Peter Rosegger Peter Mayr der Wirt an der Mahr Eine Geschichte aus deutscher Heldenzeit Erster Teil Herr, bleib bei uns! Als in der ersten Zeit dieses Jahrhunderts unser deutsches Vaterland zerrissen und zertreten unter der Gewalt des Korsen lag, da wird wohl mancher Deutsche gegen Süden geblickt haben, wo in der Vorzeit die Helden gestanden und mit unvergänglichem Ruhme bekränzt gefallen sind. Vielleicht auch du, mein Leser, würdest als Sohn jener Tage einer von denen gewesen sein, welche ohnmächtigen Grimmes voll die geschändete Scholle der Heimat verlassen haben, flüchtend unter die heldenreifende Sonne Homers. Und wenn du gewandert wärest gegen die sonnigen Lande, wo in ewiger Schöne die Rosen und die Palmen stehen, so hätte dich dein Weg vorher durch eine Gegend geführt, in welcher dein Herz entweder geschauert vor Grauen oder gebebt vor Wonne. Du wärest durch ein Gebirgsland gewandert, wie es herrlicher auf Erden nicht zu finden ist. Schattendämmernde Engschluchten, an den steilen Hängen Urwaldwüsten, dann stillheitere Hochthäler mit blühenden Dörfern, Pässe mit grünen blumigen Almen, ringsum im Hintergründe sich aufbauend eine Felsenwelt mit unerhörten Gebilden und leuchtenden Eisschildern, umbraut von Wolken, umkreist von Adlern. Aus der Eiswelt gehen senkrecht und silberweiß und schweigend die Wasser nieder, aber in den Schrunden ihnen nähergekommen sind sie grau wie Kalk und schreien seit unmeßbaren Zeiten ihr furchtbares Lied. Und auch weite, freundliche gesonnte Eilande gibt es und sanftere Berge mit fruchtbaren Triften, tauenden Wäldern und schimmernden Seen, in welchen sich oft an gleicher Stelle der Lorbeer und der Gletscher spiegelt. Wie schon gesagt, ringsum eingefriedet ist dieses Land, und wo aus der weiten Welt Straßen einziehen, da drohen die Lawinen, da rauschen die trotzigen Wasser hervor, als wollten sie die Brücken brechen, zurückstoßen und weit von sich schwemmen alles Fremde, das mit List oder Gewalt Eingang heischt. Und in dieser gewaltigen Felsenburg lebt ein Volk von Bauern und Hirten, arm doch urkräftig, fromm und heiter, strenge und treu, tapfer und menschlich milde, in patriarchalischer Einfachheit und alter Sitte sich selbst genügend. Tirol! Das schöne Land Tirol! In jenen Tagen aber leuchteten die im Morgen- oder Abendgolde erglühenden Eisgipfel des Alpenrundes nieder auf ein geknechtetes Volk. Kühn wie seine Gemsen, seine Adler, stolz auf seine wildherrliche Heimat – und geknechtet! Zu Innsbruck, im Herzen des Landes saß der Feind. Ein unnatürlicher Feind aus deutschem Bruderstamme, der Bayer. Diesem war im politischen Würfelspiele der Großen und durch den Machtspruch des Gewaltmenschen aus Korsika das Land Tirol zugefallen. Die Tiroler waren nicht befragt worden, ob es ihnen recht sei, so wollten sie unbefragt eine Antwort geben. Du, der Wanderer, eilest unter Hindernissen dem Brenner zu, hinter welchem die Lüfte des Südens dich grüßen. Noch ein unheimlicher Weg dem schäumenden, rauschenden Eisack entlang durch endlose Schluchten. Allmählich aber bleiben die Schatten zurück, vor dir liegt im goldenen Sonnenschein ein breites Thal mit zahlreichen Menschenstätten, viele von diesen schon nach italienischer Bauart, dazwischen hin von grauen Steinwällen gartenartig eingefriedet die üppigen Rebengelände. Der Sohn des Nordens sieht das erste Mal den Aprikosenbaum, den schwellenden Pfirsich, im Haine den prangenden Sebenbaum. Auf den hohen, kahlen Bergen jedoch, welche in weiter Runde dieses Thales Hüter sind, liegt der Schnee – und es ist in den Tagen des August. Mitten im Thale, vertrauend hingeschmiegt an den ungebändigten Fluß, ruht die alte Bischofsstadt Brixen mit ihren zahlreichen Klöstern und Türmen. Stattliche Bauernhöfe besäen die Gegend, auf den Hügeln stehen Schlösser und alte Burgen, in den Schluchten heimliche Klausen, an den Hängen, oft hoch an Bergesbrust, weisen der Wallfahrtskirchen spitze Türmchen himmelan. Von den Bergen eingeengt haben die Bewohner dieses Landes gelernt, an Kirchtürme sich rankend wie die Rebe an den Stab, ihren Blick aufwärts zu richten, und mit dem Blicke ihr Herz. Doch fest auf herbem Boden steht ihr Fuß und ob ihrer himmlischen Seelenheimat vergessen sie nicht dessen, was das Ihre ist auf Erden. Wenn du von Brixen gegen Süden eine halbe Stunde lang dahin gewandert bist, so steht rechts an der Straße ein Wirtshaus. Knapp hinter demselben steigt eine rostbraune, schründige Felswand auf, die stellenweise berankt ist mit Immergrün. Ueber der breit sich hinziehenden Wand beginnt der steile Bergwald, der hoch hinansteigt bis zu den Almen des Hilm. Dem Hause gegenüber, links an der Heeresstraße, sind die buschig bewachsenen Ufer des Eisack. Hinter dem Wasser liegt das breite, wiesenreiche Thal und jenseits desselben sich gewaltig erhebend der Gebirgszug des Plossach. Vor dir, wenige Schritte vom Hause entfernt, kommt rechter Hand ein Wässerlein behendig hüpfend herab, und weiterhin auf der Anhöhe steht das Kirchlein des heiligen Jakobus. Das Haus an der Straße mit den danebenstehenden Wirtschaftsgebäuden ist im Stile südtirolischer Bauernhäuser gebaut, aus rohen Steinen gemauert, einen Stock hoch, mit einer stattlichen Fensterreihe und Erkern; das halbflache Schindeldach ist mit Steinen beschwert. An der Straßenseite sind zwischen den Fenstern auf der Mauer von unbehilflicher Hand und mit kindlichem Sinne zwei Bilder gemalt; das eine stellt die Mutter Gottes dar, wie sie, die Hände gefaltet auf der Weltkugel stehend, der Schlange den Kopf zertritt; das andere den heiligen Martinus, der auf einem Pferde reitend mit dem Schwert seinen Mantel entzweischneidet, um das losgetrennte Stück einem vor ihm knieenden halbnackten Bettelmann zu schenken. Zur Eingangsthür führen ein paar steinerne Stufen hinan, über dem Eingange in dieses Haus steht der evangelische Spruch: »Herr, bleib bei uns, denn es will Abend werden.« Die Ortschaft heißt An der Mahr. Warum ich diese Stätte so genau beschreibe? Weil ich glaube, mein Leser, daß du – nach dem Süden wandernd, um Helden zu suchen – hier Halt machen wirst auf längere Zeit. Ist doch schon die Sonne hinter das Gebirge gesunken, so daß sie dort drüben in der Stadt nur noch die goldenen Turmknäufe des Bischofsdomes bestrahlt. In diesem Lande, in diesem Thale und endlich mit diesem Hause an der Mahr hat sich einst ein Drama abgespielt, wie es ähnlich selten sich ereignen wird auf Erden. Die Historiker haben es gewissenhaft aufgezeichnet in seinen Ursachen, in seinen Wirkungen und in seinen Einzelheiten. Tirol war ein österreichisches Land und hielt treu zum Kaiser. Da kam Napoleon der Eroberer und riß das Land von Oesterreich los, um es unter das ihm botmäßige Bayern zu stellen. Des Bergvolkes alte Sitten und Rechte wollte man brechen, seine Eigenart ihm zerstören. Dagegen haben die Tiroler sich empört. Der Heldenkampf war beispiellos und noch größer als ihr Siegen war ihr Fallen. Diese Historie hat auch der Dichter gelesen und die Botschaft ist seither in ihm nie mehr verklungen, sie drängte fort und fort nach Ausdruck in einem Liede von dem Heldenkampf der Tiroler. Denn es war nicht ein fluchwürdiger Kampf des Angriffes und der Eroberung, es war ein heiliger Kampf der Verteidigung des Vaterlandes. Und die Helden desselben besiegten nicht bloß den äußern Feind, sie besiegten auch den innern – sie waren stark und gerecht. Germanischer Reckenhaftigkeit und Treue sind sie ein herrliches Bild, ein Vorbild für alle Zeiten. – Doch siehe, als die Dichtung sich entfalten wollte, stand die Historie ihr im Wege. Die Historie ragte so gewaltig und gebieterisch auf und dabei in ihrem politischen Geiste, in ihrer realen Gliederung so ungefüg, daß der Poet rathlos vor ihr stand. Endlich kam er mit sich dahin ins reine, daß der Dichter – wie bei allen geschichtlichen Stoffen – die profane Historie vergessen müsse, daß er warten müsse, bis die Geschichte zur Sage geworden, dann sei die Zeit gekommen, sie wieder zur Geschichte zu machen. Ich erzähle die meine schon heute. Es soll manchmal vorkommen, daß der Dichter bei dem revolutionären Stoff selbst revolutionär wird, Berge versetzt, Zeiten verschiebt, Personen und Ereignisse umstellt. Sollte das – was ich aber schon wegen der Poetenunfehlbarkeit bestreiten müßte – irgendwo auch hier der Fall sein, so bedenke man, daß zu jedem Spiele, also wohl auch zu einem Trauerspiele, die Karten gemischt zu werden pflegen. Unter den Tirolerhelden hat der Erzähler sich einen ganz besonderen ausgewählt und um denselben andre und andres einfach und einfältig gruppiert, vor allem eingedenk der allgemein menschlichen, der poetischen Wahrheit. Die Erzählung beginnt zur Zeit, da Tirol zum erstenmal an das Königreich Bayern abgetreten und von diesem besetzt worden war. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Napoleon Bonaparte! Im Wirtshause an der Mahr um einen großen Tisch sind mehrere Männer versammelt. Auf dem Tische liegt ein wuchtiger Laib Brot mit dem dazugehörigen Schnittmesser, daneben steht ein großer Zinnkrug. Jedoch die Männer gehaben sich nicht, als wären sie zusammengekommen zum Essen und Trinken. Lauter markige Bauerngestalten sind es in der malerischen Tracht: kurze braune Joppe mit roten oder grauen Aufschlägen, Knielederhosen, weiße Strümpfe, niedrige Bundschuhe. Ueber dem roten Brustfleck der grüne oder braunlederne Hosenträger und um die Mitte ein breiter Ledergurt. Mehrere haben ihre hohen Spitzhüte mit Schnur und Hahnenfeder auf. Die Gesichter sonngebräunt, knochig, bebartet, die Züge derb, die Augen feurig. Die einen sitzen bekümmert gebeugt, die andern trotzig aufrecht. Ein paar haben kurze Tabakspfeifen in der Hand, vergessen aber, sie zum Munde zu heben, denn lebhaft führen sie ein leises Gespräch, und wer mit dem Munde schweigt, der spricht mit den Augen, mit dem Neigen des Hauptes, mit dem Zucken der Hände; ganz und gar ist jeder bei der Sache, die wohl eine sehr wichtige sein muß. Während die übrigen saßen, stand einer aufrecht und stützte seine Faust an die Ecke des Tisches. Das war ein schlank, stark und schön gebauter Mensch von etwa vierzig Jahren. Sein Gesicht wies starke Wangenknochen und eine breite Stirn. Ueber dieser hingen quer ein paar rötlichblonde Haarlocken herein bis zu den runden, ziemlich tiefliegenden Augen. In diesen braunen Augen glühte ein sanftes, freundliches Feuer, das aber manchmal plötzlich aufzuckte in greller grünlicher Blitzglut. Die Nase sprang aus dem Stirnwinkel kühn hervor und ging dann in gerader Linie nieder bis zur etwas stumpfen Spitze über dem weichen, nach beiden Seiten hinaus gestrichenen Schnurrbart. Wenn er schwieg, war der Mund fest zusammengekniffen, wenn er sprach, so sah man die obere Reihe weißer Zähne. Kinn und Wangen waren glatt rasiert, nur unter den Ohren hatte er zwei Bartflöckchen. Die Züge des sonnengebräunten Gesichtes waren so, daß man immer wieder darauf hinblicken mußte. Sein Anzug unterschied sich jetzt von dem der Andern dadurch, daß er keine Joppe anhatte, sondern in bloßen weiten, aber an den Knöcheln enggebundenen Hemdärmeln war. – Vor uns steht Peter Mayr, genannt der Wirt an der Mahr. »Verschmäht mir Brot und Wein nicht!« sagte nun dieser Mann mit etwas gedämpfter Stimme zu den andern. »Auf Körperkraft müssen wir auch denken, die werden wir wohl zu brauchen haben.« Auf solches Wort faßte der älteste unter den Männern den Brotlaib und das Messer, machte mit der Spitze des Werkzeugs das Zeichen des Kreuzes auf das Brot und feierlich, als begehe er eine heilige Handlung, schnitt er ein Stück ab. In demselben Augenblicke ging die Thür auf, und als sie sahen, wer da eintrat, war ihr Erstaunen groß. – Was soll das bedeuten? Ist jetzt eine Zeit für Fastnachtsscherze? Und von einem solchen Mann? Der am Tische Aufrechtstehende that langsam ein paar große Schritte gegen den Eintretenden und fragte: »Herr Pfarrer, wie ist das zu verstehen?« Der Angesprochene war ein Mann mit rundem Gesichte, klugen Augen, glatten Händen und trug am Leibe die Gewandung eines Hirten. An einem Fuße hatte er grobe, durchlöcherte Beschuhung, am andern war er barfuß; auf dem Rücken schleppte er einen Korb mit Kräutern, daraus ragte der rostige Stiel einer Pfanne hervor, wie solche Hirten zur Bereitung ihrer Kräutersuppe mit sich zu tragen pflegen. In der Hand hatte er einen langen Gebirgsstock. Der hastig Eingetretene fragte den Wirt leise: »Ist es bei euch sicher, Peter? Gut, dann schließt die Thür ab.« »Das darf ich ja nicht thun,« antwortete der Wirt. »Die Kirche kannst du freilich verschließen, Pfarrer, aber das Wirtshaus muß offen bleiben. Ist was auszumachen, so wollen wir in die obere Stube hinaufgehen. Kommt nur mit, Männer.« Da schritten sie hinaus und stiegen die Holzstufen hinan in das obere Gelaß, wo sich einer um den andern hinsetzte auf die Bank. »Wie sollen wir das deuten?« fragten sie den Pfarrer. »So weit ist es gekommen,« sagte der Ankömmling und legte geräuschlos seine Sachen ab, »so weit unter dieser welisch-bayrischen Herrschaft, daß euer von Papst und Kaiser aufgestellter Pfarrer vermummt wie ein Schelm muß umherschleichen in seiner Gemeinde. Schaut nur einmal, seit heute morgen bin ich vom Freimaurerpapst zu München meines Amtes entkleidet und soll gehen, um mich vor dem Kreisrichter, diesem saubern Herrn, zu verantworten.« »Gehst du?« fragte einer. »Fällt mir nicht ein. Der Bayer ist nicht mein Herr.« »Verantworten sagst du? Wofür, Pfarrer?« »Fürs erste, daß wir in unsrer Kirche am fünfundzwanzigsten Juli das Fest des Apostels Jakobus gefeiert haben.« »Wir sollen unsern Pfarrpatron nicht mehr verehren?« brausten mehrere auf. »Die Feiertage sind gesetzlich abgeschafft,« fuhr der Pfarrer fort, »auch der Kirchenbesuch an den Werktagen ist abgeschafft. Höret mich nur an. Gerade vor einer Stunde ist der Klausen-Oswald nach Brixen getrieben worden, weil ihm die fremden Büttel begegnet sind, wie er im Sonntagsgewand auf dem Kirchweg ist. Heute ist, ihr wisset es, der Tag des heiligen Oswald, da hat er zu Ehren seines Namensheiligen in der Kirche ein paar Vaterunser beten wollen. Dafür sitzt er jetzt im Kotter.« »Steht es so?« sagte einer der Männer; er flüsterte es fast und erhob sich von seiner Bank. »Es ist wohl noch mehr,« fuhr der Priester fort. »Männer von der Mahr und von Sankt Jakob und von Schalders, ich sage es euch: Wenn wieder Winter kommt und die Weihnachtszeit, wird uns Tirolern kein Christ mehr geboren werden.« »Wie ist das zu verstehen, Pfarrer?« fragte der Wirt an der Mahr. Da antwortete der Pfarrer: »Es darf keine Rorate mehr abgehalten werden im Advente, kein Mitternachtsgottesdienst mehr in der Christnacht. Wegen der nächtlichen Ruhe und Ordnung, heißt es. Aber ich denke, es ist was andres, die Heiden fürchten sich vor christlichen Versammlungen. Aller Glockenklang ist verboten, aller Orgelton und aller Freudensang. Totenstill muß es werden, nur der bayrische Adler will kreischen auf den Türmen und die Freimaurer werden den Antichrist predigen und der Bonaparte wird das Jesukind aus der Krippe reißen und töten lassen, das ist der neue Herodes. Denn der Napoleon will alleiniger König sein im Himmel und auf Erden. Nur, der fünfzehnte August soll der einzige große Festtag sein, an welchem alle Völker des Erdkreises auf ihren Knieen und auf ihren Bäuchen liegen müssen.« »Am fünfzehnten August,« sagte einer der Bauern nach. »So hält er wenigstens noch etwas auf Unsre Liebe Frau.« »O mein Rampesbauer!« rief der erregte Pfarrer dem Manne zu, »du glaubst, weil am selben Tage das Fest Maria-Himmelfahrt ist! Das ist vorbei, mein Lieber!« »Der Herr Bonaparte wird doch nicht mir zu Ehren den fünfzehnten August feiern lassen,« versetzte jetzt der Mahrwirt mit einiger Schalkheit. »Ich meine halt, weil das gerade mein Geburtstag ist.« »Am Ende seid ihr Zwillingsbrüder, du und der Napoleon!« lachte der Pfarrer überlaut. »Dafür bin ich fürs erste um ganze zwei Jahre zu alt,« sagte der Mahrwirt. »Und fürs zweite?« »Hätte der schon im Mutterleib seinen Bruder umgebracht,« setzte der Rampesbauer ein. Der Pfarrer fuhr fort: »Man kann sich's überhaupt nicht vorstellen, wie dieser Tyrann vom Weibe stammen soll. So gar nichts Mildes und nichts Menschliches ist an ihm. Aber geboren wurde er doch. Leider wurde er geboren, und zwar gerade am Himmelfahrtstage. O freuet euch nur auf den nächsten Himmelfahrtstag, da werden die Glocken läuten im ganzen Land. Die fremden Söldner werden uns in die Kirchen geleiten mit aufgesteckten Bajonetten, auf dem Opfertische wird man katholische Christen ausplündern und die fromme Gemeinde wird vor seinem Bildnisse singen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Napoleon Bonaparte!« Während der Pfarrer im glühenden Zorne also gesprochen hatte, waren nach und nach alle aufgestanden und unruhig geworden. Nur Peter, der Mahrwirt, hatte seinen Gleichmut bewahrt. »Das ist übertrieben,« sagte er, »geredet wird gar viel. Bis so etwas geschieht in Tirol, rinnt noch gar viel Wasser hinab den Eisack. Das neumodische Evangeli wird auch noch seinen Herrn finden. Wollen erst einmal hören, was die Bischöfe sagen.« »Die Bischöfe?« fragte ihn der Pfarrer, »welche Bischöfe? – Glaubt ihr denn wirklich, ich treibe mich aus Uebermut umher wie ein Schalksnarr? Oder es wäre mir Hirn und Herz in die Stiefel gefallen, daß ich gar nicht mehr wüßte, was zu thun ist, wo ich Beschwerde führen und Zuflucht finden könnte? Wisset doch: die Bischöfe sind abgesetzt, verfolgt. Auch der unsere zu Brixen hat sich gestern ins Gebirge geflüchtet. Werden sie erwischt, so geht's ihnen wie dem heiligen Vater, den man in den Kerker geworfen hat.« »Den Papst?« »'s ist ihnen keiner zu hoch und keiner zu gering. Was Priester ist, wird vogelfrei.« »Was thun sie denn, daß man sie verfolgt?« rief der Rampesbauer. »Nicht weil sie thun, was sie thun, sondern weil sie sind, was sie sind. Darum werden sie gefangen, wenn nicht gar hingerichtet. Der Bonaparte thut Märtyrer machen, ich sage es euch!« »Was ist das für eine Zeit!« rief der Rampesbauer und schlug die Hände ineinander, »was haben wir angestellt, daß uns Gott so verlassen kann?« »'s ist nicht Gott allein, der uns verlassen hat!« rief einer. »Gott und der Kaiser ist ja doch unser Erstes und Letztes!« »Haus Oesterreich allein ist unser Schutz und Schirm,« sagte der Pfarrer, »so wie Tirol Oesterreichs Herz und Schild ist. Das gehört zusammen, solange die Berge stehen ...« Hier zuckte er mit der Stimme ab; erwartungsvoll schauten die Männer auf ihn. Der Pfarrer sagte ganz leise, aber mit einer heftigen Handbewegung: »Auf! Auf müssen wir!« Der Wirt, der ihm stramm gegenüberstand, entgegnete gelassen: »Das meine ich auch.« Nun schwiegen sie und standen finster da. Der Stauker aus Sarns kauerte auf der Bank, stützte seine Ellbogen auf den Tisch und über der Stirn faltete er die Hände. »Haben wir ein solches Unglück verdient?« murmelte er dann. »In Fried' und Arbeitsamkeit haben wir gelebt zwischen unseren Bergen, den Reisenden Gastrecht gewährt, den Fremden geachtet, verträgliche Nachbarschaft gehalten mit den Bayern, mit den Welschen. Und jetzt so schreckbar niedergeworfen!« Jäh brauste nun der Wirt auf: »Dieser gottverdammte Preßburger Frieden! Es ist nicht wahr! Es gilt nicht! Denn die Bayern halten's nicht, was sie versprochen, sie halten's nicht! Männer, sie halten's nicht. – Ihr kennt die Schrift. Was steht geschrieben? Tirol soll alle Titel und Rechte haben wie bisher, und nicht anders. Den Tirolern wird Glauben und Sitte gewahrt wie bisher, ihre alten Freiheiten bleiben ihnen zu eigen wie bisher, und nicht anders. Die Tiroler marschieren nicht in fremdes Land, sie sollen sein zum Schutze ihres eigenen Landes, und nicht anders. Das, ihr Männer, steht drin, das steht in der Schrift! Erlogen ist es, und erlogen, und dreimal erlogen, was sie haben zugesagt ...« Plötzlich brach er ab, sein Auge sprühte fast grünliche Funken, aber sein Antlitz war blaß geworden wie Lehm. »Wir wissen es wohl,« sagte nun ein alter Bauer, »sie wollen uns hündisch machen. Schweifwedeln sollen wir vor ihnen und den österreichischen Bruder in die Waden beißen. Ja, wenn wir dumm genug wären!« »Und schlecht genug!« setzte der Rampesbauer bei. »Das feige Luder möcht' ich kennen!« »Unsre Freiheiten und Rechte!« lachte der alte Bauer, nicht einmal unseren Namen haben sie uns gelassen. Wir heißen Südbayern. Es gibt kein Tirol mehr!« Hierauf sagte der Mahrwirt auf einmal wieder ganz ruhig, fast lässig: »Das wollen wir erst sehen, ob's kein Tirol mehr gibt.« »Und für eine so schandvolle Falschheit verlangen sie von uns Treue!« versetzte der Rampesbauer. »Dieser Frieden gilt nicht. Wir sind kaiserlich.« »Und das bleiben wir!« stimmten die andern bei. Nur der Mahrwirt schwieg, schaute finster auf die Diele nieder, und nach einer Weile murmelte er's noch einmal: »Das wollen wir sehen, ob's kein Tirol mehr gibt.« Da war es gerade in demselben Augenblicke, daß draußen auf der Straße eine dünne schreiende Stimme daherkam. »Wer kauft, wer kauft?« rief sie. »Schöne Kruzifixelein und Kelche! Neu und sakermentiert! Der Gnadenchristus aus der Josephikapelle um sechsunddreißig Kreuzer! Um dreißig Kreuzer schlechtes Geld! Christen, wer kauft? Und eine Monstranze, drei güldene Pfunde wiegt sie. Für fünfzig Gulden das Santissimum! Für fünfundvierzig Gulden schlechtes Geld! So viel als geschenkt! Mehr als geschenkt. Um diesen Preis – Gott wie bin ich leichtsinnig! – nur die braven Südbayern, vormals Tiroler, sollen es haben um diesen Preis. Die Bayern nicht! Frankreich und Kompanie auch nicht! Kaufet, Christen, kaufet! Was heute nicht weggeht, kommt morgen in den Schmelztiegel! Sünd' und Schade drum! Und sakermentiert! Wer kauft?« Ein Jüdlein war's, das des Weges herangehuscht kam, im Arm das dunkelgrüne Bündel, aus welchem zwischen Tuchrändern die Hand eines Kruzifixes, die Zackenspitze einer gothischen Monstranze hervorstanden. Die Bauern in der Stube schauten zu den Fenstern hinaus und einer von ihnen, der Stauker aus Sarns, ein hagerer, gebückter Mann, dem Haupt und Arme vor Aufregung zitterten, packte den Wirt am Gurte und sprach: »Peter, leih mir einen Stutzen! Diesen Wichtling muß ich niederlegen.« »Den Juden?« fragte der Wirt. »Der thut ja nur, was seines Amtes ist. Was haben ihm Kruzifix und Monstranz für Bedeutung? Aber die Bayern mußt niederlegen, Stauker von Sarns. Die Bayern haben Tauf' und Chrisam in der Haut und rauben doch die Kirchen aus; nennen sich katholische Christen und verkaufen das Kreuz an den Juden. Die Bayern mußt du niederlegen, Stauker von Sarns!« Sie gingen hinaus und schickten sich an, dem Jüdlein die Sachen abzunehmen. Dieses erhob ein klägliches Geschrei und lief die Straße zurück gegen Sankt Jakob, von woher eine Truppe Soldaten kam. Der Rampesbauer nickte mit dem Kopf: »Sie sind schon wieder da. Hätte mich wohl gewundert, daß der Jud' in solchem Handelsgeschäft sich so weit vorwagen wollt', aber es ist halt endlich sein Messias gekommen, der Bonaparte, und der schickt ihm zu rechter Zeit die braunhoseten Schutzengel!« »Saubere Schutzengel, die anstatt Flügeln lange Messer haben hinter den Schultern!« »Schockel-Franz, solche Red' über heilige Sach' ziemt sich nicht!« verwies ein alter Bauer den, der das obige Wort gesagt. »Die Bayern sind mir keine heilige Sach' und der Jud' auch nicht,« entgegnete der Schockel. »Aber der Schutzengel soll dir's sein, wenn du nicht etwa auch schon ein Neugläubischer bist.« Das Jüdlein hatte sich mittlerweile hinter die Soldaten verschanzt, welche mit ihm allerlei Gespötte trieben. Die Bauern zogen sich wieder in das Haus zurück, denn es sollten an diesem Tage noch wichtige Sachen beraten und ein Beschluß gefaßt werden. Jetzt aber kam bei der hinteren Thür der Meßner von Sankt Jakob hereingeschlichen. Er hatte gehört, es sei der Herr Pfarrer im Hause. Nach dem Herrn Pfarrer sei Nachfrage. »Ich glaub's, daß die Bayern ihm nachfragen,« sagte der Schockel-Franz. »Nicht die Bayern!« begehrte der Meßner auf, »da möchte ich wohl nicht so dumm sein und ihn suchen helfen. Daß ich's sage: Wallfahrer sind gekommen. Ihrer etliche Frauenzimmer, vom Pusterthal her, glaube ich. Bessere Leute müssen es sein nach dem Aussehen. Heute zu Mittag sind sie angekommen. Habe sie in die Kirche gelassen, beten fleißig; haben auch schon was geopfert, glaube ich. Jetzt wollen sie halt ihre Sünden ausleeren und morgen, ehe sie wieder fortmachen, die heilige Messe hören und darauf nachher abgespeist werden. Und ist kein Pfarrer da, wo sie so weit herkommen. Davor müßt ihr euch bei den Bayern bedanken, habe ich gesagt, daß kein Pfarrer da ist, habe ich gesagt. Diese gottverfluchten Bayern! haben sie zurückgegeben und die Bayern verfluchen, das wäre keine Sünde nicht.« »Das Fluchen hilft nichts,« sprach der Wirt. »Aber das Beten hilft halt auch nichts, sonst müßt's schon anders sein,« versetzte der Rampesbauer. »Was hilft denn nachher?« »Das Zuschlagen,« sagte der Wirt. »Wenn ich ihnen den Herrn Pfarrer könnt' verschaffen,« fuhr der Meßner fort, »so wollten sie schon erkenntlich sein, haben sie gesagt. Ist recht, sage ich, will ihn suchen gehen, vielleicht finde ich ihn. Die Gegend um unsre Kirche herum ist heute frei von Unfrut, glaub' ich.« »Ich wollt' nicht trauen!« gab der Stauker zu bedenken, »just vorhin ist ein Schwarm Bayern vorübergezogen.« Der Pfarrer ging hervor und erklärte sich bereit, hinaufzusteigen zur Kirche. »Wo christgläubige Seelen die heiligen Gnadenmitteln verlangen, da wird der Priester nicht erst fragen, ob's den Fremden recht ist,« sagte er, »allsogleich gehe ich hinauf.« »Und sind sie drinnen, er und die Beichtkinder, dann sperre ich ab,« beruhigte der Meßner. »Solange ich vorhanden bin, wird unserm geweihten Herrn nichts geschehen.« »Für alle Fälle,« sagte der Wirt, »ist oben auf der Mahralm in der hintern Heuhütte Brot und Speck zu finden; auch zwei Stutzen und ein Horn Pulver.« »Vergelt's Gott!« antwortete der Pfarrer. »Ein wenig Gottvertraun und viel Pulver, nachher wird alles recht werden.« Hierauf ging er in seiner abenteuerlichen Tracht mit dem Meßner davon. Die übrigen Männer blieben noch beisammen im oberen Gelasse des Mahrwirtshauses und durch ihre Berathungen ging der Grundzug: Gottvertrauen und Pulver. Sei bereit zum Kampfe! Als die beiden Männer gegen ihren Pfarrort kamen, schlichen sie von hinterwärts durch den Schachen zur Kirche hin und in die Sakristei, wo der Pfarrer sein Hirtengewand gegen die kirchliche Kleidung vertauschen konnte. Der Meßner spähte ringsum in die Gegend aus und da er nichts Verdächtiges bemerkte, ging er in die Taberne, wo bei Brot und Wein die Wallfahrer harrten, und zeigte ihnen an, daß der Pfarrer bereit wäre, die Beichte abzuhören. Ein alter Mann und drei stattliche Matronen waren es, die, fern aus dem Pusterthale hergekommen, um frommen Sinnes die Wallfahrt zu verrichten bei dem Bildnisse des heiligen Apostels Jakobus. Sie waren in würdiger dunkler Gewandung mit Bündeln und Pilgerstäben und um ihre knochigen, sonnenverbrannten Hände hatten sie den Rosenkranz gewunden. Zwei der Frauen hatten über das Gesicht lange Schleier, wie Klösterinnen. Der alte Mann hatte bei seiner Ankunft die bestaubten Stiefel zusammengebunden über der Achsel getragen, um in barfußem Wandern Sünden abzubüßen. Sie mußten an Seelenlast schwer aufgepackt haben, denn sie waren gar wortkarg und zerknirscht, und als jetzt die Nachricht kam, der Pfarrer sei schon bereit, schlürften sie noch rasch den Rest ihres Trunkes aus und eilten in die Kirche. Der Priester saß, immer noch ohne ordentliche Fußbedeckung, mit Chorhemd und Stola am Leibe, im Beichtstuhl, dessen offene Vorderseite durch einen blauen Vorhang verhüllt war, und an dessen beiden Nebenseiten die mit gekreuzten Holzflechten vergitterten Fensterchen waren, durch welche das Beichtkind knieend mit dem Gesalbten, der da drinnen anstatt Gottes saß, verkehren konnte. Der Beichtstuhl war mit mancher Zierat versehen und über demselben, an der Kirchenwand, hing das Bild des heiligen Johannes, der einst von der Prager Brücke gestürzt worden war, weil er das Beichtgeheimnis nicht verraten wollte. Die Kirche atmete ihren kühlenden Weihrauchduft und es dämmerte schon, so daß man die Altäre und die zahlreichen Bildnisse nur in dunkeln Umrissen sah. Die rote Ampel vor dem Hochaltar flackerte ein wenig, weil draußen sich ein Wind erhoben hatte, der vom Etschlande kam und manchmal jetzt durch eine Fensterfuge winselnd hereinpfiff. Die vier Wallfahrer gingen, vor lauter Demut fast schleichend, in der Kirche zwischen den Sitzstuhlreihen hin bis an den Beichtstuhl; der alte Mann ließ den Frauen den Vortritt. Während die eine Wallfahrerin schon vor dem Gitterfensterchen kniete, flüsterten die übrigen miteinander, als machten sie ihre Bemerkungen über die reiche und kunstvolle Ausstattung der Kirche, über die Darstellungen aus der heiligen Geschichte, die, wenn auch nicht mehr deutlich gesehen, doch immerhin die Bewunderung der Wallfahrer erregen mochten. Das erste der Beichtkinder war ohne weiteres absolviert worden; es ging mit langsamen Schritten hinweg und kniete nieder vor dem Hochaltare, um im Stande der Gnade nun andächtig zu beten. Beim zweiten Beichtkinde wurde der Beichtvater laut; seine Worte waren weiterhin zu verstehen. – »Ich kann dich nur absolvieren, wenn du als Tiroler den heiligen Glauben hältst, wie es unsre Vorfahren immer gethan haben im Lande Tirol!« Die Beichtende gab das Versprechen, erhielt den Segen und kniete dann ebenfalls hin vor den Altar. Ungewöhnlicher ging es beim dritten Beichtkinde her. Da sagte der Pfarrer ein- um das andremal: »Du mußt lauter sprechen, ich verstehe dich nicht.« Hierauf sprach die Beichtende freilich so laut, daß es auch die andern hören konnten: »Aber mein Gewissen, Hochwürden! Wie soll ich mich denn zurechtfinden? Die Oesterreicher haben Frieden gemacht und das Tirolerland an Bayern abgetreten und der König von Bayern ist jetzt unsre von Gott eingesetzte Obrigkeit. Und in Tirol heißt's, wir sollen gegen die Bayern aufstehen und sie aus dem Lande vertreiben. Und jetzt sagt mir mein Gewissen: das ist Empörung, der von Gottes und Gesetzes wegen aufgestellten Obrigkeit sollst du unterthan sein. Jetzt, Euer Hochwürden, wie soll ich das halten?« Darauf antwortete der Priester dann auch so verständlich: »Als die Pharisäer den Herrn versuchten, fragend, ob sie dem Kaiser die Steuer zu zahlen hätten oder nicht, antwortete er: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Ist da von einem Könige die Rede? Nein, nur von Kaiser und Gott. Auch in unserem Falle ist die Sache so sonnenklar, daß ein Zweifel dran schon an Gottlosigkeit grenzt. Der von Gotteswegen aufgestellten Obrigkeit sollst du unterthan sein. Ganz recht, wer aber ist die von Gott über uns katholische Christen aufgestellte Obrigkeit? Ist es der durch den gottlosen Empörer Bonaparte abtrünnig gewordene Bayernkönig? Nein, es ist Seine apostolische Majestät, des heiligen römischen Reiches Kaiser. Oder wem hast du den Eid geschworen? Dem Bayernkönig? Nein, dem hast du nicht geschworen. Und hättest du es thun müssen, so wäre es ein erzwungener Eid gewesen, und ein solcher gilt nicht vor Gott und gilt nicht vor dem irdischen Gesetz. Den Eid hingegen hast du geschworen bei der heiligen Taufe der katholischen Kirche, die nun von den Bayern verfolgt wird, den Eid hast du wie deine Vorfahren geschworen deinem rechtmäßigen Landesherrn, dem Kaiser Franz. Was uns Tiroler jetzt von ihm trennt, ist nicht die freie Entschließung, sondern die Gewalt Wenn der Räuber dir die Herde aus dem Stalle führt, gehört sie deshalb schon ihm? Nimmermehr, sie gehört dein und deine Sache ist es, sie mit Gewalt wieder zurückzunehmen. Ich sage dir: sei bereit zum Kampfe!« Darauf entgegnete das Beichtkind völlig verzagt: »Ich verstehe es wohl, ich verstehe es, aber wir sind ganz ohnmächtig. Das kleine arme Tirol kann den allmächtigen Franzosen und allen andern großen Völkern, die mit ihm vereinigt sind, nicht widerstehen. Es ist ja lächerlich, wir werden zertreten wie ein Wurm.« »O kleingläubiger Christ!« rief der Beichtvater. »Also kleinmüthig sind auch die Jünger gewesen auf dem Schifflein Petri, als der Sturm war; aber der Herr hat dem Meere geboten. Nur dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen. Hilf dir selbst, so hilft dir auch Gott!« »Es ist alles recht, Hochwürden, aber wie angreifen?« »Weib, du bist eins und redest auch wie ein solches,« sagte der Pfarrer und setzte leise bei: »Es wird schon vorbereitet und wir sind nicht allein. Ich sag's euch zum Troste, Oesterreich ist mit uns. Der Kaiser Franz hat uns sagen lassen, wir wären seine lieben Tiroler und würden es bleiben. Kommt's zum Kampf, so wird er da sein. Der Erzherzog Johann ist schon im Anzug mit einer großen Armee; es ist alles verabredet, sobald das Zeichen gegeben wird, geht's los. Da wird jeder Tiroler zum Stutzen greifen und zum Messer. Gott selbst hat uns das Bergland Tirol gebaut als eine unüberwindliche Feste, und wer in diesem heiligen Kampf für Gott, Kaiser und Vaterland fällt, der kommt vom Mund auf in den Himmel. Weib, wenn du einen Gatten hast, oder Kinder, oder andre, mit denen du schaffen kannst, schicke sie in den Kampf, der Herr wird mit ihnen sein. Geh selber mit, trage ihnen Erfrischung zu, lade die Gewehre, rolle Steine nieder von den Bergen auf die Heeresstraße, wo der Feind marschirt. Keiner und keine bleibe daheim, dieser Streit ist verdienstlicher als alle Wallfahrt und alle Buße. Wer in diesem Streite steht, der hat keine Sünde mehr. Weib, du kniest jetzt als arme Sünderin vor dem Priester und der spricht zu dir im Namen Gottes: Keine andre Buße und Genugthuung als die: sei bereit zum heiligen Kampfe!« Als der Beichtvater so gesprochen, stand das Beichtkind rasch auf und gleichzeitig erhoben« sich auch jene am Altar, kamen herbei und sagten: »Wir haben es gehört. Selbst der Beichtstuhl wird benützt zur Volksaufwiegelung. Was soll es weiter, wir führen den Befehl aus.« Der Pfarrer war nicht wenig überrascht, als er anstatt der Matronen drei wohlgerüstete feindliche Häscher, vor sich stehen sah, welche die Vermummung von sich geworfen hatten und nun den Priester aus dem Beichtstuhl rissen. »Pfaffe, du bist uns in die Falle gegangen!« lachten sie und banden seine Hände, »du sollst es wohl natürlich finden, wenn man dich und deinesgleichen erschießen wird!« »Ich finde es ganz natürlich,« gab der Pfarrer ruhig zur Anwort. »Und ihr müßtet es wohl natürlich finden, wenn wir katholische Priester gegen eine Gewaltherrschaft protestieren, die das christliche Gewissen so grob beleidigt, der nichts und gar nichts mehr heilig ist, die ihre Spione frevlerisch in Kirche und Beichtstuhl schickt, um die Diener des Herrn zu belauern. Erschießet mich nur. Ihr ohnmächtigen Kriegsknechte, die ihr nur den Leib töten könnt, der Geist wird euch doch besiegen, ich sage es euch.« »Wir werden dich vor den Richter bringen,« sagte nun das alte Männlein, »dort wirst du uns alles erzählen, was du von den Vorbereitungen zum Aufstande, von den Oesterreichern und dem Erzherzog Johann weißt.« Auf solches Wort hatte der Pfarrer nichts als ein mitleidiges Lächeln. »Du wirst scharf befragt werden, Schwarzer!« sagte einer der Häscher. »Ich kann mir's denken,« gab der Priester gleichmütig zur Antwort. »Lasset das,« versetzte nun wieder der Greis. »Der Mann that, was seines Amtes war. In der Kirche, im Beichtstuhl darf er nicht anders sprechen, die fanatischen Tiroler selbst würden ihn steinigen. Außerhalb seines Amtes ist es anders, da ist er Mensch und Staatsbürger, der auch seinen und seines Landes greifbaren Vorteil nicht unterschätzen wird. Unser Herr ist nicht bloß mächtig, er ist auch gütig und großmütig. Der geplante Hochverrat muß aufgedeckt werden. Und der Seelsorger kann seiner Gemeinde keinen christlicheren Dienst erweisen, als wenn er ein Verbrechen vereitelt, das sie im Begriffe ist zu begehen.« Nun hob der Pfarrer erregt die gebundenen Arme gegen den Sprecher und schrie: »Beschimpfe mich nicht! Ich bin ein Tiroler und ihr sollet noch erfahren, was das heißt.« Auf dem Turme schlug die Glocke an in heftigen, unregelmäßigen Schlägen. Der Meßner hatte die Gefahr bemerkt und läutete Sturm. Als die Häscher mit ihrem Fang zur Kirche hinaus wollten, war das Thor verschlossen. Draußen tobte der Lärm nahender Bauern, denen der Meßner vom Turme herab mittheilte, daß der Pfarrer von Spionen gefangen sei und daß mitsammt dem Pfarrer auch diese in der Kirche glücklich gefangen seien. Drang ein wildbärtiger Bursche vor und führte mit seinem Knüttel einen Schlag gegen das Kirchenthor. Der Schlag wurde von innen heftig erwidert. Das Thor gab keiner Seite nach und nun entspann sich folgende Verhandlung. »Macht auf, im Namen des Königs!« schrieen sie drinnen. »Aufmachen? Das werden wir schon gewiß nicht thun,« sagten sie draußen. »Wenn ihr nicht öffnet, so machen wir euern Pfarrer auf der Stelle kalt,« schrieen sie drinnen. »Dann werdet ihr die warme Sonne nimmer sehen,« sagten sie draußen. »Wohlfeil geben wir unsern Pfarrer nicht.« Als die Häscher merkten, es wären ihrer draußen viele und die Gefahr nicht gering, riefen sie: »Wenn ihr das Thor öffnet und ruhig eures Weges geht, so soll der Pfarrer wieder euer sein.« Und von draußen: »Wir glauben euch nichts. Wer vermaschkeriert wie ein Komödiant in Häuser und Kirchen einschleicht und in Altweiberkittel kriecht, um ehrliche Leut' zu überlisten, das ist ein Schelm und dem glaubt man nichts.« Hierauf von drinnen: »Das wäre auch was Neues, daß der Tiroler keinen Spaß verstünd'! Machet nur auf, wir gehen als gute Freunde auseinander.« Und nun rief von innen der Pfarrer: »Machet nicht auf, Leute, sie haben Waffen und würden euch niedermachen. Mir kommt bei dieser Zeit das Sterben nicht sauer an und meine Haut ist jetzt vier Feinde wert.« »Wir werden ihm das Sterben schon sauer machen,« setzte drinnen einer der Häscher bei. »Thut es nur,« rief einer von draußen, »wie ihr ihm, so wir euch!« Mittlerweile hatte der Meßner vom Turmfenster den Schlüssel herabgeworfen. Während einer der Bauern den Schlüssel ins Loch steckte, stellten sich die andern sechs oder sieben mit ihren Knitteln und Hacken hart an die Thür, um sofort einzudringen, die Feinde niederzumachen und den Pfarrer zu befreien. In demselben Augenblick knallte ein Schuß und der bärtige Bauernbursche sank lautlos nieder an der Kirchenwand. Vom Thale herauf rückten Truppen, da meinten die Bauern, sie wollten sich auf etwas Besseres sparen, als hier niedergepfeffert zu werden, und der Pfarrer hätte doch nichts davon. Sie eilten hinterwärts der Kirche den Berg hinan, nachdem einer noch den Kirchenschlüssel aus dem Schloß gerissen und zu sich gesteckt hatte. Die anrückenden Soldaten schleuderten den Toten beiseite, brachen das Thor auf unter dem Jubel der »frommen Wallfahrer« drinnen, und der würdige Pfarrer, zu halb noch im Hirtenkleide und zu halb im kirchlichen Gewand, wurde davongeschleppt und entgegengeführt dem Gerichte. Der Meßner blickte vom Turmfenster aus dem Zuge nach, dann. Hub er an zu läuten, als ob es ein Leichenzug wäre ... Wir Carl der fünffte von Gotes gnaden ... Im Wirtshause an der Mahr war Sonntagsruhe. Peter war nicht mit den andern hinaufgestiegen in das Gebirge, wo in einer versteckten Felsschlucht auf Scheiben geschossen wurde. Jung und alt wollte sich im Schießen üben, allein das war schwer verboten, die Bayern hatten alle Schießstände aufgehoben im Eisackthale und weiter um, hatten alle Schießgewehre weggenommen, die sie an den tirolischen Jägern und in den Häusern gefunden. Was sich aber in den schwer zugänglichen Gebirgswinkeln barg und vorbereitete, das sahen, hörten und ahnten sie nicht. Peter, der Mahrwirt, brauchte sich im Schießen nicht erst zu üben. Also war er nach dem Nachmittagsgottesdienste heimgegangen in sein Haus und hatte sich dort auf die Familienstube zurückgezogen im ersten Stock. Das Wirtszimmer konnte wohl eine Kellnerin besorgen; der gewöhnliche Straßenverkehr hatte abgenommen, seit es wieder so unruhig ward im Lande. Draußen sauste ein Gewitterregen nieder, Peter hatte ein viereckiges Kistchen hervorgeholt, stellte es auf den Tisch, setzte sich davor in seinen ledernen Lehnstuhl und sagte mit einem Tone des Behagens: »Endlich kann man wieder einmal daheim sein. In solchen Zeiten gehört der Mann kaum mehr der Familie, noch weniger sich selber.« »Ich merke es wohl,« antwortete sein Weib, das nicht weit von ihm saß und ein Knäblein auf dem Schoß hatte. Es war ein schönes, blondes, noch jugendliches Weib; ihr rundes Gesicht neigte sie nieder auf den Kleinen, ein Menschenknösplein, das gerade im Einschlummern war. Um ihr Haupt hatte sie einen geflochtenen Haarkranz schlicht geschlungen. Das einfache Hausgewand, welches sie anhatte, gewann Licht und Blüte durch ein Busentuch aus roter Wolle, welches sie nur an Sonntagen zu tragen pflegte. Zu Füßen der Mutter saß ein kleines Mädchen, aus dessen Blauäuglein lautet Träumerei und Sanftmut schaute. Es saß ruhig da und betrachtete ein Sträußlein von blauen Blumen, die es im Händchen hatte und über welches ein braunes Käferlein lief. Weiterhin auf den weißgescheuerten Dielen hockte ein größerer Knabe, eben beschäftigt, mit Holzstücken und Schulbüchern eine Festung zu bauen. Dieser blickte auf den Vater hin, und als er sah, daß derselbe sich ein wenig in seinen Sessel zurückgelehnt, fragte er: »Willst du schlafen, Vater, so werde ich hinausgehen?« »Bleib, Hans, und baue weiter an deiner Zwingburg,« versetzte Peter, denn er war froh, endlich wieder einmal alle beisammen zu haben. Wer weiß, wie bald es anders wird. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen ein wenig zurück, weil sein Weib mit ihren Fingern sanft sein Haar streichelte, als wollte sie den Alten einschläfern, wie sie es dem Jungen gethan hatte. Peter hob aber ein bißchen sein Augenlid und sagte zu seinem Weibe: »Nun, Notburga, wie denkst du über einen solchen Mann? Sollte Kugeln gießen und läßt sich das Haar strählen wie ein Frauenzimmer.« »Gönne dir das bisset Ruhe, Peter,« antwortete sie, ohne weiter auf den Scherz einzugehen, »es ist ja ohnehin so selten, daß wir dich haben.« »Von Samson steht zu lesen, daß seine Schwäche im Haar gelegen ist,« sagte er und richtete sich auf. Dem Knaben schaute er nun zu bei seinem Festungsbau. Als Hans damit fertig war und die Bücher und Holze als Mauern zwei- und dreifach dastanden, umgeben von Schanzen und Türmen, stellte er auf die Mauern eine Reihe grauer Steinchen, das waren die Knappen; hinter diesen auf höhern Zinnen eine Reihe weißer Kiesel, das waren die Ritter. In eine Ecke der Festung that er ein glänzendes Stück Küchenruß, das vom Rauchfang herabgefallen war, solches stellte den Burgkaplan dar. Und mitten in die Burg legte der Erbauer eine Pflaume hinein. »Was soll denn die vorstellen?« fragte der Vater. »Das ist die Katharina,« antwortete der Knabe. »Wohl vom Herzen kindisch ist er noch,« lachte die Mutter. »Gottlob!« sagte Peter. »Wer lange Kind bleibt, bleibt auch lange Mann. – Nur möchte ich wissen,« wandte er sich an den Knaben, »was die Katharina in der Festung, zu thun hat.« »Die Katharina Maultasche hat ja in der Burg Tirol gewohnt,« antwortete Hans. »Und unser Lehrer hat erzählt, die Bayern hätten sich dazumal Tirol von Oesterreich mit Geld abkaufen lassen. Nachher hat sie's aber gereut und haben das Land wieder zurückhaben wollen. Aber die Katharina hat gesagt: Wer uns für Geld verkauft, der soll die Schläge umsonst haben. Dann hat sie dreingeschlagen und ist österreichisch geblieben.« »Siehst du,« sagte Peter leise zu seinem Weibe, »im Spiel ist Wahrheit.« »Nur wird das alte Schloß Tirol nicht mit Schulbüchern erbaut worden sein,« meinte Frau Notburga, »Ich denke, Hans, du wirst die Mauern wieder abtragen und aus den Bausteinen deine Schulaufgaben lernen.« Der Knabe machte ein mißmutiges Gesicht. Das Auswendiglernen des Katechismus war so wenig nach seinem Sinn, wie das Sitzen in der Schulbank. Mit hilfesuchenden Augen schaute er auf den Vater hin. »Ja, ich kann dir aber auch nicht helfen,« sagte Peter, »der Mensch ist ein Soldat und der Soldat muß exerzieren. Nicht allein mit Säbel und Gewehr, auch mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Bayern und Franzosen waren uns vielleicht nie hereingekommen ins Land, wenn sie nicht besser lesen, schreiben und rechnen konnten, als wir Tiroler. »Es stimmt gar nicht so schlecht, wenn man sagt, die Festungen müssen wir mit Schulbüchern aufführen.« Der Knabe nahm eines der Bücher und ging ans Fenster, wo er sich anschickte, seine Aufgabe zu machen. Peter öffnete sein Kästchen. Das war klein, aber aus braunem Holze fest gefügt, hatte ein Stahlschloß und war an den Ecken zierlich mit Messing beschlagen. Es waren Schriften drin, in welchen der Mahrwirt nun anhub zu kramen. Ein vergilbtes Blatt nahm er zuerst hervor, entfaltete es und begann bei sich Halblaut zu sagen: »Unter freiem Himmel ein freies Haus. Nicht Feste und doch Burg: die Dachtraufe des Hofes Wall und Graben, den kein Fremder bewaffnet überschreiten darf. ...« »Was liest du dort, Peter?« fragte Frau Notburga. »Das ist der Ehehaft-Taidling-Brief von meinem Heimatshause, dem Kohlhof auf dem Ritten,« antwortete Peter. »Mein liebes Weib, in Tirol war einmal eine andre Zeit, als heute.« Er nahm einen zweiten Bogen hervor: »Hier ist der Adelsbrief derer von Mayr. Er wurde uns ausgestellt von Kaiser Karl dem Fünften, im Jahre 1555, Hans, komm einmal her, kleiner Bauerngraf du! Hier ist unser Wappen: Ein Löwe mit der Hellebarde.« Und in der That war dem Kleinen diese Sache von größerem Interesse als sein Schulbuch, er begann den Adelsbrief zu lesen: »Wir Carl der fünffte von Gotes gnaden Römischer Kayser, zu allen Zeiten merer des Reichs, Kinig zu Germanien, zu Hispanien, baider Sicilien, Jerusalem, Hungern etc. – Bekhennen öffentlich mit diesem Brief vnd thuen khund allermeniglich: Wiewol wir aller und jeglicher unserer und des heiligen Reichs Undterthanen und getreuen Ehre, nuz und bestes, zu betrachten vnd zu fürdern genaigt, So sein wir doch mer bewegt zu denen, die sich gegen uns und dem heiligen Reiche in getreuem, willigern gehorsam hatten und beweisen, sy mit Unseren Kayserlichen gnaden zu begaben und zu fürsehen; wenn wir nun goettlich angesehen und betracht, sollich Erbarkhait, Redlichkheit, guet Sitten, tugend und vernunfft, damit unsere und des Reichs lieben getreuen Hanns, Melchior und Caspar die Mayr Gebrüder, vor unserer Kayserlichen Majestät berüembt werden, .... darumb so haben wir mit wohlbedachtem Muet, guetem Rath und rechtem wissen den ... Mayrn Ihren Eelichen Leibs Erben vnd derselben Erbens Erben, für und für ewige Zeiten dies Wappen Clainot verliehen ...« Die Augen des kleinen Hans leuchteten, als er solches verständig las, aber auch die des Mahrwirts schauten nicht schläfrig, als er seine Hand nun auf die Achsel des Sohnes legte. »Jetzt will ich's doch gleich in der Schule dem Lehrer sagen, daß wir von Adel sind!« rief der Kleine. »Nein, Hans,« lachte Peter, »das brauchst du nicht zu sagen – bloß zu beweisen. Und jetzt kannst du wieder zu deinem Buche gehen.« Der Knabe nahm sein Buch und ging hinaus. Der Mahrwirt hob ein weiteres Blatt aus dem Kästlein. »Notburga,« sagte er, selbes seinem Weibe hinhaltend, »kennst du das? – Das ist die schwere Kette, unter der wir zwei gar so hart keuchen,« setzte er schalkhaft hinzu, denn es war der Eheschein des Peter Mahr, dazumal Besitzers des Wirtshauses zum weißen Kreuz bei Klausen, und der Notburga Fuchs, eheleiblichen Tochter des kunstreichen Herrn Franz Fuchs, Orgelmachers und Organisten zu Gries. Als Peter das Blatt umwendete, sagte er: »Mein Gut ist dein Gut.« »Das brauche ich ja nicht alles zu wissen,« entgegnete Frau Notburga. »Du sollst es nicht vergessen,« versetzte Peter, weitere Papiere aus dem Kästlein hebend. »Dahier ist der Kaufbrief von unserm Mahrwirtshause. Es ist bis auf den letzten Heller bezahlt. Dahier ist eine Schuld von sechsundzwanzig Gulden an den Pferdehändler Kilian. Er ist in Welschland verstorben, seine Erben weiß ich nicht, aber wenn sie vorkommen, so gebührt ihnen das Geld. Es ist der Rest für ein gekauftes Pferd, welches den Dampf gehabt hat. Wenn der Dampf in Jahresfrist gut wird, habe ich sechsundzwanzig Gulden nachzuzahlen versprochen. Sonst ist keine Schuld.« »Warum kommst denn auf solche Sachen, Peter?« fragte ihn Frau Notburga. »Weil es gut ist, Weib, wenn du von allem weißt. Die Zeiten sind unsicher. Und da mußt du auch noch herschauen.« Er nahm ein flaches Ledertäschchen, schlug es auf, und da drin lag eine Tausendguldennote. »Das ist der Notpfennig. Ich will das Täschlein unter einer Dachschindel verstecken und du sollst dabei sein. Das Kästel mit den Papieren werden wir draußen an der Felswand vermauern.« »Um Gotteswillen, Mann, steht es denn so schlimm?« fragte erschrocken Frau Notburga. Peter legte seinen Finger an den Mund und sagte leise: »Vor dem Eheweib machen wir kein Geheimnis mehr. Wir sind bereit, warten nur noch auf einige Botschaften.« Sie schwieg. Draußen im Bodengelasse war plötzlich ein greller, kurzgebrochener Schrei. Frau Notburga legte das schlummernde Kind in das Bett und ging hinaus. Hanai die Magd stand da und lachte. »Wie ich aber jetzt erschrocken bin!« rief sie lachend und wies mit beiden Zeigefingern gegen den dunklen Wandwinkel hin. Dort stand, auf einen langen Feuerhaken gestützt, starr und stramm eine Gestalt, welche von den scharfen Augen der Frau Notburga bald erkannt war als der Knabe. »Was bedeutet das, Hans?« fragte sie scharf. Hans gab zur Antwort: »Der Löwe mit der Hellebarde.« Ihr geht zum Sandwirt! In denselben Tagen war es, daß eines Abends vor dem Wirtshause an der Mahr neben der Holzplanke, wo die Pferde angehängt zu werden pflegten, ein fremder junger Mensch saß. Er hatte graue, staubige Kleider an und über der Schulter ein Ledertäschchen hängen; die Stiefel machten bei den Zehen ihre Schnäbel auf, wie zwei hungrige Krokodile. Das Gesicht war blaß und eingefallen, den üppigen braunen Haaren und dem Schnurrbärtchen sah man an, daß sie gepflegt wurden. Der Fremde saß zusammengekauert auf einem Stein an der Mauer und schien sehr erschöpft zu sein. Die Kellnerin kam heraus und fragte ihn, was er schaffe. Der junge Mensch schüttelte müde sein Haupt – er schaffe nichts. Als später der Wirt das Hausthor schloß, saß der Fremde noch immer da. Also ging Peter mit der Laterne zu ihm und fragte: »Was ist's denn mit Euch? Da könnt Ihr doch nicht sitzen bleiben über Nacht.« Der Fremde war bei dieser Anrede aus dem Halbschlummer aufgefahren und schaute betroffen auf den Mann, der ihn von dieser Ruhestätte verscheuchen wollte. »Seid Ihr krank?« fragte ihn der Wirt. Der Fremde schüttelte das Haupt. »Warum geht Ihr nicht ins Haus? Wir haben ja Betten. Und solltet auch was essen.« »Ich danke,« antwortete der junge Mensch. »Ich kann wohl auch im Freien schlafen.« »Im Freien? Es ist jetzt nicht gesund im Freien, und Ihr scheint mir nicht der Stärksten einer zu sein. Geht nur mit ins Haus.« Nach einigem Zögern gestand der Fremde, er hätte nicht viel Geld bei sich. Da lachte der Wirt, nahm ihn am Arm und führte ihn in die Stube. Dort ließ er ihm etwas zu essen und zu trinken vorsetzen; der Gast genoß nur wenige Bissen und dabei fielen ihm schier die Augen zu. Peter brachte ihn in eine kühle Dachkammer, wo ein reines, hochgeschichtetes Bett stand, stellte dort die Kerze auf den Tisch und sagte: »Ruhet Euch nur aus. Gute Nacht.« Am nächsten Morgen, als der Fremde gefragt wurde, was er zum Frühstück wünsche, begehrte er allein mit dem Wirte sprechen zu können. Er sah heute viel frischer aus als gestern und sagte, als er vor dem Mahrwirte stand: »Geruht hätte ich sehr gut und möchte mich nun wieder auf die Wander machen, aber in einer Verlegenheit bin ich. Bezahlen kann ich jetzt nicht.« Peter hielt seine Arme über die Brust gekreuzt, wie er gerne that, schaute fast ernsthaft auf den jungen Mann und sagte hernach: »Was glaubt Ihr denn eigentlich von mir? – Um Gottes willen, ist denn das ein Spottwort? Wenn heute der Herr Jesus bei mir einkehrt, daß er sich in der Pilgerfahrt auf Erden ein wenig labe und ausruhe in meinem Haus: wird er beim Fortgehen in seinen Hosensack greifen, den Geldbeutel herausziehen und fragen: Wirt, was bin ich schuldig? Und werde ich mir fünf bayrische Groschen vorzählen lassen? – Seid nicht kindisch.« Antwortete der Fremde nicht ohne Schalkheit: »Ich bin halt nicht der Herr Jesus und Ihr seid ein Wirt an der Straßen, wo man gewöhnlich alles eher bekommen kann, als eine geschenkte Zeche.« »Woher und wohin denn die Reise, wenn man fragen darf?« Der junge Reisende zuckte die Achseln: »Mir geht's halt auch nicht viel besser wie vielen andern.« »Setzt Euch nur noch einmal nieder und erzählt mir Euer Anliegen. Ich glaube nicht, daß Ihr auf einer Vergnügungsreise seid.« »Das wahrlich nicht. Mein Name ist Joseph Dürninger, bin ein Student aus Innsbruck. Mein Vater, ein Bürger dort, hat mit den Franzosen Händel gehabt; darauf hat der General Dittfurt unser Vermögen eingezogen, so daß ich meine Studien nicht mehr fortsetzen kann. Meinen Vater wollten sie hängen, aber fast vom Stricke weg hat ihn der Bauer Speckbacher entführt. Jetzt sind sie alle, auch eine Mutter habe ich noch und drei Geschwister, ins hintere Pitzthal geflohen. Ich will ihnen nach.« »Das ist aber nicht der Weg in das hintere Pitzthal,« bemerkte der Wirt. »Ich will jetzt nach Bozen.« »Was wollt Ihr denn in Bozen?« Nun zögerte der junge Mann mit der Antwort. »Ihr wollt mit der Sprache nicht heraus,« sagte Peter, »da kann ich mir's schon denken. Ihr geht zum Sandwirt!« Dörninger langte schweigend nach des Wirtes Hand; dieser reichte die Rechte hin und achtete auf die Lage des Mittelfingers. Die beiden Tiroler schauten sich fest ins Auge und verstanden sich. »Der Sandwirt ist jetzt in Bozen, das hat mir Freund Eisenstecker geschrieben,« sagte der Mahrwirt. »In Bereitschaft wäre alles, aber die Stunde ist noch nicht gekommen. Bleib ein paar Tage bei mir, daß du dich stärkest. Dann sollst, du von hier Botschaften mitnehmen für den Hofer. Und nun wollen wir miteinander frühstücken.« Und Joseph Dörninger, der versprengte Student, blieb etliche Tage im Wirtshause an der Mahr. Die beiden Männer waren, wenn auch unauffälligerweise, viel beisammen, und es war bald, als hätten sie sich lieb gewonnen. Manche Stunde auch saßen sie hinter verschlossener Thür und beredeten vieles. Dörninger hatte sich von seiner beschwerlichen Flucht über das Pfitschergebirge bald ganz erholt und nun zeigte es sich, daß er ein hübscher Junge war. Eines Morgens rief er die Magd Hanai und fragte, wo seine Stiefel wären. »Der Schuster verklenkt ihnen die Mäuler,« antwortete die Magd, »und ich habe Auftrag, daß ich an Euren Strümpfen dasselbe thu'. Und die Frau hat gesagt, Ihr sollet dem Wirt sein Gewand anlegen, daß man Eures derweil wieder festmachen kann.« Damit raffte sie die Kleider zusammen, soweit sie nicht schon an seinem Leibe hingen, ging damit davon und in wenigen Stunden war alles heil. Gerne that der junge Mann mit seines Gastherrn Kindern um, besonders mit dem klugen, unternehmungslustigen Hans. »Wie alt bist du?« fragte er diesen einmal. »Zwanzig!« antwortete der Knabe. Das war um die Hälfte zu hoch gegriffen und vor dem Vater hatte er darob ein herbes Verhör zu bestehen. »Hans, warum hast du's gesagt?« »Weil ich kein Kind will sein, weil ich gegen die Fremden will.« »Ich will dir ein Merkzeichen geben!« »Es war ja nur im Scherz!« wollte Dörninger beschwichtigen. »Mit der Wahrheit gibt's keinen Scherz.« wies der Wirt zurück. »Daß ich dir's nur sage, Dörninger, du bist auch nicht redlich gewesen. Du wärest auf deinem wichtigen Wege lieber verhungert, als von einem Tiroler Nahrung zu begehren. Das mußt du dir abgewöhnen, Kamerad! Wer fürs Vaterland was thut, der ist in jedes Tirolers Haus daheim. Da hat keiner was für sich allein, da ist alles gemeinsam – verstehst?« Es kam die Zeit, da Dürninger sein Ränzlein packen mußte zur Weiterreise nach Bozen. Seine Stiefelröhren hatten beim Schuster ein doppeltes Leder bekommen und dazwischen eingenäht staken Briefe. – Da hielt vor dem Mahrwirtshaus eine vornehme Kutsche. Ein Diener und zwei fremdartig gekleidete Frauen stiegen aus, sie sprachen auch ein fremdartiges Deutsch. Die eine war jung, hatte ein sehr blasses Gesicht und ein sehr schwarzes Haar und sehr lebhafte Augen. Die andere war älter, gewöhnlicher, und mochte zu der ersteren in einem abhängigen Verhältnisse stehen. Sie traten rasch ins Haus, sie waren überaus erregt. Das wäre ein unerhörtes Land! riefen beide zu gleicher Zeit, sie seien auf der Reise nach Milano und nun seien sie unterwegs angefallen worden. Angefallen mitten im tiefsten Frieden! Weniger das bißchen Wertsachen wäre in Gefahr gewesen, als vielmehr ihre Fraulichkeiten. Nur zur Not hätten sie sich durch den braven Kutscher und die schnellen Pferde noch retten können vor den hommes dissolus. »Das sind keine Tiroler gewesen,« sagte Peter kurz. Wer es denn sonst gewesen sein solle mitten im Lande Tirol? »Fremde führen die Herrschaft.« Möglich, daß es keine Tiroler gewesen wären, meinte die jüngere Frau, aber nun müsse es sich weisen, ob die Tiroler besser wären und wirklich ein so ritterliches Volk, wie man höre. »Wir sind hilflose Frauen und begehren Schutz!« »In meinem Hause sollt ihr ihn haben,« versetzte der Wirt und lüpfte sein braunes Käppchen. »Für die Straßen übernehmen wir keine Verantwortlichkeit, die gehören jetzt den Bayern und Franzosen. Zu einer solchen Zeit sollen Weibsbilder nicht reisen.« »Im schönsten, tiefsten Frieden!« sagte die Frau. Der Wirt zuckte die Achseln. »Was sollen wir machen? mon dieu! « rief die ältere Frau und klammerte die Finger aneinander. Nun trat Dörninger vor, der versprengte Student aus Innsbruck. Seine Verbeugung machte er und sprach: »Ich reise nach dem Süden. So weit unser gemeinsamer Weg ist, will ich mit Ihnen sein, wenn Sie mir auf dem Wagen einen Platz anweisen wollen. Es soll Ihnen nichts geschehen. Wird das angenommen?« Die Frauen betrachteten den jungen Mann ein Weilchen und dann sagte die eine: »Bien obligée! Wir werden außerordentlich verbunden sein.« Das war abgemacht. Am nächsten Morgen reiste die Gesellschaft ab. Dörninger schied vom Mahrwirtshause wie ein alter Freund, der sich nie wieder lösen wird von diesen Leuten. Im letzten Augenblicke, da die beiden Männer sich gegenüberstanden, sagten sie kein Wort mehr – nur ein fester, langer Händedruck. In der Kutsche war dem Studenten ein ziemlich bequemer Platz angewiesen worden. Zuerst hatte er sich der älteren Dame gegenübergesetzt, später verordnete die jüngere aus Rücksicht für die größere Bequemlichkeit der Genossin, daß der Mitreisende ihr gegenüber Platz nehme. Dörninger schwieg zumeist, war ernsthaft und die Fahrt ging ruhig vor sich. Zu Weidbruck beim Adler nahmen sie Nachtherberge. Die Einladung zu Tische nahm der Student von seinen Reisegefährten nicht an. Es war Freitag und er aß für sich eine Fastenspeise. Die Damen wollten Braten haben, zu solchem Wunsche lächelte der Adlerwirt mitleidig, ohne ihn übrigens eines Wortes zu würdigen. Also verzehrten auch sie eine Fastenspeise. Dörningers Bett stand im Nebenzimmer vom Schlafgemache der Frauen. Auf den Nachttisch legte er vor dem Schlafengehen eine geladene Pistole. Mitten in der Nacht weckte ihn ein Schrei. Eine der Frauen hatte ihn ausgestoßen. Dörninger erfaßte die Waffe und eilte sofort ins Zimmer. Die junge Dame saß halb angekleidet auf ihrem Bette. Sie war verwirrt und gestand, daß sie einen schweren Traum gehabt habe; wieder die Wegelagerer seien ihr vorgekommen. – Sonst war es nichts und der junge Mann ging zurück in seine Kammer. »Je suis calmée,« flüsterte die junge Frau zur älteren, »ich weiß nun, daß er wachsam ist.« Am nächsten Tage auf der Weiterfahrt durch die wilden, endlos langen Schluchten des Eisack, genannt der Kuntersweg. wurde die junge Dame vertraulicher mit dem ritterlichen Reisegenossen. Schon früher hatte sie erwartet, daß er nach dem Zwecke ihrer Reise, nach ihrer Herkunft fragen werde; da das nicht geschehen war, da der Tiroler sich so gar nicht neugierig zeigte, begann nun sie, ihn auszufragen. Er antwortete kurz. Dann hub sie an, von sich selbst zu sprechen. Es sei die erste große Reise, die sie so allein machen müsse. Sie sei aus Lothringen, einem Lande, das jenseits des Rheines liege und zum glorreichen Frankreich gehöre. Sie entstamme einer Kaufmannsfamilie, die im südlichen Frankreich Güter besitze; sie liebe aber ein außerordentliches Leben und sei mit einem Bruder, der Offizier wäre, in die Hauptstadt des Bayernlandes gekommen. Nun sei ihr Bruder nach dem Norden kommandirt worden, wo es ihr nicht gefalle, so reise sie zu Verwandten nach Milano. Das sei aber gegen den Willen des Bruders, der sie gerne an einen österreichischen General verheiratet hätte. Der General sei ihr aber schon zu ehrwürdig, und darum gehe sie nach Milano. Dort sei der Vicekönig, auch ein Bonaparte. – Als sie den Namen Bonaparte aussprach, begann ihr Auge zu lodern wie ein doppeltes Freudenfeuer. Napoleon sei ein Held, wie ihn die Welt bisher nicht gesehen. »Quel homme! – Un dieu en ciel, un roi sur la terre! Ein Gott im Himmel und ein König auf Erden! Wer hat je ein so stolzes Wort gesprochen? Er erobert die Völker, nicht um sie zu knechten, sondern um sie glücklich zumachen. Darum jubeln ihm, wohin er sich auch wende, die Menschen zu, wie dem Erlöser, und seine Soldaten lieben ihn mit einer Leidenschaft, die keine Grenzen hat. Die wenigen Thoren, die ihm entgegen sind, müssen vernichtet werden; wie gering ist ein solches Opfer im Vergleich zum großen, göttlichen Zeitalter, das eintreten wird. Dann wird es keinen Schlagbaum mehr geben zwischen den Ländern und keinen Krieg zwischen den Völkern. Ein Gott im Himmel, ein König auf Erden und eine glückselige Menschheit!« Erstaunt blickte Dörninger die glühende Sprecherin an. »Ach, Napoleon Bonaparte!« flüsterte nun auch die ältere Dame und preßte ihre Hände an die Brust. »Wenn dieser Mann, dieser einzige Mann um den Erdball seinen Siegeszug macht, vraiment ! so werfe ich mich jubelnd vor die Räder seines goldenen Wagens. Il serait un plaisier, de mourir sous ses pieds!« »Und Sie?« fragte Dörninger die junge Frau, »was würden Sie thun?« »Unbedenklich dasselbe, mein Herr!« war ihre Antwort. Er schwieg. Der Weg war holperig. Der Kutscher und der Diener auf dem Bock wurden manchmal ein wenig emporgeschnellt und die Kniee der Insassen stießen manchmal unwillkürlich zusammen, so sehr Dörninger sich Mühe gab, das zu vermeiden. Die Frauen thaten mißmuthige Aeußerungen über die schlechten Straßen und da sehe man wieder, wie gut es sei, daß dieses Tirol endlich einmal den Kulturländern einverleibt werde. Dörninger schwieg. Wiederholt begegneten sie auf dem Wege betenden Scharen von Bauersleuten. Diese trugen rote Kirchenfahnen voraus, welche sie vor jedem Kirchlein und vor jeder Kreuzsäule neigten. Sie sangen Marienlieder, die in ihren ernsten, oft ergreifenden Tönen seltsam in den Felsen der Schlucht widerhallten. Da bemerkte die jüngere Dame einmal: »Ein bigottes Volk, diese Tiroler! Ein verächtliches Volk!« Der junge Mann zuckte nach rückwärts. Ihm war, als hätte er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Ein Weilchen noch war er still, während seine Schutzbefohlenen ihrem Hohne freien Lauf ließen. Endlich unterbrach er sie. Rauh und ungefüg setzte er die Worte, indem sein Auge zu brennen begann: »Verzeihen Sie, daß Sie nicht allein sind im Wagen. Es ist nicht meine Schuld. Ein verächtliches Volk! Bigott, weil es vor Gott kniet und nicht vor einem wahnwitzigen Abenteuerer! Ich sage Ihnen das: Menschen, die betend und singend durch ihr Heimatland ziehen, fallen keinen Wanderer an und keinen Wagen auf der Straße. Aber Fremde thun das, Fremde sind gekommen, Bonapartes Knechte, um fromme Sitten auszurotten und aller Begier zu fröhnen. Diese Tiroler, starr halten sie an ihrem Herkommen, vielleicht an sinnlosem Aberglauben auch, aber die Lüge kennen sie nicht und die Treue brechen sie nicht. Allein, wenn jene hohen Herren, die ihr eigenes Land verraten und verkauft haben an den korsischen Räuberhauptmann, der in höllischem Hochmut aus seinen Grenzen bricht und die Welt mit Not und Greueln überhäuft – wenn jene noch länger blind sind, dann wird auch bei uns die Falschheit angehen; kein Gut wird mehr sicher sein in den Truhen, kein Weib vor dem Wüstling, kein Mensch vor dem Verrate seines Bruders. Hin und verflucht wird alles sein, was uns bisher stark hat gehalten und redlich – und ein Lumpenvolk wird frevlen zwischen diesen ewigen Bergen! – Napoleon! Wie beispiellos hat er Deutschland geschändet! Welch grenzenloses Unglück hat er gebracht über unser armes Tirol!« Die Kehle krampfte es ihm zusammen, da er also sprach, die beiden Fäuste schlug er sich ins Angesicht und einen schrilltönigen Schrei stieß er aus. Die beiden Frauen stutzten. Da sprang er plötzlich von seinem Sitze auf, hob die Rechte zur Faust geballt gegen den Himmel und rief: »Bei unserm gekreuzigten Heiland, es kommt die Rache!« Die Frauen zuckten zusammen und wimmerten: »Nous sommes perdues! « Als Dörninger sich ein wenig gefaßt hatte, blickte er mit verachtendem Auge und sagte bitter lachend: »Fürchten Sie nichts. Höflich und schmeichelnd, wie es der Welschen Art, kann ich meine Rede nicht setzen. Aber was ich versprochen habe, das soll gehalten sein. Sie sind zwei arme Weiber und in meiner Gegenwart wird Ihnen nichts geschehen.« Da schlugen sie ihre Augen nieder und die jüngere besonders war insgeheim empört über diese Demütigung. Kein Wort sagten sie mehr gegen Land und Volk. Alles schwieg und nichts hörte man, als das Rollen der Räder, das Traben der Pferde und das Rauschen des wilden Wassers. Endlich kamen sie nach Bozen, in die alte Stadt auf dem traubenprangenden Gelände der Etsch, wo in besonntem Verstecke schon der Lorbeer grünt und die Palme. Darob erstaunten die Frauen aus Lothringen, und sie hätten jetzt das Land wahrscheinlich gerne gelobt, wenn es der Trotz gestattet haben würde. Zu Bozen empfahl Dörninger die weiblichen Reisenden dem Schutze eines tirolischen Pferdehändlers, der mit seinem Wägelein gegen Trient fuhr. In Trient würden die Frauen schon auf Landsleute stoßen, denen sie sich anvertrauen könnten für die weitere Reise. Kurz und gemessen gab Dörninger diesen Rathschlag. Als er noch am Straßenrande stand, trat die jüngere einen Schritt hin gegen ihn und zögernd flüsterte sie: »Monsieur« Er hörte es nicht. »Mein Herr!« wiederholte sie. Er wendete sich um. Da sagte die Dame in einem fast innigen Tone: »Verzeihen Sie mir! Scheiden Sie freundlicher von uns, denn wir sind Ihnen tausend Dank schuldig.« »Glück auf die Reise!« antwortete der junge Mann und schwenkte seinen Hut zum letzten Gruße. »Na, wollt's mit, so ist's Zeit!« drängte der dicke Pferdehändler. Er fuhr schon voraus. Die Frauen stiegen in ihren Wagen. Joseph Dörninger hörte ihn davonrollen, aber er blickte nicht hin. Erst als das Rollen verhallt war, schaute er hin, auf der Straße war eine weiße Staubwolke, sonst sah er nichts. Dann lenkte er seine Schritte, um den Sandwirt zu suchen. Bei dem Faulenzen wird man verdammt müde! Wieder im lachenden Brixnerthale. Wie ein Netz war es gezogen über die weite ländliche Fläche hin. In unzähligen Reihen standen Stangen aufrecht, darüber lagen Stangen wagerecht, ein unendliches Gitterwerk; daran rankten sich aufrecht und wagerecht hin die hellgrünen Reben des Weines. Die Trauben daran begannen schon zu blauen. In den Gründen dieses ungeheuren Netzes, wo sonst die Grillen zirpen, war jetzt das Trillern einer menschlichen Stimme zu hören, in weichen melodischen Tönen sang sie, dann ein hell ausgestoßenes Jauchzen – dann Stille. Ueber der Gegend lag heißer, veilchenblauer Hochsommerhimmel, ganz wolkenlos und leblos. Auf den hohen Almen, in den Schründen der blauenden Wände war zu solcher Jahreszeit der letzte Rest von Schnee verschwunden und die glasblauen Tafeln, die in den Hochmulden lagen, waren ehern wie Gestein, waren die ewigen Gletscher, die keine Sonnenglut vermag zu lösen. Die Dörfer, welche an den grünenden Sockeln der Berge klebten, lagen wie ausgestorben, die Türme, die so schlank und spitz gegen den Himmel ragten, hatten keinen Glockenklang zu solcher Stunde, denn alles war in Ruhe. Es war die grelle heiße Nacht des Hochsommermittags. Und im grünen Rebennetze sang doch etwas. Ein gar minnig, schalkhaft Lied ward vernehmbar, und wenn schon der Sang nicht wiedergegeben werden kann, weil der in die weichen Himmelslüfte aufstieg, das Wort ist uns doch geblieben: »Mein Dirndl hat a Kinn, Wo a Grüabei is drin; Und ih kann's gar nit sag'n, Wia guat ih dir bin, Wia guat ih, wia guat ih, Wia guat ih dir bin. Dein Grüabei, liabs Dirndl, Das is schon a Pracht, Ih bitt dih, gib nur auf Dein Grüabei schön acht. Auf dein Grüabei, dein Grüabei, Dein Grüabei schön acht!« Da will man doch einmal näher hingucken. Ein junger Bursche war's, der im Schatten des Weinlaubes auf dem Rasen lag. Eine weite blaue Leinwandhose und ein grobes Hemd, sonst hatte er nichts am Leibe. Seine breitgewölbte Brust, sein rundes, noch bartloses Gesicht war bräunlich gefärbt, wie Wecken, wenn sie frisch aus dem Ofen kommen; das schwarze, wildquellende Haar krauste seine Ringellocken herab über die Stirn, fast bis an das große weichselbraune Auge, dessen Wimpern so lang und kräftig waren, daß er mit denselben die zudringlichen Haarlocken zurückschlagen konnte. Er blinzelte auch in einemfort während des Gesanges. Die Arme als Kissen unter dem Haupte, den linken Fuß ausgestreckt, den rechten in einem Knie gegen den Himmel gereckt, so lag er da und so trillerte er. Neben sich am Stab hatte er eine Guitarre lehnen, doch schien es ihm zu mühsam zu sein, mit deren Saiten den Sang zu begleiten. Er wußte wohl, wem seine Lockrufe galten. Derselbigen galten sie, die dort vom Mahrwirtshause herüber am Berghange unter den Kastanien saß. Sie hatte etwas über das Knie gelegt und an dem that sie nähen. Wenn sie sich ohnehin keine Rast gönnt an diesem Sonntage nach dem Gottesdienst, warum soll sie nicht zu ihm ins Weinlaub kommen! Jetzt müssen wir auch dieselbige näher ansehen, die unter den Kastanien saß. Auch sie hatte nicht mehr an als ein blaues Kittelchen und ein weißes Hemd, welches den Busen leicht umspannte; aber sie hatte kein braunes Gesicht, sondern ein rotblühendes, und hatte kein schwarzes Haar, sondern ein flachsiges rötlich schimmerndes, das glatt gekämmt und gescheitelt war und hinterwärts in einem Knollen ohne viel Zier zusammengebunden. An ihren Augen konnten einem keine Weichseln einfallen, weit eher frische, ganz wasserfrische Vergißmeinnichtblümlein. Der Mund unter der gar nicht zu geringfügigen Stumpfnase hatte schmale Lippen und ließ die obere Zahnreihe ein wenig sehen. Man konnte die Magd Hanai vom Mahrwirtshause gerade nicht schön nennen, aber kernfrisch, und im rundlichen Kinn hatte sie richtig das Grübchen. Der Bursche unter dem Weinlaub fuhr in seinem Sange fort: »Hätt' jüngst a Heirat kriagt, Drin in der Stadt, Aber ih hab's nit mög'n, Weil's ka Grüabei g'habt hat, Ka Grüabei, ka Grüabei, Ka Grüabei g'habt hat.« Der Lotter ist's der Tonele! – dachte sich das Mädchen, als es solchen Gesang vernommen. – Soll sie hinabgehen? Soll sie ihn fragen, ob er denn kein andres Lied wisse zur Sonntagsheiligung? Ein rechtes Elend mit diesem Menschen. Stromert in der Gegend umher und thut nichts, als mit der Klampfen klimpern und Schelmenlieder singen. Und was für Schelmenlieder? gottlose, spottschlechte, daß einem oft der Greuel über den Buckel geht, weit hinab! – Man kann ihm sonst aber nicht feind sein, er hat's halt einmal so. Austreiben sollt' man ihm's. Natürlich, nachlaufen! Nachlaufen wird man ihm! Da kann der Tonele wohl so lang liegen im Wein, bis ihm das Laub über und über auf dem Buckel wachst. Einmal wird er sie schon kriegen, die Metten, für seine Leichtsinnigkeit, daß er ordentlich wird! – Gott, wenn dieser schöne, lustige Mensch auch noch ordentlich wär! – Da bliebe von ihm wohl nicht viel übrig für unsereine, da thäten ihn die vornehmen Brixner Mädeln auffressen bei Putz und Stingel! Diese Kurfe biege ich mir selber, wie ich sie haben will. Singe nur, Tonele! krieg' ich dich erst einmal unter die Hände, ich will dich schon herrichten! Solche Gedanken hatte sie, die emsige Näherin unter den Kastanien. Das Denken ist ihr freies Belieben, nähen aber muß sie. Der Sonntagnachmittag gehört ihr, daß sie sich das Gewand aussticke, gestickt trägt man es länger, als neu! Dann hat sie für die Kühe und Schafe im Stall zu sorgen, für die Wiese, und wenn ihr auch für den Garten manchmal ein Stündel Zeit bleibt, so ist es ihr der Frau Notburga wegen lieb, der sie gern überall freiwillig zu Handen ist. Zu Brixen oben hatte man einmal eine Kellnerin machen wollen aus der kleinen Magd Hanai. Solches wäre das Rechte gewesen bei diesen herlebigen Mannsleuten, wenn sie einen Krug zuviel getrunken haben! Daß sie noch Lust haben für so Dummheiten bei der jetzigen Zeit! Sich den Kratzbart ins Gesicht reiben lassen! das mag sie nicht. Wenn sie einmal einen Liebsten hat, Kratzbart darf er keinen haben und im Weinlaub liegen darf er auch nicht. So schön, jetzt kraucht er hervor. Jetzt steht er auf. Drei ganze Vaterunser könnte eins beten, bis der fertig wird mit dem Aufstehen. Nun, dafür steht er aber jetzt auch und hebt sogar an, gegen die Kastanien zu gehen. Ganz gelenkig geht er daher, lauft sogar. Wer so flinke Glieder hat, der sollte doch was arbeiten. »Hanai, Hanai« rief er ihr entgegen, der Schwarze der Blonden, »wenn du wüßtest, Hanai, wenn du wüßtest!« »Was willst denn, was soll ich denn schon wieder wissen?« fragte die junge Magd. »Wie gut man unter dem Weinlaub rasten kann!« »Versteht sich, rasten! Wirst freilich recht müd worden sein über die lange Wochen beim Faulenzen!« »Du Hanai! glaub mir!« rief er mit einer munteren Ernsthaftigkeit, »bei dem Umherfaulenzen auf der Welt wird man verdammt müd'!« »Auch noch fluchen dabei, natürlich! Und bist heute gewiß in keiner Kirchen gewest, weil du deine saubern Meßgesänge unter den Reben singst.« »O Hanai, Hanai« rief er lustig, »kann sie wohl auch unter den Kastanien singen: Und wenn ih so dürft', Grad ganz nach mein' Will'n, So that ih dei Grüabei Mit Busserln ausfüll'n, Mit Busserln, mit Busserln, Mit Busserln ausfüll'n!« Darauf schwieg die Hanai mäuschenstill und nähte und schaute scharf auf ihr Nähen und als sich der Zwirn knotete, fuhr sie fast zornig mit den Fingern glättend darüber hin. »Anton!« sagte sie endlich. Das zweite Mal mußte sie es wiederholen: »Anton!« »Rufest du mich?« fragte er. »Wen denn?« »Ich bin kein Anton, meine liebeste Hanai.« versetzte er. »Der Name ist zu herrisch und zu langweilig für einen Spielmann. Als Anton bin ich einmal ins Wasser geworfen worden, seitdem mag ich ihn nicht mehr. Ich bin der Tonele, der Gurgler-Tonele, der Klampfen-Tonele – wie du willst.« »Laß einmal ernsterweise mit dir reden, Tonele,« sagte die Magd. »Gurgler-Tonele oder Klampfen-Tonele, ich begreife dich nicht. Schau, ein Mannsbild! Wenn ich ein Mannsbild wäre wie du!« »Nun, was wäre da lauter? Thäten jetzt unter den Kastanien zwei Mannsbilder beieinandsitzen – was weiter?« »Wenn ich ein Mannsbild wäre wie du!« »Was thätest denn nachher? Was wolltest denn Besseres thun als Weiberleut' gern haben!« »Ja, pfeifen!« sagte sie und nadelte. »Auch Musikant?« »Tonele, ist mit dir denn gar kein gescheites Wort zu reden! – Hast es schon gehört, daß das Ritterfräulein wieder weint?« »Was für ein Ritterfräulein?« fragte der Bursche. »Das Ritterfräulein in dem alten G'schloß Stein auf dem Ritten. Allemal um drei Uhr nachmittags, wenn du willst losen gehen, kannst sie hören, herzbrecherisch thut sie weinen.« »Ja, warum denn?« fragte der Tonele. »Wer kann's wissen!« sagte die Magd, und sagte es mit einem Seufzer. »Geschehen wird halt was. Eh vor Zeiten ist's so gewesen, wenn man das Fräulein auf dem Steiner-G'schloß hat weinen gehört, da hat sich nachher allemal was zugetragen. Im Fünferjahr, wie die Franzosen das erste Mal sind gekommen, hat sie auch geweint. Ja, du lachst!« »Freilich, weil andre Leute auch geweint haben im Fünferjahr.« »Und früher hat sie jahrelang fort geweint, und was geschieht? Der Bonaparte hat den heiligen Vater in Gefangenschaft führen lassen. Ehevor in Frankreich der wilde Aufruhr ist ausgebrochen, wo sie vieltausend Menschenköpfe nur so mit der Köpfmaschine haben abschlagen lassen, da hat das Fräulein auch jämmerlich geweint. Mein Oheim, der Hollerschmied, hat's selber gehört und oftmals davon erzählt. Und jetzt wieder, schon seit einem halben Jahr, und kein Mensch weiß warum. Eine Bedeutung wird's wohl haben, weiß Gott, was geschieht, es ist ganz unheimlich jetzt auf der Welt.« »Da möcht' ich's probieren gehen und dem Schloßfräulein was Lustiges vormachen.« »Ja, probier's nur. Ein Geist läßt mit sich nit spotten.« »Ein Geist wär's!« lispelte der Tonele, »du Hanai, da will ich schon lieber nicht ins G'schloß gehen. Da bleib ich lieber bei dir.