W. H. Riehl Ein ganzer Mann Inhalt.         Aus dem Begleitschreiben     bei Uebersendung des Buches an eine Freundin Erstes Buch. Das Museum im Haderturm. 1. Kapitel. Im Wächterstübchen 2. Kapitel. Herrenturm und Haderturm 3. Kapitel. Das Reklamebild 4. Kapitel. Das Testament 5. Kapitel. Umkehr und Rückzug 6. Kapitel. Das Mädchen aus der Fremde 7. Kapitel. Der Direktor wider Willen Zweites Buch. Freundschaft in des Lebens Not. 1. Kapitel. Im Wächterstübchen 2. Kapitel. Du kannst, weil du sollst 3. Kapitel. Der Zeitlose 4. Kapitel. Wetterleuchten 5. Kapitel. Die Uebernahme 6. Kapitel. Vom Nordkap nach Athen 7. Kapitel. Der Ewige Jude 8. Kapitel. Die Ehrendame 9. Kapitel. Enthüllung 10. Kapitel. Die Gratulanten 11. Kapitel. Kaspar in der Zange 12. Kapitel. Weihnachten und Neujahr Drittes Buch. Das Glück des Lebens und die Liebe. 1. Kapitel. Im Wächterstübchen 2. Kapitel. Widerspruch überall 3. Kapitel. Die wandernden Komödianten 4. Kapitel. Marie Armgard 5. Kapitel. Sedanfeier 6. Kapitel. Ein standesmäßig warmes Herz 7. Kapitel. Bekenntnisse 8. Kapitel. Mein Besuch in Frankenfeld Aus dem Begleitschreiben bei Uebersendung des Buches an eine Freundin. – – Sie lieben einen fröhlichen Gang durch Wald und Wiesen, über Berg und Thal. Die Natur ist nicht immer freundlich, aber sie ist doch immer – natürlich. Ein erzählendes Buch lesen Sie gerne, wenn es Sie wie solch ein Gang in der freien Natur anmutet, – am liebsten, wenn Sie's sogar unter grünen Bäumen lesen möchten. Aber auch in der engen Stube am trauten Winterabend oder an stillen Regentagen auf dem Lande nehmen Sie gerne einen Roman zur Hand, welcher Sie in gemütliche Stimmung versetzt und Ihnen zwischendurch ein behagliches Lächeln entlockt. Sie suchen die Natur noch in der Kunst und vermögen sich noch an einer Sonate oder einem Quartett von Haydn oder Mozart herzinnig zu erquicken, wie nicht minder an einer Zeichnung von Schwind oder Richter. Sie haben noch Sinn für eine Kunst, die mehr anregt als aufregt, für eine Kunst, die uns erwärmt, was doch etwas anderes ist als wenn es einem fortwährend heiß und kalt wird. Ich freue mich, Ihren Geschmack zu teilen. Sie lesen ruhig und langsam, mit Pausen, das Gelesene überdenkend. Sie erfreuen sich darum an wohlgegliederten Büchern, deren kleine und große Abschnitte für sich ein künstlerisch gerundetes Ganze sind und doch zur Einheit sich verweben. Es ist angenehm, wenn man ein Buch leicht weglegen kann und ebenso leicht wieder dazu zurückkehrt. Die geschlossene Form in der Sonate hat ihren Reiz für Sie noch nicht verloren. Auch der Roman hat – gleich der ächten Novelle – seine Sonatenform. Kurze Bücher, bei denen der Leser zuletzt bedauert, daß sie schon zu Ende, sind Ihnen angenehmer als lange, bei denen man sich quält, fertig zu werden. Sie bewegen sich gerne in guter Gesellschaft, auch wenn Sie einen Roman lesen. Sie rühmen es als ein besonderes Behagen, daß man sich bei einem fesselnden Roman einspinnen könne in die Zustände eines fremden Ortes, den wir nie besucht und in den Verkehr mit Menschen, die wir nie gesehen haben, daß wir mit diesen vertraut werden wie mit Freunden und zuletzt bedauern, wann der Verkehr zu Ende ist. Heitere Bilder, die Ihnen das Sonntagsgesicht der Menschen zeigen, sagen Ihnen mehr zu als Marterbilder, die uns all unsere Schlechtigkeit und Verkehrtheit grausam offen legen. Man soll keinen Roman schreiben, den man vor seinen Kindern verstecken muß. So sagten Sie einmal. Darum braucht man doch noch lange keine Romane für Kinder zu schreiben. Ein gesunder Roman, bei dessen Lektüre es dem Leser recht von Herzen wohl wird, dünkt Ihnen der zeitgemäßere. Denn solcher Bücher haben wir nur wenige und brauchten ihrer viele. Sie begehren nicht politische, soziale, religiöse, ästhetische und andere Tendenzen in einer erzählenden Dichtung. Sie fordern nur, daß eine inhaltreiche Geschichte, bei der man sich etwas denken kann, schön und gut erzählt werde. Sie sind noch jung; trotzdem weiß ich nicht, ob es selbst unter den alten Leuten noch viele gibt, die so köstlich altmodisch lesen und beurteilen wie Sie. Vielleicht erstehen solche Leser wieder unter der Jugend. In Betracht Ihrer seltenen und seltsamen Gedanken vom Bücherlesen wage ich es, Ihnen meinen neuen Roman zu übersenden, hoffend, daß Sie ihn – – lesen werden, und nicht hinterdrein bereuen, ihn gelesen zu haben. Erstes Buch. Das Museum im Haderturm. Erstes Kapitel. Im Wächterstübchen. Die Stadtuhr auf dem Haderturm hatte heute früh um zehn Uhr zwölfmal geschlagen, um elf Uhr einmal, – um zwölf Uhr schlug sie gar nicht mehr. Da sie auch weiterhin verstummte, so stieg der Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer, welcher im Erdgeschoß des Turmes wohnte, am Nachmittag hinauf in das Stübchen des Turmwächters, um zu sehen, warum der Mann so lässig seines Dienstes walte. Denn die Uhr hatte kein Schlagwerk; der Wächter mußte vielmehr die Schläge jeder vollen Stunde mit eigener Hand an der Glocke angeben, zugleich zum Erweise seiner Wachsamkeit. Mühselig hatte der Ratsdiener die oberste dunkle und steile Treppe erklommen und stand vor der Thür der Wächterstube, hoch oben, nahe der Turmspitze. Heller Vogelgesang tönte ihm von innen entgegen; denn der Wächter hatte schon seit Jahren seine Einsamkeit durch eine ganze Hecke von Harzer Kanarienvögeln belebt. Zuckmeyer klopfte kräftig an die Thüre: Niemand rief »herein!« nur die Vögel begannen zur Antwort lebhafter zu singen. Als er die Thüre öffnete, fiel ihm der Abendsonnenschein durch das offene Fenster blendend entgegen, die roten und blauen Blumen durchleuchtend, welche dort standen, und warf einen hellen Schimmer in die Ecke, wo der Wächter – der alte Hans – im Lehnstuhle eingeschlummert lag – – entschlummert! Denn als der Ratsdiener näher trat und den Schlafenden anrief und befühlte, fand er, daß sein alter Hausgenosse tot sei. Die Stadtuhr hatte aufgehört zu schlagen, als das Herz des Türmers zu schlagen aufgehört hatte. Und die Sonne strahlte so festlich, die Abendluft zog so belebend herein, die Blumen glühten und leuchteten, die Vögel sangen so vergnügt! Doch auch über dem Gesicht des Schläfers lag seliger Abendfriede: er war in Frieden heimgegangen. Der Ratsdiener betrachtete den Toten eine Weile mildbewegt; dann durchrieselte ihn plötzlich ein Schauer, als er sah, wie eng sich hier Tod und Leben umschlang. Der Verstorbene hatte sich noch seinen Tisch gedeckt und auf dem Kochofen stand die erkaltete Suppe. Denn das Wächterstübchen war Küche, Wohn- und Schlafzimmer zugleich. Neben dem Sessel lehnte das große Sprachrohr, mit welchem Hans »Feuer« auszurufen pflegte. Hatte er noch um Hilfe für sich rufen wollen, als ihn der Tod überraschte? Wie einsam hatte er gelebt, wie einsam war er gestorben! Und doch nicht einsam. Er sah ja von seiner Stube hinab in die wimmelnde Stadt, hinaus in die weite Landschaft, und er hatte sich die Welt in seine Stube gezogen, indem er alle Wände mit kleinen Holzschnitten über und über beklebt hatte, die, aus Zeitungen und alten Kalendern ausgeschnitten, ihm Dutzende von Ereignissen, Oertlichkeiten und Personen stündlich vor Augen führten. Er war den Leuten so dankbar, wenn sie ihm solche Bildchen schenkten. Das wußte man drunten in der Stadt, und gute Menschen sammelten dergleichen für ihn und gaben die Bilder beim Ratsdiener ab, daß er dem Hans auf dem Turm wieder neue Gesellschaft bringe. Und Hans lebte so traulich und zufrieden mit seinen Vögeln und Blumen und Bildern, und wann er selber die Stunden schlug, dann wußte er, wie die Zeit zur Ewigkeit geht. Dies alles flog dem Ratsdiener jetzt durch den Kopf: er sah den Lebendigen tot, und den Toten lebendig; – ein Grausen ergriff ihn. Der Gesang der Vögel gellte ihm wie ein Geisterchor in die Ohren. Er rief ihnen zu: »Seid stille; euer Herr ist tot!« Aber die Vögel antworteten auf diesen Zuruf, indem sie doppelt laut zwitscherten und schmetterten, und er erschrak vor seiner eigenen Stimme. Den so friedlichen und doch so schauerlichen Ort in jäher Flucht verlassend, stürzte er die Treppen hinab und kam erst wieder zur Besinnung, als er in seiner Stube angelangt war. Dann eilte er hinüber ins Rathaus, um dem Bürgermeister den plötzlichen Tod des Wächters zu melden. »Der alte Hans war eine gute, treue Seele,« so schloß der Ratsdiener seine Meldung. »Gott gebe ihm die ewige Ruhe. Sein Tod thut mir wirklich leid. Allein« – hier wischte er sich eine Thräne aus dem Auge – »dieser Tod wird der Stadt noch nützlicher sein als es des Wächters Leben war. Jetzt muß der alte Haderturm doch endlich fallen. Ist der gute alte Hans nicht mehr, dann schlägt auch die Uhr nicht weiter, und wir können sie an einen andern Platz versetzen und mit einem eigenen Schlagwerk versehen. Ohne Uhr ist aber auch der Haderturm zu gar nichts mehr nütze und kann abgebrochen werden. Ich bin nicht abergläubisch. Allein zeigen nicht alte Häuser oft genug den baldigen Tod eines Inwohners an durch Krachen der Balken und Herabrieseln des Bewurfs? So hat auch der unerhört geschwinde Sterbfall des armen Hans das baldige Ende des Turmes angezeigt.« »Ratsdiener, Ihr habt recht,« sagte der Bürgermeister. »Es kommt in der Politik überall nur darauf an, wie man die Sachen deutet, und gute Vorzeichen und ihre geschickte Deutung haben in den Römerzeiten manchmal eine halbe Armee aufgewogen. Der Haderturm muß fallen. Und der jähe Tod des Wächters soll unsre Partei stärken, er soll sie als ein neues Zeichen ermuntern, zur rasch entschlossenen That, daß endlich auch der Turm den jähen Todesstoß erhält.« Zweites Kapitel. Herrenturm und Haderturm. In den Urkunden, Akten und Büchern hieß der Haderturm eigentlich der »Herrenturm«, allein im Sprachgebrauch der ganzen Stadt Frankenfeld wurde er seit unvordenklichen Zeiten nur der Haderturm genannt. Und nicht mit Unrecht. Denn seit seiner Erbauung bis auf den heutigen Tag hatten sich zahllose Geschichten von Streit und Hader an diesen Turm geknüpft. Ein mächtiger, hoher Bau, verdankte er seinen Ursprung jenen blutigen Kämpfen zwischen Patriziern und Zünftlern, welche im 14. Jahrhundert so viele Städte Deutschlands durchtobten. Ungleich andern Städten jedoch hatten sie hier mit dem vollen Siege der patrizischen Geschlechter geendet. Um bei etwa erneutem Aufruhr von vornherein den besten Stützpunkt zu haben, erbauten die Patrizier dann den festen Turm, der mitten in die breite Hauptstraße und in die nächste Nähe des Rathauses gestellt, die ganze innere Stadt beherrschte und nach seinen siegreichen Erbauern der Herrenturm genannt wurde. Das kleine Frankenfeld war damals noch Reichsstadt. Im folgenden Jahrhundert kam es unter landesherrliche Gewalt. Die trutzigen Bürger wollten sich anfangs den Verlust ihrer Freiheiten nicht so gutwillig gefallen lassen und lehnten sich, wo sie konnten, gegen den neuen Herren auf. Da erweiterte und verstärkte dieser den Herrenturm, legte eine ständige Besatzung hinein und machte ihn zum Zwing-Uri seiner nicht allzugetreuen Bürger. Als dann später die Fürstengewalt immer stärker wurde und die Städter sich nicht mehr zu mucksen wagten, verlor zwar der Turm diese Bedeutung, allein ein Gegenstand des Streites blieb er doch immer, selbst als er in unserm Jahrhundert Eigentum der Stadt wurde. Die Bürger stritten sich jetzt über den Haderturm, wie sie früher vom Haderturme aus bestritten worden waren. Der mächtige Bau, alle andern Gebäude der Stadt überragend, geräumig im Innern, an Lage und Gestalt fast dem »Altpörtel« in Speyer vergleichbar, hatte oberhalb des festen, gewölbten Erdgeschosses noch drei Stockwerke mit ansehnlichen Stuben und Kammern, über welchen dann ein gedeckter Umgang mit der Wächterstube den massiven Ausbau abschloß, der ganz oben von einem Zeltdache bekrönt war. Zur Zeit unserer Geschichte war der Turm nur noch im Erdgeschosse von dem Ratsdiener bewohnt, und in der luftigen Höhe von dem Wächter. Die stattlichen Innenräume der drei Stockwerke dienten lediglich Mäusen, Ratten und Fledermäusen zum fröhlichen Tummelplatz, und unter dem Zeltdache nisteten die Dohlen.. Man schrieb 1869. Der deutsche Bund war versunken und das deutsche Reich noch nicht erstanden, Deutschland harrte großer Dinge, die sich erfüllen sollten, aber Niemand ahnte, daß sie so bald sich erfüllen würden. Einstweilen stritt man sich, wie zu aller Zeit, auch über kleine Dinge. Seit mehreren Jahren ging eine heftige Bewegung durch die Frankenfelder Bürgerschaft: der Haderturm sollte abgebrochen werden. Die ganze Stadt war darüber in zwei Parteien gespalten, die sich recht gehässig befehdeten, und die »Turmfrage« hatte zuletzt den Frieden des geselligen Lebens völlig zerstört. Jede der beiden Parteien trug einen Spitznamen, den ihr die Gegenpartei gegeben hatte. Doch das war nichts merkwürdiges; denn in der Stadt bekam überhaupt jeder Einzelne seinen Spitznamen, und die Stadt selbst erhielt einen solchen von den Nachbarorten. Wie man Darmstadt in Armstadt verwandelte und Schwalbach in Schmalbach, so hatte man Frankenfeld in Zankenfeld umgestaltet, wofür ja dann das hochragende Wahrzeichen des Haderturms ganz gut paßte. Kenner des deutschen Volkstums werden aus dieser Blüte der Spitznamen mit Recht schließen, daß Frankenfeld im rheinischen Mitteldeutschland liegt. Die Freunde der Erhaltung des Turmes hießen die »Fledermäuse«, weil sie mit gleicher Liebe und Treue wie diese artigen Tierchen an dem alten Gemäuer hingen. Sie gaben aber ihren Gegnern den Spott zurück und nannten die Eiferer für den Abbruch, welche vorlängst auch schon die letzten malerischen Reste der alten Stadtmauer zerstört hatten, die »Mauerbrecher«. Dies war ein prophetisches Wort. Denn wenige Jahre später, als der Abbruch monumentaler Türme und Thore von Nürnberg einen Sturm der Entrüstung im ganzen gebildeten Deutschland hervorrief, hat Hermann Allmers den »Meistersängern von Nürnberg« die »Mauerbrecher von Nürnberg« in poetischer Satyre gegenübergestellt. Die »Fledermäuse« in Frankenfeld wurden damals, wie auch anderswo, von den »Mauerbrechern« bedeutend überflügelt. Letztere hatten die Mehrheit im Rathause, bei den Bürgern, in der Presse, und die Regierung wollte ihnen nicht vor den Kopf stoßen, weil der Landtagsabgeordnete für Frankenfeld der hartköpfigste Mauerbrecher war. Ist doch damals auch anderswo gar manches Geschichtsdenkmal unsers Volkes politisch verschachert worden! Die Mauerbrecher brachten in der That viele und vortreffliche Gründe für den Abbruch des Turmes vor, – wenigstens ganz dieselben, welche man auch an andern Orten hörte. Der Turm, so sagten sie, stört den Verkehr, obgleich sehr wenig Verkehr zu sehen war und man auf der rechten und linken Seite mit zwei Heuwagen bequem um den Turm herumfahren konnte, während ein dritter Heuwagen durchs Thor mittendurch fuhr. Allein wir leben im Zeitalter des Verkehrs, und kein Mensch kann sagen, daß der Verkehr durch Türme gefördert werde. Der Amtmann Schnaufer, ein eifriger Sonntagsreiter, war zwanzig Häuser vor dem Turme vom Pferd gefallen und behauptete, daß nur der Haderturm schuld daran gewesen sei, weil das Pferd vor seiner gespenstigen Erscheinung gescheut habe. Der Turm warf abends seinen Schatten auf die Ratsapotheke, und der Apotheker, Herr Fink, erklärte, mehr Luft, mehr Licht seien die ersten Vorbedingungen zur »Assanierung« unserer Städte: der Turm müsse fallen aus Gründen der Hygiene. Statt seiner sollte – nach dem Vorschlag des Kattunfabrikanten Müller – ein kleiner Springbrunnen auf den Platz kommen, der seinen Schatten auf kein Haus, sondern nur aufs Straßenpflaster werfe. Man war bereits einig über einen Plan für denselben, der sich durch Neuheit auszeichnete: ein Meergott, auf einem Delphine reitend, bläst Wasser aus einem Muschelhorn. Dieser Gedanke hatte wenigstens durchaus nichts mittelalterliches, und gerade das Mittelalter war es, was den Stadtverordneten und Seifensieder Schröder – er sott Seife im großen – bei dem Haderturm am meisten ärgerte. »Weg mit dem Turme!« rief er. »Wir wollen keine Romantik, wir wollen Freiheit, Aufklärung, Neuzeit, Jetztzeit!« Beim Aussprechen des letzten Schlagwortes befiel ihn ein heftiges Niesen, und physiologische Sprachforscher behaupten, dieses schöne neue Wort lasse sich überhaupt besser ausniesen als aussprechen. Weil alle übrigen reichsstädtischen Reste von Mauern, Türmen und Thoren Frankenfelds im letzten Jahrzehnt gefallen waren, so behaupteten die Mauerbrecher, der Haderturm könne doch jetzt unmöglich mehr allein stehen bleiben, er müsse verschwinden, damit man folgerecht sei und reinen Tisch mache. Die Fledermäuse aber sagten: umgekehrt, weil man so barbarisch gewesen, alle übrigen Denkmale der Väter zu zerstören, so müsse der einzige und schönste zur Zeit noch gerettete Rest, der stolze Herrenturm um so pietätvoller erhalten werden. So führte man die gleichen Thatsachen an, um völlig entgegengesetzte Folgerungen daraus zu ziehen, wie es auch sonst in Parteikämpfen nicht selten geschehen soll. Am meisten schadete dem gotischen Bauwerk unsers Turmes jedoch der kleine Altan mit reizend durchbrochenem Steingeländer über dem Portal, der von Kennern für einen hochfeinen künstlerischen Schmuck erklärt wurde. Er hatte vordem sowohl zur Verteidigung des Portals gedient wie auch, um von dort herab das vor dem Rathaus versammelte Volk anzureden. Der jetzt regierende Bürgermeister war anfangs schwankend gewesen, ob er zu den Fledermäusen oder zu den Mauerbrechern halten solle. Im Grunde gefiel ihm der alte Turm: hatte er ihn doch seit seiner früheren Jugend immer vor Augen gehabt, und was wir mit Kindesaugen oft und gern betrachtet haben, das bleibt uns auch später ins Herz gewachsen, als wäre es ein Stück von uns selber. So hatte der Bürgermeister unlängst den Entschluß gefaßt, dem Haderturm nach alter Sitte eine neue Weihe als Herrenturm zu geben, indem er am Geburtstage des Landesherrn den Altan über dem Portale bestieg, um von dort herab den zum Rathaus wallenden Festzug der Bürger mit feierlichen Worten zu begrüßen. In dieser Rede war er aber zweimal stecken geblieben und hatte zuletzt aufgehört, nicht weil er fertig war, sondern weil er nicht weiter konnte. Von Stund an verwandelte sich seine stille Neigung für den Turm in glühenden Haß. Es war ihm nun offenbar, daß der Haderturm zu gar nichts tauge, nicht einmal zu einer Volksrede. In der nächsten Ratssitzung warf er sein entscheidendes Wort für den Abbruch mit Leidenschaft in die Wagschale, wobei er jedoch keine Silbe von der Nichtsnutzigkeit des Altans sprach, wohl aber desto mehr von dem schweren Geld, welches die Erhaltung des alten Gemäuers zwecklos der Gemeinde koste. Wenige Tage nachher erfolgte der jähe Tod des Turmwächters. Und nicht bloß der Ratsdiener, sondern auch andere Leute erkannten darin ein Vorzeichen, daß mit der letzten Stunde des Wächters auch des Turmes letzte Stunde geschlagen habe. Drittes Kapitel. Das Reklamebild. Am Nordwestrande der Stadt in schönster Sonnenlage breitete sich ein Kranz von Gärten, aus dem Thalgrunde zu den sanften Höhen ansteigend. Sie führten zusammen den alten Flurnamen »im Bangert« (Baumgarten). Seit den frühesten Zeiten hatten hier die wohlhabenden Bürger ihre Familiengärten besessen, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten. Und in guten und bösen Tagen hatten sich hier die glücklichen Eigentümer – so nahe den engen Gassen des Städtchens – ländlicher Gemütlichkeit erfreut. Viele dieser Gärten sahen denn auch heute noch altmodisch genug aus. Von Weißdornhecken umzäunt, bestanden sie zum größeren Teile aus Gemüse- und Obstpflanzungen, zum kleineren aus Blumenbeeten, die mit Buchs umrahmt waren. Halb verwahrlost, halb gepflegt konnten sie dem Auge eines Malers oder Poeten gefallen, während der Blick des Gärtners nur mit Mitleid auf ihnen ruhte. Ein jeder Garten hatte ein gemauertes altes Gartenhäuschen, welches so viel Raum bot, daß eine kleine Gesellschaft bei einfallendem Regen behaglich darin im Trockenen sitzen konnte. Diese Häuser wurden freilich fast nur noch zur Aufbewahrung von Gartengeräte benützt und waren baufällig und verwittert; die Großväter und Urgroßväter dagegen hatten sich in ihnen heiterer Geselligkeit erfreut, auch wenn es nicht regnete. An gar manchem Sommerabende waren da die Familien aus den Nachbargärten wechselnd zusammengekommen; eine jede brachte ihr Abendbrot in kalter Küche mit, der jeweilige Wirt spendete etliche Krüge Aepfelwein und wohl auch noch eine Flasche köstlichen Johannisbeerweines, der im Garten gewachsen war. Die Alten plauderten gemütlich, die Jungen schwärmten dazwischen für die »süße, heilige Natur«, und wann die Dämmerung hereinbrach, dann sangen alle zusammen, erhobenen Gemütes, Chorlieder von Hölty und Voß, von Miller und Claudius nach den schlichten Weisen des Meisters »im Volkston«, Johann Abraham Schulz. Wie weit, weit weg liegt diese Zeit! Wir haben nur noch Sinn und Verständnis für das idyllische Behagen solch trauten Kleinlebens, wenn es uns im Stimmungsbilde der Vergangenheit vor die Seele tritt; es selber wieder lebendig zu machen und in uns zu erleben, vermögen nur die Wenigsten. Wir besitzen noch die alten Lieder »An die Zufriedenheit«, aber die Zufriedenheit besitzen wir nicht mehr. Ein Einziger jener altmodischen Gärten, und zwar der größte und schönst gelegene, war neuerdings völlig umgestaltet worden. Er gehörte Herrn Alfred Saß, dem früheren Mitbesitzer, jetzt stillen Teilhaber der großen Maschinenfabrik »Hephästos«, deren rauchende Kamine sich vor dem Südende der Stadt erhoben. Herr Saß hatte Geschmack und überflüssig viel Geld und Muße dazu, um seinem Geschmack zu huldigen. Die Weißdornhecke des Gartens war verschwunden, um einem kunstreich geschmiedeten Eisengitter mit vergoldeten Spitzen Platz zu machen, welches auf Granitwürfeln ruhte. Wer durch das monumentale Portal eintrat, den begrüßte ein kleiner Teich mit Springbrunnen, von Teppichbeeten aus gleichfarbigen Blumengruppen umgeben. Die ehemaligen Gemüseländereien waren in eine parkartige Anlage verwandelt. Das alte Gartenhäuschen war verschwunden; an seiner Stelle erhob sich ein Pavillon im zierlichsten modernen Rokokostil mit breit vorgelagerter Terrasse, deren Aufstieg rechts und links mit zierlichen Marmorfiguren geschmückt war. Von dieser Terrasse übersah man im Vordergrunde die ganze sanft ansteigende Gartenanlage und weiterhin die Stadt und das Thal und die Höhenzüge, welche den Hintergrund abschlossen. Dort tafelte heute abend – es war am 25. Mai 1869 – eine äußerst fröhliche Gesellschaft. Herr Saß hatte die Parteihäupter der »Mauerbrecher«, welche zugleich sämtlich Mitglieder des »Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs« waren, zu einem kleinen Gartenfeste geladen, wie er sich bescheiden ausdrückte. Er bewirtete seine Gäste mit Forellen und Pasteten und Braten und Hochheimer Domdechantei 1865er. Das kleine Gartenfest sollte ein Jubelfest sein. Die »Fledermäuse« waren geschlagen, der Abbruch des alten Haderturms durch alle Instanzen bestätigt. Herr Saß wollte die Festesfreude seiner Freunde zugleich der ganzen Stadt sichtbar kundgeben. An den Bäumen des Gartens waren für den spätern Abend farbige Papierlaternen aufgehangen und zuletzt sollte ein Feuerwerk abgebrannt werden. Doch bis dahin war noch geraume Zeit. Nachdem die Siegesfreude sich überreich ausgebraust hatte, ergriff Herr Saß das Wort, um einen andern naheliegenden Gegenstand zur Sprache zu bringen. Er rief: »Verehrte Freunde! Wir stehen zusammen an der Spitze des ›Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs‹. Unser Verein, der wesentlich mitgewirkt hat, den Haderturm zu brechen, muß nun zeigen, daß die aufgeklärten Bürger Frankenfelds nicht nur zu zerstören, sondern auch aufzubauen wissen, und daß die von dem garstigen Turmungetüm befreite Stadt hiermit in eine neue Aera ihrer Entwickelung eingetreten ist. Ich schlage vor, daß wir ein großes Reklamebild von Frankenfeld anfertigen lassen, welches in den Wartsälen von tausend Bahnhöfen und in den Treppenhäusern von tausend Gasthöfen Deutschlands ausgehängt werden soll. Das Bild würde in der Mitte die Gesamtansicht der Stadt und in zehn kleinen Randzeichnungen die schönsten Einzelpartien von Stadt und Umgegend in Farbendruck darstellen. Am Fuße des Blattes steht gedruckter Text, der die Geschichte und Statistik ebenso kurz als lockend schildert. Ich habe darum heute schon den ersten Künstler Frankenfelds, Herrn Klodwig Stiefel, den hochberühmten Zeichenlehrer unsres Gymnasiums, hierher eingeladen« – (Herr Stiefel erhob sich und machte eine Verbeugung) –: »er wird die Photographien aller betreffenden Ansichten aufnehmen. Früher pflegte man dergleichen peinlich wahr zu zeichnen, wobei oft nichts effektvolles herauskam; die modernen Maler zeichnen nicht mehr nach der Natur, sie zwingen die Natur sich selbst abzuzeichnen. So wird auch unser Künstler die Sonne zwingen, daß sie unsre gute Stadt peinlich wahr zeichne, damit er selbst dann hinterher das Lichtbild in freiester Phantasie zu den lockendsten Effekten aufbessere und in Farbe setze.« Wie anmutig lag Stadt und Gegend im Abendlicht vor den Beschauern, die nach den Worten des Herrn Saß minutenlang im Anblicke des Originals schwelgten, welches noch viel schöner auf dem Bilde wiedergeboren werden sollte! »Auf der Anhöhe hinter der Pfarrkirche stehen fünf vereinzelte, ziemlich dürftige Tannenbäume,« bemerkte endlich der Ratsapotheker Fink. »Ich werde sie zu einem Tannenwald verdichten!« rief Maler Stiefel. »Aber das Schönste liegt fernab hinter den Tannen, das Gebirg mit der hohen Pyramide des Kreiselsteins,« fuhr der Apotheker fort. »Nur schade, daß man' s im ganzen Stadtbilde nirgends sehen kann!« warf der alte Oberst Sickenwolf dazwischen, Oberst außer Dienst, der selbst bei Hochheimer Domdechantei seine gewohnte trockene Kritik nicht unterdrücken konnte. »Allein man würde die stolze Gebirgskette sehen, wenn man sich in einem Lustballon tausend Fuß über unsern gegenwärtigen Standort erhöbe,« bemerkte eifrig der Bürgermeister Madenbach. »Ich werde die ganze Kette samt dem Kreiselstein in zartester Luftperspektive auf dem Bilde anbringen,« rief der Maler begeistert. »Jeder Künstler hat das Recht, sich seinen Augenpunkt zu wählen wo er will. Ich werde Frankenfeld zur Gebirgsstadt machen.« Der Oberst flüsterte vor sich hin, so »beiseite«, wie es in den Theaterweisungen heißt, wobei aber das ganze Haus die »beiseite« gesprochenen Worte muß hören können: »Man hat gesagt, auf den heutigen Reklamebildern pflegen die größten Lügen grün und gelb und braun und blau gemalt zu werden. Da nach einem bewunderten Dramatiker unserer Zeit das Ideal in Kunst und Leben die Lüge ist, so darf doch auf einem Farbendruck die Lüge mitunter auch das Ideal sein.« Dann erhob er seine Stimme höher und rief: »Mißverstehen Sie mich nicht, meine Freunde: jede Reklame ist Uebertreibung, und jeder Vernünftige weiß, daß er sie als solche zu nehmen hat. Wir leben und atmen in der Luft der Parteien. Auch Stadt gegen Stadt wird mehr und mehr wettstreitende Partei, und dieser Wettstreit führt dazu, daß zuletzt alle Wände an öffentlichen Orten mit den gemalten Reklamen aller Städte bedeckt sein werden. Man wird die – idealisierte Städtetopographie von ganz Deutschland sehr bequem beim Vorübergehen in Hausgängen und Wartesälen studieren können. Schelten wir die Partei, schelten wir die Reklame nicht: was wäre die Zukunftsmusik ohne die Reklame ihrer Bekenner?« Die letzten Worte entfesselten einen Sturm, hier des Widerspruchs, dort des Widerspruchs gegen den Widerspruch. Bis dahin so friedlich verlaufen, drohte die ganze Jubelfeier in grimme Fehde sich aufzulösen. Allein Herr Saß rief donnernd dazwischen: »Keinen Hader! Was kümmern uns hier die musikalischen Harmonien, welche alle Welt in Disharmonie versetzen. Keinen Hader! Wenden wir uns lieber zum Haderturm. Soll er auf dem Idealbilde der Stadt noch stehen bleiben?« Der Bürgermeister und der Apotheker sprachen eifrig dawider; der Oberst hingegen meinte, wenn man den Turm weglasse, so sehe das aus, wie wenn sich Einer die Nase aus dem Gesicht geschnitten hätte, – er meine natürlich nur auf dem Bilde; denn in Wirklichkeit habe er ja immer für den Abbruch des Turmes gestimmt. Es entspann sich ein lebhaftes Wortgefecht, welches zu dem Beschlusse führte, daß der Turm gemalt stehen bleiben solle für die Fremden, während er abgebrochen werde für die Einheimischen. Man besprach hierauf die kleinen Randzeichnungen, welche das Mittelbild umrahmen sollten. Zuletzt zog Herr Saß den belehrenden Text aus der Tasche, welcher am Fuße des Bildes neben der Figur der »Francofeldia« – griechische Tracht mit Mauerkrone – abzudrucken sei. Er begann zu lesen: »Frankenfeld, Stadt von 8913 Einwohnern« – Hier warf der Apotheker die Frage ein: »Soll die Summe nicht auf 10 000 abgerundet werden?« Allein der Oberst rief mit feierlich erhobener Stimme: »Heilig sei uns die Statistik! ihre Zahlen sind das Gewisseste auf Erden – sofern sie richtig sind.« Und in der That blieben nun die 8913 Seelen stehen. Ueber die weiteren statistischen Notizen einigte man sich rasch. Die Industrie Frankenfelds wurde hervorgehoben mit besonderer Betonung der Maschinenfabrik Hephästos und der zahlreichen Gerbereien, welche längs des die Hauptstraße durchströmenden Baches lagen. Der Oberst meinte, diese Angabe könne doch etwas abstoßend wirken – auf den Fremdenverkehr. Das Getöse der Maschinen beleidige das Ohr, der Rauch der Kamine das Auge, und die Gerbereien die Nase. Man beschloß darum sich statt weiterer Aufzählung mit dem duftigen Worte »Industrieblüte« zu begnügen. Mit gesperrten Lettern sollte des Schwefelbades gedacht werden; denn Frankenfeld war auch aufstrebender Kurort. Es hatte hierbei einen bedrohlichen Wettbewerber in dem benachbarten Städtchen Groß-Runenstein, welches eine viel stärkere Schwefelquelle zu besitzen behauptete und schon weit länger die Badegäste anzog. Mehrere Stimmen forderten, man solle in der Reklame sagen, daß das Verhältnis vielmehr umgekehrt sei, allein Herr Saß rief: »Keine Polemik auf unserm friedlichen Bilderbogen! Wir müssen vornehm sein! Wir dürfen unsere Stadt rühmen: das ist kein Selbstlob, sondern Heimatliebe. Aber wir dürfen nicht streiten gegen unsere wettkämpfenden Nachbarn, und wären sie auch noch so neidisch und ihre Kuranstalten noch so jämmerlich. Hüllen wir uns in vornehmes Schweigen!« Das »vornehme Schweigen« wurde genehmigt. Um so kräftiger beschloß man sodann, die herrlichen schattenreichen Kuranlagen herauszustreichen, die hundertjährigen verschnittenen Hainbuchengänge, die Wandelbahn, welche aus dem halbverfallenen Kreuzgange der Klosterräume von St. Margareten hergerichtet war, das geborstene Chorgewölbe der Klosterkirche, unter dem die Kurkapelle ihre Ouverturen, Tänze und Potpourris spielte und die vereinzelt noch stehengebliebenen gotischen Pfeiler des Schiffes, zwischen welchen man vor zwei Jahren einen modernen Pavillon eingebaut hatte für ein Café-Restaurant, dessen Wirt nur kurgemäße Getränke und Speisen auftragen durfte. Die Heilquelle selbst aber sprudelte in der früheren Vorhalle der Kirche. Der Kaffeepavillon müsse dann als besonders merkwürdig hervorgehoben werden. Hier widersprach Herr Blödel, der Gastwirt zur »Schwedischen Krone«. Eine gewöhnliche Kaffeeschenke, meinte er, gehöre doch nicht in das Reklamebild einer so berühmten Kur- und Reisestadt. Der Oberst dagegen bemerkte: »Wenn wir den neuen Kaffeepavillon streichen, dann bleibt eben nur noch die Klosterruine und der auf Abbruch gestellte Haderturm dazu, und bei den Spaziergängen die zerfallene Burg Sonnenstein und das verwaiste und verwahrloste Rokokoschlößchen auf der Luisenhöhe – lauter Altertümer! Und wir wollen doch den lockenden Glanz des modernen Frankenfeld zeigen!« Eifrig fiel Blödel ein: »Da nenne man vor allen Dingen unsere vortrefflichen Gasthöfe, mit jeglichem Komfort der Neuzeit ausgestattet: die ›Schwedische Krone‹, das ›Goldene Lamm‹, den ›Türkischen Kaiser‹.« »Das sind ja lauter ganz altmodische Namen!« rief der Oberst. »Wollen Sie nicht, Herr Blödel, zur Einweihung der neuen, mit dem Fall des Haderturms beginnenden Aera Ihre ›Schwedische Krone‹ in ein ›Grand Hôtel-Royal‹ umtaufen?« Blödel entgegnete erhobenen Tones: »Ich bin immer und überall für das Neueste; aber mein Gasthof hat den Ruhm, der älteste der Stadt zu sein, wie schon der Name beweist. Er stammt aus dem Dreißigjährigen Krieg, und Gustav Adolf war, sicherem Vernehmen nach, der erste Gast. Man könnte dies wohl in den Text aufnehmen.« »Wir leben in einer wunderlichen Stadt,« bemerkte Herr Saß. »Das Alte ist bei uns das Neue – die Klosterruine wird zur hochmodernen Kuranstalt – und das Neueste ist das Alte, wobei ich nicht bloß an die ›Schwedische Krone‹, sondern weit mehr noch an das Museum des Herrn von Rohda denke. Fremde, auf welchen der Geist der ›Fledermäuse‹ ruht, nennen es sogar die größte Sehenswürdigkeit Frankenfelds, welche von Tausenden besichtigt wird, nur nicht von den Frankenfeldern selber. Sollen wir das Museum in den Text des Reklamebildes aufnehmen?« Die meisten Stimmen sprachen dafür. Dieses Museum war eine reiche Sammlung von Altertümern, die ihr Besitzer, Freiherr von Rohda, seit fünfundzwanzig Jahren mit ansehnlichen Mitteln, brennendem Eifer und feinem Spürsinn zusammen gebracht hatte. Es enthielt einzelne Stücke von hohem künstlerischem und geschichtlichem Wert und erfüllte das ganze große freiherrliche Haus. Obgleich Herr von Rohda höchst einsiedlerisch gelebt, hatte er doch den Besuch seiner Sammlung immer aufs freisinnigste gestattet. Auch nach außen hatte das Museum Ruf. Aber der Freiherr war vor vierzehn Tagen gestorben, und seine einzige ledige Schwester, die ihm seit vielen Jahren hausgehalten hatte, galt für die unzweifelhafte Erbin des großen Vermögens samt dem Museum. Man fürchtete, daß letzteres jetzt der Stadt verloren gehen werde, zerstreut, verkauft. Die Freunde des Herrn Saß fanden diese Aussicht höchst betrüblich: hätte doch der Text des Reklamebildes seines feinsten Glanzlichtes entbehrt ohne das Rohdasche Museum. Sie begeisterten sich mit einemmal für dasselbe, obgleich es noch Keiner von ihnen seines Besuches gewürdigt hatte. Nur Herr Saß war andern Sinnes: »Seien wir froh, wenn uns der alte Plunder genommen wird. Es lebe die Gegenwart! Diese zahllosen Kunstaltertümer, welche man jetzt in Museen aufhäuft, ersticken nur die freie Kraftentfaltung unsrer lebenden Künstler.« Und Oberst Sickenwolf ergänzte: »Die alten Griechen waren klüger als wir. Sie zerschlugen und verbrannten von Zeit zu Zeit die älteren Kunstwerke, damit die lebenden Künstler Luft gewönnen zu neuem Schaffen, eigenartig, selbstherrlich, unbeeinflußt durch den Bann verblichener Größen.« Die ganze Gesellschaft war verblüfft über diese neue Kunde aus dem alten Hellas, die noch Keiner von ihnen vernommen hatte, aber der Oberst versicherte mit der treuherzigsten Miene, aus welcher doch der Schalk und Spötter deutlich genug hervorlugte, die Griechen hätten es wirklich so gehalten, er habe es gedruckt gelesen – im Feuilleton einer Wiener Zeitung. »Machen wir es den Griechen nach,« so schloß er pathetisch, »lassen wir das Rohdasche Museum fahren, wohin es will, und gründen wir in Frankenfeld eine neue Kunst auf neuem Boden!« Hier aber fand der Oberst wie Herr Saß den stärksten Widerspruch. Die Andern riefen, man müsse das Museum der Stadt erhalten. Freilich wußte Keiner anzugeben, wie dies geschehen solle; denn die mutmaßliche Erbin war Allen ein Rätsel. Keiner kannte sie näher, sie lebte ebenso einsam und unnahbar wie ihr verstorbener Bruder gethan. Man geriet in lärmenden Streit über Dinge, die man nicht wußte, über Personen, die man nicht kannte und über Pläne, die man in die Luft baute. Zuletzt gebot der Bürgermeister Friede. »Wir sind ja doch zusammengekommen, um den Fall des Haderturmes zu feiern, der die Bürgerschaft so lange in Hader versetzt hat, und nun machen wir uns aus dem Museum wieder einen neuen Haderturm!« Herr Saß ergriff den günstigen Augenblick und ließ Champagner kommen und bewirkte durch den schäumenden Wein, der so manchmal die Köpfe im Kreise dreht, daß die Gedanken der Streitenden im Kreislauf wieder auf den ursprünglichen Zweck ihrer Zusammenkunft zurückkamen. Sie entsannen sich, daß sie ja eigentlich ein Fest feierten. Darum jubelten sie zuletzt wieder statt zu streiten und fielen sich gar in die Arme aus heller Freude über den errungenen Sieg, über den Fall des Haderturmes. Der aufsteigende Mond beleuchtete die rührende Scene. Herr Saß befahl, daß man die farbigen Laternen anzünde und sich zum Abbrennen des Feuerwerks rüste. Hinter dem Gitter hatte sich schon ein ganzer Schwarm von Buben und Mädchen versammelt, des seltenen Schauspiels harrend. Viertes Kapitel. Das Testament. Da stürmte plötzlich der Notar Feininger den Gartenweg herauf zu der fröhlichen Gesellschaft und rief: »Triumph! Ein großes Glück ward unsrer Stadt zu teil! Es lebe der selige Freiherr von Rohda!« – und ergriff ein Glas Champagner und leerte es auf einen Zug. Dann fuhr er fort: »Das Testament des Freiherrn wurde heute nachmittag eröffnet. Der Mann war weit reicher als wir Alle glaubten. Seine hinterlassenen Kapitalien betragen rund 800 000 Gulden. Hiervon erbt seine Schwester Amalie 500 000 Gulden nebst dem Herrenhause, dem Park und allen sonstigen Liegenschaften.« Ein leises Beifallsgemurmel erhob sich: »Das ist brüderlich, wenn er seine Schwester so reich bedenkt.« »Zum zweiten!« rief nun der Notar, »100 000 Gulden werden an zwei alte Diener des Hauses und an zwei wohlthätige Stiftungen verteilt.« »Das ist christlich!« rief der Bürgermeister unter steigendem Beifallsgemurmel. Der Notar erhob seine Stimme zur höchsten Kraft: »Zum dritten! Freiherr von Rohda vermacht sein kostbares Museum der Stadt Frankenfeld zum ewigen Eigentum.« Nun brachen Alle in stürmischen Beifall aus. »Ein edler Mann! der beste Bürger!« tönte es aus dem Kreise, und die Buben vor dem Gartengitter riefen Hoch und Hurrah! Der Notar aber schrie mit sich überschlagender Stimme: »Zum vierten vermacht der hochherzige Verblichene die Barsumme von 200 000 Gulden gleichfalls unsrer Stadt mit der Bestimmung, daß die Zinsen zur Erhaltung und Mehrung des Museums verwendet werden sollen.« Lautester Jubel. – »Wie großartig, wie patriotisch erscheint uns doch dieser wahrhaft adelige Herr nach seinem Tode! Wie manchmal haben wir ihn bei Lebzeiten verkannt!« Der Notar bat noch um einen Augenblick Gehör und sprach dann, bedeutend gemäßigteren Tones, langsam, jedes Wort wägend: »Die einzige Bedingung, welche der Erblasser mit diesem großartigen Vermächtnisse verknüpft hat, lautet: ›Das Museum muß für alle Zeiten im Haderturm aufgestellt werden, und die Zinsen des als Beigabe gestifteten Kapitals von 200 000 Gulden sind während der ersten drei Jahre dafür zu verwenden, daß der Turm ausgebessert und wieder in dauerhaft guten Stand gesetzt werde.‹« »Unglaublich! unmöglich!« riefen die verblüfften Zechgenossen; der Notar aber bat nochmals um Gehör, erhob seine Stimme wieder und sprach so scharf und gemessen, als ob er ein Strafmandat verkündige: »Nimmt die Stadt das Vermächtnis unter diesen Vorbedingungen nicht an, ja würde sie auch nur in einem einzigen Punkte von denselben abweichen, so soll das ganze Museum samt der dazu gehörigen Summe bedingungslos der Stadt Groß-Runenstein als Erbe zufallen.« Wie versteinert schwiegen Alle minutenlang. Da trat der Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer vor Herrn Saß und fragte, ob er jetzt das Feuerwerk anzünden solle? Saß fand die Sprache wieder, indem er ihm donnernd zurief: »Geh zum Teufel mit deinem Feuerwerk!« »Der Teufel hat Feuerwerk genug bei sich zu Hause, der braucht das unsrige nicht,« brummte Zuckmeyer. »Das ganze Testament ist ein Bubenstreich der Fledermäuse,« rief Saß; »die haben es dem kindischen alten Manne abgelistet!« »Aber Herr von Rohda gehörte ja gar nicht zu den Fledermäusen,« entgegnete der Apotheker. »Er hat keine einzige ihrer Petitionen unterschrieben und man konnte nie erfahren, was eigentlich seine Ansicht von dem alten Turme sei.« »Er war ein Narr!« rief Saß. »Sonst hätte er sich nicht von aller Welt abgeschlossen und bloß mit seinen Altertümern gelebt, die er die beste Gesellschaft nannte. Wäre er gescheit gewesen, so würde er das alte Zeug überhaupt nicht gesammelt haben, welches man jetzt ein Museum nennt.« »Und welches doch, wie wir erst vorhin erkannten, so wertvoll ist für den Fremdenverkehr,« warf Gastwirt Blödel etwas schüchtern dazwischen. »Uns ist es gar nichts wert!« rief der Bürgermeister. »Aber die Groß-Runensteiner dürfen das Museum noch weniger haben. Wir müssen das Testament anfechten, und wenn es umgeworfen wird, und wir dann schließlich nichts kriegen, so kriegen die Groß-Runensteiner auch nichts.« Der Maler Stiefel fragte: »Können wir denn das Museum nicht bekommen und uns über die leidige Klausel mit dem Turm hinwegsetzen?« Der Notar aber erwiderte: »Das geht nicht; entweder wir fügen uns Allem oder wir verzichten auf Alles.« »Das Museum hat einen so wunderschönen Platz im Herrenhause,« sprach der Oberst sehr ruhig. »Könnte man es denn nicht wenigstens dort lassen und Fräulein Amalie von Rohda, die alte Jungfer – sie steht, glaub' ich, hoch in den Fünfundfünfzigen – in den Haderturm setzen?« Der Notar aber entgegnete sehr ernst, fast in seiner Amtsehre beleidigt: »Ueber Testamente sollte man keinen Spaß machen!« »Mann des Rechtes!« zürnte Saß und faßte den Notar an der Brust, – »wozu taugt denn deine ganze Rechtsgelehrsamkeit, wenn sie nicht einmal das Testament eines Narren in den letzten Willen eines gescheiten Mannes verwandeln kann?« Der Bürgermeister aber erhob sich mit Würde und sprach: »Mitbürger, Freunde! Seien wir Männer, bleiben wir uns selber treu! Verzichten wir eher auf das ganze Vermächtnis, als daß wir uns zwingen lassen, den Haderturm zu erhalten. Wir zeigen dann wenigstens, daß wir Herren in unserem Hause sind. Die Laune eines Einzelnen soll nimmer den Mehrheitswillen einer ganzen Gemeinde über'n Haufen werfen!« Alle stimmten bei, – die Einen laut, die Andern kleinlaut. Nur der Oberst war schon vorher zur Seite geschlichen. An den Stamm einer großen Linde gelehnt, betrachtete er mit gekreuzten Armen und spöttischem Blick die Gruppe und reichte zwischendurch den Buben hinter dem Zaungitter etliche Gläser Champagner hinaus, worauf jedesmal gellende Hochrufe vom Chorus des Hintergrundes in die Zwiesprache der ratlosen Männer hineintönten. Die so friedlich und fröhlich begonnene Sitzung wurde endlich in Sturm, Zorn und Aerger aufgehoben. Die Genossen schritten, heftig durcheinander schreiend, die Gartenwege hinab; mehrmals aber blieben sie stehen und gelobten sich gegenseitig, nicht zu wanken und lieber das Museum, ja die ganze Stadt preiszugeben als ihren schwer erkämpften Sieg über die Fledermäuse. Da erhellt plötzlich rotes und grünes bengalisches Licht den Garten; die Raketen steigen und sausen, die Feuerräder zischen, die Donnerschläge krachen, die Frösche knattern, die Buben und Mädchen jubeln. Der Oberst hat Zuckmeyer befohlen, das Feuerwerk nunmehr abzubrennen. Mit gekreuzten Armen steht er immer noch unter seinem Lindenbaum, und während die Enttäuschten in bengalischer Beleuchtung zum Thor hinausgehen, spricht er feierlich vor sich hin: » Senatus populusque Francofeldensis – Senat und Volk von Frankenfeld wird sich groß zeigen wie die Römer: das Vermächtnis wird angenommen werden und der Haderturm wird stehen bleiben.« Fünftes Kapitel. Umkehr und Rückzug. Die Kunde von dem Testament des Herrn von Rohda mit seiner seltsamen Klausel flog des andern Tages wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die Wirkung war vorauszusehen. Die meisten Einwohner Frankenfelds hatten sich bis dahin gar nicht um die Altertümer des wunderlichen Freiherrn bekümmert; wir wissen, daß sie dieselben nicht einmal aus Neugier in müßigen Sonntagnachmittagsstunden betrachtet hatten. Jetzt aber erklärte jeder Frankenfelder mit einemmal das Museum für überaus merkwürdig, großartig, für einen Juwel der Stadt. Die Leute würden zu Hunderten hingeströmt sein, wenn die Räume nicht von Gerichts wegen geschlossen gewesen wären. Das Museum durfte um keinen Preis den neidischen Groß-Runensteinern zufallen, und der Preis, daß der Turm stehen bleiben solle, war ja eigentlich gar keiner. Viele, die den Haderturm bisher sehr häßlich gefunden, fanden ihn jetzt überaus romantisch, eine Zierde der Stadt. Die geschlagenen Fledermäuse atmeten wieder auf; ihre Partei wuchs von Tag zu Tag. Verschämt verschwiegene Anhänger traten jetzt auf's tapferste laut hervor, Gleichgültige bekannten Farbe und Hunderte vordem sehr laute Mauerbrecher bekehrten sich unversehens ganz still zu den Fledermäusen. So geht es in einer Kleinstadt? Ach nein! in den Großstädten geht es gerade so, und in den Staaten und Reichen desgleichen. Es waltet hier ein ehernes Naturgesetz von Ebbe und Flut des Parteilebens: nur kann man dasselbe im Kleinbilde noch klarer und angenehmer studieren als im großen. Allgemeines Staunen herrschte über die ganz ungeahnte That des Freiherrn. Man zerbrach sich den Kopf, warum er sich bei Lebzeiten niemals zur Partei der Fledermäuse bekannt und ihnen doch nach seinem Tode so überraschend zum Siege verholfen habe. Den wahren Grund wußte nur des Verstorbenen Schwester, aber sie sagte ihn jetzt noch nicht; sie hat ihn erst später gelegentlich ausgesprochen. Ihr Bruder haßte alles Parteiwesen. Er sprach wohl manchmal: »Die charaktervollen Führer jeder Partei sind Karikaturen; ihre blinde Gefolgschaft pflegt dann um so charakterloser zu sein und kann diese Charakterlosigkeit wieder bis zur Karikatur steigern. Was Bedeutendes in der Welt geschaffen wird, das schaffen Einzelne. Die Stärke der Menschheit liegt in wenigen großen Persönlichkeiten, nicht in der Masse; aber die schöpferischen Führer müssen sich die Massen dienstbar zu machen wissen, gleichviel ob bei Lebzeiten oder erst Jahrhunderte nach dem Tode. Im Dreinschlagen ist die Masse respektabel, im Denken miserabel. Tausend gescheite Leute, von denen jeder Einzelne für sich das Gescheiteste thun könnte, sind, wenn sie als Masse denken und urteilen, nur ein großer Esel.« So ungefähr lauteten die Bekenntnisse des alten Sonderlings, welche er nur gegen seine Schwester aussprach. Er hatte dabei so viel Humor, daß er versicherte, weil er alles Parteiwesen fliehe, so sei er selber auch wieder eine Karikatur. Sein Herz hing an der Erhaltung des Haderturmes, der ihm neben seinem Museum die größte Merkwürdigkeit von ganz Frankenfeld dünkte. Er wußte, daß eine schlagende Thatsache stärker auf die Masse wirkt als alle Gründe; diese Thatsache hatte er mit seinem Testament geschaffen, und er war stolz darauf. Allein sein Stolz wäre doch beinahe zu schanden geworden, wenn ihm nicht das Glück zu Hilfe gekommen wäre, welches in aller großen und kleinen Politik eine so gewaltige Rolle spielt. Herr von Rohda war nämlich zu seinem und des Turmes Glück gerade dann gestorben, als sein trefflicher Einfall den Turm eben noch retten konnte. Hätte der Tod noch einige Wochen gewartet, so wäre das Testament nutzlos gewesen. Der Vollzug des Testamentes ging seinen geweisten Weg. Der Magistrat hatte zunächst zu erklären, ob die Stadt das Vermächtnis unter der auferlegten Bedingung annehmen wolle. Diese Frage war keine Frage mehr; die Wucht der völlig umgewandelten öffentlichen Meinung zwang gebieterisch zur Annahme. Der Bürgermeister, welcher in seinem stillen Sinn das Testament samt dem Testator dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst, hatte die angenehme Aufgabe, seinen von der Staatsregierung bereits genehmigten Antrag auf Abbruch des Haderturmes wieder zurückzuziehen und vielmehr den Fortbestand des Turmes »für ewige Zeiten« zu befürworten. Er entledigte sich dieser Aufgabe nicht ohne Anmut. Zunächst hielt er nochmals alle Gründe aufrecht, die er früher für den Abbruch des Turmes geltend gemacht hatte. Denn eine Behörde muß bei ihren Anträgen stets recht gehabt haben, selbst wenn sie hintendrein bekennt, daß sie eigentlich unrecht hatte und nunmehr das Gegenteil beantragt. Des weiteren setzte dann der Bürgermeister ebensoviele Gegengründe gegen seine früheren Gründe, und Gründe wie Gegengründe findet man immer, wenn man sie nur suchen will. Das nennt man eben »findig« und dieses Wort ist heutzutage ein großes Lob. Zuletzt aber warf der Bürgermeister den Grund in die Wagschale, welcher der einzig aufrichtige war und dessen Wucht alle andern Gründe überflüssig machte, nämlich, daß man ohne den Turm das Museum nicht erhalten könne und daß man für diesen Schatz sogar drei weitere Türme stehen lassen würde, wenn solche noch vorhanden wären. Das fünfunddreißig Folioseiten starke Aktenstück hatte den erwarteten Erfolg. Die Erbschaft wurde angetreten und trotz des herkömmlich langsamen Ganges solcher Geschäfte, konnte die Ueberführung des Museums in den Haderturm doch bereits für den Herbst in Aussicht genommen werden. Um den hochherzigen Stifter noch besonders zu ehren, beschloß der hohe Rat, das alte winkelige »Hadergäßchen«, welches seitwärts auf den Turm zielte, in »Rohdastraße« umzutaufen, eine Ehrung, die eben so sinnig als billig war; denn sie kostete der Stadt nur zwei neue Straßenschildchen. Die Häupter der Mauerbrecher hielten sich übrigens noch keineswegs für ganz geschlagen. Sie kamen zu geheimer Sitzung im Gartenhause des Herrn Saß zusammen und beschlossen, daß das Museum unbedingt nur durch einen der ihrigen im Turme aufgestellt und verwaltet werden dürfe. Die triumphierenden Fledermäuse hatten nämlich alsbald das Haupt ihrer Partei, den Professor Capelius, den gelehrtesten Altertumskenner der Stadt, als den einzig befähigten, als den schlechthin notwendigen Mann für diese Aufgabe bezeichnet, und Capelius war seiner Berufung so gewiß, daß er bereits einen Plan für die chronologisch-systematische, nach den neuesten Gesetzen der »Museologie« geordnete Einrichtung des Museums im Turme entworfen und im »Frankenfelder Tagblatt« hatte abdrucken lassen. Er konnte dies in der That einzig und allein, weil er einzig und allein unter seinen Mitbürgern die Schätze des Museums kannte. Um so leidenschaftlicher protestierten die Mauerbrecher gegen den Anmaßlichen. Sie führten das entscheidende Wort auf dem Rathause und wollten nur den treuesten und mutigsten Mann aus ihrer eigenen Mitte an die Spitze stellen. Dieser »treueste und mutigste« Mann aber konnte nur derjenige sein, welcher unentwegt bis zuletzt für die Preisgebung des Vermächtnisses geeifert hatte, damit der Haderturm falle: – Alfred Saß. Er war in vielem Betracht zum Vorstand eines Museums befähigt. Zwar hatte er sich bis dahin niemals um Altertümer bekümmert, dieselben vielmehr verachtet und gewiß keine Museologie studiert. Doch dies konnte nur nützlich sein: um so unbefangener trat er seiner neuen Aufgabe gegenüber. Es hat ja auch andere berühmte Museumsvorstände gegeben, die vorher in ihrem Leben an kein Museum gedacht hatten. Sie lernten schwimmen, nachdem sie ins Wasser geworfen worden waren. Des ferneren war Alfred Saß sehr reich. Dem armen Professor Capelius hätte man ein kleines Gehalt geben müssen, von dem reichen Rentner dagegen erwartete man, daß er ehrenhalber nichts nehme, sondern noch recht viel schenke für sein Ehrenamt. Herr Saß war völlig unabhängig, beruflos, er hatte im Grunde gar nichts zu thun und glühte doch von Thatendrang. Beim Museum konnte er ihn befriedigen. Er stand im schönsten Mannesalter – vierzig Jahre – und war unverheiratet, ja er war noch niemals verliebt gewesen. Das gleiche erzählte man nur noch von einem einzigen älteren Herrn der Stadt, vom Freiherrn von Rohda, der mit siebzig Jahren starb ohne jemals verliebt gewesen zu sein. Vermutlich würde derselbe seine Altertümer gar nicht gesammelt haben, wenn er eine Braut oder eine Frau gehabt hätte, und ebenso vermutlich konnte man die treue Pflege dieser Altertümer von einem Manne erhoffen, dessen Herz sich niemals einem weiblichen Wesen erschlossen hatte. Trotzdem besaß Alfred Saß unbestreitbar Geschmack und Kunstsinn. Er hatte sich das schönste Haus erbaut, den schönsten Garten angelegt, und sein Haus war in gewissem Sinne auch ein kleines Museum: wertvolle Gemälde lebender Künstler, gute plastische Werke schmückten die Räume; den Hausrat des Salons bildeten Meisterstücke des modernen Kunstgewerbes. Saß war viel gereist und kannte die Welt; er sprach englisch und französisch so gut wie deutsch und sah auch die Welt bei sich im Hause, indem er durchreisende Künstler, Schriftsteller und andere Berühmtheiten bei sich empfing und zur Tafel lud, die den meisten Gästen für noch etwas geschmackvoller galt als der Wirt und sein Haus. Mit dem Grafen Saint Simon, dem großen Sozialisten, hielt er es für die angenehmste Methode, den Geist aller Künste und Wissenschaften zu erforschen, indem man die bedeutendsten Vertreter derselben mit den köstlichsten Speisen und Weinen bewirte. Da löse sich ihnen die Zunge und man lerne mehr von ihnen als aus den Büchern. So schien Herr Saß seinen Freunden in jedem Betracht vorzüglich geeignet, das Museum zu ordnen und zu pflegen. Das einzige Hindernis war, – daß er selber die ihm zugedachte Ehrenstelle gar nicht annehmen wollte. Obgleich ein vom Glück verwöhntes Menschenkind, hatte er doch seine festen Grundsätze, kraft deren er mitunter hart und streng gegen sich selbst war. Seine Freunde, die ihn nicht verstanden, nannten das Eigensinn. Sein Wahlspruch war: » Ich weiß, was ich will und will nur, was ich kann: selbst ist der Mann. « Saß aber sagte: »Wenn ich das Museum im Haderturm übernehme, so muß ich, meinen Wahlspruch umkehrend, vielmehr sprechen: ›Ich weiß nicht, was ich will, und will, was ich nicht kann, und weil ich jenes nicht weiß und dieses nicht kann, so bin ich der unselbständigste Mann. Dies will ich nicht werden, und also danke ich für die zugedachte Ehre.