängnisvollste gewesen.« »Und warum tragt Ihr ihn dann?« fragte Anneli; »warum vor allen andern Tagen im Jahre gerade heute?« »Weil er am besten mich an die Pflicht erinnert, die ich gegen meinen Vater und meinen Stamm zu erfüllen habe. Und jetzt, Mädchen, sage ich Dir, daß Du hübsch mit uns bei Tische sitzest und keinen Augenblick das Gemach verläßt, daß Du mir nicht geschäftig hin und her rennst, um dies oder das herbeizuschaffen, sondern ruhig auf Deinem Sessel bleibst und alles durch Willibald besorgen läßt! Ich weiß nicht, ob ich recht oder unrecht tue, wenn ich diesen jungen Mann sehe, wäre es auch das letzte Mal! Wenn mein Vater käme? Wenn Itel Schreckenwald heimkehrte?« –»Euer Vater ist zu sehr vertieft in irgend eines seiner düstern, geheimnisvollen Geschäfte,« sagte die plappernde Schweizerdirne, »und reitet vielleicht nach dem Blocksberge, wo die Hexen Sabbat halten, oder macht mit dem wilden Jäger einen Jagdzug.« – »Pfui, Anneli, wie kannst Du so von meinem Vater sprechen?« – »Nun, weil ich eigentlich wenig von ihm weiß,« sprach die Zofe, »und Ihr selbst wißt nicht viel mehr von ihm. Und wie sollte das unwahr sein, was alle Welt für wahr erklärt?« – »Was, Du Törin, erklärt alle Welt für wahr?« »Ei, daß der Freiherr ein Hexenmeister ist, daß Eure Großmutter ein Irrwisch war, und daß Itel Schreckenwald ein eingefleischter Teufel ist.« – »Wo ist Itel?« – »Hinabgegangen, die Nacht im Dorfe zuzubringen, die Mannschaft des Rheingrafen zu quartieren, und sie, womöglich, ein wenig in Ordnung zu halten; denn die Kriegsmänner sind unzufrieden, weil sie den versprochenen Lohn nicht erhalten haben.« – »So laß uns gehen, Mädchen, vielleicht ist für viele Jahre diese Nacht die letzte, die wir in Freiheit verbringen.« Wer möchte die Verlegenheit schildern, mit der Arthur Philippson und Anna von Geierstein einander begegneten; als sie sich begrüßten, erhoben sie weder ihre Blicke, noch sprachen sie vernehmbar, und das Mädchen konnte nicht höher erröten als ihr bescheidener Liebhaber; während die frohgelaunte Schweizerdirne, deren Ansichten über Liebe weit freier und ungezwungener waren, die Augenbrauen ein wenig in die Höhe zog und ziemlich geringschätzend auf ein Liebespaar blickte, das nach ihrer Meinung sich so unnatürlich und förmlich benahm. Tief war die Verbeugung und hoch das Erröten, womit Arthur dem jungen Fräulein die Hand bot, und sie erwiderte diese Höflichkeit mit ebensolcher Verschämtheit. Arthur führte, wie es die Sitte der Zeit und der Wohlanständigkeit mit sich brachte, die Dame in das Nebengemach, wo der Tisch zum Abendessen gedeckt war; und Anneli, die mit seltener Aufmerksamkeit alles, was vorging, beobachtete, erstaunte über alle die Zeremonien, deren ihre Herrin sich befleißigte, seit sie den höheren Ständen angehörte. Allem Anscheine nach sahen sich die jungen Leute durch die Verhältnisse, in denen sie sich hier befanden, veranlaßt, die Sitten eines höheren Standes zu beobachten, an die sie beiderseits in früheren Jahren gewöhnt gewesen waren; und während die Freiin es für nötig hielt, den strengsten Anstand zu wahren, um den Empfang Arthurs in den innersten Gemächern ihrer Burg zu rechtfertigen, so war er dagegen bemüht, durch die tiefste Ehrerbietung zu zeigen, daß er unfähig wäre, die Güte zu mißbrauchen, mit der er stets von Anna behandelt worden. Sie setzten sich zu Tische, indem sie gewissenhaft die Entfernung innehielten, die die Sitte zwischen einem tugendhaften Jüngling und einem sittenreinen Mädchen forderten. Der Bursch Willibald wartete mit Höflichkeit und Hurtigkeit auf, gleich einem, der an dergleichen gewöhnt ist, und Anneli, die zwischen den Liebenden saß, verhielt sich so artig, wie man es von der Zofe eines gnädigen Fräuleins erwarten konnte. Dennoch machte sie dabei manche Schnitzer. Ihr Benehmen im allgemeinen glich etwa dem eines Windspiels an der Leine, das jeden Augenblick bereit ist, durchzugehen. Andere Punkte der feinen Sitte wurden nach dem Essen verletzt, als der Aufwärter Willibald sich zurückgezogen hatte. Da fiel es der Zofe ein, ohne alle Umstände sich in das Gespräch zu mischen, ihre Gebieterin bei ihrem Taufnamen Anna zu nennen, ja sogar Philippson mit dem traulichen »Du« anzureden, was damals ein grober Verstoß gegen die Etiquette war. Anna und Arthur machten die Torheiten der Zofe zum willkommenen Anlaß, darüber zu scherzen und ein Lächeln gegeneinander auszutauschen. Es währte nicht lange, so bemerkte Anneli dies, und indem sie geschickt die Gekränkte spielte, sprach das Mädchen mit vielem Scharfsinn: »Ihr seid fürwahr recht lustig auf meine Kosten, und das bloß, weil ich lieber aufgestanden wäre und das Erforderliche selbst geholt hätte, statt daß ich wartete, bis der arme Willibald, der zwischen Tafel und Kredenztisch umhertraben mußte, Zeit fand, es mir zu bringen. Jetzt lacht Ihr mich aus, weil ich Euch bei den Namen nenne, die Euch bei der Taufe im Gotteshause beigelegt wurden, und weil ich Du und Dir und Dich zu Euch sage und den gnädigen Junker und das gnädige Fräulein so anrede, als ob ich auf meinen Knien mit Gott im Himmel spräche. Doch trotz all Euerm geschnörkelten Wesen kann ich sagen, daß Ihr nichts als ein paar Kinder seid, die ihr eigenes Gemüt nicht erkennen und die kurze Mußezeit hinwegspötteln, die ihnen gelassen ist, für ihr eigenes Glück zu sorgen. Nun, runzelt die Stirn nicht, gnädiges Fräulein, ich habe zu oft zum Pilatusberge aufgeblickt, als daß ich mich vor einer düstern Stirn fürchten möchte.« – »Still, Anneli,« sagte ihre Gebieterin, »oder ich gehe hinaus.«– »Hätte ich Euch nicht ebenso lieb wie mich selbst,« sagte die kecke, unerschrockene Dirne, »so würde ich das Gemach und die Burg obendrein verlassen und Euch allein hier wirtschaften lassen, mit Eurem liebenswürdigem Vogt, dem Itel Schreckenwald.« – »Wenn nicht aus Liebe zu mir, so schweige aus Scham und aus Mitleid; oder geh hinaus.« – »Nun,« sprach Anneli, »mein Riegel ist schon vorgeschoben, und ich habe nur auf das angespielt, was alle zusammen auf dem Rasen zu Geierstein an jenem Abend sagten, wo der Buttisholzer Bogen gespannt ward. Ihr wißt, was die alte Sage spricht? Diese meine gnädige Herrin, mein Herr Arthur, bedürfte wohl einer Zofe, die aus Herbstflocken gewoben und mit dem Atem eines Luftgeistes beseelt ist. Könnt Ihr's glauben? Viele meinen ganz ernstlich, sie gehöre zu einem Geschlechte von Elementargeistern.« Anna von Geierstein schien geneigt zu sein, die Unterhaltung von dem Gegenstand, auf den das Mädchen sie gebracht, abzulenken und von gleichgültigeren Dingen zu reden. Zuvor jedoch sagte sie: »Herr Arthur denkt vielleicht, es läge wirklich Grund zu einem seltsamen Argwohn vor, den einige Toren in Deutschland wie in der Schweiz verbreitet haben. Gesteht es, Arthur, Ihr dachtet sonderbar von mir, als ich an der Brücke zu Grafenlust, wo Ihr Wache standet, an Euch vorüberschritt?« Die Erinnerung an diese Erscheinung, die ihn damals so gewaltig ergriffen hatte, ergriff noch jetzt unsern Arthur so tief, daß er nur mit Mühe sich beherrschen konnte, um eine Antwort zu finden, und was er erwiderte, war abgebrochen und unzusammenhängend. »Ich hörte – ich muß gestehen – Rudolf von Donnersberg erzählte – doch daß ich etwa glaubte, Ihr wärt, schönes Fräulein, etwas anderes als ein christliches Mädchen.–« – »Nun, wenn Rudolf der Erzähler war,« nahm Anneli das Wort, »so ist es gewiß, daß Ihr nur das Schlimmste über meine Gebieterin und deren Verwandtschaft hörtet. Sicherlich erzählte er Euch ein hübsches Gespenstermärchen, nicht wahr, von meines Fräuleins Großmutter? und fürwahr, die Umstände trafen damals so zusammen, daß Ihr das Märchen so ziemlich für wahr halten konntet.« – »Nicht so, Anneli,« versetzte Arthur; »was auch von Deinem Fräulein Seltsames und Wunderliches gesagt werden mochte, es fiel als unglaubwürdig zu Boden.« »Herr Arthur Philippson,« ergriff Anna das Wort: »wahr ist es, mein Großvater mütterlicher Seite, der Freiherr von Arnheim, war ein Mann von großen Kenntnissen in dunklen und geheimnisreichen Wissenschaften. Auch war er Oberrichter eines geheimen Tribunals, von dem Ihr gehört haben müßt, und das die heilige Feme heißt. Eines Nachts kam ein Fremder, der von jenem geheimen Gericht verfolgt wurde, in die Burg und flehte meinen Ahnherrn um Schutz und Gastfreundschaft an. Mein Großvater, der den Fremden als großen Alchimisten kannte, verlieh ihm Schutz, und sie studierten zusammen ein Jahr und einen Tag lang und drangen in die Geheimnisse der Natur soweit ein, wie es dem Menschen überhaupt vergönnt ist. Als der Tag näher kam, an dem der dem Fremden gewährte Aufschub verflossen war und er von seinem Wirte scheiden mußte, bat er um die Erlaubnis, seine Tochter in die Burg kommen zu lassen, um ihr das letzte Lebewohl zu sagen. Dem Mädchen, dessen Vater einem ungewissen Schicksal entgegenging, gewährte der Freiherr von Arnheim eine Zuflucht in der Feste, wobei er vielleicht hoffte, auch durch sie seine Kenntnisse in den morgenländischen Sprachen und Wissenschaften zu bereichern. Danischmende, ihr Vater, verließ diese Burg, um sich zu Fulda dem Femgerichte zu überliefern. Welchen Ausgang das Verfahren nahm, blieb unbekannt. Vielleicht wurde Danischmende durch das Zeugnis des Freiherrn gerettet, vielleicht wurde er dem Dolch und dem Strange überliefert. Wer wagt es, solche Gegenstände zu besprechen? Die schöne Perserin wurde die Gattin ihres Hüters und Beschützers. Neben vielen Vorzügen besaß sie besonderen Hang zur Unvorsichtigkeit. Sie benützte ihre ausländische Kleidung, ihre fremdartigen Sitten, ihre Schönheit, die wundersam gewesen sein soll, und ihre fast unglaubliche Beweglichkeit, die unwissenden deutschen Weiber in Erstaunen und Schrecken zu setzen, so daß letztere, da sie überdies die Freifrau von Arnheim Persisch und Arabisch sprechen hörten, sie wohl für eine, mit gottlosen Künsten vertraute Frau hielten. Hermione, meine Großmutter, war exzentrisch und phantastisch und fand daran Vergnügen. Sie förderte sogar diesen lächerlichen Argwohn. Der Geschichten, die über sie verbreitet wurden, war keine Ende. Ihr erstes Erscheinen in der Burg soll höchst malerisch gewesen sein und an das Wunderbare gegrenzt haben. Da sie von Standesvorurteilen ganz frei war, geriet sie mit einigen Verwandten über Rang und Vorrang in Zwist; und dies kostete sie das Leben; denn am Morgen des Tauftages meiner armen Mutter starb die Freiin Hermione von Arnheim plötzlich, eben als eine zahlreiche Gesellschaft in der Burg zur Feier versammelt war. Man glaubt, sie sei an Gift gestorben, das die Freifrau von Steinfeld ihr beizubringen wußte, weil sie mit dieser wegen einer Freundin und Gefährtin, der Gräfin Waldstetten, in einen erbitterten Zank geraten war.« »Und der Opal? und warum wurde er mit Weihwasser besprengt?« fragte Arthur. – »Aha, ich merke, Ihr wollt,« versetzte die junge Freiin, »die volle Wahrheit von meiner Familiengeschichte hören, von der Ihr nur die romantische Sage vernommen habt. – Sie mit Wasser zu besprengen, war wohl nötig; denn sie war in Ohnmacht gefallen. Was den Opal anbelangt, so habe ich freilich auch gehört, daß sein Feuer dabei erloschen wäre; doch kam dies, wie Sachkundige behaupten, nur daher, weil die Natur dieses Edelsteins es mit sich bringt, blind zu werden, sobald man ihn mit giftigen Stoffen in Berührung bringt. Alle diese Dinge wurden durch die Volkssage anders gestaltet und in ein Feenmärchen verwandelt.« »Aber Ihr sagt mir nichts,« fiel Arthur Philippson ein, »über – über –« – »Ueber was?« fragte seine Wirtin. – »Ueber Euer Erscheinen in jener Nacht.« »Ist es möglich,« versetzte Anna, »daß ein Mann von Verstande sich das nicht selbst klar machen kann? Mein Vater ist ein vielbeschäftigter Mann in einem unruhigen Lande gewesen und hat sich den Groll mancher machtbegabten Personen zugezogen. Er sieht sich deswegen genötigt, oft im geheimen zu handeln und lästigen Beobachtungen auszuweichen. Ueberdies wollte er vermeiden, mit seinem Bruder, dem Landammann, zusammenzutreffen. Bei meinem Eintritt in Deutschland wurde mir also Kunde, eines Zeichens zu harren, durch das mir mitgeteilt würde, wann und wo ich meinen Vater finden sollte. Dies Zeichen war ein kleines metallenes Kruzifix, das meiner guten Mutter gehört hatte. In meinem Gemach zu Grafenlust fand ich dieses Zeichen mit der Weisung meines Vaters. Er beschrieb mir eine geheime Pforte, durch die ich die Jagdfeste verlassen könnte, und so gelangte ich zu dem Tor, über die Brücke und in den Wald, wo ich an einem bestimmten Platz meinen Vater traf.« »Ein wildes und gefahrvolles Abenteuer,« sagte Arthur. – »Ich war nie so sehr betroffen,« fuhr Anna fort, »wie in dem Augenblicke, wo ich seine Weisung erhielt. Er zwang mich dadurch, mich von meinem gütigen, liebreichen Ohm wegzustehlen, ohne daß ich wußte, was aus mir werden würde. Doch Gehorsam war unerläßliche Pflicht. Der Ort der Zusammenkunft war genau bestimmt. Ein mitternächtlicher Gang, wo Schutz mir nahe war, konnte für mich nicht viel auf sich haben; aber die Vorsicht, daß Schildwachen an die Tore gestellt worden waren, hätte meinem Vorhaben hinderlich werden können, wenn ich nicht einigen meiner älteren Vettern, den Biedermanns, mich anvertraut hätte, die gern bereit waren, mich ungehindert gehen und kommen zu lassen. Nur Sigismund durfte ich nichts davon sagen, und da sie immer ihren Spaß mit dem schlichten Burschen zu treiben pflegen, so verlangten sie, ich sollte so an ihm vorüberschreiten, daß er mich für eine Geistererscheinung halten müsse. Ueber seine Furcht vor Gespenstern gedachten sie sich dann weidlich lustig zu machen. Ich mußte Ihnen wohl oder übel zu Willen sein, da ich ohne ihre Mithilfe gar nicht hätte gehen können. Doch groß war mein Erstaunen, als ich ganz gegen meine Erwartung an Sigismunds Stelle Euch auf der Brücke fand. Ich will gar nicht erst wissen, was Ihr darüber gedacht habt.« »Meine Gedanken waren die eines Toren,« sagte Arthur, »eines doppelten Toren. Wäre ich etwas Besseres gewesen, so würde ich Euch meine Begleitung angeboten haben. Mein Schwert – «– »Ich hätte Euer Anerbieten nicht annehmen können,« versetzte Anna gelassen, »Mein Gang mußte in jeder Hinsicht geheim bleiben. Ich traf meinen Vater – er war von Rudolf von Donnersberg behindert worden, seinen Vorsatz auszuführen und mich noch in eben der Nacht mitzunehmen. Doch gelangte ich am frühen Morgen wieder zu ihm, indem Anneli eine Zeitlang meine Rolle bei den Schweizern spielte. Mein Vater wollte nicht wissen lassen, wann und mit wem ich meinen Oheim und dessen Gefolge verließ. Ich brauche Euch kaum zu sagen, daß ich Euch im Kerker sah.« »Ihr wart die Erhalterin meines Lebens,« sagte der Jüngling – »die Wiederherstellerin meiner Freiheit –« – »Fragt mich nicht danach, warum ich mich in Schweigen hüllte. Ich mußte ganz nach Vorschrift handeln. Ihr wurdet nur zu dem Zweck befreit, eine Verbindung zwischen den Bürgern innerhalb der Feste und den Schweizern außerhalb zustandezubringen. Nach der Bestürmung von La Ferette erfuhr ich von Sigismund Biedermann, daß eine Rotte Buschklepper Euch und Euren Vater verfolgte, um Euch zu plündern. Mein Vater hatte mich mit den Mitteln versehen, das Schweizermädchen Anna von Geierstein in ein deutsches Edelfräulein umzugestalten. Ich setzte mich sofort zu Pferde, und es freut mich, Euch einen Wink gegeben zu haben, der Euch wohl der Gefahr entrissen haben wird.« »Aber mein Vater?« fragte Arthur. – »Ich habe alle Ursache, zu hoffen, daß er sich gesund und wohl befindet,« antwortete das Fräulein. »Und nun, mein Freund, nachdem diese Rätsel aufgeklärt sind, ist es Zeit zu scheiden, und zwar für immer.« – »Scheiden! Und für immer!« wiederholte der Jüngling mit einer Stimme, die einem verhallenden Echo glich. – »Unser Geschick will es,« sagte das Mädchen, »Ich fordere Euch auf, Euch zu prüfen, ob es nicht Eure Pflicht ist, wie es die meinige ist. Ihr werdet mit Anbruch des Tages nach Straßburg gehen und – nimmer sehen wir uns wieder.« Mit einer Glut der Leidenschaft, die er nicht unterdrücken konnte, warf Arthur sich zu den Füßen des Mädchens, deren zitternde Stimme deutlich zu erkennen gab, was sie bei diesen Worten empfand. Sie sah sich nach der Zofe um, allein Anneli war in diesem bedenklichen Augenblicke verschwunden, und nach ein paar Sekunden war die Gebieterin vielleicht nicht mehr ungehalten über die Abwesenheit ihrer Zofe. »Steht auf,« sagte sie, »Arthur – steht auf. Ihr müßt keinen Empfindungen Raum geben, die Euch und mir verderblich werden können.« – »Hört mich, Fräulein, bevor ich Euch Lebewohl sage für immer – einem Missetäter selbst wird das Wort vergönnt, auch wenn er die schlimmste Sache verteidigen möchte. Ich bin ein schwertumgürteter Ritter, Sohn und Erbe eines Grafen, dessen Name in England, Frankreich und überall bekannt ist, wo Tapferkeit ihren Lohn findet –« – »Ach,« seufzte Anna, »ich habe nur zu lange schon geahnt, was Ihr mir jetzt sagt. – Steht auf, ich bitte Euch, steht auf!« – »Nicht eher, als bis Ihr mich hörtet,« sagte der Jüngling, indem er eine ihrer Hände ergriff, die in der seinigen zitterte, doch ohne sich ihr zu entziehen. – »Hört mich,« sprach er mit aller Schwärmerei der ersten Liebe, sobald diese die Hindernisse der Verschämtheit überwunden hat; »mein Vater und ich, ich gestehe es, haben einen gefährlichen Auftrag übernommen. Ihr werdet bald hören, ob das Geschäft gut oder böse abläuft. Glückt es, so werdet Ihr bald von mir unter meinem wahren Namen hören; gehe ich zu Grunde, so möchte ich. daß Anna von Geierstein mir eine Träne nachweine!« »Steht auf, steht auf,« wiederholte das Mädchen, deren Tränen heftig zu fließen begannen und, als sie versuchte, ihren Geliebten vom Boden zu erheben, ihm auf Stirn und Angesicht fielen. »Ich habe,« setzte sie hinzu, »genug gehört; noch mehr zu hören, wäre Wahnsinn für Euch und mich.« – »Nur noch das eine Wort,« sagte der Jüngling: »solange Arthur ein Herz hat, schlägt es für Euch – so lange Arthur eine Waffe schwingen kann, geschieht es für Euch und um Euretwillen.« – Anneli stürzte in das Gemach. – »Fort! Fort!« rief sie, »Schreckenwald ist aus dem Dorfe mit einigen scheußlichen Nachrichten heimgekehrt, und ich fürchte, er wird hierherkommen.« Arthur hatte sich sofort vom Boden erhoben. – »So Deiner Gebieterin Gefahr nahe ist, Anneli,« sprach der Engländer, »so ist mindestens ein treuer Freund ihr zur Seite.« – Anneli blickte ängstlich auf ihre Gebieterin, »Aber Schreckenwald,« sprach sie – »Schreckenwald, Eures Vaters Vogt – sein Vertrauter, – Erwägt das! Ich kann Arthur irgendwo verbergen.« – Die edelherzige Anna von Geierstein hatte all ihre Fassung wiedererlangt und versetzte mit Würde: »Ich habe nichts getan, was meinen Vater beleidigen könnte. Ist Schreckenwald meines Vaters Vogt, so ist er auch mein Untertan. Um seinetwillen verstecke ich keinen Gast. Setzt Euch,« fuhr sie zu Arthur gewendet fort, »und laßt uns diesen Mann empfangen. Führe ihn sofort herein, Anneli, und laß uns hören, was er zu melden hat. – Auch gib ihm zu bedenken, daß, wenn er zu mir spricht, es seine Herrin ist, mit der er redet.« Arthur nahm seinen Sitz wieder ein und war noch stolzer auf seine Wahl, als er edlen und furchtlosen Mut in einem Mädchen wahrnahm, das vor kurzem sich so empfänglich für die zartesten Empfindungen des weiblichen Geschlechtes gezeigt hatte. Siebentes Kapitel. Arthur erwog hastig, wie er sich bei dem herannahenden Auftritt zu verhalten hätte, und beschloß klüglich, alle tätige und persönliche Einmischung zu vermeiden, bis er aus Annas Benehmen ermessen könne, daß ihr ein anderes Auftreten seinerseits angenehm sein dürfte. Er nahm also fern vom Tische Platz, indem er zu gleicher Zeit seine innere lebhafte Besorgnis unter einem Anstrich ehrerbietiger Zurückhaltung zu verdecken suchte, Anna dagegen schien auf eine heftige Szene gefaßt zu sein. Doch nahm sie eine weibliche Arbeit zur Hand und erwartete ebenfalls mit Ruhe den Ankömmling, über den ihre Zofe soviel Geschrei erhoben hatte. Ein eiliger und ungleicher Schritt ließ sich auf der Treppe vernehmen, wie wenn sich jemand in Bestürzung näherte; die Tür flog auf, und Itel Schreckenwald trat ein. Dieser Itel, der aus der Schilderung des Landammanns, dem Leser schon einigermaßen bekannt ist, war ein großer, wohlgebauter Mann von kriegerischem Aeußern. Seine Kleidung, gleich der eines Mannes vom Stande damaliger Zeit, war buntfarbig und geziert, aufgeschlitzt und benäht. Die nimmerfehlende Reiherfeder schmückte sein Barett und wurde von einer Goldmünze, die als Agraffe diente, gehalten. Auf der Brust trug er eine goldene Kette als Zeichen seines Ranges unter der Dienerschaft des Freiherr«. Er trat mit ziemlich eilfertigem Schritte und geschäftigem, finsterm Blicke ein, indem er etwas derb fragte: »Wie, nun, junges Fräulein? Was soll das heißen? Fremde in der Feste zu dieser nächtlichen Stunde?« Obwohl Anna von Geierstein lange Zeit außerhalb ihres Geburtslandes gewesen war, so waren ihr doch dessen Sitten und Gebräuche genau bekannt, und sie wußte, mit welcher Hoffahrt alle Untergebenen daselbst von ihren Herrschaften behandelt wurden. »Seid Ihr ein Vasall der Arnheimer Herren, Itel Schreckenwald,« fragte sie, »und sprecht also zu dem Fräulein von Arnheim in ihrer eigenen Burg, und das mit so lauter Stimme, mit mürrischem Blick und obendrein bedeckten Hauptes? – Vergeßt nicht, wer Ihr seid, und wenn Ihr Eurer Frechheit wegen um Verzeihung bittet und Eure Botschaft in Ausdrücken vorbringt, die Eurem und meinem Stande gemäß sind, so will ich hören, was Ihr mir zu sagen habt.« Wider Willen schob Schreckenwalds Hand sich nach dem Barette, und der stolze Vogt entblößte die Stirn. – »Edles Fräulein,« sagte er in etwas milderem Tone, »entschuldigt mich, wenn meine Hast sich etwas unziemlich zeigt; allein, die Unruhe ist arg. Das Kriegsvolk des Rheingrafen hat Meuterei angestiftet, die Banner seines Gebieters herabgerissen und ein Zeichen der Unabhängigkeit aufgesteckt. Sie nennen es das Fähnlein des heiligen Nikolaus und erklären unter diesem Panier, Frieden mit Gott und Krieg mit aller Welt haben zu wollen. Sie werden sicher, um zuvörderst in den Besitz eines festen Punktes zu kommen, diese Feste angreifen. Ihr müßt also aufbrechen und das mit dem ersten Morgenstrahle. Für den Augenblick sind sie mit den Weinschläuchen der Bauern beschäftigt; allein, wenn sie morgen früh erwachen, so werden sie ohne Zweifel hierherziehen, und leicht könntet Ihr in ihre Hände fallen, denn vor den Schrecken der Feste fürchten sie sich ebensowenig, wie vor dem Dunstgebilde eines Zaubermärchens.« »Ist es nicht möglich, ihnen Widerstand zu leisten? Die Burg ist fest,« sagte das junge Fräulein, »und ungern verlasse ich das Haus meiner Väter, ohne eine Verteidigung auch nur versucht zu haben.« – »Fünfhundert Mann,« sagte Schreckenwald, »wären nötig, Arnheims Tore und Mauern zu besetzen. Mit geringerer Mannschaft wäre es Tollheit, die Verteidigung einer Burg, wie diese, zu versuchen; und ich weiß nicht, wie ich zwanzig Söldner zusammenbringen soll. So! da Ihr jetzt die ganze Geschichte wisset, so laßt mich Euch ersuchen, diesen Gast zu entlassen, der, wie mich dünkt, zu jung ist, um der Insasse einer Wohnung zu sein, in der eine Dame haust. Ich will ihm den nächsten Weg zeigen, der aus der Feste führt; denn, wie die Dinge jetzt liegen, hat jeder genug mit seiner eigenen Sicherheit zu schaffen.« »Und wohin gedenkt Ihr zu gehen?« fragte die Freiin. – »Nach Straßburg, falls es Euch gefällt, und bis Tagesanbruch will ich versuchen, noch einige Geleitsmänner zusammenzubringen.« – »Und warum nach Straßburg?« »Weil ich dort Euren hochedlen Vater, den edlen Freiherrn Albert von Geierstein, treffen werde.« – »Gut,« sagte das Fräulein. »Auch Ihr, Herr Philippson, nanntet, wie mich dünkt, Straßburg als Euer nächstes Ziel. Wenn es Euch angenehm ist, so mögt Ihr bis dahin unter dem Schutze meiner Geleitsmänner reisen, Ihr wollt ja dort auch mit Eurem Vater zusammentreffen.« Man wird gern glauben, daß Arthur fröhlichen Herzens in einen Vorschlag einstimmte, der ihm Gelegenheit gab, noch länger in Annas Gesellschaft zu bleiben. Seine erhitzte Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß er vielleicht auf dieser mit Gefahren belagerten Straße seiner Geliebten einen Dienst würde leisten können. Itel Schreckenwald versuchte, Einwendungen zu machen. – »Fräulein! Fräulein!« rief er mit Ungeduld. – »Schöpft Atem, und gönnt Euch Ruhe, Schreckenwald,« entgegnete ihm Anna, »und Ihr werdet besser imstande sein, Euch mit geziemender Höflichkeit auszudrücken.« – Der ungeduldige Vasall murmelte einen Fluch zwischen seinen Zähnen, und antwortete mit erzwungener Höflichkeit: »Erlaubt mir, zu bemerken, daß wir genug damit zu tun haben, für Euch allein Sorge zu tragen. Wir können nicht gestatten, daß ein Fremder mit uns ziehe.« »Wenn ich wüßte,« sagte Arthur, »ich würde dieser jungen Dame und Euch nur schwerfallen, ohne Euch nützen zu können, Herr Vogt, so würde mich die ganze Welt nicht vermögen, des Fräuleins gütiges Anerbieten anzunehmen. Aber ich bin weder ein Kind noch ein Weib, sondern ein ausgewachsener Mann und bereit zu jeglichem ehrlichen Dienst, den ein beherzter Bursche leisten kann, Eure Herrin zu verteidigen.« – »Wenn wir auch Eure Tapferkeit und Euren Mut nicht in Zweifel ziehen, junger Herr,« sagte Schreckenwald, »wer bürgt uns für Eure Treue?« – »An jedem andern Orte, als hier, wäre es gefährlich, diese Frage zu tun,« entgegnete Arthur. Anna warf sich ins Mittel. »Wir müssen schnell zur Ruhe und auf Störung vorbereitet sein, vielleicht noch vorm Morgenrot. Schreckenwald, ich vertraue Eurer Fürsorge, was Wachsamkeit und Hut betrifft. Hört und merkt es Euch! es ist mein Wunsch und Befehl, daß dieser Herr Wohnung für diese Nacht hier erhält und morgen mit uns zieht. Ich werde selbst meinem Vater dafür verantwortlich sein, und Ihr habt dabei nichts zu tun, als meinen Befehlen zu gehorchen. Ich kenne diesen jungen Mann wie seinen Vater seit längerer Zeit. Auf der Reise werdet Ihr dem Jüngling höflich begegnen.« Itel Schreckenwald gab seine Zustimmung durch einen Blick voller Bitterkeit zu erkennen, der Trotz, Ingrimm, gedemütigten Stolz und widerstrebende Unterwürfigkeit ausdrückte. Dennoch unterwarf der Vogt sich und geleitete den jungen Philippson in ein anständiges Gemach, wo sich ein Bett befand, das dem Jüngling, nach der am verflossenen Tage ausgestandenen Aufregung und Erschöpfung höchst erwünscht war. Er schlief fest und tief, bis der Osten sich rötete und Schreckenwalds Stimme ihm zurief: »Auf, Herr Engländer, so Ihr Eure so prunkend angebotenen Dienste wahrmachen wollt. Es ist Zeit, im Sattel, zu sein, und auf Schlaftrunkene wird nicht gewartet,« Arthur war wach und fast in demselben Augenblicke auch gekleidet, wobei er nicht vergaß, sein Stahlhemd anzulegen. Dann eilte er, sein Roß zu holen, und indem er in die unteren Gebäude der Feste hinabstieg, um einen Weg nach dem Stalle zu suchen, flüsterte ihm Annelis Stimme leise zu: »Hierher, Herr Philippson, mein Fräulein wünscht Euch noch auf eine Minute zu sprechen.« – Zu gleicher Zeit winkte ihm das Schweizerdirnchen, in ein kleines Zimmer zu treten. Völlig zur Reise gerüstet, trat Anna von Geierstein herein. »Ich bin überzeugt,« sagte sie, »Herr Philippson wird die Gesinnungen der Gastfreundschaft – ich will sagen der Freundschaft richtig würdigen, die mich bestimmten, ihn gestern abend aus meiner Burg nicht fortschicken zu lassen und an diesem Morgen seine Gesellschaft auf dem etwas gefährlichen Wege nach Straßburg anzunehmen. An dem Tore dieser Stadt scheiden wir voneinander, ich um zu meinem, Ihr, um zu Eurem Vater zu gelangen. Von dem Augenblick hört unser Umgang auf, und wir dürfen aneinander nur noch denken, wie an verstorbene Freunde. Noch ein Wort – redet unterwegs nicht mit mir! so Ihr dies tätet, würdet Ihr mich beleidigendem Verdacht aussehen, Euch selbst aber Zwist und Gefahren zuziehen. – Lebt wohl, unsere Begleitung sitzt auf.« Sie verließ das Gemach, wo Arthur einen Augenblick in Schmerz und Betrübnis versunken stehen blieb, – »Ich kann nicht begreifen, was ihr zugestoßen ist,« sagte Anneli. »Gegen mich ist sie gütig wie immer, doch gegen alle andern spielt sie höchst nachdrücklich die Gräfin oder Freiin, und nun will sie gar noch ihre eigenen Gefühle tyrannisieren, – und – wenn dies Größe heißen soll, so will Anneli Veilchen lebenslänglich die pfennigarme Schweizerdirne bleiben; dann ist sie doch Herrin über ihre Freiheit und hat das Recht, mit ihrem Liebsten zu reden, wann sie will, so lange Religion und Mädchentugend nicht dabei vergessen werden. Doch fürchtet nichts, Arthur, denn ist sie grausam genug, Euch verlassen zu wollen, so könnt Ihr Euch auf eine Freundin verlassen, die, solange sie eine Zunge und solange Anna von Geierstein Ohren hat, ihr solche Gedanken austreiben wird.« Indem Anneli dies sprach, trippelte sie von dannen, nachdem sie zuvor unserm Philippson den Weg gezeigt hatte, auf welchem er zu den unteren Gebäuden der Feste gelangen konnte. Dort stand sein Roß unter etwa zwanzig andern Gäulen, gesattelt und gezäumt. Zwölf dieser Pferde waren mit Kriegssätteln und eisernen Stirnbändern versehen und sollten für ebensoviele, zu dem Gefolge des Arnheimers gehörigen Reitersknechte dienen, die der Vogt in Eile noch hatte herbeischaffen können. Zwei Zelter, an besseren Decken kenntlich, waren für Anna von Geierstein und ihre Zofe bestimmt. Die andern Leute des Gefolges, größtenteils Hausgesinde, hatten Gäule geringerer Gattung. Auf ein gegebenes Zeichen ergriffen die Reitersknechte ihre Lanzen und standen neben den Gäulen, bis die Frauen und die Dienerschaft aufgesessen waren; dann sprangen auch sie in den Sattel und begannen sich langsam und mit großer Vorsicht fortzubewegen, Schreckenwald führte den Vortrab, indem er Arthur Philippson neben sich reiten ließ, Anna und ihre Begleiterin befanden sich im Mitteltreffen der kleinen Schar, ihnen folgte der Zug der unbewaffneten Dienerschaft, während zwei oder drei erfahrene Reitersknechte den Nachtrab bildeten. Als der Zug sich in Bewegung setzte, fiel es Arthur sofort auf, daß die Hufe der Rosse nicht den scharfen klingenden Ton vernehmen ließen, den Eisen auf dem Stein hervorruft und als das Tageslicht zunahm, nahm er wahr, daß die Hufe und Füße aller Pferde, das seinige nicht ausgenommen, sorgfältig mit Wolle umwickelt waren, damit jedes Geräusch vermieden würde. So zogen sie dann den gewundenen Pfad von der Burg Arnheim nach dem naheliegenden Dorfe hinab, in dem jetzt die aufrührerischen Krieger des Rheingrafen hausten. Als die Arnheimer sich dem Eingange des Dorfes näherten, gab Schreckenwald ein Zeichen, Halt zu machen, dem seine Begleiter sofort Folge leisteten, dann ritt er, von Arthur Philippson begleitet, in Person voraus, um zu erspähen, ob Gefahr vorhanden sei. Beide bewegten sich mit der größten Vorsicht. Das tiefste Schweigen herrschte in den verödeten Gassen. Hie und da war ein Landsknecht zu sehen, der dem Anscheine nach Schildwacht stehen sollte, jedoch fest schlief. »Die säuischen Meuterer!« sagte Schreckenwald. »Schöne Nachtwache halten sie, und lustig wollte ich ihnen Reveille blasen, müßte ich nicht diese launische Dirne geleiten. – Bleib hier halten, Fremdling, während ich zurückreite, um die andern nachzuholen – es ist hier keine Gefahr.« Mit diesen Worten verließ Schreckenwald den Engländer, der allein in der Straße eines Dorfes, das mit Mordgesindel angefüllt war, wenn dieses vorderhand auch noch schlief, eben nicht Ursache hatte, seine Lage als angenehm anzusehen. Doch nach einigen Minuten traf Itel Schreckenwalds Schar ganz geräuschlos wieder mit ihm zusammen. Alles ging gut, bis sie das äußerste Ende des Dorfes erreichten. Der Soldat, der hier Wache stand, war zwar ebenso betrunken wie die andern, aber ein großer Pudel, der neben ihm lag, zeigte sich wachsamer. Als der kleine Zug sich näherte, erhob das Tier ein wildes Gebell, laut genug, alle Siebenschläfer im Dorfe zu erwecken. Der Posten fuhr auf und schoß, ohne recht zu wissen warum und wohin. Arthurs Pferd sank getroffen unter seinem Reiter, und als es fiel, stürzte der Reisige vor, um Arthur zu töten oder ihn zum Gefangenen zu machen, »Fort! Vorwärts! Männer von Arnheim, vorwärts! Sorgt für nichts als Eures Fräuleins Sicherheit!« rief der die Schar führende Vogt. – »Halt, befehl ich Euch! Helft dem Fremden, so Euch Euer Leben lieb ist!« sagte Anna mit einer Stimme, die, sonst sanft und milde, jetzt allen ringsumher wie eine Silbertrompete erscholl. – »Ich weiche nicht, bevor er nicht gerettet ward.« Schreckenwald hatte schon sein Roß zur Flucht gespornt: allein als er sah, daß Anna ihm nicht folgen wollte, sprengte er zurück, ergriff ein gesatteltes Pferd, das frei herumtrabte, und warf dem Engländer die Zügel zu, indem er zu gleicher Zeit seinen eigenen Gaul zwischen Arthur und den Landsknecht drängte und so den letzteren zwang, von seinem Vorhaben abzulassen. In einem Augenblick saß Philippson wieder im Sattel, ergriff eine Streitaxt, die am Sattelknopfe seines Pferdes hing, und schlug die halbtrunkene Schildwache nieder, die nochmals Hand an ihn legen wollte. Die ganze Schar galoppierte nun davon, denn es wurde im Dorfe Lärm gemacht, etliche Reisige sah man aus ihren Quartieren hervorkommen, und andere schwangen sich auf ihre Gäule. Bevor Schreckenwald und die Seinigen eine Viertelstunde Wegs zurückgelegt hatten, hörten sie den Schall von Kampfhörnern, und als sie an die Spitze eines Hügels gelangten, von wo aus man das Dorf überblicken konnte, machte der Führer, der sich jetzt zum Nachtrabe gesellt hatte, Halt, auszuschauen, was der Feind hinter ihnen vorhätte. Verwirrung und Getöse schien in den Gassen zu herrschen, jedoch setzte man ihnen nicht nach. Als sie zwei Stunden und länger geritten waren, glaubte Itel sich soweit in Sicherheit, daß er es wagte, an einem lieblichen Haine Halt machen zu lassen, wo sie sich verbergen und Roß und Reiter sich erfrischen konnten. Zu diesem Zweck hatte man Futter und Speise mitgenommen. Nachdem Itel Schreckenwald Rücksprache mit der Freiin genommen hatte, fuhr er fort, gegen den englischen Reisegefährten eine Art sauertöpfischer Höflichkeit zu äußern. Er lud ihn ein, an seiner Schüssel teilzunehmen, deren Inhalt sich freilich wenig von dem unterschied, was den übrigen Reitern gereicht wurde, die jedoch mit einem Becher besseren Weins gewürzt war. Nach kurzer Frist bestieg man wieder die Rosse und trabte so rüstig weiter, daß man lange vor Mitternacht die starke Festung Kehl auf dem östlichen Rheinufer, Straßburg gegenüber, erreichte. Es mag Ortsbeschreibern überlassen bleiben, ausfindig zu machen, ob unsere Reisenden von Kehl nach Straßburg über die berühmte Schiffbrücke ritten, die jetzt über den Strom leitet, oder ob sie auf irgend eine andere Weise über den Rhein kamen. Genug, sie erreichten wohlbehalten das jenseitige Ufer, und als sie auf der andern Seite an das Land stiegen, näherte sich Anna sogleich dem jungen Engländer, der nur allzuwohl erriet, was sie ihm sagen wollte. »Edler Fremdling,« sprach sie, »ich muß Euch Lebewohl sagen. Zuvor aber laßt mich wissen, wo Ihr Euren Vater aufzusuchen gedenkt?« – »In der Herberge zum fliegenden Hirsch,« warf Arthur hin; »allein, wo diese Herberge in dieser großen Stadt zu finden ist, weiß ich nicht,« – »Kennt Ihr sie, Itel Schreckenwald?« – »Ich, junges Fräulein? Ich? Nein! Ich weiß nichts von der Stadt Straßburg und deren Herbergen. Ich glaube, alle, die mit uns sind, wissen ebensowenig davon.« – »Ihr sprecht aber Deutsch, wie unsere Begleiter, meine ich,« sagte Anna von Geierstein trocken, »und könnt also besser Nachfrage halten als ein Fremder. Geht, Herr, und vergeßt nicht, daß Menschenliebe dem Fremdling zu erweisen eine Pflicht ist, die die Gotteslehre uns auferlegt.« Mit jenem Achselzucken, an dem man einen unfreiwilligen Boten erkennt, machte sich Itel Schreckenwald auf den Weg, Erkundigungen einzuziehen, und während seiner kurzen Abwesenheit nahm Anna die Gelegenheit wahr, unserm Arthur zuzuflüstern: »Lebt Wohl! Lebt wohl! Nehmt dieses Andenken der Freundschaft und tragt es mir zu Ehren! Seid glücklich!