« Er legte sich zu ihren Füßen hin und schaute mit gutmüthigen, immerfort blinzelnden Augen zu ihr auf. Da warf sie plötzlich ihr Nähzeug von sich, sprang von ihrem Sitze empor und sagte: »Grausen thut mir! Schämst du dich denn gar nit, Toni! Ist der Feind mitten im Land, und du, ein junger, starker Mensch, lungerst müßig umher, thust nichts als das Obst von den Bäumen naschen, auf der Klampfen klimpern und an die Weibsbilder denken.« Auf solchen Vorwurf war der Bursche höchlich überrascht. »An was soll man denn sonst denken?« fragte er. »An die Bayern, du Tropf! An die Franzosen! Da hast du zu denken genug. Und mit der Hand denken, nicht just mit dem Kopf, oder gar mit der Feder, wie die Stadtherren. Besser mußt denken, mit dem Stutzen in der Hand mußt denken.« »Ah freilich, ich werd' Leut' derschießen!« rief der Tonele abwehrend. »Werd' mich hinstellen vor die Bayernkugeln. Thät mir wohl leid um mein junges Leben. Sollen machen, was sie wollen, mich geht's nichts an.« Fast erschrak er über den ingrimmigen Blick, den die Hanai ihm jetzt zugeschleudert. Aber nur einen Augenblick war dieser Blick ingrimmig, dann wurde er mitleidig. – Ihn geht's nichts an. Das Tirolerland richten sie zu schanden und ihn geht's nichts an! »Das Heimatland!« schrie sie auf, und da gab's ihr Stöße inwendig in der Brust. Jetzt wurde auch der Bursche ernsthaft, sein Angesicht fast traurig. »Heimatland?« sagte er. »Ich habe keins. Ich hab' als neugebornes Kind schon laufen müssen. Freilich auf der Mutter Füßen – vom Oetzthal herab. Meine Mutter ist an der Kirchenthür zu Sankt Jakob gestorben. Wo es doch so viele Glockentürme gibt in Tirol, wie sie meine Mutter haben in die Gruben geworfen, hat's in keinem geläutet. Dann nachher, dann nachher ... Ach weg, ich mag nit daran denken. Hanai!« Schier wie drohend sprang er auf und stellte sich mit geballter Faust vor die junge Magd. »Was gönnst du mir meine Lustigkeit nit! Die einzige Gottesgab', die mein ist. Das bissel Singen und Musicieren! Geh, Hanai, red' nit immer so und laß mir die Freud', schau, hat ja kein Mensch einen Schaden davon. Wo alles jetzt flucht und schreit und weint! Es muß ja doch auch wer sein, der ein Tirolerliedl singt. Gerade beim Singen habe ich das Tirol noch am liebsten.« Sie, die Hanai, haschte jetzt nach seiner Faust, die im Augenblick sich löste zur weichen, offenen Hand, und sie sprach ganz anders, als sonst ihre Art war: »Tonele, so habe ich's nie gesehen, als jetzt. Du armer Mensch! Du armer Mensch! Und so viel höher stehst, als andre. Andre müßten verzagen, wenn sie so arm wären wie du. Keine gute Kindeszeit mußt du gehabt haben. Erzähle mir doch einmal davon.« »Hanai, ich will's dir schon einmal erzählen. Heute nicht, heute ist Sonntag, heut will ich lustig sein. Hanai, laß mir doch mein Lustigsein!« »Kind Gottes!« rief sie, »das will ich dir ja gern lassen. Kann mir's selber nimmer anders denken, als daß Gott dich recht muß lieb haben, daß er dir ein so leichtes Herz geschenkt und deswegen sollst du ihn auch lieb haben, er wird dir noch einmal was Besseres geben, als was du jetzt hast.« »Und glaubst du, Hanai, daß er mir auch einmal ein liebes Weibel gibt?« »Das wird er gewiß sehr gern thun,« antwortete sie, »den Männern gibt er so was ja ganz gern, mußt halt einer sein. Und mußt für Gott aufstehen. Hast vom Antichrist noch nichts gehört?« »Was? Wer? der Antichrist? Ah, ich weiß schon, das ist der, der die Kirchen niederreißt und die Christen martert.« »Gut weißt es, brav ist, Tonele, und schau, deswegen gehen dich die Bayern und die Franzosen doch was an. Die sind ja der Antichrist. Weißt doch, wie sie unsern lieben Pfarrer eingefangen und fortgetrieben haben! Wie sie das silberne Kruzifix am Hochaltar dem Juden verkauften! Wie die Franzosen zu Sankt Barbara oben gar mit der heiligen Hostie Schimpf und Spott getrieben haben! Du weißt es ja. Ein Schandmensch, der da zuschauen kann und nit dreinschlagt, die schlechtesten Namen sollte man ihm ins Gesicht spucken. Alles, was Hosen tragt in Tirol, sollte jetzt mit dem Gewehr ausrucken.« Auf solches entgegnete der hartgesottene Tonele: »Ihr Weibsleut' habt leicht reden. Ihr verspürt nicht viel davon, wenn einem Soldaten eine Kugel in den Schädel fliegt oder ein langer Spieß in die Brust gestochen wird.« Kaum hatte der Bursche das Wort gesagt, da packte ihn die junge Magd bei den Brustfalten des Hemdes, rüttelte ihn und sprach: »Toni, schau mich an! Schau mich an! Bin ich ein Mannsbild oder ein Weibsbild?« »He, he,« lachte er und schaute sie schalkhaft an. »Glaubst du,« fuhr sie fort, »daß ich daheim bleibe und mein Haar strähle, dieweilen das Mannsvolk vor dem Feind steht? Wir gehen alle. Und wenn uns Weiberleuten schon kein Schlagprügel und kein Stutzen mehr übrig bleibt, mir ist alles eins, ich ruck' mit der Mistgabel aus. Vor die Kirchenthür stell' ich mich und renn' jedem Welschenhund, der hinein will, auf einmal drei Löcher in den Bauch. Und wenn's ernst wird, Toni, und ich finde dich anstatt auf dem Schlachtfeld unter dem Weinlaub, nachher – nachher sollst auch du meine Gabel kosten.« »Und wenn ich auf dem Schlachtfeld steh' und Franzosen derschieße? Was krieg' ich nachher zu Lohn?« »Den Himmel, wenn du gefallen bist.« »Und wenn ich nit gefallen bin?« »Das Heimatland Tirol.« Also sprachen sie miteinander. Und wie sie so geredet hatten, wurde die Magd wieder ganz weichmütig und sagte: »Schau, Tonele, du hast keine Heimat, sagst. Und wahr ist's, du hast auch keine. Wie du jetzt bist und nichts nutzest, hast auch keine. Aber paß auf, von dem Tag an, wo du für Tirol deinen Tropfen Blut hast verspritzt, von dem Tag an hast ein Heimatland und glückselig wirst es verspüren und mit Freud und Stolz wirst ein Tiroler sein.« Der Bursche schmiegte sich an die Magd hin und sagte mit ganz leiser, zitternder Stimme: »Schier warm wird einem bei deinem Reden. Der Pfarrer kann's nit so. Du bist eine ganz Besondere, das habe ich mir ja immer gedacht. Hanai, dir zulieb, wenn's ernst wird gegen die Fremden, ich gehe mit.« »Und ernst wird's!« »Ich gehe mit,« sagte der Tonele, »wenn ich nur schon einen Stutzen hätt!« Die Hanai fuhr sich rasch in den Kittelsack, zog einen ledernen Beutel heraus, nestelte den Bindriemen auseinander und klebelte einige Silbermünzen hervor. »Bayrisch Geld. Gerad gestern hat mir's der Mahrwirt als Leihkauf gegeben fürs nächste Dienstjahr. Ich brauch im Sack kein bayrisch Geld, ist just gut genug, daß du dir davon einen Kugelstutzen kaufen kannst. Nimm den Bettel.« »Kaufen, meinst? Einen Kugelstutzen? Wenn ich aber nit schießen kann!« »Auf der Kreuzwirtalm im Eiskar wird scheibengeschossen. Geh hinauf und lern's! Lernst es nit, so wirst es von selber können, wenn du vor dem Feind stehst; schießen ist keine Kunst. – Na, Toni, jetzt kannst schon gehen.« Er blieb immer noch vor ihr stehen und endlich sagte er – gar züchtiglich und schüchtern sagte er's – indem er unverwandt auf ihr Grübchen am Kinn blickte: »Hanai! Nimmst mich nachher?« Sie antwortete: »Erst zeige, daß du ein Mann bist, nachher kannst wieder anfragen.« Zu gratulieren ist und ich bekomme zwei Groschen! Vor dem Mahrwirtshause saßen etliche bayrische Offiziere und tranken Wein. Drinnen in der Stube gabs Bauern, so war den Herren die Luft zu schlecht gewesen und sie hatten sich einen Tisch heraustragen lassen unter die Kastanien. Sie waren wohlbewaffnet, hatten nebst den zierlichen Säbeln auch kurze Schießrohre bei sich. Der Wirt saß drinnen bei seinen Landsleuten und berichtete, daß in diesem Herbste ein guter Tirolerwein reifen würde. Allerorts ständen die Reben gut. »Gott gebe es!« versetzten die Gäste, denn sie verstanden, was der Mahrwirt meinte. Da wurde dieser hinausgerufen. Die Herren Offiziere wünschten mit ihm zu sprechen. Peter ging hinaus, lüpfte sein Käpplein und fragte: »Was steht den Herren zu Diensten?« »Wirt, Er kann ein Geschäft machen,« redete ihn einer der Herren an. »Ist mir nicht zuwider,« antwortete Peter. »Er hat ein paar große Stuben und einen leidlichen Trunk. Am nächsten Samstag wollen wir in diesem Hause einen Offiziersball abhalten.« »Am nächsten Samstag – in meinem Hause – einen Offiziersball – ?« wiederholte der Wirt. Das war ihm etwas so Neues, daß er's kaum klar zu denken vermochte. »Sorge Er für Speise und Trank auf siebzig bis achtzig Personen. Musik ist von uns bestellt. Um sieben Uhr abends erscheinen die Gäste.« Da sagte Peter: »Am Samstag ein Ball? Meine Herren, das wird halt wohl nicht gehen. Seit dieses Haus steht, ist an einem Samstage darin nicht ein Schritt getanzt worden. Wir katholische Christen halten diesen Tag unsrer lieben Frau zu Ehren. Auch ist Fasttag.« »Das hat Ihn nicht zu bekümmern,« schnauzte der Offizier. »Er hat die Sachen zu besorgen, alles andre werden schon wir verantworten.« Der Mahrwirt fühlte, wie es in ihm zu kochen begann, doch blieb er gelassen. »Da müssen die Herren schon zu einem andern Wirt gehen,« sagte er, »muß bedauern, ich kann nicht dienen.« Die Offiziere schauten ihn eine Weile sprachlos an. »Widerspenstig,« murmelte endlich der Hauptmann, »Teufel hinein, das wollen wir doch sehen! Wirt! Wenn am nächsten Sonnabend Schlag sieben nicht alles bereit ist, so raucht am Sonntage dahier eine Brandstatt!« Peter zuckte die Achseln. Die Straße heran kam ein bayrischer Briefbote, er ging auf den Wirt los, schlug seine Ledertasche auf und zog ein Schreiben hervor: »An Herrn Peter Mayr, Wirt an der Mahr bei Brixen.« Peter, als er den Brief in Empfang nahm, deutete finster auf das erbrochene und ungeschickt wieder verklebte Siegel. Der Bote schupfte eine Schulter. »Zu gratulieren ist,« sagte er, »und ich bekomme zwei Groschen.« »Wofür? Der Brief ist ja in seinem Aufgabeorte Bozen bezahlt worden.« »Ich bekomme zwei Groschen!« wiederholte der Bote. Peter warf ihm zwei bayrische Groschen zu und kehrte sich ab. Der Briefbote haschte nach dem Gelde, prüfte es auf seine Echtheit und trottete seines Weges. Der Hauptmann stand auf. »Will doch wissen, was der Herr Tiroler für Correspondenzen hat!« Mit diesen Worten riß er dem Wirte das Schreiben aus der Hand. Peter wollte sich wehren, sie stießen ihn zurück und erklärten sich, »in Ansehung der häufig vorkommenden heimlichen Umtriebe« für ermächtigt, Privatbriefe aufzufangen. »Ein Geschäftsbrief ist es in der That nicht,« sagte der Hauptmann, als er das Papier entfaltet hatte. Rasch durchflog er das Schreiben. »Sippschaften. Eine Heiratsgeschichte,« murmelte er in wegwerfendem Tone und das Papier flatterte seinem Eigenthümer zu. Peter ging in das Haus, in die obere Stube, dort las er den Brief. Dabei wurde es auf seinem finstern Gesichte seltsam licht und als er zu Ende gelesen, aufmerksam manche Stellen sogar wiederholt hatte, sagte er schmunzelnd vor sich hin: »Der Brief ist mehr als zwei Groschen wert.« »Hast du eine Neuigkeit, Peter?« fragte Frau Notburga, die an der Wäschlade beschäftigt war. »Du sollst bald davon hören,« antwortete Peter, »jetzt muß ich eilends fort nach Brixen. Sollte der Griesacher kommen, oder der Eisenstecken, oder von den andern einer, so sage, beim Kreuzwirt zu Brixen können sie mich finden. Sollte ich heute nicht nach Hause kommen, so paß auf, daß mit Licht niemand in den Keller geht; du weißt, wo das Pulverfaß vergraben ist. Du wirst alles erfahren.« Seine Erregung war nicht gering, doch als er zur Thür hinausgetreten war, schritt er mit seinen gewohnten großen Schritten gelassen dahin. An der Eisackbrücke begegnete ihm schon der Knecht des Kreuzwirtes zu Brixen mit der Botschaft, der Mahrwirt möge eilends kommen, die Männer seien versammelt. Sie waren versammelt beim Kreuzwirt in der Geschirrkammer des Pferdestalles. Sie hatten schon Wind von dem Briefe des Mahrwirtes, der Kreuzwirt hatte aus Bozen nur die wenigen Worte empfangen: »Näheres beim Mayr, der die Hochzeitsanzeige gleichzeitig empfangen wird.« Das Schreiben, welches Peter Mayr erhalten, war aus Oesterreich, adressiert an den Kaffeesieder Nessing in Bozen, wohl sehr verspätet dorthin gelangt und dann vervielfältigt weiter geschickt, in die Thäler des südlichen Tirols. Der Brief lautete also: »Lieber Herr Vetter! Doch endlich einmal hat sich der Liebhaber entschlossen, in Kürze seine Braut abzuholen. Gestern ging ich zu ihm mit dem betrübten Schreiben der Braut. Er sprang mir freudig entgegen und fragte, ob der Brautvater nicht hier sei. Nein, sagte ich, und gab ihm den Brief. Er las und schüttelte wild den Kopf. Was kann ich dafür, sagte er, daß ich die Erlaubnis zu heiraten bisher nicht erhalten habe! Desto besser wird sich die Braut nach so langem Dulden und Schmachten auf ihre Erlösung freuen. Der Bräutigam ersuchte mich also, dem Vater der Braut sogleich zu schreiben und ihn samt seinen lieben Brüdern im Etschland, im Eisackthal, auch die vom Innthal zu verständigen. Herr Vetter, mach deine Sache gut, bereite die Gäste zur Hochzeit. Dein Kuppelpelz ist schon in der Arbeit. Es ist die höchste Zeit. Der Bräutigam wird in kurzem nach Grätz gehen, seine Kleinodien zusammenrichten und nachher seine Braut abholen. Auch seine Leute wird er mitbringen. Näheres kann der Brautvater, der Bärtige, in Klagenfurt auf der Post erfahren. Nur so schleunig als möglich und alle verständigen, daß sie ihr Tanz-Gewand herrichten. Aufkündung von der Kanzel schon in den nächsten Tagen. Neues gibt es hier gar nichts, als daß die Spanier geschlagen sein sollen. Die Franzosen sind doch brave, wackere Krieger. Gott gebe unserm Brautpaar Glück und Segen. Der Frau Muhme, dem Brautvater, dem Jäger-Peter und allen einen schöne»Gruß. Der Jäger-Peter wird Brautführer sein. In Brüderlichkeit Joseph Steger. Villach. Im Erntemonat 1809.«   Als dieses Schreiben vorgelesen war, atmeten die Männer auf. Sie hatten es erwartet und verstanden. – Und solchen Brief hatte vor, dem Mahrwirtshause drüben der bayrische Offizier gelesen. Wenn dieser hätte wissen können, was das Schreiben bedeutet! Die Braut war das Volk von Tirol; der Bräutigam war Erzherzog Johann Von Oesterreich: »seine Leute«, das waren die österreichischen Truppen; der Brautvater, der Bärtige, war Hofer der Sandwirt von Passeier; das Hochzeitsgewand war die Rüstung; das Aufkünden von der Kanzel war die Angriffsordre; die Hochzeit war der Sieg gegen die Bayern und Franzosen; die lieben Brüder im Etschland, im Eisack- und Innthal waren die Anführer, und der Jäger-Peter endlich war Peter Mayr, der Wirt an der Mahr. Sippschaften! hatte der Bayer gesagt. Zu gratulieren sei und er bekomme zwei Groschen! hatte der Briefbote gehöhnt. Wenn Zeit zum Lachen gewesen wäre, so hätten die Männer jetzt gelacht. Sie blieben ernst, doch alle waren in einer festlichen Stimmung. Obzwar seit Wochen alles insgeheim verständigt worden, waren sie doch nicht sicher gewesen darüber, ob Oesterreich mithalte. Jetzt wußten sie's. Peter steckte den Brief zu sich und sagte: »Ich bin bereit. In der Muhrschlucht sind dreihundert Gewehre versteckt. Pulver und Blei ist an unterschiedlichen Orten verteilt; für den Anfang finden wir genug in der kluftigen Wand bei den obern Stockhütten. Im ganzen Eisackthal von Sterzing bis Bozen wartet man stündlich auf das Zeichen. Mit den Etschthalern und Vintschgauern wird der Sandwirt ausrücken.« »Der Sandwirt geht morgen über den Jaufen,« wußte der Kreuzwirt von Brixen zu berichten. »Es geht vor und hinter dem Brenner gleichzeitig los.« »Wenn nur auch die Pusterthaler fertig sind,« gab der Griesacher aus Sarns zu bedenken. »Die gehen alleweil nur auf Wallfahrten um.« »Durchs Pusterthal kommen ja die Oesterreicher.« versetzte der Kreuzwirt, »die werden die Wallfahrerscharen schon mitnehmen.« »Ich dank' schön für Kameraden, die anstatt mit dem Stutzen mit der Beten fechten wollen,« sagte der Griesacher. »Die Pusterthaler wollen alles mit der Bittfahrt ausrichten.« »Mit dem Beten allein richtet man nichts und mit dem Stutzen allein auch nichts,« sagte Peter. Die Heiligen Gottes und die Tiroler müssen zusammenhalten.« Jetzt entstand drin im Hause Lärm und der Kreuzwirt wurde gerufen. Bald stand dieser in der Schenkstube bei fluchenden Bayern und polternden Tirolern. Es war schon dunkel geworden und der Wirt that, als ob er nur gekommen wäre, die Talgkerze anzuzünden. Streit war ausgebrochen. »Wenn ein bayrischer Freimaurer auf der Kanzel steht, da geh' ich nit in die Kirche,« hatte ein Bauer gerufen, »und von Bütteln lass' ich mich nit hineintreiben!« Darauf der Meßner von Sankt Jakob: »Wenn sie unsern Pfarrer umgebracht haben, nachher! nachher!« Er hob die geballten Fäuste. Einer der bayrischen Soldaten faßte ihn am Arm und fragte: »Was nachher? – Mein lieber Kirchenknecht, du wirst morgen die blau-weiße Fahne auf deinen Kirchturm stecken!« »Ich? den bayrischen Fetzen?« begehrte der Meßner auf. »Bei den heiligen vierzig Märtyrern, eher setze ich den rothen Hahn aufs Dach.« »Das sage ich auch,« rief ein Holzknecht drein, »lieber niederbrennen unsre eigenen Kirchen, als den Antichrist hereinlassen!« Der Soldat riß den Meßner beim Rockkragen nach rückwärts: »He, du wirst morgen die blau-weiße Fahne auf den Turm stecken. Wir machen kurzen Prozeß mit den Rebellen, merk dir das!« »Erschießts mich!« darauf der Meßner, »erschießts mich mit der Kugel, dann könnt ihr mir die bayrische Fahne ins Loch stecken.« »Meßner,« legte sich ein andrer ins Mittel, den sie den Maiser nannten, »warum willst du die blau-weiße Fahne nicht auf den Turm stecken? Der Schlampen färbt ja bald ab. Ein tüchtiger Regenguß, und was blau ist, wird schwarz, und was weiß ist wird gelb – da hast wieder die österreichischen Farben.« Die Tiroler lachten, der Soldat aber schrieb den Maiser in sein Taschenbuch. »Maiser,« lachte ein halberwachsener Bursche, »schau, was der Spitzel-Spatzel thut! Du wirst schon vorgemerkt für den Galgen.« Ueber derlei Spott und Hänseleien waren die anwesenden Bayern ergrimmt worden; sie griffen an die Waffen, die Tiroler an die Stühle, daß schon die Balken krachten. Da kam der Kreuzwirt herbei und bald schaffte er insoweit Ruhe, daß man seine Worte hören konnte. Diese Worte waren ganz gemütlich. »Immer streiten und immer streiten!« sagte er, »Leute, ihr seid nicht gescheit. Wollen wir denn nicht lieber vertraglich miteinander leben, wie uns Gott zusammengethan hat? Was Bayer, was Tiroler! Landsleute sind wir alle miteinander, zusammenhalten wollen wir, nachher sollen sie nur kommen, die andern!« Darob grollten etliche Bauern, wurden aber dafür von Nebenstehenden heimlich auf die Zehen getreten. »Ich frage euch nur,« fuhr der Kreuzwirt fort, »was euch jetzt nicht recht ist? Frieden haben wir, Ordnung haben wir, Geld haben wir. Besser ist es uns nie ergangen, als jetzt. Fehlt uns nur die liebe Eintracht und die wollen wir heute bei einem Fassel Wein aufwecken.« »Wacker!« riefen die Bayern und alles löste sich in Fröhlichkeit. Peter, der an der Thür gestanden war, ging mißmutig hinaus und sagte zum Griesacher: »Er geht zu weit. Eine solche Komödie ist mir zu dumm.« »Mahrwirt,« versetzte der Griesacher, »das ist sehr gescheit und die Franzosen nennen es Diplomatie.« »Wir brauchen keine Diplomatie, wir haben unsre Fäuste und das langweilige Umziehen steht mir nicht an.« Noch an demselben Abende sollte der Augenblick kommen, in welchem die Tiroler ihre »Diplomatie« wegwerfen konnten. Zur Stunde war's, als die Leute auf dem Marktplatze versammelt waren, um vor den heiligen Standbildern das Ave Maria zu beten, als die Straße heran ein Reiter gesprengt kam. Vor dem Kreuzwirtshause sprang er vom Pferde, fragte nach dem Peter Mayr, Wirt an der Mahr, und als er sich versichert hatte, daß er vor diesem stand, überreichte er ihm einen Brief. »Wer bist?« fragte Peter. »Unser sind viele ausgeschickt.« »Von wem? »Vom Sandwirt. – 's ist Zeit!« Wenige Minuten später stand jemand an den steinernen Stufen des Marktbrunnens und hielt eine lodernde Fackel, deren rötlicher Rauch leuchtend aufflog in die Nacht. Und ein andrer las vor der zusammenströmenden Menge mit heller Stimme folgenden Aufruf: »Herzliebste Tiroler! Die Zeit der Erlösung ist da. Wir erheben uns gegen den Feind. Die Fremden haben unsre Freiheit vernichtet, unsre heiligsten Rechte mit Füßen getreten. Wir streiten für unsern Herrgott, für unsern Kaiser Franz, für unser Vaterland Tirol. Unser Vaterland ist alles wert. Alles was Waffen tragen kann, soll gehen. So wie unser Herr Jesus das Blut vergossen hat, so wollen auch wir es geben, wenn's sein muß, bis auf den letzten Tropfen. Mit der Hilf des allerheiligsten Herzens Jesu und der Fürbitte der Mutter Gottes Maria, morgen geht's los in allen Thälern. Wir werden siegen oder sterben, ein andres gibt's nimmer. Im Namen Gottes! Andre Hofer, Sandwirt zu Passeier.« Auf dem Marktplatze zu Brixen erhob sich ein jauchzender Aufruhr. Junge Bursche begannen hell zu jodeln, graubärtige Männer umarmten sich, Weiber küßten einander auf die Wangen, als wäre ein unerhörtes Glück geschehen. Bald marschierten Soldatenkolonnen heran. Kommandierende riefen, das Volk möge sich zerstreuen! Aber es wuchs an von Minute zu Minute. Zahlreiche Pechlunten flackerten über den Köpfen der wogenden Menge und in ihrem Schein sah man die Spieße, Beile, Flinten und andern Werkzeuge, mit denen das Volk auf einmal bewaffnet war. Ein Hauptmann hoch zu Roß kommandierte Feuer, in demselben Augenblicke fielen aus mehreren Fenstern Schüsse, der Hauptmann stürzte vom Pferd und die Soldaten machten kehrt gegen das untere Stadtthor in der Absicht, dort sich mit Hilfstruppen zu verbinden und den Aufruhr regelrecht niederzuwerfen. Auf allen Türmen läuteten die Glocken. Das Gewoge in den Straßen war voller Jubel, aus allen Häusern und Hütten drängten bewaffnete Bürger, auf allen Straßen eilten Rotten der Bauern, von allen Bergen, aus allen Schluchten kamen sie herab, derbe zornige Männer, wilde Gestalten darunter, mancher in finsterm Grimm, mancher auch in heiterm Sange. Allenthalben rollten Wägen. Ein dumpfes Tosen ging durch das ganze weite Thal. Der Kreuzwirt rief seine Knechte und befahl ihnen: »Gehet eilends hinauf auf den Kuhkogel, auf den Angerberg, auf den Nock, auf den Plossen und zündet die Holzhaufen an.« Als es auf dem Domturm zu Brixen Mitternacht schlug, kaum gehört in der brandenden Menschenmenge, gingen über den Höhen der Gebirge in Ost und in West, in Süd und in Nord Sterne auf, die kein Himmelskundiger noch verzeichnet hatte. In stiller rotgoldener Glut leuchteten sie bald matter, bald heller. Und zur selben Zeit schlugen auch in den Nebenthälern und Hochthälern die Sturmglocken an und es begann ein seltsamer Tanz im Lande Tirol. Ich muß heim nach Tirol! In dieser Nacht fuhr den Kuntersweg von Bozen herauf ein ächzender Lastwagen. Er war mit drei schweren Pferden bespannt; der blaukittelige Fuhrmann ging in seinen hohen staubigen Stiefeln schwerfällig nebenher und knallte mit der Peitsche. Im Wagen waren große, vollgerüttelte Säcke übereinander geschichtet und auf einem derselben, unter dem Rohrdache saß ein noch junger Mann in priesterlicher Kleidung. Als die Sonne aufging, waren sie in Klausen. Bei Klausen am Schlagbaum hielt das Fuhrwerk an und der bayrische Mautner rief dem Fuhrmann zu: »Was führst?« »Korn,« antwortete der Fuhrmann. Der Mautner hob den Straßenzins ein, dabei fragte er ganz gutmütig: »Kannst mir nicht sagen, Fuhrmann, was sie denn heute so läuten überall, schon seit aller Herrgottsfrüh?« Der Blaukittel zog sein breites, sonnengebräuntes Gesicht noch mehr in die Breite und gab zur Antwort: »Was sie so läuten? Ja, weil ein großes Fest kommt. Weil, die Weihnachtsmette nicht mehr erlaubt ist, so haben die Tiroler das Fest auf den Sommer verlegt.« »Aha, der Napoleontag wird gefeiert.« »Der Napoleontag, wird schon so sein,« sagte der Fuhrmann. »Und heut geht die Oktav ein.« »Und deswegen, meinst, thun sie überall so läuten?« »Freilich, deswegen thun sie so läuten.« »Dank schön.« »Gern geschehen. – Hia, Braune!« »Laß rasten noch,« sagte der Mautner und griff prüfend an den strotzenden Säcken herum. »Hast alles Korn?« »Alles Korn.« »Sag' mir, Fuhrmann, warum heute der Eisack lauter so Sachen daherträgt. Strohbüschel, Bretter, Baumwipfel und ganz kalkig ist das Wasser stellenweise. Und Sägmehl, so viel Sägmehl! Schau nur, Mensch!« Er deutete nach dem Fluß, der in der Tiefe rauschte. »Es muß im Gebirg ein Gewitter niedergegangen sein über Nacht,« antwortete der Fuhrmann. »Darauf schwemmt's immer so allerhand daher.« »Himmel Herrgott, was ist denn das ?« rief der Mautner und wies mit beiden Zeigefingern ins Wasser hinab, wo auf einem vorbeischwimmenden Balken ein rotes Fähnlein stak. Der Fuhrmann schaute drein und sagte: »Könnt mir's nit denken. Das ist merkwürdig. So ein Kinderspielzeug wird's halt sein.« »Kann auch sein,« gab der Mautner bei. »Ist so.« »Dank schön.« »Gern geschehen. – Hia!« Der Mauteinnehmer ließ aber immer noch nicht weiterfahren. »Thut's denn gar so eilen?« fragte er. »Das gerade nit,« entgegnete der Fuhrmann. »Kann ja noch lassen rasten. Versäume nichts.« »Fuhrmann, was hast denn im Wagen unterhalb drin?« »Lauter Korn. Aus dem Welschen.« »Hast nichts gehört, auf dem Ritten sollen Häuser abgebrannt sein in dieser Nacht.« »Was du nit sagst, Mautner!« »Man hat vom Thal aus das Feuer gesehen.« »Die Sakra geben mit dem neumodischen Schwefelzeug nit acht!« knurrte der Fuhrmann. »Alle Augenblick hört man von einer Feuersbrunst, seit diese verdammte Schwefelzunde aufgekommen ist.« »Aus Unvorsichtigkeit?« »Nicht anders.« »Dank schön.« »Gern geschehen. – Hia!« So bewegte sich das Fuhrwerk endlich weiter. Nach einer Weile schaute der Fuhrmann um und da der Schlagbaum schon außer Sicht war, sagte er zu dem Geistlichen, der auf den Bündeln saß: »Da bei dieser Maut sind mir die Grausbirn' aufgestiegen, du verschwefelt noch einmal! Dreimal hat er gefragt, was ich in den Säcken führe. Und das Herumgreifen! Hab' schon gemeint, er reißt mir einen auf.« »Hast ihn ein bißchen belogen?« fragte der Priester. »Ah beileib, wer wird denn lügen! Korn hab' ich in den Säcken.« »Nun also!« »Aber –,« der Fuhrmann neigte sich flüsternd zum andern hin, »aber zweierlei Korn. In den großen Säcken Weizenkorn. Und mitten in jedem großen Sack ist ein kleiner, und da habe ich Salpeterkorn drin.« »Pulver!« »Bleib' nur sitzen, junger Heiliger, es geschieht dir nichts. Kannst sogar Tabak rauchen, wenn du willst, es greift nichts durch.« »Wohin fährst du denn mit dem Pulverturm?« »Auf die Mahr, zum Wirt.« »So laß mich nur sitzen, ich habe einen weiten Weg hinter mir und will auch zum Mahrwirt.« »Hab' mir's wohl gedacht,« sagte der Fuhrmann. »Du bist ja der Augustin, der Wirtin ein Bruder.« »Also kennst du mich?« »O Hergottswetter, und glaubst du denn, ich wollte dir sonst meinen Pulverturm auf die Nase binden?« Nun da verstanden sie sich. Der Verkehr auf dieser Straße war heute auffallend gering: ein paar träge Kutschen, ein paar Soldatenwagen mit fluchenden Blauhosen, ein Viehtrieb, sonst begegnete ihnen auf langer Strecke nichts. Bauernfuhrwerke mangelten fast gänzlich, die Höfe und Dörfer des Thales waren wie ausgestorben, um so lebhafter regte es sich auf den Feldwegen, in den Seitenthälern und auf den Gebirgssteigen. Das scharfe Auge des Fuhrmannes merkte es wohl und mit vor innerer Gier zitternder Stimme sagte er zum Priester: »Auf diesen Tanz habe ich mich schon lange gefreut. Endlich spielen sie auf!« Gegen Mittag kam das Kornfuhrwerk an die Mahr. Vor dem Wirtshause wollte es halten, da rief die Wirtin zur Thür heraus: Ihr Mann sei nicht daheim und er lasse sagen, das Korn sei nach Mühlbach zu fahren. Der Priester stieg hier vom Wagen und fragte: »Was bin ich schuldig fürs Mitfahren?« »Ein Vaterunser bete einmal für mich,« antwortete der Fuhrmann, knallte mit der Peitsche und das Gefährte ächzte weiter. Die Wirthin stand noch an der Thür, legte ihre flache Hand über die Augen und schaute auf den Fremden her, der abgestiegen war und nun mit langsamen Schritten dem Hause nahte. »Jesu Christi, der Augustin!« rief sie plötzlich, stand aber wie festgebannt an der Schwelle. »Gott grüße dich, Schwester!« Mit diesen Worten trat er an sie hin und gab ihr ruhig die Hand. »Heißt das in Padua sein?« rief sie fast lustig. »Oder hat der Bonaparte auch dein Kloster aufgehoben?« »Er hat es nicht aufgehoben,« versetzte der junge Priester, »aber Schwester, es ist kein Bleiben in der Fremde bei dieser Zeit. Wie könnte man im Chorstuhle sitzen und Psalmen singen, wenn es daheim so zugeht! Mir hat's keine Ruhe mehr gelassen, ich bin da. Wo ist der Peter?« »O Augustin,« sagte Frau Notburga, »seit gestern abends ist alles auf. – Komm doch nur mit ins Haus.« Sie führte ihn die Treppe hinauf in die Familienstube. »Kinder!« schrie sie in den Hof hinab, »kommt eilends her, der geweihte Vetter ist da!« Der kleine Hans war eben im Stalle, hatte sein weißes Lieblingslamm auf den Armen und fand jetzt gar nicht Zeit, es wegzuthun; so kam er mit dem Thiere hinauf. Er hatte das Lämmlein zuerst von Gott und dann noch von seinem Vater geschenkt bekommen und das sollte nun auch sehen, was es mit dem geweihten Vetter ist. Das Marianele war vom Garten hereingekommen und hatte eine Birne in der Hand, an deren Scharte man ihre Zähnlein merkte; mit ihren großen sanften Augen sah sie den schönen Geistlichen an, der in seinem schwarzen und weißen Gewande, mit dem braunen kurzgeschnittenen Haar und dem feinen Gesichte, in welchem gar kein Bart war, so schlank und freundlich vor dem kleinen Mägdlein stand. Sie spitzte schon den roten Mund, um ihm die Hand zu küssen, aber er legte ihr seine weiche Hand auf das Köpfchen. Das Peterlein strampelte im Bette, ballte die kleine Faust, aber nicht, um den Bonaparte damit zu zermalmen, sondern um mit den paar weißen Zähnlein hineinzubeißen. »Drei habe ich ihrer schon,« gestand die Mutter, »gib ihnen den Segen, Bruder, und ein bissel einen,« setzte sie leise bei, »spare auch auf das vierte.« »Gott mit uns allen! Wenn sie nur schon groß wären!« sprach der Priester, indem er seine Ledertasche auf die Bank warf, »und jetzt, Notburga, kannst du mir was zu essen bringen. Seit Bozen her habe ich nicht mehr gebettelt.« Da kann für die Hausfrau keine größere Freunde sein als solch einen Gast zu bewirten. Nachdem er sich tapfer gestärkt hatte, stellte Frau Notburga sich vor ihn hin, schaute ihn an vom Kopf bis zum Fuß und sagte: »Na wahrlich, da hätte ich eher vermeint, die Steinwand stürzt nieder auf unser Haus, als daß du heute sitzen solltest an diesem Tisch. Ja, wie kann denn das sein?« »Mich däucht, Schwester, du nimmst es für ein Unglück.« »Wie kannst du so reden, Augustin! Ich kann's nur gar nicht glauben. Daß du am Ende nicht durchgegangen bist!« »Das bin ich nicht, Schwester, aber wenn ich's wäre, jetzt würde ich es verantworten,« sagte Augustin. »Unser Vater selber, wenn er noch am Leben wäre, hätte mich gerufen. Ja, es ist anders gekommen, als wir alle gedacht haben. Man ist ja so kindisch, solange man noch nichts weiß. Kannst du dich erinnern, Notburga, wie ich am Tage meiner Priesterweihe gesagt habe: ›Ich will von dieser schnöden Welt nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Ich will auch nicht stehen zur streitenden Kirche, ich will nur leiden mit der leidenden und einst selig sein mit der triumphierenden. Ganz eitel ist die Welt, ich will den Frieden Gottes haben und ich fliehe in eine klösterliche Statt, um ganz bei meinem Gott zu sein‹ – Ich weiß es noch recht gut, wie auf solche Worte dein Peter den Kopf geschüttelt und gesagt hat: ›Es wäre alles recht, Augustin, wenn du nicht schon heute so redetest, sondern erst nach vierzig Jahren‹.« »Du bist schon als Kind immer so gewesen,« versetzte Frau Notburga, »so traumhaftig, so weltscheu, so absonderlich.« »Mein Verlangen war, los zu sein von allen irdischen. Banden,« fuhr er fort, gleichsam als wollte er das Vergangene rechtfertigen, oder auch nur entschuldigen. »Daß ich Eltern und Geschwister so lieb gehabt, ist mir vorgekommen wie eine Sünde; wenn solche Ketten sind und um ein junges Menschenherz auch noch leicht andre geschlungen werden können, da kann kein Leben in Gott sein. Also habe ich den Rat eines geistlichen Seelenfreundes befolgt, habe mich losgerissen von der Heimat und in der Fremde, im welschen Lande, meinen Leib willig hingetragen in die Klostermauern des heiligen Antonius, um ihn dort zu begraben. Und ich habe es nicht bereut, Schwester, glaube mir das. Ich bin nicht unglücklich gewesen die drei Jahre her. Ich habe Stunden genossen im Kloster, die voll himmlischer Seligkeit waren. Wenn aus der Ferne manchmal ein schwacher Hall hereindrang in die stillen Mauern, ein Hall des Jammers der Welt, da bin ich mir des heiligen Asyls so recht bewußt geworden und mir ist gewesen, als gehörte ich nicht mehr zu den Sterblichen, sondern vielmehr schon zu den Seligen. Nicht sagen kann ich dir's, meine Schwester, wie süß es ist, im Reiche Gottes zu leben.« »Und je mehr du so redest, desto weniger kann ich es begreifen, daß du da bist,« so die Schwester. »Dann sind Nachrichten gekommen,« fuhr Bruder Augustin fort, »die nicht mehr wie ein schwacher Hall verwehen wollten, die wie ein heißer Schrei durch die Mauern kamen und mich weckten wie Posaunenschall. Das Heimatland ist erniedrigt! Dein Volk daheim greift zornig zu den Waffen, um seine uralten Rechte wieder zu erobern! – Jetzt empfand ich, wie mein irdischer Leib lebendig wurde und eine Stimme rief in mir laut und lauter mit jedem Tag: Heim geh! Bei der Vesper rief sie es, am Altare rief sie es: Heim mußt du! – Immer nach Berichten aus Tirol horchte ich aus und immer beunruhigender wurden die Nachrichten. Und eines Tages, als ich bei der Messe die Hostie emporhob, da hörte ich von dieser Hostie deutlich das Wort: Augustin, gehe heim! – Jetzt war kein Halten mehr, niedergekniet bin ich vor dem Prior: »Ich kann nicht anders, ich muß Heim nach Tirol!« Der Prior legte mir die Hand aufs Haupt: »So gehe, mein Sohn. Du bist jung, du gehörst in die streitende Kirche und wirst in derselben Gott und dem heiligen Glauben dienen. Und einst, wenn du müde, bist, sollst du ja wieder kommen.«– Also bin ich da. Wieder daheim! Ich weiß nicht, wie mir zu Mute ist. Und nun will ich wissen, wo ist dein Mann?« »Bei der Gewehrvertheilung in der Muhrschlucht.« »Ich will auch ein Gewehr haben.« »Draußen in der Scheune unter dem Dach versteckt sind noch zwei Stutzen. Nimm einen. Willst auch ein andres Gewand?« »Nur Hut und Schuhe; ganz will ich meinen Stand nicht ausziehen.« Kaum zwei Stunden war der Klosterbruder im Tirolerhause, und schon stand er gerüstet zum Kampf. Nun fiel Frau Notburga ihm um den Hals, umarmte ihn, herzte ihn und lachend, weinend sagte sie es: »August! So gern wie jetzt habe ich dich noch nie gehabt. Daß du uns nicht verlassen hast in der Not! – Aber früher mußt du dich ausruhen. Wenn's dunkel wird, dann gehe ihnen nach. An der Mühlbacherschlucht werden sie sich festsetzen.« »Daß man keine Soldaten sieht, wundert mich,« sagte Bruder Augustin, zum Fenster hinausschauend. »In der Nacht sind sie abmarschirt, um sich mit den bayrischen und französischen Truppen bei Bruneck und Sterzing zu vereinen. Sie werden nicht lange ausbleiben und ihr werdet sie früh genug sehen. Langweilig wird euch nicht werden. Aber du armer Mensch, wie sollst denn du, fechten? Hast dein Lebtag kein Schußgewehr in der Hand gehabt.« »So will ich ein Schwert nehmen,« antwortete er. »In solcher Zeit kann's jeder.« »Gottswillkomm noch einmal daheim! Und jetzt geh ein wenig rasten!« Als Augustin zur kurzen Ruhe sich in die Kammer zurückziehen wollte, kam die junge Stallmagd Hanai herangeschlichen. Zuerst küßte sie an dem Geistlichen den Zipfel des Rocks, dann die Hand und endlich rückte sie heraus, sie hätte eine schöne Bitte. Die heimische Geistlichkeit sei alle verjagt, darum komme sie zu ihm; wenn er gleichwohl noch jung sei, das werde er doch können. Sie habe nämlich etwas weihen zu lassen. »So bringe es nur her,« sagte Augustin, der an ein. Heiligenbild oder an einen Rosenkranz dachte. »Ich werde es schon segnen.« Hanai eilte hinweg und kam in sehr kurzer Zeit mit einer schweren dreispießigen Stallgabel zurück. »Was soll das, was willst denn damit?« fragte der Priester. »Franzosen erstechen. Und ich bitt' dich gar schön, geistlicher Herr, thu' mir sie weihen.« Dabei stellte sich die Magd stramm hin wie ein Soldat und stemmte den Stiel auf den Boden, daß die drei Spießen himmelwärts standen. Der Priester faltete die Hände, sprach ein lateinisches Gebet und setzte deutsch die Worte dazu: »Also sei gesegnet diese Waffe, daß sie Kraft habe gegen den Feind Gottes und Tirols, im Namen der allerheiligsten Dreieinigkeit!« »Amen!« sagte die Magd. »Vergelt's Gott, geistlicher Herr, jetzt will ich damit schon was Nutzes verrichten.« Damit schwang sie die Gabel auf die Achsel und machte kehrt. Und weil wir schon wieder bei der Hanai sind, so ist zu erzählen,, wie sie bald darauf zur Wirtin in die Küche kam und sie bat, einen Rest vom Mittagsmahle hinaustragen zu dürfen zu den Kastanien; dort draußen sei ein Armer, der schon länger als einen Tag nichts zu essen gehabt habe. »So trage ihm hinaus, was da ist,« gestattete Frau Notburga. Und die Magd nahm den Handkorb, that ein Stück Rauchfleisch hinein, einen Teller Kraut, eine große Schnitte Brot und auf Geheiß der Wirtin auch eine kleine Flasche Rotwein. Solches Mahl trug sie hinaus zu den Kastanien. Dort im Grase saß der schwarzbraune Tonele und rieb mit einem Lappen und feinem Sande das Rohr eines Gewehres. Als er die Hanai nahen sah, hub er an zu jodeln, und als er sah, was sie brachte, that er einen schallenden Juchschrei. Die Magd stürzte auf ihn hin, hielt ihm mit flacher Hand den Mund zu: »Soldaten sind in der Nähe. Was thust denn da?« »Den Stutzen thu ich schön machen.« »Lapp! Dem kannst du die Seel' herausreiben, so wird er nit glänzend.« »Nit?« entgegnete der Tonele, »wenn er nit glänzt, alsdann mag ich ihn nit. Die bayrischen Gewehre funkeln ja auch so schön.« »Der Tiroler braucht seinen Stutzen zum Schießen und nit zum Prahlen. Da hast was zu essen.« »Durst habe ich« sagte der Bursche und langte nach der Weinflasche. »Wenn du gleich nur trinken willst, da wirst nit gut treffen, da wirst den Feind alleweil doppelt sehen.« »Einen davon werde ich doch treffen,« meinte der Tonele. »Wird mich g'freuen.« »Willst wissen, daß ich treffe!« rief der Bursche, legte den Gewehrschafft an die Wange und zielte nach einem Geier, der wie ein Silberblättchen hoch im blauen Himmel kreiste. Sie riß ihm zornig die Waffe aus der Hand. »Du wirst mit deinen Thorheiten noch alles verderben. Warte doch, bis ihr bei einander seid. Willst denn heute noch gehenkt sein?« Er schüttelte den Kopf, dann setzte er sich ruhig hin und begann zu essen, wobei er Messer und Gabel verschmähte, hingegen aber die Finger und die Zähne vortrefflich zu nützen verstand. Die Hanai saß neben ihm und schaute zu, aber sie sagte nichts, wie wohl ihr's that, daß es ihm so mundete. Wenn man so etwas messen könnte: sie hatte an seinem Essen gewiß einen größeren Genuß, als er selbst; er stillte sich nur den Hunger, sie stillte sich das Mitleid. Und als er sich gesättigt hatte, wischte er mit den Hemdärmeln die Lippen ab, schüttelte die schwarzen Mähnen, schaute mit seinen frischen freundlichen, ein wenig zwinkernden Augen auf die Magd und sagte: »Hanai, jetzt weiß ich was. Jetzt, damit du einen großen Respekt vor mir bekommst, erzähle ich dir meine Lebensgeschichte.« »Freilich, just so!« entgegnete sie, »jetzt hätten wir Zeit für solche Narrheiten. Deine Lebensgeschichte kannst erzählen, wenn du alt bist. In der Jungheit hat der Mensch was anders zu thun.« »Du Hanai, das ist wahr!« sagte der Bursche ganz leise und streckte die Arme aus, um ihren Nacken zu umschlingen. »Na, wart' noch ein bissel!« sagte sie, packte das Geschirr zusammen und ging gegen das Haus. Der Tonele blieb sitzen. Allmählich sank sein Oberkörper aufs Gras hin, das Gesicht gähnend gegen die Kronen der Kastanienbäume gerichtet sang er gedämpften Tones das folgende Klagelied: »'s gibt ka Kurzweil nimmer, 's is a dumme Welt, Na, der neue Brauch, der g'fallt ma nit. Singen soll ma nit, Schießen soll ma nit, Dirndel busseln soll ma nit.« Wo ist der Hans? Ein unheimlicher Tag war das gewesen. So lärmend die vorhergehende Nacht verlaufen, so schweigend verging der Tag. Zu Brixen waren alle Aemter geschlossen und nirgends zeigte sich ein Kanzleimensch. Nur ein dicker gemütlicher Gerichtsdiener saß auf der Bank vor seiner Wohnung und sagte zu jedem, der vorüberging: »Nun also, jetzt wären wir halt wieder alttirolisch! Mir ist's auch recht.« Das Thal war fast menschenleer. Merkwürdigerweise hatte sich alles in die Wälder verzogen; mancher Fremde horchte von seinem Verstecke aus, ob in den Wäldern nicht schon das Schießen angehe. Am Abende, als die Dämmerstunde kam, war in der ganzen Gegend kein Hausthor offen. In vielen Höfen waren die Eingänge schwer verrammelt, sogar die Fenster mit Latten und Balken vernagelt, und doch schien kein Mensch in den Häusern zu sein. Die nicht fortgegangen waren, hatten sich wohl gar in die hintersten Gelasse, in die Dachwinkel oder in die Keller versteckt. Die Hunde waren von ihren Ketten losgelassen, die Herden, sowie Kinder und zaghafte Weiber auf die Almen gejagt worden. Auch das Wirtshaus an der Mahr war zeitlich geschlossen worden; es meldeten sich doch keine Gäste mehr und die wenigen, die auf der Straße waren, eilten hastig vorüber. Das Unheimlichste war fast noch, daß nirgends Soldaten oder bayrische Patrouillen zu sehen waren. Leute, die von der Gegend des Inn kamen, wußten aber zu erzählen, daß große Truppen sich gegen die Klemme und gegen den Brenner vorschoben. Als es schon finster war, sprang rückwärts von der Felswand her der Mahrwirt und huschte vom Stalle aus durch ein Thürchen ins Haus. Er kam, um, wie er sagte, sein Schußgewehr zu holen. »Wie steht's?« fragte ihn sein Weib. »Es steht gar nicht mehr, es geht schon,« antwortete Peter. »Da oben an der Wand kannst du das Schießen hören von der Eisackschlucht her. Hinter Mittewald arbeiten sie schon. Auf dem Sterzinger Moos geht's auch um, dort steht der Sandwirt mit den Passeiern und Etschthalern. Und Franzosen überall, als ob sie aus der Erde wachsen thäten. In der Nacht soll ein ganzes Regiment durchgezogen sein, vom Etschthal her. Mit Kanonen. Es kann lustig werden. Die Brixenthaler stehen fest, die Grödner sind auch schon da, und die Fleimser, und die vom untern Pusterthal. Man möcht's nicht glauben, wie viel es Männerleut' gibt im Gebirg. Wir stehen an der Mühlbacher Klause, daß wir den Einmarsch der Kaiserlichen decken. Sie müssen bald da sein. Den ganzen Tag haben wir müssen zurückhalten, die Leute können's schon nimmer erwarten. Ah, diese frische Luft, wie sie wohl thut! Gottlob, Gottlob!« »Die heilige Jungfrau Maria möcht euch beistehen!« sagte Frau Notburga und faltete die Hände. »Peter, ich bitte dich, sei nicht tapfer allein, sei auch klug, denke an deine Kinder, an uns alle ...« »Weib,« sagte er, »wenn ich jetzt mit der Axt in den Wald ginge, um den Wildbach zu verhauen, ruhiger könnte ich nicht sein. Ich habe mir's selber anders gedacht. Und dabei so etwas Feierliches, als wie zu einer Fronleichnams-Prozession. – Für mich ist keine gegossen. Dein Tagewerk ist nicht geringer, als das meine. Vielleicht größer. Weib, hüte das Haus, hüte die Kinder. Lasse keins zur Thür hinaus, bis wir zurück sind. Und sonst, das Kistlein ist in die Felswand vermauert, das Geld unter dem Dachfirst, du weißt es ja. Es ist alles geordnet. Alles mit der Hilfe Gottes. Die Kinder erziehen in Rechtschaffenheit und Treue, in Wahrhaftigkeit, und niemanden fürchten, als Gott den Herrn. – Schlafen sie schon?« Er thut doch, als wollt er Abschied nehmen, dachte Frau Notburga und verhüllte mit der Schürze das weinende Gesicht. »Sie schlafen schon.« »Daß sie schlafen, ist mir lieb,« sagte er und trat in die Stube ein. »Sehen will ich sie doch. Abschied nehmen, das nicht. Aber wie ein Segen ist es, wenn man so in ein unschuldiges Gesichtel schaut.« Die drei Kinder lagen jedes in seinem weißen Bettlein und schlummerten süß. Zuerst ging er zum Hans und machte ihm mit dem Daumen ein Kreuzzeichen über das schöne Gesicht. Die Züge des Knaben waren fast trotzig, als träume er von Kämpfen. Hernach ging Peter zum Kleinsten, der lieblich wie ein Engel in der Wiege lag und im Schlafe ein wenig lächelte. Er neigte sich nieder über das Kind und drückte einen sanften Kuß auf das weiße Stirnchen. Endlich kam Peter zum Marianlein, das mit rosigem, von weichen Haarlocken umwalltem Gesichtchen gar ernsthaft dalag und die Hände wie betend über der Brust faltete. Lange stand der nun zum rauhen Krieger gewordene Vater davor und blickte nieder auf dieses Bild des Friedens. Und da kamen ihm innige Gedanken. – Ihre kleine Seele kniet jetzt vor dem allmächtigen Gott und bittet für den Vater um Schutz und Beistand. – Kinder, auch euch befehle ich seinem Schutz und Schirm! – Als er sich niederbeugte, um das Mädchen zu küssen, hob dieses die Arme im Schlafe, umfing seinen Nacken und rief mit heller Stimme: »Vater! Vater! bleib bei uns!« Und leise lallend setzte sie bei: »Unter dem Palmbaum schlafen?« – Dann sanken die kleinen Arme zurück, das Kind schlummerte weiter. Schon früher war Augustin geweckt worden. Als er nun vor dem Schwager stand, war dieser nicht überrascht, er fand es selbstverständlich, daß jedes streitbare Landeskind heimkehre in solchen Tagen. Als die beiden Männer gerüstet dastanden, steckte Frau Notburga dem Gatten noch ein Weihebildchen in den Busen. Sie reichten sich die Hand und dann gingen die Männer ohne weiteren Abschied davon. Es war schon spät geworden, die wenigen dienstbaren Hausgenossen hatten sich längst verlaufen; alles schien sich der alltäglichen Ordnung zu entwinden und in die große, außerordentliche einzufügen. Nur die Magd Hanai mußte noch im Hause sein, die schlief auf ihrem Stroh wahrscheinlich schon wie eine Ratte. Frau Notburga löschte das Licht aus und wollte sich endlich auch zur Ruhe begeben. Doch sie fand keine auf ihrem Bette, es war ihr so unheimlich zu Mute und sie stand wieder auf. Sie öffnete das Fenster und horchte hinaus. Es war eine schwüle, finstere Nacht, am Himmel kein Stern, auf den Bergen einzelne Feuer. Die Straße öde, nur das ewige Rauschen des Eisack durchzitterte die Luft.– So bange ward ihr, daß sie mit der Laterne hinausschlich in die Stallkammer, um die Hanai zu wecken. Aber die Magd Hanai war nicht da. Ihr Bett stand unberührt, die Kühe im dunstigen Stalle hatten in ihren Krippen frisches Futter; die Tiere saßen mit hingelegten Köpfen da, glotzten stier auf die Laterne und scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen. – Alles ist davon, nur Frau Notburga allein mit ihren Kindern im Straßenhause, von unendlichen Fährlichkeiten umgeben. Zur Labe in der Angst wollte sie die Kinder sehen. Daher verschloß sie die Fensterbalken, zündete das Licht an und setzte sich hin zwischen die Bettchen. Hans schlief unruhig und hatte, über der Decke die beiden Fäuste geballt. Marianna lallte mehrmals im Traume ein halbverständliches Wort. So ruhig und still das Kind sonst am Tage war, im Schlafe pflegte es manchmal laut und deutlich zu sprechen, sogar auf Fragen zu antworten, die man ihm gab. Am Tage, wenn es so sanft dasaß, ihm alles recht war, wenn es weder etwas Kluges noch etwas Kindisches sagte, da hätte man denken können, es sei in der geistigen Entwickelung etwas zurückgeblieben; im Schlafe jedoch sprach das Mädchen Dinge, die hoch über dem Seelenkreise eines fünfjährigen Kindes stehen. Träumend sang sie Kirchenlieder, sprach lange Gebete und Sprüche, die sie nie gehört haben konnte und sagte manchmal Worte, die wie Weissagung klangen und doch eigentlich nicht zu verstehen waren. Also kam der Frau Notburga jetzt der Gedanke, sie könnte das schlafende Kind leise fragen, was die großen Begebenheiten, die in Tirol anfingen zu geschehen, für ein Ende nehmen würden. Aber sie hatte doch nicht den Mut, die Ereignisse zu beschwören und frevelhaft der göttlichen Fürsehung vorzugreifen. Wollte Gott die Wahrheit kund thun, so habe er wohl auch andre Mittel, sie zu enthüllen; der Mensch soll seinen heiligen Ratschluß nicht versuchen. Draußen war das dumpfe Tosen des unbändigen Flusses. Manchmal, wenn wilde Wetter niedergegangen im Gebirge, oder wenn im Lenze der Föhn in den Schnee gefahren, da hat der Eisack grausig krachend an die Grundfesten des Hauses geschlagen. Wie ehern und unerbittlich ist die Natur, und doch wie gleichmütig, wie zornlos im Vergleiche zu wütenden Menschenmassen! Schon eine einzige feindliche Hand kann in diesen Zeiten der Willkür das Haus an der Mahr verderben mit sammt den Bewohnern. Die beschützenden Männer sind alle fortgezogen. Horch! Bewegt sich jetzt nicht der Mund des schlummernden Mädchens! Der Frau Notburga dürstet nach einem Laut aus Menschenmunde. Worte flüstert es, anfangs lallend, undeutlich, dann klar und verständlich. In getragenem Tone spricht das schlafende Kind: »Menschenherz, du kummervolles, komm zu mir. Birg dich an meine Brust. Meine Brust ist voller Gnaden und Liebe. Ich bin der Mächtige, der die Himmel trägt. Ich verlasse dich nicht. Erbarmen habe ich den Betrübten, Hilfe den Sinkenden. Deine Feinde, vor denen du heute zitterst, liegen morgen zerschmettert zu meinen Füßen. Der Herr bin ich. Nichts besteht vor mir, als das reine demütige Herz. Lasse fließen das Wasser von deinen Augen und vertraue dich mir. Lasse fließen den Tau auf deine heiße Angst und sinke in meinen Arm. Ich bin deine feste Burg. Ich bin dein gewaltiger Herr und dein treuer Freund. Alles, was du Leides hast, lege in meine Hand. Alles, was du Liebes hast, lege an mein Herz. Ich bin dein erbarmender, liebender Gott ...« Also hatte das Mädchen gesprochen, dann schwieg es und schlummerte ruhig weiter. Von der Fülle des Trostes überwältigt, sank Frau Notburga auf die Kniee und Frieden senkte sich nieder auf ihren müden Leib. Als sie am Bette des Kindes kauernd wieder erwachte, war die Kerze herabgebrannt und zu den Spalten der Fensterbalken leuchtete heller Tag herein. Im Lichte der geöffneten Fenster schlug zuerst Hans die Augen auf. Er richtete sich rasch empor, blickte in der Stube umher und fragte: »Wo ist der Vater? Ist der Vater schon fortgegangen?« Als das die Mutter bejahte, schwieg er und kleidete sich rasch an. Es kam die Morgensuppe, er aß sie schweigend und rasch. Frau Notburga schaute zum Fenster hinaus. Die bereits hoch am Himmel stehende Sonne sog den leichten Wolkenschleier auf, ein blauer Dunst lag über dem Thale. Auf der Straße rasselte mancher Wagen heran, von schnaubenden Pferden gezogen; an einem dieser Wägen fehlte das vierte Rad, es schien nicht Zeit zu sein, selbes zu schaffen; auf seinem Stroh lag ein Menschenkörper. Auf andren Wägen waren die Dinge verhüllt mit Reisig und Moos. Ueber die Auen sprengten Reiter daher. Von der Ebene bei Brixen herüber schimmerte eine wogende Masse von Soldaten in allen Farben; Trompetenstöße zerrissen die Luft. Ueber den Ortschaften Neustift, Valun und anderen Dörfern lag eine Rauchschicht und hoch oben bei Sankt Leonhard standen mehrere Höfe in Flammen. In der Luft war manchmal ein Schlag, ähnlich dem, wenn man ein Tuch ausschlingt, wegen des Wasserrauschens konnte man es aber nicht unterscheiden, ob es Kanonenschüsse waren oder anderer Lärm. Unten am Hausthore pochte es wiederholt und fremde Stimmen verlangten polternd nach Einlaß. Frau Notburga schloß wieder den Fensterladen, zündete eine geweihte Kerze an und sagte: »Kinder, kniet nieder, wir wollen beten.« Sie knieten um den Tisch herum, selbst der kleine Peter faltete seine Händchen und lallte mit drein, als sie anhuben, laut den Rosenkranz zu beten von den »schmerzhaften Geheimnissen« des Leidens und Sterbens Jesu. Als der Rosenkranz vorüber war, betete Frau Notburga aus dem Buche laut die Litanei für Sterbende. – Sie fallen hin und haben keinen Zuspruch und keine Anrufung, also dachte sie und opferte ihr Bitten und ihre Stoßseufzer für alle auf, »die zu dieser Stund' müssen abscheiden und vor das Gericht Gottes treten«. – Wer weiß, für wen sie betet! Nach vollbrachter Andacht war ihr wieder etwas tröstlicher zu Mute und sie begann ihre häuslichen Arbeiten zu verrichten. Als sie sich hierauf nach dem Hans umschaute, daß er gewaschen und gestrählt werde, sah sie ihn nicht. Schon während des Gebetes, so wußte die kleine Marianna, war der Knabe zur Thür hinausgegangen. Allsogleich stellte ihm die Mutter nach; er war aber nicht im Vorhause, nicht in der Küche, nicht auf dem Dachboden, nicht unten in der heute so öden Gaststube – er war nicht da. Die rückwärtige Thür war aufgeriegelt. Frau Notburga erschrak schon, allein die Marianna, die auch wachend ihr zum Tröste gegeben zu sein schien, sprach die Vermutung aus, der Hans werde hinausgegangen sein zur Hanai in den Stall, um sein weißes Lämmlein zu füttern, wie er es sonst zu thun pflegte. In der That, des Stalles und seiner Bewohner hätte die Hausfrau an solchem Tage schier vergessen. Wer weiß, ob die Magd schon da ist. Das Kind muß daran denken, daß die Thiere ihren guten Appetit sich durch kein Menschenschlachten verkümmern lassen. Das Stallthor stand halb offen. Die Rinder rasselten schon ungeduldig an ihren Ketten, die Schafe blökten. Allein die Hanai war nicht da und der Hans war auch nicht da. »Und das weiße Lämmel ist auch nicht da!« sagte die Marianna, die mit herausgekommen war. Frau Notburga eilte durch das Hinterthürchen hinaus und um das Haus herum. Sie rief nach dem Knaben, sie rief in den Baumgarten hin, auf die Straße hinaus. Er antwortete nicht und er war nirgends zu sehen. – Sollte er das Lamm in den Wald hinaufgeführt haben, daß es grase? Sollten fremde Leute in den Hof gedrungen sein, Diebe, Räuber ...? »Wo ist mein Hans?« schrie sie grell auf, es war wie ein Hilferuf. »Er ist dem Vater nach,« sagte das Mädchen plötzlich. »Er is dem Atta nach!« rief auch der kleine Peter, und sein Stimmlein jauchzte. Dem Vater nach! Die Mutter rang ihre Hände: »Gott im Himmel, welch eine Zeit!« Wer kauft Lämmer? Und durch das von Kriegslärm immer lauter wiederhallende Thal wandelte der Knabe mit dem weißen Lamm. Als er auf der Straße, außer dem Bereiche der Mutter sich befand, war er einen Augenblick still gestanden, um zu horchen. Geschrei, Gerassel, Glockenläuten, Pferdegewieher von allen Seiten. Aus der obern Gegend, wo durch die finsterbewaldete Schlucht der Eisack hervorkam, dröhnten Kanonen. Nach dieser Richtung hin eilte Hans, der kleine Wirtssohn von der Mahr. Von der wildbewegten, staubwirbelnden Straße bog er ab und schlug einen Feldweg ein. Auf demselben ging schleppend ein alter Mann hin, der am Rücken in der braunen Holzkraxe eine Ladung von »Herrgötteln« hatte. Den holte der Knabe bald ein und er betrachtete die neugeschnitzten Kruzifixe; solche waren in verschiedenen Größen für Kirche, wie für Haus und Wegsäulen gemacht und sorgsam bemalt. Ein paar davon hatten um das Haupt sogar vergoldete Glanzstrahlen. Aus dem Pitzthale war der Mann, war friedsam und fromm mit seiner christlichen Ware die weiten Straßen gezogen, einkehrend überall. Denn es steht kein Haus in Tirol, das nicht seine Kruzifixe hat, außerhalb, innerhalb den Wänden, in der Vorlaube, an der Tischecke, in der Schlafkammer, aber auch an Zäunen und Baumstämmen, an Kreuzwegen, an Brücken, Brunnen und Wegpässen, an Unglücksstellen und schönen Aussichtspunkten – überall das Kreuz. So waren für den »Herrgotteltrager« aus dem Pitzthale, wo die Bildnisse geschnitzt wurden, auch stets gute Zeiten gewesen – und nun sah er sich plötzlich mitten unter rohen Soldaten. Anstatt zu beten, fluchten sie, anstatt zu loben, daß er mit schönen Herrgötteln daherkäme, höhnten sie ihn, und anstatt etwas zu kaufen, rissen sie ihm einmal die Kraxe auseinander, grausam schimpfend über ein »bigottes Gesindel«, das den hölzernen Christussen vor lauter Frömmigkeit die Zehen wegküsse und meuchlings aus dem Hinterhalte auf Menschen schieße. – Der alte Hausierer verstand zuerst gar nicht, wie das gemeint war; als er aber unweit von sich einen französischen Reiter, der ruhig des Weges getrabt kam, plötzlich vom Pferde fallen sah, nachdem im Gebüsch ein Schuß gefallen, verstand er es wohl und murmelte in seinen weißen Bart: »Geschieht euch recht. Hat euch wer gerufen ins Tirolerland herein?« Diesen Alten holte nun der Knabe ein auf dem Feldweg. Gleich rief er ihn an: »Herrgöttelmann, kauf mir mein Lamm ab!« Der Alte blieb stehen, schaute um und als er den Knaben sah, fragte er: »O Kleiner! Wagst du dich denn aus bei so schlechtem Wetter? Wohin willst denn mit deinem Schafkind?« »Verkaufen!« »Schafbraten, jetzt, wo Menschenfleisch so wohlfeil ist? Dumme Zeit. Wieviel willst denn für dein wollenes Rössel?« »Daß ich mir einen Stutzen kann kaufen,« sagte der Kleine. »Du?« fragte der Alte und lugte so drein, »was brauchst denn du schon so ein Rauchrohr!? Ein Christussel geb' ich dafür, daß du's deiner Mutter kannst bringen.« »Ich' will einen Stutzen zum Schießen,« sagte der Knabe mit großer Entschiedenheit und eilte dem Alten voraus. Dieser schüttelte den Kopf. Das war ihm auch noch nicht vorgekommen im Lande Tirol, daß man den Herrgott vor einem Schußprügel zurücksetzt. Der Knabe kam bis Neustift, wo er sah, wie man von der Wand eines großen Hauses just den bayrischen Adler herabriß und in eine Pfütze warf. Dem Taubenwirtshause ging er zu, wo er sonst mit seinem Vater schon mehrmals gewesen; es war aber das Hausthor verschlossen und zum Fenster fragte eine alte Frau heraus, was er wolle? »Wer kauft Lämmer?« »Hast Hunger?« »Ein Schußgewehr brauch' ich.« »Kind Gottes, es gibt für die Großen ihrer nicht genug.« Der Knabe ging durch die Feldschranke hinaus und zog weiter. Das Lamm blökte, so stellte er es auf den grünen Rasen, daß es Gras fressen konnte. Das Tier machte sich alsogleich dran mit hastigem Schnäuzlein. »Eile doch nur!« redete ihm der Knabe zu. »Lange kann ich dir nicht Zeit lassen. Mir ist recht leid, daß du fort mußt, aber schau, müssen der Vater und der geweihte Vetter und die andern auch fort. Ja, wenn du ein Löwe wärst, da könnte ich dich schon brauchen, aber du bist ein Lamm. Du bist viel zu gut, mein armes herzliebes Lämmel, du!« Er koste es und dann ging's wieder fürbaß. Bei Schabs kam er zur Straße und konnte ihr nicht mehr ausweichen. An den Hängen war dichtes Gebüsch. Da holte ihn ein rasselndes Fuhrwerk ein. Vier Pferde und acht Bayern brachten eine Kanone daher. Einer der Soldaten packte den Knaben mit dem Lamm, hub sie empor und mit den Worten: »Das sind die Richtigen!« setzte er sie auf die Kanone, so daß der kleine Hans, das gewaltige Erzrohr zwischen den Beinen, förmlich darauf ritt. – Auch gut! dachte er sich, blieb ruhig sitzen und preßte seinen Liebling mit beiden Armen an die Brust. »Na, junger Tiroler, reitest du auch gegen die Bayern?« spottete der Soldat. »Ja,« antwortete der Kleine trotzig. »Wessen Sohn bist du, tapferer Held?« »Des Mahrwirts.« »Des Mahrwirts? Des Aufrührers? Des Rebellen?« riefen mehrere der Soldaten zugleich. Der Knabe schwieg und biß sich in die Lippen. Ein schlimmes Wort, das ihm da entsprungen war! Das konnte ein Unglück geben, er war sich rasch darüber klar; er wußte zu gut, wie sehr sein Vater von den Bayern gehaßt war, und sie schienen nicht im Unklaren über ihn zu sein. Nun werden sie den Sohn gefangen halten und schweres Lösegeld für ihn begehren. Oder gar den Vater zwingen, mit seiner Freiheit das Leben des Kindes zu kaufen. – O nein! ein solches Leben brauche ich nicht. Lieber stürze ich mich vom Felsen herab. »Also des Mahrwirts Sohn!« sagte der Soldat noch einmal. »Da willst du jetzt deinen Vater suchen, nicht wahr? Und ihm einen Lammbraten bringen zum Siegesmahl, wie? Ich kann dich weisen, dein Vater hat sich heute früh schon bei uns angemeldet, er wird da oben sein bei den andern Rebellen, da in den Büschen oben. Wird wohl so sein, nicht wahr? Na, Bürschel, wir werden ihn schon finden. Er wird uns bald entgegenkommen, er will die Bayern ja lebendig spießen, nicht wahr? Ein wackerer Mann, dein Vater. Wir wollen ihm auch eine große Ehre anthun. Auf den allerhöchsten Fichtenbaum, nicht wahr? Oder viertheilen, daß sie in jedem Viertel Tirols ein Stück von ihm kriegen, wie?« Der Knabe zuckte bei solchem Zuspruch ein wenig mit den buschigen Augenwimpern, schwieg und blieb sitzen auf der Kanone, als ob er angegossen wäre. Aber kläglich blökte das Lamm. Das schwere Geräder holperte ächzend weiter; sie kamen schon gegen die Waldschlucht, wo aus den Tiefen und von den Hängen bläulicher Rauch aufstieg. Dort und da konnte man den Rauch wie weiße Springbrunnen hervorschießen sehen und dabei war ein Geknatter zu vernehmen, als brächen im Walde alle Baumstämme nieder. »Siehst du, Junge, da geht's lustig zu!« sagte der gesprächige Soldat zum Knaben, während er nebenherschritt und gleichwie die übrigen den Wagen rasch weiterzubringen trachtete. Dann zu den Genossen: »Was glaubt ihr, Kameraden, sollen wir den schönen jungen Tiroler, den wir bei uns haben, nicht austrommeln lassen? Die Herren Strauchschützen sollen doch einmal unsere Kanone aufs Korn nehmen. Vielleicht will's der Mahrwirt selber thun, nicht wahr? Der ist ja überall voran.« Wie ein Kätzlein, so sprang der Knabe plötzlich vom Gefährte auf die Straße, beinahe wäre er entkommen, aber der Bayer erhaschte seinen Arm und sagte, ihn festhaltend, ganz gemüthlich: »Oha, junger Herr, wir bleiben noch beisammen.« Das Lamm war von den Rädern zermalmt und sein rotes Blut färbte die staubige Straße. In demselben Augenblicke zuckte der gesprächige Soldat zusammen, fuhr mit beiden Händen an den Kopf und stürzte zu Boden. Der Knabe war frei, aber nur für einen Augenblick, schon faßten ihn zwei andre. Die übrigen der Bedeckung hatten ihre Gewehre von den Schultern gerissen, wußten aber nicht, wohin zielen, denn sie sahen nur Gebüsche, Bäume und Steine, aber keinen Feind. Fast wahnwitzig schossen sie auf das Buschwerk hin, gegen Stellen, wo eben wieder frischer Rauch aufwehte. Sie waren mitten im Treffen. Aus der Schlucht hervor brachen Bayern und Franzosen. Ein bayrischer Hauptmann gab die Parole aus: den Mahrwirt fangen! An die Lehnen kletterten sie hinan, viele purzelten zurück in die Tiefe. Auf andre hatten sich aus Verstecken Bauern gestürzt und sie rangen miteinander. Aus einem Strauche hervor sprangen etliche Tirolerschützen zur Straße herab und auf die Kanone los. Roß und Reiter stürzten, da sprengte mit verhängten Zügeln ein Rothmantel heran und spaltete mit dem Säbel einem stattlichen Landjäger, der ihm den Aermel durchschossen hatte, das Haupt. Der Knabe Hans nutzte die Verwirrung, um den Hang hinanzuklettern, da sah er am Straßenrand den furchtbar zugerichteten Bauernschützen. Einen gellen Schrei stieß er aus, stürzte sich an die Brust des Toten und rief in heller Verzweiflung: »Mein Vater! Mein Vater!« Mehrere der feindlichen Männer standen einen Augenblick vor diesem herzzerreißenden Bilde. Endlich sagte einer, auf den Erschlagenen weisend: »Schade, den hätten mir lebendig haben sollen. Es ist der Mahrwirt.« Bald ging's um unter den Truppen: »Der Rebell ist erschlagen!« Immer mehr belebte sich der Platz mit Kämpfenden. Zur Rechten war der steile Hang, zur Linken das tiefstürzende Ufer des Wassers. Die Franzosen führten ununterbrochen ein heftiges Geschrei, das von Trompetenstößen schrill durchschnitten wurde. Die Tiroler hinter ihren Verschanzungen zielten ruhig und schweigend, fast bei jedem Schusse purzelte ein Mann. Der Sohn des Mahrwirts war entkommen. Behendig wie eine Wildkatze kletterte er an dem Felsenschrunde hinan gegen die Schützen. Unter finstern Fichten trat der Kreuzwirt von Brixen auf ihn zu und fragte erregt: »Ist's wahr, was sie sagen? Dein Vater ...« »Wo ist mein Vater?« rief der Knabe. »Du sollst ihn ja selber liegen gesehen haben.« »Nein,« antwortete der Knabe, »der ist es nicht gewesen.« »Du sollst es doch selber gesagt haben!« »Ich habe es nur gesagt. Er ist es nicht.« »Hans!« versetzte der Kreuzwirt, »warum frevelst du so?« »Ich hab's gesagt,« entgegnete der Knabe trotzig, »damit sie meinem Vater nicht mehr nachstellen.« Heut' haben wir Schützentanz. Noch in der dunklen Nacht war Peter mit seinen Leuten hinter Mühlbach den Waldhang hinangestiegen. Die feindlichen Truppen waren nahe und schienen wohlgeordnet die Klause und die Eisackschlucht besetzen zu wollen. Als der Morgen graute, fielen die ersten Schüsse, und da war es, daß Bruder Augustin zu seinem Schwager sagte: »Peter, ich habe nur an meiner Rüstung zu ordnen, ich komme gleich nach.« Doch war es etwas andres, er konnte nicht weiter. Es zitterten ihm die Glieder und das Eingeweide seines Leibes wollte sich empören. Seine Hände waren kalt wie Lehm, auf seiner Stirn standen große Tropfen. Die Todesangst! – Feige Kanaille! rief er sich selber zu, vorwärts! ich will es! – Der Geist kommandierte wohl, aber das Fleisch wollte nicht gehorchen. Ein bebendes Grauen ging durch seine Natur. An einem Buchenstamme lehnte er wie angebunden. – Was ist denn das? fragte er sich wieder, habe ich mich je gefürchtet vor dem Sterben? Habe ich nicht willig verzichtet auf diese Welt, meinen Leib abgetötet und lebendig begraben im Kloster? Und jetzt diese verfluchte Angst! Die lebenslustigen Männer dort, sie haben Weib und Kind – heiter wie zu einem Festschießen gehen sie in die Schlacht. Bist nicht auch du ein Tiroler? Bist du nicht fast hochmüthig dahergekommen, um das Vaterland retten zu helfen?« »Komm, Kamerad, es geht schon los!« rief ihm ein vorübereilender Bauernbursche zu; durch das Gezweige her prickelte Pulvergeruch. »Marsch, vorwärts!« schrie Bruder Augustin laut auf und sprang mit gezückter Waffe fast wild in den Pulverdampf hinein. Entlang der Schlucht, in deren Tiefen gischtend das Wasser grub und brauste, und an den umliegenden Berghängen entbrannte die Schlacht. Die steil den Berg hinan sich klammernde Feste bei Mühlbach war von Franzosen besetzt. Manch ein Tollkühner, der von dem stets unsichtbaren Feinde gereizt in wütender Ungeduld vordrang, purzelte in den Abgrund, der schier finster war und aus dem fortwährend tauender Nebel aufstieg von den an Felsblöcken und Stürzen zerschellten Wellen. Aus den hochgelegenen Wäldern kamen Raben niedergeflogen, welche krächzend über der Schlucht hin- und wiederflatterten, als wüßten sie es, daß zu solcher Zeit die Kugeln für andere Ziele gegossen waren, oder als ahnten sie, daß hier ein üppiger Tisch gedeckt werden würde für die Vögel des Himmels. Von den Thälern her erhielt der Feind immer neuen Nachtrupp; aber die Reiterei und die großen Geschütze konnten nicht recht einsetzen, letztere mußten vielmehr geborgen werden hinter Felsen, damit sie von den Tirolerkugeln nicht zu sehr Schaden nahmen. Um so tapferer verhielt sich das Fußvolk; das Gewehr an der Achsel, den Säbel im Munde, so kletterten die Soldaten empor von Fels zu Fels, und wenn einer stürzte, kamen stets ihrer zwei nachgerückt. Die Stellung der Bergschützen wurde von Stunde zu Stunde umworbener, so daß auch jene Schützen, denen am Morgen bei der »staden Umbrodlerei« langweilig gewesen, nun aufzuleben begannen. Am Vormittag hatte es auch für die Tiroler in den andern Hängen noch nicht gar viel zu thun gegeben; der Feind hatte in den Niederungen mehr für die Selbsterhaltung, als für den Angriff zu sorgen gehabt, er war über die Stärke der Gegner noch gänzlich unklar. Mancher Schütze konnte sich behaglich auf einen Stein setzen und, den Stutzen an dem Schenkel, ein Pfeiflein anzünden. Da aß einer oder der andere der bäuerlichen Streiter sein Stück Brot, das er in seinem Zegger mit sich gebracht hatte. Andern brachte man von Höfen her in Zwillingtöpfen Kraut, Specksuppe und Plenten, Speisen, die sie hastig auslöffelten oder hinter einem Busche verbargen, je nachdem knappe Zeit war. Als es auf dem Mühlbacher Turme elf schlug, sagte der Eberstaller, dessen Gehöfte nicht weit entfernt stand, jetzt wolle er heimgehen zum Mittagessen, es gäbe derweil so nichts zu thun. Und er ging auch, nahm sich aber nur Zeit für die Krautsuppe, denn eine bleierne Hummel summte zum Fenster herein. Das Stück Plenten faßte er mit den Fingern und eilte hinaus Feinde in Massen mit klingendem Spiele zogen heran, voll hochmütiger Siegeszuversicht. Die grünen Wiesen waren ganz blau vor lauter Franzosen und ein paarmal waren gegen die Erd- und Holzverschanzungen große Geschütze losgeknallt worden, welche die solchen Getöses noch ungewohnten Bauern mehr erschreckt als geschädigt hatten. Als der Feind nun aber begann sturmzulaufen und zwischen den Waldbäumen auf der Höhe schon Blauhosen hin- und herhuschten, und als von den Bauern einer um den andern umfiel, da rief ein Jäger aus dem Pusterthale: »Aus ist's, Leut', alle sind wir hin! Alle, wenn wir nicht höher ins Gebirg flüchten!« »Hundsfott!« schrie ihm der Stauker von Sarns ins Ohr. »Flieh, wenn du Kurasch hast, ins Gebirg! Daß dich die Hasen beißen kunnten!« Auf solchen Schimpf blieb der Jäger stehen, wo er stand, und schoß ruhig weiter, bis der Feind wich. Ein arg zerflicktes rühriges Männlein war vorhanden, das wollte auch mitthun. »Was willst denn du da, Veitel?« fuhr den der Rampesbauer an. »Du hast dem Brixner Bischof von seiner Heide die Geiß weggestohlen, dich brauchen wir nit.« »Heut' zahl' ich sie zurück!« antwortete das Männlein und wollte auf einen Soldaten feuern. Der Hahn knackte wohl, aber das alte verrostete Zeug ging nicht los. »Ein Dieb ist's nit wert, daß er mithalt'.« »Deine Christenlehr' brauch' ich nit,« gab der Veitel zurück, lief den Hang hinab und wollte mit seiner Hackenbüchse, die nicht losging, einem Bayern den Schädel einschlagen. Der Bayer stach ihn nieder. Der Veitel, das war ein armer Kleinhäusler gewesen, mit vielen hungrigen Würmeln. Und die entwendete Ziege, die war nun bezahlt. Zwischen mehreren im Haselgesträuche wohlversteckten Felsblöcken, wie in einer Burg verschanzt, hatten sich ihrer zwölf Schützen aus Bruneck festgesetzt und hatten von da aus manche Verheerung angerichtet. Sie konnten ganz gemächlich laden und sich ihren Mann bedächtig auf die Mücke nehmen. Zwischen Astwerk guckten sie hinab auf eine kahle Ausbüschung, wo Bayern auf Schutt und Stein Stellung nehmen wollten. Die Ausböschung war ein Punkt, von welchem aus vielleicht den Tirolern der Vormarsch in die Schlucht abgeschnitten werden konnte. Denn die Eisackschlucht freizuhalten, durch welche aus Sterzing Hilfstruppen kommen mußten, das war hier eine wichtige Aufgabe. Die Brunecker sahen aber da eine gute Gelegenheit, ihre neuen Gewehre einzuschießen. »Welchen werde ich mir denn jetzt aussuchen?« sagte der eine. »Ich gunn' mir den Lackel mit dem Geißbart,« sagte der andere. Puff! »Ich nehm' den zerlumpten Kerl, der keine Stiefel mehr an den Füßen hat. Halt ein bissel, talketer Hiesel, auf scharfem Sand geht's nit gut barfuß; marsch in die Ewigkeit!« Puff! Wieder ein anderer im Versteck sprach: »Dort beim Wassergrabel liegt ein Angeschossener, der windet sich wie ein Regenwurm, der erbarmt mir.« »Lapp, der Angeschossene thut uns nichts mehr. Die Gesunden muht schwach machen. Das Pulver ist teuer!« »Wenn wir nit alle ausrotten,« sagte der eine, »so hätten wir lieber nit anfangen sollen. Und deswegen nehm' ich mir doch den armen Teufel und schicke ihn heim zum himmlischen Vater.« Puff! Durchs Buschwerk her huschte der Rampesbauer. Der fragte: »Ist der Mahrwirt nit bei euch?« »Der steht mit sechzig Mann hinter der Klausen und Macht dem Feind die Hosen bledern.« »Habt ihr keinen Anführer?« »Wir brauchen keinen. Jeder weiß, was er zu thun hat: Boarn und Franzosen derschießen.« »Meine lieben Leut',« sagte nun der Rampesbauer, »da oben geht's noch ein bissel anders zu, da oben bei Sterzing! Wer auf dem Kofel steht, der kann das große Geschütz recht gut hören: bum, bum, bum, bum! Schon seit einer Stunde. Es muß ein lustiger Tanz sein. Der Sandwirt ist dabei.« »Wenn sie der Anderl herabjagt, nachher gesegne uns Gott, nachher haben wir den ganzen Krempel.« »Wir wollen sie nit weiterjagen, denke ich. Wenn den Herren unser Tirolerbuden gar so wert ist, so wollen wir sie schon hineinstecken.« »Mit Gottes Hilfe!« setzte der Rampesbauer dazu. So plauderten sie in ihrer Felsenburg und inzwischen pfefferten sie einen um den andern nieder. In der Schlucht hatte sich ein solcher Rauch entwickelt, daß man kein Schußziel mehr sah. »So, jetzt ist's wieder zum Rasten,« meinten sie, »denn der Tiroler schießt nur, wenn er etwas auf dem Korn hat.« »Magst Branntwein, Kamerad?« fragte einer der Pusterthaler einen heraneilenden Schützen. »Vergelt's Gott,« antwortete dieser, »aber Pulver, wenn ihr habt!« »So viel, daß wir den Plossenberg kunnten in die Luft sprengen.« »Juchhe, heut' haben wir Schützentanz!« rief der Bursche, »und wenn's mich gilt, so verkauft's mein G'wand, ich bin im Himmel!« Dann lud er den Doppelstutzen und ging wieder an die Arbeit. Das Knattern in der weiten Gegend währte so gleichmäßig fort, daß niemand mehr darauf achtete. »Und der Pulverdampf überall macht einen ganz rauschig!« meinte ein alter Grödenthaler. Jetzt kam von der andern Seite herüber die Nachricht, auf der Wiese oberhalb der Klause brauche man Leute. Alsogleich machten sich Schützen auf und kletterten an wüsten Wänden gegen den benachbarten Ort hin. Einer hatte sich zwei Gräßinge (junge Fichtenbäumchen) angebunden, einen über der Brust und einen am Rücken, damit auf den kahlen Hängen, die er beschreiten mußte, ihn der Feind nicht sollte bemerken. Der wandelnde Baum kam glücklich hinüber. Ein andrer schrie unterwegs plötzlich laut auf: »Jesus Maria, aus ist's!« und taumelte auf das Gestein hin. Er wäre den felsigen Hang hinabgekollert, wenn nicht ein Kamerad in keckem Nachsprunge ihn aufgefangen hätte. Sie labten ihn mit Branntwein, fragten noch, ob was auszurichten wäre, beteten ihm einen kurzen Sterbesegen vor, und als es vorbei war, deckten sie ihn mit Reisig zu und eilten weiter. Hinter der Klause auf der Matte ging es emsig her, dort waren auch schon Weibsleute ausgerückt. Etliche Bäuerinnen hatten eine hochgeschichtete Heufuhr herbeigezogen; dahinter verschanzte sich nun eine Anzahl Schützen mit einem größeren Pulvervorrat. Denn aus dem Thale drängte sich in immer neuen Haufen der Feind herauf und schoß nach diesem Ziele mit einer Kanone. »Patsch!« rief allemal eine der Tirolerinnen, so oft die Kugel ins Heu schlug und darin stecken blieb. »Ja, ja, die weichen Schilder thun's immer einmal besser als die harten, wenn sie auch nicht so fürnehm glänzen.« Dabei pfiffen die Schützen neben der Heufuhr und unterhalb durch ihre Stutzen los und die Feinde kamen nicht näher. Zwei frische Dirnlein waren hinter der Heuschanze, diese jodelten mit hellen Stimmen einen Almer, und als eine Kartätsche herangesungen kam, schrie eines der Dirnlein hinunter: »Pufft's nur zu, wir fürchten uns nit vor diesen bayrischen Dampfnudeln.« Als ihre Stellung doch ungünstiger wurde, zogen und schoben sie die Heufuhr flink weiter, und hinter derselben immer die Scharfschützen, den Pulvervorrat bergend, dabei stets ladend, zielend und treffend. Einer vom Ritten war dabei, der sagte: »Ich brauche gar keine Heufuhr, ich habe den Lukasbrief in der Tasche!« und wollte sich unbedeckt den feindlichen Kugeln aussetzen. Die Kameraden hielten ihn zurück. Von Kapuzinern waren nämlich geweihte »Lukasbriefe« (mit Gebeten zum heiligen Lukas und mancherlei Beschwörungen) verteilt worden, welche, wie es ja auch drinnen gedruckt stand, »jeden hieb- und schußfest machen sollten, der ein wahres Vertrauen zu ihnen habe. »Ich glaube nicht daran,« sagte einer hinter der Heufuhr, »der Riedesberger Michel hat auch einen Lukasbrief in der Tasche gehabt, und hat ihm doch ein Kartätschenscherben die Hand weggerissen.« »Wird halt kein wahres Vertrauen gehabt haben,« entgegnete der vom Ritten, »ich aber hab's und mir kann nichts geschehen.« Riß sich von den Genossen los, sprang hinaus in das freie Feld und schoß auf die Bayern hinab. Nicht eine Minute lang dauerte es und er lag hingestreckt mitsamt seinem Lukasbrief. »Der Lukasbrief ist gut, aber die Heufuhr ist besser,« meinte ein andrer und rächte unterhalb, zwischen den Wagenrädern durch, den gefallenen Kameraden. – Jenseits der Bergmulde auf dem Felsvorsprung stand ein Schütze, der eine arg geschwollene Wange hatte. »Hast Zahnweh, Philipp?« redete ihn ein Nachbar an. »Schußprügelweh!« antwortete er. »Mein alter Doppelhacken, der Sakra, haut mir allemal eine aba, so oft ich ihn losbrenne. Laß mich aber doch lieber ohrfeigen, als einen Franzosen stehen.« – Puff! Gleich neben diesem Wackeren saß ein alter Mann und that ganz gemüthlich mit seinem Gewehr um. »Fertig bin ich,« sagte er. »Wieviel hast denn du schon bleich gemacht, Auer Seppel?« fragte ihn ein Kamerad. »Ich habe drei Ladknechte mitgebracht, vier Stutzen und sechsundneunzig Kugeln. Und wenn ich öfter als dreimal gefehlt habe, so will ich wohl keinen Theil haben an der himmlischen Seligkeit.