‹« Vergebens suchten die Freunde seinen Sinn zu wenden. Der Oberst sprach zu Herrn Saß: »Ein Patriot muß immer opferbereit sein. Wir haben den schwer erkämpften Sieg über die Fledermäuse und ihren Haderturm geopfert, damit die Groß-Runensteiner das Museum nicht kriegen; opfern Sie doch auch, lieber Freund, ein paar kleine Grundsätze, damit die Fledermäuse mit dem Pedanten Capelius an der Spitze das Museum nicht regieren.« Alfred Saß dankte dem alten Herrn mit verständnisvollem Lächeln für seinen ironischen Beweggrund, blieb aber unbewegt. Der Bürgermeister zog die Sache hinaus in der Hoffnung, Saß werde doch noch einwilligen. Die übrigen Genossen, weniger optimistisch als das Oberhaupt der Stadt, waren in Verzweiflung. Sechstes Kapitel. Das Mädchen aus der Fremde. Nach Art so mancher leichtblütiger Naturen sah der Bürgermeister bereits als erreicht an, was er erst erreichen wollte, und sprach von Plänen als bereits gelungen, die er erst gelungen zu sehen wünschte. Wenn man dem Schicksal vorgreift, dann folgt es – allerdings nicht immer. So erzählte der Bürgermeister allen Bekannten – unter dem Siegel der Verschwiegenheit –, daß Saß das Ehrenamt eines Museumsdirektors ganz bestimmt übernehmen werde, dann daß er's übernommen habe, so daß er's selbst zuletzt glaubte. Halb Frankenfeld begrüßte infolgedessen Herrn Saß bereits als geheimen Direktor des geheimen Museums. Vergebens widersprach derselbe; sonst der höflichste Mann, wurde er zuletzt zornig und grob, wenn man ihn also begrüßte. Ein Invalide mit Stelzfuß meldete sich bereits bei ihm für die Stelle eines Museumsdieners. Er wurde von dem sonst leutseligen Herrn fast zur Thüre hinausgeworfen. Ein armes altes Weibchen brachte ihm die silberne Miederkette ihrer Großmutter, welche sie bis dahin wie ein Heiligtum aufgehoben hatte und jetzt in der äußersten Not verkaufen wollte. Sie hielt dieselbe für eine große Kostbarkeit und bot sie dem »Herrn Direktor« für sein Museum zum Kaufe an. Herr Saß war eine mitleidige Seele mit offener Hand für die Armut; er würde der Alten den fünffachen Wert der Kette gezahlt und die Kette zurückgegeben haben, wenn sie ihm das Erbstück bloß für seine Person angeboten hätte. Jetzt aber war er wütend darüber, daß die Kunde von seinem angeblichen Amt sogar bereits in die Kreise der Spittelweiber gedrungen sei und gab der Armen nur harte Worte, daß sie ihre Kostbarkeit wieder ins Schnupftuch wickelte und weinend von dannen ging. Der Apotheker fragte Herrn Saß: »Welche Neuerwerbungen haben Sie bereits für Ihr Museum gemacht?« Gleich so vielen Leuten hielt er es nämlich für die einzige Aufgabe eines Museumsdirektors, einen beständigen Antiquitätenhandel zu treiben. Man kann sich die Antwort des Befragten denken. Die Fledermäuse machten sich lustig über den neuen Vorstand der städtischen Altertümer, dessen Hauptvorzug sei, daß er von Altertümern gar nichts verstehe und jetzt zur Buße seiner Sünden den Haderturm ausschmücken müsse. Freunde und Gegner stritten sich in wachsender Heftigkeit über den völlig unschuldigen Mann. Kaum gerettet, machte der Haderturm auch schon wieder seinem Namen Ehre. Alfred Saß ging eines Tages mit großen Schritten im Erkerzimmer seines Hauses auf und ab, höchst aufgebracht über dies tolle Treiben, als ihm der Besuch zweier Damen gemeldet wurde – Fräulein Amalie von Rohda und Fräulein Hermine Aweling – sie kämen in Museumsangelegenheiten. Das verwünschte Museum! Anfangs wollte Saß sich verleugnen lassen. Er kannte die Schwester des verstorbenen Freiherrn flüchtig, sie war ihm stets sehr gleichgültig, wenn nicht unangenehm gewesen. Aber Fräulein Aweling hätte er gern gesprochen. Er hatte sie schon oft gesehen und von fern beobachtet und noch viel mehr von ihr gehört, doch war es ihm niemals gelungen, der Unnahbaren sich zu nähern oder auch nur ein Wort mit ihr zu tauschen. Also ließ er die Damen bitten, einzutreten. Wir wollen Hermine Aweling dem Leser vorstellen, bevor sie sich selber Herrn Saß vorstellt. Sie war für die ganze Stadt ein rätselhaftes Wesen: man nannte sie nur das »Mädchen aus der Fremde«. Seit vier Jahren regelmäßiger Kurgast in Frankenfeld, erschien Hermine Aweling zwar nicht genau, »sobald die ersten Lerchen schwirrten«, allein sie war doch in jedem Frühling der früheste Gast gewesen. In Frankenfeld galt die sinnreiche Satzung, daß der erste Kurgast jeden Jahres von der Kurtaxe frei war, wie man vordem bei Neugründungen das erste Haus, das erste Ackergut für steuerfrei erklärte. Fräulein Aweling aber schenkte jedesmal statt der erlassenen Taxe von drei Gulden fünfzig Gulden, und zwar zur Hälfte an den »Verschönerungsverein«, zur Hälfte an den »Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs«. Beiläufig bemerkt, standen die beiden Vereine, die doch das gleiche Ziel verfolgten, in heftigster Eifersucht feindlich gegeneinander. Das ist so der Lauf der Welt, warum sollte es in Frankenfeld anders sein? Das Mädchen aus der Fremde! »Man wußte nicht, woher sie kam.« Bei Fräulein Aweling wußte man's auch nicht. Sie verlebte den Winter in Dresden, früher hatte sie ihn wechselnd in Florenz und Rom, Paris und London verbracht. Im Sommer und Herbst reiste sie weit in der Welt herum und im Frühling lebte sie vier bis sechs Wochen still zurückgezogen in Frankenfeld. Das dortige Schwefelbad verschmähte sie; es war die geräuschlose kleine Stadt, welche ihr gefiel, und sie zog dieselbe einem eigentlichen Landaufenthalte vor; gegen Paris und London bot ihr Frankenfeld ja Land genug. Wohnte sie hier doch reizend vor dem Thore und genoß so manche Bequemlichkeit städtischen Lebens, während sie zugleich die schönsten Waldspaziergänge in nächster Nähe fand. Sie erfrischte sich nach dem großstädtischen Winter und sammelte Kraft für die Reisen des Sommers. Der Klatsch der Kleinstädter berührte sie nicht, da sie nichts davon erfuhr. Sie machte keine Besuche, nahm keine Einladungen an und hatte nur einen lässigen Verkehr mit Wenigen, darunter Fräulein von Rohda. Die kleinen Städte unseres Vaterlandes dünkten ihr deutscher wie die großen, und wenn sich Fräulein Aweling im Winter von den Wogen einer Weltstadt hatte umbranden lassen, dann sonnte sie sich während der Frühlingstage im stillen Frieden deutsch gesitteten Kleinlebens. Sie fand Frankenfeld nicht langweilig, und die Frankenfelder, welche die geheimnisvolle und ohne Zweifel unermeßlich reiche Dame scharf beobachteten, fanden, daß nicht alle reichen Leute selbstsüchtige Genußmenschen seien. Denn wenn das Fräulein auch nicht gleich Schillers Mädchen »Blumen und Früchte« mitbrachte, so hatte sie doch ein allezeit offenes Herz und eine offene Hand für alles Gemeinnützige und wirkte verborgen viel Gutes. Auch wer sie nur von ferne kannte, ahnte ihr sonniges Gemüt. »Doch schnell war ihre Spur verloren, sobald das Mädchen Abschied nahm.« Wohin Hermine Aweling ging, das wußte man noch weniger als woher sie kam. Sie folgte niemals dem großen Reisestrom: sie hatte ihre eigensten, mitunter etwas sprunghaften Reisepläne, die meist weit hinaus führten. Man sagte, sie habe vor fünf Jahren sogar eine Reise um die Welt gemacht, bloß um ihren Aerger auszubrausen, weil ihr in Paris zehntausend Franken gestohlen worden waren. Jedenfalls hofften die Frankenfelder seitdem auf ihre regelmäßige Wiederkunft im nächsten Frühjahr und hatten sich bis jetzt noch nicht darin getäuscht. Es war Alfred Saß gewesen, der ihr den Namen des Mädchens aus der Fremde aufgebracht, und in Frankenfeld kriegte, wie bereits bemerkt, ein Jeder seinen Spitznamen, sogar die Türme. Allein man behauptete mit Recht, Herr Saß müsse ihr diesen Namen ausgesonnen haben, als er noch nicht vom Sehen, sondern nur erst vom Hörensagen die schöne Dame kannte. Wir denken uns Schillers Mädchen als eine ganz jugendliche, ätherisch zarte Erscheinung, ländlich einfach, halb Kind, halb Jungfrau. So aber war Hermine Aweling durchaus nicht geartet. Sie war eine junonische Gestalt von hohem Wuchse, mehr erhaben als anmutig und dennoch leicht bewegt, im glücklichen Alter von fünfunddreißig Jahren noch in voller Jugendfrische strahlend und doch schon alt genug, um entschieden und selbständig aufzutreten. Ihre Stimme war sanft, ihr Gesichtsausdruck herzgewinnend freundlich, in seiner Zartheit gesteigert durch das üppige aber – schneeweiße Haar, welches sich seit dem zwanzigsten Jahre infolge einer Krankheit gebleicht hatte, so daß es wie gepudert aussah, – pour adoucir les traits . In diesem milden Antlitz aber glühten zwei feurige schwarze Augen. Hermine Aweling war Maria Theresia in der glänzend imposanten Schönheit ihrer Jugend. Fräulein von Rohda stellte ihre Freundin vor und fragte darauf Herrn Saß, ob er nicht bald die Sammlung ihres Bruders übernehmen werde? Fräulein Aweling wolle nach ihrer bekannten freigebigen Weise zwei wertvolle Geschenke für das Museum zum guten Beginn seiner Vorstandschaft in seine Hände legen. Also doch schon die erste Neuerwerbung! Saß lachte laut auf und konnte lange das Wort nicht finden. »Bisher habe ich mich geärgert,« rief er endlich, »wenn man mich trotz allen Widersprechens mit Gewalt zum Museumsvorstande gemacht hat, aber wenn zwei so liebenswürdige Damen in heiligem Ernste behaupten, daß ich sei, was ich nicht bin, dann finde ich dies doch zuletzt sehr erheiternd!« »Wir kennen Ihr Geheimnis und ehren es,« lispelte Amalie von Rohda mit ihrer süßen, dünnen Stimme; »dennoch bittet Sie meine Freundin, die Schenkung anzunehmen als der einzig Berechtigte, in dessen Hände wir sie legen können.« Bei diesen Worten zog sie ein sorgsam verhülltes kleines romanisches Weihrauchgefäß aus ihrem Arbeitsbeutel und gab es Herminen, die es ihrerseits dem Staunenden überreichte mit den erläuternden Worten: »Die reizende Bronze hat, wie Sie sehen, die Gestalt einer Burg mit vier Türmen. Aus den Fenstern quoll einst der Weihrauch. Das Werk stammt aus einem süddeutschen Kloster und man sagt, es stelle die Burg dar, welche vor siebenhundert Jahren von einem frommen Ritter, dem letzten seines Geschlechts, in das Kloster verwandelt wurde. Als das Kloster 1806 aufgehoben ward, verschwand das Gefäß und wanderte durch die Hände von Sammlern und Händlern, bis ich es zuletzt in Paris fand und kaufte, um es seiner Heimat, unserm Vaterlande, wiederzugeben. Es wird im ehrwürdigen Haderturm unter Ihrer Obhut dauernd die rechte Stelle finden.« Saß weigerte die Annahme, zu welcher er kein Recht habe. »Also soll ich mein unbedeutendes Geschenk wohl dem Professor Capelius übergeben?« fragte Hermine schelmisch. »Nein!« »Wem denn sonst?« »Niemand! Behalten Sie es, bewahren Sie es unter Ihren Nippsachen, wo noch ähnliche Dinge sich finden werden,« rief Saß und blickte die Schenkerin mit großen Augen an und fügte dann mit bewegter Stimme hinzu: »Eine so lebensfrische junge Dame – und auch schon von. Altertumsfieber ergriffen, welches doch nur bei Matronen und Greisen natürlich erscheint!« »Ich sammle ja gar keine Altertümer,« entgegnete Hermine, schalkhaft lächelnd. »Und warum kauften Sie denn dieses wunderliche Stück?« »Weil es so artig, so schön, so allerliebst, vielleicht auch, weil es dazu so wunderlich ist. Kaufen wir doch schöne Blumen, schöne Bilder, seltenen und seltsamen Schmuck aus keinem andern Grunde, – warum nicht auch dieses Rauchgefäß? Es kam mir etwas teuer, ich hatte Mitbewerber, sie trieben mich bis auf fünfhundertvierzig Franken. Allein ich hatte höher und höher geboten aus Patriotismus, weil ich dies Andenken an unsere Vorfahren Deutschland wiedergewinnen wollte, und, ich kann es nicht leugnen, weil ich im Bieten in das Fieber eines Sports hineingerissen wurde, – des Antiquitäten-Sports.« Herr Saß war ganz verblüfft zu hören, daß auch die Jagd auf Altertümer Sport sein könne, am Ende so gut wie die Fuchsjagd. War er doch selber ein leidenschaftlicher Freund von allerlei Sport, den er für das Modernste hielt, und der ihm freilich bis jetzt nur auf moderne Dinge zu zielen geschienen, nicht auf altes Kirchengeräte und alte Schüsseln und Töpfe, Kleider und Waffen. Hermine Aweling belehrte ihn jedoch höchst anmutig, daß es gerade allermodernster Sport sei, im reichgeschmückten Salon ein altchristliches Weihwasserbecken aufzustellen als Schale für Visitenkarten, geschnitzte und vergoldete Spiegelrahmen anzubringen, die aus den Einfassungen von Rokokoaltären zusammengeleimt seien, und gotische Meßgewänder zum Ueberzug für Sessel im Empirestil zurecht zu schneiden. »Ein flüchtiger Blick in Ihre Gemächer, Herr Saß, überzeugte mich jedoch bereits, daß Ihnen solche Geschmacklosigkeiten ganz fern liegen. Eben darum schenke ich Ihnen das romanische Rauchgefäß auch nicht als Aschenbecher für Ihre Cigarren, sondern als ein ganz ernsthaftes Kabinettsstück für Ihr Museum. Und nun füge ich noch eine zweite kleine Gabe hinzu, deren historischen Wert Sie vielleicht höher schätzen werden.« Bei diesen Worten zog das Fräulein eine goldne Schnupftabaksdose aus der Tasche und überreichte sie Herrn Saß. In dem Deckel der länglich viereckigen Dose war das Miniaturbildnis »Prinz Eugens des edlen Ritters« unter einem Oval von Bergkrystall eingelassen. Die Innenseite des Deckels aber zeigte eine in das Gold gravierte französische Widmungsschrift, welche besagte, daß Prinz Eugen von Savoyen diese Dose seinem Lebensretter, Herrn Jakob von Werdenstein, dankend verehre. Darunter stand das Datum: 11. August 1704. Hermine bemerkte: »Mein Ururgroßvater mütterlicherseits, Jakob von Werdenstein, diente unter den Fahnen Prinz Eugens. Er hatte das Glück, in der Nacht des 11. August 1704 den großen Feldherrn mit eigener Lebensgefahr aus einem brennenden Hause zu retten – zwei Tage vor der Schlacht von Höchstädt. Dieses Geschenk des Geretteten vererbte sich als ein Familienheiligtum von Geschlecht zu Geschlecht. Ich stifte es jetzt in Ihr Museum. Nach der Eigenart seiner Form, der Feinheit der Arbeit und dem historischen Interesse wird es dort immerhin ein bemerkenswertes Stück sein.« Alfred Saß erwiderte: »Ich kann Ihre hochherzige Schenkung nicht annehmen, weil ich mit dem Museum nichts zu schaffen habe. Allein wäre ich auch Direktor, so würde ich die Dose doch nicht annehmen: solch ein ehrwürdiges Familienerbe muß der Familie verbleiben.« In gedämpftem Tone sprach das Fräulein: »Ich habe keine Familie mehr; die Werdensteiner sind ausgestorben; meine Eltern sind tot, meine Geschwister tot; ich besitze keine näheren Verwandten; ich stehe einsam in der Welt, ich werde einsam sterben; und damit dieses Familienheiligtum nicht in unwürdige Hände falle, schenke ich es Ihrer Stadt, die mir so oft eine freundliche Zuflucht gewährte.« »Bestes Fräulein! Wie können Sie jetzt schon sagen, daß Sie einsam bleiben, daß Sie einsam sterben werden!« rief Saß. »In der Fülle Ihrer Lebenskraft –« Hermine unterbrach ihn: »Ich kann es sagen! Ich habe an den teuern Meinigen mit allen Fasern meines Herzens gehangen, ich habe sie so heiß geliebt, wie man Eltern und Geschwister lieben soll und wurde doch nicht immer von ihnen verstanden; einem Fremden trat ich im Geiste nahe, den ich noch heißer zu lieben träumte: – – es ist alles versunken, mein Träumen und Hoffen längst verweht, alles tot und dahin. Unter unsäglichen Schmerzen gelobte ich mir, mein Herz fürderhin an keine Seele mehr zu hängen. Ich bin nicht leutscheu; ich verkehre mit lieben Menschen, die ich schätze, wie hier mit meiner Freundin« – und sie legte ihre Hand in Amaliens Hand – »aber das ist ganz anders wie früher. Ich schweife in der Welt umher, ich erfreue und erhebe mich an den Wundern der Natur, ich belehre mich, indem ich die Geheimschrift des Menschen- und Völkerlebens zu enträtseln suche, und stehe doch einsam in alle dem Getümmel. Ist meine unbändige Wanderlust Selbstsucht? Ich weiß es nicht; doch sicher ist sie noch etwas mehr. – Ich hatte einen edlen Hund, der mir mit der vollen Treue der Hundeseele anhing, und ich erwiderte sie mit der Treue der Menschenseele. Ich mußte ihn töten lassen, als er alt wurde: ich werde mir niemals wieder einen Hund halten. Begreifen Sie jetzt, warum ich die Dose des Prinzen Eugen Ihrem Museum gebe?« »Nicht ganz,« entgegnete Saß und besann sich einen Augenblick, was er alles sagen wolle. Allein Hermine ließ ihn nicht zum Worte kommen. »Ich reise übermorgen ab, zunächst nach dem Nordkap. Dann werde ich meinen Rückweg durch Norwegen und Schweden nehmen; ich werde die Insel Gotland besuchen und die Trümmerstadt Wisby, das Pompeji der Hansa. Es ist so dichterisch schön, über der Vergangenheit die Gegenwart zu vergessen. Ich reise dann zu den russischen Inselschweden nach Dagö, Worms, Runö, Oesel. Wie glücklich werde ich mich unter diesen einsamen Menschen fühlen, die, weltvergessen, das Leben ihrer skandinavischen Urväter weiterleben! Dann bereise ich Finnland, um in dem melancholischen Zauber seiner Wälder und Felsen, seiner Seen und Wasserfälle selber die Welt zu vergessen. Den Winter verbringe ich in Petersburg, und im Glanz und Getümmel seines großstädtischen Lebens werde ich mich dann am einsamsten fühlen. Aber im Frühling nächsten Jahres kehre ich, so Gott will, wieder hierher zurück.« Bei diesen Worten sah sie Herrn Saß lächelnd an und drohte mit dem Finger: »Sie nennen mich – so sagte man mir – das Mädchen aus der Fremde. Das bin ich so wenig, als ich mich in Frankenfeld in einem Thal bei armen Hirten befinde. Aber wenn ich Ihnen so freundlich willkommen bin, wie es jenes duftige Dichtergebilde den armen Hirten war, dann will ich mir den Namen gerne gefallen lassen. Leben Sie wohl! Auf frohes Wiedersehn im künftigen Jahr!« Sie drückte ihm die Hand und wandte sich zur Thüre und hörte nicht mehr, was der verblüffte Alfred Saß in höflichen Worten zu stammeln begann. Erst als die beiden Frauen längst verschwunden waren, fiel ihm ein, was er alles noch hätte sagen wollen und sollen. Die zwei Gaben für das Museum waren auf dem Tische liegen geblieben. Er mußte sie zurückgeben; er mußte die rätselhafte Dame besuchen. Das konnte er nur noch morgen. Er faßte sofort diesen Entschluß, und eine Welt von Gedanken drängte sich ihm auf, die er dann aussprechen, von Fragen, die er stellen wollte. Seit Jahren hatte er Hermine Aweling kaum bemerkt an sich vorbeistreifen sehen: warum berührte ihn ihr flüchtiger Besuch mit einemmal so tief? – war sie am Ende doch nur eine bizarre Abenteuerin? Doch nein! bei solchem Adel der Gesinnung, bei solcher Feinheit des ganzen Wesens abenteuert man nicht. Stand sie doch so hoch über ihm, war es doch, als hätte sich mit ihrem bezaubernden Erscheinen ein helles mildwarmes Sonnenlicht über ihn ergossen! Wer das Rätsel ergründen könnte, warum ungeahnt, ungewollt urplötzlich sich Herz zum Herzen gezogen fühlt! Alfred Saß hoffte, daß er Herminen – so nannte er sie im stillen schon – morgen allein treffen werde ohne Beisein ihrer Freundin, die als »stumme Person« heute so höchst überflüssig miterschienen war. Und er ärgerte sich, daß er vorhin angesichts Herminens selber eine so stumme Person gewesen. Siebentes Kapitel. Der Direktor wider Willen Am nächsten Vormittag begab sich Alfred Saß schon bald nach elf Uhr in die Wohnung von Fräulein Aweling. Er steckte das romanische Rauchgefäß in die rechte und die Dose des Prinzen Eugen in die linke Rocktasche, um beides je nach Umständen entweder der Schenkerin zurückzugeben oder beim Bürgermeister zu hinterlegen. Das Fräulein fand er leider nicht zu Hause und sah nur die gepackten Koffer. Da ihm aber die Kammerjungfer sagte, daß ihre Herrin zu dieser Stunde ihren täglichen Spaziergang im Kurgarten zu machen pflege, eilte er sofort dahin. Hier entdeckte er in der That die Gesuchte zuletzt auf dem entlegensten Pfade, der aus den Anlagen in den freien Wald führte, leider wieder begleitet von der unerwünschten Freundin, der »stummen Person«. Der tiefbeschattete Pfad wandte sich so lauschig und heimelig durch die Gebüsche, so einladend zu ungestörter Zwiesprach – aber Hermine war nicht allein! Saß ärgerte sich darüber und ärgerte sich dann wieder über sich selbst, daß er sich ärgerte, und bemerkte zugleich, daß ihm das romanische Rauchgefäß aus der Rocktasche zu fallen drohe, denn es war viel zu lang für dieselbe. Er legte daher die linke Hand auf den Rücken, um es festzuhalten, und näherte sich in dieser Stellung langsam und unbemerkt den beiden lustwandelnden Frauen. »Was treibt mich, was berechtigt mich denn, eine Unterredung mit Fräulein Aweling unter vier Augen zu wünschen?« so fragte er sich. »Nichts! gar nichts!« Allein er gestand sich dann, daß er ums Leben gern etwas Näheres von ihr erfahren möchte über einige Worte, die sie gestern flüchtig und doch mit merkbar bewegter Stimme hingeworfen hatte. Wer war »der Fremde«, dem sie vordem im Geiste nahe getreten, den sie noch heißer zu lieben geträumt hatte als Vater und Mutter? Bei einem Mädchen, welches schon über dreißig Sommer gesehen, war dies ja gar nichts merkwürdiges. Merkwürdig war es nur, daß sie vor ihm, dem bisher Unbekannten, schon gleich bei der ersten Begegnung davon sprach. Man konnte daraus auf ein leicht erregbares Gemüt und unbefangen offenherziges Wesen schließen. Allein was ging ihn denn dies Alles an? was kümmerte ihn jener Fremde? was kümmerte ihn das erregbare Gemüt von Fräulein Aweling? Nichts! gar nichts! Er wollte ihr ja nur die Geschenke zurückbringen und hatte zunächst dafür zu sorgen, daß ihm das romanische Rauchgefäß nichts aus der Tasche und Fräulein Aweling zu Füßen fiel, während er ihr seine Verbeugung machte. Sie hatte gesagt, es sei Alles versunken, Alles tot und dahin. Nun gut! die reiselustige Dame war selber vorerst noch gar nicht versunken und wußte sich kräftigst über Wasser zu halten, – das konnte ihm genug sein. Allein er hätte doch gar zu gern gewußt, ob die dunkle Gestalt jenes Fremden gleichfalls ganz tot und dahin oder ob sie nur versunken sei; denn wer bloß versunken ist, der kann auch eines Tages aus der Versenkung wieder emporsteigen. Das ging ihn gar nichts an, und doch hatte er fast die ganze schlaflose Nacht darüber nachgedacht. Gepeinigt von solchen Gedanken erreichte Saß endlich die Damen und begrüßte sie, die linke Hand fest auf dem Rücken haltend. Hermine sprach: »Es freut mich, Ihnen zu begegnen. Ich habe in vergangener Nacht noch viel über unser gestriges Gespräch nachgedacht« – Saß fuhr zusammen, errötend und hochaufhorchend – »und bin dadurch immer fester zu der Ueberzeugung gekommen, daß nur Sie, Herr Saß, der beste, ja der einzig rechte Mann in ganz Frankenfeld sind, – das Museum im Haderturm zu ordnen und zu verwalten.« Saß war aus den Wolken gefallen; – immer wieder das unleidliche Museum! Da trat zum Ueberfluß auch noch der alte Oberst Sickenwolf hinzu und bat um die Erlaubnis, sich der Gesellschaft anschließen zu dürfen, während er mit spöttischem Blick nach dem Rücken des unglücklichen Saß schielte, dessen Linke das Rauchgefäß in der rechten Rocktasche immer noch krampfhaft festhielt. »Wir sprachen vom Museum im Haderturm,« belehrte Hermine den Oberst, »und ich meine, das Museum muß auf den Turm eingerichtet werden, und nicht der Turm auf das Museum. Die Altertümer sollen den Turm schmücken und erst innerlich vollenden. Und dazu gehört Ihre Künstlerhand, Herr Saß, nicht der Gelehrtenkopf des Professors Capelius. Jede Stube, jedes Kämmerchen des Turmes, jede Treppe, jeder Vorplatz muß mit einem malerisch hingeworfenen und doch wohldurchdachten Untereinander von Altertümern stimmungsvoll ausgestattet sein; – es gibt nichts Langweiligeres – wenigstens für uns Frauen – als systematische Sammlungen. Und der schöne Turm darf nicht langweilig werden. Der Hauch der Poesie durchwehe seine Räume, der Zauber des Lebens im Tode webe darin, das ewig Gegenwärtige im Vergangnen! Scheinbar planlos, verhüllt und offenbart die Poesie das planvoll Tiefste. Diesen Gedanken werden Sie ergreifen und verwirklichen, Herr Saß, und darum wende ich mich an Sie, weil ich ein Herz für – den alten Turm habe. Zielte doch auch zweifelsohne die Absicht unseres seligen Freundes Rohda hierauf, als er die Klausel wegen des Turmes an sein Vermächtnis knüpfte: das Museum um der Poesie des Turmes willen, nicht der Turm um des Museums willen oder gar das Museum um seiner selbst willen.« »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein,« fiel hier der Oberst ein, »wenn ich volkstümlich sage: umgekehrt ist auch gefahren! Denn wenigstens sein eigenes Haus dort oben auf dem Berge hat der selige Rohda bekanntlich um eines alten Thürklopfers willen erbaut, und aus dem Thürklopfer erwuchs das Museum und aus dem Museum das Haus wie der Eichbaum aus der Eichel, nicht aber erwarb Rohda den Thürklopfer um des Hauses willen.« »Ich verstehe Sie nicht,« bemerkte Fräulein Aweling. »Also ist Ihnen die Entstehungsgeschichte der berühmten Sammlung unbekannt?« fragte Sickenwolf. Hermine verneinte. »Nun, so hören Sie! Vor fünfzig Jahren kaufte Herr von Rohda einen alten Thürklopfer von einem Trödeljuden – –« Die bisher so schweigsame Schwester des Verstorbenen unterbrach ihn. »Es war nicht vor fünfzig, sondern vor fünfundzwanzig Jahren; mein Bruder hat den Thürklopfer, ein wundervoll aus Eisen geschnittenes Werk des 16. Jahrhunderts, auch nicht von einem Trödeljuden gekauft, sondern er erhielt ihn geschenkt vom Erzherzog Johann – –« »Die Blütenranken der Sage umwinden den Stamm der Geschichte!« rief der Oberst. »Entschuldigen Sie, mein Fräulein, wenn ich mehr Sage als Geschichte gab: es geht auch andern Historikern ebenso. Aber gewiß ist doch, daß Rohda nun zu der Erkenntnis kam, daß zu einem so schönen alten Thürklopfer auch eine gleich schöne und gleich alte Thüre gehöre.« »Nach langem Suchen fand mein Bruder eine solche und befestigte den Klopfer daran,« fuhr Amalie fort. – – »und da eine so prächtige Thüre auch eine gleich stattliche steinerne Thürgewandung, ja ein Portal aus gleicher Zeit fordert, so ruhte er nicht, bis er ein solches erworben hatte,« ergänzte der Oberst. – – »und über den Rundbogen des Portals gehörte ein steinernes Wappen,« fügte Amalie hinzu. »Leider fand mein Bruder anfangs nur ein Abtswappen, welches doch nicht recht über eine weltliche Hausthüre paßte. So brach er es wieder heraus, suchte weiter und brachte zuletzt eine kleine Wappensammlung zusammen, aus welcher nun das passendste gewählt werden konnte – –« – – »und Portal und Wappen mußten in einer Mauer sitzen,« rief der Oberst. »So wurde eine Mauer gebaut, und da diese doch nicht für sich allein stehen bleiben konnte, wurden andere Mauern hinzugefügt, und so entstand ein Haus, – alles wegen des schönen Thürklopfers.« Herr Saß trat jetzt in dieses Duett ein, daß es zum Terzett wurde: »So hatte das Altertumsfieber Herrn von Rohda ergriffen; er sammelte weiter, und das Haus füllte sich mit tausend nützlichen und unnützen alten Dingen, der ganze Hausrat wurde alt und echt, der neue hinausgeworfen, und der edle Freiherr lebte nur in seinem Museum, welches sein Haus und seine Welt war – –« – – »zuletzt schlief der Baron in einem Bett aus dem 15. Jahrhundert und Fräulein Amalie schläft, glaub' ich, heute noch in einem Bett aus dem sechzehnten,« bemerkte Oberst Sickenwolf. »Sie sind ein schlimmer Spötter!« schalt Amalie, »aber ich kann nicht leugnen, daß wir auf alten Brauttruhen saßen statt auf modernen Diwans, unsern Wein aus Venezianer-Gläsern der Dogenzeit tranken und unsere Suppe aus Zinntellern von Kaspar Enderlein aßen.« »Das Museum schuf das Haus,« rief der Oberst, »um allmählich die Bewohner fast aus dem eigenen Hause zu verdrängen.« – – »aus dem Hause, in welchem trotzdem zufriedene Menschen immer noch Platz fanden, um glücklich zu leben,« ergänzte Amalie. »Die toten Dinge wurden wieder lebendig, sie wurden wieder, was sie vor Jahrhunderten gewesen, der befreundete Hausrat der Lebenden.« Nun fiel Hermine in die Rede: »Also hatte ich vorhin doch recht, indem ich sagte, Herr Saß werde ganz im Geiste des großmütigen Stifters handeln, wenn er das Rohdasche Museum ebenso poesievoll zur inneren Wiederbelebung des Haderturmes aufstelle, wie dasselbe bisher die traute Häuslichkeit des Herrensitzes belebt und verklärt hat.« »Aber unser Freund Saß will ja gar nichts mit dem Museum zu schaffen haben!« wandte der Oberst ein. »Er ist ein unbeugsamer Mann; der eifrigste Streiter für den Abbruch des Haderturms, wollte er lieber, daß das ganze Museum nach Groß-Runenstein wandere, als daß der Turm durch dasselbe gerettet werde. Am liebsten sähe er's, wenn wir alle Altertümer verbrennten und zerschlügen, wie es die alten Griechen gethan –« »Ich bin allerdings unbeugsam,« unterbrach Saß den Spötter, »unbeugsam, indem ich immer thue, was ich will, ohne mich um anderer Leute Dreinreden zu kümmern; ich setze meinen Kopf auf, wie ich mag, und wenn Sie mich heute mit dem Museum ärgern, so könnte ich morgen bloß Ihnen zum Trotz den Kopf eines Museumsdirektors aufsetzen.« »Lieber Freund, beruhigen Sie sich,« sprach der Oberst im artigsten Tone. »Ich scherzte ja nur, ich weiß ja nur zu gut, daß Sie nie und nimmer das Museum im Haderturm übernehmen werden. Da nun Professor Capelius dies zwar gern thun möchte, aber durchaus nicht thun soll und darf, so finde ich nur noch eine vortreffliche Auskunft, die von allen Seiten mit Jubel wird begrüßt werden. Fräulein Aweling! Bleiben Sie über Winter hier, bleiben Sie für immer bei uns und übernehmen Sie mit feiner Hand, mit kundigem Geiste, mit der Fülle Ihrer künstlerischen Phantasie die Direktion im Haderturm. Wir leben in der Zeit der erweiterten Frauenberufe – –« Hermine unterbrach ihn, laut auflachend: »Dann wäre ich ja nicht mehr das Mädchen aus der Fremde, welches bekanntlich mit jedem jungen Jahre kam und nicht bei den armen Hirten überwinterte. Allein der Herr Oberst hat immer recht, selbst wenn er, getrieben vom Geiste der Verneinung, etwas ganz Verkehrtes sagt. In der That! mitwirkend gehört eine weibliche Hand dazu, um das Museum in künstlerischem Geiste zu ordnen, und Herr Saß mag bei seinem Sträuben diesen Mangel wohl empfunden haben. Die weibliche Hand ist zur Stelle,« – und sie ergriff Amaliens Hand – »Fräulein von Rohda kennt die Sammlungen ihres Bruders weit genauer als irgend Jemand, sie weiß die Herkunft jedes Stücks, sie hat die ganze innere Geschichte des Museums miterlebt, sie ist uns Andern weit überlegen an Weisheit wie an Alter – natürlich den Herrn Obersten ausgenommen. Ich empfehle Ihnen, Herr Saß, Amalien als Assistenten, und ich bitte meine Freundin innigst, diese Ehrenstelle nicht abzulehnen, und wäre es auch nur, damit das Heiligtum ihres seligen Bruders ganz nach seinem Willen gehütet werde. Fräulein von Rohda ist treu wie Gold, Herr Saß, und Sie können ihrer Treue vertrauen, wie ich ihr vertraut habe. Unsere Bekanntschaft seit vier Jahren war ja nur flüchtig, – aber lernen wir überhaupt in diesem kurzen unstet dahineilenden Leben einen Menschen mehr als flüchtig kennen, selbst wenn nur fünfzig Jahre aufs engste mit ihm verbunden gewesen wären? Dieser Freundin allein habe ich zuletzt, nachdem ich so vereinsamt geworden, mein vollstes Vertrauen geschenkt; sie kennt meine Vergangenheit, sie weiß, was ich für die Zukunft sinne. Ich habe dieser Tage meinen letzten Willen dem Notar Feininger dahier übergeben, und Fräulein von Rohda soll darüber wachen, daß er pünktlich vollzogen werde. Sie wird auch über den Vollzug des Willens ihres Bruders wachen, wenn Sie, Herr Saß, das Museum übernehmen. Und komme ich im nächsten Frühling wieder nach Frankenfeld, dann werden Sie Beide den alten Turm wunderschön eingerichtet haben und mich in allen Räumen herumführen, und ich – werde mich mit Ihnen des gelungenen Werkes freuen und die ganze Stadt wird Ihnen dankbar sein.« Bei diesen Worten empfahl sie sich rasch mit herzlichem Abschiedsgruße und verschwand mit der Freundin auf einem Seitenwege. Die beiden Männer sahen ein Weilchen den Frauen schweigend nach, tiefe Bewegung arbeitete in den Mienen von Alfred Saß. Der Oberst aber sprach leise vor sich hin: »Unsere Frauen können kein Griechisch und Latein und möchten es jetzt gern lernen. Thörichtes Bemühen! Sie können weit mehr. Sie können den Männern die Köpfe verdrehen, und die Köpfe zurechtsetzen, ja manche setzt sogar einem Manne den Kopf zurecht, indem sie ihm den Kopf verdreht.« Bei den letzten Worten schielte er zu Saß hinüber. Dieser aber war nicht aufgelegt, weiter mit dem Alten zu plaudern. Er verabschiedete sich und ging raschen Schrittes nach Hause. Dort fand er das romanische Rauchgefäß immer noch in seiner rechten und die Dose des Prinzen Eugen in seiner linken Rocktasche, obgleich er die linke Hand längst nicht mehr auf den Rücken hielt. Er hatte ganz vergessen, die Geschenke zurückzugeben; aber das war auch nicht mehr nötig. Sein Entschluß stand fest. Er übernahm das Museum dem Obersten und allen Gegnern zum Trotz und – – Herminen zuliebe. An die Altertümer dachte er freilich zunächst gar nicht, sondern nur daran, wie er durch Amalien in Verbindung mit dem rätselhaften Wesen aus der Fremde und in der Fremde bleibe, und wie er beim Zusammenarbeiten mit der Freundin die Geheimnisse Herminens, ihres Lebensganges und ihrer Zukunftspläne so nach und nach erhaschen wolle. Gar sonnig leuchtete ihm dabei die Freude vor, welche er Herminen bereite, wann er sie übers Jahr durch die malerisch schön und ganz in ihrem Geiste geordnete Sammlung führen werde. So wundersam sind die Schicksale der alten Türme, der Museen und der Menschenherzen! Im Tode noch hatte Herr von Rohda den Haderturm gerettet, und Herr Saß wäre niemals Museumsdirektor geworden ohne die schwarzen Augen und die schneeweißen Haare des Mädchens aus der Fremde. Zweites Buch. Freundschaft in des Lebens Not. Erstes Kapitel. Im Wächterstübchen. Am 1. September erklärte sich Alfred Saß dem Bürgermeister in aller Form bereit, die Rohdasche Sammlung zu übernehmen. Er hatte sich also noch lange genug besonnen. Am 7. September erhielt er eine Urkunde des Magistrats, welche ihn zum Vorstande des Museums ernannte, zugleich unter Aussprache des Dankes, daß er sich diesen Pflichten ohne jegliches Entgelt unterziehe in selbstlosem altväterlichem Bürgersinn. Am 8. September vormittags begab sich Saß in den Haderturm, um die Räume doch einmal zu sehen, welche er so schön einrichten wollte. Er war seit seiner Knabenzeit nicht mehr in dem verhaßten alten Gemäuer gewesen. Der Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer wollte ihn begleiten. Allein Saß lehnte es ab. Bloß von seinen Gedanken begleitet, wollte er durch die verödeten Räume schreiten, um sie mit seiner Einbildung zu beleben und sofort das wundersame Neue, was er zu schaffen gedachte, hineinzuzaubern. Der Ratsdiener rief ihm nach: »Wenn Sie sich eilen, Herr Saß, und sofort zur Spitze ins Wächterstübchen steigen, dann können Sie dort oben zum erstenmal wieder – punkt Zehn – die Turmuhr schlagen hören. Der neue Wächter tritt heute den Dienst an.« So war es in der That. Seit des alten Wächters Tode hatte die Uhr nicht mehr geschlagen. Die Stelle war nicht wieder besetzt worden, weil ja der Abbruch des Turmes für nächste Zeit in Aussicht stand, bis nunmehr Alles zum alten Stande wieder zurückkehrte. Eine ganze Schar Kinder und großer Leute trieb sich bereits auf dem Platz vor dem Turm umher, um zu hören, ob der neue Wächter die Schläge der Stunde ebenso genau und kräftig geben werde wie es der alte gethan. Wir sind allzumal Kinder, und so sprang auch Alfred Saß in kindischer Lust die Treppen hinauf, je zwei Stufen auf einmal nehmend, damit er oben noch viel näher die Glockenschläge zu hören bekomme, welche die Wiederauferstehung des schon tot gesagten Haderturmes verkündeten, als das Volk da unten. Er konnte dann ja das Innere des Turmes auch von oben nach unten gründlich betrachten. Als er atemlos das menschenleere Wächterstübchen betrat, schlug die Glocke unmittelbar unter ihm, gemessen und weithallend zehn Uhr. Ein unerklärlicher Schauer ergriff ihn bei dem tiefen, wuchtigen Schall, der ihm erschütternd ins Ohr dröhnte und den Boden unter seinen Füßen zittern machte. Und lange noch summte der letzte Ton nach, leise verhallend. Des Menschen Leben zerrinnt wie das Wasser und sein Andenken verklingt wie der Glocke Ton. Die Septembersonne leuchtete so festlich hell in das traute Stübchen wie damals die Maisonne, als der alte Wächter mit dem letzten Stundenschlag seine eigene letzte Stunde angeschlagen hatte. Der Nachfolger hatte das Stübchen übernommen wie es gewesen; Blumen schmückten die Fenster, die aufgeklebten Holzschnitte die Wände, und neue Vögel sangen so fröhlich wie vordem die alten. Saß stand lange traumverloren; der lichte Sonnenschein, der freundliche Raum mutete ihn melancholisch an: der Glockenklang hatte ihn so ernst gestimmt; er gedachte des alten Wächters und seiner Todesstunde. Plötzlich öffnete sich die Thür; der Träumer schrak zusammen. Allein es war kein Grund zum Erschrecken. Der neue Wächter trat ein, erstaunt, einen Besuch zu finden. Als er jedoch Herrn Saß erkannte, begrüßte er ihn sehr ergeben und sagte dem Herren, dessen Gunst ihm ja wertvoll sein mußte, wie dankbar und glücklich er sei, daß er dieses stille, hohe Pöstchen erhalten habe, und daß der Turm nun für ewige Zeiten stehen bleibe. »Wie wenig gehört doch dazu, arme Leute glücklich zu machen,« so dachte Saß und ward froh mit dem Frohen, und sie plauderten geraume Zeit gemütlich miteinander. Da riß der Ratsdiener die Thüre auf und stürzte herein und rief: »Es ist ein großes Unglück geschehen! – Man schickt nach Ihnen, Herr Saß, kommen Sie schnell hinunter! – Ihr Bruder ist jählings gestorben, – vom Schlag gerührt, – vor einer halben Stunde – es war mit dem Glockenschlag zehn Uhr!« Saß war versteinert. Er wußte kaum, was er gehört, und doch war es ihm, als hätte er so etwas zu hören erwartet, als hätte er so etwas hören müssen. Er eilte hinab zum Hause des Bruders, der so still und bleich auf seinem Sterbebette lag. Die beiden Brüder hatten sich herzlich geliebt, sie waren in ihrem ganzen Lebensgange immer und innig verbunden gewesen; dennoch konnte Saß jetzt nicht weinen. Der tiefste Schmerz ist im ersten Ansturme stumm und thränenlos. Und es gibt so viel zu thun für die nächsten Angehörigen, wann unerwartet der Tod in ein Haus hereinbricht, so viel Aeußerliches, Geschäftliches, welches uns sonst unerträglich dünken würde, und welches wir doch jetzt ohne Murren auf uns nehmen, welches im schneidendsten Widerspruche mit unserer Seelenstimmung steht, und welches wir dennoch thun müssen. Dieses Lästigste wird uns zur Wohlthat, – zum Selbstvergessen, Schmerzvergessen. Und zuletzt finden wir einen Segen in dem äußeren Zwang, einen Trost, der uns über die schwersten Stunden unmerklich hinwegträgt. Wir erheben uns, – nicht indem wir uns einsam und thatenlos sinnend und brütend in unsern Schmerz versenken, – denn dies wäre das Schlimmste – sondern indem wir dem Rufe der Pflicht folgen, wir erheben uns durch die That, in gezwungener rauher Berührung mit der Außenwelt, und sei diese That auch nur eine Kette von kleinen, notwendigen Liebesdiensten, die wir dem Verstorbenen widmen. Alfred Saß war der einzige nächstverpflichtete Verwandte seines geschiedenen Bruders Otto, der jetzt für Alles sorgen mußte. Otto war Witwer gewesen und hinterließ zwei unmündige Söhne. Ungeahnt hatte ihn der Tod überrascht; er hatte sein Haus nicht bestellt. Wie es mit des Bruders weitverzweigten Geschäften stand, das wußte Alfred selbst nicht genau, obgleich er als »stiller Teilhaber« den größten Teil seines eigenen Vermögens bei dem »Hephästos« hatte mitarbeiten lassen. Ein Berg von Aufgaben türmte sich vor ihm. Aber vorerst galt es, das Nächste zu besorgen, was jeder Todesfall schon in den ersten Stunden mit sich bringt. Alfred Saß war während des ganzen Tages nicht zu sich selbst gekommen. Am Abend versagte ihm die Kraft; er mußte ausruhen, er bedurfte der Stille, der Einsamkeit, um nicht zusammenzubrechen. Er suchte Ruhe und Sammlung zuerst in seinem Hause. Allein die behagliche, schöne, ja prächtige Einrichtung, die er sich seit Jahren geschaffen, die er so oft mit Stolz und Wohlgefallen betrachtet hatte, die von so vielen Stunden heiterer Geselligkeit erzählte, sah ihn kalt und abstoßend an. Ihn fröstelte im eigenen Heim. Ohne klar zu erwägen, was er eigentlich wolle, ging er zum Haderturm. In das Wächterstübchen stieg er freilich nicht wieder hinauf: er blieb unten auf dem schmalen Flur neben der Wohnung des Ratsdieners und setzte sich auf die steinerne Bank, welche in eine Fensternische eingelassen war. Hier in dem öden, engen Raume atmete er mit einemmale frei. Er machte sich die neue Lage klar, in die er so plötzlich hineingeschleudert worden. Vielfache, große und drängende Aufgaben stürmten auf ihn ein. Sein vergangenes, so heiter befriedetes Leben versank vor seinen Augen wie ein schillernder Traum beim mählichen Erwachen. Er mußte der Vater seiner verwaisten Bruderskinder werden, er mußte das verwaiste Haus neu aufbauen, das verwaiste Geschäft fortführen, er mußte überall ordnen, festigen, retten. Nur an das Museum, welches er ja gleichfalls ordnen sollte, dachte er anfangs nicht. Allein zuletzt gemahnte ihn der Ort, wo er saß, auch an diese Aufgabe. Er lächelte wehmütig darüber als eine Spielerei. Dann versank er wieder in tiefen Trübsinn. Seine ganze jüngste Vergangenheit mit all ihren seltsamen Erregungen erschien wie ein müßiges Kinderspiel, von welchem wir beschämt aufspringen, wenn uns der Ernst des Lebens packt. Und doch nicht ganz kindisch. Spielen nicht auch alte Kinder sehr ernsthaft, und ist nicht auch der herbste Ernst des Lebens nur ein Spiel? Sein Thun und Treiben war bisher wohl zielbewußt im Kleinen gewesen, aber ziellos im Großen. Jetzt lagen größere Ziele allerorten vor ihm, schwer erreichbare, denen er mit gesammelter Thatkraft und zugleich aufopfernd und entsagend zusteuern mußte. Er raffte sich auf; er wollte ein neuer Mann werden. Den alten Haderturm hatte man so oft das Verhängnis der Stadt genannt: seit jüngster Zeit schien sich auch sein Verhängnis an diesen Turm zu knüpfen. Aber es sollte ein segensreiches Verhängnis sein, so dachte er, und es überkam ihn, als stehe er heute auf dieser Stätte an dem entscheidendsten Wendepunkte seines Lebens. Die Abendglocken begannen vom nahen Kirchturm zu läuten; sie hatten ihm sonst immer so friedlich, so besänftigend geklungen. Jetzt erschütterten sie ihn, und ihm deuchte, als sängen sie: Memento mori! Gedenke, daß du sterben mußt! Unwillkürlich faltete er die Hände. Da klang ihm allmählich der fromme Glockenton ganz anders und die Glocken riefen: Memento vivere! – Gedenke, daß du leben sollst! Im Geistesschauen des Todes, der uns umringt, erwächst dem gesunden Menschen neue Lebenskraft und neuer Lebensmut. Es war dunkel geworden; die ganze Außenwelt hatte sich schwarz verhüllt vor dem Auge des wachen Träumers; doch in seiner Seele glühte und funkelte es. Da weckten ihn die hallenden Tritte des Ratsdieners. Er raffte sich auf und verließ den Turm festeren Schrittes als er vor einer Stunde gekommen war. Zweites Kapitel. Du kannst, weil du sollst. Die ersten Tage der Trauer um den geliebten Bruder waren vorüber. Früher hatte Alfred Saß, wie wir sahen, dem Grundsatze gehuldigt: »Ich weiß, was ich will, und will nur, was ich kann.« Jetzt fügte er noch den Satz hinzu: »Ich kann, was ich soll.« Im Geiste dieses ehernen Pflichtgebotes trat er mutig an die zwei großen Aufgaben, welche ihm gegenüber standen und die er als ein heiliges Vermächtnis des Verstorbenen zu erfüllen sich gelobte. Es galt, den Vermögensnachlaß des Bruders zu klären und die Zügel der Fabrikleitung zu ergreifen. Es galt aber auch, den zwei verwaisten Söhnen den Vater zu ersetzen, nicht bloß, indem Saß äußerlich ihr Vormund wurde, sondern indem er sich auch ihrer Erziehung väterlich annahm. Alltäglich schon am frühen Morgen begann er mit einem Rechtsanwalt und einem gewiegten Geschäftsfreunde des Verstorbenen zu arbeiten, welche Beide eine schwere und verworrene Aufgabe vorfanden. Denn der Bruder hatte sich, wie nachträglich hervortrat, in eine Menge von finanziellen Wagespielen eingelassen, um sein Vermögen noch über die Fabrik hinaus rasch und mächtig zu steigern, wobei er den »Hephästos« vielfach vernachlässigte. Und es wurde bald klar, daß er hierbei weit mehr verloren als gewonnen hatte. Wir wollen die herrschende Verwirrung gar nicht schildern; denn da wir sie selber nicht verstünden, so würde der verehrte Leser auch unsere Schilderung nicht verstehn. So verbrachte Saß die Vormittage in angestrengter, nicht sehr erfreulicher Thätigkeit. Er sah sich bald genötigt, das reizende Studierzimmer seines Hauses zu verlassen und während der Arbeitszeit in die Fabrik überzusiedeln. Es war ihm dabei, als sei er mit einem Schlage nicht bloß in ein fremdes Haus, sondern auch in ein ganz anderes Land, in ein ganz anderes Klima versetzt, und als sei er um zehn Jahre älter geworden. Erst am späten Abend kehrte er in seine trauten Wohnräume zurück, und da fand er sich dann wieder in seiner Heimat, in seinem lieben Frankenfeld und fühlte sich wieder um zehn Jahre jünger als am Vormittage. Zu dieser Zeit schrieb er zwei Briefe. Man sollte meinen, die seien an einem Abend fertig zu bringen gewesen. Allein Herr Saß schrieb zwei Wochen lang jeden Abend daran und wurde doch nicht fertig. Denn zwischendurch schrieb er auch gar nicht, sondern dachte bloß ans Schreiben mit der Feder in der Hand. Der eine Brief sollte sehr kurz werden und geriet immer zu lang; der andere sollte recht lang sein und geriet bei jedem Versuche zu kurz. Alfred Saß hatte nämlich erkannt, daß es seine sofortige erste Aufgabe als Museumsvorstand sein müsse, der ersten großmütigen Schenkerin, Fräulein Hermine Aweling, den Dank der Verwaltung auszusprechen und zwar in einem amtlichen Schreiben auf einem Kopfbogen, – kurz, lapidar, höchstens zehn Zeilen – und doch keine gewöhnliche Dankquittung, wie man sie nach der Schablone an ein Dutzend von Personen abschreiben läßt, sondern originell, durchleuchtet von einer gewissen Wärme zwischen den Zeilen. Nun wollte es aber dem unglücklichen Schreiber nie gelingen, die offizielle Kälte mit der persönlichen Wärme ungezwungen zu verschmelzen. Das Aktenstück, oftmals entworfen und wieder zerrissen, war einmal zu kalt, das andere Mal zu warm, aber jedesmal zu lang. Neben dieser amtlichen Urkunde in Folio wollte Saß aber auch noch einen Privatbrief in niedlichem Oktav abschicken. Und auch hier versagten ihm alsbald Gedanken und Worte, sodaß er niemals über die erste Seite hinauskam, welche dann wieder durchstrichen wurde. Was wollte er denn eigentlich dem Fräulein schreiben? Hatte er sie doch nur zweimal flüchtig gesprochen! oder richtiger, sie hatte gesprochen, und er, sonst so redefertig, hatte schweigend zugehört. Aber sie hatte ihn erkoren, – das Museum im Haderturm zu übernehmen und glänzend neu zu gestalten, und er folgte ihr, wie der Ritter seiner Dame, er erfaßte als heilige Pflicht, was sie nur lächelnd gewünscht hatte. Diesen schönen Gedanken wollte er recht schwungvoll im Eingang des Briefes aussprechen und fand ihn doch höchst lächerlich, sobald er die Feder dazu ansetzte. Dachte er aber länger nach, so wurde er von demselben Gedanken wieder tief und ernst bewegt. Was war ihm denn »das Mädchen aus der Fremde«? Ein Phantasiegebild! mehr Dichtung als Wahrheit, ein Phantom, welches er sich selbst erschuf und welches ihm täglich um so leibhafter vor die Seele trat, je ferner ihm die wirkliche Erscheinung rückte. Sollte er dies schwarz auf weiß aussprechen? Sollte er ihr sagen, daß er besonders darum für sie zu schwärmen beginne, weil er eigentlich nichts rechtes von ihr wisse und folglich die volle Freiheit habe, sich ihre Erscheinung so edel, so schön, so groß wie nur möglich zu malen? Wenn es ihm zunächst nur gelungen wäre, überhaupt einen Briefwechsel mit der unstet Reisenden anzuknüpfen! Das beabsichtigte er ganz bestimmt. In seiner neuen Lage bedurfte er so sehr eines Wesens, dem er sein Herz ausschütten konnte. Und er glaubte dieses Wesen nicht anderswo zu finden als am Nordkap oder sonstwo in der dortigen Nachbarschaft. Der Tag hatte Arbeitslast und Arbeitsqual für Alfred Saß, wobei er jedoch manches fertig brachte; der späte Abend bot ihm melancholischen Genuß, bei welchem er nichts fertig bringen konnte. Zur Entschuldigung des sonst so gewandten Mannes, der so leicht in jedem Sattel zu reiten verstand, müssen wir jedoch daran erinnern, daß er in seinem Leben noch kein Schreiben im Kanzleistil verfaßt hatte. Da war es nun kein Wunder, daß er beim ersten Versuch angesichts der Adressatin mitunter in den zärtlichen Stil verfiel. Er war aber auch, wie wir wissen, noch nie verliebt gewesen und hatte also auch noch niemals einen empfindungsvollen Brief an eine im Stillen verehrte Dame geschrieben. Da war es dann wieder kein Wunder, daß er beiderlei Schreibweisen mitunter vermischte und das Kanzleischreiben zu gefühlvoll und den tief empfundenen Brief zu kanzeleimäßig ansetzte, zumal beide an dieselbe Adresse gingen. Der Aermste! »Ich kann, was ich soll!