« Ihre zarten Finger ließen ein kleines Päckchen in seine Hand gleiten. Arthur wollte ihr danken; doch schon war sie fortgeeilt, und Schreckenwald, der neben ihm hielt, sprach in seinem rauhen Tone: »Kommt, junger Herr, ich habe Eure Herberge gefunden, aber wenig Zeit, den Zeremonienmeister bei Euch zu machen,« – Dann ritt er fürbaß, und Philippson, der im Sattel seines Kriegshengstes saß, folgte ihm schweigend bis zu einer Stelle, wo eine Straße quer vor der vorüberlief, die sie vom Stromufer heraufgekommen waren. – »Dort weht der fliegende Hirsch!« sagte Itel, indem er auf ein übergroßes Aushängeschild zeigte, das, an einem riesigen Pfahl befestigt, fast die ganze Breite der Straße einnahm. »Euer Witz kann Euch kaum verlassen, wenn Ihr solchen Wegweiser im Auge habt.« – Mit diesen Worten wendete er sein Roß und sprengte, ohne weiter Lebewohl zu sagen, zurück zu seiner Gebieterin. Achtes Kapitel. In der Herberge zum fliegenden Hirsch in Straßburg wurden, wie in allen Gasthäusern im deutschen Reiche zu jener Zeit die Gäste ebenso rücksichtslos behandelt, wie in der Herberge des Johannes Mengs, Allein die Jugend und das ehrliche Aussehen des jungen Philippson, Umstände, die selten oder niemals verfehlen, da ihre Wirkung zu tun, wo es Mädchen gibt, vermochten so viel über eine kurze, derbe, blauäugige, glattwangige Jungfrau, die Tochter des Wirtes zum fliegenden Hirsch (der selber ein fetter alter Mann war und im Eichenstuhle hinterm Stubenofen faulenzte), daß sie über den Vorhof trippelte, um unserm jungen Reisenden eine unbesetzte Stallung für sein Roß anzuweisen. Sie ließ sich ferner auf Arthurs Frage nach seinem Vater noch weiter herab, indem sie sich erinnerte, daß ein Gast, wie er ihn beschrieb, die vorige Nacht in der Herberge zugebracht und hier auf einen jungen Reisegefährten wartete. »Ich will ihn Euch herausschicken, schöner Herr,« sagte die kleine Jungfer mit einem Lächeln, welches, wenn Dinge solcher Art nach ihrem seltenen Erscheinen zu würdigen sind, für unschätzbar hätte geachtet werden müssen. Die Dirne hielt Wort. Nach wenigen Minuten trat der ältere Philippson in den Stall und schloß seinen Sohn in die Arme. »Mein Sohn, mein geliebter Sohn!« sagte er, indem er seine gewöhnliche Verschlossenheit ablegte und sich dem natürlichen Gefühl der väterlichen Zärtlichkeit hingab. »Willkommen mir zu allen Zeiten – willkommen zu einer Zeit des Zweifels und der Gefahr – höchst willkommen mir in einem Augenblicke, der unser Geschick zur Entscheidung bringt! In wenigen Stunden werde ich erfahren, was wir von dem Herzoge von Burgund zu erwarten haben. – Hast Du das Zeichen?« Arthurs Hand überreichte seinem Vater das Kästchen, das zu La Ferette in so seltsamer Weise verloren gegangen und wieder herbeigeschafft worden war. »Es hat viel Gefahr überstanden, seit Ihr es nicht saht,« sagte er. »Ich fand Nachtherberge in einer Feste und sah, wie ein Troß Landsknechte in der Umgebung am Morgen wegen vorenthaltener Löhnung Meuterei anfingen. Die Bewohner der Burg entflohen, und als wir am frühen Morgen abzogen, schoß ein trunkener Bärenhäuter mir das Pferd nieder, und ich war gezwungen, dieses schwerfällige flamländische Roß mit seinem Stahlsattel und seiner groben Schabracke einzutauschen.« »Unser Pfad ist von Gefahren umringt,« sagte sein Vater. »Auch ich habe meinen Teil bekommen, indem ich in einer Herberge, wo ich die verflossene Nacht weilte, große Drangsale erduldete. (Er beschrieb sie des Näheren nicht). Allein ich zog am folgenden Morgen sogleich weiter und langte wohlbehalten hier an. Nunmehr habe ich endlich ein sicheres Geleit bekommen, das mich in das Lager des Herzogs unsern Dijon führen wird, wo ich hoffe, noch am selben Abend eine Unterredung mit dem Burgunderfürsten zu haben. Schlägt dann unsere letzte Hoffnung fehl, so wollen wir den Seehafen von Marseille aufsuchen, nach Candia oder Rhodus segeln und unser Leben dem Kampf für die Christenheit weihen, wenn wir für England zu streiten nicht imstande sein sollten.« Arthur hörte diese vielsagenden Worte, ohne darauf zu antworten, allein sie sanken ihm darum nicht minder schwer aufs Herz. In diesem Augenblick begannen die Glocken des Münsters zu läuten und erinnerten den älteren Philippson an die Pflicht, eine Messe zu hören. Wie aus innerem Antriebe folgte Arthur seinem Vater. Als sie sich dem Portal der Hauptkirche näherten, fanden sie es von Bettlern beiderlei Geschlechts belagert, die den Andächtigen reichlich Gelegenheit gaben, die Pflicht des Almosenausteilens, einen wesentlichen Teil der kirchlichen Obliegenheiten, Zu erfüllen. Die Engländer entledigten sich der zudringlichen Menge dadurch, daß sie, wie man in solchen Fällen zu tun pflegt, denen eine kleine Gabe in Kupfergeld reichten, die deren am nötigsten zu bedürfen oder der Mildtätigkeit am meisten wert zu sein schienen. Eine lange, weibliche Gestalt stand an den Stufen nahe der Pforte und streckte ihre Hand dem älteren Philippson entgegen, der, betroffen über ihr Aeußeres, die Kupfermünze, die er auch den übrigen Bettelnden gereicht hatte, mit einem Silberstück vertauschte. »Ein Wunder,« sagte die weibliche Gestalt in englischer Sprache, jedoch mit einer Stimme, die wohl nur von ihm allein gehört werden sollte, obwohl auch Arthur die Worte vernehmen konnte: »Ja, ein Wunder! Ein Engländer besitzt noch ein Silberstück und hat es übrig, um es einer Armen zu spenden!« Arthur gewahrte, wie sein Vater über die Stimme oder die Worte zu erschrecken schien, die selbst auf ihn mehr Eindruck machten, als etwa die Bemerkung irgend eines gewöhnlichen Bettlers. Doch schritt sein Vater, nachdem er einen Blick auf das Weib geworfen hatte, das ihn so anredete, vorwärts in das Schiff der Kirche und war bald beschäftigt, teil an der Messe zu nehmen, die von einem Geistlichen am Altar in einer von dem Prachtgebäude abgesonderten Kapelle gelesen wurde. Die Feier begann und endete unter allen dabei üblichen Förmlichkeiten. Der zelebrierende Priester zog sich mit den Messedienern zurück, und obgleich etliche der wenigen Andächtigen, die der heiligen Handlung beigewohnt hatten, noch blieben, ihren Rosenkranz beteten und sich ihrer Privatandacht hingaben, so verließen doch die meisten die Kapelle, um entweder zu andern Altären sich zu wenden oder zu ihren weltlichen Geschäften zurückzukehren. Arthur Philippson nahm wahr, daß, während die Andächtigen nacheinander gingen, jene hohe weibliche Gestalt, die ein Almosen von seinem Vater erhalten hatte, noch immer am Altar kniete; und noch mehr erstaunte er, als er sah, daß auch sein Vater, der, wie er wußte, aus manchen Gründen nicht mehr Zeit in der Kirche zu verwenden hatte, als seine Andachtsübung notwendigerweise erforderte, dennoch auch auf den Knien liegen blieb und seine Blicke auf der Gestalt der Verschleierten haften ließ, als ob seine Bewegungen durch die ihrigen bestimmt werden sollten. Wie unser Arthur sich auch den Kopf zerbrechen mochte, so hatte er doch nicht die leiseste Ahnung von den Absichten seines Vaters. – Er wußte nur, daß er mit einer mißlichen, gefahrvollen Unterhandlung betraut war, die nur allzuleicht von mehreren Seiten her gestört werden konnte, und daß staatsklügelnder Argwohn sowohl in Frankreich und Italien wie in Flandern so allgemein erwacht war, daß die wichtigsten Botschafter häufig die undurchdringlichste Verkleidung anlegen mußten, um ohne Verdacht in die Länder zu gelangen, wo ihre Dienste verlangt wurden. So dachte Arthur bei sich, dieses Weib könne vielleicht solch ein verkleideter Sendbote sein, und er nahm sich vor, seines Vaters Benehmen gegen diese sonderbare Bettlerin zu beobachten und sein eigenes Tun danach zu bestimmen. Neuer Glockenschall verkündete, daß eine noch feierlichere Messe vor dem Hochaltar des Münsters selbst gehalten wurde, und entzog vollends der Kapelle alle Beter, die vor dem Altäre des heiligen Georg gekniet hatten. Nur die Philippsons, Vater und Sohn, und die weibliche Gestalt blieben zurück. Als der letzte der Messehörenden sich entfernt hatte, erhob sich das Weib und näherte sich dem älteren Philippson, der die Arme über der Brust kreuzte, das Haupt beugte und in einer Stellung des Gehorsams stehen blieb, die sein Sohn früher nie an ihm wahrgenommen hatte. So schien er zu erwarten, was sie ihm zu sagen hätte, und nicht den Mut zu haben, sie anzureden. Es entstand eine Pause. Vier Ampeln, die vor dem Altarbild standen, verbreiteten matten Schein. Sonst war die Kapelle nur düster von der Herbstsonne erhellt, die kaum einen Weg durch das bunte gegitterte Fensterchen finden konnte. Das Licht fiel schaurig auf die etwas gebeugte, verkümmerte Gestalt des Weibes und auf den traurig und besorgt niederbückenden Vater und dessen Sohn, der mit allem Eifer der Jugend außerordentliche Ergebnisse von einer so seltsamen Begegnung erwartete und voraussah. Die weibliche Gestalt trat dem Vater Philippson ganz nahe, als wollte sie sich ihm verständlich machen, ohne den leisen Ton ihrer Stimme zu erhöhen. – »Betet Ihr hier,« sprach sie, »zu dem heiligen Georg von Burgund oder zu dem Sankt Georg des fröhlichen Englands, der Blume der Ritterschaft?« – »Ich verehre,« sagte Philippson, indem er andächtig die Hände vor der Brust faltete, »den Heiligen, dem diese Kapelle geweiht ist, und die Gottheit bete ich an, bei welcher ich seine heilige Fürsprache so hier, wie in meinem Vaterlande hoffe.« »Und auch Ihr,« sprach die weibliche Gestalt, »auch Ihr könnt vergessen – Ihr, eben Ihr, der Ihr zu der Blüte der Ritterschaft gezählt wurdet – Ihr könnt vergessen, daß Ihr in dem königlichen Tempel zu Windsor als kniegegürteter Ritter gebetet habt, wo Könige und Prinzen mit Euch beteten – Ihr könnt das vergessen – und hier an fremdem Altare Gebete zum Himmel schicken, gleich einem armseligen Bauer, der um Brot und Lebensunterhalt für den Tag fleht?« »Lady,« versetzte Philippson, »in meinen stolzesten Stunden war ich vor dem Wesen, dem ich hier meine Gebete darbringe, nur ein Wurm im Staube. – In seinen Augen bin ich jetzt weder mehr noch minder, wie gering auch meine Mitmenschen von mir denken mögen.« – »Es ist gut, daß Du Dich damit trösten kannst,« sagte die Verhüllte. »Doch was ist auch Dein Verlust, verglichen mit dem meinigen?« – Sie legte die Hand an die Stirn und schien auf einen Augenblick von peinigenden Erinnerungen überwältigt. Arthur drängte sich an seines Vaters Seite und fragte in einem teilnehmenden Ton, den er kaum zu unterdrücken vermochte: »Vater, wer ist die Dame? Ist es meine Mutter?«– »Nein, mein Sohn,« antwortete Philippson; »still bei allem, was Dir heilig und wert ist!« Wie flüsternd Frage und Antwort auch gesprochen wurden, so hörte die sonderbare Gestalt doch beide: »Ja,« sprach sie, »junger Mann – ich bin – ich sollte sagen, ich sei – Eure Mutter; die Mutter, die Beschützerin alles dessen, was edel in England ist, ich bin Margaretha von Anjou,« Arthur sank nieder auf seine Knie vor der hochherzigen Witwe Heinrichs VI., die so lange Zeit hindurch und unter so verzweifelten Umständen durch unerschütterlichen Mut und tiefe Staatsklugheit die verlorene Sache ihres schwachen Gemahls aufrecht erhalten hatte. Arthur war in inniger Anhänglichkeit an das jetzt entthronte Haus Lancaster auferzogen worden, dem sein Vater stets aufs treueste beigestanden, und im Kampfe für dieses Haus hatte er seine frühsten Waffentaten vollführt. Mit einer seinem Alter und seiner Erziehung völlig entsprechenden Schwärmerei warf er augenblicklich sein Barett auf das Steinpflaster und kniete zu den Füßen seiner unglücklichen Monarchin. Margaretha zog den Schleier zurück, der ihre edlen, majestätischen Gesichtszüge verbarg, die – obschon Ströme von Tränen ihre Wangen gefurcht hatten – obschon Sorge, Mißgeschick, häuslicher Kummer und gedemütigter Stolz das Feuer ihrer Augen verlöscht und die sanfte Würde ihrer Stirne verwischt hatten, dennoch Spuren jener Schönheit zeigten, die einst in ganz Europa für unvergleichlich gegolten hatte. Die Niedergeschlagenheit, von der nach einer Reihe von Unglücksfällen und vereitelten Hoffnungen diese beklagenswerte Fürstin fast stets beherrscht war, schwand für einen Augenblick vor der schwärmerischen Ergebenheit des schönen Jünglings. Sie reichte ihm die Hand, die er mit Zähren und Küssen bedeckte, während sie ihm mit der andern voll mütterlicher Zärtlichkeit die Ringellocken streichelte. Mittlerweile warf sein Vater die Pforte der Kapelle zu und stellte sich mit dem Rücken dagegen, als wollte er es verhüten, daß irgend ein Fremder Zeuge eines so außerordentlichen Auftrittes würde. »Du also,« sagte Margarethe in einem Tone, in welchem weibliche Zartheit seltsam mit dem ihrem Range natürlichen Stolze kämpfte und sich doch zugleich die ruhige, ergebungsvolle Gleichgültigkeit ausdrückte, die ihr nach so hartnäckigem Mißgeschick zu eigen geworden war – »Du also, wackerer Jüngling, bist der einzige Sprößling des edlen Stammes, von welchem so mancher schöne Ast für unsere hoffnungslose Sache fallen mußte? Ach! ach! Was kann ich für Dich tun? Margarethe hat nicht einmal einen Segen zu spenden; sie vermag nichts, als auf Dich hinzublicken und Dir Kraft zu wünschen, Deinen baldigen, völligen Untergang zu ertragen. Ich – ich bin der verhängnisvolle Giftbaum gewesen, dessen Aushauch all die schönen Pflanzen welken und hinsterben ließ, die neben mir und um mich her blühten; ich war es, die Tod über jeden brachte, und die doch selbst den Tod nicht zu finden vermag!« – »Edle und königliche Herrin! sagte der ältere der beiden Engländer, »laßt Euren fürstlichen Mut, der so Namenloses ertrug, nicht ermatten; jetzt nicht, wo die Not vorüber und mindestens Hoffnung auf bessere Zeit für Euch und England vorhanden ist!« »Für England und für mich, edler Oxford?« fragte die unglückliche und verwitwete Königin. »Könnte die Sonne des morgenden Tages mich selbst wieder auf den Thron Englands setzen, vermöchte sie mir wohl damit zurückzugeben, was ich verlor? Nicht spreche ich von Reichtum und Macht – sie sind nichts im Vergleiche mit dem, was ich meine. – Nicht rede ich von den Anhängern und edlen Freunden, die zu meiner und ihrer eigenen Verteidigung fielen – nicht also von einem Somerset, einem Percy, Stafford und Clifford; sie haben ihren rühmlichen Platz in der Chronik des Vaterlandes gefunden; nicht erwähne ich meines Gemahls, denn er hat den Stand eines auf Erden duldenden Heiligen mit dem eines glorreichen Heiligen im Himmel vertauscht. – Aber o, Oxford! Mein Sohn! Mein Eduard! Ist es mir möglich, auf diesen Jüngling zu blicken und nicht daran zu denken, wie Deine Gattin und ich in einundderselben Nacht jede einen schönen Knaben das Licht der Welt erblicken ließen? Wie oft bemühten wir uns, der Söhne kommendes Geschick voraus zu erkennen und uns einzureden, daß das gleiche Gestirn, das auf ihre Geburt herabgeleuchtet habe und nun auf ihr folgendes Leben Einfluß haben müsse, sie in freundschaftlicher, gleichgestimmter Neigung einem glückseligen, ehrenvollen Ziele zuführen würde! Ach, Oxford, Dein Sohn Arthur lebt; aber mein Eduard, der unter den gleichen Zeichen geboren war, füllt ein blutiges Grab!« Sie hüllte ihr Haupt in ihren Schleier, als ob sie die Klagen und Seufzer ersticken wollte, in die ihr Mutterherz bei diesen grausamen Erinnerungen ausbrach, Philippson, oder der verbannte Graf von Oxford, wie wir ihn jetzt nennen mögen, der sich in diesen wechselvollen Zeiten durch seine standhafte Vasallentreue gegen das Haus Lancaster auszeichnete, sah ein, daß es töricht wäre, der Schwäche seiner Monarchin noch Vorschub zu leisten. – »Königliche Herrin,« sprach er, »das Leben gleicht einem kurzem Wintertage und verrinnt, gleichviel, ob wir die Zeit, die es uns darbietet, benutzen oder nicht. Meine Monarchin, hoffe ich, ist zu sehr Beherrscherin ihrer selbst, als daß sie sich durch Klagen über das, was vorüber ist, der Macht berauben möchte, die Gegenwart zu nützen. Ich bin hier, um Eurem Befehl zu gehorchen; ich soll des ehesten den Herzog von Burgund sehen, und so ich ihn irgend dem Antrage geneigt finde, den ich ihm zu machen habe, so möchte wohl Eure gegenwärtige Trauer in Freude verwandelt werden. Doch müssen wir unsere Gelegenheit mit Eile und mit Eifer nützen. Laßt mich also wissen, meine Königin, um welcher Ursache willen Ew. Majestät verkleidet hierher kam und sich dadurch nicht geringer Gefahr aussetzte.« »Ihr spottet meiner, Oxford,« sagte die unglückliche Königin, »oder Ihr irrt Euch, wenn Ihr meint, Ihr dientet noch jener Margarethe, deren Wort nie ohne Grund gesprochen, deren kleinste Handlung nie ohne wichtige Ursache geschah. Ach! ich bin nicht mehr das nämliche feste, entschlossene Wesen. Der fieberhafte Zustand meines Kummers hat dem des Hasses bei mir weichen müssen und hat mich mit ohnmächtigem, ungeduldigem Grimm erfüllt. Meines Vaters Haus ist sicher, wie Du weißt, allein, kann eine Seele, wie die meinige sich damit zufrieden geben? Kann eine Frau, die des edelsten und reichsten Königreichs in Europa beraubt wurde, eine Frau, die ihre edelsten Freunde verlor – eine Frau, die eine verwitwete Gattin, eine kinderlose Mutter ist – eine Frau, über die der Himmel die volle Schale seines unversöhnlichen Zornes ausgeschüttet hat – kann sie es über sich vermögen, die Gefährtin eines Greises zu sein, der in Sonetten und Harfenklängen, in Mummenschanz und Torheit, in Zitherspiel und Reimgetön einen Trost für all das findet, was Armut Betrübendes hat, ja, was noch mehr ist, für all das, was lächerlich und verächtlich ist?« – »Mit Gunst, meine Königin,« sagte Oxford, »tadelt nicht den guten König René, weil er, verfolgt vom Geschick, imstande war, bescheidene Quellen des Trostes sich zu öffnen, die Euer stolzeres Gemüt verschmäht. Eine Blumenkrone, von seinen Troubadours geflochten und von ihren Sonetten geweiht, ist ihm genügender Ersatz für die Diademe von Jerusalem, Neapel und beiden Sizilien, von denen er nichts als den leeren Titel besitzt.« – »Redet mir nicht von dem bemitleidenswerten Greise,« sagte Margarethe. »Ich sage Dir, edler Oxford, fast wahnsinnig bin ich geworden in dem jämmerlichen Kreise, den er seinen Hof nennt! Mein Ohr, nur den Tönen der Betrübnis zugewendet, ist der klimpernden Harfen, der kreischenden Geigen, der klappernden Castagnetten müde; meine Augen sind der bettelhaften Hofhaltung überdrüssig. Aller Adel, alle Größe ist dahin, und die Nichtigkeiten, die an ihre Stelle traten, widern mich an. Nein, Oxford, ist es mein Geschick, auch noch den letzten Glückswurf zu verlieren, der sich mir günstig zu bieten scheint, so will ich mich in das ärmlichste Kloster auf den Pyrenäenbergen zurückziehen, um wenigstens nicht mehr die schwachsinnige Fröhlichkeit meines Vaters mitanzusehen. Möge er aus unserm Gedächtnis schwinden, wie er aus dem Buche der Geschichte schwindet, in das sein Name nimmer aufgenommen wird. Wichtigeres habe ich Euch zu sagen und von Euch zu hören. – Und jetzt, Oxford, was für Nachrichten habt Ihr aus Italien? Will der Herzog von Mailand uns mit seinem Rate oder mit seinen Schätzen beistehen?« »Mit seinem Rate gern, edle Königin, allein wie Ihr denselben benutzen wollt, weiß ich nicht, da er uns anempfiehlt, uns unserm hoffnungslosen Geschicke zu unterwerfen und uns demutsvoll dem Willen der Fürsorgung zu fügen.« »Der elende Italiener! Will er nicht einen Teil seines Reichtums vorstrecken oder einer Freundin Beistand leisten, der er früher so oft Treue geschworen hat?« – »Selbst nicht die Diamanten, die ich in seine Hände zu legen mich erbot,« versetzte der Graf, »vermochten ihn, seine Schatzkammer aufzuriegeln, um uns mit Goldstücken zu unserm Unternehmen zu versehen. Doch, sagte er, wenn Karl von Burgund ernstlich daran denken sollte, zu Euren Gunsten etwas zu unternehmen, so würde er bei seiner Hochachtung für diesen Fürsten und seinem Mitgefühl für Eure Majestät dem Gedanken, einen Vorschuß zu gewähren, vielleicht näher treten.« – »Doch wie steht es mit Burgund? Ich habe mich hierher gewagt, um Euch zu sagen, was ich erfuhr, und Euren Bericht zu vernehmen – ein treuer Wächter sorgt dafür, daß wir hier nicht unterbrochen werden. Meine Ungeduld, Euch zu sehen, trieb mich an, in dieser niedrigen Verkleidung hieherzukommen. Ich habe eine kleine Wohnung in einem Kloster unweit der Stadt. Ich ließ Eure Ankunft durch den treuen Lambert beobachten und komme jetzt, Eure Hoffnungen und Besorgnisse zu vernehmen, und Euch die meinigen mitzuteilen.« »Königliche Frau,« sagte der Graf, »ich habe den Herzog nicht gesehen. Ihr kennt seine eigensinnige, heftige und unnahbare Gemütsart. Wenn er sich jener gelassenen, ausharrenden Staatsklugheit befleißigt, die in diesen Zeitläufen geboten ist, so zweifle ich nicht, daß er volle Entschädigung von Ludwig, seinem geschworenen Feinde, und selbst von Eduard, seinem ehrgeizigen Schwager erhalten wird. Doch wenn er übertriebenen leidenschaftlichen Aufwallungen freien Lauf läßt, so wird er in Zwist mit den armen, aber kühnen Helvetiern geraten, der leicht größeren Umfang annehmen kann. Er kann dabei durchaus nichts gewinnen, sondern läuft nur Gefahr, die schwersten Verluste zu erleiden.« »Zuverlässig wird er,« sprach die Königin, »dem Usurpator Eduard nicht vertrauen, da dieser eben den größten Verrat an seinem Bündnisse begeht.« – »In welcher Hinsicht, edle Frau?« versetzte Oxford, »Die Nachricht, aus die Ihr anspielt, ist mir nicht kund geworden.« – »Wie, Lord? Soll ich denn die erste sein, die Euch sagt, daß Eduard von York mit einem größeren Heer herübergekommen ist, als selbst mein Schwiegervater, der berühmte Heinrich der Fünfte, jemals nach Frankreich oder Italien führte?« – »Wenigstens horte ich, daß man solches erwartete,« sagte Oxford, »und ich war sogleich der Meinung, daß dies unserer Sache nachteilig wäre.« – »Eduard ist angekommen,« sagte Margarethe, »und der Verräter und Usurpator hat Ludwig von Frankreich aufgefordert, ihm die Krone dieses Landes als sein Eigentum auszuliefern – eben die Krone, die auf dem Haupte meines unglücklichen Gemahls glänzte, als er als Kind noch in der Wiege lag.« »So ist es denn entschieden, – die Engländer sind in Frankreich,« antwortete Oxford im Tone der schwersten Besorgnis. – »Und wer begleitet Eduard auf diesem Zuge?« – »Alle – alle bittersten Feinde unseres Hauses und unserer Sache. Der falsche, verräterische, ehrlose Georg, den er Herzog von Clarence nennt – der Blutsäufer Richard – die schwelgerischen Hastings – Howard – Stanley – kurz, all jene Verräter, die ich nicht nennen mag! es wäre denn, daß meine Verwünschung sie hinwegraffen könnte von der Oberfläche der Erde.« »Und – ich zittre zu fragen,« sprach der Graf, – »bereitet Burgund sich, die Engländer als Kampfgenossen zu begrüßen und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gegen Ludwig von Frankreich zu machen?« – »Meinen Nachrichten zufolge,« versetzte die Königin, »und diese sind so geheim wie zuverlässig und werden überdies durch das allgemeine Gerücht bestätigt, – nein, mein teurer Oxford, nein!« »Mögen die Heiligen drob gepriesen sein!« antwortete der Graf. »Eduard von York, ich will auch dem Feinde nichts Uebles nachreden, – ist ein verwegener, furchtloser Feldherr – allein, er ist weder Eduard III., noch der heldenmütige schwarze Prinz. – Auch nicht jener fünfte Heinrich von Lancaster, unter welchem ich meine Sporen verdiente. Mag Eduard ohne den Beistand Burgunds, auf den er gerechnet hat, gegen Frankreich zu Felde ziehen! Ludwig ist zwar kein Held, aber er ist ein vorsichtiger, gewandter Heerführer und in diesen staatsklügelnden Zeiten vielleicht sehr zu fürchten. Doch welche Schritte tat Burgund?« »Er hat Deutschland bedroht,« sagte Margarethe, »und seine Scharren überfluten jetzt Lothringen, wo er die bedeutsamsten Städte und Festen wegnahm.« – »Wo ist Ferrand de Vaudemont – ein Jüngling voll Mut und Unternehmungsgeist? Man sagte, er wolle im Namen seiner Mutter Yolanda von Anjou, Eurer Schwester, seine Rechte auf Lothringen geltend machen,« – »Entflohen,« versetzte die Königin, »nach Deutschland oder in die Schweiz.« – »Burgund mag vor ihm auf der Hut sein,« sagte der erfahrene Graf, »denn sollte der enterbte Jüngling Verbündete unter den kecken Schweizern finden, so dürfte dem Burgunder in ihm ein furchtbarer Feind erwachsen. Wir sind gegenwärtig nur stark durch des Herzogs Stärke, und wird diese in müßigen und schwankenden Anstrengungen vergeudet, so schwinden, ach! unsere Hoffnungen mit seiner Macht; selbst wenn wir ihn geneigt fänden, uns beizustehen. Meine Freunde in England sind entschlossen, nur mit Burgunds Beihilfe sich zu erheben,« »Dies ist nicht das schlimmste,« sagte Margarethe. »Mehr fürchte ich die Staatsklugheit Ludwigs, der, so meine Späher mich nicht gröblich täuschten, wirklich schon dem Usurpator Eduard einen geheimen Frieden antrug! indem er große Summen anbot, um England für die Partei der Yorks zu erkaufen und eine siebenjährige Waffenruhe zu erlangen.« – »Es kann nicht sein,« sagte Oxford, »Er sollte, wo er ein so großes Heer befehligt, sich ans Frankreich zurückziehen wollen, ohne den Versuch zu machen, seine verlorenen Provinzen wiederzugewinnen.« »Das tut diesem Eduard nichts,« sagte Margarethe, »der fälschlich Plantagenet genannt wird und wohl ebenso niedrig von Gemüt wie von Geblüt ist, da man sagt, daß sein wirklicher Vater ein Bogenschütz Blackburn aus Middleham war. Er wird nicht ruhig schlafen, bevor er nicht heimgekehrt sein wird nach England mit jenen Mordgenossen, die ihm die gestohlene Krone schützen sollen. Er wird sich in keinen Krieg mit Ludwig einlassen, und Ludwig wird nicht anstehen, seinen Stolz zu demütigen, seinen Geiz zu füttern und seine wollüstige Verschwendungssucht durch Goldsummen zu sättigen. So fürchte ich sehr, das englische Heer wird Frankreichs Buden mit dem eitlen Ruhme verlassen, sein Panier für etliche Wochen lang noch einmal in den Provinzen aufgepflanzt zu haben, die es vormals sein eigen nannte.« – »Um so mehr sei es an uns, den Burgunder rasch zur Entscheidung zu bringen,« versetzte Oxford, »und zu diesem Zweck eile ich nach Dijon. Ein Heer, wie die Scharen Eduards wird in Frankreich überwintern müssen, selbst wenn es Waffenstillstand mit dem König Ludwig schließt. Mit tausend hennegauischen Lanzen kann ich aber bald im Norden Englands sein, wo wir, außer der Zusicherung von Schottlands Hilfe, noch manche Freunde haben. Der treue Westen wird sich auf ein verabredetes Zeichen erheben – die Einwohner von Wales werden sich auf das Losungswort Tudor vereinen, die rote Rose erhebt noch einmal ihr Haupt, und somit erhalte Gott den König Heinrich!« »Ach,« sagte die Königin – »aber nicht meinen Gemahl, nicht meinen Freund – nur den Sohn meiner Schwiegermutter von einem wallischen Häuptling – kalt, wie es hieß, und listig – allein es sei so! Wenn nur Lancaster triumphiert und sich an York rächt, so will ich zufrieden sterben!« – »So kann ich also die Anerbietungen machen, zu denen Ew. Majestät mich früher ermächtigten, um Burgund für unsere Sache zu gewinnen? Erfährt Karl etwas von der vorgeschlagenen Waffenruhe zwischen Frankreich und England, so wird der Stachel um so tiefer dringen.« – »Versprecht alles,« entgegnete die Königin. »Ich kenne das Innerste dieses Herzogs – es ist nur auf Besitzerwerb nach allen Seiten hin gerichtet. Deswegen hat er Gelder weggenommen – deswegen überflutet und besetzt er jetzt Lothringen – deswegen girrt er nach den armseligen Resten der Provence, die mein Vater noch die seinigen nennt. Bei so vermehrtem Besitztum gedenkt er seinen Herzogsmantel gegen die Krone eines unabhängigen Monarchen zu vertauschen. Sagt ihm, Margarethe könne seinen Absichten förderlich werden – sagt ihm, mein Vater René werde seine Staaten ihm in dem Augenblick abtreten, wo seine Hennegauer sich nach England einschiffen, so Karl nur ein mäßiges Jahresgehalt gewährt, um eine Anzahl Geiger und eine Schar Mohrentänzer zu unterhalten; denn diese bilden Renés sämtliche irdischen Bedürfnisse. Die meinigen sind noch geringer – Rache an York und ein Grab! Was das elende Gold betrifft, dessen wir bedürfen, so hast Du Juwelen zu verpfänden – was die übrigen Bedingungen anbelangt, so kann allenfalls Bürgschaft geleistet werden.« »Was dies betrifft, hohe Frau, so kann ich zu Eurem Königsworte noch ein Ritterwort geben; und wird mehr verlangt, so soll mein Sohn als Geisel in Burgund bleiben.« – »O, nein, nein!« rief die Königin, vielleicht von dem einzigen zärtlichen Gefühle ergriffen, das in ihrem übermäßigen Unglück noch nicht ganz erstickt worden war. »Setzt nicht das Leben des edlen Jünglings aufs Spiel – er ist der letzte des treuen, anhänglichen Hauses De Vere – er sollte der Waffenbruder meines geliebten Eduard sein und wäre fast sein Genoß in einem frühzeitigen blutigen Grabe geworden! Verwickelt dieses arme Kind nicht in die Staatsränke, die seiner Familie so verhängnisvoll wurden. Laßt ihn mit mir ziehen! Ihn mindestens will ich schirmen vor Gefahr, so lange ich lebe, und ihn versorgt wissen, wenn ich nicht mehr sein werde,« »Vergebt mir, Königin,« sagte Oxford, mit jener ihn stets auszeichnenden Bestimmtheit: »mein Sohn ist freilich ein De Vere, und vielleicht der Letzte seines Namens. In welche Gefahren Pflicht und Lebenstreue ihn auch rufen, seien es Gefahren vor Schwert und Lanze, vor Beil und Hochgericht – frei muß er ihnen die Stirn zeigen, wenn er seine Treue dadurch bewähren kann. Seine Ahnen haben ihm gezeigt, wie man allen solchen Gefahren Trotz bieten kann.« – »Wahr, wahr!« sagte die unglückliche Königin, indem sie heftig die Arme emporstreckte. »Alle mußten umkommen – alle, die das Haus Lancaster ehrten – alle, die Margarethe liebten, alle, die sie geliebt hat! Die Vertilgung muß allgemein werden – die Jünglinge müssen fallen, wie die Greise – kein einziges Lamm der zerstreuten Herde soll entrinnen.« – »Um Gottes willen, hochherzige Frau,« sagte Oxford, »beruhigt Euch! – Ich höre an die Tür pochen.« »Das Zeichen zum Aufbruch,« sagte die verbannte Königin, indem sie sich sammelte. »Wir dürfen nicht zaudern. Laßt uns hier scheiden – Ihr geht nach Dijon, ich nach Aix, meinem ruhelosen Aufenthalte in der Provence. Lebt wohl! – Möchten wir uns zu besserer Stunde wiedersehen! – Hoffnung ist eine Pflanze, die aus einer edlen Brust nicht eher ausgerottet werden kann, bis das Brechen der letzten Herzensfiber sie vertilgt.« Indem sie so sprach, schritt sie durch die Tür der Kapelle, und mischte sich in das Gewühl von Menschen, die teils beteten, teils ihre Neugier befriedigten, teils ihre müßigen Stunden in den Gängen des hohen Münsters verschlenderten. Philippson und dessen Sohn, beide tief ergriffen von dem seltsamen Zusammentreffen, kehrten in ihre Herberge zurück, wo ihrer ein Knappe harrte, der Burgunds Farben und Zeichen trug und ihnen berichtete, daß, so sie die englischen Kaufleute wären, die wertvolle Waren an den Hof des Herzogs brächten, er den Auftrag hätte, ihnen Geleit und Unverletzlichkeit zuzusichern. Unter dem Schutze dieses herzoglichen Dieners brachen unsere Reisenden von Straßburg auf. Am Abend des zweiten Tages erreichten sie die Ebene von Dijon, wo die ganze Heeresmacht des Burgunder Fürsten, oder doch der größte Teil, ihr Feldlager aufgeschlagen hatte. Neuntes Kapitel. Der altere Philippson war an den Anblick kriegerischen Glanzes gewöhnt; dennoch war er fast geblendet von dem Reichtum und der Pracht des burgundischen Lagers, in dem unweit der Mauern von Dijon Karl, der wohlhabendste Fürst Europas, seine Prachtliebe entfaltete. Die Zelte der geringsten Hauptleute waren von Seide und Samt, während die des Adels und der Oberanführer in Silber und Goldstoff erglänzten. Reiterei und Fußvolk hatte die reichsten, prunkendsten Rüstungen an. Ein schöner, überaus zahlreicher Geschützzug war nahe am Eingange aufgestellt, und in dem Befehlshaber dieses Zuges erkannte Philippson (um dem Grafen De Vere von Oxford seinen Reisenamen zu lassen; an den unsere Leser gewöhnt sind) einen Engländer von niederer Herkunft, Heinrich Colvin, der sich durch seine Geschicklichkeit in der Lenkung dieser furchtbaren, erst jüngst zum Kriegsgebrauch erfundenen Werkzeuge auszeichnete. Die Paniere und Fähnlein, die jeder Ritter aufgesteckt hatte, wehten über den Zelten, und die Einwohner dieser wandelbaren Behausungen saßen am Eingange halb gerüstet und schauten dem Ringen, Springen und anderen athletischen Uebungen der Söldner zu. Lange Reihen der edelsten Rosse sah man stampfend und mähneschüttelnd dastehen, oder man hörte sie wiehern über den Krippen, die reich gefüllt vor ihnen standen. Die Kriegsknechte, bildeten heitere Gruppen um die Minnesänger und wandernden Gaukler her oder hielten Zechgelage vor den Zelten der Marketender. Inmitten dieses blendenden Wirrwarrs kriegerischer Rüstungen erreichten die Reisenden endlich das Zelt des Herzogs. Im Abendscheine flatterte das breite, reiche Panier, auf dem die Wappenschild eines Fürsten erglänzten, der ein Herzog von sechs Provinzen, ein Herr von fünfzehn Grafschaften und vermöge seiner Macht, seiner Gesinnungen und seiner stets vom Glück begleiteten Unternehmungen, der allgemeine Schrecken Europas war. Die Engländer wurden sofort höflich aufgenommen, doch nicht in solchem Maße, daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt worden wäre. Man führte sie in das angrenzende Zelt eines Oberhauptmanns, das zu ihrem Aufenthalt bestimmt worden war und wo ihnen Erfrischungen aller Art geboten wurden. Nicht lange währte es, so wurden sie vor den Herzog befohlen, und der ältere Philippson wurde durch einen Seiteneingang in das herzogliche Zelt geführt. Das Zelt war im Innern schlicht, fast armselig eingerichtet, so prunkvoll es auch von außen erschien. Auf dem Tische lagen ausgediente Bürsten und Kämme, abgetragene Hüte und Wämser, Hundekoppeln, Ledergürtel und andere dergleichen Dinge; dazwischen aber, wie zufällig, der große Diamant, Sanci genannt, die drei Rubinen, die die drei Brüder von Antwerpen hießen – noch ein großer Diamant, die sogenannte Leuchte von Flandern, nebst mehreren Edelsteinen von geringerem Werte und minder großer Seltenheit. Diese sonderbare Zusammenwürflung glich einigermaßen dem Charakter des Herzogs selbst, der Grausamkeit mit Gerechtigkeit, Seelengröße mit Kleinlichkeit, Sparsamkeit mit Verschwendung und Freigebigkeit mit Geiz paarte. Der Herzog begrüßte den englischen Reisenden mit den Worten: »Willkommen, Herr Philippson, der Ihr von einer Nation seid, deren Handelsleute Fürsten und deren Krämer Mächtige dieser Erde sind. Mit welcher neuen Ware wollt Ihr uns jetzt prellen?« – »Keine neuen Waren, mein hoher Herr,« antwortete der Engländer, »bringe ich mit, sondern nur die, die ich Euer Hoheit schon vorigesmal zeigte. Ich lege Sie Euch nochmals vor, in der Hoffnung, sie möchten Euer Hoheit beim zweiten Anblick annehmlicher erscheinen.« – »Gut so, Sir – Philipville, glaub ich, nennt man Euch? Entweder seid Ihr ein einfältiger Kaufmann, oder Ihr haltet mich für einen törichten Käufer, daß Ihr mir eben die Waren aufzuhalsen gedenkt, die mir schon einmal nicht gefielen. Eure Lancasterwaren haben ihre Zeit hinter sich. York ist jetzt Mode.« »Bei dem Pöbel muß es so sein,« sagte der Graf von Oxford, »allein für Seelen, wie Eure Hoheit, sind Treue, Ehre und Lehensanhänglichkeit Juwelen, die weder wechselnde Laune noch Wandelbarkeit des Geschmackes außer Mode bringen kann.« – »Nun, es mag sein, edler Oxford,« sagte der Herzog, »daß ich im Innersten meines Gemütes diese altmodisch gewordenen Gegenstände immer noch wertschätze. Doch meine Lage ist sehr heikel, und sollte ich in dieser Krisis einen falschen Schritt tun, so könnten die Pläne, denen ich mein ganzes Leben gewidmet habe, scheitern. Hört mir zu, Herr Handelsmann! Da ist hier Euer alter Nebenbuhler Blackburn herübergekommen, den einige Eduard von York und London nennen, mit einer Kriegerschar, wie man sie seit König Arthurs Zeiten in Frankreich nicht mehr gesehen hat, und ladet mich ein, gemeinsam mit ihm gegen meinen verächtlichsten, hartnäckigsten Feind, den König von Frankreich zu ziehen, mich loszumachen von den Ketten des Vasallentums und zum Range des unabhängigen Fürsten aufzusteigen. Ich frage nun Dich, als einen Ehrenmann, welche Einwürfe Du gegen den mir gemachten Vorschlag erheben kannst? Sage Deine Meinung frei heraus!