« Ein andrer beklagte sich über seine Dummheit, daß er zum »Franzosenderschießen« sein weißes Hemd angezogen habe; jetzt dürfe er die grüne Joppe nicht wegwerfen, denn das Weiße thäte ihn schnell verraten hinter dem Buschwerk. Es war aber mächtig heiß geworden und der Schweiß rieselte dem Schützen tropfenweise über das braune Gesicht. Wieder ein andrer fluchte darüber, daß eine Kartätschenkugel, die neben ihm in eine Pfütze gefahren war, ihm das Sonntagsgewand mit Morast anspritzte. »Geschieht dir schon recht!« lachte sein Nächster, »wer mit Welschen zu thun hat, der legt nit's bessere Gewand an.« Halberwachsene Burschen und Weiber, die kein Gewehr zum Schießen hatten, sammelten verschossene Kugeln, krauten sie aus dem Rasen, stachen sie aus den Baumstämmen und trugen sie den Schützen zu. Etliche Knaben waren beständig auf dem Wege zwischen einer Engschlucht und den Schießständen, um in Thongefäßen und Ledersäcken, selbst in Filzhüten den Kämpfenden Trinkwasser zu bringen. Auf einmal hörte man von einem Dickicht herab rufen: »Wer Wein will, der soll herkommen!« Einem Wirte zu Mühlbach, der an der Gicht daniederlag und nicht mitthun konnte, war es eingefallen: Durst werden sie kriegen bei dieser Brathitz! und rief die einzige Person, die noch zu Hause war, eine höckerige Magd. »Kannst zwanzig Maß tragen?« fragte er. »Auch vierzig!« sagte sie »So nimm das Fassel mit vierzig! Hinauf mußt du durch den hintern Wassergraben.« Sie legte das Faß in einen Strick, nahm es, vermittelt durch einen Holzprügel, über die Achsel und schleppte es den Berg hinan. Bald jedoch merkte sie, daß mit dem Fasse kaum durchzukommen sein würde, ohne die Aufmerksamkeit der Feinde zu erregen; daher nahm sie unterwegs in einem Grasstadl einen Futterkorb, that das Faß hinein, überdeckte es mit frischem Grase und ging dann als Almerin, die einen Korb mit Futter schleppt, hinauf. An einigen bayrischen Soldaten mußte sie vorbei, vor denen hatte sie Angst, deshalb that sie gar harmlos, rastete ab, zog aus dem Kittelsack ein kurzes Pfeiflein und eine Tabaksblase, stopfte das Zeug und bat die Soldaten um Feuer. Sie lachten das alte Moidel aus und ließen es allein. Das alte Moidel hinwiederum lachte die Bayern aus, zündete sich keine an, sondern machte sich mit ihrer Last wieder auf den steilen Weg. Sie kam glücklich hinauf und hörte schon das Jauchzen eines Schützen; es klang, als hätte er auf der Scheibe ins Schwarze getroffen. Unten auf dem Plane purzelte ein französischer Offizier vom Pferde. Hinter dem Standplatz mehrerer Tiroler that sie ihr Faß aus dem Korbe, da summte eine Bremse an ihrem Kopf vorbei. Es war aber keine Bremse, sondern eine Kugel, und gleich auch eine zweite, und sie schlugen in das Faß, daß der Wein in einem hohen rosigen Bogen hervorsprang. Das Moidel wendete das Gefäß und stopfte alsogleich ihren Finger in ein Loch. So stand sie am Fasse, da ringsum die Kugeln sausten, und so schrie sie: »Wer Wein will, der soll herkommen!« Etliche kamen herbei und ließen sich den seltsamen Brunnen in den Mund springen. Von der steilen Schutthalde schrie ein Bauer herab: »Möchte schon auch trinken, aber ich hab' jetzt nit Zeit.« Er war eben beschäftigt, mit einem Eisenkrampen einen Stein locker zu machen, um ihn in die Tiefe sausen zu lassen. Mehrere eilten herbei, um zu helfen und bald rutschte der Felsblock den Sand hinab, schlug über, hub an zu rollen und zu hüpfen, machte einen gewaltigen Bogen über die Baumwipfel des Thales hinaus, fuhr mitten in den Feind hinein und stob in tausend Scherben auseinander. Schlimm trieben es zwei andre auf der Zinne einer Felswand. Dort rang ein Holzer aus Weidbruck mit einem reckenhaften Franzosen. So enge hatten sich die beiden ineinander verschlungen, daß keiner mehr von seiner Waffe Gebrauch machen konnte. Nur die schneeweißen Zähne bleckte der Franzose gegen das finstere Gesicht des Aelplers. So fuhren sie mehrmals hin und her, aber die Füße stemmten sich fest in den Sandboden; dann hielten sie einen Augenblick still und schnauften, um bald noch wütender einzusetzen. Der Sand stob auf unter den Füßen und die Schuhnägel des Aelplers gaben Funken im Gestein. Der Franzose mit laienhafter Beweglichkeit suchte dem Gegner ein Bein zu schlagen, da nahm der Tiroler einen wuchtigen Sprung gegen den Abgrund und mit dem Ausrufe: »Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit!« schleuderte er den Feind mit sich in die Tiefe. Die feindlichen Mächte rückten weiter und weiter vor und der Kampf zog sich immer höher ins Gebirge hinan. Hoch oben, auf einer fast ebenen Waldblöße, wo ein Christuskreuz stand, zu welchem alljährlich am Kreuzerhöhungstage Wallfahrer zu kommen pflegten, hatten sich heute zwei halberwachsene übermütige Mädchen zusammengethan, um nach einer Trompete, die tief unten zum Marschieren blies, auf glattem Rasen ein Tänzlein zu hopsen. Sie waren sehr guter Dinge und hatten sich einander just gestanden, daß jedes bei den Schützen einen Schatz habe. Und sie wetteiferten im Aufzählen der Vorzüge ihrer Liebsten und wohl auch darin, welcher an diesem Tage die meisten Blauhosen niederlegen werde. Da sauste plötzlich eine Kugel durch die Luft und eines der Mädchen sank zu Boden. Das andre Almdirndel that einen schreckbaren Schrei zum gekreuzigten Christus empor, wollte in Verzweiflung den Heiland herabreißen, das er helfe, rette. Weil das vergebens war, so rief sie der Sterbenden zu: »Bereue deine sündige Liebschaft, daß du in den Himmel kommst!« »Die Lüge – bereue ich,« stammelte die Verblutende, »s' ist nit wahr, ich habe keinen gehabt. Das dumme Prahlen! Thu' beten für mich, Kameradin – ich muß schlafen gehen.« »Jesus, der Krieg! der Krieg!« jammerte das andre Mädchen. »Wenn man's auch nur sagt, daß man einen Soldaten hat, so wird man schon erschossen.« Weinend ging sie herab zu den Schützen: »Könnts mich nit brauchen, Männer?« »Alles können wir brauchen!« rief der Schützen einer, während sein Stutzen knallte, »eilends ein Feuer anmachen zum Kugelgießen.« Drüben beim Dorfe Spinges hatten sich viele Landleute festgesetzt. Sie bargen sich hinter der Kirchhofsmauer und schossen herab. Der Ansturm wurde immer mächtiger; von einer Seite jagten Bayern herauf, von zwei Seiten Franzosen. Der Schmied von Volters, der mit einer Riesensense da war, rief, als er die vielen blitzenden Bajonette sah: »Das höllische Stechgras muß man mähen!« und fuhr mit seiner Sense wütend drein. Er mähte manchen »Halm«, dann fiel er selbst. »Stehts auf und helfts uns!« rief ein alter Bauer auf die Grabhügel hin. Aber die Väter schliefen und die Söhne blieben im Streite allein. Die Franzosen kamen in einem weiten Halbkreise heran; viele kletterten schon über die Friedhofsmauer und als es sich weniger ums Schießen als ums Stechen handelte, zogen die Tiroler sich zurück, weiter ins Gehölze. Mit schmetterndem Hurra nahmen die Feinde den Kirchhof. »Argenterie!« wieherte ein Franzose, da wollte sofort ein ganzer Trupp in die Kirche dringen. Doch blieben sie stehen und stutzten. An der Kirchthür stand ein bleiches Mädchen, das hatte eine dreispießige Stallgabel in den Händen und war bereit, den ersten Nahenden niederzustechen, Alle andern ihrer Landsleute waren davon, sie allein stand da mit zusammengekniffenen Lippen und trotzig rollenden Augen. Ihr Haar flatterte im Wind. Bewegungslos aber lauernd,, wie ein zum Sprunge bereiter Tiger, so stand sie mit ihrer dreispießigen Gabel und starrte auf die Krieger. Diese schauten eine Weile auf sie hin, dann wendeten sie sich kopfschüttelnd seitab. »Une pucelle d'Orléans tyrolienne;« sagte einer von ihnen. Keiner nahte sich mehr dem Kirchenthore. Hanai, die Magd von der Mahr – wir haben sie ja sogleich erkannt. Als die Besatzung wieder abgezogen war, um die Schützen zu verfolgen, kniete sie nieder vor dem geschlossenen Thore, betete ein stilles Vaterunser, nahm ihre Gabel auf die Achsel und trachtete den Kampfgenossen zu. Etwas abseits von dem Platze, wo man in die Luft heute schon so viele Löcher gemacht hatte, fand sie einen guten Bekannten. Der Tonele saß am Waldrain, trommelte mit der Faust auf seine Knie und sang, aber nicht allzulaut: »Frisch auf, frisch auf, frisch auf Zum Streit in mutigem Lauf! Kämpft tapfer, das Gewehr zur Hand, Fürs Vaterland! Für Kaiser und Vaterland! Verdoppelt, Brüder, euren Schuß, Und schickt dem Feind den Kugelgruß, Er flieht, er flieht! Schnell losgebrannt, Fürs Vaterland! Für Kaiser und Vaterland! Und dann zurück zu unsrem Schatz, Der ein so süßes Goscherl hat, Und geben ihm gleich Kuß und Hand, Fürs Vaterland! Für Kaiser und Vaterland! »Ja, ja, du Held!« rief die Hanai dem Burschen zu. »Singen können auch die Spatzen. Schießen sollst!« Stand der Tonele auf und sagte mit schreckbar entschlossener Miene: »Hab' ich nicht geschossen?« »Den Stutzen hast wohl hingezielt, wie du hinter dem Lärchenbaum gestanden bist. Habe dir von weitem zugeschaut. Alleweil hast hingezielt auf den schwarzbraunen Bayern, der unten beim Brunnen ist gestanden. Aber losdruckt hast nit.« Hierauf sagte treuherzig der Tonele: »Weißt, Hanele, er hat beim Brunnen just so schön getrunken. Er ist durstig, habe ich mir gedacht, und beim Trinken soll man die Leut' in Ruh' lassen. Und wie er fertig ist und ich schießen will, ist der schlechte Mensch auf einmal nicht mehr dagewest. Den, wenn ich noch einmal derwisch!« Er ballte die gehobene Faust. »Wirst ihm doch nichts thun?« spottete die Hanai. »Bei den Ohrwascheln nehm' ich ihn und beutl' ihn solang, bis er mir's verspricht, daß sie heimlaufen wollen.« »Ein Tschapperl bist!« sagte die junge Magd und gab ihm mit drei Fingern ein Wangentäschl. Er schaute sie ganz verzückt an und bettelte: »Du Hanai, das ist gut gewesen. Hast nit noch eins?« »Verlang' dir's nit, Bübel! Das zweite möcht' ein bissel anders ausfallen!« »Daß die Leut' gar so gern schlagen, heutzutag. Sollen zithernschlagen,« meinte der Bursche. Da zog sie ihn schon am Aermling mit sich fort: »Geh eilends mit mir, dort drüben bei den Sandbachhäusern, hörst es? Dort geht's scharf los. Sie brauchen uns.« Als sie über den Plan eilten, bemerkte die Hanai einen Blauhosen, der aber keine Mütze und kein Gewehr bei sich hatte und der mit Hast und Mühe eine alte Kiefer hinaufkletterte, um sich oben in der dichten Krone zu verstecken. Zwei Schützen verfolgten ihn und der eine rief, auf den Baum weisend: »Da oben sitzt er! Herunterschießen, den gallischen Hahn!« »Gehts, gehts!« sagte die herbeieilende Magd. »Der macht nichts, da oben. Aber bei den Sandbachhäusern drüben. – Tonele, geh her, das ist eine rechte Arbeit für dich. Stell' dich mit deinem Stutzen da an den Kiefernbaum und schau, daß dir der Franzos nit auskommt. Bis wir zurückkommen, nehmen wir ihn mit. Manner kommts mit mir.« So eilte sie mit den Schützen weiter und der Tonele stand auf der Wacht unterm Baum. Da oben im dichten Astmerk hockte der Schelm und suchte sich mit Gezweige über und über einzuflechten. Dabei fiel ihm ein Lederbeutel herab. Der Tonele glaubte, es seien Dukaten drin, aber es waren nur Bleikugeln. Anfangs war dem Burschen ein wenig unheimlich, als er jedoch sah, daß der Feind auf dem Baum sich immer dichter ins Netz flocht und nur für seinen Schutz bedacht schien, ward er zutraulicher und rief hinauf: »Franzos, wo hast denn deine Büchsen?« Der oben antwortete zwar, aber welsch. – Und wenn der Mann nicht deutsch kann, so wird das langweilig werden, bis die Hanai von den Sandbachhäusern zurückkommt. – Allmählich merkte der Tonele, daß er aus dem Welschen – in dem der Franzose fortwährend parlierte – etwelches verstand. Es war so ein bißchen Deutsch dabei und das kam beinahe so heraus, als ob der Franzose daheim in seinem Land Geld hätte, und als ob er das Geld dem jungen Tiroler schicken wollte, wenn dieser ihn jetzt entkomme ließe. »Freunderl!« rief der Tonele hinauf, »bestechen lassen wir uns nicht. Nicht um Roß und Wagen. Aber totschießen thun wir dich auch nicht. In einen Wolfskäfig thun wir dich hinein und füttern dich mit Bayern-Pflegerspeck. Und wenn du dich totgefressen hast, thun wir dich in Weingeist und stellen dich in Sprugg (Innsbruck) auf die Schul, daß die spätern Tiroler auch wissen, wie ein Franzos ausgeschaut hat.« Es war nur mehr des Zeitvertreibes wegen, daß der Tonele so plauderte, und zu Kriegszeiten müsse der Landjäger schon einmal so grobe Reden thun – insgeheim meinte er es nicht ganz so schlimm. Dort über den Schutt hinab liefen etliche Bayern, man wußte nicht recht, verfolgten sie jemand oder waren sie auf der Flucht. »Mein Gott,« dachte der Tonele, »da sollte man auch hinüberzünden. Pah, lassen wir's bleiben, vielleicht schießt sie ein andrer nieder. Wer mir nichts thut, dem thu' ich auch nichts. Ich stehe ja nur auf der Wacht.« Auf einmal, als er sich über die Achsel lugte, ob das Gewehr wohl ordentlich geschultert wäre, sah er, daß sein Rock blutig war. »Bin ich angeschossen!« kreischte er auf und fast entfiel vor Schreck die Waffe seinem Arm. Endlich merkte er, daß das Blut nicht aus seinem heiligen Leibe rann, sondern vom Baum herabtropfte. »Tröpfelst du, Franzos?« rief er hinauf. »Thut dir was weh?« Als es oben wimmerte, fuhr der Tonele fort: »Hast was, so steig' herab. Wie ein Schwein ausbluten, da oben, sollst nit!« Im Baume oben knisterte es und kläglich ächzend kletterte der Mann herunter; als er auf den steinigen Boden kam, sank er nur so hin, und nun sah man es wohl, aus seinem linken Bein quoll das Blut heraus. »Armer Kerl!« sagte der Tonele, »wart', wir wollen's gleich machen. Bist ja kasweiß im Gesicht. Ein Soldat und kasweiß sein! Nur nit gleich versterben, wir werden's ja verstopfen!« Mit Emsigkeit riß er das Beinkleid auf, aus seinem Sacke ein Taschentuch und begann die Wunde zu verbinden. »Toni, was thust denn?« rief es hinter ihm. Und stand richtig wieder die Hanai da. Der hatte etwas geschwant, diesen Menschen dürfe man mit dem Franzosen nicht allein lassen. Der Tonele war erschrocken, aber anstatt sich zu verteidigen, entschloß er sich, zum Angriff überzugehen. »Ist das auch wieder nit recht?« fragte er, »seid ihr denn lauter Bestien worden? Nit einmal ein Loch soll der Mensch mehr verstopfen dürfen!« »Eine Schand' und ein Spott ist's, was du für ein Soldat bist,« schrie die Hanai, »nit einmal das Einfatschen kannst. Geh weg!« Mit dem Ellbogen drängte sie ihn beiseite, riß ihr Tuch vom Busen und verband mit Fleiß und Sorgfalt, aber heftig dabei über die verdammten Blauhosen schimpfend, den Fuß des französischen Soldaten. In Himmel kembts, Tiroler! Als Bruder Augustin am Morgen desselben Tages nach überwundener Todesangst in den Pulverdampf hineingerannt war, ohne in dem Augenblicke Freund oder Feind zu sehen, denn der Wald war dicht, hörte er aus einer nahen Bergrunse eine weibliche Stimme. Drei kurze gellende Schreie nacheinander – ein Hilferuf. Um den Felsen, und Augustin sah, wie zwei französische Soldaten eine Almerin vergewaltigen wollten. Er zielte, schoß und einer der Angreifer fiel rücklings in das Bachbett, so daß die Wellen weiß gischtend über seinen Kopf dahinrieselten. Der zweite wollte doch nicht loslassen, da sprang Augustin in die Steinschlucht, denn er hatte nur einen Schuß im Rohre gehabt. Mit dem Schafte wollte er dem welschen Wüstling den Schädel einschlagen, allein dieser war des Schlages gewärtig, duckte sich, packte den Gegner um den Leib und nun hub ein wildes Ringen an, Zahn um Zahn. Augustin stolperte und fiel auf die Steine hin, der Franzose über ihn, um sein Opfer zu würgen. Der junge Priester empfahl seine Seele Gott, da war sein Gesicht jählings überströmt mit warmem Blute. Denn die Almerin war von rückwärts her, hatte dem Welschen sein eigenes Messer in den Nacken gestoßen so tief, daß die Spitze am Halse herausstand und der Mann mit einem einzigen Hauche beiseite sank auf den Schutt. Das war Bruder Augustins Bluttaufe gewesen. Die Todesangst war einer glühenden Gier gewichen; er suchte die Feinde auf, wo sie am dichtesten waren, und dort stand auch sein Schwager Peter. Der Mahrwirt war seit frühem Morgen im Feuer gestanden. Er verteidigte den Punkt an der Klause, welcher von den Feinden der umrungenste war, weil er sich hier mit der Besatzung der Burg vereinigen wollte. An sechzig Bauern vom Ritten, aus dem Grödnerthale, ein Trupp Pfeffersberger und einige Bürger aus Brixen waren seine Garde. Andre Abtheilungen wurden vom Kreuzwirt aus Brixen, vom Taubenwirt aus Neustift, vom Rampesbauer und von andern geführt. Im Laufe des Tages kam viel Zuzug und alles wollte sich zum Mahrwirt stellen. Dieser sagte: »Ihr müßts gegen den Eisack hinüber. Dahier richten wir's allein.« Als aber die Franzosen mit Sturm kamen und mehrere große Geschütze anrückten und als die Luft anfing, sehr ungesund zu werden, da konnte ein rotbärtiger Bauer seinen Mund nicht halten. »Der Teufel bleibt da stehen!« rief er mit krächzender Stimme. »Wenn wir uns alle derschießen lassen, so ist morgen Tirol futsch!« Es war ein gefährlicher Ruf, dem mehr als einer horchte, da sprang ein junger Krieger, in der Linken den Stutzen, in der Rechten ein altes Richtschwert, auf die Felswand. Bruder Augustin war's, und hoch empor hielt er den Griff des Schwertes, daß dieser wie ein Kreuz war. Sie erkannten den Priester und erhoben ihre Kopfe, er hub an von seiner hohen Kanzel aus, und umdonnert von feindlichen Geschützen, mit lauter Stimme zu sprechen: »Aufg'schaut, Tiroler! In Himmel kembts! Für Gott. Kaiser und Vaterland frisch voran! Der Heid ist's, auf den es losgeht! Der Antichrist ist's, auf den es losgeht! Wer in diesem heiligen Kampfe fällt, dem wird zu teil die Märtyrerkrone im ewigen Leben! Aufg'schaut, Tiroler, Kameraden! Keiner hat jetzt Haus und Hof oder andres Gut, es ist des Vaterlands. Keiner hat Weib und Kind oder andere liebe Leut', sie sind Gottes, des Schöpfers und Erlösers Kinder. Alle schützt Gott, wenn ihr seinen heiligen Namen schützet. Keiner von euch hat eine Sünde zu dieser Stund', in solchem Streite sind alle vergeben. Tiroler, denkts an Jesu Blut und Marter am hohen Kreuzstamm und fahrts drein! – Auch von weltlichen Mächten sind wir nicht verlassen –« In diesem Augenblick schlug eine Kugel in den Gewehrkolben des Predigers. Er merkte es nicht, sondern fuhr fort: »Der Kaiser Franz schickt uns Hilf' und Beistand. Er hat schon lange eine große Armee abgesandt nach Tirol, sie muß bald da sein. Der Prinz Johann ruckt von Kärnten her, kann jede Stund' eintreffen mit seinen tapfern Soldaten. Das wär' eine Schand', wenn wir früher thäten matt werden! Wehrts euch, Tiroler! Alles gilt's! In Himmel kembts!« O, was ist der Krieg doch lustig! Wird man getroffen, so kriegt man den Himmel, wird man gefehlt, so kriegt man die Hanai! Das dachte der Tonele. – So zuversichtlich war's aber nicht allen zu Mute. Der rotbärtige Bauer schoß seinen Doppelstutzen ab nach ein paar toll herankletternden Blauhosen. Sie purzelten hinab in das Wasser, der Schütze aber wandte sich gegen den Feldprediger: »Junger Pfarrer, was du vom Himmel sagst, das wissen wir alle schon. Aber von den Oesterreichern sehen wir noch nichts.« »Sie kommen! Sie werden bald da sein!« riefen mehrere. Der Rotbart that einen hohen Sprung; man meinte, es sei ein Freudensprung, weil die Oesterreicher kommen – da ließ er den Stutzen fallen, ballte die Fäuste und brach zusammen. Während mehrere Kameraden die Leiche bargen und einer plötzlich auf den Toten hinfiel, aus zwei Wunden blutend, kommandierte der Mahrwirt seinen Pfeffersbergern: »Wir müssen weiter hinauf!« Vom Hochgebirge ging eine breite Schutthalde nieder, auf welcher mächtig große Felsblöcke ragten, theils im Geschütte steckend, teils frisch von den Wänden niedergebrochen an der Oberfläche liegend. Hinter solchen Steinen setzten die Tiroler sich neuerdings fest und feuerten gegen den zerstreut und in Gruppen vordringenden Feind. Einige wollten auch hier wieder Steine niederwälzen, das verbot der Mahrwirt. Denn das Geplänkel auf der Schutthalde sollte nur eine List sein, um den Feind auf die kahle Sandfläche zu locken. Als dieser vordrang, wichen die Landesschützen rasch zurück in die buschigen Lehnen, und von solchem Hinterhalte aus röteten sie den weißen Gebirgsschutt mit Franzosenblut, Aber die Welschen und Bayern wuchsen wie aus der Erde hervor. Die Tiroler mußten noch weiter zurück und verschanzten sich in den drei Sandbachhäusern, die in einer Gruppe auf dem Bühel standen und mit ihren Nebengebäuden eine weitläufige Burg bildeten. Jetzt waren die Schützen auf einmal Zimmerleute und Maurer, sie verrammelten alle Eingänge und schossen zu den Fenstern heraus, von den Dächern herab. Einer der Bauern wurde vom Dache geschossen und als mehrere Kameraden dem Sterbenden beispringen wollten, wehrte dieser mit der Hand ab und stammelte: »Gehts, gehts! für so was ist jetzt kein' Zeit. Schießen thuts!« Und verschied klaglos unter den Dachtraufen. Augustin war an der Seite des Mahrwirtes. Keiner lud flinker und schoß sicherer, als der junge Klosterbruder. Es war die Angst weg, es war' die Gier weg; wie der Mähder auf der Wiese die Halme hinlegt, wie der Holzer den Verhau baut gegen drohendes Hochwasser, fast so empfand Augustin seine Arbeit. Um den Peter war's ihm manchmal ein wenig bang, der stellte sich oft gar zu schlank und breit zum Ziele aus und mehr als einmal hatte er den Schwager mit dem Ellbogen zurückgetaucht: »Peter, hinten will dich wer!« Bald kam's nun so dick, daß sie keine Zeit hatten zum Laden. Beide, der Mahrwirt und der Feldpater, als welcher Augustin angeredet wurde, beschäftigten zusammen jetzt sieben Ladknechte, worunter auch weibliche waren. Manchmal warf der Peter einen kurzen Befehl hin: »Mehr bei den Stallfenstein hinaus, daß sie uns nicht von hinterwärts kommen! – Das Pulver in die Gruben! – Dort unten beim Rain, den Weißmantel thuts vom Roß! – Der Fenster werden zu wenige. Löcher bohrts durch die Wand! – Wasserkübel richts her!« – Augustin rief manchmal laut: »Aushalten! In Himmel kembts!« Die Stuben, die Kammern, die Ställe der Sandbachhäuser waren so voller Pulverqualm, daß der Rauch zu allen Fenstern und Luken hinauswirbelte und der Feind längere Zeit glaubte, die Gebäude stünden in Brand. Als aber immer nur Rauch und keine Flamme hervorschlug, da ließ der französische Weißmantel, den »vom Rosse zu thun« nicht gelingen wollte, auf einem Hinterschlich die Häusergruppe anzünden. Die Tiroler waren etwas verblüfft, als hinter ihnen plötzlich das Feuer prasselte und die Flammen rasch an den Wänden empor, an den Dächern hinleckten. »So, sauber, jetzt braten sie uns wie Martinigänse!« rief ein Schütze. Der Mahrwirt versammelte die Männer rasch im Hofe und mitten unter den brennenden Gebäuden, wo lodernde Strohfetzen in den Lüften flogen und die glosenden Aschen niedersanken auf die schwarzen Spitzhüte, mitten in der zusammenbrechenden Verschanzung entwarf er einen Ausfallsplan. Viele verbargen sich unter Mauerungen, andre stiegen in den Keller hinab, schlugen die Essigfässer ein, um mit Essiglappen, die sie sich übers Gesicht warfen, den Rauchqualm von der Lunge zu halten. Manche waren kaum zu bändigen, wollten hinaus, aber Augustin sagte, auch Selbstbezähmung gehöre zum Kampf und besser sei es, im Feuer zu ersticken, als gefangen zu werden. Schmach dem Tiroler, der lebendig in die Hand des Feindes falle! Die Franzosen auf den Matten und am Waldraine hatten den brennenden Häusern zugesehen, freche Witze gemacht und nur darauf geachtet, daß kein Fliehender entkommen könne. Es zeigte sich aber keiner. Kein Schuß mehr aus den Fenstern; nur ein paar schrille Schreie noch, dann war von der Brandstätte her nichts mehr zu hören, als das krachende Feuer und das dumpfe Dröhnen niederbrechender Dachstühle. – Sie sind alle verbrannt, im eigenen Neste verkohlt. Jetzt ist's Zeit, daß wir uns niederlassen und an dem Feuer endlich einmal Proviant bereiten. – So meinten es die Welschen. Und wie sie die Waffen abgelegt hatten, die Mäntel ausbreiteten auf dem Rasen, die Blechbüchsen vornahmen, Eßzeug und Branntweinfläschchen, und sich's bequem machten nach harter Arbeit – siehe, da sprang hinter lohenden Resten, aus Asche und Rauch, plötzlich ein wohlgeordneter Schwarm wütender Schützen hervor, piff, paff! auch mit geschwungenen Kolben auf das Lager los. Die Soldaten hatten gerade noch Zeit, sich zu erheben, wer einen Schuß im Rohre hatte, der brannte ihn los, weiter war nichts mehr zu thun als – laufen. Trotz der grausigsten Flüche des Anführers, trotz der zornigsten Drohungen, die Memmen niederschießen zu lassen, flohen sie thalwarts, hart hinter ihnen her die Tiroler, welche ihre Stutzen nun einmal auf der andern Seite versuchten und mit den schweren Kolben klingend dreinhieben. Solches war das Entscheidende des Tages. Auf der übrigen Kampflinie, von Mühlbach bis zum Eisack, hatten die Bayern und Welschen zur Not noch stand gehalten. Sie hatten mehrere Höhen eingenommen gehabt, waren aber wieder zurückgedrängt worden und behaupteten noch mit Mühe und Unlust Stellungen, die ihnen doch nichts mehr nützten. Sie waren ganz mutlos geworden gegenüber einem Feinde den man nie sah, aber immer fühlte. Als sie nun die Fliehenden sahen, die aus dem Schuttgraben in größter Unordnung der Straße zueilten und nicht einmal Zeit fanden, das schwere Geschütz mit sich zu nehmen, welches sie vorhin mit so großer Anstrengung bergwärts geschafft hatten, da ward auf kein Kommando mehr gehört, alles ging aus Rand und Band, aus allen Schluchten wie entstautes Wildwasser wogte der Feind. Ein kleiner Trupp flüchtete sich in die Klause nächst der Rienzschlucht; alles übrige eilte dem flachen Thale zu. – Allmählich wurde es an den Berghängen ruhiger. Auf dem Waldanger, vor einer hölzernen, über und über bemoosten Kapelle, ließ der Mahrwirt die Hörner blasen. Da kamen sie allmählich zusammen, die Landesverteidiger, die einen von oben herab, die andern von unten herauf, viele von den Seiten her: Still und ernst traten sie heran, jeder mit seiner Waffe, aber mancher ohne Hut, ohne Jacke oder mit zerrissenem Kleide. Mancher Blutende war unter ihnen, mancher wurde geschleppt, mancher schleppte sich selbst und es war, als müßten sie zusammenbrechen. Das erste für solche war: Verbinden und Laben. Viele erzählten einander ihre Erlebnisse, ihre Leistungen; andre saßen auf dem Rasen erschöpft und müde, und schwiegen. Vom Gebirge herab kam ein Bote aus der Brennergegend, er hatte Pickel und Seil bei sich und den Lodenhut ringsum mit Alpenkräutern besteckt. Sein Weg hatte wohl übel das Hochgebirge geführt. »Wie geht's, Manner? Seids auch brav gewesen?« Diese Frage war sein Ankunftsgruß. Und dann: »Lebts' alle? Ist der Mahrwirt da? Gehts her und hörts zu. Da bei Sterzing oben! Herrgott im Himmel!« »Wie steht's?« fragte ungeduldig der vortretende Mahrwirt. »Gut ist's,« sagte der Bote, »ein Schnaps, wenn ihr habts, nachher red' ich leichter.« Da hing schon ein strohumflochtener Plutzer an seinen Lippen. »Nun, nun?« fragten die Männer, sich um ihn drängend. Der Bote wischte sich mit dem Aermling den Mund ab, preßte noch den Rest des Beißers in die Gurgel, wobei er seine Augen schloß und sein Gesicht in Runzeln zog, und sagte hernach: »Der Anderl, der Sandwirt!« »Was ist's mit ihm?« »Das ist ein Hauptkerl! Auf dem Moos! Viel hundert tote Franzosen und viel tausend gefangene!« »Vivat, mein liebes Oesterreich!« erscholl es aus hundert Kehlen. »Und jetzt,« fuhr der Bote fort, »rücken sie dem zurückweichenden Feind schon über den Brenner nach und der Sandwirt hat gesagt, der Schußprügel dürft' nit eher weggelegt werden, als bis Innsbruck ausgeputzt ist und die alte Ordnung im Land. Kameraden, der heutige Tag, für zehn Jahr' ist er mir nit feil.« Mit hellem Freudenschrei umarmten sich viele. Und einer fragte den Boten: »Ja, wie weißt denn du so viel, wenn du vom Gamsgebirg kommst?« »Von dem komm' ich ja gar nit!« lachte der Bote, bog sich duckend die Kniee aus und klatschte in die Hand, »das mit dem Bergseil ist ja nur Maschkerad, damit sie mich nit zusammenpacken unterwegs. Hab' ja selber mitgethan auf dem Moos, was glaubts denn? – Noch einen Schlucker, wenn's erlaubt ist; mir sind heut' schon die Schaben in den Magen gekommen.« Der Mahrwirt hob den Arm, sie sollten still sein. Zu, Spinges läutete die Abendglocke. Die Männer zogen ihre Hüte vom Kopf, stemmten sich, mancher mit einem Knie, mancher mit beiden, auf den Rasen hin und beteten mit tiefen Stimmen: »Der Engel des Herrn bracht' Maria die Botschaft ...« Und in den Bergen dämmerte mählich der Abend. – Zur selben Stunde aber, da jedes Tirolerherz in Freuden jauchzte, war ein einziges in großen Aengsten. Und es war ein so junges, ein so heißes Tirolerherz: der Knabe Hans, des Mahrwirts Sohn. Er war nicht mehr vom Kreuzwirt gewichen auf der Felsenschanze. Anfangs wollte er schießen, doch jeder andre brauchte seinen Stutzen selber und da mußte er sich dazu bequemen, dem Kreuzwirt Handlangerdienste zu leisten. Ununterbrochen legte er ihm das Ladzeug zurecht, lud, wo für den Augenblick ein Gewehr frei war, teilte an die Schützen Kugeln aus und besorgte sogar mehrmals die Feldpost von einem Trupp zum andern, oder kundschaftete den Feind aus. In den Büschen huschte er wie ein Wiesel und einmal mußte er sogar einem dicken Bayernwebel zwischen den Beinen durch. So verging der Tag und er war immer gutes Muts. Es ging ja so lustig zu! Als nun aber der Kampf beendet war, da wurde er kleinlaut. Den Feind hatte er freilich nicht gefürchtet, jedoch einen andern fürchtete er. Hatte ihm sein Vater nicht streng aufgetragen, sich nicht mit einem Schritte vom Hause daheim zu entfernen? War ihm nicht seit jeher eingeschärft worden, der Mutter allzeit zu gehorchen, nichts gegen ihren Willen zu thun? Und nun war er heimlich davongelaufen. Schon geringen Ungehorsam pflegte der Vater streng zu bestrafen, wie wird's erst jetzt sein? Und die Mutter in Angst und Sorge, sie weiß ja von nichts. Das Lamm ist auch verthan. Was wird werden? In seiner Bedrängnis begann der Knabe zu schluchzen. Ein so tapferer, junger Soldat, und weinen! Das nahm den Kreuzwirt wunder. Der Knabe vertraute ihm sein Anliegen und da lachte der Kreuzwirt und rief aus: »Hansel, Hansel, du bist ein Prachtbub! Weißt du, was dein Vater sagen wird? Der wird dich herpacken und abbusseln, daß du erstickest, wenn ich dir nicht zu Hilf' komme. Möcht' selber einen haben, einen solchen Schlankel, wie du bist!« Gar viel Gewicht schien der Knabe auf diese Voraussetzung nicht zu legen, er lugte mit seinen großen feuchten Augen immer noch gar trübe und fast trotzig drein und endlich sagte er: »Vetter, lege ein gutes Wort für mich ein!« »So komm, Hans, wir wollen selbander zum Vater gehen.« Der Weg zum Vater war just nicht der angenehmste. Unterwegs fanden sie allerlei Dinge, die zu einer andern Zeit großes Erstaunen erregt haben würden, an denen sie aber heute fast achtlos vorüberschritten. Da lag eine leere Ledertasche, dort ein großer spitzer Filzhut, da ein Tornister mit abgerissenem Riemen, hier ein Bayernsäbel, dort ein versengter Franzosenmantel, da ein Pulverhorn, hier eine abgesprungene Messerklinge, dort ein mit scharfen Nägeln beschlagener Bauernschuh, da eine Tabakspfeife, hier ein Rosenkranz, dort ein lehmblasser Mensch. Der Kreuzwirt und der kleine Hans kamen auf den Waldanger, wo die Kapelle stand, gerade in dem Augenblick, als die Männer auf der Erde knieten und beteten. Auch der Kreuzwirt nahm seinen Breitkremper vom Kopf, der Knabe konnte das nicht thun, weil er seinen Hut längst verloren hatte. Hernach, als der Mahrwirt manchem die Hand gereicht und gesagt hatte, sie möchten jetzt friedsam heimgehen und sich ausschlafen, damit morgen beizeiten das Werk der Barmherzigkeit an den Toten geübt werden könne, trat der Kreuzwirt zu ihm hin und sprach: »Gehst auch nach Haus, Peter?« »Dazu wird bei mir keine Zeit sein,« antwortete der Mahrwirt. »Wenn du heimgingest, so wüßte ich dir einen Genossen für unterwegs, 's ist ein guter Bekannter.« Dabei schob er schon den Knaben vor. Der Mahrwirt sah seinen Sohn, schaute ihm streng ins Gesicht und sagte mit leiser Stimme: »Hat dich die Mutter hergeschickt?« Trat der Hans noch weiter vor, machte einen Versuch, bittweise die Hände zu falten, legte aber nur zwei Fäuste aneinander und bekannte, daß er heimlich davongegangen sei, schon am Morgen. »Was willst du hier?« fragte ihn der Vater. »Bitt' gar schön, mein Vater, laßt mich mithalten beim Franzosenerschlagen!« »Er ist gut zu brauchen,« mischte sich der Kreuzwirt drein, »hat mir brav geholfen den ganzen Tag. Und ein schlauer Kampel ist er, dein Hans. Ein verdammt schlauer! ei, das wohl!« Peter richtete sich stramm auf und sagte zu seinem Sohn mit einer Stimme, die so dumpf war wie ein Lahnensturz und so schwer wie ein Eisenklumpen: »Du bist heimlich von heim fortgegangen? Mir, der's verboten hat, zum Trutz.« »Nicht zum Trutz!« rief der Knabe. »Und die Mutter verlassen! Und sie peinigen mit einer Angst um dich, der du nimmer wert bist! Hans, höre! Im Fegfeuer gibt es keine so große Pein, als du deiner Mutter hast angethan am heutigen Tag. – Sogleich wendest dich und gehst heim!« »Wir wollen ja zusammen gehen,« sagte der Kreuzwirt. »Den Augenblick gehst heim, Hans, und vor deiner Mutter kniest nieder!« »Laß mich reden, Mahrwirt, du weißt ja nichts,« versetzte der Kreuzwirt von Brixen. »Ich meine, du weißt nicht, was er heute gethan hat. Vielleicht hätten dich die Bayern schon. Es war eine starke Nachfrag' nach dir. Und dir schon gleim auf der Spur. Wir sind zur selben Stund' nicht stark gestanden. Daß sie dich nicht ergattert haben, Peter, das hast du dem zu lohnen! Deinem Hans! Gefoppt hat er sie gottsprächtig. Irregeführt hat er sie. Den Hasel-Steff, den sie erschossen haben –« »Den Steff? Was ist's mit dem?« »Schon alleweil gegen die Klausen sind sie dir nach, Mahrwirt. Da hat dein Sohn den Steff, den maustoten Steff, mit einem Schrei für dich ausgegeben. Zertranscht ist er gewesen aufs Nichtzumerkennen, und das wär' der Mahrwirt! Auf das hat ein winiger Boar ihm mit dem Kolben die Hirnschale eingeschlagen, dem Steff. Der hat sie heimlich ausgelacht, ha, ha, und ihm thät's nicht mehr weh, er wär' schon tot. Das Liebstatscherl auf der Hirnschale ist aber dir vermeint gewesen, mein lieber Peter. Der kleine Kampel hat's verhütet. Schau ihn nur an! Mein himmlischer Vater, wie möcht' ich dir auch so einen prächtigen Buben haben!« Jetzt schauten ihrer viele auf den Peter, was der für ein Gesicht machen würde. Doch des Mahrwirts Gesicht wurde noch erklecklich finsterer. Er stand und schwieg, als müsse er sich erst den Zusammenhang zurechtstellen. Dann sagte er zu seinem Knaben: »So einer bist du! Wir streiten mit dem Stutzen und Messer, du mit dem Lügen!– Glaubst du, unser Herrgott hätt' kein andres Mittel gehabt, um mich zu schützen, als deine Lug?« »Vater!« begehrte der Kleine auf. »Sei still! Will's nimmer hören, das Wort Vater von einem Lügenmaul!« »Aber sei gescheit, Peter!« beschwichtigten mehrere, »ein bissel Kriegslist wird wohl noch erlaubt sein. Wir machen's ja alle.« »Was wir machen, das ist Krieg,« sagte der Mahrwirt. »Den geht's nichts an. Kinder haben da nichts zu thun. Kinder sollen lernen redlich zu sein, sollen wissen, daß Lug und Trug das Unglück worden ist für Tirol. Der Bonaparte hat gelogen, die Bayern haben gelogen, und dieser tiroler Kindskopf will auch schon lügen? Lügen mag der, der im Unrecht ist. Unsre Sach ist redlich Sach. Gerade die Falschheit noch, und wir sind's wert, daß der Herrgott uns verlaßt. – Und Frevel treiben mit einem Toten, seit wann ist denn das der Brauch? Willst dich versündigen? Wird der Schrei redlicher sein, Hans, wenn er einmal wirklich mich angeht?« »Vater!« rief der Knabe. »Geh jetzt, Kind,« setzte Peter in milderem Tone bei. »Bis du was Braves gethan hast, dann kannst wieder kommen. Jetzt geh!« »Na, also Hans!« sagte der Kreuzwirt, »komm, wir gehen miteinander. Wir gehen nach Brixen hinab.« Der Knabe ging mit ihm. So viel man in der Abenddämmerung sehen konnte, waren seine jungen frischen Züge völlig versteinert worden vor der Härte seines Vaters, die er nie so wie heute erfahren hatte. – Die Leute auf dem Waldanger zerstreuten sich. Peter ging mit mehreren Männern gegen Mühlbach hin, um zu erforschen und zu besprechen, wie es stehe und was nun not thue. Pfaff, ich weiß was! Im nächtlichen Wald war feuchte Kühle. Die Bäume ragten finster gegen den besternten Himmel. Manchmal kraxte ein Ast, manchmal rieselte es in einem der Zweige, in kurzen, grellen Stößen jauchzte eln Käuzchen. In den Schluchten rauschten die Wasser. Das ist die Waldruhe wie sonst. Aber in dieser Ruhe war ein seltsamer Unfrieden. Im Thale wieherte das Roß, im Grase des Hanges lallte hier jemand ein deutsches Vaterunser, knirschte dort jemand einen welschen Fluch. Und doch, wenn man näher hinhorchte, war es nichts. Gegen Mitternacht ging der Mond auf. Schon fehlte ihm mehr als ein Viertel von seiner Scheibe, und doch warf er scharfe Schatten, und doch weckte er im Heidekraut manches Gefunkel, wenn er einen Säbel oder das Messingblättchen eines Gewehrkolbens beschien. Bisweilen war es, als werde einer der schwarzen Baumschatten lebendig und husche eilig über den Plan. Vom Waldrain herab ging langsam eine dunkle Gestalt; sie stützte sich auf etwas, ob auf eine Krücke oder auf ein Schwert? Oefter stand sie still, als um zu horchen, dann schritt sie lebhaft querhin, dann wieder beugte sie sich zu Boden und rüttelte an Körpern. Sie waren leblos. Dort an der Felswand, war das nicht ein Stöhnen? Die Gestalt eilte hin, kniete nieder, hub an, mit einem Fläschchen zu laben, mit Worten zu trösten, und doch fühlte der Sterbende vielleicht nichts mehr und hörte nichts mehr. An einem Baumstamm lehnte ein welscher Soldat, der fluchte laut des Namens Napoleon. Als unser Nachtwandler hinkam, war der Mann tot. Dort am Wacholderstrauch wimmerte ein Mensch nach einem Schluck Wasser. Das war sein letztes. Als Augustin hinkam, atmete er nicht mehr. Ja, Bruder Augustin war's, der allein das Totenfeld beging. Er kam nun auf eine Wiese, auf welcher zerstreut große, fahle Felsblöcke ragten. Hier hatte der Tod dicht gemäht. Ein sterbende Franzose that Stoßgebete zur Madonna. Als er den Mann mit der Waffe nahen sah, scharrte er mit den Zähnen: » Maudit Allemand! « »Kann ich Euch beistehen?« fragte ihn Augustin. »Feind! Feind!« stöhnte der Franzose, mit der Hand winkend, daß der Nahende sich entferne. »Ich kenne jetzt keinen Feind,« sagte der Geistliche, beugte sich nieder, labte den Vergehenden mit Essig und sprach ihm zu mit milden Worten. Noch wollte er ihn ein wenig aufrichten, da entquoll ein Blutstrom dem Munde des Soldaten – dann war auch hier wieder nichts als ein Toter. Also wandelte Augustin dahin über das Schlachtfeld. Im heißen Streite des Tages hatte er, andre verderbend, sich selbst manche Seelenwunde beigebracht, die er jetzt damit lindern wollte, daß er Trost gab allen, die noch eines Trostes bedurften. Denn das Ungeheuerliche des Menschenschlachtens war ihn angetreten ... Auf steinigem Boden, nahe dem Abgrunde, der niederging in die Wasserschlucht, lag ein großer, vollbärtiger Mann, ein Tiroler; dieser wälzte sich her und hin und suchte den Abgrund zu erreichen. »Was willst denn dort?« fragte ihn der Priester, nachdem er den Mann ein Weilchen beobachtet hatte. »Es ist verdammt, ich kann nit sterben!« knurrte der Bärtige. »Schlecht getroffen. In den Bauch. Den Stutzen hat mir der bayrische Höllsakra weggeraubt.« Er reckte die Hand auf: »Geh, Schwarzer, hilf mir hin. Du bist ja ein Pfaff, gelt?« »Dir wird noch zu helfen sein. Ein Verband.« »Ist schon, ist schon. Was hilft der Fetzen, es blutet in den Darm hinein. Pfui Teufel, das Sterben fürs Vaterland hätt' ich mir schöner gedacht.« »Je schmerzhafter, desto größer.« »Meinst?« sagte der Verwundete. »Bei mir steht der Satan anders. Sterben fürs Vaterland! Keine Rede davon. Ein Lumpensterben ist es, ich sag' es dir!« »Bist denn nicht im Kampf gefallen?« fragte Bruder Augustin. »Bist einer oder nit?« fragte der andre lauernd entgegen. »Ein Schwarzer, mein' ich. In der Nacht sind alle schwarz.« »Ich bin der Feldpater.« »Bist es? Nachher kannst auch Beicht hören.« »Ich will's gern thun, wenn du Verlangen hast.« »Na, nit deswegen. Verziehen wird mir ja sein. Nur was du sagst dazu, möcht' ich wissen. Hock' her. Hast was im Flaschel? Essig? Laß saufen. Wird einem ja frei übel bei dem Bauchweh.« Der Priester reichte ihm ein paar Schluck Branntwein. »Prrr!« machte der Verwundete sich schüttelnd. »Das ist ein Jausner. Meiner hat mehr Brand gehabt. Solltest mich nit kennen, heiliger Pfaff? Der Gauler? Der Branntweinbrenner Gauler? – Und du machst dir jetzt kein Kreuz über die Nasen? Nachher mußt von weither sein. Pfaff, ich weiß was!« »Hast etwas auf dem Herzen, so red',« sagte der Priester und bettete das borstige Haupt auf seinen Schoß. »Verziehen ist mir schon und der Teufel ist um den Braten betrogen,« knirschte der Gauler. »Kein Pfarrer hätt's können. Auch kein Bischof. Nichts als das Vaterland hat's gethan. Deswegen bin ich ja gegangen. Ich wollt' sonst der Narr sein und mich totschießen lassen! Da hätt' ihr lang können warten. Schlecht ist's eh nit gewesen, auch die Bayern haben mir Branntwein abgekauft, und mehr als die Tiroler. Ob bayrisch, ob österreichisch, das wär' mir Sand gewesen. Aber der Höllteufel schreckt mich. In den Himmel will ich kommen. Wer fürs Vaterland fällt, dem sind alle Sünden vergeben, alle – unbeschaut. Ist's nit so? Sagst es auch? Ja, das stimmt. Mit der Kugel im Leib kunnt ich gleich noch ein paar Schandthaten dazu thun; auf ein Abwaschen. Bin aber – nit mehr aufgelegt dazu. – Sag', Schwarzer, ist der Kronleuchter wohl auch dabei?« »Fieber wirst du haben.« »Und die Judengeschichte auch?« »Nicht so viel reden sollst!« ermahnte Augustin. »Der einzige Pfaff, der nit neugierig ist,« fuhr der Gauler fort. »Aber glaub' mir, ein andrer weiß dir das nit, was ich weiß, in den Beichtstuhl sagt's keiner hinein. Wollt' ihm's auch nit raten. – Jetzt schadet's nimmer.« »Wenn du es so weiter machst, kann ich dich nicht verstehen,« versetzte der Priester. »Grausen wird dir, Pfaff! Aber froh sollst sein, daß du keine haben darfst. Mit den Weibsbildern hebt's allemal an. Dasselbe kugelrunde Dirndel. Die Finzerl! In der Christmetten dazumal. Und steht der Gidel neben ihr, der Wehrschlager Gidel, von dem sie eh alleweil einen Ring hat getragen. Sie bringt ihn nit herab, sagt sie, und ich hätt' ihr am liebsten den Finger ausgerissen. Und in der Christnacht wollen sie miteinand heimgehen. Die Kirchen voller Leut', und der kecke Kerl steht neben ihr und vom eisernen Kronleuchter trauft das Wachs auf ihr rotes Halstuch. Kratzt er ihr's weg und flauschelt, sie sollt' sich auf seinen Platz stellen, er unter den Leuchter, ihm macht's nichts. – Hau, denke ich mir, wenn nur dem das heiß' Wachs ein Loch thät brennen ins falsche Herz! Wenn nur dem was thät passieren, ehevor er mit ihr kann heimgehen! Ich denk's, es kommt die Wandlung. Niederknieen, auf die Brust schlagen – macht's dir einen Kracher und der Kronleuchter liegt auf dem Kirchenpflaster. Und darunter der Gidel. Der Gidel ist fertig.« »Ich habe vom Unglück gehört,« sagte Augustin, »es war vor Jahren in Sankt Margarethen.« »Ja, mein Lieber, ich kann was!« fuhr der Gauler fort. »Mir ist nit zu trauen. Hätt's selber nie geglaubt, daß mir der Teufel so bereitwillig ist. Aber gefreut hat's mich, wie ich sehe, daß ich einen hab', der mir meine Wünsche erfüllt.« Der Priester wollte aufstehen. »Ja, Schwarzer, wenn du jetzt schon springst!« lachte der Gauler heiser, und dabei wand er sich auf dem Erdboden wie ein getretener Molch. Dann blieb er wieder ruhig und in ächzend herausgestoßenen Gurgeltönen redete er weiter: »Das hätt' ein andrer auch gethan, wenn er's kann. Was thut der Mensch nit alles wegen der Weibsbilder. Jede, die ich mir aufgegabelt, hat ja freilich keinen Kronleuchter gekostet, aber hingegen Geld, verschwefelt viel Geld. Schon ein einfaches Verheiratetsein kostet Geld, jetzt denk' dir erst ein fünffaches oder siebenfaches, was weiß ich, so viel werden ihrer gewesen sein im Durchschnitt. Bei etlichen, denen ich's versprochen, hab' ich's wohl so eingerichtet, daß sie mir selber davongelaufen sind, aber allemal geht's nicht. Die Kinder wollen essen und christlich erzogen werden. Da hat's nachher geheißen: stehlen oder den Hörndelbuben rufen. Das Stehlen ist nit schön und die Leut' sehen's nit gern, und Sünde auch. Und 's schlimmste ist noch das Erwischtwerden. Oft hab' ich's nit gethan, oder ich müßt lügen, Pfaff. Aber der Branntwein allein kann's nit bestreiten. Weißt es? Wenn's heißt: Geld bringen! Da laßt sich der höllische Schwanzkerl länger bitten, als wie zum Kronleuchterabzwicken. Wenn der Mensch Geld braucht, ist der Jud' besser wie der Teufel. In Bozen unten haben sie einen gehabt. Ein schäbiger Hebräer, aber Geld! Ob er so Kirchensachen kauft? hab' ich gefragt. – Warum denn nit, wenn's einen Wert hat! – Ich glaub's, daß es einen Wert hat, und was ich dir bring', Jud', das bringt dir kein andrer. – Auf den Ritten geh' ich und verkauf' drei Plutzer Branntwein, und bei der Nacht, dieweil sie dabeisitzen, und der Küster auch dabei, raub' ich die Kirche aus. Die heilige Hostie bring' ich dem Juden: Ich weiß, wie ihr Israeliten drauf versessen seid. Nadelstiche, Blutaussaugen! Was gebt Ihr? – Jetzt, Pfarrer, denk' dir den Hebräer: Einen Dummkopf heißt er mich – und bei der Thür hinaus. – Unsre liebe Frau!« unterbrach er sich selbst, »mir wird angst und bang. Alle Hitzen steigen mir auf. Soll das schon – sterben sein!« Mit den krampfigen Fingern umklammerte dieser unerhörte Mensch die Hand des Geistlichen, als wollte er sagen: Bleib' noch bei mir, verlaß mich nicht, ich fürcht' mich vor mir selber! – Mit seinen Zähnen verbiß er sich in Augustins Kleider und so wimmerte er in Krämpfen und Schmerzen. Der Priester kühlte mit Essig seine Stirn und, allmählich ward er wieder ruhiger. – »'s hat nachgelassen,« sagte er mit einem erleichternden Seufzer. »Ja, Pfaff, ich weiß noch was.« »So sprich dich aus, sprich dich aus. Und Wahrheit vor Gottes Richterstuhl.« »Heiliger Mann, ich wollt', ich wär' ein Lügner!« seufzte der Mensch auf. Dann fuhr er in seiner unheimlichen Art fort zu erzählen: »Daß dich Gott verdamm, hochmütiger Hebräer! Das Beste, was wir Christen haben, das verachtest du? Bei der Talfererbrücke in Rub, wo das Kreuz steht mit dem weißen Christus, habe ich nachher die Hostie begraben. Ich find' schon noch was, Jud', das du kaufen wirst! Ostern sind nit weit, und ich weiß ein Kalkbrennerdirndel, was ich ein Jahr früher in Brixen zur Firmung geführt hab'. Um das kümmert sich keine Menschenseel', wenn's nit der Firmgöd thut. Gern geht es mit mir nach Bozen hinab, weil ich ihm ein Blaudruckjöppel hab' verheißen. – Na, Jud', was sagst zu dieser War'? Frischer Osterbrunnen! Unter vierzig Bayrische ist keine Red'! – Dreißig! sagt der Jud', um dreißig hat doch auch der Judas euren Herrn verkauft. Die Antwort ist mir gleich verdächtig und erst gar, wie er sagt, ich sollt' ein bissel warten, er müßt' erst wechseln lassen. Dieweil schickt der falsche Fant um die Büttel; zur Not, daß ich noch ein Loch find', hinaus, und fort ins Gebirg. Seither trau' ich keinem Hebräer mehr und ich hab' gar nimmer unter die Leut' mögen. – Aber schau, Pfaff, von der Zeit an hat's bei der Nacht was gehabt. Wie ich oft just im besten Schlaf bin, macht's einen kalten Blaser über mein Gesicht. Und wenn die alte Wanduhr Mitternacht schlagen soll, hebt sie an zu rasseln: verloren, verloren, verloren! – Darauf bin ich ins Innthal hinüber und zur heiligen Beicht gegangen. Hat nichts geholfen, die Uhr schreit um Mitternacht alleweil: verloren, verloren! bis ich einmal aufspring vom Bett und sie mit der Hack' in Scherben schlag'. – Wenn 's Beichten einmal nichts mehr nutzt, Herr Pfarrer!« »Hast damals wohl auch alles freimütig bekannt?« fragte Augustin. »Wenn ich das will, geh' ich doch lieber gleich zum Gericht,« lachte der Gauler auf; ein wahnsinniges Lachen war's. An allen Gliedern hub er an zu beben, wie er es jetzt hinausschrie in die ruhsame Nacht: »Jesus nein! Verworfen und verloren auf der Welt und in Ewigkeit! Schlaf und keine Rast habe ich mehr mögen finden. Und da ist's einmal, daß ich nächtig Stund im Talfererthal vorbei muß an der Brücke und wo das Kreuz steht mit dem weißen Christus. Eine schöne Mondscheinnacht ist gewesen und alles so still und gottesfriedlich. Da geht mir 's Herz auf und ich denk', heut' ist eine Gnadennacht und heut' schau, daß du auf gleich kommst mit deinem Herrgott. Und knie' nieder und rutsch' auf den Knieen über den Sand hin zum Kreuzstamm. Und wie ich den Stamm mit beiden Armen umschling' und meinen Kopf aufricht', daß ich die Füße kunnt küssen, da« – die Stimme wurde hohl und stöhnend, als der Gauler das sagte – »da seh' ich. wie der Herr Jesu Christ zuerst die rechte Hand loslöst vom Kreuz, und nachher die linke, und die heiligen Füß', und herabsteigt und langsam davongeht über die Brücke und wie er drüben auf der mondblassen Wiese verschwindet.« Stöhnend, mit beiden Händen suchte sich der Mann emporzuranken an die Brust des schaudernden Priesters: »Magst du mich denn auch nimmer, Menschenbruder, wie mich Jesus Christus nit mag?« Augustin zog ihn sanft an seine Brust. »O!« hauchte der Gauler. »da ist's warm. Da möcht' ich rasten.« Und es war, als wollte er schlummern. – Nach einem Weilchen hob er das Haupt und fragte wie ein Kind: »Nicht wahr, Pfarrer, ich bin gerettet? Ich bin ja in den Krieg gegangen fürs Vaterland. Da steht uns der Himmel offen. Du sagst es auch! – So tröste mich doch, Pfaff! So sage mir doch: in einer Stund', wo werd' ich sein?« Der Priester labte ihn mit milden Worten. Da begann der Gauler sich wieder zu winden, begann zu röcheln, mit beiden Händen hielt er sich krampfhaft fest an Augustins Kleid. Plötzlich schrie er wie unter Hohnlachen auf: »O, verdammter Tod ...!« Während Augustin laut betete, bäumte der Sterbende sich starr auf, hoch, in die ganze Höhe des Mannes – dann knickte er ein, sank stumm hin und leblos, wie die Steine und Strünke ringsum, so lag er ausgestreckt auf dem Boden. Unseliges Menschenwesen du! so sann Augustin an der Leiche. Hat auch dich das Blut erlöst? Gott, es wird doch nicht Vermessenheit sein, wenn der Feldpater jedem zuruft auf dem Felde: In den Himmel kembts! – Er hat wenig Böses gethan, aber viel Böses gewollt. Mein Schwert hat ein Kreuz. Augustin schritt weiter. Er ging nun durch einen Wald, dessen Stämme bis gegen den Wipfel hinauf entästet waren, der Schatten dieser Bäume spielte sich auf dem Boden wie nebeneinander laufende Gräben, und in einem derselben lagen zwei welsche Soldaten, die noch im Tode sich fest umschlungen hielten. Daneben im Mondenschein rang einer, der Kaufmann Stelzer aus Brixen war's, mit dem Tode und der Verzweiflung. »Nur nit sterben! Nur nit sterben in so jungen Jahren!« ächzte er. Doch war er so arg zu schanden gerichtet, daß Augustin sah, auf dieser Welt gibt's für den kein Heil. Den muß man sanft loslösen. »Bruder,« sagte er während unausgesetzten Bestrebens, dem Sterbenden die Qual zu lindern. »An deiner Stelle möcht' ich sein. Dieses unermeßliche Elend, du hast es hinter dir. Schau' das Leben an, an dem du so hängst, wie es dich schmerzt; schau' die Menschen an, die du so liebst, wie sie sich morden. Ob unterliegen, ob siegen, es ist kein Heil. Willst als Krüppel leiden und betteln und verachtet sein bis ins Alter? Jetzt bist schon fast übers Thor hinaus und willst wieder zurück? Wie wollte ich an deiner Stelle Gott preisen, daß ich mit Ehren loskäme von dieser falschen Welt!« »O Augustin, es ist so hart, was du redest,« gab der Sterbende zur Antwort. »Ich weiß ja, daß es aus ist, und dennoch möcht ich's hören: Du stirbst nit, du wirst wieder heil! Sage mir doch diesen Trost, ich bitte dich!« Und während Augustin ihm von Genesung sprach, schlief er ein. – Junge Leute müssen alles erst lernen, auch das Zusprechen von Trost. Und selbst dem Gequältesten ist eine Ewigkeit Himmel weniger Trost, als ein Jahr Erde. Jetzt bemerkte Augustin, wie hier die kahlen Baumstämme so rot waren. Rot wie glühende Stangen, ganz hinauf. Als er sich umwendete, sah er wohl, was die Ursache war. Unten in der Tiefe, wo die Schluchten der Rienz lagen, stieg hoch und breit eine Feuersäule auf. Kein Luftzug bog sie, kaum ein sichtbarer Rauch umdunkelte sie – in großer, lautloser Ruhe stieg die Lohe zum Himmel auf. Anfangs dachte Augustin an Mühlbach oder an ein andres Dorf, in das der abziehende Feind Feuer geworfen. Allmählich fand er sich zurecht; die Klause stand in Flammen, die von den Franzosen tagsüber so erfolgreich verteidigt worden war und in welche ein Theil des Feindes sich am Abende zurückgezogen hatte. – Der Priester schüttelte den Kopf. Nach dem Aveläuten sollte keine Feindschaft sein. Die Nacht ist des Herrn. Augustin stand lange still und horchte, ob denn kein Lärm zu vernehmen sei von der brennenden Klause heran. Nein, feierlich still strebte die Flamme empor. Dann trat er auf einen freien Plan hinaus; mitten auf demselben war etwas, das einen Schatten warf über die fahle Fläche. Auf moderigem Baumstrunk saß ein Mann, der vorgeneigt das Gesicht mit den Händen verdeckte. So unbeweglich saß er da, daß nicht zu erkennen war, ob er wache oder träume. Ueppige Locken quollen über die Finger herab, welche die Stirn umklammerten. Ein französischer Soldat war's. Als Augustin eine Weile hinter ihm gestanden war, legte er leicht seine Hand auf die Achsel des Rastenden und fragte: »Was ist es mit Euch?« Der andre fuhr erschrocken auf und langte nach der Waffe. »Ich komme niemandem als Feind,« sagte Augustin. »Ihr habt ein Schwert in der Hand!« entgegnete der Soldat in ziemlich gutem Deutsch. »Mein Schwert hat ein Kreuz,« antwortete der Priester ruhigen Ernstes. »Gehet nur vorbei,« sagte der andre, »von denen, die Ihr suchet, bin ich keiner.« »Ich suche Menschen,« versetzte Augustin mit sanfter Stimme, »Menschen, die eines Beistandes bedürfen.« »Ich bin ja ein Feind,« sagte der sitzende Soldat. »Seht mich nur an, ich bin einer von denen, die so viel Elend gebracht haben über Euer Tirol.« »Kommt nur mit,« entgegnete Augustin, »dieser Sumpf ist kein Aufenthalt.« »Nein,« sagte der andre zögernd, »ich muß hier bleiben. Ich kann nicht fort.« »Seid Ihr verwundet?« »Am Fuße. Und ich habe den Fuß in diesen kühlen Lehm vergraben, daß er nicht bluten kann und nicht schmerzen. Mir ist ganz wohl, ich will nur rasten.« Es war in der That so. Der Mann hatte den rechten Fuß tief in den Moorgrund gebohrt und die lehmige Erde rings herum fest angedrückt, so daß es aussah, als wäre er wie ein Birkenstamm aus dem Boden herausgewachsen. Wie der Mond ihm jetzt ins Gesicht schien, sah Augustin, daß es ein schöner, bartloser, lichthaariger Jüngling war, mit großen Augen, die sehr traurig hinausschauten in den weiten, nächtigen Wald. »Kann ich Euch einen Dienst erweisen?« fragte Augustin. »Seid Ihr nicht selbst im Feuer gestanden?« fragte der andre entgegen. »Ich habe ein wenig mitgeholfen.« »Da oben am Rain, gegen die Abendstunde?« »Ja freilich, da oben?« »Dann habt Ihr mich erschossen,« sagte der Soldat. »Ja, ich kenne Euch wohl. Ich habe auch Euer schwarzes Gewand aufs Korn genommen, da hat der Schuß versagt und Ihr schicktet mir etwas in den Fuß. Es ist recht so, wir haben es wohl verdient. Wir haben Unglück gebracht über Euch. Wir, aber nicht ich. Glaubt mir, ich wäre lieber daheim geblieben.« »Das glaube ich Euch gern. Welcher Mensch, der eine Vernunft hat und an einen Gott glaubt, wird freiwillig in ein fremdes Land ziehen und ein friedliches Volk bekriegen, das ihm nichts gethan hat!« »Wir haben müssen. Wir sind ja selber Deutsche, im Elsaß. Aber wir haben müssen,« murmelte der Soldat und schien zu versinken in Erschöpfung und Traum. »Lieber Freund,« sagte Augustin, »ich lasse Euch nicht allein. Ihr seid in Feindesland, aber nicht unter Barbaren.« Der andre entgegnete darauf nichts, doch seine Achseln huben an krampfhaft zu zucken, sein Atem zu stoßen. – Wenn ein Krieger weint! »So weit – so weit von heim!« schluchzte er. »So wiet von heim zu sterben! Meine Mutter! Mein Weib!« »Ihr seid aus deutschem Land?« »Ueber den Rhein bin ich gekommen,« antwortete der Soldat. »Drei Stunden hinter der Stadt Straßburg ist mein Dorf. In einem Hügelland, und Weinberge, Wald.« »Hüllet den Mantel um, es ist kühl.« »Es ist heiß. Lasset mich nur. Ach, daß ich wieder schlafen könnte! Ich habe vorhin mein Daheim gesehen.« »Im Traume! Freund, träumet wachend fort. Erzählt mir von Euer Mutter, von Eurem Weibe.« Also sprach Augustin, denn sein Bestreben war, den armen verzagten Menschen aufzurichten. Die Feldflasche bot er ihm, aus welcher der Elsässer trank. »Ihr seid gut,« sagte dieser dankend, »ich habe wohl gehört, daß die Tiroler gut sind. So will ich Euch bitten, daß Ihr heimschreibt ins Elsaß, an mein Weib, daß sie wissen, wie ich gestorben bin.« »Recht gern will ich schreiben, aber nicht, wie Ihr gestorben seid, sondern wie Ihr nach Hause kehren werdet. Schmerzt Euch das Bein?« »Lasset den Fuß in der kühlen Erde. Dahin gehört er, und schmerzt nicht. Aber nach Hause kehren? Das weiß ich besser.« »So rastet nur,« sagte Augustin voll milder Teilnahme. »Habt denn nicht auch Ihr selbst ein Herz voller Anliegen?« fragte der Soldat aus dem Elsaß. »Habt Ihr denn noch Zeit für andre in diesen traurigen Tagen?« »Ich für mich habe kein Anliegen. Ich bin Priester. Daß ein schwerer Krieg ist zwischen Eurem und meinem Land, das soll jetzt ganz vergessen sein. Wir sind einander Brüder. Ich will mich zu dir setzen auf diesen Strunk und dich nicht verlassen, also will es auch unsere Religion.« »Die Religion,« entgegnete der Soldat, seine Stimme war unsicher. »Ich mag Euch aber nicht täuschen. Ihr in Tirol seid streng katholische Leute. Ich bin der evangelischen Kirche ...« »Christus streckt am Kreuze zwei Arme aus,« sagte Augustin. »Einen für euch und einen für uns?« fragte der Soldat wie träumend und sein Haupt wollte sinken. »Lehne dich an meine Brust und schlafe.« Der Elsässer ermannte sich wieder: »Schlafen! Dazu wird keine Zeit mehr sein. – Daheim, da werden sie jetzt freilich schlafen und nicht ahnen, wie es mit mir steht.« »Mich deucht, das Heimweh thut dir schlimmer, als das Blei im Beine.« »O, Herr, es ist kein Mensch so aus seiner Heimat gerissen worden, wie ich!« sagte der Elsässer in tiefer Traurigkeit. Und wie in halbem Selbstgespräche fuhr er fort: »Heute vor vier Wochen. Ach, wie bin ich da noch in Freuden gewesen!« »Lehne dich nur an mich, Bruder, und erzähle.« »Mein Vater, der ist frühzeitig fort,« sprach der Wässer, »der schläft im Ägyptenland. Meine Mutter hat die Wirtschaft geführt, eine Winzerei, wo man arbeitet und lebt. Sie war selber schon mühselig und hat mit Schmerzen die Zeit erwartet, da sie mir die Wirthschaft übergeben konnte. Und jetzt – ich erzähle schon alles – habe ich es meiner Braut eingestehen dürfen. Dieses liebe Mädel! Das glaubt mir niemand. Eine gar sonderbare Geschichte war's. Ein Großpächter hat sie nehmen wollen, einer von der Loire her – spricht nicht deutsch. Gertrud hat ihre arme Familie versorgen wollen und ich habe gesagt: Wenn du kannst, Gertrud, so thu's. Für Vater und Mutter würde sie es wohl müssen können, ist die Antwort und verspricht sich dem Pächter. Das ganze Dorf schickt sich an zum Hochzeitsfeste, der Pächter ist ein reicher Mann und Gertrud geht ihrem Glück mit Demut entgegen. Mich hat's gewundert, aber dann denke ich, es wird ja doch nicht so schwer sein, einen armen Knaben laufen zu lassen und in ein Schloß hineinzusitzen, wo so viel Ueberfluß und Ehre ist. – In denselben Tagen hätte mich der Bonaparte rufen sollen!« »Hernach erzähle weiter,« unterbrach ihn Augustin, jetzt müssen wir uns nach dem wunden Beine umsehen.« »So laßt es doch schlafen, es schmerzt ja nicht!« rief der Soldat. »Die Erde ist heilsam, das habe ich oft gehört. Glaubt Ihr doch, daß es wieder gut wird?« Es konnte ja sein, daß der seltsame Lehmverband günstig wirkte; der junge Geistliche hatte in solche Sachen keine Erfahrung. »Habt Ihr noch Geduld?« fragte der junge Elsässer. »Ihr müßt ja alles wissen, wenn Ihr das ganze Unglück begreifen wollt. Aber es wird schon Tag!« »Das ist nicht der Tag, Freund, das ist eine Feuersbrunst.« »O, der Krieg!« schauderte der junge Elsässer. Der Priester schlug um ihn enger den Mantel und der Soldat fuhr fort: »Der Pächter? Ist sie noch bei ihm? – Eines Abends, kurz vor ihrer Hochzeit – in der Weinlaube, da steht sie vor mir. Wie ich erschrecke, Ihr könnt Euch's denken. Fritz, sagt sie und fällt nur gleich so vor mir zu Boden, Fritz, es ist ganz unmöglich. Ich kann in den Steinbruch gehen und für meine Eltern arbeiten – den Pächter kann ich nicht heiraten. Ich habe es ihm geschrieben, es ist schon aus. – Wir haben auch weiter kein Wort mehr geredet und am nächsten Tage gehen wir mitsammen zum Vorstand. Vornehm ist die Hochzeit nicht gewesen. In unsrem Baumgarten haben wir das Mahl gehalten, ein paar Verwandte und Freunde und einer mit der Guitarre. Meine Mutter im Glücke, auch Gertrudens Eltern sind froh gewesen. Wenn es Gott will, so wird er ja auch seinen Segen geben, das war ihr erstes und ihr letztes Wort. Und ich? Und mein junges, sanftes Weib? Diese Gestalt im Myrtenkranz sei bei mir im letzten Augenblick! Einen andern Kranz sticht sie aus Weinlaub und setzt ihn schäkernd auf mein Haupt. Zwei Lichter werden auf den Tisch gestellt; weil es schon dunkelt. Auf das Brautpaar wird ein Spruch gesagt und mit vollen Gläsern angestoßen. Und mitten in solcher Fröhlichkeit fällt mir meine alte Muhme ein, von der Mutter eine Schwester. Seit Jahren liegt sie siech in ihrem Stüblein. Die würde sich eines freuen, wenn jetzt der Bräutigam mit dein Glas an ihr Krankenlager käme und es ihr auf ein langes Leben brächte. Auch die Alten und Siechen leben noch gern!« Der Erzähler schwieg ein wenig; als er seine Bewegung bemeistert hatte, fuhr er fort: »Auch meine Braut wollte mit. Der Weg ist gleichwohl nicht weit, aber finster und steinig, und sie sollte lieber morgen im Tageslichte zu ihr gehen. So lassen sie mich allein fort und in zehn Minuten bin ich wieder bei dir, mein Schatz! Wenn ich komm', wenn ich komm', wenn ich wiederum komm', bleib' ich, mein Schatz, bei dir! So singend eile ich durch' den Baumgarten gegen das kleine Haus hin, wo die Muhme wohnt. Wie ich über die Straße will, marschiert mit klingendem Spiel eine Kompagnie Soldaten vorbei. Ihre Fackeln flattern wie Kriegsfahnen. Es geht ja wieder ins Feld, höre ich. Dabei ist ein Bekannter von mir, ein Schulgenosse, den habe ich immer gern gehabt, und jetzt muß der arme Teufel auch fort. Ich springe hin zu ihm, reiche mein Glas: ›Trink', Giovan!‹ Er hebt das Glas, schwingt es: ›Der Kaiser der Franzosen lebe!‹ und trinkt, und ich trinke auch: ›Der Kaiser der Franzosen lebe!‹ – ›Bravo, bravo!‹ schreit alles, daß es gellt in der Nacht; zwei Soldaten fassen mich an den Armen, nehmen mich in ihre Mitte und fort, fort geht's in schnellem Marsche. Anfangs meine ich, es wäre Spaß und sage, sie sollten mich loslassen, ich wollte zurück zu meiner Hochzeitsgesellschaft. Da lachen sie schrecklich auf, und meinen Hochzeitstanz, den könnte ich in Deutschland halten, und feine Bräutlein gebe es überall. – Was soll ich denn weiter noch sagen, mir drückt's das Herz ab. Gefangen bin ich gewesen, ein Soldat in des Kaisers Armee. Auch andern ist es so ergangen wie mir, sind unterwegs gewaltsam mitgenommen worden. Der Bonaparte ist ein gar ungeduldiger Herr und noch in derselben Nacht sind wir über den Rhein marschiert. Bis Stuttgart habe ich mein Hochzeitskleid am Leibe gehabt, voller Straßenstaub, feucht vor Schweiß. Nun hat man mich in die Uniform gesteckt und alles ist vorbei. – Mein lieber Tiroler, kennt Ihr Euch das denken? Mir ist, als müßten sie heute, zu dieser Stunde noch sitzen an der Tafel im Baumgarten und auf mich warten.« »Du hast den Deinigen wohl geschrieben?« fragte Augustin. »Die Briefe werden nicht bestellt. Mein Weib, meine Mutter, sie wissen nicht, was mit mir geschehen ist, sie sitzen noch bei der Tafel und warten...« »Ihre Trauer wird in Freude verwandelt werden,« sagte der Priester. »Vielleicht dort drüben. Auf Erden nicht mehr.« Der junge Soldat, verdeckte mit beiden Händen sein Gesicht. »Willst du, armer Freund,« versetzte Augustin, voller Herzinnigkeit ihm die Locken streichelnd, »willst du nicht auch dem großen Gott eine Sorge überlassen? Er ist stärker als du, er trägt sie leichter.« »Er wird auch tüchtig zu thun haben, um das Unheil, welches dieser Bluthund anrichtet, wieder gut zu machen,« antwortete der Elsässer. Hierauf fuhr er sich mit einer Hand über die andere und murmelte: »Wie sonderbar mir doch zu Mute ist! Wird denn alles Blei? Was ist denn das?« Durch seinen Körper ging ein leises Beben. »Es ist ja weiter nichts mehr zu sagen,« setzte er tonlos bei. »Ich bitte Euch, schreibt nur das: Als Soldat die Pflicht gethan, Im Tirolerland gefallen auf dem Felde. Im Frieden gestorben. Und das, das schreibt ihnen auch: Einen guten Menschen zur Seiten gehabt beim Sterben ... Wenn ich komm', wenn ich wiederum komm' ...« Er schlummerte. Er lehnte in Augustins Arm und schlummerte. Als die Morgendämmerung aufging, bemerkte der Feldpater, wie rings um den eingegrabenen Fuß Blut hervorsprudelte aus dem Moore. Er legte den Schlummernden sanft an den Holzstrunk, an welchem er vorhin gelehnt, er hob sachte das Bein aus dem Grunde; die Quellen aus der Doppelwunde versiegten schon. Und als das Frührot leuchtete, wurden die Wangen des Kriegers nimmer rosig. Und als über den Alpengipfel des Großvenedigers die Sonne emporstieg, starrten seine Augen ruhig in sie hinein – denn diese Augen waren schon gebrochen. Und im Lichte des Tages sah Augustin nun die ganze Schönheit des jungen Mannes, die der Tod nicht verlöschte, sondern nur weihte. – Der Priester kniete vor der Leiche nieder und verrichtete ein Gebet. Vom Turme zu Mühlbach klang die Morgenglocke. Dann war es Zeit, ans neue Tagewerk zu gehen – zur Bestattung der Toten. Er stieg, daß er Arbeitsgenossen finde, hinab gegen das Thal, in welchem noch blauer Schatten lag. An halber Höhe der Berge schwebte hin und hin eine dunstige Rauchbank, aus dem Getrümmer der Klause stieg ein dünnes, wolkiges Säulchen auf, in der Luft war ein seltsam stechender Geruch. Wo Augustin in den Hohlweg einbog, begegnete ihm ein alter Hirte. Der mochte froh sein, einen lebendigen Menschen zu sehen; alsbald nahm er den Schlapphut ab und küßte dem Priester die Hand. »Was sagst denn dazu, geweihter Bua,« redete er ungefüg heraus, »die haben sich ihre Höll' beizeiten angeheizt!« »Was meinst du?« fragte Augustin. »Wer alt wird, der erlebt viel,« antwortete der Hirt. »Mein Lebtag hält' ich's nit vermeint, daß auch die Gräber brennen. – Die Franzosen. Hast es noch nit gehört? Ehe sie sind abgezogen, haben sie ihre Toten zusammengetragen in die Klausen und angezündet. – Mensch, zugeht's jetzt auf der Welt! Nimm dir Zeit!« Still sei, Schurk', der du die Menschheit verläumdest! Zur Zeit, als dies geschah, hatten sie zu Brixen keinen Arrest. So mußte man den Menschen auf den Friedhof treiben und in die Totenkammer sperren. Es war ein ganz verkommener Bursche, sein Gewand aus grauem Linnen mit zerfransten Löchern, lehmig, schmutzig dort, wo die Fäden noch zusammenhielten. Das Beinkleid hing nur mit zwei Knöpfen an dem rissigen Hosenträger, das gelbgraue Hemd war vorn offen, so daß man die rindenfarbige Brust sah bis zur Magengrube hinab. Die plumpen Füße ohne Schuhe, mit Erdkrusten zwischen den Zehen. Die Glieder schlank und mager, das knochige Gesicht völlig bartlos, eingefallen, lehmblaß, sommersprossig; die Lippen wulstig, die Nase flach, mit dreieckigen Nüstern, die Augen klein, tückisch lauernd, ohne Wimpern und Brauen, der Kopf mit dem fuchsbraunen, filzigen Haar zwischen den Achselknochen eingeklemmt. Die Arme waren jetzt auf den Rücken gebunden. Dieser Mensch war überall gesehen und nirgends daheim. Eine arme Häuslerin im Grödnerthal hatte sich einst aus dem Welschen herauf ein Findelkind geholt. Bei der Taufe war der Rampesbauer Pate gestanden. Das bißchen Mitgabe war bald verbraucht, die Häuslerin starb, der Knabe verdarb. Der Rampesbauer hatte ihn als Halter auf seine Alm genommen, der Junge entlief. Im Etschland draußen nahm er irgendwo ein Fischernetz, richtete dasselbe in den Gebüschen auf. Wenn dann im Herbste die nach dem Süden ziehenden Vögel kamen, verstand er es, durch nachgeahmte Vogelrufe die Thierchen herbeizulocken und ins Netz zu jagen. Dann tötete und verzehrte er sie. Als der Winter kam, stahl er eines Tages einem Landpfarrer ein Paar Stiefel, wurde dabei erwischt und nach Bozen in den Arrest gethan. Im Arreste fand er einen älteren Genossen, der belehrte den Burschen, das Stehlen sei nicht anständig, der Mensch müsse sich sein Brot auf redliche Weise verdienen; er lehrte ihn das Kartenspielen und wie man es durch Kunstgriffe angehen müsse, dabei das Glück zu verbessern. Auch mancherlei Taschenspielerstückchen lernte der Fabian im Arrest, mit welchen man sich auf Jahrmärkten was erwerben kann. Als der Bursche frei wurde, übte er derlei schöne Dinge manches Jahr lang, zeitweilig war er verschollen; wenn er dann doch wieder in die Gegend kam, bei seinem Paten, dem Rampesbauer, zusprach und dieser ihn fragte, wo er gewesen, brachte er immer schöne Grüße aus der Schweiz mit, oder aus Italien oder gar aus Ungarn. Mit den Namen dieser schönen Länder meinte er aber die verschiedenen Keuchen, in denen er eingesperrt gewesen zu Sterzing, zu Bozen und zu Bruneck. Hernach trieb er sich auf Almen und in den Wäldern um, unter dem Lodenrock ein zerlegtes Gewehr bergend; die Jäger machten Jagd nach ihm, wie nach einem Raubtiere. Nun war er ertappt worden auf dem Schlachtfelde, wie er eben im Begriffe gewesen, einem toten Soldaten den Ring vom Finger zu ziehen. Als man ihn festnahm, wehrte er sich, begehrte auf, ob es denn recht sei, daß man so wertvolle Sachen mit in die Grube werfe! Er murrte darüber, daß man ihn wahrscheinlich wieder auf eine ganze Woche einsperren werde, und war nun etwas arg verblüfft, als nicht vom Einsperren, sondern vom Aufhängen die Rede war. Die Aeltesten waren zusammengekommen unter der Eiche, um zu beraten, was mit dem Wichte zu geschehen habe. Es war ein im Lande unerhörter Fall, man riet hin und her, welchem Gerichte der arme Sünder einzuliefern sei, und man konnte nicht schlüssig werden. Den Rampesbauer hatte man zu dieser Berathung nicht beigezogen, man wollte es ihm ersparen, sein Patenkind als Leichenschänder zu sehen. Der Rampesbauer aber kam des Weges, trat zur Eiche hin und sagte: »Des Fabians wegen seid ihr beisammen.« »Ja, ja,« entgegnete der Stauker, »es ist hart, du kannst nichts dafür.« »Ich habe gethan, was sein konnte, daß Taufwasser und Chrisam nicht verloren ist,« sagte der Rampesbauer, »es wird wohl so sein, wie Pater Cölestin einmal gesagt hat: dem Menschen wird seine Lebensstraßen nicht angetauft, sondern angeboren.« »Gebüßt muß es werden,« sprach der Stauker. »Das meine ich selber,« sagte der Rampesbauer, »und in diesem Fall ist es wohl nicht schwer, ein gerechter Richter zu sein.« »Wie wäre dein Dafürhalten, Rampesbauer?« »Mein Dafürhalten ist,« antwortete dieser, »daß, wo so viele Unschuldige erschossen worden sind, man mit dem Schuldigen kurzen Prozeß machen soll.« »Also zum Tode?« »Die heiligen Sterbesakramente soll man ihm früher reichen, damit seiner Seligkeit von der Seiten nichts im Weg steht.« »Und wann das?« »Auf was soll er warten? Viel Kürzung der Todesangst möchte ich für ihn erbitten. In einer Stunde kann's ja wohl vorbei sein.« »So meinen wir auch,« sagten sie alle und die Sache war damit abgethan. – Hernach gingen die Männer in den Dom, wo ein feierlicher Dankgottesdienst abgehalten wurde wegen des errungenen Sieges. Der Rampesbauer konnte dabei zu keiner rechten Andacht kommen, er mußte immer denken, wie das doch wunderlich zugehen kann auf der Welt, daß der Pate sein Patenkind zum Tode verurteilen muß. Aber ist denn jetzt ein Richter im Lande? Die Bayern sind verjagt, die Oesterreicher noch immer nicht da. Wer soll denn Ordnung halten in Tirol, als der Tiroler selbst! Nach dem Gottesdienste waren mehrere Führer und Streiter bei den Kapuzinern auf einen Krug Wein geladen. Es sollte das weniger eine Siegesfeier sein, als eine Ratsversammlung darüber, was nun weiter zu thun sei. Denn daß die Kämpfe am Eisack und an der Rienz nicht das Ende waren, sondern vielmehr der Anfang, das war wohl allen klar. Daß der unbändige Welteroberer sich nicht von einer Handvoll Bauern würde aufhalten lassen in seinem ungeheuerlichen Werke, das wußte jeder. Der Bonaparte stampft über Nacht neue Armeen aus dem Erdboden; er gebietet über den Erdkreis. – Aber die Tiroler hofften auf Gott und auf die Oesterreicher. Ein loses Maul verlautete allerdings, und zwar gerade auf dem Wege zum Kloster: »Die Oesterreicher möge man wohl lieben, aber hoffen solle man auf Gott allein – es wäre sicherer.« Das lose Maul gehörte dem Häusler Thomas. »Au!« rief der Griesacher, »wenn wir zum Wein gehen, ist der Thomas auch dabei.« »Warum denn nit! Ein Tröpfel Wein ist eine gute Nachfüll'.« »Im Stutzenfeuer hat er sich nicht sehen lassen.« »Wer?« »Der Thomas.« »Ich? Ich nit im Feuer?« begehrte der Häusler auf. »Bin ich nit beim Binnsteich gestanden von früh bis mittag und hab' hinübergepfeffert! Nachher haben die Lümmel angefangen, Kartätschen zu schmeißen, und pfitsch! in den Teich hinein, daß der Morast abscheulich umspritzt und mir mein ganzes Sonntagsgewand wild macht. Da hab' ich mir gedacht: Hol's der Ganggerl, mein schönes Gewand laß ich mir nit verwüsten, der Boarn kaufen mir kein neues! Und bin heim zu.« »'s ist wahr, er ist dabei gewesen,« bestätigten mehrere. »Und die sechzehn, die ich niedergelegt hab', werden einen Krug Wein wohl wert sein,« sagte der Thomas, während er auf ein blaues Sacktuch wies, welches um den Knöchel seiner linken Hand gewunden war. »Wenn's da herausrinnt, muß da« – auf den Mund deutend – »nachgefüllt werden!« »Ist in Ordnung, Thomas, geh' nur mit uns.« Hernach saßen sie im Refektorium des Klosters durcheinander: die Kapuziner in braunen Kutten und langen Bärten, die Bauern, die Bürger und die Wirte der Umgebung. Die meisten waren frischen Mutes, aber übermütig war keiner. Auch Peter Mayr war da, der Wirt an der Mahr. Vielerlei war in den letzten Tagen an ihn herangekommen, daß er rate, ordne, leite, und die Toten machten kaum weniger Sorgen als die Lebendigen. Seit der Schlacht war er nicht mehr nach Hause gekommen. Daß er gesund sei, hatte er seinem Weibe durch einen Halter sagen lassen. Daß sein Schwager Augustin wieder zu Hause war, beruhigte ihn auch. Er selbst gehörte zur Regierung. Die Leichen mußten begraben werden, die Verwundeten mußten unter Dach und Fach gebracht werden, die zerstörten Brücken mußten zur Not hergestellt, den Leuten der niedergebrannten Häuser mußten Hütten geschafft werden. Wenn Peter von der Ferne manchmal hinausblickte auf das schimmernde Dach seines Mahrwirtshauses, da dachte er: sie stehen in Gottes Hut, und hier bin ich nötiger als dort. Der Schockel-Franz von Leilach war ebenfalls zugegen bei den Kapuzinern, aber recht abgemattet und kleinlaut, was sonst nicht in dem Wesen des flinken, schneidigen Mannes lag. Er war fortgewesen, um Oesterreicher zu suchen und hatte keine gefunden. Das halbe Pusterthal hatte er durchlaufen bis Toblach hinauf. Zu Welsberg hatte man ihm gesagt, der österreichische General Casteller habe in Lienz und Silian schon Quartier bestellt, aber in Villach sei es auch schön und die Villacher Frauen wollten ihn nicht loslassen. Hingegen, so erzählte der Schockel-Franz, habe er unterwegs von einem anderen gehört, der Brunecker Steuereinnehmer sei wieder im Land. »Der Kulber?« fragten mehrere zu gleicher Zeit. »Der ist ja ins Salzburgische und Steirische hinübergegangen, um Beistand zu suchen!« »Ist schon wieder zurück.« »Was mag er ausgerichtet haben?« »Er wird's schon sagen.« »Es hat ja auch geheißen, daß er nach Schärding bei Passau gehen will, wo jetzt der aus Wien versprengte österreichische Hofschatz aufbewahrt sein soll. Geld will er fassen für Tirol.« »Kein zuwideres Geschäft,« meinte der Häusler Thomas. »Mit Gold und Silber thut sich's alleweil ein bissel gemütlicher um, wie mit Pulver und Blei. So Herren können sich's halt anschicken.« »Es ist ein Ding,« redete der Griesacher drein, »wenn wir kein Pulver haben, sind wir derschossen, und wenn wir kein Geld haben, sind wir auch derschossen.« Der Bruder Pförtner kam herein und berichtete, daß eben ein bayrischer Reiter in den Hof gesprengt sei. Rasch erhoben sich die Männer von ihren Sitzen. »Schwenkt er eine weiße Fahne?« fragte der Kreuzwirt. »Schwenken thut er nichts, aber die Treppe stapft er herauf,« sagte der Pförtner. »Der kommt Frieden anzubieten.« »Geben wir ihn?« »Wenn sie das Land räumen bis auf den letzten bayrischen Hufnagel, so geben wir ihn, anders nicht.« Dieses Wort sagte Peter Mayr. Da sprang die Thür auf und der bayrische Reiter trat rasch herein. Finster blickten ihn die Männer an, da rief er mit ausgebreiteten Armen: »Nun?