Jean-Jacque Rousseau Rousseau's Bekenntnisse. Erster Theil Intus et in cute. Pers. Sat. III, v. 30. Erstes Buch. 1712 – 1719 Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein. Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders. Ob die Natur recht oder unrecht gethan hat, die Form, in der sie mich gegossen, zu zerbrechen, darüber wird man sich erst ein Urtheil bilden können, wenn man mich gelesen hat. Möge die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönen, wann sie will, ich werde mit diesem Buche in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen. Ich werde laut sagen: Hier ist, was ich gethan, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit demselben Freimuthe habe ich das Gute und das Schlechte erzählt. Ich habe nichts Unrechtes verschwiegen, nichts Gutes übertrieben, und wenn ich mir etwa irgend eine unschuldige Ausschmückung habe zu Schulden kommen lassen, so muß man das meiner Gedächtnisschwäche zu Gute halten, um deren willen ich gezwungen war, hier und da eine Lücke auszufüllen. Ich habe als wahr das voraussetzen können, was meines Wissens wahr sein konnte, nie jedoch das, von dessen Unwahrheit ich überzeugt war. Ich habe mich so dargestellt, wie ich war, verächtlich und niedrig, wann ich es gewesen; gut, edelmüthig, groß, wann ich es gewesen: ich habe mein Inneres enthüllt, wie du selbst, o ewiges Wesen, es gesehen hast. Versammle um mich die unzählbare Schaar meiner Mitmenschen, damit sie meine Bekenntnisse hören, über meine Schwächen seufzen, über meine Schändlichkeiten erröten. Möge dann jeder von ihnen seinerseits zu den Füßen deines Thrones sein Herz mit dem gleichen Freimuth enthüllen, und schwerlich wird dann auch nur ein einziger wagen, zu dir zu sprechen: Ich war besser als jener Mensch! Ich bin im Jahre 1712 zu Genf von der Bürgerin Susanne Bernard, Ehefrau des Bürgers Isaak Rousseau geboren. Da der dem letzteren zugefallene Antheil an dem sehr mäßigen Vermögen seiner Eltern, in welches sich fünfzehn Geschwister zu theilen hatten, sich fast auf nichts belief, so sah sich mein Vater zur Erwerbung seines Lebensunterhaltes lediglich auf das Uhrmacherhandwerk angewiesen, in welchem er große Geschicklichkeit besaß. Meine Mutter, Tochter des Predigers Bernhard, war reicher, denn sie zeichnete sich durch Klugheit und Schönheit aus. Nicht ohne Mühe hatte mein Vater deshalb ihre Hand erhalten. Ihre Liebe zu einander hatte fast mit ihrem Leben begonnen; schon im Alter von acht bis neun Jahren lustwandelten sie alle Abende zusammen in den Weingärten; mit zehn Jahren konnten sie nicht mehr ohne einander leben. Seelenverwandtschaft und Übereinstimmung der Charaktere befestigte dann noch in ihnen das Gefühl, welches die Gewohnheit erzeugt hatte. Beide, gefühlvoll und liebebedürftig, warteten nur auf den Augenblick, in einem andern die nämliche Anlage zu finden, oder dieser Augenblick wartete vielmehr auf sie selbst, und jedes von ihnen verschenkte sein Herz an das erste, welches bereit war, es anzunehmen. Das Schicksal, welches sich ihrer Leidenschaft entgegenzustellen schien, gab derselben nur neue Nahrung. Der junge Mann, der nicht in den Besitz seiner Geliebten gelangen konnte, verzehrte sich vor Schmerz; sie überredete ihn, einige Zeit das Vaterland zu verlassen, um sie zu vergessen. Er ging auf die Wanderschaft, aber vergebens und kehrte verliebter als je zurück. Auch sie, an der sein Herz hing, hatte ihm Liebe und Treue bewahrt. Nachdem sie diese Probe bestanden hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich ewig zu lieben. Sie schworen es sich, und der Himmel segnete ihren Schwur. Gabriel Bernard, der Bruder meiner Mutter, verliebte sich in eine der Schwestern meines Vaters, aber sie gab ihm ihr Jawort nur unter der Bedingung, daß ihr Bruder die Hand seiner Schwester erhielte. Die Liebe brachte alles in Ordnung, und die beiden Hochzeitsfeste wurden an demselben Tage gefeiert. So wurde mein Onkel der Gatte meiner Tante, und ihre Kinder wurden in doppelter Beziehung meine Geschwisterkinder. In jeder der beiden Familien wurde gegen Ende des Jahres ein Kind geboren. Dann trat noch einmal eine Trennung ein. Mein Onkel Bernard war Ingenieur; er ließ sich anwerben und diente unter dem Prinzen Eugen im Reiche und in Ungarn. Bei der Belagerung und in der Schlacht von Belgrad zeichnete er sich aus. Mein Vater reiste dagegen nach der Geburt meines einzigen Bruders nach Konstantinopel, wohin er als Uhrmacher des Serails berufen war. Während seiner Abwesenheit wurden der Schönheit, dem Geiste und den Talenten Für ihren Stand besaß sie eigentlich zu glänzende, da ihr der Prediger, ihr Vater, welcher sie anbetete, eine höchst sorgfältige Erziehung gegeben hatte. Sie zeichnete, sang und begleitete sich dazu auf der Laute; sie war ziemlich belesen und machte ganz leidliche Verse. Die unten angeführten dichtete sie während der Abwesenheit ihres Bruders und Mannes sofort aus dem Stegreife, als auf einem Spaziergange, den sie mit ihrer Schwägerin und den Kindern der Entfernten machte, jemand sie wegen der langen Trennung bedauerte: Die beiden Herrn, die fern jetzt weilen. Sind lieb und werth uns immerdar, Denn Liebe rechnet nicht nach Meilen. Die Gatten sind uns Brüder zwar, Doch auch ein edles Vaterpaar. meiner Mutter vielfache Huldigungen dargebracht. Am eifrigsten machte ihr Herr de la Closure, der französische Resident, den Hof. Seine Leidenschaft muß in der That groß gewesen sein, da er noch dreißig Jahre später von Rührung ergriffen wurde, als er mir von ihr erzählte. Um sich aller dieser Umwerbungen zu erwehren, hatte meine Mutter noch eine größere Stütze als ihre Tugend allein: sie liebte ihren Gatten zärtlich, und drängte ihn zurückzukehren. Er ließ alles im Stich und kehrte heim. Ich wurde die traurige Frucht dieser Rückkehr. Zehn Monate später wurde ich als ein schwächliches und kränkliches Kind geboren. Ich kostete meiner Mutter das Leben, und meine Geburt war mein erstes Unglück. Ich habe nicht erfahren, wie mein Vater diesen Verlust ertrug, so viel aber weiß ich, daß er sich nie darüber tröstete. Er glaubte sie in mir wieder zu sehen, ohne deswegen vergessen zu können, daß ich sie ihm geraubt hatte. So oft er mich umarmte, merkte ich an seinen Seufzern, wie an seiner krampfhaften Umschlingung, daß sich ein bitterer Kummer seinen Liebkosungen, die dadurch nur um so zärtlicher wurden, beigesellte. Wenn er zu mir sagte: »Jean Jacques, laß uns von deiner Mutter reden,« so antwortete ich ihm: »Du hast also Lust zu weinen, Vater,« und dieses Wort allein entlockte ihm schon Thränen. »Ach,« sagte er dann seufzend, »gieb sie mir wieder, tröste mich über sie, fülle die Lücke aus, die sie in meinem Herzen gelassen hat! Würde ich dich so lieben, wenn du nur mein Sohn wärest?« – Vierzig Jahre nach ihrem Verluste ist er in den Armen einer zweiten Frau gestorben, aber mit dem Namen der ersten auf den Lippen und mit ihrem Bilde auf dem Grunde seines Herzens. So waren die Urheber meiner Tage. Von allen Gaben, mit denen der Himmel sie ausgestattet hatte, ist ein gefühlvolles Herz, die einzige, welche sie mir hinterließen; während es aber für sie die Quelle des Glückes gewesen war, wurde es für mich die Quelle des Unglücks während meines ganzen Lebens. Bei meiner Geburt war ich kaum lebensfähig; man hatte wenig Hoffnung, mich zu erhalten. Ich brachte den Keim eines Leidens mit auf die Welt, welches die Jahre entwickelt haben und das mir nicht nur hin und wieder eine kurze Ruhe gönnt, um sich mir dafür auf andere Weise um so grausamer fühlbar zu machen. Eine Schwester meines Vaters, ein liebenswürdiges und kluges Mädchen, pflegte mich mit so großer Sorgfalt, daß ihr meine Rettung gelang. In dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, ist sie noch am Leben, im Alter von achtzig Jahren einen Mann pflegend, der jünger als sie, aber durch die Trunksucht heruntergekommen und geschwächt ist. Liebe Tante, ich verzeihe dir, mich am Leben erhalten zu haben, und bedaure, dir am Ende deiner Tage nicht die zärtliche Sorge vergelten zu können, die du am Beginn der meinigen an mich verschwendet hast. Diese Tante hieß Frau Conceru. Im März 1767 setzte ihr Rousseau eine Rente von 100 Fr. aus, die er auch in der größten Noth mit der gewissenhaftesten Pünktlichkeit auszahlte. Auch meine Wärterin, Jacqueline, ist noch am Leben, gesund und kräftig. Die Hände, welche mir die Augen bei meiner Geburt öffneten, werden sie mir bei meinem Tode zudrücken können. Ich fühlte, ehe ich dachte; das ist das gemeinsame Schicksal der Menschheit. Ich erfuhr es in einem höheren Grade als andere. Ich erinnere mich nicht, was ich bis zu einem Alter von fünf oder sechs Jahren that. Ich weiß nicht, wie ich lesen lernte; ich entsinne mich nur noch meiner ersten Lectüre und wie sie auf mich wirkte; von dieser Zeit an beginnt mein ununterbrochenes Selbstbewußtsein. Meine Mutter hatte Romane hinterlassen. Wir, mein Vater und ich, fingen an, sie nach dem Abendessen zu lesen. Zuerst handelte es sich nur darum, mich durch unterhaltende Bücher im Lesen zu üben; aber bald wurde das Interesse so lebhaft, daß wir abwechselnd unaufhörlich lasen und selbst die Nächte bei dieser Beschäftigung zubrachten. Wir konnten uns nicht überwinden, vor Beendigung eines Bandes aufzuhören. Mitunter sagte mein Vater, wenn er gegen Morgen die Schwalben schon zwitschern hörte, ganz beschämt: »Laß uns zu Bette gehen, ich bin noch mehr Kind als du.« Auf diesem gefährlichen Wege eignete ich mir nicht allein in kurzer Zeit eine außerordentliche Gewandtheit im Lesen und Auffassen an, sondern auch ein für mein Alter ungewöhnliches Verständnis der Leidenschaften. Während es mir noch an jedem Begriffe von den wirklichen Verhältnissen fehlte, hatte ich bereits einen Einblick in die Welt der Gefühle gewonnen. Ich hatte nichts begriffen, aber alles gefühlt. Var ... alles gefühlt, und die eingebildeten Leiden meiner Helden haben mir in meiner Jugend hundertmal mehr Thränen entlockt, als ich später über meine eigenen vergossen habe. Die unklaren Vorstellungen, die ich nach einander in mich aufnahm, konnten der Vernunft, die ich noch nicht hatte, zwar nicht schädlich sein, aber sie waren doch die Ursache, daß die meinige ganz eigenartig wurde, und brachten mir über das menschliche Leben höchst wunderliche und schwärmerische Begriffe bei, von denen mich Erfahrung und Nachdenken nie haben vollkommen heilen können. 1719 – 1723 Die Romane hatten wir bis zum Sommer 1719 ausgelesen. Der folgende Winter verschaffte uns Abwechselung. Da uns die Bibliothek meiner Mutter nicht mehr Neues bot, nahmen wir zu den Büchern unsere Zuflucht, die uns aus der Erbschaft ihres Vaters zugefallen waren. Glücklicherweise befanden sich darunter gute Bücher, und das ist leicht erklärlich, da sie zwar von einem Geistlichen, und noch dazu einem gelehrten, worauf man damals großes Gewicht legte, aber doch einem Manne von Geschmack und Geist angeschafft worden waren. Die Geschichte der Kirche und des deutschen Kaiserreichs von Le Sueur, Bossuets Vorlesungen über die allgemeine Weltgeschichte, Plutarchs Lebensbeschreibungen berühmter Männer, die Geschichte Venedigs von Nani, Ovids Verwandlungen, La Bruyère, die Himmelskörper von Fontenelle, seine Todtengespräche, sowie einige Bände von Molière wurden in das Arbeitszimmer meines Vaters hinübergebracht und täglich las ich ihm, während er sich seiner Beschäftigung hingab, daraus vor. Ich fand eine eigenthümliche und in diesem Alter vielleicht nie wieder vorkommende Freude daran. Besonders wurde Plutarch meine Lieblingslectüre. Der Genuß, mit dem ich ihn immer und immer wieder las, heilte mich ein wenig von den Romanen, und bald zog ich Agesilaos, Brutus und Aristides dem Orondates, Artamenes und Juba vor. Durch diese fesselnde Lectüre und die Gespräche, welche sie zwischen meinem Vater und mir hervorriefen, entwickelte sich in mir jener freie und republikanische Geist, jener unzähmbare und stolze Charakter, der, unfähig Unterjochung und Knechtschaft zu ertragen oder mit anzusehen, mich mein Lebenlang gefoltert hat, und noch dazu zumeist in Verhältnissen, die am wenigsten danach angethan waren, ihm Erfolg zu versprechen. Unaufhörlich mit Rom und Athen beschäftigt, gleichsam im steten Verkehre mit den großen Männern derselben lebend, selbst geborener Bürger einer Republik und Sohn eines Vaters, dessen stärkste Leidenschaft die Vaterlandsliebe war, entflammte mich sein Beispiel; ich hielt mich für einen Griechen oder Römer; ich versetzte mich in die Lage der Person, deren Lebensbeschreibung ich las; bei der Erzählung der Züge von Ausdauer und Unerschrockenheit, die mich ergriffen hatten, leuchteten meine Augen auf und wurde meine Stimme kräftiger. Als ich eines Tages die bekannte Geschichte von Scävola erzählte, erschraken alle Anwesende, als sie sahen, wie ich mit einem Male aufsprang und die Hand über ein Kohlenbecken hielt, um ihnen seine That zu veranschaulichen. Ich hatte einen Bruder, der sieben Jahre älter war als ich. Er lernte das Geschäft meines Vaters. Bei der grenzenlosen Liebe, die man für mich hegte, wurde er ein wenig vernachlässigt, und ich kann das keineswegs billigen. In seiner Erziehung machten sich die Nachwehen dieser Vernachlässigung bemerkbar. Er zeigte vor der Zeit einen Hang zu einem ausschweifenden Leben. Man gab ihn bei einem andern Meister in die Lehre, bei dem er nicht weniger muthwillige Streiche verübte, als im väterlichen Hause. Ich sah ihn fast nie, ich kann kaum sagen, ihn gekannt zu haben, aber trotzdem liebte ich ihn zärtlich, und er erwiderte meine Liebe, so viel ein Gassenbube etwas lieben kann. Ich erinnere mich, daß ich mich einmal, als ihn mein Vater derb und im Zorne züchtigte, ungestüm zwischen beide warf und ihn fest in meine Arme schloß. Auf diese Weise schützte ich ihn mit meinem Leibe, indem ich die ihm zugedachten Schläge erhielt, und ich blieb so hartnäckig in dieser Stellung, daß mein Vater endlich Gnade vor Recht ergehen ließ, sei es nun durch mein Geschrei und meine Thränen entwaffnet, oder um mich nicht mehr zu mißhandeln als ihn. Endlich gerieth mein Bruder auf so traurige Abwege, daß er plötzlich davon lief und verschwand. Einige Zeit nachher erfuhr man, daß er sich in Deutschland befände. Er schrieb nicht ein einziges Mal. Seit jener Zeit hat man nichts von ihm gehört, und so bin ich der einzige Sohn geblieben. Ließ bei diesem armen Knaben die Erziehung viel zu wünschen übrig, so war dies bei seinem Bruder nicht der Fall. Kindern von Königen hätte keine größere Sorgfalt bewiesen werden können, als ich mich deren in meinen ersten Jahren zu erfreuen hatte, – angebetet von meiner ganzen Umgebung, und was viel seltener ist, als ein geliebtes, aber nicht als ein verzogenes Kind behandelt. Auch nicht ein einziges Mal bis zu meinem Austritt aus dem väterlichen Hause hat man mich mit den andern Kindern allein auf der Straße umherlaufen lassen; niemals hatte man in mir einen jener launischen Einfälle zu unterdrücken oder zu befriedigen, welche man dem Charakter zuschreibt, während sie doch lediglich eine Folge der Erziehung sind. Ich hatte die Fehler meines Alters: ich plauderte gern, aß viel, log auch bisweilen. Ich wäre im Stande gewesen Obst, Bonbons, Eßwaaren zu stehlen; aber nie habe ich Freude daran gefunden, Jemandem ein Leid zuzufügen, Schaden anzurichten, andere zu beschuldigen oder arme Thiere zu quälen. Ich erinnere mich jedoch, einmal den Topf einer unserer Nachbarinnen, einer Frau Clot, während sie dem Gottesdienste beiwohnte, verunreinigt zu haben. Ich bekenne sogar, daß ich bei dieser Erinnerung noch immer lachen muß, weil Frau Clot, im Uebrigen eine ganz gute Frau, die brummigste Alte war, die ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Das ist die kurze und wahrhafte Geschichte aller meiner kindlichen Uebelthaten. Wie hätte ich schlecht werden können, wenn ich nur Beispiele von Sanftmuth vor Augen und die besten Menschen von der Welt um mich hatte? Mein Vater, meine Tante, meine Wärterin, meine Verwandten, unsere Freunde, unsere Nachbarn, kurz meine ganze Umgebung, gehorchte mir zwar, liebte mich aber, und ich liebte sie wieder. Mir wurde so wenig Gelegenheit gegeben, auf meinem Willen zu bestehen, und ich fand so wenig Widerspruch, daß es mir gar nicht in den Sinn kommen konnte, Eigenwillen zu zeigen. Ich kann beschwören, daß ich, bis ich mich unter den Willen eines Meisters beugen mußte, nicht gewußt habe, was eigensinnige Launen sind. Außer der Zeit, die ich bei meinem Vater mit Lesen oder Schreiben zubrachte, und derjenigen, in welcher mich meine Wärterin spazieren führte, war ich beständig bei meiner Tante und saß oder stand neben ihr, um zuzusehen, wie sie stickte, oder ihrem Gesange zu lauschen, und das genügte mir bei meiner Anspruchslosigkeit. Ihr Frohsinn, ihre Sanftmuth, ihr anmuthiges Gesicht haben mir so lebhafte Eindrücke hinterlassen, daß ich noch immer ihre Mienen, ihren Blick, ihre Haltung vor mir sehe; ich entsinne mich ihrer Schmeichelworte, ich vermöchte noch ihre Kleidung und Frisur zu beschreiben, ohne die beiden Locken zu vergessen, welche ihr schwarzes Haar an den Schläfen bildete, wie es die damalige Mode verlangte. Ich bin überzeugt, daß ich ihr den Geschmack oder vielmehr die Leidenschaft für die Musik verdanke, die sich erst viel später in mir entwickelt hat. Sie wußte eine erstaunliche Menge Melodien und Lieder, die sie mit schwacher, aber sehr wohlklingender Stimme sang. Die Seelenheiterkeit dieses vortrefflichen Mädchens ließ weder in ihr noch in meiner Umgebung je ein träumerisches Sinnen oder trübe Gedanken aufkommen. Der Reiz, der in dem Gesange meiner Tante für mich lag, war so gewaltig, daß mir nicht allein mehrere ihrer Lieder stets im Gedächtnis geblieben sind, sondern daß mir sogar jetzt, wo ich es fast ganz verloren habe, je älter ich werde, immer wieder andere, die ich seit meiner Kindheit völlig vergessen hatte, erinnerlich werden und einen unbeschreiblichen Zauber auf mich ausüben. Sollte man es glauben, daß ich alter Knabe, von Sorgen und Mühen aufgerieben, mich bisweilen dabei ertappe, wie mir, als ob ich ein Kind wäre, die Thränen in die Augen treten, wenn ich eines dieser Liedchen mit schwacher und zitternder Stimme vor mich hinsinge? Namentlich befindet sich eines darunter, dessen Melodie mir vollkommen wieder eingefallen ist; dagegen kann ich mich, so viel Mühe ich mir auch gegeben habe, auf die zweite Hälfte der Worte nicht mehr besinnen, obgleich ich mich der Endreime dunkel erinnere. Der Anfang und das Wenige, was ich noch behalten habe, lautet: Tircis, je n'ose Ecouter ton chalumeau Sous l'ormeau; Car on en cause Déjà dans notre hameau. - - - - - - - - - - - - - un berger - - - - s'engager - - - - sans danger Et toujours l'épine est sous la rose. Tircis, unter der Rüster Hör' ich nicht länger die Melodei Deiner Schalmei, Schon geht ein Geflüster Im Dorf von unserer Liebelei. Dieses in Paris unter der Arbeiterklasse allgemein bekannte Lied, heißt eigentlich: Tircis, je n'ose Ecouter ton chalumeau Sous l'ormeau; Car on en cause Déjà dans notre hameau. Un c\œur s'expose A trop s'engager Avec un berger, Et toujours l'épine est sous la rose. Umsonst frage ich mich, worin eigentlich der rührende Reiz liegt, den mein Herz bei diesem Liede empfindet. Es ist eine Seltsamkeit, die ich mir nicht zu erklären vermag, allein es ist mir vollkommen unmöglich, es bis zu Ende zu singen, ohne von meinen Thränen unterbrochen zu werden. Hundertmal habe ich mir vorgenommen, nach Paris zu schreiben, um mich nach dem Reste der Worte erkundigen zu lassen, falls sie dort noch irgend jemand kennen sollte. Aber ich bin fast sicher, daß das Vergnügen, welches mir die Rückerinnerung an dieses Lied gewährt, zum Theil verschwinden würde, wenn ich den Beweis in Händen hätte, daß es auch andere als meine arme Tante Susanne gesungen haben. So waren meine ersten Gefühle bei meinem Eintritt in das Leben; so begann sich in mir jenes so stolze und doch auch wieder so zärtliche Herz zu bilden oder zu zeigen, jener weichliche, aber doch unzähmbare Charakter, der, beständig zwischen Schwäche und Muth, Weichlichkeit und Kraft schwankend, mich bis zu diesem Augenblick in Widerspruch mit mir selbst gesetzt hat und die Ursache ist, daß ich mir Enthaltsamkeit und Genuß, Vergnügen und Mäßigung gleich wenig nachsagen kann. Diese Erziehungsweise wurde durch ein Ereignis unterbrochen, dessen Folgen auf mein ganzes übriges Leben voll Einfluß waren. Mein Vater hatte mit einem Herrn Gautier, Hauptmann in französischen Diensten und fast mit dem ganzen Rathe verschwägert, eine Rauferei. Dieser Gautier, ein frecher und ehrloser Mensch, hatte aus ihr eine blutige Nase davon getragen, und um sich zu rächen, klagte er meinen Vater an, auf städtischem Gebiete den Degen gezogen zu haben. Mein Vater, den man gefänglich einziehen wollte, verlangte, daß man den Ankläger nach dem Gesetze eben so gut wie ihn in das Gefängnis führte. Da er dies nicht durchzusetzen vermochte, verließ er lieber Genf und wohnte während seiner übrigen Lebenszeit außerhalb seines Vaterlandes, als daß er in einem Punkte nachgab, bei dem ihm Ehre und Freiheit gefährdet schienen. Ich blieb unter dem Schutze meines Onkels Bernhard, der damals bei den Festungsbauten von Genf Anstellung gefunden hatte, zurück. Seine älteste Tochter war todt, aber er hatte einen Sohn von meinem Alter. Wir wurden beide bei dem Pfarrer Lambercier in Vassey in Kost gegeben, um dort neben dem Latein all jenen nichtssagenden Kram zu lernen, ohne den man sich eine richtige Erziehung gar nicht denken zu können scheint. Zwei auf dem Lande verlebte Jahre nahmen mir etwas von meiner römischen Schroffheit und verliehen mir wieder Kindlichkeit. In Genf, wo man mir nichts aufgab, arbeitete und las ich gern, und hatte daran fast meine einzige Freude; in Vassey flößten mir die vielen Arbeiten Lust zum Spielen ein, bei dem ich Erholung fand. Das Landleben war mir etwas so Neues, daß ich seiner Genüsse gar nicht müde werden konnte. Ich faßte für dasselbe eine so große Vorliebe, daß sie nie wieder völlig in mir erloschen ist. Die Erinnerung an jene glücklichen Tage, die ich auf dem Lande zubrachte, hat mich in jeder Lebenszeit bis zu der, welche mir die Rückkehr auf das Land wieder gestattete, mit Sehnsucht nach ihm und seinen Freuden erfüllt. Herr Lambercier war ein sehr vernünftiger Mann, der, ohne unsern Unterricht zu vernachlässigen, uns doch nicht mit Aufgaben überbürdete. Als Beweis für die Richtigkeit seiner Methode kann der Umstand dienen, daß ich trotz meiner Abneigung gegen allen Zwang doch nie mit Unlust meiner Unterrichtsstunden gedacht habe, und daß, wenn ich auch nicht gerade viel von ihm lernte, ich mir doch das Wenige ohne Mühe aneignete, und davon nichts vergessen habe. Der Einfachheit dieses ländlichen Lebens verdanke ich ein unschätzbares Gut, indem es mir das Herz für die Freundschaft öffnete. Bis dahin hatte ich wohl edele, aber doch nur eingebildete Empfindungen gekannt. Die Gewohnheit, friedlich zusammen zu leben, verband mich innig mit meinem Vetter Bernhard. In kurzer Zeit hegte ich für ihn freundschaftlichere Gefühle, als einst für meinen Bruder, und nie sind diese erloschen. Er war ein hoch aufgeschossener, sehr schwächlicher und zarter Knabe, eben so sanft von Gemüth wie schwächlich von Körper, welcher die Vorliebe, die man für ihn als den Sohn meines Vormundes im Hause hatte, nicht allzu sehr mißbrauchte. Unsere Arbeiten, unsere Vergnügungen, unsere Neigungen waren die nämlichen. Wir waren allein, wir waren von demselben Alter, und jeder von uns bedurfte eines Genossen; durch unsere Trennung würde man uns gewissermaßen vernichtet haben. Obgleich uns wenig Gelegenheit gegeben war, unsere gegenseitige Anhänglichkeit an den Tag zu legen, so war sie doch außerordentlich innig, und wir konnten nicht allein keinen Augenblick von einander getrennt leben, sondern konnten uns auch nicht einmal die Möglichkeit einer dereinstigen Trennung vorstellen. Alle beide bei freundlichem Entgegenkommen leicht zu lenken und, sobald uns kein Zwang auferlegt wurde, willig und dienstfertig, befanden wir uns stets über alles im Einverständnis. Wenn ihm, so lange wir unter den Augen unserer Erzieher waren, von denselben ein gewisser Vorzug vor mir eingeräumt wurde, so hatte ich, wenn wir allein waren, wieder einen solchen vor ihm, was das Gleichgewicht herstellte. In unseren Lehrstunden sagte ich ihm vor, wenn er seine Aufgabe nicht weiter wußte; war meine Arbeit beendigt, so half ich ihm bei der seinigen, und bei unsern Spielen und Zerstreuungen war ich bei meinem lebhafteren Sinn immer der Tonangeber. Kurz, unsere beiden Charaktere vertrugen sich so gut, und die Freundschaft, welche uns vereinigte, war so aufrichtig, daß wir während unseres mehr als fünfjährigen Aufenthalts zu Vassey und Genf fast unzertrennlich waren. Wir schlugen uns zwar oft mit einander, aber nie brauchte man uns auseinander zu bringen, nie währte eine unserer Streitigkeiten länger als eine Viertelstunde, und auch nicht ein einziges Mal verklagten wir uns gegenseitig. Mögen diese Bemerkungen auch, wenn man will, kindisch erscheinen, so sind sie doch für ein in der Kinderwelt fast einzig dastehendes Beispiel bezeichnend. Das Leben in Vassey gefiel mir so wohl, daß es bei längerer Dauer bestimmend auf meinen Charakter eingewirkt haben würde. Die zärtlichen, liebevollen, friedlichen Gefühle bildeten die Grundlage desselben. Ich bin überzeugt, daß nie ein Individuum unserer Gattung von Natur weniger Eitelkeit besaß als ich. In Augenblicken der Begeisterung wurde ich von erhabenen Gemüthsregungen ergriffen, aber ich sank sofort wieder in meine Schlaffheit zurück. Von allem, was mir nahte, geliebt zu werden, war mein sehnlichstes Verlangen. Ich war sanft, mein Vetter gleichfalls; auch die, welche uns erzogen, waren es. Zwei volle Jahre war ich weder Zeuge noch Opfer einer heftigen Empfindung. Alles nährte die natürlichen Anlagen meines Herzens. Ich kannte keine größere Wonne, als jedermann mit mir und allen Dingen zufrieden zu sehen. Stets werde ich dessen eingedenk bleiben, wie mich bei der Kinderlehre in der Kirche, wenn ich einmal beim Aufsagen des Katechismus stockte, nichts mehr in Verwirrung setzte, als die Zeichen von Unruhe und Aerger, welche auf Fräulein Lamberciers Gesichte deutlich hervortraten. Dies allein betrübte mich mehr als die Scham über meine öffentlich an den Tag gelegte Unwissenheit, wie sehr ich auch unter diesem Gedanken litt; denn so wenig ich auch für Lob empfänglich war, so war ich es doch um so mehr für Beschämung, und ich kann hier versichern, daß ich weniger durch die Erwartung der Vorwürfe des Fräulein Lambercier beunruhigt wurde, als durch die Furcht, sie zu betrüben. Gleichwohl fehlte es ihr im Nothfalle eben so wenig wie ihrem Bruder an Strenge; aber da diese fast in jedem Falle gerechte Strenge nie das Maß überschritt, so schmerzte sie mich zwar, ließ aber keinen Gedanken an Widersetzlichkeit in mir aufkommen. Ich litt unter dem Gefühle zu mißfallen mehr als unter der Strafe, und das Zeichen der Unzufriedenheit bereitete mir größere Qualen als die körperliche Züchtigung. Es setzt mich in Verlegenheit, mich deutlicher darüber auszusprechen, allein ich halte es für nöthig. Eine wie ganz andere Strafweise würde man gegen die Jugend in Anwendung bringen, wenn man die Nachwirkungen der jetzt Üblichen, deren man sich immer unterschiedslos und oft unvorsichtig bedient, besser einsähe! Die große Lehre, welche man einem eben so allgemeinen als verderblichen Beispiele entnehmen kann, bestimmt mich, es anzuführen. Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugethan war, nahm sie auch deren Gewalt über uns in Anspruch und trieb dieselbe mitunter so weit, daß sie uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind, züchtigte. Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und diese Androhung einer mir ganz neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken; aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, was noch eigenthümlicher ist, diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigung zu der ein, die sie mir ertheilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser Zuneigung und meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurückzuhalten, absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte geahndet werden müssen; denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit verbunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von Neuem erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Da dies ohne Zweifel von einer vorzeitigen Regung des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in der nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes gefunden haben. Allein bei seinem Charakter brauchte ich nicht leicht zu befürchten, daß er bei Ertheilung der Strafe seine Schwester vertreten würde, und wenn ich es trotzdem vermied, eine Züchtigung zu verdienen, so geschah es lediglich aus Besorgnis, Fräulein Lambercier zu erzürnen; denn so große Gewalt übt die Zuneigung, selbst wenn sie nur ein Ausfluß der Sinnlichkeit ist, auf mich aus, daß sie letztere stets in Schranken hält. Die Wiederholung der körperlichen Strafe, der ich, ohne sie zu fürchten, aus dem Wege ging, geschah ohne mein Verschulden, das heißt ohne daß ich sie absichtlich veranlaßt hätte, und ich kann sagen, daß ich sie getrost und nicht ohne einen geheimen Reiz über mich ergehen ließ. Aber dieses zweite Mal war auch das letzte, denn Fräulein Lambercier, die ohne Zweifel an irgend einem Zeichen gemerkt hatte, daß diese Züchtigung ihren Zweck nicht erfüllte, erklärte, daß sie mit einer solchen Bestrafung nichts mehr zu thun haben wollte, da dieselbe sie zu sehr ermüdete. Bis dahin hatten wir in ihrem Zimmer geschlafen und im Winter sogar hin und wieder in ihrem Bette. Zwei Tage später erhielten wir ein besonderes Schlafzimmer, und ich genoß von nun an die Ehre, auf die ich gern verzichtet hätte, von ihr als erwachsener Knabe behandelt zu werden. Wer sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegentheil der von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde? Von dem Augenblicke des Erwachens meiner Sinnlichkeit an verirrten sich meine Begierden dergestalt, daß sie, da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, beschränkten, nie den Antrieb fühlten, etwas Anderes zu suchen. Trotz meines fast von meiner Geburt an sinnlich erhitzten Blutes hielt ich mich bis zu dem Alter, in dem sich auch der kältesten und am langsamsten heranreifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange gepeinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne Mädchenerscheinungen; unaufhörlich stellte meine Einbildungskraft mir ihr Bild wieder vor die Seele, einzig und allein um sie mir in der Ausübung des Strafakts zu zeigen, und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen. Selbst nach erreichter Mannbarkeit hat mir dieser eigenthümliche und verdorbene, ja an Verrücktheit streifende Geschmack, der sich nie verloren hat, die Sittenreinheit bewahrt, die er mir dem Anschein nach hätte rauben müssen. Wenn je eine Erziehung keusch und züchtig war, so war es sicherlich die, welche ich erhalten habe. Meine drei Tanten waren nicht allein von musterhafter Sittsamkeit, sondern auch von einer Zurückhaltung, welche die Frauen schon seit lange nicht mehr kennen. Mein Vater, der sehr lebenslustig war, aber bei seinen Galanterien noch der alten Mode huldigte, hat in Gegenwart der Frauen, die er am meisten liebte, nie ein Wort über die Lippen gebracht, welches dem jungfräulichsten Wesen hätte Schamröthe auf die Wangen treiben können, und wol nirgends hat man die Rücksicht, die man den Kindern schuldig ist, weiter getrieben als in meiner Familie und meiner Gegenwart. Bei Herrn Lambercier fand ich in dieser Hinsicht die gleiche Vorsicht, und hier wurde eine sonst sehr gute Magd um eines etwas schlüpfrigen Wortes willen, das ihr uns gegenüber entschlüpft war, entlassen. Nicht allein hatte ich bis zu meinem Jünglingsalter keine klare Vorstellung von der Vereinigung der Geschlechter, sondern die verworrene Vorstellung davon stellte sich mir auch nur unter einem ekelhaften und widrigen Bilde dar. Oeffentliche Dirnen flößten mir einen Abscheu ein, der mir bis zu dieser Stunde treu geblieben ist; einen Wüstling konnte ich nicht ohne Verachtung, ja nicht ohne Schrecken sehen. Bis zu diesem Grade hatte sich mein Widerwille gegen jede Ausschweifung gesteigert, seitdem ich einmal in Klein-Sacconex auf einem Gange durch einen Hohlweg auf beiden Seiten desselben Gruben gesehen, in denen, wie man mir sagte, derartige Leute ihre Orgien feierten. So oft ich daran dachte, fiel mir unwillkürlich das Gebahren der Hunde in der Brunstzeit ein, und schon bei der blosen Vorstellung davon empörte sich mein Herz. Diese mir durch die Erziehung eingeimpfte Vorstellung, an sich schon geeignet, die ersten Ausbrüche eines leicht entzündlichen Temperamentes aufzuhalten, wurde, wie gesagt, durch die Wendung unterstützt, welche das erste Erwachen der Sinnlichkeit in mir nahm. Mit meinen Gedanken nur immer bei dem weilend, was ich empfunden hatte, wußte ich trotz der oft sehr lästigen Wallungen des Blutes meine Begierden nur auf die Art der Wollust zu lenken, die mir bekannt war, ohne mich je derjenigen zuzuwenden, die man mir verhaßt gemacht hatte, und die doch, ohne daß ich es im geringsten ahnte, mit der andern im engsten Zusammenhange stand. In meinen thörichten Einbildungen, in meinen erotischen Tollheiten, in den überspannten Handlungen, zu denen mich dieselben nicht selten trieben, mußte mir in der Einbildung das andere Geschlecht seine Hilfe leihen, ohne daß ich je auf den Gedanken gerieth, daß es zu einer anderen Dienstleistung geeignet sei, als zu der, zu welcher ich es heranzuziehen brannte. Auf diese Weise habe ich nicht allein trotz eines sehr feurigen, sehr wollüstigen, sehr früh entwickelten Temperamentes dennoch das Alter der Mannbarkeit erreicht, ohne andere sinnliche Genüsse zu verlangen oder zu kennen, als die, von denen Fräulein Lambercier sehr unschuldiger Weise eine Vorstellung in mir erweckt hatte, sondern es mußte mir auch, als ich im Laufe der Jahre zum Manne herangereift war, das, was mich hätte verderben müssen, zu meinem Schutze dienen. Mein alter kindlicher Geschmack verlor sich nicht etwa, sondern verschmolz im Gegentheile dergestalt mit dem andern, daß ich ihn nie aus meinen sinnlichen Begierden entfernen konnte; und diese Narrheit hat mich in Verbindung mit meiner angeborenen Schüchternheit bei den Frauen stets sehr wenig unternehmend gemacht, weil ich weder alles zu sagen wagte, noch alles zu thun vermochte, indem die Art von Genuß, wovon der andere in meinen Augen nur als das letzte Ziel galt, von dem, welcher ihn ersehnte, nicht verlangt, noch von derjenigen, von der die Erfüllung abhing, errathen werden konnte. So habe ich mein Leben lang trotz aller Gelüste den Personen gegenüber, die ich am meisten liebte, geschwiegen. Unfähig, meinen Geschmack einzugestehen, befriedigte ich ihn durch den Umgang mit Persönlichkeiten, die ihn in mir wach erhielten. Vor einer herrischen Geliebten auf den Knien liegen, ihrem leisesten Winke nachkommen, sie um Verzeihung anflehen, das waren für mich selige Genüsse, und je mehr meine lebhafte Einbildungskraft mir das Blut erhitzte, desto mehr hatte ich das Aussehen eines blöden Liebhabers. Eine derartige Liebeswerbung erzielt begreiflicherweise keine schnellen Erfolge und ist der Tugend der Frauen, denen man seine Huldigungen darbringt, nicht sehr gefährlich. Ich habe deshalb wenig besessen, allein dessenungeachtet auf meine Weise, das heißt in der Einbildung viele Genüsse gehabt. So hat mir gerade meine Sinnlichkeit, die meinem schüchternen Wesen und meinem schwärmerischen Geiste entsprach, die Unschuld meiner Gefühle und die Reinheit meiner Sitten bewahrt, und gerade mit Hilfe desselben Geschmacks, der mich, wenn ich ein wenig frecher aufgetreten wäre, vielleicht in die gemeinsten Wollüste hineingezogen hätte. Ich habe den ersten Schritt, der mir am schwersten geworden ist, in das düstre und schmutzige Labyrinth meiner Bekenntnisse gethan. Nicht das Geständnis dessen, was verbrecherisch ist, kostet am meisten Ueberwindung, sondern die offene Einräumung dessen, was lächerlich und beschämend ist. Von nun an bin ich meiner sicher; nachdem ich den Muth gehabt habe, so viel zu sagen, kann mich nichts mehr zurückhalten. Wie schwer mir solche Geständnisse angekommen sind, kann man daraus schließen, daß ich es nie in meinem Leben habe über mich gewinnen können, meine Tollheit denen zu bekennen, die ich doch mit einer so rasenden Leidenschaft liebte, daß ich nicht zu sehen und zu hören vermochte, daß ich völlig außer mir gerieth und mein ganzer Körper von einem krampfhaften Zittern befallen wurde. Auch in den Stunden der innigsten Vertraulichkeit hatte ich nicht das Herz, sie um Gewährung der einzigen Gunsterweisung zu bitten, die mir zu den übrigen noch fehlte. Diese ist mir nur einmal in meinen Kinderjahren von einem Mädchen meines Alters zu Theil geworden, und noch dazu ging von diesem der Vorschlag aus. Indem ich so bis zu den ersten Eindrücken meines Gefühllebens zurückgehe, finde ich Elemente, die, so unvereinbar sie auch bisweilen erscheinen, doch gemeinschaftlich dazu beigetragen haben, eine gleichmäßige und einfache Wirkung in ausgeprägtesten Farben hervorzubringen. Wieder andere finde ich, die, dem Anschein nach die nämlichen, durch das Zusammentreffen gewisser Umstände so verschiedene Verflechtungen herbeigeführt haben, daß man nie auf die Vermuthung kommen könnte, daß diese Elemente in irgend einem Zusammenhange ständen. Wer sollte zum Beispiel glauben, daß auf dieselbe Quelle, aus der Wollust und Sinnlichkeit in mein Blut geströmt sind, eine der kräftigsten Triebfedern meiner Seele zurückzuführen ist? Indem ich bei dem Gegenstande, welchen ich so eben besprochen habe, noch einen Augenblick verweile, wird sich der Leser sogleich überzeugen, daß derselbe auch einen andern, gar sehr verschiedenen Eindruck ausgeübt hat. Eines Tages lernte ich in dem an die Küche stoßenden Zimmer allein meine Aufgabe. Die Magd hatte die Kämme des Fräulein Lambercier auf die Kaminplatte zum Trocknen gelegt. Als sie zurückkam, um sie zu holen, zeigte es sich, daß an einem derselben die Zähne auf einer ganzen Seite ausgebrochen waren. Wer konnte der Thäter gewesen sein? Außer mir war kein anderer in das Zimmer getreten. Man verhört mich; ich läugne, die Kämme auch nur berührt zu haben. Herr und Fräulein Lambercier scheinen in ihrem Verdachte einig zu sein; beide ermahnen mich, dringen in mich, drohen mir; ich bleibe hartnäckig beim Läugnen; allein da alles zu sehr gegen mich sprach, kehrte man sich nicht an meine Betheuerungen, obgleich es das erste Mal war, daß sie mich über eine solche Keckheit im Lügen ertappt hatten. Die Sache wurde, wie sie es verdiente, ernst genommen. Die Büberei, die Lüge, die Halsstarrigkeit schienen gleicher Strafe werth! aber diesmal war es nicht Fräulein Lambercier, welche sie an mir vollzog. Man schrieb an meinen Oheim Bernard: er kam. Mein armer Vetter hatte sich ein anderes, nicht weniger schweres Verbrechen zu Schulden kommen lassen; eine und dieselbe Züchtigung wurde über uns verhängt. Sie war furchtbar. Hätte man das Heilmittel in dem zugefügten Leid selber gesucht und meine auf Abwege gerathene Sinnlichkeit für immer ertödten wollen, so hätte man es gar nicht besser anstellen können. Auch ließ mich letztere lange Zeit in Ruhe. Trotzdem war man nicht im Stande mir das Geständnis, welches man verlangte, zu entreißen. Wiederholentlich vorgenommen und furchtbar mißhandelt, blieb ich unerschütterlich. Ich hätte den Tod erlitten und war dazu entschlossen. Selbst die Gewalt ermüdete, vor dem teuflischen Starrsinn eines Kindes, denn so nannte man meine Beharrlichkeit. Endlich ging ich aus dieser grausamen Prüfung zerfetzt, aber siegreich hervor. Seit diesem Vorfalle sind jetzt fast fünfzig Jahre verstrichen, und ich brauche nicht zu fürchten, für dieselbe That von Neuem bestraft zu werden; nun wohl, im Angesichte des Himmels erkläre ich, daß ich unschuldig war, daß ich den Kamm weder zerbrochen noch auch nur berührt hatte, daß ich gar nicht in die Nähe der Kaminplatte gekommen war, und daß ich nicht einmal daran gedacht hatte. Man frage mich nicht, wie dieser Schaden geschehen ist, ich weiß es nicht und kann es nicht begreifen; nur so viel weiß ich mit größter Bestimmtheit, daß ich daran unschuldig war. Man denke sich einen im gewöhnlichen Leben schüchternen und lenksamen, aber in der Leidenschaft feurigen, stolzen, unbeugsamen Charakter; ein stets von der Stimme der Vernunft geleitetes, stets mit Milde, Billigkeit, Freundlichkeit behandeltes Kind, welches nicht einmal einen Begriff von der Ungerechtigkeit hat und nun zum ersten Male eine so furchtbare gerade von Seite der Leute erleidet, die es liebt und am meisten achtet: welcher Umsturz der Begriffe, welche Verwirrung der Gefühle, welche Umwälzung in seinem Herzen, in seinem Kopfe, in seinem ganzen sich eben erst entwickelnden Geistes- und Seelenleben! Ich sage, man denke sich das alles, wenn man es im Stande ist; denn ich für meine Person fühle mich wenigstens unfähig, die geringste Spur von dem, was damals in mir vorging, aufzufinden und zu verfolgen. Ich hatte noch nicht Vernunft genug, um einzusehen, wie sehr der Anschein mich verurtheilte, und um mich an die Stelle der anderen zu versetzen. Ich beharrte auf der meinigen, und alles, was ich fühlte, war die Härte einer furchtbaren Strafe für ein Vergehen, welches ich nicht begangen hatte. Der körperliche Schmerz war mir trotz seiner Heftigkeit wenig empfindlich; ich fühlte nur den Unwillen, die Wuth, die Verzweiflung. Mein Vetter, der in einem ziemlich ähnlichen Fall war, und den man für einen unabsichtlichen Fehler wie für eine vorsätzliche That bestraft hatte, versetzte sich nach meinem Beispiele in Wuth und quälte sich so zu sagen in dieselbe leidenschaftliche Aufwallung hinein wie ich. Das Bett mit einander theilend, umarmten wir uns beide unter krampfhaften Wuthausbrüchen; wir erstickten; und wenn unsere jungen Herzen, ein wenig erleichtert, ihrem Zorne Luft machen konnten, dann richteten wir uns im Bette auf und fingen beide an hundertmal mit aller Kraft zu schreien: carnifex, carnifex, carnifex! Noch jetzt fühle ich, indem ich dies niederschreibe, meinen Puls stärker schlagen. Jene Augenblicke würden mir stets gegenwärtig sein, lebte ich auch hunderttausend Jahre. Dieses erste Gefühl von Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit ist mir so tief in der Seele eingeprägt geblieben, daß alle Vorstellungen, welche sich daran knüpfen, wieder die erste Aufregung in mir hervorrufen; und dieses Gefühl, das ursprünglich mich nur persönlich berührt, hat in sich selbst solche Kraft gewonnen und sich so vollkommen von jedem persönlichen Interesse losgelöst, daß mein Herz bei dem Anblicke oder der Erzählung, jeder ungerechten Handlung, an wem und wo sie auch immer verübt werde, auflodert, als ob ich selbst unter ihr zu leiden hätte. Wenn ich die Grausamkeiten eines schonungslosen Tyrannen, die schlau angelegten Schlechtigkeiten eines schurkischen Priesters lese, würde ich mich gern aufmachen, um diese Elenden zu erdolchen, sollte ich auch hundertmal dabei zu Grunde gehen. Ich habe mich oft in Schweiß gesetzt, um im Laufe oder mit Steinwürfen einen Hasen, eine Kuh, einen Hund, ein Thier zu verfolgen, welches ich ein anderes lediglich deshalb quälen sah, weil es sich stärker fühlte. Diese leichte Erregbarkeit kann mir angeboren sein, und ich glaube, es ist so; allein die unauslöschliche Erinnerung an die erste Ungerechtigkeit, die ich erduldet, war zu lange und zu tief damit verbunden, um nicht wesentlich zu ihrer Verstärkung beizutragen. Damit hatte die Heiterkeit meiner Kindheit ihr Ende erreicht. Von diesem Augenblicke an hörte ich auf mich eines reinen Glückes zu erfreuen, selbst heute fühle ich noch, daß die Erinnerung an die Seligkeit meiner Kindheit hier vorüber ist. Wir waren dort, wie man uns den ersten Menschen darstellt, noch im irdischen Paradiese, aber ohne ferner Genuß davon zu haben. Es war scheinbar noch dieselbe Lage, und in Wirklichkeit doch ein ganz anderes Sein. Die Anhänglichkeit, die Achtung, die Herzlichkeit, das Vertrauen verband die Zöglinge nicht mehr mit ihren Erziehern; wir betrachteten sie nicht mehr wie Götter, die in unsern Herzen lasen; wir schämten uns weniger darüber, Böses zu begehen, und hatten größere Furcht, beschuldigt zu werden; wir begannen uns zu verbergen, uns aufzulehnen, zu lügen. Alle Laster unseres Alters vernichteten unsere Unschuld und gaben unsern Spielen einen häßlichen Anstrich. Selbst das Land verlor in unsern Augen den Reiz einer sanften Einfachheit, der zum Herzen geht; es schien uns öde und düster; es hatte sich wie mit einem Schleier bedeckt, der uns die Schönheiten desselben verhüllte. Wir hörten auf, unsere kleinen Gärten, unsere Pflanzen, unsere Blumen zu pflegen. Wir scharrten nicht mehr leicht die Erde auf und jauchzten vor Wonne, wenn wir den Keim des Samenkornes, das wir ausgestreut hatten, entdeckten. Wurden wir dieses Lebens überdrüssig, so wurde man auch unser überdrüssig; mein Onkel nahm uns weg, und wir schieden von Herrn und Fräulein Lambercier, unser gegenseitig satt und unsere Trennung wenig bedauernd. Fast dreißig Jahre sind seit meinem Scheiden von Vassey verflossen, ohne daß mir der Aufenthalt daselbst in einer Reihe einigermaßen zusammenhängender Erinnerungen in angenehmer Weise vor der Seele geschwebt hätte; seitdem ich aber die reifen Jahre überschritten habe und mich dem Alter nähere, fühle ich, wie diese Erinnerungen, während die anderen erlöschen, von Neuem erwachen und sich meinem Gedächtnisse mit Zügen einprägen, deren Reiz und Stärke von Tage zu Tage zunehmen, als ob ich im Gefühle des dahin schwindenden Lebens es wieder bei seinen Anfängen zu erhaschen suchte. Die geringsten Vorfälle aus jener Zeit erfreuen mich nur deshalb, weil sie aus jener Zeit sind. Was die Oertlichkeiten, Personen, Stunden anlangt, erinnere ich mich jedes einzelnen Umstandes. Ich sehe die Magd oder den Knecht im Zimmer beschäftigt, eine Schwalbe zum Fenster hereinfliegen, eine Fliege sich auf meine Hand setzen, während ich meine Lection aufsage; ich sehe die ganze Einrichtung des Zimmers, in dem wir uns aufhielten; rechts das Arbeitszimmer des Herrn Lambercier; einen Kupferstich, sämmtliche Päpste darstellend, einen Barometer, einen großen Kalender, Himbeeren, welche aus einem sehr hoch gelegenen Garten auf der Rückseite des Hauses das Fenster beschatteten und bisweilen bis in das Zimmer hineinragten. Ich weiß gar wohl, daß es für den Leser kein großes Bedürfnis ist, dies alles zu wissen, aber mir ist es ein Bedürfnis, es ihm zu sagen. Weshalb sollte ich nicht wagen, ihm eben so alle kleinen Anekdoten aus jenem glücklichen Alter zu erzählen, deren Erinnerung mich noch immer mit lebhafter Freude erfüllt! Besonders fünf oder sechs .. Gehen wir einen Vergleich ein. Ich schenke euch fünf, aber eine einzige bedinge ich mir aus, vorausgesetzt, daß ihr sie euch so umständlich wie möglich von mir erzählen laßt, damit ich ein desto längeres Vergnügen daran habe. Wenn ich nur das euere suchte, könnte ich die wählen, wie Fräulein Lambercier am Rande einer Wiese einen so unglücklichen Fall that, daß sie sich dem vorüberfahrenden Könige von Sardinien in ihrer ganzen Blöße zeigte; aber die von dem Nußbaume auf der Terrasse ist für mich ergötzlicher, da ich eine Rolle darin spielte, während ich bei jenem Purzelbaume nur den Zuschauer abgab; ich gestehe, daß ich auch nicht das geringste Wort fand, mich über einen Unfall lustig zu machen, der, so komisch er auch an sich war, mich um einer Person willen betrübte, die ich wie eine Mutter und vielleicht noch mehr liebte. So höret denn, ihr neugierigen Leser der großen Geschichte von dem Nußbaume auf der Terrasse, dieses schreckliche Trauerspiel und erwehret euch des Schauders, wenn ihr könnt! Links beim Eintritte befand sich vor dem Hofthore eine Terrasse, auf der man des Nachmittags häufig saß, obgleich sie keinen Schatten hatte. Um ihr diesen zu verleihen, ließ Herr Lambercier einen Nußbaum daselbst pflanzen. Das Einpflanzen dieses Baumes geschah mit großer Feierlichkeit; die beiden Pensionäre waren seine Pathen, und während die Grube zugeworfen wurde, hielten wir unter dem Gesange von Triumphliedern jeder den Baum mit einer Hand. Um ihn zu bewässern, wurde rings um seinen Fuß eine Art Graben gemacht. Eifrige Zuschauer dieses Begießens, bestärkten wir, mein Vetter und ich, uns täglich in dem sehr natürlichen Gedanken, es wäre schöner einen Baum auf eine Terrasse zu pflanzen, als eine Fahne auf eine Bresche, und wir beschlossen uns diesen Ruhm zu verschaffen, ohne ihn zu theilen, mit wem es auch wäre. Zu dem Zwecke schnitten wir ein Steckreis von einer jungen Weide und pflanzten es auf der Terrasse, acht oder zehn Fuß von dem majestätischen Nußbaume. Wir versäumten nicht, um unsern Baum ebenfalls eine Grube zu machen; die Schwierigkeit war nur, uns das nöthige Wasser zu ihrer Füllung zu verschaffen, denn das Wasser kam aus ziemlicher Ferne, und man ließ uns nicht hinlaufen, um welches zu holen. Gleichwohl bedurften wir es durchaus für unsere Weide. Wir wandten alle Arten von List an, um uns einige Tage lang Wasser für sie zu verschaffen, und das gelang uns so wohl, daß wir sie ausschlagen und kleine Blätter treiben sahen, deren Wachsthum wir von Stunde zu Stunde maßen, überzeugt, sie würde, trotzdem sie noch nicht einen Fuß hoch war, nicht säumen, uns Schatten zu geben. Da unser Baum uns so vollkommen in Anspruch nahm, daß er uns zu jeder geistigen Anstrengung, zu jedem Lernen unfähig machte und wir wie geistesabwesend waren, und da man, nicht begreifend, was in uns vorging, uns kürzer hielt als sonst, so sahen wir den verhängnisvollen Augenblick nahen, wo uns das Wasser fehlen würde, und waren in der Erwartung, unsern Baum vor Dürre eingehen zu sehen, völlig trostlos. Endlich brachte uns die Noth, die Mutter der Erfindsamkeit, auf einen glücklichen Einfall, um den Baum und uns vor einem sichern Tod zu bewahren, nämlich darauf, unter der Erde eine Rinne anzulegen, die der Weide heimlich einen Theil des um den Nußbaum gegossenen Wassers zuführte. Trotz all des Eifers, mit dem wir dieses Unternehmen betrieben, gelang es uns anfangs nicht. Wir hatten das Gefälle so schlecht angelegt, daß das Wasser nicht lief; die Erde stürzte ein und verstopfte die Rinne; die Oeffnung füllte sich mit Schlamm; alles ging verkehrt. Nichts machte uns muthlos: labor omnia vincit improbus . Wir legten unsere unterirdische Leitung und den Graben um die Weide tiefer, um das Wasser in Fluß zu bringen; aus Schachtelböden schnitten wir kleine schmale Brettchen, von denen die einen hinter einander flach hingelegt und andere von beiden Seiten im Winkel über sie gestellt, uns für unsere Leitung einen dreieckigen Kanal verschafften. Vor der Oeffnung brachten wir dicht neben einander kleine Holzstäbchen an, die eine Art Gitter oder Geflecht bildeten und den Schlamm und die Steine zurückhielten, ohne dem Wasser den Durchfluß zu verwehren. Die Erde, mit der wir unser Werk wieder sorgfältig bedeckten, traten wir recht fest, und an dem Tage, an welchem endlich alles fertig war, erwarteten wir mit Bangigkeit, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, die Stunde des Begießens. Nach Jahrhunderten des Harrens rückte endlich diese Stunde heran: Herr Lambercier kam gleichfalls wie gewöhnlich, diesem Akte beizuwohnen, während dessen wir uns beide hinter ihm hielten, um unsern Baum zu verbergen, dem er zum größten Glücke den Rücken zuwandte. Kaum war der erste Eimer Wasser ausgegossen, so sahen wir schon, wie etwas davon in unsere Grube lief. Bei diesem Anblick verließ uns die Klugheit; wir begannen Freudenschreie auszustoßen, die zur Folge hatten, daß sich Herr Lambercier verwundert umblickte, und das war schade, denn ihm wurde die große Freude zu Theil, wahrzunehmen, wie gut die Erde des Nußbaumes war und wie gierig sie sein Wasser einsog. Betroffen über die Entdeckung, daß es sich zwischen zwei Becken theilt, schreit er seinerseits verwundert auf, blickt sich um, bemerkt den Schelmenstreich, läßt sich schnell eine Hacke bringen, macht einen Hieb, schleudert zwei oder drei Stücke von unsern Brettchen in die Höhe und unter dem lauten Rufe »eine Wasserleitung! eine Wasserleitung!« führt er nach allen Seiten unbarmherzige Schläge, deren jeder uns ein Stich ins Herz war. In einem Augenblicke waren die Brettchen, die Leitung, die Grube, die Weide, alles zerschlagen, alles aufgewühlt, ohne daß während dieses ganzen schrecklichen Vorganges ein anderes Wort über die Lippen gekommen wäre, als jener Ausruf, den er unaufhörlich wiederholte. »Eine Wasserleitung,« schrie er, alles zertrümmernd, »eine Wasserleitung, eine Wasserleitung!« Man glaubt vielleicht, die Geschichte hätte für die kleinen Baumeister einen üblen Ausgang genommen. Man irrt sich: alles war damit beendigt. Herr Lambercier ließ gegen uns kein Wort des Vorwurfs fallen, machte uns kein finstres Gesicht und redete mit uns nicht mehr darüber; ein wenig später hörten wir ihn sogar bei seiner Schwester aus vollem Halse lachen, denn Herrn Lamberciers Lachen konnte man weithin hören. Noch erstaunlicher aber war, daß wir uns nach dem ersten Schrecken selbst nicht sehr betrübt fühlten. Wir pflanzten übrigens einen andern Baum und gedachten oft des traurigen Endes des ersten, indem wir einander emphatisch zuriefen: eine Wasserleitung, eine Wasserleitung! Bis dahin hatte ich hin und wieder Anwandlungen von Stolz gehabt, wenn ich Aristides oder Brutus war. Jetzt regte sich zum ersten Male in mir eine unverkennbare Eitelkeit. Im Stande gewesen zu sein, eine Wasserleitung mit unsern eigenen Händen zu bauen, einem Steckreis dieselbe Pflege wie einem großen Baume erwiesen zu haben, schien mir die höchste Staffel des Ruhmes. Mit zehn Jahren hatte ich ein richtigeres Urtheil darüber als Cäsar mit dreißig. Die Erinnerung an diesen Nußbaum und an die kleine Geschichte, die sich an ihn knüpft, hat sich in mir so treu erhalten oder ist in mir von Neuem erwacht, daß einer meiner angenehmsten Pläne auf meiner Reise nach Genf im Jahre 1754 der war, Vassey zu besuchen, um die Denkmale meiner kindlichen Spiele und namentlich den lieben Nußbaum wieder zu sehen, der damals schon ein drittel Jahrhundert alt sein mußte. Ich war beständig so umlagert, so wenig Herr meiner selbst, daß ich keine Zeit zur Befriedigung dieses Wunsches finden konnte. Es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sich mir je wieder eine Gelegenheit dazu darbietet; indessen ist mit der Hoffnung dieser Wunsch nicht in mir erstorben, und ich bin fast überzeugt, fände ich je bei der Rückkehr nach diesen theuren Orten meinen lieben Nußbaum noch vor, würde ich ihn mit meinen Thränen netzen. Nach Genf zurückgekehrt, brachte ich, bis man über meine Zukunft bestimmen würde, zwei oder drei Jahre bei meinem Oheim zu. Da er seinen Sohn für die Ingenieurkunst bestimmte, ließ er ihn ein wenig im Zeichnen unterrichten und lehrte ihn selbst die Elemente des Euklid. Das alles lernte ich mit ihm und fand Gefallen daran, besonders am Zeichnen. Inzwischen überlegte man, ob man einen Uhrmacher, einen Sachwalter oder einen Geistlichen aus mir machen sollte. Ich wäre am liebsten Geistlicher geworden, denn predigen hielt ich für etwas sehr Schönes; aber die kleine Rente aus dem Vermögen meiner Mutter, die ich mit meinem Bruder zu theilen hatte, reichte für mein Studium nicht hin. Da bei dem Alter, in welchem ich mich befand, die Wahl eines Berufes noch nicht sehr dringend war, blieb ich vorläufig bei meinem Oheim, die Zeit fast verlierend und nicht unterlassend, wie es billig war, ein ziemlich hohes Kostgeld zu zahlen. Mein Oheim, der wie mein Vater den Vergnügungen sehr ergeben war, verstand nicht, sich von seinen Pflichten leiten zu lassen und kümmerte sich um uns ziemlich wenig. Meine Tante war eine pietistische Frömmlerin, die lieber Choräle sang, als daß sie über unsere Erziehung wachte. Man ließ uns eine fast völlige Freiheit, von der wir nie Mißbrauch machten. Stets unzertrennlich, genügten wir einander, und nie versucht, mit den Gassenjungen unseres Alters zu verkehren, nahmen wir keine der leichtfertigen Gewohnheiten an, zu welchen der Müßiggang uns hätte verleiten können. Es ist sogar Unrecht von mir, uns für müßig auszugeben, denn nie im Leben waren wir es weniger, und das Glückliche dabei war, daß all die Zerstreuungen, denen wir uns nach einander mit Leidenschaft hingaben, uns im Hause zusammen beschäftigt hielten, ohne daß wir uns auch nur versucht fühlten, auf die Straße hinabzugehen. Wir machten Vogelbauer, Pfeifen, Drachen, Trommeln, Häuser, Knallbüchsen, Armbrüste. Wir verdarben die Werkzeuge meines guten alten Großvaters, um nach seinem Vorbilde Uhren zu machen. Unsere Hauptlust bestand darin, Papier zu besudeln, zu zeichnen, zu tuschen, zu illuminiren und Farben zu verklecksen. Ein italienischer Marktschreier, Namens Gamba-Corta, kam nach Genf; wir gingen einmal hin, um ihn zu sehen, und wollten darauf nicht mehr zu ihm gehen. Aber er hatte ein Puppenspiel, und wir fingen an Puppen zu machen; seine Puppen spielten komödienartige Stücke, und wir fertigten Komödien für die unsrigen an. Unkundig, wie wir die heisere Stimme des Polichinell hervorbringen sollten, suchten wir sie durch Kehllaute nachzuahmen, um diese wunderschönen Komödien spielen zu können, die unsere gutmüthigen armen Verwandten die Geduld hatten anzusehen und anzuhören. Aber als eines Tages mein Oheim Bernard vor der versammelten Familie eine sehr schöne, von ihm selbst verfaßte Predigt vorgelesen hatte, wandten wir den Komödien den Rücken und begannen Predigten zu schreiben. Ich gestehe, daß diese Einzelheiten nicht sehr unterhaltend sind; allein sie beweisen, wie vortrefflich unsere erste Erziehung geleitet sein mußte, daß wir, obgleich wir in so zartem Alter fast Herren unserer Zeit und unsrer selbst waren, uns so wenig versucht fühlten, damit Mißbrauch zu treiben. Wir hatten so wenig Bedürfnis, uns Spielgenossen zu verschaffen, daß wir selbst die Gelegenheit dazu unbenutzt ließen. Auf unseren Spaziergängen sahen wir ihren Spielen zu ohne das Verlangen, ja sogar ohne den Gedanken, daran Theil zu nehmen. Die Freundschaft erfüllte unsere Herzen so vollkommen, daß unser Zusammensein hinreichend war, um uns in den einfachsten Beschäftigungen die höchste Freude finden zu lassen. Daß man uns unzertrennlich sah, zog die Aufmerksamkeit auf sich, um so mehr, als mein Vetter sehr groß und ich sehr klein war, so daß wir ein ziemlich drollig zusammengelesenes Pärchen bildeten. Seine lange hagere Gestalt, sein kleines bratapfelartiges Gesicht, sein sanftes Aussehen, sein lässiger Gang riefen den Spott der Kinder hervor. In der dortigen Volkssprache gab man ihm den Beinamen Barna Bredanna, und so oft wir ausgingen, hörten wir rings um uns her nichts als Barna Bredanna. Er erduldete dies ruhiger als ich. Ich ärgerte mich, ich wollte eine Prügelei anfangen; das war es gerade, was die kleinen Buben wünschten. Ich theilte Hiebe aus und bekam Hiebe. Mein armer Vetter stand mir nach besten Kräften bei; aber er war schwach; mit einem Faustschlage wurde er zu Boden gestreckt. Nun wurde ich wüthend. Obgleich ich indessen eine tüchtige Tracht Prügel bekam, so hatte man doch nicht mir, sondern Barna Bredanna zu Leibe gehen wollen, aber in Folge meiner nicht zu bändigenden Wuth nahm das Uebel so zu, daß wir nur noch während der Schulstunden auszugehen wagten, aus Furcht, von den Schülern verhöhnt und verfolgt zu werden. Ich zeige mich bereits als Verteidiger der Unterdrückten. Um ein echter Paladin zu sein, fehlte mir nur eine Dame; ich hatte gleich ihrer zwei. Von Zeit zu Zeit ging ich meinen Vater in Nyon, einem Städtchen im Waadtlande, zu besuchen. Mein Vater war sehr beliebt, und auch auf seinen Sohn wurde dies Wohlwollen übertragen. Während der kurzen Zeit, in der ich mich bei ihm aufhielt, kam man mir überall freundlich entgegen. Namentlich eine Frau von Vulson überhäufte mich mit Liebkosungen, und um das Maß voll zu machen, nahm mich ihre Tochter als ihren Verehrer an. Man kann sich denken, was das zu sagen hat, ein Verehrer von elf Jahren für ein Mädchen von zweiundzwanzig. Aber alle diese Schelminnen haben eine Lust daran, kleine Puppen auf solche Weise vorzuschieben, um die großen dahinter zu verbergen, oder um sie durch die Darstellung eines Spieles, das sie so reizend zu machen wissen, anzulocken. Ich für meine Person erblickte zwischen ihr und mir kein Mißverhältniß und nahm die Sache ernst; ich gab mich ihr von ganzem Herzen oder vielmehr Kopfe hin, denn nur mit letzterem war ich verliebt, obgleich ich es bis zum Wahnsinn war und meine Leidenschaft, meine Erregtheit, meine Wuthausbrüche, Auftritte zum Todtlachen hervorriefen. Ich kenne zwei Arten von sehr verschiedener und doch sehr wahrhafter Liebe, die fast nichts gemein haben, obgleich die eine wie die andere sehr heiß ist, und alle beide sich von der zärtlichen Freundschaft unterscheiden. Mein ganzes Leben lang bin ich zwischen diesen beiden so verschiedenartigen Liebesarten getheilt und sogar von beiden gleichzeitig erfüllt gewesen; denn zum Beispiel in der Zeit, von welcher ich rede, hatte ich, während ich Fräulein von Vulson so öffentlich und so tyrannisch in Beschlag nahm, daß ich die Annäherung keines Mannes an sie duldete, zwar ziemlich kurze, aber ziemlich vertrauliche Zusammenkünfte mit einem kleinen Fräulein Goton, bei welchen sie die Gewogenheit hatte, die Schulmeisterin zu spielen, und dies war alles. Aber dies alles, das in Wahrheit für mich alles war, erschien mir als das höchste Glück, und schon den Werth des Geheimnisses fühlend, obgleich ich es nur wie ein Kind zu gebrauchen verstand, vergalt ich dem ahnungslosen Fräulein von Vulson das Bestreben, mich zum Deckmantel ihrer anderen Liebschaften zu machen, in gleicher Weise. Allein zu meinem großen Kummer wurde mein Geheimnis entdeckt oder von Seiten meiner kleinen Schulmeisterin weniger gut als von der meinigen bewahrt, denn man zögerte nicht, uns zu trennen. Var ... uns zu trennen, und einige Zeit darauf hörte ich bei meiner Durchreise durch Coutance auf dem Rückwege nach Genf kleine Mädchen mir halblaut nachrufen: Goton tictac Rousseau. Es war in der That eine sonderbare Person, dieses kleine Fräulein Goton. Ohne schön zu sein, hatte sie ein Gesicht, das man kaum wieder zu vergessen im Stande war und an das ich noch immer denke, oft viel zu sehr für einen alten Narren. Namentlich ihre Augen standen nicht mit ihrem Alter im Einklang, und eben so wenig ihr Wuchs und ihre Haltung. Sie konnte eine sehr Achtung gebietende und stolze Miene annehmen, wie ihre Rolle es verlangte, und das hatte eben den ersten Gedanken daran unter uns hervorgerufen. Aber das Eigenthümlichste an ihr war eine schwer zu begreifende Mischung von Keckheit und Zurückhaltung. Sie erlaubte sich mir gegenüber die größten Freiheiten, ohne mir je eine gegen sich zu gestatten; sie behandelte mich genau wie ein Kind. Das bringt mich zu dem Glauben, daß sie entweder schon aufgehört hatte, eines zu sein, oder daß sie es im Gegentheile noch selber genug war, um in der Gefahr, welcher sie sich aussetzte, nur ein Spiel zu sehen. Jeder dieser beiden Personen gehörte ich gleichsam ganz und so vollkommen an, daß ich bei der einen nie an die andere dachte. Uebrigens hatten die Gefühle, mit denen sie mich erfüllten, keine Aehnlichkeit mit einander. Ich würde mein ganzes Leben an Fräulein von Vulsons Seite zugebracht haben, ohne je an eine Trennung von ihr zu denken; aber wenn ich zu ihr kam, war meine Freude ruhig und blieb stets von aller Erregung frei. Ich liebte sie besonders in großer Gesellschaft; die Scherze, die Neckereien, die Eifersüchteleien sogar hatten etwas Anziehendes, etwas Fesselndes für mich. Stolzer Triumph beseelte mich, wenn sie mich vor erwachsenen Nebenbuhlern, die sie zu quälen schien, bevorzugte. Ich empfand wohl Qualen, aber sie waren mir lieb. Die Beifallserweisungen, die Ermuthigungen, das Gelächter entflammten mich und feuerten mich an. Ich wurde erregt, ich wurde witzig; in einer Gesellschaft kannte meine Liebe keine Schranken; mit ihr allein würde ich gezwungen, kalt, vielleicht gelangweilt gewesen sein. Gleichwohl hatte ich eine zärtliche Zuneigung zu ihr, ich litt, wenn sie krank war, ich würde meine Gesundheit dahingegeben haben, um die ihrige wiederherzustellen, und das will viel sagen, wenn man bedenkt, daß ich aus Erfahrung sehr wohl wußte, was Krankheit, und was Gesundheit zu bedeuten hat. Fern von ihr, dachte ich an sie, sie fehlte mir; war ich bei ihr, thaten ihre Liebkosungen meinem Herzen wohl, erregten aber nicht meine Sinnlichkeit. Ich war ohne Nachtheil vertraulich mit ihr. Meine Einbildungskraft ging über das, was sie mir gewährte, nicht hinaus; allein ich hätte nicht ertragen können, sie anderen eben so viel erweisen zu sehen. Ich liebte sie wie ein Bruder, war aber eifersüchtig auf sie wie ein Liebhaber. Auf Fräulein Goton würde ich es ebenfalls gewesen sein und zwar wie ein Türke, wie ein Rasender, wie ein Tiger, wenn ich mir nur hätte vorstellen können, sie wäre im Stande einem Andern die gleiche Behandlung angedeihen zu lassen, die sie mir gewährte; denn selbst dies war eine Gnade, die man auf den Knien erbitten mußte. Dem Fräulein von Vulson näherte ich mich mit aufrichtiger Freude, aber ohne Verlegenheit, während ich, sobald ich Fräulein Goton nur erblickte, nichts mehr sah; alle meine Sinne waren verwirrt. Zu der ersten war ich zutraulich ohne Vertraulichkeit; der anderen gegenüber war ich dagegen selbst inmitten der größten Freiheiten eben so schüchtern wie aufgeregt. Ich glaube, bei einem allzu langen Zusammensein mit ihr wäre ich gestorben; mein Herzklopfen würde mich erstickt haben. Ich fürchtete in gleicher Weise ihnen zu mißfallen, aber gegen die eine war ich zuvorkommender und gegen die andern folgsamer. Um nichts in der Welt hätte ich Fräulein von Vulson wehe thun mögen; aber hätte Fräulein Goton mir befohlen, mich in die Flammen zu stürzen, so bin ich überzeugt, daß ich ihr augenblicklich gehorcht hätte. Meine Liebelei, oder vielmehr meine Zusammenkünfte mit letzterer dauerten nicht lange, zum großen Glücke für sie wie für mich. Obgleich meine Verbindung mit Fräulein von Vulson nicht die gleiche Gefahr darbot, so sollte doch auch sie mit einer Katastrophe enden, nachdem sie ein wenig länger gewährt hatte. Das Ende solcher Verhältnisse sollte immer einen romantischen Anflug haben und Stoff zu schmerzlichen Herzensergießungen geben. War mein Verkehr mit Fräulein von Vulson auch weniger lebhaft, so war er vielleicht doch fesselnder. Bei jeder Trennung vergossen wir Thränen, und es ist eigentümlich, in welche trostlose Leere ich mich versenkt fühlte, nachdem ich sie verlassen hatte. Nur von ihr konnte ich reden, nur an sie konnte ich denken; mein Verlangen nach ihr war aufrichtig und lebhaft; aber ich glaube, daß im Grunde dieses heiße Verlangen nicht sie allein zum Gegenstande hatte, sondern daß auch die Vergnügungen, deren Mittelpunkt sie war, mir unbewußt ihr gutes Theil daran hatten. Um die Trennungsschmerzen zu mildern, schrieben wir uns Briefe, rührend zum Steinerweichen. Endlich hatte ich den Triumph, daß sie es dort nicht länger aushalten konnte und um mich zu besuchen, nach Genf kam. Das verdrehte mir den Kopf natürlich völlig; ich war die beiden Tage, die sie daselbst zubrachte, trunken und närrisch. Als sie abfuhr, wollte ich mich hinter ihr her ins Wasser stürzen, und lange erfüllte ich die Luft mit meinem Geschrei. Acht Tage darauf schickte sie mir Bonbons und Handschuhe, was mir sehr schmeichelhaft gewesen wäre, hätte ich nicht gleichzeitig erfahren, daß sie vermählt wäre, und daß die Reise, welche sie angeblich mir zu Ehren angetreten hatte, nur zum Einkauf der Brautkleider unternommen war. Ich will meine Wuth nicht schildern; man kann sie sich denken. In meinem edlen Zorne schwur ich, die Treulose nie wieder zu sehen, nach meiner Vorstellung die fürchterlichste Strafe für sie. Gleichwohl starb sie nicht daran; denn als ich zwanzig Jahre später während eines Besuches bei meinem Vater mit ihm auf dem See spazieren fuhr, fragte ich, wer die Damen wären, welche ich in einem Boote in unserer nächsten Nähe bemerkte. »Wie,« erwiderte mein Vater lächelnd, »sagt es dir nicht dein Herz? Es ist deine alte Liebe, es ist Frau Cristin, Fräulein von Vulson.« Zittern überfiel mich bei diesem fast vergessenen Namen: aber ich befahl den Schiffern zu wenden, denn obgleich sich mir jetzt eine günstige Gelegenheit darbot, mich zu rächen, so verlohnte es sich, wie ich dachte, doch nicht der Mühe, meineidig zu werden und einen Hader, den ich vor zwanzig Jahren hatte, mit einer Frau von vierzig von Neuem zu beginnen. 1723 – 1728 So verlor sich, bevor über meinen Beruf entschieden war, die kostbarste Zeit meiner Jugend in Kindereien. Nach langen Ueberlegungen, wozu mich meine natürlichen Anlagen besonders befähigten, entschloß man sich endlich für das, wozu ich die geringsten besaß, und brachte mich bei einem Herrn Masseron, dem Stadtschreiber unter, damit ich unter ihm, wie Herr Bernard äußerte, das edele Geschäft eines Procurators erlernte. Diese Bezeichnung mißfiel mir im höchsten Grade. Die Aussicht, auf unedle Weise dereinst Thaler aufzuhäufen, verletzte meinen Stolz nicht wenig; die Beschäftigung kam mir langweilig, unerträglich vor; die nöthige Pünktlichkeit, der damit verbundene Zwang verleideten sie mir vollends, und nur mit Abscheu, der von Tage zu Tage wuchs, betrat ich die Kanzlei. Herr Masseron, der mit mir wenig zufrieden war, behandelte mich seinerseits mit Verachtung, indem er mir unaufhörlich meine Trägheit, meine Dummheit vorwarf und mir alle Tage wiederholte, mein Oheim hätte ihm versichert, daß ich tüchtige Kenntnisse besäße, während ich in Wahrheit nichts wüßte: er hätte ihm einen brauchbaren Jungen versprochen und ihm nur einen Esel übergeben. Endlich wurde ich wegen meiner Dummheit schimpflich aus der Kanzlei entlassen und die Schreiber des Herrn Masseron sprachen es laut aus, ich wäre zu nichts gut, als die Feile zu handhaben. Da in solcher Weise über meinen Beruf bestimmt war, wurde ich in die Lehre gegeben, allein nicht bei einem Uhrmacher, sondern bei einem Graveur. Die Verachtung des Stadtschreibers hatte mir eine sehr geringe Meinung von mir beigebracht, und ich gehorchte ohne Murren. Mein Meister, Herr Ducommun, war ein junger roher und heftiger Mensch, der es in sehr kurzer Zeit erreichte, mich um alle Jugendfreude zu bringen, mein sich nach Liebe sehnendes und lebhaftes Naturell zu ertödten und mich auch geistig auf den Standpunkt herabzudrücken, auf den mich meine Vermögensverhältnisse verwiesen, auf den eines Lehrjungen. Mein Latein, meine Kenntnisse des Alterthums, meine Geschichte, alles war auf lange Zeit vergessen; sogar die Erinnerung war mir daran geschwunden, daß es Römer in der Welt gegeben hatte. Besuchte ich meinen Vater, so fand er nicht mehr seinen Abgott in mir; für die Damen war ich nicht mehr der galante Jean-Jacques, und ich fühlte selbst so wohl, daß Herr und Fräulein Lambercier in mir ihren früheren Schüler nicht wieder erkannt haben würden, daß ich mich schämte, mich ihnen zu zeigen, und sie seitdem nicht wieder gesehen habe. Die gemeinsten Neigungen, die schändlichsten Ungezogenheiten traten an die Stelle meiner liebenswürdigen Zeitvertreibe und verwischten sogar die Erinnerung an dieselben. Trotz der rechtschaffensten Erziehung muß ich doch eine große Neigung zur Entartung gehabt haben; denn das alles trat reißend schnell ohne alle Anstrengung ein, und nie wurde ein so frühreifer Cäsar so schnell zum Laridon. Das Handwerk an sich mißfiel mir nicht; am Zeichnen hatte ich großes Gefallen; die Arbeit mit dem Grabstichel war mir eine angenehme Beschäftigung, und da der Uhrmacher von dem Graveur nicht allzu hohe Leistungen verlangt, so hatte ich Hoffnung, es zur Meisterschaft zu bringen. Ich würde vielleicht dazu gelangt sein, wenn mich nicht die Rohheit meines Meisters und der übertriebene Zwang mit Widerwillen gegen die Arbeit erfüllt hätten. Ich stahl ihr Zeit ab, um während derselben Beschäftigungen gleicher Art zu treiben, die aber für mich den Reiz der Freiheit hatten. Ich schnitt Medaillen, die wir, ich und meine Kameraden, als Ritterorden tragen wollten. Mein Meister ertappte mich bei dieser unerlaubten Arbeit und prügelte mich derb durch, da er vorgab, ich übte mich in der Falschmünzerei, weil unsere Medaillen das Wappen der Republik zeigten. Ich kann es beschwören, daß ich keine Vorstellung von falschem Gelde hatte und eine sehr unklare von echtem. Ich wußte besser, wie römische As verfertigt wurden als unsere Drei-Sous-Stücke. Die Tyrannei meines Meisters machte mir die Arbeit, die ich sonst geliebt haben würde, endlich unerträglich, und impfte mir Laster ein, die ich sonst gehaßt hätte, wie das Lügen, das Faulenzen, das Stehlen. Nichts hat mich den Unterschied zwischen kindlicher Abhängigkeit und sklavischer Knechtschaft besser gelehrt als die Erinnerung an die Veränderungen, welche diese Zeit in mir hervorbrachte. Von Natur schüchtern und blöde, lag mir kein Fehler je ferner als die Frechheit. Allein ich hatte mich einer anständigen Freiheit zu erfreuen gehabt, die bis jetzt nur stufenweise eingeschränkt war und endlich ganz aufhörte. Bei meinem Vater war ich dreist, bei Herrn Lambercier zwanglos, bei meinem Oheim bescheiden; bei meinem Meister wurde ich furchtsam, und von dem Augenblick an war ich ein verlorenes Kind. An eine vollständige Gleichheit in der Lebensweise mit meinen Vorgesetzten gewöhnt, kein Vergnügen kennend, zu dem ich nicht zugelassen wäre, kein Gericht sehend, von dem ich nicht meinen Antheil erhalten hätte, keinen Wunsch fühlend, dem ich nicht Worte verleihen durfte, kurz, alle Regungen meines Herzens offen bekennend: man urtheile selbst, was aus mir in einem Hause werden mußte, wo ich nicht den Mund zu öffnen wagte, wo ich den Tisch verlassen mußte, nachdem erst ein Drittel der Gerichte aufgetragen war, und das Zimmer, sobald ich nichts darin zu thun hatte; wo ich, unaufhörlich an meine Arbeit gefesselt, Gegenstände des Genusses nur für Andere und der Entbehrung für mich allein sah; wo der Anblick der Freiheit des Meisters und der Gehilfen die Schwere meiner Knechtschaft noch erhöhte; wo ich bei Streitigkeiten über Dinge, die ich am besten wußte, den Mund nicht zu öffnen wagte, kurz, wo alles, was ich erblickte, für mein Herz ein Gegenstand der Begehrlichkeit wurde, lediglich weil ich an nichts Antheil hatte. Verschwunden war die Ungezwungenheit, der Frohsinn, die glücklichen Einfälle, die mich ehedem so oft bei meinen Versehen der Strafe hatten entgehen lassen. Ich kann nicht ohne zu lachen daran zurückdenken, wie ich eines Abends bei meinem Vater, als er mich zur Strafe für einen Schelmenstreich ohne Nachtessen zu Bette schickte, mit meinem armseligen Stückchen Brot durch die Küche ging und den sich am Spieße drehenden Braten sah und roch. Alle waren um den Herd versammelt; jedem mußte ich beim Vorbeigehen gute Nacht wünschen. Als ich die Runde vollendet hatte und dem Braten, der so prächtig aussah und so köstlich roch, einen verstohlenen Blick zuwarf, konnte ich mich nicht erwehren, mich vor ihm ebenfalls ehrfurchtsvoll zu verbeugen und mit kläglichem Tone zu ihm zu sagen: »Gute Nacht, Braten!« Dieser naive Einfall machte einen so komischen Eindruck, daß man mich zum Abendessen dableiben ließ. Vielleicht hätte er bei meinem Meister eben so viel Glück gehabt, aber sicherlich wäre er mir bei ihm nicht gekommen oder ich hätte ihn nicht auszusprechen gewagt. So lernte ich im Geheimen Gelüste haben, meine wahre Gesinnung verhehlen, mich verstellen, lügen und endlich stehlen; ein Gelüst, von dem ich bis dahin nie eine Anwandelung gehabt hatte und von dem ich mich seitdem nicht wieder habe ganz frei machen können. Das Begehren und die Ohnmacht führen stets dazu. Deshalb sind alle Diener Diebe und müssen alle Lehrburschen es sein. Sobald sie aber heranwachsen und in die nämliche und gleiche Lage kommen, in der ihnen alles, was sie sehen, erreichbar ist, verlieren letztere diesen schändlichen Hang. Da ich nicht dasselbe Glück gehabt, habe ich auch nicht denselben Vortheil daraus ziehen können. Fast immer sind es gute, aber übel geleitete Gesinnungen, welche die Kinder den ersten Schritt zum Bösen thun lassen. Trotz unaufhörlicher Entbehrungen und Versuchungen hatte ich bei meinem Meister schon länger als ein Jahr verweilt, ohne mich entschließen zu können, etwas zu nehmen, nicht einmal Eßwaaren. Der Antrieb zu meinem ersten Diebstahle war Gefälligkeit, aber eröffnete anderen das Thor, die keinen so lobenswerthen Zweck hatten. Mein Meister hatte einen Gehilfen, Namens Verrat, zu dessen in der Nachbarschaft liegendem Hause ein ziemlich entlegener Garten gehörte, der sehr schönen Spargel lieferte. Dieser Umstand rief bei Verrat, dem es ewig an Geld fehlte, Lust hervor, seiner Mutter gleich beim ersten Stechen Spargel zu stehlen und zu verkaufen, um für das Geld einige gute Frühstücke herzurichten. Da er sich nicht selbst der Gefahr aussetzen wollte und auch nicht die nöthige Gewandtheit besaß, fiel seine Wahl zur Ausführung seines Planes auf mich. Nach einigen vorhergehenden Schmeicheleien, die mich um so mehr gewannen, da ich ihren Zweck nicht erkannte, schlug er es mir vor, als ob es ihm eben erst eingefallen wäre. Ich erhob lebhaften Widerspruch; er hörte nicht auf, in mich zu dringen. Ich habe Liebkosungen nie widerstehen können; ich ergab mich. Alle Morgen stach ich den schönsten Spargel und brachte ihn auf den Molard, wo irgend eine brave Frau, die es mir ansah, daß ich ihn gestohlen hatte, mir es auf den Kopf zusagte, um ihn billiger zu bekommen. In meiner Angst nahm ich jeden Preis, den sie mir bot, an und brachte Verrat das Geld. Alsbald verwandelte es sich in ein Frühstück, das ich herbeischaffen mußte und das er mit einem andern Gehilfen theilte, denn ich für meine Person hatte an einigen Resten völlig genug und rührte ihren Wein nicht einmal an. So ging es einige Tage fort, ohne daß ich nur auf den Einfall kam, den Dieb zu bestehlen, und von Verrat den Zehnten von dem Ertrage seines Spargels einzuziehen. Ich führte meine Spitzbüberei mit der größten Redlichkeit aus; mein einziger Beweggrund war, dem Anleiter zu meinem Vergehen eine Gefälligkeit zu erweisen. Wäre ich jedoch ertappt worden, welche Schläge, welche Schmähungen, welche grausame Behandlung hätte ich zu erdulden gehabt, während der Elende mich Lügen gestraft und Glauben gefunden hätte, ich aber für die Dreistigkeit, ihn zu beschuldigen, doppelt so hart gezüchtigt worden wäre, da er Gehilfe und ich nur Lehrbursche war! Auf diese Weise rettet sich in jedem Stande der schuldige Starke auf Kosten des unschuldigen Schwachen. So lernte ich, daß Stehlen nicht so entsetzlich wäre, wie ich geglaubt hatte, und bald verwerthete ich meine Erfahrung so gut, daß nichts von allem, wonach mir gelüstete, vor mir sicher war, sobald ich es erreichen konnte. Ich erhielt bei meinem Herrn keineswegs schlechte Kost, und die Enthaltsamkeit wurde mir nur dann schwer, wenn ich sah, wie schlecht er sie beobachtete. Die Sitte, die jungen Leute vom Tische fortzuschicken, wenn das aufgetragen wird, was sie am meisten reizt, scheint mir ganz darauf angelegt, sie eben so leckerhaft wie diebisch zu machen. Ich wurde in kurzer Zeit beides, und für gewöhnlich befand ich mich dabei sehr wohl, zuweilen jedoch, wenn ich ertappt wurde, auch sehr übel. Noch immer muß ich mit innerm Schauder und doch auch wieder mit Lachen an eine Apfeljagd denken, die mir theuer zu stehen kam. Die Aepfel lagen auf dem Boden einer Speisekammer, welche durch ein hoch angebrachtes Gitterfenster von der Küche aus Licht erhielt. Als ich mich eines Tages allein im Hause befand, stieg ich auf den Backtrog, um in dem Garten der Hesperiden diese köstliche Frucht zu betrachten, die mir unerreichbar war. Ich holte den Bratspieß, um zu sehen, ob er bis zu ihnen langte: er war zu kurz. Ich verlängerte ihn durch Anbinden eines andern, für kleines Wild bestimmten Spießes, denn mein Meister war ein Jagdliebhaber. Mehrere Male stach ich ohne Erfolg; endlich merkte ich mit Entzücken, daß ich einen Apfel aufgespießt hatte. Ich zog sehr bedächtig; schon berührte der Apfel das Fenster; ich stand auf dem Sprunge, ihn zu ergreifen. Wer aber vermag meinen Kummer zu schildern! Der Apfel war zu groß, er ging nicht durch das Gitter. Was erfand ich nicht alles, um ihn hindurchzuziehen! Ich mußte mir Stützen verschaffen, um den Bratspieß in seiner Lage zu erhalten, ein Messer, lang genug, um den Apfel zu zerschneiden, eine Latte, um ihn zu halten. Mit Geschicklichkeit und Zeit gelang es mir wirklich, ihn zu theilen, so daß ich hoffen konnte, die Stücke nun eines nach dem andern hindurchzuziehen; aber kaum waren sie getrennt, als sie auch schon beide in die Speisekammer hinabfielen. Mitleidiger Leser, theile meinen Kummer! Ich verlor nicht den Muth; aber ich hatte viel Zeit verloren. In der Besorgnis überrascht zu werden, schiebe ich einen hoffentlich glücklicheren Versuch auf den folgenden Tag auf und setze mich wieder eben so ruhig an die Arbeit, als hätte ich nichts begangen, ohne an die beiden verrätherischen Zeugen zu denken, die in der Speisekammer gegen mich sprachen. Da sich mir am nächsten Tage wieder eine günstige Gelegenheit darbot, mache ich einen neuen Versuch. Ich steige auf meine Bank, ich verlängere den Bratspieß, ich ziele; schon bin ich im Begriff hinunterzustechen ... Unglücklicherweise schlief der Drache nicht; plötzlich öffnet sich die Thür zur Speisekammer; mein Meister tritt heraus, kreuzt die Arme, blickt mich an und sagt: »Nur tapfer darauf los!