« Allein da Herr Saß diesmal nicht recht wußte, was er wollte, so konnte er auch nicht, was er sollte. Als die beiden Briefe zuletzt wirklich fertig geworden waren, gab es nur einen Weg, sie an die Dame zu befördern, deren augenblicklichen Aufenthaltsort er ja nicht kannte. Er mußte diesen bei Fräulein von Rohda erfragen. Und er hätte ohnedies schon längst mit ihr in Verkehr treten sollen wegen der fortwährend hinausgeschobenen Uebergabe des Museums. Unbegreiflicherweise fürchtete er sich, sie zu besuchen. Sonst so rasch und entschlossen, eher zu kühn als zu zaghaft, schwankte er mit einemmal in dieser einzigen Sache ratlos hin und her, verschob den Besuch von einem Tag zum andern, und die Briefe blieben liegen. Arbeitsvolle Stunden, wie Stunden qualvoll süßen Träumens pflegen getrennt und verbunden zu werden durch Frühstück, Mittag- und Abendessen. Herr Saß hatte vordem seine Tafel so heiter zu beleben gewußt durch frohe und anregende Gäste. Seit seines Bruders Tode lud er Niemand mehr zu Tisch; dafür frühstückte und speiste er täglich mit seinen zwei jungen Neffen. Er wollte sie ja erziehen, und da ihm außerdem wenig Zeit während des Tages blieb, so widmete er die Essensstunden zugleich der Pädagogik, womit er aber den zwei Jungen die Speisen nicht besonders würzte. Geht es doch auch in mancher Ehe so, daß die Ehegatten keine andere Zeit finden, ihre Kinder und sich selber gegenseitig zu erziehen als bei Tisch. Der ältere Neffe, Georg, sechzehn Jahre alt, hatte sich technischen Studien zugewandt, um später in das väterliche Geschäft einzutreten. Er war ein braver Bursch und äußerst phantasievoll, nur hegte er, gleich andern Söhnen reicher Eltern, die Ansicht, da sein Vater viel gearbeitet und das Leben wenig genossen habe, so wolle er das Leben viel genießen und wenig arbeiten. Der Oheim benützte gern die Frühstücksstunde, um Georg den Kopf zurechtzusetzen, nicht indem er ihm Moralpredigten hielt; denn dafür war Alfred Saß zu gescheit und zu geschmackvoll. Er erzählte vielmehr dem leichtlebigen Jüngling schlicht und mit kluger Auswahl von dem fraglichen Stand der väterlichen Unternehmungen und des Vermögens, er schilderte ihm den Ernst der Lage und machte ihm solchergestalt deutlich, daß er ebensoviel, ja noch weit mehr zu arbeiten haben werde als sein Vater, um sich dereinst zu behaupten. Georg hörte das Alles scheinbar sehr aufmerksam an, dachte aber im Stillen, es sei doch recht langweilig, wenn er täglich beim Kaffee das Butterbrot – statt mit einem Stückchen Schinken – mit der Geschäftsnot des Hauses belegt kriege. Der andere Neffe, Friedrich, im vierzehnten Lebensjahre, besuchte das Gymnasium. Er besaß eine wunderbar scharfe Beobachtungsgabe, die seinen Blick beständig auf alle umgebenden Dinge lenkte, nur nicht auf die griechische und lateinische Grammatik. Folglich blieb er ein über das anderemal sitzen und verwünschte die göttlichen Klassiker von Hellas und Rom zusamt dem Professor Capelius; denn jene hatten doch offenbar nur geschrieben, damit dieser sie grammatisch anatomieren könne. Der Junge fürchtete sich vor seinem Homer und Virgil, statt daß er sich gesehnt und gefreut hätte, sie zu lesen. Die Klasse wurde im Eifer gehalten durch die Furcht vor den schlechten Noten, nicht durch Begeisterung für das Hohe und Schöne, was die Antike bot. Beim Mittagessen zwischen Suppe und Nachtisch suchte nun Alfred Saß diese Begeisterung zu wecken, indem er Friedrich unter den blauen Himmel Griechenlands führte und in das Weltreich Roms. Er sprach dabei griechische und lateinische Namen manchmal mit falschem Accent, wofür das Ohr selbst eines mittelmäßigen Gymnasiasten äußerst empfindlich ist. Darum meinte Friedrich im Stillen, der klassische Schulsack des Oheims habe mit der Zeit doch einige Löcher erhalten, und es sei recht langweilig für ihn, auch bei Braten und Salat wieder von denselben Dingen hören zu müssen, die ihn vorher in der Schule gelangweilt hatten. Beim Abendthee mit kaltem Aufschnitt pflegte Saß dann die Themen zu kreuzen und sprach mit den beiden Neffen herüber und hinüber bald von den Frankenfelder Geschäften, bald von Hellas und Rom. Nach einiger Zeit aber machte er dabei eine höchst erschreckende Wahrnehmung: Seine Schilderung von der Herrlichkeit der humanistischen Studien hatte bei dem Techniker, dem phantasievollen Georg, gezündet, und seine Erzählungen vom Stand der Geschäfte des Hauses waren von dem scharfen Beobachter Friedrich leuchtenden Auges verschlungen worden, – und Beide kamen jetzt in ihrem Lernen noch etwas schlechter vorwärts als bisher, indem der künftige Geschäftsmann begeistert die – allerdings verdeutschte – Odyssee las, und der Gymnasiast ganz erstaunliche Berechnungen über Fabrik- und Kapitalanlagen entwarf. Trotzdem hatten die überqueren Tischreden eine gute Frucht für Beide: sie gewannen ihren trefflichen Oheim von Herzen lieb, indem sie merkten, wie lieb er sie habe, und wie er sich täglich zu ihrem Besten plage. So verflossen arbeitsvolle, nach allen Seiten aufregende Tage für Alfred Saß. Erst die Nacht brachte dem gequälten Manne Frieden. Aber auch dann noch beschäftigte er sich in schlaflosen Stunden sehr eifrig mit dem Grundplan zum neuen Museum, trotzdem er dessen Schätze immer noch nicht angesehen hatte. Er dachte aber, wie die Sammlung des Herrn von Rohda aus einem Thürklopfer hervorgewachsen sei, so solle die neue Ausstellung aus dem romanischen Rauchgefäß und der Schnupftabaksdose des Prinzen Eugen hervorwachsen. Die beiden Stücke allein waren ihm Museum genug und er sann darüber, wie er ihnen, als den vornehmsten Cimelien , den besten, Alles beherrschenden Platz geben solle. Die Stockwerke des Turmes gliederten sich ganz naturgemäß, ganz chronologisch nach diesen beiden Stücken: unten das Mittelalter mit dem Rauchfaß, und oben die neuere Zeit mit der Dose. Und so schweiften seine Träume weiter und weiter und trugen ihn – Hand in Hand mit der rätselhaften Schenkerin – von der Dose des Prinzen Eugen bis zum Nordkap. Dort angelangt, schlief er dann gewöhnlich ein. Drittes Kapitel. Der Zeitlose. In unserm gehetzten Zeitalter hat die eine Hälfte der Menschheit zu viel zu thun, die andere Hälfte zu wenig oder gar nichts. Die seltenen Glücklichen, welche gerade genug zu thun haben und mit Arbeit und Muße in harmonischem Ebenmaße wechseln können, und denen es dabei vollends vergönnt ist, ihre Thatkraft dauernd auf einen Punkt zu sammeln, müssen mit der Laterne des Diogenes gesucht werden. Und doch waren es fast immer nicht diese, sondern die gehetzten Leute, welche das Größte leisteten. So hätte Alfred Saß denken und sich trösten können, wenn er überhaupt Zeit zu derlei Betrachtungen gefunden hätte. Die Wellen schlugen ihm über den Kopf, dennoch wußte er immer wieder den Kopf oben zu halten. Das lernte er allmählich, wie es auch Größere gelernt haben. Qualvoll nagte an ihm die Unruhe, nirgends fertig zu werden. Welcher Sterbliche wird überhaupt fertig? Selten gelingt es uns im Einzelnen, im Ganzen niemals. Das ist die tiefe Tragik des Menschenlebens, daß der Mensch in seinem Leben niemals fertig wird. Wollten wir Alles ausführen, was wir vorhaben, so könnten wir so alt werden wie Methusalem und würden doch nicht fertig. Das Aergerlichste und zugleich Lustigste aber ist, daß andere Leute dem mit Arbeit Ueberlasteten zwar zurufen, er thue zu viel, er reibe sich auf, er solle sich Ruhe gönnen, – dann aber in demselben Atem meinen, der Unglückliche, welcher keine Zeit hat, habe wenigstens für sie noch Zeit die Fülle, sobald sie ihn mit ihren eigenen Anliegen belästigen. Das spricht sich so oft höchst anmutig in Briefen aus, welche ein allbekannt vielbeschäftigter Mann von wildfremden Menschen zu erhalten pflegt. Im Eingange heißt es da, man bitte sehr zu entschuldigen, daß man die Muße des Vielbeschäftigten auf »einen Augenblick« zu stören wage, man wisse wohl, daß er gar keine Muße habe, unerbetene Briefe zu beantworten, ja nur zu lesen, allein man bitte doch – – und nun kommt auf acht Seiten ein ganzes Dutzend Anfragen, die der Schreiber beantwortet wünscht. Und bleibt die Antwort aus, so wird er sehr böse auf den bekannten Unbekannten, der sich so »ungebildet« gegen ihn benommen hat. In ähnlicher Lage befand sich neuerdings Alfred Saß. Nachdem man ihn kaum gepriesen, daß er das Museum übernommen habe, tadelte man ihn jetzt, daß er's nicht wieder abgebe, nachdem man kaum gerühmt, daß er sich in das Chaos der Geschäfte seines Bruders gestürzt, sagten ihm jetzt Freunde und Fremde, das seien zu viele Aufgaben, er müsse einen Teil wieder abschütteln, wenn er nicht erliegen wolle, hinterdrein aber ersuchten sie ihn freundlichst, doch noch ein halbes Dutzend anderer Geschäfte in ihrem Interesse zu übernehmen. Es ging eine mächtige Bewegung durch die Bürgerschaft, daß man einem berühmten Frankenfelder ein Denkmal setze; – die Stadt hatte – unglaublich! – noch kein Denkmal. Man besaß einen prächtigen Platz dafür vor der Kleinkinderschule; aber man suchte den Mann, welchem das Denkmal gesetzt werden sollte. Die Stimmen waren hierüber sehr geteilt. Da forderte man Herrn Saß auf, den Entscheid zu geben und den berühmtesten Frankenfelder zu bezeichnen, dessen Kolossalbüste das gesuchte Denkmal für den vorhandenen Platz gäbe. Ein Pfarrer aus der Nachbarschaft, welcher Stimmen über die damals brennende Frage der Zivilehe sammelte, schrieb Herrn Saß bereits den dritten Brandbrief, daß er ihm seine Ansicht über die Zivilehe mitteile. Der Cäcilienverein wollte Rombergs »Lied von der Glocke« einstudieren. Er ersuchte Herrn Saß, daß er die Solopartie des »Meisters« übernehme und schickte ihm gleich die Noten ins Haus. Der Säckelwart des Vereins zur Unterstützung armer Wöchnerinnen war gestorben: man trug Herrn Saß wiederholt die Stelle an. Der Bach, welcher bekanntlich die Hauptstraße von Frankenfeld durchströmt, war überdeckt worden zur Freude aller Einwohner, deren Kinder fortan nicht mehr ins Wasser fallen konnten. Man wollte diese Freude nach dem Vorbilde von Marburg durch ein »Bachfest« verewigen, wie es in jener Stadt alle fünf Jahre drei Tage lang gefeiert wird, zum Gedächtnis der Ueberdeckung des Ketzerbachs. Die Mitbürger bestürmten Herrn Saß, der mit einem Marburger Professor befreundet war, diesen brieflich um genaue Auskunft zu bitten über das Bachfest. Und der arme Saß fand doch nicht einmal Zeit, alle seine drängenden Geschäftsbriefe zu schreiben! Es ist gewiß sehr erhebend, allgemein für den gescheitesten Mann einer Stadt zu gelten; allein dieser Ruhm kann dem Kleinstädter auch sehr verhängnisvoll werden. In einer großen Stadt gibt es so viel gescheite Leute und so viel Dummköpfe, die sich für gescheit halten, daß man gar nicht weiß, wer dort der Gescheiteste ist. Alfred Saß war nun aber neuerdings so gescheit geworden, daß er all jene lockenden Anträge ablehnte und die müßigen Briefe unbeantwortet ließ. Nur in einem einzigen Falle gab er nach, und zwar aus ganz eigenartigen Gründen. Eines Tages besuchte ihn der Bürgermeister und bat ihn inständig, sich an die Spitze eines neu zu gründenden Vereins zu stellen. Es handle sich um eine scheinbar kleine und dennoch hochwichtige Sache: – um die Schaffung einer einheitlichen Mittagessensstunde für ganz Deutschland. Welcher Ruhm für Frankenfeld, wenn diese nationale Bewegung von hier ausgehe! Die einheitliche Mittagessensstunde werde segensreich für unser soziales wie für unser nationales Leben sein, sie werde die Stände einigen wie die Staaten und sei jetzt schon besonders lebhaft von allen Handlungsreisenden gefordert. Saß bat sich Bedenkzeit aus. Als der Bürgermeister gegangen war, mußte er jedoch herzlich darüber lachen, daß er, der gar keine Zeit mehr hatte, sich nun noch eine neue Art derselben – »Bedenkzeit« – erbeten habe. Allein er ward bald sehr ernsthaft gestimmt. Bis vor kurzem war er völlig zeitlos gewesen und hatte darum Zeit für Alles, ohne an die Zeit zu denken. In seinem eigenen Hause hatte er's niemals zu einer einheitlichen Mittagessensstunde gebracht, und jetzt sollte er sie für ganz Deutschland begründen helfen. Und doch war er hierfür vielleicht der rechte Mann. Seit dem Tode seines Bruders hatte er arbeiten gelernt, und während er vordem nur darauf gesonnen, wie er sich im feinsten Lebensgenusse die Zeit vertreibe, suchte er jetzt die fliehende Zeit zu haschen und festzubannen. Erst widerstrebend, dann immer williger war er zu einer geregelten Zeiteinteilung gekommen. Ein jeder Tag hat seine Plage, aber die Plage wird zuletzt zur Lust, wenn wir auch jeder Stunde ihre besondere Plage geben. Nun ist das Mittagessen zwar keine Plage, allein Alfred Saß fühlte sich doch wie ein Sieger über Zeit und Plage, wenn er jetzt Tag für Tag Punkt ein Uhr zu Mittag aß. Neubekehrte dünken sich am berufensten, die Welt zu bekehren. Also fand unser Freund am späten Abend noch ein paar Minuten Zeit, um dem Bürgermeister zu schreiben, daß er in den Verein für eine einheitliche deutsche Mittagessensstunde eintreten und, wenn das Vertrauen seiner Mitbürger ihn dazu berufe, sogar die Organisation und Führung desselben übernehmen wollte. Seltsamerweise mußte er wieder an Hermine Aweling denken, als er den Brief zusammenfaltete. War sie, die Flüchtige, Unstete nicht noch zeitloser als er selber es gewesen? Würde sie Freude an ihm haben, wenn sie sein jetziges geplagtes Leben sähe, wie er ordnete, sparte, wie er mit der Zeit rang, – sie, die Geld und Zeit zu verachten schien, wie nur wenige Sterbliche, weil sie Beides immer in Fülle hatte? Am Ende konnte er sie gar noch bekehren. Aber nein! Die Freiheit ihres Lebens war die Poesie, welche ihr Haupt umstrahlte. Bei diesen Gedanken lächelte Alfred Saß melancholisch in sich hinein. Was ging ihn denn die rätselhafte Unbekannte an, welche ja doch nur als Traumbild seiner eigenen Einbildungskraft so leibhaftig vor ihm stand? Er wußte so wenig von ihr; er wußte nicht einmal, ob sie etwas von ihm wissen wolle. Täglich suchte er das Luftgebilde zu verscheuchen und täglich trat es ihm wieder nahe und näher. Viertes Kapitel. Wetterleuchten. Eines schönen Morgens brütete Saß eben über der Aufgabe, wie ein ganzer Berg von Rechnungen zu bezahlen sei, die sich im Nachlasse seines seligen Bruders gefunden hatten, als ihn sein Neffe Friedrich, der Gymnasiast, mit einem Briefe des Professors Capelius überraschte, welcher mitteilte, daß der Junge für heute Hausarrest erhalten, weil er einen Mitschüler geohrfeigt habe – glücklicherweise unter mildernden Umständen. Auf Befragen gestand der Bestrafte, daß er in der That seinem besten Freunde eine Ohrfeige gegeben und nur bedauere, daß er nicht noch elf weitere hinzugefügt habe, dann seien es gerade ein Dutzend gewesen. »Der Freund,« so fuhr er fort, »erzählt der halben Klasse unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, du werdest nächstens Bankerott machen, das ganze Vermögen unseres Vaters sei so gut wie verkracht und werde das deinige in den Krach nachreißen. Als ich dies von ungefähr hörte, habe ich den Freund sofort durch die kräftigste Ohrfeige eines Bessern belehrt.« Der Oheim verwies dem Neffen sehr streng sein Verfahren und sagte ihm, daß ein deutscher Mann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Ohrfeige mehr geben solle, – hatte aber doch seine stille Freude über den thatkräftigen Familiensinn des Jungen. Als Saß wieder allein war, geriet er in hellen Zorn über den Stadtklatsch und hätte selber gleich die halbe Stadt Frankenfeld ohrfeigen mögen. Also soweit war es gekommen, daß man bereits auf den Schulbänken von seiner mißlichen Geschäftslage sprach! Das Gerücht übertrieb ja wie gewöhnlich. Und doch ist in solchen Fällen auch die bloße Sage, welche durch die Luft schwirrt, an sich schon eine schwer schädigende Thatsache, selbst wenn sie bare Lüge wäre. Die bisherige Hoffnungsfreudigkeit des geplagten, so redlich bemühten Mannes machte der trübsten Auffassung Platz. Ganz besonders aber ärgerte er sich über seine Mitbürger, welche von ihm jedwede Gefälligkeit erbaten, ihm selber dagegen nur die Gefälligkeit erwiesen, daß sie ihn vor der Zeit bankerott sagten. Saß kannte die Menschen noch sehr wenig. Es wäre ja gewiß interessant gewesen, wenn Herr Saß den Meister in Rombergs Glocke gesungen, wenn er das Marburger Bachfest nach Frankenfeld verpflanzt, wenn er einen berühmten Mann für den schönen Denkmalsplatz gefunden und sich der armen Wöchnerinnen und der einheitlichen deutschen Mittagessensstunde angenommen hätte, aber ein weit spannenderes und unterhaltenderes Schauspiel würde doch der Sturz des Herrn Saß und der Zusammenbruch seines ganzen Hauses gewesen sein. Nicht für alle Frankenfelder, aber doch für manche. Alfred Saß war aber fest entschlossen, dieses Schauspiel nicht zu geben. Sein Geschäftseifer wuchs Tag für Tag, seine Spannkraft steigerte sich in dem Maße, als die Lage schwieriger wurde. Er schien fast nur mehr an Geld und Gut zu denken; allein er dachte doch auch noch an etwas Anderes: – an das Museum im Haderturm. Er kannte dieses zwar immer noch nicht; dafür hatte er neuerdings wenigstens den Turm kennengelernt, und in Gedanken richtete er sich nun ein in dessen Gemächern. Der Haderturm besaß im ersten und zweiten Stock je zwei größere Stuben, eine Kammer und einen Vorplatz, im dritten Stock nur zwei brauchbare Kämmerchen. Alle diese Räume waren jedoch ganz wüst und öde mit grob gezimmerten Thüren und roh getünchten Wänden. Sie mußten schön und stilvoll hergerichtet werden, bevor man die Sammlungen würdig darin aufstellen konnte. Saß war bald mit einem Plane fertig, dessen Ausfeilung mit seinen Comptoirarbeiten in wunderlicher Kreuzung sich verwob. Wir versuchen ein Bild dieses Gewebes zu geben. Alfred Saß dachte also: Ins erste Turmgeschoß muß der Beschauer durch ein Portal des spätromanischen Stiles treten, – natürlich; denn das romanische Rauchgefäß wird ja dort aufgestellt; – – die Aktienziegelei, für welche der Bruder große Summen gezeichnet hatte, droht im Entstehen zu Grunde zu gehen; – – – auch Decken und Wände des ersten Stockes sind romanisch zu ornamentieren; – wenn sich unter den hinterlassenen Staats- und Industriepapieren des Seligen nur nicht gar so viele unheilbar »Kranke« befänden! – – – – die Ausgangsthüre des ersten Stockes wird gotisch, gleichwie die Gotik ans dem Romanismus erwachsen ist;– das Oekonomiegut Fliegenhof, welches Bruder Otto vor zehn Jahren teuer kaufte, warf nach der letzten Jahresbilanz kaum mehr ein Prozent Rente ab; – – – den Eingang zum zweiten Stockwerk muß ein reiches Renaissanceportal bilden, schon im Hinblick auf die Schnupftabaksdose des Prinzen Eugen; – der »Hephästos« leidet unter Mangel an Aufträgen, unter übermäßigen Betriebskosten, ungeregelter Verwaltung, Unfrieden der Arbeiter und einigem Anderem; – – – – die zwei Kammern des obersten Geschosses sind im Ornament durchaus modern zu halten; sie sollen »Vermischtes« und Kuriositäten bergen, welche anderswo schlechterdings nicht unterzubringen sind (und über deren Bestand Herr Saß einiges vom Hörensagen wußte), wie eine Folterbank, ein Klavier, eine Nürnberger Puppenküche, einen Giftschrank mit staats- und sittengefährlichen Bildern und Büchern und mehr dergleichen; – – die Passiva waren sehr ansehnlich und berechneten sich in impertinent genauen Ziffern, die Aktiva konnten vorerst nur mehr geschätzt als berechnet werden. In solchem Reigentanz mit bunter Reihe bewegten sich die Gedanken des Herrn Saß, wenn er überhaupt einmal Zeit fand, seine Gedanken tanzen zu lassen. Wer aber sollte die Kosten der stilvollen Ausstattung der Innenräume des Haderturmes tragen? Die Zinsen der von Herr von Rohda gestifteten Summe waren nur für die Erhaltung und Mehrung der Sammlungen bestimmt. Alfred war entschlossen, den ganzen architektonischen Schmuck auf eigene Kosten zu übernehmen, wie sich's für einen Ehrenbeamten ziemt. Und würde ihm nicht huldvoller Beifall Herminens zu teil werden, wenn sie im nächsten Frühjahr das Ganze so künstlerisch schön durch ihn vollendet sähe? »Das Wetter kühlt sich ab«: so sagt der Bauer, wenn es am dunklen Abendhimmel in weiter Ferne wetterleuchtet, und er fürchtet kein Gewitter mehr für die kommende Nacht. Doch geschieht es nicht immer so. Das Wetterleuchten kann ebensogut das Herannahen der drohenden Gefahr verkünden wie das Verschwinden derselben. Dachte Alfred Saß an sein Museum, so war es ihm, als kühle das Wetter sich ab; dachte er an die Geschäfte seines Hauses, so glaubte er schon den nah und näher kommenden Donner zu hören, der aus dem Wetterleuchten hervorwuchs. Es war höchste Zeit für ihn, das Museum in aller Form zu übernehmen. Er hatte es verachtet, als er's noch nicht kannte; jetzt kannte er es zwar immer noch nicht und doch fesselte es ihn mit dunkler, magischer Gewalt, ja er fand einen Trost darin, von dem Museum zu träumen. Rasch faßte er seinen Entschluß: er wollte für die nächsten Tage alles Uebrige beiseite setzen; er ging zum Bürgermeister und forderte ihn auf, Bevollmächtigte für die Aufzeichnung und Uebernahme der Sammlungsgegenstände zu ernennen und Fräulein von Rohda zu melden, zu welcher Zeit und Stunde die Uebernahme beginnen solle. Denn es befand sich ja noch alles in dem freiherrlichen Hause. Fünftes Kapitel. Die Uebernahme. Am 10. Oktober punkt acht Uhr vormittags hatte sich Alfred Saß mit dem Bürgermeister, dem Ratschreiber und dem Ratsdiener im Rohdaschen Hause eingefunden, um von Fräulein Amalie die Sammlungen ihres verstorbenen Bruders zu übernehmen. Trotz raschester Arbeit brauchte man dazu doch zwei Tage. Die Uebernahme und Auszeichnung von tausend Gegenständen verschiedenster Art ist gewiß ein trockenes und auf die Dauer langweiliges Geschäft. Aber Alfred Saß war ein Gefühlsmensch, welchen die Phantasie fortwährend über die nüchterne Gegenwart hinwegtrug. Solchen Menschen bietet die Außenwelt nichts Langweiliges, solange sie sich selber haben. Gehobenen Sinnen hatte er in der Morgenfrühe den kurzen Weg von seinem Hause zu dem Rohdaschen Besitztume zurückgelegt, glücklich in dem Gedanken, daß er jetzt für volle zwei Tage nur eine einzige Aufgabe habe. Er kam sich heute vor wie ein Schuljunge am ersten Ferientage, freilich ungleich jenem, nicht weil er heute und morgen nichts, sondern weil er wohl viel, aber nur einerlei zu thun hatte und mit gutem Gewissen alles übrige vergessen durfte. Dazu entzückte ihn der Friede des Weges. Nachdem er die nächste kurze Straße durchschritten hatte, kam er ins Freie, in eine stattliche Allee alter Linden, deren herbstliche Belaubung so wonnig wehmütig zum Gemüte sprach. Es ist ein unschätzbarer Vorzug kleiner Städte, daß man nach allen Seiten so geschwind wieder hinauskommt. Während wir in der Großstadt ein Häusermeer durchschreiten müssen, um zuletzt, scheinbar in die freie Natur gelangt, doch immer wieder ungezählten Menschen zu begegnen und also doch nicht finden, wonach sich unser Herz sehnt – Stille und Einsamkeit –, fand Saß beides schon nach wenigen Schritten, und er verglich diese tiefe Ruhe ringsum mit dem sinnverwirrenden Getümmel vor den Thoren der Großstadt und war glücklich über die beneidenswerten Vorzüge seines Frankenfeld. In dem dicht verwachsenen Parke angelangt, welcher das Rohdasche Hans umgab, fand Saß dort bereits die drei Männer vom Rate auf der Steinbank unter der großen Eiche, nahe dem Portal mit dem historischen Thürklopfer, aus welchem das Haus erwachsen war. Sie traten ein, wurden von Amalie freundlich begrüßt und machten sich sofort an die Arbeit, die nicht leicht war. Denn der verstorbene Besitzer hatte ja seine Altertümer zugleich als Hausrat benützt; systematisch geordnet waren sie also durchaus nicht; noch weniger war ein Katalog vorhanden. Wenn Freunde dem Freiherrn geraten hatten, doch einen solchen anfertigen zu lassen, so antwortete er allemal: »Ich kenne jedes Stück so genau, daß ich's im Dunkeln finden kann; wozu bedarf ich da noch eines Katalogs?« Man mußte jetzt also einen solchen in aller Geschwindigkeit verfassen und verfuhr dabei folgendergestalt: der Ratsdiener trug die Gegenstände zusammen, der Bürgermeister und Herr Saß »bestimmten« sie und diktierten ihre Angaben dem Ratschreiber, und der Ratsdiener klebte schließlich die Nummern auf. Amalie aber stand beiseite, die Niederschrift bestätigend, öfters kritisch berichtigend. Denn es kam vor, daß der Bürgermeister einen schön geschnitzten Tabaksreiber aus dem siebzehnten Jahrhundert für ein gotisches Kirchengeräte hielt oder den elfenbeinernen Buckelkratzer einer vornehmen Dame aus dem achtzehnten für ein antikes Zepter. Schade, daß Oberst Sickenwolf nicht zugegen war! Es war reizend zu beobachten, wie bescheiden und anmutig Amalie, die Alles wußte und der einzige Kenner in der Gesellschaft war, ihre Berichtigungen einfließen ließ ohne den mindesten Schein eines lehrhaften und überlegenen Wesens. Und wenn dabei mitunter ein leises Lächeln ihren Mund umzog, so erschien sie nur um so liebenswürdiger. Saß, der doch die Altertümer recht genau ins Auge fassen wollte, hatte bald nur noch ein Auge für Amalien. Sie stand im Schatten, und das Zimmer war ohnedies etwas dunkel, so daß Gestalt und Züge nur dämmerig hervortraten. Zu ihrem Trauergewand gesellte sich tief schwarzes Haar, welches trotz ihrer fünfzig Jahre noch immer reiche Fülle zeigte. Das bleiche, magere Gesicht hob sich wunderbar anziehend von dieser Umrahmung. Aber Saß sah nicht bloß dies geisterhafte Wesen, sondern ihr zur Seite zugleich die junonische Gestalt ihrer Freundin Hermine, hell beleuchtet wie von einem Rembrandtschen Lichtstrahl, der von oben in das dunkle Zimmer fiel, in farbenglänzendem und doch geschmackvoll feinem Kleide, das blühende, jugendfrische Antlitz von schneeweißen Locken umflossen. Die Vision Herminens hatte volles Leben, und Amalie, die lebendig gegenwärtige, erschien wie eine Vision. Man konnte sich kein reizender verwirrendes Gegenspiel denken. Da wurde Saß aus seinem wachen Traume durch das schallende Lachen der inventarisierenden Genossen aufgeweckt. Der Ratsdiener hatte fünf altmodische Kopfbedeckungen herbeigebracht, deren seltsame Formen die Heiterkeit der Uebrigen erregten. An jedem Stück war ein Zettel mit Aufschrift befestigt. Kaspar Zuckmeyer las mit Stentorstimme: »Nordamerikanischer Freiheitshut, 1776; – Jakobinermütze, 1792; – Burschenschaftsbarett, 1817; – Hambacherhut, 1832; – Heckerhut, 1848!« »Welche demagogische Narrenschädel mögen unter diesen Hüten und Mützen gesteckt haben!« rief der Bürgermeister. Da trat Amalie einen Schritt vor und sagte sanft, doch entschieden: »Ich bitte wenigstens das schwarze Samtbarett, geschmückt mit dem Nachbild des Eisernen Kreuzes auszunehmen von Ihrer Bemerkung, Herr Bürgermeister. Mein seliger Bruder trug dieses Barett am 18. Oktober 1817 beim Wartburgsfeste. Damals als neunzehnjähriger Jüngling glühte er schon ebenso leidenschaftlich für deutschen Geist, deutsche Sitte, Deutschlands Macht und Ehre, wie später als Mann und Greis. Er mußte es eine Zeitlang bitter büßen, daß er an jenem Tage dem schwarzrotgoldenen Banner beim Zuge auf die Wartburg gefolgt war. Später übte er – still und verschlossen – eine werkthätige Vaterlandsliebe und sprach selten mehr ein politisches Wort. Aber wenn er ein solches sprach, dann sprühte Feuer aus seinen Augen, und der Macht seiner Rede konnten Wenige widerstehn.« Alfred Saß sprang auf und ergriff Amaliens Hand und rief, das Barett mit der Linken emporhebend: »Fürwahr, dies ist eine heilige Reliquie! Ich stand ja Ihrem Bruder fern. Dennoch hat er mir einmal eine zornglühende politische Strafrede gehalten, nach welcher ich mich anfangs furchtbar ärgerte; hintendrein aber ärgerte ich mich über mich selbst und gab ihm recht und hätte ihn gern um seine Freundschaft gebeten. Allein der alte Herr ist immer unnahbar gewesen. »Es war im Jahre 1857. Wir begegneten uns zufällig, das Gespräch kam auf vergangene Tage, auf die vormärzliche Zeit, und ich ergoß mich in einen Strom landläufiger Phrasen über die elenden deutschen Zustände von dazumal, und wie wir Deutsche so übermäßig demütig gewesen und uns vor dem Auslande gebeugt und gar nicht gewußt hätten, was für prächtige Kerle wir seien. Mit Einem Schlage sei das anders geworden in den achtundvierziger Märztagen. »Da maß mich der alte Rohda mit großen Augen von oben herunter und fragte: ›Wie alt waren Sie, junger Herr, in der vormärzlichen Zeit?‹ »Ich erwiderte: ›Beim Beginn derselben war ich noch gar nicht auf der Welt und beim Schlusse derselben zählte ich vierzehn Jahre.‹ »›Nun gut!‹ rief der Alte. ›Wir glauben immer, unser Volk sei erst dann gescheit geworden, als wir selber gescheit zu werden anfingen. Und je mehr wir das Gute der jüngsten Vergangenheit herabdrücken und das Schlimme herausstreichen, für desto gescheiter halten wir uns. Hätten Sie die Julirevolution mit zweiundzwanzig Jahren erlebt und die Februarrevolution mit vierzig, dann würden Sie anders reden als vorhin. Dankbaren Sinnes würden Sie sich erinnern, wie stolz in jener, jetzt vielgeschmähten vormärzlichen Zeit die reifere deutsche Jugend auf den mählich aufkeimenden Freiheitsgeist unsres Volkes war, mochte sich derselbe in einem noch sehr jugendlichen parlamentarischen Leben aussprechen oder in einem schöngeistigen Schrifttum, welches verblümt und doch recht deutlich zu reden begann, als die politische Presse noch schweigen mußte. Wir seufzten unter dem Drucke einer schnüffelnden Polizei, die jedes freie Wort verfemte und hoben doch den Nacken stolz empor, weil wir wußten, daß die wahre Freiheit reiner von dem tiefgründigen deutschen Geiste erfaßt und zuletzt auch voller verwirklicht werde als von dem Flackergeiste der Franzosen trotz ihrer Revolution und ihres Bürgerkönigs. Wir hatten wohl auch unsern Spaß mit der Zensur: mit ihr ist eine große Quelle von Plackereien, aber auch ein reicher Born der Satire und des Witzes verloren gegangen. Das zeigt uns die Lektüre Heines und Börnes. Allein wir schwärmten nicht mit Beiden für die Franzosen, sondern mit Arndt und Jahn für das Deutschtum. Dafür nannte man uns Romantiker und wir ließen uns diesen Namen gern gefallen: die Jugend, welcher die Gegenwart gehört, ist immer romantisch. Ueber unsere Staatenlenker mußten wir klagen, als das Deutsche Reich, welches wir mit so viel teuerem Blute erkämpft zu haben glaubten, in die Bundesnacht des Bundestages versank; aber wir verzweifelten nicht an der Nation, die so dichterisch erhaben in unsern Jünglingstagen wieder erstanden war, daß wir sie auch in der Gegenwart nicht arm und klein denken konnten. Wir hatten den Krieg erlebt und freuten uns des Friedens. Das Alles war vormärzlich. So gar demütig, gedrückt und kleinlaut waren wir nicht, wie Sie meinen, junger Mann! Im Gegenteil: wir sind oft recht übermütig gewesen; wir unterschätzten die Franzosen und Engländer, weil wir sie viel zu wenig kannten und verstanden. Wir dachten, so sinnig und poesievoll in seinen Sitten sei doch kein anderes Volk gleich dem deutschen, wir priesen unsern altväterlich gediegenen Bauernstand und unser ehrsames Kleinbürgertum und lachten über den aufglimmenden Pariser Kommunismus und Sozialismus als eine wälsche Narrheit. Daß die Deutschen auf dem Weltmarkte des Handels und der Industrie zurückstanden gegen andere Völker, dünkte uns kein großes Unglück: standen sie dafür doch um so viel höher im Wettkampfe des Geistesschaffens! Wir hatten einen Kant und Fichte und Hegel, – wo waren in der Neuzeit auswärts solche Philosophen? einen Schiller und Goethe – konnten sich unsere Nachbarn seit hundert Jahren ebenbürtiger Dichter rühmen?, – besaßen sie Tonkünstler, die sich mit Haydn, Mozart und Beethoven messen durften? – oder einen Maler wie unsern Cornelius? So dachten wir damals. Studieren Sie die vormärzliche Zeit, junger Herr! bevor Sie abschätzig über dieselbe zu reden wagen. Wir sollen uns dankbar der Gegenwart freuen und hochhalten, was sie uns Herrliches bietet. Ist es aber dazu nötig, daß wir undankbar und ungerecht gegen unsere jüngste Vergangenheit sind, wie es jetzt Mode ist und vermutlich immer Mode war?‹« Saß hielt inne. »Sie haben die Gedanken meines Bruders wunderbar treu bewahrt und zwischendurch sogar den Wortlaut seiner Schlagsätze,« nahm Amalie das Wort nach langer Pause. »Die selbst erlebte Vergangenheit blieb dem Verklärten unmittelbare Gegenwart; darum war die Zeit, in welcher er weiterlebte, doch immer seine Zeit, die er liebte wie er der Vergangenheit gerecht wurde und auf die Zukunst hoffte. Niemals verzweifelte er an seinem Volke. Ihm war die ganze neuere Geschichte Deutschlands eine Geschichte der inneren Erhebung unseres Volkes trotz wiederholt hereingebrochenen äußeren Verfalls. Und die aus dem Innersten erkämpfte äußere Macht wird noch ungeahnt siegreich wachsen und dauern. »Wissen Sie wohl, Herr Saß, daß auch solche Gedanken es waren, die meinen Bruder für sein Museum begeisterten? Man hielt ihn für einen jener Sammler, die sich mit kindlicher Freude in den Genuß ihrer kleinen Schätze einspinnen und nach dem Erwerb des Seltenen und Seltsamen rastlos weiterjagen und ihre Funde beliebäugelu und über dieser ihrer kleinen Welt die ganze große Welt vergessen. Man kannte meinen Bruder schlecht, wenn man seinen Sammeleifer bloß für solch eine Spielerei gehalten hat. Er lebte allerdings im trauten, beglückenden Verkehr mit der kleinen Welt seiner Altertümer: aber nur, weil ihm dieselben beredte Urkunden des Kämpfens und Strebens, des Arbeitens und Genießens dahingegangener Geschlechter waren. So verkehrte er, scheinbar ein weltentfremdeter Einsiedler, unablässig mit seinem Volke in dessen Geschichte und Gegenwart, wobei ihm das Neue aus dem Alten erwuchs; denn das Leben der Völker wie des Einzelmenschen stellt niemals einen ruhenden Zustand dar, sondern ein stetes Werden und Vergehen, und das jüngste Geschlecht soll den vorangegangenen neidlos und dankbar die Hand reichen. Wenn mein Bruder so recht liebevoll hegte und rettete, was unsern längst heimgegangenen Vorfahren teuer gewesen, dann sprach er gar manchmal das Wort: › Ein Kind, das seinen Vater nicht ehrt, darf auch nicht hoffen, von seinen Kindern geehrt zu werden. ‹« »Das ist ein tief wahres Wort!« rief Saß. »Mir blitzt ein Gedanke auf: Ich will diesen Spruch über die Eingangsthüre des Museums im Haderturme setzen lassen.« Amalie nickte ihm freundlich zu. Der Bürgermeister aber bemerkte, es sei jetzt Zeit, die Sitzung aufzuheben und zum Essen zu gehen. Saß blieb noch eine Weile in dem stillen Raum zurück, als sich die Andern entfernten. Die schweigsame Amalie hatte ihm plötzlich wie ein Mann gesprochen, indes er von den Andern während des ganzen Tages nur Weibergeschwätz gehört, und er fühlte sich selber als ein Mann. Das Museum erschien ihm in einem ganz neuen Lichte. War es dem Herrn von Rohda wirklich nur aus dem Thürklopfer erwachsen? und wollte er – Alfred Saß – es denn wirklich nur aus der Schnupftabaksdose des Prinzen Eugen neu erblühen lassen? Nein! Es erwuchs dem alten Herrn aus einem großen Gedanken, und aus demselben großen Gedanken wollte er es nun weiterbilden. Es ist doch schön, wenn ein Museumsdirektor auch einmal einen Gedanken für sein Museum findet, und es dünkte Saß, als sei er seit dieser Stunde erst ein wirklicher Museumsdirektor geworden. Sechstes Kapitel. Vom Nordkap nach Athen. Am Abend des ersten Inventarisationstages hatte Herr Saß ein volles Recht, müde zu sein. Er war es aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Er fühlte sich so aufgeweckt, so aufgeregt, daß er bis nach Mitternacht bald am Schreibtische saß, bald mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. Und als ihn endlich der Schlaf übermannte, da lagen die zwei Briefe an Hermine Aweling, das kleine amtliche Dankschreiben im großen Format und der große persönliche Begleitbrief in kleinem Format, die ihm so lange nicht gelungen waren, vollendet vor ihm. Als er die Briefe überlas, dünkten ihm beide vortrefflich. Es fehlte nur die Adresse, – weil er sie selbst nicht wußte. Das Gespräch mit Amalien, obgleich von ganz andern Dingen handelnd, hatte ihn begeistert, hatte ihm die Zunge gelöst. Er fühlte sich gehoben, indem er Ideale ausgesprochen und aussprechen gehört hatte. Das Gemüt entzündet sich am Gemüte. In der letzten Zeit beständig von nüchternen Dingen und nüchternen Menschen umgeben, erfrischte er sich jetzt wieder doppelt in der Berührung mit einem durchgeistigten Wesen, und während er plötzlich ein Herz für Amalien gewann, faßte er sich auch ein Herz, recht warm an Hermine zu schreiben. Der zweite und letzte Tag der Inventarisation fand Alfred Saß womöglich noch zerstreuter bei dem lästigen Geschäfte als der erste. Seine Gedanken waren bald bei Amalien, bald bei Herminen und niemals bei den Altertümern. Als man endlich in später Stunde zum Schluß der Aufnahme gekommen war und das Protokoll unterzeichnet hatte, entfernte sich der Bürgermeister mit seinen Leuten. Saß wollte Amalien noch um einen Augenblick Gehör bitten wegen der Adresse der zwei Briefe, die er gestern abend fertig gebracht, als ihm zu seinem Staunen Amalie zuvorkam und ihn vielmehr um Gehör bat, da sie ihm ein Schriftstück einzuhändigen habe. Von wem sollte dasselbe sein? ohne Zweifel von Hermine, so dachte Saß im Augenblick und wurde ganz rot. Allein er erwachte rasch wie aus einem schönen Traume, als Amalie folgendermaßen begann: »Das Verzeichnis unserer Sammlung, welches der Herr Bürgermeister gestern und heute aufgenommen hat, taugt vom Anfang bis zum Ende gar nichts und ist eigentlich nur eine Urkunde der Unwissenheit unsers hohen Gemeindehauptes. Sie werden ein ganz neues anfertigen müssen, und das wird Ihnen viele Arbeit machen. Ich kann Ihnen dazu eine kleine Hilfe bieten. Diese engbeschriebenen Bogen sind mein Eigentum: ich stelle sie Ihnen zur Verfügung. Wie mein seliger Bruder keinen Katalog seiner Altertümer niederschrieb, weil er denselben vollständig im Kopf hatte, so zeichnete er auch nichts aus über Herkunft, Preis, Geschichte und Deutung einzelner Stücke. Und dies sollten Sie, Herr Saß, doch jetzt wissen, wenn Sie der richtige Museumsdirektor sein wollen. Da ich aber das ganze Erwachsen der Sammlung miterlebt habe, so schrieb ich mir lediglich zu meinem Privatvergnügen allezeit pünktlich auf, was ich über die neuerworbenen Gegenstände erfuhr. Die Bogen, welche ich Ihnen hier übergebe, enthalten ein geheimes aber gewissenhaftes Tagebuch der Geschichte des Museums. Ich nenne es geheim; denn ich habe mitunter meine persönlichen Bemerkungen hingeworfen, welche andere Leute nichts angehen. Auch ist ein paarmal auf Familiengeschichtliches aus unserer Stadt Bezug genommen, was nicht an die große Glocke gehängt werden darf. Ich setze darum voraus, mein Herr, daß Sie bei Benützung meiner Notizen mit derselben Zartheit verfahren, die auch ich immer beobachtet habe. Sollten Sie vollends, was ja notwendig werden wird, einen Katalog für den Druck verfassen, so behalte ich mir in Betreff meiner persönlichen Randglossen ein letztes Wort der Zensur vor. Und weibliche Zensoren,« so schloß sie lächelnd, »sind in solchen Sachen vielleicht strenger als männliche.« Saß sprach seinen Dank über die schätzbare Gabe etwas kalt und förmlich aus; er hatte nur zerstreut zugehört; seine Gedanken waren ganz wo anders als bei dem Museum. Beide schwiegen eine Weile. Dann faßte Saß endlich Mut und bat Amalien etwas verlegen und mit leise zitternder Stimme um die gegenwärtige Adresse von Fräulein Hermine Aweling. Er fügte dann schnell hinzu, wie wenn die Bitte einer besonderen Rechtfertigung bedürfe: »Ich halte mich nämlich verpflichtet, nunmehr nach erfolgter Uebernahme des Museums ein amtliches Dankschreiben an die Dame zu richten, welche durch die ersten Geschenke die neue Aera der Anstalt so schön eröffnet und Andern ein so nachahmenswertes Beispiel gegeben hat.« Von dem persönlichen Begleitbrief sagte er nichts. »Fräulein Aweling,« antwortete Amalie, »befindet sich gegenwärtig in Athen und bleibt noch vier Wochen dort. Ich will Ihnen sogleich die Adresse aufschreiben.« »In Athen!« rief Saß erstaunt. »Ich dachte sie am Nordkap oder in Finnland!« »Fürs Nordkap wäre die Jahreszeit doch wohl schon zu spät,« erwiderte Amalie. »Meine Freundin hat ihren Reiseplan völlig geändert. Wir berieten ihn gemeinsam, als sie nach ihrem Weggang von hier noch während des ganzen Monats Juni in tiefster Zurückgezogenheit in Groß-Runenstein lebte. Ich besuchte sie dort fast täglich. Es ist ein wunderbar einsames Städtchen; man kann in Paris und London nicht weltvergessener leben als dort. Frankenfeld hat seine einsamen Wälder, aber Groß-Runenstein ist selbst wie der einsamste Wald und wenn wir zu gewissen Nachmittagsstunden durch die Hauptstraßen gingen, wunderten wir uns, daß wir keinem Reh oder einem paar Hasen begegneten.« »In Groß-Runenstein!« rief Saß, starr vor Verwunderung. »Zwei Stunden Wegs von hier! Dann hätte ich ihr ja dort meinen amtlichen Dank persönlich aussprechen können!« »Ich glaube kaum,« meinte Amalie. »Die Freundin nahm durchaus keine Besuche an.« Saß schwieg lange. Er hatte in seinem zweiten Brief die feinsten Beziehungen auf die Polarzone, namentlich auf die Mitternachtssonne am Nordkap angebracht und nun traf sein Brief das Mädchen aus der Fremde in Hellas. Er beschloß ihn zu zerreißen. Während des Juni hatte er die Dame schon in fernster Ferne geglaubt und nun war sie wochenlang ganz nahe geblieben! Mit Geschick und Ausdauer würde es ihm sicher gelungen sein, sie in Groß-Runenstein zu sehen, zu sprechen – und er hatte keine Ahnung von ihrer Gegenwart! Amalie fuhr endlich fort: »Sie werden den Reiseplan meiner Freundin ganz reizend finden. Hermine will zuerst Griechenland besuchen, dann Palästina, Syrien, Kleinasien; – Athen, Jerusalem und Konstantinopel sollen längerem Aufenthalte gewidmet sein; dann geht die Reise – –« »Ihre Freundin ist gewiß ein liebenswürdiges, aber auch ein entsetzlich unstetes Wesen –« warf Saß dazwischen. »Unstet? Ja und nein!« entgegnete Amalie. »Sie kann thun, was sie will, und gerade diese Glücklichen sind oft unglücklich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Dies mag von Herminens unersättlichem Wandertriebe gelten. Aber sie kam zu demselben, weil sie ein so unbeugsam stetiger, ja, starrer Charakter ist. Weil allzustet, erscheint sie unstet.« »Ich verstehe Ihre Rätselsprache nicht,« bemerkte Saß. »Jedenfalls setzt dieser unersättliche Wandertrieb die treffliche Dame der Gefahr aus, in den Augen seßhafterer Menschen als eine Abenteuerin zu erscheinen.« »Eine Abenteuerin?« wiederholte Amalie. »Ich sehe nichts Abenteuerliches darin, wenn eine junge Frau, die reich mit Glücksgütern gesegnet ist, den Ueberschuß ihrer Mittel zu Reisen ganz nach ihrer Phantasie verwendet, auf welchen sie die Welt kennenlernt, und wobei sie doch noch immer beträchtliche Summen übrig behält, um insgeheim die großherzige Wohlthäterin vieler Bedrängten zu sein.« »Eine junge – Frau? « rief Saß erstaunt. »Ich habe Hermine Aweling bisher immer für ein nicht mehr ganz junges – Fräulein gehalten. Was ist denn dieses rätselhafte Wesen eigentlich? Frau oder Fräulein?« »Ja und Nein!« lautete wiederum die Antwort. »Sie hat ein Recht, sich so oder so zu nennen.« »Und heißt sie wirklich Aweling? Ich hatte schon lange meine Zweifel, ob dies ihr richtiger Name sei?« »Ja und Nein! Sie führt diesen Namen nicht unberechtigt, aber sie hätte auch das Recht, einen andern Namen zu führen.« »Vermutlich heißt sie auch nicht Hermine,« rief Saß immer aufgeregter. »Heißt sie etwa Parthenia oder Chriemhild, Olympia oder Gudrun, Iphigenie oder Sirona oder Armida?« »Nein! sie heißt ganz gewiß Hermine. Die Aermste hat nicht einmal einen zweiten Taufnamen dazu.« »Und ist eine weit vornehmere Dame als der bürgerliche Name anzeigt, den sie sich zu geben beliebt! etwa eine Gräfin, eine Prinzessin oder dergleichen,« fuhr Saß fort, dessen zornige Ueberraschung nachgerade in Spott umschlug. »Ja und Nein,« erwiderte Amalie schalkhaft. »Sie werden Fräulein Aweling in ihrem Wesen immer wahrhaft vornehm gefunden haben. Sie kann sogar fürstlich vornehm sein. Allein was kümmert Sie ihr Geburtsstand?« »Ich habe allerdings kein Recht, danach zu fragen,« antwortete Saß mit erzwungener Kälte. »Und doch möchte ich Sie bitten, verehrtes Fräulein, mir in drei Worten klar zu sagen, wer und was Fräulein Aweling eigentlich ist und nicht weiter ein Rätsel durch Rätselworte zu verdunkeln.« »In drei Worten kann ich dies nicht,« entgegnete Amalie, »und in mehr Worten darf ich die Geheimnisse meiner Freundin nicht verraten. Ist doch auch meine Kenntnis ihrer Persönlichkeit nur erst neu und unvollkommen. Bei unserm Verkehr in Groß-Runenstein – und er dauerte ja nur wenige Wochen – sprach sie sich zum erstenmal ganz offen gegen mich aus. Ach, es waren schöne, weihevolle Tage!« Amalie war zu keinem weiteren Worte über ihre Freundin zu bewegen. Saß verabschiedete sich, den leidenschaftlichen Sturm, welcher ihn durchtobte, mühsam zurückhaltend. Zu Hause kämpfte er lange mit sich, ob er seine beiden Briefe an Hermine zerreißen, ob er sie zum sechstenmal neu schreiben oder ob er ihr gar nicht schreiben solle. Die Vision, wie er sie gestern im Rohdaschen Hause hatte, wo die anwesende Amalie so geisterhaft und die abwesende Hermine so leibhaft vor seinem Auge stand, erschien ihm wieder. War nicht in Amalien der Genius der alten und in Herminen der Genius der neuen Zeit verkörpert? Höchst modern deuchte ihm wenigstens ein Fräulein, welches zugleich Frau war und von deren Ehemann man nirgends etwas sah oder hörte. Allein sie konnte ja auch Witwe oder geschieden sein. Das hätte Saß ums Leben gern gewußt. Nach langem Schwanken beschloß er, die beiden Briefe unverändert wie sie waren, zur Post zu geben, obgleich seine Anspielungen auf das eisige Nordland nun gar nicht mehr für das sonnendurchglühte Hellas paßten. Er hätte ja noch ein paar erläuternde Zeilen hinzufügen können. Allein er dachte: ist Fräulein Hermine so wunderlich, so paßt auch ein wunderlicher Briefwechsel für sie. Um Mitternacht trug unser Freund seine Briefe noch persönlich zum nächsten Postkasten, damit er am andern Morgen nicht neuerdings zu zweifeln beginne, was er eigentlich thun solle. Bei der Rückkehr fiel ihm erst ein, daß er das Manuskript Amaliens mit den kostbaren Notizen über die Altertümer mitzunehmen vergessen habe, ja er entsann sich nicht einmal, wohin er es gelegt, so zerstreut war er gewesen. Er beruhigte sich jedoch bald und dachte, die Aufzeichnungen würden sich morgen schon finden. Siebentes Kapitel. Der Ewige Jude. Sie fanden sich aber nicht. Der Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer war sehr neugierig. Er war gestern abend nach dem Weggang des Bürgermeisters unbemerkt zurückgekehrt und hatte das ganze Gespräch zwischen Saß und Amalien belauscht. Die Mitteilungen über Hermine Aweling interessierten ihn lebhaft, aber weit mehr noch hätte er zu erfahren gewünscht, welche geheimnisvolle Notizen denn eigentlich in Amaliens Tagebuch des Museums stünden. Als sich die Beiden entfernt hatten, schlich er aus seinem Verstecke hervor und nahm das Schriftstück von der Folterbank, die mit einigen andern Marterwerkzeugen in der hintersten Ecke stand. Saß hatte es in Gedanken dorthin gelegt neben einen Bündel merkwürdiger Kriminalakten. Zuckmeyer durchblätterte Amaliens Aufzeichnungen, fand aber nichts Besonderes und wollte die Papiere eben wieder liegen lassen, da entdeckte er beim letzten Blick seinen eigenen Namen in denselben. Erstaunt trat er ans Fenster und las mühselig im Dämmerscheine: »Faszikel II, Kriminalakten, enthält: 1. Geschäftstagebuch des Nürnberger Scharfrichters Wenzel Wolf, 1727, mit Angabe der wegen übermäßiger Konkurrenz herabgesetzten Preise für Köpfen, Hängen, Foltern, Handabhauen und Ohrenabschneiden. 2. Protokoll eines Hexenprozesses von 1650. 3. Untersuchung gegen Levi Meyer, alias Zuckmeyer, den Ewigen Juden, später genannt Christian Gottlieb Zuckmeyer aus Oppenheim 1734.« Zu vorstehender Inhaltsangabe hatte Amalie noch geschrieben: »Dieser Christian Gottlieb Zuckmeyer, welcher in seinen letzten Lebensjahren nach Frankenfeld übersiedelte, ist laut Ausweis unserer Kirchenbücher der Ururgroßvater des heute noch lebenden Ratsdieners Kaspar Zuckmeyer.« Unser Kaspar ließ entsetzt die Blätter fallen, als er diese historische Glosse las. Es hatte sich in seiner Familie die dunkle Kunde erhalten, daß auf der Abkunft der Zuckmeyer ein Geheimnis ruhe, daß einer ihrer Urahnen etwas ganz Besonderes gewesen sei – Frankenfeld war ja überhaupt ein Sammelplatz geheimnisvoller und sonderbarer Existenzen. Der Ratsdiener hatte sich zuletzt eingebildet, von einem sehr hohen Vorfahren abzustammen, etwa von dem Ritter und Edeln von Zuckmeyer, – und nun verwandelte sich der adelige Herr in den »Ewigen Juden«! Kaspar, der noch vor wenigen Minuten drei Gulden darum gegeben hätte, von dem geheimnisvollen Ahnherrn etwas Näheres zu erfahren, würde jetzt sechs Gulden darum gegeben haben, wenn er dieses Nähere niemals erfahren hätte. Er mußte der Sache auf den Grund sehen. Darum steckte er die Aufzeichnungen Amaliens in seine große Rocktasche, nahm den Untersuchungsakt gegen Levi Meyer aus dem Faszikel, dessen Rest er sorgfältig wieder verschnürte, und eilte mit den beiden verräterischen Papieren nach Hause. Es war also kein Wunder, daß Saß am andern Morgen das Schriftstück Amaliens nirgends finden konnte. Während er bis Mitternacht darüber gebrütet hatte, ob er seine beiden Briefe an Hermine abschicken solle oder nicht, brütete der Ratsdiener in seiner Turmstube noch viel länger über der Untersuchung gegen seinen geheimnisvollen Ahnherrn. Die Protokolle waren sehr umfangreich, flüchtig in veralteter Handschrift und mit verblaßter Tinte geschrieben. Allein das brennende Interesse an der Sache verlieh Kaspar Scharfblick und Geduld und ersetzte die ihm mangelnde Archivschule im Urkundenlesen. Brachte er auch Vieles verkehrt heraus und Anderes gar nicht, so gelang es ihm doch zuletzt, ein ziemlich getreues Bild von der Person seines Ahnherrn zu gewinnen und einen leidlichen Einblick in den Handel, welchen derselbe mit dem peinlichen Gericht gehabt hatte. Verschnaufte Kaspar auf Augenblicke von dem mühseligen Lesen, dann nahm er die düster brennende Oellampe, trat vor den Spiegel und betrachtete sich in demselben, was er sonst sehr selten zu thun pflegte. Er wollte nämlich wissen, ob er dem Steckbrief seines geheimnisvollen Vorfahren ähnlich sehe und ob seine Züge am Ende gar ebenso verräterisch seien wie die verdammten Akten. Die Nase war allerdings stark gekrümmt, die schwarzen Augenbrauen auf der Nasenwurzel zusammengewachsen (was man ein »Räzel« zu nennen pflegt), und die Ohren standen bedenklich weit ab. Im Uebrigen jedoch war Gesicht und Gestalt entschieden verchristlicht, wie es ja infolge der christlichen Vorfahren mütterlicherseits seit mehr als hundert Jahren nicht anders hatte geschehen können. Als Kaspar um zwei Uhr seine Lampe löschte und sich endlich schlafen legte, hatte er über den entsetzlichen Levi oder Christian im wesentlichen folgendes entziffert. Levi Meyer aus Oppenheim war seit seinen jungen Tagen ein wandernder Trödeljude gewesen. Als er aber zu Jahren kam, ging das Geschäft so schlecht, daß er hätte verhungern müssen, wenn er sich nicht statt des Handels auf den Bettel gelegt hätte, und dies gelang ihm um so leichter, weil sein Handel auch früher schon nur allzu oft ein Bettel gewesen war. Der neue Beruf aber lohnte sich so schlecht wie der alte. Da hörte Levi, daß man da und dort in deutschen Landen neuerdings den Ewigen Juden Ahasver gesehen habe, jenen Schuster aus Jerusalem, an dessen Haus der Heiland auf dem Weg nach Golgatha sich angelehnt hatte, um auszuruhen. Aber Ahasver stieß den Heiland hinweg, worauf dieser sprach: »Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen.« Und so muß der Ewige Jude wandern bis zum jüngsten Tag. Die deutschen Bauern sprachen aber mit Entsetzen und doch oft auch mit Mitleid von dem elenden Menschen, der nicht sterben könne und immer wandern müsse. Viele wollten ihn vor kurzem in Thüringen gesehen haben, und doch hatte ihn Keiner genau gesehen, ganz wie bei einem richtigen Gespenst. Levi Meyer war ein pfiffiger Kopf. Er beschloß dem Gespenste Fleisch und Bein zu geben und als der wahrhaftige Ewige Jude den dummen Bauern zu erscheinen. Mit Gewißheit hoffte er die reichen Früchte ihres Mitleids in seinen Schnappsack zu schieben und doch gesichert zu sein durch ihr Entsetzen. Also zog er aus den heimischen Rheingegenden, wo er bisher sein fahrendes Leben geführt hatte und nur allzubekannt war, nach Schwaben und Bayern, wo er noch nie gewesen, und spielte meisterlich Ahasver, den Ewigen Juden. Er hüllte sich in den alten Kaftan eines polnischen Glaubensgenossen und wand sich eine Art Turban um den Kopf. Ein bereits ergrauender großer Bart und seine langen Haare, die bis zu den Schultern niederfielen, kamen ihm dabei trefflich zu statten und mehr noch ein angeborenes Nervenzucken, welches von Zeit zu Zeit seine Gesichtsmuskeln erschreckend verzerrte, so daß man ihn schon in seiner Kindheit den »Zuckmeyer« genannt hatte. Es erging ihm anfangs schlecht. In Geislingen wollten ihn die Bauern totprügeln, um zu probieren, ob er wirklich nicht sterben könne. In Bopfingen brachte ihm ein Krämer seine zerrissenen Schuhe zum flicken. Ahasver erklärte, daß er seit 1700 Jahren das Schusterhandwerk nicht mehr getrieben und also verlernt habe. Der gescheite Schwabe aber fragte ihn dann, woher es komme, daß er, obgleich schon über 1700 Jahre alt, doch noch immer aussehe wie ein Fünfziger, worauf der Zuckmeyer unter grauenhaften Gesichtsverzerrungen stöhnend ausrief, dies sei ja gerade sein Fluch, daß er unverändert immer derselbe bleibe, wie an dem unseligen Tage, wo er den Heiland hinweggestoßen habe. Der Bopfinger aber rief: »Jetzt habe ich dich gefangen! Bist du ganz derselbe wie damals, so mußt du auch noch Schuhe flicken können wie damals, und wenn du das nicht mehr kannst, so bist du gar nicht der richtige Ewige Jude!« und erregte einen solchen Lärm im Städtchen, daß man den armen Teufel beinahe gesteinigt hätte. Anderswo flohen die Leute aus der grauseligen Nähe des Mannes, der sich so schwer an unserm Herrn Christus vergangen hatte, und er mußte hungernd weiterziehen. Doch das waren nur unangenehme Ausnahmen. In der Regel erreichte Levi seinen Zweck, besonders, nachdem er durch Mißgeschick gewitzigt, die rechten Leute aufzusuchen und die unrechten zu fliehen gelernt hatte. Er mied die Städte und großen Dörfer und sprach mit Vorliebe in vereinzelten Gehöften und Weilern ein. Am erwünschtesten war es ihm, wenn die Männer im Feld und die alten Weiber allein zu Hause waren. Da schilderte er ihnen dann höchst ausführlich, wie es auf dem Wege nach Golgatha zugegangen; den Simon von Kyrene, der Christi Kreuz trug, malte er so getreu, daß er greifbar vor den Hörern stand. Christi Namen sprach er niemals aus; er nannte ihn nur den großen Wundermann, dessen Gesicht so leuchtend gewesen, daß er's gar nicht beschreiben könne und dessen an den klagenden Haufen Volks und die weinenden Weiber gerichteten Worte auch ihm selber so tief ins Herz geschnitten hätten, daß er schon andern Tags sich inwendig getauft gefühlt habe, – obgleich er doch äußerlich ewig ein Jude bleiben müsse. Und gerade dies sei sein rastlos nagender größter Schmerz, entsetzlicher noch als daß er ewig wandern müsse und nicht sterben könne: – er dürfe den großen Wundermann nicht nennen noch bekennen, obgleich er doch im Geiste zu ihm bekehrt sei. Diese Rede weckte bei Vielen das tiefste Mitleid, zumal sie stets von grimmigem Gesichterschneiden begleitet war, und trug dem Reumütigen manche Wurst und manchen baren Weißpfennig ein. In Pfersee bei Augsburg aber trat ein neidischer Geschäftsfeind, der früher häufig seine Handels- und Bettelfahrten gekreuzt hatte, als er eben seine Hörerschaft zur werkthätigsten Rührung bewegte, vor ihn und rief: »Das ist ja der Levi Zuckmeyer von Oppenheim! Unter Tausenden wollt' ich ihn erkennen. Ihr guten Leute! laßt euch doch keine Massematten vormachen von dem alten Landstreicher!« Da wandte sich der volle Zorn der Getäuschten gegen ihn, daß sie ihn fast zerrissen hätten. Der Büttel aber trat dazwischen und befreite den Ewigen Juden aus den Händen der Bauern, um ihn ins Gefängnis nach Augsburg abzuliefern. Dort wurde dem Zuckmeyer ein langer Prozeß gemacht; denn weil aus dem Hennebergischen die Nachricht zu Gerichtshanden gekommen war, daß auch da ein anderer Ewiger Jude sein Wesen getrieben habe und erwischt worden sei, so wollte man die Sache gründlich behandeln, damit der neue Nahrungszweig nicht allzusehr Wurzel fasse im römischen Reiche. Unserm Ewigen Juden wäre es schlimm ergangen und man hätte ihn wohl gar gehängt, da er öfters nützliche Dinge auf eigene Faust mitgenommen hatte, welche ihm böse Menschen nicht geben wollten. Allein jener gescheiteste Einfall, womit er so manchmal die Herzen der Bauern gerührt hatte, rührte – neu gewendet – auch die Herzen der Richter. Er behauptete, längst im Geiste ein Christ geworden zu sein, dem nur noch das öffentliche Bekenntnis fehle. Denn indem er so oft die Geschichte vom Ewigen Juden erzählt habe, ohne sie anfangs selber zu verstehn, sei er allmählich durch die Fragen, Einwürfe und Zusätze bibelfester Leute zu immer klarerer Erkenntnis des Kreuzwegs des Heilands und seiner Erlösungsleiden gekommen, und die leuchtende Gestalt des Herren sei ihm zuletzt gleichsam persönlich erschienen. Hiermit sei auch seiner ganzen Seele ein neues Licht aufgegangen, und wenn er zuerst nur geheuchelt habe, daß er innerlich ein Christ sei und zur schwersten Buße äußerlich ein Jude bleiben müsse, so sei die Heuchelei zuletzt wahrhaftiger Glaube geworden; er sei bekehrt durch Christi Gnade und begehre nur noch, daß man ihn taufen möge. Nachher solle man ihn dann in Gottes Namen hängen: seine Seele werde doch gerettet sein. Die Richter glaubten zuletzt, es sei ein wirkliches Wunder an dem Zuckmeyer geschehen – eine Bekehrung ohne allen geistlichen Zuspruch! Und so war es denn andererseits kein Wunder, daß sie Gnade für Recht ergehen ließen. Levi Meyer wurde getauft, zwei der angesehensten Patrizier standen Gevatter und die lange Untersuchungshaft wurde ihm als überstandene Strafe angerechnet. Der neue Christian Gottlieb wollte zu diesen frommen Taufnamen den Familiennamen Rosenduft annehmen; allein durch den Prozeß, der ungeheures Aufsehn erregte, stand der Name Zuckmeyer so fest in Aller Munde, daß er sich für den Getauften wie für seine Nachkommen behauptete. Die beiden Paten und andere gute Leute aber beschenkten ihn so reichlich, daß er nach Frankenfeld übersiedeln konnte, wo man von seiner Vergangenheit nichts wußte, und dort einen kleinen Kramladen anlegte und ein ordentliches Leben führte bis an sein seliges Ende. Nachdem sich der Ratsdiener diese Geschichte seines Ahnherrn aus dem Aktenwuste mühsam genug zusammenbuchstabiert hatte, legte er sich, wie wir bereits hörten, zu Bette. Schlafen konnte er freilich nicht. Unablässig quälte ihn die Frage, was er thun solle, damit das Geheimnis, welches über der Person seines Ururgroßvaters ruhte, auch weiterhin geheim bleibe und Niemand erfahre, welch »ganz besonderer Mensch« derselbe gewesen sei. Kaspar war stolz auf das Amt eines Ratsdieners, zu welchem er sich mühsam emporgearbeitet, er wußte die Autorität desselben gegen geringe Leute, insbesondere gegen Bettler und Vagabunden sehr kräftig zu handhaben, und nun stammte er selbst von einem bettelnden Vagabunden ab. Er sah das künftige Ansehen seiner Familie noch zehnfach gesteigert durch seinen heranwachsenden einzigen Sohn, welcher Pfarrer werden sollte und den er mit schweren Opfern bereits bis zur obersten Klasse des Gymnasiums gebracht hatte; er sah den begabten Sohn im Geiste bereits als Stadtpfarrer von Frankenfeld, und der Stadtpfarrer sollte vom Ewigen Juden abstammen! Das war unmöglich. Also mußte der Ewige Jude aus der Welt geschafft werden. Höchst wahrscheinlich wußte bis jetzt nur Fräulein von Rohda von demselben, und ihr Verzeichnis mit den bösen Randnoten war der Hauptverräter. So manches Papier wird verlegt und nicht wiedergefunden. Amaliens Aufzeichnungen durften nicht wiedergefunden werden. Deß war man am sichersten, wenn man sie verbrannte. Doch dies nützte nur wenig, solange die Untersuchungsakten blieben. Und im neuen Museum wurden sie am Ende gar öffentlich aufgelegt zur Ergötzung von ganz Frankenfeld. Auch sie mußten verschwinden. Dies geschah wiederum am sichersten, wenn man sie verbrannte. Der Faszikel mit den Kriminalakten war nur als Ganzes inventarisiert worden; der Akt gegen Levi Meyer war die letzte Nummer: kein Mensch merkte, wenn sie fehlte. Doch Fräulein von Rohda würde es merken. Da Kaspar das Fräulein nicht gleichfalls verbrennen konnte, so mußte sie fortan wenigstens von den Altertümern ferngehalten, sie mußte Herrn Saß völlig entfremdet werden, mit dem sie ohnedies bisher ja gar nicht verkehrt hatte. Kaspar Zuckmeyer sann einen sehr feinen Plan aus, wie er dies durchführen könne. Und als er in der ersten Morgenfrühe nach qualvoll schlafloser Nacht sich wieder vom Bette erhob, warf er, statt des Morgensegens, den er ganz vergaß, die beiden Schriftstücke in den Ofen und zündete sie an. Die dicken Akten erfüllten die ganze Stube mit Rauch, und Kaspar ließ sich geduldig räuchern. Sein böses Gewissen verbot ihm eine halbe Stunde lang das Fenster zu öffnen; denn er fürchtete, der Rauch möchte draußen zum Verräter werden. Achtes Kapitel. Die Ehrendame. Der Ratsdiener fing sich in der eigenen Schlinge. Gerade weil er den Katalog Amaliens verbrannt hatte, führte er sie mit Saß um so näher zusammen. Nachdem nämlich die Aufzeichnungen Amaliens trotz allen Suchens nicht gefunden werden konnten und Saß trostlos darüber war, erklärte das Fräulein, dienstbeflissen wie immer, daß der Verlust doch nicht unersetzlich sei: sie habe die wichtigeren Notizen alle im Kopfe und sei gern bereit, jeden gewünschten Aufschluß zu geben. Saß ergriff das Anerbieten mit freudigem Danke und fügte die Bitte hinzu, daß ihm die gütige Helferin bei seinem neuen Amte überhaupt fördernd und belehrend zur Seite stehen möge. So nur sei er sicher, überall den Absichten ihres seligen Bruders zu entsprechen. Beide verabredeten nun gemeinsame Arbeitsstunden im Haderturm, wohin die sämtlichen Gegenstände verbracht worden waren. Da der Ratsdiener inzwischen auf Antrag von Saß das Nebenamt eines Museumsdieners erhalten hatte, so stellte Amalie nur die einzige Bedingung, daß Kaspar Zuckmeyer jedesmal bei ihrer gemeinsamen Arbeit zugegen sein müsse, teils zu mancherlei Handreichungen, dann aber auch als Ehrendame. Und so sah und sprach Saß in der That das Fräulein wochenlang immer nur in Gegenwart Kaspars, der mit grimmigem Gesichte wie ein knurrender Kettenhund seinen Dienst versah und erschreckt zusammenfuhr, so oft sich Amalie zufällig der Folterbank näherte, wo die Kriminalakten lagen. Kaspar fand es übrigens sehr unschicklich, daß die zwei »ledigen Personen« so regelmäßig zusammensaßen und beschloß, dies dem Fräulein schon deutlich zu machen und andern Leuten dazu, damit der vertraute Verkehr aufhöre. Schon am ersten Tage trug Saß seinen Plan vor, eine stattliche neue Eingangsthüre zum ersten Stock im romanischen, eine Ausgangsthüre im gotischen Stile machen zu lassen, fand aber damit bei Amalien keinen Anklang. Sie meinte: »Bei einem großartigen Neubau, der in weiten Räumen reiche Schätze birgt, dürfte man vielleicht so verfahren. In unserm engen alten Turm wird das romanische Portal vorn und das gotische hinten nur wie eine gesuchte Spielerei erscheinen. Am besten läßt man wohl die Räume wie sie sind, reinigt sie, bessert aus und ergänzt, wo es fehlt. Sind sie auch nicht schön, so sind sie doch echt und lassen die bescheidene Sammlung gleichfalls echt und dennoch wirksam erscheinen.« Kaspar, der in der Ecke auf einer alten Hochzeitstruhe saß und nicht bloß neugierig, sondern auch naseweis war, fiel plötzlich ein: »Da muß ich Herrn Saß doch recht geben. Die neue romantische Thüre wird wunderschön sein, besonders wenn unser Zeichenlehrer, Herr Chlodwig Stiefel, den Plan dazu verfertigt: vergoldete Säulen mit Engeln und Nymphen, alles vergoldet! Und die gotische Thüre mit zwei Kandelabern, auf welche man die Büsten des Landesvaters und der Landesmutter in Gips setzen könnte – –« Saß befahl ihm zu schweigen. Als Amalie dem Freunde noch tiefer ihre Gründe entwickelte, mußte er sich zuletzt besiegt geben. Kaspar saß unterdessen stumm und regungslos auf seiner Hochzeitstruhe, – auf der Trutztruhe, wie sie Saß später nannte –; aber seine Gedanken tummelten sich um so lebendiger. »Dieses Frauenzimmer,« so sprach er in sich hinein, »beherrscht meinen Herrn; das sollen die Leute erfahren und sollen's ihm unter die Nase reiben. Und wenn er nun erfährt, daß ihn alle Welt nur für die Puppe des Fräuleins hält, dann wird er sich von ihr losreißen; denn an Stolz fehlt es ihm nicht.« Die Portale hatte sich Saß von Amalien ausreden lassen, um so eigensinniger beharrte er dagegen auf seinem Vorhaben, die zwei Geschenke Herminens an die Spitze der beiden Haupträume zu stellen. Er hatte sich die Sache so schön ausgedacht. Ein mit dunkelrotem Samt verhängter Sockel sollte das romanische Rauchgefäß tragen und der Glassturz darüber mit vergoldeten Metallstäben verziert sein. Für die Dose des Prinzen Eugen aber wollte er einen reichgeschnitzten Rokokotisch stiften und auf diesen Tisch ein altes Kästchen mit eingelegter Boule-Arbeit, welches die kostbare Dose tragen solle. Die Vorderseite des Kästchens sollte dann eine erläuternde Inschrift in echter Rokoko-Fraktur erhalten. Saß war nicht wenig stolz auf diesen seinen ersten Versuch, Museumsstücke zur wirksamen Geltung zu bringen, und Kaspar Zuckmeyer fand den roten Samt und den geschnitzten Tisch ganz wunderschön. Amalie hingegen war anderer Ansicht, obgleich sie die Erfindungsgabe des Herrn Direktors lobte. Allein sie meinte, es passe doch keineswegs in den Grundplan eines Stadtmuseums im Haderturme, zwei so nebensächliche und fremdartige, wenn auch recht kostbare Gegenstände, so vordringlich in den Vordergrund zu rücken. »In der That! an Grundplan und Stadtmuseum und Haderturm habe ich nicht gedacht,« rief Saß. »Sie selber sagten mir ja, daß man bei Altertümern zuerst nach der ›Provenienz‹ fragen müsse. Nun gut! die Provenienz ist hier für mich entscheidend und der Vorzug der Provenienz jener beiden Stücke vor allen andern Herrlichkeiten des Museums besteht für mich darin, daß sie von Fräulein Hermine Aweling herrühren.« Auf diese Worte folgte eine Zwiesprach zwischen Beiden, die leiser und immer leiser wurde, so daß Kaspar gar nichts mehr davon verstehen konnte, worüber er sich sehr ärgerte. Und dazwischen fragte er sich, warum ihm denn diese beiden guten Leute so verhaßt seien, die ihm doch immer freundlich und wohlwollend begegnet waren? Fast wollte er ihnen Abbitte thun. Allein sie waren seine Feinde, ihre bloße Anwesenheit bedrohte seine Existenz, sie mußten fort aus dem leidigen Haderturm. Jetzt hörte er, wie sie wieder lauter redeten und immer wieder auf Amaliens zuerst ausgesprochenen Worte: »fremdartig« und »nebensächlich« zurückkamen. »Nebensächlich und fremdartig wären diese beiden Kapitalstücke!« rief Saß zuletzt, erregt aufspringend. »Im Mittelalter herrschte die Kunst der Kirche, in der Folgezeit die Kunst der prunkenden Fürstenhöfe. Was versinnbildet das Mittelalter besser als ein kirchliches Weihrauchgefäß und das Rokoko besser als eine fürstliche Schnupftabaksdose?« Amalie lächelte und sprach: »Man kann in jedem Gegenstande eine Idee finden, wenn man selber Ideen im Kopfe hat. Und so erscheint mir Ihre Idee fast noch anmutiger als der dunkelrote Samt und der geschnitzte Tisch, und Ihre andere Idee von der Provenienz reizt mich zu tiefem Sinnen! Wichtiger aber wäre es doch, wenn wir uns jetzt über die Gesamtidee des Museums verständigten und diese in einem klaren Plan zur Aussprache brächten.« Saß entgegnete: »Den leitenden Gedanken haben wir ja bereits; er soll in großen Buchstaben über der Außenthüre geschrieben stehen: ›Ein Kind, das seinen Vater nicht ehrt, darf auch nicht hoffen, von seinen Kindern geehrt zu werden.‹« »Das ist ein Wahlspruch, der Gedanken wecken mag,« fiel Amalie ein, »aber kein Plan. Als mein Bruder über das erste Sammelfieber hinausgekommen war, welches sammelt um zu sammeln, begann er sich zu beschränken und in der Beschränkung fand er den Plan. Er trachtete fortan nur solche Gegenstände zu erwerben, die sich auf die Geschichte unserer Stadt und unseres Gaues bezogen, wenn er auch fremde wertvolle Sachen zur Vergleichung daneben stellte, wie er's gewiß auch mit der Dose und dem Rauchgefäß gethan hätte.« Amalie fuhr dann fort, beredt, zuletzt begeistert zu schildern, wie schön und nützlich es sei, wenn der Haderturm, der ja selber ein Denkmal der Geschicke Frankenfelds, auch durch sein Museum zur lebendigen Chronik der Stadt würde, wenn man in seinen Räumen nicht bloß ein Bild gewinnen könne von der Kunst, dem Gewerbe und den Sitten der Bürger in vergangenen Zeiten, sondern auch durch Urkunden und Akten Nachricht von den Ursprüngen und Wandelungen der städtischen Familien. Saß mußte zustimmen, so packend hatte Amalie ihre Gedanken dargelegt. Nachdenklich sprach er: »Wir Alle wissen in der That viel zu wenig von der Geschichte unserer Stadt und unserer Geschlechter. Ich selbst gehöre einem alten Frankenfelder Bürgerhause an; dennoch weiß ich von meinem Urgroßvater nur sehr wenig und von meinem Ururgroßvater gar nichts. Und wissen Sie, Zuckmeyer, etwa auch nur, wer Ihr Urgroßvater war?« Kaspar fuhr auf, als habe ihn eine Natter gestochen und warf im Schrecken zwei Hellebarden um, welche weiland die Nachtwächter getragen hatten. »Das weiß ich nicht und will es auch nicht wissen,« rief er hastig, in jeder Hand eine der wieder aufgehobenen Hellebarden haltend. »Aber Sie hatten ganz recht, Herr Saß, wenn Sie die schönsten Sachen im Museum vornhin setzen wollen; das wird den Leuten gefallen. Stellt man dagegen allen alten Plunder voran, den man aus den Bürgershäusern zusammenbettelt, und legt gar noch alte Akten und Urkunden dazu, wie das gnädige Fräulein will, dann wird unser kostbares Museum eine Rumpelkammer, die kein Mensch sehen will. Ja ich meine, man solle solchen Trödel von Familienstücken zerschlagen und verbrennen – –«, hier fuhr er sich über den Mund, als ob er ihn sich selbst verbrannt habe – –; »ich meine zerschlagen oder in die Gewölbe werfen, damit unser Museum sich ausnehme nicht wie eine alte Nachteule, sondern wie eine saubere, schön geputzte Jungfer.« An dem Gelächter, in welches Herr Saß ausbrach, bemerkte Kaspar, daß seine Rede nicht den gewünschten Eindruck auf ihn gemacht habe, während derselbe gegenteils mehr und mehr auch hier zu Amaliens Ansicht bekehrt wurde. Nur die Schmückung des Rauchgefäßes und der Schnupftabaksdose ließ er sich in keiner Weise ausreden. Saß und Amalie trennten sich für heute in heiterster Stimmung. Kaspar aber zog sich höchst aufgeregt in seine Stube zurück, wo er noch lange mit dröhnenden Schritten auf und nieder ging. Wußte Saß etwas vom Ewigen Juden, oder war es nur ein Zufall, daß er ihn nach seinem Urgroßvater gefragt hatte? Es war dunkel geworden. Kaspar verwünschte das Unglücksmuseum, welches zu seinem Unglück in den Unglücksturm gekommen war, und den Ewigen Juden dazu. Er fragte, warum sich denn der gütige Gott so ungütig gegen ihn erwiesen, daß er ihm gerade diesen Ururgroßvater gegeben habe? Da hörte er ein fernes, dumpfes Rollen über seinem Kopfe. Er schrak zusammen. Gespensterfurcht befiel ihn. War es der Ewige Jude, der da droben bei der Folterbank geistete? Kaspar stieß einen kräftigen Fluch aus; das brachte ihn wieder zur Besinnung. Er verwünschte sich selbst, daß er ein solcher Einfaltspinsel sei, aber stärker noch verwünschte er, daß er zu seiner eigenen Marter Museumsdiener geworden, was er kurz vorher doch noch so eifrig erstrebt hatte. Er verwünschte die ganze Familie Rohda – – Da wiederholte sich das dumpfe Rollen stärker, näher; es kam von oben, aber nicht aus dem Turm, es kam von außen. Kaspar trat ans Fenster, – da leuchtete ihm ein fahler ferner Blitz ins Gesicht: – es war ein heranziehendes Gewitter. In dieser Jahreszeit, zu dieser Stunde! Das mußte etwas ganz Unerhörtes bedeuten. Kaspar rief: »Unser Herrgott sei bei uns!« Der fromme Spruch brachte ihn wieder zur Besinnung, und so fügte er denn gleich hinzu: »Hol' der Teufel alle verjährten Kriminalakten und alle Narren, welche sie aufheben!« Er versank in ein langes Selbstgespräch. All seine Lebtage war er treu und redlich gewesen, und jetzt hatte er einen Akt gestohlen und vernichtet! Stets von heiliger Ehrfurcht vor jedem Aktenbündel erfüllt, hatte er jetzt einen solchen zerstückt, geplündert. Das war offenbar ein Verbrechen im Amt, zuchthauswürdig; und doch konnte er nicht bereuen, dieses Verbrechen begangen zu haben. Er redete sich ein, daß er's gar nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern nur um seines Sohnes willen verübt habe, dem kein Prügel in seine geistliche Laufbahn geworfen werden solle. Damit kein Mensch erfahre, daß des künftigen Pfarrers Ururgroßvater ein Landstreicher, Gauner und Dieb gewesen, war der Vater selbst zum Dieb geworden. Als Kaspar diesen Satz so oft und gründlich bedachte, daß ihm die Gedanken verschwanden, rollte der Donner in kurzen Pausen näher und immer näher. »Gerade so wird es im Museum geschehen,« rief er. »Wir werden, die abscheulichen Altertümer ordnend, der Folterbank mit den Kriminalakten von Tag zu Tag einen Schritt näher kommen, wie jetzt der Donner immer näher heranrückt, zuletzt werden wir sie erreichen, unabwendbar und ich – –« Hier zuckte ein greller Blitz durch die Stube, ein furchtbarer Donnerschlag krachte nieder. Kaspar stand eine Weile wie versteinert, dann faltete er die Hände und sprach: »Lieber Gott! wenn du einschlagen willst, wenn du gar in den Haderturm einschlagen willst, dann verschone doch meine arme Stube, aber laß deinen schneidigsten Blitz mitten ins Museum schlagen, daß er all den alten Plunder zerreiße und zerschmettere und durcheinander werfe.« Der liebe Gott that dem Kaspar diesen Gefallen nicht. Im Gegenteil, es donnerte gar nicht weiter und nur der Regen prasselte stärker wider die Fensterscheiben. »Die Zeiten der Wunder sind vorbei,« sprach Kaspar nun bei kühlerem Blute und meinte, wenn unser Herrgott das Museum zerschlagen hätte, um die edle Untreue seines getreuesten Ratsdieners zu decken, so sei dies ja nur ein ähnliches Wunder gewesen wie vor Zeiten das Rosenwunder, welches der liebe Gott zur Deckung der edlen Lüge der heiligen Elisabeth gewirkt habe. Doch fand Kaspar Zuckmeyer selbst, daß er außerdem der heiligen Elisabeth etwas unähnlich sei. Neuntes Kapitel. Enthüllung Wochenlang führten Saß und Amalie ihr Werk ruhig und gewissenhaft weiter und es gelang ihnen allmählich, die Grundlage zu einer guten Ordnung der Gegenstände zu gewinnen. Für Saß waren es friedliche und befriedigende Feierstunden, die er solchergestalt in dem alten Turme verbrachte. Die echtesten Feierstunden sind nicht die Stunden müßigen Ausruhens, sondern beglückender Arbeit voll stillen Behagens – und vollends in angenehmer Gesellschaft. Saß hatte sich wöchentlich zwei Museumsnachmittage herausgespart. Hin und her geworfen von aufreibenden Geschäften sehnte er sich nach diesen wie die Schulkinder nach einem Ferientag. Er hätte nie gedacht, daß er sich zwischen den Mauern des Haderturmes noch einmal so vergnügt und zufrieden fühlen sollte. Mit der Zeit hauszuhalten hatte er, wie wir wissen, neuerdings bereits gelernt. Jetzt lernte er unter Amaliens milder Führung eine andere noch schwerere Kunst, die Kunst – sich belehren zu lassen. Er lernte lernen. Bringen wir's doch mehrenteils im Leben überhaupt nicht viel weiter, als daß wir lernen gelernt haben, bis wir sterben müssen, was Jeder – gut oder schlecht – fertig bringt, auch wenn er's nicht gelernt hat. So wurde Alfred Saß unter der Hand ein ganz neuer Mann. Die scharfblickenden Frankenfelder erkannten dies gleichfalls und sprachen es aus. Nur faßte die »öffentliche Meinung« den »neuen Mann« in ganz eigenem Sinne. Oberst Sickenwolf machte darüber seine allezeit treffenden Glossen. Er sagte – doch ganz im Stillen –: »Unsern guten Mitbürgern sinkt Freund Saß um so tiefer, je höher er in sich selber steigt. Er plagt sich, seine Neffen zu erziehen – welche Zeitverschwendung! Warum hält er ihnen nicht einen Erzieher? Er plagt sich, die geschäftlichen Verpflichtungen seines Bruders redlich zu lösen: – der reiche Saß wird bald der arme Saß heißen; jammerschade, daß es so kommen muß. Ob er sein prächtiges Wohnhaus mit dem schönen Garten noch lange wird behaupten können? Er verzichtet auf die Freuden der Geselligkeit – wie tadelnswert, daß der vordem so lebensfrohe Mann plötzlich solch ein Philister geworden ist! Als er noch glänzende Feste gab, nannte man ihn den Berufensten zur Leitung des Museums; obgleich er gar nichts davon verstand! jetzt bemüht er sich eifrig etwas verstehen zu lernen, und doch erkennt alle Welt, daß er ganz unwissend in der Altertumskunde ist – hält er doch keine offene Tafel mehr! – – Doch nein!« rief der Oberst plötzlich nach einigem Besinnen, »man sagt, für Ein Altertum habe Alfred Saß ein tiefes, stets wachsendes Verständnis gewonnen, – für Fräulein von Rohda, die nahezu seine Mutter sein könnte. Ich würde mich krank lachen, wenn es wahr wäre, was Kaspar Zuckmeyer als Augen- und Ohrenzeuge bestätigt, daß die Beiden heimlich verlobt seien und sich recht bald heirateten. Der Haderturm als Heiratsstifter! Fräulein Amalie besitzt ein Kapital von 500 000 Gulden und stattliche Liegenschaften dazu. Wie würde das Blatt sich wenden, wenn sie mit ihrem Gelde den Gemahl wiederherstellte in der Gesellschaft! Die Frankenfelder müßten dann allen Tadel, welchen sie jetzt über Freund Saß ausschütten, in Lob umkehren, und der verkrachte Mann wäre wieder ein gemachter Mann.« So ungefähr und noch ärger brodelte und zischte es in dem Hexenkessel der öffentlichen Meinung von Frankenfeld. Man sollte denken, die Frankenfelder seien recht böse Menschen gewesen. Das waren sie aber ganz und gar nicht; sie waren vielmehr zum größten Teil recht gute, brave Leute, sie waren nur – sehr menschlich. Durch seine unverdrossene Arbeit und schweigende Entsagung hatte aber Alfred Saß bereits den Segen gewonnen, daß ihm in seinem Stilleben von all dem neidischen Gezische fast gar nichts zu Ohren kam, wie auch Amalie des gleichen Glückes teilhaftig ward. Und so arbeiteten sie in Frieden gemeinsam weiter. Am 25. November erhielt Saß einen Brief mit dem Poststempel »Athen«. Zitternd öffnete er ihn: er war von Hermine Aweling. Mit fester, fast männlicher Hand geschrieben, bestand der Brief nur aus fünf sehr höflichen Zeilen, in welchen die Dame dem »hochgeehrten Herren« »verbindlichst« dankte für den unverdienten Dank, welchen er ihr in zwei Briefen gespendet habe, und mit der Aussprache »vorzüglicher Hochachtung« unterzeichnete. Unsern armen Freund überlief es eiskalt. Er hatte Anderes erwartet. Aber nach seiner Weise nahm er die Enttäuschung anfangs sehr ruhig hin, um des nächsten Tags desto aufgeregter zu werden. Eine erfreuliche Nachricht zündete bei ihm sofort, die helle Freude entflammend. Was ihn dagegen betrübte, drückte, ärgerte, das trug er eine Weile gelassen mit sich herum, bis er's hinterdrein erst in leidenschaftlicher Heftigkeit, dann aber auch um so verbitterter und nachhaltiger erfaßte. So geschah es bei Herminens Brief. Am Tage des Empfangs war Saß gelassen, am nächsten Tage wehmütig, am dritten Tage höchst unglücklich, obgleich er sich an allen drei Tagen sagen mußte, daß er eigentlich gar keine Ursache gehabt habe, einen andern Brief zu erwarten, und sich fragen mußte, was er denn eigentlich von Herminen wolle? Er fühlte sich um so trostloser und einsamer, da Amalie plötzlich erkrankt war. Zwei Wochen lang konnte er nur durch Kaspar täglich nach ihrem Befinden fragen lassen; – seinen eigenen Bedienten hatte er längst verabschiedet. Doch in der dritten Woche ließ sie ihm sagen, ihr Befinden habe sich soweit gebessert, daß sie sich freuen würde, seinen Besuch zu empfangen. Er eilte zu ihr. Amalie begrüßte den Freund, zwar noch etwas bleich und leidend, doch fröhlich gehobenen Mutes. »Ich habe neue Briefe erhalten von Hermine Aweling,« sagte sie nach den ersten Worten. »Das Herz wird mir weit, die Welt geht mir auf, es weht Frühlingsluft durch mein Stübchen, wenn ich die Schriftzüge der Freundin lese und wieder lese.« »Also sind das wohl sehr große und inhaltvolle Briefe?« fragte Saß. »Ich hörte einmal, Fräulein Aweling pflege nur ganz kurz, in wahrem Lapidarstil zu schreiben.« »Ganz und gar nicht! Sie füllt Bogen um Bogen, sie ergeht sich mitunter in weitauslaufenden Längen, aber es sind ›göttliche Längen‹, wie sie Franz Schuberts Bewunderer von seiner großen Symphonie rühmen. Von Woche zu Woche geschrieben, sind ihre Briefe ein vollständiges Tagebuch. Sie hat mich angesteckt: ich schreibe ihr gleichfalls die längsten Briefe – wir Frauen verstehen uns ja darauf – gleichfalls ein Tagebuch. »Hermine weilt noch immer in Athen und durchstreifte von dort schon einen großen Teil von Griechenland, zumeist zu Pferde, und scherzt über einige kleine Unfälle, welche ihr dabei begegneten. Bei einem Ritt über das Schlachtfeld von Marathon stürzte sie und im schäferlichsten Thale Arkadiens wurde sie von Wegelagerern geplündert. Allein beidemale kam sie noch gut davon, – im ersten Falle mit einer leichten Prellung, im andern mit Verlust von Uhr und Börse. Hermine hat eben überall großes Glück in kleinen Dingen, und unter diesen stehen drei voran: sie ist reich, sie ist frei und kann thun, was sie will – und sie ist immer frisch und gesund.« »Wenn das kleine Dinge sind,« rief Saß, »dann möchte ich wohl wissen, wie die großen heißen, in welchen das Fräulein etwa minder glücklich ist.« »Sie heißen: Friede in sich selbst und Versöhnung mit Gott und der Welt,« entgegnete Amalie. »Und Beides fehlte ihr?« fragte Saß. Amalie schwieg, lange sinnend. Dann erhob sie sich plötzlich und sprach: »Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, lieber Saß. Sie wird kurz sein, aber inhaltreich. Wollen Sie geduldig zuhören?« Saß versprach es und Amalie begann: »Es war einmal ein alter Edelmann, der Freiherr Hans von Aweling. In seinen besten Jahren war er Soldat gewesen, er hatte die Freiheitskriege mitgekämpft und war im Frieden bis zum Generalmajor gestiegen. Dann nahm er seinen Abschied, verheiratete sich noch als Fünfziger und zog sich auf einen Landsitz am Rheine zurück. »Die glückliche Ehe wurde schon nach wenigen Jahren durch den Tod der Frau wieder gelöst, nachdem sie ihrem einzigen Kinde, einem Mädchen, das Leben gegeben hatte. Es erhielt nach seiner Mutter den Namen Hermine. »Als es heranwuchs, gab der vereinsamte Witwer das Kind zur Erziehung nach Düsseldorf, wo es im Hause einer befreundeten Familie ein trautes Heim fand und, früh herangereift, bis zum zwanzigsten Lebensjahre verblieb. »Der Vater liebte sein Kind von Herzen und that alles Mögliche, ihm eine glückliche Zukunft zu sichern. »Allein Vater und Tochter sahen sich doch nur selten und auf kürzere Zeit. Hermine wurde in Gehorsam und Verehrung für ihren Vater erzogen, den sie so wenig kannte. Der alte Soldat besaß die Kunst nicht, sich einer Kindesseele innig zu nähern, und so erwachte auch bei Hermine die volle Kindesliebe nicht. Elternliebe pflegt überhaupt meist tiefer und opferfreudiger zu sein als Kindesliebe. »Eine reizend erblühte Jungfrau kehrte Hermine wieder heim, um dem Vater, nun schon einem hohen Siebziger, die Abendsonne zu werden, welche seine letzten Lebenstage verkläre. »So schien es auch. Hermine, als ein gutes Kind, pflegte und erheiterte treulich ihren Vater. »Mit ihrem Herzen aber war und blieb sie in Düsseldorf. In den anregenden geselligen Kreisen der reizenden Künstlerstadt hatte sie vor einem Jahre einen jungen Maler kennengelernt, der durch sein glänzendes, eigenartiges Talent allgemeines Aufsehen erregte und nachmals ein berühmter Mann geworden ist. Wie er heißt? Das kann ich nicht sagen. Hermine, die mir sonst ihr ganzes Herz öffnete, hat selbst mir seinen Namen verschwiegen; wir nannten ihn nur Heribert, weil er ganz gewiß nicht so heißt. »Sie hatte ihn kennengelernt. Das will sagen: er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn manchmal unter vielen Menschen gesehen, sie hatte gleichgültige, flüchtige Worte mit ihm gewechselt, sie hatte seine Bilder mit Begeisterung betrachtet, aber am genauesten und begeistertsten das Bild seiner selbst, das Bild, welches sie sich von ihm machte nach seiner gewinnenden Erscheinung, seinem feinen, ritterlichen Wesen, seiner geistsprühenden Rede – Alles verschönt und erhöht, zum Kunstgebilde erhoben in ihrer glühenden Phantasie. »Sie wagte niemals, ihm entgegenzukommen, ihn ihre Schwärmerei merken zu lassen. Dafür war sie zu streng erzogen, zu jungfräulich stolz, – und Heribert gar zu schnurgerecht höflich gegen sie. Doch nein. Einmal brach sie vor ihm in so leidenschaftliches Lob über sein neuestes Gemälde aus, wie nur die Liebe zu loben weiß. Heribert aber nahm ihre heißen Worte ganz kühl hin, er dankte verbindlichst und meinte, so hohes Lob sei unverdient – –« »Er dankte verbindlichst?« fragte Saß, der mit steigender Spannung zuhörte, und wiederholte die Frage mit seltsam schwerem Nachdruck. »Nun ja! wie man schicklicherweise zu danken pflegt,« antwortete Amalie und fuhr fort: »Ich glaube, ein tiefes, zartes Gemüt kann lieben, ohne sich dem Geliebten zu offenbaren, ohne Gegenliebe zu finden und zu fordern. Sagt nicht Goethe: ›Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?‹ Und doch wird die geisterweis Liebende sich verzehren in der Sehnsucht nach Gegenliebe! So geschah es auch bei Herminen. Sie sah sich nicht zurückgestoßen, sie sah sich nur unbeachtet. Unnahbar war ihr das geliebte Wesen, welches sie fast nur vom Hörensagen kannte, welches sie stündlich in sich und so selten sich gegenüber erblickte. Sie lebte mit ihm in derselben Stadt, und er weilte ihr doch so ferne. Da fand ihre Einbildungskraft den breitesten Spielraum, jeden Zug seines Wesens zum Ideal zu steigern. Tausende haben so nur in Gedanken geliebt und werden so lieben. Ob aber nicht vielleicht nur Frauen so entsagend, so rein geistig auf die Dauer lieben – im Paradies eines dichterischen Traumbildes wandelnd? »Und dieser schöne Traum zerrann nicht, er wurde vielleicht noch farbenglühender, als Hermine ins Vaterhaus zurückkehrte. Die Entfernung läßt eine schwache Liebe einschlafen, eine starke weckt sie erst recht. »Ernste Aufgaben traten an Herminen heran. Der Vater war kränklich geworden, er heischte ihre aufopfernde Pflege; er konnte seinen weitverzweigten Privatgeschäften nicht mehr ganz vorstehen: Hermine, die Zwanzigjährige, mußte das Meiste besorgen. Und ein langes Leben schien dem Vater nicht mehr vergönnt. Als ein treues, gutes Kind erfüllte Hermine mit Eifer die neuen Pflichten, allein ihre Gedanken blieben doch bei Heribert, von dem sie nichts mehr sah noch hörte. »Da sagte ihr eines Tages der Vater, er sehe seinem Ende entgegen und wünsche sehnlich, sein einziges Kind vorher noch versorgt zu wissen. Der Freiherr Wolfgang Landfried zu Schadeck, ein angenehmer und höchst achtbarer junger Mann, hatte in der letzten Zeit fast täglich in Awelings Hause verkehrt, auch von Hermine freundlich aufgenommen, und hatte zuletzt beim Vater um ihre Hand geworben. »Hermine weigerte sich, seine Werbung auch nur anzuhören. Der Vater dagegen setzte seinen ganzen eisernen Willen ein, die Verbindung durchzusetzen, endlich zu erzwingen. »Es kam zu erschütternden Auftritten zwischen Vater und Tochter. Hermine blieb standhaft. Von ihrer phantastischen Liebe für einen Andern, der gar nichts von ihr wissen wollte, sagte sie kein Wort. Der alte Soldat hätte den Roman dieser Liebe für Verrücktheit gehalten. Sie aber wollte den Schwur der Treue – gegen sich selber – ebenso heilig halten, wie wenn sie ihn zugleich in Heriberts Hand geleistet hätte. »Da verschlimmerte sich die Krankheit des Vaters plötzlich derart, daß die Aerzte ihm nur noch eine Lebensfrist von wenigen Tagen zusprachen. Der Todkranke bot seine letzte Kraft auf, er wurde sogar weich und mild, um den Sinn der Tochter zu wenden: nur das eine Opfer verlange er noch von ihr, auf daß er beruhigt scheiden könne. »Zerrissenen Herzens, von Stürmen durchbraust, die sie bis zur Grenze des Wahnsinns trieben, sagte Hermine Ja! »Das Unerwartete geschah: der Kranke besserte sich, wenn auch sein Zustand hoffnungslos blieb. Allein es war ihm doch eine kurze neue Lebensfrist vergönnt. »Seit Hermine ihr Wort gegeben, erschien sie völlig verändert. Der leidenschaftliche Kampf schien erloschen, starr und kalt ließ sie Alles mit sich machen, was man wollte. »Ihr Bräutigam liebte sie und war kein unedler Mensch. Er wußte ja sehr gut, daß Hermine seine Neigung nicht erwidere, daß sie nur ihrem todkranken Vater ein Opfer der Pflicht gebracht habe. Allein er dachte, wie schon Tausende in ähnlicher Lage, die Liebe Herminens werde dennoch erwachen, wenn sie einmal ihm gehöre und seiner ganzen Liebe inne werde. »In drängender Hast wurde die Heirat vorbereitet. Es war noch so Vieles zu ordnen. »Hans von Aweling war der Letzte seines Stammes. Sein Trachten stand dahin, daß wenigstens in seiner Tochter noch der Name und Reichtum des Hauses wie in einem verhallenden Nachklang gewahrt werde. Der Schwiegersohn sollte sich fortan ›Landfried zu Schadeck-Aweling‹ schreiben; seiner Gattin solle nach des Vaters Tode das ganze große Awelingsche Vermögen ungeschmälert zufallen; der künftige Gatte war reich genug, um auf Gütergemeinschaft mit der noch reicheren Gemahlin verzichten zu können. »Alles gelang nach Wunsch. »So erschien der Hochzeitstag. Die Vermählung sollte still im engen Kreise gefeiert werden. Um 11 Uhr fand die Trauung statt. »Hermine war totenbleich; starr, wie willenlos that sie Alles, was zu thun war; laut und kalt sprach sie das Jawort am Altare. »Sie zog sich auf ihr Zimmer zurück, wo ihr eine zweistündige Pause der Ruhe und Sammlung vergönnt war, bevor sie bei dem einfachen Festmahl erschiene, zu welchem nur einige Nächstbefreundete geladen waren. »Sie erschien aber nicht. »Man wartete; – man suchte nach ihr; – sie war mit ihrer Dienerin verschwunden. »Auf einem zurückgelassenen Blatt besagte sie in kurzen Worten, daß sie, des Vaters Willen gehorchend, einen Mann, den sie nicht lieben könne, geheiratet habe, daß sie nunmehr aber – und für immer –, ihrem eigenen Willen getreu, für sich allein leben wolle. »In Schreck und Staunen ging die Festgesellschaft auseinander. »Der Vater brauste in hellem Zorne auf, um bald, von Gram betäubt, in sich zusammenzusinken. »Der verlassene Bräutigam suchte die Spur der Entflohenen. »Es gelang ihm anfangs nicht, weil Hermine ganz in der Nähe geblieben war, während man sie in der Ferne vermutete, vielleicht auf dem Wege nach Düsseldorf. »Allein hilflos und ohne zu wissen, wohin sie sich eigentlich wenden solle, war sie nur auf eines der nahegelegenen väterlichen Güter gegangen und hatte dort bei der Pächtersfamilie Zuflucht gesucht. »Ihr Aufenthalt wurde erst am dritten Tage entdeckt. Der arme Pächter konnte ihr keinen weiteren Schutz geben. Das war aber auch nicht nötig. »Starr und unbeugsam widerstand sie allem Andringen des Vaters wie des angetrauten Bräutigams. Um Schlimmeres zu verhüten, mußte man sie einstweilen in dem Bauernhause lassen, wo sie sich in ihr Stübchen verschloß und einsam die Tage und die schlaflosen Nächte verbrachte. »Nach einigen Wochen erklärte der Freiherr von Landfried, daß auch er eine erzwungene Ehe nicht wolle, daß er auf Hermine verzichte und da eine letzte Unterredung, die er mit der Entflohenen gehabt, ihm nur das Unabänderliche ihres Entschlusses bestätigt habe, eine gerichtliche Scheidung einleiten werde. »Der Vater, dessen Leiden sich unter den furchtbaren Erschütterungen zum schlimmsten gewendet hatte, ließ den Notar kommen und setzte mit ihm eine Urkunde auf, kraft deren er seine ungehorsame Tochter enterbte. »Als ihm der Notar den Akt zum Unterzeichnen vorlegte, wollte Aweling eben die Feder ansetzen, da hielt er plötzlich inne, blickte lange nach oben in den blauen Himmel, der zum weit offenen Fenster so hell hereinleuchtete, ergriff die Urkunde und – zerriß sie in hundert kleine Stücke. »Dann sprach er zum Notar mit wunderbar erstarkter Stimme: ›Ich lasse meiner Tochter ihr volles Erbe und gebe ihr meinen väterlichen Segen!‹ »Dies war sein letztes Worte. Er redete den ganzen Tag nichts weiter. Am nächsten Morgen war er tot.« Mit bebender Stimme hatte Amalie zuletzt erzählt. Sie machte eine lange Pause; auch Saß schwieg. Dann hub sie wieder an: »Ich erzähle, ich schildere nicht. So will ich auch von dem Zustande Herminens nach der Kunde von des Vaters letztem Tage nur ganz kurz berichten. Ihr Seelenleiden war schwerer noch als an jenem entsetzlichen Hochzeitmorgen. Allein sie ist ein frommes Gemüt. Der Segen des verklärten Vaters im Aufblick zum Himmel erschien ihr wie eine unmittelbare Erleuchtung Gottes, und indem sie den Vater mit Gott versöhnt erblickte, sah sie ihn auch mit ihr versöhnt und ahnte den aufsteigenden Dämmerschein inneren Friedens. »Ein Jahr lang lebte sie einsam im verwaisten Vaterhause, eifrig bemüht, zu helfen, wohlzuthun, mitzuteilen. Sie schien der Welt abgestorben. Fernerstehende sagten sogar, sie sei eine Pietistin geworden. Das war sie jedoch ganz und gar nicht. Sie fand nur ihren Trost in edlen Thaten und kindlichem Glauben. »Da erwachte mit einemmal die mächtige Spannkraft ihres Geistes wieder. Sie raffte sich auf. Sie kannte die Menschen noch so wenig, sie hatte so wenig noch gesehen von Gottes schöner Erde. Sie war des Sinnens und Brütens und Bücherlesens müde, sie wollte in dem reichsten Buche lesen, was Gott selbst vor uns aufschlagen hat: sie wollte hinaus in die Welt. Nicht um sich zu zerstreuen, nicht um, durch die Länder jagend, ihre innere Unruhe zu verjagen, sondern um schauen, bewundern und lieben zu lernen, was schön und herrlich ist. Sie wollte wieder lebendig leben. Im Körper und Geist für die große Welt geboren, bewegte sie sich alsbald in derselben mit jener natürlichen Sicherheit, die sie nicht gelernt hatte, und die nicht erlernt werden kann. »So begann vor neun Jahren ihr Reiseleben, welches die Pilgerin nicht zerstreute, sondern erstaunlich reifte und in sich festigte. Sie kennen es zu einem kleinen Teil. »Dazwischen aber bedurfte die Freundin der Ruhe und Sammlung. Und die fand sie während der letzten Jahre in unserm Frankenfeld, dessen friedliche Umgebung ihr um so mehr gefiel, je weniger sie die Frankenfelder kennen lernte. Von ihrem Manne längst geschieden, nahm sie ihren Mädchennamen wieder an, wenn auch nicht in seiner aristokratischen Fassung, und wurde bei uns – das Mädchen aus der Fremde.« »Und Heribert?« warf Saß dazwischen. »Er ist heute ein hochberühmter Künstler und schon lange verheiratet mit einer schönen Düsseldorferin und der glückliche Vater von fünf Kindern.« »Und der Freiherr Landschaden von Schadeck?« fragte Saß weiter. »Nicht Landschaden, sondern Landfried,« verbesserte Amalie. »Er ist nach der kränkenden Verlassung ehelos geblieben. Weiteres weiß ich von ihm nicht zu berichten.« »Lösen Sie mir noch einen Widerspruch,« bat Saß. »Vor einiger Zeit erklärten Sie, mir das Geheimnis nicht verraten zu dürfen, welches die Person Ihrer Freundin umschwebt, und jetzt haben Sie mir es doch verraten. War es die Freundin, welche Ihnen inzwischen gestattete, mich ins Vertrauen zu ziehen?« »Keineswegs!« entgegnete die Befragte. »Ganz aus eigenem Antrieb teilte ich Ihnen mit, was Sie gehört haben, weil mich Ihre warme Teilnahme für die Freundin rührte, weil ich Sie für einen feinfühligen und verschwiegenen Ehrenmann halte, und weil ich – – weil – –; doch genug der Gründe! Kommt Hermine wieder einmal hierher, dann werde ich meinen Vertrauensbruch zu rechtfertigen wissen.« Saß reichte ihr schmerzbewegt die Hand, und sie ließ die ihrige eine Weile in der seinen ruhen. Da hörten sie ein leises Räuspern am andern Ende des Zimmers und fuhren erschreckt auseinander. Kaspar Zuckmeyer stand bolzgerade an der Thüre. Er räusperte noch einmal beträchtlich lauter. Dann trat er vor und bat um Entschuldigung. Nachdem er dreimal erfolglos angeklopft habe, sei er eingetreten und habe eine Weile gewartet, um die Herrschaften nicht zu stören. Er bringe einen eilenden eingeschriebenen Brief an seinen Herrn, den er nicht gewagt habe, länger liegen zu lassen. Saß warf ihm einen zornigen Blick zu und erbrach hastig das Schreiben. »Ihr hättet zu Haus bleiben, und der Brief hätte warten können,« fuhr er den Ratsdiener an und hieß ihn gehen. Dann sprach er zu Amalien: »Dennoch bringt mir der Brief eine wichtige Entscheidung: – den Abschluß eines Vertrags. Ich habe mein Haus verkauft mit aller Einrichtung und den Garten dazu. Das Geschäft ist vollendet; – von dem Kaufpreis werde ich keinen Pfennig erhalten; – ich bin jetzt ein armer Mann; – ich werde demnächst mit meinen zwei Neffen eine kleine Mietwohnung in der Hasengasse beziehen.« Zehntes Kapitel. Die Gratulanten. Hasengasse Nro. 16 bei Schreinermeister Moldenbeck – dort wohnte jetzt Alfred Saß. Zwei größere und zwei kleine Zimmer im oberen Stock genügten ihm für sich und seine beiden Neffen. Die Räume waren reinlich und hell; die Fenster gingen auf den Hof und in das Hausgärtchen. Als Saß sich eingerichtet hatte und sein neues Heim musterte, sprach er bei sich mit Friedrich Rückert: »Beschränkt, – mir aussichtreich; – klein, eng, – mir groß genug; Ansprechend, – anspruchlos; – lieb, – weil vorlieb ich nehme; Behaglich und bequem, – weil ich mich still bequeme.« Der bescheidene Hausrat paßte zu den schlichten Räumen: es waren alte Möbel aus dem Elternhause unseres Freundes, die seit Jahren auf dem Speicher gestanden hatten, um Prunkstücken in den Staatszimmern des neuen Hauses Platz zu machen. Jetzt heimelten sie den Besitzer an; sie erzählten ihm von seiner glücklichen Jugend. An den Wänden hingen nur ein paar Familienbildnisse und eine Oelskizze, – letztere als der einzige Rest der kostbaren Sammlung von Gemälden neuerer Meister, welche Saß mit seinem Hause verkauft hatte. Das genial hingeworfene Bild zeigte eine fröhliche Kinderschar, auf einer Wiese tanzend. Es atmete Frühlingsluft. Und wenn Saß in das jetzt verschneite Hausgärtchen hinausblickte und auf die Amseln und Spatzen, welche vom Fenstergesims Futter pickten, und dann auf die Frühlingslandschaft des Bildes, so beschlich ihn die Ahnung, daß auch ihm hier ein neuer Lenz aus dem jetzt so harten Winter erblühen werde. Aber die Gegenwart lag doch zunächst gar schwer auf ihm. Er beklagte den Verlust von so Vielem, was er besessen hatte, allein wie ein noch tieferes Weh drückte ihn der Verlust dessen, was er nie besessen. So war es wenigstens seit er die Schicksale Herminens gehört. Unser Freund ging einsam in seiner Stube auf und ab und gönnte sich einige beschauliche Augenblicke. Da klopfte es. Der Bürgermeister trat ein und sprach: »Ich komme, um Sie dankend zu beglückwünschen wegen des Verdienstes, welches Sie sich um das Gemeinwohl unserer Stadt durch den Verkauf Ihres Hauses und Gartens erworben haben.« Saß war sehr begierig zu erfahren, worin hierbei sein jedenfalls ungewolltes und also verdienstloses Verdienst denn eigentlich bestehe. Der Bürgermeister erklärte es ihm. Ein Konsortium in Köln hatte die Saßischen Besitzungen gekauft, um das schöne neue Haus abzureißen, und mit Benutzung des weiten freien Raumes, welcher dasselbe umgab, einen großen, mit allem Komfort und Schmuck der Neuzeit ausgestatteten Gasthof zu erbauen. Der parkartige Garten blieb bestehen, aber an seine Straßenseite sollten zwei zierliche Villenhäuser kommen, Landsitze für vornehme Herrschaften, – Alles um Frankenfeld auf eine höhere Stufe als Kurstadt zu erheben. Doch dies hatte Saß schon früher und besser gewußt als der Bürgermeister. Neu war ihm jedoch, was derselbe dann weiter erzählte. Der Gasthof und die zwei Villen bildeten nur den grundlegenden Anfang. Das Konsortium hatte bereits Schritte gethan, die Heilquelle mit den Parkanlagen und allem Zubehör zu erwerben, eine neue Brunnenhalle mit gedeckter Wandelbahn und einen Kursaal aufzuführen, kurzum eine Kurindustrie feinsten Stiles in Frankenfeld zu begründen. Frankenfeld sollte nun erst in die große Welt treten, und die große Welt sollte während jeden Sommers in Frankenfeld einziehen. »Der ganze herrliche Plan,« so schloß der Bürgermeister, »ist bei den Kölner Geldmännern ohne Zweifel angeregt worden durch das Reklamebild, welches wir vor langer, langer Zeit in Ihrem Garten entwarfen« – – »So gar lang ist das noch nicht her,« unterbrach ihn Saß, »höchstens sieben Monate. Aber es hat sich inzwischen so Vieles verändert, daß auch mir diese sieben Monate fast wie sieben Jahre vorkommen.« »Nun gut!« fuhr der Bürgermeister fort. »Das Reklamebild gab den Anstoß, allein der ganze herrliche Plan wäre doch nicht zur Reife gekommen, wenn nicht Sie, verehrter Freund, Ihr Haus und Ihren Garten an die Kölner verkauft hätten. Die Bürger sind entzückt über Ihre patriotische That, und ich wünsche Glück dazu!