« »Kulber!« schrieen sie auf. »Der Kulber-Sepp, der Steuereinnehmer von Bruneck,« sagte der Ankömmling, »ja freilich, da bin ich wieder.« »Und wie kommst du in diese Haut?« fragte der Kreuzwirt von Brixen. Kulber schob mit dem Finger auf seiner linken Brust eine bayrische Medaille beiseite, da sah man im Tuch eine zerrissene Stelle. »Seht ihr! Bei diesem Loch bin ich hereingekommen in die bayrische Montur.« »Wie soll das gemeint sein?« fragte der Kreuzwirt. »Laßt es euch erzählen, Männer,« entgegnete Kulber sich niederlassend. »Am Paß Strub, ihr habt ja gehört. Dort bin ich vorhanden gewesen beim großen Scharmützel. Ist aber all zu spät. Unser sind auch viel zu wenig gewesen. Dort, beim Strubloch sind sie uns hereingekommen, ihrer in hellen Haufen, wie die Heuschrecken des Königs Pharao. Ich sitze im Busch und warte auf den Nachtrab und suche mir von weitem einen feurigen Rappen aus. Wie es dunkelt und der Reiter gerade an einer Tränke hält, schieße ich ihn herab. Alsdann thue ich meinen Tirolerkittel aus, schlupfe in des Reiters Montur, auf den Rappen und trab, trab den Bayern nach, mit ihnen marschiert, Proviant gefaßt, bayrischer Lumpenkerl gewesen – zwei Tage lang.« »Und nicht entlarvt worden? Das ist viel.« »Die Bayern,« fuhr Kulber fort, »habe ich nicht gefürchtet. Die sind vor lauter Siegesgier und Uebermut in einem Jubelrausch gewesen, daß sie schon gar nichts mehr recht gesehen und gehört haben. Aber die Tirolerkugeln, vor denen habe ich Respekt gehabt in meinem Bayernrock. Durch das Achenthal und Innthal her und bis Hall, alle Augenblick pfeift vom Fels oder Strauch her eine Kugel. Daß so ein Stückel Blei auf bayrisch Tuch losgeht, das verstehe ich, aber es wird vor der tirolischen Haut, die dahinter steckt, kaum Halt machen. Ich dank' schön! habe ich mir gedacht, nichts auf der Welt so gefährlich, als jetzt ein Bayer sein in Tirol!« Gar seltsam nahm er sich aus zwischen den Bauern und Mönchen, der kleine, blasse, schwarzäugige Kulber in der bayrischen Uniform, die ihm zu groß war. Die hastig zuckenden Bewegungen der Arme, des Hauptes, das heiße Augensprühen nach allen Seiten hin, das ganze wieselhaft erregsame Wesen des Mannes hatte gerade nicht viel Reckenhaftes, verriet aber eine listige, leidenschaftliche Seele. Es war ein bißchen welsches Blut in dem Manne und doch, wer ihn sah und hörte, der mußte sagen: einen begeisterteren Tiroler gibt's nicht, als den Kulber-Sepp. Manchmal schien es aber, als ob sein Haß gegen die Bayern größer wäre, als seine Liebe zu den Tirolern. In früherer Zeit hatte er sich in Bayern aufgehalten, soll sich dort in politische Händel gemischt haben und deshalb des Landes verwiesen worden sein. Dann ward er Steuereinnehmer zu Bruneck, als solcher hernach von den Bayern wieder entsetzt, und seither widmete er sich ganz der Befreiung des Landes. Manche heikle Mission wurde ihm anvertraut und auch jetzt kam er, wie wir hörten, von einer solchen zurück. »Nun trinke, und nachher pack aus mit dem Geld!« rief ihm der Kreuzwirt zu. »Mit welchem Geld?« fragte Kulber. »Das du vom österreichischen Staatsschatz zu Schärding geholt hast, du hast doch einen Sack voll mitgebracht?« »Das Geld,« berichtete Kulber, »kommt über Steiermark und Kärnten herein, der Casteller wird's bringen mit seinem Regiment, in hundertsechsunddreißig Eisenkisten.« »Auf das Geld glaube ich nicht recht,« sagte der Prior und schenkte dem Ankömmling den Krug voll, »trinke nur Wein und rede Wahrheit.« Peter, der Mahrwirt, hatte sich an Kulbers Seite gerückt: »Also, wie steht's drüben?« Hierauf antwortete Kulber: »Freilich wohl schlimm, mein lieber Mahrwirt! Hinter Innsbruck draußen verflucht schlimm. All miteinander könnt ihr euch's nicht vorstellen, wie schlimm!« »Du erschreckst mich!« »Glaubet nicht, Männer, daß wir fertig sind. Ihr mit eurem Sieg habt denen da drüben alles Unglück zugeworfen. – Zu Innsbruck, da passiert's, da habe ich mich unterhalten. Haben bei meinem Durchmarsch gerade den Dittfurt erschossen.« »Den General? Vivat!« »Hat's lange genug getrieben.« »Vor dem Kriegsgericht?« »Vor dem Volksgericht. Mitten in der Stadt bei der Brücke, im Gefecht. Von drei Kugeln durchlöchert.« »Vivat, Innsbrucker!« »Ja, den Innsbruckern, denen ginge es jetzt schlecht, wenn der Anderl nicht wäre. Die Bayern und Franzosen fürchten den Sandwirt. Der ruckt gegen die Hauptstadt wie ein Gericht Gottes. Auf dem Brenner habe ich ihn begegnet mit seinen Leuten. Es sind ihrer ein höllischer Haufen. Er läßt euch grüßen, die Ordre kommt morgen und ihr solltet bis auf weiteres in Bereitschaft sein.« »Das sind wir,« sagte der Mahrwirt. »Ich bring' dir's, Kulber, für die gute Botschaft!« Damit trank er ihm zu. »Bringen kannst mir's, Mahrwirt, trinken kannst auch,« sagte Kulber. »Ich bin halt noch nicht fertig.« Die Männer schauten ihn schweigend an. Kulber fuhr fort: »Daß uns bei Paß Strub so viele Feinde hereingekommen sind, habe ich euch gesagt.« »Wir werden ihnen mit Gottes Hilfe schon wieder hinaushelfen.« »Habt ihr vom Etzel schon einmal was gehört?« fragte Kulber und schaute mit flammenden Augen in die Runde, »oder vom blutdürstigen Soliman etwas, wie er in Steiermark und in Krain und im Ungarlande gewirtschaftet hat? Männer, ich sage euch, das waren Dörcher, gutmütige Dörcher im Vergleich zu unsern Feinden! – Vom Paß Strub bis zum Inn herein steht kein Dorf, das nicht gebrandschatzt wurde, kein Hof, der unversehrt wäre. Habt ihr denn kein Nordlicht gesehen in den Nächten? Herrgott, wie hoch müssen die Berge sein, die zwischen dem Inn stehen und dem Eisack! Nächtelang hat man es auf allen Kirchenuhren im Achenthal und im unteren Innthal sehen können, wie viel es an der Zeit ist! So viele und so große Freudenfeuer hat noch kein siegreicher Feldherr gemacht, als diese Schergen des Bonaparte. Wo die sind gezogen, da stehen heute lauter rostbraune Brandstätten. Die Thäler sind wie ausgestorben; wehe dem, der nicht ins Hochgebirge floh.« »Eingefangen?« »Kindereien!« »Niedergemacht?« »Heiliger Gott, wenn sie die Wehrlosen einfach niedergemacht hätten, wie großmütig! Wie barmherzig! – Geschunden, geschleift, gebraten haben sie. Geschändet, zu Tode gejuckt, gewürgt das Kind im Mutterleib. Kann ich's denn sagen? Da muß einer kommen, der erst die Sprache erfindet für das, was dieser Feind gethan hat in unsrem Tirol! Die Männer bei den Füßen auf die Bäume gehängt, die Weiber bei den Haaren hoch auf die Kirchenwände. Zu Rattenberg haben sie einen zehnjährigen Knaben nackt ausgezogen und auf den Schlagbaum der Maut gebunden – weil die Buben ja gern schaukeln! Bei Kitzbühel haben sie einer alten Frau die Zunge aus dem Leib gerissen, weil sie die Mordbrenner Schinderknechte geheißen hat. Bei Wörgl haben sie einem Fuhrmann, der sich um seine Fracht wehren wollte, die Hände mit einem eisernen Dachnagel auf den Kopf genagelt –« »Still sei, Schurk, der du die Menschheit verläumdest!« schrie der Mahrwirt aufspringend und die Faust gegen den Erzähler erhebend. Dieser schwieg dann und schaute verblüfft in die Runde, ob er sich so etwas gefallen lassen müsse. »Wenn das wahr ist!« sagte der Kreuzwirt und faltete die Hände. »Auch gut,« sagte Klüver und machte Miene fortzugehen. Der Prior nahm ihn bei der Hand: »So nicht, so ist's nicht gemeint. Du sagst, was geschehen ist, dafür bist du dort gewesen.« »Und dafür heißest du Kulber,« suchte der Griesacher zu beschwichtigen. »Ich will nicht mehr weiter reden,« murmelte Kulber. »Als ob du noch mehr wüßtest?« fragte der Rampesbauer bange. »Du mußt mir schon verzeihen, Freund,« bat der Mahrwirt. »Schau, ich hab' halt gemeint, das Herz dreht's mir um. Erzähle in Gottesnamen weiter.« Jener schob den Lehnstuhl, daß es klirrte, setzte sich nieder, trank, stieß den Krug heftig auf den Tisch und fuhr also fort zu sagen: »Die Stadt Schwaz am Inn –« »Ah, Schwaz, das ist eine schöne Stadt,« unterbrach der Häusler Thomas, »bin schon einmal dort gewesen.« »Sie steht nimmer,« sagte Kulber. »Zwei Tage und drei Nächte lang hat sie gebrannt.« »Die Bayern?« »Der Schutthaufen ist ein Kirchhof. Liegen gar viele Leute darunter begraben. Und in der altehrwürdigen Pfarrkirche, die Greuel! Die Frevelthaten! In der Nebenkapelle ist eine heilige Magdalena, auf ihre Brust haben sie geschossen, wie auf Scheiben. Unsre liebe Frau auf dem Hochaltar –« Jetzt legte der Prior dem Erzähler die Hand auf den Arm und sprach: »Gedenke dieser Klostermauern! So etwas haben sie noch nie vernommen und sollen es auch nie vernehmen. Ich kann's nicht hören, nicht fassen. Gott der Herr hat alles gesehen! Der allmächtige Rächer!« Also hat Kulber nicht weiter erzählt. Jetzt aber neigte der Thomas sich vor mit langem Halse weit über den Tisch und sagte: »Ich habe gehört, daß drin in der Eisackschlucht fünf Bayern gefangen worden sind.« »Ist so,« antwortete der Kreuzwirt. »Wo habt ihr sie denn?« »Im oberen Stadtkeller sitzen sie.« »Im Keller die Bayern?« »Im trockenen. Rüben und Krennwurzeln, wenn sie beißen wollen.« »So, so.« »Was sagst, Thomas?« »So, so, hab' ich gesagt. Verhungern lassen müßt ihr sie nit. Ich denk', wir heben sie für was andres auf.« »Was meinst denn, Thomas?« »Ich denk' dran, was uns der Steuereinnehmer hat erzählt. Kameraden! Sollten mir Tiroler jetzt nicht ein bissel Herrgott spielen?« »Verstehe schon,« nickte Kulber. »Herrgott spielen ist nicht leicht,« sagte der Prior. »Ein klein Stückel Allmacht, denke ich, hätten wir jetzt doch in der Hand. Gott sei die Ehr'!« »So zieh' nit eine Weil um, Thomas, und red'!« rief der Griesacher. »Abzahlen!« »Rächen?« »Rächen!« sagte der Thomas. »Leben sollst, Mensch!« rief ihm Kulber zu und trank. Einer, der bisher geschwiegen hatte, der alte Stauker, begann jetzt mit dem Kopf zu wackeln, dabei murmelte er vor sich hin in den Krug: »Wohl, wohl, an denen soll's vergolten sein. Auf diese fünf Bayern laden wir die Buß', so viel Platz hat. Für Schwaz lebendig rösten; für das Scheibenschießen mit Ochsen zerreißen – nix, nix. Zu dumm ist man sich. Der Mensch ist zu dumm, sage ich, daß er die Marter ausdenkt, die da gehört.« Stemmte sich jetzt Peter auf und redete gegen den Stauker hin: »Laß gut sein, Kamerad, so Großes hat der Mensch nimmer zu richten. Wir sind zu klein, um zu belohnen, und sind zu klein, um zu bestrafen. Wir sind arme Sünder. Ueberlassen wir die Rache dem, der die Ewigkeit hat.« »Mahrwirt, vergelt' dir's Gott, so ist's christlich,« sprach der Prior. »Und weiter«,« fuhr Peter fort, »ist wohl auch noch die Frage, ob unsre fünf Bayern für die Unthaten der andern Verantwortung haben? – Draußen in Krain haust, wie man hört, ein schreckbarer Raubmörder. Ihr habt ja gehört von dieser Bestie, die sogar Friedhofsgräber aufwühlt, um toten Mädchen das Herz aus der Brust zu schneiden. Ein Tiroler soll es sein, ein gebürtiger. Sind wir andern Tiroler für dieses Scheusal verantwortlich? Stauker, oder du, Thomas, laßt ihr euch hängen für den Landsmann?« »Was wolltest du thun mit den fünf gefangenen Bayern?« fragte ihn Kulber, seine Erregung nur mühsam bemeisternd. »Ich weiß eine andre Rache. Die fünf Bayern, die bei uns sitzen, sollen sich schämen.« »Was sollen sie?« kreischte Kulber drein. »Wir wollen sie so behandeln, daß sie sich bis in die Knochen hinein schämen sollen vor uns Tiroler, für sich und für ihr ganzes Vaterland. Es sind gefangene Soldaten, wir pflegen sie, wie man Bettler pflegt, und zum Friedensschluß liefern wir sie aus mit geraden Gliedern, und dann soll das Bayernland nachdenken. – Das ist meine Meinung.« »Es stimmt nit!« rief der Thomas. »Peter, Peter, deine Meinung ist gut, aber die Bayern sind schlecht. Es stimmt nit.« Ein Weilchen still war's, da setzte der Prior ruhig, bei: »Es wird wohl doch stimmen. Hört ihr, jetzt läutet es zwölf Uhr. Jetzt beten tausend und tausend Christen: Vater unser, vergib uns unsre Schulden, als wie auch wir vergeben ...« Sie beteten still. Hernach aber beim Nachhausegehen murmelte Kulber dem Gesinnungsgenossen Thomas zu: Es ist leicht reden und es ist leicht verzeihen, wenn einem selber nichts geschehen ist und wer nichts gesehen hat!« »Das sag' ich auch,« flüsterte der Thomas. »Da möchte ich doch zum Spaß etliche kernfeste Bursche zusammensuchen, die uns helfen, daß wir diese Bayern nachtschlafend Stund beim Kellerfenster herausangeln. Die Leute im Zillerthal und die Stadt Schwaz werden wir doch bestätigen müssen, wir von dem Eisack. Ich will dafür sorgen. Um Gotteswillen, Schwager, du bringst ihn doch mit! Tagelang waren sie von Haus zu Haus gegangen im Brixenthal, der Steuereinnehmer Kulber und Peter, der Mahrwirt. Kulber hatte überall die Greuelthaten des Feindes erzählt und von der nahen Ankunft der Oesterreicher gesprochen. »Die Oesterreicher haben bei Salzburg einen großen Sieg errungen. Die große kaiserliche Armee steht schon bei Lienz zum Schutze Tirols!« Solche Botschaften verbreitete Kulber. Peter schaute ihm oftmals dabei ins Gesicht und fragte: »Bist, du denn bei Trost? Es ist ja nicht wahr!« »Bei Trost müssen wir alle sein,« antwortete da der andre, »wir müssen die Leute aufrühren, sonst schlafen sie ein. Wir müssen ihnen Muth machen. Und warum soll's denn nicht wahr sein? Weißt du es anders? Sei froh, daß ich furche, wenn du säen willst.« Das letztere war nämlich so gemeint, daß Kulber den Bitten des Mahrwirtes die Herzen öffnen wollte. Der Mahrwirt ging von Haus zu Haus, um Lebensmittel, Kleider, Waffen und auch Geld zu sammeln für Beraubte, Verunglückte und für künftige Tage. Er hatte Glück und schwere Wagen ächzten die Wege entlang, viele zur nächtlichen Stunde geheimen Magazinen zu in Bergesverstecken. Erst als solcherlei in vollem Gange war, konnte Peter an eine Heimkehr denken in sein Mahrwirtshaus. Also ging er unter drückender Sonnenglut die Straße dahin seinem Hause zu. Ueber der Gegend lastete es wie Ruhe nach dem Sturm. War es die Ruhe des Friedens, war es die Ruhe der Ermattung? Die wenigen bayrischen Beamten, die noch dageblieben waren, werkelten weiter und thaten, als ob nichts geschehen wäre. Doch waren sie wesentlich artiger und nachsichtiger, und gaben keine Vorschrift heraus, die die Bevölkerung reizen konnte. Unter den heimischen Führern war verabredet worden, daß in vorgeschriebenen Amtssachen sich keiner gegen die Aemter auflehnen dürfe, denen komme man nicht von unten, sondern von oben bei. Und wenn erst die Streiter mit dem Stutzen im ganzen Lande entschieden, würden die politischen Leute schon umsatteln. An derlei dachte Peter, als er mit Weidtasche und Gewehr dahinschritt im Thale, um endlich seine Familie wieder zu sehen und nach so wilden Tagen wieder einmal zu rasten im Frieden des Heims. Schon von weitem sah er die Giebel seines Hauses ragen unter der roten Wand. Als er, von der Straße abbiegend, den Fußsteig über die grüne Wiese hin einschlug, begegnete ihm dort sein Schwager Augustin. Der hatte jetzt alles Kriegerische abgelegt und war wieder in dem schlichten Gewande des Priesters. Peter schüttelte ihm die Hand und fragte, ob zu Hause alles gut wäre. »So gut, daß, wenn du eine böse Frau hättest, sie dir bedeuten würde, du könntest schon noch fortbleiben, in einem ordentlichen Haushalt sei der Mann überflüssig,« sagte Augustin in munterer Weise. »Aber die deinige,« setzte er bei, »schaut seit drei Tagen alle Minuten zum Fenster heraus, ob sie nicht endlich heimkommen.« »Wer denn sie? Ist ihr einer zu wenig?« fragte Peter froh entgegen. Augustin schaute auf die Straße hin und sagte: »Ist er noch hinten? Auf einem Wagen? Oder in der Stadt?« »Wer?« »Der Hans.« »Unser Hans? Wieso?« »Um den Willen Gottes, Schwager, du bringst ihn doch mit?« »Von wem redest du?« fragte Peter und sein Atem zitterte in der Kehle. Augustin blieb noch stehen, hielt ihn an der Hand und sagte: »Peter, wenn du ohne den Knaben heimkämest! Wenn ein Unglück geschehen wäre! Die Notburga! Ich wollt's nicht mit ansehen!« »Der Hans ist ja daheim!« entgegnete Peter, »seit Tagen daheim. Du weißt es doch selber, wie ich ihn nach Hause gewiesen habe.« Augustin antwortete: »Dann wirst du erschrecken. Der Knabe ist nicht nach Hause gekommen.« Da schaute der Mahrwirt sprachlos drein. »Ich habe schon nach ihm umgefragt und nichts erfahren,« berichtete Augustin. »Er müßte ja bei dir sein, hat's geheißen, und der Schilfschneider von Zinggen hat mir's gerade für gewiß gesagt, er wäre bei dir in Mühlbach gewesen und auch in der Stadt.« »Und das Kind wäre nicht daheim?« hauchte Peter auf. Jetzt kam auch schon Frau Notburga herbeigeeilt, beide Arme nach ihm ausstreckend. »Peter!« jubelte sie ihm entgegen. »Heute kriegst einen! Aber schon einen schnalzenden Schmatz, du lieber, braver Kerl!« Und umarmte ihn und herzte ihn und küßte ihn und lachte dabei und weinte. Er, ruhig und ernst, wie es heimkehrenden Kriegern geziemt, nahm sie am Arm und geleitete sie dem Hause zu. Aber Frau Notburga wendete mehrmals den Kopf, schaute um, wurde unruhig und fragte endlich: »Der Hansel?« »Der – der ist noch nicht da« – antwortete Peter. Sie stutzte, sie erkannte es nicht recht, war das eine Antwort oder eine Frage. – Noch nicht da? – Augustin ging hinterdrein und sagte nichts. Frau Notburga blieb stehen, schaute dem Gatten starr ins Gesicht und fragte: »Wo ist der Knabe?« – Notburga, das könnte ich dich fragen; habe ich ihn nicht bei dir daheim gelassen? – Dieses Wort kam ihm in den Sinn, dieses herzlose, dieses unredliche Wort. Er hat es nicht ausgesprochen. »Du weißt ja, daß er mir davongegangen ist,« sagte sie. »Er ist dir nachgegangen, du weißt es ja. Aber, Peter, ich bitte dich, der Hans ist doch bei dir?« Er sah die bebende Angst des Weibes, er sah, wie sie mit kreideblassem Gesichte und gefalteten Händen vor ihm stand, gleichsam bittend um ihr Kind. Da war ihm schlimm zu Mute, und da sagte er: »Wenn er nicht schon voraus ist, so wird er nachkommen. Er wird sich in der Stadt verweilen bei Spielgenossen. Ich will sogleich umkehren und ihn suchen.« »Aber wenn es so ist, dann kommt er ja!« rief sie, »geh nur hinein, geh nur ins Haus, Mann, du mußt was essen.« Jetzt lief auch schon die kleine Marianna herbei, umfaßte seine Kniee und lief:. »Vater! Vater! Vater! Hast sie erschossen? Hat der Hans auch einen erschossen? Sind sie alle tot?« Und in der Stube, da riß er den kleinen Peter aus der Wiege; der schrie erschrocken auf, es half ihm aber nichts, der Vater preßte ihn ganz vandalisch an die Brust, küßte ihn ab oben und unten, rieb seinen Bart ins zarte Wänglein, ins weiße Nacklein hinein, man kann es nicht besser sagen, als: sein Herz war losgekommen von der Kette, an der er es so beklommen zurückgehalten hatte. Aber nachher winkte er allen ab – wollte allein sein. Als er allein war, schritt er die Stube auf und ab, schaute alle Wände des Hauses an, als ob er sie fragen wollte: Wo ist der Knabe? Vor das Bild der Mutter Gottes trat er hin: »Heiligste Mutter Jesu, bitte für uns! Es wird doch kein Unglück sein. In den Häusern, wo ich gewesen bin, habe ich nichts von ihm gehört. Ei ja, der Kreuzwirt wird's wissen. Den Feinden in die Hände gefallen? Der nicht, den erwischen sie nicht. Natürlich würden sie sich rächen an dem unschuldigen Kinde. Wenn sie es erst hätten! Hat nicht auch der Steuereinnehmer so etwas erzählt? Zu Rattenberg hätten sie einen zehnjährigen Knaben nackt und bloß auf den Mautbaum gehangen. Rattenberg, das ist weit von da. Wird gerade nach Rattenberg laufen! Zehnjährige Knaben gibt's mehr. Der Schlingel, wenn er heimkommt! Nach Hause getraut er sich nicht, natürlich. Weiß er es denn auch so gewiß, daß er gestraft wird? Weiß er's denn so gewiß? Der Kreuzwirt hat ihm, schon damals, beim Gefecht, die Stange gehalten. Dem will ich's auch sagen! Was hat er mir mein Kind zu verstecken! – Selige Jungfrau Maria, lasse mich nicht so in Angst sein!« Es war ein wunderliches Gebet, das der Mahrwirt dem Bildnisse zudachte. Dann zog er die Juchtenstiefel an, die er eben vorhin von den Füßen gestreift hatte. Mantel und Hut nahm er wieder von der Wand und auch das Gewehr. Nach der Hinterthür schlich er, leise wollte er davongehen nach Brixen zu seinen Freunden. Beim Kreuzwirt muß sich ja alles klären. Vom Hofe aus trat er noch in den Stall, wo Hanai bei den Kühen beschäftigt war. »Hanai,« redete er sie an, »du bist ja auch oben gewesen.« Sie wußte gleich, was er meinte, und gab zur Antwort: »Hab' ja müssen, was glaubst denn, Wirt? Wenn sie Kirchen plündern wollen!« »Brav bist gewesen,« sagte Peter. »Du wirst wohl auch nichts wissen vom Hansel?« »Mein Gott, was soll ich denn von ihm wissen!« »Du, Hanai,« sprach er, »wenn die Wirtin nach mir fragen sollte, sage ihr, ich hätte eilends wieder in die Stadt müssen.« »Ich kann mir's wohl denken, den Knaben gehst suchen,« entgegnete die Magd. »Mußt mir's schon nit für übel halten, mich hat's eh wunder genommen, was du gesagt hast. Für das, was du selber treibst, bist auf den Hansel schier zu streng.« »Was sagst?« »Jetzt kannst dich auch selber davonjagen, Wirt.« »Hanai, du redest so rar!« »Den Kleinen hast davongejagt, weil er die Bayern hat angeplauscht. Jetzt gehst du selber her und lügst die Wirtin an.« Eine Kartätsche, die neben dem Mahrwirt eingeschlagen, hätte ihn nicht so erschrecken können, als dieses Wort der einfältigen Magd. »Du weißt es recht gut,« redete sie weiter, »daß der Knabe sich jetzt nit mit Spielkameraden umtreibt in der Stadt. Ein so kluges Kind, das so viel an Vater und Mutter hängt, wird tagelang mit Spielkameraden umlaufen! Da hat's schon was anders, Gott verhüt's! Mir ist eh schon heimlich was zu Sinn 'gangen, daß er nit heimkommt. Hast wohl recht, Wirt, geh nur suchen. Nimm Leut' auf dazu. Wenn ich im Stall fertig bin, komm' ich auch nach.– 's ist doch närrisch, jetzt verjagt er mit den Bayern auch das bluteigene Kind!« Peter taumelte an der Felswand hin und der Straße zu. Jetzt hatte er zu denken. – Ja, so geht's! Der Mensch soll demütig sein. Wehe dem, den Gott beim Wort nimmt! Sein erster Weg in Brixen war zum Kreuzwirt, der in seiner Kammer rastete. Peter ließ ihn wecken. »Was ist los?« fuhr der Kreuzwirt aus dem Schlafe empor, »sind sie wieder da?« »Kamerad,« sagte Peter, »sei nicht böse, daß ich dich habe aufgeschreckt. Ich weiß mir nicht zu helfen, mein Knabe ist nicht daheim.« »Dein Hans?« »Nicht mehr heimgekommen seit der Schlacht.« Der Kreuzwirt horchte auf. »Ist er damals, vom Waldanger aus, nicht mit dir gegangen?« fragte Peter. »Er ist mit mir gegangen bis zur Eisackbrücke,« erzählte der Kreuzwirt. »Dort hat er mir gute Nacht gesagt und er wolle den kürzeren Weg gehen. Ich habe ihm noch vorgestellt, daß er mit mir kommen und in meinem Hause schlafen solle. Darauf die Antwort, er sei nicht müde. So schärfe ich ihm ein, nicht auf der Straße zu gehen, sondern auf dem Feldwege. Seine Antwort, er fürchte sich nicht. Hat überhaupt unterwegs nicht zehn Worte gesprochen, er muß sich's recht zu Herzen genommen haben, was du ihm gesagt hast. Ich habe ihn noch aufmuntern wollen, da hat er einmal einen Lacher gemacht, der hat mir gar nicht gefallen. Wohl um die Mutter wird ihm sein, habe ich gemeint, weil er so heim eilt. Und jetzt wäre er nicht dort? Ist das dein Ernst, Peter?« »Und sonst weißt du nichts von ihm?« fragte der Mahrwirt eindringlich. »Wie soll ich sonst noch was von ihm wissen. Er ist über den Feldweg hin, habe ihn in der Dunkelheit bald nicht mehr gesehen.« »Sie haben ihn umgebracht,« sagte der Mahrwirt. »Jesus Maria, das weißt du?« »Warum habt ihr es mir verheimlicht?« »Wer hat dir's gesagt?« »Ich kann mir's wohl denken.« »Ah so, du denkest dir's bloß!« lachte der Kreuzwirt auf. »Geh, laß das sein, es ist ja nicht.« »Oder noch schlimmer – gefangen!« »Auch das glaube ich nicht,« entgegnete der Kreuzwirt. »Mir kommt es wahrscheinlicher vor, daß er selber was angefangen hat. Der Junge hat Ehre im Leib. Weißt du noch, was du ihm gesagt hast, damals auf dem Waldanger? Weißt du es noch, Mahrwirt?« »Ich habe gesagt, wie er der Mutter die Angst hat anthun können und fortlaufen!« »Du hast ihm gesagt, er solle gehen, zur Strafe wegen dem, daß er Unwahrheit geredet. Und erst bis er etwas Braves gethan, dürfe er wieder kommen. – Peter, vielleicht hat er sich das gemerkt.« Der Mahrwirt hatte sich freier aufgerichtet. »Du erinnerst mich. Ich habe so etwas gesagt. Und du gibst mir jetzt mein Leben wieder, Kamerad. Der Knabe hat sich mein zorniges Wort zu Herzen genommen. Er wird sich in der Gegend wo umtreiben und sich nicht nach Hause wagen. Er ist auch so kindisch. Aber, den Trost habe ich jetzt, daß er nicht in Feindesgewalt ist? Gott Lob und Dank! Was Braves thun! Freilich, was Braves thun! Bin ich wirklich so herb gewesen, Mensch?« »Du bist arg herb gewesen. Ich hab's nicht verstanden, wie du so sein kannst auf den Jungen.« »Warte nur, er soll noch zufrieden sein mit mir,« entgegnete ganz kleinlaut der Mahrwirt, »'s ist ja wahr, ich bin hart gewesen. Daß er nur nicht krank wird auf der freien Weite. Die Nächte sind schon kühl. – Gelt, Kreuzwirt, du bist so gut und erlaubst mir ein paar Knechte, daß sie suchen helfen.« Der Kreuzwirt war während dieses Gespräches aufgestanden und hatte sich angekleidet. Nun nahm er Stock und Stutzen und sagte: »Komm, Peter, wir gehen.« Am Abende, als es zu dunkeln begann, war halb Brixen aufgeboten, und auch die Bewohnerschaft der umliegenden Höfe und Dörfer, um den Knaben zu suchen. Denn bald war es laut in der Gegend: dem Mahrwirt ein Kind dahin! Nicht gestorben; nicht begraben – verloren! Verloren! wer das fassen kann: ein liebes lebendiges Kind verloren! – Hundert Todte, die da gefallen waren in der Schlacht, sie ließen viel Leid zurück, aber nichts und gar nichts ist das, eine Gnade Gottes ist das im Vergleiche zur unermeßlichen Pein: sein lebendiges Kind verloren! – In welchen Gefahren! in welchen Händen! – Muß sie denn nicht wahnsinnig werden, die arme Frau Notburga? Die Mahrwirtin wußte es noch nicht. Da Peter so plötzlich wieder fortgegangen, hatte sie es freilich gleich gemerkt, es wäre etwas. Besonders, es wäre etwas mit dem Knaben. Sie ging zu Augustin; der wäre ihr am liebsten ausgewichen, da sprach sie ihn schon an: »Bruder, du weißt was! Es ist was geschehen! Mein Mann ist sonst nicht so. Ich bitte dich, spannt mich nicht so schreckbar auf die Folter mit eurer Schonung. Ich brauche keine Schonung. Ich will's wissen!« »Du hast oftmals gesagt, Schwester, daß Kinder eine zitternde Freude sind.« »Laß das gut sein und probier's, was ein Weib tragen kann!« Fast hart und trotzig klang es, als sie so sprach. Augustin aber sagte nun: »Es ist vielleicht schlimmer, als er dir gestanden hat, aber es ist gewiß nicht so schlimm, als du dir einbildest. – Der Hans, wir wissen nicht – seit ein paar Tagen wissen wir nicht, wo er ist.« »Da hat man's,« antwortete sie. »In Verlust geraten. Bei der jetzigen Zeit. Mehr braucht's ja nicht.« Ganz ruhig, fast unheimlich kühl waren diese Worte gesagt. »Wenn du deinem Manne eine Schuld geben wolltest! versetzte Augustin. »Er trägt schwer genug, er zeigt's nur nicht.« »Ich gebe keinem Menschen eine Schuld. Nur mir selber. Mir hat er die Kinder anvertraut.« »Er ist allein fort, und er wird allein wiederkommen,« so suchte Augustin zu beruhigen. »Die Bayern! Lieber Gott, es gibt Hunderte von Kindern, die auf den Gassen und auf den Almen umhergehen. Der Hans hat von seinem Vater einen harten Verweis bekommen und jetzt wird er sich nicht heim wagen. Vielleicht ist auch ein bissel Trutz dabei. Das vergeht und am Samstag zur Vesperzeit ist er wieder da. Wirst es sehen, Schwester.« Ob er's selber glaubte, was er da sprach? Und ob es so nötig war, sie zu trösten? Frau Notburga war ganz gefaßt. Sie traf im Hause Anordnungen, stellte über die Gastwirthschaft die Kellnerin Theresa zur Verantwortlichkeit, schärfte der Magd Hanai Vorsicht wegen der zwei Kinder ein, diese selbst empfahl sie Gott. Dann ließ sie vom einzigen Knecht, der noch vorhanden war, das Pferd einspannen und fuhr davon. Hanai, ein Geheimnis: du hast mich lieb! Im Wirtshause an der Mahr ging es nun gar nicht langweilig her. Etliche lustige Bursche aus dem Gebirge waren da, auch ein paar bayrische Schreiber aus Brixen. Anfangs vertrugen sie sich leidlich, denn sie schauten einander nicht an. Die Almer sprachen von Hochwild und Schützenlust und tranken Rotwein. Die Bayern unterhielten sich fast bescheiden leise mit politischen Angelegenheiten, und wer früher in der bischöflichen Residenz zu Brixen hofhalten werde, der Casteller oder Lefebvre, der Franzosengeneral. Dabei tranken sie ebenfalls Rotwein, Aber gerade dieser gleiche Geschmack im Wein führte nicht zur Einigung, sondern zur Entzweiung. Denn bald hub der Tirolerwein an, in einem der Bergburschen folgenderweise zu singen: »O weh, o weh, Die bayrische Armee Ist von Bauern totgeschlagen Und mit Musik eingegraben. O weh! O je, o je! Sie laufen wie ein Reh, Sie laufen aus Tirol hinaus, Sie laufen zu der Mutter z'Haus – O je!« Anfangs thaten die bayrischen Schreiber, als hörten sie es nicht, und huben auch an, eins zu johlen, und zwar ganz harmlos von den drei Burschen, die über den Rhein zogen. Jetzt traten die Tiroler mit ihren groben Bundschuhen etwas kräftiger auf den Fußboden. Dabei kam einer einem Schreiber aufs Hühneraug. Auweh! empfand der Bayer, rief es aber nicht aus, sondern stülpte seinen Hut tief in die Stirn und trank Wein. Der Tiroler Rote ist einer, der es mit seinem Verehrer nicht übel meint, auch wenn's ein Bayer ist, und so stand es nicht lange an, daß der Bayer alles doppelt sah. Und weil er nun meinte, anstatt zwei Bayern wären ihrer vier vorhanden und ihrer vier könnten es schon wagen, da begann auch er Stimmung zu machen. Die einen stichelten hin, die andern her, die Augen leuchteten immer blitzartiger, die Gesichter wurden immer röter, die Stirnadern schwollen immer üppiger, die Arme zuckten immer lebhafter, die Hälse streckten sich immer länger über den Tisch, und so gab es sich ganz folgerichtig, daß sie aufeinander platzten – mit Fäusten und mit Krügen; als die schönen Worte aufgehört hatten, huben die Thatsachen an und das ging fast lautlos und gleichmäßig über, die Köpfe und Rücken her, daß draußen Vorübergehende an dem dumpfen Lärm höchstens hätten vermuten können, in der Gaststube beim Wirt an der Mahr polterte ein Webstuhl. Doch, was da gewoben wurde, das war der Kellnerin Theresa nicht fein genug, sie rief mit einem hellen Zetergeschrei alle Heiligen an. Diese schienen sich aber in polizeiliche Dinge nicht einmischen zu wollen und ließen ruhig raufen. Als jedoch einer der Schreiber das Messer aus der Tasche zog, da kreischte die Kellnerin hinaus in den Stall nach der Hanai. Währte nicht lange und die Hanai stand mitten in der Stube, in den Händen auf Halbmast gesenkt die dreispießige Stallgabel. »Hau, sakra!« rief sie, fast männlich volltönend und schneidig, »wer mir noch einen Finger rührt auf den andern, den stech' ich nieder. Ist mir alles eins!« »Heißa, da ist ja die Heilige mit der Mistgabel!« spottete der Schreiber. Im Augenblicke stach sie ihm den Hut von Kopf und schleuderte selben mit der Gabel zur Thür hinaus. »Noch ein Wort, Federfuchs, und du fliegst grad so nach!« Der Schreiber hatte nichts Wichtiges mehr zu sagen. Auf ihre Plätze duckten sie sich und murmelten. Spott- und Hohnwörter murmelten sie, aber ja nicht so laut, daß dieselben verstanden werden konnten. »Ist's einem nit recht, der soll's sagen!« rief die Hanai. »Nichts wird mehr eingeschenkt, habts gezecht genug. Heim gehts!« Da huben sie sachte an und verzogen sich, die Tirolerburschen wie die Bayern. Die Hanai sperrte alle Thüren zu, sah nach den schlummernden Kindern und ob das zur Pflege aufgestellte Weiblein seines Amtes walte, und ging auch schlafen. Was die Almburschen machten, kann man sich denken, sie gingen ihres Weges und lachten. Die beiden Schreiber führten auf ihrer breiten Straße folgendes Gespräch: »Jetzt wurmt's mich erst.« »Meiner Seel, mich auch.« »Sich von einem Weibsbild ins Bockshorn jagen zu lassen!« »Ja, die Furie sticht dich nieder, wie der Fleischerknecht das Kalb.« »Eiskalt über den Rücken ist's mir gegangen, wie die mich hat angeschaut. Das ist ein abscheuliches Weibsbild!« »Oben in Spinges soll sie ja die Kirche verteidigt haben, ganz allein gegen die Franzosen.« »Wenn eine so ausschaut, wie die, da glaub' ich's.« »Vor ihrem Ausgeschau möchte ich mich nit schrecken. Aber die Gabel!« »Wenn schon einmal Stalldirnen mit der Gabel gehen!« »Freund, ich sage dir, ich habe genug. Es ist nit mehr lustig in Tirol.« »Das sind wilde Leute!« »Aber recht haben sie...« Nach einem Weilchen flüsterte der andre: »Das sagst du gleich so hin? Gib acht, Freund, das darf man sich nur denken, aber nit sagen.« »Paß auf, man wird's auch bald sagen dürfen.« Weiter sprachen sie nicht und trotteten träge hin. Nach einer Weile huben sie wieder an: »Eine heimtückische Bande, eigentlich. Immer nur aus dem Hinterhalte hervorschießen.« »Wie sollen sie es denn machen? Die Handvoll Bauern auf offenem Felde gegen den Bonaparte!« »Der Teufel soll ihn holen!« »Wen? den – ?« »Den Großen! Ein Unglück für die ganze Welt, daß keiner die Courage hat! Bei den vielen Kugeln, die heutzutage gegossen werden!« »Laß ihm du eine zukommen.« »Ich mag nit gehenkt werden.« »Es wäre ein Heldentod, mein Lieber!« »Soll dir vergönnt sein.« »Der Heldentod? Freund, ich mag halt auch nit gehenkt werden.« »Weil wir Memmen sind, alle miteinander, drum verdienen wir ihn. diesen Räubers–« Also sprachen miteinander die bayrischen Krieger; es war wohlgethan vom Eisack, daß er so laut rauschte, als wollte er warnend: Pst! Pst! sagen. Sie schritten über die Brücke. – Am nächsten Morgen, noch ehe in Sankt Jakob die Aveglocke klang, war die Magd Hanai schon wieder im Stall; die Handlaterne mit dem brennenden Kerzlein drin hing sie an den dazu bestimmten Haken und dann schickte sie sich an, den Rindern Futter in den Trog zu thun. Und als das grüne Gras im Troge lag, wurde es dort lebendig und hub an in Fetzen gegen die Decke zu fliegen, emporgeschnellt von zwei menschlichen Beinen. Im Futtertroge lag der schöne Toni. Die Hanai begehrte scharf auf, was er da zu suchen habe! »Nichts,« antwortete der Bursche gähnend, »ich suche ja auch nichts.« »Ein Faulenzer bist!« rief sie. »Weil ich zu nachtschlafender Stund' im Bett liege? Aber Dirndel, schau, solche Faulenzer gibt's viele.« »Ein Mannsbild auf der Bärenhaut, jetzund wo es so viel zu thun gibt auf der Welt.« »Aber Engelein, ich werd' doch einmal ein bissel rasten dürfen!« »Natürlich, wie du dich angestrengt hast bei der Schlacht!« »Das will ich meinen!« sagte der Tonele lustig. »Andre prahlen sich schon, wenn sie an einem Tag fünfzig, sechzig Franzosen niederlegen. Was soll erst ich sagen, der ich an einem Tag ihrer viele Tausend hab' laufen lassen!« »So steh doch jetzt auf, daß die Kühe ihr Gras fressen können.« »Ja so, die Kühe,« murmelte er, »Hanai, ja die Kühe. Du hast halt das dumme Vieh lieber wie den armen Spielmann.« »Zum wenigsten macht es sich nützlicher.« Der Bursche that eine mißmutige Gebärde und sprach gar traurig: »Hanai, meiner Seel, du Hanai! Denkst denn an gar nichts? Wie ich jetzt so dalieg im engen Trog, so werd' ich einmal in der Truhen liegen. Nachher wird's dich gereuen, daß du so hart bist gewesen, nachher wirst meinen. – Ja, ja, jetzt lachst noch, aber dann wirst du weinen. Denn – geh her,« er richtete sich im Troge ein wenig auf, »Hanai, ich will dir was sagen. Noch näher. Das muß ich dir ins Ohr hinein sagen, kein Mensch darf's hören, auch kein Vieh. Denke, dir, Hanai, ein Geheimnis: du – du hast mich lieb ...« »Dummheiten!« rief sie aus. »Mag wohl sein,« fuhr der Bursche mit den Augen zwinkernd fort, »ganz dumm wirst du darüber, wie du mich lieb hast. Du, Hanai, 's Laternthürl mach zu, sonst blast der Wind 's Licht aus. – Ja, was will ich denn sagen? Kannst machen was du willst, denkst doch alleweil an nichts anderes, als an den Musikanten-Tonele. Bist beim Vieh, so denkst immer: Wenn er nur nit so faul wär'! Bist oben bei Spinges, so denkst: Wenn doch auch der Tonele tapfer thät schießen, dann wär's aus mit dem Feind, aus und vorbei! Bist beim Essen, so denkst: Wird der Tonele auch was haben? Und wenn du thust schlafen, so träumt dir: der liebe Tonele, wenn er neben meiner thät sein!« »Wie weißt du denn das?« fuhr sie ihn heftig an. »Das ist leicht wissen,« gab er zur Antwort und legte sich wieder um. »Wie weißt das, kecker Mensch?« »Ich weiß es halt von mir selber.« »Toni, du irrst dich!« sagte die Magd und raffte die verschleuderten Futterfetzen zusammen. »Mögen thu' ich schon einen, ich. Ist ja wahr, daß ich einen mag. Aber ich will einen haben, der im Krieg brav schießen und im Frieden fleißig arbeiten kann.« »Arbeiten!« schrie der Bursche auf. »Hanai, wie kommst du bei mir auf solche Gedanken? Ich weiß nit, was die Leut' alleweil haben mit ihrem Arbeiten. Arbeiten ist die unnützest Beschäftigung, die ich mir vorstellen kann. Im Sommer Holz hacken, daß man muß schwitzen, und im Winter Holz verbrennen, daß man wieder muß schwitzen. Was hast davon? Schwitzen mußt und sonst nichts. – Aber du, Hanai,« setzte er hinzu, auf das grüne Futter deutend, »so gib der Kuh doch Heu in den Trog, sonst frißt sie mir die Hosen vom Leib.« »Heu!« kreischte die Magd auf, so grell, daß man meinen konnte, es hätte sie etwas gestochen. »Heu, sagt er! Jetzt weiß der nit einmal, was Heu ist! Das ist Gras, mein Herr Faulenzer, und nit Heu.« »Gras oder Heu, wegen so was will ich nit streiten. Das ist ein Diskurs fürs Vieh.« Die Hanai wußte nun einmal gar nicht, sollte sie weinen vor Aerger oder lachen vor Vergnügen, daß dieser Mensch gar so herzig und dumm war. »Toni, du bist ein Taugenichts!« rief sie zornig. »Vom Schragen heb dich weg!« Er blieb aber ruhig liegen und sagte: »Meine Hanai. Am meisten gefreut mich auf dieser Welt, daß du auf mich so gut bist. Wenn du so mit mir plauderst, schau, da bin ich wie im Himmel. – Weißt', wie weit ich's bringen möcht? Weißt, wie weit?« »Wirst gewiß König von Tirol werden wollen,« spottete sie. »Ein Dörcherwagerl und voran ein Halbesel dran, auf dem man reiten kann. Ein fein ausgeflicktes Leinwanddach drüber. Und im Kobel meine Hanai, und kleine Kinder – eine Menge kleine Kinder. Und ich Rittersmann auf dem Halbeserl, lustig mit der Klampfen, und vor den Häusern überall eins aufspielen und eins singen. Und Kreuzer in den Hut, von rechts und von links und von oben. Dirndel, das wär' ein Leben! – So weit möcht' ich's bringen.« Jetzt ging ihr aber die Fassung aus. »Schämen sollst dich – Bettelbub!« Auf solchen Zuruf hob er den schwarzlockigen Kopf, schaute sie mit seinen großen, frischen Augen treuherzig an und sagte: »Was gibt's denn Besseres, als betteln? Wer was kriegt, der kann davon leben, und wer was gibt, der kommt dafür in den Himmel.« »An meiner Thür kriegst nichts, das merke dir!« rief sie, »verhungern sollst! versterben sollst!« Er schwieg eine Weile und blinzelte sie an. Sie begann ein Gespräch mit der Kuh, setzte sich darunter auf einen Einfuß und begann zu melken. Derweil sang er also: »Wann ich amal stirb, stirb, stirb, Schlagts auf die Truhen drauf, Dann steh' ich wieder auf. Alleweil fidel, fidel, Traurig sein mag ich nit, Na, meiner Seel! Bin ich amal tot, tot, tot, Soll'n mich Tiroler trag'n Und dabei Zithern schlag'n, Alleweil fidel, fidel, Traurig sein mag ich nit, Na, meiner Seel!« Das Rieseln der Milch in den Zuber war nachgerade eine liebliche Begleitung zu diesem Gesange und es ist nicht ganz unmöglich, daß die Magd Hanai die Zitzen ein wenig nach dem Takte des Liedes strich. Dann aber gab sie ihm folgende Rede: »Mein Gott, Tonele, du bist wohl ein lasterhafter Mensch! In diesem Haus das große Unglück, und du so ausgelassen singen!« »Was für ein Unglück?« fragte der Bursche und richtete sich im Troge halb auf. »Du weißt nichts davon, daß unser kleiner Bub in Verlust geraten ist?« »Der Hansel? Das goldhaarige Büberl? Das mit dem kugelrunden Gesichtel?« »Wirt und Wirtin sind davon, alle Leut' aus, ihn zu suchen. Gott weiß es! Seit der Schlacht ist er nimmer heimgekommen. Bei den Bayern sagen sie, oder bei den Franzosen. Abgefangen, sagen sie.« Jetzt war der Tonele aus dem Troge gesprungen mit beiden Füßen zugleich. Hastig riß er die Laterne vom Haken und leuchtete in den dunklen Winkeln umher. »Was willst denn?« fragte sie. »Meinen Stutzen!« »Daß er dich nit beißt!« »Ah, da lehnt er ja. Gut ist's. Behüt' dich Gott, Hanai« Ohne ein weiteres Wort, die Jackenflügel über der Brust ineinandergeknöpft, den löcherigen Filzhut auf den Kopf gestülpt, das Gewehr über die Achsel geworfen und fort. – Die Hanai schaut ihm nach und war völlig starr vor Verwunderung. – Was wäre das für ein lieber Kerl, dachte sie, aber halt verrückt! Gottlos verrückt! Und ist's denn ein Wunder? Wenn's einem halt alleweil so ganz anders geht, wie andern, da wird er freilich ein ganz andrer, wie andre! Von Rechts wegen sollte der Toni nicht auf der Welt sein. – Und während sie dasaß auf dem Einfuß und also nachsann über die wunderlichen Reden, die er ihr heute gethan, und über sein Jugendleben, welches er ihr selber einmal eingestanden – da rann dieweilen unbemerkt aus dem Zuber das weiße laue Brünnlein auf die Streu hinab. Wenn des Tonele halber schon einmal die Milch ausrinnt, da möchten wir's doch selber wissen, was es mit diesem Menschen ist. Gar nicht auf der Welt sollte er sein, von Rechts wegen! Wie geht das zu? Sind wohl wir andern von Rechts wegen auf der Welt? Ich kenne manchen, der dagegen klagbar wird. Weil wir schon einmal so weit sind, muß die Geschichte gründlich erzählt werden. Vorher wollen wir noch die Magd aus ihren Träumen wecken: Hanai! Hanai! die Milch! Natürlich, du hast ihn gar nicht lieb, er ist dir ganz gleichgültig, er könnte deinetwegen verhungern, versterben! – Hanai, die Milch! Kein Weib wollten sie nehmen, das gelobten sie dem himmlischen Vater. Zu hinterst im Oetzthale, fast oben bei den Gletschern, liegt das Dorf Gurgl. Schon die größeren Bauern hatten dort zeitweilig nicht viel zu beißen, und erst die kleinen! Ein Elend ist's, wenn in der Familie mehrere Kinder sind. Und deren sind immer mehrere. Manchmal vergißt das Vaterland dessen, daß Kinder, besonders Knaben, sein größter Reichtum sind; in Zeiten, wie um das Jahr Achtzehnhundertneun, erinnerte es sich daran. Sonst hatte man dieses alte Bauerndorf Gurgl immer liegen lassen ganz hinten im Hochthale, wo die Ferner herabhängen, und die Gurglerburschen hätte man wahrscheinlich ebenfalls liegen lassen, wenn sie liegen geblieben wären. Diese sind aber allemal schon vor Sonnenaufgang aufgestanden, um auf ihren Sumpfhalden und an ihren Berglehnen als echte Adamssöhne im Schweiße ihres Angesichtes das karge Brot zu graben. Und weil die Burschen von Gurgl echte Adamssöhne waren, so steckten ihnen die Eva – zwar nicht in den Rippen – jedoch aber im Kopf, und aus diesem Gelasse ist sie denn einmal sehr schwer herauszubringen. Verging doch selten ein Monat, da nicht ein Pärchen ganz bescheidentlich anklopfte beim Pfarrer, mit der schönen Bitte, er möchte sie halt zusammenthun. Der Pfarrer sah von kirchlicher Seite kein Hindernis, mußte sie noch loben, daß sie aus der Not eine Tugend, aus der Liebe ein Sakrament machen wollten, und that sie in Gottesnamen zusammen. Aber wie es denn mit den wirtschaftlichen Zuständen immer schlechter wurde, wie aus jedem Bauerngute seltsamer Weise drei Kleingütler geworden waren und aus jedem alten Paar drei Paar Junge, oder noch mehr – da kam es dem guten alten Pfarrer bedenklich war. Und eines Tages bei der Christenlehre, als er schon Amen gesprochen, sagte er zu seiner Gemeinde noch die folgenden Worte: »Und jetzt hätte ich freilich wohl noch ein Anliegen, meine lieben Kinder. Das liegt mir schon lange schwer und ich muß es euch doch einmal sagen, so hart es mir ankommt. Schaut, da kommt ihr immerfort zu mir um die heilige Ehe, und ihr habt auch das Recht dazu und es freut mich, daß ihr euch ehrsam wollet paaren, und ich gebe gern den Segen dazu. Aber das kann ich euch schon sagen, halten thut es nicht mehr lang. Wenn wir uns so fleißig multipliziren, ja meine lieben Leute, da werden wir bald nichts mehr zu essen haben. Ueberall kleine Kinder, daß man den Kirchplatz damit könnte pflastern. Aber sie kommen gar nicht her. Aus den Ringgräben ist seit Herbst keins mehr in der Kirche gewesen, weil sie kein Gewand anzulegen haben und sich daheim ins Strohnest vergraben müssen. In der Windwang sind' ihrer vorig Woche zwei kleine Würmlein an der Auszehrung gestorben; der Bader sagt, sie wären zu schlecht ernährt worden. Man kann auch den Eltern keine Schuld geben, sind ja alle Bettler, seit über die Wiesen die Schuttlahn niedergegangen ist. Die Schleifermarie ist mit ihren Kindern – sie hat deren schon sieben – ins Innthal hinaus hausieren gegangen, hat aber keins angebracht, hat sie aus Verzweiflung wollen ins Wasser werfen. Die zwei größeren habe ich ihr derweil abgenommen, weil man der Person wahrlich nicht trauen darf. Sie ist oft arg verwirrt. Die Bübelen wären zum Viehhüten schon zu brauchen, wer sie nehmen wollte.« »O heiliges Kreuz!« riefen die Bauern drein, »Kinder! Wir haben selber genug und mehr als wir brauchen. Wir wissen uns selber nit zu helfen mit dem vielen Gottessegen.« »Ich weiß es, ich weiß es,« sagte der Pfarrer, »und doch kommen sie alleweil wieder, die jungen Leute, und wollen heiraten. Ich bitte euch, das ist zum Verrücktwerden! Was soll man nur sagen, wenn sie's schon einmal gar nit g'raten können! Frei auswandern müssen sie und in der Fremde ihr Fortkommen suchen; daheim ist keine Menschenmöglichkeit, daß es so weiter geht, ich sage es euch! Wenn wir noch betteln gehen könnten zu einander, aber das thut's auch nicht, weil keiner was hat. Und die armen Kinder, die Gott vom Himmel gibt, müssen bei uns in Gurgl verkommen und versterben oder in der Seele verderben und wir sind für ihr zeitliches und ewiges Unglück verantwortlich. Es ist ein rechtes Kreuz, meine lieben Leute!« Die Hände hatte der Pfarrer gefaltet, während er so sprach, die Finger aneinander geklammert, und die Zuhörer thaten, einer wie der andere, seufzen. Weiter konnten sie nichts thun. Standen dann schwerfällig auf und gingen mürrisch heim. – Und also ist es beschaffen gewesen in manchem Hochthal von Tirol, die Jahre vorher, als der Feind kam. Doch weiter. Nach dieser Christenlehre zu Gurgl im Oetzthale war es, daß an mehreren Sonntagen die Burschen des Thales zusammenkamen und sich besprachen. Aber nicht im Wirtshause machten sie Stelldichein, sondern in ihren Hütten oder auf freiem Anger unter den jungtreibenden Lärchen, denn es war Frühling. Drei Söhne vom Hammerhof, einem uralten, freien Bauerngute, waren dabei: es waren Bursche von vierundzwanzig bis dreißig Jahren, stramm wie Tannenbäume, aber auch des Wortes mächtig, da sie einst die Schule besucht hatten und schon ein wenig herumgekommen waren in der »Welt,« wie sie das Innthal und das Vintschgau und die Eisackgegend nannten. Also daß ihre Rede Gewicht hatte bei den Nachbarn, so unerhört das auch war, was sie nun sagten. Auswandern, sagten die drei Hammerbuben, auswandern wollten sie nicht, da wollten sie lieber im Heimatsthale noch einmal so hart arbeiten und noch einmal so mager leben. Heiraten möchten sie freilich wohl, aber wenn es sei, daß sie daheim eine Familie nicht versorgen könnten, also daß die Kinder an Leib und Seele zu Grunde gehen müßten, dann wollten sie's lieber bleiben lassen und gar nicht heiraten. Um das Weib wollten sie die Heimat doch nicht vertauschen. Im Junggesellenstande wollten sie ehrsam leben und auf dem Erdenfleck bleiben, wo sie angestammt wären, und recht fleißig sein, bis Gott bessere Zeiten schicke – dann sei es immer noch früh genug. So sprachen sie. Andre waren zuerst über solche Gesinnung empört. Die Hammerbuben lachten dazu und lachten sehr bitter. »Uns macht's gewiß auch keine Freude, daß es so ist!« riefen sie, »und wer einen besseren Rat weiß, der soll ihn sagen.« Es sagte ihn keiner. Zwei oder drei heiratslustige Bursche entschlossen sich fürs Auswandern, aber als es dazu kommen sollte, meinten sie, es wäre doch gescheiter, daheim zu bleiben und mit den Weibsleuten zu warten, bis es besser werde. Was die Dirnlein dazu gesagt haben, soll man wahrscheinlich nicht wissen, denn es ist dem Manne, der diese Geschichte zu berichten hat, nicht hinterbracht worden. Und eines Tages geschah denn etwas im Dorfe zu Gurgl, wie solches nicht oft geschehen sein wird, seit die Welt steht. In ihrem Feiertagsgewande waren sie erschienen, die ledigen Buben zu zwanzig, zu dreißig, zu fünfzig Jahren, auch noch ältere. Steinbrech- und Rautensträußlein hatten sie auf ihren hohen Spitzhüten; wortkarg und ernsthaft waren sie, als hätten sie heute einen Richterspruch zu fällen über Leben und Tod. So schritten sie zu Paar und Paar den Platz hinauf zur Kirche; fast feindselig marschierten sie an den Weibsleuten vorbei, welche an der Kirchhofsmauer so herumstanden und den unheimlichen Zug betrachteten. Und stramm und stolz gingen sie zum Thore hinein. Schritten voran bis zum Hochaltare und stellten sich dort auf. Und als der Gottesdienst vorüber war und das Orglein aufgehört hatte zu blasen, empfingen sie die Kommunion. Dann erhoben diese Männer, einer wie jeder, ihren rechten Arm und thaten laut und einstimmig ein Gelöbnis. – Die Heimat wollten sie nicht verlassen in ihrer Not. Kein Weib wollten sie nehmen, solange die schlechten Zeiten dauerten, keins sehen und keins rufen und keins erkennen, dazu seien sie entschlossen und das gelobten sie dem himmlischen Vater, dem Sohne und dem heiligen Geist! – Der Pfarrer im Chorhemde stand an des Altares Stufen und segnete diesen Bund, doch – wie er später frei eingestand – mit Zögern und Bangen. Einige Weiber, die nicht erregt davongeeilt, sondern in den Kirchenstühlen noch sitzen geblieben waren, weinten in ihre roten Tüchlein hinein, und ob nicht eine oder die andre auf der Bank saß, der es schon versprochen war, was hier am Altare so grausam feierlich abgeschworen wurde, das kann man nicht erfahren. Zwar wollten einige sich damit trösten, daß die schlechten Zeiten nun ja bald aufhören würden, wo dann dieses unbegreifliche Gelöbnis seine Gültigkeit verliert. Es wird nun aber noch erzählt, daß sich hierauf auch die Jungfrauen von Gurgl zusammengethan hätten und einen Schwur ausgestoßen: Nachher, wenn sie wollen, werden wir nicht wollen! Denn sie fühlten sich verraten und verleugnet, unritterlich zurückgesetzt in der Zeiten Not. Es hat sich also in diesem Hochthal ein großer Zwiespalt erhoben zwischen den Jünglingen und Jungfrauen, so daß kein Zusammensehen war, geschweige ein Zusammengehen. Unter den jüngeren Männern hatte keiner mehr die rote Schnur um den »Sternstecher,« die auf den Ehebund gedeutet hätte; jeder trug dreimal um den Hut gewunden die grüne Schnur, das Junggesellenzeichen. Demnach halten auch die Weibsleute nicht rote, sondern grüne Schürzenbänder, und so war zu Gurgl Immergrün im Winter wie im Sommer, aber anders zu verstehen, als jenes im warmen Süden. In den Häusern hatte es sich so geordnet, daß in dem einen lauter Männer, in dem andern lauter Weiber wohnten, und so hoch steigerte sich der Widerwille, daß an den Festtagen der Heiligen männlichen Geschlechtes das Weibervolk nicht in die Kirche kam, was die Buben dann ihrerseits an den Frauentagen wettmachten. Was der Pfarrer zu Gurgl gefürchtet, ist lange nicht eingetroffen. Kein ungerufenes Kind hat man ihm zum Taufbecken gebracht. Und da hat er gedacht: Wie das doch brav ist von den Gurglerleuten – ganz heldenhaft brav! Hätt's ihnen nicht zugetraut, daß sie es im stande sind. Da könnte sich mancher ein Beispiel dran nehmen, der alleweil glaubt, Kinder in die Welt rufen, wäre sein gutes Recht, auch wenn er sie nicht ernähren kann. – Das meinte der Herr Pfarrer. Nach etlichen Jahren war es schon zu merken, daß weniger halbverkommene Menschenwürmlein umherkrochen im Thale und deren noch weniger in die Gräber verscharrt wurden. Die Männer schienen auch völlig stolz darauf zu sein und die Weiber warteten vergebens auf einen Umschwung. Der Pfarrer aber, sei es nun von der Kanzel oder vom Beichtstuhl, lugte manchmal darauf aus, wie es ihnen bekomme. Er sah ihnen gerade nichts an, sie waren schwerfällig, ernsthaft wie sonst, fast ein wenig trüb gestimmt und nicht mehr ganz so aufgeweckt wie früher. Nun trug es sich aber zu, daß eine junge Magd im Unterhuberhause – eine eingewanderte Italienerin – das Erstaunen der Leute weckte. Seit drei Jahren schon war sie da im Dienste und seit dieser Zeit nicht fortgewesen. Nun stand es so mit ihr, daß die Rede umging, man müsse ihr einen Strohkranz aufs Haupt setzen und sie mit dieser Zier am Sonntag durch die Kirche führen. Der Dorfrichter ließ sie zu sich kommen und that in ernstem die Frage, welcher von den Buben zu Gurgl an ihr das Gelöbnis gebrochen habe. »Ja freilich, das werde ich dir just sagen!« lachte die Magd auf. Und weil sie ihm so frech ins Gesicht gelacht hatte, drohte er, sie in die Totenkammer sperren zu lassen. Statt zu lachen begann sie nun zu weinen, doch den, welchen der Richter wissen wollte, verriet sie nicht. Nun hörte es der Ferdinand Wildauer, ein junger Häusler auf der Windwang, daß der Dorfrichter seine schwere Hand legen wollte auf die Magd Sanna und daß sich der ganze Gemeindezorn zusammenziehe über die arme Dirn, weil sie nichts verraten wollte. So ging er trutzig hin und gab an, er wäre es. – Mehr brauchte er nicht zu sagen. Der Richter sprach nur: »Ich gunn dir nichts Schlechtes, Ferdinand, aber du wirst an dieser Suppe, die du dir eingebrockt hast, lang zu löffeln haben!« Er kannte den harten Bauernschlag, der da nahe dem Eise wuchs. In wenigen Tagen merkte es der Ferdinand schon, daß die Nachbarn sich von ihm zurückzogen, nicht mehr Gemeinsamkeit mit ihm hielten in Arbeit und Umgang, nicht mehr fragten, wie es ihm gehe, nicht mehr lachten, wenn er im Begegnen einen seiner heiteren. Späße sagte. Denen er schuldig war, die forderten ihre Sache, die er um Beistand anging, zuckten ihre Achseln. Kein einziger machte ihm offenen Vorwurf, daß er das Gelöbnis gebrochen, jeder ging an ihm vorüber. Nun sah er, daß er allein war. Mit seiner Wirtschaft war's ohnehin schlecht genug, das Häuslein stand windschief und nicht ein Nagel in der Wand gehörte mehr sein. Das Arbeiten und Haushalten war seine starke Seite nie gewesen. Um diese Zeit starb sein alter Vater; die Nachbarn kamen nicht, um wie üblich an der Leiche zu wachen; sie weigerten sich, den Sarg zu tragen, so daß der Ferdinand denselben mit einem Schlitten zum Kirchhofe schleifen mußte. Ein paar alte Weiber umstanden die Grube, sonst war niemand da. Als das Grab zugescharrt war, ging der Ferdinand zum Pfarrer und gab an, daß es ihm im Oetzthale zu kalt geworden sei, daß er sein Gütel liegen und stehen lassen wolle, wie es liege und stehe, daß er die Sanna zusammenpacken und mit ihr in die Fremde gehen werde, daß er aber noch früher, daheim in der Pfarrkirche, mit der Seinigen christlich verbunden werden möchte. Der Pfarrer dachte: 's ist schade um ihn! Um den thut's mir leid. Aber was soll er machen auf seinem abgewirtschafteten Häuslein, wenn ihm niemand helfen will! Mehr als zu Grunde gehen kann er auch draußen nicht. Und die Trauung soll er haben; lieber wäre es mir freilich gewesen, er hätte sie um etliche Monate früher verlangt. Drei Tage später sind sie davongezogen. Was der Ferdinand Wildauer auf einer Kraxe tragen konnte an Gewand, Einrichtung und Werkzeug, das nahm er mit; es brauchte ihm nicht das Herz weh zu thun um das, was zurückblieb. Was die Sanna in einem Armbündel schleppen konnte, das war ihr Eigentum. Mit solchen Gütern wollten sie ein neues Leben anfangen in der Fremde. Ein rotes Hündlein winselte den beiden hinten nach, ein etwas schäbiges Köterlein, der letzte Hausgenosse des Ferdinand. Seine hängenden Ohrlappen waren ganz zerfranst von den Bissen der Nachbarshunde. Vielleicht hatte auch der etwas angestellt, daß sie ihn nicht dulden wollten zu Gurgl. Anfangs ging's heiter fürbaß. Von Innsbruck hatten sie gehört, der schönen, großen Stadt, viel größer als Imst oder Landeck; also nahmen sie ihren Weg gegen Innsbruck. Die Straße war steinig, der Ferdinand pfiff ein Liedel. Daheim zu Gurgl wurde wenig gepfiffen und gar nichts gesungen zur selbigen Zeit, so daß der Pfarrer einmal zu seinem Freunde, dem Kurschmied, sagte: »Ich weiß nicht, wie sie mir vorkommen. So la la.« »Die Musik geht ihnen ab,« antwortete der Kurschmied. »Sie haben schon lange keinen Hochzeitsmarsch und keinen Brauttanz mehr gehört, Und wenn die Imster Herren bei uns Soldaten ausheben, so schäme ich mich. Drüben im Pitzthal, im Stubai, im Passeyer die schönsten Landjäger, bei uns nichts.« »Haben wir nicht auch Buben!« meinte der Pfarrer. »Schau ihnen einmal in die Äugen, Pfarrer. Mir will's nicht gefallen. Ich denke, du sollst derweil nicht mehr gegen den Ehestand predigen.« »O Doktor, das thue ich schon lange nicht mehr!« sagte der Seelsorger, »ich sehe es wohl schon selber. Der Ehestand wäre bald abgebracht, auf das gingen sie gleich ein. Wir müssen umlenken. Schaut auch wirtschaftlich nichts heraus, wie es jetzt ist. Die Armut hat sie verzagt gemacht; keiner thut mehr, als er zu harter Not muß. Manch gutes Aeckerlein liegt brach, von den Wiesen tragen sie die Steine nicht mehr fort. Verkaufen wollen sie ihr Anwesen, Kinder hätten sie keine. Also bestreben sie sich nicht mehr. Früher haben sie auswandern wollen, weil zu viele, jetzt weil zu wenig Kinder sind. Ohne Kinder kein Heimatsgefühl, ich sehe es wohl ein, Kurschmied.« »So wird der Wildauer Ferdel doch recht gehabt haben,« bemerkte der andre. »Ich wage nicht zu sagen: nein,« antwortete der Pfarrer. »Aber kommen hätte er sollen.« »Wir müssen ihnen ein gutes Beispiel geben,« meinte der Kurschmied, »müssen halt selber heiraten.« »Du hast es ja schon gethan, Kurschmied.« »Aber du noch nicht, Pfarrer.« »Laß das gut sein.« »Ich will doch den Anfang machen,« sagte hierauf der Kurschmied. »Mein Sohn, der Franzel, ist im vorigen Jahr Meister geworden. Dem gefällt schon lange, aber ganz heimlich, das Kogelbimsmoidle. Will trachten, daß er mich um Erlaubnis fragt, und mich nicht lange bitten lassen. Du kannst im Beichtstuhl nachhelfen, Pfarrer. Mit Gottes Hilfe wird's schon wieder gehen.« So haben sie sich verabredet. Da gab es zu Gurgl im Oetzthale seit langem wieder einmal Hochzeit. Brautführer war der Richter, geladen war das ganze junge Volk und so lustig ging's dabei her, daß sich die Burschen und Dirndeln zu Dutzenden miteinander versprachen. Seither ging es dort wieder, wie es überall geht. Ein frischer Menschenschlag stand auf, und als nachher der Sandwirt aus Passeyer kam, um Schützen zu suchen, nirgends fand er mehr und nirgends frischere, als zu Gurgl im Oetzthal. Der Ferdinand Wildauer und sein Weib, die Sanna, sind nicht mehr heimgekommen. In einem Steinbruch bei Innsbruck bekamen sie ein kleines Kind. Auf den schönen Namen Anton ließen sie es taufen. Wenn man diesen Anton später fragte, wie er seine Kindheit und erste Jugend zugebracht hätte, da wußte er viel Possierliches zu erzählen. Seit im Steinbruch ein Felsblock dem Vater beide Arme abgeschlagen, gab es Musik, nichts als Musik. Der Vater konnte so wunderschön pfeifen, das hatte er auch die Mutter gelehrt, und so gingen sie nun in der weiten Welt herum und pfiffen zu zweien vor den Hausthüren allerhand Weisen. Der Kleine sammelte die Kreuzer. Zwei Gattungen Zuhörer gab es, die eine lachte sie aus und schenkte einen Kreuzer, die andre seufzte über das Elend und gab auch einen Kreuzer. Dann hatten sie einmal eine Lustreise gemacht durch das Oetzthal hinauf bis in den hintersten Winkel. Gurgl stand, wie es gestanden war. Der Ferdinand ging hinein in die Windwang und stand dort lange vor einem braungeräucherten Mäuerlein, an welchem roter Holler wuchs. Dann ging er wieder fort. Der kleine Anton trieb sich am Bache um, wo mehrere Burschen Forellen angelten, wollte mit ihnen Bekanntschaft machen und sagte, daß er eigentlich auch ein Gurglerbub sei. Sie fragten ihn, wie er heiße. »Anton heiße ich!« antwortete er. Darauf riefen die Burschen: »Antoni, Limoni, nix konn i, L ... hon i!« – packten ihn und warfen ihn in den Bach. Mit Mühe kroch er wieder ans Trockene, schüttelte sich ab wie ein nasser Pudel und lief davon. Bald wanderten die dreie wieder wegshin, und das war ihr Besuch in der Heimat gewesen. Weil der Knabe von dem heimatlichen Wasser her noch über und über feucht war, so hüllte ihn des Nachts auf dem Strohstadel der Vater mit seinem eigenen Gewände zu, denn es strich durch die Fugen eine kalte Luft. Das war aber auch gefehlt. Bei Imst war es, daß sie den Vater Ferdinand ins Spital trugen. Die Mutter, Sanna wollte ohne seiner nicht weiterziehen, sie blieb im Spitalhofe und spaltete Holz, damit man sie dulde und sie täglich einmal den kranken Mann sehen lasse. Der kleine Tonele – er wollte seit dem Wasser von Gurgl nicht mehr Anton heißen – hielt sich viel in der Stube des alten Pförtners auf. Der hatte eine Laute, verstand ein wenig darauf zu spielen und lehrte diese Kunst den aufgeweckten Knaben. Als der Junge schon besser spielte wie der Alte, sagte dieser: »Ein Kampel bist!« zwickte ihn beim Ohr und schenkte ihm das Instrument. Als der Vater unter der Erde war, zogen sie weiter, die Mutter und der Sohn. Mit dem Pfeifen war's bei ihr aus. Zwischen dem großen wachsgelben Tuche, das sie um ihren Oberkörper gewunden hatte, sah ein abgehärmtes Gesicht hervor mit traurigen Augen und weißen Zähnen, die von Tag zu Tag mehr herauszuquellen schienen aus dem verfallenden Fleische. Der Toni spielte auf der Laute und sang dazu Lieder, wie er sie von seinem Vater gelernt hatte. So bettelten sie sich einmal über den Brenner und hinab bis ins Brixnerthal. Dort, auf der Steintreppe vor der Kirchenthür zu Sankt Jakob, thaten sie rasten. »Tonele,« sagte die Mutter zum Knaben, »willst mir nit das Lied singen: Jetzt gang i ans Brünnele.« Setzte sich der Kleine auf einen Birkenast, daß er dabei schaukeln konnte, und hub an mit seiner zarten Stimme die wundersame Weise zu singen: »Jetzt gang i ans Brünnele, Trink aber net. Da such i mein herztausigen Schatz, Find 'n aber net. Da laß i meine Aeugelein Um und um gehn, Da seh i mein herztausigen Schatz Bei ein' andern stehn. Und bei ein' andern stehn sehn, Ach, das thut weh! Jetzt b'hüt dich Gott, herztausiger Schatz, Dich sieh i nimmermeh –« Und dieweilen der Knabe dieses Lied mit der wundersamen Weise gesungen hatte, war ihm seine Mutter gestorben auf den steinernen Stufen von der Kirchenthür. An ihrer Grube kein andrer Klang, als sein Saitenspiel: »Jetzt b'hüt dich Gott, herztausiger Schatz, dich sieh i nimmermeh!« Damals war der Tonele alt gewesen an die neun Jahre. Und jetzt allein auf der weiten Welt! Allein? Wieso? – Leute genug, nur angebettelt müssen sie werden. Und so sang, bettelte, lungerte und hungerte er sich durch, bis heran zum keckmütigen Burschen, der nicht Krieg führen wollte, hingegen aber seinen Mut dadurch bewies, daß er um die Magd Hanai warb, und der jetzt auch die Magd Hanai im Stiche gelassen hatte, um auf die Suche zu gehen nach dem vermißten Sohn des Mahrwirtes. Mir brauchen enk nit! Von denen, die ausgezogen waren, um den Knaben zu suchen, kamen am nächsten Tage manche zurück: sie hätten nichts gefunden. Andre kehrten am zweiten Tage heim: sie hätten nichts gesehen. Etliche kamen am dritten Tage und wußten zu sagen von allerlei Spuren und Anzeichen und Mutmaßungen, wo der Sohn des Mahrwirtes sich befinden könne, aber endlich kam es heraus, daß auch diese nichts wußten und ganz umsonst herumgegangen waren. Heimgekehrt war auch Frau Notburga. Ihr war unterwegs manchmal zu Mute gewesen: während du den einen suchest, gehen dir die übrigen verloren. Und als nun die Leute erschienen, in der Absicht, ihr Trost zuzusprechen, fanden sie, daß die Wirtin nicht weinte und nicht klagte. Wenn von ihrem Hans die Rede war, so sagte sie nichts als: »Wie es Gottes Willen ist!« – Des Abends dann, wenn alle Arbeit verrichtet war, wenn sie mit ihren beiden Kindern auch das heilige Schlaflied gesungen hatte: »Es sangen drei Engel einen süßen Gesang,« da kniete sie noch mit der kleinen Marianna hin vor den Hausaltar und betete ein Vaterunser »für unsern lieben Hans, von dem wir nit wissen, wo er ist, ob er beim grimmigen Feind hart muß leiden und still weinen nach Vater, Mutter und Geschwister, oder, ob sein armes Leiblein ganz zerschlagen in einem Abgrunde liegt, oder in der kühlen Erde schläft, und die unschuldige Seel' bei Jesum Christum im Himmelreich!« Solches Gebet sprachen sie zu eigenem Herzleid und zu eigenem Troste, und die kleine Marianna hob ihre gefalteten Händchen empor und ihr sanftes glaubendes Auge zum Bilde Gottes. Und selbst, als das Gebet schon aus war, kniete sie noch lange so, schier wie in Verzückung, und einmal lallte das Mädchen in solchen Augenblicken die Worte: »Ich habe gegründet die Grundfesten der Erde und die Sonne angezündet in den unendlichen Himmeln. Der Sturm, der die Felsen bricht, ist mein Atemhauch, das Rauschen der Meere mein Lied. Ich habe aufgeweckt die Völker des Erdkreises wie Blumen im Mai; ein heißer Blick meines Auges, und sie vergehen wie Tau. Was ist dein Leiden, Menschenherz, vor dem Wehe der Welt? Es ist nichts. Einzig nur rührt mich das Weinen der Mutter ums Kind. Ich komm' zu dir. Vertrau' auf mich, ich will dir helfen ...« So sprach das Kind. Das Lallen ging in ein Flüstern über, das Flüstern in ein Hauchen, dann sank das Köpfchen nach vorn auf den Tisch und Marianna schlummerte. Einer, ein einziger war noch aus auf der Suche nach dem Knaben – Peter der Wirt. Er ging thalauf, er ging thalab, er fragte in allen Häusern zu, er stieg in die Schluchten, er durchzog die Wälder, er wagte sich sogar in feindliche Kreise, die allmählich sich wieder bemerkbar machten. Der Knabe aber war nirgends und niemand wußte von ihm. Eines Tages befand er sich in der Schlucht bei Weidbruck plötzlich unter Franzosen. Er wußte nicht, wieso das sein konnte. Doch that er arglos und besprach sich mit einem Offiziere wegen seines Knaben. Der Franzose gab ihm folgenden Bescheid: Wenn das Kind von französischen Soldaten aufgegriffen werden sollte, so würde es dem Vater zugeführt, ohne ihm ein Haar zu, krümmen, darauf parole d´honneur! Aber bei einer nächsten Affaire dem Mahrwirt die heiße Kugel! Als von diesem Manne weg Peter wieder seine Straßen ging, wunderte er sich baß darüber, daß er noch frei die Straße gehe. Ja, war er denn nicht mitten unter Franzosen gewesen? Hatten sie ihn denn nicht erkannt? Sind sie denn nicht voller Wut gegen die tirolischen Häuptlinge? Und sie ließen ihn frei von hinnen gehen? Der ritterliche Hauptmann hatte in ihm nicht den Gegner, sondern den trostlosen Vater gesehen. – Fast mit Schmerz bedachte es der Mahrwirt, daß solch ehrenhafte Männer die Feinde seines Vaterlandes sein müssen. Endlich kam auch Peter heim in sein Haus an der Mahr, aber nur um zu neuem Streite zu rüsten, der größer zu werden versprach, als der erste an dem Eisack und an der Rienz. Die bayrische Regierung sammelte sich wieder, war aber noch schwankend und mutlos, sie ließ zu dieser Zeit in Tirol einen schmeichelhaften Aufruf anschlagen: Was ihnen denn nicht recht wäre, den Tirolern? Sie sollten es doch offen sagen, man würde ja gern Abhilfe schaffen, man würde ihnen alle billigen Wünsche erfüllen, man achte dieses Volk, welches sich von jeher ausgezeichnet habe durch Redlichkeit und Treue! »Eben, weil wir treu sind, darum auf gegen die Bayern!« so lautete dem Lockrufe entgegen ein Stichwort, das der Kulber ausgegeben hatte. Hofer, der Sandwirt, hatte vom Brenner her Eilboten geschickt, zwei an einem Tage, mit der dringenden Aufforderung, ihm zu Hilfe zu kommen. In Innsbruck habe der Feind sich neuerdings festgesetzt, das ganze untere Innthal wimmele von Bayern und Franzosen. Aber von allen Bergen herab und aus allen Gräben heraus kämen die Bauern und zögen sich zusammen um die Vorhöhen von Innsbruck. Alles solle kommen, alles, was den Stutzen und das Messer tragen könne. Es sei die endliche Entscheidung da, ob die Tiroler in Zukunft ohne Gott und Vaterland Bayernknechte sein, oder als freie Männer leben wollten in der ehrwürdigen Heimat. Ihr Feldherr sei die heilige Jungfrau Maria. Wie wurde es da neuerdings lebendig im Thale von Brixen! Gewaltiger als das erstemal wogte es auf. Der Kreuzwirt zog rasch mit einem Trupp freiwilliger Kämpfer den Eisack entlang gegen Sterzing. Der Mahrwirt eilte in die Gegend des unteren Eisack und ins Grödnerthal, um Streiter zu werben. Feindliche Soldaten sah man jetzt nirgends, alles schien sich zur Hauptarmee zu schlagen. Selbst die bayrischen Beamten, die insgeheim schon thätig gewesen waren, für den nahen Maria-Himmelfahrtstag ein großes Napoleonsfest zu veranstalten, waren auf einmal nicht mehr da. Es geschah noch nichts, aber es war alles so seltsam, so unerhört anders als sonst. Es war, als ob der Schall nicht mehr erstickte in der Luft, sondern ungeschwächt in die Ferne dringe; so hörte und wußte jeder an jedem Orte eins und alles. Es schien, als ob die Menschen Flügel bekommen hätten, so waren sie überall; und als ob die Vorfahren aus den Gräbern aufstünden, so viele waren ihrer. Ununterbrochene Ströme von Streitern kamen vom Pusterthale herüber, vom Etschthale herauf, vom Ritten herab, von allen Hochthälern gezogen. Jung und alt, mit allen denkbaren Werkzeugen und Geräten bewaffnet, mit Hauen, Hacken, Spießen, Morgensternen, Feuerstangen, Hämmern, mit rostigen Schwertern und blinkenden Sensen, mit wuchtigen Keulen und eisernen Stäben aus Hochöfen und Schmieden; auch Wurf- und Schleuderwerkzeuge mit Strängen und Bogen, nicht ungeschickt hergestellt. Und über diesem Gewoge von befederten Hüten und aneinanderklirrenden Waffen wehten rote Kirchenfahnen mit im Winde flatternden Fransen und Bändern. Bündel, Körbe. Kraxen, Säcke, Kübel, Fässer mit Lebensmitteln schleppten sie mit sich und ließen sie durch Ochsen auf Bauernwägen, Postkutschen und Holzkarren hinterdrein führen. Mancher hatte an seiner Lodenjoppe, die er über der Achsel hängend trug, die Aermel zugebunden und sich so Säcke für Lebensmittel geschaffen. Auch Zimmer- und Schmiedewerkzeuge, Leitern, Winden und Ambosse wurden mitgeschleift. Viele der Ausziehenden ritten auf schweren Lastpferden, andre jagten Kälber hinterher, und immer noch brachten Weiber aus den Häusern Dinge hervor zur Wehr und Nähr. Auch der Rampesbauer hatte sein Fähnlein, doch er sollte zu Hause noch etwelches in Ordnung bringen. Im Mahrwirtshause fand er sich ein: Ob der Peter noch da sei? – Nein, der sei vom Grödnerthale noch nicht zurück. – Er, der Rampesbauer, wolle guten Rat, er wisse sich nicht zu helfen. Er habe im oberen Stadlkeller bisher die gefangenen fünf Bayern zu bewachen und zu atzen gehabt, was solle jetzt mit ihnen geschehen? Es werde immer schwerer. So oft er mit seinen Knechten die Kost hineintrage, sammelten sich vor dem Thore allerhand Leute an und verlangten mit Geschrei die Auslieferung der Gefangenen. Besonders der Schwarze, der Steuereinnehmer von Bruneck, der sei eben auf den Stein gesprungen und habe eine Brand- und Blutrede gehalten: Wenn jeder der fünf gefangenen Bayern zehn Kopfe hätte, so müßten sie alle abgeschlagen werden! Man spreche vom Morgenrote der Freiheit, das seien so leere Redensarten, das richtige tirolische Morgenrot der Freiheit sei Bayernblut, das den Eisack färbt! – Und die Leute hätten zu solch wilder Rede wie wahnsinnig geschrieen: das sei gut gesprochen, so müsse es geschehen. – Was denn nun da zu machen sei, um den Aufruhr zu dämpfen? Zugegen war des Mahrwirts Schwager, der Priester Augustin. Der sagte, er wolle es versuchen. Nach Peters Sinn würde es zwar nicht sein. Er ging hinauf, und bei der nächsten Fütterung, als sich wieder einmal viel Volk vor dem Stadtkeller versammelt hatte, hielt er eine Rede. Weil ein bißchen Predigerton dabei war, so horchten sie gleich auf. Feindesblut, sagte er, sei etwas sehr Kostbares. Man dürfe es nicht verschwenden zum nächstbesten Wohlgefallen, man müsse eine festliche Gelegenheit abwarten, um es zu opfern. Diese Gelegenheit würde bald kommen, wenn die Sieger heimkehrten. Zum Dankopfer für die Befreiung Tirols sollten dann die Gefangenen hingerichtet werden. Da schrieen die Leute wieder, das sei gut gesprochen, so müsse es geschehen. Wenn die Sieger heimkehren! Augustin flehte im Herzen seinen Gott um Gnade an für das frevlerische Wort, welches der Fürsehung Vorgriff. Wenn die Sieger heimkehren, dann soll keine Rache sein, der Mahrwirt, der Kreuzwirt, der Sandwirt, wenn sie da sind, werden dafür sorgen. Also war wieder einmal eine Unwahrheit gesagt worden, die Peter verurtheilt haben würde. Allein, so dachte Bruder Augustin, um eine große Sünde zu verhüten, kann man eine kleine schon begehen. Das Marienfest war gekommen, es wurde in den Kirchen und Klöstern nach alter Sitte begangen. Die verjagten Priester waren größtentheils wieder zurückgekehrt, aber die Gotteshäuser blieben halb leer; es waren der Leute allzuviele gegen den Brenner gezogen. Kein Büttel war da. der den Bischöfen und Dechanten den Festtag und die Feier gestört hätte. »Maria, Jungfrau reine im hohen Himmelsthron,« sangen die christlichen Beter, aber diesmal kamen sie zu keiner Sammlung. Ihre Gedanken waren in den Gegenden der Mitternacht, wohin die Männer und Jünglinge geeilt. Ganz eigentümliche Gerüchte gingen um, hielten sogar vor den Kirchenthüren nicht an, drangen hinein und von Mund zu Ohr. Zu Innsbruck auf dem Berge Isel sei das Weltgericht. Es sei keine Schlacht, es sei ein Schlachten. Auf der Plossenalpe könne man bei richtigem Luftzüge die Kanonen hören. Gott gnade den Sterbenden! Mittlerweile war der Mahrwirt umhergestiegen in Thal und Gebirge. In Bauernhöfen und in Holzknechthäusern und in Halterhütten hatte er zugesprochen, selbst in geruhsamer Nacht die Leute geweckt und ihnen zugerufen: »Auf, Männer! Los geht's wieder! Alle müßts mit!« Viele erkannten ihn schon an der Stimme: »Ah, der Mahrwirt ist's!« Dem Manne wollten sie gern folgen, sie machten sich bereit. Bis ans Sellajoch war Peter hinaufgekommen. Dort zwischen den starren Felsen fand er ein Menschenpaar, das im Wurzelgraben aus war, mit dem Eisen zwischen dem Gestein herumstach und sich dabei gegenseitig mit harten Worten Schimpf und Schmach zuschrie. Der rotbärtige Wurzner Zanggl war's und sein schwarzhaariges Weib. Die feurigsten Namen fielen dem Weibe ein, es war ganz unerhört, wie dieses Wesen diesen Mann hassen mußte. Und als Peter nun zum Zanggl ging und ihn anwarb, hub das Weib jämmerlich an zu klagen, und ihren guten Mann ließe sie nicht fort und ihren lieben Mann ließe sie nicht erschießen. Der Zanggl mußte lachen und zum Mahrwirt sagte er: »Du kannst dir's denken, wie hart ich fortgeh'! Aber ich bin halt den Feind schon gewohnt.« Einen schnalzenden Schmatz gab er seinem Weibe, dann ließ er sie stehen zwischen den wilden Bergen und ging »Boarnderschießen«. Als sie weit unten waren, schon bei den ersten Häusern von Sankt Maria, schaute der Wurzner einmal um und that leise die Bemerkung: »Wenn sie nur mitgegangen wär'! Von der hätt' auch der Franzos Grugl und Graus kriegt!« Ernst und wortlos war der Abschied andrer. Viele küßten Weib und Kind nicht, sagten nicht »Behüt Gott!« aus Furcht, weich zu werden. Als ob es in den Holzschlag ginge, so schritten sie davon und schauten nicht mehr um. Im Kirchlein zu Sankt Peter an der Gröden wohnte am Maria-Himmelfahrtstage der Mahrwirt einer Messe bei. Es war sein Geburtstag, er hatte den gleichen mit dem Bonaparte. Sein Gebet war ein leidenschaftliches. Ueber dem Altare stand geschrieben: »Herr, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!« Der Mahrwirt sah flüchtig den Vers, blickte aber nicht mehr hin. Gott könnte wollen, daß Tirol wieder bayrisch werde. Der Tiroler will das nicht, und eher sterben! »Herrgott!« betete Peter, während seine gehobenen und gefalteten Hände bebten, »um deines Namens willen, verlaß uns nicht, hilf uns siegen, vernichte den Feind, unser ist das Recht. O Herr der Heerscharen, ich bitte dich um deines heiligen Kreuzes willen!« – Aber es war keine glückliche Stunde, auf einmal fiel ihm ein: auch im Bayernlande gibt es noch Kirchen, auch dort knieen Soldaten, ihre Weiber und ihre Kinder vor dem Altare und richten an den Herrn der Heerscharen das gleiche Gebet: laß uns siegen, vernichte den Feind! – Und des Herren sind sie hüben und drüben. – Fast unmutig trat der Mahrwirth aus dem Kirchlein. Kurz und herb rief er seinen Männern zu. die um das Wirtshaus herum ein wenig gelagert hatten, sie müßten weiter. Mit einem eisenfesten Trupp kräftiger und waghalsiger Männer kam der Mahrwirt im Brixnerthale an. Die vom Grödnerthale, das sind Kerle wie von Stahl und Stein. In Eilmärschen wollte er mit ihnen zu Hilfe eilen gegen die Hauptstadt. An der Brücke bei Mittewald begegnete ihnen ein rasch reitender Sendbote vom Sandwirt. »Ist der Mahrwirt unter euch?« rief dieser in die Truppe hinein. »Der steht da, was willst von ihm?