Felicitas Rose Kerlchen als Sorgen- und Sektbrecher Provinzmädel – Band VI. Kerlchen kniete vor einem Riesenkoffer und packte. Es hatte das schon so oft in seinem jungen Leben getan, daß es mit ordentlichem Wohlbehagen auf sein Werk blickte. So einen Koffer voll! Das sollte ihm mal einer nachmachen! Neben Kerlchen auf einem hochbeinigen Lehnsessel saß Fräulein von Hartwig und seufzte. Schwer, tief und anhaltend seufzte sie. Um Kerlchens Mund spielte ein leises, humoristisches Lächeln. »Nun, mien Deern, ich find' es nicht grad' hübsch, daß du deine alte Tante auslachst.« »O Tanting, ich lach' ja gar nicht, ich lächle ja bloß.« »So, das ist noch viel schlimmer, verstehst du wohl? So'n Lächeln von so'n dummen Gör dat deit weh, dat giekst orrnlich inwenni.« Kerlchen legte sofort sein Schelmengesicht in ernste, würdige Falten. »Ne, det lat man, dat steiht di nu gor nich,« rief Fräulein von Hartwig abwehrend und dann seufzte sie wieder: »Dese dumme Reif'!« »Ja,« sagte Kerlchen. »Na, wenn du weiter nix weißt.« Kerlchen zuckte die Achseln. »Dese dumme Breif.« »Ja!« Wieder ein Seufzer, diesmal ganz tief. Stille. – – – – – – »Ne, weißt du Deern, du bist mi hüt to langwielig, ik möt jo woll rein to de Sorgenrätin gehn.« Mit einem Ruck sprang Kerlchen auf und stellte sich so gerade und energisch vor Tante Laura hin, als »sühst mi woll«. Fräulein Hartwig erschrak ordentlich ein bißchen vor diesen blitzenden, funkelnden Blauaugen. »Tante Laura, merkst du denn nur gar nicht, was dir fehlt? Denk' doch bloß mal ein ganz klein wenig nach – – –« »Ha, ha, ha! Will mich dies lüttge Gör zum Nachdenken bewegen, wo ich allmeindag nichts anders getan hab', als nachgedacht – –« »Na, dann hast du das beim verkehrten Ende angefangen, Tante Laura, du sollst aber nun mal richtig drüber nachdenken, ob nicht all dein vieler Kummer bloß daher kommt, daß du mit jedem Brief zur Sorgenrätin rennst, die macht natürlich aus jedem Floh ein Rhinozeros.« »Mücke, – Kerlchen!« »Na meinetwegen Mücke!« »Und ›Elefant‹.« »Mir auch recht! Aber sag' mal selbst, liebstes Tantchen, hab' ich nicht ganz und gar recht? Ich fühl's ja schon lange, daß dir dieses ewige Reisen zum Halse heraushängt, na und ich bin auch so europamüde – – –« »Europamüde? Willst du ins Ausland gehn, mien Deern?« »Hier bleiben möcht' ich! Mölln liegt ja außerhalb der Welt. Hier steht die Naturgeschichte still, und das ist mir gerade lieb.« »Wenn du solche Augen machst und so mit den Nasenflügeln wippst und das Muul so schief ziehst, denn guckt dir der Schelm überall raus, – was willst du denn eigentlich?« »Ich hab's ja schon gesagt, hier bleiben möcht' ich.« »Immer, Kerlchen?« »Nun nein, das wohl nicht, aber wenigstens mal 'n Vierteljahr. Wir sind jetzt ein halbes Jahr von Altenhof fort und von diesem halben Jahr haben wir drei Wochen in Mölln zugebracht.« »Hast du dir das so schnell ausklamüsert, mien Deern?« »Nö, das hab' ich mir heut Morgen mal schriftlich ausgerechnet, mit ol Marie zusammen, um dir damit gelegentlich unter die Augen zu gehn.« »So, na du bist wenigstens ehrlich.« »Das versteht sich!« »Nee, das versteht sich nicht ! Oll Marie is 'n ollen Duckmäuser, da läuft sie immer um mich rum und sagt nichts, aber hinter meinem Rücken – – – –« »Ach Tantchen, sie muß ja alles hinter deinem Rücken tun, du bist ja nie da.« »Klugsnacker!« »Und es ist doch nur liebevolle Sorge von oll Marie. Sie meint, du wärst nun alt – –« »Der Deubel ist alt.« »Ja, und seine Großmutter ist noch älter!« »Hör' mal, Kerlchen, – – –« »Ach Tantchen, – ich hab' dich ja gar nicht mit gemeint!« »Dumme Deern, dat heww ik ok gorni dacht. Mit dien dumme Entschuldigung!!! Also wat seggt denn nu de negenklauke ol Marie.« »Sie seggt, du sollst nicht mit jedem Brief, den du bekommst, zu der Sorgenrätin rennen, sondern sollst alles lieber ruhig mit deinem verständigen Kerlchen besprechen!« »Kumm, Deern! Laß di mol bi Licht beseihn, damit ik weiß, wie'n » verstänniges Kerlchen« utsüht.« »Ja, lach' du nur Tanting! Ol Marie und ich meinen's doch am besten mit dir, und kurz und gut, wir meinen beide, du sollst mal all die Leute, die dir schreiben, mit sich selber fertig werden lassen, – sie danken dir's ja doch nicht – und sollst in deinem reizenden Haus hier bleiben, und dich von uns ordentlich mit Liebe pflegen lassen.« »So, das wäre also dein Glaubensbekenntnis. Unrecht hast du nicht, mien Deern, und du sprichst auch nicht für dich selbst, denn auf der Reise hast du viel Schönes gesehen – und hier – – –« Kerlchen schmiegte sich an Fräulein von Hartwig und küßte ihre Hand. »Herrliches hab' ich kennen gelernt, du liebes Tantchen, und tüchtig verwöhnt worden bin ich von dir! So immer erster Klasse zu fahren, und in den ersten Hotels abzusteigen – –« »Du Racker, meinst du vielleicht in Sandkrug den »Blauen Löwen«?« »I wo Tantchen!« »Aber Kerlchen, Kerlchen, was mach' ich nur mit dem Brief von Lieschen. Es ist doch mein Patenkind, und ich hab's ihren Eltern selig versprochen, mich nach ihr umzusehen.« »Hast du ja auch reichlich getan, Tantchen!« »Ja, das sagst du so mit deinem Untertanenverstand! Aber Lieschen und ihr Mann schreiben doch so bedrückt, und ich weiß es selbst, die kleine Klitsche in Ostpreußen bringt die Leutchen auf keinen grünen Zweig, deshalb ist es notwendig, daß ich – –« »Nicht selbst hinreise bis beinahe nach Rußland, sondern ordentlich Moses und die Propheten hinschicke.« »Kerlchen, wat seggst du da?« »Lieschens Mann ist ein vorzüglicher Landwirt, Tantchen, das sagen doch alle, und meiner Ansicht nach braucht er jetzt nur bar Geld, um sich aufzurappeln, aber mit deinem Hinreisen nützt du ihm gar nichts, sondern hältst ihn und seine Frau von der Ernte ab. Schick' ihnen Geld, den armen beiden, gehörig , und dann leg' noch unser Reisegeld und alles drum und dran von Mölln bis Kraupischken drauf, dreihundert Mark langt nicht, – wetten?« »Kerlchen, du bist en Schwadroneur, en Klogsnacker von Ur to Enn.« »Schad' nix, Tantchen, recht hab' ich doch!« »Was wird die Sorgenrätin sagen – – –« »I laß sie reden, sie reist ja auch nicht.« »O Kerlchen, es wird nicht gehen, ich will gleich zu ihr hin – und sie ist so 'ne verständige Frau und trägt alles so mit mir.« »Wenigstens seufzt sie für zehne. Und trage ich nicht auch alles mit dir?« »Na ja, Kerlchen! Tust du auch. Und alles, was du da sagst, klingt auch ganz vernünftig, aber du bist doch man so 'n Junges, Kleines, Dummes!« »So? Danke schön! Aber aufschieben können wir doch die Reise auf 'n paar Tage, gelt? Du hältst ja so viel von Munke, Bümi und Luttewete – –« »Staatsfrauenzimmer!« »Na, denen will ich drei Briefe schreiben, – so wie wenn nix wär' – will ihnen unsern neuen Reiseplan mitteilen und sie so quasi um Rat fragen; – wenn auch nur eine dafür ist, reise ich mit dir auf 'n Blocksberg.« »Immer anständig, Kerlchen, und ohne Anspielungen, hörst du? – Aber ich bin's zufrieden und wette mit dir, alle drei jauchzen mir Beifall zu.« »Um was wettest du, Tantchen? Drei Pullen Sekt? Für jede Cousine eine ?« »Du bist ein Süffel, Kerlchen, – aber gut! Wetten ist zwar gottlos – –« »Aber Sekt nicht, Tantchen! Und nun an die Arbeit. Die Briefe unterbreite ich dir nachher, damit du deinen Senf dazu gibst.« »Kerlchen, deine Ausdrucksweise – –« »Ach, Geliebtes, wenn's Herz nur schwarz ist.« * Antwortbrief von Bümi an Kerlchen. »Kleines!« Gottlob, daß man Deiner endlich wieder habhaft werden kann. Ein Stromer ist ein Waisenknabe gegen Dich; Franz und ich fassen uns oft an den Kopf und fragen, was aus Dir geworden ist? Du hieltst doch früher das gute, alte Sprichwort so hoch: »Nord, Ost oder West, To Hus is 's Best.« Franz hält ja natürlich immer zu Dir; wenn wir mal ein bißchen auf unser Kerlchen schimpfen, und so meint er, Du wärst nicht daran schuld, sondern Fräulein von Hartwig. Dein heutiger Brief hat das ja nun bestätigt, und Franz hat Oberwasser. Aber warum um Himmels Willen hat sie kein Sitzfleisch? Hätte ihr das Geschick einen Mann wie Franz und ein so quirlefitschiges Baby beschert, wie unsere Ingeborg, dann würde sie froh sein, mal sitzen zu können, und die Eisenbahn nicht so unmenschlich strapazieren; daß Ihr jetzt nach Ostpreußen preschen wollt, halte ich für 'ne Kateridee. Kerlchen, bist Du uns schrecklich böse, daß »Ingeborg« nicht »Felicitas« heißt? Franz wollte es nicht, er sagte: »Unsere Felicitas (damit meinte er Dich) ist einzigartig , wir wollen keinen Kerlchen-Abklatsch in Szene setzen, er würde doch vereitelt werden. Und das meinte er ehrlich so. Daß er aber zu seiner Schwiegermutter, die durchaus wollte, das Kleinchen sollte nach ihr »Hedwig« heißen, dasselbe sagte, nämlich: »Mama, du bist einzigartig , ich würde nicht wagen, das Kind Hedwig zu nennen,« das war natürlich die reinste Schauspielerei. Mama war auch empfindlich, und um sie zu versöhnen, nennt Franz nun unser Engelchen: »Olsch«. Du siehst, ich habe meine Not mit dem greulichen Menschen nach wie vor. Liebstes Kerlchen, ade! Inge schreit, Franz schimpft und ich verbleibe Deine treue Bümi.« Brief von Luttewete an Kerlchen. »Liebes! Ich meine, Du hättest sonst vernünftigere Briefe geschrieben, aus dem letzten wird man nicht recht klug. Ich soll Dir raten, ob Du nach Kraupischken reisen sollst? Wo liegt denn das? Kraupischken! Bleib zu Hause, Kerlchen! Ihr seid so schon die reinen Zigeunersch. Deine Luttewete.« Brief von Munke an Kerlchen. »Dummes Kerlchen! Jetzt in der Erntezeit reisen, wo's der Landmann so hilde wie nur möglich hat?! Bitte teile mir mit, wenn Ihr beide da in Mölln vollends überschnappt. Deine Dich innigliebende Munke.« »Kerlchen!« »Tante?« »Sind drei Flaschen Sekt nich en büschen viel für dich und mich?« »Warum fragst du, Tantchen?« »Dumme Deern! Als ob die Briefe von deinen naseweisen Cousinen nicht eine deutliche Sprache redeten!« »Meinst du Sektsprache, Tantchen? Prickelnde, süffige Sssss – –?« »Mich dünkt, Kerlchen, du wirst schon dun, wenn man bloß das Wort ausspricht, das gefällt mir nun gar nicht von dir!« »O Tantchen! Mein Väterchen trank ihn auch so brennend gern – –« »Na, denn is dat wat anneres. Denn büst du jo erblich belastet, mien Deern, un kannst da nix vör. Und nun geh in den Keller, weißt du, – rechts in dem verschlossenen Schränkchen –« »Oho, Tantchen, ich weiß schon, ich hab' da schon manchmal in stummer Andacht davor gestanden.« »Schämst du dich nicht, Kerlchen?« »Nein, Tantchen, warum?« »Frag' nicht so dumm und geh'!« »I wo, Tanting. Erst mußt du 'ne Postanweisung, oder noch besser 'n Geldbrief schreiben an dein Patenkind Lieschen und den beiden Landwirten auf die Beine helfen.« »Das kann ich auch nachher.« »Nein, Tantchen, jetzt . So was darf man nie verschieben, und wer weiß, ob du nach dem Sekt noch auf einem Bein stehen kannst.« »Was fällt dir ein, Deern? Da will ik uns schon 'n »P« vörschriwen. Meinst du, ich führ' 'ne Orgie mit dir auf?« »Liebes Tantchen, erst 's Geschäft und dann 's Vergnügen. Hier ist dein Schreibtisch, da die Tinte, da die Feder, und nun schreib' ordentlich 'n paar Nullen.« »Kerlchen, gib mir 'n Kuß! Bist doch 'ne ole gaude Deern!« »Na nu los! Ich gehe inzwischen in den kühlen Keller. Welche Marke soll ich holen?« »Ach, das werden sie auf der Post schon wissen!« »Tantchen, ich meine die Sektmarke!« »Mit dien olen Sekt. Da hätt' ik mi schön mang Marke un Marke verbiestern künn'.« »Na, was soll ich also holen?« »Oha, ich hab' allmeindag nur einen Champagner gehabt. De Franzosenkirl schickt em ümmer direkt ut Epernay.« »Echten, Tantchen? Du bist ein Engel! Aber trotzdem werde ich nicht leiden, daß wir beiden deutschen Mädchen noch ferner französischen Sekt trinken, ich bin dafür, daß wir deinen Bestand möglichst rasch austrinken, um noch rascher »deutschen« bestellen zu können.« »Oha, oha, Kerlchen, wat büst du vor 'n Patriotschen!« Nach einer halben Stunde stand Fräulein von Hartwig von ihrem Briefe auf. »Fertig!« rief sie tief aufseufzend. »Ungewennte Arbeit makt Quesen. Aber das Gör wird zufrieden mit mir sein. Und nun geh' ich noch selbst zur Post.« In der Tür traf sie mit Kerlchen zusammen. »Ich habe einstweilen drei geholt, Tantchen, Papa sagte immer, auf einem Bein steht kein Mensch.« »So? Auf dreien auch nicht!« »Hm! – Du kannst dich ganz auf mich verlassen, ich habe sie bis an die Gurgel in Eis gepackt, und bis du wiederkommst, hab' ich auch den Abendbrotstisch nett gedeckt.« »Und das verstehst du aus 'm ff, Kerlchen!« * »Prost, Tante Laura!« »Was machst du für 'n feierliches Gesicht, Deern?« »O Tanting, du sagst so oft, es fehle mir am nötigen Ernst, nun siehst du, bei »Moët Chaudon Epernay Sillery« bringe ich diesen Ernst immer mit und werde ihn bis zum Schlusse der Sitzung bewahren.« »Sitzung! Wie das klingt. Kerlchen! Wir werden uns doch nicht beim Champagner festsetzen, zwei einzelne Damen!« »Gerade weil wir einzeln sind, brauchen wir rechten Halt. Lehn' dich nur fest in den roten Sessel, Tantchen, es wird nötig.« »Kerlchen, hast du was 'neingetan in den Sekt, daß du besorgt bist?« »O das braucht man nicht, der wirkt von alleine.« »Trinkt man das Glas immer gleich leer, Kerlchen? Mich dünkt, du bist bewanderter drin, als ich, und mußt es wissen.« »Das halte, wie du willst! Ich selbst tue es nicht, weil man zu rasch knüll wird und dummes Zeug redet.« »Nun, das tust du auch so, und bei mir wirst du es nicht erleben, naseweise Deern, davor schützt mich mein Alter.« »O Tantchen, behaupte das nicht zu schroff! Aber du hast mich gefragt, und ich erlaube dir auszutrinken, wenigstens beim Kaisertoast.« »Kerlchen, warum willst du die Sache so feierlich machen, das greift an.« »Weil wir nicht alle Tage so 'n Stöffchen haben, also wer soll die Kaiserrede halten? Du bist die Ältere, Tantchen.« »Das weiß ich, Gelbschnabel, aber ich bin das Redenhalten nicht gewohnt – – warum lachst du dumme Deern?« »Ohhh! Ich lache ja gar nicht.« »Ich überlasse also dir – –« »Das Präsidium? Bon! Na, denn steh' mal auf, nimm die Hacken zusammen und leg' die Finger an die Hosennaht.« »Kerlchen!« »Doch, doch, da hilft nichts! Also: »Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser und Herr, er lebe! Hurra! Nun trink' aus, Tantchen, und nun singen wir: »Heil dir im Siegerkranz!« »Kerlchen, es geht mir durch und durch. Du bist 'ne Mordsdeern und hast den Teufel im Leib.« »I wo doch, das denkst du bloß! Übrigens klang das Lied nicht übel, du hast ja einen famosen Baß.« »Na, wenn das 'ne Schmeichelei sein soll – –« Trink', Tantchen! Und nun steigt das zweite Allgemeine: »Sind wir vereint zur guten Stunde.« – Bravo! Ein Schmollis den Sängern! Tante Laura, nun mußt du »Fiducit« schmettern.« »O Kerlchen!« »Los!« »Na denn – Fiducit!« »Schön!« In diesem Augenblicke öffnete ol Marie die Tür und meldete: »Frau Kriegsrat Karg.« Kerlchen machte ein unwilliges Gesicht, und über das Antlitz von Tante Laura schlug eine helle Röte. »Kerlchen, was machen wir nur? Was wird sie sagen?« »Nanu? Tante Laura, du wirst doch kein Bangbux sein? Du wirst doch noch in deinem eigenen Hause Sekt picheln können?« »Soll ich 'rein, oder soll ich nicht 'rein?« fragte draußen Frau Kriegsrat pikiert, und gleich darauf kläglich: »Ach die Sorgen, die Sorgen!« Ol Marie gab ihr einen gelinden Stoß nach vorne, und Kerlchen winkte ihr mit einem Gesicht, dessen Ausdruck in biederes Deutsch übersetzt ungefähr sagte: »Machen Sie gefälligst die Tür von außen zu.« Die Sorgenrätin blieb mit offenem Munde vor den beiden Zecherinnen stehen. »Wwwas machen Sie denn da, meine beste Hartwig?« fragte sie verblüfft. Tante Laura war sehr verlegen. »Ohhh – nichts weiter. Ich habe eine Wette an dieses kleine Mädchen verloren, und die bringen wir jetzt ins Reine.« »Wetten ist gottlos,« bemerkte die Kriegsrätin streng. »Ja, und deshalb schaffen wir's fort,« fiel Kerlchen rasch ein. »Trinken Sie mit, gnädige Frau? Wir haben pro Nase eine Flasche.« Die Kriegsrätin schüttelte den Kopf und machte ihr übliches Sorgengesicht. Sie liebte die Fröhlichkeit im allgemeinen und im besonderen nicht, denn da sie selbst zu jeder Zeit mit irgend einer selbstgeschaffenen Sorge behaftet war, sah sie auch andere lieber mit Falten auf der Stirn und mit trostbedürftigen Sorgenherzen. Auch tröstete sie gern, und wie Kerlchen behauptete, war sie im Grunde eine edle Seele, aber nur »im Grunde«, »ausgeschlachtet« und »gänzlich netto« . »Sekt macht quietschvergnügt,« lachte Kerlchen. »Das sehe ich,« bemerkte die Kriegsrätin trocken. »Liebe Hartwig, ich finde, Sie haben bereits heiße Wangen und blanke Augen.« »Wie auf der Knopfgabel geputzt,« fiel Kerlchen ein, »und wir sind erst bei der ersten Flasche.« »Was, Sie wollen noch mehr trinken,« fragte Frau Karg entsetzt. »Aber nur mit Ihrem Beistand, liebste Karg,« rief Tante Laura eifrig und verlegen, »hier setzen Sie sich an den Hauptplatz.« »Ich trete das Präsidium ab und übergebe es hiermit Frau Kriegsrätin Karg.« Kerlchen machte sein feierlichstes Gesicht. »Ach, reden Sie doch keinen Unsinn, Fräulein Felicitas.« Aber es klang nicht sehr böse, und die Sorgenrätin setzte sich, wenn auch halb widerwillig. Kerlchen hatte ihr einfach den Stuhl untergeschoben. »So 'n Zeugs hab' ich auch noch in meinem Keller,« meinte die Kriegsrätin, »ich rühr's aber nicht an, der Staub liegt dick auf den Flaschen. Mein seliger August trank gern einen guten Tropfen, aber ich hatte immer so 'ne Sorge, es könnte knallen – – –« »Und da haben Sie nie Champagner getrunken?« »Ach Gott, nein, bei uns zu Hause nie. Mein Seliger war so rührend, wenn er sich 'ne Flasche 'raufholte, erinnerte er mich immer beizeiten dran, daß es schrecklich knallen würde, dann brachte ich mich in Sicherheit.« »Wirklich sehr rührend,« sagte Kerlchen, und machte eine kleine Faust in Gedanken an den seligen Egoisten. »Na, aber bei uns knallt es nicht,« bemerkte Tante Laura, »kommen Sie her, liebe Karg, auf Ihr Wohl!« »Es prickelt,« sagte diese ängstlich. »Das gibt sich.« Die Kriegsrätin trank. Und dafür, daß sie Neuling in der Sache war, zeigte sie sich recht anstellig. Kerlchen schenkte ein und öffnete die zweite Flasche so kunstgerecht, ohne Knall und Stoffvergeudung, daß die alten Damen entzückt waren. »Sie müssen gleich morgen zu mir kommen, liebes Fräulein, und nach meinen Flaschen sehen.« »Bloß sehen?« »Hihihi, ach nein, ich meine auch so ohne Knall aufmachen, und trinken, o wie würde sich der selige Karg freuen, wenn er wüßte, daß ich meine Abneigung nach und nach überwinde.« Kerlchen zweifelte zwar an der Freude des Seligen, aber nicht an der Überwindung. Diese erfolgte wirklich »nach und nach«. Die Kriegsrätin trank und wurde ungeheuer fidel. »Stecken Sie mal die Zunge ins Sektglas,« rief das übermütige Kerlchen, und die Rätin befolgte den Rat, und stieß kleine entzückte Schreie aus. »Jetzt steigt das dritte Allgemeine,« ermunterte Kerlchen, »gnädige Frau, Sie vergessen Ihr Präsidium!« »Wwwas soll ich tun?« griente die Kriegsrätin. »Singen, singen, ein Lied anstimmen, z. B. »Mien Vadder is im Zuchthaus Mien Mudder hat stohlen Mien Bruder is a da Un mi werd'ns bald holen. Zum Holla de ria, holla de ra haha.« »Du bist ja aus 'ner noblen Familie, Kerlchen,« tadelte Tante Laura, »ich würde das nicht so in alle Winde schreien.« »Hier sind ja keine Winde, nur Wände,« kalauerte Kerlchen, und zeigte dann auf die Frau Kriegsrätin, welche sich erhoben hatte und auf ihren kurzen Beinchen ziemlich unsicher balancierte. Ihr Sektglas hielt sie in hoch erhobener Hand und schaute es selig an, während sie den Oberkörper hin und her wiegte. Endlich setzte sie mit krähender Stimme ein: »Vörn Deubel bün ik ni bang, Un ok ni vörn Prozeß, Vör Arbeit dohn un Bottermelksupp Jo, davör bün ik bang. Bün ik ok!« »Bün ik ok!!!« schmetterten Tante Laura und Kerlchen hinterdrein, stießen mit den Gläsern zusammen und tranken bis auf die Nagelprobe. »Kargen, was haben Sie für dolle Lieder,« meinte Tante Laura, »die hätt'« ich Ihnen gar nicht zugetraut.« »Ich weiß auch nicht, wie es mir so plötzlich ins Gedächtnis kommt. – – –« »Das macht der Sssssekt, der macht so heiter, Das Zeug das schmeckt, man pichelt weiter«, lachte Kerlchen, und die Kriegsrätin ließ sich wieder einschenken. »Es mag sein, daß dieser wwwwunderschöne Trank mmit dran schuld, daß mmir pppplötzlich diese Lllllieder in den Sinn kommen,« sprach sie dann sinnend, »denn ich war sonst immer ernst vvvveranlagt, – jawohl ich –wa–ar ernst ! schrie sie Kerlchen an, trotzdem dieses gar nicht widersprochen hätte. Dann trank sie wieder und fing an zu weinen. »Wenn ich an meine Jugend denke – –« »Denken Sie nicht dran, es ist ja schon so lange her,« tröstete Kerlchen. »Aber ich will dran denken,« fuhr die Kriegsrätin sie an, und weinte stärker, »ohhhh, es war eine erhebende Zeit! Ich war so ein schönes Mädchen – –« Kerlchen schreckte zusammen bei dieser kühnen Behauptung, und auch Tante Laura blickte aus schwimmenden Äuglein ungläubig auf die Erzählerin. »Bei allen Aufführungen und Festspielen mußte ich die erste Rolle spielen, – ich konnte es, denn ich hatte das größte Talent zur Deklamation. – Frau Kriegsrat stieg trotz ihrer Fülle und der kurzen Beinchen umständlich auf einen Stuhl und balancierte gefahrdrohend, während sie heftige Bewegungen mit den Armen machte. »Festgemauert in der Erden Steht die Form – – – Jedenfalls war ihre Deklamation nicht wörtlich zu nehmen, denn die Kriegsrätin purzelte sehr unsanft von ihrer Erhöhung und setzte sich so ungraziös wie möglich auf die Erde. – aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden! »O Himmel, Tantchen, sie ist totalitter dun,« rief Kerlchen erschrocken, »wir müssen sie ins Bett bringen.« Tante Laura weinte. Sie weinte über die ungewöhnliche Verfassung, in welcher die ehrwürdige Kriegsrätin sich befand und gleichzeitig über das Unbehagen, das sie selbst empfand. Frisch, Gesellen, seid zur Hand! ermunterte die Rätin mit erhobener Stimme, und Kerlchen und Tante Laura faßten die vergnügt Lächelnde unter die Arme, um sie in sichern Gewahrsam zu bringen. Das war aber gar nicht so leicht, und das Donnerwort der Kriegsrätin: Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß« erschien sehr angebracht. Ein erschwerender Umstand war auch der, daß die Dame Kerlchen immer an sich drücken wollte – »Soll das Werk den Meister loben?« jammerte sie mit einem unberechtigten Fragezeichen. Endlich, endlich lag sie in dem freundlichen Gastzimmer, und einige Ahnen derer von Hartwig schauten streng und mißbilligend auf das Opfer eines ungewohnten Genusses. Kerlchen wollte aus der Waschkanne etwas Wasser in seine hohle Hand gießen, um der Kriegsrätin die heiße Stirn liebevoll zu kühlen, kippte aber aus Versehen beinahe den ganzen Inhalt des Gefäßes über die Liegende, und mit den etwas erschreckt hervorgestoßenen Schlußworten: »Doch der Segen kommt von oben« legte sich Frau Kriegsrat Karg zurecht und schlief ein. Stumm standen sich die andern beiden gegenüber. »O Kerlchen,« stöhnte Fräulein von Hartwig, ich bleibe hier und lege mich in das andere Fremdenbett. »Aber Tanting,« rief Kerlchen vorwurfsvoll: »es ist noch 'was drin in der Flasche.« Statt aller Antwort warf sich Tante Laura mit großem Krach auf das Gastbett, was die Kriegsrätin aus ihrem Halbschlummer weckte und zu dem Ausspruch veranlaßte: »Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.« * Kerlchen schritt nachdenklich nach dem »Sektzimmer« zurück und fand hier zu ihrem höchsten Erstaunen »ol Marie« sitzen, und zwar gleichfalls mit verdächtig blanken Augen. »So 'n Düwelstüg,« rief sie Kerlchen verächtlich entgegen, »sonn elenden Kram kann jo noch mien Herrschaft in Ungelegenheiten bringen,« damit schenkte sie sich wieder ein, wobei die Hälfte aufs Tischtuch floß. »Oho oha, son öwerspöniges Getränk!« Und sie leckte und sog jeden Tropfen hastig auf, damit auch ja nichts verloren ging. »Ist noch was drin?« fragte Kerlchen. »'n büschen,« war die Antwort, »dat künnen Se utdrinken, Fräulein, äwer unten in Keller is noch mihr, – wull'n den Kram bi Sid schaffen, dat he nich noch veel Unheil stift'.« »Nein,« rief Kerlchen energisch, »Sie könnten mir auch noch dun werden, ol Marie, und wir bildeten dann ein Nachtlager von Granada.« »Ik dun?« schrie ol Marie. »So wat läßt sik mien Moder sien Dochter nich nachsagen, – dat will ik Se beweisen – –« Damit stand sie auf, setzte sich aber gleich wieder mit leisem Ächzen hin. »Sonn Düwelskram!« stöhnte sie. »Da muß wat inn sein, det lat ik mi nich afstriden, oha, oha, – Fräulein ik seh jo allens duwwelt.« »Wie können Sie denn auch in Ihren alten Tagen den schweren Wein nur so 'runtergießen!« tadelte Kerlchen streng, »Himmel, was machen Sie denn nun wieder?« Ol Marie war aufgestanden und wiegte ihren Körper hin und her, drehte sich auch ein paarmal und schwapp – bekam Kerlchen einen Kuß mitten ins Gesicht. Es wischte in höchster Entrüstung diese Liebkosung mit dem Ärmel ab. »Ol Marie, sind Sie übergeschnappt?« »Och ne, ik bün blot so candidel mit Eens, und wat ik danz, dat is ne Kegelquadrille mit Küssen, de heww ich in Tilsit liehrt, da oben in Ostpreußen, als ich mal mit mien Herrschaft en Johr lang dort wier.« Ol Marie drehte sich immer anmutiger und sang dazu in krächzenden Tönen: »Haste denn nich meinen Louis jesehn, Louis jesehn, Louis jesehn!« Kerlchen floh hinter einen Sessel, denn ol Marie küßte rechts und links verzückt in die Luft, bis sie sich atemlos auf einen Stuhl fallen ließ und in Tränen ausbrach. »He het mi sitten laten,« jammerte sie, »un he war doch son smucken Kirl, mien Julius von die ersten Dreiguner! Oha, oha, wie tut mich das mit Eins weh!« »Gehen Sie ins Bett,« gebot Kerlchen rauh, »warten Sie, ich bringe Sie hin.« Fest klammerte sich die alte, wacklige Person an das kräftige, junge Mädel, und unter Seufzen und Stöhnen wurde der Weg zu ol Maries Kemenate zurückgelegt, dazwischen ertönten Ermahnungen an Kerlchen, »nie nich einem Mannsbild zu trauen«. Ganz schachmatt kam dieses von seinem zweiten Samaritergang zurück und setzte sich nachdenklich auf einen der roten Sessel. Nachdenklich über die Vorgänge des Nachmittags, am meisten aber über den Rest Sekt, der immer noch in der Flasche steckte. Plötzlich sprang Kerlchen auf, huschte in ihr Zimmerchen, holte dort von einem Wandbörtchen ein altes Weinglas, das noch aus seiner Kinderzeit in Schwarzhausen stammte, Kerlchen hatte es immer so lieb gehabt. Langsam, fast andächtig goß es das Gläschen voll, sah mit leuchtenden Augen auf die aufsteigenden Perlchen und sagte laut und feierlich: »Fritz von Rumohr!« Und andächtig trank es auch Kerlchen bis auf die Nagelprobe leer, dann flog das Glas in kühnem Bogen zum Fenster hinaus in den dämmrigen Garten, wo es an einer Edeltanne zerschellte. * Früh 5 Uhr! Kerlchen hatte bereits einen erquickenden Morgenspaziergang hinter sich über Berg und Tal, niemand war ihm begegnet, es hatte einen Kranz aus Maßliebchen gewunden und war hinaufgeklettert zum Kirchlein, da hatte es ihn auf den Rasen gelegt, darunter Till Eulenspiegel ruhen sollte. »Mein alter Kamerad!« – das war seine Rede dazu gewesen – »gelt, du und ich, wir hätten fein zusammen gepaßt? Wir hätten als keuzfideles Ehepaar Schöppenstedt auf 'n Kopp gestellt! Gelt du? Warum bist du zu früh auf die Welt gekommen? Hättest warten sollen aufs Kerlchen!« Es eilte den Weg zurück und kam an der Villa von Frau Karg vorbei. Das alte Ehepaar, das der Kriegsrätin den Haushalt besorgte, war im Garten und harkte die breiten, wohlgepflegten Wege, Kerlchen rief ein fröhliches »Gutenmorgen« über das eiserne Gitter und mußte hell auflachen, als die beiden Alten strahlend herbeipurzelten, um das Gitter zu öffnen. Während die Tür schon auf war, gab der Mann seinem Weibchen noch einen kleinen, freundschaftlichen Stoß, nur um Kerlchen zuerst die Hand drücken zu können. Ihr seid ja so vergnügt, Christiansen, was ist denn los?« erkundigte sich Kerlchen. »Hi hi hi, – was nich angebunden is!« Der Alte kicherte und seine Frau wies ihn unwillig zurecht. »Dat is bitter unrecht, Fräulein, dat wi lachen, ik weet dat vun alleen, – oawer, oawer – Dat'smann, dat wi so äwer die Maßen vergnügt sin – –« »Das ist doch kein Unrecht, Frau Christiansen, – ich kenne Sie nur gar nicht so.« »Ne, ik mi ok ni. Oawer hüt – – Fräulein Fee – hüt is uns golden Hochtid!« »Euere goldene Hochzeit? Und davon weiß kein Mensch was? Habt Ihr es der Frau Kriegsrätin nicht gesagt?« »Um de Welt nich,« wehrten die beiden Alten erschrocken ab. »Seihn Se, Fräulein Fee, wenn wi de wat seggt hätten, denn hätt' se, wat se is, uns den Kram doch man ansurt mit ehre ewigen Sorgens. Nee, wi hebben keen Word seggt un schon sit gestern Nahmiddag hebben wi keen Süfzen und keen Sorgen hört un deshalb sin wi so vergnügt.