« »Ich weiß, Euer Hoheit hält alles für leicht ausführbar, was Ihr einmal beschlossen habt. Jedoch obwohl diese fürstliche Sinnesart in etlichen Fällen sehr förderlich sein mag, es auch oft schon gewesen ist, so ist manchmal doch solches Beharren auf einem Vorsätze, bloß um der Beharrlichkeit willen, Veranlassung nicht zum Siege, sondern zum Untergange. Betrachtet daher dieses englische Heer! der Winter nähert sich – wo soll es unterkommen? wie soll es sich ernähren? von wem soll es besoldet werden? Soll Eure Hoheit etwa alle Kosten und Mühseligkeiten der Ueberwinterung bis zum Sommerfeldzug tragen? Ich gebe zu, es sind Männer, die die besten Streiter der Welt abgeben; allein noch sind sie es nicht, erst müßten sie auf Eurer Hoheit Kosten dazu erzogen werden. Und was geschieht weiter? Ihr zieht nach Paris, verleiht der angemaßten Macht Eduards ein zweites Königreich, setzt ihn wieder ein in alle die Besitztümer, die England je in Frankreich sein nannte, die Normandie, Maine, Anjou und die Gascogne. Dürft Ihr diesem Eduard dann noch trauen, wenn Ihr ihn auf diese Weise stärker gemacht habt, als es bis jetzt Ludwig ist, den Ihr gemeinsam mit England zu Boden strecken wollt?« »Beim St. Georg, ich will Dir reinen Wein einschenken! Ueber eben diesen Punkt hege ich auch mein Bedenken, Eduard ist zwar mein Schwager, allein ich bin ein Mann, der wenig Lust hat, den Kopf unter meines Weibes Gürtel zu verbergen. Und Familienliebe? – Possen! sie mag warm sitzen am Herde eines Bürgersmannes; jedoch auf die Schlachtgefilde, in die Halle der Fürsten, wo die Winde kalt wehen, kann sie nicht kommen. Nein, meine Verwandtschaft mit Eduard dürfte mir zur Zeit der Not wenig helfen. Aber er führt Krieg gegen König Ludwig, und wer von beiden auch siegen mag, ich werde durch ihre beiderseitige Schwächung stärker und ziehe stets den Vorteil daraus.« »Und wenn mittlerweile Eure Hoheit sich herablassen will, die ehrenvollste Sache, für die jemals ein Ritter die Lanze einlegte, durch eine mäßige Geldsumme und tausend Hennegauische Landsknechte zu unterstützen, so möchten diese in ihrem Dienste Ruhm und Glücksgüter ernten und den geschmähten Erben von Lancaster wieder in sein angestammtes, rechtmäßiges Eigentum einsetzen.« »Trefflich, Herr Graf,« sagte der Herzog, »kommt Ihr sofort auf den Hauptpunkt; aber wir haben so manchem Strauß zwischen York und Lancaster zugesehen und sind noch nie ins klare darüber gekommen, welcher Sache der Himmel und die Liebe des Volkes das Recht zusprechen. Ihr seid verschmitzte Gesellen, Ihr Engländer beider Parteien, doch weder York noch Lancaster, weder Bruder Blackburn noch Base Margarethe von Anjou und John de Vere als ihr Geleitsmann sollen mich hinter das Licht führen. Man lockt keinen Habicht mit leeren Händen. Wenn es sich darum handelt, Krontaler hinzuzählen und große Geschwader einzuschiffen, da müssen wir unseren Untertanen erkleckliche Gründe vorzulegen haben, da müssen wir selber Gründe haben, die das allgemeine Wohl oder, was dasselbe ist, unsern persönlichen Vorteil angehen. Das ist der Weltlauf, und, Oxford, die Wahrheit zu sagen, ich denke, diesem Laufe mich anzuschließen!« »Der Himmel verhüte, daß ich erwarte, Eure Hoheit würden die Rücksicht auf Eure Untertanen und auf die Vermehrung Eurer eigenen Macht und Herrschaft außer acht lassen. Das Geld, das wir begehren, soll kein Geschenk, sondern eine Anleihe sein, und Margarethe ist bereit, diese Juwelen, deren Wert Eurer Hoheit bekannt sein wird, so lange dagegen zu verpfänden, bis die Summe zurückgezahlt ist, die Eure Freundschaft ihr in ihrer Bedrängnis zugestehen will.« – »Ha! Ha!« sagte der Herzog, »will meine Base einen Pfandverleiher aus uns machen, daß wir nachher mit ihr wie ein jüdischer Wucherer mit seinem Gläubiger zu verfahren hätten? – Doch in der Tat, Oxford, möchten wir dieser Diamanten bedürfen, denn ich muß vielleicht selbst Geld aufnehmen, um meiner Base in ihren Nöten beizustehen. Legt die Juwelen einstweilen auf den Tisch. Und dann sprecht, wird dieser irrende Ritterzug, den Ihr mir vorschlagt, mir nicht etwa Verlust bringen?« – »Verlust?« entgegnete Oxford. »Gewinn vielmehr! Hat Eure Hoheit noch nie an die Provence gedacht?« »Die Provence?« versetzte der Herzog lebhaft, »kann ich doch keine Apfelsine verzehren, ohne mich an die duftenden Wälder und Haine voll Oliven und Zitronen und Granatäpfel in der Provence zu erinnern! Noch Schande wäre es, den alten König René, den harmlosen Greis, aufzuscheuchen; auch würde das einem nahen Verwandten übel anstehen. Dann ist er der Ohm Ludwigs und hat höchst wahrscheinlich, indem er seine Tochter hintansetzt, oder vielleicht weil er ihr Ludwig vorzieht, den König von Frankreich zu seinem Erben ausersehen.« – »Besseres Recht dürfte Eure Hoheit darauf haben,« sagte der Graf von Oxford, »sobald Ihr Margarethe von Anjou den durch mich erbetenen Beistand angedeihen laßt.« – »Nimm hin den Beistand, den Du begehrst,« erwiderte der Herzog, »nimm hin den doppelten Betrag in Kriegsvolk und in Gelde! Nur laß mich auf die Provence ein Recht haben, wäre es auch noch so klein wie ein einziges Haar auf dem Kopfe der Königin Margarethe, und gönne mir Muße, es zu einem vierfachen Kabeltaue zu drehen. Doch ich bin ein Tor, daß ich den Träumen eines Mannes Gehör gebe, der selbst zugrunde gerichtet ist und wenig dabei verlieren kann, wenn er andere in überspannte Hoffnungen wiegt.« – Karl atmete tief und wechselte die Farbe, als er sprach. »Ich bin kein solcher Mann, mein Herr Herzog,« sagte der Graf. »Hört mich – René wird gebeugt von der Last der Jahre, liebt nichts als Ruhe und trägt Verlangen, seinem Lande zu entsagen, ja, allem, was er wirklich besitzt! das heizt auch, den weitläufigeren Staaten, die zu fordern er das Recht hat, die jedoch seinem Scepter entzogen wurden.« – »Ihr raubt mir den Atem!« sagte der Herzog. »René der Provence entsagen! Und was spricht Margarethe, die Stolze, hochherzige Margarethe dazu? Wird sie in ein so demütigendes Tun willigen?« »Für das Glück, Lancaster in England triumphieren zu sehen, würde sie nicht bloß der Herrschaft, sondern dem Leben entsagen. Und in Wahrheit, das Opfer ist leichter, als es scheinen mag. Gewiß ist es, daß, wenn René stirbt, der König von Frankreich die Provence als männliches Lehen zurückbegehren wird, und keiner ist stark genug, dagegen Margarethens Ansprüche, wie rechtmäßig sie auch sein mögen, zu schützen.« – »Sie sind rechtmäßig,« sprach der Herzog, »das ist unleugbar. Ich will nichts von einer Herausgabe hören – das heißt, wenn es dereinst in unsere Hände wird gegeben sein. Burgund mit der Provence vereinigt – ein Besitztum, das von der Nordsee bis zum Mittelländischen Meer reicht! Oxford, Du bist mein besserer Engel!« – »Eure Hoheit muß jedoch erwägen,« sagte Oxford, »daß dem König René ehrenvoller Unterhalt dafür – gewährt werden muß!« »Gewiß, Mann! Er soll ihn haben! Soll ein Schock Fiedler und Gaukler haben, die ihm vom Morgen bis in die Nacht vorsingen. Er soll einen Hofhalt von Troubadours haben, die alle nichts tun sollen, als trinken und essen, pfeifen und geigen. Und auch Margarethe soll ehrenvoll bedacht werden, ganz wie Ihr festsetzen werdet.« »Das wird bald getan sein,« antwortete der englische Graf. »Glückt unser Versuch in England, so wird sie keine solche Unterstützung von Burgund nötig haben. Mißlingt unser Vorhaben, so zieht Margarethe sich in ein Kloster zurück, und nicht lange Zeit wird sie alsdann des Unterhaltes bedürfen, den Euer Hoheit Großmut Ihr, wie ich überzeugt bin, gern anweisen wird.« Mit diesen Worten legte der Graf von Oxford dem Herzog eine Schrift vor und erklärte ihm den Plan des Feldzuges, der durch einen allgemeinen Aufstand der Freunde des Hauses Lancaster unterstützt werden sollte: ein Plan, den man wohl kühn bis zur Verwegenheit nennen dürfte; doch war er so wohl ersonnen und so kunstvoll gefügt, daß er in jenen Zeiten flugschneller Umwälzungen und unter einem Heeerführer von Oxfords kriegerischer Geschicklichkeit und staatskluger Einsicht starke Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Ausganges in sich trug. – Wählend Herzog Karl über die, Einzelheiten einer seiner eigenen Gesinnung zusagenden Unternehmung nachsann, während er im Geiste die Beleidigungen überzählte, die er von seinem Schwager Eduard IV. erlitten hatte, und die gegenwärtige günstige Gelegenheit erwog, ausgiebige Rache zu nehmen, zumeist aber des reichen Länderzuwachses gedachte, der ihm durch die Abtretung der Provence zuteil würde, ermangelte der Engländer nicht, eindringlich zu betonen, daß man keine Zeit verlieren dürfe. »Die Ausführung dieses Planes,« sprach er, »verlangt die größte Eile. Um auf einen glücklichen Ausgang hoffen zu können, muß ich mit Eurer Hoheit Hilfskriegern in England sein, bevor Eduard von York aus Frankreich dahin zurückkehren kann.« – »Und da unser werter Bruder einmal herüber gekommen ist, wird er so hurtig nicht wieder umkehren. Er wird mit schwarzäugigen Französinnen und am rubinfarbenen Weine Frankreichs sich vergnügen.« – »Herr Herzog, laßt mich auch vom Feinde Wahrheit reden! Eduard ist träg und wollüstig, wenn alles gut steht; doch laßt ihn den Sporn der Notwendigkeit fühlen, so wird er eifrig wie ein stampfender Hengst. Auch Ludwig, dem es selten an Mitteln zu seinen Zwecken fehlt, wird den englischen König so bald wie möglich wieder über das Meer schaffen wollen – deswegen ist Hurtigkeit, edler Herr, Hurtigkeit die Seele Eures Unternehmens. Verzeiht, edler Herr, die Ungeduld eines Unglücklichen, der, dem Ertrinken nahe, dringend um Beistand nachsucht. – Wann ziehen wir zur Anordnung dieser wichtigen Maßregel gegen Flanderns Küste?« »Nun, binnen vierzehn Tagen oder vielleicht binnen einer Woche, oder, mit einem Worte, sobald ich eine gewisse Rotte von Dieben und Wegelagerern gezüchtigt habe, die gleich dem Schaum auf dem Kessel stets oben schwimmen, sich aus ihren Bergfesten zwischen den Alpen hervorgemacht und von dort aus unsere Grenze mit Schleichhandel, Raub und Gewalttat verletzt haben.« – »Euer Hoheit meint die Schweizer Eidgenossenschaft?« – »Ei, die Bauernlümmel legen sich dergleichen Namen selbst bei. Sie sind freigelassene Sklaven von Oesterreich, und gleich einem Fanghunde, dessen Kette zerriß, benutzten sie ihre Freiheit, um niederzubeißen und zu zerzausen, was ihnen in den Weg kommt.« »Ich reiste durch ihr Land, als ich Italien verlassen hatte,« sagte der verbannte Graf, »und wie ich hörte, hatten die Kantone die Absicht, Gesandte an Eure Hoheit zu schicken, um Frieden zu erbitten.« – »Frieden!« rief Karl, – »Eine eigene Art friedlichen Verfahrens haben diese sogenannten Abgesandten bewiesen! Sie benützten die Meuterei der Bürger zu La Ferette, der Grenzstadt meiner Lande, erstürmten die Wälle, ergriffen Archibald von Hagenbach, der an meiner Stelle dort befehligte, und töteten ihn auf öffentlichem Markt. Solche Schmachtat muß bestraft werden, Herr Johann de Vere, und ich habe schon Befehl erteilt, diese elenden Landstreicher, die sich Abgeordnete nennen, aufzuknüpfen.« – »Um Gottes willen!« rief der Engländer, indem er sich zu Karls Füßen warf. – »Um Eures eigenen Ranges willen, edler Herzog, um des Friedens der Christenheit willen widerruft solchen Befehl, wenn er wirklich schon erteilt wurde! hört mich, Herr Herzog! Ich bin eine Strecke weit mit diesen Männern zusammengereist,« – »Ihr!« sprach der Herzog; »Ihr ein Genoß der edlen Schweizerbauern? So hat Mißgeschick den Stolz des englischen Adels herabgebracht, daß er sich solche Reisegefährten sucht?« – »Der Zufall führte mich mit ihnen zusammen,« sagte der Graf. »Etliche unter ihnen sind edler Geburt und überdies Männer, für deren friedfertige Gesinnungen ich mich selbst zum Bürgen anzubieten wage.« »Bei meiner Ehre, Mylord von Oxford, Ihr erzeigt ihnen, wie mir nicht minder, viele Gnade, daß Ihr Euch zum Vermittler zwischen den Schweizern und mir macht. Gestattet mir zu sagen, daß in Rücksicht auf frühere Freundschaft ich Euch von Euren eigenen englischen Angelegenheiten sprechen ließ. Doch dünkt mich, daß Ihr Eure Meinung über Gegenstände sparen könnt, die Euch nichts angehen!« »Mein Herr Herzog von Burgund,« versetzte Oxford, »ich zog einst mit Euch nach Paris und hatte das gute Glück, Euch im Treffen bei Mont L'Hery zu befreien, als französische Gewappnete Euch hart bedrängten.« »Wir haben es nicht vergessen,« sagte der Herzog Karl, »und des zum Zeichen haben wir Euch jetzt gestattet, so lange vor uns zu weilen. Doch geschah dies nicht, um Euch Gelegenheit zu lassen, eine Rotte von Schelmen zu verteidigen, die für den Galgen bestimmt sind.« – »Mein hoher Herr! Ich bitte um ihr Leben nur, weil sie in friedlicher Botschaft hierhergekommen sind und mindestens die Führer unter ihnen keinen Teil an dem Verbrechen haben, worüber Ihr Euch beklagt.« Mit ungleichen Schritten ging der Herzog, heftig bewegt, auf und ab, die großen Brauen tief über die Augen herabgezogen, die Hände geballt, die Zähne zusammengebissen, bis er endlich seinen Entschluß gefaßt zu haben schien. Er läutete mit einer silbernen Handklingel, die auf dem Tische stand. »Hierher, Contay,« sagte er zu dem eintretenden Kämmerer. »Sind jene Schweizer schon hingerichtet?« – »Euer Hoheit, nein! allein der Henker wartet ihrer, sobald der Priester ihre Beichte gehört haben wird.« – »Laßt sie am Leben!« sagte der Herzog, »wir wollen morgen hören, auf welche Weise sie es anfangen, ihr Verfahren gegen uns zu rechtfertigen.« Contay verbeugte sich und ging hinaus; dann sagte der Herzog, indem er sich an den Engländer wendete. »Wir haben nun unsere Verbindlichkeit gegen einander ausgeglichen, Mylord von Oxford – Ihr habt Leben für Leben – ja, sogar sechs Leben für ein einziges erhalten. Ich werde Euch also keine Aufmerksamkeit mehr schenken, so es Euch nochmals einfallen sollte, mir mein strauchelndes Pferd bei Mont L'Hery oder Eure Tat bei dieser Gelegenheit vorzuhalten. Die meisten Fürsten begnügen sich damit, im geheimen diejenigen Menschen zu hassen, die ihnen außerordentliche Dienste leisteten – ich hege solche Gesinnung nicht – ich verabscheue es nur, daran erinnert zu werden. Pah! ich bin halb erstickt über der Anstrengung, meinen einmal gefaßten Beschluß umzustoßen. Nun nichts mehr davon. Gute Nacht! Begebt Euch in Colvins Zelt. Er hat Auftrag, Euch zu bewirten. – Contay, führe diesen Engländer zu Colvin!« »Haltet zu Gnaden, hoher Herr,« antwortete Contay, »ich ließ den Sohn des Engländers schon bei dem General.« – »Was, Deinen Sohn, Oxford? Und er ist mit Dir hier? Warum sprachest Du mir nicht von ihm? Ist er ein wackerer Sprößling des uralten Baumes?« – »Es ist mein Stolz, solches zu glauben, Herr Herzog. Er ist der treue Genoß aller meiner Fährlichkeiten und Wanderungen gewesen.« – »Glücklicher Mann!« rief Karl mit einem Seufzer aus. »Ihr, Oxford, habt einen Sohn, der Eure Armut und Eure Bedrängnis mit Euch teilen kann. Ich habe keinen, der Teilnehmer und Erbe meiner Größe sei.« Zehntes Kapitel. Colvin, der englische Geschützhauptmann, dem der Herzog von Burgund bei glänzendem Sold und Unterhalt die Sorge für diesen Teil seiner Heeresmacht vertraute, empfing den Engländer mit all der Hochachtung, die dessen Range gebührte. Er selbst war ein Anhänger der Lancaster-Partei gewesen und folglich den Männern wohlgeneigt, die jenem Hause trotz aller Schicksalsschläge die Treue wahrten. Ein Mahl, an welchem der Sohn schon Anteil genommen hatte, wurde dem Grafen durch Colvin angeboten, dann geleitete der General seine Gäste in denjenigen Teil des Zeltes, der für sie allein bestimmt war. »Und jetzt, Arthur,« sagte sein Vater, »laß mich Dir sagen, daß wir noch einmal scheiden müssen. Du mußt an den Hof des Königs René ziehen, wo unsere unglückliche Königin weilt. Ich wage es nicht, Dir in diesem Lande der Gefahr einen geschriebenen Bericht mitzugeben; allein sage ihr, der Herzog von Burgund sei nicht abgeneigt, sich mit ihr zu vereinbaren. Sage ihr, daß ich wenig Zweifel hege, er werde uns die begehrte Hilfe angedeihen lassen, jedoch nicht, ohne daß sie und der König René zu seinen Gunsten entsagen müssen. Sage ihr, ich würde nimmer solches Opfer angeraten haben, wenn es bloß den Sturz des Hauses York gälte; ich sei jedoch überzeugt, daß Frankreich oder Burgund nach ihres Vaters Tode doch die Besitzungen an sich reißen würden, die sie zu seinen Lebzeiten nur ungern noch verschonen. Fordere daher die Königin Margarethe auf, so sie ihre Willensmeinung nicht geändert hat, die förmliche Abdankung des Königs René zu erhalten, so daß er mit ihrer Majestät Zustimmung seine Staaten dem Herzoge von Burgund überläßt. Der notwendige Unterhalt des Königs, so wie seiner königlichen Tochter soll ganz nach Gefallen festgesetzt oder die Summe offen gelassen werden. Ich kann es der Großmut des Herzogs zutrauen, daß er diese Summe geziemend ausfüllen werde. Alles, was ich fürchte ist, daß Karl verwickelt ist in –« »In irgend einen törichten Kriegszug, der zu seiner Ehre und zur Ehre seiner Untertanen notwendig ist,« rief eine Stimme hinter der Leinwand des Zeltes– »und darüber mehr auf seine Angelegenheiten als auf die unsrigen acht haben wird. Wie nun, Herr Graf?« In demselben Augenblicke wurde der Vorhang zurückgezogen, und es trat ein Mann ein, der Wams und Mütze eines gemeinen Wallonen trug, in dem Oxford jedoch augenblicklich die scharfen Züge und brennenden Augen des Herzogs von Burgund erkannte. Arthur, der den Herzog nicht kannte, starrte den Eindringenden an, und fuhr mit der Hand nach dem Dolche; doch sein Vater gab ihm ein Zeichen, innezuhalten. Er sah mit Verwunderung, mit welch feierlicher Ehrfurcht der Graf den zudringlichen Kriegsmann empfing. Das erste Wort setzte ihn über die Sache ins klare. »Wenn Ihr durch diese Verkleidung meine Treue prüfen wolltet, edler Herzog, so erlaubt mir zu sagen, daß es ganz überflüssig war.« – »Ei, Oxford,« entgegnete der Herzog, »ich war ein höflicher Spion, denn ich horte in dem Augenblicke auf, ein Horcher an der Wand zu sein, wo ich Ursache hatte zu vermuten, daß Ihr etwas Nachteiliges über mich sagen würdet.« – »So wahr ich ein echter Ritter bin, Herr Herzog, wärt Ihr hinter der Leinwand geblieben, so würdet Ihr nur dieselben Wahrheiten gehört haben, die ich in Eurer Hoheit Gegenwart zu wiederholen bereit bin.« – »So sprich sie denn aus! Die Leute lügen es in den Hals hinein, wenn sie sagen, daß Karl von Burgund sich jemals durch den Rat eines wohlmeinenden Freundes beleidigt gefühlt hätte.« »Ich würde also gesagt haben,« versetzte der englische Graf, »Margarethe von Anjou hätte vor allem zu fürchten, der Herzog von Burgund könnte, um vermeintliche Beleidigungen zu rächen, zuvörderst einen Kriegszug gegen die Schweiz unternehmen, über die einen wesentlichen Vorteil zu erringen ihm nicht gelingen wird. Die Schweizer wohnen zwischen Felsen und Einöden, die fast unzugänglich sind, und nähren sich auf so rohe Weise, daß der ärmste Eurer Untertanen, Herr Herzog, bei solcher Lebensart verkommen würde. Von der Natur sind sie gleichsam geschaffen, die Kriegsbesatzung der Bergfesten abzugeben, die ihnen zur Wohnung angewiesen wurden.– Laßt Euch um des Himmels willen nicht mit ihnen ein, sondern geht edleren und wichtigeren Plänen nach, ohne ein Nest von Hornissen zu stören, die, einmal aufgeschreckt, Euch bis zum Rasendwerden stechen möchten.« Der Herzog hatte Geduld angelobt und bemühte sich, Wort zu halten; doch seine geschwollenen Gesichtsmuskeln, seine blitzenden Augen zeigten, wie große Anstrengung es ihn kostete, seinen Grimm zu unterdrücken. »Ihr seid falsch berichtet, Mylord,« sagte er. »Diese Menschen sind nicht friedsame Hirten und Bauern, wie Ihr wähnt. Stolz auf etliche Siege über das gierige Oesterreich, haben sie alle Hochachtung vor Macht und Ansehen abgeschüttelt, nehmen eine Miene von Unabhängigkeit an, schließen Verbündungen, überfallen und erstürmen Städte, verurteilen und köpfen die Männer von edler Geburt nach ihrem Gefallen. Eben dieselben unruhigen, treulosen und unversöhnlichen Feinde wie die Schotten gegen England, sind die Schweizer für Burgund und dessen Bundesgenossen. Was sagt Ihr? Kann ich eher etwas Wichtiges unternehmen, als bis ich den Hochmut dieses Volkes zertreten habe? Auch wird es nur das Werk weniger Tage sein. Mit meinem Stahlhandschuh will ich all jenen Schneckenklee und Stechdorn der Gebirge zu packen wissen. Doch um all Eure Bedenklichkeiten zum Schweigen zu bringen, laßt mich Euch sagen, daß dieses Volk durch Mithilfe und Beistand eine der gefährlichsten Verschwörungen in meinen Staaten unterstützt. Gebt acht! Ich sagte Euch, daß mein Vogt Archibald von Hagenbach ermordet wurde, als die Stadt La Ferette von diesen friedliebenden Schweizern, wie Ihr sie nennt, verräterischerweise überfallen wurde. Und hier ist eine Pergamentrolle, die mir kundmacht, daß mein Vogt nach Urteil und Spruch des Femgerichts geköpft worden, das aus einer Rotte im Finstern schleichender Meuchler besteht, denen ich nimmermehr Sitzung zu halten in meinen Staaten gestatten will! O, könnt ich sie nur fassen! Sie sollten erfahren, was das Leben eines Edelmannes wert ist! Da leset nur die Frechheit in ihrer Kundmachung.« Das Pergament erklärte unumwunden, daß Archibald von Hagenbach wegen verübter Tyrannei, Gewalttat und Erpressung von der heiligen Feme zum Tode verurteilt und von den Schöffen der Feme, die dafür dem heiligen Gerichte verantwortlich wären, hingerichtet worden sei. Die Urkunde war mit roter Tinte unterzeichnet und trug die Zeichen des Femgerichtes, nämlich Strang und Dolch, in ihrem Siegel, – »Diese Beglaubigungsschrift war mit einem Messer auf meinem Tisch angeheftet,« sagte der Herzog, »wieder ein Streich, der beweist, wie trefflich sie ihr mörderisches Gaukelwesen in Geheimnis zu hüllen wissen!« Bei der Erinnerung an das, was ihm im Verließ unter dein Hause des Gastwirtes Johann Mengs begegnet war, überlief den braven Engländer unwillkürlich ein Schauder. »Um aller Heiligen des Himmels willen,« sagte er, »unterlaßt es, o Herr, von dieser furchtbaren Feme zu reden, deren Werkzeuge über, unter und neben uns sind! Kein Mann ist seines Lebens sicher, wie geschützt er sich auch wähne! Ihr seid umringt von Deutschen, Italienern und anderen Fremden.– Wie viele unter diesen mögen mit der Feme verknüpft sein! Edler Fürst, als Freund Eures ???Hlluses muß ich Euch, wäre es auch mit dem letzten Hauche meines Lebens, sagen, daß die Schweizer gleich einer Schneelawine über Euch hängen und jener geheime Bund unter Eurem Boden Euch bedroht, gleich den ersten Stößen eines herannahenden Erdbebens. Ruft nicht auf zum Kampfe, so werden die Schneemassen auf den Gebirgen ruhig bleiben, der Qualm unterirdischer Gluten beschwichtigt in der Tiefe lagern; allein ein einziges Wort des Trotzes oder ein einziger Blick entwürdigenden Hohnes möchte ihre Schrecknisse in Tätigkeit versetzen.« »Ihr sprecht,« sagte der Herzog, »von einem Rudel nackter Schufte und einer Rotte mitternächtiger Meuchler mit mehr Scheu, als ich jemals in Zeiten der Gefahr an Euch wahrnahm. Doch will ich Euren Rat nicht verspotten – ich will die Schweizer Abgesandten ruhig anhören und, so ich es vermag, die Verachtung nicht blicken lassen, die ich gegen ihre Anmaßung hegen muß. Ueber die geheimen Verbindungen will ich schweigen, bis die Zeit mir Mittel an die Hand gibt, mit dem Kaiser und dem deutschen Reichstage vereint, gegen sie vorzugehen. Nun, Herr Graf, war das gut gesprochen?« – »Es war wohlbedacht, Herzog, doch zur Unzeit gesprochen. Ihr seid in einer Lage, in der ein einziges Wort, von einem Verräter erlauscht, Euch Tod und Verderben bereiten kann.« »Ich bin von keinen Verrätern umgeben,« sagte Karl, »Könnte ich's denken, daß deren in meinem Lager wären, so möchte ich lieber gleich von ihren Händen sterben, als in immerwährendem Schrecken und Verdacht leben.« – »Euer Hoheit erprobteste Diener,« bemerkte der Graf, »reden ungünstig von dem Grafen von Campobasso, dem italienischen General, der bei Euch so hoch in Gnaden steht.« – »Mißtrauischer Tor!« rief der Herzog. »Soll ich Dir das Geheimnis dieses Campobasso aufdecken? Wisse denn, Du ungläubiger Sterblicher, daß mein guter Freund und Bruder Ludwig von Frankreich mir durch keinen geringeren Mann, als durch seinen Bartscherer Oliver le Diable, geheime Kunde sandte, es hätte Campobasso gegen eine gewisse Summe Geldes sich erboten, mich lebend oder tot in des Königs Hände zu liefern. – Ihr erstarrt?« »In der Tat erstarre ich, wenn ich bedenke, wie Eure Hoheit gewohnt ist, leicht bewaffnet auszureiten, von nur wenigen begleitet, die Vorposten zu besuchen oder die Feinde zu beobachten, und wie leicht dann solch verräterischer Anschlag zur Ausführung gebracht werden kann.« – »Possen!« antwortete der Herzog. »Du siehst die Gefahr als wirklich vorhanden an, da doch nichts gewisser sein kann, als daß, wenn mein Vetter von Frankreich jemals solches Anerbieten erhielt, er der letzte wäre, der mich auf solchen Anschlag aufmerksam machen würde. Nein – er kennt den Wert, den ich auf Campobassos Dienste lege, und schmiedete jene Anklage, um mich eines so tüchtigen Dieners zu berauben.« – »Und dennoch,« sprach der englische Graf, »wolle Eure Hoheit meinen Rat hören, nie die kugelfeste Rüstung abzulegen und, wenn Ihr ausreitet, stets einige Dutzend Eurer wallonischen Krieger mitzunehmen.« »Nun gut, ich will auf meiner Hut sein. Und Ihr, junger Mann, versichert meiner Base Margarethe von Anjou, daß ich Ihre Sache wie die meinige führen werde. Auch bedenkt, junger Mann, daß die Geheimnisse der Fürsten verfängliche Mitteilungen sind, wenn der, dem sie gemacht wurden, sie ausplaudert hingegen, daß sie dem Hüter, der sie sorglich in sich verschließt, Reichtum bringen. – Du sollst Ursache haben, meine Worte für wahr zu halten, so Du mir von Aix die Entsagung, von der Dein Vater sprach, überreichen kannst.–Gute Nacht, gute Nacht!« – Er verließ das Zelt. »Du hast,« sagte der Graf von Oxford zu seinem Sohne, »nun diesen außerordentlichen Fürsten kennen gelernt. Es ist leicht, seinen Ehrgeiz, seinen Durst nach Macht rege zu machen; jedoch fast unmöglich, ihn auf die richtigen Grenzen zu beschränken, durch die sie am besten befriedigt werden können. Er gleicht stets dem jungen Bogenschützen, dem das Ziel in dem Augenblicke, wo er die Sehne anzieht, durch eine am Auge vorüberziehende Schwalbe entrückt wird. Bald beleidigend argwöhnisch – bald unverzeihlich leichtsinnig in seinem Vertrauen – noch vor kurzer Zeit der Feind des Hauses Lancaster, – jetzt dessen letzte einzige Hoffnung. Gott bessere alles!« – Elftes Kapitel. Die Morgendämmerung erweckte den verbannten Grafen von Lancaster und dessen Sohn, und das Tageslicht ward kaum am östlichen Himmel sichtbar, als ihr Wirt Colvin mit einem Begleiter eintrat, der etliche Bündel trug, die er auf den Boden niederlegte, um sich dann sogleich zu entfernen. Des Herzogs Wachthabender meldete, daß er mit einem Auftrage Karls von Burgund käme. »Seine Hoheit,« sprach er, »hat vier starke junge Leibjäger geschickt, die den jungen Herrn von Oxford zu begleiten haben. Ferner sendet ihm der Herzog diese gefüllte Geldbörse, um seine Ausgaben bis Aix und seinen Aufenthalt daselbst zu bestreiten, und ein Beglaubigungsschreiben an den König René, um dem jungen Herrn guten Empfang zu sichern. Auch ein paar Pferde stellt Seine Hoheit dem jungen Herrn zur Verfügung. – Es wird geraten sein, daß der junge Herr eine seinem Range besser entsprechende Kleidung anlege. Seine Begleiter kennen die Wege und haben im Notfalle die Vollmacht, in des Herzogs Namen von allen treuen Burgundern Beistand zu fordern. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß der junge Herr sobald wie möglich abreisen soll.« Nicht ohne inneres Wohlgefallen legte der Jüngling ein seiner Geburt geziemendes Gewand an, doch mit noch tieferer Empfindung, wenngleich hastig und heimlich, schlang er um seinen Nacken und verbarg unter dem Koller und den Falten seines geschmückten Wamses eine kleine, dünne goldene Kette, die, wie man es nannte, von maurischer Arbeit war. Diese Kette war der Inhalt des Päckchens, welches Anna von Geierstein ihm beim Abschiede vor Straßburg in die Hand gedrückt hatte. An dem Kettlein hing eine dünne Goldplatte, in die mit einer Messerspitze oder mit einer Haarnadel auf der einen Seite in deutlichen, wenn auch feinen Zügen die Worte: »Lebwohl für immer!« auf der Rückseite aber minder lesbar die Worte: »Vergiß mein nicht! A. v. G.« – eingeritzt waren. Fast tonlos segnete der Vater seinen Sohn und sprach mit wiedergewonnener Festigkeit, daß zur Sache selbst nichts weiter zu sagen wäre. »So Du mir die Abdankung bringen kannst, deren wir bedürfen,« flüsterte er ihm zuletzt zu, »so wirst Du mich in der Nähe des Herzogs von Burgund finden.« Schweigend schritten sie aus dem Zelte und fanden vor demselben die vier burgundischen Leibjäger, schlanke und rüstige Männer, wohl beritten. Sie hielten zwei Sattelpferde, eines kriegerisch ausgerüstet, das andere ein munterer Klepper zur Reise; einer der Jäger führte noch ein Saumroß, bepackt mit Kleidungsstücken, damit Arthur in Aix mit der nötigen Toilette versehen sei, wie Colvin ihm noch erklärte, indem er die vom Herzog geschickte Goldbörse aushändigte. – »Theobald,« sprach Colvin dann, indem er auf den ältesten der begleitenden Reiter deutete, »dürfte Euer Vertrauen verdienen – ich bürge für seine Einsicht und Treue. Die drei andern sind ausgesuchte Männer, die allewege ihren Mann stehen.« – »Noch ein Wort,« sprach dann der Vater und flüsterte Arthur, als dieser sich über den Sattel seines Pferdes beugte, noch rasch ins Ohr: »Wenn Du einen Brief von mir empfängst, so denke nicht, Du seiest mit dem Inhalte völlig bekannt, bis Du das Papier über ein heißes Feuer gehalten hast.« Arthur nickte, winkte nochmals dem Vater und dem ehrlichen Colvin ein Lebewohl zu und ritt mit seinen Begleitern im Trabe davon. Während der Graf noch wie ein Träumender dastand und sinnend seinem Sohne mit den Augen folgte, tat Trompetengeschmetter kund, daß der Herzog mit seinem Gefolge und seiner Dienerschaft sich zu Roß setzte. Philippson, wie er noch immer genannt sei, hatte im Namen des Herzogs ein stattliches Pferd erhalten, und gesellte sich samt Colvin zu der glänzenden Versammlung, die sich vorm Zelte des Herzogs aufstellte. Nach wenigen Minuten trat der Fürst heraus, angetan mit der prächtigen Kleidung des Ordens vom Goldenen Vließ, dessen Stifter sein Vater Philipp gewesen war, und der jetzt in Karl seinen mächtigsten Beschützer und ersten Ritter hatte. Mehrere seiner Höflinge trugen dasselbe reiche Gewand und zeigten mit ihren Knappen und Knechten so viel Wohlhabenheit und Prunk, daß sie gar wohl die allgemeine Rede bestätigten, der Herzog von Burgund unterhalte den prachtvollsten Hof in der ganzen Christenheit. Zu feierlichem Zuge gereiht, dessen Nachtrab von einer aus zweihundert Arkebusierern bestehenden Leibwache gebildet wurde, verließen der Herzog und sein Gefolge die Schranken des Lagers und zogen hinab gegen Dijon, das damals Hauptstadt von ganz Burgund war. Als die Drommeten des herzoglichen Zuges die Bürgerwache am St. Nikolaus-Tore aufgefordert hatten, fiel die Zugbrücke; das Fallgitter hob sich, das Volk brach in Freudengeschrei aus, die Fenster wurden mit Teppichen behangen, und als Karl inmitten seines Gefolges und auf einem milchweißen Hengste, von sechs Edelknaben begleitet, deren jeder eine vergoldete Partisane trug, in die Stadt einritt, bewies der Jubel, der ihm von allen Seiten entgegenscholl, daß er noch immer beim Volke sehr beliebt war. Auch bleibt es wahrscheinlich, daß die Verehrung, die sich an seines Vaters Andenken knüpfte, für lange Zeit der ungünstigen Stimmung die Wage hielt, die etliche Handlungen Karls in weiten Kreisen seiner Untertanen erweckt haben mochten. In der Mitte der Stadt Dijon hielt der Zug vor einem großen gotischen Gebäude. Dieses hieß damals das herzogliche Haus und wurde nach der Vereinigung Burgunds mit Frankreich das königliche Haus genannt. Der Maire von Dijon harrte auf den Stufen des Palastes, begleitet von seinen Amtsdienern und einhundert waffentüchtigen Bürgern in schwarzen Sammtmänteln und mit Halbpiken in der Hand. Der Maire beugte das Knie, um des Herzogs Steigbügel zu küssen, und in dem Augenblicke, wo Karl vom Rosse stieg, begannen alle Glocken in der Stadt so donnernd zu läuten, daß die Toten davon hätten erweckt werden mögen, die in der Nähe der Kirchtürme schlummerten. Unter diesem betäubenden Begrüßungsgeläut trat der Herzog in die große Halle des Gebäudes, in deren obern Ende für den Monarchen ein Thron, für die ausgezeichneteren Staatsdiener und Kronvasallen Sitzplätze, für Personen von geringerer Bedeutung Bänke aufgestellt waren. Auf einer von diesen Bänken, jedoch an einer Stelle, von wo er die ganze Versammlung und auch den Herzog selbst ins Auge fassen konnte, wies Colvin dem Engländer seinen Sitz an, und Karl, dessen reges, ernstes Auge rasch die Anwesenden, nachdem diese sich gesetzt hatten, überblickte, schien durch ein unmerkliches Kopfnicken sein Einverständnis mit dieser Anordnung zu erklären. Als der Herzog und seine Begleiter sich gesetzt hatten, näherte der Maire sich abermals auf die bescheidenste Weise, kniete auf der untersten Stufe des herzoglichen Thrones nieder und fragte, ob Seiner Hoheit Muße es gestattete, die Einwohner der Hauptstadt anzuhören, die ihrem anhänglichem Eifer für seine erlauchte Person Worte zu verleihen gedächten. Zugleich bat er, das Willkommengeschenk anzunehmen, das er in Gestalt eines mit Goldstücken gefüllten silbernen Trinkgeschirres namens der Bürger und Gemeinde von Dijon zu Seiner Erlaucht Füßen niederzusehen sich erlaube. Karl, der zu keiner Zeit sich sonderlicher Höflichkeit befleißigte, antwortete kurz und derb und mit einer von Natur rauhen, mißklingenden Stimme: »Jedes Ding nach seiner Reihe, guter Herr Maire. Laßt uns erst vernehmen, was uns die Stände von Burgund zu sagen haben, dann wollen wir die Bürger von Dijon hören.« – Der Maire erhob sich und wich zurück, indem er den Silberbecher in der Hand behielt, wahrscheinlich verdrossen und verwundert, daß des Gefäßes Inhalt nicht augenblicklich gnädige Aufnahme gefunden hätte. – »Ich erwarte,« sagte Karl, »zu dieser Stunde und an diesem Orte von unseren Ständen Antwort auf eine ihnen vor drei Tagen durch unsern Kanzler eingereichte Botschaft. Ist niemand von ihnen zugegen?« Als keiner Miene machte zu antworten, sagte der Maire, die Mitglieder der Ständeversammlung hätten den ganzen Morgen in ernster Beratung zugebracht und würden augenblicklich vor Seiner Hoheit erscheinen, sobald sie vernommen, daß der Herr Herzog die Stadt durch seine erlauchte Gegenwart beehrt hätte. Der Herzog schickte darauf einen Herold an die Ständeversammlung mit der Aufforderung, vorm Herzog zu erscheinen. Das Andenken an den Herzog Philipp war den Burgundern heilig; denn zwanzig Jahre lang hatte jener weise Fürst seinen Rang unter den Monarchen mit vieler Mühe behauptet und einen Schatz aufgehäuft, ohne die reichen Länder, die er beherrschte, mit Erpressungen oder erhöhten Steuern zu belasten. Allein die überspannten Pläne und unmäßigen Ausgaben des Herzogs Karl hatten schon den Argwohn seiner Stände gegen ihn rege gemacht, und das gegenseitige Wohlwollen zwischen Fürst und Volk begann dem Mißtrauen auf der einen und dem Trotz auf der andern Seite Platz zu machen. Die widerspenstige Stimmung der Stände war in letzter Zeit noch gestiegen; denn man fürchtete, der Herzog ginge nur darauf aus, den ihm von seinen Untertanen zugebrachten Reichtum dazu anzuwenden, seine königliche Gewalt unziemlich zu erweitern und die Freiheit des Volkes zu zerstören. Es ging daher das Gerücht, daß unter den Ständen sich diesmal heftiger Widerspruch gegen die von dem Herzog in Vorschlag gebrachte neue Schätzung erheben würde. Der Ausgang wurde nun von den Raten des Herzogs mit lebhafter Besorgnis, vom Herzog selbst mit ärgerlicher Ungeduld erwartet. Nach etwa zehn Minuten trat der Kanzler von Burgund, der zugleich Erzbischof von Wien war, mit seinen Begleitern in die Halle und bat den Herzog, die Antwort der Stände, in einem verschlossenen Gemach entgegenzunehmen, indem er ihm dabei zu verstehen gab, daß der Erfolg der Beratungen keineswegs erfreulich wäre. »Beim St, Georg von Burgund, Herr Erzbischof!