« ... Die Feder entsinkt meinen Händen. Da ich unaufhörlich Mißhandlungen zu erdulden hatte, wurde ich dafür bald weniger empfindlich; sie kamen mir zuletzt wie eine Art Ausgleichung für das Stehlen vor, die mir das Recht verlieh, es fortzusetzen. Anstatt rückwärts zu schauen und die Strafe ins Auge zu fassen, blickte ich voraus und dachte nur an Rache. Ich wähnte, die Schläge, die ich als Dieb erhielt, berechtigten mich, es zu sein. Ich hielt Stehlen und Gezüchtigtwerden für etwas zu einander Gehörendes und gewissermaßen ein Ganzes Bildendes, und meinte, erfüllte ich das dabei, was von mir abhing, so könnte ich die Sorge für das Uebrige meinem Meister überlassen. In dieser Anschauung verlegte ich mich ruhiger als zuvor auf das Stehlen. Ich sagte mir: Was kann schließlich davon die Folge sein? Ich werde geprügelt werden. Sei es! Das ist mir beschieden! Ohne gierig zu sein, esse ich gern; ich bin lüstern, aber kein Leckermaul. Zu viel andere Neigungen ziehen mich von dieser ab. An meinen Gaumen habe ich immer nur gedacht, wenn mein Herz müßig war, und das ist mir in meinem Leben so selten begegnet, daß ich nicht viel Zeit gehabt habe, an gute Bissen zu denken. Deshalb beschränkte ich meine Diebstähle nicht lange auf Eßwaaren, sondern dehnte sie bald auf alles aus, was mich reizte; und wenn ich kein förmlicher Spitzbube wurde, so liegt der Grund darin, daß mich das Geld nie in große Versuchung geführt hat. In der gemeinsamen Werkstätte hatte mein Meister einen besonderen verschließbaren Raum für sich; ich fand das Mittel, die Thüre desselben unmerkbar zu öffnen und wieder zu verschließen. Dort brandschatzte ich seine guten Werkzeuge, seine besten Zeichnungen, seine Stempel, kurz alles, woran ich Gefallen fand und was er stets bestrebt war, mir nicht zugänglich zu machen. Im Grunde waren diese Diebstähle sehr unschuldig, da sie ja nur gemacht wurden, um ihm in seinem eigenen Dienste wieder zu Gute zu kommen; aber ich schwelgte in Wonne, diese Kleinigkeiten in meiner Gewalt zu haben; ich glaubte ihm mit seinen Werken auch sein Talent zu stehlen. Uebrigens fanden sich daselbst in Kästchen Stückchen Gold und Silber vor, kleine Schmucksachen, Werthstücke, Münzen. Hatte ich vier oder fünf Sous in der Tasche, so war es viel: und trotzdem habe ich nie etwas davon berührt, ja ich erinnere mich nicht einmal, je in meinem Leben einen begehrlichen Blick darauf geworfen zu haben; ich sah es eher mit Bangen als mit Lust. Ich bin überzeugt, daß ich diesen Abscheu vor einem Diebstahl an Geld und Geldeswerth großenteils meiner Erziehung verdankte. Es verknüpften sich damit geheime Vorstellungen von Schande, Gefängnis, Züchtigung und Galgen, die mich mit Schauder erfüllt hätten, wäre die Versuchung an mich herangetreten; während ich in meinen Streichen nur Schelmenstücke erblickte, was sie in der That auch nur waren. Dies alles konnte mir höchstens eine tüchtige Tracht Prügel von Seiten meines Meisters eintragen, und darauf war ich im voraus vorbereitet. Aber noch einmal, ich hatte gar kein so großes Gelüst, um mich erst überwinden zu müssen; es gab in mir nichts zu bekämpfen. Ein einziges Blatt schönes Zeichenpapier war für mich verlockender als das Geld, um ein Ries davon zu laufen. Diese Wunderlichkeit beruht auf einer der Eigentümlichkeiten meines Charakters; sie hat so großen Einfluß auf meine Lebensweise gehabt, daß sie einer Erklärung bedarf. Ich habe sehr heftige Leidenschaften, und während sie mich bewegen, kommt nichts meinem Ungestüm gleich: ich kenne keine Schonung, keine Rücksicht, keine Furcht, keinen Anstand mehr; ich bin schamlos, frech, gewaltthätig, unzähmbar; keine Scham hält mich auf, keine Gefahr schreckt mich zurück; außer dem Gegenstande, der mich allein beschäftigt, ist das Weltall nicht mehr für mich da. Aber das alles währt nur einen Augenblick, und schon der nächste schleudert mich in die Vernichtung. Betrachtet mich in der Ruhe, da bin ich die Gleichgiltigkeit und Schüchternheit selbst; alles macht mich kopfscheu, alles muthlos; eine Fliege, die vorübersummt, erfüllt mich mit Angst; ein Wort, das ich sprechen, eine Bewegung, die ich machen soll, erregt meiner Trägheit Schauder; Furcht und Verschämtheit knechten mich dermaßen, daß ich mich den Augen aller Sterblichen entziehen möchte. Wenn es handeln gilt, weiß ich nicht, was thun; wenn es reden gilt, weiß ich nicht, was sagen; wenn man mich anblickt, verliere ich die Fassung. Wenn ich in Leidenschaft gerathe, stehen mir die Worte bisweilen zu Gebote; aber in gewöhnlichen Unterhaltungen finde ich keine, auch gar keine Ausdrücke; schon allein um deswillen, weil ich zu reden genöthigt bin, sind sie mir unerträglich. Dazu kommt, daß keine meiner herrschenden Neigungen auf käufliche Dinge gerichtet ist. Es ist mir nur um reine Freuden zu thun, und das Geld vergiftet sie alle. Ich liebe zum Beispiel die der Tafel; da ich aber weder den Zwang der guten Gesellschaft noch die Schmausbrüder der Wirthshäuser auszustehen vermag, so kann ich sie nur mit einem Freunde genießen; denn allein, das ist mir nicht möglich; dann beschäftigt sich meine Einbildungskraft mit anderen Dingen, und das Essen gewährt mir keinen Genuß. Wenn mein erhitztes Blut nach Frauen Verlangen trägt, hat mein erregtes Herz noch größeres Verlangen nach Liebe. Käufliche Weiber würden für mich allen Reiz verlieren; ich zweifle sogar, ob ich es über mich gewinnen könnte, sie zu gebrauchen. So ist es mit allen Genüssen, die mir erreichbar sind; bieten sie sich mir nicht umsonst dar, finde ich sie fade. Ich liebe die Güter allein, die nur dem Ersten, der sie zu genießen versteht, zu Theil werden. Das Geld hielt ich nie für so werthvoll, wie man es ausgiebt. Noch mehr, ich habe es sogar nie für zweckmäßig gehalten: an sich selbst ist es zu nichts gut; um Genuß davon zu haben, muß man es verwandeln; man muß kaufen, handeln, oftmals sich betrügen lassen, tüchtig zahlen, um schlecht bedient zu werden. Ich wünsche eine in jeder Beziehung gute Waare; für mein Geld bin ich sicher eine schlechte zu erhalten. Ich kaufe theuer ein frisches Ei, es ist alt; eine schöne Frucht, sie ist unreif; ein Mädchen, es ist verdorben. Ich liebe guten Wein; aber woher ihn beziehen? Von einem Weinhändler? Wie ich es auch anfangen mag, er wird mich vergiften. Verlange ich durchaus gut bedient zu werden, welche Mühe, welche Verlegenheiten habe ich dann! Ich muß Freunde, auch Geschäftsfreunde haben, Aufträge ertheilen, umherlaufen, warten, und bin am Ende oft doch noch betrogen. Welche Mühe mit meinem Gelde! Meine Furcht vor derselben ist größer als meine Liebe zu gutem Weine. Während meiner Lehrzeit wie später bin ich tausendmal in der Absicht ausgegangen, irgend eine Leckerei zu kaufen. Ich gehe auf den Laden eines Weißbäckers zu, am Zahltische bemerke ich Frauen; ich glaube schon zu sehen, wie sie lachen und sich unter einander über das kleine Leckermaul lustig machen. Ich gehe an einer Obsthändlerin vorüber, ein verstohlener Blick fällt auf schöne Birnen, ihr Duft ist verlockend; zwei oder drei junge Leute in der Nähe sehen mich an; ein Mann, der mich kennt, steht vor seinem Laden; ich sehe aus der Ferne ein Mädchen kommen: ist es nicht die Hausmagd? Meine Kurzsichtigkeit täuscht mich tausendmal, alle Vorübergehende halte ich für Bekannte; überall lasse ich mich einschüchtern, durch irgend ein Hindernis zurückhalten; mit meinem Schamgefühle wächst meine Lüsternheit, und schließlich gehe ich wie ein Narr wieder nach Hause, von Begierde verzehrt und mit den Mitteln, sie zu befriedigen, in meiner Tasche, aber ohne den Muth, etwas zu kaufen. Ich würde mich in die abgeschmacktesten Einzelheiten verlieren, wollte ich die Verlegenheit, die Scham, den Widerwillen, die Unannehmlichkeiten, den Verdruß aller Art schildern, die mir stets die Verwendung meines Geldes brachte, ob sie nun durch mich oder durch andere geschah. In dem Maße, wie sich der Leser in meine Lebensbeschreibung hineinliest und meinen Charakter erkennt, wird er dies alles herausfühlen, ohne daß ich mir die Mühe zu machen brauche, es ihm erst zu sagen. Hat man diese Kenntnis erlangt, so wird man ohne Mühe einen meiner scheinbaren Widersprüche begreifen, daß sich nämlich in mir ein fast schmutziger Geiz mit der größten Verachtung des Geldes vereinigt. Es ist für mich ein so wenig bequemes Gut, daß es mir nicht einmal in den Sinn kommt, es mir, wenn ich es nicht habe, zu wünschen, und daß, sobald ich es habe, ich es lange aufhebe, ohne es auszugeben, weil ich es nicht nach meinem Gefallen zu verwenden verstehe; bietet sich indessen eine bequeme und angenehme Gelegenheit dar, so benutze ich sie so wohl, daß sich meine Börse leert, ehe ich es gewahre. Suchet übrigens bei mir nicht die Eigenthümlichkeit der Geizhälse, aus Prahlerei zu verschwenden; ganz im Gegentheil, ich verschwende im Geheimen und zum Vergnügen; weit davon entfernt, mir die Verschwendung zum Ruhme anzurechnen, verberge ich sie. Ich fühle so vollkommen, daß mir das Geld unnütz ist, daß ich mich seines Besitzes fast schäme und noch mehr seiner Verwendung. Hätte ich je hinreichendes Einkommen zu einem bequemen Leben gehabt, so würde ich mich nie versucht gefühlt haben, geizig zu sein, davon bin ich völlig überzeugt. Ich würde mein ganzes Einkommen verbrauchen, ohne nach seiner Vermehrung zu streben; allein meine unsichere Lage setzt mich in Besorgnis. Ich bete die Freiheit an; ich empfinde vor Geldverlegenheit, vor Sorge, vor Abhängigkeit Abscheu. So lange ich noch Geld in meiner Börse habe, ist meine Unabhängigkeit gesichert; es überhebt mich der Sorge, mir über die Aufbringung, neuer Mittel den Kopf zu zerbrechen, eine Notwendigkeit, die mir stets schrecklich war; aus Furcht, ich könnte es zu Ende gehen sehen, halte ich es zusammen. Das Geld, welches man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit dasjenige, welchem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft. Deshalb bin ich sehr genau und begehre nichts. Meine Uneigennützigkeit ist also nichts als Trägheit; die Freude am Besitze ist geringer als die Mühe des Erwerbs; und meine Verschwendung ist wieder nur Trägheit; bietet sich die Gelegenheit dar, in angenehmer Weise zu verschwenden, kann man sie nicht allzusehr ausnutzen. Ich werde weniger von Geld als von Sachen in Versuchung geführt, weil zwischen dem Gelde und dem Besitz des Gewünschten stets ein Verbindungsglied vorhanden ist, während sich zwischen der Sache und ihrem Genusse ein solches nicht vorfindet. Ich sehe die Sache, sie reizt mich; wenn ich nur das Mittel sehe, sie in meinen Besitz zu bringen, so reizt es mich nicht. Ich habe deshalb gestohlen, und stehle bisweilen noch Kleinigkeiten, die mich reizen, und die ich lieber nehme als erbitte. Aber ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben, weder in der Jugend noch in dem Mannesalter, jemandem einen Heller genommen zu haben, einen einzigen Fall vor noch nicht fünfzehn Jahren ausgenommen, wo ich sieben Livres und zehn Sous stahl. Dieser Vorfall verdient erzählt zu werden, denn es zeigt sich in ihm eine prächtige Mischung von Unverschämtheit und Dummheit, an welche ich selber kaum zu glauben vermöchte, handelte es sich um jemand anderes als um mich. Es war in Paris. Ich ging gegen fünf Uhr mit Herrn von Francueil im Palais-Royal spazieren. Er zieht seine Uhr heraus, wirft einen Blick darauf und sagt zu mir: lassen Sie uns in die Oper gehen. Ich bin bereit: wir gehen. Er nimmt zwei Billete zum Amphitheater, giebt mir eines davon und geht mit dem andern vor mir her. Als ich nach ihm eintrete, finde ich die Thüre versperrt. Ich schaue hinein, ich sehe alle stehen; ich denke, ich würde mich in dieser Menge recht wohl verlieren oder wenigstens Herrn von Francueil auf den Wahn bringen können, daß ich mich darin verloren habe. Ich gehe hinaus, nehme meine Contremarke, dann das Geld zurück und mache mich aus dem Staube, ohne daran zu denken, daß sich, noch ehe ich die Thür erreicht, schon alle Welt gesetzt hatte, und Herr von Francueil nun augenscheinlich bemerkte, daß ich nicht mehr da war. Da meiner Natur nie etwas ferner lag, als ein solcher Zug, so zeichne ich ihn auf, um den Beweis zu liefern, daß es Augenblicke von einer Art Wahnsinn giebt, in denen man über die Menschen nicht nach ihren Handlungen urteilen muß. Nicht gerade das Geld an sich, sondern die Benutzung desselben hatte ich stehlen wollen; je weniger es ein Diebstahl war, desto mehr war es eine Schändlichkeit. Ich würde mit solchen Einzelheiten kein Ende finden, wollte ich all den Wegen nachgehen, auf denen ich während meiner Lehrlingszeit von der Erhabenheit des Heroismus bis zu der Gemeinheit eines Taugenichtses abwärts ging. Nahm ich indessen auch die Laster meines Standes an, so war es mir doch unmöglich, die Neigungen desselben völlig anzunehmen. Ich fühlte bei den Vergnügungen meiner Kameraden Langeweile, und als mir der allzu große Zwang auch noch Widerwillen gegen die Arbeit einflößte, langweilte mich alles. Das erweckte in mir wieder Lust zum Lesen, die ich seit langer Zeit verloren hatte. Dieses Lesen, auf das ich einen Theil meiner Arbeitszeit verwandte, wurde ein neues Verbrechen, das mir neue Züchtigungen zuzog. Dieser Hang, der sich durch den Reiz des Verbotes nur noch steigerte, wurde zur Leidenschaft, ja bald zur Wuth. Die Tribu, eine berühmte Verleiherin von Büchern, versorgte mich mit Werken von allerlei Art. Gute wie schlechte, alles kam an die Reihe; auf eine Auswahl ließ ich mich nicht erst ein, ich las alles mit gleicher Gier. Ich las am Werktische, ich las, wenn ich ging, meine Aufträge auszurichten, ich las auf dem Abtritte und vergaß mich ganze Stunden darin, der Kopf schwindelte mir vom Lesen, ich that nichts mehr als lesen. Mein Meister lauerte mir auf, ertappte mich, schlug mich, nahm mir meine Bücher. Wie viele Bände wurden zerrissen, verbrannt, zum Fenster hinausgeworfen! Wie viele Werke blieben bei der Tribu unvollständig! Als ich nichts mehr hatte, sie zu befriedigen, gab ich ihr meine Hemden, meine Halstücher, meine Kleidungsstücke; meine drei Sous wöchentliches Taschengeld erhielt sie regelmäßig. So ist denn doch, wird man sagen, das Geld nöthig geworden. Allerdings, aber erst, als mir das Lesen alle Thätigkeit geraubt hatte. Mich meiner neuen Neigung völlig überlassend, that ich nichts weiter und wollte nichts weiter als lesen. Dies ist hier wieder eine meiner charakteristischen Eigenthümlichkeiten. Mitten aus einer gewohnten Lebensweise reißt mich ein Nichts heraus, verwandelt mich, fesselt mich, kurz versetzt mich in Leidenschaft; und dann ist alles vergessen; ich denke nur an den neuen Gegenstand, der mich beschäftigt. Das Herz klopfte mir vor Ungeduld, das Buch, das ich in der Tasche hatte, zu durchblättern; ich zog es heraus, sobald ich allein war, und dachte nicht mehr daran, das Arbeitszimmer meines Meisters zu durchsuchen. Ich kann mir sogar kaum denken, daß ich noch gestohlen, selbst wenn ich kostbarere Leidenschaften gehabt hätte. Auf den gegenwärtigen Augenblick beschränkt, lag es nicht in meinem Charakter, derartig für die Zukunft zu sorgen. Die Tribu gab mir Credit; die Abzahlungen waren klein; und wenn ich mein Buch eingesteckt hatte, dachte ich an nichts mehr Das Geld, über das ich ehrlicher Weise verfügen konnte, zahlte ich dieser Frau eben so ehrlich aus, und wenn sie dringend wurde, so nahm ich nur zu meinen eigenen Sachen meine Zuflucht. Stehlen im voraus war eine zu große Vorsorge, und stehlen, um zu bezahlen, war nicht einmal eine Versuchung. Die ewigen Scheltworte, die Schläge, die heimliche und schlecht gewählte Lektüre machten mich schweigsam und menschenscheu; meine Willenskraft begann darunter zu leiden, und ich wurde gar griesgrämisch. Bewahrte mich jedoch mein Geschmack nicht vor dummen und faden Büchern, so bewahrte mich mein Glück vor schmutzigen und unzüchtigen. Nicht, daß die Tribu, eine in jeder Hinsicht sehr gefällige Frau, sich ein Gewissen daraus gemacht hätte, mir dergleichen zu leihen; aber um mir ihren Werth fühlbar zu machen, nannte sie sie mir mit einer geheimnisvollen Miene, die mich gerade nöthigte, sie sowohl aus Widerwillen als aus Scham zurückzuweisen; und der Zufall war meiner keuschen Schamhaftigkeit so günstig, daß ich schon über dreißig Jahre zählte, ehe ich die Augen auf eines jener gefährlichen Bücher geworfen hatte, welche eine schöne Weltdame um deswillen für unbequem erklärt, weil man sie nur mit einer Hand lesen kann. In weniger als einem Jahre erschöpfte ich den kleinen Laden der Tribu, und nun wurde mir die Muße in meinen Freistunden zu einer wahren Pein. Von meinen Kinder- und Gassenjungenneigungen durch den Hang zur Lektüre und durch die Bücher selbst geheilt, die, obwohl ohne Auswahl und oft schlecht, doch in meinem Herzen wieder edlere Gefühle erweckten, als meine gegenwärtige Lage in mir hervorgerufen hatte; von allem angewidert, was mir zugänglich war, und alles, was mich hätte reizen können, mir zu fern fühlend, sah ich nichts Mögliches vor mir, das mein Herz hätte angenehm berühren können. Meine seit lange erregte Sinnlichkeit verlangte einen Genuß, dessen Gegenstand ich mir nicht einmal zu denken vermochte. Von dem wirklichen Genusse war ich so weit entfernt, als hätte ich gar kein Geschlecht gehabt; und schon in mannbarem Alter und mich nach Liebe sehnend, dachte ich noch bisweilen an meine Liebeleien, aber darüber hinaus sah ich nichts. In dieser seltsamen Lage nahm meine unruhige Einbildungskraft eine Richtung, die mich vor mir selber rettete und meine erwachende Sinnlichkeit beruhigte. Sie gefiel sich nämlich darin, sich mit den Situationen zu nähren, die mich bei meiner Lektüre gefesselt hatten, sie vor meine Seele zurückzurufen, sie zu ändern, sie zusammenzustellen, sie mir so zurecht zu machen, daß ich eine der handelnden Personen wurde, die ich mir dachte, daß ich mich stets in solchen Verhältnissen erblickte, die mir nach meinem Geschmacke am angenehmsten waren; kurz, daß die eingebildete Lage, in die ich mich vollkommen versetzt hatte, mich meine wirkliche Lage vergessen ließ, mit der ich so unzufrieden war. Diese Liebe zu Gebilden der Phantasie und diese Leichtigkeit, unaufhörlich mit ihnen zu verkehren, verleideten mir völlig meine ganze Umgebung und ließen diesen Hang zur Einsamkeit in mir aufkeimen, der mir seit jener Zeit für immer geblieben ist. Man wird in der Folge mehr als einmal die eigenthümlichen Wirkungen dieser so menschenfeindlichen und scheinbar so unheimlichen Neigung sehen, die aber in Wahrheit einem zu liebreichen, zu liebevollen, zu zärtlichen Herzen entspringt, welches gezwungen ist, sich mit Phantasiegebilden zu nähren, weil ihm Wesen fehlen, die ihm verwandt sind. Augenblicklich halte ich es genügend, den Ursprung und die erste Ursache einer Neigung angegeben zu haben, die auf alle meine Leidenschaften mildernd eingewirkt und indem sie dieselben durch sich selbst niederhielt, mich immer träge gemacht hat, meiner Begierde nachzugeben, eben in Folge der Heftigkeit meines Verlangens. In solcher Weise erreichte ich mein sechszehntes Jahr, unruhig, unzufrieden mit allem und mit mir selbst, ohne Lust zu meinem Berufe, ohne Vergnügungen meines Alters, verzehrt von Begierden, deren Endzweck ich nicht kannte; weinend, ohne Grund zu Thränen; seufzend, ohne zu wissen, weshalb; kurz mit Zärtlichkeit an meinen Luftgebilden hängend, da ich rings um mich her nichts sah, das für mich gleichen Werth gehabt hätte. Des Sonntags holten mich meine Kameraden nach der Predigt zum Spielen ab. Ich wäre ihnen gern entschlüpft, wäre ich es im Stande gewesen; waren ihre Spiele jedoch einmal im Zuge, so war ich aufgelegter und ging weiter als irgend ein anderer; eben so schwer in Bewegung zu bringen als zurückzuhalten. Das war immerdar meine Natur. Bei unseren Spaziergängen außerhalb der Stadt ging ich immer vorwärts, ohne an die Umkehr zu denken, falls nicht Andere anstatt meiner daran dachten. Zweimal wurde ich dabei betreten. Die Thore waren bei meiner Heimkunft geschlossen. Man kann sich denken, wie ich am folgenden Tage behandelt wurde; und beim zweiten Male wurde mir für das dritte Mal ein solcher Empfang in Aussicht gestellt, daß ich entschlossen war, mich ihm nicht auszusetzen. Dieses so gefürchtete dritte Mal fand dennoch statt. Durch einen verwünschten Capitain, Namens Minutoli, der das Thor, an welchem er die Wache hatte, regelmäßig eine halbe Stunde vor den andern schloß, wurde meine Vorsicht vereitelt. Ich war mit zwei Kameraden auf dem Heimwege. Eine halbe Stunde von der Stadt höre ich Retraite blasen, ich verdopple den Schritt; ich höre trommeln, ich laufe aus Leibeskräften; athemlos und in Schweiß gebadet lange ich an, das Herz klopft mir, schon aus der Ferne sehe ich die Soldaten auf ihren Posten; ich eile herbei, ich schreie mit erstickter Stimme. Es war zu spät. Zwanzig Schritt von der Außenwache entfernt, sehe ich die erste Zugbrücke sich heben. Zittern ergreift mich, als ich sehe, wie sich diese schrecklichen Hörner, das Unheil verkündende und verhängnisvolle Anzeichen des meiner wartenden unvermeidlichen Schicksales, in die Luft erheben. In dem ersten Schmerzensausbruche warf ich mich auf das Glacis und biß in die Erde. Meine Kameraden, die über ihr Unglück nur lachten, faßten augenblicklich ihren Entschluß. Ich faßte auch den meinigen; aber dieser fiel anders aus. An Ort und Stelle schwur ich, nie zu meinem Meister zurückzukehren; und als sie am folgenden Morgen nach Oeffnung des Thores in die Stadt zurückgingen, sagte ich ihnen auf immer Lebewohl und bat sie nur, meinen Vetter Bernard im Geheimen meinen gefaßten Entschluß, so wie den Ort, wo er mich noch einmal sehen könnte, mitzutheilen. Seit meinem Eintritt in die Lehre, durch welchen ich von ihm mehr getrennt wurde, hatte ich ihn seltener gesehen; trotzdem hatten wir uns einige Zeit lang des Sonntags getroffen; aber nach und nach hatte jeder andere Gewohnheiten angenommen, und wir sahen uns seltener. Ich bin überzeugt, daß seine Mutter viel zu dieser Veränderung beitrug. Er seinerseits war ein Kind der Hochstadt, des vornehmen Stadtviertels; ich dagegen, ein unbedeutender Lehrbursche, war nichts weiter als ein Kind des Armenviertels St. Gervais. Wir standen trotz unserer Abstammung nicht mehr auf gleicher Stufe; mit mir verkehren hieß sich verunehren. Dennoch hörte das freundschaftliche Verhältnis zwischen uns nicht völlig auf, und da er ein gutmüthiger Knabe war, so folgte er trotz der Warnungen seiner Mutter bisweilen seinem Herzen. Von meinem Entschluß in Kenntnis gesetzt, eilte er herbei, nicht um mir davon abzurathen oder ihn zu billigen, sondern um mir meine Flucht durch kleine Geschenke weniger beschwerlich zu machen, denn mit meinen eigenen Mitteln konnte ich nicht weit gelangen. Unter anderem schenkte er mir einen kleinen Degen, über den ich sehr entzückt gewesen war, und den ich bis Turin getragen habe, wo ich ihn aus Noth verkaufte, und wo er mir, wie man zu sagen pflegt, den Leib durchbohrte. Je mehr ich später über die Weise, wie er sich in diesem entscheidenden Augenblicke mir gegenüber betrug, nachgedacht habe, desto mehr bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß er dabei den Anweisungen seiner Mutter, vielleicht auch seines Vaters, folgte; denn sicherlich hätte er, handelte er nach seinem eigenen Herzen, sich bemüht, mich zurückzuhalten, oder wäre versucht gewesen, mir zu folgen. Aber nichts dergleichen geschah. Er ermuthigte mich eher zu meinem Vorhaben, als daß er es mir auszureden suchte; als er mich dann ganz fest entschlossen sah, schied er ohne viel Thränen von mir. Wir haben uns nie geschrieben und uns nie wieder gesehen. Es ist schade: er hatte in der That einen guten Charakter; wir waren geschaffen, uns zu lieben. Ehe ich auf das Verhängnis meines Schicksals eingehe, möge man mir gestatten, die Augen einen Augenblick auf das zu richten, welches mich auf dem von der Natur vorgezeichneten Wege erwartet hätte, wenn ich in die Hände eines besseren Meisters gefallen wäre. Nichts stand mit meiner Gemüthsart mehr im Einklange und war geeigneter, mich glücklich zu machen, als der ruhige und niedrige Stand eines guten Handwerkers, besonders in gewissen Klassen, wie die eines Graveurs in Genf. Einträglich genug zur Führung eines sorgenfreien Lebens und doch nicht einträglich genug zur Ansammlung eines Vermögens, hätte dieser Stand meinem Ehrgeize einen hinreichenden Spielraum für den Rest meines Lebens gewährt und mich dadurch, daß er mir vollauf Zeit ließ, mich bescheidenen Neigungen hinzugeben, in meinem Kreise zurückgehalten, ohne nur ein Mittel darzubieten, aus ihm herauszutreten. Da meine Einbildungskraft reich genug war, um jedem Stande mit ihren Gebilden Reiz zu verleihen, und stark genug, um mich gleichsam nach Belieben von einem in den andern zu versetzen, so hätte mir wenig daran gelegen, in welchem ich mich in Wirklichkeit befand. Er hätte dem Orte, wo ich mir mein erstes Luftschloß erbaut hatte, nicht so fern sein können, daß es mir nicht leicht gewesen wäre, in ihm festen Fuß zu fassen. Daraus allein folgte, daß der einfachste Stand, der, welcher mit den wenigsten Plackereien und Sorgen verbunden war, welcher die meiste geistige Freiheit ließ, derjenige war, der sich für mich am besten eignete, und das war eben der meinige. Im Schooße meiner Religion, meines Vaterlandes, meiner Familie und meiner Freunde hätte ich ein friedliches und angenehmes Leben, wie es meinem Charakter ein Bedürfnis war, in der Einförmigkeit einer mir zusagenden Arbeit und einer meinem Herzen lieben Gesellschaft verbrachte. Ich wäre ein guter Christ, ein guter Bürger, ein guter Familienvater, ein guter Freund, ein guter Arbeiter, ein Mann in jeder Beziehung gewesen. Ich würde meinen Stand geliebt, ihm vielleicht Ehre gemacht haben, und nach einem geringen und einfachen, aber gleichmäßigen und angenehmen Leben friedlich im Schooße der Meinigen gestorben sein. Unzweifelhaft bald vergessen, würde ich doch wenigstens so lange, wie man sich meiner erinnert hätte, betrauert worden sein. Statt dessen ... Welches Bild muß ich entwerfen! Ach, wir wollen das Elend meines Lebens nicht im Voraus berühren; ich werde meine Leser mit diesem traurigen Stoffe nur allzu viel beschäftigen. Zweites Buch. 1728 – 1731 So traurig mir der Augenblick, in welchem mir die Angst den Gedanken an die Flucht eingab, vorgekommen war, in so bezauberndem Lichte erschien mir der, in welchem ich ihn zur Ausführung brachte. Noch im Kindesalter meine Heimat, meine Verwandten, meine Stützen, meine Hilfsmittel verlassen; aus einer nur halbvollendeten Lehrzeit treten, ohne die genügende Fertigkeit in meinem Handwerke zu besitzen, um davon leben zu können; mich den Schrecken des Elendes aussetzen, ohne ein Mittel zu haben, mich daraus emporzuarbeiten; mich im Alter der Schwachheit und der Unschuld allen Versuchungen des Lasters und der Verzweiflung preisgeben; in fernen Landen Leiden, Verirrungen, Fallstricke, Sklaverei und Tod aufsuchen, mir ein Joch aufladen, das weit schwerer abzuschütteln war als das, welches ich nicht hatte aushalten können: das war es, was ich zu thun im Begriff stand, das war die Aussicht, die ich hätte ins Auge fassen sollen. Wie verschieden davon war die, welche ich mir ausmalte! Die Unabhängigkeit, die ich gewonnen zu haben wähnte, war das einzige Gefühl, welches mich erfüllte. Frei und Herr meiner selbst, glaubte ich alles thun, alles erreichen zu können; ich brauchte nur meine Kraft zu entfalten, um mich emporzuschwingen und in den Lüften zu fliegen. Sorglos trat ich in die weite Welt; meine Talente mußten sich in ihr Geltung verschaffen: auf jedem Schritte mußte ich Feste, Schätze, Abenteuer, dienstwillige Freunde, um meine Gunst buhlende Geliebte finden; wenn ich mich nur zeigte, mußte ich das Weltall mit mir beschäftigen; wenn auch nicht das ganze; ich überhob es gewissermaßen desselben, so viel hatte ich nicht nöthig; eine reizende Gesellschaft genügte mir, und um den Rest kümmerte ich mich nicht. In richtiger Maßhaltung beschränkte ich mich auf einen zwar engen, aber trefflich gewählten Kreis, in dem ich sicher war zu herrschen. Ein einziges Schloß war für meinen Ehrgeiz genügend, als Günstling des Herrn und der Herrin, als Geliebter des Schloßfräuleins, als Freund ihres Bruders und als Gönner der Nachbarn war ich zufrieden; mehr bedurfte ich nicht. In Erwartung der Erfüllung dieses bescheidenen Zukunfttraumes irrte ich einige Tage um die Stadt herum und fand während derselben bei mir bekannten Bauern ein Unterkommen, die mich alle mit größerer Güte aufnahmen, als es Städter gethan haben würden. Sie nahmen mich auf, sie gaben mir Obdach, sie speisten mich, alles mit zu viel Treuherzigkeit, um ein Verdienst davon zu haben. Man konnte das nicht als eine Almosenspende bezeichnen; dazu nahmen sie nicht genug die Miene der Überlegenheit an. Auf diesen Reisen und Streifereien durch die Welt kam ich nach Confignon auf savoyischem Gebiete zwei Stunden von Genf. Der Pfarrer hieß Herr von Pontverre. Dieser in der Geschichte der Republik berüchtigte Name fiel mir auf. Ich war neugierig zu sehen, wie sich die Abkömmlinge der Ritter vom Löffel Diese Ritter, Unterthanen des Herzogs von Savoyen, wurden deshalb so genannt, weil sie als Feinde der Genfer, die sie sich mit dem Löffel aufzuessen gerühmt hatten, einen Löffel als Erkennungszeichen um den Hals trugen. Von 1527 bis 1530 fügten sie Genf vielen Schaden zu. ausnähmen. Ich besuchte Herrn von Pontverre. Er empfing mich herzlich, redete mit mir von der Genfer Ketzerei, von der Macht der heiligen Mutterkirche und gab mir zu essen. Auf Gründe, die so endigten, fand ich wenig zu erwidern, und ich schloß, daß Pfarrer, bei denen man so gut speiste, wenigstens eben so viel werth wären wie unsere Prediger. Ich war sicherlich gelehrter als Herr von Pontverre, ein so vollendeter Edelmann er auch war; aber ich war ein zu guter Gast, um ein eben so guter Theologe zu sein, und sein Frangiwein, der mir vortrefflich vorkam, brachte für ihn so unwiderlegliche Gründe vor, daß ich mich geschämt hätte, einem so wackern Wirthe gegenüber das letzte Wort zu behalten. Ich gab deshalb nach oder widersprach ihm wenigstens nicht in das Gesicht. Erwägt man die Rücksichten, die ich nahm, so hätte man mich für falsch halten können. Man hätte sich geirrt; ich wahrte nur die Schicklichkeit, so viel ist gewiß, Schmeichelei, oder vielmehr Nachgiebigkeit, ist nicht immer etwas Schlechtes; sie ist öfter eine Tugend, namentlich bei jungen Leuten. Die Güte, mit der ein Mensch uns behandelt, stimmt uns freundlich für ihn; man giebt ihm nicht nach, um ihn zu hintergehen, sondern um ihn nicht zu betrüben, um ihm nicht Gutes mit Bösem zu vergelten. Welchen Vortheil hatte Herr von Pontverre davon, mich aufzunehmen, mich freundlich zu behandeln, mich überzeugen zu wollen? Keinen andern als meinen eigenen. Mein junges Herz sagte sich das. Ich war von Erkenntlichkeit und Achtung vor dem guten Priester ergriffen. Ich fühlte meine Ueberlegenheit, wollte ihn aber zum Lohn für seine Gastfreundschaft nicht damit demüthigen. Bei diesem Benehmen war alle Heuchelei außer dem Spiele: ich dachte nicht an einen Religionswechsel, und weit entfernt, mich mit diesem Gedanken so schnell vertraut zu machen, betrachtete ich ihn nur mit einem Abscheu, der ihn lange Zeit von mir fern halten mußte; ich wollte nur denen nicht wehe thun, die mir wohl wollten, wenn sie es auch nur in jener Absicht thaten; ich wollte mir ihr Wohlwollen bewahren und ihnen die Hoffnung des Erfolges lassen, indem ich weniger gewaffnet schien, als ich es in der That war. Mein Fehler in dieser Beziehung läßt sich mit der Koketterie ehrbarer Frauen vergleichen, die, ohne etwas zu gestatten oder zu verheißen, doch zur Erreichung ihres Zwecks es sehr wohl verstehen, mehr hoffen zu lassen, als sie zu erfüllen willens sind. Vernunft, Theilnahme, Christenpflicht hätten doch gewiß verlangt, daß man, anstatt auf meine Thorheit einzugehen, mich dem Untergange, dem ich entgegenlief, entrissen hätte, indem man mich meiner Familie zurückschickte. Das würde jeder wahrhaft tugendhafte Mann gethan oder sich zu thun bestrebt haben. Allein war Herr von Pontverre auch ein guter Mann, so war er doch sicherlich kein tugendhafter Mann, im Gegentheil, er war ein Frömmler, der nur Bilderanbetung und Hersagen des Rosenkranzes als Tugenden anerkannte; eine Art Missionär, der zum Besten des Glaubens nichts Besseres wußte, als Streitschriften gegen die Genfer Geistlichkeit zu verfassen. Anstatt daran zu denken, mich nach Hause zurückzuschicken, benutzte er mein Verlangen, mich davon zu entfernen, um mich außer Stand zu setzen, dahin zurückzukehren, selbst wenn ich wieder Lust dazu verspüren sollte. Man hätte fest darauf wetten können, daß er mich der Gefahr aussetzte, im Elend umzukommen oder ein Taugenichts zu werden. Das faßte er nicht ins Auge. Er sah nichts als eine der Ketzerei entrissene und der Kirche wiedergegebene Seele. Was kümmerte es ihn, ob ich ein ehrlicher Mensch oder ein Taugenichts wurde, wenn ich nur in die Messe ging? Man darf übrigens nicht glauben, daß diese Denkweise nur den Katholiken eigenthümlich sei; sie wird von jeder Dogmenreligion getheilt, die den Glauben über das Thun stellt. »Gott beruft Sie,« sagte Herr von Pontverre zu mir. »Gehen Sie nach Annecy; dort werden Sie eine gute und sehr mildthätige Dame finden, welche die Wohlthaten des Königs in den Stand setzen, andere Seelen aus dem Irrthume zu reißen, den sie selbst abgelegt hat.« Es handelte sich um Frau von Warens, eine Neubekehrte, welcher die Priester in der That den Zwang auferlegten, eine ihr von dem Könige von Sardinien ausgesetzte Pension von zweitausend Francs mit dem Pack zu theilen, welches seinen Glauben zu verkaufen kam. Ich fühlte mich sehr gedemüthigt, eine gute und sehr mildthätige Dame nöthig zu haben. Ich sah es gern, wenn man mir gab, was ich gebrauchte, aber Almosen wollte ich nicht, und eine Frömmlerin war für mich nicht sehr anziehend. Allein von Herrn von Pontverre angetrieben, vom Hunger gepeinigt, auch sehr froh darüber, eine Reise zu machen und endlich einen bestimmten Zweck zu haben, entschließe ich mich, wenn auch ungern, dazu und breche nach Annecy auf. Ich konnte den Weg dorthin leicht in einem Tage zurücklegen, aber ich eilte nicht, ich verwandte darauf drei. Ich sah kein Schloß zur Rechten oder zur Linken, ohne mich vor ihm nach dem Abenteuer umzusehen, von dem ich überzeugt war, daß es mich dort erwartete. Da ich sehr schüchtern war, wagte ich nicht in das Schloß einzutreten oder anzuklopfen; aber ich sang unter dem Fenster, wo ich am ehesten bemerkt zu werden hoffte, und war, wenn ich meine Lunge lange angestrengt hatte, sehr erstaunt, weder Damen noch Fräulein erscheinen zu sehen, die die Schönheit meiner Stimme oder der Witz meiner Lieder herbeigezogen hätte, was um so auffallender war, da ich doch bewunderungswürdige wußte, die ich von meinen Kameraden gelernt hatte und bewunderungswürdig sang. Endlich lange ich an; ich sehe Frau von Warens. Diese Epoche meines Lebens hat über meinen Charakter entschieden. Ich kann mich nicht entschließen, leicht darüber hinwegzugehen. Ich war in meinem sechszehnten Jahre. Ohne das zu sein, was man einen hübschen Jungen nennt, war ich von schönem Wuchse, ich hatte einen hübschen Fuß, ein feines Bein, ein offenes Wesen, belebte Züge, einen niedlichen Mund, Var ... einen niedlichen Mund mit häßlichen Zähnen. schwarze Augenbrauen und Haare, kleine und sogar tiefliegende Augen, die aber das Feuer, von dem mein Blut entzündet war, wiederstrahlten. Unglücklicherweise wußte ich nichts von dem allen, und mein Leben lang bin ich nie auf den Einfall gerathen, an mein Aeußeres zu denken, als bis es nicht mehr an der Zeit war, Vortheil daraus zu ziehen. Eben so hatte ich außer der Schüchternheit meines Alters noch die einer sich nach Liebe sehnenden Natur, die sich in steter Angst befand, zu mißfallen. Außerdem fehlten mir, da ich bei aller geistigen Tüchtigkeit die Welt nie gesehen hatte, völlig alle Umgangsformen; meine Kenntnisse boten dafür nicht nur keinen Ersatz, sondern dienten nur dazu, mich noch mehr einzuschüchtern, da sie mir meinen Mangel erst recht fühlbar machten. Da ich also besorgte, daß meine erste Vorstellung nicht zu meinen Gunsten ausfallen würde, suchte ich mich auf andere Weise in ein vortheilhaftes Licht zu setzen und schrieb einen schönen Brief im Kanzelstile, in dem ich unter Zusammenhäufung von Bücherphrasen und Lehrlingsausdrücken meine ganze Beredsamkeit entfaltete, um mir das Wohlwollen der Frau von Warens zu erwerben. Ich legte den Brief des Herrn von Pontverre in den meinigen ein und machte mich zu der schrecklichen Audienz auf den Weg. Ich traf Frau von Warens nicht an; man sagte mir, sie wäre eben zur Kirche gegangen. Es war der Palmsonntag des Jahres 1728. Ich laufe um ihr zu folgen: Ich sehe sie, ich hole sie ein, ich rede sie an. Unaufhörlich schweifen meine Gedanken zu dieser Stelle hinüber, die ich seitdem oft mit meinen Thränen genetzt und mit meinen Küssen bedeckt habe. O daß ich diese glückselige Stätte mit einem goldenen Gitter umgeben, ihr die Huldigungen der ganzen Erde zulenken könnte! Wer es liebt, die Denkmale des Heils der Menschen zu ehren, sollte sich ihr nur auf den Knien nahen. Unsere Begegnung fand in einem Durchgange hinter ihrem Hause zwischen einem Bache zur Rechten und der Hofmauer zur Linken statt, der durch eine Hinterthüre zur Kirche der Franziskaner führte. Im Begriff durch diese Thüre zu gehen, wendet sich Frau von Warens beim Klange meiner Stimme um. Wie wurde mir bei diesem Anblick! Ich hatte mir eine alte, höchst mürrische Betschwester vorgestellt; nach meiner Ansicht konnte die gute Dame des Herrn von Pontverre gar nichts Anderes sein. Ich sehe ein Gesicht voller Liebreiz, schöne blaue Augen voller Sanftmuth, eine blendende Gesichtsfarbe, die Umrisse eines bezaubernden Busens. Nichts entging dem raschen Blicke des jungen Proselyten; denn augenblicklich hatte sie mich für ihre Sache gewonnen, da ich überzeugt war, daß eine Religion, von solchen Glaubensboten gepredigt, geraden Weges in das Paradies führen mußte. Sie nimmt lächelnd den Brief, den ich ihr mit zitternder Hand überreiche, öffnet ihn, wirft einen Blick auf den des Herrn von Pontverre und sieht dann wieder in den meinigen, den sie bis zu Ende liest und noch einmal gelesen haben würde, wenn ihr Diener sie nicht daran erinnert hätte, daß es Zeit wäre einzutreten. »Ach, mein Kind,« sagte sie zu mir in einem Tone, der mich heben machte, »Sie sind noch so jung und streifen schon durch das Land! Das ist in der That Schade.« Ohne meine Antwort abzuwarten, fügte sie dann hinzu: »Erwarten Sie mich in meiner Wohnung und lassen Sie sich ein Frühstück geben; nach der Messe werde ich mit Ihnen Rücksprache nehmen.« Louise Eleonore von Warens war ein geborenes Fräulein de la Tour de Pil; ihre alte adlige Familie wohnte in Vevay, einer Stadt im Canton Waadt. Noch sehr jung hatte sie Herrn von Warens aus dem Hause Loys, ältesten Sohn des Herrn von Villardin von Lausanne geheirathet. Da diese Ehe, aus der keine Kinder hervorgingen, nicht allzu glücklich war, ergriff Frau von Warens, von häuslichem Kummer getrieben, die sich ihr durch die Anwesenheit des Königs Victor Amadeus in Evian darbietende Gelegenheit und fuhr über den See, um sich diesem Fürsten zu Füßen zu werfen, und riß sich so durch eine der meinigen sehr ähnliche Unbesonnenheit, die sie ebenfalls immerdar hat beweinen müssen, von ihrem Gatten, ihrer Familie und ihrer Heimat los. Der König, der gern den eifrigen Katholiken spielte, nahm sie unter seinen Schutz, bewilligte ihr eine Pension von fünfzehnhundert piemontesischen Livres, was für einen im Allgemeinen wenig freigebigen Fürsten eine bedeutende Summe war, und sandte sie, als er wahrnahm, daß man ihn um deswillen für verliebt in sie hielt, von einer Abtheilung seiner Garden geleitet, nach Annecy, wo sie unter der Gewissensleitung des Titularbischofes von Genf, Michael Gabriel von Bernex, im Kloster der Heimsuchung Mariä ihren Glauben abschwor. Als ich in Annecy eintraf, war sie schon sechs Jahre daselbst und zählte damals achtundzwanzig Jahre, da sie am Anfange des Jahrhunderts geboren war. Ihre Schönheit gehörte zu jenen, die lange Dauer haben, weil sie sich weniger in den Zügen als in dem Gesichtsausdrucke ausprägt; auch war die ihrige noch in ihrem ersten Glanze. Sie hatte eine angenehm berührende und zärtliche Miene, einen sehr sanften Blick, ein engelgleiches Lächeln, einen dem meinigen ähnlichen Mund und aschfarbiges Haar von ungewöhnlicher Schönheit, auf dessen Ordnung sie wenig Sorgfalt verwandte, was ihr etwas ungemein Reizendes verlieh. Sie war nur klein, sogar untersetzt und hatte eine etwas starke, wenn auch nicht unschöne Taille; aber es war unmöglich einen schöneren Kopf, einen schöneren Busen, schönere Hände und schönere Arme zu sehen. Auf ihre Erziehung hatten gar verschiedene Elemente eingewirkt. Sie hatte wie ich ihre Mutter schon bei ihrer Geburt verloren, und da sie jeden Unterricht, wie er sich gerade darbot, ohne Unterschied erhielt, hatte sie etwas von ihrer Gouvernante, etwas von ihrem Vater, etwas von ihren Lehrern, und viel von ihren Liebhabern gelernt, besonders von einem Herrn von Tavel, welcher Geschmack und Kenntnisse besaß und sie auch seiner Geliebten beibrachte, der sie zur Zierde gereichten. Allein so viele verschiedene Unterrichtsarten schadeten sich gegenseitig, und die Planlosigkeit, mit der sie ihre vielfachen Studien betrieb, trug die Schuld, daß sie geistig durch dieselben wenig gefördert wurde, so begabt sie von Natur auch war. Deshalb ließ sie sich auch, obgleich sie mit den Anfangsgründen der Philosophie und der Physik einigermaßen vertraut war, nicht von ihrer Vorliebe für Quacksalberei und Alchymie abbringen, die sie mit ihrem Vater theilte. Sie bereitete Elixire, Tincturen, Balsame, Recepte; sie behauptete, sich auf Geheimmittel zu verstehen, Schwindler, die sich ihre Schwäche zu Nutze machten, bemächtigten sich ihrer, umlagerten sie, richteten sie zu Grunde und zerstörten unter Schmelztiegeln und Quacksalbereien ihren Geist, ihre Talente und ihre Reize, durch welche sie sich zum Lieblinge der besten Gesellschaft hätte machen können. Aber wenn niederträchtige Spitzbuben ihre schlecht geleitete Erziehung mißbrauchten, um ihren gesunden Menschenverstand auf Abwege zu führen, so bewährte sich doch ihr vortreffliches Herz und blieb stets das nämliche. Ihr liebevoller sanfter Charakter, ihr Wohlwollen gegen Unglückliche, ihre unerschöpfliche Güte, ihr aufrichtiges, offenes und immerdar heiteres Gemüth war nie einer Wandlung unterworfen, und sogar noch bei herannahendem Alter, von Armuth, Leiden und mancherlei Unglücksfällen bedrängt, erhielt ihr die Ruhe und Reinheit ihrer schönen Seele den ganzen Frohsinn ihrer schönsten Tage. Der Grund zu ihren Verirrungen lag in einem nie ermattenden Thätigkeitstriebe, der unaufhörlich Beschäftigung verlangte. Sie brauchte keine Weiberintriguen, sondern hatte die Leitung und Durchführung von Geschäften nöthig. Sie war für große Angelegenheiten geschaffen. An ihrer Stelle wäre die Frau von Longueville nur eine Ränkeschmiedin gewesen, sie dagegen hätte an der Stelle der Frau von Longueville den Staat regiert. Mit ihren Talenten war sie nicht am rechten Platze, und was in einer höheren Stellung ihren Ruhm begründet hätte, gereichte ihr in der, in welcher sie lebte, zum Verderben. Bei allen für sie ausführbaren Dingen erweiterte sie ihren Plan stets im Geiste und betrachtete ihren Gegenstand nur im Großen. Da nun die Mittel, die sie anwandte, mehr im Verhältnis zu ihren Entwürfen als zu ihren Kräften standen, so mußte sie aus Mangel an letzteren scheitern, und wenn ihr Plan fehlschlug, wurde sie um ihr ganzes Vermögen gebracht, wo Andere fast nichts verloren hätten. Dieser Thätigkeitstrieb, aus dem für sie so viel Leid erwuchs, hatte in ihrem klösterlichen Zufluchtsorte für sie wenigstens das Gute, daß er sie davon abhielt, sich, wie sie Lust gehabt hatte, dort für immer fesseln zu lassen. Das gleichförmige und einfache Leben der Nonnen, ihr inhaltsloses Geplauder im Sprechzimmer, alles dies konnte auf die Länge einem Geiste nicht genügen, der, in steter Erregung, täglich neue Pläne ersann und deshalb der Freiheit bedurfte, um sich mit ihrer Ausführung zu beschäftigen. Der gute Bischof von Bernex, der sich an Geist mit Franz von Sales nicht messen konnte, glich ihm doch in vielen Punkten, und Frau von Warens, welche er seine Tochter nannte, und die der Frau von Chantal in vielen anderen Punkten ähnlich war, hätte derselben auch in ihrer Zurückgezogenheit ähnlich sein können, wenn ihr Hang nicht mit dem müßigen Leben eines Klosters unvereinbar gewesen wäre. Es war durchaus nicht Mangel an Glaubenseifer, wenn jene liebenswürdige Frau nicht die kleinen Andachtsübungen mitmachte, die sich für eine unter der Leitung eines Prälaten stehende Neubekehrte zu schicken schienen. Was auch der Grund zu ihrem Religionswechsel gewesen sein mochte, so war sie doch der Religion, welche sie angenommen hatte, aufrichtig zugethan. Sie hat ihren Uebertritt vielleicht als einen Fehler bereut, aber nie den Wunsch gehegt, ihn ungeschehen zu machen. Sie ist nicht allein als gute Katholikin gestorben, sie hat auch ihrem Glauben getreu gelebt, und ich, der ich auf dem Grunde ihrer Seele gelesen zu haben glaube, behaupte dreist, daß sie lediglich aus Abscheu vor allem äußeren Wesen ihre Frömmigkeit nicht öffentlich zeigte. Sie besaß eine zu wahre Frömmigkeit, um sich in der Rolle einer Frömmlerin gefallen zu können. Aber hier ist nicht der Ort, mich über ihre Grundsätze weitläufig zu ergehen; es wird sich mir noch andere Gelegenheit darbieten, davon zu reden. Wer die Sympathie der Seelen läugnet, möge, wenn er es vermag, erklären, wie es zuging, daß mir Frau von Warens vom ersten Begegnen, vom ersten Worte, vom ersten Blicke an nicht allein die lebhafteste Zuneigung, sondern auch ein vollkommenes Vertrauen einflößte, das nie aufgehört hat. Nehmen wir an, meine Gefühle für sie wären wirklich Liebe gewesen, was dem, der dem Verlaufe unseres Verhältnisses folgen wird, wenigstens zweifelhaft vorkommen muß: wie, frage ich, konnte dann diese Leidenschaft von ihrem Entstehen an von Empfindungen begleitet sein, welche sie am wenigsten erweckt, von Herzensfrieden, Ruhe, Frohsinn, Sorglosigkeit, Sicherheit? Wie konnte ich mich, als ich mich zum ersten Male einer liebenswürdigen, gebildeten, blendend schönen Frau näherte, einer Dame, die einem höheren Stande als ich angehörte, wie ich noch nie zu einer Zutritt gehabt hatte, von der gewissermaßen, je nach dem größeren oder geringeren Antheil, den sie an mir nehmen würde, mein Schicksal abhing: wie, sage ich, konnte ich mich bei dem allen augenblicklich eben so frei, eben so behaglich fühlen, als wäre ich vollkommen überzeugt gewesen, ihr zu gefallen? Wie konnte ich auch nicht einen Augenblick verlegen, ängstlich und beklommen sein? Wie konnte ich, da ich von Natur schüchtern und verlegen war und die Welt nicht kannte, ihr gegenüber vom ersten Tage, vom ersten Augenblicke an das ungezwungene Benehmen, die zärtliche Sprache, den vertrauten Ton annehmen, den ich zehn Jahre später im Verkehre mit ihr stets anschlug, als ihn die größte Vertraulichkeit natürlich gemacht hatte? Fühlt man Liebe, ich sage nicht ohne Verlangen, das ich in der That empfand, aber ohne Unruhe, ohne Eifersucht? Will man vom Gegenstande seiner Liebe nicht wenigstens hören, ob man Gegenliebe findet? Diese Frage an sie zu richten, ist mir in meinem Leben ja eben so wenig in den Sinn gekommen, als mich selbst zu fragen, ob ich sie liebte, und auch sie hat sich gegen mich nicht neugieriger gezeigt. In meinen Gefühlen für diese reizende Frau lag sicherlich etwas Eigenthümliches, und man wird späterhin noch Sonderbarkeiten zu hören bekommen, die man schwerlich vermuthet. Es handelte sich darum, was aus mir werden sollte, und um es ruhiger mit mir besprechen zu können, behielt sie mich zum Essen. Dies war die erste Mahlzeit in meinem Leben, bei der es mir an Appetit fehlte, und ihre Kammerfrau, die uns aufwartete, erklärte mich für den ersten Reisenden meines Alters und Schlages, bei dem sie einen Mangel daran wahrgenommen hätte. Diese Bemerkung, die mir in den Augen ihrer Herrin nicht schadete, zielte auf einen dicken ungeschlachten Burschen, der mit uns speiste und ganz allein so viel verschlang, daß sechs Personen vollkommen damit ausgereicht hätten. Ich für meine Person befand mich in einem Entzücken, das mich nicht zum Essen kommen ließ. Mein Herz nährte sich von einem ganz neuen Gefühle, das mich völlig durchdrang und erfüllte und mir den Sinn für alles Andere raubte. Frau von Warens verlangte die Einzelheiten meiner kleinen Geschichte zu erfahren. Während dieser Erzählung fand ich all das Feuer wieder, welches ich bei meinem Meister verloren hatte. Je mehr ich diese vortreffliche Seele zu meinen Gunsten einnahm, desto mehr bedauerte sie das Loos, dem ich mich aussetzen wollte. Ihr zärtliches Mitleid gab sich in ihren Mienen, in ihren Blicken, in ihren Bewegungen zu erkennen. Sie wagte nicht mich zu ermahnen, nach Genf zurückzukehren; in ihrer Lage wäre das Hochverrath gegen die katholische Kirche gewesen, und sie wußte sehr wohl, wie sehr sie überwacht und ihre Worte auf die Goldwage gelegt wurden. Aber sie redete zu mir in einem so rührenden Tone von dem Kummer meines Vaters, daß man ihr recht gut anmerken konnte, wie sehr sie sich gefreut hätte, wenn ich, um ihn zu trösten, zu ihm zurückgeeilt wäre. Sie ahnte nicht, wie sehr sie unbewußt gegen sich selber sprach. Abgesehen davon, daß ich meinen Entschluß, wie ich schon gesagt zu haben glaube, einmal gefaßt hatte, war ich, je beredter und überzeugender ich sie fand und je mehr mir ihre Worte zu Herzen gingen, um so weniger im Stande, mich von ihr zu trennen. Ich sah ein, daß ich durch meine Rückkehr nach Genf eine fast unübersteigliche Schranke zwischen ihr und mir aufrichten würde, wenn ich nicht den bereits gethanen Schritt von Neuem thun wollte, und deshalb war die sofortige Durchführung meines Entschlusses jedenfalls am besten. Ich blieb ihm also getreu. Als Frau von Warens die Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen sah, trieb sie dieselben nicht so weit, daß sie sich selbst dadurch bloßstellte, sagte aber mit einem Blicke voll Mitleid zu mir: »Armer Kleiner, du mußt gehen, wohin Gott dich ruft; wenn du aber erwachsen bist, wirst du meiner gedenken.« Ich glaube, daß sie selbst nicht dachte, wie grausam sich diese Vorhersagung, erfüllen würde. Die Schwierigkeit meiner Lage blieb nach wie vor gleich groß. Wie sollte ich mich in meinem jugendlichen Alter fern von der Heimat ernähren? Da ich kaum die Hälfte meiner Lehrzeit hinter mir hatte, war ich noch weit davon entfernt, mein Handwerk zu verstehen. Aber selbst wenn ich es verstanden hätte, würde ich in Savoyen, einem Lande, zu arm, um die Künste zu pflegen, nicht davon haben leben können. Der ungeschlachte Bursch, der für uns mit aß, endlich gezwungen sich zur Schonung seiner Kinnbacken einen Augenblick auszuruhen, gab mir einen Wink, der, wie er sagte, vom Himmel käme, der aber, wenn ich an die Folgen denke, weit eher von der entgegengesetzten Seite kam. Er rieth mir nach Turin zu gehen, wo ich nach seiner Behauptung in einem für die Ausbildung der Katechumenen errichteten Hospize so lange meine leibliche wie geistige Speise erhalten würde, bis ich nach meiner Aufnahme in den Schoos der Kirche durch die Mildthätigkeit guter Seelen eine geeignete Stellung fände. »Was die Reisekosten anlangt,« fuhr mein Mann fort, »so wird der hochwürdige Herr Bischof, wenn ihn die gnädige Frau um dieses fromme Werk bittet, nicht ermangeln, denselben reichlich damit zu versehen, und,« sagte er, indem er sich über seinen Teller neigte, »die Frau Baronin, die so mildthätig ist, wird sich gewiß beeilen, ihr Scherflein ebenfalls dazu beizutragen.« Alle solche milde Gaben kamen mir sehr hart vor; mein Herz war sehr beklommen; ich konnte nichts sagen, und Frau von Warens, die diesen Vorschlag nicht so eifrig aufnahm, wie er gemacht worden war, begnügte sich zu entgegnen, daß jeder nach seinen Kräften zur Förderung des Glaubens behilflich sein müßte, und daß sie mit seiner Hochwürden Rücksprache nehmen würde. Aber der verteufelte Geselle, welcher befürchtete, daß ihre Worte nicht nach seinem Sinne ausfallen würden, und doch gern einen kleinen Vortheil aus dieser Sache ziehen wollte, beeilte sich die Domherren davon in Kenntnis zu setzen und gewann die guten Priester so vollkommen für seinen Plan, daß, als Frau von Warens, die wegen dieser Reise für mich besorgt war, mit dem Bischof darüber reden wollte, sie schon alles geregelt fand und von ihm augenblicklich die zu meinem kleinen Zehrpfennig bestimmte Geldsumme erhielt. Sie hatte nicht den Muth darauf zu bestehen, daß ich dableiben sollte, da ich mich schon einem Alter näherte, wo eine Frau in dem ihrigen schicklicherweise nicht den Wunsch aussprechen durfte, einen jungen Mann bei sich zurückzuhalten. Da nun von denen, die sich meiner annahmen, meine Reise in solcher Weise festgesetzt war, mußte ich mich ihrem Willen unterwerfen und that es sogar ohne großes Widerstreben. Obgleich Turin weiter als Genf war, so mußte es meines Erachtens als Hauptstadt doch mit Annecy engere Verbindungen haben als eine Stadt, die einem fremden Staate und einem andern Glauben angehörte; und da ich ferner nur abreiste, um Frau von Warens zu gehorchen, so betrachtete ich mich als beständig unter ihrer Leitung stehend, und das hieß mehr als in ihrer Nähe leben. Endlich schmeichelte die Vorstellung einer großen Reise meinem Wandertriebe, der schon hervorzutreten begann. Es kam mir schön vor, in meinem Alter das Gebirge zu durchstreifen und mich über meine Kameraden um die ganze Höhe der Alpen zu erheben. Länder sehen hat einen Reiz, dem ein Genfer nicht leicht widersteht: ich gab demnach meine Einwilligung. Der ungeschlachte Bursche mußte in zwei Tagen mit seiner Frau ebenfalls dorthin reisen. Ihnen wurde ich anvertraut und anempfohlen. Auch meine Börse, die von Frau von Warens noch mehr gefüllt war, wurde ihnen übergeben. Außerdem gab mir aber meine Beschützerin noch im Geheimen eine kleine Summe, über deren Verwendung sie ausführliche Anweisungen hinzufügte, und am Mittwoch in der Charwoche reisten wir ab. Am Tage nach meiner Abreise von Annecy kam mein Vater daselbst an, der mit einem Herrn Rival, seinem Freunde, meine Spur verfolgte. Dieser, Uhrmacher wie mein Vater, war ein Mann von Geist, Schöngeist sogar, der in der Verskunst La Motte übertraf und im Reden ihm fast gleichkam. Was aber noch mehr sagen will, er war ein vollkommener Ehrenmann, bei dem jedoch die Literatur nicht an ihrem Platze war, denn sie führte nur dazu, aus einem seiner Söhne einen Schauspieler zu machen. Diese Herrn suchten Frau von Warens auf und begnügten sich damit, mein Loos mit ihr zu beweinen, anstatt mir nachzueilen und mich einzuholen, wie sie leicht hätten thun können, da sie zu Pferde waren und ich zu Fuß. Mein Oheim Bernard hatte es genau eben so gemacht. Er war nach Confignon gekommen, und kehrte von dort, als er vernahm, daß ich in Annecy war, nach Genf zurück. Meine Verwandten schienen sich mit meinem Stern verschworen zu haben, mich dem Geschick, das meiner wartete, zu überliefern. Mein Bruder war in Folge einer ähnlichen Nachlässigkeit verschwunden und so vollständig verschwunden, daß man nie erfahren hat, was aus ihm geworden. Mein Vater war nicht allein ein Mann von Ehre, er war auch ein Mann von zweifelloser Rechtlichkeit und hatte eine jener starken Seelen, welche die Triebfedern großer Tugenden sind; ja, er war noch dazu ein guter Vater, namentlich gegen mich. Er liebte mich auf das zärtlichste, aber er liebte auch das Vergnügen, und andere Neigungen hatten, seit ich fern von ihm lebte, seine väterliche Liebe ein wenig erkalten lassen. Er hatte sich in Nyon wieder verheirathet, und obgleich seine Frau nicht mehr in dem Alter stand, mir Brüder zu geben, so hatte sie doch Verwandte: das hatte eine andere Familie, andere Verhältnisse, einen neuen Hausstand zur Folge, die ihn nicht mehr so oft an mich erinnerten. Mein Vater alterte und hatte kein Vermögen, sein Alter zu erleichtern. Wir Brüder besaßen von unserer Mutter etwas Vermögen, dessen Zinsen meinem Vater während unserer Abwesenheit zufallen mußten. Der Gedanke hieran wirkte zwar nicht unmittelbar auf ihn ein und hielt ihn von der Erfüllung seiner Pflicht nicht ab, wirkte aber doch unmerklich, ohne daß er selbst sich dessen bewußt wurde, und mäßigte bisweilen seinen Eifer, der ihn sonst weiter getrieben hätte. Hierin liegt, wie ich denke, der Grund, weshalb er, obgleich er mich anfangs bis Annecy verfolgte, mir doch nicht bis Chamberi nachging, wo er überzeugt sein konnte, mich einzuholen, und weshalb er mich, so oft ich ihn nach meiner Flucht besuchte, stets mit väterlicher Zärtlichkeit aufnahm, sich aber nie Mühe gab, mich zurückzuhalten. Dieses Verhalten eines Vaters, dessen Zärtlichkeit und Pflichttreue ich so gut kannte, hat mir Veranlassung zu Betrachtungen über mich selbst gegeben, die nicht wenig dazu beigetragen haben, mein Herz gesund zu erhalten. Ich habe nämlich daraus die große moralische Lehre gezogen – die einzige vielleicht, die eine erfolgreiche Anwendung zuläßt – mich vor solchen Lebenslagen zu hüten, welche unsere Pflichten mit unsern Vortheil in Widerspruch bringen und uns unser Heil im Nachtheile anderer sehen lassen. Ich ging dabei von der Ueberzeugung aus, daß man, eine wie aufrichtige Liebe man auch zur Tugend hegen mag, in solchen Lagen früher oder später, ohne sich dessen bewußt zu werden, schwach wird. Man wird in der That ungerecht und schlecht, ohne aufgehört zu haben, im Herzen gerecht und gut zu sein. Dieser Grundsatz, der sich meinem Herzen tief einprägte und von dem ich mich, wenn auch erst ein wenig spät, immerdar leiten ließ, gehört zu denjenigen, die mir in der Welt und namentlich unter meinen Bekannten den Anschein eines wunderlichen und närrischen Menschen verliehen. Man hat mir nachgesagt, ich wollte ein Original sein und anders handeln als andere. In Wahrheit bin ich jedoch weder darauf ausgegangen wie andere, noch anders als sie zu handeln. Ich wünschte immer nur aufrichtig, recht zu thun. Mit aller Gewalt entzog ich mich Lagen, die meinen Vortheil mit dem eines andern Menschen in Widerspruch bringen und mir folglich das geheime, wenn auch unabsichtliche Verlangen nach dem Schaden dieses Menschen einflößen mußten. Vor zwei Jahren wollte mich Lord Maréchal in seinem Testament bedenken; ich widersetzte mich dem mit aller Kraft. Ich gab ihm zu erkennen, daß ich mich um alles in der Welt in dem Testamente keines Menschen, wer es auch immer sein möchte, und am wenigsten in dem seinigen, wissen wollte. Er fügte sich. Jetzt will er mir eine Leibrente aussetzen, und dagegen erhebe ich keinen Einwand. Man wird sagen, daß ich bei diesem Tausche meine Rechnung finde; wohl möglich. Aber, o mein Wohlthäter und mein Vater, wenn ich das Unglück habe, dich zu überleben, so weiß ich auch, daß ich mit deinem Verluste alles zu verlieren und nichts zu gewinnen habe. Das ist, denke ich, die beste Philosophie, die einzige dem menschlichen Herzen wahrhaft geziemende. Ich lasse mich von ihrer tiefen Wahrheit täglich mehr durchdringen und habe sie in allen meinen letzten Schriften von verschiedenen Seiten zu beleuchten gesucht; aber die Menschen, die gedankenarm sind, haben sie nicht aufzufassen verstanden. Wenn ich nach Vollendung dieses Werkes noch lange genug lebe, um ein anderes beginnen zu können, so beabsichtige ich in einer Fortsetzung des Emil ein so bezauberndes und schlagendes Beispiel für diese Lebensregel zu geben, daß mein Leser gezwungen sein soll, ihr Beachtung zu schenken. Dieses Beispiel, so schlagend, wie man es nur wünschen kann, ist von ihm schon in der »Neuen Heloise« (3. Thl., Brief XX) gegeben worden, als die jetzt verheirathete Julie Saint-Preux ihren festen Entschluß ausspricht, wenn sie etwa Wolmar verlieren sollte, nie einen anderen Gatten zu nehmen. Aber genug der Betrachtungen für einen Reisenden; es ist Zeit, mich wieder auf den Weg zu machen. Ich legte ihn angenehmer zurück, als ich hätte erwarten dürfen; mein bäurischer Reisegenosse war keineswegs so grämlich, wie er aussah. Er war ein Mann mittleren Alters, der sein schwarzes, schon ergrauendes Haar in einen Zopf geflochten trug, hatte etwas Soldatenhaftes an sich, eine kräftige Stimme, war heiter, ein tüchtiger Fußgänger und ein noch tüchtigerer Esser und legte sich auf allerlei Gewerbe, weil er kein einziges gründlich verstand. Er hatte, wie ich glaube, die Gründung, ich weiß nicht was für einer Fabrik in Annecy in Vorschlag gebracht. Frau von Warens hatte nicht ermangelt, denselben anzunehmen, und nun reiste er auf ihre Kosten nach Turin, um die Genehmigung des Ministers einzuholen. Unser Mann verstand sich auf das Ränkeschmieden, wobei er sich stets hinter die Priester steckte, und da er sich eifrig bemüht stellte, ihnen Dienste zu leisten, hatte er allmählich in ihrer Schule eine frömmelnde Redeweise angenommen, deren er sich beständig bediente, in dem Wahne, dadurch ein großer Prediger zu sein. Er wußte sogar eine Bibelstelle in der Übersetzung der Vulgata, und da er sie täglich tausendmal wiederholte, so war es eben so gut, als hätte er deren tausend gewußt. Es fehlte ihm übrigens selten an Geld, sobald er etwas in der Börse anderer wußte. Trotzdem war er mehr listig als betrügerisch, und wenn er seine Capuzinaden im Tone eines begeisterten Bekehrers zum besten gab, so glich er Peter dem Einsiedler, wie er mit dem Säbel an der Seite den Kreuzzug predigte. Was Frau Sabran, seine Gattin betrifft, so war sie eine ganz brave Frau, die sich am Tage ruhiger als des Nachts verhielt. Da ich stets mit meinen Reisegefährten in einem Zimmer schlief, so weckte mich oft die geräuschvolle Schlaflosigkeit der Frau, und hätte mich, wäre mir die Ursache bekannt gewesen, wohl noch wacher gemacht. Allein ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon und war über dieses Kapitel in einer Unkunde, die es der Natur allein überlassen hat, für meine Belehrung zu sorgen. So zog ich mit meinem frommen Führer und seiner lebhaften Gefährtin fröhlich meine Straße. Kein Unfall störte meine Reise; ich fühlte mich leiblich wie geistig so wohl, wie ich je in meinem Leben gewesen bin. Jung, kräftig, voller Gesundheit, Zuversicht und Vertrauen auf mich und andere, befand ich mich in jenem kurzen, aber köstlichen Abschnitt des Lebens, wo dessen strotzende Fülle gleichsam unser ganzes Wesen in all seinen Empfindungen erhebt und erweitert und die ganze Natur in unsern Augen durch den Reiz unseres eigenen Daseins verschönt. Meine süße Unruhe hatte einen Gegenstand, der sie weniger umherschweifen ließ und meiner Einbildungskraft eine bestimmte Richtung gab. Ich betrachtete mich als das Werk, den Schüler, den Freund, ja fast als den Geliebten der Frau von Warens. Die verbindlichen Dinge, die sie mir gesagt, die kleinen Zärtlichkeiten, die sie mir erwiesen; der zärtliche Antheil, den sie allem Anschein nach an mir genommen; die bezaubernden Blicke, die mir Liebe zu verkünden schienen, da sie mir Liebe eingeflößt hatten; alles dies beschäftigte während der Wanderung unaufhörlich meine Seele und versenkte mich in holde Träume. Keine Befürchtung, keine Besorgnis wegen des meiner wartenden Looses störte mich in diesen Träumereien. In meiner Sendung nach Turin lag, wie ich glaubte, die Verpflichtung, dort für meinen Unterhalt zu sorgen und mir eine passende Stellung zu verschaffen. Meinetwegen brauchte ich mir keine Sorge zu machen; diese hatten andere übernommen. So schritt ich leichten Muthes, frei von dieser Last, dahin; jugendliche Wünsche, zauberische Hoffnungen, glänzende Pläne erfüllten meine Seele. Alles, was ich sah, schien mir Bürge meines nahen Glückes zu sein. In den Häusern glaubte ich ländliche Feste zu sehen; auf den Wiesen muntere Spiele; die Flüsse entlang Bäder, Spazierwege und Fischzüge; aus den Bäumen köstliche Früchte; unter ihrem Schatten zärtliche Zusammenkünfte; auf den Bergen Fässer voll Milch und Sahne; reizenden Müßiggang, Frieden, Einfachheit und Lust zu gehen, ohne zu wissen wohin. Kurz, nichts begegnete meinen Blicken, ohne mein Herz mit einem Wonnegefühl zu erfüllen. Bei der Großartigkeit, Mannigfaltigkeit und wirklichen Schönheit des sich mir darbietenden Schauspiels fand dieses Wonnegefühl die Anerkennung der Vernunft; sogar die Eitelkeit fügte eine neue Würze hinzu. So jung nach Italien zu gehen, schon so viele Länder gesehen zu haben, Hannibal über das Gebirge zu folgen, das schien mir ein Ruhm, der über mein Alter hinausging. Dazu darf nicht außer Acht bleiben unsere häufige Einkehr in guten Gasthöfen, mein vortrefflicher Appetit und die Mittel zu seiner Befriedigung, denn es hätte sich in der That nicht verlohnt, mir etwas zu entziehen, da das, was ich verzehrte, im Vergleich zu den Anforderungen, die Herr Sabran für seine Tafel machte, nicht der Rede werth war. In keiner Zeit meines Lebens bin ich, so viel ich mich erinnern kann, so vollkommen frei von Sorgen und Mühen gewesen, wie in den sieben oder acht Tagen, welche diese Reise in Anspruch nahm, denn Frau Sabrans Schritt, nach dem wir den unsrigen richten mußten, machte nur einen weiten Spaziergang daraus. Diese Erinnerung hat in mir die lebhafteste Vorliebe für alles, was damit in Verbindung steht, besonders für Gebirge und Fußreisen zurückgelassen. Nur in meinen jungen Jahren bin ich zu Fuß gereist und jedesmal mit Vergnügen. Bald aber haben mich Pflichten, Geschäfte, die Mitnahme von Gepäck, gezwungen, den Herrn zu spielen und Wagen zu nehmen; nagende Sorgen, Verlegenheiten, Unbehaglichkeit sind dann mit mir eingestiegen, und während ich sonst auf meinen Reisen nur die Wanderlust empfand, habe ich seitdem nur das Bedürfnis anzukommen empfunden. Lange habe ich in Paris nach zwei Gefährten von gleichem Geschmacke gesucht, die Lust hätten jeder fünfzig Goldstücke von ihrem Eigenthum und ein Jahr von ihrer Zeit dazu herzugeben, mit mir zusammen Italien zu durchwandern, nur von einem Diener begleitet, der uns helfen sollte einen Nachtsack zu tragen. Viele Leute thaten, als wären sie über diesen Plan entzückt, während sie ihn im Grunde sämmtlich für ein Luftschloß hielten, worüber sich plaudern läßt, ohne daß man wirklich die Absicht hegt, ihn auszuführen. Ich erinnere mich, daß ich Diderot und Grimm, denen ich diesen Plan oft mit Leidenschaft auseinandersetzte, endlich Lust dazu einflößte. Einmal hielt ich die Sache schon für abgemacht; das Ganze kam jedoch darauf hinaus, daß sie nur die Absicht hatten, schriftlich eine Reise zu machen, bei der Grimm nichts so drollig fand, als Diderot eine Menge Ruchlosigkeiten begehen zu lassen, und mich an seiner Stelle der Inquisition zu überantworten. Mein Bedauern, so schnell in Turin anzulangen, wurde durch das Vergnügen, eine große Stadt zu sehen, und durch die Hoffnung vermindert, dort bald eine meiner würdige Rolle zu spielen, denn schon stiegen mir die Dünste des Ehrgeizes zu Kopfe, schon sah ich mich unendlich erhaben über meinen alten Stand als Lehrling: ich war gar weit davon entfernt vorherzusehen, daß ich binnen Kurzem unendlich tief unter demselben stehen würde. Ehe ich jedoch fortfahre, ist es meine Schuldigkeit, mich bei dem Leser sowohl wegen der unbedeutenden Einzelheiten, die ich erzählt, als auch wegen derjenigen zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, die ich noch späterhin erzählen werde, und die in seinen Augen nichts Interessantes haben. Da ich es aber einmal unternommen, mich dem Publikum ganz wie ich bin zu zeigen, so darf ihm von mir nichts dunkel oder verborgen bleiben; ich muß mich ihm fortwährend vor Augen stellen, es muß mir auf alle Irrwege meines Herzens, in alle Winkel meines Lebens folgen, es darf mich nicht einen Augenblick aus dem Gesichte verlieren, damit es nicht, wenn es auch nur die kleinste Lücke, die kleinste Unterbrechung in meiner Erzählung fände, sich fragt: »Was hat er während dieser Zeit gethan?« und mich beschuldigt, daß ich ihm nicht alles habe sagen wollen. Ich gebe durch meine Mittheilungen der üblen Nachrede der Menschen schon genug Anhalt, so daß ich mich hüten muß, es auch noch durch das zu thun, was ich mit Stillschweigen übergehe. Die wenigen Nothgroschen, die mir Frau von Warens eingehändigt, waren dahin; ich hatte geplaudert, und meine Begleiter ließen meine Unvorsichtigkeit nicht unbenutzt. Frau Sabran hatte immer neue Ausflüchte bei der Hand, mir alles, selbst ein kleines silberartiges Band abzunehmen, welches mir Frau von Warens als Degenquaste geschenkt hatte, und dessen Verlust ich tiefer bedauerte als den meiner übrigen Habe; sogar der Degen wäre in ihren Händen geblieben, hätte ich weniger kräftigen Widerstand entgegengesetzt. Unterwegs hatten sie getreulich alle Ausgaben für mich bestritten; aber sie hatten mir nichts gelassen. Ohne Kleider, ohne Geld, ohne Wäsche kam ich in Turin an, indem ich meinem Verdienste allein die ganze Ehre überlassen mußte, mein Glück zu gründen. Nachdem ich die Briefe, die ich bei mir hatte, abgegeben, wurde ich augenblicklich nach dem Hospiz für Katechumenen geführt, um dort in der Religion, für welche man mir meinen Unterhalt verkaufte, unterrichtet zu werden. Beim Hineingehen gewahrte ich ein starkes eisernes Gitterthor, welches, sobald ich hindurchgeschritten, hinter mir doppelt verschlossen wurde. Dieser Eintritt in meine neue Lebensbahn war für mich eher niederbeugend als ermuthigend und fing eben an mir zu denken zu geben, als man mich in einen ziemlich großen Raum eintreten ließ. Die ganze Ausstattung wurde aus einem hölzernen Altar im Hintergrunde des Zimmers, auf dem ein großes Crucifix emporragte, und aus vier oder fünf um ihn stehenden, ebenfalls hölzernen Stühlen gebildet, die dem Anschein nach einst polirt waren, aber lediglich in Folge des langen Gebrauchs einen schimmernden Glanz erhalten hatten. In diesem Versammlungssaale befanden sich vier oder fünf scheußliche Strolche, meine Unterrichtsgenossen, die eher Diener des Teufels zu sein schienen als Gläubige, die sich sehnten, Gottes Kinder zu werden. Zwei von diesen Schuften waren Slavonier, die sich für Juden und Mauren ausgaben und, wie sie mir gestanden, nichts anderes thaten, als daß sie Spanien und Italien durchwanderten und sich überall, wo sich die Bezahlung der Mühe lohnte, zum Christenthum bekehrten und taufen ließen. Nun öffnete man eine andere eiserne Thür, welche einen großen Balkon, der den Hof entlang lief, in zwei Theile theilte. Durch diese Thür traten unsere Schwestern ein, Katechumenen, die gleich mir darauf bedacht waren, ihre Wiedergeburt nicht durch die Taufe, sondern durch eine feierliche Abschwörung ihres Glaubens zu erlangen. Es waren wohl die größten Vetteln und die gemeinsten Landstreicherinnen, die je den Schafstall des Herrn verpestet haben. Eine einzige kam mir hübsch und ziemlich anziehend vor. Sie war ungefähr von meinem Alter, vielleicht ein oder zwei Jahre älter. Sie hatte schelmische Augen, die den meinigen dann und wann begegneten. Dies flößte mir einiges Verlangen ein, ihre Bekanntschaft zu machen; aber fast zwei Monate lang, die sie noch in diesem Hause zubrachte, wo sie schon drei Monate geweilt hatte, war es mir durchaus unmöglich, sie anzureden, so sehr war sie unserer alten Kerkermeisterin anempfohlen und von dem heiligen Missionar umlagert, der mit mehr Eifer als Schnelligkeit an ihrer Bekehrung arbeitete. Sie mußte äußerst einfältig sein, wenn sie auch gar nicht danach aussah, denn nie hat ein Unterricht längere Zeit in Anspruch genommen. Der heilige Mann fand sie nie zur Abschwörung reif genug. Aber sie wurde des Klosterzwanges überdrüssig und verlangte ihre Entlassung, ob Christin oder nicht. Man mußte sie beim Worte nehmen, so lange sie noch damit einverstanden war, es zu werden, damit sie nicht widerspenstig würde und ihre Absicht aufgab. Zu Ehren des neuen Ankömmlings war die kleine Gemeinde versammelt. Man hielt uns eine kurze Ermahnungsrede, um mir ans Herz zu legen, daß ich mich der Gnade, die Gott mir erwies, würdig machen sollte, und die andern zur Fürbitte für mich und zu einem erbaulichen Vorbilde aufzufordern. Als unsere Jungfrauen darauf in ihre Klausur zurückgekehrt waren, hatte ich Zeit in aller Muße über die Betrachtungen anzustellen, in der ich mich befand. Früh am andern Morgen versammelte man uns abermals zum Unterrichte, und nun fing ich zum ersten Male an, über den Schritt, den ich zu thun im Begriff stand, wie über die Veranlassungen, die mich dazu getrieben hatten, nachzudenken. Ich habe gesagt, und ich wiederhole und werde vielleicht diesen Umstand, von dessen Wahrheit ich mich täglich mehr durchdrungen fühle, noch öfter wiederholen, daß, wenn je ein Kind eine vernünftige und gesunde Erziehung erhielt, ich es war. Aus einer Familie hervorgegangen, die sich durch Sittlichkeit vor der großen Menge auszeichnete, hatten mich alle meine Verwandten nur zur Züchtigkeit angehalten und mir das beste Beispiel gegeben. Obgleich mein Vater vergnügungslustig war, zeichnete er sich nicht allein durch erprobte Rechtlichkeit, sondern auch durch einen echt religiösen Sinn aus. In der Welt ein Lebemann und in seinem Innern ein Christ, hatte er mir früh die Gesinnungen, von denen er erfüllt war, eingeflößt. Von meinen drei Tanten, die sämmtlich für kluge und tugendhafte Frauenzimmer galten, waren die beiden ältesten fromme und die dritte, ein Mädchen nicht allein voller Anmuth, sondern auch voller Geist und Verstand, war es vielleicht noch mehr, ließ sie es auch äußerlich weniger durchschimmern. Aus dem Schooße dieser achtbaren Familie kam ich zu Herrn Lambercier, der, wenn auch ein Diener der Kirche und Prediger, trotzdem im Innern gläubig war, und dessen Handlungen fast ganz mit seinen Werten in Einklang standen. Seine Schwester und er entwickelten die Grundsätze der Frömmigkeit, die sie in meinem Herzen fanden, durch freundlichen und verständigen Unterricht. Diese würdigen Menschen wandten hierzu so richtige, so kluge, so vernünftige Mittel an, daß ich, weit davon entfernt mich in der Predigt zu langweilen, nie von derselben zurückkehrte, ohne innerlich ergriffen zu sein und gute Vorsätze zu einem rechtschaffenen Lebenswandel zu fassen, gegen die ich auch, so lange ich ihrer eingedenk blieb, selten verstieß. In die Frömmigkeit meiner Tante Bernard konnte ich mich weniger finden, weil sie ein förmliches Geschäft damit trieb. Ueber die Frömmigkeit meines Meisters machte ich mir keine Gedanken mehr, ohne jedoch eine andere Meinung gewonnen zu haben. Ich traf nicht mit jungen Leuten zusammen, die mich hätten verderben können. Ich wurde ein Gassenbube, aber nicht liederlich. Ich besaß also so viel Religion, als ein Kind in meinem Alter haben konnte. Ich besaß sogar mehr, denn weshalb hier meine Gedanken verhehlen? Meine Kindheit war nicht die eines Kindes; ich fühlte, ich dachte beständig wie ein Mann. Erst beim Heranwachsen trat ich in die gewöhnliche Klasse zurück, aus der ich bei meiner Geburt herausgetreten war. Man wird lachen, wenn man sieht, wie ich mich bescheidener Weise für ein Wunderkind ausgebe. Möge es sein; wenn man sich aber ausgelacht hat, möge man mir ein Kind suchen, welches sich in einem Alter von sechs Jahren von Romanen in dem Grade anziehen, fesseln, fortreißen läßt, daß es heiße Thränen vergießt; dann will ich die Lächerlichkeit meiner Eitelkeit einsehen und einräumen, daß ich Unrecht habe. Wenn ich gesagt habe, man dürfte mit Kindern nicht von Religion sprechen, falls man wollte, daß sie dereinst Religion hätten, und wenn ich die Behauptung aufgestellt habe, sie wären unfähig, Gott auf unsere Weise zu erkennen, so habe ich diese Ansicht aus meinen Beobachtungen, nicht aus meiner Erfahrung, gewonnen; ich wußte, daß letztere für andere nichts bewiese. Findet mir lauter sechsjährige Jean Jacques Rousseaus und redet mit ihnen dann dreist in ihrem siebenten Jahre von Gott; ich bürge euch dafür, daß ihr keine Gefahr dabei lauft. Einem jeden wird, wie ich glaube, das Gefühl sagen, daß »Religion haben« für ein Kind und selbst für einen Mann nichts anderes bedeutet, als sich zu der Religion seines Geburtslandes bekennen. Man wird den Glaubensinhalt bisweilen beschränken, selten erweitern. Der Glaube an das Dogma ist die Frucht der Erziehung. Außer diesem allgemeinen Grunde, der mich zum Anhänger der Religion meiner Väter machte, empfand ich jenen meiner Vaterstadt eigenthümlichen Var ... jenen meiner Vaterstadt damals eigenthümlichen Abscheu ... (Es läßt sich annehmen, daß dieses damals in der Abschrift des Manuscripts wirklich stand und erst von den Genfer Herausgebern gestrichen ist.) Abscheu gegen den Katholicismus, den man uns als einen gräßlichen Götzendienst darstellte und dessen Geistlichkeit man uns mit den schwärzesten Farben malte. Dieses Gefühl ging bei mir so weit, daß ich anfangs nie einen Blick in das Innere einer Kirche warf, nie einem Priester im Chorhemde begegnete, nie die Schelle einer Procession vernahm ohne einen Schauder von Schrecken und Entsetzen, der mich in den Städten zwar bald verließ, aber in den Landkirchen, die denen, wo ich ihn zuerst empfunden hatte, ähnlicher sind, oft wieder ergriff. Allerdings stand dieser Eindruck in einem eigenthümlichen Contraste mit der Erinnerung an die Freundlichkeiten, welche die Pfarrer der Umgegend von Genf gern den Stadtkindern erweisen. Während mich die Schelle bei der letzten Oelung mit Furcht erfüllte, erinnerte mich die Meß- und Vesperglocke an ein Frühstück, an ein Vesperbrot, an frische Butter, Obst- und Milchspeisen. Das gute Mittagsmahl des Herrn von Pontverre hatte seine große Wirkung noch immer nicht verloren. So hatte ich mir dies alles leicht aus dem Sinne geschlagen. Da ich mir den Papismus nur immer in Verbindung mit Lustbarkeiten und Tafelfreuden vorstellte, so hatte ich mich zwar mit dem Gedanken, in ihm zu leben, leicht vertraut gemacht, allein an einen feierlichen Uebertritt hatte ich nur flüchtig gedacht, als läge er noch in weiter Ferne. In diesem Augenblicke gab es kein Mittel mehr eine Aenderung herbeizuführen; mit Schauder erkannte ich die feste Form der Zusage, die ich gegeben hatte, und die unvermeidliche Folge davon. Die künftigen Neophyten, die ich um mich hatte, waren unfähig, meinen Muth durch ihr Beispiel aufrecht zu erhalten, und ich konnte mir nicht verhehlen, daß die heilige Handlung, welche ich vorzunehmen beabsichtigte, im Grunde nur die Handlung eines Tiefgesunkenen wäre. So jung ich auch noch war, fühlte ich doch, daß ich, welche Religion auch die wahre sein mochte, auf dem Wege war, die meinige zu verkaufen und selbst bei richtiger Wahl den heiligen Geist zu belügen und die Verachtung der Menschen zu verdienen. Je mehr ich daran dachte, desto ingrimmiger wurde ich gegen mich selbst, und ich seufzte über das Loos, das mich dahin getrieben hatte, als wäre dieses Loos nicht mein eigenes Werk gewesen. Es gab Zeiten, in welchen mich diese Betrachtungen so überwältigten, daß, hätte ich das Thor nur einen Augenblick offen gefunden, ich sicherlich davon gelaufen wäre; allein es war mir nicht möglich, und dieser Entschluß war in mir auch noch nicht fest genug geworden. Zuviel geheime Wünsche bekämpften ihn, um nicht den Sieg über ihn davon zu tragen. Dazu kam noch die Festigkeit meines Vorsatzes, nicht nach Genf zurückzukehren, die Scham, ja selbst die Schwierigkeit, über das Gebirge zurückzureisen, die Verlegenheit, mich fern von meiner Heimat ohne Freunde und Geld zu sehen: das alles vereinigte sich, mich meine Gewissensbisse als eine zu späte Reue betrachten zu lassen. Um das, was ich zu thun vorhatte, zu entschuldigen, gab ich mir das Ansehen, mir das, was ich gethan, vorzuwerfen. Dadurch, daß ich die Fehler der Vergangenheit vergrößerte, meinte ich, was mir jetzt bevorstand, als eine nothwendige Folge betrachten zu können. Ich sagte mir nicht: noch ist nichts geschehen, und du kannst, wenn du willst, unschuldig bleiben, sondern ich sagte mir: beseufze das Vergehen, dessen du dich schuldig gemacht hast, und das du notgedrungen zu Ende führen mußt. Und in der That, welche seltene Seelenstärke hätte ich nicht in meinem Alter haben müssen, um alles zurückzunehmen, was ich bis dahin etwa versprochen oder hatte hoffen lassen, um die Ketten zu brechen, in die ich mich selbst geschlagen hatte; um unerschrocken zu erklären, daß ich allem, was daraus entstehen könnte, zum Trotz, in der Religion meiner Väter bleiben wollte? Diese Stärke pflegt jungen Leuten in meinem Alter nicht eigen zu sein und sie hatte auch schwerlich einen glücklichen Erfolg gehabt. Die Angelegenheit war bereits zu weit vorgeschritten, um sie jetzt noch ungestraft rückgängig machen zu können, und je größer mein Widerstand gewesen wäre, desto mehr würde man es sich zum Gesetz gemacht haben, ihn auf die eine oder die andere Weise zu überwinden. Der Sophismus, welcher mich zu Grunde richtete, ist den meisten Menschen eigen, die immer darüber klagen, daß es ihnen an Kraft fehle, wenn es schon zu spät ist, dieselbe anzuwenden. Die rechtzeitige Anspannung unserer Kraft fällt uns nur durch eigene Schuld schwer, und wenn wir immer vernünftig sein wollten, würden wir selten nöthig haben, unsere Kraft zusammen zu nehmen. Aber leicht zu überwindende Triebe reißen uns widerstandslos fort; wir geben leichten Versuchungen nach, deren Gefahr wir verachten. Unmerklich gerathen wir in gefährliche Lagen, vor denen wir uns leicht hätten hüten können, denen wir uns aber ohne heldenmüthige Anstrengungen, vor denen wir zurückbeben, nicht mehr entreißen können, und wir sinken endlich in den Abgrund, indem wir Gott zur Entschuldigung sagen: Weshalb hast du mich so schwach gemacht? Aber uns zum Trotze antwortet er unserm Gewissen: Ich habe dich zu schwach gemacht, dich aus dem Abgrunde wieder herauszuarbeiten, weil ich dich stark genug gemacht habe, nicht hineinzustürzen. Ich war zwar nicht gerade fest entschlossen, katholisch zu werden, aber da ich den Zeitpunkt noch in weiter Ferne sah, erhielt ich Zeit, mich mit diesem Gedanken zu befreunden, und inzwischen rechnete ich auf irgend ein unvorhergesehenes Ereignis, welches mich aus der Verlegenheit ziehen würde. Um Zeit zu gewinnen, beschloß ich, mich bestmöglichst zu vertheidigen. Bald überhob mich meine Eitelkeit, meines Entschlusses eingedenk zu sein, und sobald ich bemerkte, daß ich meine Bekehrer in Verlegenheit versetzte, war dies für mich ein genügender Antrieb, um den Versuch zu ihrer völligen Besiegung zu machen. Ich verwendete sogar auf dieses Unternehmen einen höchst lächerlichen Eifer, denn während sie an mir arbeiteten, wollte ich an ihnen arbeiten. Ich wähnte in meiner Einfalt, daß ich sie nur zu überzeugen brauchte, um sie zu bestimmen, Protestanten zu werden. Sie fanden folglich in mir keine so leichte Auffassung, wie sie erwartet hatten, weder hinsichtlich meines Verstandes noch meines guten Willens. Die Protestanten sind im Allgemeinen besser unterrichtet als die Katholiken. Das kann nicht anders sein; die Lehre der einen erheischt Erörterung, die der andern Unterwerfung. Der Katholik muß die Entscheidung, welche man ihm gibt, annehmen, der Protestant muß sich selbst entscheiden lernen. Wußte man dies auch, so erwartete man doch bei meiner Lage und bei meinem Alter keine großen Schwierigkeiten für geübte Leute. Außerdem war ich noch nicht zum Abendmahle zugelassen und hatte nicht einmal den vorbereitenden Unterricht dazu empfangen: auch dies wußte man. Allein man wußte nicht, daß ich dafür von Herrn Lambercier sehr gut unterrichtet worden war und daß in meinem Kopfe ein für diese Herrn sehr unbequemer Schatz an Kenntnissen in der Kirchen- und Reichsgeschichte aufgespeichert lag, die ich bei meinem Vater fast auswendig gelernt und seitdem beinahe vergessen hatte, deren ich mich jedoch, je hitziger der Streit wurde, desto mehr wieder entsann. Ein alter, trotz seiner Kleinheit ziemlich ehrwürdiger Priester hatte mit uns gemeinschaftlich die erste Besprechung. Für meine Genossen war diese Besprechung eher ein in Frage und Antwort gekleideter Unterricht als ein wirklicher Austausch der Gedanken, und er hatte mehr mit ihrer Belehrung als mit der Beseitigung ihrer Einwendungen zu thun. Bei mir war dies nicht der Fall. Als die Reihe an mich kam, hielt ich ihn bei allem auf; ich ersparte ihm keine Schwierigkeit, die ich ihm irgend machen konnte. Hierdurch wurde die Besprechung sehr in die Länge gezogen und für die Anwesenden sehr langweilig. Mein alter Priester sprach viel, erhitzte sich, schweifte ab und zog sich durch die Erklärung aus der Sache, daß er nicht gut französisch verstände. Damit meine Genossen nicht an meinen unbedachten Einwendungen Anstoß fänden, wurde ich am folgenden Tage einem andern Priester in einem besonderen Zimmer überwiesen. Derselbe war jünger, ein Schönredner, das heißt ein Phrasenmacher, und von einer Selbstzufriedenheit, wie sie nur je ein Gelehrter hatte. Trotzdem wirkte sein hoheitsvolles Auftreten keineswegs sehr überwältigend auf mich, und da ich mich ihm gewachsen fühlte, antwortete ich ihm ziemlich zuversichtlich und griff ihn, so gut ich konnte, bald von dieser bald von jener Seite an. Er glaubte mich mit dem heiligen Augustin, dem heiligen Gregor und den andern Kirchenvätern zum Schweigen bringen zu können und fand zu seinem unaussprechlichen Erstaunen, daß ich alle diese Väter fast mit derselben Leichtigkeit anzuwenden wußte wie er. Hatte ich sie auch eben so wenig gelesen wie er vielleicht, so hatte ich doch viele Stellen derselben aus meiner Kirchengeschichte von Le Sueur behalten, und sobald er mir eine davon anführte, entgegnete ich ihm, ohne mich auf Erörterung des Citats einzulassen, mit einer anderen aus demselben Vater, was ihn oft in große Verlegenheit setzte. Schließlich blieb der Sieg doch auf seiner Seite und zwar aus zwei Gründen. Der eine war, daß er doch eine höhere Bildung besaß und ich, in dem Gefühle, mich in seiner Gewalt zu befinden, trotz meiner Jugend recht gut einsah, daß ich ihn nicht zum Aeußersten treiben durfte, denn ich erkannte deutlich genug, daß der alte kleine Priester weder für meine Gelehrsamkeit noch für meine Person sehr eingenommen war? Dazu trat noch der andere Grund, daß er gut geschult war und ich nicht. In Folge dessen brachte er in seine Art der Beweisführung eine Methode, der ich mich ebenfalls zu bedienen außer Stande war, und verschob die Erörterung jedes unvorhergesehenen Einwandes, von dem er sich bedrängt fühlte, auf den nächsten Tag, indem er vorschützte, daß ich von dem Gegenstande abschweifte. Er verwarf sogar mitunter alle meine Citate mit der Behauptung, daß sie falsch wären, und sich erbietend, mir das Buch zu holen, forderte er mich auf, sie darin aufzusuchen. Er wußte, daß er dabei keine große Gefahr lief, und daß ich bei all meiner Gelehrsamkeit doch in der richtigen Benutzung der Bücher zu wenig geübt und ein zu schlechter Lateiner war, um in einem dickleibigen Bande eine Stelle zu finden, auch wenn ich mit Bestimmtheit gewußt hätte, daß sie darin stände. Ich habe ihn sogar in Verdacht, daß er sich dieselbe Unredlichkeit zu Schulden kommen ließ, deren er die Prediger zieh, und dann und wann Stellen ersann, um mit ihnen einen ihm unbequemen Einwurf zu widerlegen. Während der Zeit, in der ich mich mit diesen Sophistereien beschäftigte und die Tage mit Disputationen, mit dem Hersagen langer Gebete und der Verübung von allerlei losen Streichen hinbrachte, hatte ich ein garstiges und ungemein widerliches Abenteuer zu bestehen, das einen gar bösen Ausgang für mich hätte nehmen können. Es giebt keine so gemeine Seele und kein so rohes Herz, das nicht irgend einer Art Liebe fähig wäre. Der eine dieser beiden Banditen, die sich für Mauren ausgaben, schenkte mir seine Zuneigung. Er redete mich gern an, plauderte mit mir in seinem barbarischen Kauderwälsch, erwies mir kleine Gefälligkeiten, gab mir bei Tische bisweilen einen Theil seines Essens ab und küßte mich besonders beständig mit einer Glut, die mich höchst unangenehm berührte. Welchen Schrecken ich auch natürlich über dieses pfefferkuchenartige und von einem langen Hiebe zerfetzte Gesicht, sowie über die funkelnden Blicke empfand, die eher wüthend als zärtlich zu sein schienen, so duldete ich diese Küsse doch, indem ich zu mir selber sagte: Der arme Mann hat eine sehr lebhafte Freundschaft für mich gefaßt; ich würde Unrecht thun, sie zurückzuweisen. Er ging allmählich zu freieren Manieren über und hielt mir mitunter so seltsame Reden, daß ich glaubte, es wäre nicht ganz richtig mit ihm. Eines Abends wollte er durchaus bei mir schlafen; ich lehnte es unter dem Vorwande ab, daß mein Bett zu klein wäre. Nun forderte er mich dringend auf, das seinige zu theilen; auch dagegen sträubte ich mich, denn dieser elende Wicht war so unsauber und roch so widerlich nach Kautabak, daß mir Übel wurde. Am folgenden Morgen waren wir beide ziemlich früh allein in dem Versammlungssaale; er begann von neuem seine Liebkosungen, aber mit so heftigen Bewegungen, daß es wahrhaft entsetzlich war. Endlich wollte er stufenweise zu den anstößigsten Vertraulichkeiten übergehen und mich zwingen, indem er meine Hand leitete, ebenso zu handeln. Ich riß mich ungestüm los, indem ich einen Schrei ausstieß und einen Schritt zurücksprang; und ohne ihm Unwillen oder Zorn zu bezeigen, da ich keine Ahnung von dem hatte, um was es sich eigentlich handelte, drückte ich ihm meine Ueberraschung und meinen Ekel so unzweideutig und entschieden aus, daß er mich losließ; aber während er sich vollends abarbeitete, sah ich etwas eigenthümlich Klebriges und Weißliches auf die Erde fallen, dessen Anblick mir Uebelkeit erregte. Erregter, verwirrter, ja sogar erschrockener, als ich je in meinem Leben gewesen war, stürzte ich auf den Balkon hinaus und war nahe daran ohnmächtig zu werden. Ich konnte nicht begreifen, was mit diesem Unglücklichen vorging; ich glaubte ihn von der Epilepsie oder von einer andern noch schrecklicheren Raserei befallen, und ich kann mir fürwahr für jemanden, der bei kaltem Blute ist, keinen entsetzlicheren Anblick denken, als dieses unzüchtige und unfläthige Gebaren und dieses scheußliche, von der viehischsten Begierde entflammte Gesicht. Ich habe nie einen andern Menschen in einem ähnlichen Zustande gesehen; aber wenn wir so den Frauen gegenüber sind, müssen ihre Augen völlig geblendet sein, damit sie sich vor uns nicht entsetzen. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als aller Welt zu erzählen, was mir widerfahren war. Unsere alte Hausverwalterin gebot mir Schweigen; aber ich sah, daß diese Geschichte sie stark angegriffen hatte, und hörte sie zwischen den Zähnen murmeln: lan maledet! brutta bestia! Da ich nicht begriff, weshalb ich schweigen sollte, ließ ich die Sache trotz des Verbotes ruhig ihren Gang weiter gehen, und plauderte so viel, daß am nächsten Tage schon in aller Frühe einer der Verwalter erschien und mir einen sehr strengen Verweis ertheilte, indem er mich beschuldigte, die Ehre eines heiligen Hauses bloßstellen und um einer geringen Verschuldung willen viel Lärm zu machen. Er dehnte seine Strafrede noch weiter aus, indem er mit mir vielerlei, was ich nicht wußte, besprach, obgleich er nicht glaubte, es mich erst lehren zu brauchen, überzeugt, daß ich mich nur so stellte, als wüßte ich nicht, was man von mir wollte, und nur nicht darauf einzugehen wünschte. Er sagte mir mit großem Ernst, es wäre dieses Werk gerade wie die Unzucht ein verbotenes, dessen Versuch indessen für die Person, gegen welche es beabsichtigt, nicht beleidigender wäre, und daß man sich nicht so sehr darüber zu erzürnen brauchte, liebenswürdig gefunden zu sein. Er erzählte mir ohne Umschweife, daß er selbst in seiner Jugend die gleiche Ehre genossen hätte, und daß er, da man ihn überrascht hätte, außer Stande gewesen wäre, Widerstand zu leisten, und in der Sache selbst nichts so Entsetzliches gefunden hätte. Er trieb die Schamlosigkeit so weit, daß er sich dabei der geeigneten Kraftworte bediente, und in dem Wahne, daß die Ursache meines Widerstandes nur die Furcht vor dem Schmerze wäre, gab er mir die Versicherung, daß diese Furcht grundlos wäre, und daß man sich deshalb nicht zu beunruhigen brauchte. Ich hörte diesen schändlichen Buben mit um so größerem Erstaunen an, als er nicht für sich selbst sprach; er schien mich blos zu meinem eigenen Besten unterrichten zu wollen. Seine Auseinandersetzung schien ihm so einfach zu sein, daß er nicht einmal eine geheime Unterredung gesucht; wir hatten als Dritten noch einen Geistlichen bei uns, der über diesen Vorfall eben so wenig erschrocken war wie jener. Dieser Anschein von Natürlichkeit machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich zu glauben begann, dergleichen wäre eine in der Welt übliche Sitte, in die ich nur früher keine Gelegenheit gehabt hatte eingeweiht zu werden. Dies bewirkte, daß ich ihn ohne Zorn, wenn auch nicht ohne Ekel anhörte. Das Bild dessen, was mir widerfahren, und vor allem dessen, was ich gesehen hatte, haftete so fest in meinem Gedächtnisse, daß mir, wenn ich daran dachte, noch immer übel ward. Ohne daß ich mehr davon verstand, dehnte sich mein Abscheu vor der That auf ihren Vertheidiger aus, und ich konnte mich nicht so weit bezähmen, daß er nicht die üble Wirkung seines Unterrichts bemerkt hätte. Er warf mir einen wenig freundlichen Blick zu; und seitdem ließ er nichts unversucht, um mir den Aufenthalt im Hospiz unangenehm zu machen. Es gelang ihm dies so gut, daß ich, da ich nur einen einzigen Weg es zu verlassen kannte, mich in eben so hohem Grade beeilte ihn einzuschlagen, wie ich mich bis dahin bemüht hatte, von ihm fern zu bleiben. Dieses Abenteuer schützte mich in Zukunft vor den Unternehmungen ähnlicher Liebesritter, und der Anblick von Leuten, die in dem Rufe standen, zu ihnen zu gehören, erinnerte mich an das Aussehen und Gebaren meines entsetzlichen Mauren und erfüllte mich stets mit einem solchen Grauen, daß ich es kaum zu verhehlen vermochte. Die Frauen gewannen dagegen bei diesem Vergleiche viel in meinen Augen. Mir schien es, als ob ich ihnen zur Genugtuung für die Beleidigungen meines Geschlechtes die Zärtlichkeit meiner Gefühle und die Huldigung meiner Person schuldig wäre, und die häßlichste Metze wurde durch die Erinnerung an diesen falschen Afrikaner in meinen Augen ein Gegenstand der Anbetung. Was nun meinen fälschlichen Afrikaner anlangt, so weiß ich nicht, was man ihm über sein Unterfangen hat sagen können; allein es kam mir vor, als ob ihn mit Ausnahme der Frau Lorenza niemand unfreundlicher anblickte als sonst. Indessen ging er mir aus dem Wege und redete nicht mehr mit mir. Acht Tage darauf wurde er mit großer Feierlichkeit getauft, wobei er, um die Reinheit seiner wiedergeborenen Seele darzuthun, von Kopf bis den Füßen in Weiß gekleidet war. Den nächsten Tag verließ er das Hospiz, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Einen Monat später kam die Reihe an mich, denn so lange Zeit bedurfte es, ehe sich meine Beichtväter die Ehre einer schwierigen Bekehrung beizulegen wagten, und man ließ mich alle Glaubenssätze hersagen, um mit meiner neuen Gelehrigkeit zu prunken. Endlich genügend unterrichtet und nach dem Sinne meiner Lehrer auch geistig genügend vorbereitet, wurde ich in Procession in die Metropolitankirche zum heiligen Johannes geführt, um darin meinen alten Glauben feierlich abzuschwören und die Bestätigung der Taufe zu empfangen, obwohl man mich nicht wirklich taufte; da aber dabei fast die nämlichen Förmlichkeiten stattfinden, so dient das dazu, dem Volke die Ueberzeugung aufzudrängen, daß die Protestanten keine Christen seien. Ich war mit einem grauen, mit weißen Schnüren besetzten Rocke bekleidet, wie er bei derartigen Gelegenheiten üblich war. Vor und hinter mir trugen zwei Männer kupferne Becken, auf welche sie mit einem Metallstäbchen schlugen und in die jeder je nach seiner Frömmigkeit oder nach der Teilnahme, die er für den Neubekehrten hegte, sein Almosen warf. Kurz, nichts von dem Gepränge des Katholicismus wurde unterlassen, um die Feierlichkeit für das Publikum erbaulicher und für mich demüthigender zu machen. Nur das weiße Gewand, das mir sehr nützlich gewesen, gewährte man mir nicht wie jenem Mauren, da ich nicht die Ehre hatte ein Jude zu sein. Das war nicht alles. Nachher mußte ich noch zur Inquisition gehen, um die Absolution für das Verbrechen der Ketzerei zu empfangen und mit derselben Ceremonie, welcher sich Heinrich IV. in der Person seines Gesandten hatte unterziehen müssen, in den Schoos der Kirche zurückzukehren. Die Miene und das Benehmen des hochwürdigen Pater Inquisitors waren nicht geeignet, den geheimen Schrecken, der mich beim Eintritt in dieses Haus ergriffen hatte, zu verscheuchen. Nach mehreren Fragen über meinen Glauben, meine Lage, meine Familie fragte er mich plötzlich, ob meine Mutter verdammt wäre. Der Schrecken ließ mich die erste Erregung meines Unwillens unterdrücken; ich beschränkte mich darauf zu antworten, daß ich hoffen wollte, sie wäre es nicht, und daß Gott sie noch in ihrer letzten Stunde hätte erleuchten können. Der Mönch schwieg, schnitt aber ein Gesicht, das mir durchaus nicht wie ein Zeichen seines Einverständnisses vorkam. Nachdem ich dies alles durchgemacht hatte und wähnte, endlich ein meinen Hoffnungen entsprechendes Unterkommen zu erhalten, setzte man mich mit wenig mehr als zwanzig Francs in kleiner Münze, welche die für mich veranstaltete Collecte eingebracht hatte, vor die Thür. Man empfahl mir, ein echt christliches Leben zu führen und der Gnade treu zu bleiben, wünschte mir alles Gute, schloß die Thür hinter mir, und alles war vorüber. So verschwanden in einem Augenblicke alle meine großen Hoffnungen, und von dem eigennützigen Schritte, den ich so eben gethan hatte, blieb mir nichts als der quälende Gedanke zurück, ein Abtrünniger und zugleich ein Betrogener zu sein. Man kann sich leicht vorstellen, welch schneller Umschwung in meinen Gedanken eintreten mußte, als ich mich aus meinen glänzenden Glücksplänen in das vollständigste Elend hinabsinken und mich am Abende, nachdem ich des Morgens über die Wahl des Palastes nachgedacht hatte, den ich bewohnen wollte, gezwungen sah, auf der Straße zu schlafen. Man wird sich einbilden, daß ich mich zunächst einer um so bitterern Verzweiflung überließ, je heftiger die Reue über meine Verirrungen dadurch werden mußte, daß ich nur mir selbst die Schuld an meinem ganzen Unglück zuschreiben konnte. Nichts von dem allem. Zum ersten Male in meinem Leben war ich länger als zwei Monate eingesperrt gewesen. Das erste Gefühl, das ich empfand, war Freude über meine wiedergewonnene Freiheit. Nach einer langen Sklaverei wieder Herr meiner selbst und meiner Handlungen geworden, erblickte ich mich inmitten einer großen Stadt voll reicher Hilfsquellen und vornehmer Leute, zu denen mir, sobald ich erst bekannt sein würde, meine Talente und Vorzüge Zutritt verschaffen mußten. Ueberdies fehlte es mir nicht an Zeit, es abzuwarten, und meine zwanzig Francs in der Tasche schienen mir ein unerschöpflicher Schatz zu sein. Ich konnte nach meinem Gutdünken darüber verfügen, ohne jemand Rechenschaft darüber abzulegen. Zum ersten Male hatte ich mich so reich gesehen. Weit davon entfernt, mich der Muthlosigkeit zu überlassen und in Thränen auszubrechen, mußten sich meine Hoffnungen nur einen Wechsel gefallen lassen, und meine Eigenliebe verlor dabei nichts. Nie fühlte ich so viel Vertrauen und Zuversicht; ich wähnte mein Glück schon gemacht und fand es schön, es nur mir selbst zu verdanken. Das Erste, was ich that, war, meine Neugier zu befriedigen, indem ich die ganze Stadt durchstreifte, wäre es auch nur gewesen, um mich meiner Freiheit zu vergewissern. Ich ging, die Wache aufziehen zu sehen; die Militärmusik gefiel mir sehr gut. Ich ging hinter Processionen her; der unharmonische Gesang der Priester machte mir Spaß. Ich sah mir das königliche Schloß an; ich näherte mich ihm furchtsam; als ich jedoch andere Leute eintreten sah, folgte ich ihrem Beispiele und man ließ mich gewähren. Vielleicht verdankte ich diese Gunst dem kleinen Packet, welches ich unter dem Arme trug. Wie dem auch sein möge, ich faßte, als ich mich in diesem Schlosse sah, eine hohe Meinung von mir selbst; schon betrachtete ich mich fast wie einen Bewohner desselben. Endlich wurde ich von dem vielen Gehen und Laufen müde; ich empfand Hunger, und es war heiß. Deshalb trat ich in den Laden eines Milchhändlers ein; man gab mir Giunca, geronnene Milch, und mit zwei Stöllchen jenes vortrefflichen piemontesischen Brotes, das ich jedem anderen vorziehe, hielt ich für meine fünf oder sechs Sous eine der besten Mahlzeiten, die ich je in meinem Leben gehalten habe. Ich mußte mich nach einem Nachtlager umsehen. Da ich das Piemontesische schon gut genug verstand, um mich verständlich zu machen, fiel es mir nicht schwer eines zu finden, und ich war so klug, mich bei der Wahl mehr nach meiner Börse als nach meinem Geschmacke zu richten. Man wies mich in der Po-Straße zu der Frau eines Soldaten, die Dienstboten, welche außer Dienst waren, für einen Sou Nachtherberge gewährte. Ich fand bei ihr eine Schlafstelle unbesetzt und nahm sie in Beschlag. Sie war jung und erst vor kurzem verheirathet, obgleich sie bereits fünf oder sechs Kinder hatte. Wir schliefen alle in demselben Zimmer, die Mutter, die Kinder, die Gäste, und das dauerte, so lange ich bei ihr blieb, in gleicher Weise fort. Uebrigens war es eine gutmüthige Frau, die zwar wie ein Fuhrmann fluchte, sowie beständig liederlich gekleidet und ungekämmt, aber gefällig und dienstfertig war. Sie bewies sich gegen mich besonders freundschaftlich und war mir sogar nützlich. Mehrere Tage überließ ich mich einzig und allein dem Vergnügen der Unabhängigkeit und der Befriedigung meiner Neugier. Ich durchstreifte das Innere der Stadt wie ihre Umgebungen, indem ich alles durchstöberte und in Augenschein nahm, was mir neu und merkwürdig vorkam, und das war alles für einen jungen Menschen, der erst aus seinen vier Pfählen hervorkam und nie eine Hauptstadt gesehen hatte. Ich ließ es mir namentlich sehr angelegen sein, an den Hof zu gehen und wohnte der Messe des Königs regelmäßig alle Morgen bei. Ich fand es schön, mich mit diesem Fürsten und seinem Gefolge in der nämlichen Kapelle zu wissen; allein an meiner beständigen Anwesenheit während des Gottesdienstes hatte meine Leidenschaft für die Musik, die sich zu zeigen begann, doch mehr Antheil als das Gepränge des Hofes, welches bei öfterem Anblicke nicht lange zu fesseln vermag. Der König von Sardinien hatte damals die beste Kapelle in Europa. Somis, Desjardins, die Bezuzzi glänzten darin neben einander. Es hätte nicht so viel bedurft, um einen jungen Mann anzuziehen, den das Spiel des geringsten Instrumentes, falls es nur richtig war, augenblicklich in Entzücken versetzte. Uebrigens zollte ich der Pracht, die sich meinen Blicken darbot, nur eine neidlose Bewunderung. Für mich war bei all dem Glanze des Hofes das Einzige von Wichtigkeit, zu sehen, ob sich an ihm nicht eine junge Prinzessin befände, welche meine Huldigung verdiente und mit der ich einen Roman anspinnen könnte. Beinahe hätte ich einen solchen in einem weniger glänzenden Kreise angeknüpft, bei dem ich jedoch, hätte ich ihn zu Ende geführt, tausendmal mehr Vergnügen gefunden haben würde. Obgleich ich sehr sparsam lebte, begannen sich meine Geldmittel doch mehr und mehr zu erschöpfen. Meine Sparsamkeit war übrigens weniger die Wirkung der Vorsicht, als einer Vorliebe für die Einfachheit, welche meine jetzige Gewohnheit an Tafelfreuden selbst heute noch nicht verändert hat. Ich kannte und kenne noch jetzt kein besseres Mahl als ein ländlich frugales. Mit Milchspeisen, Eiern, Salat, Käse, Schwarzbrot und leidlichem Wein ist man stets sicher, mich vorzüglich zu bewirthen; mein guter Appetit thut dann das Uebrige, während mich ein Haushofmeister und Diener um mich her mit ihrem lästigen Anblicke nicht satt zu machen im Stande sind. Ich hielt damals mit einem Aufwande von sechs oder sieben Sous weit bessere Mahlzeiten, als ich sie späterhin für sechs oder sieben Francs gehalten habe. Ich war also mäßig, weil ich mich nie zur Unmäßigkeit versucht fühlte; auch nenne ich es eigentlich mit Unrecht Mäßigkeit, denn ich empfand dabei allen möglichen sinnlichen Genuß. Meine Birnen, meine saure Milch, mein Käse, meine Brotstöllchen und einige Gläser von einem Montferrater Weine, so dick, daß er sich fast schneiden ließ, machten mich zum Glücklichsten aller Leckermäuler. Aber trotz dem Allen mußten die zwanzig Francs ein Ende nehmen. Das wurde mir von Tage zu Tage klarer, und ungeachtet des Leichtsinnes meines Alters steigerte sich meine Unruhe über die Zukunft bald bis zur Angst. Als alle meine Luftschlösser zusammengestürzt waren, gewann ich die Ueberzeugung, daß mir nichts anderes übrig bliebe, als eine Beschäftigung zu suchen, die mir Unterhalt gewährte; aber auch das ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen. Ich dachte an mein altes Handwerk; allein ich verstand es nicht so vollkommen, daß ich zu einem Meister in Arbeit gehen konnte, und an den Meistern selbst gab es in Turin keinen Ueberfluß. Ich entschloß mich deshalb, bis ich etwas Besseres finden würde, mich in einem Laden nach dem andern zum Eingraviren von Namenzügen oder Wappen auf Silbergeschirr anzubieten, indem ich die Leute dadurch, daß ich ihnen die Bestimmung des Preises überließ, für mich zu gewinnen hoffte. Dieses Auskunftsmittel war kein sehr glückliches. Ich wurde fast überall abgewiesen, und die Arbeiten, die mir anvertraut wurden, waren so unbedeutend, daß mein Verdienst kaum zur Beschaffung einiger Mahlzeiten ausreichte. Als ich jedoch eines Morgens noch ziemlich früh durch die Contra Nova ging, erblickte ich durch die Scheiben eines Comptoirs eine junge Kaufmannsfrau von so großem Liebreiz und von einem so anziehenden Aeußern, daß ich trotz meiner Blödigkeit den Damen gegenüber kein Bedenken trug, einzutreten und ihr mein kleines Talent anzubieten. Sie wies mich nicht zurück, ließ mich Platz nehmen, meine kleine Geschichte erzählen, bedauerte mich und sprach mir Muth ein, indem sie hinzufügte, daß mich die guten Christen nicht verlassen würden. Während sie darauf von einem benachbarten Goldschmied die von mir als nöthig bezeichneten Werkzeuge holen ließ, ging sie in die Küche und brachte mir selbst ein Frühstück. Dieser Anfang schien mir von guter Vorbedeutung; die Folge strafte ihn nicht Lügen. Sie schien mit meiner unbedeutenden Arbeit zufrieden und noch mehr mit meinem munteren Geplauder, als ich erst wieder ein wenig Muth geschöpft hatte, denn bei ihrer glänzenden Erscheinung, die durch den Putz noch mehr gehoben wurde, fühlte ich mich trotz ihres anmuthigen Wesens anfänglich sehr befangen. Allein ihre gütige Aufnahme, ihre theilnahmsvolle Sprache, ihr sanftes und freundliches Benehmen gaben mir meine Unbefangenheit bald zurück. Ich sah, daß sie mir günstig gesinnt war, und das trieb mich an, ihre Gunst in noch höherem Grade zu gewinnen. Aber wenn auch Italienerin und zu hübsch, um nicht ein wenig kokett zu sein, war sie trotzdem so sittsam und ich so schüchtern, daß das Verhältnis nicht so schnell zu einem glücklichen Ausgange gelangen konnte. Man ließ uns nicht die Zeit das Abenteuer zu Ende zu bringen. Mit desto größerem Entzücken gedenke ich der kurzen Augenblicke, die ich bei ihr zugebracht habe, und ich kann sagen, daß ich die süßesten wie die reinsten Freuden der Liebe in den Erstlingen der ihrigen genossen habe. Sie war eine außerordentlich anziehende Brünette, deren freundliche Gesinnung, welche sich auf ihrem hübschen Gesichte ausprägte, ihrer Lebhaftigkeit etwas Rührendes verlieh. Sie hieß Frau Basile. Ihr Gatte, älter als sie und ziemlich eifersüchtig, ließ sie während seiner Reisen unter der Hut eines Ladendieners, der zu häßlich war, um verführerisch zu sein, und sich trotzdem zu Ansprüchen berechtigt glaubte, welche er nur durch seine schlechte Laune zu zeigen pflegte. Ich hatte viel von derselben zu dulden, obgleich ich ihm gern zuhörte, wenn er die Flöte blies, auf welchem Instrumente er eine ziemliche Fertigkeit besaß. Dieser neue Aegisthos brummte, so oft er mich bei seiner Dame eintreten sah; er behandelte mich mit einer Verachtung, die sie ihm reichlich vergalt. Sie schien sogar, um ihn zu quälen, daran Gefallen zu finden, mir in seiner Gegenwart Zärtlichkeiten zu erweisen, und so sehr mir diese Rache auch zusagte, hätte ich sie bei unserm Alleinsein doch noch lieber gesehen. Aber sie trieb sie nicht so weit, oder wenigstens geschah es nicht auf die gleiche Weise. Sei es, daß sie mich zu jung fand, oder nicht wußte, wie sie die ersten Schritte thun sollte, oder daß sie im Ernste ihre Sittsamkeit bewahren wollte: sie besaß dann eine Art Zurückhaltung, die zwar nicht zurückstoßend war, mich aber doch einschüchterte, ohne daß ich wußte weshalb. Obgleich ich vor ihr nicht diese eben so aufrichtige wie zärtliche Achtung fühlte, die mir Frau von Warens einflößte, so empfand ich ihr gegenüber doch mehr Scheu und weit weniger Vertraulichkeit. Ich war verlegen, aufgeregt; ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, nicht den Muth, in ihrer Nähe zu athmen, und doch fürchtete ich die Trennung von ihr ärger als den Tod. Mit gierigem Auge verschlang ich alles, was ich unbemerkt betrachten konnte: die Blumen ihres Kleides, die Spitze ihres niedlichen Fußes, das Stück ihres vollen weißen Armes, das zwischen Handschuh und Manschette sichtbar wurde und was sich bisweilen unter dem Halstuch zeigte. Jeder neue Anblick war ein neuer und noch stärkerer Reiz. Durch die Bewunderung dessen, was ich sehen konnte und errieth, verwirrten sich meine Blicke und wurde meine Brust beengt; der Athem, der mir mit jedem Augenblicke beklommener wurde, drohte zu stocken, und alles, was ich thun konnte, war, unhörbar aufzuseufzen, was in der Stille, die oft um uns herrschte, gar störend war. Glücklicherweise fiel es, wie mir schien, Frau Basile, die mit ihrer Arbeit beschäftigt war, nicht auf. Indeß bemerkte ich mitunter, daß sich ihr Halstuch wie durch eine Art Sympathie ziemlich häufig hob und senkte. Dieser gefährliche Anblick brachte mich vollends um alle Fassung; aber wenn ich eben im Begriff stand, meiner leidenschaftlichen Aufwallung nachzugeben, richtete sie irgend ein Wort in ruhigem Tone an mich, welches mich sofort wieder zur Besinnung brachte. Ich sah sie auf diese Weise wiederholentlich allein, ohne daß je ein Wort, eine Bewegung oder auch nur ein zu ausdrucksvoller Blick das geringste Einverständnis zwischen uns zu erkennen gegeben hätte. Dieses für mich sehr qualvolle Verhältnis bildete jedoch meine Wonne, und in der Einfalt meines Herzens konnte ich mir kaum denken, weshalb ich dadurch so gequält wurde. Es schienen ihr diese kleinen Zusammenkünfte eben so wenig zu mißfallen, wenigstens gab sie ziemlich häufig Gelegenheit dazu, ein von ihrer Seite sicherlich sehr unschuldiges Bestreben, nach dem Gebrauche, den sie davon machte und mich davon machen ließ. Als sie eines Tages, von den einfältigen Gesprächen des Ladendieners gelangweilt, in ihr Zimmer hinaufgestiegen war, beeilte ich mich, meine kleine Arbeit in dem Hinterladen zu beenden, und ging ihr dann nach. Ihre Zimmerthür stand halb offen; ich trat, ohne von ihr bemerkt zu werden, ein. Sie stickte, den Rücken der Thüre zugewandt, an einem Fenster. Sie konnte nicht gewahren und, bei dem ewigen Wagengerassel auf der Straße, auch nicht hören, daß ich eintrat. Sie ging stets fein gekleidet, aber an diesem Tage grenzte die Zierlichkeit ihrer Kleidung an Koketterie. Ihre Haltung war anmuthig; ihr ein wenig gesenkter Kopf ließ die blendende Weiße ihres Halses erblicken, und ihr geschmackvoll aufgestecktes Haar war mit Blumen geschmückt. Ueber ihre ganze Gestalt war ein Reiz ausgegossen, den ich Zeit zu betrachten hatte und der mir die Sinne raubte. Ich sank an der Schwelle des Zimmers auf die Knie, indem ich, überzeugt, daß sie mich nicht hören konnte, und nicht daran denkend, daß sie mich zu sehen im Stande war, mit einer leidenschaftlichen Bewegung die Arme nach ihr ausstreckte; aber über dem Kamin befand sich ein Spiegel, der mein Verräther wurde. Ich weiß nicht, welche Wirkung diese leidenschaftliche Aufwallung auf sie ausübte; sie blickte mich nicht an und sprach nicht mit mir; aber mit halb umgewandtem Kopfe wies sie mir mit einer einfachen Bewegung des Fingers die Matte zu ihren Füßen. Erbeben, aufschreien, nach dem Platze stürzen, den sie mir gezeigt hatte, war für mich eins; was man jedoch kaum glauben wird, ist, daß ich unter diesen Umständen nicht das Herz hatte, mehr zu wagen, nicht so viel Muth besaß, ein einziges Wort zu sagen, die Augen zu ihr zu erheben, ja sie in meiner gezwungenen Stellung auch nur anzurühren, um mich einen Augenblick auf ihre Knie zu stützen. Ich war stumm, regungslos, aber sicherlich nicht ruhig. Alles in mir gab die Aufregung, die Freude, die Dankbarkeit, das glühende, wenn auch seines Zieles sich unklare Verlangen zu erkennen, welches mir durch die Furcht zu mißfallen, über die mein junges Herz sich nicht beruhigen konnte, zurückgehalten wurde. Sie schien nicht ruhiger und nicht weniger schüchtern als ich. Beängstigt, mich zu ihren Füßen zu sehen, bestürzt, mich herbeigezogen zu haben, und allmählich die Folgen des mir ohne Zweifel unüberlegt gegebenen Winkes erkennend, hob sie mich weder empor noch stieß sie mich zurück; sie schlug die Augen nicht von ihrer Arbeit auf und stellte sich, als hätte sie mich nicht zu ihren Füßen gesehen. Allein trotz meiner Einfalt glaubte ich doch schließen zu dürfen, daß sie meine Verlegenheit, vielleicht sogar mein Verlangen theilte, und durch ein gleiches Schamgefühl wie ich zurückgehalten wurde, ohne das mich diese Wahrnehmung ermuthigt hätte, das ihrige zu besiegen. Fünf oder sechs Jahre, die sie mehr zählte als ich, mußten ihr meines Erachtens mehr Kühnheit verleihen, als ich hatte, und da sie nichts that, die meinige zu erwecken, so sagte ich mir, daß sie mich nicht kühn zu sehen wünschte. Selbst noch heutigen Tages bin ich überzeugt, daß ich richtig urtheilte, und sicherlich besaß sie zu viel Klugheit, um nicht einzusehen, daß ein Neuling wie ich, nicht allein der Ermuthigung, sondern auch der Anleitung bedurfte. Ich weiß nicht, wie dieser lebhafte und doch stumme Auftritt geendet, und wie lange ich noch regungslos in dieser lächerlichen und lieblichen Stellung ausgehalten hätte, wäre nicht eine Unterbrechung eingetreten. Als meine Aufregung ihren Höhepunkt erreicht hatte, hörte ich die Thüre zur Küche, welche an das Zimmer grenzte, in welchem wir uns befanden, sich öffnen, und von Angst ergriffen, die sich in ihren Worten und Bewegungen verrieth, sagte Frau Basile zu mir: »Stehen Sie auf, Rosine ist da.