« »Jo un dat is det Unrecht, Fräulein Fee!«, Frau Christiansen sagte es sehr kleinlaut, »denn, – denn wi hebben sit gestern gor nix mihr von de Sorgenrätin hört, – weten Se velleich, wo se stickt?« »Ihr seid mir ja ein nettes Paar,« rief Kerlchen halb lachend und halb entrüstet, »Ihr wißt nicht, wo Eure Herrin überhaupt ist und denn seid Ihr so mordsfidel? Freilich – die goldene Hochzeit – –« »Ni wohr, Fräulein, die feiert man doch man bloß eenmal! Un wie die Sorgenrätin gestern utgüng un allens so friedli in 't Hus wier, och, do hebben wi son stillen Abend hatt, und keen Minsch käm do mit siene Sorgen und sien Gestön dortwischen.« »Und Ihr habt keine Ahnung, wo die Frau Kriegsrätin sein könnte?« »Watt süll wi woll? Ik heww mi dacht, – am Ende is se mit ein Kirl heidi goahn!« »Schäm dir, Krischan!« fuhr seine Frau ihn an. »Mit 'n Kirl heidi goahn! Du hest ok immer Rupen in 'n Kopp. Ne, ik mak mi hüt Morrn all Gedanken nug äwer ehr Fortbliewen –« Frau Christiansen sah wirklich bekümmert aus, während er leichtsinnig brummelte: »Reisende Lüd schall man ni upholn.« Kerlchen drohte ihm mit dem Finger. »Na ich will Euch nur reinen Wein einschenken, Frau Kriegsrätin ist bei uns.« »Sit gestern?« »Seit gestern.« »Is ehr doch nix passeert?« Krischan wurde nun auch ängstlich. »Nnnnein,« erwiderte Kerlchen zögernd. »Nur dolle Kopfschmerzen bekam sie gestern, und wir hielten es für das beste, wenn sie sich einfach bei uns schlafen legte.« »Nanu ward't Dag!« rief Krischan. »Oha, oha, mi is en wohren Zentner runner folln«, bekannte die Alte, und Krischan setzte hinzu: »Wohr is dat. Dat wier mi doch gegen den Strich gahn, wenn de ol Gnädige nich wedderkamen wier, dat wer vorhin man 'n dummen Snack Fräulein.« »Nun denn will ich sie von Euch grüßen, Krischan Christiansen, und auch von Ihnen, Stina. Und 'ne goldene Hochzeit sollt Ihr auch noch haben!« Die beiden Alten sahen dem Kerlchen gerührt nach. »Wie 's mit unsereins snakt, – as wier's man ok nur 'ne Deinstdeern, 's is würkli en nüdlichen, gemeinen, niederträchtigen Katteiker!« Kerlchen rannte heim. Es freute sich, der Kriegsrätin die Nachricht von der goldenen Hochzeit in ihrem Hause zu geben und der etwas sehr auf ihrem Geldsack Brütenden einige goldene Eier für den Lebensabend der beiden Alten herauszulocken. Es freute sich, Tante Laura Gutenmorgen zuzurufen und vom gestrigen fidelen Abend zu plaudern, ans fröhliche Ende einen fröhlichen Anfang zu knüpfen, und es freute sich auch auf eine gute heiße Tasse Kaffee nebst schwarzem holsteinischem Brot und weißer, köstlicher holsteiner Butter. Ol Marie stand immer schon ganz früh auf und würde das Labsal sicher schon bereit halten. Aber das Haus lag still und wie ausgestorben da. In der hellen, hohen Küche, in die man vom Vorgarten aus hinunter- und hineinschauen konnte, war ol Marie nicht zu sehen, der Brotbeutel hing gefüllt an der Türklinke, und ein paar versprengte Milchtropfen zeigten, daß der Milchbub dagewesen war, und vergeblich Einlaß begehrt hatte. Kerlchen schüttelte den Kopf und schloß die Tür auf. Es durchsuchte die Räume im Erdgeschoß, alles lag und stand, wie am Tage vorher, nichts deutete darauf hin, daß schon irgendwie eine ordnende Hand eingegriffen hätte. Auch der »Stiefelwichsjunge«, der sonst um diese Zeit seine Tätigkeit begann und ein begeisterter Verehrer Kerlchens oder vielmehr ihrer ganz besonders kleinen Stiefel war, glänzte durch Abwesenheit. Aber als Kerlchen das Küchenfenster öffnete, fiel ihr ein Stück Papier entgegen, auf dem in riesigen Krakelfüßen stand: »Wahr da niehmant aufgemagt. Jens Jensen.« »Holla Wirtschaft!« rief Kerlchen durch das hallende Vestibül der Villa und dann stieg es zu ol Maries Kemenate empor. Ein dumpfes Stöhnen ertönte aus ihr. »Ol Marie, was ist los?« »Ik bliw dod!« »Warum denn? »Ohhhh, de Koppweihdag! Un de ganze Stuw dreiht sik rundüm!« »Das ist der Sekt, ol Marie, ich hab' dir das gleich gesagt.« »Nee, den hab ik all lang nich miehr bi mi, dor liggt he.« Kerlchen schauderte etwas. Soll ich dir schnell Kaffee kochen, ol Marie?« »Oha – man bloß ni! Wenn ik man wat Sueres har, 'n Hering, oder 'n Pott Senfgurken, – ohhh Fräulein Felicitas, ik bliw dod!« Kerlchen lief wie der Sturmwind die Treppe hinunter, holte einen Eimer mit Wasser, einen »Feudel und Leuwagen« und brachte erst mal die Kemenate in einen menschenwürdigen Zustand, dann öffnete sie beide Fenster und stellte außerdem mit Hilfe von Johann Maria Farina eine bessere Luft her. »Oha, wat for 'n wunnerschönen Rükelsch hebbt Se dor!« stöhnte ol Marie. »Achott ik bliw dod. Das verdein ik jo gorni, dat Se mi ok noch Rükelsch spendeern! Oha! Ne, ik will ok starben, denn in dit Huus kann ik doch ni bliewen, de Gnedige ward mi rutsmiten, – gestern besapen un hüt up 'n Dod! Oha, oha! Wenn ik doch bloß wet Sueres harr!« Kerlchen lief hinunter zur Speisekammer und füllte in eine Glasschüssel appetitliche Senfgurken, die sie der »Kranken« hinaufbrachte. Ol Marie richtete sich stöhnend auf und fiel gierig über die Schüssel her, während Kerlchen noch liebevoll ein nasses Tuch um die schmerzende Stirn wand. Als es dann wieder in die Küche kam, um für die Damen und für sich selbst Kaffee zu kochen, fand es Jens Jensen vor, er »kremte« gerade liebevoll Kerlchens Chevreaustiefelchen ein. Zu einem »Gutenmorgen« schwang er sich nicht auf. »Hier is woll hüt de Deubel los?« fragte er. »Weshalb?« »Na, ik kunn ni rin in de Filla, un de Jung mit de Melk kunn ok ni rin, un ol Marie is ni dor, un Se sün ok ni dor, un keen Kaffee is kokt, un ik heww mi en beten von gestern upwarmt, äwer dat smeckt ni nah em un ni nah ehr .« »Ol Marie ist krank, sagte Kerlchen ernst. »Ol Marie is en Drach,« war die ruhige Antwort, »un Drachens sün nie krank, de holt Düwel so in de Nach un achter em bliew en dullen Gestank.« Kerlchen dachte an ol Maries Kemenate und seufzte. »Du bist ein Strolch, Jens Jensen, ol Marie hat dir schon viel Gutes getan. Wenn der Kaffee fertig ist, kannst du ihr eine Tasse hinaufbringen.« Kerlchen hantierte nun geschäftig umher; es war der veränderten Situation vollständig gewachsen, wußte, wo alles lag und stand, und nachdem es für ol Marie liebevoll gesorgt und Jens Jensen eingeschärft hatte, sachte die Treppe zu ersteigen und den Kaffee nicht zu verschütten, ordnete es zierlich das gute Geschirr für den Herrschaftstisch, um diesen zu decken und dann die Damen damit zu überraschen. Als es zum Fremdenzimmer hinaufstieg, um zu wecken, lächelte Kerlchen doch ein wenig, Tante Laura war zu andern Zeiten Frühaufsteherin und pflegte recht spöttisch über Langschläfer zu urteilen. Heute schien der »Sssssekt, der so heiter macht«, ihr einen recht gesegneten Schlaf verliehen zu haben. Leise klopfte Kerlchen an und lauschte, um gleich darauf erschrocken die Tür zu öffnen. Verblüfft blieb es auf der Schwelle stehen. Tante Laura saß aufrecht im Bett, den augenscheinlich stark schmerzenden Kopf mit einem nassen Handtuch umwickelt, was ihr bei ihrem männlich-energischen Gesicht das Aussehen eines verwundeten Kriegers verlieh. Vor sich auf der Bettdecke hatte sie einen dicken Band »Moderne Kunst« liegen, auf diesem ein großes Stück Papier, welches sie unter Ächzen und Stöhnen mit einem Bleistift beschrieb, während Frau Kriegsrätin diktierte. Diese lag wie ein rechtes Häuflein Unglück im Bett, blaß, hohläugig, mit tränennassen Blicken. »Zehntausend Mark zur Belohnung ihrer langjährigen, treuen Dienste,« hörte Kerlchen sie gerade sagen, als es hereintrat. »Regen Sie sich nicht so furchtbar auf, beste Karg,« wandte sich Tante Laura an die Sorgenrätin, und erneuerte den Umschlag für ihren eigenen Kopf. »Reden Sie keinen Unsinn, liebe Hartwig,« wimmerte Frau Karg. »Wenn der Tod an unserm Lager steht, ist es Zeit, reinen Tisch zu machen, ich will nicht, daß unter meinen Erben Kuddelmuddel entsteht. Oha, mein Kopf, mein Kopf!« »Tritt näher, mien Deern!« rief Tante Laura mit verlöschender Stimme, während sie kreideweiß wurde von all der Anstrengung und den Schmerzen dazu, »du kommst zu ernster Stunde!« »Aber was ist denn nur geschehen?« fragte Kerlchen ängstlich, und beugte sich besorgt über das blasse Gesicht des alten Fräuleins. »Es muß 'ne Vergiftung sein,« stöhnte diese, – »o die Nacht, die Nacht! Wenn ich nur wüßte, was ich gestern Abend Schweres gegessen habe – um die Welt kann ich mich nicht besinnen – – jedenfalls mußt du zum Doktor schicken, Kerlchen.« »O Tantchen, sollte es nicht bloß der Sekt sein? Ich hab' noch mit ol Marie den Rest ausgepichelt und sie liegt grad so da wie ihr.« Zwei strafende Blicke trafen Kerlchen und zwei Hände winkten abwehrend, zum energischen Protest waren beide Damen zu schwach. »Darf ich Kaffee heraufbringen,« fragte Kerlchen rasch. »Um Gottes Willen, sprich das Wort nicht aus,« stöhnte Tante Laura, »es fängt sich sofort alles rundum zu drehen, – o liebste Karg, wenn es nicht frevelhaft klingt, so am frühen Morgen – o – ein Hering – o, liebste Karg – Kerlchen – –« »Mir auch!« hauchte die Kriegsrätin, »Kerlchen – hören Sie – einen Hering, einen Doktor – und einen Notar – –« »Ich hole alles!« rief Kerlchen, »die ol Marie hat dieselbe Vergiftung und sitzt vor 'n Topp mit Senfgurken.« Seine frische, laute Stimme ließ die beiden Kranken schmerzhaft zusammenzucken, sie winkten Kerlchen, rasch das Lokal zu verlassen, aber es hörte doch noch den Seufzer der Kriegsrätin: »Senfgurken, ach ja Senfgurken!« * Unten in der Küche pfiff Jens Jensen ein Liedchen und wichste dazu. »Jüst so, as ik dat seggt harr,« rief er Kerlchen entgegen, »de Düwel hett ol Marie afholen wolln düsse Nach, – sien Visitenkart liggt äwerall rüm.« »Schäm' dich, Jens! Mach' keine dummen Redensarten, sondern lauf' fix zu. Du mußt den Doktor holen.« »Den Viehdoktor?« »Dummes Zeug!« »Ik meen man! Wenn en Drach' krank is –« Kerlchen faßte ihn bei den Schultern und beförderte den Jungen energisch an die frische Luft, während er von einem Ohr bis zum andern griente. Kerlchen hätte ihm eine Ohrfeige geben können, und er würde auch nur gegrient haben; Leute mit so kleinen Füßchen wie Fräulein Fe liztas (Jens Jensen legte den Druck auf die erste Silbe) durften sich schon viel herausnehmen. * »'n Tag, Fräulein Kerlchen!« »Gott sei Dank! Herr Doktor!« »Na, ist's denn so schlimm?« »Ich weiß es nicht.« »Wer ist denn der Patient? Ol Marie oder die Gnädige?« »Alle drei!« »So? Seit wann zählt denn eins doppelt?« »Die Kriegsrätin ist auch da – – liegt oben bei Tante.« »Ja, was ist denn passiert?« Der Doktor sah sehr ernst aus und stieg brummend und kopfschüttelnd neben Kerlchen zum Fremdenzimmer hinauf. Als sie an ol Maries Tür vorbeikamen, blieb er stehen und klinkte sie auf. Die Alte begrüßte ihn kleinlaut. »Ich probier' schon das Aufstehn, Herr Doktor, oha, oha, de Gurken sünd all, oawer de Koffee – – igittigitt!« Ol Marie wollte aufstehen, sank aber zurück, während kalter Schweiß auf ihre Stirn trat. Der Doktor faßte ihren Puls. »Zeigen Sie mal die Zunge. Hm, sieht schlecht aus, Magen verkorkst, was? Sie sind doch die Jüngste nicht mehr, gewiß mal wieder in Erbsen und fettem Speck gewüstet? He?« Die Erinnerung an fetten Speck schien alles bei ol Marie rebellisch zu machen. »Na, erlauben Sie mal,« wehrte der Doktor ab, »legen Sie's einstweilen dahin – – so – und nun raus mit der Sprache.« Ol Marie erholte sich und beichtete kurz und inhaltsvoll: »Sekt!« »Waaaas?« »Ja, so is dat, Herr Doktor!« »Wann?« »Gestern Abend!« »Wieviel?« »Na, so 'n Stückener drei!« »Flaschen?« »O Herr Doktor, nee, – man Gläser.« »Is auch grad genug, Sie dumme Person! Sie waren also dun und hab'n jetzt 'n gehörigen Kater, 'n Brand kriegen Sie auch noch!« Ol Marie fing an zu weinen. »Na, nu schlafen Sie man,« setzte der Doktor begütigend hinzu, während Kerlchen mitleidig ein nasses Tuch auf die Stirne legte. »Oha, Herr Doktor, muß ik denn to Bett bliwen?« »Na vorläufig gewiß, – Sie können ja doch auf keinem Beine stehen!« Ol Marie schluchzte heftiger. »Oha, wer mi dat in mien Jugend segg har! Herr Doktor, vorn lütten »Brand« fürcht' ik mi ni, ik bün jo versichert, äwwer – um Gotteswillen schaffen Se mi den »Kater« von Liew.« Der Doktor lachte gefühllos und ging. »Es ist wirklich dumm,« sagte er draußen zu Kerlchen, daß ol Marie gerade jetzt solche Streiche machen muß, wo die Gnädige auch krank ist. Wie konnten Sie aber dem alten Mädchen auch Sekt geben?« »Es war eine Wette – und – und – –« »Worüber klagt Fräulein von Hartwig?« »Herr Doktor – ich glaube – sehen Sie – es ist wohl dasselbe wie bei ol Marie – wir waren so vergnügt gestern, und die Kriegsrätin kam auch und – die mußte zuerst ins Bett gebracht werden und heute hat sie ihr Testament gemacht.« Der Doktor war überwältigt. Er setzte sich auf die Treppe und lachte Tränen, Kerlchen half ihm ehrlich dabei, nur durften beide nicht laut werden, weil sie dicht vor Tante Lauras Zimmer standen. »Ein regulärer Katzenjammer! Und Sie sind dran schuld, Sie Teufelskerlchen, ich seh's an Ihren Schelmenaugen. Und wie steht's mit Ihnen? Sie haben doch sicher 'n gehörigen Stiebel zusammengepichelt.« »Es geht für 'n Schaltjahr,« lachte Kerlchen, »ach, ich trink' ihn ja zu gern, Sie auch Herr Doktor? »Hm! Wir wollen jetzt zu den beiden Patienten.« – Die beiden Damen sahen den Eintretenden mit hilfeflehenden Blicken entgegen, der Arzt schritt von einem Bett zum andern, untersuchte eingehend und sprach dann ruhig: »Akute Alkoholvergiftung!« Mit einem Schrei fuhr die Kriegsrätin in die Höhe, um sich wimmernd sogleich wieder niederzulegen. »Müssen wir sterben, Herr Doktor?« »Nein, meine Verehrteste, nur das nächste Mal vorsichtiger sein, wenn Wetten ausgetragen werden. Für jetzt ist's das beste, wenn Sie Hundehaare auflegen.« »Ach Gott, mein armer Dackel,« schrie die Rätin auf. »O die Sorgen, die Sorgen!« »Ihrem Dackel geschieht nichts,« beruhigte der Doktor, »aber wie steht's mit 'm Glas Sekt, recht eisgekühlt und 'nem büschen Kaviar, damit der Appetit sich regt?« Schwache, abwehrende Handbewegung. »Schlafen, Herr Doktor, – schlafen!« »Das ist denn auch das beste! Ich spreche heute nachmittag noch mal vor. Einen Notar brauchen Sie nicht, Frau Kriegsrat, Sie werden noch manches Püllchen fröhlich austrinken, aber nur unter meinem Beistand. Praesente medico nihil nocet – »dem Arzte schaden keine Präsente.« Ich empfehle mich.« * Die beiden Zurückbleibenden legten sich mit einem Seufzer der Erleichterung tiefer in ihre Kissen. »Na, liebe Hartwig, für diesmal war's noch nichts!« meinte die Kriegsrätin mit einem ganz leisen Anflug von Humor in der Stimme, »aber dieses Testament bleibt doch bestehen.« »Recht so, liebe Karg!« – O mein Kopf! Mir tut's nur leid, daß wir beiden Alten, wir sprichwörtlich widerstandsfähigen Frauenzimmer wegen dem bißchen Kopfweh unsern Doktor hergejagt haben, – er war schon über Land und ganz erschöpft, – in Feddernhausen ist Scharlachepidemie.« »Der Ärmste! Wir müssen ihn ordentlich entschädigen. Was sagte er da zuletzt von Präsenten?« »Ach, das war 'n Schnack von ihm, uzen wollt' er uns. Der und Präsente nehmen, da kennen wir ihn doch. Der schreibt seine Liquidation, und rundet man sie nach oben gehörig ab, dann hat den Überschuß schon am nächsten Tag das Kinderkrankenhaus. Aber 'n Frühstück soll er haben, muß er haben, – o mein Kopf!« Fräulein von Hartwig läutete Sturm, und da Kerlchen den Klang der Glocke nicht hörte, erschien Jens Jensen in der Türöffnung. Frau Kriegsrätin Karg zog die Decke bis an die Nasenspitze hoch: »Seit wann haben Sie männliche Bedienung in Ihren Zimmern, liebste Hartwig,« fragte sie kläglich. »En Mann? En dummen Jung is he, un ik weet ni, wo der Deubel den Schapskopp herkarrt. Wo is ol Marie? O mein Kopf!« »Dat seggt ol Marie ok! De liggt in ehr Kammer und streckt alle viere.« »Um Gott – was fehlt ihr?« »Fehlen deiht ehr nix, se hett 'n beten toveel.« Jens Jensen machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung. »Se hett en lütten Mallör gehatt gestern Abend.« Die beiden alten Damen wurden rot. »Wo ist Fräulein Felicitas?« »Die macht en Frühstück vorn Herrn Doktor, der fiel nur so in 'n Lehnstuhl rein, ganz mör war he vun sin Landreis'.« »Sag' dem Fräulein, sie sollt Wein hinsetzen, von jeder Sorte, was sie will.« »Hat ihm schon, – Fräulein Fee denkt an allens, se wär ok de Eenzigst, de nicht besapen wier.« »Mach' daß du rauskommst, Jens Jensen.« * Doktor Kramer und Kerlchen saßen im traulichen Eßzimmer, Kerlchen bereitete schnell und geschickt appetitliche Brötchen, und der Doktor sah ihm mit unverkennbarem Wohlgefallen zu. »So ein Hausmütterchen sind Sie,« fragte er behaglich, »ich glaubte, Sie wären mehr so ein kleines Verwöhntes mit Prinzessinnennatur.« »Das wäre schlimm, Herr Doktor. Tüchtig muß ich noch lernen, um einmal ganz auf eigenen Füßen stehen zu können. Ich bin ja ein heimatloses – –« Kerlchen bekam verräterisch blanke Augen. »Donnerwetter!« fuhr der Doktor auf. »Heimatlos! Wie Sie so etwas sagen können! Fräulein von Hartwig liebt Sie wie ihr eigen Kind, von uns andern Möllnern will ich schon gar nicht reden, – na und ich will zehn gegen eins wetten, der erste junge Mann, der Sie hier sieht, packt Sie gleich auf und nimmt Sie mit.« »Phhhh! Er soll's nur probieren!« »Fräulein Kerlchen, – – ich – ich kann ja leider nicht den Wahrheitsbeweis selbst antreten, – ich könnte ja Ihr Vater sein –« Kerlchen lachte fröhlich. »Gott sei dank, ja, Sie lieber, alter Herr Doktor! Und nun bin ich fertig, und Sie müssen tüchtig essen und diesen alten herrlichen Rotwein probieren und dann – –« »Kerlchen, Kerlchen, was haben Sie mit mir vor?« »Gar nichts Schlimmes, Herr Doktor. Aber da ist noch 'ne Flasche gestern übrig geblieben, und warum soll ich sie erst wieder in den Keller zurückbringen, – sie hat die ganze Nacht in Eis gelegen, – köstlich!« »Na, hab' ich nun nicht recht mit der Prinzessinnatur? Ich sah's Ihnen ja an der Nasenspitze an, Fräulein Kerlchen, daß Sie Kaviar lieber essen als Kohlrüben. Aber – was wird Fräulein von Hartwig sagen, wenn wir in ihrem Sektkeller herumwüsten?« Jens Jensen steckte den Kopf zur Tür herein: »De Gnädige läßt sagen, Fräulein Feliztas möcht' allens orrnlich besorchn mit das Frühstück, un von jede Sorte Win schall upn Disch kamen.« »Sehen Sie, Herr Doktor?« triumphierte Kerlchen. »Und sollen jo nich vergeten, in de Küche ok 'n Glas hentosetten,« schloß Jens Jensen diplomatisch. »Na, das hat Fräulein von Hartwig sicher nicht gesagt, – du hast eine blühende Phantasie – –« Aber Jens war schon fort. »Der wächst sich auch zum Original aus,« lachte der Doktor, »und was er Ihnen für Augen macht – –« »So 'n dummer Bengel! Ich muß ihn wirklich nächstens mal durchhauen.« »Allerdings ein probates Mittel gegen Verliebtheit, aber bei allen werden Sie's doch nicht anwenden können, oder machen Sie's auch so, wie gewöhnlich die Siebzehnjährigen, die da sagen: »Ich heirate nie!« Kerlchen antwortete nicht, der Sektpfropfen wollte und wollte nicht herauskommen, ein Sektbrecher war auch nicht da, ein alter Büchsenöffner vertrat seine Stelle, was Wunder, daß Kerlchen so rot wurde – vor Anstrengung. »Na, krieg' ich keine Antwort?« »Knall« sagte der Korken und sprang bis an die Decke, aber edles Naß floß nicht vorbei, Kerlchen war flink und geschickt. »Prost, Herr Doktor!« »Prost Kerlchen! Es ist fabelhaft gemütlich bei Ihnen, und es sieht sich famos zu, wenn Sie sich so als kleiner, geschickter Sektbrecher anstellen. Aber erst meine Antwort. Nee, nee, nicht weggucken und nicht ärgerlich aussehen. Ich möcht' gar zu gern Ihr Glaubensbekenntnis hören, Sie sehen mir doch gar nicht so aus, als würden Sie den ersten Besten nehmen!« »Den Ersten nicht, – aber den Besten!« rief Kerlchen unerschrocken und errötete so lieblich unter den forschenden Blicken des alten Herrn, daß dieser ganz begeistert sein Glas bis zur Neige leer trank und feierlich ausrief: »Dem Besten!!!« Kerlchen tat ihm Bescheid, wich aber seinen weiteren Fragen sehr geschickt aus, und als er nach dem vierten Glas schmunzelnd sagte: »Wissen Sie, Kerlchen, – so furchtbar alt bin ich eigentlich gar nicht für Sie, – knapp neunundfünfzig –,« da lachte das Mädel so hell, fröhlich und anhaltend, daß der Doktor mit einstimmen mußte, zuerst noch etwas ärgerlich, aber dann ganz laut und vergnügt. »Teufelskerlchen! Wetterhexe!« Es ging schon stark auf Mittag zu, als Doktor Cramer Abschied nahm, sehr wortreich und umständlich. Kerlchen hielt es für ratsam, seinen Arm zu nehmen und ihn die steinerne Treppe hinabzuführen, die in den Garten und von dort zur Straße mündete. Dabei mußte es sich ordentlich in acht nehmen, daß der dicke Stock mit dem silbernen Knopf, mit dem der Doktor auslegte, als sei er auf einer Säbelmensur, es nicht traf. »Stoßt an! Jena soll leben! Hurra hoch!« »Stoßt an! Jena soll leben! Hurra hoch!« »Ruhe!« schrie der alte Stadtdiener Jürgensen, der gerade um die Ecke bog und vor überwachsenden Sträuchern des Hartwigschen Gartens den kraftvoll Singenden noch nicht entdecken konnte. »Dat 's gewiß wedder mal de Lausejung, de Jens Jensen. Ik will di wat, du Näswater!« Schwapp, prallte sein Bäuchlein gegen das des Herrn Doktor Cramer. »Die Philister sind uns gewogen zumeist, sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt,« sang dieser, und der Amtsdiener machte einen tiefen Bückling und murmelte: »O Herr Doktor, ik mein ok man!« »Stoßt an, Freiheit soll leben! Hurra hoch!« »Stoßt an, Freiheit soll leben – – – »Was uns' Doktor blot hett!« meinte der Amtsdiener zum Bäcker Hansohm, der vor seine Haustüre getreten war. »Wat he hett? En lütten Hoarbuß hett he uns' Doktor! Awer dat makt nix, he steit sienen Mann in slimme Tiden, uns' Herr Doktor!« Der Doktor war an sein Haus gekommen und wurde hier von seiner Wirtschafterin empfangen, der Gesang von der »Freiheit« schnappte urplötzlich ab – – – – – – * Kerlchen ging in die Küche. Jens Jensen leckte eben mit behaglich schmatzender Zunge seine Sektschale aus und hatte heiße Ohren. »Ich werde noch mal was Großes!« vertraute er Kerlchen ohne weitere Einleitung an. »Der Bäcker-Carl von nebenan sagt, heutzutage könnte jeder was Großes werden, der das Zeug dazu hatte, – ja – und ich hätte es dazu, – ja, und ich werd' hier auskneifen und nach dem Ausland gehen, und wenn ich dann wieder komme – – o Fräulein Fe liztas – – dann – – dann – –« »Du kriegst nie wieder Sekt von mir!« war Kerlchens verblüffende Antwort, und damit ging es hinaus und schlug Jens Jensen die Tür vor der Nase zu. Der Nachmittag fand die beiden alten Damen schon wieder ganz mobil, das heißt, man sah ihnen den überstandenen Feldzug doch an. Auch ol Marie hatte sich vom Bette erhoben und saß nun wie ein rechtes Häufchen Unglück in der Küche, gepeinigt und gefoltert von den Spottreden Jens Jensens, die sehr spitz und deutlich ihr Ohr trafen. Freilich kribbelte und zuckte es ihr in allen Fingern, und Jens, der sich ein »nattes Joahr« vermuten konnte, hielt sich auch in angemessener Ferne. Unnötige Sorge. Ol Marie war viel zu schwach, den großen Bengel hinauszuwerfen. Nachdem er ihr noch eine gräßliche Geschichte von einer Familie erzählt, die durch Trunksucht fürchterliche Dinge begangen und schließlich im Zuchthaus geendet hatte, empfahl sich Jens unter ohrbetäubenden »Miauen« und ließ ol Marie so ziemlich als Wrack zurück. Kerlchen saß zwischen Tante Laura und der Kriegsrätin und erzählte diesen von Krischans und Stinas goldener Hochzeit. »Und davon hab' ich nichts geahnt!« jammerte Frau Karg, »habe nichts vorbereitet, nicht die kleinste Überraschung, o die Sorgen, die Sorgen!« »Das mach' ich alles! Himmel noch mal!« rief Kerlchen begeistert. »Ich lauf' jetzt fix zum Herrn Pfarrer und erzähl' es ihm, er geht gewiß gleich hinüber, – wir kommen auch, ich schmücke alles ein bißchen aus Ihrem Garten, gnädige Frau, und der Pfarrer segnet das Paar ein. O es wird herrlich! Und dann trinken wir Sekt!« »Kerrrrrlchen!« Ein entsetzter Ruf aus zwei Kehlen zugleich. »Ja was denn?« »Keinen Tropfen!« tönte es schwach von den Lippen der Kriegsrätin, und Fräulein von Hartwig stöhnte gleichfalls: »Keinen Tropfen!« »Na, Ihr braucht auch nicht,« war Kerlchens gnädige Antwort, »ich will Euch nicht quälen. Aber wenn schon bei 'ner lumpigen ersten Hochzeit Sekt in Strömen getrunken wird, dann doch bei der goldenen erst recht. Ich würde dem Jubelpaar ja nie wieder unter die Augen treten können, nach so 'ner Versäumnis.« »Na denn sorg' nur mien Deern, dat dien Gewissen ümmer so geweckt is,« entgegnete Tante Laura trocken. Aber sie mußte doch »alle Achtung« sagen, als man gegen Abend in dem festlich geschmückten Salon der Kriegsrätin stand. Blumen und frisches Grün, wohin man nur sah, einen weißgedeckten Tisch mit einer Torte darauf, »öllerhaft wie das Jubelpaar selbst,« behauptete Kerlchen, denn die Torte war ein Ladenhüter und Schaustück des Möllner Konditors. Die beiden Jubilare waren ganz überwältigt, als sie vor den lichtergeschmückten Tisch traten und der Herr Pfarrer im Talar sie mit warmem Händedruck begrüßte, als Fräulein von Hartwig der Greisin ein goldenes Kreuzchen um den welken Hals hing und dem Alten ein Paar dicke Fausthandschuhe aufnötigte, bei deren bloßem Anblick einem der Schweiß ausbrechen konnte. Kerlchen hatte ein »Neues Testament« mit großem Druck erstanden, und als die beiden Alten das Buch der Bücher aufschlugen und dabei so engumschlungen standen, gaben sie ein ganz eigenartig schönes Bild, und der Pfarrer schaute über ihre Schulter hinweg auch in die Bibel und holte sich als Text den Spruch, auf den zufällig der zitternde Finger des Greises deutete und redete darüber frisch und verheißend aus dem Stegreif: »Siehe, ich bin bei Euch bis an das Ende der Welt.« Ol Marie saß mit einem »Blumenstrutz« bewaffnet in der Nähe des alten Paares und – die Wahrheit muß an den Tag – sie dachte wenig an die schönen Worte des geistlichen Herrn; ihre Gedanken gingen in Ostpreußen spazieren und hefteten sich in bitterm Groll an den treulosen »Dreiguner«, der sie damals sitzen ließ, und mit dem sie doch heute so schön hätte goldene Hochzeit feiern können. Auch Frau Kriegsrat Karg war nicht ganz bei der Sache, die »Sorgen« schlugen ihr über den Kopf. »Keine Überraschung, kein angemessenes Geschenk, nichts, nichts und sie stehen doch bei mir in Lohn und Brot, – – was werden die Möllner sagen!« Und die voraussichtlich schlechte Meinung ihrer Mitbürger über diesen Fall überwältigte sie dermaßen, daß sie noch vor dem »Amen« die Tür aufriß und in den Garten stürzte. Der Pfarrer hielt einen Augenblick inne und bedeutete Kerlchen mit den Augen, der Hinausgegangenen zu folgen. Die Kriegsrätin saß in der Klematislaube, hatte die Arme auf den steinernen Tisch und den Kopf auf die Arme gelegt und weinte herzbrechend. »Sie sieht aus, als stellte sie ein lebendes Bild zur Kyffhäusersage« dachte Kerlchen und ärgerte sich über sich selbst, daß es immer »was Dummes« denken mußte auch in den ernstesten Situationen. Die Kriegsrätin sah auf. »Kerlchen, ich überwind' es nicht,« sagte sie jammernd, »der heutige Tag ist ein Schlag für mich, man wird mich als ungetreuen Haushalter verschreien, und ich weiß nicht, wie ich mich mit leeren Händen verhalten soll, wenn der Herr Pastor mit seiner Rede fertig ist.« »Aber Sie brauchen doch nicht mit leeren Händen zu kommen,« rief Kerlchen, »ich sehe das gar nicht ein.« »Nein, nein, ich weiß schon, was Sie meinen. Kerlchen, aber das widerstrebt mir, so nebenher zum Juwelier zu laufen und in größter Eile ein paar silberne Löffel oder so was auszusuchen, das sieht nach gar nichts aus.« »Das tut es auch nicht, gnädige Frau, und Sie sollen das auch nicht. Aber ich – ich wüßt' schon, was ich tät –« Die Kriegsrätin sah etwas bedenklich zu ihrem Ratgeber hin, sie schien kein rechtes Vertrauen zu Kerlchens Ideen zu haben. »Sie haben doch heute Ihr Testament gemacht, gnädige Frau,« fing Kerlchen eindringlich an, aber die Sorgenrätin fuhr mit zornigen Augen von ihrem Sitze auf: »Das geht keinen Menschen etwas an,« rief sie heiß und rot im Gesicht, »und ich bin jetzt auch wieder ganz mobil, seit die Krankheit – hm – die Vergiftung aus dem Körper heraus ist, – ich kann noch lange leben, sehr lange, länger als die, die etwa auf meinen Tod lauern.« »Aber das tut doch niemand, gnädige Frau, und ich will Ihnen doch nur helfen, aus Ihren Sorgen herauszukommen und Gutes zu schaffen. Ihr Testament – – –« »Es war kein Testament, es war nur 'n Entwurf!