« rief der Herzog finster und laut, »wir sind kein Fürst von so erbärmlichem Gemüte, daß wir die frechen Blicke einer mißvergnügten, böswilligen Partei zu scheuen hätten. Wenn die Stände von Burgund auf unsere väterlich gemeinte Botschaft eine ungehorsame pflichtwidrige Antwort geben, so mag diese in öffentlicher Sitzung ausgesprochen werden, damit das versammelte Volk erfahren möge, wie diese kleinlichen, ränkespinnenden Gesellen sich ihrem Herzog in den Weg stellen!« Der Kanzler verbeugte sich würdevoll und nahm seinen Sitz ein, während der vordem abgesandte Herold die Abgeordneten der Stände in die Halle führte. Diese Abgeordneten bestanden aus zwölf Mitgliedern, nämlich vier von jedem Zweige der Stände, und waren bevollmächtigt, dem Herzog die Antwort der Versammlung zu überbringen. Bei ihrem Eintritt erhob sich Karl, gemäß uraltem Herkommen, und sprach, indem er das mit ungeheuren Federn geschmückte Barett vom Haupt nahm: »Heil und Willkommen meinen guten Untertanen aus der Ständeversammlung!« Alle Hofleute erhoben sich und entblößten ebenfalls das Haupt. Dann warfen die Abgeordneten sich auf die Knie, indem die vier Geistlichen, unter denen Oxford den schwarzen Priester von St. Paul erkannte, dem Throne zunächst knieten, hinter diesen knieten die Adeligen und hinter diesen wieder die Bürger. »Edler Herzog,« sprach der Pfarrherr von St, Paul, »möge es Euch gefallen, die Antwort Eurer guten, getreuen Stände von Burgund zu vernehmen! Ein Priester, ein Edler und ein freigeborener Bürger, werden Eure Hoheit einer nach dem andern anreden. Denn obwohl – und gelobt sei Gott, der da die Brüder läßt in Eintracht beisammen wohnen! – wir über die Antwort im allgemeinen einig sind, so kann doch jeder Stand noch besondere Gründe Zur Unterstützung der allgemeinen Meinung vorzubringen haben.« »Wir wollen Euch einzeln hören,« sagte Herzog Karl, indem er den Hut auf den Kopf stülpte und sich nachlässig zurücklehnte. Die Abgeordneten erhoben sich, und der Priester von St. Paul redete den Herzog folgendermaßen an: »Mein Herr Herzog! Eure getreue und ergebene Geistlichkeit hat Euer Hoheit Vorschlag erwogen, dem Volke eine neue Steuer aufzuerlegen, um Krieg gegen die Verbündeten Kantone im Alpenlande zu führen. Der Streit, mein hochedler Herr, erscheint Eurer Geistlichkeit ungerecht und gewalttätig von seiten Eurer Hoheit; auch kann diese Geistlichkeit nicht hoffen, daß Gott diejenigen segnen werde, die in so ungerechtem Streite das Schwert ziehen. Sie ist deshalb gezwungen, Eurer Durchlaucht Vorschlag zurückzuweisen.« Des Herzogs Augen hafteten finster auf dem Verkünder dieser widrig schmeckenden Botschaft. Er schüttelte den Kopf mit ernstem und drohendem Blicke. »Ihr habt gesprochen, Herr Priester!« war die einzige Erwiderung, die zu äußern ihm beliebte. – Einer der Adeligen, der Sire de Myrebeau, sprach sich sodann folgendermaßen aus: »Eure Hoheit hat von uns die Zustimmung zu neuen von ganz Burgund aufzubringenden Steuern verlangt, damit neue Scharen von Söldnern gedungen werden können. Herr Herzog, die Schwerter der burgundischen Edlen, Ritter und Herren standen jederzeit zu Eurer Hoheit Befehle. In jeden gerechten Streit, den Ihr führt, werden wir willig ziehen und standhaft fechten; aber neue Steuern können wir nicht bewilligen. Wozu noch mehr Söldner mieten, da wir selber Krieger genug zu stellen vermögen?« »Ihr habt gesprochen, Sire de Myrebeau,« waren abermals die Worte, die der Herzog erwiderte. Dann winkte er, daß einer des dritten Standes seine Erklärung abgeben möge. Dieser Mann war Martin Block, ein wohlhabender Metzger und Viehzüchter aus Dijon. Seine Worte lauteten: »Edler Fürst, unsere Väter waren die gehorsamen Untertanen Eurer erlauchten Vorgänger; wir stehen ebenso zu Euch. Jedoch den Antrag, den Euer Kanzler uns machte, hätten unsere Vorfahren nie angenommen; so sind denn wir auch entschlossen, ihn abzuweisen.« Karl hatte mit ungeduldigem Schweigen die Reden der beiden ersten Sprecher ertragen, allein die kecke, derbe Erwiderung des dritten Standes vermochte er nicht zu erdulden. Er ließ der Heftigkeit seines Gemütes vollen Lauf, stampfte auf den Boden, bis der Thron erzitterte und das hohe Gewölbe ihm zu Häupten widerhallte. Dann überhäufte er den kühnen Bürger mit Vorwürfen, »Du Lasttier!« rief er, »soll ich auch noch Dein Geschrei mir bieten lassen? Mögen die Edlen recht haben, sich zum Reden Erlaubnis zu erbitten, denn sie können fechten; mag die Geistlichkeit ihre Zunge gebrauchen, denn das ist ihr Gewerbe; aber Du, der Du nimmer Blut vergössest als das Deiner Bullochsen, die kaum dümmer sind als Du – mußt Du mit Deiner Herde hierherkommen, um am Throne eines Fürsten loszubrüllen?« Ein Gemurmel des Mißfallens, das selbst die Furcht vorm Zorn des Herzogs nicht zu unterdrücken vermochte, durchlief bei diesen Worten die Reihen der Zuhörer, und der Bürger von Dijon, ein derber Volksmann, versetzte ohne Umstände; »Unsere Geldsäckel, mein Herr Herzog, sind unser – und wir rücken kein Geld heraus, ehe wir nicht genau wissen, wozu es verwendet werden soll; auch wissen wir recht Wohl, wie wir unser Leben und unsere Habe gegen ausländische Schufte und Räuber zu beschirmen haben!« Karl wollte schon Befehl erteilen, den Abgeordneten in Haft zu nehmen, als er einen Blick auf den Grafen von Oxford warf, dessen Anwesenheit ihm wider seinen Willen Zwang auferlegte. Er schien sich eines Besseren zu besinnen und sprach: »Ich sehe, daß Ihr Euch alle verbündet habt, meine Pläne zu durchkreuzen, und ohne Zweifel mich aller monarchischen Gewalt berauben wollt, nur daß ich eben noch meine Krone tragen darf. Jedoch Ihr sollt merken, daß Ihr es mit Karl von Burgund, einem Fürsten, zu tun habt, der, obgleich er Euch die Ehre erwies, Euren Rat einzuholen, doch vollauf imstande ist, seine Schlachten ohne die Mithilfe seiner Edlen zu führen, falls diese ihm den Beistand ihrer Schwerter weigern; der seine Zahlungen ohne die Hilfsleistungen tolpischer Bürger entrichten und wohl auch einen Weg ausfindig machen kann, um ohne die Fürbitte einer undankbaren Priesterschaft zum Himmel zu gelangen. – Ich will allen denen, die hier gegenwärtig sind, zeigen, daß ich mich durch aufrührerische Antworten nicht beirren lasse und meinen Vorsätzen getreu bleibe. – Herold! führe die Männer vor, die sich die Verbündeten aus den Städten und Kantonen des Schweizerlandes nennen.« Oxford und alle, denen wirklich das Wohl des Herzogs am Herzen lag, hörten mit größter Besorgnis den Entschluß des Fürsten, den Schweizer Abgeordneten, gegen die er schon von vornherein eingenommen war, in einem Augenblicke Gehör zu geben, wo er durch die Weigerung der Stände, ihn mit Geld zu unterstützen, aufs heftigste erzürnt war. Alle erkannten, daß der Würfel geworfen war, aber da niemand mit übermenschlicher Voraussicht begabt war, ahnte niemand, daß dieser Augenblick sogar die Entscheidung über Karls Leben und die Unabhängigkeit Burgunds als eines für sich bestehenden Reiches nach sich zog. Zwölftes Kapitel. Die Pforten der Halle wurden nun den Schweizer Abgeordneten geöffnet, die eine Stunde lang außerhalb des Palastes hatten harren müssen, ohne im mindesten jene Aufmerksamkeiten zu erfahren, die unter gebildeten Völkern den Stellvertretern eines fremden Staates erwiesen werden. Allerdings mußte ihr äußeres Erscheinen, als seien sie Gebirgsjäger oder Hirten, inmitten einer in buntfarbigen Anzügen, in Gold- und Silberschnüren, Wirkereien und Edelsteinen prunkenden Versammlung, jedem die Meinung einflößen, sie könnten nur in aller Demut als Bittsteller hierher gekommen sein. Oxford, der das Benehmen seiner ehemaligen Reifegenossen genau beobachtete, erkannte jedoch sogleich, daß sie alle der Festigkeit und Gleichgültigkeit getreu blieben, durch die sie sich schon früher hervorgetan hatten, Rudolf von Donnersberg behielt seinen kecken, trotzigen Blick bei – der Bannerherr zeigte seinen gewohnten kriegerischen Gleichmut, mit dem er alles um sich her, scheinbar teilnahmlos, betrachtete – der Bürger von Solothurn gab sich ebenso förmlich und gewichtig wie immer. Nur der edle Landammann, auf den Oxford hauptsächlich seine Aufmerksamkeit richtete, schien von dem Gefühle der unsichern Lage, in die sein Vaterland versetzt wurden war, überwältigt zu sein; indem er nach dem rauhen, unehrenwerten Empfang zu fürchten schien, daß der Krieg sich nicht mehr vermeiden ließe. Nach einem Schweigen von fast fünf Minuten sprach der Herzog in dem hochfahrenden, schneidenden Tone, den er hier Wohl für angemessen halten konnte, und der nur allzusehr seine Gemütsart verriet: »Ihr Männer von Bern, Schwyz, oder welche Weiler und Wildnisse Ihr hier vertreten möget, wisset, daß wir Euch, die Ihr Aufrührer seid gegen die Herrschaft Eurer gesetzmäßigen Obern, nimmer Gehör verliehen hätten, wenn nicht ein wohlgeschätzter Freund, der sich eine Zeitlang in Euren Bergen aufhielt, und den Ihr unter dem Namen Philippson kennt, sich für Euch verwendet hätte. Seiner Fürsprache haben wir soweit stattgegeben, daß wir, statt Euch nach Verdienst dem Galgen zu überliefern, uns herabließen, Euch zu empfangen. Nun laßt hören, welche Genugtuung Ihr dafür bieten könnt, daß Ihr frech und vermessen unsere Stadt La Ferette bestürmtet, unsere Untertanen niederschlugt und den Mord mitansaht, unterstütztet und anrietet, der an dem edlen Ritter, unserm Vogte Archibald von Hagenbach verübt wurde. Sprecht, so Ihr etwas Zur Verteidigung Eurer Missetat und Eures Verrats vorbringen könnt!« Der Lanbammann schien antworten zu wollen, allein Rudolf von Donnersberg übernahm mit der ihm eigenen Kühnheit und Verwegenheit die Verteidigung. Er stellte sich dem Herzoge mit unerschrockenem Auge gegenüber. »So Ihr uns Aufrührer nennt,« sprach er, »so müßt Ihr erwägen, daß eine lange Reihe von Siegen, mit Österreichs edelstem Blut besiegelt, unserer Eidgenossenschaft die Freiheit zurückgegeben hat, die eine ungerechte Tyrannei uns vergebens zu rauben versuchte. Solange das Land Österreich sich uns als gerechter und wohlwollender Herrscher zeigte, dienten wir ihm mit unserm Leben. Als es tyrannisch gegen uns wurde, machten wir uns unabhängig. Will es uns jetzt noch etwas anhaben, so werden die Nachkommen eines Stauffacher, Tell und Walter Fürst ebenso bereit sein wie sie, ihre Freiheit zu verfechten. Euer Erlaucht – so solches Euer Titel ist – hat nichts zu schaffen mit einem Zwist zwischen uns und Oesterreich. Was endlich Eure Drohung mit Galgen und Rad anbelangt, so sind wir hier wehrlose Männer, mit denen Ihr nach Laune verfahren mögt; jedoch wissen wir zu sterben, und unsere Landsleute wissen uns zu rächen.« Der zornmütige Herzog würde hierauf mit nichts anderm als dem Befehle geantwortet haben, die ganze Gesandtschaft augenblicklich zu verhaften und hinzurichten. Doch sein Kanzler erhob sich in diesem Augenblick, lüftete die Mütze mit tiefer Verbeugung gegen den Herzog und bat um Erlaubnis, dem überstolzen Jüngling zu antworten, der, wie er sagte, die Worte Seiner Hoheit falsch verstanden hätte. – »Junger Mann,« sprach der hohe Staatsdiener: »Burgund hat Antwort von Euch zu begehren auf folgende Fragen: Was kamet Ihr unter dem Deckmantel friedlicher Gesandten hierher und erregt Fehde in unsern ruhigen Besitzungen, stürmt eine Feste, erschlagt die Besatzung und tötet deren Befehlshaber, den edlen Ritter von Hagenbach? Was begingt Ihr also Handlungen, die dem Völkerrechte zuwiderlaufen und in vollem Maße die Strafe verdienen, die Euch mit Recht angedroht ward, die jedoch, wie ich hoffe, unser gnädiger Landesfürst Euch schenken wird, so Ihr geziemend Genugtuung für so arge Verletzungen bietet?« »Ihr seid ein Priester, ehrwürdiger Herr,« sagte Rudolf von Donnersberg, indem er den Kanzler von Burgund anredete. »Findet sich in dieser Versammlung ein Krieger, der Eure Anklage vertreten will, so fordere ich ihn Mann gegen Mann zum Kampfe. Wir stürmten die Feste La Ferette nicht. – Wir wurden friedlich eingelassen, dort aber augenblicklich von den Reisigen des Hagenbachers umringt, offenbar in der Absicht, uns zu überfallen und zu erschlagen. Wäre es geschehen, Ihr hättet, traun! von mehr Erschlagenen als von uns gehört. Allein Aufruhr brach aus unter den Insassen des Ortes, einige Nachbarn, denen die Bedrückung und das rohe Wesen Archibalds von Hagenbach längst verhaßt war, halfen mit. Wir leisteten den Anstürmenden keinen Beistand, kamen aber auch dem Hagenbacher nicht zu Hilfe, der bereit gewesen war, das Aergste an uns zu tun. Archibald von Hagenbach starb, es ist wahr, auf einem Blutgerüst, und mit Vergnügen sah ich ihn sterbe«! jedoch es geschah unter dem Spruch eines Gerichts, das in Westfalen und den Grenzgauen diesseits des Rheins für gültig anerkannt wird. Ich bin nicht gehalten, ein solches Verfahren zu rechtfertige«! allein ich meine, den Urteilsspruch hat Hagenbach durch Willkür, Grausamkeit und schändlichen Mißbrauch der ihm verliehenen Macht sattsam verdient. All das will ich gegen jeden, der mir widerspricht, mit diesem meinem Leibe vertreten. Und hier liegt mein Handschuh!« Mit kühner Gebärde schleuderte der Schweizer den Handschuh seiner rechten Hand auf den Boden. Gemäß dem Geiste des Jahrhunderts und der allgemeinen Vorliebe für edle Waffentat, entstand eine allgemeine Bewegung unter den burgundischen Jünglingen, und mehr denn sechs oder acht Handschuhe wurden hastig von anwesenden jungen Rittern und zwar von den entfernter Stehenden über die Köpfe der Vordern hingeworfen, wobei ein jeder seinen Stand und Namen laut ausrief. – »Ich nehme es mit allen auf!« rief der kecke junge Schweizer, indem er die um ihn herum hinklatschenden Handschuhe aufhob. »Mehr, Ihr Herren, mehr! Einen Handschuh für jeden Finger! Kommt heran, einer nach dem andern – offene Schranken, biedere Kampfrichter, Gefecht zu Fuß und mit doppelgriffigen Schwertern, so werd' ich einem Schock von Euch stehen.« »Haltet ein, Ihr Herren, haltet ein!« sagte der Herzog, geschmeichelt und besänftigt durch den Eifer, der für seine Sache an den Tag gelegt wurde. Auch gefiel ihm die riesige Tapferkeit, die der Herausforderer mit einer dem Herzoge selber eigenen Kühnheit gezeigt hatte: »Halt, befehl ich Euch allen! – Herold, sammle die Handschuhe und gib sie den Eigentümern zurück. Gott und der heilige Georg mögen verhüten, daß wir das Leben auch nur des Letzten unserer Edlen gegen einen Schurken wagen sollten, wie dieser Schweizer Bauer einer ist, der nimmer einen Gaul bestieg und von ritterlichem Wesen keinen Dunst hat! – Bringt Euer pöbelhaftes Gebrüll anderswohin, junger Recke, und wißt, daß Eure offenen Schranken nur der Markt Morimont und der Einzige, mit dem Ihr zu kämpfen hättet, der Henker sein müßte! Und Euch, die Ihr diesen Polterer das Wort unter Euch führen laßt, vor allem Dich, Du weißbärtiger Alter dort, Dich frage ich, ob keiner unter Euch ist, der Eure Botschaft in Worten ausrichten kann, die für das Ohr eines Monarchen passen?« »Gott sei Dank!« sagte der Landammann, indem er vortrat, und Rudolf von Donnersberg Schweigen gebot, der abermals eine kecke Antwort auf den Lippen trug. – »Gott sei Dank, edler Herzog! wir wissen so zu sprechen, daß Eure Hoheit uns verstehen wird, zumal wir, wie ich hoffe, die Sprache der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit führen. Was mich betrifft, so kann ich mit Wahrheit sagen, daß ich es zuvor aus freier Wahl vorzog, als Landmann und Jäger auf den Alpen von Unterwalden zu leben und zu sterben, daß ich aber doch von Geburt auf das Recht Anspruch erheben darf, vor Herzogen und Königen, ja vor dem Kaiser selber zu reden. Es ist, mein Herzog, keiner hier in dieser stolzen Versammlung, der edleren Stammes wäre, als die Freiherren von Geierstein.« »Wir haben von Euch gehört,« sagte der Herzog. »Die Leute nennen Euch den Bauerngrafen. Eure Geburt ist für Euch nur eine Schmach, nachdem Ihr freiwillig ein Leibeigener wurdet.« – »Kein Leibeigener, Herr,« antwortete der Landammann, »sondern ein Freisasse, der weder andere knechten, noch sich von andern knechten lassen will. Doch will ich mich durch Stachelrede nicht aus der Gelassenheit reißen lassen, die notwendig ist, um gehörig zu vertreten, was meine Landsleute mir aufgetragen haben. Die Bewohner der eisigen, unwirtlichen Alpen begehren, mächtiger Herr, in Frieden zu bleiben mit allen ihren Nachbarn, und ihrer selbstgewählten Verfassung sich zu erfreuen, da diese sich am besten für ihren Stand und ihre Sitten eignet. Vornehmlich wünschen sie in Eintracht mit dem fürstlichen Hause Burgund zu bleiben, dessen Besitzungen auf so manchen Punkten die Schweizer Grenzen berühren. Sie wünschen Eintracht, ja sie bitten sogar darum, mein hoher Herr! Zum Beweise dafür, Herr Herzog, erblicke ich, der ich nimmer das Knie beugte, als nur vor dem Ewigen im Himmel, keine Entwürdigung darin, vor Eurer Hoheit zu knien!« Die ganze Versammlung, der Herzog selbst, war ergriffen, von der edlen, stattlichen Weise, in der der wackere Greis, offenbar frei von knechtischem Sinn und aller Furcht, das Knie beugte. – »Steht auf, Herr!« sagte Karl. »So wir etwas gesagt haben, was Euer persönliches Gefühl verletzen könnte, so nehmen wir es ebenso öffentlich zurück, wie wir es aussprachen, und sind bereit, Euch als einen Gesandten anzuhören, der es ehrlich meint.« – »Dank dafür, mein hochedler Herr, und ich werde den heutigen Tag segnen, so ich Worte finde, würdig der Sache, die ich zu vertreten habe. Hoher Herr, das Blatt, das ich in Eure Hand lege, erläutert die Unbill, die uns von den Bevollmächtigten Eurer Hoheit sowie von denen des Grafen Raymund von Savoyen, Eures getreuen Bundesgenossen, angetan worden sind. Als unabhängiges Volk können wir solcherlei Schmach nicht länger dulden, und wir sind entschlossen, unsere Unabhängigkeit zu wahren, oder in Verteidigung unserer Rechte zu sterben. Und was wird folgen müssen, wenn Eure Hoheit nicht den Friedensworten, deren Ueberbringer ich bin. Gehör verleiht? Krieg – Krieg auf völligen Untergang; denn so lange ein einziger unserer Eidgenossenschaft eine Hellebarde schwingen kann, so lange wird, wenn dieser böse Zwist einmal begann – Fehde sein zwischen Euren machtbegabten Reichen und unsern armen, ackerlosen Ländern. Und was kann der edle Herzog von Burgund in solchem Kampfe gewinnen? Reichtum und Beute? Ach, hoher Herr, auf dem Zaumzeug Eurer Leibwache ist mehr Gold und Silber als in den öffentlichen Schatzkammern und den Privatschatullen unserer gesamten Eidgenossenschaft. Ruhm? Den kann eine zahlreiche in Eisen gehüllte Heeresmacht im Kampf gegen mangelhaft bewaffnete Landleute und Hirten kaum gewinnen. – Wenn aber der Herr der Heerscharen der schwächeren Partei zum Siege verhilft, so überlasse ich es Eurer Hoheit zu entscheiden, wie sehr in solchem Falle Euer Ruhm, Eure Ehre verlieren würde. Wollt Ihr Eure Besitzungen und die Zahl Eurer Untertanen vermehren, indem Ihr uns befehdet? Wisset, daß wir in den wildesten, unnahbarsten Gegenden Zuflucht suchen, bis auf den letzten Mann Widerstand leisten und in den Eiswüsten der Gletscher den Tod erwarten würden. Ja, wir wollen, Männer, Weiber und Kinder, samt und sonders lieber untergehen, als daß wir freien Schweizer jemals einen ausländischen Herrn als den unserigen anerkennen!« Die Rede des Landammannes machte einen merklichen Eindruck auf die Versammlung. Der Herzog gewahrte das, und der ihm innewohnende Trotz entfachte sich an der allgemeinen Stimmung zu Gunsten des Gesandten. – Er antwortete mit finsteren Brauen, indem er den Greis, der noch weitersprechen wollte, unterbrach: »Ihr schließt falsch, Herr Graf, oder Herr Landammann, oder mit welchen Namen Ihr Euch nennen mögt, wenn Ihr glaubt, wir befehden Euch aus Beutegier oder Ruhmsucht. Wir wissen ebensowohl wie Ihr, daß wir weder Vorteil noch Ruhm ernten können, wenn wir Euch besiegen. Alle Herrscher, denen der Himmel die Macht verliehen hat, müssen mindestens hin und wieder eine Rotte von Räubern vertilgen, obwohl es entehrend ist, das Schwert des Ritters mit ihnen zu kreuzen. So auch jagen wir eine Herde Wölfe zu Tode, wenngleich ihr Fleisch nur Aas und ihr Fell zu nichts nütz ist.« – Der Landammann schüttelte das greise Haupt und versetzte, ohne innere Bewegung zu verraten, ja sogar mit einem leisen Lächeln: »Ich bin ein älterer Weidmann als Ihr, Herr Herzog, und vielleicht erfahrener. Auch dem kühnsten, verwegensten Jäger kommt es übel an, dem Wolfe in seine Schlupfwinkel nachzujagen. Laßt mich Euch sagen, wozu wir bereit sind, um uns einen aufrichtigen, dauernden Frieden mit unserm mächtigen Nachbarn in Burgund zu sichern. Euer Erlaucht steht im Begriff, Lothringen zu vergrößern, und es ist zu erwarten, daß unter Euch Burgunds Macht sich bis an die Küsten des Mittelmeeres erstrecken werde, – seid Ihr nun unser edler Freund und getreuer Bundesgenoß, so werden unsere von siegesgewissen Streitern besetzten Berge Euch ein Bollwerk gegen Deutschland und Italien sein. Ja, was noch mehr ist, was mein letztes, stolzestes Anerbieten ist, wir wollen dreitausend unserer Jünglinge senden, um Euer Hoheit Beistand zu leisten in jeglichem Kriegszuge, den Ihr unternehmen möget, sei es nun gegen Ludwig von Frankreich oder gegen den Kaiser von Deutschland!« »Herr Landammann,« versetzte der Herzog kalt, »wir haben Euch offen angehört. Wir haben Euch gehört, obwohl Ihr hierher vor unser Angesicht gekommen seid, die Hände mit dem Blute unseres Vogtes, des Ritters Archibald von Hagenbach, befleckt. Denn angenommen, er wurde von einer hinterlistigen Verbrüderung hingerichtet – die, beim St. Georg! solange wir leben und regieren nie ihr pestilenzialisches Haupt in den Gauen diesseits des Rheins erheben soll! – so ist doch nicht zu leugnen, daß Ihr dabei standet und den Meuchlern zu ihrer Untat Vorschub leistetet. Kehrt heim in Eure Berge und dankt Gott, daß Ihr mit heiler Haut heimkehrt! Sagt denen, die Euch sendeten, daß ich sofort an ihren Grenzen stehen werde! Eine Gesandtschaft, aus der Mitte Eurer angesehensten Bürger gewählt, mag mir entgegenkommen, den Strick um den Hals, eine Fackel in der Linken und das Schwert bei der Spitze gefaßt! Dann werde ich geruhen, Euch den Frieden zu den Bedingungen, die mir belieben, zu diktieren!« »So lebe denn wohl, Friede, und willkommen du, Krieg!« sagte Arnold Biedermann, »alle Plagen und Flüche dieser Fehde mögen auf die Häupter derer fallen, die lieber Blut und Kampf als Ruhe und Eintracht wählten! Karl von Burgund, Flandern und Lothringen, Herzog von sieben Herzogtümern und Graf von siebzehn Grafschaften! Ich erkläre Euch Fehde im Namen der verbündeten Kantone und aller derer, die sich denselben noch anschließen. Hier,« rief er, »ist mein Absagebrief!« Der Herold nahm aus den Händen des Arnold Biedermann das verhängnisvolle Blatt. – »Lest es nicht!« sagte der hochfahrende Herzog. »Der Henker mag's am Schweife seines Pferdes durch die Straßen ziehen und dann an den Galgen nageln, damit alle Welt erfahre, wie wir eine elende Schrift und deren Ueberbringer behandeln. Hinweg mit Euch! so schnell Eure Füße Euch tragen! Treffen wir uns wieder, so sollt Ihr verspüren, wen Ihr beleidigt habt. – Mein Pferd! Die Sitzung ist aufgehoben.« Als alles sich in Bewegung setzte, die Halle zu verlassen, näherte sich der Maire von Dijon abermals dem Herzoge und äußerte voller Scheu die Hoffnung, Seine Hoheit wolle huldreichst teilnehmen an einem Bankett, das die Ortsobrigkeit ihm zu Ehren veranstalte. »Nein, beim St, Georg von Burgund, Herr Maire,« rief Karl mit stechendem Blicke, »Euer Frühstück hat uns nicht so gefallen, daß es uns noch nach einem Mittagsschmaus bei Euch gelüstete!« – Mit diesen Worten drehte er dem betroffenen Bürgermeister den Rücken, bestieg seinen Hengst und ritt zurück in sein Lager, Als er sich unterwegs mit seinen Offizieren besprach, zu denen sich Philippson gesellte, ritt plötzlich der Kanzler von Burgund in großer Eile heran: »Herr,« sprach er, »soeben sind Nachrichten über Frankreich und England eingetroffen. Ludwig und Eduard sind völlig einig.« Sowohl der Herzog als auch Philippson erstaunte. »Ich erwartete das,« sprach Karl, »jedoch nicht so schnell. Was haben sie abgemacht? Wo überwintert das englische Heer? Welche Städte, Festungen und Schlösser sind ihnen als Unterpfand oder zum dauernden Besitz eingeräumt worden?« »Die englische Armee kehrt in die Heimat zurück,« versetzte der Kanzler, »und zwar so schnell die Ueberfahrt bewerkstelligt werden kann; und Ludwig versieht sie dabei mit allen Segeln und Rudern, die in seinen Staaten zu finden sind, damit sie Frankreich so schnell wie möglich räumen können,« – »Und durch welche Abtretungen hat Ludwig einen seinen Angelegenheiten so notwendigen Frieden erkauft?« – »Durch, schöne Worte,« sagten der Kanzler, »durch reiche Geschenke und durch fünfhundert und etliche Tonnen Weins.« – »Wein!« rief der Herzog, »hörtest Du jemals dergleichen, Sir Philippson? Traun, Deine Landsleute sind kaum besser denn Esau, der seine Erstgeburt für ein Linsengericht verkaufte! Fürwahr, ich muß gestehen, ich habe noch keinen Engländer gekannt, der einen Handel mit trocknem Munde abgeschlossen hätte.« »Ich kann diese Nachricht kaum glauben,« sagte der Graf von Oxford. »Wenn dieser Eduard sich auch damit begnügte, die Seefahrt gemacht zu haben, bloß um mit fünfzigtausend Engländern ruhig zurückzukehren, so sind in seinem Lager stolze Edelleute und hochfahrende Krieger, die sich seinem schmachvollen Vorhaben sicher widersetzen würden.« »Das Geld Ludwigs,« sagte der Minister, »hat edle Hände gefunden, die es willig hinnahmen. Der französische Wein hat alle Kehlen des englischen Heeres überschwemmt, – der Lärm und Aufruhr waren zügellos, und das Gefühl für ihre Nationalehre ist in dem allgemeinen Jubel verloren gegangen, und diejenigen unter ihnen, die sich würdevoller und als weise Staatsklügler zeigen möchten, erklären, man hätte wohl weise und ritterlich gehandelt, weil man bei dieser Jahreszeit doch keine Quartiere hätte finden können. Nur hätte man noch Tribut von Frankreich fordern müssen, um wenigstens im Triumphe heimzukehren.« – »Und dem König Ludwig,« setzte Oxford hinzu, »volle Freiheit zu lassen, ungestört Burgund mit allen seinen Streitkräften anzugreifen.« –»Nicht so, Freund Philippson,« sagte der Herzog, »wisse, daß zwischen Burgund und Frankreich ein Waffenstillstand für sieben aufeinander folgende Jahre obwaltet, und wäre dieser nicht bewilligt und verbrieft worden, so möchten wir wahrscheinlich Mittel gefunden haben, den Vertrag zwischen England und Frankreich zu vereiteln, selbst wenn es darauf angekommen wäre, den gefräßigen Insulanern Rindfleisch und Bier während der Wintermonate zu reichen. – Herr Kanzler, Ihr mögt uns verlassen, jedoch bleibt in der Nähe, daß Ihr schnell zu haben seid!« Als der Erzbischof das Zelt verließ, ging der Herzog, der mit seinem schroffen und herrschsüchtigen Charakter viele Herzensgüte verband, die man wohl Großmut nennen konnte, auf den Grafen Oxford zu, der wie vom Donner gerührt dastand. »Mein armer Oxford,« sprach er, »Du bist erstarrt über die Kunde, die wohl Deiner Ansicht nach, dem Plane nachteilig ist, den Deine wackere Seele mit so inniger Hingebung hegt. Ich hätte um Deinetwillen das englische Heer längere Zeit in Frankreich zurückhalten mögen; allein hätte ich versucht, dies zu tun, so wäre es mit dem Waffenstillstand zwischen Ludwig und mir zu Ende und es mir folglich nicht mehr möglich gewesen, diese lumpigen Kantone zu züchtigen und eine Kriegerschar nach England zu schicken. Wie die Sachen jetzt stehen, gib mir nur eine Woche Frist, die Schweizer zu strafen, und Du füllst eine größere Streitmacht erhalten, als Deine Bescheidenheit sie von mir begehrte. Fürchte nichts! verlasse Dich auf meinen Beistand, – vorausgesetzt, wohl verstanden, daß es mit der Abtretung der Provence seine Richtigkeit hat. Wir wollen alles so schleunig wie möglich betreiben. Unsere Mannschaft erhält Befehl, diesen Abend noch gegen Welsch-Neuenburg aufzubrechen, wo die hochmütigen Schweizer ein Pröbchen von Feuer und Schwert bekommen sollen!« Oxford seufzte schwer, machte jedoch keine ferneren Vorstellungen. Hierin tat er sehr weise, denn er wußte, daß er nur des Herzogs leicht erregten Zorn entfacht, sonst aber nichts erreicht hätte. Dreizehntes Kapitel. Indem wir den Grafen Oxford im Gefolge des hartnäckigen Herzogs von Burgund an dem Zuge gegen die Schweiz teilnehmen lassen, den der eine als kurzen Ritt bezeichnete, der andere aber in weit ernsterem, gefährlicherem Lichte betrachtete, kehren wir zu Arthur de Vere oder dem jüngeren Philippson zurück, der, wiewohl sehr langsam, so doch sicher und wohlbehalten von seinem treuen Geleitsmann nach der Provence geführt wurde. Der Zustand Lothringens, das von des Herzogs Kriegsmannen überflutet war und zu gleicher Zeit von mancherlei umherziehenden Scharen durchstreift wurde, machte das Reisen so gefährlich, daß man oft die Hauptstraße seitwärts liegen lassen und auf Umwegen weiter ziehen mußte. Durch traurige Erfahrungen belehrt, fremden Führern zu mißtrauen, fühlte Arthur sich auf dieser so wichtigen und gefährlichen Reise dessenungeachtet geneigt, seinen diesmaligen Führer, dem Provencalen Thibault, oder Theobald, zu vertrauen, da dieser genau die Wege kannte, die sie zu ziehen hatten, und, soweit er folgern konnte, den besten Willen zeigte, sein Amt mit Treue zu erfüllen. Als man den Grenzen der Provence näher kam, begann Thibault, von seiner Heimat alles, was er als echtes Kind dieses Landes wußte, zu erzählen. Er kannte nicht nur den Namen und die Geschichte jeder romantisch gelegenen Feste, an der man auf abgelegenen und bedenklichen Wegen vorüberzog, sondern auch die ritterliche Geschichte der Edlen und Freien, dem sie gehörte oder früher einmal gehört hatte. Im Verlaufe solcher Mitteilungen kam Thibault auf die Troubadours zu sprechen, ein Geschlecht eingeborener Dichter der Provence, deren Erzählungen und Gesänge unserm Arthur, wie den meisten edelgeborenen Jünglingen seines Vaterlandes, genau bekannt waren, da man sie vielfach ins Englische überseht hatte. So kam das Gespräch auf den König René, den Schutzherrn aller Minnesänger, und Arthur, dem daran lag, über diesen Fürsten mehr zu erfahren, als was er vom Hörensagen bisher wußte, ließ sich von Thibault ausführlich von den Eigenschaften des guten alten Königs erzählen, der gerecht, heiter, gutherzig, ein Freund der edelsten Jagd und Turnierübungen und mehr noch der Poesie und Musik war, der mehr, als er besaß, in Geschenken an fahrende Ritter und Spielleute verteilte, von denen seine winzige Hofhaltung überfüllt war. Entsprossen aus königlichem Stamme, war René zu keiner Zeit seines Lebens imstande gewesen, seine hohen Vorrechte genügend geltend zu machen. Von all den Reichen, auf die er ein Anrecht hatte, war ihm außer der Provence keins mehr geblieben. In seiner Jugend widmete René sich mehr als einem Kriegszuge, in der Hoffnung, einen Teil der Lande wiederzuerhalten, als deren Monarch er betitelt war. Seinem Mute war dabei nichts vorzuwerfen, allein das Glück lächelte seinen Zügen nicht, und er scheint zuletzt eingesehen zu haben, daß die Kunst, kriegerisches Verdienst zu besingen, noch niemand befähige, Kriege zu führen. René war in der Tat ein Fürst von sehr beschränkten Fähigkeiten, begabt mit Liebe für die schönen Künste, die er bis zum Uebermaß trieb, sonst aber von einer Genügsamkeit, die ihn da noch sich glücklich fühlen ließ, wo ein Fürst von kräftigeren Empfindungen in Verzweiflung gestorben wäre. Dieses sorglose, heitere, leichtgestimmte Wesen verhalf dem König René zu einem gesunden, muntern Greisenalter, indem es ihn allen den Leidenschaften entfremdete, die das Leben verbittern und verkürzen. Die meisten seiner Kinder raffte frühzeitiger Tod hinweg; René nahm es sich nicht zu Herzen. Die Vermählung seiner Tochter Margarethe mit dem mächtigen Heinrich V. von England wurde als eine Verbindung angesehen, die bei weitem über die Glücksgrenze eines Troubadourkönigs hinausreichte; der Ausgang zeigte, daß René, statt aus dieser Ehe Glanz für sich herzuleiten, in das Mißgeschick seiner Tochter verwickelt wurde und zu wiederholten Malen genötigt war, sich selbst zu plündern, um ihr auszuhelfen. Vielleicht beklagte der alte König in seiner tiefsten Seele weniger diese Verluste als vielmehr die Notwendigkeit, Margarethe wieder an seinen Hof und in sein Königshaus aufzunehmen. In ihrem Ingrimm über erlittene Verluste, in ihrem Schmerz über erschlagene Freunde und verlorene Länder paßte die stolzeste, leidenschaftlichste Fürstin übel zu dem fröhlichsten, muntersten Monarchen, dessen Treiben sie verachtete, und dessen leichte Sinnesart, die ihm Trost in allen Widerwärtigkeiten verlieh, sie nicht verzeihen konnte. Ein anderes Unglück lastete schwer auf ihm, – Yolanda, eine Tochter seiner ersten Gattin Isabella, war Nachfolgerin seiner Anrechte auf das Herzogtum Lothringen geworden und hatte diese auf ihren Sohn, Ferrand, Grafen von Vaudemont, einen Jüngling voll Mut und Geist übertragen, der um diese Zeit in dem scheinbar hoffnungslosen Unternehmen begriffen war, seine Rechte gegen den Herzog von Burgund geltend zu machen, der mit geringer Befugnis, aber mit großer Macht dies reiche Herzogtum mit Krieg überzog, um es als männliches Lehen an sich zu reißen. Um die Bekümmernis voll zu machen, mußte der alte König, der auf der einen Seite eine entthronte Tochter in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung zu sich nehmen mußte, auf der andern Seite seinen erblosen Großsohn vergebens danach streben sah, einen Teil seiner Rechte wieder zu erstreiten, auch noch das Mißgeschick erfahren, daß sein Neffe Ludwig von Frankreich und sein Vetter Karl von Burgund insgeheim sich darum stritten, wer in den Besitz der Provence gelangen sollte, und daß er es nur dem gegenseitigen Neid dieser beiden Fürsten zu verdanken hatte, wenn ihm nicht auch noch der letzte Rest seiner Länder entrissen wurde. Inmitten jedoch all dieser Trübsal empfing René Gäste und bewirtete sie; sang, tanzte, dichtete, führte Pinsel und Bleistift mit nicht geringer Geschicklichkeit, ersann und ordnete Festlichkeiten und Prozessionen und war bemüht, die Fröhlichkeit und heitere Laune seiner Untertanen zu fördern, so daß diese ihn nie anders als den guten König René nannten. Während Arthur der ausführlichen Schilderung seines Führers lauschte, betraten sie das Land dieses fröhlichen Herrschers. Es war spät im Herbste und um die Zeit, wo die südöstlichen Provinzen Frankreichs sich am unvorteilhaftesten zeigen. Das Laub der Olivenbäume ist dann vertrocknet und verwittert, und da diese Bäume in der Landschaft vorherrschen – und alsdann die Farbe des ausgedörrten Bodens annehmen, so wird dem ganzen dadurch ein aschgrauer und dürrer Anblick verliehen. Dennoch fanden sich auf den Hügeln und in den Ebenen Flecken, wo eine Menge von Immergrün das Auge selbst in dieser toten Jahreszeit erquickte. Wer aus Burgund und Lothringen, wo die Einwohner sich mit deutscher Derbheit gaben, heraustrat in das Hirtenland der Provence, ward bald gewahr, daß hier der Einfluß eines milden Himmels und einer wohlklingenden Sprache, vereint mit den Gesinnungen des alten, romantisch angehauchten Monarchen, und der allgemeinen Vorliebe für Musik und Poesie, zu einer Veredlung der Sitten geführt hatte, die fast an Ziererei grenzte. Vor allem aber wunderte sich Arthur darüber, daß es bewaffnete Männer und Kriegsknechte in diesem friedlichen Lande nicht zu geben schien. In England begab sich kein Mann ohne Bogen, Schwert und Schild auf die Heerstraße. In Frankreich trug der Ackerknecht Waffen, wenn er hinter dem Pfluge herging. In Deutschland konnte man keine Halbstunde Weges wandern, ohne Staubwolken aussteigen zu sehen, aus denen sich bald wogende Federbüsche und glänzende Rüstungen hervorhoben. Allein in der Provence schien alles ruhig und friedsam, gleich als ob die Musik des Landes jegliche aufbrausende Leidenschaft in Schlaf gelullt hätte. Dann und wann zog ein Reitersmann an unseren Reisenden vorüber, der am Sattelknopf die Harfe zu hängen hatte und sich dadurch als Troubadour zu erkennen gab; aber auch diese Reiter trugen keine andern Waffen, als ein kurzes Schwert an der linken Hüfte, das mehr zur Zierde als zum Gebrauche diente. Der Anblick der alten, schönen Stadt Aix, in welcher König René seinen Hof hielt, rief unserm jungen Engländer die besondere Botschaft ins Gedächtnis zurück, die er auszurichten hatte. »Ich muß an den Hof, und zwar sonder Verzug,« sagte Arthur zu seinem Führer. »Erwarte mich in einer halben Stunde dort in der Straße bei jenem Springquell, der in die Luft eine so prächtige Wassersäule aufsteigen läßt.