« fragte Peter. »Umkehren könnts,« stieß der Bote hervor. »Aus ist's. Der Anderl laßt sagen: Mir brauchen enk nit.« Und weiter sprengte der Bote auf schnaubendem Roß. Peter, du sollst kommen und uns regieren helfen! »Mir brauchen enk nit! Aus ist's!« Was bedeutet das? Ist alles hin? Oder ein großer Sieg? Friedensschluß? Oder nur ein trotziges Ablehnen, weil sie so spät gekommen? Das Grödnerthal liegt fernab, seine Berge sind hoch. Ein harter Marsch war's gewesen für den Mahrwirt. Und nun abgewiesen? – nach langem Zögern, und nachdem er von mehreren fliegenden Boten das Gleiche gehört, kehrte er unmuthig um und zurück an die Mahr. Abgelehnt bei dem großen Ringen ums Heimatland! Peter Mayr hatte in diesen Tagen freilich noch keine Ahnung davon, daß er mit seiner Person noch einen viel gewaltigeren Heldenkampf werde auszuringen haben. – Nun diesmal war's vorbei, seine Leute aber hielt er beisammen. Da kamen schon Nachrichten. Die Leute waren fast atemlos vor Freude. Sie wußten Unglaubliches zu berichten. Voller Kraft und Frische kamen die meisten zurück, voller Fröhlichkeit auch solche, die verwundet auf dem Strohkarren lagen. Peter schaute nur so drein und hörte zu, und wenn sie besonders Großes erzählten, da murmelte er: »Und ich nicht dabei gewesen!« Kaum war er allein, so machte er sich Vorwürfe seines eitlen Denkens wegen. – Sei doch froh, sagte er zu sich selbst, daß es geschehen ist, ohne daß du noch einmal deine Hände mit Blut beflecken mußtest! Oder werden die Siege erfochten, damit die Helden sich prahlen können? Nein, des Vaterlandes wegen werden sie errungen und jeder soll seinem Gott in Demut danken, der ohne Streiten zum Frieden kommt. Frau Notburga horchte auf jedes Wort, das da in der Wirtsstube gesprochen wurde; voller Herzensjubel war sie, und doch dürstete sie nach einer Botschaft, die nicht kam. Alles sprach von Sieg und Sieg; von einem Knaben, der aufgefunden worden und etwa auch bei den Helden gewesen, sprach niemand. Die Freude theilte sie redlich mit allen, mit dem Leide mußte sie allein fertig werden. Der Name Hans kam nicht mehr von ihren Lippen. Drei nach Klausen heimkehrende Schützen sprachen beim Mahrwirte zu. Der eine hatte einen verbundenen Arm, der andre einen durchschossenen Hut, der dritte hatte nichts, als einen großen Durst. Dieser sprach zum Wirte, er hätte ein Schreiben zu übergeben. »An wen?« »An den Mahrwirt Peter Mayr.« »Von woher?« »Aus Innsbruck.« »Das nimmt mich wunder,« sagte Peter. »Vom Minister,« versetzte der Bote und zog aus der Brusttasche langsam und bedächtig einen Brief. »Vom Minister? Geh, foppe deinesgleichen, zu Innsbruck gibt es gerade Minister!« »Lies halt einmal.« Das Schreiben lautete klar: »Zu Händen des Peter Mayr, des Wirtes an der Mahr bei Brixen,« und war von Josef Dörninger. – »Ah, der Dörninger! Der läßt auch einmal von sich hören! Der ist jetzt zu Innsbruck! – Darf ich wohl ein bissel Botenlohn bringen?« fragte der Wirt die Eingekehrten. »Ei freilich! Eine Maß wird der Brief schon wert sein.« Dieweilen sie bei Tische saßen und wohlgemut dem Kruge zusprachen, war Peter in seine Stube gegangen, um dort den Brief mit Ruhe zu lesen. Das Schreiben lautete also: »Lieber Kamerad! »Du magst mich für undankbar halten, daß ich Dir nicht geschrieben habe seit Wochen, als wir auseinander gegangen sind vor Deiner Hausthür. Und hast mir dazumal in meiner Verlegenheit doch so viel Gutes erwiesen, wie es ein Bruder dem andern nicht besser thun kann, obwohl ich Dir fremd gewesen und Du es nicht hast wissen können, mit wem Du es zu thun hast. »Ich meine aber, Du wirst das Säumen entschuldigen, weil Du recht gut weißt, daß jetzt keine Zeit zum Schreiben ist; wir haben etwas andres zu thun. Jetzt muß es doch sein und ich will Dir danken, lieber Peter, wie noch kein Mensch gedankt hat zu Innsbruck über den Brenner hinüber in Dein freundliches Haus an der Mahr. »Freund! wer hätte das gedacht! Noch heute kann ich es nicht glauben und fürchte von Stunde zu Stunde das plötzliche Erwachen aus diesem wundersamen Traum. Daß wir gesiegt, wirst Du freilich gehört haben, hast ja selber stark dazu beigetragen. Aber wie groß der Gewinn ist, das kannst Du noch nicht wissen, das wissen auch hier noch die wenigsten und der Andreas Hofer hat selbst keine Ahnung davon, was er geleistet hat, was er heute bedeutet. Andreas Hofer! Dieser Name wird mit unauslöschlicher Schrift stehen, solange es ein Tirol gibt, und ein Tirol wird es geben, solange die Welt steht, das darf man feierlich sagen vor dem, was dieses Volk jetzt geleistet hat. »Die Schlacht kann ich Dir nicht beschreiben, die mußt Du Dir erzählen lassen mit heißen Worten, von einem, der dabei gewesen ist und Dir ins Gesicht schauen kann, während er's sagt. Fast drei Tage hat es gedauert, halb Tirol war beisammen auf dem Berge Isel, und die andre Hälfte war im Anrücken von allen Seiten. Pulver und Blei im Ueberfluß, nichts hat uns gefehlt, am wenigsten Kurasche. Jeder einzelne Mensch war ein Held, ich hätte es nie geglaubt, daß ein einfältig Bauernvolk sich so begeistern kann für Vaterland und Freiheit. Für den heiligen Glauben! Das haben sie wohl am lautesten gerufen. Die allergrößte Kraft steckt im Glauben, das hat sich jetzt wieder bewiesen. »Anfangs war's ein Angriff aus dem Hinterhalt gewesen auf den Feind, der in hellen Haufen in der Stadt und um die Stadt gelagert hatte. Aber er wollte nicht recht dran, das wurde endlich langweilig, und so brachen die Leute mit Geschrei und Jauchzen hervor aus Büschen und Wäldern, stürzten sich in die offene Schlacht, ins Handgemenge. Wir erschraken zuerst, den ungelenken Bauersmann mit dem geschulten Soldaten im offenen Gefecht zu sehen, aber unsere Leute rangen wie die Löwen. Es war auch keine Ordnung aufgestellt für die Feldschlacht. Jeder that was er wollte und erschlug Bayern und Franzosen, so lange bis der Feind wich, oder er selber tot war. Der Feind machte einen großen Lärm, aber eine bayrische Kanone that nicht viel mehr, als ein tirolischer Stutzen. Viele Hundert Tiroler müssen wir beklagen, aber vieler Tausend gefallener Feinde dürfen wir uns rühmen. Des Welteroberers ruhmreiche Soldaten gegen ein simples Naturvolk, es ist beispiellos. Eines aber war, mein Freund! Mitten unter uns standen drei herrliche Männer! Ja, nur diese drei Merkwürdigsten nenne ich. Du kennst sie alle drei. Der Josef Speckbacher, der Bauer am Judenstein bei Hall – er sagt, er kennt Dich – listig ist Dir der wie ein Fuchs und wild wie ein Tiger. Man hat gemeint, ein Recke aus der alten Germanenzeit wäre aufgestanden, wie er mit dem Gewehrkolben dreinsaust. Und hat Dir der einen Feldherrnkopf! Aber das Anführen allein ist dem nicht genug gewesen, überall selber hat er mitgethan; ein Bauer muß selber sein bester Knecht sein, hat er gesagt, und nur so dreingedroschen auf die Bayern- und Franzosenschädel. Zweimal habe ich es selber gesehen, wie er mitten in einem Rudel Blauhosen ist; gute Nacht, Seppel, mit dir ist's aus! hab' ich mir gedacht, da ist er Dir schon durch, aber nicht nach hinten, sondern nach vorn. Der Speckbacher bleibt auch stehen in Tirol. Dann der Haspinger! Kannst Du dir diesen kleinen Kapuziner anderswo gut denken, als auf der Kanzel? Freund, auf dem Streitroß macht sich der noch besser! In der einen Hand das Kreuz, in der andern das Schwert, inmitten der Streiter zündende Gottesworte rufend, so in den Kampf hinein, wo er am heißesten entbrennt. Und endlich der dritte, der Passeier Sandwirt, der Anderl! Das ist ein Erzmensch! Sie folgen ihm, wohin er will. So fest, so gescheit und dabei einfältig wie ein Kind. Ihm vor allem ist es zu verdanken, seiner klugen Vorbereitung seit Monaten, seinen Verbindungen und still getroffenen Anordnungen, seinem unerschütterlichen Glauben an das Recht Tirols und an den ewigen Anwalt des Rechtes im Himmel. O, was ein einziger Mann zu leisten vermag mit starkem Willen und treuem Herzen! Die Männer, mitten im Schlachten, in der Gefahr des Unterliegens und in dem Jubel des Sieges, zum Anderl blickten sie auf, wie zu einem Gott. Man konnte glauben, der Erzengel Michael habe in ihm Gestalt angenommen. Dabei ist er voller Demut und sagt, er sei nur ein unwürdiges Werkzeug Gottes. Am Himmelfahrtstag, als der Feind zurückgeworfen, geschlagen und vernichtet war – die Stunde wird keiner vergessen, der dabei gewesen –, ist der Hofer niedergekniet, an seiner Seite der Haspinger und der Speckbacher, und haben laut ein Vaterunser gebetet. Die hohen Berge ringsum, zu unsern Füßen die befreite Hauptstadt, über unsern Häuptern der blaue Sonnenhimmel – so ist das Heldenvolk in Demut auf den Knieen gelegen vor dem Herrn der Heerscharen. Selbst gefangene Feinde, darunter Lutheraner und Heiden, sind zur Erde gesunken und haben mitgebetet, so ist's über sie gekommen. Von den Feinden waren nur die Gefangenen, Verwundeten und Toten unter uns, alles andre in wilder Flucht das Innthal hinab gegen Bayern. – Und dann der Einzug in die Stadt! Unter dem Geläute aller Glocken, unter Kriegsmusik und Alpenschwegelpfeifen, unter Jauchzen und Vivatgeschrei sind wir ins schöne Innsbruck eingezogen. Dieser Freudenlärm der Bewohner, dieser Jubel aus den Fenstern! Dieser bunte Blumengruß, dieses Umarmen und laute Lachen und Aufweinen! o Freund, das war ein Fest! So haben wir den Napoleonstag gefeiert! »Den Hofer wollen sie hineinführen in die kaiserliche Burg, aber er reißt aus. Das gebührt nicht! sagt er und kehrt bei seinem Stammwirtshaus ,Zum Adler' ein. Vom Fenster aus hat er dann etliche Worte gesprochen vor dem versammelten Volke, weil es ihn immer wieder zu sehen verlangt hat. Nachher ist ein grenzenloser Jubel gewesen und überall hat man gehört, und nicht etwa im Spaß, ganz im vollen Ernste: Der Anderl muß Graf von Tirol werden! Der muß uns regieren, weil sich die Oesterreicher eh nit um uns kümmern. Und der Anderl muß in die Burg! Ich sage es Dir, mit Gewalt haben sie ihn vom Gasthofe weg ins Kaiserschloß geführt, diesen Dorfwirt, diesen Roßhändler aus dem Passeierthal. Jetzt sind die abgedankten österreichischen Beamten da und die sagen es auch, der Hofer wäre der Mann dazu, der wieder Ordnung machen könnte im Land und er solle sich einstweilen nur getrost obenan stellen. So sehr hat alles auf ihn eingedrängt, daß er heimlich fliehen hat wollen, bis ihn der Pater Haspinger und der Speckbacher und andere Kameraden frisch aufgefordert: So eine Demütigkeit solle der und jener holen, und jetzt, da er die fremden Herren hinausgejagt, sei es seine Pflicht und Schuldigkeit, daß er selber Ordnung mache im Land. Und er solle jetzt keine Letfeigen sein. Da hat er mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen: ,Sakra seids! So will ich kommandiren!' »So ist es hergegangen und jetzt sitzen wir auf der Burg. Ich bin ja auch dabei. 's ist schon hübsch ausgemacht, was jeder von uns zu thun hat. Genau stimmt es wohl nicht, aber beiläufig, wenn ich sage: der Anderl ist Fürst, der Kapuziner ist Minister für Kirche und Schule, der Speckbacher ist Kriegsminister, andre Köpfe haben auch ihre hohen Stellen, und ich – wenn Du mich schon den Kanzler von Tirol nicht nennen willst, so thust Du mir doch wenigstens mit einem »Landessekretarius« nicht zu viel Ehre an. In Wahrheit bin ich des Kommandanten Schreiber, denn bei ihm selber geht's wirklich nicht so recht in dieser Kunst. »Mit Zeit und Weil werden doch die Oesterreicher kommen und uns ablösen, bishin aber müssen wir regieren und da hilft uns alles nichts. Und da brauchen wir ihrer noch mehr und der Hofer will derweil die verläßlichsten Männer des Landes beisammen haben. Also komme ich endlich zur Hauptsache dieses Schreibens. Andreas Hofer, der Kommandant von Tirol, laßt Dich, den Peter Mayr, Wirt an der Mahr, durch mich auffordern, daß Du nach Innsbruck sollst kommen, Peter. Deine Wirtschaft sollst derweil liegen und stehen lassen, wie es ja auch die andern so machen, und sollst bedenken, daß jetzt jeder dem Land gehört, und sonst niemandem. Und Du mußt kommen, Peter, und uns regieren helfen. Wir haben die Suppen eingebrockt, sagt der Hofer, wir müssen sie auch ausessen. Wir müssen jetzt feststehen. Wenn sie uns noch einmal hereinkämen, nachher – nein, mit Gottes Hilfe werden wir uns halten, und endlich werden sie sich ja doch einmal anschauen lassen, die Schwarzgelben. »Komm also fein bald, alles Weitere wirst da dann hier selber hören und sehen. Ich schließe dieses Schreiben mit Gott, der unser Beistand sei. Und in Dankbarkeit grüßt Dich, Deine Ehewirtin und Deine Kinder Dein treuer Freund Josef Dörninger. Innsbruck. August 1809.« Als Peter diesen Brief gelesen hatte, ging er etlichemal in der Stube auf und ab. Alle Fasern und alle Nerven zitterten in ihm, aber was nun seine Person selber betraf, da brauchte es kein langes Bedenken. Gerade so viel Zeit, als man braucht, um mit einem Taschenmesser den Gänsekiel zu spitzen und zu versuchen, ob die Tinte nicht eingetrocknet ist, bedurfte er zur Ueberlegung, was er da antworten sollte. Und er antwortete folgendes, genau im Wortlaute wiedergegeben: »An den Herrn Josef Dörninger, derzeit bedienstet beim Herrn Andreas Hofer, Kommandanten von Tirol, in Innsbruck. »Lieber Josef Dörninger! »Im Anfang meines Schreibens muß ich Gott dem Allmächtigen Dank sagen, daß es so gekommen ist. Die rechten Worte kann ich freilich nicht finden, wie es mir ums Herz ist, und im Schreiben geht's mir nicht viel besser, wie unsrem Kommandanten zu Sprugg, den ich schön grüßen lasse. Was mir wohl bis zum Totenbett leid thun wird, das ist, daß ich nicht dabei gewesen bin auf dem Berg Isel. Ich habe von Gröden nicht früher zurückkommen können mit den Schützen, wir sind wohl eh schon auf dem Weg gewesen zu euch, da heißt's, wir wären nimmer von nöten und haben zurück müssen. Jetzo hab' ich in Innsbruck nichts mehr zu thun und regieren helfen kann ich nicht. Der Anderl hätt's auch nicht annehmen sollen, aber er wird's schon recht machen. In unsrem Thal sind die Bayern und Franzosen wie weggeblasen und wieder alles beim alten, Gott sei Dank. Jetzt kommen von Kärnten her auch die Oesterreicher angerückt, wie man hört. Wenn der Hofer das jetzt den Oesterreichern sagen lassen möcht', was er mir und den Grödnern Post geschickt hat! Hat uns wohl recht gekränkt. Aber gottlob, daß es so gekommen ist, wir dürfen uns nicht versündigen. »In meiner Familie hat sich ein Unglücksfall zugetragen, der uns recht nahe geht, obgleich er nichts ist im Vergleich zu dem, was bei jetziger Zeit so viele Leute erdulden müssen. Mein Gott, viele Eltern haben ihre hoffnungsvollen Söhne verloren im Krieg. Nach dem Gefecht bei Mühlbach ist uns mein ältester Sohn Hans, mit dem Du immer Bolzen geschossen hast, verloren gegangen und nicht mehr zu finden. Wenn wir nur fürs wenigste Gewißheit hätten, daß er tot ist. Aber so in der Vorstellung: wer weiß wie's ihm geht, was er leiden muß! Das ist das Allerärgste. Nun in dem großen Glück, das unsrem Tirol widerfahren ist, wollen wir den Schmerz Gott zu lieb aufopfern. Aber meine Familie verlasse ich jetzt nicht, ihr werdet schon Bessere finden und mich leicht graten (entbehren). Lieber Josef, wir gefreuen uns recht über Dich und lassen Dich alle schön grüßen. Dein aufrichtig gesinnter Freund Peter Mayr. An der Mahr im August 1809.« Wo will das hinaus? In den Wolken kam der Wagen herangezogen. Aber es waren nur Staubwolken der Straße und es war ein kümmerlicher Bettelwagen. Die Straße von Klausen kam er dahergeklappert; bespannt war er mit einem schiefwinkeligen Esel und einem rotborstigen Manne, der fast zu einem rechten Winkel abgebrochen schien, weil er den Oberkörper wagrecht vorstemmen mußte, um mit Hilfe des grauen Kameraden das Fahrzeug weiter zu bringen. Der Wagen hatte zwei Räder mit recht dünnen Speichen und ohne Eisenreifen, er war überspannt mit einer viel beflickten, verwitterten Plache. Im Kobel kauerte, auf den Beinen hockend, ein sonnengebräuntes Weib, das weder angezogen noch nackt war. Eine feigengrüne Bettdecke hatte sie nicht unmalerisch um den Leib gewunden. Um dieses Weib, unter Lappen und Maisstroh, regten sich allerlei Wesen, als kleine Kinder, fuchsrote Dachshunde und ein langschweifiger Aff', welcher sich mit den Kindern unterhielt, dergestalt, daß er sie bei den struppigen Haaren zauste und sie ihn mit Gekrächze am Schweife hin und her zerrten. Als solches Fuhrwerk gegen das Wirtshaus an der Mahr kam und von der Magd Hanai bemerkt wurde, rief diese aus: »Hui, jetzt sollt' der Tonele dasein! Das wär' was für den Tonele! Ein solches G'schloß will er ja alleweil haben.« Ihre Futtersichel warf sie weg, wischte sich mit der Schürze die feuchten Grasblättchen von den Händen, nestelte in den Kittelsäcken herum, fand aber nichts, als eine halb eingedorrte Brotrinde. Damit ging sie zum Wagen, aus dem sich ihr schon alle Hände entgegenstreckten, und sagte: »Ich hab' halt nichts, ihr armen Leut'. Wenn ihr mit diesem Brotkrümel zufrieden sein wolltet!« Sie warf das Stück hinein und im Nest erhob sich darüber ein heftiges Gebalge; der Affe erwischte das Brot, hüpfte damit auf das Plachendach, wo er schaukelnd es mit mancherlei Mätzchen verzehrte. Die Kinder im Neste wimmerten, die auf ihre Pfoten getretenen Hunde heulten, das braune Weib keifte und die beiden ungleichen Rösser vorn am Wagen troffen vor Schweiß und zogen vergeblich an. – Mein Gott! dachte die Hanai bei sich, und so möcht's der Tonele auch haben! Das Weib war aus dem Wagen behendig auf die Straße gesprungen, wobei der Deckenzipf im Staube strich; barfuß wie sie war, hatte sie ein paar große Sprünge gemacht gegen die Magd hin und haschte nun nach ihrer Hand. »Was willst denn noch?« fragte die Hanai. Das Weib versicherte, es könne unmöglich vorüberfahren, ohne ihr das Glück zu sagen, das ihr höchst wahrscheinlich bevorstünde »Mir ein Glück?« lachte die Magd, »wüßt' nit. zu was ich ein Glück thät brauchen, mir geht's eh gut. Dummheiten!« Aber schon im nächsten Augenblick war sie willfährig, man müsse alles probieren auf der Welt. »Sag mir halt wahr. Aber geschwind, lang hab' ich nit Zeit.« »Ho Hott, alter Bär!« schrie die Vagabundin dem Rotbärtigen zu, da blieb das Gefährte ganz stehen. »Welche denn?« fragte die Hanai, ihre Hände hebend. »Bist verheiratet, so ist's die Rechte.« Die Magd reichte die Linke. An dieser begann das Dörcherweib auf der innern Fläche nun die Linien zu betrachten. »Es ist eine deutliche Schrift,« murmelte sie dabei, »gegen den Zeigefinger neigt sie sich stark und zwieselt ab, zwieselt zweimal ab. Nicht bald wird man eine solche Herzlinie sehen!« »Steht's 'leicht nit gut?« fragte die Magd nicht ganz ohne Spannung. »Gott ja, häufig gut steht's, häufig gut,« versicherte das Weib mit hastig hervorgefauchten Worten. »Das klein bissel Verdruß da, das löschen wir.« Mit ihrer fleischigen Hand strich sie mehrmals darüber hin. »In Geldsachen wird's sein. Du hast wohl recht viel?« »Geld hab' ich gar keins,« lachte die Hanai. »Dann ist's die Liebe,« sagte die Vagabundin wichtigthuerisch. »Eine Kümmernis steht dir bevor. Dein Herzliebster!« »Na, was ist's mit dem?« fragte die Magd lustig. »In einer Gefahr ist er.« Nun horchte die Hanai auf. »In einer Gefahr? In welcher Gefahr?« »Kann ich nicht recht erkennen. Es lauft die Leberlinie dazwischen. Ein gutes Herz hast du. Zweimal zwieselt sie ab. In kurzer Zeit wirst du eine große Freude erleben.« »Was du alles weißt! Was denn für eine?« »Vom Herzliebsten!« »Wenn du schon alleweil vom Herzliebsten redest, so sag mir doch auch einmal, wo er ist, dieser Herzliebste?« »Schau her da!« murmelte das Dörcherweib, dieweilen fuhr es mit dem Zeigefinger auf der Handfläche herum, wie es Leute machen, die beim Lesen die Zeilen mit dem Finger schieben, »schau her da, gerade auf die Daumenwurzel sticht diese Linie. Er kann nicht weit von dir sein. Mit seinen Gedanken bei dir.« »Ich möcht' nur wissen, wo er sonst ist?« »Das ist im Nebel,« antwortete die Vagabundin. »Da müssen mir einen Liebfrauenthaler darauf legen, daß es klarer wird.« »Ist schon recht«, sagte die Hanai, »wenn ich nur wüßt', was ich dir jetzt schenken sollt'.« Das Weib tupfte mit dem Finger auf das rote Busentuch Hanais: »Das da. Für die Würmeln. Husch, 's ist schon kalt bei der Nacht.« – Ein gutes Herz, das stimmte. Die Magd zog rasch das Tuch von der Achsel und gab es der Bettlerin. Dann ging sie wieder zu ihrer Futterarbeit auf dem Wiesenrain. – So ein Wahrsagen, dachte sie ins Gras hinein, ist doch auch zu etwas gut. Jetzt hat sie mein Tuch. Soll den Würmeln vergunnt sein. Gegen die Daumenwurzel sticht die Linie, und der Strolch ist nit zu finden. Auf der ganzen Hand nit. Wohin er sich denn verlaufen hat! Suchen ist er gegangen; jetzt kann man ihn suchen gehen Das heißt, wer ihn haben will. Ich nicht, wegen meiner mag er umzeggern, wo er will. Die Franzosen thun ihm nichts, dem nit. So lang ist er schon lang nit mehr ausgeblieben. Daß er wo abgewalgen ist im Gebirg, und liegen geblieben! Dumm genug wär' er dazu. Den Hansel will er suchen! zum Lachen ist's. Ein kleines Kind das andre. Mein himmlischer Vater, wie ein Wickelkind, so notwendig braucht dieser Mensch wen, der auf ihn acht gibt. Manchmal thut's mir leid, daß ich ihm so scharf muß zusetzen. Wie ich vorher den Bettelwagen kommen seh, hab' ich heilig geglaubt, er ist drangespannt oder sitzt drin. Dann wollten wir's einmal gesehen haben, dann hätt' ich ihm wahrgesagt, und schon auch mit der flachen Hand! Ei ja, vielleicht fahren wir alle noch einmal auf dem Vagabundenkarren. Wer weiß, wie es wird auf der Welt; es thut alleweil brandeln, mir will's gar nit gefallen. Wenn nur der Tonele da wär'! Heißt das, nit der Tonele, was geht mich der dalkete Bursch an! Der Hans, wenn er daheim wär'! Der Wirtin blutet 's Herz aus und sie sagt nichts. Daß er denn gar nit fürkommt, der Hansel! ... Solche Sachen dachte die Hanai ins grüne Gras hinein. Aus der Hauptstadt und aus andern Gegenden des Landes kam mittlerweile eine gute Botschaft um die andre, es kamen die Leute zurück von den Schlachtfeldern und es kamen die Leute zurück aus den Verstecken. Selbst der Pfarrer von Sankt Jakob saß wieder auf der Pfründe und erzählte von seiner Gefangenschaft, bei welcher er auf das »Gehenktwerden« wartete, manch drolliges Stücklein. – So gut sei es ihm sein Lebtag nicht ergangen, als in diesen letzten Wochen. Der bayrische Oberst Hoisel sei ein wahrer Wüterich, der habe alle katholischen Priester, deren er habhaft werden konnte, zusammenfangen und in ein Kloster unterhalb Trient stecken lassen. Natürlich dreifach eingeschlossen und sechsfach bewacht. Und fast an jedem Abende sei der Oberst gekommen, um sich persönlich zu überzeugen, ob die strengen Maßregeln wohl auch scharf eingehalten würden. Mit seinem Schleppsäbel habe er einen höllischen Lärm geschlagen auf dem Steinpflaster, sein graues Auge habe er furchtbar wild umherrollen lassen, seinen martialischen Schnauzbart habe er mit beiden Händen nur so zornig auseinandergeworfen, dann habe er sich klirrend und polternd zu den Gefangenen gesetzt und die halbe Nacht scharf mit ihnen gezecht. Landpfarrer wissen allerhand lustige Geschichtlein, der Oberst ließ sich erzählen und gröhlte vor Lachen, brachte dann auch selber eins ums andre vor, wobei er aber nicht selten die Leiter verlor und fast immer das Türmlein, das ist den Schlager, vergaß, so daß die armen Gefangenen nicht recht wußten, wann gelacht werden solle, bis er endlich doch allemal selber durch einen heiseren Lachschrei dazu das Zeichen gab. Dabei rauchte er aus plumper Pfeife ein elendes Kraut und alle mußten mitrauchen, was eine Begünstigung sein sollte, was aber die Gefangenen wie eine Verschärfung ihres Arrestes empfanden. Und eines Abends nach heißem Tage, als sie sich wieder so recht leidlich erquickten, teilte der Oberst den Priestern mit, daß Hoffnung sei auf baldige Erlösung. Es würde in der Armee nämlich der Befehl erwartet, daß alle Hochverräter, die hochwürdige Priesterschaft (damit verneigte er sich) natürlich voran, gehenkt werden sollen. Da hätten wohl die geistlichen Herren etwas unsicher dreingeguckt. Der Oberst Hoisel habe jedoch seine Grausamkeit noch gesteigert. Die geweihten Männer, habe er gesagt, kämen als Märtyrer ja vom Mund auf in den Himmel. Aber den verdienten sie gar nicht, sie guckten allzugern tief in den Krug, von den zwei Gottesgaben Sauerkraut und Rauchfleisch hätten sie das letztere verzehrt und das erstere großenteils stehen gelassen. Auch andre Geständnisse hätte er ihnen abgelauscht, kurz, er könne sie nicht für würdig erachten, den Märtyrertod zu sterben, und deshalb hätte er sie zusammenbringen lassen in die festen Klostermauern, damit ihnen später doch die Gelegenheit nicht benommen sei, sich zu bessern oder als alte, womöglich sehr alte Sünder zu sterben. Die Gefangenen fanden, daß solches der beste Witz war, den der Oberst je gemacht. – Und als dann die Siege der Tiroler laut wurden, lachte der alte Haudegen sich in die Faust und bevor er selbst mit seinen Truppen abzog, verjagte er – wie einst Kaiser Josef, aber nur viel stürmischer – die Priester aus dem Kloster, ballte ihnen auf offener Straße die Faust nach und knurrte: »Pfaffen, ihr sollt noch an mich denken!« Die also Verjagten kehrten auf ihre Pfarreien zurück und werden – so schloß der Pfarrer von Sankt Jakob seine Erzählung – den alten Obristen Hoisel mit seinen schlechten Witzen und seinem guten Herzen wohl in ihrem Leben nie vergessen. Um die Zeit, als es anhub zu herbsteln, kam aus Innsbruck ein zweiter Brief an Peter Mayr. Wieder war er vom Leibschreiber des Kommandanten von Tirol, und sein Inhalt lautete also: »Lieber Kamerad! »Wir sind von dem vielen Blutvergießen zwar ein wenig abgehärtet, wie Du Dir denken kannst, aber das Unglück mit Deinem Sohn ist uns doch zu Herzen gegangen, und der Kommandant hat auf der Stelle Befehl gegeben an alle Aemter und Patrouillen, nach dem Knaben zu forschen. Daß Du jetzt nicht zu uns kommen willst, ist fürs erste ein Unding. Du hast die Not und Gefahr mit uns geteilt, Du solltest auch die Ehre mit uns haben. Denn Ehre gibt es hier in Ueberfluß, haben aber nicht viel Zeit dafür. Arbeiten müssen wir wie die O– hätte ich bald gesagt. Regierungsgeschäfte, und Du siehst ja, daß ich nur mehr per ›wir‹ schreibe, wie die hohen Herren. Du solltest es aber nur einmal sehen, wie die Herren Minister und anderen Höflinge in der Kaiserburg zwischen Gold, Marmor und Seide herumstapfen in ihren blodrigen Knielederhosen und Bergschuhen. Und wenn hoher Rat ist, da sitzen sie um dem grünen Tisch herum in ihren rupfenen Hemdärmeln, unterm Schnauzbart das Pfeifel; die Reden sind zwar bisweilen ein wenig ungefüg, aber im Grunde so klug wie bei den Studierten. Haben sie Zeit, so wird Karten gespielt, gejodelt oder gerangelt, wobei gerade die Stärksten fallen, weil der glatte Boden, der schon viele Kratzer hat, so falsch ist. Ein paar sind, die wollen heim, wir brauchen sie aber. Es ist unglaublich, was die bayrische Wirtschaft überall angerichtet hat, viel wird's brauchen, bis wir wieder ganz in Ordnung sind. Der Anderl bleibt sich gleich, nicht bloß das Licht, auch die Nase putzt er sich noch mit der Hand. Des Abends sitzen wir auf Holzstühlen beisammen, die der Hofer aus dem Gasthause hat holen lassen, weil die pfühligen Samtsessel nicht zu brauchen sind; plaudern von dem und dem, erzählen uns Geistergeschichten und eh wir schlafen gehen, wird der Rosenkranz gebetet oder ein geistliches Lied gesungen, wobei Gott wahrscheinlich nicht so sehr auf die Stimme als auf die Meinung achtet. Den Kommandanten wollte man in eine österreichische Generalsuniform stecken, er ist aber aus seinem Leder nicht herauszukriegen. Er geht ins Wirtshaus essen und sein ganzer Hofstaat kostet dem Land des Tages keinen ganzen Gulden. Das Regieren aber kann er Dir, daß es eine Freude ist und wirst wohl auch schon einen ›Sandwirtzwanziger‹ gesehen haben. Der Hofer sagt, das wären Dummheiten, er wolle nicht sein Bild, sondern den Kaiseradler drauf haben. Alle Angelegenheiten kommen geradeswegs zu ihm, er braucht nicht viel Umzieherei und Schreiberei, thut's kurz ab. Gestreng ist er gegen Liederlichkeit und Vergnügungssucht, die in der Stadt einreißen will, und die Innsbrucker schimpfen schon über die ›Roßhändlerdynastie‹; sie dürfen nicht Theater spielen und keine Bälle abhalten; der Hofer sagt, für so was wäre jetzt kein Wetter; gescheiter brav arbeiten und sparen und fleißig beten. Kann wohl sein, daß er recht hat. Alte österreichische Beamte, die noch da herumsitzen, möchten auch gern spotten über den ›Roßhändlerkönig‹, trauen sich aber nicht recht. Kritisieren ist halt leichter, wie selber machen. Muß Dir auch schreiben, daß jetzt meine Eltern aus dem Oetzthale, wo sie sich kümmerlich aufgehalten, heimgekehrt sind auf ihr angestammtes Bürgerhaus in Innsbruck, so daß ich wieder meine Lieben und mein altes Heim habe. Alle kommen jetzt wieder zurück, auch solche, die uns in der Not verlassen haben und nach Kärnten, Steiermark und Wien gegangen sind, um, wie sie sagten, nachzuschauen, ob nicht endlich die Oesterreicher schon bald erscheinen. Jetzt, weil's uns gut geht, finden sie ihr Heimatland accurat wieder an. Die Oesterreicher sind nun wirklich gekommen. Zwei seidene Herren in einem schönen Wagen! Sie haben dem Hofer eine goldene Kette gebracht, zum Umhängen. Der Kaiser Franz hat sie geschickt. Aber nichts weiter dazu sagen lassen, was Oesterreich in Zukunft mit uns thun will. Kein Wörtel. Der Hofer ist daher über das Geschenk eher verstimmt als erfreut und fragt: ›Wo will das hinaus?‹ Es gibt auch Leute, die ihm schlechten Rat geben und sagen: den Oesterreichern scheine an Tirol nicht mehr viel zu liegen, so sollten wir die Lostrennung doch bewilligen und den Hofer zum erblichen Fürsten des Landes machen. Derlei Reden können ihn schauderhaft wild machen, also sagte er gestern: ›Der Kaiser Franz kann schlecht berichtet sein, aber gern hat er uns und verlassen thut er uns nit, und wenn mir noch einer vom Lostrennen redet, so laß ich ihn niederschießen!‹ - Wir hoffen immer, die Verwaltung recht bald in die Hände Österreichs zurücklegen zu können, daß jeder wieder kann heimkehren an seinen Herd und als friedlicher Bürger leben. Immer einmal, wenn ich ins Nachdenken komme, wird mir aber doch ein bissel bang. Ein andres Mal mehr. Bishin ade, ihr herzlieben Leute bei einander, haltet in gutem Andenken euern Josef Dörninger, Leibschreiber des Kommandanten von Tirol.« Die Neuigkeit wißt ihr nicht?! Der kleine schwarze Mann war immer noch zu sehen in und um Brixen; es gab auch gar keine Eile, nach Bruneck heimzukehren, die Steuerämter hatten in diesen Tagen seltsam wenig zu thun. Um so wichtiger konnte seine Gegenwart im Thale des Eisack sein. An einem Sonntagmorgen, als der Mahrwirt hinaufging zur Jakobskirche, schloß Kulber sich ihm an und fragte: »Hast du gehört, was sie dem bayrischen Rentmeister zu Hall angethan haben?« »Von Hall her ist ein weiter Weg,« sagte Peter. »Du weißt es nicht. Dieser saubere Rentmeister hat früher alleweil herumgeschrieen: die Tiroler, wenn sie die Wohlthaten der bayrischen Regierung nicht wollten erkennen, wären Rinder und würden noch Heu fressen.« »Heu fressen thut der Tiroler nicht,« entgegnete Peter gelassen. »Aber der Bayer frißt's!« lachte Kulber und klatschte in die Hände. »Den besagten Rentmeister haben sie vorige Woche in einen Stall eingesperrt, neben einem Esel an den Trog gebunden und Heu vorgeschüttet.« »Kein schlechter Spaß,« meinte der Mahrwirt. »Spaß ist's aber gar keiner,« rief der Steuereinnehmer »spaßen thun wir mit denen Bayern nicht. Er that mit der Zeit auch recht schön bitten, der Herr Rentmeister, bis ihm ein mitleidiger Stallknecht das Heu mit Essig und Oel zubereitet hat.« »Da muß er lange an der Kette gewesen sein.« »Vielleicht noch alleweil nicht so lange, als ihr ehrwürdigen Oberhäupter die fünf Bayern mästet im oberen Stadtkeller.« Also Kulber. Der Mahrwirt schwieg. »Sage mir, Mayr,« fuhr der Schwarze fort, »was denkst du denn?« »Beim Heutrog!« »Zieh nicht um. Du weißt recht gut, von wem die Rede ist. Man muß ein Merks aufstecken. Die fünf gefangenen Bayern, was wollen wir mit ihnen anfangen?« »Auslassen und heimjagen,« antwortete Peter. Kulber blieb stehen, schaute den Wirt an und sagte ganz weich: »Bist nit gescheit, Wirt. Auslassen! Heimjagen, als ob's ein paar hungrige Aepfeldiebe wären!« Da Peter weiter wollte, faßte ihn Kulber am Jackenflügel: »Auf ein Wort, Peter! Eine Freude wirst du den Leuten doch gönnen als Genugthuung für die unerhörten Opfer, die das Land wegen dieser gottverdammten Bayern gebracht hat. Eine Freude, eine einzige! – Nein, Mahrwirt, ausliefern werden wir diese Gefangenen nicht; wollen mit ihnen auch nichts einlösen, wir werden auch so alles kriegen.« »Vielleicht wäre doch ein braver Tiroler dafür zu haben.« »Wir werden auch so alles kriegen, ich sage dir's.« »Also was soll man mit ihnen anfangen?« Kulber sagte darauf nichts, fuhr sich aber mit der linken Hand rasch um den Hals. Peter that, als ob er nicht verstände, entblößte das Haupt, wischte sich das Haar glatt über die Stirn herab, machte mit dem Daumen das Kreuz und trat in die Kirche. Auch Kulber trat ein und stellte sich nahe dem Hochaltare auf. Der Mahrwirt konnte aber heute nicht beten, und fast mitten im Hochamte langte er vom Nagel den Hut und sich hinter andre duckend schlich er hinaus. Geradewegs nach Brixen eilte er zum Kreuzwirt, bei dem mehrere der Aeltesten und Führer in dieser Zeit fast immer beisammen waren. »Ist denn schon wieder Unruhe!« rief der Kreuzwirt dem Erregten entgegen. »Der Brand ist doch gelöscht!« »Ja, er ist gelöscht,« meinte der Mahrwirt, »aber das Zündeln muß aufhören, sonst gibt's doch noch ein Unglück.« »Wie ist das zu verstehen, Peter?« »Ist der Feind geschlagen, so wollen wir keinen Haß mehr züchten, wollen Frieden haben. Die Gefangenen, ich meine, daß wir sie heimschicken.« »Wirst ihnen auch Bedeckung mitgeben müssen, sonst werden sie unterwegs erschlagen,« sagte der Griesacher. »Ist schon gesorgt,« sprach der Mahrwirt, »Tiroler Bauerngewand sollen sie anziehen, wird ihnen nichts geschehen.« Damit zeigten sie sich einverstanden. Und also gingen sie, während das Volk noch beim Gottesdienste war, mit Bedeckung hinauf in den Stadtkeller. Die fünf gefangenen Soldaten sahen nicht eben sehr verhungert aus, nur ihr Bart, blond und rot, wucherte grauenhaft auf den gutmütigen deutschen Gesichtern. Sie hatten sich weislich eingeteilt in die Pflichten und Rechte des Hauses. Der eine war Ordner, welcher am Morgen die Strohsäcke in Richtigkeit zu bringen hatte; der andre war Speisewart, der die gebrachte Krautsuppe und die Löffel in Bereitschaft zu stellen hatte: der dritte war Unterhaltungsmeister, der mit Geschichten, Spaßen, Rätseln und Gesellschaftsspielen die Zeit zu vertreiben hatte; der vierte mußte Kalender sein, das heißt aufpassen, wieviel Tage und Wochen sie saßen und wann Sonntag war. Denn an diesem Tage, das hatten sie sich vorgenommen, wollten sie nicht fluchen. Nun war es aber merkwürdig, daß im Kotter die Woche keinen Sonntag hatte. Zum Trost meinte aber der Kalender: Gott würde als gescheiter Mann zwischen Fluchen und Beten hoffentlich keinen großen Unterschied machen, das Fluchen sei eben das Gebet der Fuhrleute und Soldaten. Der fünfte endlich hatte an jedem Morgen und auch tagsüber Verrichtungen zu besorgen, die nicht in solcher Art vorkämen, wenn der Mensch frei umherlaufen dürfte. Man sagt, die Bayern hätten sich in ihrem Kerker so schlecht nicht unterhalten; man hörte, wie sie Vierzeilige sangen – sie haben draußen an der Isar und am Lech ja genau dieselben, wie hier am Inn und Eisack – man hörte, wie sie zum Singen mit ihren Fäusten auf den leeren Fässern Takt schlugen. Daß diese Fässer einen gar so schönen tiefen Ton gaben, war ihr Leidwesen, und das war die einzige Grausamkeit der Tiroler, daß sie den Bayern leere Bierfässer vor Augen gestellt hatten. Um so väterlicher wollte man für ihr Seelenheil sorgen. Ein Gebet- und Erbauungsbuch hatte man ihnen gegeben, damit wußten die Gefangenen aber nichts Rechtes anzufangen, bis einer, wahrscheinlich der Unterhaltungsmeister, auf den Gedanken kam, das Buch in lose Blätter auseinander zu thun und mit Kohlenmerkungen Spielkarten daraus zu machen. Also litten sie insofern keine Seelennot. Auch jetzt hockten sie eben beisammen um ein aufgestülptes Faß und machten ein Spielchen. Die Männer traten ein und schauten finster auf diesen Zeitvertreib. »Ist das euer Gottesdienst?« fragte der Griesacher. »Ist heut am Ende Sonntag?« riefen die Bayern und schleuderten die Karten entsetzt von sich. »Wie sich der Christenmensch irren kann im Kotter, du verdammtes Zeug!« »Laßt es gut sein,« sagte der Griesacher. »Euch ist für eure Gottlosigkeit kein Tag zu gut und keiner zu schlecht.« Der Ernst, mit welchem die Männer dastanden, schien den Gefangenen ein wenig unheimlich, sie schwiegen daher. Da trat der kernige Kreuzwirt vor und sprach leise und langsam zu den Gefangenen: »Wenn es jetzt zum Sterben wäre!« Diese Ansprache konnte die unheimliche Stimmung nicht vermindern. Ein paar waren aufgesprungen und hatten bleiche Gesichter bekommen. Der Mahrwirt stellte sich hin und sprach: »Ihr werdet es wissen, wie eure Landes- und Kriegsgenossen haben gewirtschaftet in Tirol. Ihr werdet wohl selber nicht viel Gutes erwarten bei uns. Schon manchen Feind hat dieses Land gesehen, aber wie ihr Bayern, so hat's keiner getrieben.« Aus den fünfen traten jetzt zwei flachshaarige Recken hervor und einer davon sprach mit feiner, hastiger Stimme: »Herr Jesses, wir sind Sie doch keine Bayern nicht, hören Se doch, Gutester, wir zweie sind aus dem Sachsenland. Wenn Se mal nach Dräsden kommen, sa haben Se doch die Güte und fragen gefälligst nach dem Böttchermeister Herrn Gotthold Gräse, Friedrichsstraße, die Ecke links, zwei Treppen hoch. Jedes Kind kann's Ihnen sagen, und der da, mein lieber Kamerad –« »Ihr seid Sachsen!« unterbrach ihn Peter der Mahrwirt, »dann möcht' ich doch wissen, was euch Tirol angeht? Was haben euch Sachsen die Tiroler gethan, daß ihr mit unsrem grimmigsten Feind im Bunde über uns hereinbrecht? – Schweigt! – Und geht jetzt. Geht alle miteinander und erzählet daheim von dem wilden Volk der Berge, dem ihr alles habt zerstören und ausrotten wollen, was es seit Urzeiten her an Ehr' und Eigen besessen. Dieses Volkes Gefangene seid ihr gewesen in jenen Tagen, während anderswo in demselben Lande eure Genossen unerhörte Grausamkeiten haben verübt. Und die Tiroler haben euch nicht hinaus geführt, nicht auf die höchsten Bäume ihrer Wälder geknüpft, nein, sie haben euch freigegeben und Schutz gewährt zur Heimkehr. – Das einfache Kleid desselben Volkes, welches ihr so hart habt verfolgt, soll euch sicher machen. In ein paar Stunden wird das Gewand da sein und heute abend, wenn es finster wird, soll das Thor offen stehen. Wir wollen im Frieden scheiden, wollen euch zum Abschied noch einen Rat geben: denket an eure Vorfahren und lasset euch von dem korsischen Bösewicht nicht mehr wie Hunde hetzen gegen euren eigenen Stammen. Jetzt sind wir fertig, behüt' euch Gott!« So hatte der Mahlwirt gesprochen und dann waren die Männer, ernsthaft wie sie gekommen, ihres Weges gegangen, wohl hinter sich noch einmal das Thor verschließend. »Das vom eigenen Stammen hättest nicht sagen sollen,« bemerkte unterwegs der Kreuzwirt zum Peter, »mag wohl in der Neuzeitung so stehen, aber wahr ist's nit und die Bayern und die Tiroler sind nimmermehr eines Stammens.« »Eines Stammens wären sie beiläufig schon,« sagte jetzt der Rampesbauer, »aber eines Sinnes sind sie nicht. Ich höre, daß die Bayern sogar auch den katholischen Glauben haben sollen.« »O Narr!« rief der Griesacher, »Glauben hin, Glauben her! Der Bonaparte hat auch den katholischen Glauben und sperrt doch den Papst ein und schlachtet doch die Völker ab. Der Glauben ohne die Werke ist tot und der Bruderstamm ohne Brudersinn ist ein Unsinn – Gott verzeih' mir's!« »Leute,« mahnte nun der Mahlwirt, »thut jetzt nicht so viel reden und denkt nach, was zu thun ist. Mir kommt's schon wieder nicht recht für.« Die Gefangenen sind an demselben Abende davongeschlichen, auf einsamsten, unwirtlichsten Wegen ihrem fernen Vaterlande zu. Ob sie alle es glücklich erreicht haben, das kann nicht gesagt werden, denn es hat sich weiter niemand um sie gekümmert. Nur Kulber hatte an der »Flucht« der Bayern etwas wie Hochverrat finden wollen. Es war aber keine Zeit, diesem Ereignisse nachzuhängen, es gab andres zu thun. Eines Tages, wahrend Kulber wachsam auf Gassen und Straßen war, stets auslauernd, ob nicht endlich österreichisches Militär angerückt käme, versammelten sich die Aeltesten im Domhofe, gleichsam um den mächtigen Schutz-Herrn, den himmlischen Vater. »Es wird etwas kommen und wir müssen Gott bitten, um seinen Beistand,« meinte der Rampesbauer. Darauf antwortete ein Domherr: »Bevor wir ihn bitten für das Künftige, geziemt es sich, daß wir ihm danken für das Vergangene.« Und nun wurde beschlossen, ein großes Kirchenfest zu begehen. Dasselbe solle stattfinden am Tage der Heiligen; ein Dankfest für die Befreiung des Landes aus verhaßter Knechtschaft der Bayern. Ein hochfeierlicher Gottesdienst solle abgehalten werden mit dem größten Glanze, den Kirche und Volk vermögen. Alle Glocken, die mitgeschrieen hatten zum Aufruhr, sollen nun in weihevollen Friedenstönen klingen; alle Fahnen, die den Streitern vorausgegangen und von Kugeln durchbohrt worden waren, sollen nun über den Häuptern der betenden Scharen wehen, und das Pulver, welches noch übriggeblieben war, solle nun aus Mörsern und aus Böllern krachen. »Das Pulver sollen wir nicht verpuffen!« sagte der Mahrwirt. Da schauten ihn mehrere so von der Seite an. Verpuffen nennt er das, wenn es zur größeren Ehre Gottes soll krachen! – Der schier frohgestimmten Männer Festplan lautete weiter: Der Hauptort des Festes, obzwar es im ganzen Lande stattfindet, soll Brixen sein, die Bischofsstadt. Sie soll in ihren Blumen und Fahnen zu schauen sein wie ein ungeheurer Rosenstrauß voller Bänder. Der weite Weg, den die Prozession nimmt, soll hin und hin mit frischen Fichtenbrettern belegt werden. An beiden Seiten endlose Reihen der in die Erde gesteckten Tannen- und Lärchenwipfel, mit ihrem Harzdufte die Luft würzend. An verschiedenen Stellen der Matten und Felder sollen hohe Altäre errichtet werden, mit Statuen und Gemälden, mit Teppichen und Vorhängen, mit zahlreichen Lichtern und alles umschlingenden Kränzen, und der Platz um je einen Altar soll ein Meer von Rosen sein, die der Süden noch liefert in späten Tagen. Der Fürstbischof wird auf solchem Wege das Allerheiligste tragen von Altar zu Altar und an denselben aufstellen, daß das Volk davor kniee und bete. Gesang und Musik soll erklingen im ganzen Thale und alles soll freudig, freudig, freudig sein. Und auch der darauffolgende Allerseelentag soll zu einem Ruhmesfeste werden für die gefallenen Helden. Da sollen auf den Hochzinnen der Berge große Weihefeuer brennen, und jeder soll über den Gräbern fröhlich sein in Gott, und keiner soll im Lande darben oder ungetröstet sein an diesem Tage. Wie man einst die zum Aufstande rufenden Kreuthzeichen hinabrinnen ließ auf dem Eisack, so sollen am Allerseelentage auf bekränzten Schifflein Pechlunten und flimmernde Ampeln dahinwallen zur nächtlichen Stunde, auf daß gleich den Menschen Feuer und Wasser Gott lobe. Jeder der Männer schlug etwas Besonderes vor für das Fest. Der Stauker kam sogar mit dem auf offenem Markte gebratenen Ochsen und mit der am Marktbrunnen sprudelnden Weinquelle. Die alten Adelsgeschlechter Tirols hätten es auch so gehalten bei besonders festlichen Anlässen, aber ein solcher Anlaß, ein solch grenzenlos freudiger Anlaß, wie diesmal, sei noch gar nie gewesen. Die Festplanmacher wurden ein wenig unterbrochen, Während draußen ein Bote rasch vorbeiritt, rief zum offenen Fenster plötzlich eine schrille Stimme herein, ob sie nicht schon bald fertig wären mit ihrem Dank- und Jubelfeiertag? Wenn ja, dann würde ein andrer kommen und ums Wort bitten. Der schwarze Steuereinnehmer war's, welcher mit ausgespreiteten Beinen, die Arme auf dem Rücken, da draußen auf dem Sande stand und mit einem merkwürdig verzerrten Gesichte zum Fenster heraufsah. »Ihr seid ja Stümper im Festmachen!« rief Kulber. »Das muß höher hergehen! Den Schlern oder den Ortler oder so einen wollen wir an der steilsten, weitausblickenden Seite glatt schleifen, daß er vom Fuße bis zum Gipfel wie eine Marmorwand ist. Und wisset, was wir auf diese Marmorwand schreiben? Auf diese Wand wollen wir mit goldenen Buchstaben, deren einer tausend Klafter hoch ist, den heiligen Namen Napoleon schreiben!« Die Festräte im Saal schauten einander an. Was soll denn das bedeuten? Hat er den Verstand verloren? Da kam Kulber schon die Stufen herauf und zur Thür herein. Immer noch die Hände hinter dem Rücken und den breiten Hut auf dem Haupte, so trat er ein. Keinen grüßte er, auch nicht den anwesenden Fürstbischof. Sein Antlitz war fahl, ganz unheimlich loderte sein kleines Auge. »Die Neuigkeit!« stieß er mühsam wie in einem Lungenkrampf heraus, »die Neuigkeit wißt ihr nicht!« »Neuigkeit? Was für eine Neuigkeit?« » Frieden !« rief Kulber. »Gottlob!« sagte der Fürstbischof. Kulber zog die Hand mit einem Verordnungsblatte vom Rücken: – »Friedensschluß!« »Endlich!« »Zwischen Oesterreich und Bayern!« »Gott, der Allmächtige sei gelobt!« sagten mehrere der Männer und schlugen die Hände zusammen. »So ist die Zeit der Prüfung vorüber. Vivat unser Kaiser Franz!« Der schwarze Steuereinzieher schrie nicht mit. Starr wie ein Baumstrunk, den das Feuer des Blitzes übriggelassen, stand er mitten im Saale. Und als es ruhiger geworden war, sagte er ganz gelassen und fast leise: »Tirol ist von Oesterreich auf ewige Zeiten an Bayern abgetreten!« Jetzt horchten sie hin, was er da sage. Kulber las vom Blatte: »Im Namen Seiner Majestät des Kaisers Franz des Ersten von Oesterreich und im Namen Seiner Majestät des Königs Maximilian Josef des Ersten von Bayern: Tirol ist von Oesterreich auf ewige Zeiten an Bayern abgetreten.« Die Männer, welche noch gesessen, erhoben sich langsam. Starr, sprachlos, totenblaß wie aufrechte Leichen, so standen sie da. – – – Peter der Mahrwirt wankte endlich tappend gegen ein Fenster, als strebe er nach Halt, nach Luft, nach Licht. Denn dunkel ward es, ein Gewirre von Funken kreiste vor seinen Augen. Zweiter Teil. Unrecht leiden ist sündig. »Gut ist's,« sagte der Totengräber und warf die letzten Schaufeln Erde auf ein Grab. »Da drinnen steckt wieder einer. Mehr Leute als Regenwürmer – unter diesem Rasen. Und was für Leute! Lauter junge, starke Männer. Stark, wohl, stark! Jetzt schon gar, jetzt kann ihnen der Bonaparte nicht mehr an. Aber schade ist's um die schönen Leut'! Jeden Tag einer, der draufgeht an der Blessur. Als ob sie vergiftet wären, diese wellischen Bleikugelbestien. Wer weiß es! Kann's nit wissen. Und alles wegen diesem gottvermaledeiten Landkrieg. Soll ihnen's lassen, den Bayern, dieses Tirol, ist eh schon ein alter Scherben, wo droben und drunten ein Trum fehlt. Sollen sich sattfressen an den Steinfelsknödeln, die überall umeinand liegen, daß eh nichts Rechtes mehr wachsen will. Wegen so einer Bergkrippen da Leut' umbringen! Ist mir auch das dümmste. – So, 's letzte Liebstatscherl drauf! So!« Dabei klatschte er mit der flachen Schaufel ein paarmal auf den Erdhügel. Hinter dem Kirchhofszaun lehnte ein alter Hirt. Auf dem Rücken ein Bündel, im Ellbogenwinkel einen langen Stab, im Munde eine kurze Pfeife, die längst nicht mehr zu brennen schien und nur aus Vergeßlichkeit drin stecken geblieben war. Um den sehr breitkrempigen Hut hatte er einen bauschigen Kranz aus blauem Enzian und andern Alpenkräutern gewunden, denn er war eben beim Heimtriebe seiner Herde von der Alm. Die buntscheckigen Rinder trotteten mit ihren Blechglocken ruhig wegshin. Der Hirt hatte sich mit der Brust an den Zaun gelehnt, um zu fragen, wen der Totengräber wieder in die Wiegen Gottes gelegt habe. Als Antwort gab der Schaufler die obigen Worte, die aber keine Antwort waren. »Bist du denn kein Tiroler?« fragte der alte Hirt. »Ich? Wieso? Wer denn sonst?« »Weil du den Bayern unsre Steinknödeln lassen willst, und den ganzen alten Scherben Tirol.« »Geht mir weg,« schnarrte der Totengräber. »Es hat uns auch bei den Bayern nichts gefehlt. Mehr Geld, wie unter den Österreichern!« »Vielleicht für dich. Weil sie mehr Leut' umgebracht haben.« »Wenn uns die Bayern so gern haben, und die Oesterreicher mögen uns nit.« »Wer sagt denn das!« »Haben sie uns nit im Stich gelassen? Haben wir nit alles allein machen müssen? Und wie wir alles haben gemacht gehabt, haben sie uns verschenkt. Und solchen Leuten sollen wir uns an die Rockschösseln hängen? Ich sag' alleweil nur, s' is schad' um die Leut'.« »Laß nur Zeit, die Oesterreicher werden uns ja zu Hilf' kommen. Hab' erst wieder gehört, daß der Kasteller schon sechsspännig durchs Pusterthal herabfährt.« »Ja mit sechs Schnecken leicht! Zu Bruneck sind sie schon gewesen, dort haben sie die Kassen mitgehen lassen und sind wieder umgekehrt.« »Geh, geh,« verwies der Hirt, »es wird nit alles so sein, wie du dir denkst. Es wird viel geredet, was nit wahr ist, und daß wir alles glauben, das ist ja unser Unglück.« »Mensch, du wirst mir den Zaun noch niederdrucken mit deiner Stierbrust!« schnauzte der Totengräber. »Du, der just vom Gebirg kommt, wirst es gewiß besser wissen. Ist wohl auch nit wahr, daß die Bayern wieder da sind und alleweil ihrer noch mehr anrucken in die Aemter herein, in die Schlösser und Kloster; ist wohl auch nit wahr, daß Innsbruck schon wieder bayrisch und französisch ist! Gelt, Almjodel, daß ist alles nit wahr!« »Leider Gottes, daß es wahr ist!« »Ist ja gar nit wahr, daß unsre Führer und Schützen alle verjagt sind; daß der Landeskommandant sich hat flüchten müssen, ich glaube, gar ins Eisgebirg' hinauf, und der Speckbacher auch, und die andern, und daß dem Sandwirt sein Kopf besser bezahlt wird, wie zwei Paar Pinsgauer Hengste, wer ihn bringt, auf dem Rumpf oder im Sack, ist alles eins. Na, na, ist ja nit wahr.« Eine höhnische Gebärde, dann stieß er die Schaufel in den Boden, daß sie aufrecht stehen blieb, hernach nahm er vom Rückengurt herüber den Tabaksbeutel und steckte sich daraus einen Knollen in den Mund. »Hörst, Totengräber, unterhaltlich ist's bei dir nit,« sagte der Hirt völlig kleinlaut. »Nit weil du Leut' eingrabst, wohl aber, weil du Tirol eingrabst.« »Ich Tirol eingraben? Was du spaßig daherredest!« »Wenn du verzweifelst, das ist so viel als eingraben. Daß der Feind wieder kommt mit Haufen, sieht man freilich wohl. Daß die Helden auf der Flucht sind, hört man. Aber schrecken thut uns das schon lang nit! Was du voreh gesagt hast, ist doch derlogen, der Tiroler laßt sich nit verschenken und nit verschachern. Wir wehren uns, mein Lieber!« »Noch einmal?« »Noch einmal. Brauchen uns andre nit, um so besser, so gehören wir uns selber. Wir nehmen uns selber wieder zurück, paß einmal auf! Das erstemal haben wir sie hinausgejagt, aber jetzt, wenn's wieder losgeht, jetzt kriegst alle du, alle! Siebenundsechzig Jahre hab' ich auf dem Buckel, mein Lieber, aber ich thu' auch mit. Den Stutzen kann ich noch tragen.« »Thu du, was du willst,« entgegnete der Gräber, »ob Oesterreicher, ob Bayer, am Ende gehört ihr doch mir – alle miteinander.« – Wie dieser Totengräber und dieser Hirt, so war nun, nach dem unseligen Friedensschlüsse, ganz Tirol uneinig. Es standen zwei Parteien gegeneinander: die Totengräberpartei, die sich dumpf und stumpf fügen wollte, und die Hirten-Partei, die bereit war zu neuem Kampf bis auf den letzten Blutstropfen. Diese Partei war anfangs die kleinere gewesen, wuchs nun aber Tag für Tag. Die zu ihr gehörigen arbeiteten ohne Unterlaß, aber heimlich. Während sie sich für den Tag äußerlich zu fügen schienen, während sogar von den Kanzeln überlaut die Unterthanenpflicht gegen die »rechtmäßige Regierung« gepredigt wurde, kochte in den Herzen ein wütender Mut, der sich nur schwer bändigen ließ. Rastlos war Kulber. In den Bergwirtshäusern machte er die Bauernburschen betrunken und warb sie zu Landesverteidigern. Er bildete sich heimlich eine Garde, er verstand es, überall Waffen und andere Kriegsgeräte vorzubereiten und sein erstes wie sein letztes Wort war: Oesterreich will es! Oesterreich kommt uns zu Hilfe. Mittlerweile fluteten in Nordtirol zu allen Pässen Feinde herein, mehr und immer mehr und allerorts wurde von Amts wegen nach den »Rebellen« gefahndet. Im Innthale hatte man ein paar Bauernführer bereits ergriffen, die waren sofort kriegsrechtlich erschossen worden. Von Speckbacher erzählte man, daß er sich in einer Felsenhöhle der Zillerthaler Alpen versteckt halte; Hofers Spur war eine Zeit lang ganz verloren, dann hörte man, er halte sich im Oetzthaler Hochgebirge auf. Von Haspinger, Dörninger und andern wußte man gar nichts. Waren sie auf der Flucht? Oder in Gefangenschaft? Oder tot? Der Kreuzwirt von Brixen, der Rampesbauer, der Griesacher machten sich in dieser Zeit viel auf ihren Almen zu thun, obschon es da oben winterlich zu werden begann. Auch dem Mahrwirt legte man nahe, nicht in seinem weitberufenen Hause an der Straße sitzen zu bleiben, sondern einstweilen eine entlegenere Gegend aufzusuchen. »Warum denn?« hatte Peter auf solchen Vorschlag geantwortet. »Ich habe nichts Unrechtes gethan. So lang der offene Krieg war, hab' ich mich gewehrt, und wenn Fried' ist, so werde auch ich Fried' geben. Was geschehen ist, bedauere ich und des Kaisers Willen achte ich jetzt wie voreh. Will mich um die Welthändel weiter nicht mehr kümmern.« »Aber sie werden sich um dich kümmern, mein Lieber!« gab der vorsichtige Nachbar zu bedenken, »sie werden dich niederlegen!« »Meinetwegen,« brauste Peter auf, »gibt's kein Tirol mehr, braucht's auch keinen Tiroler.« Eines Tages, als sie gerade beim Mittagsmahl saßen im Mahrwirtshause, der Peter, sein Weib und die kleine Marianna, trat Kulber ein. »Rauchfleisch und Plenten, wenn du magst!« Mit diesen Worten lud Peter den Ankömmling ein und rückte ihm am Tische einen Platz. »Schön Dank,« sagte Kulber, »wie man jetzt noch ans Essen denken kann, verstehe ich nicht.« »Mein Gott!« versetzte Frau Notburga, »was will man denn machen! Essen muß der Mensch ja doch was.« »Ich habe keinen Appetit,« murmelte der schwarze Steuereinnehmer. »Eine solche Veränderung in kurzer Zeit!« »Wirst wohl doch nicht geglaubt haben, daß die Bauern sitzen bleiben werden in der Innsbrucker Kaiserburg?« sprach Peter, ein Stück Plenten aus der Schüssel stechend. »Aber daß sie vor einer Lüge davonlaufen!« schrie Kulber. »Oder glaubst auch du's, daß der Frieden geschlossen ist, daß wir Tiroler von Oesterreich den Bayern zugeworfen sind?« Peter legte die Gabel aus der Hand und entgegnete leise: »Kulber, du hast es ja selber gesagt.« »Vom Papier habe ich's gelesen und die Bayern haben es hinaufgedruckt und es ist alles falsch!« »Hast du nicht gesehen, daß auch in der Stadt drin die kaiserliche Kundmachung angeschlagen ist?« »Auch gefälscht. Alles erlogen! erlogen! erlogen! Höllisch verraten sind wir, mein lieber Mahrwirt!« Peter schob den Holzlöffel von sich, nun war auch ihm der Appetit vergangen. »Jetzt heißt's noch einmal dran, auf Leben und Sterben!« sagte Kulber. Der Mahrwirt verdeckte sein Gesicht mit beiden Händen: »O Gott im Himmel, was sind das für Zeiten!« »Peter, ich bin um dich da!« »Laß mich in Fried,« antwortete der Wirt und wendete sich ab. »Ich will nichts mehr hören und sehen davon. Das schreckliche Brennen und Morden! Jesus, Maria! Lieber alles Unrecht leiden, als noch einmal anfangen.« Kulber schwieg ein Weilchen, dann legte er dem Mahrwirt die Hand auf die Achsel: »Peter, ich kenne dich gar nicht mehr. Unrecht leiden! Weißt du, Kamerad, Unrecht leiden ist sündig! Unrecht muß man tapfer zurückschlagen, und wenn man gleich dabei selber zu Grunde geht. – Wir müssen aufstehen, und du mußt voran, Peter!« »Nein!« schrie der Wirt und sprang auf. »Du mußt voran,« wiederholte Kulber gelassen. »Da hilft dir nichts, du bist der Mann dazu. Du hast das Herz und du hast das Vertrauen. Auf deinen Ruf stehen in ein paar Tagen tausend Schützen da. Also Mahrwirt, sei ein Tiroler!« Peter stand schweigend da. – Unrecht leiden ist sündig! Ein Tiroler! – – Der Mahrwirt hob schon seine Hand. In demselben Augenblicke stieß die kleine Marianna einen gellenden Schrei aus. »Kind, was ist dir, was ist dir!« fuhr die Mutter auf. »Der Schuß!« schrie das Mädchen. »Der Schuß? Was für ein Schuß? Was kommt dir vor, Marianna?« Das Kind strebte dem Vater zu, umschlang mit beiden Armen seinen Hals, barg das blonde Köpflein an seiner Brust und schluchzte: »Vater, bleib bei uns!« »Es geht ihr nicht anders als uns,« sagte Frau Notburga, »das viele Schießen alleweil hat uns ganz schreckig gemacht.« »Also!« drängte Kulber mit der noch immer hingehaltenen Hand. Jetzt winkte Peter heftig ab und rief: »Macht ihr, was ihr wollt, ich bleib' daheim!« »Diese Antwort nehme ich nicht.« »Willst sonst noch was? Nicht? Dann ist's mir lieber, du gehst.« Also der Mahrwirt und Kulber ging, ohne noch ein einziges Wort zu sagen, zum Hause hinaus. Peter atmete auf. So war's vorbei. Seinen Mann hatte er gestellt. Auf der Welt kann man es einmal nicht machen, wie man will. Und für seine Familie leben, das ist auch eine Pflicht. Sie sollen es sein lassen, es ist alles umsonst. – So wehe war sein Herz geworden. Es stärkte sich aber noch an demselben Nachmittage. Drei französische Ordonnanzen kamen geritten. Sie hielten vor dem Mahrwirtshause, stiegen aber nicht vom Pferde, sondern ließen den Wirt vor sich rufen. Die Rösser strampften auf dem Boden und schnoben, die Reiter thaten nicht weniger unwirsch, der eine sprudelte allerhand Wüstes hervor, man verstand's aber nicht. Nur ein einziges Wort verstand Peter, obzwar es auch nicht deutsch war, er hatte es nur schon so oft gehört: Kontribution! Der andre Reiter redete schon deutlicher. Der Mahrwirt Peter Mayr, als einer der Angesehenen in der Gegend, habe binnen drei Tagen zweihundert Fuder Heu und achtzig Stück Schlachtvieh zu liefern, widrigenfalls es seinen Kopf koste. Der Wirt verneigte sich ganz ruhig, gleichsam als wäre die Forderung eine Kleinigkeit. Dann trabten sie davon, daß der Staub sprühte unter den klingenden Hufen. Peter schaute ihnen nach und dachte: Es kostet ja bloß den Kopf. Wer wird jetzt den Welschen Lebensmittel liefern! Und selbst wenn solche in Ueberfluß da wären, die Herren kriegen keinen Halm und keinen Bissen, sie kriegen nichts und gar nichts als den Kopf und damit Punktum! Am Abende desselben Tages war eine Versammlung im Saale des Domhofes. Sie entwarfen einen neuen Erhebungsplan. Der Mahrwirt erschien nicht, man beklagte sich über die einreißende Mutlosigkeit. »Den Mut werden wir schon wieder wecken,« sagte ein Domherr. Draußen erschollen Trompetenstöße. Ein bayrischer Offizier forderte auf offenem Markte die Auslieferung aller Waffen. »Aller Waffen!« redete ein Bauer unbedacht zum Fenster hinaus. »Nehmt die Felsblöcke von ganz Tirol, nehmt sie nur!« »Wer dem Befehle Seiner Majestät des Königs nicht auf der Stelle nachkommt,« so rief jener draußen, »der wird als Rebell behandelt! Was das heißt, weiß jeder.« »Das sollen wir uns gefallen lassen!« schrien mehrere im Saale und drängten mit geballten Fäusten zu den Fenstern. Mit Mühe konnten die Hitzigen von den Besonneneren zurückgehalten werden. »Tollkühnheit ist so schlimm wie Mutlosigkeit,« sagte der Domherr. »Beten wir um die Gabe des heiligen Geistes. Mit Mut werden kleine Siege gemacht, die größern erringt man mit Klugheit, die größten mit Geduld. Liefert ihnen das Gewehr aus, aber behaltet das Kreuz. In drei Tagen halten wir die Bittprozession. Gehet hin und rufet alle dazu auf.« – Und an dem Morgen, als das Volk zusammenströmte auf den weiten Domplatz zum großen Bittgange, meldeten sich beim Mahrwirt die Franzosen. Die Magd Hanai trat herfür und fragte scharf, was sie wollten. Ob der Wirt zu Hause wäre? »O du liebe Zeit, der Wirt!« rief die Hanai. »Wie kann der Wirt denn zu Hause sein, wenn er ins Etschland gefahren ist, Wein kaufen!« Ob sie die Wirtin wäre? »Na freilich, die bin ich. Was schaffen S' denn?« Wo die Kontribution wäre? »Wellisch versteh ich nit.« Wo das Heu und das Schlachtvieh wäre? »Das Heu ist gleich da draußen auf der Wiesen und das Vieh lauft eh überall um, thut's halt zusammenfangen.« Ob sie wisse, daß der Wirt den Kopf verliere? »Mein Gott, wer verliert denn nit den Kopf jetzund!« Die Herren schauten einander an. Da wird nicht viel zu machen sein, das Haus ist leer und die Weibsperson ist schrecklich dumm. – Zum Glücke war die Kontribution nicht allzu dringend, weil die Truppen nach einer neuen Wendung der Ereignisse nicht an dem Eisack heraufkamen, sondern den Weg gegen Meran und über den Jausen nehmen wollten. Vielleicht hing die Gnädigkeit der Exekution auch mit einem merkwürdigen Gerüchte zusammen. Es hieß, daß Bonaparte den Tirolern hätte sagen lassen: wenn die Tiroler schon nicht bayrisch sein wollten, so sollten sie sich den südlichen Nachbarn, den Italienern, anschließen und französisch werden. Also war gegen das Volk eine gewisse Milde geboten. Kurz, die Exekution zog ruhig ab, nachdem sich die Herren vorher einen Krug Wein hatten geben lassen. Zur Verwunderung der Magd bezahlten sie den Wein. Sie rührte das blinkende Silbergeld nicht an, ließ es liegen auf dem Tisch, bis Frau Notburga mit den Kindern heimkam von der Kirche. He da! Wir wirken auch Wunder! Weit oben im Firnbachthal auf wasserumrauschtem Hügel stand zur Zeit eine Wallfahrtskirche; wir nennen sie zum Heiligen Kreuz. Diese Kirche leuchtete mit ihren hohen Giebelmauern und ihren zwei Thürmen hinaus in das Alpenthal, sie war weit berufen im Lande und besucht als ein hoher Ort der Gnaden. Die Wände der Kirche, der Sakristei und der Vorhalle waren behangen mit Tafelbildern, darstellend die Wunder, welche an Presthaften und Schwerkranken, an Verunglückten und an Personen in Todesgefahr durch die Kraft des heiligen Kreuzes geschehen waren. In einer eigenen Kammer, die schwervergitterte Fenster und eine eiserne Thür hatte, befand sich eine Sammlung alter Waffen, Schußgewehre, verrostete Schwerter und Speere und dergleichen, welche siegreiche Krieger hierher geopfert hatten aus Dankbarkeit und zum ewigen Angedenken. Im Laufe der Zeit war die Kammer also eine Art Zeughaus geworden. Die Kirche war in ihrem Innern nicht nach landläufiger Art überladen mit Altären, Statuen, Fahnen und Flitterwerk. Außer den erwähnten Erinnerungstafeln ragten nur die Bildsäulen der zwölf Apostel auf; in einer Seitenkapelle war ein uraltes, fast schwarzes Gemälde auf Goldgrund, die Himmelskönigin darstellend, und auf dem Hochaltare eine Statue der heiligen Kaiserin Helena. Ueber dem Altartische, in einem Kästlein aus Marmorstein, stand ein einfaches Kreuz aus schwarzem Holze. Inmitten dieses Kreuzes war ein schmales, kaum zolllanges, scheinbar fast verwittertes Partikelchen eingelegt – ein Splitter des wirklichen Kreuzes, an welchem Jesus Christus auf Golgatha gestorben war. Das mit einem vergoldeten Gitter versehene Marmorkästchen blieb zumeist verschlossen, aber damit nicht auch der Gnadenquell; gläubige Herzen, die in Liebe und Hoffnung kamen, gingen von ihren Leiden geheilt oder wenigstens getröstet von hinnen. Zu hohen Festtagen wurde das heilige Kleinod dem Volke ausgestellt; aber es ergab sich, daß die Beseligung der Gläubigen eine reinere war, wenn sie die Reliquie nicht mit leiblichen Augen schauten, sondern mit jenen des Herzens. Besonders in allgemeinen Nöten, in Seuchen, Ueberschwemmungen und Feindesgefahr nahm das Volk seine Zuflucht zum heiligen Kreuze. Weil der Ort vor allem in Kriegszeiten gesucht war und weil an demselben mancher Bund zu Schutz und Trutz geschlossen worden, so hatte man schon in früheren Jahren über dem Haupteingang dieser Gnadenkirche die Worte geschrieben: Gott, Kaiser und Vaterland! Auf dieses Gotteshaus spielte der Domherr zu Brixen an, als er sagte, sie sollten dem Feinde das Gewehr nur ausliefern, sie hätten noch das Kreuz. Und zu diesem Gotteshause wurde nun im Thale des Eisack und weiter umher, selbst vom Inn her und von der Etsch, eine Buß- und Bittprozession angeordnet. Sonst zogen solche Züge unter Böllerkrachen aus, diesmal gingen sie ganz still von Brixen fort und jeder anstoßende Weg brachte neue Scharen, die sich mit dem Hauptzuge vereinigten. Es war eine Beterschar, wie das Land kaum eine je gesehen. Müßige Leute, welche die Zahl der Wallfahrer schätzten, rieten so herum zwischen sechs- und zehntausend! Die Straße war viel zu schmal, der Menschenstrom ergoß sich breit aus über Wiesen und Fluren. In Engen und über Brücken staute er sich, so das Hunderte ihren Weg an steilen Hängen hin, oder barfuß durch das Wasser nahmen. Jede der betheiligten Pfarreien hatte eine Kirchenfahne mitgeschickt, die auf hoher Stange über den Häuptern flatterte. Der Priester waren ungezählte, vom Gesellpriester im fadenscheinigen Talar an bis zum Prälaten mit der goldenen Kette. Die Weiber trugen dunkles Bußgewand, die jungen Mädchen sahen aus wie Schäferinnen im Märchen, sie waren größtenteils in weißen Kleidern, hatten frische Rosmarinkränze ins Haar geflochten, und es steht zu vermuten, daß manche junge Maid unter der geschmeidigen Leinwand einen kratzenden Bußgürtel getragen, wie es alte Sitte vorschrieb. Die leiblichen Freuden standen nicht hoch im Werte zu solcher Zeit, der Leib war da zur Abhärtung und zum Kampfe. Auffiel bei dieser Kreuzschar die große Zahl der Männer, die mit langen Stäben, Nahrungsbündel an den Rücken, ernsthaft dahinschritten. Den bayrischen Behörden, die sich überall wieder an die Posten begeben hatten, war eine solche Zusammenrottung schier bedenklich erschienen, allein da sie keine Waffen sahen und da sie Auftrag erhalten hatten, dem Volke gegenüber in religiösen Dingen duldsamer zu sein, als vor dem Aufstande, so ließen sie gewähren. Zudem lagerte nächst Brixen, auf der Klöckelau, eine Abteilung französischer Soldaten. Die gaben den Behörden das nötige Selbstvertrauen. Peter, der Mahrwirt, und Bruder Augustin hatten sich beim Stollkreuz außerhalb der Stadt von Weib und Schwester verabschiedet. Wohlgemut kehrte Frau Notburga an die Mahr zurück, denn sie hatte das Vertrauen auf Gott, und daß dieser Wallfahrtszug eine besondere Bedeutung hatte, das wußte sie. War er ein Bittgang oder eine Flucht oder etwas andres, Peter mußte mit, denn daß Gefahr drohte, das lag in der Luft. Also wogte das betende Heer hin durch die langgestreckten Thäler gegen den fernen Gnadenort, wo jedes in seinem Anliegen Trost und Rat zu finden hoffte. Einer der eifrigsten Ordner des Zuges war Kulber, der Steuereinnehmer, mit treffenden Worten wußte er unterwegs das Volksbewußtsein der Tiroler zu stärken und den Haß gegen die fremden Eindringlinge zu entflammen. Er verglich diese Wallfahrt mit den Kreuzzügen des Mittelalters und es könnte sich wohl ereignen, daß sie mit dem Kreuze auszögen und mit dem Schwerte zurückkehrten! Die Priester hatten sich nicht abgesondert, sondern gingen verteilt in der Menge, Erbauung und Mut zusprechend, wo es not that. Manche, deren Füße unter Tags wund geworden, deren Kraft und Begeisterung bei der Mühsal der Reise erlahmen wollte, beklagten sich über den weiten Weg. Ob man denn nicht eine andre, näherliegende Wallfahrtskirche hätte wählen können? Es sei die Mutter Gottes zu den drei Brunnen, es sei Unsre liebe Frau auf dem grünen Anger, es sei die Gnadenkirche des heiligen Franziskus, es sei die Wunderkapelle zum rosenfarbenen Blut, es sei die Kirche zum Landespatron Josef – diese alle und viele andre stünden näher und hätten Mirakel über Mirakel aufzuweisen; warum gerade die weite, beschwerliche, kostspielige Reise nach der Kreuzkirche! Augustin, der solche Klagen hörte, sprach: »Je weiter der Weg, desto größer die Gnade.« Ja, sogar über die Kostspieligkeit murrten viele, die bereit waren, dem Vaterlande ihr Leben zu opfern und die es schon aufs Spiel gesetzt hatten. Der Bauer gibt lieber sein Blut als sein Geld. Aber wieviel Geld wird nötig sein für das, was die Führer planten! Wenn die Leute den Beutel ausleeren sollen bis auf den letzten Groschen, da muß freilich ein besonderes Wunder geschehen. Peter, der Mahrwirt, ging mit seinem langen Stabe und mit seinem schweren Bündel – er trug auch die Lebensmittel für seinen Schwager und für eine alte Muhme, die hinterdrein humpelte – stets ein wenig abseits vom Troß und hatte den breitkrempigen Hut tief über das Gesicht gezogen. Man wußte nicht, war er in Andacht versunken oder wollte er sonst ungestört sein; aber er selbst wußte es wohl. Andacht hatte er keine, es kam ihm so absonderlich vor, ihm war angst und bang. Da sangen und beteten sie hell, er konnte nicht beten. Wir sind keine Tiroler, wir sind an Bayern verthan! Diesen Gedanken brachte er nicht aus dem Kopf. Es war kein Zorn mehr da, nur unendliche Bitterkeit, und die that weher als der frische, heiße Zorn. Was war denn übriggeblieben von allem Festhalten und Opfern und Streiten, als diese Wallfahrt nach dem heiligen Kreuz, um Gottes Schutz zu erbitten für die Kameraden, die auf gefährlicher Flucht waren! Kehrten sie zurück, dann wollten sie sich zusammenthun, aber nicht mehr, um den Feind zu vertreiben, sondern um selbst fortzuwandern und in der weiten Welt eine neue Heimat zu suchen. – Unrecht leiden ist sündig! Peter wendete sich rasch um. Hatte hinter ihm nicht jemand so gerufen? Es war aber doch niemand da; nur ein altes Männlein mit langen weißen Haaren, die im Winde flatterten, weil der alte Filzhut an einer Schnur hinten am Nacken hing, dieses humpelte ihm eilig nach und rief mit dünner, kurzatmiger Stimme: »Laß Zeit, laß Zeit, Mahrwirt, ich will auch mit. Aufs Boarnderschlagen richten wir uns wieder zusamm', gelt! Und du wirst unser Hauptmann, gelt?« »Dummheiten,« brummte Peter, »denk' jetzt aufs Beten !« »Freilich wirst es, Mahrwirt! Und lustig wird's wieder, wir sind alle bereit.« Der Mahrwirt wendete sich seitab und that, als ob er einen lose gewordenen Schuhriemen binden müsse. Der Alte wollte auf ihn warten, da sagte er: »Geh nur voran, Seppel, ich werd' schon nachkommen.« Der Alte ging freilich voran, statt dessen aber kam nun ein andrer des Weges, der schwarze Kulber. Der hatte auf diesem Wallfahrtswege auch ein schwarzes Gewand an und eine weiße Halsbinde um, so daß man ihn für einen Geistlichen hätte halten können. Auch war er glatt rasiert, so daß seine Augen noch dunkler brannten in dem blassen Gesichte. »Versteck' dich, wie du willst, ich erlang' dich doch!« also redete er den Mahrwirt an. »Wer versteckt sich?« entgegnete dieser. »Wer mich braucht, der wird mich immer zu finden missen.« »Manchmal schickest aber einen, der dich braucht, doch bei der Thür hinaus!« sagte Kulber, anspielend auf seinen Besuch im Mahrwirtshause. »Und deswegen, Peter, gehe ich dich auf der offenen Straße an, da kannst du mich nicht hinausschicken.« »Die Straße gehört jedermann,« antwortete jener. »Und sie führt nach der Kirche zum heiligen Kreuz,« sagte Kulber leise. »Du weißt doch alles? Du weißt doch, weshalb wir alle zum heiligen Kreuz wandern.« »Weil wir dort beten wollen.« »Beten können wir auch, aber das ist nicht die Hauptsache,« sagte Kulber, indem er den Mahrwirt am Arm nahm und auf der Straße mit ihm voranschritt, langsam, daß sie den Troß nicht einholten. »Ja, Mahrwirt, wir werden uns auch die schönen Stutzen und guten Braxen anschauen, die sie dort hingeopfert haben. Und auch die andern Waffen. Du weißt wohl, daß unterhalb der Kirche weite Gewölbe sind, ich glaube, man hat sie für Begräbnisstätten gebaut. Jetzt sind sie ganz voll mit Gewehren, Spießen und Messern, und was man halt so braucht. Für mehrere tausend Mann soll's reichen. Diese Sachen werden wir abholen. Und darum gehen wir hin.« Peter riß seinen Arm los und sprach: »Was redest denn da?« »Und du wirst dir den feinsten Offizierssäbel nehmen.« »Ich rühr' nichts an!« rief Peter. »Ich sag' dir's zum letztenmal, Kulber, mich laß in Fried'!« Der andre sagte: »Peter, du bist feig geworden.« »Ich will kein Verräter sein!« »Verräter bist du, wenn du nicht mitthust.« Der Mahrwirt blieb stehen, schaute starr auf Kulber und sagte: »Ich werde nicht mitthun.« So gingen die beiden Männer auseinander. Kulber mischte sich wieder unter die Menge, Peter hielt sich abseits und sein Herz war ungestüm. Er dachte an die Umkehr, wollte aber doch die Wallfahrt nicht unterbrechen, und er hoffte Trost und Erleuchtung an der Gnadenstätte. – Wo die Kreuzschar an einer Kirche vorüberkam, da pflegte sie anzuhalten und derselben ihren Gruß darzubringen. Eines Abends erreichten sie die Waldkirche des heiligen Franziskus. Diese stand einsam in einem waldigen Thalgrunde; hinter ihr und mit Mauern verbunden war ein Klostergebäude, still und halb verfallen; zu den Fenstern dieser Mauern wuchsen Erlstauden heraus. In einer der noch erhaltenen Kammern entdeckten umherspähende Wallfahrer einen dünnen, blassen Franziskaner. Der war da, um die Kirche zu versorgen und alles um ihn schaute kümmerlich aus. Von der Kirchenwand löste sich stellenweise der Mörtel so, daß die ungefügen verwitterten Steine hervorstarrten; an der Mittagsseite waren die Ziffern einer Sonnenuhr gemalt, aber es fehlte der Zeiger. An den Antrittsteinen des Einganges wuchs zwischen den Fugen grünes Moos hervor. Ueber dem Spitzbogen des Thores stand verbleicht und stark verwaschen der Spruch: »Mensch, deine Heimat ist im Himmel.« Weiterhin am finsteren Berghange standen etliche Häuser und Scheunen. Davor war ein weiter Anger, auf welchem die Wallfahrer sich niederließen. Denn hier gedachten sie zu nächtigen. Am nächsten Frühmorgen sollte es dann weiter gehen, um am Abende endlich am Ziele zu sein bei dem Kreuze des Erlösers. Es war von dort zwar durch einen Fuhrmann schlimme Nachricht gekommen. Bayern sollten an der Kirche ein Fenster erbrochen und die angesammelten Waffen weggenommen haben. Als Kulber das hörte, rief er aus: »Das ist nicht wahr!« und der Fuhrmann antwortete darauf gelassen: »Nun, so ist es nicht wahr. Ich hab's ja auch nur so gehört.« Es war weiter nicht davon die Rede und sie begannen auf dem Anger sich niederzulassen. Der Franziskaner hatte, als auf der Straße die ersten Wallfahrer sichtbar geworden, sofort das windschiefe Kirchenthor sperrangelweit aufgemacht, am dämmernden Altare das »Ewige Licht« angezündet, den hölzernen, mit Eisen beschlagenen Opferstock an das Eingangsthor gerückt und angefangen, das Glöcklein zu läuten. Als etliche der Wallfahrer nahe kamen, eilte er durch ein Hinterpförtchen in seine Zelle, wo er sich, vor einem Totenschädel knieend, finden ließ. Die Kirche war nach wenigen Minuten voller Leute, und der Platz vor derselben und den Anger hinab bis zur Straße war voller Leute, die einen Teile beteten laut, die andern sangen, so daß ein Gewirr von Hall und Schall war, daß kein Mensch hätte etwas verstehen können. Es war ja aber auch nicht für Menschen berechnet. An die Kirchenwand, an die Klosterruine, an die Bäume lehnten sie ihre Fahnen hin und viele schickten sich sofort an zur Rast auf dem Anger. Es dämmerte schon der Abend, da begannen jüngere Leute auf dem Platze Holz zusammenzutragen, um Feuer anzuzünden. Dann machten sie Fackeln und Lunten und zogen mit denselben in langer Reihe zur Kirche hinauf, deren Mauer bei so seltsamen Lichtern in trüber Glut leuchtete. »Da ist's wohl auch schön,« sagten etliche Leute zu einander, »da ist's wohl auch schön. Ich gehe nit mehr weiter, beten kann man auch da.« Die zur Kirche des heiligen Franziskus hinaufzogen, hoben gemeinsam ihre hellen Stimmen zu folgendem Gesange: »Der Tag ist vergangen, Die Nacht ist schon hier, Gute Nacht, o Maria, Bleib ewig bei mir. O Mutter des Sohnes, O reinste Jungfrau, Vom Hort deines Thrones Auf uns niederschau. Wir sind arme Sünder, Wir weinen zu dir, Laß, Mutter, dich finden Und rasten dahier. Der Tag ist vergangen, Die Nacht kommt herzu, Gib auch den Verstorbnen Die ewige Ruh.« Die schwermüthigen Töne dieses Liedes waren kaum verhallt, als auf dem Söller des Klosters der Franziskaner sichtbar wurde. Er war jetzt nicht mehr blaß, sein hageres Gesicht glühte fast bläulich rot bis zur hohen, oben in einer Glatze zugespitzten Stirn. Er hob die beiden Arme und hub im Predigertone an so zu sprechen: »Liebe katholische Christen! Gelobt sei das heiligste Herz Jesu und Maria!« Die Menge wurde aufmerksam, einer flüsterte dem andern zu, still zu sein und der Mönch fuhr fort: »Brüder in Christo! Ihr pilgert den weiten Weg hinauf nach der Kirche, genannt zum Heiligen Kreuz, um dort fürs Vaterland zu beten. Ich aber sage euch: Menschen, euer Vaterland ist im Himmel. Kümmert euch nicht um irdisch Gut und Ehr, denn das alles ist eitel. Vergießet keines Bruders Blut für die nichtige Scholle, die ihr auf Erden eure Heimat nennt. Menschen, eure Heimat ist der Himmel. Alles Leid und alles Unrecht, das durch Gottes Zulassung euch böse Leute anthun, leidet es mit Geduld und Demut, damit ihr gekrönt werdet mit der Krone des ewigen Lebens. Die Rettung des Landes Tirol, stellet sie Gott anheim, rettet eure Seele, das jüngste Gericht ist nicht mehr weit! Der Herr hat es gefügt, daß ihr auf eurer Reise in die Ewigkeit rastet an diesem heiligen Orte, so wie Jakob gerastet hat zu Bethel. Auch unser kreuztragender Heiland hat gerastet hier an dieser Kirche, die dem heiligen Franziskus geweiht ist. Lasset euch, ihr lieben Christen, bevor der Schlummer euer Auge schließt, ein Wunder erzählen, was an dieser Stätte geschehen ist.