« »Patriotisch war die That gerade nicht,« sprach Saß trocken. »Von Not gedrängt, habe ich das Haus höchst ungern verkauft und den Garten noch schwereren Herzens. Ich that es, weil ich es thun mußte, um meinen Verpflichtungen nachzukommen und meines teuern Bruders Andenken rein zu erhalten. Auch der Hephästos gehört nicht mehr mir. Eine Aktiengesellschaft wird ihn nächster Tage übernehmen, die Gläubiger werden befriedigt und mir ist die Stelle eines Korrespondenten bei dem Unternehmen zugesichert gegen ein mäßiges, aber auskömmliches Gehalt. Sie sehen, Herr Bürgermeister, wenn Sie mir Glück wünschen wollen, so können Sie es höchstens darum, weil ich Alles verloren, aber meinen ehrlichen Namen gerettet habe. Und nun noch Eines. Schon längst wollte ich Ihnen mitteilen, daß ich diejenigen Ehrenämter, welche ich zuletzt noch führte, aufgeben will, mit alleiniger Ausnahme – –« »Ich begreife in der That,« unterbrach der Bürgermeister, »daß Sie das undankbare Amt eines Museumsvorstandes, welches Ihnen schon so vielen Verdruß gemacht, so viele Neider und Gegner zugezogen hat, niederlegen. Ich bedaure es am meisten, allein ich anerkenne vollkommen – –« »Ich weiß nichts von Verdruß, von Neidern und Gegnern,« fiel Saß ein. »Das Museum war immer meine stille Freude. Darum wollte ich sagen – Sie haben mich nicht ausreden lassen –: ich gebe alle andern Nebenämter auf und nur das Museum will ich behalten. Ich stelle dabei bloß eine einzige Bedingung, daß ich den Diener, den Kaspar Zuckmeyer fortjagen darf – –« »Aber magistratische Bedienstete jagt man doch nicht so ohne weiteres fort,« bemerkte der Bürgermeister. »Fortjagen darf,« wiederholte Saß mit gesteigertem Tone. »Er ist ein vorwitziger, naseweiser, neugieriger, schwatzhafter, eigenwilliger, aufgeblasener Kerl und, wie ich befürchte, untreu dazu.« Es klopfte wieder an die Thüre. Oberst Sickenwolf trat ein. Der Bürgermeister verabschiedete sich, froh über die Unterbrechung; denn er war eigentlich gekommen, um Saß zum Aufgeben des Museums zu bewegen; alles Andere war nur artige Vorrede gewesen, – und jetzt erkannte er mit Schrecken, daß der unglückselige Direktor noch gar nicht reif war für sein Ansinnen. Als er gegangen, schüttelte der Oberst Herrn Saß die Hand und rief: »Ich komme, um Ihnen Glück zu wünschen, aufrichtig und von Herzen Glück zu wünschen, daß Sie das leidige Museum an den Professor Capelius abgegeben haben!« »Wer sagte Ihnen denn das?« fragte der Beglückwünschte, zornig erstaunt. »Nun, die ganze Stadt sagt's. Und, ehrlich gestanden, seit ich gestern gesehen habe, wie viel in dem Haderturm noch zu thun ist trotz der erstaunlich fleißigen Arbeit, die Sie bereits geleistet, begreife ich vollkommen, daß Sie diese Last von sich wälzten.« »Das haben Sie gesehen? Gestern?« rief Saß verwundert. »Nun ja! Unter des Ratsdieners kundiger Führung besuchte ich gestern früh das Museum mit einigen befreundeten Damen. Sie, lieber Freund, waren anderswo beschäftigt, und wir wollten Sie nicht stören.« »Unter der Führung des Ratsdieners?« wiederholte Saß. »Der Schurke! Ich hatte ihm aufs strengste untersagt, irgend Jemand in die Sammlungen zu lassen, bevor sie völlig geordnet seien.« »Das dürfen Sie dem armen Zuckmeyer nicht so übel nehmen,« besänftigte der Oberst. »Die Frankenfelder sind – wißbegierig, und Kaspar zeigt ihnen die Schätze ja nur aus patriotischem Stolze. Er hat sie ab und zu schon Vielen gezeigt. Er kennt Alles und weiß genau, wo Sie und Fräulein von Rohda auf den Holzweg geraten sind und wo er Ihnen dann wieder auf den rechten Weg geholfen hat. Seine Kritik macht den Leuten oft mehr Vergnügen als der Anblick sämtlicher Kostbarkeiten. Allein er kritisiert nur aus patriotischer Begeisterung und – ungleich manchen andern Rezensenten – schlägt er darum standhaft jedes Trinkgeld aus.« »Er wird bald nichts mehr zu zeigen und zu kritisieren haben!« rief Saß wütend. »Ich aber werde nicht abtreten, ich werde die Aufstellung des Museums zu Ende führen. Gerade weil mir die Sache so schwer fiel, ward sie mir Herzenssache, gerade weil ich mich mit größter Selbstverleugnung hineinarbeiten mußte, werde ich ausdauern und habe mir gelobt, meine beste Kraft daran zu setzen und aller Welt zum Trotz zu vollenden, was ich begann. Im kommenden Frühling – und eher nicht – wird das sehen, wer da will.« »Vortrefflich! höchst erfreulich! Daran erkenne ich die unbeugsame Tapferkeit meines stets bewährten Freundes!« rief der Oberst. »Schade, daß das Mädchen aus der Fremde alsdann an Ihrem Triumph nicht wird teilnehmen können! Sie bewies das erste thatkräftige Interesse für das Museum im Haderturm und – erinnern Sie sich noch unserer Begegnung in den Kuranlagen? – ihr gebührt doch das Verdienst, Sie selbst, den Widerstrebenden, zur Uebernahme der schwierigen Aufgabe umgestimmt zu haben.« »Und warum wird Fräulein Aweling im Frühjahre der Eröffnung des Museums nicht beiwohnen können?« fragte Saß, und die Frage blieb ihm fast auf der Zunge stecken. »Weil sie im Frühjahr nicht hierher kommen wird. Ich schöpfe aus bester Quelle. Vorgestern erhielt Frau Hofrat Beer, bei welcher das Fräulein immer wohnt, die Nachricht, daß ihre Mieterin im nächsten Mai nicht nach Frankenfeld zu kommen gedenke, und daß Frau Beer über die bereits vorbestellten Zimmer anderweit verfügen möge. Ich sah den Brief des Fräuleins: er war sehr kurz. Gar Viele werden das Fernbleiben des ebenso seltsamen als verehrten Gastes mit uns Beiden lebhaft bedauern. Doch ich muß fort, und da meldet sich auch schon ein neuer Besuch.« In der That klopfte es schon wieder, und als der Oberst zur Thüre hinausging, streckte Kaspar Zuckmeyer den Kopf herein und rief: »Ich gratuliere, Herr Saß! Ich komme eben vom Gymnasium: Ihr Neffe hat dort bei der heutigen Monatslokation den ersten Platz erhalten – –« »Ich will davon nichts wissen, ich will es von Euch nicht wissen! hinaus! hinaus!« donnerte Saß und wollte eben dem Kaspar die Thür vor der Nase zuschlagen, als ein neuer Besuch nachdrängte, den Kaspar im Schrecken seines Rückzuges fast über den Haufen rannte. Es war Amalie. »Wollen Sie mir auch glückwünschen?« fragte Saß nach der ersten Begrüßung, noch in etwas barschem Ton. »Glückwünschen? Nein!« antwortete Amalie. »Ich wüßte nicht weshalb.« »Gottlob!« rief Saß aufatmend und in ganz mildem Tone. »Dann seien Sie willkommen und nehmen Sie Platz. Es waren soeben drei Gratulanten nacheinander bei mir, und den dritten, welcher mir eigentlich allein etwas Angenehmes mitteilte, hätte ich fast zur Thüre hinausgeworfen, wenn er nicht schleunigst von selbst gegangen wäre.« »Vielleicht bin ich nun dennoch der vierte Gratulant,« sagte Amalie lächelnd. »Sie versprachen, mir einmal Ihre neue Wohnung zu zeigen. Also komme ich hierher. Und der erste Blick, den ich in diese Räume werfe, beweist mir, daß Sie gut gewählt, und darüber könnte ich Sie ja auch beglückwünschen. Das thue ich jedoch lieber nicht und möchte nur recht genau sehen, wie Sie sich eingerichtet haben.« Saß führte die Freundin in den Zimmern umher, und Amalie wußte Vieles zu rühmen, Manches auch bequemer und zweckmäßiger zu wünschen. Sie stand schon wieder an der Thüre, um fortzugehen. Sonst in so manchen Stücken männlichen Geistes, war Amalie doch in dem Punkte ein Frauenzimmer, daß sie das Hauptgespräch erst beim Fortgehen zwischen Thür und Angel anfing. Und so trug sie jetzt in aller Eile dem überraschten Freunde vor, daß ihre Aufgabe im Museum nunmehr erfüllt sei. Was sie ihm habe sagen und zeigen können, das habe sie gesagt und gezeigt, und er habe sich so rasch und geschickt in seine Aufgabe hineingelebt, um ihrer ferneren Hilfe nicht mehr zu bedürfen. Saß beschwor sie, nicht also zu reden, er bat, er schmeichelte und zwar mit bestem Gewissen, er ergriff ihre Hand und drang aufs wärmste in sie, daß sie ihn doch gerade jetzt nicht verlasse, wo er, von Neidern umringt, erst recht mit ehernem Eifer fortarbeiten und vollenden wolle. Amalie verhieß ihm auch ihren Rat in schwierigeren Fällen. Allein ihrer Beider regelmäßigem Zusammenarbeiten in dem alten Turm müsse fortan aufhören, nicht bloß weil es überflüssig sei, sondern auch, weil, wie sie neuerdings erfahren, sein und ihr guter Ruf darunter leide. »Und von wem erfuhren Sie dies? Etwa von Kaspar Zuckmeyer?« Amalie bejahte: »Von ihm, aber auch von Andern.« »Nun wohl!« rief Saß. »Ich habe dann nur noch eine Bitte an Sie, bevor Sie mich im Haderturm allein lassen. Helfen Sie mir, diesen Menschen zu entlarven. Das können wir nur gemeinsam. Sie sprachen mir früher schon von dem Verdacht einer Untreue, den Sie gegen den Ratsdiener hegten. Sie haben den Kerl weit schärfer beobachtet als ich, und wir wollen ihn zusammen in die Zange nehmen. Kommen Sie morgen, ich bitte inständig, noch einmal zur gewohnten Stunde in den Turm; der Frevler wird auch dort sein, und die Untersuchung soll beginnen.« »Ich habe in meinem Leben schon mancherlei Geschäfte besorgt, die ich vielleicht besser unterlassen hätte,« entgegnete Amalie freundlich; »aber die Rolle eines Untersuchungsrichters habe ich noch niemals übernommen.« »Und doch eignen Sie sich vortrefflich dazu,« ergänzte Saß. »Wenn die Frauen dereinst in stetiger Erweiterung ihrer Berufe zu den Aemtern der Rechtspflege aufsteigen, dann werden sie mit ihrem feinen Beobachtungsgeiste wunderbar findig untersuchen, aber das Rechtsprechen wird doch den Männern verbleiben, denn hier versagt der warmherzigen, gefühlvollen Frau die Kraft. Darum helfen Sie mir die Untersuchung führen, den Rechtsspruch jedoch überlassen Sie mir.« Zögernd versprach es Amalie und wandte sich zum Fortgehen. Nun aber hielt sie Saß wiederum zurück und verfiel seinerseits in die frauenzimmerliche Art, indem er zwischen Thür und Angel – höchst verlegen – vorbrachte, was ihn bereits seit einer halben Stunde heiß bewegte und was er ihr gleich anfangs hatte sagen wollen. »Ist es wahr, daß Fräulein Aweling ihre hiesige Wohnung für nächstes Frühjahr abbestellt hat, ist es wahr, daß sie nicht wieder hierherkommen will?« »Zu meinem Leidwesen muß ich es bestätigen; vorgestern erhielt ich die bestimmte Nachricht,« antwortete Amalie. »Und kennen Sie die Gründe, welche Ihre Freundin bewogen, uns fern zu bleiben, oder wissen Sie, welch andere Pläne sie verfolgt?« »Bis jetzt weiß ich weder das Eine noch das Andere,« erwiderte Amalie und empfahl sich. In trübster Stimmung trat Saß in sein trauliches Zimmer zurück, welches ihn doch so freundlich angemutet hatte, bevor die Gratulanten erschienen waren. Er fragte sich in verzweifeltem Humor, was ihm denn übrig bleibe, wozu er, als fünfter Gratulant, jetzt noch sich selber gratulieren könne? Elftes Kapitel. Kaspar in der Zange. Am andern Tage kamen Saß und Amalie zusammen in der »Gotik« des Haderturmes, wie sie das untere Geschoß nannten. Amalie aber bat ihren Freund, daß sie hinaufgingen in die »Renaissance«, wo das alte Klavier stehe. »Ich bedarf dessen,« flüsterte sie leise, daß Zuckmeyer es nicht hören konnte, »zu meiner Untersuchung; sie wird musikalisch beginnen, auch etwas poetisch; jedenfalls wird sie gemütlich werden. Wir wollen plaudern und Zuckmeyer soll zuhören. Ich bin dem Schelm auf seine Schliche gekommen durch die Musik, durch eine Sonate von Georg Benda. Kennen Sie Benda? Seine Sonate ist gerade so alt wie das Klavier: volle hundert Jahre.« Saß schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was diese Worte bedeuten sollten. Kaspar folgte widerstrebend und mit verhageltem Gesicht, als sie die engen Treppen hinaufstiegen. Oben angelangt, setzten sich Saß und Amalie auf zwei Taburette aus dem 17. Jahrhundert gegenüber dem Klaviere, welches noch immer neben der Folterbank stand. »Bleiben Sie stehen!« herrschte Saß den Kaspar an, als er ihnen gegenübertrat. »Nehmen Sie Platz!« sprach Amalie freundlich fast zu gleicher Zeit. »Meinetwegen!« bestätigte Saß. »Setzen Sie sich auf den Stuhl da vorn.« Als sich aber Zuckmeyer kaum niedergelassen hatte, rief Amalie: »Nicht doch! Stehen Sie auf! Sie sind ja auf den Prangerstuhl geraten. In Frankenfeld pflegten sonst die gemeinen Leute am Pranger zu stehen; waren aber vornehme Herren gemeine Kerls gewesen, so durften sie auf diesem Stuhl am Pranger sitzen, Alles nach Stand und Rang. Holen Sie sich den Sessel da hinten; es ist ein ehrlicher Sessel: der Zunftmeister der Schneider pflegte vordem auf ihm seine Denkübungen zu halten, bevor er nach Tische einnickte.« Zuckmeyer sprang auf, wie von einer Natter gestochen, und holte sich den Großvaterstuhl, dessen Sitz so hoch war, daß seine kurzen Beine in der Luft baumelten. Er rückte ihn aber ganz nahe vor das Klavier, als ob er dessen Tasten verbarrikadieren wolle. »Betrachten wir zuerst dies alte Cembalo; es hat noch Messingstifte statt der Hämmerchen und klingt fast wie eine Zither. Wollen Sie es öffnen, Herr Zuckmeyer.« »Man kann nicht darauf spielen, es ist ganz verstimmt,« rief dieser, verlegen errötend. »Verstimmt?« wiederholte Amalie. »Das schickt sich für ein Museumsklavier wie edler Schmutz und Staub und Rost für andere Museumsstücke.« Dann wandte sie sich zu Saß: »Vorige Woche, als ich einmal einsam hier oben war, spielte ich eine Sonate von Georg Benda. Die reizend einfache Komposition paßte so ganz zu dem traumhaft säuselnden Instrument; – aber ich kam nicht weit in meinem Spiel, denn beim Anschlagen der tiefen Töne klang mir ein seltsam gespenstiges Rasseln entgegen – –« »Es sind Saiten gesprungen,« fiel Kaspar hastig ein. »Sie können auf dem Klavier nicht spielen.« »Nur eine Saite,« berichtigte Amalie, »das große  A . Ich werde darum in As phantasieren, dann brauche ich diese Saite nicht.« Saß forderte Zuckmeyer barsch auf, das Klavier zu öffnen. Aber Amalie flüsterte ihm zu: »Nur nicht befehlen und drohen, sonst kriegen wir gar nichts aus dem Burschen heraus.« Dann wandte sie sich zum Ratsdiener: »Sie haben recht, lassen Sie das Klavier geschlossen,« und hierauf wieder zu Saß ganz leise: »Die verstimmten, rasselnden Töne würden doch nur den gewiegtesten Kenner erfreuen, der die Musik im Geiste richtig hört, während sie seinem Ohre falsch klingt. Darum haben Kenner zugleich die feinsten und die dicksten Ohren.« Zuckmeyer kochte innerlich vor Zorn über das fortwährende Geflüster, welches ihm verhängnisvoll dünkte. Da erhob Amalie wieder laut ihre Stimme und sprach zu Saß: »Unser Museum wird täglich allgemeiner beachtet. Als es für Jeden offen stand, mochte es kein Mensch sehen, jetzt wo es Allen verschlossen ist, möchte Jeder seine Nase hereinstrecken. Das ist so menschlich. Ganz Frankenfeld beginnt zu altertümeln. Der Bäcker Ubrich bat unlängst um meine Fürsprache, daß er die alten Zuckerbäckermodel geliehen erhalte, um Weihnachtsbackwerk in ältester Form als neueste Mode aufzustellen. Fräulein Kieser wünscht unsern Delfter Fayencekrug, um ein Schmuckkästchen danach blau auf weiß zu bemalen, und – was das Merkwürdigste – unser Dichter, Herr Assessor Hinterborn, der jedes Quartal eine Novelle ›aus Frankenfelds Vorzeit‹ für den ›Stadt- und Landboten‹ dichtet, wurde so poetisch angeregt bei einem Gange durch das Museum – –« »Wie kam Hinterborn herein?« donnerte Saß den Ratsdiener an. »Hatte ich nicht strengstens verboten, daß – –« »Der Herr Assessor hat diese Räume niemals betreten,« rief Zuckmeyer fest dazwischen. »Niemals! Und ich lüge niemals.« »Und war auch Oberst Sickenwolf nicht hier mit einigen Damen?« Zuckmeyer schwieg. Bei stärkerem Andrängen wiederholte er: »Ich lüge nicht. Ich schweige. Meine selige Mutter pflegte zu sagen: ›Durch Schweigen sich verred't Niemand.‹« »Gewiß!« rief Saß. »Niemand verredet sich durch Schweigen, aber Mancher verrät sich dadurch, wie Ihr es eben thut.« Amalie trat besänftigend dazwischen und sagte Saß ins Ohr: »Machen Sie mir den Burschen nicht verstockt. Er ist ja nicht schlimm: er lügt nicht und nahm kein Trinkgeld.« Zuckmeyer wollte aus der Haut fahren über das Geflüster, Amalie aber fuhr dann wieder mit lauter Stimme fort, gegen Saß gewandt: »Ich wollte Ihnen ja von Assessor Hinterborn erzählen; hören Sie mich geduldig an.« »Wenn unser Stadtpoet auch niemals diese heiligen Räume betrat, so hat er doch von Andern, die sie betreten haben, so viel davon gehört, daß er mich bat, ich möge ihm hier Stoffe suchen helfen zu einer neuen Novelle ›aus Frankenfelds Vorzeit‹ fürs nächste Quartal. Er meinte, wir besäßen doch alte Chroniken, Urkunden, Akten, aus welchen ein nach Erfindung seufzender Poet schöpfen könne. Vielleicht fände sich da etwas reizend Verbrecherisches; er liebe so sehr die Kriminalpoesie.« »Und ich hasse sie!« rief Saß heftig. »Das thue ich auch,« fuhr Amalie ruhig fort. »Und doch ist es gerade ein Kriminalakt unseres Museums, welcher ausnahmsweise einen wirklich poetischen Kern enthält, und den ich Herrn Hinterborn als Stoffquelle für seine nächste vaterstädtische Erzählung unterbreiten möchte.« (Zuckmeyer rückte seinen Großvaterstuhl ganz unmerklich etwas näher und spitzte die Ohren.. »Ein verarmter Jude gibt sich – es war vor mehr als hundert Jahren – für den Ewigen Juden aus, um mitleidige Gaben dummer Bauern zu erschwindeln. Indem er sich so aber Tag für Tag auf ein sagenhaftes Stück aus der Leidensgeschichte Christi beruft, lebt er sich allmählich so tief in diese Geschichte ein, daß er zuletzt, aufs innerste ergriffen von derselben, an das Evangelium glaubt, die Taufe begehrt, hierdurch nebenbei dem Zuchthaus oder dem Galgen entrinnt und ein guter Christ wird. Ein prächtiger Novellenstoff! Vielleicht könnte Herr Hinterborn sogar mit zwei Motiven arbeiten, wenn er die englische Sage von Cartaphilus, dem Thürhüter des Pilatus, hineinwöbe, welchem Christus sagte: ›Ich gehe und du sollst warten, bis ich komme,‹ und welcher nun, obgleich sehr bald in sich bekehrt und getauft, doch durch die Jahrhunderte gleichfalls als Ewiger Jude nicht wandern, sondern sitzen bleiben und warten muß. Ist nur erst einmal die Novelle gedruckt, dann bearbeitet ein neudeutscher Musiker den Stoff vielleicht für Orchester unter dem Titel: ›Der Ewige Jude, symphonische Tondichtung frei nach den Frankenfelder Kriminalakten.‹« »Das klingt sehr schön, wenn ich's nur verstände!« rief Saß lachend. »Sie werden es verstehen, sobald Sie die Akten gelesen haben. Aber das ist ein trockenes Stück Arbeit. Lassen Sie mich darum vorher ein wenig am Klavier phantasieren, dem künftigen Tondichter vorgreifend.« Obgleich sich Kaspar wieder breit vors Klavier pflanzte, schob ihn doch Amalie beiseite und schlug einige Akkorde an. Allein die verstimmten Töne rasselten, wie wenn man auf eine Gießkanne schlägt. »Oeffnen Sie den Deckel!« befahl Amalie dem Ratsdiener. »Dieses Geprassel kann nicht von der zersprungenen Saite kommen.« »Ich glaube, es haben Mäuse ihr Nest in den Resonanzboden gebaut; – ich will es nachher untersuchen; – das Fräulein würde erschrecken,« stotterte Zuckmeyer. »Das Erschrecken ist nicht an mir!« rief Amalie, sah dem armen Sünder mit einem stechenden Blick in das erbleichende Gesicht und hob den Deckel auf. »Ei, da liegt ja, was ich eben holen lassen wollte, da liegen die Kriminalakten: sie waren es also, welche mir neulich die Bendasche Sonate verdarben! Wie kamen sie hierher? Sie lagen doch früher auf der Folterbank.« Kaspar stotterte, daß er sie schon lange zu mehrer Sicherheit ins Klavier gelegt, er habe es inzwischen vergessen. Amalie nahm das Faszikel zur Hand, rief aber alsbald: »Da fehlt ja das Hauptstück – ›Untersuchung gegen Levi Meyer, alias Zuckmeyer, den Ewigen Juden‹!« »Wieder ein Zuckmeyer?« rief Saß erstaunt. »Allerdings,« bestätigte Amalie, »und obendrein der Ururgroßvater unsres Ratsdieners,« und fuhr dann fort zu diesem gewandt: »Ich begreife, daß der fehlende Akt Sie fesselte; Sie haben ihn wohl herausgenommen zur Abendlektüre – vor dem Einschlafen. Doch jetzt bitte ich, bringen Sie ihn hierher.« Zuckmeyer entgegnete, daß er ihn nicht bringen könne. Saß befahl und donnerte und wetterte. Aber Amalie beschwichtigte ihn und bat ihn leise, daß er ihr doch die Frucht ihrer Entdeckung durch seine Heftigkeit nicht rauben möge. Dann wandte sie sich wieder zu Kaspar. »Ich begreife, daß Ihnen der Akt unangenehm ist, obgleich Sie bei richtigem Verständnis stolz auf die Geschichte Ihres Vorfahren sein sollten.« »Ich sehe nichts besonders Angenehmes darin,« brummte Zuckmeyer, »wenn mein ehrlicher Name im Stadt- und Landboten dem Gespötte von ganz Frankenfeld preisgegeben werden soll.« »Sie kennen mich nicht,« entgegnete Amalie. »Ich werde Herrn Hinterborn den Akt nicht geben, ich werde ihm einen erdichteten Namen statt des Ihrigen nennen. Nur den Gang der Handlung mit ihrem psychologischen und ethischen Problem soll er erfahren. Kein Mensch außer uns Dreien kennt die Geschichte: wir werden verschwiegen sein. Mein Bruder war es auch. Er verschloß den Akt, der Sie bloßstellen konnte; denn auch er haßte jeden persönlichen Skandal, gleichviel ob man ihn historisch, poetisch oder sonstwie zur litterarischen Würze verwertete. Und nach dieser Versicherung bringen Sie uns den Akt.« Kaspar verschwur sich hoch und teuer, daß er ihn nicht bringen könne. »Aber Sie haben ihn doch gelesen?« Der Befragte schwieg. Da setzte ihm Amalie sehr beredt aneinander, daß man ja gar nicht anzunehmen brauche, der alte Zuckmeyer habe in pfiffiger Heuchelei seine Bekehrung nur vorgegeben, um dem Zuchthause zu entrinnen. Im Zweifelsfalle müsse man immer das Beste von den Menschen denken. Sie glaube darum vielmehr, es habe hier eine wunderbare Fügung Gottes gewaltet, die den alten Sünder gerade durch seine Sünden auf den Weg des Heils gebracht, und wenn Levi Meyer zur Zeit des gotischen Stiles gelebt hätte, statt zur Zeit des Barockstils, so würde man ihn nach seinem Tode vielleicht für einen Heiligen gehalten haben, an welchem Gott ein Wunder gewirkt und zu seinem Grabe gewallfahrtet sein wie zu dem Grabe des Herrn Chapelet in der Novelle des Boccacio. Dem armen Kaspar ging es wie ein Mühlrad im Kopf herum bei all den unverstandenen Worten von psychologisch und ethisch, historisch und poetisch und Chapelet und Boccacio. Nur die Gotik und das Barock hatte er als geschulter Museumsmann richtig verstanden. Ganz gerührt sagte er: »Das gnädige Fräulein sind so mild und gut und sprechen so schön, daß man stundenlang zuhören könnte. Aber es kann mir trotzdem doch nicht gleichgültig sein, wenn die ganze Stadt erfährt, daß ich von einem Landstreicher und obendrein von einem Trödeljuden abstamme.« »Lieber Zuckmeyer,« entgegnete Amalie, »von unsern Vorfahren wissen wir Alle miteinander nicht viel, und wenn wir die Stammbäume des Adels auf die Moral sämtlicher Ahnen zu prüfen vermöchten, dann käme bei den stolzesten Geschlechtern mitunter nicht viel besseres heraus, als bei der Familie Zuckmeyer. Uebrigens brauchen Sie sich Ihres Namens gar nicht zu schämen. Es gibt bekanntlich viele Meyer in Deutschland, die sich in eine christliche und eine jüdische Halbscheid spalten, und auch den Namen Zuckmeyer besitzen Sie keineswegs allein. Ich kenne eine hochachtbare Familie dieses Namens, bei welcher kein Mensch an das Alte Testament denkt. Möglich, daß deren Urahn ein altsächsischer Meier war, den schon der heilige Bonifazius getauft hat. Sie führen die unterscheidende Vorsilbe auch nicht auf ein Nervenzucken zurück, sondern auf das altdeutsche Zucko, welches vor anderthalbtausend Jahren ein sehr vornehmer Personenname gewesen sein soll, und es bleibt Ihnen unbenommen, die gleiche Vermutung für sich anzustellen, zumal kein Mensch den wahren Namen des falschen Ewigen Juden erfahren soll.« Amalie trug das Alles so schalkhaft und doch so einschmeichelnd vor, daß man hätte meinen können, sie selber wolle fast lieber eine geborene Zuckmeyer als eine geborene von Rohda sein. Kaspars Rührung wuchs so sehr, daß ihm die Thränen in die Augen traten. Saß aber, der gar nicht gerührt war, rief: »Schaffen Sie den Akt herbei! Augenblicklich! Ich befehle es Ihm. Und wenn Er ihn nicht flugs zur Stelle bringt, dann mag Er sich zum Teufel scheren!« Amalie bat und beschwor ihn, daß er's endlich thue. Da sprang Kaspar von seinem Sessel auf, warf sich Amalien zu Füßen und rief: »Ja, ich will bekennen, Ihnen will ich bekennen, gnädiges Fräulein, weil Sie so gut sind: ich habe den Akt verbrannt und Ihr ganzes Museumsregister dazu.« Saß und Amalie sahen sich erstaunt an. »Wir haben Ihr Geständnis;« sprach dann Jener streng und ernst. »Haben Sie noch weitere Entschuldigungen beizufügen?« Da Kaspar schwieg, hieß er ihn abtreten. Amalie aber bat, daß er noch einen Augenblick bleiben dürfe, sie sei noch nicht fertig mit dem Verhör. Und nun hielt sie dem Schuldigen die üble Nachrede vor, welche er über sie Beide in der Stadt verbreitet habe. Das sei Verleumdung gewesen und ein schlechter Dank für die freundliche Förderung, welche er von seinem Vorgesetzten stets erfahren habe. In der Verleumdung aber stecke immer auch die Lüge. Saß meinte, Kaspar, welcher niemals lüge, werde jetzt wahrscheinlich behaupten, er habe nur die überstarke und darum etwas verzerrte Wahrheit gesagt. Dieser aber rief: »Nein! ich habe schlecht gehandelt; ich habe die Leute gegen Sie Beide verhetzt. Ach, ich konnte nicht anders, allein der Grund war nicht Schmähsucht. Ich wollte den Ruf meiner Familie retten, indem ich Sie, gnädiges Fräulein, als die Einzige, welche von dem entsetzlichen Ewigen Juden wußte, von Herrn Saß und vom Museum hinweg lästerte.« Amalie redete ihm scharf ins Gewissen und zeigte ihm, wie aus einer Sünde gleich ein Dutzend anderer hervorgewachsen sei, nicht so strafwürdig und doch verdammlicher wie die erste. Und hätte er nicht bekannt und dadurch der ersten Sünde die Wurzel abgeschnitten, so würde er bald ein ganz schlechter Kerl geworden sein. Sie aber verzeihe ihm und Herr Saß werde das Gleiche thun, und nun möge er gehen und bereuen und sich bessern. Ganz zerknirscht, dankend und Besserung gelobend trat Kaspar ab. Als Saß und Amalie allein waren, meinte der Erstere, nun wollten sie das Urteil fällen. Die Verbrennung des anvertrauten Aktes müsse dem Bürgermeister gemeldet und Zuckmeyer seines Dienstes entlassen werden. Sein offenes Geständnis sei ein mildernder Umstand, so daß ein weiterer Antrag auf gerichtliche Bestrafung wegen Untreue im Dienst unterbleiben könne. Amalie war anderer Ansicht. Zuckmeyer sei durch seine beschämende Ueberführung genug bestraft. Man solle nur scharf auf ihn acht geben; sie sei überzeugt, die bisherige ungetreue »Ehrendame« werde fortan der treueste Diener sein. Uebrigens habe sie ihm versprochen, das Geheimnis der im verbrannten Akt berichteten Geschichte zu wahren und das könne man nicht, wenn man die Sache dem Bürgermeister anzeige. Saß meinte lachend, sie habe da doch eine ganz besondere Art von Untersuchung geführt, indem sie den Beklagten dadurch zum Geständnis gebracht, daß sie ihm von vornherein zusicherte, die erstrebte Frucht seines Verbrechens solle ihm nicht verloren gehen! Er hätte den Kaspar ganz anders in die Zange genommen. Amalie entgegnete: »In der gangbaren Rede sagt man nicht, Jemand in die Zange nehmen, sondern ins Gebet nehmen, und ich nahm den Kaspar ins Gebet, was immer besser ist als eine Zange und ebenso scharf zugreifen kann. Jetzt aber bitte ich um Gnade für den vielgeängstigten Mann, der vielleicht seit dem Tage, da er den Akt verbrannte, keine ruhige Nacht mehr gehabt hat.« »Das ist die rechte Art der Frauen,« spottete Saß, »die mit dem Herzen richten: sie begnadigen bevor noch das Urteil gesprochen ist. Der Mann spricht die gerechte Strafe aus.« Amalie aber sprach: »Unser Herrgott ist auch ein Mann, und doch wären wir Alle verloren, wenn er nicht der Gott der Gnade wäre und uns seiner Gnade versichert hätte vor dem Gericht. Er sieht aufs Herz und wir sollten es auch. Ginge es nach meinem weiblichen Sinne, so dürfte es gar kein Strafgesetzbuch geben, sondern jeder Fall sollte für sich und aus sich heraus beurteilt werden, je nach den Beweggründen, die der Richter im Herzen des Angeklagten liest. Und Zuckmeyer hat kein schlechtes Herz bewiesen, wenn er übers Maß auf seine Familienehre hielt. Und übrigens lügt er nicht und nimmt kein Trinkgeld.« »Gelogen hat er, wie mir scheint, über uns Beide genug,« entgegnete Saß. »Aber was schlimmer, er hat Sie selbst, mein Fräulein, zur Unwahrheit verlockt. Denn Assessor Hinterborn hat Sie in Wirklichkeit gar nicht um Novellenstoffe aus den Schriftstücken des Museums angesprochen und Ihre reizende Verarbeitung des Prozesses gegen den Ewigen Juden war doch hinten und vorn recht fabelhaft.« Amalie lächelte. »Das war keine Lüge, das war dichterische Einkleidung, und ohne die Beihilfe der Poesie würde ich den Schelm kaum so rasch gefangen haben.« Saß drohte mit dem Finger. »Nehmen Sie sich in acht. Der selige Professor Knobel in Gießen pflegte in seiner ›Moral‹ die Poesie im Kapitel von der Lüge abzuhandeln und zwar im Paragraphen von der ›Scherzlüge‹, die eben doch auch eine Lüge ist. Schlimmer jedoch dünkt mir, daß Sie, verehrtes Fräulein, durch Ihre phantasiereiche Untersuchung mich in einen schweren Gewissenskampf verwickelt haben. Meine Amtspflicht gebietet mir, Zuckmeyers Untreue dem Bürgermeister anzuzeigen, und meine Freundespflicht gegen Sie gebietet mir, davon zu schweigen.« So stritten die Beiden noch eine gute Stunde fort, immer heftiger und erbitterter, doch immer höflich in der Form. Zuletzt sagte Saß, er widerrufe jetzt seine gestern geäußerte Ansicht, daß die emanzipierten Frauen bei zukünftiger Mitarbeit an der Rechtspflege sich wenigstens zum Untersuchen trefflich eignen würden. Denn wenn eine so gescheite, hochgebildete und edle Dame wie Fräulein von Rohda eine einfache Untersuchung in echt weiblicher Weise derart führe, daß der Schelm frei ausgehe, und die Untersuchenden vielmehr in Verstöße gegen Pflicht und Wahrheit sich verstrickten, – wie werde es dann bei anderen, minder begabten weiblichen Wesen gehen? Amalie machte in aller Artigkeit die Gegenbemerkung, daß sie durch ihre weibliche Art den Angeklagten wenigstens zum vollen Geständnis gebracht habe, was Herrn Saß mit seiner männlichen Art schwerlich würde gelungen sein. Die Streitenden schieden zuletzt als insgeheim tief grollende Gegner, – wohl gar als »geschiedene Leute«? Was Kaspar durch seine Hetzereien nicht erreichen konnte, das hatte er ganz ungewollt durch Geständnis, Reue und Bekehrung fertig gebracht: er hatte Saß und Amalien gründlich entzweit. Und der unglückliche Mann verabschiedete sich zuletzt mit dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er zu all den Verlusten der jüngsten Zeit nun auch noch die einzige Freundin verloren habe. Zwölftes Kapitel. Weihnachten und Neujahr. Ganze acht Tage sah und hörte Alfred Saß nichts von Amalien. Er schmollte nicht wegen ihres Streites: dafür war er zu gutmütig und dachte, Freunde, welche sich niemals gestritten, können nur erst seit kurzem Freunde sein. Um so tiefer bewegte ihn die Doppelfrage, ob er, seiner Pflicht getreu, gegen Zuckmeyer beim Bürgermeister vorgehen, oder Amalien zulieb von der ganzen Geschichte schweigen solle. Leichtfertige Leute werden nicht begreifen, wie er sich über diese Frage abmartern konnte; allein Saß war eine tiefgründige Natur. Da leuchtete ihm – es war am Morgen des 24. Dezember – ein rettender Gedanke auf. Er schrieb einen Brief an Amalien, folgenden lakonischen Wortlautes: »I. Ihr seliger Bruder, verehrtes Fräulein, verschloß die Prozeßakten gegen Levi Meyer. Sind dieselben etwa ohne seinen Willen in die Sammlung geraten, welche er der Stadt vermachte? – »II. Können Sie demnach diese Akten als Ihr Privateigentum auch heute noch zurückfordern? »Beantworten Sie mir, ich bitte inständig, diese Fragen mit Ja oder Nein. Alfred Saß.« Er schickte sofort einen Boten mit diesem Fragezettel an das Fräulein, welcher denselben schon nach einer Viertelstunde wieder zurückbrachte mit der gleichfalls ganz kanzleimäßig und noch viel kürzer ad marginem geschriebenen Antwort: »I und II. Von kurzer Hand, verehrter Herr, beantworte ich Ihre beiden Fragen mit Ja. Amalie von Rohda.« Saß war glücklich über diese zwölf Worte. Wenn Zuckmeyer das Eigentum des Fräuleins verbrannt hatte, dann konnte sie dem Sünder vergeben oder ihn verklagen. Was kümmerte ihn – Saß – dieses weiter? Für ihn war, aktenmäßig zu reden, sein innerer Konflikt jetzt »gegenstandslos« geworden. Und in der hellen Freude darüber fiel ihm zuletzt auch ein, woran er den ganzen Morgen noch nicht gedacht hatte, daß heute der Vorabend des Christtages sei, und er meinte, die befreienden zwölf Worte Amaliens seien das schönste Christgeschenk gewesen, was er im voraus hätte erhalten können, und er war so freudestrahlend darüber wie ein Kind über die schönste Puppe auf seinem Weihnachtstisch. Der Abend kam heran. Noch vor einem Jahre war, wie allezeit im Hause des reichen Alfred Saß, das glänzendste Christfest gefeiert worden. Im Saale hatte ein lichtstrahlender Tannenbaum gestanden, der vom Boden bis zur Decke ragte. Verwandte und Freunde waren zu einer heiteren Gesellschaft vereinigt, die Tische mit kostbaren Gaben in Fülle bedeckt. Heuer wollte Saß die hohen Stunden ganz in der Stille mit seinen beiden Neffen feiern. War das Jahr 1869 doch das Todesjahr seines Bruders, ihres Vaters, gewesen. Lange hatte er sich besonnen, ob er diesmal überhaupt einen Baum anzünden solle; allein er dachte dann, durch unser Kreuz und Leiden leuchtet doch immer die frohe Botschaft von der Geburt des Herrn, ja sogar um so heller, je schwerer der Schmerz ist, welcher uns verdüstert. Und so war er am Nachmittag noch ausgegangen, ein kleines Bäumchen zu kaufen, dessen wenige Lichter er selber anzündete und die ihm nun doch weit freundlicher und ergreifender erstrahlten wie vordem das Sternengeflimmer des großen Baumes, der vom Boden bis zur Decke geragt hatte. Es machte Saß eine wehmütige Freude, diesmal für die Bescherung Alles so herzurichten, wie es ihm aus früher Jugend, aus dem Elternhause noch in heller Erinnerung stand. Punkt sechs Uhr läutete er mit einem kleinen Glöckchen. Die beiden Neffen hatten draußen schon lang dem Silberklange entgegengelauscht, wie es der Oheim vor Jahrzehnten gethan. Sie eilten herein und standen froh bewegt vor dem Bäumchen und den bescheidenen Geschenken, welche der getreue Oheim in sinniger Auswahl danebengelegt hatte. Auch sie waren ja früher an eine weit reichere Christbescherung gewöhnt gewesen, und doch dünkte ihnen die heutige ganz besonders schön. Der Oheim aber hieß sie sich niedersetzen und sprach das Lied »Vom Himmel hoch da komm' ich her« und las ihnen das Weihnachtsevangelium vor. So war es der Brauch gewesen in seines Vaters Hause; und nun erst konnte Jeder der Beiden sich der Betrachtung der Gaben erfreuen, welche ihnen das Christkind gebracht hatte und dem väterlichen Geber danken und auch ihm ihre kleinen selbstverfertigten Geschenke überreichen. Als sie hierauf aber ganz vergnüglich miteinander plauderten, nahm sich Georg, der Aeltere, ein Herz und sagte zaghaft und stotternd, der liebe Oheim habe sie so über Erwarten beschenkt, und doch hätten sie Beide sich noch ein ganz besonderes Christkindchen ausgedacht, dessen Besitz sie erst recht glücklich machen werde, und um dieses wollten sie ihn unter dem brennenden Baume jetzt noch bitten. Er möge erlauben, daß sie Beide – umsattelten, so daß er – Georg – aus der technischen Schule in das Gymnasium übergehe und Friedrich aus dem Gymnasium in die technische Schule. Denn nachdem sie durch des Oheims Führung und Beispiel seit etlichen Monaten lernen gelernt, sähen sie nun erst recht, was sie eigentlich lernen sollten, und so mochten sie nun übers Kreuz tauschen, er möchte ums Leben gern ein griechisch gelehrter Philologe werden und Friedrich ein großer Fabrikant. Alfred war wie aus den Wolken gefallen bei dieser Bitte, welche ihm selbst gerade nicht die angenehmste Christbescherung schien. Und doch hatte auch er schon manchmal im Stillen das Gleiche gedacht. Schweigend sann er lange, welche Antwort er geben solle. Da rief Friedrich, er habe neuerdings die Biographien vieler berühmter Männer gelesen und dabei entdeckt, daß fast Zweidrittel derselben, mitunter sogar sehr spät, umgesattelt und so erst ihren wahren Beruf gefunden hätten. Der Oheim aber bemerkte: »Hättest du die Biographien ebenso vieler unrühmlicher Männer lesen können, die es zu gar nichts gebracht haben, außer daß Einer um den Andern ein Lump geworden ist, so hättest du gefunden, daß unter ihnen gleichfalls Zweidrittel nicht bloß einmal, sondern oft drei- und viermal umgesattelt haben. Deine Statistik rührt mich also nicht. Allein ich will mir die Sache bedenken. Und damit ihr doch am Christabend nicht ganz leer ausgeht mit dem erwünschten Geschenk, sage ich euch, daß ich mich des Ernstes freue, mit welchem ihr jetzt an eure Lebensaufgabe zu denken beginnt.« Nach diesen Worten mußte er über sich selber lächeln; denn er kam sich vor wie ein diplomatischer Minister, der einem Bittsteller sein Wohlwollen ausspricht und ihm allerlei Schönes sagt, nur nicht Ja oder Nein. Die Neffen aber sprangen jubelnd auf und riefen: »Der Onkel hat nicht Nein gesagt! Der Onkel hat nicht Nein gesagt!« und sie nahmen das nicht gesagte Nein für ein ebenso schönes Christgeschenk, wie der Oheim vorher das zweimal gesagte Ja Amaliens dafür genommen hatte. Am nächsten Vormittag faßte Saß einen raschen Entschluß. Er ging zu Amalien. Von der leidigen Sache Kaspars und ihrem Zwist wollte er nicht mit ihr reden, er wollte ihr nur einen freundlichen Festbesuch machen zum Zeichen, daß zwischen ihnen Alles wieder beim Alten sei. Vielleicht hatte auch sie einen überraschenden Wunsch, dessen Erfüllung ihr die schönste Weihnachtsgabe sein würde. Er traf Amalien zu Hause und fragte, wie sie den heiligen Abend verbracht. »Ich war ganz allein,« antwortete sie, »und habe mir nicht einmal einen Christbaum angezündet. Der ist nicht für den Einsamen, er setzt einen Familienkreis voraus, sei dieser auch noch so klein, oder einen Freundeskreis. Und doch hatte ich einen weihevollen Abend. Als es dunkel geworden, hüllte ich mich in meinen Pelz und ging hinaus in den Park zu der jungen Tannengruppe, in deren Mitte der große uralte Tannenbaum ragt, der letzte Rest des Waldes, welcher einst hier gestanden. Dort schritt ich lange sinnend auf und ab: die Gedanken an all das Schwere und doch auch wieder Erhebende, was ich seit der vorigen Weihnacht erlebte, waren meine Begleiter. Ein einzelner heller Stern blitzte durch die Gipfelzweige der Tanne gleich dem Sterne, der über Bethlehem stand, und ich summte vor mir ein Kinder-Weihnachtslied, welches mich meine Mutter gelehrt hat, als ich fünf Jahre alt war. Da begannen alle Glocken der Stadt zusammenzuläuten, ihr wogender Schall klang wundersam herauf in meine Einsamkeit, und mir war, als sängen sie im vollen Chor: ›Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹ War das nicht auch ein schöner Christabend? »Und als ich wieder in mein Zimmer zurückkehrte, überraschte mich noch ein Christgeschenk, welches inzwischen eingetroffen war: eine kleine Kiste aus Athen, die mir das Porträt meiner Freundin Hermine brachte und einen langen, lieben Brief dazu. Sehen Sie selber. Welche Freude bereitet mir das Gemälde!« Bei diesen Worten führte sie Saß in das Nebenzimmer, wo ein meisterhaft in Oel gemaltes Brustbild der fernen Freundin aufgestellt war, nur etwa in Drittels-Lebensgröße, aber aufs geistvollste durchgeführt und sprechend ähnlich, von einem feingeschnitzten schmalen Goldrahmen umfaßt. Saß betrachtete das Bildnis tiefbewegt. Ihm war, als trete ihm die so oft geträumte Erscheinung leibhaftig entgegen mit den leuchtenden dunklen Augen, dem reichen schneeweißen Haar, den edelfeinen Zügen. Nur ein leiser Zug des Schmerzes war ihm fremd, der um ihre Lippen spielte. Nachdem Beide das Bild eine Weile betrachtet hatten, sprach Amalie: »Dieses zur Neige gehende Jahr brachte mir das in meinem Alter so seltene Glück eines neuen Freundschaftsbundes voll jugendlicher Begeisterung, voll gegenseitiger Hingabe und Innigkeit. Mir selbst ist es ein Rätsel, wie Hermine sich so plötzlich zu mir fand und ich mich zu ihr, daß es uns heute dünkt, wir seien unser ganzes Leben lang aufs engste verbunden gewesen. Aber das Jahr brachte mir noch ein anderes Glück. Ich lernte Sie, mein Freund, kennen, schätzen und lieben. Unser jüngster kleiner Zwist machte mir vollends klar, wie wert Sie mir geworden sind, und ich fühle mich heute gedrungen, Ihnen dieses auszusprechen. Die Welt hat unsere Freundschaft bereits gelästert, als wir selbst uns ihrer noch kaum bewußt waren. Liebende machen sich Geständnisse und Bekenntnisse, aber auch dem Freunde können wir gestehen und bekennen, wie teuer er uns ist. – Darf ich das?« Saß ergriff entzückt ihre Hand; er sprach nur wenige Worte, aber sie machten seiner tiefen, längst erwachten Zuneigung zu dem trefflichen Wesen Luft, welches ihm jetzt in der mit herzbewegender Liebenswürdigkeit geflüsterten kurzen Frage auch ihre Zuneigung erschlossen hatte. Amalie deutete auf das Bild: »Hermine lächelt uns freundlich zu. Die Liebe duldet keine zweite Liebe, aber die Freundschaft kann sich vervielfachen, wenn uns nur der zweite Freund in ganz anderer Weise lieb und wert ist wie der erste. Durch den Verkehr mit Herminen erfuhr ich erst recht – und fast zu meinem Schrecken –, wie jung ich eigentlich noch bin, und durch den Verkehr mit Ihnen, teuerer Freund, habe ich mit stillem Vergnügen erfahren, wie alt ich bereits geworden.« »Wollen Sie das Wort ›alt‹ streichen und statt dessen setzen, wie ›weise‹ Sie geworden sind, dann mögen Sie recht haben,« berichtigte Saß. »Aber kehren Sie jetzt auch einmal gegen mich nicht Ihre Weisheit, sondern Ihre Jugend heraus. Ich möchte Ihnen mein Herz ausschütten in dieser geweihten Stunde und zur Besiegelung unsers Freundschaftsbundes. Ich möchte Ihnen anvertrauen, was ich noch keiner Seele vertraut habe, und ich weiß, daß Sie es als ein Geheimnis bewahren werden, als ein Geheimnis namentlich vor Ihrer Freundin.« Amalie entgegnete, sie gebe nie ein Versprechen, bevor sie wisse, worum es sich handle; dennoch könne er auf ihre Verschwiegenheit zählen. Saß schilderte nun, zuerst etwas befangen, dann immer wärmer, zuletzt im großen Zug der Rede, wie er plötzlich von wunderbarer Zuneigung für Hermine ergriffen worden sei, wie diese Neigung um so mehr sich gesteigert habe, als die holde Gestalt ihm entflohen sei, ihm immer unerreichbarer geworden. Man sage sonst: aus den Augen, aus dem Sinn, allein als Hermine ihm aus den Augen gewesen, da sei sie ihm erst recht in den Sinn gekommen. Niemals habe er der still Verehrten seine Liebe aussprechen können, niemals von ihr ein Zeichen wärmerer Teilnahme erhalten. So einseitige Schwärmerei in bloßen Gedanken und ohne Gegenliebe könne ungesund, könne närrisch erscheinen. Allein habe nicht Hermine als junges Mädchen ähnlich geliebt? Freilich sei dann diese verschlossene, sich in sich verzehrende Liebe zur Tragik ihres Lebens geworden! Als er dies aus Amaliens Erzählung erfuhr, habe er zuerst aufgejauchzt und sei doch fast zugleich wieder tief traurig gewesen. Sein und ihr Lebensgang, äußerlich so verschieden, enthalte doch so viel des Gemeinsamen. Auch er habe lang im Glücke gelebt und sei doch nicht glücklich gewesen, weil er keine wahre Lebensarbeit, keinen vollen Mannsberuf besessen. Jetzt sitze er nicht mehr im Glück, aber es erquicke ihn der Segen strenger Arbeit, er wisse seit seines Bruders Tode, wofür er da sei. Wisse dies auch Hermine? Was würde sie sagen, wenn sie jetzt in seiner Seele lesen könne, sie, die er verehre wie ein höheres Wesen, und die nun doch noch gar ein klein wenig von ihm lernen könne? Wäre es möglich, daß sie ihn jemals wiederliebe? wäre es möglich, daß sie jemals die Seine würde? So vermessen habe er sich früher oft gefragt. Jetzt frage er nicht mehr so; er könne nur noch entsagen, er ein unbedeutender, ein armer Mann, dem nichts mehr übrig geblieben, als abhängig in fremdem Geschäfte zu arbeiten und seine Neffen zu erziehen. Darum bekenne er jetzt Amalien, und ihr allein, was er bis dahin kaum sich selbst bekannt: – der Roman sei zu Ende. Amalie versicherte ihn, daß er seine Bekenntnisse keiner Unwürdigen abgelegt habe, sie suchte nach teilnehmenden, beruhigenden, tröstenden Worten, ohne die rechten finden zu können. Saß hörte kaum zu; er schaute unverwandt auf Herminens Porträt. Dann sprach er plötzlich in ganz verändertem, gleichgültigem Tone: »Das Bild ist meisterhaft. Wie heißt der Maler?« Amalie sah ihm scharf ins Gesicht und erwiderte: »Es ist gemalt von jenem Düsseldorfer Künstler, den wir Heribert nannten.« Saß fuhr auf: – »und in jüngster Zeit?« »In allerjüngster Zeit und zwar in Athen. Die Sache machte sich höchst einfach; Hermine hat mir genau darüber berichtet. In Athen sammeln sich im Winter nicht interessante Reisende aus allen Ländern wie in Rom. Nur wenige Fremde weilen dort, aber die Landsleute schließen sich um so enger zusammen. So begegnete denn Hermine während dieses Winters dort in einem kleinen Kreise deutscher Gelehrter und Künstler auch – Heribert! Er entsann sich der früheren flüchtig Bekannten – und was war sie ihm denn anders gewesen? – und näherte sich ihr, wie sich Landsleute in der Fremde zu nähern pflegen. Sie beobachtete ganz dieselbe Haltung. Ob es ihr schwer fiel? Sie hatte von dem Tage an, da sie ihrem aufgedrungenen Bräutigam das Jawort gab, jedes Wiederaufleben ihrer Schwärmerei für Heribert mit aller Kraft aus ihrer Seele gerissen. So konnte sie ihm denn nun auch ganz unbefangen gegenübertreten, als er sie gelegentlich bat, daß sie ihm zu einer Oelskizze sitzen möge. Sie willigte ein. In Romanen verlieben sich schöne Damen nicht selten in den Künstler während der ›Sitzungen‹, in Wirklichkeit sollen sie sich weit öfter langweilen. Hermine that weder das Eine noch das Andre. Die Kraft ihrer Selbstbeherrschung bestand die Feuerprobe; die Sitzungen währten lang, die Skizze ward zum ausgeführten Bild. Und indem Hermine mir den ganzen Vorgang treulich berichtete, schenkte sie mir das Bild, welches nun auch Ihnen ein Zeugnis ist, daß die Freundin entsagen, vergessen und sich bezwingen gelernt hat.« »Und doch erzählt vielleicht der leise schmerzliche Zug dieses Antlitzes, welches sonst nur Lebensmut und Freude strahlte, daß das Entsagen immer noch einen Kampf heischte,« fügte Saß hinzu. »Sie täuschen sich,« entgegnete Amalie. »Ein Leid ganz anderer Art verdüstert das Gemüt meiner Freundin, und die scheinbar Glückliche ist oft recht unglücklich. Allein ich darf nichts Näheres darüber sagen.« Saß glaubte plötzlich wieder einen Lichtstrahl aufblitzen zu sehen. Sie war unglücklich – warum? Das wußte er nicht. Aber nur als die Glückliche war sie ihm zuletzt so ganz unnahbar erschienen. Konnte er nicht irgend einmal ihr Herzensleid teilen und heilen? Dabei vergaß er ganz, daß er kaum erst gesagt hatte, der Roman sei zu Ende. So rätselhaft ist des Menschen Herz. Das unbekannte Unglück Herminens wurde Alfred Saß zu einem Trostgedanken, den er als das seltsamste letzte Christgeschenk mitnahm, da er sich von Amalien verabschiedete. Der Sylvesterabend war gekommen. Saß hatte bis tief in die Dunkelheit gearbeitet; dann trieb es ihn hinaus. Ziellos wandelte er durch die Gassen, die Häuser und Menschen betrachtend. Hier kamen fromme Beter vom Abendgottesdienst an der Jahreswende, dort eilten fröhliche Leute zum Sylvesterpunsch. Durch manches Fenster sah man den Christbaum wieder flimmern, der heute den Kindern zum letztenmal angezündet wurde, anderswo schimmerte das Lämpchen einer armen Familie durch die Scheiben, die sich in traulicher Beschauung den letzten Feierabend gönnte. So war Saß zur äußersten Straße und vor die Stadt gekommen, und ungewollt fand er sich vor der Thüre seines ehemaligen schönen Gartens. Sie stand offen; der Garten, bereits alles wertvollen Schmuckes beraubt, erschien schon als Bauplatz. Wie von unwiderstehlicher Gewalt fühlte sich Saß hineingezogen und stieg langsam die wohlbekannten Pfade zwischen den laublosen Bäumen hinan, die ihm so gespenstig ihre Zweige entgegenstreckten. Es war ihm nicht wehmütig ums Herz, er fühlte sich vielmehr fest und mutig; denn er gedachte nicht dessen, was er im abgelaufenen Jahre verloren, sondern was er gewonnen hatte, und segnete Gottes unbegreiflich wunderbare Führung. So kam er zuletzt auf die Höhe und stand vor dem verschlossenen Gartenhause, dessen Innenräume schon seit Wochen ausgeleert und verödet waren. Der Himmel, mit Sternen besät, spannte sich so weit und frei über die tiefdunkle Landschaft, die Stadt mit den vereinzelten Lichtern lag wie eingeschlafen zu seinen Füßen, so still, so friedlich, kein Straßengeräusch drang herauf. Man konnte einzelne Gebäude kaum unterscheiden; nur der Haderturm, alle überragend, stieg hünenhaft in die Höhe. Bei seinem Anblicke trat Saß das Bild jenes sonnigen Maienabends hell leuchtend vor die Augen, wo er hier oben, mit Freunden fröhlich, den Becher erhoben hatte. Wie anders war es seitdem geworden! Sie feierten damals den Fall des alten Turmes, aber der Turm stand jetzt fester als vorher und sein eigenes Haus war gefallen. Da sah der Sinnende eine große dunkle Gestalt langsam den Berg heraufsteigen; – sie kam näher, – ganz nahe, – jetzt erkannte er sie: – es war Oberst Sickenwolf. Mit seinem Gruße verband der alte Soldat einen derben Fluch über den beschwerlichen Weg. Er habe Freund Saß in den Garten eintreten sehen und sei ihm nachgegangen, mühsam genug. Vor vier Jahren noch würde er selbst bei dunkler Nacht im Galopp den steilen Schlangenpfad heraufgesprengt sein: jetzt könne er nicht mehr reiten, seit ihm die verdammte Kugel von Königgrätz im Oberschenkel stecke, er sei nur noch ein halber Mann, denn zu einem ganzen Manne gehöre ein Pferd, mit welchem er zusammengewachsen sei wie ein Centaur. Närrische Leute behaupteten, zu einem ganzen Manne gehöre eine Frau. Diese Ansicht habe er nie geteilt, und sein ehescheuer Freund sei wohl gleichen Sinnes. »Nicht so ganz,« entgegnete dieser. »Ich kann mir einen ganzen Mann auch ohne Pferd und ohne Frau denken. Seltsamerweise habe auch ich vorhin, als ich den Pfad heransteigend, das abgelaufene Jahr im Geiste überflog, erwogen, was den Mann erst vollwertig mache. Und da meinte ich, daß ein ganzer Mann sei, wer da weiß, was er will, und nur will, was er kann, und kann, was er soll.« »Das klingt mir zu philosophisch,« sprach der Oberst. »Betrachten wir lieber diesen herrlichen Sternenhimmel. Ein Aufblick zu den Sternen ist an sich schon Philosophie, auch wenn man gar nichts dabei denkt. Glänzen die Sterne so herrlich hell wie heute, dann wird das Wetter bald wechseln. Es kommt Sturm. Tausende werden jetzt in diesem heiligen Frieden des Nachthimmels nur den Frieden des neuen Jahres lesen. Aber der Krieg kommt, wann man ihn am wenigsten erwartet. Blicke ich manchmal nachts in die weite Landschaft und auf die leuchtenden Welten da droben, die so ruhig in gemessenen Geleisen gehen, dann höre ich in der Ferne Rosseshufschlag und den ehernen Tritt marschierender Regimenter und ganz leise, dumpfe Kanonenschläge dazwischen. Gott gebe uns ein neues Friedensjahr! Nur wer den Krieg selbst mitgemacht hat, weiß ganz, wie entsetzlich er ist. Und nun leben Sie wohl. Gott schenke Ihnen, lieber Freund, ein gutes Neues Jahr und uns Allen und unserm teuern deutschen Vaterlande – – das Jahr 1870!