« – »So Ihr zum guten König René wollt, so trefft Ihr ihn um diese Zeit am besten in seinem Kabinett – so nennt man nämlich die schmale Brustwehr dort drüben zwischen den zwei Türmen, die eine Aussicht nach Süden hat und nach allen übrigen Seiten verdeckt ist. Dort zu spazieren und der Sonnenstrahlen in so kalten Morgenstunden wie heute zu genießen, ist sein Vergnügen. Es stärkt dies, wie er sagt, seine poetische Ader. Wenn Ihr Euch diesem Platze nähert, so wird der König willig mit Euch reden; es sei denn, er wäre wirklich im Begriff, irgend eine poetische Arbeit zu verfassen.« Arthur konnte nicht unterlassen zu lächeln, als er eines Königs gedachte, der, achtzig Jahre alt, gebeugt durch Mißgeschick und umringt von Gefahren, sich dennoch damit belustigte, auf offener Brustwehr spazieren zu gehen und Lieder zu dichten, in Gegenwart all seiner lieben Untertanen, die Lust haben mochten, ihm zuzuschauen. Vierzehntes Kapitel. Indem Arthur sich dem Lieblingsplätzchen des Königs vorsichtig näherte, hatte er Gelegenheit, Seine Majestät, den guten, alten René, eingehend zu betrachten. Er sah einen Greis mit Scheitellocken und einem Barte, die an Fülle und Weiße fast mit denen des Abgeordneten von Schwyz wetteiferten, jedoch mit einer frischen und rötlichen Farbe auf den Wangen und einem überaus lebhaften Auge. Seine Kleidung war für sein Alter überaus auffallend; und sein nicht nur fester, sondern behender und rascher Schritt zeigte, daß jugendliche Kraft diesen betagten Körper noch beseelte. Der alte René trug ein Täfelchen und einen Griffel in der Hand und schien gänzlich seinen Gedanken hingegeben und gleichgiltig dagegen zu sein, ob er von mehreren Leuten auf der unter seinem höher gelegenen Plätzchen hinlaufenden Straße beobachtet würde oder nicht. Etliche dieser Leute schienen, ihrer Kleidung und ihrem Wesen nach zu urteilen, Troubadours zu sein; denn sie hielten in ihren Händen Geigen, Zithern, kleine tragbare Harfen und andere Kennzeichen ihres Gewerbes. Andere Vorübergehende, die ernsteren Geschäften nacheilten, blickten auf den König hin, wie auf einen Gegenstand, den täglich zu sehen sie gewohnt waren, doch schritten sie nimmer vorüber, ohne ihre Barette abzuziehen und durch geziemenden Gruß Hochachtung und Ehrfurcht für seine Person zu äußern. Wenn er zufällig auf die Gruppe blickte, die seine Bewegungen beobachtete und sogar wagte, ihn mit einem Murmeln des Beifalls zu begrüßen, so geschah es nur, um sie durch ein freundliches und frohgelauntes Kopfnicken auszuzeichnen. Endlich fiel des Königs Blick auf Arthur, in dem er sofort einen Fremden erkannte. René winkte seinem Edelknaben und flüsterte ihm etwas zu. Der Page kam dann herab, redete unsern Arthur an und teilte ihm mit, daß der König mit ihm zu reden wünschte. Dem jungen Engländer blieb keine andere Wahl, als sich zu nähern, wobei er jedoch in seinem Innern erwog, wie er sich gegen eine so sonderbare Art von Königswürde wohl zu benehmen hätte. Als er näher kam, redete König René ihn in höflichem, doch würdevollem Tone an, und als er nun dicht vor dem Könige stand, empfand Arthur eine weit größere Ehrfurcht, als er nach allem, was er von dem Charakter des Greises vernommen, jemals vor ihm zu hegen geglaubt hätte. »Eurem Aeußern nach, schöner Herr,« sagte René, »seid Ihr ein Fremdling in diesem Lande. Mit welchem Namen hat man Euch zu benennen und welchem Geschäfte hat man das Glück zuzuschreiben, Euch an unserm Hofe zu sehen?« – Arthur schwieg einen Augenblick, und der gute, alte Mann, der dies Schweigen der Scheu und Ehrfurcht zuschrieb, fuhr in einem ermutigenden Tone fort: »Bescheidenheit an einem Jünglinge ist jederzeit eine Zier. Sonder Zweifel seid Ihr ein Jünger der edlen, heitern Kunst des Minnesangs und der Musik, hierhergelockt durch den gern gebotenen Willkommengruß, den wir den Bekennern dieser Kunst gern gewähren, in welcher wir – gelobt seien Unsere heilige Mutter und die Heiligen! – uns selbst ein wenig versucht haben!« – »Ich ringe nicht nach der Ehre des Troubadours,« antwortete Arthur, »denn ich besitze weder Geschicklichkeit noch Verwegenheit genug, das nachzuahmen, was ich bewundere. Schlichte Wahrheit, Sire! Ich bin ein Engländer, und meine Hand ist zu starr geworden durch Bogenspannen, Lanzenschwingen und Schwertführen, um die Harfe zu schlagen oder gar den Pinsel führen zu können.« – »Ein Engländer!« sagte René, und die Wärme seines Empfanges kühlte sich ab. »Und was führt Euch hierher? England und ich, wir haben wenig Freundschaft miteinander gepflogen.« – »Aus diesem Grunde bin ich hier,« entgegnete Arthur; »ich komme Euer Hoheit Tochter, der Prinzessin Margarethe von Anjou, die ich und mancher getreue Engländer nach wie vor als unsere Königin betrachten, obwohl Verräter sich ihre Rechte anmaßten, meine Huldigung darzubringen,« – »Ach, guter Jüngling!« rief René. »Es tut mir leid um Euch, weil ich Eure Treue und Anhänglichkeit hochschätze. Dächte meine Tochter Margarethe wie ich, so würde sie längst auf Ansprüche verzichtet haben, deretwegen die edelsten und tapfersten unserer Vasallen in ein Meer von Blut getaucht wurden. Geht in meinen Palast und fragt nach dem Seneschall Hugo von Saint-Cyr! er wird Euch zu Margarethen führen – das heißt, so sie Verlangen trägt, Euch zu sehen. Wo nicht, guter englischer Jüngling, so weile in meinem Palaste, und Du sollst gastliche Aufnahme finden. Wenn Du Sinn hast, für Schönheit und edle Formen, so wird Dir das Herz im Busen hüpfen beim Anblick meines Palastes, dessen stattliches Aussehen wohl der tadellosen Gestalt irgend einer wohlerzogenen Dame oder der kunstreichen, nur dem Anscheine nach einfachen Melodie gleicht, die wir soeben zu einem Liede gesetzt haben.« Der König schien nach seinem Instrumente greifen und dem Jüngling das eben verfaßte Lied vorsingen zu wollen; allein Arthur empfand in diesem Augenblick jene Art sonderbarer Scham, die feinfühlende Seelen ergreift, wenn jemand, der sich etwas auf irgend eine Kunst einbildet, mit einem Vertrauen, als könnte er Bewunderung erregen, sich hervortun will und dabei doch, nur lächerlich wirken muß. Er nahm daher rasch Abschied von dem Könige von Neapel, beiden Sizilien und Jerusalem, und zwar auf eine Weise, die sehr wenig der herkömmlichen Etiquette entsprach. Der König blickte ihm etwas verwundert nach; schien aber sein Benehmen mangelhafter Erziehung zuzuschreiben und begann dann wieder auf seiner Geige zu fiedeln. »Der alte Tor!« sagte Arthur, »seine Tochter ist entthront, seine Staaten zerstückelt, sein Königshaus ist im Erlöschen, sein Enkel wird von einem Schlupfwinkel zum andern verscheucht und aus dem Erbe seiner Mutter vertrieben – dennoch findet dieser Greis Belustigung in dergleichen Albernheiten! Mit seinem langen weißen Barte hielt ich ihn für ebenso ehrwürdig, wie Nikolaus Bonstetten; allein dieser alte Schweizer ist, mit diesem Männlein verglichen, ein wahrer Salomo.« Unter solchen Betrachtungen erreichte Arthur den Springbrunnen und fand hier Thibault, der ihm versicherte, Gepäck, Pferde und Mannschaft wären so untergebracht worden, daß man ihrer auf den ersten Blick habhaft werden könnte. Dann führte er unsern Arthur nach des Königs Palast, der wegen der Eigenart und Schönheit seines Baues die Lobrede wohl verdiente, die der König ihm gehalten hatte. Arthur wunderte sich vor allem darüber, daß das Tor des Palastes offen stand und Leute aus allen Ständen ungehindert aus- und einzugehen schienen. Nachdem der Jüngling sich einige Minuten lang umgesehen hatte, stieg er die Stufen hinan und fragte bei dem Türsteher nach dem ihm vom König genannten Seneschall. Der wohlbeleibte Hüter übergab den Fremden einem Edelknecht, der ihn in ein Gemach führte, wo er einen Diener höheren Ranges fand, einen Mann mit freundlichem Gesicht, ruhigem, hellem Auge und einer Stirn, die sich wohl nie zum Ernst runzelte. »Ihr sprecht Nordfranzösisch, schöner Herr,« sagte er zu Arthur, »habt lichteres Haar und weißere Gesichtsfarbe als die Eingeborenen dieses Landes. – Ihr fragt nach der Königin Margarethe. – An allen diesen Zeichen erkenne ich in Euch den Engländer. Ihre Gnaden von England ist in diesem Augenblick beschäftigt, im Kloster zu Mont Saint-Victoire ein Gelübde abzulegen, und so Euer Name Arthur Philippson ist, so habe ich Auftrag, Euch sofort zu der Königin zu führen. Nur sollt Ihr zuvörderst Speise und Trank zu Euch nehmen.« Als dies geschehen, begleitete ihn der Seneschall bis an das Tor, und dort zeigte sich Thibault, nicht mit den ermüdeten Rossen, von denen sie vor einer Stunde abgestiegen waren, sondern mit frischen Kleppern aus dem Stalle des Königs. »Sie sind die Eurigen von dem Augenblicke an, wo Ihr den Fuß in den Steigbügel setzt,« sprach der Seneschall; »der gute König René nimmt niemals ein Pferd zurück, das einem Gaste geliehen wurde; und das ist vielleicht eine von den Ursachen, warum Seine königliche Hoheit und wir, seine Hausdiener, oftmals zu Fuße gehen müssen.« Hier verabschiedete sich Arthur von dem Seneschall und ritt fürbaß, um Königin Margarethe in dem berühmten Kloster Saint-Victoire aufzusuchen. Er fragte seinen Führer, in welcher Richtung dasselbe gelegen wäre, und dieser zeigte mit einer Art von Triumph auf einen etwa dreitausend Fuß hohen Berg, der sich in einer Entfernung von ein paar Stunden Weges von der Stadt erhob und mit seinem kühnen Felsgipfel das Wahrzeichen der Landschaft bildete. Thibault ritt dicht an seines Gebieters Seite und fragte ihn mit gedämpfter Stimme, ob er schon wüßte oder zu wissen begehrte, aus welcher Ursache Margarethe die Stadt Aix verlassen und sich in das Kloster von Saint-Victoire begeben hätte. – »Um ein Gelübde zu erfüllen,« sagte Arthur. – »Ich weiß es besser,« antwortete Thibault. »Um die Schwermut zu verscheuchen, in die seine Tochter versunken war und wodurch alles, was sich ihr näherte, gleichsam vergiftet wurde, traf König René, als sie auf einige Tage verreist war – man weiß nicht, weshalb oder wohin – umfassende Vorkehrungen zu einem lustigen Mummenschanz, in deren Veranstaltung er Meister ist. Als seine Tochter nun zurückkehrte und vor dem Palaste erschien, sah sie sich plötzlich von hundert Masken, Türken, Juden, Sarazenen und Mauren umringt, die ihr ihre Huldigung darbrachten und sie als die Königin von Saba begrüßten. Ein großes Musikstück rief die Masken auf, sich zu einem prächtigen Ballett zu vereinigen, indem sie die Königin auf höchst unterhaltende Weise und mit den seltsamsten Gebärden umtanzten. Frau Margarethe, bestürzt über den Lärm und verdrossen über diesen unerwarteten Ueberfall, wollte in den Palast gehen; allein auf Befehl des Königs waren die Pforten verschlossen. Die Königin wollte nun durch ein Zeichen und Worte den Tumult beschwichtigen; allein die Masken, die sich genau nach dem ihnen vorgeschriebenen Programm richteten, antworteten nur durch Gesang, Musik und Jubelgeschrei.« – »Ich wollte,« sprach Arthur, »es wären ein Schock englischer Jagddiener mit ihren Knütteln dagewesen, um den schreienden Schuften Ehrfurcht vor einer Dame einzubläuen, die die Krone von England trug.« – »Alles Getöse hörte sofort auf,« fuhr Thibault fort, »und sanfte Musik erklang, als der gute König selbst, in der Gestalt des Königs Salomo, erschien.«– »Mit welchem er unter allen Fürsten die wenigste Ähnlichkeit hat,« fiel Arthur ein. – »Er machte nun zur Bewillkommnung der Königin von Saba solche Sprünge und Gebärden, daß, wie Augenzeugen mir versicherten, selbst ein toter Mensch lebendig oder ein lebender Mensch des Todes vor Lachen geworden wäre. Je mehr er gaukelte und scherzte, desto aufgebrachter wurde die Königin, bis ihr Verdruß sich zu einer Art von Wahnsinn steigerte. Sie schlug ihm den Stab aus der Hand, brach sich durch die Volksmenge wie eine Tigerin Bahn, und eilte zum Vorhof des Palastes. Bevor die szenische Darstellung, die durch die Heftigkeit der Königin zerrissen worden war, wieder in Ordnung gebracht werden konnte, hatte sich die Fürstin bereits in Begleitung mehrerer Engländer aus ihrem Gefolge von hinnen begeben. Ohne auf ihre oder anderer Sicherheit weiter Rücksicht zu nehmen, jagte sie mit ihrem Rosse davon, flog wie ein Hagelwetter durch die Gassen und zog die Zügel nicht eher an, als bis sie zur Hälfte den Berg Saint-Victoire hinaufgeritten war. Sie wurde hierauf im Kloster aufgenommen und ist dort geblieben. Ein Gelübde muß jetzt als Deckmantel des Zwistes zwischen ihr und ihrem Vater dienen.« »Wie lange ist das her?« fragte Arthur. – »Es sind erst drei Tage verflossen, seit die Königin Margarethe die Stadt Aix verließ. Doch seht! dort erhebt sich das Kloster zwischen zwei ungeheuren Felsen, die den Gipfel des Berges Saint-Victoire bilden. Es ist dort weiter kein ebener Raum als der Spalt, in den das Kloster der heiligen Maria zum Siege eingebettet liegt, und der Zugang dazu wird durch höchst gefährliche Abgründe gesichert. Hier müßt Ihr vom Pferde steigen und den schmalen Fußpfad einschlagen, der sich endlich zu der Spitze des Felsens und zur Pforte des Klosters emporschlängelt.« – »Und was wird aus Euch und den Pferden?« fragte Arthur. – »Wir wollen in dem Hospiz bleiben,« sagte Thibault, »das die frommen Väter am Fuße des Berges zur Bequemlichkeit der Pilger unterhalten – denn ich sage Euch, von gar manchem Fernwohnenden wird zu Roß wie zu Fuß das Kloster besucht. Sorgt nicht für mich – ich komme schon zuerst von uns unter Dach!« Arthur stieg den steilen Pfad hinan, der zum Kloster führte; indem er bald senkrechte Felsstücke erklomm, bald deren Spitzen auf Umwegen erreichte. Der Weg wand sich durch Dickicht von Buchsbaum und anderem duftenden Gesträuch, das den Bergziegen einiges Futter gewährte, jedoch dem Reisenden, der sich hindurcharbeiten mußte, ein ärgerliches Hindernis war. Die Krone dieses Berges bestand aus einem nackten Felsen und war durch einen Spalt oder eine Oeffnung in zwei Gipfel oder Spitzen geteilt, zwischen denen aller Raum von dem daselbst errichteten Klostergebäude eingenommen ward. Die Vorderseite dieses Gebäudes war von uralter, gotischer Bauart und entsprach dem wilden Ansehen der nackten Klippe, deren Form einen Teil des Klosters auszumachen schien. Auf ein Glockenläuten erschien ein Laienbruder, der Pförtner dieses seltsam gelegenen Klosters. Arthur gab sich für einen englischen Kaufmann namens Philippson aus, der gekommen sei, der Königin Margarethe seine Huldigung darzubringen. Mit vieler Hochachtung wies der Pförtner den Fremden in das Kloster und dann in das Sprechzimmer, das, nach Aix hinüberblickend, eine weite, herrliche Aussicht auf die südlichen und westlichen Teile der Provence darbot. Arthur betrachtete entzückt die ferne Landschaft, die, von der Abendsonne beleuchtet, in verglimmendem Schimmer dalag. Die sinkenden Strahlen zeigten im dunkelroten Glanze eine weitgedehnte Mannigfaltigkeit von Hügeln, Höhen und Tälern, Feldern und Ackerland, mit Städten, Kirchen und Burgen, von denen etliche sich zwischen Bäumen erhoben, andere auf felsigen Höhen erbaut zu sein schienen, wieder andere an dem Ufer eines Sees oder Stroms hervorlugten. Plötzlich aber wurde das schöne Bild verhüllt durch den dunklen Schatten heranziehender Wolken, die sich allmählich über einen großen Teil des Horizonts hinlagerten und die Sonne zu verfinstern drohten, und heulend strich der Wind durch die Klüfte des Berges. Während Arthur das wunderbare Naturschauspiel betrachtete, vergaß er über dem erhebenden Anblick fast das wichtige Geschäft, das ihn hierher geführt hatte, als er plötzlich Margarethe von Anjou neben sich erblickte. Die Königin trug ein schwarzes Gewand, ohne allen Schmuck, einen goldenen, etwa einen Zoll breiten Reifen ausgenommen, der ihre langen schwarzen Haarflechten zusammenhielt, die durch das ihr nahende Alter und durch schwere Kümmernisse zum Teil ihren Glanz verloren hatten. Aus dem Reifen hervor hub sich eine schwarze Feder mit einer roten Rose, der letzten des Jahres, die der fromme Gärtner des Klosters ihr an diesem Morgen als Sinnbild ihres Hauses verehrt hatte. Sorge, Bekümmernis und Ermattung schienen auf ihrer Stirn und in ihren Gesichtszügen zu lagern. Jedem andern Boten hätte sie wahrscheinlich Vorwürfe gemacht, nicht rascher seiner Pflicht nachgekommen zu sein; allein Arthurs Alter und Gestalt erinnerten sie stets an ihren geliebten, verlorenen Sohn, und außerdem war Arthur der Sohn einer Dame, die von Margarethen mit fast schwesterlicher Innigkeit geliebt worden war. Daher erweckte Arthurs Erscheinen jedesmal in der entthronten Königin mütterliche Zärtlichkeit. Sie hieß ihn aufstehen, als er zu ihren Füßen kniete, sprach mit vieler Huld zu ihm und ermunterte ihn, ihr ganz ausführlich seines Vaters Botschaft auszurichten, auch ihr sonstige Nachrichten von seinem Aufenthalt in Dijon zu melden. Dann fragte sie plötzlich, welches Weges der Herzog Karl von Burgund mit seinem Heere zöge. – »Soviel ich von dem Hauptmann seines Geschützes gehört habe,« antwortete Arthur, »zieht er nach Welsch-Neuenburg, wo er den ersten Angriff gegen die Schweizer zu machen gedenkt.« – »Der eigensinnige Tor!« sagte die Königin Margarethe. »Er gleicht einem armen Mondsüchtigen, der die Höhe eines Berges erklettert, um, wie er meint, dem Regen auf halben Wege entgegenzugehen. Rät Dein Vater mir denn,« fuhr Margarethe fort, »um etlicher tausend Krontaler und der kümmerlichen Mitwirkung weniger hundert Lanzen willen unserm stolzen und eigensinnigen Vetter von Burgund, der auf alles, was unser ist, Anspruch macht und dafür so wenig Hilfe verspricht, alles das hinzugeben, was von unserm väterlichen Erbe unser ist?« »Ich würde meines Vaters Auftrag schlecht ausrichten,« sagte Arthur, »wenn ich Eure Hoheit in dem Wahne ließe, daß er ein so großes Opfer anriete. Er fühlt tief des Herzogs von Burgund gieriges Verlangen nach Länderbesitz. Dessenungeachtet meint er, die Provence müsse nach dem Tode des Königs René oder früher entweder dem Herzog Karl oder dem König von Frankreich zufallen, was für Widerstand auch Eure Hoheit gegen solche Verfügung aufbieten möge, und es mag wohl sein, daß mein Vater, als Ritter und Kriegsverständiger, sich von einem abermaligen Versuch auf Britannien viel verspricht. Allein die Entscheidung muß Eurer Hoheit überlassen werden.« – »Junger Mann,« sagte die Königin, »die Erwägung einer so schweren Frage beraubt mich fast des Verstandes. Margarethe, deren Entschließungen einst fest und unbeweglich wie der Fels waren, auf dem dieses Kloster steht, ist jetzt so unschlüssig und wankelmütig wie die Wolken, die um uns her jagen. In der Freude, mit einem so treuen Vasallen zusammenzutreffen, sagte ich zu Deinem Vater, daß ich alle Opfer bringen wollte, um den Beistand Karls von Burgund zu einer so ritterlichen Unternehmung zu gewinnen, wie der treue Oxford sie mir vorschlug. Doch seitdem habe ich Ursache gehabt, mir das alles reiflich zu überlegen. Ich kehrte zu meinem betagten Vater nur zurück, um ihn zu beleidigen, ja, mit Scham bekenne ich es, um dem Greise vor seinem Volke Schmach anzutun. Seine Gemütsart ist so von der meinigen verschieden wie der Sonnenschein, der vor kurzer Frist eine heitere, schöne Landschaft vergoldete, von dem Sturme, der jetzt wütet. Mit unverhülltem Hohn und offenbarer Geringschätzung, überdrüssig der eitlen Torheiten, die er zur Tröstung einer entthronten Königin, einer verwitweten Gattin und ach! einer kinderlosen Mutter vorbrachte, zog ich mich vor der geräuschvollen und müßigen Lust, die meinen Gram nur noch verschärfte, hierher zurück. Seitdem ich nun hier bin und Stille und Einsamkeit mir Zeit zum Nachdenken gewähren, habe ich an die Kränkungen gedacht, die ich dem alten Manne zufügte, und an das Unrecht, das ihm zu tun ich im Begriffe stand. Mein Vater – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, – ist auch der Vater seines Volkes. Dieses Volk hat in seinen Weingärten und unter seinen Feigenbäumen in unendlicher Bequemlichkeit vielleicht, jedoch auch frei von Unterdrückung und Erpressung gelebt, und dieses Volkes Glück ist auch das Glück seines guten Königs. Muß ich all dies umgestalten? – Muß ich dazu verhelfen, dieses zufriedene Volk einem verwegenen, eigenwilligen, herrschsüchtigen Fürsten zu überliefern? – Würde ich nicht sogar das fröhliche und sorgenlose Herz meines armen alten Vaters brechen, wenn es mir glückte, ihn zu solchem Verzicht zu bestimmen? Dies sind Fragen, die ich mir nur mit Schauder vorlege. Andererseits aber handelt sich's dann darum, die kühnen Pläne Eures Vaters zunichte zu machen, die einzige Gelegenheit zu verscherzen, die sich jemals wieder darbieten mag, Rache zu nehmen an den Verrätern und das Haus Lancaster wiederherzustellen! –Ach, Arthur! die Natur um uns her ist nicht so bewegt durch den schauerlichen Sturm, wie meine Seele es ist durch Zweifel und Ungewißheit!« »Leider,« sprach Arthur, »bin ich zu jung und zu unerfahren, um in so bedenklichem Falle der Ratgeber Eurer Majestät zu sein. Ich wollte, mein Vater wäre hier,« – »Ich weiß, was er sagen würde,« versetzte die Königin, »und da ich es weiß, verzweifle ich an der Hilfe menschlicher Ratgeber. Meines armen Vaters Lage macht es mir unmöglich, einen festen Entschluß zu fassen. Handelte es sich bloß um dieses pfeifende, winzige Volk von Troubadouren, so wollte ich es allein für das Glück, meinen Fuß noch einmal auf Englands Erde zu setzen, ebenso bereitwillig und leicht von mir schütteln, wie ich dem Sturme dieses verschollene Sinnbild meines verlorenen Königtums überantworte!« – Indem Margarethe dies sagte, riß sie aus ihrem Haar die dunkle Feder mit der roten Rose, die durch den Sturmwind von dem Goldreif gelöst worden waren, und ließ sie mit einer wilden Gebärde über den Altan hinabwehen. Beide wurden augenblicklich von einer Windsbraut hinweggeführt, so daß die Feder weithin im leeren Raume, wohin das Auge ihr nicht folgen konnte, verschwand. Doch während Arthur unwillkürlich sich bemühte, ihren Flug zu verfolgen, warf ein entgegengesetzter Windstoß die rote Rose zurück, so daß sie auf seine Brust fiel, wo er sie auffing. »Freude, Glück und Freude, meine königliche Herrin!« rief er, indem er Margarethen die Blume zurückgab! »der Sturm bringt das Wappenzeichen des Hauses Lancaster der rechtmäßigen Eigentümerin zurück!« – »Ich nehme die Deutung an,« sprach Margarethe, »doch sie ist Euch geworden, edler Jüngling, und nicht mir. Die Jeder, die dem Verderben und der Vernichtung entgegengeführt wurde, ist ein Bild Margarethens. Meine Augen werden nimmer die Wiederaufrichtung des Hauses Lancaster erblicken! Ihr aber werdet es erleben, werdet selber dabei tätig sein. Doch meine Gedanken sind so seltsam schwankend, daß eine Rose oder Feder ihr Gleichgewicht aufzuheben imstande ist. O! mein Kopf ist schwindlig, mein Herz ist krank,– Morgen sollt Ihr eine andere Margarethe sehen, und bis dahin – Lebewohl!« Es war Zeit, sich zurückzuziehen, denn das Unwetter begann heftigere Regengüsse herabzuschütten. Die Königin rief durch ein Händeklatschen zwei ihrer Dienerinnen. »Laßt den Pater Abt wissen,« sagte sie, »daß dieser junge Mann für diese Nacht so beherbergt werden soll, wie es sich für einen unserer geschätztesten Freunde geziemt. – Bis morgen, Sir, Lebewohl!« – Mit einem Angesicht, das nichts mehr von der Erregung der letzten Augenblicke verriet, und mit einer Majestät, die ihr in den Gemächern des Schlosses zu Windsor wohlgestanden hätte, reichte sie dem Jünglinge die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte. Fünfzehntes Kapitel. Als kaum der Morgen graute, trat in Arthurs Zelle der Pförtner, um ihm zu sagen, daß, so sein Name Arthur Philippson wäre, ein Bruder des Klosterordens ihm Briefschaften von seinem Vater zu überbringen hätte. Der Jüngling fuhr auf, kleidete sich hastig an und wurde in das Sprechzimmer geführt, wo ein Karmelitermönch seiner harrte. »Ich bin manche Stunde Weges geritten, junger Mann,« sagte der Mönch, »um Euch dieses Schreiben zu überreichen, indem ich Eurem Vater unverzügliche Besorgung versprochen habe. Ich kam während des Sturmes in voriger Nacht zu Aix an, und da ich im Palast erfuhr, Ihr wäret hierher geritten, saß ich auf, sobald das Unwetter sich legte, und bin jetzt hier.« – »Ich bin Euch dankbar, Vater,« sagte der Jüngling, »und wenn ich Eure Mühe mit einer kleinen Gabe an Euer Kloster vergelten kann, so . .« – »Durchaus nicht,« antwortete der Klosterbruder. »Die Kosten meiner Reise sind mir reichlich vergütet worden. Doch öffnet Eure Briefschaften, ich bin imstande, auf Eure Fragen zu antworten.« Der Jüngling trat demnach an die Brüstung eines Fensters und las: »Sohn Arthur. – Was den Zustand dieses Landes anbetrifft, so ist das Reisen hier jetzt sehr gefährlich. Der Herzog hat die Städte Brie und Granson weggenommen und fünfhundert Mann getötet, die er als Besatzung daselbst gefangen nahm. Allein die Eidgenossen nähern sich mit großer Streitmacht, und Gott wird für das Recht entscheiden. Wie auch das Spiel auslaufe, so ist dies eine scharfe Fehde, in der auf beiden Seiten wenig von Schonung die Rede ist, und deshalb bietet sich für Leute unseres Gewerbes nicht eher Sicherheit, als bis die Entscheidung gefallen sein wird. Mittlerweile magst Du der verwitweten Dame versichern, daß unser Kunde nach wie vor Neigung zum Kaufe der in ihren Händen befindlichen Waren hat; doch wird er kaum eher Zahlung leisten können, als bis die dringenden Geschäfte, die er jetzt betreibt, beendigt sind. Das wird, hoffe ich, bald geschehen. Ich habe einen in die Provence reisenden Mönch zum Ueberbringer dieses Briefes gedungen, und er wird ihn Dir hoffentlich treulich einhändigen. Dem Boten ist zu trauen. – Dein Dich liebender Vater John Philippson,« Arthur forschte bei dem Karmeliter nach der Zahl der herzoglichen Kriegsschar, die der Mönch auf sechstausend angab, während die Eidgenossen, wie er sagte, trotz aller Bemühungen nicht mehr als den dritten Teil dieser Anzahl hätten zusammenbringen können. Der junge Ferrand de Vaudemont wäre bei den Schweizern und hätte, wie man meinte, geheimen Beistand von Frankreich erhalten; da er aber nicht sonderlich in den Waffen erfahren wäre, auch nur wenige Mannschaft zählte, so trüge der leere Titel, den er als Feldherr führte, nicht viel zur Verstärkung der Eidgenossenschaft bei. Im ganzen berichtete er, schien alles für Karl von Burgund günstig zu stehen, und Arthur, der der Meinung war, daß seines Vaters Unternehmen nur dann glücken könne, wenn der Herzog Glück hatte, freute sich nicht wenig, dies, soweit durch Ueberzahl an Kriegsmannschaft darauf zu schließen war, gesichert zu wissen. Er hatte keine Zeit, weiter zu fragen; denn die Königin war soeben eingetreten, und der Karmeliter zog sich mit tiefer Verbeugung zurück. Die Blässe auf dem Angesichte Margarethens zeugte noch von ihrer gestrigen Aufregung; doch als sie Arthur huldreich den Morgengruß bot, war ihre Stimme fest, ihr Auge klar, ihre Haltung ungebeugt, »Ich sehe Euch anders wieder,« sagte sie, »als ich Euch gestern verließ; denn mein Vorsatz ist gefaßt. Ich sehe ein, wenn René nicht freiwillig auf die Provence verzichtet, so wird er gewaltsam von diesem Thron gestoßen werden und dabei vielleicht noch sein Leben verlieren. Deswegen wollen wir mit aller Eile ans Werk gehen. Ich kann die Abdankungs- und Uebertragungsschrift von hier aus unter meiner Leitung anordnen und deren Vollziehung zustande bringen, wenn ich nach Aix zurückkehre. Dies soll geschehen, sobald meine Buße hier ihr Ende erreicht hat,« – »Und dieser Brief, huldvolle Frau,« sagte Arthur, »wird Euch kundtun, welche Ereignisse herannahen, und von welcher Wichtigkeit es ist, durch Vorarbeiten Zeit zu gewinnen. Setzt mich nur in den Besitz des notwendigen Abdankungsbriefes, und ich werde Tag und Nacht reisen, um in das Lager des Herzogs zu gelangen. Höchstwahrscheinlich werde ich ihn im Momente des Sieges erreichen. In solcher Stunde werden, ja müssen wir seinen Beistand erhalten; und wir werden bald sehen, ob der ausschweifende Eduard von York, der wilde Richard, der verräterische und meineidige Clarence fernerhin noch die Herren des fröhlichen Englands bleiben werden, oder ob sie einem rechtmäßigeren Monarchen, einem bessern Menschen weichen müssen. Aber, o königliche Frau, auf Eile kommt alles an.« »Wahr – jedoch nach einer Frist von wenigen Tagen wird und muß der Würfel zwischen Karl und seinen Gegnern fallen, und bevor wir eine so große Schenkung machen, dürfte es doch geraten sein, sich zu versichern, ob der, den wir so begünstigten, auch imstande bleibt, uns Beistand zu leisten. Alle Ergebnisse eines tragischen, vielbewegten Lebens haben mich erkennen lehren, daß nichts über einen unbedeutenden Feind geht. Doch will ich mich beeilen, indem ich im voraus hoffe, daß uns gute Kunde von Neuenburg zukommen werde.« »Wer aber soll dazu gebraucht werden, diese wichtige Entsagungsschrift zu entwerfen?« fragte der Jüngling. Margarethe sann nach, dann versetzte sie: »Euer Vater schreibt, dem Karmeliter, der Euch das Schreiben überbrachte, sei zu trauen – er soll ans Werk. Er ist ein Fremder und wird schweigen, wenn er ein Stück Geld erhält. Lebt wohl, Arthur de Bere! Ihr werdet von meinem Vater mit aller Gastfreundschaft behandelt werden. Gott befohlen!« Arthur stieg mit raschen Schritten den Berg hinab. Das Wetter war jetzt überaus heiter, und angesichts der Berglandschaft dachte der junge Mann an die Felsen im Kanton Unterwalden und an das Mädchen, das er dort hatte kennen lernen. Er vergaß über dem süßen Träumen die Mahnung seines Vaters, der ihm ans Herz gelegt hatte, jeden Brief von ihm geheimen Inhalts wegen über ein starkes Feuer zu halten. Erst der Anblick einer Wärmpfanne voll Holzkohlen in der Küche des Hospizes am Fuße des Berges, wo er Thibault mit den Rossen fand, erinnerte ihn daran. Er hielt nun das Papier, als wollte er es trocknen, über die Glut, und groß war sein Erstaunen, als nun ein eingeschaltetes, höchst wichtiges Wort in dem Schreiben sichtbar wurde, so daß er jetzt lesen mußte: »Dem Boten ist nicht zu trauen.« Von Scham und Verdruß ergriffen, konnte Arthur keinen andern Ausweg finden, als augenblicklich in das Kloster zurückzukehren und der Königin die Entdeckung mitzuteilen, wobei er noch hoffte, früh genug zu kommen, um jeglicher Gefahr vorzubeugen, die aus der Verräterei des Karmeliters etwa entstehen könnte. – Aergerlich auf sich selbst und voll Eifers, seine Sache wieder gut zu machen, erstieg er nochmals die steile Höhe, und binnen vierzig Minuten stand er atemlos und keuchend vor der Königin Margarethe, die über sein Erscheinen und seine Erschöpfung nicht wenig erstaunt war. »Traut dem Karmeliter nicht!« rief er. – »Ihr seid verraten, Königin, und zwar durch meine Nachlässigkeit. Hier ist mein Dolch, stoßt ihn mir in das Herz!« Margarethe begehrte und erhielt deutlichere Erklärung. »Es ist ein unglücklicher Zufall,« sagte sie darauf. »Doch hätte auch Euer Vater uns deutlicher warnen können. Ich habe dem Karmeliter den Inhalt des Vertrages mitgeteilt und ihn mit der Niederschrift beauftragt. Er hat mich eben verlassen, um der Hora beizuwohnen. Wir können das unbedachtsamerweise geschenkte Vertrauen nicht mehr zurücknehmen, allein ich kann leicht bewirken, daß der Mönch nicht eher aus dem Kloster hinausgelassen wird, als bis es für uns gleichgiltig ist, ob er ein Verräter ist oder nicht. Dies ist der beste Weg, den wir einschlagen können, und ich will Sorge tragen, daß alle Unbequemlichkeit, die er durch sein Hierbleiben erleidet, ihm reichlich belohnt werde. Mittlerweile ruhe aus, guter Arthur, und lüfte Dir Dein Gewand. Armer Junge, Du bist ganz erschöpft!« Arthur gehorchte und ließ sich auf einen Sessel im Sprechzimmer nieder. »Könnte ich den falschen Mönch nur sehen,« sagte er, »so wollte ich ein Mittel finden, ihn zum Schweigen zu bringen.« – »Besser ist es, Du überläßt es mir,« sagte die Königin, »und mit einem Worte: ich untersage es Dir, Dich mit ihm einzulassen. Es freut mich, daß Ihr die heilige Reliquie, die ich Euch verehrte, um den Hals tragt. Doch was für ein maurisch Zauberkettlein hängt daneben? Ach! ich brauche nicht zu fragen, Eure hochroten Wangen deuten nur zu sehr auf ein zartes Liebeszeichen, Ach! armer Knabe! Einst hätte Margarete von Anjou Dir Beistand sein können, auf wen Deine Neigung sich auch gerichtet haben möchte; allein jetzt kann sie nur das Unglück ihrer Freunde vergrößern, nicht aber deren Glück befördern. Doch das Zaubermädchen, Arthur? Ist sie schön? ist sie verständig und tugendreich? Ist sie von edler Geburt und – liebt sie Dich?« Margarethe überschaute des Jünglings Gesicht mit dem Blick eines Adlers und fuhr fort: »Auf all das möchtest Du mir mit ja antworten, wenn die Verschämtheit es Dir gestattete. Liebe auch Du sie denn, mein ritterlicher Knabe! denn Liebe ist die Zwillingsschwester edler Handlungen, mein wackerer Jüngling – hochgeboren, treu, tapfer und tugendhaft, verliebt und jugendlich. – Das Rittertum des alten Europa glüht allein noch in einem Busen, wie der Deinige ist. Nun lebe wohl! Nach drei Tagen sehen wir uns in Aix,« Arthur schied nochmals von der Königin, über deren Herablassung er in tiefster Seele entzückt war, und kehrte zu seinem Führer zurück. Nach einem Ritt von einer guten Stunde erreichten sie Aix, und Arthur verlor keine Zeit, sich dem guten König René vorzustellen, der ihn huldreich empfing, und zwar sowohl wegen des Empfehlungsschreibens des Herzogs von Burgund, wie in Erwägung dessen, daß der Fremde ein Engländer war, der als treuer Untertan der unglücklichen Margarethe anhing. Er konnte dem Verlangen des alten Königs, ihm seine Gedichte vorzulesen oder seine Musik vorzuspielen, durch nichts anderes ausweichen, als daß er ihn in ein Gespräch über seine Tochter Margarethe verflocht. Arthur war zu verschiedenen Malen geneigt gewesen, daran zu zweifeln, ob die Königin wirklich den Einfluß auf ihren betagten Vater besäße, dessen sie sich rühmte; doch als er mit dem Könige persönlich bekannt war, überzeugte er sich, daß ihr herrschender Geist, ihre heftigeren Leidenschaften dem schwachherzigen und leidenden König eine Mischung von Stolz, Zuneigung und Furcht einflößten, die miteinander ihr die vollkommenste Gewalt über ihn einräumten. Obgleich sie erst kürzlich auf so unfreundliche Weise von ihm geschieden war, freute René sich doch, als er von ihrer baldigen Rückkehr hörte. Der alte König war ungeduldig wie ein Kind, ehe der Tag ihrer Ankunft herankam, und ließ sich nur nach langen Gegenreden davon abbringen, ihr als Fürst der Hirten an der Spitze eines Zuges arkadischer Schäfer und Nymphen entgegenzuziehen, deren gemeinsame Tänze und Gesänge zu begleiten jede Schalmei und jede Handtrommel des Landes in Bewegung gesetzt werden sollte. Während Margarethens Abwesenheit gingen die Tage am Königshofe in der Provence in Scherzen und Belustigungen aller Art dahin: Turniere in den Schranken, Reiten nach dem Ringe, Jagden fanden statt; abends erscholl Musik, und lustige Tänze begannen. Am vierten Tage lief durch einen Schnellboten die Nachricht ein, daß die Königin Margarethe vor der Mittagsstunde nach Aix zurückkehren würde, um ihre Wohnung wieder in ihres Vaters Palaste zu nehmen. Der gute König René schien sich, als die Stunde herannahte, doch ein wenig vor seiner Tochter zu fürchten und teilte seine ängstliche Unruhe allem mit, was ihn umgab. Er quälte seinen Haushofmeister und seine Köche, sich all der Schüsseln zu erinnern, von denen seine Tochter mit Wohlgefallen zu essen pflegte – er trieb die Spielleute an, der Melodien zu gedenken, die ihren Beifall gefunden hätten. Das Mahl sollte um halb zwölf Uhr aufgetragen werden, gleich als könnte man dadurch die Ankunft des erwarteten Gastes beschleunigen; und der König schritt mit dem Tellertuch über dem Arm in der Halle von Fenster zu Fenster, und bestürmte jeden mit der Frage, ob noch nichts von der Königin von England zu sehen wäre. Mit dem Schlage der Mittagsstunde ritt, von einem sehr kleinen, hauptsächlich aus Engländern bestehenden Gefolge begleitet, Margarethe von Anjou zur Stadt Aix hinein. König René ging ihr an der Spitze seines Hofes die Straße hinab entgegen. Margarethe war dieser öffentliche Empfang auf dem Marktplatze höchst unangenehm. Allein sie trug auch Verlangen, ihre jüngst geäußerte Heftigkeit wieder gut zu machen, und stieg deswegen von ihrem Zelter herab. Obgleich sie etwas betroffen darüber war, daß König René mit dem Tellertuche sie begrüßte, so demütigte sie sich doch soweit, daß sie ein Knie vor ihm beugte und ihn um Vergebung und um seinen Segen bat. Dann begab sie sich am Arme des Vaters in den Palast, wo das Wiedersehen festlich begangen wurde. Zwischen dem Mahle und dem darauffolgenden Tanzfeste suchte die Königin Gelegenheit, mit Arthur zu sprechen. – »Schlimme Nachrichten, mein weiser Ratgeber!