Der Schleier der Beatrice Schauspiel in fünf Akten von Arthur Schnitzler Zweite Auflage Berlin S. Fischer, Verlag 1901 Personen: Lionardo Bentivoglio , Herzog von Bologna . Graf Andrea Fantuzzi . Teresina , seine Schwester . Am Hofe des Fürsten: Silvio Cosini , Geheimschreiber . Carlo Magnani . Hauptmann Guidotti . Der junge Chiaveluzzi . Der alte Chiaveluzzi . Orlandino , sein Neffe . Zampieri und Bruni , junge Adelige . Ribaldi , Valori , Arlotti und Campeggi , Hauptleute . Filippo Loschi , Dichter . Agostino Dossi , Musiker . Ercole Manussi , Bildhauer . Tito Tibaldi und Antonio Nigetti , reiche junge Bologneser . Der alte Nardi , ein Wappenschneider in Bologna . Frau Nardi . Ihre Kinder: Rosina , 19 Jahre Francesco , 18 Jahre Beatrice , 16 Jahre Vittorino Monaldi , in der Werkstatt des alten Nardi . Capponi , Händler mit Gewürzen und Wohlgerüchen . Benozzo , sein Sohn . Basini , Kaufmann . Claudia und Caterina , junge Bologneser Frauen . Margerita , ein junges Mädchen . Isabella und Lucrezia , florentinische Courtisanen . Battista , Diener des Filippo . Erster , Zweiter und Dritter junger Adliger Erster , Zweiter und Dritter Bürger . Erstes und Zweites Mädchen . Erster , Zweiter , Dritter , Vierter und Fünfter Bote . Erster und Zweiter Geiger . Ein Flötenspieler . Ein Lautenspieler . Stimme eines Gefangenen . Adelige, Bürger, Bürgerfrauen, Bürgermädchen, Soldaten, Wachen, Courtisanen, Diener. Spielt in Bologna, zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt Erster Akt. Der Garten des Filippo Loschi. Im Hintergrund grenzt er an eine Mauer, die man nicht ganz sieht, da sie durch Bäume zum großen Teil verdeckt wird. Die Mauer ist ziemlich hoch. Jenseits von ihr, durch eine supponierte Straße getrennt, sieht man Kirchtürme, Häuser; in der Ferne Hügel. Rechts vorn führt eine breite Freitreppe sechs Stufen aufwärts zu einer Art offener Vorhalle, die von drei Säulen gestützt ist. Diese Vorhalle ist rechts hinten durch die Façade des niederen Hauses abgeschlossen. In der Mitte der Façade eine Thür, die in das Innere des Hauses führt. – Drei Alleen münden im Vordergrund; eine kommt von links vorn, eine andere von rechts hinten, also hinter dem Hause hervor – eine dritte Allee vereinigt sich vorn mit der linken und verliert sich nach einer Biegung im Hintergrund. (a, b, c.) Vor dem Hause, ziemlich nahe, ein hoher Baum, eine Marmorbank unter ihm. Heißer Sommernachmittag. Filippo Loschi auf der Bank ausgestreckt, die Arme unterm Kopf gekreuzt. Agostino Dossi steht links von ihm, die Laute in der Hand. Eben spielt er die letzten Akkorde. Nun läßt er die Laute sinken. Stille. Filippo . Zu Ende? Agostino .             Ja. Filippo .                     Hast Du das Lied gemacht? Agostino . Ich sagte lieber nein. Denn Worte giebt's, Die selbst sich ihre Melodie erschaffen, Und diese sind davon. Filippo .                               Ich möcht' ihn kennen, Der diese Worte fand. Agostino .                           Träumst Du, Filippo? Filippo . Nicht mehr als sonst an lichten Sommertagen. Als besänne er sich. Hast Du den Namen schon genannt? Agostino .                                                Filippo! Ist's möglich, daß Du Dein Gedicht nicht kennst? Filippo aufschauend . Ich selbst? Agostino .         Und kennst es nicht? Filippo .                                             Beim Himmel, nein! 's ist wohl zu lange her. Agostino .                             Zu lang, Filippo? Noch blüh'n die gleichen Rosen hier am Strauch, Seit Du's ersannst. Filippo .                         Kein Jahr noch! Agostino .                                               Noch kein Monat! Filippo sehr lebhaft, wie für sich . Noch nicht drei Tage! Agostino .                           Nein, 's ist länger her. Filippo ist aufgestanden . Und so entfremdet meinem Heut' dies Gestern, Daß sie, 'genüber Aug' in Aug' gestellt, Einander nicht erkennen, Brüdern gleich, Die nachts auf dunkler Straße sich begegnen. Nein, Agostino, nenn' es nicht mein Lied. Was wir vergessen konnten, war nie unser; Nur was wir halten, was wir jederzeit Rückrufen können, wenn es noch so tief In unserer Seele sich versteckte, noch so weit In einem Winkel sich der Welt verbarg, Gehört uns zu. Dies Lied ist nicht mehr mein! Agostino . Nicht Dein dies Lied? Es war für Teresina! Und Du erkennst es nicht? Filippo .                                     So wenig kenn' ich's, Als hätt' ich's nie gehört. Agostino .                               Und sprichst dies aus, Als durftest Du's vergesset Filippo .                                       Nein, als müßt' ich – Und nicht dies Lied allein! Agostino wie in Angst .               Filippo, sag' mir, Was ist geschehn? Drei Tag' lang blieb Dein Haus Verschlossen mir und allen andern Freunden, Heut' endlich läßt Du – ohne Lust – mich ein, Zerstreut, verlegen reichst Du mir die Hand, Dein Auge glänzt wie von verliebten Träumen; – Was ich, höchst seltsam, Dir berichten komme – Wie müß'ges Schwätzen weisest Du von Dir Und bittest mich um Lautenspiel und Sang. Filippo . Wahrhaftig, bat ich Dich? Sag' doch, was giebt's? Venedig zieht heran, ja, so begannst Du – Und Mariscotti ist ein Schurke – nicht? Agostino . Wir fürchten's. Doch nicht von Venedig sprach ich. Der Herzog von Romagna droht mit Krieg. Filippo ganz mechanisch . Der Borgia? Das ist schlimm! Agostino .                                       Schlimm? Mehr als das! Unheimlich hört sich's an, daß seit zwei Tagen, Als hätte sie ein Sturm zu uns gejagt, Vom Süden und vom Westen – Zwei Diener des Filippo sind aus der Tiefe des Gartens gekommen, sie tragen Körbe; sie haben die Allee (c) mit Blumen bestreut und gehen daran, auch die Treppe zu bestreuen. Aus der anderen Allee (b) kommen zwei andere Diener, welche Schüsseln mit Obst und Zuckerwerk tragen, und über die Stufen ins Haus gehen. Filippo folgt ihnen mit den Augen. Agostino ist befremdet, hat sich unterbrochen und spricht jetzt weiter .                                                   Was ist dies? Bereitest Du ein Fest? Filippo .                               Das arme Wort! Nun ja, was von dem Stumpf der Kerze kommt, Wie was die Sonne sendet, heißt uns Licht; – So feir' ich denn ein Fest. Agostino .                                 An solchem Tag? Du bist gelaunt zu scherzen! – Hör' mich an: Mit jeder Stunde rücken Cesars Scharen Bologna näher, und Herr Mariscotti, Der uns'rer teuern Stadt Geschicke lenkte, Solang der Herzog fern, erscheint geneigt Dem Borgia sich und uns zu überliefern. Was zur Verteidigung er anbefahl, Ist Trug, zu schlecht, um Narren naszuführen, Die Thore, heut gesperrt und wohlgehütet, Vor morgen Abend fliegen alle auf, Cesar zieht ein, und wir sind seine Knechte. Filippo beunruhigt . Gesperrt die Thore, alle, auch für uns? Agostino . Wie das – für uns? Filippo .                                   Ich meine, niemand kann Die Stadt verlassen? Agostino .                         Wie? Du willst – Filippo .                                                         Antworte – Kein Ausweg aus der Stadt? Nein, 's ist nicht wahr. Sie können nicht von allen Seiten kommen! Agostino . Bist Du von Sinnen? Willst Du fort? Filippo .                                                               Sagt' ich's –? Agostino . Bologna willst Du? willst die Braut verlassen? Filippo . Ich habe keine. Agostino .                       Wie? Filippo .                                     Hab' keine Braut! Agostino . Nein, dies ist nicht Filippo, der so sprach – Sag', daß Du einer bist, der sich mit List In meines Freunds Gestalt verkleidet hat, Und daß der selbst, gegebnem Worte treu, In dieser Stunde dort ist, wo er soll. Filippo . Filippo bin ich, der ich immer war. Agostino . So hat ein Zauber Dich der Braut entfremdet, Doch der Dich rückruft, ist von größrer Macht. Dringend. Eh' diese Sonne untergeht, Filippo, Wer weiß, vielleicht in dieser Stunde schon, Hat Teresina niemand mehr als Dich. An ihrer Mutter Sterbelager wacht sie Allein – zum unglücksel'gen Los bestimmt Am gleichen Tag, was ihr von Menschen wert, Die Mutter – und den Bruder zu beweinen. Filippo . Kam eine schlimme Nachricht von Andrea? Agostino . Nein, keine schlimme kam – wie keine gute; Doch 's ist gewiß: er selbst – kommt nicht zurück. Filippo . Was sagst Du da? – Agostino .                             Andrea kommt nicht wieder! Wie keiner rückkehrt, der vor einem Jahr Mit unserm Herzog auf die Reise ging, Wie Bentivoglio selbst nicht wiederkehrt. Filippo . Wer sagt's? Sind sie nicht auf dem Heimweg Alle? Agostino . Sie waren's – jetzt sind sie auf einem andern! Filippo . Ist dies gewiß? Agostino .                       Die letzte Kunde kam Aus Rom. Der Herzog, heute scheint's unglaublich, Verließ die Stadt, wo ihn die Herren Borgia Bewirtet, lebend; – seither aber kam Kein Bote, keine Nachricht nach Bologna, Und was der Papst in Rom versäumt, wir fürchten, Er ließ es auf dem Weg hierher besorgen, Und Mariscotti wußte auch um dies. Ercole Manussi ist durch die Thür auf die Terrasse getreten . In Flammen steht die Welt! Was kümmert's Euch?         Er geht die Stufen herunter. Der Eine lümmelt auf der Bank, der And're Hält seine Laute zärtlich in den Armen, Und über Rosen schreit ich zu Euch hin. So wißt Ihr nichts? Filippo .                           Umfriedet ist mein Garten, Die Fenster sind verhängt, den Lärm und Unsinn, Der durch die Straßen fegt, lass' ich nicht ein; Es finden seine Boten doch den Weg. Agostino . Was giebt's? Ercole .                           Der Herzog ist zurückgekehrt! Agostino . Ist das gewiß? Ercole .                             Hier diese Augen sah'n ihn. Agostino . Hörst Du, Filippo? Zu Ercole. Sag' uns mehr! Ercole .                                                                           Noch Nachts, Durch welches Thor, weiß niemand, – unerkannt Betrat er seine Stadt. Schon früh am Morgen Schwirrt' ein Gerücht durch die bewegten Gassen, Dran keiner glaubte. Man erzählte mehr: Des Mariscotti Neffe sei entflohen, Er selber läg' in Ketten. Doch's blieb still Rings um das Schloß. Die Wachen zogen auf, Wie sonst, und von den Türmen, von den Mauern Kam immer neue Kunde: daß von Süden, Endlos gereiht, die röm'schen Truppen nah'n, Daß in Faënza Cesars Schützen steh'n, Und auf der fernen Straße von Montese, Als flög' es aus dem Boden mit dem Staub, Der es umhüllt, ein Heer von Reitern wüchse. Nun wußten wir verloren die Fünfhundert, Die Mariscotti gestern ausgeschickt, Nur um zu früh verdächtig nicht zu sein. Und Unruh' lohte auf, durch jene Fabel, Von Bentivoglios Heimkehr unterzündet. Man fühlte sich bedroht, wenn nicht verraten. Die Söldner an dem Thore von Isaia Beschließen vor das Schloß zu ziehn und dort Antwort zu fordern, was die Absicht sei. Ribaldi führt sie hin, und ihnen nach Stürzt flutend aufgeregtes Volk zum Thor. Da springt es auf, und uns entgegen tritt – Drang denn kein Schrei des Jubels bis hierher? – Der Bentivoglio und Dein Freund Andrea! Filippo steht erregt auf . Auch er? Ercole .           Drum wundert's mich, daß Du daheim. Und ist Dir nicht bekannt, daß er zurück ist, Weißt Du auch nicht, daß seine Mutter starb, Heut Nacht, noch eh' er kam? Agostino .                                       Hörst Du, Filippo? Die Mutter Teresinas tot! Filippo kühl verlegen .               So war's Andrea nicht vergönnt, sie zu umarmen? Agostino . Und weiter sagst Du nichts, Filippo? Filippo .                                                               Wahrlich, Daß diese güt'ge Frau verschied, ist schmerzlich. Ercole befremdet . Wo bin ich hier? Bald scheint mir selbst, was draußen Sich zuträgt, nicht mehr wahr! In diesen Zweigen Ruht laue Luft, die nichts vom glüh'nden Ernst Des Tages weiß. Was ist's mit Dir, Filippo? Filippo schweigt . Agostino . Besinn' Dich und geh' hin. Filippo .                                               Wohin? Agostino .                                                         Es giebt Nur einen Weg für Dich. Vergingst Du Dich, Vergaßest Dein Gelöbnis, – diese Stunde Weckt die Erinn'rung dran aus tiefstem Schlaf. Und zögerst Du, dem reinen Blick der Braut Die treuvergess'ne Stirn zu bieten, denk', – An einem Sarg wird manche Schuld verzieh'n! Filippo mit plötzlicher Heftigkeit . Wer spricht von Schuld? Im Herbste fallen Blätter, Im Frühjahr sprießen andre! Sagt Ihr drum, Daß Einer schuldig ward? Ich bin es nicht! Es sei, daß Schuldigsein bedeutet: ew'gen Gesetzen unterworfen sein. Ist's so, Dann wartet Schuld von Kindheit auf in uns, Wie unser Tod in unserm Busen harrt, Solang wir atmen. Wenn ich schuldig bin, So ist die Jugend ein Geschenk der Hölle, Ist Schönheit Sünde und das Glück ein Gift, So tückisch wie kein andres. Ercole .                                         Ist es das? Nun, – hab' ich's recht gefaßt, mit kleinern Worten War's abzuthun. Sag' doch in Kürze so: Mir hat die lange Brautschaft nicht behagt, Und meine durst'ge Jugend suchte Trost Bei Einer, die gefällig war und hübsch. Filippo nach kurzem Besinnen . Ich sag' in Kürze: geht, ich bitt' Euch, Beide! Ercole will zuerst auffahren, dann ernst . Für kleinen Zank zu ernst ist dieser Tag. Drum rat' ich Dir: begrüße Deinen Freund, Eh' er Dich fragen kommt, wie Du's vergaßest. Filippo . Die Antwort finden, denk' ich, steht mir zu. Ercole . Doch ihm das letzte Wort, und allzu teuer Wär' so ein Rausch bezahlt. Es sei, Du denkst, Ob so, ob anders, kommen wird es doch. Filippo . Wie meinst Du das? Ercole .                                   Nun hört! Für diesen Kopf Und den und Deinen und für jeden so, Der heut' auf Bologneser Schultern sitzt, Geb' ich Gebärde so viel nicht mehr. Rings ganz umschlossen Ist uns're Stadt, und daß der Herzog heimkam, Freu'n sich nur die, die vor dem Thor zu sterben Als besseres Los begrüßen, denn der Gnade Des Borgia überliefert sein und leben. Bolognas Freiheit ist dahin, und wer Sie liebt, mit ihr. Den Herzog kenn' ich wohl. Er säumt nicht einen Tag. Vor morgen Abend Ist die Entscheidung da, doch giebt's nur eine. Drum sucht' ich Euch. Jedoch bevor ich kam, Ging ich in meine Werkstatt, schlug in Stücke Den angefang'nen Guß, dann sperrt' ich zu. Denn was auch über uns beschlossen sei, So wie wir uns in guten Tagen fanden, Laßt uns zusammenbleiben bis zum Ende. Filippo wie aufschreiend . Zu Ende? Kam dies Alles über Nacht? Kein Ende, nein, für mich kein Ende! Battista der Diener Filippos, kommt von der Terrasse . Gnädiger Herr, der Geheimschreiber Seiner Hoheit des Herzogs, der edle Herr Silvio Cosini, ist eben in das Haus getreten. Filippo . Wer, sagst Du? Agostino . Silvio Cosini? Battista . Der Geheimschreiber Seiner Hoheit des Herzogs. Filippo . Und fragt nach mir? Battista . Der Herr Geheimschreiber kommt zu dem gnädigen Herrn im Auftrage Seiner Hoheit. Filippo . Im Auftrag? Agostino .                 Geh', Battista, Dein Herr läßt bitten. Battista ab . Filippo .                             Was will mir der Herzog? Er kennt mich nicht. Ercole .                           So kennt er Deinen Ruhm. Silvio Cosini kommt von der Terrasse . Filippo ihm entgegen . Ich bin Filippo Loschi, den Ihr sucht. Seid mir willkommen, edler Herr Cosini. Hier meine Freunde: Agostino Dossi Und Ercole Manussi. Cosini .                               Wohlbekannt. Zu Ercole. Der Fechter, der im Park zu Cento steht, Ist Euer Werk? Ercole .                     Er ist's. Cosini zu Agostino .                 Und täusch' ich mich, Wenn ich in Euch den Jüngling wiederkenne, Der uns – wann war's nur? – Agostino .                                       Als von Padua Der Fürst an unsres Herzogs Tafel speiste. Cosini sich erinnernd . Am Tag, bevor Bologna wir verließen. Glaubt mir, wir hörten manchen Lautenspieler Seit jenem Tag – es kam Euch keiner gleich. So nehm' ich's denn als gutes Zeichen an, Die Meister dreier Künste hier zu finden. Agostino . Verstattet unserm Staunen eine Frage. Wann kamt Ihr an? Ercole .                         Es hieß, daß nur der Herzog Und Graf Andrea heimgekehrt, die Andern Noch auf dem Weg und mit sehr wenig Hoffnung, Die Heimat jemals wieder zu begrüßen. Cosini . Vor gar so bösem Abschluß unsrer Fahrt Bewahrte uns der Himmel. Mit sechs Freunden Erreicht' ich wenig Stunden nach dem Herzog Die Stadt. Und auch zehn Tiere, reich beladen, Ja, selbst drei Wagen brachten wir nach Hause, Darauf so selt'ne Schätze sind, daß uns So Kön'ge als Gelehrte drum beneiden. Ercole . So wett' ich, es sind griech'sche Manuskripte, Von Euch entdeckt! Cosini .                           Auch daran fehlt es nicht. Und Münzen, Edelsteine, alte Waffen, Auch prächt'ge Stoffe giebt's, genug, um zwanzig Der schönsten Frau'n Bolognas drein zu kleiden. Und dann aus Marmor einen Speerwerfer, So ist die Haltung – leider fehlt ein Arm – Vor unsern Augen aus dem Schutt gegraben Bei Carsoli – gäb's Gott, es blieb' uns Muße, Nach Cento in den Garten ihn zu setzen. Zu Ercole. Zu Seiten jenes Fechters, der uns wert. Und doch, soviel wir bringen, uns ward mehr Geraubt, und mehr als solche Schätze. Zwei Der Unsern, Gofalo und Marco Pitti, Den Blick schon diesen Thürmen zugewandt, Erlagen Mörderstreichen, sieben Knechte Mit ihnen. Ercole .             Wie? So fielt Ihr doch den Leuten Des Borgia in die Hände? Agostino .                                 Armer Pitti! Ich kannt' ihn wohl! Wie fröhlich zog er aus, – Und nun im Angesicht der Heimat sterben! Cosini . Dem Herzog war es zugedacht, wir wissen's! Ihm gab der Himmel ein, vorauszueilen, Auf anderm als dem vorbestimmten Weg. Doch nun, soviel zu sagen wäre, endlich Zu meines Herren Auftrag. Da Agostino und Ercole sich entfernen wollen. Kein geheimer, So wenig als der Ruhm Geheimnis ist. Zu Filippo. Ich bin gesandt, Euch meines Herzogs Gruß, Bewunderung, und für den heut'gen Abend Den Ruf an seinen Hof zu überbringen. Filippo . An Eures Herzogs Hof? Cosini etwas befremdet, scherzend . Wohl auch des Euern! Filippo . Doch wagt' ich nie, zu meines Herren Füßen Von meinen armen Liedern eins zu legen – Cosini . Ein Andrer that's für Euch! Filippo .                                           Der Graf Andrea? Cosini . So ist's. Gar oft, wenn uns der Reise Zufall Im Freien rasten ließ, las uns Andrea – Der Herzog schwärmt für seiner Stimme Wohllaut – Aus dem Petrarca vor und aus Vergil. Doch Eure Verse spricht er frei. Da leuchtet Sein Aug' in Stolz, daß solche Wunderworte Die hohe Tugend seiner Schwester preisen, Und daß sie Euch verlobt, der sie besang. Ja, glaubt mir: Eurer Lieder heiße Andacht Entflammte Manchen unter uns so sehr, – Nicht mich, Ihr Herren, mein' ich, ich bin alt – Daß, Euch bewundernd, er zugleich Euch grollte, Der Sehnsucht weckt und sie mit gleichem Wort, Die hoffnungslose, in Verzweiflung wendet. Der Herzog aber, mehr bewegt als alle, Sprach so zu uns: An eines Fürsten Seite Ist solchen Dichters Platz; ich danke Gott, Der mir vergönnt hat, dieser Fürst zu sein; Und kehr' ich nach Bologna heim, so sei Vor allen Andern er zu mir geladen. Getreu dies zu bestellen ist mein Amt. Im ungewissen liegt der nächste Tag, Und etwas aufzuschieben wäre kühn. Zu selt'nem Fest lädt Euch der Herzog ein, Umglüht von roten Fackeln der Gefahr, Und unter schicksalsvollen Sternen. Drum, Gefällt's Euch, Herr Filippo, folgt mir gleich. Filippo nach kurzem Schweigen . Ihr seid am falschen Orte, Herr Cosini! Ich bin heut' nicht mehr, den der Herzog sucht, Und folgt' ich seinem Ruf, wie ein Betrüger Stünd' ich vor ihm. Drum und aus andern Gründen – Wenn's Euch beliebt, aus Laune, bleib' ich fort. Es feiert Jeder so sein Fest für sich, Mit gleichem Recht, mit anderm Sinn ein Jeder. Cosini sich zu den Andern wendend, erstaunt . Ihr Herr'n – Ercole .               's ist eine Laune, wie er sagt, Und weggespült vom nächsten Augenblick. Cosini . So wart' ich einer klaren Antwort. Stellt, Ich bitt' Euch, Euer Nein auf kräft'ge Füße. Zum Herzog kann mich dieses nicht geleiten. Daß man ihm weigert, was er anbefiehlt, Erfuhr kein Bentivoglio je, viel wen'ger, Daß einem güt'gen Wunsch man sich versagt; Zu guter Stunde nicht, wie gar in solcher, Da jedes Ja und Nein zum Zeichen wird, Und mehr bedeutet als sich selbst. Filippo .                                                 Sehr wahr! Dumpfes Glockengeläute von den Türmen. Agostino . Was soll dies Zeichen? Kündet es Gefahr? Ercole . Von allen Thürmen klingt's! Agostino .                                           Wie Totenglocken! Cosini . Das sind sie. Ercole .                       Niemals hört' ich sie so mächtig! Agostino . Doch einmal: als des Herzogs Mutter starb! Cosini . Und weiß man hier nicht, wem sie heute gelten? Agostino verstehend . Der Gräfin Leichnam bringt man wohl zur Gruft? Cosini . In dieser Stunde. Agostino .                         Komm', Filippo! Ercole .                                                         Höre, Zum Hause der Fantuzzi woll'n wir Alle! Filippo . Mich laßt daheim! Agostino .                             So ist es wahr, Filippo, Daß alle Stimmen, die auf Erden gelten, Sinnlos vorüberhallen Deinem Ohr? Noch tönt es von den Türmen. Komm', Filippo, Was Dich umhüllt in diesen letzten Tagen, War Wahn – in dieser Stunde fällt es ab! Filippo mit mehr Überlegenheit als Pathos, aber sehr lebhaft . Wahn ist nur Eins: das nicht verlassen können, Was uns nichts ist, ob Freund, ob Frau, ob Heimat, – Und Eins ist Wahrheit: Glück, woher es kommt! Agostino . Dies Deine Antwort? Filippo .                                       Nimm es so. Cosini .                                                             Und auch Dem Fürsten sendet Ihr nicht and're? Filippo .                                                     Nein. Ercole . So laßt uns geh'n, Ihr Herren. Es ist nicht Zeit, Verrückte klug zu machen. Cosini .                                     Herr Filippo, Um meines Fürsten wie um Euretwillen Kränkt's mich, so unbegreiflichen Empfang Der ehrenvollen Botschaft ihm zu melden. Agostino . Ich flieh' ohn' jeden Abschied Deine Nähe, Als Eines, der nichts mehr mit uns gemein. Ercole, Agostino, Cosini ab. Wenn sie fort sind, bleibt Filippo eine Weile still, dann geht er rasch durch die Allee (c) nach hinten und lauscht. Er kommt wieder nach vorwärts, nähert sich dem Hause, geht drei Stufen hinaus, bleibt auf der dritten Stufe stehen und ruft. Filippo . Battista! Battista erscheint gleich auf der Terrasse, wo er stehen bleibt . Gnädiger Herr? Filippo . Du wirst zwei Pferde schaffen auf der Stelle. Battista macht ein erstauntes Gesicht . Filippo . Verstehst Du mich? Zwei Pferde! Battista . Heute, gnädiger Herr? Filippo . Was geht's Dich an, ob heut, ob morgen! Battista . So war's nicht gemeint, gnädiger Herr! Wie dürft ich wagen – aber ich will nur bemerken, daß es eine vollkommene Unmöglichkeit sein wird, heute Pferde zu bekommen. Filippo . Geh' zum Regondi, vierundzwanzig hat der Im Stall! Battista . Herr, gerade von dem weiß ich zuversichtlich, daß er kein einziges mehr hat. Ghiberti hat alle in Beschlag genommen. Filippo . Wer ist Ghiberti? Battista . Der Reiterhauptmann Ghiberti! Am Thor von San Stefano! Filippo . So geh' zu einem andern! Suche beim Marsiglio, – besser noch – thu' in der Stadt Dich um und kauf' sie Söldnern ab! Battista . Herr! Filippo . Nimm Geld, soviel Du willst! Nur schaff' mir Pferde! Und säum' nicht länger! Geh'! Hast Du sie erst, So hörst Du alles, was zu wissen not. Noch eins: auf Deinem Wege hör' um Dich, Nach Botschaft von den Thürmen, welche Straße Noch frei, wo – Er unterbricht sich.                           ah, wo ein Entkommen möglich. Und wenn – Doch geh'! Ruft ihm nach.                                       Battista! Battista . Gnädiger Herr? Filippo . Dies ist für Dich allein. Und jetzt geh' rasch und komme rasch zurück! Battista geht. Filippo allein. Verläßt die Stufen, eilt, als wenn er etwas gehört hätte, wieder durch die Allee (c) nach hinten, dann kommt er langsam nach vorwärts und beginnt zu sprechen . Auf leichten Flügeln rauscht mein Leben hin; Sie aber hängen schwere Worte dran, In ihre Tiefen es zu zieh'n. Was ist mir Dies alles? Wo ich bin, gilt nicht, was unten Schicksal und Weg bestimmt. Entkommen, sagt' ich? Dies ist kein Flieh'n. Ich schließ' die Thür nicht ab, Und wenn Andrea kommt, steh' ich ihm Rede. Doch sein zu warten, hält mich hier so wenig, Als dieser Stadt Gefahr. Und hätt' ich Macht, Mit einem einz'gen Hauch sie zu befreien, Doch Beatrice wär' mir drum verloren, Gäb' ich Bologna hin; – und loht in Flammen Die Heimat hinter mir, wär's mir nichts weiter, Als meines Glückes würd'ger Opferbrand. Es ist ziemlich dunkel geworden, durch die Allee aus dem Hintergrund kommt Beatrice, nicht sehr eilig, wie schwebenden Gangs. Filippo geht ihr entgegen. Beatrice . Da hast Du mich! Wie dunkel ist es hier! Die Straßen sind beinah noch hell. Und höre, Die Unruh' draußen! Aber hier ist's still. Ich wollt', ich könnte lange bei Dir bleiben. Filippo . Das wirst Du! Beatrice sich auf die Bank niederlassend .                               Laß' mich jetzt ein wenig ruh' n. Ich bin ganz müd'. Was hab' ich Alles heut' Geseh'n – gehört! Ganz wirr bin ich. Filippo wie zu einem Kind .                         Weißt Du, Daß großes Übel diese Stadt bedroht? Beatrice . Bin doch kein Kind! Wie sollt' ich das nicht wissen? Hätt' bald nicht hergefunden. Auf dem Platz Vor San Petron gab's ein Gedränge! denk nur, Der Kamm aus meinem Haar ist fort! Er glitt Herunter, – hätt' ich mich nach ihm gebückt, Nie wieder hätt' ich aufsteh'n können. Filippo .                                                       Sage: Dich ängstigt nicht, was Du gehört? Beatrice .                                                 