Joachim Ringelnatz Kinder-Verwirr-Buch Kleine Lügen Kleine Lügen und auch kleine Kinder haben kurze Beine. * Das ABC ist äußerst wichtig. Im Telefonbuch steht es richtig. * Der Klapperstorch hat krumme Beine. Die Kinder werfen ihn mit Steine. Aber Kinder bringt er keine. * Der Spanier lebt in fernen Zonen Für die, die weitab davon wohnen. Und der Osterhase legt (Bald sehr eitel, bald bewegt) Rührei oder Spiegelei. Schauerlich stöhnt er dabei. * Sechs Beine hat der Elefant. Er wird auch Mißgeburt genannt. Rätselhaftes Ostermärchen (nur mit Ei und Eier aufzulösen) Der FrackverlOher HOnrich OstermOO kehrte am ersten OsterfOOtage sehr betrunken hOm. SOne Frau, One wohlbelObte klOne Dame, betrieb in der KlOsterstraße Onen OOrhandel. Sie empfing HOnrich mit den Worten: »O O, mOn Lieber!« DabO drohte sie ihm lächelnd mit dem Finger. Herr OstermOO sagte: »Ich schwöre Onen hOligen Od, daß ich nur ganz lOcht angehOtert bin. Ich war bO Oner WOhnachtsfOer des VerOns FrOgOstiger FrackverlOher. Dort hat Ones der Mitglieder anläßlich der Konfirmation sOner Tochter One Maibowle spendiert, und da habe ich denn sehr viel RhOnwOn auf das Wohl des verehrten JubelgrOses trinken müssen, wOl man ja nicht alle Tage zwOundneunzig Jahre alt wird.« Frau OstermOO schenkte diesen Beteuerungen kOnen Glauben, sondern sagte nochmals: »O O, mOn Lieber!« Worauf ihr PapagO die ersten zwO Worte »O O« wohl drOßigmal laut wiederholte. Über das GeschrO des PapagOs geriet HOnrich in solche Wut, daß er On BOl ergriff und sämtliche OOOO zerschlug. Frau OstermOOwurde krOdeblOch und lief, triefend von Ogelb, zur PolizO. Ihr Mann aber ließ sich erschöpft auf Onen Stuhl nieder und wOnte lOse vor sich hin. Bis ihm der PapagO von oben herab On OsterO in den Schoß warf. Da war alles vorbO. Babies Daß eure Windeln wie Segel sind, Das wißt ihr Kinder noch nicht. Ihr kümmert euch nicht um den eigenen Wind, Um den fremden Wind, um das fremde Licht. Ihr reist wie Passagiere. Und wenn das Schiff mit euch ersauft, Dann seid ihr himmeltief getauft, Unschuldige, glückliche Tiere. Kind, spiele! Kind, spiele! Spiele Kutscher und Pferd! – Trommle! – Baue dir viele Häuser und Automobile! – Koche am Puppenherd! – Zieh deinen Püppchen die Höschen Und Hemdchen aus! – Male dann still! – Spiele Theater: »Dornröschen« Und »Kasperl mit Schutzmann und Krokodil!« – Ob du die Bleisoldaten Stellst in die fürchterliche Schlacht, Ob du mit Hacke und Spaten Als Bergmann Gold suchst im Garten im Schacht, Ob du auf eine Scheibe Mit deinem Flitzbogen zielst, – – – Spiele! – Doch immer bleibe Freundlich zu allem, womit du spielst. Weil alles (auch tote Gegenstände) Dein Herz mehr ansieht als deine Hände. Und weil alle Menschen (auch du, mein Kind) Spielzeug des lieben Gottes sind. Beinchen Beinchen wollen stehen. Beinchen wollen gehen, Sich im Tanze drehen. Beinchen wollen ruhn. Beinchen wollen spreizen, Wollen ihren Reizen Jegliche Gelegenheit Geben. Haben jederzeit Muskulös zu tun. Beine dick und so und so, Beine dünn wie Stange. Alle Beine sind doch froh. Arme, arme Schlange! Schlängelchen Schlängelchen zum Teufel kam, Ganz still und bescheiden. Und der Teufel das Schlängelchen nahm Und es streichelte. Mochte es gut leiden. Kam ein Schlängelchen Zu einem Engelchen, Neigte sich und wollte wieder scheiden. Engelchen mochte das Schlängelchen Gut leiden, Sagte fromm: »Komm!« Nie bist du ohne Nebendir Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht. Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehen und belauscht. Gonokokken kieken. Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken. Was du verschweigst, Was du den andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt alles ans Licht. Sei ohnedies gut. [Die Guh gibt Milch und stammt aus Leipzig] Die Guh gibt Milch und stammt aus Leipzig. Wer zuviel Milch trinkt, der bekneipt sich. Der Ochse gibt statt Milch: Spinat. Er spielt am Nachmittage Skat. Unter Wasser Bläschen machen Kinder, ein Rätsel! Hört mich an! Wer es herausbekommt, kriegt Geld! – Wie kann Man unter Wasser Bläschen machen? Das müßt ihr versuchen – unbedingt! – In der Badewanne. Und wenn es gelingt, Werdet ihr lachen. Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle! Gewaltigen Erfolg erzielt, Wer eine große Rolle spielt. Im Leben spielt zum Beispiel so Ganz große Rolle: der Popo. Denkt nach, dann könnt ihr zwischen Zeilen Auch mit geschlossenen Augen lesen, Daß Onkel Ringelnatz bisweilen Ein herzbetrunkenes Kind gewesen. Das Hexenkind Das junge Ding hieß Ilse Watt. Sie ward im Waisenhaus erzogen. Dort galt sie für verstockt, verlogen, Weil sie kein Wort gesprochen hat Und weil man ihr es sehr verdachte, Daß sie schon früh, wenn sie erwachte, Ganz leise vor sich hinlachte. Man nannte sie, weil ihr Betragen So seltsam war, das Hexenkind. Allüberall ward sie gescholten. Doch wagte niemand, sie zu schlagen. Denn sie war von Geburt her blind. Die Ilse hat für frech gegolten, Weil sie, wenn man zu Bett sie brachte, Noch leise vor sich hinlachte. In ihrem Bettchen blaß und matt Lag sterbend eines Tags die kranke Und stille, blinde Ilse Watt, Lächelte wie aus andern Welten Und sprach zu einer Angestellten, Die ihr das Haar gestreichelt hat, Ganz laut und glücklich noch »Ich danke.« [Den Unterschied bei Mann und Frau] Den Unterschied bei Mann und Frau Sieht man durchs Schlüsselloch genau. Emanuel Pips (Zu seinem 81. Geburtstag) Den Kammerjäger Emanuel Pips Vom linken Ufer des Mississipps Mochte jedermann leiden. Er war äußerst bescheiden. Er trug acht Zentimeter Rips Als Anzug und einen Seiden- faden in Grün als Schlips, Fragte niemals nach Rennbahntips, Hatte überhaupt keinen Grips, Aß einmal am Tage (potato-chips), Trank alkoholfreie Salzwasserflips, Wurde trotz alledem magenkrank Und starb am Schwips. Seine kleine Büste aus Gips Steht unter anderen Nippes Heute auf meinem Bücherschrank. Berichtigung: Kammerjäger Pips Schrieb sich eigentlich innen mit Yps- ilon, doch war so bescheiden und lieb, Daß es ihm gleich war, wie man ihn schrieb. Arm Kräutchen Ein Sauerampfer auf dem Damm Stand zwischen Bahngeleisen, Machte vor jedem D-Zug stramm, Sah viele Menschen reisen Und stand verstaubt und schluckte Qualm, Schwindsüchtig und verloren, Ein armes Kraut, ein schwacher Halm, Mit Augen, Herz und Ohren. Sah Züge schwinden, Züge nahn. Der arme Sauerampfer Sah Eisenbahn um Eisenbahn, Sah niemals einen Dampfer. Ernster Rat an Kinder Wo man hobelt, fallen Späne. Leichen schwimmen in der Seine. An dem Unterleib der Kähne Sammelt sich ein zäher Dreck. An die Strähnen von den Mähnen Von den Löwen und Hyänen Klammert sich viel Ungeziefer. Im Gefieder von den Hähnen Nisten Läuse; auch bei Schwänen. (Menschen gar nicht zu erwähnen, Denn bei ihnen geht's viel tiefer.) Nicht umsonst gibt's Quarantäne. Allen graust es, wenn ich gähne. Ewig rein bleibt nur die Träne Und das Wasser der Fontäne. Kinder, putzt euch eure Zähne!! [Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen!] Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen! Ihr laßt euch von Erwachsenen belügen Und schlagen. – Denkt mal: Fünf Kinder genügen, Um eine Großmama zu verhauen. Bist du schon auf der Sonne gewesen? Bist du schon auf der Sonne gewesen? Nein? – Dann brich dir aus einem Besen Ein kleines Stück Spazierstock heraus Und schleiche dich heimlich aus dem Haus Und wandere langsam in aller Ruh Immer direkt auf die Sonne zu. So lange, bis es ganz dunkel geworden. Dann öffne leise dein Taschenmesser, Damit dich keine Mörder ermorden. Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst, Dann ist es fürs erstemal schon besser, Daß du dich wieder nach Hause schleichst. Kindersand Das Schönste für Kinder ist Sand. Ihn gibt's immer reichlich. Er rinnt unvergleichlich Zärtlich durch die Hand. Weil man seine Nase behält, Wenn man auf ihn fällt, Ist er so weich. Kinderfinger fühlen, Wenn sie in ihm wühlen, Nichts und das Himmelreich. Denn kein Kind lacht Über gemahlene Macht. [Kinder weinen] Kinder weinen. Narren warten. Dumme wissen. Kleine meinen. Weise gehen in den Garten. An Berliner Kinder Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben, Wenn ihr schlafen gehen müßt? Und sie angeblich noch Briefe schreiben. Ich kann's euch sagen: Da wird geküßt, Geraucht, getanzt, gesoffen, gefressen, Da schleichen verdächtige Gäste herbei. Da wird jede Stufe der Unzucht durchmessen Bis zur Papagei-Sodomiterei. Da wird hasardiert um unsagbare Summen. Da dampft es von Opium und Kokain. Da wird gepaart, daß die Schädel brummen. Ach schweigen wir lieber. – Pfui Spinne, Berlin! Silvester bei den Kannibalen Am Silvesterabend setzen Sich die nackten Menschenfresser Um ein Feuer, und sie wetzen Zähneklappernd lange Messer. Trinken dabei – das schmeckt sehr gut – Bambus-Soda mit Menschenblut. Dann werden aus einem tiefen Schacht Die eingefangenen Kinder gebracht Und kaltgemacht. Das Rückgrat geknickt, Die Knochen zerknackt, Die Schenkel gespickt, Die Lebern zerhackt, Die Bäuchlein gewalzt, Die Bäckchen paniert, Die Zehen gesalzt Und die Äuglein garniert. Man trinkt eine Runde und noch eine Runde. Und allen läuft das Wasser im Munde Zusammen, ausnander und wieder zusammen. Bis über den feierlichen Flammen Die kleinen Kinder mit Zutaten Kochen, rösten, schmoren und braten. Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau Zubereitet als Karpfen blau. Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin, Nur mehr nach Kokosfett und Palmin. Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr. Die Kinder und der Karpfen sind gar. Es wird gespeist. Und wenn die Kannibalen dann satt sind, Besoffen und überfressen, ganz matt sind, Dann denken sie der geschlachteten Kleinen Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen. Geplapper an Grosspapa »Großpapa, ach, bist du dumm! Weil du nichts verstehst. Großpapa, was bist du krumm, Wenn du gehst! Und du zitterst immerzu Wie ein Pappelwald. Großpapa, wann stirbst denn du? Stirbst du bald?« Die neuen Fernen In der Stratosphäre, Links vom Eingang, führt ein Gang (Wenn er nicht verschüttet wäre) Sieben Kilometer lang Bis ins Ungefähre. Dort erkennt man weit und breit Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit. Wenn man da die Augen schließt Und sich langsam selbst erschießt, Dann erinnert man sich gern An den deutschen Abendstern. Vom andern aus lerne die Welt begreifen Ein Märchen Emanuel Assup war durch Fleiß, Einsicht und Treue ein wohlhabender Gutsbesitzer geworden. Sein einziges Kind, ein stiller Junge, hieß Schelich. Der hatte das Abitur bestanden. Nun sollte er einen Beruf ergreifen. Er äußerte, befragt, etwas unsicher: »Seemann.« Der Vater redete ihm das aus. Das Marineleben sei ein hartes und gefährliches. Schelich könnte mit seiner guten Schulbildung auf anderen Gebieten festeres Glück erreichen. Emanuel Assup führte das sehr sachlich und herzlich aus. Und er ließ dem Sohn danach Zeit, sich in Ruhe auf etwas anderes zu besinnen. Schelich ging spazieren. Durch den Garten ans Meer, am Strand entlang, durch den Wald und über die Felder. Er fütterte die Vögel und die Fische und sein Lieblingstier: eine Riesenschildkröte, die ihm der Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Für das Tier war im Garten ein zehn Quadratmeter großes Gehege mit einem Bretterzaun abgegrenzt. Nach mehreren Wochen erkundigte sich Herr Assup beiseinem Sohn: »Bist du schon mit dir selber einig darüber, was du werden willst?