« sagte sie. »Nachdem die Hora vorüber war, erschien der Karmeliter nicht mehr bei mir. Als er erfuhr, daß Ihr eilig zurückgekommen wäret, hat er, wie ich vermute, Verdacht geschöpft und daraufhin schleunigst das Kloster verlassen. Ich will morgen mit meinem Vater reden. Mittlerweile dürft Ihr Euch der Lustbarkeit dieses Abends erfreuen. Liebes Fräulein von Boisgelin, ich gebe Euch diesen jungen Kavalier heute abend zum Tänzer.« Die hübsche schwarzäugige Provenzalin verneigte sich mit geziemenden Anstande und musterte den schlanken, jungen Engländer mit wohlgefälligen Blicken. »Glückliches Vorrecht der Jugend,« setzte die Königin mit einem Seufzer hinzu, als das junge Paar seinen Platz zum Ringeltanze einnahm. – »Glückliches Vorrecht der Jugend, auch am rauhesten Lebenswege ein Blümchen zu pflücken.« Sechzehntes Kapitel. Am folgenden Tage hatte König René neue Festlichkeiten angeordnet, als zu seinem größten Mißbehagen Margarethe um eine ernsthafte Unterredung mit ihm bat. Gab es in der Welt einen Antrag, den René von ganzem Herzen verabscheute, so war es der, in dem das Wort Geschäft vorkam. »Was will denn das Kind von mir?« fragte er; »will sie Geld haben? Ich will ihr geben, was ich an Barem besitze, wiewohl ich gestehe, daß meine Schatzkammer etwas erschöpft ist; doch erwarte ich neue Jahreseinkünfte. Zehntausend Kronen habe ich noch. Wieviel wünscht sie davon? Die Hälfte? – ein Drittel? – das Ganze? – Alles ist zu ihren Diensten.« – »Ach, mein teurer Vater,« sagte Margaretha, »es sind nicht meine Angelegenheiten, sondern die Eurigen, worüber ich mit Euch reden will.« – »So es meine Angelegenheiten sind,« sagte René, »so kann ich sie bis zu einem andern Tage verschieben – bis auf irgend einen düstern Regentag, der zu nichts Besserm taugt.« –»Was ich mit Euch zu besprechen habe, betrifft Ehre und Rang, Leben und Lebensunterhalt!« – »Wenn Du darauf bestehst, Kind,« sagte König René, »so weißt Du, daß ich nicht nein sagen kann.« Und mit Widerwillen ließ er sich in ein inneres Gemach führen. Um jede Störung fernzuhalten, erhielten Margarethens Schreiber Mordaunt und Arthur die Weisung, im Vorgemach zu weilen und niemand einzulassen. Der arme König, der in das Regierungskabinett geführt wurde, blickte mit innerlichem Schauer auf das ebenholzene, mit Silber beschlagene Kästchen, dessen Inhalt ihm bisher stets höchst langweilige Verhandlungen beschert hatte; doch als die Papiere ihm nun vorgelegt waren, zeigte es sich, daß sie, wiewohl auf schmerzliche Weise, seine ganze Aufmerksamkeit rege machten. Seine Tochter nannte ihm klar und mit kurzen Worten die Schuldsummen, die auf seinen Besitzungen lasteten, und erklärte, wie die letzteren in kleineren und größeren Teilen verpfändet waren. Dann zeigte sie ihm auf einem andern Blatte die Forderungen, deren Zahlung sofort geleistet werden sollte, und zu deren Deckung sich kein Bargeld vorfand. Der König kämpfte dagegen, wie andere Leute in ähnlicher trübseliger Lage tun. Bei jeder Schuldforderung von sechs, sieben oder achttausend Dukaten wiederholte er die Versicherung, daß er zehntausend Krontaler in seiner Kanzlei habe, und wollte durchaus nicht begreifen, daß diese Summe nicht zur Tilgung einer dreißigmal so großen Schuld in Anschlag gebracht werden könnte, »Sind wir nicht,« sagte Rene, »König von Neapel, Aragon, beiden Sizilien und Jerusalem? Und warum soll der Monarch so schöner Königreiche einem bankerotten Landedelmann gleich um ein Paar lumpiger Krontaler willen in die Enge getrieben werden?« – »Ihr seid freilich König dieser Reiche,« entgegnete Margarethe, »allein es ist notwendig, Eure Majestät daran zu erinnern, daß Ihr es so seid, wie ich Königin von England bin, von einem Lande, wo kein Ackerstück mein ist, und aus welchem ich nicht eines Hellers Wert an Einkünften ziehen kann. Ihr habt keine Besitzungen, die Euch etwas einbrächten, außer diesen, die Ihr auf dieser Rolle verzeichnet seht, und deren Einkünfte hier genau berechnet sind. Diese Einkünfte reichen bei weitem nicht aus, Euren Aufwand zu bestreiten, geschweige denn die großen Summen längst fälliger Schulden zu bezahlen,« – »Es ist grausam, mich so zu drängen,« sagte der König, »Was kann ich tun? Bin ich arm, so kann ich nicht dafür. Ich möchte recht gern die Schulden tilgen, von denen Du schwatzest, wenn ich nur wüßte, wie.« – »Königlicher Vater, das will ich Euch zeigen, – Entsagt Eurer unnützen Würde, die nur dazu dient, Eure Armut lächerlich zu machen. Entsagt Euren Rechten als Monarch, und das Einkommen, das zu den nichtigen Vergeudungen eines bettelhaften Hofstaates nicht auszureichen vermag, wird Euch in den Stand setzen, in Ruhe und Ueberfluß und als Privatedelmann alle die Vergnügungen zu genießen, für die Ihr so eingenommen seid.« – »Margarethe, Du sprichst wie eine Törin,« antwortete Rene etwas finster, »Ein König und sein Volk sind durch Bande aneinandergeknüpft, die niemand, ohne sich strafbar zu machen, zerreißen darf. Meine Untertanen sind meine Herde, ich bin ihr Hirt. Der Himmel hat sie meiner Leitung anvertraut, und ich darf mich der Pflicht nicht entheben, sie zu schützen.« – »Wärt Ihr dazu imstande,« antwortete die Königin, »so würde Margarethe Euch beschwören, bis zum Tode dafür zu fechten. Doch legt nur einmal Euren längst nicht mehr gebrauchten Harnisch an – besteigt Euer Kriegsroß – ruft: »René für die Provence!« und seht zu, ob sich auch nur hundert um Eure Fahnen sammeln. Eure Festen sind in fremden Händen, ein Heer besitzt Ihr nicht; Eure Vasallen mögen guten Willen haben, doch entbehren sie alles Kriegsgeschickes und aller Kriegserfahrung. Ihr steht da, wie der Schatten eines Monarchen, den Frankreich oder Burgund, wer von beiden nur zuerst die Waffen erheben will, verscheuchen und verschwinden lassen kann.« Tränen flossen reichlich über die Wangen des alten Königs, als er sich eingestehen mußte, daß es ihm gänzlich an Macht gebrach, sich und seine Staaten zu verteidigen, als er einräumen mußte, daß er es oft selbst für notwendig erachtete, sich wegen seiner Entsagung mit einem seiner machtbegabten Nachbarn ins Vernehmen zu setzen. – »Nur die Rücksicht auf Dich, Margarete,« setzte er hinzu, »hielt mich bisher davon ab.« – »Die Rücksicht auf mich fordert jedoch gerade die Entsagung,« antwortete Margarethe. »Ja, sie ist vielleicht der einzige Wunsch, den mein Busen hegt.« – »Genug, mein Kind, gib mir die Abdankungsschrift, daß ich sie unterzeichne. Wir müssen Weh erleiden, doch ist's nicht nötig, deswegen Trübsal zu blasen.« – »Fragt Ihr nicht,« sagte Margarethe, überrascht von des Vaters Bereitwilligkeit, – »wem Ihr Eure Staaten abtretet?« – »Was nützt es,« antwortete der König, »da sie nicht mehr die unsrigen bleiben sollen? Muß es doch entweder Karl von Burgund oder mein Neffe Ludwig sein – beide sind machtbegabte, staatskluge Fürsten, Gott füge es, daß mein armes Volk nicht Ursache habe, mich alten Mann zurückzuwünschen, dessen einziges Vergnügen es war, seine Untertanen fröhlich und glücklich zu sehen.« »Burgund ist's, dem Ihr die Provence abtretet,« sagte Margarethe. – »Karl ist auch mir lieber als Ludwig,« entgegnete René; »er ist wild, aber nicht boshaft. Noch ein Wort, sind meiner Untertanen Rechte und Freiheiten vollkommen gesichert?« – »Vollkommen,« versetzte die Königin, »und für all Eure Bedürfnisse ist auf das ehrenvollste gesorgt.« – »Ich frage nicht um meinetwillen. René, der Troubadour, wird eben so glücklich sein wie René, der König, es jemals war.« Als er dies gesagt hatte, pfiff er in praktischer Lebensweisheit leise die Melodie eines jüngst gesetzten Liedchens und unterzeichnete, ohne nur den Handschuh auszuziehen oder das Papier durchzulesen, die Absagungsurkunde, mit der er seine königlichen Besitzungen weggab. »Was ist das?« sagte er, indem er auf ein anderes zweites Pergament von weit kürzerem Inhalte blickte. »Muß mein Vetter Karl von Burgund auch beide Sizilien, Catalonien, Neapel und Jerusalem, außer den armseligen Resten der Provence haben? Mich dünkt, man hätte, des äußeren Auslandes wegen, zu solcher Abtretung ein größeres Pergamentblatt wählen sollen,« – »Diese Urkunde,« sagte Margarethe, »erklärt nur, daß Ihr Ferrand de Vaudemont bei seinem vorschnellen Angriff auf Lothringen alle Unterstützung verweigert und Euch seinetwegen mit Karl von Burgund nicht verfeinden wollt!« Aber hier hatte Margarethe ihre Gewalt über den Vater zu hoch geschätzt, René stutzte, verfärbte sich und stammelte leidenschaftlich, indem er die Tochter unterbrach: »Meinen Großsohn, den Sohn meiner teuren Jolanda, soll ich aufgeben – seine gerechten Ansprüche auf das Erbteil seiner Mutter nicht unterstützen? Margarethe, ich schäme mich in tiefster Seele! Verlassen, verleugnen soll ich mein eigen Fleisch und Blut, weil der Jüngling ein kühner, gewappneter Ritter ist, der sich zum Kampfe für sein Recht anschickt? – ich verdiente, daß Harfe und Jägerhorn Schmach über mich erklingen ließen, wenn ich Dir Gehör gäbe!« Ehe Margarethe noch zu antworten vermochte, wurden Stimmen im Vorgemache laut, ein bewaffneter Ritter riß die Tür auf und trat mit allen Zeichen einer eben beendeten weiten Reise herein, – »Hier bin ich,« sprach er, »Vater meiner Mutter, – seht Euren Enkel, Ferrand de Vaudemont. Der Sohn Eurer verlorenen Jolanda kniet zu Euren Füßen und fleht um Euren Segen für sich und seine Unternehmung,« – »Du hast ihn,« versetzte René, »und möge es Dir glücken, tapferer Jüngling, Ebenbild Deiner in Gott ruhenden Mutter, mein Segen, meine Gebete, meine Hoffnungen ziehen mit Dir!« – »Und Ihr, schöne Muhme von England,« sagte der Ritter, »die Ihr selber durch Verrat länderlos gemacht wurdet, wollt Ihr nicht die Sache eines Verwandten anerkennen, der für sein Erbe kämpft?« »Ich wünsche Euch persönlich alles Gute, lieber Neffe,« antwortete die Königin von England, »obwohl Eure Gesichtszüge mir fremd sind. Doch es wäre gottlose Raserei, wollte ich diesem Greise anraten, sich an Eurer Sache zu beteiligen, die in den Augen aller klugen Leute für ganz hoffnungslos gilt.« »So spricht meine Muhme Margarethe, deren Geistesstärke das Haus Lancaster so lange Zeit noch aufrecht erhielt, als der Mut der Krieger dieses Hauses durch erlittene Niederlagen schon gebrochen war?« versetzte Ferrand. »Was würdet Ihr gesagt haben, wenn meine Mutter Jolanda Eurem Vater geraten hätte, Euren eigenen Sohn Eduard zu verleugnen, so Gott es ihm gewählt hätte, wohlbehalten die Provence zu erreichen?« – »Für Eduards Sache,« erwiderte Margarethe in Tränen, »legten mächtige Fürsten und Reichsedle die Lanzen ein. An Deiner Sache aber nehmen nur deutsche Raubritter, die aufsässigen Bürger der Rheinstädte und die elenden bäurischen Eidgenossen der Kantone teil.« »Aber der Himmel hat meine Sache gesegnet,« versetzte der ritterliche Jüngling. »Wißt, stolze Frau, daß ich gekommen bin, Eure verräterischen Ränke zu vereiteln, nicht als elender Abenteurer, der auf Schleichwegen Krieg führt, sondern als Sieger, der den Hochmut des Tyrannen gezüchtigt hat.« – »Das ist unwahr!« sagte die Königin erstarrend – »ich glaube es nicht!« – »Es ist wahr,« entgegnete Vaudemont. »Es ist so gewiß, wie der Himmel über uns ist. Vier Tage ist es her, seit ich das Gefilde bei Granson verließ, das mit burgundischen Söldnern bedeckt war – Karls Reichtümer, seine Juwelen, sein Silbergerät, sein prachtvoller Schmuck, alles fiel den armen Schweizern zur Beute, die kaum den Wert all dieser Dinge zu schätzen wissen. Kennt Ihr dies, Königin Margarethe?« fuhr der junge Krieger fort, indem er den wohlbekannten Diamant zeigte, der des Herzogs Orden vom Goldenen Vließ schmückte – »meint Ihr nicht auch, daß der Löwe scharf gejagt werden mußte, wenn er Siegeszeichen solcher Art zurücklassen sollte?« Margarethe blickte mit erblindenden Augen und wirren Gedanken auf ein Zeichen, das die Niederlage Burgunds und das Erlöschen ihrer letzten Hoffnung bestätigte. Ihr Vater hingegen fühlte sich von dem Heldenmut des jungen Kriegers hingerissen und zog seinen Großsohn an die Brust. Wir kehren zu Arthur zurück, der mit Mordaunt, dem Geheimschreiber der Königin von England, nicht wenig überrascht war, als der Graf Ferrand de Vaudemont, der sich Herzog von Lothringen nannte, in das Vorgemach drang, ein langer Schweizer mit der Hellebarde auf der Schulter hinter ihm drein. Da der Fürst seinen Namen selber nannte, so wehrte Arthur ihm den Zutritt nicht. Doch wie erstaunte er, als in dem derben Hellebardier Sigismund Biedermann erkannte, der mit einem wilden Freudengeschrei auf den jungen Engländer losstürzte. Zu keiner Zeit war es Sigismund ein leichtes, seine Gedanken zu ordnen, und jetzt waren diese vollends verwirrt, durch die triumphierende Freude über den von seinen Landsleuten jüngst errungenen Sieg, und mit Verwunderung vernahm Arthur seine unbeholfene, jedoch treue Erzählung. »Siehst Du, König Arthur, der Herzog war mit seinem gewaltigen Heer bis Granson gekommen, das nahe am Neuenburger See liegt. Am Platze standen fünf- oder sechshundert Eidgenossen, die den Ort so lange hielten, bis sie keine Lebensmittel mehr hatten und ihn dann, wie Du weißt, überantworteten. Der Metzger Karl ließ sie alle, rund um den Platz her, an den Bäumen aufhängen. Mittlerweile war alles geschäftig auf unsern Bergen, und jeder Mann, der eine Lanze oder ein Schwert hatte, wappnete sich damit. Wir trafen bei Neuenburg zusammen, und zu uns stieß deutsches Volk mit dem edlen Herzoge von Lothringen. Ei, König Arthur, das ist Dir ein Heerführer. Wir alle halten ihn hoch wie den Rudolf von Donnersberg – Du sahst ihn eben jetzt – er war's, der dort hineinging – Du sahst ihn auch schon früher – war er doch der blaue Ritter von Basel; wir aber nannten ihn damals Lorenz; denn Rudolf sagte, seine Anwesenheit unter uns müßte unserm Vater unbekannt bleiben, und ich selber wußte zu jener Zeit nicht recht, wer er war. Nun, wir langten zu Neuenburg an, fünfzehntausend derbe Eidgenossen und fünftausend Mann an deutschem und lothringischem Volk. Wir hörten, daß die Burgunder ihrer sechstausend im Feld ständen; allein zu gleicher Zeit hörten wir auch, daß Karl unsere Brüder wie Hunde aufgeknüpft hätte. Da fragte keiner nach der Zahl. Wir dachten nur an unsere Rache. Mein Vater selbst, der wie Du weißt, sehr für den Frieden eingenommen ist, gab jetzt das erste Zeichen zur Schlacht. So in der Morgendämmerung zogen wir hinab gegen Granson, entschlossen zu Tod oder Rache. Wir kamen an eine Art von Engpaß, zwischen Vauxmoreux und dem See; da waren Gäule auf der Ebene zu sehen zwischen dem Berg und dem Wasser, und eine große Schar Fußvolk lagerte am Abhänge der Höhe. Der Herzog von Lothringen griff mit den Seinigen die Reiter an, während wir den Berg hinan auf das Fußvolk losgingen. Wir waren rasch mit ihnen fertig; denn sie hatten sich eines Ueberfalls nicht versehen. Als nun die Reiter, gedrängt schon von den Lothringern, uns sahen, wie wir nun seitwärts auf sie eindrangen, flohen sie so hurtig, wie ihre Gäule nur zu laufen vermochten. Dann sammelten wir uns auf der Ebene. Doch kaum war dies geschehen, als wir ein solch Getöse von Instrumenten, solch ein Getrappel schwerer Rosse, solch ein Geschrei und Hallohrufen vernahmen, als ob alle Kriegsmänner und alle Spielleute von Frankreich und Deutschland miteinander wetteiferten, wer von ihnen den meisten Lärm machen könnte. Dann erschien in der Ferne eine ungeheure Staubwolke und kam näher heran, und wir begannen einzusehen, daß es nun um Leben und Tod gehen müsse; denn schau! das war Karl und sein gesamtes Heer, das herankam, den Vortrab zu unterstützen. Da waren Dir Tausende von Rossen in glatten Reihen und Hunderte von Rittern mit goldenen und silbernen Kronen auf den Helmkappen, und die Massen Fußvolks und auch Schießmörser, wie sie sie nennen. Ich wußte noch nicht, was für Dinger das waren, die so schwerfällig von Jochochsen gezogen wurden; allein ich sollte sie wohl kennen lernen, ehe noch der Morgen ins Land gekommen war. Nun, wir stellten uns denn in Schlachtordnung, wie man es uns bei den Uebungen lehrt, und ehe wir dann vordrangen, ward uns geheißen, niederzuknien und Gott und die heilige Mutter und die lieben Heiligen anzurufen; und hinterdrein erfuhren wir, daß Karl in seinem Uebermute wähnte, wir bäten um Gnade – Hahaha! ein lustiger Spaß. Er schrie jedoch: »Feuert mein Geschütz ab auf die feigen Knechte, das sei alle Gnade, die sie von mir zu erwarten haben!« und bum – bum – bum! – los gingen die Dinger, diese Mörser, los wie Donner und Blitz, taten uns aber nicht viel, da wir knieten, und sonder Zweifel wiesen die Heiligen den ungeheuren Kugeln den Weg über die Häupter all derer hin, die Gnade von ihnen, jedoch nicht von sterblichen Kreaturen erflehten. So hatten wir denn das Zeichen zum Aufstehen und Angreifen, und ich versichere Dir, wir waren keine Schlafhauben. Jeder Mann fühlte seine Kraft zehnfach. An stürmten wir, als plötzlich die Schießmörser verstummten und die Erde erbebte von einem andern unaufhörlichen Gestampf, gleich als donnerte es unter dem Boden. Das waren die Reiter, die auf uns herzukamen. Halt, halt, hieß es, erstes Glied kniet, fest gestanden im zweiten, Schulter an Schulter wie Brüder, alle Speere vorgestreckt, und wie eine eiserne Mauer sie empfangen! Und heran stürmten sie, und da gab's ein Lanzenbrechen, daß die alten Weiber in Unterwalden Splitter zum Holzfeuer auf ein rundes Jahr hätten auflesen mögen. Nieder mußten die reisigen Reiter – und von allen, die herab mußten vom Gaule, kam kein Mann mit dem Leben davon. Die übrigen trabten querfeldein, um sich in einiger Entfernung neu aufzustellen, als der edle Herzog Ferrand und seine Berittenen ihnen in den Weg fielen. Nun drangen auch wir vor, um ihm beizustehen. So hieben wir sie zusammen, und das Fußvolk vermochte uns nicht mehr stand zu halten, als es sah, wie es seiner Reiterei erging. Da hättest Du nun den Staub schauen sollen, der da aufstieg, die Streiche hören sollen, die da fielen! Hunderte ließen sich, ohne Widerstand zu leisten, erschlagen, und das gesamte Heer ergriff planlos die Flucht!« »Mein Vater, mein Vater!« rief Arthur. »Was ist aus ihm geworden?« – »Er entkam glücklich,« sagte der Schweizer, »er entfloh mit Karl.« Sie wurden durch Mordaunt unterbrochen. »Still, still!« rief dieser. »Der König und die Königin treten herein!« – König René kam, Arm in Arm mit seinem Großsohne, aus dem Kabinett, und Margarethe, mit Vergnügen und Verdruß auf der Stirn, folgte ihnen. Als sie an Arthur vorüberging, winkte sie ihm und flüsterte ihm zu: »Laß Dir ausführlich berichten und erzähle mir dann alles! Mordaunt wird Dich bei Ferrand vorstellen!« – Dann warf sie einen Blick auf den jungen Schweizer und erwiderte höflich dessen linkische Verbeugung, Die königliche Familie verließ das Gemach. Sie waren kaum hinaus, so bemerkte Sigismund: »Und das ist also ein König und eine Königin? Pest! Der König sieht dem alten Jakob, dem Geiger, ähnlich, der auf der Fiedel zu kratzen pflegte, wenn er auf seiner Rundwanderung nach Geierstein kam. Aber die Königin ist eine stattliche Kreatur. Wie keck Du mit ihr sprachst, Arthur, ich hätte es nicht mit solchem Anstande tun können. – Wo hast Du denn so schnell die höfischen Sitten gelernt?« – »Laß das für jetzt, ehrlicher Sigismund,« antwortete Arthur, »und erzähle mir mehr von jener Schlacht.« »Nun – wo blieb ich – ja, wo wir das Fußvolk niederschlugen – nun, sie kamen nimmer wieder auf die Beine und gerieten bei jedem Schritt nur in noch größere Verwirrung – wir hätten die Hälfte der Fliehenden noch erschlagen können. hätten wir nicht innegehalten, um Karls Lagerzelte zu beschauen. Gott helf uns Arthur, was war da zu sehen! jedes Zelt voll reicher Zeuge, prächtiger Waffen, großer Schüsseln und Humpen, die, wie einige sagten, von Silber wären. Da gab es einen Troß von Lakaien, Edelknaben, Schildträgern, und Tausende von hübschen Dirnen obendrein. Aber ich sage Dir, mein Vater verfuhr streng gegen jeden, der das Kriegsrecht verletzte. Das war Dir eine reiche Beute, denn die Deutschen und Franzmänner, die bei uns waren, rafften alles weg, und manche der unsrigen folgten dem Beispiel. Doch ich ging in Karls Zelt, wo Rudolf und etliche der Seinigen sich bemühten, einen jeden fernzuhalten, wahrscheinlich, damit alles, was drinnen war, ihnen selber bleiben möchte; mich aber ließen sie ein, und ich sah, wie sie die Zinnteller, die so hell wie Silber glänzten, in Kisten und Kasten packten. Ich trat an Karls Feldbett. – Nun, ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen – es war das einzige harte Bett im ganzen Kriegslager – und da lagen Dir gar schöne glänzende Steine zwischen Handschuhen, Stiefeln und Wämsern umher, – Da dachte ich an Deinen Vater und an Dich, und schaute nach etwas für Euch aus, und siehe da! da fand ich einen alten Freund wieder, den ich, wie Du weißt, dem Scharfrichter von La Ferette einst abnahm.« Bei diesen Worten zog er das Halsgeschmeide der Königin Margarethe unter dem Wamse hervor. »Diese Steine,« sagte Arthur, »sind von unschätzbarem Werte und gehören weder meinem Vater noch mir, sondern der Königin, die Du eben gesehen hast. Doch was ist aus dem Herzog geworden?« »Karl hat sich nach Burgund zurückgezogen, gleich einem Eber, der einen Speerstich erhielt, und mehr in Wut gebracht als verwundet worden ist; allein er soll traurig und mürrisch sein. Andere sagen aus, er habe seine zerstreute Streitmacht gesammelt, neue Heeresmacht dazu gezogen und seine Untertanen geschraubt, ihm Geld zu geben, so daß wir einen zweiten Angriff zu erwarten haben. Doch nach einem solchen Siege wird die ganze Schweiz mit uns ziehen,« – »Und mein Vater ist beim Herzog?« fragte Arthur, – »Ei freilich, und hat auf recht gottgefällige Weise versucht, einen Frieden mit meinem Vater zu schließen. Aber es wird ihm schwerlich glücken, Karl ist so toll wie immer. Und unser Volk ist gar stolz auf seinen Sieg! darum wird's weitergehen.« – »Und was bringt Dich und Deinen Feldherrn, den Prinzen Ferrand von Nancy, hierher?« – »Ei, Du selbst bist die Ursache unserer Herreise, – Es heißt, Du und die Königin Margarethe, Ihr ginget damit um, diesen alten Fidelkönig René dahin zu bringen, daß er seine Länder an Karl abtrete und Ferrand dessen Anrechte auf Lothringen verleugnet. Und der Herzog von Lothringen schickte einen Mann, den Du gar Wohl kennst, das heißt, Du kennst ihn nicht, sondern Du kennst jemanden von seiner Familie. Der sollte einen Strich durch Eure Rechnung machen und es verhindern, daß Karl die Provence erhielte und Ferrand in seinen natürlichen Rechten auf Lothringen gekränkt oder übervorteilt würde. Dieser Gesandte war mein Ohm, der Graf Albert von Geierstein, meines Vaters Bruder.« – »Anna von Geiersteins Vater?« wiederholte Arthur. – »Freilich! Dieser, mein Ohm, hat ein paar Zauberbücher aus der Burg Arnheim bei sich, und man sagt, er kann mit mehr als menschlicher Eile von einem Ort zum andern kommen; ja es sollten ihm in seinem Treiben mächtigere Ratgeber als bloße Menschen beistehen. Bei alledem sollen, wie hoch und gewaltig seine Gaben auch sein mögen, sie ihm doch nicht sonderlich gedeihen, sie mögen nun aus gottesfürchtiger oder aus gottloser Quelle stammen. Er ist ewig in Streit und Gefahr verwickelt.« »Ich weiß Näheres von seinem Lebenslauf,« sagte Arthur, »doch ich habe gehört, daß er die Schweiz verließ, um zum Kaiser zu gehen.« »Wahr,« antwortete der junge Schweizer, »und dann heiratete er die junge Freiin von Arnheim. – Allein späterhin zog er sich des Kaisers Ungnade zu, und so hielt mein Ohm es für geratener, über den Rhein zu gehen und sich an des Burgunders Hof zu begeben. Er wurde huldvoll aufgenommen; allein nach Jahr und Tag war es auch mit dieser Freundschaft aus. Ohm Albert bekam viel Gewalt in heimlichen Verbindungen, die Karl mißbilligte, und er setzte deshalb meinem Ohm dermaßen zu, daß dieser ein Mönchskleid antat und sich das Haupt scheren ließ, um nicht den ganzen Kopf hergeben zu müssen. Obwohl der Herzog ihn laufen ließ, fand er ihn doch so oft in seinem Wege, daß alle Welt meinte, er warte nur auf die Gelegenheit, ihn zu greifen und ums Leben zu bringen. Mein Ohm aber behauptet fortwährend, daß er den Burgunderherzog nicht fürchte, wohl aber dieser weit mehr ihn zu fürchten habe. Und Du hast ja auch gesehen, wie keck er seine Rolle zu La Ferette spielte.« »Beim St. Georg zu Windsor!« rief Arthur, – »Der schwarze Priester zu St. Paul!« – »Oho! verstehst Du mich jetzt? Nun, er nahm es auf sich, daß Karl es nicht wagen würde, ihn für seinen Anteil am Tode des Hagenbachers zu strafen; und ruhig saß Ohm Albert unter den Ständen Burgunds und wiegelte sie auf, daß sie dem Herzoge das verlangte Geld verweigern sollten. Allein, als der Schweizerkrieg ausgebrochen war, erkannte Albert, daß er als Geistlicher nicht mehr sicher sein würde, und so erschien er plötzlich in Ferrands Lager zu Neuenburg und sandte Botschaft an Karl, worin er ihm den Dienst aufkündigte und ihm Trotz bot. Er erzählte dem Herzog Ferraud, daß Du hier wärst, und erbot sich herzugehen und nähere Kunde einzuziehen. Obschon er das Schweizer Feldlager erst vor fünf oder sechs Tagen vor der Schlacht verließ und die Entfernung von Arles und Neuenburg wohl achtzig Meilen betragen mag, begegneten wir ihm doch schon auf der Rückreise, als Herzog Ferrand mit mir vom Schlachtfelde hierher eilte.« – »Ihr seid ihm begegnet!« sagte Arthur, »Dem schwarzen Priester von St. Paul?« – »Nun ja doch,« versetzte Sigismund, »aber er war als Karmelitermönch verkleidet,« – »Als Karmeliter!« rief Arthur. »Und ich war so blind, seine Dienste der Königin anzubieten. Und doch ist's vielleicht gut, daß die Unterhandlung sich zerschlug. Nach dieser entsetzlichen Niederlage hatte doch alles rückgängig gemacht werden müssen.« Soweit war ihr Gespräch gediehen, als Mordaunt erschien und den Engländer aufforderte, ihm in das Gemach seiner Gebieterin zu folgen. »Ach, armer Arthur,« redete sie ihn an, »Dein Leben beginnt da, wo Deines Vaters Leben zu enden droht, in vergeblicher Arbeit zur Rettung eines sinkenden Schiffes. Der Herzog von Burgund, der bisher siegreich in allen seinen kühnen Unternehmungen war, braucht nur den flüchtigen Gedanken zu hegen, dem Hause Lancaster Beistand zu leisten, und siehe! sein Schwert zerbricht an dem Dreschflegel eines Bauers! und seine wohlgeregelten Heerscharen, die für die rüstigsten der Welt galten, zerstieben wie Staub im Winde! Wo ist Dein Vater?« – »Bei dem Herzoge, edle Frau, wie ich erfuhr,« versetzte Arthur. – »Eile zu ihm, und sage, ich befehle ihm, auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein, und für meine Angelegenheit nicht mehr zu sorgen. Dieser letzte Streich hat mich zu Boden geschmettert, – Ich bin ohne Bundesgenossen, ohne Freund, ohne Geldmittel,« – »Nicht so, Königin,« erwiderte Arthur, »Ein Teil Eurer Habe ist Eurer Hoheit durch gutes Glück zurückgebracht worden,« – Damit holte er den kostbaren Halsschmuck hervor und erzählte, wie derselbe gerettet wurde, »Ich freue mich über den glücklichen Zufall, der uns diese Diamanten zurückgibt,« sagte die Königin, »ich bin nun wenigstens imstande, meinen Dank abzustatten. Bringe diese Edelsteine Deinem Vater, sag' ihm, meine Pläne wären zu Ende – sag' ihm, mein Herz wäre endlich gebrochen. Sag' ihm, der Schmuck gehöre ihm, und zu seinem eigenen Nutzen möge er ihn verwenden. Aermlich nur wird er ihn für die edle Grafschaft Oxford entschädigen, die er in meinen Diensten verlor,« – »Königliche Frau,« sagte der Jüngling, »seid versichert, mein Vater würde lieber als einfacher Reitersmann dienen, als Euer Mißgeschick noch erschweren,« – »Nie hat er Gehorsam verweigert,« sagte Margarethe, »und dies ist der letzte Wille, den ich ihm äußere. So er selber zu reich oder zu stolz ist, um aus einer Königin Geheiß Vorteil zu ziehen, so wird er arme Leute meines Anhanges genug finden, die weniger Mittel besitzen oder weniger Bedenken hegen. Doch ich höre den törichten, alten Mann zurückkehren, der alle ergebnisreichen Vorfälle dieses Tages schon wieder vergessen hat. Im Heraufkommen pfeift er sich ein Lied. Nun, wir werden bald von einander scheiden, und meine Entfernung wird eine Erlösung für ihn sein. Du, aber, Arthur, kehre morgen früh zu Deinem Vater zurück!« So aus der Königin Gegenwart entlassen, gab Arthur Thibault die Weisung, alles zur Abreise bereit zu halten. Dann widmete er sich der Lustbarkeit des Abends. Doch fand er wenig Freude an den geselligen Veranstaltungen, zumal er sich plötzlich durch den Herzog Ferrand, den siegreich vom Schlachtfelde hergekommenen Krieger, und durch Sigismund, den riesigen Schweizer, den Ferrand überall als Grafen von Geierstein vorstellte, ganz in den Schatten gestellt sah. Kein Mensch kümmerte sich um den jungen Engländer; ja, man begegnete ihm, dem Parteimann der Margarethe, deren Sache ganz verloren war, und die mit ihrem melancholischen Wesen an dem lustigen Hofe schon manches Vergnügen gestört hatte, mit unverhohlenem Mißbehagen. All das verdroß ihn heftig. Er vermied es eine Zeitlang, Margarethe anzusehen; denn es widerstrebte ihm, den Anschein zu erregen, als wollte er sich um Schutz an sie wenden. Schließlich aber lenkte er doch den Blick auf den Platz, wo sie saß. Margarethens Haupt lehnte an dem Kopfpolster ihres Armstuhles, ihre Augen waren halb geschlossen, ihre Gesichtszüge scharf, ihre Hände krampfhaft geballt. Die englische Gesellschaftsdame, die hinter ihr stand, war alt, taub und kurzsichtig und hatte nicht das mindeste von der auffallenden Haltung ihrer Gebieterin wahrgenommen, einer Haltung, wie sie die Königin nie anzunehmen pflegte, wenn sie bei den Festlichkeiten am provençalischen Hofe körperlich zugegen und geistig abwesend war. Während Arthur, heftig erschrocken, hinter sie trat, um die Ehrendame zur Aufmerksamkeit auf ihre Gebieterin anzumahnen, rief die Alte: »Mutter des Himmels! die Königin ist tot!« Und so war es. Es schien, als hätte die letzte Lebensfiber dieser stolzen, ehrsüchtigen Frau, wie sie selber es voraussagte, in dem nämlichen Augenblicke brechen müssen, in welchem ihr der letzte Strahl irdischen Hoffens schwand Siebzehntes Kapitel. Arthur verlor keine Zeit, in der Person Thibaults einen Eilboten an seinen Vater mit einem Schreiben abgehen zu lassen, durch das er dem älteren Philippson in Kürze alles mitteilte, was seit seiner Ankunft in Aix vorgefallen war, hauptsächlich aber Kunde gab von dem Hinscheiden der Königin und deren letztwilligen Verfügungen, durch die ihr Vermögen unter ihre Anhänger verteilt wurde, insbesondere aber das Halsgeschmeide den Philippsons zufiel. Schließlich bat er um Anweisung zu fernerem Tun und Lassen, da der notwendige Aufenthalt bei der Bestattungsfeier einer Person so hohen Ranges ihn solange in Aix zurückhalten würde, bis er Antwort haben könnte. Der alte König René verwand den Schrecken über den plötzlichen Tod seiner Tochter mit solcher Leichtigkeit, daß er am zweiten Tage nach dem Trauerfalle schon beschäftigt war, eine prächtige Prozession zum Leichenbegängnisse anzuordnen und ein Grablied zu verfassen, das nach einer ebenfalls von ihm komponierten Weise zu Ehren der hingeschiedenen Königin gesungen werden sollte. Als der erste Ausbruch des Schmerzes vorüber war, konnte der alte König Rens sich nicht des Gefühles erwehren, daß Margarethens Tod einen politischen Knoten durchschnitten habe, der sonst schwer hätte gelöst werden mögen. Er selbst war nun in der Lage, es öffentlich mit seinem Enkel zu halten und ihm einen bedeutenden Anteil an dem Geldschatz der Provence zu gewahren, der sich freilich nur auf zehntausend Krontaler belief. Nachdem Ferrand den Segen seines Großvaters empfangen hatte, kehrte er zu den Verwegenen zurück, die er befehligte, und mit ihm zog nach liebevollem Abschiede von Arthur der derbe, obwohl einfältige junge Schweizer, Sigismund Biedermann. Der kleine Hof zu Aix war seiner Trauer hingegeben. König René, für den Gepränge, gleichviel ob fröhlicher oder trauriger Natur, jederzeit eine Sache von Wichtigkeit war, hätte gern dazu beigetragen, die Totenfeier seiner Tochter Margarethe mittels seines letzten Geldes noch feierlicher zu gestalten, allein, er sah sich daran teils durch die Vorstellungen seiner Räte, teils durch die Einwendungen des jungen Engländers verhindert, der streng nach dem Willen der Erblasserin verfuhr und gegen jeglichen phantastischen Aufputz des Leichenbegängnisses, der der Königin bei ihren Lebzeiten zuwider gewesen wäre, Einspruch erhob. Nachdem mehrere Tage unter öffentlichen Gebeten und andern gottesdienstlichen Handlungen verflossen waren, wurde die Totenfeier mit all der düstern Pracht gehalten, die dem Range der Verstorbenen zukam, und durch die die römische Kirche es wohl versteht, Auge, Ohr und Gemüt zu gleicher Zeit für sich einzunehmen. Unter den verschiedenen Edlen, die der Feierlichkeit beiwohnten, befand sich einer, der eben angelangt war, als die großen Turmglocken der St. Sauveur-Kirche ankündigten, daß der Leichenzug sich schon auf dem Wege nach der Kathedrale befand. Der Fremde hatte seine Reisekleider schnell gegen einen Traueranzug vertauscht, und so angetan, erschien er in der Kirche, wo die edle Gestalt des Fremden den übrigen solche Ehrfurcht einflößte, daß man ihm gestattete, neben die Bahre zu treten. Am Kopfkissen der toten Königin, für die er so lange Zeit gestrebt und soviel erlitten hatte, wechselte nun der Graf von Oxford einen traurigen Blick mit seinem Sohne. Die Leidtragenden, besonders die englische Dienerschaft Margarethens, betrachtete beide mit Ehrfurcht und Verwunderung, und der ältere Kavalier besonders schien ihnen kein unwürdiger Stellvertreter der treuen Untertanen in England zu sein, um deren letzte Pflicht am Grabe der Frau zu üben, die so lange hindurch, wenn auch nicht auf fehlerfreie Weise, doch jederzeit mit kühner, entschlossener Hand den Zepter über jene Insel geführt hatte. Der letzte Ton der feierlichen Trauerlieder war verklungen, und fast alle Teilnehmer an der Leichenfeier hatten sich enfernt, als Vater und Sohn noch in düsterem Schweigen neben der Gruft ihrer entseelten Monarchin weilten. »Das ist also ihr Ende,« sprach der Graf endlich. »Hier, königliche Frau, zerschellt alles, was wir für Dich versuchten und wagten! Das innere Leben des Entschlusses, das Haupt des Entwurfes ist dahin, und was nützt es, daß die Glieder der Unternehmung noch Bewegungs- und Lebenskraft haben? Ach, Margarethe von Anjou! möge der Himmel Deine Tugenden belohnen und Dich entsühnen von Deinen Irrtümern! Deine Tugenden, wie Deine Irrtümer gehörten Deinem Stande an, und spanntest Du zur Zeit des Glückes Deine Segel zu hoch, so lebte nimmer eine Fürstin, die stolzer den Stürmen des Mißgeschicks Trotz bot. Mit diesem Trauerfall geht ein Drama zu Ende, und unsere Rollen, mein Sohn, sind ausgespielt.« – »So tragen wir denn die Waffen gegen die Ungläubigen, mein Vater,« sagte Arthur mit einem Seufzer, der jedoch kaum hörbar war,– »Nein,« versetzte der Graf, »nicht eher, als bis ich höre, daß Heinrich von Richmond, der Erbe des Hauses Lancaster, meiner Dienste nicht mehr bedarf. In jenen Juwelen, von denen Du mir schriebst, die so seltsamer Weise verloren gingen und wiedererlangt wurden, möchte ich ihm Hilfsmittel reichen, die ihm nötiger sein dürften als unsere beiderseitigen Dienstleistungen. Doch in das Feldlager des Burgunders kehre ich nicht zurück. Denn dort ist keine Hilfe zu hoffen.« – »Kann es möglich sein, daß die Gewalt eines so großen Herrschers durch eine einzige unglückliche Schlacht zunichte gemacht wurde?« fragte Arthur.