« Während ich mich schnell erhob, ergriff ich die Hand, die sie mir reichte, und drückte zwei brennend heiße Küsse darauf; bei dem zweiten fühlte ich die reizende Hand sich ein wenig gegen meine Lippen drücken. In meinem ganzen Leben hatte ich keinen so süßen Augenblick; aber die Gelegenheit, die ich verloren hatte, kehrte nicht wieder, und unsere junge Liebe machte hierbei Halt. Vielleicht gerade aus diesem Grunde hat sich das Bild dieser liebenswürdigen Frau in so reizenden Zügen auf dem Grunde meines Herzens erhalten. Es hat sogar in dem Maße, wie ich die Welt und die Frauen besser kennen gelernt habe, an Schönheit gewonnen. Bei größerer Erfahrung würde sie sich anders dabei benommen haben, einen Knaben zu ermuthigen; aber war ihr Herz schwach, so war es doch keusch. Sie gab unwillkürlich dem Triebe nach, der sie mit fortriß. Allem Anscheine nach war es ihre erste Untreue, und ich hätte vielleicht mehr Mühe gehabt, ihre Scham zu überwinden als die meinige. Ohne dahin gelangt zu sein, habe ich bei ihr unaussprechliche Wonne empfunden. Kein Genuß, den mir der Besitz von Frauen bereitet hat, kann sich mit dem seligen Gefühle in den zwei Minuten vergleichen, die ich zu ihren Füßen zugebracht habe, ohne auch nur zu wagen, ihr Kleid zu berühren. Nein, kein Glück ist dem gleich, welches eine sittsame Frau, die man liebt, gewähren kann; bei ihr wird alles zur Gunst. Ein kleiner Wink mit dem Finger, eine leicht gegen meinen Mund gedrückte Hand sind die einzigen Gunstbezeigungen, die ich je von Frau Basile erhielt, und die Erinnerung an diese geringfügigen Liebeszeichen entzückt mich noch, so oft ich daran denke. An den zwei folgenden Tagen wartete ich vergebens auf eine neue Zusammenkunft unter vier Augen; es war mir unmöglich, den Augenblick dazu zu finden, und ich bemerkte von ihrer Seite durchaus kein Bestreben, ihn geschickt herbeizuführen. Sogar ihr Benehmen gegen mich war, wenn auch nicht kälter, so doch zurückhaltender als gewöhnlich, und ich glaube, daß sie meine Blicke nur aus Furcht vermied, die ihrigen nicht hinreichend beherrschen zu können. Ihr verwünschter Ladendiener war widerwärtig als je; er erlaubte sich sogar allerlei Spöttereien und Späße und sagte zu mir, ich würde bei den Damen Glück machen. Ich zitterte, irgend eine Unbesonnenheit begangen zu haben, und da ich schon mit ihr im Einverständnisse zu sein wähnte, ließ ich es mir angelegen sein, eine Neigung zu verschleiern, die bis dahin der Heimlichkeit nicht sehr bedurft hatte. Dies machte mich vorsichtiger und hielt mich ab, unbedacht nach Gelegenheiten zu ihrer Befriedigung zu haschen, und so fand ich schließlich gar keine mehr, da ich nur ganz sichere suchte. Das ist noch eine zweite wunderliche Narrheit, von der ich mich nie habe heilen können, und die im Verein mit meiner natürlichen Blödigkeit die Voraussagung des Ladendieners arg Lügen gestraft hat. Ich liebte zu aufrichtig, ja ich wage zu behaupten, ich ging zu sehr in der Liebe auf, um leicht glücklich zu sein. Nie waren Leidenschaften heftiger und doch zugleich reiner als die meinigen; nie war eine Liebe zärtlicher, wahrer, uneigennütziger. Ich würde mein Glück dem der Person, die ich liebte, tausendmal zum Opfer gebracht haben; ihr Ruf war mir theurer als mein Leben und um alle Freuden des Genusses hätte ich ihre Ruhe nicht einen Augenblick gefährden mögen. Um deswillen habe ich so viel Sorge, so viel Heimlichkeit, so viel Vorsicht in meine Liebesabenteuer hineingebracht, daß nie auch nur ein einziges zu einem glücklichen Ausgange hat führen können. Mein geringer Erfolg bei den Frauen ist immer nur daher gekommen, daß ich sie zu aufrichtig liebte. Um auf den Flöte blasenden Aegisthos zurückzukommen, so war an ihm das Sonderbare, daß der verrätherische Wicht desto rücksichtsvoller zu werden schien, je unerträglicher er wurde. Von dem ersten Tage an, wo seine Dame mir ihr Wohlwollen zugewendet, hatte sie darauf gesonnen, mich im Laden nützlich zu machen. Ich war mit der Rechenkunst leidlich vertraut; sie hatte ihm den Vorschlag gemacht, mich in der Buchführung zu unterweisen, allein der Griesgram nahm den Vorschlag sehr übel auf, vielleicht aus Besorgnis verdrängt zu werden. Demnach bestand meine ganze Arbeit, außer der mit dem Grabstichel, in der Abschrift einiger Rechnungen und gerichtlicher Eingaben, in der Reinschrift einiger Bücher und in der Übersetzung einiger Geschäftsbriefe aus dem Italienischen in das Französische. Plötzlich kam es meinem Manne in den Sinn, auf den Vorschlag, den er erst abgelehnt hatte, zurückzukommen; er erklärte sich bereit, mich die doppelte Buchführung zu lehren und dahin zu bringen, daß ich dem Herrn Basile nach seiner Rückkunft meine Dienste anbieten könnte. In seinem Tone, in seiner Miene lag dabei etwas eigenthümlich Falsches, Boshaftes und Spöttisches, das mir durchaus kein Vertrauen einflößte. Ohne meine Antwort abzuwarten, erwiderte ihm Frau Basile trocken, daß sie hoffte, das Glück würde meinen Fähigkeiten endlich günstig sein, da es jedenfalls jammerschade wäre, wenn ich es bei so vielem Geist nur bis zum Ladendiener brächte. Sie hatte mir mehrmals gesagt, daß sie die Absicht hätte, mich eine Bekanntschaft machen zu lassen, die mir nützlich sein könnte. Sie dachte verständig genug, um einzusehen, daß es Zeit wäre, mich von sich fern zu halten. Unsere stummen Erklärungen waren am Donnerstage vorgefallen. Am Sonntag gab sie ein Mittagessen, an dem außer mir und vielen andern auch ein Jakobinermönch von angenehmem Aeußern Theil nahm, dem sie mich vorstellte. Der Mönch bezeigte mir viel Freundlichkeit, wünschte mir zu meinem Uebertritte Glück und sagte mir mancherlei über meine Lebensschicksale, was mir deutlich zu erkennen gab, daß ihm Frau Basile dieselben ausführlich mitgetheilt hatte. Als er mir darauf noch zweimal die Backe geklopft hatte, sagte er zu mir, ich sollte verständig sein, guten Muth behalten und ihn besuchen, damit wir uns mit größerer Muße besprechen könnten. Aus der Ehrerbietung, die ihm jedermann erwies, schloß ich, daß er ein einflußreicher Mann sein mußte, und aus dem väterlichen Tone, den er Frau Basile gegenüber anschlug, daß er ihr Beichtvater war. Ich erinnere mich auch sehr wohl, daß seine ehrbare Vertraulichkeit mit Zeichen der Achtung und sogar der Hochachtung für sein Beichtkind verbunden war, die damals weniger Eindruck auf mich machten, als sie es jetzt thun. Hätte ich mehr Einsicht besessen, wie rührend hätte es dann für mich sein müssen, daß ich fähig gewesen war, einer von ihrem Beichtvater hochgeschätzten Frau ein Gefühl eingeflößt zu haben. Der Tisch war für die Zahl der Gäste nicht groß genug; ein kleiner mußte zu Hilfe genommen werden, an dem mir ein angenehmes Zusammensein mit dem Herrn Ladendiener beschieden war. In Bezug auf die Aufmerksamkeiten und gute Bissen kam ich dabei nicht zu kurz; viele Teller wurden zu dem kleinen Tische hingeschickt, die sicherlich nicht für meinen Tischgenossen bestimmt waren. Bis dahin ging alles sehr gut; die Frauen waren sehr heiter, die Männer sehr galant; Frau Basile machte mit reizender Anmuth die Wirthin. Mitten im Mahle hört man einen Wagen vor der Thüre halten. Jemand steigt die Treppe herauf, es ist Herr Basile. Ich habe ihn noch vor Augen, als träte er jetzt eben ein, in scharlachrothem Rocke mit goldenen Knöpfen, eine Farbe, vor der ich seit jenem Tage den höchsten Abscheu habe. Herr Basile war ein großer und schöner Mann, der sich sehr gut ausnahm. Er tritt geräuschlos herein, mit der Miene eines Menschen, der die Seinen auf der That ertappt, obgleich die Gesellschaft nur aus seinen Freunden bestand. Seine Frau fällt ihm um den Hals, ergreift seine Hände, erweist ihm tausend Liebkosungen, die er annimmt, ohne sie zu erwidern. Er begrüßt die Gesellschaft, man gibt ihm ein Gedeck, er ißt. Kaum hatte man angefangen von seiner Reise zu sprechen, als er mit einem Blicke auf die kleine Tafel mit strengem Tone fragt, wer der junge Mensch sei, den er dort bemerke. Frau Basile sagt es ihm ganz unbefangen. Er fragt, ob ich im Hause wohne. Man verneint es. Weshalb nicht? erwidert er barsch; wenn er sich hier den Tag über aufhält, kann er eben so gut des Nachts dableiben. Der Mönch ergriff nun das Wort, und nach einem ernsten und aufrichtig gemeinten Lobe der Frau Basile, sprach er sich in wenigen Worten belobigend über mich aus, indem er hinzufügte, daß sich Herr Basile, statt die fromme Mildthätigkeit seiner Frau zu tadeln, beeifern sollte, sich daran zu betheiligen, weil dabei nichts über die Grenzen des Erlaubten hinausginge. Der Gatte erwiderte in einem Tone von Verdruß, den er jedoch in der Gegenwart des Mönches nur halb zu zeigen wagte. Was er aber sagte, war hinreichend, um mich zu überzeugen, daß ihm Mittheilungen über mich zugekommen waren und mir der Ladendiener auf seine Weise einen Dienst geleistet hatte. Kaum war die Tafel aufgehoben, als dieser, von seinem Herrn gesandt, im Triumphe kam, um mich in dessen Namen aufzufordern, sofort sein Haus zu verlassen und es nie in meinem Leben wieder zu betreten. Er würzte seinen Auftrag mit allem, was ihn beleidigend und grausam machen konnte. Ich ging, ohne ein Wort zu sagen, aber mit tief betrübtem Herzen, weniger aus Kummer über die Trennung von dieser liebenswürdigen Frau als aus Schmerz darüber, daß ich sie der Rohheit ihres Gatten zur Beute lassen mußte. Er hatte unzweifelhaft Recht, nicht zu wollen, daß sie ihm untreu wurde; aber obgleich sittsam und von guter Familie war sie doch Italienerin, das heißt reizbar und rachsüchtig; er hatte, wie mir scheint, deshalb Unrecht, ihr gegenüber die Mittel anzuwenden, welche gerade am geeignetsten sind, das Uebel, welches er befürchtete, herbeizuziehen. So war der Ausgang meines ersten Liebesverhältnisses. Ich wagte zwei- oder dreimal durch die Straße, in der Basile wohnte, zu gehen, um die, nach der mein Herz sich unaufhörlich sehnte, wenigstens wiederzusehen; aber statt ihrer gewahrte ich nur einen Mann und den wachsamen Ladendiener, der, sobald er mich bemerkt hatte, mit der Elle eine mehr deutliche als anlockende Bewegung machte. Da ich sah, wie man mir beständig aufpaßte, verlor ich den Muth und ging nicht mehr vorüber. Nun wollte ich wenigstens den Beschützer, den sie mir verschafft hatte, aufsuchen. Unglücklicherweise wußte ich seinen Namen nicht. Ich wanderte mehrere Male um das Kloster herum, um ihm vielleicht zu begegnen, aber vergebens. Endlich schwächten andere Ereignisse das bezaubernde Andenken an Frau Basile, und binnen kurzem vergaß ich sie so vollkommen, daß ich, noch eben so einfältig und eben so uneingeweiht wie zuvor, nicht einmal meine Sinnlichkeit durch den Anblick hübscher Frauen erregt fühlte. Ihre Freigebigkeit hatte indessen meine kleine Ausstattung wieder in einen etwas besseren Zustand versetzt, allerdings nur in sehr bescheidener Weise und mit der Vorsicht einer klugen Frau, die mehr auf Reinlichkeit als auf Putz sah und wohl darauf ausging, mich vor Mangel zu schützen, aber nicht mit mir Staat zu machen. Der Anzug, den ich aus Genf mitgebracht hatte, war noch gut und tragbar; sie fügte nur einen Hut und etwas Wäsche hinzu. Ich hatte keine Manschetten; obgleich ich großes Verlangen nach ihnen trug, wollte sie mir keine geben. Sie begnügte sich damit, daß sie mich in den Stand setzte, mich reinlich zu kleiden, und das brauchte man mir, so lange ich vor ihr erschien, nicht erst anzuempfehlen. Wenige Tage nach dem traurigen Ausgange meines Abenteuers erzählte mir meine Wirthin, die, wie gesagt, sich meiner freundschaftlich angenommen, daß sie vielleicht eine Stelle für mich gefunden hätte und eine adlige Dame mich zu sehen wünschte. Bei diesem Worte wähnte ich mich schon in vollem Ernste in lauter großartige Abenteuer verwickelt, denn darauf kam ich immer wieder zurück. Das in Rede stehende stellte sich nicht als so glänzend heraus, wie ich mir vorgestellt hatte. Ich war bei dieser Dame mit dem Diener, der sie auf mich aufmerksam gemacht hatte. Sie fragte mich aus und nahm mich in Augenschein, und ich trat auf der Stelle bei ihr in Dienst, aber keineswegs in der Eigenschaft eines Günstlings, sondern in der eines Lakaien. Ich wurde in die Livrée ihrer Leute gekleidet; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie die Achselschnur trugen, während man sie mir nicht gab. Da die Livréen ohne Tressen waren, glichen sie fast vollkommen der bürgerlichen Tracht. Das war das unerwartete Ende, auf welches schließlich alle meine großen Hoffnungen hinaus liefen. Die Frau Gräfin von Bercellis, bei der ich in Dienst trat, war eine kinderlose Wittwe; ihr Mann war Piemontese gewesen; sie selbst habe ich stets für eine Savoyardin gehalten, da ich mir nicht denken konnte, daß eine Piemontesin so gut französisch redete und eine so reine Aussprache hätte. Sie befand sich in mittleren Jahren, war eine sehr edle Erscheinung und hatte einen gebildeten Geist, was ihre Liebe zu der französischen Literatur und ihre Kenntnis derselben bewies. Sie schrieb viel und immer nur in französischer Sprache. Ihre Briefe hatten den Stil und fast den Reiz derjenigen der Frau von Sévigné; man hätte einige mit solchen verwechseln können. Mein Hauptgeschäft, welches mir nicht mißfiel, war, sie nach ihrem Dictat zu schreiben, da ein Brustkrebs, der ihr viel Schmerzen bereitete, ihr nicht mehr gestattete, selbst zu schreiben. Frau von Bercellis hatte nicht allein viel Geist, sondern auch eine erhabene und starke Seele. Ich bin während der ganzen Dauer ihrer Krankheit um sie gewesen. Ich habe gesehen, wie sie litt und starb, ohne je einen Augenblick der Schwäche zu zeigen, ohne sich je den geringsten Zwang aufzuerlegen, ohne je die Weiblichkeit zu verläugnen und ohne zu ahnen, daß dazu Philosophie erforderlich wäre, ein Wort, welches noch gar nicht in der Mode war und das sie nicht einmal in der heute damit verbundenen Bedeutung kannte. Diese Charakterstärke grenzte mitunter an Härte. Es ist mir immer so vorgekommen, als ob sie für Andere eben so wenig Gefühl hätte wie für sich selbst, und wenn sie Unglücklichen Gutes erwies, so geschah es eher, um Gutes an sich zu thun, als aus wirklichem Erbarmen. Während der drei Monate, die ich bei ihr zubrachte, habe ich von dieser Gefühllosigkeit auch etwas zu erfahren bekommen. Es war natürlich, daß sie einen jungen Mann, von dem sich etwas hoffen ließ und den sie fortwährend unter den Augen hatte, lieb gewann, und daß sie im Angesichte des Todes daran dachte, er würde nach ihrem Abscheiden Hilfe und Beistand bedürfen. Dessen ungeachtet that sie nichts für mich, sei es nun, daß sie mich einer besonderen Beachtung nicht für würdig hielt, oder daß ihre Umgebung, die sie förmlich umlagert hielt, ihre Gedanken nur auf sich lenkte. Indessen erinnere ich mich sehr wohl, daß sie einige Neugier bekundet hatte, mich kennen zu lernen. Sie richtete mitunter Fragen an mich; es machte ihr Freude, wenn ich ihr die Briefe zeigte, die ich an Frau von Warens schrieb, und ihr meine Gefühle schilderte; aber sie griff es fürwahr nicht geschickt an, sie vollkommen kennen zu lernen, da sie mir nie die ihrigen mittheilte. Mein Herz schüttete sich gern aus, sobald es überzeugt war, daß es ein anderes fand. Trocknes und kaltes Ausfragen ohne ein Zeichen von Zustimmung oder Tadel erweckten nicht mein Vertrauen. Wenn mir nichts verrieth, ob mein Geschwätz gefiel oder mißfiel, schwebte ich immer in Angst und suchte weniger das, was ich dachte, klar zu machen, als nichts zu sagen, was mir schaden könnte. Später habe ich die Bemerkung gemacht, daß diese trockene Frageweise, um die Leute auszuforschen, bei Frauen, die sich auf ihren Geist etwas einbilden, ziemlich allgemein im Schwange ist. Sie leben in dem Wahne, daß, wenn sie mit ihrer eigenen Gesinnung zurückhalten, es ihnen desto besser gelingen werde, die eurige zu durchschauen; allein sie sehen nicht ein, daß sie dadurch gerade den Muth nehmen, sie zu zeigen. Ein Mann, den man ausfragt, fängt lediglich schon aus diesem Grunde an, auf seiner Hut zu sein; und wenn er glaubt, daß man, ohne wirkliche Theilnahme für ihn zu hegen, nur darauf ausgeht, ihn zum Ausplaudern zu bringen, so lügt er oder schweigt, oder ist noch einmal so achtsam auf sich, und will lieber für einen Dummkopf gelten als sich einer Neugierde zum Spielballe hergeben. Kurz, will man in dem Herzen Anderer lesen, so giebt es kein untauglicheres Mittel, als sein eigenes zu verschließen. Frau von Bercellis hat nie ein Wort zu mir gesagt, in dem sich Güte, Theilnahme, Wohlwollen zu erkennen gab. Sie fragte mich frostig aus, ich antwortete zurückhaltend. Meine Antworten waren so schüchtern, daß sie sie trivial finden und sich dabei langweilen mußte. Schließlich unterwarf sie mich keinem Verhöre mehr und redete mit mir nur so viel, als der Dienst erforderte. Sie beurtheilte mich weniger nach dem, was ich war, als nach dem, was sie aus mir gemacht hatte, und da sie in mir nichts als einen Lakai sah, machte sie es mir unmöglich, ihr als etwas Anderes zu erscheinen. Ich glaube, daß sich das tückische Spiel des verhüllten Eigennutzes, das mein ganzes Leben durchkreuzt und mir einen sehr natürlichen Widerwillen gegen die scheinbar dadurch bewirkte Ordnung eingeflößt hat, schon damals an mir fühlbar machte. Da Frau von Vercellis kinderlos war, hatte sie ihren Neffen, den Grafen della Rocca, der ihr unablässig den Hof machte, zum Erben. Außerdem vergaßen sich ihre Hauptdiener nicht, welche sahen, daß ihr Ende nahe war, und so drängten sich so viele an sie heran, daß sie schwerlich Zeit hatte, an mich zu denken. An der Spitze ihres Hauswesens stand ein Herr Lorenzi, ein gewandter und listiger Mann, dessen noch listigere Frau sich bei ihrer Herrin so in Gunst gesetzt hatte, daß sie bei ihr eher die Stellung einer Freundin als einer bezahlten Dienerin einnahm. Als Kammerfrau hatte ihr dieselbe eine Nichte, Jungfer Pontal genannt, gegeben, eine schlaue Aufpasserin, die die Rolle eines Ehrenfräuleins spielte und ihrer Tante beistand, die Herrin so vollkommen zu umgarnen, daß diese nur durch ihre Augen sah und durch ihre Hände handelte. Ich hatte nicht das Glück, diesen drei Personen zu gefallen; ich gehorchte ihnen, diente ihnen aber nicht; ich glaubte nicht, daß ich über den Dienst unserer gemeinsamen Herrin hinaus noch der Diener ihrer Diener sein müßte. Ueberdies war ich für sie eine gewissermaßen beunruhigende Persönlichkeit. Sie sahen recht gut, daß ich nicht an meinem Platze war; sie befürchteten, die Gebieterin könnte es ebenfalls bemerken und ihr Antheil durch die Bemühung derselben mir die gebührende Stellung einzuräumen, geschmälert werden; denn zu habsüchtig, um gerecht zu sein, betrachtet diese Art von Leuten alle Legate an Andere als eine Verkürzung ihres eigenen Vermögens. Sie verbanden sich deshalb, mich den Augen der Herrin zu entziehen. Sie schrieb gern Briefe; in ihrem Zustande war es für sie ein Zeitvertreib: sie verleideten es ihr und ließen sie durch den Arzt davon abbringen, indem ihr derselbe vorstellte, daß es sie ermüdete. Unter dem Vorwande, daß ich den Dienst nicht verstände, wurden statt meiner zwei plumpe Lümmel von Sänfteträgern um sie beschäftigt, kurz, man richtete es so geschickt ein, daß, als sie ihr Testament machte, ich schon seit acht Tagen ihr Zimmer nicht betreten hatte. Allerdings wurde ich darauf wie zuvor zu ihr gelassen und war sogar öfter um sie als irgend jemand anders, denn die Schmerzen dieser armen Frau zerrissen mir das Herz; die Standhaftigkeit, mit der sie sie ertrug, machten sie mir im hohen Grade achtungswerth und theuer, und ich habe in ihrem Zimmer aufrichtige Thränen vergossen, ohne daß sie oder jemand anders es bemerkte. Wir verloren sie endlich. Ich sah sie verscheiden. War ihr Leben das einer Frau von Geist und Verstand gewesen, so war ihr Tod der einer Weisen. Ich kann sagen, daß sie mir die katholische Religion durch die Seelenruhe, mit der sie die Anforderungen derselben ohne Gleichgiltigkeit und ohne erheuchelten Eifer erfüllte, lieb und werth machte. Von Natur war sie ernst. Gegen Ende ihrer Krankheit bemächtigte sich ihrer eine Art von Heiterkeit, die zu gleichmäßig war, um erkünstelt zu sein, und die nichts als ein ihr von der Vernunft verliehenes Gegengewicht gegen das Traurige ihres Zustandes war. Nur die zwei letzten Tage hütete sie das Bett und hörte nicht auf sich ruhig mit jedermann zu unterhalten. Als sie endlich schon nicht mehr sprechen konnte und mit dem Tode kämpfte, entfuhr ihr ein Wind. »Schön,« sagte sie, indem sie sich umwandte, »eine Frau, die Blähungen hat, ist noch nicht todt.« Dies waren die letzten Worte, die sie sprach. Sie hatte ihren unteren Dienstleuten einen Jahreslohn vermacht; da ich jedoch nicht in das Verzeichnis des Dienstpersonals eingetragen war, erhielt ich nichts. Gleichwohl befahl der Graf della Rocca mir dreißig Livres auszuzahlen und ließ mir auch den neuen Anzug, den ich täglich trug und den mir Herr Lorenzi nehmen wollte. Er versprach sogar, sich nach einer Stelle für mich umzusehen, und gestattete mir, zu ihm zu kommen. Ich suchte ihn zwei- oder dreimal auf, ohne ihn sprechen zu können. Ich war leicht zu entmuthigen und stand von weiteren Besuchen ab. Man wird bald sehen, daß es Unrecht von mir war. Ach, daß ich mit allem, was ich von meinem Aufenthalte bei Frau von Vercellis zu erzählen hatte, doch hiermit zu Ende wäre! Aber wenn mein Seelenzustand auch anscheinend unverändert blieb, so verließ ich ihr Haus doch nicht, wie ich in dasselbe eingetreten war. Ich nahm aus ihm die unauslöschliche Erinnerung an ein Verbrechen und das unerträgliche Gewicht der Reue mit fort, die noch immer, am Ende von vierzig Jahren auf meinem Gewissen lastet und deren Bitterkeit, statt abzunehmen, sich mit dem zunehmenden Alter unaufhörlich steigert. Wer sollte meinen, daß der Fehler eines Kindes so grausame Folgen haben könnte! Und gerade über diese mehr als blos wahrscheinlichen Folgen wird mein Herz sich nie zu trösten im Stande sein. Ich bin vielleicht die Ursache gewesen, daß ein liebenswürdiges, sittsames, achtbares Mädchen, das sicherlich viel mehr werth war als ich, in Schande und Elend untergegangen ist. Die Auflösung eines Haushaltes wird immer mit einiger Verwirrung und dem Verluste mancher Sachen verbunden sein. Gleichwohl war die Treue der Dienstleute und die Wachsamkeit des Herrn und der Frau Lorenzi so groß, daß von dem Inventarium nichts fortkam. Jungfer Pontal allein verlor ein kleines, schon altes, rosa- und silberfarbiges Band. Viele andere bessere Sachen waren mir zugänglich; dieses Band allein reizte mich, ich stahl es, und da ich es nicht sorgfältig verbarg, fand man es bald. Man wollte wissen, wo ich es genommen hatte. Ich werde verlegen, stottere und sage endlich erröthend, Marion habe es mir gegeben. Marion war ein junges, aus Maurienne stammendes Mädchen, das Frau von Vercellis zu ihrer Köchin erhoben hatte, als sie bei Verzicht auf alle Tafelfreuden ihre bisherige entließ, da sie mehr guter Suppen als feiner Ragouts bedurfte. Marion war nicht allein hübsch, sondern hatte auch eine Frische der Gesichtsfarbe, wie man sie nur im Gebirge findet, und besonders etwas so Sittsames und Sanftes, daß man sie nicht sehen konnte, ohne sie lieb zu gewinnen. Ueberdies war sie ein gutes, bescheidenes Mädchen und von erprobter Treue. Deshalb überraschte es, als ich sie angab. Da man mir nicht weniger Vertrauen schenkte als ihr, hielt man es für wichtig, festzustellen, wer von uns beiden der Dieb wäre. Man ließ sie kommen; die Versammlung war zahlreich, selbst der Graf della Rocca war zugegen. Sie erscheint, man zeigt ihr das Band; mit Frechheit klage ich sie an; sie wird betreten, schweigt und wirft mir einen Blick zu, der die Teufel würde entwaffnet haben, aber auf mein unmenschliches Herz ohne Eindruck bleibt. Sie läugnet endlich mit Festigkeit, aber ohne leidenschaftliche Heftigkeit, wendet sich an mich, ermahnt mich, in mich zu gehen, ein unschuldiges Mädchen, das mir nie etwas zu Leide gethan hat, nicht zu entehren, und ich, ich bestätige mit einer wahrhaft höllischen Schamlosigkeit meine Erklärung und behaupte ihr ins Gesicht, sie habe mir das Band gegeben. Das arme Mädchen brach in Thränen aus und sagte zu mir nur: »Ach, Rousseau, ich hielt dich für einen guten Menschen. Du machst mich sehr unglücklich, aber ich möchte nicht an deiner Stelle sein.« Dies war alles. Sie fuhr fort, sich mit eben so großer Einfachheit wie Festigkeit zu vertheidigen, aber ohne sich die geringste Schmähung gegen mich zu erlauben. Diese Mäßigung meinem bestimmten Tone gegenüber gab ihr Unrecht. Es schien gegen die Natur zu streiten, daß man auf der einen Seite eine so teuflische Unverschämtheit und auf der andern eine so engelgleiche Sanftmuth annehmen sollte. Man schien nicht zur völligen Entscheidung zu kommen, aber das Vorurtheil war für mich. In der Unruhe, in der man sich damals befand, nahm man sich nicht die Zeit, die Sache gründlich zu untersuchen, und der Graf de la Rocca beschränkte sich darauf, uns beide zu entlassen und zu sagen, daß das Gewissen des Schuldigen den Unschuldigen hinreichend rächen würde. Seine Voraussagung war nicht grundlos; sie erfüllt sich einen Tag wie den andern an mir. Es ist mir unbekannt, was aus diesem Opfer meiner Verleumdung wurde; aber wahrscheinlich hat sie danach nicht leicht wieder ein gutes Unterkommen gefunden. Es haftete eine in jeder Beziehung ihre Ehre schädigende Beschuldigung an ihr. Der Diebstahl betraf nur eine Kleinigkeit, aber es war immer ein Diebstahl, und was noch schlimmer, zur Verführung eines jungen Menschen begangen; dazu ließen die Lüge und der Starrsinn nichts von einer Person hoffen, in der so viele Fehler vereinigt waren. Ich betrachte das Elend und die Verlassenheit nicht einmal als die größte Gefahr, der ich sie ausgesetzt habe. Wer weiß, wohin die Mutlosigkeit, in die ihre mißhandelte Unschuld sie stürzen mußte, sie bei ihrem Alter hat bringen können? Ach, wenn die Reue darüber, daß ich sie unglücklich gemacht haben kann, schon unerträglich ist, dann möge man sich erst die vorstellen, daß ich sie vielleicht schlechter gemacht habe, als ich bin. Diese bittere Erinnerung peinigt mich bisweilen und regt mich bis zu dem Grade auf, daß ich in Stunden der Schlaflosigkeit dieses arme Mädchen an mein Bett treten sehe, um mir mein Verbrechen vorzuwerfen, als wäre es erst gestern begangen. So lange ich ruhig lebte, hat es mich weniger gequält, aber inmitten eines stürmischen Lebens raubt es mir den süßen Trost der verfolgten Unschuld; es läßt mich tief empfinden, was ich in einem meiner Werke behauptet habe, daß die Reue während eines glücklichen Lebens nachläßt und im Unglück heftiger wird. Indessen habe ich mich nie dazu entschließen können, mein Herz durch ein Geständnis an einen Freund zu erleichtern. Bei der engsten Vertraulichkeit habe ich niemandem, nicht einmal der Frau von Warens, dieses Bekenntnis abgelegt. Alles, wozu ich mich habe überwinden können, ist das Eingeständnis gewesen, daß ich mir eine Schlechtigkeit vorzuwerfen hätte, aber nie habe ich gesagt, worin sie bestände. Diese Last ruht also noch bis auf den heutigen Tag ohne Erleichterung auf meinem Gewissen, und ich kann sagen, daß der Wunsch, sie einigermaßen von mir abzuwälzen, viel zu meinem Entschlüsse beigetragen hat, meine Bekenntnisse zu schreiben. Bei dem eben abgelegten habe ich die Wahrheit rund heraus gesagt, und man wird sicherlich nicht finden, daß ich hierbei die Schwärze meiner Schandthat beschönigt habe. Allein ich würde den Zweck dieses Buches nicht erfüllen, wenn ich nicht zugleich meine innere Gesinnung erklärte, und wenn ich Scheu trüge, mich bei dem zu entschuldigen, was die volle Wahrheit ist. Nie war ich von einer wirklich boshaften Gesinnung freier als in jenem grausamen Augenblick, und so sonderbar es auch klingt, so ist es doch wahr, daß, als ich dieses unglückliche Mädchen anklagte, die Schuld in meiner Freundschaft für dasselbe lag. Meine Gedanken weilten bei ihm; ich schob die Schuld auf den ersten Gegenstand, der mir vorschwebte. Ich klagte es an, das, was ich thun wollte, gethan und mir das Band gegeben zu haben, weil meine Absicht war, es ihm zu geben. Als ich es darauf erscheinen sah, that es mir unendlich leid, aber die Anwesenheit so vieler Leute gewann die Oberhand über meine Reue. Vor der Strafe hatte ich wenig Furcht, ich fürchtete nur die Schande, aber ich fürchtete sie mehr als den Tod, mehr als das Verbrechen, mehr als alles auf der Welt. Ich hätte versinken, hätte mich umbringen mögen; das unbesiegliche Schamgefühl überwand alles; das Schamgefühl allein verlieh mir Frechheit, und je schuldiger ich wurde, desto kecker machte mich die Angst, meine Schuld eingestehen zu müssen. Mich erfüllte nur der grausenhafte Gedanke, überführt und in meinem Beisein öffentlich als Dieb, Lügner und Verleumder erklärt zu werden. Eine vollkommene Verwirrung raubte mir jedes andere Gefühl. Wenn man mich hätte zur Besinnung kommen lassen, würde ich unfehlbar alles bekannt haben. Hätte mich Herr de la Rocca bei Seite genommen, hätte er zu mir gesagt: »Richte dieses arme Mädchen nicht zu Grunde; gestehe es mir, wenn du schuldig bist,« würde ich mich ihm sofort zu Füßen geworfen haben, davon bin ich vollkommen überzeugt. Aber man suchte mich nur einzuschüchtern, während man mir hätte Muth einflößen sollen. Auch auf mein Alter muß man billigerweise Rücksicht nehmen; ich war kaum aus der Kindheit herausgetreten, oder ich stand vielmehr noch in ihr. In der Jugend sind die wahren Schlechtigkeiten noch strafbarer als im reifen Alter; was aber aus der Schwäche hervorgeht, ist es dafür weit weniger, und mein Fehler war im Grunde nichts anderes. Auch quält mich die Erinnerung daran weniger wegen des Bösen an sich selbst, als wegen der Folgen, die sich daran knüpfen. Für mich hat es sogar das Gute gehabt, mich für meine ganze übrige Lebenszeit vor jeder an das Verbrecherische streifenden Handlung zu bewahren. Dies habe ich dem furchtbaren Eindrucke zu verdanken, der mir von der einzigen Schlechtigkeit geblieben ist, welche ich je begangen habe; und ich glaube zu fühlen, daß mein Abscheu vor Lügen seine Quelle zum großen Theile in der Reue darüber hat, daß ich eine so schändliche habe aussprechen können. Wenn dieselbe ein Verbrechen ist, welches, wie ich zu hoffen wage, gesühnt werden kann, so muß es durch so viele Unglücksfälle, welche gegen das Ende meines Lebens auf mich eingestürmt sind, durch vierzig Jahre der Redlichkeit und Rechtschaffenheit in schwierigen Verhältnissen gesühnt sein. Die arme Marion findet so viele Rächer in dieser Welt, daß, wie groß auch die ihr von mir zugefügte Kränkung gewesen sein mag, ich nur geringe Furcht hege, mit ihr beschwert in die Ewigkeit hinüberzugehen. Das hatte ich über diesen Gegenstand zu sagen. Möge man mir erlauben, nie wieder darauf zurückzukommen. Drittes Buch. 1728 – 1731 Aus dem Hause der Frau von Bercellis ungefähr in derselben Lage geschieden, in der ich in dasselbe eingetreten war, kehrte ich zu meiner früheren Wirthin zurück und blieb bei ihr fünf oder sechs Wochen, während welcher sich meine Natur in Folge meiner Gesundheit, meiner Jugend und meiner Unthätigkeit oft recht lästig äußerte. Ich war unruhig, zerstreut, träumerisch; ich weinte, ich seufzte, ich sehnte mich nach einem Glücke, von dem ich keine Vorstellung hatte und dessen Entbehrung sich mir doch fühlbar machte. Dieser Zustand läßt sich nicht beschreiben, und sogar nur wenige Menschen können sich einen Begriff von ihm machen, weil die meisten dieser so quälenden und doch zugleich so köstlichen Lebensfülle, welche im Rausche des Verlangens einen Vorgeschmack des Genusses gewährt, schon zuvorgekommen sind. Mein erhitztes Blut erfüllte mir das Gehirn unaufhörlich mit Mädchen und Frauen, aber da ich keine Ahnung hatte, was ich in Wahrheit mit ihnen anfangen sollte, benutzte ich sie in der Einbildung seltsamerweise nach meinem alten Geschmacke, ohne zu wissen, was ich weiter mit ihnen anfangen sollte; und diese Ideen hielten meine Sinne in einer sehr lästigen Thätigkeit. Glücklicherweise unterrichteten sie mich nicht darin, wie ich mir vor ihr Ruhe verschaffen konnte. Ich würde mein Leben dafür hingegeben haben, auf eine Viertelstunde ein Fräulein Goton wiederzufinden. Allein es war nicht mehr die Zeit, wo die Spiele der Kindheit wie von selbst darauf hinausliefen. Die Scham, die Begleiterin des Bewußtseins vom Bösen, hatte sich mit den Jahren eingefunden; sie hatte meine Schüchternheit bis zur Unüberwindlichkeit gesteigert, und nie habe ich, weder damals noch später, in mir den Muth gefühlt, einen unzüchtigen Antrag zu machen, wenn die, welcher ich ihn anzusinnen wagte, mich nicht gewissermaßen durch ihr Entgegenkommen dazu gezwungen hätte, sogar wenn ich wußte, daß sie nicht bedenklich war, und ich fast sicher sein konnte, daß sie mich beim Worte nehmen würde. Meine Aufregung wuchs bis zu dem Grade, daß ich, da ich mein Verlangen nicht befriedigen konnte, es durch die wunderlichsten Kunstgriffe noch immer mehr anreizte. Ich suchte dunkle Alleen, abgelegene Orte auf, wo ich mich von Weitem den Personen weiblichen Geschlechtes in dem Zustande zeigen könnte, in dem ich hätte bei ihnen sein mögen. Was sie zu sehen bekamen, war kein unzüchtiger Anblick – daran dachte ich nicht einmal – sondern ein lächerlicher. Das einfältige Vergnügen, das ich empfand, ihn ihren Augen darzubieten, läßt sich nicht beschreiben. Es bedurfte nur noch eines einzigen Schrittes darüber hinaus, um der ersehnten Behandlung theilhaftig zu werden, und ich zweifle nicht, daß mir irgend eine Entschlossene beim Vorübergehen dieses Vergnügen verschafft hätte, wenn ich die Kühnheit gehabt, es abzuwarten. Dieses alberne Benehmen hatte für mich einen fast eben so komischen, wenn auch weniger angenehmen Ausgang. Eines Tages stellte ich mich in dem Hintergrunde eines Hofes auf, wo sich ein Brunnen befand, zu dem die Mädchen des Hauses oft kamen, um Wasser zu holen. Dort war auch ein Vorbau, von dem aus man durch verschiedene Eingänge zu Kellern gelangen konnte. Ich untersuchte im Dunkeln diese Kellerräume, und da sie, wie ich fand, lang und düster waren, glaubte ich, sie hätten kein Ende und würden mir im Falle einer Entdeckung einen sichern Zufluchtsort gewähren. In diesem Vertrauen bereitete ich den Mädchen, die zum Brunnen kamen, ein mehr lächerliches als verführerisches Schauspiel. Die klügsten thaten, als sähen sie nichts; andere fingen an zu lachen, noch andere hielten sich für verhöhnt und machten Lärm. Ich rettete mich in meinen Zufluchtsort und wurde verfolgt. Ich hörte die Stimme eines Mannes und wurde unruhig, da ich darauf nicht gerechnet hatte. Ich drang auf die Gefahr hin, mich zu verirren, immer tiefer in die Kellerräume ein: der Lärm, die Stimmen, die Männerstimme folgten mir beständig. Ich hatte mich auf die Dunkelheit verlassen, und es war hell. Ich zitterte, ich ging noch tiefer hinein. Eine Mauer hielt mich auf, und da ich nicht weiter gehen konnte, mußte ich mein Schicksal abwarten. In einem Augenblicke wurde ich von einem großen Manne mit einem langen Knebelbarte und gewaltigem Hute auf dem Kopfe erreicht und ergriffen. Er trug einen langen Säbel und wurde von vier oder fünf alten Frauen begleitet, von denen sich jede mit einem Besenstiel bewaffnet hatte. Unter ihnen bemerkte ich auch die kleine Dirne, die mich verrathen hatte und mir ohne Zweifel ins Gesicht sehen wollte. Als mich der Mann mit dem Säbel am Arme ergriff, fragte er mich barsch, was ich da machte. Man begreift, daß ich mit der Antwort nicht schnell bei der Hand war. Ich faßte mich jedoch und ersann, indem ich alle meine Geisteskräfte zusammennahm, eine romantische Geschichte, mit der ich auch Erfolg hatte. Ich sagte zu ihm mit flehendem Tone, er möchte Mitleid mit meinem Alter und meinem Zustande haben, ich wäre ein junger Fremder von vornehmer Geburt, der im Kopfe nicht ganz richtig wäre; ich wäre dem väterlichen Hause entflohen, weil man mich einsperren wollte; ich wäre verloren, wenn er mich zwänge, mich ihm zu erkennen zu geben; ließe er mich jedoch in Frieden gehen, so würde ich vielleicht eines Tages im Stande sein, mich ihm für diese Gnade erkenntlich zu erzeigen. Gegen alle Erwartung machte meine Rede und mein Aeußeres Eindruck. Der schreckliche Mann wurde davon gerührt, und nach einem ziemlich kurzen Verweise ließ er mich ruhig gehen, ohne mich weiter auszufragen. Nach den Mienen, mit denen mich die Dirne und die alten Weiber davon gehen sahen, mußte ich annehmen, daß mir der Mann, den ich erst so sehr fürchtete, sehr nützlich war, und daß ich bei ihnen allein nicht so wohlfeil davon gekommen wäre. Ich hörte sie Allerlei murmeln, um das ich mich jedoch nicht viel kümmerte, denn wenn sich nur der Mann und sein Säbel nicht hineinmischten, war ich, jung und kräftig, wie ich war, dessen sicher, mich ihrer Knüttel und ihrer selbst zu erwehren. Als ich eines Tages später mit einem jungen Abbé, meinem Nachbar, eine Straße entlang schritt, stand mir plötzlich der Mann mit dem Säbel gerade gegenüber. Er erkannte mich wieder, und indem er mir mit spöttischem Tone nachäffte, sagte er zu mir: »Ich bin ein Prinz, ich bin ein Prinz, aber auch ein Schuft. Möge seine Hoheit niemals wiederkommen!« Er fügte nichts weiter hinzu, und mit gesenktem Haupte ging ich ihm geschickt aus dem Wege, indem ich in meinem Herzen Gott für seine Verschwiegenheit dankte. Nach meiner Ansicht hatten ihn die verwünschten Weiber über seine Leichtgläubigkeit ausgelacht. Wie dem auch sein mag, obgleich ein echter Piemontese, war er doch ein guter Mann, und nie gedenke ich seiner ohne eine Regung der Dankbarkeit. Dieses Abenteuer machte mich auf lange Zeit klug, ohne Folgen mit sich zu führen, die ich hätte zu fürchten brauchen. Mein Aufenthalt bei Frau von Bercellis hatte mir einige Bekanntschaften verschafft, die ich in der Hoffnung, daß sie mir nützlich sein könnten, fortsetzte. Unter Anderen besuchte ich hin und wieder einen savoyischen Abbé, Namens Gaime, den Hofmeister der Kinder des Grafen von Mellarède. Er war noch jung und hatte wenig Umgang, war aber voll gesunder Anschauungen, voll Redlichkeit und Einsicht und einer der züchtigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Für den Zweck, der mich an ihn fesselte, war er mir von keinem Nutzen, er besaß nicht Einfluß genug, um mir ein Unterkommen zu verschaffen; dafür fand ich jedoch bei ihm köstlichere Güter, die mir mein Lebenlang zum Vortheil gereicht haben, Unterweisungen in wahrer Sittenlehre und Grundsätze gesunder Vernunft. In dem Stufengange meiner Neigungen und Vorstellungen war ich stets zu hoch oder zu niedrig gewesen, Achilles oder Thersites, bald Held und bald Taugenichts. Herr Gaime unterzog sich der Mühe, mich auf den richtigen Platz zu stellen und mich mir selber zu zeigen, ohne meiner zu schonen und ohne mich zu entmuthigen. Er sprach von meinem Charakter und meinen Fähigkeiten in sehr anerkennender Weise, aber er fügte hinzu, daß er sähe, wie sich aus ihnen auch die Hindernisse erhöben, die mich davon abhalten würden, aus ihnen Nutzen zu ziehen, so daß er in ihnen viel weniger Stufen zu meinem Glücke als Hilfsmittel erblickte, es entbehren zu können. Er entwarf mir ein treues Bild von dem menschlichen Leben, von dem ich nur falsche Vorstellungen hatte; er zeigte mir, wie der Weise auch bei widrigem Geschick immer dem Glücke nachjagen und selbst bei ungünstigem Winde rastlos streben könne, es zu erreichen; wie es ohne Weisheit kein wahres Glück gebe, und wie die Weisheit sich in allen Ständen finde. Er schwächte bedeutend meine Bewunderung äußerer Größe ab, indem er mir nachwies, daß diejenigen, welche über Andere herrschten, nicht weiser und glücklicher wären als sie. Er sagte mir etwas, woran ich seitdem oft wieder gedacht habe; er stellte nämlich die Behauptung auf: könnte jeder Mensch in den Herzen aller übrigen lesen, so würde es weit mehr Leute geben, die herabzusteigen, als solche, die emporzusteigen wünschten. Diese Bemerkung, die eine treffende Wahrheit und durchaus nichts Übertriebenes enthält, ist mir im Laufe meines Lebens von großem Nutzen gewesen, um mir in meiner niedrigen Stellung meine Zufriedenheit zu bewahren. Er gab mir die ersten richtigen Anschauungen vom Rechtschaffenen, das mein aufgeblasener Sinn nur in seinen Maßlosigkeiten aufgefaßt hatte. Er machte mir klar, daß die Begeisterung erhabener Tugenden in der Gesellschaft wenig Nutzen stifte; daß, wer sich zu hoch emporschwänge, leicht fallen könnte; daß die beständige Beobachtung kleiner Pflichten, wenn man sie stets treu zu erfüllen strebte, nicht weniger Kraft verlangte als alle Heldenthaten; daß sie uns sogar für unsere Ehre und unser Glück ungleich heilsamer wäre, und daß es für uns einen unendlich höheren Werth hätte, beständig die Achtung der Menschen zu besitzen, als bisweilen ihre Bewunderung. Um die Pflichten des Menschen festzustellen, war es nöthig, auf die Gründe für dieselben zurückzugehen. Außerdem brachte uns der Schritt, den ich gethan und der mich in meine gegenwärtige Lage versetzt hatte, ganz von selbst darauf, von Religion zu sprechen. Man ahnt schon, daß der redliche Gaime, wenigstens zum großen Theile, das Original des savoyischen Bicars ist. Lediglich aus Klugheit, die ihn mit größerer Zurückhaltung zu reden zwang, erklärte er sich über gewisse Punkte mit weniger Offenheit; aber im Uebrigen waren seine Grundsätze, seine Gesinnungen, seine Ansichten die nämlichen, und bis auf seinen Rath, in mein Vaterland zurückzukehren, war alles genau so, wie ich es späterhin veröffentlicht habe. Ohne auf Unterredungen, mit deren Inhalt sich jeder Leser bekannt machen kann, näher einzugehen, will ich deshalb nur sagen, daß seine weisen, wenn auch anfänglich wirkungslosen Lehren, in meinem Herzen zu einem Keime von Tugend und Religion wurden, der nie darin erstickte, und der, um Frucht zu bringen, nur auf die Pflege einer geliebteren Hand wartete. Obgleich meine Bekehrung damals kaum eine wahre genannt werden kann, fühlte ich mich immerhin bewegt. Weit entfernt, mich bei seinen Gesprächen zu langweilen, fand ich vielmehr wegen ihrer Klarheit, ihrer Einfachheit und vor allem wegen einer gewissen Herzenswärme, welche, wie ich fühlte, durch sie hindurchwehte, Gefallen an ihnen. Ich habe eine liebevolle Seele und habe mich den Menschen stets weniger nach Maßgabe des mir erwiesenen Guten als des mir an den Tag gelegten Wohlwollens angeschlossen, und darüber hat sich mein Gefühl selten getäuscht. Auch gewann ich Herrn Gaime in Wahrheit lieb; ich war gleichsam sein zweiter Schüler, und für den Augenblick gewährte mir dies den unschätzbaren Vortheil, daß es den Hang zu jenem Laster, zu welchem mein Müßiggang mich zog, in mir unterdrückte. Eines Tages, als ich an nichts weniger dachte, ließ mich der Graf de la Rocca zu sich rufen. Die vielen fruchtlosen Gänge zu ihm, bei denen es mir nie gelungen war, ihn zu sprechen, hatten mich verdrossen, und ich hatte sie eingestellt. Ich glaubte, er hätte mich vergessen, oder es wären ihm unangenehme Eindrücke von mir geblieben. Ich irrte mich. Mehr als einmal war er Zeuge der hingebenden Liebe gewesen, mit der ich meine Pflicht bei seiner Tante erfüllt hatte; er hatte sie sogar darauf aufmerksam gemacht und redete mit mir abermals davon, als ich selbst nicht mehr daran dachte. Er empfing mich freundlich, theilte mir mit, er hätte, ohne mich mit leeren Versprechungen hinzuhalten, ein Unterkommen für mich gesucht; es wäre ihm gelungen, er hätte mir nun den Weg gebahnt, etwas zu werden, das Uebrige wäre meine Sache; das Haus, in welches er mir Eintritt verschafft, wäre mächtig und angesehen, ich bedürfte keines anderen Beschützers, um meine Zukunft zu sichern; würde man mich auch anfänglich als einfachen Diener behandeln, wie ich gewesen wäre, so könnte ich doch versichert sein, daß man, falls man sich überzeugte, meine Gesinnungen wie meine Aufführung erhöben mich über diesen Stand, geneigt wäre, mich nicht in demselben zu lassen. Der Schluß dieser Rede stand mit den glänzenden Hoffnungen, welche der Anfang in mir erweckt hatte, in grausamem Widerspruche. Was! Immer Diener? sagte ich mit einem bittern Unwillen, den die Zuversicht jedoch bald wieder verwischte, zu mir selber. Ich fühlte mich zu wenig für eine solche Stellung geschaffen, um zu besorgen, daß man mich darin lassen würde. Er führte mich zu dem Grafen von Gouvon, Oberstallmeister der Königin und Haupt des erlauchten Hauses Solar. Das würdevolle Aeußere dieses ehrwürdigen Greises machte mir die Leutseligkeit seiner Aufnahme nur um so rührender. Er fragte mich mit Theilnahme nach meinen Verhältnissen, und ich antwortete ihm mit Aufrichtigkeit. Er sagte zu dem Grafen della Rocca, ich hätte ein freundliches Gesicht, welches zugleich auf Geist schließen ließe; es schiene mir in der That nicht daran zu fehlen, allein man müßte auch das Uebrige nicht außer Acht lassen. Darauf wandte er sich wieder zu mir und sagte: »Mein Kind, der Anfang ist fast in allen Dingen schwer; der Anfang deiner Stellung wird es jedoch nicht in sehr hohem Grade sein. Sei klug und strebe hier jedem zu gefallen, das ist für den Augenblick deine einzige Aufgabe. Sei übrigens guten Muthes; man wird für dich sorgen.« Unmittelbar darauf führte er mich zur Marquise von Breil, seiner Schwiegertochter, und stellte mich ihr vor, alsdann dem Abbé von Gouvon, seinem Sohne. Ich hatte bereits Erfahrung genug, um mir sagen zu können, daß man bei der Annahme eines Dieners nicht so viele Umstände mache. In Wirklichkeit behandelte man mich nicht als solchen. Ich aß mit der höheren Dienerschaft in der Anrichtestube, ich brauchte nicht Bedientenkleidung zu tragen und als mich der Graf von Favria, ein junger Leichtfuß, hinten auf seine Kutsche steigen lassen wollte, verbot sein Großvater, daß ich mich auf irgend einen Wagen hinten als Diener hinstellen oder jemandem außerhalb des Hauses in gleicher Eigenschaft folgen sollte. Allerdings wartete ich bei Tafel auf und leistete innerhalb des Hauses ungefähr den Dienst eines Lakaien, aber ich verrichtete ihn gewissermaßen aus freiem Antriebe, ohne daß mir die Bedienung einer bestimmten Person übertragen wäre. Mit Ausnahme einiger Briefe, die man mir dictirte, und weniger Bilder, die mir der Graf von Favria auszuschneiden befahl, gab man mir keine Arbeit auf, so daß ich fast den ganzen Tag über Herr meiner Zelt war. Diese Probe, auf die ich mich nicht gefaßt gemacht hatte, war sicherlich sehr gefährlich; sie war nicht einmal sehr gut gemeint, denn diese große Untätigkeit konnte mich dahin bringen, daß ich Laster annahm, die mir sonst fremd geblieben wären. Aber zum größten Glücke war dies nicht der Fall. Herrn Gaime's Lehren hatten Eindruck auf mein Herz gemacht, und sie gefielen mir in so hohem Grade, daß ich mich bisweilen heimlich entfernte, um sie von neuem anzuhören. Ich glaube, daß die, welche mich so verstohlen ausgehen sahen, schwerlich ahnten, wohin ich ging. Es läßt sich unmöglich etwas Verständigeres denken als die Rathschläge, die er mir über meine Aufführung gab. Mein erstes Auftreten in meinem neuen Dienste war bewunderungswürdig gewesen; ich hatte eine Beflissenheit, eine Aufmerksamkeit, einen Diensteifer gezeigt, die alle Welt bezauberten. Der Abbé Gaime hatte mir klüglich den Wink gegeben, diesen ersten Feuereifer zu mäßigen, damit er nicht späterhin in auffallender Weise nachließe. »Ihr erstes Auftreten,« sagte er, »wird die Richtschnur für alle an Sie gestellte Anforderungen sein; richten Sie es so ein, daß Sie in der Folge noch mehr leisten können, aber hüten Sie sich, je weniger zu thun.« Da man sich nur oberflächlich nach meinen kleinen Fähigkeiten erkundigt hatte und bei mir keine andern voraussetzte als die, welche mir die Natur verliehen hatte, so schien es trotz jener Versicherung des Grafen von Gouvon nicht, daß man daran dächte, meine Talente auszunutzen. Andere Angelegenheiten kamen dazwischen, und ich wurde fast vergessen. Der Marquis von Breil, Sohn des Grafen von Gouvon, war damals Gesandter in Wien. Bei Hofe waren plötzlich Veränderungen eingetreten, die sich in der Familie fühlbar machten, und man befand sich hier einige Wochen lang in einer Aufregung, die nicht Zeit übrig ließ, an mich zu denken. Bis dahin hatte ich jedoch in meinem Diensteifer wenig nachgelassen. Ein Umstand war mir angenehm und doch auch wieder schädlich, indem er jede äußere Zerstreuung fernhielt, aber mich hinsichtlich meiner Pflichten ein wenig zerstreuter machte, Fräulein von Breil war eine junge Person, ungefähr in meinem eigenen Alter, gut gewachsen, leidlich hübsch, von sehr weißer Hautfarbe, mit ganz dunklem Haar und, obgleich Brünette, mit jener Sanftmuth in den Zügen, durch welche sich die Blondinen auszuzeichnen pflegen, und der mein Herz nie hat widerstehen können. Die jungen Personen so kleidsame Hoftracht ließ ihren niedlichen Wuchs hervortreten, zeigte ihren Busen und ihre Schultern unverhüllt und machte in Folge der Trauer, die man damals trug, ihren Teint noch blendender. Man wird sagen, daß es einem Diener nicht zustehe, solchen Dingen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hatte ohne Zweifel Unrecht, aber ich bemerkte es dennoch und ich war nicht einmal der Einzige. Der Haushofmeister und die Kammerdiener sprachen bei Tische bisweilen mit einer Gemeinheit davon, die mir grausame Qualen bereitete. Der Kopf schwindelte mir trotzdem nicht in dem Grade, daß ich mich Knall und Fall in sie verliebte. Ich vergaß mich nicht, ich hielt mich auf meinem Platze, und selbst meine Begierden nahmen sich keine Freiheiten heraus. Ich blickte Fräulein von Breil gern an, hörte sie gern einige Worte äußern, in denen sich Geist, Verstand und Sittsamkeit zu erkennen gab; mein Ehrgeiz, der sich auf das Vergnügen, sie zu bedienen, beschränkte, ging nicht über meine Rechte hinaus. Bei Tafel suchte ich aufmerksam nach der Gelegenheit, sie zur Geltung zu bringen. Verließ ihr Diener einen Augenblick ihren Stuhl, so sah man mich sofort hinter ihm stehen, sonst stellte ich mich ihr gegenüber auf; ich suchte ihr ihre Wünsche an den Augen abzulesen; ich paßte den Augenblick ab, ihren Teller zu wechseln. Was würde ich nicht gethan haben, damit sie mich eines Auftrages, eines Blickes, eines einzigen Wortes gewürdigt hätte. Aber nein, ich hatte die Kränkung, für sie gar nicht zu existiren, sie bemerkte nicht einmal, daß ich da war. Eines Tages hatte ihr Bruder, der bisweilen bei Tafel das Wort an mich richtete, eine nicht sehr verbindliche Aeußerung gegen mich fallen lassen, deren ich mich nicht mehr entsinne. Als ich ihm darauf eine feine und wohlgesetzte Antwort gab, wurde sie aufmerksam und warf die Augen auf mich. Dieser Blick reichte hin, so kurz er war, mich in Entzücken zu versetzen. Am folgenden Tage bot sich die Gelegenheit dar, einen zweiten zu erlangen, und ich ließ sie nicht unbenutzt vorübergehen. Man gab an diesem Tage ein großes Mahl, bei dem der Haushofmeister, wie ich zum ersten Male zu meiner großen Verwunderung gewahrte, seinen Dienst mit dem Degen an der Seite und dem Hut auf dem Kopfe versah. Zufälligerweise kam man auf den Wahlspruch des Hauses Solar zu sprechen, welcher nebst dem Wappen auf der Tapete angebracht war: » Tel fiert qui ne tue pas .« Da die Piemontesen in der französischen Sprache nicht sehr bewandert sind, entdeckte jemand in diesem Wahlspruche einen orthographischen Fehler und behauptete, daß in dem Worte fiert das t zu viel wäre. Eben wollte der alte Graf von Gouvon antworten, als plötzlich seine Augen auf mich fielen, und er sah, daß ich lächelte, ohne eine Bemerkung zu wagen; er gebot mir deshalb zu reden. Ich sprach mich nun dahin aus, daß meines Erachtens das t nicht überflüssig wäre; fiert wäre ein altes französisches Wort, welches nicht von dem Eigenschaftsworte ferus, fier , stolz, drohend, sondern von dem Zeitworte ferit , er schlägt zu, er verwundet, herkäme: deshalb schiene mir der Wahlspruch nicht zu sagen: Mancher droht, sondern Mancher schlägt zu, ohne zu tödten. Alle Tischgäste blickten mich und blickten sich unter einander an, ohne etwas zu sagen. Nie im Leben sah man ein gleiches Erstaunen; aber noch mehr schmeichelte mir die Wahrnehmung, daß sich auf dem Gesichte des Fräulein von Breil unverkennbar eine Miene der Befriedigung ausprägte. Diese so hochmüthige Person ließ sich herab, mir einen zweiten Blick zuzuwerfen, der dem ersten mindestens gleichkam; dann die Augen auf ihren Großvater richtend, schien sie mit einer Art Ungeduld das Lob zu erwarten, welches er mir schuldig war, und das er mir in der That in so reichem Maße und mit einer so zufriedenen Miene ertheilte, daß die ganze Tafel sich beeiferte, in dasselbe einzustimmen. Dieser Augenblick war kurz, aber in jeder Hinsicht köstlich. Es war einer jener nur allzu seltenen Augenblicke, welche die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zurückversetzen und das herabgewürdigte Verdienst für die Kränkungen des Schicksals rächen. Einige Minuten später bat mich Fräulein von Breil, die Augen abermals zu mir emporhebend, mit einer eben so schüchternen wie freundlichen Stimme, ihr zu trinken zu reichen. Man kann sich vorstellen, daß ich sie nicht warten ließ. Als ich mich ihr aber näherte, wurde ich von einem solchen Zittern ergriffen, daß ich, noch dazu da ich das Glas zu voll geschenkt hatte, einen Theil des Wassers auf ihren Teller und sogar auf sie selber goß. Ihr Bruder fragte mich unkluger Weise, weshalb ich so heftig zitterte. Diese Frage diente nicht dazu, mich wieder Fassung gewinnen zu lassen, und Fräulein von Breil erröthete bis aufs Weiße der Augen. Hier endete der Roman; man wird bei diesem wie bei dem mit Frau Basile und im Verlaufe meines ganzen weiteren Lebens bemerken, daß ich im Abschlusse meiner Liebschaften nicht glücklich bin. Vergeblich wich ich nicht aus dem Vorzimmer der Frau von Breil; ich erhielt nicht ein einziges Zeichen von Beachtung von ihrer Tochter mehr. Sie ging aus und kehrte zurück, ohne mich anzublicken, und ich wagte kaum die Augen auf sie zu werfen. Ich war sogar so albern und ungeschickt, daß ich eines Tages, als sie beim Vorübergehen ihren Handschuh hatte fallen lassen, statt auf diesen Schatz, den ich hätte mit Küssen bedecken mögen, loszustürzen, nicht einmal den Muth besaß, mich vom Flecke zu rühren, und ihn von einem plumpen Tölpel von Diener aufheben ließ, den ich gern erdrosselt hätte. Um mich vollends einzuschüchtern, nahm ich wahr, daß ich nicht das Glück hatte, Frau von Breil zu gefallen. Nicht allein ertheilte sie mir nie einen Auftrag, sondern sie nahm auch keinen Dienst von mir an, und einmal fragte sie mich, als sie mich in ihrem Vorzimmer fand, in sehr trocknem Tone, ob ich nichts zu thun hätte. So mußte ich denn von diesem lieben Vorzimmer fern bleiben. Anfangs war ich darüber bekümmert, aber Zerstreuungen traten dazwischen, und bald dachte ich nicht mehr daran. Zum Troste für die Geringschätzung der Frau von Breil gereichte mir die Güte ihres Schwiegervaters, der endlich inne wurde, daß ich da war. Am Abende nach dem erwähnten Mahle hatte er eine halbstündige Unterredung mit mir, von der er befriedigt schien und ich mich bezaubert fühlte. So viel Geist dieser gute Greis auch besaß, so hatte er doch weniger als Frau von Vercellis; dafür hatte er aber mehr Herz und nahm sich meiner mit größerem Edelmuthe an. Er forderte mich auf, mich an seinen Sohn, den Abbé von Gouvon anzuschließen, der mich liebgewonnen hätte; diese Zuneigung könnte mir, wenn ich sie benutzte, insofern vortheilhaft sein, daß er mir beistände, mir das zu erwerben, was mir für die Absichten, die man mit mir hätte, noch fehlte. Schon früh am nächsten Tage eilte ich zu dem Herrn Abbé hin. Er empfing mich nicht wie einen Diener, bot mir einen Platz vor seinem Kaminfeuer an und sah, indem er mich mit größter Milde prüfte, bald ein, daß mein in so vielen Wissenschaften begonnener Unterricht in keiner einzigen vollendet war. Da er sich namentlich überzeugte, daß ich wenig Latein wußte, übernahm er, mich darin weiter zu bringen. Wir kamen überein, daß ich ihn alle Morgen besuchen sollte, und ich begann gleich am andern Tage. Auf diese Weise war ich in Folge einer jener Seltsamkeiten, die man oft in meinem Lebenslaufe finden wird, in einer Stellung zugleich über und unter meinem Stande; ich war in dem nämlichen Hause Schüler und Diener, und in meinem Bedientenstande hatte ich gleichwohl einen Lehrer von so hoher Geburt, daß er diese Stellung nur bei Kindern von Königen hätte übernehmen können. Der Abbé von Gouvon war ein jüngerer, von der Familie für einen Bischofssitz bestimmter Sohn, der aus diesem Grunde umfassendere Studien hatte treiben müssen, als bei Kindern vornehmer Familien der Fall zu sein pflegt. Man hatte ihn auf die Universität zu Siena gesandt, wo er mehrere Jahre verweilt und von wo er eine ziemlich starke Dosis Cruscantismus zurückgebracht hatte, so daß er in Turin ungefähr dasselbe war, was der Abbé Dangeau dereinst in Paris. Cruscantismus ist hier mit Purismus synonym. Die Italiener bezeichnen mit dem Worte cruscante jeden, der sich bestrebt, sich nur der von der Akademie della Crusca anerkannten Worte zu bedienen. Aus Abneigung gegen die Theologie hatte er sich der schönen Literatur zugewandt, was in Italien bei denen, welche die Laufbahn eines Prälaten einschlagen, sehr gewöhnlich ist. Er hatte die Dichter fleißig gelesen; er machte in lateinischer und italienischer Sprache leidliche Verse. Kurz er hatte so viel Geschmack, wie er brauchte, den meinigen zu bilden und in den Wust, mit dem ich mir den Kopf vollgepfropft hatte, einige Ordnung zu bringen. Sei es jedoch, daß mein Geschwätz in ihm eine falsche Vorstellung von meinem Wissen hervorgerufen hatte, sei es, daß ihm die Anfangsgründe der lateinischen Sprache unerträglich waren, er trieb sie von Anfang an zu schwer für mich. Kaum hatte er mich einige Fabeln des Phädrus übersetzen lassen, so stürzte er mich in den Virgil hinein, der mir fast völlig unverständlich blieb. Es war, wie man in der Folge sehen wird, meine Bestimmung, das Lateinische oft anzufangen und es nie zu lernen. Indessen arbeitete ich mit ziemlichem Eifer, und der Herr Abbé mühte sich mit einer Güte, an die ich noch immer mit Rührung zurückdenke, mit mir ab. Ich brachte sowohl zu meinem Unterrichte als auch in seinem Dienste einen guten Theil des Morgens bei ihm zu; nicht als hätte ich ihn persönlich zu bedienen gehabt – das duldete er nie von mir – aber ich mußte schreiben, was er dictirte, oder Abschriften anfertigen, und diese Thätigkeit als sein Schreibgehilfe war mir nützlicher als jene, die ich als Schüler entfaltete. Nicht allein lernte ich auf diese Weise das Italienische in seiner vollen Reinheit, sondern faßte auch Vorliebe für die Literatur und gewann ein ziemlich richtiges Urtheil über den Werth der Bücher, das ich mir bei der Tribu nicht aneignen konnte und das mir in der Folge, als ich für mich allein zu arbeiten begann, große Dienste leistete. Diese Zeit war diejenige in meinem Leben, in der ich mich, frei von allen romanhaften Plänen, am vernünftigsten der Hoffnung, es zu etwas zu bringen, überlassen konnte. Der Abbé machte kein Hehl daraus, wie zufrieden er mit mir war, und sein Vater hatte mir sein Wohlwollen in so hohem Grade geschenkt, daß er, wie mir der Graf von Favria erzählte, mit dem Könige von mir gesprochen hatte. Sogar Frau von Breil hatte ihre verächtliche Miene gegen mich abgelegt. Kurz ich wurde eine Art Liebling im Hause, zu großer Eifersucht der übrigen Diener, die bei der Wahrnehmung, daß mir die Ehre zu Theil wurde, von dem Sohne ihres Herrn unterrichtet zu werden, sehr wohl einsahen, daß dies nicht geschah, um mich noch lange in einer der ihrigen gleichen Stellung zu erhalten. So viel ich nach einigen flüchtig hingeworfenen Worten, über welche ich erst später nachgedacht, über die Absichten, die man mit mir hatte, zu urtheilen im Stande bin, will es mir scheinen, daß es der Familie Solar, die sich auf Gesandtschaftsposten und vielleicht sogar auch auf Ministerstellen Rechnung machte, sehr vorteilhaft vorgekommen war, sich im Voraus eine brauchbare und fähige Person heranzubilden, die bei ihrer völligen Abhängigkeit von ihr in der Folge ihr Vertrauen hätte erhalten und sich ihr nützlich erweisen können. Die Absicht des Grafen von Gouvon war edel, vernünftig, hochherzig und eines wohlthätigen Herrn, der die Zukunft im Auge hatte, wahrhaft würdig; aber abgesehen davon, daß ich damals nicht ihre ganze Tragweite überschaute, war sie für meinen Kopf auch viel zu vernünftig und verlangte eine zu lange Unterwürfigkeit. Mein toller Ehrgeiz suchte das Glück nur auf dem Wege der Abenteuer; und da ich keine Frau dabei im Spiele sah, so schien mir diese Art, zum Ziele zu gelangen, langsam, mühevoll und freudlos, obwohl ich sie gerade für um so ehrenvoller und sicherer hätte halten sollen, weil die Frauen mit ihr nichts zu thun hatten, indem die Art von Verdienst, welcher sie ihren Schutz angedeihen lassen, sicherlich sich nicht mit dem messen kann, das man bei mir voraussetzte. Alles ging prächtig. Ich hatte mir jedermanns Achtung erworben, ja fast jedermann abgezwungen; die Prüfungszeit war zu Ende, und man betrachtete mich im Hause allgemein als einen jungen Mann von den größten Hoffnungen, der sich nicht auf dem rechten Platze befände und den man auf denselben gelangen zu sehen erwartete. Aber mein Platz war nicht der mir von Menschen angewiesene, und ich sollte ihn auf ganz anderen Wegen erreichen. Ich spiele auf einen jener charakteristischen Züge an, die mir eigen sind, und auf die es den Leser hinzuweisen genügt, ohne irgend eine Bemerkung hinzuzufügen. Obgleich es in Turin viele Neubekehrte meiner Art gab, liebte ich sie nicht und hatte nie einen derselben sehen wollen. Dagegen hatte ich einige Genfer, die ihrem Glauben treu geblieben waren, kennen gelernt, unter anderm einen Herrn Mussard, mit dem Beinamen Schiefmaul, einen Miniaturmaler und weitläufigen Verwandten von mir. Dieser Mussard kundschaftete meinen Aufenthalt bei dem Grafen von Gouvon aus und besuchte mich daselbst mit einem andern Genfer, Namens Bâcle, dessen Kamerad ich während meiner Lehrzeit gewesen war. Dieser Bâcle war ein sehr unterhaltender, sehr heiterer Bursche voller spaßhafter Einfälle, die sein Alter angenehm machte. Und mit einem Male schwärmte ich für Herrn Bâcle, und schwärmte gleich dermaßen für ihn, daß ich nicht mehr von ihm lassen konnte. Er war Willens, binnen kurzem seine Rückreise nach Genf anzutreten. Was für ein Verlust mußte das für mich werden! Ich fühlte seine ganze Größe nur allzu sehr. Um wenigstens die mir noch übrig gelassene Zeit auszunutzen, trennte ich mich nicht mehr von ihm, oder er trennte sich vielmehr nicht von mir, denn zuerst schwindelte mir der Kopf noch nicht bis zu dem Grade, daß ich den Tag ohne Erlaubnis außerhalb des Palastes bei ihm zugebracht hätte. Als man sich jedoch bald überzeugte, daß er mich vollkommen umlagerte, verbot man ihm die Thür, und ich gerieth darüber dergestalt in Hitze, daß ich über meinen Freund Bâcle alles vergaß, weder dem Abbé noch dem Grafen meine Aufwartung machte, und man mich im Hause nie mehr sah. Man machte mir Vorwürfe, aber ich nahm sie nicht zu Herzen. Man drohte, mich zu verabschieden. Diese Drohung wurde mein Untergang. Sie zeigte mir die Möglichkeit, Bâcle's Reisegefährte werden zu können. Von jetzt an kannte ich kein anderes Vergnügen, kein anderes Lebensglück, keine andere Seligkeit mehr, als das, eine gleiche Reise zu machen, und ich sah dabei nur das Wonnige der Reise, an deren Ziele sich mir noch obendrein Frau von Warens, wenn auch in unermeßlicher Ferne zeigte; denn nach Genf zurückzukehren, hatte ich nie im Sinne. Berge, Wiesen, Haine, Bäche, Dörfer schwebten in endloser Reihe und mit immer neuen Reizen vor meinen Augen; diese so viele Genüsse versprechende Reise schien mein ganzes Leben in Anspruch nehmen zu sollen. Ich erinnerte mich mit Entzücken, wie reizend mir diese nämliche Reise bei meiner Herkunft erschienen war. Was mußte sie erst werden, wenn zu allem Reize der Unabhängigkeit noch der hinzutrat, den Weg mit einem Gefährten von meinem Alter, meinem Hange und meinem Temperamente zurückzulegen, ungenirt, ungezwungen und ungebunden, marschirend oder rastend, sobald es uns beliebte. Man hätte ein Thor sein müssen, um ein solches Glück den Plänen des Ehrgeizes zu opfern, die sich erst langsam und schwierig verwirklichen ließen und deren Erfolg sogar unsicher war, Plänen, die selbst bei einem dereinstigen Gelingen trotz all ihres Glanzes auch nicht eine Viertelstunde wahrer Freude und jugendlicher Freiheit aufwogen. Von diesem klugen Gedanken erfüllt, betrug ich mich der Art, daß es mir wirklich gelang, weggejagt zu werden, und ich setzte es in Wahrheit nicht ohne Mühe durch. Eines Abends zeigte mir der Haushofmeister, als ich heimkehrte, meine Entlassung im Namen des Herrn Grafen an. Das war es gerade, was ich verlangte; denn da sich mir das Bewußtsein von der Thorheit meines Betragens recht wohl aufdrängte, fügte ich derselben zu meiner Selbstentschuldigung noch Ungerechtigkeit und Undankbarkeit hinzu, in dem Wahne, dadurch das Unrecht auf jene Leute zu wälzen und mich vor mir selbst zu rechtfertigen, als hätte ich mich nur aus Noth zu meinem Entschlüsse bestimmen lassen. Der Graf von Favria hatte mir sagen lassen, er wünschte mich morgen früh vor meinem Verlassen des Hauses noch einmal zu sprechen, und da man mir anmerkte, daß ich bei meiner Hirnzerrüttung fähig wäre, diese Aufforderung unbeachtet zu lassen, erklärte mir der Haushofmeister, er würde mir erst nach meiner Aufwartung bei demselben eine kleine mir bewilligte Geldsumme auszahlen, die ich sicherlich nicht verdient hätte, denn da man nicht beabsichtigte, mich in dem Dienerstande zu lassen, so hatte man mir auch keinen festen Lohn ausgesetzt. So jung und leichtfertig der Graf von Favria auch war, so hielt er mir bei dieser Gelegenheit doch die verständigsten und ich möchte fast sagen, die zärtlichsten Reden, in so herzlicher und für mich schmeichelhafter und rührender Weise setzte er mir die freundlichen Gesinnungen seines Oheims und die Absichten seines Großvaters auseinander. Nachdem er mir endlich alles, was ich opferte, um mich ins Verderben zu stürzen, lebhaft vor Augen gestellt hatte, bot er sich mir zum Vermittler an, indem er mir nur die eine Bedingung stellte, daß ich den Verkehr mit dem kleinen Taugenichts, der mich verführt hatte, aufgeben sollte. Es war so augenscheinlich, daß er das alles nicht aus sich selbst sprach, daß ich trotz meiner albernen Verblendung die ganze Güte meines greisen Herrn empfand und von ihr gerührt wurde; allein diese genußreiche Reise hatte sich meiner Phantasie bereits allzu tief eingeprägt, als daß irgend etwas ihren Reiz aufwiegen konnte. Ich war völlig wie von Sinnen, ich wurde verstockt und verhärtet, ich spielte den Stolzen und erwiderte hochmüthig, da man mir den Abschied einmal ertheilt, hätte ich ihn angenommen; jetzt wäre es zu spät, ihn zu widerrufen; was mir im Leben auch zustoßen könnte, so wäre ich doch entschlossen, mich nie zweimal aus einem Hause fortjagen zu lassen. Mit Recht aufgebracht, legte mir nun dieser junge Mann die Namen bei, die ich verdiente, stieß mich an den Schultern zu seinem Zimmer hinaus und schlug die Thüre hinter mir zu. Wie im Triumphe ging ich meiner Wege, als hätte ich den größten Sieg erfochten, und aus Furcht, noch einen zweiten Kampf durchzumachen, hatte ich die Niedrigkeit, mich zu entfernen, ohne mich bei dem Herrn Abbé für alle seine Güte zu bedanken. Um die ganze Höhe meines Wahnsinns in diesem Augenblicke zu begreifen, müßte man wissen, wie sehr mein Herz geneigt ist, sich für die geringsten Dinge zu erwärmen, und wie gewaltig es sich in die Vorstellung des Gegenstandes, der es anlockt, vertieft, so nichtig dieser Gegenstand bisweilen auch sein mag. Die seltsamsten, kindischsten, albernsten Pläne nähren dann meinen Lieblingsgedanken und zeigen mir die Möglichkeit, ihn auszuführen. Sollte man glauben, daß man in einem Alter von beinahe neunzehn Jahren sein Auskommen für seine ganze übrige Lebenszeit auf ein leeres Fläschchen gründen könne? Man höre nur! Der Abbé von Gouvon hatte mir einige Wochen vor meiner Entlassung einen kleinen, sehr niedlichen Heronsbrunnen, über den ich entzückt war, zum Geschenk gemacht. Während wir, der kluge Bâcle und ich, ihn springen ließen, und dabei von unserer Reise plauderten, kamen wir auf den Gedanken, ihn zur Verlängerung derselben zu benutzen. Was konnte es auch Merkwürdigeres in der Welt geben als einen Heronsbrunnen? Diese Ueberzeugung war das Fundament, auf dem wir das Gebäude unseres erträumten Glückes aufführten. Wir hatten nichts weiter nöthig, als die Bauern in jedem Dorfe um unsern Springbrunnen zu versammeln, und köstliche Mahlzeiten mußten uns dann in um so größerem Ueberfluß zufallen, als wir beide nicht anders glaubten, als daß die Lebensmittel denen, welche sie ernten, eigentlich nichts kosten, und daß es lediglich an ihrem bösen Willen läge, wenn sie die Vorüberreisenden nicht förmlich damit nudelten. Wir weilten mit unsern Gedanken nur bei Festlichkeiten und Hochzeitsfeiern, mit Sicherheit darauf rechnend, daß wir außer dem Athem unserer Lungen und dem Wasser unseres Springbrunnens nichts aufzuwenden brauchten, da letzterer uns die Reisekosten durch Piemont, Savoyen, Frankreich und die ganze Welt verdienen würde. Wir machten Reisepläne ohne Ende und wollten unsern Weg zunächst nach Norden nehmen, mehr aus Lust die Alpen zu übersteigen, als aus Besorgnis, doch noch irgendwo festgehalten zu werden. 1731 – 1732 Das war der Plan, mit welchem ich zu Felde zog, als ich meinen Beschützer und meinen Lehrer ohne Reue verließ und meine Studien, meine Hoffnungen und die Erwartung eines fast sicheren Glückes aufgab, um das Leben eines echten Vagabunden zu beginnen. Ich sagte der Hauptstadt Lebewohl, sagte dem Hofe, dem Ehrgeiz, der Liebe, den Schönen und all den großen Abenteuern Lebewohl, deren Aussicht mich im vorigen Jahre hierher getrieben hatte. Ich breche auf mit meinem Springbrunnen und meinem Freunde Bâcle, mit leichter Börse aber übervollem Herzen, nur an den Genuß dieses glücklichen Wanderlebens denkend, auf das ich mit einem Male meine glänzenden Pläne beschränkt hatte. Diese wunderliche Reise brachte mir wirklich fast eben so viel Vergnügen, wie ich mir davon versprochen hatte, wenn sie auch nicht ganz auf dieselbe Weise verlief; denn obgleich unser Springbrunnen in den Schenken die Wirthinnen und ihre Mägde einige Augenblicke belustigte, mußten wir beim Weiterwandern deshalb doch nicht weniger bezahlen. Das machte uns jedoch nur wenig Kummer, und wir dachten erst bei eintretendem Geldmangel aus dieser Hilfsquelle vollen Nutzen zu ziehen. Ein Unfall überhob uns dieser Mühe; in der Nähe von Bramant zerbrach der Springbrunnen, und es war Zeit, denn wir fühlten, wenn wir es auch nicht auszusprechen wagten, daß er uns langweilig zu werden begann. Dieses Unglück machte uns fröhlicher als zuvor und wir lachten sehr, daß wir in unserm Leichtsinn vergessen hatten, wie sich unsere Kleider und Schuhe abnützen müßten, oder daß wir gewähnt, wir könnten uns durch das Vorzeigen unseres Heronsbrunnens neue anschaffen. Wir setzten unsere Reise eben so munter fort, wie wir sie begonnen hatten, aber in geraderer Richtung auf unser Ziel losgehend, das uns unsere immer leichter werdende Börse bald zu erreichen zwang. Zu Chambéry wurde ich nachdenklich, nicht über die Thorheit, welche ich begangen hatte; nie brach ein Mensch so schnell und entschieden mit der Vergangenheit wie ich; aber über die Aufnahme, welche meiner bei Frau von Warens wartete, denn ihr Haus betrachtete ich völlig wie mein Vaterhaus. Ich hatte sie von meinem Eintritt beim Grafen von Gouvon in Kenntnis gesetzt; sie wußte, welche Stellung ich dort einnahm, und als sie mir Glück wünschte, hatte sie mir sehr verständige Lehren gegeben, wie ich die Güte, welche man mir erwiese, vergelten müßte. Sie betrachtete mein Glück als gesichert, wenn ich es nicht durch eigene Schuld zerstörte. Was würde sie sagen, wenn sie mich ganz unerwartet ankommen sähe? Es kam mir nicht einmal in den Sinn, daß sie mir ihre Thür verschließen könnte; aber ich fürchtete ihr Kummer zu machen, ich fürchtete ihre Vorwürfe, welche mir unerträglicher waren als das tiefste Elend. Ich war entschlossen, alles schweigend hinzunehmen und alles zu thun, um sie zu besänftigen. Ich sah im ganzen Weltall sie allein: in ihrer Ungnade leben, war eine Unmöglichkeit. Was mich am meisten beunruhigte, war mein Reisegefährte, dessen Aufnahme ich ihr nicht auch noch zumuthen wollte, und von dem ich mich, wie ich besorgte, nicht so leicht frei machen konnte. Ich bereitete diese Trennung dadurch vor, daß ich am letzten Tage ziemlich kalt gegen ihn war. Der Schalk durchschaute mich; er war mehr närrisch als dumm. Ich glaubte, meine Unbeständigkeit würde ihm nahe gehen; ich hatte Unrecht, meinem lieben Bâcle ging nichts nahe. Kaum hatten wir bei unserer Ankunft in Annecy den Fuß in die Stadt gesetzt, als er zu mir sagte: »Da wärest du ja zu Hause,« mich umarmte, mir Lebewohl sagte, sich umdrehte und verschwand. Ich habe von ihm nie wieder etwas gehört. Unsere Bekanntschaft und Freundschaft währten im Ganzen ungefähr sechs Wochen, aber die Folgen derselben werden erst mit mir enden. Wie mir das Herz schlug, als ich mich dem Hause der Frau von Warens näherte? Die Füße schwankten unter mir, die Augen waren mir wie verschleiert; ich sah nichts und hörte nichts; ich hätte niemanden wiedererkannt; ich mußte mehrere Male stehen bleiben, um aufzuathmen und mich erst zu fassen. War dies Furcht, nicht die Hilfe zu erlangen, deren ich bedurfte, was mich in so hohem Grade aufregte? Flößt in dem Alter, in welchem ich mich befand, die Furcht, Hungers zu sterben, solche Unruhe ein? Nein, nein, ich sage es mit eben so viel Wahrheit wie Stolz: in keinem Augenblicke meines Lebens ist je mein eigenes Wohl oder die Noth, die an mich herantrat, im Stande gewesen mein Herz freudiger zu stimmen oder zusammenzupressen. Im Laufe eines sich verschiedenartig gestaltenden und durch seine Wechselfälle merkwürdigen Lebens, häufig ohne Unterkommen und ohne Brot, habe ich Ueberfluß wie höchste Noth stets mit gleichem Auge betrachtet. Im Nothfalle wäre ich fähig gewesen, zu betteln oder zu stehlen wie jeder Andere, aber ohne es je zur Gewohnheit werden zu lassen. Wenige Menschen haben so viel geseufzt wie ich, wenige in ihrem Leben so viele Thränen vergossen; aber weder Armuth noch Furcht, in dieselbe zu gerathen, haben mir je einen Seufzer oder eine Thräne zu entlocken vermocht. Gegen Schicksalsschläge abgehärtet, hat meine Seele nur die Güter und die Leiden für wahr erkannt, die nicht vom äußeren Geschicke abhängen; und gerade wenn ich mit allem Unentbehrlichen reichlich versehen war, hatte ich das Gefühl, als wäre ich der Unglücklichste der Sterblichen. Kaum zeigte ich mich den Augen der Frau von Warens, als ihre Miene mich sofort beruhigte. Ich erbebe beim ersten Tone ihrer Stimme, stürze mich ihr zu Füßen und drücke im Entzücken der lebhaftesten Freude meinen Mund auf ihre Hand. Ich weiß nicht, ob sie bereits über mich benachrichtigt war, doch drückte sich wenig Ueberraschung und noch weniger Verdruß in ihren Zügen aus. »Armer Kleiner,« sagte sie in liebkosendem Tone zu mir, »so bist du also wieder da. Ich wußte wohl, daß du für eine derartige Reise zu jung warst; ich bin recht zufrieden, daß sie nicht einen so üblen Ausgang genommen, wie ich befürchtet hatte.« Darauf mußte ich ihr meine Geschichte erzählen, die nicht lang, aber vollkommen wahrheitsgemäß war; überging ich auch einige Punkte, so schonte ich im Uebrigen weder meiner noch entschuldigte ich mich. Nun wurde besprochen, wo ich schlafen sollte. Sie zog ihr Kammermädchen zu Rathe. Während dieser Berathung wagte ich nicht zu athmen; aber als ich vernahm, daß ich im Hause schlafen sollte, hatte ich Mühe mich zu beherrschen, und ich sah, wie man mein kleines Packet in das mir bestimmte Zimmer trug, ungefähr mit derselben Empfindung, mit welcher Saint-Preux bei Frau von Wolmar seinen Wagen in die Remise schieben sah. Und außerdem hatte ich noch die Freude zu hören, daß diese Gunst nicht vorübergehend sein sollte, und in einem Augenblick, wo man mich von etwas ganz Anderem völlig in Anspruch genommen wähnte, hörte ich sie sagen: »Man möge sagen, was man will, aber da ihn mir die Vorsehung zurückschickt, bin ich entschlossen, ihn nicht zu verlassen.