« Einige Pilger waren während dieser Worte des Franziskaners unruhig geworden, besonders Kulber wollte schon aufschreien und den Redner unterbrechen. Aber das Tiroler Volk unterbricht keinen katholischen Prediger, er mag sagen, was er will. Und der Franziskaner sagte doch nichts Neues, nur mit größerem Feuer sprach er, als andre es thun, und ein Wunder wollte er nun erzählen! Die Menge drängte sich dem Redner näher, und dieser fuhr, mit den Armen lebhaft seine Worte begleitend, also fort: »Als vor mehreren Jahrhunderten die Kreuzritter aus dem heiligen Lande die Partikel des Kreuzes Christi nach Rom mitgebracht, damit sie alldort vom heiligen Vater geweiht werde, hat ein frommer Graf von Tirol diese heilige Partikel vom Papst ausgebeten und für seine besonderen Verdienste sie auch erhalten. Hierauf hat der Graf weit oben im Firnbachthal, wo sein Stammschloß gestanden, eine prunkvolle Kirche bauen lassen, in welcher die Reliquie, als da ist das Holz vom Kreuze, beigesetzt werden sollte. Drei Priester haben hernach die Reliquie in unser Land hereingetragen und der neuen Kirche zu, weit oben im Firnbachthale. In der letzten Nacht der Reise haben die drei Priester hier geruht, hier im Kloster des heiligen Franziskus, der an seinen Händen die drei Wundmale Christi hat. Aber sehet, liebe Christen, wie sie nächsten Tages hinauf sind gekommen zur neuen Kirche, haben sie die heilige Partikel nicht bei sich gehabt. Voll großer Angst sind sie eilig umgekehrt, der Meinung, daß sie dieselbe hier vergessen haben könnten, und richtig, die Partikel ist in dem Tabernakel des Hochaltares in unserer Kirche gewesen. Dort haben sie solche feierlich gehoben und wohl mit Fleiß zur neuen Kirche hinauf getragen. Jedoch, o Wunder über Wunder! am nächsten Morgen haben sie das Heiligthum dort wieder nicht gefunden, sondern es ist in unsrer Franziskanerkirche gewesen, im Tabernakel. Also ist es dreimal geschehen. Und als sie sich davon wohl überzeugt hatten, daß die Partikel in der neuen prunkhaften Kirche nicht bleiben wolle, sondern unsre Kirche, diese Kirche, die hier steht, zu ihrem gebenedeiten Wohnsitz erkoren hatte, haben sie selbst ein Kreuz gemacht, in dasselbe ein Stücklein Holz aus Alpenzirm hineingelegt und es geheißen den Splitter aus dem Kreuze unsres Herrn Jesu Christi ...« »Schweigen sollst du!« rief jetzt eine kräftige Stimme aus der Menge, »du lästerst Gott!« Der Franziskaner ließ sich durch den unerhörten Zwischenruf nicht irre machen, er beugte sich weit vor und schrie mit aller Kraft: »Das wahrhafte Kreuzholz ist bei uns in der Franziskanerkirche!« »Gott verzeihe es dir!« rief die Stimme aus der Menge; die Leute wußten sich vor Staunen kaum zu fassen. »Armseliger Laie da unten!« schrie der Mönch, »das wahrhaftige Kreuzholz ist bei uns, und es ist bei uns, und es ist dreimal und es ist ewig bei uns!« Jetzt trat, mit den Ellbogen sich durcharbeitend, der junge Pater Augustin vor, und zum eifernden Franziskaner gewendet, sagte er in schwerem Ernste: »Kein Laie ist es, der jetzt vor dir steht und von dir Rechenschaft fordert, sondern ein katholischer Priester, dessen Würde du entehrest. In geifernder Eifersucht verleumdest du die Kirche zum Heiligen Kreuz und ihre Reliquie, deren Echtheit durch zahllose Wunder bewiesen ist.« »Wir wirken auch Wunder!« entgegnete der Mönch auf dem Klostersöller, »und gerade so gute Wunder, als anderswo, und vielleicht bessere Wunder! He da! Wenn sie nur erst nicht vorübergehen an uns, die Wallfahrer, und wenn sie nur zukehren bei uns und fleißig beten und ihre frommen Opfer bringen, wie sie es anderswo thun, dann werden sie schon sehen! Machet doch einmal die Augen auf, liebe Christen, und sehet, wie bettelhaft es bei uns hergeht: die ehrwürdigen Brüder davon, das Kloster zerfallen, die Kirche verlottert, und ich der einzige, der da sitzen bleiben muß, lebe von milden Gaben, die oft lumpig genug sind. Wie sollen da Wunder geschehen? Ja, pfeifen wird man euch was, und die heilige Partikel ...« »Führt ihn herab!« befahl jetzt ein Domherr aus Brixen, »führt in schnell herab, er ist krank, er redet Aberwitz.« »Besoffen ist er!« riefen mehrere Stimmen und lachten. Da sagte Augustin: »Er ist weder krank noch besoffen. Aus ihm spricht die Selbstsucht.« Der Franziskaner, den man von seinem Söller nicht herabzukriegen wußte, stieß mit den Fäusten in die Luft hinein und schrie: »Ist Gott nicht überall? Ja? Also warum soll er hier nicht sein? Just hier in der Kirche des heiligen Franziskus nicht? Heiden, die ihr seid! Und wenn er da ist, warum soll er da nicht ebenso Wunder wirken, als an Orten, wo man Lärm schlägt! An euch ist die Schuld, wenn nichts geschieht. Der Glaube fehlt euch, und wenn ihr wähnt, da oben allein wäre der Richtige und dahier beim heiligen Franziskus wäre er nicht, so seid ihr verfluchte Heiden!« Jetzt gixte ihm die Stimme um, daß er nicht mehr weiter sprechen konnte. So sagte nun Augustin: »Wehe, wenn es mit der Religion so weit kommt, daß man die heiligsten Dinge zu Geschäftssachen macht! Dann hat Gott uns verlassen!« Nun war auch der schwarze Kulber da, der stellte sich im Scheine der Fackeln mit ausgebreiteten Armen auf den Plan und rief: »Recht ist's! Gut ist's! Gott soll uns verlassen, damit wir uns selber helfen müssen! Ich sage es euch, wenn es so steht, kommt uns vom Kreuzpartikel kein Heil. Ich weiß ein anderes Kreuz, Tiroler, ein Kreuz, das uns rettet in unsrer furchtbaren Not. Das Kreuz am Schwert! Lasset jetzt das Streiten um die Wunder und macht euch nicht weich mit Beten. Die Weiber sollen beten. Die Männer müssen vor den Feind. In der Kirche zum Heiligen Kreuz sind die Waffen. Auf, Männer, für uns gibt's jetzt keine Rast!« Diese Worte des Kulber waren so leidenschaftlich wild herausgestoßen, daß eine unheimliche Erregung und Bewegung entstand. Die einen murrten noch über den Bruder Augustin, daß er so derb gegen den ehrwürdigen Franziskaner dreingefahren war. Die andern standen gegen den Steuereinnehmer, der wie ein Freimaurer gesprochen hätte. Wieder andre meinten, jetzt sei es gerade am besten, Pilgerstab und Rosenkranz wegzuschmeißen und heimzugehen, die Andacht sei ohnehin beim Teufel, alle miteinander. Aber Männer von oben und unten rotteten sich rasch zusammen und waren darüber einig: Recht hat der Kulber! Also erhob sich in der Menge ein Streiten und Schelten, ein Anspötteln und Zurückgreinen, und weil viele Müdlinge darunter waren und solche, denen das weite Umherziehen für ihr gutes Geld nicht behagte, so gewann die Partei des Franziskaners an Ausdehnung. Sie mußte sich darob von der Schwertpartei manches schlimme Wort gefallen lassen, bis zum »falschen Judas« hinauf, sie machte sich ihrerseits aber nichts daraus, sondern sagte, sie litten das geduldig des heiligen Glaubens willen. Und bei solch unerbaulicher Gärung ging in der Menge der Küster mit dem Klingelbeutel um. Die Franziskanerpartei gab den Gegnern zu Trutz zwiefach; die Gegner wollten zeigen, daß sie sich der paar Groschen wegen nicht lumpen ließen und gaben auch zwiefach. Der Küster betete schmunzelnd in seinem frommen Herzen: »Franziskus, Franziskus, jetzt bist wohl brav. Wunder wirken thust!« – Kulber hatte aus der Wallfahrerschar eine Anzahl kräftiger Männer geworben, mit diesen zog er am nächsten Morgen hinauf gen die Kreuzkirche. Unterwegs kehrten sie in Dörfern und Höfen zu und bewaffneten sich mit Stutzen und Flinten. Das Gerücht bestätigte sich, die Kreuzkirche war belagert von bayrischen Soldaten. Als die Bauern nahten, schossen die Soldaten zu den Fenstern heraus und von den Thurmlöchern herab. Die Bauern zogen sich rasch in den nahen Schachen zurück und dort hielten sie Kriegsrat. »Niederbrennen die Kirche!« sagte Kulber. Die Männer stutzten. Dann entgegnete der Rampesbauer: »Dieses Gotteshaus anzünden, mein lieber Steuereinnehmer, das thun wir nit. Der paar Mandeln wegen das heilige Kreuzpartikel verbrennen, das wär' schon das dümmste, was wir thun könnten. Unser Herrgott muß unser bester Kamerad sein, den auch noch beleidigen? Das thun wir schon gar nit!« Kulber blieb dabei: den Feind in die Kirche einschließen und anzünden. »Einverstanden!« sprach der Stauker, »wenn wir früher das Kreuzpartikel herauskriegen.« Und bald darauf entspann sich zwischen einem Tiroler, der vor der Kirche stand, und einem Bayern, der zum Fenster herausschaute, die Verhandlung. Die Besatzung der Kirche solle gestatten, daß ein Priester hineingehe, das Allerheiligste vom Altare nehme und es davontrage, dann wollten die Bauern abziehen; sonst aber nicht, denn das Gotteshaus zu einer Kriegsburg machen, das könne ihnen nicht gleichgültig sein. Das Heiligste möchten sie heraus haben, nachher könnten die andern mit der Kirche machen, was sie wollten. Die Bayern waren damit einverstanden, doch müßten die Bauern in geziemender Entfernung bleiben. Während aus allen Fenstern die Gewehrläufe strotzten, ging ein Priester, begleitet vom Stauker, der in einer Laterne das Licht trug, zur Kirche hin. Das Thor öffnete sich, sie schritten zwischen den Soldaten hindurch bis zum Altare, nahmen die heiligen Reliquien heraus und trugen sie feierlich davon. Mehrere Krieger knieten nieder, als das Heiligste an ihnen vorüberkam; andre spotteten über die »Pfafferei«. Der Priester schritt mit seinem hohen Gute zum Thore hinaus. Schon während der Verständigung hatte der Pelzerwastel im Schachen durch eine lange Stange Sprosseln gebohrt, und nachher, während die Aufmerksamkeit der Bayern auf den Geistlichen gerichtet war, huschte er rückwärts durch Hollerbüsche zur Kirche hin, lehnte im fensterlosen Winkel, wo die Sakristei an die Kirche stieß, seine Leiter an, kletterte hinauf und steckte in die Dachschindeln einen Zunder. Die Besatzung in der Kirche bemerkte das Feuer auf dem Dache erst, als der rostbraune Rauch niederstrich vor den Fenstern, so daß drinnen über die weißen Wände die Schatten flogen. Die Bayern drängten fluchend zum Thore hinaus. Kulber kommandierte, daß vom Schachen aus durch Schießen der Feind in die Kirche zurückgescheucht werden sollte, dem widersetzten sich die Bauern – das Gotteshaus wollten sie zu keiner Mörderhöhle machen. Die Bayern waren froh, mit heiler Haut zu entkommen, das Kirchendach stürzte prasselnd ein, das Waffengewölbe blieb unversehrt in den Händen der Tiroler. Noch lange in, die Nacht hinein brannten die Turmhelme wie zwei Riesenfackeln und der Stauker meinte, eine so absonderliche Wallfahrt habe er auch sein Lebtag nicht gemacht. Anstatt Ablaß brachten sie Gewehre, Schläger, Säbel und Spieße mit heim und Kulber rüstete zu einem frischen Tanze. Mittlerweile hatte der Anhang des Franziskaners unten in der alten Klosterkirche die Wallfahrt verrichtet. Der Pater hielt zu Ehren der Gäste am Morgen eine sehr lange Messe, sprach eine sehr rührsame Predigt, war beim Beichthören gar mild und versöhnlich und trachtete auf jede Weise, den Ort ins beste Licht zu stellen. Diese Bekehrten waren auf dem Heimwege einstimmig der Meinung: Ob wir kaiserlich sind oder königlich, das alles ist eitel; wenn wir nur in den Himmel kommen. Als alle schon heimgekehrt waren in ihre Häuser und Hütten, um in gewohnter Alltäglichkeit nun weiter zu leben unter der Fremdherrschaft; als auch jene Männer sich scheinbar fügten, die wirklich oben bei der Kreuzkirche gewesen – war der Mahrwirt nicht da. Das letztemal war er gesehen worden am tollen Abend vor der Franziskanerkirche. Seither wußte niemand von ihm. Der Kreuzwirt zu Brixen hatte eine tröstliche Mutmaßung. Dem Peter dürfte die Geschichte zu dumm geworden sein und er würde sich zur nachtschlafenden Stunde aufgemacht haben nach Kärnten, um die Oesterreicher zu suchen. Nach wenigen Tagen würde er mit der Armee anrücken und dann sollten die Bayern nur wieder einmal sehen, daß das Loch hinaus noch leichter zu finden sei, als herein. Die bayrischen Beamten, denen solche Redereien zu Ohren kamen, lachten darüber und meinten, der tirolische Löwe hätte Hasenfüße bekommen. Mahrwirts Magd Hanai hatte auch ihre Gedanken und eines Tages, als sie am Brunnen stand und wartete, bis der Kübel voll war, und als in diesem Augenblicke die Wirtin vorüberging, redete sie diese an: »Du Frau, was meinst denn? Was ist denn das in unsrem Haus? Alle Mannerleut gehen fort und keiner kommt zurück!« Und Frau Notburga gab zur Antwort: »Ich schau zum Beten, was ich nur kann. Jetzund wird's mir schon frei zu viel, was alles auf mich niedergeht. Gut wird's wohl eh sein, daß er sich versteckt hat.« »Nit verzagt sein, Frau!« sprach die Magd rasch. »Sie kommen schon wieder. Alle drei kommen sie wieder heim.« »Alle drei?« »Alle zwei, will ich sagen, Wirtin, der Große und der Kleine. Thun wir nur recht zum Beten schauen. Der Rosenkranz und die Mistgabel! Kannst dich darauf verlassen, wie auf ein Mannsbild.« Und stapfte mit ihrem Wasserkübel in den Stall. – Und wenn's Innsbruck kostet, ich schwätz drauf los, dachte die Hanai, aufheitern muß man sie, in ihren jetzigen Umständen soll sie nit so viel Herzleid haben. O Gott, o Gott, diese Mannsbilder! Peter, du bist unser Vertrau! Verlaß uns nicht! Daß Peter auf dem Wallfahrtsweg zum Heiligen Kreuz ein schweres Herz hatte, das wissen wir schon. Und daß es durch den Wortwechsel mit Kulber nicht leichter geworden war, das wissen wir auch. Und daß der Auftritt vor der Franziskanerkirche die Sache noch schlimmer gemacht hatte, können wir uns denken. Sein Weh ward so heiß und wild, daß er hineinlief in den nächtigen Wald und dort seine beiden Fäuste sich an die Stirn schlug: Es ist ja nicht möglich! – Im Beten hatte er Trost suchen wollen, jetzt war ihm auch das zerstört. Nach Waffen zuckten seine Arme, doch er durfte kein Hochverräter werden. Er hatte gekämpft, aber diese zwecklosen Kämpfe waren dann ja ebenfalls Rebellion und Mord gewesen! Wie? – Der arme Wirt an der Mahr mußte es erfahren, daß eine starke That und ein zartes Gewissen miteinander keine Gemeinschaft haben können. – Seit der Friede im Lande geschlossen war, hatte er den Krieg in seinem Herzen. Bisher in diesen schweren Tagen hatte er die Priester als Verkünder der Kaisertreue, der Vaterlandsliebe und des Kampfesmutes, um Gotteswillen angesehen. Und jetzt hatte er eine Stimme gehört, daß man des Irdischen wegen keine Hand rühren solle, daß man fremder Tyrannen geduldiger Knecht sein müsse, nichts und gar nichts im Sinne, als ein besseres Jenseits. Jetzt kam er zu sich, jetzt war es ihm klar: Wenn dieser Geist Verbreitung findet, dann ist alles verloren. – Gehetzt von solchen Gedanken eilte er tiefer in die Waldungen hinein. Zwischen Felshängen eine finstere Schlucht war's, durch die er hinaufging. Der Mond am Himmel wurde mit Wolkenfetzen verhüllt oder vom Walde verdeckt. In den alten Baumkronen zauste und brauste der Wind; die Tannen und Fichten standen starr, aber die jungen Lärchen bogen sich rauschend nieder und ihre dürren Nadeln flogen dem Wanderer an die heißen Wangen. Wohin wollte er? Daran dachte er nicht, nur immer weiter und aufwärts ins Gebirge. Er ging über blasses rauhes Gestein, er wand sich zwischen Busch und Knieholz, er kletterte an Runsen empor und also trieb er's die ganze Nacht. Müde ward er nicht. Doch als in einer hohen, Felswüste die Morgensonne über ihn kam, blieb er stehen, fuhr mit der Hand über die nasse Stirn und fragte sich: Was ist das? – Eine Art Beschämung war in ihm darüber, daß er so planlos und unsinnig umherirre, und siehe, ganz plötzlich war ein vernünftiger Grund da: Er sucht den Hofer, oder den Speckbacher, oder irgend einen der Flüchtlinge, vielleicht kann er ihnen nützen. – Also ging er weiter und weiter und schaute nicht um, und er ging über Schutt und über Schnee und über Eis, und er stieg in ganz fremder Gegend nieder, dann wieder bergwärts auf eine Alm, wankte einer öden, verfallenden Hütte zu, dort auf Stroh und Moos sank er um. Als Peter wach wurde, wußte er weder, wie lange er geschlafen hatte, noch wo er war, noch was er wollte. Vor der Hütte stand er lange und starr wie ein Strunk. Erst besann er sich, daß er der Mahrwirt sei bei Brixen. Oder war er ein Bandenhäuptling? War er vor den Bayern geflohen? – Nein, das ist nicht, das ist nicht, vor meinen eigenen Landsleuten bin ich geflohen. Was will ich nun da? Die Bergspitzen ringsum tragen Schnee, es ist ja späte Herbstzeit. Zwar scheint die warme Sonne, aber der Reif hat alle Rasen versengt zwischen den Steinen. Reif liegt in allen Schatten, Eiskrusten hat der Quell. – Wie wird es dem Sandwirt ergehen? Ich wollte was geben drum, wenn ich wüßte, in welchem Gebirge ich bin. Von allen Bergen, die da sind, habe ich noch keinen gesehen. Aus tiefen Gräben schaut ein Wald herauf, blau vor lauter Ferne. Wo sind denn die großen Thäler, daß man keines sieht? – Daß es gar so tot sein kann in solchem Birg! Mein Weib, meine Kinder unten in der falschen Welt. Wären sie da heroben, ich wollte ihnen Wurzeln graben aus dem Schnee, Raben schießen aus der Luft. Nur daß sie diesen Lügenhunden nicht unterthan wären! – Sollte das der Schlern sein, der dort so starr und finster aufsteigt aus weiten Almen! O Landsmann, wenn ich dich lebendig machen könnte, daß du dieses Gezücht zermalmtest, das fremde und das – andre. Und dort! Weite Eisfelder! Sollten das die Stubaier sein? Oder Oetzthaler Ferner? Mein Lebtag, wie ist das schön! Fernerland, ureigenes Land Tirol, dich erobern sie nimmer. Wir flüchten zu dir hinauf, lieber im Eis, als da unten ... So jagten sich die Gedanken im Haupte des weltflüchtigen Mannes, den die Ereignisse der nächsten Vergangenheit so unheimlich erregt hatten. Nun saß er auf einem Stein, blickte hinaus ins sonnige Alpenland, so groß und schön, wie seinesgleichen nimmer zu finden. – Er weinte. – Dann ward ihm leichter. Er dachte nicht daran, ob er dableiben, und nicht ob er weitergehen werde, ganz gedankenlos machte er sich die Hütte zurecht, daß man zur Noth darin wohnen konnte. Er bereitete aus dürrem Zirm Brennholz, er schlug Feuer mit Stahl und Stein, er that aus seinem Wallfahrerbündel die Nahrung hervor, die auf mehrere Tage reichen konnte. Also blieb Peter in der Alpenhütte. Das Wetter war mild und lau und am folgenden Morgen hatte sich Nebel niedergesenkt mit feinem, weichem Regen, als wäre hochsommerliche Zeit. Da hatte sich aller starre Reif gelöst und zwischen den moosgrauen stumpfkantigen Steinen sproßte junges Gras. Der Mahrwirt strich zwischen Felsblöcken, Wänden und Knieholzbeständen umher, kam hier an einen Abgrund, wo er nicht weiter konnte, weil sich der Absturz in bodenlosen Nebel verlor, kam dort an eine Wand, wo er auch nicht weiter konnte, weil sie senkrecht aufstieg in den spinnenden Nebel. Eine sich sachte niedersenkende Matte war da, über die ging er nicht, denn von dort war er gekommen. Dann kam wieder der frühe Abend, er kehrte in die Hütte zurück, machte Feuer, hing schweren Gedanken nach und wußte nicht, was er wollte und sollte. Denn einer, der sein bisheriges Leben als Wirt an belebter Straße verbracht, ist in einsamem Fürsichhindenken gar unbeholfen; bei solchen Leuten wird der Gedanke erst klar und brauchbar in dem Augenblicke, wo er für Zuhörer in Worte gesetzt werden kann. Ohne den Körper des Wortes sind ihre Gedanken gleichsam Gespenster, die arg irre führen können. Ein Mensch, der rührige Arbeit gewohnt ist, soll nicht grübeln. Manchmal las er in seinem Gebetbuche Stellen aus der Heiligen Schrift, die ihn anmuteten wie Klänge aus der Jugendzeit, da er in Schule und Kirche solche Sprüche sagen und singen mußte. Eines langen Abends, während draußen der Regen rieselte und an vielen Stellen die Tropfen niederklatschten in der verwitterten Alpenhütte, dachte Peter: Oft habe ich gemeint, ins heilige Land möchte ich einmal reisen. Jetzt thäte ich's. Dieser verschwefelte Franziskaner hat mir meinen Glauben höllisch in Fetzen gepredigt, ich muß ihn wieder ausflicken. Im heiligen Stall zu Bethlehem, beim Flusse Jordan, auf dem Berge Tabor und auf dem Berg Calvari möcht's wohl wieder besser werden. Und wenn's richtig ist, daß jeder Mensch sich beim Grabe unsres Herrn eine Gnade erbitten könnte ... für Tirol wollte ich beten ... Und in der darauffolgenden Nacht war seine Seele eine Pilgerin nach dem Morgenlande. Nicht die heidnischen Stätten der Griechen, der Römer, der Aegypter berührte er, wie es andre Reisende zu thun pflegen; auf blauen sonnigen Wässern fuhr er schnurgerade der Küste zu, hinter welcher der Libanon steht. Er fand im bethlehemitischen Stalle die Krippe, in welcher das Jesuskind gelegen war. Der Mahrwirt sank auf die Knie und begann so inbrünstig zu beten, so selig zu schluchzen – – daß der Mann, welcher jetzt in der Alpenhütte vor dem Schlafenden stand, nicht wußte, was da vorging. Kulber! Der war nicht zufrieden gewesen mit seinen neuen Erfolgen unten im Thale, der hatte den Mahrwirt gesucht und so lange gesucht, bis er nun vor ihm stand; da in diesem öden Gebirge, unter zerrissenem Dache lag der Vermißte erschöpft, im Schlummer noch erregt und schluchzend. Als Kulber am Abende zuvor unten vom Bergjoche aus durch den Regenschleier das Licht gesehen, hatte er seine Schritte heraufgelenkt. Mit einem Freudenschrei wollte der leidenschaftliche Mann den Gefundenen wecken, besann sich aber doch, und bei dem Scheine der verglimmenden. Herdglut blickte er still auf ihn hin. Aber dieses scharfe Hinblicken weckte den Schlummernden auf, er öffnete die Augen, richtete sich empor, und stieß im Schreck mit heiserer Stimme die Worte aus: »Wer ist da? Wer ist da?« »Mahrwirt,« sagte Kulber in traulichem Tone, nach dessen Hand langend. »Ich bin's, dein Freund Kulber, kennst du mich nicht?« Peter erhob sich schweigend vom Lager, schaute zur halb offenen Thür hinaus in die Nacht, rieb sich die Stirn, trat dann zur Herdglut, um an derselben einen Leuchtspan anzublasen. »Kulber,« murmelte er endlich und rieb sich immer wieder die Stirn. »Was willst von mir? Du weißt es ja, du weißt es ja!« Anstatt darauf zu antworten, fragte der Genannte: »Haben sie dich verfolgt, daß man dich da heroben in der Wildnis suchen muß?« »Wer hat mich denn zu suchen?« sagte Peter, den Span in der zitternden Hand haltend. – »Ach, Freund,« setzte er in weicherem Tone bei, »ich bin herb, sei mir nicht böse. Nur zu einer andern Stunde hättest du kommen sollen. All mein Lebtag ist mir nicht so wohl gewesen, als zu dieser Stund', und du verdirbst mir alles.« »Hast du so süß geschlafen?« »O Gott, dieser Traum!« »Bist du just etwa dabei gewesen, wie sie den Bonaparte zu Innsbruck auf den Rathausturm hängen? Bei dieser Belustigung möchte ich dich freilich nicht gern gestört haben.« »Mensch, was weißt du,« sagte nun Peter, »ich gehe ins heilige Land.« »Ah, was du da schwatzest! Unser heiliges Land ist Tirol.« »Ich kann mir nicht helfen, ich muß fort,« sagte Peter. »Erstens das große Unglück, und zweitens dieser Franziskaner.« Da lachte Kulber auf: »Dieser verrückte Mönch! Wer wird solche Sachen so ernst nehmen!« »Nimmst du die Religion nicht ernst? Ich sage dir's, ich habe gerade genug. Ich reise ins heilige Land.« »Was willst du denn dort?« lachte Kulber. »Nein, nein, Kamerad, ich lache nicht über deinen Glauben, ich lache nur über deine Einfalt. Der Franziskaner, sagst du. Ich sage dir, das heilige Land thut mehr, als der Franziskaner. Wenn du deine kindlichen Vorstellungen aus der Heiligen Schrift zu Grunde richten willst, so gehe eilends in das heilige Land. Anstatt Christi Spuren findest du feilschende Heiden und zankende Sekten dort. Alles Schmutz, Selbstsucht, Schacher, das Land kahl, öde, räuberisch, alles und jedes anders, als du dir's nach der Bibel denkst; erst vor kurzem hörte ich es von einem Kapuziner zu Bozen, der dort gewesen. Geh' nur hin, Peter, bettelarm bis ins blutige Herz hinein kommst du wieder heim.« Der Mahrwirt wendete sich ab, dann wieder zum Genossen und sprach: »Kulber, du bist schlecht. Weißt du es so sicher, so rede mir die Reise anderswie aus. Brauchst schon du keinen christlichen Trost, so braucht ihn vielleicht ein andrer. Warum alles so grausam zerstören, das ist ein Teufelsgeschäft, daß du's weißt!« »Mahrwirt,« sagte hierauf Kulber: »Betrüge dich nicht selbst, du bist es ja nicht, was du jetzt sein willst, du bist es von Natur aus nicht, nur aus Verzagtheit kommt's dir so vor, aber du bist keiner, du bist kein Betbruder!« »Das nicht,« murmelte Peter, »so einer bin ich nicht.« »Also sei wieder der vernünftige Mensch, der du warst und höre mir zu. Umsonst will ich dir nicht nachgestiegen sein in dieses wilde Birg. Vielleicht ist's doch auch was Christliches, was mich wieder zu dir führt, und du magst mich von dir weisen wie du willst, es ist für Gott, Kaiser und Vaterland, da weiche ich nicht. Du bist ein Vorbild gewesen an Klugheit und Tapferkeit im Kampf und hast den großen Sieg mit errungen. Und du willst dem Herrgott und dem Vaterlande und uns allen wirklich untreu werden? Nein, nein, Peter, das darf nicht sein, sie rufen dich, die Brixner, die Grödner, die Sterzinger, alle rufen sie dich!« Er packte ihn am Arm: »Peter, du mußt mit mir!« »Laß das gut sein,« sagte der Mahrwirt, sich frei zu machen suchend. »Ich habe meinen Mann gestellt und es ist alles aus.« »Aus? Wer sagt denn das? O Freund, jetzt hebt's erst an!« rief Kulber; seine Arme zuckten, in seinen Augen glühten rote und grüne Funken. »Bei der Kreuzkirche ist's neu beschlossen worden. Wärst du doch dabei gewesen, wie wir die Bayern dort verjagt haben. Ein guter Anfang, alles ist begeistert. Es geht, Kamerad, es geht besser als das erstemal. Der Hofer kommt auch, der Speckbacher hat uns dasselbe sagen lassen. Der Johann Gruber, der Eisenstecken, der Thalguter mit ihren Leuten, sie sind alle bereit. Nur die unsrigen warten noch auf dich.« »Der Hofer auch?« fragte Peter, »es hat geheißen, daß er im wilden Birg ist.« »Hast du gehört, daß er bald in die Hände der Franzosen gekommen wäre?« »Na, wär' nicht übel!« »Verraten ist er worden, von einem Bauernknecht.« »Das ist nicht wahr!« rief der Mahrwirt, »den Sandwirt zeigt kein Tiroler an.« »Auf dem Dürnjoch. Ein Hirtenknabe, heißt es, soll ihn im letzten Augenblick noch gerettet haben. Und jetzt kommt er hinab und thut wieder mit. Und du kommst auch, du mußt, Peter, du mußt! Ich laß deine Hand nimmer aus, du bist unser aller Vertrau, verlaß uns nicht! Schau, die Pusterthaler sind alle auf, die Kärntner rücken an und haben bei Lienz eine siegreiche Schlacht geliefert. Große Kriegsbeute. Im obern Innthal haben die Bauern ein bayrisches Regiment zurückgeworfen und an zweitausend Mann sind von den Bauern gefangen worden. Dann muß ich dir noch was sagen, auch die Schweizer und die Spanier haben sich melden lassen, daß sie kommen. Im Zillerthal auf einer Alm ist einem Hirtenmädel die Muttergottes erschienen, dreimal nacheinander, und hat gesagt: Ehe sieben Samstage vergehen, ist mein liebes Land Tirol wieder frei. – Es geht, Kamerad, es geht!« »Hunger wirst haben,« sagte Peter, auf Brotreste deutend, »nimm halt fürlieb.« »Ich laß deine Hand nimmer aus.« »Zusetzen kannst einem du! Schon höllisch zusetzen,« entgegnete der Mahrwirt. »Aber mit gehe ich jetzt nicht. Ich will mir's noch überlegen, will noch einmal darüber schlafen.« »Noch einmal schlafen?« rief Kulber fast aufgebracht. »Wie lange willst denn noch schlafen? Wo oben am Inn alles voll Feinde ist. Alle Tage rückt ein neues Regiment herauf von Kufstein. Der Löw Befer will schon über den Brenner.« »Der Löw Befer? Wer ist denn der?« »Das ist der französische General, der gesagt hat, die Straßen müßten für die französische Reiterei mit geknebelten Tirolern gepflastert werden! Ja, mein Mensch, das ist derselbe. Und du willst schlafen!« »Morgen früh wollen wir noch davon reden. Leg dich jetzt aufs Stroh.« Also der Mahrwirt, und weiter sagte er nichts mehr. Er warf sich auf das Lager. Dem andern blieb nichts übrig, als sich auch hinzulegen, und nun lagen sie nebeneinander auf dem morschen Stroh, jeder schwieg, keiner schlief. Als es ein wenig zu dämmern begann, stand Kulber schon aufrecht und öffnete die Thür ins Freie. Es war ein klarer Morgen und in rotem Golde stieg der Tag auf über den fernen Hochzacken der Tauern. »Mahrwirt, es ist Zeit!« rief Kulber. »So geh hinab. Ich will heute noch einmal mit mir Rat halten. Ich will mir selber zureden, kann es sein, so komme ich morgen nach.« »Deine Hand drauf, Kamerad!« Der Mahrwirt reichte ihm die Hand. »Richtig ist's,« sagte Kulber mit kräftigem Handschlag, »Peter Mayr, wir sind bereit und warten nur auf dich!« – Kurze Zeit später und der Mahrwirt war wieder allein auf der öden Alp. Nun liegt er zum Verschmachten auf einem kühlen Stein ... Als Peter sah, daß er wieder allein war, wurde ihm leicht und frei um die Brust. Er ging hinaus und wunderte sich über den heiteren mildwarmen Tag, der das weite Gebirgsbild in einen dnrchsilberten Lichtschleier legte, wie mitten im Sommer. Nur auf dem Stubaier Ferner lag blauender Schatten, denn darüber stand ein Wolkenungetüm, zu schauen wie ein rostbrauner Drache mit ungeheuren Fledermausflügeln. Der Einsiedler horchte einmal, ob denn gar nichts zu hören wäre. Es strich kein Lufthauch, es pfiff kein Vogel, es rieselte kein Steinchen im Gerölle, es pochte kein Hall eines Schusses, es klang kein Menschen- und kein Tierlaut und von den tausend Kirchtürmen im Lande wehte kein Glockenton herauf in diese hohe Wüste. – Und wenn schon die Menschen nicht, Gott hat den Frieden geschlossen. Der Drache hatte sich allmählich gegen die Oetzthaleralpen hingezogen und war ein andres geworden. Die Wolke sah jetzt aus wie Roß und Reiter, und der Reiter hatte einen Helm mit goldenen Rändern. Peter dachte an den heiligen Ritter Georg, auch an den heiligen Reitersmann Martinus, dessen Bild an der Wand seines Hauses war, und der verehrt wurde als Schutzpatron gegen den Feind. – Nun spielte es sich in den Lüften, als ob aus dem Haupte des Reiters ein schimmernder Punkt hervorgesprungen wäre; der hob sich langsam in einem weiten Bogen, stand dann eine Weile bewegungslos im Firmament und schwamm endlich hernieder gegen ein großes steiles Kar, welches an beiden Seiten von starren Felszacken bestanden und welches angefüllt war mit Schnee und Eis und Schutt. Ein Adler konnte es gewesen sein; doch im Kare war der Vogel nicht mehr zu sehen. Aber ein ganz leises Knistern war zu vernehmen durch die dünne Luft herüber, als ob Sand riesele. Peter horchte hin, das Rieseln wurde deutlicher, lebhafter, fast zu vernehmen wie der Wiederhall eines rauschenden Baches. Nun sah der Beobachter mit wirklichem Auge, wie im Kare Schutt- und Schneehalde in langsame Bewegung geriet. Die Schneetafeln rissen auseinander, über die Eismassen zuckten schwarze Linien hin in Zickzack, sie barsten, die Steinschütten kreiselten wie Wellen auf einem See und nun wurde alles, alles lebendig und floß träge und schwer den Tiefen zu. Der Steingrund, auf dem Peter stand, bebte vor dem dumpfen Dröhnen, als die unermeßlichen Massen des Kares so in den Abgrund fuhren. Aufwirbelte aus dem kräusenden Strome der Schnee der Sand, mächtige Eis- und Felsstücke wurden in die Lüfte geschleudert, wo sie unter Feuererscheinungen aneinanderschlugen; fast als wären all die Massen flüssig geworden, so quirlten und schäumten sie, so brandeten sie niederwärts bis in die dämmernde Schlucht, in welche ihnen das Auge nicht mehr folgen konnte. Noch lange und gar grausig donnerte es in den Wänden und aus den Tiefen stiegen Staubwolken auf. Durch die Lüfte schossen fremdartige Vögel, anprallend an die Lehnen, auf dem Boden mit den Flügeln vergebens flatternd, angstvoll pfeifend, bis sie regungslos liegen blieben. – Endlich war alles wieder still geworden und im Kar, wo die Schütten gelegen, starrte eine braune ungeheure Bruchfläche. Peter hatte eine Mahre niederfahren gesehen, wie solche in den Alpen nach Schneeschmelzen oder Regentagen bisweilen sich loslösen, Felstürme sprengen, unten an den Ausböschungen riesige Flächen des Waldes wegfegen, weite Gräben verschütten, so daß die Wässer andern Lauf nehmen oder sich stauen zu einem See – Gnade Gott den Wesen, die jetzt in der Schlucht waren, dachte Peter, sie sind gestorben und begraben; wehe, wenn das letztere vor dem erstern ist! – Dann sann er weiter: Auch mein Haus steht an einem solchen Schutthügel, der vom Pfeffersberg herabgekommen und der, jetzt gleichwohl schön begrünt und bewaldet, die Mahr heißt bis auf den heutigen Tag. So eine Mahr! Am rechten Orte und zu rechter Zeit thäte so eine Mahr viel! Sie thäte mehr als hundert Schützen! ... Und als Peter Mayr also dastand in der öden Einsamkeit, in der unheimlichen Wildheit der Natur, da hörte er ganz plötzlich und nahe hinter sich eine helle Menschenstimme. Von einem Felswändlein kam sie herab, und dort stand ein Bursche, die Hände in den Taschen der schlotternden Hose, munter sich auf den weit ausgespreiteten Beinen schaukelnd von einem zum andern. Er trillerte und er sang ein altes Lied: »Wie lustig ist's im Sommer Wohl auf der grünen Weid, Wenn alle Vöglein singen In heller Herzensfreud. Wenn alle Hähnlein pfalzen, Und alle Kuckuck schrein, Und alle Mägdlein laden Die Knaben zu sich ein. Wie lustig ist's im Winter, Wenn's auf der Alm wird still, Und nur ein einziger Hirte Noch Sennin suchen will. Dem werd' ich gleichwohl sagen: Die Sennin ist nit hier. Doch bin von einem Knaben Ich hergeschickt zu dir.« Nun sprang der Junge vom Felsen herab, ging näher an den Mahrwirt, so nahe, daß dieser das Weiße in seinen Augen sah und ihn auch zu erkennen glaubte. Und hier gab er, als wie zu Ehren des Zuhörers, noch ein B'sätzel dazu: »Es ist ein schöner Knabe, Es ist ein braver Mann, Er hat dem Freund schon Liebes, Dem Feind schon Leid's gethan. Nun liegt er zum Verschmachten Auf einem kühlen Stein, Und läßt durch mich dich laden, Ein Helfer ihm zu sein.« Jetzt schwieg der Sänger und stand ruhig da, als ob er warten wollte, was der Mann thun würde. Der Mahrwirt sah ihn an und sagte: »Du bist ja der Spielmann, der Gurgler-Toni!« »Ei freilich!« nickte der Bursche mit dem braunen Gesicht und dem schwarzen Haargelocke. »– Von dem die Leute sagen, daß er ein Taugenichts ist!« »Ei freilich!« sagte der Bursche. »Wie kommst denn du jetzt auf diesen Berg?« »Wahrscheinlich so wie du.« »Was willst aber nur da heroben?« »Ich? Betteln.« »Bei den unbewohnten Hütten?«. »Und bei den reichen Wirten, die dahier auf der Alm so herum stehen.« »Das wird sich schier nicht auszahlen,« versetzte der Mahrwirt. »Es ist auch in etlichen Hütten noch wer drin.« sprach der Tonele, dieweilen er das rechte Bein in die Höhe hob und mit dem linken ein par Hupfer that. »Zum Beispiel, da unten in der Mooshütten sitzen drei versprengte Bayern. Die trauen sich nit hinab und wissen alleweil noch nichts davon, daß sie wieder Herren sind im Land, und ich hab's ihnen auch nit gesagt. Die haben mir was geschenkt. Und du mußt uns auch was schenken.« »Was kann denn ich dir geben?« fragte der Mahrwirt. »Was du willst, Wirt, uns ist alles recht, und noch am liebsten wäre uns eine alte Joppe, weil's kalt ist. Mein kranker Kamerad hat keine Decke.« »Dein kranker Kamerad?« »Freilich.« »Wo ist er denn?« »Ja, mein Lieber, den hab' ich gut versteckt!« schmunzelte der Tonele, »aber wenn du brav bist, Herr Wirt, so will ich dir ihn verraten. Höre mir einmal sein sauber zu!« Und dann begann der Bursche mit solcher Beschreibung: »Wenn du da hinten rückwärts hinübergehst über den Wall, wo die grauen Steine sind, und wenn du hinabgehst zwischen dem Knieholz, bis du nit weiter kannst, weil du an einem Abgrund stehst, so kannst stehen bleiben. Wenn du aber nit stehen bleiben willst, sondern lieber links hingehst bis zum Steig und an demselben niedersteigst, so kommst du auf eine Alm hinab, die um und um von Kuppen und von Wänden umgeben ist. Dort ist es sehr schön. Dort stehen auch zwei Hütten, wo im Sommer Senninnen sind. Die eine Hütte ist jetzt fest zugesperrt, bei der andern haben wir die Thür aufgebrochen und alles, was drin ist, eigenmächtig an uns geraubt.« »Geh mir mit solchen Sachen!« »Schreckliche Räuber, mein lieber Mahrwirt. Aber wir haben halt müssen, sonst wär' er mir gestorben.« »Wer?« »Mein Kamerad. Weil er so grob gefallen ist, wie ihn die Franzosen über den Steinbühel hinabgeworfen haben.« Nun wendete der Mahrwirt sich gar angelegentlich dem Burschen zu und sagte: »Deine Reden verstehe ich nicht.« »So könntest ja mitgehen und schauen,« meinte der Tonele. »Wir sind ohnehin hübsch verlassen all zwei und wenn er nit bald stark genug wird zum Hinabgehen, so deckt uns der Schnee zu. Nachher im Frühjahr zwei maustote Leichen.« Auf solcherlei Reden ward dem Mahrwirt unheimlich, er trat in seine arme Hütte, nahm den Rest der Nahrung zu sich und ging mit dem Burschen. Sie nahmen genau den Weg, welchen der Tonele beschrieben hatte, und nach einer Weile kamen sie richtig hinab in den Almkessel zu den zwei Hütten. Als sie etwa noch fünfzig Schritte von der einen entfernt waren, stand der Tonele still und sagte zu seinem Begleiter: »Du darfst aber jetzt nit hinein, er kunnt sich arg erschrecken. Nit, daß er vor dem Feind schreckig wär', das nit; ich glaub', wenn's wieder um den Hofer ging', mit den Zähnen zerrisse er die Franzosen.« »Hofer?« fragte Peter, »vom Sandwirt ist was?« »Freilich vom Sandwirt. Den hätten sie schon im Schnappsack, wenn er nit ins Mittel gesprungen wär'.« »Er? Was denn für einer? So rede doch deutlich!« »Na, halt er,« antwortete der Bursche, »er, der da drinnen liegt. Ist auch so einer, ein Vagabund. Ueberall dabei, wo es losgeht und überall den Herren Soldaten unter den Beinen durch und nur nit heim. Nachher schön sauber das Unglück mit dem Frieden und der Hofer kriegt's Laufen. Wir laufen auch, im Hochgebirge soll's auf einmal so nett sein. Kommt unterwegs der, von dem ich red' und der jetzt da drinnen liegt, der nämliche, ins Wirtshaus auf dem Dürnjoch. Hau, da geht's lustig zu, da gibt's Franzosen! Aber so ein rothaariger Satan ist da, einer von der Gegend, der sich auskennt. Der laßt sich Dukaten auf die Hand zählen und wispelt den Welschen was zu, und mein Kamerad hört, daß vom Sandwirt die Red' ist. Er hockt hinten im Ofenwinkel, er, derselb, von dem ich red' – schnitzelt an seinem Stecken herum und thut nichts, desgleichen und spitzt doch die Ohrwaschel auf das, was der Rothaarige sagt. Der Hofer wär' voreh im Wirtshaus gewesen und keine Viertelstund nachher durch den Lärchenwald hinauf. Dahinter eine Köhlerei und da müßt' er sich niedergelassen haben, denn er wär', hätt' er gesagt, seit zwei Tagen und Nächten ohne Schlaf und ohne einen Bissen Brot. Das hat der Rote so brummig hingesagt und darauf zahlen die Franzosen ihre Zeche und richten sich zum Fortgehen. Aber der im Ofenwinkel wie ein Wiesel bei der hintern Thür hinaus und hinauf durch den Wald, dem Kohlenrauch zu, und ist bald bei der Hütte, wo der Sandwirt sich just auf den Schaub legen will. – Kommandant, die Franzosen kommen! Der Hofer das hören, nichts vergessen, davon.« »Ist er doch entkommen?« fragte der Mahrwirt. »Freilich.« »Gott Lob und Dank!« »Hat nit lang gedauert, sind die Welschen da und halten die Spieße bei der Hüttenthüre hinein. Der, von dem ich red', er ist ja noch hübsch jung und klein, will ihnen zwischen durch die Beine; da nehmen sie ihn beim Kragen und wo der Andreas Hofer wär'? – Ja, der ist halt nit da. – Ob er ihn verscheucht? – Mag schon sein. – Auf das haben sie den, von dem ich red', bei den Füßen genommen, haben ihn hingeschleift, durch den Wald hinab, haben ihn über eine Felswand geworfen. Dort unten ist er liegen geblieben, Mahrwirt, und jetzt weißt es.« »Liegen geblieben?« »Ja freilich, wohl liegen geblieben,« antwortete der Bursche. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »Wenn ich am selbigen Tag einen Groschen Geld im Sack hab', so ist's ein Unglück. Dann gehe ich ins Wirtshaus am Joch und esse was, und nit hinauf in den Wald Brombeeren suchen. Weil ich aber kein Geld hab', so gehe ich Brombeeren suchen. Und jetzt finde ich ihn liegen, ganz zerschlagen auf dem Sand, und will just versterben. Ich kenne ihn gleich auf den ersten Blick – und seit der Stund' sind wir bei einander. Zuerst im Wirtshaus verbunden und gelabt, nachher wollen über das Gebirg in unser Thal hinüber, unterwegs ist er mir wieder schwach worden. Hab' mit ihm umkehren wollen zum Jochwirtshaus, sehe aber schon den Rauch aufsteigen und wie's brennt; die Franzosen haben's angezündet. Jetzt was kann der arme Wirt dafür! Bei der Brandstatt haben wir nichts zu thun, und sind halt weiter, hab' mich mit dem Kranken verirrt im Gebirg und wohl schon alle Engel singen gehört. Mahrwirt, die können's noch besser wie der Gurgler-Tonele! Zuletzt haben wir diese Lucken da gefunden und sind hier verblieben. – Ich werde jetzt hineingehen da in unsre Residenz; du kommst bald nach, mußt dich aber nit zu groß verwundern, es gibt noch schönre Schlösser auf der Welt.« Was sind das für Geschichten! dachte der Mahrwirt, als er so vor der halb in die Erde versunkenen Sennhütte stand auf der bergumfriedeten Alm. Wunderlicherweise ahnte er noch immer nichts; an den Sandwirt dachte er. Das glaube ich, daß sie nach ihm spähen, die Blauhosen. Nun, vielleicht kommt er ihnen noch einmal von selber entgegen, aber so, daß zur Abwechselung sie wieder einmal laufen. Jetzt könnte er ja hineinkommen! rief der Tonele zur Hüttenthür hinaus. Peter trat zögernd ein und fand – in trockenes Heu größtentheils vergraben – seinen Knaben Hans. – Er war's! Er war's! Das liebe Gesichtlein. Aber gar schmal und blaß und auf der Stirn eine Schramme. Vater und Sohn schauten sich nur so an, stumm und ernst. Peter rieb sich zuerst die Augen, weil er meinte, vom grellen Licht plötzlich in den dunklen Raum getreten, sei er sonnenblind geworden und es spotte ihn ein Trugbild. Der Tonele trat mit steifer Würde dazwischen: »Mahrwirt, die Geschichte weißt du, und da ist der Held dazu!« Der Mahrwirt war immer noch stumm und welcher nun zwischen Vater und Sohn das erste Wort sprach, das war der letztere. »Ich wollte jetzt schon gekommen sein, Vater,« sagte er ganz gelassen, »wenn ich nur nicht so müde geworden wäre. Wie geht es der Mutter?« Freilich konnte sich Peter jetzt nicht mehr halten, beugte sich hin über den Knaben, nahm den Blondkopf zwischen seine Hände und küßte ihm mit einer fast zornigen Leidenschaft die Wangen. Der Knabe ließ das ruhig geschehen, dann that er einen tiefen Atemzug und sagte in bittendem Tone: »Vater! – Nicht wahr, jetzt bist du wieder gut auf mich? ...« »Kind!« rief der Mahrwirt aus, »du weißt es nicht, du weißt es nicht, welche Pein du uns bereitet hast! Du böses, hartes Kind!« »Ja, ja, ganz recht, die Franzosen mögen ihn auch nicht!« bemerkte der Tonele. »Dem Hofer? Dem Sandwirt hättest du ausgeholfen?« also der Vater. »Du wärest derselbige, du? Gott der Allmächtige soll dich segnen, du mein tapferes, mein treues Kind!« Er wußte sich nicht zu fassen. Der Knabe zog aus dem Heu seine Hand hervor, sie war verbunden mit einer alten Zipfelmütze, streichelte das Haupt des Vaters und sagte: »Jetzt bin ich schon gesund, jetzt gehen wir bald heim.« So einfach ging das zwar nicht, denn als der kleine Hans sich erheben wollte, krachten die Knochen und er sank mit einem Seufzer wieder zurück auf das Lager. Der Mahrwirt mußte die beiden Kameraden allein zurücklassen im hohen Gebirge. Er selber eilte, so rasch als seine Füße ihn trugen, dem Eisackthale zu. Er wanderte einen Tag und eine Nacht und konnte unterwegs nichts denken als: o Wunder, jetzt haben wir den Hans wieder! Dieser Spielmann! Kein gutes Wort habe ich ihm gesagt, und er hat's doch so brav gehalten mit dem Knaben. Schon gegen Morgen war's, als der Mahrwirt zu seinem Hause gelangte. Um Frau Notburga in seinem kaum zu bändigenden Ungestüm der Freude nicht zu erschrecken, klopfte er an die Thüre des Stalles. Erst auf ein zweites Klopfen hörte er drinnen die Hanai sagen: »Christi Heiland, jetzt ist gewiß der Taugenichts da!« Der Wirt ahnte gleich, wen sie meinen konnte, daher sprach er: »Gedulde dich, Hanai, er kommt morgen. Heute bin ich es und du sollst so gut sein und mein Weib aufwecken, aber ganz leise.« »Leise?« lachte die Magd, »da wird sie ja nit munter.« »Ich meine nicht zu heftig, daß sie nicht erschreckt. Und sollst ihr sagen, sie möchte sich richten, es thäten ein paar gute Bekannte anrücken. Hanai! Unser Hans ist wieder fürgekommen. Denke dir, der kleine Kampel hat den Andreas Hofer auf der Flucht vor den Franzosen gerettet. Und der Toni, der Musikant, der Taugenichts –« »Na, na, Wirt, derfang' dich, derfang' dich!« »Der hat wieder den Hans gerettet, es ist wie eine Mähr, es nicht zu glauben.« Er wußte gar nicht, wie er mit wenigen Worten alles sagen konnte. Die Hanai schlüpfte vor Freude wimmernd in ihr Gewand, lief aus dem Stall zum Hausthor und begann mit aller Macht zu rütteln und zu schreien, um der Frau Notburga »ganz leise und ohne sie zu erschrecken«, die Botschaft beizubringen. Und also hub nach langer Trauer ein dreifacher Freudentag an im Hause an der Mahr. Zwei Stunden kaum gönnte Peter sich Ruhe, dann machte er sich mit noch ein paar kräftigen Männern der Nachbarschaft auf nach den Berghohen, um den Knaben und seinen treuen Genossen zu holen und in das heimatliche Thal zu bringen. Peter, ich hab' deinen Handschlag! Im Wirtshause an der Mahr waren keinerlei Anstalten getroffen, um zur glücklichen Heimkehr der Vermißten ein Freudenfest zu feiern, es feierte sich ganz von selbst. Alle Nachbarn und Freunde waren herbeigekommen, so daß das Haus die Gäste schier nicht fassen konnte. Heute tranken sie gemeinsam aus großen Krügen den rothen Tirolerwein, der um diese Jahreszeit am besten ist, und Peter saß frisch aufrecht unter ihnen. Er wußte keine Zeit, wo ihm so wohlgemut gewesen war, als heute, und wieder nahm er sich vor, von jetzt an ganz seinem Hause zu leben. Sein Plan war, die Wirtschaft an der Straße aufzugeben, oben auf dem Ritten, seiner alten Heimat, ein Bauerngut zu kaufen, zu pflanzen, zu ackern, Vieh zu züchten und festständig zu werden auf der Väter Scholle. – Vielleicht, daß er heute das letztemal frohe Kameradschaft hielt im Wirtshause. Dem kleinen Hans mußten sie ins Bett hinein die Herzensworte sagen, die sich denn einmal nicht zurückhalten ließen. Der Held, der den Hofer gerettet hat! Der seinen jungen, gesunden Leib hat müssen opfern für den Vater von Tirol! – Die Frauen waren gar nicht abzuhalten, ihn zu herzen und zu kosen, bis er mit den Armen eine sehr unwillige Bewegung machte: Sie sollten ihn in Ruh' lassen! Frau Notburga saß neben ihm und schaute ihn an mit einem Gesichte voller Stolz und voller Sorgen und wies die größten Lobpreisungen demüthig zurück. Der Arzt hatte versichert, die Hauptsache werde sich bald wieder geben, so daß der Knabe wenigstens am Stocke würde gehen können. Es war eben einer mehr der Krüppel aus dem Befreiungskampfe, und ein gar junger! In einer ganz andern Glorie schwamm bei dem Feste der schöne schwarzlockige Gurgler-Tonele. Der aß und trank fürs erste weidlich, fürs zweite hatte er seine »Klampfen« zur Hand, und so oft sie anhuben, seine Bravheit zu loben, hub er an zu klimpern. Zum fröhlichen Saitenspiel munterer Gesang und dieweilen schweiften seine schwarzen Augen in der Stube umher und suchten etwas. Dasselbige aber, was die schwarzen Augen suchten, lugte vom Vorhaus durch die Thürfuge herein. Die Magd Hanai allein hatte an diesem Tage bei sich so viele himmlische Freuden, als alle andern zusammen. Nur der einen Sache wegen wollte sie sich tief in den Erdboden hinein schämen. Alle Anwesenden hatten ihr Halbfeiertagsgewand am Leibe und waren ordentlich hergestiefelt; der Tonele saß in seinem lehmgrauen und verschlissenen Röckel da und hatte nicht einmal Schuhwerk an den Füßen. Er schaute wahrhaftig aus, als wäre er von seinem Ideal, dem Bettelkarren, herabgesprungen. Und doch hat er die Keckheit, mit seinem roten Gesichtel jeden und jede anzulachen! Aber das sollte er sich schon noch abgewöhnen, der müsse noch ordentlich gebürstet werden, bis man sich mit ihm auf den Kirchplatz wagen könne. Unerhört, was er jetzt wieder für eins herauszwickt. Der Tonele ließ seine Augen blinzeln und sang: »A so ein fesch Kerndl, Als wie mein süaß Deandl Gibt's auf der ganzen Welt nit mehr. Und das liabe Täuberl Wird bald mein brav Weiberl, Ich gib's um Leib und Leb'n nit her! – Schrum schrum, zidi zum – Ich gib s um Leib und Leb'n nit her!« Das war hübsch, aber es wäre gewiß noch hübscher gekommen, wenn der Gesang nicht derb unterbrochen worden wäre. Mehrere Männer traten rasch in die Stube, darunter auch der schwarze Steuereinnehmer. »Ist Faschingszeit jetzt?« rief Kulber mit den Augen den Wirt fassend, »Mahrwirt, schicke die Spielleute und die Weibsbilder fort, wir verlangen es!« Peter stand von seinem Sitze auf und entgegnete: »Das Recht wird mir zustehen.« »Peter Mayr!« sagte Kulber, »willst du dich zu Schanden machen lassen von deinem zehnjährigen Sohn?« »Wieso?« »Der kann Wort halten.« »Wort halten wird unsereiner auch noch können,« antwortete der Mahrwirt. »Du hast mir dein Wort nicht gehalten!« sprach Kulber leise, aber mit schwerem Nachdruck. »Kulber!« rief der Wirt und richtete sich starr empor. »Wir haben dich gerufen in der Not, du sitzest beim Zechkrug und bist nicht gekommen, wie du mir's versprochen hast.« »Ich habe dir nichts versprochen!« »Oben im Gebirg! Peter, ich habe deinen Handschlag!« sagte Kulber. »Davon weiß ich nichts. Beim Abschied habe ich dir freilich die Hand gegeben,« entgegnete Peter. »Du hast mir sie darauf gegeben, daß du kommst!« »Wenn es sein kann, habe ich gesagt.« »Nicht, wenn es sein kann!« rief Kulber leidenschaftlich, »davon habe ich nichts gehört. Du hast mir die Hand darauf gegeben, daß du kommst und mit uns in den Kampf gehst!« Alles war still und schaute auf den Mahrwirt. Dieser that die Arme auseinander in eine halb wagerechte Lage und sagte: »So wahr Gott im Himmel ist, ich weiß nichts davon. Aber ich habe seither viel Aufregung erlebt, man kann's vergessen. Sagst du's, Kamerad, so glaub' ich's. Wenn ich's versprochen habe, so halte ich's, und wenn ihr jetzt um mich da seid, so gehe ich mit euch.« »Gott sei Dank,« sagten die Männer zu einander, »er geht mit uns.« Sie drängten sich an ihn, um seine Hand zu fassen: »Wir haben es ja gewußt, Mahrwirt, daß du uns nicht verlassen wirst. Unser Kommandant mußt sein!« »Ich gehe mit, weil ich muß, aber Kommandant will ich nimmer sein,« entgegnete Peter. »Unser Kommandant mußt sein. Die Verantwortung tragen wir alle, aber folgen wollen wir nur dir allein. Die andern sagen auch so. Du bist schon gewählt, da kannst dich nicht mehr weigern. Peter, denk' an die Klausen, damals! Mit dir und neben deiner werden wir die höllischen Sakra schon wieder hinauswerfen. Es ist aber die höchste Zeit, hinter dem Brenner herauf ist schon alles voll, mehr Franzosen als Graßbäume. Der Löw Befer strotzt sich auf wie die Katz' vor dem Sprung. Es ist die höchste Zeit.« Peter wendete sich gegen die Tische hin: »Trinkts aus, Männer. Wer mit will – wir gehen!« Kulber war vergnügt und dachte: Mit der plumpen Wahrheit richte ich das ganze Jahr nicht so viel aus, wie mit ein bissel Politik in einer halben Stund. Jetzt kann's losgehen. Eine Viertelstunde später war es leer und still im Wirtshause an der Mahr. Frau Notburga saß nachdenklich unter ihren Kindern. Der Hans versicherte, daß weder an Händen noch an Füßen, noch an andern wunden Stellen Schmerzen vorhanden wären und daß er mit dabei sein wolle gegen die Franzosen. Indessen ging es ihm nicht viel besser, als oben im Gebirg: als er sich aufrichten wollte, sank er mit einem Hauch des Schmerzes wieder zurück. Dann knirschte er über den schlechten Arzt, der ihn noch nicht gesund gemacht hätte. Schwesterlein Marianna ging gar nicht von seinem Bette fort, sie hatte für ihn sanftmütigen Zuspruch und streichelte mit den weichen Händchen sein blondes Haar und schaute dabei ganz ehrfurchtsvoll auf den wiedergefundenen Hans, der so große Stücke ausgeführt und so viele Fährlichkeiten bestanden hatte. Er war ihr jetzt weit lieber, als das ganz kleine Peterlein, das noch nichts Nennenswertes geleistet hatte außer Milchtrinken und Fingerlutschen. In der darauffolgenden Nacht ereignete es sich, daß an der Stallthür des Mahrwirtshauses jemand hübsch beharrlich klopfte und wisperte und endlich auch seufzte, und daß drinnen sich beharrlich niemand meldete. Als das eine Weile so gewesen, wurde es vor der Thür still, jedoch rückwärts draußen, wo ein Fensterlein war, hub eine gar ängstliche und gedrückte Männerstimme an, sanft also zu singen: »Ich hab' dich so g'liabt, Und ich hab' dich wollen werb'n, Und jetzt soll ich traurig Mit meiner Liab sterb'n. Das kann doch nit sein, Hab' dich gliabt treu und rein, War ja immer bei dir, Wann du weit weg von mir. Und wann d' noch so hart bist, Ich hab' dich doch gern, Wie keiner auf der Welt dich So liab'n kann und ehr'n. Und daß ich dich g'habt hätt' Mein Dirndl so gern, Das wirst, wann ich g'storb'n bin, Erst inne noch wern.« Ah – nun ging das Fenster auf. In leise grollendem Tone sprach die Magd heraus: »Still sei! Die dummen G'sangeln alleweil! – Wo du sie nur hernimmst, möcht' ich wissen!« »Das weiß ich halt selber nit,« meinte der Sänger, »mir fallen sie nur alleweil so ein.« »Und ist's dir richtig ernst mit so was?« fragte sie. »Ah beileib,« antwortete er, »man thut halt nur so singen.« »Daß du aber schon gar keinen Fried' geben kannst bei der Nacht!« »Ja, das ist mir schon selber zu dumm,« sagte der Tonele, – natürlich war es der – »dasmal ist's aber was Wichtiges. Ich will von dir Abschied nehmen.« Er lehnte an der Wand und hielt seine Hand hinein zum Fenster. »Aber bist ja erst gekommen,« flüsterte die Hanai, »das heißt, du willst mit den Männern fort und da hast schon recht. Aufs Schlachtfeld, du tapferer Ritter, damit du wieder einen Franzosen – trinken lassen kannst am Brunnen.« »Fängst schon wieder an,« murmelte er jetzt wirklich verzagt, »kaum daß ich bei dir bin, fängst an. Gescheiter, ich geh' fort und mich g'freut nichts mehr.« »Toni, ja warum denn?« »Na, halt so.« »Lapp, du wirst doch wissen, warum!« »Wissen thu' ich's schon.« »Magst mir's nit sagen?« »Du weißt es eh selber.« »Und wenn der Kuhschweif Kirchenglocken läutet, nichts weiß ich.« »So kannst dir's denken.« »Ich bin nit so gescheit, als wie du.« »Und ich bin nit so tapfer, als wie du,« sagte der Bursche bitter, »ich hab' keine Leut' derschossen, hab' mit der Mistgabel keine Franzosen versprengt, nit einmal den Bonaparte hab' ich gefangen und auch nit dem Sandwirt geholfen auf der Flucht.« »Nau, und was weiter?« »Und darum magst mich nit.« Jetzt, das hatte die Hanai gehört und verstanden. Sie kratzte mit dem Fingernagel ein wenig am Fensterrahmen, als ob dort etwas Ungehöriges klebte, und hernach murmelte sie in den Holzpfosten hinein: »Das muß ich schon sagen, schön ist's just nit, daß du nit um einen Groschen was ausgerichtet hast bei der jetzigen Zeit, wo sogar die Schulbuben ihr Heldenstückel aufzuweisen haben. Nur, daß man es dir nit so schwer aufmessen kann. Und das, wie du den kleinen Hans hast aufgesucht –« »Was meinst, Hanai?« »Narr, geh' her näher, wenn du sonst nichts verstehst!« Er war ohnehin nicht weit, nun duckte er sich und steckte den Kopf zum Fenster hinein. »Was glaubst denn eigentlich?« fragte ihn die Hanai. »Du nichts haben, ich nichts haben – auf was sollen denn wir zusammen heiraten?« Der Bursche stutzte. Davon spricht sie? Selber hebt sie davon an? Gut ist's. »Freilich wohl, wenn wir nichts haben,« antwortete er beklommen, »aber schau, wenn wir nit zusammen heiraten, so haben wir halt auch nichts.« »Sie lassen uns gar nit heiraten!« Unwirsch stieß die Magd dieses Wort hervor. »Wegen dem,« antwortete hierauf der Bursche gelassen, »wegen dem, daß sie uns nit heiraten lassen, wollt' ich noch g'rad nit ins Wasser gehen; wenn wir uns all zwei miteinand gern haben, bin ich schon zufrieden.« »Gern haben? Wie meinst du das?« »Na ja, gern haben. Halt so gern haben, wie zwei verliebte Leut' sich halt gern haben.« »Mensch!« begehrte die Hanai auf, »du bist doch grundverdorben. Wart', ich will dir helfen!« Zornig packte sie ihn bei den Haaren, der Bursche ächzte, wimmerte, gab dem Zerren ihrer Hand erklecklich nach, ruck, ruck, durchs Fenster – und plumps! liegt er drinnen auf der Stallstreu zu ihren Füßen. Im ersten Augenblicke vermochte er sich vor Ueberraschung ob dieser unvorhergesehenen Schicksalswendung nicht zu fassen. Finster war es auch. Sie aber wußte ihn trotzdem zu finden, um diesen leichtfertigen Loter einmal recht exemplarisch zu strafen. Ihn an beiden Ohren fassend, mit den Fäusten seinen Kopf walkend, pfauchte sie: »Ja, mein sauberes Spitzbuberl! So hätte ich dich schon lang gern unter meinen Fäusten gehabt! Wie du es hast getrieben, das ist schon ein bissel gar zu arg gewesen. Herumklimpern vor allen Häusern und betteln, weiß Gott, um was alles! Nachher wieder herumliegen unter Stauden und Heuhaufen bei der Nacht! Nachher wieder fort, nichts hören lassen, nachher mit den zernichten Gewandfetzen im Wirtshaus sitzen und sich die Augen auskegeln auf allerlei Weibsbilder hin, daß es eine Schand und ein Spott ist...!« »Au, au, au!« jammerte der arme Tonele, denn sie war ihm auf die Zehen getreten. »Ja, au, au, wirst du dir noch genug winseln, wenn du einmal in der Höll' bist!« knirschte sie, »dieweilen aber! Dieweilen! Wart' nur, du sollst dir's merken!« Damit riß sie ihn an sich, »du schlechter Mensch, du! Du! Du! sündhafter sauberer lieber Kerl, du! Dem Hansel ein so braver Kamerad sein! Sei's meiner auch, Toni, herztausiger Schatz, sei's auch meiner! Mein bist! Mein bist ganz!« Und drückte seinen Kopf mit beiden Händen an ihren Busen und preßte ihn mit aller Macht an sich, daß ihm und ihr der Atem verging. – So schauderhaft ist der junge Spielmann bestraft worden für seine Missethaten. – Ob es ein sehr abschreckendes Beispiel war? Aber gemerkt hat er sich's. Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, saß der Bursche auf einer Pappel, wie sie an der Landstraße stehen, und trillerte ein solches: »Sie hat ein Haar, als wie von Seiden, Und ein' Hals, so weiß wie Kleiden, Und 's frische, helle Aeugerl lacht, Als wär's von Luft und Himmel g'macht. Und Wangerln hat's wie Morgenröt, Wann auf der Alm die Sonn' aufgeht. Wann's lacht, so legt sich halt der Mund In d' Wangerln eini, kugelrund, Daß überall ein Grüaberl steht, Als wann man ihr's ausdrachselt hätt'. Und hat ein Brüsterl rund und rein, Als wie ein weißer Marmelstein. Und hat ein Herzel heiß und voll, Daß ihr schier 's Mieder springen soll. Und wann ich mir's so zuwaziach, Und ihre weißen Zahnerln siach, Und 's Zungenspitzl guckt herfür, Da ist's frei aus und g'fahlt mit mir. Da ließ' ich Himmelreich und Leb'n Wann ich ihr kunnt a Busserl geb'n.« So hat er gesungen hoch oben auf der Pappel, die an der Straße stand. Kann sich einer denn so viele Wissenschaft aneignen in einer einzigen Nacht? Mein' Freud' ist auf der grünen Alm! Auf dem Marktplatze zu Brixen hatte ein bayrischer Kommissär bekannt machen lassen: Keine Zusammenrottung! Nach fünf Uhr abends kein offenes Wirtshaus! Abzuliefern die letzten Waffen, nicht ausgenommen das Taschenmesser aus der Lederscheiden! – Die Antwort darauf war, daß Kulber von der Anhöhe herab ein paar Kanonenkugeln knallen ließ auf das Haus, in welchem die bayrische Behörde war. Da schwieg diese und die Tiroler machten kein Geheimnis mehr. Südtirol stand bereit zu neuem Kampfe. Bald bewegte sich Schar um Schar gegen die Engschluchten des oberen Eisack. Die Jungen voraus, die Alten hinterdrein. »Ein Eichtel richten wir auch noch was aus,« sagte von den letzteren einer, »wenn unser genug sind. Zwei Alte machen so viel wie ein Junger.« In mehreren Gärten des Thales huben zu diesen späten Tagen die Sträucher an zu grünen, wie einst im Mai. Ein Lilienstamm stand auf und entfaltete seinen weißen Kelch. Gar seltsame Anzeichen, die Großes bedeuten konnten. Oben am Schlern in den Saiserfeldern huben die Glocken wieder an zu läuten; es waren die unterirdischen Glocken einer dort in alten Zeiten versunkenen Stadt, die allemal läuteten, wenn ein großes Ereignis bevorstand. Auf unzugänglichen Felsen hörte man Pferdegetrab und Gewieher. Vom Himmel fielen da und dort helle Blutstropfen herab. In einer Kirche auf dem Ritten sah man Heiligenbilder weinen. In einer Nacht stieg vom Kirchturm zum heiligen Jakob eine hohe bläuliche Flammensäule auf, sich oben spitzend wie ein riesiges Feuerschwert. Auf den Gräbern erschlagener Tiroler zuckten manchmal rote Flämmlein und im Walde bei Mühlbach wollte ein Hirte gesehen haben, wie aus Moos und Rasen fleischlose Arme mit krallenartigen Fingern hervorwühlten und sich ihm entgegenstreckten. Derlei Erscheinungen und Gerüchte, die besonders Kulber mit Fleiß in Umlauf zu bringen wußte, versetzten die Bevölkerung in eine unbeschreibliche Aufregung und alles, was nur Waffen tragen konnte, kam hervor und stellte sich zum Streite. Und es zeigte sich wieder, wie dieses Land unerschöpflich war an Kämpfern und Waffen. Das klang und knarrte und schrillte wieder durch die Thäler und von den bayrischen Beamten und Landwächtern wagte sich keiner hervor. Peter Mayr befehligte die seltsamen Truppen. Kein Wort war weiter darüber gesprochen worden, er gab Anordnungen und alles gehorche ihm – dem Sieger von Mühlbach. »Schützen,« hatte er nun, als die Bewegung ins Rollen kam, gesagt, »Schützen werden wir vorderhand wenige brauchen, heißt das, wenn wir flink sind und das warme Wetter anhält. Aber Zimmerleute, Weidenbinder, Seiler sollen herbei, so viele ihrer zu haben sind, und Holzleute mit Beilen und Erdarbeiter mit Krampen, je mehr, desto besser!« Sie verstanden den Kommandanten nicht, sollten ihn aber bald verstehen. Gegen den Brenner hinauf hinter Oberau zieht sich durch das Gebirge in Schlangenwindungen eine stundenlange schauerliche Engschlucht. Der Eisack gräbt sich sausend und brausend durch, hoch hinan die braunen Felsen bespritzend mit seinen weißen Gischten. Wuchtige Steinblöcke. die niedergebrochen oder von den Fluten herangewälzt sind, liegen im Wasser, umrast von den wütenden, grabenden, schreienden Wellen. Manches übermütige Bäumchen hat in den moosigen Spalten Stand gefaßt auf dem leise bebenden Fels, ängstlich krallt es seine Wurzeln aus und ins Wasser hinab, kein Sonnenstrahl wird ihm zu teil, weder im Winter, noch im Sommer, und bald steht es nur mehr als entrindeter, knochenfarbiger Strunk mitten im tobenden Elemente. Vom Hange sind Urwaldstämme niedergebrochen und modern am Uferrande, ihr starres Astgewirre vom Wasser bespült. Neben dem Eisack muß sich an Wand und Wildnis die Straße forthelfen, welche den Norden mit dem Süden verbinden soll. Wie muß sie sich winden und ducken, bescheiden dem wilden Strome ausweichen und doch wieder sänftiglich schmeichelnd an ihn sich schmiegen, um nur weiter zu kommen. Stellenweise hat sie sich aus dem Felsgrunde ihr gutes Recht herausgehauen und dasselbe mit wuchtigen Pälzen und Pfeilern gesichert; an andern Stellen hat sie mit riesigen Quadern ihren Boden dem Flusse abgerungen, ihn mit Vorwällen und Geländern geschützt! aber das alles ist nur von heute auf morgen. Kommt der Eisack eines Tages hochgewölbt und gepanzert mit Stämmen, Strünken und Felsklotzen, dann bricht das Menschenwerk krachend zusammen und die Wellen verwischen und verwaschen alle Spuren jahrelanger Arbeit in wenigen Minuten. An beiden Seiten der Engschlucht steigen teils senkrecht oder terrassenförmig die Felsen, teils die bebuschten, kümmerlich bewaldeten steilen Hänge, teils in wüsten Karen die Schuttschichten empor, sich hebend und bauend bis zu den höchsten Alpenkuppen fast im Bereiche der Gletscherregion. Nicht allein vor dem Wasser hat die Straße sich zu schützen, das an ihren Grundfesten nagt, wohl auch vor den Sandströmen, Lawinen und Bergstürzen, die hoch oben drohend hängen. Wenn der Eisack einmal seinen lauten Atem einhalten und horchen wollte, er würde wohl das Rieseln und Bröckeln hören oben in den Hängen. Nicht allein der von der Gemse losgetretene Stein springt herab, sondern auch der vom Eise gelockerte Fels! nicht allein die durch Schnee und Regen durchweichten Schuttmassen können ins Rutschen kommen, auch das durch Morschen der Wurzeln abgestorbener Bäume und Sträucher haltlos gewordene Erdreich. Am Wege hin und hin, an Wänden, Baumstämmen und Pfählen sind sie geheftet, die Erinnerungstafeln an Unglück und Tod, so den Wanderer zur Stelle plötzlich angetreten. Und durch diese Wildnisse zieht die Straße von Nord- ins Südtirol, die Straße von Deutschland nach dem Lande, wo die Zitronen blühen, welchem auf gleichem Wege einst Heere und Kauffahrer, Fürsten und Dichter zugewandert waren. Es war das einzige Schluchtenthor weitum und diese Straße mußte nun gewärtig sein der feindlichen Truppen, die jeden Tag in vernichtender Uebermacht herabströmen konnten vom Brennerpasse. Das zu solcher Jahreszeit fast unheimlich schöne und laue Wetter hielt an. Peter Mayr hatte seine Leute in die Engschluchten des Eisack geführt, nach vielem Umhersteigen sie dort verteilt an den Hängen und Felsterrassen und sie ganz seltsamlich befehligt. Nicht daß sie hinter Büschen mit geladenen Stutzen lauern sollten auf die bald anrückenden Truppen, nicht daß sie Felsblöcke oder Baumstämme vorbereiten sollten zum Hinabwälzen auf die bald vorübermarschierenden Soldaten; wohl auch solche Arbeiten gab es stellenweise, doch die Hauptsache war diesmal etwas andres. Dort, wo gegenüber einer vorhängenden Wand hart am linken zerrissenen Felsenufer des Eisack die Straße sich eine längere Strecke hinzieht unter einem turmdachsteilen, spärlich mit Erlen bewachsenen Hange und einer schmalen Brücke zu. dort, wo hoch über diesem Hange klüftige Wände ragen, Wände, in deren Runsen Schutthalden und Steintrümmer lagern, auf kümmerlichem Erdreiche auch einzelne Bäume stehen – dort rief der Mahrwirt seine Männer zur Arbeit. Dort hoch oben mußten sie Bäume fällen und spalten, dieselben quer am Hange hinlegen, mit Weidengewinden an den Enden aneinander binden, als sollte ein Steg hergestellt werden entlang der steilen Lehne. Mit Seilen wurde dieser viele Klafter lange Steg so befestigt, daß er wie eine Hängebrücke war. Höher oben in den Klüften waren die Tragseile an bestimmten Stellen sorgfältig befestigt und zu je einem nun strammgespannten Seile ein Mann mit dem Beile verordnet. Das war das erste, und die weiteren Anordnungen des Mahrwirtes verstanden sie schon besser. Peter befahl, daß man beginne, den langen Hängesteg mit Schutt und Steinen und Felsblöcken vorsichtig zu belasten. Und so huben ihrer siebzig Mann an, da oben zu graben, zu wühlen, zu lockern und die Massen aufzuschichten über dem Stege. Sie arbeiteten hastig Tag und Nacht, unten bemerkte man nichts, denn die Büsche verdeckten das Werk und das Wasser überschrie alles andre Geräusch. Mit großer Emsigkeit arbeitete jeder, denn Kulber, der oben bei Mittewald Wache hielt, sandte fort und fort Boten: der Feind sei schon in Sterzing und rücke immer näher. Der Kreuzwirt von Brixen, der Rampesbauer, der Griesacher, der Stauker ordneten immer die Linie. Auch selbst handhabten sie Hauen und Krampen. Der Griesacher und der Schockelfranz hatten sonst kein rechtes Zusammensetzen; ein Grenzstreit hatte sie entzweit vor vielen Jahren, der Streit war längst gerichtlich geschlichtet, aber sie konnten ihn nicht vergessen und hegten insgeheim gegeneinander Feindschaft. Nun es fürs Vaterland ging, arbeiteten sie einträchtig nebeneinander, und als jetzt der Griesacher den Franz bei der Lockerung eines Felsblockes unterstützt hatte, hielt der Schockelfranz ihm die rechte Hand hin und sagte: »Nachbar, wir wollen gut sein miteinander, wenn's dir recht ist, von heut' an wollen wir miteinander wieder gut sein.« So oft die Männer von ihrer Arbeit aufschauten, war ihr Blick in die Schluchten hin gerichtet; es war dort noch nichts wahrzunehmen, und so konnte der Mahrwirt fortfahren, immer mehr Massen über der Hochbrücke auftürmen zu lassen, so daß sie stellenweise schon hinangingen bis zu den senkrechten Wänden. – Und endlich war es so weit, daß er zu seinem Schwager Augustin, der im Bauernkittel neben ihm grub und schaufelte, die Worte sprach: »Jetzt können sie kommen.« Augustin hatte seinen Priesterrock abgelegt und auch das Kreuz. Jetzt bedurfte keiner mehr eines Zuspruchs, einer Aneiferung, jetzt wußte jeder, was zu thun war und um was es sich handelte. Augustin antwortete nur: »Wenn Kulber nicht wieder übertreibt, so werden wir nicht lange zu warten haben.« Peter blickte beobachtend zum Himmel auf und sagte leise: »Wenn das Wetter klar bleibt, dann wird's kalt in der Nacht.« Augustin entgegnete: »Mir ist so warm in der Brust, daß ich Rock und Leibel wegwerfen möchte.« »Nur jetzt kein Frost!« setzte Peter bei. »Auf zehn Jahre lang mögen Maifröste den Weinstock versengen in Tirol, nur jetzt kein Frost!« Und als es gegen Abend ging, begann der weiche lockere Schutt sich zu härten, daß er klang, wenn man mit dem Schuh oder Spaten an ihn stieß. Nun erst verstand Augustin Peters Angst vor dem Frost. Doch am nächsten Tage war wieder die warme Sonne da und vom Ritten her zog ein lauer feuchter Wind. Der Mahrwirt war Feldherr und nichts als das. Nicht mehr gezwungen war er's, sondern aus freiem Willen, in Lust und Begier. Man hörte kein andres Wort von ihm, als was des Kampfes und der Wehr war. In der Nacht, wenn er in seinem Loden eingeschlagen zwischen Steinblöcken, mit Reisig überdeckt, lag, sann er neue Pläne aus, um in Verbindung mit Naturmächten den Feind zu schwächen oder zu vernichten. Graute der Tag, so stieg er schon wieder in den Hängen umher, um nachzusehen, ob alles seine Richtigkeit habe. Besonders auf die zahlreichen, scharfgespannten Seile richtete er sein Augenmerk, und den Männern, die in gewisser Entfernung voneinander abwechslungsweise Tag und Nacht angestellt waren oben bei den Verankerungen, schärfte er immer wieder ein, bei dem bestimmten Zeichen alle zugleich ihr Seil durchzuhauen. Das Zeichen sei folgendes: zuerst vom Felsvorsprunge her mit der Schwegelpfeife den Anfang der Melodie: »Mein' Freud' ist auf der grünen Alm!« das bedeute volle Bereitschaft. Dann nach einer kleinen Weile drei rasch aufeinanderfolgende Flintenschüsse und der laute Ruf: »Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit!« Also waren sie fertig und lauerten. Und eines Morgens, als der liebliche Sonnenschein die Berghäupter verklärte und in den Schluchten der feuchte bläuliche Duft lag und ein mildes herbstliches Spinnen durch die ganze Natur ging, da huben auf der Lehne die letzten blühenden Enzianen leise an zu zittern. Und da hastete ein Mann herauf aus der Tiefe, der schrie flüsternd : »Sie kommen!« Einen Augenblick schien es, als wollten die Sträucher und Steine lebendig werden hoch am Berghange, hie und da huschte eine Gestalt, hie und da ein halberstickter Laut – dann war es wieder still, öde und starr stand der Berg da, wie er immer gestanden. In der Tiefe rauschte das Wasser. – Weit oben, wo die Eisackschlucht sich krümmt, hinter der Böschung des Berges stieg Rauch auf. In Mittewald brannten Häuser. Zu gleicher Zeit, als man das bemerkte, wurden die ersten Reiter sichtbar auf der weißen Straße. Sie schienen im gemächlichen Tempo zu reiten, wahrscheinlich sich hübsch Zeit gönnend zur Betrachtung der romantischen Gegend. Oder wollten sie in Erinnerung an die landesübliche Kampfweise lieber in großen geschlossenen Trupps die Schlucht passieren und also vor derselben sich sammeln? Den Reitern folgen auch bald dichtere Massen, die, so weit die Straße zu übersehen war, endlos nachströmten. Wo ein Sonnenstrahl auf die Truppen fiel, da leuchtete ein buntes Farbenspiel von Blau, Rot, Gelb und Weiß und die Waffen blitzten in blendenden Funken. Zu hören war noch nichts, als das ewige dumpfe Sausen des Wassers, und auf der Straßenstrecke, die unterhalb der verborgenen Hängebrücke hinging, zog kein Wanderer und kein Fuhrwerk. Doch siehe, ein kleiner Karren mit dem üblichen Blachenkobel, einer von der Art, wie sich ihn der junge Spielmann Tonele gewünscht, kollerte munter daher die Richtung vom Brenner gen Brixen. In der Gabel trabte ein Maulesel unbekümmert fürbaß und hinten lief ein schwarzes Hündlein hin und her und vertrieb sich die Zeit, die es übrig hatte, mit den welkenden Fächern der Germen, die am Wege standen und nach denen es manchmal schnappte oder ihnen etwas andres anthat. Daß diese Dinger so hübsch fächelten, wenn das Tier sie mit der Pfote fangen wollte, schien ihm kein schlechter Spaß zu sein. Dieses Gefährt that gerade nicht, als ob es auf wilder Flucht wäre vor dem anrückenden Feind. Ja, im Blachenkobel erhob sich jetzt sogar eine helle Musik von zwei Klarinetten, deren Klang froh in den Felsen wiederhallte. Fahrende Musikanten, welche im Glück ihrer Sache, die sie auf nichts gestellt, nicht unterlassen konnten, an diesem so lieblichen Herbstmorgen Gott und der schönen Welt zu Ehren ein Liedel zu pfeifen. Peter schaute von seinem hohen Posten herab auf diese fahrenden Leute, die so ahnungslos und fröhlich des Weges zogen. – An der Wand einer Dorfkapelle hatte er einmal ein Bild gesehen, auf welchem stolz zu Rosse, mit dem Schwerte umgürtet, mit Helmen, Kronen und Bischofshauben geziert, eitel Totengerippe ritten. Schöne, verführerische Frauen, schäumende Becher kredenzend, Zwerge mit Goldsäcken und allerhand andre Ergötzung folgten dem Zuge, und ganz hinten eine verhüllte Gestalt, die Miene machte, alle Herrlichkeit mit dem Besen wegzufegen wie Spinnengewebe. Dem Todtenzuge voran aber gingen tanzende Musikanten, welche ihn an einen mit Rosen verhüllten Abgrund lockten. – An das Bild mußte Peter jetzt denken. Der Dörcherkarren hatte dort unten um den Felsvorsprung gebogen hinaus gegen das Thal. In demselben Augenblick wurden in der Schlucht die ersten Truppen sichtbar, Fußvolk und Reiterei und Gespann mit schwerem Geschütz. So viel schon zu sehen, waren es Franzosen, denen sich eng auch ein Trupp von Bayern und Sachsen anschloß. Es war ein erschreckend großer Haufen. Manchmal wirbelten Trommeln, dazwischen grelle Trompetenstöße. Auch Pferdegewieher und Wagengerassel war schon zu vernehmen. Ueber dem Zuge, auf fast unsichtbaren Stangen wehte manches Fähnlein. Ziemlich rasch kam das herangezogen. Der Mahrwirt stand hoch auf seiner Felswand, so fest und starr wie eine Erzgestalt. Nur noch einmal hatte er sein Haupt nach beiden Seiten hin gewendet, ein letzter prüfender Blick nach der hängenden Riesenbrücke, nach den Männern, die auf ihren Posten standen. – Kein Flintenschuß hat an diesem Morgen noch geknallt in der Gegend. In voller Zuversicht marschiert der Feind heran und schon sind die Truppen auf der Straßenstrecke, die unter dem Bereiche der hängenden Brücke liegt. Peter Mayr zieht aus seiner inwendigen Joppentasche eine Holzpfeife, wie sie Hirten haben, setzt sie an den Mund und bläst das Lied: »Mein' Freud' ist auf der grünen Alm!« Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit – ab! Ein bayrischer Offizier, der mit seinem Fähnlein aus den Donauländern nach Tirol gerufen worden war und sich am Brenner den Franzosen angeschlossen hatte, um mit ihnen nach dem Süden zu marschieren, hat von diesem Morgen in den Eisackschluchten einen Bericht gegeben. Es war ein fröhlich Wandern – so erzählt er –, anfangs vom Quartiere ab fast mehr handwerksburschenartig als soldatisch. Später ließ der General etwas wie: Habt acht! kommandieren. Das verstand ich nicht. Ich fand die Tiroler gar nicht so schlimm, als sie geschildert worden waren; von Kufstein bis hierher an den Eisack hatte ich kaum einen Flintenschuß gehört. Sonst sollen sie aus dem Hinterhalt auf arglose Soldaten gefeuert haben, was ja die Grausamkeiten meiner Landsleute, wenn auch nicht entschuldigen, so doch erklären ließ. Dieses Bergvolk glaubte freilich Kaiser und Papst im Rücken zu haben; der Friedensschluß hat es eines Bessern belehrt, nun ist es ruhig und ergibt sich und wird erkennen, daß wir nicht als Feind ins Land gekommen, sondern als Freund. Wer möchte auch als Feind einrücken in dieses einzig schöne Land! – Meinen Burschen hatte ich mit dem Pferde vorausgehen lassen, ich war von dem Trupp etwas zurückgeblieben, um mich der Betrachtung dieser unbeschreiblich großartigen Gegend hinzugeben. Ich hatte so etwas bisher noch nie gesehen. Diese ungeheuern Bergmassen, dieses krystallklare tobende Wasser und diese breite, glatte, mit voller Sicherheit durch die Wildnis hinziehende Straße! In einen stilleren Grund gekommen, wo die Schlucht sich weitete, der Fluß flacher auf braunem Sande hinwallte, hörte ich hoch über mir in dem Gewände eine Flöte spielen; eine überaus liebliche Melodie war es, daß ich hätte die Mütze lüpfen mögen, um den Aelpler, der so spielte, den ich aber nicht sah, zu grüßen. Dann stand ich still, ließ an mir noch Fußvolk und Reiter vorübertraben, bis ich der letzte war und in aller Ruhe die idyllische Stimmung so recht genießen konnte. – Und so dastehend. hörte ich oben am Berge einen Menschen ganz deutlich rufen: »Steffel! darf ich noch nit abhacken?