« »Nun gut! Ihr Testamentsentwurf bestimmte für die beiden alten Leutchen 10 000 Mark für treugeleistete Dienste. O das ist ganz herrlich von Ihnen, gnädige Frau! Aber weshalb wollen Sie das nicht heute schon schenken an diesem schönen Ehrentage? Ich würde gar nicht erst warten, bis die Menschen wirklich auf meinen Tod lauerten, ich würde lieber Alles mit warmer Hand fortgeben –.« Und Kerlchen setzte sich nieder und machte ein Gesicht, als hätte es über Millionen zu verfügen. Die Kriegsrätin sah eine ganze Weile starr vor sich hin, während ihre Hände nervös über die Falten ihres seidenen Kleides strichen. Sie hatte augenscheinlich noch nie an die Ungeheuerlichkeit gedacht, zu ihren Lebzeiten irgend welche Schenkung zu machen. »Die alten Leute haben Sie lieb,« sagte da Kerlchen leise und bittend, »die Stina hat sich so um Sie geängstigt!« Kerlchen hielt es nicht für angebracht, auch Krischans Auslassungen über diesen Fall zu wiederholen. Noch einer ganzen Weile bedurfte es, ehe die Kriegsrätin mit sich ins Reine kam. Dann streckte sie plötzlich Kerlchen die Hand hin, sprechen konnte sie nicht, und Kerlchen verstand auch so und lief zu der Festversammlung zurück mit einem unbeschreiblichen Wohlgefühl im Herzen. Nach ungefähr einer halben Stunde trat die Kriegsrätin ein und steuerte gleich auf das Jubelpaar zu, das sich schon längst heimliche Rippenstöße gegeben hatte: » Se , wat se is, hat uns noch gorni gratleert.« Aber die feierliche Miene der Sorgenrätin verkündete schon von weitem, daß »was los« war. »Alte paß up, se giwwt uns twinti Penning up dat Johr to!« raunte der praktische Krischan in wenig hoher Meinung von dem Gebetalent der Kriegsrätin, und die weichmütige Stina heulte laut und war ganz und gar überwältigt von der Rede des Herrn Pastors und der Feierlichkeit des Augenblicks. »Teihndusend Mark!« schluchzte sie, nachdem die Sorgenrätin ihre Meinung kund gegeben. »Teindusend Mark! Dat 's toveel, Fru Rätin, Se bringen sik in Ungelegenheiten, und wie künnt dat ni annehmen!« »Ihr nehmt es zum T.....« – Beinahe hatte die alte Dame geflucht in Gegenwart des geistlichen Herrn, Stina ahnte ja gar nicht, wie schwer ihrer Herrin der Entschluß geworden war, etwas herzugeben, nun wollte die Kriegsrätin aber auch ihre Großmut voll auskosten. »Ihr nehmt es, und dabei bleibt's, sonst sind wir geschiedene Leute.« »I wo werden wi denn! Wegen so 'ne Lappalie ward wi doch ni utenanner gahn!« rief Krischan, und nahm die »Lappalie« schmunzelnd in Empfang. »Dat stimmt jo woll,« meinte er dann bedächtig, »Möten wi nu noch wat Schriftliches gewen? Schrewn Schrift kann ik ni schriewen, äwer drei Krüz † † † kann ik sauber henmalen, dat hett mi mien Nahwer lehrt.« Stina dankte wortlos. Und ebenso wortlos, aber mit ausdrucksvollem Blick nahm sie ihrem Manne das Paket wieder ab und überreichte es dem Pastor, und als dieser sie staunend ansah, bat sie flehend: »Um Gottsdausendwillen verwahren Sie das viele Geld, Herr Pastor. Ik verstah da nix von, un min Ol, de makt nur Dummheiten dormit.« Der Pastor versprach ihr, das Gut zu verwalten, Krischan aber ging höchst nachdenklich abseits und murmelte: »Wat seggt se? »Dummheiten« seggt se? Un dat an mien gulden Hochtid?« Um die Sektflasche, die das leichtsinnige Kerlchen wirklich noch ganz staub- und spinnwebenbehangen aus dem Keller brachte, »scharte« es sich vorläufig noch allein. Der Herr Pastor sah sich bedenklich die Marke an, dachte an seine Würde als Seelsorger und – an seine Frau. Fräulein von Hartwig und die Kriegsrätin wurden nervös beim bloßen Anblick der Flasche, Krischan lehnte die Teilhaberschaft ab, weil er »einmal in sien Jugend Panschamber gedrunken hätt, äwer ok ni wedder. De hett em in de Näs kribbelt, hätt wie Essig smeckt un nachher wier en förchterliches Gewäuhl in sien Liew west«. Daß die damalige Marke »Panschamber« nicht gut gewesen, sah jeder ein. Stina dankte überhaupt, sie trank »ümmer un äwerall nur Kaffie«. Aber dem wehmütigen Gesichtchen, das Kerlchen aufsteckte, widerstand der Herr Pastor nicht. »Na ein Glas, Fräulein Kerlchen!« »Auf einem Bein steht man nicht.« »Na denn zwei!« »Aller guten Dinge sind drei , Herr Pastor!« »Da haben Sie wieder recht! Dies ist auch wirklich ein sehr gutes Ding. Als ich noch in Erlangen studierte – –« Und nun folgte eine fröhlich-launig-frische Erzählung aus der Bubenruthia, aus Bruck, von Bubenreuth und »Vater Moersch«. Kerlchen lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen, Tante Laura hätte brennend gern gelacht, aber die sauersüße Miene der Kriegsrätin hielt sie etwas in Schach. Bei Pastoren und Lehrern konnte die Sorgenrätin absolut keine Ausgelassenheiten vertragen. So verstummte denn der Pastor, nachdem er noch eine kurze Rede auf das Jubelpaar und die Verträglichkeit der beiden Eheleute gehalten hatte. »Dat 's wohr!« sagte Krischan. »Verträglich sünd wi, da bün ik dran schuld.« Stina sah ihn vorwurfsvoll an. »Hew ik wol in uns' ganzen Ehstand een Widerwort hatt?« »Nee, det hett se nich,« gab Krischan zu. »Aber früher hett se so 'n verdeubelten Oart an sik hat, wenn ik abends mal utgüng un mien Schoppen im smarten Bock drünk un lütten Malör hatt un 'n büschen lat to Hus kümm un se slöppt all, denn seggt se nix, Gott bewohr, nich »Gun Abend« un ni »Goden Weg«, ne, se dreiht sik blot üm, dat de ol Bettstädt gnaren ded un stickt en Swewelsticken an und glupscht nah de ol Wanduhr un säd wedder nix und blast dat Lüch ut un leggt sik wedder hin. Dat hett mi ümmer grunst inwenni un ik heww schimpt un schandeert un mi dat ole Uhrgekucke verbettn, äwer se lett dat jo ni.« »Na und nun?« Man las die neugierige Frage auf allen Gesichtern, aber nur Kerlchen sprach sie laut und deutlich aus. »Na un nun deiht se dat ni mihr.« Krischan paffte große Wolken aus seinem kurzen Pfeifchen. »Ik heww mal en irnstes Wort mit ehr red't,« setzte er im gemütlichsten Ton von der Welt hinzu, aber die Art, wie er seine Rockärmel hochkrempelte und die Fäuste ausstreckte, zeigte den Zuhörern deutlich genug, welcher Art das »ernste Wort« gewesen war. Kerlchen wurde ganz rot und schaute ungläubig auf den Alten, aber Stina nahm seine rauhe Hand in die ihre und streichelte sie. »He is mien Herr!« sagte sie schlicht. Und als ihren »Herrn« später die »Bowle« übermannte, die seinetwegen angesetzt war, und auch von Wochenkindern vertragen worden wäre, da führte ihn das alte Weiblein sorglich in seine Kammer. »Nu is he mien Kind!« meinte sie. Ehe sie aber die gastliche Schwelle verließ, dankte sie in rührenden Ausdrücken der Herrin für das »veele, veele Geld« und bat den Herrn Pastor eindringlich um gewissenhaftes Achtgeben auf den Mammon. »Darin steckt unser ruhiges Öller, Herr Paster. Mien Ol is en Gauden, awer he is uk en Dummen, wenn 't sik um Geld hannelt. Ik heww mit Sorgen an de Tokunft dacht un nu bün ik de Sorgen los. Ik glöw, ik glöw, ik möt noch wo anners danken« und ehe sich's Kerlchen versah, wurde es von einer welken Hand gestreichelt und die glücklichen, dankbaren Augen des alten Dienstboten schauten es liebreich an. In der Frau Kriegsrätin ging etwas Merkwürdiges vor. Sie hatte sich seit Übergabe der Papiere in ihrer eigenen Großmut buchstäblich gesonnt, nun sah sie das Kerlchen an, wie es den Dank errötend von sich wies, und plötzlich trat sie auf die Gruppe zu und sagte laut: »Recht hast du, Stina. De lütte Deern is Ursach' – de hett dat dahn.« Kerlchen verteidigte sich etwas. Aber der Herr Pastor ließ keine Widerrede gelten, fest schüttelte er ihm die Hände. »Ja, das sieht Ihnen ähnlich,« sagte er. Kerlchen wiegte den Kopf etwas wehmütig. »Gerade so war's in meiner Erfurter Pension. Da hieß es auch immer: ›Du bist's gewesen‹, und wenn ich mich verteidigte, so war die Begründung: ›Es sieht dir ähnlich!‹« Fräulein von Hartwig zog Kerlchen an ihr Herz. »Kleiner Sorgenbrecher!« sagte sie zärtlich und nickte über Kerlchens Kopf hin dem Pfarrer verständnisvoll zu. »Kleiner Sektbrecher,« ergänzte dieser und trank sein Glas mit sehr viel Verstand leer. Gleich darauf stand er auf. »Ich habe noch einen wichtigen Gang vor,« entschuldigte er sich, »einen Krankenbesuch, bei dem ich wohl ein Sorgen- oder Sektbrecherchen brauchen könnte, aber – –« Kerlchen war sofort an seiner Seite. »Nein, nein, liebes Fräulein, mit der Tür ins Haus kann man hier nicht fallen. Es ist der »Herr aus Brasilien«, wie die Möllner sagen, ich habe ihn aber bereits unter seinem richtigen Namen kennen gelernt: »von Rumohr«. Kerlchen erblaßte leicht, Tante Laura aber trat rasch ein paar Schritte vor. »Dat's ni wohr,« rief sie. »De Rumohrs stahn nur noch up twee Ogen, un dese Ogen hüren to den jungen Fritz von Rumohr in Berlin.« Der Pastor sah sie erstaunt an. »Kennen Sie die Familie?« fragte er. »Jawohl, und Kerlchen kennt sie auch, d. h. es ist eben kein Mensch mehr da außer dem Fritz.« »Nun, wenn Sie den alten Wolfgang von Rumohr sehen würden, würden Sie ihm wohl kaum das »Menschsein« absprechen. Er ist ungefähr noch einmal so groß wie ich und mit einem sehr energischen Organ behaftet – –« »Herrgott, Wolfgang von Rumohr!« brach Tante Laura los, »es ist die Möglichkeit! Der lebt noch? Und ist heimgekehrt just in unser altes Mölln, wo er als Bub' der Schrecken des Städtchens war? Und jetzt erst erfahre ich eine Silbe von ihm? Seit wann lebt er hier?« »Seit ungefähr sechs Wochen. Es hat mir Gelegenheit gefehlt, von ihm zu sprechen, obgleich seine Persönlichkeit interessant genug ist, den Gesprächsstoff auf Monate hinaus zu liefern. Übrigens ist er ein kranker, schwerkranker Mann, er will ganz unerkannt und unbekannt hier leben. Ein alter Diener lebt mit ihm, und die Witwe eines hiesigen Handwerkers besorgt sein Haus.« »Wolf von Rumohr!« – Tante Laura schüttelte den Kopf. »Sie scheinen sich noch immer nicht über diese Tatsache beruhigen zu können,« meinte der Pastor. »Und unser fröhliches Kerlchen ist ganz still geworden, still und blaß, – wo fehlt's?« »Nirgends!« Über Kerlchens Gesicht flog ein schattenhaftes Lächeln, – war es denn so ein schreckhaftes Geschöpf geworden, daß schon eine so einfache Mitteilung von dem Zuzug eines neuen Möllner Bürgers ihr Angst und Herzklopfen verursachen konnte? Aber der Name? Wolf von Rumohr? Und von Fritz hatte es lange, sehr lange nichts gehört – – –« Der Pastor verabschiedete sich. Die fröhlichen Sektgeisterchen hatten sich verflüchtet, sie begeisterten nicht einmal mehr zu einem »Allgemeinen«, und doch war er vorhin noch im besten Zuge gewesen, seinen eingerosteten Bariton hervorzuholen und sich zu einem Solo aufzuschwingen: »Noch ist die blühende, goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen.« Kopfschüttelnd schritt er aus dem Zimmer, aus dem Hause, dem Waldweg zu, der nach der »Hütte« führte, dem sonderbaren Bau inmitten grüner Einsamkeit, den sich Wolf von Rumohr zu seinem Wohnsitz gewählt hatte. Kerlchen räumte Gläser und Teller fort nach der Küche; Stina, die ihren Mann sicher verstaut hatte und wieder auf der Bildfläche erschienen war, half ihm dabei. Sie hielt mit schmunzelndem Seitenblick einen Rest Champagner empor und ermunterte Kerlchen. »Dat heww ik doch gemerkt, dat Se dat Tüg mögen un dat Se dat ok verdragen känen!« Kerlchen schüttelte den Kopf. »Zum Sekttrinken gehört ein fröhliches Herz,« dachte es und atmete tief, hatte es dieses fröhliche Herz mit einem Male nicht mehr? Wie sonderbar! – – – Dort saß Tante Laura und war so tief in Gedanken, daß sie nichts um sich her gewahrte, dort saß die Sorgenrätin und rechnete, – – ob es ihr wohl schon wieder leid tat, die Großmütige gespielt zu haben? Ach, – wie verändert mit einemmal alles war! Durch was? Durch einen Namen? Einen Namen, der ihm doch sonst so lieb war und auch tausend liebe Erinnerungen weckte?! »Komm', Kerlchen!« sagte Tante Laura mit etwas rauher Stimme. »Wir wollen nach Hause.« – * Schweigend legten sie den kurzen Weg nach der eigenen Villa zurück. Vor der Gartentür blieb Tante Laura stehen und sagte wie aus langem Nachdenken heraus: »Es ist wie in einem Roman. Ein Totgeglaubter steht auf. Ob zum Glück oder Unglück? Jedenfalls geht es den Fritz am meisten an, – schreibt Ihr Euch?« »Selten, Tantchen!« »Na ja, was sollt Ihr auch, seid ja gar nicht miteinander verwandt.« * Zum erstenmal seit langen Jahren konnte Kerlchen nicht einschlafen an diesem Abend. Warum tat ihm das Herz so weh? Und was für krause und bunte Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum! Tante Laura hatte alte Zeiten und alte Bilder heraufbeschworen, hatte ihr von Wolfgang Rumohr erzählt, dessen Namen Kerlchen früher nie gehört, der in dem Tagebuche von Großtante Hermine nicht ein einziges Mal erwähnt war. Er sollte ein abschreckend häßlicher Junge gewesen sein, groß und ungeschlacht mit einem wilden, zügellosen Temperament. Die Eltern hatten in jeder Weise den jüngeren Bruder, Fritzens Vater, bevorzugt, – da seien denn Zwischenträgereien, Verleumdungen, häßliche und dumme Sachen geschehen, und schließlich – hätten alle aufgeatmet, als Wolf von Rumohr kurz beschlossen, Heimat und Erbe hinter sich zu lassen, und heimlich nach »drüben« zu gehen. Was aber hatte ihn zurückgetrieben? Würde Fritz erfahren, daß er noch einen Oheim besaß? Würde dieser dem Fritz helfen, aus seinen drückenden Verpflichtungen herauszukommen, würde er – –? Ach nein, – wenn einem etwas recht Liebes, Schönes und Herrliches bevorsteht, dann schlägt doch das Herz nicht so schmerzhaft, und die Tränen sitzen nicht so locker, und der Himmel schaut nicht so grau in grau aus – – – – Kerlchen sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette und goß sich eiskaltes Quellwasser in die Waschschüssel. Das tat wohl, sich darin zu baden, die trüben, dummen, unsicheren Gedanken, Träume, Wünsche und Ahnungen fortzuspülen. Nach einer geraumen Weile klopfte es an die Tür. »Kerlchen, du könntest wohl Rücksicht auf deine Nachbarschaft nehmen, denkst du denn gar nicht daran, daß ich schlafen will, und nicht kann bei deinem Holtergepolter? Was machst du denn?« »O Tante Laura, verzeih! Ich wasche mich!« »Siehst du, Kerlchen, – – so ein Unsinn! Aber das kommt nur von dem dummen Sekt; ich werde ihn verschenken, ja wohl, das werd' ich. Er hat uns ja alle verrückt gemacht in den paar Tagen. »Ich habe ihn ja auch verschänkt, Tante Laura!« »Siehst du, wie er deinen Charakter verdorben hat. Kerlchen? Denn daß du hier in der Nacht kalauerst, während deine alte Tante vor Frost bebt und schlottert, ist nichts weniger als edel.« »O Tantchen, geh' doch in dein Bett zurück, ich kann dir ja nicht einmal die Tür öffnen, mein Habitchen ist nicht darnach, geh' nur, geh' – und recht gute Nacht.« »Nein, nein, ich warte, bis du aufmachst, ich will sehen, ob du Fieber hast, – des Nachts waschen, es ist unglaublich!« »Ja das ist es,« fiel hier eine andere klägliche Stimme ein, die ol Marie angehörte, »Ich habe Leute gekannt, die wuschen sich nicht mal am Tage, und die waren auch gesund, heutzutage wird mit Wasser gesündigt , sag' ich.« »Mehr noch mit Sekt,« bemerkte Tante Laura anzüglich, und jetzt schob Kerlchen den Türriegel fort und öffnete. »Nun sagt mir bloß, was ihr wollt.« Tante Laura stürzte gleich auf sie zu und befühlte Kopf und Hände. »Unglückswurm, du bist ja eiskalt!« »Na, das wollte ich ja auch sein.« »Gnädig Frölen, da ist gar nichts zu lachen. Das is ne traurige Sache mit der Vergiftung. Erst Sekt, dann dun, dann Brand und dann Kater, hat der Herr Doktor gesagt, – aber bei Ihnen ist's kalter Brand, und ich hatt' mal ne Cousine, die – –« Kerlchen fuhr sich in komischer Verzweiflung mit beiden Händen durch ihren Lockenkopf. »Herr du meines Lebens, wenn ich diese Auseinandersetzungen geahnt hätte, ich wäre niemals »Sektbrecher« geworden.« »Das glaub ich wohl,« nickte ol Marie verständnisvoll. Schön ist das auch nicht, aber ich hör' eben das erste Wort, daß Ihnen auch »ibel« geworden ist.« Damit schlürfte sie hinaus, und binnen fünf Minuten lag auch Kerlchen wieder und schlief fest und traumlos. * Brief des Oberleutnants Erich Schlieden an Kerlchen. »Mein Kleines! Ob Du heute aus meinem Briefe klug werden wirst, weiß ich noch nicht, – in meinem Kopfe selbst ist's wirr und wüst, deshalb werde ich einen schlechten Berichterstatter abgeben. Eben hat mich Fritz von Rumohr verlassen, – so merkwürdig blaß, und mit so todtraurigen Augen, als ginge es in Krieg und Verderben, und nicht in eine wundervolle Ferne und eine voraussichtlich glänzende Zukunft. Die Umwälzung seines ganzen Lebens und Strebens, das Aufgeben seines Berufes, alles kam ja mit einer unheimlichen Raschheit. Ich habe natürlich tüchtig mit ihm gescholten, daß er Dich in Mölln nicht begrüßt hat, als er mit seinem plötzlich aufgetauchten Onkel sprach, daß er durchaus den Nachtzug wählte und nur ein paar kurze Stunden mit seinem Oheim wichtige Verhandlung pflog. Aber er wich mir aus und – wie gesagt – der Junge gefiel mir nicht, – er sprach wie im Fieber, ich bin erst nach und nach aus ihm klug geworden. Es ist wie im Märchen, ein phantasievoller Romanschriftsteller könnte es gar nicht toller erdenken. Der alte Wolfgang von Rumohr, früher die bête noire der Familie, kehrt als Krösus heim, findet sein von ihm heißgeliebtes, nie vergessenes Stammgut im verlottertsten Zustande wieder, wütet darob wie ein Berserker, ist außer sich, daß Fritz, der einzige Träger des Namens, nicht lieber alle Juden der Welt angepumpt hat, (als ob ihm einer etwas gegeben hätte), als einen Beruf zu ergreifen, der ihm einen Hungerlohn einbringt (für Begriffe von »drüben«). Als Fritz die erste Kunde erhielt, daß er den ihm selbst so sehr unsympathischen Beruf aufgeben, das alte Stammgut selbst bewirtschaften und hoch bringen solle, da war er wie von Sinnen vor Freude. Ich jubelte mit ihm und gestehe es offen, daß ich selbst alle seine später auftauchenden Bedenken durch warmes Zureden beseitigte. Denn wie kein anderer eignet sich unser Fritz zum Freiherrn von Gottes Gnaden. Und gerade weil er gelernt hat, sich unter schweren Schicksalsschlägen zu ducken, und weil er die karge, jammervolle Zeit wie ein echter Mann ertragen hat, wird er seinen Leuten ein verständnisvoller Herr, Freund und Berater sein. Aber – nun kommt ein Haken, oder der Haken, lieb' Schwesterchen. Daß ein Mensch, der lange, schöne Jahre nur in Berlin gehockt und gebüffelt hat, der um des elenden Mammons willen nie eine Reise tun konnte, der Land und Leute nur vom Hörensagen kennt, sich nicht plötzlich auf ein arg verkommenes Rittergut setzen kann, und munter loswirtschaften, ist klar, Fritz soll also erst mal praktisch lernen, und zu allererst wünscht Herr von Rumohr, daß er nach drüben geht – er hat wichtige Gründe dafür und – Fritz fügt sich, ist aber seit dem Auftauchen dieser Gründe so sonderbar erregt, dabei verschlossen und traurig, daß ich nicht weiß, was ich davon halten soll. Die Sache ist nicht sein Geheimnis allein, sonst hätte er mich doch wohl zu seinem Vertrauten gemacht. Die Briefe, die der alte Wolf an Fritz schrieb, habe ich auf seinen Wunsch alle gelesen, sie enthielten nichts über die zuletzt erwähnte Sache, wohl aber zeigten sie mir, daß Fritz seinem Oheim jetzt alles verdankt. Er hat ihn gezwungen, die Ehrenschulden seines Vaters auf seines, Wolfs Schultern zu legen, er hat alles in hochherzigster Weise geordnet, hat beide Stammgüter, Rumohr in Holstein und Rotbach in Thüringen, der Familie, d. h. also Fritz zurückgekauft. Heute gegen Abend schlug die Abschiedsstunde, ich begriff nicht, daß Fritz mit so schwerem Herzen ging. Das ist ja alles nur ein Übergang. Von Dir mußte ich ihm noch viel erzählen, aber dann unterbrach er mich plötzlich und sah so nervös und gequält aus. – – – Schwesterherz liebes, er wird sich schon wieder zurecht finden. Und Dir geht es gut? Dein letztes Brieflein atmet so viel Humor, und wie Du Mölln geschildert hast und seine Bewohner, – – ich glaube gern, daß Till Eulenspiegel dort begraben liegt. – Mir geht es auch gut, die Menschen behaupten sogar: sehr gut, zu gut , dieser Schlieden hat doch ein unverschämtes Glück! – Glück! Kerlchen, Du weißt es! Behüt Dich Gott! Dein treuer Erich.« * »Kerlchen!« »Ja Tantchen!« »Was hast du, Kerlchen? Ist dir nicht recht extra, mien lütte Deern?« Kerlchen wendete der Fragenden das blasse Gesichtchen zu. »Allbarmherziger, wie siehst du aus! Hast du schlechte Nachrichten vom Bruder, von der Mutter, ist jemand tot? So sprich doch, Deern!« »Gar nichts, mein Tantchen? Seh' ich krank aus?« Ohhh – es ist wirklich nichts, Erich ist munter, alle sind munter, aber ich, ich – ich – –« »Na, das sieht doch ein Blinder, daß du krank bist, willst du ins Bett, oder in den Wald? Eins von beiden hilft immer!« Fräulein von Hartwig sah noch etwas mißtrauisch auf den Brief in Kerlchens Hand, dieses barg ihn rasch in der Tasche, dann lief es gleich durch den Garten, der hinter der Villa aufstieg, hinaus in den Wald. Weiter, immer weiter! Zuerst durchzogen noch wohlgepflegte Wege das Gehölz, helle Kleider schimmerten durch das Buchengrün, die Sommerfrischler aus Mölln ergingen sich in den schönen Waldanlagen. – Kerlchen lief, ohne sich umzuschauen. Und dann wurden die Stämme dichter, der Wald tiefer und dunkler, kein Mensch weit und breit; nur Tannen und Buchen in wunderbarer Größe und Pracht, weicher, moosiger Boden, tiefe stille Waldeinsamkeit. Hier warf sich Kerlchen hin – wie ein gefälltes Bäumlein lag es da, – getroffen ins Mark. – Wild schluchzte es auf. O, wie das weh tat da drinnen! »Wer ist so verlassen wie ich auf der Welt?« Jetzt verstand es das Lied, das alte liebe, beinahe vergessene. Verlassen! Konnte es denn möglich sein, daß Fritz von Rumohr ging? Fort, weit fort? Ohne Gruß, ohne Abschiedswort? Hier gewesen war Fritz von Rumohr, ohne zu seinem »Kameraden Kerlchen« zu kommen mit dem fröhlichen Waldruf: »Hu–hu?« In heißen, bitteren Tränen brach sich das Leid des jungen Herzens Bahn. Wann hatte doch Kerlchen schon einmal solch jammervollen Schmerz empfunden? Damals, ach ja, damals, als Väterchen starb. – Da war es! Leise flüsterten die Buchen, rauschten die Tannen. Wie ein schönes, ruhiges Lied klang es, dazu bestimmt, dieses junge, leidvolle Menschenherz in süßen Schlummer einzuwiegen. Und sachte schlief Kerlchen ein. Die langen, dunklen Wimpern naß von Tränen, die Stirn in trotzig-krause Falten gezogen, den kleinen Mund herb geschlossen. Ab und zu hob die Brust ein kurzer Seufzer, wie das letzte Aufschluchzen eines Kindes, das sich wild und unbändig in den Schlaf geweint hat. Allmählich löste sich die trotzige Spannung des jungen Antlitzes, die Hand, die zur Faust geschlossen war, löste sich, ein leises, liebes Lächeln verschönte das Kindergesicht, der Traum hatte Kerlchen hinweggenommen, weit, weit in ein schönes, südliches Land – wie konnte sie auch in der Heimat bleiben, wenn Fritz von Rumohr fortzog! Er nahm es ja mit, seine starke Hand umschloß Kerlchens Hand, nach seinem Hause führte er es, weiß leuchtend schimmerte es hinter grünen Palmen. Ein dunkler Diener verneigte sich vor der Herrin des weißschimmernden Hauses, vor Kerlchen, und ein großer Bernhardinerhund schmiegte sich an und leckte seine Hand. Mit einem Schrei fuhr Kerlchen auf. Zum Tod erschrocken rieb es sich die Augen. Ein großer Bernhardinerhund stand neben ihm und schaute es mit klugen, treuen Augen an, und der hünenhafte Neger da vor ihm verneigte sich und zeigte auf ein Häuschen, das weiß durch die Buchen und Tannen hindurchschimmerte. Kerlchen erhob sich wie träumend. Der Hund schritt neben ihm, als gehöre er von Rechts wegen zu ihm und Kerlchen legte seine Hand an das breite Halsband und folgte willenlos den beiden Führern. Das weißschimmernde Haus war kein Palast, es war »die Hütte«, von welcher der Pastor gesprochen hatte, aber Wolf von Rumohr, den alten, mächtig großen Mann, der auf einer Art Feldbett vor dem Hause lag, hatte wohl die wunderbar malerische Lage des Hüttchens gefesselt, die große, tiefe Waldeinsamkeit. »He, wer legt sich in der Abenddämmerung in einen deutschen Buchenwald auf die blanke Erde nieder, um zu heulen und zu schlafen?« »Ich,« erwiderte Kerlchen rasch. Es hatte immer noch nicht die rechte Empfindung des Wachens, sein Traum spann sich gar so wunderbar fort. »Ich!« spottete der alte Mann. »Wer ist ›ich‹? Jedenfalls bist du das erste Wesen, das außer Ehrwürden dem Herrn Pastor aus dem gesegneten Mölln in meine Nähe gekommen ist. Musta, gib dem Kinde ein Glas heißen Grog, es bebt wie ein Hälmchen im Winde, der Unverstand! Aber erst mußt du mich hineinführen.« Der große Schwarze bückte sich etwas, sein Herr legte den rechten Arm um seinen Hals, und während er vor Schmerz die Zähne zusammen biß, stapfte er mühsam ins Haus hinein. Kerlchen folgte ihm, nachdem es rasch die Decken über den Arm genommen hatte, die auf dem Ruhebett liegen geblieben waren. »Sieh, sieh, wie du aufpassest!« sagte Wolf von Rumohr mit unverkennbarem Wohlwollen in seiner rauhen, polternden Stimme. Kerlchen schaute sich um. Der große und tiefe Raum, der früher als eine Art Gerätkammer von der weit entfernt liegenden Oberförsterei benutzt worden war, war mit behaglicher Pracht ausgestattet. Teppiche und Felle wohin man sah, altmodische Möbel schwer und wuchtig, dazu kostbare Ölbilder an den Wänden, von denen zwei dem Beschauer gleich in die Augen fielen, zwei Herrensitze, alte schloßartige Häuser mit Türmchen, Erkern und Zinnen inmitten grüner Waldpracht und reicher Felder. Der Torbogen des Herrenhauses zeigte das Wappen der Rumohr. Die Bilder waren mit großer Liebe und Sorgfalt gemalt, eine große Künstlerhand mußte den Pinsel geführt haben. Stumm stand Kerlchen im Schauen versunken, es war, als würde sein Leid milder, als käme ihm jetzt erst das Verständnis, daß man um dieser beider Perlen willen viel aufgeben könnte. »Gefallen dir Wohl, meine Bilder, he?« Herr von Rumohr hatte sich auf das mächtige Ruhebett niedergelassen. »Just die beiden, die beiden! Die hab' ich auch mit dem Herzen gemalt!« Kerlchens Augen wurden groß vor Erstaunen. »Sie selbst? O wie wunder-wunderschön!« »Es ist Heimaterde,« sagte Herr von Rumohr, und seine laute, polternde Stimme klang weich und leise: »Heimatbuchen und Heimattannen, Rumohr und Rotbach.« »Ich kenne sie,« nickte Kerlchen. »Tausend Wetter, du kennst sie, und woher?« Kerlchen setzte sich ohne Scheu auf einen tiefen Sessel neben dem Ruhebett, der schwarze Diener hatte ein Glas heißen Grogs auf einen kleinen Tisch gestellt, und Kerlchen trank einen ordentlichen Schluck, denn es fühlte, wie ihm vor Aufregung und unbehaglichem Frostgefühl die Zähne aneinander schlugen. »Ich hab' sie selbst, die beiden Bilder.« »Du?« – – – »Ja, ich! Nicht so groß und nicht so schön, aber mir sind sie lieb, Fritz hat sie mir gezeichnet.« »Fritz – welcher Fritz?« Eine heiße Röte schoß in Kerlchens Antlitz, aber das Zimmer war sehr dunkel, Herr von Rumohr konnte es nicht bemerken, seine Stimme klang ungeduldig und polternd, als er seine Frage wiederholte. »Nun, der da,« rief Kerlchen etwas trotzig, und zeigte auf die Gemälde, »der, dem die beiden gehören.« »Die beiden gehören vorläufig mir ,« entgegnete der Alte trocken, »wenn du aber Fritz von Rumohr meinst, so muß ich dich fragen, wer du bist.« Das war ein langes Erzählen. Der Abend war längst schon herabgesunken, und immer noch saß das Kerlchen neben dem »Brasilianer« und ließ alte Zeiten und alte Bilder vor dem lauschenden Ohr des alten Mannes vorüberziehen: Großtante Hermine, ihr Vermächtnis, das alte Tagebuch, die Gestalt des unglücklichen Vaters von Fritz, dann Onkel Liskow, der Fritz eine Heimat bot, bis er auf eigenen Füßen stand, das Vaterhaus in Schwarzhausen, das dem Verwaisten immer offen stand in den Ferien, wo er eine Heimat fand, bis die Augen des besten Mannes sich für immer schlossen und selbst das Kerlchen in die Fremde mußte. Herr von Rumohr drückte Kerlchens Hand, daß sie schmerzte. »Da hab' ich drüben in Brasilien gesessen und mich eingefressen in Menschenverachtung, und währenddem habt ihr fremden Schliedens uns Ruhmors unentwegt Gutes getan.