« »Ich möchte Flieger werden.« »Nein, mein Junge, das gebe ich nicht zu. Der Fliegerberuf ist ein waghalsiger, und sein Ruhm befriedigt auf die Dauer keinen geistig begabten Menschen. Überlege dir etwas Besseres. Ich lasse dir Zeit zum Nachdenken, solange du willst. Aber ich warne dich vor dem Müßiggang. Werde nicht faul, wie es zum Beispiel die Schildkröte ist, die tagelang auf ein und demselben Fleck liegt und noch nichts geleistet hat.« Der Sohn antwortete schüchtern: »Ist sie nicht dennoch ein großes Tier geworden?« Da wandte sich der Vater lächelnd ab. Schelich ging zur Schildkröte und fragte sie: »Bist du glücklich?« Aber sie gab keine Antwort, sondern zog sich in ihr Gehäuse zurück. Schelich fragte die Vögel: »Seid ihr glücklich?« »Ja! Ja! Weit über die höchsten Türme, Wipfel und Gipfel, durch die lichten und wechselnden Wolken zu jagen, gegen die Winde zu steigen, von Winden getragen, sich schwebend zu halten; aus steilen Höhen sich fallen zu lassen, um kurz vor dem Aufprall die fangenden Schwingen zu entfalten und frei zu singen – – das ist wunderschön!« Da wurde Schelich sehr traurig. Ohne sich jemandem anzuvertrauen, verließ er eines Morgens das Haus seines Vaters und wanderte davon. Als er nach zwei Tagen den höchsten Punkt eines hohen Berges erreicht: hatte, stürzte er sich von einer steilen Felswand hinab. Zweifellos wäre er in der Tiefe zerschmettert, wenn ihn nicht ein großer Vogel mit seinen Flügeln aufgefangen hätte. Der trug ihn nun Meilen und Meilen weit über Länder und Meere durch die Lüfte. »Fliegen ist schön!« sagte Schelich. »Ja, fliegen ist schön, aber man muß es erlernen und verstehen.« Und der Vogel setzte den jungen Mann in einer fernen großen Stadt ab und entflog. Schelich fühlte sich frohen Mutes und unternehmungslustig. Er suchte und fand eine Stellung bei einer Fliegereigesellschaft und wurde im Laufe einiger Jahre ein geschätzter Luftpilot. Obwohl er zweimal mit seinem Flugzeug abstürzte, kam er doch mit dem Leben davon und blieb gesund. Aber seinem Vater sandte er nicht das geringste Lebenszeichen. Er wollte ihn erst dann benachrichtigen, wenn er einmal durch eigene Kraft ein Vermögen erworben hätte. Das gelang ihm nicht. Er ward des Fliegerlebens überdrüssig, und seine Sehnsucht nach dem Vater wuchs und wurde so mächtig, daß er eines Tages heimkehrte. Vater und Sohn fielen einander in die Arme. Sie weinten vor Rührung und Dankbarkeit. Dennoch sprach Schelich kein Wort über das, was er erlebt hatte. Und der Vater fragte mit keinem Worte danach, sondern verzieh schweigend. Aber Schelich war ganz erschrocken darüber, wie sehr sein Vater inzwischen gealtert war. Und Schelich wurde noch ernster und nachdenklicher. Er eilte zur Schildkröte, fand sie am alten Platz und fragte: »Wie geht es dir? Bist du glücklich?« Sie gab keine Antwort, sondern zog sich in ihr Gehäuse zurück. Schelich entfernte den Bretterzaun, der sie gefangen hielt. Der alte Assup kam zufällig hinzu und sagte erstaunt und nicht ohne Vorwurf: »Warum zerstörst du, was ich errichtet habe?« Wieder lebte Schelich wie zuvor. Er ging spazieren und fütterte die Tiere. Einmal betrat er das Arbeitszimmer des Vaters und teilte diesem ruhig mit, daß die Schildkröte entflohen wäre. Assup senior erregte sich sehr. Er wollte sofort seinen Jäger und ein paar Knechte veranlassen, die Verfolgung aufzunehmen. Schelich beruhigte ihn: «Es ist nicht nötig, Vater. Ich habe die Schildkröte bereits aufgespürt. Sie liegt drei Fuß weit von der ehemaligen Zaungrenze entfernt.