« Mit diesen Worten ging der seltsame Mann wieder den Berg hinab und ließ den Freund mit seinen Gedanken einsam in der schweigenden Nacht. Drittes Buch. Das Glück des Lebens und die Liebe. Erstes Kapitel. Im Wächterstübchen. Am Vormittage des 7. August 1870 wimmelte es in den Straßen von Frankenfeld wie in einem Ameisenhaufen. Die Leute liefen auf und ab, fragten, erzählten, jubelten, drückten sich die Hände, umarmten sich; ein Haus ums andere begann zu flaggen, vor der Kirche stand eine Schar von Männern entblößten Hauptes und sang: »Nun danket Alle Gott«, und dazwischen dröhnten Böllerschüsse vom Plattenberg herüber, wo man aus drei alten Katzenköpfen Viktoria schoß. Die Kunde von dem großen Siege unsers Heeres bei Wörth war eingetroffen. Am Haderturm hatte sich ein dichtgedrängter Haufen gesammelt: dort stand das Siegestelegramm angeschlagen; Jeder wollte es lesen, Jeder machte seinem Jubel gegen den Nächststehenden Luft. Ganz vorn stand eine Dame in Reisekleidern. Sie hatte ihr Notizbuch in der Hand und schrieb die Worte hinein, welche sie zugleich laut vor sich hin sprach: »2 Adler erbeutet, – 6 Mitrailleusen, – einige 20 Geschütze, – über 4000 Gefangene!« Dann wandte sie sich um und rief gegen ihren Hintermann: »20 Geschütze! Die 20 Geschütze freuen mich am meisten!« Dies sagend, sah sie dem Herrn ins Gesicht, prallte zurück und rief: »Herr Saß?« und dieser im selben Augenblicke: »Fräulein Aweling!« »Welch ein glücklicher Tag!« jauchzte sie, und ergriff des Ueberraschten beide Hände und schloß sie in die ihrigen und ließ sie lange darin ruhen. »Zu solcher Stunde darf man seinen Freunden nicht bloß Eine Hand geben!« Und darauf drängten sie sich hinaus aus der Menge, und Hermine wiederholte: »Welch ein glücklicher Tag!« und Saß stammelte: »Doppelt glücklich! – Aber wie kommen Sie hierher, mein Fräulein?« In hastigen Sätzen antwortete sie: »Ich war in London. Als aber der Krieg erklärt wurde, als vor acht Tagen der Aufruf unsers Königs an sein Volk erschien, da duldete es mich nicht länger in der Fremde. In dieser großen Zeit gehört jeder Deutsche nur Deutschland allein. Ich will helfen, ermutigen, trösten, pflegen, ja ich möchte mitfechten, – doch dies dürfen wir armen Frauen nicht. Ich eile zu meiner Freundin, Fräulein von Rohda, um mit ihr zu besprechen, was ich schaffen; wo ich bleiben, wie ich wirken soll. Als ich vor einer Viertelstunde im Bahnhof eintraf, sah ich schon aufgeregte Menschen und hörte verworren die frohe Botschaft. Ich setzte meine Kammerjungfer in die Droschke« – (es gab ja nur eine einzige in Frankenfeld) – »daß sie meine Ankunft der lieben Rohda meldete, und ging allein durch die Stadt, um zu sehen, zu hören. Wenn die Begeisterung alle Welt auf die Beine treibt, dann muß ich auch mit dabei sein. Ich hätte es nicht aushalten können, zwischen diesen jubelnden Menschen hindurch zu fahren. Und nun habe ich noch die Freude, daß Sie der erste Bekannte sind, welcher mir begegnete.« Auch Saß sprach seine Freude aus, wußte aber selbst nicht genau, was er eigentlich sagte. Hermine hielt noch immer ihr offenes Notizbuch in der Hand. Sie blickte darauf und bemerkte lächelnd: »Wie doch der Glücksrausch kindisch macht! Ich hatte nichts eiligeres zu thun, als mir diese Ziffern abzuschreiben, es war mir, als könnten sie mir sonst verloren gehn; obgleich wir sie doch in hundert Zeitungen und Büchern lesen werden und vermutlich noch vermehrt durch genauere Zählung. Denn wir Deutsche sind nicht groß in der Prahlerei wie die Franzosen, sondern in der Bescheidenheit.« Bei diesen Worten machte sie zwei dicke Querstriche über das Blatt und steckte das Büchlein ein. Saß hatte währenddessen zum Haderturme hinausgeblickt und rief: »Wie? Mein Turm hat noch nicht geflaggt? Schläft der Kerl, der Wächter da droben? Er hatte den Befehl, sofort die Fahne auszuhängen, die größte der ganzen Stadt, sobald er die Fahne am Rathaus sieht.« Und dann schrie er in die Turmthüre hinein: »Zuckmeyer! steigen Sie hinauf, sagen Sie dem Wächter, daß er augenblicklich flagge!« Aber kein Zuckmeyer war zu sehen und zu hören. Ein Umstehender sagte: »Der Ratsdiener läuft in der Stadt herum, wie gegenwärtig jeder gute Deutsche.« – »Schicken Sie doch einen von den kleinen Jungen hinauf, die sich da herumtreiben,« rief ein Anderer. Saß aber entgegnete: »Mit jenem Herren steht es gut, der, was er befiehlt, gleich selber thut. Ich will selbst hinaufgehen.« Plötzlich jedoch stutzte er, besann sich einen Augenblick und sprach zu Hermine: »Wie lange bleiben Sie in unserer Stadt, mein Fräulein?« »Vielleicht bis morgen.« »Und darf ich Ihnen meine Begleitung zum Hause Ihrer Freundin anbieten?« »Ich danke verbindlichst: ich möchte allein gehen. Ich will sehen, wie die Stadt sich schmückt, wie die Menschen sich freuen, und – verzeihen Sie – das sieht man immer allein am besten.« Saß fiel ein: »Am schönsten wäre es doch, wenn Sie jetzt die Häuser mit ihren Fahnen, die Straßen mit ihrem fröhlichen Getümmel im wundervollen Sonnenlicht zuerst von oben sähen und dann von unten. Steigen Sie mit mir auf den Turm; nachher lasse ich Sie ganz allein.« Hermine fand den Vorschlag prächtig. Und so gingen sie Beide in den Turm und stiegen eilends die Treppen hinauf. Ganz oben, wo der Aufgang eng und dunkel wurde und die hölzernen Stufen mehr den Sprossen einer Leiter glichen, reichte Saß seiner Begleiterin hilfreich die Hand. Sie zitterte in der ihrigen. »Haben Sie Furcht?« fragte Hermine. »Ganz und gar nicht!« erwiderte Saß. »Es ist nur freudige Erregung, die mich zittern macht.« In diesem Augenblicke wurde es hell. Sie standen vor der geöffneten Thüre des Wächterstübchens, und eine prächtige Trompetenfanfare schmetterte ihnen entgegen. Fritz Krumper, der Wächter, blies aus dem offenen Fenster auf die Straße hinunter und gleich darauf die »Wacht am Rhein« im raschen Marschtempo. Krumper war Trompeter bei den Husaren gewesen, er blies so frisch und mächtig. als ob's zum Angriff gehe und er säße hoch zu Roß. Das waren vergangene Zeiten, und er saß jetzt vielmehr auf dem unruhigen Ruhepöstchen da oben als »civilversorgungsberechtigter Militäranwärter«. (Wie gefällig ist doch unsere deutsche Sprache, daß sie so bequeme Wortbildungen gestattet.) In seinem heiligen Eifer bemerkte er die Eingetretenen gar nicht, bis er sein Marschlied zum zweitenmal geblasen hatte. Die unerwarteten Gäste spendeten ihm Beifall. »Aber wo ist die Fahne?« rief Saß gleich nachher. »Warum wurde sie nicht längst ausgehängt?« »Ich bringe dies allein nicht fertig und der Ratsdiener, den ich erwartete, kam nicht,« entschuldigte sich der Wächter. »Die Fahne ist zu groß, die Stange zu lang und schwer, als daß sie ein einzelner Mann in diesem engen Stübchen handhaben könnte. Ragt die Fahne nicht weit hinaus, so flattert sie nicht wie sie soll, wird sie dann aber nicht stark befestigt, so fällt sie den Frankenfeldern auf die Köpfe.« »Ich will Euch helfen,« rief Saß. »Auf ans Werk!« »Der Kaspar hätte es gekonnt, der ist bärenmäßig stark; aber Sie sind nicht stark genug, Herr Saß,« wandte Krumper ein. »Heute bin ich stark genug!« rief Saß. »Und wir sind ja zu Dreien: das Fräulein hilft mit. Darf ich bitten?« Und in der That, – Hermine griff stracks mit den beiden Männern kräftig zu, die Fahne durchs Fenster zu bringen. Es war nicht leicht; denn die lange Stange ging durchs ganze Stübchen, so daß sie vorn zum Fenster und hinten zur Thüre hinausragte auf die dunkle Stiege. Nach manchem Fehlversuch und mit äußerstem Kraftaufwand gelang es jedoch zuletzt den Dreien, sie in die richtige Lage zu schieben und zu befestigen. Und als dann die prächtige Flagge, von leichtem Winde bewegt, sich breit in die Lüfte hob, erscholl stürmischer Beifallsruf der unten versammelten Menge. Saß dankte Herminen und sprach: »Nehmen Sie's zum guten Zeichen: Sie sind kaum erst angekommen und haben doch schon mitgethan.« »Ob ich mitgethan habe?« rief Hermine lachend und zeigte die Innenflächen ihrer beiden Hände: die schönen perlgrauen Handschuhe waren von der staubigen und rußigen Stange ganz schwarz gefärbt. Aber noch mehr: die linke Seite ihres Rockes hatte einen großen Winkelriß; denn das Fräulein war bei den Kraftanstrengungen an einem Nagel hängen geblieben. »Das thut nichts in gegenwärtiger Zeit,« rief Saß. »Unsere Wunden sollen uns schön stehen. Ach, unsere braven Soldaten werden jetzt noch ganz anders aussehen!« Hermine war ans offene Fenster getreten und blickte lange hinab auf das schöne, so festlich belebte Stadtbild. Dann wandte sie sich um zu ihrem Begleiter und Thränen standen ihr in den Augen. Sie sprach: »In diesen großen Tagen darf man nicht an sich selbst denken. Und doch übermannte mich's eben, als ich auf den Frieden dieser freundlichen Landschaft, auf den Schmuck der Häuser und auf das hoch pulsende Leben der Straßen hinabsah, – daß ich heimatlos bin.« »Haben Sie sich denn nicht vordem so oft recht heimisch gefühlt in unsern Mauern?« fragte Saß, leisen Tones. Hermine aber flüsterte tief bewegt vor sich hin: »Vorbei! – Vorbei!« Dann wandte sie sich zum Wächter und drückte ihm ein Goldstück in die Hand für sein schönes Blasen. Der alte Krumper nahm es jedoch nicht an und sprach: »Ich habe nicht für Sie geblasen, gnädiges Fräulein, sondern für mich, weil es mich drängte, weil es mir das Herz zersprengt hätte, wenn ich nicht meinen Jubel hinausgeblasen hätte. Auch habe ich Ihnen ja sonst nichts gethan; Sie aber haben mir geholfen, wofür ich Ihnen hiermit meinen Dank sage.« Hermine sah dem Alten mit ihren großen Augen freundlich ins Gesicht und schüttelte ihm herzlich die Hand. Dann wandte sie sich zu Saß: »Gehen wir fort. Wie sind doch die Menschen anders geworden! Gehen wir fort, und segnen wir dies friedliche Stübchen.« »Es war bisher für mich eine Stätte trauriger Erinnerung,« bemerkte Saß. »Aber von heute knüpft sich mir nun ein so erhebend frohes Gedenken an das Wächterstübchen. Der Alte hat Ihre Gabe verschmäht: – darf ich Sie hier um eine Gabe bitten? Sie schrieben da unten die Ziffern des Telegramms in Ihr Notizbuch, als ich Sie zum erstenmal wieder erblickte. Sie nannten das kindisch, – es war nicht kindisch –, es drängte Sie dazu der innere Jubel, wie er den alten Husaren drängte, daß er seine Trompete mußte schmettern lassen. Das Blättchen, worauf die durchstrichenen Ziffern stehen, hat für Sie keine weitere Bedeutung: schenken Sie es mir zum Andenken an diesen hohen, frohen Tag, an die Besteigung des Haderturms, an das Wächterstübchen und – an Sie.« Hermine zog ihr Notizbuch, ohne ein Wort zu erwidern, trennte sorgsam das Blatt und gab es ihrem Begleiter, der es dankend in seiner Brieftasche barg. Hierauf gaben Beide dem alten Krumper noch die Hand zum Abschiede und stiegen die Treppen wieder hinab. Als sie an der geschlossenen Thüre des Museums vorbeikamen, fragte Hermine, ob sie nicht einen flüchtigen Blick in die Sammlung werfen dürfe? Saß aber entgegnete: »Thun Sie's lieber nicht. Vor etlichen Wochen noch würde es mich beglückt haben, Ihnen unsere Schätze, leidlich geordnet, zu zeigen. Jetzt liegt Alles durcheinander. Auch das Museum befindet sich gegenwärtig im Kriegszustand. Als Napoleons Kriegserklärung kam, begannen furchtsame Leute ihr Geld zu vergraben, Archive und Gemäldegalerien wurden da und dort in Kisten verpackt, daß man sie rasch flüchten könne. So begann auch ich einzupacken. Die Dose des Prinzen Eugen wäre doch gar zu lockend für die Franzosen gewesen, weil sie von dem edlen Ritter so schön geschlagen worden sind. Vorgestern jedoch, als die Siegesbotschaft von Weißenburg kam, hielt ich inne mit dem Einpacken und morgen packen wir wieder aus. Wer kümmert sich auch jetzt um Altertümer? Wenn man täglich Geschichte erlebt, studiert man keine Geschichte.« Auf der Straße angelangt, wurden die Beiden von neuem Jubel begrüßt. Eine zweite Depesche war soeben am Haderturme angeschlagen worden: die erste Nachricht von der Erstürmung der Spicherer Höhen. Sie besagte zunächst nur, daß die Stellung des Feindes, mit schweren Verlusten beiderseits, genommen worden sei. Ende des Kampfes erst bei völliger Dunkelheit. Man konnte fragen, ob der Kampf nicht am heutigen Tage fortgesetzt, ob nicht eben jetzt erst der endgültige Entscheid fallen werde? Die Botschaft klang nicht ganz so hoch wie die erste von Wörth. Allein sie wurde mit gleicher Begeisterung aufgenommen. Wie das Volk vor wenigen Tagen bei der Kunde der Besetzung Saarbrückens durch die Franzosen kleinmütig geworden war und bei allem Vertrauen auf den endlichen Sieg doch vorerst eine ganze Kette von Mißgeschick folgen sah, so glaubte es nach Weißenburg und Wörth, daß der Sieg sich jetzt überall, Schlag auf Schlag, an unsere Fahnen heften müsse. Und es hatte diesmal recht, wie schon die nächsten Telegramme über die Schlacht bei Spichern und den vollständigen Rückzug der geschlagenen feindlichen Armee erwiesen. Hermine las die Nachricht wiederholt mit glühender Teilnahme und wandte sich dann zu ihrem Begleiter. »Welch schöner Abschied! – denn ich muß mich jetzt von Ihnen trennen. Diese erschütternde Zeit reißt die Menschen auseinander und führt sie zusammen – ungeahnt, ungewollt – rätselhaft wie in einem Märchen. Wer weiß, wo und ob wir uns wiedersehen! Ich werde diese Stunde nie vergessen. Leben Sie wohl!« Saß ergriff ihre Hand und sprach: »Bevor Sie Ihre Pläne fassen, beachten Sie den Rat Ihrer Freundin von Rohda. Sie ist ebenso klug als edel und gut. Gott sei mit Ihnen!« So schieden die Beiden. Er sah ihr noch lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden war. Dann sprach er leis die Worte vor sich hin, welche sie im Wächterstübchen träumerisch für sich gesprochen: »Vorbei! – Vorbei!« Zweites Kapitel. Widerspruch überall. Wir finden Hermine Aweling im Hause ihrer Freundin. Sie reiste am nächsten Tage nicht wieder ab und auch nicht am übernächsten. – Das kam so: – Nachdem die erste Freude des Wiedersehens, der erste Sturm der Begrüßung und des Austausches zwischen den beiden Freundinnen verrauscht war, erklärte Hermine hocherregt, daß sie mit dem Willkomm zugleich den Abschied verbinde; denn sie müsse alsbald wieder fort, hinaus ins Feld, wohin sie das begeisternde Gebot der Pflicht rufe. Höchst phantasiereich schilderte sie dann, wie sie sich in freier That und auf eigene Faust zur Armee begeben wolle, um vergessene Verwundete vom Schlachtfeld aufzulesen, Verschmachtende zu erquicken, Sterbende zu trösten, noch ehe der Pulverdampf sich verzogen habe. Als gute Reiterin werde sie den Märschen folgen: – wie viele Samariterdienste gebe es da für eine weibliche Hand! Sie habe persönliche Verbindungen mit Prinzen und Generalen, man werde sie nicht zurückweisen. Amalie hörte gelassen zu, durchschnitt dann aber aufs grausamste den romantischen Plan ihrer Freundin, indem sie ihr ebenso ruhig als klar darlegte, daß man einzelne Damen nicht so ohne weiteres auf den Schlachtfeldern herumschweifen lasse als berittene Samariterinnen, und daß ihr ganzes großherziges Vorhaben unausführbar sei. Wolle sie draußen den Verwundeten helfen, dann müsse sie sich etwa den Diakonissinnen oder ähnlichen Vereinen angliedern, welche unter militärischer Oberaufsicht zum Kriegsschauplatz zögen. Da müsse sie sich unterordnen und von unten herauf alle die entsagungsvollsten Dienste leisten, bevor sie noch irgend einen Pulverdampf gesehen habe. Aber auch hier würde man sie nicht aufnehmen, außer sie habe vorher die notdürftige Vorkenntnis zur Behandlung der Verwundeten gewonnen. Es sei ein Schnellkurs für Verbandlehre in hiesiger Stadt im Gange auf Betreiben des Herrn Saß. Unter vierzehn Tagen könne sie den Kurs nicht durchmachen. Dies Alles passe nicht für ihre Art. Barmherzig wie Wenige sei sie doch nicht zur »barmherzigen Schwester« geboren. Sie könne dagegen ihrem patriotischen Eifer das volle Genüge thun und der guten Sache die besten Dienste leisten mit ihrem Verstand, ihrer Thatkraft, ihren Mitteln, wenn sie hier am Orte bleibe. Hierauf schilderte Amalie, was Alles in Frankenfeld zur Zeit schon im Gange sei, damit auch die Männer und Frauen zu Hause segensreich wirken könnten für den großen Kampf. Es hatte sich ein Hilfsverein gebildet, angeregt und eingerichtet durch Herrn Saß. Der Verein teilte sich in zwei Ausschüsse, einen männlichen und weiblichen. Fünfzig Damen des letzteren Ausschusses kamen täglich im Ballsaale der Concordia zusammen, wo Massen von Leinwand und andern Stoffen aufgehäuft lagen. Mit Bienenfleiß wurde dort vom Morgen bis zum Abend zugeschnitten und genäht; Verbandzeug, Charpie , Leibwäsche und andere Kleidungsstücke wurden verfertigt, von denen ganze Ballen zur Armee gingen. An jedem Tag, der eine Siegesnachricht gebracht, spendeten ungenannte Wohlthäter den fünfzig Damen zum Feierabend eine große Schokolade mit Backwerk. Amalie von Rohda leitete das Ganze. Als Hermine dies hörte, erklärte sie, daß auch sie beitreten und mitschneidern wolle, – besann sich aber dann wieder, schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief: »doch nein! – wie thöricht! – ich werde ja morgen abreisen.« Der männliche Ausschuß hatte seinen ständigen Sitz auf dem Bahnhofe, wo die einlaufenden Militärzüge, später die Züge der Verwundeten und Gefangenen mit Speis' und Trank und andern nützlichen Gaben reichlich bedacht wurden. Auch Frauen wirkten hier mit, wenngleich in kleinerer Zahl. Als Hermine dies hörte, erklärte sie, auch hier helfen zu wollen, hielt aber inne und rief: »Doch nein! – ich vergaß wieder, daß ich morgen abreisen werde,« und fragte, wer denn den Männerausschuß leite? Die Antwort lautete: »Alfred Saß.« Man war eben damit beschäftigt, ein Spital für die zu erwartenden Verwundeten einzurichten und hatte die große Halle des Kornhauses hierzu bestimmt, eines mittelalterlichen Gebäudes in enger Gasse. Saß war gegen diesen lichtarmen, weiten aber niederen Raum; allein er wurde überstimmt. »Und doch hatte er recht!« rief Hermine, als sie dies vernahm. »Ich kenne das Kornhaus: es wäre eine Schande, wenn die armen Verwundeten dort hineingepfercht würden. Ich werde Alles aufbieten, zweckmäßigere Räume zu gewinnen, – sofern ich nicht morgen abreise.« Für die zurückgebliebenen Frauen und Kinder der ausgerückten ärmeren Soldaten wurde Geld gesammelt und lohnende Arbeit gesucht. »Wer hat denn diesen humanen Gedanken angeregt?« fragte Hermine. »Alfred Saß,« antwortete Amalie. »Ich werde mit meinem Beitrag nicht kargen, selbst wenn ich abreisen sollte,« bemerkte die Freundin. Die Stadt Frankenfeld hatte sich mit dem benachbarten Groß-Runenstein in Verbindung gesetzt, der dortige Hilfsverein dem Frankenfelder sich angeschlossen. Dies zu erreichen, war die schwerste Arbeit gewesen; dennoch gelang sie dem Eifer und der Klugheit von Alfred Saß. So brachte der Krieg Frieden, hier wie anderswo. Hermine erstaunte, als sie immer und immer wieder Herrn Saß nennen hörte. »Dieser Mann thut ja Alles! Er scheint Haupt und Führer der ganzen Stadt zu sein. Wo bleibt denn der Bürgermeister?« »Er repräsentiert!« antwortete Amalie. »Saß wußte ihn und andere Spitzen der Gesellschaft klug zur Repräsentation vorzuschieben, damit er selbst die leitenden Fäden neidlos um so fester in der Hand halten kann.« Der Bürgermeister war eine Schlafhaube. Er gehörte zu den guten Leuten, die am besten und fleißigsten arbeiten, wenn es eigentlich nichts zu thun gibt. Galt es aber, aus eigener Kraft sich zu rühren und wollte er die Schlafhaube abziehen, dann war es, als ob er auch den Kopf mit abgezogen habe. Moriz von Schwind pflegte zu sagen: In Wien gibt es die allergescheitesten und die allerdümmsten Menschen. So gab es auch in Frankenfeld gescheite Leute genug, wie auch an dümmsten Menschen kein Mangel war; nur stand nicht immer der rechte Mann am rechten Fleck und die dümmsten wollten oft die gescheitesten sein. Das geht so in Wien und Berlin wie in Buxtehude, in Frankfurt wie in Frankenfeld. Alfred Saß aber hatte sich gleich anfangs auf den rechten Fleck gestellt. Als beim Beginn des Krieges die ersten Truppenzüge durch Frankenfeld kamen, wetteiferte Jeglicher in glühender Teilnahme und unklarem Drängen, unsern Soldaten das Beste aus den Feldzug mitzugeben. Der Wirt zur Schwedischen Krone brachte acht Flaschen Cognac, die zollfrei nach Frankreich zurückgehen sollten, soweit sie nicht vorher ausgetrunken wurden; der Stadtpfarrer verteilte einen ganzen Stoß von Traktätlein; der Apotheker kam mit einem Kasten voll Dingen, welche der Mensch auf der Reise brauchen kann: Hirschtalg und Lakritze, Rhabarberpillen und Hoffmannsche Tropfen, englisches Pflaster und Opodeldok , Krebsaugen und Rheumatismusketten; Herr Chlodwig Stiefel, der Maler, spendete einen dicken Pack seines Reklamebildes, damit die Soldaten im schönen Frankreich doch auch ihr schönes Deutschland immer vor Augen hätten; der Stadtpoet, Assessor Hinterborn, ließ die halbe Auflage seiner soeben im Selbstverlag erschienenen »Geschichten aus Frankenfelds Vorzeit« herbeitragen, zur Feld- und Zeltlektüre in Mußestunden; Oberst Sickenwolf lachte über all das »Zeug«, wie er's nannte, und schickte zehn Kistchen Cigarren, denn diese, sprach er, sind dem Soldaten immer die liebste Liebesgabe, und selbst Kaspar Zuckmeyer brachte vier Paar wollene Socken, die er sich buchstäblich vom Leibe abgespart und abgezogen hatte. Da trat Alfred Saß auf, bot diesem gutgemeinten planlosen Treiben Einhalt und veranlaßte jene Organisation der freiwilligen Hilfe, welche wir geschildert haben. Alles gedieh unter seinen Händen. Binnen vierzehn Tagen war er, vorher noch über die Achsel angesehen, der populärste Mann der Stadt geworden. Und dabei fand er, der früher Zeitlose, jetzt doch wieder Zeit zu all den neuen Nebengeschäften. Die großen Ereignisse gaben ihm Schwung und Kraft, sich zu vervielfältigen, wie sie die übrigen Bürger über sich selbst erhoben. Dies Alles berichtete Amalie getreulich ihrer Freundin. Nach langem Sinnen sprang diese plötzlich auf und rief wie verklärt: »Ich bleibe hier! – Du hattest recht, liebe Amalie: es ziemt mir nicht, daß ich im Felde auf Werke der Barmherzigkeit abenteuern gehe. Hier kann ich weit nützlicher sein. Zwei Gedanken erfüllen, zwei große Vorsätze bewegen mich. Die Verwundeten dürfen nicht in die dumpfe Halle des garstigen Kornhauses, ich will ihnen das gesundeste, reizendste Asyl schaffen. Und dann: – nicht bloß für die zurückgebliebenen Angehörigen unserer Krieger ist löbliche Fürsorge zu treffen; Tausende anderer fleißiger Leute beginnen bereits arbeitslos und brotlos zu werden in diesen Tagen, wo so viele Geschäfte stocken; ihre Not wird wachsen, je länger der Krieg dauert, und er wird lange dauern. Auch ihnen muß geholfen werden. Wie wenig kann ich Einzelne da thun! so will ich denn thun, so viel ich kann; ich werde all mein Sinnen, alle meine Kraft und meine Mittel darauf richten. Sind das nicht zwei herrliche Aufgaben? – Ich bleibe hier! Morgen ziehe ich in die ›Schwedische Krone‹ zu dauerndem Aufenthalt. Dort bin ich mitten in der Stadt, im Mittelpunkte meiner Thätigkeit.« Amalie unterbrach sie und bestand darauf, daß Hermine bei ihr wohnen bleibe, so lange sie wolle; die Zimmer seien schon hergerichtet, sie möge ihr die Kränkung nicht anthun, ihr gastliches Dach zu verschmähen. Hermine sprach lachend: »Was ist das für eine neue Welt in diesem Frankenfeld! Erst vor wenigen Stunden angekommen, habe ich schon ganz meinen freien Willen verloren. Es scheint, ich bin nur hier, damit Andere über mich verfügen, und doch habe ich bisher stets mit freiestem Willen souverän und oft nur allzu souverän über mich selbst verfügt. Jener Herr Saß schleppt mich gleich auf den Haderturm, den ich gar nicht zu besteigen vorhatte, er nötigt mich, die Fahne aufziehen zu helfen und dabei meine Handschuhe und mein Kleid zu verderben, du verbietest mir, ins Feldlager zu eilen, du lockst mich, in allerlei Vereine zu treten, während ich doch stets das Vereinswesen floh, du wehrst mir, in der ›Schwedischen Krone‹ abzusteigen, unvermerkt setzest du mir die Pläne neuer großer Ausgaben in den Kopf, an welche ich vor einer Stunde noch gar nicht dachte –« Amalie ließ sie nicht ausreden; sie faßte die Freundin am Arme und führte die murrend aber wie willenlos Folgende in die stattlichen Gemächer, welche sie für ihren Aufenthalt bestimmt hatte. Es war ein Empfangs- und Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer und eine große Stube für die Kammerjungfer. Hermine sah sich staunend um und sprach kein Wort; sie schritt rasch durch das Empfangszimmer und blieb erst im Schlafzimmer vor dem Bette stehen, welches in der That der Betrachtung würdig erschien. Es war ein Himmelbett von riesiger Breite; drei Schläfer hätten darin nebeneinander Platz gehabt. Amalie deutete auf die Vorderseite der Bettlade, wo man ein reich in Holz geschnitztes Wappen erblickte mit der Schrift: Hans Jörg von Espenau, 1512, und sprach: »Das Geschlecht Derer von Espenau ist dreißig Jahre später ausgestorben. Dieses Bett ist das bequemste, welches ich besitze; es gewährt seinem Bewohner den freiesten Spielraum, – die größte Willensfreiheit« – fügte sie etwas spöttisch hinzu. »Man kann sich nach Belieben längs oder quer hineinlegen.« »Und in diesem ungeheuern Bette soll ich schlafen?« rief Hermine. »Das ist ja entsetzlich! Das Geschlecht Derer von Espenau, dessen letzter Restbestand vermutlich in diesem Bette ausgestorben ist, würde mir im Wachen und im Traume erscheinen. Altertümer betrachte ich gern, bewundere sie wohl auch, aber ich verabscheue sie zum täglichen Gebrauche. Die Erinnerung des Todes klebt an allen. Wenn ich deinen ganzen Hausrat betrachte, so frage ich bei jedem Stück: Wer lebt noch von denen, für welche diese Tische, Stühle, Spiegel, Kannen, Gläser einst gemacht wurden, und die sich an ihnen erfreuten? – Keiner! – Ich will nicht stündlich ans Sterben erinnert sein, wenn ich mich in einem Spiegel sehe oder auf einen Stuhl setze. Und wäre dieses Erinnern noch erhebend! Nein! es ist kläglich niederdrückend. Gute, schöne, reichbegabte Menschen, welche diese Gegenstände besaßen, gingen dahin – wir wissen zumeist nicht einmal, wie sie hießen –, sie sind versunken, verschollen, und dieser eitle Trödelkram, der sie umgab, blieb erhalten durch Jahrhunderte. Welche Demütigung für uns! Ich ärgere mich über die Jahrhunderte und fürchte mich vor ihnen, ich will von dem Gespenst der Jahrhunderte nicht verfolgt sein in den traulichsten Stunden meines Heims, meiner Einsamkeit. Teuere Freundin! Beherberge mich in dem bescheidensten Stübchen deines Hauses, wenn es nur nicht derart ausgestattet ist, daß mich jeder Blick an die jammervolle Vergänglichkeit eines Menschendaseins gemahnt.« Amalie gestand, halb beschämt, halb ärgerlich, daß nur ein einziger solcher Raum vorhanden sei, denn es sei der Stolz ihres Bruders gewesen, jedes bessere Zimmer nur mit echten alten Geräten auszustatten. Jener einzige Raum sei eben ein Dienstbotenzimmer gleich hier nebenan, und sie habe die Stube Herminens Jungfer zugedacht, obgleich die Möblierung etwas zu gering für dieselbe sei, allein es liege so bequem neben den Gemächern der Herrin. Hermine drang sofort hinein und entdeckte mit Entzücken, daß der helle Raum zwar etwas altmodisch ausgestattet sei, aber doch durchaus mit Hausrat des neunzehnten Jahrhunderts: – ein viereckiger, vierbeiniger Tisch von Tannenholz, mit Oelfarbe angestrichen, Schränke gleicher Art, Strohstühle, ein Sofa, welches einer langen, schmalen Bank bedenklich ähnlich sah, mit Sitz von Rohrgeflecht und eine eiserne Bettstatt. »Die Bettstelle ist das neueste Möbel im ganzen Hause; mein Bruder ließ sie erst vor fünfunddreißig Jahren anfertigen,« bemerkte Amalie. »Und die Aussicht ist entzückend!« fügte Hermine hinzu, das Fenster öffnend. »Welch herrlicher Blick auf die Büsche und Bäume und Wiesen des Parks! – göttlich frische Luft! – Vogelgesang! – blauer Himmel! Alles Leben, Freiheit, Gegenwart! – hier will ich wohnen, liebe Amalie, wenn es deine Güte gestattet.« Amalie wollte dies aber durchaus nicht zugeben. Doch Hermine wurde ernstlich erzürnt. »Man widerspricht mir fortwährend in diesem völlig verwandelten, verhexten Frankenfeld! man verfügt über mich, als ob ich ein Kind sei! Jetzt beharre ich aber auch einmal auf meinem Willen: entweder ich wohne hier in dieser Stube, oder ich gehe in die Schwedische Krone.« Die Freundin mußte sich fügen und fragte nur etwas schüchtern, wo denn die Kammerjungfer wohnen solle? »Sie mag das mir zugedachte Schlafzimmer beziehen und im Bette Derer von Espenau schlafen. Käthchen ist ganz Verstandeskind und frei von jeglicher Romantik. Du kannst sie in das Bett legen, in welchem Karl der Große gestorben ist, und sie wird darin schlafen wie ein Sack und die ganze Nacht schnarchen, was sie leider stets zu thun pflegt. Das Empfangszimmer aber mit all seiner altertümlichen Pracht will ich behalten. Es gehört, glaube ich, ins 17. Jahrhundert, und wann mich die Leute besuchen, dann dürfen sie immerhin daran erinnert werden, wie vergänglich das heilige Römische Reich deutscher Nation gewesen ist, da wir mit Macht einem besseren Deutschen Reiche entgegenstreben.« Drittes Kapitel. Die wandernden Komödianten. Hermine Aweling stürzte sich bald in einen Strom von menschenfreundlichen Diensten und Geschäften. Jeden Morgen um neun Uhr ging sie mit ihrer Freundin zum Arbeitssaale der Concordia. Es war eine Freude, die beiden Frauen zur Stadt herab schreiten zu sehen, leicht beschwingten Fußes, gehobenen Sinnes. Und die Morgenluft wehte so erquickend, der blaue Himmel spannte sich so friedsam über das friedliche Thal, derselbe blaue Himmel, welcher sich anderswo über so tosenden Kampf und so viel Jammer und Elend spannte, und der Jammer wurde verschlungen von Siegesjubel. Häufig trugen Hermine und Amalie die Spenden, welche sie dem Hilfsvereine mitbrachten, selber zu Thal. Sie dachten gar nicht daran, sie durch ihre Dienerschaft tragen zu lassen. In jenen Tagen wollte Jeder nur dienen, Keiner bedient sein. In der Concordia erschien Fräulein Aweling freilich nur wie ein Gast, meist kaum auf eine halbe Stunde; denn sie wollte überall erscheinen. Sie begann zwar eifrig an einem Hemde zu nähen, welches ihr Amalie zugeschnitten hatte; man sagt aber, es sei vor dem Friedensschluß nicht fertig geworden. Ihre erfreuende und begeisternde Anwesenheit war das Wichtigste, ihr Rat wog hier schwerer als ihre That. Im Lauf der Tage und Wochen sah sie sich vergebens nach Herrn Saß um. Er war immer schon dagewesen, bevor sie kam, oder erschien erst, nachdem sie gegangen war. Wohl aber begegnete sie ihm mitunter, wenn sie den Hilfsausschuß im Bahnhof besuchte und erwünschte Gaben für die durchfahrenden Züge mitbrachte. Allein da hatte es Saß immer gar eilig, er grüßte sehr fein und artig, wobei es jedoch nie zu einem Gespräche kam. Der Mann hatte eben gar zu wenig Zeit. So erschien Hermine Aweling auf allen Stätten der werkthätigen Liebe, überall helfend, ratend, ermunternd, überall herzlich begrüßt. Der nörgelnde Klatsch, welcher sich bei ihren früheren Besuchen Frankenfelds öfters an ihre Person geheftet hatte, wagte sich nicht mehr hervor, und Jedermann nahm es zum guten Zeichen, daß das »Mädchen aus der Fremde« wiedergekommen sei, vordem der erste, jetzt der einzige Kurgast. Aufs freundlichste mit allen Leuten verkehrend, empfing sie auch Freundlichkeit von allen. Und doch blieb sie immer eine vornehme Dame. Zu allererst hatte sie, wie wir sahen, das Herz des höchsten Bürgers, des Turmwächters, gewonnen, und Fritz Krumper war treuen Herzens und vergaß nicht, wie warm sie sein schönes Blasen gelobt und wie »gemein« sie sich, nach seinem Ausdrucke, damals im Wächterstübchen mit ihm gemacht hatte. Des zum Danke blies er, so oft Hermine Aweling morgens um neun Uhr am Haderturm vorüberging, die »Wacht am Rhein« zum Fenster hinaus. Hermine hatte anfangs nicht darauf geachtet oder das Lied für das Zeichen einer neuen frohen Botschaft genommen. Doch allmählich merkte sie an den Mienen der Begegnenden, daß das Blasen ihr gelte. Dies war ihr höchst verdrießlich; denn sie wollte nichts weniger als Aufsehen erregen. Als daher der Wächter eines Morgens wieder blies, ging sie hinüber zum Haderturm, vor dessen Thüre der Ratsdiener auf der Steinbank saß, und hieß ihn dem Fritz Krumper freundlich sagen, daß er's doch unterlassen möge, sie fernerhin anzublasen. Kaspar Zuckmeyer warf sich sofort in seine strenge amtliche Würde und versprach, den Befehl des Fräuleins augenblicklich auszurichten. Er werde auch Herrn Saß die Belästigung melden, welche ihr von dem selbstherrischen Krumper zugefügt werde, und dem fürwitzigen Bläser mit Verweis und Strafe im Wiederholungsfalle drohen. Hermine aber sprach: »Sie haben mich völlig mißverstanden. Melden Sie Herrn Saß kein Wort von der ganzen Sache. Dem Fritz Krumper aber sagen Sie, ich lasse ihn höflich bitten, sein Blasen für besseren Anlaß aufzusparen, und sollte er mir noch einmal einen solchen Morgengruß bieten, so würde ich ihm ernstlich böse werden, – betonen Sie's recht klar: ›ernstlich böse‹ – und jeden Tag einen Umweg nehmen, damit er mich nicht mehr zu Gesicht bekomme.« Zuckmeyer prägte sich in der That seinen Auftrag aufs genaueste ein und erzählte den Vorgang wortwörtlich in der ganzen Stadt, und Jedermann lobte die Leutseligkeit und den feinen Takt der guten Dame. Ja man kann sagen, sie wurde volkstümlich durch diese kleine Geschichte, und die verbissensten Demokraten sagten, für eine solche Aristokratin würden sie durchs Feuer gehn. Vor allem drängte jetzt die Beschaffung eines passenden Raumes für die Kranken und Verwundeten, was sich Hermine Aweling ja zur Hauptaufgabe gestellt hatte. Nach mancherlei fruchtlosen Mühen war es ihr endlich gelungen, ein besseres Gebäude statt des Kornhauses zu entdecken. In nächster Nähe der Kuranlagen befand sich ein Logierhaus mit zwanzig Zimmern für Badegäste, welches im Spätherbst umgebaut und erweitert werden sollte und gegenwärtig leer stand, da es seit Ausbruch des Krieges keine Badegäste in Frankenfeld mehr gab. Es war reizend gelegen, sonnig, luftig, von Wiesen und Baumgruppen umgeben und bot obendrein eine Anzahl von Badekabinetten. Die neidischen Groß-Runensteiner pflegten zu sagen, die Frankenfelder Bäder hätten den großen Vorzug, daß sie zwar den Kranken nichts nützten, aber auch den Gesunden nichts schadeten, und könnten darum unbedenklich von Jedermann genommen werden. Also eigneten sie sich auch vortrefflich für genesende Krieger. Und auf solche, nicht auf Schwerverwundete, rechnete man in Frankenfeld besonders. Hermine Aweling mietete das ganze Gebäude. Die Kurverwaltung wollte es ihr anfangs für ihre Zwecke nicht überlassen, zeigte sich aber doch zuletzt bereit, – wie Hermine hinterdrein erfuhr, infolge der Bemühungen des Herrn Saß. Und doch hatte sie mit diesem kein Wort von der Sache geredet. Man sprach damals bereits von Wagners unsichtbarem Orchester. Hermine meinte gegen ihre Freundin, die ameisenhafte Betriebsamkeit der Frankenfelder Hilfsvereine erscheine ihr wie ein sehr sichtbares Orchester, allein es werde geleitet von einem unsichtbaren Kapellmeister. Sie wollte demselben danken, als sie ihn doch einmal im Arbeitssaale der Concordia sichtbar vorüberhuschen sah, und unterbrach darum sogar ihre Näherei an dem Hemde, welches niemals fertig wurde, und eilte dem Eilenden nach und begann ihre Danksagung. Saß aber unterbrach sie mit der Frage, ob es denn wirklich ihre Absicht sei, das ganze Gebäude auf eigene Kosten für die Kranken einzurichten? Und als sie dies bejahte, widerriet er ihr aufs entschiedenste. Sie dürfe den selbstthätigen Eifer ihrer neuen Mitbürger nicht lähmen, indem sie ihnen abnehme, was dieselben aus eigener Kraft leisten wollten. Die Frankenfelder gleich andern guten Deutschen seien bis jetzt gewöhnt gewesen, alles Gute von oben und von außen zu erwarten. Wenn sie sich nun endlich einmal auf die eigenen Beine stellten, dann solle man ihnen dies nicht sofort wieder abgewöhnen. Fräulein Aweling leiste genug und übergenug, indem sie das ganze Haus miete und darin etliche Zimmer recht musterhaft ausstatte; das Uebrige solle sie dem Hilfsverein überlassen. Binnen wenigen Tagen sei sie die populärste Frau in Frankenfeld geworden: sie könne von diesem Ruhm auch dadurch verlieren, daß sie des Guten zu viel thue. Hermine wurde innerlich ganz wild, auch hier wiederum auf Widerspruch zu stoßen, bewahrte aber doch ihre äußere Ruhe meisterhaft und sprach: »Reden wir von etwas Anderem. – Wenn ich, was ich bezweifle, heute die populärste Frau in dieser Stadt bin, so sind Sie sicher jetzt der populärste Mann, und als solchen belästige ich Sie mit einer Bitte.« Sie schilderte ihm dann ihr Vorhaben, armen Leuten, die durch den Krieg arbeitslos geworden, Arbeit und Brot zu verschaffen, und bat, daß Herr Saß ihr rate, wo solche Leute zu finden und wie ihnen zu helfen sei. Saß lobte ihre Absicht höchlich, bedauerte aber, der edlen Menschenfreundin nichts nützen zu können, da ihm aller Einblick in solche Notstände fehle. Hier sei der Bürgermeister der rechte Mann, sie möge sich an diesen wenden. Hermine entfernte sich, sehr verstimmt, und sprach für sich: »Wenn der unsichtbare Kapellmeister einmal sichtbar wird, dann bekomme ich immer nur Unerquickliches zu hören.« In der Seele von Alfred Saß glühte und brauste es; allein er blieb sich selber treu. Er hatte gesagt, was seine Ueberzeugung war, ob es gleich Herminen mißfiel. Er wollte sie nicht suchen, er wollte sie auch nicht fliehen. Wollte er vielleicht abwarten, ob sie ihn gerade dann suchen würde, wenn sie ihn nirgends fände? Ehernen Schrittes ging die Weltgeschichte inzwischen ihren Gang. Fromme Gemüter vernahmen das Walten Gottes und seiner Gerechtigkeit im Donner der Schlachten. Was man so oft von deutschem Mut und deutscher Kraft gesungen und gesagt hatte, das war Wirklichkeit geworden, unvergleichlich gewaltiger und herzerhebender noch als Sang und Sage. Man pries die kleinen Kinder glücklich, daß sie geboren seien, die volle Frucht so großer Tage dereinst zu ernten, und beklagte den verstorbenen lebensmüden Greis, daß er nicht doch noch etwas länger habe leben dürfen, um das aufsteigende Morgenrot deutscher Herrlichkeit zu schauen und wie eine Weissagung mit ins Grab zu nehmen. Der Krieg machte die Menschen menschlich. Leute, die einander bis dahin gar nicht gekannt, umarmten sich auf offener Straße bei einer neuen Siegesbotschaft; verfeindete Brüder versöhnten sich am Schmerzenslager der Verwundeten. Als Alfred Saß nach den ersten, noch nicht ganz geklärten Nachrichten der furchtbaren Kämpfe von Mars la Tour und Gravelotte Herminen flüchtig begegnete, drückten sich Beide die Hand, daß man nicht wußte, wer die seine dem Andern zuerst gegeben, und Saß rief, indem er Herminen begeistert in die dunklen Augen sah: »Das waren schwere Tage! Und dennoch sei unser Feldruf: Elsaß und Lothringen!« Hermine schlug die Augen nieder und erwiderte: »Elsaß und Lothringen für Deutschland? Das wäre der europäische Krieg,« – und ging weiter. Und hinterher fiel es ihr ein, daß sie doch etwas Gescheiteres hätte sagen und Herrn Saß auch eine kleine Aufmerksamkeit erweisen können, indem sie ihn zum Beispiel gefragt hätte, wie es ihm gehe und warum er denn Fräulein von Rohda gar nicht mehr besuche? Doch wer dachte dazumal in solchen Augenblicken an sich! Um so länger brütete Hermine nachher über die beiden Worte Elsaß und Lothringen, wobei sie nebenher auch an den Mann dachte, der die Worte so leidenschaftlich gesprochen. Doch was war ihr denn dieser Mann? Er konnte ihr wenig oder viel sein, denn sie erzählte selbst ihrer Freundin nichts von dem Eindrucke ihrer Begegnung. Inzwischen hatte sich die patriotische Thätigkeit der Bürger Frankenfelds reich und segensvoll weiter entwickelt. Das Spital in den Kuranlagen wurde rasch ausgestattet. Hermine Aweling war bei reiferem Bedenken dem Rate von Saß gefolgt: sie hatte sechzehn Zimmer dem Hilfsverein überlassen und nur die vier größten aufs beste selber ausgestattet, hielt aber doch die Hand über dem Ganzen und hatte ihre innige Freude, wenn sie die Kranken so wohl verpflegt und die Genesenden unter schattigen Bäumen vor dem Hause sitzen sah. Um so weniger war ihr anderer Plan geglückt, – Arbeitslosen Arbeit zu schaffen. Der Bürgermeister schickte ihr fort und fort Leute zu, die gar nicht arbeiten wollten, wohl aber beide Hände nach möglichst reichen Gaben ausstreckten, Gewohnheits-Bettler, Landstreicher, Tagediebe, Hochstapler. Er hatte ihre Absicht offenbar gar nicht verstanden, und sie bat ihn darum brieflich, daß er mit seinen Sendungen aufhören möge. Eines Abends – es war am 2. September – saß sie allein in der Jasminlaube vor dem Rohdaschen Hause. Da trat plötzlich ein junges weibliches Wesen in abgetragenen Trauerkleidern heran, stellte sich in den Eingang der Laube und begann zu deklamieren: »In einem Thal bei armen Hirten« u. s. w. Sie sprach das »Mädchen aus der Fremde« ganz gut, wenn auch etwas allzu pathetisch. Allein Hermine unterbrach sie schon nach der zweiten Strophe und sagte, sie könne das Lied auswendig und bitte die junge Dame, ihr lieber zu sagen, was sie denn eigentlich wolle? Noch ehe jedoch die Trauernde antworten konnte, traten zwei Männer von der linken und zwei Frauen von der rechten Seite vor, wo sie unbemerkt bisher gestanden, und der eine Mann, in sehr fadenscheinigem Frack, sagte: »Wir kommen, gnädiges Fräulein, um Arbeit zu finden und zwar womöglich eine etwas passendere als wir seit acht Tagen verrichtet. Entschuldigen Sie, wenn ich meinen Notbericht von hinten beginne, mit unserer letzten betrübten Zeit, um von da nach vorn zu verschwundenen besseren Tagen aufzusteigen. »Wir haben die ganze vorige Woche auf dem Rulandshäuser Hof Hopfen gepflückt. Doch ich vergaß zu sagen: wir sind Schauspieler. Gnädiges Fräulein wird das malerische Bild schon entzückt betrachtet haben, welches das ›Hopfenzupfen‹, so sagt man hierzuland, bietet, – wenn der ganze weite Hofraum eines Bauernhauses gedrängt voll emsiger Menschen sitzt, Kinder und Greise, Männer und Frauen in buntesten Reihen, von denen Jedes einen Haufen grüner Hopfenranken auf der linken Seite hat und einen Korb auf der rechten, in welchen die abgezupften Fruchtzapfen kommen. Das sieht sehr malerisch aus, wird aber für die rastlos Zupfenden im längeren Verlauf des Tages immer weniger malerisch. Das Hopfenzupfen hat Eile, und so gilt es, vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu zupfen; denn die Bezahlung geht nicht auf Tagelohn, sondern aufs Pfund, und der Fleißigste verdient nicht über zwölf Kreuzer täglich, ein jämmerliches Spielhonorar für dramatische Künstler! Und obgleich wir den ganzen Tag mitten im Hopfen saßen, gab uns der hartherzige Bauer nicht einmal eine Halbe Bier, sondern nur eine Halbe Milch zum Mittagsbrot, wobei wir das Brot uns selber stellen mußten. Und in welch gemischter Gesellschaft arbeiteten wir! Knechte und Mägde und Tagelöhner, kleine Kinder und alte Weiber, dazu aber auch allerlei landfahrendes Gesindel. Denn das ganze Geschäft muß in wenigen Tagen vollführt sein, und der Bauer liest zur Not die Hopfenzupfer von der Landstraße auf, wie er auch uns dort aufgelesen hat. Erretten Sie uns, gnädiges Fräulein, aus unserer Not und verschaffen Sie uns Arbeit, die der Priester Thaliens würdiger ist als Hopfenzupfen!« Bei diesen Worten streckte er Herminen seine Hände entgegen: sie waren quittengelb gefärbt wie die Hände der übrigen Gesellschaft – vom Hopfenzupfen. Hermine hatte die lange Rede geduldig angehört, bat aber dann, die Herrschaften möchten ihr doch Genaueres sagen über ihre Truppe und ihre Personen. »Wir gehörten zu der berühmten Truppe des Ignaz Gloska,« erwiderte der Mann im Frack, »die in vielen Städten, Flecken und Dörfern der deutschen Lande gespielt hat, bis sie dieser ruhmvolle entsetzliche Krieg auflöste. Denn wer geht jetzt noch in die Komödie? Wir fünfe hielten zusammen und versuchten da und dort auf Teilung zu spielen; es ging aber so wenig ein, daß wir zuletzt gar nichts mehr zu teilen hatten. Dann gaben wir deklamatorische Abendunterhaltungen in sonntäglich überfüllten Bauernwirtshäusern. Die Bauern hörten zwar anfangs zu, begannen aber bald, in unsere erhabensten Verse hinein zu schreien und zu singen und zahlten wenig oder gar nichts. Um nicht zu verhungern, mußten wir zuletzt – –« Hier trat die älteste der drei Damen vor, hielt dem Redenden die Hand vor den Mund, wandte sich gegen Herminen und sprach feierlich vornehm: »Das gnädige Fräulein wünscht unsere Personen kennen zu lernen. Ich erlaube mich vorzustellen: Fräulein Virginia Edeltraut, zärtliche Mutter, komische Alte – –« Ihre Nachbarin schob sie beiseite und rief, um einen halben Ton höher: »Erlaube mich gleichfalls vorzustellen – Anstandsdame und höhere Liebhaberin, Fräulein Alice Montmorenci. Das sind jedoch nur unsere Kunstnamen. Mit meinem natürlichen Namen bin ich Frau Magdalene Schuster und die Edeltraut ist Frau Magdalene Schneider.« Tief errötend fiel ihr diese hastig ins Wort: »Die Franzosen nennen ein Fräulein, welches als Künstlerin vor die Oeffentlichkeit tritt, Madame. Wir deutschen Künstlerinnen machen es lieber umgekehrt; denn auf dem Theater wie anderswo sind die Fräulein interessanter als die Frauen.« Die Dame im Trauerkleid, welche zuerst allein erschienen war, hielt sich jetzt im Hintergrund; als die schönste und jüngste war sie auch die bescheidenste. Sie flüsterte ihren Namen so leise, daß ihn Hermine nicht verstand. Um so deutlicher gab der Gatte der Edeltraud in hellem Tenor seine Visitenkarte ab: »Franz Schneider, genannt Eckhoff, – Naturbursche, Bonvivant, auch polternder Alter, tragischer Held und schwärmerischer Liebhaber, – je nach Bedarf.« »Ich bin der Nikolaus Zwiebelmann,« rief sein Genosse, »und führe nur meinen bürgerlichen Namen, weil er zu meinem Rollenfache paßt: Komiker der feinen und groben Art.« Hermine Aweling folgte diesen Reden in wachsender Aufregung, die sie mühsam bekämpfte, während doch ein Anderer höchstens Mühe gehabt hätte, das Lachen zu verbeißen. Man denkt so blitzgeschwind, man sieht so blitzgeschwind ganze Bilderreihen im Geiste aufsteigen. Die schwärzesten Stunden ihres Lebens zogen in den wenigen Minuten durch Herminens Seele, da die Schauspieler ihre Namen nannten. Sie hießen bald so bald so, bald Frau bald Fräulein. War es der Dämon des Zufalls, der Hermine daran gemahnte, daß sie's ebenso machte? die Satire des Zufalls, welche ihr den erschreckenden Spiegel vorhielt? Doch Hermine bemeisterte sich mit der ganzen Schnellkraft einer Weltdame und fragte im gleichgültigsten Tone: »Wer hat Sie veranlaßt, sich an mich zu wenden? Gewiß der Herr Bürgermeister?« Nikolaus Zwiebelmann antwortete, nicht dieser, sondern Herr Alfred Saß habe sie hierhergeschickt mit den besten Empfehlungen und der Bitte, daß das gnädige Fräulein doch für ihre Rettung und gedeihliches Fortkommen sorgen möge. Seltsame Gedanken-Verschlingungen wurden durch diese einfachen Worte in Herminen wachgerufen. Sie wurde starr und bleich vor Zorn, schwieg eine Weile und fragte dann noch einmal in erhobenem Tone: »War es wirklich Herr Saß, der Sie zu mir gesendet hat?« Als nun alle Fünfe dies einstimmig bejahten, da sprach sie mit eisiger Kälte: »Ich kann nichts für die Gesellschaft thun. Ich spiele keine Komödie und lasse auch keine spielen. Sagen Sie dies Herrn Saß. Und hiermit Gott befohlen. Guten Abend!« Die armen Leute waren nun auch ihrerseits ganz starr vor Staunen. Solchen Empfang hatten sie von der gepriesenen Helferin der Bedrängten nicht erwartet. Virginia Edeltraut warf sich in die Brust und dankte stolz und ironisch, der Komiker Zwiebelmann beugte sich tief zur Erde und hoffte – ganz leise – auf einen besseren Humor des ungnädigen Fräuleins. Die trauernde jugendliche Liebhaberin blickte schweigend gen Himmel, und die Thränen rannen ihr über die Wangen, Thränen der Scham und der getäuschten Hoffnung. Alle entfernten sich, und Hermine eilte glühenden Gesichtes und vor Erregung zitternd hinauf zu ihrer Freundin. Sie warf sich ihr schluchzend um den Hals, bevor sie zu Wort kommen konnte. Dann rief sie: »Man hat ein schmähliches Spiel mit mir getrieben, man hat mich verspottet, in tiefster Seele verletzt! Und das mußte mir Herr Saß anthun, dem ich stets nur freundlich begegnete!« Es dauerte lange, bis sie so weit wieder zu sich selbst gekommen war, daß sie Amalien den Vorgang in abgebrochenen Sätzen erzählte. Die Sendung der Schauspieler erschien ihr als eine boshafte Satire auf ihre löbliche Absicht, Arbeitslosen Arbeit zu verschaffen, die Deklamation des »Mädchens aus der Fremde« als ein Spott, der nicht im eigenen Kopfe der Komödiantin gewachsen war. Die Frauen der Truppe führten Doppelnamen und nannten sich bald Frau bald Fräulein. Hermine hatte sich in Frankenfeld, wo kein Mensch sie kannte, als bürgerliches Fräulein eingeführt, anderswo war sie bald Frau von Landfried, bald Frau von Aweling, und der eine Name war so wenig ganz zutreffend wie der andere. Sie hielt es anfangs für eine Satire des Zufalls, daß ihr die Künstlerinnen mit ihren Namenswechseln gegenübertraten. Aber als sie hörte, daß Saß dieselben gesendet, sah sie urplötzlich darin eine Satire des rätselhaften Mannes. Sie hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. Doch das Schlimmste kam noch. Die junge Frau in Trauer hatte ihren Namen so leise gemurmelt, daß Hermine ihn nicht verstand. Es gibt Gespenster, die man nur als einen formlosen Nebel gesehen hat, hinterdrein aber verdichtet unsere Einbildungskraft den Nebel zu einer festen Gestalt; es gibt Gespenster, die sich durch ein unartikuliertes Geräusch kundgaben, hinterdrein aber verdichtet unser geistiges Ohr das Geräusch und wir beteuern, deutliche Worte gehört zu haben. So hörte Hermine Aweling nur ein Gemurmel, als die Trauernde ihren Namen nannte, indem sie aber diesem Gemurmel nachsann, hoben sich zwei Worte immer deutlicher daraus hervor. Die Schauspielerin hatte gesagt: »Ich bin Frau von Landfried.« »Das ist ja entsetzlich!« rief Hermine. »Frau von Landfried! – mein eigener Name, den ich durch jene unselige Trauung erhielt und auch heute noch zu führen berechtigt bin! Wer hat dem jungen Ding diesen Namen gesagt, der doch gewiß nicht ihr Bühnenname ist? Und was beabsichtigt Herr Saß mit einem so frivolen Spiel? Aber woher kennt denn dieser Mann meine Lebensgeschichte?« rief sie, jäh auffahrend. »Bekenne die Wahrheit, Amalie: er kann sie nur von dir erfahren haben.