Daniel Paul Schreber Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage; »Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren erklärten Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden?« von Dr. jur. Daniel Paul Schreber, Senatspräsident beim Kgl. Oberlandesgericht Dresden a. D. Vorwort Protrait: Dr. jur. Daniel Paul Schreber An eine Veröffentlichung dieser Arbeit habe ich beim Beginn derselben noch nicht gedacht. Der Gedanke ist mir erst im weiteren Fortschreiten derselben gekommen. Dabei habe ich mir die Bedenken nicht verhehlt, die einer Veröffentlichung entgegenzustehen scheinen: es handelt sich namentlich um die Rücksicht auf einzelne noch lebende Personen. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, daß es für die Wissenschaft und für die Erkenntnis religiöser Wahrheiten von Wert sein könnte, wenn noch bei meinen Lebzeiten irgendwelche Beobachtungen von berufener Seite an meinem Körper und meinen persönlichen Schicksalen zu ermöglichen wären. Dieser Erwägung gegenüber müssen alle persönlichen Rücksichten schweigen. Von der ganzen Arbeit sind niedergeschrieben: Die Denkwürdigkeiten selbst (Kap. I-XXII) in der Zeit vom Februar bis September 1900. Die Nachträge unter I-VII in der Zeit vom Oktober 1900 bis Juni 1901. Die zweite Folge der Nachträge Ende 1902. In der Zeit, die seit dem ersten Beginn der Arbeit verflossen ist, haben sich meine äußeren Lebensschicksale wesentlich verändert. Während ich anfangs noch in fast gefänglicher Absperrung lebte, namentlich vom Umgang mit gebildeten Menschen, selbst von der (den sog. Pensionären der Anstalt zugänglichen) Familientafel des Anstaltvorstands ausgeschlossen war, niemals aus den Mauern der Anstalt herauskam usw., ist mir nach und nach eine größere Bewegungsfreiheit eingeräumt und der Verkehr mit gebildeten Menschen in immer steigendem Maße ermöglicht worden. Ich habe endlich in dem in Kap. XX erwähnten Entmündigungsprozesse (allerdings erst in zweiter Instanz) einen vollständigen Erfolg erzielt, indem der unter dem 13. März 1900 ergangene Entmündigungsbeschluß des Königl. Amtsgerichts Dresden durch rechtskräftig gewordenes Urteil des Königl. Oberlandesgerichts Dresden vom 14. Juli 1902 aufgehoben worden ist. Meine Geschäftsfähigkeit ist damit anerkannt und die freie Verfügung über mein Vermögen mir zurückgegeben worden. In betreff meines Verbleibens in der Anstalt habe ich schon seit Monaten die schriftliche Erklärung der Anstaltsverwaltung in Händen, daß meiner Entlassung ein grundsätzliches Bedenken nicht entgegensteht; ich gedenke demnach etwa mit Beginn des kommenden Jahres in meine Häuslichkeit zurückzukehren. Durch alle diese Veränderungen ist mir Gelegenheit gegeben gewesen, den Kreis meiner persönlichen Beobachtungen wesentlich zu erweitern. Manche meiner früher dargelegten Ansichten müssen danach eine gewisse Berichtigung erfahren; ich kann insbesondere keinen Zweifel darüber hegen, daß die sogenannte »Menschenspielerei« (die wundermäßige Einwirkung) sich auf mich und meine jeweilige nächste Umgebung beschränkt. Ich würde hiernach mancher Ausführung meiner Denkwürdigkeiten jetzt vielleicht eine andere Fassung geben. Nichtsdestoweniger habe ich es in der großen Hauptsache bei der Form, in der ich sie anfangs niedergeschrieben hatte, belassen. Änderungen in den Einzelheiten würden die ursprüngliche Frische der Darstellung beeinträchtigen. Auch ist es nach meinem Dafürhalten ohne erhebliche Bedeutung, ob in Ansehung des weltordnungswidrigen Verhältnisses, das zwischen Gott und mir entstanden ist, die Auffassungen, die ich mir früher gebildet hatte, von mehr oder minder großen Irrtümern durchsetzt gewesen sind. Allgemeineres Interesse können ohnedies nur diejenigen Ergebnisse beanspruchen, zu denen ich auf Grund der von mir empfangenen Eindrücke und Erfahrungen hinsichtlich der in Frage kommenden dauernden Verhältnisse, des Wesens und der Eigenschaften Gottes, der Unsterblichkeit der Seele usw. gelangt bin, und in dieser Beziehung habe ich auch nach meinen neueren persönlichen Erfahrungen an meinen früher, namentlich in Kap. I, II, XVIII und XIX der Denkwürdigkeiten entwickelten Grundanschauungen nicht das mindeste zu ändern. Heilanstalt Sonnenstein bei Pirna, im Dezember 1902. Der Verfasser. Offener Brief an Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig. Hochverehrter Herr Geh. Rat! In der Anlage gestatte ich mir, Ihnen ein Exemplar der von mir verfaßten »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken« zu überreichen mit der Bitte, dieselben einer wohlwollenden Prüfung zu unterwerfen. Sie werden finden, daß in meiner Arbeit, namentlich in den ersten Kapiteln, Ihr Name des öfteren genannt worden ist, zum Teil in Zusammenhängen, die geeignet sein könnten, Ihre Empfindlichkeit zu berühren. Ich bedauere dies selbst auf das Lebhafteste, vermag aber leider nichts daran zu ändern, wenn ich nicht die Möglichkeit eines Verständnisses meiner Arbeit von vornherein ausschließen will. Jedenfalls liegt mir die Absicht eines Angriffs auf Ihre Ehre durchaus fern, wie ich denn überhaupt gegen keinen Menschen irgendeinen persönlichen Groll hege, sondern mit meiner Arbeit nur den Zweck verfolge, die Erkenntnis der Wahrheit auf einem hochwichtigen, dem religiösen Gebiete, zu fördern. Daß ich in dieser Beziehung über Erfahrungen gebiete, die – zu allgemeiner Anerkennung ihrer Richtigkeit gelangt – in denkbar höchstem Maße fruchtbringend unter der übrigen Menschheit wirken würden, steht für mich unerschütterlich fest. Ebenso zweifellos ist mir, daß Ihr Name bei der genetischen Entwicklung der betreffenden Verhältnisse insofern eine wesentliche Rolle spielt, als gewisse, Ihrem Nervensystem entnommene Nerven zur »geprüften Seele« in dem in Kap. I der »Denkwürdigkeiten« bezeichneten Sinne geworden sind und in dieser Eigenschaft eine übersinnliche Macht erlangt haben, zufolge deren sie einen schädigenden Einfluß seit Jahren auf mich ausgeübt haben und bis auf diesen Tag noch ausüben. Sie werden, wie andere Menschen, geneigt sein, in dieser Annahme zunächst nur eine pathologisch zu beurteilende Ausgeburt meiner Phantasie zu erblicken; für mich ist eine geradezu erdrückende Fülle von Beweisgründen für die Richtigkeit derselben vorhanden, worüber Sie das Nähere aus dem Gesamtinhalt meiner Denkwürdigkeiten entnehmen wollen. Noch jetzt empfinde ich täglich und stündlich die auf Wundern beruhende schädigende Einwirkung jener »geprüften Seele«; noch jetzt wird mir an jedem Tage Ihr Name von den mit mir redenden Stimmen in stets wiederkehrenden Zusammenhängen insbesondere als Urheber jener Schädigungen zu Hunderten von Malen zugerufen, obwohl die persönlichen Beziehungen, die eine Zeitlang zwischen uns bestanden haben, für mich längst in den Hintergrund getreten sind und ich selbst daher schwerlich irgendwelchen Anlaß hätte, mich Ihrer immer von neuem, insbesondere mit irgendwelcher grollenden Empfindung zu erinnern. Seit Jahren habe ich darüber nachgedacht, wie ich diese Tatsachen mit der Achtung vor Ihrer Person, an deren Ehrenhaftigkeit und sittlichem Wert zu zweifeln ich nicht das mindeste Recht habe, vereinigen soll. Dabei ist mir nun ganz neuerdings, erst kurz vor Veröffentlichung meiner Arbeit, ein neuer Gedanke gekommen, welcher vielleicht auf den richtigen Weg zur Lösung des Rätsels führen könnte. Wie am Schlusse von Kap. IV und im Eingang von Kap. V der »Denkwürdigkeiten« bemerkt ist, besteht für mich nicht der leiseste Zweifel darüber, daß der erste Anstoß zu demjenigen, was von meinen Ärzten immer als bloße »Halluzinationen« aufgefaßt worden ist, für mich aber einen Verkehr mit übersinnlichen Kräften bedeutet, in einer von Ihrem Nervensystem ausgehenden Einwirkung auf mein Nervensystem bestanden hat. Worin könnte wohl die Erklärung dieses Umstands gefunden werden? Es scheint mir naheliegend, an die Möglichkeit zu denken, daß Sie – wie ich gern annehmen will, zunächst nur zu Heilzwecken – einen hypnotisierenden, suggerierenden oder wie immer sonst zu bezeichnenden Verkehr und zwar auch bei räumlicher Trennung mit meinen Nerven unterhalten haben. Bei diesem Verkehr könnten Sie auf einmal die Wahrnehmung gemacht haben, daß auch von anderer Seite in Stimmen, die auf einen übersinnlichen Ursprung hindeuten, auf mich eingesprochen werde. Sie könnten infolge dieser überraschenden Wahrnehmung den Verkehr mit mir noch eine Zeitlang aus wissenschaftlichem Interesse fortgesetzt haben, bis Ihnen selbst die Sache sozusagen unheimlich geworden wäre und Sie sich daher veranlaßt gesehen hätten, den Verkehr abzubrechen. Dabei könnte es nun aber ferner geschehen sein, daß ein Teil Ihrer eigenen Nerven – Ihnen selbst wahrscheinlich unbewußt – auf einem nur übersinnlich zu erklärenden Wege Ihrem Körper entführt und als »geprüfte Seele« zum Himmel aufgestiegen, zu irgendwelcher übersinnlichen Macht gelangt wäre. Diese »geprüfte Seele« hätte dann, wie alle ungereinigten Seelen mit menschlichen Fehlern behaftet – dem von mir insoweit mit Sicherheit erkannten Seelencharakter gemäß – ohne jede Zügelung durch irgend etwas, was der sittlichen Willenskraft des Menschen entspricht, nur von dem Streben rücksichtsloser Selbstbehauptung und Machtentfaltung sich leiten lassen, ganz in derselben Weise, wie dies nach Inhalt meiner »Denkwürdigkeiten« lange Zeit hindurch auch von seiten einer anderen »geprüften Seele«, der von W.'schen Seele, geschehen ist. Es wäre also vielleicht möglich, daß alles dasjenige, was ich in früheren Jahren irrigerweise Ihnen selbst zur Last legen zu müssen geglaubt habe – namentlich die unzweifelhaften schädigenden Einwirkungen auf meinen Körper – nur auf Rechnung jener »geprüften Seele« zu setzen wäre. Es würde dann auf Ihre Person auch nicht ein Schatten zu fallen brauchen und höchstens vielleicht der leise Vorwurf übrig bleiben, daß Sie, wie so manche Ärzte, der Versuchung nicht ganz zu widerstehen vermocht hätten, einen Ihrer Behandlung anvertrauten Patienten bei einem zufällig sich bietenden Anlasse von höchstem wissenschaftlichem Interesse neben dem eigentlichen Heilzwecke zugleich zum Versuchsobjekte für wissenschaftliche Experimente zu machen. Ja, es ließe sich sogar die Frage aufwerfen, ob nicht vielleicht das ganze Stimmengerede, daß irgend jemand Seelenmord getrieben habe, darauf zurückzuführen sei, daß eine die Willenskraft eines andern Menschen bis zu einem gewissen Grade gefangennehmende Einwirkung auf dessen Nervensystem – wie sie beim Hypnotisieren stattfindet – den Seelen (Strahlen) überhaupt als etwas Unstatthaftes erschienen sei und daß man zu möglichst kräftiger Kennzeichnung dieser Unstatthaftigkeit mit der den Seelen durchaus eigenen Neigung zu hyperbolischer Ausdrucksweise in Ermangelung eines anderen gleich zur Verfügung stehenden Ausdrucks des irgendwie von früher her geläufigen Ausdrucks »Seelenmord« sich bedient habe. Ich brauche kaum hervorzuheben, von wie unberechenbarer Wichtigkeit es wäre, wenn meine vorstehend angedeuteten Vermutungen in irgendwelcher Weise sich bestätigen, insbesondere in Erinnerungen, die Sie selbst in Ihrem Gedächtnisse bewahren, eine Unterstützung finden sollten. Meine ganze übrige Darstellung würde damit vor aller Welt an Glaubwürdigkeit gewinnen und ohne weiteres in das Licht eines ernsten, mit allen erdenklichen Mitteln weiter zu verfolgenden wissenschaftlichen Problems treten . Demnach richte ich an Sie, hochgeehrter Herr Geh. Rat, die Bitte – ich möchte fast sagen: ich beschwöre Sie – sich rückhaltlos darüber auszusprechen: Ob von Ihnen während meines Aufenthaltes in Ihrer Anstalt ein hypnotisierender oder dem ähnlicher Verkehr mit mir in der Weise unterhalten worden ist, daß Sie – insbesondere auch bei räumlicher Trennung – eine Einwirkung auf mein Nervensystem ausgeübt haben; ob Sie dabei in irgendwelcher Weise Zeuge eines von anderer Seite ausgehenden, auf übersinnlichen Ursprung hindeutenden Stimmenverkehrs geworden sind, endlich; ob nicht in der Zeit meines Aufenthalts in Ihrer Anstalt auch Sie selbst – namentlich in Träumen – Visionen oder visionsartige Eindrücke empfangen haben, die u. a. von göttlicher Allmacht und menschlicher Willensfreiheit, von Entmannung, vom Verluste von Seligkeiten, von meinen Verwandten und Freunden, sowie von den Ihrigen, insbesondere dem in Kap. VI genannten Daniel Fürchtegott Flechsig und vielen anderen in meinen »Denkwürdigkeiten« erwähnten Dingen gehandelt haben, wobei ich gleich hinzufügen will, daß ich aus zahlreichen Mitteilungen der in jener Zeit mit mir redenden Stimme die allergewichtigsten Anhaltspunkte dafür habe, daß auch Sie derartige Visionen gehabt haben müssen . Indem ich an Ihr wissenschaftliches Interesse appelliere, darf ich wohl das Vertrauen hegen, daß Sie den vollen Mut der Wahrheit haben werden, selbst wenn dabei etwa eine Kleinigkeit einzugestehen wäre, die Ihrem Ruf und Ihrem Ansehen bei keinem Einsichtigen einen ernsthaften Abbruch tun würde. Sollten Sie mir eine schriftliche Mitteilung zukommen lassen wollen, so dürfen Sie sich versichert halten, daß ich dieselbe nur mit Ihrer Genehmigung und in denjenigen Formen, die Sie selbst vorzuschreiben für gut finden, veröffentlichen würde. Bei dem allgemeinen Interesse, das dem Inhalte dieses Briefes zukommen dürfte, habe ich es für angemessen erachtet, denselben als »Offenen Brief« meinen »Denkwürdigkeiten« vordrucken zu lassen. Dresden, im März 1903. In vorzüglicher Hochachtung Dr. Schreber, Senatspräsident a. D. Auf den Seiten XIII–XV der Erstausgabe ist das Inhaltsverzeichnis plaziert. Einleitung Da ich den Entschluß gefaßt habe, in absehbarer Zukunft meine Entlassung aus der Anstalt zu beantragen, um wieder unter gesitteten Menschen und in häuslicher Gemeinschaft mit meiner Frau zu leben, so wird es notwendig sein, denjenigen Personen, die dann meine Umgebung bilden werden, wenigstens einen ungefähren Begriff von meinen religiösen Vorstellungen zu geben, damit sie die manchen scheinbaren Absonderlichkeiten meines Verhaltens wenn auch nicht vollständig begreifen, so doch mindestens von der Notwendigkeit, die mir diese Absonderlichkeiten aufzwingt, eine Ahnung erhalten. Vorbemerkung . Im weiteren Fortgang der Beschäftigung mit der gegenwärtigen Arbeit ist mir der Gedanke gekommen, daß dieselbe doch vielleicht auch für weitere Kreise Interesse haben könnte. Nichtsdestoweniger habe ich es bei dem Eingang gelassen, da die Orientierung meiner Frau über meine persönlichen Erlebnisse und religiösen Vorstellungen nun einmal die erste Veranlassung zu derselben gewesen ist. Hierin wolle man auch die Erklärung finden, daß ich es in der Arbeit vielfach für angemessen befunden habe, umständlichere Erklärungen für wissenschaftlich bereits bekannte Tatsachen, Verdeutschung von Fremdwörtern usw. zu geben, die für wissenschaftlich gebildete Leser eigentlich entbehrlich wären. Diesem Zwecke soll die folgende Niederschrift dienen, mit welcher ich versuchen werde, anderen Menschen von den übersinnlichen Dingen, deren Erkenntnis sich mir seit nahezu sechs Jahren erschlossen hat, eine wenigstens einigermaßen verständliche Darlegung zu geben. Auf volles Verständnis kann ich von vornherein nicht rechnen, da es sich dabei zum Teil um Dinge handelt, die sich in menschlicher Sprache überhaupt nicht ausdrücken lassen, weil sie über das menschliche Begriffsvermögen hinausgehen. Auch kann ich von mir selbst nicht einmal behaupten, daß alles dabei für mich unumstößliche Gewißheit sei; manches bleibt auch für mich nur Vermutung und Wahrscheinlichkeit. Ich bin eben auch nur ein Mensch und daher an die Grenzen menschlicher Erkenntnis gebunden; nur soviel beruht für mich außer Zweifel, daß ich der Wahrheit unendlich viel nähergekommen bin, als alle anderen Menschen, denen göttliche Offenbarungen nicht zuteil geworden sind. Um einigermaßen verständlich zu werden, werde ich viel in Bildern und Gleichnissen reden müssen, die vielleicht zuweilen nur annähernd das Richtige treffen; denn die Vergleichung mit bekannten menschlichen Erfahrungstatsachen ist der einzige Weg, auf dem sich der Mensch die ihm in ihrem innersten Wesen doch immer unbegreiflich bleibenden übersinnlichen Dinge wenigstens bis zu einem gewissen Grade verständlich zu machen vermag. Wo das verstandesmäßige Begreifen aufhört, fängt eben das Gebiet des Glaubens an; der Mensch muß sich daran gewöhnen, daß es Dinge gibt, die wahr sind, obwohl er sie nicht begreifen kann. So ist beispielsweise gleich der Begriff der Ewigkeit etwas für den Menschen Unfaßbares. Der Mensch kann sich eigentlich nicht vorstellen, daß es ein Ding geben soll, das keinen Anfang und kein Ende hat, eine Ursache, die nicht wieder auf eine frühere Ursache zurückzuführen wäre. Und doch gehört, wie ich annehmen zu müssen glaube und alle religiös gesinnten Menschen mit mir annehmen, die Ewigkeit zu den Eigenschaften Gottes. Der Mensch wird immer geneigt sein zu fragen: »Wenn Gott die Weit geschaffen hat, wie ist denn dann Gott selbst entstanden?« Diese Frage wird ewig unbeantwortet bleiben. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriffe des göttlichen Schaffens. Der Mensch kann sich immer nur vorstellen, daß aus bereits vorhandenen Stoffen durch Einwirkung umgestaltender Kräfte ein neuer Stoff entsteht, und doch glaube ich – wie ich auch in dem folgenden mit einzelnen Beispielen belegen zu können hoffe – daß das göttliche Schaffen ein Schaffen aus dem Nichts ist. Auch in den Glaubenssätzen unserer positiven Religion ist manches enthalten, was sich einem vollständigen Begreifen durch den menschlichen Verstand entzieht. Wenn die christliche Kirche lehrt, daß Jesus Christus Gottes Sohn gewesen sei, so kann dies immer nur in einem geheimnisvollen, mit der eigentlichen Bedeutung der menschlichen Worte sich nur annähernd deckenden Sinne verstanden werden, da niemand behaupten wird, daß Gott als ein mit menschlichen Geschlechtswerkzeugen versehenes Wesen mit dem Weibe, aus dessen Schoße Jesus Christus hervorgegangen ist, Umgang gepflogen habe. – Ähnlich verhält es sich mit der Lehre von der Dreieinigkeit, der Auferstehung des Fleisches und anderen christlichen Glaubenssätzen. Damit will ich keineswegs gesagt haben, daß ich alle christlichen Glaubenssätze im Sinne unserer rechtgläubigen Theologie als wahr anerkenne. Im Gegenteil habe ich sicheren Grund anzunehmen, daß einige derselben bestimmt unwahr oder nur in großer Beschränkung wahr sind. Dies gilt z. B. von der Auferstehung des Fleisches, die nur etwa in der Form der Seelenwanderung auf eine relative und zeitlich beschränkte (nicht das Endziel der Entwicklung darstellende) Wahrheit Anspruch machen könnte, und von der ewigen Verdammnis, der gewisse Menschen verfallen sein sollen. Die Vorstellung einer ewigen Verdammnis – die auch für das menschliche Gefühl immer abschreckend bleiben würde, ungeachtet der m. E. auf Sophismen beruhenden Darlegung, mit der z. B. Luthardt in seinen apologetischen Vorträgen dieselbe annehmbar zu machen gesucht hat – entspricht nicht der Wahrheit, wie denn überhaupt der (menschliche) Begriff der Strafe – als eines zur Erreichung bestimmter Zwecke innerhalb der menschlichen Gemeinschaft dienenden Machtmittels – aus den Vorstellungen über das Jenseits in der Hauptsache wenigstens auszuscheiden ist. Hierüber kann erst weiter unten das Nähere ausgeführt werden. Auf der anderen Seite bin ich in der Lage, für einige christliche Glaubenssätze auf Grund des von mir selbst Erlebten eine nähere Erklärung, wie dergleichen Dinge im Wege göttlicher Wunder möglich sind, zu geben. Etwa der Empfängnis Jesu Christi von seiten einer unbefleckten Jungfrau – d. h. von einer solchen, die niemals Umgang mit einem Manne gepflogen hat – ähnliches ist in meinem eigenen Leibe vorgegangen. Ich habe (und zwar zu der Zeit, als ich noch in der Flechsig'schen Anstalt war) zu zwei verschiedenen Malen bereits einen wenn auch etwas mangelhaft entwickelten weiblichen Geschlechtsteil gehabt und in meinem Leibe hüpfende Bewegungen, wie sie den ersten Lebensregungen des menschlichen Embryo entsprechen, empfunden: durch göttliches Wunder waren dem männlichen Samen entsprechende Gottesnerven in meinen Leib geworfen worden; es hatte also eine Befruchtung stattgefunden. Ferner habe ich von der Art und Weise, wie sich die Auferstehung Jesu Christi vollzogen haben mag, eine ziemlich deutliche Vorstellung erlangt: ich habe in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt und in der ersten Zeit meines hiesigen Aufenthalts nicht nur in einem, sondern in Hunderten von Fällen mitangesehen, daß Menschengestalten durch göttliche Wunder auf kurze Zeit hingeworfen wurden, um sich dann wieder aufzulösen oder zu verschwinden – die in mich hereinsprechenden Stimmen bezeichneten diese Erscheinungen als sog. »flüchtig hingemachte Männer« – zum Teil selbst längst verstorbene, wie z. B. Dr. Rudolph J., den ich in der sog. Pierson'schen Anstalt in Coswig gesehen habe, aber auch andere, die anscheinend eine Seelenwanderung durchgemacht hatten, wie z. B. Oberstaatsanwalt B., Oberlandesgerichtsräte Dr. N. und W., Geh. Rat Dr. W., Rechtsanwalt W., meinen Schwiegervater und andere, alle ein sog. Traumleben führend, d. h. nicht den Eindruck machend, als ob sie ein vernünftiges Gespräch zu führen im Stande wären, wie ich denn damals auch selbst noch nicht zum Sprechen geneigt war, in der Hauptsache eben deshalb, weil ich keine wirklichen Menschen, sondern nur Wunderpuppen vor mir zu haben glaubte. Auf Grund dieser Erlebnisse bin ich geneigt anzunehmen, daß auch Jesus Christus, der als wahrer Mensch eines wahrhaften Todes gestorben ist, in der Folge durch göttliches Wunder auf kurze Zeit als »flüchtig hingemachter Mann« neu »gesetzt« worden ist, um den Glauben seiner Anhänger zu stärken und damit der Idee der Unsterblichkeit eine sichere Stätte unter den Menschen zu bereiten, dann aber der natürlichen Auflösung der »flüchtig hingemachten Männer« verfallen ist, womit selbstverständlich nach dem weiter unten zu Bemerkenden nicht ausgeschlossen ist, daß seine Nerven zur Seligkeit eingegangen sind. Dagegen halte ich das Dogma von der Himmelfahrt Christi, dieser Auffassung entsprechend, für eine bloße Fabel, welche sich seine Jünger aus dem Verschwinden des auch nach seinem Tode wiederholt von ihnen in leibhaftiger Gestalt unter sich gesehenen Menschen zurechtgelegt haben. Ehe ich zu der Darlegung übergehe, wie ich infolge meiner Krankheit in besondere und, wie ich gleich hinzufügen will, der Weltordnung an sich widersprechende Beziehungen zu Gott getreten bin, muß ich zunächst einige Bemerkungen über die Natur Gottes und der menschlichen Seele vorausschicken, die vorläufig nur als Axiome – des Beweises nicht bedürftige Sätze – hingestellt werden können und rücksichtlich deren eine Begründung, soweit dieselbe überhaupt möglich ist, erst im weiteren Verlaufe versucht werden kann. I. Gott und Unsterblichkeit Die menschliche Seele ist in den Nerven des Körpers enthalten, über deren physikalische Natur ich als Laie nichts weiter aussagen kann, als daß sie Gebilde von außerordentlicher Feinheit – den feinsten Zwirnsfäden – vergleichbar sind, auf deren Erregbarkeit durch äußere Eindrücke das gesamte geistige Leben des Menschen beruht. Die Nerven werden dadurch in Schwingungen versetzt, die in nicht weiter zu erklärender Weise das Gefühl von Lust und Unlust erzeugen; sie besitzen die Fähigkeit, die Erinnerung an die empfangenen Eindrücke festzuhalten (das menschliche Gedächtnis) und zugleich die Kraft, durch Anspannung ihrer Willensenergie die Muskeln des Körpers, den sie bewohnen, zu irgendwelchen beliebigen Tätigkeitsäußerungen zu veranlassen. Sie entwickeln sich von den zartesten Anfängen (als menschliche Leibesfrucht, als Kindesseele) zu einem weitschichtigen, die ausgedehntesten Gebiete des menschlichen Wissens umfassenden System (der Seele des gereiften Mannes). Ein Teil der Nerven ist bloß zur Aufnahme sinnlicher Eindrücke geeignet (Gesichts-, Gehörs-, Tast-, Wollustnerven usw.), die also nur der Licht-, Schall-, Wärme- und Kälteempfindung, des Hungergefühles, des Wollust- und Schmerzgefühles usw. fähig sind; andere Nerven (die Verstandesnerven) empfangen und bewahren die geistigen Eindrücke und geben als Willensorgane dem ganzen Organismus des Menschen den Anstoß zu den Äußerungen seiner auf die Außenwelt wirkenden Kraft. Dabei scheint das Verhältnis stattzufinden, daß jeder einzelne Verstandesnerv die gesamte geistige Individualität des Menschen repräsentiert, auf jedem einzelnen Verstandesnerv die Gesamtheit der Erinnerungen sozusagen eingeschrieben Ist diese Annahme richtig, so löst sich damit zugleich das Problem von der Vererbung und Variabilität, d.h. der Tatsache, daß Kinder ihren Eltern und Voreltern in gewissen Beziehungen gleichen und in gewissen anderen Beziehungen von ihnen abweichen. Der männliche Samen enthält einen Nerv des Vaters und vereinigt sich mit einem aus dem Leib der Mutter entnommenen Nerven zu einer neu entstehenden Einheit. Diese neue Einheit – das spätere Kind – bringt also den Vater und die Mutter, nach Befinden vorwiegend den ersteren oder die letztere, von neuem zur Erscheinung, empfängt dann ihrerseits während ihres Lebens neue Eindrücke und überträgt die auf diese Weise neu erworbene Eigenart wiederum auf ihre Nachkommen. Die Vorstellung von einem die geistige Einheit des Menschen darstellenden besonderen Bestimmungsnerven, wie sie meines Wissens dem gleichnamigen du Prel'schen Werke zugrunde liegt, dürfte demnach in Nichts zerfallen. ist und die größere oder geringere Zahl der vorhandenen Verstandesnerven nur von Einfluß ist auf die Zeitdauer, während deren diese Erinnerungen festgehalten werden können. Solange der Mensch lebt, ist derselbe Körper und Seele zugleich; die Nerven (die Seele des Menschen) werden von dem Körper, dessen Funktion mit denen der höheren Tiere im wesentlichen übereinstimmen, ernährt und in lebendiger Bewegung erhalten. Verliert der Körper seine Lebenskraft, so tritt für die Nerven der Zustand der Bewußtlosigkeit ein, den wir Tod nennen und der schon im Schlaf vorgebildet ist. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß die Seele wirklich erloschen sei; die empfangenen Eindrücke bleiben vielmehr an den Nerven haften; die Seele macht nur sozusagen seinen Winterschlaf durch, wie manche niedere Tiere, und kann in der weiter unten zu berührenden Weise zu neuem Leben erweckt werden. Gott ist vornherein nur Nerv, nicht Körper, demnach etwas der menschlichen Seele Verwandtes. Die Gottesnerven sind jedoch nicht, wie im menschlichen Körper nur in beschränkter Zahl vorhanden, sondern unendlich oder ewig. Sie besitzen die Eigenschaften, die den menschlichen Nerven innewohnen, in einer alle menschlichen Begriffe übersteigenden Potenz. Sie haben namentlich die Fähigkeit, sich umzusetzen in alle möglichen Dinge der erschaffenen Welt; in dieser Funktion heißen sie Strahlen; hierin liegt das Wesen des göttlichen Schaffens. Zwischen Gott und dem gestirnten Himmel besteht eine innige Beziehung. Ich wage nicht zu entscheiden, ob man geradezu sagen darf, daß Gott und die Sternenwelt eines und dasselbe ist, oder ob man sich die Gesamtheit der Gottesnerven als etwas noch über und hinter den Sternen Lagerndes und demnach die Sterne selbst und insbesondere unsere Sonne nur als Stationen vorzustellen hat, auf denen die schaffende Wundergewalt Gottes den Weg zu unserer Erde (und etwaigen anderen bewohnten Planeten) zurücklegt. Von alledem haben auch unsere Dichter eine Ahnung »Droben überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen« usw. Ebensowenig getraue ich mir zu sagen, ob auch die Weltkörper selbst (Fixsterne, Planeten usw.) von Gott geschaffen worden sind, oder das göttliche Schaffen sich nur auf die organische Welt bezieht, und demnach neben der für mich unmittelbar gewiß gewordenen Existenz eines lebendigen Gottes doch auch noch Raum bliebe für die Nebularhypothese von Kant-Laplace. Die volle Wahrheit liegt vielleicht (nach Art der vierten Dimension) in einer für Menschen nicht faßbaren Diagonale beider Vorstellungsrichtungen. Jedenfalls ist die licht- und wärmespendende Kraft der Sonne, vermöge deren sie die Ursache alles organischen Lebens auf der Erde ist, nur als eine mittelbare Lebensäußerung Gottes anzusehen, weshalb denn auch die der Sonne von alters her bei so vielen Völkern gezollte göttliche Verehrung zwar nicht die volle Wahrheit in sich schließt, aber doch einen hochbedeutsamen, von der Wahrheit selbst sich nicht allzuweit entfernenden Kern derselben enthält. Die Lehren unserer Astronomie hinsichtlich der Bewegungen, der Entfernung und der physikalischen Beschaffenheit der Himmelskörper usw. mögen im allgemeinen richtig sein. Allein, soviel ist mir auf Grund meiner inneren Erfahrungen unzweifelhaft, daß auch unsere Astronomie hinsichtlich der licht- und wärmespendenden Kraft der Gestirne und namentlich unserer Sonne die volle Wahrheit noch nicht erfaßt hat, sondern daß man dieselbe mittelbar oder unmittelbar nur als den der Erde zugewendeten Teil der schaffenden Wundergewalt Gottes aufzufassen hat. Als Beleg für diese Behauptung führe ich vorläufig nur die Tatsache an, daß die Sonne seit Jahren in menschlichen Worten mit mir spricht und sich damit als belebtes Wesen oder als Organ eines noch hinter ihr stehenden höheren Wesens zu erkennen gibt. Gott macht auch das Wetter; dies geschieht infolge der stärkeren oder geringeren Wärmeausstrahlung der Sonne in der Regel sozusagen von selbst, kann aber in besonderen Fällen von Gott nach eigens damit verfolgten Zwecken in bestimmte Richtungen gelenkt werden. Ich habe z.B. ziemlich sichere Andeutungen darüber erhalten, daß der harte Winter des Jahres 1870-1871 eine von Gott beschlossene Sache war, um bei gewissen Anlässen das Kriegsglück auf Seite der Deutschen zu wenden, und auch das stolze Wort von der Vernichtung der spanischen Armada Philipps II. im Jahre 1588 »Deus afflavit et dissipati sunt« (Gott fachte den Wind an und sie verschwanden) enthält höchst wahrscheinlich eine geschichtliche Wahrheit. Dabei nenne ich die Sonne nur als das der Erde zunächstgelegene Werkzeug der Äußerung der göttlichen Willensmacht; in Wirklichkeit kommt für die Gestaltung der Wetterlage auch die Gesamtheit der übrigen Gestirne in Betracht. Insbesondere entsteht Wind oder Sturm dadurch, daß sich Gott in größere Entfernung von der Erde zurückzieht; unter den jetzt eingetretenen weltordnungswidrigen Umständen hat sich das Verhältnis, um dies gleich im voraus zu erwähnen, dahin verschoben, daß das Wetter in gewissem Maße von meinem Tun und Denken abhängig ist; sobald ich mich dem Nichtsdenken hingebe, oder, was dasselbe besagt, mit einer von der Tätigkeit des menschlichen Geistes zeugenden Beschäftigung, z.B. im Garten mit Schachspielen aufhöre, erhebt sich sofort der Wind. Wer an dieser allerdings geradezu abenteuerlich klingenden Behauptung zweifeln wollte, dem kann ich fast täglich Gelegenheit geben, sich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen, ebenso wie ich dies in neuerer Zeit schon wiederholt verschiedenen Personen (dem Geh. Rat, meiner Frau, meiner Schwester usw.) gegenüber mit dem sogenannten Brüllen getan habe. Der Grund liegt eben darin, daß sich Gott, sobald ich mich dem Nichtsdenken hingebe, von mir als einer vermeintlich blödsinnigen Person zurückziehen zu können glaubt. Vermöge des von der Sonne und den übrigen Gestirnen ausgehenden Lichtes hat Gott die Fähigkeit, alles was auf der Erde (und etwaigen anderen bewohnten Planeten) vorgeht, wahrzunehmen, der Mensch würde sagen: zu sehen; insofern kann man bildlich von der Sonne und dem Sternenlichte als dem Auge Gottes reden. Er hat Freude an allem, was er sieht, als Erzeugnissen seiner Schöpferkraft, ähnlich wie der Mensch sich über seiner Hände Arbeit oder über das von seinem Geist Geschaffene freut. Dabei war jedoch – bis zu der weiter unten zu erwähnenden Krisis – das Verhältnis so, daß Gott die von ihm geschaffene Welt und die darauf befindlichen organischen Wesen (Pflanzen, Tiere, Menschen) im allgemeinen sich selbst überließ und nur durch Fortdauer der Sonnenwärme für die Möglichkeit ihrer Erhaltung, Fortpflanzung usw. sorgte. Ein unmittelbares Eingreifen Gottes in die Geschicke der einzelnen Menschen und Völker fand – ich bezeichne diesen Zustand als den weltordnungsmäßigen Zustand – in der Regel nicht statt. Ausnahmsweise konnte dies wohl ab und zu der Fall sein; allzuhäufig konnte und durfte es aber nicht geschehen, weil die damit verbundene Annäherung Gottes an die lebende Menschheit – aus weiter unten zu entwickelnden Gründen – für Gott selbst mit gewissen Gefahren verbunden gewesen wäre. So konnte etwa ein besonders inbrünstiges Gebet Gott vielleicht die Veranlassung geben, im einzelnen Falle mit einem Wunder helfend einzugreifen Daß Gott z.B. in der Lage ist, jeden Krankheitskeim im menschlichen Körper durch Entsendung einiger reiner Strahlen zu beseitigen, habe ich an meinem eigenen Körper in unzähligen Fällen erlebt und erlebe dies auch jetzt noch alltäglich von neuem. oder das Geschick ganzer Völker (im Kriege usw.) durch Wunder in bestimmte Richtungen zu lenken. Er konnte sich auch mit einzelnen hochbegabten Menschen (Dichtern usw.) in Verbindung setzen (»Nervenanhang bei demselben nehmen«, und die mit mir sprechenden Stimmen diesen Vorgang bezeichnen), um diese mit irgendwelchen befruchtenden Gedanken und Vorstellungen über das Jenseits (namentlich im Traume) zu begnadigen. Allein zur Regel durfte ein solcher »Nervenanhang«, wie gesagt, nicht werden, weil vermöge eines nicht weiter aufzuklärenden Zusammenhanges die Nerven lebender Menschen namentlich im Zustande einer hochgradigen Erregung eine derartige Anziehungskraft auf die Gottesnerven besitzen, daß Gott nicht wieder von ihnen hätte loskommen können, also in seiner eigenen Existenz bedroht gewesen wäre. (Zusatz vom November 1902). Die Vorstellung einer auf so ungeheure Entfernung wirkenden, von einzelnen menschlichen Körpern oder – in meinem Falle – von einem einzigen menschlichen Körper ausgehenden Anziehungskraft, müßte, an und für sich betrachtet, d.h. wenn man dabei nach Art der uns sonst bekannten Naturkräfte an ein bloß mechanisch wirkendes Agens denken wollte, geradezu absurd erscheinen. Gleichwohl ist das Wirken der Anziehungskraft als Tatsache für mich vollkommen unzweifelhaft. Einigermaßen begreiflich und dem menschlichen Verständnis näher gerückt wird vielleicht die Erscheinung, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Strahlen belebte Wesen sind und daß es sich daher bei der Anziehungskraft nicht um eine rein mechanisch wirkende Kraft, sondern um etwas den psychologischen Triebfedern ähnliches handelt: »Anziehend« ist eben auch für Strahlen dasjenige, was interessiert. Das Verhältnis scheint also ähnlich zu liegen, wie dasjenige, von dem Goethe in seinem »Fischer« singt: »Halb zog sie ihn, halb sank er hin.« Ein regelmäßiger Verkehr Gottes mit Menschenseelen fand nach der Weltordnung erst nach dem Tode statt. Den Leichen konnte sich Gott ohne Gefahr nähern, um ihre Nerven, in denen das Selbstbewußtsein nicht erloschen war, sondern nur ruhte, vermittelst der Strahlenkraft aus dem Körper heraus- und zu sich heraufzuziehen und sie damit zu neuem himmlischen Leben zu erwecken; das Selbstbewußtsein kehrte mit der Strahleneinwirkung zurück. Das neue jenseitige Leben ist die Seligkeit, zu der die Menschenseele erhoben werden konnte. Allerdings konnte dies nicht ohne vorgängige Läuterung und Sichtung der Menschennerven geschehen, die je nach der verschiedenen Beschaffenheit der Menschenseelen kürzerer oder längerer Zeit und nach Befinden noch gewisser Mittelstufen als Vorbereitung bedurfte. Für Gott – oder wenn man diesen Ausdruck vorzieht, im Himmel – waren nur reine Menschennerven zu gebrauchen, weil es ihre Bestimmung war, Gott selbst angegliedert zu werden und schließlich als »Vorhöfe des Himmels« Der Ausdruck »Vorhöfe des Himmels« ist nicht von mir erfunden, sondern gibt, wie alle anderen Ausdrucke, die in diesem Aufsatz mit Anführungsstrichen versehen sind (so z. B. oben »flüchtig hingemachte Männer«. »Traumleben« usw.) nur die Bezeichnung wieder, unter welcher jedesmal die mit mir redenden Stimmen den betreffenden Vorgang mir mitgeteilt haben. Es sind Ausdrücke, auf die ich nie von selbst gekommen sein würde , die ich nie von Menschen gehört habe, zum Teil auch wissenschaftlicher, insbesondere medizinischer Natur, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie der betreffenden menschlichen Wissenschaft geläufig sind. In einzelnen besonders bezeichneten Fällen werde ich auf dieses merkwürdige Verhältnis noch weiter aufmerksam machen. gewissermaßen Bestandteile Gottes selbst zu werden. Nerven sittlich verkommener Menschen sind geschwärzt; sittlich reine Menschen haben weiße Nerven; je höher ein Mensch sittlich in seinem Leben gestanden hat, desto mehr wird die Beschaffenheit seiner Nerven der vollkommenen Weiße oder Reinheit sich nähern, die den Gottesnerven von vornherein eigen ist. Bei sittlich ganz tiefstehenden Menschen ist vielleicht ein großer Teil der Nerven überhaupt nicht brauchbar; danach bestimmen sich die verschiedenen Grade der Seligkeit, zu der ein Mensch aufsteigen kann und wahrscheinlich auch die Zeitdauer, während deren ein Selbstbewußtsein im jenseitigen Leben sich aufrechterhalten läßt. Ganz ohne vorgängige Läuterung der Nerven wird es kaum jemals abgehen, da schwerlich ein Mensch zu finden sein wird, der ganz von Sünde frei wäre, dessen Nerven nicht also irgendeinmal in seinem vergangenen Leben durch unsittliches Verhalten verunreinigt worden wären. Eine ganz genaue Beschreibung des Läuterungsvorgangs zu liefern, ist auch für mich nicht möglich; immerhin habe ich verschiedene wertvolle Andeutungen darüber erhalten. Es scheint, daß das Läuterungsverfahren mit irgendeiner für die Seelen das Gefühl der Unlust erzeugenden Arbeitsleistung In betreff der Flechsigschen Seele war z. B. einmal von einem »Kärrnerdienste« die Rede, den dieselbe habe leisten müssen. oder einem mit Unbehagen verknüpften vielleicht unterirdischen Aufenthalt verbunden war, dessen es bedurfte, um sie nach und nach der Reinigung zuzuführen. Wer hierauf den Ausdruck »Strafe« anwenden will, mag ja in gewissem Sinne recht haben; nur ist im Unterschied von dem menschlichen Strafbegriff daran festzuhalten, daß der Zweck nicht in der Zufügung eines Übels, sondern nur in der Beschaffung einer notwendigen Vorbedingung für die Reinigung bestand. Hiermit erklären sich, müssen aber zum Teil auch berichtigt werden , die den meisten Religionen geläufigen Vorstellungen von Hölle, Fegefeuer usw. Die zu reinigenden Seelen lernten während der Reinigung die von Gott selbst gesprochene Sprache, die sog. »Grundsprache«, ein etwas altertümliches, aber immerhin kraftvolles Deutsch, das sich namentlich durch einen großen Reichtum an Euphemismen auszeichnet (so z. B. Lohn in der gerade umgekehrten Bedeutung für Strafe. Gift für Speise. Saft für Gift, unheilig für heilig usw. Gott selbst hieß »rücksichtlich dessen, der ist und sein wird« – Umschreibung der Ewigkeit – und wurde mit »Ew. Majestät treugehorsamer« angeredet). Die Läuterung wurde als »Prüfung« bezeichnet; Seelen, die das Läuterungsverfahren noch nicht durchgemacht hatten, hießen nicht, wie man erwarten sollte, »ungeprüfte Seelen«, sondern gerade umgekehrt, jener Neigung zum Euphemismus entsprechend »geprüfte Seelen«. Die noch in der Läuterung begriffenen Seelen wurden in verschiedenen Abstufungen »Satane«, »Teufel«. »Hilfsteufel«. »Oberteufel« und »Grundteufel« genannt; namentlich der letztere Ausdruck scheint auf einen unterirdischen Aufenthalt hinzuweisen. Die »Teufel« usw. hatten, wenn sie als flüchtig hingemachte Männer gesetzt wurden, eine eigentümliche Farbe (etwa das Möhrenrot) und einen eigentümlichen widerwärtigen Geruch, wie ich selbst in einer ganzen Anzahl von Fällen in der sog. Pierson'schen Anstalt in Coswig (mir als Teufelsküche bezeichnet) erlebt habe. Ich habe z. B. den Herrn v. W. und einen Herrn von O., den wir im Ostseebade Warnemünde kennengelernt hatten, als Teufel mit eigentümlich rotem Gesicht und roten Händen und den Geh. Rat W. als Oberteufel gesehen. Von Judas Ischariot habe ich vernommen, daß er wegen seines Verrats an Jesus Christus Grundteufel gewesen sei. Man darf sich aber diese Teufel nicht etwa, den christlichen Religionsbegriffen entsprechend, als gottfeindliche Mächte vorstellen, im Gegenteil waren dieselben fast durchgängig bereits sehr gottesfürchtig und unterlagen eben nur noch dem Reinigungsverfahren. Der oben aufgestellte Satz, daß Gott sich der deutschen Sprache in der Form der sog. »Grundsprache« bedient habe, darf natürlich nicht dahin verstanden werden, als ob die Seligkeit nur für die Deutschen bestimmt gewesen sei. Immerhin waren die Deutschen in neuerer Zeit (wahrscheinlich seit der Reformation, vielleicht aber auch schon seit der Völkerwanderung) das auserwählte Volk Gottes , dessen Sprache sich Gott vorzugsweise bediente. Das auserwählte Volk Gottes in diesem Sinne sind nacheinander im Laufe der Geschichte – als die jeweilig sittlich tüchtigsten Völker – die alten Juden, die alten Perser (diese in ganz besonders hervorragendem Maße, worüber weiter unten das Nähere), die »Graeco-Romanen« (vielleicht in der Zeit des römisch-griechischen Altertums, möglicherweise aber auch als »Franken« zur Zeit der Kreuzzüge) und zuletzt eben die Deutschen gewesen. Verständlich waren für Gott im Wege des Nervenanhangs ohne weiteres die Sprachen aller Völker. In ähnlicher Weise verstehen jetzt alle Seelen, die mit mir im Nervenanhang stehen, eben weil sie an meinen Gedanken teilnehmen, alle mir verständlichen Sprachen, verstehen z. B. Griechisch, wenn ich ein griechisches Buch lese usw. Den Zwecken der Läuterung unreiner Menschenseelen scheint auch die Seelenwanderung gedient zu haben, die, wie ich nach verschiedenen Erlebnissen anzunehmen Grund habe, in ausgedehntem Maße stattgefunden hat. Die betreffenden Menschenseelen wurden dabei auf anderen Weltkörpern, vielleicht mit einer dunklen Erinnerung an ihre frühere Existenz, zu einem neuen menschlichen Leben berufen, äußerlich vermutlich im Wege der Geburt, wie es sonst bei Menschen der Fall ist. Bestimmtere Behauptungen wage ich darüber nicht aufzustellen, namentlich auch darüber nicht, ob die Seelenwanderung nur dem Zwecke der Läuterung oder auch noch anderen Zwecken (Bevölkerung anderer Planeten?) gedient hat. Von den zu mir sprechenden Stimmen genannt oder sonst auf andere Weise bekannt geworden sind mir einige Fälle, wo die Betreffenden in dem späteren Leben eine wesentlich niedrigere Lebensstellung als in den früheren eingenommen haben sollen, worin vielleicht eine Art Bestrafung gelegen haben mag. Ein besonders bemerkenswerter Fall war der des Herrn v. W., dessen Seele eine Zeitlang ebenso, wie noch jetzt die Flechsig'sche Seele, einen sehr tiefgreifenden Einfluß auf meine Beziehungen zu Gott und demnach meiner persönlichen Schicksale ausgeübt hat. Daß ich hier, wie bereits oben in Anmerkung I. Namen von Menschen nenne, die jetzt noch unter den Lebenden sind und gleichwohl von einer Seelenwanderung rede, die sie durchgemacht haben sollen, erscheint auf den ersten Anblick natürlich als ein vollkommener Widerspruch, in der Tat liegt hierbei ein Rätsel vor, das auch ich nur unvollkommen zu lösen vermag, und das nach rein menschlichen Begriffen überhaupt nicht zu lösen sein würde. Gleichwohl sind die betreffenden Tatsachen in mehreren Fällen, namentlich, was die von W.'sche Seele und die Flechsig'sche Seele betrifft, für mich ganz unzweifelhaft, da ich die unmittelbaren Einwirkungen dieser Seelen auf meinen Körper jahrelang verspürt habe und, was die Flechsig'sche Seele möglicherweise einen Flechsig'schen Seelen teil betrifft, noch jetzt täglich und stündlich verspüre. Eine annähernde Erklärung des Zusammenhanges werde ich weiter unten, wenn ich auf die sog. Menschenspielerei zu reden komme, zu geben versuchen. Vorläufig genüge der Hinweis auf die Möglichkeit einer Seelenteilung , welche es denkbar erscheinen lassen würde, daß gewisse Verstandesnerven eines noch lebenden Menschen (die doch nach dem oben Bemerkten das volle Identitätsbewußtsein des Menschen wenn auch vielleicht nur auf kürzere Zeit bewahren würden) außerhalb seines Körpers irgendeine andere Rolle spielen. Von W. bekleidete zu der Zeit, als ich in der Pierson'schen Anstalt (der »Teufelsküche«) war, in dieser Anstalt die Stelle eines Oberwärters, nach meiner damaligen Auffassung – die ich mir auch jetzt noch nicht zu widerlegen vermag – nicht als wirklicher Mensch, sondern als »flüchtig hingemachter Mann« d. h. als eine durch göttliches Wunder vorübergehend in Menschengestalt gesetzte Seele. In der Zwischenzeit sollte er im Wege der Seelenwanderung als »Versicherungsagent Marx« schon ein zweites Leben auf irgendeinem anderen Weltkörper geführt haben. Die durch den Läuterungsprozeß vollkommen gereinigten Seelen stiegen zum Himmel empor und gelangten dadurch zur Seligkeit . Die Seligkeit bestand in einem Zustande ununterbrochenen Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes. Für den Menschen würde die Vorstellung eines ewigen Nichtstuns etwas Unerträgliches bedeuten, da der Mensch nun einmal an die Arbeit gewöhnt ist und für ihn, wie das Sprichwort besagt, erst die Arbeit das Leben süß macht. Allein man darf nicht vergessen, daß die Seelen etwas anderes sind, als der Mensch, und daß es daher unzulässig sein würde, an die Empfindungen der Seelen den menschlichen Maßstab anzulegen. Gleich als ob er eine Ahnung von diesem Verhältnisse gehabt habe, läßt z. B. Richard Wagner seinen Tannhäuser im höchsten Genuß der Liebeswonne sagen: »Doch sterblich, ach, bin ich geblieben und übergroß ist mir dein Lieben, wenn stets ein Gott genießen kann , bin ich dem Wechsel Untertan«, wie denn überhaupt vielfach bei unseren Dichtern gleichsam prophetische Blicke sich finden, die mich in der Annahme bestärken, daß ihnen göttliche Eingebungen im Wege des Nervenanhangs (namentlich im Traume) zuteil geworden seien. Für die Seelen bedeutet eben das fortwährende Schwelgen im Genusse und zugleich in den Erinnerungen an ihre menschliche Vergangenheit das höchste Glück. Dabei waren sie in der Lage, im Verkehre untereinander ihre Erinnerungen auszutauschen und vermittelst göttlicher – sozusagen zu diesem Zwecke geborgter – Strahlen von dem Zustande derjenigen noch auf der Erde lebenden Menschen, für die sie sich interessieren, ihrer Angehörigen, Freunde usw. Kenntnis zu nehmen, und wahrscheinlich auch nach deren Tode bei dem Heraufziehen derselben zur Seligkeit mitzuwirken. Zurückzuweisen ist die Vorstellung, als ob etwa das eigene Glück der Seelen durch die Wahrnehmung, daß ihre noch auf der Erde lebenden Angehörigen in unglücklicher Lage sich befanden, hätte getrübt werden können. Denn die Seelen besaßen zwar die Fähigkeit, die Erinnerung an ihre eigene menschliche Vergangenheit zu bewahren, nicht aber neue Eindrücke, die sie als Seelen empfingen, auf eine irgend in Betracht kommende Zeitdauer zu behalten. Dies ist die natürliche Vergeßlichkeit der Seelen, welche neue, ungünstige Eindrücke alsbald bei ihnen verwischt haben würde. Innerhalb der Seligkeit gab es Gradabstufungen je nach der nachhaltigen Kraft, die die betreffenden Nerven in ihrem Menschenleben erlangt hatten und wahrscheinlich auch nach der Zahl der Nerven, die zur Aufnahme in den Himmel für würdig befunden worden waren. Die männliche Seligkeit stand höher als die weibliche Seligkeit, welche letztere vorzugsweise in einem ununterbrochenen Wollustgefühle bestanden zu haben scheint. Es würde ferner etwa die Seele eines Goethe, eines Bismarck usw. ihr Selbstbewußtsein (Identitätsbewußtsein) vielleicht auf Jahrhunderte hinaus behauptet haben, während dies bei der Seele eines frühverstorbenen Kindes vielleicht nur auf so viel Jahre der Fall sein mochte, als die Lebensdauer im menschlichen Leben umfaßt hatte. Eine ewige Fortdauer des Bewußtseins, der oder jener Mensch gewesen zu sein, war keiner Menschenseele beschieden. Vielmehr war es die Bestimmung aller Seelen schließlich, verschmolzen mit anderen Seelen, in höheren Einheiten aufzugehen und sich damit nur noch als Bestandteile Gottes (»Vorhöfe des Himmels«) zu fühlen. Dies bedeutete also nicht einen eigentlichen Untergang – insofern war der Seele eine ewige Fortdauer beschieden – sondern nur ein Fortleben mit anderem Bewußtsein. Nur eine beschränkte Betrachtungsweise könnte darin eine Unvollkommenheit der Seligkeit – gegenüber der persönlichen Unsterblichkeit im Sinne etwa der christlichen Religionsvorstellungen – finden wollen. Denn welches Interesse hätte es für eine Seele haben sollen, des Namens, den sie einst unter Menschen geführt hatte, und ihrer damaligen persönlichen Beziehungen sich noch zu erinnern, wenn nicht nur ihre Kinder und Kindeskinder längst ebenfalls zur ewigen Ruhe eingegangen, sondern auch zahlreiche andere Generationen ins Grab gestiegen waren und vielleicht selbst die Nation, der sie einstmals angehört hatten, aus der Reihe der lebenden Völker gestrichen war. In dieser Weise habe ich – noch in der Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt – die Bekanntschaft mit Strahlen gemacht, die mir als Strahlen – d. h. zu höheren Einheiten erhobene Komplexe seliger Menschenseelen – des alten Judentums (»Jehovastrahlen«), des alten Persertums (»Zoroasterstrahlen«) und des alten Germanentums (»Thor- und Odinstrahlen«) bezeichnet wurden und unter denen sich sicher keine einzige Seele mehr befand, welche ein Bewußtsein davon gehabt hätte, unter welchem Namen sie vor Tausenden von Jahren dem einen oder anderen dieser Völker angehört habe. Die obige Darstellung in betreff der »Vorhöfe des Himmels« gibt zugleich vielleicht eine Ahnung in betreff des ewigen Kreislaufs der Dinge, der der Weltordnung zugrunde liegt. Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich in gewissem Sinne eines Teiles seiner selbst oder gibt einem Teile seiner Nerven eine veränderte Gestalt. Der scheinbar hierdurch entstehende Verlust wird aber wiederum ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden die selig gewordenen Nerven verstorbener Menschen, denen während ihres Erdenlebens die übrigen erschaffenen Dinge zur körperlichen Erhaltung gedient haben, als »Vorhöfe des Himmels« ihm wieder zuwachsen. Über den »Vorhöfen des Himmels« schwebte Gott selbst, dem im Gegensatz zu diesen »vorderen Gottesreichen« auch die Bezeichnung der »hinteren Gottesreiche« gegeben wurde. Die hinteren Gottesreiche unterlagen (und unterliegen noch jetzt) einer eigentümlichen Zweiteilung, nach der ein niederer Gott (Ariman) und ein oberer Gott (Ormuzd) unterschieden wurde. Über die nähere Bedeutung dieser Zweiteilung vermag ich weiter nichts auszusagen, Abgesehen von dem weiter unten in betreff der »Entmannung« zu Bemerkenden. als daß sich der niedere Gott (Ariman) vorzugsweise zu den Völkern ursprünglich brünetter Race (den Semiten) und der obere Gott vorzugsweise zu den Völkern ursprünglich blonder Race (den arischen Völkern) hingezogen gefühlt zu haben scheint. Bedeutsam ist, daß eine Ahnung dieser Zweiteilung sich in den religiösen Vorstellungen vieler Völker vorfindet. Der Balder der Germanen, der Bielebog (weißer Gott) oder Swantewit der Slawen, der Poseidon der Griechen und der Neptun der Römer ist mit Ormuzd, der Wodan (Odin) der Germanen, der Czernebog (schwarzer Gott) der Slawen, der Zeus der Griechen und der Jupiter der Römer ist mit Ariman identisch. Unter den Namen Ariman und Ormuzd wurden mir der niedere und der obere Gott zuerst Anfang Juli 1894 (etwa am Schlusse der ersten Woche meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt) von den mit mir redenden Stimmen genannt; seitdem höre ich diese Namen tagtäglich. Daß für die Bezeichnung des niederen und oberen Gottes die Namen der betreffenden persischen Gottheiten festgehalten worden sind, ist für mich ein Hauptgrund zu der Annahme, daß die alten Perser (natürlich vor ihrem späteren Verfall) in ganz besonders hervorragendem Sinne das »auserwählte Volk Gottes«, m. a. W. ein Volk von ganz besonderer sittlicher Tüchtigkeit gewesen sein müssen. Diese Annahme wird unterstützt durch die ungewöhnliche Vollkräftigkeit der Strahlen, die ich s. Z. an den »Zoroasterstrahlen« wahrgenommen habe. Der Name Ariman kommt übrigens auch z. B. in Lord Byrons Manfred im Zusammenhang mit einem Seelenmord vor. Der angegebene Zeitpunkt fällt zusammen mit der Aufzehrung der vorderen Gottesreiche, mit denen ich vorher (seit etwa Mitte März 1894) in Verbindung gestanden hatte. Das in dem vorstehenden entwickelte Bild von der Natur Gottes und der Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode weicht in manchen Beziehungen nicht unerheblich von den christlichen Religionsvorstellungen über diese Gegenstände ab. Gleichwohl scheint mir ein Vergleich zwischen beiden nur zugunsten des ersteren ausfallen zu können. Eine Allwissenheit und Allgegenwart Gottes in dem Sinne, daß Gott beständig in das Innere jedes einzelnen lebenden Menschen hereinsah, jede Gefühlsregung seiner Nerven wahrnahm, also in jedem gegebenen Zeitpunkte »Herz und Nieren prüfte«, gab es allerdings nicht. Allein dessen bedurfte es auch nicht, weil nach dem Tode die Nerven der Menschen mit allen Eindrücken, die sie während des Lebens empfangen hatten, offen vor Gottes Auge dalagen und danach das Urteil über ihre Würdigkeit zur Aufnahme in das Himmelreich mit unfehlbarer Gerechtigkeit erfolgen konnte. Im übrigen genügte die Möglichkeit , sobald irgendein Anlaß dazu gegeben schien, sich im Wege des Nervenanhangs Kenntnis von dem Innern eines Menschen zu verschaffen. Auf der anderen Seite fehlt dem von mir entworfenen Bilde jeder Zug von Härte oder zweckloser Grausamkeit, der manchen Vorstellungen der christlichen Religion und in noch höherem Grade denjenigen anderer Religionen aufgeprägt ist. Das Ganze der Weltordnung erscheint danach als ein »wundervoller Aufbau«, Wiederum ein nicht von mir erfundener Ausdruck. Ich hatte – natürlich in der weiter unten zu erwähnenden Gedanken- oder Nervensprache – von wundervoller Organisation gesprochen, worauf mir dann der Ausdruck »wundervoller Aufbau« von außen eingegeben wurde. gegen dessen Erhabenheit alle Vorstellungen, welche sich Menschen und Völker im Laufe der Geschichte über ihre Beziehungen zu Gott gebildet haben, nach meinem Urteil weit zurücktreten. II. Eine Krisis der Gottesreiche? Seelenmord In diesen »wundervollen Aufbau« ist nun in neuerer Zeit ein Riß gekommen, der mit meinem persönlichen Schicksal auf das engste verknüpft ist. Die tieferen Zusammenhänge in einer für den menschlichen Verstand vollkommen faßbaren Weise darzustellen, ist auch für mich unmöglich. Es sind dunkle Vorgänge, deren Schleier ich auf Grund meiner persönlichen Erlebnisse nur teilweise lüften kann, während ich im übrigen nur auf Ahnungen und Vermutungen angewiesen bin. Einleitend habe ich dazu zu bemerken, daß bei der Genesis der betreffenden Entwicklung deren erste Anfänge weit, vielleicht bis zum 18. Jahrhundert zurückreichen, einesteils die Namen Flechsig und Schreber (wahrscheinlich nicht in der Beschränkung auf je ein Individuum der betreffenden Familien) und andernteils der Begriff des Seelenmords eine Hauptrolle spielen. Um mit letzterem zu beginnen, so ist die Vorstellung, daß es möglich sei, sich in irgendwelcher Weise der Seele eines anderen zu bemächtigen, um sich auf Kosten der betreffenden Seele entweder ein längeres Leben oder irgendwelche andere, über den Tod hinausreichenden Vorteile zu verschaffen, in Sage und Dichtung bei allen Völkern verbreitet. Ich erinnere beispielsweise nur an Goethe's Faust, Lord Byron's Manfred, Weber's Freischütz usw. Gewöhnlich wird allerdings dem Teufel dabei eine Hauptrolle zugeschrieben, der sich die Seele eines Menschen mittelst eines Tröpfchens Blut gegen irgendwelche irdische Vorteile verschreiben läßt usw., ohne daß man freilich recht sieht, was der Teufel mit der eingefangenen Seele eigentlich beginnen sollte, wenn man nicht annehmen will, daß ihm das Quälen einer Seele als Selbstzweck ein besonderes Vergnügen bereitet habe. Mag aber auch diese letztere Vorstellung schon aus dem Grunde, daß es einen Teufel als eine gottfeindliche Macht nach dem obigen überhaupt nicht gibt, in das Reich der Fabel zu verweisen sein, so gibt doch immerhin die weite Verbreitung des Sagenmotivs vom Seelenmorde oder Seelenraube zum Nachdenken Veranlassung, da es wenig wahrscheinlich ist, daß sich solche Vorstellungen bei so vielen Völkern gleichmäßig ohne jeden tatsächlichen Hintergrund gebildet haben sollten. Da nun die mit mir redenden Stimmen seit den ersten Anfängen meiner Verbindung mit Gott (Mitte März 1894) bis jetzt tagtäglich die Tatsache, daß von irgendeiner Seite Seelenmord getrieben worden sei, als die Ursache der über die Gottesreiche hereingebrochenen Krisis bezeichnen, wobei in früherer Zeit Flechsig als Urheber des Seelenmords genannt wurde, während man jetzt schon seit längerer Zeit in beabsichtigter Umkehr des Verhältnisses mich selbst als denjenigen, der Seelenmord getrieben habe, »darstellen« will, so gelange ich zu der Annahme, daß irgendeinmal, vielleicht schon in früheren Generationen, ein als Seelenmord zu bezeichnender Vorgang zwischen den Familien Flechsig und Schreber stattgefunden habe, wie ich denn auf Grund weiterer Vorgänge der Überzeugung bin, daß zu der Zeit, als meine Nervenkrankheit einen schwer heilbaren Charakter anzunehmen schien, ein Seelenmord von irgendeiner Seite, wenn auch erfolglos, an mir versucht worden ist. Wahrscheinlich sind dann dem ersten Seelenmorde nach dem Grundsatze l'appetit vient en mangeant noch weitere Seelenmorde an den Seelen anderer Menschen gefolgt. Ob wirklich einen Menschen die sittliche Verantwortung für den ersten Fall des Seelenmords trifft, will ich dahingestellt sein lassen; in dieser Beziehung bleibt eben vieles dunkel. Möglicherweise hat es sich zuerst um einen der Eifersucht entsprungenen Kampf bereits aus dem Leben abgeschiedener Seelen gehandelt. Die Flechsig's und die Schreber's gehörten nämlich beide, wie der Ausdruck lautete, »dem höchsten himmlischen Adel« an; die Schreber's führten insbesondere den Titel »Markgrafen von Tuscien und Tasmanien«, entsprechend einer Gewohnheit der Seelen, sich, einer Art persönlicher Eitelkeit folgend, mit etwas hochtrabenden irdischen Titeln zu schmücken. Aus beiden Familien kommen verschiedene Namen in Betracht, der aus Familie Flechsig insbesondere außer dem Professor Paul Theodor Flechsig auch ein Abraham Fürchtegott Flechsig und ein Daniel Fürchtegott Flechsig, welcher letzterer Ausgang des 18. Jahrhunderts gelebt haben und wegen eines seelenmordartigen Vorgangs »Hilfsteufel« gewesen sein soll. Jedenfalls habe ich mit dem Professor Paul Theodor Flechsig und mit Daniel Fürchtegott Flechsig (ob auch mit dem ersteren in der Eigenschaft als Seele?) lange Zeit in Nervenanhang gestanden und Seelenteile von beiden im Leibe gehabt. Die Seele Daniel Fürchtegott Flechsigs ist schon seit Jahren verschwunden (hat sich verflüchtigt); von der Seele des Prof. Paul Theodor Flechsig existiert mindestens ein Teil (d. h. also eine gewisse Anzahl von Nerven, die ursprünglich das inzwischen allerdings stark abgeschwächte Identitätsbewußtsein des Prof. Paul Theodor Flechsig hatten) als »geprüfte Seele« noch jetzt am Himmel. Da ich von dem Stammbaum der Familie Flechsig aus andern Quellen, als den Mitteilungen der mit mir redenden Stimmen, nicht die geringste Kenntnis habe, so wäre es vielleicht nicht ohne Interesse, festzustellen, ob unter den Vorfahren des jetzigen Professors Flechsig sich wirklich ein Daniel Fürchtegott Flechsig und ein Abraham Fürchtegott Flechsig befunden hat. Ich nehme nun an, daß es irgendeinmal einem Träger des Namens Flechsig – einem Menschen der diesen Namen führte – gelungen ist, einen ihm zum Zweck göttlicher Eingebungen oder auch anderen Gründen gewährten Nervenanhang zur Festhaltung der göttlichen Strahlen zu mißbrauchen . Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um eine Hypothese, die aber, wie sonst bei menschlich-wissenschaftlichen Untersuchungen, solange festgehalten werden muß, bis man einen besseren Grund für die zu erklärenden Vorgänge findet. Daß ein göttlicher Nervenanhang gerade einer Person gewährt wurde, die sich mit Ausübung der Nervenheilkunde befaßte, erscheint sehr naheliegend, da es sich einesteils dabei voraussetzlich um einen geistig hochstehenden Menschen handelte, andernteils alles dasjenige, was das menschliche Nervenleben betrifft, schon in dem instinktiven Bewußtsein, daß sich aus einer unter den Menschen überhandnehmenden Nervosität irgendwelche Gefahren für die Gottesreiche ergeben könnten, für Gott von besonderem Interesse sein mußte. Die Heilanstalten für Geisteskranke hießen daher in der Grundsprache »Nervenanstalten Gottes«. Sollte der oben erwähnte Daniel Fürchtegott Flechsig derjenige gewesen sein, der zuerst durch Mißbrauch eines göttlichen Nervenanhangs gegen die Weltordnung gefehlt hat, so würde der Umstand, daß derselbe mir andrerseits von den mit mir redenden Stimmen als Landgeistlicher bezeichnet worden ist, wohl nicht unbedingt entgegenstehn, da zu der Zeit, als Daniel Fürchtegott Flechsig gelebt haben soll – im 18. Jahrhundert etwa zur Zeit Friedrichs des Großen Ich entnehme dies daraus, daß ich mich in dem späteren Nervenanhang mit Daniel Fürchtegott Flechsig u. a. über Friedrich den Großen unterhalten habe, an den er als die wahrscheinlich bedeutendste Persönlichkeit seines Zeitalters noch eine Erinnerung hatte. Dagegen wußte er z. B. von Eisenbahnen nichts und es war mir seinerzeit daher nicht uninteressant, den Versuch zu machen, einer abgeschiedenen Seele im Wege der Nervenanhangsunterhaltung eine Vorstellung zu geben, was eine Eisenbahn sei und welche Umwälzung im menschlichen Verkehrsleben durch diese Erfindung hervorgebracht worden sei. – öffentliche Heilanstalten für Geisteskranke noch nicht existierten. Man würde sich also vorzustellen haben, daß eine derartige – vielleicht neben einem sonstigen Beruf – mit Ausübung der Nervenheilkunde befaßte Person irgendeinmal im Traume wunderbare Bilder gesehen und wunderbare Dinge erfahren zu haben geglaubt habe, denen weiter nachzuforschen sie sich teils durch die allgemeine menschliche Wißbegier, teils durch ein gerade bei ihr vorhandenes wissenschaftliches Interesse angespornt gefühlt habe. Der Betreffende brauchte dabei vielleicht zunächst noch gar nicht das Bewußtsein zu haben, daß es sich um einen mittelbaren oder unmittelbaren Verkehr mit Gott handele. Er suchte sich vielleicht in einer der folgenden Nächte die Traumbilder wieder in das Gedächtnis zurückzurufen und machte dabei die Erfahrung, daß in dem alsdann eintretenden Schlafe die Traumbilder in derselben oder etwas veränderter Gestalt mit einer weiteren Ergänzung der früheren Mitteilungen wiederkehrten. Nunmehr wuchs natürlich das Interesse, zumal der Träumende vielleicht erfahren mochte, daß diejenigen, von denen die Mitteilungen ausgingen, seine eignen Vorfahren seien, denen neuerdings von Mitgliedern der Familie Schreber in irgendwelcher Beziehung der Rang abgelaufen sei. Er machte nun vielleicht den Versuch, durch Anspannung seiner Willensenergie nach Art der Gedankenleser – eines Cumberland usw. – auf die Nerven mit ihm lebender Menschen einzuwirken und brachte dabei in Erfahrung, daß dies in gewissem Maße möglich sei. Er widersetzte sich der Wiederaufhebung des einmal von göttlichen Strahlen mittelbar oder unmittelbar bei ihm genommenen Nervenanhangs, oder machte dieselben von Bedingungen abhängig, die man ihm bei der natürlichen Schwäche des Seelencharakters im Verhältnis zum lebenden Menschen und zufolge der Unmöglichkeit, in dauerndem Nervenanhang mit einem einzigen Menschen zu bleiben, nicht verweigern zu können glaubte. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, daß irgend etwas Ähnliches wie eine Verschwörung zwischen einem derartigen Menschen und Elementen der vorderen Gottesreiche zum Nachteile des Schreber'schen Geschlechtes etwa in der Richtung, daß ihnen die Nachkommenschaft oder wenigstens die Wahl von Berufen, die, wie derjenige eines Nervenarztes, in nähere Beziehungen zu Gott führen konnten, versagt werden solle, zustande gekommen sei. Bei dem, was oben hinsichtlich der Verfassung der Gottesreiche und der (beschränkten) Allgegenwart Gottes bemerkt worden ist, brauchte ein solches Treiben noch nicht gleich zur Kenntnis der hinteren Gottesreiche zu kommen. Auch gelang es vielleicht den Verschwörern – um diesen Ausdruck beizuhalten – etwaige Bedenken dadurch zu beschwichtigen – daß man bei Angehörigen der Familie Schreber in unbewachten Momenten, wie sie wohl jeder Mensch in seinem Leben einmal hat, Nervenanhang nehmen ließ, um auch der nächsthöheren Instanz in der Hierarchie der Gottesreiche die Überzeugung beizubringen, daß es auf eine Schreberseele nicht ankommen könne, wenn es sich darum handele, irgendeine Gefahr für den Bestand der Gottesreiche abzuwenden. In diesen Zusammenhang gehört der Ausdruck »Nur eine Schreberseele«, den ich in der Zeit meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt von den mit mir redenden Stimmen mehr als einmal vernommen habe. Für die Annahme, daß absichtlich in solchen Augenblicken, wo man einen weniger vorteilhaften Eindruck von meinem sittlichen Niveau erhalten mochte, Nervenanhang genommen worden sei, fehlt es mir nicht gänzlich an gewissen Anhaltspunkten, die indessen hier näher darzulegen zu weit führen würde. (Anmerkungen 17 und 18 fehlen.) So konnte man vielleicht dazu kommen, einem von Ehrgeiz und Herrschsucht eingegebenen Streben, das in seinen Konsequenzen zu einem Seelenmorde – falls es etwas Derartiges gibt – also zur Auslieferung einer Seele an einen anderen, etwa zur Erreichung eines längeren irdischen Lebens oder zur Aneignung der geistigen Kräfte des Betreffenden oder zur Verschaffung einer Art persönlicher Unsterblichkeit, oder zu irgendwelchen sonstigen Vorteilen führen konnte, nicht gleich von vornherein mit voller Entschiedenheit entgegenzutreten. Auf der anderen Seite mochte die Gefahr, die daraus für die Gottesreiche selbst entstehen konnte, unterschätzt werden. Man fühlte sich im Besitze einer ungeheuren Macht, welche den Gedanken gar nicht aufkommen ließ, daß jemals ein einzelner Mensch Gott selbst gefährlich werden könne. In der Tat habe ich nach alledem, was ich später von der Wundergewalt Gottes erfahren und erlebt habe, nicht den mindesten Zweifel darüber, daß Gott – das Fortbestehen weltordnungsmäßiger Verhältnisse vorausgesetzt – jederzeit in der Lage gewesen wäre, einen ihm unbequemen Menschen durch Zusendung einer todbringenden Krankheit oder durch Blitzschlag zu vernichten. Zu diesen schärfsten Mitteln glaubte man aber vielleicht dem vorausgesetzten Seelenmörder gegenüber nicht gleich schreiten zu müssen, wenn dessen Vergehen zunächst nur in dem Mißbrauch eines göttlichen Nervenanhangs bestand, der die Perspektive auf einen daraus hervorgehenden Seelenmord nur von ferne zu eröffnen schien und wenn sonstige persönliche Verdienste und sonstiges sittliches Verhalten desselben nicht erwarten ließen, daß es zu einem solchen Äußersten kommen werde. Worin das eigentliche Wesen des Seelenmords und sozusagen die Technik desselben besteht, vermag ich außer dem im obigen Angedeuteten nicht zu sagen. Hinzuzufügen wäre nur noch etwa (folgt eine Stelle, die sich zur Veröffentlichung nicht eignet). Soweit im übrigen dem jetzigen Geh. Rat Prof. Flechsig oder einem seiner Vorfahren wirklich die Urheberschaft an »Seelenmorden« zur Last zu legen sein sollte, ist für mich das eine wenigstens unzweifelhaft, daß der Betreffende von den mir inzwischen bekanntgewordenen übersinnlichen Dingen zwar eine Ahnung erlangt haben mußte, aber sicher nicht bis zu einer tieferen Erkenntnis Gottes und der Weltordnung durchgedrungen war. Denn wer auf diese Weise zu einem festen Gottesglauben und zu der Gewißheit, daß ihm ohnedies eine Seligkeit nach Maßgabe der Reinheit seiner Nerven verbürgt sei, gelangt war, konnte unmöglich auf den Gedanken kommen, sich an den Seelen anderer zu vergreifen. Ebensowenig würde dies bei jemandem der Fall gewesen sein, der auch nur im Sinne unserer positiven Religion als gläubig zu bezeichnen gewesen wäre. Welche Stellung der jetzige Geh. Rat Prof. Flechsig in religiösen Dingen eingenommen hat und noch einnimmt, ist mir unbekannt. Sollte er, wie so viele moderne Menschen, zu den Zweiflern gehört haben oder gehören, so würde ihm ja daraus an sich kein Vorwurf zu machen sein, am wenigstens von mir, der ich selbst bekennen muß, dieser Kategorie solange angehört zu haben, bis ich durch göttliche Offenbarungen eines besseren belehrt worden bin. Wer sich die Mühe genommen hat, das Vorstehende mit einiger Aufmerksamkeit zu lesen, dem wird vielleicht unwillkürlich der Gedanke gekommen sein, daß es aber doch dann übel mit Gott selbst bestellt gewesen sein müsse oder bestellt sei, wenn das Verhalten eines einzelnen Menschen ihm irgendwelche Gefahren habe bereiten können und wenn sich gar Gott selbst, wenn auch nur in untergeordneten Instanzen, Der (von mir stammende) Ausdruck »Instanzen« ebenso wie oben »Hierarchie« scheint mir der richtige zu sein, um ein annäherndes Bild von der Verfassung der Gottesreiche zu geben. Solange ich mit den vorderen Gottesreichen (Vorhöfen des Himmels) in Verbindung stand (März bis Anfang Juli 1894) pflegte jeder Strahlenführer (»vorderer Kolonnenführer« nach einem von mir gehörten Ausdrucke) sich selbst als »Gottes Allmacht« zu gerieren. Er wußte, daß noch Höhere hinter ihm kamen, wer aber diese Höheren seien und wie hoch es hinaufginge, wußte er nicht. Als dann (Anfang Juli 1894) die hinteren Gottesreiche (Ariman und Ormuzd) selbst auf dem Schauplatz erschienen, geschah das anfangs mit so überwältigender Pracht der Lichterscheinungen, daß selbst die damals noch als »geprüfte Seelen« vorhandenen v. W.'sehen und Flechsig'schen Seelen sich dem Eindrucke nicht entziehen konnten, sondern ihre bis dahin geübte höhnische Opposition gegen Gottes Allmacht vorübergehend einstellten. Weshalb die Lichterscheinungen sich nicht dauernd in meiner Nähe erhielten, werde ich später auseinandersetzen. Gesehen habe ich von ihnen Ariman in der Nacht, nicht im Traume, sondern im wachenden Zustande, Ormuzd dagegen an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen am Tage während meines Gartenaufenthalts. In meiner Begleitung war damals nur der Pfleger M. Ich muß annehmen, daß derselbe damals nicht wirklicher Mensch, sondern nur flüchtig hingemachter Mann gewesen ist, weil er sonst von der Lichterscheinung, die doch auch er gesehen haben muß und die vielleicht den 6. bis 8. Teil des Himmels einnahm, dergestalt hätte geblendet werden müssen, daß er seiner Bewunderung in irgendwelcher Weise Ausdruck gegeben hätte. zu einer Art Konspiration gegen im Grunde genommen unschuldige Menschen habe verleiten lassen. Ich kann einem solchen Einwurf nicht alle Berechtigung absprechen, möchte aber doch nicht unterlassen hinzuzufügen, daß in mir dadurch der Glaube an die Größe und Erhabenheit Gottes und der Weltordnung nicht erschüttert worden ist. Ein Wesen von derjenigen absoluten Vollkommenheit , die ihm die meisten Religionen beilegen, war und ist allerdings auch Gott selbst nicht. Die Anziehungskraft, d. h. dasjenige auch für mich seinem innersten Wesen nach unergründliche Gesetz, vermöge dessen Strahlen und Nerven sich gegenseitig anziehen, birgt einen Keim von Gefahren für die Gottesreiche in sich, deren Vorstellung vielleicht schon der germanischen Sage von der Götterdämmerung zugrunde liegt. Eine wachsende Nervosität unter den Menschen konnte und kann diese Gefahren erheblich steigern. Daß Gott einen lebenden Menschen nur von außen sah, eine Allgegenwart und Allwissenheit Gottes in bezug auf das Innere des lebenden Menschen aber – als Regel – nicht bestand, ist schon oben erwähnt worden. Auch die ewige göttliche Liebe bestand im Grunde genommen nur der Schöpfung als ganzem gegenüber. Sobald eine Kollision der Interessen mit einzelnen Menschen oder Menschheitsgruppen, (man denke an Sodom und Gomorrha!) vielleicht sogar der ganzen Bewohnerschaft eines Planeten (durch Zunahme der Nervosität und Unsittlichkeit) sich ergab, mußte in Gott der Selbsterhaltungstrieb wie in jedem anderen belebten Wesen sich regen. Allein vollkommen ist schließlich doch alles dasjenige, was seinem Zwecke entspricht, sollte auch die menschliche Einbildungskraft sich irgendeinen noch idealeren Zustand auszumalen vermögen. Daß der menschliche Organismus ein Organismus von Hoher Vollkommenheit ist, wird niemand leugnen wollen. Und doch ist vielleicht fast allen Menschen schon der Gedanke gekommen, es wäre doch eigentlich recht hübsch, wenn der Mensch auch noch fliegen könnte wie die Vögel. Und dieser Zweck, für Gott die ewige Freude an seiner Schöpfung und für die Menschen die Daseinsfreude während ihres Erdenlebens und nach dem Tode das höchste Glück in Form der Seligkeit, wurde doch erreicht. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Gott irgendeinem einzelnen Menschen das ihm gebührende Maß der Seligkeit versagt hätte, da jede Vermehrung der »Vorhöfe des Himmels« nur dazu dienen konnte, seine eigene Macht zu erhöhen und die Schutzwehren gegen die aus der Annäherung an die Menschheit erwachsenden Gefahren zu verstärken. Eine Kollision der Interessen Gottes und einzelner Menschen konnte unter der Voraussetzung weltordnungsmäßigen Verhaltens der letzteren gar nicht eintreten. Wenn es trotzdem in meinem Falle aus Anlaß des vorausgesetzten Seelenmords zu einer solchen Interessenkollision gekommen ist, so ist dies nur infolge einer so wunderbaren Verkettung von Umständen geschehen, Hierüber erst später das Nähere. daß ein solcher Fall in der Weltgeschichte wohl noch niemals vorgekommen ist und, wie ich hoffen möchte, auch niemals wieder vorkommen wird. Und auch in diesem so ganz eigenartigen Falle trägt die Weltordnung die Heilmittel für die ihr geschlagenen Wunden in sich selbst; die Remedur liegt in der Ewigkeit . Während ich früher (etwa 2 Jahre lang) annehmen zu müssen geglaubt habe und nach meinen damaligen Erlebnissen auch annehmen mußte, daß die dauernde Fesselung Gottes an meine Person den Untergang der ganzen Erdenschöpfung bis auf etwas Wunderspielerei in meiner unmittelbaren Nähe zur Folge gehabt habe, habe ich diese Auffassung in neuerer Zeit wesentlich einzuschränken gehabt. Es sind einzelne Menschen recht unglücklich geworden; ich selbst habe, wie ich wohl sagen darf, eine grausige Zeit durchlebt und eine bittere Schule der Leiden durchgemacht. Auf der anderen Seite hat das seit sechs Jahren ununterbrochen fortdauernde Zuströmen von Gottesnerven in meinen Körper den Verlust der ganzen bis dahin angesammelten Seligkeit und die vorläufige Unmöglichkeit der Neubegründung von Seligkeiten zur Folge gehabt, so daß die Seligkeit sozusagen suspendiert ist, alle Menschen, die seitdem gestorben sind und noch sterben werden, bis auf weiteres nicht selig werden können . Für die Gottesnerven selbst vollzieht sich der Übergang in meinen Körper widerwillig und mit einem Gefühl des Unbehagens, das sich in fortwährenden Hilferufen der von der Gesamtmasse losgelösten Nerventeile, die ich tagtäglich am Himmel höre, zu erkennen gibt. Allein alle diese Verluste können wieder ausgeglichen werden, sofern es eine Ewigkeit gibt, wenn auch vielleicht Tausende von Jahren erforderlich sein mögen, um den früheren Zustand vollständig wiederherzustellen. III. Dieses III. Kapitel wurde mit Rücksicht auf Schrebers Familie vom Druck ausgeschlossen. Das unter I und II Ausgeführte war notwendig, um das Verständnis des folgenden vorzubereiten. Was bisher zum Teil nur als Axiom hingestellt werden konnte, wird dabei zugleich diejenige Begründung finden, die nach Lage der Sache überhaupt möglich ist. Ich behandle nun zunächst einige Vorkommnisse an andern Mitgliedern meiner Familie, die denkbarerweise in Beziehung zu dem vorausgesetzten Seelenmord stehen könnten, und die jedenfalls alle ein mehr oder weniger rätselhaftes, nach sonstigen menschlichen Erfahrungen schwer zu erklärendes Gepräge an sich tragen. (Der weitere Inhalt des Kapitels kommt als zur Veröffentlichung ungeeignet für den Druck in Wegfall.) IV. Persönliche Erlebnisse während der ersten und im Beginn der zweiten Nervenkrankheit Ich komme nunmehr auf meine eigenen persönlichen Schicksale während der beiden Nervenkrankheiten, die mich betroffen haben, zu sprechen, ich bin zweimal nervenkrank gewesen, beide Male infolge von geistiger Überanstrengung; das erstemal (als Landgerichtsdirektor in Chemnitz) aus Anlaß einer Reichstagskandidatur, das zweitemal aus Anlaß der ungewöhnlichen Arbeitslast, die ich beim Antritt des mir neuübertragenen Amtes eines Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht Dresden vorfand. Die erste der beiden Krankheiten trat in ihren Anfängen im Herbst 1884 hervor und war Ende 1885 vollständig geheilt, so daß ich am 1. Januar 1886 das Amt eines Landgerichtsdirektors und zwar bei dem Landgericht Leipzig, wohin ich inzwischen versetzt worden war. wieder antreten konnte. Die zweite Nervenkrankheit begann im Oktober 1893 und dauert jetzt noch an. in beiden Fällen habe ich einen größeren Teil der Krankheitszeit in der bei der Universität zu Leipzig bestehenden, vom Prof. jetzigen Geh. Rat Dr. Flechsig geleiteten Irrenklinik zugebracht, das erstemal von Anfang Dezember 1884 bis Anfang Juni 1885, das zweitemal von etwa Mitte November 1893 bis etwa Mitte Juni 1894. In beiden Fällen habe ich beim Eintritt in die Anstalt von einem Antagonismus, der zwischen den Familien Schreber und Flechsig bestanden habe und von den übersinnlichen Dingen, von denen ich in den vorhergehenden Kapiteln gehandelt habe, nicht die leiseste Ahnung gehabt. Die erste Krankheit verlief ohne jede an das Gebiet des Übersinnlichen anstreifenden Zwischenfälle. Von der Behandlungsweise des Professor Flechsig habe ich während derselben in der Hauptsache nur günstige Eindrücke empfangen. Einzelne Mißgriffe mögen vorgekommen sein, ich war schon während meiner damaligen Krankheit und bin noch jetzt der Meinung, daß Notlügen , die der Nervenarzt zwar vielleicht manchem Geisteskranken gegenüber nicht ganz entbehren kann, aber doch stets nur mit äußerster Vorsicht anwenden sollte, mir gegenüber wohl kaum jemals am Platze waren, da man in mir doch bald einen geistig hochstehenden Menschen von ungewöhnlich scharfem Verstand und scharfer Beobachtungsgabe erkennen mußte. Und für eine Notlüge konnte ich es doch nur ansehen, wenn z. B. Prof. Flechsig meine Erkrankung nur als eine Bromkalivergiftung darstellen wollte, die dem Sanitätsrat Dr. R. in S., in dessen Behandlung ich vorher gewesen war, zur Last zu legen sei. Auch von gewissen hypochondrischen Vorstellungen, die mich damals beherrschten, namentlich der der Abmagerung, hätte ich nach meinem Dafürhalten wohl rascher befreit werden können, wenn man mich die Waage, die zur Ermittlung des Körpergewichts diente – die damals in der Universitätsklinik befindliche Waage war von einer eigentümlichen mir unbekannten Konstruktion – einige Male selbst hätte bedienen lassen. Indessen sind dies Nebendinge, auf die ich kein großes Gewicht lege; man wird vielleicht auch von dem Leiter einer großen Anstalt, in welcher sich Hunderte von Patienten befinden, nicht verlangen können, daß er sich so eingehend in die Geistesverfassung eines einzelnen von ihnen versenke. Die Hauptsache war, daß ich schließlich (nach einer längeren Rekonvaleszenzreise) geheilt wurde und ich konnte daher damals nur von Gefühlen lebhaften Dankes gegen Prof. Flechsig erfüllt sein, denen ich auch durch einen späteren Besuch und ein nach meinem Dafürhalten angemessenes Honorar noch besonderen Ausdruck gegeben habe. Fast noch inniger wurde der Dank von meiner Frau empfunden, die in Professor Flechsig geradezu denjenigen verehrte, der ihr ihren Mann wiedergeschenkt habe und aus diesem Grunde sein Bildnis jahrelang auf ihrem Arbeitstische stehen hatte. Nach der Genesung von meiner ersten Krankheit habe ich acht, im ganzen recht glückliche, auch an äußeren Ehren reiche und nur durch die mehrmalige Vereitelung der Hoffnung auf Kindersegen zeitweilig getrübte Jahre mit meiner Frau verlebt. Im Juni 1893 wurde mir (zunächst durch den Herrn Minister Dr. Schurig persönlich) die Nachricht von meiner bevorstehenden Ernennung zum Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht Dresden zuteil. In diese Zeit fallen einige Träume, denen ich damals keine besondere Beachtung geschenkt habe und auch jetzt noch nach dem Sprichworte »Träume sind Schäume« keine weitere Beachtung schenken würde, wenn ich nicht nach den inzwischen gemachten Erfahrungen wenigstens an die Möglichkeit , daß sie mit einem bei mir genommenen göttlichen Nervenanhang zusammenhingen, denken müßte. Es träumte mir einige Male, daß meine frühere Nervenkrankheit wieder zurückgekehrt sei, worüber ich dann natürlich im Traume ebenso unglücklich war, als ich mich nach dem Erwachen glücklich fühlte, daß es eben nur ein Traum gewesen war. Ferner hatte ich einmal gegen Morgen noch im Bette liegend (ob noch halb schlafend oder schon wachend weiß ich nicht mehr) eine Empfindung, die mich beim späteren Nachdenken in vollständig wachem Zustande höchst sonderbar berührte. Es war die Vorstellung, daß es doch eigentlich recht schön sein müsse, ein Weib zu sein, das dem Beischlaf unterliege. – Diese Vorstellung war meiner ganzen Sinnesart so fremd; ich würde sie, wie ich wohl sagen darf, bei vollem Bewußtsein mit solcher Entrüstung zurückgewiesen haben, daß ich nach dem inzwischen von mir Erlebten allerdings die Möglichkeit nicht ganz von der Hand weisen kann, es seien irgendwelche äußere Einflüsse, die mir diese Vorstellung eingegeben haben, mit im Spiele gewesen. Am 1. Oktober 1893 trat ich mein neues Amt als Senatspräsident beim Oberlandesgericht Dresden an. Die Arbeitslast, die ich vorfand, war, wie bereits bemerkt, ungemein groß. Dazu kam das meinetwegen vom Ehrgeiz eingegebene, aber doch auch im Interesse des Amtes gebotene Bestreben, mir durch unbestreitbare Tüchtigkeit meiner Leistungen zunächst das erforderliche Ansehen bei meinen Kollegen und den sonst beteiligten Kreisen (Rechtsanwälten usw.) zu verschaffen. Diese Aufgabe warum so schwerer und stellte auch an den Takt im persönlichen Verkehr um so größere Anforderungen, als die Mitglieder des (Fünfrichter-)Kollegiums, in dem ich den Vorsitz zu führen hatte, mir fast sämtlich im Alter weit (bis zu 20 Jahren) überlegen und obendrein mit der Praxis des Gerichtshof, in den ich neu eintrat, immerhin in gewisser Beziehung vertrauter waren. So geschah es, daß ich mich schon nach einigen Wochen geistig übernommen hatte. Der Schlaf fing an zu versagen und zwar gerade etwa in dem Zeitpunkte, als ich mir sagen konnte, die Schwierigkeiten der Einrichtung in das neue Amt, in die neuen Wohnungsverhältnisse usw. seien in der Hauptsache überwunden. Ich fing an Bromnatrium zu nehmen. Gelegenheit zu geselliger Zerstreuung, die mir jedenfalls viel wohler getan haben würde–wie ich daraus entnahm, daß ich nach dem einzigen Male, wo wir zu einer Abendgesellschaft eingeladen waren, erheblich besser schlief – gab es bei unserer Unbekanntschaft in Dresden fast gar nicht. Die ersten ganz schlechten, d. h. nahezu völlig schlaflosen Nächte fielen in die letzten Tage des Monats Oktober oder in die ersten Tage des Monats November. Hierbei ereignete sich ein merkwürdiges Vorkommnis. In mehreren Nächten, in denen ich keinen Schlaf zu finden vermochte, machte sich in unserem Schlafzimmer ein in kürzeren oder längeren Pausen wiederkehrendes Knistern in der Wand bemerkbar, welches mich jedesmal, wenn ich im Einschlafen begriffen war, aus dem Schlaf wieder erweckte. Wir dachten damals natürlich an eine Maus, obwohl es immerhin ziemlich auffällig erscheinen mußte, daß eine Maus sich in dem ersten Stockwerke eines durchaus massiv gebauten Hauses eingeschlichen haben sollte. Nachdem ich aber ähnliche Geräusche inzwischen unzählige Male gehört habe und jetzt tagtäglich bei Tag und bei Nacht in meiner Nähe höre, die ich nunmehr unzweifelhaft als göttliche Wunder erkannt habe – zumal auch die mit mir redenden Stimmen sie als solche, als sogen. »Störungen« bezeichnen – kann ich, ohne eine ganz bestimmte Behauptung darüber aufstellen zu wollen, wenigstens den Verdacht nicht abweisen, daß auch damals schon ein solches Wunder in Frage gewesen sei, d. h. daß von Anfang an die mehr oder minder bestimmte Absicht vorgelegen habe, meinen Schlaf und später meine Genesung von der aus der Schlaflosigkeit hervorgegangenen Krankheit zu einem vorläufig noch nicht näher zu bezeichnenden Zwecke zu verhindern. Dabei will ich nicht unterlassen hinzuzufügen, daß es sich dabei, dem inzwischen von mir erkannten Seelencharakter gemäß, nur in einem in höchstem Maße ausgebildeten Dolus indeterminatus – man gestatte mir diesen juristischen Ausdruck zu gebrauchen – gehandelt haben würde, d.h. um Vorstöße, denen sehr häufig wieder ein Gesinnung- und Stimmungswechsel folgte, sobald man sich bei näherem Zusehen überzeugte, daß der Betreffende denn doch wohl eines besseren Schicksals würdig sei. Meine Krankheit nahm nun bald einen bedrohlichen Charakter an; bereits am 8. oder 9. November war ich auf Anraten des von mir konsultierten Dr. Ö. genötigt, einen zunächst achttägigen Urlaub zu nehmen, den wir benutzen wollten, um den Prof. Flechsig zu befragen, auf den wir ja nach seinen Heilerfolgen bei der ersten Krankheit unser ganzes Vertrauen setzten. Wir (meine Frau und ich) reisten, da es ein Sonntag war, wo man nicht erwarten konnte, den Prof. Flechsig anzutreffen, über Chemnitz und brachten die Nacht vom Sonntag zum Montag bei meinem dortigen Schwager K. zu. Hier wurde noch am selben Abend eine Morphiuminjektion gemacht und in der Nacht zum ersten Male Chloral gegeben – durch einen Zufall wohl nicht gleich anfangs in der im voraus bestimmten Dosis, nachdem ich bereits am Abend Herzbeklemmungen, wie bei der ersten Krankheit, in solcher Stärke empfunden hatte, daß mir schon das Begehen einer mäßig ansteigenden Straße Angstzustände verursachte. Auch die Nacht in Chemnitz war schlecht. Am folgenden Tage (Montag) früh fuhren wir nach Leipzig und vom bayrischen Bahnhof unmittelbar mit der Droschke nach der Universitätsklinik zu Professor Flechsig, welcher bereits am Tage vorher durch Telegramm auf den Besuch vorbereitet worden war. Es folgte eine längere Unterredung, bei welcher Prof. Flechsig, wie ich nicht anders sagen kann, eine hervorragende Beredsamkeit entwickelte, die nicht ohne tiefere Wirkung auf mich blieb. Er sprach von Fortschritten, die die Psychiatrie seit meiner ersten Krankheit gemacht habe, von neu erfundenen Schlafmitteln usw. und gab mir Hoffnung, die ganze Krankheit durch einen einmaligen ausgiebigen Schlaf, der womöglich von nachmittags 3 Uhr bis gleich zum folgenden Tage andauern sollte. Wozu genau die »hervorragende Beredsamkeit« von Prof. Flechsig seinem Patienten »Hoffnung« gab, läßt sich nicht mehr sagen, da das Verbum fehlt. Dieser Mangel störte aber keinesfalls Schrebers englische Übersetzer, Macalpine und Hunter, die das fehlende Verbum stillschweigend restaurierten, und zwar genau im Sinne ihrer Interpretation, welche die Vorherrschaft der Zeugungsphantasien bei Schreber betont. Bei Macalpine \& Hunter heißt der Satz: »He (Flechsig) spoke of the advances made in psychiatry since my first illness, of newly discovered sleeping drugs, etc., and gave me hope of delivering me of the whole illness through one prolific sleep (...)« Dazu bemerkte Lacan: »Wer wird (Mrs. Macalpine) jene Freude verübeln können, die sie wohl gefühlt haben muß, als sie (das Wort), das ihren Wünschen so sehr entsprach, wiederfand« (Ecrits, S. 545, Fn. 1). Infolgedessen befestigte sich meine Stimmung, zumal die Nerven durch die mehrstündige Reise in frischer Morgenluft und die Tageszeit (vormittags) etwas gekräftigt sein mochten. Wir holten zunächst das verordnete Schlafmittel in der Apotheke gleich selbst ab, aßen dann bei meiner Mutter in deren Wohnung und ich brachte den Rest des Tages u.a. mit einem kleinen Spaziergang im ganzen recht leidlich zu. Das Aufsuchen des Bettes (in der Wohnung meiner Mutter) erfolgte natürlich nicht schon um 3 Uhr, sondern wurde (wohl einer geheimen Instruktion entsprechend, die meine Frau empfangen hatte) bis zur 9. Stunde verzögert. Unmittelbar vor dem Schlafengehen traten aber wieder bedenklichere Symptome hervor. Unglücklicherweise war auch das Bett infolge zu langen Lüftens zu kalt, so daß mich sofort ein heftiger Schüttelfrost ergriff und ich das Schlafmittel schon in hochgradiger Aufregung einnahm. Dasselbe verfehlte infolgedessen seine Wirkung fast gänzlich und meine Frau gab mir daher schon nach einer oder einigen Stunden das als Reserve in Bereitschaft gehaltene Chloralhydrat nach. Die Nacht verlief trotzdem in der Hauptsache schlaflos und ich verließ während derselben auch bereits einmal in Angstzuständen das Bett, um vermittelst eines Handtuchs oder dergleichen Vorbereitungen zu einer Art Selbstmordversuch zu machen, woran meine darüber erwachte Frau mich hinderte. Am anderen Morgen lag bereits eine arge Nervenzerrüttung vor; das Blut war aus allen Extremitäten nach dem Herzen gewichen, meine Stimmung aufs äußerste verdüstert und Professor Flechsig, nach dem bereits am frühen Morgen geschickt wurde, hielt daher nunmehr meine Unterbringung in seiner Anstalt für geboten, nach der ich denn nun auch in seiner Begleitung sofort in der Droschke abfuhr. Nach einem warmen Bade wurde ich sofort ins Bett gebracht, das ich nun während der nächsten 4 oder 5 Tage überhaupt nicht wieder verließ. Als Wärter wurde mir ein gewisser R... beigegeben. Meine Krankheit wuchs in den nächsten Tagen rapid; die Nächte verliefen meist schlaflos, da die schwächeren Schlafmittel (Kampfer usw.), mit denen man es zunächst wohl versuchen wollte, um nicht gleich dauernd zum Chloralhydrat überzugehen, ihre Wirkung versagten. Irgendeine Beschäftigung konnte ich nicht treiben; auch von meiner Familie sah ich niemand. Die Tage verliefen daher unendlich traurig; mein Geist war fast nur mit Todesgedanken beschäftigt. Es scheint mir, wenn ich rückblickend an jene Zeit zurückdenke, als ob der Heilplan des Professor Flechsig darin bestanden habe, meine Nervendepression zunächst bis auf einen beliebigen Tiefstand herabzudrücken, um dann durch einen plötzlichen Stimmungsumschwung auf einmal die Heilung herbeizuführen. Nur so wenigstens kann ich mir den folgenden Vorgang erklären, für den ich sonst eine geradezu böswillige Absicht annehmen müßte. Ich kann nicht verschweigen, daß Professor Flechsig bei einer späteren Unterredung den ganzen Vorgang im Billardzimmer und was damit zusammenhängt, in Abrede stellen, als ein Traumbild meiner Phantasie darstellen wollte – nebenbei bemerkt einer der Umstände, die mich von da ab mit einem gewissen Mißtrauen gegen Prof. Flechsig erfüllten. Die Tatsächlichkeit des Vorgangs, bei welchem von einer Sinnestäuschung nicht die Rede sein kann, ist jedoch völlig unzweifelhaft, da sich gar nicht wegleugnen läßt, daß ich an dem der fraglichen Nacht folgenden Morgen in der Dementenzelle mich befunden habe und dort von Dr. Täuscher besucht worden bin. (Fußnote 24 wurde gestrichen, weil sie auf Flechsig verweist. Siehe S. 341 und 425 f. hierzu.) Etwa in der vierten oder fünften Nacht nach meiner Aufnahme in die Anstalt wurde ich mitten in der Nacht von zwei Pflegern aus dem Bett gerissen und in eine für Demente (Tobsüchtige) eingerichtete Schlafzelle gebracht. Ich befand mich ohnedies schon in aufgeregtester Stimmung, sozusagen in einem Fieberdelirium und wurde natürlich durch diesen Vorgang, dessen Beweggründe ich nicht kannte, aufs äußerste erschreckt. Der Weg führte durch das Billardzimmer, und hier entspann sich, da ich gar nicht wußte, was man mit mir vorhatte, und mich demnach widersetzen zu müssen glaubte, ein Kampf zwischen mir, der ich nur mit dem Hemd bekleidet war, und den beiden Pflegern, wobei ich mich am Billard festzuhalten versuchte, schließlich aber überwältigt und in die obenerwähnte Zelle abgeführt wurde. Hier überließ man mich meinem Schicksal; ich verbrachte den Rest der Nacht in der nur mit einer eisernen Bettstelle und Bettstücken ausgestatteten Zelle wohl größtenteils schlaflos, hielt mich für gänzlich verloren und machte in der Nacht auch einen natürlich mißlungenen Versuch, mich vermittelst des Bettuchs an der Bettstelle aufzuhängen. Der Gedanke, daß einem Menschen, dem mit allen Mitteln der ärztlichen Kunst Schlaf nicht mehr zu verschaffen sei, schließlich nichts weiter übrig bleibe, als sich das Leben zu nehmen, beherrschte mich vollständig. Daß dies in Anstalten nicht geduldet werde, war mir bekannt, ich lebte aber in dem Wahne, daß dann nach Erschöpfung aller Heilversuche eine Entlassung zu erfolgen habe – lediglich zu dem Zwecke, damit der Betreffende in seiner Behausung oder sonstwo seinem Leben ein Ende mache. Als der nächste Morgen anbrach, war es daher für mich eine große Überraschung, daß ich überhaupt noch ärztlichen Besuch erhielt. Es erschien der Assistenzarzt des Professor Flechsig, Dr. Täuscher, und dessen Mitteilung, daß man gar nicht daran denke, das Heilverfahren aufzugeben, in Verbindung mit der ganzen Art und Weise, wie er mich aufzurichten suchte – ich kann auch ihm die Anerkennung nicht versagen, daß er bei dieser Gelegenheit vorzüglich sprach – hatte wieder einmal einen sehr günstigen Stimmungsumschwung bei mir zur Folge. Ich wurde wieder in das vorher von mir bewohnte Zimmer geführt und verlebte den besten Tag, den ich während meines ganzen (zweiten) Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt gehabt habe, d. h. den einzigen Tag, an welchem mich eine hoffnungsfreudige Stimmung belebte. Auch der Wärter R. benahm sich äußerst taktvoll und geschickt in seiner ganzen Unterhaltung, so daß ich mich manchmal hinterdrein gefragt habe, ob nicht auch bei ihm (ebenso wie bei Dr. Täuscher) höhere Eingebungen erfolgt seien. Ich spielte am Vormittag sogar etwas Billard mit ihm, nahm am Nachmittag ein warmes Bad und behauptete mich bis zum Abend in der befestigten Stimmung, die ich erlangt hatte. Es sollte der Versuch gemacht werden, ob ich ganz ohne Schlafmittel schlafen könne. Ich ging in der Tat auch verhältnismäßig ruhig zu Bett, aber zum Schlaf kam es nicht. Nach einigen Stunden war es mir auch nicht mehr möglich, meine ruhige Stimmung zu behaupten; der Blutandrang nach dem Herzen schaffte mir wieder Angstzustände. Nach dem Wärterwechsel – an meinem Bett saß stets ein Wärter, der in der Mitte der Nacht von einem anderen abgelöst wurde – wurde wohl schließlich noch etwas Schlafmachendes gewährt – Nekrin oder so ähnlich war der Name – und ich fiel wohl noch in etwas Schlaf, der jedoch irgendwelche nervenstärkende Wirkung nicht hervorbrachte. Vielmehr war ich am nächsten Morgen in der alten Nervenzerrüttung, dieselbe war so arg, daß ich das mir vorgesetzte Frühstück wieder herausbrach. Einen besonders schreckhaften Eindruck gewährten mir die gänzlich verzerrten Gesichtszüge, die ich beim Erwachen an dem Wärter R. wahrzunehmen glaubte. Von nun ab wurde für die Nacht regelmäßig Chloralhydrat gereicht und es folgte mehrere Wochen lang eine wenigstens äußerlich etwas ruhigere Zeit, da auf diese Weise meistens wenigstens leidlicher Schlaf gemacht wurde. Ich empfing regelmäßige Besuche meiner Frau und verbrachte auch etwa in den letzten beiden Wochen vor Weihnachten immer einen Teil des Tages im Hause meiner Mutter. Dabei blieb jedoch die Nervenüberreizung bestehen und wurde wohl eher schlimmer als besser. In den Wochen nach Weihnachten machte ich auch täglich mit meiner Frau und dem Wärter Spazierfahrten in der Droschke. Jedoch war mein Kräftezustand so herunter, daß ich beim Aussteigen aus der Droschke (im Rosenthal oder im Scheibenholz) jeden kleinen zu Fuß zurückzulegenden Weg von ein paar hundert Schritten als ein Wagnis empfand, zu dem ich mich nicht ohne innere Angst entschloß. Auch sonst war mein ganzes Nervensystem in einem Zustande tiefster Erschlaffung begriffen. Irgendwelche geistige Beschäftigungen, etwa Zeitunglesen oder dergleichen konnte ich entweder gar nicht oder nur in dem allergeringsten Maße vornehmen. Selbst vorwiegend mechanische Beschäftigungen, wie das Zusammensetzen von Geduldspielen, das Legen von Patiencen und dergleichen steigerte meine Nervenerregung so, daß ich meist nach kurzer Zeit davon ablassen mußte; kaum daß ich am Abend eine Zeitlang mit dem Wärter R... ein paar Damenpartien zu spielen vermochte. Essen und Trinken nahm ich in dieser Zeit meist mit gutem Appetit zu mir, auch pflegte ich damals noch täglich einige Zigarren zu rauchen. Die Nervenerschlaffung steigerte sich unter dem gleichzeitigen Wiederhervortreten von Angstzuständen, als man dann ab und zu den Versuch machte, anstatt des die Nerven zwar auf kurze Zeit immerhin etwas stärkenden, auf die Dauer aber doch angreifenden Chloralhydrates schwächere Schlafmittel anzuwenden. Mein Lebensmut war vollständig gebrochen; jede andere Aussicht, als auf einen schließlich etwa durch Selbstmord zu vollziehenden tödlichen Ausgang war in mir entschwunden: zu den Zukunftsplänen, mit denen mich meine Frau hin und wieder aufzurichten versuchte, schüttelte ich ungläubig den Kopf. Ein weiterer und in meinem Leben einen wichtigen Abschnitt bezeichnenden Nervensturz trat dann etwa gegen den 15. Februar 1894 ein, als meine Frau, die bis dahin täglich einige Stunden mit mir zusammengewesen war und auch die Mittagsmahlzeiten mit mir in der Anstalt eingenommen hatte, eine viertägige Reise nach Berlin zu ihrem Vater unternahm, um sich auch selbst einige Erholung, deren sie dringend bedurfte, zuzuwenden. In diesen vier Tagen war ich soweit heruntergekommen, daß ich nach der Rückkehr meiner Frau sie nur noch ein einziges Mal wiedersah und dann selbst die Erklärung abgab, ich könne nicht wünschen, daß meine Frau mich in dem herabgekommenen Zustande, in dem ich mich befand, überhaupt noch weiter sehe. Die Besuche meiner Frau fielen von dieser Zeit ab weg; als ich sie nach längerer Zeit vereinzelte Male an dem Fenster eines gegenüberliegenden Zimmers wiedersah, waren inzwischen so wichtige Veränderungen in meiner Umgebung und in mir selbst vorgegangen, daß ich in ihr nicht mehr ein lebendes Wesen, sondern nur eine hingewunderte Menschengestalt nach Art der »flüchtig hingemachten Männer« zu erblicken glaubte. Entscheidend für meinen geistigen Zusammenbruch war namentlich eine Nacht, in welcher ich eine ganz ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen (wohl ein halbes Dutzend) in dieser einen Nacht hatte. Von nun an traten die ersten Anzeichen eines Verkehrs mit übersinnlichen Kräften, namentlich eines Nervenanhangs hervor, den Professor Flechsig mit mir in der Weise unterhielt, daß er zu meinen Nerven sprach, ohne persönlich anwesend zu sein. Von dieser Zeit ab gewann ich auch den Eindruck, daß Professor Flechsig nichts Gutes mit mir im Schilde führe; Bestätigung schien mir dieser Eindruck dadurch zu finden, daß Professor Flechsig, als ich einmal bei einem persönlichen Besuche ihn aufs Gewissen fragte, ob er wirklich an die Möglichkeit einer Heilung bei mir glaube, zwar gewisse Vertröstungen abgab, aber – so schien es mir wenigstens – mir dabei nicht mehr in die Augen sehen konnte . Es ist nun hier der Ort, auf die Natur der bereits mehrfach erwähnten inneren Stimmen einzugehen, welche seitdem unaufhörlich zu mir sprechen, und zugleich auf die nach meinem Urteil der Weltordnung innewohnende Tendenz, nach welcher es unter gewissen Umständen zu einer »Entmannung« (Verwandlung in ein Weib) eines Menschen (»Geistersehers«) kommen muß, der zu göttlichen Nerven (Strahlen) in einen nicht mehr aufzuhebenden Verkehr getreten ist. Der Darlegung dieser Verhältnisse, die allerdings über die Maßen schwierig ist, sei das folgende Kapitel bestimmt. V. Fortsetzung. Nervensprache (innere Stimmen). Denkzwang. Entmannung unter Umständen ein Postulat der Weltordnung Außer der gewöhnlichen menschlichen Sprache gibt es noch eine Art Nervensprache , deren sich der gesunde Mensch in der Regel nicht bewußt wird. Am besten läßt sich meines Erachtens eine Vorstellung davon gewinnen, wenn man sich Vorgänge vergegenwärtigt, bei denen der Mensch gewisse Worte in einer bestimmten Reihenfolge seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht, also z. B. ein Schulkind ein Gedicht, das es in der Schule aufzusagen hat, oder ein Geistlicher eine Predigt, die er in der Kirche halten will, auswendig lernt. Die betreffenden Worte werden dann im stillen aufgesagt (ebenso wie bei einem stillen Gebet , zu dem die Gemeinde von der Kanzel aus aufgefordert wird), d. h. der Mensch veranlaßt seine Nerven, sich in diejenigen Schwingungen zu versetzen, welche dem Gebrauch der betreffenden Worte entsprechen, die eigentlichen Sprachwerkzeuge (Lippen, Zunge, Zähne usw.) werden dabei entweder gar nicht oder nur zufällig mit in Bewegung gesetzt. Der Gebrauch dieser Nervensprache hängt unter normalen (weltordnungsmäßigen) Verhältnissen natürlich nur von dem Willen desjenigen Menschen ab, um dessen Nerven es sich handelt; kein Mensch kann an und für sich einen anderen Menschen zwingen, sich dieser Nervensprache zu bedienen. Eine Ausnahme findet vielleicht beim Hypnotisieren statt, über dessen Wesen ich als Laie in der Psychiatrie zu wenig unterrichtet bin, als daß ich mir ein Urteil darüber erlauben möchte. Bei mir ist nun aber seit der obenerwähnten kritischen Wendung meiner Nervenkrankheit der Fall eingetreten, daß meine Nerven von außenher und zwar unaufhörlich ohne jeden Unterlaß in Bewegung gesetzt werden. Die Fähigkeit, in dieser Weise auf die Nerven eines Menschen einzuwirken, ist vor allen Dingen den göttlichen Strahlen eigen; darauf beruht es, daß Gott von jeher in der Lage war, einem schlafenden Menschen Träume einzugeben. Ich selbst habe die Einwirkung zunächst als eine vom Professor Flechsig ausgehende empfunden. Die Erklärung dieses Umstands kann ich nur darin suchen, daß Professor Flechsig es in irgendwelcher Weise verstanden hat, sich göttliche Strahlen dienstbar zu machen; später haben dann außer den Nerven des Professors Flechsig auch unmittelbare göttliche Strahlen sich mit meinen Nerven in Verbindung gesetzt. Die Art und Weise der Einwirkung hat im Laufe der Jahre immer mehr der Weltordnung und dem natürlichen Rechte des Menschen auf freie Verfügung über den Gebrauch seiner Nerven widersprechende, ich möchte sagen immer groteskere Formen angenommen. So trat die Einwirkung schon verhältnismäßig früh in der Form des Denkzwangs auf – ein Ausdruck, den mir die inneren Stimmen selbst genannt haben, der aber anderen Menschen kaum bekannt sein wird, weil die ganze Erscheinung außerhalb aller menschlichen Erfahrung liegt. Das Wesen des Denkzwangs besteht darin, daß der Mensch zu unablässigem Denken genötigt wird, mit andern Worten das natürliche Recht des Menschen, seinen Verstandesnerven von Zeit zu Zeit durch Nichtsdenken (wie am ausgeprägtesten im Schlafe geschieht) die erforderliche Ruhe zu gönnen, wurde mir von Anfang an durch die mit mir verkehrenden Strahlen verschränkt, die fortwährend zu wissen begehrten, woran ich denke. Man stellte also z. B. geradezu – in diesen Worten – die Frage: »Woran denken Sie denn jetzt?« und da diese Frage schon an und für sich der komplette Unsinn ist, insofern bekanntlich der Mensch ebensowohl – zu gewissen Zeiten – nichts , wie auf der anderen Seite tausenderlei auf einmal denken kann, und da also meine Nerven auf diese widersinnige Frage an und für sich nicht reagierten, so war man sehr bald genötigt, zu einem System von Gedankenfälschungen seine Zuflucht zu nehmen, indem man sich z. B. auf obige Frage selbst die Antwort gab: »An die Weltordnung sollte derjenige« scilicet denken, Das Wort »denken« in der obigen Antwort wurde weggelassen. Die Seelen hatten nämlich – wohl schon vor dem Eintritt der weltordnungswidrigen Verhältnisse – die Gewohnheit, ihren Gedanken (im Verkehr untereinander) nur einen grammatikalisch unvollständigen Ausdruck zu geben, d. h. gewisse Worte, die für den Sinn allenfalls entbehrt werden konnten, wegzulassen. Diese Gewohnheit ist im Laufe der Zeit mir gegenüber zu einem geradezu schändlichen Mißbrauch ausgeartet, da die Verstandesnerven des Menschen (der »Untergrund« desselben, wie der grundsprachliche Ausdruck lautet) durch derartige angebrochene Phrasen fortwährend aufgeregt werden, indem sie sich nun unwillkürlich bemühen, das zur Ergänzung des Sinnes fehlende Wort zu suchen. So höre ich, um nur eins von unzähligen Beispielen anzuführen, seit Jahren alltäglich Hunderte von Malen die Frage: » Warum sagen Sie's? « wobei die zur Ergänzung des Sinnes eigentlich erforderlichen Worte » nicht laut ?« weggelassen werden und die Strahlen sich dann selbst gleichsam als von mir ausgesprochen die Antwort geben: »Weil ich dumm bin so etwa.« Solchen und ähnlichen entsetzlichen Unsinn in ödem Einerlei müssen meine Nerven seit Jahren unaufhörlich (gewissermaßen als von ihnen ausgehend) ertragen. Über den Grund für die Wahl der betreffenden Redensarten und die damit beabsichtigte Wirkung werde ich weiter unten noch Näheres ausführen. d. h. meine Nerven durch Strahlenwirkung nötigte, diejenigen Schwingungen zu machen, die dem Gebrauch dieser Worte entsprechen. Dabei wuchs mit der Zeit die Anzahl der Stellen, von welchen der Nervenanhang ausging: abgesehen von dem Professor Flechsig, dem einzigen, den ich wenigstens eine Zeitlang noch bestimmt unter den Lebenden wußte, in der Hauptsache abgeschiedene Seelen, welche sich in steigendem Maße für mich zu interessieren begannen. Ich könnte hier Hunderte, wenn nicht Tausende von Namen nennen, darunter zahlreiche Namen, von denen ich nach Jahren, nachdem mir durch Zeitungen und Briefe wieder einiger Verkehr mit der Außenwelt eröffnet war, erfahren habe, daß sie noch unter den Lebenden weilen sollen, während ich damals, da sie als Seelen im Wege des Nervenanhangs mit mir verkehrten, natürlich nicht anders annehmen konnte, als daß sie längst das Zeitliche gesegnet hatten. Bei sehr vielen Trägern dieser Namen stand das religiöse Interesse im Vordergrund, namentlich waren sehr viele Katholiken darunter, die nach dem von mir in bestimmten Richtungen einzuschlagenden Verhalten eine Förderung des Katholizismus, insbesondere eine Katholisierung Sachsens und Leipzigs erwarteten; hierher gehören Pfarrer St. in Leipzig, »14 Leipziger Katholiken« (von denen mir nur der eine Name des Generalkonsuls D. genannt worden ist, vermutlich ein katholischer Verein oder der Vorstand eines solchen). Jesuitenpater S. in Dresden, das erzbischöfliche Ordinariat in Prag, der Domkapitular Moufang, die Kardinäle Rampolla, Galimberti und Casati, der Papst selbst, der einen eigentümlich »sengrigen Strahl« führte, endlich zahlreiche Mönche und Nonnen; bei einer bestimmten Gelegenheit zogen auf einmal 240 Benediktinermönche unter Führung eines Paters, dessen Name ähnlich wie Starkiewicz lautete, als Seelen in meinen Kopf ein, um darin ihren Untergang zu finden. Bei andern Seelen waren mit religiösen Interessen gemischte nationale Motive in Frage; unter ihnen ein Wiener Nervenarzt, dessen Name zufällig mit dem des obengenannten Benediktinerpaters identisch war, ein getaufter Jude und Slawophile, der durch mich Deutschland slawisch machen und gleichzeitig die Herrschaft des Judentums darin begründen wollte; er schien in seiner Eigenschaft als Nervenarzt, ähnlich wie der Professor Flechsig für Deutschland, England und Amerika (also im wesentlichen germanische Staaten) eine Art Verwalter der Gottesinteressen für eine andere Gottesprovinz (namentlich die slawischen Gebietsteile Österreichs) zu sein, woraus sich einige Zeit zwischen ihm und Professor Flechsig ein der Eifersucht entsprungener Kampf um die Vorherrschaft entspann. Eine andere Gruppe bildeten hauptsächlich gewesene Mitglieder des Corps Saxonia in Leipzig, welchem Professor Flechsig als Konkneipant angehört Auch dies habe ich früher nicht gewußt, sondern nur von der im Wege des Nervenanhangs mit mir redenden Stimmen erfahren. Es wäre daher gewiß nicht uninteressant, ob diese an und für sich gewiß sehr nebensächliche Einzelheit aus dem früheren Leben des Professor Flechsig auf Wahrheit beruht. hatte und denen daher, wie ich annahm, durch diesen zur Seligkeit verholfen worden war, unter ihnen Rechtsanwalt Dr. G. S. in Dresden, Dr. med. S. in Leipzig, Oberamtsrichter G. und zahlreiche jüngere Mitglieder des Corps, die später als »die unter der Cassiopeja Hängenden« bezeichnet wurden. Auf der andern Seite gab es auch viele Burschenschafter, deren Sache eine Zeitlang einen großen Aufschwung gewonnen hatte, so daß sie in der Lage gewesen waren, die Planeten Jupiter, Saturn und Uranus zu besetzen; die hervorstechendsten Namen darunter waren A.K., Rechtsanwalt, Vizepräsident des preußischen Abgeordnetenhauses, den ich übrigens in meinem Leben nie persönlich gekannt habe, Rektor Professor W. und Rechtsanwalt H. in Leipzig. Diese und die vorerwähnten Mitglieder des Corps Saxonia schienen die ganze Sache, um die es sich in meinem Kopfe handelte, nur als eine Fortsetzung des alten Streits zwischen Corps und Burschenschaften zu halten. Weiter nenne ich Geh. Rat Dr. Wächter, der eine Art Führerschaftsstellung auf dem Sirius und Geh. Kirchenrat Dr. Hoffmann, der eine ebensolche Stellung auf den Plejaden einnehmen sollte, und die danach, als obendrein schon längere Zeit verstorben, bereits eine höhere Stufe der Seligkeit erstiegen zu haben schienen. Beide hatten mich im Leben persönlich gekannt und daher vermutlich aus diesem Grunde ein gewisses Interesse an mir genommen. Endlich seien noch genannt verschiedene meiner Verwandten (außer meinem Vater und meinem Bruder, die schon oben erwähnt wurden, meine Mutter, meine Frau und mein Schwiegervater), mein bereits im Jahre 1864 verstorbener Jugendfreund Ernst K. und ein Prinz, der als »kleiner Mann«, in dem später zu erläuternden Sinne auf meinem Kopfe erschien und darauf sozusagen spazierenging. Alle diese Seelen sprachen als »Stimmen« mehr oder minder gleichgültig auf mich ein, jede von ihnen ohne von der Anwesenheit der anderen etwas zu wissen. Welcher heillose Wirrwarr dadurch in meinem Kopfe entstand, wird jeder, der nicht die ganze Darstellung nur für eine krankhafte Ausgeburt meiner Phantasie erachten will, ermessen können. Immerhin hatten die Seelen damals noch eigene Gedanken und waren daher. imstande, mir Mitteilungen zu machen, die mein Interesse im höchsten Grade in Anspruch nahmen, auch auf Fragen Antworten zu geben, während jetzt schon seit langer Zeit das Gerede der Stimmen nur in einer entsetzlich eintönigen Wiederholung, derselben immer wiederkehrenden (auswendig gelernten) Phrasen besteht. Den Grund davon werde ich später angeben. Neben diesen sich als Einzelindividuen zu erkennen gebenden Seelen traten übrigens gleichzeitig immer andere Stimmen hervor, welche sich als Gottes Allmacht selbst in stets höher aufsteigenden Instanzen (vergl. oben Anmerkung 19) gerieten, und denen die erwähnten Einzelseelen gewissermaßen als Vorposten zu dienen schienen. Der zweite Punkt, der in diesem Kapitel behandelt werden sollte, betrifft die der Weltordnung innewohnende Tendenz zur Entmannung eines in dauernden Verkehr mit Strahlen getretenen Menschen. – Derselbe hängt zusammen einesteils mit der Natur der Gottesnerven, vermöge deren die Seligkeit (das Genießen derselben vergl. oben S. [78–80]), wenn auch nicht ausschließlich, so doch mindestens zugleich eine hochgesteigerte Wollustempfindung ist, anderenteils mit dem anscheinend der Weltordnung zugrunde liegenden Plan, im Falle von Weltkatastrophen, die eine Vernichtung der Menschheit auf irgendeinem Weltkörper – in specie beabsichtigt oder nicht – zur Notwendigkeit machen, eine Erneuerung des Menschengeschlechtes zu ermöglichen. Wenn auf irgendeinem Weltkörper sittliche Fäulnis (»wollüstige Ausschweifungen«) oder vielleicht auch Nervosität die ganze Menschheit derart ergriffen hatten, daß von ihren übermäßig geschwärzten Nerven eine, nennenswerte Ergänzung der Vorhöfe des Himmels (vergl. oben Anmerkung 6 [11]) nicht erwartet werden konnte, oder eine bedrohliche Steigerung der Anziehungskraft auf die Gottesnerven zu befürchten war, so konnte ein Untergang des Menschengeschlechts auf diesem Weltkörper entweder (durch verheerende Seuchen usw.) vielleicht von selbst eintreten oder auch von Gott beschlossen und durch Erdbeben, Überschwemmung usw. ins Werk gesetzt werden. Vielleicht war es auch für Gott möglich, einen dem Untergange zu widmenden Planeten die Wärme der Sonne (oder des betreffenden anderen zu seiner Erwärmung dienenden Fixsternes) ganz oder teilweise zu entziehen, womit auf das von der Wissenschaft, soviel mir bekannt, noch nicht gelöste Problem von den Eiszeiten ein neues Licht fallen würde. Der Einwand, daß zur Zeit der irdischen Eiszeiten die Menschheit überhaupt nur erst in ihren (diluvialen) Anfängen existiert habe, würde kaum als durchschlagend angesehen werden können. Wer sagt uns denn, ob nicht zu der betreffenden Zeit auf irgendeinem anderen Planeten, meinetwegen der Venus, bereits eine hochentwickelte Menschheit vorhanden war, deren Vernichtung nach dem obigen im Plane Gottes liegen mußte und nicht ohne gleichzeitige erhebliche Abkühlung der in ihrer Entwicklung noch zurückgebliebenen Erde vor sich gehen konnte? In der Tat habe ich während meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt Visionen (Traumbilder) gehabt, nach denen es andere in höherem Grade, als die Erde von sittlicher Fäulnis angesteckte Planeten gegeben hat und gerade die Bewohnerschaft unserer Erde noch verhältnismäßig durch größere sittliche Reinheit ausgezeichnet gewesen ist. (Fußnote 28 fehlt, obwohl Schreber auf den Seiten 120, 122 und 126 auf sie verweist. Sie wurde vermutlich gestrichen, weil sie sich auf den »regierenden König« bezieht. Siehe hierzu Anmerkung 37, S. 118 ff.) In allen solchen Dingen muß der Mensch versuchen, sich über die kleinlichen, ihm sozusagen im Blute liegenden geozentrischen Vorstellungen hinwegzusetzen und die Sache von dem erhabeneren Standpunkte der Ewigkeit aus zu betrachten. Wohl möglich also, daß in diesem Sinne den Vorstellungen Cuvier's von periodisch aufeinander gefolgten Weltkatastrophen ein Stück Wahrheit zugrunde liegt. Es wurde dann zur Erhaltung der Art ein einzelner Mensch – vielleicht der relativ noch sittlich tüchtigste – zurückbehalten, den die mit mir redenden Stimmen als den »ewigen Juden« bezeichneten. Der Sinn dieser Bezeichnung ist also ein etwas anderer als derjenige, der der gleichnamigen Sage vom Juden Ahasver zugrunde liegt; dagegen wird man unwillkürlich an die Sagen von Noah, Deukalion und Pyrrha usw. erinnert. Auch die römische Gründungssage gehört möglicherweise hierher, wonach Rhea Sylvia die späteren Könige Romulus und Remus nicht von einem irdischen Vater, sondern unmittelbar vom Kriegsgott Mars empfangen haben soll. Der ewige Jude (in dem angegebenen Sinne) mußte entmannt (in ein Weib verwandelt) werden, um Kinder gebären zu können. Die Entmannung ging in der Weise vor sich, daß die (äußeren) männlichen Geschlechtswerkzeuge (Hodensack und männliches Glied) in den Leib zurückgezogen wurden und unter gleichzeitiger Umgestaltung der inneren Geschlechtswerkzeuge in die entsprechenden weiblichen Geschlechtsorgane verwandelt wurden, sie geschah vielleicht in mehrhundertjährigem Schlaf, da doch auch eine Veränderung des Knochenbaus (Becken usw.) hinzukommen mußte. Es fand also eine Rückbildung statt oder eine Umkehr desjenigen Entwicklungsprozesses, der in jeder menschlichen Leibesfrucht im vierten oder fünften Monate der Schwangerschaft stattfindet, je nachdem die Natur dem künftigen Kinde das männliche oder das weibliche Geschlecht zuerteilen will. In den ersten Monaten der Schwangerschaft sind bekanntlich beide Geschlechter angelegt, und die Eigentümlichkeiten desjenigen Geschlechts, das nicht zur Entwicklung gelangt, bleiben nach Befinden wie die männlichen Brustwarzen als rudimentäre Organe auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stehen. Die Fähigkeit, das bezeichnete Entmannungswunder zu vollziehen, ist den niederen Gottes-(Ariman)strahlen eigen; die Strahlen des oberen Gottes (Ormuzd) haben die Fähigkeit, die Männlichkeit bei gegebener Veranlassung wiederherzustellen. Den Vollzug dieses Entmannungswunders habe ich, wie bereits in Anmerkung 1 erwähnt, an meinem eigenen Körper während meines Aufenthalts zu zwei verschiedenen Malen (auf kurze Zeit) selbst erlebt, daß das Wunder nicht zur vollen Entwicklung gelangt, beziehentlich wieder rückgängig gemacht worden ist, beruhte eben nur darauf, daß nicht nur reine Gottesstrahlen vorhanden waren, sondern außerdem auch noch Strahlen, die von geprüften (unreinen) Seelen (vergl. oben Seite [84 f.]) geführt wurden (Flechsig'sche usw. Strahlen), durch deren Einwirkung die Durchführung des Verwandlungsprozesses in seiner weltordnungsmäßigen Reinheit verhindert wurde. Die Erhaltung des ewigen Juden und seine Versorgung mit den notwendigen Lebensbedürfnissen wurde durch »flüchtig hingemachte Männer« besorgt (vergl. oben Anmerkung 1), es wurden also zu diesem Zwecke Seelen vorübergehend durch Wunder in Menschengestalt gesetzt, wahrscheinlich nicht bloß auf die Lebensdauer des ewigen Juden selbst, sondern auf mehrere Generationen hinaus, bis die Nachkommenschaft desselben zahlreich genug war, um sich selbst erhalten zu können. Dies scheint die weltordnungsmäßige Hauptbestimmung des Instituts der »flüchtig hingemachten Männer« gewesen zu sein; ob dasselbe außerdem vielleicht noch dazu gedient hat, um zu reinigenden Seelen in der ihnen hierdurch gegebenen menschlichen Gestalt irgendwelche zu ihrer Reinigung erforderliche Arbeitsleistungen auferlegen zu können (vergl. oben Seite [76 f.]), wage ich nicht zu entscheiden; jedenfalls bestand der Zweck der flüchtig hingemachten Männer nicht in einer bloßen Wunderspielerei, wozu sie mir gegenüber in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt, während meines Aufenthalts in der Pierson'schen Anstalt und wohl auch noch in der ersten Zeit meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt ausgeartet sind. Dafür, daß es bereits von meinem Falle vielleicht in ungeheuer entlegenen Vergangenheiten und auf anderen Weltkörpern eine Mehrzahl ewiger Juden gegeben hat, habe ich einige Andeutungen erhalten. Es sind mir von den zu mir redenden Stimmen einige diesfallsige Namen genannt worden, worunter, wenn ich nicht irre, der Name eines polnischen Grafen Czartorisky oder ähnlich lautend sich befand. Man braucht dabei nicht unbedingt an die polnische Nation unserer Erde zu denken, sondern hat sich wenigstens als Möglichkeit zu vergegenwärtigen, daß das polnische Volk vielleicht im Wege der Seelenwanderung zum zweiten Male auf noch irgendeinem anderen Weltkörper existiert. Von dieser der Weltordnung innewohnenden Tendenz, wonach unter gewissen Voraussetzungen die Entmannung eines Menschen vorgesehen ist, muß nun nach meiner Auffassung Professor Flechsig irgendwelche Ahnung gehabt haben, sei es, daß er sozusagen von selbst darauf gekommen ist, oder sei es, daß ihm diese Vorstellungen, was ich für das Wahrscheinlichere halten möchte, erst von göttlichen Strahlen eingegeben worden sind. Dabei waltet nun aber ein fundamentales Mißverständnis ob, welches sich seitdem wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben hindurchzieht und welches eben darauf beruht, daß Gott nach der Weltordnung den lebenden Menschen eigentlich nicht kannte und nicht zu kennen brauchte, sondern weltordnungsmäßig nur mit Leichen zu verkehren hatte. Auf der anderen Seite kommt diejenige Abhängigkeit in Betracht, in welche sich Gott dem Professor Flechsig oder dessen Seele gegenüber dadurch begeben hatte, daß er sich den von diesem nun einmal erlangten und seitdem mißbräuchlich festgehaltenen Nervenanhang nicht mehr zu entziehen wußte. So entstand ein System des Lavierens, bei welchem Versuche meine Nervenkrankheit doch noch zu heilen Es wäre dies – um gleich hier im voraus zu erwähnen, was später noch näher ausgeführt werden wird – bei Aufopferung einer verhältnismäßig geringen Menge reiner Strahlen ein leichtes gewesen, da Strahlen u.a. auch die Fähigkeit besitzen, nervenberuhigend und schlafmachend zu wirken. mit dem Bestreben, mich als einen infolge der immer mehr sich steigernden Nervosität Gott selbst gefährlich werdenden Menschen zu vernichten, miteinander abwechselten. Es ergab sich daraus eine Politik der Halbheit (»Halbschürigkeit« wie der wiederholt von mir gehörte Ausdruck lautete), welche ganz dem Charakter der Seelen entsprach, die nun einmal das ununterbrochene Genießen gewöhnt sind und daher die dem Menschen eigentümliche Fähigkeit, durch augenblickliche Opfer oder augenblicklichen Verzicht auf den Genuß sich dauernde Vorteile für die Zukunft zu verschaffen, nicht oder nur in wesentlich geringerem Grade besitzen. Zugleich wurde die einmal mit meinen Nerven hergestellte Verbindung, je mehr man gegen mich zu wundern anfing, immer unlöslicher; andererseits hatte Professor Flechsig, inmittelst verstanden, sich mit seiner ganzen Seele oder einem Teile derselben zum Himmel aufzuschwingen und sich damit selbst – ohne Tod und vorgängige Reinigung – zum Strahlenführer zu machen. Auf diese Weise wurde ein gegen mich gerichtetes Komplott fertig (etwa im März oder April 1894), welches dahinging, nach einmal erkannter oder angenommener Unheilbarkeit meiner Nervenkrankheit mich einem Menschen in der Weise auszuliefern, daß meine Seele demselben überlassen, mein Körper aber – in mißverständlicher Auffassung der obenbezeichneten, der Weltordnung zugrunde liegenden Tendenz – in einen weiblichen Körper verwandelt, als solcher dem betreffenden Menschen zum geschlechtlichen Mißbrauch überlassen und dann einfach »liegengelassen«, also wohl der Verwesung anheimgegeben werden sollte. Was aus dem »liegengelassenen« Menschen werden solle, ob derselbe damit auch wirklich tot sei, darüber scheint man sich keine ganz klare Rechenschaft gegeben zu haben. Darüber, daß dieses Komplott wirklich bestanden hat, habe ich nicht den geringsten Zweifel, immer mit der Maßgabe, daß ich eine Beteiligung des Professors Flechsig in seiner Eigenschaft als Mensch nicht zu behaupten wage. Natürlich war von solchen Dingen, soweit der Professor Flechsig mir als Mensch gegenübertrat, mit keinem Worte die Rede. In dem gleichzeitig von ihm als Seele unterhaltenen Nervenanhange aber, d.h. in der im Eingang dieses Kapitels bezeichneten Nervensprache aber wurde dieser Absicht ganz unverhüllt Ausdruck gegeben. Dazu kam, daß auch die äußere Behandlungsweise dieser mir in der Nervensprache angekündigten Absicht zu entsprechen schien; man hielt mich wochenlang unter Entziehung meiner Kleidungsstücke im Bette fest, um – wie ich glaubte – mich wollüstigen Empfindungen, die durch die bereits in meinem Körper nach und nach eindringenden weiblichen Nerven angeregt werden konnten, zugänglicher zu machen; man wendete auch Mittel (Medikamente) an, die nach meiner Überzeugung den gleichen Zweck verfolgten Namentlich eine weißliche Salbe, von der ich, da ich Laie in der Medizin bin, nicht bestimmt sagen kann, ob es Wismuth oder irgend etwas anderes gewesen ist. und die ich daher mich anzunehmen weigerte, oder wenn sie mir durch die Wärter mit Gewalt eingeflößt wurde, wieder ausspie. Man kann sich vorstellen, wie mein ganzes männliches Ehr- und Selbstgefühl, meine ganze sittliche Persönlichkeit gegen dieses schändliche Vorhaben, nachdem ich dasselbe einmal mit Sicherheit erkannt zu haben glaubte, sich aufbäumte, zumal ich gleichzeitig, angeregt durch die ersten Offenbarungen, die ich durch den Verkehr mit anderen Seelen über göttliche Dinge erhalten hatte, von heiligen Vorstellungen über Gott und Weltordnung ganz erfüllt war. Gänzlich abgeschnitten von der Außenwelt, ohne jeden Verkehr mit meiner Familie, nur in den Händen roher Wärter, mit denen mich ab und zu zu prügeln, mir von den inneren Stimmen als Probe meines männlichen Mutes sozusagen zur Pflicht gemacht wurde, konnte daher kein anderer Gedanke in mir entstehen, als daß jede noch so schreckliche Todesart einem so schmachvollen Ende vorzuziehen sei. Ich beschloß daher, durch den Hungertod meinem Leben ein Ende zu machen und wies jede Speise zurück, zumal die innern Stimmen mir immer vorredeten, daß es eigentlich meine Pflicht sei, Hungers zu sterben und mich dadurch gewissermaßen für Gott zu opfern, jeder Genuß einer Mahlzeit, nach der mein Körper doch wieder verlangte, also eine unwürdige Schwäche sei. Die Folge davon war, daß das sogenannte »Fütterungssystem« eingerichtet wurde, d.h. daß die Wärter, deren in der Hauptsache immer dieselben um mich herum waren – außer dem schon genannten R. ein gewisser H. und noch ein dritter, dessen Namen ich nicht kenne – mir die Speisen in den Mund zwangen, was teilweise mit der größten Roheit geschah. Es ist wiederholt vorgekommen, daß der eine derselben meine Hände festhielt und der andere, während ich im Bette lag, auf mir kniete, um mir die Speisen in den Mund zu schütten oder das Bier in den Mund zu gießen. So war ferner jedes Bad, das ich nahm, mit Ertränkungsvorstellungen verknüpft. Man sprach – in der Nervensprache – von »Reinigungsbädern« und »heiligen Bädern«; die letzteren sollten eben die Bestimmung haben, mir Gelegenheit zum Selbstertränken zu geben; ich bestieg fast jedes Bad in der inneren Angst, daß dasselbe dazu dienen solle, meinem Leben ein Ende zu machen. Die inneren Stimmen (namentlich die oben erwähnten dem Corps Saxonia angehörigen Seelen, sogen. Cassiopejabrüder) redeten fortwährend in diesem Sinne auf mich hinein und verhöhnten mich, daß es mir dazu an dem männlichen Mute fehle; ich machte daher auch wiederholt den Versuch, den Kopf unter das Wasser zu stecken, wobei dann die Wärter in einzelnen Fällen meine Füße über dem Wasser festhielten, also das Selbstmordvorhaben scheinbar begünstigten, meinen Kopf auch wohl wiederholt untertauchten, dann aber unter allerhand rohen Witzen mich zwangen, aus dem Wasser wieder aufzutauchen und das Bad schließlich zu verlassen. Es war das nebenbei bemerkt die Zeit, wo ich infolge der gegen mich erfolgten Wunder ein Ding zwischen den Beinen hatte, das einem normal gebildeten männlichen Gliede kaum noch ähnlich sah. In dem mit Professor Flechsig unterhaltenen Nervenanhang verlangte ich von demselben fortwährend Cyankali oder Strychnin, um mich zu vergiften, (einen Tropfen Saft-Gift, wie es in der Grundsprache hieß) und Professor Flechsig – als Seele im Nervenanhang – verhielt sich diesem Verlangen gegenüber keineswegs ablehnend – sondern stellte dessen Gewährung immer halb und halb in Aussicht, machte aber die Verabreichung desselben in stundenlangen Nervenanhangsunterhaltungen immer heuchlerischerweise von gewissen Garantien abhängig, ob ich das Gift, wenn es mir gegeben werden würde, auch wirklich trinken würde usw. Kam dann bei ärztlichen Besuchen Professor Flechsig als Mensch zu mir, so wollte er natürlich von solchen Dingen wiederum nichts wissen. Auch vom Lebendig-begraben-Werden als Mittel, meinem Leben ein Ende zu machen, war wiederholt die Rede. Dabei war es vom menschlichen Gesichtspunkt aus, der mich damals noch vorzugsweise beherrschte, wohl durchaus natürlich, daß ich meinen eigentlichen Feind immer nur in Professor Flechsig oder dessen Seele erblickte (später kam noch die von W.'sche Seele hinzu, worüber weiter unten das Nähere) und Gottes Allmacht als meine natürliche Bundesgenossin betrachtete, die ich nur dem Professor Flechsig gegenüber in einer Notlage wähnte und deshalb mit allen erdenklichen Mitteln bis zur Selbstaufopferung unterstützen zu müssen glaubte. Daß Gott selbst der Mitwisser, wenn nicht gar der Anstifter des auf den an mir zu verübenden Seelenmord und die Preisgabe meines Körpers als weibliche Dirne gerichteten Plans gewesen sei, ist ein Gedanke, der sich mir erst sehr viel später aufgedrängt hat, ja zum Teil, wie ich sagen darf, mir erst während der Niederschrift des gegenwärtigen Aufsatzes zu klarem Bewußtsein gekommen ist. Zugleich habe ich aber hier, um die religiösen Vorstellungen und Gefühle anderer Menschen nicht zu verwirren, denselben Gedanken wiederholten Ausdruck zu geben, die bereits am Schlusse von Kapitel II ausgeführt worden sind. So schändlich – subjektiv genommen – das ganze Vorhaben mir erscheinen mußte, so stehe ich doch nicht an anzuerkennen, daß dasselbe von demjenigen Selbsterhaltungstriebe eingegeben war, der bei Gott ebenso natürlich ist wie bei jedem anderen belebten Wesen, – ein Selbsterhaltungstrieb, der, wie schon in anderem Zusammenhang (vergl. oben S. [107 f.]) ausgeführt worden ist, Gott in der Tat unter Umständen dazu zwingen mußte, die Vernichtung nicht nur einzelner Menschen, sondern vielleicht ganzer Weltkörper mit allen darauf geschaffenen Wesen in Aussicht zu nehmen. Auch von Sodom und Gomorrha wird uns im 19. Kapitel des ersten Buchs Moses erzählt, daß eine Vernichtung dieser Städte durch Schwefel- und Feuerregen erfolgt sei, obwohl unter ihren Bewohnern eine wenn auch nur vielleicht sehr geringe Anzahl »Gerechter« sich befunden hätte. Auch sonst wird im ganzen Bereich der geschaffenen Welt niemand eine Unsittlichkeit darin finden, wenn – ohne Widerspruch mit der Weltordnung – der Stärkere den Schwächeren überwindet, das höher kultivierte Volk ein auf niedrigerer Kulturstufe stehendes von seinen Wohnplätzen verdrängt, die Katze die Maus frißt, die Spinne die Mücke tötet usw. Der Begriff der Sittlichkeit existiert überhaupt nur innerhalb der Weltordnung, d.h. des natürlichen Bandes, welches Gott mit der Menschheit zusammenhält; wo die Weltordnung einmal gebrochen ist, da bleibt nur eine Machtfrage übrig, in welcher das Recht des Stärkeren entscheidet. Das sittlich Anstößige lag also in meinem Falle nur darin, daß Gott sich selbst außerhalb der auch für ihn maßgebenden Weltordnung gestellt hatte; dazu war er aber, wenn auch nicht gerade unmittelbar gezwungen, so doch mindestens infolge einer für Seelen schwer widerstehlichen Versuchung veranlaßt worden, die ihm durch das Vorhandensein der unreinen (»geprüften«) Seele des Professors Flechsig im Himmel bereitet worden war. Vermöge der ihr damals noch in ziemlich hohem Grade eigenen menschlichen Intelligenz hatte sich überdies die Flechsig'sche Seele gewisse technische Vorteile (worüber weiter unten das Nähere) gegenüber den jedesmal zunächst mit ihr in Berührung kommenden Gottesnerven zu verschaffen gewußt, die nun einmal als Seelen die Fähigkeit zu selbstverleugnender Aufopferung, deren es bedurft hätte, um mir einen zu meiner Heilung ausreichenden Schlaf zu verschaffen und damit die Flechsig'sche Seele unschädlich zu machen, nicht besaßen. Ich bin daher geneigt, die ganze Entwicklung aus dem Gesichtspunkte eines Verhängnisses zu betrachten, bei welcher weder auf Seite Gottes, noch auf meiner Seite von sittlicher Verschuldung die Rede sein kann. Auf der anderen Seite bewährt aber wiederum die Weltordnung ihre ganze Größe und Erhabenheit dadurch, daß sie in einem so regelwidrig gearteten Falle auch Gott selbst die Machtmittel versagt, um einen der Weltordnung widersprechenden Zweck zu erreichen. Alle auf Verübung eines Seelenmords, auf Entmannung zu weltordnungswidrigen Zwecken Daß eine Entmannung zu einem anderen – weltordnungs mäßigen – Zweck im Bereich der Möglichkeit liegt, ja sogar vielleicht die wahrscheinliche Lösung des Konfliktes enthält, wird später noch ausgeführt werden. (d.h. zur Befriedigung der geschlechtlichen Begierde eines Menschen) und später auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Versuche sind gescheitert. Ich gehe aus dem anscheinend so ungleichen Kampfe eines einzelnen schwachen Menschen mit Gott selbst, wenn schon nach manchen bitteren Leiden und Entbehrungen, als Sieger hervor, weil die Weltordnung auf meiner Seite steht. (Zusatz vom November 1902.) Den obigen Ausführungen könnte eine gewisse Unklarheit anzuhaften scheinen, insofern danach die »Weltordnung«, also ein unpersönliches Etwas als noch über Gott stehend, oder mächtiger als Gott, oder für Gott selbst maßgebend bezeichnet wird. Die Unklarheit ist indessen in Wirklichkeit nicht vorhanden. »Weltordnung« ist das gesetzmäßige Verhältnis, welches als ein durch das Wesen und die Eigenschaften Gottes von selbst gegebenes, zwischen Gott und der von ihm ins Leben gerufenen Schöpfung besteht. Gott kann dasjenige nicht vollbringen, was seinen Eigenschaften und Kräften im Verhältnis zur Menschheit oder – in meinem Falle – zu einem einzelnen in besondere Beziehungen zu ihm getretenen Menschen widerspricht. Indem Gott, dessen Strahlenkraft ihrer Natur nach eine aufbauende und schaffende ist, mir gegenüber unter regelwidrigen Umständen eine lediglich auf Zerstörung der körperlichen Integrität und des Verstandes gerichtete Politik versucht hat, ist er mit sich selbst in Widerspruch getreten. Diese Politik konnte daher nur vorübergehend schädigen, keine dauernden Erfolge herbeiführen. Oder ich habe, um mich eines Oxymorons zu bedienen, in dem von Gott wider mich geführten Kampfe Gott selbst auf meiner Seite gehabt, d.h. bin in der Lage gewesen, seine eigenen Eigenschaften und Kräfte als eine unbedingt wirksame Schutzwaffe zu meiner Selbstverteidigung in das Feld zu führen. Auch meine äußere Lage und mein körperliches Befinden bessert sich schon jetzt von Jahr zu Jahr. So lebe ich denn in dem zuversichtlichen Glauben, daß die ganze Verwicklung nur eine Episode darstellen wird, die schließlich auf die eine oder andere Weise zur Wiederherstellung weltordnungsmäßiger Zustände führen wird. Vielleicht kann sogar das persönliche Ungemach, das ich zu erdulden gehabt habe, und der Verlust der bisherigen Seligkeiten einen gewissen Ausgleich dadurch finden, daß für die Menschheit aus Anlaß meines Falles mit einem Schlage die Erkenntnis religiöser Wahrheiten in ungleich höherem Maße erschlossen wird, als auf dem Wege der wissenschaftlichen Forschung bei aller Anwendung menschlichen Scharfsinnes in Jahrhunderten oder überhaupt jemals möglich gewesen wäre. Welchen unschätzbaren Gewinn es für die Menschheit bedeuten würde, wenn durch meine persönlichen Schicksale, namentlich auch in ihrer noch bevorstehenden Gestaltung dem bloßen Materialismus und ebenso einem unklaren Pantheismus ein und für alle Male der Boden entzogen werden würde, braucht in Worten kaum ausgedrückt zu werden. VI. Persönliche Erlebnisse, Fortsetzung. Visionen. »Geisterseher« Die Zeit, die ich in dem vorstehenden Kapitel zu schildern versucht habe – etwa von Mitte März bis Ausgang Mai 1894, angenommen einmal, daß es sich dabei wirklich nur um einige irdische Monate und nicht etwa um Jahrhunderte gehandelt habe – ist, wie ich wohl sagen darf, die grausigste Zeit meines Lebens gewesen. Und doch war diese Zeit auch die heilige Zeit meines Lebens, wo meine Seele ganz begeistert von den übersinnlichen Dingen, die immer massenhafter auf mich eindrangen, inmitten der rohen Behandlung, die ich äußerlich erfuhr, von den erhabensten Vorstellungen über Gott und Weltordnung erfüllt war. Dabei war ich doch von Jugend auf ein Mensch gewesen, der zu allem eher geneigt gewesen war, als zu religiöser Schwärmerei. Alle Menschen, die mir in meinem früheren Leben irgend näher getreten sind, werden mir bezeugen müssen, daß ich eine ruhige, leidenschaftslose, klar denkende, fast nüchterne Natur war, deren individuelle Begabung weit mehr in der Richtung kühler verstandesmäßiger Kritik lag als in schöpferischer Tätigkeit einer freiwaltenden Einbildungskraft. Ich war, wenn ich mich auch hin und wieder bei kleinen familiären Anlässen in Gelegenheitsversen versucht habe, keineswegs das, was man einen Dichter zu nennen pflegt. Auch war ich nicht einmal (seit der Zeit meines Jünglingsalters) ein eigentlich gläubiger Mensch im Sinne unserer positiven Religion gewesen. Ich war zwar ebensowenig zu irgendwelcher Zeit ein Religionsverächter gewesen, ich vermied es vielmehr, viel über religiöse Dinge zu sprechen, und hatte von jeher die Empfindung, daß man Menschen, die das Glück hatten, sich auch in späteren Jahren einen frommen Kinderglauben bewahren zu können, in diesem Glück nicht stören dürfe. Allein ich selbst hatte mich doch zuviel mit naturwissenschaftlichen Dingen, namentlich mit Werken, die auf dem Boden der sog. modernen Entwicklungslehre standen, beschäftigt, als daß ich nicht wenigstens zu Zweifeln an der buchstäblichen Wahrheit alles dessen, was die christliche Religion lehrte, hätte gelangen müssen. Der Gesamteindruck bei mir war zwar immer der gewesen, daß der Materialismus nicht das letzte Wort in göttlichen Dingen sein könne, allein ebensowenig hatte ich mich zu einem festen Glauben an die Existenz eines persönlichen Gottes aufzuschwingen oder mir denselben zu bewahren vermocht. Dabei behaupte ich keineswegs von mir, ein eigentlich philosophischer Kopf gewesen zu sein oder auf der vollen Höhe der philosophischen Bildung meiner Zeit gestanden zu haben, wozu mir mein teilweise recht anstrengender Beruf als Richter auch kaum die erforderliche Zeit gelassen haben würde. Immerhin will ich von den Werken philosophischen und naturwissenschaftlichen Inhalts, die ich etwa in den letzten zehn Jahren von meiner Erkrankung zum Teil oft wiederholt gelesen habe, wenigstens einige nennen, da man Anklänge an die in diesen Werken enthaltenen Gedanken an vielen Stellen dieses Aufsatzes wiederfinden wird. Ich nenne also beispielsweise Häckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte; Caspari, Urgeschichte der Menschheit; du Prel, Entwicklung des Weltalls; Mädler, Astronomie; Carus, Sterne, Werden und Vergehen; Wilh. Meyer's Zeitschrift »Zwischen Himmel und Erde«; Neumayer, Erdgeschichte; Ranke, Der Mensch; einzelne philosophische Aufsätze von Eduard von Hartmann, namentlich in der Gegenwart usw. usw. In dieser Beziehung hat mir ein Vorkommnis der allerjüngsten Zeit doch eine recht wesentliche Aufklärung gebracht. In einer der nächsten Nächte, nachdem ich obige Zeilen bereits niedergeschrieben hatte, in der Nacht vom 14. zum 15. März d. J. (1900) wurde wieder einmal, während ich schlief, in Träumen ein so toller Wunderspuk gemacht, wie ich ihn zwar früher und namentlich auch in der Zeit, wo ich in der Zelle schlief (1896 bis Ausgang 1898) öfters, seitdem aber fast zwei Jahre schon nicht mehr oder vielleicht nur ganz ausnahmsweise erlebt hatte. Ich verscheuchte schließlich den meinen Schlaf in hohem Grade beängstigenden Wunderspuk, indem ich mich zum vollständigen Erwachen aufraffte und Licht machte. Es war erst ½ 12 Uhr Nachts (die Tür zu meinem Zimmer vom Korridor her war verschlossen, so daß niemand von außen her hätte Eingang finden können); ich brachte ungeachtet dieser frühen Nachtstunde sofort eine Niederschrift zu Papier, da Traumvorstellungen sich bekanntlich rasch im Gedächtnis verwischen und der Vorgang mir doch sehr lehrreich erschien sowohl für die Erkenntnis des Wesens göttlicher Wunder, als für die genauere Unterscheidung, inwieweit meinen früheren ähnlichen Visionen objektive Tatsachen zugrunde gelegen haben oder nicht. Aus dem Inhalt jener Niederschrift will ich hier nur erwähnen, daß nach der mir angewunderten Traumvorstellung ein Pfleger der Anstalt, den ich vorher die Tür zu meinem an das Schlafzimmer anstoßenden Wohnzimmer hatte öffnen hören, teils auf meinem Bette sitzend, teils in der Nähe desselben allerhand Unfug trieb, u. a. geräucherte Zunge oder rohen Schinken mit Bohnengemüse aß, daß ich mich selbst schon während des Traumbildes aus dem Bette aufgestanden glaubte, um Licht zu machen und damit dem Wunderspuk ein Ende zu machen, mich aber beim vollständigen Erwachen im Bette liegend fand, also dasselbe bis dahin überhaupt nicht verlassen hatte. Man lächele nicht über die hinsichtlich der obigen Speisen angegebenen Einzelheiten. Die zur Bezeichnung dieser Speisen dienenden Worte hängen mit dem später von mir zu schildernden Aufschreibesystem zusammen und lassen mich daher genau die Absicht, in der gerade die Eingebung dieser Traumbilder erfolgte, erkennen; insofern handelt es sich auch hier um Beiträge zur Erkenntnis Gottes und namentlich des in den Gottesreichen herrschenden, bereits am Schlusse vom Kapitel I erwähnten Dualismus. An gegenwärtiger Stelle will ich nur noch das Folgende bemerken: Daß ein nicht ganz ruhig schlafender Mensch Traumbilder zu sehen glaubt, die ihm sozusagen von seinen eigenen Nerven vorgegaukelt werden, ist eine so alltägliche Erscheinung, daß darüber an sich kein Wort zu verlieren wäre. Die Traumbilder der vorerwähnten Nacht und die früheren ähnlichen Visionen übertrafen aber an plastischer Deutlichkeit und fotografischer Treue bei weitem alles dasjenige, was wenigstens ich in gesunden Tagen früher je erlebt habe. Sie waren eben nicht von meinen eigenen Nerven unwillkürlich hervorgerufen, sondern von Strahlen in dieselben hineingeworfen worden. Danach besitzen Strahlen die Fähigkeit, das Nervensystem eines schlafenden, unter gewissen Umständen vielleicht selbst eines wachenden Menschen und namentlich auch die Sinnesnerven desselben in der Weise zu beeinflussen, daß der Mensch fremde Personen vor sich stehen zu sehen und reden zu hören, sich selbst aber herumwandelnd und mit diesen Personen einen mündlichen Verkehr unterhaltend glaubt, gleich als ob alles dies wirklich tatsächliche Vorgänge wären. Nunmehr weiß ich bestimmt, daß letzteres nicht der Fall ist, ich behaupte aber, daß meine frühere gegenteilige Annahme nicht etwa nur auf die krankhafte Erregung meiner Nerven zurückzuführen ist, sondern daß jeder andere Mensch, wenn er derartige Traumbilder gesehen hätte, dieselben ebenso wie ich für Wirklichkeit gehalten haben würde. Natürlich habe ich einiges Frühere nunmehr zu berichtigen (vergl. indessen Anmerkung 39); insbesondere habe ich jetzt keinen Zweifel mehr, daß die in Anmerkung 28 geschilderte Begegnung mit unserem regierenden König nur ein Traumbild gewesen ist. Ich werde daher derartige Traumbilder, deren ich in den ersten Jahren meiner Krankheit unzählige gesehen habe, in dem Folgenden, wenn überhaupt, nur flüchtig berühren und mich in der Hauptsache nur mit solchen Vorgängen beschäftigen, bei denen ich mich bestimmt erinnere, in wachem Zustande gewesen zu sein. Immerhin ist auch solchen Traumbildern nicht aller Wert für die Erkenntnis der Dinge, um die es sich hier handelt, abzusprechen; es ist wenigstens in einzelnen Fällen nicht ausgeschlossen, daß dieselben ein sinnbildlicher Ausdruck für die Mitteilung entweder wirklich geschehener oder von Gott für die Zukunft erwarteter Ereignisse gewesen sind. Wenn ich es nun versuchen will, in betreff der Zeit, die ich vorstehend meine heilige Zeit genannt habe, in diesem Kapitel noch einige weitere Einzelheiten zu geben, so bin ich mir der Schwierigkeiten, die sich mir dabei entgegenstellen, wohl bewußt. Die Schwierigkeiten sind teils äußerer, teils innerer Natur. Einmal bin ich bei einem solchen Versuche nur auf mein Gedächtnis angewiesen, da ich zu jener Zeit irgendwelche Aufzeichnungen zu machen nicht in der Lage war; es stand mir weder Schreibmaterial zur Verfügung, noch würde ich auch zu schriftlichen Aufzeichnungen eine Neigung empfunden haben, da ich damals – ob mit Recht oder Unrecht bleibe vorläufig dahingestellt – die ganze Menschheit untergegangen glaubte, also irgendein Zweck für schriftliche Aufzeichnungen nicht ersichtlich gewesen wäre. Sodann waren die Eindrücke, die auf mich einstürmten, ein so wunderbares Gemisch von natürlichen Ereignissen und Vorgängen übersinnlicher Natur, daß es für mich unendlich schwerfällt, bloße Traumbilder von Erlebnissen in wachem Zustande zu unterscheiden, also bestimmt zu sagen, inwieweit allem demjenigen, was ich erlebt zu haben glaube, auch wirklich historische Realität zukommt. Meine Erinnerungen aus jener Zeit müssen daher in gewissem Grade das Gepräge der Verworrenheit an sich tragen. Um zunächst die äußeren Bedingungen meines Aufenthalts zu veranschaulichen, gebe ich im folgenden einen Grundriß der Universitätsnervenklinik und eine Skizze des Grundstückes, auf welchem dieselbe steht, soweit beides für meine Zwecke in Betracht kommt. Abb. Windmühlenweg Mir dienten zum Aufenthalt während der Zeit von kurz vor Weihnachten 1893 bis etwa Ende Februar 1894 (also in der Hauptsache der Zeit, wo ich regelmäßige Besuche meiner Frau empfing) die drei Zimmer a, b und c im Erdgeschosse des Frauenflügels, die mir wohl hauptsächlich wegen der dort herrschenden größeren Ruhe eingeräumt worden waren. Vorher und nachher habe ich verschiedene Räume im ersten Stockwerk des Männerflügels innegehabt, jedesmal ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Als letzteres diente eine Zeitlang (im November 1893) der kleine Raum d und zwar aus dem Grunde, weil fast alle übrigen Räume der Anstalt auf der dem Bayerischen Bahnhof zugewendeten Südseite des Korridors lagen, wo das Rangierpfeifen der Eisenbahn namentlich in der Nacht manchmal sehr störend wirkte. Die Dementenzelle, in welche ich nach dem oben erwähnten Kampfe im Billardzimmer gebracht worden war, lag noch weiter links im Männerflügel. In der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Anstalt habe ich hauptsächlich das Schlafzimmer i und das Wohnzimmer e benutzt; ersteres war übrigens ebenfalls nach Art der Dementenzelle mit Doppeltür versehen worden, deren innere eine kleine Luke hatte, durch welche der Insasse von außen her beobachtet werden konnte; über der Tür war eine mit Glasscheibe versehene Öffnung, durch welche das Licht einer Gasflamme hereinfallen konnte. – Ein Teil meiner Erinnerungen will zu keiner der mir im wesentlichen bekannten Räumlichkeiten der Flechsig'schen Anstalt recht stimmen; hieraus in Verbindung mit anderen Umständen ergaben sich für mich Zweifel darüber, ob ich auch wirklich die ganze Zeit, um die es sich hier handelt, in der Flechsig'schen Anstalt und nicht zeitweise irgendwo anders gewesen sei. Die ärztliche Behandlung lag außer in den Händen des Professor Flechsig in den Händen zweier Assistenzärzte, Dr. Täuscher und Dr. Quentin. In der Zeit, von der ich jetzt handle, gab es eine Periode, wo die Ärzte überhaupt nicht zu sehen, sondern nur Wärter – immer die oben Genannten – um mich herum waren. In dieser Zeit machte mir die Anstalt selbst einen völlig verwaisten Eindruck; auch von anderen Patienten sah ich, wenn ich den vor meinem Zimmer gelegenen Korridor betrat, wenig oder gar nichts. Geraume Zeit danach erschien dann Professor Flechsig wieder, aber wie schon oben erwähnt, in einer mir wenigstens einen nicht unwesentlich veränderten Eindruck machenden Gestalt; die Assistenzärzte habe ich in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Anstalt, soviel ich mich erinnere, entweder gar nicht oder nur in ganz vereinzelten Fällen gesehen. Bereits im vorigen Kapitel ist erwähnt worden, daß infolge meiner beständig anwachsenden Nervosität und der dadurch gesteigerten Anziehungskraft eine immer größere Anzahl abgeschiedener Seelen sich zu mir angezogen fühlte – in erster Linie immer solche, die aus persönlichen Beziehungen im Leben noch ein besonderes Interesse für mich bewahrt haben mochten – um sich dann auf meinem Kopfe oder in meinem Leibe zu verflüchtigen. Der Vorgang endete in sehr zahlreichen Fällen damit, daß die betreffenden Seelen zuletzt noch als sog. »kleine Männer« (vgl. bei Anmerkung 28) – winzige Figürchen in Menschenform, aber vielleicht nur von der Größe einiger Millimeter – ein kurzes Dasein auf meinem Kopfe führten, um dann völlig zu verschwinden. Ich nehme an, daß diese Seelen, die bei ihrer ersten Annäherung vielleicht noch über eine ziemlich große Zahl von Nerven verfügten und daher ein noch ziemlich kräftiges Identitätsbewußtsein hatten, bei jeder Annäherung einen Teil ihrer Nerven vermöge der Anziehungskraft zugunsten meines Körpers einbüßten und schließlich nur noch aus einem einzigen Nerv bestanden, der dann auf Grund eines wunderbaren, nicht weiter zu erklärenden Zusammenhangs die Form eines »kleinen Mannes« in dem oben angegebenen Sinne annahm, als letzte Daseinsform der betreffenden Seelen vor ihrem völligen Verschwinden. Dabei wurden mir in sehr vielen Fällen die Sterne oder Sternbilder genannt, von denen sie ausgingen oder »unter denen sie hingen«, Namen, die zum Teil mit den üblichen astronomischen Bezeichnungen übereinstimmten, zum Teil aber auch nicht. So wurden besonders häufig genannt die Cassiopeja, die Wega, die Capella, auch ein Stern »Gemma« (von dem ich nicht weiß, ob er einer astronomischen Bezeichnung entspricht); ferner die Crucianer (vielleicht das südliche Kreuz?) das »Firmament« u. a. m. Es gab Nächte, wo die Seelen schließlich als »kleine Männer« zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden auf meinem Kopfe sozusagen herabträufelten. Dabei warnte ich immer vor der Annäherung, weil ich jedesmal nach früheren Vorgängen das Bewußtsein von der ins Maßlose gesteigerten Anziehungskraft meiner Nerven hatte, während die Seelen eine so bedrohliche Anziehungskraft immer zunächst für ganz unglaublich hielten. Andere Strahlen, die sich als Gottes Allmacht selbst in der obenbezeichneten Weise gerierten, trugen andere Bezeichnungen wie »der Herr der himmlischen Heerscharen,« »der gute Hirte,« »der Allmächtige,« usw. usw. Im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen trat in den Visionen, die ich allnächtlich hatte, schon sehr früh die Vorstellung eines Weltuntergangs als Folge der nicht mehr lösbaren Verbindung zwischen Gott und mir in den Vordergrund. Von allen Seiten trafen Hiobsbotschaften ein, daß nunmehr auch dieser oder jener Stern, dieses oder jenes Sternbild habe »aufgegeben« werden müssen; bald hieß es, nunmehr sei auch die Venus »überflutet«, bald, nunmehr müsse das ganze Sonnensystem »abgehängt« werden, bald die Cassiopeja (das ganze Sternbild desselben) habe zu einer einzigen Sonne zusammengezogen werden müssen, bald, nur die Plejaden seien vielleicht noch zu retten usw. usw. Während ich diese Visionen in der Nacht hatte, glaube ich am Tage zu bemerken, daß die Sonne meinen Bewegungen folgte; wenn ich in dem einfenstrigen Zimmer, das ich damals innehatte, mich hin und her bewegte, so sah ich den Sonnenschein meinen Bewegungen entsprechend bald an der (von der Tür aus gerechnet) rechten bald an der linken Wand. Es ist schwer für mich, bei dieser Wahrnehmung, die ich, wie erwähnt, am Tage gemacht habe, an eine Sinnestäuschung zu glauben, zumal ich mich erinnere, auf diese mich natürlich mit Entsetzen erfüllende Wahrnehmung einmal bei einem Besuche den Assistenzarzt Dr. Täuscher aufmerksam gemacht zu haben. Als ich dann in späterer Zeit wieder regelmäßig in den Garten kam, habe ich – wenn mich meine Erinnerung nicht völlig trügt – zwei Sonnen auf einmal am Himmel stehen sehen, von denen die eine unsere irdische Sonne, die andere das zu einer einzigen Sonne zusammengezogene Sternbild der Cassiopeja sein sollte. Dabei hat sich aus der Gesamtheit meiner Erinnerungen der Eindruck in mir festgesetzt, als ob der betreffende nach gewöhnlicher menschlicher Annahme nur drei bis vier Monate umspannende Zeitraum in Wirklichkeit eine ungeheuer lange Zeit umfaßt haben müsse, als ob einzelne Nächte die Dauer von Jahrhunderten gehabt hätten, so daß innerhalb dieser Zeit sehr wohl die tiefgreifendsten Veränderungen mit der ganzen Menschheit, mit der Erde selbst und dem ganzen Sonnensystem sich vollzogen haben konnten. In Visionen war wiederholt davon die Rede gewesen, daß das Werk einer 14 000jährigen Vergangenheit verloren sei – diese Ziffer sollte wahrscheinlich die Zeitdauer der Bevölkerung der Erde mit Menschen bezeichnen – und daß der Erde nur noch die Dauer von etwa 200 Jahren beschieden sei – wenn ich nicht irre, wurde die Ziffer 212 genannt –; in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt erachtete ich diesen Zeitraum für bereits abgelaufen, Diese Annahme schien Bestätigung zu finden in manchen Einzelheiten, die ich hier übergehen kann. Auch politische und religiöse Vorgänge spielten mit, sowie das Haus Wettin sollte sich auf einmal seiner angeblich slawischen Abstammung erinnert und zum Vorkämpfer des Slawismus gemacht haben; in weiten Kreisen Sachsens namentlich in dem Hochadel (genannt werden u. a. die Namen »v. W., v. S.