« Dumpf grollend klang seine Stimme. »Und warum? Weil die Hermine Schlieden einen Rumohr geliebt! O Frauenliebe, Frauenliebe! Kaum atmet man wieder deutsche Luft, so kommt auch mit ihr der ganze sentimentale Kram geströmt – – hol's der – – –« Kerlchen sprang auf, seine Augen blitzten durch die Dämmerung zu dem Alten hinüber. »Niemand hat sich um den Fritz gekümmert,« rief es, »niemand als wir. Kameraden waren wir, jawohl! Und mein Erich-Bruder war sein Freund. Und Sie saßen da drüben, und dachten nicht an ihn und jetzt kommen Sie und schicken ihn fort, – so einfach fort – und fragen niemand, bloß weil Sie Geld haben und er nicht – –« »Recht hast du ja, kleines Mädchen,« entgegnete der Alte ganz ruhig, »aber deshalb brauchst du mich nicht in meinem eigenen Hause so anzufahren. Aber einen mutigen Anwalt hat der Junge, das muß ich sagen. Und du bist ein guter Schlag, Kerlchen Schlieden, kein zimperliches Frauenzimmer, – du gefällst mir, und nun möcht' ich bloß noch wissen, warum du heute geheult hast wie ein Kettenhund.« »Es ist spät,« rief Kerlchen hastig und streckte Herrn von Rumohr die Hand entgegen, »Tante Laura wird sehr auf mich warten.« »So geh', und komm einmal wieder, mir die Leviten zu lesen, Tante Hartwig soll auch kommen, ich entsinne mich ihrer wohl, aber weiter schleppt mir niemand aus dem gesegneten Mölln hier herauf, meine Heimatliebe hat ihre Grenzen.« »Warum wohnen Sie nicht in Rumohr?« fragte Kerlchen noch und zögerte im eiligen Fortlaufen. »Weil es verlottert ist durch und durch. Weil in dem alten schönen Herrenhause die Ratten die eigentlichen Herren sind, und weil ich mit meiner Gicht ein toter Mann sein würde, zög' ich in das feuchte Loch. Rotbach ist besser imstande, aber hier in diesem Nest, dem Mölln, bin ich zur Schule gegangen, kenne jeden Stein und jeden Graben, – und die deutsche Luft, das Heimatgefühl, die alberne, dumme, deutsche Sehnsucht packte mich, sobald ich hier einen Atemzug getan.« Der schwarze Diener trat besorgt aus dem Nebengemach über die Schwelle. Sein Herr sprach so laut und so anhaltend heute, und das kleine, schlanke, weiße Mädchen mit den blauen, deutschen Augen stand so erschrocken vor ihm und fürchtete sich gar nicht, während »drüben« alles entsetzt geflohen war, sobald »Master Fred« die Stimme erhob. Schon hatte Kerlchen den Türgriff in der Hand, da stockte sein Fuß abermals. In der einen Ecke des Zimmers auf einer eichenen Staffelei stand noch ein Bild, ein Porträt war es, ein Mädchen von so wunderbarer Schönheit, daß Kerlchen unwillkürlich die Hände faltete. »So etwas gibt es nicht? Nicht wahr?« stammelte es verwirrt. »Du meinst, ob sie lebt?« polterte Herr von Rumohr. »Freilich lebt sie. Und nun wirst du mir auch verzeihen, daß ich deinen Kameraden von seinen dreitausend Mark jährlichem Gehalt spitzbübisch weggelockt und hinüber geschickt habe, um sich dieses Mädel zu gewinnen, Goddam, die sein ehemaliges Jahresgehalt so ungefähr für Handschuhe verbraucht. Jawohl! Heiraten soll er meine Florence, der Teufelsjunge. Dann bleibt alles hübsch zusammen, ich hab', will's der Himmel, noch ein paar fröhliche Jahre, und sehe, wie in dem alten Nest der Rumohrs ein neues Geschlecht heranwächst.« Das letzte sagte er aber nur zu den Wänden und zu dem Bilde, dem er in stolzer Vaterzärtlichkeit zunickte, Kerlchen hörte nicht mehr, es hatte leise die Tür geöffnet und war gegangen. Jetzt stürmte es nicht durch den Wald wie vor wenigen Stunden, langsam, ganz langsam schritt es hinab nach dem Städtchen, mit einem traurigen, leeren Blick, als wüßte es gar nicht, woher und wohin. Tante Laura erschrak, als sie in das blasse Gesicht ihres Pflegekindes schaute. Das sollte ein Sekt- und Sorgenbrecherchen sein? Aber sie fragte und quälte nicht. Kerlchens Augen hatten einen Ausdruck, der ihr tiefstes Mitleid wachrief. »Mien söte Deern, gah to Bedd! Ik heww mi ängstigt um di, äwer Gott Lob und Dank, nun büst du dor.« Kerlchen küßte die Hand des alten Fräuleins, und dieses sah ihm nach, wie es so gar langsam die Stufen hinaufschritt, – so mechanisch – so müde – – –. Und im Stübchen, da blieb Kerlchen still vor dem großen Bilde stehen, aus dem ein paar schöne, stolze und doch so gütige Augen herabschauten: »So, mein Väterchen, – nun bin ich ganz arm, mein Kamerad hat mich verlassen. Brief von Bümi an Kerlchen! »Mein Süßes! Wir drei Walküren bedauern aus tiefstem Herzensgrunde unsere Sendschreiben, die wir vor einigen Wochen an Dich losließen, denn als wir Euch von Eurer nutzlosen Reise nach Ostpreußen abrieten, ahnten wir nicht, daß Ihr nun das Reisen überhaupt aufstecken würdet, und man Dich, trotzdem wir beinahe eine Luft atmen, doch nicht zu sehen bekommt. Kerlchen, komm' doch wieder mal her! Franz und ich streiten uns jeden Tag, wer die größere Sehnsucht nach Dir hat. Natürlich bin in Wahrheit ich es, denn wie schon Schiller sehr richtig sagt, »das Weib liebt in einem fort, der Mann hat aber auch noch dazwischen andere Dinge zu tun«. (Es ist nicht ganz richtig ausgedrückt, und außerdem behauptet Franz, das Wort sei von Jean Paul, aber ich sage immer »Schiller«, wenn ich's nicht ganz genau weiß, – denn mindestens das dritte Mal stimmt es doch.) Also komm', geliebtes Kerlchen! Oder – – mir steigt ein rabenschwarzer Gedanke auf, – bist du hochmütig geworden? O – wenn Du Dich auch seit Wochen ausschweigst, wir hören ja durch Deine Mama von Dir, ich war beispielsweise gestern erst in Buchenwalde und habe Deine Muusch ausgequetscht, trotzdem sie auch so ein noli me tangere ist wie Du. Aber Du wirst nie ein so berauschend vornehmes »Air« haben, wie Deine Mama, das schlag' Dir nur aus dem Sinn, dazu bist Du viel zu lebhaft, viel zu temperamentvoll, viel zu »natürlich«. Fi donc, »natürlich«! Eine Bauernmagd ist »natürlich«, darf »natürlich« sein, aber niemals eine Freifrau von Rumohr–Rumohr–Rotbach. – So, nun ist's heraus, was ich meine, – Gottlob! Ich will Dir nur sagen, daß Du uns nicht etwa mit Deiner Verlobungsanzeige überraschest. I wo! Von Luttewetens Hochzeitstage an, (lang', lang' ist's her), wußte ich, daß Du und der Fritz ein Paar würdet. Also weshalb diese Geheimniskrämerei? Und warum gondelt er noch über den Ozean? Die Schilderung seines Onkels Krösus, der über Millionen verfügt, und in einer Hütte haust, also doch wohl einen Klaps weghat, hat uns sehr interessiert, Dein Muttchen las uns diese Stelle Deines Briefes vor. Auch daß Herr von Rumohr senior Dich von Anfang an »Du« nannte, gefällt mir sehr, der Mann hat 'n Ahnungsvermögen. Alles übrige, was Du geschrieben, verschwieg uns Deine verehrte Mama, – na, ich konnte mir's ja aber denken, daß es Deinen »Trousseau« betraf, denn mit 'ner einfachen »Ausstattung« geben sich Frau Baronin in spe wohl gar nicht mehr ab. Kerlchen, Kerlchen, der Borby ärgert sich noch im Grabe, daß Du einen andern nimmst, einen Reichen, einen Blaublütigen bekommst, und einen so bildschönen Kerl dazu, wie den Fritz. Kerlchen, komm'! Ich möchte zu gerne wissen, wie Du jetzt aussiehst, möcht' Dich auch mal ans Herz drücken. Komm und schütte alle Deine Geheimnisse in den verschwiegenen Busen Deiner Bümi.« Zweiter Brief an Kerlchen, dem ersten gleich nachgejagt. »Kerlchen! Eben kommt Dein Brief, unsere geehrten Schreiben haben sich demnach gekreuzt. – Kerlchen, ich fürchte, ich fürchte, ich hab' da in meiner, Gott sei's geklagt, allbekannten Art: »Mund vorweg, Verstand hinterher,« eine grobe, große Taktlosigkeit begangen. Franz zieht ein furchtbar strenges Gesicht, – er hat mir diesen zweiten Brief eigentlich verboten, denn er sagt, ich machte es nur noch schlimmer, aber liebes, liebes Kerlchen, sieh', Du mußt mir verzeihen, ich kann's gar nicht ertragen, Dich gekränkt zu wissen, ach und ebensowenig kann ich's ertragen, daß mein Franz mir zürnt. Aber gelt, ich wollte Dich ja nur necken, weil ich so ganz sicher dachte – – nein, das wollt' ich ja gar nicht sagen. Also ich meine, Du schreibst so ernst von neuen Plänen, Du willst am liebsten Krankenpflegerin, Diakonissin in einem Kinderhospital werden? Aber es ist doch wirklich eine Herzensfreude, daß Du noch langst nicht mündig bist, und daß Deine liebe, verständige Mama Dir diesen Wunsch einfach nicht erfüllt. Liebes Kerlchen, hättest Du den Brief von Fräulein von Hartwig gelesen, dann sagtest Du nicht mehr, daß Dein Dasein in Villa Hartwig ein Drohnenleben sei. Du bist ja wahr und wahrhaftig der Sonnenschein von ganz Mölln, bist an allen Krankenbetten hilfreich und verdienst Deinen Namen »Sorgenbrecherchen« mit Recht. O Kerlchen, wär' ich doch in Mölln, oder in Brasilien, oder hätte ich die beiden Rumohre hier, ich wollte mit ihnen rumrumoren, – – * Liebes Herz, mir nimmt eben Franz die Feder fort, er behauptet, ich hätte zur Taktlosigkeit Blödsinn gefügt, und ich dürfte den Brief um keinen Preis abschicken, er sei den Groschen nicht wert, denk' Dir, so roh drückte er sich aus, ohhh! Deshalb setze ich diese Worte hastig und heimlich mit Bleistift drunter und lecke in Todesangst den Brief zu. Kerlchen, sei so gut und verzeihe Deiner unglücklichen Bümi. Aus Kerlchens Tagebuch! Sie meinen es alle so gut mit mir. Aber sie reden zu viel und quälen mich – – und fragen und mutmaßen – – Nur eine nicht, meine Muusch. So eine Muusch ist doch etwas ganz Wunderbares! Ich hatte mich schon so an den Gedanken gewöhnt, daß sie ganz still in Buchenwalde weiter bliebe, mir ab und zu ein liebes Briefchen schickte und – ihrem Schmerz um ihr verlorenes Glück weiter nachhinge. Unser Väterchen muß so betrauert werden, er nahm zu viel von unsern Herzen mit, das tut immer weh, immer . Selbst Muttchens Kerlchen mußte in den Hintergrund treten, – so dachte ich. Ach, was denkt man für dummes Zeug zusammen! Ich hab' ja noch nie so recht mein Mutterchen gebraucht, und jetzt, wo zum erstenmal in meinem Leben tief drinnen im Herzen die Sehnsucht nach ihr ruft, – da ist sie da. Meine Muusch ist in Mölln, bei mir, – niemand hat sie gerufen, als die leise Stimme in meinem Herzen, und die hat sie gehört! So ist eine Mutter, meine Mutter! Tante Laura war mit mir in den Wald gegangen. – Gleich hinter dem Hause, sobald man durch das Gartenpförtchen getreten ist, ist ein wundervolles Fleckchen Erde, welches wir durch zwei Ruhebänke mit den Aufschriften: »Tante Lauras Erfrischung« und »Kerlchens Träumplätzchen« kenntlich gemacht haben. Auf diesen Bänken saßen wir, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Das heißt, ich hatte mich neben der Bank auf die weiche Mooserde gelegt, und sah in das Grün der Bäume hinauf, durch die der dunkelblaue Himmel blickte. Und ich sehnte mich, – ach so sehr, so sehr da hinauf- und hineinzudringen – – – – »Kommt da nicht ol Marie?« fragte Tante Laura plötzlich, und ich schrak zusammen aus meinen Träumen, sah nach dem Wege, – sprang auf – – »Muttchen! Mein Muttchen!« Ich hing an ihrem Halse, ich erstickte sie beinahe mit meinen Liebkosungen, und hörte ihre sanfte, gute Stimme von Tränen verschleiert: »Mein Kerlchen! Mein Herzenskind!« Tante Laura saß »zur Statue entgeistert«, aber wie herrlich sich jetzt die beiden verstehen, ist gar nicht zu sagen. Und wie Mama so fragte: »Darf ich ein paar Tage bei Ihnen bleiben, ich möcht' so gern mein Kerlchen einmal wiederhaben,« – das kann man gar nicht schildern, so kann nur eine Mutter sprechen, die beinahe vergangen ist vor Sehnsucht nach ihrem Kinde. Was haben wir jetzt für köstliche Stunden zusammen! Ich schaue so oft die beiden verstohlen an. Mit mir hat mein Muusch beinahe nie von meinem Väterchen gesprochen, vielleicht befürchtete sie an die Wunde zu rühren, die nie vernarben kann. Bei mir brach der Schmerz immer so ungestüm hervor, wenn an die Vergangenheit erinnert wurde, das hat mein zartes Muttchen zu sehr erschreckt. Mit Tante Laura spricht sie darüber, – stundenlang. Weil sie den Entschlafenen beide so unaussprechlich geliebt haben, sind sie Schwestern geworden, und es ist ganz rührend zu sehen, wie gut mein Muttchen mit Tante Laura ist, wie zärtlich, kindlich sie ihr alles zuträgt, als wollte sie das Schicksal wieder gleich machen, das ihr den Geliebten gab und Tante Laura als Alt-Jüngferlein durch die Welt gehen ließ. Und noch eine Freundschaft ist hier aufgeblüht auf dem kräftigen Waldboden, und es vergeht beinahe kein Tag, daß wir nicht in die Hütte kommen und sie weiter pflegen, die Freundschaft zwischen Herrn von Rumohr und uns. Pünktlich um 4 Uhr nachmittags erscheint Musta, der schwarze Diener, mein Muttchen legt ihren Arm in den seinen, und so schreitet dieses ungleiche Paar den Berg hinan, bis nach ungefähr einer Viertelstunde Musta mein Mütterchen auf die Arme nimmt und sie die letzte steile Anhöhe hinaufträgt. Vor der Hütte erwartet uns ritterlich der alte Herr, seine Augen unter den buschigen Brauen leuchten ordentlich, wenn er uns sieht, er hat wohl nie gedacht, daß er in seiner grünen Wildnis auch noch die Unterhaltung zweier feingebildeter Frauen haben sollte. Sind wir vier zusammen, dann merkt man nichts von Menschenscheu, aber sobald ein Möllner Einlaß begehrt, kehrt der Igel seine Stacheln heraus. Herr von Rumohr kennt ja jeden in Mölln, Tante Laura war verblüfft, wie deutlich der Mann noch jede Eigenheit des einzelnen aus der Knabenzeit im Gedächtnis hat. Und er hatte auch noch keinem die Ohrfeigen oder Prügel vergessen, die er einst erhalten. Auch die Sorgenrätin war eines Tages hinaufgestiegen zur »Hütte«, um, wie Herr von Rumohr sich grimmig ausdrückte, »ein Solo um das goldene Kalb zu tanzen«. Sie mußte sich aber diese anmutige, gymnastische Übung versagen, der Schwarze ließ sie gar nicht herein, aber die große Summe, die noch an demselben Abend aus der Hütte einging, »für das Krankenhaus in Mölln«, dessen Beschützerin die Kriegsrätin ist, versöhnte sie vollständig. Herr von Rumohr und ich verstehen uns gut. Es gab eine humoristische Szene, als er erfuhr, daß ich ins »achtzehnte Jahr ginge«, er hat mich für knapp fünfzehn gehalten, recht beschämend für mich, was er damit gut zu machen sucht, daß er mich einen »ganzen Kerl« nennt. Wir liegen eigentlich ewig in Fehde miteinander, aber das liebt er, er reizt mich absichtlich, um, wie er sagt, »meine Augen funkeln zu sehen«, und ich falle immer wieder darauf hinein. Von dem Plätzchen aus, das er mir an seiner Seite angewiesen hat, sehe ich scharf und deutlich das Bild von Florence. Wie schön sie ist! Sieghaft schaut sie aus dem goldenen Rahmen heraus, – »sie ist sich ihrer Reize vollbewußt«, sagte der Vater von ihr. Auch ein paar Briefe hab' ich schon von ihr gelesen, Herr von Rumohr drängte sie uns buchstäblich auf. Sie lebt jetzt auf der Farm einer befreundeten Pflanzerfamilie und schildert das Zusammensein mit übermütigem Spott. Sie schreibt gutes, fließendes Deutsch, scheint aber die Sprache nicht zu lieben und fügt sich nur dem Wunsche des Vaters, wenn sie davon Gebrauch macht. »Ich bin der einzige, der über das wilde Mädchen Gewalt hat,« sagte der Vater mit behaglichem, lautem Lachen, »aber selbst bei mir »schäumt sie ins Gebiß«, wenn ich den Zügel fest anziehe.« Überhaupt denkt man zuerst immer, er meint ein Rassepferd, wenn er von Florence spricht – sie muß sehr unbändig sein, aber ihrem Bilde merkt man nichts an. O wie ist sie schön! Der letzte Brief hat sich mir beinahe ganz eingeprägt, denn jedes Wort tat mir so weh, daß ich auf einmal einen unartikulierten Laut von mir gab und hinauslief. Als ich nach einer halben Stunde wiederkam, sagte Herr von Rumohr mit dröhnendem Lachen: »Ganz wie mein Flossy. Die stößt auch einfach so ein Füllengewieher aus und rennt fort, wenn es ihr irgendwo zu langweilig wird. O langweilig war es nicht, aber – nicht zu ertragen. Florence schrieb: »Kaum bist Du in Deutschland, mein alter Pa, und gleich stiftest Du Heiraten, das soll ja so Sitte sein in Deiner Heimat. Beinahe hätte ich Deine liebe Flossy tot gelacht über Deinen Brief, das wäre doch schade gewesen. Aber schick' ihn nur her, den guten, braven, deutschen Jungen, der Dir so über die Maßen gefällt, daß Du ihn mir aufhalsen willst. Well, ich werde ihn mir ansehen. Aber ich verspreche nichts, Pa, hörst Du? Komm' bald wieder hierher, du fängst sonst noch Grillen. Verlasse das greuliche Mölln, vermache Deinen lieben Landsleuten Deine Gicht und komm' in die Arme Deiner süßen Florence.« * Herr von Rumohr schüttelte den Kopf, als der Brief zu Ende war. »Es wird schwer halten, aus ihr eine deutsche Gutsfrau zu machen, die in Haus und Stall nach dem Rechten sieht, wie es eigentlich sein sollte und wie es die Frauen der Rumohrs alle Zeit getan haben.« Dann lachte er kurz auf. »Meine Frau hätte es allerdings auch nicht getan, – das war eine Pflanzerprinzessin, wie sie in den Büchern beschrieben steht, die ich als Junge verschlang, – und Florence ist bis jetzt alles in allem ihr Ebenbild. Aber die Liebe – die Liebe wird viel tun. Wenn sie nur erst den Fritz sieht, es ist ja ein Bild von einem Manne, – die Weiberchen sehen ja auf so was, nicht wahr, Kerlchen?« Er schlug mir auf die Schulter, daß ich beinahe zusammenknickte, und als ich ihn empört ansah, rief er: »Wetter nochmal, was sie für Augen hat! Und sieht sie nicht wieder aus, als ob sie mir ins Gesicht springen wollte?« Er lachte dröhnend, Mama nahm meine eiskalte Hand in die ihre und streichelte sie. Es ist, als ob mein Muttchen direkt in mein Herz hineinsehen könnte, so eine Muusch, so eine ganz liebe! Aber was bin ich für ein närrischer Kerl! Ich möchte am liebsten meilenweit fortlaufen, wenn dieses Thema berührt wird, und doch fange ich immer wieder an zu fragen. So auch gestern. »Ist sie musikalisch?« (Sie ist jetzt schon stillschweigend »Florence«, sobald irgend einer davon spricht.) Wieder ein dröhnendes Lachen, bei dem der alte Herr immer selbst schmerzlich aufzuckt, er leidet so furchtbar unter seiner Gicht. »Musikalisch? Ich hab' ihr den kostbarsten Flügel zur Verfügung gestellt, denn wir Rumohrs sind ja Musiknarren, aber sie schlägt auch hierin ihrer Mutter nach. Flossy singt keinen Ton richtig, und ob jemand Beethoven spielt oder eine Tür knarrt, – – gilt ihr gleich. Aber Fritz – –« »Ich weiß, was du sagen willst, Kerlchen, – er spielt auf der Geige wie ein junger Gott, und wenn er nicht Rumohr und Rotbach haben sollte, müßte er mir auf die Bretter. Tausend Wetter, hat der Junge einen Strich! Und diese Technik! Und mehr noch – diese Cantilene! Als echter Rumohr schleppt er auch seine Geige immer mit sich herum und da auf dem Fleck, Kerlchen, wo du jetzt stehst, da stand er neulich auch und spielte, daß mir altem Kerl die Tränen in den Bart liefen. »Zum Teufel, Jung', – spiel was Lustiges« rief ich, aber er hörte mich gar nicht, seine Augen guckten abwesend – und dann war ich selbst ganz Ohr, denn niemals hab' ich es so wunderbar singen hören, wie es Fritzens Geige an dem Abend sang, unser Thüringer Volkslied: »Ach wie wär's möglich dann, Daß ich dich lassen kann, Hab' dich von Herzen lieb, Das glaube mir. Du hast die Seele mein So ganz genommen ein, Daß ich keine And're lieb Als dich allein!« * Brief vom Schlachter Krone an Kerlchen. »Gnädigstes Fräulein! Denn die Zeit vergeht und man kann nun nicht immer mehr »Kerlchen« sagen, wenn es einem auch beinah das Herz abdrückt, wo man so ein liebes Kind hat aufwachsen sehen. Befinde mich soweit bonus, denn das Geschäft ist prima weil mein Newö Bär es durchaus versteht mit Ochsen umzugehen. Sie kaufen jetzt nur bei uns. Was meine Alte ist, tausend Grüße! Wie es sich längst vorbereitete und das gütige Geschick so wollte, ist sie sehr kumplett geworden und nicht allerte auf die Beine, ist ja doch nun über die sechzig und man nicht glauben soll, wien Mensch sich verändern kann, der früher doch ein schönes Mädchen war. Hatten wir all die Zeit groß Not mit meinem Herrn Newö, der immer tiefsinnig rumlatschte und sogar Gedichte machte auf das fettigste Wurschtpapier und an wem? An Ihnen! Ich kenne die Tochter von unserm hochverehrtesten Herrn Oberst Schlieden wie mich selber, und ich weiß, daß es Sie keine Beleidigung ist von einem achtungsvollen Manne geliebt worden zu werden zu sein. Daderdrum schreibe ich dieses Thema nieder zur freundlichen Erinnerung. Sagte aber zu meinem Neffen: »Hand von der Butter, – nich rühr an, ein Schlachtergesell und ein Edelfräulein, das gibt keinen guten Braten.« Aber mit 'n Verliebten ist niemalen nich zu reden und ging immer rum, machte alles verkehrt und glupschte dösig vor sich. Aber wir hatten Zeit und warteten, bis sich der dunkle Punkt in ihm Bahn brechen würde und hat sich auch gebrochen. Nämlich mit der Alwine aus der »Edeltanne« und gehen nun schon en Wochener achte mitnander und wolln Hochzeit machen, wenn der Viehmarkt vorüber is. Unsere zukünftige Schwiegertochter hat was hinter sich, gnädiges Fräulein wissen aber, daß ich darauf nicht so viel gebe wie aufs Herz und die Nieren. Aber dieselben sind gut bei ihr. Und komme nun mit der hochachtungsvollen Bitte an gnädiges Fräulein, ob Sie uns die hohe Freude und Ehrenhaftigkeit antun wollen zur Hochzeit meines Herrn Newö mit Fräulein Alwine Balian lieber nicht zu kommen, weil diese eheliche Verbindung alsdann retour gehen könnte. Denn Alwine tut die Schönheit nicht weh, sondern hat es mehr mit Pickeln im Gesicht, wobei sie unbedeutend schielt und sieht überhaupt aus wie ein Abziehbild, was nicht recht geworden ist. Fräulein Kerlchen waren aber immer verständnisvoll mit meine Sorgen und lege ich also diese vorzüglich passende Ehe vertrauensvoll in ihre Hand in ewiger Treue und hochachtend Krone. * Tiefblauer Himmel, lachende Sonne, strahlender Sommertag in Buchenwalde. Kerlchen sitzt ganz allein im entferntesten Teile des Parkes, schon festlich geschmückt mit einem duftigen weißen Kleide. Heute ist sein Geburtstag. Achtzehn Jahre! Freilich das Gesichtchen paßt heute nicht so recht zu einer strahlenden Geburtstagsfeier, aber Kerlchen denkt auch, daß es noch den ganzen Tag vergnügt sein muß , und daß ihm wohl dieses stille Frühstündchen zu gönnen ist, in dem es Gesichter machen kann, wie es will. Es lehnt sich behaglich in die tiefe, geschwungene Gartenbank zurück, und läßt seine Gedanken wandern. Im Herrenhause schläft noch alles, nur die Ökonomie ist schon wach, man hört das Brüllen der Rinder, das Stampfen der Pferde von dort herüber, Taubengurren, Hühnergackern, das Schelten eines Knechtes und derbfrohes Lachen der Mägde. Ein echter Sonntag auf dem Lande. Und wie das duftet, ringsumher, Rosen, wohin man sieht! Kerlchen schließt die Augen vor all der Pracht, vielleicht will es auch einem Tränchen den Ausgang wehren – wer weiß! Fritz ist jetzt »drüben« angekommen. Die ersten Nachrichten von ihm sind schon da, – er ist entzückt von den Besitzungen seines Oheims, – weiter hat Kerlchen nichts erfahren. »Der nächste Brief wird schon wärmer klingen,« hatte Herr von Rumohr lachend gemeint, – er hat meine Florence noch nicht gesehen!« Aber jetzt sah er sie, – er war wohl täglich mit ihr zusammen. Kerlchen öffnet die Augen, aber der Himmel erscheint ihm nicht mehr so strahlend blau, die Vögel singen ihre Lieder alle in Moll, und wie ein Schleier liegt's über der Rosenpracht. Ob es nun hinaufschaut, oder zur Erde blickt, ob es auch die Augen schließt, immer sieht es greifbar nahe ein palmenbeschattetes, weißes Haus, und auf der Terrasse ein junges Paar, – ach und das Mädchen ist so wunderschön – – »Guten Morgen, Kerlchen, und frohen Geburtstag!« sagt da Onkel Waldemars Stimme neben ihm, Kerlchen fährt zitternd zusammen, und es blickt noch ganz verträumt den Gutsherrn an. Dieser nimmt weiter keine Notiz davon, – an »so was« muß man nicht rühren, heimlich flucht und wettert er aber genug, daß das Kerlchen sein sonniges, strahlendes Aussehen, seine lachenden Augen verloren hat. Wie es da vor vierzehn Tagen aus dem Wagen stieg, wie es ihn begrüßte und seine Hand streichelte und küßte: »Ach Onkel, ich bin wieder bei dir, – in Buchenwalde ist's doch am schönsten!« Und so schlank war das Kerlchen geworden, so schmal die runden Backen, und die Augen – von denen sprach man schon am besten gar nicht, da mußte beinahe so ein harter Kerl wie er weinen, wenn er Vergleiche mit früher anstellte. Und der Teufel sollte diesen und jenen kreuzweise holen, wer dran schuld war, daß sein Mädel sich so verändert hatte. Denn Kerlchen war so gut sein Mädel, wie die drei Walküren, es war seines geliebten Bruders Ernst einziges Kind und gehörte jetzt ihm , Ohm Waldemar. »Warum siehst du mich so nachdenklich an, Ohmchen?« fragte Kerlchen. »I Gott bewahre! Tu ich ja gar nicht. Ich dachte nur daran, wie gut du in meinen Park passest, und wie herrlich es für dein altes Ohmchen wäre, wenn du immer hier bliebest.« »Guter Onkel Waldemar!« »Gilt's, Kerlchen?« »Ohmchen, komm setz' dich neben mich, sieh' – –« »Ja, nun weiß ich schon, was kommt, Kerlchen, du willst mir zum so und so vielten Male erklären, daß du zum Glücklichsein mehr Arbeit und Betätigung brauchst, der Mensch soll aber nicht bloß selbst glücklich sein wollen, er soll auch mal alte Onkels glücklich machen wollen.« »Siehst du, Onkel, das ist alles bloß Herzensgüte von dir, sie guckt ja aus jedem Wort heraus, und mir tut's so weh, daß ich sie nicht annehmen kann.« »Warum denn nicht, du dumme Deern? – Ach so, heute ist dein Geburtstag, und da hast du das Privilegium, daß dir nicht widersprochen, und du nicht anrasaunt wirst. Das letztere gesteh' ich dir zu, aber widersprechen muß ich dir. Du denkst Tag und Nacht an deines Vaters Bürgschaft, ist es nicht so?« »Ja, Onkel!« »Bist ein braver Kerl, ein ganz tapferer! Und nun komme ich mit meinem Geburtstagsgeschenk. Sieh, Kerlelein, die Schuld ist getilgt, ich – ich hatte Glück in meinen Ankäufen und Verkäufen, hab' auch 'ne kleine Erbschaft gemacht, – kurz, was hätte mir mehr innere Herzensfreude machen können, als den Namen meines teuren Bruders zu meinem eigenen zu machen und die Bürgschaft zu übernehmen. Das Geld, das dein Erich-Bruder und du mir immer pünktlich geschickt zur Abzahlung, – unangetastet liegt's da.« »Onkel Waldemar!« Es war nur ein erstickter Ausruf, aber Kerlchens Arme umklammerten seinen Hals und es küßte ihn herzlich – zärtlich. »Donnerwetter, das schmeckt,« scherzte der Gutsherr, um seine eigene Rührung zu verbergen. »So was verträgt der schwächste Mensch nüchtern. Und wie steht es nun, Kerlchen, bleibst du jetzt da?« Bestürzt stand es vor ihm, dann wurde es ganz ernst. »Ich kann nicht, Onkel Waldemar. Du hast Herrliches getan, ich will dir's nie vergessen, und Erich tut's auch nicht. Du hast uns von diesem schrecklichen Wucherer frei gemacht, aber nun bin ich dein Schuldner geworden.« »Donnerwetter, was für 'n Unsinn! Du bist ja 'ne rabiate Person, Felicitas Schlieden. Und wenn ich nun nichts haben will?« »Dann geb' ich alles deinen Enkelchen, Onkel, ich kann nicht anders handeln, ich kann nicht, ich weiß, Väterchen würde mir recht geben.« »Natürlich würde er das, selbstverständlich, jeder vernünftige Mensch gibt dir recht, das heißt – hm – – nein, ich gebe dir eben nicht recht.« »Ach freilich, du gutes Onkelchen, du hast dich ja eben verheddert – –« »Dumme Deern! Also ist meine Mission gescheitert. Und du willst weiter ›verdienen‹?« »O du lieber Himmel, Onkel, du weißt ja selbst, daß ich eigentlich nichts ›verdiene‹ , daß das hohe Gehalt, welches mir gezahlt wird, nur grenzenlose Freigebigkeit von Tante Laura ist. Was tue ich denn? Ich lese ihr vor, schwatze dummes Zeug, mache köstliche Reisen –« »Schon gut, Tante Laura urteilt darüber anders, ich will nicht mit dir streiten.« »Und gibst du nach, Ohmchen?« »Ob ich – na hör' mal, fragt diese kleine Kröte, ob ich nachgebe.« »Ohmchen!« »Na, nun soll ein Mensch diesem bittenden Schelmengesichtchen widerstehen. Ich nicht, ich geb's auf und gebe nach.« »So ist's recht, mein alter, guter Onkel. Und nun versprich mir auch gleich noch, daß du mir helfen willst, wenn sich irgend etwas findet, du weißt schon, was Schweres, eine große Arbeit und Verantwortung, etwas, das mir sagt: »Kerlchen, du verdienst dein Gehalt.« »Um Gotteswillen, Deern, das wird zur fixen Idee bei dir, aber gut, sollst deinen Willen haben. Donnerja, du wirst heute achtzehn Jahre und hast schon einen Eisenkopp, weißt, was du willst, – die Walküren lebten in den Tag 'nein, als sie achtzehnjährig waren.« »Die hatten auch ihr Vaterhaus,« entgegnete Kerlchen tonlos. Der Blick des Gutsherrn ruhte voll Liebe und zärtlichen Mitleids auf Kerlchen. »Mien ole Deern!« Dann ein Seufzer. »Also nichts zu wollen? – Muß ich zum zweiten Male erleben, daß der Schliedensche Dickkopf siegt, daß dieses kleine, zarte Jungfräulein aus dem Neste fliegt, um den Kampf mit dem Leben wieder aufzunehmen?« » Zart , Onkel? Ich meine, ich bin stahlhart. Und wenn ich aus dem Neste fliege, – ich komme wieder, Ohmchen, gelt? Meine Heimat ist und bleibt Buchenwalde, ich habe niemand, als dich, der mir treu raten kann in schwierigen Sachen.