« Amalie wußte nicht, wo sie anfangen solle, um ihre Freundin aus der fieberhaften Aufregung zu reißen und zu besonnenem Erfassen des seltsamen Vorganges zurückzuführen. Nach kurzem Besinnen schlug sie dann aber den gewagten und doch richtigen Weg ein: sie stellte Hermine als die seltsamste Erscheinung in der ganzen Geschichte hin und klagte so die Anklägerin vielmehr in allen Punkten selber an, faßte aber ihre Anklagen so liebevoll, daß Herminens Zürnen sich allmählich in ein mildes Lächeln und zuletzt in die wärmsten Küsse für die treue Freundin löste. So hielt Amalie denn Herminen vor, wie hart sie gegen die armen Schauspieler gewesen, die ja doch gezeigt hätten, daß sie auch vor der härtesten Arbeit nicht zurückschreckten, die von einem Manne wie Saß empfohlen, zu ihr, als zu ihrer letzten Helferin in der Not gefleht hätten, – bitter unrecht thue sie diesen armen Komödianten, die nichts weniger als eine Komödie hätten spielen wollen, – bitter unrecht einem Ehrenmanne wie Alfred Saß, der ganz unfähig sei, eine Satire gegen sie in Scene zu setzen, – und aus welchem Grunde? – unrecht sogar dem Bürgermeister, der ihr die besten Leute geschickt, welche er habe finden können, nur seien das zufällig gerade die schlechtesten gewesen, – am schwersten unrecht aber thue sie der verschämten jugendlichen Liebhaberin, die nicht einmal ihren Namen deutlich habe sprechen können. »Du hattest wieder deine schwarze Stunde, wo du über der unglücklichen Verkettung deiner früheren Schicksale zu brüten pflegst. In fieberhaft erhitzter Phantasie hörtest du einen Namen heraus, den das arme Ding gar nicht gesagt hat, und knüpftest daran die ungeheuerlichsten Folgerungen. »Das Alles sollst du erkennen und bekennen. Du hast kein Recht, gegen irgend Jemand zu zürnen, außer – gegen mich. Ich habe unrecht gethan und gestehe es offen: ich habe vor längerer Zeit die ergreifendsten Ereignisse deines Lebens meinem treuen, edeln und verschwiegenen Freunde Alfred Saß erzählt.« Sie schilderte dann die warme Teilnahme, welche Saß für Hermine, die Ferne, Fremde gehegt, die er kaum gesehen und von welcher er doch so viel Fesselndes gehört habe. »Seine Teilnahme kann nicht sehr groß sein,« fiel Hermine ein. »Geht mir dieser Mann doch jetzt überall aus dem Wege, wo er mich täglich sprechen könnte.« »Vielleicht thut er dies gerade deshalb, weil er so tiefen Anteil an dir nimmt,« entgegnete Amalie. »Du weißt mehr, als du sagst!« rief Hermine. »Kann sein! Ich habe so oft mein Herz dir ausgeschüttet, aber einige kleine Geheimnisse sparte ich mir doch für später auf.« Hermine erklärte sich nur in einem Punkte überzeugt durch die Anklagen der Freundin, – sie habe den Schauspielern unrecht gethan, sie empfinde aufrichtige, tiefe Reue über ihre Härte, sie wolle wieder gut machen, was sie gefehlt. Aber dazu müsse sie Klarheit gewinnen über die Lage dieser armen Menschen, und diese könne ihr nur Herr Saß geben. »Ich werde ihn morgen aufsuchen in der Concordia oder sonstwo. Er muß mir die genaueste Kunde geben von der Lage der Schauspieler, er muß mir raten, wie ihnen zu helfen sei. Weiteres werde ich durchaus nicht mit ihm reden, ich werde gegen ihn noch zugeknöpfter sein, als er gegen mich ist. Was geht mich Herr Saß an? Er erregte nur meine Aufmerksamkeit, weil ich seine Aufmerksamkeit durchaus nicht erregte, und das war mir neu.« Viertes Kapitel. Marie Armgard. Am nächsten Morgen suchte Hermine Herrn Saß in der Concordia, fand ihn aber nicht, weil Saß sie zu gleicher Zeit beim Hilfsausschuß des Bahnhofs suchte, wo er sie gleichfalls nicht fand. Er wollte erkunden, warum die sonst so menschenfreundliche Dame die Schauspieler so schroff abgewiesen, während Hermine dagegen in wahrer Gewissensangst zu erfahren begehrte, warum sie die armen Leute eigentlich nicht hätte abweisen sollen. Um zum Ziele zu kommen, ging Hermine am Nachmittag um vier Uhr zur Stadt; sie wollte Saß in seiner Wohnung aufsuchen. Und Saß ging zur selben Zeit hinaus nach dem Rohdaschen Hause, um Hermine zu sprechen. Mitte Wegs, beim Haderturm, begegneten sie sich, ja man kann sagen, sie prallten aufeinander: Eines war so überrascht wie das Andere, und Beide mußten lächeln, als sie sich gegenseitig begrüßten und sich mitteilten, daß sie sich von Nord und Süd in Bewegung gesetzt hätten und nun hier in der Mitte zusammengetroffen waren, um über die hilflosen Schauspieler zu sprechen. Da aber die Straße hierfür doch nicht der ganz geeignete Ort zu sein schien, so erbat sich Saß die Ehre, daß Fräulein Aweling gleich rechts in sein Museum eintreten möge, wo sich die stillen Räume der »Gotik« trefflich eigneten zum Bereden und Beraten. Hermine folgte willig. Sie schaute sich nur flüchtig in dem ersten gotischen Zimmer um, wo im Vordergrunde das romanische Rauchgefäß auf einem mit dunkelrotem Samt verhängten Sockel prangte. Saß deutete mit leichter Handbewegung auf das seltene Stück, ohne ein Wort zu sagen, und Hermine antwortete, indem sie ihm, gleichfalls schweigend, einen wohlgefälligen Blick zuwarf. Nachdem Hermine auf einem gotischen Bischofsessel Platz genommen und Saß auf einem alten Bauernstuhle, der aber keineswegs gotisch war, bat Letzterer beginnen zu dürfen, da er sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen habe. Einfach, aber bewegend erzählte er, wie die Schauspieler durch den Krieg in unverschuldete Not geraten und furchtbar rasch von Stufe zu Stufe heruntergekommen seien. Für solche Leute lasse sich weit schwerer passende Beschäftigung finden als für Handarbeiter, und doch müsse geholfen werden. Seine Erkundigungen über die Persönlichkeiten hätten nur Günstiges ergeben. Die Kunst verliere freilich nichts, wenn die Herren und Damen Schneider, Schuster und Zwiebelmann nicht mehr vor die Lampen träten. Nur ein Mitglied sei ein verheißungsvolles, ja schon erprobtes Talent: die jugendliche Liebhaberin, Frau von Landfried – – »Also hat mich mein Ohr doch nicht getäuscht!« rief Hermine, jäh auffahrend dazwischen. »Wer gibt dem Frauenzimmer das Recht, diesen Namen eines edeln Geschlechtes als Bühnennamen zu führen?« Nachdrücklich entgegnete Saß: »Das Recht ist bekundet in ihrem Trauschein, den sie bei sich trägt, den sie wie ein Heiligtum verwahrt, und welcher besagt, daß Fräulein Marie Armgard am 1. März 1869 mit dem Freiherrn Hugo von Landfried in Magdeburg getraut worden sei.« »Hugo? – So hieß Wolfgangs Neffe,« sprach Hermine sinnend. »Er war ein vierzehnjähriger Knabe, als ich mit seinem Oheim verbunden – –;« ihre Stimme verlor sich und sie blickte stille vor sich hin. Dann schien sie plötzlich zu erwachen und sprach: »Fräulein von Rohda hat Ihnen, Herr Saß, so viel von meiner Lebensgeschichte berichtet, daß Sie wohl wissen, wie sehr mich der Name Landfried berührt, den ich selber sogar zu führen berechtigt wäre. Können Sie mir Genaueres von jener Heirat erzählen?« »Es ist eine kurze Geschichte,« entgegnete Saß, »und rührend wie eine Sage aus alter Zeit. Hören Sie an! »Marie Armgard ist ein Schauspielerkind und ein echtes Theaterkind dazu. Gleichsam auf der Bühne aufgewachsen, entfaltete sie schon frühe ihre reizende Naturgabe für kindliche, neckische und doch auch wieder fein empfundene Rollen. Ihre zierliche Gestalt, ihre allzeit anmutige Beweglichkeit kam hinzu: die Zuschauer waren entzückt, weil sie sahen, mit welcher Lust das junge Ding Komödie spielte, so echt und natürlich, fein und rein, daß es gar keine Komödie mehr war. Schon mit achtzehn Jahren wurde sie Mitglied des Magdeburger Stadttheaters. »Damals lag Lieutenant Hugo von Landfried dort in Garnison, gleichfalls noch ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. Als eifrigem Theaterbesucher entging ihm die wunderbare Begabung der Armgard nicht. Anfangs gefielen ihm ihre Rollen ganz besonders, dann die Kunst ihrer Darstellung, dann das ganze Mädchen, welches er sich in ihrem häuslichen Leben gerade so kindlich naiv, so treuherzig, so neckisch, so fein empfindend dachte wie auf dem Theater. »Schüchtern suchte er sich ihr zu nähern, was nicht leicht gelang. Ein echtes Theaterkind hat gar keine Zeit für Bekanntschaften außer der Bühne. Aber dem Beharrlichen glückte es zuletzt doch. Seine Neigung entzündete Mariens Neigung; sie liebten sich. Im hellen Feuer jugendlicher Schwärmerei setzte er sich über alle Bedenken hinweg und warb um ihre Hand. Lange zögernd, willigte sie endlich ein. Alles stand der Heirat entgegen, selbst Mariens Eltern mißbilligten sie. Landfried erkannte, daß er als Offizier seinen Abschied nehmen, daß er mit seiner Familie brechen müsse, um diese Frau zu gewinnen. Er that Beides. Er beschloß Schauspieler zu werden: vereint mit ihr wollte er fortan sein ehrlich Brot verdienen. Er nahm dramatischen Unterricht und machte beim brennendsten Eifer die schlechtesten Fortschritte; die Liebe ersetzt vieles, nur nicht die Kunstbegabung, und fürs Theater war Hugo von Landfried nicht geboren. »Zwei Jahre vergingen. Die Verlobten blieben fest, und so wurde endlich die Ehe geschlossen. Marie, deren seltenes Talent inzwischen Aufsehen erregt hatte, erhielt einen günstigen Ruf zur Dresdener Hofbühne. Sie wollte ihn nur unter der Bedingung annehmen, daß ihr Mann zugleich mit ihr dort angestellt würde. Die Intendanz aber weigerte sich, den mittelmäßigen Kunstjünger mit in Kauf zu nehmen. Hierauf brach Marie die Verhandlungen ab, und es blieb ihr zuletzt nichts übrig, als bei der Truppe des Ignaz Gloska einzutreten, weil man sie sonst nirgends mit ihrem Mann zusammen haben wollte. »Sie sprach: ›Er hat mir seinen Stand, sein Amt, den Frieden mit seiner Familie geopfert; das Opfer, welches ich ihm dagegen bringe, ist sehr klein: ich opfere ihm nur meinen künstlerischen Ehrgeiz.‹ »So lebten, liebten und schafften die Beiden glückselig miteinander, obgleich in den ärmlichsten, kleinsten Verhältnissen. Die Landfriedsche Familie bot dem ›Entarteten‹, wie sie ihn nannten, eine stattliche Summe, wenn er samt seiner Frau den Namen Landfried ablegte, wenn er ihn wenigstens nicht mehr auf den Theaterzettel setzen ließe. Hugo wies das Anerbieten schroff zurück und sprach: ›Das edle Weib, welches ich gewann, ist der Segen meines Lebens, und die Kunst, zu der ich aufstrebe, ist mein Stolz, ich werde diesen Stolz und diesen Segen nicht verleugnen, indem ich mir's abkaufen lasse, ihn mit meinem Namen überall und öffentlich zu bekennen.‹ »So verging Beiden ein Jahr des reinsten, stillen Glückes. »Da steigerte sich ein Lungenleiden, welches schon lange an Hugos Gesundheit tückisch genagt hatte, plötzlich zu tödlicher Kraft. Im dreizehnten Monat ihrer vor Gott geschlossenen und von Gott gesegneten Ehe stand die arme Marie am Sarge ihres geliebten Mannes mit dem dreimonatigen Kind auf dem Arme, welches sie ihm geschenkt hatte. Die Geschichte ist zu Ende.« Hermine hatte mit wachsender Spannung zugehört. Aber all die Gedanken und Gefühle, welche in den wenigen Minuten kämpfend durch ihre Seele zogen, gipfelten zuletzt in dem Ausruf: »Das Leid der Unglücklichen muß gelindert, das Los der Aermsten verbessert werden! Ich will sie zu mir nehmen, ich will für sie sorgen, sie darf keinen Tag mehr in dieser unwürdigen Gesellschaft bleiben.« Saß stimmte der edeln Absicht bei, widerriet jedoch die Art der Ausführung. Man dürfe die Pflanze nicht dem Boden entreißen, darin sie gewurzelt sei. Marie habe ihre hellsten Glückstage und ihre dunkelsten Schmerzensstunden bei der Truppe verlebt. Das Wirken für dieselbe sei ihr ein schmerzlich süßer Trost. Sie werde sich von den guten Leuten, die ihre und ihres Mannes treue Genossen gewesen, jetzt nicht trennen wollen. Fräulein Aweling könne ihr ja unter der Hand näher treten, sie beobachten und kennen lernen, und ihr manche nützliche Aufmerksamkeit erweisen. Nur dürfe Marie dabei niemals erfahren, wen sie eigentlich vor sich habe. Dann werde sich's allmählich klar ergeben, was für die Zukunft zu thun sei. »Wo ist denn das Kind der armen Witwe?« fragte Hermine. »Sie konnte es nicht mitnehmen auf ihre Wanderfahrten und hat die Kleine bei einer hessischen Bäuerin in Kost gegeben. Dort wird sie elend genug verpflegt sein, und dies ist der stets nagende Jammer der Mutter.« »Hier muß unbedingt und sofort geholfen werden!« rief Hermine fast gebieterisch, und Saß versprach, noch heute abend die nötigen Erkundigungen zu diesem Zwecke einzuziehen. Hermine atmete auf und dachte – mit freundlichem Blicke auf Saß –: »Wie rasch rücken sich doch zwei Menschen näher, wenn sie gemeinsam Andern wohlzuthun beflissen sind!« Dann aber sprach sie laut: »Ich bin unersättlich in meinen Bitten an Sie. Wir müssen jetzt schon die weitere Zukunft des kleinen Geschöpfes ins Auge fassen. Der Tod hat gesühnt, was Hugo nach den Vorurteilen seiner Familie gefehlt haben mag, und das unschuldige kleine Kind darf nicht unter der Verwünschung leiden, die seinen Vater traf. Es muß von den Landfrieds anerkannt, es muß in die Rechte seiner Geburt eingesetzt werden. O wie beklage ich, daß ich nicht selber vor das Haupt des Hauses treten und ihm ins Gewissen reden kann! Ist es doch jener Wolfgang von Landfried, dem ich einst meine Hand gegeben und wieder entzogen habe. Es zerreißt mir das Herz, daß ich hier nichts zu thun vermag: mein Fürwort würde Alles erst recht verderben. Ich lege Ihnen, Herr Saß, eine große Bitte ans Herz. Sie sind ein kluger, erfahrener Mann, Sie stehen den Landfrieds ganz fern und kein Mensch von der Familie weiß, daß Sie mir – bekannt sind. Sie besitzen die Kunst der Ueberredung: das erfahre ich ja jedesmal, wenn Sie mir widersprechen. Hugos Vater ist tot, seine Mutter, eine kranke, schwache Frau, welche nicht viel weiteres mehr besitzt als drei Töchter, die vergebens auf einen Mann warten. Man nennt sie nur die armen Landfrieds. Aber der Majoratsherr, Wolfgang, der Bruder von Hugos Vater, ist der reiche Landfried, und als Haupt des Hauses entscheidend in allen Familienangelegenheiten. Gehen Sie, lieber Saß, zu diesem nicht unedeln Manne, wenden Sie sein Herz zu gunsten Mariens und ihres Kindes. Thun Sie's mir zu lieb!« Saß staunte! Wie leicht legen doch vornehme Damen Ritterpflichten auf! Das haben sie vermutlich noch von den Burgfräulein des Mittelalters überkommen. Hermine – so dachte Saß – fordert einen schweren Dienst von mir: ist das nicht entzückend und beglückend? Er ließ sich's nicht merken, daß dieser Auftrag wie ein aufs neue zündender Funke in sein Herz fiel, und versprach nur nach kurzem Besinnen fest und ruhig, daß er den Auftrag erfüllen wolle; nur heische die Sache reife Ueberlegung, heische Zeit, und er könne jetzt nicht an den Rhein reisen. Er werde Alles thun, was er vermöge, das sei ihm heilige Pflicht. Hermine dankte mit feuchten Augen. Welch ein anderer Mann dünkte ihr Saß heute als gestern abend! Nach langer Pause nahm dieser wieder das Wort und erinnerte daran, daß es zunächst doch gelte, den fünf Schauspielern eine Beschäftigung zu finden. Beide suchten und berieten lange, fanden aber nichts Rechtes. Da sah Saß durchs Fenster den Oberst Sickenwolf über die Straße schreiten: er ging geradenwegs aufs Portal des Haderturmes los: »Der Oberst weiß Bescheid in allen städtischen Dingen, er wird uns helfen.« Und kaum hatte Saß dies gesagt, so trat der Oberst ins Zimmer, sehr erfreut und überrascht, nicht bloß seinen Freund zu finden, den er suchte, sondern auch Fräulein Aweling, die er hier am wenigsten erwartet hatte. Saß trug ihm sofort die Frage vor, welche sie Beide nicht zu lösen vermocht, und bat um Mithilfe. Der Oberst ergriff den »Stadt- und Landboten«, welcher auf dem Tische lag, und überflog laut lesend die letzte Seite. »Gesucht werden: erstens: Erdarbeiter für den Bau der Landstraße beim Heiligenstock,« und fügte dann hinzu: »Das wäre wohl ausgiebige Arbeit für die Herren Schneider und Zwiebelmann. Doch nein! Schon zur Zeit der Februarrevolution richteten die brotlosen Pariser Schriftsteller, welchen man von Staats wegen Arbeit gab, ein Gesuch an die provisorische Regierung, daß man Schriftsteller weiterhin nicht zu Erdarbeiten verwenden möge. Und was den Schriftstellern recht ist, das ist den Schauspielern billig. »Zweitens: Auf die Domäne Bachern werden zwei tüchtige Melkerinnen gesucht. – Das wäre wohl etwas für die Edeltraut und Montmorenci. Doch nein! Sie würden in zwei Tagen die besten zwölf Milchkühe verderben: Melken ist eine feine Kunst und will gelernt sein.« Saß riß dem Spötter das Blatt aus der Hand und warf es in die Ecke. Der Oberst sah zuerst erstaunt dem Blatte nach; dann wandte er seine Augen aufwärts gegen die Zimmerdecke, als ob er von dort eine höhere Eingebung erwarte, besann sich eine Weile und rief: »Ich habe das Ei des Columbus gefunden!« und schlug mit der geschlossenen Faust auf den Tisch, als wolle er so das Ei aufsetzen nach dem Vorbild des großen Genuesers. Seine Stimme stärker erhebend, sprach er dann: »Will man Schauspieler beschäftigen, so lasse man sie schauspielen!« Die Beiden mußten ihm lachend recht geben, und der Oberst stellte nun sehr sinnig dar, wie lange man schon in Frankenfeld anziehender Abendunterhaltung entbehre, die doch auch in Kriegszeiten nicht zu verachten sei, und wie man unschwer die kunstsinnige Einwohnerschaft bewegen könne, in einem Dutzend Theatervorstellungen als zahlende Besucher zu erscheinen. Im Saale der »Schwedischen Krone« stehe ja noch eine kleine Liebhaberbühne; – zur Feststellung eines Spielplanes, der dem guten Geschmack und den Kräften der Künstler entspreche, wolle er schon mitwirken, er sei überhaupt bereit, eine Art Hoftheater-Intendanz zu übernehmen, und Fräulein Aweling müsse dann noch über ihm stehen, wie der Fürst über dem Intendanten, wenn er die Weisungen an seine Hofkasse gibt. Hermine lächelte und nickte bejahend, und alle Drei waren entzückt über den glücklichen Einfall und beschlossen, morgen schon mit den Vorarbeiten zu beginnen. Nur müsse man doch zu allernächst dafür sorgen, daß die Schauspieler schon jetzt etwas zu essen bekämen, bemerkte trocken der Oberst. »Ich lade alle Fünfe auf morgen bei mir zu Tisch,« rief Hermine. »Bei Fräulein von Rohda?« fragte erstaunt der Oberst. Hermine biß sich in die Lippen. »Wie konnte ich vergessen, daß ich selber nur der Gast meiner Freundin bin und ihr nicht fünf weitere Gäste mitbringen darf! Doch da kann geholfen werden. Ich lade die Schauspieler auf morgen zu einem diner-à-part in der ›Schwedischen Krone‹, bitte die beiden Herren, gleichfalls meine Gäste zu sein und werde mit Fräulein von Rohda die Honneurs machen.« Der Oberst sagte freudig zu, aber Saß besann sich. »Schon wieder will er widersprechen!« dachte Hermine. Und in der That, – er setzte ihr auseinander, daß so jähe Sprünge wie von der Milchdiät des Hopfenbauern zu einem hochfeinen Mahl im ersten Gasthofe der Stadt den Schauspielern nur den Kopf verdrehen könnten. Später, nach irgend einer hervorragenden Leistung möge ihnen Fräulein Aweling einen Festschmaus geben, nicht jetzt, wo es vorerst gelte, sie aus der äußersten Not zu erretten. Er schlage vor, daß man den Fünfen eine Unterkunft schaffe im »Grünen Baum« – – »ein Haus vierten Ranges,« erläuterte der Oberst Herminen, »es steht aber noch um zwei Stufen höher als das Hotel ›Zum letzten Heller‹ vor dem Steinthor –« »Der Wirt ist ein Ehrenmann,« fuhr Saß fort, »die Leute werden dort höchst einfach, aber gut verköstigt sein« – – »Suppe, Gemüse und Fleisch, in Einem Kessel gekocht und auf Einer Schüssel aufgetragen,« ergänzte der Oberst, – »die echte Soldatenmenage.« »Wir eröffnen ihnen beim Wirte einen Kredit für Tisch und Bett,« sprach Saß unbeirrt weiter, »und sie werden die vorgestreckte Zeche später zurückerstatten aus ihren Kassenerfolgen.« »Vortrefflich!« rief der Oberst. »Künstler nehmen kein Almosen, aber Künstler dürfen pumpen und zuletzt die Rückzahlung vergessen.« Hier öffnete plötzlich Kaspar Zuckmeyer die Thüre, stürzte ins Zimmer und rief: »Herr Saß! sie haben ihn! – sie haben ihn!« »Wen? Wer?« fragte Saß ärgerlich über die Unterbrechung. »Ei, sie haben ihn!« wiederholte Zuckmeyer, »den Napoleon; – unsere Soldaten haben ihn: – Napoleon ist gefangen!« »Unmöglich!« rief Saß; »dummes Zeug!« der Oberst. »Von wem haben Sie die Nachricht?« »Der Holzhacker hat mir's gesagt, der vor des Webers Matthes Hause Klötze spaltet.« »Und von wem hat es der Holzhacker?« »Dem wird es ein Anderer erzählt haben, der es wieder von einem Anderen hat: so laufen die Nachrichten durch die Welt.« Saß hatte inzwischen durchs Fenster auf die Straße gesehen: es war dort so still wie immer und die Leute gingen friedlich ihres Wegs. »Lassen Sie sich ein andermal nicht so leicht einen Bären aufbinden, Zuckmeyer,« sagte er dann, »und stören Sie uns nicht wieder.« Kaspar ging brummend ab und die Drei berieten fort über die Unterbringung der Schauspieler im »Grünen Baum«. Auch Hermine stimmte jetzt zu und meinte nur gegen den Oberst, sein Freund Saß sei ein gefährlicher Mann, er fahre ihr überall in die Quere, worüber sie sich zuerst ärgere, um ihm hinterdrein doch recht zu geben und zu folgen. Saß schlug vor, daß sie selb Drei sich beim Wirt verbürgten für die kontraktliche Tageszeche der Schauspieler. Der Oberst fragte, ob denn auch er der Dritte im Bunde sein müsse? Den Bürgen soll man würgen. Er bürge für Niemand. Allein Hermine setzte ihm in der liebenswürdigsten Weise auseinander, daß seine Bürgschaft besonders wichtig sei. Denn da er nun auch finanziell in das Theaterunternehmen verflochten, so werde er, der feinste Kenner der Bühne und als solcher die erste Autorität der Stadt, jeden Frankenfelder unwiderstehlich für das neue Theater und zu klingender Beisteuer begeistern, so daß ihm seine Bürgschaft nicht den mindesten Schaden bringe. Der Oberst als artiger Mann konnte der Dame nicht widersprechen und so plauderten sie denn gemütlich und neckisch weiter über ihren Plan. Da wurden sie zum zweitenmal durch Kaspar Zuckmeyer unterbrochen. Ungestümer noch als vorher riß er die Thüre auf, stürzte herein und rief: »Herr Saß! sie haben ihn doch! Ich war auf dem Bahnhof; – Napoleon ist gefangen, – samt seiner Armee, – bei Sedan; – der König hat's der Königin telegraphiert: – – und der Holzhacker hatte doch recht! Bei dem Postzug, der eben abgehen soll, haben die Schaffner auf jeden Wagen hüben und drüben groß mit Kreide geschrieben: ›Napoleon ist gefangen‹, – damit es auch die Bauern auf dem Feld erfahren. Hurrah! der Krieg ist aus!« Saß sprang ans Fenster. Auf der Straße liefen die Leute zusammen und jubelten; die Ratsapotheke zog schon ihre Fahne auf. Das märchenhafte Ereignis war nicht mehr zu bezweifeln. Die Drei, Zuckmeyer als Vierter voran, tummelten sich, hinunter und hinaus zu kommen, um Näheres zu erfahren. Saß schickte den Ratsdiener hinauf ins Wächterstübchen, daß der Haderturm nicht wieder zu spät flagge wie bei Wörth. Neben der Turmthüre wurde bereits das Telegramm angeschlagen. Nachdem Hermine, Saß und der Oberst es gelesen und wiedergelesen und Deutschland und sich selbst beglückwünscht hatten, trennten sie sich. Hermine aber rief Saß noch nach: »Vergessen Sie über all dem Glück die armen Schauspieler nicht! Sorgen Sie, daß der Festtag der Nation auch ihnen zum Festtag werde. Sie sollen heute noch siegreich einziehen – – in den ›Grünen Baum‹!« Fünftes Kapitel. Sedanfeier. Das große Ereignis von Sedan wurde in Frankenfeld sofort volksfestlich gefeiert. Am Nachmittage war die märchenhafte Kunde eingetroffen, und schon am nächsten Vormittage bewegte sich ein Festzug durch die Straßen, an welchem Alt und Jung, Vornehm und Gering teilnahmen. Die Stadtmusik und der Magistrat eröffneten den Zug, die Jugend aller Schulen beschloß ihn; jedes Haus war beflaggt, wehende Fahnen wurden im Zuge getragen, kriegerische Märsche und patriotische Lieder verkündeten das Nahen der begeisterten Menge, welche auf weiten Umwegen endlich zum Rathaus gelangte, wo der Bürgermeister die oberste Stufe der Freitreppe bestieg und in kurzer, aber packender Rede alle Deutsche glücklich pries, welchen Gott vergönnt habe, diesen Tag zu erleben, und all den Helden den Dank des Volkes aussprach, die solchen Tag heraufgeführt. Da der Redner wußte, was er sagen wollte, und dies gerad' heraus sagte, so sprach er auch gut. Denn beides ist das Grundgeheimnis aller Redekunst. Man hatte anfänglich gewünscht, der Bürgermeister möge nach alter Sitte vom Balkon des Haderturmes herab sprechen, allein aus Gründen, die wir kennen, behauptete Jener, der Balkon sei nicht günstig für die Beredsamkeit, und zog die Ratstreppe vor, auf welcher er noch niemals gesprochen hatte und also auch noch niemals stecken geblieben war. Auch die Frauen und Mädchen – vornehme Damen wie die geringsten Bürgerskinder – nahmen teil an dem Feste. Im Zuge gingen sie nicht mit, aber sie hatten sich gruppenweise an freien Plätzen und Straßenkreuzungen aufgestellt und begrüßten den Zug, um dann von allen Seiten zum Rathause zu strömen und die Rede mit anzuhören. Das konnte auch das feinste Fräulein; denn in Frankenfeld gab es noch keinen Pöbel und keine Gassenbuben, und Jeder fühlte sich auf offener Straße so sicher wie im eigenen Hause. War doch die kleine Stadt das große Haus aller Bewohner. Nur Hermine Aweling wurde in dem bunten Treiben vermißt. Vor Beginn des Festzuges war sie in ein kleines Haus an der Sterngasse geschlüpft. Dort wohnte eine arme Frau, die sich heute als die Aermste in der ganzen Stadt fühlen mußte, die Krämerswitwe Barbara Ludorf. Von den Söhnen Frankenfelds, welche in den Krieg gezogen, war bis vor kurzem noch keine Todeskunde zurückgekommen bis auf – einen Einzigen, den einzigen Sohn dieser armen Frau. Am 22. August erhielt sie eine mit verwischten Bleistiftzügen kaum lesbar geschriebene Postkarte, auf welcher der Hauptmann ihr mitteilte, daß ihr Sohn Paul, der bravste Soldat seiner Compagnie, in einem Plänklergefechte bei Metz gefallen sei. Der nachfolgende Brief eines Kameraden berichtete das Nähere. Am späten Abend hatte die letzte Kugel des mit großer Uebermacht heranrückenden Feindes Paul durch den Kopf getroffen, daß er auf der Stelle tot zusammenstürzte. Man mußte die Leiche liegen lassen, und erst am nächsten Morgen konnten etliche Mann zurückkehren, um sie zu bestatten. Es war unfern eines alten Weidenbaumes, und die Soldaten hieben zwei starke Aeste ab, die sie in Kreuzesform zusammenbanden und in das Grab an der Todesstätte steckten. Hermine Aweling hatte dies Alles gehört, und als sie heute an dem Häuschen der Witwe vorüberging, kam es ihr heiß zu Sinne, wie qualvoll für die Verlassene der Jubel des auch durch diese Straße ziehenden Festzuges sein müsse, wenn derselbe in ihre einsame Kammer schalle, wo sie allein in der ganzen Stadt das einzige Opfer des Krieges betraure. Herminens gutes Herz ließ ihr keine Ruhe; sie mußte hinein in das Haus, um die Unbekannte zu trösten und ihr teilnahmvoll Gesellschaft zu leisten, bis die Jubellaute draußen verklungen waren. Sie fand Frau Ludorf in der That allein, denn alle Mitbewohner des Hauses waren hinausgeeilt, das große Schauspiel zu sehen, und erklärte ihr, daß sie gekommen sei, ihren Schmerz in dieser bittersten Stünde zu lindern. Die Witwe begriff anfangs gar nicht, was die vornehme Dame eigentlich wolle, erklärte dann aber barsch, daß sie keine Gesellschaft brauche. »Ich bin nicht allein,« fügte sie hinzu, faßte Hermine an der Hand, führte sie vor ihr Bett und deutete dort auf ein aus zwei zusammengebundenen Weidenzweigen gebildetes Kreuz, welches am Fußende befestigt war. »Dieses Kreuz,« sprach sie, »stand zuerst auf dem Grabe meines Paul. Die Zweige sind von dem Weidenbaum geschnitten, bei welchem er seinen Tod und seine letzte Ruhestätte fand. Die Kameraden ersetzten es nachher durch ein besseres Holzkreuz; denn sie hatten ihn Alle lieb. Des Stiegelschusters Franz aber, welcher vorige Woche wegen Krankheit und Gebrechlichkeit aus dem Felde heimgeschickt wurde, hat mir die zwei Zweige mitgebracht, und ich habe sie wieder zum Kreuze gefügt und hier an meinem Bette aufgestellt, daß ich Tag und Nacht bei meinem Kinde bin. Die Zweige bedeuten mir das Kreuz, welches meinen Paul heimgesucht, daß er so früh sterben mußte, sie bedeuten mir dann das Kreuz, welches mir selber auferlegt wurde, dazu erinnern sie mich aber auch an das Kreuz unsers Herren Jesu Christi, welches uns erlöst von allem Kreuz und aller Pein. Den Gefallenen pflegt man ins Grab zu singen: ›Jesus meine Zuversicht‹; – meinem armen Paul konnten sie das Lied nicht ins Grab singen; aber jeden Morgen, sowie ich aufgestanden bin, spreche ich das Lied vor seinem Grabkreuze. Da bin ich dann nicht allein, sondern mein Kind ist bei mir. Und so werde ich auch heute nicht allein sein und auch nicht trostlos; denn wenn sie draußen blasen und jubeln und singen, werde ich vor diese zwei Weidenzweige treten und neben mir wird mein Kind stehen.« Bei diesen Worten lenkte eben der Zug in die Straße ein, und sie sangen und bliesen in mächtigem Chor: »Deutschland, Deutschland über Alles!« und die Witwe blickte nach oben mit Thränen im Auge, und auch Herminens Augen blieben nicht trocken. Sie hatte das arme Weib trösten und erheben wollen und fand zuletzt die kindliche Aussprache des Schmerzes einer Mutter so erhebend, daß sie gar keine Trostesworte mehr nötig fand. Dennoch wollte sie der Trauernden noch eine schmerzlich süße Freude bereiten, während die Festklänge weiter an dem Hause vorbei rauschten. Sie bat, daß Frau Ludorf ihr noch weiter erzählen möge von ihrem Sohn. Und da hatte sie das Richtige getroffen. Teilnehmend zuhören ist oft ein weit größerer Trost, als teilnehmend zureden. Die Mutter wurde nicht müde, in allerlei kleinen Zügen und Geschichten darzustellen, wie gut und tüchtig der Verstorbne von Kindesbeinen an gewesen, und wie er zuletzt bereits ihre Stütze geworden, deren sie nun beraubt sei. Das Andenken des Geschiedenen verherrlichend, erhob sie sich über ihren Jammer und freute sich, auch dann noch immer der guten vornehmen Dame von ihrem Paul fortzuerzählen, als die letzten Klänge des Festes schon längst verhallt waren. Die beiden Frauen schieden voll herzlicher Teilnahme füreinander, und Hermine freute sich dieser ihrer stillen Sedanfeier und dachte, das schönste Siegesfest sei doch, wenn man der Toten gedenke, die für die Macht und Ehre des Vaterlandes gefallen sind. Die Frankenfelder verlangten freilich mehr. Zu dem Volksfeste, welches der augenblicklichen Begeisterung entsproßt, so rasch ins Werk gesetzt und so schön gelungen war, begehrten sie auch noch eine feinere, vorbereitete Feier. Und so beschloß man auf Anregung des Obersten Sickenwolf, einen patriotisch-dramatischen Abend zu veranstalten, der zugleich Gelegenheit böte, die fünf Schauspieler der höheren Gesellschaft Frankenfelds vorzuführen, soweit für letztere Platz war im Saale der »Schwedischen Krone«, wo die alte Liebhaberbühne stand. Leider fand sich im Spielplan jener Künstler kein einziges vaterländisches Stück, welches der Bedeutung des Tages entsprochen hätte. Allein was man nicht hat, das macht man sich. Die Frist war freilich kurz. Jeden Tag konnten ungeahnte neue Ereignisse sich überstürzen. Also setzte man fest, daß die Feier spätestens in fünf Tagen stattfinden solle. Bis dahin mußte ein Festspiel geschrieben, einstudiert und ausgestattet werden. Ein Bühnenfestausschuß, natürlich mit dem Obersten an der Spitze, nahm die Sache sofort in die Hand, wobei sich alle Mitglieder die tiefste Verschwiegenheit gelobten, damit die Ueberraschung in jedem Punkt vollständig sei. Assessor Hinterborn erhielt den geheimen Auftrag, das Stück zu schreiben, wofür ihm ein Tag und eine Nacht vergönnt wurde. Den Tag widmete er dem Entwurf, die Nacht der Ausführung. Um während der Nachtarbeit nicht einzuschlafen, stellte er ab und zu seine Füße in eine Wanne mit kaltem Wasser und trank dann wieder den heißesten schwarzen Kaffee. So gelang es ihm, das Werk – es war ein allegorisches Festspiel – am nächsten Morgen fertig abzuliefern. Nur einen Titel hatte er trotz Fußbad und Kaffee durchaus nicht finden können. Schreibt doch auch Mancher leichter ein ganzes Buch, als daß er den richtigen Titel dazu findet. Nachdem der Ausschuß das Stück gelesen und gleichfalls keinen Titel dazu gefunden hatte, erklärte ein Mitglied, – dessen Namen natürlich nicht verraten werden durfte, – er würde der Dichtung den Titel geben: »Deutsche Kraft und deutsches Recht«, wofern es ihm gestattet würde, einen Prolog dazu zu dichten, der diesen Titel verdiene. Wenn letzterer dann auch nicht ganz auf das Festspiel passe, so könne er doch für dasselbe mitgelten, so daß es gleichsam unter dessen Flagge mitsegele. Und nach einem Satze des Seerechtes deckt die Flagge die Ladung. Der Vorschlag ward dankbar angenommen. Handelnde Personen des Hinterbornschen Stückes waren: die Edeltraut als Germania, die Montmorenci als Gallia, Herr Schneider als der Krieg und Frau von Landfried als Friede. Für den Komiker, Herrn Zwiebelmann, hatte der Dichter trotz allen Nachdenkens keine passende Rolle ersinnen können. Zum Ersatz sollte Zwiebelmann unterirdisch mitwirken, unsichtbar, aber leider, wie sich nachher herausstellte, nur allzu hörbar – im Souffleurkasten. Zur Versart hatte der Dichter die Nibelungenstrophe gewählt, welche man sonst auf der Bühne nicht zu vernehmen pflegt. Allein die fünffüßigen Jamben Schillers oder gar die sechsfüßigen des Sophokles waren Herrn Assessor Hinterborn als klassisch zu undeutsch erschienen. Die Beschaffung der Gewänder für die allegorischen Personen machte bei der Kürze der Zeit große Schwierigkeit. Der Ausschuß war jedoch so gescheit gewesen, hierfür die thätige Hilfe von allerlei »Spitzen der Gesellschaft« in Anspruch zu nehmen, wodurch zugleich das günstigste Vorurteil für das Unternehmen erwuchs; denn Jeder glaubte, daß er zum Gelingen desselben wesentlich beigetragen, ja den patriotisch-dramatischen Abend eigentlich miterfunden habe. Das Geheimnis des Planes wurde dabei allerdings vielfach zerstört mit Ausnahme der Autorschaft des Prologs, weil der Verfasser selber schwieg. Der Erfolg übertraf die gespannten Erwartungen. Frau von Landfried sprach den Prolog mit einer Klarheit und Ruhe und doch zugleich mit einer Wärme und Tiefe des Ausdrucks, die man der naiven Soubrette gar nicht zugetraut hätte. Auch ihre äußere Erscheinung war frei von jedem theaterhaften Aufputz. Sie erschien im einfachsten, aber geschmackvollen Gesellschaftskleide, einem Geschenk Herminens. In volksmäßigen kurzen Reimversen erzählte der Prolog den Gang des Krieges bis zum furchtbaren Zusammenbruch der napoleonischen Macht bei Sedan. Das Alles hatte man ja eben erst erlebt; aber so lebensfrisch geschildert, so scharf und schlaghaft ausgesprochen, wirkte doch auch das Bekannte wieder neu. In atemloser Spannung lauschten die Hörer: war es doch, als ob die Sage erzähle, als ob die Gegenwart bereits Geschichte geworden und dennoch allgegenwärtig sei. Und nachdem der Dichter den Flug der wunderbaren Kunde von Sedan durch alle deutsche Gaue berichtet, deutete er in ergreifenden Versen auf das Weltgericht der Weltgeschichte, welches sich vor unsern Augen vollziehe. Jetzt habe die große Stunde geschlagen, wo der Raub des vierzehnten Ludwig an Deutschland wieder zurückgegeben, wo das alte Unrecht gesühnt werden müsse. Deutsche Kraft, die sich endlich ermannt, werde Deutschland sein Recht verschaffen. Die Geister der Helden der Befreiungskriege umschwebten uns, und man dürfe fortan von den Gefallenen jener Tage nicht mehr – wie ehedem – verzweifelnd singen: »Wohl euch, daß ihr erschlagen, – daß ihr erschlagen seid!« denn die geeinigte deutsche Kraft werde nicht rasten, bis das Ziel erreicht, bis dem deutschen Rechte sein volles Recht geworden sei. Das Wort des alten Arndt erschalle auch heut' aufs neue: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der wollte keine Knechte.« Bei diesen Schlußversen fiel die Musik im stärksten Vollklang mit der markigen Weise des alten Befreiungsliedes ein, die Zuhörer erhoben sich ganz unverabredet von ihren Sitzen und sangen mit, und stürmischer Jubel erfüllte den Saal, als die letzten Töne verklungen waren. Minutenlang rief man nach dem Dichter. Es erschien keiner. Einige behaupteten, der Oberst habe die trefflichen Verse verfaßt, Andere rieten auf Professor Capelius oder den Pfarrvikar Quentel oder den Notar Feininger oder auf Alfred Saß; auf den Stadtpoeten, Herrn Hinterborn, aber riet kein Mensch. Die Meisten behaupteten zuletzt, nur Fräulein Aweling könne so schön gedichtet, zugleich aber ihre Person in einen so undurchdringlichen Schleier verhüllt haben. Dem Obersten machte dieser Wirrwarr einen königlichen Spaß und er suchte ihn nach Kräften noch mehr zu verwirren. Man hätte meinen können, die zündende Kraft des Prologs würde das folgende Hauptstück, das allegorische Drama, vernichten. Sie rettete es vielmehr. Das Publikum hatte vorerst gehört, was es an diesem Tag zu hören erwartete, und trug nun die Bilder und Gedanken, von welchen Jeglicher erfüllt war, in die Oede des Dramas hinüber: man hatte etwas zu denken, während die hochtönende Rhetorik der Nibelungenverse verworren und gedankenarm dahin brauste, und das Publikum ist immer dankbar, wenn man ihm sagt, was es sich denken soll. Einzelne Stimmen wagten zwar, das allegorische Drama langweilig zu nennen, allein Oberst Sickenwolf belehrte sie, daß unsere heutigen Theater- und Konzertbesucher eine Virtuosität im Ertragen der Langenweile gewonnen hätten wie nie zuvor; denn in der hohen modernen Kunst sei das Langweilige ein notwendiges Fundament des Erhabenen und wir müßten darum lernen, die Erhabenheit der Langenweile zu erfassen. Andere nannten den Prolog einen Genuß, die Allegorie eine Qual. Doch Oberst Sickenwolf überzeugte sie, daß eben darum Beides zusammen sich zum wahrhaft künstlerischen Ganzen gefügt habe. Eine vergangene Zeit habe in der Kunst den Genuß gesucht, das sei oberflächlich gewesen; jetzt griffen wir tiefer und fänden nur denjenigen Kunstgenuß genießenswert, der zugleich ein noch viel größeres Stück Kunstqual in sich schließe. Jedenfalls war das allegorische Drama nicht durchgefallen. Die Schauspieler spielten so gut sie konnten, und kein Mensch kann mehr verlangen. Frau von Landfried als Friede überstrahlte ihre Genossen bedeutend: man begrüßte in ihr bereits den »Stern der Saison«. Als der Dichter gerufen wurde, erschien Herr Assessor Hinterborn in Frack und Nankinghosen äußerst geschwind und sprach »unvorbereitete« Dankesworte. Nach der Vorstellung blieben die Zuschauer noch gesellig beisammen und waren stolz auf ihre Stadt, froh über das gelungene Fest und zufrieden mit sich selbst. Die nächste Zukunft des Theaters war gesichert, zumal sich alsbald weitere versprengte und brotlose Künstler den Fünfen anschlossen. Hermine Aweling hatte in der That nicht geahnt, daß sie mit ihrem edeln Vorhaben, Arbeitern Arbeit zu schaffen, zunächst den Frankenfeldern zu einem Wintertheater verhelfen würde. Hermine und Amalie zogen sich sofort nach dem Schlusse des Festspiels zurück. Auf dem Heimweg begann Amalie die Eindrücke des Abends angeregt zu erörtern, fand aber kein Echo bei der Freundin, die schweigend neben ihr herging und, im Rohdaschen Hause angelangt, nach kurzem Nachtgruße alsbald ihr Zimmer aufsuchte. Amalie, überrascht von dem plötzlichen Verstummen und Erstarren Herminens, nahm sich die Freiheit, nach längerem Harren zu ihr zu schleichen. Sie fand dieselbe weinend und schluchzend in ihrem Lehnstuhle, das Gesicht mit den Händen verhüllend. Auf das Befragen, was ihr denn fehle, fuhr Hermine wie aus einem Traume empor, umarmte dann aber Amalie herzlich und sprach: »Ich hatte heute zwei Witwen zu trösten, die eine, weil sie ihr Kind verloren hat, welches sie auf Erden niemals wiedersehen wird, die andere, weil sie von ihrem Kinde getrennt ist, welches sie zu verlieren fürchtet. Heute nachmittag hatte ich Marie Landfried zu mir gebeten, um die Rolle des Friedens noch einmal mit ihr durchzugehen, in der That aber, um noch tiefer als bisher in die Friedlosigkeit ihrer Seele zu blicken. Aber die Friedlosigkeit meiner eigenen Seele trat mir dabei viel herzzerreißender vor Augen. Wie unedel haben die Landfrieds an dieser armen Frau und ihrem Kinde gehandelt! Wie drängt es mich, diesen Frevel gut zu machen! Und doch – – ich kann dies gerade am allerwenigsten. Ich kann nicht thun, wozu ich zur eigenen Buße und Sühne berufen wäre, – Mutter und Kind zu ihrem Recht in der Familie zu verhelfen; denn je mehr ich darüber sinne, um so schärfer wird mir bewußt, wie unedel ich selbst gegen Wolfgang Landfried gehandelt habe. Ich muß schweigen.« Amalie wußte, daß hier kein Trost, keine Gründe verfingen. Sie lenkte darum das Gespräch von den düsteren Eindrücken des Tages auf die heiteren des Abends und glaubte die Freundin mit der Nachricht zu überraschen, daß Alfred Saß und kein Anderer der Dichter des schönen Prologes sei. Doch Hermine nahm die Mitteilung sehr gleichgültig hin und fügte hinzu, sie habe dies schon während des Vortrages erraten. Amalie hielt das Thema krampfhaft fest: »Saß ist ja kein Dichter, und doch hatten die Verse dichterische Kraft. Allein wenn Sedan das Wunder wirkte, daß der Bürgermeister in seiner Rede nicht stecken blieb, so konnte Sedan ja auch Herrn Saß einmal zum Dichter machen.« Amalie beobachtete bei diesen Worten, die ihr nicht recht ernst waren, die Freundin mit scharfem Blick. Doch Hermine bemerkte ganz kalt und mit einer Miene, welche zeigte, daß ihre Gedanken eigentlich wo anders waren: »Alfred Saß ist eine künstlerische Natur, weil er ein harmonischer Mensch ist: warum soll er also nicht auch gelegentlich dichten können?« Sie verfiel dann wieder in ihr starres Schweigen. Amalie sah die Schweigende eine Zeitlang mit großen Augen an, begann dann aber wieder von Herrn Saß zu reden; denn dieses Thema wollte sie sich nun einmal nicht entreißen lassen. »Unser Freund ist ein Poet von eigener Art. So ganz im stillen dichtet er die schönsten Verse, und so ganz im stillen ist er vom Korrespondenten zum Prokuristen des Hephästos aufgestiegen und soll auch bereits wieder Teilhaber des Geschäftes geworden sein; denn von seinem Vermögen hat er – ganz im stillen – doch mehr gerettet, als man anfangs glaubte. Am Ende dichtet er sich wohl gar wieder zum Besitzer der Fabrik empor. Seine Verluste ertrug er mit der Weltverachtung eines Dichters und seine Wohnung in der Hasengasse ist ein Idyll. Den Verkauf seines prächtigen Hauses hat er längst verschmerzt, nur der Verlust seines Gartens thut ihm wehe.« »Welch glücklicher Mensch!« rief Hermine, »dessen einziger Schmerz der Verlust eines Gartens zu sein scheint. Er kann sich ja einen neuen kaufen, wenn es ihm besser geht: ich aber kann mir den verlorenen Frieden meiner Seele niemals wiederkaufen. Ich habe viel gefehlt, viel bereut, vieles an Andern wieder gut zu machen gesucht. Was ich gegen meinen Vater gesündigt, das hat er mir großherzig vergeben, und wenn ich unrecht gethan, indem ich Wolfgang Landfried gegen meine Ueberzeugung das Jawort gab, so that ich es doch nur meinem Vater zuliebe. Wollte ich aber trotzdem mein Wort wieder zurücknehmen, so hätte ich's thun müssen, bevor ich es am Altar besiegelte. Daß ich es dann erst that, übermannt vom fürchterlichsten Sturm des Seelenkampfes, nannte ich anfangs toll: jetzt nenne ich es unehrenhaft und gottlos. Ich habe mich schwer versündigt gegen einen edeln Mann –« – »War er ein edler Mann?« unterbrach Amalie – »gegen einen edeln Mann, der mich liebte und den ich nur nicht wieder lieben konnte, – und gegen Gott. Dies schafft mir immer neue Qualen, die eine Zeitlang schlummern, dann – wie heute – um so vernichtender wieder hervorbrechen. Und nun verstricke ich noch einen Dritten, Herrn Saß, in diesen tragischen Konflikt, indem ich ihm das Wort abnahm, daß er zu Wolfgang Landfried gehe und seinen starren Sinn beuge zu gunsten der armen Marie Armgard und ihres Kindes. Er wird es thun und dabei Unglück haben und unglücklich werden wie ich.« »Das Letztere wird er nicht!« fiel Amalie ein. »Saß wird vielmehr mit gewohntem Geschick sein Versprechen zu erfüllen wissen, ohne daß ihm ein Nachteil daraus erwüchse. Er trifft überall den Nagel auf den Kopf, – nur muß man ihm dabei mitunter ein bißchen den Arm führen,« fügte sie leise und lächelnd hinzu und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »Sei unbesorgt. Dieser Mann versteht in wunderbarer Weise zu handeln und zu gestalten, und was er thut, hat Hand und Fuß. Zum ganzen Manne fehlt ihm nur Eines: – die Originalität.« Hermine fuhr erstaunt auf. Bisher gleichgültig bei Allem, was Amalie über Saß gesagt hatte, geriet sie jetzt in leidenschaftlichen Eifer und rief: »Die Originalität? Gerade dies gefällt mir an Alfred Saß ganz besonders, daß er durchaus Original ist. Vorab um deswillen, weil er gar nicht strebt, ein Original zu sein. Die Originalitätssucht ist die allgemeine Krankheit unserer Zeit in Kunst und Leben, und wer sie zeigt, der ist schon darum kein Original. Käme heute ein Künstler, der Großes schüfe, ohne in jedem Zuge ein Original sein zu wollen, er würde ein Erlöser unserer verbesserten Kunst sein. Saß ist aber auch ein Original, weil er bescheiden ist und Ueberraschendes leistet, ohne irgend seine Person in den Vordergrund zu drängen. Das ist hohe Originalität in einer Zeit, welche die Bescheidenheit ein deutsches Nationallaster zu nennen wagt. Sein Charakter stand nicht von Anfang fest wie in Holz geschnitten. Er hat sich vor unsern Augen entwickelt, wie es das Leben forderte, wie die Pflicht es ihm gebot, und doch ist er seines Glückes Schmied, ein Mann seiner selbst. Und wo es ihm schlecht ging, klagte er nicht die ganze Welt an und unsere verkehrten Gesellschaftszustände – das thut gegenwärtig auch der geringste Arbeiter –, sondern er war so originell, immer nur zu sinnen, wie er sich selbst bessere. Weltschmerz ist keine Originalität mehr, wohl aber Weltzufriedenheit und – Zufriedenheit mit dem eigenen Lose. Mich haben viele Leute für ein Original gehalten, während ich es doch gar nicht bin; zu Alfred Saß aber blicke ich hinauf, weil er ein echtes Original ist, ohne es zu scheinen.« »Aber seine Welt- und Selbstzufriedenheit,« fiel Amalie ein, »hat doch eine klaffende Lücke, welche du nicht zu kennen scheinst. Er hat sich in zielloser Liebesschwärmerei verzehrt. Ist das auch so selten, daß es zu deinem Originale paßt? Er dichtete sich einen Liebesroman, in welchem die Geliebte nur als sein Phantasiebild auftrat; denn sie wußte gar nichts von seiner Leidenschaft – das haben, glaub' ich, auch schon andere Leute gethan –, und als er auf der Höhe seiner Schwärmerei mehr und mehr inne wurde, daß alle äußeren Verhältnisse der Erfüllung seiner heißesten stillen Wünsche entgegenstanden, entsagte er mannhaft. Ob er aber seinen Frieden in dieser Entsagung gefunden hat –?« »entsagte er mannhaft,« so nahm Hermine den Satz auf und fügte sehr aufgeregt hinzu: »und die Liebe verwandelte sich in den innigsten Freundesbund, und nun offenbarte der Freund sein ganzes Geheimnis der Freundin, die er so lange und so verschwiegen geliebt, und diese Freundin, liebe Amalie, – bist du selber.« Amalie mußte laut auflachen und beteuerte, Hermine sei auf völlig falscher Spur; aber diese ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Ich sehe gar nicht ein, warum mein Original nicht auch hier noch den Gipfel der Originalität erklimmen könnte, indem ihr Beide trotz des Altersunterschiedes und der Welt zum Trotz den glücklichen Freundschaftsbund zu einem noch glücklicheren Ehebunde steigertet.« Amalie erkannte aus dem Ton, in welchem die Freundin, glühenden Antlitzes, diese Worte sprach, daß sie dieselbe erst recht und aufs neue aufgeregt habe, statt sie zu beruhigen. Was sie hätte sagen können, das durfte sie nicht sagen, ja sie hatte ohnedies schon zuviel gesagt, und ihre heilige Versicherung, daß nicht sie selbst, sondern eine Andere, die sie nicht nennen dürfe, das von Saß vordem so heiß und still geliebte Wesen sei, goß nur Oel ins Feuer. Hermine erschrak vor sich selbst. War es ihr doch, als würden ihr mit einemmal Geheimnisse des eigenen Herzens klar, an die sie bis dahin gar nicht zu denken gewagt hatte! Sturmvoll im Innersten bewegt, brach sie das Gespräch ab und trennte sich von der Freundin, einer noch stürmischeren Nacht entgegensehend. Sechstes Kapitel. Ein standesmäßig warmes Herz. Am 25. Oktober hielt ein Zug mit Kranken und Genesenden im Frankenfelder Bahnhofe, den er eigentlich hätte durchfahren sollen. Es befand sich in demselben ein höherer Offizier, von schwerer Verwundung genesend, auf der Heimreise. Scheinbar hergestellt, war er jedoch durch die Anstrengungen der Fahrt rückfällig geworden und sein Zustand hatte sich plötzlich derart verschlimmert, daß der den Zug begleitende Arzt erklärte, auch nur eine Stunde weiterer Fahrt könne dem Manne den Tod bringen. Auf Befragen, ob es noch Platz gebe im Lazarett der Frankenfelder Bürger, wurde die Antwort, daß noch ein einziges Zimmer und zwar das beste zur Verfügung stehe. Der Leidende wurde bewußtlos dorthin getragen. Das freie Zimmer war das schönste in der von Hermine Aweling gestifteten und aufs reichste bedachten Abteilung. Als der Hausarzt eben den Kranken untersucht hatte, kam Alfred Saß, der im Auftrage Herminens auf ihrer Abteilung fleißig nachsah, ob allen Bedürfnissen genügt werde. Er erkundigte sich nach dem Namen des neuen Ankömmlings. »Es ist der Major Freiherr Wolfgang von Landfried zu Schadeck,« lautete die Antwort. Saß stand starr und sprachlos da, wie wenn ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren wäre, faßte sich aber nach einer Weile, besann sich rasch, nahm den Arzt beiseite und erklärte ihm, der Major dürfe unter keinen Umständen erfahren, daß er sich in der Abteilung von Fräulein Aweling befinde, es könne und werde dies den Schwerkranken in eine Aufregung versetzen, deren schlimme Folgen gar nicht abzusehen; denn Fräulein Aweling sei des Freiherrn geschiedene Frau. Der Arzt, sehr überrascht, daß ein Fräulein eine geschiedene Frau sein könne, bat um näheren Aufschluß, und es blieb Saß nichts übrig, als ihn, so weit nötig, in das Schicksal Herminens einzuweihen. Hierauf gelobte der Doktor tiefste Verschwiegenheit und verpflichtete auch den Wärter Landfrieds, daß er diesem niemals ein Wort von Fräulein Aweling als der Stifterin der Abteilung sage. Als Saß sodann noch Näheres über den Zustand des Kranken erfragt hatte, welchen der Arzt nicht ganz hoffnungslos fand, eilte er zu Herminen, um ihr mitzuteilen, durch welch seltsame Fügung Wolfgang Landfried ihr Pflegbefohlener geworden sei, und beschwor sie – zugleich im Namen des Arztes –, jedes Zusammentreffen mit demselben zu vermeiden, ja für die nächste Zeit ihre Besuche im Krankenhause überhaupt zu unterlassen. Widerstrebend versprach es Hermine. Zwiegeteilten Sinnes verbrachte sie lange Tage in schweren innern Kämpfen und fand nur einige Ruhe, wenn sie mit ihrer Freundin die ganze Lage offen besprach. Bald schauderte es ihr, den Mann in so naher Nähe zu wissen, der ihr das drohende Gespenst der eigenen Verfehlung geworden war, bald fand sie eine Genugthuung darin, daß dieser schwergekränkte Mann gleichsam unter ihrem Dache Schutz und Rettung gefunden habe. Inzwischen besserte sich der Zustand des Kranken langsam aber stetig und nach vier Wochen stellte ihm der Arzt in Aussicht, daß er in naher Frist seine Heimreise werde vollenden können. Saß besuchte den Major täglich, und dieser fand bald Gefallen an dem weltkundigen, anregenden Manne, der ihm so vieles zu erzählen wußte und doch vom Nächstliegenden so klug zu schweigen verstand. Beide Männer hätten sich befreunden können, allein dies war schon darum nicht gut möglich, weil Saß den Freiherrn im stillen täglich über alle Berge wünschte. An einem der letzten Tage des November fand Saß den wieder erstarkten Patienten, seine Cigarre rauchend, im Lehnstuhle sitzen, die neueste Nummer des Frankenfelder »Stadt- und Landboten« in der Hand. Der Freiherr begrüßte den Eintretenden und sagte dann so recht vornehm gleichgültig von oben herab: »Es spielt ja hier eine Truppe wandernder Komödianten, von der Sie mir noch gar nichts berichtet haben. Ich las soeben die Kritik der vorgestrigen Aufführung eines Kotzebueschen Lustspiels, in welchem eine Frau von Landfried die Rolle der schnippischen Kammerjungfer besonders naturgetreu wiedergegeben haben soll. Ich kenne diese Person, die sich erdreistet, unsern Namen zu führen; man hielt sie früher für ein Talent, und Manche verhießen ihr eine künstlerische Zukunft. Jetzt hat sie es also glücklich so weit gebracht, bei einer Wandertruppe Kammerjungfern naturgetreu darzustellen.