« usw.) sollte eine ausgedehnte Katholisierung stattgefunden haben: meine eigene Mutter sollte konvertiert haben: ich selbst war fortwährend der Gegenstand von Bekehrungsversuchen der Katholiken (vergl. oben Seite [105]) usw. usw. hielt mich demzufolge für den einzigen noch übrig gebliebenen wirklichen Menschen und die wenigen menschlichen Gestalten, die ich außer mir noch sah – den Professor Flechsig selbst, einige Wärter und sehr wenige, vereinzelte Patienten von mehr oder weniger abenteuerlicher Erscheinung – nur für hingewunderte »flüchtig hingemachte Männer«. Ich erwog Möglichkeiten, wie die, daß die ganze Flechsig'sche Anstalt oder vielleicht die Stadt Leipzig mit ihr aus der Erde »ausgehoben« und nach irgendeinem anderen Weltkörper versetzt worden sei, Möglichkeiten, auf die die Fragen der mit mir redenden Stimme, ob denn Leipzig noch stehe usw. manchmal hinzudeuten schienen. Den Sternhimmel betrachtete ich als ganz oder wenigstens in der Hauptsache erloschen. Irgendwelche Gelegenheit zur Berichtigung derartiger Vorstellungen war mir nicht geboten. Das Fenster meines Schlafzimmers war in der Nacht mit einem schweren hölzernen Laden verschlossen, so daß mir der Anblick des nächtlichen Himmels entzogen war. Am Tage sah ich über die Mauern des Anstaltsgartens hinaus nur wenige der unmittelbar anstoßenden Gebäude. In der Richtung des Bayerischen Bahnhofs sah ich über die Mauern der Anstalt hinweg nur einen schmalen Streifen Landes, der mir einen durchaus fremdartigen, von der eigentlichen Beschaffenheit der mir wohlbekannten Gegend völlig abweichenden Eindruck machte; man sprach zuweilen von einer »heiligen« Landschaft. Das Pfeifen der Eisenbahnzüge, das mir doch kaum hätte entgehen können, habe ich lange Zeit hindurch niemals vernommen. Nur das Fortbrennen der Gasflammen machte mich in der Annahme einer völligen Isolierung der Flechsig'schen Anstalt wieder irre, da ich danach doch irgendeinen Zusammenhang mit der Stadt Leipzig annehmen mußte, wenn ich nicht gerade an die Möglichkeit eines für die Anstalt eigens errichteten Gasometers denken wollte. Ich bewahre ferner Erinnerungen in meinem Gedächtnisse, deren Eindruck ich nur im allgemeinen dahin bezeichnen kann, daß es mir so ist, als ob ich selbst eine Zeitlang noch in einer zweiten, geistig minderwertigen Gestalt vorhanden gewesen sei. Ob etwas Derartiges im Wege von Wundern denkbar wäre, ob es möglich gewesen wäre, mich mit einem Teile meiner Nerven in einem zweiten Körper noch einmal zu setzen, muß ich dahingestellt sein lassen. Ich kann nur wiederholen, daß ich Erinnerungen habe, die auf eine solche Möglichkeit hinzudeuten scheinen. In der zweiten minderwertigen Gestalt, von der ich selbst den Bewußtseinseindruck bewahre, nur im Besitze geringerer Verstandeskräfte gewesen zu sein, wurde mir gesagt, es sei schon ein anderer Daniel Paul Schreber vorhanden gewesen, der geistig sehr viel veranlagter gewesen sei, als ich. Da in dem mir sehr genau bekannten Stammbaum meiner Familie niemals ein anderer Daniel Paul Schreber vor mir existiert hat, so glaube ich diesen anderen Daniel Paul Schreber nur auf mich selbst als im Vollbesitz meiner Nerven befindlich, beziehen zu dürfen. In der zweiten minderwertigen Gestalt muß ich dann an irgendeinem Tage, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, sanft verschieden sein; ich habe die Erinnerung, daß ich in einem Zimmer, das ich mit keiner der mir bekannten Räumlichkeiten der Flechsigschen Anstalt in Übereinstimmung bringen kann, im Bette lag und dabei das deutliche Bewußtsein eines allmählichen Auslöschens meiner Seele hatte, ein Zustand, der übrigens, abgesehen von wehmütigen Erinnerungen an meine Frau, deren ich dabei viel gedachte, durchaus den Charakter eines schmerzlosen friedlichen Hinüberschlummerns hatte. Auf der andern Seite gab es eine Zeit, wo die mit mir im Nervenanhang stehenden Seelen von einer Mehrheit von Köpfen (d. h. mehreren Individualitäten in demselben Schädel) redeten, die sie bei mir vorfanden und gleichsam erschreckt zurückfuhren etwa mit dem Ausdruck: »Um Himmels willen, das ist ja ein Mensch mit mehreren Köpfen«. Ich bin mir wohl bewußt, wie phantastisch alles Derartige für andere Menschen klingen muß; ich gehe demnach auch nicht soweit zu behaupten, daß alles darüber Erzählte objektive Wirklichkeit gewesen ist; ich referiere nur, welche Eindrücke als Erinnerungen noch in meinem Gedächtnisse haften. Paul Emil Flechsig (1847–1929) [In: Festschrift für Paul Flechsig. Mschr. Psychiat. Neurol. 65 (1927)] Die mit der Vorstellung eines Weltuntergangs im Zusammenhang stehenden Visionen, deren ich, wie bereits erwähnt, unzählige hatte, waren zum Teil grausiger Natur, zum Teil aber wiederum von unbeschreiblicher Großartigkeit. Ich will nur einiger weniger gedenken. In einer derselben fuhr ich gleichsam in einem Eisenbahnwagen oder einem Fahrstuhl sitzend, in die Tiefen der Erde hinab und machte dabei sozusagen die ganze Geschichte der Menschheit oder der Erde rückwärts durch, in den oberen Regionen gab es noch Laubwälder; in den unteren Regionen wurde es immer dunkler und schwärzer. Beim zeitweiligen Verlassen des Gefährtes wandelte ich wie auf einem großen Friedhof, wobei ich u. a. die Stätten, wo die Bewohnerschaft Leipzigs lag, auch das Grab meiner eigenen Frau kreuzte. Ich drang, wieder in dem Gefährt sitzend, nur bis zu einem Punkte 3 vor; den Punkt 1, der den Uranfang der Menschheit bezeichnen sollte, scheute ich mich zu betreten. Beim Rückwärtsfahren stürzte der Schacht hinter mir ein, unter steter Gefährdung eines gleichzeitig darin befindlichen »Sonnengottes«. Im Zusammenhang damit hieß es dann, daß zwei Schächte vorhanden gewesen seinen (ob dem Dualismus der Gottesreiche entsprechend?); als die Nachricht kam, daß auch der zweite Schacht eingestürzt sei, gab man alles verloren. Ein anderes Mal durchquerte ich die Erde vom Ladogasee bis Brasilien und baute dort in einem schloßartigen Gebäude in Gemeinschaft mit einem Wärter eine Mauer zum Schutz der Gottesreiche gegen eine sich heranwälzende gelbliche Meeresflut – ich bezog es auf die Gefahr syphilitischer Verseuchung. Wiederum ein anderes Mal hatte ich das Gefühl, als ob ich selbst zur Seligkeit heraufgezogen würde; ich hatte dann gleichsam von den Höhen des Himmels herab unter einem blauen Gewölbe ruhend die ganze Erde unter mir, ein Bild von unvergleichlicher Pracht und Schönheit; als den zur Bezeichnung des Bildes dienenden Namen hörte ich einen Ausdruck ungefähr wie »Gottseibeieinanderaussicht« lautend. Bei anderen Vorgängen bin ich zweifelhaft, ob es sich um bloße Visionen oder nicht wenigstens zum Teil um wirkliche Erlebnisse handelt. Ich erinnere mich, daß ich sehr oft in der Nacht nur mit dem Hemde bekleidet (alle Kleidungsstücke waren mir ja weggenommen) auf der Diele meines Schlafzimmers gesessen habe, nachdem ich das Bett irgendwelchem inneren Antriebe folgend verlassen hatte. Die Hände, die ich hinter meinem Rücken auf den Boden gestemmt hatte, wurden mir dann von bärenartigen Gestalten (schwarzen Bären) von Zeit zu Zeit fühlbar in die Höhe gehoben; andere »schwarze Bären«, größere und kleinere, sah ich mit glühenden Augen um mich herum in der Nähe sitzen. Meine Bettstücken gestalteten sich zu sogenannten »weißen Bären«. Durch die Luke in der Tür meines Schlafzimmers sah ich in ähnlicher Weise, wie dies in Anmerkung 28 von unserem regierenden König erzählt worden ist, Wenn ich oben in Anmerkung 37 bemerkt habe, ich hätte keinen Zweifel mehr, daß dies nur ein Traumbild gewesen sei, so muß ich jetzt bei weiterer Erwägung doch wieder eine Einschränkung machen. Daß ich selbst an der Luke der Tür meines Schlafzimmers gestanden habe, ist eine zu deutliche Erinnerung, als daß ich hierbei an eine Sinnestäuschung glauben könnte. Ich müßte also immerhin an die Möglichkeit denken, daß nur das außerhalb der Tür vermeintlich von mir Gesehene eine »Gesichtstäuschung« (vergl. Kräpelin in dem am Schlusse dieses Kapitels angezogenen Werke) gewesen sei. gelbe Männer von Untermittelgröße hin und wieder vor der Tür meines Schlafzimmers erscheinen, mit denen ich irgendwelchen Kampf aufzunehmen bereit sein mußte. Katzen mit glühenden Augen erschienen zeitweise auf den Bäumen des Anstaltsgartens, wenn ich noch in wachem Zustande war, d. i. in den späteren Abendstunden. Ich habe ferner Erinnerungen, nach denen ich eine Zeitlang in einem Schlosse an irgendeinem Meer gewesen bin, das in der Folge wegen drohender Überflutung verlassen werden mußte und aus dem ich dann nach langer, langer Zeit in die Flechsig'sche Anstalt zurückgekehrt bin, in der ich mich auf einmal in den mir von früher bekannten Verhältnissen wiederfand. Vor den Fenstern meines Schlafzimmers sah ich beim Öffnen der Läden am frühen Morgen einen dichten Wald, nur wenige Meter vom Fenster entfernt, soviel mir erinnerlich, hauptsächlich aus Birken und Fichten bestehend. Die Stimmen nannten ihn einen heiligen Wald. Mit dem Garten der Universitäts-Nervenklinik, einer jungen, erst seit 1882 angelegten Anpflanzung, die im wesentlichen nur aus Reihen einzelner Bäume entlang der Wege bestand, hatte dieser Anblick nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Daß ein solcher Wald, wenn er wirklich vorhanden war, nicht in drei bis vier Monaten hätte herauswachsen können, ist selbstverständlich. Mein Kopf war infolge des massenhaften Zuströmens von Strahlen sehr häufig von einem Lichtschimmer umflossen, ähnlich wie der Heiligenschein von Christus usw. auf Bildern dargestellt wird, nur unvergleichlich reicher und glänzender: der sog. »Strahlenkrone«. Die Reflexwirkung dieser Strahlenkrone war so stark, daß, als eines Tages der Professor Flechsig mit dem Assistenzarzt Dr. Quentin an meinem Bette erschien, letzterer dabei vor meinen sehenden Augen verschwand; das gleiche war ein anderes Mal auch mit dem Wärter H. der Fall. Längere Zeit war davon die Rede, daß ich selbst unter dem Schutze der Cassiopeja verbleiben sollte, während die Sonne irgendwelcher anderen Bestimmung zugeführt, wahrscheinlich dem ihr zugehörigen Planetensystem, also auch unserer Erde erhalten werden sollte. Die Anziehungskraft meiner Nerven war jedoch so stark, daß dieser Plan nicht ausgeführt werden konnte, die Sonne vielmehr da, wo ich mich befand, verbleiben oder ich selbst zurückversetzt werden mußte. Nach solchen Eindrücken, deren Deutung ich vielleicht in einem der späteren Kapitel versuchen werde, wird man es einigermaßen verständlich finden, daß ich Jahre hindurch in dem Zweifel gelebt habe, ob ich mich wirklich auf der Erde oder nicht vielmehr auf irgendeinem anderen Weltkörper befinde. Noch im Jahre 1895 Auch die Tage schienen mir damals wesentlich kürzer zu sein; eine Uhr, die zur Berichtigung etwaiger irriger Vorstellungen in dieser Hinsicht hätte dienen können, war nicht in meinem Besitze. habe ich die Möglichkeit erwogen, ob ich mich nicht auf dem Phobos befinde, einem Trabanten des Planeten Mars, der mir in irgendwelchem Zusammenhange einmal von den Stimmen genannt worden war, und ob ich in dem Mond, den ich zu dieser Zeit manchmal am Himmel stehen sah, nicht den zugehörigen Hauptplaneten Mars zu erblicken habe. In der Sprache der Seelen hieß ich in der im gegenwärtigen Kapitel behandelten Zeit »Der Geisterseher« Über die mir später gegebene Bezeichnung eines »Höllenfürsten« werde ich weiter unten Näheres ausführen. d.h. ein Mensch, der Geister sieht, mit Geistern oder abgeschiedenen Seelen Verkehr hat. Namentlich pflegte die Flechsig'sche Seele von mir als den »größten Geisterseher aller Jahrhunderte« zu reden, worauf ich dann, von größeren Gesichtspunkten ausgehend, ab und zu wohl einhielt, daß man wenigstens von dem größten Geisterseher aller Jahrtausende sprechen müsse. In der Tat wird, seitdem die Welt steht, wohl kaum ein Fall, wie der meinige, vorgekommen sein, daß nämlich ein Mensch nicht bloß mit einzelnen abgeschiedenen Seelen, sondern mit der Gesamtheit aller Seelen und mit Gottes Allmacht selbst in kontinuierlichen, das heißt einer Unterbrechung nicht mehr unterliegenden Verkehr getreten wäre. In der ersten Zeit suchte man zwar noch Unterbrechungen herzustellen; man unterschied noch »heilige Zeiten«, d.h. solche Zeiten, in denen ein Nervenanhang oder ein Strahlenverkehr oder ein Sprechen von Stimmen – alles im Grunde genommen nur verschiedene Ausdrücke für denselben Vorgang – stattfinden sollte und »nichtheilige Zeiten«, in denen man den Strahlenverkehr aufzugeben beabsichtigte. Allein bald duldete die übermäßige Anziehungskraft meiner Nerven keine solchen Pausen oder Unterbrechungen mehr; es gab nur noch »heilige Zeiten«. Geisterseher minderen Grades mag es wohl schon vor meinem Falle in größerer oder geringerer Zahl gegeben haben. Um nicht bis auf biblische Vorgänge zurückzugehen, halte ich z.B. in dem Falle der Jungfrau von Orleans oder der Kreuzfahrer bei Auffindung der heiligen Lanze in Antiochien oder des Kaisers Constantin bei der bekannten für den Sieg des Christentums entscheidenden Vision: In hoc signo vinces einen vorübergehend eingetretenen Strahlenverkehr, vorübergehende göttliche Eingebungen für sehr wahrscheinlich. Auch bei stigmatisierten Jungfrauen mag wohl hin und wieder das gleiche angenommen werden dürfen. In Sage und Dichtung aller Völker wimmelt es förmlich von Bewegungen mit Geistern, Elfen, Kobolden usw., und die Annahme, daß man es bei allen diesen Vorstellungen nur mit willkürlichen Erfindungen der menschlichen Einbildungskraft ohne irgendwelchen realen Hintergrund zu tun habe, erscheint mir einfach töricht. Mit Interesse habe ich demzufolge davon Kenntnis genommen, daß nach dem mir (während ich mit Abfassung dieser Niederschrift beschäftigt war) auf einige Zeit leihweise zur Verfügung gestellten Lehrbuch der Psychiatrie von Kräpelin (5. Auflage, Leipzig 1896, Seite 95 ff. und namentlich Seite 110 ff.) die Vorstellung, mit irgendwelchen Stimmen in übernatürlichem Verkehr zu stehen, auch sonst bei Menschen, deren Nerven sich in einem Zustande von krankhafter Erregung befanden, öfters beobachtet worden ist. Sehr wertvoll ist mir dabei für meine Auffassung der Dinge die Bemerkung Kräpelins Seite 110, daß die »gehörten Stimmen« in den Fällen, wo sie einen übernatürlichen Charakter haben, »nicht selten von Gesichtstäuschungen begleitet seien.« Ich halte es für wahrscheinlich, daß es sich in einer beträchtlichen Anzahl dieser Fälle um wirkliche Visionen der auch von mir erlebten Art, d.h. um Traumbilder, die von Strahlen erzeugt worden sind und darum eine ungleich größere Deutlichkeit als gewöhnliche Traumgesichter besitzen (vergl. Kräpelin S. 107), gehandelt hat. Auf der andern Seite wird man von einer »Unfähigkeit des Kranken zu scharfer und durchgreifender Berichtigung der neue Vorstellungen an der Hand der früher gemachten Erfahrungen« S. 146 und von einer »Urteilsschwäche«, die Kräpelin S. 145 als eine »ausnahmslose« Begleiterscheinung von Wahnideen bezeichnet, bei mir nach dem gesamten Inhalt der gegenwärtigen Arbeit wohl schwerlich etwas entdecken können. Ich glaube bewiesen zu haben, daß bei mir nicht bloß eine »gedächtnismäßige Beherrschung feststehender Gedankenreihen und früher erworbener Vorstellungen« vorliegt, sondern daß auch die »Fähigkeit zu kritischer Berichtigung des Bewußtseinsinhaltes mit Hilfe von Urteil und Schluß« (S. 146) in voller Schärfe vorhanden ist. Wer dagegen unter »gesunder Erfahrung« im Sinne von Kräpelin S. 146 etwa einfach das Leugnen alles Übersinnlichen verstehen wollte, der würde nach meinem Dafürhalten vielmehr seinerseits dem Vorwurf begegnen, daß er sich nur von den seicht »rationalistischen Vorstellungen der Aufklärungsperiode des 18. Jahrhunderts leiten lasse, die doch auch wissenschaftlich, insbesondere bei Theologen und Philosophen, vorwiegend als überwunden gelten. Ich will durchaus nicht bezweifeln, daß man es in sehr vielen derartigen Fällen mit bloßen Sinnestäuschungen zu tun haben mag, als welche sie in dem genannten Lehrbuche durchweg behandelt werden. Allein die Wissenschaft würde meines Erachtens doch sehr unrecht tun, wenn sie alle derartige Erscheinungen als jeder objektiven Realität entbehrend mit der Bezeichnung als »Sinnestäuschungen« in die allgemeine Rumpelkammer der unwirklichen Dinge werfen wollte, wie dies vielleicht bei den von Kräpelin Seite 108 ff. behandelten, mit übersinnlichen Dingen nicht in Zusammenhang stehenden Sinnestäuschungen gerechtfertigt sein mag. Ich halte es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß es sich wenigstens in einer gewissen Anzahl derartiger Fälle um wirkliche Geisterseher niederen Grades in dem vorher entwickelten Sinne gehandelt hat. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, daß zugleich eine krankhaft erhöhte Erregbarkeit der Nerven vorgelegen hat, insofern eben erst vermöge der dadurch erhöhten Anziehungskraft der Nerven die Entstehung eines Verkehrs mit übersinnlichen Kräften ermöglicht und begünstigt worden ist. Daß bei mir bloße Sinnestäuschungen vorliegen sollen, erscheint mir schon vornherein psychologisch undenkbar. Denn die Sinnestäuschung, mit Gott oder abgeschiedenen Seelen in Verkehr zu stehen, kann doch füglich nur in solchen Menschen entstehen, die in ihren krankhaft erregten Nervenzustand bereits einen sicheren Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele mitgebracht haben. Dies ist aber bei mir nach dem im Eingang dieses Kapitels Erwähnten gar nicht der Fall gewesen. Auch die sog. Medien der Spiritisten dürfen, wennschon in vielen Fällen Selbsttäuschung und Betrug mit unterlaufen mag, doch in einer nicht geringen Zahl von anderen Fällen als wirkliche Geisterseher niederen Grades in dem angegebenen Sinne anzusehen sein. Man hüte sich also in solchen Dingen vor unwissenschaftlicher Generalisierung und vorschneller Aburteilung. Wenn die Psychiatrie nicht schlechthin alles Übersinnliche leugnen und solchergestalt mit beiden Füßen in das Lager des nackten Materialismus treten will, so wird sie nicht umhin können, die Möglichkeit anzuerkennen, daß man es bei Erscheinungen der beschriebenen Art unter Umständen mit wirklichen Vorgängen zu tun habe, die sich nicht so ohne weiteres mit dem Schlagwort »Sinnestäuschungen« abfertigen lassen. Ich kehre nach dieser Abschweifung zu dem eigentlichen Gegenstand meiner Arbeit zurück und werde in dem nächsten Kapitel eine Fortsetzung des bisherigen folgen lassen, wobei ich teils noch einige weitere dem Gebiete des Übersinnlichen angehörige Punkte, die in dem Zusammenhang des Vorhergehenden nicht gut untergebracht werden konnten, berühren, teils namentlich auch meine äußeren Lebensschicksale während der Zeit, von der ich gegenwärtig handle, besprechen werde. VII. Persönliche Erlebnisse, Fortsetzung; eigenartige Krankheitserscheinungen. Visionen Genauere chronologische Angaben bin ich in betreff der Zeit, die zwischen den letzten Besuchen meiner Frau (Mitte Februar 1894) und dem Ende meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt (Mitte Juni 1894) in der Mitte liegt, aus dem bereits erwähnten Grunde zu machen nicht imstande. Nur einige wenige Anhaltspunkte stehen mir in dieser Beziehung zu Gebote. Ich habe die Erinnerung, daß mir etwa Mitte März 1894, als der Verkehr mit übersinnlichen Kräften bereits in ziemlicher Stärke hervorgetreten war, ein Zeitungsblatt vorgelegt wurde, in dem so etwas wie meine eigene Todesnachricht zu lesen war; ich faßte diesen Vorgang als einen Wink auf, daß ich auf irgendwelche Rückkehr in die menschliche Gesellschaft nicht mehr zu rechnen habe. Ob es sich bei der betreffenden Wahrnehmung um einen wirklichen Vorgang oder um eine im Wege der Vision erzeugte Sinnestäuschung gehandelt hat, wage ich nicht zu behaupten. Nur der Eindruck ist mir geblieben, daß es bei diesem und ähnlichen Vorkommnissen, wenn wirklich Visionen in Frage gewesen sein sollten, Visionen waren, in denen Methode lag, d.h. daß ein gewisser Zusammenhang bestand, welcher mich jedenfalls erkennen ließ, was man mit mir vorhatte. Es war die Zeit, in welcher ich, wie schon erwähnt, dauernd, bei Tag und Nacht, im Bette festgehalten wurde; ob und wieviel Wochen vermag ich nicht zu sagen. Um die Zeit der Osterfeiertage – wann Ostern im Jahre 1894 fiel, weiß ich nicht – muß dann mit der Person des Professor Flechsig eine wichtige Veränderung vorgegangen sein. Ich habe vernommen, daß derselbe während dieser Feiertage eine Erholungsreise nach der Pfalz oder dem Elsaß unternommen haben soll. Im Zusammenhang damit habe ich Visionen gehabt, wonach sich Professor Flechsig entweder zu Weißenburg im Elsaß oder im Polizeigefängnis in Leipzig erschossen habe; ich habe auch – als Traumbild – seinen Leichenzug gesehen, der sich von seiner Wohnung nach dem Tonberg zu (also eigentlich nicht in der Richtung, die man nach der damaligen Verbindung der Universitätsnervenklinik mit dem inneren Johannisfriedhofe vermuten sollte) bewegte. In anderen Visionen war mir derselbe wiederholt in Begleitung eines Schutzmannes oder in der Unterhaltung mit seiner Frau erschienen, deren Zeuge ich im Wege des Nervenanhangs wurde und wobei sich Professor Flechsig seiner Frau gegenüber »Gott Flechsig« nannte, so daß diese geneigt war, ihn für verrückt zu halten. Daß es sich bei diesen Visionen nicht um Vorgänge handelt, die sich gerade genau in der Weise wie ich sie gesehen zu haben glaube, wirklich zugetragen haben, ist mir jetzt wenigstens unzweifelhaft. Wohl aber halte ich ihre Deutung in dem Sinne für statthaft, daß sie eine Kundgebung der göttlichen Auffassung waren, was mit Professor Flechsig hätte geschehen sollen. Dagegen ist es ein wirklicher, d.h. nach der Bestimmtheit meiner Erinnerung in diesem Punkte für mich subjektiv gewisser Vorgang – mögen mir nun andere Menschen darin Glauben schenken können oder nicht – daß ich ungefähr um dieselbe Zeit die Seele und zwar wahrscheinlich die ganze Seele des Professor Flechsig vorübergehend im Leibe gehabt habe. Es war ein ziemlich umfänglicher Ballen oder Knäuel, den ich am ehesten mit einem entsprechenden Volumen Watte oder Spinngewebe vergleichen möchte, der mir im Wege des Wunders in den Bauch geschleudert worden war, vermutlich, um darin seinen Untergang zu finden. Diese Seele im Leibe zu behalten, sozusagen zu verdauen, wäre bei dem Umfang derselben wahrscheinlich ohnedies eine Unmöglichkeit gewesen; ich entließ dieselbe jedoch, als sie sich zu befreien strebte, freiwillig, einer Art Regung des Mitleids folgend, und sie entrang sich darauf durch meinen Mund wieder nach außen. Über die objektive Realität dieses Vorgangs habe ich um so weniger einen Zweifel, als ich später noch in einer ganzen Anzahl anderer Fälle in die Lage gekommen bin, Seelen oder Seelenteile in meinen Mund aufzunehmen und davon insbesondere noch eine ganz sichere Erinnerung an die üble Geruchs- und Geschmacksempfindung bewahre, welche derartige unreine Seelen demjenigen, in dessen Körper sie durch den Mund eintreten, verursachen. An die vorstehend erwähnten Vorgänge schloß sich, soviel mir erinnerlich, diejenige Periode an, welche mir von den Stimmen als die Zeit des ersten Gottesgerichtes bezeichnet wurde. Zufällig habe ich hier noch einige Daten im Gedächtnisse behalten, die mir von irgendwelcher Seite genannt worden sein müssen; danach hätte das erste Gottesgericht den Zeitraum vom 2. oder 4. bis 19. April 1894 umfaßt. Dem »ersten Gottesgerichte« folgten dann noch eine Anzahl weiterer Gottesgerichte, die jedoch dem ersten an Großartigkeit der Eindrücke im ganzen nicht unwesentlich nachstanden. Es handelte sich bei dem »ersten Gottesgerichte« um eine Reihe fortlaufender, bei Tag und bei Nacht erfolgender Visionen, denen, wenn ich so sagen darf, eine gemeinschaftliche Generalidee zugrunde lag. Es war die Vorstellung, daß, nachdem aus den Kreisen des deutschen Volkes heraus durch den Konflikt zwischen Professor Flechsig und mir eine für den Bestand der Gottesreiche gefährliche Krisis sich ergeben habe, dem deutschen Volke, insbesondere dem evangelischen Deutschland nicht mehr die Führerschaft als auserwähltes Volk Gottes belassen werden könne, daß dasselbe vielleicht sogar die Besetzung anderer »Weltkugeln« (»bewohnter Planeten?«) ganz ausfallen müsse, sofern nicht ein Kämpe für das deutsche Volk auftrete, der die fortdauernde Würdigkeit desselben erweise. Dieser Kämpe sollte bald ich selbst sein, bald eine andere von mir zu bezeichnende Persönlichkeit, und ich habe infolgedessen auf das Drängen der im Nervenanhang mit mir redenden Stimmen die Namen einer Anzahl hervorragender Männer als den nach meinem Dafürhalten für einen solchen Streit geeigneten Kämpen genannt. Im Zusammenhang mit dem bezeichneten Grundgedanken des ersten Gottesgerichts stand das bereits im vorigen Kapitel erwähnte Vordringen des Katholizismus, des Judentums und des Slaventums. Auch hierauf bezügliche Visionen habe ich in ziemlicher Anzahl gehabt, u.a. den Frauenflügel der Universitäts-Nervenklinik als zu einem Nonnenkloster oder einer katholischen Kapelle eingerichtet, barmherzige Schwestern in den Räumen unter dem Dache der Anstalt sitzen gesehen usw. usw. Dann aber hieß es, auch mit dem Katholizismus gehe es nicht mehr; nach dem Tode des jetzigen Papstes und eines Zwischenpapstes Honorius sei ein weiteres Konklave nicht mehr zustande gekommen, weil die Katholiken den Glauben verloren hätten usw. usw. Alles dies habe ich in der damaligen Zeit für wirkliche geschichtliche Vorgänge gehalten und demzufolge eine vielleicht mehrhundertjährige Entwicklung als bereits der Vergangenheit angehörig geglaubt. Diese Auffassung kann ich natürlich jetzt nicht mehr aufrechterhalten. Nachdem ich – freilich erst nach Verlauf mehrerer Jahre – durch Zeitungen und Briefe wieder in einen gewissen Verkehr mit der Außenwelt getreten bin, nachdem ich an dem Zustande der Baulichkeiten, die ich in der hiesigen Anstalt selbst und in deren Umgebung sehe, sowie an der Beschaffenheit der früher von mir besessenen und inzwischen in ziemlicher Anzahl in meine Hände zurückgelangten Bücher, Musikalien und sonstigen Gebrauchsgegenstände nichts entdecken kann, was mit der Annahme einer großen zeitlichen Kluft, die in der Geschichte der Menschheit sich ergeben habe, verträglich wäre, kann ich mich der Anerkennung nicht entziehen, daß äußerlich betrachtet alles beim alten geblieben ist. Ob nicht gleichwohl eine tiefgreifende innere Veränderung sich vollzogen hat , wird weiter unten besprochen werden. Von wesentlichem Einfluß auf meinen damaligen Vorstellungskreis waren auch gewisse Mitteilungen, die sich darauf bezogen, was alles in einer künftigen Seelenwanderung aus mir werden solle. Es wurden mir nacheinander die Rollen einer »Hyperboräerin«, eines »Jesuitenzöglings in Ossegg«, eines »Bürgermeisters von Klattau«, eines »Elsässer Mädchens, das ihre Geschlechtsehre gegen einen siegreichen französischen Offizier zu verteidigen hat«, endlich »eines Mongolenfürsten« zugedacht. Bei allen diesen Voraussagen glaubte ich einen gewissen Zusammenhang mit dem aus den übrigen Visionen sich ergebenden Gesamtbild zu erkennen. Das Los, eine »Hyperboräerin« zu werden, erschien mir als ein Hinweis darauf, daß für die Erde ein der allgemeinen Vereisung nahekommender Wärmeverlust entweder schon eingetreten sei oder bevorstehe; es war auch sonst davon die Rede gewesen, daß die Sonne sich in Jupitersentfernung zurückgezogen habe. Die künftige Bestimmung zu einem Jesuitenzögling in Ossegg, zu einem Bürgermeister in Klattau und zu einem Elsässer Mädchen in der oben bezeichneten Lage faßte ich als Weissagungen auf, daß der Protestantismus dem Katholizismus und das deutsche Volk im Kampfe mit seinen romanischen und slavischen Nachbarn entweder schon unterlegen sei oder noch unterliegen werde; die mir eröffnete Aussicht endlich, ein »Mongolenfürst« zu werden, erschien mir als eine Andeutung, daß, nachdem alle arischen Völker sich als Stützen der Gottesreiche ungeeignet erwiesen hätten, nunmehr eine letzte Zuflucht bei nichtarischen Völkern genommen werden müsse. – Ein verhängnisvoller Wendepunkt in der Geschichte der Erde und der Menschheit schien mir damals durch die Ereignisse eines einzelnen, mir bestimmt erinnerlichen Tages bezeichnet zu sein, an dem von Ablauf der »Weltuhren« die Rede war und gleichzeitig fortwährend ein ungewöhnlich reiches Zu-/strömen von Strahlen nach meinem Körper unter prachtvollen Lichterscheinungen erfolgte. Was es mit dem Ausdruck »Ablauf der Weltenuhren« für eine Bewandtnis hatte, vermag ich nicht zu sagen; es hieß, die ganze Menschheit würde wiederkehren, nur zwei nicht, nämlich ich selbst und der bereits im Kapitel V genannte Jesuitenpater S. Von diesem Zeitpunkte ab scheint dasjenige Verhältnis seinen Anfang genommen zu haben, das mir seitdem zu Hunderten und Tausenden Malen als »die verfluchte Menschenspielerei« bezeichnet worden ist. Ich habe Grund anzunehmen, daß seitdem das ganze Menschheitsgetriebe in einem Umfange, den ich bei den mir hinsichtlich meines Aufenthaltes auferlegten Beschränkungen nicht vollständig zu übersehen vermag, Vergleiche hierzu das Vorwort. nur noch künstlich im Wege unmittelbarer göttlicher Wunder aufrechterhalten wird. In meiner Nähe ist dies sicher der Fall, ich empfinde jedes Wort, das mit mir oder sonst in meiner Nähe gesprochen wird, jeden Schritt eines Menschen den ich höre, jeden Pfiff einer Eisenbahn, jeden Böllerschuß, der etwa bei Vergnügungsfahrten von Dampfern abgegeben wird usw., zugleich mit einem gegen meinen Kopf geführten Streiche, der in demselben eine mehr oder minder schmerzhafte Empfindung hervorruft, schmerzhafter, wenn Gott sich in größere Entfernung zurückgezogen hat, minder schmerzhaft, wenn er in größerer Nähe liegt. Ich vermag fast mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen, wann eine solche Lebensäußerung eines Menschen in meiner Nähe, die dann »Störung« genannt und von mir als Streich empfunden wird, erfolgen muß, nämlich allemal dann, wenn das in meinem Körper vorhandene Wollustgefühl eine so starke Anziehungskraft auf die Gottesstrahlen gewonnen hat, daß man, um sich wieder zurückziehen zu können, einer solchen »Störung« bedarf. Bis auf welche Entfernung dieses Aufziehen anderer Menschen durch göttliche Wunder, wenn ich diesen Ausdruck brauchen darf, stattfindet, vermag ich nicht zu sagen. Ich komme auf das ganze Verhältnis im weiteren Verlaufe noch des Näheren zurück. Was die Veränderungen am Sternhimmel betrifft, so bin ich jetzt der Meinung, daß die Nachrichten über den Verlust des oder jenes Sternes, des oder jenen Sternbildes (vgl. Kap. VI. Seite [122 f.]) sich nicht auf die Sterne selbst bezogen haben – diese sehe ich ja nach wie vor am Himmel – sondern nur auf die unter den betreffenden Sternen angesammelten Seligkeiten. Diese aber sind sicher vollständig aufgezehrt worden, d. h. die betreffenden Nerven infolge der Anziehungskraft in meinem Körper aufgegangen, in welchem sie dann den Charakter weiblicher Wollustnerven angenommen und meinem Körper auch sonst ein mehr oder weniger weibliches Gepräge, insbesondere meiner Haut die dem weiblichen Geschlechte eigentümliche Weichheit verliehen haben. Dagegen ist auf der anderen Seite für mich gewiß, daß Gott, der früher in ungeheuerer Entfernung von der Erde lagerte, genötigt worden ist, sich näher an die Erde heranzuziehen, die damit in früher nie gekannter Weise zum unmittelbaren und andauernden Schauplatz göttlicher Wunder geworden ist. Vor allen Dingen konzentrieren sich diese Wunder auf meine Person und meine Umgebung. Belege für diese Behauptung, soweit sie sich nicht schon aus dem bisherigen ergaben, gedenke ich noch später beizubringen. An dieser Stelle will ich vorläufig nur bemerken, daß die damit eingetretene Veränderung, eben weil sie der Weltordnung widerspricht, mit gewissen Übelständen für Gott selbst verknüpft und möglicherweise auch sonst von verhängnisvollen Folgen begleitet gewesen ist. Von Strahlen, die die heilige Ruhe gewöhnt waren, wie sie etwa auf den höchsten Berggipfeln der Erde zu herrschen pflegt, wird es nämlich unangenehm und mit einer Art schreckhafter Wirkung empfunden, daß sie nunmehr an allen meinen Gehörseindrücken, z. B. dem Geräusch der Eisenbahnen teilnehmen müssen. Die dafür gebrauchte, unzählige Male von mir gehörte Redewendung lautet »Der Hinhörungsgedanke gefallt uns nicht«. Ich habe ferner Grund, anzunehmen, daß die Sonnenausstrahlung seit dem angegebenen Zeitpunkte (oder vielleicht etwa ¼ Jahr später, worüber weiter unten das Nähere) unmittelbar von Gott und zwar von dem niederen Gott (Ariman) übernommen worden ist; dieser wird jetzt (seit Juli 1894) von den zu mir redenden Stimmen mit der Sonne geradezu identifiziert. Der obere Gott (Ormuzd) hat sich noch in größerer, vielleicht immer noch kolossaler Entfernung gehalten; ich sehe das Bild desselben als eine kleine, sonnenähnliche Scheibe, die vermöge ihrer Winzigkeit jedoch fast einem bloßen Punkte gleicht, in kurzen Zwischenräumen im Inneren meines Kopfes auf den Nerven desselben erscheinen. Vielleicht ist es also gelungen, außer unserm an der Sonne (Ariman) erleuchteten und erwärmten Planetensystem noch ein zweites Planetensystem zu erhalten, auf dem der Fortbestand der Schöpfung durch die von dem oberen Gott (Ormuzd) ausgehende Licht- und Wärmeausstrahlung ermöglicht wird. Dagegen ist es mir mindestens sehr zweifelhaft, ob nicht die Bewohnerschaft aller anderen Weltkörper, auf denen, als zu andern Fixsternen gehörig, sich etwa ein organisches Leben entwickelt hatte, dem Untergange hat geweiht werden müssen. Ich habe gewisse Anhaltspunkte, nachdem vielleicht mit der Möglichkeit zu rechnen wäre, daß auch das Licht der sämtlichen Fixsterne nicht, wie unsere Astronomie annimmt, ein eigenes, sondern nach Art der Planeten (natürlich, wie in allen solchen Dingen, cum grano salis zu verstehen) ein (von Gott) entlehntes Licht ist (vergl. oben Kapitel I). Der Hauptverhaltspunkt ist die Existenz der Ordnungssonne selbst, von der ja unsere Astronomie nichts weiß. Vergl. übrigens die einschränkende Bemerkung in den Nachträgen IV am Schlusse. Der Zeit, während deren ich dauernd im Bette festgehalten worden war, folgte gegen das Ende meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt eine Zeit, in der wieder regelmäßige Spaziergänge im Garten derselben stattfanden. Dabei nahm ich allerhand wunderbare Dinge wahr. Daß ich zwei Sonnen zugleich am Himmel zu sehen geglaubt habe, ist schon oben erwähnt worden. Eines Tages stand der ganze Garten in einem so üppigen Blumenflor, daß das Bild den Erinnerungen, die ich aus der ersten Zeit meiner Krankheit von dem Garten der Universitäts-Nervenklinik, einer überaus schmucklosen Anlage, hatte, nur sehr wenig entsprach, die Erscheinung wurde als Flechsig'sches Wunder bezeichnet. Ein anderes Mal waren in einem ungefähr in der Mitte des Gartens gelegenen Pavillon eine Anzahl Damen anwesend, die Französisch sprachen, ein in dem Garten der Männer abteilung einer öffentlichen Heilanstalt für Geisteskranke gewiß sehr merkwürdiger Vorgang. Die wenigen Patienten, die in dem Garten außer mir zuweilen erschienen, machten alle einen mehr oder minder abenteuerlichen Eindruck, in dem einen derselben glaubte ich einmal einen Verwandten von mir, den Mann einer meiner Nichten, den jetzigen Professor Dr. F. in K. zu erkennen, der mich scheu ansah, ohne jedoch ein Wort mit mir zu sprechen. Ich selbst kam mir, wenn ich mit einem schwarzen Mantel und einem schwarzen Klapphut auf einem Feldstuhl im Garten saß, wie ein steinerner Gast vor, der aus längst vergangenen Zeiten in eine fremde Welt zurückgekehrt sei. Eine sehr bemerkenswerte Veränderung hatte sich inzwischen mit meinem Schlafe vollzogen. Während in den ersten Monaten des Jahres 1894 mir nur mit den stärksten Schlafmitteln (Chloralhydrat) Schlaf und auch damit zum Teil nur mangelhaft hatte verschafft werden können und dann noch für einige Nächte Morphiuminjektionen gemacht worden waren, fielen in der letzten Zeit meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt wohl mehrere Wochen – alle Schlafmittel weg. Ich schlief – wenn auch zum Teil unruhig und stets unter mehr oder minder aufregenden Visionen ohne alle künstlichen Mittel: mein Schlaf war Strahlenschlaf geworden . Auch in der Zeit meines Aufenthalts in der Pierson'schen Anstalt und der ersten Zeit meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt (etwa ein Jahr lang) habe ich Schlafmittel, soviel ich mich erinnere, nicht erhalten. Ob in letzterer Beziehung ein Irrtum meinerseits vorliegt, würden wohl die Rezeptbücher der hiesigen Anstalt ausweisen müssen. Seit einigen Jahren bekomme ich regelmäßig wieder Schlafmittel (in der Hauptsache wohl abwechselnd Sulfonal und Anylenhydrat) und nehme dieselben auch ruhig ein, obwohl ich sie in betreff meines Schlafs für indifferent halte. Ich bin überzeugt, daß ich auch ohne alle künstlichen Schlafmittel gerade so gut oder schlecht schlafen würde, wie das mit denselben geschieht. Strahlen haben nämlich, wie schon oben in Anmerkung 20 b [31] erwähnt worden ist, unter anderen auch nervenberuhigende und schlafmachende Wirkung. Diese Behauptung wird um so glaubhafter erscheinen, als schon der gewöhnlichen Sonnenausstrahlung eine ähnliche Wirkung, wenngleich in ungleich schwächerem Grade, beizumessen ist. Jeder Psychiater weiß, daß die Nervenerregung bei Nervenkranken in der Nacht erheblich zunimmt, am Tage aber, namentlich in den späteren Vormittagsstunden, nach mehrstündiger Einwirkung des Sonnenlichts eine wesentliche Beruhigung einzutreten pflegt. In ungleich höherem Grade ergibt sich dieser Erfolg, wenn der Körper, wie in meinem Falle, unmittelbare göttliche Strahlen empfängt. Zur Herstellung des Schlafes ist dann nur eine verhältnismäßig geringe Menge von Strahlen erforderlich; nur müssen, seit es außer den eigentlichen göttlichen Strahlen auch noch abgeleitete (d. h. von unreinen oder geprüften Seelen geführte Flechsig'sche usw.) Strahlen gibt, alle diese Strahlen vereinigt sein. Ist dies der Fall, so verfalle ich alsbald in Schlaf. Als ich diese Erscheinung in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt wahrnahm, war ich nach den außerordentlichen Schwierigkeiten, mit denen mir bis dahin nur Schlaf hatte bereitet werden können, zunächst aufs höchste verwundert; erst im Laufe der Zeit bin ich mir über den Grund der Erscheinung klar geworden. An meinem Körper wurden, abgesehen von den schon mehrfach erwähnten Veränderungen an meinem Geschlechtsteile, im Laufe der Zeit allerhand Krankheitssymptome völlig ungewöhnlicher Art bemerkbar. Ich muß bei Besprechung derselben noch einmal auf die bereits in den vorhergehenden Kapiteln erwähnte Vorstellung eines Weltuntergangs zurückkommen, den ich nach den mir zuteil gewordenen Visionen entweder für noch bevorstehend hielt oder bereits der Vergangenheit angehörig glaubte. Über die Art und Weise, wie sich derselbe vollzogen haben mochte, hatte ich mir je nach den Eingebungen, die ich erhielt, verschiedene Ansichten gebildet. In erster Linie dachte ich immer an eine Verminderung der Sonnenwärme durch größere Entfernung der Sonne und eine damit eingetretene mehr oder weniger allgemeine Vereisung. In zweiter Linie dachte ich an Erdbeben oder dergleichen, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, daß mir einmal die Mitteilung gemacht worden ist, das große Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 habe mit einem dem meinigen ähnlichen Falle eines Geistersehers in Zusammenhang gestanden. Ferner stellte ich mir als Möglichkeit vor, die Kunde, daß sich auf einmal in der modernen Welt so etwas wie ein Zauberer in der Person des Professor Flechsig aufgetan habe Genannt wurde mir auch einmal der Name eines französischen Arztes Brouardel, der es dem Professor Flechsig nachgemacht haben sollte. und ich als eine doch immerhin in weiteren Kreisen bekannte Persönlichkeit plötzlich verschwunden sei, habe Furcht und Schrecken unter den Menschen verbreitet, die Grundlagen der Religion zerstört und das Umsichgreifen einer allgemeinen Nervosität und Unsittlichkeit verursacht, in deren Folge dann verheerende Seuchen über die Menschheit hereingebrochen seien. Diese letztere Vorstellung wurde namentlich dadurch begünstigt, daß längere Zeit hindurch von zwei in Europa kaum noch bekannten Krankheiten, der Lepra und der Pest, die Rede war, die in der Menschheit um sich gegriffen haben sollten und von denen sich Spuren auch an meinem eigenen Körper zeigten. Von der Lepra will ich letzteres nicht ganz bestimmt behaupten; wenigstens könnte es sich dabei nur um geringe Ansätze dieser Krankheit gehandelt haben, da ich eine sichere Erinnerung an einzelne derselben angehörige Symptome nicht besitze. Immerhin habe ich die Namen der verschiedenen Formen, in denen die Lepra aufgetreten sein sollte, im Gedächtnisse behalten. Es wurden genannt die Lepra orientalis, die Lepra indica, die Lepra hebraica und die Lepra aegyptiaca. Als Laie in der Medizin habe ich diese Ausdrücke früher nie vernommen, weiß auch nicht, ob sie den in der medizinischen Wissenschaft angenommenen technischen Bezeichnungen für die betreffenden Krankheitsformen entsprechen. Ich erwähne dieselben an gegenwärtiger Stelle zugleich zur Widerlegung der Annahme, als ob es sich bei mir um bloße mir von meinen eigenen Nerven vorgegaukelte Sinnestäuschungen handle; denn wie sollte ich, ohne jegliche eigene Kenntnis von Abarten der genannten Krankheit, von selbst auf derartige Ausdrücke verfallen sein? Dafür, daß bei mir irgendwelche Keime der Lepra vorhanden gewesen sein müssen, spricht der Umstand, daß ich eine Zeitlang veranlaßt wurde, gewisse seltsam klingende Beschwörungsformeln auszusprechen, wie: »Ich bin die erste Lepraleiche und führe eine Lepraleiche Ich habe dies meines, Erinnerns auf Geheiß der inneren Stimmen auch einige Male dem Wärter R. gegenüber laut getan, der dafür natürlich nur ein mitleidiges Lächeln hatte. – Beschwörungsformeln, die, soweit ich verstanden habe, damit zusammenhingen, daß die an der Lepra Erkrankten sich als dem sicheren Tode verfallen zu betrachten und einander beim Eingraben in die Erde zur Herbeiführung eines mindestens erträglichen Todes behilflich zu sein hatten. Dagegen habe ich der Pest angehörige Krankheitserscheinungen an meinem Körper zu verschiedenen Malen in ziemlich starken Andeutungen gehabt. Es handelte sich hier um verschiedene Formen der Pest: die blaue Pest, die braune Pest, die weiße Pest und die schwarze Pest. Die weiße Pest war die ekelhafteste dieser Formen; die braune und die schwarze Pest waren mit Ausdünstungen des Körpers verbunden, die bei der ersteren einen leimartigen, bei der letzteren einen rußartigen Geruch verbreiteten; bei der schwarzen Pest waren dieselben einige Male so stark, daß mein ganzes Zimmer davon erfüllt war. Von der braunen Pest habe ich noch in der ersten Zeit meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt, im Sommer 1894, schwache Spuren bemerkt. Die Pest galt den Seelen als eine Nervenkrankheit, demnach als eine »heilige Krankheit«; ob sie mit der jetzt ab und zu wohl vorkommenden Beulenpest irgendeine Verwandtschaft hatte, weiß ich nicht. Immerhin verblieb es auch hinsichtlich der Pest bei mehr oder weniger starken Andeutungen, zu einer vollkommenen Entwicklung der Krankheitsbilder kam es nicht. Der Grund lag darin, daß die Krankheitserscheinungen durch nachfolgende reine Strahlen immer wieder beseitigt werden mußten. Man unterschied nämlich »sehrende« Das Zeitwort »sehren« entstammt offenbar einer altdeutschen Sprachwurzel, die soviel wie »schädigen« bedeutet und unserer jetzigen Sprache bis auf die Zusammensetzung »unversehrt« verlorengegangen, in der Grundsprache aber erhalten worden ist. und »segnende« Strahlen; die ersteren waren mit Leichengift oder irgendeinem anderen Fäulnisstoff beladen und trugen also irgendeinen Krankheitskeim in den Körper hinein oder brachten eine sonstige zerstörende Wirkung in demselben hervor. Die segnenden (reinen) Strahlen heilten den Schaden wieder, den jene angerichtet hatten. Andere Vorgänge an meinem Körper hatten einen noch engeren Zusammenhang mit übersinnlichen Dingen. Bereits in den früheren Kapiteln ist bemerkt worden, daß die Strahlen (Gottesnerven), welche der Anziehung unterlagen, dieser nur widerwillig folgten, weil dieselbe zu einem Verluste der eigenen Existenz führte, also dem Selbsterhaltungstriebe widersprach. Man suchte daher immer die Anziehung wieder aufzuheben, m. a. W. von meinen Nerven wieder loszukommen. Das einzige durchgreifende Mittel zu diesem Zwecke wäre die Heilung meiner Nervenkrankheit durch Verschaffung ausgiebigen Schlafs gewesen. Hierzu konnte man sich aber nicht oder wenigstens nicht konsequent entschließen, weil dies nur im Wege selbstverleugnender Aufopferung der jedesmal zunächst beteiligten Strahlen möglich gewesen wäre, zu der eben die Fähigkeit oder die Entschiedenheit des Willens nicht vorhanden war. Man versuchte es daher im Laufe der Zeit mit allen erdenklichen anderen Mitteln, die sich aber der Natur der Sache nach sämtlich als durchaus ungeeignet erwiesen. Immer war hierbei die Vorstellung maßgebend, mich »liegen zu lassen«, d. h. zu verlassen, was man in der Zeit, von der ich jetzt handle, durch Entmannung und Preisgebung meines Körpers als den einer weiblichen Dirne, ab und zu wohl auch durch Tötung und später durch Zerstörung meines Verstandes (Blödsinnigmachen) erreichen zu können glaubte. Hinsichtlich der Entmannungsbestrebungen machte man aber bald die Erfahrung, daß die allmähliche Anfüllung meines Körpers mit Wollust-(weibliche)Nerven gerade umgekehrt wirkte, die dadurch in meinem Körper entstehende sogenannte »Seelenwollust« die Anziehungskraft vielmehr erhöhte. Man setzte mir daher in jener Zeit zu oft wiederholten Malen »Skorpione« in den Kopf, winzige krebs- oder spinnenartige Gebilde, die in meinem Kopf irgendwelche Zerstörungsarbeit verrichten sollten. Dieselben hatten Seelencharakter, waren also sprechende Wesen; man unterschied nach der Stelle, von der sie ausgegangen waren, »arische« Der Ausdruck »arisch« (»Arier« ist bekanntlich eine andere Bezeichnung für die indogermanischen Völker) wurde damals überhaupt viel gebraucht; es gab auch eine »arische« Seligkeit usw. Im allgemeinen diente der Ausdruck zur Bezeichnung der bei einem großen Teil der Seelen vorhandenen nationaldeutschen Richtung, welche dem deutschen Volke die Stellung des auserwählten Volkes Gottes erhalten wollte, im Gegensatz zu katholisierenden und slawisierenden Bestrebungen, von denen ein anderer Teil der Seelen erfüllt war. und »katholische« Skorpione; die ersteren waren etwas größer und kräftiger. Diese Skorpione zogen sich aber regelmäßig aus meinem Kopfe wieder heraus, ohne mir Schaden zu tun, als sie die Reinheit meiner Nerven und die Heiligkeit meiner Gesinnung wahrnahmen – einer der zahllosen Triumphe, die ich in ähnlicher Weise auch später noch vielfach erlebt habe. Man suchte ferner, eben weil die Heiligkeit meiner Gesinnung eine zu große Anziehungskraft auf die Seelen ausübte, meine geistige Individualität in der verschiedenartigsten Weise zu verfälschen. Die »Jesuiten«, d.h. wohl abgeschiedene Seelen früherer Jesuiten, bemühten sich wiederholt, mir einen anderen »Bestimmungsnerven« in den Kopf zu setzen, durch den mein Identitätsbewußtsein verändert werden sollte; man überzog meine innere Schädelwand mit einer anderen Gehirnmembran, Auch von einer Gehirnmembran habe ich als Laie in der Medizin früher nichts gewußt, sondern diesen Ausdruck nur von den Stimmen mitgeteilt erhalten, nachdem ich die Erscheinung selbst wahrgenommen (empfunden) hatte. um die Erinnerung an mein eigenes Ich in mir auszulöschen. Alles ohne irgendwelchen nachhaltigen Erfolg. Man versuchte endlich meine Nerven zu schwärzen, indem man mir die geschwärzten Nerven anderer (verstorbener) Menschen in den Körper hereinwunderte, vermutlich in der Annahme, daß sich die Schwärze (Unreinheit) dieser Nerven meinen eigenen Nerven mitteilen würde. In betreff dieser geschwärzten Nerven will ich einige Namen nennen, deren Träger sich sämtlich in der »Flechsig'schen Hölle« befunden haben sollten, was mich auf die Annahme leitet, daß Professor Flechsig über die betreffenden Nerven irgendwelche Verfügungsgewalt besessen haben muß. Es waren darunter ein gewisser Bernhard Haase – nur zufällig mit einem entfernten Verwandten von mir namensidentisch – ein schlechter Kerl, der irgendwelche Verbrechen, Mordtaten oder dergleichen sich sollte haben zuschulden kommen lassen; ferner ein gewisser R. ein Studiengenosse und Verbindungsbruder von mir, der, weil er nicht gut getan und ein ziemlich dissolutes Leben geführt hatte, nach Amerika gegangen war, und dort meines Wissens im dortigen Sezessionskriege 1864 oder 1865 gefallen Der oben erwähnte Fall R. ist eines derjenigen Momente, aus denen ich die Mutmaßung ableite, daß sich die Machtbefugnisse des Professor Flechsig als Verwalter einer Gottesprovinz (vergl. oben S. [105 f.]) bis nach Amerika erstreckt haben müssen. Dasselbe scheint bezüglich Englands der Fall gewesen zu sein; es hieß wiederholt, daß er einem englischen Bischof die von diesem geführten »16 englischen Strahlen« abgenommen habe, die ihm allerdings nur mit der ausdrücklichen Bedingung anvertraut worden seien, daß sie lediglich in einem für die Unabhängigkeit Deutschlands zu führenden Kriege sollten zur Verwendung kommen dürfen. ist; endlich ein gewisser Julius Emil Haase; dieser machte ungeachtet seiner geschwärzten Nerven den Eindruck einer sehr ehrenwerten Persönlichkeit. Er war wohl zur Zeit des Frankfurter Attentats alter Burschenschafter und dann praktischer Arzt, wenn ich recht vernommen habe, in Jena gewesen. An dem zuletzt erwähnten Falle war besonders interessant, daß die Seele dieses Julius Emil Haase vermöge der in ihrem Leben erlangten wissenschaftlichen Erfahrung mir sogar noch gewisse medizinische Ratschläge zu erteilen in der Lage war; auch in betreff der Seele meines Vaters war dies, wie ich bei dieser Gelegenheit nachtragen will, in gewissem Maße der Fall gewesen. Irgendwelcher dauernde Erfolg ergab sich aus der Anwesenheit der geschwärzten Nerven in meinem Körper nicht; sie verloren sich mit der Zeit, ohne an der Beschaffenheit meiner eigenen Nerven etwas zu ändern. Noch manche wunderbare Dinge könnte ich aus der Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt erzählen. Ich könnte von Vorgängen erzählen, auf Grund deren ich annehmen darf, daß der Volksglaube, wonach Irrlichter abgeschiedene Seelen sind, in vielen Fällen, wenn nicht in allen Fällen Wahrheit ist; ich könnte erzählen von Wandeluhren , d. h. den Seelen abgeschiedener Ketzer, die in mittelalterlichen Klöstern Jahrhunderte lang unter Glasglocken aufbewahrt worden sein sollen (wobei auch so etwas wie Seelenmord mituntergelaufen) und die Fortdauer ihres Lebens durch eine mit unendlich eintönig traurigem Gesumme verbundene Vibrierung bekundeten (ich selbst habe den Eindruck im Wege des Nervenanhangs empfunden) usw. usw. Ich will aber, um nicht zu weitläufig zu werden, Es kommt die Erwägung hierzu, daß es sich dabei größtenteils um Visionen handelt, deren Bilder ich zwar im Kopfe habe, deren Beschreibung in Worten aber ungemein schwierig, zum Teil geradezu unmöglich ist. meinen Bericht über meine Erlebnisse und Erinnerungen aus der Zeit meines Aufenthalts in der Flechsigschen Anstalt hiermit abschließen. VIII. Persönliche Erlebnisse während des Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt. »Geprüfte Seelen« Aus dem vorstehend Erzählten geht hervor, daß ich in den letzten Monaten meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt unter dem Eindruck der verschiedenartigsten Befürchtungen stand hinsichtlich irgendwelcher Gefahren, die meinem Körper oder meiner Seele aus dem unlösbar gewordenen Strahlenverkehr zu drohen schienen und die zum Teil auch schon eine recht greifbare Gestalt angenommen hatten. Am verabscheuungswürdigsten erschien mir die Vorstellung, daß mein Körper nach der beabsichtigten Verwandlung in ein weibliches Geschöpf irgendwelchem geschlechtlichen Mißbrauch unterliegen sollte, zumal eine Zeitlang sogar davon die Rede war, daß ich zu diesem Zwecke den Wärtern der Anstalt vorgeworfen werden sollte. Im übrigen spielte die Befürchtung vom »Liegengelassenwerden« eine Hauptrolle, so daß ich eigentlich jeden Abend mit dem Zweifel in das Bett meiner Zelle ging, ob sich die Tür der letzteren am nächsten Morgen überhaupt wieder öffnen werde; auch das nächtliche Herausholen aus der Zelle zu einer mitten in der Nacht auszuführenden Ertränkung war ein Schreckbild, mit dem meine Einbildungskraft nach dem, was die Stimmen mit mir redeten, sich beschäftigte und beschäftigen mußte. Als daher eines Tages (etwa Mitte Juni 1894) am frühen Morgen drei Wärter mit einem Handkoffer, in welchem meine wenigen Effekten verpackt waren, in meiner Zelle erschienen, und mir ankündigten, daß ich mich zur Abreise aus der Anstalt fertig machen sollte, hatte ich zunächst nur den Eindruck der Befreiung aus einem Aufenthalt, in welchem mir eine unbestimmte Menge von Gefahren drohte. Ich wußte nicht, wohin die Reise gehen sollte, erachtete es auch nicht der Mühe wert, danach zu fragen, weil ich die genannten Wärter überhaupt nicht für Menschen, sondern für »flüchtig hingemachte Männer« hielt. Auch bezüglich des obengenannten R. hatte ich eine Vision gehabt, wonach er sich auf dem Wege nach »Übelessen« (dem Thonberg bei Leipzig) das Leben genommen haben sollte. Das Ziel der Reise erschien mir gleichgültig; ich hatte nur das eine Gefühl, daß es mir schlechter an keinem Orte der Welt ergehen könne, als es mir in der Flechsigschen Anstalt ergangen war, und daß daher jede Veränderung höchstens nur eine Verbesserung bedeuten könne. Ich fuhr in Begleitung der drei Wärter in einer Droschke nach dem Dresdener Bahnhof ab, ohne den Professor Flechsig noch einmal gesehen zu haben. Die Straßen der Stadt Leipzig, durch die wir fuhren, namentlich die Fahrt über den Augustusplatz, machten mir einen merkwürdig fremdartigen Eindruck; sie waren, soviel ich mich erinnere, vollständig menschenleer. Es kann dies an der frühen Morgenstunde und der dieser eigentümlichen Beleuchtung gelegen haben; wahrscheinlich ist der von mir benutzte Eisenbahnzug der etwa ½ 6 Uhr morgens abgehende Personenzug gewesen. Ich war aber damals, nachdem ich monatelang inmitten von Wundern gelebt hatte, mehr oder weniger geneigt, alles, was ich sah, für Wunder zu halten. Ich wußte also nicht, ob ich nicht etwa auch die Straßen der Stadt Leipzig, durch die ich fuhr, nur für Theaterkulissen halten sollte, in der Art etwa, wie sie der Fürst Potemkin der Kaiserin Katharina II. von Rußland bei ihren Reisen durch das öde Land vorgeführt haben soll, um ihr den Eindruck einer blühenden Landschaft zu verschaffen. Auf dem Dresdner Bahnhof sah ich allerdings eine größere Anzahl von Menschen, die den Eindruck von Eisenbahnpassagieren machten. Wenn man aber vielleicht meint, daß ich durch die Fahrt nach dem Bahnhof und die sich daran anschließende Eisenbahnfahrt von der Vorstellung einer großen, mit der Menschheit vorgegangenen Veränderung schon damals gründlich hätte befreit werden sollen, so muß ich einhalten, daß mich an meinem neuen Bestimmungsort alsbald wieder eine neue Wunderwelt mit so abenteuerlichen Erscheinungen umgab, daß die Eindrücke der Reise alsbald wieder verwischt wurden oder mir wenigstens Zweifel blieben, wie ich dieselben deuten sollte. Die Eisenbahnfahrt ging mit einer, nach meinem Gefühl wenigstens, für einen Personenzug ungewöhnlichen Geschwindigkeit vor sich; meine Stimmung in der damaligen Zeit war derart, daß ich jeden Augenblick bereit gewesen wäre, mich (wenn es verlangt worden wäre) auf die Eisenbahnschienen zu legen oder, bei der Fahrt über die Elbe, ins Wasser zu springen. Nach mehrstündiger Fahrt verließen wir die Eisenbahn auf einer Station, die, wie ich später erfahren habe, Coswig gewesen sein soll; dort wurden wir von einem Geschirr aufgenommen, das uns in etwa halbstündiger Fahrt nach meinem neuen Bestimmungsort führte. Wie ich ebenfalls erst nach Jahren vernommen habe, soll es die Dr. Pierson'sche Privatheilanstalt für Geisteskranke gewesen sein; damals lernte ich die Anstalt nur unter der mir von den Stimmen genannten Bezeichnung als »Teufelsküche« kennen. Auf dem Kutschbock des Geschirrs hatte der zur Abholung miterschienene Oberwärter der Anstalt Platz genommen, der, soviel ich mich erinnere, Marx genannt wurde und auf dessen in irgendwelcher Weise vorhanden gewesene Identität mit der von W.'schen Seele ich nunmehr bald zu sprechen kommen werde. Die Anstalt selbst, ein verhältnismäßig kleines Gebäude inmitten einer schönen Parkanlage gelegen, machte den Eindruck völliger Neuheit. Es schien eben alles erst fertig geworden zu sein; die Lackfarben auf den Stufen der Treppen waren noch nicht einmal völlig trocken. Die drei Wärter der Flechsig'schen Anstalt, die mich begleitet hatten, zogen sich alsbald zurück, so daß ich sie nicht wieder erblickt habe. Ich hatte Zeit, mich in meinem neuen Aufenthaltsorte umzusehen. Weshalb ich eigentlich – vorübergehend, auf 8 bis 14 Tage – in die Dr. Pierson'sche Heilanstalt gebracht worden bin, ist mir, wenn ich die Dinge menschlich natürlich aufzufassen suche, jetzt noch unerfindlich. War einmal meine Überführung aus der Leipziger Universitätsklinik in die hiesige Landesheilanstalt (Sonnenstein) beschlossen worden, so hätte es doch wohl näher gelegen, dieselbe sogleich ohne Zwischenaufenthalt ins Werk zu setzen, und wenn etwa auf dem Sonnenstein geeignete Räume zu meiner Aufnahme nicht gleich in Bereitschaft waren, lieber noch meinen Aufenthalt in der Leipziger Anstalt um acht bis vierzehn Tage zu verlängern, anstatt die Überwachung eines doch recht gefährlichen Patienten, wie ich es damals sicher war, einer Privatheilanstalt anzuvertrauen. Auch von der Dr. Pierson'schen Anstalt (der »Teufelsküche«) will ich Grundriß und Skizze zu entwerfen suchen, da ich aus den räumlichen Verhältnissen derselben gewisse Folgerungen ableiten zu können damals geglaubt habe und noch jetzt ableiten zu können glaube. Das Gebäude, in dem ich Aufnahme fand, war, soviel ich mich erinnere, nur einstöckig, d. h. aus einem Erdgeschosse und oberen Stockwerke bestehend; in einiger Entfernung durch die Parkanlage getrennt, lag ein zweites Gebäude, das das Frauenhaus der Anstalt vorstellen sollte. Das obere Stockwerk des von mir bezogenen Gebäudes gewährte im Grundrisse etwa folgendes Bild: Abb. Parkanlage Das untere Stockwerk war etwas anders abgeteilt; es enthielt u. a. ein Badezimmer, sonst schien es nur aus wenigen größeren Räumlichkeiten zu bestehen; in der Richtung nach dem Hofraum führte eine Tür auf einigen Treppenstufen zu dem letzteren hinab. Die Zeit, welche ich in der Pierson'schen Anstalt verbracht habe, war diejenige Zeit, in welcher nach meinem Urteil der tollste Wunderunfug getrieben wurde. Denn als Unfug kann mir doch nur alles Wundern erscheinen, welches nicht ein Schaffen zu dauernden vernünftigen Zwecken ist, sondern leere Spielerei, wenn schon sie vielleicht den Strahlen eine vorübergehende Unterhaltung gewähren mag. In keiner anderen Zeit wurde das Setzen von »flüchtig hingemachten Männern« so verschwenderisch betrieben, wie damals. Die Gründe, worauf ich diese Behauptung stütze, werden sich aus dem Folgenden ergeben. Ich beginne zunächst mit der Schilderung meiner äußeren Lebensverhältnisse, wie sie sich an meinem neuen Aufenthalt gestalteten. Ein bestimmtes Wohnzimmer war mir nicht angewiesen; als Schlafzimmer diente mir der in obigem Grundriß mit b bezeichnete Raum. Den Tag über hielt ich mich meist in dem allgemeinen Gesellschafts- oder Speisezimmer c auf, in dem ein fortwährender Ab- und Zugang anderer angeblicher Patienten der Anstalt erfolgte. Zu meiner besonderen Überwachung schien ein Wächter angestellt zu sein, in dem ich nach einer vielleicht zufälligen Ähnlichkeit den Diener des Oberlandesgerichts wiederzuerkennen glaubte, der mir während meiner sechswöchigen Berufstätigkeit in Dresden die Akten ins Haus gebracht hatte; ich werde denselben, da ich seinen Namen nicht erfahren habe, als den »Oberlandesgerichtsdiener« bezeichnen. Natürlich hielt ich denselben, wie alle anderen Menschengestalten, die ich sah, nur für »flüchtig hingemacht«. Ich kann mich auch jetzt noch nicht von der Irrigkeit dieser Annahme überzeugen, da ich mich z. B. bestimmt zu erinnern glaube, daß ich diesen »Oberlandesgerichtsdiener«, der in demselben Schlafzimmer, wie ich, in einem anderen Bett schlief, mehr als einmal an den damaligen hellen Junimorgen im Bett habe alle werden, d.h. allmählich verschwinden sehen, so daß das Bett desselben dann leer war, ohne daß ich ein Aufstehen desselben und ein Öffnen der Tür zum Verlassen des Zimmers bemerkt hätte. Der »Oberlandesgerichtsdiener« hatte übrigens auch die Gewohnheit, hin und wieder meine eignen Kleidungsstücke anzuziehen. Als angeblicher ärztlicher Leiter der Anstalt erschien zuweilen – meist in den Abendstunden – ein Herr, der mich wiederum nach einer gewissen Ähnlichkeit an den in Dresden von mir konsultierten Dr. med. O. erinnerte; die Unterhaltung dieses Herrn, der immer in Begleitung des noch näher zu beschreibenden Oberwärters erschien und in dem ich also jetzt den Dr. Pierson vermuten müßte, beschränkte sich regelmäßig auf wenige nichtssagende Worte. Den Garten der Anstalt, die oben erwähnte Parkanlage habe ich nur ein einziges Mal und zwar gleich am Tage meiner Ankunft zu einem etwa einstündigen Spaziergang betreten; ich sah bei demselben einige Damen, darunter die Frau Pastor W. aus Fr. und meine eigene Mutter, sowie einige Herren, darunter den Oberlandesgerichtrat K. aus Dresden, letzteren allerdings mit unförmlich vergrößertem Kopf. Wenn ich auch versuchen wollte, mir jetzt einzureden, daß ich dabei nur durch flüchtige Ähnlichkeiten der äußeren Erscheinung getäuscht worden sei, so reicht dies doch zur Erklärung der damals empfangenen Eindrücke für mich nicht aus, da ich das Vorkommen solcher Ähnlichkeiten in zwei oder drei Fällen allenfalls verständlich finden könnte, nicht aber die Tatsache, daß, wie aus dem Folgenden hervorgehen wird, fast das ganze Patientenpublikum der Anstalt, sonach mindestens mehrere Dutzende von Menschen das Gepräge von Persönlichkeiten trug, die mir im Leben mehr oder weniger nahegestanden hatten. Nach jenem einzigen Spaziergang in den eigentlichen Garten fand ein Aufenthalt im Freien – wohl jeden Vor- und Nachmittag auf ein bis zwei Stunden – nur noch in dem oben erwähnten Hofraum oder »Pferche« statt, einem etwa 50 Meter im Geviert haltenden, von Mauern eingeschlossenen, öden Sandplatz ohne jeden Busch oder Strauch und ohne jede Sitzgelegenheiten bis auf ein oder zwei Holzbänke der allerprimitivsten Art. In diesen Pferch wurden jedesmal zugleich mit mir 40-50 Menschengestalten getrieben, die ich nach ihrer ganzen Erscheinung unmöglich für den wirklichen Patientenbestand einer Privatheilanstalt für Geisteskranke halten konnte und noch jetzt halten kann. In derartigen Privatanstalten pflegen doch im allgemeinen nur wohlhabendere Patienten, und eigentliche Demente oder tiefer verblödete Kranke nur ganz ausnahmsweise Aufnahme zu finden. Hier sah ich aber lauter abenteuerliche Gestalten, darunter verrußte Kerle in Leinwandkitteln. Fast alle verhielten sich durchaus schweigsam und nahezu regungslos; nur einige wenige pflegten ab und zu gewisse abgerissene Laute auszustoßen, darunter ein Herr, den ich für den Oberlandesgerichtsrat W. hielt, und der fortwährend nach einem Fräulein Hering rief. Nie habe ich bei diesen Aufenthalten in dem »Pferch« oder auch im Innern der Anstalt eine Unterhaltung der angeblichen Patienten untereinander gehört, die auch nur annähernd den Charakter eines vernünftigen Gesprächs gehabt hätte, wie es in Privatanstalten unter leichteren Kranken geführt zu werden pflegt. Sie erschienen bei dem Eintritt in das Gesellschaftszimmer, einer nach dem anderen, völlig lautlos und entfernten sich ebenso lautlos aus demselben wieder, ohne, wie es schien, gegenseitig voneinander Notiz zu nehmen. Dabei habe ich wiederholt mit angesehen, daß einzelne von ihnen während ihres Aufenthaltes im Gesellschaftszimmer die Köpfe wechselten, d. h. ohne daß sie das Zimmer verlassen hätten und während meiner Beobachtung auf einmal mit einem anderen Kopfe herumliefen. Die Zahl der Patienten, die ich im Pferch und in dem Gesellschaftszimmer teils (namentlich in dem ersteren) gleichzeitig, teils nacheinander erblickte, stand in gar keinem Verhältnisse zu der Größe der Anstaltsräumlichkeiten, soweit dieselbe meiner Wahrnehmung zugänglich war. Es war und ist nach meiner Überzeugung geradezu unmöglich, daß die 40 bis 50 Personen, welche gleichzeitig mit mir in den Pferch getrieben wurden und auf das zur Rückkehr gegebene Signal jedesmal wieder nach der Tür des Hauses drängten, in dem letzteren alle Lagerstätten für die Nacht hätten finden können; ich war daher damals und bin noch jetzt der Meinung, daß ein größerer oder geringerer Teil derselben immer draußen bleiben mußte, um sich dann als das, was sie waren, nämlich »flüchtig hingemachte Männer« in kurzer Zeit aufzulösen. In dem ersten Stockwerk der Anstalt, das ich bewohnte, waren, wenn es hoch kommt, überhaupt nur 4 bis 6 Betten vorhanden; das Erdgeschoß, welches ich beim Ausgang nach dem Pferch und bei der Rückkehr aus demselben jedesmal passieren mußte, wimmelte meist von Menschengestalten, hätte aber, selbst wenn etwa ein gemeinschaftlicher Schlafsaal vorhanden war, schwerlich mehr als 10 bis 12 Menschen Unterkommen für die Nacht bieten können. Und dabei hätten doch alle die 40 bis 50 Besucher des Pferchs sämtlich mehr oder weniger Demente sein müssen, da man leichtere und für ihre Umgebung ungefährliche Kranke schwerlich in diesen öden Pferch gesperrt und ihnen den Genuß eines Spaziergangs in dem tatsächlich vorhandenen Anstaltsgarten – der oben erwähnten Parkanlage – vorenthalten haben würde. Von den mir aus dem Pferch erinnerlichen Gestalten will ich nennen den Dr. Rudolph J. aus Leipzig, einen Vetter meiner Frau, der sich bereits 1887 erschossen hatte; die Ähnlichkeit war bis auf etwas geringere Körpergröße so frappant, daß ich einen Zweifel hinsichtlich der Identität für ausgeschlossen halten muß. Derselbe lief fortwährend mit einem Stoße Zeitungs- oder anderem Papier herum, das er aber lediglich benutzte, um sich auf den harten Holzbänken eine weichere Unterlage zu verschaffen; ferner den Oberstaatsanwalt B., der fortwährend eine gebückt-devote, gleichsam betende Haltung einnahm, in welcher er regungslos verharrte. Einige der Anwesenden wurden mir von den Stimmen als die Gestalten bezeichnet, in denen sich »rücksichtlich des Bestimmenden 4ter und 5ter« (zu ergänzen ein Wort wie »Dimension«, das ich nicht deutlich verstanden habe) »Rücksichtlich des Bestimmenden« war eine andere Bezeichnung für Gottes Allmacht, die den »vordern Kolonnenführern« d. h. Gottes Allmacht in irgendwelchen untergeordneten Instanzen (vergl. Anmerkung 12 [19]) gegeben wurde. Die beigesetzten Zahlen bedeuten die Stufenfolge nach oben. Der später zu erwähnende, auch »Unterhalb der Mäßigung« genannte »vordere Kolonnenführer«, in betreff dessen ich eine Art Identität mit dem Vorstand der hiesigen Anstalt anzunehmen habe, trug die Zahl 14. Die höchste Zahl, die ich später noch vernommen zu haben mich erinnere, war 480. und seine unterirdischen Antipoden (die verrußten Kerle in Leinwandkitteln »gesetzt« (verkörpert) hätten. Im Innern der Anstalt habe ich u. a. gesehen den Geh. Rat Dr. W. Diesen in zwiefacher Gestalt, einer vollkommeneren und nur mehr herabgekommenen, welche ihm in der Seelenwanderung verliehen worden sein sollte, ferner den Senatspräsidenten Dr. F., den Oberlandesgerichtsrat Dr. M., den Rechtsanwalt W. aus Leipzig (ein Jugendfreund von mir), meinen Neffen Fritz usw. In einem Herrn, der, wie es schien, das jenseits des Treppenhauses gelegene Zimmer f des obigen Grundrisses innehatte und den ich schon bei meiner Ankunft auf dem Bahnhof zu Coswig auf- und abgehend, gleichsam jemand suchend bemerkt zu haben meinte, glaubte ich einen Herrn von O. aus Mecklenburg, eine flüchtige Reisebekanntschaft von Warnemünde her, wiederzuerkennen. Das Zimmer desselben war ganz mit sonderbaren, meist rot gefärbten Bildern (auf Papier) ausgeschlagen und von demjenigen eigentümlichen Geruch erfüllt, den ich bereits im Kapitel 1 als den Teufelsgeruch bezeichnet habe. Meinen Schwiegervater habe ich einmal vom Fenster aus auf dem nach der Anstalt führenden Zugangswege bemerkt; von ihm habe ich übrigens auch um dieselbe Zeit eine Anzahl von Nerven im Leibe gehabt, an deren Verhalten im Wege der Nervenanhangsunterhaltung ich durchaus die Sinnesart meines Schwiegervaters wiedererkannte. Dabei ereignete es sich wiederholt, daß ich namentlich in die Eckzimmer a und d des obigen Grundrisses eine ganze Anzahl von Personen (4–5), einmal sogar einige Damen, nachdem sie das Gesellschaftszimmer passiert hatten, eintreten sah, die dann in jenen Zimmern verschwunden sein müssen. Ich habe dabei auch wiederholt das eigentümliche Röcheln gehört, das mit dem »Wegsetzen« (Sichauflösen) der »flüchtig hingemachten Männer« verbunden war. Die letzteren hatten, wie der Grundriß ergibt, keinen anderen Ausgang, als eben durch das Gesellschaftszimmer. Wenn ich selbst nach einiger Zeit, während der ich das Gesellschaftszimmer nicht verlassen hatte, durch die geöffnete Tür in die Zimmer hineinsah, war entweder gar niemand mehr darin, oder nur noch eine einzige Person, in dem Eckzimmer d, namentlich die von mir als Geh. Rat Dr. W. bezeichnete Persönlichkeit, die dann im Bette liegend sich mit allerhand sonderbarem Aufputz aus seidenen Bändern usw. versehen, wie es damals hieß, diese sich »gewundert« hatte. Es wurde nicht nur an Menschengestalten, sondern auch an leblosen Gegenständen gewundert. So skeptisch ich mich auch jetzt bei Prüfung meiner Erinnerungen zu verhalten suche, so kann ich doch gewisse Eindrücke aus meinem Gedächtnisse nicht verwischen, nach denen auch Kleidungsstücke auf dem Leibe der von mir gesehenen Menschen, die Speisen auf meinem Teller während des Essens (z. B. Schweinsbraten in Kalbsbraten oder umgekehrt) verwandelt wurden usw. Eines Tages sah ich – am hellen Tage – vom Fenster aus – unmittelbar vor den Mauern des Gebäudes, das ich bewohnte, einen prachtvollen Säulenvorbau entstehen, gleichsam als ob das ganze Gebäude in einen Feenpalast umgewandelt werden sollte; das Bild verschwand später wieder, angeblich weil das beabsichtigte, göttliche Wunder infolge Flechsig'scher und von W.'scher Gegenwunder nicht zur Vollendung gelangte; in meinem Gedächtnisse steht das Bild noch jetzt in voller Deutlichkeit vor mir. Eine besondere Besprechung muß dem Oberwärter der Anstalt gewidmet werden. Von diesem sagten mir die Stimmen gleich am Tage meiner Ankunft, er sei mit einem meiner Hausgenossen v. W. identisch; derselbe habe bei irgendeiner von Staats wegen über mich veranstalteten Enquête vorsätzlich oder fahrlässigerweise unwahre Dinge über mich ausgesagt, namentlich mich der Onanie beschuldigt; gewissermaßen zur Strafe dafür sei ihm jetzt als flüchtig hingemachter Mann meine Bedienung auferlegt worden. Eine derartige – übrigens, wenn etwas Wahres an der Sache sein sollte, gewiß ziemlich glimpfliche – Form der Bestrafung scheint der Auffassung der Seelen überhaupt nahegelegen zu haben. So hieß es auch vom Professor Flechsig einige Male, derselbe werde mich zur Sühne des an mir begangenen Unrechts in der Gestalt einer »flüchtig hingemachten« Scheuerfrau bedienen müssen. Eine mit leisem Spott verbundene Demütigung sollte sich eben derjenige, der in seinem Leben irgend etwas gesündigt hatte, gefallenlassen müssen; darauf beruhte auch die Bezeichnung als »Hundejunge«, die dem mit der Bedienung des ewigen Juden betrauten flüchtig hingemachten Mannes gegeben wurde und die daher auch in der ersten Zeit meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt den damaligen Pflegern, namentlich dem Pfleger M. zuteil wurde. Es scheint mir völlig ausgeschlossen, daß ich von selbst auf derartige Gedanken gekommen sein sollte, da ich mit dem Herrn v. W., den ich überhaupt nur flüchtig kennenzulernen die Ehre gehabt hatte, niemals irgendwelche Mißhelligkeiten gehabt oder irgendwelchen Groll gegen denselben empfunden habe. Gegen diesen Oberwärter suchten mich die Stimmen fortwährend zu reizen; gleich am ersten Tage verlangte man, ich sollte ihn mit beleidigender Weglassung des Adelsprädikats als »W.