« Der Gutsherr schüttelte die kleine Hand, die ihm mit einem lieben, vertrauenden Blick gereicht wurde, – er sagte nichts, er sann nur darüber nach, wie es möglich gewesen war, daß der Mann, der jetzt jenseits des Ozeans weilte, dieses eigenartige, herzerfrischende Geschöpf nicht beizeiten an seinem Herzen geborgen habe, um es vor der rauhen Wirklichkeit zu schützen, und sich selbst den Sonnenschein für ein ganzes Leben einzufangen. »Komm', Ohmchen, laß uns hineingehen und den Langschläfern Alarm blasen,« bat Kerlchen, aber der Gutsherr hielt es zurück. »Wir gehen hinein, wenn die Post gekommen ist, ich hab' dich ja am ganzen Tage nicht, Kerlchen, da stürzen sich nachher alle auf mein Sonnenscheinchen und holen sich ihren Bedarf an Frohsinn und Lebensmut, – »solch Spendegold erschöpft sich nicht,« sagt der Dichter. Ein wehmütiges Lächeln flog über Kerlchens Gesicht. »Ob es nicht doch am Ende schon erschöpft ist?« dachte es. »Woher den Sonnenschein nehmen, wenn das eigene Herz so friert?« Kerlchen legte seinen Arm in den des Onkels. »Komm', wir gehen. Die Post ist ja längst da, und ich trage außerdem Verlangen nach einer rechtschaffenen Tasse Kaffee nebst dazugehörigem Rosinenkuchen.« Was wurde in leichtem Plauderton gesagt, Ohmchen sollte nicht ahnen, wie es seinem »Sonnenscheinchen« kalt war. Aber Ohmchen schien heute niemandem sein Kerlchen zu gönnen, er machte erst noch einen langen Spaziergang mit ihm durch die Felder, pflückte ihm eigenhändig ein Kornblumen- und Mohnsträußchen, das Kerlchen als etwas Entzückendes ansah, er dagegen als Unkraut verachtete, und endlich, nachdem er auch noch das »Vorwerk« revidiert und so volle zwei Stunden vorübergegangen waren, schlenderten sie gemächlich dem Herrenhause zu. Auf dem Hofe herrschte reges Treiben. Ein Wagen wurde in die Remise geschoben, Pferde abgeschirrt, Koffer geschleppt. Ein Reitknecht führte außerdem ein paar edle Pferde langsam auf und ab, Kerlchen sah fragend den Gutsherrn an. Aber da umschlangen es auch schon die Arme von »Munke«, wahrend Baron Russee's stattliche Gestalt sich grüßend verneigte, und sein gutes Gesicht über die gelungene Überraschung strahlte. »Ein scharfer Ritt!« lachte Munke, »aber was tut man nicht, um dieses kleine, endlich wiedergefundene Ausreißerchen und Geburtstagskind zu überraschen!« Eng umschlungen wanderten Munke und Kerlchen nach der großen Diele, drinnen im Wohnzimmer hörte man lachen und flüstern, Munke klopfte an, da ertönte auch schon eine weithallende Klingel, kraftvoll setzte der erste Akkord des Chorals ein, und unter diesen Klängen schritt Kerlchen nun am Arme des Gutsherrn über die Schwelle. Mit gefalteten Händen blieb es an der Tür stehen, Tränen verdunkelten den Blick, aber es sah doch, daß sie alle gekommen waren, die sie weit entfernt wähnte, daß das Ohmchen eine große, herzliche Überraschung von langer Hand her vorbereitet hatte. Und als der letzte Ton des Chorals verklungen war, von Pastor Richter meisterlich gespielt, da stürzte Chrisli auf das Kerlchen zu und erstickte es beinahe mit seinen Küssen, Bümi und Luttewete halfen ihm tapfer dabei, und da die Rührung beide zu übermannen drohte, da sie außerdem sahen, daß ihr fideles Kerlchen ein ganz anderes Aussehen bekommen hatte, vornehm, blaß und schmal geworden war, und diese Wahrnehmung bei ihnen ein zornig-schmerzliches Gefühl wachrief, so vollführten sie einen Heidenlärm, der Kerlchen mit einem Schlage in die Vergangenheit versetzte und sie in ein fröhliches Lachen ausbrechen ließ. »Gottlob, lachen kann sie noch wie 'ne Rohrdommel,« rief Bümi erleichtert aus, »aber sonst, – Kerl – du hast so was bekommen – je ne sais quoi – man kann dich nicht mehr mit gutem Gewissen ›Kerlchen‹ nennen.« »Und deshalb sagst du nun mit schlechtem Gewissen »Kerl?« »Tat ich das? So werde ich dich von nun an nur noch ›Felicitas‹ nennen, da steckt was Vornehm-Abweisendes drin. Und nun komm' zum Geburtstagstisch, unsere Handarbeiten schreien nach deiner Bewunderung.« Im Salon waren sämtliche Kronleuchter angezündet, und der große Tisch, den man aus dem Wohnzimmer hineingestellt hatte, konnte kaum die Fülle der Gaben fassen. Kerlchens Blicke streiften scheu den Aufbau, – dann ein Jubelruf aus dem tiefsten Herzen, und der schlanke, hübsche Offizier mit dem klugen Schliedengesicht hielt sein Schwesterlein umfangen. »Mein Erich-Bruder!« »Altes Kerlchen!« »Geht es nun immer so fort?«, fragte Kerlchen unter Lachen und Tränen und lehnte seinen Kopf an die Schulter des Bruders, der mit dem freien Arm seine Mutter umschlungen hatte, die mit tiefer Bewegung auf die Geschwister sah und beim Anblick ihres Erich immer wieder sich sagte: »Wie wird er dem Vater ähnlich!« »Nein, nun kommt nichts mehr nach, außer dem dicken Ende. – Fangt es auf, Kerlchen verliert die »Balanxe«, rief Fräulein von Hartwigs lautfröhliche Stimme, und da erst merkte Kerlchen, daß es wirklich von all seinen Lieben umgeben war. »Wie sie alle gut waren! Kerlchen lief von einem zum andern, und schüttelte die Hände, mit Gewalt mußte es endlich zum Gabentisch geschoben werden. »All den offenen Kram kannst du nachher besehen,« mahnte Bümi, »es ist so wie so mehr Liebe als Mammon dabei, aber hier dieses Wertpaket und diese verheißungsvolle, große, wenn auch sehr leichte Kiste aus Berlin, die müssen dich doch reizen.« Kerlchen besah kopfschüttelnd das Wertpaket und ließ es in Bümis Händen, aber der Deckel der großen Kiste, die eine fremde Handschrift trug, ließ sich leicht öffnen, Kerlchen nahm vorsichtig einen großen, herrlichen Strauß heraus, um dessen Stiele mit weißseidenem Band ein Brief befestigt war. Die anderen sprachen sehr laut miteinander, zu laut, als daß es »natürlich« klingen konnte, – man wollte so gern dem jungen Menschenkinde, das plötzlich tief erblaßt war, Zeit lassen, sich zu fassen. Kerlchen öffnete den Umschlag, zog langsam die Visitenkarte heraus und dann las es die wenigen Worte, die darauf geschrieben standen: »Gottes Segen über Kerlchen.« Die Blässe wich einer jähen Röte, die das ganze Gesichtchen bis unter das lockige Haar überflutete. Tief neigte sich Kerlchen über den Strauß, der so wunderbare Farben trug, daß das kleine Herz ungestüm an zu schlagen fing. Grün und weiß, – zarte Rosen- und Myrtenzweige, – weiter nichts. Und wie es so lieblich und scheu heruntersah auf die Blumen, legte ihm Bümi mit seltsam erstauntem Blick eine Kette um den Hals, – schwer und gewichtig lag der altertümlich gefaßte Schmuck auf dem duftigen, weißen Kleide, und die köstlichen Diamanten darin funkelten hell auf in den Lichtern des Kronenleuchters. Kerlchen griff nach dem Schmuck und sah so lieblich erschrocken aus, daß sich die andern nicht satt an ihm schauen konnten. Frau Oberst Schlieden zog ihr Kind an sich und reichte ihm den Begleitbrief. »Liebes Kerlchen! Du hast mir altem grämlichen Manne so viel Sonne in die »Hütte« gebracht, daß ich es etwas wieder wettmachen muß, – Freilich, so funkelnd wie Dein Herzenssonnenschein ist meine Gabe nicht, – dennoch wünsche ich aufrichtig, daß sie Dir Glück bringt und Dir gefallen möge. Kramte heute in allerlei Sachen und lieben Andenken aus alter Zeit, da fand ich dies obenauf. Ureigentlich sollte es der Brautschmuck der Frauen von Rumohr sein, aber er ist nicht getragen worden seit hundert Jahren, immer hat eine der Frauen ihn zurückgewiesen als zu einfach, zu altmodisch, oder aus sonst einem törichten Grunde. Auch meine Florence hat hell aufgelacht, als ich ihr das Halsband gab, und hat es schnell wieder eingepackt, sie wird sich einen glänzenderen Schmuck bestellen, wenn sie als »Frawe von Rumohre« vor den Altar tritt. Sobald nun aber diese Kette zurückgewiesen wird, gehört sie dem ältesten Sohne erb- und eigentümlich, so steht in der Urkunde, und er kann damit schalten, wie er will. So schenk' ich sie Dir, kleines Kerlchen, und denke mir Dein schlankes Hälschen gar lieblich darin, teile Dir auch mit, daß die Urahne, die es getragen, eine »glückselige Frawe« gewesen ist und all ihr Glück dem Schmuck zugeschrieben hat. Wird wohl eine Legende sein, aber Du liebst ja solche Märlein, kleines Mädchen. Um, mich ist's recht einsam jetzt, und die Briefe aus Brasilien sind meine einzige Freude. Komm' doch bald wieder hierher, ich meine immer, die verd..... Gicht hätt' nicht so geschmerzt, wenn Du bei mir warst. Und nun tu mir das nicht an, daß Du den Schmuck zurückweist, ist ja kein großer Wert daran, nur arg viel Liebe. So leb' wohl, Geburtstagskerlchen! Dein einsamer alter Freund Wolfgang von Rumohr.« Kerlchen hatte das Zimmer verlassen, nachdem es mit seltsamer Hast den Schmuck in seinen Behälter zurückgelegt. Bümi gab dem Kasten einen kleinen ärgerlichen Stoß und zog die Stirn in bitterböse Falten, Tante Laura nahm den grünweißen Strauß und stellte ihn in eine hohe Vase mitten auf den Geburtstagstisch. »So ist nun mal das Schicksal,« sagte sie nachdenklich, »es regiert die Hand des Gärtners, daß er statt des vielleicht einfach »hell« bestellten Straußes ein wahrhaftiges Hochzeitsgebilde herstellt, und es zupft den alten Rumohr an seinem Arm, daß er für das Kerlchen den »Brautschmuck der Frawen von Rumohre« aussucht. So ein Heimtücker! Ich meine aber nicht den Alten, ich meine das Schicksal, denn der Hüttenbewohner im Möllner Wald ahnt gar nicht im entferntesten, was für 'ne ausgesuchte Dummheit er angestellt hat, wie denn überhaupt Männer – –« »Ach Gott ja,« fiel hier Bümi mit überzeugtem Eifer ein, – »Männer sind zu dumm !« Aber sie dämpfte ihre Stimme doch bei den letzten Worten, trotzdem Dr. Franz Schirmer meilenweit entfernt in S. saß; der Respekt vor ihm hatte Fernwirkung. Nach kaum einer Viertelstunde sah Kerlchen mit den andern um den großen, runden Familientisch, »Der Brautstrauß« war hinaus auf die Veranda gesetzt worden, weil ein paar Tuberrosen darin »entschieden Koppweihdag« machten, wie Bümi behauptete. Den Schmuck hatte Onkel Waldemar in Verwahrung nehmen müssen, aber Kerlchen hatte noch die andern Kistchen und Kästchen geöffnet und viel Liebe entgegengenommen, deren sichtbarstes Zeichen die Riesenleberwurst war, welche Schlächter Krone schickte. Der Begleitbrief war sehr flüchtig geschrieben, aber Kerlchen fühlte, wie er gemeint war. »Hochverehrtes Fräulein schreibe in großer Eile und Zeitverschwendung da mein Newö auf Hochzeitsreise ist und die Nachwehen des Viehmarchtes auf meinen Schultern ruhen. Wünsche darum nur viel Glück zum 18. Geburtstage, was die schönste Zeit im menschlichen Dasein ist und lege eine von mir in stiller Stunde selbstverfertige Wurst bei mit reinster Leber, Majoran und Hochachtung Krone.« »Kerlchen, diese Eroberung ist dauerhafter Natur,« rief Luttewete über den Tisch herüber. »Und nahrhaft,« neckte Munke, während Bümi weise bemerkte: »Schon uns zu Liebe hättest du den Newö Bär nehmen müssen, Kerlchen, denk' nur, mit wie viel ›Leber, Majoran und Hochachtung‹ du uns hättest unter die Arme greifen können.« »Der Newö hat ja keinen Ton gesagt,« lachte Kerlchen, – »mit beiden Händen hätt' ich sonst zugegriffen.« »Was für ein herrliches Absteigequartier wäre dein Schlachterladen für uns geworden. Den Urlaub unserer Männer hätten wir unweigerlich bei ›Krones oder Bärs‹ verbracht, um nachher die sieben mageren Jahre würdig verbringen zu können.« »Vetternreisen gehörten ehedem zu dem Schönsten und Billigsten, was man haben konnte,« nahm der Gutsherr das Wort, – »jetzt ist das auch anders geworden. Noch vor vierzehn Tagen erzählte mir unsere liebe Nachbarin auf Elmelo strahlend, daß sie nach Berlin zu ihrer Verwandten eingeladen sei. Gestern trat sie mir sehr »bedrippt« schon wieder entgegen. Frau von S. hat ihr nämlich bei der Abreise eine Rechnung verabreicht über jedes bißchen, was dem Besuch in Berlin vorgesetzt worden war, – daß das Bett und die Beleuchtung nicht darauf standen, soll nur auf 'n Versehen zurückzuführen fein. Es lebe die Gastfreundschaft!« Eine ganze Weile tobte ein Entrüstungssturm, und Kerlchen versicherte feierlichst, daß ihr ganzer Laden den zärtlichen Verwandten zur Verfügung gestanden hätte, wenn – – ja, da lag eben der Haken, wenn sie »Frau Newö« geworden wäre. Als der Kaffeetisch abgedeckt war, erhielt Kerlchen die Erlaubnis, sich in den eingegangenen Briefen zu »begrasen«, aber schon nach einer knappen halben Stunde lief es mit einem umfangreichen Schreiben suchend dem Gutsherrn nach, bis es ihn endlich im Pferdestall fand. »Wo brennt's, Kerlchen?« »Nirgends, Onkelchen, aber ich hab' was!« »Das seh' ich.« »Setz' dich mal hier auf die Futterkiste, hör' mir aufmerksam zu Ohmchen, – hast du Zeit?« »Für dich immer.« »Wera von Rhoda schreibt mir, – du weißt, mein kleines, liebes Werchen, bei der ich Anstandsdame war.« Onkel Waldemar kämpfte mit einem Hustenanfall, der ihm aber selbst unberechtigt schien, denn wenn man das Kerlchen so ernsthaft und mustergültig da auf der Futterkiste sitzen sah, konnte es wohl jedem als »Anstandsdame« glaublich erscheinen. »Und was schreibt sie?« »Ach, ganz liebe, närrische Worte, – richtig so, wie sie immer war, aber sieh' hier – Ohmchen – ich soll hinkommen – wenn ich will und – – – ich will .« Der Gutsherr nahm den Brief und las: »– – – hin und her haben wir uns besonnen, wem wir eine solche Liebestat zumuten könnten, denn die würde es sein, Kerlchen, trotz des hohen Gehaltes, das Dir gehörte. Eine fremde, bezahlte Kraft kann ich mir bei Fräulein von Rhoda gar nicht wieder denken, mit der letzten Pflegerin war's das reinste Trauerspiel. Und als gestern mein Mann so zögernd aussprach. »Würde nicht Kerlchen – – – –?« Da fiel mir ordentlich mit innerlichem Gepolter ein Zentnerstein von der Seele. Und das Merkwürdige ist, sie , unsere Tante, die außer sich ist, wenn man ihr sagt, daß sie ohne besondere Pflegerin nicht auskommt, und die Deinen Vorgängerinnen das Leben zur Qual machte (hübsche Aussichten, – was, Kerlchen?), – nach Dir verlangt sie und spricht immer von dem »ruhigen, in strengsten äußerlichen Formen sich bewegenden Fräulein Schlieden«. Unsere Mummerei von damals darf sie natürlich nie erfahren, sie kann ruhig denken, daß der bekannte Zahn der Zeit Dich unbegreiflicherweise nicht angeknabbert hat. Also, liebes, einziges, ganz und gar unvergleichliches Kerlchen, denke daran, daß nur der Gedanke an Dich mir einigermaßen Ruhe gibt, die mir nach der Behauptung unsers guten Dr. Gieseke, der Dich tausendmal grüßen läßt, unbedingt notwendig ist. Die Buchenwälder sollen gut sein und Fräulein von Hartwig desgleichen – sie sollen Dich los lassen. Gib mir bald, recht bald Antwort, hörst Du, Kerlchen? Mein Ernst wird Dich mit unserm Wagen von Sandkrug abholen, solltest Du es aber vorziehen, noch in Altenhof zu verweilen, um Tante Altenhof, Gisela und die Kinder wiederzusehen, kann ich Dir's nicht verdenken, aber denk' dran, daß wir die Stunden zählen, Dich hier zu haben. Und was in meiner Macht liegt. Kerlchen, Du sollst Tante Rhodas Unbegreiflichkeiten nicht so gar arg spüren, wir wollen wie ein Mann zusammenstehen, und eine Mauer aufrichten, an der sich Tante auch mal ihren hochgeborenen Kopf anrennt. Auch Heinz, mein Schwager-Leutnant, wünscht, mit in das Trutzbündnis aufgenommen zu werden, außerdem habe ich mal Einblick in sein Taschenbuch getan, Du stehst darin als »vierzehnte« Liebe verzeichnet, aber während jeder andere Name zwei abweichende Benennungen trägt, z. B. A. v. B. 1. schön wie eine Rose, und 2. mit späterem Datum: (»dumm wie Bohnenstroh«), H. L. 1. liliengleiche Königin meines Herzens (2. protzenhaft). C. v. d. E. 1. süße, goldhaarige Nixe (2. erwies sich als Blender) – stand bei Dir: »F.-R. S. (Kerlchen).« Unvergleichlich! 2.  (Heirat nicht ausgeschlossen!!!) Ich war ganz glücklich über meinen Fund, der sich auch als Fundgrube unerschöpflicher Neckerei erwies, aber da ich schon ahnte, wie empört Heinz über meine Neugierde sein würde, machte ich gleich noch heimlich einen Nachsatz: 1. Meine Schwägerin Wera von Altenhof, entzückendes Geschöpf, überstrahlt alle, heiratete in unseliger Verblendung anstatt mich meinen Bruder Ernst – 2. (pöbelhaft, drang in meine tiefsten, heiligsten Geheimnisse). Sein Gesicht muß klassisch gewesen sein, als er den Unsinn las, – was für ein eingebildeter Kerl er aber wirklich ist, merke ich daraus, daß er mich feierlich beschwor, Dir nichts von dem Vermerk »Heirat nicht ausgeschlossen« zu sagen, damit Du Dir keine – – Hoffnungen machtest, die er vielleicht nicht erfüllen könnte. Ich habe dreimal mit dem Finger auf die Stirn gezeigt und ihm ein Glas Wasser bringen lassen, das genügte. Und nun zum Schlusse noch einmal: Kerlchen, komm'! Tante Rhoda wird schon mit sich reden und leben lassen, jedenfalls tust Du ein herrliches Werk, wenn Du Dich ihrer annimmst und ihrer 365 Krankheiten, die sie wirklich immer unliebenswürdiger machen. Ich weiß mir jedenfalls keinen andern Rat, – die »Stützen«, die bis jetzt da waren, verließen mit großer Pünktlichkeit Schloß Groß-Rhoda immer schon am dritten Tage wieder, so daß wir braven Leute in einen entschieden schlechten Geruch geraten, wenn es so fort geht. Aber mein Kerlchen ist aus tapferem Geschlecht, und wenn Du erst hier bist, dann lerne nur fleißig Euern Wappenspruch auswendig, der da sagt: » Nunquam retrorsum! Niemals zurück!« * Kerlchen faltete den Brief nachdenklich und langsam zusammen. »Nun, das muß ich sagen, – ein vertrauenerweckendes Angebot!« meinte der Gutsherr spöttisch, »ich hoffe, du schlägst dir diese merkwürdige Sache aus dem Kopf, – Himmelmohrenelement, ich leid's einfach nicht, daß du herumgestoßen wirst – – bleib' bei uns, liebes, liebes Kerlchen!« »Wie du mich quälst!« Ganz tief betrübt sah Kerlchen aus. – »Und ich habe doch niemanden als dich, der mir hilft, wenn sie nachher alle auf mich losfahren.« »Ja, das werden sie,« murmelte Onkel Waldemar, »und ich hab' versprochen, dich zu schützen. Laß sie nur kommen, laß sie man!« So kam es, daß zur Mittagstafel Onkel und Nichte als rochers de bronze dasaßen, an denen die hochgehenden Wogen der Entrüstung ohnmächtig zurückprallten. Erich besonders war untröstlich, und saß mit finster gefalteten Brauen seiner Suppe gegenüber, jeder Bissen war ihm vergällt. Kerlchen hielt seine Hand und streichelte sie. »Ich werde wieder zu tun haben!« frohlockte es. »O Erich, ich bin ja so glücklich!« »Kerlchen, denk' an Käfermanns!« »Das war ganz was anderes, – –« »Kerlchen, was bin ich für ein unnützer Mensch – – daß ich dich nicht schützen, nicht zu mir holen kann. – »Iß, Erich! Hunger macht beschränkt. Du redest ja blühenden Unsinn!« »Kerlchen hat recht,« fiel der Gutsherr ein, » daran liegt's doch wahrhaftig nicht. Als ob wir nicht alle, wie wir hier gewachsen sind, das Kerlchen zu uns nähmen mit Freuden, aber es ist ein Dickkopf. Ich hab's aufgegeben, mit ihm zu streiten.« »Es muß abgestimmt werden,« schlug Bümi vor. »Die Majorität gibt den Ausschlag.« »Onkel Waldemar ist schon allein Autorität, und der ist auf meiner Seite,« beharrte Kerlchen. »I wo wird das Jüngschen Autorität sein?« fragte Luttewete entrüstet. »Wenn wir auch aus dem Hause sind, so haben wir Sitz und Stimme im hohen Rate doch nicht aufgegeben. Also Jüngschen, du darfst anfangen!« »Ich bin auf Kerlchens Seite, – was es vorschlägt, hat meine Billigung,« rief laut und energisch der Gutsherr, und schaute triumphierend auf die verblüfften Gesichter der Walküren. »Es ist die Möglichkeit! Jüngschen als Renegat! Wir werden ihn enterben müssen! Nun, mien Olsch, kommst du! Rede und fürchte dich nicht!« Tante Hedwig holte tief Atem, sie hatte augenscheinlich eine längere Reichstagsrede auf der Leber, wurde aber von den Walküren niedergeschrien. »Kurz fassen, mien söte Olsch, sonst muß dir das Wort entzogen werden. Quasseln ist nur im Reichstage erlaubt.« »Also, ich möchte das Kerlchen für mein Leben gern hier behalten, aber – wenn es die Stelle annehmen will, so wird es sich das gut überlegt haben –« »Weh uns!« Munke erhob sich pathetisch. »Unsere Öllern sind aufsässig geworden! Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit!« »Nun kommst du, Tante Paula! Hilf uns!« Frau Oberst Schliedens zartes Gesicht überflog eine leichte Röte, und ihre Stimme bebte leicht, als sie sagte: »Meine Felicitas hat recht, grad' so würde ihr Vater gehandelt haben. Fee ist stärker und tapferer als ihre Mutter, – ich hätte es nicht gekonnt.« »So? Wer ist denn nun tapfer, Schwägerin?« fragte Onkel Waldemar. »Ich weiß, wie blutsauer es dir wird, deines Herzens Sonnenschein schon wieder von dir zu lassen, Helden seid ihr doch alle, so im heimlichen Schmerz ertragen, ihr Frauenzimmerchen!« Kerlchen schlang die Arme um ihre Mutter. »O ich dank dir!« flüsterte es innig. »Na, und wat seggen de Pasterlüd?« Frau Emmy lehnte ihren blonden Kopf an Kerlchen. »Du Starkes!« flüsterte sie zärtlich, und der Pfarrer reichte ihm mit einem schönen, offenen Lächeln die Hand: »Ich bin für das ›auf eigenen Füßen stehen‹,« sagte er herzlich, »und allein und verlassen sind Sie ja nirgend auf der weiten Welt.« »Ja, un nu kamen Se mit 'n lieben Herrgott, Herr Paster, un wi möten de Segel streichen, un dohn jo dat ok,« meinte Tante Laura, »äwer mi dünkt, de leiwe Gott hett ok sien Freud', wenn dat lütt Dirning bi uns bliwwt.« »Also es ist keine Zucht, und keine Ordnung mehr in Buchenwalde, seit wir uns verheiratet haben, – dieses erlaube ich mir festzustellen. Die Walküren haben ihr Mandat verloren.« Munke stieß einen komisch-tiefen Seufzer aus, dem ein fingiertes Aufschluchzen der beiden Schwestern folgte. Das Lachen darüber brachte eine frohere, gleichmäßigere Stimmung in die Versammlung, besonders, als Chrisli noch planlos anfing zu rufen: »Das Kerlchen soll tun, was es will, und – bei mir bleiben!« Am Abend desselben Tages, als alle sich schon zur Ruhe begeben hatten, saßen Erich und Kerlchen noch lange im Parke bei hellem Mondschein zusammen. »Das du dich nicht beruhigen kannst!« seufzte Kerlchen. »Nein, ich kann's nicht!« rief Erich schmerzlich. » Du , so geschaffen dazu, ein Haus zu durchsonnen, einen Mann glücklich zu machen, – du , so ein ganzer Kerl trotz deiner Jugend, und willst dienen , Schuhputzer sein bei ganz fremden, gleichgültigen Menschen, – nur weil ich – – ein Bettler bin.« »Wie du übertreibst, Erich – in allem! Ich habe gar keine Stiefelputzernatur, – ich bücke mich viel zu wenig, denk' – wieviel tausend und abertausend Mädchen aus guten Familien müssen ihr Brot selbst verdienen, Mädels, die viel mehr gelernt haben als ich, die in der Großstadt lebten, alles kannten und verstanden, nicht so dumme, dumme Provinzmädels waren, wie ich eins bin.« »Nu mein geliebtes, goldiges Provinzmädel!« sagte Erich weich, und drückte Kerlchen an sein Herz: »So soll ich also auch ruhig und gelassen: »Ja und Amen« sagen zu deinem neuen Ausflug ins feindliche Leben?« »Freilich sollst du das, du lieber, dummer Erich, und sollst mir außerdem sagen, wo dein freies, frohes Lachen hingekommen ist. Ich hatte mir's ja hundertmal anders vorgestellt, wenn ich mal wieder mit dir zusammen wäre, und nun vollends hier ! Wie herrlich ist's in Buchenwalde, gelt du, was hängen hier für Erinnerungen in der Luft!« »Freilich!« lächelte Erich bitter. »Emmy ist hier verheiratet, und – wie es scheint – wolkenlos glücklich!« »Erich!!!« Kerlchen sah angstvoll forschend in sein verdüstertes Gesicht. »Nein, nein, Erich, gelt – o – Erich, nicht wahr, du bist doch lieb und gut und groß und tapfer, du willst mir doch nicht sagen, daß du dich nicht freust, wenn unsere Emmy glücklich ist?« »Sie hat vergessen –« »O sicher nicht vergessen , Erich, – aber sie geht nun ganz auf in ihrer Pflicht. Deshalb müssen wir sie doppelt lieb haben, Erich, – sieh' – da versteh' ich dich nicht, – ach Erich!!!« Kerlchens Stimme war immer ängstlicher geworden, es klammerte sich an den Bruder, als drohte ein finsteres, unverstandenes Etwas, die Geschwister zu trennen. »Kerlchen, du bist viel, viel besser als ich,« sagte Erich leise und streichelte sacht den Kopf seines Schwesterchens. »Aber ich – sieh' Kerlchen, mit dem frühesten Morgen will ich fort, – ich hab' mich für stärker gehalten. Nicht wahr, du bist mir nicht böse?« »Nein, nein, Erich, wie sollt' ich wohl! Und ich stehe auch ganz früh auf und bringe dich zur Bahn, – weiß es jemand im Herrenhause?« »Von Onkel und Muttchen habe ich mich verabschiedet, den andern ist's wohl nicht so von Belang, nur – – – – Emmy hatte ich es noch gesagt.« »Warum, Erich?« »Nicht solche Augen, Kerlchen! – Ich wollt' mir ein liebes Abschiedswort holen, weiter nichts.« »Gab sie dir's?« »Sie reichte mir die Hand – was sollte sie auch sonst sagen? Aber nun zu dir, Kerlchen. Du hast mir viel, viel zu erzählen. Was ist das mit dem alten Herrn von Rumohr, den du nie erwähnt hast, was ist das mit dem Strauß von Fritz? Und heiraten soll er? Seine Cousine in Brasilien? Kerlchen –« Aber das Mädel war schon fort. Sein weißes Kleid leuchtete noch einmal in den verschlungenen Wegen des Parkes auf – verblüfft sah Erich seinem Schwesterlein nach und ging dann langsam und kopfschüttelnd dem Herrenhause zu. Am anderen Morgen schon vor 5 Uhr schritt das Geschwisterpaar Arm in Arm durch die taufrischen Wiesen nach dem kleinen Bahnhof. An der Waldecke holte es Pastor Richter ein, der, einen Strauß köstlicher Rosen in der Hand, gleichfalls dem Bahnhof zustrebte. Sein »Gutenmorgen« klang fröhlich und unbefangen. »Mein liebes Weib sagte mir, Sie wollten mit dem Allerfrühsten schon fort, Herr Leutnant, und ich hatte mich noch gar nicht von Ihnen verabschiedet. Da ich nun Frühaufsteher bin, macht es mir nichts aus, Sie zur Bahn zu begleiten. Solch lieben Besuch haben wir nicht oft in Buchenwalde, – er soll nicht so ohne Sang und Klang fortgehen.« Erich drückte dem Pastor stumm die Hand, es stieg ihm etwas heiß in der Kehle auf, das ihn am Sprechen hinderte. »Emmy wäre so gern mitgekommen,« fuhr der Pastor fort, »aber sie hat eine schlechte Nacht gehabt, Kleinchen zahnt und hält die Mutter immer in Atem. Doch die Rosen schickt sie, – sie hat sie vor Tau und Tag gepflückt und sich dann wieder niedergelegt. – Und viele herzliche Grüße und Wünsche für die Reise und für die Zukunft.« Erich Schlieden atmete tief auf. »Ich danke Ihnen, Herr Pastor, – Ihnen und Frau Emmy, es ist so echt frauenhaft, daß sie jetzt noch für den Jugendfreund sorgt.« »Aber auch was für ein Jugendfreund!« Der Pastor sah voll Güte und Zutrauen in das schöne Gesicht des jungen Offiziers. »Sie sollen äußerlich auf und ab Ihrem Herrn Vater gleichen, nun, innerlich scheinen Sie ihm doch auch ganz und gar nachzueifern, – meinen Sie, meine Emmy hätte mir nicht voll Bewunderung erzählt, was für ein Ritter ohne Furcht und Tadel Sie sind? Von der Stunde an war ich Ihr Freund!« Er streckte Erich wieder die Hand hin, und dieser schlug kräftig ein. Weiterer Worte bedurfte es nicht, Kerlchen sah ganz glücklich von einem zum andern. Und nun lag der kleine Bahnhof vor ihnen, und der Zug ließ nicht lange auf sich warten. »Ein Edelmensch!« sagte der Pastor warm, als das liebe, offene Gesicht des jungen Offiziers noch einmal zum Fenster hinausgrüßte, und der Zug dann im grünen Gelände verschwand. »Das ist er,« nickte Kerlchen eifrig, »ich wollt', ich wäre wie er.« »Nun wir sind auch so zufrieden,« meinte lächelnd der Pastor, und dann schritten beide aus und erreichten Buchenwalde gerade, als man sich zum ersten Frühstück versammelte. »Edel finde ich es nicht, daß dein Bruder sich französisch drückt,« rief Bümi als Gutenmorgengruß Kerlchen entgegen. »Bümi hat sich nämlich steif und fest eingebildet, tiefen Eindruck auf den schönen Leutnant gemacht zu haben,« warf Munke dazwischen, sie hat gestern immer nur: »Wi beiden Smucken« gesagt, wenn sie von ihm sprach, – gerade als kämen wir andern nicht in Betracht.« »Und wir sind doch auch nicht von Pappe!« Luttewete wiegte sich wohlgefällig vor dem Spiegel. »Im übrigen, Leutnants im allgemeinen und besonderen sind gottlose Ware,« fuhr sie fort. »Wir brauchen uns alle drei nicht einzubilden, in dem Stern der Herrlichkeit ein so tiefes Gefühl geweckt zu haben, daß unsere Männer ein ernstes Wort mit ihm reden müßten. Erich Schlieden ist gestern im Mondschein »zu zweien« im Park gewesen, – jawohl, schrecklich aber wahr!« »Kerlchen, dein Edelbruder sinkt etwas.« »O das war ich bloß,« rief Kerlchen rasch. »Wer denn?« »Na im Park!« »Was sie für Augen macht! Das nenn' ich noch: »Ritter, treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz juchhe!« Lügt diese lüttje Wahrheitsgöttin ihrem teuren Bruder zuliebe uns an. Schäm' dich, Kerlelein, wir sind ganz blau geworden.« Kerlchen stand dicht vor Luttewete. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, seine bekannte Kampfstellung, das Gesicht bis in die Lippen erblaßt, und die Blauaugen so zornig funkelnd, daß sie ganz dunkel erschienen. »Das genügt!« rief Munke über den Tisch herüber. »Wir glauben dir aufs Wort, Kerlchen, und wenn du uns versicherst, dein Bruder sei ein Engel und ginge in Berlin nie abends nach sieben Uhr aus, und dann nur in Begleitung seiner Großmutter.« »Hör' nicht auf sie, Kerlchen,« beschwichtigte der Gutsherr, – »es ist eine Rasselbande – alle drei!« »Jüngschen, Jüngschen!« drohte Bümi. »Diese unparlamentarischen Ausdrücke – –, ich sehe doch, daß wir dich recht schlecht gezogen haben, – dich wird das Leben noch bös zurecht stutzen.« Bei diesen übermütigen Worten sah die stattliche Bümi ihren Riesenvater so komisch strafend an, daß dieser erst eine scheinbare Armsündermiene aufsetzte, aber dann zum Schlage ausholte. Mit großem Geschrei entwichen die Walküren, der Gutsherr hinterdrein, und fort ging's wie die wilde Jagd durch Schloß und Park, wobei sie noch die eigene Mutter überrannten. Die Zurückbleibenden, Frau Oberst Schlieden und Kerlchen, sahen sich eine Weile etwas verblüfft an. »Dein Väterchen pflegte immer zu sagen: »Jeder Mensch hat seine Brausejahre, bloß die Buchenwälder-Schliedens die brausen ihr ganzes Leben lang.« Aber echt sind sie, Kerlchen, durch und durch Gold.« »Ich weiß, Mutti. Ich bin bloß so ein schreckhafter Kerl geworden, – zu dumm!« »Und was hatten meine Kinder gestern noch so lange im Mondschein zu plaudern?« »Nichts, was meine süße Muusch beunruhigen könnte.« »Und Erich?« »Ist ein Prachtmensch, Muusch, wir können stolz auf ihn sein!« Eben trat Tante Laura ins Zimmer. »Na, das muß ich sagen, ein kernfester Schlag, die Buchenwalder,« sagte sie bewundernd. »Da ist doch noch Schneid drin, ich sah sie vorhin alle durch den Park sausen, Müdigkeit kennen die nicht. Und wie ein Eichenbaum steht der Gutsherr unter seiner Familie, – gefällt mir sehr, dieser Hüne, und seine Walküren erst recht.« »Aber sie haben so gar keinen Respekt vor den Eltern,« wandte Frau Oberst Schlieden zaghaft ein. »Ach, das ist ja alles nur Wortgeplänkel, in Wahrheit hat sie der Hüne doch gründlich unter der Fuchtel.« Frau Oberst lächelte zweifelnd. »Aber wenn sie so losgehen – – –« »Worte! Worte! So übermütig sie sind, – sie haben 'n kolossalen Respekt – – holla, da kommen sie ja!« Munke, Bümi und Luttewete stürzten zur Tür herein, die sie dabei beinahe aus den Angeln hoben, und setzten sich dann wieder an den meuchlings verlassenen Frühstückstisch. Tante Hartwig klopfte ihnen der Reihe nach die blühenden Wangen. »Nun, ihr Wildlinge? Wo habt ihr die Eltern?« »Eingesperrt,« lautete die fröhliche Antwort. »In die Futterkammer! Sie mußten mal geduckt werden, sie wurden zu üppig, – die Eltern.« – – – – – – – – * Der alte Herr von Rumohr saß vor seiner Hütte im bequemen Ruhesessel und studierte die eingegangene Post. Der schwarze Diener stand in einiger Entfernung und sah mit sehr ängstlicher Miene nach seinem Herrn hin. Wenn die Gicht bös in den Füßen hauste, dann wünschte die Umgebung des Kranken immer von Herzen, daß die eingehenden Briefe und Zeitungen die Stimmung verbessern möchten; das schien aber heute nicht der Fall zu sein. Schon mindestens dreimal hatte Wolf von Rumohr die dünnen überseeischen Blätter durchgelesen und zusammengefaltet, und ebenso regelmäßig setzte er diese Arbeit fort, holte immer wieder die Briefbogen aus dem Umschlage, glättete sie und las sie aufmerksam von Anfang bis zum Ende. So grimmig war sein Gesichtsausdruck, und immer grimmiger wurde er noch. Ein Weinglas hatte bereits dran glauben müssen, es lag zerschmettert zu Füßen einer alten Buche und zeigte, daß wieder mal der Jähzorn mit dem alten Manne durchgegangen war. Und das diensteifrige Bemühen des Negers, die Scherben aufzulesen, war mit einem Fluche zurückgewiesen worden, dazu eine energische Hand- und Armbewegung, die dem Zornigen noch dazu rasende Schmerzen verursachte, weshalb der Schwarze es vorzog, einige Entfernung zwischen sich und den Gebieter zu legen. »Es ist nicht zu glauben,« murmelte Herr von Rumohr zornig, – »nicht zu glauben, wenn ich es nicht schwarz auf weiß hätte. Die Florence ist mir richtig über den Kopf gewachsen, und ich sitze hier wie Trumpf Sechs, kann ihr nicht mal den Kopf waschen, wär' auch doch schon zu spät, und mein siedendes Donnerwetter hört sie nicht, und wenn sie's hörte, würde sie höchstens drüber lachen, schallend, silberhell, wie's nur meine Florence kann. Aber was tun, was tun? Ich kann doch nicht so ohne weiteres meinen Segen geben, der – scheint's, noch nicht mal so arg verlangt wird, so verliebt, so ganz mit sich selbst beschäftigt sind die beiden.« Wieder wurde der Brief studiert, und Mustas Gesicht verlängerte sich zusehends. Musta hatte Miß Florence »großgewartet«. Ihre kleinen schneeweißen Fingerchen hatten sich an seinem schwarzen Krauskopf festgehalten, wenn er sie auf seiner Schulter tanzen ließ. Er hatte sie laufen gelehrt und ihr die schwermütigen Niggerweisen vorgesungen, die sie so sehr liebte, weit mehr als die langweiligen deutschen Wiegenlieder, mit denen die weiße Wärterin des Pflanzerprinzeßchens sie einlullte. Miß Flossy war immer Mustas treue, kleine Freundin gewesen, die ihn in Schutz genommen und nötigenfalls mit ihren eigenen kleinen Fäusten verteidigt hatte, aber nun er fern von ihr war und sich so schon so furchtbar nach ihr und der schönen heißen Heimat bangte, da war es nicht recht, daß sie den strengen Gebieter durch ihre Kritzelbriefchen reizte, wie das heute augenscheinlich der Fall war. »Liebster Pa! Heute kannst Du Dich nur ganz fest in Deinen Sessel lehnen und Dich auch im weiteren recht fest halten, denn ich hab' Dir allerhand Überraschendes zu erzählen. Verlobt hab' ich mich, alter Pa, – nicht wahr, Du hättest nicht geglaubt, daß es so rasch gehen würde. Ich selbst auch nicht, und erst recht nicht hätte ich geglaubt, daß ich so über alle Begriffe glücklich sein würde, – es ist ja wie im Märchen, und die Welt über die Maßen schön. Jetzt reißt mein alter Pa die Augen auf und staunt, daß seine kühle Flossy ins Schwärmen kommt, wie ein deutsches Mädchen, und er glaubt am Ende gar, der deutsche Einfluß sei dran schuld, den Du mir so weise von Deiner Heimat aus in der Person des Vetters Fritz schicktest. Und wirklich, Du hast recht gehabt, alter Pa, der Fritz von Rumohr ist ein Prachtkerl! Diese schwermütigen schwarzen Augen haben in der doch verhältnismäßig kurzen Zeit seines Hierseins Unheil genug angerichtet, trotzdem, oder vielleicht weil dieser deutsche Bär so unbekümmert durch das Kreuzfeuer schöner Blicke einherschreitet. Es ist die höchste Zeit, daß der Herzenbezwinger bald dauernd in Fesseln geschlagen wird. – Nur ich kann es nicht tun, liebster Pa, und jetzt komme ich zu dem Kernpunkt meines Briefes, um den ich bis jetzt herumgegangen bin, wie die Katze um den heißen Brei. Wie ich Dir schon sagte, ich bin verlobt mit Cedrik Palmers, – und – ich hatte den Ceddy schon lange lieb, als mein alter Pa den sonst ganz netten Plan mit Fritz von Rumohr austüftelte. Und nun weißt Du auch, daß Du absolut keinen vernünftigen Grund hast, mir meinen Ceddy nicht zu geben, weißt auch, daß irgend welcher Widerstand bei Deiner Flossy nichts nützen würde, deshalb tu mir und uns den Gefallen, die ganze Sache reizend zu finden, und kabele uns Deinen Segen schleunigst herüber, damit wir alles veröffentlichen können. Damit Du aber nicht etwa in den Fehler fällst, gegen Deine süße Florence zu wüten, weil sie Dir so ein niedliches, im deutschen Buchenwalde echt deutsch ausgedachtes Heiratsplänchen zerstörte, will ich Dir doch ein Bravourstückchen von Deinem ausgesuchten Thronprätendenten Fritz erzählen, damit Du wieder mal siehst, daß der Mensch (in diesem Fall mein alter Pa) denkt, und Gott lenkt. Also Cedrik wollte eigentlich erst noch eine größere Reise unternehmen und mir erst nach seiner Rückkehr das entscheidende Wort abverlangen, – ich hatte den lieben Jungen nicht gerade sehr gut behandelt, geschweige denn ermutigt. Du kennst ja Deine kratzbürstige Flossy. Ich wäre lieber gestorben, als dem Ceddy zu zeigen, daß ich ihn lieb hatte, – Pa, tüchtig lieb. Da erschien Fritz von Rumohr auf der Bildfläche, wir verstanden uns vom ersten Augenblick an famos, und nun wurde Cedrik rasend eifersüchtig. Hätte es meinem gelassen-ruhigen blonden Schatz nicht zugetraut. Es ist nun sehr möglich, daß ich in den darauffolgenden Wochen etwas heftig mit Rumohr kokettiert habe, – er kann's jedem Mädel antun, behaupte ich, das nicht gerade 'n Bovist an der Herzstelle trägt, wie Du immer so schön holsteinisch sagtest. Dazu kam, daß ich mich etwas über den deutschen Eiszapfen ärgerte, der selbst in den lauesten Sommernächten bei feurigster Bowle ungerührt über deutsche Politik und Bismarck reden konnte, – – na, das Ende vom Liede war, mein Othello Cedrik setzte mir eines Abends die Pistole auf die Brust (bildlich genommen) und brüllte: »Er oder ich, entscheide dich.« Worauf ich lachend entgegnete: » Dich , du dummer Ceddy.« Das war unsere Verlobung, und Du weißt, Pa, daß sie in jeder Beziehung paßt. Als wir nun so recht im unvernünftigsten Glücke schwelgten, fiel es mir doch schwer auf die Seele, dem Friedel die veränderte Sachlage schonend beibringen zu müssen, ich mochte gar nicht an seine melancholischen Schwarzaugen denken. Als Ceddy fort war, und Fritzens Besuchsstunde nahte, setzte ich mich ordentlich in Positur, und als er nun mit ganz besonderer Miene eintrat, angetan mit einem schauderhaften deutschen Bratenrock, der ihm aber, wie alles, tadellos sitzt, – erschrak ich wahrhaftig. »Ich habe mit dir ernsthaft zu reden, Flossy,« sagte er feierlich, und ich erwiderte beklommen: »Ich auch mit dir.« Nun war aber gerade ein Brief von Dir gekommen, Pa, und Fritz nahm wohl an, Du hättest wieder mal unsere Verlobung kräftig befürwortet, – kurz, er ließ mir nicht mal als Dame den Vortritt mit meiner Rede, sondern nahm meine beiden Hände und sprudelte nur so seine Worte hervor, und wie ich erst stutzend, weil ich meinen Ohren nicht traute, ihm zuhöre und schließlich den Schaden besah, – Pa – da wollte er mich durchaus nicht heiraten, um keinen Preis der Welt. – Mit Dir sei absolut nicht zu reden gewesen, meinte er, aber ich sei ein verständiges Mädchen (hörst Du Pa?), und ich solle ihm nicht böse sein, – als Schwester und Cousine sei ich ein famoses girl , aber als Braut oder Frau – never ! Na, ich war so, was man sagt, – starr! Schließlich kanzelte ich ihn ordentlich ab, daß er mich nicht hatte zuerst reden lassen, und sagte ihm, daß ich ihn nicht ausstehen könnte und nicht geschenkt haben möchte, (Gott verzeih' mir diese krasse Lüge) daß ich seit Monaten verlobt sei, (es waren genau zwei Stunden), und er sei ein greulicher Mensch und solle sich zum Teufel scheren. Das tat er aber nicht, weil er behauptete, keine Fühlung mit diesem Herrn zu haben, – fragte mich immerzu, ob es denn wahr sei, daß ich den Cedrik Palmers liebte, und wurde bei meiner energischen Bejahung so kreuzfidel und sah so beleidigend glücklich aus, daß ich beinahe geheult hatte, denn so was war mir, die den Beinamen Turandot hat, doch noch nicht passiert. Aber ich zog es vor, zu lachen, und schließlich lachten wir beide ganz unsinnig, und das löste die Spannung. »Also du willst mich wirklich nicht, du Engel von einem Mädel?« fragte er zum Schluß noch einmal mit tiefem, erleichtertem Aufatmen und küßte mir in überströmender Dankbarkeit die Hand. »Ich kann mir nur eins denken,« sagte ich in berechtigter Erkenntnis meiner sonstigen Unwiderstehlichkeit; »daß es dir bereits ein deutsches blondes Gretchen angetan hat, und du schon als Bräutigam hierher kamst.« Er wurde rot und sehr dickköpfig und abweisend, aber da er wohl einsah, daß er mir eine kleine Genugtuung schuldig war, beichtete er endlich, das heißt bei diesem deutschen Eisenkopf ist ja von eigentlichem Beichten nicht die Rede. Er gab also zu, daß er stark »in love« sei, aber gänzlich unverlobt, das Mädel arm, er arm und ja auch längst noch nicht in der Lage, der Erwählten seines Herzens irgend ein bindendes Wort zu sagen, da er ganz von Dir abhinge. Aber jetzt erst, seit er den früheren aufgezwungenen Beruf von sich geworfen, fühle er, wie er der geborene Landwirt sei, und er wolle Rumohr und Rotbach hoch bringen, so wahr ihm Gott helfe. Wie er so dastand, Pa, weiß Gott, man konnte das Mädel beneiden, dem er sein Herz geschenkt. Ich deutete ihm ganz sacht an, daß er sehr sanguinisch sei, und daß das »arme Mädel« sich vielleicht nach einem andern umgesehen habe, aber da bekamen seine Augen so einen ganz eigenen träumerischen Glanz, und er sagte mit befreiendem Aufseufzen: »Ach Gott nein, das tut »es« nicht. »Es« sagte er, nicht »sie« . Und nun spreche ich ganz energisch mit Dir, alter Pa, mach' keine Sperenzien, rufe den Fritz umgehend nach Deutschland zurück und gib ihm »Rumohr« ohne weiteres. Er kann ja keinen besseren Berater bekommen als den alten Oberinspektor Kalau; die beiden bringen Dein Stammgut hoch, – wetten, Pa? Und dann bist Du gescheit und wandelst das Kunkellehen Rotbach auch in Majorat um, ich bitte Dich, was soll ich mit Rotbach. Ein Gut, das nie seinen Herrn sieht, ist ein Unding, und offen gestanden, ich hänge ja hundertmal mehr an unserm »Seven Oaks« hier, auf dem ich groß geworden bin. – Sei brav, alter Pa, Du siehst ja selbst ein, daß alles so am besten ist. Ich möchte wohl das Mädchen sehen, das ein Fritz von Rumohr zu seiner Gattin gewählt, – – es muß etwas ganz Besonderes sein – * Leb' wohl, Pa, ich hab' ganz echtes, deutsches Heimweh nach Dir. Deine Flossy.« Aus Kerlchens Tagebuch. Groß-Rhoda, im September. Die gute Wera! So ein herzenswarmes Ding! Da hat sie mir mit List und halb mit Gewalt ein Stündchen verschafft, damit ich endlich einmal wieder schreiben kann. »Was hat eine bürgerliche Stütze zu schreiben?« fragt die Stiftsdame, Fräulein von Groß-Rhoda. Sie ist so blaublütig, daß es einen Hund jammern kann. In ihrem ganzen Stammbaum soll keine einzige Mesalliance vorkommen, Wera meint sehr respektlos, sie hätte dadurch 'n kleinen Klaps wegbekommen. Als ich ankam und sie begrüßte, sah sie mich ganz starr an. Schließlich meinte sie weinerlich: »Sie sind die Falsche, Sie will ich nicht haben!« Ich stand Todesangst aus, sie könnte den Fastnachtsscherz, den wir einst mit ihr gespielt, wittern, aber sie beruhigte sich doch, als ich ihr schwor , Fräulein Felicitas Schlieden, ehemalige Anstandsdame von Fräulein Wera von Altenhof, jetzigen Baronin von Groß-Rhoda zu sein. »Wie haben Sie sich so verjüngen können!« rief sie händeringend, – »es ist wie ein Wunder! Ich will es wissen, was für Mittel Sie angewendet haben, Sie haben ein anderes Gesicht, eine andere Haltung, eine andere Sprache, was taten Sie?« Sie packte mich beschwörend an, und aus Angst vor ihrem erregten Aussehen stotterte ich was von »heißem Zitronensaft und Honig«. Wieder sah sie mich mißtrauisch an, und Wera setzte rasch hinzu: »Aber baden drin, Tantchen – baden.« Andern Tags schon mußte ich ein Honig- und Zitronensaftbad machen, während Wera so furchtbar lachte, daß sie sich ins Bett legen mußte. Fräulein von Rhoda war unbeschreiblich klebrig, als sie aus der Badewanne stieg, und schauderhaft gnittrig und ärgerlich. Ob sie geglaubt hatte, schon gleich beim erstenmal der Wanne als Venus Anadyomene entsteigen zu können! Wir haben das Bad nun schon ein paar Tage ausgesetzt, – Gottlob, mir ist dieses Komödiespielen ja zu greulich, während Wera darin förmlich schwelgt und immer neue Mittel erfindet, jung zu werden, die Fräulein von Rhoda leider alle ausprobiert, wenn auch manches nur heimlich. Mein Zimmer ist schauderhaft. Was uns damals ein toller, reizender Scherz erschien, das rächt sich nun alles bitter, denn ich muß auf die unschuldigsten Freuden verzichten, weil ich »damals« gesagt habe, ich täte dies nicht, und das nicht, und jenes wäre mir ein Greuel. Gerade meine liebsten Beschäftigungen! So hab' ich auch all meine lieben Bilder, den Säbel von Papa, meinen Revolver, den Totenkopf, ein paar Armknochen, und was dergleichen Schmuck für ein Mädchenzimmer mehr ist, nicht auspacken können, denn sie hatte alles schon mit frommen Bildern und Sprüchen behängt, ein Korb mit »Zentnern« von feiner grauer Strickwolle stand auf dem Nähtisch, und ein Strumpf war bereits angefangen, natürlich nicht für mich, sondern für sie. Wenn ich den Zentner aufgestrickt habe, bin ich tot oder verrückt. Am allerschönsten ist es noch des Sonntags. Da fahren wir früh zur Kirche, und ich bin während des Gottesdienstes wenigstens mein eigener Herr. Denn Fräulein von Rhoda leidet es um keinen Preis, daß ich in dem wappengeschmückten Stuhl der »Rhodas« sitze; so fromm die Stiftsdame ist, so glaubt sie doch streng an einen adligen und einen bürgerlichen Himmel. Wenn ich ihr erzählen würde, daß meine Ahnen Grafen waren, daß ich das Patenkind des vormaligen regierenden Fürsten bin, dessen Bild unzählige Male in ihren Zimmern vertreten ist, daß Fürst Li mein treuester Freund war – – es würde meine Situation mit einem Schlage verändern. Aber nicht um die Welt tue ich das! Und Wera hab ich auch ernst und streng untersagt, der Hochmütigen davon zu sprechen. O dieses Komödienspiel! Aber es ist das kleinere Übel. Ich will gern dienen, es ist nichts Unehrenhaftes. Denn nur durch Dienen kann ich verdienen . Guter Gott, gelt, du gibst, daß es nicht gar zu lang dauert, bis ich die Schuld getilgt habe?! Jetzt ist Leutnant Heinz hier auf wenige Tage. Der arme, närrische Bengel! Er will und will nicht einsehen, daß, ich eine bürgerliche, bezahlte Stütze bin, er war in diesen Tagen der leibhaftige: »Schwan kleb' an«. Seiner Tante, der Stiftsdame, ging er meilenweit aus dem Wege, denn man sah es ihr an, daß sie die Gelegenheit förmlich suchte, um ihm etwas am Zeuge zu flicken und ihm deutlich klar zu machen, was ich sei. Als sie ihn nicht erwischen konnte, hielt sie mich fest und sagte mir allerhand komische Dinge, – o wie böse wurde sie, als ich so hellauf lachte. Ja warum macht sie denn mit einmal solche Scherzchen, wenn man doch nicht lachen soll? Sie ist doch sonst so miesepetrig. Wenn einer 'n Witz macht, lach' ich, und wenn's der Sultan von Marokko ist. * Ob ich hier wohl lange aushalte? Natürlich Kerlchen, – warum denn nicht? Immer tapfer sein, immer dran denken, was für unmenschlich viel Geld du auf dieser »Stelle« bekommst. Kerlchen! Ich hab' meinen lieben Namen so lange nicht gehört. Im Flüsterton freilich, – Werchen ist ja so gut und raunt ihn mir manchmal zu, aber laut darf ihn niemand sagen, Fräulein von Rhoda ist geradezu empört über das Wort. Und sie darf nicht gereizt werden, ich sehe das selbst ein. Nein, tausendmal nein. Ich habe ein einziges mal solch einen Zornausbruch erlebt, – um eine Bagatelle war's, ein Nichts – und so furchtbar spitzte es sich zu. Väterchen, wieviel hast du mir doch mitgegeben! Wenn ich auch jung und dumm bin, – ich kann mich an deine schönen Worte und Kraftsprüche halten, die geben mir Festigkeit: »Maul halten, Ordre parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen!« Und dann: »Nunquam retrorsum« Väterchen, ich halt' schon aus! Frau von Altenhof und Gisela waren erst einmal hier. O dieses Wiedersehen! Nicht aus den Armen lassen wollten sie mich! Wie lieb haben mich doch viele gute Menschen! Das will ich nie vergessen. Ach, der Tag verging viel zu rasch, wir hatten kaum über ein Zehntel von dem geplaudert, was ich so gern wissen wollte. Aber Fräulein von Rhoda wachte ja mit Argusaugen über mich, kaum rühren durfte ich mich – und daß mich alle »du« nennen und so mütterlich-schwesterlich-zärtlich mit mir sind, das befremdet sie, und ich merke, daß es ihr durchaus nicht recht ist. Sie ist meine Herrin. Ich selbst bin noch nicht in Altenhof gewesen, trotzdem es mich mit tausend Armen über die Grenze zieht. Vielleicht sind es auch nur die kleinen Ärmchen der winzigen, wonnigen Gisela-Inge, sie soll ja solch ein entzückendes Kind sein. Aber Hans von Hartwig ist verschollen. Arme, verwaiste Kinder! Glaubt mir, das Kerlchen weiß, was es heißt, heimatlos zu sein. Wie es werden soll, wenn Wera in allernächster Zeit auf Monate hinaus nach Italien geht, – das weiß ich nicht, – ich hab' eine herzbeklemmende Ahnung, als stünde mir was bevor, – es wird wohl ein »Krach« sein. Aber was dann? Die Stiftsdame hat ein »Dienstbuch« für mich angeschafft, nur zum Zwecke des »Duckens«. Wenn ich einmal etwas versehen habe, dann holt sie räuspernd, hustend und krächzend das Buch, darin auf der vordersten Seite mit Riesenbuchstaben »Felicitas R. Schlieden« steht. Sie selbst schreibt eine kleine zittrige Handschrift, deshalb hat sie sich 's vom Lehrer in Fraktur hinmalen lassen. »Was soll ich da nun hineinschreiben?« krächzt sie dann. »Nichts!« »O doch, eine Menge, und Sie bekommen dann nie wieder einen Dienst.« Auf so etwas kann ich nicht antworten, die Kehle ist mir zugeschnürt, ich fasse nur allerhand in der Nähe befindliche harte Gegenstände ins Auge und hab' eine namenlose Angst, diese könnten es fühlen, was ich vorhabe und ihr plötzlich alle miteinander an den Kopf fliegen. Dieser ununterbrochene Kampfzustand strengt außerordentlich an. Wera sagt oft klagend: »Unser Kerlchen wird immer durchsichtiger.« Ja, wie soll ich denn auch hier Fett ansetzen? Vormittags soll ich mit Fräulein von Rhoda spazieren fahren, aber nicht etwa im Wagen, sondern sie sitzt im Fahrstuhl, und ich soll ihn schieben. So einen Fahrstuhl hab' ich noch nie gesehen, eine Kajüte ist's, und ich bringe sie nur ruckweise vom Fleck, wobei ich rot und blau vor Anstrengung werde. Aber das rührte sie nicht, sie rief mir nur zu: »Fräulein, was haben sie für einen entsetzlichen Teint! Sie müssen mehr Gemüse essen.« Neulich begegnete uns bei so 'ner Ausfahrt Herr von Rhoda, der auf die Felder ritt. Sein hübsches, braunes Gesicht wurde ebenso rot vor Ärger als meins vor Anstrengung, er wendete beinahe ohne Gruß sein Pferd und nach kaum einer Viertelstunde kam atemlos in seiner Begleitung der Julius an, unser stärkster Knecht. Er nahm mir ohne weiteres die Kajüte aus den Händen, während Herr von Rhoda seine Tante ansah und ernst bemerkte: »Fräulein Schlieden wird das nie mehr tun, es ist viel zu schwer für sie.« Fräulein von Rhoda biß die Lippen aufeinander, – in Gegenwart der Dienstboten sagt sie nie etwas zu Familiengliedern, und vor ihrem Neffen hat sie überhaupt etwas Dampf – der Knecht Julius aber fuhr sie über Stock und Stein nicht allzu liebreich; die Stiftsdame hat seine Braut unter häßlichen Anschuldigungen vom Hof gebracht, das frißt noch an dem armen Kerl, aber er brauchte doch nicht so toll über Gräben und Hecken mit der Kajüte zu setzen. – Seit diesem Tage gehört ein riesengroßer Posten Geduld dazu, die Stichelreden der Dame mit anzuhören, und »Geduld« ist wohl die schwächste Seite von mir. Hole ich auch nur eine Gabel oder Löffel und Teller, so ruft die Stiftsdame sofort: »Ach, es wird Ihnen doch nicht zu schwer sein?« Und das in einem Ton – – – – –! O jemine, mein ganzes Tagebuch wird hier ein Klagelied Jeremiä. Gestern war eine kleine, nette Gesellschaft im Schlosse, zu Ehren von Leutnant Heinz und seinen Kameraden, die vom benachbarten Manövergelände hergeflitzt sind. Ich habe zum ersten mal wieder gesungen, erwischte aber zum Unglück das süße Liedchen »Elslein von Caub.« Und der zweite Vers lautet: »Was nützet Reichtum und Gesind', Was aller Ahnen Zahl? Ist kalt das Herz, für Liebe blind – – Ade dann, Welt zumal!« So bezog es die Stiftsdame auf sich und verschwand in ihre Gemächer, mit mir natürlich. Ich nahm keine liebe Erinnerung von diesem Abend mit und nach dem Befehl: »Bringen Sie mir ein Glas Wasser, wenn es Ihnen nicht zu schwer wird ,« durfte ich mich ins Bett legen. * Brief von Herrn Rumohr senior an Kerlchen. »Liebes, kleines Mädchen! Deine Briefe an Fräulein von Hartwig, die sie mir alle heraufbringt in meine schmerzvolle Einsamkeit, sind nicht sehr erheiternd. Es steckt so 'ne krampfhafte Fröhlichkeit drin, als wolltest du uns mit aller Gewalt glauben machen, du seist dort auf Rosen gebettet. Na, ich glaub's schon und möchte mich nicht eine einzige Nacht in 'n Rosenstrauch schlafen legen. Was Fräulein von Rhoda für 'ne Art Heckenröslein ist, kann ich mir ungefähr denken, sie war schon als junges Mädchen mehr Dorn als Rose. Rotbach liegt ja nicht fern von Rhoda, da sind wir oft 'nübergeritten früher. Ich fange Grillen mehr denn je. Liebe Wünsche und Pläne sind mir zerstört, und viel habe ich nicht mehr in meinem Alter auf Lager. Dazu der Schmerz in meinen Potentaten, – nicht mal eine Reise über die große Pfütze erlauben sie mir, wenn meine Florence Hochzeit macht. Aber sie sind wolkenlos glücklich die beiden da drüben, und das ist ja die Hauptsache. Gott befohlen, liebes Kerlchen! Du fehlst uns Alten sehr. Wolfgang von Rumohr.« * Aus Kerlchens Tagebuch. Wera und Ernst sind abgereist. Seitdem ist es ganz öde und schrecklich hier. Kein Lachen, kein fröhliches Wort, es ist, als täten alle nur mißmutig ihre Arbeit, weil aus den Fenstern des Herrenhauses nicht mehr Werchens liebliches Gesichtchen schaut und statt des gütigen Gutsherrn der ziemlich scharfe Oberinspektor seine Befehle erteilt. Wir hatten vor der Abreise noch ein fröhliches Erntefest, d. h. die andern hatten es. Ich durfte auf Fräulein von Rhodas Befehl nur einen Pflichttanz mit dem Gutsherrn tanzen, wie die übrigen – Dienstboten auch. In mein Zimmerchen durfte ich mich auch nicht flüchten, ich mußte die Kajüte bewachen, in der Fräulein von Rhoda saß. Der Herbst ist da mit seinen Stürmen und der bunten Farbenpracht der Wälder. Wir haben schon ein paarmal im Kamin ein loderndes Feuer entfacht, es könnte so gemütlich sein, wenn ich etwas Gescheites vorlesen dürfte. Aber nur immer das Sonntagsblättchen: »Der fromme Bote«, oder den Gothaer Almanach. Und über diese beiden Themata wird dann den ganzen Tag gesprochen. Gestern Abend kamen wir auch auf die »Rumohrs«: »Altes, sehr altes Geschlecht,« – erzählte die Stiftsdame, – »nur leider – – nicht ganz reines Blut. Steht noch auf vier Augen, – wer weiß wie bald nur noch auf zwei. Wir sind Nachbarn mit Rotbach, das den Rumohrs als Kunkellehen gehört. War verlottert und zerfallen, soll aber jetzt neue Wirtschaftsgebäude haben und einen tüchtigen Inspektor. Der wilde Rumohr kann's ja, ging als offenbarer Taugenichts übers Meer und kam als Krösus wieder.« Ich hörte mit stark klopfendem Herzen zu, und meine Hand umschloß in der Tasche den Brief vom »wilden Rumohr«, dem »offenbaren Taugenichts und Krösus«. * Die Tage schleichen nur so dahin. – Ich erschrecke oft selbst darüber, wie matt und unfroh ich bin. Auch die andern meinen es, sie schreiben es nicht gerade deutlich in ihren Briefen, aber ich lese es so zwischen den Zeilen. Bei meiner Mutti ist's wie ein leises Klagen, »daß ihr Kerlchen gar nicht mehr das Alte« sei, bei den Walküren ist's ein regelrechter »Rüffel«. O lieber Gott, du weißt, was ich mir für Mühe gebe, besser zu sein, – ich hab' aber gewiß im Grunde ein ganz böses, schlechtes Herz, das früher nur nicht so zum Vorschein kam, weil alle immer so lieb zu mir waren. Ich hab' mal sagen hören, daß Unglück und Leid der rechte Prüfstein für ein Menschenherz seien; wer ein schwaches, ungutes Herz hätte, der würde durch Kummer ganz verbittert, aber ein wahrhaft edles Herz ginge immer herrlich und gut aus allen Prüfungen hervor. Gewiß bin ich schlecht! 1. Wenn ich über die Stiftsdame nachdenke, dann lasse ich keinen guten Faden an ihr. 2. Möchte ich ihr die tollsten Namen geben, wenn ich vor ihr stehe, und in meinem Stübchen wüte ich oft herum und führe Reden, wie ein Straßenjunge. 3. Reiche ich nie die andere Backe hin, wenn man mich auf die eine schlägt, – ich haue wieder. Ich bäume mich gegen das Geschick auf, und so oft sich auch meine Hände falten wollen, und ich versuchen will, zu sagen: »Lieber Gott, wie du willst,« immer kommt mein böses Herz und ruft und weint: »Warum? Warum? Warum nahmst du mir mein Väterchen? Warum muß ich Geld verdienen in diesem schrecklichen Hause, was sonst immer nur die Väter für ihre Kinder tun?