– »Keineswegs,« erwiderte der Vater. »Der Verlust zu Granson war sehr groß, doch für die Stärke Burgunds ist und bleibt er nichts weiter als eine Schramme auf der Schulter eines Giganten. Karl aber ist verstimmt, und da ich mich von Anfang an weigerte, die Waffen gegen unsere einstigen Reisegefährten zu ziehen, so fing er an, mir zu mißtrauen. In meinem Beisein sprach er von lauwarmen Freunden, von kaltblütigen, gleichgültigen Seelen – von denen, die wenn sie nicht für ihn wären, gegen ihn sein müßten. Ich sage Dir, Arthur de Bere, der Herzog hat so ehrverletzend geredet, daß nichts als die Befehle der Königin Margarethe und die Angelegenheiten des Hauses Lancaster mich vermochten, ferner in seinem Kriegslager zu weilen. Das ist nun vorbei. Meine königliche Herrin bedarf meiner geringen Dienste nicht mehr – der Herzog kann unserer Sache keine Hilfe verleihen – und wir können seine Absichten auf die Provence nicht mehr unterstützen. Da habe ich denn beschlossen, am Hofe des Königs René so lange zu weilen, bis ich Nachrichten von dem Grafen von Richmond, wie wir ihn noch nennen müssen, erhalten habe. Mich dünkt, daß Verbannte zwar selten am Hofe eines auswärtigen Fürsten willkommen sind; allein ich bin der treue Anhänger der Tochter des Königs René gewesen. Ich werde um nichts weiter ersuchen, als unerkannt hier zu weilen, und begehre weder Rücksicht noch Unterstützung, König René wird es uns nicht weigern, daß wir die Luft in seinem Lande so lange atmen, bis ich erfahre, wohin mich Geschick oder Pflicht rufen werden.« Dem guten König wäre ein heitrerer Gast als der ernste Graf Oxford lieber gewesen, doch gewährte er ihm freundliche Aufnahme, und der ältere Philippson fand Gelegenheit, seinen Dank dafür abzustatten. Es wurde nämlich ein höchst wichtiger Vertrag zwischen René und dessen Neffen Ludwig XI. von Frankreich geschlossen, in dem René sein Fürstentum an diesen schlauen Monarchen abtrat, weil er durchaus kein anderes Mittel mehr hatte, Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen. Der Gedanke aber, Karl von Burgund dabei zu begünstigen, war nach dem Tode der Königin Margarethe völlig erloschen. Die Staatseinsicht und die Weisheit des Grafen von Oxford, dem fast allein die ganze Abschließung dieses geheimen Vertrages anvertraut wurde, erwirkten dem guten König René besondere Vorteile, so daß er von Geldverlegenheiten befreit und in den Stand gesetzt war, bis an sein Lebensende zu pfeifen und Harfe zu spielen. Mittlerweile wüteten die Kriege des Herzogs von Burgund mit den Schweizer Kantonen und dem Grafen Ferrand von Lothringen fort. Zum Beginn des Sommers 1476 hatte Karl eine neues Heer von mindestens sechzigtausend Mann zusammengebracht, das von einhundertfünfzig Geschützen unterstützt wurde und bestimmt war, in die Schweiz einzudringen, wo die kriegslustigen Bergbewohner leicht eine Heeresmacht von dreißigtausend Schweizern stellten, die jetzt fast als unüberwindlich angesehen wurden, und ihre Verbündeten, die freien Städte am Rhein, aufforderten, mit einer mächtigen Reiterschar zu ihnen zu stoßen. Die ersten Angriffe Karls verliefen günstig. Er stürmte in das Waadtland und eroberte die meisten der Plätze wieder, die er nach der Niederlage bei Granson verloren hatte. Allein statt nun einen annehmbaren Frieden mit seinen furchtbaren Grenznachbarn zu schließen, faßte dieser hartnäckigste aller Fürsten den Vorsatz, in die Schluchten der Alpen zu dringen, und die Bergbewohner im Innern ihrer natürlichen Festen zu züchtigen, obwohl die Erfahrung ihn hätte lehren sollen, daß ein solcher Versuch ein verhängnisvolles Ende nehmen müßte. Als Oxford und dessen Sohn im Sommer an den Hof des Königs René zurückkehrten, erfuhren sie, daß der Herzog Karl bis Murten, das am See gleichen Namens liegt und den Eingang in die Schweiz bildet, vorgerückt wäre. Es hieß ferner, daß Hadrian von Bubenberg, ein kriegserfahrener Berner Ritter, daselbst befehligte und den hartnäckigsten Widerstand in der Hoffnung leistete, bald von seinen herbeieilenden Landsleuten entsetzt zu werden. – In der letzten Woche des Monats Juni lief denn auch in Aix die Kunde von einer zweiten furchtbaren Niederlage des Burgunders ein. Achtzehntes Kapitel. Obwohl es dem Grafen Oxford nun im Grunde gleichgiltig sein konnte, ob der Herzog von Burgund Sieger blieb oder geschlagen wurde, so nahm er doch regen Anteil an Karls Schicksale. Arthur war eben aufgestanden und stand im Begriffe, sich anzukleiden, als Pferdegetrappel seine Aufmerksamkeit erregte. Er hatte kaum zum Fenster hinausgeblickt, so rief er: »Nachrichten, Vater, Nachrichten vom Heere!« Er stürzte auf die Straße, wo ein Reiter, der einen weiten Weg zurückgelegt zu haben schien, nach den beiden Philippsons fragte. Arthur erkannte in dem Reiter sogleich Colvin, den Hauptmann des burgundischen Geschützwesens. Der gespensterartige Blick des Ankommenden zeugte von tiefem Seelenkummer; seine unordentliche Kleidung und zersplitterte Rüstung trug von Regen oder Blut Rostflecken an sich, und sein trefflicher Hengst war so erschöpft, daß das Tier sich kaum aufrecht erhalten konnte. Der Zustand des Reiters war nicht viel besser. Als er vom Rosse stieg, um Arthur zu begrüßen, wankte er dergestalt, daß er ohne augenblickliche Unterstützung zu Boden gefallen wäre. Seine starrblickenden Augen schienen ihre Sehkraft verloren zu haben; und mit halb erstickter Stimme murmelte er: »Nur Erschöpfung, nichts als Mangel an Ruhe und Nahrung.« Arthur führte ihn in das Haus, und Erfrischungen wurden herbeigeschafft; er aber schlug alles aus, bis auf einen Becher Weins. Nachdem er davon gekostet hatte, sank er auf einen Sessel, starrte den Grafen Oxford mit einem Blicke der tiefsten Niedergeschlagenheit an und stammelte: »Der Herzog von Burgund –« »Geschlagen?« versetzte der Graf. »Ich will nicht hoffen –« – »Geschlagen, und so völlig und fürchterlich,« erwiderte der Kriegsmann, »daß alle Niederlagen, die ich bisher mitangesehen, nichts dagegen waren.« – »Doch wie und wo?« fragte der Graf. »Ihr wart doch stärker an Mannschaften, wie wir vernahmen.« – »Zwei Mann gegen einen zum mindesten,« antwortete Colvin, »und wenn ich in diesem Augenblicke von unserm Zusammentreffen rede, so möchte ich mir fast mit meinen eigenen Zähnen das Fleisch von den Knochen nagen, daß ich hier sein und solche Schmach nacherzählen muß. Wohl eine Woche lang hatten wir vor dem elenden Neste, dem Murten oder Morat oder wie es sonst heißen mag, gelegen. Der Kommandant drinnen, einer von den hartnäckigsten Gebirgsbären aus Bern, bot uns Trotz. Er wollte sich nicht einmal herablassen, seine Tore am Tage zu schließen, und gab, als wir sie aufforderten, sich zu ergeben, die Antwort, wir möchten einziehen, so es uns gefiele, wir sollten gebührend empfangen werden. Nun hätte ich gern versucht, ihn durch ein paar Salven aus meinen Schießmörsern zur Vernunft zu bringen; allein der Herzog war zu sehr ergrimmt, um gutem Rate Gehör zu geben. Gereizt durch den schwarzen Verräter, den Campobasso, hielt Karl es für zweckmäßiger, mit seiner ganzen Streitmacht einen Sturm zu unternehmen. Wir wurden mit großem Verlust zurückgeschlagen, und nun erfuhren wir, daß das Heer der Feinde zum Entsatz der Stadt herannahte. Karl, der nur seinen eigenen kühnen Geist befragte, rückte gegen sie an, indem er sich auf den Vorteil unseres Geschützes und auf unsere feste Stellung verließ. Auf seinen Befehl, doch ganz gegen mein Dafürhalten, begleitete ich ihn mit zwanzig guten Mörsern und dem Kern meines Volkes. Wir brachen am nächsten Morgen auf und waren noch nicht weit vorgerückt, als wir dichte Reihen von Spießen und Hellebarden und doppelgriffigen Schwertern auf dem Berge erblickten. Dazu fügte der Himmel seine Schrecken – ein Donnersturm erhob sich mit aller Wut über beiden Heeren; er wurde jedoch den Unsern um so verderblicher, da unsere Scharen empfindlicher gegen den Regen, der herabstürzte, und gegen die Pfützen waren, die unter unseren Füßen zu Strömen anschwollen, unsere Stellung überschwemmten und uns in Unordnung brachten. Mit einemmale hielt der Herzog es für notwendig, seinen Vorsatz zu ändern und von einer Schlacht abzusehen. Er ritt zu mir heran und befahl mir, mit dem Geschütz den Rückzug zu decken, den er beginnen wollte, indem er hinzusetzte, er wollte in Person mich dabei mit seinen Reitern unterstützen. Befehl zum Rückzug wurde gegeben. Allein diese Bewegung verlieh dem schon hinlänglich verwegenen Feinde erhöhten Mut. Augenblicklich senkten die Reihen der Schweizer sich zum Gebet – ein Gebrauch bei ihnen auf dem Schlachtfelde, den ich verspottete – allein ich werd's nimmer wieder tun! Als sie nun nach fünf Minuten wieder aufsprangen, rasch vorrückten und ihre Hörner entsetzlich ihr gewöhnliches, wildes Kriegsgeschrei übertönten – seht, Mylord, da taten sich auf die Wolken des Himmels und ließen auf die Eidgenossen das geheiligte Licht der wieder hervorbrechenden Sonne herableuchten, während unsere Reihen noch im Düster des Sturmes standen. Meine Mannschaft war mutlos. Die Scharen hinter ihr zogen sich zurück; das plötzlich über die Schweizer verbreitete Sonnenlicht zeigte entlang den Bergen eine zahllose Menge von Panieren, ein Glitzern der Waffen, das alles miteinander dem Feinde das Ansehen verlieh, als hätte seine Zahl sich plötzlich verdoppelt. Ich ermahnte meine Jungen, fest zu stehen, aber ich sprach dabei ein Wort, das eine gar schwere Sünde war: »Steht fest, Ihr meine Schießmänner!« sprach ich, »sie sollen von uns bald einen läutern Donner hören und verderblichere Blitze sehen, als ihre Gebete auf uns herabgerufcn haben!« – mein Volk schrie jauchzend auf – aber es war eine gotteslästernde Rede – und eitel Böses ging für uns daraus hervor. Wir richteten unsere Mörser auf die andringenden Massen, so wohl gezielt, wie nur je – ich kann's verbürgen, denn ich selbst richtete die Großherzogin von Burgund – ach! arme Herzogin, welche rauhen Hände mögen Dich jetzt betasten! – Die Ladung wurde abgefeuert, und ehe der Qualm sich vor den Mündungen noch zerteilt hatte, sah ich gar manchen Mann, manches Banner sinken. Ich dachte ganz natürlich, daß eine solche Ladung den Feind zurückgescheucht hätte, und bemühte mich, unsere Mörser wieder zu laden. Allein, ehe die Rauchwolken sich zerteilt hatten und das Geschütz frisch geladen werden konnte, stürzten sie wie rasend auf uns los. Reiter und Fußvolk, Greise und Buben, Ritter und Troßknechte warfen sich vor und auf die Mündungen der Schießmörser, ohne im mindesten ihres Lebens zu achten. Meine tapferen Burschen wurden durchbohrt, in Stücke gehauen oder niedergestoßen, als sie noch dabei waren, die Mörser zu laden, so daß kein Geschütz zum zweiten Male abgefeuert werden konnte,« »Und der Herzog?« fragte der Graf von Oxford, »kam er Euch nicht zu Hilfe?« – »Ritterlich und tapfer,« antwortete Colvin. »Und zwar mit seiner eigenen wallonischen und burgundischen Leibwache. Allein eintausend Söldner machten sich davon und ließen sich nimmer wieder sehen. Dazu war der Paß, in dem obendrein das Geschütz stand, nur eine schmale Furche zwischen hohen Bergen, neben denen ein tiefer See hinwogte. Kurz, es war ein Platz, wo Reiter nichts ausrichten konnten. Trotz aller Anstrengungen des Herzogs und der tapferen Flamländer, die um ihn fochten, mußten wir doch in völliger Unordnung zurückweichen. Ich war zu Fuß und wehrte mich, so gut ich konnte, ohne jede Hoffnung, mein Leben zu erhalten, ja auch ohne nur an meine Rettung zu denken, als ich nun sah, wie die Mörser genommen und meine wackeren Gesellen erschlagen wurden. Unser Rückzug artete zur sinnlosen Flucht aus, und als wir unsern Nachtrab erreichten, den wir in festverschanztem Lager zurückgelassen hatten, flatterten die Paniere der Schweizer auf unsern Wällen; denn eine starke Abteilung des Feindes hatte einen Umweg durch ihnen allein bekannte Bergpässe gemacht und unser Lager angegriffen, wobei sie von dem herzugeeilten Volk des Hadrian von Bubenberg unterstützt worden waren, der aus der belagerten Stadt einen Ausfall gemacht hatte. Ich habe noch mehr zu sagen, allein, da ich Tag und Nacht geritten bin, Euch diese böse Zeitung zu bringen, so klebt meine Zunge mir am Gaumen, und ich fühle, daß ich nicht mehr reden kann.« Mit Mühe überredete man den gebeugten Krieger, etwas Speise zu sich zu nehmen und zur Ruhe zu gehen. Der Graf von Oxford, der jeden andern Beistand fernhielt, wachte abwechselnd mit seinem Sohne am Lager Colvins. Trotz des ihm verordneten Schlaftrunkes, war sein Schlummer nichts weniger als ruhig. Er fuhr oft auf, Schweiß trat auf seine Stirn, seine Gesichtsmuskeln verzerrten sich, und die Art, wie er seine Hände ballte und mit seinen Gliedmaßen um sich schlug, zeigte, daß er in seinen Träumen abermals die Schrecknisse einer verzweiflungsvollen, verlorenen Schlacht durchlebte. Dies dauerte mehrere Stunden; allein gegen Mittag siegten Ermattung und Heiltrank über seine aufgereizten Nerven, und der geschlagene Geschützhauptmann verfiel bis zum Abend in einen tiefen, ungestörten Schlaf. Gegen Sonnenuntergang erwachte er, und als er nun erfuhr, wo und bei wem er war, stärkte er sich mit Speise und Trank und erzählte, ohne dem Anschein nach zu wissen, daß er es schon einmal getan, abermals alle einzelnen Umstände der Schlacht bei Murten. – »Die eine Hälfte des Herzoglichen Heeres,« sagte er, »fiel durch das Schwert oder ertrank im See. Die, welche entkamen, wurden größtenteils auseinandergesprengt, so daß sie sich wohl nie wieder sammeln können. Eine so verzweifelte, unaufhaltsame Flucht ward nimmer gesehen. Wir flohen wie Rehe, Schafe oder wie sonst ein scheues Tier, das nur darum bei seinesgleichen bleibt, weil es sich fürchtet, allein zu sein, nicht aber, um gemeinschaftlich auf Gegenwehr bedacht zu sein.« »Und der Herzog?« fragte der Graf von Oxford. – »Wir rissen ihn mit uns fort,« antwortete der Krieger, »und zwar mehr aus Instinkt als aus Vasallenpflicht, gleich Menschen, die vor einer Feuersbrunst fliehen und alles aufraffen, was sie an wertvollen Dingen besitzen, ohne zu wissen, was sie tun. Anfänglich sträubte sich der Herzog und wollte zurück gegen den Feind; allein als die Flucht allgemein geworden war, jagte er mit uns davon, ohne ein Wort zu sprechen oder einen Befehl zu erteilen. Als wir so den ganzen Tag ritten, ohne auf eine einzige Frage an ihn auch nur die leiseste Antwort zu erhalten, als er finster jegliches Nahrungsmittel zurückwies – als sein verwegenes, unstätes Gemüt sich völlig dumpfer, schweigender Verzweiflung hingab, da hielten wir Rat, was zu tun sei, und auf einmütigen Beschluß wurde ich abgesandt, Euch zu bitten, daß Ihr, für dessen Ratschläge Karl, wie man weiß, eine Zeitlang besonders empfänglich war, augenblicklich zu ihm eilen und all Euren Einfluß aufbieten möchtet, ihn aus seiner Lethargie zu wecken, in der sonst sein Leben wird erlöschen müssen. Karl war ja einst Euer Waffenbruder, und für Eure persönliche Sicherheit wird jeder ehrliche Mann im Lager willig Bürgschaft leisten.« »Das ist meine geringste Sorge,« sprach Oxford gleichgiltig, »und so meine Gegenwart wirklich dem Herzog nützlich werden kann – so ich glauben könnte, er wünschte selber mich bei sich zu haben –« – »Er wünscht es, wünscht es, Mylord,« sagte der treue Krieger mit einer Träne im Auge – »wir hörten ihn wiederholt im Traume Euren Namen nennen.« – »Dann will ich zu ihm,« sagte Oxford. »Dann will ich augenblicklich zu ihm. Wo schlug er sein Hauptquartier auf?« – »Das war noch nicht bestimmt. Doch Herr von Contay nannte den Ort La Riviére, unweit Salins in Oberburgund, als das Ziel unseres Rückzugs. – »Dorthin denn wollen wir, mein Sohn, und zwar in aller Eile!« beschloß Graf Oxford. In Begleitung des Geschützhauptmanns durchzogen sie nun die Dauphiné und Franche-Comté, die zwischen Aix, und dem Dorfe liegen, nach welchem der Herzog von Burgund sich zurückgezogen hatte, doch bei der Entfernung und der üblen Beschaffenheit des Weges währte ihre Reise über vierzehn Tage, und der Juli des Jahres 1476 war vorüber, als die Reisenden in Oberburgund auf dem Schlosse La Rivière ankamen, das etliche Stunden südwärts von der Stadt Sains liegt. Das nicht sehr große Schloß war von vielen unordentlich aufgeschlagenen Zelten umringt. Nirgends sah man eine Spur von der soldatischen Regelmäßigkeit, die man sonst in dem Feldlager Karls des Kühnen wahrzunehmen pflegte. Daß jedoch der Herzog sich hier befand, war an dem Panier zu erkennen, das reich mit all seinen Feldern von den Zinnen der Feste herniederflatterte. Die Wache trat hervor, um die Fremden zu empfangen, doch dies geschah auf so unordentliche Weise, daß der Graf seinen Reisegenossen Colvin durch einen Blick um Erklärung bat. Der Geschützhauptmann zuckte die Achseln und schwieg. Colvin hatte Bericht von seiner Ankunft, sowie der des englischen Grafen, an Herrn von Contay eingeschickt, der sie, hocherfreut über ihr Eintreffen, sogleich vor sich ließ, –»Etliche treue Diener des Herzogs,« sagte er, »halten hier Rat. Ihr werdet ihnen willkommen sein, edler Lord von Oxford. Die Herren de la Croix, de Craon, Rubempré und andere Edle Burgunds sind eben versammelt, um Schutzmaßregeln für die Sicherheit des Landes zu beschließen.« Alle diese Männer drückten ihre Freude aus, als sie den Grafen von Oxford erblickten. »Seine Hoheit der Herzog,« sagte de Craon, »hat zweimal nach Euch und zwar unter Eurem angenommenen Namen Philippson, gefragt.« – »Ich wundere mich darüber nicht, mein Herr de Craon,« erwiderte der englische Edelmann, »der Ursprung dieses Namens schreibt sich aus früheren Tagen her, als ich nämlich während meiner ersten Verbannungszeit hier weilte. Es hieß damals, wir armen Edlen von der Partei Lancaster müßten uns andere Namen beilegen, und der gute Herzog Philipp sagte, da ich ein Waffenbruder seines Sohnes Karl wäre, möchte ich mich nach ihm selber Philippson nennen. Zum Gedächtnis des gütigen Fürsten nahm ich diesen Namen wirklich an, als die Tage der Not hereinbrachen, und ich sehe nun, daß der Herzog gern der Vertraulichkeit gedenkt, die in früheren Tagen zwischen uns herrschte. – Wie steht es um Seine Hoheit?« Die Burgunder sahen einander an, ohne zu antworten. – Es entstand eine Pause. »Wie um einen Mann, der gänzlich betäubt ist, lieber Oxford,« erwiderte endlich de Contay, »Er gleicht einem Sinnlosen. Nach der Schlacht von Granson war er eigensinnig, unvernünftig, gebieterisch, unberechenbar und nahm jeden ihm dargebotenen Rat als Beleidigung auf. Dazu hegte er den Wahn, seine Untertanen schätzten ihn gering. Jetzt ist eine gänzliche Veränderung mit ihm vorgegangen, und er zeigt keine Spur mehr von Heftigkeit und Leidenschaft. Er ist stumm wie ein Karthäuser, einsam wie ein Eremit, zeigt für nichts Teilnahme, am wenigsten aber für sein Heer. Nicht Haar noch Nägel läßt er sich säubern. Er ist gänzlich unempfindlich für Hochschätzung und Geringachtung gegen seine Person, nimmt wenig oder gar keine Speise zu sich, trinkt starke Weine, die jedoch, wie es scheint, ihm den Kopf nicht schwindlig machen, und will von Krieg oder von Staatsangelegenheiten ebensowenig wie von Jagd oder sonstigen Belustigungen hören. Das ist aus dem einst so kühnen und tatenlustigen Karl von Burgund geworden.« – »Ihr sprecht von einer schwererkrankten Seele,« erwiderte der Engländer. »Haltet Ihr es für geraten, mich dem Herzoge vorzustellen?« – »Ich will mich danach erkundigen,« sagte Contay, verließ das Gemach, kehrte sogleich zurück und gab dem Grafen ein Zeichen, ihm zu folgen. In einer Kammer oder einem Kabinette lag der unglückliche Karl in einem Lehnsessel, die Beine nachlässig auf einen Schemel gestreckt, und in seinem ganzen Wesen so verändert, daß der Graf von Oxford kaum etwas anderes als das Gespenst des einst so verwegenen Herzogs zu sehen glaubte. Das zottige lange Haar, das von seinem Haupte herabhing und sich mit seinem Barte mischte, die tiefen Höhlen, in denen seine wilden Augen rollten, die eingesunkene Brust, die hervortretenden Schultern und die Kleidung, die in nichts als einem übergeworfenen Mantel bestand, gaben ihm das Aussehen eines schreckenerregenden Geisterbildes. De Contay nannte den Grafen Oxford; allein der Herzog starrte ihn mit glanzlosem Blicke an und gab ihm keine Antwort. »Redet mit ihm, wackerer Oxford,« flüsterte der Burgunder ihm zu, »er ist eben jetzt schlimmer als je, und vielleicht erkennt er Eure Stimme.« Noch nie, solange dem Herzog von Burgund das glorreichste Glück gelächelt hatte, war der Engländer mit solcher Ehrfurcht wie jetzt vor ihm niedergekniet, um ihm die Hände zu küssen. Er ehrte in ihm nicht nur den betrübten Freund, sondern den gedemütigten Herrscher. Wahrscheinlich machte eine auf die Hand des Herzogs gefallene Träne diesen aufmerksam: »Oxford – Philippson – mein alter, mein einziger Freund, hast Du mich aufgefunden in diesem Winkel der Schmach und des Elends? Noch jüngst hieß ich Karl von Burgund, der Kühne – jetzt bin ich zweimal von dem Abschaum eines Bauernvolkes geschlagen, meine Fahnen genommen, meine reisigen Mannen in die Flucht gejagt, mein Feldlager zweimal geplündert worden – der bitterste Fluch der Hölle kann nimmerdar bitterere Schmach auf das Haupt eines Herrschers wälzen!« – »Im Gegenteil, hoher Herr,« sagte Oxford. »Es ist dies eine Prüfung des Himmels, der zur Geduld und Seelenstärke mahnt. Der beste, tapferste Ritter kann aus dem Sattel geworfen werden; wenn er aber nach dem Unfalle im Sand der Schranken liegen bleibt, ist er ein Feigling.« – »Wie? Feigling, sagst Du?« rief der Herzog, dessen ehemaliger Mut durch das harte Wort zum Teil wieder erweckt wurde. »Verlaßt mich, Herr, und kehrt nicht eher zu mir zurück, bis man Euch rufen läßt,« »Und das wird, hoffe ich, sofort geschehen, sobald Euer Hoheit das Nachtgewand abgelegt hat, um Vasallen und Freunde mit einem Euch und ihnen geziemendem Anstande zu empfangen,« versetzte der Graf gelassen. – »Und wer bin ich, daß Ihr so zu mir redet?« fragte Karl, indem er auffuhr mit all seinem angeborenen Stolz und seiner natürlichen Wildheit. »Oder wer seid Ihr anders, als ein elender Verbannter, und wagt es doch mit solchen unehrerbietigen Vorwürfen in mein innerstes Gemach zu dringen?« – »Was mich betrifft,« versetzte Oxford, »so bin ich, wie Ihr sagt, ein nicht geachteter Verbannter; dennoch schäm ich mich meiner Lage nicht, denn durch unerschütterliche Treue zu meinem Könige und dessen Nachfolger ist's dahin mit mir gekommen. Allein, vermag ich in Euch, in einem in sich versunkenen Einsiedler, den Herzog von Burgund zu erkennen, dessen Heer eine regellose Schar ist, dessen Staatsrat den Kopf verloren hat, weil der Monarch versagt, der selber gleich einem lahm geschossenen Wolfe in seiner Höhle lauert und auf den Ruf eines Urihorns zu harren scheint, daß die Tore seiner Burg davon aufspringen, weil sie unverteidigt sind?« »Tod und Hölle, verleumderischer Verräter!« donnerte der Herzog und griff an die Hüfte, wo er jedoch keine Waffe vorfand. »Dein Glück ist's, daß ich kein Schwert habe, sonst solltest Du nimmer Dich rühmen können, daß Deine Schmähung ungestraft blieb! – Contay, tretet vor gleich einem wackern Ritter und straft den Lästerer Lügen! Sprecht, sind meine Mannen nicht in Zucht und Ordnung?« »Hoher Herr,« sagte Contay und zitterte, so tapfer er sonst im Kampfe war, als er die rasende Wut sah, in welcher Karl aufbrauste. »Zahlreiche Mannschaft steht noch unter Eurem Befehle, doch mit Zucht und Ordnung ist's schlecht bestellt. Eure Hoheit hat die Führer der Söldner stets daran gewöhnt, nur aus Eurem eigenen Munde oder von Eurer eigenen Hand Befehle anzunehmen. Auch schreien sie nach Löhnung, und der Schatzmeister weigert sich, ohne Euer Hoheit Verfügung Geld zu zahlen. So will niemand auf uns hören, sondern nur auf Euch allein.« Der Herzog lachte finster, war aber offenbar ziemlich erfreut über die Antwort. »Ha, ha!« sagte er; »es ist nur Burgund, der seine unbändigen Rosse reiten und seine wilde Kriegerschar bändigen kann. Heda, Contay! Morgen reit' ich aus, die Heerschau zu halten, wer was versah, soll büßen! – Auch der Sold soll ausgezahlt werden! Laßt meine Leibpagen kommen, mich mit geziemender Kleidung und mit Waffen zu versehen. Ich habe« – indem er einen düstern Blick auf Oxford, warf – »eine gute Lehre bekommen und will mich nicht wieder schmähen lassen. Hinweg mit Euch beiden! Und Du, Contay schicke den Schatzmeister her mit seinen Berechnungen, und wehe ihm, so ich über ihn zu klagen habe! Hinweg, sage ich, und schick ihn her!« Als sie gingen, rief der Herzog plötzlich: »Lord von Oxford, ein Wort mit Euch! Wo habt Ihr die Arzneikunde erlernt? Dein Heiltrank hat ein Wunder bewirkt. Doch hätte es Dir das Leben kosten können, Doktor Philippson.« – »Ich habe stets mein Leben für wohlfeil erachtet,« sagte der Graf, »sobald es galt, meinem Freunde zu helfen.« – »Du bist in der Tat ein Freund,« sagte Karl, »und ein furchtloser Freund. Aber geh', ich bin sehr angegriffen gewesen, und Du hast mir viel zu schaffen gemacht. Morgen werden wir uns weiter sprechen. Unterdessen verzeihe ich Dir und halte Dich in Ehren!« Der Graf von Oxford begab sich in den Versammlungssaal des Staatsrates, wo der burgundische Adel ihm mit Dank, Begrüßung und Glückwunsch entgegenkam. Allgemeine Regsamkeit erwachte; Befehle flogen nach allen Richtungen hin. Diejenigen Befehlshaber, die ihre Dienstpflichten vernachlässigt hatten, eilten, ihr Versehen wieder gut zu machen. Im Lager entstand allgemeiner Tumult. Am folgenden Tage hielt Karl Heerschau über sein Kriegsvolk und zwar mit seiner gewohnten Aufmerksamkeit, ordnete neue Truppenaushebungen an, verteilte seine Heeresmacht, verbesserte vorgefundene Fehler in der Kriegszucht und fesselte die Kriegsknechte durch Auszahlung der Löhnungen aufs neue an das Panier, dem zu dienen sie geschworen hatten. Auch willigte der Herzog nach Rücksprache mit seinem Staatsrate darein, eine Ständeversammlung in seinen gesamten Staaten zu berufen, gewisse dem Volke mißfällige Einrichtungen abzuschaffen und etliche bisher von ihm verweigerte Vergütungen zu leisten; so daß er bei seinen Untertanen diejenige Beliebtheit wiedererlangte, die er durch sein früheres vorschnelles Verfahren verscherzt hatte. Neunzehntes Kapitel. Von diesem Augenblicke an herrschte am Hofe des Herzogs von Burgund und in dessen Heere rege Tätigkeit; Gelder wurden eingetrieben, Kriegsknechte ausgehoben, und alles war zu einem abermaligen Feldzuge bereit. Allein, obgleich Karl dem äußern Scheine nach tätig wie ehedem war, so meinten doch die, die in seiner unmittelbaren Nähe weilten; er zeige nicht mehr seine sonstige Geistesklarheit noch die Stärke der Urteilskraft, die ihn vor den verhängnisvollen Schlachten ausgezeichnet hatte. Er litt oft an Anfällen finsterer Schwermut und furchtbarer Wut.– Wochen und Monate waren verflossen, als die Kunde eintraf, Ferrand de Vaudemont habe einen Einfall in Lothringen unternommen und, unterstützt vom Heere der Eidgenossen, die Hauptstadt Lothringens erstürmt, Karl beschloß nun sofort, gegen ihn zu ziehen. – »Dieser junge irrende Ritter,« rief er, »wagt sich aus dem Schutze seiner Gebirge hervor, und der Himmel soll mich richten, so ich meinen Schwur nicht halte! Ich gelobe, das nächste Schlachtfeld, auf dem wir beide uns treffen, soll einen von uns getötet sehen! Wir sind jetzt in der letzten Woche des alten Jahres und noch vor dem Dreikönigstage wollen wir sehen, wer von uns beiden die Bohne im Kuchen finden wird. – In den Waffen, Ihr Herren! laßt unser Lager sogleich aufbrechen, und unsere Mannen nach Lothringen vorrücken. Die italienischen und albanischen leichten Reiter bilden den Vortrab. – Oxford, Du trittst mit unter die Waffen auf diesem Zuge, nicht wahr?« – »Gewiß,«, sagte der Graf, »ich esse das Brot Eurer Hoheit, und wenn Feinde in Euer Land fallen, so ziemt es meiner Ehre, für Euch zu fechten, als wäre ich Euer wahrhaftiger Vasall. Mit Eurer Hoheit Erlaubnis entsende ich einen Boten mit Briefen an meinen ehemaligen Gastfreund, den Landammann von Unterwalden, um ihm diesen meinen Entschluß kund zu tun.« Nachdem der Herzog dies bereitwillig zugestanden hatte, wurde ein Bote abgefertigt, der nach wenigen Stunden schon zurückkehrte. So nahe befand sich bereits das feindliche Heer. Er brachte ein Schreiben vom Landammann zurück, das im Tone der Höflichkeit, ja selbst der Güte abgefaßt war und das Bedauern aussprach, daß die Verhältnisse zwei ehemalige Freunde zwängen, die Waffen gegeneinander zu führen. Derselbe Bote überbrachte auch Grüße der Brüder Biedermann an Arthur, nebst einem besonderen Schreiben an diesen letzteren, das folgendermaßen lautete: »Rudolf von Donnersberg hegt den lebhaften Wunsch, mit dem jungen Kaufmann Arthur von Philippson den seinerzeit im Burghofe zu Geierstein abgebrochenen Handel auszutragen, wünscht dies um so mehr, da ihm bekannt geworden ist, daß dieser Arthur ihm ein Mädchen von Stande abspenstig gemacht habe, für das dieser Philippson nichts mehr ist als ein gewöhnlicher Bekannter. Rudolf von Donnersberg wird dem Arthur Philippson kund tun, wo ein ritterliches Zusammentreffen auf neutralem Boden stattfinden kann. Mittlerweile wird er in den ersten Reihen des Vortrabs anzutreffen sein.« Arthurs Brust hob sich höher, als er die Herausforderung las, deren spitziger Ton hinlänglich dartat, wie aufgebracht Rudolf darüber war, daß Anna von Geierstein dem Fremden ihre Neigung zugewendet hätte. Arthur fand Gelegenheit, dem Schweizer eine Erwiderung zukommen zu lassen, die die Versicherung enthielt, daß er entweder in der Schlachtreihe oder an jedem vom Donnersberger bezeichneten Platze ihm stehen würde. Mittlerweile rückte der Herzog gegen Nancy vor und beschloß, die Stadt zu belagern. Die Mehrzahl der burgundischen Räte war, zusamt den Grafen Oxford, gegen diesen Plan, Man stellte dem Herzog die Schwäche seines Heeres zu solchem Unternehmen, die Strenge der Jahreszeit und die Schwierigkeit vor, Lebensmittel zu erhalten. Man riet ihm, sich zurückzuziehen und jede Entscheidung bis zum Frühlinge zu verschieben. Anfänglich versuchte Karl diese Gründe zu bestreiten, als aber seine Räte ihn erinnerten, daß er sich und sein Heer in ebendieselbe Stellung bringen würde, wie zu Granson und Murten, ward er wütend über diese Erinnerung; Schaum trat aus seinem Munde, und er antwortete nur mit Schwüren und Flüchen, daß er vor dem Dreikönigstage Herr von Nancy sein wollte. So bezog denn das burgundische Heer eine feste Stellung vor Nancy. Nachdem der Herzog durch diese Anordnung seiner Starrsinnigkeit Genüge geleistet hatte, schien es, als habe er mehr acht auf die Ratschläge seiner Vertrauten, soweit es die Sicherheit seiner Person anging, und gestattete dem Grafen von Oxford und dessen Sohne, nebst zwei oder drei Hauptleuten seiner Leibwache, die Männer von erprobter Treue waren, zu seinem besonderen Schutze mit ihm in einunddemselben Zelte zu schlafen. Es war drei Tage vor dem Christfeste, als der Herzog das Lager vor Nancy bezog, und am Abend desselben Tages erhob sich ein Tumult, der die Besorgnisse für Karls persönliche Sicherheit zu rechtfertigen schien. Es war Mitternacht, und alles im Zelt des Herzogs war zur Ruhe gegangen, als plötzlich das Geschrei: »Verrat! Verrat!« laut wurde. Der Graf von Oxford zog sein Schwert, riß ein neben ihm brennendes Licht vom Tische und stürzte in des Herzogs Gemach. Karl stand unbekleidet da und schlug mit dem Schwert so wütend um sich, daß der Graf Mühe hatte, seinen Hieben auszuweichen. Auch die übrigen Wachthabenden traten mit gezückter Waffe ein, die Mäntel über den linken Arm geschlagen. Als der Herzog sich etwas beruhigt hatte und sich von seinen Freunden umringt sah, erzählte er voll Wut und Aufregung, daß trotz aller seiner Vorsicht die Boten des heimlichen Gerichts in sein Gemach gedrungen wären und ihm bei schwerer Leibesstrafe anbefohlen hätten, in der Christnacht vor dem Stuhle der heiligen Feme zu erscheinen. Die Umstehenden hörten mit Staunen diese Kunde, und einige schienen zu zweifeln, ob sie sie für Wahrheit oder für einen Traum der überreizten Einbildungskraft des Herzogs halten sollten. Allein die Vorladung, wie üblich auf Pergament geschrieben und mit drei Kreuzen unterzeichnet, war mit einem Dolch auf den Tisch des Herzogs geheftet, und aus dem Holze ein Splitter geschnitten. Oxford las die Vorladung mit Aufmerksamkeit, Sie nannte wie gewöhnlich den Ort, wo der Herzog sich ohne Waffen einzufinden hätte, um von dort aus vor den heiligen Stuhl geführt zu werden. Nachdem Karl eine Zeitlang in die Schrift geblickt hatte, gab er seinen Gedanken Worte: »Ich weiß,« sprach er, »von welcher Sehne der Pfeil abgeschossen wurde. Er kommt von der Hand jenes entarteten Edlen, jenes apostatischen Priesters, jenes Alberts von Geierstein. Wir haben vernommen, er befände sich unter der zusammengelaufenen Rotte Geächteter und Meuchler, mit welcher der Großsohn des alten Fiedlers in der Provence sich zusammengetan hatte. Aber beim St. Georg von Burgund! weder Kapuze noch Helm soll ihn nach einer solchen Schmach fürder schützen! Ich will ihn der Ritterwürde entkleiden und ihn am höchsten Kirchturm in Nancy hängen lassen, und seiner Tochter soll die Wahl bleiben zwischen dem schlechtesten Troßbuben meines Heeres und dem Kloster büßender Schwestern!« – »Welche Vorsätze Ihr auch hegen mögt,« sagte Contay, »so wäre es wohl das beste zu schweigen, da wir aus diesem letzten Ereignis schließen können, daß man uns deutlicher hört, als wir glauben.« – Der Herzog schien über diesen Wink betroffen zu sein und schwieg oder murmelte doch nur Flüche und Drohungen zwischen den Zähnen, während nach dem Störer seiner nächtlichen Ruhe die strengste Nachforschung, wiewohl ganz vergebens, angestellt wurde. Karl gab indessen diese Nachforschungen nicht auf, denn er war außer sich über eine Kühnheit, die alles übertraf, was bisher das heimliche Gericht sich erdreistet hatte; denn so verwegen war es doch noch nie gewesen, die Hand nach Fürsten auszustrecken. Eine treue Schar burgundisch Volk wurde in der Christnacht ausgesandt, den Vorladungsort, einen Kreuzweg, der in der Pergamentrolle angedeutet worden war, besetzt zu halten und jeden, der sich dort würde blicken lassen, gefangen zu nehmen; allein nichts Verdächtiges ließ sich wahrnehmen. Nur um so heftiger fuhr der Herzog fort, dem Grafen Albert von Geierstein die erlittene Schmach zuzuschreiben. Ein Preis wurde auf dessen Kopf gesetzt, und Campobasso, stets bereit, der Laune seines Gebieters gefällig zu sein, nahm es auf sich, durch einige seiner Welschen, die auf dergleichen Fährten zu gehen verstanden, den verhaßten Geiersteiner lebend oder tot herbeizuschaffen. Es war am zweiten Tage nach jenem Tumulte, als Oxford den Wunsch äußerte, über das Feldlager Ferrands von Lothringen Kundschaft einzuholen; denn er zweifelte an der Richtigkeit der bisher über die Stärke und Ausrüstung des Feindes eingelaufenen Berichte. Er erhielt des Herzogs Erlaubnis dazu, der zu gleicher Zeit ihm und seinem Sohne zwei edle Hengste von großer Stärke und Schnelligkeit schenkte. Sobald der Graf von Campobasso dies erfahren hatte, drückte er die größte Freude darüber aus, daß der erfahrene Oxford ihm auf seinem Kundschaftsritt beistehen wolle, und stellte ihm eine ausgesuchte Schar venezianischer Reiter zur Verfügung, die er schon manchesmal, wie er sagte, zu Scharmützeln mit dem Vortrabe der Schweizer ausgeschickt hätte. Am Eingange eines ein wenig abwärts führenden Tales äußerte Campobasso gegen den englischen Edelmann, wenn sie bis an das entgegengesetzte Ende der Schlucht gelangen könnten, würden sie imstande sein, die ganze Stellung des Feindes zu überblicken. Zwei oder drei Venezianer sprengten vorweg, um den Talweg zu untersuchen, kehrten bald zurück und teilten ihrem Führer in ihrer Landessprache mit, daß alles sicher wäre, worauf Campobasso den Grafen Oxford aufforderte, ihn zu begleiten. – Ohne einen Feind wahrzunehmen, ritten sie das Tal entlang; allein, als sie auf die von Campobasso bezeichnete Ebene hinauskamen, konnte Arthur, der mit den Venezianern vorausritt, allerdings in einer Entfernung von tausend Schritte Ferrands Lager wahrnehmen, jedoch in demselben Augenblicke sprengte daraus eine Schar Berittener hervor und auf die Talöffnung zu, aus der Arthur hervorgekommen war. Eben wollte er sein Roß wenden und zurückreiten, jedoch im Vertrauen auf die Schnelligkeit seines Gaules dachte er, er könnte es wagen, einen Augenblick zu halten, um das Lager genau zu beaugenscheinigen. Die Venezianer, die ihn begleiteten, warteten nicht seinen Befehl zum Rückzug ab, sondern ergriffen die Flucht. Unterdessen bemerkte Arthur, daß der Anführer der Berittenen ein gewaltiges Roß ritt, das durch seinen Tritt den Boden erbeben ließ, und daß er auf seinem Schilde den Bären von Bern führte, auch überhaupt in seiner riesenhaften Gestalt dem Rudolf von Donnersberg glich. Jeder Zweifel daran schwand vollends, als er sah, wie der Ritter seine Schar Halt machen ließ und allein auf ihn zukam, indem er die Lanze einlegte und sich langsam näherte, als wollte er seinem Gegner Zeit lassen, sich zum Zweikampfe zu rüsten. Solche Herausforderung in diesem Augenblick anzunehmen, war gefährlich; allein, ihr auszuweichen, wäre schimpflich gewesen; und während Arthurs Blut bei dem Gedanken kochte, einen groben Nebenbuhler zu züchtigen, freute es ihn im Herzen nicht wenig, daß ihr Zusammentreffen zu Roß ihm einen Vorteil über den Schweizer gewährte, indem er mit dem Lanzengefecht im Turnier, worin Rudolf nur ein Neuling sein konnte, genau bekannt war. Sie trafen aufeinander. Die Lanze des Schweizers glitt ab vom Helme des Engländers, gegen den sie gerichtet gewesen war, während Arthurs Speer, genau auf den Bauch seines Gegners gerichtet, so richtig traf und durch die volle Wucht des Anlaufes so treulich unterstützt wurde, daß er nicht nur den Schild, den der unglückliche Krieger vorhielt, sondern auch eine Brustplatte und ein Panzerhemd, das er trug, durchbohrte. Arthurs Speer drang dem beklagenswerten Ritter gerade durch den Leib, und Rudolf stürzte kopfüber von seinem Gaule, als wäre er vom Blitze getroffen, wälzte sich ein paarmal am Boden hin und her, streckte sich dann lang aus und war tot. Ein Weh- und Rachegeschrei erhob sich unter den Männern zu Roß, und mehrere von ihnen legten die Lanzen ein, um ihn zu rächen; allein Ferrand von Lothringen, der in Person zugegen war, befahl ihnen, den glücklichen Sieger zum Gefangenen zu machen, jedoch ihm kein Leides zu tun. Das geschah, denn Arthur hatte nicht Zeit, sein Pferd zur Flucht zu wenden, und Widerstand wäre Raserei gewesen. Als er vor Ferrand gebracht wurde, öffnete er sein Visier und fragte: »Ist es wohlgetan, einen fahrenden Ritter, der gegen persönliche Herausforderung seine Pflicht tat, gefangen zu nehmen?