« Vater Assup lachte und klopfte dem Sohn freundlich auf die Schulter. Plötzlich wurde er wieder ernst und sagte, sich abwendend, leise: »Man kommt nicht weit, wenn man sich heimlich entfernt.« Schelich fragte die Fische: »Seid ihr glücklich?« »Ja! Ja! Sich von den kühlen Fluten so gütig weich allseitig umspülen, sich treiben zu lassen und tief zu tauchen in dunkles Reich, wo Wunder blinken; ohne zu ertrinken, durch hohe Wellen, durch Strudel und zischende Böen zu reisen, sich vorwärts zu schnellen; das Fließen von Kühlung zu genießen – – ach, das ist wunderschön!« Da wurde Schelich noch trauriger. Er ruderte heimlich mit einem Boot hinaus in die hohe See und sprang dort über Bord, um sich zu ertränken. Wäre auch ertrunken, weil er nicht schwimmen konnte. Aber wie er so tiefer und tiefer absackte, fuhr ihm auf einmal ein großer Fisch zwischen die Beine. Der trug auf seinem Rücken ihn zur Wasseroberfläche empor. Unddann auf weiter Reise davon, nach einem fernen Land. Dort setzte er ihn in seichtem Strandwasser nahe einer Hafenstadt ab. »Ach, schwimmen und reisen ist schön!« »Ja, aber es will erlernt sein.« Mit diesen Worten entschwand der Fisch. Schelich watete ans Ufer. Er war voller Energie und Hoffnung. Es glückte ihm bald, sich auf einem Segelschoner als Schiffsjunge zu verdingen. So fuhr er zur See nachentlegenen Küsten und wurde ein guter Seemann. Aber wiederum sandte er keinerlei Nachricht nach Hause, obwohl er diesmal noch stärkere Sehnsucht nach dem Vater empfand als damals in seiner Pilotenzeit. Er wollte so lange als verschollen gelten und nur fleißig arbeiten, bis er dem Vater eines Tages als Kapitän gegenübertreten könnte. An diesem Entschluß hielt er fest. Manchmal meinte er, vor Sehnsucht umkommen zu müssen. Auch bereitete ihm sein Beruf auf die Dauer keine Befriedigung mehr. Doch Scheuch avancierte rasch, wurde Leichtmatrose, Matrose, dann Bootsmann, dann Steuermann. An dem Tage, da er sein Kapitänspatent erhielt, ließ sich ihm ein Knecht aus seiner Heimat melden. Der hatte sich auch entschlossen, Seemann zu werden, und er brachte Schelich nun die Nachricht, daß Emanuel Assup vor einem halben Jahre gestorben wäre. Da kam ein schweres Schmerzgefühl über den Sohn. Er reiste, so schnell er vermochte, heim. Am Grabe des Vaters fiel er nieder und schluchzte bitterlich. Dann trieb es ihn zu der Schildkröte. Auch sie war tot. Ihr Gehäuse mit den verwitterten Resten lag noch am alten Platz. Schelich bettete die Tierleiche in die Erde ein, neben dem Grabe des alten Assup. Schelich irrte verzweifelt umher, fragte die Vögel und die Fische, warum sie glücklich wären und warum er nicht glücklich wäre. Doch die Vögel und die Fische antworteten ihm nicht mehr. So machte er sich endlich, unendlich einsam, daran, den Nachlaß seines Vaters zu ordnen. Im Schreibtisch entdeckte er ein schlichtes Notizheft. Dahinein hatte der alte Herr noch mit zittriger Hand geschrieben: Es sind die harten Freunde, die uns schleifen. Sogar dem Unrecht lege Fragen vor. Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor. Vom andern aus lerne die Welt begreifen. Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben Das Sonderbare und Wunderbare Ist nicht imstande, ein Kind zu verwirren. Weil Kinder wie Fliegen durch ihre Jahre Schwirren. – Nicht wissend, wo sie sind. Nur vor den angeblich wahren Deutlichkeiten erschrickt ein Kind. Das Kind muß lernen, muß bitter erfahren. Weiß nicht, wozu das frommt. Hört nur: Das muß so sein. Und ein Schmerz nach dem andern kommt In das schwebende Brüstchen hinein. Bis das Brüstchen sich senkt Und das Kind denkt.