O sehr! Und viele haben Angst! Doch Andre freu'n sich, Die reden laut und kühn, und Einen hört' ich, Der stellte auf die Stufen sich und rief: Dem Borgia Tod! Lachend. Da schrie'n gleich Alle mit! Filippo betrachtet sie mit einem entzückten Blick . Liebst Du mich sehr? Beatrice .                           Du fragst? Ich lieb' Dich so, Daß alles anders ist, seit ich Dich kenne. Wie soll ich dies nur sagen? Sieh', mir ist, Als wären lauter Puppen sonst um mich Die Menschen alle: – und seitdem – nun ja, Seit jenem Fest – drei Tag' erst, denk' Filippo, Daß ich zum ersten Mal Dich sah – drei Tage, Der Tanz vor'm Thor, das Spiel, das Armbrustschießen, Der Wettlauf von den zahmen Leoparden, Das ist drei Tag' erst! –– Nein, wie alles anders Und bunt ward – und die Puppen Menschen! Wie erfreut. Sieh! Das wollt' ich sagen. Filippo entschlossen .           Höre, Beatrice! Noch heut verlassen Du und ich die Stadt. Beatrice sieht ihn erstaunt an . Filippo . Versteh' mich gut! So kühn die Leute reden, Der Tod schwebt über allen Dächern. Ich Und Du, wir wollen leben, Beatrice! Drum sollst Du mit mir fort. Beatrice .                                     Noch heute? Filippo .                                                             Ja. Weil schon das Morgen uns vernichten kann. Bist Du bereit? Beatrice .                 Mit Dir? Filippo .                                   Mit mir. Beatrice .                                               Wohin? Filippo . Nicht dies ist wichtig! Bist Du nur bereit? Beatrice . Doch ist's gewiß, Du läßt mich nicht allein? Filippo . Du Kind! Beatrice .             O glaube nicht, daß ich mich fürchte! Wie oft, bis tief zur Dunkelheit, bin ich Auf Wies' und Feld und Hügeln vor den Thoren Herumspaziert, und niemand war mit mir. Doch sah ich immer uns're Thürme ragen, Und leises Summen kam zu mir von weitem, Und immer wußt' ich: unten ist die Stadt. Doch in der Fremde kann man sich verirren. Filippo . Für Dich wird nirgends Fremde sein. Ganz andres Bleibt zu bedenken. Niemals, Beatrice, Wirst Du die Deinen wiederseh'n. Beatrice .                                               Die Meinen? Sinnt. Siehst Du, dies alles hab' ich langst gefühlt! Jetzt aber weiß ich's erst. Filippo .                                     Was denn? Beatrice .                                                     Denk' nur: Mir ist, als hätt' ich in der Eltern Hause Nur ausgeruht, wie man auf Reisen thut, Und käme von wo anders her und müßte Wo anders hin; und wacht' ich morgens auf, Und schaute so um mich, da war mir oft – Filippo . Wie war Dir da? Beatrice .                         Als wär' ich nicht zu Haus. Filippo zerstreut . Nun ja. Er ist ausgestanden und die Stufen hinaufgegangen. Beatrice .     Was blickst Du aus? Filippo .                                         Die Stunden flieh'n. Ich sehe nach dem Diener, nach den Pferden. Beatrice . Sagt' ich Dir schon? Mein Bruder ist Soldat! Filippo . Ich kenn' ihn nicht. Beatrice .                             Vergeßlicher! Du kennst ihn! Sahst ihn doch an dem gleichen Tag wie mich Zum ersten Mal – im gleichen Augenblick. Er war mit mir, Rosina, meine Schwester, Und Vittorino – Filippo leichthin .       Der in Dich verliebt ist? Beatrice . Sieh, das vergaß er nicht! Filippo zerstreut .                               Dein Bruder ließ Sich werben? Beatrice .               Nein, der lief gleich selber hin Zum Thor von San Vitale. Dort steh'n Alle, Die frei sich melden. Ja, das ist auch Einer, Der riefe: Tod dem Borgia! Der ist wild! Filippo . Da giebt's viel Thränen wohl bei Euch zu Haus? Beatrice . Wer sollte weinen? Meine Mutter liebte Francesco nie; die Schwester freut sich eher, Da sie nun ganz nach Wunsch wird schalten können. Filippo . Und Du? Beatrice .             Er will ja fort, wie sollt' ich weinen? Filippo . Und Euer Vater? Beatrice .                         Kann's ja nicht versteh'n. Filippo . Wie meinst Du das? Beatrice .                               Hab' ich Dir's nicht erzählt? Für ihn steht Alles still seit sieben Jahren, Und Alles, was wir thun, ist Spiel von Kindern. Filippo betreten . Wie das? Beatrice .       Die Leute sagen: Tollheit sei's. Ich aber weiß ganz gut, 's ist was gescheh'n Vor sieben Jahren, das ergriff ihn so, Daß ihm die Zeit erstarrt ist. Und so kommt's, – Wir sind noch heut' für ihn die kleinen Kinder Von damals. Und so spricht er auch zu uns, – Und nimmt uns auf die Knie', mich und Rosina, – Francesco läuft davon – erzählt uns Märchen, Und wiegt uns, singt dazu, – wir müssen lachen. Filippo näher zu ihr . Du lachst? – Ist dies nicht ohnegleichen traurig? Beatrice . Was weiß er denn davon? – So wird er alt Und fühlt es nicht, und meine Mutter blieb So schön und jung für ihn als je, und Alles, Was sie ihm Schlimmes zugefügt, vergaß er. Filippo sie lange betrachtend . Wie gut, daß ich aus all dem Dich entferne! Wie gut, daß Du ein Kind, so wirst Du mein, Wie Du es mußt. Denn ich hab' nichts als Dich. Ich hatte mancherlei, doch nichts war ganz, So warf ich Alles hin für Dich allein. Denn Dich besitz' ich, und Besitz ist Glück, Und nur was wir erschaffen, ist Besitz. Beatrice . Wie gut gefällst Du mir, wenn Du so sprichst!         Sie steht auf. Nun ist's auch über Deinem Garten Nacht. Ich frag' Dich was, Filippo! Filippo wieder aufblickend, zerstreut . Nun, ich höre. Beatrice zu ihm tretend . Sag' doch: wirst Du mein Pferd beim Zügel halten? Drauß' auf der finstern Straße? Filippo lachend .                                 Immerfort? Beatrice . Das mußt Du thun! Versprich's mir! Filippo küßt sie lächelnd; dann ungeduldig .       Kommt er nicht? Wir wollen ihn im Haus erwarten. Wein und Früchte Steh'n auf dem Tisch, ein Mahl vor uns'rer Reise. Komm, Beatrice! Er beginnt, die Stufen hinauf zu gehen. Beatrice noch im Garten, folgt ihm .                             Hab' ich's schon erzählt? Den Herzog sah ich. Filippo stehen bleibend .                                   So? Beatrice .                                 Und er sah mich – Filippo sich nach ihr umwendend . Was soll mir das? Beatrice .                     Er ritt durch uns're Straße, Und blickte lang mich an. Filippo .                                     Das ist die Art Von Männern, schöne Frauen anzuschau'n. Was geht's Dich an? Beatrice .                         Rosina stand daneben. Denk' nur: kein Blick auf sie! Ich glaubte schier, Sie würde krank vor Schmerz, denn Du mußt wissen, Sie liebt ihn sehr, den Herzog – Andre liebt sie auch, Um wahr zu reden, doch den Herzog so, Daß sie dies Jahr, das er auf Reisen weilte, Vor Sehnsucht krank ward, – und nun kommt er wieder, Und reitet uns vorbei, und sieht nur mich. Filippo . Du eitles Kind, bewegt Dich das so sehr? Beatrice . Nicht darum sagt' ich's, hätt's auch schon vergessen. Nur träumt' ich dann so wunderlich – Filippo .                                                       Bei Tage? Er kommt die Stufen langsam herab. Beatrice . Es war so schwül. Ich ging in meine Stube, Nur um dem Zorn Rosinas zu entflieh'n, – Geschlagen hätt' sie mich, sie that's schon oft, – Und auch ein anderes Kleid – für Dich – zu nehmen, Und andre Schuh'. Da setzt' ich mich aufs Bett Und wollte mir die Bänder schnüren, weißt Du, Und schlummert' ein und träumte sonderbar. Sonst schwindet jeder Traum, wenn ich erwache, Den aber seh' ich so vor mir – Filippo .                                             Was war's Für Traum? Beatrice .             Denk' nur: ich war die Herzogin! Filippo tritt herunter, auf sie zu . Beatrice . Was hast Du? Filippo .                         Beatrice! – Nun, erzähle! Beatrice . Ich war die Herzogin. Auf einem Thron In einem großen Saal bin ich gesessen, Der Herzog neben mir, und viele Menschen – Es waren hundert oder tausend, Männer Und Frau'n und Kinder waren da, dieselben, Die täglich in den Gassen ich begegne. Auch Du warst da und knietest vor mir nieder, Wie all die Andern. Doch ich wußte nicht, Daß Du Filippo warst; es war Dein Antlitz eben! Du gingst vorüber wie die Andern und Verschwandest. Sieh, auch dieses weiß ich noch, Daß ich die Hand hier sie hebt ihre Linke auf die Lehne stützte, Den weichen Samt mit meinen Fingern strich, Und so hab' ich gelächelt, siehst Du – fürstlich! Ein wenig stolz, doch gütig auch. Dann klang Musik, so schön und voll wie viele Orgeln! Doch wußt' ich: keine Orgeln sind's – und suchte Mit meinen Augen nach den Musikanten Und fand sie nicht. Da stand der Herzog auf, Nahm meine Hand und führt' mich durch den Saal, Vorbei den Menschen, die sich tief verneigten. Die große Thüre that sich auf, und plötzlich Verstummte die Musik, und Stille war, So still, wie's auch in tiefster Nacht nicht ist. Nun schritten wir durch einen schmalen Gang, Der ohne Decke war. Die Wände reichten Unendlich hoch, und oben war der Himmel, Viel weiter, als er sonst, mit roten Wolken. Dann schritten Stufen wir hinab in's Dunkle – Ich sah den Herzog nicht, sah gar nichts mehr, Mit einmal hört' ich seine Stimme nah An meinem Ohre »Beatrice« flüstern, Und heller wurd' es, grüne Kerzen brannten In einer Ampel ob dem Bett, ich sah Des Herzogs Augen leuchten über mir – Und fühlte seine Lippen nah den meinen, Noch spürt' ich ihren Hauch – und so erwacht' ich. Filippo . Beatrice! Beatrice etwas erschrocken, unsicher, aber ohne Verständnis .                       Ist dies ein wunderlicher Traum! Filippo .                                                                       Beatrice! Und so kommst Du zu mir! Beatrice .                                   Sollt' ich nicht kommen? Nein, wie Du seltsam bist! Was ist Dir nur? Filippo . Kommst so beschmutzt hieher – Beatrix heiter, als hätte er sie mißverstanden .                                                           Ein Traum war's doch! Filippo . Ich wollt', es wäre Wahrheit, Beatrice! So könnt' ich eher ohne Schmerz und Ekel Dich seh'n; das Leben selbst thut Alles ab. Doch Träume sind Begierden ohne Mut, Sind freche Wünsche, die das Licht des Tags Zurückjagt in die Winkel uns'rer Seele, Daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen; Und solch ein Traum, mit ausgestreckten Armen, Sehnsüchtig läßt er, durstig Dich zurück. So wenig warst Du mein, daß, schlossest Du Die Augen, Deine Seel' auf Abenteuer Ausfliegen konnte, und ich war Dir nur Von Tausend Einer, kniete wie die Andern Vor Dir und war Dir nichts und bin Dir nichts, Ich, der Dir so viel gab, als Du nicht ahnst, So viel, daß meiner Liebe wert zu sein, Dich Ekel fassen müßte, wenn Du denkst, Es leben and're Männer auf der Welt! Willst Du, daß, dem gefäll'gen Eh'mann gleich, Ich fremden Kuß von Deinen Lippen trinke, Und kommst daher als Dirne Deines Traums? Geh, Beatrice! Beatrice .                 Ja, was that ich denn? Liebst Du mich jetzt nicht mehr, Filippo –? Du! . . . Filippo . Dich lieben? Grau'n vor Dir hat mich erfaßt. Beatrice . Filippo, nie bis heut' dacht' ich des Herzogs! Filippo . Doch heute warst Du sein! Beatrice .                                         Im Traum! Filippo .                                                               Drum geh! Beatrice . Du sagst es ganz im Ernst, Filippo wie? So nimmst Du mich nicht mit auf Deine Reise? Filippo . Nun braucht es keiner Reise mehr! Beatrice .                                                       Glaubst Du, Ich ginge nicht voll Freuden mit Dir fort? Ich lieb' Dich ja, Filippo! Filippo .                                     O, ich weiß! Auch heute gingst Du fort mit mir, so gern, Als Du mir vor drei Tagen bist gefolgt! So geh' doch! Beatrice .               Und wann soll ich wiederkommen? Filippo . Wiederkommen? Zu mir? Ja, sage, hast Du's nicht gefaßt? Nie wieder, nie! Beatrice mit großen Augen . Nie wieder, nie! Filippo .                                                           Noch einmal Nur Deine Hand berühren, macht mich schaudern! Doch Dich umarmen, da ich Dich erkannt, – Beim Himmel, eher schlief' ich mit Gespenstern –         Mit einer Gebärde des Schauderns. O geh'! Beatrice .     So ist es wahr, er schickt mich fort! Er wendet sich ab, sie bleibt stehen. Pause. Filippo sich zu ihr wendend . Sind's Thränen? Beatrice .                 Sieh', so lieb' ich Dich! Filippo .                                                         Und als Der Fächer Dir zerbrach am ersten Abend, Im selben Augenblick, da hinter Dir Die Thür zum Garten schloß, in diese Schatten Wie in die Dunkel eines neuen Schicksals Du tratest, hast Du damals nicht geweint? So große, dumme Thränen einem Fächer – Und mir! Denn Eins ist Dir so schwer, so leicht Wie's And're! Lebe wohl! Beatrice .                                   Und niemals wieder? Filippo . Im Leben nicht! Beatrice lächelt . Filippo .                           Und warum lächelst Du? Beatrice . Im Leben nicht – Du sprachst es selber aus! Fühl' ich, daß ich nicht sein kann ohne Dich, Und hab' zu sterben Lust, so komm' ich wieder, Und nehm' Dich mit. Filippo .                           So spielst Du mit dem Tod, Wie mit dem Leben! Geh' und lebe wohl! Beatrix . Auf Wiederseh'n, Filippo! Filippo .                                             Lebe wohl! Beatrice geht langsam durch die dunkle Allee nach hinten und verschwindet . Filippo allein; hat ihr nachgesehen. Nach einer längeren Pause . Als schwebte sie davon! Und diese glaubt' ich mein! Vor Scham vergeh' ich! Ist's auch der Menschen Los, nie ganz besitzen, Sie spotten dieses Fluchs; denn Keiner auch Schenkt ganz sich her. Nur ich, der Tiefbetrog'ne, Gab Alles hin für nichts, Ruhm, Ehr' und Mut, Und war bereit, so vor der Feinde Droh'n Wie vor dem Degen eines Freund's zu flieh'n, Als rechter Bube!                             Eil' ich ihr nicht nach? Es gab' ein Mittel, kühn und ohnegleichen, Sie zu gewinnen! Den, der sie mir nahm Im Traum, in Wahrheit töten! Doch der Einfall, Statt mich zum Schloß des Herzogs hinzujagen, Bannt hier mich fest, und der Entschließung Kraft Stirbt auf dem steilen Weg zur That dahin. Daß ich sie heimgeschickt mit schönen Worten, Ist mir genug. Und quillt aus dieser Thorheit Einmal ein Lied, so ist's der höchste Preis, Den mir das Leben hinwirft für die Schmach, Daß ich zu schwach bin, es mit Stolz zu leben.         Er lauscht. Das Thor wird aufgethan! Mit Hoffnung. O wär's Andrea! Wie schnell kam dies! Nun giebt's in dieser Stadt Nicht einen Zweiten, so bereit wie mich, Dies Alles zu beenden. In der Thür, welche aus dem Zimmer auf die Terrasse führt, erscheinen: Antonio Nigetti und Tito Tibaldi ; der Eine sehr dick und groß, der Andere zierlich und klein. Mit ihnen Lucrezia und Isabella , zwei florentinische Courtisanen. Hinter ihnen, wie sie allmählich weiter nach vorn treten, vier Musikanten: zwei Geiger, ein Flötist und ein Lautenspieler. Noch bevor sie auftreten, hört man sie spielen. Die Musikanten bleiben auf der Terrasse stehen. Zwei Diener mit Fackeln haben sich zur Seite der Thür aufgestellt. Tito angeheitert . Das ist Filippo Loschis Haus, und hier ist er selbst! Seid uns gegrüßt, Filippo Loschi! Antonio betrunken . Schweigt, Ihr verfluchten Musikanten. Soll man Euch die Instrumente in Stücke hauen? Die Musik verstummt. Tito . Filippo Loschi, wir wünschen Euch einen guten Abend! So unbedeutende Geschöpfe wir sind, wir haben ein gewisses Recht dazu, Euch einen angenehmen Abend zu wünschen, da wir ihn selber bringen. Antonio . Wir bringen ihn selbst als nichtswürdige Geschöpfe, die wir sind. Tito . Denn wenn diese schönen Mädchen sich an Euerm Anblick ebenso sehr berauschen, als an Euern Liedern, so ist Wahnsinn ihr Los und das unsere Verzweiflung. Antonio schreiend . Das unsere Tod! Filippo sehr befremdet, aber höflich . Ich bin erfreut, so heit're junge Herr'n Und schöne Frau'n in meinem Haus zu seh'n, Jedoch – Isabella .         Ihr seid sehr liebenswürdig! Lucrezia .                                                   Ihr seid schön! Filippo . Zwar unbekannt, nenn' ich Euch doch willkommen! Tito . Ich heiße Tito Tibaldi. Dieser: Antonio Nigetti. Aber was können Euch unsere Namen bedeuten? Antonio . Niederträchtige Namen! Tito . Man wird sie mit uns begraben, und früher, als uns lieb ist; so ist es nicht der Mühe wert, sie zu merken. Und was wir sind? jung, reich und gewissermaßen schön! Antonio . Hübsch, höchstens hübsch! Tito . Und morgen nichts mehr von alledem! Antonio . Elende Speise für Würmer! Filippo belustigt . Das wolle Gott verhüten! Für sich. Was sind das für komische Menschen? Tito . Und diese hier sind junge Mädchen aus Florenz. Sie sind nach Bologna gekommen, um zehn oder zwölf lustige Tage mit uns zu verbringen. Für die Lustigkeit haben wir bestens gesorgt, nur die Zahl der Tage steht nicht bei uns. Jeden ihrer Wünsche haben wir ihnen erfüllt; – aber da sie vernahmen, daß vielleicht schon morgen unsere geliebte Stadt an allen vier Ecken in Flammen aufgehen wird, hatten sie nur mehr einen – Isabella . Euch zu sehen! Denn Eure Lieder, Filippo, sind so süß, wie der Hauch des Geliebten über schlafenden Wimpern, und so schmeichlerisch, wie göttliches Verzeihen für alle Sünden. Filippo der immer heiterer wird . Seh' ich Euch an, so wollt' ich eh'r, sie reizten Zu neuen Euch. Lucrezia . Filippo, hättet Ihr nicht hier geweilt, Wo Ihr auch lebtet, dorthin war mein Weg – Und mußt' ich barfuß stein'ge Pfade wandeln! Und ist es wahr, daß morgen tausend Schrecken Einzieh'n in diese Mauern, lachend werf' ich Mich in den Staub – ich lebte lang genug, Haucht Ihr nur einen Kuß in meine Locken! Doch wär't Ihr tot gewesen, niemals wieder Hätt' ich wie and're Frauen lächeln können, So liebt' ich Euch, noch eh' ich Euch geseh'n. Filippo für sich . Will dieser schwere Tag so heiter enden? Als glitt' ihm von den kummermüden Schultern Dunkles Gewand, und säh' ich zum Beschluß In lichter Seide seine Glieder spielen?         Zu den Andern. Wie dank' ich für so vieles? Was beliebt Den Gästen? Hier im Garten auszuruh'n, In grünen Gängen sanft sich zu ergeh'n, Im Saal an Obst und Wein sich zu erlaben? Tito . Soll es uns armseligen Narren wirklich vergönnt sein, den letzten Abend uns'res jämmerlichen Lebens – Antonio . Ein Leben von Schurken und Tagedieben! Tito . Am Tische des herrlichen Filippo, an der Seite des Unvergleichlichen zu verbringen? Antonio . Ertöne, holde Flöte, Lautenspiel, umschwärme mich! – Musik. Filippo . Was mein bescheidnes Haus so edeln Gästen Gewähren kann, ist gern und rasch geschafft.         In der Thüre, für sich. Kam Alles dies zu spät? Es ist zur Stelle! So kam es früh genug. Der nächsten Stunde Erwartung rinnt erwärmend durch das Blut, Und mit Behagen ahn' ich ihre Fülle!         Er geht in den Saal. Antonio . Nun, folgen wir ihm, holdeste Isabella! Isabella . Was wollt Ihr von mir? Antonio . Isabella! Euer zärtlicher Antonio bittet um Euern Arm! Isabella . Ist denn niemand da, der mir diesen Betrunkenen vom Halse schafft? Tito . Lucrezia! Lucrezia . Wer seid Ihr denn? Tito . Wer ich bin, Lucrezia? Derselbe, meine Schönste, dem Ihr erst heute Mittag gestattet habt, diese Perlen um Euern weißen Hals zu schlingen. Lucrezia reißt sich die Perlen vom Hals und wirft sie ihm vor die Füße . Da habt Ihr sie! Und nun weiß dieser Nacken Von Euern Perlen nichts und Euern Armen! Antonio und Tito sehen einander betroffen an. Filippo wiederkommend . Bereitet ist die Tafel, tretet ein! Isabella . O liebster Filippo! Wollt Ihr nicht erst diese unleidlichen häßlichen und heiseren Leute fortweisen lassen? Filippo . Was soll ich? Wie? Tito zu Lucrezia . Ihr werdet mir doch wenigstens erlauben, an Eurer Seite Platz zu nehmen, holde Lucrezia? Lucrezia . Das dürft Ihr! Aber hört: berührt Ihr nur Mein Knie – ich schwör' es! diese Nadel stech' ich Mitten ins Herz Euch! Tito ängstlich . Doch seid Ihr glücklicherweise nicht gewohnt, Schwüre zu halten. Lucrezia . Der Liebe Schwüre nicht – doch solche halt' ich! Fragt Euern Vetter in Florenz! Antonio . Angebetete Isabella, ich hoffe, Ihr werdet mich nicht in gleicher Weise bedrohen, wenn ich es wage – Isabella . So grausam bin ich nicht als Lucrezia, und eben darum rat' ich Euch: entfernt Euch lieber! Ihr habt uns zu Filippo Loschi gebracht, Euer Amt ist zu Ende! Von dieser Sekunde an gehört Euch kein Blick, kein Wort mehr – Affe! Dieses war das letzte! – Kommt, schönster Filippo! Filippo belustigt . Ihr Herren, glaubt, daß ich untröstlich bin! Doch ratet selbst: was ist zu thun? Antonio . Laßt es gut sein. Tito, wir wollen gehen. Es giebt andere Weiber und tugendhaftere, ja vielleicht sogar lasterhaftere, was mir noch lieber wäre! Tito hebt die Perlen vom Boden auf . Für diese hier wird sich ein geschmeidigerer Nacken finden! Filippo . Ihr Herren, hört – wir wollen um sie fechten! Isabella . Was hilft's ihnen, wenn sie Dich verwunden? Lieber küssen wir Deine blutenden Wunden, als ihre Lippen! Antonio wütend . So wünscht' ich, sie kämen aus Neapel, nicht aus Florenz! He, Musikanten! Folgt uns zurück zu Menasci und ertränkt unseren Ärger in heiteren Tönen! Isabella . Was fällt Euch ein? Zu den Musikanten. Ihr bleibt! Wir wollen in den Saal, Filippo – diese aber mögen hier auf der Terrasse stehen bleiben und spielen, spielen, immerzu spielen. Musik beginnt. Lucrezia . So tön' es durch die off'ne Thür zu uns Und hüll' in helle Klänge uns're Wonnen, In milde Weisen unsern Schlummer ein! Battista kommt rasch von hinten . Gnädiger Herr – Er hält erstaunt inne. Filippo der eben mit den Mädchen in den Saal wollte, wendet sich um . Battista noch atemlos . Die Pferde, gnädiger Herr! Musik verstummt. Filippo . Was für – Er erinnert sich und lacht. Battista . Es ist mir gelungen, gnädiger Herr, um den Preis von zweihundert Goldstücken – Filippo . Du hast sie mir verschafft? Battista . Mit der größten Mühe, gnädiger Herr! Filippo . Indessen fing ein andres Stück hier an! Und er läuft wie 'n verschlaf'ner Komödiant Mit seiner alten Rolle auf die Scene. Ist's wahr, Du hast die Pferde mir verschafft? Battista ganz erschrocken . Herr, ich schwöre Euch, sie stehen vor der Gartenthüre, ich habe sie an die Gitterstäbe gebunden! Filippo mit einem plötzlichen Entschluß . Für diese beiden Herr'n steh'n sie bereit! Schlagt's mir nicht ab! Bedenkt: der gute Alte, Die ganze Stadt sucht' er nach ihnen ab. Tito . Herr, ist es durchaus notwendig, mit so schwer gekränkten Personen noch Scherz zu treiben? Antonio . Es schreit zum Himmel! Filippo . Da sei Gott vor! Als Zeichen meines Danks, Daß Ihr so gut den Weg zu mir gefunden, Und zu so guter Zeit, als Ihr nicht ahnt, Nehmt dies Geschenk! Battista, Du geleite Bis vor die Thür die Herren, und in die Bügel, Wofern es nötig – was mir möglich scheint – Hilf ihnen mit der schuld'gen Höflichkeit. Lebt wohl und laßt's Euch in Menascis Schenke So wohl geh'n, als Ihr mir's daheim vergönnt! Battista, Antonio und Tito ab. Isabella lachend . Lebt wohl! Beide Mädchen in den Saal. Die Musikanten spielen. Filippo allein auf den Stufen der Terrasse; lebhaft . Hinnehmen mit Entzücken, was sich schenkt, Und frei zu sein? Mit Macht an sich zu reißen, Und selbst sich zu behalten, wär' es das, Was diesen Augenblick so leicht emporträgt! Die Mädchen von drinnen . Filippo! Filippo . Vielleicht auch, daß das Leben vor dem Ende Mir bunte Abenteuer sendet, wie die Bilder, Die durch die Sinne jagen, eh' man einschläft; – Wach sein ist's nicht mehr, und noch nicht der Schlaf . . . Die Mädchen erscheinen in der Thür . Filippo! Filippo . Ich komme! – – Nicht mit schwerem Sinn bedacht, Nein, ganz gelebt sei endlich diese Nacht! Die Musikanten spielen, Filippo geht in den Saal, von den Mädchen an der Thür empfangen. Der Vorhang fällt. Zweiter Akt. Straße in Bologna. Die Straße läuft gegen den Hintergrund zu, von rechts nach links. Links ein Eckhaus, rechts desgleichen. Vor diesen Häusern ist gleichfalls eine quer über die Bühne verlaufende Straße gedacht, so daß die vordere Mitte der Bühne eine Straßenkreuzung vorstellt. Vor den Häusern sind durchaus Säulengänge, und ein Teil der Personenbewegung spielt sich unter den Bogen ab. In den Häusern Kaufläden mit Auslagetischen davor. In dem Eckhause rechts befindet sich, der Straßenkreuzung näher, der Kaufladen des alten Nardi, neben demselben, mehr gegen die Coulisse gerückt, der Laden des Capponi, eines Händlers mit Spezereien und Wohlgerüchen. Vor dem Laden des Nardi ein leerer Tisch, vor dem des Capponi zwei Tischchen mit kleinen Flaschen, Schachteln u. s. w. Abenddämmerung. Mäßige Bewegung in den Straßen. Von links kommen Bürger im Gespräch, welche dann die Straße nach hinten zu einschlagen. Ihnen begegnen, aus dem Hintergrund kommend, einige Soldaten, ungeordnet; sie gehen über die Bühne nach rechts. Dann kommen von links junge Mädchen, junge Leute, welche den Soldaten folgen. Frau Nardi und Rosina sind auf kurze Zeit in der Thüre ihres Ladens zu sehen und verschwinden bald. Capponi steht vor seinem Laden, begrüßt einige vorbeigehende Leute. Von rechts kommen Claudia und Caterina , zwei Bologneser Frauen. Claudia . Hier ist's. – Guten Abend. Capponi . Guten Abend, meine Damen. Was steht zu Diensten? Claudia . Ich möchte ein Fläschchen von Euerm Rosenwasser kaufen. Capponi . Welche Art von Rosenwasser? Wir haben etwa 25 oder 30 verschiedene. Ach Gott! Das gewöhnliche Paduaner Rosenwasser, das neapolitanische, das cyprische – Claudia ungeduldig . Ich weiß nicht, wie es heißt, ich hab' es im vergangenen Winter gekauft. Allerdings stand ein ganz anderer da, der es verkaufte, ein hübscher Knabe. Capponi . Bennozzo, mein Sohn! Ach Gott! Claudia . Warum seufzt Ihr? Ist er gestorben? Capponi . Was fällt Euch ein! Daß ich seufze, ist eine Angewohnheit, eine üble Angewohnheit, wenn Ihr wollt, oder auch eine philosophische Angewohnheit. Aber, um auf das Rosenwasser zurückzukommen, so könnte es immerhin auch das persische gewesen sein. Claudia . Ja, so nannte es Euer Sohn! Capponi . Gleich wird es zu