« O Väterchen, vergib! Gelt, du hast es dies eine Mal nicht gehört, was ich gesagt habe? Ich bin so furchtbar einsam! Ich hab' so Heimweh! Bitte, sag' es dem lieben Gott, daß er mir mein frohes Herz wiedergeben soll. Wenn ich doch nur eine Menschenseele hier hätte, der ich einmal rückhaltlos alles sagen könnte, – du weißt ja, Väterchen, mit unserer Mutti kann ich nur Heiteres besprechen, – sie ist so arg zart und schreckhaft und grämt sich so um dich! Ach du! du! Mein geliebtes, einzigliebes Väterchen! Mein Kamerad! Ach, warst du bei deinem Kerlchen! Könntest du es stützen und behüten! Hei, wie sie Angst vor dir haben würde, die greuliche Stiftsdame! Wie du ihr gründlich die Leviten lesen würdest, gelt? Tüchtig! Und dann gäbst du ihr all das viele Geld wieder, das ich schon von ihr bekommen habe, sie hat es ja doch nicht gern gegeben, und dann schlügen wir ihr die Tür vor der Nase zu und marschierten los, – voran die Regimentsmusik, unsere herzliebe Artillerie, und die müßte das alte Lied spielen: »Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern find'st du nit!« Ach – – – Väterchen!!! – – – – – * Ich bin lange nicht zum Schreiben gekommen. Wir haben Besuch im Herrenhause, – – leider! Fräulein von Rhoda hat ihn sich eingeladen, zwei Nichten, Baronessen Carla und Erna von Kadden: »Pinschi« und »Rinschi« genannt. O! – – – Die Stiftsdame behauptete, ich sei so langweilig und spießbürgerlich, daß sie sich während Weras Abwesenheit etwas »junges Leben« einladen müsse, und sie wiederholte dies in meiner Gegenwart den beiden »jungen Leben«, worauf mich Pinschi mitleidig, und Rinschi geringschätzig ansah. Es sind Zwillinge, schon sechsundzwanzigjährig und noch sehr hübsch. Sie brauchen auch sehr lange Zeit zu ihrer Toilette und ihrer Haarpflege, – manchmal wird es selbst der Stiftsdame zu bunt, wenn der Kaffeetisch noch um 11 Uhr vormittags aufgedeckt steht; wir beide frühstücken ja schon um sechs. Aber da muckten die Baronessen gehörig auf, und Rinschi sagte schnippisch, wer kein Haar hätte (das ging auf die Stiftsdame) oder nur plebejisch kurze Stoppeln (das ging auf mich) der könnte nicht mitreden. – Ein wenig Abwechslung habe ich insofern durch den Besuch; als wir nun öfters einmal ausfahren dürfen, – reiten nie. O nur einmal wieder ein Pferd besteigen! Neulich ging ich in den Stall von Baron Ernst und sah zu, wie die Pferde gestriegelt wurden, faßte auch selbst kunstgerecht mit an, so daß der Reitknecht Augen und Mund aufsperrte. Schließlich übernahm es mich so, daß ich meine Arme um den Hals des schönen, edlen Renners »Kismet« schlang und bitterlich zu weinen anfing. Sie lachten auch gar nicht über mich, der Reitknecht ging still hinaus, und der alte Kutscher striegelte ruhig weiter und sagte: »Nor scheene ausheilen, Freileinchen, das is das beste, Freileinchen hab'n de Pferdekrankheit, nu äben, eche kenn se, eche ha bei de Kaffalerie gedient, und denn sollt' ich Schneider werd'n, das ging nadierlich nich, eche kriegte de Pferdekrankheit, und mußte Kutscher wern. Etze bin ich in mei ff.« Na, ich heulte auch noch ein Weilchen fort, es tat so gut. Nachmittags fuhren wir aus, es war ein köstlicher Herbsttag, und ich atmete mit vollen Zügen die reine, starke, herbe Luft. Eine Stunde waren wir unterwegs, da drehte sich plötzlich der Kutscher auf seinem hohen Sitze herum und sprach zu uns in den Wagen herein: »Na, nun fängt schon Rotbacher Gebiet an.« »Das ist nicht richtig,« verwies ihn die Stiftsdame. »Rotbach beginnt genau bei dem Kilometerstein 6,0.« »Das war früher,« belehrte sie wieder der Alte, der schon so lange in Groß-Rhoda ist, daß er sich wohl ein Dreinreden erlauben konnte. »Der Herr von Rumohr hat den ganzen großen Wald hier noch dazu gekauft, – ein Prachtsgut ist es jetzt – un – gucke, da kimmt schon's Schleßchen.« Der Alte mühte sich sehr, ein reines Hochdeutsch zu sprechen, aber die gemütliche thüringische Aussprache brach immer wieder durch. Ich fühlte, daß ich blaß wurde, und ganz, ganz kalt. Eine Erklärung habe ich nicht dafür, – nein, ganz gewiß nicht – – – Wir fuhren dicht am Herrenhause vorbei, o wie entzückend lag es da, so weiß und leuchtend aus den alten, grünen Thüringer Edeltannen heraus, selbst wie ein Edelstein anzusehen. Pinschi und Rinschi reckten ihre Hälse, um alles ganz genau zu betrachten. »Eine Fahne ist nicht aufgesteckt,« bemerkte die Stiftsdame, »Herr von Rumohr ist also noch nicht anwesend.« »Will er denn kommen?« fragte Rinschi neugierig. »Freilich will er, trotzdem es auf den Winter zugeht. Die Gräfin Arnsberg war ja gestern bei mir und steckte voll Neuigkeiten. Der junge Rumohr übernimmt die Güter, die der alte Rumohr zurückgekauft hat, er selbst will später bei dem Jungen wohnen, wenn alles eingerichtet ist.« »Ist er verheiratet?« Diesmal fragten die Zwillinge aus einem Munde. »Der alte Herr ist Witwer – –« »Himmel, nach dem Alten fragen wir nicht.« »Der Junge ist unverheiratet.« Ich wollte die Sachlage richtig stellen, aber ich brachte kein Wörtchen heraus. Was ging es denn auch das Kerlchen an? Das kannte ja nur den »Kameraden« Fritz, mit dem es gleiche Sorgen des Lebens getragen hatte, der reiche Großgrundbesitzer, dessen Schloß so vornehm und prächtig in den tiefen Waldungen lag, war ihm fremd. Baronesse Rinschi schien immer noch über die Tatsache des Unverheiratetseins nachzudenken. »Werden wir es erfahren, wenn er einzieht?« fragte sie und schaute wieder die stolze Besitzung an. »Natürlich erfahren wir das, er muß doch Antrittsbesuche machen, – und dann wird er sich wohl unter den Töchtern des Landes umsehen.« Sie lächelte vielsagend ihre Nichten an. »Ihr bleibt vorläufig den Winter über bei mir, ich hab' so meine Plänchen und Gedanken. Hihihihi!« So ein greuliches Lachen! – Nie war mir die Stiftsdame so widerwärtig vorgekommen. »Übrigens ist der alte Rumohr eine sehr häßliche Zugabe zu dem Jungen,« fuhr sie fort, »wenn die beiden wirklich zusammenwohnen wollen, wie es ja die Gräfin bestimmt versicherte. – Weiß der Himmel, wo sie immer gleich den Klatsch aus der Gesellschaft her hat! Ich kenne den wilden Rumohr ja aus seiner Jugend, besser wird er nicht geworden sein, höchstens böser. Und dann krank dazu! Aber es müßte ja närrisch zugehen, würde es einer schönen, jungen Frau nicht gelingen, den Überflüssigen herauszubeißen.« Ich dachte an meinen lieben, alten Freund, an Fritz und die »schöne, junge Frau«, die jetzt gewiß schon Frau Florence von Rumohr hieß, und an das reiche Glück, das in dem weißen Schlößchen aufblühen würde. – – – Baronesse Rinschi wälzte vergeblich kühne Gedanken, Hoffnungen und Pläne in ihrem Gehirn, sie waren schon sämtlich vernichtet. – – – Als wir am Abend zurückkamen, mußte ich den Damen noch verschiedentlich beim Umkleiden helfen, Baronesse Pinschi bat mich höflich verlegen darum, sie scheint von Natur gutmütig zu sein, aber nicht recht zu wissen, was sie aus mir machen soll, da mich ihre Tante ja so sehr schlecht behandelt. Ich tat ihr denn auch den Gefallen und knöpfte ihr das eine Kleid auf und das nächstfolgende wieder zu, als mir aber Rinschi einfach den Rücken zuwendete, was so viel heißen sollte, daß sie denselben Dienst ohne weiteres von mir verlangte, da ging ich, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Ich weiß, damit habe ich mir eine erbitterte Feindin zugezogen. * Brief von Erich Schlieden an Kerlchen. »Geliebtes Kerlchen! Was war eine Überraschung gestern, als mich Fritz von Rumohr plötzlich in meiner öden Generalstabsbude überfiel. Wir umarmten uns kräftig, keiner konnte ein rechtes Wort sprechen. Er sieht gut aus, der Fritz, – aber denk' Dir, ich Tor vermochte es nicht über mich zu gewinnen, ihm zu sagen, wo Du seist. Er war mir wieder ein Rätsel, mein alter Freund. Zerstreut, hastig, kurz angebunden, und dazwischen wieder von herzbezwingender Fröhlichkeit – ich wurde wie gesagt, nicht klug aus ihm. Aber von einer Verlobung oder gar Heirat mit seiner Cousine war nicht die Rede, – keine Spur. Da muß uns jemand einen Bären aufgebunden haben, Kerlchen, ich kann mir's nicht anders erklären, denn – wess' das Herz voll ist, dess' geht doch der Mund über, und wem hätte sich Rumohr eher anvertraut, als mir und Dir, wenn er sein braves Herz verschenkt hätte? Jetzt kommt er nach Rotbach, aber daß Kerlelein in Rhoda weilt, weiß er nicht, das gibt noch eine fröhliche Überraschung. Wenn Du ihn also siehst, – – dann tausend Grüße! Dein alter Erich.« Aus Kerlchens Tagebuch. Erich muß närrisch sein, und ich verstehe überhaupt die ganze Welt und außerdem noch den Fritz von Rumohr nicht – – – – – Ein paar Tage bin ich in tiefster Überlegung mit Erichs Brief umhergegangen, dann schrieb ich an meinen alten Freund in der Hütte sehr diplomatisch und durch die Blume, – – das heißt – – nur der Anfang und das Ende des Briefes waren verblümt, die Mitte war, glaub' ich, ziemlich deutlich: »Ist Deine Florence nun eigentlich mit Fritz von Rumohr verheiratet?« Worauf die Antwort kam: »Nein, Du kleines Mädchen, aus diesem Grunde ist ja meine Stimmung so abscheulich und meine Gicht so unerträglich, weil mir die beiden, dummen Kinder einen lieben Plan meuchlings zerstört haben. Sie lieben sich nicht, diese Schafsköppe, – trotzdem alles doch so herrlich paßt. Vorgestern war Fritz bei mir, ich habe aber nur geschäftlich mit ihm geredet, er trifft in diesen Tagen in Rotbach ein. Von seinem sogenannten »Schatz«, von dem Florence faselte, habe ich natürlich nicht gesprochen, ich habe die Liebesgeschichten satt. Im Frühjahr ziehe ich mit nach Rotbach, und bringt mir dann der dumme Junge eine Erwählte, die mir nicht paßt, dann ziehe ich wieder aus und vergrabe mich für den Rest meiner alten Tage in Rumohr, dort kann mir dann der Sensenmann guten Tag sagen, und ich werde unter den alten holsteinischen Buchen für immer von dieser närrischen Welt ausruhen. Halte die Ohren steif, kleines Kerlchen, ertrage die Stiftsdame noch eine Weile, und gib wenigstens nicht eher Fersengeld, als bis ich Dich wiedergesehen habe. Dein alter Rumohr. Nachschrift: Grüß den Fritz, er weiß nicht, daß Du dort bist.« So ein Brief ist doch wirklich ein herrliches Schriftstück – – ich meine – man wird so froh, wenn so ein alter Freund so verständig schreibt. – Ja. – Die Welt sieht gleich ganz anders aus, und mir wurde ganz eigen zu Mute, so daß ich anfing zu singen: »In meiner Heimat, da wird es jetzt Frühling.« Hier ist aber niemand musikalisch, die Zwillinge fragten nur erstaunt: »Nanu?« und die Stiftsdame sagte: »Was für eine merkwürdige Stimme Sie haben, ich möchte sie beinahe unanständig finden. – Sie wollen doch nicht zum Theater gehen?« * Heute erlaubte man mir zum ersten Male, nach Altenhof zu fahren, ich war wie aus den Wolken gefallen. Es war so lieb und schön dort, abends kutschierte mich Gisela selbst heim, und dann hörte ich – – Fritz von Rumohr sei in Rhoda gewesen. Er hat sich nur einen Rat von Baron Rhoda holen wollen und ist gleich wieder davon geritten, als er hörte, dieser sei verreist. Aber dann sind ihm die Zwillinge zufällig begegnet und haben ihn auch zufällig angesprochen und nach dem Weg gefragt, worauf er sie höflich bis zum richtigen Weiser geführt hat. Nun höre ich nur noch von dem »reizenden Menschen« sprechen, wie stattlich, wie schön, wie liebenswürdig er gewesen sei, und daß sie schon ganz gute Bekannte geworden seien in der kurzen Zeit. Pinschi findet ihn etwas »eiszapfig«, wurde aber von Rinschi in längerer, entrüsteter Rede überstimmt. Ob Fritz auch nicht ein ganz klein bißchen geahnt hat, daß sein alter »Kamerad« Kerlchen ihm so nahe ist? Ich meine, das müßte man spüren – ich sehe wenigstens immer Rotbach – – auch wenn ich die Augen zumache. * Heute waren wir nach Friedrichswalde eingeladen zur Gräfin Arnsberg, die sieben »lebende« Töchter besitzt, wie Leutnant Heinz immer sagt. Sie interessiert sich überhaupt für junge Mädchen und ist eine liebenswürdige, muntere Dame, die für jeden ein gütiges Wort hat. Ich wäre wohl nicht mitgekommen, Fräulein von Rhoda hätte gar nicht daran gedacht, mich mitzunehmen, wenn nicht Gräfin Arnsberg als Nachschrift auf die wappengeschmückte Karte gesetzt hätte: »Unter den jungen Namen ist selbstverständlich das dunkelblonde Lockenköpfchen mit inbegriffen, das mir neulich einen so tadellosen Hofknix machte, – den Namen der Kleinen habe ich leider vergessen.« So fuhr ich denn namenlos, aber sehr vergnügt im Innern mit nach Friedrichswalde und fand hier eine sehr fidele Gesellschaft. Die sieben Töchter der Gräfin sind einfach reizend, und ich finde es auch riesig praktisch, daß sie nie mit richtigen Namen genannt werden, die ja doch kein Mensch behalten könnte, sondern einfach, »A, B, C, D, E, F, G« heißen; manchmal singt die Gräfin Mutter auch nur eine fröhliche Tonleiter in die Luft, wenn sie ihre Töchter ruft, die dann alle sieben angeflogen kommen wie die Schmetterlinge. Auch junge Herren waren eine Menge da, – meistens Offiziere, die auf Urlaub in den benachbarten Gütern sind. Friedrichswalde liegt dicht neben Rotbach, man sieht die Fahne des Rotbacher Herrenhauses flattern, aber gleich bei unserer Ankunft, während wir Jacken und Hüte ablegten, wurde uns bedauernd zugerufen, daß »Er« nicht käme, woran sich eine eifrige Debatte schloß, ob »Er« menschen- oder gar damen scheu sei, letzteres wurde als das größere Verbrechen betrachtet. Pinschi und Rinschi kamen nun außerordentlich zur Geltung, da sie die einzigen waren, die »Ihn« gesehen und gesprochen hatten, (o Kerlchen, wenn sie geahnt hätten!) und ihre begeisterte Schilderung seiner Vorzüge ließ sein Fortbleiben doppelt ärgerlich sein. Es wurde aber ein ganz wunderschöner Nachmittag – die Gräfin Arnsberg nahm mich richtig in Beschlag, denn es stellte sich heraus, daß sie eine Pensionsfreundin von Muusch ist und auch mein Väterchen kannte. Ihre Augen ruhten mütterlich-zärtlich auf mir, und wenn ich von meiner »Stellung« sprach, schüttelte sie öfters den Kopf. Mit ihrer jüngsten Tochter, Komtesse »G« freundete ich mich sehr an, ich merkte schon eine Weile, daß das liebe, lustige Mädchen mich immer anguckte, und schließlich, als sie mich in eine Ecke bugsiert und sich neben mich gesetzt hatte, erfuhr ich, daß sie meinen Erich-Bruder sehr genau aus Berlin kennt und ihn »furchtbar reizend« findet. Als unsere liebe Unterredung zu Ende war, da nannten wir uns schon »Du«, und dann erfuhr ich auch ihren richtigen Namen »Gerlinde«, den ich sehr schön fand, aber sie sagte, ich dürfte ruhig sagen, daß er blödsinnig für ein modernes Mädchen sei, sie nähme nichts übel, worauf ich ihn auch blödsinnig fand. Rinschi schien über irgend etwas ärgerlich zu sein, sie hatte auch alle Nase lang ihre Sachen verlegt, und immer, wenn ein Herr kam und mit mir tanzen wollte, schickte sie mich hinaus, um das Verschwundene zu suchen, als aber Leutnant von Trott mit mir suchen wollte, fand sie ihr vermißtes Taschentuch unvermutet in ihrer eigenen Tasche, wo es ja auch hingehörte. Auf dem Heimwege sprach Baronesse Rinschi kein Wort mit mir, und auch Pinschi war recht still und schlief bald ein, denn es ist glatte Landstraße bis Groß-Rhoda, und der Wagen hatte neue Federn. Ich dachte noch recht stark über das gemütliche Fest nach, auf dem ich zum erstenmal wieder fröhlich lachen durfte, und dann dachte ich auch daran, daß in 14 Tagen ein gleicher Abend in Groß-Rhoda angesetzt war, die Stiftsdame hatte uns gleich die Einladungen mitgegeben, auf dem Lande wird ja so was gemütlich gemacht. »Aber dann muß ›Er‹ heran,« riefen sie alle wie aus einem Munde. »Sonntag wird ›Er‹ ja wohl überall in nächster Runde Karten abgeben, und dann – frischauf zum fröhlichen Jagen!« Ich stand am Abend noch lange, lange vor Väterchens Bild, – ach wenn er lebte, wenn er da wäre! Ich meine, es müßte mit einem Schlage alles wieder gut werden. Ich bin so allein! Väterchen, hilf mir doch! * Die vergangenen vierzehn Tage will ich lieber gar nicht schildern, – ich bin recht gequält worden, aber ich denke immer, sie werden es wohl auch mal müde, – ich bin ja selbst auch so müde von dem Gehetztwerden, von der vielen Arbeit, die sie früh und spät für mich haben. Was mich immer noch ein kleines bißchen froh erhalt, das ist der Gedanke – – – »ich sehe nun bald den Fritz und darf mit ihm sprechen,« – ja, das ist's! Ich fürchte mich nicht mehr vor der Begegnung, nein, nein, ich muß endlich mal wieder ein gutes Wort hören, ich halt' es hier sonst nicht aus! Sie sind alle so kleinlich, so häßlich, so erbärmlich, – o – und die Dienstboten merken es schon, daß man sich alles mit mir erlaubt, – wenn Wera das ahnte! Und der ritterliche Baron Ernst! Nur der alte Kutscher spricht liebe, gute Worte zu mir, aber nun hat die Stiftsdame mir auch den Stall verboten, – weil ich dann jedesmal rieche; – sie gießt sich »White Rose« aufs Taschentuch und denkt nicht dran, wieviel schlimmer sie dann riecht. Wenn ich den Fritz wiedergesehen habe, und er zu mir gesagt hat: »Guten Tag, Kerlchen!« dann will ich von hier fort. * Nein, nein, nein, nein!!! – Väterchen, gelt, das leidest du nicht?! Die Stiftsdame war eben da und besah mein weißes Kleid, das ich mir für heute zum Fest zurecht gelegt habe und lächelte über die Moosrosen, die mir der gute Gärtner gegeben hat, lächelte so abscheulich, daß man alle ihre falschen Zähne sah. Väterchen – – und dann kam's! Ich soll heute gar nicht mit dabei sein – – »was ich mir denn einbildete – ob ich glaubte, alle besäßen den eigentümlichen Geschmack der guten Arnsberg, die ›Stützen‹ mit einzuladen.« Und so ging es fort – – eine halbe Stunde lang – – o was hat sie mir alles gesagt! Väterchen, leide es doch nicht! Sieh, nur ein klein' Weilchen möcht' ich dabei sein, – der Fritz kommt ja, Väterchen, und ich möcht' ja nur ein einziges Mal ihn wiedersehen und seine Stimme hören, und dann will ich gleich fortgehen, weit, weit fort. Väterchen! Siehst du denn dein armes, armes Kerlchen nicht? – – – – – – – * Groß-Rhoda, den 26. November 18.. So, Kerlchen, nun schreib' nur alles hin – schlafen kannst du ja doch nicht. Ich kam gar nicht zur Besinnung heute. Treppauf, treppab jagten sie mich, ein paar von den eingeladenen jungen Mädchen sollten über Nacht bleiben, da gab es viel zu rüsten und zu sorgen, Pinschi und Rinschi hatten keine Zeit dazu, die saßen über ihren schönen Gewändern und stichelten und änderten noch mit der Kammerjungfer daran herum. Blaßblauer, zarter Tüll, wohin man sah – –. Ich hatte mein weißes Kleid trotzig in den Schrank gehängt, – ja, ich war trotzig und böse geworden, – ganz schwarz und dunkel sah es in mir aus. Heute habe ich auch zum letzten Male die Zunge herausgestreckt, ich will es nun nie wieder tun, es ist ja etwas zu Häßliches, aber heute mußte ich sie lang und anhaltend hinter Fräulein von Rhoda herausstrecken, als sie im höchsten Staat nochmal in mein Stübchen kam und mir befahl, sobald die ersten Gäste eingetroffen seien, dieses nicht mehr zu verlassen, – ich mußte es tun, ich wäre sonst auf dem Fleck gestorben. Um 4 Uhr fuhren die ersten Wagen vor, – lautes, fröhliches Lachen tönte aus der großen Vorhalle herauf zu mir in mein einsames Stübchen. Immer mehr Menschen kamen, aber die Gräfin Arnsberg war nicht darunter, sie hatte sich mit A, B, C, D, E, F, G erst zum Abend angemeldet. Ich hatte die Gardinen zugezogen und sah durch einen Spalt hinunter auf die Landstraße, es war solch' ein häßlicher Novembertag – »zum Abschiednehmen just das rechte Wetter«. Und dann, – dann tönte Hufschlag, und Fritz von Rumohr sprengte aus dem Waldweg. Sein Gesicht war braun und sah ziemlich mißmutig aus, er sprang vom Pferde und warf dem Reitknecht die Zügel zu, aber, im Begriff ins Haus hineinzugehen, kam er noch einmal zurück und sprach eingehend mit dem Knecht – – da hörte ich seine Stimme zum erstenmal wieder. Und wenn er auch nur sagte, daß er den »Kismet« bestimmt kaufe, und die Zustimmung von Baron Rhoda schon da sei – – es war doch seine alte Stimme, und genau mit derselben Handbewegung wie früher fuhr er sich durch das Haar – – dann ging er ins Schloß, und ich lehnte meinen Kopf an das harte Fensterkreuz – – Väterchen!!! Ich mochte wohl eine Stunde regungslos so gestanden haben, ganz müde und steif dehnte ich meine Glieder, und dann, als ich merkte, daß sie noch alle um den Kaffeetisch versammelt saßen, schlich ich mich leise die Treppe hinunter und huschte durch den Vorplatz über den Hof in den Pferdestall. Niemand war darin. In seiner reinen, hübschen Box stand Kismet und schrotete gemütlich, – ich setze mich still auf die Futterkiste und schaute ihm zu und streichelte ihn dann und wann, – und – ja, ich beneidete ihn, – weil er nun bald für immer zu Fritz von Rumohr kam, – wenn auch nur in den Stall. Meine Tränen flössen reichlich, – ach, was war ich für ein einsam, verlassenes Kerlchen! Da kamen Schritte durch den Stall, kräftige, laute – dann eine erstaunte Stimme, etwas militärisch kurz: »Na, wer heult denn hier?« und dann war ich aufgesprungen, und der Schein der hellen Stalllampe fiel auf mein verheultes Gesicht, auf mein zerzaustes Haar, in dem ein paar Heuhalme hingen. Ein Ausruf – – Staunen, Schreck, Jubel, was lag nicht alles in seinem Ruf: »Kerlchen!« Und dann saß ich wieder auf der Futterkiste, und er neben mir, und ich weinte und schluchzte ganz fassungslos, Fritz hatte seinen rechten Arm um mich gelegt, mit der linken Hand hielt er meine beiden Hände, und die Worte, die er sprach, überstürzten sich vor heller Aufregung: »Mein Liebling, mein Kerlchen, mein Kleinod, süßes, süßes Kerlelein – hier find' ich dich? So sprich doch! Gelt, du bist mein? Endlich hab' ich dich wieder! Endlich halt' ich dich! Kerlchen, süßes, einziges, hast du mich lieb?« »Ich hab' kein Taschentuch!« flüsterte ich ihm leise und zaghaft zu, – ich wußte wirklich im Augenblick nichts weiter zu sagen, denn es war ja zu dumm, daß ich in dieser wunder-wunderschönen Stunde schnüffeln mußte. Fritz sprang auf und lachte herzbezwingend und fröhlich, er drehte sich vor Entzücken sogar ein paarmal um sich selbst, so daß Kismet erschrocken zurückprallte und bedenklich die Ohren spitzte. »Gottlob, das alte Kerlchen,« rief er entzückt, – »unverändert – unvergleichlich – mein Süßes, rasch, rasch, es ist doch gut, daß dein alter Fritz dir helfen kann!« Er hatte gut lachen, – ach, aber ich war so froh, und sein Taschentuch roch so gut nach Juchten und Stall. Und nachdem ich mir ordentlich die Nase geputzt hatte – da warf ich das Taschentuch in die Luft und ja – – ich schlang beide Arme um den Hals von meinem Fritz von Rumohr. – – »Ich wollte, jetzt kämen Räuber,« sagte ich zu ihm, und er sah mich so gut, o so unbeschreiblich gut an. Wir haben dann wohl sehr lange auf der Futterkiste gesessen, ich hatte ihm ja so viel zu erzählen. Zwischendurch küßte er mich – ganz, ganz doll – ich durfte kein bißchen ausreißen – – und ich wollte es ja auch gar nicht – ich lag so geborgen an seiner Brust, – – ich war in meiner Heimat, ich hatte mein Väterchen wiedergefunden! Dann sagte er mir, daß er jetzt nur in das Schloß zu der übrigen Gesellschaft ginge, um sich zu verabschieden, daß er gleich heimreite, um mit seinem Glück allein zu sein, daß er aber morgen schon ganz feierlich kommen wolle, um sich seine Braut auszubitten und dann mit mir zu Muttchen zu reisen. »Aber ist es nicht ›echt Kerlchen‹, daß du mir noch gar nicht meine Frage beantwortet hast?« lachte Fritz, »bist du denn wirklich mein Kerlchen, Felicitas Schlieden?« »Deins!« sagte ich, und sah ihn an, – da glaubte er mir. Dann riß ich mich los von ihm und gab in meiner Angst, es könne jemand kommen, anstatt meinem Fritz, dem Kismet schnell einen Kuß, dann lief ich durch den dämmrigen Stall, hinauf in mein Stübchen. Glanzvoll, strahlend schien es mir, trotzdem ich nur ein winziges Stearinlichtchen angezündet hatte, – und nun sitze ich hier – wie träumend, – kann denn nur alles wahr sein? O Väterchen, sieh dein Kerlchen, – lieber Gott, wie bist du gut zu mir, ich will auch gut werden! Gute Nacht, Fritz! Mein Fritz. Ich hab' dich lieb! Ich hab' dich lieb! Ich hab' dich lieb! Nun weißt du's, gelt? Groß Rhoda, den 27. November 1902. »Man soll den Tag nicht vor den Abend loben!« dieses dumme Sprichwort hör' ich immerfort vor meinen Ohren sausen – – o wie ganz, ganz anders ist der heutige Tag geworden! Heimlich verlobte Menschen sollen im allgemeinen schlecht schlafen und im besonderen an Appetitlosigkeit zu Grunde gehen, – ich bin wohl auch darin anders geraten, ich hab mir gestern Abend, als Fritz fort war, von der Mamsell ein Beefsteak braten lassen. Und in der Nacht ließ ich nicht mal das sprichwörtliche eine Auge offen, sondern schlief fest und traumlos wie ein Dachs. Dafür war ich heute Morgen schon vor Tau und Tag auf, – ach und so etwas von Glückseligkeit gibt es ja gar nicht noch einmal auf der weiten Welt, wie sie mich erfüllte, wenn ich daran dachte, daß mein Fritz heute kommen würde – heute – vielleicht schon in ein paar Stunden, um den Menschen da im Schlosse zu sagen, daß ich nicht nur eine bezahlte Stütze sei, – sondern auch »sein Kerlchen«! Um vier Uhr war ich schon im Stall bei »Kismet«, – denn er war gestern Abend ja Verlobungszeuge gewesen und der einzige, mit dem ich mich über den Fall unterhalten konnte. Ich erzählte ihm denn auch nochmal alles von A–Z, und er hörte so aufmerksam zu, wie es eben nur ein kluges Pferd kann, und wieherte sehr fröhlich, als ich ihm sagte, daß ich später neben ihm durch die Wälder reiten würde – später, – wenn, – wenn – – – – – – * Dann schlug es fünf Uhr vom Türmchen der Ökonomie, und mit dem Schlage trat der alte Kutscher in den Stall und war sehr erstaunt, mich schon dort zu finden. »Na, ich bin doch immer so früh wach,« lachte ich. »Ja, – ich meint auch bloß – weil gestern so lange aufgeblieben und über Herrn von Rumohr gesprochen wurde, – es konnte ja niemand von die Damens in's Bett finden.« »Von Herrn von Rumohr? Was sprachen sie denn?« »Ja, wissen Sie denn nischt? Er is doch nach Rotbach geprescht und wollt sich barduh nich halten lassen, grad als hätt' ersch geahnt, was uffn wardete. Un Herr von Seydlitz is mitgeritten, und kaum kommen se nach Rotbach, stirzt ihnen der Inspektor mit'n Telegramm entgegen, das eben hierher gebracht werden sollte. Aufreißen, lesen, Koffer packen und abreisen is denn nur so »eins« gewesen für Herrn von Rumohr.« »Und was stand drin?« fragte ich ganz blaß. »Och, nischt weiter, als ›Rumohr brennt‹!« »Rumohr brennt«! – Mit dieser Gewißheit sollte ich den Tag beginnen, der mir so unsägliches Glück versprochen hatte. Ich muß wohl ein entsetzlich trostloses Gesicht gemacht haben, – denn plötzlich streichelte mir eine rauhe Hand zärtlich beide Wangen, und die laute Stimme des alten Kutschers wurde vorsichtig gedämpft: »Freileinchen, – als ich gestern Abend in dem Stalle ging, weil mir der Herr von Rumohr bestellt hatte, da sah ich en wunnerschenes Bild uff der Futterkiste sitzen un sah ooch, daß der Herr von Rumohr seinen Pferdekauf ganz und gar vergessen hatte, – nee, nee, unterbrechen Se mir nich – ich hatt' meine helle Freide an Sie beide un Freilein Kerlchen, was kriech ich, wenn ich Sie was Scheenes gebe?« Ich besann mich hin und her, sowohl über das »Scheene«, als auch über eine angemessene Belohnung, und der alte Kutscher beobachtete mich und rief schmunzelnd: »Wenn mer Sie so beguckt, wie Sie so morjenscheen und mit so blitzenden Augen vor einen stehn, denn merkt mer, daß mer trotz seines Alters noch immer nich in e Trappistenkloster geheert, – eche mecht' mer am liebsten e Kuß ausbitten – –« »Schämen Sie sich« rief ich entrüstet. »Nä, ech hab mich noch nie geschämt un will das Geschäft auch heite nich erscht anfangen, aber Se kennen ruhig bleiwe Freilein, eche ›bin der Lust an Kusse entwurzelt‹, wie mal ä Dichter sehr scheene geschrieben hat, – un das kommt davun her, daß ich iber ›Banzillien‹ geläsen habe, die sich hellisch leichte durchs Kissen übertragen.« »Wenn Sie mir recht rasch sagen, was Sie für mich haben, und allen Blödsinn für sich behalten,« rief ich, »dann sticke ich Ihnen auf Sammet ein Sonntagskäppchen.« »Abgemacht!« Er schlug in meine dargereichte Hand, als sollte sie in Trümmer gehen, und dann holte er mit ungeheuer verschmitztem Ausdrucke in seinem faltenreichen Gesicht einen Brief aus der Brusttasche, den ich ihm sofort entriß. »Ihrer Hochwohlgeboren Fräulein Felicitas-R. Schlieden in Groß-Rhoda!« »Woher?« fragte ich hastig. »Von ihn !« »Wann?