« So war ich bei ihr denn endlich für immer aufgenommen. Allerdings war diese Aufnahme noch nicht diejenige, von der an ich die glücklichen Tage meines Lebens zähle, aber sie diente doch zu ihrer Vorbereitung. Wenngleich die Empfindungsfähigkeit des Herzens, die uns erst in Wahrheit die rechte Freude an unserm eigenen Dasein gewährt, eine Mitgift der Natur und vielleicht ein Erzeugnis der Organisation ist, so bedarf sie doch Lebenslagen, welche sie entwickeln. Ohne solche sich gelegentlich darbietende Veranlassungen würde ein Mensch, der von Natur sehr empfindsam ist, nichts fühlen und dahin sterben, ohne sein Wesen erkannt zu haben. So war ich ungefähr bisher gewesen und wäre vielleicht beständig so geblieben, hätte ich Frau von Warens nicht kennen gelernt oder nach gemachter Bekanntschaft nicht lange genug bei ihr gelebt, um die süße Gewohnheit der zärtlichen Gefühle, die sie mir einflößte, anzunehmen. Ich wage zu behaupten: Wer nur Liebe fühlt, fühlt das nicht, was es noch Süßeres im Leben gibt. Ich kenne ein anderes Gefühl, weniger heftig vielleicht, aber tausendmal köstlicher, welches bisweilen mit der Liebe verbunden, allein auch oft von ihr getrennt ist. Dieses Gefühl ist auch nicht etwa blose Freundschaft, es ist wollüstiger, zärtlicher. Ich halte es nicht für möglich, daß man es für eine Person desselben Geschlechtes empfinden könne; wenigstens war ich Freund, wenn je ein Mann es war, und empfand es nie bei irgend einem meiner Freunde. Diese Behauptung ist jetzt nicht recht deutlich, wird es in der Folge jedoch werden; die Empfindungen lassen sich nur an ihren Wirkungen richtig schildern. Sie bewohnte ein altes Haus, das jedoch groß genug war, um noch ein schönes Zimmer übrig zu haben, das sie als Putzzimmer benutzte, und in diesem brachte man mich unter. Es lag nach dem bereits erwähnten Durchgange hinaus, in dem unser erstes Zusammentreffen stattfand, und über den Bach und die Gärten hinweg hatte man einen Blick auf die ländlichen Fluren. Diese Aussicht war für den jungen Bewohner nichts Gleichgültiges. Seit meinem Aufenthalte in Vassey hatte ich zum ersten Male wieder etwas Grünes vor meinen Fenstern. Immer von neuem eingeschlossen, hatte ich nur Dächer oder das Grau der Straßen vor Augen gehabt. Eine wie angenehme und erquickende Wirkung übte doch dieser ungewohnte Anblick auf mich aus! Er steigerte in hohem Grade meine Neigung zur Rührung. Ich rechnete diese reizende Landschaft meiner theuren Beschützerin als eine neue Wohlthat an: es kam mir so vor, als hätte sie dieselbe ganz ausdrücklich für mich dorthin versetzt; ich stellte mich mit ruhigem Sinne und glücklichem Herzen neben sie hinein; ich erblickte sie überall zwischen den Blumen und dem Grün; ihre Reize und die des Frühlings gingen vor meinen Augen in einander über. Mein so lange gedrücktes Herz fühlte sich in diesem Raume erweitert, und unter diesen Gärten stiegen meine Seufzer freier aus meiner Brust empor. Fand man bei Frau von Warens auch nicht die Pracht, die ich in Turin gesehen hatte, so fand man doch Sauberkeit, Anständigkeit und einen patriarchalischen Ueberfluß, mit welchem Prunk unvereinbar ist. Sie hatte wenig Silbergeschirr, kein Porcellan, kein Wildbret in ihrer Küche noch fremde Weine in ihrem Keller, aber Küche wie Keller waren für jedermann wohl versehen, und in ihren Tassen von Steingut gab sie ausgezeichneten Kaffee. Wer zu ihr kam, wurde zum Essen an ihrem oder ihrer Leute Tisch eingeladen, und nie schied ein Arbeiter, Bote oder armer Reisender von ihr, ohne Essen oder Trinken erhalten zu haben. Ihre Dienerschaft bestand aus einem ziemlich hübschen Kammermädchen aus Freiburg, das Merceret hieß, einem Knechte aus ihrer Heimat, Namens Claude Anet, von dem noch weiter die Rede sein wird, einer Köchin und zwei Sänftenträgern, die bei den seltenen Besuchen, welche sie abstattete, gemiethet wurden. Viel Leute, wenn man jährlich nur über zweitausend Livres zu gebieten hat! Allein bei sparsamer Einrichtung hätte ihr kleines Einkommen zu dem Allen in einem Lande hinreichen können, in dem der Boden gut und das Geld selten ist. Unglücklicherweise gehörte Sparsamkeit nicht zu ihren Lieblingstugenden; sie machte Schulden und zahlte fort und fort; das Geld verschwand unter ihren Händen und kein Heller blieb ihr übrig. Die Art ihrer häuslichen Einrichtung war genau so, wie ich sie gewählt haben würde; man kann sich vorstellen, daß ich sie mir mit Freuden zu Nutze machte. Weniger gefiel mir jedoch das lange Sitzenbleiben bei Tafel. Sie konnte nur mit Mühe den ersten Geruch der Suppe und der Speisen ertragen; dieser Geruch machte sie fast ohnmächtig, und ihr Widerwille dagegen währte lange. Nach und nach erholte sie sich und plauderte, ohne zu essen. Erst nach Verlauf einer halben Stunde versuchte sie den ersten Bissen. Ich hätte während dieser Zeit dreimal gespeist; mein Mahl war lange beendet, ehe sie das ihrige begonnen hatte. Zur Gesellschaft fing ich noch einmal an; auf diese Weise aß ich für zwei und fand mich nicht übler dabei. Kurz ich überließ mich dem süßen Gefühle des Wohlseins, welches ich bei ihr empfand, um so mehr, als dieses Wohlsein, das ich genoß, mit keiner Unruhe hinsichtlich der Mittel, es zu erhalten, vermischt war. Da ich ihre Verhältnisse noch nicht genau kannte, nahm ich an, daß die Wirtschaft immer in gleicher Weise fortgehen müßte. Ich habe später in ihrem Hause dieselben Annehmlichkeiten wiedergefunden, aber über ihre wirkliche Lage besser unterrichtet und bemerkend, daß sie ihre Einnahmen im voraus verzehrte, habe ich sie nicht mehr mit der gleichen Ruhe genossen. Die Voraussicht hat mir stets den Genuß verdorben. Trotzdem habe ich das Kommende immer vergeblich vorausgesehen; es ist mir nie möglich gewesen, ihm vorzubeugen. Vom ersten Tage an entwickelte sich zwischen uns die innigste Vertraulichkeit, welche während ihrer ganzen übrigen Lebenszeit in gleichem Grade fortgedauert hat. »Kleiner« wurde ich genannt, »Mama« redete ich sie an, und beständig blieben wir Kleiner und Mama, selbst dann noch, als die Zahl der Jahre den Unterschied zwischen uns beinahe völlig verwischt hatte. Ich finde, daß diese beiden Benennungen unsern Umgangston, die Harmlosigkeit unseres gegenseitigen Verhaltens und namentlich das Verhältnis unserer Herzen zu einander treffend bezeichnen. Sie war für mich die zärtlichste der Mütter, die nie ihr Vergnügen, sondern lediglich mein Wohl im Auge hatte, und wenn bei meiner Zuneigung zu ihr die Sinnlichkeit mit in das Spiel kam, so veränderte sie gleichwohl nicht den Charakter derselben, sondern verlieh ihr nur einen höheren Reiz und machte mich vor Entzücken trunken, eine junge und hübsche Mama zu haben, die zu liebkosen meine Lust war. Ich sage liebkosen buchstäblich genommen, denn nie kam es ihr in den Sinn, sich der Küsse und der zärtlichsten mütterlichen Liebkosungen gegen mich zu enthalten, und nie stieg der Gedanke in mir auf, davon Mißbrauch zu machen. Man wird behaupten, daß wir im Laufe der Zeit doch wohl ein Verhältnis anderer Art werden zu einander gehabt haben; ich gebe es zu, aber man muß es abwarten, ich kann nicht alles auf einmal sagen. Die wenigen Minuten unseres ersten Zusammentreffens waren der einzige wirklich leidenschaftliche Augenblick, den sie mich je hat fühlen lassen, und noch dazu war dieser Augenblick ein Werk der Ueberraschung. Nie suchten meine Blicke unbescheiden unter ihr Halstuch zu dringen, obgleich eine darunter schlecht verhüllte Fülle sie recht wohl hätte dorthin ziehen können. Ich fühlte in ihrer Nähe weder Wonneschauer noch Verlangen; ich befand mich in einer entzückenden Ruhe und einem süßem Genusse, ohne zu wissen, was ich genoß. Ich hätte auf diese Weise mein ganzes Leben und selbst die Ewigkeit zubringen können, ohne mich einen Augenblick zu langweilen. Sie ist die einzige Person, bei der ich nie jene Trockenheit der Unterhaltung gefühlt habe, die mir die Pflicht, sie fortzuführen, zur Marter macht. Unsere Unterhaltung bei unseren Zusammenkünften bestand nicht sowohl in einem regelrechten Gespräche, als vielmehr in einem unerschöpflichen Geplauder, welches unterbrochen werden mußte, wenn es ein Ende haben sollte. Sie mußte mir eher Schweigen gebieten, als mich zum Reden auffordern. Da sie unaufhörlich über ihre Projecte grübelte, verfiel sie oft in Träumerei. Ruhig ließ ich sie dann träumen; ich schwieg, betrachtete sie und war der glücklichste der Menschen. Noch eine sonderbare Wunderlichkeit war mir eigen. Ohne die Gunst des Alleinseins mit ihr zu beanspruchen, suchte ich es unaufhörlich und hatte eine leidenschaftliche Freude daran, die in Wuth ausartete, wenn zudringliche Menschen es störten. Sobald jemand kam, mochte es nun Mann oder Frau sein, ging ich murrend fort, da ich es nicht zu Dritt bei ihr auszuhalten vermochte. Ich zählte in ihrem Vorzimmer die Minuten, während ich tausendmal diese ewigen Besucher verfluchte und nicht begreifen konnte, was sie so viel zu sagen hatten, weil ich noch mehr zu sagen hatte. Ich empfand erst die ganze Stärke meiner Zuneigung zu ihr, wenn ich sie nicht sah. Wenn ich sie sah, erfüllte mich nur ein Gefühl der Befriedigung; aber in ihrer Abwesenheit steigerte sich meine Unruhe bis zur Pein. Das Bedürfnis des Zusammenseins mit ihr gab mir Aufwallungen von Rührung, die bis zu Thränen gingen. Ich werde nie vergessen, wie ich an einem hohen Feiertage, während sie in dem Nachmittagsgottesdienste war, vor der Stadt lustwandelte, das Herz voll von ihrem Bilde und dem glühenden Wunsche, meine Tage an ihrer Seite zu verleben. Ich hatte Verstand genug, um einzusehen, daß es gegenwärtig nicht möglich war, und daß ein Glück, wie es mir jetzt in so hohem Grade zu Theil wurde, nur kurz sein könnte. Dies verlieh meiner Träumerei eine Schwermuth, die gleichwohl nichts Düstres hatte und von einer schmeichelhaften Hoffnung gemildert wurde. Der Glockenklang, der mich stets eigenthümlich gerührt hat, der Gesang der Vögel, die Schönheit des Tages, die Anmuth der Gegend, die zerstreuten Landhäuser, die ich in meiner Phantasie zu unserm gemeinsamen Asyle ausersah, das alles brachte auf mich einen so lebhaften, zarten, schwermüthigen und rührenden Eindruck hervor, daß ich mich wie in schwärmerischer Verzückung schon in diese glückliche Zeit und in diese beglückende Heimstätte versetzt sah, wo mein Herz im Besitze jeder Seligkeit, die das Ziel seines Sehnens war, sie in unbeschreiblichen Entzückungen empfand, ohne dabei auch nur an die Sinneslust zu denken. Ich erinnere mich nicht, mich je mit größerer Kraft und Illusion in die Zukunft versenkt zu haben als damals, und was mich bei der Erinnerung an diese Träumerei nach ihrer endlichen Verwirklichung am meisten überrascht hat, ist das Auffallende, daß ich die Gegenstände genau so, wie ich sie mir vorgestellt, wiedergefunden habe. Wenn je die Träumerei eines Menschen im wachen Zustande an eine prophetische Vision streifte, so war es sicherlich die eben erzählte. Nur in ihrer eingebildeten Dauer unterlag ich einer Täuschung, denn die Tage und die Jahre und das ganze Leben verflossen darin in unveränderlicher friedlicher Ruhe, während in Wirklichkeit das alles nur einen Augenblick gedauert hat. Ach, mein dauerndstes Glück hat nur ein Traum mir vorgegaukelt; auf seine Erfüllung folgte fast unmittelbar das Erwachen. Ich fände kein Ende, ließe ich mich auf eine ausführliche Aufzählung aller Thorheiten ein, welche mich der Gedanke an die liebe Mama, sobald ich nicht unter ihren Augen weilte, begehen ließ. Wie oft habe ich mein Bett geküßt, weil ich mir vorstellte, daß sie darin gelegen, wie oft meine Vorhänge, alle Möbel meines Zimmers, bei dem Gedanken, daß sie ihr gehörten, daß ihre schöne Hand sie berührt hatte, ja selbst den Fußboden, auf den ich mich in der Vorstellung, daß sie darüber hingeschritten, niederstürzte! Mitunter ließ ich mich sogar in ihrer Gegenwart zu Thorheiten hinreißen, zu welchen dem Anscheine nach nur die heftigste Liebe den Antrieb geben konnte. Eines Tages rufe ich bei Tische in dem Augenblicke, als sie eben einen Bissen in den Mund gesteckt, daß ich ein Haar an ihm gesehen hätte; kaum hat sie ihn auf ihren Teller zurückgeworfen, so erhasche ich ihn gierig und verschlinge ihn. Mit einem Worte, zwischen mir und dem leidenschaftlichsten Liebhaber gab es nur einen einzigen, aber höchst wesentlichen Unterschied, der meinen Zustand für die Vernunft beinahe unbegreiflich macht. Ich war von Italien nicht völlig so, wie ich hingegangen, zurückgekehrt, wie man jedoch in meinem Alter vielleicht noch nie von dort zurückgekehrt ist. Ich hatte nicht meine Jungfräulichkeit zurückgebracht, mich aber doch körperlich unbefleckt erhalten. Die mit den Jahren fortschreitende Reife hatte sich mir fühlbar gemacht; meine Sinnlichkeit hatte sich endlich offenbart, und ihr erster, sehr unabsichtlicher Ausbruch hatte mich hinsichtlich meiner Gesundheit in eine Unruhe versetzt, die besser als alles andere die Unschuld zu erkennen giebt, in der ich bis dahin gelebt hatte. Bald wieder beruhigt, lernte ich jenen gefährlichen Ausweg kennen, welcher die Natur irreführt und junge Leute meiner Natur auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Kraft und zuweilen ihres Lebens vor vielen Ausschweifungen bewahrt. Dieses Laster, welches die Scham und die Schüchternheit so bequem finden, hat für lebhafte Phantasien noch einen großen Reiz mehr, den, gleichsam über das ganze Geschlecht nach eigenem Belieben zu verfügen und jede Schönheit, die sie mit Begierde erfüllt, ihrer Lust dienstbar zu machen, ohne erst ihre Einwilligung nöthig zu haben. Von diesem traurigen Vortheile verführt, war ich damit beschäftigt, den gesunden Körper zu zerrütten, den mir die Natur geschenkt und dem ich Zeit gegeben hatte, kräftig zu gedeihen. Denke man sich zu diesem bösen Hange noch den Schauplatz, auf dem ich mich bewegte, im Hause einer schönen Frau, während ich ihr Bild in der Tiefe meines Herzens trug, sie am Tage unaufhörlich sah, am Abende von Gegenständen, die mich an sie erinnerten, umgeben war, und in einem Bette schlief, in welchem, wie ich wußte, auch sie gelegen hatte. Welche Reizungen! Mancher Leser, der sie sich vergegenwärtigt, wird mich schon als halbtodt betrachten. Ganz im Gegentheile, was mich hätte ins Verderben stürzen sollen, rettete mich auf einige Zeit. Berauscht von der Wonne, an ihrer Seite leben zu können, von dem glühenden Verlangen, alle meine Tage bei ihr zuzubringen, erblickte ich, ob ich bei ihr weilte oder fern von ihr war, in ihr stets eine zärtliche Mutter, eine geliebte Schwester, eine liebenswürdige Freundin und nichts weiter. Ich sah sie stets so, stets die nämliche, und sah nichts als sie. Ihr Bild, das meinem Herzen immerdar gegenwärtig war, gönnte keinem anderen darin Platz. Sie war für mich die einzige Frau, die es auf Erden gab, und da die ungemeine Süßigkeit der Gefühle, die sie mir einflößte, meiner Sinnlichkeit nicht die Zeit ließ, sich für Andere zu erregen, schützte sie mich vor ihr selber und ihrem ganzen Geschlechte. Kurz, ich war keusch, weil ich sie liebte. Möge nach diesen Wirkungen, die ich nur flüchtig andeute, wer es im Stande ist, sagen, welcher Art mein Verhältnis zu ihr war. Alles, was ich für meine Person darüber sagen kann, ist, daß wenn es jetzt schon sehr außergewöhnlich zu sein scheint, es später diesen Anschein noch weit mehr erhalten wird. Ich brachte meine Zeit auf die angenehmste Weise von der Welt zu, obgleich ich mit Dingen beschäftigt war, für die ich sonst am wenigsten Lust empfand. Mir lag es ob, ihre Pläne auszuarbeiten, Denkschriften ins Reine zu schreiben, Recepte abzuschreiben; ferner mußte ich Kräuter auslesen, Droguen stoßen, den Destillirkolben handhaben. Unter allen diesen Arbeiten erschienen eine Unmasse Reisender, Bettler und Besucher aller Art. Es galt zu gleicher Zeit einen Soldaten, einen Apotheker, einen Domherrn, eine schöne Dame, einen Laienbruder zu unterhalten. Ich fluchte, ich brummte, ich wünschte das ganze Gesindel zum Teufel. Sie dagegen, die alles von der heitern Seite auffaßte, wollte sich über meine Wuth halb todt lachen, und was ihr Gelächter immer mehr erregte, war, mitansehen zu müssen, wie ich immer wüthender wurde, je weniger ich mich selbst des Lachens enthalten konnte. Diese kleinen Unterbrechungen, in denen ich das Vergnügen hatte, mich auszubrummen, waren reizend, und wenn noch ein neuer Aufdringling während des Zankes dazu kam, so wußte sie diesen Umstand für unsere Erheiterung zu benutzen, indem sie den Besuch boshafter Weise zu verlängern suchte und mir dabei Blicke zuwarf, für die ich ihr hätte Schläge geben mögen. Sie hatte Mühe, sich eines Lachanfalles zu erwehren, wenn sie sah, wie ich, durch den Anstand zurückgehalten, sie wie ein Besessener anblickte, während ich im Grunde meines Herzens und zu meinem eigenen Aerger das alles sehr drollig fand. Obwohl ich an diesem allen nicht an sich Gefallen fand, so machte es mir trotzdem Freude, weil es zu einem Wesen gehörte, das ich bezaubernd fand. Nichts von dem, was um mich her geschah, nichts von allem, was man mich thun ließ, entsprach meiner Neigung, aber alles that meinem Herzen wohl. Ich glaube, ich hätte es noch dahin gebracht, die Arzneikunst zu lieben, wenn mein Widerwille gegen dieselbe nicht tolle Auftritte hervorgerufen hätte, die uns unaufhörlich belustigten; vielleicht hat diese Kunst zum ersten Male eine solche Wirkung hervorgebracht. Ich behauptete, ein medicinisches Buch am Geruche zu erkennen, und das Spaßhafte dabei ist, daß ich mich selten irrte. Sie ließ mich die abscheulichsten Droguen kosten. Vergeblich ergriff ich die Flucht oder suchte mich zu wehren. Meinem Widerstande und meinen schrecklichen Grimassen zum Trotze, mir und meinen Zähnen zum Trotz, mußte ich, wenn ich ihre niedlichen, schmierigen Finger sich meinem Munde nähern sah, ihn doch endlich öffnen und sie ablecken. Wenn ihr ganzer kleiner Hausstand in demselben Zimmer versammelt war, hätte man, wenn man uns laufen und schreien und lachen gehört, glauben müssen, daß man dort irgend ein Possenspiel aufführte, und nicht, daß man dort Opiate und Elixire verfertigte. Meine Zeit wurde jedoch nicht völlig von diesen Possen in Anspruch genommen. Ich hatte in dem mir angewiesenen Zimmer einige Bücher gefunden: den Spectator, Puffendorf, Saint-Evremond und die Henriade. Obgleich ich nicht mehr meine alte Lesewuth hatte, las ich, wenn ich unbeschäftigt war, doch in allen ein wenig. Namentlich der Spectator gefiel mir sehr und war für mich belehrend. Der Abbé von Gouvon hatte mich gelehrt, mit weniger Gier und mehr Ueberlegung zu lesen; in Folge dessen brachte mir jetzt das Lesen größeren Nutzen. Ich gewöhnte mich über den Stil, über den eleganten Satzbau nachzudenken; ich übte mich, das reine Französisch von der Volkssprache und den landschaftlichen Dialekten zu unterscheiden. Ueber einen orthographischen Fehler, den ich mit all unsern Genfern machte, wurde ich zum Beispiel durch folgende beide Verse der Henriade belehrt: Soit qu'un ancien respect pour le sang de leurs maîtres Parlât encore pour lui dans le coeur de ces traîtres Dieses Wort parlât , welches mir auffiel, machte mich darauf aufmerksam, daß die dritte Person des Subjonctif mit einem t geschrieben werden mußte, während ich es vorher parla wie das Parfait des Indicatif schrieb und aussprach. Mitunter plauderte ich mit Mama über das Gelesene; hin und wieder las ich ihr vor, was mir große Freude machte; ich gab mir Mühe, gut zu lesen, und das war mir ebenfalls nützlich. Ich habe bereits gesagt, daß sie Kenntnisse besaß, hierbei zeigten sich dieselben im vollen Lichte. Einige Gelehrte hatten sie umschwärmt und ihr den Hof gemacht; diese hatten sie gelehrt, sich über Erzeugnisse des Geistes ein Urtheil zu bilden. Sie besaß, wenn ich mich so ausdrücken darf, einen etwas protestantisch gefärbten Geschmack. Sie sprach nur von Bayle und schätzte Saint-Evremond, der in Frankreich längst todt war, überaus. Aber trotzdem kannte sie die gute Literatur und sprach über sie sehr richtig. Sie war in gewählten Gesellschaften aufgewachsen und hatte, da sie schon in jungen Jahren nach Savoyen gekommen war, in dem anregenden Umgange mit dem dortigen Adel jenen gezielten Ton des Waadtlandes verloren, wo die Frauen das Geistreichthum für Weltton halten und nur in Epigrammen zu reden wissen. Obgleich sie den Hof nur flüchtig gesehen, hatte sie doch einen raschen Blick auf ihn geworfen, der für sie ausreichend gewesen war, ihn kennen zu lernen. Sie erhielt sich an ihm immer Freunde, und trotz geheimer Eifersüchteleien, trotz der Unzufriedenheit, welche ihre Aufführung und ihre Schulden erregten, hat sie ihre Pension nie verloren. Sie hatte Welterfahrung und die Denkkraft, welche dazu gehört, um aus dieser Erfahrung Nutzen zu ziehen. Das Treiben in der Welt war der Lieblingsgegenstand ihrer Gespräche und bei den phantastischen Vorstellungen, die mich erfüllten, bedurfte ich gerade dieser Art des Unterrichtes am meisten. Wir lasen zusammen La Bruyère; er gefiel ihr besser als La Rochefoucauld, ein trauriges und trostloses Buch, besonders wenn man es in der Jugend liest, wo man es nicht liebt, den Menschen zu sehen, wie er ist. Wenn sie moralisierte, schweifte sie bisweilen ein wenig ab; indem ich ihr jedoch von Zeit zu Zeit den Mund oder die Hände küßte, gewann ich Geduld, und ihre Weitschweifigkeit langweilte mich nicht. Dieses Leben war zu süß, um dauern zu können. Ich fühlte es, und die unruhige Besorgnis, es enden zu sehen, was das Einzige, was den Genuß desselben trübte. Trotz all ihrer mutwilligen Scherze studirte mich Mama, beobachtete mich, forschte mich aus, entwarf für meine Zukunft eine Menge Pläne, auf die ich gern verzichtet hätte. Glücklicherweise war noch nicht alles damit abgemacht, meine Neigungen, meinen Trieb, meine kleine Anlagen zu kennen; man mußte auch die Gelegenheiten zu ihrer Verwerthung finden oder herbeiführen, und das alles war nicht das Werk eines Tages. Sogar die günstigen Vorurtheile, welche die arme Frau von meiner Befähigung gefaßt hatte, verzögerten den Augenblick, sie zur Geltung zu bringen, weil sie sich mit Rücksicht auf dieselben um so weniger über die Wahl der dazu erforderlichen Mittel entschließen konnte. Kurz es ging alles nach meinen Wünschen, Dank der guten Meinung, die sie von mir hatte; aber sie sollte bald umschlagen, und von da an war es mit meiner Ruhe vorbei. Einer ihrer Verwandten, ein Herr von Aubonne, besuchte sie. Es war ein sehr geistreicher, ränkevoller Mann, der sich wie sie ewig mit Projekten trug, aber ohne sich dabei zu Grunde zu richten, eine Art Abenteurer. Er hatte dem Cardinal Fleury einen verwickelten Plan zu einer Lotterie eingereicht, der abgelehnt worden war. Er beabsichtigte ihn nun dem Turiner Hofe anzubieten, wo er auch angenommen und ausgeführt wurde. Er hielt sich einige Zeit zu Annecy auf und verliebte sich daselbst in die Frau Intendantin, eine sehr liebenswürdige Person, die mir sehr gefiel und die einzige war, die ich gern bei Mama sah. Herr von Aubonne lernte mich kennen; seine Verwandte sprach mit ihm von mir; er übernahm, mich zu prüfen, sich zu überzeugen, wozu ich geeignet wäre, und mir, wenn er sähe, daß ich etwas los hätte, eine Stelle zu verschaffen. Frau von Warens schickte mich zwei oder drei Morgen hinter einander, unter einem beliebigen Vorwande und ohne ihre Absicht durchblicken zu lassen, zu ihm. Er fing es sehr geschickt an, mich zum Plaudern zu bringen, that sehr vertraulich mit mir, munterte mich, so viel als möglich auf, sprach mit mir von verschiedenen unbedeutenden Dingen und allerlei Gegenständen, und das alles ohne mich scheinbar zu beobachten, ohne etwas Gesuchtes, als ob er Gefallen an mir fände und sich mit mir zwanglos hätte unterhalten wollen. Ich war von ihm bezaubert. Das Ergebnis seiner Beobachtungen war, daß ich, so viel mein Aeußeres und meine lebhaften Züge auch versprächen, wenn nicht völlig unfähig, wenigstens ein Knabe von wenig Geist, ohne Begriffe, beinahe ohne Kenntnisse, mit einem Worte in jeder Beziehung höchst beschränkt wäre, und daß die Ehre, dereinst Landpfarrer zu werden, das höchste Glück wäre, nach dem ich streben dürfte. In dieser Weise sprach er sich gegen Frau von Warens über mich aus. Zum zweiten oder dritten Male wurde ich so beurtheilt; es war noch nicht das letzte Mal, und das Urtheil des Herrn Masseron ist oft bestätigt worden. Die Ursache dieser Urtheile hängt zu nahe mit meinem Charakter zusammen, um hier nicht einer Erklärung zu bedürfen, denn offen gesagt merkt man wohl, daß ich sie nicht mit völliger Ueberzeugung unterschreibe, und daß ich, was auch immer die Herren Masseron, von Aubonne und viele Andere gesagt haben können, doch bei aller möglichen Unparteilichkeit nicht auf ihre Worte schwören möchte. Zwei sonst fast unvereinbare Dinge verbinden sich in mir in einer mir unbegreiflichen Weise: ein sehr feuriges Temperament, lebhafte heftige Leidenschaften und eine langsame Entwickelung der Gedanken, die sich unklar und nie im richtigen Augenblicke einstellen. Man sollte meinen, daß mein Herz und mein Geist nicht einem und demselben Wesen angehörten. Schneller als der Blitz erfüllt das Gefühl meine Seele, aber anstatt mir Klarheit zu verschaffen, entflammt und blendet es mich. Ich fühle alles und begreife nichts. Ich bin leidenschaftlich erregt, aber albern; zum Denken habe ich kaltes Blut nöthig. Erstaunlich ist dabei, daß ich dennoch ziemlich sichern Tact, Scharfsinn, sogar Schlauheit habe, gönnt man mir nur Zeit; wenn ich mich vorbereiten darf, mache ich ganz treffliche Gedichte, aber auf der Stelle habe ich nie eines fertig gebracht oder etwas gesagt, was einigen Werth hätte. Brieflich würde ich eine ganz witzige Unterhaltung führen, wie ja auch die Spanier in gleicher Weise Schach spielen sollen. Als ich von einem Herzoge von Savoyen die Anekdote las, er hätte sich auf einer Reise umgewendet, um zu rufen: »Mögest du dir den Hals brechen, Pariser Krämer!« sagte ich zu mir: »Gerade so wie ich selbst!« Diese Langsamkeit des Denkens im Verein mit dieser Lebhaftigkeit des Gefühls macht sich bei mir nicht nur in der Unterhaltung geltend, sondern auch wenn ich allein bin und bei der Arbeit. Mit der unglaublichsten Schwierigkeit ordnen sich meine Gedanken im Kopfe. Sie laufen in ihm planlos umher und fangen an zu gähnen, bis ich in Aufregung gerathe, mich erhitze und Herzklopfen bekomme, und inmitten dieser Erregung sehe ich nichts deutlich, wäre ich unfähig ein einziges Wort zu schreiben; ich muß warten. Allmählich läßt diese große Erregung nach, das Chaos entwirrt sich, jedes Ding beginnt seine richtige Stelle einzunehmen, aber langsam und nach einer langen und verlegenen Unruhe. Habt ihr nicht hin und wieder in Italien die Oper besucht? Bei dem Scenenwechsel herrscht auf diesen großen Bühnen eine unangenehme und ziemlich lange anhaltende Verwirrung; alle Decorationen liegen bunt durcheinander, man gewahrt auf allen Seiten ein peinlich berührendes Hin- und Herziehen; man glaubt, alles müßte zusammenstürzen; allein nach und nach ordnet sich alles, nichts fehlt, und man ist ganz erstaunt, wenn man auf diesen langen Wirrwar ein hinreißendes Schauspiel folgen sieht. Ungefähr ein ähnlicher Vorgang findet in meinem Kopfe statt, sobald ich schreiben will. Wäre ich im Stande gewesen, erst zu warten und die Dinge dann in der Schönheit wiederzugeben, in der sie sich mir dargestellt haben, dann würden mich wenige Schriftsteller übertroffen haben. Daraus entspringt die ungemeine Schwierigkeit für mich zu schreiben. Meine durchstrichenen, hingesudelten, mit vielen Einschaltungen versehenen, kaum lesbaren Schreibereien bezeugen die Mühe, die sie mir gekostet haben. Es ist nicht eine einzige unter ihnen, die ich nicht hätte vier- oder fünfmal abschreiben müssen, ehe ich sie zum Druck befördern konnte. Ich habe mit der Feder in der Hand, mein Papier auf dem Tische vor mir, nie etwas aufzusetzen vermocht. Auf Spaziergängen, zwischen Felsen und in Wäldern, Nachts, wenn ich schlaflos im Bette liege, da schreibe ich im Kopfe, man kann sich vorstellen mit welcher Langsamkeit, zumal bei einem Menschen, dem es an allem Wortgedächtnisse gebricht und der in seinem ganzen Leben nicht sechs Verse hat auswendig behalten können. Es giebt Perioden in meinen Schriften, die ich fünf oder sechs Nächte lang in meinem Kopfe hin und her gewendet habe, ehe sie so gefeilt waren, daß sie zu Papier gebracht werden konnten. Daher kommt es auch, daß mir Werke, die Arbeit verlangen, besser gelingen, als solche, die mit einer gewissen Leichtigkeit, ähnlich wie Briefe, abgefaßt werden wollen, eine Gattung, deren Ton ich nie habe treffen können und die mir deshalb Qual bereitet, so oft ich mich mit ihr beschäftigen muß. Auch über die geringfügigsten Angelegenheiten schreibe ich keine Briefe, die mir nicht stundenlange Anstrengungen kosten, und wenn ich sofort niederschreiben will, was mir vorkommt, so weiß ich weder Anfang noch Ende; mein Brief wird dann ein langer und verworrener Wortschwall; man versteht mich kaum, wenn man ihn liest. Es wird mir nicht allein sauer, die Gedanken wiederzugeben, es wird mir sogar sauer, sie zu fassen. Ich habe die Menschen studirt und halte mich für einen ziemlich guten Beobachter; allein ich bin unfähig, von dem, was ich sehe, etwas einzusehen; ich sehe nur das ein, dessen ich mich erinnere, und nur in meinen Erinnerungen bin ich klug. Von allem, was man in meiner Gegenwart sagt, in meiner Gegenwart thut, in meiner Gegenwart sich ereignet, merke ich nichts, durchschaue ich nichts. Nur das rein Aeußerliche tritt vor mein Auge. Aber später fällt mir alles wieder ein; ich entsinne mich des Ortes, der Zeit, des Tones, der Blicke, der Geberde, kurz jedes Umstandes; nichts entgeht mir. Und aus dem, was man gethan oder gesagt, finde ich dann heraus, was man dabei gedacht hat, und ich täusche mich darin selten. Wenn ich nun allein mit mir selbst so wenig Herr meiner Geisteskräfte bin, so möge man sich vorstellen, was ich in der Unterhaltung sein muß, wo man, um schlagfertig zu reden, gleichzeitig und auf der Stelle an tausend Dinge denken muß. Der blose Gedanke an die vielen Rücksichten, die ich zu nehmen habe und von denen ich wenigstens eine außer Acht zu lassen sicher bin, genügt, um mich einzuschüchtern. Ich begreife nicht einmal, wie man den Muth haben kann, in einer Gesellschaft zu reden, denn bei jedem Worte müßte man alle Anwesende im Auge haben, müßte man den Charakter und die Lebensgeschichte jedes Einzelnen kennen, um sicher zu sein, daß man nichts sagt, wodurch man einen von ihnen verletzen könnte. Hierin haben die, welche in der Welt leben, einen großen Vortheil; da sie besser wissen, worüber man schweigen muß, sind sie dessen, was sie sagen, sicherer, und nichts desto weniger entschlüpfen auch ihnen nicht selten Dummheiten. Was wird nun der erst für Unheil stiften, der in einen solchen Kreis wie aus den Wolken hineinfällt! Es ist ihm fast unmöglich, auch nur eine Minute lang ungestraft zu reden. Ein Gespräch unter vier Augen ist mit einem andern Uebelstande verbunden, der mir noch schlimmer vorkommt, nämlich mit der Notwendigkeit, fortwährend zu reden. Wenn man mit euch spricht, müßt ihr antworten, und wenn man verstummt, müßt ihr die Unterhaltung wieder aufnehmen. Dieser unerträgliche Zwang wäre allein hinreichend gewesen, mir das Gesellschaftsleben völlig zu verleiden. Ich finde keinen Zwang schrecklicher als die Verpflichtung, augenblicklich und fortwährend zu reden. Ich weiß nicht, ob dies mit meinem tödtlichen Widerwillen gegen jede Abhängigkeit zusammenhängt, aber die Nothwendigkeit, unter allen Umständen zu reden, genügt vollkommen, um mir unfehlbar eine Dummheit zu entlocken. Noch unseliger ist es, daß trotz des richtigen Gefühls, mich schweigend verhalten zu müssen, wenn ich nichts zu sagen habe, mich förmlich die Wuth zu sprechen überfällt, um meine Schuld dadurch gleichsam schneller abzutragen. Ich stottere in größter Hast einige gedankenlose Worte hervor, mit denen sich im glücklichsten Falle gar kein Sinn verbinden läßt. Durch mein Bestreben, meine Albernheit zu besiegen oder zu verdecken, bringe ich sie gewöhnlich erst recht zu Tage. Unter tausend Beispielen, die ich anführen könnte, will ich nur eines herauswählen, welches nicht aus meiner Jugend stammt, sondern aus einer Zeit, in der ich mir die Ungezwungenheit und den Ton der Welt, in welcher ich bereits einige Jahre gelebt hatte, angeeignet haben sollte, wenn es möglich gewesen wäre. Ich befand mich eines Abends in der Gesellschaft zweier vornehmer Damen und eines Herrn, dessen Name Klang hat, nämlich des Herzogs von Gontaut. Keine andere Person befand sich in dem Zimmer, und ich bemühte mich zu einer Unterhaltung zwischen vier Personen, von denen drei meiner Beihilfe sicherlich nicht bedurften, einige Worte, Gott weiß welche, beizutragen. Die Frau des Hauses ließ sich ein Opiat bringen, welches sie für ihren Magen täglich zweimal einnahm. Als die andere Dame sie das Gesicht verziehen sah, fragte sie lächelnd: »Rührt das Opiat von Herrn Tronchin her?« – »Ich meine nicht,« erwiderte erstere in dem nämlichen Tone. »Ich glaube, es ist auch nicht besser,« fügte der geistreiche Rousseau galant hinzu. Alle wurden bestürzt. Kein Wort wurde gesprochen, kein Lächeln zeigte sich, und einen Augenblick später nahm das Gespräch eine andere Wendung. Einer Andern gegenüber wäre diese Dummheit nur lächerlich gewesen; aber an eine Dame gerichtet, die zu liebenswürdig war, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, und die ich sicherlich nicht beleidigen wollte, war sie geradezu schrecklich; und ich glaube, daß die beiden Zeugen, der Mann sowohl wie die Frau, große Mühe hatten, ihren Unwillen gegen mich nicht sichtbar werden zu lassen. Solche geistreiche Dinge bringe ich zu Wege, wenn ich reden will, ohne daß ich etwas zu sagen habe. Ich werde die erzählte Anekdote nicht leicht vergessen, denn sie ist nicht allein an sich sehr merkwürdig, sondern ich bilde mir auch ein, daß sie Folgen nach sich gezogen hat, die mich nur zu oft an sie erinnern. Das wird, denke ich, genügen, um verständlich zu machen, wie ich, ohne ein Dummkopf zu sein, doch oft für einen solchen gehalten worden bin, selbst von Leuten, die fähig waren, ein richtiges Urtheil zu fällen. Ihre Ansicht über mich ist um so ungünstiger, als meine Züge und meine Augen mehr versprechen, und deshalb die getäuschte Erwartung meine Dummheit nur in einem noch grelleren Lichte sieht. Diese ausführliche Charakteristik, zu der mich eine besondere Veranlassung gezwungen hat, ist zum Verständnisse des Folgenden nicht unnütz. Sie enthält den Schlüssel zu vielen Seltsamkeiten, die man mich hat thun sehen, und die man einer menschenscheuen Gemüthsstimmung zuschreibt, die mir nicht eigen ist. Ich würde den geselligen Verkehr wie jeder Andere lieben, wenn ich nicht überzeugt wäre, mich darin nicht allein zu meinem Nachtheile, sondern auch ganz anders zu zeigen, als ich bin. Mein Entschluß zu schreiben und mich zurückzuziehen ist gerade der für mich passendste. Durch mein Hervortreten in die Öffentlichkeit hätte man nie meinen Werth erkannt, ja nicht einmal geahnt. So ist es der Frau Dupin ergangen, obgleich sie eine Frau von Geist ist und ich mehrere Jahre in ihrem Hause gelebt habe; sie hat es mir nachher oft genug selbst gesagt. Uebrigens erleidet dies alles gewisse Ausnahmen, auf welche ich in der Folge zurückkommen werde. Eine dieser Ausnahmen werden wir bald in dem nächsten Buche kennen lernen, wo er berichtet, wie er in einer Audienz, die er mit dem Archimandriten, welchem er sich als Dolmetscher angeschlossen, bei dem Berner Senate hatte, sich gezwungen sah, auf der Stelle und ohne sich darauf vorbereitet zu haben, den Zweck und die Beweggründe seiner Sendung auseinander zu setzen. Man weiß außerdem, daß er in Gesellschaften, sobald ihn der Gegenstand des Gespräches lebhaft interessirte, und namentlich wenn er der freundlichen Gesinnungen seiner Zuhörer sicher sein konnte, mit eben so großer Leichtigkeit wie Anmuth oder Kraft, je nach der Natur des Gegenstandes, redete. Niemand aber hat ihm in dieser Hinsicht ein glänzenderes Zeugnis ausgestellt als Dusaulx in einem Berichte über ein Gastmahl, welches im Jahre 1771 bei ihm stattfand und an dem Rousseau mit anderen ihm bis dahin unbekannten Personen Theil nahm. »Wie liebenswürdig war er doch an diesem Tage, wenn man von einigen unklaren Gedanken absieht! Bald fröhlich, bald erhaben. Vor dem Mahle erzählte er uns einige der unschuldigsten Anekdoten, die er in seine Bekenntnisse aufgenommen hat. Mehrere unter uns kannten sie bereits; aber er verstand sie neu einzukleiden und ihnen eine noch größere Lebendigkeit zu verleihen als in seinem Werke. Ich spreche es dreist aus, daß er sich selbst nicht kannte, als er behauptete, daß ihm die Natur die Redegabe versagt hätte. Unzweifelhaft hatte das einsame Leben dieses Talent in ihn zurückgedrängt. Aber in Augenblicken, wo er sich offen hingab und sein Mißtrauen nicht erweckt wurde, sprudelte seine Rede in einem reißenden unwiderstehlichen Strome hervor.« Nachdem in solcher Weise über das Maß meiner Fähigkeiten und den für mich geeignetsten Stand entschieden war, handelte es sich jetzt nun schon zum zweiten Male nur darum, daß ich dieser meiner Bestimmung auch folgte. Die Schwierigkeit war, daß ich nicht Theologie studirt und es nicht einmal im Lateinischen weit genug gebracht hatte, um Priester zu werden. Frau von Warens dachte daran, mich einige Zeit im Seminar unterrichten zu lassen. Sie nahm mit dem Herrn Superior, einem Herrn Gros, Rücksprache. Derselbe, der dem Orden der Lazaristen angehörte, war ein gutes, halbblindes Männchen, mager und bereits ergraut und der geistreichste und am wenigsten pedantische Lazarist, den ich je gekannt, was allerdings nicht viel sagen will. Er besuchte bisweilen Mama, die ihn freundlich aufnahm, mit ihm schön that, ihn sogar neckte und sich mitunter von ihm schnüren ließ, eine Dienstleistung, die er nicht ungern übernahm. Während er damit beschäftigt war, lief sie unaufhörlich von einer Seite des Zimmers zur andern, indem sie bald dies, bald jenes that. Von dem Schnürbande mitgezogen, mußte der alte Herr ihr folgen, wobei er ihr scheltend zurief: »Aber, gnädige Frau, verhalten Sie sich doch ruhig!« Es war ein ungemein reizendes Bild. Herr Gros ging auf Mamas Plan bereitwillig ein. Er verlangte ein sehr geringes Kostgeld und übernahm den Unterricht. Jetzt kam es nur noch auf die Einwilligung des Bischofs an, der sie nicht allein ertheilte, sondern sich auch zur Zahlung des Kostgeldes bereit erklärte. Er gestattete auch, daß ich, bis man aus einem Versuche auf einen günstigen Erfolg schließen könnte, den man ja hoffen dürfte, in Laientracht bleiben könnte. Welch ein Wechsel! Ich mußte mich darein schicken. Ich ging nach dem Seminar, wie ich nach dem Richtplatze gegangen wäre. Ein Seminar ist ein trauriger Aufenthalt, namentlich für den, welcher aus dem Hause einer liebenswürdigen Frau kommt. Ich nahm ein einziges Buch mit, das ich Mama mir zu leihen gebeten hatte, und das mir viel Zerstreuung gewährte. Man wird nicht ahnen, welcherlei Art es war: ein Notenbuch. Unter den Talenten, welche sie ausgebildet hatte, war die Musik nicht vergessen worden. Sie hatte Stimme, sang leidlich und spielte ein wenig Klavier. Sie war so gütig gewesen, mir einige Gesangstunden zu geben, und sie mußte dabei ziemlich von den ersten Elementen beginnen, denn ich kannte kaum die Musik unserer Choräle. Acht oder zehn von einer Frau in langen Unterbrechungen ertheilte Stunden hatten mich nicht allein nicht in den Stand gesetzt, die Scala zu singen, sondern mich nicht einmal auch nur mit dem vierten Theile der musikalischen Zeichen bekannt gemacht. Allein ich hatte eine solche Leidenschaft für diese Kunst, daß ich den Versuch machen wollte, mich allein in ihr zu üben. Das Buch, welches ich mitnahm, war nicht einmal eines der leichtesten; es enthielt die Cantaten von Clerambault. Man kann sich denken, wie groß mein Fleiß und meine Ausdauer waren, wenn ich versichere, daß ich ohne Kenntnis des Transponirens und des Tonmaßes es doch dahin brachte, die erste Arie der Cantate Alpheus und Arethusa fehlerfrei vom Blatte zu lesen und zu singen; allerdings hat diese Arie einen so genauen Takt, daß man die Verse nur nach ihrem Silbenmaß vorzutragen braucht, um in den Ton der Melodie zu fallen. Im Seminar war ein erbärmlicher Kerl von Lazarist, der sich an mich heranmachte und mich mit Abscheu gegen das Latein, worin er mich unterrichten wollte, erfüllte. Er hatte glattes, fettiges und schwarzes Haar, ein Pfefferkuchengesicht, die Stimme eines Büffels, den Blick einer Nachteule und einen Bart wie aus Schweineborsten. Sein Lächeln war hämisch, und seine Glieder zappelten wie bei einer Gliederpuppe. Seinen mir verhaßten Namen habe ich vergessen; aber sein fürchterliches, süßliches Gesicht ist mir noch vollkommen in der Erinnerung geblieben und ich kann nicht ohne Schauder an dasselbe zurückdenken. Ich glaube ihn noch immer in den Gängen auftauchen zu sehen, wie er mich mit seinem schmierigen Barett in sein Zimmer hineinwinkte, das mir entsetzlicher als ein Gefängnis war. Man stelle sich vor, was ich, der ich der Schüler eines hoffähigen Abbés gewesen war, ihm gegenüber empfinden mußte! Wäre ich zwei Monate diesem Ungeheuer überliefert gewesen, so bin ich überzeugt, daß mein Verstand es nicht ausgehalten hätte. Aber der gute Herr Gros, dem es auffiel, daß ich traurig wurde, nicht aß und abmagerte, ahnte den Grund meiner Niedergeschlagenheit; das war nicht schwer. Er entriß mich den Klauen meines Pavians und vertraute mich in noch merkwürdigerem Gegensatze dem sanftesten aller Menschen an, einem jungen Abbé aus Faucigny, Eine kleine Provinz des Herzogtums Savoyen. Namens Gâtier, der das Seminar durchmachte und aus Gefälligkeit für Herrn Gros und, wie ich glaube, auch aus Menschenfreundlichkeit bereit war, seinen Studien die Zeit zu entziehen, welche die Leitung der meinigen in Anspruch nahm. Nie habe ich rührendere Gesichtszüge als die des Herrn Gâtier gesehen. Er war blond und sein Bart ging in das Röthliche über. Seine Haltung entsprach der in seiner Provinz üblichen, wo die Leute unter einem plumpen Aeußeren sämmtlich viel Geist verbergen; was ihn indessen wahrhaft auszeichnete, war eine gefühlvolle, empfängliche, liebevolle Seele. In seinen großen blauen Augen lag ein Gemisch von Sanftmuth, Zärtlichkeit und Trauer, welches bewirkte, daß man ihn nicht ansehen konnte, ohne Theilnahme für ihn zu empfinden. Nach den Blicken, nach der Stimme dieses armen jungen Mannes hätte man annehmen müssen, daß er sein Schicksal voraussähe, und daß ihm sein Gefühl sagte, er wäre zum Leiden geboren. Mit diesem Aeußern stand sein Charakter nicht in Widerspruch. Voller Geduld und Gefälligkeit schien er eher mit mir zu studiren als mich zu unterrichten. Mehr bedurfte es nicht, um mir Liebe zu ihm einzuflößen; sein Vorgänger hatte mir das sehr leicht gemacht. Allein trotz aller Zeit, die er mir widmete, trotz des guten Willens, den wir uns gegenseitig bezeigten, und trotz der Richtigkeit seiner Methode, machte ich bei der größten Anstrengung nur geringe Fortschritte. Eigentümlich ist, daß ich bei aller Fassungskraft von Lehrern, mit Ausnahme meines Vaters und des Herrn Lambercier, nie habe etwas lernen können. Das Wenige, was ich sonst noch weiß, habe ich, wie man später sehen wird, allein gelernt. Mein Geist, der sich gegen jederlei Joch auflehnt, kann sich dem Gesetze des Augenblicks nicht unterwerfen. Sogar die Furcht, nicht zu lernen, stört meine Aufmerksamkeit; besorgt, den, welcher mit mir redet, ungeduldig zu machen, thue ich, als verstände ich ihn; er geht weiter und ich verstehe nichts. Mein Geist verlangt seine besondere Zeit; er ist nicht im Stande, sich in eine ihm von Andern gesetzte zu finden. Nach erhaltener Weihe kehrte Herr Gâtier in seine Heimat zurück. Mein Bedauern, meine Liebe, meine Dankbarkeit begleiteten ihn. Die Wünsche, welche ich für ihn hegte, sind nicht besser erhört worden, als die, welche ich für mich selber hatte. Einige Jahre später erfuhr ich, daß er als Pfarrvikar ein Mädchen geschwängert, das einzige, in das er sich trotz seines ungemein zärtlichen Herzens verliebt hatte. Dies war in einer sehr streng verwalteten Diöcese ein entsetzliches Aergernis. Nach guter Regel dürfen Priester nur verheirathete Frauen schwängern. Weil er sich gegen dieses Gesetz der Schicklichkeit versündigt hatte, wurde er ins Gefängnis geworfen, beschimpft, weggejagt. Ich weiß nicht, ob es ihm späterhin gelungen ist, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden, aber der Gedanke an sein trauriges Schicksal, das mir tief in das Herz geprägt ist, erwachte bei Abfassung des Emil wieder in mir, und im gemeinschaftlichen Hinblick auf Gâtier und Gaime machte ich aus diesen beiden würdigen Priestern das Original des Savoyischen Vikars. Ich schmeichle mir, daß die Nachahmung ihren Urbildern nicht zur Unehre gereicht hat. Während ich im Seminar war, wurde Herr von Aubonne gezwungen, Annecy zu verlassen. Der Herr Intendant unterstand sich es übel zu nehmen, daß sich derselbe um die Gunst seiner Frau bewarb. Das hieß es machen wie der Hund des Gärtners, denn obgleich Frau Correzi liebenswürdig war, lebte er doch sehr schlecht mit ihr; ultramontane Anwandlungen machten sie ihm unnütz, und er behandelte sie so roh, daß bereits von Scheidung die Rede war. Herr Correzi war ein tief gesunkener Mensch, schwarz wie ein Maulwurf, diebisch wie ein Rabe, und mußte schließlich wegen vielfacher Überschreitungen seines Amtes weggejagt werden. Die Provencalen sollen sich durch Lieder an ihren Feinden rächen; Herr von Aubonne rächte sich an dem seinigen durch ein Lustspiel; er schickte dieses Stück der Frau von Warens, welche es mir zeigte. Es gefiel mir und rief in mir den Wunsch hervor, ebenfalls eins zu verfassen, um mich zu überzeugen, ob ich wirklich so dumm wäre, wie mich der Dichter desselben ausgeschrien hatte; aber erst in Chambéry führte ich dieses Vorhaben aus, indem ich den Liebhaber seiner selbst schrieb. Wenn ich mich in der Vorrede zu diesem Stücke für achtzehnjährig ausgegeben, so habe ich also um einige Jahre gelogen. Ungefähr in diese Zeit fällt ein an sich zwar nicht sehr bedeutendes Ereignis, welches jedoch für mich Folgen gehabt und, als ich es bereits vergessen, in der Welt Aufsehen gemacht hat. Jede Woche hatte ich einmal die Erlaubnis auszugehen; ich habe nicht erst nöthig zu sagen, welchen Gebrauch ich davon machte. An einem Sonntage, als ich gerade bei Mama war, brach in einem Gebäude der Franziskaner, welches an ihr Haus stieß, Feuer aus. Dieses Gebäude, in welchem der Backofen stand, war bis oben an mit trocknem Reisig angefüllt. In wenigen Augenblicken brannte alles lichterloh; Mama's Haus schwebte in großer Gefahr und die Flammen, die der Wind darauf zutrieb, schlugen schon an ihm empor. Man begann es in aller Eile auszuräumen und die Möbel in den Garten hinabzutragen, der, wie bereits erwähnt, meinem früheren Fenster gegenüber jenseits des Baches lag. Ich war so bestürzt, daß ich alles, was mir in die Hände fiel, ohne Unterschied zum Fenster hinauswarf, sogar einen großen steinernen Mörser, den ich zu jeder andern Zeit Mühe gehabt hätte aufzuheben. Ich stand im Begriff, in gleicher Weise einen großen Spiegel hinauszuwerfen, wenn mich nicht jemand zurückgehalten hätte. Der gute Bischof, der an diesem Tage der Mama einen Besuch abstattete, blieb ebenfalls nicht unthätig. Er führte sie in den Garten, wo er mit ihr und allen, die zugegen waren, zu beten begann, so daß ich, als ich etwas später dorthin kam, alle auf den Knien sah und deshalb neben den andern niederkniete. Während des Gebetes des heiligen Mannes schlug der Wind um, aber so plötzlich und so rechtzeitig, daß die Flammen, welche an dem Hause emporzüngelten und schon zu den Fenstern hineinschlugen, nach der andern Seite des Hofes getrieben wurden und das Haus unbeschädigt blieb. Zwei Jahre darauf fingen nach dem Tode des Herrn von Bernex seine früheren Ordensbrüder, die Antoriner an, Urkunden zu sammeln, welche zu seiner Seligsprechung dienen konnten. Auf die Bitte des Pater Boudet fügte ich diesen Urkunden eine Bescheinigung des eben mitgetheilten Vorfalls bei, woran ich ganz gut that; woran ich aber Unrecht that, das war, daß ich diese Thatsache für ein Wunder ausgab. Ich hatte den Bischof im Gebete gesehen und wahrgenommen, daß der Wind während seines Gebetes eine andere Richtung annahm, und zwar sehr zur rechten Zeit; das konnte ich sagen und bezeugen; daß jedoch eines von beiden die Ursache des andern war, das durfte ich nicht bescheinigen, weil ich es nicht wissen konnte. So weit ich mich indessen meiner Gedanken dabei entsinnen kann, war ich damals ein aufrichtiger Katholik und handelte in gutem Glauben. Die Liebe zu dem Wunderbaren, dem menschlichen Herzen so natürlich, meine Ehrfurcht vor dem tugendhaften Prälaten, der geheime Stolz, vielleicht selbst zu diesem Wunder beigetragen zu haben, wirkten zusammen, mich zu meiner Bescheinigung zu verleiten, und so viel ist gewiß, daß ich mir, wenn dieses Wunder die Folge glühender Gebete gewesen wäre, sehr wohl einen Theil daran hätte zuschreiben können. Mehr als dreißig Jahre später, als ich die »Briefe vom Berge« herausgegeben hatte, entdeckte Fréron auf eine mir unbekannte Weise dieses Zeugnis und machte in den ihm zur Verfügung stehenden Blättern davon Gebrauch. Man muß gestehen, daß es eine glückliche Entdeckung war, und daß sie zu so gelegener Zeit eintrat, erschien mir selbst sehr drollig. Es war meine Bestimmung, von allen Ständen zurückgewiesen zu werden. Obgleich Herr Gâtier den am wenigsten ungünstigen Bericht, wie er nur irgend möglich war, über meine Fortschritte gemacht hatte, so sah man doch ein, daß sie mit meinen Anstrengungen nicht im Einklange standen, und das war nicht ermuthigend, mich meine Studien weiter treiben zu lassen. Auch verloren der Bischof und der Superior den Muth und gaben mich der Frau von Warens als einen Menschen zurück, der es nicht einmal zum Priester bringen könnte; im Uebrigen erklärte man mich für einen gutmüthigen und gutgearteten Burschen, und um deswillen verließ sie mich nicht trotz so vieler ungünstiger Urtheile über mich. Im Triumph brachte ich das Notenbuch zurück, welches mir so großen Nutzen gebracht hatte. Meine Arie aus Alpheus und Arethusa war so ziemlich das Einzige, was ich im Seminar gelernt hatte. Mein sichtlicher Trieb zu dieser Kunst rief den Gedanken in ihr wach, einen Musiker aus mir zu machen. Die Gelegenheit war günstig; es wurde wenigstens einmal in der Woche bei ihr musicirt, und der Kapellmeister des Domes, der diese kleinen Concerte leitete, besuchte sie häufig. Es war ein Pariser, Namens Le Maître, ein guter Componist, sehr lebhaft, sehr fröhlich, noch jung, von leidlichem Aeußern und geringer Begabung, aber sonst ein ganz guter Mensch. Mama machte mich mit ihm bekannt; ich gewann ihn lieb und mißfiel ihm meinerseits nicht; man besprach sich über das Kostgeld und einigte sich darüber. Kurz, ich trat bei ihm ein und brachte den Winter um so angenehmer zu, als seine Amtswohnung nur zwanzig Schritt von Mama's Hause entfernt war; wir konnten in einem Augenblicke zu ihr herüber und aßen des Abends sehr häufig mit ihr zusammen. Man kann sich vorstellen, daß mir das stets unter Gesang zugebrachte und lustige Leben im Hause meines Lehrers im Verkehre mit den Musikern und Chorknaben mehr zusagte, als das im Seminar bei den Vätern des heiligen Lazarus. Allein trotz der größeren Freiheit war dieses Leben gleichwohl nicht weniger regelmäßig und geordnet. Ich war geschaffen, die Unabhängigkeit zu lieben und nie zu mißbrauchen. Während voller sechs Monate ging ich nur aus, um Mama oder die Kirche zu besuchen, und fühlte mich zu anderen Gängen auch gar nicht versucht. Diese Zeit ist die, wo ich am ruhigsten gelebt habe und deren ich mich mit der größten Freude erinnere. Von den verschiedenen Lebenslagen, in denen ich mich befunden, haben sich einige durch ein solches Gefühl von Wohlsein ausgezeichnet, daß mich in der Erinnerung an sie das gleiche Behagen beschleicht, von dem ich damals ergriffen war. Nicht allein erinnere ich mich der Augenblicke, der Orte, der Personen, sondern auch aller damit in Verbindung stehender Umstände, der Temperatur der Luft, des Duftes, der Farbe, eines gewissen Lokaleindruckes, der sich nur dort wahrnehmbar machte und bei dessen Erinnerung ich mich wieder in die gleiche Lage zurückversetzt fühle. Alles zum Beispiel, was man in der Kapellmeisterei einübte, alles, was man im Chor sang, alles, was man darin vornahm, die schöne würdevolle Tracht der Domherren, die Meßgewänder der Priester, die Kopfbinden der Sänger, das Aeußere der Musiker, ein alter hinkender Zimmermann, der den Contrebaß, und ein kleiner blonder Abbé, der die Geige spielte, die zerfetzte Soutane, welche Le Maître, sobald er seinen Degen abgelegt hatte, über seine Laientracht zog, und das schöne feine Chorhemd, mit dem er die Löcher derselben bedeckte; der Stolz, mit dem ich, meine kleine Flöte in der Hand, auf die Empore ging und meinen Platz unter dem Orchester einnahm, um eines kleinen Solos willen, welches Herr Le Maître besonders für mich gesetzt hatte, das gute Essen, welches unser darauf wartete, und der gute Appetit, den wir dazu mitbrachten: das alles hat, wenn es wieder lebhaft vor meine Seele tritt, mich in der Erinnerung hundertmal in gleiches, wenn nicht noch größeres Entzücken als in der Wirklichkeit versetzt. Ich habe immer eine zärtliche Vorliebe für eine gewisse Melodie aus conditor alme siderum , die sich in Jamben bewegt, behalten, weil ich an einem Sonntage von meinem Bett aus diese Hymne hörte, welche nach einem Ritus des Domes von Annecy während des Advents vor Tagesanbruch auf der Treppe dieser Kirche gesungen wird. Jungfer Merceret, Mama's Kammermädchen, verstand etwas Musik. Nie werde ich eine kleine Motette »Afferte« vergessen, welche mich Herr Le Maître mit ihr singen ließ, und die ihre Herrin mit so großer Freude anhörte. Kurz alles bis auf die gute Magd Perrine, die ein so braves Mädchen war und von den Chorknaben so sehr gehänselt ward, alles taucht in der Erinnerung aus dieser Zeit des Glückes und der Unschuld oft wieder in mir auf, um mich zu entzücken und traurig zu stimmen. Ohne den geringsten Vorwurf lebte ich seit beinahe einem Jahre in Annecy; alle Welt war mit mir zufrieden. Seit meiner Abreise von Turin hatte ich keine Dummheit begangen und ich beging auch keine, so lange ich mich unter Mama's Augen befand. Sie leitete mich und leitete mich stets gut; meine Liebe zu ihr war meine einzige Leidenschaft geworden, und als Beweis dafür, daß es keine thörichte Leidenschaft war, muß ich darauf hinweisen, daß mein Herz meine Vernunft bildete. Allerdings setzte mich mein einziges, alle meine Fähigkeiten gleichsam verzehrendes Gefühl außer Stand, etwas zu lernen, nicht einmal die Musik, obgleich ich mir alle mögliche Mühe gab. Allein ich trug die Schuld nicht. Der gute Wille war durchaus vorhanden und ebenso der Fleiß. Ich war zerstreut, träumerisch und seufzte oft; was konnte ich dagegen thun? Zu meinen Fortschritten fehlte nichts, was auf mir persönlich beruhte; aber um neue Thorheiten zu begehen, bedurfte es nur einer Persönlichkeit, die mich dazu antrieb. Diese Persönlichkeit erschien auf dem Schauplatze; der Zufall übernahm das Weitere, und wie man in der Folge sehen wird, ließ sich mein anschlägiger Kopf die schöne Gelegenheit nicht entgehen. An einem sehr kalten Februarabende, als wir sämmtlich um das Feuer saßen, hörten wir an die Hausthüre klopfen. Perrine nimmt ihre Laterne, geht hinab und öffnet; ein junger Herr tritt ein, kommt mit ihr herauf, stellt sich in ungezwungener Weise vor und sagt Herrn Le Maître eine kurze und gut gesetzte Artigkeit, wobei er sich für einen französischen Musiker ausgiebt, den der schlechte Zustand seiner Geldverhältnisse zwinge, sich um eine Stelle bei der Kirchenmusik zu bewerben, um sich redlich durchzuschlagen. Bei dem Worte »französischer Musiker« hüpfte dem guten Le Maître das Herz vor Freuden. Er liebte sein Vaterland und seine Kunst leidenschaftlich. Er versprach dem jungen Reisenden ein Unterkommen bei sich und bot ihm Obdach an, das er sehr nöthig zu haben schien und deshalb ohne viele Umstände annahm. Ich betrachtete ihn mir, während er sich wärmte und, bis das Abendessen aufgetragen wurde, unaufhörlich schwatzte. Er war von gedrungenem Wuchse und eigenthümlicher Mißgestalt, ohne jedoch in erkennbarer Weise verunstaltet zu sein; er war so zu sagen ein Buckliger mit geraden Schultern, allein ich glaube, daß er ein wenig hinkte. Er trug ein schwarzes, mehr abgenutztes als altes Gewand, das vielfach zerrissen war; ein sehr feines und äußerst schmutziges Hemde mit schönen Manschetten von Fransen; ferner Gamaschen, deren jede seine beiden Füße hätte aufnehmen können, und zum Schutze gegen den Schnee einen kleinen, unter dem Arm zu tragenden Hut. In dieser drolligen Ausstattung lag trotzdem etwas Vornehmes, mit dem seine Haltung nicht in Widerspruch stand; seine Gesichtszüge hatten etwas Feines und Angenehmes; er sprach leicht und gut, aber ohne sich viel um die Regeln des Anstandes zu kümmern. Alles an ihm verrieth einen jungen Wüstling, der Erziehung gehabt hatte und sich nicht als Bettler, sondern als Narr auf den Bettel legte. Er erzählte, er hieße Venture von Villeneuve, käme von Paris, hätte sich auf dem Wege verirrt, und als er einen Augenblick seine Rolle als Musiker vergaß, fügte er hinzu, er wäre auf dem Wege nach Grenoble, um einen Verwandten, der dem dortigen Parlamente angehörte, zu besuchen. Während des Abendessens drehte sich das Gespräch um Musik, und er sprach gut darüber. Er kannte alle großen Virtuosen, alle berühmte Werke, alle Schauspieler, alle Schauspielerinnen, alle hübsche Frauen, alle große Herren. Mit allem, worauf im Laufe des Gesprächs die Rede kam, schien er genau bekannt zu sein; aber kaum war ein Gegenstand berührt, als er die weitere Besprechung desselben durch eine spaßhafte Bemerkung störte, die Lachen erregte und das Gesagte in Vergessenheit brachte. Es war Sonnabend, am folgenden Tage war Musikaufführung im Dome. Herr Le Maître schlägt ihm vor, dabei zu singen. »Sehr gern.« Auf die Frage, was für eine Stimme er singe, antwortet er »den Alt«, und redet von andern Dingen. Ehe wir uns in die Kirche begaben, bot man ihm seine Stimme zur Durchsicht an; er sah sie mit keinem Auge an. Dieses prahlerische Auftreten überraschte Le Maître. »Du sollst sehen,« flüsterte er mir ins Ohr, »daß er nicht eine einzige Note kennt.« »Ich fürchte sehr,« erwiderte ich ihm und folgte ihnen in großer Unruhe. Als man begann, schlug mir das Herz mit furchtbarer Gewalt, denn ich hatte großes Interesse für ihn gewonnen. Bald überzeugte ich mich, daß ich ruhig sein könnte. Er sang seine beiden Solo vollkommen richtig und mit allem nur denkbaren Kunstsinn, und was noch mehr sagen will, mit einer sehr hübschen Stimme. Mir ist selten eine angenehmere Ueberraschung zu Theil geworden. Nach der Messe erntete Herr Venture von den Domherren wie von den Musikern Glückwünsche und Schmeicheleien ohne Ende, auf die er in seiner scherzhaften Weise, aber stets mit vielem Anstande antwortete. Herr Le Maître umarmte ihn sehr herzlich; ich machte es eben so. Er sah, daß ich sehr froh war, und darüber schien er sich zu freuen. Man wird mir zugeben müssen, daß ich, nachdem ich für Bâcle, der im Grunde genommen doch immer nur ein Bauer war, geschwärmt hatte, jetzt auch fähig sein konnte, Venture, der Erziehung, Talente, Geist und Welterfahrung besaß und für einen liebenswürdigen Wüstling gelten mußte, mein ganzes Herz zu schenken. Und das widerfuhr mir auch und wäre, glaube ich, auch jedem andern jungen Manne an meiner Stelle um so leichter widerfahren, je mehr er im Stande gewesen wäre, Vorzüge zu erkennen, und je mehr er sich von denselben angezogen gefühlt hätte, denn Venture hatte unstreitig Vorzüge und namentlich den in seinem Alter sehr seltenen, daß er nicht beeifert war, sein Wissen leuchten zu lassen. Allerdings rühmte er sich vieler Dinge, die er nicht verstand, aber über die, welche er verstand, und deren gab es eine ziemlich große Zahl, redete er nicht; er wartete die Gelegenheit, sie zu zeigen, ab; dann benutzte er sie ohne sichtlichen Eifer, und gerade das that die größte Wirkung. Da er jedesmal, ohne zu Ende zu reden, aufhörte, so ließ sich auch nicht erkennen, wann sein Wissen erschöpft war. Scherzhaft, muthwillig, unerschöpflich, verführerisch in der Unterhaltung, beständig lächelnd und nie lachend, sagte er im einfachsten Tone die haarsträubendsten Dinge und bewirkte dadurch, daß man sie ihm hingehen ließ. Selbst die sittsamsten Damen staunten über das, was sie von ihm hinnahmen. Vergeblich sagte ihnen ihr Gefühl, daß sie ungehalten würden müßten; es fehlte ihnen an Kraft dazu. Er hatte nur liederliche Dirnen nöthig, und ich glaube nicht, daß er dazu geeignet war, Glück bei den Frauen zu machen, dagegen war er sehr geeignet, die Gesellschaft von Leuten, die es hatten, unendlich zu würzen. Bei so vielen angenehmen Talenten konnte er in einem Lande, wo man sich auf dieselben versteht und sie liebt, nicht lange auf den Kreis der Musikanten beschränkt bleiben. Wie meine Zuneigung zu Herrn Venture aus besseren Gründen hervorgegangen war, so hatte sie auch weniger üble Folgen als die zu Herrn Bâcle gefaßte, obgleich sie leidenschaftlicher und dauernder als jene war. Ich sah und hörte ihn gern; alles, was er that, schien mir reizend; alles, was er sagte, galt mir für Orakel; allein meine Liebe ging nicht so weit, daß ich außer Stande gewesen wäre, mich von ihm zu trennen. Gegen dergleichen Uebertreibung hatte ich einen guten Schutz in meiner Nachbarschaft. Ueberdies fühlte ich, daß seine Grundsätze, so gut sie auch für ihn sein mochten, mir nicht frommten; ich hatte eine andere Art Wollust nöthig, von der er keine Vorstellung hatte, und von der ich nicht einmal mit ihm zu reden wagte, völlig überzeugt, daß er sich über mich lustig gemacht hätte. Indessen hätte ich gewünscht, meine Freundschaft für ihn mit der, welche mich beherrschte, zu verbinden. Ich redete mit Entzücken von ihm zu Mama; Le Maître erging sich gegen sie in Lobeserhebungen über ihn. Sie gestattete ihn zu ihr zu bringen. Aber ihre Begegnung lief keineswegs glücklich ab: er fand sie geziert, sie fand ihn liederlich, und da eine so schlechte Bekanntschaft sie mit Besorgnis um mich erfüllte, verbot sie mir nicht allein, ihn wieder zu ihr zu führen, sondern malte mir auch die Gefahren, die ich mit diesem jungen Manne lief, mit so starken Zügen aus, daß ich im Umgange mit ihm ein wenig mehr auf meiner Hut war. Zum großen Glücke für meine Sittlichkeit und für meinen Verstand wurden wir bald getrennt. Herr Le Maître theilte den Geschmack aller seiner Kunstgenossen; er liebte den Wein. Bei Tische war er zwar mäßig, aber bei der Arbeit in seinem Studirzimmer mußte er fleißig der Flasche zusprechen. Seine Magd wußte das so wohl, daß, sobald er sein Papier zum Componiren zurecht legte und nach seinem Violoncell griff, sein Weinkrug und sein Glas im nächsten Augenblicke ankamen und von Zeit zu Zeit ein neuer Krug erschien. Ohne sich je vollständig zu betrinken, war er fast immer angeheitert, und das war in der That Schade, denn er war sonst ein durchaus guter Mensch und so fröhlich, daß ihn Mama nur die »kleine Katze« nannte. Leider liebte er sein Talent, arbeitete viel und trank in gleicher Weise. Darunter litt seine Gesundheit und endlich seine Laune; er war bisweilen argwöhnisch und leicht zu beleidigen. Unfähig zur Unhöflichkeit, unfähig, irgend jemandem zu nahe zu treten, hat er nie, selbst seinen Chorknaben nicht, ein böses Wort gesagt; aber man durfte sich auch gegen ihn nichts zu Schulden kommen lassen, und das war recht. Das Böse dabei war, daß er aus Mangel an Geist den Ton und die Charaktere nicht zu unterscheiden wußte und oft über die geringste Kleinigkeit in Harnisch gerieth. Das alte Domkapitel von Genf, in das eintreten zu dürfen sich ehemals so viele Fürsten und Bischöfe zur Ehre rechneten, hat in seinem Exile seinen alten Glanz verloren, aber seinen Stolz bewahrt. Als Aufnahmebedingung gilt noch immer, daß man Edelmann oder Doctor der Sorbonne sein muß, und giebt es einen verzeihlichen Stolz, so ist es nach dem, welcher sich auf persönliches Verdienst gründet, der, welcher aus der Geburt gewonnen wird. Ueberdies pflegen Geistliche, welche Laien in ihren Diensten haben, sie gewöhnlich mit ziemlichem Hochmuthe zu behandeln. So benahmen sich auch die Domherren häufig dem armen Le Maître gegenüber. Vor allem nahm der Vorsteher der Kantorei, der Abbé von Vidonne, der sonst ein sehr höflicher Mann war, aber einen zu großen Adelsstolz besaß, nicht immer die Rücksichten, welche Le Maîtres Talente verdienten, und dieser wieder ertrug solche verächtliche Behandlung nur unwillig. In diesem Jahre geriethen sie in der Charwoche bei einem herkömmlichen Gastmahle, welches der Bischof den Domherren gab und zu dem Le Maître regelmäßig eine Einladung erhielt, einen lebhafteren Wortwechsel als gewöhnlich. Der Domkantor verletzte den Anstand gegen ihn und sagte ihm irgend ein hartes Wort, welches er nicht verschmerzen konnte. Er faßte augenblicklich den Entschluß, in der folgenden Nacht zu entfliehen, und nichts konnte ihn davon abbringen, obgleich Frau von Warens, zu der er kam, um Abschied zu nehmen, nichts unversucht ließ, um ihn zu beruhigen. Er konnte nicht auf das Vergnügen verzichten, sich dadurch an seinen Tyrannen zu rächen, daß er sie mitten in der Osterzeit, in der sie ihn gerade am meisten brauchten, in der Verlegenheit ließ. Was ihn jedoch selbst in Verlegenheit setzte, war seine Notensammlung, die er mitnehmen wollte, was nicht leicht zu bewerkstelligen war. Der Kasten, in den er sie gepackt hatte, war so groß und schwer, daß man ihn nicht unter den Arm nehmen konnte. Mama that, was ich an ihrer Stelle ebenfalls gethan hätte und noch immer thun würde. Als sie nach vielen vergeblichen Bemühungen, ihn zurückzuhalten, ihn doch zur Flucht entschlossen sah, wie es auch immer kommen möchte, erklärte sie sich bereit, ihm nach bestem Vermögen beizustehen. Ich behaupte dreist, daß sie es ihm schuldig war. Le Maître hatte sich so zu sagen ihrem Dienste geweiht. Nicht nur in Angelegenheiten seiner Kunst, sondern auch in jeder andern Beziehung kam er ritterlich allen ihren Wünschen nach, und die Freundlichkeit, mit der er ihre Befehle vollzog, gab seiner Gefälligkeit noch einen höheren Werth. Also vergalt sie einem Freunde bei einer wichtigen Gelegenheit nur das, was er seit drei oder vier Jahren im Einzelnen für sie gethan hatte; aber sie hatte eine Seele, die, um sich zur Erfüllung solcher Pflichten angetrieben zu fühlen, nicht erst dessen eingedenk zu sein brauchte, daß es Pflichten für sie wären. Sie ließ mich holen und befahl mir, Herrn Le Maître wenigstens bis Lyon zu begleiten und, so lange er meiner bedürfen würde, bei ihm zu bleiben. Später hat sie mir gestanden, daß ihr Wunsch, mich von Venture zu trennen, viel dazu beigetragen hätte, mir diesen Auftrag zu ertheilen. Wegen der Fortschaffung des Kastens fragte sie ihren treuen Diener Claude Anet um Rath. Nach seiner Ansicht mußten wir unausbleiblich entdeckt werden, wenn wir in Annecy ein Saumthier nähmen; er schlug deshalb vor, bei Anbruch der Nacht den Kasten eine Strecke weit fortzutragen und daraus in einem Dorfe einen Esel zu miethen, um ihn weiter bis nach Seyssel zu schaffen, wo wir auf französischem Boden nichts mehr zu fürchten hätten. Dieser Rath wurde befolgt; wir reisten noch denselben Abend um sieben Uhr ab, und Mama verstärkte unter dem Vorwande, für meinen Unterhalt zu zahlen, die leichte Börse der armen »kleinen Katze« mit einem Zuschusse, den sie wohl gebrauchen konnte. Claude Anet, der Gärtner und ich trugen, so gut wir konnten, den Kasten bis zum ersten Dorfe, wo uns ein Esel ablöste, und noch in der nämlichen Nacht gelangten wir nach Seyssel. Ich glaube bereits bemerkt zu haben, daß es Zeiten giebt, in denen ich mir selbst so unähnlich bin, daß man mich für einen Menschen von ganz entgegengesetztem Charakter halten könnte. Man wird sogleich ein Beispiel davon sehen. Herr Reydelet, Pfarrer von Seyssel, war Domherr von Sanct-Peter, folglich mit Herrn Le Maître bekannt und einer von den Leuten, vor denen er sich am meisten verbergen mußte. Mein Rath ging nun im Gegentheile gerade dahin, wir sollten ihm unsere Aufwartung machen und ihn unter irgend einem Vorwande, als befänden wir uns mit Wissen des Domkapitels daselbst, um Obdach bitten. Le Maître behagte dieser Einfall, der seiner Rache einen spöttischen und scherzhaften Charakter verlieh. Wir gingen also mit größter Unverschämtheit zu Herrn Reydelet, der uns sehr gut aufnahm. Le Maître sagte ihm, er ginge auf Verlangen des Bischofs nach Bellay, um daselbst am Osterfeste die Musikaufführung zu leiten, von wo er in wenigen Tagen hier wieder durchzureisen gedächte; und ich band ihm zur Bekräftigung dieser Lüge hundert andere auf, die so natürlich klangen, daß Herr Reydelet sich über den hübschen Jungen freute, mir seine ganze Freundlichkeit zuwandte und tausenderlei Aufmerksamkeiten bewies. Wir wurden gut bewirthet und gut beherbergt. Herr Reydelet wußte gar nicht, was er uns Liebes anthun sollte, und wir schieden als die besten Freunde von der Welt mit dem Versprechen, uns auf dem Rückwege länger aufzuhalten. Kaum konnten wir erwarten, bis wir allein waren, um in lautes Gelächter auszubrechen, und ich gestehe, daß ich noch immer darein verfalle, so oft ich daran denke: denn man kann sich keinen besser und glücklicher durchgeführten Streich vorstellen. Er würde uns während der ganzen Reise belustigt haben, wenn nicht Le Maître, der nicht aufhörte zu trinken und seiner Neigung nachzuleben, zwei- oder dreimal Anfälle gehabt hätte, die den epileptischen sehr ähnelten und an denen er häufig litt. Das erschreckte mich, und ich begann bald daran zu denken, wie ich mich von ihm frei machen könnte. Wir gingen nach Bellay, um dort, wie wir es Herrn Reydelet gesagt hatten, das Osterfest zuzubringen, und obgleich wir nicht erwartet wurden, bereitete uns doch der Kapellmeister und alle Welt einen sehr freundlichen Empfang. Herr Le Maître besaß unter seinen Kunstgenossen großes Ansehen und verdiente es. Der Kapellmeister von Bellay machte sich eine Ehre daraus, seine besten Werke vorzutragen, und suchte sich die Anerkennung eines so tüchtigen Meisters zu gewinnen; denn Le Maître war nicht allein Kenner, sondern auch billig denkend, war frei von Eifersucht und ging nie auf jemandes Schaden aus. Er war all diesen Musikmeistern in der Provinz so überlegen, und sie fühlten es selbst so wohl, daß sie ihn weniger als ihren Genossen, denn als ihr Oberhaupt betrachteten. Nachdem wir in Bellay vier oder fünf Tage sehr angenehm verlebt hatten, brachen wir wieder auf und setzten ohne irgend ein anderes Abenteuer als die bereits gemeldeten unsern Weg fort. In Lyon angekommen, nahmen wir in Notre Dame de Pitié Quartier, und bis zum Eintreffen der Notenkiste, die wir durch eine andere Lüge unter der Obhut unseres Gönners Reydelet hatten auf der Rhone einschiffen lassen, suchte Le Maître seine Bekannten auf, unter andern den Pater Caton, einen Franziskaner, von dem noch in der Folge die Rede sein wird, und den Abbé Dortan, Grafen von Lyon. Beide nahmen ihn zwar gut auf, verriethen ihn aber, wie man sogleich sehen wird; sein Glück war bei Herrn Reydelet erschöpft. Zwei Tage nach unserer Ankunft in Lyon wurde Le Maître, als wir eben durch eine kleine Straße unweit unserer Herberge schritten, von einem seiner Anfälle überrascht, und dieser war so heftig, daß ich darüber von Schrecken ergriffen wurde. Ich stieß einen Schrei aus, rief nach Hilfe, nannte seine Herberge und bat, ihn dorthin zu schaffen. Während sich nun um den mitten auf der Straße besinnungslos und schäumend umgesunkenen Mann viele Leute hilfsbereit sammelten, wurde er von dem einzigen Freunde, auf den er hätte zählen müssen, erbarmungslos verlassen. Ich benutzte den Augenblick, wo niemand auf mich achtete, lief um die Straßenecke und verschwand. Dem Himmel sei Dank, habe ich auch dieses dritte saure Geständnis abgelegt, hätte ich noch viel ähnliches zu gestehen übrig, würde ich die begonnene Arbeit nicht fortsetzen. Von allem, was ich bisher bekannt habe, sind an allen Orten, wo ich gelebt, einige Spuren zurückgeblieben; was ich jedoch in dem folgenden Buche mitzutheilen habe, ist fast völlig unbekannt. Es sind die größten Thorheiten in meinem Leben, und es ist ein Glück, daß sie nicht einen schlimmeren Ausgang genommen haben. Aber mein nach dem Tone eines fremden Instruments gestimmter Kopf hatte seine eigene Stimmung und Denkweise verloren; er kam jedoch wieder von selbst zu ihr, und dann hörte ich mit meinen Thorheiten auf oder beging nur noch solche, die mit meinem Wesen mehr in Einklang standen. Dieser Abschnitt meiner Jugend ist der, von welchem ich die unklarsten Vorstellungen habe. Es ist darin fast nichts vorgefallen, was meinem Herzen interessant genug gewesen wäre, um es mir in der Erinnerung immer wieder zu vergegenwärtigen, und es ist schwer, daß ich bei dem unaufhörlichen Gehen und Kommen, bei den vielfachen, sich schnell folgenden Lebenswechseln nicht einige Verrückungen von Zeit oder Ort machen sollte. Ich schreibe lediglich nach dem Gedächtnisse, ohne schriftliche Aufzeichnungen, ohne Anhaltspunkte für die Erinnerung. In meinem Leben giebt es Ereignisse, die mir so gegenwärtig sind, als hätten sie sich eben erst begeben; allein es kommen auch Lücken und leere Stellen vor, die ich nur mit Erzählungen auszufüllen vermag, welche eben so verworren sind wie die nur davon gebliebene Erinnerung. Ich habe also hier und da Irrthümer begehen können und kann sie über Kleinigkeiten noch jetzt begehen, bis zu der Zeit, wo ich zuverlässigere Aufschlüsse über mich habe; in allem jedoch, was für den Gegenstand wirklich von Wichtigkeit ist, bin ich gewiß, genau und treu zu sein, wie ich es in allem zu sein mich stets bestreben werde, darauf kann man sich verlassen. Sobald ich Herrn Le Maître verlassen hatte, faßte ich den Entschluß, nach Annecy zurück zu kehren. Der Grund und das Geheimnisvolle unserer Abreise hatten mich nur an die Sicherheit unserer Flucht denken lassen, und dieser Gedanke, der mich gänzlich beschäftigte, hatte mich einige Tage lang, von dem, der mich zurückzog, abgelenkt; sobald indessen die erlangte Sicherheit mir größere Ruhe einflößte, machte das mich beherrschende Gefühl sich wieder in seiner alten Stärke geltend. Nichts ergötzte mich, nichts brachte mich in Versuchung, ich hatte keinen anderen Wunsch, als zu Mama zurückzukehren. Die Zärtlichkeit und Aufrichtigkeit meiner Zuneigung zu ihr hatten in meinem Herzen alle Pläne der Einbildungskraft, alle Thorheiten des Ehrgeizes ertödtet. Ich sah kein anderes Glück mehr als das, an ihrer Seite zu leben, und ich that keinen Schritt ohne zu fühlen, daß ich mich von diesem Glück entfernte. Deshalb kehrte ich, sobald es mir möglich war, zu ihr zurück. Meine Heimreise war so schnell, und mein Geist so zerstreut, daß, obgleich ich mich aller meiner übrigen Reisen mit so vieler Freude erinnere, von dieser nicht das Geringste in mir haften geblieben ist; ich entsinne mich nur meiner Abreise von Lyon und meiner Ankunft in Annecy. Man stelle sich selber vor, ob letztere hat je meinem Gedächtnisse entfallen können! Bei meiner Heimkunft traf ich Frau von Warens nicht mehr an; sie war nach Paris abgereist. Ich habe das Geheimnis dieser Reise nie vollständig erfahren. Sie würde es mir, dessen bin ich sicher, gesagt haben, wenn ich darauf bestanden hätte; aber nie war ein Mensch auf die Geheimnisse seiner Freunde weniger neugierig als ich. Mein Herz ist ausschließlich von der Gegenwart in Anspruch genommen und vollkommen von ihr erfüllt, und von den vergangenen Freuden, welche nun meine einzigen Genüsse sind, abgesehen, bleibt nicht ein Winkel desselben für das leer, was nicht mehr ist. Alles, was ich geglaubt habe nach ihren spärlichen Mittheilungen darüber annehmen zu dürfen, ist, daß sie besorgt war, bei der durch die Thronentsagung des Königs von Sardinien in Turin hervorgerufenen Revolution vergessen zu werden, und die Absicht hatte vermittelst der Intriguen des Herrn von Aubonne denselben Vortheil an dem französischen Hofe zu suchen, an welchem er ihr nach ihren wiederholentlichen Versicherungen am liebsten gewesen wäre, weil die dortige Menge großer Geschäfte eine lästige Ueberwachung nicht zuließe. Ist es so, dann ist es sehr wunderbar, daß man sie bei ihrer Rückkehr nicht scheeler angesehen und sie ihre Pension stets ohne Unterbrechung bezogen hat. Viele Leute standen in dem Wahne, sie hätte irgend einen geheimen Auftrag gehabt, sei es vom Bischofe, der damals Geschäfte am französischen Hofe hatte und selbst dahin zu reisen gezwungen war, sei es von einem noch mächtigeren Manne, der ihr eine vorteilhafte Rückkehr zu verschaffen wußte. So viel ist gewiß, daß dann die Gesandtin nicht übel gewählt gewesen wäre, und daß sie, jung und noch schön, alle Talente besaß, die nöthig sind, um eine Unterhandlung glücklich zu Ende zu führen. Viertes Buch. 1731 – 1732 Ich komme an und finde sie nicht mehr. Man stelle sich meine Ueberraschung und meinen Schmerz vor! Nun begann die Reue sich bei mir fühlbar zu machen, daß ich Herrn Le Maître so feig verlassen hatte. Sie wurde noch lebhafter, als ich das Unglück erfuhr, welches ihm zugestoßen war. Seine Kiste mit Noten, die sein ganzes Vermögen umfaßte, diese kostbare, mit so großer Anstrengung gerettete Kiste, war auf Verlangen des Grafen Dortan, welchen das Domcapitel von dieser heimlichen Entführung benachrichtigt hatte, bei ihrem Eintreffen in Lyon mit Beschlag belegt worden. Vergeblich hatte Le Maître sein Eigenthum, seinen Broterwerb, die Arbeit seines ganzen Lebens zurückverlangt. Das Eigenthumsrecht auf diese Kiste war wenigstens anfechtbar, aber ein Rechtsstreit fand gar nicht statt. Die Sache wurde auf der Stelle durch das Recht des Stärkeren erledigt, und der arme Le Maître verlor auf diese Weise die Frucht seiner Talente, die Arbeit seiner Jugend und die Hilfsmittel in seinen alten Tagen. Nichts fehlte dem Schlage, den ich erhielt, um ihn völlig niederschmetternd zu machen. Aber ich stand in einem Alter, in dem schwerer Kummer wenig Boden findet, und ich war bald um Trostgründe nicht verlegen. Obgleich ich die Adresse der Frau von Warens nicht kannte und ihr meine Rückkehr unbekannt war, rechnete ich doch darauf, binnen Kurzem Nachrichten von ihr zu bekommen, und was meinen Treubruch betraf, so fand ich ihn im Ganzen nicht so straffällig. Ich war Herrn Le Maître auf seiner Flucht nützlich gewesen; das war der einzige Dienst, den ich ihm zu leisten im Stande war. Wäre ich bei ihm in Frankreich geblieben, hätte ich ihn weder von seinem Leiden geheilt, noch seine Kiste gerettet, hätte nur seine Ausgaben verdoppelt, ohne ihm etwas nützen zu können. So sah ich damals die Sache an; jetzt erscheint sie mir in einem anderen Lichte. Nicht nach unmittelbarer Vollführung einer schändlichen That quält sie uns, sondern erst, wenn man sich ihrer lange nachher erinnert, denn die Erinnerung daran erlischt nicht. Um Nachrichten von Mama zu erhalten, war ich einzig und allein auf Warten angewiesen, denn wo hätte ich sie in Paris suchen und womit die Reise dorthin bestreiten sollen? Um früher oder später ihren Aufenthalt zu erfahren, war Annecy der geeignetste Ort. Ich blieb deshalb daselbst, aber ich führte mich sehr schlecht auf. Ich suchte den Bischof, der freundlich für mich gesorgt hatte und noch immer etwas für mich thun konnte, nicht auf. Meine Fürsprecherin war nicht mehr bei ihm, und ich fürchtete seine Vorwürfe über unsere Entweichung. Noch weniger ging ich nach dem Seminar; Herr Gros war nicht mehr dort. Ich besuchte keinen Bekannten. Der Frau Intendant hätte ich allerdings gern einen Besuch abgestattet, allein ich wagte es nie. Schlimmer aber als alles dies war, daß ich Herrn Venture wieder aufsuchte, an den ich trotz meiner Schwärmerei für ihn seit meiner Abreise nicht einmal gedacht hatte. Ich fand ihn in glänzender Lage und von ganz Annecy gefeiert; die Damen rissen sich um ihn. Dieser Erfolg verrückte mir vollends den Kopf; ich sah nichts als nur noch Venture und vergaß über ihn beinahe Frau von Warens. Um seiner Lehren keinen Augenblick verlustig zu gehen; machte ich ihm den Vorschlag, mich bei sich aufzunehmen; er willigte ein. Er wohnte bei einem Schuhmacher, einem lustigen und drolligen Kauze, der in seiner kräftigen Volkssprache seine Frau nicht anders als »Schlampe« nannte, ein Beiname, den sie auch so ziemlich verdiente. Er hatte mit ihr oft Zänkereien, die sich Venture zu verlängern bemühte, obgleich er sich anstellte, als wollte er den Streit schlichten. Er sagte ihnen in frostigem Tone und in seiner provençalischen Aussprache Worte, welche die größte Wirkung hervorbrachten; es waren Auftritte zum Todtlachen. Die Vormittage verstrichen auf diese Weise, ehe man es sich versah. Um zwei oder drei Uhr nahmen wir einen kleinen Imbiß, worauf er sich in Gesellschaft begab, in der er zu Abend speiste, während ich für mich allein lustwandelte, über seine großen Vorzüge nachsinnend, seine seltenen Talente bewundernd und mir ersehnend, und meinen Unstern verwünschend, der mich nicht zu einem so glücklichen Leben berief. Ach, wie schlecht verstand ich mich darauf! Das meinige wäre hundertmal reizender gewesen, wenn ich weniger einfältig gewesen wäre und es besser zu genießen verstanden hätte. Frau von Warens hatte nur Anet mit sich genommen. Sie hatte Merceret, ihr bereits erwähntes Kammermädchen, zurückgelassen, das ihr Haus noch immer bewohnte. Merceret war ein wenig älter als ich, nicht hübsch, aber ziemlich anmuthig, eine echte Freiburgerin ohne Falsch, an der ich keinen andern Fehler wahrgenommen habe, als daß sie mitunter etwas trotzig gegen ihre Herrin war. Ich besuchte sie ziemlich häufig; sie war ja eine alte Bekannte, und ihr Anblick erinnerte mich an eine andere, noch theurere, um deren willen ich auch sie lieb hatte. Sie hatte mehrere Freundinnen, unter andern auch ein Fräulein Giraud, eine Genferin, die zur Strafe für meine Sünden auf den Einfall kam, sich in mich zu verlieben. Sie bat Merceret unaufhörlich, mich bei ihr einzuführen. Aus Liebe zur Merceret und weil dort noch andere junge Personen waren, die ich gern sah, ließ ich mich hinbringen. Man kann sich keinen größeren Widerwillen denken, als ich gegen Fräulein Giraud empfand, die mir in jeder Weise entgegenkam. Wenn sie meinem Gesichte ihr dürres, vom Tabak schwarz besudeltes Maul näherte, konnte ich mich kaum enthalten hineinzuspeien. Aber ich zwang mich zur Geduld; dies abgerechnet, befand ich mich unter diesen Mädchen sehr wohl, und sei es um Fräulein Giraud einen Gefallen zu erweisen, sei es um meiner selbst willen, kurz alle machten mir um die Wette den Hof. Ich betrachtete dies alles nur als Freundschaft. Später habe ich gedacht, daß es nur an mir gelegen hätte, mehr darin zu erblicken; aber das kam mir nicht in den Sinn, ich dachte gar nicht daran. Ueberdies hatten Nähterinnen, Kammermädchen, Krämerinnen nichts Verführerisches für mich, nach hochgestellten jungen Damen stand mein Sinn. Jeder hat sein Gefallen, und das genannte ist stets das meinige gewesen; ich theile den Geschmack des Horaz Conf. Horat. Sat. I. 2. in diesem Punkte nicht. Was mich anzieht, ist jedoch keineswegs der nichtige Stand und Rang, sondern die besser gepflegte Gesichtsfarbe, die schöneren Hände, der geschmackvollere Putz, die über die ganze Person ausgebreitete Zierlichkeit und Sauberkeit, die anmuthigere Weise sich zu kleiden und auszudrücken; das feinere und besser sitzende Kleid, die niedlichere Fußbekleidung, die Bänder, die Spitzen, die besser geordneten Haare. Ich würde der weniger Hübschen, die von dem allen etwas mehr hätte, stets den Vorzug geben. Ich finde diese Vorliebe selbst höchst lächerlich, aber ich fühle mich einmal wider meinen Willen dazu getrieben. Nun wohl, diese Vorzüge zeigten sich mir noch einmal, und es hing nur von mir ab, daraus Gewinn zu ziehen. Welche Freude es mir macht, mich von Zeit zu Zeit in meine angenehmen Jugenderlebnisse zu versenken! Sie waren mir so süß; sie waren so flüchtig, so selten, und ich habe sie ohne große Mühe genossen! Ach, ihr bloses Andenken erfüllt mein Herz mit einer reinen Freude, deren ich bedarf, um meinen Muth wieder zu beleben und die Verdrießlichkeiten meiner übrigen Lebensjahre zu ertragen! Eines Tages in aller Frühe schien mir die Morgenröthe so schön, daß ich mich schnell ankleidete und in das Freie hinauseilte, um die Sonne aufgehen zu sehen. Ich weidete mich an diesem Anblicke mit freudigem Herzen; es war in der Woche nach Johanni. Die Erde, die ihren schönsten Schmuck angelegt hatte, war mit Kräutern und Blumen bedeckt; die Nachtigallen, schon fast am Ende ihrer Schlagezeit, schienen ihre Lust daran zu haben, nur um so lieblicher zu singen; alle Vögel, die im Chore dem Frühling ihr Lebewohl nachriefen, verkündeten singend den Anbruch eines schönen Sommertages, eines jener schönen Tage, die man in meinem Alter nicht mehr erlebt, und die man auf dem armseligen Boden, auf dem ich jetzt wohne, Zu Wootton in Staffordshire nie erlebt hat. Ich hatte mich unmerklich von der Stadt entfernt; die Hitze nahm zu, und ich schritt im Schatten eines kleinen Thales an einem Bache entlang. Hinter mir vernehme ich Hufschläge und Stimmen von Mädchen, die verlegen schienen, aber trotzdem nicht weniger herzlich lachten. Ich wende mich um; man ruft mich bei Namen; ich gehe auf sie zu und treffe zwei mir bekannte junge Mädchen, Fräulein von Graffenried und Fräulein Galley, die, da sie es in der Reitkunst nicht weit gebracht hatten, nicht wußten, wie sie ihre Pferde zum Durchschreiten des Baches bewegen sollten. Fräulein von Graffenried war eine junge, sehr liebenswürdige Bernerin, die eine Jugendthorheit veranlaßt hatte, ihre Heimat zu verlassen, und die nun Frau von Warens nachahmte, bei welcher ich sie hin und wieder gesehen hatte. Da sie jedoch nicht gleich dieser eine Pension erhalten hatte, so war es für sie ein großes Glück gewesen, daß sie einen Anhalt an Fräulein Galley gefunden hatte, die in ihrer Freundschaft für sie ihre Mutter überredet hatte, sie, bis man derselben ein Unterkommen verschaffen könnte, ihr zur Gesellschafterin zu geben. Fräulein Galley war ein Jahr jünger als sie und noch hübscher; sie hatte etwas Anmuthigeres, Feineres, wenn ich auch nicht sagen kann in wie fern; trotz aller Zierlichkeit war sie doch schon vollkommen entwickelt, was für ein Mädchen der schönste Zeitpunkt ist. Beide liebten sich zärtlich, und diese Eintracht versprach bei dem gutmüthigen Charakter Beider von langer Dauer zu sein, wenn nicht irgend ein Anbeter als Störenfried erschien. Sie sagten mir, daß sie auf dem Wege nach Toune wären, einem alten, der Frau Galley gehörenden Schlosse; sie erbaten meinen Beistand, die Pferde durch das Wasser zu bringen, da sie allein damit nicht zu Stande kommen könnten. Ich wollte die Pferde mit der Peitsche antreiben, aber die Damen fürchteten, ich könnte im Falle ihres Ausschlagens verletzt und sie bei ihren Sprüngen abgeworfen werden. Ich nahm meine Zuflucht zu einem andern Mittel; ich ergriff das Pferd des Fräulein Galley am Zügel und schritt dann, es nach mir ziehend, durch den Bach, wobei mir das Wasser bis an die Waden reichte; und das andere Pferd folgte ohne Schwierigkeit. Nach dieser Heldenthat wollte ich den Damen einen Gruß zuwerfen und wie ein Einfaltspinsel von dannen gehen; sie flüsterten sich leise einige Worte zu, und Fräulein von Gaffenried sagte dann, indem sie sich zu mir wandte: »O nein, o nein, so entrinnt man uns nicht. In unserm Dienste haben Sie sich naß gemacht, und unser Gewissen gebietet uns deshalb dafür zu sorgen, daß Sie wieder trocken werden. Sie müssen gefälligst mit uns kommen; wir erklären Sie für unsern Gefangenen.« Mir schlug das Herz; ich blickte Fräulein Galley an. »Ja, ja,« fügte sie, über meine bestürzte Miene lachend, hinzu, »für unsern Kriegsgefangenen. Steigen Sie hinter ihr auf, wir wollen die Verantwortung für Sie übernehmen.« – »Aber, Fräulein, ich habe nicht die Ehre, Ihrer Frau Mutter bekannt zu sein. Was wird sie sagen, wenn sie mich ankommen sieht?« – »Ihre Mutter«, erwiderte Fräulein von Graffenried, »ist nicht in Toune, wir sind allein; wir kehren heute Abend zurück, und Sie werden mit uns zurückkommen.« Die Elektricität übt keine schnellere Wirkung aus, als diese Worte es auf mich thaten. Als ich auf das Pferd des Fräulein von Graffenried sprang, zitterte ich vor Freude, und als ich sie, um mich zu halten, umfassen mußte, klopfte mir das Herz so stark, daß sie es hörte. Sie sagte mir, auch das ihrige klopfe aus Angst zu fallen. In der Stellung, die ich einnahm, lag darin fast eine Aufforderung, mich selbst davon zu überzeugen. Ich hatte nicht den Muth dazu, und während des ganzen Rittes leisteten ihr meine Arme nur den Dienst eines Gürtels, der zwar sehr enganschließend war, sich aber nicht einen Augenblick aus seiner Lage verschob. Manche Frau würde mich, wenn sie dieses liest, gern ohrfeigen, und hätte nicht Unrecht. Die Freude über den Spazierritt und das Geplauder der Mädchen regten meine Redelust dermaßen an, daß wir, bis zum Abende und so lange wir zusammen waren, unaufhörlich sprachen. Sie hatten mich in so gute Stimmung versetzt, daß meine Zunge eben so viel sagte wie meine Augen, obgleich sie nicht das Nämliche sagte. Nur einige Augenblicke, wenn ich mich mit der einen oder der andern unter vier Augen allein befand, machte sich in der Unterhaltung eine gewisse Verlegenheit geltend, aber die Abwesende kehrte sehr bald zurück und ließ uns nicht Zeit, uns über den Grund dieser Verlegenheit klar zu werden. Als wir in Toune angekommen und ich wieder vollkommen trocken war, frühstückten wir. Alsdann mußte zu der Bereitung des Mittagsessens, was eine gar wichtige Sache ist, übergegangen werden. Während des Kochens küßten die beiden Fräulein von Zeit zu Zeit die Kinder der Pächterin, und der arme Küchenjunge sah ihr Treiben mit an, seinen Aerger verbeißend. Man hatte Vorräthe aus der Stadt geschickt, und es war zu einem vorzüglichen Essen alles vorhanden, namentlich Leckereien, aber leider hatte man den Wein vergessen. Bei Mädchen, die ihn nicht tranken, war diese Vergeßlichkeit nicht zu verwundern, aber mir war sie unangenehm, denn ich hatte ein wenig darauf gerechnet, daß ich beim Glase mehr Muth bekommen würde. Sie waren darüber ebenfalls verdrießlich, vielleicht aus demselben Grunde, wenn ich es auch nicht glaube. Ihre lebhafte und reizende Heiterkeit war die Unschuld selbst, und was hätten sie überdies mit mir anfangen können, da sie zu zweien waren? Sie schickten überall nach Wein umher, aber man konnte keinen auftreiben, denn die Bauern dieses Cantons sind sehr mäßig und arm. Als sie mir ihren Aerger darüber aussprachen, sagte ich zu ihnen, sie sollten sich das nicht zu Herzen gehen lassen, sie brauchten keinen Wein, um mich trunken zu machen. Dies war die einzige Artigkeit, die ich ihnen im Laufe des Tages zu sagen wagte, aber ich glaube, die losen Mädchen sahen recht gut, daß es keine blose Redensart, sondern die volle Wahrheit war. Wir aßen in der Küche der Pächterin, die beiden Freundinnen auf Bänken an den beiden Seiten des langen Tisches sitzend und ihr Gast zwischen ihnen beiden auf einem dreibeinigen Schemel. Was für ein Mahl! Was für eine reizende Erinnerung! Weshalb will man, wenn man sich so reine und wahre Freuden so leicht verschaffen kann, noch andere suchen? Nie können sich die Abendessen in den sogenannten kleinen Häusern bei Paris mit diesem Mahle auch nur annähernd vergleichen, nicht nur nicht an Heiterkeit und aufrichtiger Freude, sondern ich behaupte sogar nicht einmal an sinnlicher Lust. Nach dem Essen zeigten wir unsere Kunst im Sparen: statt den Kaffee, der uns vom Frühstück übrig geblieben war, sofort zu trinken, sparten wir ihn für das Vesperbrot auf, bei dem es Rahm und Kuchen geben sollte, welchen die Damen mitgebracht hatten; und damit wir unsern Appetit in Athem erhielten, gingen wir in den Obstgarten, um unsern Nachtisch mit Kirschen zu beschließen. Ich stieg auf den Baum und warf ihnen ganze Büschel hinab, mit deren Kernen sie ein lebhaftes Feuer durch die Zweige hindurch auf mich eröffneten. Einmal stellte sich Fräulein Galley, ihre Schürze hinhaltend und den Kopf zurückwerfend, so reizend hin, und ich zielte so genau, daß ich einen Büschel gerade in ihren Busen hinein fallen ließ. Man kann sich das Gelächter vorstellen. Ich sagte mir: »Weshalb sind meine Lippen keine Kirschen! Mit welcher Lust würde ich sie da hinwerfen!