Eurer Verfügung sein, werte Frau! Ich hab' es da hinten aufbewahrt. Stünd' es hier vorn mit den andern, so hätt' ich den ganzen Tag alle jungen Mädchen und Frauen von Bologna vor dem Laden stehen und die jungen Leute natürlich dazu. Ach Gott! Und ein jeder möchte sich eine Nase voll nach Hause bringen, ohne was dafür zu zahlen. Claudia zu Caterina . Nimm doch auch ein Fläschchen! Caterina . Wozu? Ich brauche nichts dergleichen. Ich thue nichts Anderes, als jeden Morgen den Saft einer sizilianischen Orange in mein Bad träufeln lassen, das genügt vollkommen. Claudia . Mein Mann liebt es, wenn meine Haut nach Blüten duftet, nicht nach Früchten. Capponi mit der Flasche, hält sie den Damen entgegen . Claudia . Ja, das ist sie! Rieche doch daran, Caterina! Nun, was sagst Du? Caterina . Nun ja, wenn ein Mann nicht mehr ganz jung ist – Claudia . Da habt Ihr Euer Geld. Capponi . Um Vergebung, schönste Frau! Ihr gebt mir gerade den zehnten Teil von dem, was ich zu bekommen habe! Claudia . Ich weiß doch, was ich im Winter dafür bezahlte. Capponi . Ja, das waren andere Zeiten! In ein paar Tagen wird man mir das Hundertfache für diese Flasche bezahlen. Alles wird teurer. Es giebt ja keine Möglichkeit mehr, die Waaren in die Stadt zu bringen! Alle Verbindungen sind abgeschnitten! In acht Tagen haben wir die Hungersnot, wenn wir überhaupt noch am Leben sind, was mir höchst zweifelhaft ist – womit ich die Damen aber nicht beleidigen will! Claudia . Dann giebt man Euch keinen Groschen mehr für Euer Rosenwasser. Nun sagt mir aber ehrlich: was ist denn darin enthalten? Es kann nicht nur der Saft von Rosenblättern sein. Capponi . Was sollte es Anderes sein? Claudia . Ist es nicht irgend etwas, was man sonst Liebestränken beizumischen pflegt? Ich habe Grunde, das anzunehmen. Capponi . Was fällt Euch ein! Ich heiße Capponi, wohlgemerkt: Capponi! Und gebe mich nicht mit den sonderbaren Mischungen ab, wie andere Leute, wie Basini zum Beispiel! Caterina . Was giebt's bei Basini? Capponi . Gott behüte mich, davon zu reden! Ich könnte ihn an den Galgen bringen und die Damen, die bei ihm kaufen, nicht minder! Ach Gott! Caterina . Was sagt Ihr? Zu Claudia. Gestern erst habe ich Deine Schwester in seinen Laden treten sehen. Capponi . Er könnte zwar sagen, es ist Zufall, daß man ihn nachts in der Nähe des Friedhofs umherstreichen sieht; aber ist auch das Zufall, daß er neben der Friedhofsmauer um Mitternacht mit den Nägeln die Erde aufkratzt? Nun, ich will nicht mehr sagen, um so mehr, als Basini nichts Anderes thun kann, wenn er sich seine Kunden erhalten will. Denn bei ihm kaufen eben nur Frauenzimmer, die Ungeheuerlichkeiten nötig haben, um ihre Liebhaber zu entflammen; zu Eurem ergebenen Diener hingegen kommen die schönsten Frauen von Bologna, die nur zu lächeln brauchen, um aus jedem Mann zu machen, was sie wollen! Basini ist langsam die Straße von rückwärts nach vorn gekommen. Es ist ein langer. hagerer, ältlicher Mann, der die anderen mit Überlegenheit behandelt . Guten Abend! Capponi . Das ist er. Er macht den Frauen Zeichen. Eben hab' ich von Deinen vorzüglichen Gewürzen und Seifen gesprochen, mein teurer Basini. Basini . Hat er gesagt, daß ich ein Giftmischer bin? Caterina . So was Ähnliches! Basini . Thut nichts, morgen sind ja doch alle Menschen gleich in Bologna, Giftmischer wie ich und Ehrenmänner wie Du! Capponi . He, Basini, bist Du so verzagt? Ich nicht! Unsere Mauern sind stark, und unser Herzog ist ein Held! Basini . Was hilft das alles gegen einen Teufel wie Borgia? Caterina . Teufel, sagt Ihr? Er soll so schön sein! Capponi . Der Borgia ist noch weit – hehe! Basini . Nicht so weit, als Ihr glaubt. Wie wär' es sonst zu erklären, daß man hier weiß, was er gestern geschworen hat? Capponi . Nun, was hat er denn geschworen? Basini . Daß er ein fürchterliches Gericht über diese gottlose Stadt halten wird. Capponi erschrickt zuerst; dann schlägt er Basini auf die Schulter . Immer erzählt er Schnurren! Zu den Frauen. So ist er – hab' ich's nicht gesagt? Basini . Nun, was mich anbelangt, ich habe meinen Laden gesperrt und thu' ihn nie wieder auf. Soldaten ziehen vorbei. Claudia . Warum thut Ihr Euern Laden nie wieder auf? Basini . Für wen? Glaubt Ihr, daß die Leute, die morgen unsere Straßen füllen werden, gute Käufer sind? – Die werden sich nehmen, was ihnen gefällt! Capponi . Aber was redest Du denn? Spricht er nicht, als wäre morgen der jüngste Tag, als wäre morgen der Borgia in der Stadt? Und die Franzosen und die Spanier dazu? Basini auf die Soldaten weisend . Seht nur, seht! Claudia . Woher kommen die? Das sind keine Bolognesen! Basini . Nein, das sind sie auch nicht; das sind die Leute des Ribaldi, sie kommen aus Mailand. Von der anderen Seite kommen auch Soldaten. Aber schaut Euch diese an. Capponi . Ist das nicht Rocca? Basini . Ja. Und dort kommt Fontana, der Drechsler aus meiner Gasse. Capponi . In Waffen! Basini . Ja, die ziehen alle Morgen hinaus in's Feld! Capponi . Morgen? Wer sagt das? Claudia . Morgen, das ist ja nicht möglich! Basini . Es ist gewiß. Der Herzog zögert nicht länger, verlaßt Euch drauf! Capponi . Rocca! Rocca! Er tritt auf einen Soldaten zu und spricht mit ihm. Basini . Nun, haben die Damen auch einen Mann oder Vettern oder Freunde unter diesen? Claudia . Zwei Vettern sogar, aber mein Mann bleibt hübsch zu Hause. Er sagt, es wird nicht so gefährlich sein, als es aussieht. Basini zu Caterina . Und Ihr, gnädige Frau? Caterina . Ich habe nur einen Mann, keinen Vetter, und werde auch niemals Vettern haben. Capponi kommt zurück . Nun, siehst Du, daß man Dir nicht glauben darf! Es ist durchaus nicht bekannt, daß bereits für morgen etwas bevorsteht; es muß nur Alles auf dem Posten sein. Zwei Bürger sind herzugetreten. Erster Bürger zum zweiten . Nun, hört Ihr? Zweiter Bürger . Ich weiß, was ich weiß! Drei Söhne hab' ich, nur einer ist daheim geblieben! Capponi . Wo sind die anderen? Zweiter Bürger . Die sind zum Valori gelaufen, stehen am Thore von Vitale, fuchteln mit dem Degen und schreien: Nieder mit dem Papst! Capponi . Sie haben sich werben lassen? Zweiter Bürger . Freiwillig sind sie hin. Nieder mit dem Papst! haben sie geschrieen, wir wollen Euch schützen! Capponi . Eure Söhne wollen uns schützen? Gegen die Hunderttausend, die gezogen kommen? Niemand kann uns schützen! Nein, nein, der Herzog wird Eure Söhne nicht hinopfern für nichts und wieder nichts! So ist unser Herzog nicht. Basini . Gieb acht, Du redest Dich um Deinen Kopf. Capponi in Angst . Was sagt' ich denn? Ist es ein Verbrechen, wenn man ein friedlicher Bürger ist? Deswegen ruf' ich doch: Nieder mit Borgia! Nieder mit Mariscotti! Einige Bürger die sich unterdessen angesammelt haben . Der Hund Mariscotti! Tod dem Mariscotti! Capponi . Es lebe unser Herzog! –– Nun, Basini, warum rufst Du nicht mit? Du schweigst Dich um Deinen Kopf! He he! Rosina Nardi ist aus ihrem Gewölbe getreten. Es sind wieder Bürger, Mädchen und Frauen dazugekommen, so daß eine ansehnliche Gruppe versammelt ist . Rosina . Nun, Basini, wißt Ihr was Neues zu erzählen? Basini . Mancherlei! Wer weiß, was Dir heute noch bevorsteht, Rosina! Rosina . Was soll das bedeuten? Erstes Mädchen . Was steht Rosina bevor? Basini . Ihr oder Dir – oder Dir – oder Dir – zu den verschiedenen Mädchen. Einige . Nun was? Basini . Ein hohes Glück und eine hohe Ehre! Rosina . So rede doch endlich! Basini . Als ob Ihr es nicht besser wüßtet als ich! Viele . Was? Was? Basini . Ihr solltet nicht wissen, daß der Herzog heute Nacht – ah nein, nie werdet Ihr mir sagen, daß Euch das nicht bekannt ist! Geht nur! Er macht Miene, sich zu entfernen. Die Mädchen dringender . Nichts ist uns bekannt! Was ist mit dem Herzog? Rosina . So quält einen doch nicht, Basini! Basini . Ihr wißt nicht, daß der Herzog die Schönste von Euch – wenn ich sage von Euch, mein' ich natürlich nicht nur die, die eben da um mich herumstehen, denn es ist ja natürlich ein Zufall, daß gerade Ihr hier steht, sondern alle schönen Mädchen von Bologna – ja, so ist es! Die Mädchen . Was denn? Was denn? Ihr habt ja noch nichts gesagt! Was will der Herzog? Rosina . Daß der Herzog die Schönste – Basini . Die Schönste von Euch heut' Abend in sein Schloß bescheiden wird! – Aber Ihr wißt es ja längst! Ein Mädchen . Nun, ich will eben nicht sagen: wissen. Zweites Mädchen . Ich hab' es schon gewußt! Capponi . Nun, was ist's weiter? Dergleichen ist schon vorgekommen. Rosina . Basini, ist es wahr? Ist es wahr? Basini . Gewiß, Rosina. Capponi . Oh, wie billig hab' ich mein Rosenwasser verkauft! Erstes Mädchen . Aber sag', Basini, wie will der Herzog denn die Schönste von uns herausfinden? Zweites Mädchen . Es wird wohl notwendig sein, daß man in's Schloß geht, sich melden! Rosina zu Basini . Ist es wirklich wahr? Oder habt Ihr's nur für mich erzählt, um mich ganz toll zu machen? Basini . Was fing' ich mit Eurer Tollheit an, Rosina? Rosina . Wo mag er in diesem Augenblicke sein? Basini, guter Basini, kann ich's nicht sein in dieser Nacht, so will ich die umbringen, die es wird! Basini . Kommen ja andere Nächte! Rosina . Nein, keine andern, das weiß ich gut, Basini, so gut als Ihr! Basini . Ich dachte, Eure Liebe wäre vergangen, während der Herzog fort war? Man sah Euch doch mit so manchem andern hübschen jungen Mann da und dort. – Rosina . Jeder gab mir nichts als neue Sehnsucht nach ihm! Bennozzo ganz junger Bursch; kommt rasch von links . Capponi . Woher kommst Du so atemlos, Du Schlingel? Wo treibst Du Dich denn herum? Bennozzo . Ich komm' vom Thurm! Einige . Von welchem? Bennozzo . Denk', wo ich war, Rosina! Auf dem Thurm des Asinelli! Rosina . Was geht das mich an? Soll ich Dich vielleicht bewundern, weil Du auf einen Thurm geklettert bist? Bennozzo . Und was ich sah! Einige . Nun, was denn? Bennozzo . Wie eine rote Schlange glänzt es fern Und regt und windet sich und schleicht herbei Wie aus den letzten Nebeln! – Das sind Helme Und Schild' und Lanzenspitzen, die im Schein Der Abendsonne glüh'n, so sagten mir Die Wachen auf dem Thurm. Und wißt, von Rom Und von Siena kommen sie, und unter ihnen Ist Cesar Borgia selbst. Bewegung. Capponi . Wer sagt, daß der Borgia unter ihnen ist? Bennozzo . Sie alle sagen's! Capponi. Hat ihn einer gesehen? Der Borgia selbst ist wohl noch in Rom! Basini . Oder hier und dort! Capponi . Was heißt das? Basini . Wißt Ihr denn nicht, daß der Borgia die Gabe hat, an zwei Orten zugleich zu sein? Capponi . Was sagt Ihr? Erster Bürger . An zwei Orten zugleich! Das ist ja eine völlige Unmöglichkeit! Er lacht. Einige lachen mit. Zweites Mädchen . Nein, lacht nicht, es ist wahr, meine Mutter hat es mir auch erzählt! Erstes Mädchen . Und mir hat's der Pater Marco gesagt! Rosina zu Bennozzo . Nun, wenn das alles ist, was Du gesehen hast – Bennozzo . Und um die Mauern selbst, ganz nah, nicht weiter Als wir spazieren wandeln, wenn es dämmert, Da liegen sie zu Tausend auf der Erde, Und and're drauß' in Feld und auf den Hügeln, Und immer neue kommen, und es ist, Als wäre jedem schon der Platz bestimmt; So reiht sich Schar an Schar und lagert still, Kein Laut kommt zu uns her. Was mag dies sein? Sie leben doch wie wir und sind so nah – Was ist es, das sie alle schweigen macht Und ihre Schritte lautlos? Staunen. Flüstern. Erster Bürger erklärend . Das kommt daher, weil sie eben noch viel weiter sind, als Du glaubst. Die Dämmerung täuscht Deine Augen. Auch wird von sonderbaren Spiegelungen in der Luft erzählt, und es giebt Abende, wo man Dinge sieht, die tausend Meilen weit sind. Wer weiß, ob das ganze Heer, das Bennozzo zu sehen glaubte, nicht irgendwo in der Ebene draußen rastet, näher von Rom als von Bologna? Dritter Bürger . Wie meint Ihr das? Spiegel in der Luft? Das wär' ja ein Wunder! Basini . Wozu an Wunder denken, wenn sich die Sache auf die einfachste Weise erklären läßt? Einige . Wie denn? Wie? Basini . Nun, ihre Schritte sind lautlos, weil ihre Füße nicht den Erdboden berühren. Wie hätten sie denn auch so geschwind da sein können, wenn sie nicht fliegen könnten? Einige . Ja, ja! Andere . Glaubt ihm doch nicht! Er hält Euch zum Narren! Die Ersten . Aber dem hier möchtet Ihr glauben, der sagte, daß die Luft ein Spiegel ist! Einer . Ein Spiegel – haha! Er haut mit der Faust in die Luft. Seht Ihr, wie er Sprünge kriegt? Durcheinander. Die Gruppe löst sich auf. Freiere Bewegung. Es ist beinahe dunkel. Vittorino kommt von hinten sehr rasch. Er geht auf Rosina zu, zieht sie nach vorn; in großer Aufregung . Wo ist Beatrice? Rosina . Ich weiß es nicht. Was geht's mich an? Vittorino sehr rasch . Es ist der dritte Abend, Rosina, daß Beatrice, ehe die Sonne untergeht, verschwindet! Der dritte Tag, daß sie kein Wort an mich gerichtet, als wenn ich sie eben fragte. Was ist gescheh'n? Rosina . Der dritte Abend? Sind's nicht eben erst drei Abende, daß wir alle zusammen auf dem Fest vor den Thoren waren? Vittorino . Und damals verschwand sie zum ersten Mal! Weißt Du's nicht mehr? Wir kamen allein nach Hause, und Beatrice kam spät in der Nacht. Rosina . Sie hatte sich verirrt – oder auch nicht! Was geht's mich an? Vittorino . Wo ist Francesco? Wann kommt er? Rosina . Vielleicht gar nicht mehr! Er steht wohl auf Wache. Wer weiß, ob sie ihn auch nur noch auf eine Stunde fortlassen. Capponi . Nun, Vittorino, wann wird Hochzeit gemacht? Junge Männer, einige in voller Rüstung, andere nur mit Waffen, und Mädchen gehen lachend vorüber. Basini . Heut' machen Viele Hochzeit, auch ohne Kardinal! Vittorino . Was meint Ihr, Basini? Mit neuer Angst zu Rosina. Wo ist Beatrice? Basini . Beatrice – vielleicht ist sie ihm schon in die Arme gelaufen! Vittorino . Wem? Basini . Dem Herzog! Vittorino . Seid Ihr verrückt, Basini? Wer ist dem Herzog in die Arme gelaufen? Basini . Ist sie nicht das schönste Mädchen in Bologna? Vittorino . Was redet Ihr da? Was bedeutet das? Capponi . Das bedeutet, daß der Herzog heute Nacht das schönste Mädchen von Bologna in sein Schloß führen wird. Vittorino zuerst betreten, lacht dann . Was für Unsinn! Wer erzählt dergleichen? Wer glaubt daran? Rosina . Es ist wahr! Es ist wahr! Siehst Du nicht? Wir Alle warten auf ihn, wir gehen ihm entgegen! Bennozzo aufschreiend . Rosina! Alle gegen den Hintergrund zu. Capponi . Wer sind diese vornehmen Leute? Basini . Kennt Ihr sie nicht? Das ist ja der Graf Fantuzzi und seine Schwester! Capponi . So schwarz gekleidet? Erster Bürger . Die alte Gräfin ist gestorben. Zweiter Bürger . Darum war ja das mächtige Glockengeläut heut' Nachmittag. Basini . Seht Euch das Fräulein da an, es ist die Braut des Dichters Filippo Loschi. Einige . Des Filippo Loschi? Einige grüßen die eben Auftretenden und zerstreuen sich dann gleichfalls. Andrea und seine Schwester Teresina sind langsam die Straße nach vorn gekommen. Zwei Fackelträger vor ihnen. Teresina verrät durch keine Miene, daß sie die Anrede des Andrea versteht. Andrea . Nun, liebste Schwester, sprich ein einzig Wort! Seit ich der Väter Haus betrat und Dich Zu Häupten uns'rer toten Mutter fand, Hab' ich die teure Stimme nicht gehört! Was ist Dir, Teresina? Keine Thräne Und nicht ein Laut? Ich habe nicht gefragt, Eh' aus der Gruft empor zum Licht wir stiegen; Nun führ' ich in bewegte Straßen Dich, Daß diese fürchterliche Schweigsamkeit Im Rauschen der lebend'gen Stadt sich löse; Du folgst mir wie ein Kind. Ich fragte Dich, Und wieder frag' ich Dich: Wo ist Filippo? Wie kommt's, daß er an solchem Tage fehlt? Und nur ins Leere starrst Du und Du schweigst. Nahm Schmerz die Sprache Dir? Ist Deine Stimme In ungeweinten Thränen ganz ertränkt? Giebt's etwas, das, dem Bruder zu gesteh'n, Dich mächtig treibt, doch das gestehn zu müssen, Dich so erzittern macht, daß Du verstummst? Vergieb, doch rede! Mit neuer Hoffnung. Thatst Du ein Gelübde, Das Dich für heut', für sieben Tag' und Nächte, Für ewig schweigen heißt? Wär's das? Du dürftest Das Haupt doch neigen! Aber immer noch Kein Blick, nicht die Gebärde des Versteh'ns! Ist, was Dir widerfuhr, so ohnegleichen, Daß jede ird'sche Art, Dich mitzuteilen, Als zu gering und schwächlich Dir erscheint?         Mit steigender Angst. Ist dies ein Wahnsinn, wie er nie erhört ward? Doch ist es das, so ruf' ich ja in Dich, Wie man ins Meer nach einem Leichnam schreit, Der fern auf allzu stillen Fluten hintreibt. Wie schauervoll ist dies, zu Dir zu reden, Und ohne Nachricht sein, ob Du's begreifst! Doch zehnfach schauervoll, da ich auf's Neue Allein, unsichern Losen preisgegeben, Zurück Dich lass' in der verlor'nen Stadt! Nun werd' ich diese Stirn mit meinen Lippen Zum letzten Mal berühr'n und fürchten müssen, Es ist nicht mehr für Dich, als Hauch der Luft! Und in Verzweiflung jenen letzten Trost – Das Lebewohl aus Deinem Mund – entbehren!         Er wartet auf Antwort. So komm! Ich will nach Hause Dich geleiten. Und zwingt mich Deine fürchterliche Stummheit, So nütz' ich meines Hierseins letzte Stunde Zu einem Gang, vor dem ich jetzt noch schaud're, Da betteln meinen Lippen so verhaßt, Als töten meinen Händen, – und weiß doch: Nur eins von diesen endet meine Qual! Sie gehen beide ab, von den Fackelträgern begleitet. Während der vorhergehenden Scene sind der alte Nardi und Frau Nardi vor ihrem Gewölbe erschienen, an dem Auslagetisch beschäftigt. Nardi hat einen Ring an der Hand . Wo ist der kleine Vittorino? Ich will ihn loben. Sieh nur, mein liebes Weib, wie schön dieser Kopf geschnitten ist! Keiner kann das so gut wie er! Nie wird Francesco das zusammenbringen. Vittorino ist der Erbe meines Ruhms. – Wo bleibt er nur? Wo bleibt er? Fr. Nardi . Gieb her, gieb her, ich will ihn zu den andern thun. Nardi . Zu welchen andern? Warum sperrst Du alles in die Truhen? Und warum sperrst Du die Truhen in den Keller? Was soll das bedeuten? Fr. Nardi . Es muß so sein, lass' mich nur machen. Nardi weinerlich . Nein, lass' mir den Ring! Wir wollen ihn noch heute verkaufen. Fr. Nardi . Wer denkt heute daran, Ringe zu kaufen? Gieb her! Nardi . Herr Chiaveluzzi wird den Ring kaufen. Er giebt hundert Dukaten dafür, ganz gewiß! Da wollen wir den Kindern Kleider kaufen! Wo sind sie denn? Fr. Nardi . Sie sind spielen gegangen. Nardi . Warum sind sie noch nicht zurück? Es ist dunkel – warum sind sie noch nicht zu Hause? Beatrice wird sich wieder verirren, wie gestern. Der alte Chiaveluzzi und sein Neffe Orlandino treten auf. Chiaveluzzi . Ei, was Ihr sagt! Die reizende Beatrice hat sich gestern verirrt? Fr. Nardi . Ihr wißt ja – vor sieben Jahren! Chiaveluzzi . Nun, auch erwachsene Mädchen verirren sich zuweilen. Wo sind die reizenden Töchter, liebe Frau? Fr. Nardi . Denkt Ihr heute auch an nichts Anderes? Chiaveluzzi . Niemals an etwas Anderes – niemals! Ah, hier kommt die entzückende Rosina! Rosina tritt auf . Orlandino . Guten Abend, herrliche Rosina! Fr. Nardi . Warum hast Du die Haare gelöst? Nardi . Wo läufst Du denn herum, Rosina? Die Augen wein' ich mir aus! Wo ist Francesco? Wo ist Beatrice? Fr. Nardi . Geh' ihnen entgegen, dann wirst Du sie finden. Nardi im Fortgehen . Nun, ich will Euch zeigen bis in den späten Abend hinein, bis in die finstere Nacht hinein – wartet nur, wartet nur! Ab. Chiaveluzzi lachend . Wie komisch ist der Alte! Fr. Nardi . Lacht nicht über ihn! Chiaveluzzi . Was habt Ihr denn? Warum soll ich nicht lachen? Ist es nicht ein köstlicher Gedanke, daß gerade wir zwei ihn zu dem gemacht haben, was er ist? Fr. Nardi . Schweigt davon, um Gottes willen! Heut' wird es uns heimgezahlt! Chiaveluzzi . Wieso heimgezahlt? Was habt Ihr denn? Ihr seid ja blaß wie der Tod! Fr. Nardi . Ich habe Angst! Hunderttausend liegen vor der Stadt. An allen Ecken werden sie sie anzünden, dann werden sie hereinkommen, uns töten, uns die Augen ausstechen! Chiaveluzzi . Ei was denn noch alles! Fr. Nardi . Die Scharen des Borgia sind fürchterlich! Es wird sein wie das jüngste Gericht! Chiaveluzzi . Wer sagt Euch das? Fr. Nardi . Ich war heut' Morgen in der heiligen Beichte, der Pater Macario hat es mir gesagt! Chiaveluzzi . Hört doch nicht auf den! Die Pfaffen schwatzen ja alle dem Borgia zu Gefallen. Fr. Nardi . Könntet Ihr denn nicht zum Herzog gehen und ihn bitten? Chiaveluzzi Bitten? Um was denn? Fr. Nardi . Ich weiß, Ihr seid angesehen am Hof. Wenn Ihr es thätet und noch einige so edle Herren, wie Ihr, und den Herzog anflehtet, er möge sich und uns und die Stadt der Gnade des Borgia empfehlen, so lang' es Zeit ist – Orlandino . Schönste Rosina, fragt nur meinen Oheim! Denkt doch, Oheim, sie will es nicht glauben daß ich eine Truppe von zweihundert Armbrustschützen anführe und wahrscheinlich schon morgen früh ins Feld ziehe. Chiaveluzzi . Ja, wer jung ist, muß mit! Auch ich ginge mit, wenn ich nicht diese sonderbare Schwäche im linken Bein hätte. Fr. Nardi . Uns werden sie auf der Straße, in den Häusern ermorden! Orlandino . Wenn wir sie hereinlassen! Fr. Nardi . Francesco geht auch fort. Heut' früh hat er unser Haus verlassen. Orlandino . Fort gehen Viele, aber wer wird wiederkommen? Rosina, wer weiß, ob nicht eben die letzte Nacht anhebt, die Eurem zärtlichen Orlandino geschenkt ist! Rosina . Sagt, wenn der Herzog durch die Straßen zieht – wie viele Fackelträger begleiten ihn? Orlandino . Die Sitte des Hofes fordert ein halbes Dutzend, aber Seine Hoheit hält sich leider nicht immer nach den Sitten des Hofes. Rosina, hört mich an! Ich bitte Euch! Zehn Schritte weit vom Thor von Garisenda steht mein kleines Haus – gewiß, Ihr kennt es! Welchem Mädchen in Bologna wär' es noch nicht gezeigt worden! Wollt Ihr nicht die letzte Gelegenheit benützen, es von innen zu besichtigen? Ich habe nur diesen einen Wunsch mehr auf Erden! Denkt, es ist eine vaterländische That, einem jungen Helden die letzte Nacht zu versüßen! Rosina, vielleicht schon morgen um diese Stunde bleichen meine Gebeine auf dem Sand vor Bologna! Rosina . Orlandino, hättet Ihr nur das nicht gesagt! Es ist ein abscheulicher Gedanke! Ich müßte immer an Eure Gebeine denken! Nein, nein, laßt mich! Ich hätte nicht das geringste Vergnügen! Orlandino . Herzlose, o höchst herzlose Rosina! Francesco kommt in Waffen . Chiaveluzzi . Ei, was seh' ich, der junge Herr Francesco – so wohl gerüstet! Orlandino . Guten Abend, Francesco! Wie schmuck siehst Du aus! Francesco nicht laut . Fort mit Euch! Orlandino . Wie? Was sagst Du? Chiaveluzzi . Wie so ein Degen an der Seite gleich kühn machte Orlandino . Man könnte beinah' glauben, daß Du einen Schnurrbart hast. Wie sagtest Du doch? Francesco . Habt Ihr mich nicht verstanden? Fort mit Euch! Fr. Nardi . Was fällt Dir denn ein, Francesco? Was für Späße erlaubst Du Dir gegen diese vornehmen Herren? Francesco . Schweigt, Mutter, ich bitt' Euch! Orlandino . Sage, kleiner Francesco, sie haben Dir wohl einen Rausch angetrunken? Chiaveluzzi . Nur vor diesem wilden Blick werden die Romagnesen scharenweise davonlaufen. Orlandino . Kommt, schönste Rosina, wir wollen Euern närrischen Bruder seiner tollen Laune überlassen und den herrlichen Abend, den letzten, der mir auf Erden gegönnt ist, zum Spazierengehen benützen. Francesco . Den letzten, sagt Ihr? Soll ich's auf der Stelle wahr machen? Orlandino . Ei, wie? soll dieser Ton ernsthaft gemeint sein? Nun, dann wollen wir anders sprechen! Er greift nach dem Degen. Francesco hat seinen Degen gezogen . Rosina sieht Francesco mit Bewunderung an . Prächtig steht ihm das! Orlandino . Ah, ich will meinen Degen am Vorabend großer Thaten nicht durch einen läppischen Streit entweihen! Mein Leben gehört nicht mehr meiner Laune, sondern meinem Vaterlande! Kommt, Oheim, entfernen wir uns. Chiaveluzzi . Jawohl, ich entferne mich. Aber im Fortgehen keineswegs, ohne über diesen drolligen Jungen herzlich zu lachen. Lacht mühselig, in kurzen, leisen Stößen. Mit Orlandino ab. Francesco . Wo ist Beatrice? Fr. Nardi ängstlich, aber absichtlich stark . Was fällt Dir denn ein? Bist Du verrückt geworden? Rosina . Aber hübsch siehst Du aus! Das muß man sagen. Francesco . Wo ist Beatrice? Fr. Nardi . Sie ist noch nicht zu Hause. Was willst Du denn von ihr? Francesco . Abschied von ihr zu nehmen komm' ich nur, Und sie in gute Hut zu übergeben. Fr. Nardi . Was bedeutet das? Rosina . Schläfst Du heute Nacht nicht mehr zu Hause? Francesco . Verstandet Ihr mich nicht? Von Beatrice, Von niemand Anderm will ich Abschied nehmen! Von meinem Vater auch, wenn er's verstünde! Fr. Nardi . Wo kommst Du her, Francesco? Rosina . Der junge Chiaveluzzi wird wohl Recht gehabt haben: der Wein redet aus ihm. Francesco hat seine Mutter beim Arm gefaßt; nur zu ihr . Du weißt, warum ich von Euch gehe, Mutter! Nur ein willkomm'ner Anlaß ist der Tag: Denn selbst, wenn Gott mein Haupt beschützt: – dies Haus Betret' ich niemals wieder! Fr. Nardi . So wagst Du zu Deiner Mutter zu sprechen? Francesco .                                   Mutter!! Bald hoff' ich zu vergessen, daß Du's warst! Zu viele Niedrigkeit hab' ich geseh'n Und sehe neue Schmach sich vorbereiten. Da ich ein Kind war, konnt' ich's nicht versteh'n, Nur ahnen. Aber jetzt verging ein Jahr, Daß ich die Augen aufthat, und ich weiß, Was meinen Vater irr und elend machte; Und das, was Du gewesen, wird aus der! Bereit, sich zu verkaufen, herzuschenken, Dem, der sie will! Drum segn' ich Tag und Stunde, Da ich dies schmutz'ge Haus verlassen darf Und Euch nicht kennen. Beatrice kommt . Rosina . Nun, da hast Du Deine Beatrice. Francesco ihr entgegen; mit tiefer, beinahe angstvoller Zärtlichkeit . Meine Schwester! Beatrice . Francesco! Francesco zu Frau Nardi und Rosina . Laßt mich mit ihr allein! Fr. Nardi in den Laden, Rosina in die Straße ab. Francesco milde, in ganz anderem Ton als früher . Woher kommst Du? Beatrice . Von weit her. Doch wer darf mich fragen? Francesco .                                                                   