« anreden; ich hatte zunächst gar keine Neigung dazu, habe es dann aber, um die drängenden Stimmen loszuwerden, doch einmal getan. Bei einer späteren Gelegenheit habe ich ihm auch einmal eine Ohrfeige gegeben; die nähere Veranlassung ist mir nicht mehr erinnerlich, ich weiß nur, daß die Stimmen es von mir verlangten, als derselbe irgendein unziemliches Ansinnen an mich gerichtet hatte und mich solange mit meinem angeblichen Mangel an männlichem Mute verhöhnten, bis ich zu der erwähnten Tätlichkeit verschritt. Daß ich an dem Oberwärter – nicht immer, sondern nur bei gewissen Gelegenheiten – die den Teufeln eigentümliche rote Farbe im Gesicht und an den Händen wahrgenommen habe, ist schon im Kapitel I erwähnt worden; daß derselbe wirklich mindestens zum Teil v. W.'sche Nerven gehabt hat, ist mir nach dem später zu Erzählenden unzweifelhaft. Irgendwelche geistige oder körperliche Beschäftigungen habe ich während meines – übrigens doch nur kurzen – Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt (»Teufelsküche«) nicht vorgenommen; ich war den ganzen Tag fast nur durch die Unterhaltung der Stimmen und durch das Anstaunen der Wunderdinge, die sich in meiner Umgebung ereigneten, in Anspruch genommen. Recht auffällig will mir jetzt in meiner Erinnerung auch erscheinen, daß irgend etwas wie eine gemeinschaftliche Tafel nicht stattfand; soweit ich mich besinne, einzelne Mahlzeiten genossen zu haben, war für mich auf dem Tisch des Gesellschaftszimmers gedeckt worden; es pflegten dann außer mir höchstens noch ein oder zwei andere Patienten zu essen. Einmal erinnere ich mich, das mir vorgesetzte Gericht (Bratwurst) vielleicht unter Zertrümmerung einer Fensterscheibe zum Fenster hinausgeworfen zu haben; der Beweggrund dazu ist mir nicht mehr deutlich gegenwärtig. Die Seelen, mit denen ich in der Flechsig'schen Anstalt im Nervenanhang gestanden hatte, waren mir selbstverständlich nach meinem neuen Aufenthalte, wie schon auf der Fahrt dahin, gefolgt: vor allen Dingen die Flechsig'sche Seele selbst, die sich übrigens schon vorher zur Verstärkung ihres gegen Gottes Allmacht eröffneten Kampfes eine Art Parteigefolge aus von ihr nachgezogenen, mehr oder weniger befreundeten Seelen gebildet hatte. Zu diesem Parteigefolge gehörte außer den schon im Kapitel V erwähnten »Cassiopejabrüdern« auch eine Gruppe, welche damals die Bezeichnung der »Vordringenden« erhielt; sie bestand aus der Seele Daniel Fürchtegott Flechsigs (welche in zweifacher Gestalt vorhanden war), derjenigen des Oberamtsrichters G. und eines ehedem zu Gottes Allmacht gehörigen vorderen Kolonnenführers, »rücksichtlich des Bestimmenden erster«, sonach einer Art Renegaten, der sich dem Flechsig'schen Einflüsse untergeordnet hatte. Die »unter der Cassiopeja Hängenden« (d. h. die Seelen der dem Corps Saxonia angehörig gewesenen Mitglieder) verschwanden in der Zeit meines Aufenthaltes in der Pierson'schen Anstalt; sie wurden »mit starker Hand« in die Gräber zurückgedrückt, ein Vorgang, den ich mit meinem geistigen Auge gesehen habe und bei weichem ich gleichzeitig die Klagelaute (eine Art Gewimmer) gehört habe, mit welchem diese Seelen den ihnen natürlich unerwünschten Vorgang, durch den sie der von ihnen erschlichenen Seligkeit wieder verlustig gingen, begleiteten. Dafür bildeten sich eine ganze Anzahl anderer Seelen heraus; es geschah dies vornehmlich im Wege der Seelenteilung eines, wie ich annehme, zunächst von der Flechsig'schen Seele eingeführten Mißbrauchs. Denn wenn auch die physische Möglichkeit einer Seelenteilung, deren ich schon in Kapitel 1 Anmerkung 6 [9] Erwähnung getan habe, wahrscheinlich schon früher bestanden hätte, so dürfte doch, solange die Weltordnung intakt war, von dieser, sicher auch für das menschliche Gefühl verletzenden Einrichtung schwerlich irgendwelcher Gebrauch gemacht worden sein. Es hätte gar kein ersichtlicher Grund vorgelegen, die Seele eines Menschen etwa mit einer gewissen Anzahl ihrer Nerven zur Seligkeit aufsteigen zu lassen und mit einem anderen Teil in einen eine Bestrafung darstellenden Zustand zu versetzen. Ich glaube vielmehr annehmen zu dürfen, daß man früher die natürliche Einheit der Menschenseele respektierte, also wenn es sich etwa um übermäßig geschwärzte Nerven handelte, welche sämtlich zu reinigen einen allzugroßen Aufwand reiner Strahlen erfordert haben würde, man nur einen geringeren Teil der Nerven reinigte (der betreffenden Menschenseele also damit nur eine kürzere Zeit andauernde Seligkeit verschaffte, vgl. Kapitel I) und den Rest einfach im Grabe verfaulen ließ. Die Flechsig'sche Seele aber führte, wie gesagt, die Seelenteilung ein, hauptsächlich um das ganze Himmelsgewölbe mit Seelenteilen zu besetzen, so daß die durch die Anziehungskraft herangezogenen göttlichen Strahlen auf allen Seiten irgendwelchem Widerstand begegneten. Das Bild, das ich hiervon im Kopf habe, ist in Worten ungemein schwierig auszudrücken; es schien, als ob das Himmelsgewölbe im ganzen Umkreise mit – wohl aus meinem Körper entnommenen – Nerven überspannt sei, die die göttlichen Strahlen nicht zu überspringen vermochten oder die ihnen wenigstens ein mechanisches Hindernis boten, ähnlich etwa wie eine belagerte Festung durch Wälle und Gräben gegen den anstürmenden Feind geschützt zu werden pflegt. Die Flechsig'sche Seele hatte sich zu diesem Behufe in eine große Anzahl von Seelenteilen gespalten; es existierten deren eine Zeitlang wohl 40–60, darunter viele ganze kleine, vermutlich nur aus einem einzigen Nerv bestehende; zwei größere Seelenteile wurden der »obere Flechsig« und der »mittlere Flechsig« genannt; der erstere pflegt sich infolge der Aufnahme göttlicher Strahlen, die er sich angeeignet hatte, vorübergehend durch größere Reinheit auszuzeichnen, die jedoch meist nicht lange vorhielt. In ähnlicher Weise gab es dann später auch 20 bis 30 von W.'sche Seelenteile, ja auch eine gemeinschaftliche v. W.-Flechsig'sche Seele, auf die ich vielleicht später noch zurückkommen werde. Hinsichtlich der Ursachen, die zum Auftreten der von W.'sehen Seele (neben der Flechsig'schen) am Himmel führten, kann ich nur Vermutungen aussprechen, die jedoch der Wahrheit ziemlich nahekommen dürften. Für alle »geprüften« (Flechsig'schen usw.) Seelen war die durch die Hochgradigkeit der Nervenüberreizung in meinem Körper entstandene Anziehungskraft sozusagen die Grundbedingung ihrer Existenz, d.h. ich selbst war ihnen nur das Mittel zum Zweck, die durch die Anziehungskraft herbeigeführten göttlichen Strahlen abzufangen, mit denen sie dann sich wie der Pfau mit fremden Federn schmückten, Wundergewalt erlangten usw. Daher war es von Wichtigkeit für sie, über meinen Körper eine gewisse Verfügungsgewalt zu behaupten. Diese Verfügungsgewalt mochte die Flechsig'sche Seele, solange ich in der Leipziger Anstalt war, durch ihre Verbindung mit dem noch als Mensch (oder »flüchtig hingemachten Mann«; was er damals eigentlich war, muß ich dahingestellt sein lassen) vorhandenen Professor Flechsig ausgeübt haben. Mit meiner Übersiedelung in die Dr. Pierson'sche Anstalt (»Teufelsküche«) war dieser Einfluß weggefallen; die tatsächliche Macht über meinen Körper stand nunmehr dem dortigen Anstaltspersonal, namentlich dem Oberwärter der Anstalt zu. Dies scheint für die Flechsig'sche Seele die Veranlassung gewesen zu sein, einige dem Körper des Oberwärters entnommene, in Wirklichkeit von W.'sche Nerven in den Himmel oder zur Seligkeit heraufzuziehen, um vermittelst dieser Nerven und deren Einwirkung auf den Oberwärter sich den verlorengegangenen Einfluß wieder zu verschaffen. Im ersten Anfang sollten es nur drei von W.'sche Nervenfäden gewesen sein, diese aber, einmal zum Bewußtsein ihrer himmlischen Existenz und damit gleichzeitig zur Ausübung der Wundergewalt gelangt, komplettierten sich dann durch Heraufziehen einer größeren Anzahl anderer von W.'schen Nerven (aus dem Grabe, wie ich damals annehmen mußte) zu einer ziemlich umfänglichen Seele. Auch hier handelte es sich natürlich um ungereinigte Nerven; es wurde m.a. W. eine zweite »geprüfte Seele« am Himmel fertig, die nur von dem eigennützigen Bestreben der Selbsterhaltung und weltordnungswidrigen Machtentfaltung im Gegensatz zu Gottes Allmacht erfüllt war und zu diesem Zwecke die Anziehungskraft meiner Nerven auf göttliche Strahlen mißbrauchte. Sie erkannte im allgemeinen die Führerschaft der Flechsig'schen Seele an, welche nach wie vor sozusagen das geistige Haupt der ganzen gegen Gottes Allmacht gerichteten Empörung blieb; sie behauptete aber doch im Gegensatz zu den andern das Flechsig'sche Gefolge bildenden Seelen in manchen Beziehungen eine gewisse Selbständigkeit. Sie ließ sich z.B., wie schon erwähnt, ebenfalls zu einer ausgedehnten Seelenteilung bestimmen, wandelte aber doch dann auch wieder ihre eigenen Wege. Für mich wurde die Lage durch das Hinzutreten dieser zweiten »geprüften Seele« zunächst noch erheblich schwieriger; denn auch diese Seele wunderte nun in einer meinen Körper zum Teil recht empfindlich schädigenden Weise an mir herum, worüber ich später noch Näheres anführen werde. Auf der anderen Seite gab es aber doch dabei auch drollige Momente, die zeitweise in mein sonst so verdüstertes Leben, wenn ich so sagen darf, sogar einen Zug der Komik brachten. Daß es wirklich von W.'sche Nerven waren, die auf diese Weise zu einer Art himmlischer Herrschaft gelangt waren, geht für mich unzweifelhaft daraus hervor, daß ich mich zu oft wiederholten Malen mit der von W.'sehen Seele über ihre Erinnerungen aus dem Leben, namentlich aus ihrer studentischen Zeit vom Corps Misnia her bis herab zu dem ihr noch wohlbekannten Kellner B. in der Gassenschenke zu Eutritzsch bei Leipzig unterhalten habe. Dabei wirkte es zuweilen eben höchst drollig, wie sich ungeachtet der von beiden Seelen – der Flechsig'schen und von W.'schen – gegenüber Gottes Allmacht eingegangenen Bundesgenossenschaft, doch wieder der Professorendünkel der einen und der Adelsstolz der anderen wechselseitig voneinander abstießen. Die von W.'sche Seele schwärmte von einer »von W.'schen Haus- und Primogeniturordnung«, die sie am Himmel einrichten und worauf sie ihre »Weltherrschaft« gründen wolle und mochte an der Seele des ihr im Grunde genommen unsympathischen nationalliberalen Professor Flechsig zuweilen kein gutes Haar lassen. Diese hinwiederum glaubte im Gefühl einer vermeintlichen geistigen Überlegenheit auf die v. W.'sche Seele mit einer gewissen Verachtung herabsehen zu dürfen. Die v. W.'sche Seele zeigte auch sonst entschieden aristokratische Allüren, widmete mir z.B. vorübergehend eine größere Hochachtung, als sie bemerkte, daß ich beim Essen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führte, gab ein besonderes Interesse für eine wohleingerichtete table d'hôte zu erkennen, zeigte aber dann auch wieder ein größeres organisatorisches Talent, als die Flechsig'sche Seele, indem sie mit den von ihr erbeuteten Strahlen besser hauszuhalten wußte, als diese, daher meist ein glänzendes Strahlenkleid aufwies und eine Zeitlang ein förmliches »Strahlenmagazin« (ich könnte die Richtung am Himmel, nach der es gelegen war, noch jetzt bezeichnen) unterhielt. Von sonstigen übersinnlichen Eindrücken, die ich während meines Aufenthalts in der Pierson'schen Anstalt empfing, will ich noch einiges wenige anführen. Es flatterte mir in langen Zügen (das Bild ist schwer zu beschreiben, man könnte es vielleicht mit dem sog. Alteweibersommer, aber nicht als einzelnen Fäden, sondern eine Art dichteren Gewebes vergleichen) die sog. Mondscheinseligkeit zu, welche die weibliche Seligkeit vorgestellt haben sollte. Es gab davon zwei Arten, eine mattere und eine vollkräftigere; vielleicht darf in der ersteren die Kinderseligkeit erblickt werden. An die schon in den früheren Kapiteln erwähnte Vorstellung eines Weltunterganges schlossen sich Mitteilungen an, die sich darauf bezogen, in welchem Maße etwa eine Wiederbelebung der Schöpfung möglich sei; bald hieß es, es reiche nur bis zu den Fischen, bald bis zu den niederen Säugetieren usw. Inwieweit diesen Mitteilungen bloß eine Befürchtung für die Zukunft oder etwas Reales zugrunde lag, muß ich dahingestellt sein lassen. Dagegen habe ich anzunehmen, daß auf irgendeinem entfernten Weltkörper in der Tat ein Versuch mit Erschaffung einer neuen Menschenwelt (»neuen Menschen aus Schreber'schem Geist«, wie sie mit einer auch seitdem unzählige Male gebrauchten, meist spöttisch gemeinten Redewendung genannt wurden) wahrscheinlich also unter Benutzung eines Teiles meiner Nerven gemacht worden ist. Wie die hierzu erforderliche Zeit gewonnen worden sein sollte, bleibt allerdings in Dunkel gehüllt; ich mußte damals und muß noch jetzt unwillkürlich an die in dem in Anmerkung 36 angezogenen du Prel'schen Werke (im Anhang soviel ich mich erinnere) entwickelten Vorstellungen denken, wonach ein Unterschied im Raum zugleich einen Unterschied in der Zeit bedeutet. Jene »neuen Menschen aus Schreberschem Geiste« – körperlich von sehr viel kleinerem Schlag als unsere irdischen Menschen – sollten es bereits zu einer immerhin beachtenswerten Kulturstufe gebracht, u.a. ein ihrer geringeren Körpergröße entsprechendes kleines Rindvieh gehalten haben; ich selbst sollte ihnen als ihr »Nationalheiliger« sozusagen ein Gegenstand göttlicher Verehrung geworden sein, so daß meine körperliche Haltung (namentlich in dem »Pferch« der Pierson'schen Anstalt) für ihren Glauben von irgendwelcher Bedeutung gewesen wäre. Ihre nach dem Tode zur Seligkeit aufgestiegenen Seelen sollten es bereits zu Strahlen von ziemlich erheblicher Vollkräftigkeit gebracht haben. Daß irgend etwas Wahres an der Sache gewesen ist, entnehme ich daraus, daß ich in jener Zeit den »Gott« oder »Apostel« jener kleinen Menschen – d.h. vermutlich den Inbegriff der aus ihrer Seligkeit gewonnenen Strahlen – als Seele im Leibe und zwar im Unterleibe Es trat darin die auch sonst in vielen Fällen von mir beobachtete Erscheinung zutage, daß befreundetere Seelen sich immer mehr nach der Gegend des Geschlechtsteiles (des Bauches usw.) zogen, wo sie wenig oder nichts schadeten und auch sonst kaum belästigten, während feindlicher gesinnte Seelen immer nach dem Kopfe strebten, dem sie irgendwelchen Schaden antun wollten, insbesondere in sehr lästiger Weise am linken Ohre saßen. gehabt habe. Dieser kleine »Gott« oder »Apostel« zeichnete sich in höchst auffälliger Weise vor allen anderen Seelen durch die einen Grundzug meines eigenen Charakters bildende – ich kann hier etwas Selbstlob nicht unterdrücken – praktisch verständige Auffassung der Dinge aus, so daß ich in ihm gewissermaßen Fleisch von meinem Fleische und Blut von meinem Blute erkannte. Übrigens wurde zu diesem kleinen »Gott« oder »Apostel« – wie auch in vielen anderen Fällen, z.B. seiner Zeit in betreff der Seele meines Vaters, der Seelen der Jesuiten usw. – um mich irre zu machen, ein gefälschter Widerpart gesetzt; die Fälschungen wurden jedoch meist sehr bald von mir wahrgenommen, da sich nach der ganzen Sinnesart der betreffenden Seelen das Echte von dem Falschen unschwer unterscheiden ließ. Viel war auch in der damaligen Zeit von einem »Strahlenerneuerungsgesetz« die Rede, d.h. von dem Grundsatz – von welchem die »kleinen Menschen aus Schreberischem Geist« ein Beispiel gewesen sein würden – daß neue Strahlen aus dem Glauben gewesener Menschen hervorgingen. Die betreffende Vorstellung scheint mit dem, was oben im Kap. I Anmerkung 6 über die Entstehung der »Vorhöfe des Himmels« bemerkt worden ist, in einer gewissen Übereinstimmung zu stehen. Die Flechsig'sche Seele war zu jener Zeit Führerin zweier »Sonnen«, darunter auch derjenigen Sonne, von der die Tagesbeleuchtung ausging. Das Bild, das ich davon im Kopfe habe, wie die führende Seele gewissermaßen hinter der Sonne saß, ist in Worten schwer zu beschreiben. Auch der v. W.'schen Seele sollte zuweilen die Führung einer Sonne anvertraut werden, diese bezeigte jedoch im ganzen wenig Neigung dazu. IX. Überführung nach dem Sonnenstein. Veränderungen in dem Strahlenverkehr. »Aufschreibesystem«; »Anbinden an Erden« Aus der Dr. Pierson'schen Anstalt »der Teufelsküche« wurde ich (nach im ganzen acht- bis vierzehntägigem Aufenthalt) eines Tages – wie ich später erfahren habe, soll es der 29. Juni 1894 gewesen sein – nach der hiesigen Landesheilanstalt, dem Sonnenstein bei Pirna, gebracht. Die Gründe der Überführung sind mir unbekannt; damals glaubte ich sie mit dem in den letzten Tagen meines Aufenthalts in der Teufelsküche mächtig gewachsenen Einfluß der v. W.'sehen Seele in Verbindung bringen zu müssen, dem man in irgendwelcher Weise ein Gegengewicht schaffen wollte. Vor meiner Abreise hatte ich noch ein warmes Bad – das einzige in der Dr. Pierson'schen Anstalt – genommen; dann fuhr ich in Begleitung des »Oberlandsgerichtsdieners« mit Geschirr (wie auf der Hinreise) nach dem Bahnhof Coswig, wo ich eine Tasse Kaffee trank, und von da mit der Eisenbahn durch Dresden, ohne den Eisenbahnwagen zu verlassen, nach Pirna. Die Menschengestalten. die ich während der Fahrt und auf dem Bahnhofe in Dresden sah, hielt ich für hingewunderte »flüchtig hingemachte Männer«, ich wendete ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zu, da ich schon damals aller Wunder überdrüssig war. In meiner Auffassung wurde ich bestärkt durch das Gerede der Stimmen; die Flechsig'sche Seele sprach mit einem von ihr erfundenen Ausdruck von dem »fossilen« »Amongst the fossils« für »unter den flüchtig hingemachten Männern« war auch sonst ein von der Flechsig'schen Seele beliebter Ausdruck, in dem die Neigung derselben hervortrat, die grundsprachlichen Ausdrücke für die Bezeichnung übersinnlicher Dinge durch irgendwelche modern klingende und darum an das Lächerliche anstreifende Bezeichnungen zu ersetzen. So sprach dieselbe auch mit Vorliebe von einem »Prinzip der Lichttelegraphie«, um die wechselseitige Anziehung von Strahlen und Nerven zu bezeichnen. Dresden, durch das wir gefahren seien. Vom Bahnhof Pirna aus fuhr ich in einem Geschirr auf einer ziemlich holprigen Straße nach der hiesigen Anstalt herauf. Daß es Pirna und der Sonnenstein gewesen ist, wohin ich gebracht worden war, dessen bin ich mir erst nach länger als Jahresfrist bewußt geworden, als ich gelegentlich einmal in dem mir nur ganz vereinzelten Male zugänglich gewordenen »Museum« (Gesellschaftszimmer) der hiesigen Anstalt Bilder früherer Könige von Sachsen an den Wänden erblickte. Zur Zeit meiner Ankunft bezeichneten die Stimmen meinen Aufenthalt als »das Teufelsschloß.« Die Zimmer, die mir angewiesen wurden, waren dieselben, die ich auch jetzt noch bewohne – Nr. 28 im ersten Stockwerke des Elbflügels nebst anstoßendem Schlafzimmer. Ein anderes Wohnzimmer habe ich nur einige Male ganz vorübergehend wegen irgendwelcher Ausstattungsveränderungen innegehabt; als Schlafraum haben mir dagegen – wie ich später noch erwähnen werde – ungefähr zwei Jahre lang nicht das eigentlich für mich bestimmte Schlafzimmer, sondern Dementenzellen, namentlich eine im Erdgeschosse des Rundflügels Nr. 97 gedient. Die Zimmer machten mir bei meinem ersten Eintritt, im Gegensatz zu der ziemlich elegant ausgestatteten Dr. Pierson'schen Anstalt, einen etwas ärmlichen Eindruck. Erwähnt sei noch, daß ich etwa ein Jahr lang auch von meinen Fenstern die Aussicht nicht hatte, die sich mir jetzt ziemlich frei auf das ganze Elbtal darbietet. Es waren damals einige dicht belaubte Kastanienbäume vorhanden, die inzwischen bis auf geringe Stümpfe gefällt sind, in jener Zeit aber die Aussicht fast vollständig benahmen, so daß ich auch von den Fenstern aus von den Vorgängen der Außenwelt so gut wie nichts wahrnehmen konnte. Die Zeit meines Aufenthalts auf dem Sonnenstein kann ich in zwei Perioden abteilen, von denen die erste im ganzen noch den ernsten und heiligen, manchmal schaurigen Charakter bewahrte, der meinem Leben in der letzten Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt und in der Dr. Pierson'schen Anstalt aufgeprägt gewesen war, die zweite dagegen mehr und mehr in das gewöhnliche (um nicht zu sagen ordinäre) Fahrwasser einlenkte. Jene erste Periode umfaßte etwa ein Jahr; die zweite Periode hält jetzt noch an, nur daß in der neuesten Zeit der Charakter des Ordinären in manchen Beziehungen einige Mäßigung erfahren hat. In der ersten Periode waren die Wunder hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Wirkungen zum Teil noch von furchtbarer und bedrohlicher Natur, so daß ich noch über Jahr und Tag von den ernstesten Sorgen für mein Leben, meine Mannheit und später meinen Verstand erfüllt war; in der zweiten Periode haben – freilich in sehr allmählichen Übergängen und nicht ohne einzelne Rückschläge – die Wunder mehr und mehr einen harmlosen, um nicht zu sagen läppischen und kindischen, wenn auch zum Teil noch widerwärtigen Charakter angenommen. In der ersten Periode lebte ich noch immer in der Vorstellung, daß ich es nicht mit wirklichen Menschen, sondern mit »flüchtig hingemachten Männern« zu tun habe. Infolgedessen enthielt ich mich auch des Sprechens fast gänzlich. Auch jetzt kann ich dies nicht als einen Irrtum meinerseits bezeichnen; ich muß vielmehr nach dem, was ich damals erlebt habe und noch jetzt täglich erlebe, die Möglichkeit offenlassen, daß ich damit recht gehabt habe, m. a. W. die sogenannte »Menschenspielerei« erst allmählich in denjenigen Zustand übergeleitet worden ist, nach dem sie jetzt äußerlich betrachtet , den Eindruck macht, als ob irgendeine Veränderung mit der Menschheit nicht vorgegangen sei. Um diesen etwas schwer verständlichen und auch für mein Bewußtsein nicht zu vollkommener Durchsichtigkeit gelangten Gedanken einigermaßen begreiflich zu machen, habe ich zunächst die Verhältnisse meiner äußeren Umgebung während des ersten Jahres meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt zu schildern. Von Ärzten der Anstalt lernte ich wohl gleich am Tage meiner Ankunft bei einer im Baderaume (im Erdgeschoß) vorgenommenen körperlichen Untersuchung, in der u. a. auch das Stethoskop angewendet wurde, den Vorstand der hiesigen Anstalt, Herrn Geh. Medizinalrat Dr. Weber und den Hilfsarzt Herrn Dr. R. kennen, beide aber zunächst nur der Person, nicht dem Namen nach; die Namen habe ich erst nach Ablauf eines oder mehrerer Jahre gelegentlich in Erfahrung gebracht. Von diesen Herren erhielt ich seitdem tägliche Besuche. Außer ihnen wurden nur zeitweise der Oberpfleger R. und einige Pfleger (M., Th.) und der inzwischen abgegangene Sch. sichtbar. M. war derjenige Pfleger, dem meine Obhut besonders anvertraut war. Andere Patienten schienen damals in der Anstalt noch gar nicht zu existieren; wenigstens auf dem von mir bewohnten Korridor, an dem im ganzen neun Zimmer liegen, bemerkte ich nichts davon; erst nach Ablauf geraumer Zeit wurde ein als Fürst J ... sky bezeichneter Patient und ein zweiter, der Hofrat B., dieser namentlich durch Violinspiel, zeitweise bemerkbar. Auch bei den täglichen Spaziergängen in dem Anstaltsgarten war ich während der ersten Monate mit zwei oder drei Pflegern (den obengenannten) stets allein ; von der großen Anzahl anderer Patienten, die ich jetzt manchmal bis zu 80 und 100 gleichzeitig mit mir im Garten erblicke, war damals noch nichts zu sehen. Die Pfleger wurden von den Stimmen als »Hundejungen« (vgl. oben Anmerkung 39 [56]) bezeichnet; daß sie die Eigenschaft von »flüchtig hingemachten Männern« (also eigentlich Seelen) hatten, muß ich daraus abnehmen, daß von ihnen ein Nervenanhang mit mir unterhalten wurde, in dem ich von ihnen häufig der Grundsprache angehörige Ausdrücke, insbesondere von dem Pfleger Sch., der persönlich in einem andern Zimmer sich aufhielt, die in der Grundsprache zum Ausdruck der Verwunderung dienenden Ausrufe »Alle Wetter« und »Alle Hageldonnerwetter« (nicht etwa laut, sondern in der Nervensprache) vernommen habe. M. und Sch. luden auch zuweilen, um »sich wegzusetzen«, einen Teil ihrer Leiber als eine faulige Masse in meinen Körper ab; M. setzte sich wiederholt als sogenannter »großer Nerv« (einer Art Gallertmasse etwa von der Größe einer Kirsche) in meinen Arm, wodurch er wie die übrigen Strahlen oder Nerven in gewissem Sinne an meinem Denken und meinen Sinneseindrücken teilnahm. Den »Hundejungen« in ihrer Eigenschaft als Seelen wurde auch Wundergewalt zugeschrieben, bei bestimmten einzelnen Vorgängen war von »Hundejungenwundern« die Rede, denen sie ihre Entstehung verdanken sollten. Von meiner Frau erhielt ich auf dem Sonnenstein in längeren, wohl mehrmonatlichen Zwischenräumen Besuche. Als ich dieselbe zum ersten Male zu einem solchen Besuche in mein Zimmer eintreten sah, war ich wie erstarrt; hatte ich doch sie längst nicht mehr unter den Lebenden geglaubt. Für diese Annahme hatte ich – ebenso wie bei andern Menschen – ganz bestimmte tatsächliche Anhaltspunkte, nach denen mir das Wiedererscheinen meiner Frau auch jetzt noch in gewisser Beziehung ein ungelöstes Rätsel bleibt. Ich hatte – und auch hier läßt die Sicherheit meiner Erinnerung keinen Zweifel an der objektiven Realität des Vorgangs zu – zu wiederholten Malen der Seele meiner Frau angehörige Nerven im Leibe gehabt oder von außen her meinem Körper sich annähernd wahrgenommen. Diese Seelenteile waren ganz von der hingebenden Liebe erfüllt, die meine Frau mir gegenüber jederzeit an den Tag gelegt hat; sie waren die einzigen, die mit der der Grundsprache angehörigen Redewendung »Lassen mich« Die angegebene Redewendung würde, zu grammatikalisch vollständigem Ausdruck des Sinnes ergänzt, etwa in folgenden Worten wiederzugeben sein »Lassen Sie – nämlich die Strahlengewalt, die mich wieder zurückziehen will – mich der Anziehungskraft der Nerven meines Mannes ruhig folgen, ich bin bereit, im Körper meines Mannes aufzugehen.« den Willen zu erkennen gaben, auf jede eigene Fortdauer zu verzichten und in meinem Körper das Ende ihrer Existenz zu finden. Bei den persönlichen Besuchen meiner Frau auf dem Sonnenstein glaubte ich lange Zeit, daß sie jedesmal nur ad hoc »flüchtig hingemacht« sei und daher vielleicht schon auf der Treppe oder unmittelbar nach dem Verlassen der Anstalt sich auflösen werde; es wurde gesagt, daß ihre Nerven nach jedem Besuch wieder »eingekapselt« würden. Bei einem der Besuche – wohl an meinem Geburtstag 1894 – überbrachte mir meine Frau ein Gedicht, das ich wegen der ergreifenden Wirkung, die es damals auf mich hervorbrachte, wörtlich hierher setzen will. Es lautete: »Eh' Dich der rechte Friede liebt – Der stille Gottesfrieden – Der Frieden, den kein Leben gibt Und keine Lust hienieden, Da tut es not, daß Gottes Arm Dir eine Wunde schlage, Daß Du mußt rufen: Gott erbarm', Erbarm' Dich meiner Tage, Da tut es not, daß sich ein Schrei Aus Deiner Seele ringe, Und daß es dunkel in Dir sei Wie vor dem Tag der Dinge, Da tut es not, daß ganz und schwer Der Schmerz Dich überwinde. Daß sich nicht eine Träne mehr In Deiner Seele finde, Und wenn Du ausgeweint Dich hast Und müde bist, so müde, Da kommt zu Dir ein treuer Gast Der stille Gottesfriede.« Das Gedicht, dessen Verfasser ich nicht kenne, machte deshalb einen so merkwürdigen Eindruck auf mich, weil der darin wiederholt vorkommende Ausdruck »Gottesfrieden« die vor und nach jener Zeit unzählige Male von mir gehörte grundsprachliche Bezeichnung für den durch Strahlen erzeugten Schlaf ist . Ich konnte damals kaum an einen hierbei untergelaufenen Zufall denken. In dem Strahlenverkehr, in dem meine Nerven nun schon lange Zeit gestanden hatten und in den damit zusammenhängenden himmlischen Verhältnissen traten in den ersten Wochen meines Aufenthaltes auf dem Sonnenstein (Anfang Juli 1894) gewisse Veränderungen ein, die von grundlegender Bedeutung für den ganzen seitdem verflossenen Zeitraum gewesen zu sein scheinen. Die Beschreibung dieser Veränderungen in Worten ist wieder ungemein schwierig, da es sich dabei um Dinge handelt, für die alle Analogien aus der menschlichen Erfahrung fehlen und die auch von mir nur zum Teil unmittelbar mit meinem geistigen Auge Den Ausdruck »mit dem geistigen Auge sehen«, den ich schon an anderer Stelle (Kap. VIII. Seite [154]) gebraucht habe, behalte ich auch an gegenwärtiger Stelle bei, da ich einen passenderen, in unserer menschlichen Sprache nicht zu finden weiß. Wir sind gewöhnt, alle Eindrücke, die wir von der Außenwelt erhalten, als durch die sogenannten fünf Sinne, insbesondere alle Licht- und Schallempfindungen als durch Auge und Ohr vermittelt zu denken. Dies mag unter gewöhnlichen Verhältnissen auch richtig sein. Bei einem Menschen dagegen, der, wie ich, in Strahlenverkehr getreten und dessen Kopf infolgedessen durch Strahlen sozusagen erleuchtet ist, ist diese Vorstellung nicht erschöpfend. Ich habe Licht- und Schallempfindungen, die von den Strahlen unmittelbar auf mein inneres Nervensystem projiziert werden und zu deren Aufnahme es daher der äußeren Seh- und Gehörswerkzeuge nicht bedarf. Ich sehe die betreffenden Vorgänge auch mit geschlossenen Augen und würde dieselben, soviel es sich dabei, wie bei den »Stimmen«, um gehörsähnliche Eindrücke handelt, auch dann hören, wenn es etwa möglich wäre, meine Ohren gegen sonstige Schallempfindungen hermetisch abzuschließen. wahrgenommen, zum anderen Teil nur aus ihren Wirkungen erkannt worden sind, so daß die Vorstellung, die ich mir von den betreffenden Vorgängen gemacht habe, sich mit der vollen Wahrheit vielleicht nur annähernd deckt. Bereits im vorigen Kapitel ist erzählt worden, daß namentlich im Wege der Seelenteilung die Zahl der am Himmel vorhandenen »geprüften« Seelen und Seelenteile erheblich gewachsen war. Unter diesen Seelen zeichnete sich nach wie vor die Flechsig'sche aus, die vermöge der sich in ihren beiden Hauptgestalten (als »oberer Flechsig« und als »mittlerer Flechsig«) gegebenen Größe noch geraume Zeit ihre menschliche Intelligenz in ziemlich hohem Grade bewahrt hatte, während sie daran im Laufe der Jahre immer mehr und mehr verloren hat, so daß jetzt schon seit langer Zeit kaum noch irgendein dürftiger Rest des Identitätsbewußtseins vorhanden sein dürfte. Ich meinerseits war stets von dem Bestreben geleitet, diese Seelen und Seelenteile an mich heranzuziehen und dadurch schließlich das Aufgehen derselben herbeizuführen, indem ich von der wohl ganz richtigen Vorstellung ausging, daß nach Eliminierung aller zwischen mir und Gottes Allmacht als sog. Mittelinstanzen stehenden »geprüften« oder unreinen Seelen eine weltordnungsmäßige Lösung des Konfliktes, sei es durch meine Heilung im Wege zur vollständigen Beruhigung der Nerven dienenden Schlafs, sei es – was ich später in Aussicht nehmen zu müssen glaubte, – durch eine der Weltordnung entsprechende Entmannung zur Erschaffung neuer Menschen sich von selbst ergeben werde. Die »geprüften« Seelen waren im Gegensatz dazu nur von dem Triebe erfüllt, sich in ihrer angemaßten, mit Wundergewalt verknüpften himmlischen Stellung zu behaupten, sie suchten sich nach jeder Annäherung wieder zurückzuziehen, indem abwechselnd immer wieder andere Seelen oder Seelenteile vorgeschoben wurden. Als es mir daher in einer Nacht – etwa der vierten oder fünften nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein – übrigens unter maßloser geistiger Anstrengung, gelungen war, alle unreinen (»geprüften«) Seelen vorübergehend zu mir herunterzuziehen, so daß es nur einer gründlichen »Zudeckung mit Strahlen« bedurft hätte, um durch einen nervenheilenden Schlaf meine Genesung und das Verschwinden der unreinen Seelen herbeizuführen (wozu man sich aber aus den bereits früher angedeuteten Gründen leider nicht entschließen konnte), traf die Flechsig'sche Seele besondere Veranstaltungen, um die Wiederkehr einer solchen Gefahr für ihre Existenz und diejenige der anderen unreinen Seelen auszuschließen. Sie verfiel auf das Auskunftsmittel mechanischer Befestigungen , über deren Technik ich der Natur der Sache nach nur eine ungefähre Vorstellung habe erlangen können. Eine solche mechanische Befestigung fand zunächst in einer loseren Form statt, die als »Anbinden an Strahlen« bezeichnet wurde, wobei das Wort »Strahlen« in einer besonderen auf mir nicht völlig verständlich gewordenen Bedeutung gebraucht worden zu sein scheint. Ich kann nur das Bild beschreiben, das ich mit meinem geistigen Auge gesehen habe. Danach hingen die Seelen auf einer Art von Rutenbündeln (den Fasces der römischen Liktoren vergleichbar), jedoch so, daß die Ruten nach unten in Kegelform auseinandergingen, während um die oberen Spitzen die Nerven der Seelen geschlungen waren. Als auch diese losere Form der Befestigung einen hinreichenden Schutz gegen die Gefahr des Aufgehens infolge der Anziehungskraft nicht zu gewähren schien, wurde nach einiger Zeit eine noch widerstandsfähigere Form gewählt, die die Bezeichnung »Anbinden an Erden« erhielt. Wie schon der Ausdruck besagt, fand dabei ein Anbinden an irgendwelchen entfernten Weltkörpern statt, so daß von da ab die Möglichkeit eines vollständigen Aufgehens in meinem Körper infolge der Anziehungskraft ausgeschlossen, vielmehr der Rückzug durch die damit geschaffene mechanische Befestigung gesichert war. Als der »mittlere Flechsig« die letztere Form der Befestigung zum ersten Male in Anwendung brachte, machte sich zunächst auch in den Gottesreichen die Auffassung geltend, daß ein solches der Weltordnung zuwiderlaufendes Gebaren nicht geduldet werden könne. Der »mittlere Flechsig« wurde daher genötigt, sich wieder abzubinden. Bei einer späteren Wiederholung des Experimentes fand man aber schon nicht mehr die Energie zu derartigem Einschreiten; man ließ das Anbinden geschehen, das nun nicht nur alle anderen Flechsig'schen Seelenteile, sondern auch die übrigen im Gefolge derselben stehenden Seelen, insbesondere die v. W.'sche Seele und schließlich auch Gottes Allmacht selbst mitmachten. So ist denn das »Anbinden an Erden« zu einer dauernden Einrichtung geworden, die bis auf den heutigen Tag fortbesteht und zu weiteren Konsequenzen, namentlich dem nunmehr zu schildernden »Aufschreibesystem« geführt hat. Ich verkenne nicht, daß eine Vorstellung, wonach man sich meinen auf unserer Erde befindlichen Körper als durch ausgespannte Nerven mit anderen Weltkörpern verbunden zu denken hätte, bei den ungeheueren Entfernungen der letzteren für Menschen nahezu unbegreiflich ist; an der objektiven Wirklichkeit des Verhältnisses kann ich trotzdem nach den im Laufe der letzten sechs Jahre alltäglich von mir gemachten Erfahrungen keinen Zweifel hegen. – Das erwähnte Aufschreibesystem ist eine Tatsache, die anderen Menschen auch nur einigermaßen verständlich zu machen außerordentlich schwerfallen wird. Für ihre Wirklichkeit liefert mir jeder Tag die erdrückendsten Beweise und doch gehört dieselbe auch für mich eigentlich in das Gebiet des Unbegreiflichen, da die Absicht, die damit verfolgt wird, von jedem, der die Menschennatur kennt, von vornherein als unerreichbar hätte erkannt werden müssen. Es handelt sich dabei augenscheinlich um eine Verlegenheitsauskunft, bei der schwer für mich zu unterscheiden ist, ob der Grund derselben in einem falschen (weltordnungswidrigen) Wollen oder einem unrichtigen Denken liegt. Man unterhält Bücher oder sonstige Aufzeichnungen, in denen nun schon seit Jahren alle meine Gedanken, alle meine Redewendungen, alle meine Gebrauchsgegenstände, alle sonst in meinem Besitze oder meiner Nähe befindlichen Sachen, alle Personen, mit denen ich verkehre usw. aufgeschrieben werden. Wer das Aufschreiben besorgt, vermag ich ebenfalls nicht mit Sicherheit zu sagen. Da ich mir Gottes Allmacht nicht als aller Intelligenz entbehrend vorstellen kann, so vermute ich. daß das Aufschreiben von Wesen besorgt wird, denen auf entfernten Weltkörpern sitzend nach Art der flüchtig hingemachten Männer menschliche Gestalt gegeben ist, die aber ihrerseits des Geistes völlig entbehren und denen von den vorübergehenden Strahlen die Feder zu dem ganz mechanisch von ihnen besorgten Geschäfte des Aufschreibens sozusagen in die Hand gedrückt wird, dergestalt, daß später hervorziehende Strahlen das Aufgeschriebene wieder einsehen können. Um den Zweck der ganzen Einrichtung verständlich zu machen, muß ich etwas weiter ausholen. Allen den Angriffen, die im Laufe der Jahre auf mein Leben, meine körperliche Integrität, meine Mannheit und meinen Verstand gemacht worden sind, lag und liegt immer der nämliche Gedanke zugrunde, nämlich der , sich der alles bisher dagewesene weit hinter sich lassenden Anziehungskraft meiner überreizten Nerven möglichst wieder zu entziehen. Anfangs hatte man hierzu, offenbar im Bewußtsein der (nach Kap. IV) der Weltordnung zugrunde liegenden Tendenz, meine Entmannung in Aussicht genommen. Man meinte aber dabei nicht eine Entmannung mit dem weltordnungsmäßigen Endziel einer Erneuerung der Menschheit, sondern gedachte mir damit nur einen Schimpf zuzufügen, indem man sich sonderbarerweise einbildete oder vielleicht auch nur selbst vorzulügen versuchte, daß ein entmannter Körper die Anziehungskraft auf Strahlen verlieren würde. Noch über Jahr und Tag nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein spukte der Entmannungsgedanke, wenn ich so sagen darf, in den Köpfen der Seelen. Kleinere Flechsig'sche Seelenteile, welche weit draußen gelegen hatten und daher manchmal geraume Zeit mit meinen Nerven nicht in Berührung gekommen waren, pflegten zu oft wiederholten Malen, gleichsam verwundert, in die Worte auszubrechen: »Ist er denn noch nicht entmannt?« Gottesstrahlen glaubten mich nicht selten mit Rücksicht auf die angeblich bevorstehende Entmannung als »Miß Schreber« verhöhnen zu dürfen; einige der häufig damals gebrauchten, bis zur Ermüdung wiederholten Redensarten lautete: »Sie sollen nämlich als wollüstigen Ausschweifungen ergeben dargestellt werden« Der Begriff des »Darstellern«, d.h. einer Sache oder einer Person einen anderen Anschein geben, als den sie ihrer wirklichen Natur nach hat (menschlich ausgedrückt »des Fälschens«) spielte und spielt noch jetzt überhaupt in dem Vorstellungskreise der Seelen eine große Rolle. So hieß es auch bei späteren Gelegenheiten unzählige Male: Sie sollen nämlich dargestellt werden als Gottesleugner, als einer, der Seelenmorde getrieben hat (vgl. oben Kap. II Seite [83 f.I) usw. Nach meinem Dafürhalten muß die betreffende Vorstellung damit in Zusammenhang gebracht werden, daß Gott von dem lebenden Menschen in der Regel nur den äußeren Eindruck hatte und Strahlen, die in Nervenanhang zu einem Menschen getreten waren, überdies in jedem »Gesichte« (Augenblicke) nur einen einzigen Eindruck hatten. Nur so vermag ich mir die gänzliche Unfähigkeit den lebenden Menschen als Organismus zu verstehen, für die ich später noch eklatante Belege beibringen werde, zu erklären. Man mochte daher – immer in der Notlage, in die Gottes Allmacht durch das Vorhandensein der Flechsig'schen »geprüften« Seele nun einmal geraten war – sich einzureden versucht haben, daß, wenn man sich von einem Menschen einen anderen Eindruck verschaffe, als denjenigen, der seiner wirklichen Eigenart entsprach, es dann auch möglich sein werde, den Betreffenden diesem Eindrucke gemäß zu behandeln . Das Ganze kommt demnach auf einen praktisch völlig wertlosen Selbstbetrug hinaus, da dem Menschen natürlich in seinem tatsächlichen Verhalten und namentlich in der (menschlichen) Sprache immer Mittel zu Gebote stehen, seine wirkliche Eigenart gegenüber der beabsichtigten »Darstellung« zur Geltung zu bringen. usw. usw. Ich selbst empfand die Gefahr der Entmannung lange Zeit hindurch und namentlich solange von einem geschlechtlichen Mißbrauch meines Körpers durch andere Menschen die Rede sein konnte, selbstverständlich als eine mir drohende Schmach. Die bereits massenhaft in meinen Körper eingedrungenen weiblichen oder Wollustnerven konnten daher während eines mehr als einjährigen Zeitraums irgendeinen Einfluß auf mein Verhalten und meine Sinnesart nicht gewinnen. Ich unterdrückte jede Regung derselben durch Aufbietung meines männlichen Ehrgefühls und zugleich durch die Heiligkeit der religiösen Vorstellungen, die mich fast ausschließlich beherrschten, ja ich wurde mir der Anwesenheit der weiblichen Nerven eigentlich nur bewußt, wenn sie bei gewissen Anlässen von Strahlen künstlich in Bewegung gesetzt wurden, um eine schreckhafte Erregung derselben hervorzubringen und mich damit als einen in weiblicher Ängstlichkeit zitternden Menschen »darzustellen«. Auf der anderen Seite konnte meine Willenskraft nicht verhindern, daß in meinem Körper namentlich beim Liegen im Bette ein Wollustgefühl Platz griff, welches als sog. »Seelenwollust« – wie der von den Seelen dafür gebrauchte Ausdruck lautet, d.h. eine Wollust, die den Seelen genügt, von Menschen aber ohne eigentliche geschlechtliche Regung nur als allgemeines körperliches Wohlbehagen empfunden wird – eine erhöhte Anziehungskraft auf die Strahlen ausübte. (Vgl. oben Kap. VII gegen das Ende.) Als diese Erscheinung im Laufe der Zeit immer deutlicher hervortrat, mochte sich Gott wohl bewußt werden, daß es mit der Entmannung als Mittel mich »liegen zu lassen«, d.h. sich von der anziehenden Wirkung meiner Nerven wieder freizumachen, nichts sei. Man verfiel daher nunmehr auf den Gedanken, mich auf »der männlichen Seite zu erhalten«, aber – im Grunde genommen wieder heuchlerisch – nicht etwa um mir meine Gesundheit wiederzugeben, sondern um mir den Verstand zu zerstören oder mich blödsinnig zu machen. Daß selbst die Nerven eines blödsinnigen Menschen, die einmal in einen Zustand hochgradiger krankhafter Erregung geraten sind, anziehend bleiben würden – insofern sie natürlich immer noch der Schmerz-, Wollust-, Hunger-, Frostgefühle usw. fähig wären – wurde dabei wieder nicht beachtet. Man häufte also unausgesetzt, Tag für Tag und Stunde für Stunde, Leichengift oder andere Fäulnisstoffe, deren Träger die Strahlen waren, auf meinen Körper in der Meinung, mich endlich damit erdrücken und mich namentlich des Verstandes berauben zu können. Welche Schäden dadurch vorübergehend in zum Teil höchst bedrohlicher Weise an meinem Körper angerichtet worden sind, werde ich in einem folgenden Kapitel erzählen. Ich habe Grund anzunehmen, daß das Leichengift oder die Fäulnisstoffe denselben Weltkörpern entnommen sind, an denen man sich festgebunden hat und wo dann die Strahlen mit dem Leichengift oder dem Fäulnisstoff sozusagen bepackt werden oder dieselben im Vorbeiziehen von ihnen aufgesogen werden. Einem Teil der Strahlen hat man die Gestalt gewunderter Vögel gegeben, worüber ich später Näheres mitteilen werde. Dabei trat nun die Erscheinung hervor, daß die am Himmel noch vorhandenen geprüften Seelen und gewisse Reste der früheren Vorhöfe des Himmels, die man aufgespart hatte, um sich gewissermaßen hinter denselben verschanzen zu können, im Laufe der Zeit ihre Intelligenz vollständig verloren, also eigene Gedanken überhaupt nicht mehr hatten. Auf der anderen Seite scheint es in der Natur der Strahlen zu liegen, daß dieselben, sobald sie in Bewegung sind, sprechen müssen; die das betreffende Gesetz ausdrückende Phrase »Vergessen Sie nicht, daß Strahlen sprechen müssen« ist namentlich früher unzählige Male in meine Nerven hineingeredet worden. Tatsächlich weiß man aber nun schon seit Jahren in Ermangelung eigener Gedanken im wesentlichen nichts weiter zu sprechen, als von den eigenen Wundern, bezüglich deren dann meine Nerven die entsprechenden Befürchtungsgedanken fälschungsweise untergelegt werden (z.B. »wenn nur meine Finger nicht gelähmt würden«, oder »wenn nur meine Kniescheibe nicht verwundert würde«) und ferner jeweilig diejenige Beschäftigung, die ich gerade vornehmen will, zu verfluchen, (z. B. »wenn nur das verfluchte Klavierspielen aufhörte«, sobald ich mich ans Klavier setze oder selbst »wenn nur das verfluchte Nägelputzen aufhörte«, sobald ich mich anschicke, meine Nägel zu putzen. Dazu hat man noch die maßlose Unverschämtheit – ich kann keinen andern Ausdruck dafür gebrauchen – mir zuzumuten, daß ich diesem gefälschten Blödsinn gewissermaßen als meinen eigenen Gedanken lauten Ausdruck geben soll, also in der Weise, daß sich an die Phrase »wenn nur das verfluchte Klavierspielen aufhörte« die Frage anschließt: »Warum sagen Sie's nicht (laut)? und darauf wieder die gefälschte Antwort erfolgt: »Weil ich dumm bin, so etwa«, oder auch »weil ich Furcht habe vor Herrn M.« (vgl. schon oben Kap. V, Anmerkung 26). Natürlich entstehen nun aber auch Pausen, wo weder von gegen meine Person gerichteten Wundern zu berichten ist, noch ein bestimmter »Entschlußgedanke«, diese oder jene Beschäftigung vorzunehmen, für die Strahlen, die meine Gedanken lesen können , erkennbar ist, mit anderen Worten, wo ich mich dem Nichtsdenken hingebe, also namentlich zur Nachtzeit, wenn ich schlafen oder am Tage vorübergehend der Ruhe pflegen will, oder im Garten nichtsdenkend spazierengehe usw. Zur Ausfüllung dieser Pausen (d. h. damit auch während dieser Pausen die Strahlen etwas zu sprechen haben) dient dann eben das Aufschreibematerial, also im wesentlichen meine früheren Gedanken und neben denselben nur geringe eigene, beständig wiederkehrende Zutaten von mehr oder weniger sinnlosen, zum Teil auch beleidigenden Redensarten, gemeinen Schimpfworten usw. Eine Blumenlese dieser Redensarten werde ich vielleicht, um dem Leser wenigstens eine Ahnung davon zu geben, welchen Unsinn meine Nerven schon seit Jahren ertragen müssen, als Anlage der gegenwärtigen Arbeit beifügen. Die beleidigenden Redensarten und Schimpfworte verfolgen namentlich den Zweck, mich doch zum lauten Sprechen zu reizen und damit in den dazu an sich geeigneten Zeiten den Schlaf unmöglich zu machen, in dessen Verhinderung neben derjenigen der Seelenwollust die ganze in ihren eigentlichen Zielen vollkommen unklare Seelenpolitik nun einmal gipfelt. Außerdem dient das Aufschreiben noch zu einem besonderen Kunstgriff, der wiederum auf einer gänzlichen Verkennung des menschlichen Denkens beruht. Man glaubte mit dem Aufschreiben den bei mir möglichen Gedankenvorrat erschöpfen zu können, so daß schließlich einmal ein Zeitpunkt kommen müsse, wo neue Gedanken bei mir nicht mehr zum Vorschein kommen könnten; die Vorstellung ist natürlich völlig absurd, da das menschliche Denken unerschöpflich ist und z. B. das Lesen eines Buches, einer Zeitung usw. stets neue Gedanken anregt. Der erwähnte Kunstgriff bestand darin, daß, sobald ein bereits früher einmal in mir entstandener und daher schon aufgeschriebener Gedanke wiederkehrte – eine solche Wiederkehr ist natürlich bei sehr zahlreichen Gedanken ganz unvermeidlich, z. B. etwa früh der Gedanke »jetzt will ich mich waschen« oder beim Klavierspielen der Gedanke »Das ist eine schöne Stelle« usw. – man nach Wahrnehmung des betreffenden Gedankenkeims den heranziehenden Strahlen ein »Das haben wir schon« (gesprochen: »hammirschon«) scil. aufgeschrieben, mit auf den Weg gab, womit auf eine schwer zu beschreibende Weise die Strahlen gegen die anziehende Wirkung des in Rede stehenden Gedankens unempfänglich gemacht wurden. Ich muß darauf verzichten, das Aufschreibesystem und dessen Folgen noch klarer, als vorstehend versucht worden, dazulegen; ein vollkommenes Verständnis werde ich doch niemand, der nicht die Erfahrungen an seinen eigenen Nerven gemacht hat, beibringen können. Ich kann nur versichern, daß das Aufschreibesystem und namentlich das Eingehen des »das hammirschon« bei der Wiederkehr früherer Gedanken sich zu einer geistigen Tortur gestaltet hat, unter der ich jahrelang schwer gelitten habe und an die ich mich erst nach und nach wenigstens einigermaßen zu gewöhnen vermocht habe; es sind mir dadurch Geduldsproben auferlegt worden, wie sie zumal bei den Schwierigkeiten der äußeren Verhältnisse (Freiheitsbeschränkungen usw.), unter denen ich außerdem zu leben gehabt habe, wohl noch niemals einem Menschen zugemutet worden sind. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich mir schließlich nicht anders zu helfen wußte, als laut zu sprechen oder irgendwelchen Lärm zu machen, um nur das ebenso blödsinnige als schamlose Gewäsch der Stimmen zu übertäuben und damit meinen Nerven vorübergehend Ruhe zu verschaffen. Dies mochte den Ärzten, die den wahren Zusammenhang nicht kannten, als Tobsucht gegolten und zu der entsprechenden Behandlung, die mir jahrelang wenigstens in den Nächten zuteil wurde, geführt haben. Daß in dem Ausdruck » geistige Tortur « keine Übertreibung liegt, möge man daraus ermessen, daß ich in der Zeit, wo ich in der Zelle schlief (1896–1898), in der überwiegenden Mehrzahl aller Nächte immer mehrere Stunden außerhalb des Bettes verbracht habe, dabei zuweilen mit den Fäusten gegen die geschlossenen Fensterläden oder in der Zeit, wo die Fensterläden beseitigt waren, bei einer Winterkälte von bis zu -8 und 10° R nur mit dem Hemd bekleidet am geöffneten Fenster gestanden habe, dabei vor Kälte am ganzen Körper klapperte (zumal die natürliche Kälte durch Kältewunder noch erhöht wurde), oder beim Herumtappen in der durch die Läden total verfinsterten Zelle mit dem Kopfe an das niedrige Gewölbe derselben angewundert wurde, und alle diese Zustände immer noch erträglicher fand als das Liegenbleiben im Bette, in dem es, sofern Schlaf nicht erzielt werden konnte, einfach nicht auszuhalten war. Ich muß darauf gefaßt sein, daß mir fragend eingehalten wird, warum ich denn alle diese Dinge nicht schon in früheren Zeiten den Ärzten in der Form von Beschwerden vorgetragen habe? Darauf kann ich nur mit der Gegenfrage antworten, ob man mir denn bei der Schilderung der betreffenden, mit übersinnlichen Verhältnissen zusammenhängenden Vorgänge irgendwelchen Glauben geschenkt haben würde? Ich würde es jetzt schon als einen großen Triumph meiner dialektischen Gewandtheit betrachten müssen, wenn ich mit der gegenwärtigen Arbeit, die den Umfang eines wissenschaftlichen Werkes annimmt, auch nur den Erfolg erzielen sollte, in den Ärzten ein kopfschüttelndes Zweifeln zu erregen, ob nicht doch vielleicht etwas Wahres an meinen angeblichen Wahnideen und Sinnestäuschungen sei. Bei dem bloßen Versuche einer mündlichen Auseinandersetzung würde ich schwerlich haben darauf rechnen können, daß man die Geduld gehabt hätte, mich zu einem längeren Vortrage auch nur anzuhören; noch weniger würde man es wohl der Mühe wert gehalten haben, über den vermeintlichen Unsinn nachzudenken. Dazu kommt, daß ich in den ersten Zeiten meines hiesigen Aufenthalts die Ärzte selbst nur für flüchtig hingemachte Männer hielt und ihre Entschließungen durch die mir feindlich gesinnten Strahlen beeinflußt glaubte – eine Vorstellung, die ich wenigstens in der letzteren Beziehung auch jetzt noch als der Wahrheit entsprechend aufrechterhalten muß, so wenig dies der Natur der Sache nach den Ärzten selbst zum Bewußtsein kommen kann. Übrigens hört die feindselige Gesinnung der Strahlen (d. i. Gottes) auf, sobald sie versichert sind, mit Seelenwollust in meinem Körper aufzugehen oder ich in der Lage bin, jeweilig den präsenten Beweis von der Unzerstörbarkeit des Verstandes, also der Aussichtslosigkeit der auf die Vernichtung desselben gerichteten Politik zu liefern. Hierüber noch später das Nähere. Schließlich habe ich noch hinzuzufügen, daß ich bei der vorstehenden Schilderung in zeitlicher Beziehung etwas vorgegriffen habe. Es mußte dies um des Zusammenhangs willen geschehen; in Wirklichkeit gehört die betreffende Entwicklung zum Teil erst einer sehr viel späteren Zeit an, wie denn z. B. vom Klavierspielen, dessen ich oben Erwähnung getan habe, noch fast ein Jahr nach meiner Ankunft auf dem Sonnenstein bei mir nicht die Rede war. X. Persönliche Erlebnisse auf dem Sonnenstein. »Störungen« als Begleiterscheinungen eines Strahlen Verkehrs. »Stimmungsmache« In den ersten Wochen meines Aufenthalts auf dem Sonnensteine (im Juli oder August 1894) sind nach meiner Überzeugung irgendwelche wichtige Veränderungen mit der Sonne vorgegangen. Ich muß mich dabei, wie schon früher bei Besprechung übersinnlicher Verhältnisse, auf Mitteilung der von mir empfangenen Eindrücke beschränken und kann hinsichtlich der Frage, um welche objektiven Vorgänge es sich bei jenen Veränderungen gehandelt hat, höchstens Vermutungen wagen. Ich habe die Erinnerung, daß damals längere Zeit hindurch eine nach ihrer äußeren Erscheinung kleinere Sonne vorhanden war, dieselbe wurde, wie bereits am Schlüsse von Kap. VIII erwähnt worden, anfangs von der Flechsig'schen Seele geführt, später aber von einer Seele, deren Nerven ich mit denen des Vor, Standes der hiesigen Anstalt, Geh. Rat Dr. Weber für identisch halten muß. Indem ich diese Zeilen niederschreibe, bin ich mir vollkommen bewußt, daß alle andern Menschen darin nur den baren Unsinn werden finden können, da der Geh. Rat Dr. Weber ja, wie ich mich auch selbst täglich zu überzeugen Gelegenheit habe, noch unter den Lebenden ist. Die empfangenen Eindrücke sind gleichwohl für mich so sicher, daß ich die Vorstellung, es könne der Geh. Rat Dr. Weber schon früher einmal aus dem Leben geschieden und mit seinen Nerven zur Seligkeit emporgestiegen, dann aber gleich der übrigen Menschheit ins Leben zurückgekehrt sein, als eine allerdings für Menschen nicht faßbare, nur übersinnlich zu erklärende Möglichkeit nicht von der Hand weisen kann. Vergl. indessen hierzu und zu manchem anderen die Verwahrung im Vorwort. Jene kleinere Sonne wurde dann wahrscheinlich nach Aufzehrung ihrer Strahlenkraft durch eine andere Sonne ersetzt. Ich hatte dabei während mehrerer Tage und Nächte die wunderbarsten und großartigsten Eindrücke; nach meiner Auffassung hat es sich damals, wie schon in Anmerkung 12 [11], Kap. 1 erwähnt worden, um den Zeitpunkt gehandelt, in dem die vorderen Gottesreiche aufgezehrt waren und die hinteren Gottesreiche erstmalig auf dem Schauplatz erschienen. Ich glaube sagen zu dürfen, daß ich damals und nur damals Gottes Allmacht in ihrer vollständigen Reinheit gesehen habe. In der Nacht – und zwar, soviel ich mich erinnere, in einer einzigen Nacht – trat der niedere Gott (Ariman) in die Erscheinung. Das glanzvolle Bild seiner Strahlen wurde – während ich im Bette lag, aber nicht schlafend, sondern in wachem Zustande – meinem geistigen Auge (vgl. Anmerkung 61) sichtbar, d. h. spiegelte sich auf meinem inneren Nervensystem. Gleichzeitig vernahm ich seine Sprache; diese war aber nicht – wie sonst bei dem Gerede der Stimmen vor und nach jener Zeit ausnahmslos der Fall gewesen ist – ein leises Geflüster, sondern ertönte gleichsam unmittelbar vor den Fenstern meines Schlafzimmers in mächtigem Baß. Der Eindruck war ein gewaltiger, so daß wohl jemand, der nicht, wie bei mir der Fall war, auch gegen schreckhafte Wundereindrücke bereits abgehärtet gewesen wäre, bis in Mark und Bein hätte erschüttert werden können. Auch was man sprach, klang keineswegs freundlich; alles schien darauf berechnet, mir Furcht und Schrecken einzuflößen und das Wort »Luder« – ein der Grundsprache ganz geläufiger Ausdruck, wenn es sich darum handelte, einem von Gott zu vernichtenden. Menschen die göttliche Macht und den göttlichen Zorn empfinden zu lassen – wurde oft gehört. Allein alles, was man sprach, war echt , keine auswendig gelernten Phrasen, wie später, sondern der unmittelbare Ausdruck der wirklichen Empfindung. Darum war auch der Eindruck auf mich ganz überwiegend nicht der einer bangen Furcht, sondern der einer Bewunderung des Großartigen und Erhabenen; darum war auch die Wirkung auf meine Nerven ungeachtet der in den Worten zum Teil enthaltenen Beschimpfungen ein wohltätiger und ich konnte daher nicht umhin, als die »geprüften« Seelen, die sich eine Zeitlang scheu zurückgehalten hatten, nach einiger Zeit sich wieder vorwagten, meinen Gefühlen wiederholt in den Worten Ausdruck zu geben »O wie rein!« – der Majestät der göttlichen Strahlen gegenüber – und »O wie gemein!« – den geprüften Seelen gegenüber. – Dabei lasen die göttlichen Strahlen meine Gedanken, aber nicht, wie seitdem ausnahmslos geschieht, fälschend, sondern richtig, brachten dieselben auch selbst in wörtlichen Ausdruck in das der natürlichen Bewegung der menschlichen Nerven entsprechende Versmaß; Die Schwingungen der menschlichen Nerven erfolgen nach einem gewissen regelmäßigen Tonfall, den ich am besten mit dem oben gebrauchten Ausdruck »Versmaß« bezeichnen zu können glaube. Ob es sich etwa um dieselbe Erscheinung handelt, wie Kräpelin in dem am Schlusse von Kap. VI angezogenen Werke (6. Auflage) Bd. I S. 117 als das »Ticken des Carotispulses« bezeichnet, muß ich dahingestellt sein lassen, da ich den Sinn der letzteren Bezeichnung nicht kenne. Am leichtesten schließen sich diesem Tonfall viersilbige oder allenfalls auch sechssilbige Worte an. Darum wurden denn auch bei den in dem Aufschreibematerial verwendeten auswendig gelernten Phrasen, denen das Bestreben zugrunde lag, sich von meinen Nerven zurückzuziehen, und werden noch jetzt mit Vorliebe solche Worte gewählt, die diesem natürlichen Tonfall möglichst entgegengesetzt sind, z. B. mein eigener Titel »Senatspräsident«. so daß ich von dem Ganzen ungeachtet aller schreckhaften Nebenerscheinungen einen beruhigenden Eindruck empfing und schließlich in Schlaf verfiel. An dem darauffolgenden Tage und noch vielleicht an ein oder zwei weiteren Tagen (und zwar am Tage während meines Gartenaufenthalts) sah ich den oberen Gott (Ormuzd), diesmal nicht mit meinem geistigen Auge, sondern mit meinem leiblichen Auge. Es war die Sonne, aber nicht die Sonne in ihrer gewöhnlichen, allen Menschen bekannten Erscheinung, sondern umflossen von einem silberglänzenden Strahlenmeer, das, wie ich schon in Anmerkung 19, Kap. I [II] hervorgehoben habe, etwa den 6. bis 8. Teil des Himmels bedeckte. Auf Zahlen kommt es dabei natürlich nicht an; um mich selbst vor jeder Übertreibungsgefahr zu hüten, will ich daher nach meiner Erinnerung auch gelten lassen, daß es nur der 10. oder 12. Teil des Himmels gewesen sein könne. Jedenfalls war der Anblick von so überwältigender Pracht und Großartigkeit, daß ich mich scheute, fortwährend danach zu blicken, sondern das Auge meist von der Erscheinung abzuwenden suchte. Es ist eine der vielen Unbegreiflichkeiten für mich, daß zu jener Zeit bereits andere Menschen außer mir existiert haben sollen, daß insbesondere der Pfleger M., der dabei allein in meiner Begleitung war, wie es schien, gegen die Erscheinung völlig unempfänglich blieb. Damals nahm mich die Teilnahmslosigkeit von M. eigentlich nicht wunder, da ich ihn für einen flüchtig hingemachten Mann hielt, der eben nur ein Traumleben führe und daher natürlich für alle Eindrücke, die einem denkenden Menschen das höchste Interesse hätten einflößen müssen, kein Verständnis haben könne. Wie ich es mir aber jetzt zusammenreimen soll, daß an ihm (wenn ich ihn für einen wirklichen Menschen halten soll) und den vielen tausend anderen Menschen, die doch zu der betreffenden Zeit an anderen Orten außer mir den Anblick gehabt haben müssen, ein so phänomenaler Eindruck spurlos vorübergegangen sei, weiß ich einfach nicht zu sagen. Natürlich werden andere Menschen mit dem Schlagwort einer bloßen »Sinnestäuschung« bei der Hand sein, der ich für meine Person unterlegen habe. Dies aber ist nach der Sicherheit meiner Erinnerung subjektiv für mich völlig ausgeschlossen, zumal die Erscheinung sich an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen wiederholte und an jedem einzelnen Tage mehrere Stunden anhielt, auch glaube ich nicht, daß mein Gedächtnis mich trügt, wenn ich die Bemerkung hinzufüge, daß jene glänzendere Sonne ebenso zu mir gesprochen hat, wie es vorher und seitdem mit der Sonne unausgesetzt der Fall ist. Nach einigen Tagen waren die wunderbaren Erscheinungen, von denen ich vorstehend gesprochen habe, vorüber; die Sonne nahm diejenige Gestalt an, die sie seitdem ohne weitere Unterbrechung behalten Übrigens gewährt mir auch jetzt noch die Sonne zum Teil ein anderes Bild, als ich in den Zeiten vor meiner Krankheit von ihr hatte. Ihre Strahlen erbleichen vor mir, wenn ich gegen dieselbe gewendet laut spreche. Ich kann ruhig in die Sonne sehen und werde davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet, während in gesunden Tagen bei mir, wie wohl bei anderen Menschen, ein minutenlanges Hineinsehen in die Sonne gar nicht möglich gewesen wäre. hat; auch das Stimmengerede wurde durchweg wieder ein leises Geflüster. Den Grund der Veränderung glaube ich darin suchen zu dürfen, daß in diesem Zeitpunkt auch Gottes Allmacht sich nach dem Vorgang der Flechsig'schen Seele zum »Anbinden an Erden« hatte verleiten lassen. Hätte das Zuströmen reiner Gottesstrahlen ungehindert fortgedauert, wie es an den oben beschriebenen Tagen und in den darauffolgenden Nächten der Fall gewesen, so würde nach meinem Dafürhalten in kurzer Zeit meine Genesung, nach Befinden vielleicht auch Entmannung unter gleichzeitiger Befruchtung haben erfolgen müssen. Da man weder das eine noch das andere wollte, sondern immer von der falschen Vorstellung ausging, daß es jeweilig in kurzer Zeit möglich sein werde, sich von der Anziehungskraft meiner Nerven im Wege des »Liegenlassens« zu befreien, so hatte man eben durch das Anbinden Veranstaltung getroffen, daß der Zufluß reiner Strahlen gehemmt werde. Wie wenig diese Politik zu dauernden Erfolgen geführt hat, wird sich aus dem Späteren ergeben. Bei der obigen Schilderung des Auftretens der hinteren Gottesreiche in ihrer reinen Gestalt, habe ich mich genau an die Vorstellungen gehalten, die ich mir damals (im Juli oder August 1894) nach den empfangenen Eindrücken gebildet hatte und seitdem Jahre hindurch festgehalten habe. Beim jetzigen Nachdenken über den Gegenstand will es mir scheinen, daß ein Irrtum insofern bei mir unterlaufen sei, als ich es bei den Erscheinungen in der Nacht nur mit dem niederen Gotte (Ariman) und bei den Erscheinungen am Tage nur mit dem oberen Gott (Ormuzd) zu tun zu haben glaubte. Der Irrtum findet darin seine Erklärung, daß ich damals die Unterscheidungsmerkmale noch nicht kannte, nach denen ich jetzt auf Grund der im Laufe der Jahre unausgesetzt erfolgten weiteren Berührungen genau zu sagen weiß, ob es Arimanstrahlen und Arimanstimmen oder Ormuzdstrahlen und Ormuzdstimmen sind, die bei mir eingehen: der Name »Ariman« wird mir zuerst genannt worden sein, und danach hielt ich den ganzen Strahlenzufluß der oben beschriebenen Nacht für einen von dem niederen Gotte Ariman ausgehenden. Da es jedoch im Laufe der seitdem verflossenen Jahre niemals einen Zeitraum gegeben hat, in dem nicht jeweilig der niedere Gott und der obere Gott in kurzer Aufeinanderfolge abwechselnd hervorgetreten wären, so muß ich es für wahrscheinlich erachten, daß dies auch schon bei dem ersten Auftreten der hinteren Gottesreiche der Fall gewesen sei, und daß also sowohl bei den Erscheinungen in der Nacht, als bei denjenigen der darauffolgenden Tage der niedere Gott und der obere Gott immer abwechselnd beteiligt waren. Erwähnen will ich übrigens noch in diesem Zusammenhang, daß der niedere Gott (Ariman) und der obere Gott (Ormuzd) ungeachtet der in gewisser Beziehung vorhandenen Einheit von Gottes Allmacht doch als verschiedene Wesen aufgefaßt werden müssen, die, ein jedes von ihnen, auch im Verhältnis untereinander, ihren besonderen Egoismus und ihren besonderen Selbsterhaltungstrieb haben und sich daher immer wechselseitig vorzuschieben trachten. Es wird dies für mich namentlich durch die Verwertung des beiderseitigen Aufschreibematerials erkennbar, worüber ich noch Näheres mitteilen werde (vergl. auch das oben in Anmerkung 37 Bemerkte). Natürlich hat es auch hier zu einem Widerstreit der sonst harmonischen Interessen nur dadurch kommen können, daß die Reinheit der weltordnungsmäßigen Verhältnisse durch das Eindringen fremder, unreiner Elemente (der »geprüften Seelen«) gestört, und demnach die weltordnungswidrig gesteigerte Anziehungskraft der Nerven eines einzigen Menschen zu einer wirklichen Gefahr für die Gottesreiche herausgewachsen war. Das äußere Leben, das ich während der Zeit, von der ich gegenwärtig handle, – der ersten Monate meines Aufenthalts auf dem Sonnenstein führte – war ein über die Maßen einförmiges. Abgesehen von den täglich, vormittags und nachmittags, unternommenen Spaziergängen in den Garten saß ich in der Hauptsache während des ganzen Tages regungslos auf dem Stuhle vor meinen Tische, ging nicht einmal nach dem Fenster, wo übrigens auch nur grüne Bäume zu sehen gewesen wären (vgl. oben); selbst in dem Garten blieb ich mit Vorliebe immer auf demselben Platze sitzen und wurde nur ab und zu, eigentlich gegen meinen Willen, von den Pflegern zu Umgängen bestimmt. Allerdings hätte es auch in dem Falle, daß ich Neigung zu irgendwelcher Beschäftigung gehabt hätte, an der Gelegenheit dazu fast vollständig gefehlt; in der damaligen Zeit wurden alle Behältnisse der beiden von mir bewohnten Zimmer verschlossen gehalten und die Schlüssel abgezogen, so daß mir nur ein einziges Schubfach einer Kommode mit einigen Bürsten und dergleichen zugänglich war. Schreibmaterial besaß ich nicht; alle meine Gebrauchsgegenstände (Kleidungsstücke, Uhr, Portemonnaie, Messer, Schere und dgl.) waren mir weggenommen, in meinem Zimmer befanden sich vielleicht nur vier oder fünf Bücher, die ich allenfalls, wenn ich zu lesen Neigung gehabt hätte, hätte lesen können. Der Hauptgrund meiner Regungslosigkeit lag aber doch nicht in dem außerdem vorhandenen Mangel der zu irgendwelcher Beschäftigung geeigneten Gegenstände, sondern darin, daß ich eine absolute Passivität gleichsam als eine religiöse Verpflichtung betrachtete. Diese Vorstellung war nicht von selbst in mir entstanden, sondern durch die mit mir redenden Stimmen in mir hervorgerufen, dann aber allerdings längere Zeit von mir aufrechterhalten worden, bis ich die Zwecklosigkeit des entsprechenden Verhaltens erkannte. Daß mir überhaupt von Strahlen eine völlige Regungslosigkeit zugemutet wurde (»Keine kleinste Bewegung« lautete das oft gegen mich wiederholte Stichwort), muß nach meiner Überzeugung wiederum damit in Zusammenhang gebracht werden, daß Gott mit dem lebenden Menschen sozusagen, nicht umzugehen wußte, sondern nur den Verkehr mit Leichen oder allenfalls mit dem im Schlaf daliegenden (träumenden) Menschen gewöhnt war. Hieraus entsprang das geradezu ungeheuerliche Ansinnen, daß ich mich selbst gewissermaßen beständig wie eine Leiche verhalten solle, sowie eine Reihe anderer mehr oder weniger törichter, weil sämtlich der Menschennatur zuwiderlaufender Vorstellungen. Sobald man ein Geräusch in meiner Nähe wundert, was, sei es durch Sprechen oder sonstige Lebensäußerung eines Menschen, sei es durch ein Knistern der Wände, Knacksen der Dielen usw. in kurzen Pausen unausgesetzt geschieht, bezeichnet man dies, in sonderbarer Begriffsverwirrung, als eine von mir als lästig empfundene »Störung« und fälscht dann, indem man meine Nerven in die diesen Worten entsprechenden Schwingungen versetzt, die jeden Tag unzählige Male wiederkehrende Phrase »wenn nur die verfluchten Störungen aufhörten« in mich hinein, während in Wirklichkeit die Geräusche gerade umgekehrt, da sie den sogenannten »Hinhörungsgedanken« hervorrufen, von den Strahlen mit schreckhafter Wirkung empfunden werden, während es ferner – unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen – natürlich niemals einem Menschen hat einfallen können, z. B. in der Sprache seiner Mitmenschen eine für ihn unangenehme Störung zu erblicken. Ein gewisser Übelstand ist allerdings für mich insofern damit verbunden, als ich, wie bereits in Kap. VII erwähnt, jedes Wort, das (infolge der auf Wundern beruhenden Anregung der betreffenden Menschennerven) in meiner Nähe gesprochen wird, zugleich mit einem Schmerzgefühl empfinde, das durch den gleichzeitig stattfindenden Versuch der (an Erden gebundenen) Strahlen, sich zurückzuziehen, als ein manchmal sehr unangenehmes Zerren im Kopfe sich äußert. Die Entstehung der ganzen, völlig verkehrten Vorstellungsweise, glaube ich aus der Erinnerung an die Vorgänge ableiten zu dürfen, welche die regelmäßigen Begleiterscheinungen eines bei einem schlafenden Menschen (im Traume) genommenen Nervenanhangs waren. Durch einen solchen Nervenanhang wurde eine vorübergehende Verbindung zwischen den göttlichen Strahlen und den Nerven des betreffenden Menschen hergestellt; natürlich war dieselbe nur auf kurze Dauer berechnet, etwa zu Eingebungen über irgendwelche das Jenseits betreffende Dinge (vgl. Kap. I), sonstige Anregung der dichterischen Phantasie und dergleichen mehr. Um nicht auf die Dauer einer, nach Befinden für Gott gefährlich werdenden Anziehungskraft der betreffenden Nerven zu unterliegen, mußte man nach Erledigung des Zwecks wieder loszukommen suchen; man wunderte dann eben kleine Geräusche (die sogenannten »Störungen«, wie man sie mir gegenüber bezeichnet), wodurch die Aufmerksamkeit des schlafenden, vielleicht im Erwachen begriffenen Menschen in anderer Richtung abgelenkt wurde, und diese kurze Zeitspanne abgelenkter Aufmerksamkeit genügte dann im Verhältnis zu Nerven, die nicht in dem hochgradigen Zustande der Erregung, wie die meinigen, sich befanden, für die Strahlen, um den Nervenanhang aufzuheben und den Rückzug von dem betreffenden Menschen zu finden. Von irgendwelcher ernsten Gefahr mochte für Gott bei der Leichtigkeit des Rückzugs, soweit es sich um nur mäßig erregte Nerven handelte, nicht entfernt die Rede gewesen sein. Die Erinnerung an diese Vorgänge übertrug man nun auf das mir gegenüber bestehende Verhältnis, ohne zu bedenken, daß meine Beziehungen zu göttlichen Strahlen infolge der maßlos gesteigerten Anziehungskraft meiner Nerven schon längst unlöslich geworden waren. Die von