« Nach diesen Worten hob der Freiherr den Kopf hoch in die Höhe und blies sehr kunstvoll gekräuselte Rauchwölkchen in die Luft. Saß schwieg und sah aufmerksam den gekräuselten Wölkchen nach, obgleich es in ihm brannte, den vornehmen Herrn über die Umstände zu belehren, welche Frau von Landfried nach Frankenfeld verschlagen hatten, und ihm eine bessere Meinung von ihren künstlerischen Gaben beizubringen. Der Major fuhr in seiner Weise fort, höchst ruhig, wie mit sich selbst redend und jedes Wort gleichsam durch die Nase quetschend: »Dieses Frauenzimmer verstand es frühe schon, junge Leute durch ihr Komödienspiel vor und hinter den Kulissen zu bestricken. So lockte sie auch meinem Neffen Hugo ein Eheversprechen ab, und die Ehe soll wirklich geschlossen worden sein, obgleich unsere ganze Familie Einsprache dagegen erhob und die Mißheirat auch niemals anerkennen wird. Ich sage dies nur, um Ihnen zu erklären, wie unser alter Name nunmehr gar auf den Frankenfelder Komödienzettel kommen konnte.« Saß vermochte nicht länger an sich zu halten, verbarg aber klug genug seine tiefe Erregung und sprach im leichten Gesprächstone wie von einem Gegenstand, der ihn nur so obenhin berühre: »Ich bekenne, daß ich mit andern achtbaren Leuten bemüht war, der jungen Künstlerin und ihren Genossen eine Beschäftigung in unserer Stadt zu verschaffen, welche sie in diesen Kriegszeiten anderswo nicht finden konnten. Es gelang uns, und die Frankenfelder werden durch das improvisierte Theater noch für etliche Monate eine ganz angenehme Unterhaltung haben. Bei diesem Anlaß lernte ich Frau Marie von Landfried etwas näher kennen und erfuhr mancherlei über ihr früheres Schicksal. Sie, Herr Major, kennen die Verkettung des letzteren ohne Zweifel genauer als ich. Dennoch möchte ich Ihnen gerne erzählen, was mir von dieser Frau bekannt wurde, was ich an ihr beobachtet habe, wie mir ihr Wesen erschienen ist.« Der Major erklärte sich artig bereit zuzuhören, nur müsse er sich vorher noch eine frische Cigarre anzünden und bot auch Saß eine solche an. Doch dieser dankte dafür und begann. Kurz und schlicht berührte er die Geschichte der Liebe, der Ehe, der Witwenschaft Mariens; er schilderte die Notlage der verlassenen Frau und ihren Gram wegen des Kindes, welches sie nicht bei sich behalten, nicht erziehen könne. Er pries den Adel ihres Gemütes, die Reinheit ihrer Sitten, die Naturkraft ihres Talentes, wobei der Freiherr lächelnd in sich hinein murmelte: »Also hat es die kleine Hexe auch diesem gesetzten Manne angethan!« Allein Saß hörte das nicht, er wurde immer wärmer, immer beredter und legte zuletzt dem Freiherrn in ergreifenden Worten die Bitte ans Herz, bei der Familie Landfried versöhnend ins Mittel zu treten und so der Verlassenen eine würdigere Stellung zu schaffen und ihrem Kinde eine günstige Zukunft zu eröffnen. Wolfgang von Landfried hatte ruhig und aufmerksam zugehört, dann sprach er sehr ernsthaft: »Ich bin nicht kalt gegen fremde Not, selbst wenn sie verschuldet wäre; ich habe ein warmes Herz, und man soll mir nicht nachsagen, daß ich karge, wenn es gilt, einer bedrängten Witwe Hilfe zu bringen und ihr Leid zu lindern. Wie groß müßte das Kapital sein, dessen Jahreszinsen genügten, jener Frau Armgard, die sich Landfried nennt, und ihrem Kinde ein anständiges Auskommen auf Lebensdauer zu sichern?« Saß atmete auf. Das Eis war also doch geschmolzen! Schien ihm auch die Geldfrage nicht Hauptsache, so war doch schon viel gewonnen. Er sann und sann, bevor er antwortete; er durfte die Summe nicht zu niedrig greifen. Endlich sprach er: »Dem heutigen niederen Zinsfuße von vier Prozent entsprechend, würde ein Kapital von 50 000 Thalern eine jährliche Rente von 2000 Thalern sichern, und dies wäre genug für den gedachten Zweck.« »Nun gut!« erwiderte Landfried. »So werde ich ein Kapital von 100 000 Thalern stiften mit der Bestimmung, daß die Zinsen als dauernde Jahresrente an zwei bedürftige Witwen von guter adeliger Abkunft gegeben werden. Eine Pflegschaft, aus den Häuptern mehrerer altadeliger Häuser gebildet, soll über die Standesbefähigung und persönliche Würdigkeit der Bewerberinnen entscheiden. Sie sehen, ich habe ein warmes Herz. Marie Armgard aber erhält von mir keinen Pfennig. Mein Neffe, welcher öffentlich Komödie gespielt hat, wird als ›Hugo der Entartete‹ in unsern Stammbaum eingetragen werden; von seiner Frau und seinem Kinde aber wird nichts darin stehen. Wäre diese Marie Armgard seine Maitresse gewesen, so würde ich ihr und ihrem Kinde ein gutes Auskommen sichern; als seine Witwe erhält sie gar nichts.« Saß stand wie versteinert. Ohne ein Wort zu erwidern, ergriff er seinen Hut und empfahl sich. Er beschloß, den Freiherrn nicht wieder zu besuchen. Ein Buch, welches ihm derselbe geliehen, schickte er durch Kaspar Zuckmeyer wieder zurück. Siebentes Kapitel. Bekenntnisse. Am nächsten Tage ging Saß zu Herminen – etwas langsamen Schrittes; denn der Gang wurde ihm sauer genug. Mußte er doch berichten, daß sein Versuch, den Freiherrn von Landfried umzustimmen, völlig mißglückt sei, und er hätte so gerne jubelnd das Gegenteil verkündet. Im Rohdaschen Hause angelangt, war Saß höchlich überrascht, die Kammerjungfer Herminens auf dem Vorplatze mit dem Packen der Koffer ihrer Herrin beschäftigt zu sehn. »Uebermorgen reisen wir ab!« rief ihm die Zofe vergnügt entgegen; denn sie hatte sich während der fünf Monate in Frankenfeld sehr gelangweilt. »Verreist das Fräulein auf längere Zeit?« fragte Saß. »Das weiß ich nicht,« lautete die Antwort. »Wohin?« »Das wird sich finden, wenn wir nur erst einmal zum Tempel hinaus sind,« – und sie schlüpfte in das Zimmer, um Herrn Saß zu melden. Hier fand derselbe die beiden Freundinnen, gleichfalls mit Reisevorbereitungen beschäftigt. Hermine begrüßte ihn besonders herzlich und sagte, er komme ihr zuvor, sie habe ihn heute noch besuchen wollen, um Abschied zu nehmen und ihn zu bitten, daß er in ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf ihre kleinen Stiftungen haben möge, vorab auf ihren Teil des Lazaretts. Alles solle fortgehen, wie wenn sie hier zugegen sei. An Aufträgen fehlte es bei Fräulein Aweling nie. »Es treibt mich weg von hier,« so fuhr sie fort, »Frankenfeld wird mir zu eng –, und doch, welche Fülle anregenden Lebens habe ich hier gefunden! Mich dürstet nach neuen Menschen, – ach, ich bin sehr undankbar! so liebe Freunde wie hier werde ich anderswo nicht wiederfinden. Ich fliehe den trauten Ort, – und fliehe doch eigentlich vor mir selbst und kann mir nicht entfliehen! Ich bedarf des Luftwechsels! – Die Aerzte rühmen dessen Heilkraft bei körperlichen Leiden: – könnte der Luftwechsel auch Seelenleiden heilen, ich wäre längst genesen. Und doch bedarf ich dessen immer wieder aufs neue. Dieses Frankenfeld ist eine wahre Friedensstadt – so schien es mir anfangs. Je länger ich aber hier lebe, um so höher steigt meine innere Unruhe. Genau bedacht, habe ich gar keinen Grund fortzugehn: bedenke ich's aber ungenau, verschleiert sich der Gedanke durch die Empfindung, dann entdecke ich tausend Gründe.« Saß sprach seine Ueberraschung und sein Bedauern aus über die plötzliche Abreise, deren Ursache er trotz all der tausend Gründe nicht zu fassen vermöge. Leider habe er eine Mitteilung zu machen, die nicht dazu beitragen werde, Fräulein Hermine beruhigter und heiterer zu stimmen. Und nun berichtete er genau von seinem letzten Gespräch mit dem Freiherrn von Landfried, von seiner warmen Fürsprache für Marie und von der ruhmredigen und doch so herzlosen Antwort des Freiherrn, die er fast wortgetreu seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte und in aller Schärfe wiedergab. Er beklagte die arme Witwe, brach aber auch in Klagen über sich selber aus. Habe er doch so sehnlich gehofft, den Wunsch und Auftrag Herminens zu erfüllen! Nun sei dieser Wolfgang Landfried nach Frankenfeld verschlagen worden, wie vom Himmel gesandt, die Gelegenheit sei die günstigste gewesen, und doch sei sein ganzer Plan mißglückt. Die beiden Frauen waren empört, zumal über den Schlußsatz in der Rede Landfrieds. Hermine aber schlug plötzlich einen ganz andern Ton an, es war, als sei sie von ganz neuen Gedankenblitzen erleuchtet, sie dankte Saß in stürmischer Heftigkeit, sie pries ihn, daß er durch seinen Mißerfolg für sie wenigstens erreicht habe, was er durch vollständiges Gelingen nicht hätte erreichen können. »Jetzt fühle ich mich frei!« rief sie. »Die schwerste Last ist von mir genommen. Trotz aller Abneigung hielt ich Wolfgang doch für einen edeln Mann: jetzt sehe ich, daß er nur ein Edelmann ist. Die dunkle Abneigung, welche ich stets gegen ihn hatte, war nur allzu wohl begründet; es war mein Schutzgeist, mein guter Geist, der mich trieb, dem Manne in der letzten Stunde noch zu entfliehen; ich hätte das früher thun sollen und darum habe ich gefehlt. Aber jetzt erkenne ich, daß ich in jener fürchterlichen Stunde tatsächlich trotzdem recht gehandelt habe. Und diese Erkenntnis danke ich Ihnen, Herr Saß. Sie haben mich von dem Alpdrucke befreit, der seit Jahren auf mir lastete! Sie glaubten gar nichts ausgerichtet zu haben und haben das Beste ausgerichtet.« »Werden Sie dennoch übermorgen abreisen?« fragte Saß. »Ist Ihnen Frankenfeld auch jetzt noch zu eng? Die Luft zu drückend?« Hermine besann sich eine Weile. Sie erwachte wie aus einem Traume, sie hatte offenbar gar nicht mehr an ihre Abreise gedacht. Als sie sich dann aber wieder zurecht gefunden, sprach sie mit fester Stimme: »Ja!« »Und warum so bald, so plötzlich?« »Weil – weil meine Koffer schon gepackt sind; es wäre doch lächerlich, wenn ich sie wieder auspacken ließe.« In diesem Augenblick klopfte es sehr heftig an die Thüre, und Kaspar Zuckmeyer trat ein, sich entschuldigend, allein er habe eine eilende Botschaft an Herrn Saß. Dann sprach er zu diesem gewandt: »Ich habe das Buch dem Herrn Major von Landfried zurückgebracht. Er dankt und läßt sich Ihnen empfehlen.« »Ist das die ganze eilende Botschaft?« fragte Saß unwillig. Kaspar fuhr fort: »Sie müssen wissen, daß der Herr Major wieder gesund ist; – der Arzt hat ihn vorgestern freigesprochen; – übermorgen reist er ab und würde sich freuen, Sie, Herr Saß, noch einmal zu sehen; – heute abend oder morgen früh; denn der Herr Major reist übermorgen ab, und darin liegt das Eilende meiner Botschaft.« »Uebermorgen?« rief Amalie. »Am Ende gar mit demselben Zuge wie Sie!« rief Saß gegen Hermine gewandt. »Wer weiß es? Ich fürchte mich nicht vor Herrn von Landfried,« entgegnete diese. »Oh, der Herr Major ist auch nicht zu fürchten,« fiel Kaspar ein. »Er ist ein gar freundlicher Herr. Nachdem ich mich ihm vorgestellt hatte, sagte er zu mir nur noch ›mein lieber Zuckmeyer‹. Er hat mit mir gesprochen, als ob ich seines Gleichen wäre, eine volle Stunde lang, und schenkte mir sechs Cigarren.« »Eine volle Stunde?« rief Saß bestürzt. »Und was habt ihr denn da gesprochen?« »Gar mancherlei. Ich erzählte ihm von unserm gnädigen Fräulein Aweling, und wie sie so gut sei und für die Verwundeten und Armen sorge, sogar für die Komödianten, und diesen ganzen Flügel des Lazaretts gemietet und ausgestattet habe und Alles bezahle, was hier gebraucht werde. Als dies der Major hörte, war er so gerührt, daß er einen heftigen Fluch ausstieß und wie toll aufsprang. Er pflegt überhaupt in der gemütlichsten Rede so zwischendurch zu fluchen: das ist kavaliermäßig.« »Unglücksmensch!« fuhr Saß den Kaspar an. »Das haben Sie dem Major erzählt?« und er schlug sich vor die Stirne. »Und ich selber trage die Schuld; ich hatte vergessen, wie geschwätzig Sie sind; ich hatte vergessen, als ich Sie zum Major sandte, Ihnen Stillschweigen zu gebieten über –« »Fürchten Sie nichts,« beschwichtigte Zuckmeyer. »Der Major hat nichts Neues von mir erfahren, er kennt Fräulein Aweling schon von lange her. Als ich ihm sagte, das Fräulein habe wunderschönes schneeweißes Haar und sei doch noch so frisch und jung und munter wie es manches Mädchen von fünfundzwanzig Jahren nicht mehr ist, da wußte er sogleich, wen ich meine und fluchte und fragte mich, seinen lieben Zuckmeyer, gar viel über das gnädige Fräulein, und ob sie auch mit der schönen Schauspielerin befreundet sei, die sich Marie Landfried nennt, und mit Ihnen, Herr Saß, und so plauderten wir eine ganze Stunde. Als ich ihm aber zuletzt dankte für seine angenehme Unterhaltung und für die Cigarren und ihm sagte, wie sehr ich mich geschmeichelt fühle, daß er mich seinen lieben Zuckmeyer genannt habe, sprach der seltsame Herr: ›Bilden Sie sich darauf nichts ein. Wenn ich zu Ihnen sage ›mein lieber Zuckmeyer‹, so heißt das gerade so viel, als wenn ich gesagt hätte: ›Schere Er sich zum Teufel‹. Und bei diesem Abschiedsgruße wandte er mir den Rücken und legte sich zum Fenster hinaus. Das war doch recht kavaliermäßig.« »Und ich sage Ihnen recht bürgerlich, daß Sie dummes Zeug gemacht haben mit Ihrer Schwatzhaftigkeit,« rief Saß. »Entfernen Sie sich!« Dann wandte er sich zu den Damen: »Ich muß den Major besuchen und ihn aufklären; es wäre ja entsetzlich, wenn er den Sachverhalt nur aus Kaspars Bericht kennen lernte.« »Sie werden nicht zu Landfried gehen,« sagte Hermine sehr bestimmt. »Er wird Sie beleidigen, Sie werden Händel mit ihm bekommen. Sie werden ihn nicht besuchen, ich bitte Sie darum um Ihretwillen.« »Und ich werde ihn doch besuchen,« entgegnete Saß noch bestimmter, »und zwar um meinetwillen, um meiner Ehre willen, damit er erfahre, daß wir ihn nur um seinetwillen im Dunkel über Sie gelassen haben.« »So werde auch ich zu Landfried gehen,« rief Hermine, steigend erregt, »um ihm auch meine Aufklärungen zu geben.« »Das werden Sie nicht!« rief Saß, »und zwar um Ihretwillen. Es genügt, wenn ich ihm sage, was zu sagen ist.« Beide sahen sich erstaunt an, und Saß dachte: »Hermine glaubt doch, mir sehr nahe zu stehen, daß sie mir so kurzweg befehlen will,« und diese: »Alfred Saß ist doch schon sehr vertraut mit mir geworden, daß er mir so kurzweg zu befehlen wagt.« Saß fragte, ob die verehrte Freundin nicht lieber heute noch als übermorgen abreisen möge. Vorhin habe er gewünscht, daß sie ihre Abreise möglichst weit hinausschiebe; jetzt wünsche er's nicht mehr. Nun aber ergriff Amalie das Wort: »Wir kommen nicht früher fort. Ich bin noch gar nicht gerüstet; Hermine war nämlich so gütig, mich zur Mitreise einzuladen.« Und Hermine fügte hinzu: »Wir Beide sind uns seit bald zwei Jahren so nahe getreten, wir haben so Vieles miteinander durchlebt und unser ganzes früheres Leben nachgelebt, aber wir sind noch niemals zusammen gereist. Ich war seit Monaten Amaliens Hausgast, sie soll nun auch einmal mein Reisegast sein. Wir unternehmen eine Freundschafts-Hochzeitsreise. Eine gemeinsame Reise ist eine kleine Ehe. Mit seinen Freunden muß man gereist sein, um sich ihnen ganz verbunden zu fühlen.« Saß sprach wehmütig: »Um so schmerzhafter werde ich, der Zurückbleibende, den anregenden, erquickenden Umgang beider Damen vermissen!« Hermine bemerkte etwas spöttisch zu Amalien: »Wir lassen unsern Freund Saß ja nicht ganz allein zurück. Er verkehrt in seiner Phantasie wundersam innig mit einem teuern Wesen, welches von seiner Neigung nichts weiß und ihn darum niemals im kühnsten Fluge seiner Huldigung stören kann.« Amalie errötete tief und schlug vor Saß die Augen nieder. Hermine fuhr fort, immer zu Amalien gewendet: »Du weißt, wie jenes geheimnisvolle Wesen heißt; ich weiß es nicht.« »Ich habe nichts verraten,« sagte hastig die sonst so redegewandte Amalie zu Saß, verlegen wie ein Kind, welches sich entschuldigt. »Nichts? wohl kaum,« entgegnete dieser, »sicher etwas, aber doch, wie es scheint, nicht Alles. Nun, so will ich selber Alles verraten. Eine Vision schwebt vor meinem Geiste, die mich seit Jahr und Tag begleitet, entzückt, quält, erhebt, niederdrückt. Doch in diesem Augenblicke ist es keine Vision: die Erscheinung hat leibhaftes Leben gewonnen, um nur allzu rasch wieder zu entschwinden und – vielleicht für immer – wieder Vision zu werden und zu bleiben.« Nun errötete Hermine. Es glühte und zuckte in ihrem Gesicht, sie schlug die Augen nieder und ließ sie dann wieder aufleuchten. Sie gedachte ihrer früheren ziellosen Schwärmerei: wie wunderbar war doch die Verwandtschaft des Selbsterlebten und der Gleichklang ihrer Seele mit dem Denken und Fühlen dieses Mannes, der trotzdem wieder ganz anders geartet, der ihr innerlich bereits so nahe getreten und äußerlich doch so fern geblieben war. Sie erschrak über sich selbst, nicht ohne ein geheimes Entzücken: war sie doch eifersüchtig gewesen auf das Traumbild der Unbekannten, und mochte sich's nicht gestehen, und jetzt hatte sie keine Ursache mehr, eifersüchtig zu sein. Sie hätte reden mögen, aber sie konnte es nicht. Saß und Amalie warteten sichtbar auf ein lösendes Wort. Hermine schwieg. Endlich faßte sie sich und sagte, einen ruhigen Gesprächston erzwingend, welcher die tiefe Erregung nicht ganz verschleiern konnte: »Ich werde nicht zu Landfried gehen, Ihnen zu lieb, mein teurer Freund. Wir sagen Ihnen heute Lebewohl; – wir wissen noch nicht, wohin wir gehen; – wir werden fern bleiben und wissen noch nicht wie lange.« »Aber Sie müssen sich doch wenigstens ein nächstes Reiseziel ausgedacht haben,« rief Saß unmutig. »Fahrkarten ins Blaue werden, glaube ich, auf unserm Bahnhofe nicht abgegeben.« »Unser nächstes Reiseziel liegt nicht allzufern; es ist Wiesbaden. Dort wollen wir ein paar Wochen verweilen und unsern weiteren Plan festsetzen. Wiesbaden ist ein reizender Ort, auch in dieser Winterzeit; man kann dort großstädtisch leben und ländlich zugleich, einsam und in der Welt: wir werden die Einsamkeit zunächst vorziehen.« »Und darf ich Sie in dieser Einsamkeit durch einen Brief stören?« fragte Saß. »Durch einen Brief? Ich bitte um einen regelmäßigen Briefwechsel. Wünsche ich doch so dringend, fortlaufende Nachrichten zu erhalten über meine kleinen Frankenfelder Unternehmungen, die mir so sehr am Herzen liegen.« Saß bemerkte: »Die arme Marie Landfried wird Ihre Abwesenheit am schmerzlichsten empfinden. Sollten Sie, teueres Fräulein, nicht heute schon beschließen, wie der Verlassenen und ihrem Kinde zu helfen wäre?« »Wie gut, daß Sie mich an das Drängendste erinnern,« sprach Hermine, mit dankend liebevollem Blick. »Wir müssen sofort ans Werk gehen. Aber mein Kopf wirbelt mir, – nicht heute, nicht morgen! Hier gilt es Ruhe und Klarheit, die ich in Frankenfeld nicht mehr finden werde; – um so sicherer in Wiesbaden. Ich hoffe, Ihr erster Brief bringt mir Ihre ausführlichen Vorschläge über Marien.« »Dergleichen läßt sich mündlich viel besser beraten als schriftlich,« erwiderte Saß, merklich spitz und kühl, denn er konnte es noch nicht verwinden, daß Hermine auf sein Bekenntnis von der Vision nur mit Schweigen geantwortet hatte. »Ich könnte ja auf einen Tag nach Wiesbaden kommen, natürlich bloß, um Ihnen meine Vorschläge wegen Mariens zu unterbreiten.« »Das wäre in der That notwendig,« entgegnete Hermine. »Denn da Sie die Güte haben wollen, mein Geschäftsträger in Frankenfeld zu sein, so bleibt uns doch noch Vieles zu besprechen.« Sie sprach aber, im Gegensatze zu Saß, diese kalten Worte sehr warm und verbindlich – und der Ton macht die Musik. »Ihr Besuch wäre nicht bloß notwendig, er wäre uns ein großes Vergnügen,« rief Amalie dazwischen. »Aber kommen Sie bald, lieber Freund!« »Ja, kommen Sie bald,« wiederholte Hermine. »Ich bin ein unruhiger Gast, ich weiß nicht, wie lang ich an dem neuen Ort bleiben werde, wo ich einen Frieden suche, welchen ich noch nirgends gefunden habe, nicht einmal in Frankenfeld.« »Den Frieden gibt uns kein Ort,« sprach Saß sehr ernst. »›Ein immer fröhlich Herz und edeln Frieden,‹ worum wir in dem frommen Liede bitten, gibt uns nur Gott durch und in uns selbst und aus dem Herzen – geliebter Menschen.« »Wir müssen scheiden!« rief Hermine wehmütig. »Suchen Sie mich morgen nicht mehr auf: überlassen Sie mich meiner Unruhe. Auf Wiedersehen! Auf ruhigere Stunden in Wiesbaden!« Amalie hatte wieder, wie im Anfang unserer Geschichte, fast nur als »stumme Person« dem merkwürdigen Gespräche beigewohnt. Um so weniger blieb sie stumm, als sie sich nachher mit ihrer Freundin allein sah, und auch diese begann, ihr nun zu gestehen, was sie bisher sich selbst zu gestehen kaum gewagt hatte. Am späten Abende noch schrieb Amalie in ihr Tagebuch, welches mehr Gedanken als Thatsachen enthielt: »Es gibt seltene willensstarke Frauen, die nur dann einen Mann lieben können, wenn sie selber ihn gesucht, wenn sie ihn unter Schmerzen und Hindernissen sich erkämpft haben. Und trotzdem wissen sie im günstigen Augenblicke das lösende und erlösende Wort nicht zu finden. Sie scheuen sich auszusprechen, was sie hundertmal sich selbst bekannt, sie wollen sich nicht beugen vor dem Manne, den sie doch suchten. Lieben aber heißt, sich beugen vor dem Geliebten, als einem edleren und besseren Wesen. »Es gibt auch willensstarke Männer, die sich nur für diejenige Frau in Liebe begeistern können, welche ihnen nicht entgegenkam, sondern die sie selber gesucht und unter Schmerzen und Hindernissen sich erkämpft haben, und denen es dann doch unendlich schwer wird, um Gegenliebe zu werben, zu sagen, daß sie ihren starken Willen beugen, daß sie sich hingeben wollen dem geliebten bessern Wesen. Denn wer die Geliebte nicht für reiner und besser hält als sich, der liebt nicht wahrhaft. »Welch seltenes und großes Zusammentreffen aber, wenn eine willensstarke Frau unerwartet sich gerade von dem gleich selbstherrlich gearteten Manne gesucht sieht, den sie selber suchte, und wenn endlich aus dem Zwange des Entsagens und des Kampfes mit sich selbst das gegenseitige Geständnis der Liebe, alle Banden zersprengend, hervorbricht, und beide nun in rückhaltloser leidenschaftlicher Hingabe ihre Beseligung finden! »Wird das nicht die glücklichste Ehe werden?« Achtes Kapitel. Mein Besuch in Frankenfeld. Im September 1872 führte mich mein Weg nach Frankenfeld. Es war schon dämmerig, als ich im Gasthaus zur »Schwedischen Krone« ankam. Auf die Frage, ob ich ein Zimmer haben könne, maß mich der Oberkellner von Kopf zu Fuß – ich war bestaubt von einem Fußmarsch, mit Plaid und Reisetasche über der Schulter – und führte mich drei Treppen hoch nach hinten auf No. 48, ein niederes Mansardstübchen, dessen kleines Fenster die schönste Aussicht auf das große Ziegeldach des Nachbarhauses bot. Als Fußwanderer, der sein Gepäck selber trägt, konnte ich nichts besseres erwarten. Ich war zufrieden. Ins Gastzimmer hinabgestiegen, glaubte ich mein Abendbrot ungestört verzehren zu können; allein der Wirt, Herr Blödel, setzte sich vertraulich zu mir und fragte mich, woher ich komme, wohin ich gehe und was ich denn eigentlich in Frankenfeld suche? Auf die letztere Frage antwortete ich: »Ich suche Frankenfeld.« Er meinte, das habe ich vorhin ja bereits gefunden, als ich zum Thore hereinmarschiert sei. Ich aber erwiderte ihm: »Bei meinen vielen Wanderungen durch Deutschland habe ich Frankenfeld bis jetzt immer umgangen. Ich bin noch niemals hier gewesen. Unbekannt ist mir darum Ihre merkwürdige Stadt jedoch nicht. Ein Freund, der längere Zeit hier lebte, hat mir von ihr und ihren Bewohnern viel erzählt, und so beschloß ich das Versäumte nachzuholen: ich suche Frankenfeld, um mit eigenen Augen zu schauen, was ich nur vom Hörensagen kenne.« Bei diesen Worten wurde Herr Blödel sehr aufmerksam und musterte mich mit großen Augen. »Uebergangen?« wiederholte er, – »das Versäumte nachholen? – in der That, unsere Stadt darf sich beschweren, daß man bis jetzt noch gar keine Notiz von ihr genommen hat in den Reisebüchern trotz eines sehr schönen Reklamebildes, welches wir vor drei Jahren in alle Welt versandten.« Ich fuhr fort: »Morgen früh möchte ich zunächst den Haderturm besteigen und das Museum besichtigen.« »Der Haderturm besteht nicht mehr!« sprach Herr Blödel feierlich. »Wie? so wurde er dennoch abgebrochen trotz des Rohdaschen Testaments?« fragte ich betroffen. Lächelnd antwortete Blödel: »Der Haderturm heißt jetzt der ›Friedensturm‹; – der alte Name ist abgeschafft und verpönt. Hören Sie, wie das kam. Am 15. Mai vorigen Jahres feierte unsere Stadt den fünf Tage vorher erfolgten glorreichen Friedensschluß mit einem herrlichen Feste. Die ganze Bevölkerung, Jung und Alt, zog hinaus in die Kuranlagen, wo die Friedenseiche gepflanzt wurde; die Schulkinder sangen und der Herr Stadtpfarrer sprach ein frommes Wort. Dann aber ging es zurück in die Stadt zum Platze vor dem Rathaus und dem Haderturm. Hier sollte nach altem Brauch vom Balkon des Turmes herab die Festrede vor versammeltem Volke gehalten werden. Der Bürgermeister aber, welchem dies zukam, war am Vorabend stockheiser geworden. Er hatte seine Rede sorgfältig aufgeschrieben und sandte sie Herrn Alfred Saß, der den besten Baß in der ganzen Stadt besitzt, daß er sie statt seiner vorlesen möge. Saß aber that dies nicht; er sann sich über Nacht eine eigene Rede aus und sprach sie vom Balkon mit weithallender Stimme ganz frei aus dem Kopfe. Es war eine Prachtrede. Was er zuerst sagte über Krieg und Frieden, deutsches Land und deutsches Volk, Kaiser und Reich, das will ich nicht wiederholen; denn ich weiß es nicht mehr. Ueberraschend aber war der Schluß. Der Redner forderte auf, daß man den Haderturm von heut' ab den Friedensturm nennen möge. Der Krieg habe Deutschland den ruhmvollsten Frieden gebracht, der seines Gleichen nicht wieder finde in der deutschen Geschichte, und den wir jetzt vor diesem Turme, dem ehrwürdigsten Geschichtsdenkmale der Stadt feierten. Der Krieg habe aber auch Frankenfeld den inneren Frieden gebracht; denn während die Kämpfe draußen getobt, habe im Innern aller Hader geschwiegen, und alle Bürger seien einig gewesen im Wetteifer patriotischer Liebesthat. Er schlug dann vor, zwei offene Hallen rechts und links neben dem Turme anzubauen. Bildwerk und Schrifttafeln sollten in denselben von der Geschichte der Stadt und von der letzterlebten großen Zeit erzählen, daß das Ganze, Vergangenheit und Gegenwart verbindend, als ein so eigenartiges Friedensdenkmal erscheine, wie es keine andere deutsche Stadt besitzt. Der Vorschlag zündete; er wurde binnen Jahresfrist ausgeführt. Sie werden das wohlgelungene Werk morgen sehen.« »Wohnt denn Herr Alfred Saß noch Hasengasse No. 16?« fragte ich, in mein Notizbuch blickend. »Die Hasengasse besteht nicht mehr,« rief der Wirt, »sie heißt jetzt Hasenstraße. Frankenfeld strebt Großstadt zu werden. Wir hatten früher Straßen und Gassen. Ausgleichende Gerechtigkeit ist der Wahlspruch unserer Zeit: darum verfügte der Magistrat, daß alle Gassen fürderhin gleichfalls Straßen heißen sollten, damit die Straßen sich nicht mehr hoffärtig erhöben über die Gassen, und die Gassen nicht mehr neidisch aufblickten zu den Straßen, und so ist selbst das Hebammengäßchen mit seinen drei Häusern zur Hebammenstraße nobilitiert worden. Gescheite Leute meinten zwar, das sei einfältig; allein andere Leute, die auch nicht dumm sind, erklärten: in Wien sind die Straßen Gassen, und in Berlin die Gassen Straßen. Im neuen Deutschen Reich aber müssen wir uns nach der Reichshauptstadt richten. – Uebrigens wohnt Herr Alfred Saß, nach welchem Sie fragten, während des Winters noch immer Hasenstraße 16; er hat das Hans gekauft und neu herrichten lassen. Im Sommer dagegen wohnt er in der Villa seines Gartens vor dem Steinthor. Er ist wieder ein reicher Mann geworden, Haupteigentümer und Leiter des Hephästos.« Hierauf empfahl mir der gesprächige Wirt, diese Fabrik zu besuchen und zählte mir noch ein ganzes Dutzend sehenswerter Oertlichkeiten seiner Vaterstadt auf, die ich morgen betrachten müsse. In einem der merkwürdigsten Gebäude befinde ich mich jedoch bereits, in der »Schwedischen Krone«, in welcher Gustav Adolf übernachtet habe. Ich bemerkte mir zwischendurch Einzelnes in meinem Notizbuch; Herr Blödel spähte eifrig, was ich da schreibe, konnte es aber doch nicht lesen. Es hatte sich inzwischen in der entferntesten Ecke des Zimmers eine Gruppe von Stammgästen an einem großen runden Tische niedergelassen, worunter sich, wie ich später erfuhr, der Ratsapotheker Fink, der Maler Stiefel, der Notar Feininger und der Oberst Sickenwolf befanden. Ich betrachtete den Stammtisch nur von weitem mit ehrfurchtsvoller Scheu, da ich wohl wußte, daß sich der Profane einem solchen Heiligtum nicht nahen darf. Der Wirt aber ging nun hinüber, die Herren zu begrüßen und unterhielt sich mit ihnen, während ich verschiedene Beobachtungen des heutigen Wandertages in mein Notizbuch eintrug. Bei einem zufälligen Blick auf die Stammgäste glaubte ich zu bemerken, daß ich der besondere Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit sei; denn sie spähten wechselnd mit forschendem Auge zu mir herüber, und es schien mir, als ob der alte Soldat, den man als solchen sofort erkannte, mich ganz besonders aufs Korn genommen habe. Der Wirt rief den Oberkellner und gab ihm eine Weisung, worauf er wieder zu mir zurückkehrte. Sein Benehmen war jetzt wesentlich verändert. Er setzte sich nicht wieder unerbeten, sondern sprach stehend und auffallend höflich mit mir und nahm erst Platz, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Er fragte mich, ob ich Herrn Alfred Saß besuchen wolle, worauf ich dies bejahte, da ich einen Empfehlungsbrief abzugeben habe. »Sie werden Herrn Saß mit seiner Frau Gemahlin am sichersten um sechs Uhr abends in der Villa seines herrlichen Gartens treffen.« »Also ist Saß verheiratet?« »Allerdings, seit vorigem Jahre.« »Und mit wem?« »Das ist leichter gefragt als gesagt. Die Dame kam jahrelang als Kurgast hierher, und wir nannten sie nur ›das Mädchen aus der Fremde‹, sie selbst aber nannte sich Fräulein Aweling. Das soll jedoch nicht ihr ganz richtiger Name gewesen sein, sie führte anderswo auch noch andere Namen, und man wußte zuletzt nicht, wie man sie eigentlich nennen solle. Da war es nun gut, daß sie heiratete; denn jetzt hat sie doch nur Einen und zwar ganz sicheren Namen: sie ist und bleibt eben – Frau Saß. Uebrigens führen mitunter auch höchst ehrenwerte Männer zeitweilig falsche Namen aus den ehrenwertesten Gründen – –« Hier sah mich Herr Blödel scharf und fragend an und schmunzelte. Es schien fast, als erwarte er eine Erklärung von mir. Ich schwieg jedoch, und nach einer Weile nahm er sein Geplauder wieder auf. »Die Verlobung erfolgte im Mai vorigen Jahres beim Friedensfest, die Vermählung im Juni. Man hatte eine glänzende Hochzeit erwartet, hier in meinem Hause; denn jede große Hochzeit wird in der Schwedischen Krone gefeiert. Das junge Paar aber ließ sich ganz in der Stille trauen; Fräulein von Rohda stellte gleichsam die Brautmutter dar und gab dann auch ein bescheidenes Frühstück für acht Personen in ihrem Hause. Von den Verwandten der Braut kam Niemand. War demnach die Hochzeit gering, so war die Hochzeitsreise um so großartiger: – das neue Ehepaar reiste nach dem Nordkap. Und die Braut hat dem Bräutigam ein Hochzeitsgeschenk dargebracht, welches seines Gleichen sucht. Da sie nämlich erfahren hatte, wie tief ihren künftigen Gemahl der Verlust seines herrlichen Gartens, eines alten Familienbesitztums, schmerzte, den das Kölner Konsortium für Kurzwecke erworben, so kaufte sie ganz in der Stille den Garten samt der darin neu erbauten Villa zurück und machte den stattlichen Besitz am Vorabend der Hochzeit ihrem überraschten Bräutigam zum Geschenk. Es ereignet sich viel Merkwürdiges in unsrem kleinen Frankenfeld; aber es fragt sich, was merkwürdiger war, diese ebenso sinnige als kostbare Hochzeitgabe oder die Umwandlung des alten Haderturms in ein Friedensdenkmal für 1871.« Der Wirt wurde abgerufen. Ich benützte die Pause, um mich auf mein Zimmer zu begeben. Als ich mit dem voranleuchtenden Kellner im ersten Stocke angelangt war, öffnete derselbe ein Zimmer mit Flügelthüren, damit ich eintrete. »Ich habe No. 48, hoch oben,« bemerkte ich. »Sie haben No. 1,« entgegnete er. Ich wiederholte 48, und er wiederholte 1. »Machen Sie keine Verwirrung in später Nacht,« rief ich. »Stören Sie nicht den Inhaber dieses Zimmers, ich habe 48.« »Sie haben No. 1; Herr Blödel hat Ihr Gepäck schon hierher bringen lassen.« Bei diesen Worten leuchtete er in einen Salon mit Schlafkabinett hinein, und ich erblickte allerdings mein Täschchen, meinen Plaid, Stock und Schirm. Trotz allen Widerstrebens mußte ich mir's gefallen lassen, hier zu schlafen und schickte mich ebenso zufrieden in den vornehmen Raum wie früher in den geringen. »In diesem Zimmer hat Gustav Adolf geschlafen,« rief der Kellner und deutete auf die Aufschrift über der Thüre: »Gustav Adolf 1632.« »Ist mir sehr angenehm,« erwiderte ich, schob den Kellner hinaus, verriegelte die Thüre, legte mich zu Bett und schlief gerade so gut wie ich vermutlich auf No. 48 geschlafen hätte. Als ich am andern Morgen beim Frühstückskaffee saß, kam Herr Blödel alsbald herbei, begrüßte mich sehr achtungsvoll, setzte sich auch nicht vertraulich neben mich, sondern blieb ehrerbietig in gemessener Entfernung stehen und fragte, wie ich geschlafen habe. Ich erwiderte: »Vortrefflich, wie eben ein gesunder Mensch mit gutem Gewissen zu schlafen pflegt. Aber ich bitte, mir zu sagen, warum Sie mich gestern von No. 48 aus No. 1 hinab oder richtiger hinaufbefördert haben?« Der Wirt stammelte Entschuldigungen, daß er und der Oberkellner anfangs nicht gewußt, wen sie vor sich hätten. Es sei ja bekannt, daß ich häufig unter falschem Namen reise, um der Zudringlichkeit der Gastwirte zu entgehen. Das sei bei ihm jedoch nicht nötig gewesen. Sein Gasthof sei unbestritten der erste in der Stadt trotz dem neuen »Kaiserhof«, den das Kölner Konsortium erbaut habe. – »Die Schwedische Krone verdient unbedingt den Stern –« Ich unterbrach ihn mit der Bitte, mir zu sagen, für wen er mich denn eigentlich halte? Herr Blödel erwiderte: »Höchst ehrenwerte Männer verstecken sich mitunter, wie ich schon gestern abend sagte, hinter einem falschen Namen, und zwar aus den ehrenwertesten Gründen. Sie würden Ihre Forschungen in der That nicht so parteilos anstellen können, wenn Sie überall unter Ihrem berühmten Namen aufträten, und so schrieben Sie den obskuren Namen ›Riehl‹ in mein Fremdenbuch –« Ich unterbrach ihn wiederum. »Mag mein Name obskur sein, so ist es doch mein wirklicher, ehrlicher Name, dessen ich mich nicht schäme. Ich habe niemals einen falschen Namen geführt, und Falschmeldungen in Fremdenbüchern sind strafbar. Nun will ich aber entschieden wissen, für wen Sie mich halten!« Blödel fuhr fort: »Sagten Sie nicht gestern abend, Sie hätten Frankenfeld bis jetzt immer übergangen und hätten beschlossen, das Versäumte nachzuholen? Das ist ein löblicher Vorsatz, dessen Ausführung ganz Frankenfeld entzücken wird. Ich habe Sie bereits auf viele unserer Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht; gestatten Sie, daß ich heute Ihr Führer durch die Stadt sei und Ihnen alles zeige, was würdig ist, in Ihrem Reisehandbuche erwähnt zu werden.« »In meinem Reisehandbuche? Ich habe niemals ein solches geschrieben und gedenke auch keines zu schreiben. Und nun zum letztenmale – für wen halten Sie mich?« »Für den hochverdienten Verfasser der berühmten Reisehandbücher, den Verlagsbuchhändler Herrn Karl Bädeker aus Koblenz. Verzeihen Sie, wenn ich es eine auffallende Lücke zu nennen wage, daß unser Frankenfeld in Ihren sonst so vollkommenen Büchern bis jetzt noch gar keine Erwähnung gefunden hat.« Ich sprang auf und rief: »Erschrecken Sie mich nicht! Machen Sie mich zu keinem pseudonym reisenden Geiste aus jener Welt! Ich fühle mich noch ganz bei lebendigem Leibe. Der allerdings sehr verdiente Karl Bädeker ist schon vor mehr als zehn Jahren gestorben, doch setzen seine Söhne erfolgreich das Geschäft fort. Ich aber bin der Professor Wilhelm Heinrich Riehl aus München: darf ich Ihnen meine Paßkarte vorzeigen?« Nun wurde Herr Blödel doch stutzig, und es gelang mir endlich, ihn zu überzeugen, daß ich nicht Karl Bädeker sei. Auf meine Frage, wie er denn auf diesen Einfall gekommen, beichtete er mir etwas kleinlaut, indem er sich nun wieder vertraulich neben mich setzte. Meine Fragen über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und mein Notizbuch hatten ihn überrascht; ein so wißbegieriger Gast, der in Frankenfeld gar nichts suchte als Frankenfeld, war ihm noch nicht vorgekommen. Das erzählte er den Herren am Stammtische und diese zerbrachen sich den Kopf darüber, wer ein so seltsamer Mensch wohl sein möge. Da sagte Oberst Sickenwolf, der Schalk, ihm scheine, ich sei Karl Bädeker, der meist incognito zu reisen pflege und der bisher immer vergessen habe, Frankenfeld in seinem Reisehandbuche anzuführen. Welch ein Glück für die Stadt, daß ich jetzt eingestandenermaßen das Versäumte nachzuholen gekommen sei, welch ein Glück für die Schwedische Krone, die unbedingt den einzigen Stern unter den Gasthäusern bekommen müsse trotz des Kaiserhofs. So berichtete Herr Blödel und meinte, der Oberst sei immer ein Spötter. Er leide jetzt an der Gicht, und Viele behaupteten, dieselbe komme von seinen kleinen Bosheiten, die ihm in die Beine führen. Und wirklich, als er gestern Abend den Stammtisch so schön angeführt, sei er aufgefahren wie von einem Stich und habe schmerzlich gestöhnt. Ich fragte Herrn Blödel, ob er mich nunmehr wieder auf No. 48 zurückbefördern werde? Das that er aber nicht, und die historische Thatsache, daß ich vier Tage lang auf No. 1 wohnte, steht jedenfalls ebenso fest, als daß Gustav Adolf eine Nacht dort geschlafen hat. Daß Herr Blödel mein Führer durch die Stadt sein wollte, hatte er nunmehr vergessen. Ich war froh darüber und machte allein einen sehr lohnenden Rundgang. Der gewaltige alte Bau des Friedensturmes entzückte mich und ich freute mich zugleich über den neuen Anbau, vor welchem mir etwas gebangt hatte. Die zwei Hallen rechts und links, welche sich nach vorn in je drei Spitzbogen öffnen, ganz im Stile des Turmes gehalten, wirken vorzüglich und geben dem mitten ansteigenden alten Bau noch mehr Masse und Majestät. An der Rückwand der östlichen Halle sind zwei reich verzierte Tafeln eingelassen mit den Hauptdaten aus der Geschichte des Herren- und Haderturmes; die Rückwand des Westflügels zeigt zwei gleiche Tafeln, deren eine die neue Bestimmung des Friedensturmes als Friedensdenkmals verkündet, während die andere die Namen der aus Frankenfeld in den Krieg Gezogenen enthält und – der Gefallenen. Weiterer plastischer Schmuck war noch unvollendet. Ueber dem Balkon des Turmes aber war bereits eine mächtige Steintafel in die Mauer gelassen mit dem neuen deutschen Reichsadler. In das Museum warf ich vorerst nur einen flüchtigen Blick. Es ist geschmackvoll und doch sachgemäß geordnet, und ich staunte über die Fülle des Fesselnden in so geschickter Auswahl bei so kleinem Raum. Bis gegen Abend hatte ich, gemütlich schlendernd und beobachtend, die ganze Stadt gesehen, im Gesamtbild wie im Einzelnen. Wie beruhigend wirkt es doch, daß man eine Kleinstadt rasch beherrscht, während wir mit der Großstadt niemals fertig werden. Ich kannte die Häuser und Straßen und die nächste Umgebung; nur die Menschen fehlten mir noch. Um so gespannter war ich auf den Besuch bei Alfred Saß. Mit dem Schlage sechs Uhr trat ich in seinen Garten und fand ihn in einem Hainbuchengange, mit seiner Frau lustwandelnd. Nachdem ich ihm meinen Empfehlungsbrief überreicht, hieß er mich aufs freundlichste willkommen. Ungleich dem Wirt zur Schwedischen Krone kannte Saß meinen Namen und Einiges von meinen Büchern; Frau Hermine hatte sogar das Meiste gelesen. Sie zeigten mir den herrlichen Park, der in seiner früheren Art, nur noch viel schöner, wiederhergestellt war. Der Herbstabend war wundermild; die Nähen leuchteten so farbenkräftig im Abendsonnenschein, die Fernen waren duftig verklärt, die ganze Natur atmete stillen Frieden; – es war die echte Feierabendstimmung. Und ich wandelte neben zwei glücklichen Menschen und konnte mich nicht satt sehen an dem prächtigen Paar. Er, ein Bild der Kraft, von stattlicher Gestalt, die edlen Formen des Gesichts durch einen dunkelbraunen Vollbart gehoben; sie, mit dem Schnee auf dem Haupte und dem Frühling im Antlitz, eine junonische Gestalt und doch so frisch bewegt, so elastisch leicht einherschreitend. Ich brachte bald das Gespräch auf das Museum und rühmte den günstigen Eindruck, welchen es mir gemacht. Saß lehnte alles Lob für sich ab und pries dagegen die Verdienste seiner treuen Mitarbeiterin, des Fräuleins von Rohda. »Ich arbeitete nur geschäftlich,« fuhr er fort, »sie aber waltete mit künstlerischer Hand und brachte den Geist und die Poesie der alten Zeit zur fesselnden Aussprache. Nun bin ich jedoch von der Leitung des Museums zurückgetreten und habe sie an Professor Capelius abgegeben: das war auch ein Friedensschluß, ein Versöhnungsfest. »Schade, daß Sie heute früh ein unersetzliches Inventarstück des Museums nicht mehr vorfanden: – den Ratsdiener Kaspar Zuckmeyer. Wir haben ihn vor acht Tagen begraben. Nachdem er eine einzige große Untreue begangen, deren wir ihn, Fräulein von Rohda und ich, ebenso sanft als zwingend überführten, wurde er der tadellos treueste Diener, der für uns Beide durchs Feuer gegangen wäre. Gott hab' ihn selig. »Das Museum übte an ihm eine erziehende Kraft; – es hat sie auch an mir geübt. Es lehrte mich Gerechtigkeit. Früher nur für neueste Kunst und neues Schrifttum begeistert, wurde ich's jetzt auch für unserer Väter Werke. Als Hüter meiner Altertümer wurde ich zuletzt so gerecht gegen die alte Zeit, daß ich auf dem Punkte war, ungerecht zu werden gegen die neue. Da trat meine Hermine dazwischen, ein echtes Kind der Gegenwart wie die meisten Frauen, und indem ich für sie schwärmte, begann ich auch wieder für die Gegenwart zu schwärmen, ohne meiner Freude am Alten untreu zu werden.« »Und auch in mir,« sprach Hermine, »vollzog sich die gleiche Wandlung, allerdings weniger durch das Museum, als durch den Museumsdirektor.« »Und meine Frau,« fügte Saß hinzu, »machte dann die reizendste Nutzanwendung von dieser ihrer neuerrungenen Gerechtigkeit. Sie hat unser kleines Haus in der Hasengasse, wo ich lernte, in der Beschränkung glücklich zu sein, ganz echt aber schlicht altbürgerlich ausgestattet – mir zuliebe.« »Und mein Mann hat die neue Villa dieses Gartens mit Werken der modernen Kunst und des modernen Gewerbes reich und vornehm geschmückt – mir zuliebe,« ergänzte Hermine. Sie zeigten mir dann die Villa und führten mich auch des andern Tages in das alte Haus – das Idyll in der Hasengasse, wie sie's nannten. Sie waren glücklich miteinander wie die Kinder, und mir war so wohl in ihrer Gesellschaft. Ich habe während der Zeit, die ich noch in Frankenfeld blieb, alltäglich mit ihnen verkehrt. Ich kam dabei zur immer festeren Erkenntnis, wie gesammelt, geklärt und in sich befriedet Herminens stürmischer Geist geworden war, und wie erfrischt, gestählt und erhoben der Lebensmut ihres geliebten Mannes. Ich sah die prächtig aufblühenden Neffen von Alfred Saß, deren Jeder seinen rechten Weg gefunden hatte, dem trefflichen Oheim wie seiner Gattin zur Freude. Daß ich im Saßschen Hause auch bald mit Amalie von Rohda bekannt wurde, versteht sich von selbst. Glücklich im Glücke ihrer Freundin und ihres Freundes fühlte sie sich verjüngt und blieb die treue, edelfeine, bescheidene Seele, welche sie immer gewesen. Von ihr erfuhr ich, daß Marie Armgard, durch Herminens großherzige Hilfe aus ihrer Not erlöst, ein rasch aufsteigendes Gestirn am deutschen Bühnenhimmel geworden. Wollte sie anfangs, als sie noch klein war, den Namen Landfried aus berechtigtem Stolze nicht ablegen, so verschmähte die Gefeierte jetzt diesen Namen aus gleichem Stolze und trat unter einem Bühnennamen auf, den heute das ganze kunstliebende Deutschland kennt und preist. Als ich gleich am zweiten Tage zufällig an die Thüre des Obersten Sickenwolf kam, konnte ich's nicht lassen anzuklopfen und ihm meinen humoristischen Dankbesuch dafür zu machen, daß er mir durch seinen Humor das beste Zimmer in der Schwedischen Krone verschafft hatte. Es gibt Menschen, die gerne Spaß machen, aber keinen Spaß verstehen. Der Oberst gehörte nicht zu den letzteren. Er nahm meinen Dankbesuch sehr artig auf, und wir waren bald in so lebhaftem Gespräche, als ob wir uns schon seit Jahren gekannt hätten. Als die Rede auf die Umtaufe des Haderturmes kam, bemerkte er: »Unser Freund Saß hat zwei Gründe angegeben, weshalb der alte Turm den neuen Namen des Friedensturmes verdiene – wegen des Reichsfriedens und wegen des Stadtfriedens. Einen dritten Grund aber verschwieg er öffentlich. Hat er Ihnen denselben nicht bereits gesagt?« Ich verneinte. »Nun ja!« fuhr der Oberst fort, »er spricht nicht gerne davon; aber unter Freunden ist die Sache kein Geheimnis. Saß feierte an jenem Tage auch einen Friedensschluß mit Hermine Aweling. Beide hatten sich bei einem – ›zufälligen‹ – Zusammentreffen in Wiesbaden im Januar vorigen Jahres heimlich verlobt. Aber schon nach einigen Tagen entzweiten sie sich wieder. Es war eine seltsame Geschichte. Major von Landfried, der geschiedene frühere Gemahl Herminens, hatte verwundet hier im Spital gelegen; er glaubte sich während dieser Zeit von Saß hintergangen. Dieser wollte den Major vor dessen Abreise noch aufklären und sich rechtfertigen. Hermine bat ihn dringend dies nicht zu thun; Saß ging dennoch zum Major, ohne seinen Zweck zu erreichen. Beide Männer setzten dann ihre Aufklärungen brieflich fort, was die Folge hatte, daß der Major immer gröber wurde, ja unserm Saß unehrenhaftes Betragen vorwarf. Hierauf forderte Saß – zur weiteren Aufklärung – den Major auf Pistolen. Hermine hatte vorher Alles aufgeboten, daß dies nicht geschehe, sie hatte ihren Bräutigam flehentlich gebeten und sie war gewohnt, daß ihre Bitten für Befehle galten. Saß forderte dennoch den Major. Seltsam! Hermine, die Generalstochter aus altadeligem Hause hält selbstverständlich Zweikämpfe für notwendig; nur in diesem einzigen Falle hielt sie die Herausforderung für höchst überflüssig. Saß dagegen, eine durchaus bürgerliche Natur, hatte stets jeglichen Zweikampf für unvernünftig und unsittlich erklärt, nur in diesem einzigen Falle hielt er ihn für höchst notwendig. So kippen selbst die charakterfestesten Männer und Frauen um, wenn sie verliebt sind, Hermine tief gekränkt durch ihres Verlobten eigenwilliges Vorgehen brach vollständig mit ihm. Die Verlobung war aus und vorbei. »Nach meiner Meinung stand Hermine Aweling in der That vor zwei entsetzlichen Möglichkeiten. Schoß Herr Saß den Herrn von Landfried tot, so konnte sie schicklicherweise gleich nachher doch den Mann nicht heiraten, der ihren geschiedenen Gemahl getötet hatte, und erschoß dieser ihren Verlobten, dann konnte sie den letzteren wiederum nicht heiraten. »Saß reiste an den Niederrhein, und das Duell erfolgte mit dem tragischen Ausgang, welchen man ahnen konnte. Landfried hatte den ersten Schuß und fehlte den Gegner; hierauf schoß dieser sein Pistol in die Luft, und Beide reichten sich – nunmehr völlig aufgeklärt – versöhnt die Hand. So hatte Saß die Hand des Herrn von Landfried gewonnen und die Hand Herminens verloren. Das war der tragische Ausgang. »Ein Vierteljahr lang sahen und hörten die ehedem Verlobten nichts von einander. Beide litten schwer darunter, Hermine vielleicht am meisten; jedenfalls war ihr aber auch die selbstgeschaffene Qual am gesündesten. »Im Anfang Mai kehrte Hermine auf ein paar Tage nach Frankenfeld zurück, um ihre hiesigen Angelegenheiten rasch zu ordnen und dann wieder in die weite Welt zu gehen, Gott weiß wohin. Da kam die Nachricht vom Abschluß des Frankfurter Friedens. Jedem Deutschen schlug das Herz höher, überall sonnte man sich in Friedens- und Frühlingsstimmung, Friedensgeläute durchzitterte die Luft, und mancher fromme Christ sang mit den Engeln im Weihnachtsevangelium: ›Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹ »In der Rückschau auf so große Ereignisse von der Hochwarte dieser Friedenstage darf man nirgends klein denken, so sprach Hermine zu sich selbst und überwand sich zu thun, wozu sie schon längst ihr Herz gedrängt, und schloß auch ihren Frieden mit dem verstoßenen Geliebten, mächtig gefördert durch Amaliens milden Sinn, der so versöhnlich ist und so gerne Versöhnung stiftet. »Es war am 14. Mai, dem Vorabend unsres Friedensfestes, wo die beiden Liebenden, nun für immer, das gelöste Verlöbnis wieder erneuerten. Man sagt, hierdurch noch besonders begeistert, habe Alfred Saß am folgenden Tag seine Rede so frei und gewaltig sprechen können. Er konnte uns so Schönes sagen, weil er das Schönste, was ihm daneben das Herz bewegte, nicht gesagt hat. Ein schwacher Redner wäre über solche unausgesprochene Gedanken gestolpert und stecken geblieben; dem starken Redner gab das Geheimnis, welches in seiner Seele sympathisch mitklang, gesteigerte Kraft und umstrahlte seine Rede mit gedoppeltem Lichtglanz, sättigte sie mit gesteigerter Wärme. »Zur Vollendung des Friedenstages bat Alfred Saß seine Braut, daß sie am Abende mit ihm den Friedensturm besteigen möge – natürlich in Begleitung von Fräulein Amalie, die immer dabei sein muß, – auf daß sie vom Wächterstübchen die Stadt in ihrem Festschmuck überschauten. »So geschah es. Was die Beiden da oben gesprochen haben, im herrlichen Ausblick schwelgend, das weiß ich genau; denn Fritz Krumper, der Turmwächter, hat hinter der Thüre gelauscht und mir Alles getreulich berichtet. Ich muß es nur aus seinem Deutsch frei in unsere Sprache zurück übersetzen. »Saß erinnerte daran, wie er hier oben die Nachricht von seines Bruders jähem Tode erhalten und seit dieser Stunde erst in Arbeit und gesammelter Thatkraft sich selbst gefunden habe. »Hermine gedachte, wie sie hier angesichts der Siegeskunde von Wörth ihrem Alfred zuerst näher getreten sei und ihn nie wieder aus den Augen verloren und steigend erkannt habe, wie selbstlos dieser spröde Mann danach strebe, ein ganzer Mann zu werden. »›Das that ich,‹ erwiderte Saß. ›Doch immer mächtiger wuchs dabei in mir dann noch ein anderer Gedanke empor, der sich jetzt beseligend erfüllt: – Zu einem ganzen Mann gehört auch – eine ganze Frau!‹ »Bei diesen Worten sahen sie sich tief ins Auge und drückten sich die Hände und küßten sich und legten auch die Hände Amaliens in die ihrigen. »Nach vier Wochen war die Hochzeit.« Ich stand eine Weile schweigend. »Was sinnen Sie?« fragte der Oberst. »Mir schwebt eine schöne Strophe von Emanuel Geibel vor. Ich suche die Verse im Gedächtnis zusammenzubringen. – Jetzt hab' ich's gefunden! ›Ein Segen ruht im schweren Werke; Dir wächst, wenn du's vollbringst, die Stärke; Bescheiden, zweifelnd fingst du's an, Und stehst am Ziel – ein ganzer Mann.‹«