« Auf diese Weise verging der Tag unter allerlei fröhlichen Scherzen, die trotz aller Ungezwungenheit doch nie gegen den Anstand verstießen. Nicht ein zweideutiges Wort, nicht ein gewagter Scherz, und diesen Anstand legten wir uns nicht etwa auf, nein, er kam ganz von selbst; wir folgten nur den Eingebungen unserer Herzen. Kurz, meine Bescheidenheit – andere werden sagen meine Dummheit – war so groß, daß die höchste Vertraulichkeit, die ich mir herausnahm, darin bestand, daß ich Fräulein Galley einmal die Hand küßte. Die Umstände verliehen dieser unbedeutenden Gunst allerdings ihren Werth. Wir waren allein; ich athmete nur mühsam, sie hatte die Augen gesenkt. Statt nach Worten zu suchen, erdreistete sich mein Mund sich auf ihre Hand zu drücken, die sie, nachdem ich sie geküßt hatte, sanft zurückzog, wobei sie mich mit einer Miene anblickte, in welcher sich kein Zorn zu erkennen gab. Ich weiß nicht, was ich fähig gewesen wäre, ihr zu sagen; ihre Freundin trat herein und in diesem Augenblicke erschien sie mir häßlich. Endlich dachten sie daran, daß wir mit der Rückkehr in die Stadt nicht bis zum Einbruch der Nacht warten dürften. Es blieb uns nur noch gerade so viel Zeit, um bei Tage heimzukommen und wir beeilten unsern Aufbruch, nachdem wir uns in derselben Weise, wie wir gekommen waren, vertheilt hatten. Hätte ich das Herz gehabt, würde ich diese Ordnung umgestoßen haben, denn Fräulein Galley's Blick hatte mein Herz heftig erregt; allein ich wagte nichts zu sagen, und ihr verbot es die Sitte, diesen Vorschlag zu machen. Unterwegs bedauerten wir, daß der Tag schon zu Ende wäre; allein weit davon entfernt, uns über seine Kürze zu beklagen, waren wir darüber einig, daß wir das Geheimnis besessen hatten, ihn durch alle die Belustigungen, mit denen wir ihn auszufüllen verstanden, lang zu machen. Ich verließ sie fast an der nämlichen Stelle, wo sie meiner habhaft geworden waren. Mit welchem Bedauern wir von einander schieden! Mit welcher Lust wir übereinkamen, uns wiederzusehen! Zwölf mit einander verlebte Stunden kamen uns wie Jahrhunderte herzlicher Freundschaft vor. Die süße Erinnerung an diesen Tag wurde den liebenswürdigen Mädchen durch nichts verbittert; die zärtliche Verbindung, die sich unter uns dreien gebildet, hatte höheren Werth als sinnliche Freuden und hätte in Verbindung mit ihnen keinen Bestand haben können; wir liebten uns ohne Heimlichkeit und Verschämtheit und wollten uns immer so lieben. Die Sittenunschuld hat ihren hohen Genuß, der sich mit jedem andern messen kann, weil er nie aufhört und beständig empfunden wird. Ich wenigstens weiß, daß die Erinnerung an einen so schönen Tag mich mehr rührt, mich mehr bezaubert, in meinem Herzen häufiger erwacht, als das Andenken an irgend einen andern Genuß, der sich mir je in meinem Leben dargeboten hat. Ich war mir nicht völlig darüber klar, was ich eigentlich mit diesen reizenden Mädchen im Schilde führte, aber sie hatten mich beide ungemein angezogen. Ich will nicht sagen, daß ich, wenn es allein auf mich angekommen wäre, mein Herz unter sie gleich getheilt hätte; ich war mir bewußt, daß ich die eine, wenn auch nur gering, bevorzugte. Ich hätte es als mein Glück betrachtet, Fräulein von Graffenried zur Geliebten zu haben; aber bei völlig freier Wahl würde sie mir, wie ich glaube, als Vertraute lieber gewesen sein. Wie dem auch sein möge, als ich von ihnen schied, schien es mir, daß ich ohne die eine wie die andere nicht mehr leben könnte. Wer hätte mir wohl gesagt, daß ich sie in meinem Leben nicht wiedersehen und unsere Eintagsliebe damit ein Ende haben würde! Wer dies liest, wird nicht verfehlen, über meine galanten Abenteuer zu lachen, wenn er gewahr wird, daß selbst die am meisten vorgerückten nach vielen Vorbereitungen mit einem Handkuß endigen. Und doch thut der Leser sehr Unrecht daran. Ich habe bei einer solchen in einem Handkuß schließenden Liebelei fürwahr mehr Wonne empfunden, als er je bei der seinigen, die wenigstens damit begonnen hat. Venture, der die vorige Nacht sehr spät zu Bett gegangen war, kam kurz nach mir zurück. Diesmal war mir seine Heimkunft nicht so angenehm wie sonst, und ich hütete mich, ihm zu sagen, wie ich meinen Tag verlebt hatte. Die Fräulein hatten sehr wegwerfend von ihm gesprochen und hatten mir mißvergnügt darüber geschienen, mich in so schlechten Händen zu wissen. Das that ihm Abbruch bei mir, und überdies konnte alles, was meine Gedanken von ihnen ablenkte, mir nur unlieb sein. Indessen rief er mich bald zu uns selber zurück, indem er meine Lage zur Sprache brachte. Sie war zu mißlich, um von Dauer sein zu können. Obgleich ich äußerst sparsam lebte, war meine Börse doch schon fast vollends erschöpft; es fehlte mir an Einnahmequellen. Keine Nachrichten von Mama! Ich wußte nicht, was anfangen, und mein Herz wurde bei dem Gedanken, den Freund des Fräulein Galley bis auf den Bettel heruntergekommen zu sehen, schwer beklommen. Venture theilte mir mit, daß er meinetwegen mit dem Herrn Amtsrichter geredet und die Absicht hätte, mich am nächsten Tage zum Essen zu ihm zu führen; derselbe wäre im Stande, mir durch seine Freunde zu einer Stellung zu verhelfen, obendrein auch eine vielversprechende Bekanntschaft, ein geistreicher und gebildeter Mann, von sehr geselligem Charakter, talentvoll und ein Bewunderer aller Talente. Nach seiner Gewohnheit darauf die albernste Leichtfertigkeit in die ernstesten Sachen mischend, zeigte er mir ein so eben aus Paris eingetroffenes Liedchen, nach einer Melodie aus einer Oper von Mouret, welche damals häufig gespielt wurde. Dieses Lied hatte Herrn Simon, so hieß nämlich der Amtsrichter, so vorzüglich gefallen, daß er nach derselben Melodie ein anderes zur Erwiderung dichten wollte; er hatte Venture ebenfalls um Abfassung eines solchen gebeten, und dieser war so thöricht, mich zur Anfertigung eines dritten aufzufordern, damit man, wie er sich ausdrückte, am nächsten Tage die Lieder ankommen sähe wie die Sänften im Lustspiel Roman. Da ich in der Nacht nicht schlafen konnte, brachte ich meine Reimerei, so gut ich konnte, zu Stande. Für die ersten Verse, die aus meiner Feder geflossen, waren sie leidlich, sogar besser, oder wenigstens tieffühlender, als sie einen Tag früher ausgefallen wären, da ich in ihnen ein sehr zärtliches Verhältnis besang, für welches mein eigenes Herz bereits zu erglühen begann. Am Morgen zeigte ich Venture mein Lied, das er, da es seinen Beifall fand, in die Tasche steckte, ohne mir zu sagen, ob er das seinige gemacht hätte. Zur Mittagszeit begaben wir uns zu Herrn Simon, der uns freundlich aufnahm. Die Unterhaltung war lebhaft und anregend; bei zwei geistreichen Männern, die große Belesenheit besaßen, ließ sich das nicht anders erwarten. Die Rolle, die mir zufiel, war schweigen und zuhören. Keiner von beiden erwähnte des Liedes; ich sprach eben so wenig davon, und nie ist, so viel ich weiß, von dem meinen die Rede gewesen. Herrn Simon schien mein anständiges Benehmen zu gefallen, denn weiter konnte er bei dieser Zusammenkunft schwerlich etwas von mir kennen lernen. Er hatte mich schon mehrmals bei Frau von Warens gesehen, ohne mich einer näheren Beachtung zu würdigen. Deshalb kann ich erst von diesem Mittagsessen an meine Bekanntschaft mit ihm rechnen, die mir zwar hinsichtlich des erstrebten Zweckes keinen Nutzen gewährte, aber späterhin andere Vortheile brachte, um deren willen ich seiner nur mit Freuden gedenke. Ich würde Unrecht thun, wenn ich sein Aeußeres mit Stillschweigen überginge. Bei seiner Eigenschaft als Beamter und Schöngeist, worauf er stolz war, würde man sich von demselben ohne eine Schilderung keinen Begriff machen können. Der Herr Amtsrichter Simon war sicherlich keine zwei Fuß hoch. In seiner ersten handschriftlichen Aufzeichnung, welche der Ausgabe vom Jahre 1801 zu Grunde lag, hatte Rousseau ebenfalls zwei Fuß geschrieben, aber das Wort zwei ausgestrichen und drei darüber geschrieben, da er ohne Zweifel einsah, daß eine Größe von noch nicht ganz zwei Fuß, die er diesem Herrn beilegte, als Uebertreibung aufgefaßt worden wäre. Seine Beine, gerade, dünn und sogar ziemlich lang, würden ihn größer gemacht haben, hätte er sie auch gerade aufgesetzt, aber sie standen auseinander wie Schenkel eines weitgeöffneten Zirkels. Sein Leib war nicht allein kurz, sondern auch dünn, und in jedem Sinne von einer unbegreiflichen Winzigkeit. Im nackten Zustande mußte er sich wie eine Heuschrecke ausnehmen. Sein Kopf von natürlicher Größe und mit einem sehr wohl gebildeten Gesichte, edlen Zügen und ziemlich schönen Augen sah aus, als wäre er auf einen Stumpf gesetzt. Großen Aufwand für Kleidung hätte er sich ersparen können, denn schon seine große Perrücke allein reichte aus, ihn von Kopf bis zu Füßen vollkommen zu umhüllen. Er hatte zwei ganz verschiedene Stimmen, die bei der Unterhaltung unaufhörlich ineinander übergingen. Dieser Contrast war anfangs sehr belustigend, wurde aber mit der Zeit sehr unangenehm. Die eine war tief und klangvoll; sie war, wenn ich so sagen darf, die Stimme seines Kopfes. Die andere, laut, scharf und heulend, war die Stimme seines Leibes. Wenn er langsam sprach, wenn er ruhig blieb, wenn er nicht den Athem verlor, konnte er immer mit seiner vollen Stimme reden; aber sobald er nur ein wenig lebhaft wurde und erregter zu sprechen begann, schlug seine Stimme in Töne um, die dem Pfeifen auf einem Schlüssel glichen, und er hatte die größte Mühe, wieder in seinen Baß zu verfallen. Bei diesem Aeußern, wie ich es ohne die geringste Uebertreibung geschildert habe, war Herr Simon galant, ein großer Bewunderer der Frauenwelt und in seinem Anzuge bis zur Koketterie sorgfältig. Da er seine Vorzüge geltend zu machen suchte, gab er seine Audienzen gern morgens im Bette, denn wenn man auf dem Kopfkissen einen schönen Kopf erblickte, so konnte niemand denken, daß damit alles abgemacht war. Dies rief mitunter Auftritte hervor, deren sich sicherlich noch ganz Annecy erinnert. Eines Morgens, als er in oder vielmehr auf diesem Bette in hübscher, sehr feiner und blendend weißer Nachtmütze, die mit zwei mächtigen Schleifen von rosafarbigem Bande verziert war, die Parteien erwartete, trifft ein Bauer ein und klopft an die Thür. Die Magd war ausgegangen. Der Herr Amtsrichter ruft, als von neuem geklopft wird: »Herein!« und zwar, weil er sich ein wenig zu sehr anstrengt, mit seiner gellenden Stimme. Der Mann tritt ein, er sieht sich um, wo diese Frauenstimme herkommt, und als er im Bette eine Nachtmütze mit riesigen Schleifen erblickt, will er sich wieder mit großen Entschuldigungen gegen die gnädige Frau herausbegeben. Herr Simon wird ärgerlich und schreit nur um so kreischender. Da der Bauer dadurch in seiner Ansicht bestätigt wird und sich für beleidigt hält, schimpft er ihn aus, sagt, er sei augenscheinlich nur eine liederliche Dirne, und der Herr Amtsrichter führe keinen erbaulichen Wandel. Dieser gerieth außer sich, und da er keine andere Waffe als seinen Nachttopf hatte, wollte er ihn dem armen Manne an den Kopf werfen, als seine Haushälterin glücklicherweise herbeikam. Dieser kleine, von der Natur leiblich so vernachlässigte Zwerg war dafür geistig entschädigt worden, und seine schönen Anlagen hatte er sorgfältig ausgebildet. Obgleich er in dem Rufe eines ziemlich tüchtigen Juristen stand, liebte er sein Fach doch nicht. Er hatte sich auf die schöne Literatur geworfen und in ihr recht glückliche Erfolge erzielt. Er hatte sich namentlich ihre glänzende Oberfläche angeeignet, diese duftende Würze, welche erst dem Umgange, selbst dem mit Frauen, den rechten Reiz verleiht. Er kannte alle Anekdoten der Ana, jener bekannten Sammlung witziger Einfälle, und noch vieler anderer auswendig und besaß die Kunst, sie richtig anzubringen, wobei er sie anziehend, mit einer gewissen Nichtigkeit und in einer Weise erzählte, als ob das, was vor sechzig Jahren vorgefallen, eine Anekdote von gestern wäre. Er verstand sich auf Musik und sang mit seiner Männerstimme angenehm; kurz, für einen Beamten hatte er viele hübsche Talente. Da er den Damen von Annecy beständig den Hof machte, war er unter ihnen in die Mode gekommen; sie führten ihn in ihrem Gefolge wie einen kleinen Affen mit sich. Er rühmte sich sogar seines Glückes in der Liebe und das belustigte sie ungemein. Eine Frau von Epagny sagte, für ihn bestände die höchste Gunst darin, einer Frau das Knie küssen zu dürfen. Da er gute Bücher kannte und gern von ihnen redete, so war ein Gespräch mit ihm nicht allein unterhaltend, sondern auch belehrend. Als mir später das Studium Freude machte, pflegte ich die Bekanntschaft mit ihm und befand mich dabei sehr gut. Ich besuchte ihn zuweilen von Chambery aus, wo ich mich damals aufhielt. Er lobte meinen Eifer und fachte ihn noch mehr an und gab mir in Bezug auf meine Lektüre gute Rathschläge, die mir oft nützlich waren. Leider wohnte in diesem so schwächlichen Körper eine sehr gefühlvolle Seele. Einige Jahre nachher hatte er ich weiß nicht was für ein schlimmes Abenteuer, welches ihn in einen solchen Kummer versetzte, daß er darüber starb. Es war Schade, er war wirklich ein guter kleiner Mann, den man anfänglich auslachte und schließlich lieb gewann. Obgleich sein Leben nur in geringe Berührung mit dem meinigen gekommen ist, habe ich es doch um der vielen nützlichen Lehren willen, die ich von ihm empfangen, für meine Pflicht gehalten, sein Gedächtnis in ehrender Weise zu erneuern. Sobald ich frei war, eilte ich in die Straße des Fräulein Galley, indem ich mich der Hoffnung hingab, daß ich jemanden hineingehen oder herauskommen oder wenigstens ein Fenster öffnen sehen würde. Nichts; keine Katze wurde sichtbar, und während der ganzen Zeit meines Weilens blieb das Haus so verschlossen, als wäre es völlig unbewohnt. Die Straße war klein und öde, ein Mensch mußte in ihr sofort auffallen. Von Zeit zu Zeit ging jemand vorüber und trat in ein benachbartes Haus oder es kam einer aus demselben heraus. Mein Dortsein machte mich verlegen; ich bildete mir ein, man müßte den Zweck meines Kommens errathen, und dieser Gedanke war mir peinlich, denn ich habe die Ehre und die Ruhe derer, die mir theuer waren, stets höher als mein Vergnügen gestellt. Endlich müde, den spanischen Liebhaber zu spielen, zumal ich keine Guitarre hatte, entschloß ich mich an Fräulein von Graffenried zu schreiben. Ich hätte lieber an ihre Freundin geschrieben, wagte es jedoch nicht, und es ziemte sich auch, mich zuerst an die zu wenden, der ich die Bekanntschaft der andern verdankte, und mit der ich auf vertrauterem Fuße stand. Den Brief übergab ich Fräulein Giraud, wie ich es mit den jungen Damen bei unserer Trennung ausgemacht hatte. Sie selbst hatten mir diesen Ausweg angegeben. Fräulein Giraud war Stepperin und hatte, da sie bisweilen bei Frau Galley arbeitete, Zutritt zu ihrem Hause. Die Botin schien mir allerdings nicht allzu glücklich gewählt, allein ich befürchtete, man würde mir, wenn ich ihretwegen Schwierigkeiten erhöbe, keine andere vorschlagen. Auch konnte ich ihnen unmöglich zu verstehen geben, daß sie sich um meine Gunst bemühte. Ich fühlte mich durch den Gedanken gedemüthigt, daß sie mir zutrauen könnte, ich hielte sie und jene Damen für Wesen desselben Geschlechtes. Kurz, ich wollte mich lieber ihrer bedienen, als gar keinen Sendboten haben, und klammerte mich an dieses Auskunftsmittel auf gut Glück. Beim ersten Wort errieth mich die Giraud; dies war nicht schwer. Wenn nicht die Bestellung eines Briefes an junge Mädchen für sich selbst gesprochen hätte, so würde mich schon meine alberne und verlegene Miene allein verrathen haben. Man kann sich vorstellen, daß ihr dieser Auftrag nicht sehr angenehm war; sie nahm ihn jedoch an und richtete ihn getreulich aus. Früh am folgenden Tage eilte ich zu ihr und fand meine Antwort. Wie schnell ich mich wieder fortmachte, um sie wieder und wieder zu lesen und mit meinen Küssen zu bedecken, bedarf nicht erst der Versicherung; wohl aber muß berichtet werden, welchen Entschluß Fräulein Giraud gefaßt hatte, einen Entschluß, in dem sich mehr Zartgefühl und Zurückhaltung aussprach, als ich ihr zugetraut hatte. Da sie verständig genug war, um einzusehen, daß sie mit ihren siebenunddreißig Jahren, ihren Hasenaugen, ihrer Schnupftabaksnase, ihrer kreischenden Stimme und ihrer schwarzen Haut zwei jungen anmuthigen Mädchen in dem vollen Glänze ihrer Schönheit gegenüber eine üble Rolle spielte, wollte sie dieselben weder verrathen noch ihnen dienen, und mich lieber verlieren, als mich jenen zuführen. 1732 Schon seit einiger Zeit beabsichtigte Merceret, die von ihrer Herrin noch nicht die geringste Nachricht erhalten hatte, nach Freiburg zurückzukehren; jetzt bewog Giraud sie, ihren Entschluß zur Ausführung zu bringen. Sie that mehr; sie überzeugte sie, daß es gut wäre, wenn jemand sie zu ihrem Vater zurückbrächte, und schlug mich dazu vor. Die kleine Merceret, der ich ebenfalls nicht mißfiel, fand diesen Gedanken sehr gut. Noch an dem nämlichen Tage sprachen beide mit mir davon wie von einer abgemachten Sache, und da ich in dieser Art, über mich zu verfügen, nichts Beleidigendes sah, so willigte ich ein, indem ich glaubte, daß diese Reise höchstens acht Tage in Anspruch nehmen könnte. Die Giraud, die darüber andere Gedanken hegte, richtete alles ein. Ich konnte den Zustand meiner Geldverhältnisse nicht verschweigen. Man trug Fürsorge, die Merceret übernahm die Deckung meiner Reisekosten, und um diesen Mehraufwand wieder einzubringen, wurde auf meine Bitte abgemacht, daß wir nach Voraussendung ihres geringen Gepäckes in kleinen Tagereisen zu Fuße gehen sollten. Und so geschah es. Es ärgert mich zu erzählen, daß so viele Mädchen in mich verliebt waren; da ich aber auf den Gewinn, den mir alle diese Liebeshändel eingetragen haben, nicht sehr stolz sein kann, glaube ich unbedenklich die Wahrheit sagen zu dürfen. Jünger und weniger gewitzigt als die Giraud, ist mir die Merceret nie so herausfordernd entgegengekommen; aber sie ahmte mir im Tone und in der Aussprache nach, wiederholte meine Lieblingsredensarten, erwies mir Aufmerksamkeiten, die ich ihr hätte erweisen müssen, und trug, da sie sehr furchtsam war, stets große Sorge dafür, daß wir in demselben Zimmer schliefen, eine Gemeinsamkeit, die sich, sobald ein junger Mann von zwanzig Jahren und ein Mädchen von fünfundzwanzig mit einander reisen, selten darauf beschränkt. Dennoch geschah es diesmal. Meine Einfalt war der Art, daß mir während der ganzen Reise, obgleich die Merceret nicht unschön war, ich sage nicht die geringste galante Versuchung, sondern nicht einmal der entfernteste Gedanke daran kam; und wäre dieser Gedanke je in mir aufgestiegen, so wäre ich zu dumm gewesen, ihn zu verwerthen. Ich konnte mir keinen Begriff davon machen, wie ein Mädchen und ein Bursch dazu kommen könnten, zusammenzuschlafen; ich wähnte, dieses schreckliche Übereinkommen verlangte Jahrhundert lange Vorbereitungen. Wenn die arme Merceret darauf rechnete, daß ich sie dafür, daß sie mich frei hielt, schadlos halten würde, so täuschte sie sich sehr, und wir kamen in Freiburg eben so unschuldig an, als wir Annecy verlassen hatten. Als wir durch Genf kamen, besuchte ich niemanden, aber auf der Brücke wäre ich beinahe krank geworden. Nie habe ich die Mauern dieser glücklichen Stadt sehen, nie sie betreten können, ohne von einer gewissen krankhaften Schwäche befallen zu werden, die in einer übergroßen Rührung ihren Grund hatte. Während das erhabene Bild der Freiheit meine Seele erhob, rührte mich der Anblick der Gleichheit, der Einigkeit, der Sittenreinheit bis zu Thränen und erfüllte mich mit tiefer Trauer, alle diese Güter verloren zu haben. In welchem Irrthume befand ich mich, und doch, wie natürlich war er nicht! Weil ich dies alles in meiner Seele trug, glaubte ich es auch in meinem Vaterlande zu sehen. Auch durch Nyon führte uns der Weg. Es durchwandern, ohne meinen guten Vater zu sehen! Würde es mir an Muth dazu gefehlt haben, hätte ich mich zu Tode gegrämt. Ich ließ die Merceret im Gasthause und suchte ihn auf alle Gefahr hin auf. Ach, wie Unrecht hatte ich, mich vor ihm zu fürchten! Bei meinem Anblick öffnete sich sein Herz den väterlichen Gefühlen, die verschlossen in ihm ruhten. Wie viele Thränen flössen, als wir uns umarmten! Zuerst glaubte er, daß ich zu ihm zurückkehrte. Ich erzählte ihm, was ich erlebt und jetzt beschlossen hatte. Er machte wenig Einwendungen dagegen. Er zeigte mir die Gefahren, denen ich mich aussetzte, und meinte, die kürzesten Thorheiten wären die besten. Uebrigens gab er nicht einmal die Versuchung zu erkennen, mich mit Gewalt zurückzuhalten, und darin hatte er meines Erachtens Recht. Aber sicherlich that er, um mich zur Rückkehr zu veranlassen, nicht alles, was er hätte thun können; sei es, daß ich nach seiner Ansicht den einmal gethanen Schritt doch nicht zurückthun durfte, oder vielleicht auch aus Verlegenheit, was er in meinem Alter mit mir anfangen sollte. Später habe ich erfahren, daß er von meiner Reisegefährtin eine sehr unrichtige und weit von der Wahrheit entfernte, sonst aber sehr natürliche Meinung hatte. Meine Stiefmutter, eine gut und etwas süßliche Frau stellte sich, als ob sie mich zum Abendessen zurückhalten wollte. Ich blieb nicht, doch theilte ich ihnen meine Absicht mit, mich auf dem Heimwege länger bei ihnen zu verweilen, und gab ihnen mein kleines Packet, welches ich mit dem Schiffe hatte nachkommen lassen und das mir lästig war, in Verwahrung. Früh am folgenden Morgen machte ich mich wieder auf den Weg, voller Freude, meinen Vater gesehen und das Herz gehabt zu haben, meine Pflicht zu thun. Wir langten glücklich in Freiburg an. Gegen das Ende der Reise erzeigte mir Fräulein Merceret bereits weniger Freundlichkeiten; nach unserer Ankunft trug sie nur noch Kälte gegen mich zur Schau, und ihr Vater, der nicht in Ueberfluß schwamm, bereitete mir ebenfalls keine allzu gastliche Aufnahme; ich suchte deshalb in der Herberge ein Unterkommen. Am nächsten Tage besuchte ich sie und nahm das mir angebotene Mittagsessen an. Keine Thränen flossen bei unserer Trennung, am Abend kehrte ich in mein Kosthaus zurück und trat am zweiten Tage nach meiner Ankunft die Rückreise wieder an, ohne mir darüber völlig klar zu sein, wohin ich denn gehen wollte. Es war wieder einmal eine Gelegenheit in meinem Leben gewesen, wo mir die Vorsehung gerade das angeboten, was ich nöthig hatte, um mein Leben in glücklicher Ruhe hinzubringen. Die Merceret war ein sehr gutes, durchaus nicht glänzendes und schönes, aber auch keineswegs häßliches Mädchen, wenig lebhaft und von einigen kleinen Launen abgesehen, die nie mit stürmischen Folgen verbunden waren, sehr verständig. Sie hatte mich wirklich lieb; ich hätte sie ohne lange Bewerbung heirathen und das Geschäft ihres Vaters betreiben können; meine Neigung zur Musik hätte es mir lieb gemacht. Ich hätte mich dann in Freiburg niedergelassen, einer kleinen und nicht sehr hübschen Stadt, deren Bevölkerung sich aber durch Gutmüthigkeit auszeichnete. Manche Freuden wären mir zwar verloren gegangen, aber dafür würde ich bis zu meiner letzten Stunde in Frieden gelebt haben, und ich muß besser als irgend ein anderer wissen, daß ich um solchen Preis nicht hätte schwanken sollen. Ich kam zurück, nicht nach Nyon, sondern nach Lausanne. Ich wollte mich wieder satt sehen an dem Anblick dieses schönen Sees, den man dort in seiner größten Ausdehnung überschaut. Der größte Theil meiner Beweggründe, von denen ich mich im Geheimen habe leiten lassen, ist nicht besser gewesen. Viele Zielpunkte haben selten Kraft genug, mich zum Handeln anzutreiben. Bei der Ungewißheit der Zukunft sind mir weitaussehende Pläne stets wie Lockspeisen für Narren vorgekommen. Ich überlasse mich der Hoffnung wie jeder andere, sobald sie sich leicht unterhalten läßt; ist sie indessen mit langer Mühe verbunden, so will ich nichts mehr von ihr wissen. Das geringste kleine Vergnügen, das ich mir verschaffen kann, ist mir verlockender als die Freuden des Paradieses. Dabei nehme ich jedoch das Vergnügen aus, auf welches Schmerz folgt; dieses setzt mich deshalb nicht in Versuchung, weil ich nur reine Genüsse liebe, und weil man diese nie empfindet, wenn man weiß, daß man sich damit Reue bereitet. Es war durchaus nöthig, daß ich an irgend einem Orte, gleichgiltig an welchem, ankam, und der nächste war der beste, denn nachdem ich mich unterwegs verirrt hatte, befand ich mich des Abends in Moudon, wo ich das wenige Geld, das mir noch blieb, bis auf zehn Kreuzer, mit denen ich am folgenden Tage das Mittagsessen bestritt, ausgab. Als ich am Abend dieses Tages in einem kleinen Dorfe bei Lausanne anlangte, kehrte ich, ohne einen Sou zur Bezahlung meines Nachtlagers zu haben, und ohne zu wissen, was nun anfangen, in ein Wirthshaus ein. Ich hatte großen Hunger; ich verlor trotzdem nicht die Fassung und verlangte Abendbrot, als ob es mir an Geldmitteln nicht fehlte. Ich legte mich ohne schwere Sorgen nieder und schlief in aller Ruhe. Nachdem ich des Morgens gefrühstückt und mich mit dem Wirth berechnet, wollte ich ihm für die sieben Batzen, die ich zu zahlen hatte, meine Weste zum Pfande lassen. Der brave Mann lehnte sie ab und sagte zu mir, er hätte Gott sei Dank noch nie jemanden ausgezogen. Um sieben Batzen wollte er damit nicht anfangen, ich könnte meine Weste behalten und ihn bezahlen, sobald es mir möglich wäre. Ich wurde von seiner Güte gerührt, aber weniger, als ich es hätte werden sollen, und später auch wirklich geworden bin, so oft ich daran zurückdachte. Ich säumte nicht, ihm durch einen sicheren Mann sein Geld mit bestem Danke zuzuschicken; aber als ich fünfzehn Jahre später auf meiner Rückkehr aus Italien wieder durch Lausanne kam, that es mir aufrichtig leid, den Namen der Schenke und des Wirthes vergessen zu haben. Jedenfalls hätte ich ihn besucht; ich hätte ihn mit wahrer Freude an seine gute Handlung erinnert und ihm den Nachweis geliefert, daß sie nicht am unrechten Platze gewesen war. Ungleich wichtigere Dienste, die mir aber mit größerer Ostentation erwiesen wurden, sind mir nicht so dankenswerth erschienen, als die einfache und im Stillen geübte Menschenfreundlichkeit dieses redlichen Mannes. Als ich mich Lausanne näherte, versenkte ich mich in Grübeleien über die bedrängte Lage, in der ich mich befand, über die Mittel, mich ihr zu entreißen, ohne meiner Schwiegermutter meine Noth bemerkbar zu machen, und verglich mich auf dieser Wanderung mit meinem Freunde Venture bei seiner Ankunft in Annecy. Dieser Gedanke erfüllte mich so vollkommen, daß ich völlig außer Acht ließ, wie mir ja sein artiges Benehmen und seine Talente abgingen, und es mir deshalb in den Kopf setzte, in Lausanne den kleinen Venture zu spielen, in der Musik, von der ich nichts verstand, Unterricht zu ertheilen und mich für einen Pariser auszugeben, obgleich ich nie in Paris gewesen war. Da es dort keine Kapellmeisterei gab, in der ich ein Unterkommen hätte finden können, und ich mich überdies hütete, mich unter die Leute vom Handwerk zu drängen, begann ich die Verwirklichung dieses schönen Planes mit der Nachfrage nach einem leidlichen und billigen Gasthofe. Man machte mich auf einen Herrn Perrotet aufmerksam, der Kostgänger hielt. Dieser Perrotet bewies sich mir gegenüber als der beste Mensch von der Welt und nahm mich sehr gut auf. Ich erzählte ihm meine kleinen Lügen, wie ich sie mir vorher zurecht gelegt hatte. Er versprach, mich zu empfehlen und sich zu bemühen, mir Schüler zu verschaffen, und versicherte, von mir erst Geld zu verlangen, wenn ich etwas verdient haben würde. Für Kost und Herberge waren fünf Weißthaler zu entrichten, eine für das Gebotene zwar geringe, aber für mich bedeutende Summe. Er rieth mir, zuerst mit der halben Kost fürlieb zu nehmen, welche zu Mittag nur aus einer guten Suppe, aber am Abend aus einem reichlichen Nachtessen bestand. Ich ging darauf ein. Der arme Perrotet gewährte mir alle diese Vortheile mit dem besten Herzen von der Welt und ließ nichts unversucht, um mir nützlich zu sein. Weshalb muß ich von den guten Menschen, deren ich so viele in meiner Jugend angetroffen habe, in vorgerückterem Lebensalter nur so wenige finden? Sind ihrer keine mehr vorhanden? Das nicht; allein der Kreis, in dem ich sie jetzt suchen muß, ist nicht mehr derselbe, in welchem ich sie damals fand. Unter dem Volke, bei welchem die großen Leidenschaften nur in langen Zwischenräumen hervortreten, machen sich die natürlichen Gefühle öfter vernehmbar. In den höheren Lebensstellungen sind sie vollkommen erstickt, und unter der Maske des Gefühls redet nur der Eigennutz oder die Eitelkeit. Von Lausanne aus schrieb ich an meinen Vater, der mir mein Packet schickte und mir vortreffliche Rathschläge ertheilte, die ich nur besser hätte benutzen sollen. Ich habe schon einige Augenblicke unbegreiflichen Wahnsinns aufgezeichnet, in denen ich ein ganz anderer Mensch war. Ich darf jetzt einen noch auffallenderen nicht verschweigen. Um zu erkennen, bis zu welchem Grade ich mich gleichsam venturisirt hatte, braucht man nur zu hören, eine welche Menge Tollheiten ich gleichzeitig beging. Ich gebarte mich als Gesanglehrer, ohne eine Melodie vom Blatte lesen zu können; denn wenn mir auch die sechs Monate, die ich bei Le Maître zugebracht, nützlich gewesen waren, so hätten sie doch noch immer nicht genügen können, aber obendrein hatte ich den Unterricht eines Meisters genossen, und der fällt immer schlecht aus. Pariser aus Genf und Katholik in einem protestantischen Lande, glaubte ich meinen Namen eben so gut wie meine Religion und mein Vaterland wechseln zu müssen. Ich suchte stets meinem großen Vorbilde nach besten Kräften nahe zu kommen. Hatte er sich Venture von Villeneuve genannt, so machte ich aus dem Namen Rousseau das Anagramm Vaussore und nannte mich Vaussore von Villeneuve. Venture konnte componiren; ich rühmte mich dessen gegen jedermann, ohne es zu können, und nicht im Stande, das geringste Gassenlied in Noten zu setzen, gab ich mich für einen Komponisten aus. Das ist noch nicht alles. Nachdem ich einem Herrn von Treytorens, einem Professor der Rechte und Musikfreund, der in seinem Hause Concerte veranstaltete, vorgestellt war, wollte ich ihm eine Probe meines Talentes geben und begann mit einer Dreistigkeit, als hätte ich wirklich etwas davon verstanden, ein Musikstück für ihn aufzusetzen. An diesem schönen Werke hatte ich die Ausdauer vierzehn Tage lang zu arbeiten, die Reinschrift zu besorgen, die Stimmen auszuschreiben und sie mit einer Zuversichtlichkeit zu vertheilen, als wäre es ein Meisterwerk von Harmonie gewesen. Ja, um dieses erhabene Kunstwerk würdig zu krönen, ließ ich es – es klingt unglaublich, ist aber vollkommen wahr – mit einem hübschen Menuet schließen, welches man schon auf allen Gassen hören konnte und dessen sich vielleicht noch alle Welt an den damals so bekannten Worten erinnert: Quel caprice! Quelle injustice! Quoi, ta Clarice Trahirait tes feux! Venture hatte mir diese Melodie im Baß mit einem untergelegten zotigen Texte beigebracht, mit dessen Hilfe ich sie behalten hatte. Meine Composition ging also am Schlusse in dieses, im Basse durchgeführte Menuet mit Hinweglassung des Textes über, und ich gab es mit einer Keckheit für mein Machwerk aus, als hätte ich Leuten aus dem Monde diese Ueberzeugung aufdrängen wollen. Man versammelt sich, um mein Stück aufzuführen. Ich lege jedem die Beobachtung des Taktes, die Art des Vortrages, die Berücksichtigung der Zeichen an das Herz, ich bin außerordentlich thätig. Man stimmt fünf oder sechs Minuten lang, die mir wie eben so viele Jahrhunderte vorkommen. Als endlich alles bereit ist, klopfe ich mit einer schönen Papierrolle einige Male auf mein Dirigentenpult, um Achtung zu gebieten. Tiefste Stille herrscht; feierlich beginne ich den Takt zu schlagen, man fängt an... Nein, so lange es französische Opern giebt, hat man eine ähnliche Katzenmusik nie vernommen. Was man auch von meinem Talente gedacht haben mochte, die Wirkung war schlimmer als alles, was man zu erwarten schien. Die Musiker erstickten vor Lachen; die Zuhörer rissen die Augen weit auf und würden sich am liebsten die Ohren zugestopft haben, aber da gab es keine Rettung. Meine Henker von Mitgliedern der Kapelle, die ein Vergnügen haben wollten, kratzten, um einem Tauben das Trommelfell zu sprengen. Ich quälte mich unverdrossen immer weiter ab, allerdings große Schweißtropfen vergießend, aber vor Scham unfähig, die Flucht zu ergreifen und alles im Stiche zu lassen. Um meine Verzweiflung voll zu machen, hörte ich, wie sich die Anwesenden einander oder vielmehr mir in die Ohren raunten, der eine: »Es läßt sich nichts Unerträglicheres denken;« ein anderer: »Was für eine Heidenmusik!« wieder ein anderer: »Was für ein Hexensabbath!« – Armer Jean-Jacques, in diesem furchtbaren Augenblicke hofftest du wahrhaftig nicht, daß deine Töne eines Tages vor dem Könige von Frankreich und seinem ganzen Hofe Gemurmel der Ueberraschung und des Beifalls hervorrufen würden, und daß in allen Logen um dich her sich die liebenswürdigsten Damen zuflüstern würden: »Welche reizende Töne! Welche entzückende Musik! Alle diese Klänge sprechen zum Herzen!« Was aber alle Welt in die köstlichste Laune versetzte, war das Menuet. Kaum hatte man einige Takte desselben gespielt, als ich hörte, wie man auf allen Seiten in lautes Gelächter ausbrach. Jeder beglückwünschte mich zu meinem musikalischen Geschmacke. Man gab mir die Versicherung, dieses Menuet würde von sich reden machen, und mein Werk verdiente, überall gesungen zu werden. Ich brauche meine Herzensangst nicht weiter zu schildern noch zu bekennen, daß ich sie wohl verdient hatte. Am nächsten Tage besuchte mich einer der Mitspielenden, Namens Lutold, und war ehrlich genug, mir nicht zu meinem Erfolge Glück zu wünschen. Das tiefe Bewußtsein meiner Dummheit, die Scham, die Reue, die Verzweiflung über die Lage, in welche ich mich gestürzt, die Unmöglichkeit, mein Herz in seiner Angst zu verschließen, bewogen mich, es ihm zu öffnen; ich ließ meinen Thränen freien Lauf, und anstatt mich darauf zu beschränken, ihm meine Unwissenheit einzugestehen, sagte ich ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles. Natürlich gelobte er mir Schweigen und hielt es, wie man sich denken kann. Noch an dem nämlichen Abend wußte ganz Lausanne, wer ich war, und eigentümlicherweise ließ es sich niemand mir gegenüber merken, nicht einmal der gute Perrotet, der trotz alledem nicht Anstand nahm, mir auch fernerhin Unterkommen und Unterhalt zu gewähren. Ich lebte, aber in sehr traurigen Verhältnissen. Die Folgen eines derartigen ersten Auftretens machten aus Lausanne keinen sehr angenehmen Aufenthaltsort für mich. Die Schüler strömten nicht schaarenweise herbei; es erschien keine einzige Schülerin, und niemand aus der Stadt. Ich hatte im Ganzen zwei oder drei ungeschickte Deutsche, die so dumm waren, wie ich unwissend, mich bis zum Sterben langweilten und in meinen Händen keine großen Musikkenner wurden. Ich wurde in ein einziges Haus gerufen, in dem eine kleine Schlange von Mädchen sich den Spaß machte, mir viele Musikstücke zu zeigen, von denen ich nicht eine Note zu lesen vermochte, und welche sie darauf die Bosheit hatte, dem Herrn Lehrer vorzusingen, um ihm darzuthun, wie dergleichen vorgetragen werden müßte. Ich war so völlig unfähig, ein Musikstück vom Blatte zu lesen, daß es mir in dem erwähnten glänzenden Concerte nicht möglich war, dem Spiele nur einen Augenblick zu folgen, um zu beurtheilen, ob man meine eigene Composition, die ich vor mir hatte, richtig vortrüge. Inmitten so großer Demüthigungen hatte ich an den Nachrichten, die ich dann und wann von den reizenden Freundinnen erhielt, einen gar süßen Trost. Ich habe in dem weiblichen Geschlechte stets eine große tröstende Kraft gefunden und bei allen Widerwärtigkeiten lindert meinen Kummer nichts mehr, als die Ueberzeugung, daß ein liebenswürdiges Wesen Antheil an denselben nimmt. Dieser Briefwechsel hörte jedoch bald nachher auf und wurde nie wieder angeknüpft; allein die Schuld lag an mir. Bei dem Wechsel meines Wohnsitzes ließ ich außer Acht, ihnen meine Adresse zu geben, und fortwährend gezwungen, nur an mich selbst zu denken, vergaß ich sie bald völlig. Schon lange habe ich nicht von meiner armen Mama geredet; man irrt jedoch sehr, wenn man wähnt, ich habe sie auch vergessen. Unaufhörlich dachte ich an sie und sehnte mich nach ihr zurück, nicht allein aus Mittellosigkeit, sondern weit mehr aus Herzensbedürfnis. So lebhaft und zärtlich meine Zuneigung zu ihr auch war, so hielt mich dieselbe doch nicht ab, noch andere zu lieben, freilich nicht in gleicher Weise. Allen huldigte ich unterschiedslos um ihrer Reize willen; während aber bei den anderen meine Huldigung nur diesen galt und mit ihnen zugleich erloschen wäre, hätte Mama alt und häßlich werden können, ohne daß ich sie weniger zärtlich geliebt hätte. Die Verehrung, die ich erst ihrer Schönheit gezollt, hatte mein Herz ganz auf ihre Person übertragen, und bei allen Veränderungen ihres Aeußern hätten sich, sobald sie sich selbst treu blieb, meine Gefühle für sie nicht ändern können. Ich weiß wohl, daß ich ihr Erkenntlichkeit schuldig war, aber daran dachte ich wirklich nicht. Was sie auch für mich gethan oder nicht gethan hätte, es wäre stets das Nämliche gewesen. Ich liebte sie nicht aus Pflicht oder aus persönlichen Rücksichten; nein, ich liebte sie, weil ich dazu geboren war, sie zu lieben. Verliebte ich mich in eine andere, so zog mich das, wie ich gestehe, von ihr ab, und ich dachte weniger oft an sie; aber ich gedachte ihrer mit derselben Freude und, verliebt oder nicht verliebt, habe ich mich nie mit ihr beschäftigt, ohne zu fühlen, daß es für mich, getrennt von ihr, kein wahres Glück im Leben geben könnte. Obgleich ich von ihr schon lange keine Nachrichten erhalten hatte, glaubte ich doch nie, daß ich sie völlig verloren hätte, noch daß sie im Stande gewesen wäre, meiner zu vergessen. Ich sagte mir: Früher oder später wird sie erfahren, daß ich umher irre, und wird mir irgend ein Lebenszeichen geben; ich werde sie wiederfinden, dessen bin ich sicher. Inzwischen war es für mich ein Genuß, in ihrer Heimat zu weilen, die Straßen zu durchwandeln, die ihr Fuß einst durchschritten, an den Häusern vorüber, in denen sie gewohnt, wenn ich mich hierbei auch nur auf Muthmaßungen verlassen konnte; denn zu meinen Wunderlichkeiten gehört auch, daß ich nicht den Muth hatte, mich nach ihr zu erkundigen oder auch nur ohne die dringendste Nothwendigkeit ihren Namen auszusprechen. Durch die blose Nennung ihres Namens glaubte ich alle Gefühle, die sie mir eingeflößt, zu verrathen, das Geheimnis meines Herzens zu enthüllen und sie einer bösen Nachrede auszusetzen. Ich glaube sogar, daß sich die Besorgnis hineinmischte, man könnte mir Schlechtes von ihr erzählen. Man hatte viel von ihrer Flucht aus der Heimat und ein wenig von ihrer Aufführung gesprochen. Aus Furcht, man könnte ihr nicht das nachsagen, was ich zu hören wünschte, wollte ich lieber gar nicht von ihr reden hören. Da meine Schüler mich nicht sehr beschäftigten und ihre Geburtsstadt nur vier Meilen von Lausanne entfernt war, reiste ich auf zwei oder drei Tage dorthin, während deren ich mich unaufhörlich in der süßesten Erregung befand. Der Anblick des Genfersees und seiner herrlichen Ufer hatte in meinen Augen stets einen eigenthümlichen Reiz, den ich mir nicht zu erklären weiß und der nicht allein von der Schönheit des Panoramas herrührt, sondern von etwas noch Fesselnderem, das mich angenehm berührt und ergreift. So oft ich mich dem Waadtlande nähere, erhalte ich einen Eindruck, der durch die Erinnerung an Frau von Warens, welche dort geboren ist, an meinen Vater, der dort lebte, an Fräulein von Vulson, für die zum ersten Male mein Herz in Flammen gerieth, an mehrere Vergnügungsreisen, die ich in meiner Jugend darin machte, und, wie ich glaube, an etwas noch Geheimeres und Stärkeres als dies alles hervorgerufen wird. Allen diesen Erinnerungen hat Rousseau in der Neuen Heloise Ausdruck gegeben. Wenn das glühende Verlangen nach einem solchen glücklichen und ruhigen Leben, das mich flieht und für das ich geboren wurde, meine Einbildungskraft entzündet, so versetzt sie mich immer in das Waadtland, an den See, in die reizenden Landschaften ringsumher. Ich bedarf durchaus eines Obstgartens am Ufer dieses Sees und keines andern; ich bedarf eines zuverlässigen Freundes, einer liebenswürdigen Frau, einer Kuh und eines Bootes. Nie werde ich hienieden ein vollkommenes Glück genießen, als bis ich dies alles habe. Ich lache über die Einfalt, in der ich mehrere Male in dieses Land gekommen bin, einzig und allein um dieses eingebildete Glück darin zu suchen. Ich war stets verwundert, die Bewohner desselben, namentlich die Frauen, von einem ganz andern Charakter zu finden, als ich vorausgesetzt hatte. Welcher Widerspruch schien mir doch darin zu liegen! Das Land und seine Bevölkerung sind mir nie wie für einander geschaffen vorgekommen. Auf dieser Reise nach Vevay versenkte ich mich, das schöne Ufer entlang gehend, in die süßeste Schwermuth. In heißer Glut stürzte sich mein Herz in tausenderlei unschuldige Wonnen; ich wurde gerührt, ich seufzte und weinte wie ein Kind. Wie oft unterbrach ich meine Wanderung, um mich, auf einem Felsblocke sitzend, nach Herzenslust auszuweinen, und hatte meine Lust daran, wenn ich sah, wie meine Thränen in das Wasser fielen. In Vevay wohnte ich im »Schlüssel«, und während der zwei Tage, die ich daselbst blieb, ohne jemand zu besuchen, faßte ich für diese Stadt eine Vorliebe, die mich auf allen meinen Reisen begleitete und mich endlich bewog, die Helden meines Romans dorthin zu versetzen. Ich möchte allen, die Schönheitsgefühl und Empfänglichkeit besitzen, den Rath geben: Gehet nach Vevay, lernet das Land kennen, betrachtet die Landschaft, machet Lustfahrten auf dem See und saget selbst, ob nicht die Natur dieses schöne Land für eine Julie, für eine Clara und für einen Saint-Preux geschaffen hat. Aber suche sie nicht darin! – Ich komme jetzt zu meiner Geschichte zurück. Da ich Katholik war und mich als solchen bekannte, nahm ich ohne Heimlichkeit und ohne Bedenken an den Gottesdiensten des Glaubens Theil, zu dem ich übergetreten war. Bei schönem Wetter besuchte ich Sonntags die Messe in Assens, zwei Meilen von Lausanne. Gewöhnlich machte ich diesen Weg mit anderen Katholiken, namentlich mit einem Pariser Sticker, dessen Namen ich vergessen habe. Er war kein Pariser gleich mir, nein, er war ein echter Pariser aus Paris, ein Erzpariser und dabei eine kreuzbrave Seele, gutmüthig wie ein Kind der Champagne. Er liebte seine Heimat so sehr, daß er meine Landsmannschaft nie in Zweifel setzen wollte, aus Furcht, diese Gelegenheit zu verlieren, von ihr zu reden. Herr von Cronzas, der Patrimonialrichter, hatte ebenfalls einen Pariser, aber einen weniger umgänglichen, zum Gärtner, der den Ruhm seiner Vaterstadt für gefährdet hielt, wenn man sich ihrer zu rühmen wagte, ohne auf dieses Glück Anspruch machen zu können. Er fragte mich mit der Miene eines Mannes aus, der seiner Sache sicher war, mich auf einem Fehler zu ertappen, und lächelte dann boshaft. Einmal fragte er mich, was für Merkwürdiges sich auf dem Neumarkt fände. Ich machte, wie man sich denken kann, leere Redensarten. Nachdem ich zwanzig Jahre in Paris zugebracht habe, muß ich jetzt diese Stadt kennen; wenn man mir jedoch heut die nämliche Frage vorlegte, würde ich nicht weniger verlegen sein, darauf zu antworten, und man würde aus dieser Verlegenheit eben so gut den Schluß ziehen können, daß ich nie in Paris gewesen sei; in so hohem Grade ist man selbst bei voller Wahrheit der Gefahr ausgesetzt, sich auf irre führende Gründe zu stützen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich mich in Lausanne aufhielt. Ich brachte aus dieser Stadt keine bleibenden Erinnerungen mit. Ich weiß nur, daß ich aus Mangel an Verdienst von dort nach Neufchâtel ging und daselbst den Winter verlebte. In letzterer Stadt hatte ich größeren Erfolg; ich bekam dort Schüler und verdiente genug, um meinem guten Freunde Perrotet, der mir trotz meiner großen Schuld bei ihm mein kleines Gepäck treulich nachgeschickt hatte, dieselbe abtragen zu können. Nach und nach lernte ich beim Unterrichten die Musik. Mein Leben war ziemlich angenehm; ein vernünftiger Mensch hätte sich damit begnügen können, allein mein unruhiges Herz verlangte nach etwas Anderem. Sonntags und an meinen freien Tagen durchstrich ich die Umgegend und die benachbarten Wälder, stets umherirrend, träumend, seufzend, und so oft ich einmal die Stadt verlassen hatte, kehrte ich nie vor Abend zurück. Als ich einst in Boudry in eine Schenke einkehrte, um zu Mittag zu essen, traf ich daselbst einen langbärtigen Mann in einem violetten Gewande nach griechischer Tracht, mit verbrämter Mütze, von ziemlich vornehmem Aeußern und Wesen, der sich nur schwer verständlich machen konnte, da er ein fast kaum zu errathendes Kauderwelsch sprach, das jedoch mehr vom Italienischen als von jeder anderen Sprache enthielt. Ich verstand fast alles, was er sagte, und zwar ich allein; mit dem Wirthe und den Landleuten vermochte er sich nur durch Zeichen zu verständigen. Ich redete ihn italienisch an und er verstand mich vollkommen; er stand auf und umarmte mich voller Freuden. Die Bekanntschaft war bald geschlossen, und von diesem Augenblicke an diente ich ihm als Dolmetscher. Sein Essen war gut, das meinige noch nicht mittelmäßig; er lud mich ein, an dem seinigen Theil zu nehmen, und ich ließ mich nicht lange nöthigen. Beim Trinken und Radebrechen wurden wir vollends vertraut und gegen Ende des Mahls waren wir unzertrennlich. Er erzählte mir, er wäre ein griechisch-katholischer Prälat und Archimandrit von Jerusalem und hätte den Auftrag, in Europa eine Sammlung zur Wiederherstellung des heiligen Grabes vorzunehmen. Er zeigte mir schön ausgestattete Erlaubnisscheine der Zarin und des Kaisers; auch besaß er deren noch eine große Zahl von anderen Fürsten. Er war mit dem Ertrage seiner bisherigen Sammlung ziemlich zufrieden; aber in Deutschland hätte er unglaubliche Mühe gehabt, da er weder ein Wort Deutsch noch Lateinisch noch Französisch verstand und sich lediglich mit seinem Griechisch, Türkisch und der lingua franca durchhelfen mußte, was ihm in dem Lande, in welches er sich hineingewagt hatte, wenig Nutzen gewährte. Er machte mir den Vorschlag, ihn als Secretär und Dolmetscher zu begleiten. Trotz meines ziemlich neuen Röckleins, welches zu meiner neuen Stellung gar nicht übel paßte, war mein Aeußeres doch im Ganzen so ärmlich, daß er mich ohne Mühe zur Annahme seines Anerbietens zu bewegen hoffte, und er irrte sich nicht. Unser Vertrag war binnen Kurzem abgeschlossen; ich verlangte nichts, und er versprach viel. Ohne Bürgschaft, ohne Sicherheit, ohne nähere Bekanntschaft vertraue ich mich seiner Leitung an, und bereits der nächste Morgen sieht mich auf dem Wege nach Jerusalem. Wir begannen unsere Rundreise mit dem Canton Freiburg, in dem er keine glänzenden Geschäfte machte. Die bischöfliche Würde gestattete ihm nicht, den Bettler zu spielen und Privatleute anzusprechen; wir beschränkten uns deshalb darauf, den Senat von seinem Auftrage in Kenntnis zu setzen, der ihm eine kleine Summe bewilligte. Von dort ging es nach Bern. Wir wohnten im Falken, einem damals vorzüglichen Gasthause, in dem es an guter Gesellschaft nie fehlte. Die von zahlreichen Gästen besetzte Tafel war stets gut versehen. Ich hatte mich lange mit schlechter Kost begnügen müssen und fühlte sehr das Bedürfnis, meinen Leib zu pflegen; die Gelegenheit dazu war da und ich benutzte sie. Seine Hochwürden, der Herr Archimandrit, war selbst ein guter Gesellschafter, ein großer Tafelfreund, heiter, ein guter Erzähler für die, welche ihn verstehen konnten, auf einzelnen Gebieten ziemlich kenntnisreich und befähigt, seine griechische Gelehrsamkeit leuchten zu lassen. Als er eines Tages beim Nachtische Nüsse knackte, schnitt er sich dabei tief in die Fingerspitze, und da eine starke Blutung eintrat, zeigte er der Gesellschaft seinen Finger und sagte lachend: Mirate, signori, questo é sangue pelasgo. In Bern war meine Vermittlung nicht vergeblich, und ich zog mich nicht so übel aus der Sache, wie ich befürchtet hatte. Ich war weit kühner und beredter, als ich für meine eigene Person gewesen wäre. Die Angelegenheit hatte nicht einen eben so leichten Verlauf wie in Freiburg. Es waren langweilige und häufige Verhandlungen mit den Ersten des Staates nöthig, und die Prüfung seiner Beglaubigungen ließ sich nicht an einem Tage abmachen. Nachdem endlich alles in Ordnung war, erhielt er Zutritt zum Senat. Als sein Dolmetscher wurde ich ebenfalls vorgelassen, und man forderte mich zu reden auf. Ich hatte mich auf nichts weniger gefaßt gemacht und es mir nicht in den Sinn kommen lassen, daß es nach so langen Unterhandlungen mit den einzelnen Mitgliedern noch einer besonderen Ansprache an die ganze Körperschaft bedürfen könnte, als ob noch gar nichts gesagt worden wäre. Man denke sich meine Verlegenheit! Für einen so schüchternen Menschen, nicht allein öffentlich, sondern sogar vor dem Berner Rathe zu reden, und sofort ganz unvorbereitet zu reden – das, sollte man meinen, hätte mich völlig vernichten müssen. Aber ich wurde dadurch nicht einmal eingeschüchtert. Ich setzte den Auftrag des Archimandriten kurz und deutlich auseinander. Ich lobte die Mildthätigkeit der Fürsten, welche zu der Sammlung, die vorzunehmen sein Zweck war, beigetragen hatten. In der Absicht, die ihrer Excellenzen zum Wetteifer anzutreiben, fügte ich hinzu, daß sich von ihrer gewöhnlichen Opferfreudigkeit nicht weniger erwarten ließe, und nachdem ich mich bemüht hatte, dieses gute Werk als ein für alle Christen ohne Unterschied des Bekenntnisses gleich verdienstliches hinzustellen, schloß ich, indem ich allen, welche daran Theil nehmen würden, die Segnungen des Himmels verhieß. Ich will nicht gerade sagen, daß meine Rede Aufsehen erregte, aber sie fand jedenfalls Beifall, und beim Verlassen des Audienzsaales erhielt der Archimandrit ein sehr ansehnliches Geschenk und außerdem Glückwünsche über die Talente seines Secretärs, die ich zu verdolmetschen die angenehme Aufgabe hatte, aber nicht wörtlich wieder zu geben wagte. Das war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich öffentlich und vor dem Staatsoberhaupte, und auch vielleicht das einzige Mal, daß ich dreist und gut geredet habe. Welche Verschiedenheit in den Stimmungen des nämlichen Menschen! Als ich vor drei Jahren bei meinem alten Freunde Roguin zu Yverdun auf Besuch war, empfing ich eine Deputation, die mir im Namen der Stadt ihren Dank für einige Bücher, welche ich der dortigen Bibliothek geschenkt hatte, aussprechen sollte. Die Schweizer sind große Redner, diese Herren hielten nun auch eine feierliche Ansprache an mich. Ich hielt mich für verpflichtet zu antworten; aber ich verwickelte mich bei meiner Antwort in einer Weise, und der Kopf schwindelte mir derartig, daß ich stecken blieb und mich mußte auslachen lassen. Obgleich von Natur blöde, bin ich in meiner Jugend bisweilen kühn gewesen, nie dagegen in vorgerückterem Alter. Je mehr ich die Welt kennen lernte, desto weniger habe ich mich in ihren Ton schicken können. Von Bern begaben wir uns nach Solothurn, denn der Archimandrit hatte die Absicht, die Reise durch Deutschland wieder aufzunehmen und von dort die Rückreise durch Ungarn oder Polen anzutreten, was einen unendlich langen Weg bedingte, doch da sich seine Börse unterwegs mehr füllte als leerte, so scheute er die Umwege wenig. Ich für meine Person, der ich an Reisen zu Pferde fast das gleiche Gefallen fand wie an denen zu Fuß, hätte nichts Besseres verlangt, als auf diese Weise mein ganzes Leben lang zu reisen; aber das Verhängnis wollte, daß ich nicht so weit kommen sollte. Das Erste, was wir nach unserer Ankunft in Solothurn thaten, war, daß wir den französischen Gesandten begrüßten. Zum Unglück für meinen Bischof bekleidete die Stelle eines Botschafters damals der Marquis von Bonac, der bei der hohen Pforte Gesandter gewesen war und deshalb von allem, was mit dem heiligen Grabe in Verbindung stand, Kenntnis haben mußte. Der Archimandrit hatte eine Audienz von einer Viertelstunde, zu der ich nicht zugelassen wurde, weil der Gesandte die lingua franca verstand und italienisch wenigstens eben so gut sprach als ich. Als mein Grieche herauskam, wollte ich ihm folgen, aber man hielt mich zurück, denn nun kam ich an die Reihe. Da ich mich für einen Pariser ausgegeben hatte, stand ich als solcher unter der Gerichtsbarkeit seiner Excellenz. Dieselbe fragte mich, wer ich wäre, und ermahnte mich, die Wahrheit zu bekennen. Ich versprach sie ihr, indem ich um eine Privataudienz bat, die mir zugestanden wurde. Der Gesandte führte mich in sein Arbeitszimmer, dessen Thüre er hinter uns schloß, und nachdem ich mich ihm dort zu Füßen geworfen hatte, hielt ich Wort. Ich würde es eben so gut gethan haben, wenn ich es auch nicht versprochen hätte, denn ein beständiges Bedürfnis nach Herzensergießung legt mir jeden Augenblick das Herz auf die Lippen. Hatte ich vorher dem Musiker Lutold rückhaltslos mein Herz ausgeschüttet, so hatte ich jetzt noch weniger Grund, dem Marquis von Bonac gegenüber den Geheimnisvollen zu spielen. Er war mit meiner kleinen Geschichte und der Aufrichtigkeit, mit der ich sie, wie er sah, erzählt hatte, so zufrieden, daß er mich bei der Hand nahm, mit mir zu seiner Frau ging und mich ihr vorstellte, indem er ihr meine Erzählung in kurzen Worten mittheilte. Frau von Bonac empfing mich mit großer Güte und meinte, man dürfte mich mit diesem griechischen Mönche nicht ziehen lassen. Man entschied sich dahin, daß ich im Gesandtschaftshotel bleiben sollte, bis man sähe, was man aus mir machen könnte. Ich wollte mich zu meinem armen Archimandriten begeben, den ich liebgewonnen hatte, und ihm Lebewohl sagen, allein man gestattete es mir nicht. Man setzte ihn von meiner Verhinderung in Kenntnis, und schon eine Viertelstunde später sah ich meinen kleinen Reisesack ankommen. Gewissermaßen wurde dem Herrn de la Martinière, dem Secretär der Gesandtschaft, die Sorge für mich übertragen. Als er mich in das für mich bestimmte Zimmer führte, sagte er zu mir: »Unter dem Grafen du Luc ist dieses Zimmer von einem berühmten Manne bewohnt worden, der denselben Namen trug wie Sie. Es hängt nur von Ihnen ab, ihn in jeder Weise zu ersetzen, daß es eines Tages heißt: Rousseau der Erste, Rousseau der Zweite.« Diese Gleichheit, auf welche ich damals keineswegs rechnete, würde meinem Verlangen, dieses Ziel zu erreichen, weniger geschmeichelt haben, wenn ich hätte voraussehen können, mit welchem Preise ich sie eines Tages erkaufen würde. Die Worte des Herrn de la Martinière erfüllten mich mit Neugier. Ich las die Werke dessen, der vor mir dieses Zimmer bewohnt hatte, und da mich nach der Schmeichelei, die man mir gesagt, der Wahn erfaßte, ich hätte dichterische Begabung, so dichtete ich zum Versuche ein Loblied auf Frau von Bonac. Diese Begabung bewährte sich jedoch nicht. Von Zeit zu Zeit habe ich mittelmäßige Verse gemacht; man kann sich dadurch ziemlich gut auf elegante Wendungen einüben, und eine bessere Prosa schreiben lernen, aber ich habe in der französischen Poesie nie Reiz genug gefunden, um mich ihr völlig hinzugeben. Var.: ... völlig hinzugeben, und würde in ihr wahrscheinlich geringe Erfolge erzielt haben. Herr de la Martinière wollte meine Schreibweise kennen lernen und verlangte, ich sollte ihm das, was ich dem Gesandten erzählt, ausführlich aufschreiben. Ich schrieb ihm einen langen Brief, welchen, wie ich höre, Herr von Marianne, der dem Marquis von Bonac schon seit langer Zeit beigegeben war und später, als Herr von Courteilles die Gesandtschaft übernahm, der Nachfolger des Herrn de la Martinière wurde, aufbewahrt hat. Ich habe Herrn von Malesherbes gebeten, mir eine Abschrift dieses Briefes zu verschaffen. Wenn ich sie durch ihn oder durch andere erhalten kann, wird man sie in der Sammlung finden, welche als Anhang meiner Bekenntnisse erscheinen soll. Die Erfahrung, welche ich allmählich gewann, hielt meine romantischen Pläne und Hoffnungen nach und nach in den gehörigen Schranken; so wurde ich zum Beispiel nicht nur nicht verliebt in Frau von Bonac, sondern fühlte auch augenblicklich, daß mir das Haus ihres Mannes keine großen Aussichten bot. Bei der Stellung des Herrn de la Martinière und der Anwartschaft des Herrn von Marianne konnte ich höchstens auf die Stelle eines Untersecretärs rechnen, die für mich nicht viel Verlockendes hatte. Aus diesem Grunde bezeigte ich, als man mich über das, was ich anzufangen gedächte, befragte, große Lust nach Paris zu gehen. Dem Herrn Gesandten gefiel dieser Gedanke, dessen Ausführung ihn wenigstens von mir befreien mußte. Herr von Merveilleux, Dolmetscher der Gesandtschaft, sagte, sein Freund Godard, Schweizeroberst in französischen Diensten, suchte für seinen Neffen, der sehr jung in den Dienst träte, einen Gefährten, und er dächte, ich würde seinem Freunde gefallen. Auf diese ziemlich leichtsinnig gefaßte Hoffnung hin wurde meine Abreise beschlossen, und ich, der ich wieder Aussicht auf eine Reise hatte und noch dazu nach Paris, schwelgte in Wonne. Man gab mir unter vielen guten Lehren einige Briefe und hundert Francs Reisegeld, und ich machte mich auf den Weg. Ich gebrauchte zu diese Reise vierzehn Tage, die ich zu den glücklichen meines Lebens zählen kann. Ich war jung, befand mich wohl, hatte reichlich Geld, viel Hoffnung, reiste zu Fuß und reiste allein. Die Aufzählung des letzten Vortheils müßte Verwunderung erregen, hätte man sich nicht schon mit meiner Gemüthsart vertraut machen müssen. Meine freundlichen Traumbilder leisteten mir Gesellschaft, und nie hat die Glut meiner Einbildungskraft reizendere erzeugt. Bot mir jemand einen Platz auf einem Wagen an, oder redete mich jemand unterwegs an, so machte ich ein finsteres Gesicht, da ich befürchtete, das Luftschloß, das ich mir beim Wandern baute, einstürzen zu sehen. Diesmal waren meine Gedanken kriegerisch. Ich war auf dem Wege mich einem Soldaten anzuschließen und selbst Soldat zu werden; denn man war darüber einig geworden, daß ich meine militärische Laufbahn als Cadet beginnen sollte. Ich glaubte mich schon in Officieruniform mit einem schönen weißen Federbusch zu sehen. Mein Herz schwoll bei diesem stolzen Gedanken. Ich besaß einige oberflächliche Kenntnis von Geometrie und Befestigungskunst; ich hatte einen Ingenieur zum Onkel, ich trat gewissermaßen in seine Fußstapfen ein. Meine Kurzsichtigkeit bot zwar ein kleines Hindernis dar, das mich jedoch nicht in große Verlegenheit setzte; diesen Fehler gedachte ich durch Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit auszugleichen. Der Marschall Schomberg war, wie ich gelesen hatte, kurzsichtig gewesen; weshalb sollte es also der Marschall Rousseau nicht sein? Ich gerieth bei diesen Thorheiten dergestalt in Hitze, daß ich nur noch Truppen, Wälle, Schanzkörbe und Batterien und mich mitten im Feuer und Pulverdampf sah, meine Befehle ruhig mit der Lorgnette in der Hand ertheilend. Sobald ich jedoch durch freundliche Gegenden kam, sobald ich Gehölze und Bäche sah, mußte ich bei diesem rührenden Anblicke seufzen. Mitten in den Bildern meines Kriegsruhmes fühlte ich, daß mein Herz nicht für solches Getümmel geschaffen war, und ohne zu wissen wie, fand ich mich bald wieder inmitten meiner lieben Schäfereien, für immer auf die Thaten des Kriegsgottes verzichtend. Wie wurde ich doch bei meinem Eintritte in Paris in meinen Erwartungen enttäuscht! Das zierliche Aeußere, das ich in Turin wahrgenommen, die Schönheit der Straßen, die Regelmäßigkeit und Gleichheit in der Straßenflucht der Häuser hatten mich in Paris noch ganz andere Dinge erwarten lassen. Ich hatte mir eine eben so schöne wie große Stadt vorgestellt, die einen Bewunderung erregenden Anblick gewährte und in der man nichts als prachtvolle Straßen, Paläste von Marmor und Gold erblickte. Als ich die Vorstadt St. Marceau durchschritt, gewahrte ich nur kleine, unreine und stinkende Gassen, häßliche schmutzige Häuser, Unsauberkeit, Armuth, Bettler, Fuhrleute, alte Klatschweiber, Ausruferinnen von Tisane und alten Hüten. Alles dies machte von Anfang an einen solchen Eindruck auf mich, daß ihn alles, was ich in Paris späterhin von wirklicher Pracht gesehen habe, nicht hat zerstören können und mir von da an stets ein geheimer Widerwille gegen den Aufenthalt in dieser Hauptstadt geblieben ist. Ich kann behaupten, daß ich die ganze Zeit, welche ich späterhin daselbst verlebt habe, nur zur Aufbringung der Mittel verwandte, um fern von ihr leben zu können. Das ist die Frucht einer zu lebhaften Einbildungskraft, welche die Uebertreibungen der Menschen von neuem übertreibt und immer mehr sieht als das, was man ihr sagt. Man hatte mir Paris so sehr gerühmt, daß ich es mir wie das alte Babylon vorgestellt hatte, von dessen mir selbst entworfenem Bilde ich wahrscheinlich, wenn ich es in Wirklichkeit gesehen, eben so viel hätte hinfortnehmen müssen. Dasselbe widerfuhr mir in der Oper, die ich mich beeilte schon den Tag nach meiner Ankunft zu besuchen; dasselbe später in Versailles; noch später, als ich zum ersten Mal das Meer erblickte; und eben so wird es mir immer ergehen, wenn sich meinen Augen ein mir zu sehr angepriesenes Schauspiel zeigt; denn es ist den Menschen unmöglich und der Natur selbst schwer, meine Einbildungskraft am Reichthum zu überbieten. Nach der mir von allen, an die ich Empfehlungsbriefe hatte, zu Theil gewordenen Aufnahme glaubte ich mein Glück gemacht. Der, welchem ich am dringendsten empfohlen war und der mich am wenigsten freundlich empfing, war Herr von Surbeck, der den Dienst aufgegeben hatte und ein philosophisches Leben in Bagneux führte, wo ich ihn mehrmals besuchte und er mir auch nicht einmal ein Glas Wasser anbot. Einen bessern Empfang bereitete mir Frau von Merveilleux, die Stiefschwester des Dolmetschers, und sein Neffe, ein Gardeofficier. Nicht allein nahm mich Mutter wie Sohn freundlich auf, sondern sie boten mir auch ihren Tisch an, ein Anerbieten, das ich auch während meines Aufenthalts in Paris häufig benutzte. Frau von Merveilleux schien mir schön gewesen zu sein. Ihr Haar zeichnete sich durch ein schönes Schwarz aus und fiel nach alter Sitte in Schmachtlocken über die Schläfe hinab. Geblieben war ihr, was mit den äußeren Reizen nicht dahin stirbt, ein sehr liebenswürdiger Charakter. Ihr schien der meinige zu gefallen, und sie that alles, was sie vermochte, um sich mir gefällig zu erzeigen; allein niemand war ihr dabei behilflich, und ich war über all diesen großen Antheil, den man scheinbar an mir genommen, bald enttäuscht. Man muß den Franzosen indessen Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie erschöpfen sich nicht so sehr, wie man behauptet, in Versprechungen, und die, welche sie machen, sind fast stets aufrichtig gemeint; aber sie haben eine Weise, sich scheinbar für dich zu interessiren, die mehr täuscht als Worte. Die groben Schmeicheleien der Schweizer können nur Thoren irreführen. Das Benehmen der Franzosen ist dabei schon um deshalb verführerischer, weil es einfacher ist; man sollte glauben, daß sie dir nicht alles sagen, was sie thun wollen, um dich um so angenehmer zu überraschen. Ja, ich sage noch mehr: sie sind in ihren Kundgebungen nicht falsch; sie sind von Natur dienstfertig, menschenfreundlich, wohlwollend und, was man auch darüber sagen möge, sogar wahrer, als irgend ein anderes Volk; aber sie sind leichtsinnig und unbeständig. Sie haben wirklich die Gesinnung, die sie dir zu erkennen geben; aber diese Gesinnung vergeht, wie sie gekommen ist. So lange sie mit dir reden, sind sie voll von dir; sehen sie dich nicht mehr, so vergessen sie dich. Sie haben für nichts ein bleibendes Gedächtnis; bei ihnen ist alles ein Werk des Augenblicks. Mir wurden viele äußere Freundlichkeiten, aber wenig wahre Dienste erwiesen. Der Oberst Godard, für dessen Neffen ich bestimmt war, entpuppte sich als ein alter filziger Geizhals, der mich, obgleich er im Golde wühlte, bei der Wahrnehmung meiner Noth für nichts haben wollte. Ich sollte bei seinem Neffen eher eine Art von unbesoldetem Diener als ein wirklicher Hofmeister sein. Beständig an seine Person gefesselt und um deswillen vom Dienst befreit, sollte ich von meinem Sold als Kadet, das heißt vom Soldatentractamente, leben, und kaum verstand er sich dazu, mir die Uniform zu geben; nach ihm hätte ich mich mit der vom Regimente gelieferten begnügen sollen. Ueber solche schmachvolle Anerbietungen empört, bewog mich Frau von Merveilleux selbst, sie abzulehnen; ihr Sohn theilte ihre Ansicht vollkommen. Man suchte nach anderen Auswegen, fand aber keine. Mittlerweile trat die Noth immer näher an mich heran; mit hundert Francs, welche zur Bestreitung meiner Reisekosten hatten dienen sollen, konnte ich nicht lange ausreichen. Glücklicherweise erhielt ich von dem Herrn Gesandten noch einen kleinen Zuschuß, der mir sehr zu Statten kam, und ich bin überzeugt, daß er mich bei längerer Geduld nicht im Stich gelassen hätte; aber ruhig abwarten, flehen sind für mich Dinge der Unmöglichkeit. Ich verlor den Muth, erschien nicht mehr, und alles war zu Ende. Meine arme Mama hatte ich nicht vergessen; aber wie sie finden? wo sie suchen? Frau von Merveilleux, die meine Geschichte kannte, hatte mir bei meinen Nachforschungen hilfreiche Hand geleistet, und lange Zeit vergebens. Endlich benachrichtigte sie mich, daß Frau von Warens bereits vor zwei Monaten wieder abgereist wäre, daß man jedoch nicht wüßte, ob sie nach Savoyen oder nach Turin gegangen, und daß sie sich nach den Behauptungen einiger nach der Schweiz zurückgewandt hätte. Mehr bedurfte es nicht, um mich zu dem Entschlusse zu bringen, ihr zu folgen, indem ich völlig überzeugt war, daß ich sie, wo sie sich auch immer aufhalten möchte, in der Provinz leichter auffinden würde, als es mir in Paris möglich gewesen wäre. Vor der Abreise übte ich noch mein neues poetisches Talent in einer Epistel an den Oberst Godard, in der ich ihn nach bestem Vermögen durchhechelte. Ich zeigte dieses Machwerk der Frau von Merveilleux, die mich nicht, wie sie hätte thun sollen, auszankte, sondern im Gegentheile über meinen bittern Spott recht herzlich lachte, eben so wie ihr Sohn, der, wie ich glaube, kein Freund des Herrn Godard war, und man muß gestehen, daß er keine freundschaftlichen Gefühle einflößen konnte. Ich war versucht, ihm das Erzeugnis meiner Muse zuzuschicken; sie ermuthigten mich dazu; ich machte also ein Packet, schrieb seine Adresse darauf, und da es damals noch keine Stadtpost in Paris gab, steckte ich es in die Tasche und sandte es ihm von Auxerre aus, welches ich auf meiner Rückreise berührte. Noch jetzt lache ich bisweilen, wenn ich an die Gesichter denke, welche er bei der Durchlesung dieses Lobgesanges, in dem er bis auf den kleinsten Zug getreulich geschildert war, sicherlich geschnitten haben wird. Er begann mit den Worten: Du glaubtest, greiser Tropf, daß eine tolle Lust, Den Schwächling zu erzieh'n, erfüllte meine Brust. Dieses kleine und, aufrichtig gesagt, schlechte Gedicht, dem es aber nicht an attischem Salze fehlte und das Talent zur Satire verrieth, ist demungeachtet die einzige satirische Schrift, welche aus meiner Feder hervorgegangen ist. Ich bin viel zu frei von aller Gehässigkeit, um ein solches Talent auszunutzen, allein man kann, wie ich glaube, aus einigen polemischen Schriften, die ich hin und wieder zu meiner Vertheidigung verfaßt habe, schließen, daß meine Angreifer, wäre ich streitsüchtigen Charakters gewesen, die Lacher selten auf ihrer Seite gehabt haben würden. Was ich im Hinblick auf die Einzelnheiten meines Lebens, deren ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, am meisten bedauere, ist, daß ich keine Tagebücher über meine Reisen geführt habe. Nie habe ich so viel gedacht, nie bin ich mir meines Daseins, meines Lebens so bewußt, nie, wenn ich so sagen darf, so ganz Ich gewesen, wie auf denen, die ich allein und zu Fuß gemacht habe. In dem Wandern liegt etwas, das meine Gedanken weckt und belebt; verharre ich auf der Stelle, so bin ich fast nicht im Stande zu denken; mein Körper muß in Bewegung sein, damit mein Geist in ihn hineintritt. Der Blick über die Gegend, die Reihe freundlicher Aussichten, die frische Luft, der große Appetit, das Wohlbefinden, das ich beim Gehen bekomme, die Zwanglosigkeit im Wirthshause, die Abwesenheit von allem, was mir meine Abhängigkeit fühlbar macht, von allem, was mich an meine Lage erinnert, dies alles macht meine Seele frei, verleiht mir eine größere Gedankenkühnheit, schleudert mich gewissermaßen in die Unermeßlichkeit der Dinge, um sie zu ordnen, auszuwählen und mir nach meinem Sinne, ohne Zwang und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; von Gegenstand zu Gegenstand schweifend, vereinigt und identificirt sich mein Herz mit denen, die es angenehm berühren, umgiebt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an lieblichen Empfindungen. Wenn ich, um sie festzuhalten, mich damit ergötze, innerlich eine Schilderung von ihnen zu entwerfen, welche Lebensfrische der Formen, welchen Glanz der Farben, welche Kraft des Ausdrucks gebe ich ihnen dann! Man will etwas von dem allen in meinen Werken gefunden haben, obgleich ich sie erst in höheren Lebensjahren geschrieben habe. Ach, hätte man die meiner frühsten Jugend gesehen, die, welche ich auf meinen Reisen verfaßt, die, welche ich entworfen und nie niedergeschrieben habe! ... Weshalb, wird man einwenden, sie nicht schreiben? Aber weshalb sie schreiben? werde ich antworten. Weshalb mich um den wirklichen Zauber des Genusses bringen, um anderen zu sagen, daß ich Genuß gehabt? Was kümmerten mich Leser, Publikum, ja die ganze Welt, so lange ich im Himmel schwebte. Führte ich denn übrigens Papier und Federn bei mir? Hätte ich an alles das gedacht, dann würde keine Gedankenwelt in mir aufgestiegen sein. Ich sah nicht voraus, daß ich Gedanken haben würde; sie kommen nach ihrem, nicht nach meinem Gefallen; sie überwältigen mich durch ihre Zahl und Stärke. In zehn Bänden täglich hätte ich sie nicht unterbringen können. Woher Zeit nehmen, um sie zu schreiben? Sobald ich ankam, dachte ich an ein gutes Essen, wenn ich wieder aufbrach, dachte ich nur an eine angenehme Wanderung. Ich fühlte, daß ein neues Paradies meiner am Thore wartete; ich dachte nur daran, so schnell als möglich hinein zu gehen. Nie habe ich alles dies so deutlich empfunden wie auf der Rückreise, von der ich spreche. Als ich nach Paris ging, erfüllten mich nur Gedanken an das, was ich dort anfangen sollte. Ich hatte mich in die Laufbahn gestürzt, in die ich einzutreten gedachte, und sie glorreich bis ans Ziel verfolgt; allein diese Laufbahn war nicht die, zu der mein Herz mich hinzog, und die Bilder der Wirklichkeit thaten den Bildern der Einbildungskraft Abbruch. Der Oberst Godard und sein Neffe spielten neben einem Helden gleich mir eine traurige Rolle. Dank dem Himmel war ich jetzt von all diesen Hemmnissen befreit. Nach eigenem Belieben konnte ich mich in die Traumwelt vertiefen, denn sie allein lag noch vor meinen Blicken da; auch verlor ich mich so tief in sie hinein, daß ich in der That mehrmals den Weg unter mir verlor, und es würde mich sehr verdrossen haben, wäre ich immer auf dem geraden Wege geblieben, denn in dem dunklen Gefühle, daß ich mich in Lyon wieder auf die Erde, zurückfinden würde, hätte ich es nie erreichen mögen. Als ich unter andrem eines Tages absichtlich die Landstraße verlassen hatte, um mir eine Stätte, deren herrliche Lage mich angezogen, aus der Nähe zu betrachten, gefiel es mir dort so gut und machte ich so viele Gänge durch dieselbe, daß ich mich endlich völlig verirrte. Nach mehrstündigem vergeblichem Umherwandern trat ich müde und sterbend vor Hunger und Durst bei einem Bauern ein, dessen Haus kein schönes Aeußere hatte; es war jedoch das einzige, das ich in der Nähe gewahrte. Ich wähnte, es müßte hier wie in Genf oder in der Schweiz sein, wo alle wohlhabende Bewohner im Stande sind, Gastlichkeit zu üben. Ich bat den Besitzer des Hauses, mir für Geld zu essen zu geben. Er setzte mir abgerahmte Milch und grobes Gerstenbrot vor, wobei er versicherte, das wäre alles, was er hätte. Ich trank diese Milch mit Gier und aß dieses Brot nebst der Kleie und was sonst noch darin war; aber für einen von Müdigkeit erschöpften Menschen war dies nicht allzu stärkend. Der Bauer, welcher mich prüfend ansah, schloß aus meinem Appetit auf die Wahrheit meiner Angaben. Mit der Bemerkung, er sähe wohl, Augenscheinlich hatte ich damals jene Physiognomie noch nicht, welche man mir später auf meinen Porträts gegeben hat. daß ich ein guter, ehrlicher junger Mann wäre, der nicht die Absicht hätte, ihn zu verkaufen, öffnete er mit einem Male eine Fallthür neben der Küche, stieg hinab und kam einen Augenblick später mit einem guten Schwarzbrote von reinem Roggen, einem sehr appetitlichen, wenn auch schon angeschnittenen Schinken und einer Flasche Wein zurück, deren Anblick mein Herz mehr erfreute, als alles übrige; dazu fügte er einen ziemlich dicken Eierkuchen, und ich speiste zu Mittag, wie kein anderer als ein Fußgänger speisen kann. Als es ans Bezahlen ging, kam seine Unruhe und Angst wieder zum Vorschein; er wollte mein Geld nicht, er wies es mit eigenthümlicher Verlegenheit zurück, und das Drolligste dabei war, daß ich mir nicht vorstellen konnte, weswegen er sich fürchtete. Endlich sprach er schaudernd die schrecklichen Worte Schreiber und Kellerratten aus. Er ließ durchblicken, daß er seinen Wein wegen der Beamten, sein Brot wegen der Besteuerung versteckte und ein verlorener Mann wäre, wenn man Verdacht hegte, daß er dem Hungertode noch nicht nahe wäre. Alles, was er mir hierüber sagte, und wovon ich nicht die leiseste Ahnung hatte, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich. Dies war der Keim jenes unausrottbaren Hasses, der sich in meinem Herzen seitdem gegen die Plagen, welche das unglückliche Volk erleidet, und gegen seine Unterdrücker entwickelte. Trotz seiner Wohlhabenheit wagte dieser Mann nicht das Brot zu essen, welches er sich im Schweiße seines Angesichts sauer verdient, und konnte das Verderben nicht anders von sich abwenden, als daß er dasselbe Elend zur Schau trug, das rings um ihn herrschte. Ich schied aus seinem Hause eben so entrüstet wie gerührt, und das Loos dieser schönen Gegenden beklagend, an welche die Natur nur ihre Gaben verschwendet hat, um sie eine Beute der barbarischen Zollpächter werden zu lassen. Das ist die einzige ganz deutliche Erinnerung, die mir von dem, was ich auf dieser Reise erlebt habe, geblieben ist. Ich entsinne mich nur noch, daß ich mich, als ich Lyon näher kam, versucht fühlte, meinen Weg zu verlängern, um die Ufer des Lignon zu sehen; denn unter den Romanen, welche ich mit meinem Vater gelesen hatte, war Asträa nicht vergessen worden, und war derjenige, der in meiner Erinnerung am häufigsten wieder aufstieg. Ich erkundigte mich, welchen Weg ich nach Forez einschlagen müßte, und in einem Zwiegespräche mit einer Wirthin belehrte mich dieselbe, daß die dortige Gegend den Arbeitern reiche Hilfsquellen eröffnete, daß sich dort viele Schmieden fänden und man daselbst ausgezeichnete Eisenarbeiten machte. Dieses Lob beschwichtigte augenblicklich meine romantische Neugier, und ich glaubte mich der Mühe überheben zu können, unter einem Volke von Schmieden Dianen und Sylvander zu suchen. Die ehrliche Frau, die mich auf diese Weise ermuthigte, hatte mich gewiß für einen Schlossergesellen gehalten. Ich ging nicht ganz zwecklos nach Lyon. Bei meiner Ankunft besuchte ich in Chasottes Fräulein de Chatelet, eine Freundin der Frau von Warens, an welche sie mir, als ich Le Maître begleitete, einen Brief mitgegeben hatte; es war also eine alte Bekanntschaft. Fräulein du Chatelet theilte mir mit, ihre Freundin wäre wirklich durch Lyon gekommen, sie wüßte jedoch nicht, ob sie ihren Weg bis Piemont fortgesetzt hätte, da sie bei ihrer Abreise selbst unschlüssig gewesen wäre, ob sie nicht in Savoyen bleiben sollte; sie würde, wenn ich es wünschte, schreiben, um sich danach zu erkundigen, und es würde für mich am besten sein, diese Nachrichten in Lyon abzuwarten. Ich nahm das Anerbieten an, hatte indessen nicht das Herz, Fräulein du Chatelet anzudeuten, daß ich einer schnellen Antwort benöthigt wäre und mir die Erschöpfung meiner kleinen Börse kein langes Warten gestattete. Was mir diese Zurückhaltung auferlegte, war nicht etwa, daß sie mich unfreundlich empfangen hätte; im Gegentheil, sie war sehr artig gegen mich gewesen und behandelte mich auf einem Fuße der Gleichheit, der mir den Muth raubte, ihr einen Einblick in meine Lage zu gewähren und von der Rolle eines Mitgliedes der guten Gesellschaft zu der eines unglücklichen Bettlers herabzusteigen. Ich bin überzeugt, die Reihenfolge aller in diesem Buche aufgezeichneten Erlebnisse ziemlich klar zu überblicken. Indessen glaube ich mich aus der nämlichen Zeit noch einer anderen Lyoner Reise zu erinnern, die ich nicht unterzubringen weiß und auf der ich mich schon in großer Noth befand. Ein kleiner Vorfall, der sich nicht gut in Worten wiedergeben läßt, wird sie in meiner Erinnerung stets wach erhalten. Eines Abends saß ich in Bellecour nach einem sehr kärglichen Mahle in Träumereien versenkt da, wie ich mich aus meiner Bedrängnis retten könnte, als sich ein Mann in einer Mütze an meine Seite setzte. Dieser Mann hatte das Aeußere eines jener Seidenarbeiter, die man in Lyon Tafftmacher nennt. Er redet mich an, ich antworte ihm. Kaum hatten wir eine Viertelstunde geplaudert, als er mir, stets mit der nämlichen Kaltblütigkeit und ohne den Ton zu ändern, den Vorschlag macht, uns gemeinschaftlich zu belustigen. Ich rechnete darauf, daß er mir die Art dieser Belustigung erklären sollte; aber ohne etwas hinzuzufügen, schickte er sich an, es mir durch sein Beispiel zu zeigen. Wir berührten uns fast, und die Nacht war nicht dunkel genug, um mir zu verhüllen, was für einem Zeitvertreibe er sich hinzugeben gedachte. An meiner Person wollte er sich nicht vergreifen, wenigstens verrieth mir nichts diese Absicht, und der Ort wäre dazu nicht günstig gewesen; er wollte nur, genau wie er mir gesagt hatte, sich belustigen und daß ich mich belustigte, jeder für sich selbst, und das schien ihm so natürlich, daß er nicht im Geringsten ahnte, ich könnte weniger Gefallen daran finden als er. Ich war über diese Unverschämtheit so erschreckt, daß ich mich, ohne ihm zu antworten, schnell erhob und aus Leibeskräften davon lief, da ich befürchtete, dieser Elende würde mir nachsetzen. Ich war so verwirrt, daß ich, anstatt den Weg nach meiner Wohnung durch die Straße Saint-Dominique zu nehmen, den Quai entlang lief und erst hinter der hölzernen Brücke Halt machte, am ganzen Leibe zitternd, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Ich huldigte demselben Laster; die Erinnerung an jene Frechheit heilte mich auf lange davon. Auf dieser Reise hatte ich ein Abenteuer fast des nämlichen Charakters, das mich jedoch in größere Gefahr stürzte. Sehend, daß mein baares Geld auf die Neige ging, war ich mit dem geringen Reste äußerst sparsam. Ich aß in meinem Gasthause weniger oft und bald gar nicht mehr, da ich mich im Speisehause für fünf oder sechs Sous eben so gut sättigen konnte, wie dort für fünfundzwanzig. Da ich dort nicht mehr aß, glaubte ich auch nicht länger daselbst schlafen zu können, nicht, weil es mir große Kosten verursachte, sondern weil ich mich schämte, ein Zimmer einzunehmen, ohne meiner Wirthin etwas zu verdienen zu geben. Die Jahreszeit war schön. Eines Abends, als es sehr warm war, beschloß ich, die Nacht auf dem Markte zuzubringen, und schon hatte ich auf einer Bank mein Lager aufgeschlagen, als ein Abbé, der mich beim Vorübergehen in Schlaf versunken sah, an mich herantrat und mich fragte, ob ich kein Obdach hätte. Ich entdeckte ihm meine Lage, und er schien von ihr gerührt. Er setzte sich an meine Seite, und wir plauderten. Er sprach angenehm; alles, was er zu mir sagte, gab mir von ihm die beste Meinung von der Welt. Als er erkannte, daß ich ihn günstig beurtheilte, sagte er zu mir, er hätte zwar keine geräumige Wohnung, sie bestände nur aus einem einzigen Zimmer, aber er würde mich unter keinen Umständen auf dem Markte schlafen lassen; es wäre schon zu spät, um noch ein Nachtlager zu suchen, und er böte mir deshalb für diese Nacht die Hälfte seines Bettes an. Ich nehme das Anerbieten an, da ich bereits voller Hoffnung bin, mir einen Freund zu erwerben, der mir nützlich werden könnte. Wir gehen. Er schlägt Feuer. Sein Zimmer erscheint mir bei seiner Kleinheit sauber; er spielt in sehr freundlicher Weise den Wirth. Aus einem Glase nahm er eingemachte Kirschen, von denen wir einige aßen und uns dann zu Bett begaben. Dieser Mensch hatte die nämlichen Neigungen wie mein Jude im Hospiz, aber er gab sie nicht in so roher Weise zu erkennen. Sei es nun, daß er in der Besorgnis, ich könnte ein Verständnis von seiner Absicht haben, Bedenken trug, mich zur Vertheidigung zu zwingen, oder sei es, daß ihm wirklich nicht sehr viel an der Ausführung seines Vorhabens lag: er wagte nicht, es mir offen anzumuthen, und suchte mich dazu anzureizen, ohne mich zu beunruhigen. Besser unterrichtet als das erste Mal, begriff ich bald seine Absicht und schauderte. Da ich weder wußte, in welchem Hause noch unter wessen Händen ich mich befand, befürchtete ich, daß ich, sobald ich Lärm machte, dafür mit meinem Leben büßen müßte. Ich stellte mich, als verstände ich sein Verlangen nicht; als ich aber die Miene annahm, als ob mir seine Liebkosungen sehr lästig wären und mir alle weiteren auf das entschiedenste verbat, hatte es den Erfolg, daß er mich nicht mehr zu belästigen wagte. Darauf redete ich zu ihm mit aller Sanftmuth und Entschiedenheit, deren ich fähig war, und ohne zu thun, als hegte ich Argwohn gegen ihn, entschuldigte ich mich wegen der an den Tag gelegten Unruhe unter Hinweis auf mein früheres Abenteuer, welches ich ihm mit Ausdrücken voll so ungekünstelten Widerwillens und Abscheus erzählte, daß ich, wie ich glaube, sein eigenes Herz bewegte, und er völlig auf sein schmutziges Vorhaben verzichtete. Wir verbrachten ruhig den Rest der Nacht. Er sagte mir selbst viel Schönes und Verständiges, und er war gewiß nicht unbegabt, wenn er auch ein nichtswürdiger Mensch war. Am Morgen redete der Herr Abbé, der mir keine mißvergnügte Miene zeigen wollte, vom Frühstücken, und bat eine der Töchter seiner Wirthin, ein hübsches Mädchen, ein Frühstück zu holen. Sie erklärte, keine Zeit zu haben. Er wendete sich an ihre Schwester, die ihn gar keiner Antwort würdigte. Wir warteten und warteten; kein Frühstück. Endlich gingen wir nach dem Zimmer dieser Fräulein. Sie empfingen den Herrn Abbé mit keiner sehr liebenswürdigen Miene; ich konnte mich noch weniger einer freundlichen Aufnahme rühmen. Die Aeltere drehte mir den Rücken zu und trat mir dabei mit ihrem spitzen Absatze auf die Zehen, wo mich ein sehr schmerzhaftes Hühnerauge gezwungen hatte, ein Stück vom Schuhe abzuschneiden; die andere riß schnell einen Stuhl hinter mir fort, auf den ich mich eben setzen wollte; ihre Mutter bespritzte mir, als sie Wasser zum Fenster hinausgoß, das Gesicht; jedes Plätzchen, worauf ich mich niederlassen wollte, wurde fortgenommen, indem man that, als ob man dort etwas suchte; noch nie in meinem Leben war ich Zeuge eines solchen Auftritts gewesen. Ich sah aus ihren beleidigenden und spöttischen Blicken eine verborgene Wuth hervorleuchten, die ich dummer Weise nicht begriff. Erstaunt, verblüfft, geneigt, sie alle für besessen zu halten, begann ich ernstlich in Schrecken zu gerathen, als sich der Abbé, der weder zu sehen noch zu hören schien, aber recht wohl einsah, daß auf ein Frühstück nicht zu rechnen war, entschloß, das Zimmer zu verlassen, und ich beeilte mich, ihm zu folgen, sehr zufrieden, diesen drei Furien zu entkommen. Beim Fortgehen schlug er mir vor, in einem Café zu frühstücken. Obgleich ich großen Hunger hatte, nahm ich dieses Anerbieten, das er auch nicht öfter wiederholte, nicht an, und wir trennten uns an der dritten oder vierten Straßenecke, ich, entzückt, alles, was zu diesem verfluchten Hause gehörte, aus dem Auge zu verlieren, und er, wie ich glaube, höchst zufrieden darüber, daß er mich weit genug fortgebracht hatte, um es nicht so leicht wieder erkennen zu können. Da mir weder in Paris noch in irgend einer andern Stadt je etwas Aehnliches, wie in den beiden erwähnten Fällen zugestoßen ist, so habe ich von Lyons Bevölkerung einen wenig vorteilhaften Eindruck behalten, und ich habe diese Stadt stets als diejenige in Europa betrachtet, in welcher die abscheulichste Sittenverderbnis herrscht. Die Erinnerung an die Drangsale, in welche ich dort gerieth, trägt ebenfalls nicht dazu bei, mir ein angenehmes Andenken an diese Stadt zu bewahren. Wäre ich wie ein Anderer gewesen, hätte ich das Talent besessen, zu borgen und in meinem Wirthshause Schulden zu machen, so würde ich mich leicht aus meiner Lage gezogen haben; aber hierin war meine Ungeschicklichkeit eben so groß wie meine Ungeneigtheit. Um sich einen Begriff davon zu machen, wie groß beide waren, genügt es zu wissen, daß es, nachdem ich fast mein ganzes Leben in Noth zugebracht und oft kaum das tägliche Brot hatte, auch nicht einmal vorgekommen ist, daß ein Gläubiger von mir sein Geld verlangt hätte, ohne sofortige Zahlung zu erhalten. Ich habe mich nie darauf verstanden, Läpperschulden zu machen, und stets lieber Noth gelitten als geborgt. Das heißt doch sicherlich Noth leiden, wenn man gezwungen ist, die Nacht auf der Straße zuzubringen, wozu ich mich in Lyon mehrmals entschließen mußte. Ich wollte die wenigen Sous, die mir noch blieben, lieber für das nöthige Brot als für mein Nachtlager ausgeben, weil doch die Gefahr, vor Schläfrigkeit zu sterben, jedenfalls geringer war, als die zu verhungern. In dieser traurigen Lage war ich merkwürdiger Weise weder unruhig noch sorgenvoll. Um die Zukunft hatte ich nicht die geringste Sorge und erwartete die Nachrichten, welche Fräulein du Chatelet empfangen mußte, unter freiem Himmel, auf der Erde oder auf einer Bank ausgestreckt, so ruhig schlafend, als läge ich auf einem Bett von Rosen. Ich entsinne mich sogar, draußen vor der Stadt auf einem Wege, der sich längs der Rhone oder der Saone, ich weiß nicht mehr an welcher von beiden, hinzog, eine köstliche Nacht zugebracht zu haben. Auf der andern Seite faßten den Weg terrassenförmige Gärten ein. Es war an jenem Tage sehr heiß gewesen; der Thau erfrischte die welken Gräser; kein Windhauch, eine stille Nacht; die Luft war frisch ohne kalt zu sein; die Sonne hatte nach ihrem Untergange rothe Dunstwolken am Himmel zurückgelassen, in deren Wiederschein das Wasser rosig erglühte; zahlreiche Nachtigallen saßen in den Bäumen auf den Terrassen und antworteten einander. Ich wandelte in einer Art von Verzückung umher, mich mit Herz und Sinnen dem Genusse alles dessen überlassend und nur ein wenig seufzend, daß ich es allein genießen mußte. In meine süße Träumerei versunken, ging ich bis spät in der Nacht spazieren, ohne Ermüdung zu fühlen. Endlich übermannte sie mich doch. Mit wahrer Wollust legte ich mich auf die Steinplatte einer Art Nische oder blinden Thüre nieder; Baumgipfel bildeten meinen Betthimmel; gerade über mir saß eine Nachtigall; bei ihrem Gesange schlief ich ein; mein Schlummer war süß, mein Erwachen noch süßer. Es war heller lichter Tag; als sich meine Augen öffneten, erblickten sie den Fluß, grünen Rasen, eine liebliche Landschaft. Ich erhob und schüttelte mich; ich verspürte Hunger, und heiteren Sinnes machte ich mich auf den Weg nach der Stadt, entschlossen, zwei Weißpfennigstücke, die ich nur noch besaß, für ein gutes Frühstück auszugeben. Ich war so fröhlicher Laune, daß ich auf dem ganzen Wege sang, und ich erinnere mich sogar, daß ich eine Cantate von Batistin, »die Bäder von Thomery«, die ich auswendig wußte, sang. Gesegnet sei der gute Batistin und seine schöne Cantate, die mir ein besseres Frühstück, als worauf ich mir Rechnung gemacht hatte, verschaffte, und ein noch weit besseres Mittagsessen, auf das ich gar nicht gerechnet hatte. Während ich im besten Marschiren und Singen begriffen bin, höre ich jemanden hinter mir; als ich mich umdrehe, gewahre ich einen Antoniter, Die Antoniter bildeten einen säcularisirten Mönchsorden. der hinter mir hergeht und mir mit Vergnügen zuzuhören scheint. Er tritt an mich heran, grüßt mich und fragt, ob ich musikalisch sei? Ich antworte »ein wenig«, um anzudeuten »in hohem Grade.« Er fährt fort, mich auszufragen; ich erzähle ihm einen Theil meiner Geschichte. Er fragt mich, ob ich mich nie mit Noten abschreiben beschäftigt habe? »Oft,« erwidere ich. Und das beruhte auf Wahrheit; durch Abschreiben lernte ich die Musikstücke nämlich am besten. »Nun,« sagte er zu mir, »dann kommen Sie mit mir. Ich werde Sie einige Tage beschäftigen können, in denen es Ihnen an nichts fehlen soll, falls Sie darauf eingehen, das Zimmer nicht zu verlassen.« Ich ging sehr gern darauf ein und folgte ihm. Dieser Antoniter hieß Rolichon; er liebte die Musik, verstand sie und sang in kleinen Concerten, die er mit seinen Freunden veranstaltete. Es kam dabei nur Unschuldiges und Ehrbares vor, aber diese Neigung artete wahrscheinlich in Leidenschaft aus, welche er theilweise zu verbergen gezwungen war. Er geleitete mich in eine kleine Kammer, die ich bewohnen sollte, und in der ich eine Menge Musikalien, Abschriften von seiner eigenen Hand, vorfand. Er gab mir andere zum Abschreiben, namentlich die Cantate, welche ich gesungen hatte, und die er selbst in einigen Tagen vortragen sollte. Ich brachte dort drei oder vier Tage zu, die ganze Zeit, in der ich nicht aß, abschreibend; aber mein Essen nahm freilich viele Zeit in Anspruch, denn nie in meinem Leben war ich so ausgehungert und besser verpflegt. Er brachte mir meine Mahlzeiten selbst aus ihrer Küche, und sie mußte gut sein, wenn ihr gewöhnlicher Tisch wie der meinige besetzt war. In allen meinen Tagen hatte ich nicht so große Lust am Essen, und man muß auch zugeben, daß mir diese gute Kost sehr zu gelegener Zeit kam, denn ich war bereits dürr wie Holz. Ich arbeitete fast eben so gern wie ich aß, und das will nicht wenig sagen. Allerdings war ich nicht eben so sorgfältig wie fleißig. Als ich Herrn Rolichon einige Tage später auf der Straße traf, sagte er mir, daß die von mir ausgeschriebenen Stimmen die Musik unausführbar gemacht hätten, so zahlreiche Auslassungen, Verdoppelungen und Versetzungen wären in ihnen vorgekommen. Es läßt sich nicht bestreiten, daß ich mich in der Folge gerade dem Geschäfte zugewandt habe, zu dem ich am allerwenigsten geeignet war; nicht, daß meine Noten nicht schön gewesen und ich nicht sehr sauber abgeschrieben hätte, aber die Langeweile einer großen Arbeit zerstreut mich dermaßen, daß ich mehr Zeit gebrauche zu radiren als Noten zu schreiben, und daß, wenn ich nicht bei der Vergleichung der Stimmen mit der größten Aufmerksamkeit zu Werke gehe, sich die von mir abgeschriebenen Musikstücke nicht vortragen lassen. So machte ich also meine Sache sehr schlecht, während ich sie gut machen wollte, und ging, um schnell zu gehen, in die Quere. Dies hielt Herrn Rolichon nicht ab, mich bis zum Ende mit gleicher Güte zu behandeln und mir beim Scheiden noch einen Thaler zu geben, den ich keineswegs verdient hatte und der mich wieder auf die Beine brachte, denn wenige Tage später erhielt ich von Mama, die sich in Chambery aufhielt, Nachrichten und Geld zu meiner Rückreise zu ihr, die ich mit Entzücken antrat. Seitdem habe ich mich oft in sehr dürftigen Geldverhältnissen befunden, aber nie in so schlimmen, daß ich hätte darben müssen. Ich zeichne diesen Zeitpunkt mit einem Herzen voll Dank gegen die Fürsorge der Vorsehung auf. Es ist das letzte Mal in meinem Leben, daß ich Noth und Hunger ausgestanden habe. Noch sieben oder acht Tage blieb ich in Lyon, um die Ausführung der Aufträge abzuwarten, die Mama dem Fräulein du Chatelet übertragen hatte, welche ich inzwischen fleißiger als vorher besuchte, da ich jetzt das Vergnügen hatte, mit ihr von ihrer Freundin sprechen zu können, und nicht mehr durch den qualvollen Hinblick auf meine Lage abgelenkt wurde, die ich zu verbergen gezwungen war. Fräulein du Chatelet war weder jung noch hübsch, aber gleichwohl fehlte es ihr nicht an Anmuth; sie war umgänglich und vertraulich, und ihr Geist verlieh dieser Vertraulichkeit Werth. Sie besaß jene Vorliebe für Beobachtungen, welche zum Studium der Menschen führt, und auf sie muß ich die gleiche Vorliebe bei mir zurückführen. Sie liebte die Romane von Le Sage und besonders Gil Blas; sie erzählte mir von demselben und lieh ihn mir; ich las ihn zwar mit Vergnügen, war aber für diese Art von Lectüre doch noch nicht reif; ich hatte Romane mit großen Gefühlen nöthig. So brachte ich denn meine Zeit in dem Empfangzimmer des Fräuleins du Chatelet mit eben so vielem Vergnügen wie Nutzen zu, und sicherlich sind die fesselnden und verständigen Unterhaltungen mit einer begabten Frau zur Bildung eines jungen Mannes geeigneter als alle pedantische Bücherphilosophie. In Chasottes machte ich mit andern Kostschülern und ihren Freundinnen Bekanntschaft, unter andern mit einer jungen Person von vierzehn Jahren, Namens Fräulein Serre, der ich damals keine große Aufmerksamkeit zollte, in die ich mich aber acht oder neun Jahr später leidenschaftlich verliebte, und mit Recht, denn sie war ein reizendes Mädchen. Ganz von der Hoffnung erfüllt, meine gute Mama binnen Kurzem wieder zu sehen, that ich meinen Lieblingsgedanken einstweilen Einhalt, denn das wirkliche Glück, das meiner harrte, überhob mich der Mühe, es in meinen Träumen zu suchen. Ich sollte nicht allein sie wieder finden, sondern bei ihr und durch sie auch in eine angenehme Lage versetzt werden, denn sie hatte, wie sie mittheilte, eine Beschäftigung für mich gefunden, die mir hoffentlich zusagen und mich auch nicht von ihr entfernen würde. Ich erschöpfte mich in Vermuthungen, um zu errathen, worin diese Beschäftigung bestehen könnte, und man hätte wirklich lange rathen können, ehe man das Richtige getroffen hätte. Ich hatte ausreichend Geld, um den Weg bequem zurückzulegen. Fräulein du Chatelet verlangte, ich sollte ein Pferd nehmen; ich vermochte nicht auf diesen Vorschlag einzugehen, und ich hatte Recht. Ich würde sonst das Vergnügen der letzten Fußreise verloren haben, die ich in meinem Leben gemacht habe; denn ich kann den Ausflügen, die ich, so lange ich in Motiers wohnte, oft in die nächste Umgebung unternahm, diesen Namen nicht beilegen. Es ist etwas Eigentümliches, daß sich meine Einbildungskraft nie in angenehmeren Bildern ergeht, als wenn meine Lage am wenigsten angenehm ist, und daß sie mir im Gegentheile weniger reizende Bilder vorgaukelt, sobald sich alles um mich her freundlich gestaltet. Meine aufgeregte Natur vermag sich nicht den Thatsachen zu unterwerfen. Sie wäre unfähig, zu verschönern, sie will schaffen. Die wirklichen Gegenstände stellen sich ihr höchstens so dar, wie sie sind; nur die Gebilde der Phantasie versteht sie zu schmücken. Will ich den Frühling schildern, muß es Winter sein; will ich eine schöne Landschaft beschreiben, müssen mich Mauern umfangen, und ich habe oft versichert, ich würde, sollte je die Bastille mich umschließen, dort das Gemälde der Freiheit entwerfen. Ich erblickte, als ich von Lyon abreiste, nur eine angenehme Zukunft vor mir; ich war auch zufrieden, und hatte eben so viel Grund es zu sein, wie ich bei meinem Scheiden von Paris zur Unzufriedenheit hatte. Trotzdem versank ich während dieser Reise nicht in jenes köstliche Träumen, in welchem ich auf jener einherwandelte. Ich war heiteren Herzens, aber das war alles. Mit Rührung näherte ich mich der vortrefflichen Freundin, die ich wiedersehen sollte. Ich genoß im voraus, aber ohne schwärmerische Begeisterung, die Freude, an ihrer Seite zu leben. Darauf hatte ich stets gerechnet; es war, als ob dies keinen Reiz der Neuheit für mich hätte. Ich war über die mir angedeutete Beschäftigung unruhig, als ob sie sehr beunruhigend gewesen wäre. Meine Gedanken waren ruhig und angenehm, nicht himmlisch und hinreißend. Die Gegenstände zogen meine Blicke auf sich; ich schenkte der Gegend meine Aufmerksamkeit, betrachtete die Bäume, die Häuser, die Bäche; ich überlegte an den Kreuzwegen, welches der richtige Weg wäre; ich hatte Furcht, mich zu verirren, und verirrte mich nicht. Mit einem Worte, ich schwebte nicht mehr im Himmel, sondern ich war bald da, wo ich war, bald da, wohin ich ging, und nie schweiften meine Gedanken weiter hinaus. Beim Berichte über meine Reisen geht es mir wie beim Reisen selbst; ich weiß nicht anzukommen. Das Herz schlug mir vor Freude, als ich meiner lieben Mama näher kam, und ich ging doch nicht schneller. Ich wandere gern mit aller Gemächlichkeit und mache Halt, wenn es mir gefällt. Ein umherwanderndes Leben ist für mich Bedürfnis. Eine Fußreise bei schönem Wetter, und in einer schönen Gegend zu machen, ohne Eile zu haben und an deren Ziele meiner etwas Angenehmes wartet, ist von allen Arten zu leben am meisten nach meinem Geschmack. Uebrigens weiß man schon, was ich unter einer schönen Gegend verstehe. Nie erschien mir ein flaches Land, bei aller sonstigen Schönheit, als ein solches. Ich bedarf Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die eben so schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen. Diese Wonne hatte ich und empfand sie in ihrem ganzen Zauber, als ich mich Chambery näherte. Unweit einer Felsenwand, die den Namen Pas de l'Echelle führt, tief unter der in den Felsen gehauenen Landstraße, bei dem Flecken Chailles, strömt und schäumt in schrecklichen Strudeln ein kleiner Fluß, der Tausende von Jahrhunderten gebraucht zu haben scheint, um sich Bahn zu brechen. Man hat den Weg, um Unglücksfälle zu verhüten, mit einem Geländer eingefaßt; deshalb konnte ich in die Tiefe hinabblicken und mich nach Herzenslust schwindelig machen lassen; denn trotz meiner Vorliebe für schroffe Felsen werde ich wunderlicher Weise auf ihnen schwindelig, und gerade an diesem Gefühle des Schwindels habe ich große Freude, sobald ich mich dabei in Sicherheit befinde. Weit über das Geländer gelehnt, schaute ich in die Tiefe und blieb da ganze Stunden lang, indem ich von Zeit zu Zeit bald auf diesen Schaum, bald auf das blaue Wasser blickte, dessen Brausen ich durch das Geschrei der Raben und der Raubvögel vernahm, welche hundert Klafter unter mir von Fels zu Fels und von Gesträuch zu Gesträuch flogen. An den Stellen, wo der Abhang ziemlich gerade hinunter ging und das Strauchwerk weit genug auseinander stand, um Steine durchzulassen, trug ich deren so groß und schwer, wie ich sie nur haben konnte, von allen Seiten zusammen und häufte sie auf dem Geländer auf. Darauf warf ich sie einen nach dem andern hinab und ergötzte mich daran, sie rollen, aufspringen und in tausend Stücke zerschellen zu sehen, ehe sie noch den Boden des Abgrundes erreichten. Noch näher bei Chambery hatte ich ein ähnliches Schauspiel, wenn auch in umgekehrtem Sinne. Der Weg führt am Fuße des schönsten Wasserfalles vorüber, den meine Augen je gesehen. Der Berg hängt so weit herüber, daß das Wasser plötzlich in einem Bogen herabfällt, der weit genug von der Felsenwand entfernt ist, um zwischen dieser und dem Wasserfall hindurchschreiten zu können, oft sogar ohne daß man dabei naß wird; sieht man sich jedoch dabei nicht vor, so wird man leicht angeführt, wie es bei mir der Fall war; denn wegen der außerordentlichen Höhe löst sich das Wasser in eine Art Staubregen auf, und tritt man zu nahe an diese Wolke heran, ist man mit einem Male, ohne anfangs zu merken, daß man naß wird, vollkommen wie aus dem Wasser gezogen. Endlich komme ich an, sehe ich sie wieder! Sie war nicht allein. Der Herr General-Intendant war in dem Augenblicke, wo ich eintrat, bei ihr. Ohne mich anzureden, ergreift sie mich bei der Hand und stellt mich ihm mit jener Anmuth vor, welche ihr Zugang zu allen Herzen verschaffte. »Das ist er, mein Herr, dieser arme junge Mann; nehmen Sie ihn freundlichst so lange in Ihren Schutz, wie er ihn verdienen wird; ich bin dann für sein künftiges Wohlergehen nicht mehr in Sorgen.