« »Ja, – das mechten Se wohl wisse, un ich will Ihnen au nich zappeln lasse, – um Mitternacht warsch, – als er uff de Station machte, um nach Holstein zu preschen. De Augen hat er sich balde ausgeguckt nach den kleenen Fenster in ihren Stiebichen. –« Und ich hatte geschlafen! Mein Fritz war vorbeigefahren und ich konnte schlafen, ich abscheuliches Murmeltier – – und nun war er fort! Wie ein Wirbelwind flog ich in den Park und in ›Tannenruh‹, der tiefdunklen, dichten Baumgruppe warf ich mich auf das weiche Moos nieder, küßte den Brief, zerdrückte ihn bis zur Unkenntlichkeit, glättete ihn wieder und öffnete endlich das Siegel. Ein Telegramm lag mit eingeschlossen in dem Bogen, und ich las nun mit eigenen Augen, was mir vorhin so unheimlich in den Ohren gegellt hatte: »Rumohr brennt«! Und dann der Brief, der liebe, liebe Brief! »Mein Kerlelein, mein geliebtes Bräutchen, willst Du ganz, ganz tapfer sein? Ich muß nach Holstein, gleich, ohne Zaudern, und mein Liebling sieht es ein, daß es so und nicht anders sein kann, gelt? Dieses furchtbare Telegramm! Was werde ich finden? Einen rauchenden Trümmerhaufen? – Welch häßliches Omen, – gerade als ich mir im Geiste ein Haus aufbaue, um endlich mein Kleinod hineinretten zu können, – da zerfällt das wirkliche Heim in Asche, – er ist nun so abergläubisch geworden, Dein Fritz, – Du erhältst sofort Nachricht von mir, sobald ich in Rumohr angekommen bin, und will's Gott, kann ich in kurzer Zeit selbst kommen, um allen unser süßes Glück zu verkünden. – Und nun noch im Geiste einen Blick in die wunderherrlichsten Augen der weiten Welt und einen Kuß auf den süßesten Mund. Leb' wohl, mein tapferes Lieb! Dein treuer Fritz.« * Aus Kerlchens Tagebuch. Drei Tage bin ich nun tapfer gewesen, aber jetzt ist es ganz und gar vorbei damit. Ich habe noch nicht ein einziges Zeilchen seither von Fritz bekommen, ich weiß nicht, ob er gesund ist, ob er lebt, ob Rumohr gerettet ist oder in Schutt und Trümmern liegt. Ich kann mir ja denken, daß Fritz alle Hände voll zu tun hat, – gewiß, – aber so ein paar Zeilchen sind doch schnell geschrieben, – er muß doch wissen, wie ich mich sorge. – Ach, wie ist so mit einem Male aller Sonnenschein verschwunden! Der Sturm fegt über die kahlen Felder und heult um das Schloß wie eine klagende Menschenstimme. Ich bin sehr einsam und unsäglich traurig. * Wieder sind drei Tage vorbei, – was soll ich nur tun? Ich kann doch nicht mehr ruhig hier abwarten? Oder muß ich das? Ist das eine Prüfung? Muß eine Braut immer und immer Vertrauen haben und »Ja« sagen, bloß weil der liebe Gott gesagt hat: »Er soll dein Herr sein«? Darf Fritz nun alles tun, was er will? Auch mich quälen? Aus mir selbst heraus hätte ich wohl all diese Fragezeichen nicht gemacht, aber Baronesse Rinschi las gestern einen Roman vor, wenigstens ein Stückchen davon, und da hieß es, der Held hätte sich mit einem sehr jungen Mädchen verlobt und nachher »hatte er es gar nicht so gemeint«. Ich lief natürlich aus dem Zimmer, denn ich mußte so furchtbar weinen, während Rinschi und Pinschi Tränen lachten und immer abwechselnd riefen: »Das geschieht dem dummen Ding recht! Zu glauben, solch ein entzückender Mensch könnte mit ihm Ernst machen!« Aber Fritz von Rumohr ist doch kein »entzückender Mensch«! Der ist doch viel mehr ! Der ist doch ein Ehrenmann – – und mein »Kamerad« ! Friedel! Liebling! Du! Hör' mich doch aus der weiten Ferne! Deinem Kerlelein ist so bange! * Zwei Tage später. Nun weiß ich, daß ein Unglück geschehen ist, und bin doch viel ruhiger, ich hab' nun alles dem lieben Gott befohlen, der verläßt mich nicht, der weiß schon in seiner Güte, daß er an so einem Heimatlosen, wie ich es bin, ganz besonders Vaterstelle zu vertreten hat. Heute Morgen winkte mir der alte Kutscher heimlich zu, – er weiß, daß ich nicht in den Stall darf, – aber sein Gesicht sah aus, als wenn ich diesmal unbedingt das Verbot von Fräulein von Rhoda übertreten und ihm folgen müsse. Die Futterkiste ist bereits zu einem wichtigen Faktor in meinem Leben geworden, denn auf ihr hat er mir heute von allem berichtet. Fritz ist schwerkrank! Mein Fritz! Ohne Bewußtsein soll er da liegen, –! es ist nicht zu ertragen! Ich muß mich ganz stark zusammennehmen, damit ich nicht aufschreie. Der Diener, den er mit auf die Reise nahm, ist zurückgekommen und hat alles erzählt. Gut und Dorf Rumohr sind verloren, ein Trunkenbold, den Fritz vor wenig Wochen entlassen, hat das Feuer angelegt, und die Frau dieses Menschen hat mein Fritz auf seinen Armen aus den Trümmern getragen. Als er dann auch noch den alten, siechen Vater hat holen wollen, ist ein schwerer Balken auf ihn niedergesaust und hat ihm den Arm gebrochen. Meinem Fritz! O du lieber, lieber Gott im Himmel, konntest du denn nicht besser aufpassen? Sie haben meinen Herzensliebling in das einzige Haus gebracht, welches noch einigermaßen Dach und Wände hat, und der Kreisphysikus von P. hat meinen Fritz verbunden, und er kommt auch täglich mehrmals, um nach dem Rechten zu sehen. O könnt' ich dort sein! Könnt' ich ihn pflegen! Die Leute können sich so schwer um ihn kümmern, sie haben ja alle mit sich zu tun, eine weibliche Hilfe wäre gar nicht da, hat der Diener erzählt, der Doktor wollte erst eine barmherzige Schwester besorgen, – es hielte aber sehr schwer, weil in P. der Typhus sei. Der junge Diener reist wieder hin zu meinem Fritz, – ich bat den Kutscher, daß er einen Brief von mir besorgen sollte zum Mitnehmen, aber er schüttelte den Kopf. »Herr von Rumohr erkennt niemand!« Auch mich nicht, Fritz? Auch dein Kerlchen nicht? – Lieber, barmherziger Gott, schick' mir doch einen guten Gedanken, den ich ausführen kann, der ihm hilft, – laß mich nicht so tatenlos jammern! * Brief von Kerlchen an Frau Oberst Schlieden. »Mein Muttchen! Gelt, Du tust alles ganz genau so, wie ich es jetzt Dir sage? Du bist mein Muttchen, und ich brauche Dich so sehr, so sehr in diesem Augenblicke, und noch ein anderer braucht dich. Fritz von Rumohr liegt schwer krank in dem einzigen Hause, das noch von dem abgebrannten Rumohr steht, er hat keine Pflege, mein Muttchen, und ich kann nicht zu ihm hin. Aber Du gehst, gelt, meine geliebte Mama, Du tust es? Du hattest ihn ja immer lieb, er ist so gut, – nicht wahr, Du hörst die Angst aus meinem Brief heraus und Du wirst Deine Felicitas nicht verzweifeln lasten. Du mußt gleich abreisen, mein Mütterchen, und darfst keinem Menschen sagen, daß ich Dich darum gebeten habe, und dann schreibst Du mir gleich, wie es Fritz von Rumohr geht, und pflegst ihn gesund, hörst Du? Dein einsames Kerlchen. Nachschrift: Liebes Herzensmuttchen, nicht wahr, Du reist wirklich gleich zu ihm, – ich will Dir lieber noch sagen, weshalb Du es ohne zu zögern tun mußt, Mutti. Fritz von Rumohr ist Dein Sohn, liebes Mutti, er hat Dein Kerlchen lieb, und ich bin seine Braut, ja, das bin ich! Liebes Muttchen, ach reise doch rasch! Gelt? Jetzt tust Du es?! K.« Brief von Herrn Wolfgang von Rumohr an Kerlchen. »Rumohr, den 3. Dezember. Mein kleines, liebes Mädchen! Laß Dir Dein Händchen schütteln, das den gesegneten Brief an Dein Mütterchen schrieb. Gelesen habe ich ihn nicht, aber ich weiß aus ihrem eigenen Munde, daß sie von Dir hergeschickt worden ist. Der Name »Rumohr«, den ich zu Häupten meines Briefes vor das Datum gesetzt habe, ist der reine Hohn. Die Baracke, in der wir hausen, verdient den Namen nicht, morgen siedeln wir mit unserm lieben Kranken um, und zwar – – ins Schloß. – Verdient zwar auch nicht diese hochtönende Bezeichnung, aber es ist doch merkwürdig, daß nun, da der Riesenbrand vorbei und alles freigelegt worden ist, just ein paar Zimmer des alten Herrenhauses unter Dach und Fach geblieben sind, die kleinsten und schlichtesten von allen allerdings, in denen unsere Urahne, die eine gar einfache liebe Frau war, am liebsten gehaust hat, und in welche jetzt der Urenkel sein wundes und müdes Haupt betten soll. Denn gar arg, schwach und hilfsbedürftig ist mein Fritzel, wie er da liegt mit dem zerbrochenen und geschienten Arm, mit der Wunde im Kopf und dem blassen Gesicht. Wie er wohl jetzt meiner Florence gefallen würde? Schön sieht er nicht aus, der Bart verwildert, die Haare abgeschoren, oder teilweise versengt, aber meinst Du nicht, daß seine Wunden, die er im Samariterdienst davon trug, besser zu Gesicht stehen, als weiß und rote Wangen? Kleines Mädchen, was hatte ich für Sorgen um meinen Jungen, der mir lieb wie ein eigner ist! Wie hab' ich die Zähne zusammengebissen, als der Diener mit der Schreckensbotschaft nach Mölln gejagt kam! – Ich hab' das Wohl des Jungen buchstäblich in Salicyl getrunken, und der Rückschlag wird nicht ausbleiben. Auf der ganzen Reise hatte ich mir die öde Bude ausgemalt, darinnen mein Fritzel ohne Pflege liegen sollte – – jawohl – die öde Bude stimmte, aber das andere Bildchen hatte mir der Diener nicht gezeichnet, – die zarte, vornehme Frauengestalt, die sich bei meinem Eintritt gerade über den Kranken neigte und mit weicher Hand die Umschläge erneuerte – – Kerlchens Mütterchen! Wir hausen und pflegen nun zusammen, meine Gicht hat ein Einsehen und tut ganz sanft, sie erlaubt mir auch, diesen langen Schreibebrief an Dich zu schreiben, kleines, liebes Mädchen mit dem hellen, klaren Kopf und dem guten Herzen. Hab' Dank, Kerlchen! Ist mein Fritz erst gesund, dann soll er Dir selber danken für Deine Fürsorge, – Gott wird schon helfen, mein Friedel ist ja jung und stark. Dein alter Freund Rumohr. Nachschrift: Ei, ei, ei! Kleines Mädchen! Sieh, sieh, sieh! Hm, hm! Also auf die Art? Ei Du Kerlchen! Du Tausendsappermenterchen! Hatte da meinen Brief liegen lassen, weil der Fritz sich regte, und war zu ihm geschlichen, denn Dein Mutterchen war etwas eingedämmert, und der Schlaf tat der Unermüdlichen wahrlich not. Und mein Fritzel sprach ein weniges im Fieber, und plötzlich nahm er meine Hand, und fing an sie zu streicheln, und »ei, ei« damit zu machen, und redete mit meiner alten Runzelpfote, wie ein Kind mit seinem Püppchen, und wie ich mich herunterneigte, um besser zu verstehen, was sagt der Junge?: »Kerlchen, mein Kerlchen, mein Bräutchen! Komm'! Ach komm'!« * Kannst Du Dir da einen Vers drauf machen, kleines, dummes Deernchen, verschlossenes, vernageltes Erzgeneraldümmerchen, das seinen alten, guten Freund an der Nase 'rumgeführt hat? Na wart' nur! Ich hab' den Jungen, der gleich nach seinem Bekenntnis wieder fest und gut einschlummerte, wie dumm angeguckt, – aber da lag plötzlich eine weiche Hand auf der meinen, und ein paar wunderschöne Augen sahen mich unter Tränen lächelnd an. Natürlich – Dein Mutterchen hat alles gewußt, und so saßen wir nun lange Hand in Hand und dachten an – unsere Kinder. Kerlchen, aber gelt, nun muß er gesund werden, der Bengel? Und – Kerlchen, jetzt will ich aber »Rumohr« schön aufbauen lassen, – soll ja eine junge liebreizende »Frawe von Rumohre« einziehen in Dorf und Schloß – – Kerlchen, und sei dem alten Manne nicht bös, daß er immer schrieb: Mein Junge, mein Fritz«. Hatte ja keine Ahnung, daß, er Dir gehörte, Du tapferes, goldenes kleines Mädchen! Mein Töchterchen, Gott segne Dich! Gute Nacht!« Aus Kerlchens Tagebuch. Fräulein von Rhoda ist sehr ärgerlich auf mich. »Ich habe doch eine ›Stütze‹ engagiert, und keine Schriftstellerin,« sagt sie jeden Tag mindestens zweimal, denn so oft kommen jetzt Briefe an mich, und ebenso oft schicke ich auch einen Gruß an die Rumohrs. Es ist meine einzige Erholung, die müssen sie mir lassen, sonst klappe ich zusammen. Denn Fräulein von Rhoda ist krank, und wenn sie dieser Krankheit auch einen eigens dazu ausgedachten närrischen Namen gegeben hat, über welchen Rinschi und Pinschi lachen, – weh' scheint es doch zu tun, und ich muß immer zur Pflege da sein, denn die Zwillinge greift es zu sehr an. – Es ist aber doch recht schade, daß ich selbst auch gar nicht mehr das gesunde, frische Provinzmädel bin, – ich fühl's ja selbst, und der Spiegel zeigt mir auch ein erschreckend blasses, mageres, hohläugiges Gesicht, Dr.  Gieseke, mein guter, alter Freund, ist verreist, sonst hätte ich ihn doch schon mal gefragt, – sein Vertreter rennt immer so an mir vorbei, ohne mich auch nur anzusehen, es ist ein Hofrat und Leibarzt irgend einer hohen Person, die in Altenhof zur Kur weilt, – und sieht aus, als dächte er, nur hoch- und uradlige Menschen dürften sich den Luxus des Krankseins erlauben. Den 10. Dezember. Guten Morgen! Na, so ein Schlafratz! Ach – das tut aber wohl! Wie wird Dr.  Gieseke lachen und sich freuen. Als ich vorgestern die Feder aus der Hand legte, mühte ich mich ganz, stark, wach zu bleiben, aber es ging nicht, es sauste und summte mir vor den Ohren, ein dummes, häßliches Gefühl überkam mich, und immer schlug mein Kopf auf den Tisch hin. Dazwischen hörte ich die Klingel aus Fräulein von Rhodas Zimmer, es tat mir so leid, denn die Zwillinge hören nicht auf sie, und die Stiftsdame regt sich so auf, wenn ich nicht gleich komme, aber ich konnte mich nicht rühren vor Müdigkeit. Dann weiß ich nur noch, daß die Baronessen gestürzt kamen, und furchtbar mit mir schalten, und daß plötzlich Dr.  Gieseke im Zimmer stand und ein kleines Verhör mit mir anstellte, – sein gutes, rotes Gesicht sah ganz blaß aus, – dann tauchte ein anderes Gesicht auf, das von der guten, alten Mamsell im Schlosse, die zog mich aus wie ein kleines Kindchen, und brachte mich zu Bett. »Schlafen!« befahl mir Doktor Gieseke. Und nun habe ich geschlafen zwei Tage hindurch, und wenn sich einmal meine Lider hoben, dann sah ich undeutlich die alte Mamsell bei mir sitzen, einmal war auch der alte Kutscher da, das weiß ich, denn er dämpfte seine Stimme kein bißchen und schien sehr ärgerlich zu sein, wahrscheinlich über die Schlafmütze. Und nun bin ich wieder gesund und lief gleich hinüber zu Fräulein von Rhoda, das heißt, – laufen ist zuviel gesagt, meine flinken Beine sind merkwürdig schwer geworden, aber da trat mir eine freundliche Pflegerin entgegen, die sie drunten aus dem »Ingeheim« geholt haben, und sie drehte gleich wieder mit mir herum, und sagte gütig: »Kleinchen hat Stubenarrest, und soll sich ganz und gar erholen, so hat es der gute Herr Doktor bestimmt.« Und nun erhole ich mich. – Mamsellchen bringt mir allerhand Gutes, ich werde gepäppelt wie ein Prinzeßchen, und wenn Feierabend ist, erscheint der alte Kutscher und erzählt mir, was in Hof, Garten und Stall passiert ist. Das Schönste aber brachte mir der Postbote, – das hat mich erst ganz gesund gemacht, – einen Brief von Fritz. – Brief?? Da meint Ihr gewiß ein langes, langes Schriftstück – ach nein – ein winziges Zettelchen ist's, aber doch mein ganzes Glück. Mein Fritz wird ja bald wieder gesund – denkt doch nur, er sieht und hört und versteht wieder alles und weiß, daß ich ihm gehöre, – ja freilich, das weiß er wieder. Und der Arm heilt schön, und die Kopfwunde hat sich geschlossen, – – der liebe Gott ist doch furchtbar gut mit mir. Und nun hat Fritz zum erstenmal geschrieben – o Himmel, – die Krakelfüße, aber es sieht doch wunderschön aus, – gelt? Zu lesen ist's kaum noch, soviel Tränen sind darauf gefallen, und so oft hab' ich's ans Herz gedrückt. – – – – – – – – * Weihnachtheiligabend. So still wie diesmal habe ich wohl noch nie ein Weihnachtsfest verlebt, aber mir ist es gerade recht so, – ich will nicht eher wieder froh sein, bis mein Fritz bei mir ist. Unten im großen Saal brennt der Tannenbaum, ich hab' ihn mir lange betrachtet und seinen Duft eingeatmet, dann bin ich wieder still in mein Stübchen gegangen. Sie haben mir auch aufgebaut unten sehr reich unter den übrigen Dienstboten: ein schwarzes gutes Sonntagskleid und ein derbes, graues Hauskleid, Stiefel und Schuhe, furchtbar stark riechende Seife, und dazwischen liegt ein Etui, das mir Wera und Ernst aus Italien geschickt haben, eine Brosche in feinster, venezianischer Arbeit, und einen funkelnden Diamantring, darin ihre Namen graviert sind. »So ein Unsinn! So ein Unsinn!« sagte Fräulein von Rhoda mißbilligend, – ich aber steckte den Ring mir an, – – gutes Werchen! »Dazu gehört Toilette!« rief Rinschi spöttisch, – ich weiß nicht, was sich Wera gedacht haben mag.« O wie würde sie sich verwundern, wenn sie herauf in mein Zimmerchen käme. Es ist ein wahres Glück, daß all' die Pakete zur Mittagszeit eintrafen, als die Damen im süßen Schlummer lagen, – was hat denn nur der Onkel Rumohr sich gedacht? Als ob es eine Prinzessin auszustatten gäbe – – hat einfach nach Berlin geschrieben, – ich sehe ordentlich den Bestellbrief vor mir: »Schicken Sie nur hin, was nur irgend so ein Achtzehnjähriges erfreuen kann.« Ohhh! Und nun kann ich mich nicht retten vor Kleidern und Spitzen und Hüten – – guter Onkel Rumohr, – steinalt muß ich werden, um das aufzutragen. Mein Fritz schickte mir einen Ring, – kein prunkendes Geschmeide – einen schlichten Goldreif mit seinem Namen darin und dem Wappen der Schliedens und der Rumohrs, so fein gestochen, o so fein – – sie passen gar gut zusammen. Und der Weihnachtsbrief dazu ist gar nicht mehr krakelfüßig, sondern mit der alten, kräftigen Handschrift: »Du mein alles, muß ich Dich heut', – gerade heute allein lassen? Sie sind zu streng mit mir, die Leute, an der Spitze Dein, unser zartes Muttchen, die mich herausgepflegt hat aus Fieber und Schwäche. Der Arm ist aus dem Verband, liegt aber noch in der Schlinge. Recht mißmutig war ich in den letzten Tagen, als Du so gar keine Anstalten machtest, zu mir zu kommen, bis das Donnerwort von Dr.  Gieseke eintraf: »Sie darf nicht reisen, in Schnee und Eis nach Holstein hinauf, sie ist viel zu zart dazu.« O Du mein Herzenskerlchen, – so hast Du Dich um mich gesorgt? Sind sie denn gut mit Dir dort? Du schreibst nie ein Wort der Klage, – ach, wär' ich erst bei Dir! Wir hätten unsere Verlobung gleich veröffentlichen sollen, – wozu dieses Geheimnis? Dann hättest Du bei mir sein dürfen, aber mein trotziges Kerlelein will ja durchaus warten, bis ich selbst es holen kann. Noch sieben Tage, Kerlelein, – dann komme ich! Das neue Jahr, das nur, – will's Gott – unsäglich viel Schönes bringen soll, wollen wir gemeinsam erwarten. Onkel Wolfgang begleitet mich nach Rotbach, Dein Mütterchen will zurück nach Buchenwalde, um dort alles für Dich vorzubereiten und, wie sie neckend sagt, die Walküren Kopf stehen zu sehen bei der Nachricht unserer Verlobung. Es wäre ja nun viel einfacher, wenn wir direkt nach Buchenwalde führen, aber Du willst ja bis zur letzten Minute Deine Pflicht in Groß-Rhoda tun, Du tapferes Mädchen, mein Mädchen! Aber nun hab' ich auch ein Plänchen ausgedacht, Sylvester feiern wir in Rotbach. Fräulein von Rhoda wird die Honneurs machen, die Baronessen werden als Brautjungfern mein Kerlchen in mein Schloß geleiten – gelt, Liebling, das wird gar feierlich werden, und jahrelanges Leid, und der ganze Kummer der letzten Wochen versinken in nichts, wenn ich Dich in meinen Armen halte, Du mein Sonnenschein, mein alles, mein Kerlchen!« * Wie närrisch bin ich in der Stube herumgetanzt mit dem wonnigen Brief. Ja freilich, – alles soll so werden, wie du es willst, »du mein Sonnenschein, mein alles, mein – Fritz!« Vorläufig habe ich die Geschenke eingepackt und in die tiefsten Tiefen des mächtigen Kleiderschrankes verstaut, damit die Damen des Hauses nicht ohnmächtig werden, wenn sie plötzlich hereinkommen. Und morgen, – gleich nach der Kirchfahrt – gehe ich zu Fräulein von Rhoda und sage ihr, daß ich zu Neujahr fortgehe. Ich kündige! Die Oberköchin kündigt auch, desgleichen der Pferdeknecht und der Stiefelwichsjunge, dem Baronesse Rinschi gestern die Bürste an den Kopf geworfen hat. Ich weiß es von Doktor Gieseke, der hat ihn genäht. Den 1. Feiertag. Wie schön es heute in der Kirche war, – ich wurde selbst ganz froh, und alle Leutchen um mich herum schienen es zu sein. Ich dachte gar nicht mehr an den Gang, der mir bevorstand, und erst, als ich im Schlitten saß und allein nach dem Herrenhause zurückfuhr, denn den Rhodaer Damen war es zu kalt zum Kirchgang gewesen, überschauerte es mich etwas, und ich sagte mir noch mal recht langsam all mein Eingelerntes vor. Als ich ins Zimmer trat, saßen noch alle drei am Frühstückstisch, aber sie hatten kein Tröpfchen heißen Tee oder Bouillon für mich übrig gelassen nach der kalten Fahrt, so daß ich mir zur Stärkung schieren Rum eingoß, was natürlich gleich zu Anfang einen schlechten Eindruck machte und auch höllisch brannte. Auf dem Tische standen vier prachtvolle Sträuße, – der, den Rinschi vor ihrem Platze hatte, war wieder ganz bräutlich in grün und weiß gehalten, und sie sah ihn zärtlich an. »Herr von Rumohr war so aufmerksam, die Blumen zu schicken,« sagte Fräulein von Rhoda ganz nebenbei, nachdem sie sich etwas von »meinem« Rum erholt hatte. »Ich vermute, daß er in seiner ritterlichen Art sogar an Sie gedacht hat,« fuhr sie spöttisch fort, wenigstens habe ich vier Sträuße in Empfang genommen, und Mamsell versichert, daß er ihr auf keinen Fall zukomme.« So, da hatte ich's! Ich antwortete gar nicht, sondern guckte nur scharf auf den grünweißen Strauß, den Rinschi beroch und belächelte. Der war für mich, das wußte ich, aber da ich ihn nicht bekam, so wollt' ich den andern auch nicht. Und dann ging's los! Aber so schlimm hatte ich mir den Sturm doch nicht vorgestellt. Sie kreischten alle drei laut auf, als ich – »kündigte«. »Fort wollen Sie? Zum Januar fort? Ist das die Treue, die Sie Wera von Rhoda gelobt haben?« »Wera ist ja nicht da – – –« »Aber ich stehe an ihrer Stelle und war dabei, als Sie ihr versprachen, hier auszuhalten.« »Das wollte ich auch, – aber – ich kann nicht mehr.« »Dummes Zeug! Haben Sie sich nicht pflegen können in Ihrer plötzlich hereinbrechenden, wunderbaren Krankheit? Haben Sie nicht drei Tage hintereinander geschlafen? Fragen Sie mal, ob das andern Dienstboten erlaubt wird.« »Ich bin ja auch kein Dienstbote – –« Die drei Damen brachen als Antwort in ein kicherndes Gelächter aus. »Reden Sie keinen Unsinn, Sie haben sich ›Nerven‹ angewöhnt, die gar nicht zu Ihrer Stellung passen. Kurz und gut, Sie sind zu jung, um eigenmächtig über sich zu entscheiden, und Sie werden hier bleiben, bis Baron Rhoda mit seiner Gattin zurückkehrt, dann werden wir weiter sehen.« »Aber, ich will fort,« rief ich verzweifelt, »ich will !« – Dabei stampfte ich regelrecht mit dem Fuße auf. »Menagieren Sie sich!« fuhr mich die Stiftsdame an. »Sie sind hier nicht unter Ihresgleichen. Was haben Sie für Gründe zum Fortgehen?« »Ach Gott, tausend Gründe! Hier ist es so schrecklich, daß man lieber sterben möchte. Und das Geld will ich Ihnen später nach und nach alles zurückzahlen, – jawohl das will ich – –« »Habt ihr je so einen Blödsinn gehört, Rinschi und Pinschi? – Legen Sie sich hin, Sie sind krank!« »Aber ich will fort! Ich – ich habe mich verlobt !!!« Das hatte eine furchtbare Wirkung. Die Stiftsdame sank in einen Sessel, und die Baronessen sahen mich beinahe verachtungsvoll an. Und was nun kam, war wirklich sehr dumm von mir, aber ich hatte ja kein bißchen Ruhe zum überlegen. Die Stiftsdame packte mich an und schüttelte mich derb und rücksichtslos. » Wo haben Sie sich verlobt, – Sie kommen ja nirgends hin?« schrie sie empört. »Im Pferdestall!« »Allmächtiger! Unglückskind! Was wird Wera sagen! Und ich habe die Verantwortung! Wo sagten Sie, wo ?« »Im Pferdestall, – auf der Futterkiste!« »Abscheuliches Mädchen, und mit wem?« »Mit, mit, mit – –« »Nein! Schweigen Sie, – ich will nichts mehr hören! Ich will nichts gehört haben! Ja, – zum Januar können Sie gehen, bis dahin haben Sie Stubenarrest.« * Sylvesterabend. Ich habe eben bereits das dritte Mal laut gelacht, trotzdem ich mutterseelenallein im Schlosse bin, und so ein Lachen ist, glaube ich, das untrüglichste Zeichen des Überschnappens. Eben sind die drei Baronessen nach – Rotbach gefahren zur Sylvesterfeier, – die meine Verlobungsfeier sein sollte – und mich haben sie hier gelassen mit einem Bande: »Der gute Ton in allen Lebenslagen« und einer Tasse schwachen Tees. Hahaha! Ich fürchte mich kein bißchen so allein, trotzdem der Schneesturm um das Schloß tobt, – ich lache . Ich möchte am liebsten Rad schlagen vor Vergnügen, wenn ich an die Gesichter in Schloß Rotbach denke. Vielleicht fragt Fritz in diesem Augenblicke gerade: »Wo – wo – wo haben Sie denn Fräulein Felicitas gelassen?« Ohhh! Und das grimmige Gesicht von Onkel Rumohr! Und wie sein schallendes, dröhnendes Lachen der Stiftsdame auf die Nerven fallen wird. Ohh – ich möchte Rad schlagen und ich täte es auch, wenn ich nicht Toilette gemacht hätte – jawohl! Es rauscht um mich her, – weiße Seide, und in den duftigen Spitzen liegt der seltsame altertümliche, diamantensprühende Brautschmuck der »Frawen von Rumohre«. Gleich, als der Schlitten der Damen um die Ecke sauste, hab' ich mich fein gemacht, – ich muß doch etwas von dem Fest haben. O wie hab' ich Fräulein von Rhoda gebeten, mich mitzunehmen. Ich war nicht trotzig, heute Abend, gewiß nicht! Das Glück machte mich weich und gut, ich wollte den Damen so gern die tiefe Beschämung ersparen, – aber sie stießen mich ja buchstäblich zurück und behaupteten, ich gehöre nicht dorthin, – da ging ich still ins Haus, – nein, – da kam erst der Trotz und ich schwieg und ließ sie ziehen. Es ist kalt im Zimmer, – ich lache nicht mehr, – heiß steigen die Tränen auf, – Väterchen, ich wollt', – es käme nun endlich – das Glück!!! Rotbach, den 1. Januar. Das Glück, die schöne Göttin wars zwar nicht, die gestern Abend zu mir hereintrat, aber doch das gute, alte Mamsellchen, die mich zu ihrem grenzenlosen Staunen in Tränen, eiskalt und in weißer, rauschender Seide vorfand. Sie brachte ein Glas Grog für mich und für sich eine Tasse Kamillentee, das war unsere Sylvesterbowle, und als ich erst den Grog hinuntergeschluckt hatte, da erzählte ich dem guten Seelchen alles – alles – und – sie wurde beinahe vom Schlage gerührt. Zuerst glaubte sie, ich redete im Fieber und drängte mir den Kamillentee auf, der sich absolut nicht mit dem Grog vertragen wollte, und dann, als sie die Wahrheit einsah, wollte sie vor Staunen und Ehrfurcht nicht neben mir sitzen bleiben, und dann – dann – kam alles so unglaublich rasch, – wie soll ich's richtig schildern? Schlittengeklingel, – Riesenschritte die Treppe herauf, – die Tür wurde aufgerissen, und da lag ich in den Armen meines Fritz, und Mamsellchen saß steuerlos im Sofa und weinte laut, dann schlich sie sich still hinaus. »Mein Einziges – o mein Gott, was magst du ausgehalten haben!« rief Fritz und ich sah in sein blasses Gesicht, das noch die starken Spuren überstandener Krankheit trug und fühlte den heftigen Schlag seines Herzens. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und ließ willenlos den Strom seiner Zärtlichkeit über mich ergehen. Endlich ließ er mich aus seinen Armen. »Wie wunderschön bist du, Kerlchen!« rief er, »was für ein entzückendes, liebliches Frauchen führe ich in das Schloß meiner Väter!« Ich konnte gar nichts sagen, ich war ganz trunken vor Glück, – der Grog war es wirklich nicht, und ganz überwältigt war ich, daß er mich schön fand, – mir hatte das ja noch niemand gesagt. Und dann saß ich plötzlich neben ihm warm eingepackt im Schlitten und hörte im Dahinsausen, daß niemand in Rotbach eine Ahnung von seinem Staatsstreich hätte, die säßen dort und warteten wohl mit dem Sylvesteressen auf ihn, – er sei aus dem Zimmer gestürzt bei den ersten spitzen Worten der Stiftsdame, die er ihr nie verzeihen würde, und wenn er hundert Jahre alt würde. »Wie kommen Sie dazu, bester Herr von Rumohr, nach meiner Stütze zu fragen?« Dann hielt der Schlitten vor Schloß Rotbach. Das Vestibül war hell erleuchtet, – ein alter Hausmeister half mir aus den Decken und Pelzen heraus, an Fritzens Arm schritt ich in die Vorhalle. Ein mächtiger Spiegel warf meine Gestalt zurück, ich schmiegte mich ängstlich an Fritz, und er streichelte zärtlich meinen zerzausten Lockenkopf. »Wie blaß du bist,« flüsterte er, – »o mein Kerlchen, wie soll ich alles wieder gut machen!« Er war so ernst, – wieder reichte er mir den Arm und schritt hochaufgerichtet und feierlich mit mir zu einer Flügeltür, welche ein Diener lautlos zurückschlug. Da saßen sie alle versammelt mit verlegenen, zornigen Gesichtern, – ich aber sah nur eins, – das liebe, blasse Gesicht meines Muttchens, das mich mit einem Jubelruf an sein Herz nahm. Dort ruhte ich still und geborgen, bis die ernste Stimme meines Fritz laut durch das Zimmer hallte: »Ich bitte um Verzeihung, daß das Fest sich verzögerte. Es konnte doch unmöglich Verlobung gefeiert werden, so lange die Braut fehlte. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Verlobte vorzustellen.« * Still, still – ich will nichts weiter schreiben. Ich bin ja so froh, bin nicht mehr heimatlos! Fritz kommt, – mein Fritz von Rumohr. »Kerlchen, süßes, süßes, goldiges Kerlelein, bist du glücklich?« »Doll!« * Ende des sechsten Bandes.