mir geforderte Regungslosigkeit faßte ich als eine Pflicht auf, die mir sowohl im Interesse der Selbsterhaltung als Gott gegenüber obliege, um diesen aus der Bedrängnis, in welche er durch die »geprüften Seelen« geraten war, zu befreien. Ich hatte die – übrigens wohl in der Tat nicht jeden Grundes entbehrende – Anschauung gewonnen, daß die Strahlenverluste sich steigerten, wenn ich mich selbst öfters hin und her bewegte (ebenso wenn ein Luftzug durch mein Zimmer ging), und bei der heiligen Scheu, die ich damals den göttlichen Strahlen gegenüber im Bewußtsein ihrer hohen Zwecke noch empfand und zugleich in der Ungewißheit, ob es denn wirklich eine Ewigkeit gebe, oder nicht die Strahlen auf einmal ein plötzliches Ende finden könnten, hielt ich es für meine Aufgabe, jeder Vergeudung von Strahlen, soweit es an mir lag, entgegenzuwirken. Nicht minder hatte ich mir, zugleich beeinflußt durch die Meinungsäußerungen der Stimmen, die in diesem Sinne unausgesetzt auf mich einsprachen, die Ansicht gebildet, daß ein Herabziehen der »geprüften Seelen« zum Zwecke eines vollständigen Aufgehens in meinem Körper und demnach zur Wiederherstellung der Alleinherrschaft Gottes am Himmel leichter sein werde, wenn ich meinen Körper in beständiger Ruhe halte. So habe ich denn das fast unglaubliche Opfer, mich fast jeder körperlichen Bewegung und damit auch jeder Beschäftigung außer der Stimmenunterhaltung zu enthalten, während mehrerer Wochen und Monate auf mich genommen; es ging dies so weit, daß ich selbst während der Nächte, auf die es hauptsächlich anzukommen schien, da das Aufgehen der geprüften Seelen am ehesten im Schlafe erwartet werden konnte, meine Lage im Bette nicht zu verändern wagte. Ich brachte das Opfer, weil ich zwar von der »Halbschürigkeit« der Politik, die Gottes Allmacht gegen mich verfolgte, schon manche Proben erhalten hatte, aber an einen wirklichen bösen Willen Gottes mir gegenüber damals noch nicht glauben mochte. Eine Änderung in diesen Verhältnissen trat erst etwa gegen Ende des Jahres 1894 oder gegen Anfang des Jahres 1895 ein und zwar ungefähr gleichzeitig mit derjenigen Wundererscheinung, die von einem Teil der Stimmen, die das darin liegende Unrecht erkannten, als die » verfluchte Stimmungsmache «: bezeichnet wurde. Dem unausgesetzt verfolgten Streben, sich von mir zurückzuziehen (mich »liegen zu lassen«), stand nämlich vor allen Dingen auch die Heiligkeit meiner Gesinnung, die anziehend auf alle reineren Seelen oder Strahlen wirken mußte, und der tiefe Ernst meiner Auffassung in betreff meines Verhältnisses zu Gott und meiner eigenen Lebenslage entgegen. Man fing daher an, auch meine Stimmung durch Wunder zu verfälschen, um sich den Eindruck eines leichtfertigen, nur dem augenblicklichen Genusse frönenden Menschen zu verschaffen (mich als solchen »darzustellen«, vgl. oben Anmerkung 62). Eine derartige Beeinflussung der Stimmung durch Wunder ist, wie mich die Erfahrung gelehrt hat, möglich , ohne daß ich über den Zusammenhang eine nähere Erklärung zu geben vermag; um dem Leser eine annähernde Vorstellung von dem Vorgange zu verschaffen, kann ich mich nur eines Vergleichs bedienen, indem ich daran erinnere, daß bekanntlich auch der Genuß des Morphiums die Wirkung hat, einen sonst von körperlichen Schmerzen geplagten oder in seelischer Niedergeschlagenheit befangenen Menschen in eine verhältnismäßig heitere oder wenigstens gleichgültige Stimmung zu versetzen. Im Anfange widersetzte ich mich der Einwirkung der »Stimmungsmache« (des Stimmungsfälschungswunders); mit der Zeit aber fand ich es bequem, den Einfluß desselben gewähren zu lassen, da ich merkte, daß ich mich dabei in der Tat subjektiv weniger unglücklich fühlte und da ich mir obendrein sagen mußte, daß ich mit aller Heiligkeit meiner Gesinnung und mit allen meinen opferfreudigen Anstrengungen zur Unterstützung Gottes in der Bekämpfung der »geprüften Seelen« doch nichts Wesentliches ausgerichtet hatte. Ich fing an meine Lage gleichgültiger aufzufassen, erinnerte mich des Horazischen »Carpe diem«, suchte mich der Sorge für die Zukunft möglichst zu entschlagen und unter Mitnahme alles dessen, was das Leben mir noch zu bieten schien, einfach in den Tag hineinzuleben. Es äußerte sich dies unter anderem darin, daß ich etwa um die Jahreswende 1894/95 das Rauchen von Zigarren wieder aufnahm, dessen ich mich wohl nahezu Jahr und Tag gänzlich enthalten hatte. Auf der anderen Seite wurde der Zweck, den die Strahlen mit der »Stimmungsmache« eigentlich verfolgt hatten, nicht im mindesten erreicht. Die Anziehungskraft meiner überreizten Nerven blieb ungeachtet der veränderten Stimmung ungeschwächt bestehen, nur daß ich mich nicht in demselben Maße mehr, wie früher, unglücklich fühlte. Es bewährte sich also auch hier, wie fast bei allen weltordnungswidrigen Wundern, das Dichterwort von den Äußerungen jener Kraft »die stets das Böse will und doch das Gute schafft«. Daß mein vorstehend geschildertes Verhalten von meiner Umgebung namentlich von den Ärzten und Pflegern, soweit ich annehmen soll, daß sie schon damals wirkliche Menschen gewesen seien, nicht richtig beurteilt werden konnte, versteht sich eigentlich von selbst. Da ich für nichts Interesse zeigte und keinerlei geistige Bedürfnisse an den Tag legte, so konnten sie in mir kaum etwas anderes, als einen in soporösen Stumpfsinn verfallenen Menschen erblicken. Und doch wie himmelweit war die Wirklichkeit von diesem Anschein entfernt: ich lebte in dem Bewußtsein – und meine Überzeugung ist auch jetzt noch, daß dieses Bewußtsein sich mit der Wahrheit deckte – eine der schwierigsten Aufgaben lösen zu müssen, die je einem Menschen gestellt worden sind und einen heiligen Kampf um die höchsten Güter der Menschheit zu kämpfen. Leider aber hatte der täuschende Schein des Gegenteils auch eine Unsumme von Unwürdigkeiten in der Behandlung meiner Person zur Folge, unter der ich Jahre hindurch schwer gelitten habe und bei denen man zuweilen meinen Stand und die hohe amtliche Stellung, die ich im Leben bekleidet hatte, vollständig vergessen zu haben schien. Es ist wiederholt vorgekommen, daß der Pfleger M. mich beim Bade, das ich nach angemessener Zeit verlassen wollte, in die Badewanne, oder am Morgen, wenn die Zeit des Aufstehens gekommen war und ich aufstehen wollte, aus mir unbekanntem Grunde in das Bett zurückwarf oder am Tage, wenn ich am Tische sitzend im Einschlummern begriffen war, mich durch Zupfen am Barte aus dem Schlafe erweckte, oder daß derselbe mir im Bade mit einem Staubkamme – und zwar zu einer Zeit, wo Strahlenzüge meine Schädeldecke durchfurchten (vgl. das folgende Kapitel) – die Haare auskämmte. Bei den Mahlzeiten pflegte derselbe mir eine Zeitlang die Serviette wie einem kleinen Kinde umzubinden. Die Zigarren wurden mir einzeln, Stück für Stück zu gewissen Tageszeiten zugezählt; erst nach Ablauf mehrerer Jahre erlangte ich es, daß mir am Morgen jedesmal der ganze Tagesbedarf auf einmal in mein Zigarrenetui gesteckt und noch später, daß mir ein ganzes Hundertkistchen als Reserve zur Verfügung gestellt wurde. Von einem anderen Pfleger habe ich mir einmal eine Ohrfeige gefallen lassen müssen. In einigen Fällen habe ich den angegebenen Unwürdigkeiten tatsächlichen Widerstand entgegengesetzt, namentlich dann, wenn man aus meinem während der Nacht von außen verschlossenen Schlafzimmer vor dem Schlafengehen das Waschgeschirr entfernen oder anstelle dieses Schlafzimmers mir wieder einmal eine der für Tobsüchtige eingerichteten Zellen als Schlafraum anweisen wollte. Später habe ich von solchen Widersetzlichkeiten abgesehen, da dieselben nur zu zwecklosen Roheitsszenen führten; ich habe geschwiegen und geduldet. Es liegt mir selbstverständlich nichts ferner, als mit der Erzählung der mir widerfahrenen Unwürdigkeiten den Pfleger M. oder irgendeinen anderen Pfleger bei seinem Vorgesetzten denunzieren zu wollen. Die Ausschreitungen, die sich M. zuweilen hat zuschulden kommen lassen, halte ich seinem geringen Bildungsgrade zugute; auch hat mich derselbe ja in den späteren Jahren im wesentlichen zu meiner Zufriedenheit bedient, obwohl eine gewisse Selbstherrlichkeit, an die er sich nun einmal gewöhnt hatte, immer verblieb. Es konnte aber die Mitteilung dieser kleinen Züge nicht entbehrt werden, um die Größe der Schmach, die ich Jahre hindurch unter tiefster Verwundung meines jederzeit vollkommen rege gewesenen Ehrgefühls habe ertragen müssen, zu kennzeichnen. – An der Vollständigkeit des Bildes meiner Lebenslage während der ersten Zeiten meines Aufenthalts auf dem Sonnenstein mangelt noch ein Bericht über die gegen mich geübten Wunder, die ich in dem folgenden Kapitel zu erstatten gedenke. XI. Schädigung der körperlichen Integrität durch Wunder Seit den ersten Anfängen meiner Verbindung mit Gott bis auf den heutigen Tag ist mein Körper unausgesetzt der Gegenstand göttlicher Wunder gewesen. Wollte ich alle diese Wunder im einzelnen beschreiben, so könnte ich damit allein ein ganzes Buch füllen. Ich kann sagen, daß kaum ein einziges Glied oder Organ meines Körpers vorhanden ist, das nicht vorübergehend durch Wunder geschädigt worden wäre, keine einzige Muskel, an der nicht durch Wunder herumgezerrt würde, um sie je nach der Verschiedenheit des damit verfolgten Zweckes entweder in Bewegung zu setzen oder zu lähmen. Noch bis auf den heutigen Tag sind die Wunder, die ich allstündlich erlebe, zum Teil von solcher Beschaffenheit, daß sie jeden anderen Menschen in tödlichen Schrecken versetzen müßten; nur durch jahrelange Gewöhnung bin ich dahingelangt, das meiste von dem, was jetzt noch geschieht, als Kleinigkeiten zu übersehen. In dem ersten Jahre meines Aufenthalts auf dem Sonnensteine aber waren die Wunder so bedrohlicher Natur, daß ich fast unaufhörlich für mein Leben, meine Gesundheit oder meinen Verstand fürchten zu müssen glaubte. An und für sich muß natürlich der ganze Zustand, wonach die Strahlen im wesentlichen nur dazu dienen, einem einzigen Menschen an seinem Körper Schaden zuzufügen oder demselben in betreff der Gegenstände, mit denen er sich beschäftigt, irgendwelchen Schabernack zu spielen – auch derartige harmlosere Wunder sind namentlich in neuerer Zeit ziemlich häufig geworden– als ein weltordnungswidriger angesehen werden. Denn Strahlen haben die Aufgabe, etwas zu schaffen, nicht bloß zu zerstören oder kindische Spielerei zu treiben. Daher verfehlen auch sämtliche Wunder, die gegen mich gerichtet worden sind, auf die Dauer ihren Zweck; was unreine Strahlen zerstört oder geschädigt haben, müssen spätere, reine Strahlen immer wieder aufbauen oder heilen (vgl. bereits oben Kap. VII bei Anmerkung 48). Damit ist jedoch nicht gesagt, daß nicht wenigstens vorübergehend höchst bedenkliche, den Eindruck äußerster Gefahren erweckende Schäden angerichtet werden oder sehr schmerzhafte Zustände sich ergeben konnten. Am meisten erinnerten noch an weltordnungsmäßige Verhältnisse diejenigen Wunder, die in irgendwelcher Beziehung zu einer an meinem Körper auszuführenden Entmannung zu stehen schienen. Hierzu gehörten namentlich allerhand Veränderungen an meinem Geschlechtsteile , die vereinzelte Male (namentlich im Bett) als starke Andeutungen einer wirklichen Einziehung des männlichen Gliedes, häufig aber, wenn vorwiegend unreine Strahlen beteiligt waren, als ein fast dem vollständigen Zerlaufen sich näherndes Weicherwerden desselben auftraten; ferner das Herauswundern einzelner Bart- namentlich Schnurrbarthaare , endlich eine Veränderung der ganzen Statur (Verringerung der Körpergröße) – wahrscheinlich auf einer Zusammenziehung der Rückenwirbel und vielleicht auch der Knochensubstanz der Schenkel beruhend. Das letztere, von dem niederen Gotte (Ariman) ausgehende Wunder wurde von diesem regelmäßig mit den dasselbe ankündigenden Worten »Ob ich Sie etwas kleiner mache« begleitet; ich hatte selbst dabei den Eindruck, als ob mein Körper um etwa sechs bis acht Zentimeter kleiner geworden sei, also der weiblichen Körpergröße sich angenähert habe. Sehr mannigfaltig waren die Wunder, denen die inneren Organe der Brust- und Bauchhöhle unterlagen. Am wenigsten weiß ich bezüglich des Herzens zu sagen; ich habe hier nur die Erinnerung, daß ich einmal – und zwar noch zur Zeit meines Aufenthalts in der Leipziger Universitäts-Nervenklinik – ein anderes Herz hatte. Dies, wie der ganze Bericht über die an meinem Körper verübten Wunder wird natürlich allen anderen Menschen über die Maßen befremdlich klingen, so daß man geneigt sein wird, darin nur die Erzeugnisse einer krankhaft erregten Einbildungskraft zu finden. Demgegenüber kann ich nur versichern, daß kaum irgendeine Erinnerung aus meinem Leben für mich sicherer ist, als die in diesem Kapitel erzählten Wunder. Was kann es auch Gewisseres für den Menschen geben, als das, was er an seinem eigenen Körper erlebt und empfindet? Kleine Irrtümer hinsichtlich der Bezeichnung der beteiligten Organe sind bei meinen natürlich nur laienhaften, anatomischen Kenntnissen vielleicht nicht als ausgeschlossen zu betrachten; in der Hauptsache glaube ich auch in dieser Beziehung das Richtige getroffen zu haben. Dagegen waren meine Lungen lange Zeit hindurch der Gegenstand heftiger und sehr bedrohlicher Angriffe. Ich habe von Natur sehr gesunde Brust und Lungen; durch Wunder aber wurden meine Lungen so zugerichtet, daß ich einen tödlichen Ausgang infolge von Lungenschwindsucht eine Zeitlang ernstlich befürchten zu müssen glaubte. Man wunderte mir zu oft wiederholten Malen einen sogenannten »Lungenwurm«, von welchem ich nicht angeben kann, ob es ein tierähnliches Wesen oder ein seelenartiges Gebilde gewesen ist; ich kann nur sagen, daß das Auftreten desselben mit einem beißenden Schmerze in den Lungen verbunden war, so wie ich mir etwa die bei einer Lungenentzündung vorkommenden Schmerzen vorstellen zu sollen glaube. Meine Lungenflügel waren zeitweise nahezu völlig absorbiert, ob nur durch die Tätigkeit des Lungenwurms oder auch durch Wunder anderer Art, vermag ich nicht zu sagen; ich hatte die deutliche Empfindung, daß mein Zwerchfell ganz oben in der Brust fast unmittelbar unter dem Kehlkopfe saß und nur noch ein kleiner Rest der Lungen dazwischen sich befand, mit dem ich kaum zu atmen vermochte. Es hat Tage gegeben, wo ich mir bei den Umgängen im Garten die Lunge gewissermaßen mit jedem Atemzuge neu erkaufen mußte; denn das ist eben das Wunderbare, daß Strahlen, weil das Schaffen nun einmal in ihrer Natur liegt, gar nicht anders können, als das einem notleidenden Körper zu seiner Erhaltung jeweilig Notwendigste zu beschaffen. Ungefähr um dieselbe Zeit war ein größerer oder geringerer Teil meiner Rippenknochen ab und zu vorübergehend zerschmettert immer mit dem Erfolge, daß das Zerstörte nach einiger Zeit wieder hergestellt wurde. Eins der abscheulichsten Wunder war das sogenannte Engbrüstigkeitswunder , das ich mindestens einige Dutzend Male erlebt habe; es wurde dabei der ganze Brustkasten zusammengepreßt, so daß der Zustand der durch die Atemnot verursachten Beklemmung sich dem gesamten Körper mitteilte. Vereinzelte Male ist das Engbrüstigkeitswunder auch noch in späteren Jahren aufgetreten, in der Hauptsache gehörte dasselbe, wie die übrigen hier beschriebenen Wunder, der zweiten Hälfte des Jahres 1894 und etwa der ersten Hälfte des Jahres 1895 an. Was den Magen betrifft, so war mir schon während meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt von dem in Kap. V genannten Wiener Nervenarzte anstatt meines gesunden natürlichen Magens ein sehr minderwertiger sog. »Judenmagen« angewundert worden. Später richteten sich die Wunder eine Zeitlang mit Vorliebe gegen den Magen, einesteils weil die Seelen mir den mit der Einnahme der Speisen verbundenen sinnlichen Genuß nicht gönnten, andernteils weil die Seelen überhaupt sich für etwas Besseres dünkten, als der der irdischen Nahrung bedürftige Mensch und daher auf alles Essen und Trinken mit einer gewissen Verachtung herabzusehen geneigt waren. Es war dasjenige Gefühl, aus dem heraus z.B. auch der Comtur im Don Juan da, wo er dem letzteren als abgeschiedener Geist entgegentritt, die ihm angebotene Mahlzeit mit den Worten zurückweist: »Wisse, mich ekelt's der irdischen Speise usw.« Ich habe zu öfteren Malen kürzere oder längere Zeit ohne Magen gelebt und zuweilen auch dem Pfleger M., wie diesem vielleicht noch erinnerlich sein wird, ausdrücklich erklärt, daß ich nicht essen könnte, weil ich keinen Magen hätte. Manchmal wurde mir unmittelbar vor der Mahlzeit ein Magen sozusagen ad hoc angewundert. Es geschah dies namentlich von seiten der v. W.'schen Seele, die mir überhaupt wenigstens in einigen ihrer Gestalten vorübergehend eine freundlichere Gesinnung zeigte. Freilich war dies nie von langer Dauer; den mir angewunderten, übrigens auch nur minderwertigen Magen wunderte mir die v. W.'sche Seele in der Regel noch während der betreffenden Mahlzeit »wegen veränderter Gesinnung« wieder ab; große Veränderlichkeit ist überhaupt, abgesehen vielleicht von den ganz reinen Gottesstrahlen, ein wesentlicher Grundzug des Seelencharakters. Die genossenen Speisen und Getränke ergossen sich dann ohne weiteres in die Bauchhöhle und die Oberschenkel, ein Vorgang, der, so unglaublich er klingen mag, nach der Deutlichkeit der Empfindung für mich außer allem Zweifel lag. Bei jedem anderen Menschen hätten dadurch natürlich Eiterungszustände mit unfehlbarem tödlichen Ausgange sich ergeben müssen; mir aber konnte die Verbreitung des Speisebreis in beliebigen Körperteilen nichts schaden, weil alle unreinen Stoffe in meinem Körper durch Strahlen wieder aufgesogen wurden. Ich habe infolgedessen später wiederholt ganz sorglos ohne Magen drauflosgegessen; überhaupt gewöhnte ich mich nach und nach an eine vollständige Gleichgültigkeit gegen alles, was an meinem Körper vorging. Ich bin auch jetzt noch der Überzeugung, daß ich gegen alle natürliche Krankheitseinflüsse gefeit bin; Krankheitskeime entstehen bei mir nur durch Strahlen und werden ebenso von Strahlen wieder beseitigt. Ja ich hege sogar starke Zweifel, ob ich, solange der Strahlenverkehr andauert, überhaupt sterblich bin, ob ich nicht z.B. das stärkste Gift ohne wesentlichen Schaden für mein Leben und meine Gesundheit zu mir nehmen könnte. Es wird kaum der Bemerkung bedürfen, daß dies nur eine hypothetische Betrachtung ist, daß ich aber nicht entfernt daran denke, derartige Experimente an meinem Körper, bei denen mir mindestens große Schmerzen nicht erspart bleiben würden, wirklich vorzunehmen. Denn was können denn Gifte anderes machen, als irgendwelche wichtige Organe zerstören oder eine zersetzende Wirkung auf das Blut ausüben? Beides ist aber bei mir in unzähligen Fällen bereits durch Strahlen ohne schädlichen Erfolg für die Dauer geschehen. Als einen kleinen Beleg für die Wahrheit meiner Annahme, daß ich sozusagen unverletzlich geworden bin, möchte ich die Tatsache anführen, daß ich, während ich in gesunden Tagen in jedem Winter einige Male von einem mehrtägigen heftigen Schnupfen heimgesucht zu werden pflegte, in den sechs Jahren meines hiesigen Aufenthalts kaum jemals einen regelrechten Schnupfen gehabt habe. Würde jetzt bei mir eine katarrhalische Entzündung der Nasenschleimhaut – worin doch wohl das Wesen des Schnupfens besteht – auf natürlichem Wege sich ausbilden wollen, so würden sofort Strahlen in solcher Menge nach dem erkrankten Körperteile zuschießen, daß die Schnupfenerkrankung schon in ihrem ersten Keimen erstickt würde. Von sonstigen inneren Organen will ich nur noch der Speiseröhre und der Därme Auch Darmverschlingungen ziemlich bedrohlicher Art wurden mir mehrfach gewundert, die jedoch meist nach kurzer Zeit wieder aufgelöst zu werden pflegten. gedenken, die wiederholt zerrissen oder verschwunden waren, ferner des Kehlkopfs, den ich mehr als einmal zum Teil mit aufgegessen habe, endlich des Samenstrangs, gegen den zuweilen in ziemlich schmerzhafter Weise gewundert wurde, hauptsächlich um das in meinem Körper entstehende Wollustgefühl zu unterdrücken. Außerdem habe ich noch eines den ganzen Unterleib ergreifenden Wunders, der sogenannten Unterleibsfäule Erwähnung zu tun. Dieses Wunder ging regelmäßig von der von W.'schen Seele in einer ihrer unreinsten Gestalten aus, die deshalb – im Gegensatz zu anderen von W.'schen Seelenteilen – die Bezeichnung »Unterleibsfäulen von W.« erhielt. Dieselbe warf mit vollendeter Rücksichtslosigkeit die die Unterleibsfäule erzeugenden Fäulnisstoffe in meinen Bauch hinein, so daß ich mehr als einmal bei lebendigem Leibe verfaulen zu müssen glaubte und der Modergeruch in ekelerregendster Weise meinem Munde entströmte. Die von W.'sche Seele rechnete dabei darauf, daß die Unterleibsfäule von Gottesstrahlen wieder beseitigt werde, was denn auch stets durch Strahlen von ganz besonderer, diesem Zwecke entsprechender Beschaffenheit, die sich wie ein Keil in meine Därme schoben und den Fäulnisgehalt aufsogen, geschah. Die Gottesstrahlen schienen hierbei in dem instinktiven Bewußtsein zu handeln, daß es für sie selbst überaus widerwärtig sein würde, sich von einem verfaulenden Körper anziehen lassen zu müssen. Diese Vorstellung kam in der wiederholt ausgegebenen Losung, daß man mich wenigstens »mit reinem Körper« liegen lassen wolle, zum Ausdruck; natürlich litt auch diese Vorstellung wieder an der üblichen Unklarheit, insofern man sich offenbar keine Rechenschaft darüber gegeben hatte, wodurch denn nun eigentlich die Nerven des »liegengelassenen« Körpers die Anziehungskraft verlieren sollten. Am bedrohlichsten erschienen mir selbst immer diejenigen Wunder, die sich in irgendwelcher Weise gegen den Verstand richteten. In erster Linie handelte es sich dabei um den Kopf; in zweiter Linie kam während eines gewissen – wohl mehrwöchentlichen Zeitraums etwa im Herbst 1894 – auch das Rückenmark in Frage, das damals neben dem Kopfe als Sitz des Verstandes angesehen wurde. Man versuchte mir daher das Rückenmark auszupumpen, was durch sogenannte »kleine Männer«, die man mir in die Füße setzte, geschah. Über diese »kleinen Männer«, die mit der bereits in Kap. VI besprochenen gleichnamigen Erscheinung einige Verwandtschaft zeigten, werde ich später noch weiteres mitteilen; in der Regel waren es je zwei, ein »kleiner Flechsig« und ein »kleiner von W.«, deren Stimmen ich auch in meinen Füßen vernahm. Das Auspumpen hatte den Erfolg, daß mir das Rückenmark namentlich bei den Spaziergängen im Garten zuweilen in ziemlicher Menge in Form kleiner Wölkchen aus dem Munde entströmte. Man kann sich denken, mit welcher Sorge mich solche Vorgänge erfüllten, da ich damals noch nicht wußte, ob nicht damit in der Tat ein Teil meines Verstandes in die Luft verflöge. Das Wundern gegen den Kopf und die Kopfnerven geschah in sehr mannigfaltiger Art. Man versuchte mir die Nerven aus dem Kopfe herauszuziehen, eine Zeitlang sogar (während der Nächte) in den Kopf des im Nebenzimmer schlafenden M. zu verpflanzen. Diese Versuche hatten (abgesehen von der Sorge um den wirklichen Verlust meiner Nerven) eine unangenehm spannende Empfindung in meinem Kopfe zur Folge. Jedoch gelang das Herausziehen stets nur in sehr mäßigem Grade, das Beharrungsvermögen meiner Nerven erwies sich als die stärkere Kraft und die halb herausgezogenen Nerven kehrten immer nach kurzer Zeit wieder in meinen Kopf zurück. Recht bedenkliche Verheerungen wurden an meinem Schädel durch die sogenannten »Strahlenzüge« angerichtet, eine schwer zu beschreibende Erscheinung, von der ich nur die Wirkung dahin bezeichnen kann, daß mein Schädel dadurch zu oft wiederholten Malen in verschiedenen Richtungen gleichsam zersägt war. Sehr häufig hatte ich – und dies ist auch jetzt noch in periodischer Wiederkehr alltäglich der Fall – die Empfindung, daß meine ganze Schädeldecke vorübergehend dünner geworden war, der Vorgang besteht nach meiner Auffassung darin, daß das Knochenmaterial meiner Schädeldecke durch die zerstörende Wirkung der Strahlen vorübergehend zum Teil pulverisiert, dann aber von reinen Strahlen, namentlich im Schlafe der Schädeldecke wieder angefügt wird. Daß durch alle diese Vorgänge sehr unangenehme Empfindungen entstehen müssen, wird man sich vorstellen können, wenn man bedenkt, daß es die – an ihren Ausgangspunkten irgendwie mechanisch befestigten – Strahlen einer ganzen Welt sind, die an einem einzigen Kopfe herumziehen und denselben in der Art etwa, wie es beim Vierteilen geschieht, auseinanderzuzerren oder zu zersprengen streben. Man unternahm es ferner in der Zeit, von der ich gegenwärtig handle, wiederholt meine Nerven mit irgendwelchen schädlichen Stoffen zu überziehen; es schien, als ob wirklich dadurch die natürliche Schwingungsfähigkeit der Nerven beeinträchtigt werde, so daß ich selbst manchmal den Eindruck einer vorübergehenden Verdummung hatte. Einer der dabei in Frage kommenden Stoffe wurde als »Intoxikationsgift« bezeichnet; was derselbe seiner chemischen Natur nach gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen. Ab und zu kam es auch vor, daß man mir die Flüssigkeiten der von mir eingenommenen Speisen auf die Kopfnerven wunderte, so daß dieselben mit einer Art Kleister überzogen waren und dadurch die Denkfähigkeit vorübergehend zu leiden schien; genau erinnere ich mich, daß dies einmal mit dem Kaffee geschah. An allen meinen Muskeln wurde (und wird noch jetzt) herumgewundert, um mich an allen Bewegungen oder jeweilig derjenigen Beschäftigung, die ich gerade vornehmen will, zu verhindern. So versucht man z.B. meine Finger zu lähmen, wenn ich Klavier spiele oder schreibe, und meiner Kniescheibe einen die Marschfähigkeit aufhebenden Schaden beizubringen, wenn ich im Garten oder auf dem Korridor herumgehe. Der Erfolg besteht jetzt wenigstens fast stets nur in einer gewissen Erschwerung der betreffenden Beschäftigung oder mäßigen Schmerzempfindungen beim Gehen. Eine fast ununterbrochene Zielscheibe von Wundern bilden namentlich meine Augen und die zur Öffnung und Schließung derselben dienenden Lidermuskeln. Die Augen waren von jeher sehr wichtig, weil Strahlen, die an sich mit zerstörender Wirkung ausgestattet sind, ihre Schärfe nach verhältnismäßig kurzer Zeit verlieren, sobald sie etwas sehen und dann unschädlich in meinem Körper eingehen. Der Gegenstand des Sehens können entweder Gesichts-(Augen-)eindrücke sein, die die Strahlen, wenn meine Augen geöffnet sind, durch Vermittlung derselben empfangen, teils Bilder, die ich auf meinem inneren Nervensystem durch Gebrauch der menschlichen Einbildungskraft willkürlich hervorzurufen vermag, so daß sie damit den Strahlen gewissermaßen sichtbar werden. Auf die Vorgänge der letzteren Art, die in der Seelensprache das »Zeichnen« des Menschen genannt werden, werde ich noch in anderem Zusammenhange zurückkommen. Hier mag nur erwähnt werden, daß man schon sehr früh dazu verschritt und auch im Laufe der seitdem verflossenen Jahre immer bei dem Bestreben verblieben ist, mir meine Augen gegen meinen Willen zu schließen, eben um mich der Augeneindrücke zu berauben und den Strahlen die zerstörende Schärfe zu erhalten. Die Erscheinung kann fast in jedem gegebenen Zeitpunkte an mir beobachtet werden; wer sich die Mühe geben will, darauf zu achten, wird wahrnehmen können, daß meine Augenlider, selbst im Gespräch mit anderen Menschen, plötzlich zusammenklappen oder zufallen, wie dies unter natürlichen Verhältnissen bei keinem Menschen vorzukommen pflegt. Um dann die Augen trotzdem offenzuhalten, bedarf es immer einer gewissen Anspannung meiner Willenskraft; da ich indessen nicht immer ein Interesse an der Öffnung meiner Augen habe, so lasse ich die Schließung aus Bequemlichkeit vorübergehend wohl auch auf einige Zeit geschehen. Das Herumwundern an meinen Augen wurde in den ersten Monaten meines Aufenthalts von »kleinen Männern« besorgt, von ähnlicher Beschaffenheit wie diejenigen, deren ich oben bei Besprechung der Rückenmarkswunder Erwähnung getan habe. Diese »kleinen Männer« waren eine der merkwürdigsten und für mich selbst in gewisser Beziehung rätselhaftesten Erscheinungen; über die objektive Wirklichkeit der betreffenden Vorgänge habe ich nach der Unzahl der Fälle, in denen ich die »kleinen Männer« mit meinem geistigen Auge gesehen Mit dem leiblichen Auge kann man natürlich nicht sehen, was im Inneren des eigenen Körpers und an gewissen Teilen der Außenfläche, z.B. auf dem Kopfe oder auf dem Rücken vorgeht, wohl aber mit dem geistigen Auge, sofern – wie bei mir – die hierzu erforderliche Beleuchtung des inneren Nervensystems durch Strahlen geliefert wird. und ihre Stimmen vernommen habe, nicht den mindesten Zweifel. Das Merkwürdige bestand eben darin, daß Seelen oder einzelne Nerven derselben unter gewissen Voraussetzungen und bestimmten Zwecken die Form winziger Menschengestalten annahmen (wie schon früher bemerkt nur von der Größe einiger Millimeter) und als solche an den verschiedensten Körperteilen, teils im Innern des Körpers, teils an der Außenfläche desselben ihr Wesen trieben. Die mit Öffnung und Schließung der Augen Beschäftigten standen über den Augen in den Augenbrauen und zogen von dort aus die Augenlider an feinen, spinnwebartigen Fäden nach ihrem Geschmack herauf und herunter. Auch hier waren es in der Regel ein »kleiner Flechsig« und ein »kleiner v. W.«, neben ihnen zuweilen auch noch ein »kleiner Mann«, der aus der damals noch vorhandenen Daniel Fürchtegott Flechsig'schen Seele hervorgegangen war. Wenn ich das Herauf- und Herunterziehen meiner Augenlider mir zuweilen nicht gefallenlassen wollte, sondern entgegenhandelte, so pflegte dies den Unwillen der »kleinen Männer« zu erregen und von ihnen mit dem Zuruf »Luder« begrüßt zu werden; wenn ich dieselben ab und zu einmal mit dem Schwamme von meinen Augen herunterwischte, so wurde mir dies von den Strahlen als eine Art Verbrechen gegen die göttliche Wundergewalt angerechnet. Übrigens hatte das Wegwischen auch nur ganz vorübergehend Erfolg, da die »kleinen Männer« jedesmal alsbald wieder von neuem gesetzt wurden. Andere »kleine Männer« waren in der damaligen Zeit fast immer in großer Zahl auf meinem Kopfe versammelt. Hier wurden sie als »kleine Teufel« bezeichnet. Dieselben gingen förmlich auf meinem Kopfe spazieren, überall neugierig herzulaufend, wo irgend etwas Neues von durch Wunder an meinem Kopfe verursachten Zerstörungen zu sehen war. Dieselben nahmen sogar in gewissem Sinne an meinen Mahlzeiten teil, indem sie von den von mir genossenen Speisen häufig einen natürlich minimalen Teil sich selber zuführten; sie erschienen dann vorübergehend etwas angeschwollen, zugleich aber träger und in ihrer Gesinnung harmloser. Ein Teil der »kleinen Teufel« war auch bei einem oft an meinem Kopfe wiederholten Wunder beteiligt, das ich bei dieser Gelegenheit nachtragen will. Es war – neben dem Engbrüstigkeitswunder – wohl das abscheulichste aller Wunder; der dafür gebrauchte Ausdruck war, wenn mir recht erinnerlich ist, »Kopfzusammenschnürungsmaschine«. In meiner Schädeldecke war nämlich durch die vielen Strahlenzüge usw. ungefähr in der Mitte eine wahrscheinlich nicht von außen, aber doch von innen sichtbare tiefe Spalte oder Zäsur entstanden. Zu beiden Seiten dieser Spalte standen die »kleinen Teufel« und preßten durch Andrehen einer Art von Schraubenkurbel meinen Kopf in der Art einer Schraubenpresse zusammen, so daß mein Kopf zeitweise eine nach oben verlängerte, fast birnenförmige Gestalt gewann. Der Eindruck auf mich war natürlich ein äußerst bedrohlicher, zuweilen auch mit sehr empfindlichen Schmerzen verbunden. Zeitweise wurde wieder zurückgeschraubt, meist aber nur »sehr lässig«, so daß der zusammengepreßte Zustand immer einige Zeit anzudauern pflegte. Die beteiligten »kleinen Teufel« waren meist solche, die von der v. W.'schen Seele ausgingen. Die Zeit, in der diese »kleinen Männer« und »kleinen Teufel« auftraten, umfaßte etwa einige Monate, dann verschwanden sie, um niemals wieder aufzutreten. Der Zeitpunkt ihres Verschwindens fällt vielleicht annähernd mit dem Auftreten der hinteren Gottesreiche zusammen. An meinen Augen Wird zwar auch jetzt noch in der oben geschilderten Weise durch Aufklappen und Schließen der Augenlider herumgewundert, es geschieht aber seit nunmehr also fast sechs Jahren nicht mehr durch »kleine Männer«, sondern unmittelbar durch Strahlen, von denen die betreffenden Muskeln in Bewegung gesetzt werden. Um mich an willkürlichem Schließen und Öffnen der Augen zu hindern, wunderte man mir auch einige Male die geringe Muskellage ab, welche sich in und über den Augenlidern befindet und der Bewegung der letzteren dient. Der Erfolg war aber auch hier nur vorübergehend, da das verlorene Muskelfleisch – aus dem bereits mehrfach erwähnten Grunde – immer alsbald wieder ersetzt wurde. Abgesehen von dem, was oben hinsichtlich der Rippen- und Schädelknochen bereits bemerkt worden ist, war auch mein Knochensystem der Gegenstand mannigfacher Wunder. In dem Fußknochen, namentlich in der Fersengegend, wunderte man mir des öfteren Knochenfraß , der mit sehr empfindlichen Schmerzen verbunden war; glücklicherweise pflegten die Schmerzen wenigstens in größerer Heftigkeit nicht allzulange anzuhalten. Ein ähnliches Wunder war das sogen. Steißwunder ; bei diesem waren die untersten Rückenwirbelknochen in einem wohl ebenfalls knochenfraßartigen schmerzhaften Zustande begriffen. Der Zweck war mir auch das Sitzen oder Liegen unmöglich zu machen. Überhaupt wollte man mich in keiner Stellung oder bei keiner Beschäftigung lange dulden: wenn ich ging, suchte man mich zum Liegen zu zwingen und wenn ich lag, von dem Lager wieder aufzujagen. Daß ein tatsächlich nun einmal vorhandener Mensch doch irgendwo sein müsse , dafür schienen Strahlen kein Verständnis zu haben. Ich war, vermöge der Notwendigkeit, sich von meinen Nerven anziehen zu lassen, nun einmal ein für die Strahlen (für Gott unbequemer Mensch geworden, gleichviel in welcher Lage oder Stellung ich mich befinden oder welche Beschäftigung ich treiben mochte. Daß dies eigentlich ohne meine Schuld geschehen war, wollte man sich eben nicht eingestehen, sondern war stets von der Neigung beherrscht, das Schuldverhältnis im Wege des »Darstellern« umzukehren. Ich meinerseits bin gerecht genug, um auch auf Seiten Gottes nicht von einer sittlichen Verschuldung im gewöhnlichen Sinne zu sprechen (vergl. das hierüber am Schlusse von Kap. V, sowie am Ende der zweiten Folge der Nachträge Bemerkte). Der Begriff der Schuld oder der Sünde ist ein menschlicher Begriff, der sich auf Seelen vermöge ihrer von der menschlichen abweichenden Eigenart im eigentlichen Sinne gar nicht anwenden läßt. Von Seelen kann man eben die menschlichen Tugenden der Ausdauer, der Entsagungsfähigkeit usw. nicht verlangen. Mit dem gegenwärtigen Kapitel glaube ich von den Wundern, die ich infolge ihres bedrohlichen Charakters als die wesentlicheren anzusehen veranlaßt war, eine annähernd vollständige Schilderung gegeben zu haben. Zahlreiche andere Wunder (teils an meinem Körper, teils an den in meiner Nähe befindlichen Gegenständen), die schon in der damaligen Zeit neben den besprochenen Wundern einherliefen oder erst in der Folgezeit auftreten, die aber von minder bedrohlicher Art waren, werde ich im Fortgang meiner Arbeit gelegentlich noch vielfach zu erwähnen haben. XII. Inhalt des Stimmengeredes. »Seelenauffassung«. Seelensprache. Fortsetzung der persönlichen Erlebnisse Das Gerede der Stimmen war, wie bereits im Kap. IX bemerkt worden, schon in der damaligen Zeit überwiegend ein ödes Phrasengeklingel von eintönigen, in ermüdender Wiederholung wiederkehrenden Redensarten, die überdies durch Weglassen einzelner Worte und selbst Silben immer mehr das Gepräge grammatikalischer Unvollständigkeit annahmen. Immerhin kam damals noch eine gewisse Anzahl von Redewendungen vor, deren besondere Besprechung sich lohnt, weil sie interessante Streiflichter auf die ganze Vorstellungsweise der Seelen, auf ihre Auffassung vom menschlichen Leben und vom menschlichen Denken warfen. Zu diesen Redewendungen gehörten namentlich diejenigen, in denen ich – etwa seit der Zeit meines Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt – die Bezeichnung eines »Höllenfürsten« erhielt. Zu unzähligen Malen hieß es z. B. »Gottes Allmacht hat entschieden, daß der Höllenfürst lebendig verbrannt wird«, »Rücksichtlich der Strahlenverluste ist der Höllenfürst verantwortlich«. »Victoria rufen wir nun über den überwundenen Höllenfürsten«, dann aber auch von einem Teil der Stimmen: »Schreber ist, nein Flechsig ist der wahre »Höllenfürst« usw. Wer mich irgend in meinem früheren Leben gekannt und dabei Gelegenheit gehabt hat, meine kühle und nüchterne Sinnesweise zu beobachten, wird mir wohl darin Glauben schenken, daß ich nie von selbst darauf gekommen sein würde eine so phantastische Bezeichnung wie die eines »Höllenfürsten« für mich in Anspruch zu nehmen, zumal dieselbe mit der Dürftigkeit meiner äußeren Lebenslage, den zahlreichen Freiheitsbeschränkungen, denen ich unterlag usw., in so sonderbarer Weise kontrastierte. In den Verhältnissen meiner Umgebung war sicher weder von Hölle, noch von fürstlicher Einrichtung etwas zu spüren. Nach meinem Dafürhalten liegt dem Ausdrucke »Höllenfürst«, der nur mißverständlich auf mich angewendet wurde, ursprünglich eine Abstraktion zugrunde. In den Gottesreichen mochte von jeher das Bewußtsein geherrscht haben, daß die Weltordnung, so groß und herrlich sie war, doch nicht ganz ohne Achillesferse sei, insofern die Anziehungskraft der menschlichen Nerven auf die Gottesnerven einen Keim der Gefahren für die Gottesreiche in sich barg. Diese Gefahren mochten zu gewissen Zeiten bedrohlicher erschienen sein, wenn irgendwo auf der Erde oder auch auf andern Weltkörpern ein Überhandnehmen von Nervosität oder sittlicher Fäulnis bemerkt wurde. Um sich von den Gefahren eine deutlichere Vorstellung zu verschaffen, waren anscheinend die Seelen zu einer Personifikation verschritten, ähnlich wie im Kindesalter stehende Völker die Idee der Gottheit durch Götzenbilder ihrem Verständnis näherzubringen suchen. Als »Höllenfürst« galt daher wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung infolge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte. In meiner Person schien nun dieser »Höllenfürst«, nachdem die Anziehungskraft meiner Nerven sich immer unwiderstehlicher gestaltet hatte, auf einmal Wirklichkeit geworden zu sein. Man sah daher in mir einen Feind, der mit allen Mitteln der göttlichen Macht vernichtet werden müsse; daß ich im Gegenteil der beste Freund reiner Strahlen war, von denen allein ich doch meine Heilung oder eine sonstige befriedigende Lösung des Konfliktes erwarten konnte, wollte man nicht anerkennen. Man konnte sich anscheinend eher mit dem Gedanken befreunden, die eigene Macht mit unreinen (»geprüften« Seelen) – den wahren Feinden Gottes – zu teilen, als sich in das Gefühl der Abhängigkeit von einem einzelnen Menschen, auf den man sonst in dem stolzen Bewußtsein einer unnahbaren Macht herabgesehen haben würde, hineinfinden. Eine andere Gruppe von Redensarten, denen eine gewisse sachliche Bedeutung beiwohnte, waren diejenigen, in denen von der » Seelenauffassung « gesprochen wurde. Auch hier lagen an sich beachtenswerte und wertvolle Gedanken zugrunde. Die Seelenauffassung in ihrer ursprünglichen Bedeutung ist nach meinem Urteil die etwas idealisierte Vorstellung, die sich die Seelen von dem menschlichen Leben und Denken gebildet hatten . Die Seelen waren eben die abgeschiedenen Geister gewesener Menschen. Als solche interessierten sie sich lebhaft nicht nur für ihre eigene menschliche Vergangenheit, sondern auch für die Schicksale ihrer noch auf Erden lebenden Angehörigen und Freunde, und für alles, was sonst in der Menschheit vorging, wovon sie ja im Wege des Nervenanhanges oder auch wohl, soviel äußere Eindrücke betrifft, durch unmittelbares Sehen Kenntnis nehmen konnten (vergl. Kap. I). Gewisse Lebensregeln und gewisse Lebensanschauungen hatten sie in mehr oder weniger bestimmten Formen zu wörtlichem Ausdruck gebracht. Ich will beispielsweise nur einige der betreffenden Sätze hier anführen. »Nicht an bestimmte Körperteile denken«, lautete eine Lebensregel, welche offenbar den Gedanken zum Ausdruck brachte, daß es der normalen gesundheitlichen Verfassung des Menschen entspricht, wenn derselbe keine Veranlassung hat, durch irgendwelche Schmerzempfindungen sich einzelner Teile seines Körpers zu erinnern. »Nicht auf die erste Aufforderung«, lautete eine andere, welche besagen wollte, daß ein verständiger Mensch sich nicht durch jeden augenblicklichen Impuls zum Handeln in dieser oder jener Richtung bestimmen lassen soll. »Ein angefangenes Geschäft muß vollendet werden«, war die Formel, in welcher der Gedanke zum Ausdruck gelangte, daß der Mensch dasjenige, was er einmal vornimmt, unbehindert durch erschwerende Einflüsse zu dem vorgestreckten Ziel führen soll usw. In dem Denkprozesse des Menschen unterschied man »Entschlußgedanken« – die auf Vornahme einer bestimmten Tätigkeit gerichteten Willensanstöße des Menschen – »Wunschgedanken«, »Hoffnungsgedanken« und »Befürchtungsgedanken«. Als »Nachdenkungsgedanke« wurde die vielleicht auch dem Psychologen bekannte Erscheinung bezeichnet, die den Menschen sehr häufig dazu führt, diejenige Richtung seiner Willensbestimmung, zu welcher er sich im ersten Augenblicke geneigt zeigt, bei weiterer Erwägung, die unwillkürlich das Auftauchen von Zweifelsgründen veranlaßt , entweder in ihr völliges Gegenteil zu verkehren oder wenigstens teilweise zu verändern. »Der menschliche Erinnerungsgedanke« wurde diejenige andere Erscheinung genannt, nach welcher der Mensch unwillkürlich das Bedürfnis empfindet, irgendeinen wichtigen von ihm gefaßten Gedanken durch alsbald erfolgende Wiederholung seinem Bewußtsein fester einzuprägen. – Sehr charakteristische Erscheinungsformen des »menschlichen Erinnerungsgedankens«, welche erkennen lassen, wie tief derselbe im Wesen des menschlichen Denk- und Empfindungsprozesses begründet ist, sind z.B. in dem in Gedichten vorkommenden Kehrreim (Refrain) enthalten und treten ebenso in musikalischen Kompositionen zutage, wo ganz regelmäßig eine bestimmte Tonfolge, die eine dem menschlichen Empfinden zusagende Verkörperung der Schönheitsidee enthält, in demselben Tonstück nicht bloß einmal vorkommt, sondern zu alsbaldiger Wiederholung gelangt. – Einen sehr breiten Raum nahmen in der »Seelenauffassung« Vorstellungen ein, die auf das Verhältnis der beiden Geschlechter und die einem jeden derselben angemessene Beschäftigungsweise, Geschmacksrichtung usw. sich bezogen. So galten z.B. das Bett, der Handspiegel und die Harke (der Rechen) als weiblich, der Rohrstuhl und der Spaten als männlich, von Spielen das Schachspiel als männlich, das Damespiel als weiblich usw. Daß im Bette der Mann auf der Seite, die Frau auf dem Rücken liegt (gewissermaßen als »unterliegender Teil« stets in der dem Beischlaf entsprechenden Lage), wußten die Seelen ganz genau; ich, der ich im früheren Leben nie darauf geachtet hatte, habe es erst von den Seelen erfahren. Nach dem, was ich darüber z.B. in der Ärztlichen Zimmergymnastik meines Vaters (23. Auflage, Seite 102) lese, scheinen selbst Ärzte hierüber nicht unterrichtet zu sein. Es war ferner den Seelen bekannt, daß zwar die männliche Wollust durch den Anblick weiblicher Nuditäten, nicht aber umgekehrt oder wenigstens nur in sehr viel schwächerem Maße die weibliche Wollust durch den Anblick männlicher Nuditäten angeregt wird, weibliche Nuditäten vielmehr gleichmäßig erregend auf beide Geschlechter wirken. So wird beispielsweise der Anblick entblößter männlicher Körper, etwa bei einem Schauschwimmen, das anwesende weibliche Publikum geschlechtlich ziemlich kalt lassen (weshalb denn die Zulassung desselben ganz mit Recht nicht ohne weiteres für sittlich anstößig gilt, wie dies betreffs der Anwesenheit von Männern bei einem weiblichen Schauschwimmen der Fall sein würde), während eine Ballettvorstellung bei beiden Geschlechtern eine gewisse sexuelle Erregung hervorruft. Ich weiß nicht, ob diese Erscheinungen in weiteren Kreisen bekannt sind und als wahr angenommen werden. Ich für meinen Teil kann nach den seitdem angestellten Beobachtungen und nach den, was mich das Verhalten meiner eigenen Wollustnerven lehrt, keinen Zweifel an der Richtigkeit des hierunter nach der Seelenauffassung stattfindenden Verhältnisses hegen. Natürlich bin ich mir dessen bewußt, daß das Verhalten meiner eigenen (weiblichen) Wollustnerven an sich nicht beweiskräftig ist, da diese sich eben ausnahmsweise in einem männlichen Körper befinden. Bei den Kleidungsstücken (dem »Rüstzeug«, wie der grundsprachliche Ausdruck lautet) ergab sich die Unterscheidung des Männlichen und des Weiblichen in der Hauptsache von selbst; als ein besonders charakteristisches Symbol der Männlichkeit erschienen den Seelen die Stiefel. »Die Stiefel ausziehen« war daher eine Redewendung, die für die Seelen ungefähr dasselbe wie Entmannung besagte. Diese kurzen Bemerkungen mögen genügen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, welcher Begriff sich mit dem Ausdrucke »Seelenauffassung« seiner ursprünglichen Bedeutung nach verband. Die betreffenden Aufschlüsse, – welche übrigens sämtlich in den ersten Zeiten meiner Krankheit erfolgten – verdanke ich teils ausdrücklichen Mitteilungen, teils sonstigen in Verkehr mit den Seelen genommenen Eindrücken. Ich habe dabei Einblicke in das Wesen des menschlichen Denkprozesses und des menschlichen Empfindens gewonnen, um die mich wohl mancher Psychologe beneiden könnte. Eine ganz andere Bedeutung erhielten die Redewendungen von der »Seelenauffassung« in der späteren Zeit. Sie sanken zu bloßen Floskeln herab, mit denen man bei dem vollständigen Mangel eigener Gedanken (vgl. Kap. IX) dem Sprechbedürfnisse zu genügen suchte. »Vergessen Sie nicht, daß Sie an die Seelenauffassung gebunden sind« und »das war nun nämlich nach der Seelenauffassung zuviel« wurden beständig wiederkehrende leere Phrasen, mit denen man mich seit Jahren in tausendfältiger Wiederholung in nahezu unerträglicher Weise gequält hat und noch quält. Die letztere Phrase, die fast regelmäßig erfolgende Erwiderung, wenn man auf irgendeinen neu bei mir hervortretenden Gedanken etwas weiteres nicht zu sagen weiß, läßt auch in ihrer wenig geschmackvollen stilistischen Fassung den eingetretenen Verfall erkennen; die echte Grundsprache, d.h. der Ausdruck der wirklichen Empfindungen der Seelen zu der Zeit, als es noch keine auswendig gelernten Phrasen gab, war auch in der Form durch edle Vornehmheit und Einfachheit ausgezeichnet. Gewisser weiterer Redensarten von sachlich einigermaßen bedeutsamem Inhalt kann ich wegen des Zusammenhangs erst in dem folgenden Kapitel Erwähnung tun. Meine äußeren Lebensverhältnisse hatten sich, wie bereits am Schlusse von Kap. X bemerkt worden, seit etwa der ersten Hälfte des Jahres 1895 wenigstens in manchen Beziehungen etwas erträglicher gestaltet. Das Wichtigste war, daß ich mich in dieser oder jener Weise zu beschäftigen anfing. Eine Korrespondenz mit Angehörigen, namentlich mit meiner Frau, zu der man mich durch den Pfleger M. einige Male bestimmen wollte, lehnte ich damals allerdings noch ab. Ich glaubte noch nicht an eine wirkliche Menschheit außerhalb der Anstalt, hielt vielmehr alle Menschengestalten, die ich sah, namentlich auch meine Frau bei ihren Besuchen nur für auf kurze Zeit »flüchtig hingemacht«, so daß das mir angesonnene Briefschreiben eine bloße Komödie gewesen wäre, die ich nicht mitmachen wollte. Dagegen fand sich seit der angegebenen Zeit ab und zu Gelegenheit zum Schachspielen (mit anderen Patienten oder mit Pflegern) und zum Klavierspielen. Nachdem ich bereits ein oder zwei Male bei Besuchen meiner Frau in dem Gesellschaftszimmer oder im Bibliothekszimmer der Anstalt etwas Klavier gespielt hatte, wurde etwa im Frühjahr 1895 ein Pianino in meinem Zimmer zu meiner ständigen Benutzung aufgestellt. Das Gefühl, das ich bei Wiederaufnahme dieser in gesunden Tagen gern von mir getriebenen Beschäftigungen hatte, kann ich am besten mit dem Zitat aus Tannhäuser bezeichnen: »Dichtes Vergessen hat zwischen heut' und gestern sich gesenkt. All' mein Erinnern ist mir schnell geschwunden und nur des einen muß ich mich entsinnen, daß ich nie mehr gehofft Euch zu begrüßen, noch je zu Euch mein Auge zu erheben .« In der Flechsig'schen Anstalt hatte ich ein einziges Mal auf dringendes Zureden meiner Frau Klavier gespielt und zwar nach gerade zufällig daliegenden Noten die Arie aus Händels Messias »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt«. Mein Zustand dabei war derart gewesen, daß ich es in der bestimmten Annahme getan hatte, es sei das letzte Mal in meinem Leben, daß meine Finger die Klaviertasten berührten. Seit ihrer Wiederaufnahme in der Anstalt sind Schach und Klavierspielen zwei meiner Hauptbeschäftigungen in dem ganzen seitdem verflossenen, etwa fünfjährigen Zeiträume geworden. Namentlich das Klavierspielen wurde mir von unschätzbarem Wert und ist dies auch jetzt noch; ich muß sagen, daß ich mir schwer vorstellen kann, wie ich den Denkzwang mit allen seinen Begleiterscheinungen während dieser fünf Jahre hätte ertragen sollen, wenn ich des Klavierspielens nicht mächtig gewesen wäre. Während des Klavierspielens wird das unsinnige Geschwätz der mit mir redenden Stimmen übertäubt, Denselben Dienst leisten mir, da man doch nicht immer Klavier spielen kann, Spieluhren und (für den Garten) Mundharmonikas, die ich mir in neuester Zeit (Frühjahr 1900) durch meine Angehörigen habe anschaffen lassen. es ist – neben körperlichen Übungen – eine der adäquatesten Formen des sog. Nichtsdenkungsgedankens, um den man mich betrügen wollte, indem dabei, wie es in der Seelensprache genannt wurde, der »musikalische Nichtsdenkungsgedanke« zur Geltung kommt. Zugleich haben die Strahlen an meinen Händen und an den Noten, aus denen ich spiele, immer wenigstens einen Augeneindruck und endlich scheitert, an der Empfindung, die man in das Klavierspiel hineinlegen kann, jeder Versuch einer »Darstellung« durch Stimmungsmache und dergleichen. Das Klavierspielen bildete daher von jeher und bildet noch jetzt einen Hauptgegenstand des Verfluchens. Die Schwierigkeiten, die mir dabei in den Weg gelegt wurden, spotten jeder Beschreibung, Lähmung der Finger, Veränderung der Richtung der Augen, damit ich die richtigen Noten nicht soll finden können, Ablenkung der Finger auf unrichtige Tasten, Beschleunigung des Tempos durch verfrühtes In-Bewegung-Setzen meiner Fingermuskel waren und sind noch jetzt alltägliche Erscheinungen. Am Klavier selbst wurden mir (glücklicherweise in den letzten Jahren erheblich seltener) sehr häufig Klaviersaiten durch Wunder entzweigeschlagen, im Jahre 1897 hat die Rechnung für zersprungene Klaviersaiten nicht weniger als 86 Mark betragen. Es ist dies einer der wenigen Punkte, bei denen ich einen auch für andere Menschen überzeugenden Beweis für die Wirklichkeit der von mir behaupteten Wunder liefern zu können glaube. Oberflächliche Beurteiler könnten vielleicht zu der Annahme geneigt sein, daß ich selbst durch unvernünftiges Lospauken auf das Klavier die Schuld an dem Zerspringen der Klaviersaiten getragen habe; in diesem Sinne hat sich z.B. auch meine eigene Frau vielleicht nach entsprechenden Meinungskundgebungen der Ärzte mehrfach mir gegenüber geäußert. Demgegenüber behaupte ich – und ich bin der Überzeugung, daß mir darin jeder Sachverständige recht geben muß – daß ein Zersprengen von Klaviersaiten durch bloßes Aufschlagen auf die Tasten und wenn es noch so gewaltsam geschieht, schlechterdings unmöglich ist. Die kleinen Hämmerchen, welche mit den Tasten in Verbindung stehen und ganz lose an die Saiten anschlagen, können auf die letzteren niemals eine solche Gewalt ausüben, daß ein Zerspringen möglich wäre. Es mag es nur jemand einmal versuchen, meinetwegen selbst mit einem Hammer oder einem Holzklotz auf die Tasten loszuhauen, er wird damit vielleicht die Klaviatur zertrümmern, aber niemals eine Saite zum Springen bringen können. Daß in den letzten Jahren das Zerspringen der Klaviersaiten seltener geworden ist – ab und zu kommt es auch jetzt noch vor –, ist lediglich darauf zurückzuführen, daß die Gesinnung der Strahlen (Gottes) infolge der beständig zunehmenden Seelenwollust eine weniger unfreundliche gegen mich geworden ist (worüber später das Nähere), und daß dieselben überdies neuerdings durch andere auch für sie (die Strahlen) noch unerquicklichere Zustände, insbesondere das sogenannte »Brüllen« genötigt wurden, in dem Klavierspielen eine der für alle Teile angenehmsten Arten der Zeitausfüllung zu finden. Ich kann mir es nicht versagen, in diesem Zusammenhang noch eines anderen Wundervorgangs zu gedenken, der allerdings eigentlich einer früheren Zeit angehört und der auch für mich, der ich doch vieles Wunderbare gesehen habe, mit zu den rätselhaftesten Dingen gehört, die ich erlebt habe. Ich habe nämlich die Erinnerung, daß an einem Tage, der noch in die Periode meiner Regungslosigkeit fiel (also im Sommer oder Herbst 1894) einmal der Versuch gemacht wurde, mir einen ganzen (Blütner'schen) Flügel in das Zimmer hereinzuwundern; angeblich war ein von W.'sches Wunder dabei in Frage. Ich bin mir vollkommen bewußt, wie toll diese Mitteilung klingt und ich muß mich daher selbst fragen, ob eine Sinnestäuschung bei mir untergelaufen sein könne. Gleichwohl liegen aber Umstände vor, die mir die Annahme einer solchen wenigstens sehr erschweren. Ich entsinne mich genau, daß der Vorgang sich am hellen Tage ereignete, während ich auf dem Stuhl oder auf dem Sofa saß; ich sah dabei bereits die braunpolierte Oberfläche des im Entstehen begriffenen Flügels (kaum einige Schritte entfernt) deutlich vor mir. Leider verhielt ich mich damals der Wundererscheinung gegenüber ablehnend; ich mochte eben, zumal ich mir damals eine vollständige Passivität zur Pflicht gemacht hatte, von keinerlei Wundern, die mich sämtlich anwiderten, etwas wissen. Hinterdrein habe ich manchmal bedauert, daß ich das Wunder nicht begünstigt habe (»begütigt habe,« wie der grundsprachliche Ausdruck lautete), um zu sehen, ob dasselbe wirklich zur Vollendung gelangen könne. Es war und ist nämlich eine fast ausnahmslose Regel, daß alle Wunder scheitern oder wenigstens sehr erschwert werden, wenn ich meinen entschiedenen Willen entgegensetze. So muß ich also dahingestellt sein lassen, welche objektive Bewandtnis es mit dem berichteten Vorgange gehabt hat; sollte wirklich eine Sinnestäuschung in Frage gewesen sein, so wäre es sicher bei der unmittelbaren Nähe des vermeintlich gesehenen Gegenstandes eine Sinnestäuschung der allermerkwürdigsten Art gewesen. Bei den Spaziergängen im Garten, sowie bei dem Aufenthalt im Zimmer wurden fast alltäglich und werden noch jetzt Hitze- und Kältewunder gegen mich geübt, beides immer in der Richtung, das durch die Seelenwollust entstehende, natürliche Wohlbehaben des Körpers zu verhindern, also z. B. die Füße kalt und das Gesicht heiß zu wundern. Der physiologische Vorgang ist nach meinem Dafürhalten der, daß bei dem Kältewunder das Blut aus den Extremitäten zurückgedrängt wird, wodurch ein subjektives Kältegefühl entsteht und daß umgekehrt bei dem Hitzewunder das Blut nach dem Gesicht und dem Kopf getrieben wird, in denen Kühle der dem allgemeinen Wohlbefinden entsprechende Zustand wäre. Da ich von Jugend auf an das Ertragen von Hitze und Kälte gewöhnt gewesen bin, so habe ich mir aus den betreffenden Wundern stets nur wenig gemacht, außer wenn was unzählige Male geschehen ist, auch beim Liegen im Bette die Füße kalt gewundert wurden. Im Gegenteil bin ich sehr oft genötigt gewesen, selbst die Kälte und Hitze aufzusuchen. Namentlich in den ersten Jahren meines hiesigen Aufenthalts, wo die Seelenwollust noch nicht denjenigen Grad erreicht hatte, zu dem sie jetzt gediehen ist, war dies oft eine notwendige Maßregel, um die Strahlen nach den frierenden Körperteilen, insbesondere den Händen und Füßen abzuleiten und dadurch den Kopf vor der beabsichtigten schädigenden Einwirkung zu bewahren. Es ist häufig vorgekommen, daß ich zu diesem Zwecke in den Wintern die Hände minutenlang an die vereisten Bäume gehalten oder Schneeklumpen in denselben festgehalten habe, bis die Hände mir beinahe erstarrten. Aus gleichem Grunde habe ich eine Zeitlang (wohl im Frühjahr oder Herbst 1895) die Füße oft während der Nacht bei offenem Fenster durch die Gitter des letzteren herausgesteckt, um sie dem kalten Regen auszusetzen; solange ich das tat, konnten die Strahlen den Kopf, auf den es mir natürlich vor allem ankam, nicht erreichen und befand ich mich daher abgesehen von dem Frostgefühl in den Füßen, vollkommen wohl. Aus dem obenbezeichneten Grunde war auf die Wirkung einer kalten Dusche, die ich – ein einziges Mal – in dem Badraum habe nehmen können, geradezu wunderbar. Ich war dadurch mit einem Schlage vollständig gesund und von allen den bedrohlichen Wundererscheinungen, von denen mein Kopf und sonstige Körperteile zu jener Zeit heimgesucht wurden – freilich nur auf kurze Zeit – befreit. Ich glaube vermuten zu dürfen, daß dieses mein Verhalten irgendwie zu Ohren der Ärzte gekommen und dadurch Veranlassung zu einer Maßregel geworden ist, die meinen Unwillen im höchsten Grade erregte. Ich wurde auf einige Tage aus den gewöhnlich von mir bewohnten Zimmern ausquartiert und bei der Rückkehr fand ich, daß man an dem Fenster meines Schlafzimmers schwere hölzerne Läden hatte anbringen lassen, die während der Nacht verschlossen wurden, so daß nunmehr vollständige Finsternis in meinem Schlafzimmer herrschte und auch am Morgen die eintretende Tageshelle so gut wie keinen Einlaß fand. Natürlich werden die Ärzte keine Ahnung davon gehabt haben, wie empfindlich mich diese Maßregel in meiner ohnedies so maßlos schwierigen Selbstverteidigung gegen die auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Absichten traf. Auf der anderen Seite wird man begreiflich finden, daß sich meiner eine tiefe Verbitterung bemächtigte, die auf lange Zeit hinaus vorgehalten hat. Bei der mir nun einmal gestellten Aufgabe, den den lebendigen Menschen nicht kennenden Gott in jedem gegebenen Zeitpunkte von dem ungeschmälerten Vorhandensein meiner Verstandeskräfte zu überzeugen, war das Licht, das man zu jeder menschlichen Beschäftigung braucht, für mich fast noch unentbehrlicher als das liebe Brot. Jede Entziehung der Beleuchtung, jede Verlängerung der natürlichen Dunkelheit bedeutete also für mich eine maßlose Erschwerung meiner Lage. Ich will mit den Ärzten nicht rechten, ob die über mich verhängte Maßregel unter rein menschlichen Gesichtspunkten als zum Schutze meiner Gesundheit gegen die Folgen verkehrten Handelns notwendig angesehen werden mußte. Auch hier kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mir Mittel und Zweck kaum in richtigem Verhältnisse zueinanderzustehen schienen. Was hätte mir denn äußerstenfalls anders geschehen können, als daß ich mir irgendeinen Erkältungszustand zugezogen hätte? Denn gegen die Gefahr des Herausfallens aus den Fenstern boten ja die schon vorhandenen Eisengitter vollkommen ausreichenden Schutz, und gegenüber einer bloßen Erkältungsgefahr hätte man es doch vielleicht abwarten können, ob nicht das in dem Menschen von selbst hervortretende natürliche Wärmebedürfnis mich von einer übermäßig langen Ausdehnung der Öffnung der Fenster abgehalten haben würde. Allein dies waren und sind für mich nicht die entscheidenden Gesichtspunkte. Das Wesentliche für mich war, daß ich in den Ärzten nur Werkzeuge erblicken konnte, in deren Nerven die betreffenden Entschließungen von göttlichen Strahlen zur Förderung der auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Pläne angeregt wurden, ohne daß dies natürlich subjektiv den Ärzten zum Bewußtsein gekommen ist, die dabei lediglich nach menschlichen Erwägungen zu handeln glaubten. Diese Auffassung muß ich auch jetzt noch aufrechterhalten, da ich jedem Worte, das mit mir nicht nur von den Ärzten, sondern auch von anderen Menschen gesprochen wird, die auf göttlicher Einwirkung beruhende Ursache vermöge des Zusammenhangs mit dem mir genau bekannten Aufschreibematerial anmerke, wie ich vielleicht später noch zu erläutern versuchen werde. Indem ich diese Zeilen niederschreibe, beabsichtige ich keineswegs irgendwelche Rekriminationen für die Vergangenheit zu erheben. Ich hege wegen dessen, was in früheren Zeiten mit mir geschehen ist, gegen keinen Menschen irgendwelchen Groll, das meiste ist ja glücklicherweise auch in seinen Folgen überstanden. Ich habe aber geglaubt, den Vorgang mit den Fensterläden ausführlicher besprechen zu sollen, um das tiefe Mißtrauen verständlich zu machen, das mich den Ärzten gegenüber jahrelang beherrscht hat und von dem dieselben vielleicht auch in meinem Verhalten manche Anzeichen gefunden haben werden. Die erwähnten Fensterläden (die einzigen auf dem von mir bewohnten Flügel der Anstalt) sind jetzt noch vorhanden, werden aber schon seit langer Zeit nicht mehr verschlossen. Sonst finden sich dergleichen Fensterläden nur in den für Tobsüchtige eingerichteten Zellen im Erdgeschosse und im ersten Stockwerke des Rundflügels der Anstalt. In verschiedenen dieser Zellen habe ich, wie später zu erzählen, während zweier Jahre (1896–98) geschlafen, wobei die durch die Verfinsterung erzeugten Übelstände für mich womöglich noch schlimmer hervortraten. XIII. Seelenwollust als Faktor der Anziehung. Folgeerscheinungen Ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte meines Lebens und namentlich in meiner eigenen Auffassung von der voraussichtlichen Gestaltung der Zukunft ist durch den Monat November 1895 bezeichnet. Ich erinnere mich des Zeitpunktes noch genau; er fiel zusammen mit einer Anzahl schöner Spätherbsttage, an denen morgens jedesmal starke Nebelbildung auf der Elbe stattfand. In dieser Zeit traten die Zeichen der Verweiblichung an meinem Körper so stark hervor, daß ich mich der Erkenntnis des immanenten Zieles, auf welches die ganze Entwicklung hinstrebte, nicht länger entziehen konnte. In den unmittelbar vorausgegangenen Nächten wäre es vielleicht, wenn ich nicht noch der Regung männlichen Ehrgefühls folgend, meinen entschiedenen Willen entgegensetzen zu sollen geglaubt hätte, zu einer wirklichen Einziehung des männlichen Geschlechtsteils gekommen; so nahe war das betreffende Wunder der Vollendung. Jedenfalls war die Seelenwollust so stark geworden, daß ich selbst zunächst am Arm und an den Händen, später an den Beinen, an dem Busen, am Gesäß und an allen anderen Körperteilen den Eindruck eines weiblichen Körpers empfing. Die Mitteilung der Einzelheiten hierüber behalte ich für ein späteres Kapitel vor. Einige Tage fortgesetzter Beobachtung dieser Vorgänge genügten, um eine völlige Veränderung der Willensrichtung in mir herbeizuführen. Bis dahin hatte ich noch immer mit der Möglichkeit gerechnet, daß, wenn mein Leben nicht etwa schon vorher einem der zahlreichen bedrohlichen Wunder zum Opfer fallen sollte, es doch einmal notwendig für mich werden würde, meinem Leben durch Selbstmord ein Ende zu machen; außer der Selbstentleibung schien nur irgendwelcher andere schreckensvolle Ausgang von unter Menschen nie dagewesener Art im Bereich der Möglichkeit zu liegen. Nunmehr aber wurde mir unzweifelhaft bewußt, daß die Weltordnung die Entmannung, mochte sie mir persönlich zusagen oder nicht, gebieterisch verlange und daß mir daher aus Vernunftgründen gar nichts anderes übrig bleibe, als mich mit dem Gedanken der Verwandlung in ein Weib zu befreunden. Als weitere Folge der Entmannung konnte natürlich nur eine Befruchtung durch göttliche Strahlen zum Zwecke der Erschaffung neuer Menschen in Betracht kommen. Erleichtert wurde mir die Veränderung meiner Willensrichtung dadurch, daß ich damals noch nicht an eine außer mir existierende wirkliche Menschheit glaubte, sondern alle Menschengestalten, die ich sah, nur für »flüchtig hingemacht« hielt, so daß von irgendwelcher Schande, die in der Entmannung liege, nicht die Rede sein konnte. Diejenigen Strahlen freilich, die von dem Bestreben, mich »liegen zu lassen« und mir zu diesem Behufe den Verstand zu zerstören, ausgingen, verfehlten nicht, sich alsbald eines – heuchlerischen – Appells an mein männliches Ehrgefühl zu bedienen; eine der seitdem bei jedem Hervortreten der Seelenwollust unzählige Male wiederholten Redensarten lautete dahin: »Schämen Sie sich denn nicht vor Ihrer Frau Gemahlin?« oder auch noch gemeiner: »Das will ein Senatspräsident gewesen sein der sich f... läßt.« Allein so widerwärtig die betreffenden Stimmen auch für mich waren und sooft ich auch Veranlassung hatte, bei der tausendfältigen Wiederholung der erwähnten Redensarten meiner gerechten Entrüstung in irgendwelcher Weise Luft zu machen, so ließ ich mich doch dadurch in demjenigen Verhalten, das ich einmal als für alle Teile – für mich und die Strahlen – als notwendig und heilsam erkannt hatte, auf die Dauer nicht beirren. Ich habe seitdem die Pflege der Weiblichkeit mit vollem Bewußtsein auf meine Fahne geschrieben und werde dies, soweit es die Rücksicht auf meine Umgebung gestattet, auch fernerhin tun, mögen andere Menschen, denen die übersinnlichen Gründe verborgen sind, von mir denken, was sie wollen. Ich möchte auch denjenigen Mann sehen, der vor die Wahl gestellt, entweder ein blödsinniger Mensch mit männlichem Habitus oder ein geistreiches Weib zu werden, nicht das Letztere vorziehen würde. So aber und nur so liegt für mich die Frage. Die Ausübung meines früheren Berufs, an dem ich mit ganzer Seele gehangen habe, jedes sonstige Ziel des männlichen Ehrgeizes, jede sonstige Verwertung meiner Verstandeskräfte im Dienste der Menschheit ist mir nun einmal durch die Entwicklung, welche die Verhältnisse genommen haben, verschlossen; selbst der Umgang mit meiner Frau und meinen Verwandten ist mir bis auf ab und zu erfolgende Besuche und gelegentlichen Briefwechsel entzogen. (Zusatz vom März 1903). Auch das gegenwärtige Kapitel ist, wie der Inhalt ergibt, noch in der Zeit meiner gänzlichen Absperrung hinter den Mauern des Sonnensteins geschrieben; ich würde daher jetzt, obwohl die Grundgedanken durchaus richtig bleiben, doch an den Einzelheiten immerhin manches zu ändern haben. Ich darf mich, unbekümmert um das Urteil anderer Menschen, nur durch einen gesunden Egoismus leiten lassen und dieser schreibt mir eben die Pflege der Weiblichkeit in der später noch näher zu schildernden Weise vor. Nur so vermag ich mir während des Tages erträgliche körperliche Zustände und in der Nacht – wenigstens in gewissem Maße – den zur Erholung meiner Nerven erforderlichen Schlaf zu verschaffen; hochgradige Wollust geht nämlich zuletzt – vielleicht ist dies auch der medizinischen Wissenschaft bekannt – in Schlaf über . Indem ich mich so verhalte, diene ich zugleich dem wohlverstandenen Interesse der Strahlen, also Gottes selbst. Sobald ich Gott, der, von der irrtümlichen Voraussetzung der Zerstörbarkeit meines Verstandes ausgehend, zur Zeit nun einmal weltordnungswidrige Ziele verfolgt, in seiner immer in entgegengesetzter Richtung sich bewegenden Politik gewähren lasse, so führt dies, wie mir eine mehrjährige Erfahrung unwiderleglich bewiesen hat, nur zu blödsinnigem Lärm unter meiner wesentlich aus Verrückten bestehenden Umgebung. Näheres hierüber kann ich erst später mitteilen. Eine besondere Diskretion ist für mich namentlich im Verkehr mit meiner Frau, der ich durchaus die frühere Liebe bewahre, geboten. Es kann sein, daß ich hierbei in mündlichen Unterhaltungen und brieflichen Mitteilungen durch allzugroße Offenheit zuweilen gefehlt habe. Meine Frau kann natürlich meine Ideengänge nicht vollständig verstehen; es muß ihr schwerfallen, mir die frühere Liebe und Achtung zu widmen, wenn sie hört, daß ich mich mit der Vorstellung einer mir möglicherweise bevorstehenden Verwandlung in ein Weib beschäftige. Ich kann dies beklagen, aber nicht ändern; auch hier habe ich mich vor jeder falschen Sentimentalität zu hüten. Zu derselben Zeit, in der ich zu der in Vorstehendem beschriebenen veränderten Auffassung der Dinge gelangte, vollzog sich auch – und zwar aus den nämlichen Gründen – ein wesentlicher Umschwung in den himmlischen Verhältnissen. Das durch die Anziehungskraft bedingte Aufgehen der Strahlen (von der Gesamtmasse losgelösten Gottesnerven) in meinem Körper bedeutete für die betreffenden Nerven das Ende ihrer selbständigen Existenz, also etwas Ähnliches wie für den Menschen der Tod. Es war daher eigentlich selbstverständlich, daß Gott alle Hebel in Bewegung setzte, um dem Schicksale, mit immer weiteren Teilen der Gesamtmasse in meinem Körper unterzugehen, zu entrinnen, wobei man auch in den Mitteln keineswegs wählerisch verfuhr. Die Anziehung verlor jedoch ihre Schrecken für die betreffenden Nerven, wenn und soweit sie beim Eingehen in meinem Körper das Gefühl der Seelenwollust antrafen, an dem sie ihrerseits teilnahmen. Sie fanden dann für die verlorengegangene himmlische Seligkeit, die wohl ebenfalls in einem wollustartigen Genießen bestand (vgl. Kap. I), einen ganz oder mindestens annähernd gleichwertigen Ersatz in meinem Körper wieder. Nun war allerdings das Gefühl der Seelenwollust nicht immer in gleichmäßiger Stärke in meinem Körper vorhanden; zu voller Entwicklung gelangte dasselbe vielmehr nur dann, wenn die Flechsigschen Seelenteile und die übrigen »geprüften« Seelenteile vorn lagen und damit eine Vereinigung aller Strahlen hergestellt war. Da man aber durch das Anbinden an Erden (vgl. Kap. IX) die Notwendigkeit geschaffen hatte, sich selbst und ebenso die geprüften Seelen von Zeit zu Zeit wieder zurückzuziehen, so gab es abwechselnd auch immer Zeitläufte, in denen die Seelenwollust nicht oder nur in wesentlich schwächerem Maße vorhanden war. Damit ist zugleich eine Periodizität in dem Hervortreten der Weiblichkeitsmerkmale an meinem Körper bedingt, auf welche ich später noch näher zu sprechen kommen werde. Immerhin war, nachdem – im November 1895 – das ununterbrochene Zuströmen der Gottesnerven bereits weit über ein Jahr angedauert hatte, die Seelenwollust zu gewissen Zeiten so reichlich vorhanden, dass ein Teil der Strahlen an dem Eingehen in meinem Körper Geschmack zu finden anfing. Dies machte sich zunächst bei dem – jetzt nach Kap. VII in gewisser Beziehung mit der Sonne zu identifizierenden – niederen Gotte (Ariman) bemerkbar, der als der nähere in erheblich höherem Grade an der Seelenwollust teilnahm, als der in sehr viel größerer Entfernung verbliebene obere Gott (Ormuzd). Bis zu dem im November 1895 eingetretenen, Umschwung hatte anscheinend ein intimeres Verhältnis zu Flechsig – sei es als Mensch, sei es als »geprüfte Seele« – nur auf seiten des niederen Gottes (Ariman) bestanden, so daß, wenn ich an der Voraussetzung einer Verschwörung der im Kap. II bezeichneten Art festhalten will, die Beteiligung an dieser Verschwörung höchstens bis zu dem niederen Gotte (Ariman) sich herauf erstreckte. Der obere Gott hatte bis zu dem angegebenen Zeitpunkte eine korrektere, der Weltordnung entsprechendere, demnach mir im ganzen freundlichere Haltung eingenommen. Nunmehr wurde das Verhältnis das gerade umgekehrte. Der niedere Gott (Ariman), der, wie gesagt, das Aufgehen mit jeweilig einem Teile seiner Nerven in meinen Körper vermöge der für ihn fast stets in der letzteren anzutreffenden Seelenwollust gar nicht so übel fand, löste die näheren Beziehungen, die, wie es schien, bis dahin zwischen ihm und der »geprüften« Flechsig'schen Seele bestanden hatten, und diese, die damals immer noch einen ziemlich großen Teil ihrer menschlichen Intelligenz bewahrt hatte, trat nunmehr mit dem oberen Gotte zu einer Art Bundesgenossenschaft zusammen, die ihre feindliche Spitze gegen mich kehrte. Die damit geschaffene Umwandlung der Parteiverhältnisse hat sich im wesentlichen bis zum heutigen Tage erhalten. Das Verhalten des niederen Gottes ist seitdem stets ein mir im ganzen freundlicheres, dasjenige des oberen Gottes ein sehr viel feindseligeres geblieben. Es äußerte sich dies teils in der Beschaffenheit der beiderseitigen Wunder – die Wunder des niederen Gottes haben im Lauf der Zeit immer mehr den Charakter eines verhältnismäßig harmlosen Schabernacks der in Kap. XI erwähnten Art angenommen, – teils in der Einrichtung des beiderseitigen Stimmengeredes. Die vom niederen Gott ausgehenden Stimmen – zwar ebenfalls nicht mehr der echte Ausdruck unmittelbarer, augenblicklicher Empfindung, sondern ein Sammelsurium auswendig gelernter Phrasen – waren und sind immerhin nach Form und Inhalt von denjenigen des oberen Gottes wesentlich verschieden. Inhaltlich sind dieselben zumeist wenigstens nicht geradezu Schimpfworte oder beleidigende Redensarten, sondern kommen sozusagen auf eine Art neutralen Blödsinns hinaus (z.B. der David und der Salomo, Salat und Radieschen, Mehlhäufchen wird wieder gesagt usw.) und auch in der Form sind sie für mich insofern weniger lästig, als sie sich dem natürlichen Rechte des Menschen auf das Nichtsdenken besser anschließen; man gewöhnt sich eben mit der Zeit daran, derartige sinnlose Redensarten, wie die in der Paranthese mitgeteilten, als Formen des »Nichtsdenkungsgedankens« sich durch den Kopf sprechen zu lassen. Daneben aber verfügte der niedere Gott wenigstens in den ersten Jahren nach dem in diesem Kapitel beschriebenen Umschwung über eine gewisse Anzahl von Redewendungen, die sachlich von Bedeutung waren und die zum Teil eine ganz richtige (d.h. der meinigen entsprechende) Auffassung von den Ursachen des Konfliktes, den Mitteln zur Lösung desselben und der voraussichtlichen Gestaltung der Zukunft verrieten. Auch hier handelte es sich – wie gesagt – zwar nicht um den Ausdruck einer gerade im Augenblick entstandenen echten Empfindung, sondern um ein im voraus zusammengestoppeltes Gedankenmaterial, das man in ermüdend eintöniger Wiederholung durch verständnislose Stimmen (in der späteren Zeit namentlich durch gewunderte Vögel) in meinen Kopf hineinsprechen ließ. Allein die betreffenden Redewendungen waren für mich doch insofern von großem Interesse, als ich daraus entnehmen zu dürfen glaubte, daß Gott denn doch des Verständnisses für die aus der Weltordnung sich ergebenden Notwendigkeiten nicht so gänzlich entbehrte, wie es nach gewissen anderen Wahrnehmungen scheinbar der Fall war. Ich will deshalb einige der betreffenden Redewendungen hier mitteilen. Zunächst wurde mir die infolge der Vermehrung der Seelenwollust eingetretene Veränderung der Parteigruppierung selbst durch die oft wiederholte Phrase »Haben sich nämlich zwei Parteien gebildet« angekündigt. Sodann wurde dem Gedanken, daß die ganze von Gott gegen mich verfolgte, auf Zerstörung meines Verstandes abzielende Politik eine verfehlte sei, in sehr verschiedenen Formen Ausdruck gegeben. Einige Sätze waren ganz allgemein, ohne jede persönliche Zuspitzung gehalten, so z.B.: »Kenntnisse und Fähigkeiten gehen überhaupt nicht verloren« und »Schlaf muß werden«, weiter: »Aller Unsinn (d.h. der Unsinn des Gedankenlesens und Gedankenfälschens) hebt sich auf« und »Die dauernden Erfolge sind auf Seiten des Menschen«. Andere Redewendungen des niederen Gottes waren teils an meine Adresse, teils – gewissermaßen durch meinen Kopf hindurch gesprochen – an die Adresse des Kollegen, des oberen Gottes, gerichtet; ersteres namentlich in der schon mitgeteilten Redewendung: »Vergessen Sie nicht, daß Sie an die Seelenauffassung gebunden sind«, letzteres z.B. in den Phrasen: »Vergessen Sie nicht, daß alle Darstellung ein Unsinn ist« oder »Vergessen Sie nicht, daß das Weltende ein Widerspruch in sich selber ist«, oder »Ihr habt nun einmal das Wetter vom Denken eines Menschen abhängig gemacht«, oder »Ihr habt nun einmal jede heilige Beschäftigung« (d.h. durch die mannigfachen erschwerenden Wunder, das Klavierspielen, das Schachspielen usw. nahezu) »unmöglich gemacht«. In einigen wenigen, allerdings sehr seltenen Fällen ging man sogar so weit, eine Art eigenen Schuldbekenntnisses abzulegen, z.B.: »Hätte ich Sie nur nicht unter flüchtig hingemachte Männer gesteckt«, oder »Das sind nun die Folgen der berühmten Seelenpolitik«, oder »Was wird denn nun aus der verfluchten Geschichte«, oder »Wenn nur die verfluchte Menschenspielerei aufhörte«. Hin und wieder wurde auch und zwar in diesen Worten eingestanden: »Fehlt uns die Gesinnung«, d.h. diejenige Gesinnung, die wir eigentlich jedem guten Menschen, ja selbst dem verworfensten Sünder gegenüber unter Vorbehalt der weltordnungsmäßigen Reinigungsmittel haben müßten. Das Ziel der ganzen Entwicklung pflegte der niedere Gott eine Zeitlang durch die – wie vielfach in der Seelensprache der grammatikalischen Vervollständigung bedürfende – Redensart auszudrücken: »Hoffen doch, daß die Wollust einen Grad erreicht«, d. h. einen solchen Grad, bei welchem die göttlichen Strahlen das Interesse an der Zurückziehung verlieren und damit eine der Weltordnung entsprechende Lösung sich von selbst ergibt. Mehr oder weniger gleichzeitig hatte der niedere Gott allerdings auch eine Anzahl anderer Redensarten in Bereitschaft, die mich sozusagen gruselig machen, m. a. W. alle meine Anstrengungen zur Behauptung meines Verstandes als im voraus zur Erfolglosigkeit verurteilt bezeichnen sollten. Man sprach von »kolossalen Kräften« auf der Seite von Gottes Allmacht und von »aussichtslosem Widerstand« auf meiner Seite; man glaubte mich auch in häufiger Wiederholung durch die Phrase: »Vergessen Sie nur nicht, daß die Ewigkeit keine Grenzen hat« daran erinnern zu sollen, daß die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, für Gott eine räumlich unbegrenzte ist. Unverkennbar tritt in demjenigen, was ich vorstehend über das abweichende Verhalten des oberen Gottes und des niederen Gottes, sowie über das Phrasenmaterial des letzteren mitgeteilt habe, ein fast unentwirrbaren Knäuel von Widersprüchen zutage. Auch für mich ergeben sich bei jedem Versuche einer Lösung der Widersprüche nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten; eine wirklich befriedigende Lösung würde nur bei einer so vollständigen Einsicht in das Wesen Gottes möglich sein, wie sie sich auch mir, der ich darin unzweifelhaft unendlich weiter gediehen bin als alle anderen Menschen, infolge der Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermögens nicht hat erschließen können. Nur mit allen Vorbehalten, die sich aus der Unvollkommenheit des menschlichen Erkenntnisapparates ergeben, will ich daher einige schüchterne Bemerkungen in dieser Beziehung wagen. Ich kann zunächst natürlich nicht voraussetzen, daß der obere Gott sittlich oder intellektuell auf einer tieferen Stufe stehe als der niedere Gott. Wenn trotzdem der letztere den ersteren sowohl an richtiger Erkenntnis des Erreichbaren, als an weltordnungsmäßiger Gesinnung zu übertreffen scheint, so glaube ich dies nur auf Rechnung der größeren Entfernung setzen zu können, in welcher sich der obere Gott im Verhältnisse zu dem niederen Gotte mir gegenüber befindet. Die Unfähigkeit, den lebenden Menschen als Organismus zu verstehen, ist anscheinend dem niederen Gotte und dem oberen Gotte, solange sie sich in größerer Entfernung befinden, gemeinsam; insbesondere scheinen beide in dem für den Menschen kaum begreiflichen Irrtum befangen zu sein, daß alles dasjenige, was aus den Nerven eines Menschen in meiner Lage zum großen Teil erst infolge der von Strahlen verübten Gedankenfälschungen für diese vernehmbar herausklingt, als Äußerungen der eigenen Denktätigkeit des Menschen anzusehen seien, sowie daß jedes noch so vorübergehende Aufhören der Denktätigkeit und der damit eintretende Zustand, bei welchem bestimmte in Worten formulierte Gedanken aus den Nerven des Menschen für die Strahlen vernehmbar nicht herausklingen, das Erlöschen der geistigen Fähigkeiten des Menschen überhaupt oder wie man dies mit einem offenbar mißverstandenen Auch beim Blödsinnigen liegt ja selbstverständlich nicht ein vollständiges Erlöschen der Geistestätigkeit, sondern nur eine in sehr verschiedenen Abstufungen auftretende krankhafte Verminderung oder Veränderung derselben vor. menschlichen Ausdruck zu bezeichnen pflegt, den Eintritt des Blödsinns bedeute. So scheint Gott in beiden Gestalten der irrtümlichen Vorstellung zuzuneigen, daß die durch die Vibrierung der Nerven entstehende Nervensprache (vgl. Kap. V im Eingang) als die wirkliche Sprache des Menschen anzusehen sei, so daß man namentlich anscheinend nicht zu unterscheiden weiß, ob man, da eine gewisse Erregung der Nerven auch bei dem schlafenden Menschen in Träumen stattfindet, die Geistesäußerungen eines träumenden oder eines in vollkommenem Bewußtsein von seiner Denkfähigkeit Gebrauch machenden Menschen vernimmt. Ich rede hier natürlich immer nur von meinem Falle, d.h. von dem Falle, daß Gott weltordnungswidrig zu einem einzigen Menschen in kontinuierlichen, nicht mehr aufzuhebenden Strahlenverkehr getreten ist. Alle die erwähnten irrtümlichen Vorstellungen Dieselben mögen wohl damit in Zusammenhang stehen, daß Gott unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen nur mit Seelen verkehrte, die entweder bereits zu den Vorhöfen des Himmels aufgestiegen oder noch im Reinigungsverfahren begriffen waren (vergl. Kap.I) und außerdem nur gelegentlich mit schlafenden Menschen, die als solche (während des Schlafs) natürlich ebenfalls von der lauten (menschlichen) Sprache nicht Gebrauch machten. Im Verkehr der Seelen untereinander aber war die durch die Schwingung oder Vibrierung der Nerven entstehende (daher nur leise flüsternde) Nervensprache in der Tat die einzige Form der Mitteilung oder des Gedankenaustausches. scheinen erst zu verschwinden, wenn Gott in größere Nähe gekommen ist und nun auf einmal an meinem Verhalten, an meinen Beschäftigungen, nach Befinden auch an meiner Sprache im Verkehr mit anderen Menschen usw. wahrnimmt, daß er es immer noch mit demselben geistig vollkommen ungeschwächten Menschen zu tun habe. Aus der so gewonnenen Erfahrung eine Lehre für die Zukunft zu ziehen, scheint vermöge irgendwelcher in dem Wesen Gottes liegenden Eigenschaften eine Unmöglichkeit zu sein. Denn genau in derselben Weise wiederholen sich nun schon seit Jahren einen Tag wie den anderen die nämlichen Erscheinungen, insbesondere bei jeder Pause meiner Denktätigkeit (dem Eintritt des sogenannten Nichtsdenkungsgedankens) sofort im ersten Gesichte (Augenblick) der Versuch, sich zurückzuziehen und die Annahme, daß ich nunmehr dem Blödsinn verfallen sei, die gewöhnlich in der albernen Phrase zum Ausdruck kommt »Nun sollte derjenige (scil. denken oder sagen) will ich mich darein ergeben, daß ich dumm bin«, worauf dann in geistlosem Einerlei nach Art eines Leierkastens die übrigen abgeschmackten Redensarten »Warum sagen Sie's nicht (laut)?