« Darauf sich an mich wendend, sagte sie: »Mein Kind, du gehörst jetzt dem Könige; dank dem Herrn Intendanten, der dir Brot gibt.« Ich riß die Augen weit auf, ohne ein Wort zu sagen oder zu wissen, was ich denken sollte; fast hätte der wieder erwachende Ehrgeiz mir von neuem den Kopf verdreht und den Muth eingeflößt, bereits den kleinen Intendanten zu spielen. Wie es sich zeigte, war die mir zugedachte Stelle keineswegs so glänzend, wie ich sie mir nach dieser ersten Mittheilung eingebildet hatte, gewährte mir indessen für den Augenblick den hinreichenden Lebensunterhalt, und für mich war dies viel. Es handelte sich nämlich um folgendes. Da der König Victor Amadeus aus dem Ausgange früherer Kriege und der Lage des Erblandes seiner Väter schloß, daß es ihm eines Tages geraubt werden könnte, ging er nur darauf aus, möglichst viel aus ihm herauszupressen. Entschlossen, den Adel zur Besteuerung heranzuziehen, hatte er vor wenigen Jahren eine allgemeine Katastrirung des ganzen Landes angeordnet, damit man bei einer Verwandlung des Zehnten in eine Abgabe in baarem Gelde letzteren mit größerer Billigkeit vertheilen könnte. Diese unter dem Vater begonnene Arbeit wurde unter dem Sohne vollendet. Zwei oder dreihundert Menschen, sowohl Feldmesser, die man Geometer, als auch Schreiber, die man Secretäre nannte, wurden bei dieser Arbeit verwandt, und unter letzteren hatte mir Mama eine Stelle verschafft. Ohne sehr einträglich zu sein, sicherte sie mir doch ein in diesem Lande reichliches Auskommen. Das Ueble war, daß dieses Amt nur auf eine bestimmte Zeit verliehen wurde; allein es setzte doch in den Stand zu suchen und abzuwarten, und Mama bemühte sich deshalb aus Vorsicht, mir die besondere Gunst des Intendanten zu gewinnen, um nach Ablauf meiner gegenwärtigen Stellung in eine geeignetere übertreten zu können. Wenige Tage nach meiner Ankunft trat ich mein Amt an. Schwierig war die Arbeit nicht und ich war mit ihr bald völlig vertraut. So begann ich denn nach vier oder fünf Jahren eines unsteten Wanderlebens seit meinem Scheiden von Genf, reich an Thorheit und Leiden, mir zum ersten Male mein Brot auf ehrenhafte Weise zu verdienen. Diese langen Einzelheiten aus meiner frühsten Jugend werden sehr kindisch erschienen sein, und das thut mir leid; obgleich in gewisser Hinsicht als Mann geboren, bin ich doch lange Kind geblieben und bin es in vielen anderen Stücken noch. Ich habe nicht versprochen, den Lesern einen großen Charakter zu zeichnen; ich habe versprochen, mich so zu schildern, wie ich bin, und um mich in meinem vorgerückteren Alter zu kennen, muß man mich in meiner Jugend gekannt haben. Da die Gegenstände im Allgemeinen auf mich weniger Eindruck machen, als die Rückerinnerung an sie, und alle meine Vorstellungen die Form von Bildern annehmen, so sind die ersten Züge, welche sich meinem Geiste eingeprägt haben, in demselben haften geblieben, und die, welche später hinzugetreten sind, haben sie nicht etwa verwischt, sondern sich eher mit ihnen vereinigt. Es giebt eine gewisse Reihe von Stimmungen und Vorstellungen, welche die folgenden abschwächen, und die man kennen muß, um sich über letztere ein richtiges Urtheil zu bilden. Ich gebe mir Mühe, überall die ersten Ursachen klar zu entwickeln, um die Verkettung der Wirkungen zur Anschauung zu bringen. Ich wünschte meine Seele den Augen des Lesers gleichsam nackt und unverhüllt zu zeigen, und deshalb bestrebe ich mich, sie ihm unter allen Gesichtspunkten vorzuführen, ihm über sie Tag für Tag Klarheit zu verschaffen und ihm jede ihrer Regungen wahrnehmbar zu machen, damit er selbst über den ersten Grund, der sie hervorrief, zu urtheilen vermag. Wenn ich mich mit dem bloßen Ergebnis zufrieden gäbe und zu ihm sagte: »so ist mein Charakter,« so würde er wähnen können, wenn auch nicht gerade, daß ich ihn täusche, so doch wenigstens, daß ich mich täusche. Aber indem ich ihm in einfachster Weise alles, was mir begegnet ist, alles, was ich gethan, alles, was ich gedacht, alles, was ich empfunden habe, eingehend zergliedere, kann ich ihn nicht zum Irrthum verleiten, es wäre denn, daß ich absichtlich darauf ausginge, und selbst wenn ich das thäte, würde es mir auf diese Weise nicht leicht gelingen. Es bleibt ihm überlassen, diese Einzelheiten zusammenzustellen, und das Wesen, welches aus ihrer Zusammenfügung hervorgeht, zu bestimmen; das Resultat muß sein Werk sein, und täuscht er sich dann, so fällt aller Irrthum ihm zur Last. Zu diesem Zwecke genügt es indessen nicht, daß meine Mittheilungen treu sind, sie müssen auch eben so genau sein. Nicht mir liegt es ob, über die Wichtigkeit der Thatsachen zu urtheilen; ich muß sie alle aufführen und ihm die Sorge der Auswahl überlassen. Darauf habe ich bisher unerschrocken allen Fleiß verwandt und werde auch in der Folge darin nicht nachlassen. Aber die Erinnerungen des mittleren Lebensalters sind stets weniger lebhaft, als die der frühsten Jugend. Ich habe mir Mühe gegeben, aus letzteren den möglichst großen Nutzen zu ziehen. Wenn die andern wieder in gleicher Frische in mir erwachen, so werden ungeduldige Leser vielleicht Langeweile dabei empfinden, aber ich für meine Person werde um deswillen mit meiner Arbeit nicht unzufrieden sein. Ich habe bei diesem Unternehmen nur eins zu fürchten, nicht etwa zu viel oder die Unwahrheit zu sagen, sondern nicht alles zu sagen und wahre Dinge zu verschweigen. x Viertes Buch 1732 – 1736 Es war, wenn mir recht ist, im Jahre 1732, als ich, wie ich so eben berichtet, in Chambery anlangte und mein Amt beim Kataster in königlichen Diensten antrat. Ich war beinahe einundzwanzig Jahre alt. Für mein Alter war ich geistig ziemlich entwickelt, weniger jedoch meine Urtheilskraft, und es war nöthig, daß ich in Hände fiel, die mich richtig leiteten. Denn einige Jahre der Erfahrung hatten mich noch immer nicht von Grund aus von meinen romantischen Traumgebilden zu heilen vermocht, und trotz aller Leiden, die ich erduldet, kannte ich die Welt und die Menschen so wenig, als wenn ich noch kein Lehrgeld hätte bezahlen müssen. Ich wohnte für mich allein, das heißt bei Mama, aber ein Zimmer wie in Annecy fand ich nicht wieder; keinen Garten, keinen Bach, keine Landschaft. Das Haus, welches sie gemiethet, war finster und düster, und mein Zimmer das finsterste und düsterste im ganzen Hause. Eine Mauer als Aussicht, eine Sackgasse als Straße, wenig Luft, wenig Licht, wenig Raum, Heimchen, Ratten, vermorschte Dielen, das alles bildete keine freundliche Wohnung. Allein ich war bei ihr, in ihrer Nähe; fortwährend auf meinem Bureau oder in ihrem Zimmer bemerkte ich wenig von der Häßlichkeit meines eigenen; ich hatte nicht Zeit, daran zu denken. Es wird seltsam scheinen, daß sie Chambery zu ihrem Aufenthalte gewählt hatte, lediglich um dieses häßliche Haus zu bewohnen; aber sogar hierin liegt ein Beweis ihrer Klugheit, den ich nicht verschweigen darf. Sie hatte eine große Abneigung dagegen, nach Turin zu gehen, da sie sehr gut einsah, daß es nach dem vor Kurzem erfolgten Umschwung der Dinge und bei der Aufregung, in welcher man sich noch immer bei Hofe befand, nicht der Augenblick war, sich an ihm vorzustellen. Trotzdem verlangten ihre Angelegenheiten, daß sie sich dort zeigte. Sie besorgte, vergessen oder benachtheiligt zu werden; namentlich hatte sie in Erfahrung gebracht, daß der Graf von Saint-Laurent, der Generalintendant der Finanzen, ihr nicht geneigt war. Nun besaß er in Chambery ein altes, baufälliges Haus, welches in einer so schlechten Gegend lag, daß es stets leer blieb; sie miethete es und machte sich dort ansässig. Das war ihr nützlicher, als eine Reise; die Pension wurde ihr nicht entzogen, und der Graf von Saint-Laurent war ihr seitdem stets freundlich gesinnt. Ich fand ihre Wirthschaft fast in dem nämlichen Zustande wie früher, und den treuen Claude Anet noch immer bei ihr. Er war, wie ich erwähnt zu haben glaube, ein Bauerbursche aus Moutru, der in jungen Jahren im Jura Kräuter gesammelt hatte, um Schweizer Thee zu machen, und den sie um seiner Kenntnisse willen in Dienst genommen hatte, da sie es bequem fand, in ihrem Diener zugleich einen Kräuterkenner zu besitzen. Er war ein so leidenschaftlicher Pflanzensammler, und sie stachelte seine Neigung so sehr an, daß er ein wirklicher Botaniker wurde, und sich, wäre er nicht jung gestorben, in dieser Wissenschaft einen Namen erworben haben würde, wie er einen unter den Ehrenmännern verdiente. Da er ernst, sogar verschlossen war, und ich jünger als er, so wurde er für mich eine Art Hofmeister, der mich vor vielen Thorheiten bewahrte; denn er flößte mir Achtung ein und ich wagte nicht, mich ihm gegenüber zu vergessen. Sogar seiner Herrin, die seinen gesunden Verstand, seine Redlichkeit, seine unwandelbare Anhänglichkeit an sie kannte und sie ihm durch gleiche Zuneigung vergalt, nöthigte er Achtung ab. Claude Anet war ohne Widerspruch ein seltener Mann und sogar der einzige seiner Art, den ich je kennen gelernt. Langsam, gesetzt, bedachtsam, von besonnener Klugheit, kaltem Benehmen, lakonischer und sentenzenreicher Sprechweise, besaß er in seinen Leidenschaften eine stürmische Heftigkeit, die er nie sichtbar werden ließ, sondern in sich zurückdrängte, und die ihn zwar nie in seinem Leben eine Thorheit, wohl aber eine furchtbare That begehen ließ, denn er hat sich vergiftet. Dieser tragische Auftritt ereignete sich kurz nach meiner Ankunft, und ohne ihn hätte ich das vertrauliche Verhältnis des jungen Mannes mit seiner Herrin gar nicht erfahren, denn hätte sie es mir nicht selbst gesagt, würde ich es nie vermuthet haben. Fürwahr, wenn Anhänglichkeit, Eifer und Treue einen solchen Lohn verdienen können, so war sie ihn ihm schuldig, und zum Beweise, wie würdig er desselben war, dient der Umstand, daß er ihn nie mißbrauchte. Sie hatten selten Zänkereien, und diese endeten stets gut. Eine entstand jedoch, die einen schlechten Ausgang nahm; im Zorne sagte ihm seine Herrin ein höchst beleidigendes Wort, das er nicht zu ertragen vermochte. Er gab nur seiner Verzweiflung Gehör, und da er eine Phiole mit Laudanum in Händen hatte, trank er sie aus und legte sich darauf, in dem Gedanken nie wieder zu erwachen, ruhig nieder. Glücklicherweise fand Frau von Warens, die selbst unruhig und aufgeregt, unstet im Hause umherirrte, die leere Phiole und ahnte das Uebrige. Zu seiner Hilfe herbeieilend, stieß sie ein Geschrei aus, welches mich herbeizog. Sie gestand mir alles, flehte mich um Beistand an und brachte es mit vieler Mühe dahin, daß er das Opium wieder ausbrach. Zeuge dieses Auftrittes, wunderte ich mich über meine Dummheit, nie die geringste Ahnung von der Verbindung gehabt zu haben, in die sie mich einweihte. Allein Claude Anet war so vorsichtig, daß sich auch Scharfsichtigere hätten täuschen können. Die Aussöhnung war so, daß ich selbst lebhaft davon gerührt wurde, und seit dieser Zeit fühlte ich nicht nur Achtung vor ihm, sondern wahre Hochachtung und wurde gewissermaßen sein Zögling, was nicht zu meinem Nachtheil ausfiel. Gleichwohl wurde ich schmerzlich von der Kunde berührt, daß jemand ein noch vertraulicheres Verhältnis mit ihr unterhalten könnte, als ich. Es war nicht einmal der Wunsch in mir rege geworden, selbst diese Stelle bei ihr einzunehmen; aber es war hart für mich mit anzusehen, daß ein anderer sie ausfüllte, das war sehr natürlich. Statt indessen gegen den, welcher sie mir weggekapert hatte, von Abneigung ergriffen zu werden, fühlte ich in Wahrheit, wie sich meine Anhänglichkeit an sie auch auf ihn ausdehnte. Vor allem wünschte ich, daß sie glücklich wäre, und da sie seiner bedurfte, um es zu sein, war ich zufrieden, daß auch er glücklich wäre. Er seinerseits ging vollkommen auf ihre Gefühle ein und faßte für den Freund, den sie sich gewählt hatte, eine aufrichtige Freundschaft. Ohne sich ein Übergewicht über mich anzumaßen, welches er bei seiner Stellung wohl hätte beanspruchen können, begnügte er sich einfach mit dem, welches ihm seine reifere Urtheilskraft über die meinige verlieh. Ich wagte nichts zu thun, was er zu mißbilligen schien, und er mißbilligte nur, was schlecht war. So lebten wir in einer Einigkeit, die uns alle glücklich machte und welche der Tod allein hat auflösen können. Ein Beweis von der Vortrefflichkeit des Charakters dieser liebenswürdigen Frau ist, daß alle, die sie liebten, sich wieder unter einander liebten. Die Eifersucht, ja selbst die Nebenbuhlerschaft trat gegen das herrschende Gefühl, das sie einflößte, in den Hintergrund, und ich habe unter denen, welche sie umgaben, nie Einen gesehen, der dem Andern zu nahe getreten wäre. Mögen die, welche dieses Werk lesen, bei diesem Lobe einen Augenblick inne halten, und wenn sie, darüber nachdenkend, irgend eine andere Frau finden, der sie dasselbe nachrühmen können, so mögen sie sich um der Ruhe ihres Lebens willens fest an sie anschließen, (und wäre sie im Uebrigen die niedrigste der Dirnen). Die eingeklammerten Worte finden sich in der Genfer Ausgabe nicht, sei es, daß Rousseau selbst bei der Abschrift geglaubt hat, sie fortlassen zu müssen, sei es, daß sich die Herausgeber diese Streichung aus leicht begreiflichen Gründen erlaubt haben. Hier beginnt von meiner Ankunft in Chambery an bis zu meiner Abreise nach Paris, im Jahre 1741, ein Zeitraum von acht oder neun Jahren, aus welchem ich wenige Ereignisse zu berichten habe, weil mein Leben eben so einfach wie angenehm war, und diese Einfachheit war es gerade, der ich so sehr bedurfte, um die Bildung meines Charakters zu vollenden, dessen Befestigung die fortwährende Unruhe verhindert hatte. Während dieses köstlichen Zeitraums erlangte mein Charakter, zu dessen zusammenhangsloser Entwickelung so viele verschiedenartige Elemente beigetragen hatten, erst die Festigkeit, die mich zu dem gemacht hat, was ich durch alle Stürme hindurch, die meiner warteten, beständig geblieben bin. Diese Entwickelung war unmerklich und langsam und knüpfte sich an wenige bemerkenswerte Ereignisse; aber sie verdient dennoch die Schilderung ihres stufenweisen Fortschreitens. Beim Beginn war ich fast nur mit meiner Arbeit beschäftigt; der Zwang des Bureaulebens ließ mich an nichts anderes denken. Meine wenige freie Zeit brachte ich bei der guten Mama zu, und da mir nicht einmal Muße zum Lesen blieb, so fühlte ich auch keine Lust dazu. Als aber in Folge erlangter Fertigkeit meine amtlichen Arbeiten den Geist weniger in Anspruch nahmen, stellte sich seine alte Unruhe wieder ein, und die Lectüre wurde mir von neuem zum Bedürfnis, und als ob dieser Hang durch die Schwierigkeit, mich ihm hinzugeben, noch mehr angefacht wäre, würde er, wie damals bei meinem Meister, abermals zur Leidenschaft geworden sein, wenn mich nicht andere dazwischen tretende Neigungen von ihm abgelenkt hätten. Obgleich wir bei unseren Berechnungen keine transzendentale Arithmetik nöthig hatten, so kam doch genug von ihr vor, um mich bisweilen in Verlegenheit zu setzen. Um diese Schwierigkeit zu überwinden, kaufte ich mir Lehrbücher der Arithmetik. Ich lernte diese Wissenschaft gründlich, denn ich lernte sie allein. Die praktische Arithmetik erstreckt sich, wenn man ganz gründlich zu Werke gehen will, über ein weit größeres Feld, als man gewöhnlich annimmt. Es giebt Berechnungen von einer ganz außerordentlichen Länge, bei denen ich auch tüchtige Geometer sich habe mitunter irren sehen. Die mit Uebung gepaarte Ueberlegung giebt deutliche Begriffe, und dann entdeckt man abgekürzte Methoden, deren Auffindung die Eigenliebe angenehm berührt, deren Richtigkeit den Geist befriedigt, und die bewirken, daß man an eine an sich undankbare Arbeit mit Lust und Liebe geht. Ich arbeitete mich so in die Arithmetik hinein, daß es keine durch Zahlen allein lösbare Aufgabe gab, die mich in Verlegenheit gesetzt hätte, und jetzt, wo alles, was ich gewußt habe, meinem Gedächtnisse täglich mehr entfällt, bin ich in dieser Wissenschaft noch theilweise zu Hause, obgleich ich sie schon dreißig Jahre nicht getrieben habe. Noch vor einigen Tagen habe ich, als ich auf einer Reise nach Davenport bei meinem Wirthe der Rechenstunde seiner Kinder beiwohnte, eines der verwickeltsten Exempel fehlerlos und mit unglaublichem Vergnügen ausgerechnet. Beim Aufschreiben meiner Zahlen war mir zu Muthe, als befände ich mich noch in meinen glücklichen Tagen zu Chambery. Das hieß einen weiten Umweg machen, um wieder zu meiner Erzählung zurück zu kommen! Das Austuschen der Karten unserer Geometer hatte auch in mir wieder die Lust zum Zeichnen erregt. Ich kaufte Farben und begann Blumen und Landschaften zu malen. Es ist Schade, daß ich wenig Talent für diese Kunst in mir entdeckte, da ich für sie schwärmte. Inmitten meiner Stifte und Pinsel hätte ich Monate lang zubringen können, ohne auszugehen. Da mich diese Beschäftigung allmählich vollkommen in Beschlag nahm, war man genöthigt, mich von ihr loszureißen. In gleicher Weise verhält es sich mit allen Neigungen, denen ich mich hinzugeben beginne; sie steigern sich, werden zur Leidenschaft, und bald sehe ich in der ganzen Welt nichts mehr als das Vergnügen, mit dem ich beschäftigt bin. Das Alter hat mich von diesem Fehler nicht geheilt, es hat ihn nicht einmal verringert, und jetzt, wo ich dieses schreibe, bin ich alter Schwätzer wieder in ein anderes unnützes Studium verliebt, von dem ich nichts verstehe, Die Botanik. und welches sogar diejenigen, die es von Jugend auf betreiben, in dem Alter, worin ich es beginnen will, aufgeben müssen. Damals wäre es an seinem Platze gewesen. Die Gelegenheit war schön; und ich fühlte mich versucht, sie zu benutzen. Die Befriedigung, welche aus Anets Augen strahlte, wenn er mit neuen Pflanzen beladen nach Hause zurückkehrte, hätte mich zwei- oder dreimal beinahe bewogen, ihn beim Botanisiren zu begleiten. Ich bin halb und halb überzeugt, daß, hätte ich es nur ein einziges Mal gethan, mich die Botanik völlig bezaubert hätte, und ich heut vielleicht ein großer Botaniker wäre; denn ich kenne kein Studium auf der Welt, welches mit meinen natürlichen Neigungen besser in Einklang steht, als das der Pflanzen, und das Leben, welches ich seit zehn Jahren auf dem Lande führe, ist eigentlich nichts als ein unausgesetztes Botanisiren, in Wahrheit ohne Zweck und ohne daß ich weiter komme; aber da ich damals durchaus keinen Begriff von dieser Wissenschaft hatte, erfüllte mich eine Art Verachtung und sogar Widerwillen gegen sie; ich betrachtete sie nur wie ein Studium für Apotheker. Var ... ich betrachtete sie, wie alle Ignoranten, nur... Mama, welche sie liebte, machte selbst keinen andren Gebrauch von ihr, sie ließ nur Nutzpflanzen sammeln, um sie zu ihren Mixturen zu verwenden. So dienten mir Botanik, Chemie und Anatomie, die in meinem Geiste alle in dem Namen Medicin aufgingen, nur den ganzen Tag lang zur Zielscheibe spöttischer Bemerkungen und dazu, mir von Zeit zu Zeit Ohrfeigen zuzuziehen. Uebrigens wurden in mir alle andere Neigungen bald durch eine sehr abweichende und zu entgegengesetzte überwuchert, die alle übrige verdrängte. Ich rede von der Musik. Ich muß gewiß für diese Kunst geboren sein, da ich sie schon als Kind zu lieben begann und sie die einzige ist, die ich zu allen Zeiten beharrlich liebte. Seltsamer Weise hat mir eine Kunst, für die ich geboren war, nichtsdestoweniger so viel Mühe gekostet und habe ich in ihr so langsame Fortschritte gemacht, daß ich es, nachdem ich sie mein ganzes Leben lang getrieben habe, nie dahin brachte, mit Sicherheit alles vom Blatt singen zu können. Was mir damals dieses Studium besonders angenehm machte, war, daß Mama daran Theil nehmen konnte. Obgleich unsere Neigungen sonst sehr verschieden waren, bildete die Musik doch für uns einen Verbindungspunkt, dessen ich mich gern bediente. Sie ging mit Freuden darauf ein; ich war damals ungefähr eben so weit wie sie, nach zwei oder drei Versuchen konnten wir ein Lied vom Blatte singen. Mitunter sagte ich zu ihr, wenn ich sie am Ofen sehr beschäftigt sah: »Mama, hier ist ein reizendes Duett, das mir ganz danach angethan zu sein scheint, deinen Tränklein ein Vorgefühl himmlischer Seligkeit zu geben.« – »Ei, meiner Treu,« erwiderte sie dann wohl, »wenn du Schuld bist, daß ich sie anbrennen lasse, so sollst du sie selbst austrinken.« Noch im Wortwechsel darüber zog ich sie an ihr Klavier; wir vergaßen dabei alles; der Wachholder- oder Absynthextract war verbrannt; sie beschmierte mir das Gesicht damit, und dies alles war köstlich. Man sieht, daß ich trotz weniger freier Zeit vielerlei hatte, dem ich sie widmen mußte. Und doch kam noch ein neuer Zeitvertreib hinzu, der alle übrige aufwog. Das Loch, in dem wir wohnten, war so dumpfig, daß wir mitunter das Bedürfnis hatten, im Freien frische Luft zu schöpfen. Anet drang darauf, daß Mama in einer Vorstadt einen Garten zur Pflanzenzucht miethete. Zu diesem Garten gehörte ein ziemlich hübsches Landhäuschen, das man mit den nöthigsten Möbeln versah; auch ein Bett wurde darin aufgestellt. Wir nahmen dort oft das Mittagbrot ein, und ich schlief bisweilen da. Unvermerkt verliebte ich mich in dieses abgeschiedene Plätzchen; ich brachte einige Bücher und viele Kupferstiche in diese Sommerwohnung und wandte einen Theil meiner Zeit dazu an, es zu schmücken und Mama, wenn sie hinkäme, um sich im Garten zu ergehen, irgend eine angenehme Ueberraschung zu bereiten. Ich trennte mich nur von Mama, um mich mit ihr zu beschäftigen, um an sie mit größerer Freude zu denken, wieder eine Laune, die ich weder entschuldige, noch erkläre, aber bekenne, weil es so war. Ich entsinne mich, daß mir einmal die Frau von Luxemberg lachend von einem Manne erzählte, der seine Geliebte verließ, um an sie schreiben zu können. Ich erwiderte ihr, ich hätte sehr gut zu diesem Manne gepaßt, und hätte hinzufügen können, daß ich es wiederholentlich eben so gemacht. Bei Mama habe ich indessen nie dieses Bedürfnis gefühlt, mich von ihr zu entfernen, um sie noch heißer zu lieben, denn unter vier Augen mit ihr war ich vollkommen eben so glücklich, als wäre ich allein gewesen, und dies kann ich keiner anderen Person, mochte es Mann oder Weib sein, nachrühmen, wie lieb ich sie auch immer hatte. Aber sie war oft so umdrängt, und noch dazu von Leuten, die mir nicht sehr angenehm waren, daß mich Aerger und Langeweile in mein Asyl trieben, wo ich sie hatte, wie ich sie wollte, ohne Furcht, daß uns Aufdringlinge bis hierher verfolgen könnten. Während ich so, zwischen Arbeit, Vergnügen und Studien getheilt, in süßester Ruhe dahin lebte, war Europa nicht in so friedlicher Ruhe wie ich. Frankreich und der Kaiser hatten sich gegenseitig den Krieg erklärt; der König von Sardinien hatte sich an dem Kampfe betheiligt, und das französische Heer rückte in Piemont ein, um von dort in das Mailändische einzufallen. Eine Colonne kam durch Chambery, und unter andern das Regiment aus der Champagne, dessen Oberst, der Herzog von Tremouille, dem ich vorgestellt wurde, mir große Versprechungen machte und sicherlich nie wieder an mich gedacht hat. Unser Gärtchen lag mit der Vorstadt, durch welche die Truppen einzogen, genau in gleicher Höhe, so daß ich mich an dem Vergnügen, ihren Vorbeimarsch mit anzusehen, sättigen konnte, und ich begeisterte mich für den Ausgang dieses Krieges, als ob ich etwas damit zu schaffen gehabt hätte. Bis dahin war es mir noch nie in den Sinn gekommen, mich um die öffentlichen Angelegenheiten zu bekümmern, und zum ersten Male begann ich die Zeitungen zu lesen, aber mit solcher Parteinahme für Frankreich, daß mir bei den geringsten Vortheilen seines Heeres das Herz vor Freude klopfte und seine Unfälle mich betrübten, als hätten sie mich selbst betroffen. Wäre diese Thorheit nur vorübergehend gewesen, so würde ich kein Wort darüber verlieren, aber sie hat ohne irgend einen Grund in meinem Herzen so feste Wurzeln geschlafen, daß, als ich in der Folge in Paris den Tyrannenfeind und den stolzen Republikaner spielte, ich mir selbst zum Trotze eine geheime Vorliebe für das nämliche Volk empfand, welches mir knechtisch vorkam, und für diese Regierung, die ich mich zu tadeln anstellte. Spaßhaft dabei war, daß ich aus Scham über eine meinen Grundsätzen so widerstreitende Neigung sie niemandem zu gestehen wagte und die Franzosen wegen ihrer Niederlagen aufzog, während mir das Herz darüber mehr als ihnen blutete. Ich bin sicherlich der Einzige, der, unter einem Volke, welches ihm freundlich entgegenkam und das er anbetete, sich, so lange er unter demselben lebte, den Anschein gab, als verachtete er es. Kurz, diese Neigung hat sich von meiner Seite als so uneigennützig, so stark, so unerschütterlich, so unwandelbar herausgestellt, daß selbst, nachdem ich Frankreich verlassen hatte, nachdem seine Regierung, seine Behörden, seine Schriftsteller um die Wette über mich hergefallen und es guter Ton geworden war, mich mit Ungerechtigkeiten und Beleidigungen zu überhäufen, ich mich von meiner Thorheit nicht habe befreien können. Ich liebe die Franzosen mir selbst zum Trotz, obgleich sie mich mißhandeln. Var ... mich mißhandeln. Indem ich bereits den Verfall Englands beginnen sehe, den ich inmitten seines Triumphes vorausgesagt habe, wiege ich mich in der thörichten Hoffnung, daß die französische Nation, ihrerseits wieder siegreich, eines Tages vielleicht kommen wird, mich der traurigen Gefangenschaft, in der ich lebe, zu entreißen. Ich habe mich lange bemüht, mir den Grund dieser Parteilichkeit klar zu machen, und habe ihn nur in der Gelegenheit, der sie ihr Entstehen verdankte, finden können. Eine sich stets steigernde Vorliebe für die Literatur flößte mir Gefallen an französischen Büchern, an den Verfassern dieser Bücher und an der Heimat dieser Verfasser ein. In demselben Augenblicke, in welchem das französische Heer vor meinen Augen vorüberzog, las ich »die großen Feldherren« von Brantôme. Ich hatte den Kopf voll von all den Clisson, Bayard, Lautrec, Coligny, Montmorency, la Trimouille, und ich hatte ihre Nachkommen als die Erben ihrer Verdienste und ihres Muthes lieb. In jedem Regimente, welches vorbeizog, wähnte ich jene berühmten schwarzen Banden zu erkennen, die einst in Piemont so große Heldenthaten vollbracht hatten. Kurz, ich übertrug auf das, was ich erblickte, meine aus den Büchern geschöpften Ideen. Meine fortwährende Lectüre französischer Werke nährte meine Liebe zu der französischen Nation und machte mit der Zeit eine blinde durch nichts zu erschütternde Leidenschaft daraus. Auf meinen Reisen habe ich später Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, daß ich nicht allein diesen Eindruck empfand, und daß er, da er mehr oder minder in allen Ländern auf den Theil des Volkes einwirkte, der die Literatur liebte und studirte, dem allgemeinen Haß, den das anmaßende Wesen der Franzosen überall hervorruft, das Gleichgewicht hielt. Mehr die Romane als die Männer üben eine Anziehungskraft auf die Frauen aller Länder aus, und ihre dramatischen Meisterwerke machen wieder die Jugend zu Freunden ihres Theaterwesens. Der Ruhm der Pariser Bühnen lockt eine Menge Fremde herbei, welche begeistert zurückkehren. Kurz, der ausgezeichnete Geschmack ihrer Literatur gewinnt ihnen alle, die auf Geist Anspruch machen können, und bei dem Kriege, der einen so unglücklichen Verlauf für sie nahm, habe ich ihre Schriftsteller und ihre Philosophen den Ruhm, der durch ihre Krieger an Glanz verloren hatte, aufrecht erhalten sehen. Ich war also leidenschaftlicher Franzose, und das machte mich zum Neuigkeitsjäger. Ich zog mit der Schaar der Müßiggänger, die auf neue Nachrichten erpicht waren, bei Postankunft auf den Markt, und dümmer als der Esel in der Fabel, beunruhigte ich mich sehr, um in Erfahrung zu bringen, welcher Herr mir die Ehre anthun würde, mir den Kappzaum anzulegen, denn es ging damals das Gerücht, daß wir an Frankreich fallen sollten, da der König von Sardinien die Absicht hätte, Savoyen gegen das Mailändische einzutauschen. Man muß jedenfalls zugeben, daß ich einigen Grund zu Befürchtungen hatte, denn wenn dieser Krieg für die Verbündeten einen üblen Ausgang nahm, so war Gefahr für Mamas Pension. Aber ich setzte alles Vertrauen in meine guten Freunde, und trotz des Ueberfalles des Herrn von Broglie wurde dieses Vertrauen diesmal nicht getäuscht, Dank dem Könige von Sardinien, an den ich nicht gedacht hatte. Während man sich in Italien schlug, sang man in Frankreich. Rameau's Opern begannen Aufsehen zu erregen und brachten seine theoretischen Werke, die wegen ihrer Dunkelheit nur Wenigen verständlich waren, wieder zur Geltung. Zufällig hörte ich von seiner Abhandlung über die Harmonie reden und hatte keine Ruhe, bis ich mir dieses Buch verschafft hatte. Durch einen andern Zufall erkrankte ich. Die Krankheit war entzündlich; sie war heftig und kurz, aber meine Wiedergenesung dauerte lange, und erst nach einem Monate war ich im Stande auszugehen. Während dieser Zeit überflog und verschlang ich meine Abhandlung über die Harmonie; aber sie war so weitläuftig, so verworren, so schlecht geordnet, daß ich einsah, es würde ihr Studium und ihr Verständnis eine bedeutende Zeit in Anspruch nehmen. Das machte meinem Fleiße mit einem Male ein Ende, und ich erfrischte nun meine Augen an dem Anblicke von Noten. Berniers Cantaten, an denen ich mich übte, gingen mir nicht mehr aus dem Kopfe. Ich lernte vier oder fünf von ihnen auswendig, darunter die, welche den Titel führt: »Die schlummernden Liebesgötter«; sie ist mir seitdem nie wieder vor Augen gekommen, und ich habe sie fast noch vollkommen im Gedächtnis. Ferner lernte ich ungefähr in der nämlichen Zeit: »Der von der Biene gestochene Amor«, eine sehr hübsche Cantate von Clerambault. Um mich vollends dafür einzunehmen, kam von Wal d'Aost ein junger Organist, der Abbé Palais herüber, ein guter Musiker, ein guter Mensch und ein sehr guter Klavierbegleiter. Ich lernte ihn kennen, und wir wurden mit einem Male unzertrennlich. Er war der Schüler eines italienischen Mönchs, eines großen Organisten. Er redete mit mir von seinen Principien. Ich verglich sie mit denen meines Rameau und füllte mir den Kopf mit Begleitungen, Accorden und Harmonielehre an. Dies alles bedurfte Uebung des Ohres. Ich schlug Mama deshalb vor, monatlich ein kleines Concert zu veranstalten; sie willigte ein. Nun war ich so voll von diesen Concerten, daß ich mich Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigte, und wirklich machte es mir auch viel zu thun, die Musik, die Mitspieler, die Instrumente aufzutreiben, die Stimmen auszuschreiben u. s. w. Mama sang, der Pastor Caton, dessen ich bereits erwähnt und noch öfter werde erwähnen müssen, sang gleichfalls; ein Tanzlehrer, Namens Rocha, und sein Sohn spielten die Geige; Canavas, ein piemontesischer Musiker, der beim Kataster arbeitete und sich später in Paris verheirathet hat, spielte Violoncello; der Abbé Palais übernahm die Klavierbegleitung, und mir wurde die Ehre zu Theil, mit dem Taktstocke in der Hand, das Ganze leiten zu dürfen. Man kann sich vorstellen, wie schön dies alles war; nicht genau so wie bei Herrn von Treytorens, aber es fehlte doch nicht viel. Die kleinen Concerte der Frau von Warens, einer Neubekehrten, die noch dazu nur von der Gnade des Königs leben sollte, setzte das fromme Gelichter in Harnisch, waren indessen für viele ehrliche Leute ein angenehmes Vergnügen. Man sollte nicht vermuthen, wen ich hier an ihre Spitze stellen muß: einen Mönch, aber einen höchst begabten und sogar liebenswürdigen Mönch, dessen Mißgeschick mir in der Folge sehr nahe gegangen ist. Ich meine den Pater Caton, einen Franziskaner, der im Verein mit dem Grafen Dortan auf die Noten der armen kleinen Katze in Lyon hatte Beschlag legen lassen, was gerade nicht der schönste Zug in seinem Leben ist. Er war Baccalaureus der Sorbonne. In Paris hatte er sich lange in vornehmen Kreisen bewegt und namentlich mit dem Marquis von Antremont, dem damaligen sardinischen Gesandten, viel verkehrt. Er war ein großer, wohlgebildeter Mann mit vollem Gesichte, hervorstehenden Augen und schwarzem Haar, das an den Schläfen in natürlichen Locken hinabfiel. Er hatte ein eben so edles wie offenes und bescheidenes Wesen, ein einfaches und gefälliges Auftreten, in dem nichts von dem scheinheiligen und frechen Benehmen der Mönche, noch von dem geckenhaften Betragen eines Modeherrn hervortrat, obgleich er es war. Statt dessen zeigte er die Sicherheit eines Ehrenmannes, der, ohne über seinen Rock zu erröthen, sich selbst ehrt und sich unter Ehrenmännern stets an seiner Stelle suhlt. Besaß der Pater Caton auch für einen Doctor nicht viel Kenntnisse, so besaß er doch viel für einen Weltmann, und während er sein Wissen nicht geflissentlich zur Schau trug, brachte er es stets im rechten Augenblicke so zur Geltung, daß man ihm ein noch weit größeres zutraute. Da er viel in der Gesellschaft gelebt, hatte er sich mehr angenehme Talente als ein gründliches Wissen angeeignet. Er hatte Geist, machte Verse, sprach gut, sang noch besser, hatte eine schöne Stimme, spielte Orgel und Klavier. Es bedurfte nicht so viel, um gesucht zu werden, er war es in hohem Grade; allein dessenungeachtet setzte er seine Berufspflichten so wenig außer Augen, daß es ihm trotz sehr eifersüchtiger Mitbewerber gelang, zum Definitor seiner Provinz, oder wie man zu sagen pflegt, zu einer der großen Ordensketten gewählt zu werden. Dieser Pater Caton machte bei dem Marquis von Antremont Mamas Bekanntschaft. Als er von unsren Concerten reden hörte, hatte er Lust, darin mitzuwirken; er that es und machte sie glänzend. Durch unsere gemeinsame Lust zur Musik, die bei uns beiden zur heftigen Leidenschaft geworden, freilich mit dem Unterschiede, daß er in Wahrheit ein Musiker und ich nur ein Pfuscher war, wurden wir bald befreundet. Wir fingen an, mit Canavas und dem Abbé Palais auf seinem Zimmer Musik zu treiben und an Festtagen zuweilen an seiner Orgel. Wir theilten oft sein dürftiges Mahl, denn eigentümlicherweise war er für einen Mönch auch noch freigebig, gastfreundlich und der Sinnenlust ergeben, wenn auch nicht der groben. An den Concerttagen nahm er mit uns das Abendbrot bei Mama ein. Diese Abendessen waren sehr heiter und angenehm; man plauderte zwanglos und sang Duette. Ich fühlte mich während derselben überglücklich, hatte Geist und sprühte vor Witz, der Pater Caton war bezaubernd, Mama anbetungswürdig, und der Abbé Palais mit seiner Ochsenstimme das allgemeine Stichblatt. Ihr süßen Augenblicke jugendlicher Thorheit, wie lange seid ihr verschwunden! Da ich nicht mehr Gelegenheit haben werde, von diesem armen Pater Caton zu reden, will ich hier in wenigen Worten seine traurige Geschichte bis ans Ende erzählen. Die anderen Mönche, eifersüchtig oder vielmehr wüthend, an ihm viel Verdienstliches und eine Feinheit der Sitten wahrzunehmen, die nichts von klösterlicher Völlerei an sich hatte, faßten Haß gegen ihn, weil er nicht so hassenswerth war wie sie. Ihre Häuptlinge verbündeten sich gegen ihn und wiegelten die Mönchlein auf, die ihn um seine Stellung beneideten und früher nicht gewagt hatten, die Augen zu ihm aufzuschlagen. Man beleidigte ihn auf tausenderlei Weise, man setzte ihn ab, man entzog ihm sein Zimmer, welches er geschmackvoll, wenn auch einfach ausgestattet hatte; man verwies ihn, ich weiß nicht wohin; kurz, diese Elenden überhäuften ihn mit so vieler Schmach, daß seine redliche und mit Recht stolze Seele dem nicht zu widerstehen vermochte, und nachdem er die Freude und Würze der liebenswürdigsten Gesellschaft gewesen war, starb er vor Gram auf einem elenden Bette, in irgend einer dunklen Zelle oder einem Gefängnisse, von allen ehrlichen Leuten, die ihn gekannt und keinen andern Fehler an ihm entdeckt hatten, als daß er Mönch war, betrauert und beweint. Unter diesen einfachen Lebensverhältnissen kam es mit mir in kurzer Zeit so weit, daß ich, von der Musik völlig in Anspruch genommen, außer Stande war, an etwas anderes zu denken. Ich ging nur noch mit Unlust auf mein Bureau; der Zwang daselbst und das unaufhörliche Sitzen bei der Arbeit waren für mich eine unerträgliche Qual, und ich trug mich endlich mit der Absicht, mein Amt aufzugeben, um mich ganz der Musik zu widmen. Man kann sich denken, daß diese Thorheit auf Widerstand stieß. Aus einer anständigen Stellung mit einem festen Einkommen zu scheiden, um hinter ungewissen Schülern herzulaufen, war ein zu unverständiger Entschluß, um Mama gefallen zu können. Selbst wenn man meine Aussichten für so vortheilhaft hätte annehmen können, wie ich sie mir einbildete, so lag darin doch immer eine arge Beschränkung meines Ehrgeizes darin, wenn ich mich für mein ganzes Leben mit dem Stande eines Musikers begnügen wollte. Sie, die sich immer nur mit großartigen Entwürfen trug und mich nicht mehr völlig nach dem Gutachten des Herrn von Aubonne beurtheilte, sah mich nur mit Schmerz in vollem Ernst ein Talent pflegen, von dem sie sich für mich nichts versprach, und wiederholte mir oft das auf dem Lande zwar richtige, aber in Paris weniger berechtigte Sprichwort: »Wer gut singen und tanzen kann, treibt ein Geschäft, das nicht nährt den Mann.« Andererseits sah sie mich von einem unwiderstehlichen Triebe fortgerissen; meine Musikleidenschaft wurde zur Wuth und es stand zu befürchten, daß ich wegen der Mannhaftigkeit meiner Leistungen, die in Folge meiner fortwährenden Zerstreutheit immer sichtlicher hervortraten, den Abschied erhalten könnte, den es weit besser war freiwillig zu nehmen. Ferner stellte ich ihr vor, daß meine Beschäftigung nicht von langer Dauer wäre, daß ich zur Erwerbung meines Lebensunterhaltes eines Talentes bedürfte und es sicherer wäre, mir die Kunst, zu der meine Neigung mich hinzöge und die sie selbst für mich gewählt hätte, durch ihre Betreibung vollends anzueignen, als mich auf fremden Beistand zu verlassen oder mir eine neue Laufbahn zu eröffnen, die einen üblen Ausgang nehmen und mich jetzt, wo ich nicht mehr im lernfähigen Alter stände, ohne Broterwerb lassen könnte. Endlich erzwang ich mehr durch dringendes Bitten und Liebkosungen als durch Vernunftgründe, die sie befriedigt hätten, ihre Einwilligung. Augenblicklich lief ich, mich bei Herrn Coccelli, dem Generaldirector des Katasters, zu bedanken, stolz, als hätte ich die heldenmüthigste That vollbracht; so legte ich freiwillig ohne Veranlassung, ohne Grund, ohne Vorwand mein Amt mit eben so großer, ja noch größerer Freude nieder, als ich bei Uebernahme desselben vor noch nicht zwei Jahren empfunden hatte. So thöricht dieser Schritt auch war, verschaffte er mir doch in der Gegend eine Art Ansehen, das mir nützlich wurde. Einige vermutheten Hilfsquellen bei mir, die ich nicht besaß; andere beurtheilten, als sie sahen, wie ich mich ganz der Musik hingegeben, mein Talent nach dem gebrachten Opfer und waren überzeugt, daß ich bei so großer Leidenschaft für diese Kunst auch Meister in ihr sein müßte. Im Lande der Blinden ist der Einäugige König. So galt ich denn für einen guten Lehrer, weil es dort nur schlechte gab. Da mir übrigens ein gewisser Geschmack für den Gesangsvortrag nicht abging, dem noch dazu mein Alter und mein Aeußeres zu Statten kam, so hatte ich bald mehr Schülerinnen, als ich zum Ersatz meines Secretärgehaltes nöthig hatte. Zur Erhöhung der Annehmlichkeit des Lebens konnte man sicherlich nicht schneller von einem Extrem zum anderen übergehen. Beim Kataster täglich acht Stunden mit der garstigen Arbeit unter noch garstigeren Leuten beschäftigt, in ein düsteres, von der Ausdünstung und dem Schweiße aller dieser größtentheils schlecht gekämmten und höchst unsauberen Burschen verpestetes Bureau eingesperrt, fühlte ich mich mitunter durch die angespannteste Thätigkeit, den Geruch, den Zwang und das ewige Einerlei der Arbeit bis zum Schwindel angegriffen. Statt dessen befand ich mich mit einem Male inmitten der schönen Welt, hatte Zutritt zu den besten Häusern und war gesucht in ihnen; überall eine freundliche schmeichelhafte Aufnahme, ein festliches Aeußere; liebenswürdige junge Damen im höchsten Staat erwarten mich, empfangen mich mit größter Zuvorkommenheit; ich sehe nur reizende Gegenstände, athme nur den Duft von Rosen und Orangenblüten; man singt, man plaudert, man lacht, man unterhält sich; ich gehe von dort nur fort, um anderswo in gleicher Weise aufgenommen zu werden. Man wird zugeben, daß ich bei Gleichheit des Verdienstes keine Ursache hatte, bei der Wahl zu schwanken. Auch befand ich mich bei der getroffenen sehr wohl, so daß ich sie nie bereut habe und auch in diesem Augenblicke nicht bereue, wo ich in der Vollkraft der Vernunft die Handlungen meines Lebens reiflich überlege und von den nicht allzu vernünftigen Beweggründen, von denen ich mich leiten ließ, vollkommen frei bin. Dies war fast das einzige Mal, bei dem ich mich, sobald ich nur meinen Neigungen gehorchte, in meiner Erwartung nicht getäuscht sah. Das freundliche Entgegenkommen, der gesellige Charakter, das fröhliche Temperament der dortigen Bevölkerung machte mir den Umgang mit der Welt angenehm, und die Lust zu einem solchen, welche damals in mir erwachte, hat mir den klaren Beweis geliefert, daß, wenn ich nicht gern unter den Menschen lebe, die Schuld weniger an mir als an ihnen liegt. Es ist Schade, daß die Savoyarden nicht reich sind, oder es würde vielleicht Schade sein, wenn sie es wären, denn so wie sie sind, bilden sie das beste und umgänglichste Völklein, welches ich kenne. Giebt es ein Städtchen in der Welt, in dem man die Süßigkeit des Lebens in einem angenehmen und sicheren Umgange genießt, so ist es Chambery. Der Landadel, der sich darin zusammenfindet, besitzt nur die Mittel zu einem anständigen Auskommen, aber nicht genug, um sich emporzuschwingen, und da er also außer Stande ist, sich dem Ehrgeize zu überlassen, so befolgt er nothgedrungen den Rath des Cymos. In der Jugend widmet er sich dem Soldatenstande; in reiferen Jahren kehrt er zurück, um daheim einen friedlichen Lebensabend zu genießen. Diese lange bestehende Gewohnheit wird von der Ehre und der Vernunft in gleicher Weise bedingt. Die Frauen sind schön und würden die Schönheit nicht nöthig haben, da sie alles besitzen, was dieselbe hervorhebt und sie sogar ersetzt. Es ist eigentümlich, daß ich, durch meinen Beruf genöthigt, mit vielen Mädchen zu verkehren, mich nicht erinnere, in Chambery auch nur eine einzige gesehen zu haben, welche nicht reizend war. Man wird einwenden, ich hätte sie so finden wollen, und man hat vielleicht Recht; aber ich brauchte ihnen nicht erst besondere Schönheiten anzudichten. Ich kann wirklich nicht ohne Freude an meine jungen Schülerinnen zurückdenken. Weshalb kann ich nicht, wenn ich hier der liebenswürdigsten Erwähnung thue, sie und mich selber mit ihnen in das glückliche Alter zurückversetzen, in welchem wir damals standen, mit seinen eben so süßen wie unschuldigen Augenblicken, die ich an ihrer Seite verlebt habe! Die erste war Fräulein von Mellarede, meine Nachbarin, Schwester der Schülerin des Herrn Gaime. Sie war eine sehr lebhafte Brünette, aber von einer angenehmen und liebenswürdigen Lebhaftigkeit, voller Anmuth und sehr sittsam. War sie auch gleich den meisten Mädchen ihres Alters ein wenig mager, so bedurften doch ihre leuchtenden Augen, ihr feiner Wuchs, ihr fesselndes Wesen nicht der Fülle, um zu gefallen. Ich ging des Morgens zu ihr, und sie befand sich gewöhnlich noch im Hauskleide. Ihre nachlässig aufgesteckten Haare schmückte sie bei meiner Ankunft nur mit einigen Blumen, die sie nach meinem Weggehen wieder wegnahm, um sich zu frisiren. Nichts in der Welt fürchte ich so sehr als ein Mädchen im Morgenkleide, geputzt würde ich sie hundertmal weniger fürchten. Fräulein von Menthon, zu der ich nachmittags ging, war es stets und machte auf mich einen zwar eben so angenehmen, aber doch ganz verschiedenartigen Eindruck. Die Haare der jungen Dame waren aschblond; sie war sehr niedlich, sehr schüchtern und sehr blaß; ihre Stimme war schön und weich, eine wahre Flötenstimme, aber sie hatte nicht den Muth, sie in ihrem ganzen Umfange zur Geltung zu bringen. Am Busen hatte sie eine Narbe, die von einer durch kochendes Wasser hervorgerufenen Brandwunde herrührte und von einem blauseidenen Halstuche nicht allzu ängstlich verhüllt wurde. Dieses Mal zog bisweilen meine Aufmerksamkeit auf sich, die bald nicht allein der Narbe galt. Fräulein von Challes, eine andere meiner Nachbarinnen, war ein schon vollkommen entwickeltes Mädchen, groß, eine stattliche Erscheinung von runden Formen und üppiger Fülle; sie war sehr hübsch gewesen. Jetzt war sie keine Schönheit mehr, aber sie war noch immer eine durch ihre Anmuth, ihre stets gleiche Fröhlichkeit und ihren liebenswürdigen Charakter anziehende Persönlichkeit. Ihre Schwester, Frau von Charly, die schönste Frau in Chambery, lernte nicht mehr Musik, ließ jedoch ihre noch ganz junge Tochter darin unterrichten, deren aufblühende Schönheit der der Mutter einst gleichzukommen versprochen hätte, wäre sie nicht leider ein wenig rothhaarig gewesen. Auch im Kloster der Heimsuchung hätte ich eine kleine Französin, deren Namen ich vergessen habe, die aber eine Stelle in dem Verzeichnisse meiner Lieblingsschülerinnen verdient. Sie hatte den langsamen und schleppenden Ton der Nonnen angenommen, und in diesem schleppenden Tone sagte sie überaus witzige Dinge, die mit ihrem sonstigen Auftreten gar nicht in Einklang zu stehen schienen. Im Uebrigen war sie träge, gab sich nicht gern Mühe, ihren Geist leuchten zu lassen und erwies nicht einem jeden diese Gunst. Erst nach einem ein- oder zweimonatlichen Unterrichte, den ich ihr nicht mit großer Pünktlichkeit ertheilt hatte, ersann sie dieses Mittel, um mich pünktlicher zu machen, denn ich habe es nie über mich gewinnen können, es zu sein. War ich mitten im Unterrichte, so hatte ich Freude daran, aber ich wollte von dem Zwange nichts wissen, mich mit dem Glockenschlage hin zu begeben; Zwang und Gebundenheit sind mir eben in allen Dingen unerträglich, sie könnten mir gegen das Vergnügen selber Haß einflößen. Bei den Mohamedanern soll bei Tagesanbruch ein Mann durch die Straßen gehen, um den Ehemännern zu befehlen, ihre eheliche Pflicht bei ihren Frauen auszuüben. Ich würde in diesen Stunden ein schlechter Türke sein. Auch aus der Bürgerschaft hatte ich einige Schülerinnen und unter andern eine, welche die mittelbare Ursache einer Veränderung meines Verhältnisses wurde, deren ich erwähne, da ich doch einmal alles sagen muß. Sie war die Tochter eines Krämers, Namens Lard, ein wahres Modell für eine griechische Bildsäule, die ich für das schönste Mädchen, welches ich je gesehen, ausgeben würde, wenn es eine wahre Schönheit ohne Leben und Seele gäbe. Ihre Stumpfheit, ihre Kälte, ihre Unempfindlichkeit gingen ins Unglaubliche. Es war eben so unmöglich ihr zu gefallen wie sie ärgerlich zu machen, und ich bin überzeugt, daß sie sich, hätte man sich Freiheiten gegen sie erlaubt, alles hätte gefallen lassen, nicht aus Lust daran, sondern aus reiner Dummheit. Ihre Mutter, die dergleichen vorbeugen wollte, wich nicht von ihrer Seite. Dadurch daß sie ihr Gesangunterricht geben ließ und einen jungen Lehrer dazu wählte, that sie ihr Bestes, um ihr Leben einzuflößen, aber es gelang ihr nicht. Während der Lehrer der Tochter den Hof machte, machte ihn die Mutter dem Lehrer mit nicht viel besserem Glück. Frau Lard verband mit ihrer natürlichen Lebhaftigkeit noch alle die, welche ihre Tochter hätte haben sollen. Es war ein aufgewecktes, zwar unregelmäßiges, aber angenehmes Gesichtchen, dem nur die Blattern übel mitgespielt hatten. Sie hatte kleine, sehr feurige und ein wenig röthliche Augen, weil sie fast immer schlimm waren. Jeden Morgen fand ich, sobald ich kam, meinen Rahmkaffee bereit, und die Mutter versäumte nie, mich mit einem Kusse auf den Mund zu empfangen, den ich der Tochter aus Neugier gern hätte wiedergeben mögen, um zu sehen, wie sie sich dabei benommen haben würde. Uebrigens machte sich das so einfach und war so ungefährlich, daß auch in Herrn Lards Gegenwart die Scherze und Küsse ungestört weiter gingen. Er war eine ehrliche Haut, der echte Vater seiner Tochter, den seine Frau nicht betrog, weil es bei ihm nicht nöthig war. Ich gab mich zu diesen Zärtlichkeiten mit meiner gewöhnlichen Tölpelhaftigkeit her, da ich sie ganz ehrlich für Zeichen reiner Freundschaft hielt. Indessen wurde sie mir mitunter doch lästig, denn die lebhafte Frau Lard ward mit der Zeit anspruchsvoll, und wäre ich am Tage an ihrem Laden vorbeigegangen, ohne einen Augenblick vorzusprechen, würde es Lärm gesetzt haben. Wenn ich Eile hatte, mußte ich einen Umweg durch eine andere Straße machen, da ich recht wohl wußte, daß es schwerer war von ihr wieder fortzukommen als einzutreten. Frau Lard beschäftigte sich zu viel mit mir, als daß ich mich nicht mit ihr hätte beschäftigen sollen. Ihre Aufmerksamkeiten rührten mich sehr. Ich redete mit Mama davon wie von einer offenkundigen Sache, und würde auch dann, wenn es hätte ein Geheimnis sein sollen, mit ihr geredet haben, denn es wäre mir unmöglich gewesen, ihr etwas zu verheimlichen; mein Herz lag vor ihr so offen wie vor Gott. Sie faßte die Sache nicht ganz so unschuldig auf wie ich. Sie betrachtete das, was ich für Freundschaftsbeweise hielt, als Annäherungsversuche; sie war überzeugt, daß es der Frau Lard, sobald sie einen Ehrenpunkt daraus gemacht, mich der Dummheit, in der sie mich gefunden hatte, zu entreißen, auf die eine oder die andere Weise gelingen würde, sich mir verständlich zu machen; und ganz abgesehen von der Unbilligkeit, daß sich eine andere Frau die Belehrung ihres Zöglings anmaßte, hatte sie Gründe, die ihrer würdiger waren, mich vor den Schlingen zu bewahren, denen mich mein Alter und mein Stand aussetzten. Zu der nämlichen Zeit legte man mir eine von noch gefährlicherer Art, der ich zwar entging, die sie aber darauf aufmerksam machten, daß die mir unaufhörlich drohenden Gefahren alle Schutzmittel nöthig machten, die zu ihrer Verfügung standen. Die Frau Gräfin von Menthon, Mutter einer meiner Schülerinnen, war eine Frau von viel Geist und stand in dem Rufe, eben so boshaft wie geistreich zu sein. Sie sollte dem Gerüchte nach die Ursache vieler Zwistigkeiten gewesen sein, und unter andern einer, die für die Familie Antremont verhängnisvolle Folgen gehabt hatte. Mama war mit ihr befreundet genug gewesen, um ihren Charakter zu kennen. Da sie völlig unschuldigerweise einem Herrn, auf welchen Frau von Menthon Absichten hatte, Neigung eingeflößt, rechnete ihr letztere diese Bevorzugung als Verbrechen an, obgleich sie sie weder gesucht noch angenommen hatte, und seitdem suchte Frau von Menthon ihrer Nebenbuhlerin mehrere Streiche zu spielen, von denen keiner Erfolg hatte. Zur Probe will ich hier nur einen der komischsten berichten. Sie waren einst mit mehreren Edelleuten aus der Nachbarschaft, unter denen sich auch der streitige Herr befand, zusammen auf dem Lande. Eines Tages sagte Frau von Menthon zu einem dieser Herren, Frau von Warens wäre nur eine gezierte Närrin, sie hätte keinen Geschmack, kleidete sich schlecht und verhüllte ihren Busen wie eine Bürgerfrau. »Für das Letztere,« erwiderte der Herr, der ein Spaßvogel war, »hat sie ihre Gründe; wie ich nämlich weiß, hat sie auf ihrem Busen ein Mal, das einer dicken häßlichen Ratte gleicht, und zwar so täuschend, daß man sie für eine wirkliche halten sollte.« Der Haß macht eben so leichtgläubig wie die Liebe. Frau von Menthon beschloß, sich diese Entdeckung zu Nutze zu machen, und als Mama eines Tages mit dem undankbaren Günstling der Dame beim Spiele saß, nahm diese die Gelegenheit wahr, sich hinter ihre Nebenbuhlerin zu stellen, ihr den Stuhl halb umzuwerfen und dabei das Halstuch geschickt aufzudecken; allein anstatt der dicken Ratte bekam der Herr nur einen davon sehr verschiedenen Gegenstand zu erblicken, der nicht leichter zu vergessen war als zu sehen zu bekommen, und das hatte die Dame keineswegs beabsichtigt. Meine Person war nicht dazu angethan, Frau von Menthon, die nur glänzende Leute um sich sehen wollte, zu beschäftigen. Trotzdem schenkte sie mir einige Beachtung, nicht um meines Aeußern willen, um welches sie sich sicherlich durchaus nicht kümmerte, sondern des Geistes wegen, den man bei mir annahm, und den sie zur Befriedigung ihres Hanges hätte verwerthen können. Sie hatte einen sehr lebhaften zur Satyre. Sie bespöttelte Leute, die ihr Mißfallen erregten, gern in Liedern und in Versen. Hätte sie bei mir genügendes Talent entdeckt, um ihr bei ihrer Versedrechslerei behilflich zu sein, und hinlängliche Bereitwilligkeit, um sie abzuschreiben, so würden wir beide in Chambery das Oberste zu unterst gekehrt haben. Man würde schließlich die Quelle dieser Spottlieder aufgefunden haben, Frau von Menthon hätte sich, indem sie mich opferte, aus der Sache gezogen, und ich wäre vielleicht lebenslänglich eingesperrt worden, um mich zu lehren, den Phöbus bei den Damen zu machen. Glücklicherweise geschah nichts von dem allen. Frau von Menthon behielt mich zwei- oder dreimal zu Tische zurück, um mich zum Plaudern zu bringen, und gewann die Ueberzeugung, daß ich nur ein Dummkopf wäre. Ich fühlte es selbst und seufzte darüber, meinen Freund Venture um seine Talente beneidend, während ich meiner Dummheit hätte danken sollen, daß sie mich vor solchen Gefahren bewahrte. Ich blieb für Frau von Menthon der Gesanglehrer ihrer Tochter und nichts weiter; allein ich lebte in Chambery in Frieden und stets gern gesehen. Das hatte höheren Werth, als in ihren Augen ein Schöngeist und in denen aller anderen Leute eine Schlange zu sein. Wie dem nun auch sein mag, Mama sah ein, daß es, um mich den Gefahren meiner Jugend zu entreißen, an der Zeit wäre, mich als Mann zu behandeln, und das that sie nun auch, aber in der eigentümlichsten Weise, auf welche wohl je eine Frau bei solcher Gelegenheit verfallen ist. Ich fand ihre Miene ernster, ihre Reden strenger als gewöhnlich. Die schelmische Heiterkeit, die sie ihren Belehrungen sonst beizumischen pflegte, hatte plötzlich einem stets gesetzten Tone, der weder vertraulich noch strenge war, aber eine Erklärung vorzubereiten schien, Platz gemacht. Nachdem ich den Grund dieser Veränderung vergeblich in mir selbst gesucht hatte, fragte ich sie nach demselben; darauf hatte sie nur gewartet. Sie schlug mir für den nächsten Tag einen Spaziergang nach dem kleinen Garten vor; wir hielten uns dort schon vom Morgen an auf. Sie hatte dafür gesorgt, daß man uns den ganzen Tag allein ließe; sie wandte ihn dazu an, mich auf die Gunst, die sie mir beweisen wollte, vorzubereiten, nicht wie eine andere Frau durch einschmeichelndes Benehmen und Liebkosungen, sondern durch Gespräche voller Gefühl und Vernunft, die mehr geeignet waren, mich zu belehren als zu verführen, und mehr zu meinem Herzen als zu meinen Sinnen redeten. Aber so vortrefflich und schön die Reden, welche sie mir hielt, auch waren, und obgleich sich in ihnen nichts weniger als Kälte und Trübsinn aussprach, so schenkte ich ihnen doch nicht die ganze Aufmerksamkeit, welche sie verdienten, und ich behielt sie nicht im Gedächtnisse, wie ich es in jeder andren Zeit gethan hätte. Ihre vorbereitende Einleitung, die eigenthümlichen Anstalten, die sie machte, hatten mich mit Unruhe erfüllt. Wider meinen Willen, während sie sprach, träumerisch und zerstreut, war ich weniger mit dem, was sie sagte, als mit Grübeleien darüber beschäftigt, worauf sie eigentlich abzielte, und sobald ich dies begriffen hatte, was mir gar nicht leicht wurde, beschäftigte mich darauf die Neuheit dieses Gedankens, auf den ich, so lange ich bei ihr lebte, auch nicht ein einziges Mal gekommen war, so vollständig, daß ich unfähig war, an das zu denken, was sie sagte. Ich dachte nur an sie und hörte sie nicht. Wenn man junge Leute auf das, was man ihnen sagen will, dadurch aufmerksam zu machen sucht, daß man ihnen einen sie überaus anziehenden Gegenstand als Ziel zeigt, so begeht man eine große Thorheit, die ich mir selbst in meinem Emil habe zu Schulden kommen lassen. Gefesselt von dem Gegenstande, den man ihm in Aussicht stellt, beschäftigt sich der junge Mensch einzig und allein mit diesem und springt in einem Satz über eure einleitenden Reden hinfort, um augenblicklich das Ziel zu erreichen, welchem ihr ihn viel zu langsam für seine Wünsche entgegenführt. Will man ihn aufmerksam machen, darf man sich nicht vor der Zeit durchschauen lassen, und hierin zeigte sich Mama ungeschickt. In Folge einer Wunderlichkeit, die in ihrem systematischen Wesen ihre Erklärung findet, ergriff sie die sehr vergebliche Vorsichtsmaßregel, ihre Bedingungen zu stellen; aber sobald ich erst den verheißenen Lohn wußte, hörte ich nicht einmal auf jene und beeilte mich, auf alles einzugehen. Ich zweifle sogar, daß es auf der ganzen Welt einen Mann giebt, der aufrichtig und muthig genug wäre, um in einer ähnlichen Lage zu feilschen, und auch nur eine einzige Frau, die ihm ein solches Unterfangen verzeihen könnte. Aus gleicher Wunderlichkeit gab sie dieser Uebereinkunft die feierlichsten Formen und räumte mir acht Tage ein, um darüber nachzudenken, die ich lügnerischer Weise versicherte nicht erst nöthig zu haben, denn um allen Wunderlichkeiten noch die Krone aufzusetzen, war ich sehr froh, sie zu bekommen, so bestürzt hatte mich die Neuheit dieser Gedanken gemacht und einen so großen Umschwung fühlte ich in den meinen, welcher Zeit verlangte, sie erst zu ordnen. Man meint vielleicht, diese acht Tage wären mir wie eben so viele Jahrhunderte vorgekommen; ganz im Gegentheil, ich hätte gewünscht, sie hätten wirklich so lange gedauert. Ich weiß nicht, wie ich den Zustand, in dem ich mich befand, schildern soll; mich peinigte ein mit Ungeduld gemischter Schrecken, bei dem ich das, wonach ich mich sehnte, in einem solchen Grade fürchtete, daß ich bisweilen in vollem Ernste in meinem Kopfe nach einem anständigen Mittel suchte, meinem Glücke aus dem Wege zu gehen. Stelle man sich mein glühendes und sinnliches Temperament, mein erhitztes Blut, mein liebetrunkenes Herz, meine Lebenskraft, meine Gesundheit und mein Alter vor! Sei man dessen eingedenk, daß ich in diesem Zustande, nach Sinnengenuß schmachtend, noch nie eine Frau berührt hatte, daß die Einbildungskraft, der Naturtrieb, die Eitelkeit, die Neugier sich vereinten, um mich mit dem glühenden Verlangen zu erfüllen, ein Mann zu sein und mich als solcher zu zeigen! Und dann darf man vor allen Dingen nicht vergessen, daß meine lebhafte und zärtliche Zuneigung zu ihr nicht etwa allmählich erkaltet war, sondern sich vielmehr mit jedem Tage gesteigert hatte, daß ich mich nur an ihrer Seite wohl fühlte, daß ich mich von ihr nur entfernte, um an sie zu denken, daß sie mein ganzes Herz einnahm nicht allein wegen ihrer Güte und ihres liebenswürdigen Charakters, sondern auch um ihres Geschlechts, ihres Aeußern, ihrer Persönlichkeit, ihrer selbst willen, mit einem Worte nach allen Beziehungen hin, in denen sie mir theuer sein konnte. Auch wähne man nicht, daß sie wegen der zehn oder zwölf Jahre, die ich jünger war als sie, im Vergleich zu mir alt gewesen oder mir so vorgekommen wäre. In den fünf oder sechs Jahren, seitdem mich ihr erster Anblick in so großes Entzücken versetzt, hatte sie sich in Wahrheit wenig verändert und ich hatte gar keine Veränderung wahrgenommen. Für mich ist sie stets reizend gewesen und war es damals noch für alle Welt. Ihre Taille allein war etwas umfangreicher geworden. Sonst aber war es noch immer dasselbe Auge, dieselbe Gesichtsfarbe, derselbe Busen, dieselben Züge, dieselben schönen blonden Haare, derselbe Frohsinn, alles bis auf dieselbe Stimme, diese silberhelle Stimme der Jugend, die auf mich stets einen solchen Eindruck machte, daß ich noch heutigen Tages den Ton einer hübschen Mädchenstimme nicht ohne Rührung vernehmen kann. Was ich in der Erwartung des Besitzes einer mir so theuren Person zu fürchten hatte, war natürlich der Wunsch, mir ihn schon vorher zu verschaffen und mein Verlangen und meine Einbildungskraft nicht genug beherrschen zu können, um Herr meiner selbst zu bleiben. Man wird sehen, daß in reiferem Alter schon die Vorstellung einiger unbedeutenden Gunstbezeigungen, die ich von der Geliebten zu erlangen hoffte, mein Blut dermaßen in Wallung brachte, daß es mir unmöglich war, ungestraft den kurzen Gang zu ihr hin zurückzulegen. Wie, durch welches Wunder hatte ich in der Blüte meiner Jugend so geringe Sehnsucht nach dem ersten Genuß? Wie konnte ich die Stunde desselben mit mehr Angst als Freude heranrücken sehen? Weshalb fühlte ich anstatt des Wonnetaumels, der mich hätte berauschen müssen, beinahe Widerwillen und Furcht? Es unterliegt keinem Zweifel, daß, hätte ich mich meinem Glück mit Anstand entziehen können, ich es von ganzem Herzen gethan hätte. Ich habe Seltsamkeiten in der Geschichte meiner Liebe zu ihr verheißen; dies ist doch sicherlich eine, die man nicht vermuthet hatte. Der schon empörte Leser denkt, daß sie, die doch bereits einem andern Manne angehörte, sich durch diese Theilung ihres Besitzes in meinen Augen herabwürdigte, und daß ein Gefühl der Verachtung die Neigung erkalten machte, welches sie mir eingeflößt hatte; er irrt sich. Allerdings wurde ich durch diese Theilung peinlich berührt, sowohl aus einer sehr natürlichen Empfindlichkeit; als auch weil ich sie in Wahrheit ihrer und meiner wenig würdig fand; aber was meine Gefühle für sie anlangt, so litten sie darunter nicht, und ich kann beschwören, daß ich sie nie zärtlicher liebte, als in dieser Zeit, wo ich mich so wenig nach ihrem Besitze sehnte. Ich kannte ihr keusches Herz und ihr eisiges Temperament zu gut, um auch nur einen Augenblick zu wähnen, daß Sinnenlust irgend einen Antheil an dieser Hingabe ihrer Person hätte. Ich war vollkommen überzeugt, daß lediglich ihre Sorge, mich Gefahren zu entreißen, die sonst fast unvermeidlich waren, und mich ganz mir selbst und meinen Pflichten zu erhalten, sie selber eine Pflicht verletzen ließ, die sie, wie später mitgetheilt werden soll, nicht mit denselben Augen, wie andere Frauen, betrachtete. Ich bedauerte sie und bedauerte mich. Ich hätte ihr sagen mögen: »Nein, Mama, es ist nicht nöthig; auch ohne dieses Opfer bürge ich dir für mich.« Allem ich wagte es nicht, erstlich weil sich dergleichen nicht gut sagen läßt, und dann weil ich im Grunde die Unwahrheit fühlte, weil ich einsah, daß mich in der That nur eine Frau vor den anderen Frauen schützen und vor Versuchungen bewahren konnte. Ohne Verlangen nach ihrem Besitze war ich doch sehr froh, daß sie mir das Verlangen nach dem Besitze anderer Frauen nahm, in so hohem Grade galt mir alles, was mich von ihr abziehen konnte, für ein Unglück. Die lange Gewohnheit, zusammen und unschuldig zusammen zu leben, hatte meine Gefühle für sie nicht geschwächt, sondern erst recht verstärkt, ihnen jedoch eine andere Richtung gegeben, welche sie inniger, vielleicht zärtlicher, aber weniger sinnlich machte. Dadurch, daß ich sie Mama nannte, daß ich die Vertraulichkeit eines Sohnes gegen sie an den Tag legte, hatte ich mich gewöhnt, mich als solchen zu betrachten. Darin liegt meines Erachtens mein geringes Verlangen nach ihrem Besitze, so lieb sie mir auch war. Ich erinnere mich sehr wohl, daß meine ersten Gefühle, ohne lebhafter zu sein, von weit wollüstigerer Natur waren. In Annecy war ich wie im Rausche; in Chambery war ich es nicht mehr. Ich liebte sie noch immer mit aller nur möglichen Leidenschaft, aber ich liebte sie mehr um ihrer und weniger um meiner willen, oder ich suchte bei ihr wenigstens mehr mein Glück als meinen Genuß. Sie war für mich mehr als eine Schwester, mehr als eine Mutter, mehr als eine Freundin, ja sogar mehr als eine Geliebte, und deshalb war sie eben keine Geliebte. Kurz, ich liebte sie zu sehr, um ihrer zu begehren, das sprach sich in meinen Gedanken am klarsten aus. Der mehr gefürchtete als ersehnte Tag kam endlich. Ich versprach alles und log nicht. Mein Herz bestätigte alle meine Betheuerungen, ohne den Lohn dafür zu begehren. Ich erhielt ihn trotzdem. Zum ersten Male sah ich mich in den Armen einer Frau, und zwar einer Frau, die ich anbetete. War ich glücklich? Nein, ich genoß nur die Sinnenlust. Ich weiß nicht, welche unüberwindliche Traurigkeit mir den Reiz derselben vergiftete; mir war zu Muthe, als hätte ich eine Blutschande begangen. Zwei- oder dreimal benetzte ich, indem ich sie wonnetrunken in meine Arme drückte, ihren Busen mit meinen Thränen. Sie dagegen war weder traurig noch leidenschaftlich, sie war zärtlich und ruhig. Da sie wenig sinnlich war und nicht die Befriedigung der Wollust bezweckt hatte, genoß sie nicht ihre Wonne und brauchte nie Reue über sie zu empfinden. Ich wiederhole es: alle ihre Fehler rührten von ihren Irrthümern, nie von ihren Leidenschaften her. Sie war von guter Herkunft, ihr Herz war rein, sie liebte die Sittsamkeit, ihre Neigungen waren redlich und tugendhaft, ihr Geschmack war fein; sie war zur Sittenreinheit geschaffen, die sie stets geliebt, aber nie gezeigt hat, weil sie nicht auf ihr Herz hörte, welches sie richtig leitete, sondern auf ihre Vernunft, die sie irre leitete. Wenn falsche Grundsätze sie auf Abwege führten, so standen ihre wahren Gefühle mit ihnen doch stets in Widerspruch; aber leider that sie sich etwas auf ihre Philosophie zu Gute, und die Moral, die sie sich selbst gemacht hatte, verdarb die, welche ihr ihr Herz eingab. Herr von Tavel, ihr erster Liebhaber, war ihr Lehrer in der Philosophie, und die Grundsätze, die er ihr beibrachte, waren solche, die er zu ihrer Verführung nöthig hatte. Da er fand, daß sie ihrem Manne und ihren Pflichten ergeben, immer kalt, nachsinnend und durch Erregung der Sinnlichkeit nicht zu gewinnen war, ging er darauf aus, sie durch Sophismen zu gewinnen und es gelang ihm auch, ihr die Pflichten, denen sie so treu nachkam, als reines Katechismusgeschwätz darzustellen, nur zur Unterhaltung von Kindern ersonnen; die Vereinigung der Geschlechter als einen an sich ganz gleichgültigen Akt; die eheliche Treue als eine Scheinverpflichtung, deren ganzer sittlicher Sinn nur die öffentliche Meinung im Auge hätte; die Ruhe der Ehegatten als die einzige Richtschnur für die Pflicht der Frauen, so daß eine Untreue, die verschwiegen bliebe, für den, welchem sie die Treue brächen, sowie für das Gewissen nichts zu bedeuten hatte; kurz, er redete ihr ein, daß die Sache an sich nichts wäre, daß sie erst durch das Aufsehen etwas würde, und daß jede Frau, die keusch schiene, es schon dadurch allein in Wahrheit wäre. Auf diese Weise erreichte der Elende sein Ziel, indem er die Vernunft eines Kindes irre leitete, dessen Herz er nicht hatte verführen können. Er wurde durch die verzehrendste Eifersucht bestraft, überzeugt, daß sie ihn selbst so behandelte, wie er sie ihren Mann zu behandeln gelehrt hatte. Ich weiß nicht, ob er sich in diesem Punkte irrte. Der Prediger Perret galt für seinen Nachfolger. Ich weiß nur, daß das kalte Temperament dieser jungen Frau, welches sie vor diesen Ansichten hätte schützen sollen, sie gerade in der Folge davon abhielt, dieselben wieder aufzugeben. Sie konnte nicht begreifen, daß man einem Akte so viele Bedeutung beilegte, der für sie gar keine hatte. Sie beehrte eine Enthaltsamkeit, die ihr so wenig kostete, nie mit dem Namen Tugend. Für sich selbst hatte sie also mit ihrem falschen Grundsatze wenig Mißbrauch getrieben, wohl aber für andere, und dies aus einer anderen, fast eben so unrichtigen Maxime, die jedoch mit ihrem guten Herzen in besserem Einklange stand. Sie war stets der Ansicht, daß nichts einen Mann so sehr an eine Frau fessele als der Besitz, und obgleich sie ihren Freunden nur in Freundschaft zugethan war, so war diese doch so zärtlich, daß sie alle in ihrer Macht stehenden Mittel anwandte, um sie noch fester an sich zu ketten, und merkwürdig genug, gelang ihr das fast immer. Sie war so wahrhaft liebenswürdig, daß man, je größer die Vertraulichkeit war, in der man mit ihr lebte, nur desto mehr neue Gründe fand, sie zu lieben. Eben so bemerkenswerth ist der Umstand, daß sie nach ihrer ersten Schwäche fast nur noch Unglücklichen ihre Gunst zugewandt hat. Männer in glänzenden Verhältnissen haben sich sämmtlich vergebens um sie bemüht; aber ein Mann, den sie erst zu bedauern begann, mußte sehr wenig liebenswürdig sein, wenn sie nicht damit enden sollte, ihn zu lieben. Kam es vor, daß die getroffene Wahl ihrer nicht ganz würdig war, so trugen nicht etwa niedere Neigungen, die ihrem edlen Herzen fremd waren, die Schuld, sondern einzig und allein ihr großherziges, zu freundliches, zu mitleidiges, zu hingebendes Gemüth, welches sie nicht immer mit hinreichender Urteilskraft beherrschte. Haben einige falsche Grundsätze sie irre geleitet, nun, wie viele bewunderungswürdige hatte sie dafür, die sie nie aufgab! Durch wie viele Tugenden machte sie nicht ihre Schwächen, wenn man Verirrungen, an denen ihre Sinne so wenig Antheil hatten, überhaupt so nennen kann, wieder gut! Der nämliche Mann, der ihr über einen Punkt falsche Ansichten beigebracht, hatte sie über tausend andere vorzüglich unterrichtet; und da ihre nur schwachen Leidenschaften ihr gestatteten, beständig ihrer Einsicht zu folgen, so blieb sie auf dem rechten Wege, wenn ihre Sophismen sie nicht irre führten. Ihre Beweggründe waren selbst bei ihren Fehlern lobenswerth; so lange sie sich in Täuschungen befand, konnte sie Unrecht thun, aber sie war unfähig, Unrechtes zu wollen. Sie verabscheute Falschheit und Lüge; sie war gerecht, billig, liebreich, und uneigennützig, treu ihren Worten und ihren Freunden, treu allen Pflichten, die sie als solche anerkannte, unzugänglich allen Gefühlen der Rache und des Hasses, und begriff nicht einmal, daß im Verzeihen das geringste Verdienst liegen könnte. Kurz, um auf das zurückzukommen, was am wenigsten verzeihlich ist, sie machte, ohne selbst den wahren Werth ihrer Gunst zu schätzen, nie einen gemeinen Handel daraus; sie verschwendete sie, aber sie verkaufte sie nicht, obgleich sie unaufhörlich in Nahrungssorgen war, und ich wage zu behaupten, wenn Sokrates Aspasia achten konnte, hätte er vor Frau von Warens Hochachtung gehabt. Ich weiß im voraus, daß ich, wenn ich ihr ein empfängliches Gemüth und ein kaltes Temperament gebe, wie gewöhnlich und mit eben so viel Grund des Widerspruches werde geziehen werden. Möglicherweise hatte die Natur Unrecht, und diese Verbindung hätte nicht sein sollen; ich weiß nur, daß sie stattgefunden hat. Alle, welche Frau von Warens gekannt haben, und deren lebt noch heutigen Tages eine große Zahl, haben erfahren können, daß sie so war. Ich wage sogar die Behauptung hinzuzufügen, daß sie nur eine einzige wahre Freude hienieden gekannt hat, nämlich die, allen, welche sie liebte, Freude zu bereiten. Trotzdem bleibt es jedem unbenommen, darüber nach eigenem Belieben zu urtheilen und auf das gelehrteste darzuthun, daß es nicht wahr ist. Meine Aufgabe ist, die Wahrheit zu sagen, aber nicht, sie glaubbar zu machen. Alles, was ich so eben erzählt habe, erfuhr ich allmählich aus den Unterhaltungen, welche wir nach unserer Verbindung hatten und die schon allein hinreichend waren, sie mir entzückend zu machen. Sie hatte Recht gehabt zu hoffen, daß mir ihre Gunstbewilligung nützlich sein würde; ich zog für meine Belehrung großen Vortheil daraus. Bis dahin hatte sie, als ob ich noch ein Kind wäre, nur von mir gesprochen. Jetzt begann sie mich als Mann zu behandeln und sprach mit mir von sich. Alles, was sie mir erzählte, war für mich so anziehend, ich fühlte mich davon so gerührt, daß mir, da ich dadurch zum Nachdenken über mich selbst getrieben wurde, ihre vertraulichen Mittheilungen größeren Nutzen brachten als ihre Ermahnungen. Wenn man in Wahrheit fühlt, daß das Herz spricht, öffnet sich das unsere, um seine Ergüsse aufzunehmen, und nie werden sich alle Moralpredigten eines Erziehers mit dem liebevollen und zärtlichen Geplauder einer verständigen Frau vergleichen können, für die man Zuneigung hegt. Da ihr das vertraute Verhältnis, in dem ich mit ihr lebte, eine bessere Meinung von mir beigebracht hatte, war sie überzeugt, daß es sich trotz meines linkischen Wesens der Mühe lohnte, mir etwas Weltschliff beizubringen, und daß, wenn ich mich eines Tages in der Welt auf einem gewissen Fuße zeigte, ich auch im Stande sein würde, in ihr weiter zu kommen. In diesem Gedanken befleißigte sie sich nicht allein mein Urtheil, sondern auch mein Aeußeres und mein Benehmen zu bilden und mich eben so liebenswürdig wie achtungswerth zu machen, und ist es möglich, daß sich in der Welt der Erfolg mit der Tugend vereinigen läßt, – was ich meinerseits in Abrede stelle – so bin ich wenigstens sicher, daß es zu dem Zwecke keinen andern Weg giebt, als den sie einschlug und mir zeigen wollte. Denn Frau von Warens kannte die Menschen und verstand in hohem Grade die Kunst, sie ohne Lug und Trug, ohne Täuschung und Kränkung zu behandeln. Allein diese Kunst ließ sich weit mehr aus ihrem Charakter als aus ihren Lehren entnehmen; sie wußte sie besser praktisch auszuüben als auseinander zu setzen, und ich war unter allen Menschen der Welt am wenigsten geeignet, sie zu lernen. Auch war alles, was sie in dieser Hinsicht that, ziemlich verlorene Mühe, eben so wie die Verschwendung, die sie trieb, mir Tanz- und Fechtunterricht geben zu lassen. Obgleich schlank und gut gewachsen, lernte ich nie ein Menuet tanzen. Wegen meiner Hühneraugen hatte ich mich so daran gewöhnt, auf den Fersen zu gehen, daß es mir Roche nicht mehr abgewöhnen konnte, und trotz meines leichtfüßigen Aussehens bin ich nie im Stande gewesen, auch nur über einen mittelmäßigen Graben zu springen. Auf dem Fechtboden war es noch schlimmer. Nach einem dreimonatlichen Unterricht wurde ich, unfähig einen Ausfall zu machen, noch immer bis an die Wand gedrängt, und meine Faust war nie geschmeidig oder mein Arm kräftig genug, um den Stoßdegen festzuhalten, wenn sich mein Fechtlehrer das Vergnügen machen wollte, ihn mir aus der Hand zu schlagen. Dazu muß man noch in Anschlag bringen, daß ich eine tödtliche Abneigung gegen diese Waffenübung und den Lehrer hatte, der sich bemühte, mich darin zu unterweisen. Ich hätte mir nie eingebildet, daß man auf die Kunst, einen Menschen zu tödten, so stolz sein könnte. Um sein erhabenes Genie meiner Fassungskraft verständlich zu machen, drückte er sich nur in Vergleichen aus, die er der Musik, von der er nichts verstand, entlehnte. Er entdeckte zwischen den Terz- und Quartstößen und den musikalischen Intervallen gleichen Namens auffallende Aehnlichkeiten. Wollte er eine Finte machen, so forderte er mich auf, ich sollte mich vor den mit dem Kreuz versehenen Noten hüten, weil man diese vor Alters Finte nannte; hatte er mir den Stoßdegen aus der Hand geschlagen, so meinte er grinsend, das wäre eine Pause. Kurz, ich sah in meinem ganzen Leben keinen unerträglicheren Pedanten als diesen armen Menschen mit seinem Federbusch und seinem Brustleder. Ich machte also in diesen Uebungen, die ich aus reinem Abscheu dagegen bald aufgab, geringe Fortschritte; dagegen machte ich um so größere in einer nützlicheren Kunst, in der, mit meinem Loose zufrieden zu sein und mich nach keinem glänzenderen zu sehnen, für welches ich, wie ich einzusehen begann, nicht geboren war. Nur von dem Verlangen erfüllt, Mama das Leben glücklich zu machen, fühlte ich mich an ihrer Seite immer zufriedener, und wenn ich mich, um in die Stadt zu gehen, von ihr trennen mußte, begann ich trotz meiner Leidenschaft für die Musik den Zwang zu merken, der mit meinen Unterrichtsstunden verbunden war. Ich weiß nicht, ob Claude Anet die Vertraulichkeit unseres Verhältnisses wahrnahm. Ich habe Ursache anzunehmen, daß es ihm nicht verborgen blieb. Es war ein sehr scharfblickender, aber auch sehr verschwiegener Mann, der nur sprach, wie er dachte, aber seine Gedanken nicht immer enthüllte. Ohne zu thun, als ob er etwas wüßte, gab er doch durch sein Benehmen zu erkennen, daß er über unser Verhältnis nicht in Unkunde war, und dieses Benehmen war sicherlich nicht der Ausfluß einer gemeinen Denkungsweise, sondern seines Eingehens auf die Grundsätze seiner Herrin, deren getreue Durchführung er nicht mißbilligen konnte. Obgleich eben so jung wie sie, war er doch so gesetzt und ernst, daß er uns fast wie zwei der Nachsicht bedürftige Kinder betrachtete, und wir betrachteten ihn beide als einen Ehrfurcht einflößenden Mann, dessen Achtung wir uns zu bewahren hatten. Erst nach ihrer Untreue gegen ihn erkannte ich ganz die aufrichtige Liebe, mit der sie ihm zugethan war. Da sie wußte, daß ich nur durch sie dachte, empfand und athmete, zeigte sie mir, wie innig sie ihn liebte, damit ich ihn eben so lieben sollte, und sie hob hierbei weniger ihre Freundschaft für ihn als ihre Achtung hervor, weil dies das Gefühl war, welches ich am vollkommensten theilen konnte. Wie oft rührte sie unsere Herzen und verlangte unter Thränen, daß wir uns umarmten, indem sie uns versicherte, daß wir beide zum Glücke ihres Lebens nöthig wären! Mögen die Frauen, die dieses lesen werden, nicht hämisch lächeln. Bei ihrem Temperamente lag in diesem Bedürfnisse nichts Zweideutiges; es war lediglich das Bedürfnis ihres Herzens. Auf diese Weise entspann sich unter uns dreien ein geselliges Verhältnis, wie es vielleicht ohne Beispiel auf Erden dasteht. Alle unsere Wünsche, unsere Sorgen, unsere Herzensregungen waren gemeinschaftlich; nichts davon ging über diesen kleinen Kreis heraus. Die Gewohnheit des Zusammenlebens und zwar des ausschließlichen Zusammenlebens wurde so stark, daß, wenn bei unseren Mahlzeiten einer von uns dreien fehlte oder ein Vierter hinzukam, alles gestört war, und uns trotz unserer besonderen Liebesverhältnisse unsere Zusammenkünfte unter vier Augen weniger süß waren als unser aller Zusammensein. Was unter uns jeden Zwang verhütete, war ein großes gegenseitiges Vertrauen und was jede Langeweile verhütete, war unsere ununterbrochene Beschäftigung. Mama, die sich stets mit Plänen trug und beständig thätig war, ließ uns beide nicht müßig, und wir hatten noch für uns selbst genug zu thun, um unsere Zeit vollkommen auszufüllen. Meines Erachtens ist der Müßiggang dem geselligen Leben eben so nachtheilig wie der Einsamkeit. Nichts beschränkt den Geist mehr, nichts erzeugt mehr Nichtigkeiten, Klatschereien, üble Nachreden und Lügen als ewig in einem Zimmer einander gegenüber eingeschlossen zu sitzen, in Ermangelung jeder Arbeit gezwungen, unaufhörlich zu schwatzen. Ist jedermann beschäftigt, so redet man nur, wenn man etwas zu sagen hat; thut man jedoch nichts, so muß man durchaus beständig reden, und das ist der lästigste und gefährlichste Zwang, der sich denken läßt. Ich wage sogar noch weiter zu gehen und behaupte, daß, um einen Kreis wahrhaft angenehm zu machen, nicht allein jeder etwas thun muß, sondern auch etwas, das ein wenig Aufmerksamkeit verlangt. Filetstricken heißt nichts thun, und es gehört genau eben so viel dazu, um eine Frau, die Filet strickt, zu unterhalten, wie eine, die die Hände in den Schoos legt. Stickt sie, ist es schon etwas anderes; sie ist dann hinreichend beschäftigt, um die Ruhepausen in der Unterhaltung auszufüllen. Höchst anstößig und lächerlich ist es, wenn man sieht, wie während dieser Zeit ein Dutzend Stutzer sich erheben, sich wieder hinsetzen, auf- und abgehen, sich auf den Absätzen herumdrehen, zweihundertmal die Porzellanfiguren auf dem Kaminsimse umkehren und ihr Gehirn abarbeiten, um ihren Redestrom nicht versiegen zu lassen: eine schöne Beschäftigung! Solche Leute werden, was sie auch thun mögen, stets anderen und sich selbst zur Last sein. Als ich zu Motiers war, machte ich, wenn ich bei meinen Nachbarinnen war, Schnürsenkel; kehrte ich einmal in das Weltleben zurück, würde ich stets in meiner Tasche einen Fangbecher bei mir tragen und den ganzen Tag über damit spielen, um des Redens überhoben zu sein, wenn ich nichts zu sagen hätte. Machte es ein jeder eben so, würden die Menschen weniger boshaft, würde der Umgang mit ihnen zuverlässiger und, wie ich glaube, angenehmer werden. Kurz, mögen die Albernen, wenn sie wollen, lachen, aber ich behaupte, daß die einzige für dieses Jahrhundert passende Moral die des Fangbechers ist. Uebrigens konnten wir beim besten Willen der Langeweile nicht ganz aus dem Wege gehen, denn der Andrang lästiger Besucher bereitete uns so große, daß uns auch für die Zeit, in der wir allein waren, noch immer einige übrig blieb. Die Ungeduld, mit der mich solche Besuche sonst erfüllt, hatte nicht abgenommen, und der ganze Unterschied bestand nur dann, daß ich weniger Zeit hatte, mich ihr hinzugeben. Die arme Mama hatte ihre alte Vorliebe für Pläne und Unternehmungen nicht verloren. Im Gegentheile, je drückender ihre häuslichen Verlegenheiten wurden, desto mehr überließ sie sich, um ihnen abzuhelfen, ihren Hirngespinsten; je geringer ihre augenblicklichen Hilfsmittel waren, desto mehr sann sie auf ihre Erhöhung für die Zukunft. Im Laufe der Jahre nahm dieser leidenschaftliche Hang bei ihr nur noch zu, und in dem Maße, wie sie das Gefallen an den Freuden der Welt und der Jugend verlor, suchte sie für dieselben durch die Freude an Geheimmitteln und Entwürfen Ersatz. Das Haus wurde nicht leer von Quacksalbern, Fabrikanten, Goldmachern, Unternehmern aller Art, die mit Millionen um sich warfen, aber schließlich aus augenblicklicher Noth um einen Thaler baten. Keiner ging bei ihr leer aus, und über nichts habe ich mich mehr gewundert, als daß sie eine so große Verschwendung so lange hat aushalten können, ohne die Quelle dazu zu erschöpfen und ihre Gläubiger zu ermüden. Der Plan, mit dem sie sich in der Zeit, von welcher ich rede, am meisten beschäftigte, und der nicht der unvernünftigste war, den sie ersonnen hat, bezweckte die Anlegung eines königlichen Pflanzengartens in Chambery mit einem besoldeten praktischen Lehrer der Botanik; wem diese Stelle zugedacht war, begreift man im voraus. Die Lage dieser mitten in den Alpen gelegenen Stadt war botanischen Zwecken überaus günstig, und Mama, die immer einen Plan durch einen anderen zu erleichtern suchte, hatte die Absicht, mit dem Garten eine Pharmaceutenschule zu verbinden, die in einem so armen Lande, wo die Apotheker fast die einzigen Aerzte sind, in der That sehr nützlich erschien. Die nach dem Tode des Königs Victor erfolgte Uebersiedelung des Leibarztes Grossi nach Chambery schien ihr der Ausführung dieses Planes sehr zu Statten zu kommen und hatte ihn vielleicht erst in ihr angeregt. Wie dem auch sei, sie begann Grossi den Hof zu machen, obgleich er zum Hofmachen nicht sehr angethan war, denn er war der beißendste und gröbste Mensch, den ich je gekannt. Man möge nach einigen Anekdoten, die ich hier als Probe anführen will, selbst darüber urtheilen. Eines Tages hatte er mit einigen Aerzten, unter denen sich auch der aus Annecy herbeigeeilte Hausarzt des Kranken befand, eine Consultation. Dieser junge, für einen Arzt noch nicht genügend geschulte Mann wagte die Ansicht des Herrn Leibarztes nicht zu theilen. Statt aller weiteren Antwort fragte ihn dieser, wann er zurückritte und welche Wege er einschlüge. Nach ertheilter Auskunft fragt ihn nun der andere seinerseits, ob er ihm etwa eine Gefälligkeit erweisen könnte? »Nein, nein,« erwiderte Grossi, »ich wollte mich nur an ein Fenster stellen, an dem ihr Weg vorüberführt, um das Vergnügen zu haben, einen Esel zu Pferde einherziehen zu sehen.« – Er war eben so habgierig wie reich und hart. Einer seiner Freunde wollte einst eine kleine Anleihe gegen gute Sicherheit bei ihm machen. »Mein Freund,« sagte er zu ihm, indem er ihm grinsend den Arm drückte, »wenn der heilige Petrus vom Himmel herabstiege, um zehn Pistolen von mir zu leihen, und mir die heilige Dreieinigkeit als Bürgen stellte, würde ich sie ihm nicht leihen.« – Eines Tages von dem sehr frommen Grafen Picon, der Gouverneur von Savoyen war, zur Tafel geladen, erscheint er vor der Eßstunde, und seine Excellenz, gerade mit dem Abbeten des Rosenkranzes beschäftigt, schlägt ihm denselben Zeitvertreib vor. Da er nicht weiß, was er antworten soll, schneidet er ein schreckliches Gesicht und fällt auf die Knie. Kaum hat er jedoch zwei Ave gesprochen, als er sich, da er es nicht länger aushalten kann, schnell erhebt, seinen Stock nimmt und, ohne ein Wort zu sagen, davon läuft. Der Graf Picon rennt hinter ihm her und ruft ihm nach: »Herr Grossi, Herr Grossi, bleiben Sie doch! Es steckt für Sie unten ein herrliches Steinhuhn am Spieß!« – »Herr Graf,« erwidert ihm der andere, sich umwendend, »und wenn Sie mir einen gebratenen Engel vorsetzten, würde ich nicht bleiben.