Ich! Dein Bruder, Beatrix! Beatrice .                           Nein doch, niemand. Wie siehst Du aus? So schön! ach ja, wie anders Seit gestern Abend! Francesco .                     Beatrice, hör' mich! Ich gehe fort, Du weißt; doch hab' ich Angst Um Dich! Ich möchte Dich geborgen haben, In guter Hut, bevor ich geh'. Beatrice .                                     Was willst Du? Francesco . In diesem Haus darfst Du nicht länger weilen! Ich habe so viel Angst um Dich! Mir ist, Als wär' in Dir ein Feuer aufgeloht, Das seinen Strahl in's Ungewisse sendet, Und ich kann nicht mehr wachen über Dich! Ich wollt', Du bliebest gut, und fühle sehr, Dies steht nicht so bei Dir, wie sonst bei Menschen – Und ich kann nicht mehr wachen über Dich! Doch weiß ich, was auch immer Dir bestimmt, Fänd' ich Dich anders wieder, als ich will, Vor Ekel stürb' ich oder spie' Dich an! Ich wollt', Du bliebest gut und nähmst den Besten, Nähmst Vittorino, der Dich liebt, zum Mann. Beatrice . Ich weiß, daß Du das willst. Francesco .                                           Laß' mich für ihn Zu Deinem Herzen sprechen, Beatrice. Und auch für mich, daß ich in Ruhe zieh'n kann, Wohin es Gott gefällt. Nimm ihn zum Mann. Beatrice . Wo soll ich mit ihm leben? Francesco .                                           Nicht bei diesen Und nicht in dieser Stadt! Beatrice .                                 Sie sagen Alle, Daß keiner mehr die Stadt verlassen kann. Francesco . Dies mag schon morgen wahr sein, heute nicht; Noch sind die Straßen gegen Osten frei. Wenn Hundert oder Tausend dorthin zögen, Wär's ihr Verderben; doch vertrau' mir nur, Euch Beiden weis' ich einen sichern Weg. Beatrix . Was soll dies? Heute noch? Vittorino Monaldi kommt. Vittorino . Teure Beatrice, seh' ich Euch endlich wieder! Beatrice . Guten Abend, lieber Vittorino! Francesco . Ich sprach mit meiner Schwester, Vittorino. Vittorino . Hast Du's gethan? Nun wird mich Beatrice für einen rechten Knaben halten, daß ich's nicht selber gewagt habe. Und was sagte Beatrice? – Nein, sprich nicht, Beatrice, nicht gleich, nicht, so lang' Du mich mit diesem fremden Augen ansiehst! Francesco . Mein guter Vittorino, 's ist nicht Zeit, Die Antwort aufzuschieben, wie sie sei. In kurze Frist ist heute viel gedrängt, Und Stunden gelten Tage, Tage – Jahre. Beatrice . Francesco, ja, so ist's! Francesco .                                   Drum, Beatrice, Gieb Vittorino schnell Dein Ja, wenn Du Gewillt bist, ihm's zu geben. Vittorino . Aber wenn's ein Nein ist, sag' es nicht gleich, daß es nicht wie ein Stich in mein Herz fährt. Laß' mir noch ein paar Augenblicke der Hoffnung. Zu Francesco. Ich fürchte ihre Antwort, Francesco! In diesen letzten Tagen schien sie so fern von mir zu sein. Zu Beatrice. Immer, wenn die Sonne sank, Beatrice, warst Du verschwunden. Ich weiß ja, daß Du nur auf den Hügeln und Wiesen vor dem Thor umhergewandelt, – aber bist Du nicht schon weit, wenn Du nur die Augen wendest? Drum hab' ich Furcht vor Deiner Antwort. Beatrice . Hab' keine, Vittorino! Vittorino mit plötzlichem Mut und Hoffnung . Liebst Du mich denn? Beatrice . Nein, Vittorino. Aber ich will thun, Was Du ersehnst, und was Francesco wünscht. Mein Bruder ist sehr klug. Und sieh', ich glaube, Geborgen werd' ich sein an Deinem Herzen Wie sonst bei niemand. Nicht nach Deinen Küssen Verlangt's mich, Vittorino. Aber ausruh'n Möcht ich bei Dir, weil ich so müde bin. Francesco . Was ist's, das Du erlebtest, Beatrice? Vittorino angstvoll . Frage sie nicht, frage sie nicht! Es ist an mir, sie später einmal zu fragen. Weißt Du denn auch, Beatrice, daß wir noch heute als Vermählte die Stadt verlassen sollen, wenn es möglich ist? Beatrice . Heut? –! Francesco . Nur heut' ist's möglich, und drum muß es sein! So hört mich: In San Stefano, der Kirche, Erwartet Euch der Priester, der Euch traut. Ist dies gescheh'n, geleit' ich Euch zum Thore Von San Vitale. Dort, auch mir nicht länger Als seit der heut'gen Früh bekannt, entspringt Ein Gang, der unter Mauerwerk und Erde Bis zu der alten Villa des Larangi Und dort im Garten wieder aufwärts führt. Nun, aus dem Garten auf den Weg nach Lugo, Daß Ihr noch Budrio vor Tag erreicht, Und dann – Vittorino . Sind wir erst dort, so dürfen wir dem Himmel schon für unsere Rettung danken. Von Budrio fahren wir im hellen Tageslicht nach meiner Vaterstadt, ich führe Dich zu meinen Eltern, und sie werden ihre Tochter mit Entzücken umarmen. Alles ist bereit, daß ich daheim in wenig Tagen meine Werkstatt öffnen kann. Wahrlich, ich seh' ein Leben voll Arbeit und voller Freude vor mir! Beatrice . Gut habt Ihr's ausgesonnen, wenn es glückt. Francesco . Nicht ohne Fährlichkeit ist alles dies, Doch giebt's noch immer vielfach bess're Hoffnung, Als in Bologna diese Nacht zu weilen. Beatrice . So werd' ich Vittorinos Gattin! Denk nur! Wie sich dies endlich fügt! – und spielten doch Vor einem Jahr noch draußen auf den Wiesen! Vittorino . Beatrice, wie lieb' ich Dich! Beatrice . Ja, wahrlich, Zeit ist nur ein Wort, nicht mehr! Schau ich nur Dich, Francesco, an! Noch gestern Warst Du ein Kind, und heut' bist Du ein Mann. Und jenes Märchen – Francesco .                         Denkst Du jetzt an Märchen? Beatrice . Hat's nicht der Vater uns gar oft erzählt? Von Einem, der den Kopf ins Wasser tauchte Und träumte da von so viel Abenteuern, Daß sie im Wachen zwanzig Jahre währten, – Und taucht' empor, da war's ein Augenblick. Sie fährt sich übers Haar. Vittorino . Was hast Du Beatrice? Warum greifst Du Dir an die Schläfen? Beatrice . Ob mir das Haar noch feucht ist. Francesco . Was flog durch Deine Sinne, Beatrice, In dieser letzten Abendstunden Schwüle? – Vittorino . Frage sie nicht, Francesco! Beatrice . Nein, Vittorino, niemals wollen wir Um Träum' einander fragen. Wach sein nur Ist Leben, und gemeinsam ist das Licht. Bring' mich nach Lugo, lieber Vittorino! Vittorino . Ja, Beatrice, dahin will ich Dich führen, dort wird Dir ein Heim bereitet sein, wo Du von Deinen Träumen ausruhen, wo Du sie vergessen wirst. Francesco . So sagst Du ja zu Allem, Beatrice? Beatrice . Sagt' ich's noch nicht? Ja, Vittorino, ja! Francesco . So komm'! Beatrice .                     Zur Kirche? Francesco .                                       Doch zuerst ins Haus, Daß Dich der Vater segne. Vittorino . Wird er es denn verstehen? Francesco . Auch eines Kind's Gebet steigt auf zu Gott. Warum das seine nicht? Vittorino . Beatrice, ich danke Dir! Ich bin sehr glücklich! Fühle nur, daß Du mir Alles bist. Zwar weiß ich, daß Du Deiner ganzen Art nach zu Anderm geboren bist, als eines einfachen Gewerbsmanns Frau zu sein. Bedenk' aber auch dies, daß Du Dich mit Deinem Worte mir für immer geschenkt hast, daß niemand auf der Welt Dir so viel Liebe geben kann, als ich, und daß ich unfehlbar sterben müßte, wenn Du jemals Deines Worts vergäßest. Alle drei ab ins Gewölbe. Vier Fackelträger erscheinen in der Tiefe der Straße. Hinter ihnen, langsam nach vorn schreitend, der Herzog, Carlo Magnani, Guidotti, der junge Malvezzi und einige andere Edle. Herzog . Ich wüßte keinen Bessern für dies Amt. Magnani . So sehr mich meines Fürsten Gnade ehrt, Ich wage der Entgegnung kühnes Wort. Ob auch vor Anderm mich der Wunsch bewegt, An einem Tag, wie der uns morgen anbricht, Zur Seite meinem teuern Herrn zu sein, Ich sprächt nicht aus, wüßt' ich nicht den zu nennen, Den Fügung des Geschicks dazu ersah, In dieser Stadt zu bleiben, wenn wir geh'n. Herzog . Ihr meint Andrea. Magnani .                           Keinen Andern, Herr! Ihm starb die Mutter, und die Schwester, sagt man, Verfiel in eine Art von stillem Wahn. Ich bitt' Euch, Herr, laßt ihn daheim für mich! Herzog . Das kann ich nicht. Ich will ihn bei mir haben An einem Tag, wie der uns morgen anbricht. Ich lieb' Andrea mehr als Euch, Magnani, – Seid mir darum nicht bös', Ihr seid mir wert! Auch bleibt die junge Gräfin nicht allein. Denn folgt Andrea meinem Rat, noch heut' Vermählt er sie dem Jüngling, den sie liebt. Nicht trotz der Mutter Tod, Nein, weil sie starb. Zu trauern ist nicht Muße, In solcher Zeit; auch trocknen Thränen schnell, Die Jugend den erfüllten Losen nachweint. Ich selbst will diesen Bund mit Freude segnen – Willkomm'ne Art, nicht mit des Fürsten Huld, Nein, wie ein Freund Filippo zu begrüßen. Laßt uns ins Schloß zurück! Dort wartet unser Mit manchen Andern, die wir hinbeschieden, Zu dieser wunderlich vermischten Feier, Die so der Rückkehr wie dem Abschied gilt, Filippo Loschi, und ich will ihn kennen.         Sie kommen weiter nach vorn. Ist das dieselbe Straße nicht, Malvezzi? Malvezzi . Die Straße von Azeglio, Herr! Lächelnd. Dieselbe – Und hier das Haus, vor dem die Schöne stand. Herzog . Wir sah'n so viele jetzt auf unserm Gang, Es war doch Keine schön wie sie! Malvezzi .                                             Mein Fürst, Daß wir so viele sah'n, ist Zufall nicht. Ein wunderlich Gerücht durchlief die Stadt, Das trieb sie Eurer Hoheit in den Weg. Herzog Welch ein Gerücht? Malvezzi .                             Es heißt, daß Eure Hoheit Geneigt sei, eine Schöne zu erwählen, Für diese letzte Nacht, die letzte vor – Herzog . Vor morgen sagt, so sagt Ihr nicht zu viel Und nicht zu wenig. Nun, kein übler Einfall! Warum kam er nicht mir und schon heut' Mittag An dieser Stelle? – Doch 's ist besser so! Was uns noch übrig ist von dieser Nacht, Sei zu erles'nern Freuden aufgespart, Als uns der Frauen leichte Gunst beschert. Denn wahrlich, oft genug hab' ich versucht, Dem sich so viele Wunder offenbarten, Auch dies zu kennen, das Ihr Liebe nennt. Ich weiß von Wunsch und Lust und Ueberdruß – Das Wunder fühlt' ich nie! Und daß Ihr lächelt, Malvezzi, ist nicht klug! Malvezzi .                             Vergebt mir, Herr! Herzog . Was für ein Geck Ihr seid! Ich weiß, Ihr dachtet Des Mädchens von Byzanz, das für den holden Blick Der Eurer Jugend galt, so schwer gebüßt. Doch hätt' ich die geliebt, wär's Euer Leib, Der heut' im Grund des fernen Meeres modert, Und nicht der ihre. Malvezzi .                       Einer Andern dacht' ich, die Um Euch, mein Fürst, ein Reich und einen Gatten Und endlich eine Welt verließ. Herzog .                                           Viel – meint Ihr! Und doch beklag' ich ihren Heimgang nicht. Wohl ihr, daß nicht mit leergetrunk'ner Seele Sie rückgekehrt in ein verwirktes Dasein. Zu Ende lebte sie ihr Glück. Ich wollte, Es gingen Alle so zu rechter Zeit, – So stünden wir an allen Gräbern heiter Wie ich an jenem stand. – Ins Schloß, Ihr Herrn. Cosini kommt von rechts . Herzog . Cosini! Führt der Zufall Euch entgegen? Cosini . Nein, Herr, ich folgte Eurem Weg mit Willen. Herzog . Ihr spracht Filippo? Cosini .                                     Wohl, ich hab's gethan. Herzog . Wo ist er? . . . Seine Antwort –? Cosini .                                                       Herr, kaum wag' ich – Herzog . So war sie »nein«? Cosini .                                   Sie war es! Herzog lächelnd .                                       Nein? Zu den anderen. Hört Ihr? Was hält ihn ab? Was nennt er selbst als Grund? Cosini . Um erst den wunderlichsten mitzuteilen, Er sei kein Dichter mehr. Herzog .                                   Kein Dichter mehr? Cosini . Und käm' als ein Betrüger an den Hof, Folgt' er dem Ruf, der einem Dichter galt. Herzog . Als könnte wer, mit Willen, nicht mehr sein, Was er gewesen! Blindgeword'ne sehen, Denn tief in ihnen löscht kein Zeichen aus – Und Loschi sagt, – er sei kein Dichter mehr! Sprich weiter, denn Du gabst Dich nicht zufrieden Mit solcher Antwort, hoff' ich sehr. Cosini .                                                     So ist's! Doch keine bess're kam. In heft'ger Wallung Traf ich ihn an; auch zweier Freunde Reden Gleich meinen, wie in Zorn, verschlossen. Herzog .                                                               War Andrea bei ihm? Cosini .                       Nein, mein Fürst; es scheint, Gelöst ist das Verlöbnis des Filippo Mit Teresina. Seine Freunde sagen, Er lieb' ein and'res Mädchen. Herzog .                                         Wer ist sie? Cosini . Sie wissen's nicht. Herzog .                             Wir hören mehr davon, Denk' ich, wenn sich Andrea wieder zeigt. Doch wahrlich, 's ist beinah wie eine Unbill, Die uns ein mißgewandtes Schicksal sendet, Daß sich Filippo unserm Ruf versagt. Nein, mehr ist's! – als verriete mich ein Freund! Denn wie man Freunde liebt, so liebt' ich diesen, Der durch den Mund des Freundes zu mir sprach, In Worten, wie in Befremden, fragend, die nun Lüge worden sind? Und klangen doch so ohnegleichen wahr! Daß sie mich glauben machten, was ich selbst Doch nie gefühlt; – daß mir aus ihnen nur, Was nie aus fremder Glut, aus eigner Lust Bestandener Gefahr, für mich erlitt'nem Tod, Nie aus des Lebens Fülle zu mir tönte! Ich hätt' ihn gern gesehn, der das vermocht – Mit Worten . . . die nun Lüge worden sind –! Doch scheint's, die letzte Nacht nimmt andern Lauf, Als ich ihr vorzuzeichnen willens war. Kommt, Ihr Herr'n! Magnani . Mein Fürst, wie unser Schicksal werden mag, Mich dünkt, der Anlaß ist noch fern, sehr fern, – Von einer letzten Nacht zu reden. Dringender. Herr, Bolognas Mauern stehen fest wie je, Und Speis' und Trank sind da für sieben Tage. Herzog . Und wär's für sieben Jahre, Herr Magnani! Was geht's mich an? Aus ungeheurer Freiheit, Die nur des Himmels Fernen eingeengt, Seh' ich von heut' auf morgen ins Gefängnis Der ringsumschloss'nen Mauern mich gesperrt. Ich trüg's nicht einen Tag, und trüg' es kaum, Wenn eine Hoffnung bess'rer Zeiten winkte, – Und uns winkt keine! Magnani .                         Herr, unmöglich scheint's, Daß ihres neugeschwor'nen Bunds die Fürsten Neapels und Siziliens vergäßen! Herzog . Scheint Euch unmöglich? Sagt doch, nahmt Ihr Einsicht In die Papiere, die bei Mariscotti Gefunden wurden? Zeigt sie ihm, Cosini! Cosini . Mein Fürst, so sorgsam ich sie las, sie zeigen, Daß man versucht hat, für die Pläne Cesars Neapel zu gewinnen, doch nichts kündet, Daß der Versuch gelang. Herzog .                                 Er ist's! Heut' weiß ich's! Und weiß auch, daß ich's wußte tief in mir, Wo wir an lichten Tagen nicht hineinseh'n, Schon vor zwei Monden, da wir in Neapel An Anjou's Tafel saßen, – wie ich's wußte, Was uns vom Borgia droht, als uns in Rom Der Papst empfing mit heuchlerischen Armen. Im Abschiedsmahl war uns der Tod bereitet, Drum nahm ich Abschied, eh' das Mahl erschien. Magnani . Ist dies auch wahr, noch eins bleibt zu bedenken. Der Borgia ahnt nicht, daß es Euch geglückt, Bologna zu erreichen, Mariscotti War ihm der Herr der Stadt. Nun, da sein Plan Mißriet, Bologna seinen Herzog wieder hat, Wer weiß, ob Cesar nicht geneigt erscheint – Herzog . Wozu? Davonzuzieh'n, wie er gekommen? Magnani . Nicht das! Jedoch Bedingungen zu stellen, Darüber man zu reden sich entschlösse. Herzog . Bedingungen? – So ist nichts mehr zu reden! Magnani . Und doch, Herr! Wenn er nun nicht mehr verlangt, Als die Gewähr, daß künftig in Bologna, Gleichwie in andern Städten auch, Ein päpstlicher Legat verweilen dürfte? Herzog . Wohl wär' das möglich, und auch mehr als das! In's Lager lädt er mich, den raschen Frieden Zu unterzeichnen, reist, wie schon mit andern, Zum sichern Siegel eines neuen Bunds Nach Rom mit mir, und läßt zur größten Sicherheit, Wie unsern edeln Vetter von Verona, Mich vor den Thoren seiner Stadt erwürgen. All dies ist möglich, doch gewiß ist eins: Daß auf der Welt für mich und Cesar Borgia Nicht Raum genug ist, und daß er der Stärk're. Inmitten dieses knechtischen Italiens, Das Cesar unter seine Füße tritt. Kann mein Bologna nicht mehr frei bestehen; Auch im besiegten wird sich's leben lassen – Am sichersten, – je früh'r – ich mich entfernt. – Was kommen muß, wird kommen –, doch nichts zwingt Den, der es nicht mehr schau'n will . . . d'rauf zu warten. Wie sie vorwärts gehen, öffnet sich die Thüre zum Gewölbe der Nardi, und es treten heraus: Vittorino , Beatrice , hinter ihnen Francesco . Wie sie aus der Halle auf die Straße treten, kommen ihnen eben die Fackelträger des Herzogs entgegen, und die Gruppe ist dunkelrot beleuchtet. Der Herzog erblickt Beatrice, tritt einen Schritt zurück. Herzog . Das ist sie! Malvezzi .                 Ja, mein Fürst, es ist dieselbe. Herzog auf Beatrice zutretend . Nicht so geschwind vorüber, schönstes Mädchen! Ich hoff', Ihr werdet Eures Herzogs Gruß Nicht ganz verschmäh'n. Francesco .                             Des Mädchens Bruder dankt An ihrerstatt in Ehrfurcht seinem Fürsten.         Zu Beatrice und Vittorino. Kommt, laßt uns geh'n. Herzog .                               Nicht also! Meines Grußes Erwid'rung hört' ich gern von Dir, Du Schöne! Beatrice schaut den Herzog lang an, dann verneigt sie sich . Herzog . Nicht daß Du tief Dich neigst, hab' ich verlangt! So wollt' ich, Du vergäßest, wer ich bin!         Zu dem Gefolge. Dies ist zu feierlich, entfernt Euch lieber! Ich will nicht sein, wie dieser Herr von Pisa, Der mit dem Szepter durch die Straßen ritt! Nicht meines hohen Rangs möcht' ich bedürfen, Um Dir zu sagen – sprich, wie heißest Du? Beatrice . Beatrice. Herzog . 's eine Stimme wie Gesang! Ich wollte, – Du liebtest mich, Beatrice. Francesco . Mein Fürst! der meiner Schwester Gatte sein wird, Steht hier, und zu der Kirche geht ihr Weg. Herzog . Zur Kirche – wie? Hochzeit zu feiern etwa? Francesco . Ihr sagt's, mein Fürst! Herzog . Steht's also, mögt Ihr geh'n. Nie war's mein Sinn In fremdes Recht mit leichter Hand zu greifen. Vergieb mir, Beatrice, und auch Ihr –         Beatrice sieht den Herzog unverwandt an Was blickst Du so mich an und gehst nicht fort? Francesco . Komm, Beatrice! Beatrice bleibt stehen. Herzog .                                   Nun? War's etwa nur Ein listig Wort von Euch, um Eure Schwester Vor mir zu schützen – wie? Beinahe scheint's! Denn Beatrice schweigt – wie dieser Jüngling. Francesco . Der Hoheit stolze Nähe macht ihn beben. Ich aber schwöre, daß ich Wahrheit sprach, Denn ich verstünd' es, dieses Kind zu schützen Vor jedermann, wär' es auch nicht verlobt. Herzog sieht ihn an. Pause. Dann: Wer bist Du denn? Francesco .                   Francesco Nardi heiß' ich, In Eurer Hoheit Dienst seit heute Morgen! Herzog . Wer warb Dich an? Francesco .                             Ich nahm freiwillig Dienst. Herzog . Bei welcher Schar? Francesco .                             Des Grafen von Fantuzzi. Herzog zu Guidotti . Sind nicht die andern, die sich frei gemeldet, Valori zugeteilt? Guidotti .                   So ist's. Francesco .                             Mein Fürst, Ich bat's mir aus, dem Grafen zuzusteh'n. Herzog . Die Hochzeit eilt, wenn Du Brautführer bist!         Zu Vittorino. Und Du – wer bist Du? Vittorino . Ich heiße Vittorino Monaldi, Eure Hoheit, und dieses Mädchen ist meine Braut. Herzog . Ich weiß. Vittorino . Und mein ganzes Glück. Herzog mit einer Bewegung des Widerwillens . Klang's nicht, als ob er betteln wollt' um sie? »Sein ganzes Glück!« – Nimm's hin und geh' mit Gott! Francesco . Komm, Beatrice! Vittorino flehend .                   Beatrice, komm! Herzog der schon vorbei wollte, wendet sich wieder um und sieht, wie Beatrix regungslos dasteht . Geht, sagt' ich! War's zu mild? Soll ich befehlen? Geh, schöne Beatrice! Nun? Du bleibst? Denkst Du, ich will's? Denkst Du, wenn Du vorbei, Werd' ich Dich rufen? Nicht einmal mein Blick Wird Deinem jungen Schreiten folgen, doch Für diese wünscht' ich, daß Du endlich gingst – Ob Du mich auch entzückst, wie nie ein Weib. Nardi und seine Frau sind aus dem Gewölbe gekommen, Rosina von der Straße. Francesco . Komm, Beatrice! Vittorino .                               Beatrice! Herzog . Wie stehst Du so gebannt? Sagt' ich ein Wort, Das Dich hier festhält? Droht' ich Dir? Den Andern? Verwehrt Euch wer den Weg? Zu seinen Rittern.                                                 Macht Platz, Ihr Alle! Geh, Beatrice! Aber Schritt für Schritt, Und halt' nicht inn' und wende nicht Dein Haupt, Und schwinde meinem Aug', so rasch Du kannst! Denn Dich fortschicken, wenn Du bleiben willst, Dahin Dich geben, wenn's zu mir Dich drängt, Dich nicht umarmen, wenn's Dich selbst gelüstet, Beim Himmel! Narrheit wär' dies, und ich fürchte, An Zeit gebricht's, daß ich sie mir verzieh'. Komm mit mir, Beatrice! Francesco die Hand am Degen . Herzog! Vittorino will sich auf die Kniee werfen . Francesco hält ihn ab . Herzog . Dein Will' ist's, wie der meine, also kümmert's Hier Niemand mehr. Doch bin ich höchst geneigt, Was unser Ungestüm an frühern Rechten Verletzen mag, nach Kräften zu versöhnen. Ich kenne mehr als Eine in Bologna, Die diesen Blonden auf Vittorino deutend mit Vergnügen nähme, Und die ihm besser taugt als Du. Er wähle!         Es haben sich immer mehr Leute gesammelt. Was läßt Du noch zurück? Sind dies die Eltern? Ich geb' Euch Haus und Garten, wählt's Euch selbst, Darin Ihr wohnen mögt, solang' Ihr lebt. Und dies ist Deine Schwester? Heute noch Will ich, mit reichen Gütern ausgestattet, Zur Eh' sie einem dieser Edeln geben. Francescos Kühnheit nütz' ich gleich aufs Beste, Mir zum Gewinn wie ihm, mach' ihn zum Hauptmann Der kleinen Schar am Thor von Saragossa. Was aber, Beatrice, schenk' ich Dir? Ich bracht' auch Schätze mit von meiner Fahrt, Wie sie dem Sinn von Frau'n gefallen mögen. Sie sollen alle Dir gehören: Steine Und Kleider aus Damast und Perlenschnüre Sind alle Dein, und zu dem Allem noch Ein Schleier von so wunderbarer Schönheit, Wie keiner, den ein Mädchen dieses Land's Und niemals eine Herzogin getragen. So kostbar, daß der Fürst von Pergamum Ihn und nur ihn allein als Hochzeitsgabe Der Fürstin schenkte, die er sich erwählt. Ich geb' ihn Dir für eine einz'ge Nacht. Und noch ist's nicht genug. Wenn es sich fügt, Daß Du mir einen Sohn gebärst, so schenk ich, Wofern ein unverhofftes Glück uns leuchtet, Die erste Stadt ihm, die mein Heer erobert. Und wahrlich, mit je hellerm Blick ich mich In Deiner Schönheit Rätselmacht versenke, Je wen'ger kühn erscheint mir dieses Wort, Denn zu nichts Anderm als zu einem Sieg Kann ich aus Deinen Armen mich erheben. Eine größere Anzahl Bürger, Frauen, Mädchen sind herzugekommen. Auch Capponi , Basini , Bennozzo . – Schweigen. – Beatrice steht regungslos. Herzog . Nun, Beatrice, wart' ich Deiner Antwort! Beatrice schweigt . Erwartungsvoll Stille. Francesco . Der Herzog von Bologna hat, so denk' ich, Die Gnade, dieses Schweigen zu versteh'n. Gebt Raum, Ihr Herrn! Zu Beatrice und Vittorino.                                       Ihr kommt, der Priester wartet. Herzog da alles ruhig bleibt . Gebt Raum! Geschieht. Und Ihr, verzeiht mir, Beatrice, Daß für so viel ich nur so wenig bot. Nehmt's nicht als niedre Schätzung, nicht als Geiz, Ich seh's, ich bin zu arm für Euch! Beatrice .                                               Mein Fürst –         Bewegung, wie Beatrice zu sprechen beginnt. Es war zu wenig nicht, nur nicht das Rechte! Herzog heftig, mit neuer Hoffnung . So sag' mir, was Du willst! Vielleicht besitz' ich's! Beatrice . Gewiß besitzt Ihr's. Denn ich will nur dies, Daß man mich morgen früh nicht schmähen darf Als Dirne! Herzog .           Die ein Fürst umfangen hat, Und war sie eines Narren Spaß zuvor, Ist's nicht mehr! Und Du denkst, es wagte Einer, Dich so zu schmäh'n? Beatrice .                           Und sagen sie's nicht laut, So flüstern sie's. Herzog .                     Was kümmert's Dich? Beatrice .                                                       Und laßt Ihr An's Kreuz sie schlagen, war's die Wahrheit doch, Daß Ihr mich kaufet – nur um hohen Preis! Darum behaltet Alles, Herr, es nützt mir nichts, Doch nehmt zur Gattin mich! Bewegung des Erstaunens ringsum. Herzog .                                       Wie? – Herzogin?         Er wendet sich zu seinen Rittern. Was meint Ihr zu dem Kind? Magnani .                                     Herr, was befehlt Ihr? Herzog . Was thätet Ihr? Magnani .                         Die Kühnheit strafen, Herr! Sie und den frechen Bruder ins Gefängnis. Herzog zu Guidotti . Und Ihr? Guidotti .       Mein Fürst, die Strafen lieb' ich nur, Daran zugleich sich Andre recht vergnügen! Drum dächt' ich, zeichne man auf off'nem Markt Ihr glüh'nde Mal' auf Stirn und Hals und Busen! Herzog zu Malvezzi . Und Eure Meinung? Malvezzi .                       Wenn mein Fürst erlaubt – Zuerst ins Schloß zu meines Fürsten Lust, Dann in ein Freudenhaus zu And'rer Freude, Und dann zur Hochzeit mit dem Bräutigam! Cosini . Mein Fürst entscheidet sich, ich bin gewiß, Sich lachend abzuwenden und zu gehn! Herzog . Nun, hörst Du, Beatrice, wie verwegen Dein Sinnen allen diesen Rittern dünkt? Mir aber scheint, sie seh'n und hören nicht, Sonst senkten sie die Knie' vor Beatrice Und flehten ihres unbedachten Worts Zur rechten Zeit Vergessen und Verzeih'n! Laß endlich Deine Hand vom Griff, Francesco! Du, Beatrice, reiche mir die Stirn! Ich nehme Dich zum Weib, wie Du verlangst! Beatrice reicht ihm die Stirn; er küßt sie. – Ungeheure Bewegung . Vittorino . Ist dies Alles wahr? Träum' ich! Francesco . Nein, guter Vittorino, Du träumst nicht. Vittorino . Beatrice! Beatrice wendet sich nach ihm und betrachtet ihn wie einen Fremden . Herzog . Nun komme, Beatrice! Beatrice .                                   Nein, mein Fürst! Nun will ich Euer treu zu Hause warten, Bis Gott aus Kriegsgefahren Euch entläßt! Herzog . Und folgst mir nicht als Braut noch heut' ins Schloß? Beatrice . Das darf ich nicht. Die herzogliche Schwelle Betret' ich nur als Herzogin. Herzog .                                       So sei's! Du sollst sie heut' als Herzogin betreten!         