« – »Beklagt Euch nicht, Herr Arthur von Oxford,« sagte Ferrand, »ehe Euch noch Leides widerfährt. Ihr seid frei, Herr Ritter – Euer Vater und Ihr wart treue Anhänger meiner königlichen Muhme Margarethe, und wiewohl sie mir Feindin war, so will ich doch Eurer Treue gegen sie Gerechtigkeit widerfahren lassen und Euch die Freiheit geben. Aber ich muß auch Sorge für Euch tragen, bis Ihr in das burgundische Lager zurückgekehrt seid. Diesseits der Talschlucht schlagen treue und ehrliche Männerherzen, jenseits befinden sich Verräter und Mordgesellen. – Ihr, Herr Graf, möchtet, wie mich dünkt, unsern Gefangenen gern in Sicherheit wissen.« Der Ritter, den Ferrand mit diesen Worten anredete, ein langer, stattlicher Mann, spornte sein Roß, um Arthur zu begleiten, während letzterer dem jungen Herzog von Lothringen seinen Dank für die ihm erwiesene ritterliche Behandlung aussprach. – »Lebt wohl, Sir Arthur de Vere,« fügte Ferrand. »Ihr habt einen edlen Kämpen niedergestreckt, der mir ein nützlicher und treuer Freund war, aber es geschah edel und offen, mit gleichen Waffen und angesichts der Schlachtlinie. Wehe dem, der deshalb Fehde mit Euch sucht!« Arthur verbeugte sich bis an den Sattelknopf. – Ferrand erwiderte den Gruß, und sie schieden. Ein Stück nur waren Arthur und sein Geleitsmann geritten, als der Fremde das Wort nahm: »Wir waren ehedem schon Reisegenossen, junger Mann, jedoch Ihr erkennt mich nicht.« – Arthur warf einen Blick auf den Ritter, und als er gewahrte, daß der Kamm seines Helmes einen Geier bildete, fuhr ein seltsamer Argwohn durch seine Seele, der nur allzusehr bestätigt wurde, als der Ritter das Visier aufschlug und ihm die finstern, ernsten Gesichtszüge des schwarzen Priesters von St. Paul zeigte. »Graf Albert von Geierstein,« sagte Arthur. – »Eben der,« versetzte der Graf, »obgleich Du ihn im andern Gewande und mit einem Glatzkopfe gesehen hast. Allein die Tyrannei treibt alle Welt unter Waffen, so habe auch ich die meinigen wieder ergriffen. Eine Fehde gegen Grausamkeit und Unterdrückung ist heilig wie ein Zug nach Palästina.« – »Mein Herr Graf,« sagte Arthur lebhaft, »ich kann Euch nicht früh genug bitten, zum Herzog Ferrand von Lothringen zurückzukehren. Hier seid Ihr in Gefahr, und weder Stärke noch Mut kann Euch schützen. Der Herzog von Burgund hat einen Preis auf Euren Kopf gesetzt, und das Land zwischen hier und Nancy wimmelt von italienischen Reitern.« – »Ich lache ihrer,« antwortete der Graf. »Ich habe darum nicht so lange in einer sturmbewegten Welt zwischen Staatsränken und Fehdezügen gelebt, um von so elenden Händen zu fallen. Ueberdies bist Du bei mir, und ich habe soeben gesehen, daß Du Dich ritterlich zu benehmen verstehst.« – »Zu Eurem Schutze, Herr Graf,« sagte Arthur, der in seinem Gefährten nur den Vater Annas von Geierstein erblickte, »würde ich es gewiß versuchen, mein Bestes zu tun.« – »Wie, Jüngling?« versetzte Graf Albert mit einem düstern Lächeln, »wolltest Du dem Feinde des Herrn, unter dessen Banner Du dienst, gegen dessen Söldlinge Beistand leisten?« – Arthur war über die Wendung betroffen, die seiner Erklärung gegeben wurde; doch er sammelte sich sofort und sprach: »Mein Herr Graf Albert, Ihr habt die Gefälligkeit gehabt, mich vor den Lanzen Eurer Parteigänger zu schützen, an mir ist es nun, ein Gleiches für Euch zu tun,« – »Das war ehrlich geantwortet,« sagte der Geiersteiner, »doch es gibt einen kleinen blinden Parteigänger, von dem die Troubadours und Minnesänger schwatzen, und diesem dürfte ich im Fall der Not wohl für den Beistand, den Ihr mir leisten würdet, am meisten zu Dank verpflichtet sein.« Er ließ unserm Arthur, der nicht wenig verlegen war, keine Zeit zu antworten, sondern fuhr fort: »Höre mich, junger Mann! Deine Lanze hat an diesem Tage dem Schweizerlande, der Stadt Bern und dem Herzoge Ferrand großes Leid zugefügt. Mir ist jedoch der Tod des von Donnersberg willkommen. Als seine Dienste immer unentbehrlicher wurden, war er aufdringlich genug, Ferrand zu seinem Brautwerber zu gewinnen, so daß der Herzog selbst, der Sohn einer Fürstin, nicht errötete, die Letzte meines Hauses – denn der Stamm meines Bruders zeigt nur entartete Sprößlinge – von mir für einen anmaßenden Jüngling zu begehren, dessen Ohm ein Knecht im Hause meines Schwiegervaters war, wenngleich dieser Rudolf sich edler Herkunft rühmte.« – »Gewiß,« sagte Arthur, »eine Ehe zwischen Personen von so ungleicher Herkunft wäre zu widersinnig, um noch von ihr zu reden.« »Bei meinen Lebzeiten,« erwiderte Graf Albert, »wäre solch ein Bündnis nimmermehr geschlossen worden, da der Tod des Bräutigams wie der Braut durch einen Dolch die Ehre meines Hauses gegen Gewalt hätte schützen können. Allein wenn ich – dessen Tage, ja dessen letzte Lebensstunden gezählt sind – nicht mehr sein werde, was könnte dann einen rücksichtslosen Fürstenknecht, unterstützt durch die Gunst des Herzogs, durch den Beifall seines Vaters und vielleicht auch durch die unseligen Vorurteile meines Bruders, hindern, seine Sache trotz allem Widerstande eines verwaisten Mädchens durchzusetzen? Nun merkt auf, Arthur de Bere! Meine Tochter hat mir erzählt, was zwischen Euch und ihr vorfiel. Eure Gesinnung wie Euer Wandel ist des edlen Hauses wert, von dem Ihr abstammt und das sich, wie ich weiß, an die edelsten Häuser Europas rühmlich anschließt. Zwar seid Ihr enterbt, allein auch Anna von Geierstein ist es, bis auf das, was ihr Oheim ihr von ihrem väterlichen Erbe etwa abtreten dürfte. Wenn Ihr es mit ihr teilen wollt, bis bessere Tage kommen – immer vorausgesetzt, daß Euer edler Vater seine Einwilligung gibt – so weiß meine Tochter, daß ich einwillige und sie segne. Auch mein Bruder soll meinen Willen erfahren. Er wird meine Absicht billigen; denn obgleich gestorben für Gedanken an Ehre und Rittertum, ist er doch empfänglich für häusliches Glück, liebt seine Nichte und hegt Freundschaft für Dich und Deinen Vater. Was sagst Du, junger Mann? Willst Du eine bettelarme Gräfin zur Gefährtin Deines Lebens wählen? Ich glaube, ja ich weissage – denn ich stehe so nahe dem Rande des Grabes, daß mich dünkt, mir sei ein Blick über dasselbe hinaus gestattet – es wird einst den Häusern de Bere und Geierstein ein neuer Glanz beschieden sein!« De Bere schwang sich von seinem Pferde, ergriff des Grafen Hand und wollte in Danksagungen ausbrechen; doch der Geiersteiner gebot ihm Stillschweigen. »Wir müssen scheiden,« sprach er. »Die Zeit ist kurz – der Ort gefährlich. Ihr seid mir, persönlich gesprochen, weniger als nichts. Wäre einer der vielen Pläne des Ehrgeizes, denen ich nachrang, geglückt, so wäre der Sohn eines verbannten Grafen nimmer der Eidam, den ich erwählt hätte. Besteigt Euer Pferd wieder! – Unverdienter Dank wird lästig.« Arthur richtete sich auf und stieg schweigend wieder zu Roß. »Ich weiß, daß meine letzte Stunde nahe ist,« fuhr Graf Albert von Geierstein fort, »Hört und zittert! Der Herzog von Burgund ist zum Tode verurteilt, und die unsichtbaren Richter, die in der Tiefe ihren Spruch fällen und im geheimen rächen, gleich der Gottheit, haben Strang und Dolch in meine Hand gelegt.« – »O, werft diese garstigen Symbole von Euch!« rief Arthur enthusiastisch aus. »Mögen sich Häscher und geheime Mörder finden, solch Amt zu vollführen, das den edlen Herrn von Geierstein entehrt!« – »Still, törichter Knabe!« antwortete der Graf. – »Der Eid, den ich geschworen habe, ist höher denn der wolkige Himmel, und fester begründet als jene fernen Berge. Auch wähne nicht, mein Tun sei das eines Meuchlers, eher könnte ich das des Herzogs als ein solches ansehen. Ich sende keine Mietlinge, wie diese elenden Venezianer es sind, hinaus auf die Jagd gegen, sein Leben, ohne das meinige dabei in Gefahr zu setzen. Ich gebe nicht seiner Tochter – die unschuldig ist an seinen Missetaten – die Wahl zwischen schmachvoller Ehe und einer vor der Welt entwürdigenden Zurückgezogenheit. Nein, Arthur de Bere, ich suche Karl mit der Entschlossenheit eines Mannes auf, der sich dem sichern Tode preisgibt, um das Leben eines Gegners zu vertilgen,« – »Ich bitte Euch, redet nicht mehr davon,« sagte Arthur, höchst ängstlich. »Bedenkt, ich diene für den Augenblick dem Fürsten, den Ihr bedroht –« – »Und bist verbunden,« unterbrach ihn der Graf, »ihm zu offenbaren, was ich Dir sage. Ich wünsche, daß Du es tust, und obwohl er die Vorladung der heiligen Feme gering geachtet hat, so freut es mich doch, ihm persönliche Herausforderung zukommen zu lassen. Sagt Karl von Burgund, daß er Albert von Geierstein schwer verletzte. Wer an seiner Ehre gekränkt wurde, verliert alle Freude am Leben. Warnt ihn, sich vor mir wohl in acht zu nehmen; denn Albert von Geierstein ist meineidig, so der Herzog noch die zweite Sonne des herannahenden Jahres erblickt. – Und jetzt lebt wohl; denn ich sehe eine Schar unter burgundischem Banner sich nahen.« Mit diesen Worten warf der Geiersteiner sein Roß herum und sprengte von dannen, – Zwanzigstes Kapitel. Arthur war allein gelassen worden, und vielleicht voll Verlangen, den Rückzug des Grafen Albert zu decken, ritt er dem herannahenden Häuflein Burgunder entgegen, das dem Fähnlein de Contays nachzog. »Willkommen, willkommen!« sagte dieser Edelmann, indem er hastig auf den jungen Ritter zukam. »Der Herzog ist eine Viertelstunde Weges mit einem Reiterhaufen hinter uns, den Aufklärern zu Hilfe zu kommen. Es ist noch keine halbe Stunde her, da kam Euer Vater zu uns zurück und meldete, Ihr wärt durch die Verräterei der Venezianer in einen Hinterhalt gelockt und zum Gefangenen gemacht worden. Er hat den Campobasso des Verrats bezichtigt und ihn zum Zweikampf herausgefordert. Beide wurden unter der Obhut des Obermarschalls in das Lager geführt, da sie sonst auf der Stelle aneinander geraten wären, obwohl mich dünkt, als zeigte der Welsche wenig Lust, es zu Hieben kommen zu lassen. Der Herzog hält ihre Schwerter in der Scheide und hat den Kampf auf den Dreikönigstag festgesetzt.« Arthur ritt mit Contay zurück und stieß auf eine größere Reiterschar unter dem glänzenden Banner des Herzogs. Sofort wurde er vor Karl geführt. Dieser hörte mit anscheinender Besorgnis Arthur die Klage seines Vaters gegen den Italiener bestätigen, dem der Herzog so sehr gewogen war. Als Arthur versicherte, daß die Venezianer sich mit dem feindlichen Führer kurz vorher besprochen hätten, ehe der Graf Campobasso Arthur aufforderte, weiter zu reiten, und daß er dadurch in einen Hinterhalt geraten sei, schüttelte der Herzog den Kopf, senkte die dichten Augenbrauen und murmelte vor sich hin: »Bloß Haß gegen Oxford wahrscheinlich – diese Welschen sind rachsüchtig.« – Dann richtete er das Haupt auf und befahl unserm Arthur, fortzufahren. Mit einer Art von Verzückung vernahm er die Erzählung vom Tode des Donnersberg, riß eine goldene Kette vom Hals und warf sie über Arthurs Nacken, »Traun, Du hast uns allen Ruhm vorweggenommen, junger Arthur,« fügte er, »das war der plumpste Bär von allen; die übrigen sind gegen ihn junge säugende Brut. Mich dünkt, ich habe einen jugendlichen David gefunden, der mir ihren dickköpfigen Goliath erschlug. Aber der Tölpel! daß er wähnte, seine Bauernfaust könnte eine Ritterlanze schwingen. Brav, mein wackerer Knabe, – und was mehr? Wie kamst Du davon? Durch irgend eine schlaue Kriegslist, möcht ich wetten!« – »Vergebt, hoher Herr,« antwortete Arthur, »ich wurde von dem feindlichen Führer Ferrand in Schutz genommen, der mein Zusammentreffen mit dem von Donnersberg als mannhaften Zweikampf betrachtete. Er entließ mich in allen Ehren, mit Roß und Waffen.« – »Hm!« sagte Karl, dessen üble Laune wiederkehrte, »Prinz Abenteuer muß den Großmütigen spielen – hm! – Es gehört dergleichen zu seiner Rolle; doch soll mich das keine Linie breit von meinem Verfahren ablenken. Setzt Eure Erzählung fort, Arthur de Bere.« – Als Arthur ferner mitteilte, was Graf Albert von Geierstein zu ihm über den Herzog gesagt hatte, heftete dieser einen brennenden Blick auf ihn und zitterte vor Ungeduld, indem er den Jüngling mit der hastigen Frage unterbrach: »Und Ihr – Ihr traft ihn mit Eurem Dolche unter der fünften Rippe? Tatet Ihr es nicht?« – »Ich tat es nicht, Herr Herzog, – wir waren einander durch gegenseitige Zusage verpflichtet.« – »Doch wußtet Ihr, daß er mein Todfeind ist,« sprach der Herzog, »geht junger Mann! Deine laue Gleichgültigkeit hat Dein Verdienst geschmälert. Daß Du Albert von Geierstein entrinnen ließest, macht den Tod Rudolfs von Donnersberg quitt.« – »Sei dem so, hoher Herr,« sagte Arthur kühn. »Ich mache weder Anspruch auf Euer Lob, noch verdiene ich Euren Tadel. In beiden Fällen hatte ich Gründe zu achten, die mich persönlich betrafen. Donnersberg war mein Feind, und dem Grafen Albert von Geierstein bin ich verpflichtet.« – Die umherstehenden burgundischen Edlen erschraken über diese kühne Rede. Allein es war nie vorauszusehen, wie Karl dergleichen aufnehmen würde. Diesmal blickte er mit einem Lachen umher und sagte: »Hört Ihr diesen englischen jungen Hahn, Ihr Herren? wie wird der eines Tages den Ton hochstimmen, da er jetzt schon in eines Fürsten Gegenwart so wacker kräht!« Etliche Reiter trafen nun von verschiedenen Gegenden ein und meldeten, daß Herzog Ferrand und die Seinigen sich in ihr Lager zurückgezogen hätten, und daß das Land von Feinden frei wäre. »So laßt auch uns zurückgehen,« sagte Karl, »da sich keine Gelegenheit zum Lanzenbrechen bietet. Und Du, Arthur de Bere, halte Dich dicht in meiner Nähe.« Im Zelte des Herzogs angelangt, mußte Arthur eine Untersuchung bestehen, in welcher er jedoch nichts von Anna von Geierstein, noch von den Absichten ihres Vaters inbetreff seiner selbst äußerte, weil er glaubte, daß Karl damit nichts zu schaffen hätte; allein offen teilte er dem Herzog die persönlichen Drohungen mit, die der Graf Albert gegen diesen ausgestoßen hatte. Der Herzog hörte ihm jetzt gelassener zu, und als Arthur geendet hatte, nahm Karl von seiner Brust ein goldenes Kreuz und küßte es mit vieler Andacht. »Auf dieses Kreuz,« sprach er, »will ich mein Vertrauen setzen. Fehle ich in dieser Welt, so mag ich Gnade finden in jenem Leben. – He, Herr Marschall!« rief er dann hinaus, »laßt Eure Gefangenen vor uns kommen.« Der Marschall von Burgund trat mit dem Grafen von Oxford ein und erklärte, daß sein zweiter Gefangener, der Campobasso höchst ernsthaft gebeten hätte, man möchte ihm Urlaub geben, damit er an dem seiner Hut anvertrauten Teile des Feldlagers seine Schildwachen aufstelle, ein Gesuch, das der Marschall nicht hatte abschlagen wollen. »Gut,« sagte Burgund ohne weitere Bemerkung, »dann zu Euch, Lord Oxford, ich wollte Euch Euren Sohn vorstellen, aber Ihr habt ihn bereits in Eure Arme geschlossen. Er hat sich Ehre und Preis erworben und mir wackere Dienste geleistet. Wir sind an einem Zeitpunkt des Jahres, wo wackere Leute ihren Feinden vergeben. Ich weiß nicht, wie es kommt – aber ich fühle ein unbezwingliches Verlangen, dem nahen Zweikampfe zwischen Euch und dem Grafen Campobasso Einhalt zu tun. Willigt um meinetwegen darein, Freunde zu sein, nehmt Eure Herausforderung zurück – und laßt mich dieses Jahr – vielleicht das letzte, das ich erlebe, mit einer Tat des Friedens beschließen,« »Hoher Herr,« sagte Oxford, »es ist ein Geringes, was Ihr von mir verlangt. Ich war aufgebracht über den Verlust meines Sohnes. Dem Himmel und Eurer Hoheit verdanke ich es, daß ich den Jüngling wieder habe, Campobassos Freund zu sein, ist mir unmöglich. Treue und Verrat, Wahrheit und Falschheit könnten sich dann ebenfalls die Hand reichen und sich umarmt halten. Allein der Welsche soll mir ebenso gleichgiltig sein, wie er es mir vor unserm Zwist war. Ich lege meine Ehre in Euer Hoheit Hand; nimmt Campobasso sein Wort zum Zweikampfe zurück, so tue ich es ebenfalls. John de Bere hat nicht zu befürchten, daß die Welt ihn im Verdacht habe, er fürchte sich vor einem Campobasso.« Der Herzog erwiderte mit aufrichtigen Dankesworten und behielt seine Edlen den Abend bei sich im Zelte. Sein Benehmen erschien dem jungen Arthur friedliebender, als er es je zuvor an ihm wahrgenommen hatte. Der Herzog ordnete an, daß Lebensmittel und Wein unter seine Soldaten verteilt würden. »Wäre es nicht um unseres Schwures willen,« sagte er leise zu etlichen seiner Räte, »so wollten wir diese Fehde bis zum Frühling verschieben, wo unsere Mannen unter geringeren Strapazen ins Feld rücken könnten.« – Sonst war nichts Bemerkenswertes am Benehmen des Herzogs, außer daß er oft nach dem Grafen Campobasso fragte. Dieser ließ endlich melden, er sei unpaß und der Arzt habe ihm Ruhe befohlen; deswegen hätte er sich zurückgezogen, damit er mit dem Frührot zur Hand sein möchte, weil die Sicherheit des Feldlagers hauptsächlich von seiner Wachsamkeit abhinge. – Der Herzog verlor weiter kein Wort darüber, und eine Stunde vor Mitternacht wurden die Gäste aus dem Zelte des Herzogs entlassen. Als Oxford mit seinem Sohne im eigenen Zelte angekommen war, versank der ältere Graf in tiefes Nachdenken, das fast zehn Minuten währte. »Mein Sohn,« sprach er dann, indem er plötzlich auffuhr, »gib dem Thibault und Deinen Jägern Befehl, unsere Rosse vor Tagesanbruch bereitzuhalten; auch könnte es nichts schaden, unsern Nachbar Colvin mitzunehmen. Ich habe Lust, um die Zeit des Frührots die Vorposten zu untersuchen. Wäre die Nacht mondhell, so würde ich sogleich die Runde machen.« – »Weshalb, mein Herr und Vater, erregt diese Nacht so besonders Euren Argwohn?« »Sohn Arthur, Du wirst vielleicht Deinen Vater für leichtgläubig halten,« sagte der Graf. »Allein meine Amme Martha Nixon war ein Weib aus dem Norden und steckte voll Aberglaubens. Besonders pflegte sie zu sagen, jede plötzliche, grundlose Veränderung in eines Menschen Natur – wie etwa der Uebergang von Schwelgerei zu Mäßigkeit, von Heftigkeit zu Gelassenheit, von Geiz zu Freigebigkeit –deute stets darauf hin, daß eine große Umwälzung der Dinge, sei es zum Guten oder zum Bösen, für ihn vorgehen werde – und in diesem Falle mag es sich wohl zum Bösen wenden, da wir in einer argen Welt leben. Diese Vorstellung der alten Frau hat meine Seele so ergriffen, daß ich entschlossen bin, ehe noch der Tag anbricht, mit meinen eigenen Augen zu prüfen, ob unsere Wachen um das Lager her auf dem Posten sind,« – Arthur ließ Colvin und Thibault das Nötige wissen, und man begab sich zur Ruhe. Es war noch vor Anbruch des ersten Januars 1477 (ein Zeitpunkt, der wegen des Ereignisses, das an diesem Tage stattfand, denkwürdig bleiben wird), da begannen der Graf von Oxford, Colvin und Arthur, begleitet von Thibault und zwei anderen Dienern, ihre Runde durch des Herzogs Lager. Auf dem größeren Teil des Weges fanden sie Schildwachen und Posten sämtlich in guter Ordnung. Es war ein schneidend kalter Morgen. Die Fläche war zum Teil mit Schnee bedeckt – Tauwetter hatte diesen Schnee etwas geschmolzen, aber strenger Frost, der danach eingetreten war, hatte eine Eisrinde gebildet, die sich jetzt immer mehr verdickte. Allein wie groß war das Erstaunen und die Unruhe des Grafen und seiner Gefährten, als sie zu demjenigen Teil des Lagers gelangten, der am Tage vorher von Campobasso und dessen fast 2000 Mann zählenden Welschen besetzt worden war. Kein Zuruf erfolgte, kein Roß wieherte, kein Hengst stampfte, keine Wache war aufgestellt. Sie untersuchten die Zelte – alles war leer. – »Laßt uns zurückreiten und Lärm im Lager schlagen!« rief der Graf. »Hier liegt Verrat vor!« »Ei, Lord,« versetzte Colvin, »laßt uns keine mangelhafte Kunde heimbringen. Hundert Schritt von mir stehen meine Schießmörser und decken den Zugang zu diesem Hohlwege; laßt uns sehen, ob meine deutschen Kanoniere an ihrem Posten sind. Mich dünkt, ich kann's beschwören, daß wir sie rüstig auf ihren Plätzen finden. Das Geschütz mündet auf einen Engpaß, durch den allein man in das Lager gelangen kann,« – »Vorwärts denn, in Gottesnamen!« sagte der Graf von Oxford, Ueber Eis und durch Pfützen jagten sie weiter, sie kamen zu den Mörsern. Der blasse Wintermond, der sich in das Frühlicht mischte, beleuchtete die wohlgerichteten Kanonen, allein keine Schildwache war zu sehen, »Die Schufte können nicht entwischt sein,« sagte der erstaunte Colvin. »Doch seht, da ist Licht in den Zelten. – O! des unseligen Weines! Der Trunk hat sie sicherlich übermannt. Ich will sie bald aus ihren Träumen aufschrecken!« – Er sprang von seinem Gaule und stürzte in das Zelt, in welchem das Licht schimmerte. Die Kanoniere oder doch die Mehrzahl derselben waren noch da, aber sie lagen hingestreckt auf dem Boden, die Trinkbecher neben ihnen; und alle miteinander waren so betrunken, daß Colvin nur zwei oder drei von ihnen durch Drohungen und Befehle erwecken konnte. Die Aufgescheuchten tappten in die Höhe und gehorchten ihm mehr aus Instinkt als mit Bewußtsein ihrer selbst, indem sie hintaumelten, das Geschütz zu bemannen. In dem Augenblicke ließ sich von der andern Seite des Engpasses her ein Getöse wie von einherschreitenden Gewappneten vernehmen. – »Es ist das Geheul einer fernen Lawine,« sagte Arthur. – »Es ist eine Lawine von Schweizern, nicht von Schnee,« entgegnete Colvin. »O, der besessenen Knechte! Die Mörser sind schwer geladen und wohlgerichtet – diese Salve sollte sie zurückwerfen, wenn es Feinde wären, und das Gekrach würde früher, als wir es können, das Lager lebendig machen. Doch wehe, daß die Schufte betrunken sind!« – »Sorgt deshalb nicht!« sagte der Graf, »mein Sohn und ich wir wollen jeder einen Zündstock nehmen und gute Kanoniere abgeben.« – Sie saßen ab und befahlen Thibault und den beiden Dienern auf die Rosse acht zu geben, dann nahmen sie den hilflosen Trunkenbolden die Lunten weg. Drei der Soldaten waren indessen noch nüchtern genug, um an ihre Mörser zu treten. »Bravo!« rief der alte Geschützhauptmann, »noch nimmer ward ein Geschoß so edel bedient. Jetzt, mein Bursche, vergebt, Mylords, aber es ist nicht Zeit, Umstände zu machen – und Ihr besoffenen Schelme, – gebt acht, daß Ihr nicht eher Feuer, gebt, als bis ich rufe. Dann sollen diese Trampler, und wären ihre Rippen felsenhaft wie die Alpen, es erfahren, wie der alte Colvin seine Mörser lädt.« Alle fünf standen atemlos, jeder bei seinem Geschütz. Der dumpfe Hall der Tritte kam immer näher und näher, bis das mangelhafte Morgenlicht eine düstere, undeutlich erkennbare Reihe von Männern zeigte, die, mit langen Spießen, Streitäxten und andern Waffen versehen, unter dunkel flatternden Bannern einherzogen. Colvin ließ sie bis auf eine Entfernung von fünfzig Ellen heranrücken, und rief dann:, »Feuer!« aber nur sein Stück ging los; von den andern blitzte vom Zündloche nur eine schwache Flamme auf, weil die Mörser von den italienischen Verrätern vernagelt und unbrauchbar gemacht worden waren. Wären alle Mörser tauglich gewesen, so würde sich seine Prophezeiung wahrscheinlich erfüllt haben; denn schon die Entladung des einen Geschützes brachte eine schauderhafte Wirkung hervor, indem sie in den Reihen der Schweizer eine lange Linie Toter und Verwundeter niedermähte. »Haltet stand,« rief Colvin, »und helft mir womöglich, den Mörser wieder zu laden,« – Doch dazu war keine Zeit. In der zerrütteten Kriegerschar schritt eine stattliche Gestalt, hob das Banner, dessen Träger mitgestürzt war, auf und rief mit der Stimme eines Riesen: »Was, Ihr Männer, Ihr habt Murten und Granson gesehen und fürchtet Euch vor einem einzigen Schießmörser? Bern! Ury! Schwyz! Banner vorwärts! Unterwalden, hier ist Dein Fähnlein! Laßt Euren Schlachtruf erschallen! Blast in Eure Hörner! Unterwalden folgt seinem Landammann!« Und heran stürzten sie gleich einem wütenden Ozean, mit einem betäubenden Geheul, in unbändigem Lauf! Colvin, der noch bemüht war, seinen Mörser zu laden, wurde niedergemacht. Oxford und sein Sohn wurden durch die Menge, deren wilden Drängen allein sie es zu danken hatten, daß sie nicht tödliche Streiche empfingen, zu Boden gestoßen. Arthur schützte sich, indem er unter den Mörser kroch, bei dem er stand; über seinen Vater hin, der minder glücklich war, trabten die feindlichen Krieger und würden ihn zerquetscht haben, wenn seine Stahlrüstung ihn nicht beschirmt hätte. Die Schar der Schweizer, mindestens viertausend Mann, wälzte sich in das Lager hinein, indem sie ihr fürchterliches Geschrei fortsetzte, in das sich bald Geheul, Aechzen und Schreckensrufe mischten. Ein breiter roter Schimmer stieg auf hinter den Anstürmenden und überstrahlte das bleiche Licht des Wintermorgens, als Arthur zuerst wieder zur Besinnung kam. Das Lager hinter ihm stand in Flammen und hallte wider vom Jauchzen der Sieger, vom Stöhnen der Ueberfallenen. Niederblickend, schaute er umher nach seinem Vater. Dieser lag bewußtlos neben ihm, wie auch die Kanoniere, die in ihrer Halbtrunkenheit wohl nicht an Flucht gedacht hatten. Als Arthur des Vaters Helm öffnete, sah er zu seiner Freude, daß er noch lebte, – »Die Rosse! – die Rosse!« rief Arthur, – »Thibault, wo bist Du?« »Zur Hand, Mylord,« sagte dieser getreue Geleitsmann, der sich und seine Tiere durch klugen Rückzug in ein Dickicht gerettet hatte. – »Wo ist der tapfere Colvin?« fragte der Graf, der sich wieder erhob. – »Seine Kriege sind ausgekämpft, Mylord,« entgegnete Thibault, »er wird hienieden keinen Hengst mehr besteigen.« – Ein Seufzer der Teilnahme, als Oxford auf Colvin blickte, der mit gespaltenem Schädel vor der Mündung seines Schießmörsers lag, war alles, was der Augenblick gestattete. – »Wohin?« fragte Arthur. – »Zum Herzog,« sagte der ältere Graf. »Ich will ihn nicht an einem Tage wie diesem verlassen.« »Mit Verlaub,« sagte Thibault, »ich sah den Herzog, begleitet von einem halben Schock seiner Leibwächter, in vollem Trabe über diesen Wasserstrom setzen – und den Weg nach dem nordöstlichen Flachlande einschlagen. Ich denke, ich kann Euch auf die Spur dahin bringen.« – »Wenn dem so ist,« sagte Oxford, »so sitzen wir auf und jagen ihm nach. Das Lager ist an mehr als einer Stelle überfallen worden, und alles muß verloren sein, da er entfloh.« Mit Mühe nur konnte der Graf von Oxford den Gaul besteigen, und er ritt auch nur so schnell, als seine zertretenen Glieder es ihm gestatteten. Mehr als einmal blickten die Reiter zurück auf das Lager, das jetzt eine wilde Brandstätte war, bei deren glührotem Scheine sie am Boden die Spur von Karls Rückzug wahrnehmen konnten. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie einen halb zugefrorenen Morast, um den herum mehrere Leichname lagen. Unter ihnen erkannten sie Karl von Burgund. Er war zum Teil entkleidet und beraubt wie die übrigen, die um ihn her lagen. Sein Leib war mit verschiedenen Wunden bedeckt, die von mehr als einer Waffenart herrührten. Er hatte das Schwert noch in der Hand, und auf seinem erstarrten Gesicht lag noch jene Wildheit, die in der Schlacht seine Züge zu beleben pflegte. Dicht neben ihm, als seien beide im Kampf Mann gegen Mann gefallen, lag die Leiche des Grafen Albert von Geierstein und etwas abseits die Itel Schreckenwalds, des treuen wiewohl gewissenlosen Knappen des Geiersteiners. Beide waren wie die Leute von der Leibwache des Herzogs angetan – eine Verkleidung, die sie wahrscheinlich anlegten, um den Blutauftrag der heiligen Feme zu vollziehen. Es ist anzunehmen, daß Leute des Verräters Campobasso in dem Scharmützel tätig waren, in dem der Herzog fiel, denn sechs oder sieben dieser Gesellen und ebensoviele von des Herzogs Leibwache lagen ebenfalls tot am Boden. Der Graf von Oxford stieg vom Pferde und untersuchte den Leichnam seines hingeschiedenen Waffenbruders, und zwar mit aller Bekümmernis, die die Erinnerung an die frühere Güte des Herzogs in ihm erweckte. Aber während er sich so seinem Schmerz überließ, rief Thibault, der auf den Pfad hinausschaute, auf welchem sie hergekommen waren: »Zu Roß, Mylord, hier ist nicht Zeit, die Toten zu beweinen. Die Schweizer sind uns auf den Fersen!« »Flieh hin, ehrlicher Bursch!« sagte der Graf; »auch Du, Arthur, flieh! Rette Deine Jugend für glücklichere Tage! Ich kann und will nicht weiter fliehen. Ich will mich den Verfolgern ergeben; gewähren sie mir Gnade, so ist's gut; wo nicht, so lebt einer über uns, der mir seine Gnade verleihen wird.« – »Ich verlasse Euch nicht!« rief Arthur. »Ich will bleiben und Euer Schicksal teilen!« – »Und ich will auch bleiben,« sagte Thibault. Das Schweizerhäuflein, das heraufkam, zeigte Sigismund, dessen Bruder Ernst und etliche andere Söhne aus Unterwalden. Sigismund nahm die Gefangenen liebreich und freudig auf und leistete so dem jungen Grafen von Oxford für die Güte, die dieser ihm früher erwiesen hatte, zum drittenmale einen wesentlichen Dienst. »Ich will Euch zu meinem Vater führen,« sagte Sigismund, »der recht erfreut sein wird, Euch zu sehen; nur ist er eben jetzt betrübt über den Tod unseres Bruders Rüdiger, der mit dem Banner in der Hand durch den einzigen Mörser fiel, der an diesem Morgen abgefeuert wurde; die übrigen Donnerbüchsen konnten nicht bellen. Campobasso hat den Hunden des Colvin die Mäuler verstopft, sonst wären mehrere von uns gleich dem armen Rüdiger bedient worden. Aber dafür liegt Colvin auch hingestreckt.« – »So war Campobasso mit Euch im Einverständnis?« fragte Arthur. – »Nicht mit uns – wir verachten solche Genossen – doch etwas dergleichen fand zwischen den Welschen und dem Herzoge Ferrand statt, und als sie das Geschütz vernagelt und die deutschen Kanoniere trunken gemacht hatten, kam er mit fünfzehnhundert Reitern zu uns herüber und wollte gemeinsame Sache mit uns machen. »Nichts da, nichts!« rief mein Vater. »Verräter dulden wir nicht in unseren Reihen!« Und so wollten wir nichts mit ihm zu schaffen haben, wiewohl wir durch das Tor drangen, das er uns geöffnet hatte. So gesellte er sich zu dem Herzog Ferrand, um den andern Teil des Lagers zu überfallen. So glückte der Sieg, und man sagt, der Herzog werde nie wieder ein Heer sammeln können.« »Nie wieder, junger Mann,« sagte der Graf von Oxford, »denn er liegt tot vor Euch,« Sigismund stutzte; denn er hegte Hochachtung, ja eine Art von Furcht vor dem hohen Namen Karls des Kühnen und wollte kaum glauben, daß der zerfetzte Leichnam, der jetzt vor ihm lag, einst der gewaltige Mann gewesen wäre. Doch, Kummer mischte sich in sein Staunen, als er die Leiche seines Ohms, des Grafen Albert von Geierstein, erblickte. »O, mein Ohm, mein Ohm!« rief er, »mein teurer Ohm Albert! hat all Deine Hoheit und Weisheit Dir neben einem Moraste gleich einem schäbigen Bettler das Grab gegraben? – Kommt, diese trübe Kunde muß gleich meinem Vater mitgeteilt werden. Das wird zur Bitterkeit über den Fall des armen Rüdiger noch Galle hinzufügen. Bei alledem ist es ein Trost, daß Vater und Oheim sich nicht recht vertragen konnten!« Sie zogen jetzt in die Stadt Nancy ein. Die Fenster waren mit Teppichen behangen, und die Straßen wimmelten von lärmenden und jauchzenden Menschenmassen, die der glückliche Sieg vor großer Not und vor der gefürchteten Rache Karls von Burgund bewahrt hatte. – Die Gefangenen wurden mit der größten Güte von dem Landammanne aufgenommen, der ihnen seinen Schutz und seine Freundschaft zusagte. Es schien, als ertrüge er den Tod seines Sohnes Rüdiger mit ernster Gelassenheit, und er nahm die Nachricht vom Tode seines Bruders mit sichtlicher Bewegung entgegen, jedoch ohne überrascht zu sein. »So,« sagte er, »mußte sein Ehrgeiz enden.« – Dann fragte der Landammann den Grafen von Oxford ernstlich, was seine Absichten wären, und inwiefern er ihm darin beistehen könnte. »Ich denke die Bretagne zu meinem Zufluchtsorte zu wählen,« versetzte der Graf, »wo meine Gattin wohnt, seit die Schlacht bei Tewkesbury uns aus England vertrieb.« – »Tut das nicht,« sagte der Landammann, »sondern kommt nach Geierstein mit Eurer Gräfin, wo sie willkommen sein soll, wie in dem Hause ihres Bruders. Sie wird einen Boden betreten, wo weder Verschwörung noch Verrat jemals blühten. Ihr wißt, daß es in Frankreich wie in Burgund Leute gibt, die nach Eurem Blute dürsten.« Der Graf von Oxford äußerte seinen Dank für diesen Antrag und nahm ihn an, für den Fall, daß Heinrich von Lancaster, Graf von Richmond, den er jetzt als seinen Monarchen betrachtete, seine Einwilligung dazu geben würde. Die Erzählung zum Schluß zu bringen, berichten wir, daß drei Monate nach der Schlacht bei Nancy der verbannte Graf von Oxford sich den Beinamen Philippson wieder beilegte, seine Gattin und die Trümmer seines früheren Reichtumes mitbrachte und sich unweit Geierstein eine anmutige Wohnung kaufte. Der Landammann erwirkte ihnen das Bürgerrecht, Anna von Geierstein und Arthur de Bere reichten sich die Hand zum Ehebunde, und Annette Veilchen zog samt ihrem Liebsten zu den Neuvermählten, nicht als Diener, sondern als treue Gehilfen in der Landwirtschaft, denn Arthur zog es vor, sich lieber der Jagd als dem Ackerbau zu widmen. Die Zeit verrann, und fünf Jahre hatte die verbannte Familie schon in der Schweiz zugebracht. Da starb im Jahre 1482 der Landammann den Tod des Gerechten, allgemein beklagt als ein Muster eines echten, tapfern, schlichten und einsichtsvollen Vorstandes. Im selben Jahre starb die Gemahlin des älteren Oxford. Um diese Zeit begann der Stern des Hauses Lancaster noch einmal zu erglänzen und rief den verbannten Lord und dessen Sohn aus ihrer Abgeschiedenheit zurück in das Getriebe der großen Welt. Das kostbare Halsgeschmeide Margarethens ward nun zu seiner Bestimmung verwendet, und das daraus gelöste Geld zur Aushebung jener Scharen benützt, die bald darauf die berühmte Schlacht bei Bosworth kämpften, in welcher die Waffen der beiden Oxfords so viel zum Siege Heinrich II. beitrugen. Das änderte das Geschick de Beres und seiner Gemahlin. Ihre Schweizer Pachtung wurde Annette Veilchen und deren Manne überlassen, und die Sitten und die Schönheit Annas von Geierstein erregten nun am englischen Hofe eben die Bewunderung wie vormals zwischen den Hürden des Schweizerlandes. Ende.