« Und eine andere Stimme weiterhin gab Antwort: »Nein.« Da ward mir auf einmal etwas unheimlich und ich hub an zu marschieren, dem Truppe nach, der dicht aneinandergedrängt in der sich wieder verengenden Schlucht dahinzog. Plötzlich hoch oben drei Schüsse und ein gellender Schrei: »Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit – ab!« – – – Und jetzt geschah etwas, das mich bis ins Mark hinein schaudern macht, so oft ich dran denke. Der ganze steile Berghang vor mir wurde lebendig, von unten bis oben löste sich eine ungeheure Lawine und fuhr unter unbeschreiblichem Donnern und Krachen herab. Steine, Schutt, Baumstämme, Erdreich, eine wüste, in allen ihren Theilen wirbelnde, Splitter, Trümmer emporschnellende, grausig lebendige Masse kam herab. Und dazwischen und darüber und darunter hausgroße Felsblöcke, zuerst mit der Lawine träg rutschend, dann sich überschlagend und in hohen Bogensprüngen zur Tiefe sausend. Alles das sehe ich heute noch, dann verging mir das Auge; ein unauslöschliches Prasseln, Knattern und Krachen überall, als stürzten die Berge ein – dann nichts mehr. Als ich – so berichtet der bayrische Offizier – wieder zu mir kam, war es totenstill, nicht einmal das Wasser rauschte; es stand da wie ein langer, schwarzer Tümpel. Vor mir, wo die Lawine niedergefahren war, stieg eine Wolke von Staub auf. Als diese allmählig sich löste, sah ich mehrere Krieger händeringend, sprachlos vor Schreck zurückeilen. Die andern aber, die tausend andern! – Der ganze große Trupp war verschwunden, verschüttet, unter Trümmern begraben. Denn es war keine Straße mehr und es war kein Fluß mehr; ein ungeheuerer Schutthügel lag da in starrer Ruhe, als wäre er seit Weltschöpfung so gelegen. Aus demselben standen Felsblöcke hervor, und die weißen Spalten gebrochener Bäume. Am Rande dieser Muhre, zwischen dem Gewirr von Trümmern – zuckende Menschenglieder, stöhnende Soldaten, röchelnde Pferde, deren Beine teilweise noch zappelnd sich krumm gen Himmel reckten. Einige wenige Kameraden konnten wir herausgraben, hervorzerren, aber sie starben uns unter den Händen. Höher stieg das sich stauende Wasser und in demselben war ein Gewuste von Steinen, Baumstämmen, Aesten, verknorrten Wurzeln, und zwischen darin verklemmt und verspießt Soldatenmäntel, Stiefel, Tornister, Pferdezeug, Pferdeköpfe, losgetrennte Arme, Beine und ganze Körper, teilweise in dem Geknorre hängend, teilweise im mit Blutsträhnen durchzogenen Tümpel sachte auf und nieder gleitend. – Unser waren alte Krieger, welche in heißen Schlachten gestanden und die Zerstörung mancher Feste miterlebt – aber so etwas Gräßliches, so unerhört Gräßliches als hier hatte keiner noch geschaut. Als wir soweit zur Fassung gekommen waren, um dem Unglücke auch nur ins Antlitz sehen zu können, wurden unter uns alsbald Vermutungen laut, dieser Bergsturz sei Menschenwerk. All die grauenhaften Tirolerthaten der vergangenen Monate standen auf in unsrem Gedächtnisse, und alle wiederholt und vereint in dieser Muhre, in diesem tausendfachen Morde. Ja, an anderthalbtausend tapferer Soldaten, die des Friedens sich endlich erfreuend, arglos dahin marschiert waren. Männer liebender Gattinnen, Söhne bekümmerter Mütter! Wie ein eherner Krampf ging es durch mein Wesen, daß die Fingernägel der Faust sich in das eigene Fleisch gruben vor Rachebegier, diesen beispiellosen Würgerbanden es würdig zu vergelten. Ein paar scharfe Augen wollten hoch oben an den Wänden Männer dahinhuschen gesehen haben; ich sah keinen, gedachte aber der geheimnisvollen Zeichen und Rufe, die ich unmittelbar vor dem Ereignisse vernommen hatte. Im ganzen war es leicht einzusehen, daß wir Uebriggebliebenen hier nichts mehr zu thun hatten. Nicht einmal die Toten konnten begraben werden. Noch sahen wir, wie der eingedämmte Eisack sich befreite, wie er die Muhre durchbrach, so daß unter seinem Branden und Wirbeln alles noch einmal lebendig wurde, nur die Toten nicht, wie alles sich stemmend, aufbäumend, überstürzend voranbewegte – ein fahrender Friedhof, wie die Welt noch keinen gesehen. Wir beschlossen, so rasch als möglich zur Hauptstadt zurückzueilen. Sterzing, Gossensaß, wir rasteten nicht in diesen Ortschaften, wir sahen an ihnen, wie an allen Menschenwohnungen unterwegs, nichts als Mörderhöhlen. Wo wir uns in Uebermacht fühlten, nahmen wir, was wir brauchten. Gerade zu rauben hatte ich keine Lust, aber durstig war ich geworden unten an dem Eisack, durstig nach Tirolerblut. Hinter der Höhe des Brenners stießen wir auf französische und bayrische Truppen und drei Generäle. Wir erzählten, was in den Eisackschluchten geschehen war und daß unter den Toten viele Offiziere seien, darunter auch der Marschall Lefebvre, hier zu Lande geheißen der Löw Befer. Also offene Rebellion! Ein großer Kriegsrat wurde gehalten auf den Almmatten unter dem freien Himmel. Einstimmig war der Schwur: Dieses Volk muß niedergeworfen werden zur gänzlichen Ohnmacht, Ein hoher Preis wird gesetzt auf die Köpfe der Häuptlinge, und alle Führer müssen sterben. Unselige Welt! also schließt die Aufschreibung des bayrischen Offiziers. Wenn man die Erdkugel anbohren wollte auf Blutquellen, überall würden helle Bächlein hervorsprudeln, in diesem Tirol aber ein blutiger Springbrunnen bis an die Wolken! – – – Die Freiheitskämpfer hatten kaum eine Ahnung davon, was sie mit ihrer unerhörten That in den Eisackschluchten angerichtet. Sie waren nachgerade selbst erschrocken, als der Erfolg ihres Werkes so grauenhaft herrlich vor ihren Augen lag. Viele vermochten aber kaum den Jubel zurückzudämpfen, denn sie glaubten, mit diesen vernichteten Truppen sei die Macht des Feindes gebrochen und sie selbst seien wieder Herren im Lande. Der Mahrwirt stieg ganz allein und seltsamlich in den Wänden um. Als der Griesacher ihm von weitem zurief: »Na, Peter, was sagst dazu? Das ist a Freud!« machte er mit der Hand eine abwehrende Bewegung und sagte nichts. Sein sonst dunkelgebräuntes Gesicht war blaß. »Sie sollen heimgehen!« ließ er den Leuten sagen und dann trachtete auch er fortzukommen aus dieser schauerlichen Gegend. Fast früher, als die Kämpen zurückkehrten in das Thal von Brixen, wußten die Leute dort, was oben geschehen. Um Vormittag bei heiterem Himmel hatte man von den Eisackschluchten her ein lang anhaltendes Donnern gehört. Es war nicht wie das Krachen von Schwergeschütz, nicht wie das Platzen eines Pulverfasses, es war wie das Niederrollen einer großen »Mahr«. Um Mittag herum wurde das Wasser des Eisack seicht und dünn, so daß die Forellen auf eitel Sand herumschwänzelten und dann mit ihren weißen Bäuchen darauf liegen blieben. Plötzlich aber schwoll der Fluß wieder an, trübe schlammige Fluten kamen, Gestämme und Wurzelwerk trug es heran, und Rüstzeug und Gewandstücke und tote Bayern und Franzosen. Die Leute schauten sich an und sagten: »Das ist dem Mahrwirt sein Tagewerk!« Und als die Männer mit ihren Krampen und Hauen zurückkamen aus den Schluchten, bestätigten sie es und setzten bei: »Jetzt wird Ruh' sein.« In den Dickichten aber huschten Gestalten um, die wohl Ursache hatten, den erregten Söhnen des Landes auszuweichen. Sie suchten aus der Gegend zu entkommen und wo ihrer mehrere unterwegs etwa einen einzelnen Tiroler trafen, da machten sie ihm den Garaus. Peter war seines Weges ganz allein gegangen. Als er gegen Abend am bewaldeten Berghange hinschritt, der vom Dorfe Vahrn einem Stangenzaune entlang sich gegen die Mahr zieht, kam er zu einer Kreuzsäule. Sie stand an einem den Zaun umwuchernden Hagedornstrauch, sie trug ein Bildnis, darstellend die Krönung der Himmelskönigin. Oben schwebt die Taube des heiligen Geistes, an beiden Seiten, auf Wolken thronend, Gott Vater mit der Weltkugel und Gott Sohn mit dem Kreuze. Zwischen ihnen die heilige Jungfrau, der sie, jeder mit einer Hand, die Krone über dem Haupte halten. Das Bild der Jungfrau, welche auf dem Mondkipfel steht und demütig die Hände faltet, ist voll heiliger Anmut. – Peter blieb davor stehen, dann ließ er seine Wehr, Stutzen und Beil, zu Boden gleiten und kniete hin vor das Bildnis. Mit gerungenen Händen, mit bebender Stimme sagte er fast laut die Worte: »Maria, Maria! du schauest doch noch gütig auf mich herab. Bitte für sie. Gib ihnen die ewige Seligkeit, allen, die heute schlafen gegangen sind. Barmherzige Mutter, es hat sein müssen! Nicht zu schnödem Nutzen ist es geschehen, nicht aus Rachgier. Schreckliche Notwehr, du weißt es. Sie haben uns das Heimatland wollen nehmen und den Glauben, aber nicht aus ihrem eigenen Willen, die gestorben sind. Bitte für sie. Und für mich, du göttliche Mutter Jesu, nimm von meiner Seele diese Last. Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, die ich hab' gerufen! So wie ich jetzt vor euch am Bildnis knie, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, so werde ich einst vor eurem Gerichte stehen. O heiliger, starker, ewiger Gott, thu' mich nicht verdammen!« Nach solchem Gebete erhob der Mahrwirt sich wieder. Es war schon in der Abenddämmerung. Da, wie er sich wenden will, fällt sein Blick plötzlich auf ein Menschenhaupt, welches zwischen Kreuz und Dornstrauch auf ihn herübergrinst. Ein blasses Menschenhaupt mit schwarzem Haar und Bart und stierem Äuge. »Kulber! rief der Mahrwirt. Aber der Kopf bewegte sich nicht, die Züge blieben starr, und das Haupt war ohne Rumpf und stak auf einem von Blut überronnenen Zaunstecken. So hatte Peter seinen Genossen, Werber und Dränger wiedergesehen. Stöhnend vor Schreck und Grausen taumelte er wegshin. – Später, als er schon den Fensterschein von seinem Hause sah, blieb er stehen, daß seine tobende Brust zu Atem komme, und fragte sich: Weshalb bist du denn vor diesem einen Toten so entsetzt? Du hast ja viele hundert gesehen am heutigen Tag! – Dann trat er ins Haus, lehnte das Beil in den Winkel, hing das Gewehr an die Wand. Frau Notburga stand beklommen vor ihm und schaute ihn an. »So!« sagte er zu ihr, »Weib, jetzt ist Feierabend. Jetzt ist's genug.« An deiner Hausthür kannst es lesen ... Wenige Tage später war es Winter geworden. Alle Auen voller Schnee, alle Dächer und Aeste bedeckt mit Schnee, und unaufhörlich sank es in zarten Flocken nieder vom grauen Himmel. Die Büsche am Eisack, von Schnee belastet und gebogen, hingen wie Trauerweiden über dem Wasser. Peter konnte nicht hinschauen. Er konnte den Fluß nicht mehr sehen und zur Nachtzeit verschloß er die Fensterläden, damit er das Rauschen nicht sollte hören können. Einmal sprang er aus dem Schlafe auf, weckte mit hellem Schrei Frau Notburga, riß die Kinder aus ihren Betten und rief: »Hinaus, hinaus! Die Mahr kommt! Hört ihr nicht das Krachen? Die Mahr kommt!« Die Gattin zog ihn zurück, strich ihm mit warmer Hand das wirre Haar aus der Stirn und beruhigte ihn. Es war doch so still im Hause und über demselben. Peter sagte nichts weiter und legte sich wieder hin. Im Thale war's winterlich öde. Die Leute gingen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach, allein der endgültige Friede, den sie in den Eisackschluchten zu sichern geglaubt hatten, stellte sich noch nicht ein. Vor allem war er nicht in ihnen selbst, jeder hatte Ahnungen, unheimliche Erscheinungen, aber sie sprachen nicht davon. Es war die Straße durch die Schluchten wiederhergestellt; die Einheimischen hatten es nicht gethan. Es verkehrten wieder Reisende und Postwägen, wenn auch nicht so regelmäßig wie sonst. Ein Postwagen aus dem Süden brachte zwei Briefe an den Mahrwirt. Der eine war von einem Freunde aus Bozen mit der Aufforderung, sich unverzüglich durch die Flucht zu retten. Das verstand Peter nicht. Fliehen? Vor wem? – Der zweite Brief trug den Stempel Meran, war aber ganz wo anders geschrieben. Wenn der erste zur Flucht mahnte, so berichtet der zweite, wie es auf der Flucht hergeht. Dieser Brief war von keinem andern, als von dem »Landessekretär« Dörninger. Er war mit Bleistift auf schlechtem Papier geschrieben und lautete also: »Lieber Kamerad! »Was ist geschehen, seit ich dir nicht mehr geschrieben? Alles vorbei, alles umsonst gewesen! Wir sind Flüchtlinge und leben wie die gehetzten Tiere. In einer mit Eis austapezierten Felsenkluft schreibe ich diese Zeilen; wie die Oertlichkeit heißt, darf ich dem Brief gar nicht anvertrauen. Wie froststarr die Finger sind, zeigt die Schrift. Morgen werden wir wieder anderswo sein, wo, das weiß ich nicht, weiß der Hofer nicht, weiß Gott allein. Einmal hätten sie den Anderl bei einem Haar schon gehabt. Auf dem Dürnjoch. Ein Bauernbübel hat's ihm noch rechtzeitig gesteckt, daß er den Bütteln entwischt ist. Auch seine Familie ist ihm jetzt nachgekommen. Was wir seit Innsbruck durchgemacht haben, ist nicht zu sagen. Das Körperliche wäre noch das wenigste. Aber diese Trauer vom Sandwirt! Daß alles und alles verloren sein soll! Es heißt, sie wollen wieder anfangen, aber Hofer sagt, er thut nicht mehr mit. Anfangs hat er's nicht glauben wollen, daß wir verraten sind und ist mit den Passeiern dreingefahren. Wieder einen Schippel Leut' hat's gekostet und wie der Speckbacher die Friedensurkund' gebracht hat, da hat der Hofer geweint wie ein Kind. Jetzt glaubt er's und läßt dir sagen, du sollst dich ja nicht verleiten lassen, um noch einmal zu den Waffen zu greifen, es ist alles Lug und Trug und der ganze Bettel ist nicht eines braven Tirolers Blutstropfen wert. Er läßt's auch den andern schreiben. Daß auf Hofers Kopf ein Blutpreis von 1500 goldenen Gulden gesetzt ist, wirst wohl schon wissen. Wir andern sind billiger angeschlagen, aber immerhin noch respektabel. Das hilft ihnen nichts, uns ist jetzt so heiß, daß wir es hoch oben in den Fernern recht gut aushalten. Im Passeierthal haben wir Freunde, die uns mit dem Notwendigsten versorgen. »Das muß ich dir noch sagen, daß ich letztens als Grödner Schaftreiber verkleidet in Welschland drinnen gewesen bin, um zu kundschaften, was der Flüchtlinge wegen für Aussichten sind. Bonapartes Bruder, der zu Mailand sitzt, hat was dreinzureden und in Italien heißt's überall: die tirolischen Anführer werden ohne Barmherzigkeit erschossen. Als Kuriosum, daß ich dort unten die schöne Französin wieder gesehen, die ich im Sommer, wenn du dich noch erinnerst, durch den Kuntersweg begleitet habe. In einem Garten zu Verona war's, sie hat mich erkannt und gleich brühwarm auf mich zu, weil sie geglaubt hat, ich wäre in solcher Verkleidung ihr nachgelaufen. Ich habe sie bei dieser Meinung gelassen und durch sie manche Wissenschaft gesammelt; wie schlecht es mit uns steht. Dann wieder davon. Und seitdem habe ich dir ein dummes Herzweh. »Der Sandwirt läßt dich grüßen und du sollst gescheit sein und dich nimmer einmischen und dich auch um uns nicht kümmern. Es wird geschehen, wie's Gott will, aber ich sage, es kann noch einen schauderhaften Tanz setzen. In Glück und Leiden herzgetreu Josef Dörninger.« Der Mahrwirt schob den Brief, als er ihn gelesen hatte, langsam in seine Tasche und murmelte: »Sie wissen noch nichts.« Um jene Zeit faßte Peter den Entschluß, nach Neujahr sein Wirtshaus zu sperren: er wollte keine Leute mehr sehen. Das Geschäftliche ließ er Frau Notburga besorgen, er saß am liebsten in der Oberstube bei seinen Kindern. Das Poltern und Lachen der Kinder that ihm wohl, ihr Geplauder war ihm wie Balsam, und doch hörte er nicht auf das, was sie plauderten, seine Gedanken waren anderswo. Hans war soweit heil, daß er mit zwei Krücklein in der Stube umhergehen konnte, aber er spielte nicht mit den Geschwistern, er war schweigsam wie der Vater. Doch während in Peters Auge Kummer lag, zuckte in dem Blicke des Knaben Mut und Trotz. Den Mahrwirt schien es zu beruhigen und zu erfrischen, wenn er hinausschaute in das winterliche Gestöber, in das lebhafte Schneetreiben, eine seltsame Sache in diesem Thale. Quer über die Straße häuften sich die Massen zu Hügeln und scharfkantigen Graten, so daß die Fuhrwerke stecken zu bleiben drohten. Der Winter ist auch ein guter Kamerad, dachte Peter. Aber er täuschte sich. Der Schnee hatte nichts aufgehalten. Das Thal, die Nebenthäler und alle Gegenden, von denen man Nachricht erhielt, waren schon wieder besetzt von Franzosen und Bayern. In Unmassen waren sie wieder gekommen von allen Seiten; alle Festen, Pässe, Kirchplätze, Aemter, Straßen, Höfe, Brücken, Mauten waren besetzt mit schwerbewaffneten Soldaten. Fast über Nacht hatte sich das vollzogen, das Schneegestöber hatte ihr Anrücken nicht verhindert, nur verhüllt. Nun ließ endlich auch Oesterreich von sich hören, es ließ durch Ausrufer verkünden, daß Tirol zum Königreich Bayern gehöre und sich seinem rechtmäßigen Regenten zu unterwerfen habe. – Alles war traurig über die Maßen. Und jetzt legte es Bruder Augustin, der wieder sein priesterliches Kleid trug und dessen Wort was galt, seinem Schwager nahe, sich zurückzuziehen auf einen sicheren Platz. »Du meinst, ich soll fliehen,« sagte der Mahrwirt. »Ja, Peter, das sollst du,« antwortete Augustin. »Wären sie nicht irregeführt worden, weil sie dich mit Kulber verwechselt, so hätten sie dich schon. Glaube mir, es ist eine Jagd durchs ganze Land nach den Anführern in den Eisackschluchten. Der Kreuzwirt, der Staucker und die andern sind alle fort; aber die größte Nachfrage ist nach dir. Vor etlichen Tagen waren es eintausend goldene Gulden, die sie für deinen Kopf boten, heute sind es schon zweitausend. Zu Brixen ist es angeschlagen, zu Klausen, zu Mühlbach, an allen Kirchthürmen und Posthäusern des Eisackthales, überall bist du schon ausgeschrieben. Die Leute reden all davon!« »Die Leute reden gar viel,« entgegnete Peter, »so arg wird's ja nicht sein.« Da kam der Hans auf seinen Krücken hereingestolpert und rief: »Vater, an der Hausthür draußen haben sie ein rotes Papier angenagelt. Zweitausend Gulden für den Häuptling von den Eisackschluchten!« »Das ist es schon,« sagte Augustin, »Peter, auf deiner Hausthür kannst es lesen, wie teuer du den Bayern bist!« »Also wird's doch ernst um mich?« fragte der Mahrwirt auf. »Du mußt dem Hofer nach,« entgegnete der Schwager lebhaft. »Dieweilen ist unter dem Schrutthorn, drin in der Steinwänd, ein Sommerstadel für dich hergerichtet. Eine halbe Stunde vom Steinwändbauer hinauf im Walde. Der Steinwändbauer weiß schon davon und wird dich versorgen. Nachher, sobald es das Wetter thut, mußt du übers Gebirg.« »Und mein Weib? Meine Kinder?« »Schwager,« sagte Augustin und faßte seine Hand, »wenn ich auch priesterlich Kleid trage, ein bissel Mann bin ich doch noch. Ins Kloster kehre ich erst zurück, bis alles in Ordnung ist, so oder so. Ich bleibe in deinem Hause und werde die Deinigen hüten, so gut das ein Mensch nur kann, das meiste wird freilich der Herrgott thun müssen. Und sie sind sicherer, wenn du fort bist, glaube mir das. Aber gehen mußt auf der Stell', ich sag' dir's!« Es war der Abend da und als Peter es seinem Weibe mitteilen wollte, daß er fort müsse, kam dieses ihm schon entgegen mit Mantel, Rucksack, Stock und Stutzen. Sie hatte schon alles bereitet, redete ihm liebreich zu, er solle auch jetzt noch Held sein, wo es gelte, sich selber für die Seinen zu retten. Peter schaute sie an und sagte leise: »Wenn deine Zeit kommt?« »Mensch!« rief sie, »bishin bist du längst wieder da! Die Bayern werden schon kühler werden, sonst ist für sie kein Leben dahier, das werden sie bald sehen. Und denke doch an den Kaiser. Glaubst du, er wird seine treuen Männer verlassen? Wir haben so lange Geduld gehabt, so wollen wir sie fürs letzte Eichtel Zeit auch noch nicht aufgeben. Wenn's aufs schlimmste sollt' kommen, es kommt aber nicht so weit, ich sage nur, dann ist dir der Pardon so sicher wie dem Sandwirt. Christi Heiland, sie müßten ja alle Männer erschießen im ganzen Land. Und das thun sie nicht und nachher gehst herfür und nachher haben wir uns wieder und nachher schiert uns kein Weltlauf mehr. So machen wir's, Peter, und jetzt geh in Gottesnamen. Das Abschiednehmen bei den Kindern laß sein, es zahlt sich nicht aus der paar Tage wegen. Gib nur Achtung auf deine Gesundheit. Feuerzeug und alles findest schon im Rucksack. Geh jetzt, mein Peter. Schau, ein Kreuz muß ich dir noch machen!« Mit dem Daumen der rechten Hand zog sie über sein Gesicht das Kreuzzeichen. Dann schauten sie einander noch einmal in die Augen und dann ging er davon – ganz allein. Draußen war eine stürmische Nacht. Als der Mahrwirt fort war, lehnte Frau Notburga ihr Haupt an die Brust des Bruders und hauchte: »Augustin, ich kann dir nicht sagen, wie mir ist!« und ließ ihrem lange zurückgedämmten Weinen freien Lauf. – Im Thale begann das Verhängnis sich zu vollziehen. Tagelang waren Soldaten beschäftigt gewesen, aus dem Eisack tote Kameraden oder Teile derselben hervorzuholen und zu bestatten. Oben an der Ausmündung der Schlucht wurde eine große Trauerfeierlichkeit veranstaltet, welcher wohl jeder Tiroler meilenweit aus dem Wege ging. Es war die Leichenfeier des Marschalls, der in den Schluchten mit zu Grunde gegangen, sie wurde sehr festlich begangen. In den Thälern, auf den Bergen, so weit das Auge reichte, brannten die Dörfer, die Höfe und Hütten. Ueber der Stadt Brixen stiegen zwei große Feuersäulen auf, die Dezembernacht war ein rosenroter Tag geworden. Halb wahnsinnig irrten die Leute auf den Gassen um und jede Brust fühlte auf sich eine feindliche Flinte gerichtet. Ununterbrochen Tag und Nacht fahndeten Häscher nach dem Anstifter der gräßlichen Muhre in den Schluchten. Nun hieß es, der eigentliche Rädelsführer sei ein stattlicher Mann mit gelbrotem Haar, er sei, wie fast alle Häuptlinge der Empörung, ein Bauernwirt und würde von der Bevölkerung geheim gehalten. Auch das Mahrwirtshaus hatte in der roten Nacht zu brennen angefangen rückwärts am Stalle, aber die Magd Hanai war schon mit einem Wasserkübel da und mit dem Ausruf: »Ich brauch' kein Nachtlicht, schlafen und den Buckel kratzen kann der Mensch auch im Finstern!« dämpfte sie das aufzuckende Feuerlein. Foppen, foppen, Bayern foppen! In der Nikolainacht wurden die Leute im Wirtshaus an der Mahr unhold aus dem Schlafe geweckt. Unter dröhnendem Pochen ans Thor begehrte man Einlaß. Der gartenseitige, wie der hofseitige Eingang war mit Soldaten besetzt. Den Einlaßheischenden wurde das Thor sogleich geöffnet, sie drangen in die Gaststube, in die Küche, in die oberen Zimmer und Kammern, in die Keller und in die Bodenräume, sie drangen mit qualmenden Lunten in alle Stallgelasse, durchstöberten Truhen und Kästen, stachen mit ihren Spießen in den Futtervorräten umher, rissen im Hofraume die Brennholzstöße auseinander, daß die Scheiter auf dem gefrornen Boden weithin kollerten, kurz, sie kehrten das Unterste zu oberst. Alle Räume waren voller Rauch von den Fackeln. Die Hausbewohner waren in die Gerätekammer neben der Küche zusammengesperrt und dort bewacht worden. Die Kinder schrieen und weinten, die Magd Hanai rief in einemfort, wenn sie nur ihre Stallgabel hätte, sie würde den Schelmen schon an den Bauch schreiben, daß man friedsame Menschen nächtiger Weil' in Ruhe läßt! Bruder Augustin suchte zu beruhigen; es sei ja ganz natürlich, sagte er laut, daß man es draußen hören konnte, es sei ganz selbstverständlich, daß auch das Mahrwirtshaus durchstöbert werde; für diese unseligen Empörer müsse nun ja leider jedes Haus büßen in Tirol, und wenn man die Uebelthäter doch endlich nur einmal hätte, damit Ruhe wäre! – Frau Notburga war gefaßt; sie saß auf einem Schemel, im Schoß den kleinen wimmernden Peter, und im Herzen hatte sie ein Dankgebet, weil der, dem sie so wüst nachstellten, in Sicherheit war. Nach einer Stunde, als die Eindringlinge die Erfolglosigkeit ihres Ueberfalls eingesehen hatten, zerrten ihrer drei bayrische Häscher die Magd Hanai hervor und fragten sie scharf: »Wo ist der Wirt?« »Ja, just so!« gab die Magd keck zur Antwort. »Du weißt es, wo er ist!« »Na, freilich weiß ich's.« »Wo ist der Wirt?« »In seiner Haut.« »Erstochen wirst auf der Stell', wenn du nicht sagst, wo er ist!« »Narren!« lachte die Magd, »wenn's schon die lebendige Hanai nit sagt, die tote sagt's noch weniger.« »Dumme Trull!« knurrten sie, gaben ihr einen Stoß, daß sie an die Wand taumelte, und gingen polternd und fluchend davon. »Einfältige Leut',« lachte die Magd nun auf, »ich werde den Wirt verraten! Ein Schimpf ist's. Am liebsten wollt' ich ihnen jetzt noch nachlaufen mit der Gabel!« Die Bewohner des Hauses hatten bis am Morgen über und über zu thun, um den angerichteten Wirrwarr zur Not zu schlichten. Die Magd durchsuchte alle Futterräume, ob nicht irgend ein Abfall der Lunten weiter glose und Unheil bringen könne. Und an dem darauffolgenden Sonntagnachmittage saß die Hanai in ihrer dunkelnden Futterkammer und nähte. Es war da etwas frostig, Frau Notburga hatte ihr auch sagen lassen, sie solle mit ihrem Nähkorb doch in die warme Stube herankommen. Die Magd aber blieb draußen. Mannskleider waren es, an denen sie herumflickte, und das Fragen, für welchen Bruder sie nur so fürsorglich thätig sei, konnte erspart bleiben. Zudem war in der Futterkammer der Tonele vorhanden. Bloß sein keckes Haupt mit dem wirren Haare sah man, alles andre stak tief im Heu, und blieb drin auch noch stecken, als auf dem Beinkleide die Flicken längst festsaßen. »Jetzt wirst mir acht geben darauf, jetzt ist's wieder neu!« sagte die Hanai und warf ihm die allerseits verbesserte Hose hin. Heute sang der Spielmann nicht, er war ganz kleinlaut, fast betrübt, so daß die Magd dachte: Heut' ist ihm was, heut' muß ich schon gut mit ihm umgehen. Dann suchte sie aus ihrem Korb Schere und Kamm hervor und sagte: »Jetzt hab' ich just Zeit zum Schafscheren. Auf die Weihnachtszeit muß man dir doch deinen Schauber stutzen.« »Oha!« entgegnete der Bursche, »meine Königskron', die laß ich mir nit wegnehmen. Oder kaufst mir eine andre Pelzhauben, jetzt für den Winter?« »Das ist wahr,« antwortete sie, »es kunnt dir dein Hirn einfrieren, das wär' ein Jammer! Na, halt' her, ausstrählen will ich dir's wenigstens einmal, dein rabenfarbenes Haar.« »Warum willst mir's denn ausstrählen, mein rabenfarbenes Haar?« »Weil es, mein schöner Knab', so viel vermudelt ist, dein rabenfarbenes Haar. Und wenn du jetzt ein neues Gewand anhast und eine weiß gewaschene Pfaid, so mußt auch sauber gestrählt sein. Nachher kannst schon unter die Leut' gehen.« »Damit ich halt die schönen Dirndln leichter krieg', gelt?« entgegnete er so nebenhin. »Freilich deswegen, du Falot, du schlechter!« »Thu' mit den Fingern nur so herum im Haar, das hab' ich gern,« sagte der Tonele und schloß vor lauter Wohlbehagen die Augen, während sie in seinen Locken wühlte und in schwere Versuchung kam, die Finger zu krümmen und anzureißen. Anstatt dessen sagte sie ihm den Spott: »Aber den Schnurrbart muß man dir doch stutzen!« Denn er hatte noch gar keinen. Auf das Haarwerk ließ er sich aber heute weiter nicht ein, hingegen that er plötzlich die Frage: »Du Hanai, ist's wahr, daß ich im Schlaf reden thu'?« »Im Schlaf reden? Lapp, wie soll ich denn das wissen?« »Ja so, freilich nit. Du hast mich nie schlafen gesehen. Und ich hab' mich auch nie schlafen gesehen. Aber andre sagen es. Laut reden thät ich im Schlaf, sagen sie, und allerhand Sachen fürbringen, und es wär' oft ein Spaß, sagen sie, was ich thät ausschwatzen. Und das dümmste ist, ich weiß nichts davon.« »Wird halt nit mehr alles Platz haben, drin,« meinte die Hanai. »Weil du beim Tag deine Falschheiten verschweigst, so müssen sie halt bei der Nacht heraus.« »Das ist's ja!« setzte der Bursche rasch ein, »und jetzt getrau' ich mir nit mehr zu schlafen. Allein schon gar nit mehr.« »Ich bitt' dich gar schön, Toni, laß dein Dummreden jetzt einmal sein. Allemal ist man nit aufgelegt dazu.« »Dasmal nit so wie du meinst, Hanai,« sagte der Tonele fast herb, »zum Dummreden bin ich auch nit aufgelegt und dein Frotzeln alleweil, das brauch' ich nit. Laß mich ausreden einmal! Was weißt denn du! Auf den Stadlen und Strohtennen, wo ich herumschlaf'! Wie leicht ist's geschehen, daß mir wer zuhört!« Als er schwieg, fragte sie ihn: »Hast jetzt ausgeredet? Na, das war der Müh' wert.« Ohne auf ihren Spott zu achten, lag er mit halbgeschlossenen Augen da und gab sich scheinbar dem Wohlgefühle des Strählens hin. Auf einmal sagte er: »Was sagst du zu dem großen roten Brief, der draußen an der Hausthür hängt?« »Wo die zweitausend goldenen Gulden darauf stehen?« Sachte setzte Tonele bei: »Die goldenen Gulden kunnt ich mir verdienen.« Der Kopf, der auf ihrem Schoße gelegen war, flog jetzt aufs Heu hin, so heftig hatte sie ihn von sich geschleudert. Ganz starr war sie vor Entsetzen. Er blieb ruhig liegen auf dem Heu und redete leise weiter: »Dazumal, wie der Wirt fort ist, hat ihm's der geistliche Herr gesagt, wohin er gehen und wo er sich verstecken soll, daß sie ihn nit finden, und ich bin hinter der Thür im Dachwinkel gestanden, weil es so viel gestürmt hat –« »Gehorcht hast?« schrie sie auf. »Aber Jesses, ich kann ja nichts dafür, daß ich die paar Wort gehört hab', mit einem Stoppelzieher wollt' ich sie mir aus den Ohren ziehen lassen.« Jetzt erst reimte sich's die Magd. »Du weißt, wo der Wirt sich versteckt hat?« fragte sie. »Hanai, ich kann nichts dafür!« »Und du thust im Schlaf reden?« »Da kann ich auch nichts dafür!« »Nachher muß man dich totschlagen.« Dagegen schien der Spielmann keine Einwendung zu haben, erst nach einer Weile that er ganz bescheidentlich die Bemerkung: »Ich wüßt' wohl noch ein andres Mittel.« »Daß du auf der Stell' ins Amerika auswanderst, wo dich kein Mensch versteht.« »Das thu' ich nit.« »Oder gar nimmer schlafst!« »Hanai, das will ich probieren,« sprach er bereitwillig. »Solang' es geht, will ich's aushalten. Wenn's auf Zeit und Weil' aber nit sollt' gehen, und wenn ich's halt nimmer sollt' aushalten können, schon gar nimmer und um Gottes willen nimmer, nachher –« »Mein Gott, was wirst nachher machen?« »Nachher – gelt, nachher kann ich herkommen da in den Stall und mich ein bissel hinlegen aufs Heu und schlafen. Und wenn ich alsdann anheb' zu schwatzen, gibst mir geschwind eins auf die Pappen.« Sie dachte eine Weile nach, zauste an einem Büschel Heu und dachte nach, langte dann nach dem hingeworfenen Beinkleid, wendete es über und über, als wollte sie sich noch einmal überzeugen, daß kein Schaden mehr dran sei, that endlich einen Seufzer und sagte: »Es ist wohl ein rechtes Kreuz! Was mit euch Mannsleuten für ein Kreuz ist, das kann man gar nit sagen. – Natürlich, wenn kein andres Mittel ist, daß du da im Stall wirst schlafen.« »Es wird wohl das gescheiteste sein,« meinte er. »Und daß du bei den unsicheren Zeiten ein Mannsbild in der Nahend hast.« »Das laß nur gut sein, Tonele. Es wird dir nichts geschehen. Komm halt, wenn du rechtschaffen schläfrig bist. Ich sperr' dich gut in den Stall, geh' zu der Wirtin hinein, dort auf der Bank lieg' ich, und morgens, wenn du dich bei der Kuh ausgeschlafen und ausgeschwatzt hast, laß ich dich wieder laufen.« »Ich werd' halt kommen,« meinte der Bursche, »wir werden's nachher schon sehen.« – An einem der nächsten Tage schritt der schöne Spielmann, seine Klampfen am grünen Bande über der Achsel, die Straße entlang. Herlebig war er, stramm, aufrecht stapfte er hin. So prächtig war er schon lange nicht mehr aufgebaut gewesen, vom Fuß bis zum Kopf, wie jetzt. Sogar Schuhe hatte er an den Pfoten; daß es Weiberschuhe waren, spürte niemand, als seine Zehen, die, der Freiheit gewohnt, sich diesen drückenden Verhältnissen sofort wieder entwunden hätten, wenn nicht der Schnee so höllisch kalt gewesen wäre. Die säuberlich geflickte Joppe, es war eine schon vor Jahr und Tag erklimperte, hatte nun auch einen sicher gegründeten Sack bekommen, in welchem ein Stück Brot stak. Hinten hatte diese Joppe zwei Schößeln, die bei jedem Schritte die Rundung streichelten, welche mit ihren verschiedenfarbigen Flicken zu schauen war, wie die östliche Halbkugel auf dem Globus im Brixner Bischofspalaste. In der schwarzen Pelzmütze – es war richtig die dem Spielmann angeborene Königskrone – stak eine Rabenfeder kühn gegen den Himmel stehend, und das winterlich gerötete Gesicht war fast bis zur Nase mit dem aufgestülpten Joppenkragen bedeckt. Das hatte die im Mahrwirtshause so angeordnet: »Nur fein den Mund zudecken, Tonele! Es ist jetzt eine ungesunde Luft!« Der junge Spielmann wollte ins Alfersthal hinein zu einem Vetter, dem die Franzosen das Haus niedergebrannt hatten; ein Liedel vom »Gottvertrauen und Selberbauen« hatte er im Kopfe, vielleicht wollte es der Vetter freundlich aufnehmen; eine andre Brandsteuer konnte der Tonele nicht geben. Als er, schon ein wenig hinkend, hinan gegen das Dorf Albeins kam, das so gemütlich drüben am Berghange liegt und vor den Brandschätzern noch großenteils verschont geblieben war, ging bei der obern Schenke, links am Weg, ein Fensterflügel auf und der rote Wirtskopf rief heraus: »Wohin, Musikant? Nit ein bissel rasten und uns eins aufspielen?« Das ließ der lustige Bursche sich nicht zweimal sagen; ein Krügel Roter wird auch nicht schaden für den weiten Weg. Er trampelte an der Thürschwelle den Schnee von den Schuhen und trat in die Zechstube. Da gab's fröhliches Volk und beißenden Tabaksrauch. Der Spielmann hatte noch die Thürklinke in der Hand, als er schon wieder umkehren wollte, denn in der Stube saßen ihm zu viele Bayern; Amtsleute und sogar Soldaten. Aber der Wirt war schon mit dem Kruge da und ein lustiger Rotbart zog ihn hin zum nächsten Tisch. Ein Spielmann! Und einer, der so allerlei Schelmenliedeln weiß! Man kannte ihn ja schon und der Wirt mochte denken: Wenn sie ein süßes Gesangel hören, trinken sie mir auch den sauren Wein. Der Tonele lehnte seine Klampfen mit fast zärtlicher Fürsorglichkeit an die Wandbank neben dem Ofen und setzte sich ohne weiteres hin. Trinken, das wollte er ja, aber spielen und singen, das wollt er solchen Gästen nicht. Als er jedoch getrunken hatte, einmal, zweimal und in Spielmannszügen, und als sie gar so zuthunlich waren und ihn umschmeichelten, etwas zum besten zu geben, da besann er sich, langte nach seinem Instrument, zupfte und schraubte die Saiten stimmend eine Weile herum, räusperte sich und hub in einer Kindermelodie an folgendes zu singen: »Finster, finster, füritappen, Bei der Nacht hat d'Sonn' a Kappen, Und beim Tag a Nebelhaub'n, Weil sie mag kein Bayern schau'n, Kein Bayern.« Die Bayern klatschten in die Hände und meinten, er solle jetzt frisch eins dreingeben über die Tiroler. Der Sänger fuhr fort: »Windel, Windel aussiblasen, Kommt der Mai, wird grün der Wasen, Und kein Grashalm wachst nit auf, Wo ein Bayer g'standen drauf, Ein Bayer!« Dem Wirt mochte um die Gemütlichkeit bangen, denn er war einer von denen, die zum bösen Spiel eine gute Miene machen, was nicht allein weise, sondern auch klug ist; er machte daher den Spielmann aufmerksam, daß dieser etwas heiser sei und doch lieber trinken möge, als singen. Der Tonele blieb richtig sitzen und als es zu dämmern begann, zogen sich die Gäste in das Extrastübchen hinein. Einer der bayrischen Amtmänner machte sich in der Nähe des Musikanten zu schaffen, legte ihm seinen Arm ungelenk um den Nacken, rieb ihm seinen Bartwisch in die Wange und sagte rülpsend: »Herzbrüderl, du bleibst bei uns, du mußt uns was singen von deinem Schatz.« »Hat er einen?« fragte ein andrer drein, ein zwinkerndes Einäugel, seinen kleinen, kurzgeschorenen Blondkopf herüberreckend gegen den Spielmann. Der eine streckte seinen Arm mit der flachen Hand aus gleichsam als wollte er den bildhübschen Burschen aufzeigen: »Und so was soll keinen Schatz haben!« »Vielleicht ist er ihm erfroren, der Schatz, weil er so frostig dreinschaut.« »Glaub' nit,« wieder ein andrer, »auf der Mahr drüben scheint die Sonne wärmer, als herüben auf der Schattseite.« »Laß sie plauschen,« lachte nun ein dicker blondbärtiger Herr in wohlwollendem Tone; der war auch schon leicht angestochen und lud den Tonele ein, neben seiner am warmen Ofen hinzusitzen. »Was soll denn 's Reden, wird wohl jeder seinen Schatz haben dürfen, nicht?« »Denk's wohl auch,« antwortete der Tonele und setzte sich zum freundlichen Herrn. Es ging ihm, wie manch andrem auch, wenn er einmal beim Schöppel saß. Es trug sich auch selten genug zu. »Du hast dir ja ein extra braves und resches Mädchen ausgesucht, weiß es wohl,« sagte der Blondbärtige, ihm nahe rückend. »Hab' mir's erzählen lassen, wie sie bei Spinges oben mit der Stallgabel gestanden ist. Alle Achtung! Sapperment, das ist eine Schneidige, die sollten wir rekrutiren, gleich zum Korporal, oder gar zum Feldweibel. Alle Achtung! Eine, die so zum Heimatland steht! Da fait sich nix! Vor jedem tapfern Tiroler Respekt, und erst vor so einer Tirolerin! Alle Achtung! Jeder Held ist mir heilig, da kenne ich keinen Unterschied, ob er nun Andreas Hofer heißt oder Josef Speckbacher oder anders, da mach' ich keinen Unterschied. – Eintrocknen sollst nicht lassen, Spielmann!« So redete der bärtige Bayer und schob ihm den Krug unter die Nase. »Trinken sollst! Auf ihre Gesundheit! Auf meine auch, wenn du willst. Du kennst mich doch? Der neue Stadtrichter zu Brixen! Alle Achtung! Nicht so schlimm, wie sein Amt. Wenn ihr mich auf Eure Hochzeit wollet laden, ich schau' mir die sauberen Bräutlein gern an. Da mach' ich keinen Unterschied.« »Heiraten thun wir nit,« entgegnete der Tonele. »Au! Französischer Brauch in Tirol! Alle Achtung! Da sait sich nix.« »Sonst schon,« verbesserte der Spielmann rasch, »aber der Mahrwirt sagt halt alleweil: Zum Kriegführen und zum Heiraten gehört Geld dazu.« Der Stadtrichter, wie er sich nannte, lachte hell auf, hieb dem Burschen die Hand auf's Knie und rief: »Du bist ein Mordskerl!« »Und ich sag' halt doch,« setzte der Tonele jetzt munter bei, »wir haben ohne Geld Krieg geführt und wir können ohne Geld heiraten. Leicht wag ich's!« »Na freilich,« sprach der Stadtrichter und seine Art war wieder ernsthaft und recht wohlwollend. »Was kann denn ein Mensch dafür, daß er kein Geld hat! Soll er deswegen auch keine Freude haben? Wär' zu dumm. Soll er sich deswegen vom erstbesten Lümmel das Mädel wegfischen lassen? Wär' zu dumm. Leben sollst, junger Mann!« Er hob den Krug. Der Tonele hob auch den seinen, aber gar nicht hoch, denn schier verzagt war das Wort, welches er jetzt sprach: »Sie will halt nit ohne Geld.« Die beiden stießen an und tranken sehr gründlich. Als der Stadtrichter den Krug weggestellt hatte und mit beiden Händen seinen Schnurrbart trocknete, rief er schnarrend aus: »Das wär' nicht schlecht! So ein Kapitalbursch' da, und kein Geld! Greif zu! Geld genug, auf der Straße liegt's! Da fait sich nix!« »Es ist wahr, für mich liegt's auf der Straßen.« »Ganz im Ernst auch!« Mehrere Zecher hatten mit gröhlenden Stimmen ein Loblied auf Tirol angestimmt, »aufs neue Vaterland!« und wurden dabei ganz begeistert. »Siehst du,« sagte der Stadtrichter zum Tonele, »schau dir diese Bayern just einmal an, ob sie so schlimm sind!« »Und ich sing' wieder lieber das Lied vom alten Vaterland,« entgegnete der Bursche treuherzig. »Gott, was sind dabei oft die Kreuzer geflogen auf der Straßen.« Für dieses sinnige Wort hatte er des Richters breite Hand auf der Achsel: »Mordsjunge, du gefällst mir! Wie? Toni heißt du? Hörst, Toni, wenn ich der Mahrwirt wäre, dich wollte ich glücklich machen. Dich und sie, dieselbige! Gelt, daß ich's weiß, bei wem sie steht! Da fait sich nix! Soll euch ausstatten, der Mahrwirt; geh' ihn nur an drum, wenn er vom Weinkaufen heimkommt.« »Vom Weinkaufen der Mahrwirt?« fragte der Bursche rasch, zuckte aber ein und sagte: »Ei, wohl, wohl. Weinkaufen.« Jetzt faßte der bärtige Bayer mit schier krampfigen Fingern den Burschen am Arm und sagte ihm die Worte ins Ohr: »Nein, mein Freund, weinkaufen ist der Mahrwirt nicht gegangen.« »Ich weiß es nit,« antwortete der Tonele. Der Stadtrichter drohte schallend mit dem Finger: »Spitzbub, du, weißt es wohl!« »Was geht mich der Mahrwirt an!« »Du gehst in seinem Hause aus und ein.« »Weil's ein Wirtshaus ist.« »Ist hinterwärts in der Strohkammer auch eins?« fragte der Bayer. »Geh. Schlaucherl, stelle dich nicht so dumm und sei gescheit. Was sollst du das schöne Geld einen andern einstecken lassen! Auf kommt's doch. Und wenn die Mahrwirtsleute und du mit ihnen eure Mäuler mit sieben Siegeln verpetschiert, in drei Tagen ist's laut, da fait sich nix! Aber der arme Mensch kann bis dahin in seinem Versteckwinkel erfroren sein. Geh' Spielmann, denk auf deinen Vorteil und sei gescheit.« »Ich bin eh gescheit!« versetzte der Tonele und machte ein einfältiges Gesicht. »Also nimm die zweitausend goldenen Gulden und laß den Mahrwirt nicht erfrieren.« »Gescheiter erfrieren, als wie ersticken,« meinte der Tonele und deutete mit einer Handbewegung den Strick um den Hals an. »Wieso?« fuhr der Stadtrichter auf, »wer sagt das? – Du scheinst nicht zu wissen, daß nach dem neuesten Dekret aus München der König die Tirolerhelden auszeichnen will. Und hat recht. Waren sie dem Kaiser treu und tapfer, werden sie's auch dem König sein. Hat ganz recht, Held ist Held. Alle Achtung! Da fait sich nix. Und so gut der Andreas Hofer, der sich selber gestellt, heute bayrischer Major ist, so gut wird der Mahrwirt in etlichen Tagen Oberst oder Oberstlieutenant sein.« »Der Hofer hätt' sich selber gestellt?« fragte der Spielmann. »Kameraden!« rief der neue Stadtrichter von Brixen gegen die andern Zecher hin. »Major Hofer steht wohl gegenwärtig in Innsbruck?« »Nein,« schrie der Einäugige herüber, »Major Hofer rückt mit zwei Kompagnien den Eisack herab, um den Mahrwirt zu fangen.« »Hörst du's!« pfauchte der Stadtrichter dem Burschen zu und rückte ihm womöglich noch näher. »Gescheit sei, Tonele, und schau mich an. Schau mich einmal ordentlich an, daß du auch weißt, wie dein bester Freund aussieht.« Der Spielmann machte seine großen Augen sehr weit auf, schaute den bärtigen, verschmitzt schmunzelnden Dickwanst an und sagte dann ganz gelassen: »Dank schön, jetzt weiß ich's.« »Heb's auf! Heb's auf!« fuhr der Bayer am Ohre des Burschen leise und lebhaft fort. »Der König hat ohnehin Geld genug, laß ihn's nicht wieder einstecken. Wär' zu dumm! Du kannst es besser brauchen, heb's auf! – Der Mahrwirt, der Peter Mayr! Seinetwegen, deinetwegen, Toni, sei ein braver Tiroler und sag's, wo er ist.« Der schlaue Tonele hatte sich schon lange ergötzt an der Komödie, die sie ihm da vorspielten. Aber daß sie ihn für gar so dumm hielten, das verdroß ihn. Freilich hatten sie getrunken, aber getrunken hatte auch er und nun wollte er doch einmal sehen, wo es liegt, im Wein oder im Kopf. Anlaufen wollte er sie lassen, über und über blau anlaufen. Dem Mahrwirt fragen sie nach. Dank der Nachfrag', der Mahrwirt ist im hohen Birg. – Der heilige Schutzengel soll ihn hüten unterm Schrotthorn in der Steinwänd! Und die Herren Bayern sollen derweil in der entgegengesetzten Richtung einen Gebirgsmarsch machen, sollen ein bissel hinter den Hochkofel hinübergucken. – So dachte insgeheim der Tonele. »Besinne dich nicht lange und sei gescheit!« sagte der Bayer, die breite Hand hinhaltend. »Meinetwegen!« stieß der Spielmann hervor und schupfte seine Klampfen verächtlich über die Bank hin, gleichsam, als ob er solchen Bettelzeugs nun überdrüssig sei. »Wenn heutzutag schon jeder auf seinen Vortheil schaut, was soll ich allein der Narr sein. Ich sag's.« »Ein Bussel kriegst, Prachtmensch, lieber Kerl!« rief der Stadtrichter und umschlang ihn mit beiden Armen. Und wie des dicken Bayern Ohr so ganz nahe an des jungen Tirolers Mund war, flüsterte dieser in jenes: »Der Mahrwirt ist drüben hinter dem Hochkofel, in der Roßhöhl'.« Der Bayer zog den Kopf zurück und fragte auf einmal fast streng: »Kannst uns weisen?« »Den Weg weiß ich selber nit,« antwortete der Spielmann mit verdammt ernsthafter Gelassenheit. »Ich glaub', unten bei Rasen hinein und über St. Magdalena. Mehr kann ich nit sagen, weil ich nie dort gewesen bin. Ich weiß nur, daß er sich in der Roßhöhle aufhält, hinter dem Hochkofel.« »Du wirst mit uns gehen. Spielmann!« »Warum denn nit?« versetzte der Tonele, »Wenns mich tragen wollts! Weil ich die Gicht im Fuß hab', schon seit einer Woche. Habt's ja gesehen, wie ich hinken muß!« Und bei sich: Vergelt's Gott, Hanai, daß mich dein Schuh so viel zwickt! Wie kunnt der Mensch sonst auf eine so schöne Lug kommen! Der dicke Bayer stand auf, fast gelenkiger, als man es ihm zugetraut hätte, knöpfte seinen Mantel zusammen, und die übrigen Gäste machten es ihm hastig nach. In wenigen Minuten war die Wirtsstube leer, nur der arme, gichtische Spielmann saß noch im Ofenwinkel und hielt sich die Hand vor das schmunzelnde Gesicht. Vor ihm stand der Wirt, ein kleiner dicker Mann mit rotem glattrasiertem Rundgesicht und einem ganz kleinen Näschen drin. Graue Aeuglein hatte er, mit diesen starrte er jetzt schreckbar wild auf den Burschen und dabei ballte er die dicken Fäuste. »Spielmann!« sagte er endlich in seiner dünnen Fistelstimme, und dabei wackelte er mit dem Kopf, »Spielmann! Was hast du jetzt angestellt? – Wenn du jetzt was angestellt hättest, lebendig kämest du mir nit aus dieser Stuben!« Griff der Tonele sachte zu seiner Klampfen, hub an zu klimpern und sang: »Foppen, foppen, Bayern foppen, Faß anbeulen, Hühner schoppen. Kraxeln auf dem Kofel um, Stoßen sich die Schädel dumm, Die Bayern!« Jetzt begriff der Wirt, und wer draußen vorübergegangen wäre in diesem Augenblick, der hätte im Wirtshaus das heftige Gegacker einer Henne hören können. Es war jedoch das Gelächter des Wirtes. »Was aber du!« stieß er zwischen dem Lachen heraus, »was aber du für ein Feiner bist, Toni! Dir hätt' ich's nit angesehen, dir! Gar nit wahr ist's, was du ihnen auf die Nasen gebunden hast? Hauptspitzbub, der du bist! Magst noch ein' Wein, Spielmann? Dableiben kannst heut', wenn du willst, und essen und trinken, so viel du magst. Aber gewiß nit, Toni? Ist er gewiß nit droben in der Roßhöhl?« »Fallt ihm nit ein.« »Herentgegen?« »Ja. schmeck's!« »Mir möchtest es just anvertrauen!« »Nit ums Kopfabschneiden.« »Recht hast, Spielmann.« »Was zu essen, wenn du hast, Wirt, das mag ich.« »Kommt gleich, kommt gleich. Gut werden wir uns unterhalten, heut' miteinand. Heben uns nachher ein feines Tröpfel aus dem Faß.« »Aber dableiben mag ich nit.« »Der Tausendsapper, warum denn nit?« »Ja, ich dank' recht schön,« sprach der junge Spielmann. »Ins Alfersthal thu' ich heut' freilich nimmer. Heim geh' ich. Mußt wissen, ich hab' jetzt meine eigene Schlaffstatt.« Sagte es und klimperte auf der Klampfen. Mahrwirt, ich möcht' nit in deiner Haut stecken! Der Mahrwirt auf der Flucht hatte in Nacht und Nebel die Steinwänd glücklich erreicht. Der Stadel, welcher zwischen den Felsen im kleinen bewaldeten und tiefverschneiten Hochthale stand, war in der Eile von den Bauern so hergerichtet worden, daß ein Mensch zur Not ein paar Wochen drin leben konnte. Es fehlte nicht an einem rohgemauerten Kochherde, nicht an Brennholz, nicht an Brot und Wildfleisch, nicht an Heu, um sich zu bergen. Sogar mehrere Eschenholzklötze waren vorhanden und Schnitzwerkzeuge dabei, damit der Flüchtling sich mit etwas beschäftigen konnte. Tags über war es recht frostig in dem dunkeln Raume, denn heizen und kochen durfte der Einsiedler erst, wenn es Abend ward und der aufsteigende Rauch nicht zum Verräter werden konnte. Aber trotz aller Vorsicht sollte des Verbleibens an diesem versteckten Orte nicht lange sein. Schon in der vierten Nacht seines Aufenthaltes im Stadel bemerkte Peter, daß unten bei dem etwa eine halbe Stunde entfernten Steinwändhäusler der Kettenhund ununterbrochen bellte, was in den vorhergehenden Nächten nicht so gewesen. Bald nach Mitternacht waren dort ein paar Flintenschüsse abgefeuert worden. Der Mahrwirt ahnte nichts Gutes, eilends machte er sich fertig, band Schneereifen unter seine Sohlen, hing den Rucksack über und den Stutzen und flüchtete hinan ins hohe Gebirg. Anfangs ging es leidlich über den Schnee; als der Morgen anbrach, war er schon auf den Steinboden. Hier über gefrorenem Schnee war bei einiger Achtsamkeit auch ein leichteres Vorwärtskommen als im Sommer über das klobige Gestein. Peter dachte an die Hütte, in welcher er etliche Wochen früher Zuflucht gefunden hatte. Aber wie sollte er dahin kommen? Um die Mittagszeit, als er rastete und hinausschaute in die blendende Schneelandschaft der hohen Berge, und hinab in die Thäler, die mit rostbraunem Nebel vollgestopft waren, bemerkte er zu seinem Schreck eine schwarze Kugel, welche aus den Tiefen über die Schneefelder sich gegen ihn heranbewegte. Peter eilte weiter und erreichte einige Stunden später das Plankhornkar, eine Gegend, die er von früher her kannte und wo mehrere Alpenhütten gestanden waren. Diese Hütten standen jetzt nicht mehr, aber die feuergebräunte Mauer eines Kochherdes ragte aus dem Schnee hervor. Abgebrannt. Der Mahrwirt wanderte weiter, trotzdem seine Kraft fast erschöpft war, er mußte zu den Hütten der Oberthalalm gelangen. Aber auch hier fand er nur Brandstätten. – So heißt es hier umkommen, weiter kann ich nicht mehr. Mit diesem Gedanken ließ der Flüchtling sich nieder auf den Schnee. Da kam die Lehne heran jene schwarze Kugel ganz langsam auf ihn zugeschwebt. – In Gottesnamen, sie sollen mich haben! so gab er sich drein. Aber bald zeigte es sich, daß die schwarze Kugel kein Verfolger war, sondern daß unter derselben ein alter kleiner Tiroler Bauer herankeuchte. Ein großer Ballen war es, den der kleine Alte trug und der ihn vorhin auch völlig verdeckt hatte, so daß es schien, er gleite auf der Schneefläche ganz allein daher. Ein Kleinhäusler aus Schalders mit einem breitkrempigen Rundhute und einem mageren Maulwurfsgesichtlein; er war genannt der Möselgugu und als ein höchst freimütiger Mann bekannt. »Auff – auff – auff – Warum willst denn du mich umbringen, Mahrwirt?« rief der Alte schnaufend dem Flüchtlinge zu. »Alleweil hab' ich geschrieen: Wart, Wirt, ich komm' dir nit mehr nach! Aber rennen wie ein Berghas. Daß du vor den Bütteln laufst, die richtig schon in der Steinwänd sind, muß man dir wohl verzeihen, aber daß dir vor mir altem Hascherl 's Herz in die Hosen rutscht, das ist wild. Auff – auff! Kotzen und Speck hab' ich da.« »Bist mir nachgeschickt, Mösel? Vergelt' dir's Gott!« So der Mahrwirt, sonst sprach er wenig. Weil's nun schon dumper wurde über den weiten Schneehöhen, so gingen die beiden Männer gegen die Felswand, suchten Unterschlupf und krochen in eine Spalte, die der Schnee mit einem Vorwall fast verschlossen hatte. Dort verbrachten sie die Nacht. Am nächsten Morgen hielten sie Rat, was nun zu beginnen sei. Der kleine Möselgugu mußte dabei immer so steil zum großen Mahrwirt aufschauen, daß er deswegen ganz mißmutig wurde und anhub, den großen Menschen von oben herab zu behandeln. »So groß sein, das ist auch nit schön!« schnauzte der Möselgugu, »achten hab' ich dich immer müssen, weil du soweit ein braver Mensch bist, Mahrwirt, aber extra gern hab' ich dich nie gehabt. Jetzt spielen sie dich gar, was weiß ich, auf einen Heldenmann aus. Andre haben auch was geleistet, kümmert sich keine Katz' um sie. Aber halt der Mahrwirt! Bitt' dich schon um Verzeihung, ich bin aufrichtig.« Ja, das wußte Peter schon lange, daß der Möselgugu immer darauf aus war, den Leuten Unangenehmes ins Gesicht zu sagen, was aber nicht hinderte, daß er im Rufe stand, es mit jedermann im Grunde gut zu meinen. »Mahrwirt, ich möcht nit in deiner Haut stecken,« fuhr der Möselgugu in etwas träger Redeweise fort zu sprechen, »du wirst nimmer viel Gutes haben auf der Welt. So ein Gewissen! Hast doch viel Leut' umgebracht. Die armen Seelen derer von den Eisackschluchten werden dir auch zusetzen, na ich glaub's. Will schon beten für dich, wirst es nötig haben.« »Trösten kannst einen du aber schon sehr gut!« lachte der Mahrwirt etwas unglatt auf. »Mußt verzeihen, ich red' halt, wir ich mir denk'.« »Daß du mir mit Pelz und Loden nachgekommen bist, werd' ich dir nie vergessen,« sagte der Mahrwirt. »Glaubst du, daß ich's gern gethan hab'?« schrie der Alte mit scharfem Stimmlein in die Luft hinaus, »so weit geht die Nächstenlieb' nit, daß ich den Flüchtlingen meinen Speck nachtrage. Vom Steinwändhäusler und den andern bin ich geschickt. Haben mich ja zum Aufpasser gemacht, die Racker, unten beim Stadl, daß die Schergen nit haben können anschleichen. Gefroren dabei wie ein Eiszapfen. Als ob unsereines Leben weniger wert wär', als das eines andern. Aber ich brauch' halt einen Verdienst. Und du mußt jetzt ins Passeier hinüber, daß ich wieder heimgehen kann.« Ins Passeier hinüber. Das war ein weiter, im Winter kaum passierbarer Weg, um so sicherer jedoch vor den Verfolgern. Der Mahrwirt band die Sachen zusammen, um sich auf die Wander zu machen. Dabei fragte er den Möselgugu, ob er keine Nachricht vom Mahrwirtshause habe. »Nix!« rief der Alte. »Wird viel sein, wenn's noch steht, dein Haus. Gestern hat's wieder recht viel Rauch gegeben unten bei Brixen herum. Gewisses weiß ich nit. – Aber mach, mach, Mensch, daß du weiter kommst.« »Du kannst schon heimgehen, Mösel,« sagte der Mahrwirt. »Ich werde schon auch allein weiterkommen. Nimm dir ein Stückel Speck mit auf den Rückweg.« »Behalt' du deinen Speck nur selber, wirst ihn schon brauchen, bist eh hundsmager.« So der Alte und dann machte er sich davon. Der Mahrwirt atmete fast auf, als er wieder allein war. Dieser Möselgugu, dachte er, ist doch ein bissel stark aufrichtig. Bei dem seiner Wahrheitsliebe möchte ich für nichts gutstehen, wenn ihn die Büttel nach dem Mahrwirt fragen. Und wenn man's nimmt, er hat recht; für einen armen Teufel gibt's selten Gelegenheit, was zu verdienen. Aber ich will mich lieber sicherstellen. Den Feinden jetzt in die Hände zu fallen, das wäre so das Richtige! Möchten nachher dem Lande alles Mögliche mit mir herauspressen wollen. Den Spaß machen wir ihnen nicht. Als der Möselgugu aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, änderte Peter die Richtung. Nicht dem Jaufnerjoche und nicht dem Passeiergebirge strebte er zu, sondern links über die weiten Höhen hin wanderte er gegen den Ritten hinaus. Besonders beunruhigt hatte ihn das vom Rauch in der Brixner Gegend. Ein heftiges Verlangen, wenn auch nur aus der Ferne sein Haus zu sehen, kam über ihn. Er wanderte unter mannigfaltigen Beschwerden über das Gebirge hinaus und niederwärts, bis er vom waldigen Pfeffersberg hinabsehen konnte auf die Mahr. Sein Haus stand friedlich unter der Felswand. In seiner Rocktasche hatte er mehrere Schriftsachen stecken gehabt, die ihn ängstigten und die er auch nicht gerne vertilgen wollte. Es waren Briefe von andern Bauernführern, darunter auch einer von Dörninger. Nun er der Gefahr näher kam, war es unaufschiebbar, dieselben zu verbrennen, was er in einer Holzerhütte auch that. Dann stieg er thalwärts. Oberhalb der Ortschaft Velthurns stand ein unbewohntes Kleinhäusel, dessen eine Dachseite schon so zerrissen war, daß überall die Sparren des Dachstuhls bloßlagen. Bei einer solchen Lücke kroch Peter hinein und durch ein mit Lappen schlecht verstopftes Fensterchen guckte er hinaus, gegen die Mahr hin. Um zum Fenster hinauszuschauen, mußte er auf einen Strohhaufen knieen, der an der Wand lag, und dabei spürte er unter demselben etwas wie einen lebendigen Körper. Im Augenblick bohrte aus dem Stroh ein struppiger Bauernkopf hervor: »Mahrwirt, du bist es? Um aller Heiligen willen bitt' ich dich, verrat' mich nit!« »Das ist ja der Kerschbaumer!« sagte Peter, »suchen sie auch dich?« »Schon seit zwei Tagen lieg' ich in diesem Streuhaufen. Oben in Schnauders hab' ich einen Welschen erschlagen, der just beim Brandlegen gewesen. Jetzt das ist den Herren nit recht und wollen mich ein bissel henken. Gestern hat einer bei der Dachlucken hereingeschaut. Ins Talfererthal wollt' ich hinüber, aber der ganze Ritten soll voller Schergen sein.« »Helf Gott. Ein Stück Brod und ein Trum Speck kann ich dir dalassen. Weiter muß ich auf mich selber schauen,« so der Mahrwirt, und bald darauf eilte er draußen durch den Wald gegen Klausen hinab. Wenn der Ritten besetzt ist, so muß er auf die andre Seite hinüber, dem Ampezzo zu, von dort ist Kärnten erreichbar. – Das war nun sein Reiseplan. Auf einmal sah er sich in der Nähe französischer Soldaten, welche in den Wäldern streiften. Der Mahrwirt ließ sein Bündel, das er seit dem Möselgugu zu schleppen hatte, sachte zur Erde gleiten, stand in seinem braunen Gewande zwischen braunen Kieferstämmen und blieb unbeweglich dort stehen bis zur Abenddämmerung. Mehrmals waren die Büttel nur wenige hundert Schritt von ihm entfernt, sie spähten immer durch das Gestämme, bemerkten ihn aber nicht, denn er stand still wie ein Baumstrunk. Als die Dunkelheit eingetreten war, übersetzte er nächst der Klamm den Eisack und ging durch das enge Villnößerthal hinauf gegen das wilde Gebirge. Die wenigen Waldleute, die ihm begegneten, konnten ihn für einen übersiedelnden Taglöhner halten. Wo der ausgetretene Pfad aufhörte, verwischte er mit einem Fichtenaste, den er hinter sich nachzog, die Spuren seiner Füße im Schnee, damit es aussah, als habe ein Bauer Reisig vom Berg herabgezogen. Er hatte Zuversicht, denn weit und breit war hier nichts als die Wildnis und der öde Winter. War er nur erst drüben in den weißen Bergen, dann konnte er hoffen, Innerösterreich zu erreichen. Tagsüber lag er in irgend einer Wald- oder Alpenhütte, in den sternhellen Nächten wanderte er. Eines Tages, bevor er noch das Uebergangsjoch erreicht hatte, kam Peter in ein Felsenkar, das eingeschlossen war von Wänden und nirgends eine Stätte zum Rasten zu bieten schien. Er kletterte das terrassenförmige, theilweise schneefreie Gewände hinan, um sich in einer Felsenspalte niederzulassen. Da fand er eine Kluft in den Berg, eine größere Höhle, deren Eingang mit Eiszapfen vergittert war. Peter brach mit dem Gewehrkolben dieses Gitter, daß er sich hineinzwängen konnte. Da drinnen war es ziemlich trocken, aber ganz finster und die Fußtritte widerhallten wie in einem großen Gewölbe. Der Boden war rauh und spießig, allein die Luft war nicht so kalt wie draußen, daher beschloß Peter, in dieser Höhle die folgende Nacht zuzubringen. Nach seiner Berechnung war es die Weihnacht. Er zündete mit Mühe den Rest einer Talgkerze an und holte etwas Nahrung hervor aus seinem Rucksack, der schon bedenklich zusammengeschrumpft war. Während des Mahles betrachtete er die Steingebilde, welche im Halbdunkel gespenstisch aufragten und niederhingen und hinter welchen manchmal ein Geräusch war, als husche und flattere manches Gethier umher. Der Flüchtling bereitete sich in einer niedrigen Nische ein Lager, that ein Gebet zum Kinde Jesu, dessen Geburt zur Stunde gefeiert wurde in allen Kirchen des Landes, dann sank er nach den vielfachen Strapazen in einen tiefen Schlaf. Kaum eine Stunde hatte dieser gedauert, als Peter jählings emporfuhr. – War nicht eine Muhre niedergegangen? Nein, ein Traum ist's gewesen. – Aber er konnte nicht mehr recht zur Ruhe kommen. Du sollst aufstehen, so fiel es ihm ein, du sollst heute noch über das Joch. – Er blieb doch liegen und betete ein Vaterunser für die armen Seelen im Fegefeuer. Denn er hatte oft gehört, wer in seinem Bette nicht einschlafen könne, der solle der armen Seelen gedenken. Auch das war vergebens. Da sah er plötzlich einen zuckenden Lichtschein, der im Eisvorhange Regenbogenfarben spielte. War das auch ein Traum? – Peter sprang von seinem Lager auf, wollte hinaus, da krachte das brechende Eis und sie standen vor ihm. Was gibt's denn? Am heiligen Christtage war's, nach dem Gottesdienst, Die kleine Familie des Mahrwirtes saß in der Oberstube beim Festmahl. Der Platz, wo sonst der Hausvater zu sitzen pflegte, war leer; hingegen saß neben der Magd Hanai, die ja auch zur Familie gezählt wurde, jemand, dem dieses Mahl und dieser Platz sehr wohlthat. Der Spielmann, der Gurglertoni! Und zwar heute so nett herausgeputzt, daß er, wie es der Magd vorkam, recht appetitlich anzusehen war. Das Mahl wurde auch in diesem Jahre aufgetragen und abgehalten nach altem Brauch: neun Schüsseln mit Fleisch, Krapfen, Sulzen und andern leckeren Gerichten. Die Stimmung war eine dem heiligen Feste angemessene, fast fröhliche, und die Kinder führten ein heiteres Geklapper mit Löffel und Gabel. Die Erwachsenen sprachen über den Gottesdienst, den die neue Regierung nun doch nach alter Sitte gestattet hatte. Selbst die feierliche Mitternachtsmette war abgehalten worden in der Stadt und in den umliegenden Kirchen. Nur begegneten die Kirchengeher überall bewaffnetem Militär; das sollte, wie es hieß, die Ordnung aufrecht erhalten und im Falle einer Feuersbrunst, denn die Kirchleute von den Bergen her hatten lodernde Fackeln bei sich, sogleich rettend zur Stelle sein. »Es ist erbaulich, wie sie jetzt auf einmal den heiligen Florian spielen, und vor kurzer Zeit haben sie selber die Häuser angezündet,« so bemerkte Bruder Augustin. Ferner war bei Tische davon die Rede, daß die Franzosen unten in Bozen ihr Hauptquartier aufgeschlagen hätten, und daß ihr General ein seltsamer Mann sein solle. Er sei überaus streng, und doch hätten sogar die Bozner vor ihm Achtung, denn er wäre stets auch gerecht. Er habe schon mehrere seiner eigenen Soldaten auf offenem Platz erschießen lassen, die in den entlegenen Höfen geplündert hätten. Aber auch einen Terlaner Schänker hätte er auf der Stelle an den Nußbaum knüpfen lassen, weil derselbe einigen Franzosen ein ungutes Tränklein gemischt. »Es ist ja alles gut,« sagte Frau Notburga. »Nur kein Unrecht. Das ist das Schrecklichste auf der Welt.« Derlei wurde bei Tische gesprochen. Dazwischen keifte die Hanai manchmal ein wenig mit dem Tonele, ließ sich aber nicht wiederholt mahnen, als Frau Notburga sie aufforderte, beim Zugreifen in die Schüssel auch ihres Nachbars nicht zu vergessen. »O nein, Frau Wirtin, die vergißt nit!« fiel der Bursche drein, da hatte er eins unten an den Beinen; sie trug leider etwas grobgenagelte Schuhe. Die kleine Marianna wollte statt der unheimlichen Soldatengeschichten lieber vom krauslockigen Christkinde etwas hören, ein Wunsch, welchem der geistliche Herr Vetter recht gern Bescheid that. Der Hans war ernsthaft und schweigsam; vielleicht hätte er es doch lieber mit den Kriegssachen gehalten als mit dem holdseligen Jesus. Für diesmal begnügte er sich, mit Messer und Gabel das Lämmerne auseinanderzureißen. Als der Schweinsbraten mit den bräunlich geschmorten Speckschwarten kam und in Zimmtwein gebeizte Semmelschnitten zur Zuspeise erschienen, sagte der Knabe: »Was wird der Vater jetzt essen?« Darauf entgegnete keines ein Wort, Frau Notburga legte sachte die Gabel aus der Hand und ging in die Nebenstube. Um doch etwas zu sagen, sprach nun die Magd: »Das ist wohl ein unglückseliges Jahr gewesen. Wie wird's sein, bis wieder der Christtag kommt?« »Da wird's schon wieder lustiger sein,« meinte der Tonele und berührte mit seiner Fußspitze ein wenig ihren Schuh. »Gott geb's!« sagte sie und versetzte ihm einen erklecklichen Tritt auf die Zehen. Die übrigen merkten nichts von den kleinen Scharmützeln, die sich unter dem Tische abspielten, und Bruder Augustin sprach fromm die Zuversicht aus, für die Länge könne der allmächtige Gott seine Tiroler nicht verlassen. Als das Mahl vorüber und das gemeinsame Tischgebet gesprochen war, ging jedes hinein zu Frau Notburga, um nach der Sitte Vergeltsgott zu sagen für die christliche Mahlzeit. Die letzten waren die Hanai und der Tonele. Als sie wieder heraus wollten, winkte die Wirtin mit der Hand und sagte: »Bleibet noch ein wenig da, ihr zwei, ich habe ein paar Worte mit euch zu reden.« Dabei machte sie die Thür zu und trat gegen den Tisch hin. Die zwei Leute standen unbeweglich da und die Hanai schaute mit schreckbar feindseliger Miene auf den Burschen. »Ich weiß es, meine lieben Leute, wie es mit euch steht,« begann Frau Notburga, »und ist ja auch weiter kein Unglück. Wenn sich zwei junge Leute gern haben, so sollen sie treu und brav zusammenhalten und trachten nach dem heiligen Ehestand. Jedes fleißig und arbeitsam, das muß wohl sein; nun, die Hanai kenne ich dafür und sie hat auch Lidlohn bei uns liegen; und der Musikantenstand wird wohl auch just nichts Unbraves sein.« »Vergelt's Gott. Frau Mutter!« unterbrach sie der Tonele, glücklich darüber, daß endlich sein Treiben einmal ein gutes Wort fand. »Jeder Stand ist ehrenwert,« fuhr die Wirtin fort, »wenn er nur brav und redlich gehalten wird. Weil das Spielmannsgeschäft aufs Heiraten nicht langt, so mag man's nur nebenbei betreiben. Soweit alles recht. Aber was anders ist nicht recht, meine Leut'! Daß ihr jetzt alleweil im Stall draußen Zusammenkunft habt, das kann ich nicht leiden, das darf nicht sein, das darf mir von heut' an nimmer geschehen, ich sag's euch!« Die Hanai zuckte am ganzen Leibe ein und knurrte etwas, als hätte der Tonele angefangen. Dieser stand ganz demütig da und schaute auf die Dielen, auf denen nichts zu sehen, als daß sie sehr blank und rein waren. »Ist gleichwohl der Herr nicht daheim,« sagte Frau Notburga, »das Haus bleibt in Ehren, dafür stehe ich gut. Ihr habt nachher noch Zeit und Weil' genug zum Zusammenkommen und werdet es wohl erwarten, denke ich! Gar lange wird's ja mit Gottes Hilfe nicht mehr dauern. Drin in Vahrn ist, habe ich gehört, ein Angütel ledig, das könnt ihr ja wohl pachten. All zwei brav schaffen, braucht keine Dienstleut', und wenn der Toni zur Faschingzeit einmal mit der Klampfen ausgeht, so wird deswegen wohl auch der Himmel nicht herabfallen. Ein Groschen Nebenverdienst wird im Haus gut zu brauchen sein. Später das Gütel mit Fleiß und Gottessegen zu eigen erwerben wird wohl auch keine Unmöglichkeit sein.« Nachdem die Wirtin so gesprochen hatte, hob die Hanai natürlich ihren Schürzenzipf ein wenig und versetzte in gar bescheidener Weise: »Gesagt ist das leicht, meine liebe Frau Mutter, das Gütel pachten! Wüßt' heilig nit, wie sich das sollt' schicken.« Frau Notburga machte die Tischlade auf, nahm ein in Leder gebundenes Gebetbuch heraus und zog aus demselben ein beschriebenes Blatt Papier hervor. »Der Toni,« sagte sie nun leise, »hat eine kleine Sach'. Wenn's auch nicht viel ist, so wird gewiß der Gottessegen dabei sein. – Wegen dessen, daß er im Hochgebirg so brav und herzgetreu zu unsrem armen Hans gestanden ist, wo das Kind sonst wohl hätt' verderben müssen, hat mein Mann dem Toni ein kleines Stück Geld verschrieben. Zweihundert Gulden sind's, damit, meine ich, läßt sich was anfangen.« Jetzt war's zum Handküssen, beide drängten sich dazu, aber Frau Notburga entzog die Hände rasch und setzte bei: »Wenn wir auch nicht reich sind, so geht's uns doch nicht schlecht, und ihr könnt die Sach' mit gutem Gewissen nehmen, zumal uns auch du, Hanai, seit sieben Jahren arbeitsam gedient hast. – Das Geld könnt ihr haben, sobald ihr anfangt, und anfangen könnet ihr, sobald ihr wollt; nur ein paar Wochen früher wissen muß ich's, von wegen einer andern Magd.« »Frau Mutter,« sagte darauf der Tonele, »ich denk', die Frau Mutter schaut sich gleich um eine andre um, wir fangen geschwind an.« Die Hanai wollte schon mit einer schicklicheren Rede dazwischen fahren, da sprach noch die Wirtin: »Ich wünsche euch für den Ehestand kein andres Glück, als was ich selber hab' gefunden mit meinem Mann. Mehr kann ich nicht sagen. Der allmächtige Gott führe mir ihn glückselig wieder heim.« Diese Worte waren kaum gesprochen, als draußen auf der Straße sich eine seltsame Unruhe erhob. Ein gedämpfter Lärm, ein Ab- und Zulaufen von Leuten, ein Hinrecken aller Köpfe nach der Richtung gegen die Brücke. Frau Notburga öffnete ein Fenster, um zu sehen, was es gebe. Die Leute flüsterten und wichen zurück. »Was gibt's, denn?« fragte die Wirtin hinab. »Derwischt haben sie wieder einen!« antwortete jemand herauf: Und eine grelle Stimme schrie es hin: »Sie haben ihn! Den Mahrwirt haben sie!« Das Kriegsgericht Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen Fast die ganze Nacht und einen halben Tag lang waren sie mit ihm auf dem Wege gewesen herab vom Gebirge. Der rauschenden Alfers entlang hatten sie ihren Weg genommen, und, endlich ins Thal gelangt, rechts gegen Brixen hin. Unterwegs bei den Ortschaften hatte sich auch Besatzungsmannschaft dem Zuge angeschlossen, um einem etwaigen Aufruhr in der Bauerschaft vorzubeugen. Das bayrische Gericht zu Brixen hatte noch festgestellt, daß der gefangene Flüchtling richtig Peter Mayr, der Wirt an der Mahr ist, welcher die Muhre in den Eisackschluchten gemacht hat. Also eilends fort mit ihm nach Bozen. So mußte der Zug am Mahrwirtshause vorüber. Von diesem aus sah man zuerst den Trupp schwer bewaffneter Soldaten, mindestens an sechzig Mann, die raschen Trabes die Straße herankamen. Voran auf hohem Roß ein Offizier. Als dieser den aufgeregten Volkshaufen sah, der vor dem Wirtshause sich zusammengewirbelt hatte, rief er schmetternd: »Platz da! Platz für den Rebellen!« Die Gewehre rasselten, die Säbel funkelten, die Leute wichen zurück. Nun zogen sie heran und mitten unter ihnen der Mahrwirt. Er ragte fast über die Söldner hervor, obzwar er gebeugten Hauptes ging. Der spitze, verwitterte Filzhut saß ihm so windschief, daß man wohl merkte, er hätte sich ihn nicht selber auf den Kopf gestülpt. Haar und Bart waren lang und verwildert, Eis und gestocktes Blut hingen dran. Das Angesicht des sonst so frischen und kräftigen Mannes war eingefallen und blaß zum Herzbrechen. Einmal, zweimal war sein Blick hingezuckt an das Haus, an welchem sie vorbeimarschierten. Dann schaute er zu Boden, nicht trotzig, sondern ergeben. Seine Hände, auf den Rücken gebunden, waren vor Kälte und der strammen Fesselung ganz blau angelaufen. Um den breiten Ledergurt, sowie auch um den Hals waren ihm Stricke gelegt, an denen ihn zwei Mann führten und deren Schlingen jeden Augenblick zusammengezogen werden konnten. Die kurze braune Joppe war an mehreren Stellen zerrissen, ein Aermel blutig, Zeichen, daß er sich freiwillig nicht ergeben hatte. Die umstehenden Leute flüsterten nun erschreckt und zaghaft untereinander. »Wohin schleppen sie ihn?« – »Nach Bozen.« – »Dann ist es aus mit ihm.« Auch ergingen sie sich in Mutmaßungen, wo und unter welchen Umständen er denn aufgegriffen worden sein mochte. Auf einmal wurde es laut: »Hinter dem Hochkofel haben sie ihn ertappt, in der Roßhöhlen haben sie ihn abgefangen!« Das hörte der Spielmann, der an der Hausthür stand. Er hörte es und wurde leichenblaß. »Was? Was haben sie gesagt?« Den Nebenstehenden fragte er in einem Tone, als würde ihm die Kehle zugeschnürt. »Ah, da steht er ja, der ihn verraten hat!« riefen jetzt mehrere und zeigten mit ausgestreckten Fingern auf den Tonele. »Der hat's gethan!« Nun eilte Frau Notburga herbei, warf sich vor dem Offizier auf die Kniee und bat, daß man den Gefangenen eine Stunde rasten lasse in seinem Haufe. »Nehmt Abschied von ihm!« Das war der Bescheid. Das Weib stürzte sich an die Brust des Gefesselten und voll des Jammers rief sie aus: »So sehen wir uns wieder!« Das Busentuch riß sie sich herab und reinigte damit sein Angesicht. »Du armer Mensch!« sagte sie im Tone innigster Milde und Zärtlichkeit, wie man zu einem Kinde oder zu einem Sterbenden spricht. »Du mein armer Mensch! Wie hat denn das können sein?« »In's Kärntnerische wollte ich hinüber,« gab er zur Antwort. »Am Hochkofel oben, in einer Höhlen habe ich wollen rasten – dort haben sie mich abgefangen.« »Daß wir so unglücklich müssen werden!« klagte Frau Notburga, in helles Weinen ausbrechend. »Was hast du denn gethan, als was nicht deine Pflicht ist gewesen und die andern all nicht auch gethan haben! Was wollen sie denn mit dir? Jesus, was wollen sie denn mit dir?« Peter sagte kein Wort darauf. Voll unendlicher Betrübnis schaute er sie an. Sie war zu Boden gesunken und krampfhaft umspannte sie seine Kniee. Da rief der Mahrwirt: »Weib, zu dem schau auf!« Sein Auge leuchtete gen Himmel. Die Leute stöhnten vor Mitleid, selbst die Soldaten waren bewegt, die Pferde trabten ungeduldig auf der klingharten Straße. Peter wendete sein Haupt gegen das Haus hin; die er suchte – sie waren nicht zu sehen. Er beugte sich nieder: »Notburga lebe wohl. Und die Kinder...« Das Wort, er vermochte es kaum hervorzubringen. »Vorwärts!« kommandierte der Hauptmann. In demselben Augenblicke sprang in wilden Sätzen der junge Spielmann aus der Menge heran und mit einem markdurchdringenden Schrei warf er sich hin vor den Mahrwirt. »Tritt mich tot!« rief er kreischend, »wie einen Giftwurm tritt mich tot!« »Toni!« sagte der Mahrwirt, »sei nicht kindisch.« »Ich hab' dich verraten!« »Was sagst du?« »Ich hab' dich verraten!« Peter lachte traurig auf: »Das wäre nicht leicht möglich. Kein Mensch hat's gewußt, wo ich umgeh'. Gott allein hat es gesehen.« »Hör' mich, Mahrwirt. hör' mich!« rief der Bursche mit vor Aufregung bebenden Lippen. »Im Wirtshaus zu Albeins. Sie haben mich gefragt und gefragt, und ich müßt' wissen und ich sollt's sagen. Da denk' ich: Er ist in der Steinwänd, aber sie lassen mir eher keine Ruh', ich muß sie anfoppen. Der Hochkofel fällt mir ein und die Roßhöhlen, und dort ist er, sag' ich. – Jesus, himmlischer Vater, und dort bist gewesen!« Wimmernd preßte der Bursche sein Angesicht in den Schnee. Da sagte der Gefangene herb: »Toni, hättest du geschwiegen davon, was du nicht weißt, oder die Wahrheit gesagt nach deinem Wissen – ich ginge jetzt nicht diesen Weg.« »Vorwärts!« donnerte das Commando. Der Gefesselte wurde von den Bütteln vorangezerrt und weiter ging's den Marsch gegen Bozen. Der arme Spielmann blieb liegen am Straßenrand; einer aus der Menge sprang hin und versetzte ihm Fußtritte an Haupt und Rücken, der Tonele ließ es geschehen und blieb liegen. – Als der Trupp mit dem Gefangenen gegen Klausen kam, war es schon finster und Peter erschöpft zum Umsinken. Der grüßte Theil der Begleitung verlor sich hier, vier oder sechs Soldaten und der Hauptmann walteten ihres Amtes. In der Ortschaft nahmen sie einen Bauernwagen, warfen den Gefesselten hinauf, banden ihn fest an den eisernen Ringen, deckten ihn zu mit einem alten Lodenmantel, und also fuhr Peter Mayr, der Bauernhäuptling, dahin den schauerigen Kuntersweg. Er lag auf dem Rücken, so daß sein Gesicht dem Sternenhimmel zugekehrt war. An beiden Seiten ragten die finstern Schroffen auf, in der Tiefe toste der Eisack. – Dieses Wasser erinnerte ihn an mancherlei. An das Weidenflechten und Fischfangen in der Kindheit; an das Hirtenleben in den Auen; an das Mädel, welches einmal am Eisackufer gesessen ist, die Füße ins Wasser gehalten und mit emsiger Hand die nußfarbenen Zöpfe geflochten hat um das Haupt. Als er plötzlich hinter ihr stand, der junge Mensch, war sie so sehr erschrocken, daß sie aufsprang und durch den Fluß lief gegen das andre Ufer. Mitten im Wasser glitschte sie aus, fiel hin und wallte davon. Der junge Mensch sprang nach, zog sie ans Ufer – und aus diesem Mädel ist später die Frau Notburga geworden. Das war bei den Auen gewesen, wo der Eisack in die Etsch rinnt. – Aber noch andres rauschte dieses wilde Wasser. Von der Muhre und von den anderthalbtausend Menschen ... Hier waren sie ja herabgeronnen, die Todten, so wie jetzt der Wagen dahinrollte, der Stadt Bozen zu – dem Kriegsgerichte. Die Felszacken des Rosengartens leuchteten kalt und rot in der aufgehenden Sonne, als der Wagen, stets umgeben von den wachsamen Bütteln, durch das Stadtthor rasselte und zwischen den Lauben der hohen Häuser hin die engen Gassen. Sprachlos blieben die Leute stehen, als sie hörten: das wäre der Peter Mayr, der Mahrwirt bei Brixen, der die große Muhre gemacht in den Eisackschluchten. Peter grub sein Gesicht ins Stroh, er wollte nicht hinschauen auf die Leute, er hatte in dieser Stadt manchen guten Bekannten. Er hörte es, wie jemand sagte: »Gott, der Mensch ist ja schon tot!« Der Wagen rollte voran und endlich in den düsteren Hof eines burgähnlichen Hauses. Die Mauern waren klafterdick, die Fenster schwer vergittert, die Thore mit Eisen beschlagen, und überall Soldatenwache mit aufgesteckten Spießen. Das war die alte Fronfeste Sankt Afra. Peter wurde vom Wagen gehoben, durch lange Gänge hin in ein kellerartiges Gemach geführt und dort seiner Fesseln entlastet. Er spürte keine Hand mehr an seinen Armen, die Finger waren steif und dunkelblau und wie abgestorben, die Beine waren wie aus Holz und er konnte kaum aufrecht stehen auf dem Pflaster. Man setzte ihm Speise vor und ein Krüglein Wein, er rührte nichts an, sondern legte sich auf den Strohbund und sank bald in Schlaf. Aus holdem Traume, wie er daheim im blühenden Garten mit den Kindern scherzt, ward er unwirsch aufgerüttelt. Er möge sich bereit machen, er würde vor den General geführt. Peter zuckte die Achseln, er war ja bereit. Er wußte recht gut, was das bedeutete: vor den General. Es war der französische Graf Baraguay, von dem es hieß, daß er in sein Wappen den Spruch habe schreiben lassen: »Gerechtes Gericht, und wenn Himmel und Erde bricht!