Wachsende Bewegung. Cosini! eilt zum Bischof von Petron, Er halte sich bereit! In einer Stunde Tritt Herzog Lionardo Bentivoglio Mit Beatrice vor den Traualtar! Cosini ab . Herzog zu Anderen . Ihr rasch zum Schloß, daß man die Feier rüste!         Einige ab. Ihr Andern durch die Stadt! Bolognas Adel Lad' ich zu dieser Hochzeit ein. Doch merkt: Für heut' ist Schönheit Adel, nicht Geburt! Ruft es so laut, daß es die Schläfer weckt, Klopft an geschloss'ne Fenster an und klirrt, Daß man sie öffne, und verträumte Augen Erstaunt die edlen Boten schau'n, und ruft: Der Herzog lädt Euch zu der Hochzeit ein, Die er mit Eurer schönsten Schwester feiert! Kommt Alle, ob Ihr sonst im Treuen schlummert, An eines Liebsten oder Gatten Brust, Ob Ihr in keuschen Betten einsam ruht, Ob Ihr von denen, die unstillbar Glüh'n In jeder Nacht an neue Herzen drängt: Kommt Alle, nur seid schön! Ihr seid willkommen!         Wieder Andere sind im Verlaufe dieser Rede abgegangen. Zu Magnani und Malvezzi. Ihr aber bleibt zurück! Ihr haftet mir Für dieses Haus und Eures Fürsten Braut!         Zu den Übrigen. Und Ihr folgt mir ins Schloß! In einer Stunde Bring' ich die Hochzeitsgaben, Beatrice, Daß Du geschmückt, so wie's Bolognas Herrin Geziemt, vor Gott und Kardinal erscheinst! Er geht mit Rittern und Fackelträgern ab. Die Anderen bleiben in großer Erregung zurück. Beatrice steht regungslos, lächelnd. Basini . Nun, was sagt' ich? Bin ich von Gott erleuchtet? Werden die Dinge wahr, die ich erlogen? Fr. Nardi zu Beatrice . Mein Kind, Du glückliches Kind – wir glückseligen Eltern! Zu Nardi. Verstehst Du, was geschehen ist? Giebt Dir das den Verstand nicht wieder? O Himmel! O Himmel! Nardi . Sehr hübsch habt Ihr das gemacht, Ihr Kinder! Wer war der schöne Knabe, der den Herzog spielte? Magnani zu Malvezzi . Dies ist Zauberei! Gebt acht, es nimmt ein böses Ende! Malvezzi . Ah, sie ist schön – schön! Seht sie doch an! Magnani . Wir wollen auf der Hut sein! Fr. Nardi . Komm', Beatrice, komm'! Ich will Dir die Haare lösen, damit sie bis zur Erde herabwallen. Komm, Herzogin von Bologna! Basini . Wozu der Jubel? Alle Laune und alle Gnade Eures Herzogs gilt nur, so lang' er lebendig ist, und morgen Abend ist der Borgia in der Stadt! Fr. Nardi . Schweigt doch, sonst wird man Euch einsperren! Habt Ihr nicht gehört, was der Herzog sagte? In ihren Armen wird er ein Held, ein Sieger werden! Komm', mein Kind! Rosina stand die ganze Zeit wie erstarrt und läßt jetzt ihren Blick auf Beatrice ruhen, der von tiefstem Haß erfüllt ist . Nardi ist ins Gewölbe gegangen und man hört ihn sprechen . Wie dunkel! wie dunkel! Bringt mir doch Lichter! Die Menge hat sich größtenteils zerstreut. Fr. Nardi zu einem Fackelträger . He Du, leuchte doch den Eltern der Herzogin von Bologna! Nun, geh' doch voraus! Ein Fackelträger geht ins Gewölbe. Nardi . Wer lehnt denn hier in der Ecke? So steh' doch auf! Wer ist es denn? Halte doch Deine Fackel her! Ei, Vittorino! So steh' doch auf! Bist Du so müd'? Francesco der die ganze Zeit wie verstört dagestanden, wird aufmerksam und geht ins Gewölbe . Magnani . Was sind das für Leute? Dieser Alte! Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Francesco kommt aus dem Gewölbe, hält Frau Nardi davon zurück, Beatrice ins Gewölbe zu führen. Er verbirgt etwas in der Hand . Bleib' außen! Bleib' außen, Beatrice! Daß nicht Dein Blut erstarre! Fr. Nardi . Was ist denn geschehe? Rosina die rasch ins Gewölbe gegangen ist . Vittorino! Ohnmächtig liegt er in der Ecke! Francesco einen Dolch zeigend, den er in der Hand hielt . Der stak ihm in der Brust – Er hat sich gut getroffen! Magnani . Was ist hier geschehen? Rosina aufschreiend, mit einem ungeheuren Haß auf Beatrice . Er ist tot! Francesco . Beatrice, unglückliche Schwester! Beatrice . Das bin ich nicht, Francesco, nein, und sagt' ich's, So wär' es Lüge! Francesco .                 Beatrice!         Er sieht sie lange an, sie schaut ihm ruhig ins Auge. Ich will nicht Gast bei dieser Hochzeit sein! Sie hebt so furchtbar an, wie ich von keiner Jemals gehört. Der arme Vittorino Ist tot, und diese, die ich so geliebt, Verlor ich mehr, als wär' sie auch gestorben! Denn einer Toten, – Abschiedsworte rief' ich Ihr nach und küßt' ihr die verschloss'nen Augen! Für Dich, o Beatrice, hab' ich nichts – Kein Wort und keinen Kuß! So fremd, Daß ich Dich flieh'n muß, bist Du mir geworden! Er eilt von dannen. Der Vorhang fällt. Dritter Akt. Im Hause des Filippo Loschi. Geräumiges Gemach. Rechts hinten ein alkovenartiger Raum, zu dem drei Stufen hinaufführen; schwere dunkelrote Vorhänge, halb gerafft, scheiden ihn von dem Hauptraum. Im Hintergrund ein großes Fenster. geschlossen, Blick auf die Thürme der Stadt. Rechts vorn eine Thüre, links die Thüre, welche auf die Terrasse führt, offen. In der Mitte des Gemachs, etwas mehr gegen links, ein gedeckter Tisch, auf dem zwei Armleuchter stehen, jeder mit fünf Kerzen, die herabgebrannt sind; auf dem Tisch Reste eines Mahls; um den Tisch Stühle. Ein kleines Tischchen nahe dem Fenster. Isabella, Lucrezia, die Musikanten, Filippo. Isabella sitzt auf einem Sessel am Tisch, schläft mit herunterhängenden Armen. Lucrezia liegt auf den Stufen, die zum Alkoven führen, den Kopf auf der obersten. Der erste Geiger liegt auf der Schwelle der Terrassenthüre ausgestreckt. Der zweite Geiger schläft auf einem Sessel nahe dieser Thüre. Der Lautenspieler auf einem Stuhl, den Kopf auf dem Tisch. Der Flötist liegt vor dem Tisch im Vordergrunde ausgestreckt. Filippo kommt eben die Stufen vom Alkoven herab, langsam durch den Saal nach vorn. Filippo . Sie schlafen Alle, Frau'n wie Musikanten. Hier auf dem Boden stumme Instrumente, Die leeren Gläser da, noch feucht ihr Grund, – So viel Gefäße ausgerauchter Freuden! War nicht, wie Satan in den Zauberring, In diese eine Stunde alle Lust Der Welt geschlossen? Heiße Trunkenheit, Musik, Umschlungensein von weichen Armen – Was blieb zurück? Nichts als befreites Atmen, Daß es vorbei, und Sehnsucht nach Alleinsein! So wär' auch Dieses ohne Sinn versucht, Und nichts mehr weiß ich, was mich hält, zu gehn!         Nach einigem Sinnen. Doch Eins! Ein Wort, im Anfang kaum vernommen, Nun klingt es laut und lauter in mir fort, Als griffe mit bewegtem Fingerspiel Die Hoffnung selbst an meiner Seele Saiten. Wenn's Wahrheit würde, und sie käme wieder, Und dürft's doch nur, um hier mit mir zu sterben! Dies wäre, und nur dies allein Besitz!         Pause. Ist dies nur meiner Feigheit neu'stes Kleid? Herab mit ihm! Nun steht sie nackt und höhnt: Du kannst allein nicht fort, noch jetzt verlangt's Nach Beatrice Dich; und wie ein Kind Sich eine Puppe mitnimmt in sein Bett, So willst Du sie ins Nichts hinübernehmen, Die Dich nicht faßt, sich nicht und nicht das Nichts!         Pause.         Nach einem Sinnen, wie erwachend. Ruft. Wacht auf! Die Nacht ist weit! Zweiter Geiger erhebt sich kerzengrade vom Sessel und knickt gleich wieder zusammen . Der Flötist auf dem Boden, greift nach seiner Flöte und bläst einen Lauf . Der Lautenspieler schläft weiter . Erster Geiger streckt sich, nimmt den Bogen, klopft auf den Fußboden, als wenn er das Zeichen zum Beginn gäbe . Also vorwärts! Er erhebt sich. Entschuldigen Euer Gnaden, ich bin nur einen Augenblick eingenickt! Filippo . Ein Augenblick? So schlieft Ihr stundenlang! 's ist Mitternacht vorbei! Der erste Geiger tippt dem Lautenspieler mit dem Bogen auf den Kopf . Auf, auf! Alle Musikanten erheben sich und stellen sich auf der Terrasse auf, bleiben aber sichtbar . Isabella ist erwacht, lächelt, schaut Filippo mit großen Augen an . Mein schöner Filippo! Filippo . Ich hoff', Ihr ruhtet wohl und träumtet süß! Isabella . Doch war nicht Alles Traum, nicht wahr, Filippo! Filippo . Ich weiß wahrhaftig nicht!         Die Musikanten spielen. Genug! Ich sagte schon: Das Fest ist aus! Ihr sollt nach Hause gehn – Ihr Alle mein' ich! Er sieht mit einem flüchtigen Blick Isabella und dann Lucrezia an, die, gleichfalls erwacht, auf den Stufen des Alkovens sitzt und den Filippo betrachtet. Isabella . Du schickst uns fort? Und mitten in der Nacht? Bist Du so jung und bist so rasch ermüdet? Und wohin soll man gehn zu solcher Stunde? Die Musikanten bereit, fortzugehen . Gute Nacht, gnädiger Herr! Vielen Dank! Gute Nacht! Gute Nacht! Filippo . Euch ist gewiß bekannt, wo man heut' Nacht Noch fröhliche Gesellschaft findet. Führt Die beiden Mädchen hin! Isabella . Doch bringt uns in die lustigste Gesellschaft! Zu Jünglingen, die gestern heimgekehrt Aus einem Krieg und morgen wieder fortziehn – Ich liebe Jugend nicht, die sparsam ist! Zu Männern, die man morgen früh zum Tod führt, Bringt mich, daß keine Scham die Lust verkürze! Filippo . Dergleichen find'st Du heut' genug! Isabella .                                                       Doch wollt' ich, Du wärst von diesen einer, mein Filippo! Lucrezia ist herbeigekommen . Ich weiß, warum Du alle wegschickst! Filippo .                                                         Wie? Lucrezia . Du willst mich ganz allein bei Dir behalten! Filippo . Was fällt Dir ein? Geh' mit den Andern! Lucrezia .                                                             Nein. Filippo, dies ist nicht Dein Ernst! Filippo .                                                 Gewiß! So ernst, als das Gleichgült'ge immer sein kann! Lucrezia . Du bist kein Lügner, und Dein Auge sprach: Lucrezia, bleib'! Filippo .                       Wann hätten meine Augen das Gesagt? Lucrezia .     Vor einer Stunde, da sie tief In meine tauchten. Filippo .                         So? Ich weiß nicht mehr. Er wendet sich entschieden ab. Lucrezia schmerzlich . Du schickst mich nicht fort! Filippo .                                         Ganz gewiß, Lucrezia! Lucrezia . Wohin? Filippo .                   Thörichte Frage! Geh', wohin Du willst! Lucrezia . Filippo, ich bin treuer als die Andern! Filippo . Seit wann? Lucrezia .               Seit ich Dich sah! Laß diese fort sein, So wirst Du seh'n, wie treu! Filippo .                                         Für eine Nacht! Für einen Augenblick! Lucrezia .                           Und doch für immer!         Sie zieht ein kleines Fläschchen aus ihrem Busen. Isabella zu den Musikanten . Ich nehm Euch Alle mit mir nach Florenz. Dort sollt Ihr meine Hauskapelle sein!         Zu Lucrezia gewendet. Ich will so eine haben wie die Flavia! Lucrezia, Du – bleibst Du? Wir Andern geh'n! Filippo . Wart' nur, sie geht mit Euch. Lucrezia flehend .                               Filippo, laß mich Bei Dir! Sieh', was ich thu'!         Sie leert aus dem Fläschchen einige Tropfen in ein Weinglas. Filippo .                                         Ein Liebestrank? Dies faßt' ich nie, daß solcher Sieg Euch freut! Lucrezia . Den hätt' ich insgeheim ins Glas geleert. Das ist ein and'rer. Filippo ernster .               Und was soll's damit? Lucrezia . Behältst Du mich nur diese Nacht bei Dir, Beim ersten Grau'n der Früh' will ich ihn trinken, So glaubst Du wohl, daß ich die Treu' Dir halte. Filippo . sieht sie an, greift nach dem Glas, als wollte er den Trank auf den Boden leeren. Im selben Augenblick ertönt die Stimme Ercole's im Garten . Filippo! Isabella .       Deinen Namen ruft man, hörst Du? Filippo aufmerksam werdend . Ich höre. He! wer ist's?         Er stellt das Glas auf das Tischchen neben dem Fenster. Ercole näher .                       Ich – Ercole!         Er erscheint in der Thür. Filippo höchst erstaunt . Du bist's? Wo kommst Du her? Was willst Du hier? Ercole sich vor den beiden Mädchen verbeugend . Ich finde mehr, als ich gehofft. Filippo – Nun bin ich nah' daran, Dich zu versteh'n! Filippo . Was willst Du? frag' ich noch einmal. Wie kommst Du Zu dieser Zeit, auf diesem Weg zu mir? Ercole . Nicht meine Schuld ist's, daß ich diesen wählte. Ich klopft' an Deine Thür, es war vergeblich, Kein Diener that mir auf. Filippo .                                   Ich hab' sie fortgeschickt! Heut' Nacht soll Jeder leben, wie's ihn freut. Ercole . Das thun sie wahrlich in Bologna heut'! Vor Deinem Fenster rief ich dann – umsonst! Zur Thür des Gartens eilt' ich – fest verschlossen! So blieb mir nichts, als über Deine Mauer Zu klettern, und ich that's und bin bei Dir! Filippo . Ist, was Du bringst, so wichtig, daß sich's lohnt, Den Hals zu brechen? Ercole .                               Wichtig? –– Nicht für Dich! Auch komm ich nicht zu Dir und bring' Dir nichts; Den schönen Damen hier gilt mein Besuch. Isabella lachend . Was ist das für ein Mensch? Kennt Ihr uns denn? Und kennt Ihr uns, wer wies Euch denn hierher? Gewiß – Tibaldi war's! Ercole .                                 Den kenn' ich gar nicht! Isabella . Nigetti! Ercole .                 Diesen Namen hört' ich nie! Doch Euch, Ihr schönen Mädchen, kenn' ich gut. Isabella . Ich sah Euch nie! Ercole .                               Ich erst in dieser Stunde. Doch weiß ich ganz gewiß, käm' Euch die Laune, All die zu Tisch zu laden, die Ihr liebtet, Ihr müßtet Stühle von den Nachbarn leih'n. Isabella lachend . Ich hoff', Ihr seid nur mitternachts so frech! Ercole zu Lucrezia . Ihr aber, da Ihr dreizehn Jahre zähltet, Habt solche Fragen an die Nacht gethan, Daß sie allein durch eines Jünglings Mund Euch die ersehnte Antwort geben konnte. Wagt nun zu sagen, daß ich Euch nicht kenne, Weil Eure Namen mir verschwiegen sind! Filippo . Ich kenne Leute von mehr Witz, die nicht, Ihn anzubringen, über Mauern klettern! Sag' endlich, was Du willst! Ercole .                                         That ich's noch nicht? Zu einer Hochzeit lad' ich diese Schönen. Isabella . Nun drückt er sich auf einmal vornehm aus! Ercole . Ich spaße nicht. Zu uns'res Herzogs Hochzeit Lad' ich Euch ein! Filippo .                         Genug der Narrenspossen! Ercole . Wie? Possen? Nun – doch hört! Lärm auf der Straße. Isabella .                                                   Was ist's für Lärm? Filippo . Betrunk'ne treiben auf der Straß' ihr Wesen, Wie manchmal auch im Haus. Ercole am Fenster, reißt es auf .       Nun hört Ihr's besser! Man hört Stimmen von der Straße; dazwischen klingt Frauenlachen. Die Stimmen einander ablösend . Der Herzog von Bologna lädt Euch ein! Ihr schönen Frauen! Hochzeit giebt's im Schloß! Weit offen steh'n die Thore, Saal und Garten – Der Herzog von Bologna feiert Hochzeit – Stimmen, Lachen verklingen. Isabella . So ist es wahr? Ercole .                             Mein Mund kennt keine Lüge! Filippo . Was für ein Einfall? Heut' nacht – beim Himmel – Das ist 'ne Art, die letzte hinzubringen! Und so lädt er die Gäste? Isabella .                                   Geh'n wir hin! Mich dünkt, dort werd' ich finden, was ich suche! Isabella am Fenster, Ercole bei ihr, Lucrezia tritt zu ihnen. Filippo für sich . Ob Beatrice auch den Ruf gehört? Gewiß! – Ob sie ihm folgte? – Warum nicht? Was darf unmöglich scheinen? Isabella .                                           Aber sagt, Wer ist die Braut? Ercole .                           Nun kommt das ganz Verrückte! Die Tochter eines Wappenschneiders ist sie, Ein einfach Mädchen, sechszehn Jahr erst alt Doch schön! – O schön! Filippo .                                   Ihr Name –? Ercole .                                                       Beatrice Nardi! Filippo . Was sagst Du? Sag's noch einmal! Ercole .                                                       Beatrice – Doch was bewegt Dich so? Filippo sich fassend .                     Euch doch nicht minder? Ein einfach Mädchen – wie? – der Name war – Verstand ich's recht – Menardi? Ercole . Beatrice Nardi. Der Herzog sah sie gestern auf der Straße Und war entzückt von ihr und nahm sie sich. Filippo sich beherrschend . Nahm sie sich? Wie man eine Sklavin nimmt? Er winkte, und sie folgt' ihm? Sag' uns doch, Wie all dies sich begab! 's ist wunderbar! Ercole . Noch wunderbarer, als Ihr denken könnt, Geschah dies Alles. Er begegnet' ihr, Im gleichen Augenblick, da sie – merkt auf! – Zur Trauung schritt an des Verlobten Seite. Filippo . Sehr wahr! Noch wunderbarer, als ich dachte! Sprich weiter! Ercole .                   Nun, der Herzog hielt sie an – Stimmen auf der Straße, näher als früher. Stimmen . Von tausend Lichtern glänzen Schloß und Garten! Kommt, schöne Frau'n, der Herzog lädt Euch ein Zur Hochzeit mit der schönen Beatrice! Filippo . Er hielt sie an – und weiter – Ercole .                                               Nun, sie sprach: In Euer herzogliches Schlafgemach Tret' ich als Herzogin, nicht anders ein! Isabella . Die Unverschämte! Filippo . Und dieser Vit – – – wie hieß er nur – ich meine – Der Bräutigam – er ließ all dies gescheh'n? Ercole . Der arme Junge! Keiner denkt mehr sein. Filippo . Gab sie gutwillig hin? Ercole .                                     Sagt' ich's noch nicht? Aus Gram hat er sich umgebracht. Isabella .                                                 Der Narr! Ercole . Ein ärg'rer, als Ihr meint! Der Herzog trug ihm Als Gattin eine reiche Dame an. Filippo . Und sie? Erstarrt' ihr nicht das Blut zu Eis? Ercole . Sie scheint nicht von so weichlicher Gesinnung. Filippo . Was that sie, als er starb? Schrie sie nicht auf? Schien sie sich elend nicht vor allen Frauen? Ercole . Von einem Schrei ist nichts bekannt. Sie ward Mit aller Pracht zur Hochzeit angethan, Der Herzog kam mit herrlichen Geschenken, Und halb Bologna folgte ihrem Weg, Zur Kirche San Petron. In aller Form Nahm dort der Kardinal die Trauung vor. Isabella . Wart Ihr dabei? Ercole .                             Gewiß. Und ein Gedränge War in der Kirch' und auf dem Platz und solch Ein aufgeregtes Hin und Her, das wuchs Ins Ungemess'ne, als der Himmel selbst Ein sonderbares Zeichen sandte. Filippo .                                               Welches? Ercole . Im selben Augenblick, da Bentivoglio Vor dem Altar mit Beatrice stand, Fiel aus den Lüften unter alles Volk, Das auf dem Markt sich drängte, schwarz geflügelt, Ein angeschoss'ner Adler, schlug um sich Mit schweren Schlägen und verendete alsbald. Isabella . Ein böses Zeichen! Ercole .                                   Wohl! Das meinen Alle! Filippo . Und sahst Du Beatrice selbst? Ercole .                                                 Ich sah sie Da sie herab der Kirche Stufen schritt. Sie war sehr bleich, doch von der besten Haltung. 's ist die geborne Fürstin, sagten Manche, Doch And're sagten – Isabella .                             Daß sie ihn verhext! Ercole . 's ist auch ein Wort wie 'n andres. Schweigen. Filippo plötzlich lebhaft . Nun seht, wie rasch der Ort sich fand, die Nacht In größ'rer Lust zu enden, als sie anfing! Dankt diesem guten Boten, laßt von ihm Den Weg Euch weisen und lebt wohl! Ercole .                                                       So kommt! Willst Du nicht mit uns geh'n, Filippo? Filippo . Dorthin – mit Euch? Es blitzt einen Augenblick über seine Stirn, als dächte er an alle Möglichkeiten, die sein Erscheinen zur Folge haben könnte. Lucrezia ganz nahe bei Filippo . Hör' mein Gelöbnis, eh' ich geh', Filippo! Da Du der Treue Schwur verschmähst. Isabella .                                                       Ich wette, Sie schwört Dir was! Das ist so ihre Art. Lucrezia .                                                         Mich wird Kein Jüngling mehr umfangen, es sei denn An seines Lebens letztem Tag! – Leb' wohl! – Isabella, Lucrezia, Ercole und die Musikanten links ab. Filippo allein, in höchster Erregung . Sie feiert Hochzeit mit dem Herzog und Ich warte, daß sie wiederkommt! Von mir Geht sie nach Hause, läßt von Vittorino Zur Ehe sich bereden, geht mit ihm Zur Kirche, trifft 'nen Andern auf dem Weg, Der Herzog ist, und laßt mit ihm sich trauen, Indes der And're stirbt – ich aber warte! Sie, jenen Sternen gleich, die einen Himmel In einem Augenblick durchmessen, jagt Durch eine ganze Welt, seit Abend wurde – Und ich warte! Die Thür rechts öffnet sich, Andrea steht da. Filippo ihm entgegen; spricht gleich in höchster Erregung weiter . Andrea, kommst Du endlich? Mach' es rasch! Ich bin höchst ungeduldig, daß es ende! Andrea in großem Befremden . Find' ich Dich so bereit? Filippo .                                   Was zögerst Du? So weißt Du nichts! Ich hab' ein Wort gebrochen! Andrea . Ich weiß – Filippo .                     Doch weißt Du nicht, warum und wie – Andrea . Du wirst mir's sagen. Darum kam ich her. Filippo . So lausche gierig, wie die Rache selbst! An Deiner Mutter Bett, die sterben wollte, Sank ich zu Teresinas Füßen hin. Der ich dreifache Andacht weihen mußte, Die meine Braut, die meines Freundes Schwester, Die einer Mutter Atem angstvoll lauschte – Mit heißen Lippen drängt' ich an ihr Ohr. Und Worte, jedes so verrucht und wild, Wie man sie Mädchen zuraunt in der Schenke, Entströmten diesem Mund. Und als sie endlich Mit einem Blicke nur mich geh'n hieß und Ich ging, war's nicht die Reue, die mich forttrieb, Nur Zorn versagter Lust. – Und vor die Stadt, Wo Spiel und Tänze waren, eilt' ich hin Und warf mich weg, so ganz und so im Wahnsinn, An Eine, die so völlig and'rer Art, Daß ich wie Einer bin, der hundert Jahre In einem Zauberreich umhergeirrt, Wo man ihm Alles, was ihm von der Erde Anhing, so nahm, daß fürder die Gemeinschaft Der Menschen ihm verwehrt ist und nichts übrig, Als was Du bringst, – und also nehm' ich's hin. Andrea . Weißt Du nicht mehr? – So weiß ich mehr als Du, Der nur den eignen Jammer kennt; ich fand In stummem Wahnsinn Teresina wieder. Filippo entsetzt zurückfahrend . Braucht es noch dies? Und säumst Du immer noch? Andrea . Warst Du gefaßt, von Mörderhand zu sterben? Filippo . Nicht so . . . . ich kann's versteh'n!         Er nimmt seinen Degen, der nah dem Alkoven an der Wand lehnt.                                                               Nun sieh! Es soll Ein ehrlich Fechten sein – ich will mich wehren – Und nicht zum Schein – gieb Acht – Andrea hat den Degen gezogen .                 Filippo – nein! Nicht also darf ich Dich von hinnen senden. Filippo . Es will kein Gott, kein Priester meine Beichte. Andrea hat den Degen gehoben, läßt ihn wieder sinken . Was ist's, das mir den Arm mit einmal lähmt? Beim Himmel! einen Andern find' ich hier, Als den mein Zorn gesucht: vor diesem da Verlischt mein Haß, wie jählings ausgeblasen Vom Sturmwind eines ungeheuren Wehs. Wohl sucht' ich den, der unser Haus beleidigt, In Wahnsinn meine edle Schwester trieb – Doch den nicht minder – dem ich Freund gewesen. Zwar töten wollt' ich, der so Vieles nahm – Doch den beweinen, der in frühern Tagen Mehr gab, als er uns jemals nehmen konnte – Wie's Menschen seiner Art von Gott geschenkt. Wohl sucht' ich einen schuldigen Filippo – Doch wollt' ich ihn so herrlich, als er war! Filippo erregt, fast gequält . Was war ich denn? Von Augenblickes Gnaden War über Andern ich ein Mensch. Doch jetzt Tauch' ich so tief hinab, daß ich zu Knechten, Zu Bauern auf dem Feld, mühsel'gen Trägern Aufwärts wie zu Gebenedeiten schau'! Jetzt neid' ich, deren Tage, aufgereiht An eines Vorsatz' starr gewebtes Band Gleich Edelsteinen, sich zum Dasein fügen, Nicht schlottern, falsch' und echte durchgeschüttelt Auf lock'rer Schnur. So einer möcht' ich sein, Der festen Schritts und lächelnd vorwärts wandelt, Derselbe aufsteht und zur Ruh' sich legt, Nicht heute Gott und morgen Affe ist! Den, der heut' seine Hochzeit feiert, neid' ich, Den Bentivoglio, der an jedem Tag Sein Leben trinkt aus tausend klaren Quellen, Und jede weckt den Durst und jede löscht ihn. Ihn drückt der Stunde Last niemals zu schwer Und nie so leicht, daß er sich fliegen däuchte! Wär' ich wie der, und wär' ich über Menschen Wie über feuchtes Gras dahingeschritten, Daß mir der Fuß vom Thau des Lebens dampft, Das ich zertrat, so wär ich ohne Unrecht; – Ich durft' es thun! Und trät' mir wer entgegen Mit eines Rächers Anseh'n, lacht' ich ihm Als einem Thoren ins Gesicht. Doch mir Ziemt solche Kühnheit nicht. Und Deine Milde Gießt Scham wie glüh'ndes Oel in mein Seele. Als wer erscheinst Du hier, wenn Du nicht strafst? Andrea . Bist Du so eilig, Dein gequältes Herz Dem Degen eines Freundes anzubieten, So weiß ich eine bess're Sühne – komm! Filippo befremdet . Wohin? Andrea .       In eine gute, prangende Gefahr. Filippo . Mit Dir –? Andrea .                 Nicht weit von mir! Folgst Du mir hin Und siehst Du noch der nächsten Sterne Glanz, Dann will der Himmel selber nicht Dein Ende! Filippo . Soll ich zuletzt mit falscher Münze zahlen? Es wär' nicht ehrlich, hinzuzieh'n mit Euch, Mich Dir und diesen Braven zu gesellen! Ein herrliches Geschenk ist Euer Leben. Wie mit hellgold'ner Flut ein edler Becher Zum Rand gefüllt mit tausend Möglichkeiten. Drin wogen Abenteuer, hoher Ruhm, Der Jugend Reichtum, alles Glück der Welt, Und Unermess'nes trinkt der Boden auf, Auf den's verschwend'risch fließt in blut'gen Bächen. Daneben meine Neige anzubieten, Wär' so beschämend als betrügerisch. Andrea . Jetzt eben Neige – morgen Überfluß, Da Du's für ein Unendliches dahingiebst. Und eh' Du gehst, geleit' ich Dich zu Einer, Der morgen sich des Klosters Thüre aufthut, Um nie sich ihrem Ausgang zu eröffnen. Vielleicht bringt Deine Reu' und Dein Entschluß Verlor'nes Licht den kranken Sinnen wieder, Die reine Hand erhebt sich, Dich zu segnen, Und dann, entsühnt, am Thore von Isaia Harrst Du – mit mir – des ungeheuren Tags! Filippo . Andrea! Andrea .               Komm! Filippo .                               Was zeigst Du mir, Andrea? Beatricens Stimme draußen rechts . Filippo! Filippo weicht von Andrea zurück, steht wie erstarrt . Beatrice von draußen . Hörst Du, Filippo? Thu' die Thür mir auf! Ich finde nicht zu Dir! Der Gang ist dunkel. Andrea höchst erstaunt, sieht Filippo fragend an . Filippo schweigt . Kurze Stille. Beatrice von draußen . Filippo, hörst Du nicht? Filippo .                                 