« So war der Herr Leibarzt Grossi, dessen Zähmung Mama unternahm und schließlich zu Stande brachte. Obgleich er sehr beschäftigt war, gewöhnte er sich daran, sie oft zu besuchen, behandelte Anet freundschaftlich, gab zu erkennen, daß er seine Kenntnisse schätzte, redete von ihnen mit Anerkennung und bestrebte sich, was man von einem solchen Bären nicht hätte erwarten sollen, ihm alle Achtung zu erweisen, um die früheren Eindrücke zu verwischen. Denn obgleich Anet nicht mehr auf dem Fuße eines Dieners stand, so wußte man doch, daß er es gewesen war, und es bedurfte nicht weniger als des Beispiels und des Ansehens des Herrn Leibarztes, um den Ton anzugeben, den man ihm gegenüber annehmen mußte und keinem andern zu Liebe angenommen hätte. Mit seinem schwarzen Gewände, seiner wohlgekämmten Perrücke, seiner ernsten und ehrbaren Haltung, seinem verständigen und besonnenen Benehmen und seinen ziemlich umfassenden medicinischen und botanischen Kenntnissen konnte Claude Anet, zumal ihm der Dekan der Facultät günstig war, ziemlich sicher hoffen, die Stelle eines königlichen praktischen Lehrers der Botanik zur Zufriedenheit auszufüllen, wenn die geplante Anlage zur Ausführung kam; und Grossi hatte den Plan wirklich gebilligt, ihn zu dem seinigen gemacht und wartete, um ihn dem Hofe vorzulegen, nur auf den Augenblick, wo der Friede gestatten würde, an nützliche Dinge zu denken und einiges Geld zu ihrer Verwirklichung aufzuwenden. Allein dieser Plan, dessen Ausführung mich wahrscheinlich zur Botanik getrieben hätte, für welche ich, wie ich glaube, geboren bin, scheiterte in Folge eines jener unerwarteten Schicksalsschläge, welche auch die am klügsten berechneten Entwürfe zerstören. Ich war bestimmt, stufenweise ein Beispiel der menschlichen Leiden zu werden. Man sollte meinen, die Vorsehung, die mich zu solchen großen Prüfungen berief, hätte mit eigner Hand alles beseitigt, was mich mit hätte abhalten können, dieselben durchzumachen. Bei einem botanischen Ausfluge, den Anet nach dem Hochgebirge unternommen hatte, um Genipi, eine seltene Pflanze, die nur auf den Alpen wächst und die Herr Grossi brauchte, zu holen, erhitzte sich der arme Bursch dermaßen, daß er eine Brustfellentzündung bekam, von der ihn auch das Genipi nicht heilen konnte, obgleich es gerade das Hauptmittel gegen diese Krankheit sein soll. Trotz der Kunst Grossi's, der sicherlich ein sehr geschickter Arzt war, trotz Mamas und meiner treusten Pflege, starb er am fünften Tage nach schwerem Todeskampfe in unsern Armen. Ich allein hatte ihn zum Tode vorbereitet und mit ihm unter solchen Ausbrüchen des Schmerzes und mit solchem zuversichtlichen Glauben gebetet, daß ihm mein Zuspruch, wenn er ihn noch zu verstehen im Stande war, zum Troste gereichen mußte. So verlor ich den zuverlässigsten Freund, den ich in meinem ganzen Leben hatte, einen achtungswerthen und ausgezeichneten Menschen, in dem die natürliche Begabung die Erziehung ersetzte, der in seiner dienstlichen Stellung alle Tugenden großer Männer nährte, und dem, um als solcher von aller Welt erkannt zu werden, vielleicht nichts als ein längeres Leben und eine richtige Stellung fehlte. Am andern Tage redete ich mit Mama in der tiefsten und aufrichtigsten Trauer von ihm, und mitten im Gespräche kam mir plötzlich der schändliche und unwürdige Gedanke, daß ich ja der Erbe seiner Sachen und namentlich eines schönen schwarzen Anzuges wäre, der mir in die Augen gestochen hatte. Ich dachte es und sagte es folglich, denn bei ihr war das für mich eins. Nichts machte ihr den erlittenen Verlust fühlbarer als diese elende und schlechte Bemerkung, da Uneigennützigkeit und Seelenadel gerade zu seinen hervorragendsten Eigenschaften gehört hatten. Ohne mich einer Antwort zu würdigen, wandte sich die arme Frau nach der andern Seite und begann zu weinen. Theure und köstliche Thränen! Sie waren mir verständlich und strömten alle in mein Herz; sie reinigten es bis auf die letzte Spur von einer niedrigen und ehrlosen Gesinnung. Sie hat seit dieser Zeit nie wieder Eingang in dasselbe gefunden. Dieser Verlust bereitete Mama eben so viel Nachtheil wie Kummer. Von diesem Augenblick an hörten ihre Angelegenheiten nicht auf bergab zu gehen. Anet war ein genauer und ordentlicher Mensch gewesen, der auch im Hause seiner Herrin Ordnung hielt. Man fürchtete seine Wachsamkeit, und die Verschleuderung war geringer. Sie selbst fürchtete seinen Tadel und suchte ihre Neigung zur Verschwendung zu mäßigen. Seine Liebe genügte ihr nicht, sie wollte sich auch seine Achtung bewahren, und sie fürchtete den gerechten Vorwurf, den er ihr mitunter zu machen wagte, daß sie das Gut anderer eben so sehr verschwendete als ihr eigenes. Ich theilte seine Ansicht und sprach es sogar aus, aber ich hatte nicht denselben Einfluß auf sie und meine Reden wirkten nicht so nachhaltig auf sie wie die seinigen. Als er nicht mehr war, wurde ich gezwungen, seine Stellung einzunehmen, zu der ich eben so wenig Fähigkeit wie Luft besaß; ich füllte sie schlecht aus. Ich war wenig sorgsam und dabei zu schüchtern; während ich im Stillen schalt, ließ ich alles gehen, wie es gehen wollte. Uebrigens war mir wohl dasselbe Vertrauen zu Theil geworden, aber nicht dasselbe Ansehen. Ich bemerkte die Unordnung, ich seufzte und klagte darüber, wurde aber nicht angehört. Ich war noch zu jung und zu lebhaft, um das Recht zu haben, vernünftig zu sein, und wenn ich mich als Hausherr hineinmischen wollte, gab mir Mama kleine zärtliche Backenstreiche, nannte mich ihren kleinen Mentor und zwang mich, wieder in die Rolle zurückzufallen, die mir ziemte. Die entschiedene Ahnung der Noth, in welche ihre unvorsichtigen Ausgaben sie früher oder später stürzen mußten, machten einen um so stärkeren Eindruck auf mich, als ich jetzt in der Eigenschaft ihres Haushofmeisters mich selbst von der Ungleichheit zwischen ihrem Soll und Haben überzeugen konnte. Von dieser Zeit schreibe ich die Neigung zum Geiz her, welche ich seitdem immer in mir bemerkt habe. Thörichte Verschwendung hatte ich nur in einer augenblicklichen tollen Laune getrieben; aber bis dahin war ich nie sehr unruhig darüber gewesen, ob ich wenig oder viel Geld hatte. Jetzt begann ich meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken und mich um meine Börse zu kümmern. Aus einem sehr edlen Beweggründe wurde ich geizig, denn ich dachte in Wahrheit nur daran, der lieben Mama für die Katastrophe, die ich voraussah, einige Geldmittel anzusammeln. Ich befürchtete, ihre Gläubiger würden ihre Pension mit Beschlag belegen lassen, oder sie könnte ihr ganz entzogen werden, und ich bildete mir nach meinem beschränkten Gesichtskreise ein, daß ihr mein kleiner Schatz dann eine große Hilfe gewähren würde. Aber um ihn zusammen zu sparen und vor allen Dingen ihn sicher zu verwahren, mußte ich ihn ihr verheimlichen, denn bei ihren ewigen Verlegenheiten durfte sie von diesen kleinen Ersparnissen nichts wissen. Ich suchte deshalb bald hier, bald dort einen Versteck, in denen ich einige Goldstücke verbarg, in der Hoffnung, sie bis zu dem Augenblicke, wo ich sie ihr zu Füßen legen wollte, unaufhörlich vermehren zu können. Allein ich war in der Wahl meiner Verstecke so ungeschickt, daß sie sie stets entdeckte; um mir dann zu zeigen, daß sie sie aufgefunden, nahm sie das Gold, welches ich dort versteckt hatte, weg und legte eine noch größere Summe in andern Münzen dafür hin. Ganz beschämt warf ich meinen kleinen Schatz wieder in die gemeinschaftliche Kasse und sie verabsäumte nie, ihn für mich zu verausgaben, indem sie mir dafür Wäsche oder andere Dinge, wie einen silbernen Degen, eine Uhr oder etwas Aehnliches kaufte. In der festen Überzeugung, daß mir das Zurücklegen nie gelingen und für sie ein geringes Rettungsmittel sein würde, kam ich endlich zu der Einsicht, daß ich wider das von mir befürchtete Unglück keinen andern Ausweg hätte, als mich in den Stand zu setzen, selbst für ihren Unterhalt zu sorgen, sobald sie, unfähig, länger für mich zu sorgen, der bittersten Noch entgegensehen würde. Da ich leider meine Pläne nach meinen Neigungen entwarf, bestand ich thörichterweise darauf, mein Glück in der Musik zu suchen; gingen mir Motive und Melodien durch den Kopf, so glaubte ich sofort, daß ich, wenn es mir nur gelänge, sie zu verwerthen, auf dem besten Wege wäre, ein berühmter Mann zu werden, ein moderner Orpheus, dessen Töne alle Schätze Perus herbeilocken würden. Nachdem ich angefangen hatte, die Noten ziemlich geläufig zu lesen, handelte es sich jetzt für mich darum, die Compositonslehre zu lernen. Die Schwierigkeit war, einen geeigneten Lehrer zu finden, denn mit meinem bloßen Rameau glaubte ich mir selbst nicht weiter helfen zu können, und seit Le Maitres Abreise gab es in ganz Savoyen niemanden, der von der Harmonielehre etwas verstand. Hierbei wird man wieder eine jener Inconsequenzen wahrnehmen, deren so viele in meinem Leben vorkommen und die mich oft von meinem Ziele entfernt haben, wenn ich unmittelbar auf dasselbe zuzugehen dachte. Venture hatte mir viel von dem Abbé Blanchard, seinem Lehrer in der Composition, einem sehr begabten und talentvollen Manne erzählt, der damals Kapellmeister an der Kathedrale zu Besançon war und es jetzt an der Kapelle von Versailles ist. Ich setzte mir in den Kopf, nach Besançon zu gehen, um beim Abbé Blanchard Unterricht zu nehmen, und dieser Gedanke kam mir so vernünftig vor, daß es mir gelang, ihn auch Mama annehmbar zu machen. So nahm sie denn die Anfertigung meiner kleinen Ausstattung vor und that es mit der Verschwendung, die sie in jeder Sache trieb. Trotz der beständigen Absicht, ihren Bankerott zu verhüten und die Folgen ihrer Verschwendung in der Zukunft auszugleichen, verursachte ich ihr auf diese Weise zunächst eine Ausgabe von achthundert Franken; ich beschleunigte also ihren Untergang, um mich in den Stand zu setzen, ihm vorzubeugen. So albern dieses Treiben war, so vollkommen war doch meine wie ihre Verblendung. Wir waren beide überzeugt, ich, daß meine Bemühung ihr, sie, daß dieselbe mir zum Nutzen gereichte. Ich hatte darauf gerechnet, Venture noch in Annecy zu finden, da ich ihn um einen Empfehlungsbrief an den Abbé Blanchard bitten wollte. Er war nicht mehr da. Statt aller weiteren Auskunft über ihn mußte ich mich mit einer vierstimmigen, von ihm selbst niedergeschriebenen Messe eigener Composition begnügen, die er mir zurückgelassen hatte. Mit dieser Empfehlung machte ich mich nach Besançon auf den Weg, der mich durch Genf, wo ich meine Verwandten besuchte, und durch Nyon führte, wo ich zu meinem Vater ging, der mich wie gewöhnlich empfing und die Nachsendung meines Koffers übernahm, welcher, da ich zu Pferde reiste, erst später als ich ankam. Ich treffe in Besançon ein. Der Abbé Blanchard nimmt mich freundlich auf, verspricht mir seinen Unterricht und bietet mir seine Dienste an. Wir wollen bereits beginnen, als ich aus einem Briefe meines Vaters erfahre, daß mein Koffer in Rousses, dem französischen Zollamte an der Schweizer Grenze, mit Beschlag belegt und confiscirt ist. Ueber diese Nachricht erschrocken, bemühe ich mich, durch die Bekanntschaften, welche ich in Besançon bereits gemacht hatte, den Grund dieser Beschlagnahme in Erfahrung zu bringen; denn da ich überzeugt war, keine verbotene Waare gehabt zu haben, konnte ich nicht begreifen, was den Vorwand zu diesem Gewaltacte hatte geben können. Endlich entdeckte ich die Ursache und kann nicht umhin, sie hier anzugeben, da sie doch gar zu seltsam ist. Ich verkehrte in Chambery mit einem alten Lyoneser, einem sehr gutmüthigen Manne, Namens Duvivier, der unter der Regentschaft eine Anstellung auf dem Paßamte gehabt, und nach Verlust dieses Amtes bei dem Kataster Beschäftigung gesucht hatte. Er hatte in der großen Welt gelebt, besaß Talente, einige Kenntnisse, ein freundliches und höfliches Wesen und verstand Musik. Da wir ein gemeinschaftliches Arbeitszimmer hatten, so waren wir inmitten der schlecht geleckten Bären in ein ganz besonders freundschaftliches Verhältnis getreten. Er hatte noch immer Verbindungen in Paris, durch die er über jene unbedeutenden Kleinigkeiten, jene flüchtigen Tagesneuigkeiten, die plötzlich, man weiß nicht weshalb, von Mund zu Munde gehen, und wieder ein Ende finden, man weiß nicht wie, und deren niemand je wieder gedenkt, wenn man aufgehört hat, von ihnen zu reden, unterrichtet wurde. Da ich ihn zuweilen zu Mama zum Essen mitnahm, machte er mir in gewisser Weise den Hof und, um sich angenehm zu machen, suchte er mir Geschmack an dergleichen Albernheiten einzuflößen, gegen welche ich stets einen solchen Widerwillen gehabt hatte, daß ich mich mein ganzes Leben lang nicht habe überwinden können, etwas dieser Art für mich allein zu lesen. Var ... für mich allein zu lesen. Um ihm einen Gefallen zu erweisen, nahm ich diese kostbaren Wische, steckte sie in die Tasche und benutzte sie nur zu dem einzigen Zwecke, zu dem sie gut waren. Unglücklicherweise blieb eines dieser verwünschten Papiere in der Brusttasche eines neuen Rockes stecken, den ich zwei- oder dreimal getragen hatte, damit ich auf der Grenze keinen Zoll für ihn zu entrichten brauchte. Es enthielt eine in jansenistischer Anschauungsweise geschriebene, ziemlich geistlose Parodie der schönen Scene in Racine's Mithridates. Ich hatte nicht zehn Verse davon gelesen und sie aus Vergeßlichkeit in meiner Tasche gelassen. Hierin fand man genügenden Grund zur Beschlagnahme meiner Habseligkeiten. Die Zollbeamten leiteten das Inhaltsverzeichnis meines Koffers mit einer amtlichen, in feierlichen Worten abgefaßten Erklärung ein, in der sie in der Voraussetzung, daß dieses Schriftstück aus Genf käme, um in Frankreich gedruckt und vertheilt zu werden, in salbungsvollen Worten gegen die Feinde Gottes und der Kirche loszogen und sich in Lobeserhebungen über ihre fromme Wachsamkeit ergingen, welche die Ausführung dieses höllischen Unterfangens verhindert hätte. Unzweifelhaft rochen ihnen meine Hemden ebenfalls nach Ketzerei, denn wegen dieses fürchterlichen Blattes wurde alles confiscirt, ohne daß ich je eine Entschädigung oder auch nur eine Benachrichtigung über den Verbleib meines Reisegepäcks erhalten hätte. Die Finanzbeamten, an die man sich wandte, verlangten so viele Nachweisungen, Aufschlüsse, Zeugnisse und Eingaben, daß ich mich in diesem Labyrinthe tausendmal verirrte und mich gezwungen sah, alles Preis zu geben. Es thut mir wahrlich Leid, diese amtliche Erklärung des Zollamtes zu Rousses nicht aufbewahrt zu haben; sie hätte eine hervorragende Stelle unter den Belegstücken eingenommen, deren Sammlung gleichzeitig mit diesem Werke erscheinen soll. Dieser Verlust zwang mich zur sofortigen Rückkehr nach Chambery, ohne den Unterricht des Abbé's Blanchard empfangen zu haben; und da ich, alles wohl erwogen, einsah, daß mich das Unglück bei allen meinen Unternehmungen verfolgte, so war ich entschlossen, mich lediglich an Mama anzuschließen, ihre Gefahr zu theilen und mich nicht mehr fruchtlos über eine Zukunft zu beunruhigen, der ich ihren Lauf lassen mußte. Sie empfing mich, als hätte ich Schätze zurückgebracht, schaffte mir nach und nach wieder eine kleine Garderobe an, und mein Unglück, so groß es für mich wie für sie auch war, wurde fast eben so schnell vergessen, wie es hereingebrochen. Obgleich ich in Folge dieses Unglücks jetzt über meine Musikpläne kühler dachte, unterließ ich doch nicht, meinen Rameau beständig zu studiren, und mit großer Anstrengung brachte ich es endlich dahin, ihn zu verstehen und einige kleine Compositionsversuche zu machen, deren Erfolg mich ermuthigte. Der Graf von Bellegarde, ein Sohn des Marquis von Antremont, war nach dem Tode des Königs August aus Dresden zurückgekehrt. Er hatte lange in Paris gelebt; er war ein großer Musikfreund und hatte besonders für Rameau'sche Musik eine wahre Leidenschaft gefaßt. Sein Bruder, der Graf von Nangis spielte Violine, und Frau Gräfin von La Tour, ihre Schwester, sang ein wenig. Hierdurch kam in Chambery die Musik in Mode und man veranstaltete eine Art öffentlicher Concerte, deren Leitung man anfangs mir übertragen wollte; allein man merkte bald, daß sie meine Kräfte überstieg, und richtete sich anders ein. Ich unterließ nicht, dabei einige kleine Stücke eigener Arbeit vorzutragen und unter andern eine Cantate, die sehr gefiel. Sie war zwar kein Meisterstück, aber voll neuer und wirkungsvoller Melodien, die man mir nicht zugetraut hatte. Diese Herren konnten nicht glauben, daß ich, der ich so schlecht Noten las, im Stande wäre, leidlich zu componiren, und sie zweifelten nicht, daß ich mich mit fremden Federn geschmückt hätte. Um die Wahrheit festzustellen, suchte mich eines Morgens Herr von Nangis mit einer Cantate von Clerambaut auf, die er nach seiner Erklärung, um sie singbarer zu machen, transponirt hatte, und zu der nun ein anderer Baß geschrieben werden müßte, da in Folge der Transposition Clerambauts Composition für dieses Instrument nicht mehr paßte. Ich erwiderte, dies wäre eine bedeutende Arbeit, die sich nicht auf der Stelle ausführen ließ. Er glaubte, ich wäre nur um eine Ausflucht verlegen und drängte mich, ihm wenigstens den Baß zu einem Recitativ zu schreiben. Ich that es also, jedenfalls mangelhaft, weil ich, um etwas gut zu machen, bei jedem Dinge der Zwanglosigkeit und Freiheit bedarf; aber ich machte die Arbeit nach den Regeln, und da er zugegen war, konnte er meine Kenntnis der Anfangsgründe der Kompositionslehre nicht bezweifeln. So verlor ich meine Schülerinnen nicht, allein ich wurde ein wenig kühl gegen die Musik, da ich gewahrte, daß man ein Concert veranstaltete, ohne mich dabei zu gebrauchen. Ungefähr um diese Zeit wurde Friede geschlossen und die französische Armee marschirte über das Gebirge zurück. Mehrere Officiere besuchten Mama, unter andern der Graf von Lautrec, Oberst des Regiments Orleans, später Gesandter in Genf und endlich Marschall von Frankreich. Diesem wurde ich von Mama vorgestellt. Nach dem, was sie ihm sagte, schien er großes Interesse für mich zu gewinnen und versprach mir vielerlei, woran er sich erst im letzten Jahre seines Lebens erinnerte, als ich ihn nicht mehr nöthig hatte. Zu der nämlichen Zeit kam der junge Marquis von Sennecterre, dessen Vater damals Gesandter in Turin war, durch Chambery. Er speiste bei Frau von Menthon; auch ich speiste an diesem Tage bei ihr. Nach dem Essen war von Musik die Rede, von der er ein gründlicher Kenner war. Die Oper Jephtah war damals etwas Neues, er erzählte von ihr, man ließ die Partitur holen. Ich schauderte, als er mir den Vorschlag machte, diese Oper in Gemeinschaft mit ihm zu singen. Als er die Partitur aufschlug, kam er gerade auf die berühmte, für zwei Chöre geschriebene Stelle: La terre, l'enfer, le ciel même Tout tremble devant le Seigneur. Er fragte mich: »Wie viel Stimmen wollen Sie singen? Ich für meine Person will diese sechs übernehmen.« Ich war noch nicht an solche französische Großthuerei gewöhnt, und obgleich ich mitunter Partituren mühselig gelesen hatte, war es mir doch unfaßbar, wie derselbe Mensch gleichzeitig sechs Stimmen, ja auch nur zwei singen könnte. Nichts ist mir bei musikalischen Uebungen schwerer gewesen, als mit Leichtigkeit von einer Stimme zur anderen überzugehen und zugleich eine ganze Partitur mit den Augen zu überfliegen. Nach der Art und Weise, mit der ich mich aus der Sache zog, mußte sich Herr von Sennecterre zu der Annahme berechtigt fühlen, daß ich von der Musik nichts verstände. Vielleicht um sich von der Wahrheit seiner Vermuthung zu überzeugen, forderte er mich auf, die Noten eines Liedes aufzuschreiben, welches er Fräulein von Menthon überreichen wollte. Ich konnte mich dem nicht entziehen. Er sang das Lied, und ich schrieb es auf, sogar ohne es mir oft wiederholen zu lassen. Darauf las er es durch und fand, wie es auch wirklich der Fall war, daß ich es vollkommen richtig aufgeschrieben hatte. Da er meine Verlegenheit bemerkt hatte, machte es ihm Freude, diesen kleinen Erfolg in ein recht günstiges Licht zu stellen. Es war jedoch im Ganzen genommen eine sehr einfache Sache. Im Grunde verstand ich die Musik sehr gut, es fehlte mir nur die Schnelligkeit des ersten Ueberblicks, die mir bei allem abging und die man in der Musik nur durch lange Uebung erwirbt. Wie dem auch sei, ich war ihm dankbar für die redliche Mühe, die er sich gab, die kleine Beschämung, welche ich erlitten, bei den Uebrigen wie bei mir in Vergessenheit zu bringen. Als ich zwölf oder fünfzehn Jahre später in verschiedenen Häusern in Paris mit ihm zusammentraf, fühlte ich mich mehrmals versucht, ihm dieses Geschichtchen in die Erinnerung zurückzurufen und ihm zu zeigen, daß ich es im Gedächtnis bewahrt hatte. Aber er hatte seitdem das Augenlicht verloren; ich fürchtete, ihn von neuem mit Schmerz zu erfüllen, wenn ich ihn an den Gebrauch erinnerte, den er von demselben gemacht hatte, und schwieg. Ich nähere mich jetzt dem Zeitabschnitte, der meine vergangene gesellschaftliche Stellung mit meiner gegenwärtigen in Verbindung setzt. Einige Freundschaften, die sich seit jener Zeit bis jetzt fortgesetzt haben, sind mir sehr werth geworden. Um ihretwillen habe ich mich oft nach jener glücklichen Niedrigkeit zurückgesehnt, in welcher diejenigen, die sich meine Freunde nannten, es meinetwegen waren und mich meinetwegen liebten, aus reinem Wohlwollen, nicht aus Eitelkeit, mit einem bekannten Manne in Verbindung zu stehen, oder aus dem geheimen Verlangen, auf diese Weise mehr Gelegenheit zu finden, ihm zu schaden. Von hier an rechne ich meine erste Bekanntschaft mit meinem alten Freunde Gauffecourt, der mir aller Anstrengungen ungeachtet, die man machte, ihn mir zu rauben, stets ein treuer Freund geblieben ist. Stets geblieben ist? Ach nein, ich habe ihn vor Kurzem verloren. Aber erst mit dem Erlöschen seines Lebens erlosch seine Liebe zu mir, und unsere Freundschaft hat erst mit ihm selber geendet. Herr von Gauffecourt war einer der liebenswürdigsten Männer, die es je gegeben hat. Es war unmöglich ihn zu sehen, ohne ihn zu lieben, und mit ihm zu leben, ohne sich ihm völlig anzuschließen. Ich habe nie offnere, gefälligere Gesichtszüge gesehen, die mehr Heiterkeit, mehr Gefühl und Geist verrathen, mehr Vertrauen eingeflößt hätten. Wie zurückhaltend man auch sein mochte, so konnte man sich doch von dem ersten Zusammentreffen an nicht erwehren, mit ihm so vertraulich zu verkehren, als hätte man ihn schon zwanzig Jahre gekannt, und ich, dem es so schwer fiel neuen Gesichtern gegenüber meine Unbefangenheit zu bewahren, war bei ihm vom ersten Augenblicke an heiter und ungezwungen. Seine Stimme, seine Aussprache, seine Aeußerungen machten einen eben so angenehmen Eindruck wie seine Züge. Der Ton seiner Stimme war rein, klangvoll, wohltönend, ein schöner, kräftiger und umfangreicher Baß, der das Ohr erfüllte und zum Herzen drang. Es ist unmöglich eine gleichmäßigere und angenehmere Heiterkeit zu haben, eine unverfälschtere und einfachere Anmuth, natürlichere und mit größerem Geschmack ausgebildete Talente. Hierzu denke man sich noch ein liebendes Herz, welches alle Welt nur ein wenig zu sehr liebte, einen gegen alle ohne Ausnahme gefälligen Charakter, der ihn antrieb, seinen Freunden eifrig zu dienen, oder bei dem er sich vielmehr abmühte, sich aus Leuten, welchen er dienen konnte, Freunde zu machen, und es sehr geschickt verstand, sein Glück dabei zu finden, daß er für das Glück anderer sorgte. Gauffecourt war der Sohn eines einfachen Uhrmachers und war selbst Uhrmacher gewesen. Aber sein Aeußeres und seine Befähigung beriefen ihn in einen anderen Kreis, in den er nicht einzutreten verabsäumte. Er machte die Bekanntschaft des Herrn von La Closure, des französischen Gesandten in Genf, der ihn lieb gewann. Derselbe verschaffte ihm in Paris andere Bekanntschaften, die ihm nützlich waren und ihm die Salzlieferung in Wallis verschafften, welche ihm eine Jahreseinnahme von zwanzigtausend Franken einbrachte. Mit seinem bisherigen nicht unbedeutenden Glücke bei den Männern war es nun vorbei, dafür wurde aber das bei den Frauen desto größer; er brauchte nur zu wählen und machte, was er wollte. Var. ... er brauchte nur zu wählen, er wählte alles und machte, etc. Was noch seltener und deshalb um so ehrenvoller für ihn war, das war der Umstand, daß er, obgleich er in allen Ständen freundschaftliche Verhältnisse unterhielt, überall geliebt und von aller Welt gesucht war, ohne je von jemandem beneidet oder gehaßt zu werden, und ich bin überzeugt, daß er gestorben ist, ohne einen einzigen Feind in seinem Leben gehabt zu haben. Glücklicher Mensch! Er besuchte jedes Jahr die Bäder von Aix, wo die gute Gesellschaft der benachbarten Länder zusammenkommt. Da er mit dem ganzen savoyischen Adel in Verkehr stand, kam er von Aix nach Chambery, um den Grafen von Bellegarde und seinen Vater, den Marquis von Antremont, zu besuchen, bei welchem ihn Mama kennen lernte und mich darauf mit ihm bekannt machte. Diese Bekanntschaft, die anfangs schien erfolglos bleiben zu sollen und eine langjährige Unterbrechung erlitt, erneuerte sich bei einer Gelegenheit, die ich noch erwähnen werde, und wurde ein echter Freundschaftsbund. Das genügt, um mir die Berechtigung zu geben, von einem Freunde zu sprechen, mit welchem ich so eng verbunden gewesen bin; allein selbst wenn ich für sein Gedächtnis kein persönliches Interesse hätte, so war er doch ein so liebenswürdiger und von der Natur mit so glücklichen Anlagen ausgestatteter Mann, daß ich ihm zur Ehre des menschlichen Geschlechts stets ein freundliches Andenken bewahren werde. Gleichwohl hatte auch dieser so treffliche Mann wie alle andern seine Fehler, wie man weiter unten sehen wird; aber hätte er sie nicht gehabt, wäre er vielleicht weniger liebenswürdig gewesen. Um ihn so fesselnd zu machen, wie er es nur sein konnte, mußte man ihm etwas zu verzeihen haben. Auch eine andere Verbindung aus der nämlichen Zeit hat noch immer Bestand und schmeichelt mir fort und fort mit der Hoffnung auf ein zeitliches Glück. Herr von Conzié, ein savoyischer Edelmann, damals jung und liebenswürdig, verfiel auf den Gedanken, Musik zu lernen oder vielmehr die Bekanntschaft des Musiklehrers zu machen. Neben Geist und Geschmack für die schönen Wissenschaften besaß Herr von Conzié eine Sanftmuth des Charakters, die ihn sehr anziehend machte, und ich selbst war es wiederum für solche Leute, an denen ich sie wahrnahm. Der Freundschaftsbund war bald geschlossen. Ich habe ihn seitdem wiedergesehen, und völlig verändert gefunden. O, welch ein großer Zauberer ist der Herr von Choiseul! Keiner meiner alten Bekannten hat seiner Umgestaltungskraft entgehen können. Die Keime von Literatur und Philosophie, die in meinem Kopfe aufzuschießen begannen und nur auf ein wenig Pflege und Nacheiferung warteten, um sich völlig zu entwickeln, fanden sie bei ihm. Für die Musik hatte Herr von Conzié wenig Anlage. Für mich war das ein Glück; die Unterrichtsstunden verliefen unter ganz anderen Dingen als unter Solfeggiren. Wir frühstückten, wir plauderten, wir lasen einige neue Erscheinungen der Presse und sprachen kein Wort von Musik. Der Briefwechsel Voltaire's mit dem Kronprinzen von Preußen erregte damals Aufsehen; wir unterhielten uns häufig von diesen beiden berühmten Männern, von denen der eine seit kurzem auf dem Throne, Friedrich der Große kam bekanntlich erst 1740 auf den Thron. Anm. des Uebers. schon im voraus seine künftige Größe errathen ließ, und der andere, so verrufen, wie jetzt bewundert, uns das Unglück, welches ihn zu verfolgen schien und das man so oft als das Loos großer Geister wahrnehmen kann, aufrichtig beklagen ließ. Der Kronprinz von Preußen war in seiner Jugend nicht sehr glücklich gewesen, und Voltaire schien dazu geschaffen, es nie zu sein. Das Interesse, das wir an dem einen wie dem andern nahmen, erstreckte sich auf alles, was sich auf sie bezog. Nichts von allem, was Voltaire schrieb, entging uns. Das Gefallen, das ich an dieser Lectüre fand, flößte mir den Wunsch ein, fein und gewählt schreiben zu lernen, und ich bestrebte mich, die glänzende Darstellung dieses Schriftstellers, von dem ich bezaubert war, nachzuahmen. Diese oft wiederholte Huldigung ist die beste Antwort, welche ich denen geben kann, die behaupten, Jean Jacques wäre auf Voltaire eifersüchtig gewesen. Einige Zeit darauf erschienen seine philosophischen Briefe. Obgleich sie sicherlich nicht sein bestes Werk sind, war es doch das, welches mich am meisten zum Studium zog, und diese wachsende Neigung erlosch seit jener Zeit nicht mehr. Aber der Augenblick war noch nicht gekommen, mich ihr gänzlich zu überlassen. Es blieb mir noch immer eine gewisse Flatterhaftigkeit, ein Verlangen zu gehen und zu kommen, welches zwar abgenommen hatte, aber nicht völlig unterdrückt war und durch das Leben im Hause der Frau von Warens, das für meinen Hang zur Einsamkeit zu geräuschvoll war, immer neue Nahrung erhielt. Diese Menge unbekannter Leute, die täglich von allen Seiten herbeiströmten, und meine feste Ueberzeugung, daß sie sie nur, ein jeder auf seine Weise, zu betrügen suchten, machten mir meine Wohnung zur wahren Qual. Seitdem ich Claude Anets Nachfolger im Vertrauen seiner Herrin war, verfolgte ich den Stand ihrer Verhältnisse näher und gewahrte einen Fortschritt zum Schlimmern, der mich mit Schrecken erfüllte. Hundertmal hatte ich ihr Vorstellungen gemacht, sie gebeten, gedrängt, beschworen und immer vergebens. Ich hatte mich ihr zu Füßen geworfen, hatte sie in klaren Worten auf die Katastrophe hingewiesen, hatte sie dringend ermahnt, ihre Ausgaben zu beschränken und mit mir dabei den Anfang zu machen, hatte sie gebeten, lieber jetzt, wo sie noch jung wäre, sich an geringe Entbehrungen zu gewöhnen, als sich bei dem steten Anwachsen ihrer Schulden und ihrer Gläubiger in ihren alten Tagen den lästigen Forderungen derselben und der Noth auszusetzen. Ergriffen von der Aufrichtigkeit meines Eifers, wurde sie eben so gerührt wie ich und machte mir die schönsten Versprechungen von der Welt. Aber bei dem Erscheinen des ersten besten Lumpen war alles wieder vergessen. Was blieb mir nach tausend Beweisen der Vergeblichkeit meiner Vorstellungen schließlich übrig, als die Augen von dem Uebelstand abzuwenden, den ich nicht zu verhüten im Stande war. Ich entfernte mich aus dem Hause, dessen Thür ich nicht hüten konnte; ich machte kleine Reisen nach Nyon, nach Genf, nach Lyon, auf denen ich mir zwar meinen geheimen Kummer aus dem Sinne schlug, aber durch meine Ausgaben doch zugleich den Grund zu demselben vergrößerte. Ich kann beschwören, ich hätte mit Freuden ganz auf sie verzichtet, wenn Mama von der dadurch erzielten Ersparnis wirklichen Nutzen gehabt hätte; aber dessen gewiß, daß alles, was ich mir entzog, nur Gaunern zu Gute kam, mißbrauchte ich ihre Schwäche, um mit ihnen zu theilen, und wie der Hund, der aus dem Schlachthaus kommt, schleppte ich von dem Bissen, den ich nicht hatte retten können, meinen Knochen hinweg. An Vorwänden für alle diese Reisen fehlte es mir nicht und schon Mama allein hätte mir hinreichende an die Hand gegeben, so viele geschäftliche Verbindungen, Unterhandlungen, Angelegenheiten und Aufträge hatte sie überall, deren Regelung nur einer zuverlässigen Persönlichkeit anvertraut werden konnte. Sie hatte nur immer Lust mich auszusenden, ich nur immer Lust zu reisen, was natürlich ein reges Wanderleben zur Folge haben mußte. Diese Reisen gaben mir Gelegenheit, einige gute Bekanntschaften zu machen, welche mir später angenehm oder nützlich waren, unter andern zu Lyon die des Herrn Perrichon, die ich im Hinblick auf die Güte, welche er mir bewies, bedauere nicht genug gepflegt zu haben; die des ehrlichen Parisot, von dem ich seiner Zeit reden werde; in Grenoble die der Frau Deybens und die der Frau Präsident von Bordonanche, einer sehr geistreichen Frau, die mir ihre Freundschaft geschenkt haben würde, wenn ich sie öfter hätte besuchen können; in Genf die des Herrn von La Closure, des französischen Geschäftsträgers, der mir oft von meiner Mutter erzählte, die sein Herz trotz ihres Todes und der Jahre noch immer nicht hätte vergessen können; die der beiden Barillot, von denen der Vater, der mich seinen Enkel nannte, im Umgange äußerst liebenswürdig und überhaupt einer der würdigsten Männer war, die ich je gekannt habe. Während der Unruhen in der Republik warfen sich diese beiden Bürger in die beiden sich einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, der Sohn in die der Bürgerschaft, der Vater in die der Regierung; und als man im Jahre 1737 zu den Waffen griff, sah ich bei meinem Aufenthalte in Genf Vater und Sohn bewaffnet aus demselben Hause kommen, der eine, um nach dem Rathhause, der andere, um nach seinem Sammelplatz zu eilen, sicher, sich zwei Stunden später einander gegenüber zu stehen, und der Gefahr ausgesetzt, einander zu tödten. Dieses entsetzliche Schauspiel machte auf mich einen so tiefen Eindruck, daß ich schwor, nie an einem Bürgerkriege Theil zu nehmen und die innere Freiheit nie mit den Waffen zu behaupten, weder mit meiner Person noch mit meiner Billigung, wenn ich je wieder in mein Bürgerrecht eintreten sollte. Ich kann mir das Zeugnis ausstellen, daß ich diesen Schwur bei einer sehr bedenklichen Gelegenheit gehalten habe, und man wird mir, wie ich glaube, zugeben, daß in meiner Mäßigung etwas Verdienstliches lag. Aber damals befand ich mich noch nicht in dieser ersten patriotischen Gährung, welche das unter Waffen stehende Genf in meinem Herzen erregte. Wie weit ich noch davon entfernt war, kann man einer sehr ernsten Thatsache entnehmen, die mir zur Last fällt. Ich habe sie an der richtigen Stelle zu berichten vergessen und hole sie hier nach, da sie hier nicht übergangen werden darf. Mein Oheim Bernard war vor einigen Jahren nach Carolina übersiedelt, um dort den Bau der Stadt Charleston zu leiten, zu dem er den Plan entworfen hatte; kurz darauf war er dort gestorben. Mein armer Vetter war ebenfalls im Dienste des Königs von Preußen gestorben, und meine Tante verlor so ihren Mann und ihren Sohn fast zu gleicher Zeit. Diese Verluste belebten wieder ein wenig ihre Freundschaft für den nächsten Verwandten, der ihr in meiner Person geblieben war. So oft ich nach Genf ging, wohnte ich bei ihr und unterhielt mich damit, die Bücher und Papiere, welche mein Oheim hinterlassen hatte, zu durchfliegen und zu durchblättern. Ich fand unter ihnen viele merkwürdige Dinge und Briefe, die man sicherlich nicht vermuthet hätte. Meine Tante, welche auf diese Papiere wenig Werth legte, hätte sie mir, wenn ich den Wunsch ausgesprochen, sämmtlich gern überlassen. Ich begnügte mich mit zwei oder drei Büchern, welche Glossen und Zusätze von der eigenen Hand meines Großvaters, des Pfarrers Bernard, enthielten. Unter andern eignete ich mir die hinterlassenen Werke von Rochault in Quartformat an, die voll trefflicher Randbemerkungen waren, welche mir Lust und Liebe zur Mathematik einflößten. Dieses Buch ist unter denen der Frau von Warens zurückgeblieben; es hat mir stets Leid gethan, es nicht behalten zu haben. Außer diesen Büchern nahm ich noch fünf oder sechs handschriftliche Abhandlungen und eine einzige gedruckte von dem bekannten Micheli Ducret, einem sehr geistreichen, gelehrten und aufgeklärten, aber zu unruhigen Manne, der von dem Genfer Rathe eine höchst grausame Behandlung zu erdulden hatte. Er war unlängst in der Festung Arberg gestorben, wo er lange Jahre eingesperrt gewesen, weil er in die Berner Verschwörung verwickelt sein sollte. Diese Abhandlung war eine sehr verständige Kritik jenes großen und lächerlichen Befestigungsplanes, den man in Genf theilweise ausgeführt hat, zum großen Gelächter der Fachleute, welche den geheimen Zweck nicht kennen, den der Rath bei der Ausführung dieses großartigen Unternehmens verfolgte. Weil Micheli wegen seines über diesen Plan ausgesprochenen Tadels von der Befestigungscommission ausgeschlossen worden war, hatte er geglaubt, als Mitglied der Zweihundert und schon als einfacher Bürger seine Ansicht darüber noch ausführlicher begründen zu dürfen, und das that er eben in dieser Abhandlung, die er unklugerweise hatte drucken, wenn auch nicht veröffentlichen lassen, denn er ließ nur die für die Zweihundert nöthigen Exemplare abziehen, welche jedoch auf Befehl des kleinen Raths auf der Post sämmtlich mit Beschlag belegt wurden. Diese Abhandlung nun fand ich unter den Papieren meines Oheims nebst der Erwiderung, welche er gegen sie abzufassen beauftragt worden war, und ich nahm die eine wie die andere an mich. Ich hatte diese Reise kurz nach meinem Austritt aus dem Kataster unternommen und war mit dem Advokaten Coccelli, welcher die Leitung desselben hatte, in einiger Verbindung geblieben. Einige Zeit darauf hatte der Director des Zollamts die Liebenswürdigkeit, mich zum Pathen seines Kindes zu wählen, und gab mir Frau Coccelli zur Mitgevatterin. Diese Ehrenerweisungen verdrehten mir den Kopf, und stolz, mit dem Herrn Advokaten in so naher Verbindung zu stehen, suchte ich mir einen Anstrich von Wichtigkeit zu geben, um mich dieser Ehre würdig zu zeigen. Von diesem Gedanken ausgehend, glaubte ich nichts Besseres thun zu können, als ihm Micheli's gedruckte Abhandlung, welche wirklich eine Seltenheit war, zum Zeugnisse dafür vorzuweisen, daß ich mit den angesehensten Genfer Bürgern, welchen die Staatsgeheimnisse bekannt wären, in Verbindung stände. Mit einer halben Zurückhaltung, die ich schwerlich zu erklären im Stande wäre, zeigte ich ihm indessen nicht die Erwiderung meines Oheims gegen diese Abhandlung, vielleicht weil sie nur handschriftlich vorhanden war, und bei dem Herrn Advokaten nur Gedrucktes Anerkennung fand. Er erkannte jedoch den Werth des Schriftstückes, welches ich die Dummheit hatte ihm anzuvertrauen, so gut, daß ich es nie zurückerhalten oder auch nur wieder zu Gesicht bekommen konnte. Vollkommen von der Vergeblichkeit meiner Bemühungen überzeugt, machte ich mir deshalb ein Verdienst daraus, das Gestohlene in ein Geschenk zu verwandeln. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß er versucht hat, sich mit dieser mehr merkwürdigen als werthvollen Schrift am Turiner Hofe Ansehen zu erwerben, und große Mühe aufgewandt hat, sich auf eine oder die andere Weise Ersatz für das Geld zu verschaffen, welches ihm die Auftreibung desselben gekostet haben mußte. Glücklicherweise ist von allem, was im Schooße der Zukunft liegen kann, es am allerwenigsten wahrscheinlich, daß der König von Sardinien eines Tages Genf belagern werde. Da es jedoch nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, werde ich meiner albernen Eitelkeit stets vorzuwerfen haben, daß ich die schwächsten Stellen dieses Platzes seinem ältesten Feinde aufgedeckt habe. Auf diese Weise verlebte ich zwei oder drei Jahre zwischen Musik, Gesangstunden, Plänen und Reisen, unaufhörlich von einem zum andern schwankend mit dem lebhaften Wunsche, mich zu Einem zu entschließen, ohne zu wissen wozu, aber endlich doch nach und nach zum Studium hingezogen, da ich mit Schriftstellern verkehrte, von Literatur reden hörte und bisweilen selbst mit hinein zu reden wagte, wobei ich mir freilich mehr die äußere Einkleidung der Bücher als die Kenntnis ihres Inhalts zu eigen machte. Auf meinen Genfer Reisen besuchte ich im Vorübergehen von Zeit zu Zeit meinen alten lieben Freund Simon, welcher meinen Drang und Eifer mit den allerneusten Berichten aus der Gelehrtenrepublik nährte, die er aus Baillet oder Colamie's schöpfte. Auch verkehrte ich in Chambery viel mit einem Jakobiner, einem Lehrer der Physik und höchst gutmüthigen Mönche, dessen Namen ich vergessen habe. Er machte oft kleine Experimente, die mir außerordentliche Freude machten. Ich wollte sein Beispiel befolgen und nach Anleitung von Ozanams »Mathematischen Belustigungen« sympathetische Tinte machen. Nachdem ich zu diesem Zwecke eine Flasche mehr als zur Hälfte mit ungelöschtem Kalk, Schwefelarsenik und Wasser gefüllt hatte, pfropfte ich sie fest zu. Die Gährung trat fast augenblicklich mit großer Heftigkeit ein. Ich lief nach der Flasche hin, um sie zu öffnen, war aber nicht schnell genug da; wie eine Bombe sprang sie mir ins Gesicht. Ich mußte Schwefelarsenik und Kalk hinunterwürgen, und wäre daran fast gestorben. Länger als sechs Wochen blieb ich blind und lernte auf diese Weise, mich nicht mit Experimentalphysik zu befassen, ohne ihre Anfangsgründe zu kennen. Im Hinblick auf meinen Gesundheitszustand, der seit einiger Zeit merklich schlechter wurde, stieß mir dieser Unfall sehr zur Unzeit zu. Ich weiß nicht, woher es kam, daß ich trotz meiner kräftigen Statur und Vermeidung jeglicher Ausschweifung zusehends abnahm. Ich habe eine umfangreiche breite Brust, die meiner Lunge genügenden Spielraum gewähren muß; nichtsdestoweniger hatte ich kurzen Athem, fühlte mich bedrückt, seufzte unwillkürlich, litt an Herzklopfen, spuckte Blut und bekam das schleichende Fieber, das ich nie wieder verloren habe. Wie kann man in der Blüte der Jahre, ohne einen organischen Fehler, ohne durch eigene Schuld die Gesundheit zerstört zu haben, in einen solchen Zustand verfallen? Der Degen nutzt die Scheide ab, pflegt man zu sagen. Das ist meine Geschichte. Meine Leidenschaften haben mir Lebenskraft gegeben und meine Leidenschaften haben mich getödtet. Was für Leidenschaften? wird man fragen. Nichtigkeiten, die kindischsten Sachen von der Welt, die mich aber in eine Aufregung versetzten, als hätte es sich um den Besitz der schönen Helena oder den Thron des Weltalls gehandelt. Zuerst die Frauen. Wenn ich eine besaß, so waren meine Sinne zwar ruhig, aber mein Herz war es nie. Mitten im Genusse verzehrte mich das Bedürfnis nach Liebe. Ich hatte eine zärtliche Mutter, eine theure Freundin, aber ich hatte eine Geliebte nöthig. Ich stellte mir diese an ihrer Stelle vor; ich rief mir, um mich selbst zu täuschen, ihr Bild unter tausenderlei Gestalten vor die Seele. Hätte ich mich, wenn ich Mama umarmte, dem Gedanken hingegeben, sie selbst in den Armen zu halten, so würden meine Umarmungen zwar nicht weniger lebhaft gewesen sein, aber all mein Verlangen wäre erloschen; ich hätte vor Zärtlichkeit geschluchzt, aber nicht genossen. Genießen! Ist der Mensch denn zum Genusse geschaffen? Ach, hätte ich alle Wonnen der Liebe je auch nur ein einziges Mal in meinem Leben in ihrer ganzen Fülle gekostet, ich glaube nicht, daß meine schwächliche Natur sie hätte aushalten können; ich wäre auf der Stelle gestorben. Ich glühte also vor Liebe ohne Gegenstand, und vielleicht erschöpft sie auf diese Weise am meisten. Ich war unruhig, gequält durch die üble Lage der Verhältnisse meiner armen Mutter und durch ihre unkluge Wirtschaft, die ihren völligen Untergang in kurzer Zeit hervorrufen mußte. Meine unerträgliche Phantasie, die dem Unglück immer zuvoreilt, zeigte ihn mir unaufhörlich in seiner ganzen Furchtbarkeit und allen seinen Folgen. Ich sah mich schon im voraus durch die bittre Noth gewaltsam von der getrennt, der ich mein Leben geweiht und ohne die ich keine Freude am Dasein hatte. So war mein Gemüth in fortwährender Aufregung; Verlangen und Furcht verzehrten mich abwechselnd. Die Musik war bei mir eine andere, zwar weniger heftige, aber nicht weniger verzehrende Leidenschaft wegen der Glut, mit der ich mich ihr hingab, wegen des beharrlichen Studiums der dunklen Werke Rameaus, wegen meiner unbezwinglichen Hartnäckigkeit, mein Gedächtnis mit dem, was ihm stets widerstrebte, zu belasten, wegen meiner fortwährenden Ausflüge und meiner unzähmbaren Sucht, wahre Berge von Musikalien zu sammeln, die mich antrieb oft ganze Nächte lang Noten abzuschreiben. Allein weshalb soll ich bei den fortdauernden Zuständen stehen bleiben, da alle Thorheiten, die durch meinen unbeständigen Kopf gingen, die flüchtigen Neigungen eines einzigen Tages, eine Reise, ein Concert, ein Abendessen, ein beabsichtigter Spaziergang, die Lectüre eines Romans, der Besuch einer Theatervorstellung, alles, was bei meinen Vergnügungen oder Geschäften in keiner Weise vorher bedacht war, für mich eben so heftige Leidenschaften wurden, die mir in ihrer lächerlichen Glut die größte Pein bereiteten? Die Lectüre der erdichteten Leiden Clevelands, über die ich gierig herfiel und oft unterbrechen mußte, hat mir, wie ich glaube, mehr schlechtes Blut gemacht, als meine eigenen. In Chambery lebte ein Genfer, Namens Bagueret, der unter Peter dem Großen eine Anstellung am russischen Hofe gehabt hatte, einer der elendesten Menschen und größten Narren, die ich je kennen gelernt habe, stets voller Pläne, die eben so toll waren wie er selbst. Er streute die Millionen nur so um sich her und ging mit den Nullen sehr freigebig um. Dieser Mensch, den ein beim höchsten Gerichte gegen ihn anhängig gemachter Proceß hierher getrieben hatte, bemächtigte sich selbstverständlich Mamas und preßte ihr für seine Schätze an Nullen, die er mit verschwenderischer Großmuth über sie ausschüttete, ihre wenigen Thaler Stück für Stück ab. Ich liebte ihn nicht, er bemerkte es, denn bei mir ist das nicht schwer zu erkennen, und nun gab es keine Art Kriecherei, die er nicht aufbot, mir zu schmeicheln. Er kam auf den Gedanken, mich im Schachspiel zu unterrichten, welches er ein wenig verstand. Ich machte fast wider Willen einen Versuch es zu lernen, und als ich erst die Züge der Figuren zur Noth begriffen hatte, machte ich so schnelle Fortschritte, daß ich ihm noch vor Ende der ersten Sitzung einen Thurm vorgab, den er mir am Anfange vorgegeben hatte. Mehr war bei mir nicht nöthig. Ich vergaß alles über das Schach. Ich kaufe ein Schachbrett, kaufe die Figuren, schließe mich in mein Zimmer ein, bringe Tage und Nächte damit zu, alle Züge auswendig zu lernen, sie wohl oder übel meinem Kopfe einzutrichtern und fort und fort allein zu spielen. Nach zwei oder drei Monaten dieser allerliebsten Arbeit und ganz undenkbarer Anstrengungen gehe ich abgemagert, gelb und fast stumpfsinnig nach dem Kaffeehause. Ich mache einen neuen Versuch und spiele wieder mit Herrn Bagueret; er besiegt mich einmal, zweimal, zwanzigmal; in meinem Kopfe hatten sich die vielen Berechnungen dergestalt verwirrt und meine Einbildungskraft war so erloschen, daß ich nur noch eine Wolke vor mir sah. So oft ich mich nach den Büchern Philidors oder Stamma's auf einzelne Züge habe einüben wollen, ist es mir in gleicher Weise ergangen; von Ermüdung erschöpft, fühlte ich mich schwächer als vorher. Ob ich übrigens das Schach eine Zeit lang ruhen ließ oder es mit Leidenschaft spielte, so bin ich doch seit dieser ersten Sitzung nie einen Schritt weiter gekommen, und ich habe mich stets auf demselben Punkte befunden, auf dem ich stand, als ich sie beendete. Und wenn ich mich Tausende von Jahrhunderten übte, würde ich es doch nie weiter bringen, als Bagueret einen Thurm vorgeben zu können. Das ist eine herrliche Anwendung der Zeit, wird man sagen. Ei ja, ich habe nicht wenig darauf verwendet. Ich endete diesen ersten Versuch erst, als ich nicht mehr die Kraft besaß ihn fortzusetzen. Als ich wieder aus meinem Zimmer unter die Menschen kam, hatte ich das Aussehen eines Ausgegrabenen, und hätte ich es so fortgetrieben, wäre ich nicht lange als ein Ausgegrabener umhergewandelt. Es ist, wie man zugeben wird, schwer, und zumal in der Zeit der vollsten Jugendkraft schwer, daß ein solcher Charakter den Körper stets in gesundem Zustande läßt. Die Abnahme meiner Gesundheit wirkte auf meine Laune und mäßigte die Glut meiner Hirngespinste. Da ich mich schwächer fühlte, wurde ich ruhiger und verlor ein wenig meine Reisewuth. Häuslicher geworden, wurde ich nicht von Langeweile, sondern von Schwermuth erfaßt. Krankhafte Launen folgten auf die Leidenschaften; meine Abgespanntheit ging in Trübsinn über; ich weinte und stöhnte über nichts, ich fühlte mein Leben dahin schwinden, ohne es genossen zu haben; ich seufzte über den Zustand, in dem ich meine arme Mama lassen würde, über den, in welchen ich sie im Begriffe sah zu versinken; mein einziger Kummer war, wie ich dreist behaupten kann, sie in dem Augenblicke verlassen zu müssen, wo sie am beklagenswerthesten war. Endlich wurde ich ernstlich krank. Sie pflegte mich, wie nie eine Mutter ihr Kind gepflegt hat, und das war für sie selbst gut, da sie dadurch von ihren Entwürfen abgelenkt und von den Projectenmachern fern gehalten wurde. Welch ein süßer Tod, wäre er damals eingetreten! Hatte ich wenig von den Gütern des Lebens genossen, so hatte ich doch auch wenig von den Uebeln, die es mit sich bringt, erduldet. Meine friedliche Seele konnte ruhig heimgehen ohne alle Bitterkeit über die Ungerechtigkeit der Menschen, die das Leben und den Tod vergiftet. Ich hatte den Trost, mich in der bessern Hälfte meines Selbst zu überleben; das hieß kaum sterben. Ohne die Unruhe, die mir ihr Schicksal einflößte, wäre mein Tod ein ruhiges Hinüberschlummern gewesen, und selbst diese Unruhe hatte einen rührenden und zärtlichen Gegenstand, der ihre Bitterkeit milderte. Ich sagte zu ihr: »Mein ganzes Sein lege ich in deine Hand; handle so, daß es glücklich ist!« Zwei- oder dreimal, als ich mich am schlimmsten befand, litt es mich nicht länger im Bette, ich erhob mich des Nachts und schleppte mich in ihre Kammer, um ihr Rathschläge über ihre Handlungsweise zu geben, die, wie ich wohl sagen darf, richtig und vernünftig waren, und in denen sich der Antheil, den ich an ihrem Schicksale nahm, deutlicher zeigte, als alles andere. Als wären die Thränen meine Nahrung und mein Heilmittel gewesen, gewann ich Kraft durch die, welche ich, auf ihrem Bette sitzend und ihre Hände in den meinigen haltend, bei ihr und mit ihr weinte. Die Stunden flogen in diesen nächtlichen Unterredungen dahin, und ich kehrte in besserem Befinden, als ich gekommen war, von ihnen zurück. Zufrieden und durch ihre Versprechungen wie durch die Hoffnungen, die sie in mir erweckt, beruhigt, schlief ich ein mit Frieden im Herzen und voll Ergebung in die Vorsehung. Wolle Gott, daß nach so vielen Ursachen das Leben zu hassen, nach so vielen Stürmen, die das meinige bewegt und es mir zur Last gemacht haben, der Tod, der ihm ein Ende machen wird, mir ein eben so wenig grausamer sei, als er es mir in jenen Augenblicken gewesen wäre. Durch ihre Pflege, Wachsamkeit und unglaubliche Mühe rettete sie mich, und es ist sicher, daß sie allein mich retten konnte. Ich habe wenig Vertrauen zu der Kunst der Aerzte, aber ein großes zu der der wahren Freunde. Das, wovon unser Glück abhängt, geschieht stets weit besser als alles andere. Giebt es im Leben ein köstliches Gefühl, so ist es das, welches wir empfanden, einander wiedergegeben zu sein. Unsere gegenseitige Anhänglichkeit nahm dadurch nicht zu, das war nicht möglich, aber sie nahm etwas, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, etwas noch Vertraulicheres, etwas in ihrer Einfachheit noch Rührenderes an. Ich wurde völlig ihr Werk, völlig ihr Kind, und mehr, als wenn sie meine wahre Mutter gewesen wäre. Wir fingen unbewußt an, uns nicht mehr von einander zu trennen, gewissermaßen unser ganzes Dasein als etwas zu einander Gehöriges zu betrachten, und fühlend, daß wir uns gegenseitig nicht allein nothwendig, sondern auch genügend wären, gewöhnten wir uns daran, an nichts außer uns Liegendes mehr zu denken, unser Glück und unsere Wünsche gänzlich auf diesen gegenseitigen und vielleicht unter den Sterblichen einzigen Besitz zu beschränken, der, wie gesagt, nicht der der Liebe, sondern ein weit zuverlässigerer Besitz war, der, ohne auf der Sinnlichkeit, dem Geschlecht und der Gestalt zu beruhen, das ganze Wesen umfaßte, und den man nur verlieren kann, wenn man aufhört zu sein. Woran lag es, daß diese glückliche Wendung nicht ihr wie mein Glück für immer herbeiführte? Nicht an mir, dieses tröstliche Zeugnis kann ich mir geben; und eben so wenig trug sie die Schuld, wenigstens nicht mit Willen. Es stand geschrieben, daß die nicht zu überwindende Natur bald wieder ihre Herrschaft einnehmen sollte. Aber dieser unselige Rückschlag trat nicht plötzlich ein. Dank dem Himmel blieb eine Zwischenzeit, eine kurze, aber köstliche Zwischenzeit, die nicht durch meine Schuld ein Ende nahm, und die ich, wie ich mir mit gutem Gewissen nachsagen kann, nach bestem Vermögen ausgenutzt habe. Obgleich von meiner schweren Krankheit genesen, hatte ich meine alte Lebenskraft doch nicht wiedergewonnen. Meine Brust war noch nicht wieder hergestellt; ein Ueberbleibsel des Fiebers hielt noch immer an und ermattete mich. Mein ganzes Sinnen war nur darauf gerichtet, mein Leben an der Seite der Frau zu beschließen, die mir theuer war, sie in ihren guten Entschlüssen zu erhalten, ihr begreiflich zu machen, worin der wahre Reiz eines glücklichen Lebens bestände und ihr Leben, so weit es von mir abhinge, in ein solches zu verwandeln. Aber ich sah ein, ich fühlte es sogar, daß die beständige Einsamkeit eines nur auf uns beide beschränkten Beisammenseins in einem düstern und langweiligen Hause schließlich auch langweilig werden würde. Wie von selbst zeigte sich ein Gegenmittel dawider. Mama hatte mir Milch verordnet und verlangte, ich sollte auf dem Lande eine förmliche Milchkur durchmachen. Ich willigte unter der Bedingung ein, daß sie mit mir auf das Land zöge. Mehr bedurfte es nicht, um sie dafür zu gewinnen; es handelte sich nur noch um die Wahl des Ortes. Der Garten in der Vorstadt gewährte nicht die Genüsse des Landlebens; von Häusern und andern Gärten umgeben, hatte er nicht den Reiz einer ländlichen Zurückgezogenheit. Nach Anets Tode hatten wir übrigens den Garten aus Gründen der Sparsamkeit wieder abgetreten, da wir uns nicht mehr mit der Zucht von Pflanzen beschäftigen wollten, und uns andere Absichten diesen Zufluchtsort nicht mehr begehrenswerth machten. Indem ich nun den Widerwillen, den ich bei ihr gegen die Stadt fand, benutzte, schlug ich ihr vor, dieselbe ganz zu verlassen und uns in einer freundlichen, aber einsamen Gegend ansässig zu machen, in irgend einem Häuschen, welches durch seine Entfernung Hoffnung erweckte, lästige Besucher fern zu halten. Sie hätte es gethan, und dieser Entschluß, den ihr und mein guter Engel mir eingab, hätte uns wahrscheinlich glückliche und ruhige Tage bis zu dem Augenblicke gesichert, wo der Tod uns scheiden mußte. Aber eine solche Lebenslage war uns nicht beschieden. Mama sollte, nachdem sie ihr Leben in Ueberfluß zugebracht hatte, alle Sorgen der Armuth und des Elends durchmachen, um diese Welt mit weniger Schmerz verlassen zu können; und ich sollte eine Reihe von Leiden aller Art Über mich ergehen lassen, um dermaleinst jedem als Beispiel zu dienen, der aus reiner Liebe für das allgemeine Wohl und aus Gerechtigkeitssinn den Muth hat, den Menschen im Bewußtsein seiner Unschuld offen die Wahrheit zu sagen, ohne sich auf eine Partei zu stützen, ohne sich Anhänger verschafft zu haben, die im Stande waren, ihn zu schützen. Eine unglückliche Rücksicht hielt sie ab. Sie wagte nicht, ihr garstiges Haus aufzugeben, aus Furcht, den Besitzer zu erzürnen. »Dein Plan eines zurückgezogenen Lebens ist reizend,« sagte sie zu mir, »und ganz nach meinem Geschmack; aber in dieser Zurückgezogenheit bedarf man des Unterhalts. Wenn ich mein Gefängnis verlasse, laufe ich Gefahr, mein Brot zu verlieren, und wenn es uns in den Wäldern fehlt, werden wir doch wieder in die Stadt zurückkehren müssen, um es dort zu suchen. Um es nicht erst nöthig zu haben, wollen wir sie nicht ganz verlassen. Bezahlen wir dem Grafen von Saint-Laurent diese kleine Pension, damit er mir die meinige läßt. Suchen wir irgend einen abgelegenen Versteck, weit genug von der Stadt, um in der Stille zu leben, und nahe genug, um jederzeit zu ihr gelangen zu können.« So geschah es denn. Nach kurzem Suchen übersiedelten wir nach Charmettes, einem zwar vor dem Thore von Chambery gelegenen Gute des Herrn von Conzié, das aber trotzdem so versteckt und einsam lag, als wäre man hundert Meilen davon. Zwischen zwei ziemlich hohen, mit Wein bebauten Hügeln zieht sich ein kleines Thal von Norden nach Süden hin, auf dessen Grunde sich ein Bach zwischen Steinen und Bäumen hindurchwindet. Dieses Thal entlang liegen auf halber Bergeshöhe einzelne Häuser zerstreut in recht angenehmer Lage für jemand, der die Einsamkeit liebt. Nachdem wir zwei oder drei von diesen Häusern besichtigt hatten, wählten wir endlich das hübscheste, welches einem Herrn Noiret, einem im Dienst stehenden Edelmanne gehörte. Das Haus war sehr wohnlich. Vor demselben befand sich ein terrassenförmiger Blumengarten, über ihm ein Weingarten, unter ihm ein Obstgarten; gegenüber ein kleines Kastanienwäldchen, in geringer Entfernung eine Quelle; höher im Gebirge Wiesen zum Unterhalt des Viehs, kurz alles, was wir für die kleine Landwirthschaft, die wir treiben wollten, nöthig hatten. So weit ich mich zu erinnern vermag, nahmen wir gegen Ende des Sommers 1736 davon Besitz. Ich war am ersten Tage, als wir dort schliefen, außer mir vor Wonne. »O Mama,« sagte ich zu dieser theuren Freundin, indem ich sie umarmte und mit Thränen der Rührung und Freude benetzte, »hier ist die Heimat des Glückes und der Unschuld. Wenn wir hier nicht beides finden, brauchen wir es nirgends zu suchen.« Das Haus, welches Rousseau mit Frau von Warens in Charmettes bewohnte, trägt folgende Inschrift, die Herault de Sechelles im Jahre 1792 an ihm anbringen ließ, als er Bevollmächtigter des Convents im Departement Mont-Blanc war: Réduit par Jean-Jacque habité. Tu me rapelles son genie, Sa solitude, sa fierté Et ses malheurs et sa folie A la gloire, à la verité Il osa consacrer sa vie, Et fut toujours persécuté Ou par lui-même, ou par l'envie. Sechstes Buch. 1736 Hoc erat in votis: modus agri non ita magnus, Hortus ubi, et tecto vicinus iugis aquae fons; Et paulum silvae super his foret ... Ich kann jedoch nicht hinzufügen: auctius atque Di melius fecere. Allein das thut nichts, denn ich hatte nicht mehr nöthig, ich hatte es nicht einmal als Eigenthum nöthig; der Genuß genügte mir, und schon vor langer Zeit habe ich es gefühlt und ausgesprochen, daß Eigentümer und Inhaber oft zwei sehr verschiedene Personen sind, auch wenn man dabei die Begriffe Mann und Liebhaber ganz bei Seite läßt. Hier beginnt das kurze Glück meines Lebens; hier erscheinen die friedlichen aber flüchtigen Augenblicke, welche mir das Recht gegeben haben zu sagen, daß ich gelebt habe. Köstliche und sehnlich wieder zurückgewünschte Augenblicke! Ach, kehret noch einmal wieder mit eurem Zauberrausch und ziehet, so es möglich ist, in der Erinnerung langsamer an mir vorüber, als ihr es in eurer schnellen Flucht in Wahrheit thatet. Wie soll ich es anstellen, um nach meiner Herzensneigung diese rührende und doch so einfache Schilderung auszudehnen, um stets das Nämliche zu erzählen und wieder zu erzählen und dabei doch den Leser nicht durch die Wiederholung von Dingen zu langweilen, bei denen ich mich selbst nicht langweilte, so oft ich sie auch von neuem erlebte? Wenn dies alles noch in Thatsachen, in Handlungen, in Worten bestände, würde ich es schildern und in irgend einer Weise wiedergeben können; allein wie etwas zum Ausdruck bringen, was weder gesagt noch gethan, nicht einmal gedacht, sondern nur empfunden, nur gefühlt wurde, ohne daß ich im Stande wäre einen andern Grund meines Glückes anzugeben, als dieses Gefühl selbst. Ich stand mit der Sonne auf und war glücklich; ich ging spazieren und war glücklich; ich sah Mama und war glücklich; ich verließ sie und war glücklich; ich durchstreifte die Waldungen und Berge, ich durchirrte die Thäler; ich las, ich war müßig, ich arbeitete im Garten, ich pflückte das Obst, ich half in der Wirtschaft und überall hin folgte mir das Glück; es war nicht in irgend etwas greifbar und nachweisbar, es lag völlig in mir selber, es konnte mich nicht einen einzigen Augenblick verlassen. Nichts von allem, was mir in diesem süßen Lebensabschnitt begegnet ist, nichts von dem, was ich während dieser ganzen Zeit gethan, gesagt und gedacht habe, ist meinem Gedächtnisse entfallen. Der vorhergehenden wie der späteren Zeiten erinnere ich mich nur bruchstückweise; ich entsinne mich ihrer nur ungleichmäßig und verworren, aber jener entsinne ich mich so vollkommen, als ob ich noch mitten in ihr lebte. Meine Einbildungskraft, welche in meiner Jugend immer vorwärts eilte und jetzt nur rückwärts blickt, ersetzt mir durch diese lieblichen Erinnerungen die Hoffnung, die ich für ewig verloren habe. Ich sehe in der Zukunft nichts mehr, das mich anlockt; nur die Rückblicke in die Vergangenheit erfüllen mich mit Freude, und diese Rückblicke in den Zeitabschnitt, von dem ich rede, sind so lebendig und wahrheitsgetreu, daß sie mich oft mitten in meinen Leiden ein reines Glück genießen lassen. Ich will von diesen Erinnerungen ein einziges Beispiel anführen, aus dem man auf ihre Lebhaftigkeit und Stärke wird schließen können. Am ersten Tage, an welchem wir uns nach Charmettes begaben, um daselbst zu schlafen, ließ sich Mama in einer Sänfte tragen, und ich ging hinterher. Der Weg steigt; sie war ziemlich schwer und, da sie die Träger allzu sehr zu ermüden fürchtete, wollte sie ungefähr auf dem halben Wege aussteigen und den Rest zu Fuß zurücklegen. Beim Wandern sah sie etwas Blaues in der Hecke und sagte zu mir: »Da ist noch Wintergrün in voller Blüte.« Ich hatte nie Wintergrün gesehen; ich neigte mich nicht hinab, es zu betrachten, und bin zu kurzsichtig, um bei meiner Größe die Pflanzen auf der Erde zu unterscheiden. Ich warf nur im Vorübergehen einen Blick auf das Wintergrün, und fast dreißig Jahre sind seitdem vergangen, ohne daß ich es seitdem wiedergesehen, oder ihm Beachtung geschenkt habe. Als ich nun im Jahre 1764 meinem Freunde Du Peyrou in Cressier einen Besuch abstattete, erstiegen wir einen kleinen Berg, auf dessen Gipfel er einen niedlichen Saal erbaut hat, den er mit Recht Belle-Vue nennt. Ich fing damals gerade an, ein wenig zu botanisiren. Während ich nun durch das Gesträuch aufwärts klettre und umherblicke, rufe ich plötzlich aus: »Ach, da ist Wintergrün:« und das war es in der That. Du Peyrou, der mein Entzücken bemerkte, konnte sich schwerlich die Ursache denken. Er wird sie nun erfahren, wenn er, wie ich hoffe, dies lesen wird. Der Leser kann aus dem Eindrucke, den ein so unbedeutender Gegenstand auf mich ausübte, auf den schließen, welchen alles, was sich auf jene Zeit bezieht, auf mich machte. Die Landluft gab mir indessen meine Gesundheit nicht wieder. Ich siechte nur immer mehr dahin. Ich konnte die Milch nicht vertragen und mußte ihrem Genusse entsagen. Damals war die Wasserkur in die Mode gekommen; ich warf mich also auf das Wasser und in so unbesonnener Weise, daß mit meinen Leiden auch beinahe noch mein Leben ein Ende genommen hätte. Jeden Morgen, nachdem ich aufgestanden war, ging ich mit einem Becher zur Quelle und trank, dabei umherwandelnd, nach und nach gewiß zwei ganze Flaschen. Dem Tischwein entsagte ich ganz und gar. Das Wasser, welches ich trank, war wie die meisten Gebirgswasser hart und schwer verdaulich. Kurz, ich stellte es so gut an, daß ich mir in weniger als zwei Monaten den Magen vollständig verdarb, der bis dahin sehr gut gewesen war. Da ich nichts mehr verdauen konnte, sah ich ein, daß ich auf Heilung nicht länger rechnen durfte. In der nämlichen Zeit trat bei mir eine Erscheinung ein, die an und für sich wie durch die Folgen, die nur mit meinem Tode aufhören werden, höchst sonderbar vor. Eines Morgens, als ich mich nicht unwohler als gewöhnlich befand und eben eine kleine Tischplatte auf ihr Fußgestell legte, fühlte ich in meinem ganzen Körper eine plötzliche und fast unbegreifliche Veränderung. Ich kann sie nicht besser als mit einer Art Sturm vergleichen, der sich in meinem Blute erhob und sich in einem Augenblicke über alle meine Glieder verbreitete. Meine Adern begannen mit einer solchen Gewalt zu schlagen, daß ich ihr Pochen nicht allein fühlte, sondern auch hörte und namentlich das Klopfen in den Kopfarterien. Dazu gesellte sich ein starkes Ohrensausen, und in ihm ließ sich etwas Dreifaches oder Vierfaches unterscheiden, nämlich ein tiefes und dumpfes Brausen, ein Murmeln, heller wie von rieselndem Wasser, ein sehr scharfes Pfeifen und das eben erwähnte Herzklopfen, dessen Schläge ich leicht zählen konnte, ohne erst meinen Puls zu fühlen oder meinen Körper mit den Händen zu berühren. Dieser lärmende Aufruhr in meinem Innern war so gewaltig, daß er mir die frühere Feinheit des Gehörs raubte und mich zwar nicht taub, aber doch harthörig machte, wie ich es seitdem geblieben bin. Man kann sich meine Ueberraschung und meinen Schrecken vorstellen, ich hielt mich für dem Tode nah und legte mich zu Bett; der Arzt wurde geholt, ich erzählte ihm zitternd mein Leiden, das mir unheilbar schien. Ich glaube, er theilte meine Ansicht, aber er that, was sein Beruf mit sich brachte. Er hielt mir lange Vorträge, von denen ich keine Silbe verstand, darauf begann er zufolge seiner erhabenen Theorie die Experimentalkur in anima vili, die es ihm an mir zu versuchen einfiel. Sie war so schmerzhaft, so widerlich und hatte so wenig Erfolg, daß ich ihrer bald müde wurde, und als ich nach Verlauf einiger Wochen bemerkte, daß ich mich nicht besser und nicht schlechter befand, verließ ich das Bett und nahm meine gewöhnliche Lebensweise trotz dem Schlagen meiner Arterien und meines Ohrensausens wieder auf, das mich von da an, das heißt seit dreißig Jahren, nicht eine Minute verlassen hat. Bis dahin war ich sehr verschlafen gewesen. Die vollkommene Schlaflosigkeit, welche alle diese Krankheitserscheinungen begleitete und sie bis jetzt beständig begleitet hat, bestärkte mich vollends in der Ueberzeugung, daß mir nur noch wenig Zeit zu leben blieb. Diese Ueberzeugung beruhigte mich auf einige Zeit über die Sorge für meine Genesung. Da ich mein Leben nicht verlängern konnte, beschloß ich die kurze Lebenszeit, die mir noch vergönnt war, bestmöglichst auszukaufen, und das ermöglichte mir eine besondere Begünstigung der Natur, die mich in einem so traurigen Zustande mit den Schmerzen verschonte, die er dem Anscheine nach hätte hervorrufen müssen. Ich war von dem ewigen Sausen belästigt, litt aber nicht darunter; es war mit keiner andern bleibenden Unbequemlichkeit verbunden als des Nachts mit Schlaflosigkeit und mit einem stets kurzen Athem, der aber nicht bis zum Asthma ausartete und sich nur fühlbar machte, wenn ich laufen oder eine angestrengte Arbeit verrichten wollte. Das Leiden, das meinem Körper hätte tödtlich werden müssen, tödtete nur meine Leidenschaften, und wegen der glücklichen Wirkungen, die es auf meine Seele ausübte, segne ich den Himmel jeden Tag dafür. Ich kann wohl sagen, daß ich erst zu leben anfing, als ich mich als einen todten Mann betrachtete. Indem ich den Dingen, von denen ich scheiden sollte, ihren wahren Werth zuerkannte, begann ich mich mit edleren Pflichten zu beschäftigen, mich gleichsam schon im voraus denen überlassend, die ich nun bald zu erfüllen haben würde, und die ich bis dahin arg vernachlässigt hatte. Ich hatte mir die Religion oft nach meiner Weise ausgelegt, war aber nie ganz ohne Religion gewesen. Deshalb fiel es mir weniger schwer auf diesen, für so viele Leute abstoßenden, Gegenstand zurückzukommen, der aber für alle, denen er eine Quelle des Trostes und der Hoffnung bildet, so süß ist. Bei dieser Gelegenheit war mir Mama weit nützlicher, als es mir alle Theologen gewesen wären. Da sie alles in ein System brachte, hatte sie nicht ermangelt, es mit der Religion eben so zu machen, und dieses System war aus sehr ungleichartigen, einerseits sehr vernünftigen, andrerseits aber auch sehr thörichten Vorstellungen, aus Gefühlen, die ihrem Charakter entsprachen und aus Vorurtheilen zusammengesetzt, die ein Ergebnis ihrer Erziehung waren. Die Gläubigen denken sich Gott im allgemeinen, wie sie selber sind, die Guten gut, die Bösen böse; Fromme von gehässigem und galligem Charakter sehen nur die Hölle, weil sie die ganze Welt verdammen möchten; liebende und sanfte Seelen glauben kaum an sie, und ich habe mich nie von der Verwunderung erholen können, die sich meiner bemächtigte, als ich den guten Fénélon in seinem Telemach von ihr reden sah, als ob er im Ernste an sie glaubte. Aber ich hoffe, daß er damals log; denn wie wahrhaft man auch sein möge, muß man doch bisweilen lügen, wenn man Bischof ist. Mama log mir gegenüber nicht, und diese Seele ohne Haß, die sich keinen Gott der Rache und des steten Grimmes vorstellen konnte, sah nur Gnade und Erbarmen, wo die Frömmler nur Gericht und Strafe sehen. Sie behauptete oft, Gott würde keine Gerechtigkeit haben, wenn er gegen uns gerecht wäre, denn da er uns das nicht gegeben hat, was dazu gehört, es zu sein, würde er mehr fordern, als er uns verliehen hat. Seltsamerweise ließ sie sich, obgleich sie nicht an die Hölle glaubte, doch den Glauben an das Fegefeuer nicht nehmen. Dies kam daher, daß sie mit den Seelen der Bösen nichts anzufangen wußte, daß sie dieselben nicht verdammen und doch auch mit den Guten erst in Verbindung bringen konnte, wenn sie selber gut geworden waren; und man muß gestehen, daß es wahrlich in dieser wie in der jenseitigen Welt mit den Bösen immer ein mißlich Ding ist. Noch eine andere Seltsamkeit. Man sieht ein, daß durch dieses System die ganze Lehre von der Erbsünde und der Erlösung aufgehoben, das Fundament des gewöhnlichen Christenthums erschüttert wird, und der Katholicismus wenigstens damit nicht bestehen kann. Mama war indessen eine gute Katholikin oder machte Anspruch darauf es zu sein, und that es sicherlich im besten Glauben. Man schien ihr die heilige Schrift zu buchstäblich und zu hart auszulegen. Alles, was man von den ewigen Qualen in ihr liest, betrachtete sie nur als Drohungen oder Gleichnisreden. Der Tod Jesu Christi schien ihr ein Beispiel von wahrhaft göttlicher Erbarmung, um die Menschen zu lehren, Gott und sich selbst unter einander zu lieben. Mit einem Worte, treu der Religion, zu der sie sich bekannte, nahm sie auch aufrichtig deren ganzes Glaubensbekenntnis an; sobald es zur Erörterung der einzelnen Artikel kam, ergab es sich, daß sie ganz anders als die Kirche glaubte, wenn sie sich ihr auch immer unterwarf. Sie hatte in dieser Hinsicht eine Herzenseinfalt und einen Freimuth, der beredter war als jede sophistische Rechthaberei und sogar ihren Beichtvater oft in Verlegenheit setzte, da sie ihm nichts verhehlte. »Ich bin eine gute Katholikin,« sagte sie zu ihm, »und will es immer bleiben; ich füge mich mit ganzer Seele den Aussprüchen der heiligen Mutter Kirche. Ich bin nicht Herrin meines Glaubens, aber meines Willens. Ihn unterwerfe ich rückhaltslos und will alles glauben. Was verlangen Sie mehr von mir?« Ich glaube, wenn es auch keine christliche Moral gegeben hätte, würde sie nach ihr gelebt haben, so sehr stand dieselbe mit ihrem Charakter in Einklang. Sie that alles, was verordnet war, aber sie hätte es gleichfalls gethan, wäre es auch nicht verordnet gewesen. In gleichgiltigen Dingen gehorchte sie gern, und wäre es ihr gestattet, ja wäre es ihr sogar befohlen worden, an Festtagen Fleischspeisen zu essen, sie hätte aus Gottesfurcht die Fasten beobachtet, ohne auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen. Allein diese ganze Sittenlehre war den Grundsätzen des Herrn von Tavel untergeordnet, oder behauptete sie vielmehr, nichts Widerstreitendes in ihnen zu erblicken. Sie hätte mit aller Gewissensruhe täglich mit zwanzig Männern Gemeinschaft pflegen können, ohne dabei mehr Bedenken als Begierde zu empfinden. Ich weiß, daß viele Frömmlerinnen in diesem Punkte nicht bedenklicher sind; allein ein großer Unterschied liegt darin, daß sie durch ihre Leidenschaften verführt werden und Mama nur durch ihre Trugschlüsse. In den rührendsten, ja ich scheue mich nicht zu behaupten, in den erbaulichsten Gesprächen hätte sie auf diesen Punkt eingehen können, ohne auch nur die Miene zu verziehen oder in einen andern Ton zu verfallen, ohne sich im Widerspruch mit sich selbst zu glauben. Sie hätte sogar ein derartiges Gespräch im Nothfalle um der That selber willen unterbrechen können, und würde es dann mit derselben Ruhe wie vorher wieder aufgenommen haben, so vollkommen war sie innerlich davon überzeugt, daß dies alles nur ein Grundsatz der gesellschaftlichen Ordnung wäre, den jeder vernünftige Mensch auslegen, befolgen und hin und wieder verletzen könnte, ganz nach seiner Beurtheilung der Dinge, ohne befürchten zu brauchen, Gott damit zu beleidigen. Obgleich ich in diesem Punkte gewiß nicht ihre Ansicht theile, gebe ich doch zu, daß ich sie nicht zu bestreiten wagte, weil ich mich schämte, gegen sie eine so wenig galante Rolle durchzuführen. Ich hätte freilich diese Regel für die andern gelten lassen sollen, unter der Bemühung, mich von ihr auszuschließen; aber abgesehen davon, daß schon Mamas Temperament den Mißbrauch ihrer Grundsätze hinreichend verhütete, wußte ich auch, daß sie eine Frau war, die sich nicht täuschen ließ, und daß die Beanspruchung einer Ausnahme für meine Person ihr dieselbe für jeden nach ihrem Belieben eingeräumt hätte. Uebrigens führe ich hier diese Inconsequenz nur gelegentlich der andern an, obgleich sie auf ihre Aufführung stets von wenig Einfluß gewesen ist und damals gerade völlig einflußlos war. Allein ich habe versprochen, ihre Grundsätze getreu auseinander zu setzen, und dieser Verpflichtung will ich nachkommen. Ich kehre zu mir selbst zurück. Da ich bei ihr alle Lehren und Lebensregeln fand, deren ich bedurfte, um meine Seele vor den Schrecken des Todes und dessen, was er mit sich bringt, zu bewahren, so schöpfte ich mit Ruhe aus dieser Quelle der Zuversicht. Ich hing mit innigerer Liebe als je an ihr; ich hätte mein Leben, dessen Ende ich herannahen fühlte, ganz auf sie übertragen mögen. Aus dieser verdoppelten Liebe zu ihr, aus der Ueberzeugung, daß ich nur noch kurze Zeit zu leben hatte, aus meiner tiefen Ruhe über das Schicksal, das meiner wartete, ging ein gleichmäßiger Zustand des Friedens und sogar des sinnlichen Genusses hervor, da er alle Leidenschaften, die unsere Befürchtungen und Hoffnungen in die Weite führen, beruhigte und mich deshalb die wenigen Tage, die mir noch blieben, unbesorgt und unbekümmert genießen ließ. Eins trug dazu bei, sie mir noch angenehmer zu machen; dies war mein Bemühen, ihr Gefallen an dem Landleben durch alle Vergnügungen zu nähren, die ich ihr irgend verschaffen konnte. Indem ich ihr Freude an ihrem Garten, ihrem Hühnerhofe, ihren Tauben und Kühen einflößte, gewann ich selbst dies alles lieb, und diese kleinen Beschäftigungen, die meinen Tag ausfüllten, ohne meine Ruhe zu stören, wirkten auf mich wohlthätiger als die Milch und alle Heilmittel, um meine arme Maschine fortarbeiten zu lassen und sie sogar so viel als möglich wieder auszubessern. Die Weinlese, die Obsternte machten uns den Rest dieses Jahres angenehm und heiter und fesselten uns inmitten der guten Leute, von denen wir umgeben waren, mehr und mehr an das Landleben. Mit großem Bedauern sahen wir den Winter kommen und kehrten in die Stadt zurück, als wären wir in die Verbannung gegangen, ich besonders, der ich in dem Wahne, den Frühling nicht mehr zu erleben, Charmettes auf ewig Lebewohl gesagt zu haben glaubte. Ich verließ es nicht ohne die Erde und die Bäume zu küssen und ohne mich, als ich endlich aufbrach, mehrmals umzukehren. Da ich meine Schülerinnen schon längst entlassen und mein Gefallen an den Vergnügungen und Gesellschaften der Stadt verloren hatte, ging ich nicht mehr aus und sah niemand mehr, ausgenommen Mama und einen Herrn Salomon, der seit kurzem ihr und mein Arzt geworden war, einen ehrlichen geistreichen Mann und großen Cartesianer, der über das Weltsystem recht anregend zu sprechen verstand und dessen angenehme und lehrreiche Gespräche ich höher schätzte als alle seine Verordnungen. Das alberne und inhaltslose Geplauder gewöhnlicher Unterhaltungen habe ich nie ausstehen können; aber nützliche und gehaltvolle Unterhaltungen haben mir stets große Freude gemacht, und ich habe mich ihnen nie entzogen. Ich fand an den Gesprächen mit Herrn Salomon großes Gefallen; mich schien bei ihm schon ein Hauch jenes hohen Wissens zu umwehen, welches sich meine Seele, wenn sie ihre Fesseln abgestreift haben würde, dereinst erwerben sollte. Dieses Gefallen an ihm erstreckte sich auch auf die Gegenstände, die er erörterte, und ich begann mich um die Bücher zu bemühen, welche mir dazu behilflich sein konnten, ihn besser zu verstehen. Die, in welchen das Wissenschaftliche mit frommem Sinne behandelt wurde, waren mir die liebsten; der Art waren besonders die des Oratoriums und von Port-Royal. Ich fing an sie zu lesen oder vielmehr zu verschlingen. Unter andern fiel mir eines in die Hände, welches der Pater Lami unter dem Titel »Gespräche über die Wissenschaften« herausgegeben hatte. Es war eine Art Einleitung in die Kenntnis wissenschaftlicher Werke. Ich las es und las es hundertmal wieder; ich beschloß meinen Leitfaden daraus zu machen. Trotz meines Zustandes oder vielmehr in Folge meines Zustandes fühlte ich mich endlich nach und nach mit unwiderstehlicher Gewalt zum Studium hingezogen, und während ich jeden Tag als den letzten meines Lebens betrachtete, studirte ich mit einer solchen Leidenschaft, als hätte ich ein ewiges Leben vor mir gehabt. Man sagte, das wäre mir nachtheilig, ich dagegen glaube, es war mir vortheilhaft und zwar nicht allein für meinen Geist, sondern auch für meinen Körper; denn diese geistige Anstrengung, der ich mich mit Leidenschaft überließ, wurde mir so genußreich, daß ich an mein Uebelbefinden gar nicht mehr dachte und deshalb auch weniger darunter litt. Allerdings verschaffte mir nichts eine wirkliche Linderung, da ich aber keine heftigen Schmerzen empfand, gewöhnte ich mich daran, einen siechen Körper zu haben, nicht schlafen zu können, nur zu denken, anstatt mich körperlich zu beschäftigen und endlich daran, die allmähliche und langsame Abnahme meiner Kräfte wie einen unvermeidlichen Proceß zu betrachten, dem der Tod allein Halt gebieten könnte. Diese Ueberzeugung befreite mich nicht allein von allen nichtigen Erdensorgen, sondern auch von den lästigen Curen, denen man mich bis jetzt wider meinen Willen unterworfen hatte. Ueberzeugt, daß mir seine Arzneien die Gesundheit nicht wiedergeben könnten, verschonte mich Salomon mit diesem übelschmeckenden Zeuge und begnügte sich damit, den Schmerz der armen Mama mit einigen jener unschädlichen Recepte zu beschwichtigen, welche die Hoffnung des Kranken nähren und das Vertrauen zu dem Arzte aufrechterhalten. Ich gab die strenge Diät auf, trank wieder Wein und nahm, so weit meine Kräfte es gestatteten, wieder die Lebensweise eines gesunden Mannes auf, in jedem Dinge mäßig, aber mir nichts versagend. Ich ging sogar aus und begann von neuem meine Bekannte zu besuchen, namentlich Herrn von Conzié, an dessen Umgange ich großes Gefallen fand. Kurz, ob es mir nun schön vorkam, bis zu meiner letzten Stunde zu lernen, oder ob sich noch heimlich ein Rest von Lebenshoffnung auf dem Grunde meiner Seele erhielt, die Erwartung meines nahen Todes war so weit davon entfernt, meinen Lerneifer zu mäßigen, daß sie ihn vielmehr anzufachen schien, und ich beeilte mich, einiges Wissen für die andere Welt zu sammeln, als hätte ich geglaubt, dort nur auf das eigen erworbene angewiesen zu sein. Ich war gern in dem Laden eines Buchhändlers, namens Bouchard, den einige Gelehrte als Bezugsquelle benutzten; und als nun der Frühling nahte, den ich nicht mehr zu erleben geglaubt hatte, so versah ich mich mit einigen Büchern für Charmettes, im Falle ich das Glück hätte, dorthin zurückzukehren. Ich hatte dieses Glück und kaufte es auf das Beste aus. Die Freude, mit der ich die ersten Knospen sah, läßt sich nicht schildern. Den Lenz wieder erleben kam mir wie die Auferstehung im Paradiese vor. Kaum begann der Schnee zu schmelzen, als wir unsere Kerkermauern verließen und ziemlich früh nach Charmettes übersiedelten, um die ersten Schläge der Nachtigall hören zu können. Von da an quälte ich mich nicht länger mit Todesgedanken, und wirklich ist es eigentümlich, daß ich auf dem Lande nie von schweren Krankheiten befallen bin. So viel ich auf demselben auch gelitten habe, bin ich doch daselbst nie bettlägerig gewesen. Wenn ich mich leidender als gewöhnlich fühlte, habe ich oft gesagt: »Sehet ihr mich dem Tode nahe, so tragt mich in den Schatten einer Eiche hinaus; ich versichere euch, daß ich dann davon kommen werde.« Obgleich noch schwach, nahm ich meine ländlichen Arbeiten wieder auf, aber in einer meinen Kräften entsprechenden Weise. Es that mir wirklich leid, daß ich den Garten nicht ganz allein in Stand setzen konnte; aber sobald ich einige Spatenstiche gemacht hatte, war ich außer Athem, schweißtriefend und konnte nicht weiter. Bückte ich mich, verdoppelte sich mein Herzklopfen, und das Blut stieg mir mit solcher Gewalt nach dem Kopfe, daß ich mich schnell wieder in die Höhe richten mußte. Genöthigt, mich auf weniger anstrengende Arbeiten zu beschränken, warf ich mich unter andern zum Wärter des Taubenschlages auf und gewann so große Lust zu diesem Amte, daß ich oft Stunden lang, ohne mich auch nur einen Augenblick zu langweilen, im Schlage zubrachte. Die Taube ist sehr scheu und schwer zahm zu machen; trotzdem gelang es mir, den meinigen ein so großes Vertrauen einzuflößen, daß sie mir überall hin nachflogen und sich greifen ließen, so oft ich wollte. Ich konnte mich weder im Garten noch auf dem Hofe zeigen, ohne sofort zwei oder drei auf den Armen oder auf dem Kopfe zu haben. Trotz der Freude, die ich darüber empfand, wurde mir diese Begleitung doch schließlich so unbequem, daß ich gezwungen war, ihnen diese übertriebene Freiheit wieder abzugewöhnen. Ich habe stets ein besonderes Vergnügen an der Zähmung von Thieren, namentlich von scheuen und wilden gehabt. Es kam mir reizend vor, ihnen ein Zutrauen einzuflößen, das ich nie getäuscht habe; sie sollten mich in Freiheit lieben. Ich hatte, wie gesagt, Bücher mitgebracht; ich benutzte sie, aber in einer Weise, die weniger geeignet war, mich zu unterrichten, als mich zu ermüden. Meine falsche Vorstellung von den Dingen erfüllte mich mit dem Wahne, daß man, um ein Buch mit Nutzen zu lesen, alle Kenntnisse besitzen müßte, die es voraussetzte, und ließ den Gedanken nicht in mir aufkommen, daß sie der Verfasser oft selbst nicht besäße und sie, je nach Bedürfnis, aus anderen Büchern schöpfte. In Folge dieses tollen Wahns wurde ich jeden Augenblick aufgehalten, gezwungen, meine Zuflucht unaufhörlich von einem Buche zum andern zu nehmen; und ehe ich mich bis zur zehnten Seite des zu studirenden Werkes durchgearbeitet, hätte ich oft ganze Bibliotheken von Anfang bis zu Ende durchlesen müssen. Gleichwohl blieb ich so halsstarrig bei dieser wunderlichen Methode, daß ich eine unglaubliche Zeit verlor und mir den Kopf beinahe bis zu dem Grade verwirrt hätte, daß ich nichts sehen und verstehen konnte. Glücklicherweise merkte ich endlich, daß ich einen falschen Weg verfolgte, der mich in ein unabsehbares Labyrinth hineinführte, und ich floh aus ihm, ehe ich mich ganz in ihm verirrt hatte. Bei auch nur etwas wahrer Liebe zu den Wissenschaften ist das Erste, was man wahrnimmt, sobald man sich ihnen hingiebt, ihre Zusammengehörigkeit, welche bewirkt, daß sie sich gegenseitig anziehen, unterstützen und Klarheit verschaffen, und daß keine die andere entbehren kann. Obgleich der menschliche Geist nicht zu allen ausreicht und man fast immer einer als der hauptsächlichsten den Vorzug geben wird, so wird man doch oft in der selbst gewählten in Unklarheit bleiben, wenn man nicht wenigstens einige Kenntnis von den übrigen besitzt. Ich begriff, daß das, was ich unternommen hatte, an und für sich gut und nützlich wäre, und ich nur die Methode ändern müßte. Als ich zuerst die Encyklopädie zur Hand nahm, zerlegte ich sie in ihre einzelnen Fächer; ich überzeugte mich bald, daß man das Umgekehrte thun, jedes einzelne zwar besonders vornehmen, aber sie, jedes für sich, nur bis zu dem Punkte verfolgen dürfte, wo sie sich wieder vereinigen. Auf diese Weise kam ich auf die gewöhnliche Synthese zurück, aber als ein Mann, der weiß, was er thut. Das Nachdenken ersetzte mir hierbei die Kenntnisse, und ein sehr natürlicher Gedanke war mir behilflich, mich zurecht zu finden. Ob ich nun leben blieb oder starb, ich hatte keine Zeit zu verlieren. Wer in einem Alter von fünfundzwanzig Jahren nichts weiß und voll Verlangen ist, alles zu lernen, muß sich wahrlich angelegen sein lassen, die Zeit zu Rathe zu halten. Ohne Ahnung, wo das Schicksal oder der Tod meinem Eifer ein Halt zurufen könnte, wollte ich mir für jeden Fall eine Vorstellung von allen Dingen erwerben, sowohl um meine natürlichen Anlagen zu prüfen, als auch um selbst ein Urtheil darüber zu gewinnen, welches Studium sich für mich am besten eignete. Die Ausführung dieses Planes gewährte mir noch einen andern Vortheil, an den ich nicht gedacht hatte, nämlich den, viel Zeit dabei zu ersparen. Ich muß für das Studium wohl nicht geboren sein, denn eine längere geistige Beschäftigung ermüdet mich dergestalt, daß es mir unmöglich ist, auch nur eine halbe Stunde hinter einander denselben Gegenstand zu betreiben; zumal wenn ich den Gedanken eines Fremden folge, denn meinen eigenen habe ich mich allerdings bisweilen und sogar mit einigem Erfolge noch länger überlassen können. Wenn ich einem Schriftsteller, den man mit Ueberlegung lesen muß, einige Seiten gefolgt bin, vermag sich mein Geist nicht länger mit ihm zu beschäftigen und verliert sich in die Wolken. Will ich trotzdem in der Lectüre fortfahren, erschöpfe ich mich umsonst; ich werde wie geblendet, ich sehe nichts mehr. Wenn jedoch verschiedene Gegenstände, sogar ohne Unterbrechung, aufeinander folgen, so entreißt mich der eine immer der Ermüdung, die mich bei dem andern befallen hat, und ohne der Ruhe zu bedürfen, folge ich ihnen leichter. Ich nahm diese Beobachtung in meinen Studienplan auf und ließ eine solche Abwechselung eintreten, daß ich mich, ohne zu ermüden, den ganzen Tag über beschäftigte. Allerdings führten ländliche und häusliche Arbeiten nützliche Zerstreuungen herbei, aber in meinem wachsenden Eifer fand ich bald das Mittel, ihnen noch Zeit für das Studium abzusparen und mich gleichzeitig mit zweierlei Dingen zu beschäftigen, ohne zu bedenken, daß jedes dabei weniger gut von Statten gehen mußte. Bei allen diesen unbedeutenden Einzelheiten, die mich entzücken und mit denen ich den Leser oftmals quäle, gehe ich jedoch so zurückhaltend zu Werke, wie er gewiß nicht ahnen würde, wenn ich ihn nicht absichtlich darauf aufmerksam machte. Mit Jubel erinnere ich mich hier zum Beispiel all der verschiedenen Versuche, die ich anstellte, um meine Zeit dergestalt einzutheilen, daß sie mir die größtmögliche Annehmlichkeit wie Nutzen gewährte, und ich kann sagen, daß diese Zeit, in der ich in der Zurückgezogenheit lebte und mich stets krank fühlte, gerade diejenige in meinem Leben war, in der ich am wenigsten müßig ging und am wenigsten Langeweile empfand. Zwei oder drei Monate gingen darüber hin, meine Geistesanlagen zu erforschen, und in der schönsten Jahreszeit und an einem Orte, den sie zauberisch machte, den Reiz des Lebens, dessen Werth ich so wohl erkannte, sowie den einer eben so freien wie süßen Geselligkeit zu genießen, wenn man einer so vollkommenen Vereinigung den Namen Geselligkeit geben kann, und mich an dem reichen Schatze schöner Kenntnisse zu erfreuen, die ich mir zu erwerben gedachte, denn es war für mich, als hätte ich sie schon besessen, oder vielmehr es war noch besser, weil die Freude am Lernen einen großen Theil meines Glückes bildete. Ich muß diese Versuche übergehen, die zwar alle für mich Genüsse, aber doch zu einfache waren, um erklärt werden zu können. Noch einmal, das wahre Glück läßt sich nicht beschreiben, es muß empfunden werden, und man empfindet es um so besser, je weniger es sich beschreiben läßt, weil es nicht aus einer Reihe von Thatsachen hervorgeht, sondern ein bleibender Zustand ist. Ich wiederhole mich oft, aber ich müßte mich noch öfter wiederholen, wenn ich das Nämliche so oft sagte, wie es mir in den Sinn kommt. Als meine häufig wechselnde Lebensweise endlich einen gleichmäßigen Verlauf angenommen hatte, war mein Tag ungefähr folgendermaßen eingetheilt: Ich stand jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf. Durch einen benachbarten Obstgarten stieg ich zu einem sehr hübschen Wege hinauf, der sich oberhalb der Weinberge immer an den Bergwänden entlang bis nach Chambery hinzog. Dort verrichtete ich beim Umherwandeln meine Morgenandacht, die nicht in einem leeren Lippendienst bestand, sondern in einer aufrichtigen Erhebung des Herzens zu dem Schöpfer dieser lieblichen Natur, deren Schönheit sich vor meinen Augen ausbreitete. In einem Zimmer habe ich nie gern gebetet; mir ist, als ob sich die Wände und all dieses kleine Menschenwerk zwischen Gott und mich drängten. Ich liebe ihn in seinen Werken anzuschauen, während sich mein Herz zu ihm erhebt. Meine Gebete waren, wie ich behaupten kann, rein und deshalb werth, erhört zu werden. Ich verlangte für mich wie für die, welche auch in meinen Gebeten unzertrennlich von mir war, nichts als ein unschuldiges und ruhiges Leben, frei von Laster, Schmerz und drückenden Entbehrungen, den Tod der Gerechten und das Loos, das ihrer im Jenseits wartet. Uebrigens verlief diese Morgenandacht mehr unter Bewunderung und Betrachtung als unter Bitten und Gebeten; und ich war überzeugt, daß bei dem Geber der wahren Güter das beste Mittel diejenigen, die wir bedürfen, zu erlangen, weniger darin besteht, sie zu erbitten als sich ihrer werth zu machen. Ich kehrte auf einem weiten Umwege von meinem Spaziergange zurück, auf dem ich mit Theilnahme und hohem Genusse die ländlichen Gegenstände, von denen ich rings umgeben war, betrachtete, die einzigen, welche Auge und Herz nie ermüden. Schon von weitem suchte ich zu erkennen, ob bei Mama schon Tag geworden war; sah ich ihren Fensterladen geöffnet, so überfiel mich ein freudiges Zittern und ich beeilte meine Schritte; war er noch geschlossen, blieb ich bis zu ihrem Erwachen im Garten und unterhielt mich damit, das, was ich Tags zuvor gelernt hatte, noch einmal durchzugehen oder im Garten zu arbeiten. Der Laden wurde geöffnet, ich ging, sie, die oft noch im halben Schlafe im Bette lag, zu umarmen, und diese eben so reine wie zärtliche Umarmung schöpfte selbst aus ihrer Unschuld einen Reiz, der mit der Sinnenlust nie verbunden ist. Unser Frühstück bestand gewöhnlich aus Kaffee mit Milch. Es war die Zeit am Tage, in der wir am ungestörtesten waren und am ungezwungensten plauderten. In der Regel saßen wir ziemlich lange bei einander, was wohl meine lebhafte Vorliebe für die Frühstücke hervorgerufen hat, und ich ziehe die Sitte der Engländer und Schweizer, bei denen das Frühstück ein wahres Mahl ist, zu dem sich alle versammeln, der der Franzosen vor, bei denen jeder für sich allein auf seinem Zimmer frühstückt oder am häufigsten gar nicht frühstückt. Nach einem ein- oder zweistündigen Geplauder begab ich mich zu meinen Büchern und arbeitete bis zum Mittagessen. Ich begann mit irgend einem philosophischen Buche wie der Logik von Port-Royal, dem Essai von Locke, mit Malebranche, Leibnitz, Descartes, u.s.w. Ich nahm bald wahr, daß sich fast alle diese Schriftsteller in einem unaufhörlichen Widerspruche unter einander befanden, und ich entwarf den phantastischen Plan, sie in Übereinstimmung zu bringen, was mich sehr ermüdete und mir viel Zeit raubte. Ich verwirrte mir nur den Kopf und gelangte nicht weiter. Endlich gab ich auch diese Methode auf und befolgte eine unendlich bessere, der ich den ganzen Fortschritt, welchen ich trotz meines Mangels an Fassungskraft gemacht haben kann, beimesse; denn das ist ja sicher, daß ich für das Studium sehr wenig Fähigkeiten besaß. Ich machte es mir bei der Lectüre eines jeden Schriftstellers zur Regel, lediglich seinem Gedankengange zu folgen und ihn mir anzueignen, ohne meine Gedanken oder die eines Fremden hineinzumischen und ohne mich je in Streitigkeiten mit ihm einzulassen. Ich sagte mir: zunächst will ich mir einen Vorrath von Ideen verschaffen, ohne Rücksicht auf die Wahrheit oder Unwahrheit, wenn sie nur klar sind, bis mein Kopf genug in sich aufgenommen hat, um sie vergleichen und eine Wahl unter ihnen treffen zu können. Ich weiß wohl, daß diese Methode ihren Uebelstand hat, aber bei meiner Absicht mich zu belehren ist sie erfolgreich gewesen. Nachdem ich zwei Jahre damit zugebracht hatte, mir nur fremde Gedanken zu eigen zu machen, gleichsam mit Verzichtleistung auf jedes eigene Denken und Ueberlegen, besaß ich meines Bedünkens einen hinreichenden Schatz von Wissen, um mir selbst zu genügen und ohne fremde Hilfe denken zu können. Wenn es mir dann Reisen und Geschäfte unmöglich machten, meine Bücher zu Rathe zu ziehen, habe ich meine Freude daran gehabt, das Gelesene zu durchdenken und zu vergleichen, alles auf der Wage der Vernunft zu wägen und mir bisweilen ein Urtheil über meine Lehre zu erlauben. Ich habe allerdings erst später angefangen, meine Urteilskraft in Thätigkeit zu setzen, aber trotzdem nicht gefunden, daß sie deshalb an Kraft verloren hätte, und als ich meine eigenen Gedanken veröffentlichte, wurde ich nicht beschuldigt, längst Veraltetes wiederzukäuen, und in verba magistri zu schwören. Von da wandte ich mich den Elementen der Geometrie zu, über die ich nie hinausgekommen bin, trotzdem ich beharrlich versuchte, mein schlechtes Gedächtnis durch hundert- und aberhundertfache Wiederholungen und stets neues Auswendiglernen der Anfangsgründe zu besiegen. Euklids Lehrbuch behagte mir nicht, da er mehr auf eine logische Aneinanderreihung der Beweise als auf eine Verknüpfung der Ideen ausgeht; ich gab der Geometrie des Pater Lamy den Vorzug, der seit jener Zeit einer meiner Lieblingsschriftsteller wurde, und dessen Werke ich auch noch jetzt mit Vergnügen lese. Hieran schloß sich die Algebra, ebenfalls nach Lamy's Anleitung. Als ich weiter gekommen war, hielt ich mich an Peter Rehnauds »Wissenschaft der arithmetischen Operationen«, dann an seine »Erklärung der Analyse«, die ich nur durchblättert habe. Ich habe es nie so weit gebracht, die Anwendung der Algebra auf die Geometrie vollkommen zu verstehen. Ich konnte mich für diese Berechnungsweise, bei der man nicht sieht, was man thut, nicht erwärmen; die Lösung einer geometrischen Aufgabe durch Gleichungen kam mir wie die Wiedergabe eines Liedes auf der Drehorgel vor. Als ich zum ersten Male durch Berechnung fand, daß das Quadrat eines zweitheiligen Satzes gleich dem Quadrate jedes seiner beiden Theile nebst dem doppelten Produkte beider Theile mit einander wäre, wollte ich es trotz der Richtigkeit meiner Multiplication nicht glauben, bis ich mir die Figur gemacht hatte. Die Schuld lag nicht etwa darin, daß ich keine Lust zur Algebra, wenigstens zu dem abstrakten Theil derselben, gehabt hätte, sondern darin, daß ich bei ihrer Anwendung auf den Raum ihre Beziehung zu den Linien sehen wollte, sonst verstand ich nichts mehr. Darauf kam das Latein an die Reihe. Es war für mich das schwerste Studium und dasjenige, in welchem ich nie große Fortschritte gemacht habe. Anfangs bediente ich mich der Methode von Port-Royal, allein ohne Erfolg. Von diesen barbarischen Versen wurde mir übel; sie wollten in meinem Ohre nicht haften. Ich fand mich unter dieser Unmasse von Regeln nicht zurecht, und wenn ich die letzte lernte, hatte ich alle vorhergehenden vergessen. Ein Studium, welches die Kenntnis vieler Wörter nöthig macht, ist für einen Mann ohne Gedächtnis nicht geeignet, und gerade um meine Gedächtniskraft zu erhöhen, trieb ich dieses Studium anfangs sehr eifrig. Endlich mußte ich es jedoch aufgeben. Den Satzbau verstand ich genügend, um einen leichten Schriftsteller mit Hilfe eines Wörterbuches lesen zu können. Diesen Weg schlug ich ein und nicht erfolglos. Ich verlegte mich auf das Uebersetzen, nicht schriftlich, sondern in Gedanken, und daran hielt ich mich. Mit der Zeit und durch Uebung habe ich es so weit gebracht, die lateinischen Schriftsteller ziemlich geläufig zu lesen, aber ich habe mich in dieser Sprache nie mündlich oder schriftlich ausdrücken können, was mich oft in Verlegenheit gesetzt hat, wenn ich mich, ich weiß nicht weshalb, zu den Gelehrten gerechnet sah. Ein anderer mit dieser Lernweise verknüpfter Uebelstand ist, daß mir die Prosodie fremd geblieben ist und noch mehr die Regeln des Versbaues. Da ich jedoch wünschte, ein Gefühl von der Harmonie der Sprache in Versen wie in Prosa zu bekommen, habe ich viele Anstrengungen gemacht, es dahin zu bringen, aber ich habe mich überzeugt, daß dies ohne Lehrer fast unmöglich ist. Nachdem ich den Bau des leichtesten aller Verse, des Hexameters gelernt, hatte ich Geduld, fast den ganzen Virgil zu scandiren und die Füße und die Quantität zu bezeichnen; wenn ich nun später über die Länge oder Kürze einer Silbe im Zweifel war, mußte mein Virgil ihn lösen. Dabei mußte ich selbstverständlich wegen der im Versbau gestatteten großen Freiheit allerlei Verstöße begehen. Aber hat der Autodidakt manchen Vortheil, so muß er sich dafür auch große Nachtheile und namentlich eine unglaubliche Mühe gefallen lassen. Ich habe das mehr wie irgend ein anderer erfahren. Kurz vor der Mittagszeit verließ ich meine Bücher, und wenn das Essen noch nicht fertig war, besuchte ich meine Freundinnen, die Tauben, oder ging in den Garten, um bis dahin in ihm zu arbeiten. Wenn ich mich rufen hörte, eilte ich sehr vergnügt und mit tüchtigem Appetit herbei, denn ich darf nicht unerwähnt lassen, daß es mir, wie krank ich auch immer sein mag, nie an Appetit fehlt. Wir speisten sehr angenehm, wobei wir, bis Mama fähig war zu essen, unsere Angelegenheiten besprachen. Zwei- oder dreimal in der Woche tranken wir bei schönem Wetter den Kaffee in einer kühlen, schattigen Laube hinter dem Hause, die ich mit Hopfen umrankt hatte und die uns während der Hitze großes Vergnügen machte. Wir brachten darin ein Stündchen unter Besichtigung unseres Gemüses und unserer Blumen zu und unterhielten uns von unserer jetzigen Lebensweise, deren Reiz wir dadurch nur um so lebhafter fühlten. Am Ende des Gartens hatte ich noch eine andere kleine Familie, nämlich Bienen. Ich verabsäumte selten, ihnen, und zwar oft an Mamas Seite, einen Besuch abzustatten; ihre Arbeit erregte mein Interesse; ich hatte eine ungemeine Freude daran, sie mit ihrer Ausbeute an Honig zurückkehren zu sehen, ihre kleinen Beinchen mitunter so beladen, daß sie Mühe hatten zu gehen. In den ersten Tagen machte die Neugier mich unvorsichtig, und sie stachen mich einige Male, aber späterhin wurden wir so bekannt miteinander, daß sie mich ruhig gewähren ließen, wie nahe ich auch an sie herankam; und so voll die Stöcke auch zur Schwarmzeit waren, so daß ich von Bienen ganz eingehüllt war und sie mir auf den Händen und in dem Gesichte saßen – nie hat mich eine gestochen. Alle Thiere sind mißtrauisch gegen den Menschen und nicht mit Unrecht; sind sie jedoch einmal sicher, daß er ihnen nicht Schaden zufügen will, dann wird ihr Vertrauen so groß, daß man mehr als ein Barbar sein müßte, wenn man es mißbrauchen wollte. Ich kehrte zu meinen Büchern zurück; aber meine Beschäftigungen während des Nachmittags verdienten weniger Arbeit und Studium, als vielmehr Erholung und Vergnügen genannt zu werden. Nach Tische bin ich zu einem streng wissenschaftlichen Studium nie fähig gewesen, und im allgemeinen ist mir jede Anstrengung während der Hitze des Tages beschwerlich. Gleichwohl beschäftigte ich mich, aber immer ohne Zwang und fast ohne Plan, mit einer nicht für das Studium berechneten Lectüre. Gewöhnlich wählte ich geschichtliche und geographische Werke, und da sie keine große Geistesspannung verlangten, machte ich in beiden Fächern so große Fortschritte, wie mein schwaches Gedächtnis nur irgend zuließ. Ich wollte den Pater Petau studiren und vertiefte mich in die Dunkelheiten der Zeitrechnung, aber ich verlor die Lust dazu an dem kritischen Theile, der nicht Grund noch Ufer hat und beschäftigte mich vorzugsweise nur mit dem genauen Maß der Zeiten und dem Lauf der Himmelskörper. Ich würde selbst Lust zur Astronomie gefaßt haben, hätte ich die nöthigen Instrumente gehabt; aber ich mußte mich auf einige aus Büchern geschöpfte Anfangsgründe und auf einige unvollkommene Beobachtungen beschränken, die ich, nur um eine allgemeine Uebersicht der Sternbilder zu gewinnen, mit einem Fernrohre angestellt hatte, da mir meine Kurzsichtigkeit nicht erlaubt, die Gestirne mit unbewaffnetem Auge deutlich zu unterscheiden. Hierbei erinnere ich mich eines Abenteuers, über das ich späterhin noch oft habe lachen müssen. Ich hatte, um die Gestirne zu studiren, einen Himmelsplaniglob gekauft und ihn aufziehen lassen. Waren die Nächte hell, so legte ich ihn im Garten auf vier Pfähle meiner Größe, die Zeichnung nach unten gekehrt, und um dieselbe zu beleuchten, ohne daß mir der Wind das Licht ausblies, stellte ich es in einen zwischen den vier Pfählen auf der Erde stehenden Eimer; indem ich darauf abwechselnd den Planiglob mit meinen Augen und den Himmel durch mein Fernrohr betrachtete, übte ich mich, die Sternbilder aufzufinden und ihre Stellung zu bestimmen. Ich glaube gesagt zu haben, daß Herrn Noirets Garten terrassenförmig war; vom Wege aus sah man, was in ihm vorging. Eines Abends gewahrten mich Landleute, die noch ziemlich spät vorübergingen, in phantastischer Ausstattung bei meiner Sternguckerei. Der Lichtschein, der auf meinen Planigloben fiel, während ihnen das Licht selbst durch die Ränder des Eimers verborgen war; die vier Pfähle, das große mit Figuren bekritzelte Papier, das Gestell, in welchem es sich befand, und die Bewegungen meines Fernrohrs, das sie bald erscheinen, bald verschwinden sahen, verliehen diesem Auftritte etwas Hexenartiges, das sie mit Schrecken erfüllte. Meine wunderliche Tracht war nicht geeignet, sie zu beruhigen; ein Schlapphut über meiner Mütze und Mamas wattirtes Kamisol, welches sie mich anzuziehen gezwungen hatte, mußte mir in ihren Augen das Aussehen eines leibhaftigen Hexenmeisters geben, und da nicht viel an Mitternacht fehlte, so zweifelten sie nicht, daß es sich hier um die Vorbereitung zu einem Hexensabbath handelte. Nicht begierig noch mehr zu sehen, liefen sie in furchtbarer Angst davon, weckten ihre Nachbarn, um ihnen die nächtliche Erscheinung mitzutheilen, und die Geschichte wurde so schnell ruchbar, daß schon am nächsten Tage jeder in der Nachbarschaft wußte, bei Herrn Noiret würde der Hexensabbath gefeiert. Ich weiß nicht, welche Folgen dieses Gerücht hätte haben können, wenn nicht einer der Bauern, der Zeuge meiner Beschwörungen gewesen war, noch an dem nämlichen Tage seine Klage bei zwei Jesuiten angebracht hätte, die uns sofort besuchten und ihn, ehe sie noch wußten, um was es sich handelte, einstweilen beschwichtigten. Sie erzählten uns die Geschichte; ich setzte ihnen das Sachverhältnis auseinander, und wir lachten gar sehr. Damit jedoch nicht ähnliches wieder vorkäme, wurde beschlossen, ich sollte künftighin ohne Beleuchtung Beobachtungen anstellen und den Planigloben im Hause studiren. Wer in den Briefen vom Berge meine venetianische Magie gelesen hat, wird, wie ich mich versichert halte, überzeugt sein, daß ich von je her einen großen Beruf zum Hexenmeister hatte. So war meine Tageseinteilung in Charmettes, sobald mich nicht ländliche Arbeiten in Anspruch nahmen, denn diese hatten stets den Vorzug, und in allem, was nicht über meine Kräfte ging, arbeitete ich wie ein Landmann; aber meine damalige ungemeine Schwäche ließ mir freilich in dieser Beziehung kaum ein anderes Verdienst als das des guten Willens. Ueberdies wollte ich zwei Arbeiten auf einmal verrichten und verrichtete folglich keine gut. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, mir ein gutes Gedächtnis zu erzwingen, und bestand eigensinnig darauf, viel auswendig zu lernen. Zu dem Zwecke trug ich irgend ein Buch bei mir, das ich während der Arbeit mit einer unglaublichen Mühe studirte und wieder und wieder las. Ich begreife nicht, wie die Beharrlichkeit in diesen vergeblichen und unausgesetzten Anstrengungen mich nicht schließlich ganz dumm gemacht hat. Die Eklogen Virgils, von denen ich keine Sterbenssilbe mehr weiß, habe ich wohl zwanzigmal gelernt und von neuem gelernt. In Folge der Gewohnheit, Bücher überall hin mitzunehmen, auf den Taubenschlag, in den Gemüsegarten, in den Obstgarten, in den Weinberg, habe ich eine große Anzahl derselben ganz oder theilweise verloren. Mit etwas anderem beschäftigt, legte ich mein Buch mittlerweile unter einen Baum oder auf eine Hecke; allenthalben vergaß ich es wieder aufzunehmen und oft fand ich es nach vierzehn Tagen verdorben oder von Ameisen und Schnecken zernagt. Dieser Lerneifer artete zu einer Sucht aus, die mich wie stumpfsinnig machte, so beschäftigt war ich beständig, etwas zwischen den Zähnen herzumurmeln. Die Schriften von Port-Royal und vom Oratorium, die ich am häufigsten las, hatten mich zu einem halben Jansenisten gemacht, und trotz meines vollen Gottvertrauens setzte mich bisweilen ihre strenge Religion in Angst. Die Furcht vor der Hölle, die mich bisher sehr wenig beunruhigt hatte, schreckte mich allmählich aus meiner Sicherheit auf, und hätte mich Mama nicht wieder beruhigt, so würde mich diese entsetzliche Lehre endlich in die qualvollste Aufregung versetzt haben. Mein Beichtvater, der gleichzeitig der ihrige war, trug seinerseits dazu bei, mich in der richtigen Gemüthsverfassung zu erhalten. Es war der Pater Hemet, ein Jesuit, ein guter und verständiger Greis, dessen Andenken ich stets in Ehren halten werde. Obgleich ein Jesuit, hatte er die Einfalt eines Kindes, und seine mehr milde als schlaffe Moral, war gerade das, was ich als Gegengewicht gegen die düstern Eindrücke des Jansenismus nöthig hatte. Dieser gutmüthige Mann und sein Gefährte, der Pater Coppier, besuchten uns oft in Charmettes, obwohl der Weg sehr beschwerlich und für Leute ihres Alters ziemlich weit war. Ihre Besuche brachten mir viel Gutes; möge Gott es ihren Seelen vergelten, denn sie waren damals schon zu alt, als daß ich annehmen könnte, sie seien noch am Leben. Ich besuchte sie ebenfalls in Chambery und wurde bei ihnen nach und nach ein gern gesehener Hausfreund; ihre Bibliothek stand mir stets zur Verfügung. Die Erinnerung an diese glückliche Zeit verknüpft sich mit der an die Jesuiten in dem Grade, daß letztere mir erst durch jene selige Zeit und diese wieder erst durch die Jesuiten recht lieb geworden sind. Wenn mir ihre Lehre auch immer gefährlich vorgekommen ist, bin ich doch nie fähig gewesen, sie aufrichtig zu hassen. Ich möchte wohl wissen, ob sich in den Herzen anderer Menschen auch hin und wieder solche kindische Gedanken festsetzen, wie bisweilen in den meinigen. Inmitten meiner Studien und eines so unschuldigen Lebens, wie man es nur irgend führen kann, und trotz alles dessen, was man mir dagegen hatte einwenden können, quälte mich die Furcht vor der Hölle noch häufig. Ich fragte mich: In welchem Stande bin ich? Würde ich, wenn ich jetzt im Augenblicke stürbe, verdammt werden? Nach den Jansenisten war daran nicht zu zweifeln, aber nach meinem Gewissen mußte ich es in Abrede stellen. In steter Angst und qualvoller Ungewißheit griff ich, um mich davon frei zu machen, zu den lächerlichsten Mitteln, für die ich jeden andern Menschen, den ich eben so thöricht handeln sähe, mit Freuden einsperren lassen würde. Unter Träumereien über diese mich folternde Frage übte ich mich eines Tages maschinenmäßig mit Steinen nach Baumstämmen zu werfen und zwar mit meiner gewöhnlichen Geschicklichkeit, das heißt ohne fast einen einzigen zu treffen. Mitten in dieser angenehmen Beschäftigung gerieth ich auf den Einfall, eine Art Prognostikon zur Beschwichtigung meiner Unruhe daraus zu machen. Ich sagte zu mir: Ich will einen Stein nach dem mir gegenüberstehenden Baume werfen; wenn ich ihn treffe, so soll es ein Zeichen der Rettung; wenn ich ihn verfehle, ein Zeichen meiner Verdammnis sein. Mit diesen Worten werfe ich mit zitternder Hand und unter furchtbarem Herzklopfen den Stein, aber so glücklich, daß er den Baum gerade in der Mitte trifft; das war nun allerdings keine Kunst, denn ich hatte die Vorsicht beobachtet, einen sehr dicken und dicht vor mir stehenden zu wählen. Seitdem habe ich an meiner ewigen Seligkeit nicht mehr gezweifelt. Wenn ich an diesen Einfall denke, weiß ich nicht, ob ich über mich lachen oder seufzen soll. Ihr andere aber gleich mir für groß gehaltene Männer, die ihr sicherlich lacht, wünscht euch Glück, aber verspottet meine Kleinlichkeit nicht, denn, glaubt es, ich fühle sie nur zu wohl. Uebrigens waren diese von der Frömmigkeit vielleicht unzertrennlichen Aufregungen und Beängstigungen kein bleibender Zustand. Gemeiniglich war ich ziemlich ruhig, und der Gedanke, bald sterben zu müssen, erfüllte meine Seele weniger mit Trauer als mit einer sanften Mattigkeit, die sogar ihre Reize hatte. Unter alten Papieren habe ich unlängst eine Art Ermahnungsrede wieder aufgefunden, die ich mir selbst gehalten und in der ich mir Glück gewünscht habe, in einem Alter zu sterben, in welchem man noch Muth genug besitze, um dem Tode ins Angesicht zu sehen, und ohne von großen körperlichen oder geistigen Leiden heimgesucht worden zu sein. Wie Recht hatte ich! Ein Vorgefühl flößte mir die Befürchtung ein, ich würde leben bleiben, um zu leiden. Ich schien das Loos vorauszusehen, welches meiner im Alter wartete. Ich bin der Weisheit nie so nahe gewesen wie in diesem glücklichen Lebensabschnitte. Ohne große Gewissensbisse wegen der Vergangenheit, frei von den Sorgen für die Zukunft war das meine Seele beherrschende Verlangen auf den Genuß der Gegenwart gerichtet. Die Frommen haben gewöhnlich eine äußerst lebhafte Sinnlichkeit, welche die Triebfeder für sie ist, die unschuldigen Freuden, die ihnen gestattet sind, mit Wonne zu genießen. Die Weltkinder rechnen es ihnen zum Verbrechen an, ich weiß nicht, weshalb, oder vielmehr ich weiß es recht gut: lediglich deshalb, weil sie sie um den Genuß jener einfachen Freuden beneiden, an denen sie selbst den Geschmack verloren haben. Ich hatte diesen Geschmack und fand es reizend, ihn mit ruhigem Gewissen befriedigen zu können. Mein Herz, noch jung und frisch, überließ sich allem mit der Freude eines Kindes, oder vielmehr, wenn ich so sagen darf, mit der Wollust eines Engels; denn diese ruhigen Genüsse haben in Wahrheit die Reinheit paradiesischer Freuden. Mahlzeiten auf dem Rasen zu Montagnole, Abendessen in der Laube, das Einsammeln des Obstes, die Weinlese, dies alles bildete für uns eben gleich so viele Feste, an denen Mama mit ebenso großer Freude Theil nahm wie ich. Einsamere Spaziergänge gewährten einen noch größeren Reiz, weil sich die Herzen in noch größerer Freiheit ergießen konnten. Unter andern unternahmen wir einen, der unauslöschlich in meiner Erinnerung steht, an einem Sanct-Ludwigstage, der zugleich Mamas Namenstag war. Nach Anhörung der Messe, die uns ein Carmeliter bei Tagesanbruch in einer an das Haus stoßenden Kapelle gelesen, machten wir uns schon ganz früh zusammen und allein auf den Weg. Ich hatte den Vorschlag gemacht, die uns gegenüberliegende Berghalde, welche wir noch nicht besucht hatten, zu durchstreifen. Wir hatten unsere Lebensmittel vorausgesandt, da der Spaziergang den ganzen Tag währen sollte. Obgleich Mama ein wenig rund und stark war, marschirte sie gar nicht übel. Wir wanderten von Hügel zu Hügel und von Gehölz zu Gehölz, mitunter in der Sonne und häufig im Schatten, wobei wir uns von Zeit zu Zeit ausruhten und uns im Geplauder von uns, unserer Verbindung, der Seligkeit unseres Schicksales und unter Gebeten um dessen Dauer, die keine Erhörung fanden, Stunden lang vergaßen. Alles schien sich zu vereinen, zur Erhöhung der Seligkeit dieses Tages beizutragen. Es hatte vor Kurzem geregnet, kein Staub, überall schnell einherrauschende Bäche; ein frischer Windhauch bewegte die Blätter, die Luft war rein, der Horizont unbewölkt, die Heiterkeit des Himmels glich der in unsern Herzen. Unser Mittagsessen fand bei einem Bauern statt und wurde mit seiner Familie getheilt, die uns von Herzen dafür segnete. Diese armen Savoyarden sind so gute Leute! Nach dem Essen flüchteten wir uns in den Schatten hoher Bäume, wo Mama, während ich dürres Holz zum Kaffeekochen las, sich mit Botanisiren zwischen den Sträuchern unterhielt, und an der Form der Blumen des Bouquets, welches ich ihr unterwegs gesammelt hatte, erklärte sie mir darauf tausenderlei Merkwürdigkeiten, die mich angenehm anregten und mir Lust zur Botanik einflößen sollten. Aber der Augenblick dazu war noch nicht gekommen; ich war noch von zu vielen anderen Studien in Anspruch genommen. Ein Gedanke, der sich plötzlich meiner bemächtigte, zog uns von den Blumen und Pflanzen ab. Die Gemüthsstimmung, in der ich mich befand, alles, was wir an diesem Tage gesagt und gethan, alle Gegenstände, die meine Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatten, riefen in mir die Erinnerung an jenen traumartigen Zustand zurück, der mich vor sieben oder acht Jahren in Annecy bei vollem Wachen befallen und dessen ich an seinem Orte Erwähnung gethan habe. Die Ähnlichkeit war so treffend, daß ich bei dem Gedanken daran bis zu Thränen gerührt wurde. In Wonne schwelgend umarmte ich diese theure Freundin. »Mama, Mama,« sagte ich leidenschaftlich zu ihr, »dieser Tag ist mir vor langer Zeit vorhergesagt worden, und Schöneres kann mir nie zu Theil werden. Dir habe ich es zu danken, daß mein Glück seinen höchsten Gipfel erreicht hat. Ach, daß es nie abnehmen, daß es dauern möchte, so lange ich mir die Freude daran bewahren kann! Dann wird es nur mit mir ein Ende nehmen.« So flossen meine Lebenstage glücklich dahin, und um so glücklicher, als ich nichts sah, was sie stören konnte, so daß ich wirklich wähnte, sie würden erst mit meinem Ende aufhören. Der Grund lag nicht darin, daß die Quelle meiner Sorgen ganz versiegt gewesen wäre; allein ich sah sie einen anderen Lauf nehmen, den ich nach bestem Vermögen auf nützliche Gegenstände richtete, damit sie ihr Heilmittel selbst mit sich brächte. Mama liebte das Land aufrichtig, und diese Liebe verlor sie an meiner Seite nicht. Nach und nach gewann sie auch Lust zur Landwirthschaft. Sie bemühte sich Ertrag aus ihren Ländereien zu ziehen und besaß die dazu nöthigen Kenntnisse, die sie nun mit Vergnügen benutzte. Nicht zufrieden mit den zu dem Hause gehörenden Feldern pachtete sie noch bald einen Acker, bald eine Wiese. Kurz, indem sie ihren Unternehmungsgeist auf den Landbau lenkte, war sie auf dem besten Wege eine bedeutende Pächterin zu werden. Die immer größer werdende Ausdehnung der Wirthschaft war mir nicht ganz recht, und ich widersetzte mich nach Kräften, fest überzeugt, daß sie stets zu kurz kommen würde und bei ihrer Neigung zur Freigebigkeit und Verschwendung die Ausgaben die Einnahmen stets übersteigen müßten. Trotzdem tröstete ich mich durch die Erwägung, daß der Ertrag doch nicht völlig gleich Null sein könnte und zum Lebensunterhalte beitragen würde. Von allen Unternehmungen, auf welche sie verfallen konnte, schien diese mir die am wenigsten verderbliche, und ohne darin wie sie einen Erwerbszweig zu erblicken, betrachtete ich die Landwirtschaft als eine beständige Beschäftigung, die sie vor schlechten Geschäften und Betrügern beschützen mußte. Dieser Gedanke flößte mir den lebhaften Wunsch ein, die zur Überwachung ihrer Geschäfte nöthige Kraft und Gesundheit wieder zu erlangen, die es mir ermöglichten den Aufseher ihrer Tagelöhner oder ihren ersten Arbeiter abzugeben; und die mir dadurch auferlegte Beschäftigung, die mich meinen Büchern oft entzog und mich nicht ununterbrochen an meinen Zustand denken ließ, mußte natürlich günstig auf ihn einwirken. 1737 – 1741 Barillot, der im folgenden Winter von Italien zurückkehrte, brachte mir einige Bücher mit, unter andern den Bontempi und die Cartella per musica . des Pater Banchieri, die mir Luft machten, mich mit der Geschichte der Musik und mit theoretischen Forschungen über diese schöne Kunst zu beschäftigen. Barillot blieb einige Zeit bei uns, und da ich vor einigen Monaten mündig geworden, so kamen wir überein, daß ich im nächsten Frühjahr nach Genf gehen sollte, um das Vermögen meiner Mutter oder wenigstens, bis man sichere Nachricht über den Verbleib meines Bruders hätte, den auf mich fallenden Theil zu verlangen. Dies geschah, wie beschlossen war. Ich ging nach Genf, mein Vater kam seinerseits dahin. Er kam schon längst wieder dahin, ohne daß man ihn deshalb belangte, obgleich der gegen ihn gefaßte Beschluß nicht aufgehoben war; da man aber seinen Muth achtete und seine Rechtlichkeit hoch schätzte, that man, als ob man seine Angelegenheit vergessen hätte. Dazu kam, daß die Behörden, die sich mit dem bald darauf zur Ausführung kommenden großen Plane trugen, die Bürgerschaft nicht vor der Zeit dadurch kopfscheu machen wollten, daß sie derselben ihre frühere Parteilichkeit in die Erinnerung zurückriefen. Ich fürchtete, man würde mir des Religionswechsels wegen Schwierigkeiten machen, was man jedoch nicht that. Die Genfer Gesetze sind in dieser Hinsicht weniger hart als die von Bern, wo jeder, der seinen Glauben ändert, nicht allein Heimatsrecht, sondern auch sein Vermögen verliert. Das meinige wurde mir also nicht streitig gemacht, war aber, wie sich zeigte, aus einem mir unbekannten Grunde sehr vermindert. Obgleich man von dem Tode meines Bruders ziemlich überzeugt war, hatte man doch keinen gerichtlichen Beweis dafür. Es fehlte mir an genügenden Rechtsansprüchen, um seinen Theil zu beanspruchen, und ich überließ ihn meinem Vater gern als Unterstützung, der auch, so lange er lebte, die Nutznießung davon hatte. Sobald die gerichtlichen Formalitäten beendet waren und ich mein Geld empfangen hatte, legte ich einen Theil davon in Büchern an und eilte, den Rest Mama zu Füßen zu legen. Unterwegs klopfte mir das Herz vor Lust, und der Augenblick, in welchem ich dieses Geld in Mama's Hände niederlegte, erfüllte mich mit tausendmal größerer Freude als jener, in welchem es den meinigen übergeben wurde. Sie nahm es mit jener Einfachheit schöner Seelen, die, da sie ohne Ueberwindung eben so handeln, auch nichts Bewunderungswürdiges darin finden. Dieses Geld wurde fast ganz für mich verwandt und zwar mit der nämlichen Einfachheit. Es würde genau dieselbe Verwendung gefunden haben, wäre es ihr von anderer Seite zugegangen. Meine Gesundheit war indessen noch immer nicht wieder hergestellt; ich schwand im Gegentheile sichtlich dahin; ich war blaß wie der Tod und mager wie ein Gerippe. Das Pulsiren in meinen Adern war furchtbar, das Herzklopfen schneller, ich litt unaufhörlich an Brustbeklemmungen, und meine Schwäche nahm endlich dergestalt zu, daß ich mich kaum noch zu bewegen vermochte. Ich konnte meine Schritte nicht beschleunigen, ohne zu ersticken, ich konnte mich nicht bücken, ohne schwindlig zu werden, ich konnte nicht die leiseste Last ausheben; ich war zu der für einen so unruhigen Menschen, wie ich bin, qualvollsten Unthätigkeit gezwungen. Sicherlich gesellten sich zu dem allen noch viele hypochondrische Zufälle. Die Hypochondrie ist die Krankheit glücklicher Leute, an ihr litt ich. Die Thränen, die ich oft ohne alle Ursache zum Weinen vergoß, das heftige Zusammenfahren beim Rauschen eines Baches oder bei dem Auffliegen eines Vogels, die ungleiche Gemüthsstimmung in der friedlichen Stimmung des glücklichsten Lebens, alles dies verrieth diese Langeweile des Wohlbefindens, bei welcher die Empfindlichkeit gleichsam in die wunderlichste Reizbarkeit ausartet. Wir sind so wenig zum irdischen Glücke geschaffen, daß notwendigerweise die Seele oder der Körper leiden muß, wenn sie nicht alle beide leiden, und daß der gesunde Zustand des einen dem andern fast immer zum Nachtheil gereicht. Als ich das Leben hätte genießen können, ließ es meine verfallende Maschine nicht zu, ohne daß man im Stande gewesen wäre, den eigentlichen Sitz meines Leidens anzugeben. Trotz des höheren Alters und sehr fühlbarer und schwerer Leiden scheint mein Körper späterhin wieder Kräfte gewonnen zu haben, um mein Unglück desto stärker zu empfinden; und jetzt, wo ich dies schreibe, gebrechlich und fast sechzigjährig, von allerlei Schmerzen gedrückt, fühle ich mehr Lebenskraft und Muth zum Leiden in mir, als ich in der Blüte meines Alters und im Schooße des wahrsten Glückes zum Genießen besaß. Um das Maß voll zu machen, hatte ich, nachdem ich ein wenig Physiologie in den Kreis meiner Lectüre hineingezogen, mich auf das Studium der Anatomie geworfen und mir dadurch einen Ueberblick über die Menge und Wirksamkeit der Theile, die meine Maschine bildeten, erworben. Zwanzigmal machte ich mich nun täglich darauf gefaßt, dies alles in Unordnung kommen zu fühlen. Ich staunte nicht etwa darüber, daß ich todtkrank wäre, sondern nur, daß ich noch immer leben könnte, und ich las nicht die Beschreibung einer einzigen Krankheit, ohne sie für die meinige zu halten. Ich bin vollkommen überzeugt, wäre ich nicht schon krank gewesen, würde ich es durch dieses unselige Studium geworden sein. Da ich bei jeder Krankheit Symptome der meinigen erkannte, glaubte ich sie alle zu haben, und zog mir auch noch eine weit schmerzlichere zu, von der ich mich frei geglaubt hatte, nämlich die Lust, wieder gesund zu werden. Es ist schwer, sie von sich fern zu halten, wenn man sich an die Lectüre medicinischer Bücher macht. Unter emsigen Forschungen, Ueberlegungen und Vergleichungen setzte sich der Gedanke in mir fest, der Grund meines Leidens wäre ein Herzpolyp, und selbst Salomon schien von diesem Gedanken betroffen. Vernünftigerweise hätte diese Annahme dazu beitragen müssen, mich in meinem früheren Entschlusse zu bestärken. Das war nicht der Fall. Ich spannte alle Kräfte meines Geistes an, um ein Mittel zur Heilung eines Herzpolypens ausfindig zu machen, entschlossen, mich einer solchen Wunderkur zu unterziehen. Auf einer Reise, welche Anet nach Montpellier unternommen hatte, um den dortigen botanischen Garten und den praktischen Lehrer an demselben, Herrn Sauvages, kennen zu lernen, hatte man ihm erzählt, daß Herr Fizes einen solchen Polypen geheilt hätte. Mama erinnerte sich dessen und sprach mit mir davon. Mehr war nicht nöthig, um den Wunsch in mir zu erregen, Herrn Fizes um Rath zu fragen. Die Hoffnung auf Genesung erfüllte mich wieder mit Muth und Kraft, die Reise zu wagen. Das in Genf erhaltene Geld gewährte die Mittel dazu. Mama sucht es mir nicht etwa auszureden, sondern ermuntert mich dazu; und siehe da, ich mache mich auf den Weg nach Montpellier. Ich hatte nicht nöthig so weit zu gehen, um den Arzt zu finden, dessen ich bedurfte. Da mich das Reiten zu sehr angriff, hatte ich in Grenoble einen Wagen genommen. Bei meinem Einzüge in Moirans fuhren fünf oder sechs andere Wagen in einer Reihe hinter dem meinigen her. Das war ja wahrhaftig wie jene Geschichte mit den Sänften! Die meisten dieser Wagen gehörten zum Geleit einer Neuvermählten, einer Frau Du Colombier. In ihrer Begleitung war eine andere Dame, Frau von Larnage, weniger jung und schön als Frau Du Colombier, aber nicht weniger liebenswürdig, welche von Romaes, wo jene blieb, noch bis zum Flecken Saint-Andiol, in der Nähe von Pont-Saint-Esprit, weiterreisen mußte. Bei der Schüchternheit, die man an mir kennt, wird man annehmen, daß meine Bekanntschaft mit diesen hochstehenden Damen und ihrer Umgebung nicht so bald geschlossen war; allein da wir den gleichen Weg hatten, in den gleichen Gasthäusern abstiegen, und ich, wenn ich nicht für einen Griesgram gelten wollte, gezwungen war, an der gleichen Tafel zu erscheinen, so mußte diese Bekanntschaft doch endlich gemacht werden. Sie wurde also gemacht und sogar früher, als ich gewünscht hätte, denn all dieser Lärm eignete sich nicht für einen Kranken und vollends nicht für einen Kranken in meiner Stimmung. Aber die Neugier macht diese Frauenzimmer so einnehmend, daß sie, um zur Bekanntschaft eines Mannes zu gelangen, damit anfangen, ihm den Kopf zu verdrehen. So ging es mir. Frau Du Colombier, die von ihren jungen Anbetern zu sehr umschwärmt war, hatte freilich keine Zeit, ihre Kunst an mir zu versuchen, was, da wir ja bald wieder von einander scheiden sollten, sich überdies nicht der Mühe lohnte; aber Frau von Larnage, die weniger umlagert wurde, mußte daran denken, sich für die Weiterreise zu versehen. So sucht Frau von Larnage denn mit mir anzubinden, und nun ist es vorbei mit dem armen Jean-Jacques, oder vielmehr mit dem Fieber, der Hypochondrie und dem Polypen. In ihrer Nähe weicht alle Krankheit von mir, nur ein eigenthümliches Herzklopfen will nicht schwinden, und sie macht auch gar keine Anstalten, mich davon zu heilen. Gespräche über meinen leidenden Gesundheitszustand waren die erste Veranlassung zu unserer Bekanntschaft. Man sah, daß ich krank war; man wußte, daß ich nach Montpellier ging, und meine Miene und mein Auftreten mußten wohl auf keinen Wüstling, schließen lassen, denn späterhin wurde es klar, daß man mich nicht im Verdacht gehabt hatte, ich ginge dorthin, um gegen gewisse ansteckende Krankheiten Heilung zu suchen. Obgleich ein krankhafter Zustand für einen Herrn bei Damen keine große Empfehlung ist, machte er mich doch den meinigen interessant. Des Morgens ließen sie sich nach mir erkundigen und mich einladen, die Chocolade bei ihnen zu trinken; sie fragten mich noch persönlich, wie ich die Nacht zugebracht hätte. Nach meiner löblichen Gewohnheit, zu sprechen ohne zu denken, erwiderte ich einmal, ich wüßte es nicht. Diese Antwort brachte sie auf den Gedanken, ich müßte verrückt sein. Sie fragten mich deshalb weitläuftiger aus, und dieses Examen schadete mir nicht. Ich hörte Frau Du Colombier einmal zu ihrer Freunden sagen: »Es fehlt ihm an Lebensart, aber er ist liebenswürdig.« Dieses Wort flößte mir Zuversicht ein und machte, daß ich es wirklich wurde. Als wir so vertrauter mit einander wurden, mußte jeder von sich reden, angeben, woher er käme und wer er wäre. Dies setzte mich in Verlegenheit, denn ich wußte recht gut, daß mich unter Edelleuten und anmuthigen Damen das Wort Convertit vernichten mußte. Ich weiß nicht, aus welcher wunderlichen Laune ich auf den Einfall gerieth, die Rolle eines Engländers zu spielen. Ich gab mich für einen Jakobiten aus und man erkannte mich als solchen an; ich nannte mich Dudding und man redete mich Master Dudding an. Ein verwünschter Marquis von Torignan, der sich auch in der Gesellschaft befand, krank wie ich, außerdem noch alt und übellaunig, setzte es sich in den Kopf, mit Master Dudding ein Gespräch anzuknüpfen. Er redete mit mir vom Könige Jakob, vom Prätendenten, vom alten Hofe von Saint-Germain. Ich saß wie auf Kohlen. Von dem allen wußte ich nur das Wenige, was ich im Grafen Hamilton und in den Zeitungen gelesen hatte; indessen machte ich von diesem Wenigen so guten Gebrauch, daß ich mich leidlich aus der Sache zog, glücklich darüber, daß niemand darauf verfallen war, mich über die englische Sprache zu fragen, von der ich nicht ein Sterbenswörtchen verstand. Die ganze Gesellschaft hatte Gefallen an einander und sah mit Bedauern dem Augenblick der Trennung entgegen. Wir machten Tagereisen, als wären wir Schnecken gewesen. An einem Sonntage befanden wir uns in Saint-Marcellin. Frau von Larnage wollte in die Messe gehen, und ich begleitete sie; das hätte beinahe alles wieder verdorben. Ich benahm mich wie immer. Nach meiner ehrbaren und andächtigen Haltung hielt sie mich für scheinheilig und faßte von mir die schlechteste Meinung von der Welt, wie sie mir zwei Tage später gestand. Ich mußte nachher viele Galanterien verschwenden, um diesen schlechten Eindruck wieder zu verwischen, oder Frau von Larnage wollte vielmehr als Frau von Erfahrung, die nicht leicht den Muth verlor, gern die Gefahr ihres Entgegenkommens laufen, um zu sehen, wie ich mich aus der Sache ziehen würde. Sie erwies mir so viele und so große Aufmerksamkeiten, daß ich, weit entfernt mir auf mein Aeußeres etwas einzubilden, mich dem Glauben hingab, sie wollte sich über mich lustig machen. Es gab keinerlei Dummheiten, die ich in diesem thörichten Gedanken nicht beging; ich war schlimmer als der Marquis Du Legs. Frau von Larnage hielt Stand, schäkerte unaufhörlich mit mir und sagte mir so zärtliche Dinge, daß auch ein weniger dummer Mann Mühe gehabt hätte, dies alles für Ernst zu halten. Je mehr sie sich um mich bemühte, desto mehr bestärkte sie mich in meinem Gedanken, und was mich noch mehr quälte, war, daß ich offen gesagt mich ernstlich in sie verliebte. Ich sagte zu mir selbst und sagte seufzend zu ihr: »Ach, weshalb ist dies alles nicht wahr! Ich würde der Glücklichste der Menschen sein!« Ich glaube, daß meine Novizeneinfalt ihre Verliebtheit erst recht anstachelte; sie wollte ihre Absicht entschieden durchsetzen. Wir hatten Frau Du Colombier und ihr Gefolge in Romans verlassen. Auf die langsamste und angenehmste Art von der Welt setzten wir, Frau von Larnage, der Marquis von Torignan und ich, unsere Reise fort. Obgleich krank und mürrisch, war der Marquis doch ein ziemlich gutmüthiger Mann, der aber bei Bratenduft sein Brot nicht gern trocken aß. Frau von Larnage verhehlte ihre Liebe zu mir so wenig, daß er sie früher entdeckte als ich. Schon seine boshaften Spöttereien allein hätten mir die Zuversicht einflößen müssen, die ich auf die Gewogenheit der Dame nicht zu gründen wagte, wenn ich mir nicht in einer nur mir eigenen Verschrobenheit eingebildet hätte, daß sie im gegenseitigen Einverständnisse darauf ausgingen, mich zu foppen. Diese dumme Vorstellung verrückte mir vollends den Kopf und ließ mich die albernste Rolle spielen und noch dazu in einer Lage, in der mich mein verliebtes Herz zu einer glänzenderen hätte begeistern müssen. Ich begreife nicht, wie sich Frau von Larnage nicht durch mein widerwärtiges Wesen zurückschrecken ließ und mich nicht mit der äußersten Verachtung verabschiedete. Allein sie war eine geistreiche Frau, die sich auf die Menschen verstand und recht wohl einsah, daß in meinem Benehmen mehr Albernheit als Kälte lag. Endlich brachte sie es dahin, sich mir verständlich zu machen, und zwar nicht ohne Mühe. Wir hatten das Mittagsessen in Valence eingenommen und brachten nun nach unserer löblichen Gewohnheit den Rest des Tages daselbst zu. Wir waren außerhalb der Stadt in Saint-Jacques abgestiegen; ich werde mich immer dieses Gasthauses wie des Zimmers erinnern, welches Frau von Larnage in demselben bewohnte. Nach dem Essen wollte sie lustwandeln. Sie wußte, daß der Marquis nicht gern spazieren ging; deshalb war es ein Mittel, sich eine Unterredung unter vier Augen zu verschaffen, die sie zu benutzen entschlossen war, denn es war keine Zeit mehr zu verlieren, wollten wir noch Zeit übrig behalten, sie zu genießen. Wir gingen die Gräben entlang um die Stadt herum. Ich begann von neuem die ganze Litanei meiner Klagen, auf welche sie, meinen Arm, den sie hielt, bisweilen an ihr Herz drückend, mit einem so zärtlichen Tone antwortete, daß eine Dummheit wie die meinige dazu gehörte, um nicht zu begreifen, daß sie im vollen Ernste spräche. Köstlich war dabei, daß ich selbst außerordentlich gerührt war. Sie war, wie gesagt, liebenswürdig; die Liebe machte sie bezaubernd; sie verlieh ihr wieder den vollen Glanz der ersten Jugend und sie umstrickte mich mit ihren Liebkosungen mit einer solchen Gewandtheit, daß sie auch den erfahrensten Mann verführt haben würde. Ich gerieth also in große Verlegenheit; ich stand immer auf dem Punkte, mir Freiheiten herauszunehmen; aber die Furcht zu beleidigen oder zu mißfallen, die noch größere Angst verhöhnt, verlacht, aufgezogen zu werden, Stoff zu einer Tafelanekdote zu geben und von dem unbarmherzigen Marquis über meinen Unternehmungseist beglückwünscht zu werden, legten mir eine derartige Rückhaltung auf, daß ich mich über meine alberne Verschämtheit selber ärgerte und sie nicht zu überwinden im Stande war, obgleich ich sie mir zum Vorwurf machte. Ich war wie auf der Folter; ich konnte meine bisherigen schmachtenden Redensarten, deren ganze Lächerlichkeit auf einem so schönen Wege ich sehr wohl fühlte, nicht mehr über die Lippen bringen. Da ich nicht mehr wußte, welche Haltung ich annehmen noch was ich sagen sollte, schwieg ich; ich machte ein verdrießliches Gesicht, kurz ich that alles, was nöthig war, um mir die befürchtete Behandlung wirklich zuzuziehen. Glücklicherweise bewies sich Frau von Larnage menschlicher. Sie unterbrach plötzlich dieses Stillschweigen, indem sie einen Arm um meinen Hals schlang, und zugleich sprach ihr Mund auf dem meinigen zu deutlich, um mich in meinem Irrthume zu lassen. Die Entsendung konnte nicht rechtzeitiger eintreten. Ich wurde liebenswürdig, und es war Zeit. Sie hatte mich mit der Zuversicht erfüllt, deren Mangel mich fast stets gehindert hat, mich zu geben, wie ich bin. Nun that ich es. Nie haben meine Augen, meine Sinne, mein Herz und mein Mund so lebhaft geredet; nie habe ich mein Unrecht so vollkommen gesühnt; und hatte diese kleine Eroberung der Frau von Larnage Mühe gemacht, so hatte ich dafür Ursache zu glauben, daß sie sie nicht bereut hat. Wenn ich hundert Jahre lebte, würde ich mich nie ohne Vergnügen an diese bezaubernde Frau erinnern. Ich sage bezaubernd, obgleich sie weder jung noch schön war; da sie jedoch auch weder häßlich noch alt war, hatte sie nichts in ihrem Aeußern, was ihren Geist und ihre Anmuth gehindert hätte, sich geltend zu machen. Ganz im Gegensatz zu andern Frauen war das Gesicht an ihr am wenigsten frisch; und ich glaube, daß das aufgelegte Roth es ihr verdorben hatte. Sie hatte ihre Gründe, schwach und hingebend zu sein; es war das Mittel, ihren ganzen Werth zu erkennen zu geben. Man konnte sie sehen, ohne sie zu lieben, aber sie nicht besitzen, ohne sie anzubeten. Das scheint mir zu beweisen, daß sie mit ihrer Gunst nicht immer so verschwenderisch gewesen, wie sie gegen mich war. Ihre Liebe war zu schnell entstanden und war zu leidenschaftlich, um entschuldbar zu sein, aber sie war dabei eben so sehr dem Zuge ihres Herzens wie ihrer Sinnlichkeit gefolgt: und während der kurzen und köstlichen Zeit, die ich an ihrer Seite verlebte, hatte ich nach der Mäßigung, die sie mir auferlegte, Grund anzunehmen, daß sie, so sinnlich und wollüstig sie auch war, doch noch mehr meine Gesundheit als ihren Genuß im Auge hatte. Unser Einverständnis entging dem Marquis nicht. Ich war deshalb nicht weniger sein Stichblatt; im Gegentheil, er behandelte mich mehr als je wie einen armen schüchternen Liebhaber, wie einen Märtyrer der Grausamkeit seiner Dame. Nie entschlüpfte ihm ein Wort, ein Lächeln, ein Blick, aus dem ich hätte Verdacht schöpfen können, daß er uns errathen, und ich würde ihn für den von uns Getäuschten gehalten haben, wenn mir Frau von Larnage, die besser als ich sah, nicht gesagt hätte, er wäre nicht hintergangen, wäre aber ein Ehrenmann. Wirklich hätte man keine artigeren Aufmerksamkeiten bezeigen und sich nicht höflicher benehmen können, als er es immer, selbst gegen mich, that, wenn ich von seinen Neckereien absehe, namentlich von dem Augenblicke meines Erfolges an. Er schrieb mir vielleicht die Ehre desselben zu und hielt mich für weniger dumm, als ich ausgesehen hatte. Wie man gesehen, war er im Irrthum; aber was that es, er kam mir zu Gute, und da ich die Lacher einmal auf meiner Seite hatte, so gab ich mich willig und mit ziemlich guter Miene zur Zielscheibe seiner Spöttereien her und gab sie ihm auch mitunter in gleicher Münze zurück, ganz stolz darauf, in Frau von Larnage's Gegenwart den Geist zu Ehren zu bringen, den sie mir eingehaucht hatte. Ich war nicht mehr derselbe Mensch. Wir waren in einem Lande und in einer Jahreszeit reicher Tafelfreuden. Dank der Fürsorge des Marquis war die Bewirthung überall vorzüglich. Gleichwohl hätte ich gern darauf Verzicht geleistet, daß er sie auch bis auf unsere Zimmer ausdehnte; aber er schickte seinen Diener voraus, um sie zu belegen, und dieser Schuft brachte, sei es nun aus eigenem Antriebe oder auf Befehl seines Herrn diesen stets neben Frau von Larnage unter, während er mich in das andere Ende des Hauses steckte. Aber das setzte mich nicht leicht in Verlegenheit, und unsere Rendezvous gewannen dadurch nur an Reiz. Dieses wonnevolle Leben währte vier oder fünf Tage, während deren ich mich an den süßesten Genüssen berauschte. Die Seligkeit, die ich empfand, war rein, tief und ohne irgend eine Beimischung von Schmerz. Es sind die ersten und die einzigen Freuden, die ich in solcher Weise genossen habe; und ich kann sagen, daß ich es Frau von Larnage verdanke, wenn ich nicht sterbe, ohne die Sinnenlust kennen gelernt zu haben. Wenn das, was ich für sie empfand, nicht gerade Liebe war, so war es wenigstens eine so zärtliche Erwiderung der Liebe, die sie mir an den Tag legte, es war eine im Genuß so glühende Sinnlichkeit und eine in unsern Unterhaltungen so innige Vertraulichkeit, daß es allen Reiz der Leidenschaft besaß, ohne etwas von ihrer Raserei an sich zu haben, die nur den Kopf verdreht und den Genuß aufhebt. Ich habe nur einmal in meinem Leben wahre Liebe empfunden, und das war nicht an ihrer Seite. Ich liebte sie auch nicht, wie ich Frau von Warens geliebt hatte und noch immer liebte; aber gerade um deswillen besaß ich sie hundertmal mehr. Bei Mama war mein Genuß stets durch ein Gefühl von Traurigkeit, durch einen geheimen Druck auf dem Herzen getrübt, von dem ich mich nicht so leicht wieder frei machen konnte, statt mich ihres Besitzes wegen glücklich zu schätzen, warf ich mir vor, sie herabzuziehen. Bei Frau von Larnage dagegen überließ ich mich freudig und zuversichtlich der Sinnlichkeit, stolz darauf ein Mann zu sein und an ihrer Seite glücklich zu werden; ich theilte den Eindruck, den ich auf ihre Sinne ausübte; ich blieb meiner Herr genug, um mit eben so großer Eitelkeit wie Wollust meinen Triumph anzuschauen und ihn dadurch zu verdoppeln. Ich erinnere mich nicht des Ortes, an dem der Marquis, welcher aus der Gegend war, von uns schied; aber wir befanden uns, ehe wir Montelimar erreichten, allein, und von da an brachte Frau von Larnage ihre Kammerfrau in meinem Wagen unter, während ich bei ihr in dem ihrigen fuhr. Ich kann versichern, daß uns die Reise auf diese Weise nicht langweilig wurde, und ich würde schwerlich im Stande sein, die Gegend, durch die wir kamen, zu beschreiben. In Montelimar wurde sie von Geschäften drei Tage festgehalten, während deren sie mich trotzdem nur eine Viertelstunde verließ, um einen Besuch zu machen, der unangenehme Belästigungen und Einladungen zur Folge hatte, die sie sich anzunehmen hütete. Sie schützte Unwohlsein vor, welches uns jedoch nicht hinderte, täglich in der schönsten Gegend und unter dem schönsten Himmel von der Welt für uns allein spazieren zu gehen. Ach, diese drei Tage! Ich habe oft Ursache gehabt, sie mir zurückzuwünschen. Aehnliche habe ich nie wieder erlebt. Reiseliebschaften sind nicht für die Dauer berechnet. Wir mußten uns trennen, und ich gestehe, daß es Zeit war, nicht, daß ich gesättigt oder nahe daran gewesen wäre, es zu werden; ich schloß mich vielmehr jeden Tag enger an sie an; aber trotz alles Maßhaltens der Dame blieb mir nicht mehr viel übrig als der gute Wille. Var... als der gute Wille, und ehe wir uns trennten, wollte ich diesen Ueberrest noch ausnutzen, was sie aus Vorsicht gegen die Mädchen von Montpellier auch duldete. Wir bemühten uns durch Entwerfung von Plänen eines baldigen Wiedersehens unsern Schmerz zurückzudrängen. Es wurde beschlossen, daß ich diese Lebensweise, die mir jedenfalls gut that, fortsetzen und den Winter unter Oberaufsicht der Frau von Larnage in dem Flecken Saint-Andiol zubringen sollte. In Montpellier sollte ich nur fünf oder sechs Wochen bleiben, um ihr Zeit zu lassen, alles so vorzubereiten, daß den Klatschereien vorgebeugt würde. Sie gab mir umfassende Verhaltungsbefehle über das, was ich wissen mußte, über das, was ich sagen sollte, über die Art und Weise, wie ich mich zu benehmen hatte. Mittlerweile wollten wir uns schreiben. Sie hielt mir lange und sehr ernst gemeinte Vorträge über die Pflege meiner Gesundheit; ermahnte mich, ja recht geschickte Leute um Rath zu fragen, recht aufmerksam auf alle ihre Verordnungen zu sein, und übernahm es, während meines Aufenthaltes bei ihr für meine pünktliche Befolgung ihrer Vorschriften zu sorgen, so streng sie auch immer sein würden. Ich glaube, sie meinte es aufrichtig, denn sie liebte mich; sie gab mir tausend Beweise davon, die zuverlässiger, als ihre Gunstbezeigungen waren. Aus meiner Ausstattung schloß sie, daß ich nicht im Überfluß schwimmen konnte. Obgleich sie selbst nicht reich war, wollte sie mich bei unserem Scheiden durchaus zwingen, ihre Börse zu theilen, die sie von Grenoble ziemlich reich gespickt mitbrachte, und ich konnte sie nur mit großer Mühe davon abbringen. Endlich trennte ich mich von ihr, das Herz voll von ihrem Bilde und eine wahre Zuneigung, wie ich glaube, in ihr hinterlassend. Ich beendete meine Reise, während ich sie in der Erinnerung noch einmal durchmachte, und jetzt sehr zufrieden, in einem guten Wagen zu sitzen, weil ich mit noch größerem Behagen von den genossenen Freuden und denen, die mir verheißen waren, träumen konnte. Ich dachte nur an Saint-Andiol und an das reizende Leben, das meiner dort wartete; ich sah nur Frau von Larnage und ihre Umgebung; das ganze übrige Weltall war für mich nichts, selbst Mama war vergessen. Ich beschäftigte mich damit, in meinem Kopfe alle die Einzelheiten zusammenzustellen, in welche mich Frau von Larnage eingeweiht hatte, um mir im voraus eine Vorstellung von ihrer Wohnung, ihrer Nachbarschaft, ihrem Verkehrskreise, ihrer ganzen Lebensweise zu geben. Sie hatte eine Tochter, von der sie mir sehr oft wie eine blind eingenommene Mutter erzählt hatte. Diese Tochter stand im sechszehnten Jahre, war lebhaft, reizend und von liebenswürdigem Charakter. Man hatte mir versprochen, ich würde von ihr auf Händen getragen werden, und ich war sehr neugierig mir vorzustellen, wie Fräulein von Larnage den guten Freund ihrer Mama behandeln würde. Das waren die Gegenstände meiner Träumereien von Pont-Saint-Esprits bis nach Remoulin. Man hatte mich zur Besichtigung des Pont du Gard aufgefordert, was ich nicht zu thun verabsäumte. Nachdem ich einige vorzügliche Feigen zum Frühstück gegessen hatte, nahm ich mir einen Führer und machte mich auf den Weg, mir den Pont du Gard anzusehen. Es war das erste Römerwerk, das ich sah. Ich hatte erwartet, ein Baudenkmal zu sehen, würdig der Hände, die es errichtet hatten. Aber dieses Werk übertraf meine Erwartung, und das war das einzige Mal in meinem Leben. Die Römer allein waren im Stande, eine solche Wirkung hervorzubringen. Der Anblick dieses einfachen und großartigen Werkes überwältigte mich um so mehr, weil es inmitten einer Einöde liegt, wo die Stille und Einsamkeit das Werk großartiger erscheinen lassen und die Bewunderung um so lebhafter machen, denn diese sogenannte Brücke war nur eine Wasserleitung. Man fragt sich, welche Macht diese ungeheuren Steine, so weit von jedem Steinbruch entfernt, hierher geschafft und die Arme von so vielen Tausenden von Menschen in einer unbewohnten Gegend zusammengebracht hat. Ich durchstreifte die drei Stockwerke dieses großartigen Gebäudes, auf welches die Ehrfurcht mir beinahe die Füße zu setzen verbot. Der Wiederhall meiner Schritte unter diesen unermeßlichen Gewölben kam mir wie die gewaltige Stimme ihrer Erbauer vor. Ich verlor mich wie ein Insekt in dieser Unermeßlichkeit. Ich hatte, so klein ich mich auch machte, ein eigenthümliches Gefühl, das mir die Seele erhob, und seufzend sagte ich zu mir: »Ach, daß ich nicht als Römer geboren bin!« Mehrere Stunden blieb ich dort in einer entzückenden Betrachtung. Ich kehrte zerstreut und träumerisch von dort zurück, und diese Träumerei war der Frau von Larnage nicht günstig. Sie hatte wohl daran gedacht, mich gegen die Mädchen von Montpellier zu schützen, aber nicht gegen den Pont du Gard. Man denkt nie an alles. In Nimes suchte ich die Arena auf. Sie ist ein weit prächtigeres Bauwerk als der Pont du Gard und machte trotzdem einen weit geringeren Eindruck auf mich, sei es nun, daß sich meine Bewunderung bei dem ersten Gegenstande erschöpft hatte, oder auch die Lage der Arena mitten in einer Stadt weniger geeignet war, sie hervorzurufen. Dieses weite und wunderbar schöne Amphitheater ist von elenden kleinen Häusern umringt, und andere noch elendere und noch kleinere Häuser füllen überdies das Innere desselben aus, so daß das Ganze einen ungleichartigen und verworrenen Anblick gewährt, bei welchem der Aerger und die Entrüstung das Vergnügen und das Erstaunen zurückdrängen. Ich habe seitdem das Amphitheater von Verona gesehen, das ungleich kleiner und weniger schön als das von Nimes ist, aber mit pietätsvollstem Kunstsinn und größter Sauberkeit im Stande erhalten wird, wodurch es auf mich einen weit stärkeren und angenehmeren Eindruck ausübte. Die Franzosen sorgen für nichts und haben vor keinem Monument Achtung. Während sie beim Beginnen ganz Feuer sind, wissen sie nichts zu Ende zu führen, noch zu unterhalten. Ich hatte mich in so hohem Grade verändert und meine in Thätigkeit versetzte Sinnlichkeit war dergestalt erregt, daß ich einen Tag in Pont de Lunel verweilte, um mit der Gesellschaft, die sich dort aufhielt, eine gute Tafel zu führen. Dieses Wirthshaus, das bekannteste in Europa, verdiente damals seinen Ruf. Die Besitzer hatten seine günstige Lage benutzt, um es mit reichlichen und auserlesenen Lebensmitteln zu versehen. Es war wirklich merkwürdig, in einem völlig einsam gelegenen Hause auf dem Lande einen mit See- und Süßwasserfischen, vortrefflichem Wild und feinen Weinen besetzten Tisch zu finden, an dem man mit einer Aufmerksamkeit und Höflichkeit bedient wurde, wie sie sonst nur bei den Vornehmen und Reichen vorkommt, und alles dies für eure fünfunddreißig Sous. Aber Pont de Lunel blieb nicht lange auf diesem Fuße, und als es erst anfing, seinem Rufe nicht mehr ganz zu entsprechen, verlor es ihn endlich ganz. Während meiner Reise hatte ich ganz vergessen, daß ich krank war; bei meiner Ankunft in Montpellier dachte ich erst wieder daran. Meine Hypochondrie war zwar geheilt, aber alle meine andren Leiden waren nicht gewichen, und wenn sie mir die Gewohnheit auch weniger fühlbar machte, waren sie doch für jeden, der auf einmal von ihnen befallen wäre, groß genug, um sich für einen Todescandidaten zu halten. In Wahrheit waren sie weniger schmerzlich als beunruhigend, so daß mehr der Geist als der Körper, dessen Auflösung sie anzukündigen schienen, unter ihnen litt. Von heftigen Leidenschaften erregt, dachte ich deshalb nicht mehr an meinen Zustand; da er aber keineswegs auf Einbildung beruhte, machte er sich mir in ruhigen Augenblicken bald wieder bemerkbar. Ich dachte deshalb ernstlich an die Rathschläge der Frau von Larnage und an den Zweck meiner Reise. Ich befragte die erfahrensten und berühmtesten Aerzte, namentlich Herrn Fizes, und aus übertriebener Vorsicht gab ich mich bei einem Arzte in Kost. Es war ein Irländer, Namens Fitz Moris, der einen ziemlich zahlreich besuchten Tisch für Studenten der Medicin hielt. Ein Kranker, der sich dieser Tischgesellschaft anschloß, hatte noch den Vortheil, daß sich Herr Fitz Moris mit einem anständigen Kostgelde begnügte und von seinen Kostgängern für seine ärztlichen Bemühungen nichts nahm. Er sorgte für die Ausführung der Verordnungen des Herrn Fizes und wachte über meine Gesundheit. Er erfüllte diese Pflicht, was die Diät anlangt, sehr gut; man zog sich bei dieser Beköstigung keine Magenbeschwerden zu, und obgleich ich für dergleichen Entbehrungen nicht sehr empfindlich bin, boten sich mir doch so nahe liegende Vergleichungspunkte dar, daß ich mich nicht erwehren konnte, zuweilen gebührend anzuerkennen, daß Herr von Torignan ein weit größeres Verständnis für die Küchengeheimnisse besessen hätte als Herr Fitz Moris. Da man jedoch auch nicht gerade verhungerte, und diese ganze Jugend sehr lebenslustig war, so that mir diese Lebensweise wirklich gut und verhütete einen Rückfall in meine Schlaffheit. Ich verwandte den Morgen zum Einnehmen, namentlich zum Brunnentrinken, ich glaube des Balserwassers, und zum Briefschreiben an Frau von Larnage; denn der Briefwechsel blieb im Gange, und Rousseau übernahm es, die Briefe seines Freundes Dudding in Empfang zu nehmen. Gegen Mittag machte ich mit einigen unserer jungen Tischgenossen, die alle sehr gute Jungen waren, einen Spaziergang nach Canourgue; darauf allgemeine Zusammenkunft zum Essen. Nach Tische beschäftigte eine wichtige Angelegenheit den größten Theil von uns bis zum Abend, nämlich ein Ausflug vor die Stadt, wo zwei oder drei Maillepartien um das Abendbrot gespielt wurden. Da es mir an Kraft und Geschicklichkeit dazu fehlte, spielte ich nicht mit, aber ich wettete, und da ich unsern Spielern und ihren Kugeln mit dem Eifer eines Wettenden durch die unebenen und steinigen Wege folgte, machte ich mir eine angenehme und heilsame Bewegung, die mir sehr zusagte. Man nahm das Abendessen in einem Wirthshause außerhalb der Stadt ein. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß es bei diesen Essen heiter zuging, aber ich muß hinzufügen, daß bei ihnen ein ziemlicher Anstand beobachtet wurde, obgleich die aufwartenden Mädchen hübsch waren. Herr Fitz Moris, ein großer Maillespieler, war unser Vorsitzender, und ich kann sagen, daß ich trotz des schlechten Rufes der Studenten unter dieser ganzen Jugend mehr Sittlichkeit und Anstand gefunden habe, als man vielleicht unter einer gleichen Anzahl erwachsener Männer hätte finden können. Sie waren mehr lärmend als wüst, mehr lustig als locker; und ich finde mich so leicht in eine Lebensweise, wenn sie nicht aufgezwungen wird, daß ich nichts Besseres verlangt hätte, als diese hier von steter Dauer zu sehen. Unter den Studenten befanden sich mehrere Irländer, von welchen ich aus Vorsicht einige Worte englisch für Saint-Andiol zu lernen suchte, denn die Zeit, mich dorthin zu begeben, rückte heran. An jedem Posttage drängte mich Frau von Larnage dazu, und ich bereitete mich vor, ihr zu gehorchen. Es lag auf der Hand, daß mich meine Aerzte, die mein Leiden nicht erkannt hatten, als einen eingebildeten Kranken betrachteten und mich, sich darauf stützend, mit ihrer Chinawurzel, ihren Brunnen und ihren Molken behandelten. Ganz im Gegensatze mit den Theologen nehmen die Aerzte und die Philosophen nichts für wahr an, als was sie erklären können und machen ihren Verstand zum Maßstab für das Mögliche. Diese Herren konnten mein Leiden nicht erkennen, folglich war ich nicht krank; denn wie läßt sich annehmen, daß Doctoren nicht alles wüßten? Ich sah, daß sie mich nur hinzuhalten suchten und mein Geld verzehren ließen, und überzeugt, daß ihr Stellvertreter in Saint-Andiol dies alles eben so gut wie sie, aber auf angenehmere Weise thun würde, beschloß ich, ihm den Vorzug zu geben, und verließ Montpellier in dieser klugen Absicht. Ich reiste gegen Ende November ab nach einem sechswöchentlichen oder zweimonatlichen Aufenthalte in dieser Stadt, in der ich ein Dutzend Louisd'or ließ ohne irgend einen Vortheil für meine Gesundheit oder meine Belehrung, wenn ich nicht einen Cursus in der Anatomie als einen solchen betrachten soll, den ich bei Herrn Fitz Moris belegt hatte, aber wegen des entsetzlichen Gestankes der Leichname, welche man secirte, wieder aufzugeben gezwungen war. Mit meinem gefaßten Entschluß nicht ganz zufrieden, überlegte ich ihn noch einmal, während ich mich Pont-Saint-Esprit, wo sich die Straßen nach Saint-Andiol und nach Chambery theilen, immer mehr näherte. Die Erinnerungen an Mama und ihre Briefe riefen, wenn sie auch seltener schrieb als Frau von Larnage, in meinem Herzen wieder die Gewissensbisse wach, welche ich auf der Hinreise zurückgedrängt hatte. Jetzt auf der Rückreise wurden sie so lebhaft, daß sie, indem sie der äußeren Sinnenlust die Wage hielten, mich in den Stand setzten, der Vernunft allein Gehör zu geben. Zunächst konnte ich in der Rolle eines Abenteurers, die ich von neuem zu spielen gedachte, weniger glücklich als das erste Mal sein; in ganz Saint-Andiol brauchte sich nur eine einzige Person zu finden, welche in England gewesen war und die Engländer kannte oder ihre Sprache verstand, um mich zu entlarven. Die Familie der Frau von Larnage konnte Mißtrauen gegen mich fassen und mich weniger rücksichtsvoll behandeln. Noch mehr beunruhigte mich ihre Tochter, an welche ich wider meinen Willen häufiger dachte, als nöthig gewesen wäre. Ich zitterte vor dem Gedanken, daß ich mich in sie verlieben könnte, und diese Angst that die Hälfte der Arbeit. Sollte ich zum Lohn für die Gunst der Mutter darauf ausgehen, ihre Tochter zu verführen, das verabscheuungswürdigste Verhältnis anzuknüpfen, ihr Haus in Hader, Schande und Aergernis zu stürzen und in eine Hölle zu verwandeln? Dieser Gedanke erfüllte mich mit Schauder; ich faßte allerdings den festen Entschluß, mich zu bekämpfen und zu überwinden, wenn eine so unglückselige Neigung bei mir zum Durchbruch kommen sollte, aber weshalb mich einem solchen Kampfe erst aussetzen? Welch schmachvoller Zustand, mit der Mutter, deren ich überdrüssig geworden, zu leben und dabei für die Tochter zu glühen, ohne den Muth zu besitzen, ihr mein Herz zu enthüllen! Was zwang mich dazu, einen solchen Zustand herbeizuführen, mich dem Elend, der Schande, den Gewissensbissen einer Freude zu Liebe auszusetzen, deren Hauptwürze ich bereits ausgekostet hatte? Unläugbar hatte meine Neigung ja ihre erste Lebhaftigkeit verloren. Freude an der Sinnenlust empfand ich noch, aber die Leidenschaft war verschwunden. In diese Erwägungen mischten sich Betrachtungen über meine Lage und meine Pflichten sowie die Erinnerung an die so gute und edelmüthige Mama, die, schon von Schulden gedrückt, es durch meine thörichten Ausgaben noch mehr wurde und sich um meinetwillen erschöpfte, während ich sie so unwürdig betrog. Dieser Selbstvorwurf wurde so lebhaft, daß er endlich die Entscheidung herbeiführte. Als ich mich Saint-Esprit näherte, faßte ich den Entschluß, an Saint-Andiol ohne anzuhalten vorüberzufahren. Ich führte ihn, wenn auch, wie ich zugebe, mit einigen Seufzern, muthig aus; aber ich fühlte dabei auch zum ersten Male in meinem Leben jene innere Befriedigung, mir sagen zu können: ich bin jetzt meiner Selbstachtung werth, ich weiß meine Pflicht über mein Vergnügen zu stellen. Dies war der erste wirkliche Erfolg meines Studiums, welches mich gelehrt hatte nachzudenken und zu vergleichen. Nach den reinen Grundsätzen, die ich mir vor kurzem zu eigen gemacht; nach den Regeln der Mäßigung und der Tugend, die ich mir selbst gebildet und mit so großem Stolze befolgt hatte, siegte die Scham, mir selbst so wenig treu zu sein und meine eigenen Grundsätze so bald und so offen zu verläugnen, über die Sinnenlust. Der Stolz hatte vielleicht eben so viel Antheil an meinem Entschlusse als die Tugend; aber wenn dieser Stolz nicht die Tugend selbst ist, so bringt er doch so ähnliche Wirkungen hervor, daß ein Irrthum hierin verzeihlich ist. Gute Handlungen bringen noch den Vortheil, daß sie die Seele erheben und ihr die Fähigkeit zu noch besseren einflößen, denn die menschliche Schwäche ist leider so groß, daß man schon die Unterlassung des Bösen, welches man zu begehen versucht ist, zu den guten Handlungen rechnen muß. Sobald ich meinen Entschluß einmal gefaßt hatte, wurde ich ein anderer Mensch, oder ich wurde vielmehr wieder derselbe, der ich früher gewesen und der im Augenblicke der Trunkenheit verschwunden war. Voll guter Gesinnungen und guter Entschlüsse setzte ich meine Reise in der guten Absicht fort, meinen Fehler zu sühnen, indem ich nur daran dachte, von nun an mein Betragen nach den Regeln der Tugend zu richten, mich rückhaltslos dem Dienste der besten der Mütter zu weihen, mich ihr mit eben so großer Treue hinzugeben, wie ich Zuneigung zu ihr hatte, und mich von keiner andern Liebe mehr beherrschen zu lassen, als von der zu meinen Pflichten. Ach, die Aufrichtigkeit meiner Umkehr zum Guten schien mir ein anderes Schicksal zu versprechen; aber das meinige war bereits entschieden und begann schon an mich heranzutreten, und als mein Herz, voll Liebe für das Gute und Ehrenhafte, nur noch Unschuld und Glück im Leben sah, stand schon der verhängnisvolle Augenblick vor der Thür, der die lange Kette meiner Leiden nach sich ziehen sollte. Im Eifer, nach Hause zu kommen, reiste ich schneller, als ich berechnet hatte. Von Valence aus hatte ich ihr Tag und Stunde meiner Ankunft angezeigt. Da ich einen Vorsprung von einem halben Tage gewonnen hatte, verweilte ich eben so lange Zeit in Chaparillon, um genau in dem angegebenen Augenblicke einzutreffen. Ich wollte die Freude des Wiedersehens in ihrem ganzen Reize genießen. Ich schob sie lieber ein wenig hinaus, um das Vergnügen, erwartet zu werden, damit zu verbinden. Diese Vorsicht war für mich stets von gutem Erfolge gewesen. Ich hatte meine Ankunft stets durch eine Art kleinen Festes feiern sehen; diesmal rechnete ich darauf eben so sehr, und es lohnte sich wohl der Mühe, Veranlassung zu solchen Aufmerksamkeiten zu geben, für welche ich so erkenntlich war. Ich langte also genau zu der festgesetzten Stunde an. Schon von weitem blickte ich mich um, ob ich sie nicht auf dem Wege entdecken würde; je näher ich ihrem Hause kam, desto heftiger klopfte mir das Herz. Athemlos komme ich an, denn ich hatte meinen Wagen in der Stadt verlassen; ich gewahre niemanden im Hofe; an der Thür, am Fenster; ich fange an, unruhig zu werden, ich befürchte irgend ein Unglück. Ich trete ein; alles ist ruhig; Tagelöhner vesperten in der Küche; übrigens nirgends ein Willkommenszeichen. Die Magd schien bei meinem Anblick überrascht; sie wußte nicht, daß ich ankommen sollte. Ich gehe die Treppe hinauf; endlich sehe ich sie, diese theure, so zärtlich, so heiß, so rein geliebte Mama; ich fliege auf sie zu, ich stürze mich ihr zu Füßen. »Ei, da bist du ja, Kleiner,« sagt sie, mich umarmend, »ist deine Reise glücklich abgelaufen? Wie befindest du dich?« Dieser Empfang bringt mich ein wenig aus der Fassung. Ich fragte sie, ob sie meinen Brief nicht erhalten hätte. Sie bejahte es. »Ich hätte es nicht gedacht,« entgegnete ich, und damit hatte unsere gegenseitige Erklärung ein Ende. Ein junger Mann war bei ihr. Ich kannte ihn, da ich ihn schon vor meiner Abreise im Hause gesehen hatte; aber diesmal schien er darin eine feste Stellung einzunehmen, und so war es wirklich. Kurz, ich fand meine Stelle besetzt. Dieser junge Mann war aus dem Waadtlande; sein Vater, ein gewisser Vintzenried, war Burgvogt oder sogenannter Kapitän des Schlosses Chillon. Der Sohn des Herrn Kapitäns war Barbiergehilfe und befand sich, als er sich Frau von Warens vorstellte, in dieser Eigenschaft auf der Wanderschaft. Sie nahm ihn wie alle Reisende und namentlich die aus ihrer Heimat freundlich auf. Es war ein großer, fader Flachskopf, ziemlich wohlgestaltet, von eben so gewöhnlichem Gesichte wie Geist. Er konnte sprechen wie der schöne Liandre und gab bei der langen Aufzählung seiner Liebschaften den ganzen Ton und alle Neigungen seines Standes zu erkennen. Trotzdem nannte er nur die Hälfte der Marquisen, bei denen er geschlafen hatte, behauptete aber, keine hübschen Frauen frisirt zu haben, deren Männern er nicht Hörner aufgesetzt hätte. Eitel, dumm, unwissend, unverschämt, sonst aber der beste Junge von der Welt. So war der Stellvertreter, der mir während meiner Abwesenheit gegeben war, und der Gefährte, der mir nach meiner Rückkunft beigesellt wurde. Ach, wenn die von ihren irdischen Fesseln befreiten Seelen noch aus dem Schooße des ewigen Lichtes auf das, was bei den Sterblichen geschieht, herniederschauen, dann verzeihe, theurer und hochverehrter Schatten, wenn ich gegen deine Fehler eben so wenig Nachsicht habe, wie gegen die meinigen, wenn ich die einen wie die andern vor den Augen der Leser in gleicher Weise enthülle. Ich muß und will für dich wie für mich wahr sein; du wirst dabei immer weniger verlieren als ich. Wie sollte nicht dein liebenswürdiger und sanfter Charakter, deine unerschöpfliche Herzensgüte, deine Offenherzigkeit und alle deine ausgezeichneten Tugenden solche Schwachheiten ausgleichen, wenn man die blosen Irrthümer deiner Vernunft so nennen darf! Du ließest dir Verirrungen zu Schulden kommen, aber keine Fehler; deine Aufführung war tadelnswerth, aber dein Herz war immer rein. Var. ... immer rein. Man lege das Gute und das Schlechte auf die Wage, und möge billig sein; welche andere Frau würde je wagen, sich mit dir zu vergleichen, wenn ihr geheimes Leben so offenkundig vor aller Welt da läge wie das deinige. Der neue Ankömmling hatte sich bei all ihren kleinen Aufträgen, die sie stets in großer Zahl hatte, eifrig, fleißig und pünktlich gezeigt; er hatte sich zum Aufseher ihrer Arbeiter aufgeworfen. Eben so lärmend, wie ich ruhig war, ließ er sich am Pfluge, auf der Wiese, im Gehölz, im Stalle und im Hühnerhofe zu gleicher Zeit sehen und besonders hören. Nur den Garten vernachlässigte er, weil die Arbeit in ihm zu still war und ohne alles Gelärme abging. Sein Hauptvergnügen war aufzuladen und zu fahren, Holz zu sägen oder zu spalten; man sah ihn stets die Axt oder die Hacke in der Hand; man hörte ihn laufen, klopfen oder laut schreien. Für wie viel Menschen er arbeitete, weiß ich nicht, aber Lärm machte er beständig für zehn oder zwölf. All dieses geräuschvolle Treiben erregte meiner armen Mama Bewunderung; dieser junge Mann kam ihr wie ein Schatz für ihre Angelegenheiten vor. In dem Wunsche ihn an sich zu fesseln, wandte sie alle Mittel an, welche sie für geeignet hielt, und vergaß das nicht, auf welches sie sich am meisten verließ. Man hat mein Herz erkennen müssen, seine beständigsten und wahrsten Gefühle, namentlich diejenigen, welche mich in diesem Augenblicke an ihre Seite zurückriefen. Welch schneller und plötzlicher Umschwung meines ganzen Seins! Man stelle sich an meinen Platz, um sich ein Urtheil darüber zu bilden. In einem Augenblicke sah ich die ganze glückliche Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte, für immer verschwinden. Alle die seligen Hoffnungen, die ich gehegt hatte, lösten sich auf; und ich, der ich seit meiner Jugend mein Dasein mit dem ihrigen unzertrennbar verbunden sah, erblickte mich jetzt zum ersten Male allein. Dieser Augenblick war schrecklich, und alle, die ihm folgten, waren düster. Ich war noch jung, aber das beseligende Gefühl von Genuß und Hoffnung, das die Jugend belebt, verließ mich auf immer. Damals erstarb das fühlende Wesen zur Hälfte in mir. Ich sah nur noch die traurigen Reste eines faden Lebens vor mir; und wenn sich meinem Verlangen doch mitunter ein Bild des Glückes in flüchtigen Umrissen zeigte, so war dieses Glück doch im Grunde nicht das, welches sich für mich eignete; ich fühlte, daß, wenn ich es erlangte, ich doch nicht wahrhaft glücklich sein würde. Ich war so dumm, und mein Vertrauen war so groß, daß es mir trotz des vertraulichen Benehmens des Neuangekommenen, welches ich der alle Standesunterschiede ausgleichenden Umgänglichkeit Mamas zuschrieb, nicht eingefallen wäre, den wahren Grund zu ahnen, wenn sie ihn mir nicht selbst gesagt hätte; aber sie beeilte sich, mir dieses Geständnis mit einer Offenheit abzulegen, die ganz darnach angethan war, meine Wuth noch zu steigern, wenn mein Herz dazu fähig gewesen wäre. Sie fand von ihrem Standpunkte aus die Sache ganz einfach, warf mir meine Nachlässigkeit im Hause vor und berief sich auf meine häufige Abwesenheit, als hätte sie eine so sinnliche Natur gehabt, daß sie einen schnellen Ersatz für das Versäumte verlangt hätte. »Ach, Mama,« sagte ich zu ihr mit schmerzlich bewegtem Herzen, »was erlaubst du dir, mir mitzutheilen! Was für ein Lohn für eine Liebe wie die meine! Hast du mir nur deshalb das Leben so oft gerettet, um mir alles zu rauben, was mir dasselbe theuer machte? Ich werde sterben, aber du wirst mich zurückwünschen.« Sie erwiderte mir in einem so ruhigen Tone, daß ich hätte närrisch werden können, ich wäre ein Kind, und man stürbe nicht an dergleichen Dingen; ich würde nichts verlieren, wir würden nicht weniger gute Freunde, nicht weniger vertraut in jeder Hinsicht sein; ihre zärtliche Zuneigung könnte nicht abnehmen und würde nur mit ihrem Leben enden. Mit einem Worte, sie gab mir zu verstehen, daß alle meine Rechte noch die nämlichen wären, und daß ich, wenn ich sie auch mit einem andern theilte, ihrer deshalb nicht verlustig ginge. Nie machte sich mir die Reinheit, die Wahrheit, die Stärke meiner Gefühle für sie, nie die Aufrichtigkeit und Redlichkeit meiner Seele fühlbarer als in diesem Augenblicke. Ich stürzte mich ihr zu Füßen, ich umarmte, Ströme von Thränen vergießend, ihre Knie. »Nein, Mama,« erwiderte ich leidenschaftlich, »ich liebe dich zu sehr, um dich herabzuwürdigen; dein Besitz ist mir zu theuer, um ihn zu theilen; die innere Unruhe, die sich meiner bemächtigte, als ich ihn erlangte, hat sich mit meiner Liebe gesteigert; nein, um denselben Preis kann ich ihn mir nicht bewahren. Ich werde dich immer anbeten, mache dich dessen beständig würdig; deine Verehrung ist mir ein noch größeres Bedürfnis als dein Besitz. Ich überlasse dich dir selber, Mama; der Vereinigung unserer Herzen opfere ich meine Sinnenlust. Ich würde tausendmal lieber sterben, als mich einem Genusse hingeben, der das erniedrigt, was ich liebe!« Ich blieb bei diesem Entschlusse mit einer, wie ich wohl sagen darf, des Gefühls, aus dem er entsprang, würdigen Beharrlichkeit. Von diesem Augenblicke an sah ich diese so heiß geliebte Mama nur noch mit den Augen eines wirklichen Sohnes an; und ich muß bemerken, daß sie, obwohl sie, wie ich nur zu gut bemerkte, meinen Entschluß keineswegs im Geheimen billigte, nie versuchte, mich von demselben abtrünnig zu machen, weder durch einschmeichelnde Reden, noch durch Liebkosungen, noch durch irgend eine jener verlockenden Buhlerkünste, welche die Frauen zu benutzen verstehen, ohne sich etwas zu vergeben, und die selten erfolglos sind. Gezwungen, mir ein von ihr unabhängiges Loos zu suchen und unfähig, ein solches aufzufinden, ging ich bald in das andere Extrem über und verknüpfte mein Schicksal ganz mit dem ihrigen. Ich suchte es darin so vollkommen, daß ich dahin gelangte, mich fast selbst zu vergessen. Der glühende Wunsch, sie um jeden Preis glücklich zu sehen, nahm alle meine Gefühle in Anspruch. Umsonst hätte sie sich bemüht, ihr Glück von dem meinigen zu trennen; ich betrachtete es, mochte sie wollen oder nicht, als das meinige. So begannen im Verein mit meinem Unglück die Tugenden zu keimen, deren Same auf dem Grunde meiner durch das Studium befruchteten Seele lag, und die, um zu ihrer höchsten Entwickelung zu gelangen, nur die Triebkraft der Trübsal erwarteten. Die erste Frucht dieser selbstlosen Gesinnung war das Schwinden allen Hasses und Neides wider den, der meine Stellung untergraben hatte. Ich wollte mich vielmehr, und zwar ganz aufrichtig, an den jungen Mann anschließen, ihn bilden, an seiner Erziehung arbeiten, ihm sein Glück zum Bewußtsein bringen, ihn desselben womöglich würdig machen und mit einem Worte für ihn alles thun, was Anet bei einer ähnlichen Gelegenheit für mich gethan hatte. Aber hier war die Verschiedenheit der Persönlichkeiten zu groß. Bei größerer Sanftmuth und Bildung fehlte mir doch Anets Kaltblütigkeit und Festigkeit, wie jene Charakterstärke, die Achtung abnöthigte und deren ich zur Ausführung meiner Absicht bedurft hätte. Noch weniger fand ich in dem jungen Manne die Eigenschaften, die Anet in mir gefunden hatte: die Gelehrigkeit, die Liebe, die Erkenntlichkeit, namentlich nicht das Gefühl, daß ich seiner Hilfe bedurfte, und das brennende Verlangen, sie zu benutzen. Dies alles mangelte hier. Der, welchen ich bilden wollte, betrachtete mich nur als einen lästigen Pedanten, der sich lediglich in leeren Redensarten erging. Sich selbst dagegen bewunderte er als eine im Hause wichtige Person, und da er die Dienste, welche er darin zu leisten glaubte, nach dem dabei erhobenen Lärm abmaß, so galten in seinen Augen seine Hacken und Beile für unendlich nützlicher als alle meine Bücher. In gewisser Hinsicht hatte er nicht Unrecht, aber er fand darin einen hinreichenden Grund, eine Miene anzunehmen, über die man sich hätte todtlachen können. Bei den Bauern spielte er den Landjunker, bald auch mir und endlich sogar Mama gegenüber. Sein Name Vintzenried schien ihm nicht edel genug, er vertauschte ihn mit dem eines Herrn von Courtilles, und unter letzterem Namen ist er seitdem in Chambery und in Maurienne, wo er sich verheirathet hat, bekannt geworden. Kurz, der erlauchte Herr bemächtigte sich so vollkommen der Zügel, daß er im Hause alles war und ich nichts. Da er, sobald ich das Unglück hatte, sein Mißfallen zu erregen, Mama und nicht mich ausschalt, so machte mich die Besorgnis, sie seinen Grobheiten auszusetzen, gegen seine Wünsche nachgiebig; und so oft er Holz spaltete, ein Geschäft, dem er mit einem Stolze ohne Gleichen oblag, mußte ich den müßigen Zuschauer und stillen Bewunderer seiner Heldenthat abgeben. Trotzdem hatte dieser Bursche durchaus keinen schlechten Charakter; er liebte Mama, weil es unmöglich war, sie nicht zu lieben, sogar gegen mich hatte er keine Abneigung; und wenn die lichten Augenblicke, die er hin und wieder hatte, mit ihm zu reden gestatteten, hörte er uns bisweilen ziemlich aufmerksam an, wobei er offen zugab, daß er nichts als ein Dummkopf wäre; hinterher machte er aber nichtsdestoweniger neue Dummheiten. Er hatte übrigens eine so beschränkte Fassungskraft und so gemeine Neigungen, daß es schwierig war, ihn zur Vernunft zu bringen, und fast unmöglich, mit ihm zusammen zu sein. Neben dem Besitze einer Frau voller Reize suchte er noch die Befriedigung seiner Gelüste bei einer alten rothköpfigen und zahnlosen Kammerfrau, deren widerwärtige Dienste Mama geduldig ertrug, so übel ihr bei denselben auch war. Ich bemerkte diese neue Schlechtigkeit und ward von Unwillen ergriffen, aber ich bemerkte noch etwas Anderes, was mich weit mehr bekümmerte und in eine tiefere Muthlosigkeit versenkte als alles, was sich bis dahin ereignet hatte, das war Mamas Erkaltung gegen mich. Die Entsagung, die ich mir auferlegt, und die sie dem Anscheine nach gebilligt hatte, gehört zu jenen Dingen, welche die Frauen nie verzeihen, welche Miene sie auch dazu machen, weniger wegen der Entbehrung, die sie dadurch persönlich leiden, als wegen der Gleichgiltigkeit gegen ihren Besitz, die sie darin erblicken. Nehmet die verständigste, gebildetste, am wenigsten sinnliche Frau: das unverzeihlichste Verbrechen, welches der Mann, um den sie sich sonst am wenigsten kümmert, gegen sie begehen kann, ist, ihren Besitz erlangen zu können und keinen Gebrauch davon zu machen. Das muß wohl ausnahmslos der Fall sein, weil eine so natürliche und innige Zuneigung in ihr in Folge einer Enthaltung erkaltete, die nur auf Gründen der Tugend, der Anhänglichkeit und Achtung beruhte. Von da an fand ich bei ihr nicht mehr jene Vertraulichkeit der Herzen, die stets den süßesten Genuß des meinigen ausmachte. Sie schüttete mir ihr Herz nur noch aus, wenn sie sich über den neuen Ankömmling zu beklagen hatte; lebten sie in Frieden mit einander, zog sie mich wenig in ihr Vertrauen. Endlich zeigte sich immer mehr und mehr, daß ich in ihrem Herzen keine Stelle mehr hatte. Meine Gegenwart war ihr zwar noch angenehm, aber kein Bedürfnis mehr; und hätte ich sie ganze Tage lang nicht aufgesucht, würde sie es gar nicht bemerkt haben. Unmerklich fühlte ich mich alleinstehend und einsam in diesem nämlichen Hause, dessen Seele ich vorher war und in dem ich gleichsam ein Doppelleben führte. Ich gewöhnte mich allmählich daran, mich von allem, was darin vorfiel, und sogar von seinen Bewohnern fern zu halten; und um mir eine unaufhörliche Marter zu ersparen, schloß ich mich mit meinen Büchern ein oder ging tief in dte Wälder hinein, um nach Herzenslust zu seufzen und zu weinen. Solches Leben wurde mir bald völlig unerträglich. Ich fühlte, daß bei der eingetretenen Entfremdung die persönliche Gegenwart einer Frau, die mir so theuer war, meinen Schmerz steigerte, und daß, sobald ich sie nicht mehr sähe, ich mich weniger schmerzlich von ihr getrennt fühlen würde. Ich faßte den Entschluß, ihr Haus zu verlassen, und sagte es ihr, und weit davon entfernt, sich ihm zu widersetzen, nahm sie ihn günstig auf. Sie hatte in Grenoble eine Freundin, Namens Deybens, deren Gatte der Freund des Herrn von Mably, des Oberhofrichters zu Lyon, war. Herr Deybens schlug mir vor, die Erziehung der Kinder des Herrn von Mably zu übernehmen; ich ging darauf ein und reiste nach Lyon, ohne die geringste Trauer über eine Trennung, deren blose Vorstellung uns früher mit Todesqual erfüllt hätte, zu hinterlassen, ja fast zu fühlen. Ich besaß ungefähr die für einen Erzieher nothdürftigen Kenntnisse und, wie ich glaubte, auch die Fähigkeit dazu. Während des einen Jahres, welches ich bei Herrn von Mably zubrachte, hatte ich Zeit, aus diesem Wahne zu kommen. Mein sanftmüthiger Charakter hätte mich zu diesem Berufe sehr geeignet gemacht, wenn ihn mir nicht meine stürmische Hitze erschwert hätte. So lange alles gut ging, so lange ich sah, daß mein Fleiß und meine Mühe, an denen ich es damals wahrlich nicht fehlen ließ, einen günstigen Erfolg hatte, war ich ein Engel; aber ein Teufel, wenn es nicht nach meinen Gedanken ging. Verstanden mich meine Zöglinge nicht, gerieth ich außer mir, und zeigten sie sich böswillig, hätte ich sie tödten mögen; das war freilich nicht das Mittel, sie klug und artig zu machen. Ich hatte ihrer zwei; sie hatten sehr verschiedenen Charakter. Der eine, acht- oder neunjährig, Namens Sainte-Marie, hatte ein hübsches Aeußere, war ziemlich geweckt, ziemlich lebhaft, ausgelassen, muthwillig, boshaft, aber von einer heiteren Bosheit. Der jüngere, der den Namen Condillac trug, Var... Condillac trug nach seinem inzwischen so berühmt gewordenen Oheim. schien fast dumm, tölpelhaft, störrisch wie ein Maulthier und vermochte fast nichts zu fassen. Man kann sich denken, daß ich an diesen beiden Kindern keine leichte Arbeit hatte. Mit Geduld und Kaltblütigkeit hätte ich vielleicht Erfolge erzielt, aber in Ermangelung beider erreichte ich nichts Nennenswerthes, und meine Zöglinge mißriethen so ziemlich. Es fehlte mir nicht an beharrlichem Fleiße, allein es fehlte mir an Gleichmäßigkeit und namentlich an Klugheit. Ich wußte bei ihnen nur drei, bei Kindern stets fruchtlose und oft gefährliche Hilfsmittel in Anwendung zu bringen: das Gefühl, vernünftige Ueberlegungen und den Zorn. Bald vergoß ich bei Sainte-Marie Thränen der Rührung; ich wollte ihn selbst rühren, als ob das Kind für eine wahre Herzensregung empfänglich gewesen wäre; bald erschöpfte ich mich, ihm vernünftige Vorhaltungen zu machen, als ob er im Stande gewesen wäre, mich zu verstehen, und da er mir mitunter sehr spitzfindig antwortete, hielt ich ihn in vollem Ernste für vernünftig, weil er einmal einen vernünftigen Gedanken geäußert hatte. Der kleine Condillac bereitete mir noch mehr Sorgen, weil er nichts auffaßte, nichts antwortete, über nichts in Aufregung gerieth und mit seinem unerschütterlichen Leichtsinn nie mehr über mich triumphirte, als wenn er mich wüthend gemacht hatte; dann war er der Verständige und ich das Kind. Ich sah alle meine Fehler ein und fühlte sie; ich studirte den Charakter meiner Zöglinge; ich durchschaute sie sehr gut und glaube nicht, daß ich mich auch nur ein einziges Mal von ihnen habe hintergehen lassen. Aber was nützte mir die Erkenntnis des Uebels, wenn ich nicht das Heilmittel dagegen anzuwenden verstand? Obgleich ich alles erkannte, ließ ich alles beim Alten, und alles, was ich that, war gerade das, was ich nicht hätte thun sollen. Auch ich für meine Person hatte keinen größeren Vortheil als meine Zöglinge. Ich war von Frau Deybens der Frau von Mably empfohlen worden. Sie hatte dieselbe gebeten, mein Benehmen zu bilden und mir Weltton beizubringen. Frau von Mably gab sich wirklich Mühe und verlangte, ich sollte lernen, die Gäste zu empfangen und zu unterhalten; aber ich benahm mich so linkisch, ich war so schüchtern, so albern, daß sie den Muth verlor und sich nicht mehr um mich kümmerte. Dies hinderte mich nicht, mich nach meiner Gewohnheit in sie zu verlieben. Aus meinem Benehmen merkte sie es, aber ich wagte mich nie zu erklären; sie hatte nicht Lust, mir entgegen zu kommen, und vergeblich liebäugelte und seufzte ich, so daß ich selbst dessen bald überdrüssig wurde, da ich sah, daß ich nicht zum Ziele gelangte. Bei Mama hatte ich den Hang zu kleinen Diebereien völlig verloren, da ja alles mir gehörte und ich folglich nichts zu stehlen hatte. Ueberdies mußten die edeln Grundsätze, die ich mir gebildet hatte, mich fortan hoch über dergleichen Gemeinheiten erheben, und es ist gewiß, daß ich seitdem gewöhnlich darüber erhaben gewesen bin, aber weniger deshalb, weil ich meine Versuchungen zu überwinden gelernt, als weil ich ihnen die Wurzel abgeschnitten hatte; und ich fürchte sehr, daß ich noch wie in meiner Kindheit stehlen würde, wäre ich noch denselben Begierden ergeben. Den Beweis davon hatte ich bei Herrn von Mably. Von leicht stehlbaren Kleinigkeiten umgeben, denen ich nicht einmal Beachtung schenkte, kam es mir in den Sinn, nach einem sehr angenehm schmeckenden weißen Arboiswein lüstern zu werden, nachdem mir einige Gläser desselben, die ich dann und wann bei der Tafel getrunken, ein großes Verlangen eingeflößt hatten. Er war ein wenig trüb; ich bildete mir ein, die Kunst zu verstehen, den Wein zu klären, und rühmte mich dessen. Man vertraute mir deshalb den Arboiswein an; ich klärte und klärte, verdarb ihn aber noch mehr, wenn auch nur für das Auge; er blieb immer angenehm zu trinken, und die Gelegenheit machte, daß ich mir von Zeit zu Zeit einige Flaschen davon aneignete, um sie auf meinem kleinen Zimmer in aller Gemüthlichkeit zu trinken. Leider habe ich nie trinken können, ohne dabei zu essen. Wie es anstellen, um Brot zu bekommen? Es war unmöglich, mir etwas aufzuheben. Es durch die Dienerschaft kaufen zu lassen, hieß mich verrathen; auch hätte darin fast eine Beleidigung des Hausherrn gelegen. Es selbst zu kaufen, wagte ich nicht. Konnte wohl ein vornehmer Herr mit dem Degen an der Seite zu einem Bäcker gehen, um sich ein Stück Brot zu kaufen? War das möglich? Endlich erinnerte ich mich des Auskunftsmittels einer großen Prinzessin, der man sagte, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: »Sie können ja Kuchen essen.« Abermals was für Schwierigkeiten, um dazu zu kommen! Lediglich in dieser Absicht ausgegangen, durchlief ich mitunter die ganze Stadt und ging an dreißig Pastetenbäckerläden vorüber, ehe ich bei einem eintrat. Es durfte sich nur eine einzige Person im Laden befinden und auch deren Gesichtszüge mußten mich noch anziehen, wenn ich das Wagestück unternehmen sollte. Aber wenn ich erst einmal meinen lieben kleinen Kuchen hatte und nun, in mein Zimmer fest eingeschlossen, meine Flasche aus dem Schranke hervorlangte, welch ein köstliches Gelage feierte ich dann für mich ganz allein, während ich einige Seiten eines Romans dazu las. Denn beim Essen lesen war, wenn mir ein Tischgenosse fehlte, immer meine Lust. Es bildet für mich einen Ersatz der fehlenden Gesellschaft. Ich verschlinge abwechselnd eine Seite und einen Bissen; es ist, als ob mein Buch mit mir schmauste. Ich bin nie ausschweifend oder wüst gewesen und habe mich nie in meinem Leben betrunken. So waren denn meine kleinen Diebereien nicht sehr bedeutend; sie wurden jedoch entdeckt, da die Flaschen mich verriethen. Man gab es mir nicht zu verstehen, aber ich hatte nicht mehr die Oberaufsicht über den Keller. Bei dem allen benahm sich Herr von Mably anständig und klug. Er war ein Ehrenmann, der bei einer Miene, so hart wie sein Amt, doch einen wirklich sanften Charakter und eine seltene Herzensgüte besaß. Er war einsichtsvoll, billig denkend und, was man von einem höheren Polizeibeamten nicht erwarten sollte, sogar sehr freundlich. Da ich seine Nachsicht sehr wohl einsah, wurde ich ihm nur um so ergebener, und dies war die Ursache, daß ich in seinem Hause länger verblieb, als es sonst der Fall gewesen wäre. Allein endlich eines Berufes, für den ich mich nicht eignete, und einer sehr lästigen Lage überdrüssig, die nichts Angenehmes für mich hatte, entschloß ich mich nach einem Probejahre, während dessen ich es nicht an Fleiß hatte fehlen lassen, meine Schüler zu verlassen, fest überzeugt, daß ich es nie dahin bringen würde, sie gut zu erziehen. Herr von Mably sah dies selbst eben so gut wie ich ein. Indessen glaube ich, daß er es nie hätte über das Herz bringen können, mich fortzuschicken, wenn ich ihm die Mühe nicht erspart hätte, und es liegt mir sicherlich fern, dieses Uebermaß von Güte in einem solchen Falle zu billigen. Was mir meine Lage noch unerträglicher machte, war ihre beständige Vergleichung mit derjenigen, aus der ich in sie versetzt worden, war die Erinnerung an mein liebes Charmettes, an meine Blumen, an meine Bäume, meine Quelle, meinen Obstgarten und vor allem an sie, für die ich geboren war, die dem allen erst Leben verlieh. Wenn ich an sie, an unsere Vergnügungen und an unser unschuldiges Leben zurückdachte, fühlte ich Herzspannen und Beklemmungen, die mir den Muth raubten, irgend etwas zu thun. Hundertmal bin ich versucht gewesen, sofort abzureisen und zu Fuß zu ihr zurückzukehren; hätte ich sie nur noch einmal wiedergesehen, wäre ich gern auf der Stelle gestorben. Schließlich konnte ich diesen zärtlichen Erinnerungen, die mich um jeden Preis zu ihr zurückriefen, nicht länger widerstehen. Ich sagte mir, daß ich nicht geduldig, nicht gefällig, nicht zärtlich genug gewesen wäre; daß ich noch immer in süßester Freundschaft glücklich leben könnte, wenn ich mir mehr Mühe gegeben hatte. Ich entwerfe die schönsten Pläne von der Welt, ich glühe vor Eifer, sie auszuführen. Ich verlasse alles, entsage allem, ich reise ab, fliege, komme in meinem Entzücken wie in meiner ersten Jugend an und finde mich zu ihren Füßen wieder. Ach, ich wäre vor Freude gestorben, hätte ich in ihrem Empfang, in ihren Augen, in ihren Liebkosungen und vor allem in ihrem Herzen nur den vierten Theil dessen wiedergefunden, was ich ehemals darin wieder fand, und was ich ihr ja selbst entgegenbrachte. Entsetzliche Täuschung in dieser Zeitlichkeit! Sie empfing mich ja freilich mit diesem vortrefflichen Herzen, welches nur mit ihr sterben konnte; aber ich verlangte nach der Vergangenheit, die nicht mehr war und nicht wiederkehren konnte. Kaum war ich eine halbe Stunde bei ihr gewesen, als ich mein altes Glück auf ewig erstorben fühlte. Ich fand mich in der nämlichen trostlosen Lage wieder, der ich nothgedrungen entflohen war, und zwar ohne daß ich sagen könnte, die Schuld hätte an irgend jemandem gelegen; denn im Grunde war Courtilles nicht schlecht und schien mich eher mit Freude als mit Verdruß wiederzusehen. Aber wie konnte ich es bei ihr, der ich alles gewesen und die nicht aufhören konnte, mir alles zu sein, als ein Ueberzähliger aushalten? wie als ein Fremdling in dem Hause leben, dessen Kind ich war? Der Anblick der Gegenstände, die Zeugen meines vergangenen Glückes gewesen waren, machte mir den Vergleich noch grausamer. In einer andern Wohnung würde ich weniger gelitten haben. Aber indem sich mir unaufhörlich so viele süße Erinnerungen aufdrängten, steigerten sie nur das schmerzliche Gefühl meines Verlustes. Von fruchtloser Trauer verzehrt, in düsterste Schwermuth versenkt, blieb ich wieder wie früher außer den Eßstunden für mich allein. Mit meinen Büchern eingeschlossen, suchte ich in ihnen nützliche Zerstreuungen, und einsehend, daß die Gefahr, welche ich früher so sehr gefurcht tet hatte, binnen kurzem hereinbrechen mußte, quälte ich mich von neuem ab, in mir selbst die Mittel zu finden, mit denen ich Mama beispringen könnte, wenn sie hilflos dastände. Wie ich ihre Verhältnisse geregelt hatte, konnten sie wenigstens nicht schlimmer werden; aber nach mir hatte sich alles geändert. Ihr Haushalter war ein Verschwender. Er wollte glänzen mit gutem Pferd und gutem Wagen; er liebte es, vor den Nachbaren einen großen Prunk zu entfalten; er machte in Dingen, von denen er nichts verstand, unaufhörlich Unternehmungen. Die Pension wurde im voraus verzehrt; ihre vierteljährlichen Raten waren verpfändet, die Pachtgelder waren rückständig, und das Schuldenmachen ging seinen Gang. Ich sah vorher, daß man nicht säumen würde, diese Pension mit Beschlag zu belegen, ja, daß sie ihr vielleicht entzogen werden würde. Kurz, ich hatte nur Untergang und Elend vor Augen, und der Augenblick ihres Hereinbrechens schien mir schon so nahe, daß ich alle ihre Schrecken im voraus empfand. Mein liebes Arbeitszimmer war meine einzige Zerstreuung. Nachdem ich Mittel gegen meine Seelenunruhe gesucht hatte, dachte ich daran, einige gegen das Unglück, das ich voraussah, ausfindig zu machen; und auf meine alten Gedanken zurückkommend, baute ich lustig wieder neue Luftschlösser, um die arme Mama vor der bittren Noth zu bewahren, in die ich sie im Begriff sah zu versinken. Ich fühlte mich nicht gelehrt genug und glaubte auch nicht Geist genug zu besitzen, um in der Gelehrtenrepnblik zu glänzen und auf diesem Wege mein Glück zu machen. Ein neuer Gedanke, der in mir aufstieg, erfüllte mich mit dem Vertrauen, welches mir die Mittelmäßigkeit meiner Talente nicht geben konnte. Ich hatte die Musik nicht aufgegeben, als ich sie nicht mehr lehrte; ich hatte im Gegentheil ihre Theorie hinreichend studirt, um mich wenigstens in ihr als Fachgelehrten betrachten zu können. Als ich an die Mühe dachte, die mir die Erlernung des Notenlesens gemacht, und an die, welche ich noch immer hatte, sofort vom Blatte zu singen, gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß die Ursache dieser Schwierigkeit in eben so hohem Grade in der Sache selbst als in mir liegen könnte, zumal ich wußte, daß im allgemeinen niemand die Musik leicht erlernt. Bei der Prüfung der Notenzeichen erkannte ich, daß sie oft schlecht ersonnen wären. Ich hatte schon längst daran gedacht, die Tonleiter mit Zahlen zu bezeichnen, um das ewige Ziehen der Notenlinien ersparen zu können, die man sonst zum Aufschreiben der kleinsten Melodie nöthig hat. Ich war durch die Schwierigkeiten abgehalten worden, welche die Oktaven und der Takt so wie die Geltung der Noten bereiteten. Diese alte Idee stieg von neuem in mir auf und ich sah, als ich sie abermals durchdachte, daß diese Schwierigkeiten nicht unüberwindlich wären. Ich grübelte mit Erfolg darüber nach, und es gelang mir, jegliche Musik mit meinen Zahlen mit der größten Genauigkeit und, wie ich behaupten darf, auch mit der größten Einfachheit niederzuschreiben. Von diesem Augenblicke an hielt ich mein Glück für gemacht, und in dem Eifer, es mit der, welcher ich alles verdankte, zu theilen, dachte ich nur noch daran, nach Paris zu reisen, da ich nicht zweifelte, daß die Einreichung meiner Arbeit bei der Akademie eine vollständige Umwälzung herbeiführen würde. Ich hatte von Lyon einiges Geld zurückgebracht; ich verkaufte meine Bücher. In vierzehn Tagen war mein Entschluß gefaßt und ausgeführt. Voll von den glänzenden Einbildungen, die ihn mir eingeflößt hatten, und immerdar derselbe, reiste ich endlich mit meinem Musikplane aus Savoyen ab, wie ich einst Turin mit meinem Heronsbrunnen verlassen hatte. Derartig waren die Irrthümer und Fehler meiner Jugend. Ich habe ihre Geschichte mit einer Treue erzählt, mit welcher mein Herz zufrieden ist. Wenn ich in der Folge meinem reiferen Alter durch einige Tugenden Ehre machte, würde ich sie mit demselben Freimuth mitgetheilt haben, und dies war meine Absicht. Aber ich muß hier stehen bleiben. Die Zeit kann vielleicht den Schleier lüften. Wenn mein Gedächtnis auf die Nachwelt kommt, wird sie möglicherweise eines Tages erfahren, was ich zu sagen hatte. Dann wird man verstehen, weshalb ich schwieg.   Ende des ersten Theils.