« Und Verbrecher in den Augen der Franzosen waren ja die aufständischen Tiroler alle. Als Peter über den Platz dem Gerichte zugeführt wurde, läutete auf dem Turme der Stadtpfarrkirche die Glocke. Marktleute entblößten ihre Häupter, der Gefesselte konnte seinen Hut nicht abziehen, doch betete er still für sich das Ave Maria. Ein Herrenhaus war es, in welches der Mahrwirt geführt wurde. Die breite Steintreppe war an beiden Seiten bestanden mit rötlichgesprenkelten Marmorbrüstungen und schneeweißen Steingestalten aus dem alten Heidentume. Die Flügelthür, die jetzt aufging, war freundlich weiß angestrichen und ebenso weiß auch die Wände des lichten und geräumigen Saales, in den der Gefangene eintreten mußte. Die Fensternischen, die Gesimse und die Wandeinfassungen waren mit goldenen Leisten und schelmisch geschlungenen Schnörkeln üppig geschmückt. Die Decke war bemalt: bunte Jünglings-, Frauen- und Engelsgestalten, mit Rosenranken spielend in heiterem Reigen. Aus den Wänden standen goldene Armleuchter hervor, untenhin standen rotseidene Ruhebänke und Sessel, dann lichtfarbige Tische mit gebogenen Füßen und darauf große Blumenvasen, in welchen sogar frische rote und weiße Rosen staken. Die Täfelung des Fußbodens war so glatt und glänzend, daß man in derselben alle Gestalten des Saales sich spiegelnd nach abwärts stehen sah. – Also war der Raum, in welchem der arme Bauernwirt nun sein Schicksal erwartete. Im Saale waren viele französische Offiziere anwesend, alle in voller Uniform: die meisten mit hohen Stiefeln, weißen Hosen und Röcken, die blauen Schärpen leicht um den Leib geschlungen; an der Seite den Degen mit zierlichem Griff, an den Achseln schwere goldene Quasten. Aber auch andre Uniformen waren da, und mancher trug an der Brust ein Kreuz, ein funkelndes Sternlein. Die Häupter hatten sie entblößt. Es waren Greise darunter mit buschigen Eisbärten und kahlen Schädeln, es waren stattliche Männer mit feingedrehten Schnurrbärten. Und einer war unter ihnen von nicht großer aber gedrungener Gestalt, wohlgenährtem bartlosem Gesichte, welches durch die gebogene Nase und das rundlich hervortretende Kinn auffiel. Unter den sehr buschigen Brauen blitzten ein Paar graue Augen, mit denen er lebhaft um sich schaute. Die noch dunklen Haare des Hinterhauptes waren nach vorn gelegt. Die ganze Erscheinung war würdevoll und jugendlich zugleich. An der Brust hatte dieser Mann zahlreiche Ehrenzeichen, darunter einen großen Stern. Das war der Obergeneral, Graf Baraguay, der wegen seiner Strenge in Tirol der »welsche Löwe« genannt wurde. Doch gab es Leute, die wissen wollten, daß dieser Löwe nicht jeden zerreiße, den er anknurre, und man erzählte von ihm manchen Zug menschlicher Güte. Als der Mahrwirt in den Saal geführt wurde, trat ihm der General rasch einige Schritte entgegen und blickte ihn forschend an. Dann wendete er sich um, trat zurück zu den übrigen Offizieren und sagte in französischer Sprache: »Das wäre also das Ungeheuer? Den Mann habe ich mir anders gedacht.« Ohne eine Entgegnung abzuwarten, schritt er einmal, die Hände auf dem Rücken, quer durch den Saal und wieder zurück, dann gegen die Offiziere: »Meine Herren, ist es dringend?« Einer antwortete, daß keine Zeit zu verlieren sei. Der General befahl mit leisen raschen Worten, daß man dem Gefangenen die Fesseln abnehme. Als das geschehen war, konnte Peter erst seinen Hut vom Kopfe ziehen; er that's und wischte sich mit der flachen Hand das Haar über die Stirn herab; das that er mit gelassener Ehrerbietung, als stünde er vor seinem Pfarrer. Alsbald begann der General selbst in deutscher Sprache das Verhör. Die Worte sagte er in ruhigem, aber scharf entschiedenem Tone. »Wer sind Sie? Wie heißen Sie?« Peter stand aufrecht, nur mit etwas vorgeneigtem Haupte da, blickte dem Herrn offen ins Gesicht und antwortete nicht laut aber deutlich, ohne sichtbare Erregung und ohne Trotz: »Ich heiße Peter Mayr, bin der Wirt an der Mahr – bei Brixen.« »Wie alt?« »Zweiundvierzig Jahre.« Der General machte wieder seinen Marsch durch den Saal und murmelte: »Das ist jung, mon Dieu, das ist noch jung!« Dann zum Gefangenen: »Haben Sie Familie?« »Ein Weib und drei Kinder.« Wieder ein Gang durch den Saal. Dann vor dem Mahrwirt stramm stehen bleibend: »Sie waren schon während des Sommeraufstandes unter den Rebellen?« »Herr,« antwortete Peter, »Rebellen sind wir nicht. Es war Krieg, wir sind für unsern Kaiser, für unser Land gestanden.« » Bien. Ich gebe das zu. Damals. Sie haben bei der Mühlbacher Klause ein Gefecht geliefert?« »Ja.« »Und sich tapfer dabei gehalten. Ich achte den Mann auch im Feinde. – Was aber später?« Der Gefangene schwieg. »Später folgte der definitive Friedensschluß und das Land war neuerdings besetzt von dem rechtmäßigen Herrn, Seiner Majestät dem Bayernkönig. Die Empörer waren geflüchtet, das Land kam zur Ruhe, nicht wahr?« Peter schwieg. »Hernach eines Tages,« fuhr der Feldherr fort, »als vom Norden französische und bayrische Truppen herabmarschierten gegen Italien, ging in dem Engthale, genannt die Eisackschluchten, eine große Muhre nieder und tötete gegen eintausendfünfhundert Mann!« Peter stand ruhig und schwieg. »Eintausendfünfhundert Mann!« wiederholte der General nachdrücklich. »Brave Soldaten! Auch Familienväter! Nicht als Feind zogen sie durch, sondern als Freund und Beschützer. Vom Hinterhalte her tückisch getötet!« Mit durchdringendem Blick schaute er auf den Angeklagten. Dieser zuckte nicht mit den Wimpern. »Mehr als einen Freund,« fuhr der General fort, »habe ich verloren bei diesem beispiellosen Meuchelmorde. – Sie schweigen. Wissen Sie von der Sache?« »Ja.« sagte Peter. »Was glauben Sie, ist die Muhre zufällig niedergegangen?« Nach einigem Zögern antwortete der Mahrwirt: »Das glaube ich nicht.« »Rebellen haben sie vorbereitet! Diesmal werden Sie mir die Rebellen verzeihen! – Peter Mayr! Wußten Sie um die Vorbereitung?« »Ja,« antwortete Peter. »Waren Sie mit dabei?« »Ja.« »Haben Sie mit Hand angelegt?« »Ja.« »Waren Sie einer der Rädelsführer?« »Ich kann es nicht leugnen.« »Wohl gar der Hauptanführer?« – Peter schwieg. »Wissen Sie, wer anfangs den Plan für eine solche Muhre gefaßt hat? Und ganz besonders für diese Muhre, mit der Absicht, viele Hunderte von Menschen meuchlings zu töten? – Sprechen Sie, wer hat den Plan gemacht, geleitet, ausgeführt?« Peter stand unbeweglich da und schwieg. Der Feldherr nahm einem nebenstehenden Offiziere Schriften aus der Hand: »Hier steht alles geschrieben. Wir haben zehnfache Zeugenschaft.« »Sie ist nicht nötig,« sagte Peter. »Also gestehen Sie es ein, Peter Mayr, daß Sie die Muhre ausgedacht haben und ausführen ließen?« Jetzt hob Peter langsam sein Haupt und sagte: »Ja.« Unter den Offizieren, die das Verhör aufmerksam verfolgt hatten, entstand eine Bewegung. Der General schritt wieder durch den Saal, noch schärfer als vorhin. Plötzlich wieder zum Angeklagten mit lauter Stimme: »Und als Sie das thaten, haben Sie die Folgen bedacht?« Peter nickte mit dem Haupte. »Geben Sie acht auf das, was Sie sprechen. Haben Sie die Verheerung in ihrer ganzen Größe wirklich im vorhinein bedacht?« Nun antwortete Peter: »Ich habe sie wohl bedacht, gewünscht und erwartet.« Zornig stieß der General seinen Fuß auf den Boden, daß es dröhnte. Nach einer Weile, da es still gewesen war, that der französische Feldherr einen tiefen Atemzug, dann sprach er, und leise zitterte seine Stimme: »Peter Mayr! Sie haben auch ein menschliches Herz in der Brust. Sie haben ja Weib und Kind und wohl noch andre Menschen, die Ihnen nahe stehen. Haben Sie nie um einen gebangt, wenn er in Gefahr war? Als Sie durch Ihre That so namenloses Leid verursachen sollten, hat sich da Ihr Herz nicht geregt?« »Wohl doch, wohl doch!« murmelte Peter. »War dieses Herz denn ein verfluchter Kieselstein in jenen Tagen?« »Herr, der Krieg!« versetzte der Gefangene. »Zum Henker, der Krieg!« rief der General, wieder den schweren Fuß auf die Dielen stampfend. »Friede war! Von den Völkern ersehnter, von Kaiser und König unterzeichneter Friede. Gesegnete Zeiten sollten wieder kommen. Der Bayernkönig begann dem Lande seine Huld zuzuwenden, es sollten auch die alten Sitten und Gesetze eurer Grafschaft wieder zu Rechte kommen. Eure alten Freiheiten waren neuerdings gewährleistet, eurer Väter Glauben war geschützt, für die Aufständischen eine allgemeine Amnestie in Aussicht gestellt, überall und überall keimte der liebe goldene Frieden, den ich, ein alter Soldat, nach allem Elende, weiß Gott, selbst mit Freuden begrüßte. – Da geschah diese unerhörte That. Alles ist wieder aus Rand und Band und mit einem einzigen Schlage von eigenen Landeskindern das arme Land Tirol unvergleichlich tiefer ins Verderben gestürzt, als es je durch einen Feind geschah. – Peter Mayr! Sie stehen vor uns als die verkörperte Empörung. Wohl kaum einen Schimmer von Hoffnung haben Sie mit hereingetragen in dieses Haus.« Gesenkten Hauptes stand der Angeklagte da. Der General sagte: »Tirol müßte Sie langsam zu Tode steinigen. Wir wollen es gnädiger machen.« Und Peter stand immer unbeweglich da. Mehrere der anwesenden Offiziere haben es später erzählt, daß sie eine seltsame Beklemmung gefühlt, als der Tiroler Bauer so hilflos und so reuelos und so ungebrochen vor ihnen gestanden. Der General fragte nun gemessen und fast gedämpft: »Angeklagter, haben Sie noch etwas vorzubringen?« Der Gefangene schüttelte das Haupt. »Sie haben nichts zu sagen. Gut.« Der General wendete sich zu den Offizieren. Einer derselben schien die Aufgabe gehabt zu haben, den Angeklagten rechtlich zu vertreten, denn er sagte: »Nach dem, was wir gehört, ist jede Verteidigung nutzlos. Der Angeklagte verzichtet wohl selbst darauf.« Hierauf redete der General eine ganz kurze Zeit in französischer Sprache mit den Offizieren, dann traten diese zurück. Der General Graf Baraguay blieb mitten im Saale stehen, zog seinen Degen, und diesen blank auf den Fußboden stemmend, sprach er mit lauter und feierlicher Stimme: »Peter Mayr, Gastwirt an der Mahr bei Brixen in Tirol, ist überführt und geständig, nach vollzogenem Friedensschlusse mit Vorbedacht und Absicht die Bergmuhre in den Eisackschluchten, wobei eintausendfünfhundert Soldaten ums Leben kamen, veranlaßt und ausgeführt zu haben. Das Kriegsgericht Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen verurteilt den Rebellen Peter Mayr zum Tode durch Pulver und Blei.« Ich gehe zum General! Also war es geschehen zur Weihnachtszeit im Lande Tirol. Aber was zu Bozen geschah, das war noch unbekannt an der Mahr. An demselben Christtage, als sie den Mahrwirt vorübergeführt hatten bei seinem Hause, lag der junge Spielmann am Straßenrande im Schnee. Und als die Leute längst sich verzogen hatten, um in ihren Häusern das neue Ereignis zu besprechen, und als es dunkel geworden war und die Winterdünste im Thale blauten, lag der Tonele noch immer am Straßenrande im Schnee. Aus dem Hause, das in tiefster Trauer war, kam nun die Hanai, um ihn hereinzuführen. Zwei Schritt vor ihm blieb sie stehen, machte einen langen Hals und schaute hin. Die Hände und der Kopf waren in den Schnee hineingebohrt. – Wenn er tot wäre! dachte sie. Wenn er so viel Glück gehabt hätte, daß er jetzt gestorben wäre! – Dann packte sie ihn an den Armen, riß ihn empor und schleppte ihn in den Stall. Dort, wo es warm war, wo er zugedeckt war mit ihrem Bettgewande, hub er an zu frösteln. Am ganzen Körper schüttelte es ihn, die Fäuste ballte er, die Zähne scharrte er aneinander und die Worte stieß er hervor: »Hanai, warum hast du mich nit liegen lassen? Für mich gibt's nix mehr!« Die Magd, als sie gehört hatte, der Spielmann habe den Aufenthalt des Mahrwirtes verraten, war wohl gleich darüber im reinen gewesen: Das ist aus Dummheit geschehen! Schlecht ist er nicht. – Aber die Dummheit, das hatte sie sich vorgenommen, die wollte sie ihm jetzt ordentlich einsalzen! Ein Liedel wollte sie ihm ins Ohr singen, desgleichen kein Spielmann je gesungen und kein Tonele je gehört hat! Sie wollte thun, als ob sie glaube und überzeugt davon wäre, daß er den Verrat wegen der zweitausend goldenen Gulden ausgeführt hätte; sie wollte ihn einen Judas und Herodes nennen und ihm ins Gesicht schreien, daß alle Bayern und Franzosen zusammengenommen nicht so sumpflacken schlecht wären, wie dieses grundfalsche Spielmandel mit dem Heuchlergesicht. – Nun aber, da der Bursche vor ihr lag, gebrochen und ohnmächtig, und in seinen todblassen Zügen die grause Seelenpein zuckte, da vergaß sie freilich all der schönen Vorsätze, kein einziges Wort brachte sie hervor. Geduldig und schweigend begann sie ihn zu pflegen. Aber schon um Mitternacht stand der Tonele auf von dem ihm angewiesenen Bette, und ohne ein Wort zu sagen, kletterte er die Leiter hinan in den Dachraum, wo er sich hinwarf auf sprödes Stroh. Hatte er sich daran erinnert, daß Frau Notburga das Zusammensein im Stalle verboten? Oder hielt er sich nicht mehr für würdig, in der Nähe der Hanai zu sein? Am nächsten Morgen, als die Magd nachsehen ging, wie es mit ihm stehe, schlief er ruhig. Sie stand neben ihm im dunkeln Gelaß, erwog, ob ein Mensch mit bösem Gewissen so schlummern könne, legte dann ihre Hände zusammen und betete ein Vaterunser auf die Meinung, daß sein Schutzengel im Traum ihn trösten möge. Daß sie selber dieser Engel sein konnte – wann fiele das einem trutzigen Weibe ein? Als der Bursche aufwachte und traurig um sich schaute, war sie herb und sagte ihm kein gutes Wort. Er aber sagte eins: »Hanai,« sagte er und hob ein wenig die schmale Hand, als ob er bei einigem Entgegenkommen sie ihr reichen möchte. »Hanai, du bist gut auf mich gewesen in dieser kurzen Lebenszeit. Aber jetzt mußt du mich ganz vergessen. Nit fluchen sollst du meiner, Hanai, nur vergessen, als ob alle Wasser über mich wären hingeronnen!« Sie langte nicht nach seiner Hand, sie warf zornig die Strohschaube hin und her, als ob sie notwendig Ordnung machen müsse in der Scheuer. »Wenn ich dir gefolgt hätte, Hanai,« fuhr der Bursche völlig tonlos fort, »und wenn ich fleißig gearbeitet hätte, und nit so in den Wirtshäusern herum – so hätt's nit können geschehen. Und daß der Teufel so mit mir sein Spiel hat gehabt!« Sie that, als ginge sie dem Burschen sein Reden gar nichts an und warf die Strohschaube durcheinander. Ihm war's doch darum zu thun, ihre Stimme noch einmal zu hören. »Hanai,« sagte er ganz geschmeidig, »sind sie nit schon dagewesen? Haben sie nit schon gefragt nach mir? – Nit? – Nachher geh' ich ihnen entgegen.« Er stand rasch auf, schleuderte die Strohhalme von seinem Gewand. »Wem willst du entgegengehen?« fragte sie scharf. »Den Tiroler Schützen. Vielleicht hat doch einer gleich die Barmherzigkeit ...« Rasch stieg er die Leiter hinab in den Stall. Unten an der Thür stand ein Amtsbote und klirrte mit seinem bayrischen Säbel. »Sie haben mich schon,« murmelte der Tonele und blieb stehen mitten im Stalle. »Ich such' den Spielmann Toni,« schnarrte der Bote unter seinem Bartwisch hervor. »Mach keine Umständ', da bin ich,« antwortete der Bursche und trat ihm entgegen. »Ja. ja,« knurrte der Bote, den Toni mit mißtrauischem Blicke musternd, »da bin ich! Das ist leicht gesagt und das könnt jeder sagen. Muß schon um die Ausweisung bitten!« »Uh Narr!« rief die Hanai, die auch schon herabgekommen war, »Aufweisung, das ist doch zum Lachen.« »Ich muß die Aufweisung haben, sonst ist's nichts.« »Wenn er sagt, er ist's,« rief sie vom Futtertroge her, »so wird's wohl richtig sein. Für den Spielmann Toni gibt sich jetzt wohl gewiß keiner aus, der's nit ist!« »Wer weiß!« meinte der Bote, mit einem Auge zwinkernd. »Wenn's Geld gibt! – Mit dem Botenlohn, hoff' ich, wirst mir nit zu sparsam sein, Spielmann. So eine Post bringt dir nit so bald wieder einer. Außer du sagst uns auch den Andre Hofer. Wenn du wahrhaftig der Spielmann bist –« »Ich will dir gleich eins aufspielen!,« rief der plötzlich herlebig werdende Bursche. »Was willst denn?« »Zum Gericht sollst!« sagte! der Bursche. »Dazu brauch' ich dich nit.« »Dein Geld holen.« »Was für ein Geld?« »Die zweitausend goldenen Gulden.« Das Wort zu hören, und der Bursche wurde rasend; durch den Stall schoß er von einem Winkel zum andern; an der Wand lehnte die dreispießige Gabel mit dem langen Stiel, er faßte sie und lief damit gegen den Amtsboten. Dieser, als er in den Händen des wutschäumenden Menschen den gezückten Dreispitz sah, eilte so schnell, als ihn die Füße trugen, über den Hof, die Gabel sauste ihm nach und fuhr in den Zaunpflock, wo sie stecken blieb. Der Bote lief auf die Straße hinaus und derselben entlang gegen das schützende Brixen. Die Hanai hatte solchem Auftritte vom Hinterhalt her zugesehen. Nun der Tonele regungslos vor Wut wie ein Baum dastand, genau noch in der Stellung, wie er die Gabel geschleudert hatte, trat sie hervor und die Arme in die Seiten gestemmt, sprach sie: »Jetzt hab' ich gesehen, daß auch du die Mistgabel brauchen kannst.« Der Bursche wußte sich noch immer nicht zu fassen. Kein Franzose hatte ihn je so in Aufregung gebracht, als dieser allergrößte Feind – der Judaslohn. »Toni,« sagte die Hanai, »ist's wie der Will, wir wollen jetzt miteinand gute Kameraden sein. –« Das Mahrwirtshaus, welches knapp vor seiner Sperre stand, war an diesen Tagen vom Morgen bis zum Abend besetzt mit Gästen. Von der ganzen Umgebung kamen die Leute zusammen, um bei einem Krüglein Wein stundenlang dazusitzen und zu rauchen! sie hofften etwas zu erfahren über den Wirt, aber es scheute sich jeder, davon zu reden. Frau Notburga war gar nicht zu sehen. Der geistliche Herr Augustin zeigte sich manchmal und erging sich unter leisen Gesprächen mit den Nachbarn in Mutmaßungen, was geschehen würde. »Wenn's der Sandwirt wäre,« meinte da der Stauker einmal, »ja da möcht' ich nit einen Hosenknopf wetten! Aber der Peter kommt wieder. Erstens können sie's ihm nit beweisen, und zweitens ist's für den Kaiser geschehen, und drittens soll überhaupt ein Patent herausgekommen sein, daß keiner mehr hingerichtet wird.« »Wenn's wahr ist!« versetzte der Rampesbauer zweifelnd. »Ich fürcht', der französische General zu Bozen wird sich seinen Kameraden, den Löw Befer, gut bezahlen lassen.« »In aller Weis,« sagte der Stauker, »wollen wir derweil auf seine Wirtschaft schauen, daß nichts fehl geht dahier. Und sollt er länger aus sein, seine Familie verlassen wir nit.« Frau Notburga besorgte die Küche, wartete die Kinder, gebot Ordnung unter ihren Leuten. In ihrem Gemüte neben dem düsteren Kummer stand die helle fröhliche Hoffnung. – Was können sie ihm den machen? Wenn man einen Menschen, der im Krieg Leute getötet hat, hinrichten wollte, da müßte man auch den Bonaparte hinrichten. Der Peter hat nur seine Pflicht gethan. – Dabei blieb sie. Da war es, als Bruder Augustin einmal von seiner Messe zurückkam, die er im Dome der Stadt zu lesen pflegte, daß er gar verstört umging und seiner Schwester auswich. Ihr fiel das gleich auf, und als er in seine Kammer trat, ging sie ihm nach. »Du, Augustin,« sagte sie, »du kommst mir heut nicht recht für. Es ist was, du weißt was!« Der Priester wehrte mit der Hand unwillig ab: »Man sollte gar nicht darauf hören, es sind halt Gerüchte.« »Bruder,« sagte Frau Notburga und preßte ihre Hände an die Brust. »Weißt etwas von ihm, so sag's.« Augustin hatte sich an den Tisch hingesetzt, den einen Ellbogen stützte er darauf, mit der andern Hand faßte er die Ecke an, als ob er sie umbiegen wollte. Der Tisch zitterte ein wenig. »Der General Baraguay soll streng gewesen sein,« murmelte er. Frau Notburga wankte nicht. »Das Urteil – soll ausgesprochen sein,« sagte der Bruder ganz plötzlich. »Es ist gewiß nicht wahr, wenn auch die Leute drinnen in der Stadt von nichts andrem reden.« Er griff mit beiden Händen an die Halsbinde, als ob er sie lockern wollte: »Es ist besser, Notburga, du hörst es von mir, als von andern, die es immer noch mehr entstellen und aus einer Lüge neun machen. – Sie sagen zum Tode ...« »Das ist freilich nicht wahr! lachte Frau Notburga überlaut auf. Dann aber war sie still. Sie ging in ihre Stube und nach kurzer Zeit kam sie, in Sonntagsgewand gekleidet, wieder heraus. »Was thust du, Schwester?« »Ich reise nach Bozen.« Nun kamen schon die Leute. Es kam der Kreuzwirt aus Brixen, es kam der Moser vom Bergl, es kam mancher Flüchtling aus seinem Unterschlupf hervor, es kam der Pfarrer von Sankt Jakob, es kamen andre Geistliche, sogar Beamte aus der Stadt, um mit Frau Notburga des Rates zu pflegen. Rat brauche sie freilich wohl keinen, meinte die Wirtin, sie wisse recht gut, was zu thun sei. Sie reise nach Bozen und werfe sich dem General zu Füßen. Das sei unmöglich, sagten mehrere, eher lasse der heilige Petrus den Luzifär in den Himmel, als der welsche Löwe einen bittenden Tiroler vorlasse. Sie antwortete: »Ich gehe zum General!« Nun räusperte sich der Forstamtsschreiber, ein Bayer, und der brachte folgendes vor: »Ich kenne ihn nicht näher, den General Baraguay, aber was man so von ihm hört, von den schlechtesten soll's keiner sein. Ich weiß nur, daß seine Gemahlin eine Deutsche ist, eine deutsche Edelfrau, die er sehr brav behandeln soll, wie man hört. Und ein Mensch, der sein Weib gut hält, ist auch sonst kein Spitzbub'. Seine Frau soll ja bei ihm sein, in Bozen, und da hätte ich gemeint, wenn die Mahrwirtin mit dieser Frau wollt' reden, das wäre vielleicht das Gescheiteste.« »Das ist eine Red'!« sagten die Bauern und nickten mit den Köpfen. Der Pfarrer von Sankt Jakob brachte auch etwas vor. Der war mit einer Frau von Giovanelli bekannt, und von der wußte er, daß sie eine gute Freundin der Frau Generalin sei, und von der müsse die Mahrwirtin ein Empfehlungsbriefel haben, daß sie vorgelassen werde. »Bei so einem Nebenthürl kommt man hinein.« So wurde beraten und Frau Notburga war ganz frisch und munter geworden. Ihr Peter wird ja bald wieder daheim sein. Gegen Abend desselben Tages hatte der Pfarrer auch schon das Empfehlungsschreiben der unweit Klausen wohnenden Frau von Giovanelli zu Handen und des Kreuzwirtes Pferde standen mit der Kutsche vor dem Wirtshaus. Notburga war fertig. Das Wirtshaus hatte sie gesperrt, das übrige kleine Hauswesen der Hanai übergeben. Den kleinen Peter auf dem Schoß, neben ihr die Marianna und der Hans, ihr gegenüber der treue Bruder Augustin, alle wohlverwahrt in Loden und Kotzen, so saßen sie in der geschlossenen Kutsche, und so fuhren sie mit einem aufseufzenden »In Gottesnamen« davon. Zur selben Stunde hatte es auch der Tonele erfahren, wie es mit dem Mahrwirte stand, und daß die Frau mit den Kindern nach Bozen fahre, um für den Verurteilten einen Fußfall zu thun. Zwar hatte ihm der Achel-Schuster zu verstehen gegeben, ein Toter könne nicht mehr lebendig gemacht werden und ein solcher von den Franzosen Verurteilter sei so viel als tot. Diesem schrecklichen Schuster schleuderte der Spielmann den Stock vor die Füße. Dann hub er ihn aber wieder auf und lief gegen das Mahrwirtshaus. »Ich muß mit nach Bozen!« rief er, zur Thür hineinstolpernd. »Der Wagen ist schon davongefahren,« hieß es. »Und wenn ich mir die Füße ablaufe bis auf die Knie, ich will auch zum General!« Hatte schon die Wirtin wenig Vorbereitungen gemacht für die Reise, der Tonele machte gar keine. Seine surrende Klampfen an der Seite, einen Stock in der Hand – da war er's. Wieder flink und frisch, als ginge es zu einer Hochzeit, wanderte der junge Spielmann die Straße entlang gegen Bozen. Fast bis zur Erstarrung verblüfft war die Magd Hanai. Jetzt, da er etwa ein bißchen den Herrn hätte spielen können im Hause unter ihrer Botmäßigkeit, jetzt rennt er fort. Und keine Wegzehrung von ihr und kein »Behüt' Gott« für sie – gerade, als ob er für sich allein jemand wäre! Sie wünscht ihm nichts Schlechtes, aber wenn er unterwegs verhungert und erfriert und bei stockfinsterer Nacht in den reißenden Eisack fällt, so geschieht ihm recht! O edle Frau, seid unsere Fürbitterin! Wie lang war der Weg und wie lang war die Nacht! Der Wagen holperte und klirrte, die Kinder schlummerten. Wenn von einem vorbeistreichenden Hause ein Lichtstrahl hereinzuckte in den Wagen, sah man die friedlichen Gesichtlein. Frau Notburga betrachtete sie und sagte zu Augustin: »Lieber Gott, wieviel Gnade haben die Kinder! Sie schlafen.« »Diese Kinder sind mein Trost,« entgegnete der Priester. »Wenn ich auf die Kinder blicke, da wird mir ganz hoffnungsreich, da weiß ich's gewiß, daß wir Glück haben werden.« Weil sie selbst keinen Schlaf finden konnten, so führten sie bisweilen kleine vorbereitende Gespräche, oder der Geistliche sagte manchen Spruch aus der heiligen Schrift, der das bange Herz kräftigen sollte. Nach einer kleinen Ewigkeit – und doch wie kurz war alles, wenn's vorbei ist! – langten unsre Reisenden in Bozen an. Es war ein nebeliger Vormittag, allein die Luft wehte fast frühlingsweich und Frau Notburga mußte sich wundern, als sie nach langer Zeit an muldigen Felshängen den immergrünen Lorbeer sah. In diesem einst heimatlichen und jetzt so fremden Thale hatte Notburga ihren Peter das erste Mal gesehen, wie wird jetzt das Wiedersehen sein? In den Straßen der Stadt konnte der Wagen kaum vorwärts, es gab lebhafte Bewegung, die Leute strömten mit Hast nach einer Richtung hin. Auch Trupps französischer Soldaten trabten drein, die Menge durchbrechend. »Rebell! Rebell!« mehrmals hörte man aus dem dumpfen Murmeln des Volkes diesen grellen Schrei. »Was bedeutet das?« fragte Notburga erblassend. Bruder Augustin bog seinen Kopf zum Wagenschlag hinaus: »Was ist da los?« »Der Rebell wird hingeführt,« hieß es. »Endlich haben sie ihn. Hoch oben im Passeiergebirge hat er seine Residenz gehabt, der Herr Kommandant von Tirol! Nun geht's nach Welschland auf die Festung!« Vom Hofer war die Rede? Und Tiroler waren es, die so redeten? Nein, es sind Ausländer, es müssen Ausländer sein! In so einer Stadt gibt's allerhand Leute. Der Hans war schon lange wach gewesen. Als es nun hieß, den Hofer führen sie ein, da sprang er aus dem Wagen und schrie hell nach einem Stutzen. Mit Mühe konnte er beruhigt werden, zur Not brachte Augustin dem Knaben bei, daß hier kein Dürnjoch sei, daß Hofer von einem ganzen Regiment Soldaten umgeben und gehütet würde, und daß die Rettung in Gottes Hand stehe. Als sie in den Gasthof einfuhren und im Hofe abstiegen, führten zwei Männer, die am Thore standen, das folgende Gespräch: »Das ist ein Spektakel!« »Wenn es jetzt schon eine solche Aufregung gibt in der Stadt, wo man den einen bloß durchführt im geschlossenen Wagen, wie wird's erst morgen sein?« »Gilt's den Mahrwirt schon morgen?!' Augustin hörte das und hub sofort mit dem Hausknecht ein heftiges Geschrei an. Der Bruder wollte wegen der Schwester nur das Gespräch übertäuben. Erschöpft kam Frau Notburga auf das ihnen angewiesene Zimmer, aber sie gönnte sich keine Ruhe. Die Wohnung des französischen Obergenerals, Grafen Baraguay, war bald erfragt, und kaum daß die Wirtin den Kindern warme Suppe gereicht und selbst davon ein paar Löffel genossen hatte, machten sie sich auf, um ihr Werk zu beginnen. – Vor der äußeren Pforte des Palastes ging ein französischer Soldat mit aufgepflanztem Gewehre auf und ab. Der war mit seinem fuchsfalben, borstigen Bart, mit seiner kupfernen Nase und mit seinen unwirsch rollenden Glotzaugen ein gar ruppiger Geselle. Die kübelartige Kopfbedeckung mit der Napoleonrose und das Waffenzeug, welches er rings um sich hängen hatte, sowie die eckige und steife Körpergestalt gaben dem Manne ein martialisches Aussehen. »Wir möchten gebeten haben,« so redete Augustin den Schildwächter höflich, aber in ganz ungeschickter Weise an, »wenn wir bei der gnädigen Frau Gräfin Baraguay angemeldet werden könnten.« »Wer da?« schrie der Soldat. »Eine unglückliche Familie. Wir lassen bitten um Gotteswillen.« »Zurrrück!« schnarrte der Soldat in schlechtem Deutsch. »Wir haben ein Empfehlungsschreiben an die Frau Gräfin.« »Geht mich nix an!« »So möge doch einem Priester der Eintritt nicht verwehrt werden!« »Zurrrück!« »Und Erbarmen mit diesen armen Kindern sein!« Jetzt hub der Soldat ein höllenmäßiges Gerassel an mit seinem Säbel und von der Schulter riß er das Gewehr. Die kleine Marianna barg des Schreckens voll das Gesicht in der Mutter Gewand: der Hans aber stand da wie ein eisernes Figürlein, nicht übel gesinnt mit dem Ungeheuer anzubinden. Sie zogen sich trostlos unter eine Kastaniengruppe und berieten, was zu machen wäre. Als sie zurückwankten gegen ihren Gasthof, um den Kaffesieder Nessing zu erfragen, der ein guter Bekannter Peters war und diesem beim Aufstande manche wichtige Nachricht vermittelt hatte – begegnete ihnen mitten auf der Gasse der Tonele. Auf einem Esel trabte er daher, im Haar eine Rabenfeder und an der Seite die Klampfen. Er machte ein munteres Gesicht. »Spielmann!« rief Augustin, »wie kommst du daher?« »Auf dem da!« antwortete der Bursche und gab dem Grauen einen Ritterschlag mit der flachen Hand. »Wieso bist du zu dem Tier gekommen?« »Ausgeliehen. Vor einem Haus zu Schrambach an einen Bettelwagen gespannt beim Trog gestanden, vor Frost gezittert und die Angehörigen drinnen in der Stube. Wart Eselein, ich mach' dir warm! Abgenestelt, aufgeritten – trab, trab, der schönen Stadt Bozen zu. Jetzt wollen wir zum General Bara-Gei'r miteinand. Wo ist denn sein Hans?« »Das dort mit dem Eckturm. Du kommst nicht hinein.« »Geweihter Herr,« sagte der Tonele, »ich komm' schon hinein, ich weiß ein schönes Lied vom Bonaparte.« . »Ich bitte dich, Toni, verdirb uns nicht alles!« jammerte Frau Notburga. »Frau Wirtin!« entgegnete der Reiter auf dem Esel, »vertrau auf Gott und die Musikanten.« »Versuche es einmal dort mit dem Schildwächter,« riet Augustin. »Den dudeln wir an!« antwortete der Spielmann und trabte fürbaß bis gegen das Thor. Zehn Schritt vor dem Ungeheuer hielt er an, nahm von der Seite sein Instrument und klimperte eins. – Jetzt guckte der grimmige Soldat drein, was das für ein sonderbarer Mittelsmann wäre. Und als er so ein wenig dreinguckte, fing er an und guckte noch mehr drein, und rieb sich die Augen und guckte ganz grimmig drein und gurgelte endlich in seinen zerfetzten Schnurrbart: » Diable, soll das nicht sein der junge Mann von der Kiefer bei Mühlbach, der mir hat verbunden das blessierte Bein? – Sind wir's, junger Herr?« rief er hin. Der Tonele lachte darüber, daß er jetzt auf einmal wieder wellisch verstünde. »Was? Ist das ein schlechter Franzos oder kein guter Deutscher?« »Von jedem ein halber,« entgegnete der Soldat und pustete. »Einer aus Elsaß. Und du bist der brave Kerl, der mich hat pardonniert bei der Mühlbacher Bataille?« Wenn du derselbige bist, den ich bei der Mühlbacher Bataille laufen hab' lassen, nachher stimmt's.« »Retter! Vom Esel herab! Sollst haben un baiser! « »Brauch' keinen, Herr Schildwache,« sagte der Spielmann, »aber einen andern Gefallen kannst mir thun. Schau, dort unten steht, ein geistlicher Herr und eine Frau mit drei Kindern. Brave Leut! Die sollst zu der gnädigen Frau Gräfin hineinlassen.« »Meinetwegen,« brummte der Soldat, »wenn sie die Schildwache hineinläßt.« »Aber die bist ja du!« »Ach non «, antwortete der Elsäßer. »Die Schildwache steht da drinnen im Hof. Ich stehe nur zum Pläsir Wacht, weil ich hab' großen Respect vor dem General.« Der Spielmann winkte seinen Leuten. Sie kamen eilig heran und gingen hinein. Ueber ihre Köpfe hin rief der Elsässer durch das Thor in den Hof: » Bon ami! Passiert!« Und unsre Mahrwirtsleute stiegen unangefochten die Treppe hinan. Der Tonele war nicht hineingeritten. Vorerst wollte er einmal sehen, was sie ausrichteten. Richten sie nichts aus, dann rückt er vor. Die Bittsteller irrten eine Weile in den langen Gängen des Gebäudes umher. Frau Notburga trug den jüngsten Knaben am Arm, die Marianna hielt sich an ihrer Rockfalte fest, der Hans hinkte neben dem Oheim einher. Keines sagte ein Wort. Endlich kamen sie in einen lichten Raum, wo auf breitem Herde ein Feuer prasselte und mehrere Weibsleute emsig beschäftigt waren, mit Holzschlägeln rohes Fleisch zu klopfen, Geflügel zu rupfen und Grünzeug zu waschen. Ob sie nicht die Gnade haben könnten, bei der gnädigen Frau vorgelassen zu werden? Wenn sie Hühner, Fische, oder sonst was zu verkaufen hätten! »In Geschäften sind wir nicht da,« sprach der Geistliche, »etwas Wichtiges. Auch einen Brief hätten wir abzugeben.« Jetzt war schon eine schone, stattliche Frau da; aus einer Nebenkammer tretend, hatte sie die kleine Unterredung gehört. Sie war in einem schwarzen, einfach, aber vornehm geschnittenen Kleide, das außer einer funkelnden Nadel am Halse keinen Schmuck aufwies. Die nußbraunen Haare trug sie glatt gescheitelt, das Gesicht war ein wenig blaß; freundlich fragte sie den Priester, womit sie zu Diensten sein könne. Es war die Gräfin. »An die gnädige Gräfin Baraguay haben wir dieses Schreiben zu übergeben,« mit diesen Worten überreichte Augustin sich verneigend den Brief. »Ah, von meiner lieben Giovanelli!« rief die Gräfin freudig überrascht aus, als sie die Schriftzüge sah. Als das Schreiben gelesen war, blickte sie auf Frau Notburga und die Kinder. »Kommt mit mir, ihr armen Leute,« sagte sie dann und ihre Stimme hatte nicht mehr den fröhlichen Klang. Sie führte die Ankömmlinge in ein helles Zimmer, das mit blauen Vorhängen geschmückt und mit bunten Teppichen belegt war. Frau Notburga konnte sich nicht mehr halten, einige Schritte wankte sie nach vom mit dem Kinde, und schluchzend sank sie vor der Dame nieder auf die Kniee. »Mein Gott, nein!« wehrte diese ab, bestrebt, die Weinende aufzurichten. »Knien nur vor Gott allein!« »Zu Euch bin ich gekommen – weit her – als meiner einzigen Hoffnung!« stammelte Frau Notburga. »Ach, dieser schreckliche Krieg!« seufzte die Gräfin und rang die Hände, »dieser schreckliche Krieg!« »Meinen Mann – – !« »Ich weiß es, Frau, meine Freundin hat mir alles geschrieben.« »Er ist ja nicht schuldig, o Gott im Himmel, er ist ja nicht schuldig!« schrie Frau Notburga laut auf. Die Kinder huben an zu weinen. Den kleinen Peter schaukelte sie: »Sei gut, Kindel, sei gut, es geschieht dir nichts.« »Das sind seine Kinder?« fragte die Gräfin. »Wie vieler habt ihr?« »Diese drei, und das vierte –« Die Gräfin verstand. Sie wendete sich ab und ging in ein Nebengemach. Im Zimmer war es ganz still, die Kinder horchten einer Soldatenmusik, die draußen vorbeizog. Als die Dame wieder aus dem Nebengemache trat, waren ihre milden Augen gerötet. Die Leute mußten sich hinsetzen auf blauseidene Sessel; die Gräfin setzte sich der Frau Notburga gegenüber und begann mit ihr ruhig und liebevoll zu sprechen. Alles ließ sie sich berichten, und die Mahrwirtin erzählte von den Ereignissen im Eisackthale, von ihrem Manne, und verschwieg nicht sein Zögern vor Uebernahme der Führerschaft, nicht den Zwang, der ihm angetan wurde, nicht die verzweifelten Vorbereitungen und nicht die That in den Schluchten. Sie redete von seiner Flucht und Gefangennahme, von den Gerüchten, daß er zum Tode verurteilt sei und wie sie sich entschlossen habe, die Reise zu machen, um für ihn Gnade zu erflehen, und wie sie nur auf zwei Helferinnen noch baue, auf die Mutter Gottes und auf die gnädige Frau Gräfin. Diese reichte ihr beide Hände hin: »Was kann ich für Euch thun?« »Alles, Frau, alles. Es steht in der Macht Eures Herrn Gemahls.« »Ach, das wird leider nicht mehr sein, liebe Frau,« sagte die Gräfin. »Ja, es ist!« sprach Frau Notburga leidenschaftlich. »Auf den Herrn General kommt es an, ganz auf ihn allein, das hat man mir alles gesagt. Er kann ihn töten, er kann ihn freigeben.« »Ja, allerdings hätte mein Mann viel machen können, noch vor wenigen Tagen. Aber jetzt hat, glaube ich« – sie zögerte das Wort auszusprechen und sagte es leise – »das Kriegsgericht schon gesprochen.« »Der General kann's ändern!« sagte Frau Notburga, die Augen voll Thränen. »Und er thut's, wenn nur eine Fürbitt' ist. – Wenn meines Mannes wegen wer schuld ist, so bin ich's, ich habe ihn gedrängt zur Wehr, mein Gott, wenn halt der Feind kommt! 's ist so um unsern heiligen Glauben gegangen, und daß wir unsern Kindern die freie Heimat verlieren sollten! Ein schlechter Mann, habe ich gesagt, wer sich da nicht wehrt! – Und deswegen hingerichtet werden wie ein Schelm!« – Wieder aufs Knie sank sie: »O edle Frau! Ihr seid gut und wir brauchen alle miteinander einen barmherzigen Vater im Himmel! Seid unsre Fürbitterin bei Eurem strengen Herrn! Er ist ja auch Soldat und der Krieg ist eine rollende Kugel, der Herrgott soll ihn beschützen, daß nicht einmal ebenso gezielt wird nach seiner Brust –« »Schweig!« unterbrach sie die Gräfin. »Bitte um Verzeihung, ich bin so voller Angst, ich weiß nimmer, was ich sage.« Die Gräfin starrte vor sich hin, als sinne sie nach, wie denn ein Ausweg konnte gefunden werden. Der kleine Peter zeigte mit dem Fingerlein auf Porträts, die in goldenen Nahmen an der Wand hingen, und lallte: »Ata! Ata!« Die Marianna hatte ihren Finger im Munde und schaute betrachtend auf das lange Seidenkleid der fremden Frau, und Hans zertrat einen gelben Tigerkopf, der in den Fußteppich eingewirkt war. »Verzeihen!« sagte die Gräfin vor sich hin. »Wir haben einander nichts zu verzeihen! Oder wohl doch? Eher Ihr uns, als wir Euch. Ihr Tiroler habt ihn nicht angefangen, diesen entsetzlichen Krieg, den ich schon tausendmal verwünscht habe. Gott im Himmel verhüte es, daß ein Tropfen Blut vergossen werde, wo ich's verhindern kann. – Liebe Frau, was in meiner Macht steht, das soll geschehen; wenn es menschenmöglich ist ihn zu retten, so sollt ihr ihn wieder haben. – Schwester,« setzte sie leise bei, »du bist ja jetzt meine Schwester. Ich bin – in denselben Umständen wie du ...« »Gott wird's vergelten, hohe Frau, an Euch, an Eurem Mann, an Euern Kindern!« »Vielleicht doch,« sagte die Gräfin sich erhebend. »Wer ein solches Vertrauen hat, der soll nicht zu Schanden werden. Du mußt selber mit dem General sprechen, ich will's vermitteln. Vielleicht doch, daß ihr in kurzer Zeit all' miteinander glücklich werdet heimkehren können. Jetzt Mut, Schwester. Seid froh, Kinder, nun soll euch das Mittagsmahl munden!« Bald nach dieser Unterredung saßen unsre Leute, aus dem Mahrwirtshause in einem freundlich durchwärmten Stübchen desselben Hauses und labten sich an Speise und Trank, so die Gräfin ihnen auftragen ließ. Zur Frau Notburga hatte sie noch gesagt: »Bereit halten kannst du dich, vielleicht daß du später mit den Kindern zu uns hereinkommen mußt!« Die Kleinen langten lebhaft zu und der Hans zeigte seine Tapferkeit stets auch mit Messer und Gabel. Den Kindern war ja gesagt morden, sie würden bald den Vater sehen. Augustin hatte den kleinen Peter auf seinen Schoß in Pflege und Atzung genommen. Nachdem er bei der Audienz so ganz überflüssig gewesen war, wollte er sich wenigstens also nützlich machen. Insgeheim konnte er die große Zuversicht der Frauen nicht teilen, warum, das wußte er selbst nicht recht. Frau Notburga genoß fast nichts, sie war satt vor lauter Seligkeit. Die Hände faltete sie auf ihrem Schoß und ein- um das andremal sagte sie: »Daß es doch noch so gute Menschen gibt auf Erden!« Unten vor dem Fenster schrillte eine Klampfen, klang ein frischer Gesang vom »Helden Napoleon Bonaparte«. »Der Tonele!« sagte Bruder Augustin lächelnd. »Der hat just kein großes Glück. Erstens ist er am unrechten Fenster, zweitens hat er nichts zu essen.« Franzosengeneral, gib uns unsern Vater! Als an demselben Tage General Graf Baraguay nach Hause kam, war er übel gelaunt. »Dieses verdammte Kriegshandwerk!« weiter sagte er nichts, verzehrte schweigend und mürrisch die Speisen. Seine Gemahlin war eifrig darauf bedacht, daß sein Trinkbecher nicht leer stand. Roten Magdalenerer, wie er oberhalb Bozen an den sonnigen Berghängen gedeiht, trank der General gern, und von diesem vertilgte er heute – ohne es eigentlich selbst zu merken – eine ganze Flasche. Das stimmte ihn sachte ein wenig gemüthlicher und die Gräfin that auch so unbefangen heiter, daß die finstere Soldatenstirn nach und nach sich entwölkte. Nach dem Mahle zog er den Rock aus und in puren Hemdärmeln legte er sich auf die Polsterbank. Seine Frau bereitete ihm wie gewöhnlich eigenhändig das mit Silber beschlagene Tabakspfeifchen vor, brannte es an, wobei sie selbst die ersten Züge daraus that und steckte es ihm in den Mund. Hernach setzte sie sich ihm zu Häupten auf einen Sessel und begann mit zarten Fingern sein Haupt zu streicheln, was ihm allemal sehr wohl behagte. Soldatenleben ist hart und rauh, wie wohl thut da die milde Frauenhand auf der heißen Stirn, hinter welcher sich immer nur Belagerungen, Eilmärsche, Ueberfälle und Schlachten planen. »Ist es denn noch nicht bald zu Ende?« fragte die Gräfin wie nebenhin. »Mit Tirol sind wir fertig,« antwortete der General. Ein paar Rebellen sind noch abzuthun und dann punktum.« »Immer noch?« fragte sie, »immer noch?« »Entschuldige, Elisabeth, das ist keine Unterhaltung für dich. Du sollst jetzt fröhlich sein.« »Fröhlich sein!« entgegnete sie und that einen Seufzer. »Wie kann man fröhlich sein, wenn man nichts mehr hört, als Pulver knallen.« »Was sagst du doch, Liebste? Du bist hier ja ganz geschützt vor jedem Lärm!« »Ich höre es Tag und Nacht,« sagte sie, »Louis, du weißt nicht, was ich leide.« Der General setzte sich rasch auf und blickte sie besorgt an. »Du schläfst so gut in der Nacht,« fuhr sie fort, »und ich danke Gott, daß kein grauses Bild dich beunruhigt. Aber ich –« »Du erschreckst mich, Weib, bist du krank?« Da fiel sie ihm um den Hals und laut schluchzend rief sie: »Nur dich nie verlieren, du mein Alles!« »Elisabeth, was soll das? Wie kommst du auf derlei? Nein, nur erregt bist du – dein Zustand. – Diese Unruhen werden endlich ja vorübergehen, dann, du weißt es, dann danke ich ab und wir gehen auf unser Landgut. Ich will auch noch einmal im Frieden mein Leben genießen.« »Wenn du wüßtest?« schluchzte Gräfin Elisabeth. »Was wissen? was, was?« »Daß sie dich hinausführen. Daß sie dich Nacht für Nacht hinausführen auf den Richtplatz – vor meinen Augen. Gefesselt, geschlagen stehst du auf dem Sande. Die Trommeln wirbeln. Du blickest noch auf mich, auf unser Kind ...« Sie barg ihr Haupt an seiner Brust, umschlang ihn heftig: »Nein, mein Louis, nur das nicht, nur nicht sterben.« Er suchte sie zu beruhigen. »Ich weiß es wohl,« fuhr sie fort, »du bist unschuldig, du hattest nur deine Pflicht als Soldat gethan, deines Kaisers wegen und um dein Vaterland zu schützen, und deine Familie. Du hattest viele Feinde vernichtet, endlich wurdest du gefangen und auf der Stelle zum Tode verurteilt.« Der General stutzte. »Sprichst du von mir, Weib?« fragte er, »oder von – von diesem Bauernwirt aus Brixen, der –« »Der erschossen werden soll. Ja, mein Herz, ich weiß von ihm, er geht mir in der Seele um Tag und Nacht und es mag wohl dieser Mensch sein, der mir die quälenden Träume verursacht. – Louis! – Muß er denn sterben?« Der General stand auf, schritt rasch über den Boden hin und sagte: »Der Mann ist ein Rebell. Er hat den Frieden gebrochen.« »Er hat ein Weib – drei Kinder ...« »Ich weiß es, ich weiß es.« »Sie sind aus Brixen gekommen. Sie wollen zu dir, sie wollen dich bitten um sein Leben.« »Ich will sie nicht sehen.« Ein wenig wartete sie jetzt, bis sie fortfuhr: »Mein lieber Mann. Denke nach, Tausende, die schuldig geworden sind in dieser Zeit, sie leben. Warum soll der Unschuldige sterben?« Darauf entgegnete der General: »Tausende, die unschuldig waren, haben ihr Leben lassen müssen in dieser Zeit, und der Schuldige soll frei ausgehen?« »Ich glaube,« sprach die Gräfin leise, »nur Gott kann es sehen, wer schuldig ist, und wer unschuldig im Kriege.« »Er hat den Frieden gebrochen,« sagte der General kurz und hart. »Das mag ja sein, aber wir, das heißt, der Feind, der in Tirol eingefallen ist, hat ihn zuerst gebrochen.« »Ich bitte dich, Elisabeth, mache mich nicht unsicher!« rief der General aufgeregt, »mich selbst dauert der Mann. Ich gestehe, er ist ein sympathischer Mensch, ich habe noch keinen gesehen, der sein Geschick so stolz ertragen hätte, wie dieser Peter Mayr. Nicht einen Zoll knickte er ein, als ihm das Urteil verkündet wurde. Aufrecht und würdevoll, als ob er der Richter wäre, und wir die Verurteilten, so schritt er aus dem Saale. – Wer ändert's. Es ist geschehen.« Das war nicht übel berechnet. Die Gräfin hatte schon früher ein Zeichen für ihre Kammerzofe gegeben und nun kam Frau Notburga mit den Kindern zur Thür herein und warf sich vor den General auf die Kniee. Sie konnte kein Wort hervorbringen, in den Armen das Kind, faltete sie die Hände und bebte am ganzen Leib. Das Mädchen schaute mit seinen großen Augen voll Kindlichkeit auf zu dem gewaltigen Herrn; der Knabe stand trotzig da, als wollte er sagen: Franzosengeneral, gib uns unsern Vater! Eine Weile schaute der Feldherr sprachlos auf diese Gruppe, dann sagte er mit harter Stimme: »Kann es sein, so soll's geschehen. Geht hinaus. Ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben, wankte Frau Notburga zur Thür hinaus. Der General war unwirsch. Er ging schweigend im Zimmer auf und ab. Er hatte sich überrumpeln lassen. Nicht einmal auf ihre Bitte hatte er gewartet, so sehr war in ihm der Gnadenspruch schon locker gewesen. Aber nun sagte er zu seiner Frau: »Elisabeth, das hättest du mir ersparen können, du weißt, daß ich kein weinendes Weib sehen kann. Ich könnte ein Wortbrüchiger werden, solcher Leute willen. Habe ich etwas gesagt? Ich will nichts gesagt haben.« Bittend, stand sie vor ihm: »Louis, du hast ein gutes Herz. Des lieben Friedens willen, den auch wir von Gott erflehen für unser Kind – gib ihn frei!« »Des Friedens willen den Friedensbrecher begnadigen!« lachte der Graf ärgerlich über seinen unzeitigen Weichmut. »Aber immer und immer das! Dieser Bauer, hat er's denn wissen können, daß zu Wien der Frieden geschlossen worden war?« Der General wendete sich rasch zu ihr: »Was sagst du? Nicht wissen können? Nicht wissen können? – Weib, das ist ein Gedanke. Peter Mayr kann gerettet werden.« Die Mahrwirtin genoß an demselben Nachmittage die glücklichsten Stunden ihres Lebens. Die Gräfin hatte ihr sogleich mitteilen lassen, sie möge getrost sein – es sei so viel als gewonnen. Sie würde ihren Mann schon am nächsten Morgen sehen können. An dem Glücke theil nahm auch ein alter Bekannter, den sie auf der Gasse begegnet hatten, Josef Dörninger. Er war abgemagert bis auf die Knochen und was er zu erzählen hatte, war ein schwerer Schatten neben dem süßen Lichte, das in dem Herzen der Mahrwirtin leuchtete. Dörninger erzählte die Leiden der Flüchtlinge und Hofers Gefangennahme. Hoch oben im Gebirge in einer schlechten Hütte halten sie gelebt wochenlang. Dann waren sie von einem geldgierigen Menschen verrathen worden und von den Franzosen überfallen. »Kein Bitten von Hofers Weib und Kindern hat geholfen, der Anderl hat ihrem Jammern noch mit der Hand abgewunken und sich geduldig ergeben. Ins Welschland hat er fortmüssen und es schaut schlecht aus. Auf den Kaiser hofft es noch immer, das alte Kind.« – Solches und vieles erzählte Dörninger, auch wie sie ihn bis Meran mit herabgetrieben, sich dort aber weiter nicht mehr um ihn gekümmert hätten. So irre er nun herum ohne Ruh' und Rast und glaube, er müsse dem Anderl nach ins Wälschland. In Hinblick auf Hofers Schicksal fühlte Frau Notburga die Wendung ihrer Angelegenheit doppelt tief, sie ging in die Kirche, die auf dem großen Platze steht, und weinte ihren Dank aus. – Wenn nun diese schon so fröhlich war, wie sollte es erst der Tonele nicht sein! Zu essen und zu trinken hatte er ja auch bekommen, er und sein andrer Teil, der Esel. Mit diesem empfand er sich eins. Den prächtigen Trab von Schrambach her konnte er ihm nicht vergessen: der Reiter hatte unterwegs sogar eine Weile geschlafen auf dem Rücken des Grauen, dieser marschierte unverdrossen voran; nur an Wassertrögen, die seine Wirtshäuser waren, gab es manchmal ganz bescheidenen Aufenthalt. »Mein herzallerliebster Gespons, dich laß ich nimmer!« flüsterte ihm der Bursche einmal ins schöne Ohr, den Hals des Tieres umschlingend; da fiel es ihm jäh ein, der graue Freund gehöre gar nicht ihm, der sei nur ausgeliehen, aus eigenem Antriebe vom Karren gelöst und mitgenommen worden, genau betrachtet, eigentlich ein bißchen gestohlen. Darum sagte er nun zum Grauen: »Bruder, laß dich nit lumpen! So weit ist es mit dir noch nit gekommen, daß du dich stehlen ließest. Ich will mich um deine Ehre bekümmern. Du sollst kein gestohlenes Rabenvieh sein. Ich will dich redlich taufen. Ich habe ja Geld, nur muß ich's erst kriegen. Jetzt, weil ich endlich doch mit meiner Klampfen dem Franzosengeneral das Tigerherz weich gesungen habe, daß er den Mahrwirt wieder laufen laßt, jetzt geht es mir nachher gut. Alsdann kaufe ich dich wie ein Graf das arabische Reitpferd, damit ich zu meiner Hanai kann reiten. Du, die Hanai! Das ist eine, wenn du die wirst kennen lernen! »Ein gar, ein gar ein feins Dirndel, Ein gar ein lieber Schatz, Ein gar, ein gar ein rotes Wangerl, Ein weiches Handerl hat's. Ein gar, ein gar ein frommes Lamperl, Ein heitres Temp'rament! Und keiner weiß, was ein Engel ist, Der mein Schatzerl nit kennt.« Der Esel schrie grell auf. Das war ihm denn doch zu stark. Er war auch nicht ganz fremd in der Gegend bei Brixen herum. Ich will nicht mein Leben durch eine Lüge erkaufen! Das Gelaß war eine weißgetünchte Stube mit wurmstichigem Holzboden und zwei tiefen, vergitterten Fenstern, die hinausschauten in einen winterlich kahlen Garten. Ein grüner Kachelofen, in dem das Feuer prasselte, ein Strohbett mit blauer Decke, ein Tisch, auf welchem Schreibzeug, ein Krug Wein stand und ein Erbauungsbuch lag, dann eine altmodisch getäfelte Thür, die versperrt war. Ein allzuhartes Gefängnis schien es gerade nicht zu sein, in welches der Mahrwirt an diesem Tage gebracht worden war. Draußen vor der Thür standen freilich ein paar baumstarke Kerle, die manchmal mit den Säbeln rasselten und ihre Gewehrkolben derb auf den Boden stießen. Peter Mayr saß am Tische und schrieb einen Brief. Und als der Brief fertig geschrieben, gefaltet, gesiegelt war und mit der Adresse versehen: An die ehrsame Frau Notburga Mayrin, Wirtin an der Mahr bei Brixen - that der Mann einen tiefen Atemzug: »Gottlob, mit der Welt wär' ich fertig.« Sein Gesicht hatte einen tiefernsten Zug, aber eigentlich traurig waren weder die Züge, noch sein sonstiges Gehaben. Sein Haar und Bart war mit einer gewissen Sorgfalt gekämmt, sein bäuerlicher Anzug in guter Ordnung. In Hemdärmeln befand er sich, denn der Ofen strömte reichliche Wärme aus. An der Wand zwischen den Fenstern hing ein kleines hölzernes Kruzifix. Peter ging zu ihm hin und fragte es leise: »Nicht wahr, mein Jesu, du wirst mir beistehen bis zum letzten Augenblick?« Jetzt schloß jemand von außen die Thür auf, sie rasselte und sie knarrte nicht sonderlich. Als Peter den Kerkermeister sah, sagte er: »Ist recht, daß du kommst. Sei mir doch so gut, und sorge, daß dieser Brief aufs Postamt kommt, mir ist viel daran gelegen.« »Das wird schon geschehen,« antwortete der Gefängniswärter. »Ein Herr ist da, der will mit dir sprechen.« Vor der Thür stand ein städtisch gekleideter Mann mit grauem, kurzgeschnittenem Bart, der hielt die Arme auseinander und rief: »Nun, Mahrwirt, kennst du mich noch?« Peter trat vor und schüttelte verneinend das Haupt. »Und sind so oft beisammen in lustiger Gesellschaft gesessen zu Klausen, zu Brixen, auch an der Mahr!« »Ich erinnere mich schon,« versetzte Peter gleichmütig, »du wirst der Doctor Boltolini sein.« Der Angekommene trat in das Gelaß; nachdem der Kerkermeister hinausgegangen war und hinter sich sorgfältig zugesperrt hatte, setzte er sich ohne Umstände an den Tisch und sagte zum Gefangenen: »Ja Mahrwirt, wir beide sind in Fröhlichkeit beisammen gewesen und es ist auch nichts Trauriges, was mich heute zu dir führt.« Peter schaute ihn an Und dann sprach er: »Mein lieber Freund, wo ich heute bin, da gibt's nichts Fröhliches und nichts Trauriges mehr. Du weißt ja doch, wie es steht.« »Das Urteil kann aufgehoben werden,« sagte Doktor Boltolini. »Laß mich ruhig sprechen. Es ist bei deiner Aburteilung ein Formfehler vorgekommen; auch bedarf es noch weiterer Erhebungen. Du wirst noch einmal vor den Tisch gestellt. Es steht günstiger um dich, als du glaubst. Mahrwirt, es steht viel günstiger.« Peter horchte auf. »Du hast Freunde, von denen du nichts weißt.« fuhr der Doktor fort. »Ich bin berufen worden; daß ich deine Sache vertrete und komme dir anzuzeigen, daß du morgen früh nochmals verhört werden wirst. Man hat zu wenig beachtet, daß dir bei der Geschichte in den Eisackschluchten die Thatsache, daß der Frieden geschlossen worden war, vollkommen unbekannt gewesen ist.« »Das ist nicht so,« antwortete Peter, »mir ist der Friedensschluß wohlbekannt gewesen.« »Oder unbekannt gewesen sein konnte,« fuhr der Doktor fort. »Es haben damals ja gar viele Leute im Lande von den verschiedenen Bekanntmachungen nichts gewußt, oder an den Frieden wenigstens nicht geglaubt. Noch heute gibt es Leute, daran zweifeln.« »Es ist an allen Mauerecken angeschlagen worden,« sagte Peter. »Glauben hat man's freilich nicht können, aber die Verordnungen hat man gesehen und gehört und gelesen.« »Kurz und gut, du wirst morgen befragt werden, ob dir bei deiner inkriminierten That der Abschluß aller Feindseligkeiten und die Uebergabe Tirols bekannt gewesen ist oder nicht.« »Die Umständlichkeit verstehe ich nicht.« »Hast du davon keine Kenntnis gehabt, warst du der Meinung, du verteidigst noch das Recht Oesterreichs und Tirols, so wie bei den früheren Kämpfen, so wird die Sache anders stehen. Dann wirst du nicht als Rebell behandelt.« Peter schaute dem Doktor mit Befremdung ins Gesicht. »Du wirst also,« fuhr der Doktor fort, »morgen bei Gericht ruhig angeben, vom Friedensschluß und seinen Folgen hättest du nichts gewußt, seiest zur Zeit im Gebirge gewesen, hättest nur gehört, es käme wieder der Feind und hättest dich eben mit den Waffen, die ein armes Bergvolk besitzt, neuerdings zur Wehr gesetzt. Und dir hätte es gar nicht einfallen können, daß in deinem patriotischen Werke ein Verbrechen liege. Wenn du so sprichst, bist du gerettet,« Nun fragte der Mahrwirt: »Wer mischt sich denn da drein? Wer schickt dich her? Wer thut mir den Schimpf an noch in meiner letzten Stund' und verlangt, daß ich ein Lügner werden soll?« »Aber guter Freund, so sei doch klug,« sprach der Advokat. »Lügner, wieso denn? Du hast es ja doch wahrlich nicht wissen können, was die hohen Herren zu Wien beschlossen; wissen wir's denn heute, ob Frieden bedeutet, was die Diplomaten so nennen?« Peter stellte sich stramm hin vor den Doktor und sagte: »Das sind Spitzfindigkeiten. Doktor Boltolini, ich sage dir: Ich habe es gewußt.« Der Advokat stand auf, machte ein paar Schritt durch die Stube, setzte sich dann wieder hin, zuckte mit den Armen, mit den Fingern und sprach in sehr erzwungener Gelassenheit: »Peter, du verstehst mich nicht. Gewußt oder bei dir gedacht kannst es ja haben, oder geglaubt, daß du es wüßtest; mein Gott, was weiß der Mensch denn eigentlich! Er glaubt gar viel zu wissen, was er nicht weiß. Sie werden dich darauf auch keinen Eid ablegen lassen, sie werden dich einfach fragen: Peter Mayr, hast du es gewußt? Und du wirst einfach Antwort geben: Nein, ich habe es nicht gewußt.« »Und das werde ich nicht Antwort geben.« sprach Peter, »ich sage die Wahrheit.« »Ein Thor bist du!« rief jener aufspringend. »Ist der Feind wahr gewesen gegen uns? Im Kriege, mein Lieber, gilt nicht die Wahrheit, sondern die List. War nicht dein eigenes Führen und Thaten eine Kette von List, vom Kampf bei Mühlbach an bis zur Eisackmuhre?« »Das ist kein Vergleich,« antwortete Peter. »Damals war Krieg, jetzt ist Frieden. Damals hat's fürs Land gegolten, heute gilt's nur für mich allein und heute muß ich's mit mir selber ausmachen. Und ob es du bist, Doktor, oder ein anderer, der mir die große Güte will zuwenden, ich danke dafür, ich danke tausendmal, aber annehmen kann ich sie nicht.« »Das wäre undankbar. Das wäre empörend undankbar!« rief der Doktor. Darauf Peter: »Fragt mich, ob ich es als Irrtum erkenne, was ich gethan, ich werde ja sagen. Fragt mich, ob ich es bereue, ich werde es zugeben. Fragt mich, ob ich jetzt unsrem neuen Herrn unterthan sein wolle und die Unthat sühnen nach meinen Kräften, ich werde vielleicht ja sagen. Aber nur das verlangt nicht von mir, daß ich lügen soll. Ich kann es nicht und ich will es nicht! Durch eine Lüge will ich mein Leben nicht erkaufen.« Nun sagte der Doktor nichts mehr, sondern dachte: Er ist erregt, ich will ihn allein lassen und später wieder kommen. Sieht er nur erst sein Weib, seine Kinder wieder, da wird er seine Meinung schon ändern. Das Sterben ist bitterer, als er heute noch weiß. »Mahrwirt,« sagte er nur noch, »also willst du wirklich dich selber zu Grunde richten?« »Mir ist es am liebsten, du gehst,« antwortete Peter. Hierauf hat Dr. Boltolini an die Thür geklopft, bis sie aufging, und er trat hinaus in den freien Tag. Er ging in den Gasthof, wo die Familie des Mahrwirtes eingekehrt war. Angemeldet, als der vom General bestellte Anwalt Peters, hatte er sich schon früher. Die Leute aus dem Mahrwirtshause hatten eine dämmerige Dachkammer angewiesen bekommen, denn der Gasthof war voll von Fremden, darunter auch Leute, die angekommen waren, um eine Hinrichtung mitanzusehen. Als Frau Notburga den Doktor kommen sah, rief sie ihm schon entgegen: »Wie habt Ihr ihn gefunden? Ist er gesund? Wie sieht er aus? War er recht erfreut?« »Es geht schwerer, als man denken sollte,« sprach der Doktor. »Sagt mir einmal, Mahrwirtin, ist Euer Mann nicht manchmal ein bißchen eigensinnig?« »Eigensinnig? Wie meint Ihr das?« fragte die Frau zurück. »Wenn er einmal was für richtig erkannt hat, ja, da hat er seinen Willen, von dem er nicht leicht abgeht. Wenn das Eigensinn ist! Wo es sich um Billigkeit handelt, da glaube ich nicht, daß es einen nachgiebigeren Menschen geben kann, als meinen Mann. Oft habe ich ihm gesagt: Peter, zu viel läßt du dir gefallen, deinen Kopf setz' besser auf.« »Heute hat er ihn gut auf, Frau Wirtin,« sagte der Doktor. »Wie ist das?« fragte sie. »Er nimmt's nicht an.« »Er nimmt's nicht an?« »Er sagt, durch eine Lüge wolle er das Leben nicht erkaufen.« Frau Notburga schrak ein wenig zusammen. »Ich habe erwirkt, daß Ihr schon heute zu ihm dürfet,« sprach der Doktor. »Ich glaube, Ihr geht sogleich und redet ihm zu, daß er um Gottes willen klug sein soll.« »Kinder!« rief Frau Notburga. »Wir gehen zum Vater!« Eine Viertelstunde später waren sie bei ihm. Es war schon dunkel. Peter erkannte die Eintretenden nicht sogleich, da ging zuerst die kleine Marianne schüchtern auf ihn, zu, hielt ihm das Händchen hin und sagte mit ihrem zarten Stimmlein: »Grüß dich Gott, Vater, jetzt sind wir schon da um dich.« Als er nun sah, wer gekommen war, da huben seine Kniee an zu zittern, aber was in ihm vorging, das merkte man nicht in dem, wie er jetzt ganz gemessen sagte: »Ihr seid hergereist? Den weiten Weg?« »Peter!« rief Frau Notburga und flog ihm an die Brust. »Du bist noch unser, wir verlassen dich nicht.« »Es wäre doch besser gewesen –« »Du gehst mit uns heim!« sagte sie, »morgen wirst frei, siehst du, ich weiß alles. Schau doch deine Kinder an, schau, wie Gott uns wieder zusammenführt. Es hätte anders kommen können, du armer Mann, wie hast du viel gelitten! – Peter, warum sprichst du nicht?« Da sagte er: »Ich war schon mit allem fertig und ich habe euch schon geschrieben. Ich habe dich eingeladen, mein treues Weib, auch in der andern Welt mit mir zu sein. Was braucht's so viel Urlaubnehmen von einander.« »Hast noch solche Gedanken, Mann, und weißt doch, daß alles gut wird,« sprach sie. »Die paar Worte sagst halt.« »Welche paar Worte?« »Daß du nichts gewußt hast.« In ihm zuckte es auf. »Du auch!« murmelte er. »Ich verantworte es!« rief sie. Peter schaute sie an. »Notburga,« sagte er. »Du weißt gar nicht, was die Lüge ist, und willst sie verantworten. Aber den Kindern sage es: Die Lüge ist ein falscher Freund; wen sie heute scheinbar rettet, den bringt sie morgen um. Nichts hasse ich so wild. Von der höllischen Lüge der Schlange im Paradies bis zur kindischen des Spielmann-Toni im Wirtshaus zu Albeins hat sie nichts als Unglück gebracht. Wer hat denn unser Tirol in solchen Jammer gestürzt? Der Bonaparte hat gelogen, die Bayern haben gelogen, unser eigenes Schutzreich hat sein Wort nicht gehalten, hat uns verlassen in der größten Not. An den Waffen sind wir nicht zu Grunde gegangen, an der Lüge sind wir zu Grunde gegangen. Und ich soll sie jetzt anerkennen, mit Blut und Leben heiligen, vor Gott und Welt sagen: seht, ich halte es mit der Lüge? – Nein, mein Weib, meine Kinder, ihr seid mein Alles, mein Alles auf Erden, aber um diesen Preis kann ich nicht bei euch bleiben. Ich sage es euch; ich will lieber mit der Wahrheit sterben, als mit der Lüge leben.« Ein wundersames Leuchten war in seinem Auge, als er so sprach, eine Herrlichkeit war in seinem Wesen, vor welcher Frau Notburga schauerte und von der sie entzückt war. Dennoch sagte sie nun zu den Kindern: »Kniet nieder vor eurem Vater und bittet ihn, daß er bei uns bleibe!« Da antwortete Hans: »Mutter! Wenn der Vater nicht lügen will!« Peter drückte mit beiden Armen die Kinder an seine Brust: »Ich danke euch doch, daß ihr gekommen seid. Ich segne euch. Ich schreibe es euch ins Herz zu dieser Stunde: Liebet die Wahrheit. – Vielleicht wird man euch einmal sagen: Seid nicht thöricht, die Wahrheit hat euren Vater getötet. Darauf antwortet nur: Besser der Tod als die Lüge. Denkt daran, wer's euch gesagt hat.« Dann küßte er die Kinder, preßte sie heftig an die Brust, dann schob er sie von sich und sagte: »Nun lasset mich allein und geht eure Lebensstraßen.« »So nicht, Peter!« rief Frau Notburga heftig, »morgen sehen wir uns wieder und gehen miteinander heim. Du thust es, ich weiß es gewiß.« Dann sind sie von ihm gegangen. Die ganze darauffolgende Nacht hatte Frau Notburga gebetet. Die Kinder schliefen auch in dieser Nacht den süßen Kinderschlaf, nur Marianne redete einmal im Traum. »Wo der Palmbaum steht ...!« lallte sie zweimal, und als die Mutter hinhorchte, war sie still. Am nächsten Morgen befand sich die Mahrwirtin durch die Vermittelung der Frau Generalin schon zeitlich in einem Nebengemach des Saales, der für das letzte Verhör ihres Mannes bestimmt war. Am Eingange hatte ihr Gräfin Elisabeth zugeflüstert: Sei guten Muts, Schwester, es wird ihm leicht gemacht.« Der Saal belebte sich, Offiziere, darunter der Obergeneral, einige Herren vom Zivilgerichte und Doktor Boltolini waren erschienen und endlich wurde der Gefangene vorgeführt. Sie fingen an zu sprechen. Zuerst wurde aufs feierlichste erklärt, daß das Urteil, welches über den Rebellen gefällt worden, aufrecht bleibe. Dann wurde dargethan, daß es aber nicht ausgemacht sei, ob man es hier mit einem Rebellen zu thun habe, und daß deshalb eine neue Untersuchung eingeleitet worden wäre. Der General sprach gar nicht, ein andrer französischer Offizier hingegen führte Beschwerde gegen das bayrische Regiment in Tirol, und that dar, daß die Aufständischen vielfach im Rechte gewesen wären und daß es für Südtirol eigentlich jetzt am klügsten sei, um den Bayern zu entkommen, sich im Vereine mit den Italienern der großen Nation anzuschließen, die alle Völker brüderlich in die Arme nehme, und zu Wohlstand, Macht und Ruhm führe. Mit den Italienern? – Was war das für ein Geläute? – Peter that, als höre er es gar nicht. Und nun trat Doktor Boltolini vor. Er hielt eine Rede, die fast leidenschaftlich war und darauf berechnet zu sein schien, nicht so sehr die Richter umzustimmen, als vielmehr den Angeklagten. Er fragte, wieso Kavaliere, welche die Herren Offiziere doch wären, über einen Mann so leichthin aburteilen könnten, der für sein Vaterland ein Held im wahren Sinne des Wortes gewesen sei? Und ob sie denn nicht auch an seine Familie gedacht hätten, an das schutzlose Weib, an die unversorgten Kinder, die verkommen, schlecht werden, zu Grunde gehen können, wenn der Familienvater hingerichtet wird? Ob sie nicht gedacht hätten an die Schande und Schmach, wenn diese lieben, unschuldigen Kinder einst hören müßten: Euer Vater hat als Rebell auf dem Hochgerichte geendet? – »Als Rebell!« rief der Verteidiger aus. »Wer hat denn untersucht, ob Peter Mayr als Rebell gehandelt hat? Er ist unschuldiger, als er selber glaubt. Er hat von nichts gewußt. – Meine Herren! Wenn ihr mich heute fragt: Ist der Friede wirklich geschlossen, gehört Tirol rechtmäßig zu Bayern und ist es der Wille Oesterreichs, so muß ich antworten: Ich weiß es nicht. Und wenn ihr vor meinen Augen die Kundmachung entrollt und ich die Unterschriften sehe, so werde ich sagen müssen: Ich kann es nicht glauben und ich weiß es nicht. Nach all dem, was geschehen ist, was versprochen wurde, was das Land geleistet hat, ist die plötzliche Preisgebung desselben ganz undenkbar. Es kann, ich bitte sehr um Entschuldigung, alles nur eine List des Feindes sein – ich glaube nicht daran und weiß es nicht. Und selbst wenn ich sehen sollte, wie das Land geräumt und übergeben wird, so müßte ich mir die Faust vor die Stirn schlagen und ausrufen: Es ist Selbsttäuschung, in meinem ob des Unglücks so schrecklich erhitzten Gehirn haben sich krankhafte Vorstellungen gebildet, in der That aber glaube ich nichts und ich weiß nichts, und ich kann nichts wissen. Ich bin ein einfacher Mensch, der von Politik nichts versteht, und was ich gethan, ich habe es niemand zu Trotz und Haß gethan, nur allein für die Freiheit Tirols, und wenn ich mir selber einreden wollte, ich hätte es verstanden und ich hätte es gewußt, so wäre ich unwahr gegen meine Richter und mich selbst. – So, meine Herren, müßte ich an Stelle des Angeklagten sprechen und andres kann mit gutem Gewissen auch Peter Mayr nicht sagen.« Nachdem der Verteidiger also geredet hatte, trat der Obergeneral vor und sprach laut: »Angeklagter! Geben Sie sich keiner Täuschung hin, ich erinnere, es handelt sich um Ihr Leben, um das Wohl Ihrer Familie. Ich stelle nun an Sie die entscheidende Frage: Haben Sie zur Zeit Ihrer That in den Eisackschluchten gehandelt nur im guten Glauben an Ihr Recht?« »Ja.« »Haben Sie geglaubt, daß noch Krieg ist.« Peter schwieg. »Und haben nicht gewußt, daß der Frieden schon geschlossen war?« Peter erhob langsam sein Haupt und sprach: » Ich habe es gewußt, das ist die Wahrheit und anders kann ich nicht reden. « Da war im Nebengemach ein gellender Schrei. Der Verurteilte wurde abgeführt. Am Abende desselben Tages, als Peter wieder in dem Gefängnisse saß, verlangte er nach seinem Schwager. Augustin erschien zögernd, denn es bangte ihm vor einem solchen Wiedersehen des geliebten Menschen, der am nächsten Tage hingerichtet werden sollte. Als er eintrat, kam ihm Peter ganz unbefangen entgegen und erkundigte sich nach Notburga. Augustin verschwieg, daß sie seit ihrem Zusammenbrechen bei Gericht in einem ohnmachtähnlichen Schlaf liege, er sagte nur, sie müßten sich nun rüsten zur Heimreise. »Thut das, Augustin, thut das.« sagte Peter. »Reiset heute noch. Morgen habt ihr nichts zu thun in Bozen.« Augustin saß vor ihm schier wie verloren da. »Peter,« sagte er endlich, mit Mühe den Ton aus der Kehle pressend, »am liebsten möchte ich mit dir gehen. Nicht etwa, als ob's auch mir gebührte als ebensolchem Rebellen, nein, nur von dieser Welt möchte ich fort, einen so schönen Tod möchte ich sterben – für die Wahrheit sterben ...« »Lebe für sie,« antwortete Peter. »Du hast die Kanzel, den Beichtstuhl, das Bett des Sterbenden. Dann brauchen wir uns jetzt nicht zu verabschieden. Nur das eine,« setzte er bei, »das möchte ich noch wissen, wie es den andern geht.« Von den meisten weiß man noch nichts,« antwortete Augustin. »Und von denen man etwas weiß, da ist es nichts Gutes. Den Sandwirt haben sie vor etlichen Tagen nach Welschland getrieben. Man hört, das Urtheil soll schon gesprochen sein.« »Und welches?« »Es geht ihm wie dir,« sagte der junge Priester. »Gut, so habe ich gleich Gesellschaft auf dem Weg in die Ewigkeit.« »Peter, es wird eine ganze Prozession sein,« sagte Augustin. »Und ich denke, du wirst vor Gott der erste und der größte sein.« »Gott sei mir gnädig, ich büße für meine Sünden. Ich sterbe, weil ich getötet habe. – Mein lieber Bruder Augustin, sei bedankt für alles, was du mir und den Meinen gewesen bist. Auch meinen andern Freunden sage es, und wenn ich jemand Leids gethan habe, ich bitte um Verzeihung. – Und nun laß mich allein, ich will in dieser Nacht noch ein wenig nachdenken über das Elend auf dieser Erden, damit mir das Sterben noch leichter ankommt. – Nur eins versprich mir zum Trost, Augustin. Morgen – erspare es dir. Bleibe bei ihnen. – Gehet heim ...« Der Priester war vor Peter auf das Knie gesunken und wollte ihm die Hand küssen; Peter wendete sich heftig ab und sagte kein Wort mehr. – In der darauffolgenden Nacht legte der Verurteilte sich nicht mehr auf sein Stroh. Er saß am Tische, las im trüben Scheine einer Ampel eine Weile aus dem Erbauungsbuche. Dann hub er an starr vor sich hin zu blicken. Mehrmals schreckte er auf und schaute gegen das Fenster, als wollte er sehen, ob es schon tage. Plötzlich vernahm er draußen vor dem Fenster ein zartes Klingen. Ein Saitenspiel war's wie auf einer Laute, und eine jugendliche, tief wehmütige Männerstimme sang: »O Mahrwirt an der Straßen, Nun lebe ewig wohl, Mein Herz kann's nimmer fassen, Daß es dich lassen soll. Den Heldentod, den herben, Für Wahrheit willst du sterben Im treuen Land Tirol.« Da kam ein Morgen mit kaltem, winterlichem Lichte. Es stand keine Wolke am Himmel und es war auch nicht sonnenklar; ein trübblauer Nebelschleier lag im Thale, in welchem die Gebäude und die Büsche und die Ruinen und die Berge verschwommen dastanden. Draußen hinter der Stadt Bozen, aus dem Engthale der Talfer geht eine mächtig breite Schutt- und Sandhalde nieder. Mitten im feinen weißen Sande liegen stumpfkantige Steine und Felsblöcke. Auf dem Schuttfelde gingen jetzt mehrere französische Offiziere hin und her, als ob sie den Boden prüfen oder eine bestimmte Stelle suchen wollten. Einer derselben hatte einen schwarzen Stab in der Hand, und dort oben, wo zwischen Felsblöcken eine ebene Sandfläche war, .steckte er den Stab in den Boden. Dann entfernten sie sich. Die Stadt war schon seit frühem Morgen ungewöhnlich belebt; die Leute hatten nicht ihren behäbigen Schritt, sie eilten, sie hasteten. Manche liefen sogar, ohne vielleicht recht zu wissen, wohin. Unter dem Stadtthore gegen die Talferbrücke hinaus standen zwei Bürger. Auch diese wären kaum stehen geblieben, wenn sich nicht jeder von ihnen an der Bude ein Gläschen Branntwein hätte einschenken lassen, »zum Magenwärmen« sagte der eine, »zum Herzstärken« sagte der andre. Bei diesem Thore hatten an jenem Morgen die Leute Neigung, sich festzustellen, wenn die Soldatenwache nicht von Zeit zu Zeit die Ansammlung mit großem Geschrei auseinandergetrieben hätte. Von unseren zwei Bürgern aber hatte einer der Wache ein paar Gläschen Schnaps zugethan, »zum Stimmstärken«, und so blieben sie unbehelligt auf ihrem Standplatze. Einer der Bürger schaute auf die Turmuhr hinüber und sagte: »Acht Uhr. Jetzt muß er ja schon bald kommen.« »Wenn ihn der General noch in der letzten Stunde pardonniert?« »Ich wünsch' ihm's. Aber leid thät's mir, wenn ich umsonst so früh aus dem warmen Bett gestiegen wäre.« »Vielleicht ist es ihm doch endlich eingefallen, daß er's nicht gewußt hat. Ich hätte ihn überhaupt für klüger gehalten.« »Nur Geduld, Freund! Wenn er erst draußen steht und die schwarzen Röhrle auf sich gerichtet sieht, da wird er schon anders reden. Ja, mein Lieber, das Sterben ist sauer!« »Wie oft ist der Meister denn schon gestorben?« redete ein Nebenstehender drein und klopfte dem Sprecher auf die Achsel, »wie oft denn, daß Er's so gut weiß?« »Du wirst mir's nit lernen!« begehrte jener auf. »Lern du das Hosenmachen ordentlich, wenn du ein Tailleur sein willst! Franzosenkraucher!« Händel hätte es vielleicht gegeben, da rief plötzlich jemand aus: »Die Oesterreicher sind da! Die Oesterreicher sind da!« Alles wirbelte auf und reckte die Köpfe nach einem Seitengäßchen, wo eine Bande von herumziehenden Kroaten und Slowaken mit Geigen und Dudelsack Musik machte. Der, welcher den Ausruf gethan, mußte sich eilends flüchten, sonst wäre es ihm schlecht ergangen für seinen schnöden Witz. – Nun hub auf dem Turm ein Glöcklein an zu läuten. »Hau, der Totenvogel singt schon!« zischelte einer, »jetzt werden sie bald da sein mit ihm.« Alles kam in neue Bewegung. Die lange schmale Gasse her drängte eine aufgeregte Menschenmenge. Dumpfes Trommelgewirbel wurde hörbar und kam näher; ein Trupp welscher Soldaten marschierte heran und mitten in demselben der arme Sünder. Er war in seinem Tirolergewand, das Haupt entblößt. Die ihn früher gesehen, erkannten ihn sogleich wieder; gar nicht war er verändert. Er schritt aufrecht und blickte geradeaus vor sich auf den Weg, nur ein-, zweimal war zu bemerken, wie sein Auge zuckte. Sein Gesicht war blaß und ruhig, die Lippen unter dem blonden Schnurrbart hatte er geschlossen. Die Hände waren mit einem schwarzen Riemen gebunden und an diesem Riemen hielt ihn ein Soldat, der zur Linken ging. Ihm zur Rechten schritt ein Kapuziner in brauner Kutte mit langem schwarzem Bart und dem Käppchen auf dem geschorenen Haupte. Dieser hielt in der Hand ein hölzernes Kruzifix und sprach leise Gebete. So wurde Peter Mayr auf den Richtplatz geführt. Er ragte über seine beiden Nebenmänner empor. Als die Leute diese Gestalt sahen, verstummte jeder Laut in ihrem Munde. Viele erblaßten und wichen ehrfurchtsvoll zurück. Der Zug ging durch das Stadtthor hinaus. Als die freie weite Gegend von keiner Mauer verdeckt dalag mit ihren blauen Bergen, als durch den dünnen Nebel sogar ein sonniger Schimmer ging, da hob Peter einmal seinen Blick und schaute hin. Das Glöcklein läutete beständig, die Trommeln rollten ununterbrochen. Der Zug marschierte immer noch fürbaß, fast bis zur Brücke hin. Da erscholl das Kommando: »Rechts ab!« Der Zug verließ die Straße und bewegte sich über den rauhen Schutt quer hinan. Die Volksmenge wollte nachströmen, wurde aber von Soldaten, die da in einer langen Reihe aufgestellt waren, zurückgehalten. Dort oben zwischen zwei Felsblöcken auf weißem Sande ragte ein schwarzer Stab. Peter erblickte ihn, seine Füße fingen an zu zittern – er wankte. Man blieb stehen und hieß ihn auf einen Stein niedersitzen. Auf seiner Stirn standen große Tropfen, man labte ihn mit Essig, er schlug seine Augen auf gegen den Priester – es war ein Blick voll unendlicher Todesangst. Der Kapuziner gab ihm das Kruzifix in die Hand und sagte: »Denk an Jesum, deinen Erlöser.« Peter nahm das Kreuz, drückte es an den Mund. Dann nickte er, es wäre schon besser und erhob sich. Jetzt rüstig und vollkommen aufrecht ging er hinan. Soldaten stolperten in dem Geschütte, Peter schritt sicher und wankte nicht mehr. Sie führten ihn der Stelle zu, wo der Stab stak, dort angekommen machten sie Halt. Die Trommeln hatten ihr Wirbeln eingestellt, die Soldaten bildeten ein großes Halbrund und in demselben stellten sich zwölf Mann auf mit gesenkten Flinten. Der Soldat, der an seiner Seite gegangen war, löste den Riemen und trat zurück, so daß der arme Sünder und der Kapuziner völlig allein standen im Halbrund auf dem Plan. Ein Offizier verlas noch einmal das Urteil, zerbrach den Stab und warf die Stücke vor die Füße des Verurteilten. Peter stand ruhig, der Priester betete leise. – Als nun alle Anstalten getroffen waren, daß zum Vollzuge kommandiert werden sollte, wendete Peter sich an den Geistlichen, um diesem das Kruzifix zurückzugeben. Der Kapuziner nahm es nicht sondern sprach: »Du sollst es in der Hand behalten, das Bildnis unsres Herrn.« »Sie könnten es treffen,« sagte Peter, gab das Kreuz hin und der Priester nahm es an sich. Als man ihm die Augen verbinden wollte, machte er eine bittende Gebärde, es nicht zu thun, sie standen davon ab. Er hob seinen Blick zu den Spitzen der Berge, senkte ihn wieder und schaute nun fest und finster auf die Soldaten hin, die etwa fünfzehn Schritt vor ihm mit ihren Gewehren in Bereitschaft standen. Der Priester küßte ihn und trat zurück. Das alles geschah lautlos. Der Offizier wandte sein schnaubendes Pferd und kommandirte zum Anschlag. Die Gewehre hoben sich rasselnd und standen wagerecht gegen den Verurteilten. Dieser stand da wie eine eherne Säule. »Feuer!« Die Rohre blitzten, knallten, der Rauch flog in die Luft. Peter Mayr brach zusammen auf ein Knie, in dieser Stellung verharrte er ein paar Augenblicke und es war, als wollte er eine Hand heben gegen die Brust – dann sank er hin auf den weißen Sand. Als es so geschehen war, kam auf hohem Schimmel ein Reiter angesprengt. Es war der Obergeneral. Er stieg vom Pferde, schritt hin zum Todten und hüllte ihn zu mit seinem eigenen Mantel. Dann wendete er sich zu den Offizieren und gab folgenden Befehl: »Zwei Mann Wache hier, bis zu Sonnenuntergang. Dann tragt ihn hinauf an den Rand des Berges, wo der Palmbaum steht. Dort übergebt ihn der Erde seines Vaterlandes.«