Ich komme! Andrea .                                                   Was ist dies? Filippo . Andrea, geh! Vergiß, was ich gesagt! Gab ich ein Wort? Erschien's Dir so? Nun denn, Ich brach es noch einmal. In diesem Augenblick Geschieht so Ungeheures – Daß Alles Andre nichts wird. Geh'! Leb' wohl! Andrea . Filippo. Filippo . Sprich meinen Namen nicht mehr aus! Vergiß ihn! Beatrice von draußen . Filippo! Filippo . Leb' wohl! Andrea .                   Auf immer? Filippo .                                         Ja. Hier durch den Garten – Andrea . Filippo! Filippo .                 Soll ich auf die Knie' vor Dir? Dich Bitten, daß Du meinen Namen, mich Und jedes Wort vergiß't, das ich gesprochen? Andrea . Es ist gescheh'n! Er geht über die Terrasse ab. Filippo schließt ab . Beatrice ferner als früher . Filippo! Filippo öffnet die Thür rechts . Beatrice noch draußen . Dort ist's? Ich ging ganz irr. Nun bin ich da.         Sie ist in der Thür sichtbar. Weißes Kleid, weißer Schleier um das Haupt. Du ließest lang mich rufen. Filippo im höchsten Staunen .         Beatrice! Bist Du des Herzogs von Bologna Gattin? Beatrice . Ich bin's. Filippo .                     Und bist bei mir? Beatrice .                                                 Du siehst es ja! – So nimm mich doch in Deine Arme! Karg Ist uns die Zeit gemessen, mein Geliebter! Filippo zurückweichend . Hinweg! Wie dunkle Schleier liegt um Dich Der letzten Stunden Rätsel, schwer gefaltet! Laß sie zur Erde gleiten, gleich wie den, Der Dir das Haupt umhüllt! Der Schleier gleitet zu Boden. Beatrice .                                     Sieh, ich bin da, Bereit, mit Dir den letzten Weg zu geh'n! Thut jetzt ein Fragen not? Filippo .                                   Du bist mir fremd, Wie solchen Wegs Genossin mir nicht sein darf. Beatrice . Wie anders glaubt' ich mich von Dir empfangen! Was kann Dir alle Pracht und Buntheit sein Vergangener Stunden, da die letzte kommt! Sieh, wärst Du, seit ich Dich zuletzt geseh'n, Mit hundert Teufeln durch die Luft geflogen, Ich fragte nicht darum. Und war ich selber An diesem Abend eine Königin, Der sich die Welten beugen, oder war ich Die Dirne eines Narr'n, was kümmert's Dich, Da ich nun bei Dir bin, mit Dir zu sterben? Filippo . Du kommst von Deinem Hochzeitsfest! Sie werden Dich suchen! Beatrice .             Weiß ja niemand, wo ich bin! Und niemand sah mich geh'n und niemand folgt! Filippo . So sprich, wie sich's begab! Du kannst nicht mehr. – Dem, was gescheh'n ist, in die tiefste Seele Zu schau'n, bin ich bestellt, daß ich's ergründe! So sprich! Beatrice .         Es ist nun einmal so! Warum Kannst Du's denn nicht versteh'n? Weißt Du's nicht mehr? Du hast mich fortgeschickt um einen Traum, – Da war ich so allein, und Vittorino Schien Zuflucht mir und Sicherheit und Ruh'. Und als der Herzog kam und mich gewahrte, Da dacht' ich: Nun erfüllt sich ja mein Traum. Und herrlich däucht' es mich, die Fürstin sein An eines Fürsten Seite, und so ward ich Sein Weib. Filippo .             Und warum bliebst Du nicht? Warum Entflohst Du? Denke, was Du thatest, – bist Als Herzogin aus Deines Gatten Schloß Am Tag der Hochzeit, bist aus Pracht und Größe – Aus Licht und Leben fortgestürzt zu mir! Zu mir, den Du vor kurzer Weile lächelnd Und weinend – Beides war um Deine Lippen! – Verlassen, bist zu mir zurück, wo Dich Ein kurzes und verderblich Glück erwartet! Warum? warum? Beatrice .                   Weil ich mich nach Dir sehnte! Mit solcher Sehnsucht, daß sie mächt'ger war Als Alles. Und je mehr die Stunde nahte, Da ich Dir ganz verloren war, so mächt'ger Rang meine ganze Seele nur nach Dir! Mir war, nun gäb' ich alle Größe hin Und alles Glück der Erde, Licht und Leben – Nur einmal noch in Deinem Arm zu sein! Und wie Erlösung aus der tiefsten Not Flog der Gedanke auf: ich kann Dich sehen, Ich muß nur fort von hier und hab' Dich wieder So eilt' ich fort. Filippo .                     Wie das? Beatrice .                                   Die Tafel war Zu Ende; lärmend ist das Fest, im Garten Die Lichter flackern, Schatten seh'n wie Menschen Und Menschen seh'n wie Schatten aus, die Thüren Steh'n alle offen, üb'rall drängen Leute, Und dieser Schleier hüllt mich bis zur Stirn. Nun auf die Straße, aus des Schlosses Nähe, Rasch fort, und durch die wohlbekannten Gassen Im Flug zu Deinem Haus – und bin bei Dir! Und bin's! Siehst Du, ich bin's! So ist's gekommen. Und sieh: mir ist, es könnt' nicht anders sein. Du fragst mich aber so und starrst mich an, Als wär's weiß Gott wie wunderlich gescheh'n. Filippo . sie lang betrachtend . Nicht wunderlich, für Dich nicht! – Nein! – Du bist Zu staunen nicht gemacht. Niemals hat Dich Des Daseins Wunder namenlos erschreckt, Nie bist Du vor der Buntheit dieser Welt In Andacht hingesunken, und daß Du, Die Beatrice ist, und ich, Filippo, Sich unter den unendlich Vielen fanden, Hat nie mit tiefem Schauer Dich erfüllt. Und daß Dein Vater toll, füllt nicht mit Bangen, Daß Vittorino starb, der Dich geliebt, Nicht mit dem fürchterlichsten Graun Dein Herz. Und daß Du Fürstin von Bologna bist, Macht Dich so wenig staunen, Beatrice, Wie wenn sich eine Mück' auf Deine Hand setzt. Und wenn Gespenster aus dem Grabe kämen,         Beatrice zittert. Ich weiß, sie schreckten Dich, – wie Fledermäuse – Doch auch nicht mehr und nicht auf andre Art. Und Du hast Recht. All dies, was Dir gescheh'n, Ist nichts. Des Lebens Unruh' und Verwirrung Mit allem rätselvollen Licht und Lärm, Mit aller Angst und allen Wonnen – nichts Zu dem, was noch bevorsteht, Beatrice, An diesem Ort, der keine Rückkehr schenkt. Beatrice . Den sucht' ich. Filippo .                             Doch begreifst Du's? Schau um Dich. All dies ist Dasein – das bist Du , das ich, Hier unten ruht die Stadt, drin atmen Menschen, Dort stürzt ins Weite Straß' und Straße hin Ins Land, ans Meer, – und überm Wasser wieder Menschen und Städte; – ober uns gebreitet Dies blauende Gewölbe und sein Glanz, Und alles dies ist unser, denn wir sind! Und morgen schon gehört es uns so wenig, Als alles Lichtes Wunderfülle Blinden, Gelähmten aller Wege Lust und Fernen. Bedenk': ein hundertjähr'ger Greis ist jünger, An Hoffnung reicher, als wir Beide sind – Verstehst Du das? Beatrice nickt . Filippo auf die Kerzen deutend .                               Sind diese hier erloschen, So sind wir's längst – verstehst Du's, Beatrice? Dein schöner Leib, den ich umschlungen halte, Durchrauscht von Deinem heißen Blut, ist nichts Als eine Sache, wen'ger als ein Stein; Der bleibt, auch hingeschleudert, was er war, Du aber, die jetzt duftet und erbebt, Sehnsücht'ge Wünsche Jedem, der Dich sähe, In allen Sinnen regte, bald bist Du Ein Ding, davor ihm graut, am nächsten Tag Zum Ekel ihm, Gefahr am übernächsten, Davor man sich bewahrt und tief Dich eingräbt Zu Andern, die vermodern. Und mich selbst, Mich würde schaudern, Dich im Arm zu halten, Der Haar und Kleid noch duftet, nicht der Atem! Verstehst Du's, Beatrice? Beatrice .                                 Ja. Filippo .                                         Und dies: Nur mit den armen Worten der Gewohnheit Nennt unser Mund das Ewig-Unbegriff'ne; Und so wie jene, die im Glanz des Lebens Aufleuchteten, uns ist der letzte auch, Bevor er kommt, nichts als ein Augenblick. Doch was er birgt an ungeheuern Schrecken, Ob wir in tausendfacher Kraft und Qual Das abgelebte Dasein neu durchfliegen, Ob nicht ein neues kommt, ein niegeahntes – Ob uns im freigewählten Hingang nicht So nutzlos schmerzensvolle Sehnsucht anfällt, Ins Licht zurückzukehr'n, daß alle Pein, Die wir jetzt denken können, uns erscheint, Wie Hauch der Lüfte – Niemand hat's erzählt. Beatrice sich an ihn schmiegend . Nimm mich in Deine Arme! Filippo .                                         Doch nun – Denke, Daß Rettung möglich, wenn wir's kühn versuchen. Schirmt uns das Schicksal, mag die Flucht gelingen Hinaus ins Glück! Mit diesem einen Wort Laß ich die Welt aufs Neue Dir ersteh'n! Die Sonne geht Dir morgen auf wie heut', Des Frühlings Blüh'n, der Erde üppig Weben, Des Lebens Brausen ist um Dich wie heut' – Ein Ja, wir wollen's wagen – sprich es aus! Beatrice . Wenn das gemeint war – laß mich lieber geh'n. Filippo . Warum? Beatrice .             Nach solchem Tag zusammen leben, Das könnten And're, doch nicht Du und ich! Du quältest mich zu sehr! Filippo .                                     Doch lebten wir! Beatrice . Wie bald in Ekel sänken wir dahin, Wohin wir jetzt erhob'nen Hauptes schreiten. Wir wollen sterben, darum kam ich her. Filippo . Dank, Beatrice! So ist's gut. Nun seh' ich, Du bist bereit. Ränn' unser Leben weiter, Den Schmutz der letzten Stunden brächten wir Nie wieder fort; und die Gewißheit nur, Daß unser Ende nah' ist, macht uns rein Wie Kinder. Komm', laß uns des hohen Glücks Auch ganz genießen! Er führt sie an den Tisch, schenkt ein.                                   Komm, wir wollen trinken! Nun sind dies keines Mahles Reste mehr. Denn zwischen jenem Mahl und dieser Stunde Liegt ein Entschluß, der Ewigkeiten gilt.         Sie trinken. Was nimmer möglich, wenn wie Irrgestalten Hoffnung und Angst in uns're klare Seele Trüg'rische Schatten werfen, nun geschieht's! Wir leben unser eig'nes Sein. Mit Willen Dahinzugehn, ist Freiheit, und mich dünkt, Die einz'ge, die uns Sterblichen gegönnt ist! Beatrice . Wo geht die Sonne auf? Filippo .                                         Dort über'm Thurm. Und warum fragst Du? Beatrice .                           Denkst Du's nicht, Filippo? War das nicht uns'rer Abendküsse Sehnen, Daß wir einmal vereint das Dämmern schau'n, Erwachend Mund an Mund und Herz an Herzen? Filippo . Das ward uns nicht bestimmt. Beatrice .                                               Warum –? Und heut', Filippo? Niemand ahnt, wohin ich ging, Und Niemand folgte, Niemand kann uns finden. Die ganze Nacht ist unser, und im ersten Aufglüh'n des Tag's, Filippo, soll's gethan sein! Filippo . Das ist nicht mehr in unserer Macht, Geliebte. Beatrice . Warum? Filippo sehr ruhig . Seit Du dies Glas an Deine Lippen führst, Trinkst Du den Tod. Beatrice .                         Trink ich – Filippo .                                                 In diesem Wein Den Tod. Beatrice .         Den Tod – Filippo .                               So, denk' ich, wird es leicht. Beatrice . in unsäglichem Schreck . Das ist der Tod? Filippo .                       Was schaust Du so mich an? Als wär Dir Angst? Beatrice .                       Aus diesem Glas hab' ich Den Tod getrunken? Filippo .                           Ja, wie ich, Geliebte. Er nähert sich ihr, sie weicht leicht zurück. Beatrice . Wie lang ist's Zeit? Filippo .                                   Ich weiß es nicht. Sekunden, Minuten oder Stunden – doch es kommt. Das Grau'n der Frühe seh'n wir nimmermehr.         Sie schauen einander ins Auge. Filippo ihr näher. Komm, Beatrice! Beatrice .                     Wer wird früher fort? Filippo . Weiß nicht! Beatrice .                   So kann's geschehen, daß Du vor mir – Daß Du mich hier allein läßt? Filippo .                                           Möglich. Doch nicht auf lang'. Nun komme, Beatrice! Die wen'gen Augenblicke, die noch sind, Laß uns mit tiefster Seligkeit erfüllen! Nun will ich nicht, daß nur die dünnste Seide Mein Glüh'n von Deinem scheide, Deines Leib's Berauschte Wärme, eh' sie ganz entflieht, Ein letztes Mal will ich sie fühl'n, und durstig Den letzten Atemzug von Deinen Lippen Mit meinen trinken, Beatrice! Er zieht sie nach rückwärts. Beatrice wie er sie gleichsam erstarrt ansieht . Laß mich! Ich meine, hab' Geduld – sieh – meine Hände Sind noch ganz heiß – so ist der Tod noch fern! Ich will nicht, daß Du so in Hast mich nimmst! Auch hab' ich dieses Glas nicht ganz geleert – Wer weiß, wie lang 's noch währt, wie lang Ich leiden muß – das will ich nicht! Hätt'st Du Zu mir gesagt: Auf einmal trink' es aus! Wozu Betrug? Ich kam doch, um zu sterben! Nun ist dies alles häßlich und verdorben! So wollt' ich's nicht! Filippo .                             Verstehst Du's endlich ganz? Was Dich umfängt, begreifst Du, und begreifst Nun, da Du stirbst, den Tod! Vorher war's nichts Als nur ein Wort wie and're! Beatrice .                                       Schmäh' mich nicht! Es mußte anders kommen! Aber so Ist's wie ein Morden aus dem Hinterhalt. Nie glaubt' ich, daß Du tückisch bist und feig – Jetzt hass' ich Dich! Filippo .                           Genug des eklen Jammers! Geh', wie Du kamst, nur rat' ich Dir zur Eile! Beatrice . Giebt's Rettung? Wohin soll ich? Sag' es schnell! Filippo . Wohin Du willst! Die ganze Welt ist offen! Es war kein Quentchen Tod in diesem Wein, Und wie zuvor ist alles Leben Dein. Mit einer guten Lüge kehre heim. Bist Du zu dumm, Dir eine auszudenken, Streu ich Dir einen Sack voll Lügen hin! Sag', daß es Dich ins Vaterhaus gelockt, Den toten Vittorino zu betrachten! Wie? Wär' dies nicht so glaublich, als es soll? Sag', daß Du in die Kirche gingst zu beten Für Deinen Gatten, für die Stadt, sag', daß Dies ein Gelübde war, gethan, als Dich Der Herzog freite! Sage, was Du willst, Nur kehr' zurück, eh' sie mit Fackeln suchen! Du willst das Leben. Geh', da draußen wartet's, Und nimmt Dich gierig auf als sein Besitz. Beatrice vernichtet . Vergieb mir! Filippo .                 Wie? Was giebt's denn zu verzeih'n? Betrogst Du mich? Ich hätte Dich betrogen, Hätt' ich die Laune, die Dir kam, genutzt, Und Dich mit mir gelockt, wo Du nicht hin willst! Logst Du? Du kannst es kaum so gut wie ich! Nur ist's Dein Wesen, daß mit jedem Pulsschlag Durch Deine Adern and're Wahrheit rinnt. Beatrice . Lass' mich bei Dir! Filippo .                                   Geh' doch! Beatrice auf den Knieen .                             Lass' mich bei Dir! Filippo . Warum? Ich liebe Dich nicht mehr. Du bist Nichts Andres mehr, als was mich sonst umgiebt, Wie Licht und Luft. Es wäre Eigensinn, Dich mitzunehmen. Beatrice .                       Jag' mich nicht davon! Ich will von Dir nicht so verachtet sein, Daß Du mich unwerth hältst, mit Dir zu sterben, Und mich in's Leben heimschickst wie ein Kind, Das solcher Reise Sinn doch nicht verstünde. Zu Deinen Füßen fleh' ich! Filippo ganz kalt .             Beatrice , Geh' rasch! Mit jedem Laut, den Du verschwendest, Wächst die Gefahr. Beatrice .                       Was willst Du thun? Filippo .                                                           So geh' Was kümmert's Dich? Für sich, wie in Verzweiflung.                                     Ah, brachte mir nicht Einer Auf seinen Händen alles Daseins Hoheit Und Kraft zurück, die schon verloren war, Und warf ich's nicht zum zweiten Male hin, Da ich die Stimme einer Fremden hörte Im Gange vor der Thür? Erschauernd. Nun ist's genug! Beatrice . Ich bleibe! Filippo .                       Geh! Beatrice .                               Kannst Du davon mich jagen? Filippo . Gieb Acht, wie rasch!         Er nimmt das Glas, in das Lucrezia das Gift gegossen hat, und leert es rasch.                                           Ja – ja – das ist der Tod.         Er wankt. Beatrice schreiend . Filippo, das – ich will's ja thun! Sie reißt ihm das Glas aus der Hand.                                                     Mit Dir –         Setzt das Glas an die Lippen. Filippo schlägt ihr das Glas verächtlich aus der Hand, stürzt zurück, fällt, so daß er auf die Stufen des Alkovens zu liegen kommt, den Kopf im Alkoven. Während er hinstürzt . Betrüg' Dich nicht! Entflieh! Das Leben wartet! Beatrice . Filippo – Du – ich will's ja thun – sieh her!         Sie bückt sich nach dem Glas. Sag' mir ein Wort! Ich will's ja thun! Stirb nicht! Ich will mit Dir – bleib da – Filippo – rede!         Starrt ihn an. Ist das der Tod? – Nein, nein! – Filippo! Schreiend. Rede!         Sie erschrickt vor ihrer hallenden Stimme. Lärm auf der Straße. – Fackelbeleuchtung, die auf Sekunden einen roten Schein ins Gemach wirft. Beatrice . Weh mir! Wie läßt Du mich allein! – Sie kommen! – Was ist das? – Ah – Am Fenster; sie versucht, sich in einen Teil des Vorhangs zu hüllen. Stimmen .                         – Zur Hochzeit uns'res Fürsten Mit Beatrice, Eurer schönsten Schwester! Geöffnet stehen Thore, Saal und Garten! Verklingend. Beatrice . Sie wissen's nicht! Doch Alle werden's wissen –         Sie bückt sich wieder nach dem Glas, riecht daran. O könnte der Geruch mich töten! Nichts – Als wär' es ausgedampft! Nun wär's vorbei! Ich läge da wie er. Und nun muß ich Allein – – doch wie? – und hol' ihn doch nicht ein! Im Garten will ich's thun, und so! Gebärde, als wollte sie sich erdrosseln.                                                       Es kann So furchtbar nicht im weiten Raume sein, Als hier!         undeutliche Stimmen in der Ferne.               Sie holen mich! Sie werden mich erwürgen! Was hab' ich denn gethan? So schlimmen Tod Verdien' ich nicht! (Stille.) Vorüber! Niemand kommt Mich suchen! Niemand weiß – ich kann zurück! Wahrhaftig – kann zurück! Was bleib' ich denn? Hältst Du mich da? Als zög's an meinem Kleid!         Zurück zu Filippo. Läßt Du mich fort? – Du – Du – sag' ich, Filippo – Und bist's nicht mehr – bist wen'ger als ein Stein! 's ist ja nicht möglich! Alles Leben schenk' ich Dahin, wachst Du auf einen Augenblick Nur auf! Sie faßt seine Hand.                 So warm! Du atmest ja – Du lebst! Auch dies war eine Prüfung nur, zu seh'n, Daß ich Dich liebe? Auf, Filippo, komm! Wir wollen flieh'n, zusammen flieh'n! Das Glück Wird uns gehorchen, und das Leben braust Um uns, die Sonne geht uns wieder auf – Komm doch, wir wollen flieh'n und leben – leben! Filippo – Sie beugt sich über ihn, begreift jetzt, daß er tot ist, erhebt sich mit einem furchtbaren Schrei der Angst, reißt zugleich die Vorhänge des Alkovens herunter, so daß sie Kopf und Rumpf Filippo's vollkommen überdecken, läuft hinaus und schreit im Hinauslaufen, wie von Sinnen:                 Leben! – – Vorhang. Vierter Akt. Ein Saal im Schlosse. Nach hinten zu vollkommen offen in den Garten führend. Zwei Reihen von je vier Säulen schließen den gedeckten Raum ab, so daß der Weg ins Freie gleichsam durch drei Thore offen steht. Rechts und links je eine Thüre. Rechts außerdem ein Fenster, von dem angenommen wird, daß es in einen tieferliegenden Hof hineinschaut. Zu beiden Seiten des Säulenganges Freitreppen, welche in einer Windung zur Terrasse emporführen. die, dem Zuschauer natürlich unsichtbar, auf den Säulenpaaren ruhend gedacht wird. – Der Saal ist hell beleuchtet; der Garten durch Fackeln erhellt, welche unruhig brennen, so daß über dem großen Wiesenplan ein ungewisses Licht verbreitet ist und die Schatten der Bäume, von denen die Wiese umgeben ist, in wechselnder Größe erscheinen. Für Augenblicke scheint der Garten wie in Dunkel zu versinken. Man hört entfernte Musik. Über den Rasen sieht man Paare gleiten und wieder verschwinden. Im Hintergrund ist eine stete, aber undeutliche Bewegung. Im Augenblick, wie der Vorhang aufgeht. ist der Saal leer. Es treten auf durch die Thür links: Lucrezia und Isabella. Isabella . Wo ist unser Begleiter? Lucrezia . Verschwunden. Malvezzi und Zampieri aus dem Garten. Zampieri . Heut' wird erst offenbar, wieviel Schönheit Bologna birgt! Seid gegrüßt, schöne Damen! Isabella . Seid nicht gar zu stolz auf Eure Vaterstadt. Wir kommen aus Florenz. Malvezzi zu Lucrezia . Aus Florenz? Ihr auch? Isabella . Sagt uns doch: sind wir hier wirklich im Schloß des Herzogs? Und ist es wahr, daß er seine Hochzeit feiert? Zampieri . Ihr zweifelt? Hier könnt Ihr ihn selbst sehen. Er weist in den Garten. Isabella . Laßt uns näher hin. Mit Zampieri in den Garten. Malvezzi . Warum so schweigsam? Lucrezia . Was wollt Ihr? Malvezzi . Euch gefallen! Lucrezia . Wünscht es Euch lieber nicht! Malvezzi . Nichts Andres mehr, solang Ihr mir erlaubt, in Eurer Nähe zu bleiben. Lucrezia . Ihr seid jung! Malvezzi . Achtzehn vorüber. Alt genug, um vor Liebe zu sterben. Lucrezia . Gebt acht, daß Ihr nicht die Wahrheit sprecht, ohne es zu wollen. Beide in den Garten. Aus dem Garten rasch: Rosina . Orlandino folgt ihr. Orlandino . Ist dies ein Wiedersehen! Rosina hört nicht auf ihn . Orlandino . Wer es geahnt hätte – abends, als wir einander vor Eurem Hause sahen! Wohin blickt Ihr denn? Rosina in den Garten schauend, angstvoll . Nun geht er! Orlandino . Wer? Rosina . Nein – er bleibt und spricht! Wer ist's, mit dem der Herzog spricht? Orlandino . Silvio Cosini, sein Geheimschreiben Rosina für sich . O, hätten seine Worte Kraft, ihn an den Boden zu nageln! Zu Orlandino. Saht Ihr – – die Herzogin, meine Schwester? Orlandino . Ich hatte die hohe Ehre, ihr beim Mahl gegenüber zu sitzen. Rosina . War sie schön? Orlandino . Da dürft Ihr Niemand fragen, der Rosina liebt. – Rosina . Sagt, Orlandino – Orlandino . Rosina? Rosina . Wo ist das Schlafgemach der Herzogin? Orlandino nach links weisend . Es liegt auf jenem Flügel. Rosina . Dort? Orlandino . Ja. Die schmale Treppe gegenüber dem Springbrunnen führt hinauf. Rosina befremdet . Nicht dort? Weist nach rechts. Orlandino . Nein. Rosina für sich . So ist sie vielleicht noch im Garten? Aber wie ist das möglich? Allein? – Nein! Ab in den Garten. Orlandino ihr nach . Wohin? Was wollt Ihr? Der junge Bruni mit Margerita treten links auf. Margerita . Die Augen brennen mich! Wo bin ich denn? Ich will zurück! Bruni .                         Bleibt doch! Noch saht Ihr nichts. Ich will Euch führen, zeigen all die Pracht! Margerita . Ich geh' nicht weiter – nein! Bruni .                                                     Schaut nur um Euch! Margerita . Ist's wahr? Hier wohnt der Herzog? Bruni .                                                                 Saht Ihr nicht Schon oft das hohe Thor, durch das wir schritten? Margerita . Und Ihr, wer seid Ihr denn? Seid Ihr derselbe, Der an mein Fenster kam? Bruni .                                       Ich bin's. Und ich Hab' Euch geladen in des Herzogs Namen. Seht nur, da sind noch Viele so wie Ihr. Im Garten tanzen sie, auf der Terrasse Ergeh'n sie plaudernd sich mit jungen Herrn, Und Alle schau'n wie Ihr, mein schönes Kind, Und wie die Fürstin selbst, so vielen Glanz Zum ersten Mal. Margerita .               Ist's wirklich Beatrice, Des Nardi, des verrückten Nardi Tochter? Bruni . Sie ist's. Margerita .       Wie wunderbar! Und warum riefet Ihr grade mich? Bruni .                       Weil Ihr mir längst bekannt. Oft in der Dämm'rung lehntet Ihr am Fenster. Ich ging vorüber. Margerita .                 Ja, Ihr seid es. Doch warum Bin ich Euch hergefolgt? Bruni .                                     Bat ich Euch nicht? Margerita . Ich träumte schon, drum wurd' es Euch so leicht. Und wißt Ihr, was ich dachte, als das Lärmen In meine Kammer von der Straße drang, Und Euer Antlitz starrte durch mein Fenster? Bruni . Was dachtet Ihr? Margerita .                     Die Feinde wären da, Der Borgia selber – ja, mir war zuerst – So träumt' ich noch – Ihr wärt der Borgia –, Ihr! Bruni . Ich schwör's, der thät' Euch Schlimm'res nicht als ich. Margerita . Ich will nach Haus! Die Mutter wird sich ängsten! Bruni . Seht! Margerita .   Was? Bruni .                     Dies ist der Herzog! Margerita .                                               Ja. So nah Hab' ich ihn nie geseh'n. Bruni .                                     Nun kommt zum Tanz! Wie aber nenn' ich Euch? Margerita .                               