« oder »Aber freilich wie lange noch« (scil. wird Ihre Verteidigung gegen die Strahlenmacht noch von Erfolg sein) usw. usw. wieder einsetzen, bis ich von neuem zu einer von dem ungeschwächten Vorhandensein meiner Geisteskräfte zeugenden Beschäftigung verschreite. Wie man sich diese Unfähigkeit Gottes, durch Erfahrung zu lernen, erklären soll, ist eine auch für mich überaus schwierige Frage. Vielleicht hat man sich die Sache so vorzustellen, daß die gewonnene richtigere Einsicht sozusagen jeweilig nur den vorderen Nervenspitzen sich mitteilt, die aber damit auch schon zum Aufgehen in meinem Körper verurteilt sind, daß dagegen diejenige entfernte Stelle, von welcher aus die Rückzugsaktion ins Werk gesetzt wird, an dem betreffenden Eindrucke nicht oder wenigstens nicht in einem für ihre Willensbestimmung ausreichenden Maße teilnimmt. Eine andere Erklärung könnte wohl auch in folgender Weise versucht werden. Man könnte sagen: das Lernen, d. h. das Fortschreiten von einer geringeren Stufe des Wissens zu einer höheren Stufe desselben, ist ein menschlicher Begriff, der nur auf hinsichtlich ihres Wissens vervollkommnungsfähige Wesen Anwendung leidet. Bei meinem Wesen, zu dessen Eigenschaften, wie bei Gott, die Allweisheit von vornherein gehört, kann demnach von Lernen überhaupt nicht die Rede sein. Diese Erklärung will mir aber selbst etwas sophistisch erscheinen, da eine Allweisheit Gottes in absoluter Vollständigkeit und namentlich hinsichtlich der Erkenntnis des lebenden Menschen eben nicht besteht. Eben deshalb ist es mir sehr zweifelhaft, ob es irgendwelchen praktischen Wert hat, daß der niedere Gott, wie oben ausgeführt, auch eine Anzahl richtiger Gedanken in die Sammlung derjenigen Redensarten aufgenommen hat, die er durch die von ihm ausgehenden Stimmen in meinen Kopf hineinsprechen läßt. Denn für mich sind diese Gedanken überhaupt nichts Neues und der obere Gott, dem der Form nach die darin enthaltenen Wahrheiten eröffnet werden, ist anscheinend gar nicht in der Lage, dieselben zu beherzigen, d.h. sein praktisches Handeln in einer anderen, als der sonst von ihm eingeschlagenen Richtung zu bestimmen. Möglicherweise hat sich also der niedere Gott, dem die richtige Erkenntnis der Sachlage jeweilig früher aufgeht, als dem oberen Gotte, lediglich von der Vorstellung leiten lassen, es müsse nun einmal von den Strahlen irgend etwas gesprochen werden (vgl. Kap. IX) und da sei es immerhin besser, daß der Inhalt des – wenn auch in endloser Wiederholung – Gesprochenen in etwas vernünftig Klingendem und nicht in reinem Blödsinn oder nackten Gemeinheiten bestehe. Ich selbst habe den Gedanken, daß Gott durch Erfahrung nichts lernen könne, schon vor längerer Zeit in schriftlichen Aufzeichnungen Diese Aufzeichnungen sind in kleinen Notizbüchern enthalten, die ich schon seit einigen Jahren angelegt habe und in denen ich unter fortlaufenden Nummern und mit Angabe des Datums die Betrachtungen über die von mir gewonnenen Eindrücke, über die voraussichtliche Entwicklung der Dinge für die Zukunft etc. in der Form kleiner Studien niedergelegt habe. Für den von mir als wahrscheinlich erachteten Fall, daß meine »Denkwürdigkeiten« – die gegenwärtige Arbeit – dereinst eine wichtige Erkenntnisquelle für den Aufbau eines ganz neuen Religionssystems werden sollten, wird in den Aufzeichnungen der erwähnten Notizbücher vielleicht eine wertvolle Ergänzung meiner »Denkwürdigkeiten« zu finden sein. Sie werden erkennen lassen, wie ich mich nach und nach immer mehr zu richtigem Verständnis der übersinnlichen Dinge durchgerungen habe. Allerdings wird vieles davon für andere Menschen unverständlich sein, da ich die Aufzeichnungen zunächst nur zu dem Zwecke gemacht habe, mir selbst über die einschlägigen Verhältnisse klarer zu werden und da dieselben zur Zeit noch derjenigen Erläuterungen ermangeln, deren es für andere Menschen bedürfen würde. wiederholt dahin formuliert: »Jeder Versuch einer erzieherischen Einwirkung nach außen muß als aussichtslos aufgegeben werden« und jeder weitere Tag der seitdem verflossenen Zeit hat mir die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigt. Zugleich halte ich es aber auch hier wieder, wie schon früher bei ähnlichen Anlässen, für geboten, den Leser gegen naheliegende Mißverständnisse zu schützen. Religiös gesinnte Menschen, die sonst von der Vorstellung einer Allmacht, Allweisheit und Allgüte Gottes erfüllt gewesen sind, müssen es unbegreiflich finden, daß Gott nun auf einmal als ein so kleinliches Wesen sich dargestellt haben soll, das in geistiger und sittlicher Beziehung selbst von einem einzelnen Menschen übertroffen werde. Demgegenüber habe ich nachdrücklich zu betonen, daß meine Überlegenheit in beiden Beziehungen doch nur in ganz relativem Sinne zu verstehen ist. Ich nehme eine solche Überlegenheit nur insoweit für mich in Anspruch, als es sich um das weltordnungswidrige Verhältnis handelt, das durch den bei einem einzelnen Menschen dauernd und unauflöslich genommenen Nervenanhang entstanden ist. Insoweit bin ich eben der einsichtigere und zugleich der bessere Teil. Denn der Mensch kennt seine eigene Natur und bei mir kommt überdies hinzu, daß ich in dem jahrelangen Verkehr mit den Seelen auch den Seelencharakter so gründlich kennengelernt habe, wie nie ein Mensch zuvor. Gott dagegen kennt die lebenden Menschen nicht und brauchte ihn auch nach der früher wiederholt kundgegebenen Auffassung nicht zu kennen. Damit ist keineswegs unvereinbar, daß ich in allen anderen Beziehungen, namentlich was übersinnliche Dinge, wie die Entstehung und Entwicklung des Weltganzen betrifft, die ewige Weisheit und Güte Gottes anerkenne. So vorsichtig ich mich im obigen über gewisse Eigenschaften Gottes auszudrücken gehabt habe, so sicher getraue ich mir über gewisse andere Fragen zu urteilen, die von jeher zu den schwierigsten Problemen gerechnet worden sind, seit es denkende Menschen gegeben hat. Ich meine namentlich das Verhältnis der göttlichen Allmacht zur menschlichen Willensfreiheit, die sog. Prädestinationslehre usw. Diese Fragen liegen infolge der mir zuteil gewordenen Offenbarungen und der sonst von mir genommenen Eindrücke für mich, ich möchte sagen, ebenso klar zutage, wie die Sonne selbst. Bei dem hohen Interesse, das sich an diese Fragen anknüpft, werde ich an irgendeiner passenden Stelle im weiteren Fortgang meiner Arbeit Gelegenheit nehmen, die mir aufgegangene Erkenntnis wenigstens in ihren Grundzügen darzulegen. Am Schlusse dieses Kapitels möge noch die Bemerkung Platz finden, daß jetzt, nach Ablauf von nahezu fünf Jahren, die Entwicklung der Dinge soweit gediehen ist, daß nunmehr auch der obere Gott in betreff der mir gegenüber bezeigten Gesinnung ungefähr auf denjenigen Standpunkt gelangt ist, den der niedere Gott schon seit dem in diesem Kapitel geschilderten Umschwung eingenommen hat. Auch die Wunder des oberen Gottes fangen jetzt wenigstens teilweise an, den harmlosen Charakter anzunehmen, der den Wundern des niederen Gottes schon bisher überwiegend zu eigen war. Um nur einige Beispiele anzuführen, will ich des Herumwerfens meiner Zigarrenasche auf dem Tische oder dem Klavier, des Beschmierens meines Mundes und meiner Hände mit Speiseteilen während des Essens und dergleichen Erwähnung tun. Es gereicht mir zur Genugtuung, daß ich diese Entwicklung der Dinge schon vor Jahren vorausgesagt habe. Zum Beweise will ich die betreffende Niederschrift aus meinen oben erwähnten Aufzeichnungen (Nr. XVII v. 8. März 1898) wörtlich hier hersetzen: »Wir sprechen zunächst nur vermutungsweise die Ansicht aus, daß es vielleicht einmal dazu kommen kann, daß selbst der hintere Ormuzd das Interesse an Störung der Wollust verliert, geradeso wie es seit 2 ½ Jahren der hintere Ariman nach und nach verloren hat, so daß dann die innere durch die menschliche Phantasie verklärte und veredelte Wollust einen größeren Reiz böte, als die äußere weltordnungswidrige F...erei.« Zum Verständnis dieser Niederschrift bedarf es einiger erläuternder Bemerkungen. Der »hintere« Ariman und der »hintere« Ormuzd wurden (nicht zuerst von mir, sondern von den Stimmen) der niedere Gott und der obere Gott jeweilig dann genannt, wenn und soweit ein jeder von ihnen durch das Vorschieben des anderen Teils sozusagen in das zweite Treffen gerückt war, was jeden Tag unzählige Male sich wiederholt. Mit der » inneren Wollust« ist die in meinem Körper entstehende Seelenwollust gemeint. Der Ausdruck » äußere weltordnungswidrige F...erei« bezieht sich darauf, daß nach meinen Wahrnehmungen die Aufnahme der Fäulnisstoffe in die reinen Strahlen für diese ebenfalls mit einer Art Wollustempfindung verknüpft ist. Daß das Wort »F...erei« gewählt ist, beruht nicht auf einem bei mir vorhandenen Hange zu ordinärer Ausdrucksweise, sondern darauf, daß ich die Worte »F...« und »F...erei« Tausende von Malen von der anderen Seite habe anhören müssen und daher in der obigen Niederschrift der Kürze halber den Ausdruck einmal umgekehrt auf das weltordnungswidrige Verhalten der Strahlen angewendet habe. XIV. »Geprüfte Seelen«; Schicksale derselben. Persönliche Erlebnisse, Fortsetzung Neben den in dem vorigen Kapitel geschilderten Vorgängen vollzogen sich teils um dieselbe Zeit, teils in den folgenden ein bis zwei Jahren noch gewisse andere Veränderungen in den himmlischen Verhältnissen, die an sich von geringerer Bedeutung waren, aber der Vollständigkeit halber wenigstens kurz berührt werden müssen. Es handelt sich dabei hauptsächlich um die Schicksale der »geprüften Seelen«. Diese waren, wie früher erwähnt, infolge der Seelenteilung eine Zeitlang sehr zahlreich gewesen. Ein großer Teil derselben hatte sich fast mit weiter nichts als der Beteiligung an den sogen. »Umgehungsbewegungen« beschäftigt, einem von den Hauptgestalten der Flechsig'schen Seele ersonnenen Manöver, dessen Zweck darin bestand, die arglos heranziehenden göttlichen Strahlen von hinten anzufallen, und dadurch zum Ergeben zu zwingen. Das Bild der Erscheinung steht noch deutlich in meiner Erinnerung; auf eine nähere Beschreibung in Worten muß ich verzichten; auch vermag ich nicht mehr mit Sicherheit zu sagen, ob die ganze Erscheinung der Zeit vor oder nach dem »Anbinden an Erden« angehörte. Jedenfalls war die große Anzahl der »geprüften Seelenteile« schließlich für Gottes Allmacht selbst lästig geworden. Nachdem es mir selbst schon gelungen war, einen ziemlich erheblichen Teil zu mir herunterzuziehen, wurde daher an einem bestimmten Tage auch von Gottes Allmacht eine große Razzia unter ihnen veranstaltet, welche zur Folge hatte, daß von da ab die Flechsig'sche Seele nur noch in einer oder zwei Gestalten und die von W.'sche Seele in einer einzigen Gestalt übrigblieb. Die letztere schien später sogar auf das Anbinden freiwillig verzichtet zu haben; sie saß dann noch längere Zeit – etwa ein Jahr lang – bei mir hauptsächlich in Mund und Augen, mich wenig mehr belästigend, sondern mir sogar eine gewisse Unterhaltung bereitend, indem ich mit derselben eine Art Gedankenaustausch unterhielt, bei dem freilich ich fast stets der gebende und die von W.'sche Seele der empfangende Teil war. Ich erinnere mich noch mit einigem Humor des überaus drolligen Eindrucks, welchen es machte, wenn diese zuletzt völlig gedankenlos gewordene und nur noch auf Augeneindrücke beschränkte Seele, sobald ich irgendeinen Gegenstand in meiner Nähe suchte, gewissermaßen mitsuchte, d. h. zu meinen Augen mit heraussah. Meine Augen hatten dabei einen eigentümlichen, ich möchte sagen verglasten Ausdruck. Die Anwesenheit der von W.'schen Seele selbst machte sich für mich als eine Art wässeriger Masse bemerkbar, die meinen Augapfel bedeckte. Etwa im Jahre 1897 ist die von W.'sche Seele, mir selbst unmerklich, schließlich völlig verschwunden. Ich hatte mich an ihre Gesellschaft zuletzt so gewöhnt, daß ich, als ich eines Tages, nachdem ich längere Zeit nicht mehr an sie gedacht hatte, mir ihres Verschwindens bewußt wurde, mich veranlaßt fand, zu Ehren ihres Abscheidens den Trauermarsch aus der Eroica von Beethoven auf dem Klavier zu spielen. Die Flechsig'sche Seele ist auch jetzt noch immer in einem dürftigen Reste (irgendwo angebunden) vorhanden; sie hat aber, wie ich sicheren Grund habe anzunehmen, ihre Intelligenz schon längst eingebüßt, d. h. ist ebenfalls völlig gedankenlos geworden, so daß ihre himmlische Existenz, die sie sich in Auflehnung gegen Gottes Allmacht errungen hatte, ihr kaum noch irgendwelche eigene Befriedigung gewähren wird – abermals eine der glänzenden Bewährungen der Weltordnung, vermöge deren nichts, was im Widerspruch mit derselben geschaffen ist, auf die Dauer sich behaupten kann. Die früheren »geprüften Seelen« waren und sind damit – bis auf eine geringfügige Ausnahme – vom Schauplatz abgetreten. Indem ich dieses Ereignisses gedenke, kann ich mir nicht versagen, noch einiges über die zum Teil recht sonderbaren Bezeichnungen anzuführen, die ihnen bis zu ihrem Verschwinden zuteil wurden. Mag dies auch für andere Leser von geringerem Interesse sein, so ist es doch für mich von Wert, mir diese Bezeichnungen im Gedächtnis zu bewahren und damit die meist schreckensvollen und grausigen Erinnerungen, die sich für mich damit verknüpfen, frisch zu erhalten. Die gesamte aus Flechsig'schen und von W.'schen Seelenteilen, sowie deren sonstigen Parteigängern (Vordringende usw.) gebildete Opposition gegen Gottes Allmacht nannte sich längere Zeit die »Je nun«-Partei. Diese ziemlich abgeschmackte Bezeichnung rührte daher, daß die Flechsig'sche Seele sich angewöhnt hatte, auf alle Fragen, was denn nun aus der ganzen »verfluchten Geschichte« werden solle (denn daß es sich um eine recht gründlich verfahrene Angelegenheit handle, darüber schien wenigstens Gottes Allmacht sich klar zu sein), stets nur mit einem spöttisch-gleichgültigen »Je nun« zu antworten. Die Antwort ist wiederum höchst charakteristisch für den Seelencharakter; denn die Seelen kennen nun einmal ihrer Natur nach keine Sorge für die Zukunft, sondern lassen sich am jeweiligen Genüsse genügen. Ins Menschliche übersetzt würde das »Je nun« der Flechsig'schen Seele also etwa bedeutet haben »Ich kümmere mich den Teufel um die Zukunft, wenn ich mich nur für den Augenblick wohl befinde.« Als von der Flechsig'schen Seele zuletzt nur noch zwei Seelenteile übrigblieben, wurde daher der entferntere als der »hintere Flechsig« und der etwas nähere, übrigens in seiner Intelligenz wohl schon früher wesentlich schwächere als die mittlere »Je-nun-Partei« bezeichnet. Von den von W.'schen Seelenteilen ist der »Unterleibsfäulen« von »W.« schon früher erwähnt worden; dieser hatte wohl die unreinsten Nerven, bezeigte daher mir gegenüber die niederträchtigste Gesinnung und zugleich Gottes Allmacht gegenüber eine naive Unverfrorenheit, die sich in gewissen klassischen Redensarten, die nicht in das der Bewegung meiner Nerven und der Gewohnheit der Strahlen entsprechende Versmaß paßten, wie »Es ist gewissermaßen nicht mehr auszuhalten«, »Erlauben Sie« usw. (letzteres, wenn er aus seiner Stellung delogiert werden sollte) zu erkennen gab. Er hing in meinem Schlafzimmer, während ich im Bette lag, scheinbar unmittelbar an der gegenüberliegenden Wand. Ihm nahe stand an Gemeinheit der Gesinnung der sogen. »Mittags«, von W., der diesen Namen trug, weil von ihm damals gesagt wurde, daß er die Mahlzeiten, namentlich die Mittagsmahlzeiten besorgen lasse. Einen etwas anständigeren, zum Teil recht verständigen Charakter wiesen, wenn auch zeitweise veränderlich, zwei andere Gestalten der von W.'schen Seele auf, der »Allerdings« von W. und der »Ei verflucht« von W., beide nach den betreffenden, häufig von ihnen gebrauchten Redensarten so genannt. Die Redensart »Ei verflucht« insbesondere war noch ein Überbleibsel der Grundsprache, in welcher die Worte »Ei verflucht, das sagt sich schwer« jedesmal gebraucht wurden, wenn irgendeine mit der Weltordnung unverträgliche Erscheinung in das Bewußtsein der Seelen trat, z. B. »Ei verflucht, das sagt sich schwer, daß der liebe Gott sich f ... läßt.« Sehr gefährlich war für mich längere Zeit ein an sich sehr kleiner von W.'scher Seelenteil, welcher nach einem ausschließlich von ihm geübten Wunder als »Geißel von W.« bezeichnet wurde. Dieser schwang beständig eine kleine Geißel in meiner Schädeldecke, wodurch recht bedenkliche Zerstörungen und zeitweise auch ziemlich empfindliche Schmerzen darin verursacht wurden. In der Zeit meines Aufenthalts in der Dr. Pierson'schen Anstalt (der »Teufelsküche«) war auch eine Gestalt der von W.'schen Seele vorhanden, zu deren Bildung wohl einzelne meiner eigenen Nerven verwendet worden sein müssen, da sie die Bezeichnung »der kleine von W.-Schreber« führte. Dieser war der gutmütigste von allen; er brachte es (in seinen Wundern) manchmal sogar zu sogenannten »Goldtropfen«, einem sonst nur von Gottes Allmacht geübten Wunder, bei welchem sich, in mir deutlich fühlbarer Weise, irgendwelche Flüssigkeit wie Balsam auf beschädigte Teile des Kopfes, Kraniolen und dergleichen legte, so daß – mit einem Schlage – eine unmittelbar heilende Wirkung hervortrat. Mein äußeres Leben setzte sich in der Zeit nach dem in Kap. XIII beschriebenen Umschwung zwar nicht ganz mehr so einförmig fort, wie vorher in der Periode der Regungslosigkeit, bot aber doch immer noch verhältnismäßig wenig Abwechslung, wie dies der Aufenthalt in einer Anstalt mit sich bringt. Auf Klavierspielen und Schachspielen verwendete ich nach wie vor einen großen Teil meiner Zeit; der Notenschatz, der mir zu den Zwecken'des ersteren zur Verfügung stand, wurde durch Geschenke meiner Angehörigen nach und nach gar nicht unbeträchtlich. Da ich anfangs nur mit einigen Buntstiften, später auch mit anderem Schreibmaterial versehen wurde, so fing ich an, schriftliche Aufzeichnungen zu machen; so erbärmlich waren meine Verhältnisse gewesen, daß ein Bleistift oder ein Radiergummi lange Zeit von mir wie ein wahrer Schatz gehütet wurde. Die Aufzeichnungen bestanden zunächst nur in zusammenhangloser Niederschrift einzelner Gedanken oder Stichworte; später – vom Jahre 1897 an – begann ich geordnete Tagebücher zu halten, in welchen ich alle meine Erlebnisse eintrug; vorher – noch im Jahre 1896 – hatte ich mich auf dürftige Notizen in einem kleinen Kalender beschränken müssen. Gleichzeitig machte ich schon damals die ersten Versuche, ein Brouillon meiner künftigen Memoiren zu entwerfen, deren Plan ich bereits damals gefaßt hatte. Dasselbe ist in einem braunen Hefte, betitelt »Aus meinem Leben«, enthalten und hat mir bei der Ausarbeitung der gegenwärtigen »Denkwürdigkeiten« als eine willkommene Unterstützung meines Gedächtnisses gedient. Wer sich irgend für dieses – stenografisch geführte – Brouillon näher interessieren sollte, wird darin noch manche Stichworte finden, die ich in meine Denkwürdigkeiten nicht aufgenommen habe und welche dem Leser eine Vorstellung davon geben mögen, daß der Inhalt meiner Offenbarungen noch ein unendlich viel reicherer gewesen ist, als derjenige, den ich in dem beschränkten Raume dieser »Denkwürdigkeiten« habe unterbringen können. Endlich habe ich – seit dem Spätherbst 1897 – in den dazu bestimmten kleinen Notizbüchern B, C und I die bereits in Anmerkung 61 [80] erwähnten Betrachtungen oder kleinen Studien niedergelegt. Große Schwierigkeiten bot mir von jeher (und bietet mir zum Teil noch jetzt) das Einnehmen der Mahlzeiten, das bis Ostern dieses Jahres (1900) stets allein auf meinem Zimmer stattfand. Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, mit welchen Hindernissen ich dabei zu kämpfen hatte; denn während ich aß, wurde mir fortwährend im Munde herumgewundert; auch nahmen dabei die törichten Fragen: »Warum sagen Sie's nicht (laut)?« usw. unbehindert ihren Fortgang, während doch das laute Sprechen für einen Menschen, der den Mund voll hat, nahezu eine Unmöglichkeit ist. Meine Zähne waren dabei beständig in großer Gefahr; es ist auch öfters vorgekommen, daß mir einzelne meiner Zähne während des Essens durch Wunder zerbrochen worden sind. Oft wurden mir während des Essens Zungenbißwunder appliziert. Die Schnurrbarthaare wurden mir bei den Mahlzeiten fast regelmäßig dergestalt in den Mund hineingewundert, daß ich mich schon aus diesem Grunde entschließen mußte, mir den Schnurrbart im August 1896 ganz abrasieren zu lassen. Das Fallen des Schnurrbarts war aber auch noch aus anderen Gründen für mich zur Notwendigkeit geworden, so wenig ich mir auch – am Tage – mit glattrasiertem Gesichte selbst gefallen mochte und noch gefalle. Mit Rücksicht auf die im Kap. XIII geschilderten Verhältnisse ist es für mich erforderlich, mich wenigstens in der Nacht mit Hilfe meiner Einbildungskraft als ein weibliches Wesen vorzustellen und dieser Illusion hätte natürlich der Schnurrbart ein kaum überwindliches Hindernis bereitet. Solange ich allein aß, habe ich fast stets während der Mahlzeiten Klavier spielen oder lesen müssen, da es auch während des Essens immer geboten war, dem entfernten Gotte Nach dem, was ich schon früher mehrfach, z. B. in Anmerk. 19 über die Hierarchie der Gottesreiche bemerkt habe, wird hoffentlich der Leser wenigstens eine Ahnung davon gewinnen, was ich mit dem Ausdrucke »Der entfernte Gott« besagen will. Man hat sich eben Gott nicht etwa als ein durch die Umrisse eines Körpers räumlich begrenztes Wesen, wie den Menschen, sondern als eine Vielheit in der Einheit oder eine Einheit in der Vielheit vorzustellen. Dies sind nicht willkürliche Phantasiegebilde meines Gehirns, sondern ich habe für alle derartige Annahmen bestimmte tatsächliche Anhaltspunkte, in der hier fraglichen Beziehung z. B. (d. h. für den Ausdruck »ein entfernter Gott«), darin, daß zu der Zeit, als noch die echte Grundsprache herrschte, jeder vordere Strahlenführer von den nach ihm kommenden göttlichen Strahlen oder Vertretern der Gottheit als von einem »Entfernten, der ich bin« zu reden pflegte. den Beweis der Unversehrtheit meiner Verstandeskräfte zu liefern; sofern ich dies nicht wollte, blieb mir kaum etwas anderes übrig, als das Essen im Stehen oder Herumgehen einzunehmen. Die Nächte habe ich – ich greife hier zum Teil wieder zeitlich etwas vor – wie schon früher erwähnt, während eines zweiundeinhalbjährigen Zeitraumes, vom Mai 1896 bis Dezember 1898, nicht in dem eigentlich für mich bestimmten, neben meinem Wohnzimmer befindlichen Schlafzimmer, sondern in Dementenzellen im Erdgeschosse und im ersten Stockwerke des Rundflügels der Anstalt verbracht. Die Gründe für die betreffende Anordnung sind mir eigentlich heute noch unverständlich. Allerdings ist es in den ersten Jahren meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt verschiedene Male zu Tätlichkeiten zwischen mir und anderen Patienten der Anstalt, einige Male auch mit Pflegern gekommen. Die einzelnen Fälle habe ich mir sämtlich aufnotiert; es handelt sich danach um 10 bis 12 Vorgänge, deren letzter sich am 5. März 1898 ereignete und bei denen ich übrigens, wenigstens soweit es sich um andere Patienten handelte, stets der angegriffene Teil gewesen bin. Die tieferen Gründe, welche die Veranlassung zu derartigen Roheitsszenen waren, werde ich später noch zu besprechen Gelegenheit finden. Jedenfalls kann ich nicht annehmen, daß mich die Ärzte um dieser immerhin vereinzelten Vorkommnisse willen für einen im allgemeinen der Tobsucht verfallenen Menschen haben halten können, da sie doch gleichzeitig Gelegenheit hatten, zu beobachten, daß ich mich am Tage unausgesetzt mit Klavierspielen, Schachspielen, später auch Bücher- und Zeitunglesen anständig, ruhig und durchaus meinem Bildungsgrade entsprechend beschäftigte. Daß ich in der Nacht ab und zu einmal laut gesprochen habe – wozu ich aus den in Anmerkung 46 [63] angedeuteten Gründen zuweilen genötigt war – mag vorgekommen sein; es wäre also möglich, daß andere auf demselben Korridor oder über mir schlafende Patienten hin und wieder Grund zur Beschwerde über mich gehabt hätten. Aber auch hierbei hat es sich keinesfalls um Ruhestörungen gehandelt, die sich allnächtlich oder auch nur in der überwiegenden Zahl der Nächte wiederholt hätten, und zudem muß ich Ähnliches nicht selten auch meinerseits von anderen Patienten ertragen, auch ist mein Schlafzimmer von anderen Schlafräumen immerhin ziemlich abgetrennt. So muß ich es denn allerdings als eine über die Maßen befremdliche Maßregel bezeichnen, daß man mich mit Ausnahme einiger weniger Nächte volle 2 ½ Jahre lang in für Tobsüchtige eingerichteten Zellen hat schlafen lassen, in denen ich außer einer eisernen Bettstelle, einem Nachtgeschirr und den Bettstücken nicht das Mindeste vorfand und die obendrein während des größeren Teils der Zeit durch schwere hölzerne Läden total verfinstert wurden. Ich wiederhole, daß es mir durchaus fern liegt, irgendwelche Anklagen für die Vergangenheit zu erheben; allein ich kann nicht anders annehmen, als daß dabei eine gewisse vis inertiae mit im Spiele gewesen ist, die es bei einem einmal geschaffenen, noch so schwer erträglichen Zustande bewenden läßt, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, ob die Gründe, welche zur Verhängung der betreffenden Maßregel Veranlassung gegeben haben, auch wirklich noch fortbestehen. Ich glaube ruhig behaupten zu können, daß keinem anderen Patienten der Anstalt auch nur entfernt etwas Ähnliches begegnet ist; Einsperrungen in die Zellen kommen in Fällen periodischer Tobsucht wohl vor, pflegen aber doch dann, soviel mir bekannt ist, immer höchstens nur einige Wochen anzuhalten. So wenig ich daher die Absicht habe, der folgenden Darstellung irgendeine persönliche Schärfe zu geben, so gehört doch nun einmal eine Schilderung, wie unsäglich ich während dieses Zellenaufenthalts gelitten habe, zu dem vollständigen Bilde meiner Leidensgeschichte. Mein Schlaf ist, wie aus dem früher Mitgeteilten hervorgeht, ausschließlich von der Konstellation der himmlischen Verhältnisse abhängig; sobald sich Gott, was periodenweise in der Regel auf halbe Tage oder doch mehrere Stunden zu geschehen pflegt, in allzugroße Entfernung zurückgezogen hat, ist Schlaf für mich schlechterdings unmöglich. Muß ich dann wachen, so erzeugt das sinnlose Stimmengewäsch in meinem Kopfe geradezu unerträgliche geistige Martern, zu denen überdies seit länger als Jahresfrist, bald mehr oder weniger, die später zu schildernden Brüllzustände hinzutreten, sofern ich nicht in der Lage bin, den entfernten Gott, der mich für blödsinnig geworden erachtet, jeweilig von dem Gegenteil zu überzeugen. Wie sollte ich dies aber in schlaflosen Nächten in der Zelle, in der es mir an der Beleuchtung, sowie an jeglichen zu irgendwelcher Beschäftigung geeigneten Gegenständen mangelte, anfangen? Das Verbleiben im Bette war einfach unmöglich, das Herumtappen in der finsteren Zelle aber, nur mit dem Hemde bekleidet in bloßen Füßen, – denn auch die Hausschuhe wurden mir nicht gelassen – war natürlich über die Maßen langweilig, dabei zu Winterszeiten empfindlich kalt und überdies, wegen des Anwundern meines Kopfes an die niedrigen Zellengewölbe gar nicht ungefährlich. Not macht erfinderisch und so habe ich denn im Laufe der betreffenden Jahre zu allen möglichen Auskunftsmitteln gegriffen, um nur in irgend erträglicher Weise die Zeit zu verbringen. Ich habe manchmal fast stundenlang Knoten in die vier Ecken meines Taschentuchs geschlungen und wieder aufgelöst, sowie teils vom Bette aus, teils im Herumgehen laut sprechend irgendwelche Erinnerungen aus meinem Leben vorgetragen, laut namentlich Französisch gezählt – denn auch darauf, ob ich noch »fremde Sprachen« spräche, wurden beständig Fragen gerichtet – irgend etwas von meinen geschichtlichen und geographischen Kenntnissen zum besten gegeben, z. B. die sämtlichen russischen Gouvernements und französischen Departements aufgesagt usw. usw. Natürlich entschloß ich mich zum Lautsprechen nur ungern, da ich damit auf den Schlaf verzichtete, aber es blieb oft nichts weiter übrig. Sehr empfindlich war mir dabei der Mangel von Uhr und Schwefelhölzchen; denn wenn ich nach kürzerem oder längerem Schlaf in der Nacht aufwachte, konnte ich doch nicht wissen, in welcher Zeit man lebte: und welches Verhalten ich demnach für den Rest der Nacht noch einschlagen sollte. Als gegen das Ende der Zellenaufenthaltsperiode die Fensterläden nicht mehr verschlossen wurden, habe ich mich daher auf die Beobachtung des Sternhimmels verlegt Dies immer in dem eigentümlichen, noch in keinem Menschen entstandenen Bewußtsein, daß dieser Sternhimmel selbst es war, von dem die mich so vielfach schädigenden Wunder ausgingen. und, es dabei aufgrund einer Sternkarte, die ich jedesmal am Tage studiert hatte, ganz wie die Völker der Urzeit, zu einiger Fertigkeit in der Bestimmung der Nachtstunden gebracht. Solange die Fensterläden geschlossen wurden, habe ich mir durch Dagegendonnern mit den Fäusten die Hände oft fast wundgeschlagen; einmal habe ich auch den einen durch Wunder bereits gelockerten Fensterladen vollends heruntergewuchtet, wobei mir dann das obere Querstück dergestalt auf den Kopf gewundert wurde, daß mein Kopf und meine Brust von Blut überströmt war. Etwas besser gestalteten sich die Verhältnisse in der letzten Zeit meines Zellenaufenthalts dadurch, daß ich jedesmal einen kleinen Blechkasten mit in die Zelle nahm, in welchem ich verschiedene Kleinigkeiten, Bleistift, Papier, ein sog. Pocket-Chess-Board (Taschenschachspiel) usw. zu verwahren pflegte, mit denen wenigstens im Sommer vom Eintritt der Tageshelligkeit ab irgendwelche Beschäftigung möglich war. Diese Zustände habe ich, wie gesagt, zwei und ein halbes Jahr ertragen, im Grunde genommen doch nur, weil Menschen übersinnliche Verhältnisse nicht zu würdigen wußten. XV. »Menschen-« und »Wunderspielerei«. Hilferufe. Sprechende Vögel Einige Zeit nach dem im Kap. XIII geschilderten Umschwung, also etwa Ende 1895 oder Anfang 1896 machte ich eine Reihe von Erfahrungen, welche mich veranlaßten, meine bisherigen Vorstellungen von »flüchtig hingemachten Männern«, »Menschenspielerei« und dergleichen einer kritischen Prüfung zu unterziehen, in deren Folge ich zu einer wenigstens teilweise abweichenden Auffassung gelangte. Es sind mir namentlich drei Vorgänge erinnerlich, welche mich in demjenigen, was ich bis dahin für wahr und richtig gehalten hatte, stutzig machten, nämlich erstens die Beteiligung an der zu Weihnachten des Jahres 1895 in der Familie des Vorstandes der Anstalt, Geh. Rat Dr. Weber, abgehaltenen Bescherung, sodann das Eintreffen eines von meiner Schwägerin in Köln a. Rh. an mich gerichteten, mit dem dortigen Poststempel versehenen Briefes und endlich ein Kinderfestzug aus Anlaß der Feier der 25jährigen Wiederkehr des Jahrestages des Frankfurter Friedens – 10. Mai 1896 – den ich von meinen Fenstern aus auf einer der unterhalb derselben gelegenen Vorstadtstraßen von Pirna mit ansah. Ich konnte nach diesen und ähnlichen Vorgängen – bald kam auch eine regelmäßige Korrespondenz und das Lesen von Zeitungen, die mir nunmehr von meinen Angehörigen gehalten wurden, hinzu – nicht mehr im Zweifel sein, daß eine wirkliche Menschheit in gleicher Zahl und örtlicher Verbreitung wie früher existiere. Dagegen ergab sich nunmehr die Schwierigkeit, wie ich diese Tatsache mit meinen früheren, scheinbar auf das Gegenteil hinweisenden Wahrnehmungen vereinigen sollte. Diese Schwierigkeit besteht auch jetzt noch und ich muß bekennen, daß ich dabei in der Hauptsache vor einem ungelösten und für Menschen wahrscheinlich auch nicht lösbaren Rätsel stehe. Ganz unzweifelhaft ist mir, daß meine früheren Vorstellungen nicht etwa bloße »Wahnideen« und »Sinnestäuschungen« gewesen sind; denn auch in der Gegenwart empfange ich noch alltäglich und allstündlich Eindrücke, welche mir völlige Klarheit darüber geben, daß, um mit Hamlet zu reden, irgend etwas faul im Staate Dänemark – d.h. hier im Verhältnisse zwischen Gott und Menschheit – ist. Wie aber der gegenwärtig bestehende Zustand sich geschichtlich entwickelt hat, ob sprungweise oder in allmählichen Übergängen, und inwieweit neben den durch Strahleneinwirkung (Wunder) veranlaßten Lebensäußerungen der Menschen noch selbständige, von Strahlen unbeeinflußte Lebensäußerungen stattfinden, bleibt allerdings auch für mich eine dunkle Frage. Vergl. übrigens das Vorwort. Ganz sicher ist für mich, daß die Ausdrücke und Redensarten von »flüchtig hingemachten Männern« und der »verfluchten Menschenspielerei«, die Fragen: »Was wird nun aus der verfluchten Geschichte?« usw., sowie das Gerede von »neuen Menschen aus Schreber'schem Geist« nicht in meinem Kopf entstanden, sondern von außen her in denselben hineingesprochen worden sind. Schon danach müßte ich annehmen, daß den damit verknüpften Vorstellungen irgend etwas Reales zugrunde liegt, irgendwelche geschichtliche Vorgänge entsprechen. Ich habe aber im Laufe der letzten sechs Jahre unausgesetzt Wahrnehmungen empfangen – und empfange dergleichen auch noch jetzt täglich und stündlich –, die für mich in zweifelsfreier Weise die Überzeugung begründen, daß alles, was von Menschen in meiner Nähe gesprochen und getan wird, auf Wunderwirkung beruht und in unmittelbarem Zusammenhang mit der Annäherung der Strahlen und dem damit abwechselnden Bestreben, sich wieder zurückzuziehen, steht. Schon in Kap. VII habe ich erwähnt, daß ich jedes Wort, das mit mir oder in meiner Nähe gesprochen wird, jede noch so geringfügige, mit irgendwelchem Geräusch verbundene Handlung eines Menschen z.B. das Öffnen der Türschlösser auf meinem Korridor, das Klinken an der Tür meines Zimmers, das Eintreten eines Pflegers in dasselbe usw., zugleich mit einem gegen meinen Kopf geführten, ein gewisses Schmerzgefühl verursachenden Streich empfinde; das Schmerzgefühl äußert sich als ein ruckhaftes Zerren in meinem Kopfe, das, sobald Gott sich in übermäßige Entfernung zurückgezogen hat, eine sehr unangenehme Empfindung hervorruft und jedesmal – so ist wenigstens das Gefühl, das ich habe – mit dem Abreißen eines Teils der Knochensubstanz meiner Schädeldecke verbunden sein mag. Solange ich selbst – in meinem Zimmer oder im Garten – gegen Gott gewendet – laut spreche, ist alles um mich her totenstill; auf solange entsteht eben bei Gott nicht die Neigung, sich zurückzuziehen, weil er unter dem unmittelbaren Eindrucke der Lebensäußerung eines Menschen steht, der im Vollbesitze seiner Verstandeskräfte sich befindet; es gewinnt dann für mich manchmal den Anschein, als ob ich mich unter lauter wandelnden Leichen bewegte; so vollständig scheinen auf einmal alle anderen Menschen (Pfleger und Patienten) die Fähigkeit, auch nur ein einziges Wort zu sprechen, verloren zu haben. Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse bei den Mahlzeiten, die ich seit Ostern dieses Jahres (1900) an der Familientafel des Vorstands der Anstalt, Geh. Rat Dr. Weber, einnehme, hier namentlich auch aus dem Grunde, daß dabei eine fortlaufende, nur durch geringe Pausen unterbrochene Unterhaltung geführt wird. Überhaupt treten die im Texte berührten Erscheinungen nicht immer ganz gleichmäßig hervor und haben im Laufe der Zeit gewisse Wandlungen erfahren, die namentlich mit der vermehrten Seelenwollust zusammenhängen. Manche der besprochenen Erscheinungen treten zeitweilig zurück, um dann wieder anderen Erscheinungen Platz zu machen, die in früheren Jahren noch nicht oder nur seltener zu beobachten waren. Es gilt dies namentlich von dem sogenannten »Brüllen«, auf das ich noch näher zu sprechen kommen werde. Immer aber bleibt die Grundursache die gleiche, nämlich die anscheinend für Gott nicht widerstehliche Versuchung, sich zurückzuziehen, sobald man Seelenwollust in meinem Körper nicht antrifft oder in meiner Sprache und meiner Beschäftigung der unmittelbare Beweis von dem Vorhandensein eines im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte befindlichen Menschen nicht erkennbar ist. Das gleiche tritt ein, solange mein Blick auf irgendeinem weiblichen Wesen ruht. Sobald ich aber meinen Blick wegwende oder das durch Wunder erfolgende Schließen meiner Augen geschehen lasse, oder sobald ich vom lauten Sprechen zum Schweigen übergehe, ohne gleichzeitig irgendeine geistige Beschäftigung zu ergreifen, mit anderen Worten mich dem Nichtsdenken hingebe, treten in der allerkürzesten Frist, meist gleich im ersten Gesichte (Augenblicke) die folgenden in Wechselbeziehung zueinander stehenden Erscheinungen hervor, nämlich: irgendein Geräusch in meiner Umgebung meist in Roheitsausbrüchen der Verrückten bestehend, aus denen dieselbe ja vorwiegend gebildet wird; in meiner Person das Auftreten des Brüllwunders, bei welchem meine dem Atmungsvorgange dienenden Muskeln von dem niederen Gotte (Ariman) dergestalt in Bewegung gesetzt werden, daß ich genötigt bin, den Brüllaut auszustoßen, sofern ich nicht ganz besondere Mühe auf seine Unterdrückung verwende; zuzeiten erfolgt das Brüllen in so rascher und häufiger Wiederholung, daß für mich ein nahezu unerträglicher Zustand sich ergibt und namentlich in der Nacht das Liegenbleiben im Bette unmöglich wird; ein Sicherheben des Windes, allerdings nicht unbeeinflußt durch die sonstige Wetterlage, bei dem aber doch das Auftreten kurzer Windstöße zusammenfallend mit den Pausen meiner Denktätigkeit ganz unverkennbar ist; Das »Hilfe«-rufen der von der Gesamtmasse weiter losgelösten Gottesnerven, das um so kläglicher klingt, in je größere Entfernung sich Gott von mir zurückgezogen hat und je größer also der Weg ist, den diese Nerven offenbar in irgendwelchem Angstzustand zurücklegen müssen. Alle diese Erscheinungen wiederholen sich an jedem Tage zu Hunderten Von Malen, sind also im Laufe der Jahre zu Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden von Malen in vollkommener Gleichmäßigkeit von mir wahrgenommen worden. Den Grund habe ich bereits mehrfach angedeutet. Bei jeder Einstellung meiner Denktätigkeit erachtet Gott augenblicklich meine geistigen Fähigkeiten für erloschen, die von ihm erhoffte Zerstörung des Verstandes Daß dies das erstrebte Ziel sei, wurde früher ganz offen in der vom oberen Gotte ausgehenden, unzählige Male von mir gehörten Phrase »Wir wollen Ihnen den Verstand zerstören« eingestanden. Neuerdings wird diese Phrase seltener gebraucht, weil dieselbe bei beständiger Wiederholung ebenfalls auf eine Form des Nichtdenkungsgedankens hinauskommt. (den »Blödsinn«) für eingetreten und damit die Möglichkeit eines Rückzugs für gegeben. Die Rückzugsaktion wird also ins Werk gesetzt und zu diesem Behufe eine »Störung« in dem in Kap. X Seite [181] bezeichneten Sinne gewundert. Dies ist das Geräusch ad 1. Gleichzeitig wird von dem niederen Gotte ebenfalls fast stets augenblicklich das sogen. Brüllen gewundert (ad 2); der Zweck scheint ein doppelter zu sein, nämlich einesteils sich im Wege des »Darstellens« den Eindruck eines gewissermaßen vor Blödsinn brüllenden Menschen zu verschaffen und andernteils die von dem oberen Gotte zur Ermöglichung einer größeren Entfernung gesetzten inneren Stimmen an dem durch das Brüllen entstehenden Geräusch ersticken zu lassen, damit der niedere Gott, der sich der Notwendigkeit des ferneren Sichanziehenlassens wenigstens halb und halb bewußt zu sein scheint, hierbei auf eine Vereinigung aller Strahlen und die damit in meinem Körper entstehende Seelenwollust rechnen kann, mit andern Worten, um sich dagegen zu sichern, daß er in meinem Körper allein ohne Seelenwollust eingehe. Die größere Entfernung bedingt (ad 3) sofort ein Entstehen von Wind (vgl. Kap.I). Nicht minder aber wird der obere Gott alsbald gewahr, daß die erhoffte Aufhebung der Anziehungskraft meiner Nerven wieder einmal nicht erreicht ist, diese vielmehr ungemindert fortbesteht; der dadurch in den zunächst losgelösten Teilen der Gottesnerven entstehende Angstzustand kommt (ad 4) bei diesen als echte Empfindung in dem Rufe »Hilfe« zum Ausdruck. Rätselhaft bleibt mir, wie vieles andere, daß die Hilferufe anscheinend von anderen Menschen nicht vernommen werden: Vergl. hierzu die Bemerkung unter IV der Nachträge erste Folge am Schlusse. die Schallempfindung, welche an mein eigenes Ohr schlägt – viele hundert Male an jedem Tage – ist eine so deutliche, daß von einer Sinnestäuschung dabei schlechterdings nicht die Rede sein kann. Auch schließt sich an die echten »Hilferufe« jedesmal sofort die auswendig gelernte Phrase an: »Wenn nur die verfluchten Hilferufe aufhörten.« Daß alle Lebensäußerungen von Menschen in meiner Nähe, namentlich deren Sprache, auf Wunder (Strahleneinwirkung) zurückzuführen sind, tritt aber für mich auch in dem Inhalte des Gesprochenen deutlich zutage. Um diesen Satz verständlich zu machen, muß ich wieder etwas weiter ausholen. Wie bereits in Kap. IX Seite [171] bemerkt worden, sind von Gott bei dem Anbinden an Erden (vgl. Kap. IX Seite [167]) außer den damals noch existierenden geprüften Seelen gewisse Reste der früheren »Vorhöfe des Himmels«, also selig gewesener Menschenseelen aufgespart worden, zu dem Zwecke, um dieselben bei der durch die Anziehungskraft meiner Nerven bedingten Annäherung, immer mit Leichengift beladen, gleichsam als Vorposten vorauszuschicken und damit die Anziehung für die eigentlichen Gottesstrahlen selbst zu verlangsamen. Daneben glaubte man wohl auch durch die Masse des Leichengiftes, welches auf diese Weise Tag für Tag auf meinen Körper gehäuft wird, mich schließlich erdrücken, d.h. mich töten oder mir den Verstand zerstören zu können. Die betreffenden Nerven (Reste der Vorhöfe des Himmels) treten nun infolge eines wunderbaren Zusammenhangs, der offenbar aufs innigste in dem Wesen des göttlichen Schaffens begründet ist, daher auch von mir nicht näher erklärt werden kann, seit Jahren in der Gestalt gewunderter Vögel auf. Nur die Tatsache selbst, daß es sich bei den in diesen Vögeln steckenden Nerven um Reste (einzelne Nerven) selig gewesener Menschenseelen handelt , ist für mich aufgrund tausendfältiger seit Jahren alltäglich zur Wiederholung gelangender Wahrnehmungen ganz unzweifelhaft. Ich kenne die einzelnen hierher gehörigen Nerven genau nach der Klangfarbe ihrer mir seit Jahren vertrautgewordenen Stimmen, ich weiß genau, welche der sinnlosen auswendig gelernten Redensarten ich von einem jeden von ihnen zu erwarten habe, je nachdem sie von dem Lager des niederen Gottes oder von demjenigen des oberen Gottes ausgesendet (von diesem oder jenem gewundert) worden sind. Ihre Eigenschaft als ehemalige menschliche Nerven geht zur Evidenz daraus hervor, daß die gewunderten Vögel, sämtlich ohne Ausnahme , jedesmal wenn sie das ihnen aufgepackte Leichengift vollständig abgelagert, d.h. die ihnen gewissermaßen eingebleuten Phrasen abgeleiert haben, der dann in ihnen entstehenden echten Empfindung des Behagens an der Seelenwollust meines Körpers, an welcher sie nunmehr teilnahmen, mit den Worten »Verfluchter Kerl« Die Worte »Verfluchter Kerl« haben hierbei keineswegs einen gehässigen Beigeschmack, sondern gerade im Gegenteil, wie es auch schon in der Grundsprache der Fall war, den einer freudigen Anerkennung oder Bewunderung. oder »Ei verflucht einigermaßen« also in menschlichen Lauten Ausdruck geben, den einzigen Worten, deren sie im Ausdruck einer echten Empfindung überhaupt noch fähig sind . Für das, was sie vorher gesprochen haben, die auswendig gelernten Phrasen – um diesen natürlich auch nur bildlich zu verstehenden Ausdruck beizubehalten – haben sie nicht das geringste Verständnis; sie leiern dieselben ab, ohne die Bedeutung der Worte zu kennen; sie stehen eben sonst im Punkte der Intelligenz anscheinend nicht höher, als irgendwelche anderen natürlichen Vögel. Wie es gemacht wird, daß ihre Nerven in Schwingungen versetzt werden, vermöge deren die von ihnen gesprochenen oder richtiger gelispelten Laute dem Klange der menschlichen Worte entsprechen, aus denen die auswendig gelernten Phrasen bestehen, vermag ich nicht zu sagen: das Technische an der Sache kann ich daher nicht näher erklären, vermute auch, daß es sich hierbei um für Menschen überhaupt nicht faßbare, weil übersinnliche Dinge handelt. (Erst einige Tage nach Auffassung des obigen Textes niedergeschrieben). Vielleicht ist ein ähnlicher Vorgang in Frage, wie derjenige, der nach Kap. XI, Seite [191 f.] mit meinen eigenen Nerven versucht worden ist und von mir als vorübergehende Verdummung oder vorübergehende Beeinträchtigung der Denkfähigkeit empfunden wurde. Man könnte sich vorstellen, daß das Überziehen der Vogelnerven mit Leichengift sie der natürlichen Schwingungsfähigkeit, also der natürlichen Empfindung beraube und gewissermaßen dehnend auf die Nerven wirke, so daß sie nur noch die lang hinausgezogenen Schwingungen zu machen imstande seien, die den namentlich in neuerer Zeit überaus langsam gesprochenen menschlichen Worten entsprechen. Wohl aber ist mir durch jahrelange Erfahrung die Wirkung genau bekannt, welche darin besteht, daß die Nerven der gewunderten Vögel, solange sie mit dem Ableiern der ihnen eingebleuten (auswendig gelernten) Phrasen beschäftigt sind, gegen alle Empfindungen, die sie beim Eintritt in meinen Körper sonst haben würden, namentlich gegen die Seelenwollust und Augeneindrücke unempfänglich gemacht sind, gleichsam als ob sie mit verbundenen Augen bei mir eingingen und ihr natürliches Empfindungsvermögen in irgendwelcher Weise suspendiert wäre. Dies ist denn auch der Zweck der ganzen Einrichtung und auch der Grund, weshalb im Lauf der Jahre – entsprechend dem Wachstum der Seelenwollust – das Tempo, in dem die auswendig gelernten Phrasen gesprochen werden, immer mehr verlangsamt worden ist: es soll den bei mir eingehenden Stimmen als Trägern des Leichengiftes die zerstörende Schärfe des letzteren möglichst lange erhalten werden. Dabei tritt nun aber eine höchst eigentümliche Erscheinung hervor, die auch für die Tragweite der Schäden, die die betreffenden Stimmen oder Strahlen in meinem Körper anrichten, von großer Bedeutung ist. Den Sinn der von ihnen gesprochenen Worte verstehen die gewunderten Vögel, wie schon erwähnt, nicht; wohl aber haben sie, wie es scheint, eine natürliche Empfänglichkeit für den Gleichklang der Laute . Sobald sie daher, während sie noch mit Ableiern der auswendig gelernten Phrasen beschäftigt sind, entweder in den von mir selbst ausgehenden Schwingungen meiner Nerven (meinen Gedanken) oder in dem, was von meiner Umgebung gesprochen wird, Worte vernehmen, die mit dem, was sie gerade selbst zu sprechen (abzuleiern) haben, gleichen oder annähernd gleichen Klang haben, so erzeugt dies für sie anscheinend einen Zustand der Überraschung, infolgedessen sie auf den Gleichklang sozusagen hereinfallen, d.h. über der Überraschung den Rest der noch von ihnen abzuleiernden Phrasen vergessen und plötzlich in echter Empfindung eingehen. Der Gleichklang braucht, wie gesagt, kein vollständiger zu ¦sein; es genügt, da der Sinn der Worte eben von den Vögeln nicht begriffen wird, daß ähnlich klingende Laute von ihnen vernommen werden; es verschlägt daher für sie wenig, ob etwa – um einige Beispiele anzuführen – von »Santiago« oder »Carthago« »Chinesentum« oder »Jesum Christum« »Abendrot« oder »Atemnot« »Ariman« oder »Ackermann« »Briefbeschwerer« oder »Herr Prüfer schwört« usw. usw. gesprochen wird. Die obigen Beispiele sind dem wirklich gebrauchten. Aufschreibe- und Sprechmaterial entnommen; u. a. ist ›Herr Prüfer‹ der Namen eines früheren Patienten der hiesigen Anstalt, der früher viel genannt wurde. Ich könnte die Zahl der Beispiele auf beliebige Hunderte oder Tausende vermehren, will es aber an dem obigen genügen lassen. (Fußnote 91 wurde gestrichen, weil sie auf Flechsig verweist. Siehe S. 341 und 425 f. hierzu.) Die für mich auf diese Weise gebotene Möglichkeit, die mit mir sprechenden Vögel durch willkürliches Zusammenwerfen ähnlich klingender Worte zu verwirren, hat mir in der sonst kaum erträglichen Öde des Stimmengewäsches oft als eine Art Kurzweil dienen und mir eine allerdings etwas sonderbare Unterhaltung bereiten müssen. So scherzhaft dies aber auch klingen mag, so hatte die Sache doch für mich auch eine sehr ernste Bedeutung und hat dieselbe zum Teil auch noch in der Gegenwart. Der obere und niedere Gott, die ebenso gut wie ich, von der Eigenart der gewunderten Vögel, auf gleichklingende Laute hineinzufallen, unterrichtet sind, spielen nämlich diese Eigenart wechselseitig als Trumpf gegeneinander aus. Beide haben das Bestreben, sich zurückzuhalten und immer den anderen Teil vorzuschieben; da nun durch das Hereinfallen der Vögel aus dem Gleichklang jedesmal die Anziehung desjenigen Teils beschleunigt wird, zu dessen Lager die betreffenden Stimmen gehören, so läßt der obere Gott von den Personen meiner Umgebung mit Vorliebe solche Worte sprechen, die dem Aufschreibe- und Stimmenmaterial des niederen Gottes angehören und umgekehrt, während ich meinerseits, da mir an einer Vereinigung aller Strahlen, also an einer gleichmäßigen Anziehung gelegen ist, stets entsprechend entgegenzuwirken suche. Auch hier ständen mir die Beispiele fast so zahlreich zu Gebote, wie der Sand am Meere. Um nur einiges wenige anzuführen, sei erwähnt, daß u. a. das »elektrische Licht« und die »Eisenbahnen«, sowie – in dem im Kap. XIII S. [214] angegebenen Zusammenhange – die »kolossalen Kräfte« und der »aussichtslose Widerstand« zu dem Aufschreibematerial des niederen Gottes gehören. Der obere Gott läßt daher in den Unterhaltungen, die in meiner Gegenwart – auch an der Mittagstafel des Anstaltsvorstandes geführt werden – in einer Häufigkeit, die geradezu frappant ist und jeden Gedanken an einen Zufall ausschließt, von »elektrischen Bahnen« sprechen, alles mögliche »kolossal« finden und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit von »Aussichten« erzählen. Für mich liegt in den betreffenden Vorgängen – neben vielem anderen – der unwiderlegliche Beweis, daß die Nerven der Menschen, welche diese Worte gebrauchen – ihnen selbst natürlich unbewußt – durch Strahlenwirkung (Wunder) hierzu veranlaßt werden, mit anderen Worten der Beweis der Wirklichkeit der sogen. »Menschenspielerei«, von welcher der niedere Gott in früheren Jahren unzählige Male zu reden pflegte. Auch hier bin ich mir bewußt, wie unglaublich das von mir Dargelegte für andere Menschen klingen muß; die die Bekräftigung desselben enthaltenden Erfahrungen werden aber von mir an jedem Tage und in jeder Stunde, an jedem Orte und bei jeder Gelegenheit in so erdrückender Fülle gemacht, daß jeder Zweifel an der Objektivität der geschilderten Verhältnisse für mich ausgeschlossen ist. Einzelheiten darüber gedenke ich vielleicht noch später zu geben. In betreff der gewunderten Vögel habe ich dem Vorstehenden noch einiges hinzuzufügen. Es zeigt sich bei ihnen die merkwürdige Erscheinung, daß die einzelnen dabei beteiligten Nerven oder Seelen nach der Verschiedenheit der Jahreszeiten in der Gestalt verschiedener Vogel arten auftreten. Dieselben Nerven sind im Frühjahr etwa in den Leibern von Finken oder anderen Singvögeln, im Sommer in denjenigen von Schwalben, und im Winter in denjenigen von Sperlingen oder Krähen enthalten. Die Identität der betreffenden Seelen beruht für mich nach der mir wohl bekannten Klangfarbe ihrer Stimmen, sowie nach den immer gleichmäßig von ihnen gehörten, ihnen sozusagen einmal eingepfropften Der oben gewählte Ausdruck »eingepfropft«, auf den ich erst im Fortgang meiner Arbeit gekommen bin, scheint mir das Verhältnis noch besser auszudrücken, als die früher gebrauchten Ausdrücke »auswendig gelernt« und »eingebleut«. Bei den letzteren Ausdrücken könnte man noch immer an ein Insbewußtseinaufnehmen des Sinnes der Worte denken; davon ist aber bei den gewunderten Vögeln eben nicht die Rede. Ihre Sprache steht rücksichtlich der eingepfropften Redensarten nicht einmal auf der Höhe der Sprache eines sprechenden Papageis. Denn dieser wiederholt die einmal gelernten Worte kraft eigenen Antriebs, also einer Art freier Willensbestimmung. Die gewunderten Vögel aber müssen die eingepfropften Redensarten ableiern, ohne jede Rücksicht auf Zeit und Gelegenheit und gleichviel, ob sie wollen oder nicht. Redensarten außer allem Zweifel. Danach ergibt sich von selbst die Frage, ob dieselben überhaupt ein kontinuierliches Leben haben können oder nicht von Tag zu Tag oder wenigstens in gewissen längeren Zeitabschnitten neu gewundert werden. Ich kann diese Frage nur aufwerfen, nicht aber beantworten. Ich nehme wahr, daß die gewunderten Vögel fressen und ausleeren, wie sonst die natürlichen Vögel; es wäre ja also möglich, daß der gewunderte Zustand durch Nahrungsaufnahme auf einige Zeit aufrechterhalten würde; auch habe ich im Frühjahr wiederholt Nesterbau beobachtet, was auf eine Fortpflanzungsfähigkeit hinzudeuten scheint. Auf der anderen Seite wird mir eben durch ihre Sprache gewiß, daß sie in gewissen anderen Beziehungen nicht vollkommen natürliche Vögel sind. Ihre Zahl ist sehr erheblich, anscheinend in die Hunderte gehend, so daß ich eine bestimmte Ziffer nicht anzugeben wage. Sie zerfallen nach den von ihnen gesprochenen Redensarten in zwei Gruppen, nach denen sie sich deutlich als teils von dem niederen Gotte, teils von dem oberen Gotte ausgehend unterscheiden. Zu der Gruppe des niederen Gottes gehört namentlich eine Seele in Vogelgestalt, die mir fast stets die nächste ist und daher von den übrigen Stimmen schon seit Jahren als mein »kleiner Freund« bezeichnet zu werden pflegt. Sie erscheint im Frühjahr meist als Specht oder Amsel, im Sommer als Schwalbe und im Winter als Sperling. Die ihr scherzweise gegebene Bezeichnung als »picus, der Specht« wird von den übrigen Stimmen auch dann aufrechterhalten, wenn sie als Amsel, Schwalbe oder Sperling auftritt. Ich kenne genau die einzelnen im Laufe der Jahre ziemlich zahlreich gewordenen Redensarten, die ihr in konstanter Wiederholung zum Sprechen mitgegeben werden und habe darüber, ebenso wie bei den anderen gewunderten Vögeln schon öfters Verzeichnisse aufgestellt, die sich stets als zutreffend erwiesen. Einer großen Anzahl der übrigen Vogelseelen habe ich scherzweise zur Unterscheidung Mädchennamen beigelegt, da sie sich sämtlich nach ihrer Neugier, ihrem Hang zur Wollust usw. am ersten mit kleinen Mädchen vergleichen lassen. Diese Mädchennamen sind dann zum Teil auch von den Gottesstrahlen aufgegriffen und zur Bezeichnung der betreffenden Vogelseelen beibehalten worden. Zu den gewunderten Vögeln gehören alle rascher fliegenden Vögel, also namentlich alle Singvögel, ferner Schwalben, Sperlinge, Krähen usw.; von diesen Vogelarten habe ich nie im Laufe der verflossenen Jahre auch nur ein einziges Exemplar zu sehen bekommen, das nicht gesprochen hätte; auch bei den beiden Wagenausfahrten, die ich im Sommer dieses Jahres (1900) unternommen habe, Vorher, also nahezu sechs Jahre hindurch, bin ich nicht aus den Mauern der Anstalt herausgekommen. haben sie mich jedesmal auf dem ganzen Wege und nach dem Ziele meines Ausflugs begleitet. Dagegen sprechen nicht die auf dem Hofe der hiesigen Anstalt befindlichen Tauben ebensowenig, soweit ich beobachtet habe, ein in einer Dienstwohnung derselben eingefangener Kanarienvogel, sowie die Hühner, Gänse und Enten, die ich teils von meinen Fenstern aus in den unterhalb der Anstalt liegenden Grundstücken teils auf den erwähnten beiden Ausflügen in den dabei von mir berührten Ortschaften gesehen habe; ich muß also annehmen, daß es sich hierbei um einfache, natürliche Vögel handelt. Die ganze Erscheinung der sprechenden Vögel hat etwas so Wunderbares und Märchenhaftes, daß es für mich von höchstem Interesse wäre, die Vogelwelt in anderen Teilen des Landes zu beobachten, da ich natürlich nicht voraussetzen kann, daß die in größerer Entfernung gelegenen Laubwälder usw. der Vogelbevölkerung gänzlich entbehren. (Zusatz v. März 1903.) Das Sprechen aller frei fliegenden Vögel hat auch in den inzwischen vergangenen Jahren, in denen ich den Aufenthalt vielfach gewechselt habe, ununterbrochen fortgedauert und findet bis auf diesen Tag noch statt. Im übrigen würde ich jetzt anstatt des Ausdrucks »gewunderte Vögel«, der oben im Texte gebraucht ist, den Ausdruck »sprechende Vögel« vorziehen. In früherer Zeit habe ich mir eben das Sprechen der Vögel nicht anders erklären zu können geglaubt, als daß diese Vögel als solche gewundert, d.h. jeweilig neu geschaffen worden seien. Nach allem, was ich inzwischen in Erfahrung gebracht habe, möchte ich es für wahrscheinlicher halten, daß es sich um durch natürliche Fortpflanzung entstandene Vögel handelt, in deren Leiber nur auf irgendwelchem übersinnlichen Wege die noch vorhandenen dürftigen Reste der »Vorhöfe des Himmels«, also selig gewesener Menschenseelen eingefügt worden sind oder jeweilig neu eingefügt werden. Daß diese Seelen (Nerven) aber in der Tat in den Vogelleibern darinstecken (vielleicht neben den, den betreffenden Vögeln sonst eigentümlichen Nerven und jedenfalls ohne das frühere Identitätsbewußtsein) ist mir aus den im Texte entwickelten Gründen nach wie vor vollkommen unzweifelhaft. XVI. Denkzwang. Äußerungen und Begleiterscheinungen desselben Nachdem ich in den vorausgehenden Kapiteln geschildert habe, welchen Veränderungen mein äußeres Leben im Laufe der verflossenen Jahre unterworfen war und welche Erscheinungen der von göttlichen Strahlen gegen mich geführte Vernichtungskampf gezeitigt hatte, will ich nunmehr noch einiges Weitere darüber mitteilen, in welchen – ebenfalls mannigfach veränderten – Formen der ununterbrochen fortdauernde Denkzwang sich gleichzeitig geäußert hat. Der Begriff des Denkzwangs ist bereits in Kap. V dahin bestimmt worden, daß derselbe eine Nötigung zu unablässigem Denken enthält, wodurch das natürliche Recht des Menschen auf geistige Erholung, auf zeitweiliges Ausruhen von der Denktätigkeit im Wege des Nichtsdenkens beeinträchtigt, oder wie der grundsprachliche Ausdruck lautet, der »Untergrund« des Menschen beunruhigt wird. Durch Strahleneinwirkung werden meine Nerven in Schwingungen versetzt, die gewissen menschlichen Worten entsprechen, deren Wahl also nicht auf meinem eigenen Willen, sondern auf einem gegen mich geübten äußeren Einflusse beruht. Dabei herrschte von Anfang an das System des Nichtausredens , d.h. die Schwingungen, in die meine Nerven versetzt werden und die dadurch erzeugten Worte enthalten ganz überwiegend nicht in sich abgeschlossene vollendete Gedanken, sondern nur Bruchstücke von solchen, deren Ergänzung zu irgendwelchen vernünftigen Sinne meinen Nerven damit gewissermaßen zur Aufgabe gestellt wird. Es liegt einmal in der Natur der Nerven, daß, wenn auf diese Weise irgendwelche zusammenhangslose Worte, irgendwelche angebrochenen Phrasen in dieselben hineingeworfen werden, die sich unwillkürlich bemühen, dasjenige, was zu einem den menschlichen Geist befriedigenden vollendeten Gedanken noch fehlt, zu suchen. Das System des Nichtausredens ist im Laufe der Jahre, je mehr es den Seelen an eigenen Gedanken zu mangeln anfing, immer weiter ausgebildet worden. Ganz besonders häufig werden seit Jahren in tausendfältiger Wiederholung nur einzelne Konjunktionen oder Adverbialwendungen, die zur Einleitung von Relativsätzen bestimmt sind, in meine Nerven hineingesprochen, denen dann die Ausfüllung der Relativsätze mit irgendwelchem, dem denkenden Geiste genügendem Inhalt überlassen bleibt. So höre ich seit Jahren an jedem Tage in hundertfältiger Wiederholung die ohne jeden Zusammenhang in meine Nerven hineingesprochenen Worte »warum nur?« »warum, weil,« »warum, weil ich,« »es sei denn,« »rücksichtlich seiner« (d.i. in betreff meiner Person ist nunmehr das oder jenes zu sagen oder zu denken), ferner etwa ein ganz sinnlos in meine Nerven geworfenes »O ja,« endlich gewisse Bruchstücke früher vollständig ausgedrückter Redensarten, z.B. »Nun will ich mich,« »Sie sollen nämlich,« »Das will ich mir,« »Nun muß er doch,« »Das war nu nämlich,« »Fehlt uns nun,« usw. Um dem Leser wenigstens einen Begriff von der ursprünglichen Bedeutung dieser abgebrochenen Redensarten zu geben, will ich zu den unter 1-6 angegebenen Beispielen jedesmal die Fortsetzung, die früher wirklich gesprochen wurde, jetzt aber weggelassen und damit gewissermaßen meinen Nerven zur Ergänzung überlassen wird, hinzufügen. Es hätten eigentlich zu lauten die Redensarten Nun will ich mich darein ergeben, daß ich dumm bin; No.2. Sie sollen nämlich dargestellt werden als Gottesleugner, als wollüstigen Ausschweifungen ergeben usw.; No.3. Das will ich mir erst überlegen; No.4. Nun muß er doch wohl mürbe sein, der Schweinebraten; No.5. Das war nu nämlich nach der Seelen Auffassung zuviel; No.6. Fehlt uns nun der Hauptgedanke, d. h. – wir, die Strahlen entbehren der Gedanken. Die wenig geschmackvolle Redensart vom Schweinebraten (ad 4) beruht insbesondere darauf, daß ich selbst einmal vor Jahren in der Nervensprache mich der bildlichen Redewendung von einem »mürben Schweinebraten« bedient hatte. Diese Redewendung ist dann aufgegriffen und zu einem beständig wiederkehrenden Bestandteil des Sprechmaterials gemacht worden. Den »Schweinebraten« soll ich auf mich selbst beziehen, es soll also damit ausgedrückt werden, daß meine Widerstandskraft gegen die auf Zerstörung meines Verstandes gerichteten Angriffe der Strahlen doch nun endlich erschöpft sein müsse. Der Grund des Nichtausredens ist derselbe, der auch sonst in dem Verhalten Gottes mir gegenüber in jedem Punkte hervortritt; man beabsichtigt, sich damit der Notwendigkeit des Aufgehens in meinem Körper infolge der Anziehungskraft zu entziehen. Solange noch annähernd weltordnungsmäßige Zustände herrschten, d.h. vor dem Anbinden an Strahlen und an Erden, (vgl. Kap. IX) genügte jede Übereinstimmung der Empfindung in einem einzigen Gesicht (Augenblick), um ein Herabspringen der frei am Himmel hängenden Seelen in meinem Mund zu veranlassen und damit ihrer selbständigen Existenz ein Ende zu bereiten, ich habe diesen Vorgang, wie bereits in Kap. VII Seite [133] bemerkt, damals in sehr zahlreichen Fällen tatsächlich erlebt. Denselben Erfolg hatten aber auch bloße »verstandesmäßige Erwägungen«, sofern die Seelen denselben in einer grammatikalisch vollständigen Form Ausdruck gaben. Noch jetzt würde der grammatikalisch vollständige Ausdruck eines beliebigen Gedankens ohne weiteres zu mir hinführen, so daß die damit eingehenden (allerdings einer Zurückziehung fähig gewordenen) Strahlen vorübergehend die Seelenwollust meines Körpers erhöhen würden. Das Nichtausreden hat anscheinend die Wirkung, daß die Seelen dadurch gewissermaßen mitten auf dem Wege aufgehalten und der Zurückziehung zugänglich gemacht werden, ehe sie zur Vermehrung der Seelenwollust in meinem Körper beigetragen haben; vollständig und auf die Dauer erreicht wird die Verhinderung der Anziehung allerdings auch dadurch nicht, immerhin scheint wenigstens eine gewisse Verlangsamung stattzufinden. Man kann sich schwer vorstellen, welche geistigen Anstrengungen mir der Denkzwang namentlich in den erwähnten Verschärfungen jahrelang auferlegt hat und welche geistige Qualen mir dadurch bereitet worden sind. In den ersten Jahren empfanden es meine Nerven in der Tat als eine unwiderstehliche Nötigung, für jeden der eingeleiteten Relativsätze, für jede der angebrochenen Phrasen eine den menschlichen Geist befriedigende Fortsetzung zu finden, Das Vermögen, dies, wie es die Erregung der Nerven erforderte, sofort im ersten Gesicht (Augenblicke) zu tun. bezeichnete man als »die Fähigkeit, im ersten Gesichte zu antworten«. so etwa, wie im gewöhnlichen, menschlichen Verkehr auf die Anfrage eines anderen regelmäßig eine Antwort gegeben zu werden pflegt. Um einigermaßen verständlich zu machen, wie eine solche Nötigung an und für sich durch die Natur der menschlichen Nerven gegeben ist, will ich mich eines Beispiels bedienen. Man denke sich den Fall, daß Eltern oder Erzieher einer in der Schule mit ihren Kindern veranstalteten Prüfung beiwohnen. Sofern sie der Prüfung mit Aufmerksamkeit folgen, werden sie sich unwillkürlich auf jede gestellte Frage im Geiste selbst die Antwort geben, sei es nur in der Form: »Ich weiß es nicht, ob es wohl die Kinder wissen werden?