Marg'rita heiß' ich. Bruni . O schönste Margerita, kommt! Beide in den Garten. Cosini von links; erster Bote von rechts. Cosini . Woher? Erster Bote . Vom Thore San Martino. Pause. Cosini . Es ist gut. Wart' im Schloßhof mit den Andern. Erster Bote ab. Zweiter Bote tritt auf von rechts. Cosini . Was bringst Du? Zweiter Bote . In der Sacristei der Kirche San Domenico haben wir einen Mann ergriffen, der sich dort offenbar verbergen wollte, und der unsere Sprache nicht zu verstehen schien. Man untersuchte ihn und fand Briefschaften in sein Wamms eingenäht. Cosini . Wo sind sie? Zweiter Bote . Mein Hauptmann hat sie in Verwahrung genommen und den Mann in Ketten legen lassen. Cosini . Wer ist Dein Hauptmann? Zweiter Bote . Herr Campeggi. Cosini . Er möge selbst kommen und den Gefangenen sowie die Papiere mitbringen. Zweiter Bote ab. Guidotti kommt aus dem Garten . Ein prächtiges Fest, Herr Schreiber! Aber es ist nicht vollkommen, eh' wir dem Mariscotti den Kopf abgehauen haben. Cosini . Ich denke, es giebt heute bessere Unterhaltung. Seht doch, hier sind die schönsten Frauen und Mädchen von Bologna. Guidotti . Bester Herr Schreiber, was kümmert das uns! Was sind uns die schönsten Mädchen von Bologna! Ich bin dreiundsechszig. Ich muß mir ein anderes Vergnügen suchen. Cosini . Nun, ich weiß mich einer Nacht in Cypern zu erinnern – es sind noch keine drei Monat her – Guidotti . Ja, mein Guter – Cypern – Cypern! Was vermag der Süden nicht alles! Magnani kommt aus dem Garten . Cosini – Guidotti – laßt uns doch einen letzten Versuch wagen! Cosini . Was für einen? Magnani . Unsern Herzog zu beschützen! Cosini . Wovor? Magnani . Mit Beatrice Nardi allein zu sein. Cosini . Magnani, wahrhaftig, Ihr seid nicht bei Sinnen! Magnani . Seid Ihr denn blind? Könnt Ihr glauben, daß all' dies mit natürlichen Dingen zugegangen ist? Hier ist etwas im Spiel, das ich nicht auszusprechen wage. Und ich habe die Überzeugung, daß der Herzog einer großen Gefahr entgegen geht. Bedenkt doch! Ein Wesen, das er zum ersten Mal sah – und auf einen Blick von ihr – bei Gott, es war nicht mehr als das! – macht er sie zur Herzogin von Bologna! Und das vor einem solchen Tag, wie der, der uns morgen bevorsteht! Cosini . Eben vor einem solchen – sonst hätt' er's nicht gethan. Guidotti . Was fürchtet Ihr denn eigentlich? Sprecht es doch deutlich aus! Glaubt Ihr an eine Art von Hexerei? Magnani . Laßt uns von diesem Worte absehen. Aber wer weiß, von welchen Mächten dieses Mädchen gelenkt wird, mit Willen oder ohne Willen. Ich bitt' Euch, steht mir bei, wenn ich den Herzog zum letzten Male anflehe! Guidotti lachend . Allein zu schlafen? Cosini . Es ist unmöglich, Magnani, seht's doch ein! Magnani . Es ist nicht unmöglich! Wenn seine Sehnsucht nach ihr so groß wäre, ginge er nicht, wie ich's eben sah, einsam unter den Bäumen auf und ab. Ich schwör' Euch, es sind ihm die gleichen Gedanken aufgestiegen wie uns! Cosini . Nein, Magnani, das Zeichen, das der Himmel sandte, macht ihn so ernst. Magnani . Wurde denn Bonatto schon zu Rat gezogen? Hat er es gedeutet? Cosini . Ja. Und nicht anders, als wir Alle im Stillen und der Herzog selbst. Das ist's, was ihn nachdenklich macht, denn ob er auch überzeugt war, daß der morgige Tag nichts Gutes bringen kann, – es macht schaudern, zu wissen, daß es in den Sternen schon beschlossen ist. Guidotti . Der Teufel hol' Euch, Cosini, und den zeichendeutenden Bonatto nicht minder! Ich sag' Euch, dergleichen ist nicht so viel wert! Wißt Ihr, was mir geschah an dem Tag, bevor wir auf Reisen gingen? Vor meinen Fenstern wurde ein Erschlagener gefunden – mit siebzehn Wunden! Und wißt Ihr, wer mich am dringendsten beschwor, daheim zu bleiben? Unser armer Pitti! Und nun seht: – Ich bin heil nach Haus gekommen, und Pitti liegt draußen auf der Heerstraße, genau so tot, als er es mir prophezeit hat. Es ist alles Unsinn. Es kommt, wie's will. Cosini . Mitternacht ist nah. Magnani . Ist es nur gewiß, daß der Herzog unserm Rate beiwohnen wird? Die Befehle befinden sich doch bereits alle in den Händen der Führer? Guidotti als hätte er nachgedacht . Ich will Euch sagen, Magnani, was Ihr dem Herzog für einen Vorschlag machen sollt. Morgen früh, als würdigen Abschluß dieser Hochzeit, soll er seine junge Gattin, ob sie nun eine Hexe ist oder nicht, zum Fenster hinunterwerfen in den Graben, wo die Leoparden gehalten werden. Cosini . Was hättet Ihr davon? Sie sind ja gezähmt. Guidotti . O, nichts leichter, als sie wild zu machen! Man schleudert einfach brennende Fackeln unter sie. Arlotti und Valori , zwei Hauptleute, kommen. Cosini . Guten Abend, Arlotti. Guten Abend, Valori. Begrüßung. Arlotti . Sind wir im rechten Saal? Cosini . Gewiß. Valori . Wer ist hierherbeschieden außer uns Beiden? Cosini . Der Graf Fantuzzi und Ribaldi. Arlotti . Warum sind wir hierherbeschieden, Herr Cosini? Ist And'res beschlossen worden? Cosini . Wie meint Ihr das? Arlotti . Nun, ich denke – lachend hat unser Herzog Lust, Hochzeit zu feiern, so gelüstet ihn wohl auch nach Honigwochen. Valori . Sagt uns doch, Herr Cosini, ist denn auch Alles wahr, was man in der Stadt erzählt? Cosini . Es kommt darauf an, was man Euch erzählt hat. Valori . Ich wage es kaum zu wiederholen. Man spricht von dieser Feier wie von einem Maskenfest. Ribaldi kommt. Begrüßung. Cosini . Nur der Graf Fantuzzi läßt auf sich warten. Magnani . Und der Herzog selbst. Guidotti . Seht, hier wandelt er umher, als wenn es keinen Borgia, keinen Mariscotti, als wenn es nicht einmal eine Beatrice gäbe. Ribaldi . Ich bitt' Euch! Zeigt mir das Mädchen! Guidotti . Das Mädchen? Was für ein Mädchen? Die Herzogin, meint Ihr? Ribaldi . Nun ja, die aussehen ist, für eine Nacht die Herzogin zu spielen! Cosini . Was fällt Euch ein, Ribaldi! Sie ist so gut Herzogin von Bologna, als es jede Andere wäre, die der Kardinal selbst dem Herzog angetraut hätte! Ribaldi . Der Kardinal? Wie? Ihr spaßt wohl? Arlotti . Nun seht Ihr ja, daß wir's wissen! Cosini . Was? Arlotti . Nun, man erzählt, es wäre durchaus nicht der Kardinal gewesen, sondern ein florentinischer Spaßmacher, und das Ganze, wie ich schon sagte, ein Maskenfest. Cosini . Ich bitt' Euch! Magnani . Wie kann man glauben, daß der Herzog von Bologna sich in solcher Weise an der Kirche versündigen würde. Ribaldi . Ei was, Sünde! Den Kardinal hat der Papst eingesetzt, der Papst will unser Verderben, und Cesar ist sein Sohn! Es wäre gar keine üble Art gewesen, das ganze Gesindel zu verhöhnen. Guidotti . Meiner Seel', Ihr habt Recht! Nun thut's mir selbst leid, daß es ein echter Kardinal und eine echte Hochzeit war. Magnani . Laßt solche Worte, wenn's beliebt. Die Kirche bleibt heilig, wenn jetzt auch ihre oberste Macht in unwürdige Hände gelegt ist. Wir wollen nicht gehört haben, was Ihr sagtet! Cosini . Still , der Herzog! Der Herzog kommt aus dem Garten. Alle neigen sich vor ihm. Herzog . Wo ist Andrea? Cosini . Er ist der Einzige, der noch fehlt. Herzog zu Arlotti . Ihr steht am Thor von Saragossa? Arlotti . Jawohl, mein Fürst! Herzog . Mit wie Vielen? Arlotti . Sechshundert Armbrustschützen. Herzog . Sechshundert? Arlotti . Es ist uns noch gelungen, mein Fürst, in der fünften Nachmittagsstunde zweihundert von Imola aus in die Stadt zu führen. Jetzt wär' es nicht mehr möglich, über diese Straße hierher zu gelangen. Herzog . Ihr standet in mailändischen Diensten, Ribaldi? Ribaldi . Bis vor einem halben Jahre, mein Fürst. Aber dort giebt's nichts mehr zu thun. Herzog . Ich kannte Euern Namen längst. Ihr habt unter dem jungen Sforza gefochten. Ribaldi . Drei Mal! Gegen Pisa, Ravenna und gegen Rom. Herzog . Ich fürchte, Ihr habt einen schlechten Tausch gemacht. Ribaldi . Mein Fürst, ich bin stolz, endlich einmal unter einem Bentivoglio fechten zu dürfen, selbst wenn ich bei dieser Gelegenheit das letzte Mal meine Kunst zeigen sollte. Herzog . Wie steht's bei Euch, Valori? Valori . Hoheit, die Zahl der Meinen wächst mit jedem Augenblick. Und es wird notwendig, einen Teil von denen, die sich freiwillig melden, an andere Führer zu weisen. Von allen Seiten kommen sie. Ganz junge Burschen, sogar Gewerbsleute scharen sich zusammen und verlangen nach Waffen. Sie sind berauscht von Haß gegen den Borgia und sehnen den Morgen herbei. Campeggi tritt auf. Cosini . Endlich! Herzog . Wer ist's? Cosini . Der Hauptmann Campeggi. Campeggi . Ich bin hierher befohlen, mein Fürst, um persönlich Papiere zu überbringen, die wir abends bei einem Verdächtigen gefunden haben, der sich in der Kirche San Domenico verstecken wollte. Er überreicht die Papiere. Herzog . Laßt sehen! – Ohne Aufschrift. – Erbricht das Siegel. Das sind Zeichen, die mir fremd sind – kennt Ihr sie, Cosini? Cosini . Diese hier sehen beinahe aus wie assyrische – nein – es sind völlig willkürliche – es ist zweifellos eine Geheimschrift. Herzog . Was ist's mit dem Mann, dem sie abgenommen wurden? Campeggi . Er verweigert jede Antwort, vielmehr, er thut, als wenn er unsere Sprache nicht verstünde – oder er versteht sie in der That nicht. Herzog . Es wäre nicht das erste Mal, daß sich Cesar solcher Leute bedient. Wo ist der Mann? Campeggi . Er wartet weit'rer Befehle im Hof des Schlosses, mein Fürst. Herzog . Von solch Einem können wir freilich auf keine Weise etwas erfahren. Guidotti . Laßt es mich versuchen, Herzog! Ich möchte meinen Kopf verpfänden, daß ich ihn unsere Sprache reden mache! Herzog . Wenn Ihr dessen so sicher seid, Guidotti, – führt ihn zu dem Manne, Campeggi. Campeggi und Guidotti ab. Herzog . Im übrigen – was können uns diese Briefe Neues lehren? Was können sie an unseren Entschlüssen ändern? Magnani . Mein Fürst – Herzog . Was wollt Ihr, Magnani? Magnani . Verzeiht Eurem treuen Diener ein kühnes Wort! Herzog . Redet! Magnani . Hütet Euch vor der Herzogin! Herzog . Ihr hegt mehr Treu' als Klugheit, Herr Magnani! Dritter Bote tritt ein. Cosini . Hier kommt Botschaft vom Thor von Garisenda! Herzog . Nun? Dritter Bote . Herr, schwere Nebel liegen im Thal; was hinter ihnen sich vorbereitet, darüber fehlt jede Vermutung. Nur eins ist gewiß: daß die feindlichen Truppen gegenüber der Vorstadt von Isaia noch näher herangerückt sind: – die uns am nächsten wären durch einen Pfeilschuß zu erreichen. Herzog . entläßt ihn durch ein Neigen des Kopfes . Dritter Bote ab. Herzog . Wo bleibt Andrea? Sendet nach ihm aus!         Cosini giebt einen Auftrag.         Die übrigen sind etwas beiseite getreten. So haben meine Wünsche keine Kraft mehr! Und gab doch eine Zeit, da, kaum gedacht, Nicht ausgesprochen, jeder ward erfüllt. Nicht Wunder nahm's mich, wär' Filippo Loschi Mir auf dem Weg begegnet, den ich kam – Nein, früher, in Neapel oder Rom – Nun bin ich in Bologna, will ihn seh'n Und ruf' ihn, und er sagt: Ich will nicht kommen! Cosini . Bewegt Euch das so sehr, mein Fürst? Herzog .                                                           Erzählt Mir mehr von ihm, erklärt mir seine Weig'rung! Cosini . So gut ich's konnte, that ich's. Doch ich weiß, Es läßt sich klarer so als kürzer sagen Mit diesem einen Wort: Er scheint mir närrisch! Herzog . Kurz – das ist wahr! Doch glaub' ich, Ihr, Cosini, Und Euresgleichen könnt nicht ganz versteh'n, So klug Ihr seid, was solche Menschen treibt, Den Kopf zu schütteln oder »ja« zu nicken, – Wie erst so vieles Andre! Mir ist manchmal Als ahnt' ich das Geheimnis solcher Seelen! Guidotti kommt . Ein Spaß, Herzog, ein wahrer Spaß! Hört doch, wie er uns're Sprache reden kann, hört! Er reißt das Fenster auf. Stimme des Gefangenen im Hof . Weh mir, weh mir, mein Aug'! mein Aug'! Herzog . Was habt Ihr gethan? Guidotti . Nun, hört Ihr, daß er ein so guter Italiener ist wie wir Alle! Erlaubt Ihr, Herzog, daß ich ihn frage? Meine Stimme soll ihm die Wahrheit aus der Kehle kitzeln! Herzog . Fragt ihn! Guidotti zum Fenster hinaus . Wem, Du Schuft, solltest Du die Briefe überbringen? Stimme . Weh, mein Auge! Guidotti . Gieb Acht – Du hast noch eines zu verlieren! Herzog . Wer sandte Dich? Stimme wimmernd . Der edle Herr Alberto Casca! Magnani . Der Sekretär des Cesar! Herzog . Casca, sagtest Du? Stimme . Alberto Casca! Herzog . Drei Wochen sind's, da saß er mir 'genüber, An Alexanders Tafel – wißt Ihr's noch? Cosini . An meiner Seite! Herzog . An wen sind diese Briefe? Deinen Auftrag! Stimme . An den Herzog von Bologna! Herzog . Wie? Sag's noch einmal! Stimme . Die Briefe sind an den Herzog von Bologna! Cosini . Wie ist des Herzogs Name? Stimme . Weh, mein Auge! Guidotti . Du Schuft – wie heißt der Herzog von Bologna? Stimme . Mariscotti! Bewegung. Herzog . Ah, war es so gemeint? Cosini .                                         Das ahnte Casca nicht, Daß noch der rechte Herzog heim wird finden! Herzog . An meinen Erben schon der Brief gesandt! Und wir – mißtrauisch, daß wir früher flohen, Vertrauten dennoch so an einem Tag – Ich will's wie eine schwerste Schuld gesteh'n – Doch war's kein Tag, nur eine Stunde – nein! Es war ein Augenblick, da mich's durchfuhr Wie eine Wahrheit: alle andern Fürsten Verachtet Borgia, ich allein erschien ihm Als seinesgleichen, wert sein Freund zu sein – Jawohl, es war ein Augenblick, doch glaubt' ich's! Und während wir an seiner Tafel saßen, Schrieb Casca an den Herzog Mariscotti! Guidotti . Euere Hoheit, was soll weiter mit dem Mann gescheh'n? Herzog . Mit diesem? Laßt ihn frei, nur ruft den Arzt, Daß er das wunde Aug' ihm erst verbinde! Doch Mariscotti – Guidotti mit leuchtenden Augen . Mariscotti? Herzog . Man öffne seinen Kerker, laß' ihn glauben, Er sei befreit, führ' ihn herauf in Luft Und Licht, behandle ihn mit größter Ehrfurcht, Als hätte sich sein Los gewendet, – dann Geleite man ihn höflich in den Garten. Dort aber – bind' man ihn an einen Baum, Inmitten aller dieser Lustbarkeiten. Das Lachen und die Seufzer wilder Lust Umtön' ihn, seine Blicke tauchen ein In üppiges Gewirr berauschter Leiber; Was Menschen seiner Art an Wonnen kennen, Im Flackerleuchten dieser roten Nacht Tanz' es um ihn, daß wütende Begier Ihm in die kettenlahmen Glieder fahre. – Ihr aber, Guidotti, neben ihn Stellt Euch mit bloßem Degen hin und wartet, Bis Euch Befehl wird, in den Morgenthau Zertret'nen Wiesengrüns sein Haupt zu schleudern!         Jetzt tritt er nach hinten, ruft in den Garten. Ihr Andern, nützt die Zeit! Nehmt meinen Garten Als duftend Lager Eurer Freuden hin!         Zum Himmel weisend. Ein Baldachin ist herrlich aufgespannt Und spottet mit den ew'gen Sternen, die Vor fernen Zeiten stolz're Menschenpaare In keuscher Freiheit sich umschlingen sah'n, Der letzten Scham. Ich aber, Euer Fürst, Jeglichem Bund, der heute Nacht sich schließt, Geb' ich die Weihe. Heiligt andre Ehen Unlöslichkeit und Dauer, geb' ich diesen, Was Euch Beweglichen, Veränderungsfrohen, Euch Menschen besser ziemt, das schnellste Ende – Sie alle löst das erste Grau'n der Früh'. Doch was aus der Entzückung dieser Stunde Aufsprießen mag zu seiner Zeit, das trage So wunderbaren Ursprungs Zeichen mit, So lang' es lebt. – Adlig geboren nenn' ich Die Sprossen dieser Nacht, da Euer Fürst Mit Beatrice Nardi Hochzeit hält. Ab nach links. Die Anderen entfernen sich nach der andern Seite. Der Saal wird leer. auch dunkler; einige Lichter verlöschen; die Fackeln im Garten immer unruhiger, düsterer; aus der Wiese undeutlich wahrnehmbare Bewegung; Paare gleiten vorüber, umarmen sich, sinken hin, doch Alles wirkt wie Schattenbilder; manchmal stürzen Frauen wie fliehend vorbei. Die nächsten Scenen sehr rasch. Orlandino und Rosina aus dem Garten. Orlandino . Rosina! Rosina . Warum belügt Ihr mich? Dort ist kein Schlafgemach – gewiß nicht das Schlafgemach der Herzogin, denn es ist leer! Orlandino . Ihr wagtet es, dorthin – – ? Was ist Euch, Rosina? Was wollt Ihr von Beatrice in diesem Augenblick? Rosina . Nun ist es zu spät. Orlandino . Rosina! Rosina . Ist's wahr, daß Ihr mich liebt? Orlandino . Rosina! Rosina . Und wärt bereit, Alles zu thun, was ich verlange? Orlandino . Versprecht Ihr mir das Gleiche? Rosina . Alles – wenn Ihr – Orlandino . Was? Rosina drängt sich an ihn . So – Sie unterbricht sich wieder. Ihr seid zu feig dazu wie ich! Ab in den Garten. Orlandino ihr nach . Margerita eilt aus dem Garten in den Saal; Bruni folgt ihr. Margerita . Ich will nicht mehr zurück – die Luft ist glühend – Mir war's, die Flammen schlichen mir ans Kleid! Lebt wohl! Bruni .               Was fällt Euch ein, Marg'rita? Margerita .                                                       Schaut – Wie heiß sie sich umschlingen! Niemals hab' ich's Im Tanze so geseh'n! Bruni küßt ihren Nacken .   Wie lieb' ich Euch! Margerita . Mich schwindelt! – Seht, die Fackeln tanzen mit, Als lebten sie! – Laßt mich – ich bitt Euch, laßt mich! Sie läuft, er folgt ihr in den Garten. Malvezzi und Lucrezia treten auf. Lucrezia . Nun wißt Ihr Alles. 's ist ein hoher Preis. Malvezzi . Ich nehm's als witz'gen Einfall. Ja, ich seh', Ihr wollt mich schrecken. Lucrezia .                                 Nein, es ist ein Schwur, So heilig, als Ihr jemals einen thatet. Malvezzi . Und wenn Ihr mich so sehr entzückt, Lucrezia, Daß ich's drauf wage? Einmal Euch umschlingen – Paare vorüber in den Garten. Lucrezia . Und dann vorbei für immer alle Freuden? O, dankt mir, daß ich ehrlich bin 'gen Euch. Ich sag' Euch, jede Andre, die Euch sah Und so begehrenswert Euch fand wie ich, Verschwiegen hätt' sie ihren Schwur und Euch Im Taumel eines Kusses ihre Nadel Ins Herz gestoßen. Malvezzi .                     Doch bedenkt auch das: Ich bin gewarnt, ich kann mich vor Euch hüten, Geschmeidig bin ich, Euerm Arm kann ich, Wann's mir beliebt, rasch mich entwinden. Lucrezia .                                                           Glaubt Ihr? In diesem Augenblick läuft Isabella vorüber, indem sie sich die Kleider vom Leibe reißt. Isabella wie im Taumel . O, warum ist der schönste Jüngling nicht schön genug –? warum ist der stärkste Mann nicht stark genug –? warum ist die tiefste Wollust noch immer keine Lust? Ich sterbe vor Sehnsucht! Vorbei in den Garten. Lucrezia . Ist die nicht schöner, als ich bin? Ich bitt' Euch, Nehmt sie an meinerstatt. Ihr dauert mich, Seid jung und liebenswürdig. Malvezzi .                                     Jedes Wort Füllt mich aufs Neu' mit Glut! O kommt! Lucrezia .                                                         Wahrhaftig, – Mich schauert vor der rätselhaften Macht, Die aus Florenz in diese Stadt mich sandte, Um Euch – Malvezzi .         Zu lieben, herrlichste Lucrezia! Beide in den Garten. Einige junge Adlige in der Halle. Erster in den Garten sehend . Wer ist die? Zweiter . Ich kenn' sie nicht. Ich habe sie nie gesehen. Dritter . Sie ist aus Florenz. Erster . Wie ihre Haut flimmert im Schein der Fackeln! Zweiter . Ich habe nie geahnt, daß Frauen so schön sein können! Erster . Wie sonderbar! Nun wagt sich Keiner hin; ganz allein steht sie da. Zweiter . Sie sinkt hin – sinkt hin – Alle in den Garten. Rosina kommt . War das nicht meiner Nächte heiße Sehnsucht, Von wilden Armen so umfaßt zu sein, Auf meinem Hals begier'ge Lippen fühlen Und meinen ganzen, wundgeküßten Leib Hingeben trunk'nen Augen so wie die! Und jetzt, da die erwünschte Stunde kam, Durchschauerts mich vor jeglicher Berührung, Und mein Verlangen ward zum Haß. Bennozzo eiligst vom Garten herkommend . Rosina! Rosina fährt zusammen . Du bist's? Du wagtest Dich herein? Bennozzo .                                               Dich such' ich! Rosine Dich! Was ist das für ein Fest? Gott auf den Knieen dank' ich, daß Du hier! Wie bebt' ich, daß Du Eine warst von Diesen, Die auf den Wiesen unter Bäumen liegen Und lachen, seufzen, schrei'n, und deren Antlitz Ich nicht erkennen wollte – Wohin starrst Du? Herzog kommt von links. Rosina hat ihn erblickt; der Herzog geht auf sie zu, Bennozzo weicht erschrocken zurück . Herzog ruhig zu Rosina . Du wirst mir sagen, wo sie ist! Rosina sieht ihn starr an . Herzog .                                           Nun – hörst Du? Wo Beatrice ist! Rosina .                       Sie ist nicht dort, Wo Ihr sie suchtet? Herzog .                         Deine Augen glänzen, Wie wenn ein arger Streich gelang. Ich fragte, Wo Beatrice ist – verstehst Du mich? Rosina wie jubelnd . Sie ist nicht dort? Ist's wahr, sie ist nicht dort? Herzog . Du sollst mir sagen, wo sie ist! Rosina .                                                     Ich weiß nicht. Herzog . Lüg' nicht! Rosina .                     Ich lüge nicht! Herzog .                                           Noch gestern schliefst Du Mit Beatricen in der gleichen Kammer, – Wenn's Eine wissen kann, bist Du's! Rosina .                                                     Ich schwör' Euch Bei allen Heil'gen, Herzog. ich weiß nichts! Herzog . Warum dies Lächeln dann, als hätt' ein Glück Ich Dir verkündet? Rosina .                         Weil – Ihr's thatet, Herr! Herzog . nachdem er sie lange betrachtet . Und ahnst auch nicht – Rosina .                                 Ahnt' ich's, so schwieg ich nicht! Cosini ist eingetreten. Herzog . Cosini, ruf' mir augenblicks den Bruder Der Herzogin herbei. Cosini .                               Man sah ihn nicht. Er hielt sich fern. Herzog .                       Man such' ihn, bring' ihn her! Cosini ab; kommt bald wieder mit Magnani . Herzog zu Rosina . Und Deine Mutter schaff' Du mir zur Stelle! Den Vater auch! Rosina zu Bennozzo .   Sahst Du die Eltern nicht? Bennozzo . Gewiß. Sie stehen Beide vor dem Thor, Man ließ sie nicht herein, die Wachen höhnten: So'n häßlich altes Weib, das dürfe nicht Ins Schloß! Und als sie rief: Ich bin die Mutter Der Fürstin! lachten Alle. Rosina .                                     Geh' und hol' sie! Bennozzo ab. Herzog zu Cosini und Magnani, die dastehen, ohne eine Frage zu wagen . Die Herzogin ist fort. Cosini .                               Ist fort? Wie das? Herzog . Verschwunden. Magnani .                         Ist es möglich? Herzog .                                                     So unsäglich Genarrt bin ich! Von wem? Von ihr? Von Allen? Erweisen soll sich's bald! Man bringe Zum Schweigen die Musik! Das Fest ist aus!         Musik verstummt.         In den Garten. Hört Ihr? 's ist aus! Jagt diese Dirnen fort Aus Schloß und Garten! Diese Nackte dort Mit Peitschenhieben! Und ein Ende macht Mit Mariscotti.         Die alten Nardis sind gekommen; Wachen hinter ihnen, auch Bennozzo.                           Wo ist Eure Tochter? Wo habt Ihr sie versteckt? Wieviel bezahlt Euch Der Borgia oder einer seiner Schurken Für diesen prächt'gen Spaß? Fr. Nardi . Euere Hoheit, Eure erhabene Hoheit – Gnade – Gnade! Ich bin unschuldig! Ich habe Beatrice nicht versteckt! Ich weiß nicht, wo sie ist, bei allen Heiligen schwör ich, daß ich nicht weiß, wo das unglückselige Kind ist! Herzog zum alten Nardi . Sprich Du! Nun, hörst Du nicht? Der alte Nardi klatscht in die Hände und lacht . Herzog .                                             Spielt der den Narr'n? Fr. Nardi . Eure Hoheit, wie würde er solches wagen? Mein Mann ist verrückt, wirklich verrückt, schon lang, seit vielen Jahren schon. Eure Hoheit – ich bin schuld daran, ich hab' ihn dazu gemacht. Seht, wie wahrhaftig ich bin, ich gestehe es ein, so wahrhaftig bin ich! Ich elendes Weib habe ihn dazu gemacht mit meinen Sünden, und er weiß so wenig wie ich, wo Beatrice ist! Herzog . Kein Haar wird Dir gekrümmt, was Du auch sagst, Sprich frei! Mein fürstlich Wort: Dir droht nicht Strafe! Fr. Nardi . Ich kann nichts sagen – ich weiß nichts – auch auf der Folter könnt' ich nicht mehr sagen! War denn jemals eine Mutter so hochbeglückt als ich, da der Herzog meine nied're Tochter zur Gattin wählte? Herzog . Weib! Du gebarst sie, zogst sie auf, Du hast ihr, Eh' sie zur Hochzeit ging, das Haar gekämmt – Sie sprach zu Dir! Was sprach sie, eh' sie ging? Wo war sie gestern früh, wo gestern Abend? Nenn' mir die Menschen alle, die sie kennt! Fr. Nardi . Eure Hoheit, sie kennt Niemand, als die Gewerbsleute, die in unserer Nähe wohnen, ihre Frauen und Kinder. Lauter harmlose, brave Leute – da ist zum Beispiel Einer, der heißt Capponi, und ein Anderer – – aber wie kann ich alle die Namen nennen? Und sie lebte wie alle jungen Mädchen unseres Standes. Sie war ein braves Kind – beim Himmel, sie war ein braves Kind! Nie ging sie allein fort! Rosina . Das ist nicht wahr! Gar oft ging sie allein. Fr. Nardi . Nun, und wenn sie allein ging? Wohin denn anders als vor die Thore, auf die Wiesen, spazieren, und wenn wir sie suchten, brauchten wir nie weiter zu gehen, als bis zu dem Hügel, wo das Kloster San Luca steht. Da lag sie im Grünen vor den Mauern, und manchmal war sie da eingeschlafen. Und dann weckten wir sie – Herzog . Schwatz' nicht so unnütz! Du weißt mehr, Rosina! Rosina . O Herr, ich schwör' Euch, – wüßt' ich, wo sie finden, Ich schleifte selbst sie her; daß Ihr die Schmach, Die sie Euch zufügt, ahndet nach Gebühr! Herzog . Was ich zu thun gedenke, steht bei mir. Wär' sie nur da! Ich muß sie wiederhaben! Was trieb sie fort, und welche Macht war wirksam –? Guidotti kommt aus dem Garten . Mein Fürst, es ist nach Euerm Wort geschehn. Herzog sieht ihn an, ohne zu antworten; spricht dann weiter . Hatt' ich sie doch gekannt! Hätt' ich die Stunde, Die eine nur genutzt, so kannt' ich sie, Und wüßte, wer sie ist, und was sie lockte; Ob sie ein Kind noch war, ob sie vertraut Mit Zärtlichkeit und Trug, ob sie verschlagen, Ob ohne Falsch. Doch diese Fragen trinken Den Sinn aus der Gewißheit eines Morgen – Was kümmern sie in einer solchen Nacht? Und jetzt dürst' ich nach Antwort so, als stünden Endlose Reihen künft'ger Tage da; Ins Unermess'ne reckt sich meine Sehnsucht, Und alles Andre wird zu nichts. Gleichgültig Seid Ihr mir Alle und was Euch bedroht, Gleichgültig meine Stadt; die Schlacht von morgen Ein sinnlos blutiges Gezänk, da mir So wenig Abscheu gegen Cesar blieb, Als Liebe für Bologna und für Euch! Mein ganzes Leben ist zusamm'gepreßt In dieses Eine: – Wo ist Beatrice? Was ist's, das so unsäglich mich verwirrt? Nicht ird'sche Lust, alltägliches Verlangen Nach einem schönen Weib hat so viel Macht – Es kündet also höhere Bestimmung, Des Schicksals Wille sich gebiet'risch an. Schafft Beatrice mir, so bin ich Euer, Wie ich's gewesen, und ich mach' Euch frei! Bringt sie mir wieder, und Bologna wird Von allen Städten dieses Lands die erste! Schafft Beatrice mir, so wird der Adler, Der mit zerschoss'nem Flügel niedersank Vor San Petron, den Borgia selbst bedeuten, Dem hier sein Ende wird – nicht mich! Einige . Die Herzogin! Beatrice ist im Garten erschienen. – Ungeheures Erstaunen. Herzog . Beatrice! Schweigen. Beatrice bleibt anfangs zwischen den Säulen stehen . So war ich länger fort, als ich gedacht. Herzog . Wo kommst Du her? Beatrice .                                 Ich komme aus der Kirche. Herzog . Was thatest Du? Beatrice als spräche sie nach . Gebetet hab' ich dort Für Euch, für mich, für Alle. Herzog .                                       Hast gebetet? Beatrice mit wachsender Sicherheit . Bei San Petron. Magnani zu Cosini .   Das ist unmöglich! Cosini .                                                     Schweigt! Herzog . Du hast gebetet? Jetzt? In San Petron? Beatrice . Unwiderstehlich zog es mich dahin. Rosina . Du lügst! Herzog zu Rosina . Laßt sie! Zu Beatrice. Was war es, das Dich hinzog? Beatrice . Es senkte wie Erleuchtung sich herab, An solchem Ort in solchem Augenblick Sei mein Gebet von tiefster Kraft erfüllt. Rosina . Seht, wie sie zittert! Herzog .                               Schweige! ZuBeatrice. Du sprich weiter Und hab' nicht Furcht. Beatrice .                           Sie seh'n mich Alle an – Doch zittr' ich nicht. Es nah'n die Morgenschauer, Die fühl' ich früher als die andern Menschen. Herzog . Weht's aus dem Garten Dich so fröstelnd an, So führ' ich Dich in wohlverschloss'nen Raum, Dort sollst Du mir erzählen, mir allein, Was ich Dich frage. Wahrlich, wie Du bebst! Komm, Beatrice, nimm den Schleier um, Daß Deine Haut die Schauer minder fühle. Beatrice greift nach ihrem Hals, merkt, daß sie ohne Schleier ist, zuckt zusammen . Herzog . Wo ist er? Beatrice .                 Nun, ich ließ ihn wohl zurück. Rosina . Nein, als Du fortgingst, warst Du drein gehüllt! Herzog . Du sahst sie gehn? Rosina .                               Ja, doch ich ahnte nicht, Daß sie zur Kirche wollte. Beatrice .                                   In der Kirche – Ja, ganz genau, dort liegt er – vor'm Altar – Wenn er nicht auf der Straße mir herabglitt Von meinen Schultern! Magnani .                             Herr! Cosini .                                           Schweigt doch! Magnani .                                                                 Verzeiht In Gnaden mir, mein Fürst, die Fürstin lügt! Bewegung. Herzog . Was wagst Du? Magnani .                         Nach Vollzug der heil'gen Handlung Ließ ich die Thüren sperren, denn mir ahnte, Daß frische Weih'n dem Gotteshaus geziemten, Das diese hier betrat. Ich selbst als letzter Verließ die Kirche, dann die Sakristei – Die Herzogin kommt nicht von San Petron! Schweigen. Herzog . Wo warst Du? Rede! Und wo blieb der Schleier? Beatrice . Ich weiß nicht, wo er ist. Nun ist er fort. Herzog . Schaff' mir ihn her! Beatrice .                               Ich soll – Herzog .                                                 Du sollst mit mir Den Schleier holen, wo Du ihn verlorst. Beatrice . Ich kann nicht. Herzog .                           Wie? Ist, was mich dort erwartet, So über alle Maßen schauervoll, Daß Du Dich schwerer'n Grimms von mir versiehst, Als wenn Du weigerst, was ich Dir befehle? So höre, Beatrice, Dir ist Alles, Wie ungeheuer Deine Schuld sich zeigt, Schaffst Du den Schleier, ist es Dir verzieh'n. War's frevler Anschlag wider Deinen Herrn Im Bund mit meinen Feinden, war's ein Werk Gottloser Zauberei, das Du versucht, War's frühe Untreu wider Deinen Gatten – Ich bin bereit, so gänzlich zu verzeih'n, Daß Du als Herzogin rückkehrst ins Schloß, Wär's auch von einem höchst verruchten Ort. Willst Du noch mehr, so sprich! Beatrice .                                           Ich kann nicht hin! Herzog . Bedenke, was Du sagst! Beatrice .                                     Ich kann nicht hin! Herzog . Verstandst Du mich denn nicht? Dir droht nicht Strafe, Du bleibst die Fürstin, und Du bleibst mein Weib, – Und bin ich nicht mehr hier, liegt's diesen ob, Beim letzten Schwur, den ihre Treu' mir leistet, Dein Haupt wie ein unschuld'ges zu beschützen. Doch nun die Wahl. Schaffst Du den Schleier nicht – Beatrice . Ich kann nicht, Herr! Herzog .                                   So jag' ich Dich davon! Beatrice schaut ihn zuerst groß an, dann wendet sie sich, als wollte sie gehen . Herzog . Was willst Du thun? Beatrice .                                 Ihr sagt's ja. Ich muß geh'n. Herzog . Nicht so! nicht gleich! Im Schein der ersten Sonne, Mit wüsten Haaren und zerriss'nem Hemd – Als meine Hure, allem Volk zum Spott Laß' ich von Knechten über'n Hof Dich treiben! Beatrice . Thut, was Ihr müßt. – Den Schleier hol' ich nicht. Magnani . Nicht Schmach ist's, was dergleichen Frauen schreckt. Herzog . Bedenk's ein letztes Mal. Dich zu bestrafen Gebricht's mir nicht an Macht. Erspar' es mir, Sie bis an ihre Grenzen auszudenken! Fr. Nardi . Beatrice – mein Kind! Der Fürst ist ja so gnädig! Beatrice . Ich kann nicht hin! Herzog .                                 Dein letztes Wort? Beatrice .                                                             Es ist's. Herzog nach einer kleinen Pause . Somit erklär' ich Beatrice Nardi Verlustig ihres herzoglichen Rangs Und sende sie zurück, woher sie kam. Euch übergeb' ich sie, Carlo Magnani, Zu schleunigem Gericht und Urteilsspruch – Mir kündet die Vollstreckung früh am Morgen.         Wendet sich zu gehen. Langsam links die Stufen hinauf. Magnani . Dank, Fürst, für den gesegneten Entschluß! Beatrice . Wo geht er hin? Was soll mit mir gescheh'n? Fr. Nardi . Mein Kind, Du sollst sterben! Verstehst Du denn nicht, Du sollst sterben! Beatrice angstvoll . Sterben? Sterben? Magnani zu den ringsum versammelten Edlen . Ihr Herrn, uns bleibt kaum Zeit, die Form zu wahren. Und da mir unbeschränkte Vollmacht ward, So wähl' ich Euch, Ihr edeln Herren alle, Die Zeugen dieses unerhörten Falls, Als Richter, mir vom Schicksal beigesellt, Und klage diese: Beatrice Nardi Vor so berufnem Kreis und allem Volk Der Hexerei und des Verrates an, Und trage an, trotz des verjährten Brauchs, Der martervoll're Bußen auferlegt, Der fürstlichen Vergangenheit gedenkend, (So kurz sie währte und so schlimmer Art Sie auch errungen ward, so bleibt sie fürstlich:) Auf Tod durchs Schwert und noch in dieser Stunde. Beatrice schreit . Ich will nicht sterben! Nein, ich will nicht sterben! Tot sein ist fürchterlich! Ich will nicht sterben! Magnani . Führt sie hinab! Beatrice .                             Ich will den Schleier bringen!         Zu Knechten, die sie ergreifen wollen. Laßt mich! Magnani .         Führt sie hinab! Beatrice .                                   Hört Ihr mich nicht? Ich will den Schleier holen! Ruft den Herzog! Magnani . Es ist zu spät. Fr. Nardi . Es ist nicht zu spät! Man will eine Unschuldige umbringen! Eure Hoheit! Ich will schreien, daß die Mauern zusammenstürzen! Der Herzog soll wiederkommen! Magnani . Der Teufel hol' die Alte! Guidotti kommt aus dem Garten, in größter Erregung . Ihr Herren, wer sah von Euch das junge Weib, Das mit Malvezzi war vor einer Stunde? Zampieri . 's war Eine aus Florenz. Andere .                                         Was ist's mit der? Ganz im Hintergrund des Gartens sieht man eine Leiche vorübertragen. Herzog von der Terrasse aus, dem Publikum unsichtbar, sehr laut . Ist's Mariscotti, den die Leute tragen? Zur Mauer von Isaia mit dem Leichnam! Hinausgeschleudert das verruchte Haupt, Auf daß sie's finden, wenn die Sonne aufgeht! Guidotti . Dafür hab' ich gesorgt. Doch dieses, Herr, Ist des Malvezzi Leich'. Bewegung. Im Grase lag er; Von dieser Nadel war sein Herz durchbohrt. Einige . Die Florentinerin! Andere .                             Man suche sie! Einer . Kein Weib ist mehr im ganzen Schloß zu seh'n. Zampieri . Sie kam mit der, die man hinausgepeitscht. Zweiter Adeliger . Leicht kenntlich, denk' ich, wird die Allen sein! Erster Adeliger . Die stürzte hin am Thor – die sagt uns nichts mehr! Beatrice ist in den Garten gestürzt, hat sich niedergeworfen, sieht zur Terrasse auf; flehend . O Herr! Herzog .       Grau'nvolle Nacht! Er beginnt langsam die Stiegen herunterzukommen . Beatrice .                                   Ich habe Furcht – Sie töten mich – und ich will leben, Herr! Den Schleier hol' ich Euch – – ich will nicht sterben! O kommt, ich bitt' Euch! Magnani .                               Herzog, hört sie nicht! Es bringt Gefahr – geht nicht! Herzog ist auf den letzten Stufen . Beatrice .                                         Nehmt meine Hand! Herzog . Was soll mir Deine Hand? Beatrice .                                         O bitte, nehmt sie! Ihr müßt sie halten – müßt sie immer halten! Das Eine thut mir: laßt mich nicht allein, Wenn ich mit Euch dahin geh'! Und noch Eins – Das fleh' ich – fragt mich nicht – ich fleh' Euch an – Fragt mich um nichts! Herzog .                             Bin ich erst dort mit Dir, Was brauch' ich noch zu fragen! Beatrice .                                           Schwört mir das, Daß Ihr nichts fragt, und haltet meine Hand! Herzog . Ich halte sie. Beatrice .                     So kommt! Sie zieht ihn nach hinten; Magnani scheint folgen zu wollen. Herzog .                                           Daß Niemand folge! Hört Ihr? Bei Strafe seines Lebens – Keiner! Alle bleiben wie gelähmt stehen. In diesem Augenblick kommt Francesco, der mit größtem Erstaunen Alles sieht und nach vorn stürzt, als wenn er Jemanden etwas fragen wollte. Rosina schreit . Feiglinge! Feiglinge! Vorhang . Fünfter Akt. Scene des dritten. Ganz dunkel. Die Kerzen herabgebrannt. Der Schleier liegt wie leuchtend nicht ganz in der Mitte, mehr rechts, wo ihn Beatrice heruntergleiten ließ. Die Leiche des Filippo Loschi beinahe ganz unter den Vorhängen des Alkovens; man sieht gar nichts von ihr, wenn der Vorhang aufgeht. Die Scene ist eine Weile leer. Es ist anfangs still. Nach einiger Zeit Lärm auf der Straße, Lachen, das wieder verklingt. Wieder vollkommene Stille. Dann tritt durch die offene Thür rechts Beatrice , der Herzog hinter ihr, ihre linke Hand mit seiner rechten haltend. Sie geht gleich auf den Schleier zu, hebt ihn auf. Beatrice . Hier ist er! Und nun kommt! Herzog bleibt regungslos stehen . Beatrice .                                               Ich bitt' Euch, kommt! Ihr seht, der Schleier ist's, den Ihr mir gabt. Ich hielt mein Wort, nun haltet Eures auch, Und laßt uns geh'n. Herzog regungslos . Beatrice in immer heftigerer Angst .                               Nach nichts zu fragen schwort Ihr! So kommt, verlassen wir den Ort – ich bitt' Euch! Herzog sehr ruhig, sie immer bei der Hand haltend . Sind's immer noch die Schauer nahen Morgens, Daß Deine Finger beben? Beatrice .                                   Geh'n wir fort! Herzog . Noch nicht. Beatrice .                   Dies ist der Schleier. Herzog .                                                         Ja, er ist's. Beatrice . Und was ich auch gethan, Ihr habt's verzieh'n! Herzog . Das that ich. Beatrice .                     Also fort – ich bitt' Euch, fort! Herzog . Dies Haus gleich zu verlassen, schwor ich nicht. Beatrice . Was wollt Ihr hier? Herzog .                                    Das Licht des Tag's erwarten! Beatrice . Bis dahin währt's noch lang. Herzog .                                                 Die Dämmer steigen Dort über'm Thurm – siehst Du nicht, Beatrice? Beatrice sich erinnernd . Ja – über'm Thurm. – Nein, Sterne flimmern dort! Herzog . Sie löschen aus, der Himmel ahnt den Tag. Beatrice . Doch wenn er kommt – Herzog .                                           Was dann? Beatrice .                                                             Dann öffnen sich Die Thore und Ihr zieht hinaus in's Feld –         Indem sie ihrer Stimme einen verführerischen Ausdruck zu geben sucht. Und diese Nacht, mein Fürst und mein Gemahl, Versank und kommt für uns nie wieder! Herzog .                                                         Nie! – Beatrice . So geh'n wir doch! Seht, sind wir erst daheim, Dürft Ihr mich fragen und dürft alles wissen. Nur fort von hier! – Bin ich nicht Euer Weib –? Und daß ich alles dies gethan – nun ja – Ihr wißt nicht, was es war, doch ist es viel – Und war doch nur für Euch – das muß wohl sein – Ich lieb' Euch so! Und wenn der Tag erscheint, Geht Ihr von mir, und ob Ihr jemals heimkehrt, Wer weiß? Wer weiß? – Den Schleier halt' ich fest, Ich werd' ihn nicht zum zweiten Mal verlieren!         In immer stärkerer Erregung, wie dem Wahnsinn nah. Nach Hause also! Sehnst Du Dich denn nicht Nach meinen Küssen? Denke, was Du that'st, Mich zu gewinnen! Bist ein Herzog doch, Und nahmst mich gleich zum Weib, da ich's verlangte, Und schenktest mir so viel und gabst ein Fest, Und morgen früh mußt Du davon und – höre –         Wie mit einer letzten Anstrengung. Ich liebe Dich! Herzog .                   Sei ruhig, Beatrice, Dir ist verzieh'n, Du bleibst die Herzogin, Und in die Arme schließ' ich Dich als Weib. Beatrice . So komm'! Herzog .                     Wohin? Das prunkende Gemach, Wo meine Väter ihre Hochzeit hielten, Und Parmas Fürstentochter mich empfing, Scheint mir für uns're Brautnacht nicht der Ort! Beatrice . Nicht edel ist mein Stamm, ich weiß – doch seht, Ich bin sehr schön, und Ihr nahmt mich zum Weib! Herzog . Du bist's! begreif' es nur! Doch mich verdrießt's, Mit Dir zurückzukehren in mein Schloß, Und uns'rer Feier wähl' ich andern Ort! Beatrice . Wo wollt Ihr hin? Herzog .                                 Ich wüßte keinen bessern Als diesen hier, wo Du den Schleier ließest. Beatrice . Was – sagt Ihr? Herzog .                             Keinen würd'gern, Beatrice, Und sucht' ich ganz Bologna danach ab. Ob dies ein Haus verruchten Zaubers ist, Ob Du hier schwelgtest in geheimen Lüsten, – Ich frag' es nicht! – doch, wie es sei, nur hier Soll diese wunderbare Hochzeit enden! Hier, schöne Beatrice, wirst Du mein! Was ist Dir? Immer noch die Morgenschauer?         Er berührt sie. Daß Finger – Hände – Arme – Hals Dir zittern? Beatrice schaudernd . Laßt mich! Ich bitt' Euch, laßt mich! Herzog um sich schauend .                         Mählich dringt Mein Blick in's Dunkle, ungefragt enthüllen Vorlaute Schimmer dieses Raums Geheimnis!         Sieht die Vorhänge. Hier wallt es faltenschwer zur Erde nieder – Komm, Beatrice, dort ist's aufgerichtet, Das solcher Ehren nimmer sich versah, – Das Brautbett wartet, Fürstin von Bologna!         Er zieht sie mit sich. Beatrice . Laßt mich! Herzog .                     O, regt sich Scham ein letztes Mal? So denk', 's ist eine Gruft, so schwarz und stumm, Darin wir uns're Seufzer keusch begraben. Komm, Beatrice! Beatrice .                     Laßt mich!         Reißt sich los, steht abgewandten Gesichtes da. Herzog .                                         Welche Nähe Und welche Furcht giebt Deiner Schwäche Kraft? Beatrice in wachsender Verzweiflung . Nein, sag' ich Euch! Eh' Ihr mich anrührt, Herzog, Eh' Ihr dorthin geht – seht, wahrhaftig mein' ich's – Hier ist mein Herz! – Ich bitt' Euch, bringt mich um. Ich selber bin zu feig, Ihr wißt! Auch so Ist's furchtbar, wie sie's dort im Schlosse wollten. Doch Ihr sollt's thun – und gleich! Herzog .                                                 Wo bin ich? Nun, blödes Auge, willst Du nicht einmal Mit eigenem Lichte schau'n? Mußt Du auch heut' Vom letzten Tage noch den Strahl Dir leih'n? Beatrice . Zu mir! Zu mir! Herzog den Vorhang hebend, erblickt den Körper des Filippo .                                   Ich sehe – sehe – sehe! Wach' auf! Schläfst Du so fest? War Eu'r Umschlingen So wild, war Euer Rausch so tief, daß Dich Mein Ruf nicht weckt! Wach' auf! Beschämt Dich die nicht, Die unermattet kam aus Deinen Armen Ins Schloß, wo eine Brautnacht ihrer harrte Und wieder her zu Dir und aufrecht steht – Und Du liegst wie'n Betrunk'ner hingestreckt? Seh' ich um Deinen Mund ein Lächeln spielen? Kommt Licht aus Deinen Locken, daß ich sehe? Bist Du so stolz, daß Deines Fürsten Braut Am Hochzeitsabend Deine Hure war, Und träumst davon? Wie oder glaubst, daß dies, Was jetzt geschieht, ein Traum? Du irrst! Du wachst! Merkst Du's und regt sich's unter Deinen Lidern? Steh' auf! Nicht länger mehr gelingt's, den Schlaf Zu heucheln! Früh' ist um Dich, und ich sehe Dein Lächeln sich in angstvoll Grinsen wandeln Und Grau'n die Augen aus den Höhlen treiben! So rühr' Dich doch! Lähmt Dich der Schrecken so, Daß Du nur starren kannst mit off'nem Maul? Ich will Dir helfen! Rüttelt ihn. Schrei' Dir was in's Ohr, Was Einen, der nicht nied'rer als ein Knecht, Wehrloser als ein Lahmer, taub wie'n Leichnam, So rasend macht, daß, hätt' er tausend Leben, Er alle hinwirft, seine Wut zu stillen! Ich spei' Dir ins Gesicht, Du feiger Hund! Jetzt läßt der Herzog den Körper des Filippo los, der schwer zurückfällt. Der Herzog sieht nun, daß Filippo tot ist; er wendet sich zu Beatrice, die während der ganzen Anrede regungslos dagestanden ist. Wie der Herzog zu ihr tritt, scheint durch ihren Leib ein letztes Zittern zu gehen; von jetzt an ist sie völlig gefaßt und spricht ruhig. Herzog . Du hast's gewußt? Beatrice .                             Ich hab's gewußt. Herzog . Warum noch diese letzte Schmach, den Toten Mich schmäh'n zu lassen? Beatrice .                                 Ja, dies war die letzte. Magnani tritt auf. Gleich hinter ihm Cosini . Magnani . Mein Fürst, hab' ich mein Leben auch verwirkt, Nun nehmt es hin, da ich Euch lebend finde! Herzog . Ihr auch, Cosini? Sagt mir, wo ich bin! Cosini . Ihr wißt's nicht? In Filippo Loschis Haus! Herzog . In Loschis Haus? – Und dies –         Mit Cosini zum Leichnam. Cosini .                                                     Beim heil'gen Gott! Herzog . Filippo Loschi? Cosini .                             Ja, er ist's gewesen! Herzog zu Beatrice . Der starb um Dich? Und den verrietest Du? Und mich um ihn? Und wied'rum ihn um mich? Was bist Du für ein Wesen, Beatrice? Und all dies Ungeheure mußte sein, Daß ich Filippo Loschi sehen durfte – Ein einzig Mal und so? Geheimes Walten! In welche Tiefen muß ich untersteigen, Die Wurzeln finden, wo sie sich verschlangen? Francesco tritt ein; gleich hinter ihm die alten Nardis und Rosina in Ketten; Knechte mit ihnen. Herzog . Was hat dies zu bedeuten? Magnani .                                         Herr, vergebt, Zu eig'nem Handel trieb gebieterisch Der erste Ungehorsam, den ich wagte. Die hier ließ ich mir folgen, ungewiß, Wie weit auch sie in Schuld verstrickt, und ob Bei solchem Drang der Zeit nicht jedes Zögern Verzichten hieß auf Wahrheit und Gericht. Herzog . In Ketten? Francesco .             Herr, befehlt, daß man sie löse! Unschuldig sind sie! Herzog .                           Man befreie sie! Den Nardis werden die Ketten abgenommen. Francesco . Ich dank' Euch, Herzog! Auf Beatrice weisend.                                                   Schuldig ist nur die, Die meine brüderliche Innigkeit Seit je mit ahnungsvoller Angst umfing, Und die nun so von Schande trieft, Daß, bis auf ihren Namen, tausendmal In brünstige Gebete eingeschlossen, Jeglich Erinnern, daß sie Schwester war, Wie schmutz'gen Staub ich so mit Füßen trete! Rosina . Elende! Cosini zum Herzog, der in Sinnen verloren dasteht . Mein Fürst, was ist Euch? Was befehlt Ihr, daß Mit diesem Weib gescheh'? Die Stunden flieh'n. Magnani . Laßt jetzt des Amts mich walten; denn das Wort, O Herzog, das Ihr dieser gabt, ist nichtig, Wie Eure Eh', vor jedem Tribunal, Vor Gott und Papst und allen Kardinälen. Rosina . Vergißt der Herzog, daß hier eine steht, Die seine Gattin ist? Fr. Nardi .                         So schweig', Du Böse! Rosina . Und die ihm fortlief in der Hochzeitsnacht Zu einem Liebsten! Herzog .                         Wo ist alles hin? Da steh'n sie nun und harren meines Worts, Und übermächtig bannt sie das Gescheh'ne Und lebt für sie und hat besond're Kraft. Mir aber ist, als tränk', wie weicher Boden Das Blut Erschlag'ner, dieser durst'ge Morgen Den dunkeln Inhalt der entschwund'nen Nacht, – Und sie, so wie ein Leichnam, unbegreiflich, Liegt starr am Eingang meines letzten Tags. Was ist mir alles dies? Nur Eins bewegt mich: Daß dieser einsam starb und jene floh Zurück ins Leben, fort von dem Geliebten, Indes er dalag wie ein toter Hund! Wie kam dies alles? Beatrice, sag's. Fr. Nardi . So sprich doch, Beatrice! Wirf Dich auf die Knie' vor Seiner Hoheit, dem Herzog! Er wird gnädig sein! Er wird Dir das Leben schenken, wenn Du Dich auf die Kniee wirfst und ihn darum anflehst! Beatrice . Wär's nur darum, so spräch' ich nicht ein Wort!         Wendet sich jetzt zu dem Toten und sieht ihn lange an. Herzog . Warst Du nicht, Beatrice, nur ein Kind, Das mit der Krone spielte, weil sie glänzte, – Mit eines Dichters Seel', weil sie voll Rätsel, – Mit eines Jünglings Herzen, weil's Dir just Geschenkt war? Aber wir sind allzu streng Und leiden's nicht, und jeder von uns wollte Nicht nur das einz'ge Spielzeug sein – nein, mehr! Die ganze Welt. So nannten wir Dein Thun Betrug und Frevel – und Du warst ein Kind! Fr. Nardi . Beatrice, knie' nieder vor dem Herzog, bitte um Gnade! Herzog . Hier hast Du Deine Tochter – sie ist frei, Und Du laß alles Fürchten, Beatrice – Beatrice an der Leiche . Das ist vorbei! Und war doch das allein, Was mich die fürchterlichen Wege jagte Von Lüg' in Lüge, Schmach in Schmach, und mich Hier neben Dir zu dem Toten anbetteln ließ den Andern, Mich zu umarmen, – was mich dulden ließ, Daß Deinem Leichnam arger Schimpf geschah, – Und alles, weil's mich graute, da zu liegen Wie Du. Jetzt aber bin ich müd', so müd', Glaub' ich, wie nie auf Erden jemand war – Warum gerade mir dies alles, sagt? Und warum war ich auserseh'n vor Allen, So Vielen Leid zu bringen, und weiß doch: Ich wollte Keinem Böses! Staun' ich nun, Daß ich es bin, der alles dies geschah, Und macht mich dieses ungewohnte Staunen So müd', daß nichts mehr in mir ist als Sehnsucht, Daliegen, so wie Du, und fertig sein! Ich bitt' Euch, thut's! Ein Stich, und allen ward Nach Willen – zum Herzog bitte, thut's, mein guter Herr! – Fr. Nardi . Mein Kind, was fällt Dir denn ein! Um Gnade sollst Du bitten, und Du bittest um Deinen Tod! Herzog . Beatrice, – Mein Dolch trägt kein Verlangen mehr nach Dir! Francesco . Der meine um so heiß'res, Beatrice!         Er stößt ihr den Dolch in's Herz; sie sinkt nieder. Beatrice . Francesco – Du? Herzog . Francesco! Er reißt ihm den Dolch aus der Hand. Fr. Nardi . Meine Tochter! Francesco! Francesco mit dumpfer Entschlossenheit . Ich mußt' es thun! Nardi . Was ist denn das? Um Himmelswillen – o, Du ungeschickter Junge – sie blutet ja! Beatrice, hat er Dir wehgethan? Fr. Nardi . Deine Tochter ist tot, verstehst Du's? Unsere Tochter ist tot! Herzog zu Francesco . Wagt Deine Einfalt mehr, als sie begreift? Francesco . Ging sie auch einen vielverschlung'nen Weg, Dem ich nicht folgen kann durch seine Irren – Ich sag's: noch jetzt, da sie im Tod hier liegt, Füllt mich mit Grimm und Ekel, sie zu denken Ohn' alle Weihe heil'gen Sakraments, Schamlos zu flücht'ger Lust geworben In eines Mannes Bett. – O Schmach und Elend! Daß der sich selber auf den Weg gemacht, Den's mein Amt war, beizeiten ihn zu senden! Herzog . Du Knabe, schweig'! An diesen, der hier liegt, Kann Deine Rache nicht heran! So wenig, als mein Zorn.         Bewegung.                 Geschäh' ein Wunder Und würfen wir den Borgia in den Staub Und brächten Freiheit uns'rer Stadt und zwängen Zehn, hundert And're – dieses ganze Land, Uns zu gehorchen, und ein Reich erstünde, So mächtig und geeint, wie's Rom gewesen,         Zu Cosini. Und jenes fernste, dessen Schutt wir sahn, – Und wenn's durch tausend Jahre herrlich blühte, Einmal fiel's doch in Trümmer, wie die andern. Ein Lied von dem; verweht's der Zufall nicht – Ist ew'ger als der kühnste uns'rer Siege, Der wieder nur Vergängliches erringt! Dran werden Menschen einer späten Zeit, Der uns're Thaten nichts als Worte sind, In kühlen Stein gegraben zum Gedächtnis, Wie wir, die Mitgebor'nen, sich erfreu'n Mit gleichem Lächeln und mit gleichen Thränen. Denn dieser war ein Bote, ausgesandt, Das Grüßen einer hingeschwund'nen Welt Lebendig jeder neuen zu bestellen Und hinzuwandeln über allen Tod. Es ist nahezu licht geworden, während der letzten Worte kam ein Bote , der mit Cosini gesprochen hat. Cosini . Mein Fürst, der Bote bringt Bericht vom Thurm. Herzog . Von Garisenda? Vierter Bote .                   Wohl, erhab'ner Herr! Es ist, wie wenn all' die Tausende rings um die Stadt mit einem Mal durch einen Ruf erweckt worden wären. Die Straßen, soweit wir blicken können, die Felder, die Hügel stehen voll Gerüsteter, und von San Luca flattern nicht allein die Standarten der Borgia, auch die Fahnen von Neapel und Frankreich sahen wir wehen. Herzog zu Magnani . Nun? Fünfter Bote ist unterdes gekommen. Herzog . Und was will dieser? Cosini .                                       Fürst, er wagt es nicht, Die Botschaft zu bestellen. Und ich selbst – Herzog . Ich dächte, was es immer Böses sei, Zu klagen bleibt uns doch nicht lang mehr Zeit. Cosini . Die Pfeile trafen schon. Herzog .                                     So sagt – wer ist's? Fünfter Bote . Herr, von denen, die auf der Mauer von Isaia stehen, sind drei zu Tode getroffen worden. Herzog . Die Mauer von Isaia – das ist die, Wo Graf Andrea steht mit seiner Schar – Er ist's? Fünfter Bote . Wir sah'n ihn stundenlang zuvor An gleicher Stelle steh'n, hochaufgerichtet – Er war das erste Ziel und fiel sogleich. Herzog . Auch Du vor mir? Pause. Francesco! gehe hin Zum Thore von Isaia, Dir vertrau' ich Die frühverwaiste Schar – Du sollst sie führen! Was heute not thut, ward Dir mehr als Allen.         Francesco ab. Euch aber, denen diese Stadt vertraut ist, Bis And're kommen, nicht mehr ich und die, Trag' ich die Sorge auf, im ersten Glüh'n Der Morgensonne, die zum Abschied grüßt, Den Leichnam dieses sehr geliebten Dichters Im Grab der Bentivoglio zu bestatten. Und diese hier wie ihn! Die Spanne Zeit, Die sie ums Licht des Lebens noch geflattert, Bedeutet jetzt nichts mehr – sie starb mit ihm. Er liebte sie, er starb, weil er sie liebte, So ist sie hochgeehrt vor allen Frau'n! Cosini . Die Sonne steigt empor. Herzog .                                     Der Tag ist da. Und in den gleichen Glanz geh'n wir hinaus, Der uns vor einem Jahr ersehnte Fernen Mit lichtem Schein umrandet hat, als baute Der junge Morgen selbst das stolze Thor Zum Eingang in die Welt, die uns empfing, So festlich, wie der eig'nen Fülle jauchzend. Heut' weist kein unermeß'ner Weg ins Weite, Und vor den Mauern endet uns're Fahrt. Und dennoch – mir erglüht die Sonne heut' Verheißungsvoll wie damals, denn wir geh'n Von allen Abenteuern, die im Dunkel warten Dem neu'sten und gewaltigsten entgegen!         Glocken von allen Thürmen. Das Zeichen tönt, und mächt'ge Neubegier Wie nie zuvor beflügelt meinen Schritt. Ich freue mich des guten Kampfs, der kommt; Die frischen Morgenlüfte atm' ich durstig Und preise dieses Leuchten aus den Höh'n, Als wär' es mir allein so reich geschenkt. Das Leben ist die Fülle, nicht die Und noch der nächste Augenblick ist Er geht, Andere folgen. Der Vorhang fällt.