« Dabei besteht aber natürlich für die Eltern oder Erzieher keinerlei geistiger Zwang, sie brauchen bloß ihre Aufmerksamkeit von dem Gange der Prüfung ab und irgendwelchen Äußerlichkeiten der Umgebung zuzuwenden, um ihre Nerven vor jeder Anstrengung in der angegebenen Richtung zu bewahren. Darin liegt nun eben der wesentliche Unterschied des gegebenen Beispiels von meinem Falle. Die gestellten Fragen oder die die Nötigung zum Ausüben der Denkfunktion begründenden Fragepartikel werden in meine Nerven, da sie von Strahlen in entsprechende Schwingungen versetzt werden, dergestalt hineingesprochen, daß sie sich der zum Denken zwingenden Erregung gar nicht entziehen können. Ob die gewählte Ausdrucksweise, daß meine Nerven von Strahlen in entsprechende Schwingungen versetzt werden, das Verhältnis ganz richtig trifft, muß ich freilich dahingestellt sein lassen; der von mir unmittelbar empfundene Vorgang ist der, daß die sprechenden Stimmen (neuerdings also insbesondere die Stimmen der sprechenden Vögel) als innere Stimmen wie lange Fäden sich in meinen Kopf hineinziehen und in demselben vermöge des Leichengifts, das sie abladen, eine schmerzhaft spannende Empfindung erzeugen. Den Gegensatz zu diesen inneren Stimmen bilden die äußeren Stimmen, die ich namentlich von den Vögeln gesprochen, von außen her aus den Vogelkehlen selbst zu mir kommend, höre. Jedenfalls können sich in beiden Fällen meine Nerven der Schallempfindung der gesprochenen Worte nicht entziehen und damit ist dann die Erregung meiner Nerven, welche, sofern es sich um Fragen oder unvollendete Gedanken handelt, zum Weiterdenken zwingt, von selbst gegeben. Wenigstens in den ersten Jahren war die Notwendigkeit des Weiterdenkens, der Beantwortung der gestellten Fragen, der stilistischen Ergänzung der angebrochenen Phrasen usw. für meine Nerven völlig unabweisbar; erst im Laufe der Jahre habe ich meine Nerven (meinen »Untergrund«) nach und nach daran zu gewöhnen vermocht, daß sie die gesprochenen Worte und Redensarten wenigstens zum Teil durch einfache Wiederholung zu Formen des Nichtsdenkungsgedankens gestalten, also die Erregung, die an sich zum Weiterdenken nötigen würde, ignorieren. So mache ich es jetzt schon seit langer Zeit mit den Konjunktionen und Adverbialwendungen, die eigentlich die Vervollständigung zu irgendwelchen Relativsätzen erheischen würden. Höre ich z.B. ein »warum, weil ich« oder ein »es sei denn,« so wiederhole ich die betreffenden Worte möglichst lange, ohne mir die Mühe zu geben, eine Ergänzung des Sinns in Verbindung mit den vorher in mir entstandenen Gedanken zu suchen. In gleicher Weise verfahre ich, wenn man, was täglich zu hunderten von Malen geschieht, durch die Worte »wenn nur meine« meine Nerven zur Entwicklung irgendwelcher Befürchtungsgedanken nötigen will, die in Wirklichkeit gar nicht bei mir vorhanden sind, sondern mir nur fälschungsweise untergelegt werden sollen. Welche Fortsetzung man dabei »erwartet« ist mir zwar meistenteils – da in der Regel gleichzeitig ein entsprechendes Wunder erfolgt, das ich an meinem Körper verspüre – bekannt; es soll eine Fortsetzung bald »wenn nur meine Wollust nicht gestört würde,« bald »wenn nur meine Stiefel nicht verwundert würden,« bald »wenn nur meine Nase, meine Augen, meine Kniescheibe, meine Schädeldecke usw. nicht verwundert würden,« folgen. Ich fühle mich aber nicht veranlaßt, diesen doch nur auf Gedankenfälschungen hinauskommenden Blödsinn in Worten vollständig auszugestalten, sondern begnüge mich damit, nachdem ich meine Nerven an die Unterdrückung der betreffenden Erregung gewöhnt habe, die Worte »wenn nur meine« ohne jeden Zusatz möglichst lange zu wiederholen. Im gewöhnlichen Zwiegespräch würde natürlich jeder Mensch auf die von einem anderen gegen ihn gesprochenen Worte »Wenn nur meine« lediglich die Antwort »Ja, was meinen Sie denn eigentlich« oder ein zur Abwehr der Belästigung dienendes Schimpfwort in Bereitschaft haben. Dieses Auskunftsmittel ist mir aber von den Strahlen durch das dann regelmäßig folgende »Das hammirschon« mit der in Kap. IX bezeichneten Wirkung mindestens sehr erschwert, abgesehen davon, daß es auf die Dauer doch gar nicht auszuhalten sein würde, die Nerven den ganzen Tag über nur zu der Gegenfrage »Was meinen Sie denn eigentlich« oder zur Wahl eines Schimpfwortes in Bewegung zu setzen. Nur dann, wenn man sich vorstellt, daß ein Mensch einem anderen Menschen gegenüber unter Anwendung der gewöhnlichen, menschlichen Sprache so verfahren wollte, wie es die Strahlen in der Nervensprache mir gegenüber seit Jahren getan haben und noch tun, bekommt man eine annähernde Vorstellung, welche maßlose Verletzung der ursprünglichsten Menschenrechte in dem Denkzwange liegt und in welcher alle menschlichen Begriffe übersteigenden Weise meine Geduld dadurch in Anspruch genommen worden ist. Man setze nur den Fall, daß ein Mensch sich vor einen anderen hinstellen und ihn den ganzen Tag mit unzusammenhängenden Redensarten, wie die Strahlen sie mir gegenüber brauchen (»Wenn nur meine«, »Das war nu nämlich«, »Sie sollen nämlich« usw.) belästigen wollte. Was würde wohl der Angeredete schließlich anders tun, als den Anredenden mit einigen angemessenen Schimpfworten zur Tür hinauswerfen? So müßte es also eigentlich auch mir zustehen, mein Hausrecht in meinem Kopfe gegen fremde Eindringlinge zu schützen. Dies ist aber Strahlen gegenüber eben nicht möglich, da ich ihre auf der göttlichen Wundergewalt beruhende Einwirkung auf meine Nerven nicht zu hindern in der Lage bin. Die (laute) menschliche Sprache, die als ultima ratio zur Wahrung des Hausrechts allerdings verbleibt, kann doch nicht immer ausgeübt werden, teils aus Rücksicht auf die Umgebung, teils weil ein fortgesetztes Lautsprechen jede vernünftige Beschäftigung unmöglich machen würde, teils endlich weil sie in der Nacht die Möglichkeit, zum Schlafe zu gelangen, ausschließen würde. Darauf beruht es denn nun auch, daß man mich durch die Frage: »Warum sagen Sie's nicht (laut)?« oder durch beleidigende Redensarten immer zum Lautsprechen reizen will (vergl. Kap. IX). Übrigens habe ich in neuerer Zeit, nachdem ich mir über den Zusammenhang der Dinge immer klarer geworden bin, in der Tat keinen Anstand mehr genommen, bei passender Gelegenheit teils in Gesprächen mit meiner Umgebung, teils im Alleinsein von der lauten Sprache einen immer fleißigeren Gebrauch zu machen. Die Eingriffe in die Freiheit des menschlichen Denkens oder genauer gesprochen des Nichtsdenkens, welche das Wesen des Denkzwangs ausmachen, sind im Laufe der Jahre noch wesentlich dadurch verschärft worden, daß das Sprechen der Stimmen in immer langsamerem Tempo geschieht. Es hängt dies zusammen mit der vermehrten Seelenwollust meines Körpers und mit der – trotz aller Aufschreiberei – überaus großen Dürftigkeit des Sprechmaterials, das den Strahlen zur Überbrückung der ungeheuren Entfernungen zu Gebote steht, die die Weltkörper, an denen sie hängen, von meinem Körper trennen. Von dem Grade der Verlangsamung kann sich derjenige, der nicht die besprochenen Erscheinungen, wie ich, persönlich erlebt hat und noch erlebt, kaum eine Vorstellung machen. Ein »aber freilich« gesprochen »a–a–a–a–b–e–e–e–r–fr–ei–ei–ei–li–i –i–i–ch«, oder ein »Warum sch... Sie denn nicht?« gesprochen »W–a–a–a–r–r–u–m–seh–ei–ei–ei–ß–e–e–e –n Sie d–e–e–e–e–n–n–n–i–i–i–i–cht?« beansprucht jedesmal vielleicht 30 bis 60 Sekunden, ehe es vollständig herauskommt. Dadurch müßte in jedem Menschen, der nicht, wie ich auch in der Anwendung geeigneter Abwehrmittel immer erfinderischer geworden wäre, eine nervöse Ungeduld erzeugt werden, die den Betreffenden einfach aus der Haut fahren ließe; nur einen über den Maßen schwachen Abglanz von der den Nerven verursachten Beunruhigung vermag vielleicht das Beispiel zu bieten, daß ein Richter oder Lehrer einen geistig schwerfälligen Zeugen oder Schüler immer vor sich stottern hört und trotz aller Bemühungen nicht zu einer deutlichen Aussprache desjenigen, was der Gefragte eigentlich sagen will oder soll, zu bringen im Stande ist. Zu den verschiedenen Abwehrmitteln gehört vor allen Dingen das Klavierspielen und das Lesen von Büchern oder Zeitungen – sofern es der Zustand meines Kopfes gestattet – woran auch die am längsten ausgesponnenen Stimmen schließlich zugrunde gehen; für diejenigen Tageszeiten, wo dies, wie in der Nacht, nicht gut angängig ist, oder eine Abwechslung in der Beschäftigung zum geistigen Bedürfnisse wird, habe ich in dem Memorieren von Gedichten ein meist erfolgreiches Auskunftsmittel gefunden. Ich habe eine große Anzahl von Gedichten, namentlich Schiller'sche Balladen, größere Abschnitte aus Schiller'schen und Goethe'schen Dramen aber auch Opern-Arien und Scherzgedichte, u. a. aus Max und Moritz, aus dem Struwwelpeter und Spekters Fabeln auswendig gelernt, die ich dann im stillen verbotenen aufsage. Auf den poetischen Wert der Gedichte kommt es dabei natürlich an und für sich nicht an; jede noch so unbedeutende Reimerei, ja selbst jeder Zotenvers ist als geistige Nahrung immer noch Goldes wert gegenüber dem entsetzlichen Blödsinne, der sonst meinen Nerven anzuhören zugemutet wird. Auch bei dem Aufsagen von Gedichten habe ich indessen mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, die den Erfolg zuweilen beeinträchtigen; man wundert dann gedankenzerstreuend an meinen Nerven dergestalt herum, daß ich den Fortgang der von mir auswendig gelernten Gedichte augenblicklich nicht aufzufinden vermag oder es wird, sobald durch das Aufsagen längerer Gedichte die längsten inneren Stimmen wieder einmal zum Schweigen gebracht sind, und damit der auf der Vereinigung aller Strahlen beruhende Zustand hochgradiger Seelenwollust erzielt ist, von dem niederen Gotte das im vorigen Kapitel beschriebene Brüllwunder in Szene gesetzt, so daß mir die Lust am weiteren leisen Aufsagen von Gedichten vergeht oder selbst die physische Möglichkeit dazu benommen wird. Ich bin deshalb genötigt, zeitweise mit den Systemen zu wechseln, gerade so wie außerhalb (von Gottes Allmacht) immer neue Systeme eingerichtet werden, um die Anziehung zu verlangsamen und die zum Schlafe oder der vollen Seelenwollust erforderliche Vereinigung aller Strahlen zu hindern. In neuester Zeit habe ich das anhaltende leise Zählen bis zu einer beliebig hohen Zahl sehr probat gefunden, was freilich auf die Dauer natürlich sehr langweilig ist. Treten, wie nicht selten auch jetzt noch der Fall ist, erheblichere körperliche Schmerzen oder anhaltende Brüllzustände ein, so bleibt als letztes Mittel nur das laute Schimpfen übrig, wozu ich ab und zu schreiten muß, was aber, wie ich zuversichtlich hoffe, in Zukunft immer seltener nötig werden wird. Alle die vorstehend beschriebenen Erscheinungen haben im Laufe der Jahre manche Wandlungen erfahren und sind auch jetzt noch dem Wechsel unterworfen, je nach dem Grade der jeweilig vorhandenen Seelenwollust und der Größe der Entfernung, in die sich Gott zurückgezogen hat. Im ganzen bewähren sich aber auch hier von Tag zu Tag mehr und mehr die Voraussagen, die ich bereits vor Jahren hierüber gemacht habe; als Beweis möge folgender Auszug aus meiner kleinen Studie XIII in dem in Anmerkung 61 [80] erwähnten Notizbuche B dienen: 16. Januar 1898. »Einstweilen d. h. während der Jahre oder Jahrzehnte, die noch bis zur Entmannung vergehen können, ist die Richtung unserer Politik im allgemeinen klar. Ganz unzweifelhaft ist, daß es uns mit jedem Jahre, mit jedem Tage, mit jeder Woche leichter wird , gewisse Rückschläge vorbehalten, die damit zusammenhängen, daß draußen die erforderliche Einsicht nicht vorhanden ist, und auch wohl niemals kommen wird vermöge der Verfassung der Gottesreiche und des Seelencharakters und daher immer noch schwächliche Versuche gemacht werden werden, sich der weltordnungsmäßigen Lösung zu entziehen.« Wegen ihrer charakteristischen Bedeutung muß ich der oben erwähnten Frage »Warum sch ... Sie denn nicht?« noch einige Bemerkungen widmen, so wenig dezent auch das Thema ist, das ich dabei zu berühren genötigt bin. Wie alles andere an meinem Körper, wird nämlich auch das Ausleerungsbedürfnis durch Wunder hervorgerufen; es geschieht dies, indem der Kot in den Därmen vorwärts (manchmal auch wieder rückwärts) gedrängt wird und wenn infolge bereits geschehener Ausleerungen genügendes Material nicht mehr vorhanden ist, wenigstens die noch vorhandenen geringen Reste des Darminhalts auf meine Gesäßöffnung geschmiert werden. Es handelt sich dabei um ein Wunder des oberen Gottes, das an jedem Tage mindestens mehrere Dutzende von Malen wiederholt wird. Damit verbindet sich die für Menschen geradezu unbegreifliche und nur aus der völligen Unbekanntschaft Gottes mit dem lebenden Menschen als Organismus erklärliche Vorstellung, daß das »Sch...« gewissermaßen das letzte sei, d. h. mit dem Anwundern des Sch...dranges das Ziel der Zerstörung des Verstandes erreicht und die Möglichkeit eines endgültigen Rückzugs der Strahlen gegeben sei. Wie mir scheint, muß man, um der Entstehung dieser Vorstellung auf den Grund zu gehen, an das Vorliegen eines Mißverständnisses in betreff der symbolischen Bedeutung des Ausleerungsaktes denken, daß nämlich derjenige, der zu göttlichen Strahlen in ein dem meinigen entsprechendes Verhältnis gekommen ist, gewissermaßen berechtigt sei, auf alle Welt zu sch... Zugleich äußert sich dabei aber auch die ganze Perfidie Indem ich hier den Ausdruck »Perfidie« gebrauche, werde ich kaum nötig haben, an die bereits früher wiederholt (Kap. V gegen das Ende, ferner Kap. XI Anmerkung 74, Kap. XIII Seite [217 f.] usw.) entwickelten Ideengänge zu erinnern, nach denen Gott mir gegenüber im – freilich selbst geschaffenen – Stande der Notwehr handelt und sich daher jeder menschlich-sittlichen Rücksicht zu überhoben erachtet. der Politik, die mir gegenüber verfolgt wird. Nahezu jedesmal, wenn man mir das Ausleerungsbedürfnis wundert, schickt man – indem man die Nerven des betreffenden Menschen dazu anregt – irgendeine andere Person meiner Umgebung auf den Abtritt, um mich am Ausleeren zu verhindern; es ist dies eine Erscheinung, die ich seit Jahren in so unzähligen (tausenden von) Malen und so regelmäßig beobachtet habe, daß jeder Gedanke an einen Zufall ausgeschlossen ist. Mir selbst gegenüber wird dann aber auf die Frage »Warum sch... Sie denn nicht?« mit der famosen Antwort fortgefahren »Weil ich dumm bin so etwa.« Die Feder sträubt sich fast dagegen, den formidablen Unsinn niederzuschreiben, daß Gott in der Tat in seiner auf Unkenntnis der Menschennatur beruhenden Verblendung soweit geht, anzunehmen, es könne einen Menschen geben, der – was doch jedes Tier zu tun vermag – vor Dummheit nicht sch... könne. Wenn ich dann im Falle eines Bedürfnisses wirklich ausleere, – wozu ich mich, da ich den Abtritt fast stets besetzt finde, in der Regel eines Eimers bediene – so ist dies jedesmal mit einer überaus kräftigen Entwicklung der Seelenwollust verbunden. Die Befreiung von dem Druck, der durch den in den Därmen vorhandenen Kot verursacht wird, hat nämlich für die Wollustnerven ein intensives Wohlbehagen zur Folge; das gleiche ist auch beim Pissen der Fall. Aus diesem Grunde sind noch stets und ohne jede Ausnahmen beim Ausleeren und Pissen alle Strahlen vereinigt gewesen; aus eben diesem Grunde sucht man auch stets, wenn ich mich zu diesen natürlichen Funktionen anschicke, den Ausleerungs- und Pißdrang, wenn auch meist vergeblich, wieder zurückzuwundern. XVII. Fortsetzung des Vorigen; »Zeichnen« im Sinne der Seelensprache Aus der im vorigen Kapitel enthaltenen Schilderung wird der Leser den Eindruck gewonnen haben, daß die Prüfungen, die mir durch den Denkzwang auferlegt worden sind, das Maß der Anforderungen, die sonst an das menschliche Leistungsvermögen und an die menschliche Geduld gestellt zu werden pflegen, in vielen Beziehungen weit hinter sich gelassen haben. Um ganz wahr zu sein, habe ich aber hinzuzufügen, daß dabei auf der anderen Seite doch auch manche Erscheinungen hervorgetreten sind, in denen wenigstens zu gewissen Zeiten eine Art von Ausgleich für die mir widerfahrene Unbill gefunden werden durfte. Abgesehen von den Aufschlüssen über übersinnliche Dinge, die mir im Laufe der Jahre zuteil geworden sind und die ich jetzt um kein Gold der Erde mehr aus meinen Erinnerungen streichen möchte, habe ich hier hauptsächlich die geistig anregende Wirkung im Auge, die der Denkzwang auf mich geübt hat. Gerade das zusammenhanglose Hineinwerfen der das Kausalitätsverhältnis oder irgendwelche andere Beziehung ausdrückenden Konjunktionen in meine Nerven (»warum nur«, »warum weil«, »warum weil ich«, »es sei denn«, »wenigstens« usw.) hat mich zum Nachdenken über viele Dinge genötigt, an denen der Mensch sonst achtlos vorüberzugehen pflegt und dadurch zur Vertiefung meines Denkens beigetragen. Jede Vornahme irgendeiner menschlichen Tätigkeit in meiner Nähe, die ich sehe, jede Naturbetrachtung im Garten oder von meinem Fenster aus regt gewisse Gedanken in mir an; höre ich dann in zeitlichem Anschlusse an diese Gedankenentwicklung ein in meine Nerven hineingesprochenes »Warum nur« oder »warum weil«, so bin ich dadurch genötigt oder mindestens in ungleich höherem Grade, als andere Menschen veranlaßt, über den Grund oder Zweck der betreffenden Erscheinungen nachzudenken. Um einige Beispiele aus ganz gewöhnlichen Vorkommnissen zu entnehmen, sei erwähnt, daß gerade in den Tagen, während ich diese Zeilen niederschreibe, ein neues Haus im Anstaltsgarten erbaut und in einem der dem meinigen benachbarten Zimmer ein Ofen umgesetzt wird. Sehe ich den betreffenden Arbeiten zu, so kommt natürlich unwillkürlich der Gedanke: der Mann oder die mehreren Arbeiter machen jetzt dies oder jenes; wird nun gleichzeitig mit der Entstehung dieses Gedankens ein »warum nur« oder »warum weil« in meine Nerven hineingesprochen, so bin ich dadurch in einer nur schwer abweisbaren Weise genötigt, mir über Grund und Zweck jeder einzelnen Hantierung Rechenschaft zu geben. Ähnliches hat sich im Laufe der Jahre natürlich tausendfach ereignet; namentlich werden durch das Lesen von Büchern und Zeitungen immer neue Gedanken angeregt. Die gleichzeitig stattfindende Nötigung, mir für jeden Vorgang, für jede Empfindung und für jede Gedankenvorstellung das Kausalitätsverhältnis zum Bewußtsein zu bringen, hat mich nach und nach in betreff fast aller Naturerscheinungen, in betreff fast aller Äußerungen der menschlichen Tätigkeit in Kunst, Wissenschaft usw. zur Einsicht in das Wesen der Dinge geführt, als sie derjenige zu erlangen pflegt, der wie die meisten Menschen es nicht der Mühe wert erachtet, über die gewöhnlichen Erfahrungen des täglichen Lebens nachzudenken. In vielen Fällen, namentlich bei Empfindungsvorgängen ist es gar nicht leicht, auf die Frage nach dem Grunde (»Warum nur«) eine passende, den menschlichen Geist befriedigende Antwort zu finden, ja in den meisten dieser Fälle, z. B. für die Sätze »Diese Rose riecht schön«, oder »Dieses Gedicht hat eine herrliche poetische Sprache«, oder »Dies ist ein vortreffliches Gemälde«, oder »Dieses Musikstück ist überaus melodiös« müßte eigentlich die Frage nach einem besonderen Grunde selbst als inept empfunden werden. Gleichwohl wird die Frage durch die Stimmen nun einmal in mir angeregt und dadurch für mich ein Anstoß zur Denktätigkeit gegeben, dem ich mich, da das fortwährende Denken zu mühsam wird, wie gesagt, erst nach und nach wenigstens teilweise zu entziehen gelernt habe. Derjenige, der an eine göttliche Weltenschöpfung glaubt, kann natürlich als letzte Ursache aller Dinge und alles Geschehens den Grund anführen, »weil Gott die Welt geschaffen hat.« Zwischen dieser Tatsache und den einzelnen Erscheinungsvorgängen des Lebens liegt aber eine unendliche Zahl von Mittelgliedern, deren sich wenigstens teilweise bewußt zu werden in vielen Fällen ein hervorragendes Interesse gewährt. Besonders viel habe ich mich, angeregt durch den Denkzwang, mit etymologischen Fragen beschäftigt, die auch schon früher in gesunden Tagen mein Interesse in Anspruch genommen haben. Am Schlusse dieser Ausführung möge noch ein Beispiel Platz finden, das vielleicht zu besserer Veranschaulichung des Gesagten beitragen kann. Ich wähle einen sehr einfachen Vorgang, nämlich den, daß mir ein mir bekannter Mensch namens Schneider begegnet. Sehe ich den Betreffenden, so entsteht natürlich unwillkürlich der Gedanke, »Der Mann heißt Schneider« oder »Das ist Herr Schneider.« Nach der Bildung dieses Gedankens ertönt nun also etwa in meinen Nerven ein »Warum nur« oder »Warum weil«. Würde eine solche Frage in diesem Zusammenhang im gewöhnlichen menschlichen Verkehr von einem Menschen an den anderen gerichtet werden, so würde die Antwort wahrscheinlich lauten: »Warum! Was ist das für eine törichte Frage, der Mann heißt nun einmal eben Schneider.« In dieser Weise einfach abwehrend aber können oder konnten wenigstens meine Nerven sich den betreffenden Fragen gegenüber in der Regel nicht verhalten. Ihre Ruhe ist durch die einmal aufgeworfene Frage, warum der Mann Herr Schneider sei oder Herr Schneider heiße, aufgestört. Die in diesem Fall gewiß sehr sonderbare Frage nach dem Grunde beschäftigt sie infolgedessen – namentlich bei ihrer öfteren Wiederholung – unwillkürlich auf so lange, bis es etwa gelingt, eine andere Ablenkung für das Denken zu gewinnen. So werden denn meine Nerven vielleicht zunächst auf die Antwort geführt: Ja, der Mann heißt eben Schneider, weil sein Vater auch Schneider geheißen hat. Bei dieser trivialen Antwort vermögen jedoch meine Nerven keine wirkliche Beruhigung zu finden. Es schließt sich daher ein weiterer Denkprozeß an über die Gründe, warum überhaupt Namensbezeichnungen unter Menschen eingeführt sind, über die Formen, in denen sie bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten aufgetreten sind und über die verschiedenen Beziehungen (Stand, Abstammung, besondere körperliche Eigenschaften usw.), denen sie vorzugsweise entlehnt sind. Auf diese Weise wird eine höchst einfache Wahrnehmung unter dem Drucke des Denkzwanges zum Ausgangspunkte einer sehr umfänglichen Gedankenarbeit, die in den meisten Fällen nicht ganz ohne Früchte bleibt. Eine weitere interessante Erscheinung, die mit dem Strahlenverkehr, der Ursache des Denkzwanges, zusammenhängt, ist das sogenannte »Zeichnen«, dessen ich bereits in Kap. XI flüchtig Erwähnung getan habe. Wahrscheinlich weiß kein Mensch außer mir und ist es namentlich auch der Wissenschaft unbekannt, daß der Mensch alle Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse noch haften, vermöge der den Nerven davon verbliebenen Eindrücke, gewissermaßen wie Bilder in seinem Kopfe mit sich herumträgt. Diese Bilder sind in meinem Falle, wo. die Beleuchtung des inneren Nervensystems durch Strahlen geliefert wird, einer willkürlichen Reproduktion fähig, in der eben das Wesen des Zeichnens besteht. Oder wie ich den Gedanken früher (in meiner kleinen Studie XLIX vom 29. Oktober 1898) in anderer Form ausgedrückt habe: »Das Zeichnen (im Sinne der Seelensprache) ist der bewußte Gebrauch der menschlichen Einbildungskraft zum Zwecke der Hervorbringung von Bildern (und zwar vorwiegend Erinnerungsbildern) im Kopfe, die dann von Strahlen eingesehen werden.« Vielleicht interessiert es, auch den Fortgang der oben erwähnten »kleinen Studie«, der vom Zeichnen im menschlichen Sinne handelt, kennen zu lernen; ich lasse denselben daher nachstehend folgen: Das Zeichnen im menschlichen Sinne ist das Darstellen irgendwelcher Gegenstände auf einer Fläche (im Gegensatz von körperlicher, plastischer Darstellung), farblos (im Gegensatz zur Malerei; oder man kann auch sagen das Malen ist ein Zeichnen in Farben), und zwar entweder bloßes Abzeichnen (nach der Natur zeichnen) d.h. Wiedergabe von Gegenständen, die in der Außenwelt wirklich gesehen worden sind, wobei dann also die menschliche Einbildungskraft außer Spiel bleibt, oder ein Schaffen von Bildern in der Außenwelt noch nicht vorhandener Gegenstände, entweder zu rein künstlerischen Zwecken (Darstellung des Schönen, um sich und andere Menschen zu erfreuen) oder zu praktischen Zwecken, d. h. um diesen Bildern entsprechende Gegenstände dann wirklich herzustellen (Modell, Bauskizze usw.), letzterenfalls also ein Walten der Einbildungskraft (Phantasie von φαινοπαι), das deutsche Wort läßt den Begriff des »etwas in den Kopf oder das menschliche Bewußtsein Hineinbildens «, was außerhalb nicht vorhanden ist, deutlich erkennen, daher auch als Äußerung einer krankhaften Einbildungskraft das »Sicheinbilden« (Vorgaukeln) von Dingen (Hoffnungen usw.), die sich nicht verwirklichen lassen, als Motiven eines unzweckmäßigen, verkehrten Handelns. Die Stilistik dieser kleinen Studie läßt natürlich etwas zu wünschen übrig, da ich, als ich die betreffenden Niederschriften machte, nicht entfernt daran gedacht habe, daß ich jemals den Wunsch hegen könnte, ihren Inhalt auch zur Kenntnis anderer Menschen zu bringen. – Ich vermag von allen Erinnerungen aus meinem Leben, von Personen, Tieren und Pflanzen, von sonstigen Natur- und Gebrauchsgegenständen aller Art durch lebhafte Vorstellung derselben Bilder zu schaffen mit der Wirkung, daß dieselben in meinem Kopfe oder auch je nach meiner Absicht außerhalb desselben, sowohl für meine eigenen Nerven, als für die mit denselben in Verbindung stehenden Strahlen da, wo ich die betreffenden Dinge wahrgenommen wissen will, sichtbar werden. Ich vermag das mit Wettererscheinungen und anderen Vorgängen zu tun; ich kann es beispielsweise blitzen oder regnen lassen – eine besonders wirksame Zeichnung, da alle Wettererscheinungen und namentlich der Blitz den Strahlen als Äußerungen der göttlichen Wundergewalt gelten; ich kann etwa ein Haus unterhalb der Fenster meiner Wohnung brennen lassen usw. usw., alles natürlich nur in meiner Vorstellung, so jedoch, daß die Strahlen, wie es mir scheint, davon den Eindruck haben, als ob die betreffenden Gegenstände und Erscheinungen wirklich vorhanden wären. Ich kann mich selbst an anderer Stelle, als wo ich mich wirklich befinde, z.B. etwa während ich am Klavier sitze, gleichzeitig als in weiblichem Aufputz im Nebenzimmer vor dem Spiegel stehend »zeichnen«; ich kann, was aus den in Kap. XIII angegebenen Gründen von großer Wichtigkeit für mich ist, wenn ich in der Nacht im Bette liege, mir selbst und den Strahlen den Eindruck verschaffen, daß mein Körper mit weiblichen Brüsten und weiblichem Geschlechtsteil ausgestattet sei. Das Zeichnen eines weiblichen Hinteren an meinen Körper – honny soit qui mal y pense – ist mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich dies beim Bücken jedesmal fast unwillkürlich tue. Das »Zeichnen« in der vorstehend entwickelten Bedeutung glaube ich hiernach mit Recht im gewissen Sinne ein umgekehrtes Wundern nennen zu dürfen. Gerade so wie durch Strahlen namentlich in Träumen gewisse Bilder, die man zu sehen wünscht, auf mein Nervensystem geworfen werden, bin ich umgekehrt in der Lage, den Strahlen meinerseits Bilder vorzuführen, deren Eindruck ich diesen zu verschaffen beabsichtige. Es kann sich kaum ein Mensch, der nicht alles erlebte was ich durchzumachen gehabt habe, eine Vorstellung davon machen, in wievielen Beziehungen die Fähigkeit des »Zeichnens« für mich von Wert geworden ist. In der unendlichen Öde meines sonst so einförmigen Lebens, in den geistigen Martern, die mir durch das blödsinnige Stimmengewäsch bereitet wurden, ist sie oft, fast täglich und stündlich, ein wahrhafter Trost und eine wahrhafte Erquickung für mich gewesen. Wie große Freude hat es mir gemacht, von allen meinen Reiseerinnerungen die landschaftlichen Eindrücke meinem geistigen Auge wieder vorführen zu können und zwar manchmal – bei günstigem Verhalten der Strahlen – in so überraschender Naturtreue und Farbenpracht, daß ich selbst und wohl auch die Strahlen nahezu denselben Eindruck hatten, als ob die betreffenden Landschaften da, wo ich sie gesehen wissen wollte, auch wirklich vorhanden wären. In dem Augenblicke, wo ich diese Zeilen niederschreibe, mache ich – gleichsam als Probe – den Versuch, die Gestalt des Matterhorns am Horizont erscheinen zu lassen – da wo in Natur etwa die schöne Höhe bei Dittersbach vorhanden ist – und überzeuge mich, daß dies sowohl bei geschlossenen, als bei offenen Augen bis zu einem gewissen Grade gelingt. In ähnlicher Weise habe ich im Laufe der Jahre unzählige Male die Gestalten mir bekannter Personen in mein Zimmer hereintretend, in dem Garten spazierengehend oder wo ich sie sonst gesehen wissen wollte, »gezeichnet« Ich lasse z. B. – ganz gleich ob bei Tage oder bei Nacht – Napoleon oder Friedrich den Großen durch mein Zimmer hindurchgehen, den Kaiser Wilhelm I. im Krönungsornat aus meinem Kleiderschranke heraustreten usw. usw. oder Abbildungen, die ich irgendwo gesehen hatte, namentlich humoristische aus den fliegenden Blättern usw. in meiner Nähe verkörpert. In schlaflosen Nächten habe ich mich oft dem Wunderspuk der Strahlen gegenüber gewissermaßen dadurch revanchiert, daß ich auch meinerseits alle möglichen Gestalten, ernste und heitere, sinnlich aufregende oder schreckhafte, in meinem Schlafzimmer oder in der Zelle, aufmarschieren ließ; die mir auf diese Weise verschaffte Unterhaltung war ein sehr wesentliches Mittel, um die sonst manchmal kaum erträgliche Langeweile zu überwinden. Das Klavierspielen pflege ich sehr häufig mit entsprechenden Zeichnungen zu begleiten, namentlich beim Spielen aus Klavierauszügen sozusagen eine ganze Aufführung der betreffenden Oper oder einzelner Teile derselben zu veranstalten, indem ich den Gang der Handlung, die auftretenden Personen, die Szenerie usw. meinem geistigen Auge – manchmal in überraschender Deutlichkeit – vorführe. Da ich es vorzugsweise mit gewunderten Vögeln zu tun habe, so mache ich es mir nicht selten zum Vergnügen, diesen das Bild ihrer eigenen Erscheinung etwa scherzhafter Weise in der Art, daß sie von einer Katze aufgefressen werden, in meinem Kopfe aufzuzeigen usw. usw. Natürlich ist das »Zeichnen« in dem entwickelten Sinne mit einem ziemlich erheblichen Grade geistiger Anstrengung verbunden, es setzt daher eine mindestens leidliche Beschaffenheit des Kopfes und dementsprechende gute Laune voraus; sind diese Vorbedingungen vorhanden, so ist die dadurch erzeugte Freude namentlich bei möglichst getreuem Gelingen der beabsichtigten Bilder zuweilen eine recht große. Neben dem bloßen Unterhaltungszwecke hat aber das »Zeichnen« für mich auch noch eine andere, kaum minder wesentliche Bedeutung. Das Sehen von Bildern wirkt, wie bereits in Kap. XI bemerkt worden ist, reinigend auf die Strahlen, sie gehen dann ohne die ihnen sonst anhaftende zerstörende Schärfe bei mir ein. Eben deshalb sucht man auch in der Regel die durch meine Zeichnungen entstehenden Bilder durch entsprechende Gegenwunder zu verwischen; indessen behaupte ich auch hierbei meistens den Sieg, d. h. die von mir beabsichtigten Bilder bleiben bei Einsetzung meines entschiedenen Willens für mich und die Strahlen sichtbar, wennschon sie dabei häufig undeutlicher werden oder nur in verblaßter Form auftreten. Beim Klavierspielen bin ich nicht selten zum gleichzeitigen Zeichnen auch aus dem Grunde veranlaßt, daß ich nur auf diese Weise ein wenigstens annähernd korrektes Spielen ermöglichen kann, indem vermöge der mir dadurch verschafften Gunst der Strahlen die sonst eintretenden störenden Wunder eine gewisse Einschränkung erfahren. Als einer nicht unwichtigen Begleiterscheinung des Denkzwanges habe ich endlich noch des Umstandes zu gedenken, daß alle Geräusche, die ich vernehme, namentlich solche von einer gewissen längeren Dauer, wie das Rasseln der Eisenbahnzüge, das Schnurren der Kettendampfer, die Musik etwaiger Konzerte usw., die von den Stimmen in meinen Kopf hineingesprochenen Worte, sowie diejenigen Worte, in die ich meine Gedanken selbständig mit entsprechender Nervenschwingung formuliere, zu sprechen scheinen . Es handelt sich hier, im Gegensatz zu der Sprache der Sonne und der gewunderten Vögel, natürlich nur um ein subjektives Gefühl: der Klang der gesprochenen oder von mir entwickelten Worte teilt sich eben von selbst den von mir gleichzeitig empfangenen Gehörseindrücken der Eisenbahnen, Kettendampfer, knarrenden Stiefel usw. mit; es fällt mir nicht ein, zu behaupten, daß die Eisenbahnen, Kettendampfer usw. wirklich sprechen, wie dies bei der Sonne und den Vögeln der Fall ist. Die Erscheinung wird aber gerade an den Strahlen besonders lästig empfunden, da diese in den weltentfernten Regionen, die früher ihren Aufenthalt bildeten, wie schon früher (Kap. VII, Seite [137]) erwähnt, die heiligste Ruhe gewöhnt waren und von allen Geräuschen schreckhaft berührt werden. Die Sätze »wenn nur die verfluchten Eisenbahnen zu sprechen aufhörten,« »wenn nur die verfluchten Kettendampfer zu sprechen aufhörten« usw. gehörten daher lange Zeit hindurch zu den stehenden Redensarten. Natürlich hatte der Gebrauch dieser Redensarten nicht den mindesten praktischen Erfolg. Die Vorstellung, als ob man, um irgendeinen Übelstand zu beseitigen, nur recht oft den Wunsch der Beseitigung in Worten auszudrücken brauche, scheint aber überhaupt in der Eigentümlichkeit des Seelencharakters begründet zu sein. So wird auch mir, wenn man mir z. B. ein heißes Gesicht oder kalte Füße wundert, fortwährend zugemutet, daß ich laut sagen soll: »wenn nur die verfluchte Hitze aufhörte« oder »wenn ich nur nicht an die Füße fröre,« während ich als praktischer Mensch es selbstverständlich vorziehe, mir statt dessen das Gesicht kalt zu waschen oder die Füße durch Reibung zu erwärmen. Die Frage, ob jene Eigentümlichkeit des Seelencharakters als eine Schwäche desselben zu bezeichnen sei, will mit großer Vorsicht beantwortet sein: Seelen waren nun einmal nach ihrem weltordnungsmäßigen Daseinsbedingungen nur zum Genießen, nicht, wie der Mensch oder andere Geschöpfe der Erde, zu einem Handeln im praktischen Leben berufen. Für mich würde das Sprechen der Eisenbahnen und sonstigen Geräusche an und für sich eine ziemlich gleichgültige Erscheinung sein; von Bedeutung ist sie nur insofern für mich geworden, als sie sich in meiner Hand zu einem nicht zu unterschätzenden Machtmittel gegenüber den Gedankenfälschungen der Strahlen gestaltet hat. Da ich wenigstens auf kürzere Zeit bei Anspannung meiner Willensenergie die Schwingungen meiner Nerven nach meinem Belieben unter Fernhaltung aller von außen her verursachten Schwingungen einrichten kann, so »beherrsche ich alle Geräusche,« wie der Ausdruck lautet, auf gewisse Zeit und bin also in der Lage, solange Eisenbahnen, Kettendampfer usw. vorbeifahren, gewisse Formen des Nichtsdenkungsgedankens den Strahlen aufzuzwingen und damit meinen Nerven vorübergehend Ruhe zu verschaffen. XVIII. Gott und die Schöpfungsvorgänge; Urzeugung; gewunderte Insekten. »Blickrichtung«. Examinationssystem Soviel ich auch in den vorhergehenden Kapiteln über göttliche Wunder zu berichten hatte, so ist dies doch bisher überwiegend nur in der besonderen Richtung geschehen, daß ich ihre schädigenden Einwirkungen auf meinen Körper und die durch dieselben verursachten Erschwerungen der jeweilig von mir gewählten Beschäftigungen zu besprechen hatte. Offenbar handelt es sich hier um ein ganz abnormes Verhältnis, das nur dadurch entstanden ist, daß die Weltordnung selbst in wesentlichen Stücken aus den Fugen gegangen ist. An und für sich liegt nicht die Bekämpfung eines einzelnen Menschen und irgendwelche Zerstörungsarbeit an dessen Körper, sondern das Schaffen in der Zweckbestimmung der göttlichen Strahlen. Diese eigentliche Funktion der Strahlen, die schaffende Wundergewalt Gottes tritt auch jetzt noch in vielen Beziehungen erkennbar für mich zu Tage, und ich will daher nicht unterlassen, die Vorstellungen, die ich mir nach meinen bezüglichen Wahrnehmungen hierüber gebildet habe, darzulegen. Allerdings wage ich mich dabei an die schwierigste Materie, die wohl jemals den menschlichen Geist beschäftigt hat, und ich muß gleich von vornherein betonen, daß ich mich nur zu einigen wenigen Bemerkungen von lückenhaftem aphoristischem Charakter für befähigt erachte. Das eigentliche Schöpfungsgeheimnis bleibt in der Hauptsache auch für mich ein Buch mit verschlossenen Siegeln; nur Ahnungen, die ich darüber erlangt habe, können in dem Folgenden wiedergegeben werden. Wie bereits früher (Kap. I Anmerkung 11) bemerkt worden ist, glaube ich das Wesen des göttlichen Schaffens dahin bezeichnen zu können, daß es eine teilweise Selbstentäußerung der Strahlen ist, die mit dem bewußten Willen abgesendet werden, irgendwelche Dinge der Außenwelt hervorzubringen. Gott will , daß etwas werde, und indem er Strahlen mit diesem Willen entsendet, ist das Gewollte auch ohne weiteres da . Es ist das Verhältnis, das die Bibel in so bezeichnender Weise mit den Worten ausdrückt »Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.« der nähere Zusammenhang entzieht sich dem menschlichen Verständnis. Dabei scheint jedoch die göttliche Schaffensmacht nicht ganz ohne gewisse Schranken zu sein, nicht ganz der Gebundenheit an gewisse Vorbedingungen zu entbehren, die hauptsächlich in dem räumlichen Verhältnisse zu demjenigen Weltkörper, auf welchem die schaffende Gewalt entfaltet werden soll, namentlich in dem Grade der Annäherung begründet sein dürften. Um einen fertigen Menschen hervorzubringen – ein Schöpfungsakt, der, wie ich annehmen zu dürfen glaube, vor unvordenklichen Zeiten in der Tat irgend einmal stattgefunden hat – bedurfte es, wenn ich so sagen darf, einer ungewöhnlichen Kraftanstrengung, einer ganz exzeptionellen Annäherung an den betreffenden Weltkörper, die, als dauernder Zustand gedacht, vielleicht mit den eigenen Existenzbedingungen Gottes oder mit der Fürsorge für das ganze übrige Weltall unvereinbar gewesen wäre. Das gleiche, was vom Menschen gesagt ist, gilt natürlich auch von jeder höheren Form des Tierlebens, die im Vergleich zu den bisher schon vorhandenen niederen Formen desselben geschaffen werden sollte. Man könnte sich also vorstellen, daß das Ganze der Schöpfung auf irgendeinem Weltkörper nicht, wie nach der Darwinistischen Auffassung, ein Hervorgehen neuer Arten durch allmähliche Umwandlung derselben, sondern das Aufeinanderfolgen einzelner Schöpfungsakte gewesen ist, durch welche jeweilig eine neue Art, allerdings nicht ohne Erinnerung an die früher vorhandenen, sozusagen als Modelle dienenden Arten geschaffen wurde. Jede Art könnte nur in einem oder einigen wenigen Individuen erschaffen worden sein, denen das Geschenk der Fortpflanzungsfähigkeit gewissermaßen mit in die Wiege gelegt war und die daher unter günstigen Bedingungen zu einer beliebig großen Menge sich vervielfältigen konnten. Selbstverständlich mußten jeweilig bei Erschaffung einer neuen Art die Voraussetzungen gegeben sein, unter denen sich dieselbe auf die Dauer behaupten konnte; die physikalischen Verhältnisse des betreffenden Weltkörpers (Temperatur, Verteilung von Luft und Wasser usw.) mußten bereits bis zu einem entsprechenden Grade vorgeschritten und eine hinreichende Bevölkerung an Pflanzen und niederen Tierformen vorhanden sein, die den höheren Formen zur Nahrung dienen konnte. Die Krone der ganzen Schöpfung aber bildete der Mensch, auf dessen Erschaffung als ein gottähnliches und nach dem Tode sich wieder in Gott verwandelndes Wesen (vgl. Kap. I Anmerkung 11) der Schöpfungsplan von vornherein angelegt war. Zu einer wissenschaftlichen Durcharbeitung der kosmogonischen Auffassung, die ich im Vorstehenden nur in wenigen großen Strichen angedeutet habe, fehlt es mir beinahe an allen und jeden Voraussetzungen. Es fehlt mir fast gänzlich an wissenschaftlichen Hilfsmitteln; es fehlt mir während des größeren Teils der mir zur Verfügung stehenden Zeit an einer entsprechenden gesundheitlichen Verfassung, da ich, während ich arbeite, fortwährend gedankenzerstreuenden oder sonst meinen Kopf schädigenden Wundern ausgesetzt bin, die eine anhaltende Denkarbeit auf einem so schwierigen Gebiete häufig zur Unmöglichkeit machen; es würde endlich vielleicht auch ein schärferer Verstand als der meinige dazu gehören, um die Riesenaufgabe zu lösen, die in einer vollkommen wissenschaftlichen Begründung dieser Auffassung liegen würde. Ich werde mich daher in dem Folgenden im wesentlichen damit begnügen müssen, diejenigen Wahrnehmungen mitzuteilen, die mich auf die gewonnene Auffassung hingeleitet haben. Das Ziel meines Strebens kann nur dahin gehen, dem Leser den Eindruck zu verschaffen, daß er es nicht bloß mit leeren Hirngespinsten eines armen Geisteskranken zu tun hat – als solcher gelte ich ja zur Zeit noch vor den Menschen – sondern mit Ergebnissen, die aufgrund ganz besonderer, anderen Menschen ihrer Natur unzugänglicher Erfahrungen durch mehrjähriges, reifliches Nachdenken gewonnen worden sind, und die, wenn sie vielleicht auch noch nicht in allen Stücken die volle Wahrheit enthalten sollten, doch jedenfalls der Wahrheit unvergleichlich näherkommen, als alles dasjenige, was andere Menschen im Laufe der Jahrtausende über diesen Gegenstand gedacht und geschrieben haben. Die wichtigste der betreffenden Wahrnehmungen besteht darin, daß ich die unmittelbare Entstehung (Erschaffung) durch göttliche Wunder wenigstens an niederen Tieren seit Jahren erlebt habe und jetzt noch täglich und stündlich in meiner Nähe erlebe. Ich bin danach zu der sicheren Überzeugung gelangt, daß es eine Urzeugung (elternlose Zeugung, generatio aequivoca) in der Tat gibt, aber nicht in dem Sinne, den die materialistische Richtung der Naturwissenschaft mit diesen Ausdrücken zu verbinden pflegt, daß nämlich unorganische Substanzen durch irgendwelches ungefähr in der Weise in Verbindung miteinander treten, daß irgendein organisiertes (belebtes) Wesen aus der Verbindung hervorgeht, sondern in der hiervon gänzlich verschiedenen Bedeutung, daß es sich bei der Entstehung der betreffenden Wesen um zielbewußte Äußerungen der göttlichen Willensmacht oder Schöpferkraft handelt. Die Tiere, die hierbei erschaffen werden, gehören je nach Verschiedenheit der Tages- und Jahreszeiten verschiedenen Gattungen an; am häufigsten sind außer Spinnen Insekten aller Art in Frage, namentlich Fliegen, Mücken, Wespen, Bienen, Hummeln, Ameisen, Öhrlinge, Schmetterlinge, Nachtvögel, Motten usw. usw. Diese Tiere erscheinen bei ganz bestimmten Gelegenheiten und in ganz bestimmter Abwechslung fortwährend in meiner Nähe und zwar, wie ich nach der Häufigkeit der betreffenden Erscheinungen nicht im mindesten mehr bezweifeln kann, nicht als schon von früher her vorhandene, nur zufällig in meine Nähe getriebene, sondern als jeweilig neu erschaffene Wesen. Ich kann z.B. mit voller Sicherheit darauf rechnen und daher voraussagen , daß, wenn ich im Garten auf einer Bank sitze und, da mir nun durch Wunder die Augen geschlossen werden, infolge der jeweilig in kurzer Zeit sich ergebenden Vereinigung aller Strahlen es zum Schlafe kommen müßte, alsbald eine Fliege, Wespe oder Hummel oder auch ein Mückenschwarm erscheint , um mich am Schlafe zu verhindern. Die betreffenden Wunder gehen zur Zeit meist noch von dem niederen Gott (Ariman) aus; doch will es mir scheinen, als ob derartige, verhältnismäßig harmlose Wunder in neuester Zeit auch von dem oberen Gott (Ormuzd) geübt würden, da, wie schon früher erwähnt, infolge der stetig sich steigernden Seelenwollust auch dessen feindselige Gesinnung in starker Abnahme begriffen ist. Dafür, daß es nicht mir zufällig zufliegende, sondern jeweilig um meinetwillen neuerschaffene Wesen sind, habe ich die bündigsten und für mich überzeugenden Beweise in geradezu erdrückender Fülle. Ob ich die gleiche Überzeugung auch anderen Menschen beibringen kann, bleibt natürlich zur Zeit noch fraglich: Indessen lege ich auch darauf nicht den Hauptwert. Es ist vorläufig keineswegs meine Absicht, Propaganda für meinen Wunderglauben und für meine Vorstellungen von göttlichen Dingen zu machen; ich beschränke mich vielmehr darauf, meine Erlebnisse und Erfahrungen darzulegen, in der sicheren Erwartung, daß das Gesamtbild der wunderbaren Erscheinungen, die an meiner Person zu beobachten sind und wahrscheinlich künftig immer deutlicher hervortreten werden , der Erkenntnis der Wahrheit – und sollten auch noch Jahre darüber vergehen – auch bei anderen Menschen von selbst Bahn brechen wird. Weil ich aber nun einmal auf den Einwurf gefaßt sein muß, es sei doch gar nichts Ungewöhnliches, daß zu gewissen Zeiten Fliegen im Zimmer, Wespen im Freien herumfliegen usw., und es sei also lediglich eine krankhafte Einbildung von mir, bei allen diesen Erscheinungen an göttliche Wunder zu glauben, die zu meiner Person in irgendwelcher Beziehung stehen, so will ich wenigstens einige der wichtigeren Anhaltspunkte anführen, die mir die gegenteilige Überzeugung infolge jahrelanger Wiederholung der betreffenden Erscheinungen zur unumstößlichen Gewißheit machen. Jedesmal, wenn ein Insekt der erwähnten Gattungen erscheint, wird nämlich auch gleichzeitig das Wunder der Blickrichtung an meinen Augen geübt; es ist dies ein Wunder, das ich bisher noch nicht erwähnt habe, das aber seit Jahren bei den verschiedensten Anlässen ganz regelmäßig in Szene gesetzt wird. Strahlen wollen eben beständig dasjenige sehen, was ihnen gefällt, und dies sind vorzugsweise entweder weibliche Wesen, durch welche ihre Wollustempfindung erregt wird, oder die eigenen Wunder, deren Anblick ihnen nach dem bereits in Kap. I hierüber Bemerkten die Freude an den von ihnen erschaffenen Dingen gewährt. Man gibt also meinen Augen durch entsprechende Einwirkung auf meine Augenmuskeln diejenige Richtung, nach welcher mein Blick auf die soeben erschaffenen Dinge (in anderen Fällen auf ein weibliches Wesen) fallen muß . Über die Objektivität dieses Vorgangs habe ich nach seiner tausendfältigen Wiederholung nicht den mindesten Zweifel, da ich aus eigenem Antriebe sicher nicht das mindeste Verlangen haben würde, jede Fliege, jede Wespe und jeden Schmetterling usw., der zufällig in meiner Nähe erschiene, einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen. Daß ich mir dessen bewußt werden muß, ob meine Augen in der angegebenen Weise nach irgendeinem für mich an und für sich gleichgültigen Gegenstande sozusagen herumgedreht werden oder ob ich dieselben freiwillig nach einem mich interessierenden Punkte meiner Umgebung richte, wird man wohl glaublich finden. Derartige Blickrichtungswunder werden, wie im Text hervorgehoben, eben auch noch bei anderen Anlässen geübt, neuerdings, wo die Gesinnung der Strahlen mir gegenüber überhaupt eine freundlichere geworden ist, manchmal sogar in der Weise, daß dies lediglich in einem mir günstigen Sinne geschieht. Ich mache z.B. fast alltäglich die Erfahrung, daß, wenn ich unter meinen Büchern ein einzelnes Buch oder unter meinen Noten einen einzelnen Notenband oder sonst irgendeinen kleinen Gegenstand (Nadel, Zigarrenschere u. dergl.) suche, den der Mensch wegen seiner Kleinheit nicht im Augenblick bemerken würde, mein Blick durch Wunder (Augenverdrehung) auf den gesuchten Gegenstand gerichtet wird. Diese in ihrer Objektivität für mich vollkommen unzweifelhafte Erscheinung ist nach meinem Darfürhalten von der höchsten grundsätzlichen Wichtigkeit für die Erkenntnis göttlicher Eigenschaften und Kräfte . Es geht daraus hervor, einmal, daß die Strahlen (was mir auch sonst aus tausend Gründen unzweifelhaft ist) meine Gedanken lesen können (da sie ja außerdem nicht wissen könnten, was ich im Augenblick gerade suche) und zweitens , daß ihnen jeweilig bewußt ist, wo der gesuchte Gegenstand sich befindet, mit anderen Worten der Ort, wo sich irgendein Gegenstand befindet, von Gott vermittelst des Sonnenlichtes in ungleich vollkommenerer und sicherer Weise, als von den Menschen vermittelst des Sehvermögens wahrgenommen werden kann. Dazu bedarf es übrigens keineswegs der vollen Tagesbeleuchtung: es genügt vielmehr die schwächere Lichtausstrahlung, die auch in der Nacht stattfindet; gerade im Halbdunkel oder bei völliger Dunkelheit in der Nacht wird mir auf diese Weise oft das Auffinden gesuchter Gegenstände durch Blickrichtung erleichtert. Dazu kommt aber noch, daß auch die mit mir redenden Stimmen die betreffenden Erscheinungen jedesmal zum Gegenstande einer ihnen eigens gewidmeten Unterhaltung machen. Es geschieht dies in verschiedener Weise, entweder , indem man meinen Nerven fälschungsweise gewisse Befürchtungs- oder Wunschgedanken unterlegt z.B. wenn nur die verfluchten Fliegen aufhörten, wenn nur die verfluchten Wespen aufhörten usw., oder , indem man eine auch sonst bei jeder Gelegenheit hervortretende Examinationsabsicht damit verfolgt. Gott kann sich nun einmal nach dem bereits in Kap. XIII hierüber Bemerkten von der Vorstellung nicht losmachen, daß in jedem gegebenen Augenblicke, sobald das Nichtsdenken bei mir eintritt, d.h. in Worten formulierte Gedanken aus meinen Nerven nicht herausklingen, der Zustand vollständiger Verdummung (der »Blödsinn«) bei mir Platz gegriffen habe; er hat aber gleichwohl immer den Wunsch, sich darüber zu vergewissern, ob diese Annahme auch wirklich zutreffe und damit der erhoffte Zeitpunkt, in welchem ein endgültiger Rückzug der Strahlen möglich sein werde, eingetreten sei. Die Form des Examinierens ist eine höchst eigentümliche und für jemand, der mit der Menschennatur vertraut ist, kaum verständliche. Man läßt die Personen meiner Umgebung, deren Nerven man hierzu anregt, gewisse Worte, und zwar die Verrückten mit Vorliebe irgendwelche gelehrte Brocken (womöglich fremden Sprachen angehörige), die ihnen aus ihren früher erlangten Kenntnissen noch zur Verfügung stehen, sprechen und legt sich nun bei mir sozusagen aufs Ohr, indem man die Worte in meine Nerven hineinspricht: »Fand Aufnahme« (scilicet in das Bewußtsein oder das Verständnis); also, um ein Beispiel zu gebrauchen, es werden etwa von irgendeinem Verrückten ohne jeden Zusammenhang die Worte »Rationalismus« und »Sozialdemokratie« ausgestoßen und es wird gleichzeitig mit den von den Stimmen gesprochenen Worten »Fand Aufnahme« bei mir angeklopft, ob für die Begriffe »Rationalismus« und »Sozialdemokratie« noch Verständnis bei mir vorhanden sei, d.h. ob ich noch wisse, was diese Worte zu bedeuten haben. Die Vorstellung einer bei mir jeweilig eingetretenen Verdummung ist eine so hartnäckige und der Grad der bei mir vorausgesetzten Dummheit ein so großer, daß man Tag für Tag von neuem bezweifelt, ob ich die Personen meiner Umgebung noch kenne, ob ich von den alltäglichsten Naturerscheinungen, Kunst- und Gebrauchsgegenständen, sonstigen Vorgängen noch eine Vorstellung habe, ja sogar, ob ich überhaupt noch wisse, wer ich selbst sei oder gewesen sei . Die dem Examinierzwecke dienenden Worte »Fand Aufnahme« ertönen daher nach dem mit der Blickrichtung erfolgten Hinweise auf die betreffenden Erscheinungen oder Gegenstände, um noch einige weitere Beispiele anzuführen, in meinen Nerven selbst in der Weise, daß ich mit anhören muß »Der Geheime Rat – fand Aufnahme,« »der Vorsteher (Oberpfleger) – fand Aufnahme,« »Schweinebraten – fand Aufnahme,« »Eisenbahn – fand Aufnahme,« vor allen Dingen auch »Das will ein Senatspräsident gewesen sein – fand Aufnahme« usw. usw. Dies alles geschieht seit Jahren, Tag für Tag und Stunde für Stunde in tausendfältiger Wiederholung. Incredibile scriptu, möchte ich selbst hinzufügen, und doch ist alles tatsächlich wahr, so wenig andere Menschen den Gedanken einer so totalen Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen richtig zu beurteilen, werden fassen können, und so langer Zeit es auch für mich bedurft hat, um mich an diesen Gedanken nach den unzähligen, hierüber gemachten Beobachtungen zu gewöhnen. In ähnlicher Weise examinierend wird nun also auch beim Erscheinen der gewunderten Insekten verfahren. In jetziger Jahreszeit (Anfang September) sind beispielsweise bei meinen Spaziergängen im Garten die Schmetterlinge besonders zahlreich. Fast ohne Ausnahme erfolgt daher beim Auftreten eines Schmetterlings erstens die Blickrichtung auf das betreffende, offenbar soeben erst neugeschaffene Wesen und ertönen zweitens in meinen Nerven die von den Stimmen in dieselben hereingesprochenen Worte »Schmetterling – fand Aufnahme,« d.h. man hat es für möglich gehalten, daß ich nicht mehr wisse, was ein Schmetterling sei und fragt also damit gewissermaßen bei mir an, ob der Begriff »Schmetterling« noch Eingang in mein Bewußtsein finde. Ich sollte meinen, daß die vorstehenden Bemerkungen selbst dem nüchternsten Leser den Eindruck aufdrängen müssen, daß doch ganz merkwürdige Dinge mit mir vorgehen. Man könnte vielleicht nur zweifeln, ob ich die Wahrheit sagen könne und wolle, d.h. ob ich etwa zu Übertreibungen geneigt sei oder irgendwelchen Selbsttäuschungen unterliege. Demgegenüber darf ich von mir selbst behaupten, daß – mag man von meinen sonstigen geistigen Fähigkeiten denken, was man will – ich zwei Eigenschaften unbedingt für mich in Anspruch nehme, nämlich einmal unverbrüchliche Wahrheitsliebe und das andere Mal eine mehr als gewöhnliche Schärfe der Beobachtungsgabe, und daß das Vorhandensein dieser beiden Eigenschaften von niemand, der mich in meinen gesunden Tagen gekannt hat oder der sich jetzt zum Zeugen meines ganzen Tuns und Lassens machen kann, in Zweifel gezogen werden wird. In betreff der gewunderten niederen Tiere (Insekten etc.) habe ich schon oben hervorgehoben, daß dabei gewisse Unterschiede nach der Verschiedenheit der Jahres- und Tageszeiten zu beobachten sind. Auch Gott kann nicht zu beliebiger Zeit alles mögliche schaffen. Vielmehr ist das Maß seiner Schöpferkraft von dem – für die Entstehung der Jahres- und Tageszeiten maßgebenden – Verhältnisse zwischen der Sonne und der Erde, und wie mir scheinen will, sogar von der jeweiligen Wetterlage abhängig. Dabei hat man sich zu erinnern, daß nach meinen bereits früher (Kap. I und Kap. VII bei Anmerkung 44c [44]) entwickelten Vorstellungen die Sonne nicht eigentlich als ein für Gott fremder Machtfaktor anzusehen ist, sondern in gewissem Sinne mit Gott selbst identifiziert werden muß, d.h. als das der Erde zunächst gelegene Werkzeug seiner schaffenden Wundergewalt sich darstellt. Mit andern Worten: Gott kann jeweilig nur dasjenige schaffen, wozu er sich nach den einmal eingerichteten räumlichen Beziehungen zwischen sich selbst und dem betreffenden Weltkörper und der dadurch bedingten Licht- und Wärmeausstrahlung in den Stand gesetzt hat. Demnach erscheinen Schmetterlinge nur am Tage, Wespen, Bienen und Hummeln vorzugsweise an besonders warmen Tagen, Nachtvögel, Mücken und Motten dagegen am Abend, wo dieselben überdies – wie auch sonst – durch den Schein der Lampe angezogen werden. Ob und inwieweit es mit den in Kap. XV besprochenen gewunderten (sprechenden) Vögeln eine ähnliche Bewandtnis hat, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Vergl. hierzu die Anmerkung 93 b Seite [239]. Bereits in dem erwähnten Kapitel habe ich bemerkt, daß auch die sprechenden Vögel jeweilig denjenigen Vogelarten angehören, in denen sie sonst nach Verschiedenheit der Jahreszeiten bei uns aufzutreten pflegen. Ein wesentlicher Unterschied besteht aber jedenfalls insofern, als in den sprechenden Vögeln, wie ich aus den bereits früher angeführten Gründen anzunehmen habe, Reste früherer Menschenseelen stecken, was bei den gewunderten Insekten nicht der Fall ist. Der Klang der in meinen Kopf hineingesprochenen Stimmen teilt sich zwar, wenn eine Wespe oder Fliege längere Zeit in meiner Nähe schwirrt, dem Gesumme der genannten Tiere mit, so daß dieselben ebenfalls zu sprechen scheinen. Dies ist aber, wie bei den übrigen, am Schlusse von Kap. XVII erwähnten Geräuschen (Eisenbahnen, Kettendampfern usw.) unzweifelhaft nur ein subjektives Gefühl. Dagegen tritt bei den gewunderten Insekten wiederum ein anderes interessantes Moment zu Tage, das eine weitere Bestätigung meiner Annahme, wonach es sich um neugeschaffene Wesen handelt, enthält. Je nach der Gesinnung, von der Gott mir gegenüber erfüllt ist, kommen nämlich in ganz regelmäßigem Wechsel mehr belästigende oder weniger belästigende Wesen zum Vorschein. Die Gesinnung aber wird, wie ebenfalls schon früher ausgeführt wurde, durch den Grad der jeweilig vorhandenen Seelenwollust und das Maß der Entfernung, in welche sich Gott zurückgezogen hat, bestimmt; je weiter er sich entfernt hat und je geringer die Seelenwollust ist, desto unfreundlicher tritt er mir entgegen. Die Perioden freundlicherer und unfreundlicherer Gesinnung wechseln in rascher Folge an jedem einzelnen Tage vielfach miteinander. In den letzteren erscheinen daher z.B. in der Nacht Öhrlinge, Spinnen und dergleichen, am Tage Wespen, Hummeln usw., mit anderen Worten, Tiere, deren Nähe besonders störend, ekel- oder auch – durch Stiche – schmerzerregend auf den Menschen wirkt, in den ersteren aber Fliegen, Motten, Schmetterlinge usw., die von mir kaum als eine nennenswerte Belästigung empfunden werden. Im Zusammenhang mit dem vorstehend Besprochenen habe ich endlich noch der sogenannten Schreckwunder, als einer vermutlich ebenfalls mit der schaffenden Wundergewalt Gottes in Verbindung stehenden Erscheinung, zu gedenken. Schreckwunder – der nicht von mir, sondern von den Stimmen herrührende Ausdruck ist der wenigstens ursprünglich damit beabsichtigten Wirkung entlehnt – werden seit Jahren in den verschiedensten Formen in meiner Nähe geübt. In den früheren Jahren erschienen zuweilen, während ich im Bett lag – nicht schlafend, sondern in wachem Zustande – allerhand abenteuerliche, ich möchte sagen lindwurmartige Gestalten in unmittelbarer Nähe meines Bettes von ziemlicher Größe, annähernd der Größe meines Bettes entsprechend, und so nahe, daß ich sie fast mit Händen hätte greifen können. Der Kategorie der »Schreckwunder« gehören wahrscheinlich auch an die »schwarzen Bären« und jedenfalls die »weißen Bären«, die ich nach dem in Kap. VI Bemerkten zur Zeit meines Aufenthaltes in der Flechsig'schen Anstalt öfters gesehen habe. Schreckwunder in der Gestalt plötzlich auftauchender schwarzer Schatten erschienen seit Jahren und erscheinen auch jetzt noch tagtäglich, bei Tag und bei Nacht, während ich auf dem Korridor herumgehe oder Klavier spiele usw. in meiner unmittelbaren Nähe, zuweilen eine der menschlichen Gestalt ähnliche Form annehmend. Ich kann sogar die Schreckwunder oder etwas dem Ähnliches willkürlich provozieren, wenn ich meine Hand vor eine weiße Fläche, etwa die weißgestrichene Stubentür oder den mit weißer Glasur versehenen Ofen halte, indem dann ganz eigentümliche Schattenverzerrungen, offenbar durch eine ganz besondere Veränderung der von der Sonne ausgehenden Lichtausstrahlung erzeugt, sichtbar werden. Daß es sich bei allen diesen Erscheinungen nicht um bloße subjektive Empfindungen (»Gesichtstäuschungen« im Sinne von Kräpelins Psychiatrie Seite 110) handelt, ist mir ganz unzweifelhaft, da jedesmal beim Erscheinen eines Schreckwunders meine Aufmerksamkeit im Wege der Blickrichtung (Verdrehens der Augen) noch besonders darauf hingelenkt wird. Es geschieht dies namentlich auch beim Klavierspielen, wo sicher meine Gedanken nach meiner eigenen freien Willensbestimmung mehr bei dem Augeneindrucke der Noten oder der durch die Schönheit der Musik erzeugten Empfindung weilen würden, und wo dann auf einmal meine Augen dergestalt herumgedreht werden, daß mein Blick auf ein an der Tür oder sonst in meiner Nähe erzeugtes Schattenbild fallen muß. Ich habe die Vermutung – nur von einer solchen kann natürlich hierbei die Rede sein – daß die »Schreckwunder« vielleicht als die ersten Anfänge des göttlichen Schaffens anzusehen sind, die unter gewissen Umständen geeignet wären, sich zu »flüchtig hingemachten Männern« und in weiterer Stufenleiter zu wirklichen Menschen oder anderen dauernden Geschöpfen zu verdichten. Natürlich ist die schreckhafte Wirkung durch jahrelange Gewöhnung längst bei mir verloren gegangen; ich empfinde es jetzt höchstens noch als eine Belästigung, wenn meiner Aufmerksamkeit in der angegebenen Weise auf einmal eine andere Richtung angesonnen wird, als die Betrachtung derjenigen Gegenstände, die mich jeweilig wirklich interessieren. In dem folgenden Kapitel sollen noch einige andere die Gottesnatur und das Wesen des göttlichen Schaffens betreffende Punkte erörtert werden. XIX. Fortsetzung des Vorigen. Göttliche Allmacht und menschliche Willensfreiheit Wenn ich in dem vorigen Kapitel der Überzeugung Ausdruck gegeben habe, daß eine Urzeugung (elternlose Zeugung) in der Tat stattfinde und zur Begründung der gewonnenen Überzeugung meine Wahrnehmungen hinsichtlich der gewunderten Insekten mitgeteilt habe, so bedarf die betreffende Behauptung gleichwohl einer gewissen Begrenzung, um gegen mißverständliche Auffassung gesichert zu sein. Ich kann diese Begrenzung am besten vielleicht in dem Satze ausdrücken: es gibt wieder eine Urzeugung auf unserer Erde, seitdem weltordnungswidrige Zustände eingetreten sind, während vorher wahrscheinlich viele Jahrtausende hindurch von einer Urzeugung auf unserem Weltkörper nicht mehr die Rede gewesen ist. »Urzeugung« ist eben im Grunde weiter nichts als eine andere wörtliche Bezeichnung für das, was ich sonst – in Übereinstimmung mit der Sprache der Bibel und anderer Quellen der religiösen Überlieferung – ein Erschaffen durch göttliche Wunder genannt habe. Die von mir gewonnene Grundanschauung über das Verhältnis Gottes zu dem Schöpfungswerke geht also dahin, daß Gott die Ausübung seiner Wundergewalt auf unserer Erde – wie vermutlich auf jedem anderen, zu gleicher Entwicklungshöhe gelangten Weltkörper – nur auf solange betätigte, bis das Ziel des Schöpfungswerks mit der Erschaffung des Menschen erreicht war. Von diesem Zeitpunkte ab überließ er die geschaffene organische Welt gewissermaßen sich selbst, höchstens noch etwa in Ausnahmefällen ab und zu mit einem Wunder eingreifend (vgl. Kap. I). Im übrigen wendete er seine Tätigkeit nur noch anderen Weltkörpern und dem Heraufziehen der Seelen verstorbener Menschen zur Seligkeit zu; er selbst zog sich in ungeheure Entfernung zurück. Ich glaube mich zu erinnern, daß ich früher irgendwo in einer der Quellen unserer Religion den Satz gelesen habe: »Der Herr ging – scilicet nach Beendigung des Schöpfungswerkes – auf Reisen«, ein Satz, in dem ein bildlicher Ausdruck des von mir angedeuteten Verhältnisses enthalten sein würde. Ich habe lange Zeit angenommen, daß der Satz irgendwo in der Bibel stehe, habe mich aber, nachdem mir ein Exemplar derselben verschafft worden ist, überzeugen müssen, daß derselbe wenigstens da, wo ich ihn gesucht hatte – in dem mosaischen Schöpfungsberichte – nicht vorkommt. Ob er sich vielleicht irgendwo anders findet, würden wohl Theologen beantworten können. Ich selbst habe die Empfindung, daß derselbe keinesfalls eine in meinem Kopfe entstandene Formulierung des betreffenden Gedankens ist. Sollte er sich also in unseren Religionsquellen nicht finden, so müßte ich annehmen, daß ich denselben bei irgendeinem von mir vergessenen Anlasse von den Stimmen empfangen habe. Es kann nicht in meiner Absicht liegen, eine eigentliche wissenschaftliche Begründung dieser Grundanschauung zu liefern, ich beabsichtige nicht ein wissenschaftliches Werk über die Entwicklungsgeschichte des Weltalls zu schreiben, sondern referiere nur, was ich erlebt und erfahren habe, indem ich dabei zugleich die Folgerungen andeute, die daraus nach dem bis jetzt von mir erlangten Maße der Erkenntnis vielleicht gezogen werden dürfen. Die Bestätigung meiner Grundanschauung erwarte ich in der Hauptsache von der Gestaltung meiner eigenen persönlichen Schicksale, insofern danach wohl ein Zeitpunkt kommen wird, wo sich auch andere Menschen der Anerkennung der Tatsache, daß meine Person zum Mittelpunkt göttlicher Wunder geworden sei, nicht mehr werden entziehen können. Den wissenschaftlichen Ausbau der von mir nur angedeuteten Folgerungen und deren vielleicht notwendige Berichtigung in manchen Einzelheiten müßte ich dann anderen Menschen überlassen. In diesem Sinne wende ich mich zur Fortsetzung des begonnenen Themas. Ich nehme also an, daß das Ganze des Schöpfungswerks auf einem Weltkörper in dem Aufeinanderfolgen einzelner Schöpfungsakte bestanden hat, bei denen im allgemeinen ein Fortschreiten von niederen Formen des organischen Lebens zu höheren Formen bemerkbar ist. Der letztere Gedanke ist bekanntlich nichts Neues, sondern mehr oder weniger Gemeingut aller derjenigen, die sich in neuerer Zeit mit entwicklungsgeschichtlichen Vorgängen beschäftigt haben. Die Streitfrage ist nur die, ob man bei diesem Fortschreiten das Walten eines blinden Zufalls annehmen soll, der sonderbarer Weise dazu führt, daß immer vollkommenere Dinge entstehen, oder ob man eine »intelligente Ursache« Gott anzuerkennen hat, die mit bewußtem Willen auf Entstehung der höheren Formen hinarbeitet. Das Vorhandensein einer gewissen »Zielstrebigkeit« (Du Prel) müssen selbst solche Forscher einräumen, die sonst geneigt sind, die »Zähigkeit deistischer Vorstellungen« nur aus einer bei der Mehrzahl der Menschen vorhandenen Schwäche des Denkens zu erklären. Für mich ist nach dem Gesamtinhalte der gegenwärtigen Arbeit die Existenz eines lebendigen Gottes zur unmittelbaren Gewißheit geworden. Ich kann es daher versuchen, das Verhältnis zwischen Gott und der geschaffenen Welt unter dem Lichte der mir zuteil gewordenen übersinnlichen Eindrücke einer ganz neuen Betrachtungsweise zu unterziehen. Wie bereits im Kap. 1 erwähnt, stehe ich der Frage, ob auch die Weltkörper selbst (Fixsterne, Planeten usw.) von Gott geschaffen worden sind, ebenso unwissend gegenüber wie im Grunde genommen alle anderen Menschen; ich muß daher die Möglichkeit, daß es mit der Nebularhypothese von Kant-Laplace seine Richtigkeit habe, gelten lassen. In betreff der organischen Welt will es mir scheinen, als ob man genötigt sei, einen sehr wesentlichen Unterschied des Schöpfungsvorgangs hinsichtlich der Pflanzenwelt auf der einen und hinsichtlich der Tierwelt auf der anderen Seite anzunehmen. Denn man kann sich zwar vorstellen, daß etwa minimale Teile göttlicher Nerven (Strahlen) bei der ihnen durch den Schöpfungsakt gegebenen Veränderung die Form von Tierseelen annehmen, die doch, so niedrig sie auch sonst stehen mögen, wenigstens noch die eine Eigenschaft des Selbstbewußtseins mit den göttlichen Strahlen gemeinsam haben. Allein kaum faßbar ist es wenigstens für den Menschen, daß göttliche Strahlen in Pflanzen aufgehen sollten, die, wenn auch in gewissem Sinne lebend, so doch des Selbstbewußtseins entbehrende Wesen sind. Vielleicht hat man also an die Möglichkeit zu denken, daß zur Erschaffung der Pflanzenwelt der bloße Abglanz der Strahlenverteilung, der durch Vermittlung des Sonnenlichts auf die Erde fällt, unter gewissen günstigen Voraussetzungen genügte, so daß etwa eine Annäherung Gottes, welche zu dem Zwecke stattfand, um auf der Venus eine organisierte Tierwelt zu schaffen, gleichzeitig den Erfolg haben konnte, auf der damals noch weniger entwickelten Erde wenigstens eine Pflanzenwelt ins Leben zu rufen. Indessen stehen mir für Betrachtungen der vorstehenden Art irgendwelche göttliche Eingebungen nicht zu Gebote; ich würde mich daher vielleicht in unfruchtbaren Spekulationen verirren, in denen mich jeder naturwissenschaftlich gebildete Forscher handgreiflicher Irrtümer überführen könnte, wenn ich den Faden dieser Betrachtungen noch weiter ausspinnen wollte. Einen sehr viel sicheren Anhalt habe ich schon für die Annahme, daß das Vermögen, sich in Tiere aller Art, in letzter Linie den Menschen umzuwandeln, diese Geschöpfe aus sich selbst hervorzubringen, als latente Fähigkeit in den göttlichen Strahlen gewissermaßen im Keime enthalten ist. Hier stehen mir verschiedene überaus merkwürdige Erfahrungen, Wahrnehmungen zu Gebote. Vor allen Dingen sei erwähnt, daß die Strahlen (Nerven) des oberen Gottes, wenn sie in Folge der Anziehungskraft sozusagen zu mir herabgeschleudert wurden, lange Zeit hindurch und in einer überaus großen Anzahl von Fällen in meinem Kopfe selbst das Bild einer menschlichen Gestalt darboten . Durch einen glücklichen Zufall bin ich hier in der Lage, anstatt einer Beschreibung in Worten auf eine wirklich vorhandene Abbildung verweisen zu können, die dem Bilde, das ich oft in meinem Kopfe gesehen habe, mit einer geradezu überraschenden Ähnlichkeit entspricht. In dem 5. Bande der »Modernen Kunst« (Berlin, Verlag von Richard Bong) findet sich der Abdruck eines Gemäldes von Pradilla »Liebesreigen«; in der linken oberen Ecke dieses Bildes ist eine weibliche Gestalt sichtbar, die mit vorgestreckten Armen und gefalteten Händen von oben herabkommt. Man braucht diese Gestalt nur in das Männliche zu übersetzen, um ein ziemlich genaues Bild von der Erscheinung zu haben, in welcher die Nerven des oberen Gottes – wie schon erwähnt in sehr zahlreichen Fällen – beim Herabkommen in meinem Kopfe sich darstellten. Kopf, Brust und Arme waren deutlich unterscheidbar; die letzteren wurden dabei seitlich geschwungen, gleichsam als ob die betreffenden Nerven gegen ein ihrer Annäherung geschaffenes Hindernis – die damals von der Flechsig'schen Seele eingerichtete Überspannung des Himmelsgewölbes mit Nerven, vgl. Kap. VIII – sich Bahn brechen wollten. Nicht minder gewähren mir die Strahlen des niederen Gottes (Ariman) in meinem Kopfe sehr oft das Bild eines Menschenantlitzes und zwar in der Weise, daß (sobald Seelenwollust vorhanden ist) der betreffende Mensch mit der Zunge zu lenken scheint, ähnlich wie es wohl Menschen ab und zu zu machen pflegen, wenn ihnen etwas besonders gut schmeckt, mit anderen Worten wenn sie unter dem Eindruck eines sinnlichen Behagens stehen. Ich habe ferner in diesem Zusammenhange nochmals auf die in den früheren Kapiteln (Kap. VI, XI) mehrfach erwähnte Erscheinung der »kleinen Männer« zurückzukommen. Wenn ich hiernach in einer überaus großen Zahl von Fällen zu beobachten hatte, daß Seelen (Strahlen) unter gewissen Voraussetzungen in der Gestalt von Miniaturmenschen in meinem Kopfe oder an irgendwelchem meiner Körperteile auftraten, so scheint mir die Annahme sehr nahe zu liegen, daß die Fähigkeit, unter gewissen Umständen sich in Menschengestalt zu verwandeln oder Mensch zu werden, als eine in dem innersten Wesen der göttlichen Strahlen liegende Potenz derselben anzusehen sei. Auch fällt unter diesem Gesichtspunkte ein ganz neues Licht auf das bekannte Bibelwort: »Er schuf den Menschen Ihm zum Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn.« Es gewinnt den Anschein, als ob diesem Bibelworte eine gewisse buchstäbliche Bedeutung beigemessen werden dürfe, die ihm Menschen wohl bisher noch kaum beizulegen gewagt haben. Der Mensch war sonach vermutlich das Höchste, was Gott überhaupt erschaffen konnte. Alle anderen geschaffenen Wesen bildeten nur eine unendlich lange Kette von Vorbereitungen, mit denen Gott dem letzten Ziele, der Erschaffung des Menschen, zustrebte. Bloß Menschen zu erschaffen, wäre selbstverständlich ein Unding gewesen, da der Mensch, um sich zu behaupten, an das Vorhandensein zahlreicher niederer Tierformen, die ihm teils zur Nahrung, teils zu anderen Zwecken dienen, gebunden ist. Die Fähigkeit, den Menschen zu erschaffen, schloß aber als das Höhere die Fähigkeit, die niederen Tierformen zu erschaffen, als das Mindere in sich. Der Mensch konnte also erst erschaffen werden, wenn der Boden für sein Erscheinen vorbereitet war. In der langen Reihe der Tierformen, die vor ihm erschaffen wurden, ist eine immer größere Annäherung an den Bau des Menschen nicht zu verkennen. Mit der Erschaffung jeder einzelnen Art war voraussetzlich für Gott das Schöpfungswerk in betreff dieser Art , mit Erschaffung des Menschen, das ganze Schöpfungswerk abgeschlossen. Jeder einzelnen Art war durch die vorher geschaffene Daseinsbedingungen, durch die Fortpflanzungsfähigkeit und durch die Fortdauer der Sonnenwärme die Möglichkeit der Selbstbehauptung gegeben. In welchem Maße dies den einzelnen Arten und in weiterer Folge den zu denselben gehörigen Individuen gelang, blieb der Widerstandsfähigkeit der Arten und der Geschicklichkeit der Individuen überlassen, unterlag aber nicht mehr der unmittelbaren Einwirkung Gottes. An das vorstehend Ausgeführte will ich noch einige, an früherer Stelle (Kap. XIII, Anmerkung 81) vorbehaltene Bemerkungen über das Verhältnis der göttlichen Allmacht und Allwissenheit zur menschlichen Willensfreiheit anschließen. Aufklärungen über das Verhältnis Gottes zur menschlichen Willensfreiheit spielten eine wesentliche Rolle gleich in einer der ersten Visionen, die ich überhaupt (also etwa Anfang März 1894) gehabt habe, soviel ich mich erinnere der ersten Vision, in der Gott, wenn ich so sagen darf, mir gegenüber sich offenbarte. Leider sind die Einzelheiten bei der Länge der Zeit und unter dem Eindruck der späten massenhaft aufgetretenen Visionen zum größten Teil aus meinem Gedächtnisse entschwunden. Ich erinnere mich nur noch, daß ich am Vormittag nach der betreffenden Nacht dem Professor Flechsig eine Mitteilung über den Inhalt der Vision gemacht und eine mündliche Unterhaltung über diesen Gegenstand mit demselben gehabt habe. Die Frage, ob Gott das Zukünftige wisse, und in welcher Weise eine Bejahung dieser Frage mit der unzweifelhaft vorhandenen Willensfreiheit des Menschen sich vereinigen lasse, hat von jeher die Menschen beschäftigt. Um den richtigen Standpunkt zu gewinnen, hat man sich zu vergegenwärtigen, daß es für Gott in gewissem Sinne weder Vergangenheit noch Zukunft gibt: Für sich selbst hat Gott von einer kommenden Zeit weder besondere Glücksumstände, noch widrige Schicksale zu erwarten; er bleibt sich zu allen Zeiten gleich; dies liegt im Begriff der Ewigkeit. Wird aber die Frage so gestellt, ob Gott die Zukunft der von ihm geschaffenen Wesen – Arten und Individuen – wissen könne, so wird diese Frage meines Erachtens am besten an der Hand von Beispielen erörtert. Ich werfe daher die Fragen auf: Besteht eine göttliche Allwissenheit in betreff der Zukunft in dem Sinne, daß Gott im voraus auch wissen könne bis zu welchem Lebensalter es ein jeder der vielen auf der Erde lebenden Millionen von Menschen bringen werde? Ob und welche einzelne Mücken innerhalb eines gegebenen Zeitraumes einer Spinne in dem von ihr gesponnenen Gewebe einzufangen gelingen werde? Auf welche der Hunderttausende von Losnummern in einer Lotterie das große Los gezogen werden werde? Unter welchen Bedingungen in dem gerade jetzt von Japan und den europäischen Großmächten gegen China geführten Kriege dereinst der Friede geschlossen werden werde? Ich glaube mit der Wahl der vorstehenden Beispiele ziemlich genau den Ton getroffen zu haben, in dem meines Wissens die scholastische Philosophie des Mittelalters die Frage der Prädestination und die damit zusammenhängenden Fragen in der Tat Jahrhunderte lang behandelt hat. Man braucht die obengedachten Fragen eigentlich nur aufzuwerfen, um den Widersinn zu erkennen, der in einer Bejahung derselben liegen würde. In allen den gewählten Beispielen handelt es sich um Fragen, die für die betreffenden Einzelwesen, beziehentlich Völker, von höchstem Interesse, zum Teil geradezu Lebensfragen sind; für Gott sind dieselben in gewissem Sinne sämtlich gleichwertig unbedeutend. Gott hat alle von ihm geschaffenen Arten (und demnach mittelbar auch die dazu gehörigen Einzelindividuen) mit den zu ihrer Selbsterhaltung erforderlichen Voraussetzungen ausgestattet; inwieweit sie sich diese Voraussetzungen zunutze machen und welche Erfolge sie damit erzielen, bleibt den betreffenden Wesen überlassen, kann demnach von Gott nicht im voraus erkannt werden. Dagegen erachte ich, um das Beispiel ad 3) noch weiter zu verfolgen, in abstracto allerdings die Möglichkeit für gegeben, daß Gott bestimmen könnte, auf welche Nummer das große Los einer Lotterie fallen solle. Entsprechend vielen ähnlichen Wundern, die ich teils an meiner Person, teils an Personen meiner Umgebung wahrgenommen habe, wäre es an sich nicht unmöglich, dem Blick desjenigen Menschen (Waisenknaben), dem das Herausziehen der Lose aus der Urne obliegt und dessen Muskeln diejenige Richtung zu geben, daß gerade eine von Gott gewollte Losnummer gezogen würde. Die Füglichkeit der Wahrnehmung, an welcher Stelle jede einzelne Losnummer in der Urne sich befindet, ist für Gott jedenfalls vorhanden. Ich schließe dies aus den bereits in Anmerkung 100 erwähnten Vorgängen, bei denen Gott offenbar weiß, wo irgend ein von mir gesuchter, vermöge seiner Kleinheit dem menschlichen Auge nicht sofort bemerkbarer Gegenstand liegt. Nur wird ein derartiges Lotteriewunder (um einmal kurz diesen Ausdruck zu gebrauchen) voraussetzlich niemals geübt worden sein, da es für Gott an jedem Motive fehlt, seine Wundergewalt lediglich zu dem Zweck in Bewegung zu setzen, daß irgendeinem einzelnen Menschen ein außerordentliches Glück ohne jedes besondere Verdienst in den Schoß falle. Mit anderen Worten, Gott kann zwar in diesen und ähnlichen Fällen die Zukunft nicht wissen , könnte sie aber immerhin, sofern ein genügender Bestimmungsgrund dafür vorhanden wäre, bis zu einem gewissen Grade machen . Damit ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, daß Gott den von ihm geschaffenen höheren Formen, also namentlich der Erhaltung des Menschengeschlechts als ganzen oder einzelner Teile desselben ein erhöhtes Interesse zuwendete und daher in geeigneten Fällen ausnahmsweise auch nachträglich noch mit Wundern eingriff. Auch in diesen Fällen aber wird sich nicht annehmen lassen, daß dauernde Erfolge durch die aufgewandten göttlichen Machtmittel allein schon verbürgt gewesen seien. Alles, was ich bisher in diesem Kapitel ausgeführt habe, bezieht sich auf weltordnungsmäßige Zustände . Aus Anlaß meines Falles hat sich in den betreffenden Verhältnissen eine tiefgreifende Veränderung vollzogen, deren Tragweite auch ich nicht vollkommen zu übersehen vermag. Dadurch, daß Gott genötigt worden ist, sich näher an die Erde heranzuziehen und dauernd in (relativer) Nähe derselben zu bleiben, ist die Erde – vielleicht mit Vernachlässigung anderer Weltkörper und jedenfalls mit Einstellung der Neubegründung von Seligkeiten – wieder zum andauernden Schauplatz göttlicher Wunder geworden. Im Zustande völliger Untätigkeit zu verharren ist, wie es scheint, für Strahlen unmöglich; das Schaffen (Wundern) liegt einmal in ihrer Natur, nachdem die Erfüllung der ihnen weltordnungsmäßig obliegenden Aufgaben wenigstens vorläufig zur Unmöglichkeit geworden ist, wendet sich die Wundergewalt anderen Dingen zu, wobei allerdings meist nur zwecklose Kraftäußerungen zutage treten, die der dauernden Erfolge ermangeln. Gewundert wird in erster Linie an meiner Person und an allen Gegenständen, mit denen ich mich beschäftige; gewundert werden alle Lebensäußerungen von Menschen, die sich in meiner Nähe befinden, indem ihre Nerven durch Strahleneinwirkung zum Sprechen, zur Ausübung aller natürlichen Funktionen, zum Husten, zum Niesen, selbst zu Blähungen und zum Ausleeren usw. in Bewegung gesetzt werden; gewundert wird auch an lebenden Tieren meiner Umgebung, indem, wie mir nach den darüber gemachten Beobachtungen unzweifelhaft geworden ist, z. B. auch das Wiehern der Pferde, das Bellen der Hunde usw. durch entsprechende Einwirkung auf die Nerven dieser Tiere hervorgerufen wird. Gewundert wird endlich auch durch Neuerschaffung von niederen Tieren (der im vorigen Kapitel erwähnten Insekten usw.) – Alles eigentlich zwecklos, da die lebenden Tiere und Menschen die Fähigkeit zu den betreffenden Lebensäußerungen schon ohnedies besitzen würden, und die neuerschaffenen Insekten zu Gattungen gehören, die auch ohnedies schon in zahlreichen Exemplaren vorhanden sind und es sich hierbei also nicht darum handelt, neue Arten ins Leben zu rufen. Die Betätigung der Wundergewalt kommt daher in allen und jeden Punkten in Ansehung meiner auf zwecklose Quälerei, in Ansehung anderer Menschen und Tiere auf leere Spielerei hinaus. Für Gott ist der geschilderte Zustand – wie bereits früher bemerkt worden ist – ebenfalls mit Mißständen verknüpft, indem die jeweilig nur kurze Zeit andauernde Freude über die neuerschaffenen Dinge alsbald durch Angstzustände abgelöst wird, bei denen die infolge der Anziehungskraft von der Gesamtmasse losgelösten Gottesnerven »Hilfe« rufend zu mir herunterkommen. Ob und wie es etwa möglich sein wird, diese für alle Teile unerquicklichen Verhältnisse dereinst wieder in normale, weltordnungsmäßige Bahnen überzuleiten, darüber kann ich der Natur der Sache nur Vermutungen haben, rücksichtlich deren ich mich vielleicht am Schlusse dieser Arbeit noch in einigen Betrachtungen ergehen werde. XX. Egozentrische Auffassung der Strahlen in betreff meiner Person. Weitere Gestaltung der persönlichen Verhältnisse In bezug auf die Unfähigkeit Gottes, den lebenden Menschen als Organismus zu verstehen und namentlich dessen Denktätigkeit richtig zu beurteilen, habe ich noch einen Punkt nachzutragen, der in mehrfacher Hinsicht für mich von Bedeutung geworden ist. Ich kann diesen Punkt kurz dahin bezeichnen, daß alles, was geschieht, auf mich bezogen wird . Indem ich den vorstehenden Satz niederschreibe, bin ich mir vollkommen bewußt, daß es für andere Menschen naheliegt, dabei an eine krankhafte Einbildung auf meiner Seite zu denken; denn ich weiß sehr wohl, daß gerade die Neigung, alles auf sich zu beziehen, alles, was geschieht, mit der eigenen Person in Verbindung zu bringen, eine bei Geisteskranken häufig vorkommende Erscheinung ist. In Wirklichkeit liegt jedoch in meinem Falle die Sache gerade umgekehrt. Nachdem Gott zu mir in ausschließlichen Nervenanhang getreten ist, bin ich für Gott in gewissem Sinn der Mensch schlechthin oder der einzige Mensch geworden, um den sich alles dreht, auf den alles, was geschieht, bezogen werden müsse und der also auch von seinem Standpunkte alle Dinge auf sich selbst beziehen solle. Diese durchaus verkehrte Auffassung, die natürlich anfangs auch für mich vollkommen unbegreiflich war und deren Vorhandensein ich erst durch jahrelange Erfahrungen als Tatsache anzuerkennen genötigt worden bin, tritt bei jeder Gelegenheit und bei den verschiedensten Anlässen für mich zutage. Wenn ich z. B. ein Buch oder eine Zeitung lese, so meint man, daß die darin enthaltenen Gedanken meine eigenen Gedanken seien; wenn ich ein Lied oder den Klavierauszug einer Oper auf dem Klaviere spiele, so glaubt man, daß der Text des Liedes oder der Oper jeweilig meine eigenen Empfindungen ausdrücke. Es ist dieselbe naive Unkenntnis, vermöge deren man zuweilen bei ungebildeten Personen, die das Theater besuchen, die Vorstellung antrifft, daß dasjenige, was von den Schauspielern gesprochen wird, die eigenen Gefühle derselben wiedergebe oder daß die Schauspieler die dargestellten Personen wirklich seien. Auf mich kann es natürlich oft nur erheiternd wirken, wenn ich etwa beim Spielen der Arien aus der Zauberflöte »Ach ich fühl's, es ist verschwunden, ewig hin der Liebe Glück« oder »Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, Tod und Verzweiflung flammen um mich her« Stimmen in meinem Kopfe vernehme, die von der Voraussetzung ausgehen, daß ich nunmehr also wirklich mein Glück für ewig verloren halte, von Verzweiflung erfaßt sei usw. Indessen wolle man auf der anderen Seite auch die Geduldsprobe nicht unterschätzen, die mir durch das jahrelange Anhörenmüssen des entsetzlichen Blödsinns zugemutet worden ist, der in dem Dazwischenwerfen der Fragen: »Warum sagen Sie's (nicht laut)?« und »Fand Aufnahme« bei Veranlassungen der bezeichneten Art liegt. Der Unsinn ist ein so toller, daß ich lange Zeit im Zweifel gewesen bin, ob ich denselben wirklich auf Rechnung Gottes selbst setzen solle oder nicht vielmehr nur auf Rechnung irgendwelcher untergeordneter geistloser Wesen, die auf entfernten Weltkörpern nach Art der »flüchtig hingemachten Männer« geschaffen worden seien, um von dort aus zur Besorgung des Aufschreibe- und Abfragegeschäftes verwendet zu werden. Die Gründe des Für und Wider habe ich in meinen »kleinen Studien« oft erwogen, wo derjenige, der sich für Einzelheiten interessieren sollte, das Nähere nachlesen könnte. Indessen neige ich doch, ohne endgültig absprechen zu wollen, der Auffassung zu, daß der entfernte Gott selbst es ist, der die angegebene törichte Fragestellung veranlaßt, also von dem derselben zugrunde liegenden Irrtum beherrscht ist. Noch oben (Kap. IX Seite [169 f.]) habe ich mich in entgegengesetztem Sinne geäußert. Es sind dies eben Punkte, in denen ich der Natur der Sache nach keine ganz feste Ansicht haben kann und daher auch jetzt noch, je nachdem neuere Eindrücke bald die eine, bald die andere Auffassung zu begünstigen scheinen, hin und herschwanke. Die Unkenntnis der menschlichen Natur und des menschlichen Geistes, die sich hierin äußert, ist im Grunde genommen nicht größer, als diejenige, die auch in anderen Erscheinungen zutage tritt, bei denen ich Gott selbst für beteiligt erachten muß z. B. in der Behandlung der Ausleerungsfrage, um mich einmal kurz so auszudrücken (Kap. XVI am Ende), in der Annahme, daß Nichtsdenken mit Blödsinn identisch sei, daß die Nervensprache die wirkliche Sprache des Menschen sei (Kap. XIII) usw. usw. Daß Gott in Ansehung des mir gegenüber entstandenen weltordnungswidrigen Verhältnisses keinesfalls auf Unfehlbarkeit Anspruch machen kann, geht für mich unzweifelhaft daraus hervor, daß jedenfalls er selbst es gewesen ist, der die gesamte Richtungslinie der gegen mich verfolgten Politik bestimmt und die damit im Zusammenhang stehenden Systeme des Aufschreibens, des Nichtausredens, des Anbindens an Erden usw. eingerichtet hat. Diese Politik verfolgt aber eben ein unmögliches Ziel. Ein Jahr lang etwa habe zwar auch ich, wie schon früher erwähnt, bei meiner damaligen völligen Unbekanntschaft mit der Wirkung der Wunder und bei den außerhalb aller menschlichen Erfahrung liegenden Schrecknissen, die mir dadurch bereitet wurden, für meinen Verstand fürchten zu müssen geglaubt. Seit nunmehr mindestens fünf Jahren bin ich mir aber völlig klar darüber geworden, daß die Weltordnung die Mittel, einem Menschen den Verstand zu zerstören, auch Gott nicht an die Hand gibt. Gott dagegen läßt sich auch jetzt noch von der entgegengesetzten Auffassung leiten, die auf die Vorstellung der Möglichkeit »mich liegen zu lassen« hinauskommt, richtet dieser Auffassung entsprechend fortgesetzt neue Systeme ein und liefert mir Tag für Tag fast genau in derselben Form die Beweise, daß es ihm heute ebensowenig, wie vor Jahren, möglich ist, von der betreffenden irrtümlichen Vorstellung loszukommen. Damit erachte ich es, wie ich auch hier wieder betonen will, keineswegs für unvereinbar, daß Gott in der ihm nach der Weltordnung eigentlich zukommenden Sphäre seines Wirkens von ewiger Weisheit erfüllt sei. Das Ansinnen, alles, was geschieht und demnach auch alles, was von anderen Menschen gesprochen wird, auf mich zu beziehen, wird namentlich bei meinen regelmäßig stattfindenden Spaziergängen in dem Garten der hiesigen Anstalt an mich gestellt. Dadurch hat sich für mich der Aufenthalt in dem Anstaltsgarten von jeher besonders schwierig gestaltet; es hängen auch damit die Rohheitsszenen zusammen, zu denen es in früheren Jahren zuweilen zwischen mir und anderen Patienten der Anstalt gekommen ist. Schon längst ist die in meinem Körper steckende Seelenwollust so stark geworden, daß jeweilig in kürzester Frist die Vereinigung aller Strahlen herbeigeführt wird, mit der die Vorbedingungen des Schlafes gegeben wären; man kann mich daher schon seit Jahren nicht mehr zwei Minuten ruhig auf einer Bank allein sitzen lassen, auf welcher ich – namentlich bei etwaiger Ermüdung infolge einer vorausgegangenen mehr oder weniger schlaflosen Nacht – in Schlaf verfallen würde, sondern muß dann sofort zu den sogenannten »Störungen« (vgl. Kap. X) vorschreiten, die den Strahlen es ermöglichen, sich wieder zurückzuziehen. Diese »Störungen« werden bald in der harmloseren Weise geübt, daß Insekten der in Kap. XVIII erwähnten Art gewundert werden, bald aber auch in der Weise, daß man andere Patienten der Anstalt auf mich einsprechen, oder dieselben irgendwelchen Lärm, am liebsten in meiner unmittelbaren Nähe machen läßt. Daß es sich auch hier um auf Wundern beruhende Anregung der betreffenden Menschennerven handelt, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, da jedesmal die früher (Kap. VII und Kap. XV) geschilderte Erscheinung hervortritt, daß ich die gesprochenen Worte zugleich mit einem gegen meinen Kopf geführten Streiche von mehr oder weniger schmerzhafter Wirkung empfinde. Da die Patienten Die Namen derselben sind natürlich ebenfalls sämtlich »aufgeschrieben«. überwiegend aus Verrückten von geringem Bildungsgrade und roher Sinnesweise bestehen, so kommen dabei in der Regel gemeine Schimpfworte heraus, die ich nach der Absicht der Strahlen auf mich beziehen soll. In einzelnen Fällen hat man mich sogar ohne jeden vorausgegangenen Wortwechsel tatsächlich anfallen lassen, wie dies z. B. einmal von Seiten eines gewissen Dr. D., während ich ruhig mit einem anderen Herrn Schach spielte, geschehen ist. Ich meinerseits habe mich von jeher von dem Bestreben leiten lassen, die gegen mich geschleuderten Insulten als von Verrückten ausgehend, wenn irgend tunlich, zu ignorieren. – Indessen hat die Möglichkeit der Ignorierung doch ihre Grenzen; wenn, was früher sehr oft vorgekommen ist und auch jetzt noch nicht selten geschieht, die Verrückten mir gar zu dicht auf den Leib rücken oder ungeachtet der ihnen durch Schweigen bezeigten Verachtung das belästigende Geschimpfe nicht einstellen, so bleibt mir, wenn ich mir nicht selbst im Lichte der Feigheit erscheinen will, zuweilen nichts anderes als eine wörtliche Erwiderung übrig. Da bei solchen Gelegenheiten ein Wort das andere zu geben pflegt, so ist es dann in früheren Jahren zu wirklichen Prügelszenen gekommen, wobei ich übrigens die Genugtuung gehabt habe – obwohl gleichzeitig mit Heftigkeit namentlich an meiner Kniescheibe gewundert wurde, um mich kampfunfähig zu machen – noch jedesmal den Angreifer zu Boden zu strecken. Seit einigen Jahren habe ich es glücklicherweise vermeiden können, daß es bis zu offener Prügelei gekommen ist, indessen ist auch jetzt noch bei jedem Spaziergang im Garten ein außerordentlicher Aufwand von Takt und Mäßigung von meiner Seite erforderlich, um wirkliche Skandalszenen zu verhindern. Denn die Methode, die Verrückten mit beleidigenden Redensarten auf mich zu hetzen, dauert auch jetzt noch fort, und gleichzeitig läßt mich das törichte Gewäsch der Stimmen »Fand Aufnahme,« »Warum sagen Sie's (nicht laut?)«, »Weil ich dumm bin« oder auch »Weil ich Furcht habe« usw. mich immer noch die Absicht Gottes, daß ich die beleidigenden Redensarten auf mich beziehen soll, erkennen. Um möglichst Ruhe und Anstand zu erhalten und gleichzeitig Gott gegenüber den präsenten Beweis der Unversehrtheit meines Verstandes zu liefern, habe ich es mir daher schon seit Jahren zur Gewohnheit gemacht, bei den Nachmittagsspaziergängen jedesmal mein Schachbrett mit in den Garten zu nehmen und wenigstens einen größeren Teil der Zeit schachspielend zu verbringen. Ich habe dies auch während der Winter, wo das Schachspielen stehend erfolgte, jeweilig bis auf kurze Perioden strengster Kälte durchgeführt; solange ich Schach spiele, herrscht eben verhältnismäßige Ruhe. Ähnlichen Widerwärtigkeiten bin ich auch auf meinem Zimmer ausgesetzt, wo fortwährend – als sogenannte »Störung« – ein zweckloses Eindringen anderer Patienten stattfindet; der Zusammenhang mit übersinnlichen Dingen ist mir auch hier ganz unzweifelhaft. Alle diese Vorkommnisse in Verbindung mit anderen Erwägungen haben seit etwa Jahresfrist den Entschluß in mir zur Reife gebracht, für eine absehbare Zukunft meine Entlassung aus der hiesigen Anstalt zu betreiben. Ich gehöre eben unter gebildete Menschen, nicht unter Verrückte; sobald ich mich unter gebildeten Menschen bewege, wie z. B. an der Tafel des Anstaltsvorstandes, an der ich seit Ostern d. J. (1900) die Mahlzeiten einnehme, fallen auch manche der durch die Wunder verursachten Übelstände, insbesondere das sogenannte Brüllen weg, weil ich solchenfalls Gelegenheit habe, durch Beteiligung an einer laut geführten Unterhaltung mich Gott gegenüber über den ungeschmälerten Besitz meiner Verstandeskräfte auszuweisen. Ich bin zwar nervenkrank, leide aber keinesfalls an einer Geisteskrankheit, die zur Besorgung der eigenen Angelegenheiten unfähig macht, (§ 6 BGB für das Deutsche Reich) oder die aus Gründen des öffentlichen Rechts meine Festhaltung in einer Anstalt gegen meinen Willen geboten erscheinen lassen könnte. Über die Voraussetzungen, unter denen Geisteskranke gegen ihren Willen in öffentlichen Anstalten festgehalten werden können, habe ich anfangs dieses Jahres einen Aufsatz geschrieben, wegen dessen Aufnahme in eine juristische Zeitschrift ich mich bemüht habe. Leider haben die Redaktionen der Zeitschriften, an die ich mich deshalb gewendet hatte, die Aufnahme wegen Platzmangel oder aus anderen Gründen abgelehnt. Für den Fall, daß es zu einer Drucklegung der gegenwärtigen Arbeit kommen sollte, gedenke ich derselben den erwähnten Aufsatz vielleicht als Anhang beizufügen. Nachdem ich daher vor Jahren einmal zufällig in Erfahrung gebracht hatte, daß bereits Ende 1895 eine vorläufige Vormundschaft über mich verhängt worden ist, habe ich im Herbst vorigen Jahres (1899) selbst die Anregung dazu gegeben, daß die zuständigen Behörden sich darüber, ob die Vormundschaft in eine endgültige zu verwandeln oder aufzuheben sei, schlüssig machen möchten. Aufgrund eines von der hiesigen Anstaltsdirektion erstatteten Gutachtens und einer im Januar d. J. (1900) erfolgten gerichtlichen Vernehmung ist darauf allerdings, entgegen meinen Erwartungen, im März d. J. sogar ein förmlicher Entmündigungsbeschluß von dem Königlichen Amtsgericht Dresden gegen mich erlassen worden. Ich habe jedoch diesen Beschluß, da ich dessen Begründung für unzutreffend halten mußte, mittelst einer nach den einschlagenden Bestimmungen der Zivilprozeßordnung gegen die K. Staatsanwaltschaft beim Landgerichte Dresden gerichteten Klage auf Aufhebung der Entmündigung angefochten. Die Entscheidung des Prozeßgerichts, des Königl. Landesgerichts Dresden steht noch aus, wird aber voraussichtlich jedenfalls noch im Laufe dieses Jahres erfolgen. Nähere Mitteilungen über den bisherigen Verlauf des Prozesses kann ich mir ersparen, da, wenn jemals das Prozeßmaterial auch für weitere Kreise Interesse gewinnen sollte, die Akten des Kgl. Amtsgerichts und des Kgl. Landgerichts Dresden vollständige Auskunft darüber gewähren. In meinen zu diesen Akten gekommenen Vorstellungen sind allerdings auch einige Ausführungen enthalten, die meinen religiösen Vorstellungskreis berühren. Fast unmerklich hat mich der Zusammenhang des gegenwärtigen Kapitels von Betrachtungen über die Natur Gottes wieder auf meine eigenen Angelegenheiten zurückgeführt. Ich will daher noch einige Bemerkungen hierüber anschließen. Meine äußeren Lebensverhältnisse haben sich in neuerer Zeit namentlich auch in Ansehung der Behandlung, die mir von Seiten der Anstaltsverwaltung zuteil wird, nicht unerheblich günstiger, ich möchte sagen menschenwürdiger gestaltet, nicht zum geringsten Teile wohl unter dem durch meine schriftlichen Arbeiten gewonnenen Eindrucke, daß man es doch bei mir möglicherweise mit Erscheinungen zu tun habe, die außerhalb des Gebiets der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erfahrungen liegen. Mein körperliches Befinden ist schwer zu beschreiben; im allgemeinen findet ein rapider Wechsel zwischen hochgradigem körperlichen Wohlbefinden und allerhand mehr oder weniger schmerzhaften und widerwärtigen Zuständen statt. Das Gefühl körperlichen Wohlbefindens beruht auf der zu gewissen Zeiten hochgradig entwickelten Seelenwollust, dieselbe ist nicht selten so stark, daß es namentlich beim Liegen im Bette nur eines geringen Aufwands von Einbildungskraft für mich bedarf, um mir ein sinnliches Behagen zu verschaffen, das eine ziemlich deutliche Vorahnung von dem weiblichen Geschlechtsgenusse beim Beischlafe gewährt. Ich komme auf diesen Punkt im folgenden Kapitel des Näheren zurück. Auf der anderen Seite treten infolge der gegen mich geübten Wunder eben abwechselnd damit (nämlich jedesmal, wenn Gott sich wieder zurückzieht), allerhand schmerzhafte Zustände ein, fast ohne Ausnahme ganz plötzlich und ebenso fast regelmäßig nach kurzer Zeit wieder verschwindend. Außer den bereits früher erwähnten Erscheinungen kommen u. a. ischiadische Schmerzen, Wadenkrampf, Lähmungserscheinungen, plötzliches Hungergefühl und dergleichen vor, früher waren auch Hexenschuß und Zahnschmerzen nicht selten. Der Hexenschuß war eine Zeitlang (als ich noch in der Zelle schlief) zuweilen so heftig, daß ich mich nur unter gleichzeitigem – halb und halb willkürlich zu diesem Zwecke ausgestoßenem – Schmerzensschrei vom Lager erheben konnte; auch die Zahnschmerzen waren zuweilen so stark, daß sie jede geistige Beschäftigung unmöglich machten. Noch jetzt habe ich fast ununterbrochen mit einer Art von Kopfschmerzen zu tun, die zweifellos keinem anderen Menschen bekannt und mit gewöhnlichen Kopfschmerzen kaum zu vergleichen ist. Es sind die ziehenden oder zerrenden Schmerzen, welche dadurch entstehen, daß die an Erden angebundenen Strahlen jeweilig, nachdem die Seelenwollust einen gewissen Grad erreicht hat, wieder einen Rückzug zu bewerkstelligen versuchen. Das in solchen Fällen meist gleichzeitig eintretende Brüllwunder verursacht bei öfterer Wiederholung ebenfalls eine sehr unangenehme Erschütterung des Kopfes; tritt dasselbe, während ich irgend etwas esse, ein, so muß ich mich sehr in acht nehmen, daß ich den Mundinhalt nicht ausspeie. Der jähe Wechsel des Befindens bringt es mit sich, daß der Gesamtzustand eigentlich ein verrückter zu nennen ist und demnach auch das ganze Leben, das ich führen muß, in gewissem Maße das Gepräge der Verrücktheit an sich trägt, dies um so mehr, als auch meine Umgebung überwiegend aus Verrückten besteht, die natürlich ihrerseits dazu beitragen, daß allerhand unvernünftige Dinge geschehen. Selten ist es mir möglich, bei einer und derselben Beschäftigung lange auszuharren; sehr häufig macht vielmehr das Eintreten von Kopfschmerzen bei anhaltendem Lesen, Schreiben oder dergleichen einen Wechsel in der Beschäftigung nötig. Ich bin vielfach darauf angewiesen, meine Zeit mit kleinen Tändeleien hinzubringen; körperlich befinde ich mich hierbei (außer beim Klavierspielen) am wohlsten. Ich habe mich daher in den vergangenen Jahren vielfach mit mechanischen Arbeiten, Klebereien, Ausmalen von Bildern und dergleichen beschäftigen müssen; ganz besonders empfehlen sich, vom Standpunkte des körperlichen Wohlbefindens aus betrachtet, solche Arbeiten, die in das weibliche Fach einschlagen, also Nähen, Staubwischen, Bettmachen, Reinigen von Geschirr und dergleichen. Es kommen auch jetzt noch Tage vor, wo ich mich außer mit Klavierspielen fast nur mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen kann, d.h. wo der Zustand meines Kopfes jede andere, dem geistigen Bedürfnisse besser entsprechende Beschäftigung ausschließt. Mein Nachtschlaf ist im allgemeinen erheblich besser als früher; daß ich infolge anhaltender Brüllzustände (die in Abwechslung mit hochgradiger Wollust auftreten) zuweilen das Bett nicht behaupten kann, ist schon früher erwähnt. Ich habe daher auch in diesem Jahr noch einzelne Male schon von Mitternacht oder 1 Uhr nachts ab das Bett verlassen und bei künstlicher Beleuchtung (für die jetzt gesorgt ist) oder im Hochsommer ohne solche mehrere Stunden bis zum Morgen aufsitzen müssen; von 3 oder 4 Uhr ab ist dies wohl nahezu in dem dritten Teile der Nächte nötig gewesen. Häufig wird mein Schlaf von Träumen beunruhigt, bei denen ich aus ihrem tendenziösen Inhalt (»Erhaltung auf der männlichen Seite« im Gegensatz zu der Pflege der »weiblichen Gefühle«) vielfach den Strahleneinfluß zu erkennen glaube. Eigentlichen Visionscharakter d. h. die den Visionen eigentümliche Lebendigkeit der Eindrücke haben die Träume jetzt nur noch ausnahmsweise. Das Gerede der Stimmen ist fortwährend noch im Wandel begriffen und hat selbst in der verhältnismäßig kurzen Zeit, während deren ich mit Abfassung dieser Arbeit beschäftigt bin, schon wieder mannigfache Veränderungen erfahren. Von den früher gebräuchlichen Redensarten werden viele, namentlich solche, die noch irgendwie an den »Nichtsdenkungsgedanken« erinnerten, kaum noch gehört. Auch der Grad der Verlangsamung beim Sprechen hat seit der im Kap. XVI enthaltenen Schilderung immer noch mehr zugenommen, so daß das Sprechen der Stimmen zum nicht geringen Teil nur noch ein Gezisch in meinem Kopf zu nennen ist, aus dem ich vielleicht einzelne Worte gar nicht mehr heraushören würde, wenn ich nicht – ich muß sagen unglücklicherweise – infolge der gedächtnismäßigen Erinnerung fast immer im voraus wüßte, welche sinnlosen Redensarten ich zu erwarten habe. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Veränderungen der bezeichneten Art, die sämtlich mit der vermehrten Seelenwollust zusammenhängen, sowie – aus gleichem Grunde – Veränderungen der gegen mich geübten Wunder auch künftig immer noch weiter hervortreten werden. Am lästigsten empfinde ich jetzt – neben manchmal mangelhafter Verfassung des Kopfes – die Brüllzustände, von denen ich nun schon seit zwei oder drei Jahren heimgesucht werde, und die im letzten Jahre sich zuweilen zu einer nahezu unerträglichen Plage gestaltet haben. Ob hierin von der Zukunft eine Besserung zu erwarten ist, wage ich nicht vorauszusagen; eine Mäßigung würden die betreffenden Übelstände, wie ich aus den früher angedeuteten Gründen glaube, immerhin dann erfahren, wenn ich meinen Aufenthalt außerhalb der hiesigen Anstalt nehmen könnte. XXI. Seligkeit und Wollust in ihrer gegenseitigen Beziehung. Folgerungen aus diesem Verhältnisse für das persönliche Verhalten Eine eigentliche Beweisführung für die Wirklichkeit der von mir behaupteten Wunder und die Wahrheit meiner religiösen Vorstellungen habe ich bisher kaum versucht. Immerhin liegt eine Fülle von Beweisgründen, abgesehen von den mehrfach erwähnten Brüllzuständen, Diese Brüllzustände gestalten sich jetzt (Februar 1901, wo diese Anmerkung nachträglich hinzugefügt ist) alltäglich früh, wenn ich beim Aufstehen das Bett verlasse, mich anziehe und wasche oder sonst (auch im Bade) den Körper entblöße, zu so tollen Szenen, daß nach meinem Dafürhalten jeder gebildete Mann, der dabei in meiner Nähe wäre, die Überzeugung gewinnen müßte, es könne bei mir nicht mit natürlichen Dingen zugehen. Leider sind zu den betreffenden Tageszeiten immer nur ungebildete Pfleger oder geisteskranke Personen in meiner Umgebung. Eine im Laufe der Zeit wiederkehrende Veränderung dieser Erscheinungen halte ich für nicht unwahrscheinlich. in meiner körperlichen Verfassung, so daß, wie ich annehme, eine Untersuchung meines Körpers auf die an demselben erkennbaren Weiblichkeitsmerkmale schon jetzt auch für andere Menschen überzeugend wirken müßte. Ich werde daher diesem Gegenstand in dem gegenwärtigen Kapitel eine besondere Besprechung widmen, der ich die der hiesigen Anstaltsdirektion hierüber bereits gemachten Mitteilungen teils auszugsweise, teils ihrem vollständigen Inhalt nach vorausschicken will. Nachdem das Königl. Amtsgericht Dresden unter dem 13. März d.J. (1900) meine Entmündigung beschlossen hatte, habe ich unter dem 24. desselben Monats eine Vorstellung an die hiesige Anstaltsdirektion gerichtet, in welcher ich derselben einige der wesentlicheren Gesichtspunkte dargelegt habe auf welche ich die von mir zu erhebende – inzwischen wirklich erhobene – Anfechtungsklage zu stützen beabsichtige. Als Grund für die Darlegung habe ich dabei angegeben, daß die Königl. Anstaltsdirektion in dem künftigen Prozesse doch wohl noch zu einer gutachtlichen Äußerung veranlaßt werden würde und mir daher daran liegen müsse, ihr meine eigene Auffassung in betreff der Natur meiner Krankheit mitzuteilen, damit schon vor Erstattung eines neuen Gutachtens die ärztlichen Beobachtungen auf gewisse speziell von mir bezeichneten Punkte gerichtet werden könnten. Aus der erwähnten Vorstellung vom 24. März d.J. kommt hier der folgende Passus in Betracht: »Die Absicht, andere Menschen im Wege verstandesmäßiger Darlegung von der Wahrheit meiner angeblichen »Wahnideen« und »Sinnestäuschungen« zu überzeugen, liegt mir an und für sich natürlich fern. Ich weiß wohl, daß dies wenigstens vorläufig nur in sehr beschränktem Maße möglich sein würde. Ob eine spätere, außerhalb des Bereichs aller menschlichen Erfahrung liegende Veränderung meiner körperlichen Verfassung einmal von selbst die Bestätigung bringen wird, habe ich der Zukunft überlassen. Nur das eine will ich schon jetzt erklären: daß ich jeder Zeit bereit sein würde, meinen Körper einer beliebigen ärztlichen Untersuchung unterwerfen zu lassen, um zu konstatieren, ob nicht meine Behauptung zutrifft, daß mein ganzer Körper vom Scheitel bis zur Sohle mit Wollustnerven durchsetzt ist, wie dies sonst nur beim erwachsenen weiblichen Körper der Fall ist, während beim Mann, soviel mir wenigstens bekannt ist, Wollustnerven nur am Geschlechtsteile und in unmittelbarer Nähe desselben sich befinden. Würde eine solche Untersuchung die Richtigkeit meiner Behauptung ergeben, und wäre gleichzeitig die ärztliche Wissenschaft zu dem Bekenntnisse genötigt, daß es ihr für eine derartige Erscheinung an einem männlichen Körper an jeder menschlich-natürlichen Erklärung mangele, so würde doch wohl meine »Wahnidee«, daß mein Körper in ausgedehntem Maße der Einwirkung göttlicher Wunder unterliege, auch weiteren Kreisen in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen müssen.« Dieser ersten Vorstellung habe ich unter dem 26. März d. J. eine zweite folgen lassen, die ich nachstehend im Wortlaut wiedergebe: Im Anschlusse an meine ergebene Vorstellung vom 24. d. M. gestatte ich mir, der Königl. Anstaltsdirektion eine Bitte vorzutragen. Aus der erwähnten Vorstellung ist erkennbar, unter welchem Gesichtspunkte ich auf die Verbreitung von Wollustnerven an meinem Körper sowohl in betreff meiner religiösen Vorstellungen als in betreff meines Vorgehens gegenüber dem amtsgerichtlichen Entmündigungsbeschluß ein wesentliches Gewicht legen zu müssen glaube. Demnach wäre es für mich von großem Interesse, in Erfahrung zubringen: 1) ob die wissenschaftliche Nervenlehre das Vorhandensein von Nerven (Wollustnerven oder sensitiven Nerven nach einem neulich aus dem Munde des Herrn Geh. Rat Dr. Weber von mir gehörten Ausdruck oder wie sonst die wissenschaftliche Bezeichnung lauten möge) anerkennt, deren besondere Funktion darin besteht, Träger des Wollustgefühls zu sein? 2) ob es richtig ist, was ich behaupte, daß derartige Wollustnerven beim Weibe am ganzen Körper, beim Manne nur am Geschlechtsteil und in dessen unmittelbarer Nähe sich befinden, ob ich also hierunter eine von der wissenschaftlichen Nervenlehre anerkannte Tatsache wiedergegeben oder etwas nach dem jetzigen Stande dieser Wissenschaft Unrichtiges behauptet habe? Am dankbarsten würde ich für eine Form der Aufklärung sein, die entweder schriftlich oder durch leihweise Überlassung eines die Nervenlehre wissenschaftlich behandelnden Werkes, aus dem ich mir dann selbst die erforderlichen Exzerpte machen könnte, erfolgte. In vorzüglicher Hochachtung (folgt die Unterschrift). Auf die zweite Vorstellung ist endlich unter dem 30. März d. J. noch eine dritte gefolgt, deren Wortlaut der nachstehende ist: Aus Anlaß meiner unter dem 26. d. M. an die Kgl. Anstaltsdirektion gerichteten Eingabe, die sog. Wollustnerven betreffend, hat Herr Geh. Rat Dr. Weber gestern abend die Güte gehabt, mir eine mündliche Unterhaltung über diesen Gegenstand zu gewähren und mir zwei der ärztlichen Bibliothek der Anstalt entnommene Bücher auf einige Zeit leihweise zu überlassen. Ich komme auf die angeregten Fragen noch einmal zurück und zwar nicht nur um meiner persönlichen Interessen willen, sondern zugleich auch, weil ich annehme, daß die an meinem Körper zu machenden Beobachtungen vielleicht zu einer Bereicherung der Wissenschaft auf diesem Gebiete führen könnten. Wenn ich Herrn Geh. Rat Dr. Weber richtig verstanden habe, so wird die Existenz von besonderen Nerven, die Träger des Wollustgefühls sind, von der wissenschaftlichen Nervenlehre eigentlich nicht anerkannt; ebenso trat derselbe der Auffassung entgegen, daß man derartige Nerven, wie überhaupt irgendwelche Nerven durch äußere Berührung fühlen könne. Auf der anderen Seite schien derselbe die Tatsache nicht bezweifeln zu wollen, daß die Wollustempfindung – gleichviel aus welchem physiologischen Grunde – beim Weibe in höherem Grad als beim Manne, eine den ganzen Körper ergreifende sei und daß insbesondere die Mammae in ganz besonders hervorragendem Grade an der Wollustempfindung teilnehmen. Nach meinem Dafürhalten würde diese Tatsache sich doch wohl nur in der Weise erklären lassen, daß irgendwelche Organe (mag man sie nun Sehnen, Nerven oder sonstwie nennen) vorhanden sind, die beim Weibe in höherem Grade als beim Manne den ganzen Körper bedecken. Für mich ist nun subjektiv gewiß, daß mein Körper – nach meiner wiederholt kundgegebenen Auffassung infolge göttlicher Wunder – derartige Organe in derselben Weise zeigt, wie dies sonst nur beim weiblichen Körper der Fall ist. Ich fühle, wenn ich einen leisen Druck mit der Hand an einer beliebigen Stelle meines Körpers ausübe, unter der Hautoberfläche Gebilde von faden- oder strangartiger Beschaffenheit; dieselben sind namentlich an meiner Brust, da wo beim Weibe der Busen ist, vorhanden, hier mit der Besonderheit, daß an ihren Enden zeitweise knotenartige Verdickungen wahrnehmbar werden. Durch einen auf diese Gebilde auszuübenden Druck vermag ich mir, namentlich wenn ich an etwas Weibliches denke, eine der weiblichen entsprechenden Wollustempfindungen zu verschaffen. Ich tue dies, nebenbei bemerkt, nicht etwa aus Lüsternheit, sondern bin zu gewissen Zeiten geradezu genötigt, wenn ich mir Schlaf oder Schutz vor sonst nahezu unerträglichen Schmerzen verschaffen will. Genau dieselben faden- oder strangartigen Gebilde habe ich (nachdem meine Aufmerksamkeit einmal auf diesen Punkt gelenkt war) gelegentlich eines Besuchs am Arme meiner Schwägerin gefühlt und nehme danach an, daß sie an jedem weiblichen Körper in derselben Weise vorhanden sind. Ich glaube auch annehmen zu dürfen, daß diese Gebilde es sind, die der weiblichen Haut die derselben eigentümliche Weichheit verschaffen, die auch an meinem Körper der Regel nach bemerkbar ist. Hinzuzufügen habe ich noch, daß hinsichtlich der an meinem Körper hervortretenden Weiblichkeitsmerkmale eine gewisse Periodizität stattfindet und zwar neuerdings in immer mehr sich verkürzenden Zwischenräumen. Alles Weibliche wirkt nämlich anziehend auf die Gottesnerven; sobald man sich daher von mir zurückziehen will, macht man jedesmal den Versuch, die an meinem Körper hervortretenden Weiblichkeitssymptome durch Wunder zurückzudrängen; dies hat zur Folge, daß die von mir als »Wollustnerven« bezeichneten Gebilde etwas nach innen verschoben, an der Oberfläche der Haut also nicht mehr so deutlich fühlbar werden, mein Busen sich etwas verflacht usw. Wenn man dann aber nach kurzer Zeit genötigt ist, sich wieder zu nähern, so treten die »Wollustnerven« (um einmal diesen Ausdruck beizubehalten) wieder hervor, mein Busen wölbt sich wieder usw. Diese Periodizität pflegt jetzt meist schon nach Ablauf weniger Minuten hervorzutreten. Daß ich mit der vorstehenden Darlegung neben meinen persönlichen zugleich ernste wissenschaftliche Interessen verfolge, wird die Kgl. Anstaltsdirektion nicht verkennen wollen; ich hoffe also auch gegen die Auffassung sichergestellt zu sein, daß ich mit der Aufdeckung der betreffenden, nach meiner Auffassung mit übersinnlichen Dingen zusammenhängenden Verhältnisse irgend etwas zur Sprache gebracht hätte, dessen ich mich als Mann zu schämen hätte. In vorzüglicher Hochachtung (folgt die Unterschrift). * An den Inhalt der vorstehend wiedergegebenen Schriftstücke schließe ich noch einige weitere Bemerkungen an. Ich bezweifle natürlich nicht, daß dasjenige, was mir von Herrn Geh. Rat Dr. Weber bei der im Eingang der Vorstellung vom 30. März d. J. erwähnten Unterredung mitgeteilt worden ist, dem jetzigen Stande der Wissenschaft auf dem Gebiete der Nervenkunde entspricht. Gleichwohl kann ich nicht umhin, mit derjenigen Bescheidenheit, die dem Laien in solchen Dingen geziemt, der Überzeugung Ausdruck zu geben, daß es sich bei den von mir beschriebenen an meinem Körper wahrnehmbaren faden- oder strangartigen Gebilden um Nerven handelt, daß es also doch besondere Wollustnerven gibt, deren Eigentümlichkeit darin besteht, Träger der Wollustempfindung zu sein. Bestimmend ist dabei für mich einesteils die Erwägung, daß die fraglichen Gebilde, wie ich sicher weiß, ihrer Herkunft nach weiter nichts sind als ehemalige Gottesnerven, die doch durch ihren Übergang in meinen Körper ihre Eigenschaft als Nerven kaum eingebüßt haben können, und sodann der Umstand, daß ich eben in jedem beliebigen Augenblick durch leisen Druck auf jene Gebilde die tatsächliche Wahrnehmung der dadurch angeregten Wollustempfindung machen kann. Es sei mir daher gestattet, in dem Folgenden die Bezeichnung als Wollustnerven beizubehalten. Die Anfüllung meines Körpers mit diesen Wollustnerven infolge des unausgesetzten Zusammenströmens von Strahlen oder Gottesnerven dauert jetzt nun schon über sechs Jahre ohne jegliche Unterbrechung an. Es ist daher nicht zu verwundern, daß mein Körper in einem Grade von Wollustnerven durchsetzt ist, wie derselbe schwerlich von der gleichartigen Erscheinung bei irgendeinem weiblichen Wesen übertroffen wird. Das äußerliche Hervortreten derselben unterliegt, wie ich bereits in meiner Vorstellung vom 30. März d. J. hervorgehoben habe, einer regelmäßig wiederkehrenden Periodizität, je nachdem Gott in größere Entfernung sich zurückgezogen hat oder – in Ermangelung der Gedanken, die die Strahlen bei mir suchen müssen – genötigt ist, wieder näher zu kommen. Zu den Zeiten der Annäherung gewährt meine Brust den Eindruck eines ziemlich voll entwickelten weiblichen Busens; diese Erscheinung kann von jedermann, der mich beobachten will, mit eigenen Augen gesehen werden . Ich bin also insoweit in der Lage, sozusagen einen Beweis durch Berufung auf Einnahme des Augenscheins anzutreten. Allerdings würde nicht eine flüchtige Beobachtung in einem gegebenen Augenblicke genügen, sondern der betreffende Beobachter müßte sich die Mühe geben, etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde in meiner Nähe zu verweilen. In diesem Falle würde jedermann das abwechselnde Anschwellen und Abschwellen des Busens bemerken müssen. Natürlich bleibt an den Armen und in der Herzgrube die männliche Behaarung, die bei mir übrigens nur in mäßigem Grade vorhanden ist; auch bleiben die Brustwarzen in ihrer dem männlichen Geschlechte entsprechenden geringeren Größe. Davon abgesehen aber wage ich kühn zu behaupten, daß jeder; der mich mit entblößtem oberen Teile des Rumpfes vor dem Spiegel stehen sehen würde, – zumal, wenn die Illusion durch etwas weiblichen Aufputz unterstützt wird – den unzweifelhaften Eindruck eines weiblichen Oberkörpers empfangen würde. Ich stehe auch nicht an, zu erklären, daß ich bei einem Aufenthalt außerhalb der Anstalt eine entsprechende Beobachtung zwar meinerseits nicht veranlassen , aber doch jedem Fachmann, der hierzu nicht durch bloße Neugier, sondern durch ein wissenschaftliches Interesse sich bewogen fühlen sollte, gestatten würde. Wenn ähnliches, wie ich ferner behaupte, noch niemals an einem männlichen Körper zu beobachten gewesen ist, so glaube ich damit einen Nachweis geliefert zu haben, der auch bei ernsten Männern die erheblichsten Zweifel anregen muß, ob nicht alles dasjenige, was man bei mir bisher als Sinnestäuschungen und Wahnideen angesehen hat, Wahrheit ist, ob nicht demnach mein gesamter Wunderglaube und die Darstellung, die ich zur Erklärung der auffälligen Erscheinungen an meiner Person und an meinem Körper gegeben habe, auf Wahrheit beruht. Die durch das Vorhandensein der Wollustnerven ermöglichte Pflege der weiblichen Gefühle betrachte ich als mein Recht und in gewissem Sinne als meine Verpflichtung. Um nicht durch dieses Bekenntnis in der Achtung anderer Menschen zu verlieren, auf deren Urteil ich Wert lege, wird es einer ausführlicheren Darlegung bedürfen. Es wird wenig Menschen geben, die in so strengen, sittlichen Grundsätzen aufgewachsen sind, wie ich, und die sich ihr ganzes Leben hindurch, namentlich auch in geschlechtlicher Beziehung, eine diesen Grundsätzen entsprechende Zurückhaltung in dem Maße auferlegt haben, wie ich es von mir behaupten darf. Nicht also eine niedere Sinnlichkeit ist es, die als Triebfeder bei mir in Betracht kommt; wäre mir eine Befriedigung meines männlichen Ehrgeizes noch möglich, so wäre mir dies natürlich ungleich lieber; auch werde ich im Verkehr mit anderen Menschen niemals von geschlechtlicher Lüsternheit etwas verspüren lassen. Sobald ich aber – wenn ich mich so ausdrücken darf – mit Gott allein bin, ist es eine Notwendigkeit für mich, mit allen erdenklichen Mitteln, sowie mit dem vollen Aufgebote meiner Verstandeskräfte, insbesondere meiner Einbildungskraft dahin zu wirken, daß die göttlichen Strahlen von mir möglichst fortwährend oder – da dies der Mensch einfach nicht kann, – wenigstens zu gewissen Tageszeiten den Eindruck eines in wollüstigen Empfindungen schwelgenden Weibes empfangen. Auf die nahen Beziehungen, die zwischen der Wollust und der Seligkeit bestehen, habe ich schon im früheren Verlaufe dieser Arbeit wiederholt hingewiesen. Die Wollust darf als ein Stück Seligkeit aufgefaßt werden, das dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen gewissermaßen im voraus verliehen ist. Wie ein Seherblick, bei dem man an göttliche Eingebungen denken möchte, will es mich unter diesem Gesichtspunkt anmuten, wenn z. B. Schiller in seinem Liede an die Freude dichtet »Wollust ward dem Wurm gegeben, und der Cherub steht vor Gott«. Dabei besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied. Den Seelen ist das wollustmäßige Genießen oder die Seligkeit in beständiger Dauer und gewissermaßen als Selbstzweck, dem Menschen und anderen lebenden Geschöpfen dagegen nur als Mittel zur Erhaltung der Art verliehen . Darin liegen für den Menschen die sittlichen Schranken der Wollust. Ein Übermaß der Wollust würde den Menschen zur Erfüllung der ihm sonst obliegenden Aufgaben unfähig machen; es würde ihn verhindern, jemals zu einer höheren Stufe der geistigen und sittlichen Vervollkommnung emporzusteigen; ja die Erfahrung lehrt, daß an wollüstigen Ausschweifungen nicht nur zahlreiche einzelne Menschen, sondern selbst ganze Völker zugrunde gegangen sind. Für mich bestehen derartige sittliche Schranken der Wollust nicht mehr, sie haben sich in gewissem Sinne gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Um nicht mißverstanden zu werden, muß ich hierbei bemerken, daß ich mit der mir sozusagen zur Pflicht gewordenen Pflege der Wollust niemals eine geschlechtliche Begehrlichkeit gegenüber anderen Menschen (Frauenspersonen) oder gar einen geschlechtlichen Umgang mit solchen meine, sondern mich selbst als Mann und Weib in einer Person, mit mir selbst den Beischlaf vollziehend, vorzustellen, mit mir selbst irgendwelche auf geschlechtliche Erregung abzielende – vielleicht sonst als unzüchtig geltende – Handlungen vorzunehmen habe usw., wobei natürlich jeder Gedanke an Onanie oder dergleichen ausgeschlossen ist. Das letztere Verhalten aber ist mir durch das weltordnungswidrige Verhältnis, in das Gott sich zu mir gesetzt hat, geradezu notwendig geworden; ich kann insofern, so paradox es klingen mag, das Wort der Kreuzfahrer des ersten Kreuzzugs Dieu le veut (Gott will es) auf mich anwenden. Gott ist nun einmal durch die längst unbesieglich gewordene Anziehungskraft meiner Nerven unauflöslich an meine Person gebunden; jede Möglichkeit, von meinen Nerven wieder loszukommen – worauf die von Gott selbst verfolgte Politik abzielt – ist, außer etwa in dem Falle, daß es noch zu einer Entmannung kommen sollte, auf den noch übrigen Rest meines Lebens ausgeschlossen. Auf der anderen Seite verlangt Gott ein den weltordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen entsprechendes beständiges Genießen; es ist meine Aufgabe, ihm dasselbe, soweit es unter den einmal geschaffenen weltordnungswidrigen Verhältnissen im Bereiche der Möglichkeit liegt, in der Form ausgiebigster Entwicklung der Seelenwollust zu verschaffen; soweit dabei für mich etwas von sinnlichem Genusse abfällt, bin ich berechtigt, denselben als eine kleine Entschädigung für das Übermaß der Leiden und Entbehrungen, das mir seit Jahren auferlegt ist, mitzunehmen; es liegt darin zugleich ein geringer Ausgleich für die vielfachen schmerzhaften Zustände und Widerwärtigkeiten, die ich auch jetzt noch namentlich in den Zeiten, wo die Seelenwollust zurücktritt, zu ertragen habe. Ich bin mir bewußt, daß ich damit keine sittliche Pflicht verletze, sondern einfach dasjenige tue, was unter den gegebenen regelwidrigen Umständen durch die Vernunft geboten ist; wegen des Verhältnisses zu meiner Frau insbesondere verweise ich auf das bereits in Kap. XIII Anmerkung 76 hierüber Bemerkte. Natürlich ist es mir nicht möglich, mich den ganzen Tag oder auch nur den größten Teil desselben in wollüstigen Vorstellungen zu ergehen und meine Phantasie in dieser Richtung spielen zu lassen. Dazu wäre die menschliche Natur einfach außerstande; der Mensch ist eben nicht bloß zur Wollust geboren, und daher müßte die bloße Wollust als alleiniger Lebenszweck mir ebenso ungeheuerlich erscheinen, wie irgendwelchen anderen Menschen. Auf der anderen Seite ist eine unausgesetzte Denktätigkeit, ein durch keine Ruhepause unterbrochenes Arbeiten der Verstandesnerven, wie es mir von den Strahlen im Wege des Denkzwanges zugemutet wird, mit der Menschennatur nicht minder unverträglich. Die Kunst meiner Lebensführung in der verrückten Lebenslage, in die ich nun einmal gekommen bin – ich meine hier nicht die Verhältnisse meiner äußeren Umgebung, sondern das Widersinnige und Weltordnungswidrige der zwischen mir und Gott entstandenen Beziehungen –, besteht daher darin, einen angemessenen Mittelweg zu finden, bei dem beide Teile, Gott und Mensch, noch am leidlichsten fahren, d. h. das Eingehen der göttlichen Strahlen möglichst unter Teilnahme an der in meinem Körper vorhandenen Seelenwollust erfolgt und dadurch für sie annehmbar gemacht wird, ich dagegen neben der von Zeit zu Zeit und namentlich in den Nächten erforderlichen Ruhe meiner Verstandesnerven auch die Fähigkeit, mich in einer dem geistigen Bedürfnisse entsprechenden Weise zu beschäftigen, wenigstens in gewissen Maße behalte. Für beide Teile geht es dabei nicht ohne unerquickliche Zustände ab, in denen jeder von ihnen zu einem seiner eigentlichen Natur widersprechenden Verhalten gezwungen ist. Seelenwollust ist eben nicht immer in voller Ausgiebigkeit vorhanden, sondern tritt in regelmäßiger Abwechslung von Zeit zu Zeit zurück, teils dadurch, daß Gott Rückzugsaktionen ins Werk setzt, teils dadurch, daß ich mir die Pflege der Wollust nicht immer angelegen sein lassen kann. Auf der andern Seite ist jede geistige Beschäftigung, die ich vornehme, und in noch höherem Maße jede Hingabe an das natürliche Recht des Nichtsdenkens (namentlich bei Spaziergängen) mit einem mehr oder minder erheblichen Opfer an körperlichem Wohlbefinden für mich verbunden. Dafür ist es mir erlaubt, in denjenigen Ruhepausen der Denktätigkeit, deren der Mensch nun einmal bedarf, also namentlich in der Nacht, um Schlaf zu erzielen, aber auch am Tage zu gewissen Zeiten, etwa nach der Hauptmahlzeit, wo das Bedürfnis einer Nachmittagsruhe hervortritt, oder am frühen Morgen nach dem Erwachen im Bette mir durch Pflege der Wollust in dem obenbezeichneten Sinne erträgliche körperliche Zustände oder selbst ein darüber hinausgehendes sinnliches Wohlbehagen zu erschaffen. Die Richtigkeit dieser Auffassung ist mir durch eine jahrelange Erfahrung unzweifelhaft bestätigt worden; ich glaube sogar nach den gewonnenen Eindrücken die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß Gott niemals zu einer Rückzugsaktion verschreiten würde (wodurch mein körperliches Wohlbefinden jedesmal zunächst erheblich verschlechtert wird), sondern ohne jedes Widerstreben und in dauernder Gleichmäßigkeit der Anziehung folgen würde, wenn es mir möglich wäre, immer das in geschlechtlicher Umarmung mit mir selbst daliegende Weib zu spielen, meinen Blick immer auf weibliche Wesen ruhen zu lassen, immer weibliche Bilder zu besehen usw. Nicht unerwähnt will ich dabei lassen, daß die Richtigkeit der bezeichneten Auffassung auch von dem niederen Gotte (Ariman) ausdrücklich dadurch anerkannt worden ist, daß er seiner Zeit eine Anzahl von Redensarten, durch die mir ein entsprechendes Verhalten empfohlen wurde, in das von ihm zum Sprechen der Strahlen verwendete Aufschreibematerial aufnahm. Namentlich die Redensarten »Die Wollust ist gottesfürchtig geworden« und »Regen Sie sich nur geschlechtlich auf« wurden früher sehr häufig aus dem Munde der von dem niederen Gotte ausgehenden Stimmen gehört. Alle sittlichen Begriffe sind eben im Verhältnisse zwischen Gott und mir auf den Kopf gestellt. Sonst ist zwar die Wollust für Menschen sittlich erlaubt, soweit sie durch das Band der Ehe geheiligt und dadurch mit dem Fortpflanzungszwecke in Verbindung gesetzt ist, hat aber um ihrer selbst willen niemals als etwas besonders Verdienstliches gegolten. Im Verhältnisse zwischen Gott und mir dagegen ist die Wollust eben »gottesfürchtig« geworden, d. h. als dasjenige Mittel zu betrachten, durch welches der (entgegen der Weltordnung ) einmal geschaffene Widerstreit der Interessen noch am ehesten eine befriedigende Lösung finden kann. Sobald ich Pausen meines Denkens eintreten lasse, ohne mich gleichzeitig der Pflege der Wollust anzunehmen – was natürlich bis zu einem gewissen Grade ganz unvermeidlich ist, da der Mensch weder fortwährend denken, noch fortwährend Wollust machen kann – ergeben sich jedesmal die bereits früher geschilderten unerquicklichen Folgen: Brüllzustände und irgendwelche körperliche Schmerzen in meiner Person; roher Lärm unter den Verrückten meiner Umgebung und »Hilfe«-rufe auf seiten Gottes. Die Vernunft erheischt daher, daß ich in demjenigen Maße, in dem dies dem Menschen überhaupt zugemutet werden kann, die Pausen meiner Denktätigkeit, mit anderen Worten die Zeiten des Ausruhens von einer geistigen Beschäftigung, möglichst durch Pflege der Wollust ausfülle. XXII. Schlußbetrachtungen. Ausblick in die Zukunft Ich bin am Ende meiner Arbeit angelangt. Ich habe meine Erlebnisse und Erfahrungen während meiner nun schon nahezu sieben Jahre andauernden Nervenkrankheit und die übersinnlichen Eindrücke, die ich in dieser Zeit empfangen habe, zwar bei weitem nicht erschöpfend, aber doch wenigstens in derjenigen Vollständigkeit wiedergegeben, deren es zum Verständnis meiner religiösen Anschauungen und zur Erklärung gewisser Absonderlichkeiten meines Verhaltens bedarf. Es erübrigt mir noch, einen Ausblick auf die Zukunft zu werfen. »Was wird nun aus der verfluchten Geschichte?« und »Was wird aus mir? sollte derjenige« Als »Derjenige« in der oben angegebenen und vielen anderen ähnlichen Redensarten bin natürlich immer ich selbst gemeint. Man würde vielleicht einen Fortgang: »derjenige Mensch, der uns (die Strahlen) allein noch interessiert« oder dergleichen zu ergänzen haben. Daß man dabei meinen Namen nicht nennt, scheint auf einer gewissen Geflissentlichkeit zu beruhen, da man sich eben immer in der Illusion wiegt, es müsse doch wohl nun endlich der Zeitpunkt gekommen sein, wo ich mir selber meiner Identität nicht mehr bewußt sei. scilicet sagen oder denken – so lauten die Fragen, die seit Jahren von den Strahlen endloser Wiederholung in meinen Kopf hineingesprochen werden und die, wenn sie auch jeweilig nicht meine echten Gedanken wiedergeben, sondern auf Fälschung beruhen, so doch jedenfalls erkennen lassen, daß das Bewußtsein einer recht gründlich verfahrenen Angelegenheit auch bei Gott vorhanden ist. Die Antworten, die sich die Strahlen selbst auf diese Frage geben, d. h. fälschungsweise meinen Nerven unterlegen (»Neue Menschen aus Schreber'schem Geist« oder auch »das weiß ich nicht, sollte derjenige« usw.) sind so kindisch, daß ich nicht länger bei ihnen zu verzweifeln brauche. In betreff meiner eigenen Auffassung habe ich das Folgende zu bemerken. Eine sichere Voraussage, was aus mir werden wird und in welcher Weise es etwa möglich sein wird, den weltordnungswidrigen Zustand, in welchem sich Gott infolge der Anziehungskraft meiner Nerven anscheinend der ganzen Erde gegenüber befindet, dereinst wieder in weltordnungsmäßige Bahnen zurückzuleiten, ist natürlich unmöglich. Es handelt sich um eine Verwicklung, für die nicht nur alle Analogien aus der menschlichen Erfahrung fehlen, sondern die auch in der Weltordnung selbst niemals vorgesehen gewesen ist. Wer möchte sich daher einem solchen Verhältnisse gegenüber in haltlosen Vermutungen für die Zukunft ergehen? Sicher ist für mich nur eine Negative, nämlich die , daß es niemals zu der von Gott beabsichtigten Zerstörung meines Verstandes kommen kann. Über diesen Punkt bin ich mir, wie bereits oben (Kap. XX, Seite [279]) ausgeführt worden, seit Jahren vollständig im klaren und damit ist für mich die Hauptgefahr, die mir im ersten Jahre meiner Krankheit zu drohen schien, beseitigt. Denn was kann es für einen Menschen, zumal für einen in so vielen Richtungen hochbegabten Menschen, wie ich es zu sein ohne Selbstruhm von mir behaupten darf, Entsetzlicheres geben, als die Aussicht, den Verstand verlieren zu müssen und im Blödsinn unterzugehen? Alles, was mir sonst etwa bevorstehen mag, erscheint mir demgemäß mehr oder weniger nebensächlich, nachdem ich durch jahrelange Erfahrung die sichere Überzeugung erlangt habe, daß alle Versuche in dieser Richtung im voraus zur Erfolglosigkeit verurteilt sind, insofern die Weltordnung auch Gott selbst nicht die Mittel an die Hand gibt, einem Menschen den Verstand zu zerstören. Natürlich habe ich mich aber mit der Frage nach der voraussetzlichen Gestaltung meiner Zukunft auch in positiver Richtung im Laufe der Jahre viel beschäftigt. Mehrere Jahre hindurch nach dem im Kap. XIII beschriebenen Umschwunge meiner eigenen Auffassung habe ich in der bestimmten Annahme gelebt, daß es schließlich einmal zu einer wirklichen Entmannung (Verwandlung in ein Weib) bei mir kommen müsse; namentlich so lange ich die übrige Menschheit untergegangen glaubte, schien mir die Lösung als Vorbereitung einer Erneuerung der Menschheit unbedingt geboten. In der Tat erachte ich es auch jetzt noch für unzweifelhaft, daß eine solche Lösung an sich als die dem innersten Wesen der Weltordnung am meisten entsprechende anzusehen sein würde. Entmannungen zum Zwecke einer Erneuerung der Menschheit haben, wie bereits im Kap. V ausgeführt worden, aller Wahrscheinlichkeit nach in früheren Perioden der Geschichte des Weltalls, sei es auf unserer Erde, sei es auf anderen Weltkörpern, in einer Mehrzahl von Fällen wirklich stattgefunden. Auf eine Entmannung weist auch ein nicht geringer Teil der an meiner Person geübten Wunder (vgl. Kap. XI im Eingang), sowie die Anfüllung meines Körpers mit Wollustnerven unzweideutig hin. Ob es aber infolge der von Gott nach dem Auftreten der geprüften Seelen nun einmal getroffenen weltordnungs widrigen Einrichtungen (Anbinden an Erden usw.) noch zu einer wirklichen Entmannung kommen kann, darüber wage ich eine bestimmte Voraussage für die Zukunft um so weniger mehr abzugeben, als ich eben inzwischen meine früheren Vorstellungen in betreff eines Untergangs der übrigen Menschheit zu berichtigen gehabt habe. Möglich also, ja wahrscheinlich, daß es bis zu meinem Lebensende bei starken Andeutungen der Weiblichkeit verbleibt und ich dereinst als Mann mit dem Tode abgehe. Damit tritt die andere Frage in den Vordergrund, ob ich überhaupt sterblich sei und welche Todesursachen bei mir im Bereiche der Möglichkeit liegen. Nach allem, was ich früher von der wiederherstellenden Kraft der göttlichen Strahlen an meinem Körper erfahren habe (vgl. darüber die früheren Ausführungen), muß ich es auch jetzt noch als wahrscheinlich bezeichnen, daß irgendwelche Krankheitseinflüsse und selbst gewaltsame äußere Eingriffe als den Tod bedingende Ursachen bei mir ausgeschlossen sind. Gesetzt ich fiele irgendwo ins Wasser, oder ich wollte, woran ich natürlich nicht entfernt mehr denke, mir eine Kugel durch den Kopf oder durch die Brust jagen, so würden zwar vermutlich vorübergehend Erscheinungen eintreten, wie sie dem Ertränkungstode oder dem Zustande der Bewußtlosigkeit nach einer sonst tödlich wirkenden Schußwunde entsprechen. Ob aber, solange der Strahlenverkehr andauert, nicht eine Wiederbelebung stattfinden würde, ob nicht die Herztätigkeit und damit der Blutumlauf wieder angeregt werden würde, die zerstörten inneren Organe und Knochenteile wiederhergestellt werden würden, ist eine Frage, die ich nach meinen früheren Erlebnissen kaum im verneinenden Sinne zu beantworten wage. Habe ich doch im ersten Jahre meiner Krankheit zu wiederholten Malen gewisse Zeit hindurch ohne die wichtigsten inneren Organe oder unter schwerer Verletzung derselben, sowie unter starker Verwüstung von Teilen des Knochensystems, die sonst als für eine Fortdauer des Lebens kaum entbehrlich angesehen werden, gelebt. Die Ursachen, die damals jeweilig zur Wiederherstellung des Zerstörten führten, sind auch jetzt noch vorhanden und somit kann ich mir eine todbringende Wirkung bei Ereignissen der oben bezeichneten Art kaum vorstellen. Das gleiche gilt von allen natürlichen Krankheitseinflüssen. Demnach scheint für mich als Todesursache nur dasjenige, was man gewöhnlich die Altersschwäche nennt, in Betracht zu kommen. Bekanntlich ist die Frage, was es mit dem Tode an Altersschwäche für eine Bewandtnis habe, auch für die Wissenschaft eine ziemlich dunkle. Man kann zwar die äußeren Erscheinungen, die dabei hervortreten, beschreiben, hat aber die eigentlich wirkende Ursache meines Wissens noch nicht zu ergründen vermocht: die Frage, warum überhaupt der Mensch nach Erreichung eines bestimmten Lebensalters sterben müsse, entbehrt zur Zeit noch der sicheren Beantwortung. Anscheinend ist allen erschaffenen Wesen nur ein bestimmtes Maß von Lebenskraft zugeteilt, nach dessen Erschöpfung die der Erhaltung des Lebens dienenden Organe ihre Wirkung versagen. Ich könnte mir also wohl vorstellen, daß auch Strahlen zwar irgendwelche Schäden, die an einem noch im Besitz der Lebenskraft befindlichen Körper entstehen, auszugleichen, nicht aber die Lebenskraft selbst zu ersetzen vermögen. Die andere Seite der Betrachtung betrifft die Frage, was im Falle meines Ablebens – wenn ich mich so ausdrücken darf – aus Gott werden solle. Unzweifelhaft ist mir nach allem bisher ausgeführten, daß das ganze Verhältnis, in welches Gott sich jetzt zu unserer Erde und zu der auf derselben lebenden Menschheit gesetzt hat, auf besonderen Beziehungen ruht, die zwischen Gott und meiner Person entstanden sind. Käme meine Person durch Tod in Wegfall, so müßte in jenem Verhältnisse sicher eine Änderung erfolgen; ob dieselbe in irgendwie auch für andere Menschen augenfälliger Weise hervortreten würde, wage ich nicht zu behaupten. Vielleicht wird dann man, durch die Not gezwungen, zu denjenigen, die Rückkehr zur Weltordnung enthaltenden Maßregeln (Beseitigung des Anbindens an Erden, vollständige Unterdrückung des noch vorhandenen Restes der geprüften Seelen usw.) sich entschließen müssen, zu denen man bis jetzt die Energie des Willens noch nicht hat finden können. Nur auf diesem Wege könnte nach meinem Dafürhalten Gott sich wieder in den Stand setzen, diejenigen Aufgaben, die ihm nach der Weltordnung obliegen, zu erfüllen, namentlich das Werk der Neubegründung von Seligkeiten wieder aufzunehmen. Daß zu den ersten Nerven, die zu einer Seligkeit heraufgezogen werden würden, auch die meinigen zählen würden, möchte ich nach den jahrelangen Beziehungen, die zwischen mir und Gott geherrscht haben, nahezu für selbstverständlich erachten. Über die Einzelheiten der Vorkehrungen, die von Gott nach meinem Tode zu treffen wären, mag ich mich um so weniger in Vermutungen ergehen, als ich von den weltordnungswidrigen Einrichtungen, deren Abstellung dabei in Frage käme, der Natur der Sache nach doch nur eine mehr oder weniger unbestimmte Vorstellung habe erlangen können. Was die Gestaltung meines Lebens bis zu meinem etwaigen Tode betrifft, so glaube ich eine gewisse Verbesserung meiner äußeren Lebenslage, Aufhebung der Entmündigung, Entlassung aus der hiesigen Anstalt usw. innerhalb angemessener Zeit ohne besondere Schwierigkeiten erreichen zu können. Der Erkenntnis, daß, was es auch immer mit meinen »Wahnideen« für eine Bewandtnis haben möge, man in mir jedenfalls nicht einen Geisteskranken von gewöhnlichem Schlage vor sich habe, werden auch andere Menschen auf die Dauer sich nicht entziehen können. Damit wäre mir jedoch noch kein Ersatz gewährt für das, was ich in den letzten sieben Jahren gelitten und entbehrt habe. Ich habe daher die Empfindung, daß mir in meinem künftigen Leben noch irgendeine große und glänzende Genugtuung bevorstehen müsse – nicht von Menschen bereitet, sondern gewissermaßen durch die innere Notwendigkeit der Verhältnisse von selbst herbeigeführt. Bereits in der Zeit meines Aufenthalts in der Flechsig'schen Anstalt, als ich auf der einen Seite die ersten Einblicke in die wunderbare Harmonie der Weltordnung erlangt hatte, auf der anderen Seite für meine Person die tiefsten Erniedrigungen erfuhr und tagtäglich von den entsetzlichsten Gefahren bedroht schien, habe ich den Strahlen gegenüber das Wort gefunden, es müsse eine ausgleichende Gerechtigkeit geben, es könne nicht sein, daß ein sittlich unbefleckter, auf dem Boden der Weltordnung stehender Mensch in dem von feindlichen Mächten wider ihn geführten Kampfe untergehen, als schuldloses Opfer für die Sünden anderer fallen solle. Dieses Wort, zu dem ich damals nur geringe Anhaltspunkte hatte und das also damals, ich möchte sagen, mehr aus einem instinktiven Empfinden hervorgegangen war, hat sich schon jetzt im Laufe der Jahre in einer meine Erwartungen fast übertreffenden Weise bewahrheitet. Immer deutlicher neigt sich die Waagschale des Sieges auf meine Seite, immer mehr verliert der gegen mich geführte Kampf den ihm früher eigenen gehässigen Charakter, immer erträglicher gestalten sich infolge der fortschreitenden Zunahme der Seelenwollust auch meine körperlichen Zustände und sonstigen äußeren Lebensverhältnisse. Und so glaube ich denn in der Annahme nicht zu irren, daß mir schließlich auch noch eine ganz besondere Palme des Sieges winken wird. Worin dieselbe bestehen werde, darüber wage ich keine bestimmte Voraussage. Nur als Möglichkeiten, die hierbei in Betracht kämen, erwähne ich eine doch noch etwa zu vollziehende Entmannung mit der Wirkung, daß im Wege göttlicher Befruchtung eine Nachkommenschaft aus meinem Schoße hervorginge oder etwa die andere Folge, daß an meinen Namen eine Berühmtheit sich anknüpfte, die Tausenden von Menschen von ungleich größerer geistiger Begabung nicht zuteil geworden ist. Solche Gedanken mögen anderen Menschen phantastisch, chimärisch, ja angesichts der immerhin noch kümmerlichen und freiheitlich beschränkten Lebensfrage, in der ich mich augenblicklich befinde, geradezu lächerlich erscheinen. Nur derjenige würde verstehen, daß derartige Gedanken mir kommen müssen , der das ganze Maß der Leiden kennte, das ich im Laufe der vergangenen Jahre zu tragen gehabt habe. Wenn ich mir vergegenwärtige, welche Opfer durch Verlust einer ehrenvollen Berufsstellung, durch tatsächliche Auflösung einer glücklichen Ehe, durch Entbehrung aller Lebensgenüsse, durch körperliche Schmerzen, geistige Martern und Schrecknisse völlig unbekannter Art, mir auferlegt worden sind, so ergibt sich für mich das Bild eines Martyriums, das ich in seiner Gesamtheit nur mit dem Kreuzestode Jesu Christi vergleichen kann. Auf der anderen Seite kommt der ungeheure Hintergrund des Gemäldes in Betracht, in dessen Vordergrund meine Person und meine persönlichen Schicksale stehen. Wenn es wahr ist, daß die Fortdauer der ganzen Schöpfung auf unserer Erde nur auf den besonderen Beziehungen ruht, in die Gott zu mir getreten ist, so könnte der Lohn des Sieges für das treue Ausharren in dem schweren Kampfe um die Behauptung meines Verstandes und um die Reinigung Gottes nur in etwas ganz Außerordentlichem bestehen. Damit werde ich auf die letzte Betrachtung geführt, die mich in dieser Arbeit noch beschäftigen soll. Ich halte es für möglich, ja für wahrscheinlich, daß die künftige Entwicklung meiner persönlichen Geschicke, das Bekanntwerden meines religiösen Vorstellungskreises und das Gewicht der Gründe, die für die Richtigkeit desselben sich aufdrängen werden, eine Umwälzung in den religiösen Anschauungen der Menschheit herbeiführen wird, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Ich verkenne nicht die Gefahren, die aus einer Erschütterung aller bestehenden Religionssysteme sich ergeben könnten. Allein ich vertraue der sieghaften Macht der Wahrheit, die die Kraft haben wird, vorübergehende aus einer religiösen Verwirrung der Gemüter entstehende Schäden wieder auszugleichen. Sollten auch viele der bisher als wahr angenommenen, insbesondere christlichen Religionsvorstellungen berichtigt werden müssen, so könnte doch eine der Menschheit aufgehende Gewißheit, daß es einen lebendigen Gott und eine Fortdauer der Seele nach dem Tode gibt, nur segenbringend wirken. Und so schließe ich denn mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß in diesem Sinne günstige Gestirne über dem Erfolge meiner Arbeit walten mögen. Nachträge zu den »Denkwürdigkeiten« Nachträge, erste Folge. (Oktober 1900 bis Juni 1901.) I. Wunder betreffend. (Oktober 1900.) Die gegen mich gerichteten Wunder nehmen selbstverständlich unausgesetzt ihren Fortgang. Dabei tritt aus den bereits früher mehrfach erwähnten Gründen je länger je mehr der Charakter eines verhältnismäßig harmlosen Schabernacks in den Vordergrund. Ein kleines Beispiel möge als Beleg dienen. Am 5. Oktober 1900 wird mir beim Rasieren vom Barbier, wie auch schon früher wiederholt geschehen, eine kleine Schnittwunde beigebracht. Bei dem darauffolgenden Spaziergange im Garten begrüße ich den Reg.-Assessor M.; dieser faßt sofort nach der Begrüßung die an sich gar nicht auffällige, mit einem Stückchen Schwamm etwa folgender Größe O bedeckte Schnittwunde ins Auge und fragt nach der Veranlassung, die ich dann wahrheitsgemäß dahin angebe, daß der Barbier mich geschnitten habe. Der kleine Vorgang ist für mich, der ich den tieferen Zusammenhang kenne, äußerst interessant und lehrreich. Die Schnittwunde war, wie mir nach zahlreichen ähnlichen Erscheinungen ganz unzweifelhaft ist, die Folge eines göttlichen Wunders und zwar eines vom oberen Gotte ausgehenden. Dieser hatte, einer »Störung« in dem früher mehrfach besprochenen Sinne bedürftig, der Hand des Barbiers durch entsprechende Einwirkung auf dessen Muskeln eine hastige Bewegung gegeben, durch welche die Schnittwunde entstanden war. Daß Reg.-Assessor M. dann sofort auf diese kleine Wunde zu sprechen kam, beruht darauf, daß Gott (unter den mir gegenüber eingetretenen weltordnungswidrigen Verhältnissen) die Folgen an mir geübter Wunder mit Vorliebe zum Gegenstand einer Unterhaltung machen läßt; die den Strahlen eigentümliche Eitelkeit fühlt sich dadurch geschmeichelt. Eine ganz ähnliche Erscheinung wie beim Menschen. Auch Menschen werden sich regelmäßig angenehm berührt fühlen, wenn irgendein Erzeugnis ihrer Arbeitsleistung, ihres Fleißes usw. von anderen der Aufmerksamkeit gewürdigt wird. Die Einwirkung durch Wunder auf Reg.-Assessor M. ist dabei augenscheinlich eine doppelte gewesen, einmal auf seine Augenmuskeln, so daß er die Wunde und das Stückchen Schwamm über meinen Lippen überhaupt bemerkte, und sodann auf seine Nerven (seinen Willen), daß er daraus den Anlaß zu einer Frage nach dem Grunde der Verletzung entnahm. Die Frage selbst wurde etwa mit den Worten: »Was haben Sie denn da am Munde?« an mich gestellt. Ähnliche Beobachtungen habe ich in unzähligen Fällen in betreff allerhand kleiner Unsauberkeiten gemacht, die während des Essens bei mir entweder am Munde oder an der Hand oder auch am Tischtuch und Serviette gewundert werden. Ganz besonders häufig geschieht dies namentlich auch bei Besuchen meiner Frau und meiner Schwester, wenn ich z. B. in deren Gegenwart den Kakao einnehme. Kakaoflecke werden dann durch Wunder auf meinen Mund, meine Hand, mein Tischtuch oder meine Serviette geschmiert, und meine Frau oder Schwester verfehlen dann nicht ganz regelmäßig, die betreffenden Unsauberkeiten zum Gegenstand einer natürlich im Tone eines gelinden Vorwurfs gehaltenen Bemerkung zu machen. Erfahrungen ähnlicher Art mache ich auch häufig an der Tafel des Anstaltsvorstandes oder bei anderen Anlässen. Wiederholt sind an den ersteren, wenn ich an den Mahlzeiten teilnahm, Teller ohne irgendwelche unsanftere Berührung mitten entzweigebrochen oder es wurden irgendwelche Gegenstände, die die bedienenden Personen, andere Anwesende oder ich selbst in Händen habe (z. B. eine meiner Schachfiguren, mein Federhalter, meine Zigarrenspitze usw.), plötzlich zu Boden geschleudert, so daß sie sodann, soweit sie zerbrechlich sind, auf natürlichem Wege entzweigehen. In allen diesen Fällen handelt es sich um Wunder; die entstandenen Schäden werden deshalb mit Vorliebe, nach Befinden geraume Zeit später, von meiner Umgebung zum Gegenstand einer besonderen Unterhaltung gemacht. II. Verhältnis der göttlichen zur menschlichen Intelligenz betreffend. (11. Oktober 1900.) Ich glaube den Satz aufstellen zu dürfen, daß die göttliche Intelligenz mindestens gleich ist der Summe aller in vergangenen Generationen dagewesenen menschlichen Intelligenzen. Denn Gott nimmt nach dem Tode alle Menschennerven in sich auf, vereinigt also die Gesamtheit ihrer Intelligenzen in sich unter (allmählicher) Abstreifung aller derjenigen Erinnerungen, die nur für die betreffenden Einzelwesen von Interesse waren und daher nicht als Bestandteile einer allgemein wertvollen Intelligenz in Betracht kommen. Unzweifelhaft ist z.B. für mich, daß Gott der Begriff der Eisenbahnen, deren Wesen und Zweckbestimmung bekannt ist. Woher hat Gott diese Kenntnis erlangt? An und für sich hat Gott (unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen) von einem rollenden Eisenbahnzug, wie von allen sonstigen Vorgängen auf der Erde, nur den äußeren Eindruck; die Möglichkeit wäre gegeben gewesen, sich durch Nervenanhang bei irgendeinem mit dem Eisenbahnwesen vertrauten Menschen näheren Aufschluß über Zweck und Funktion der Erscheinung zu verschaffen. Doch lag hierzu schwerlich irgendwelche Veranlassung vor. Im Laufe der Zeit wuchsen Gott die Nerven ganzer Generationen von Menschen zu, denen sämtlich die Bedeutung der Eisenbahn geläufig war. Damit wurde die Kenntnis des Eisenbahnwesens von Gott selbst erworben. Soll man deshalb annehmen, daß Gott seine ganze Weisheit nur aus der Intelligenz früherer Menschengenerationen schöpfe? Offenbar spricht alles gegen eine Bejahung dieser Frage. Wenn Gott selbst es gewesen ist, der den Menschen gleich anderen Geschöpfen erst geschaffen hat, so kann man unmöglich annehmen, daß seine Intelligenz nur eine aus der menschlichen abgeleitete sei. Man wird nicht umhin können, rücksichtlich einer gewissen, namentlich der die Schöpfungsvorgänge selbst betreffenden Sphäre des Wissens eine ursprüngliche göttliche Weisheit anzunehmen. Damit ist indessen vielleicht nicht unvereinbar, daß Gott in allen Dingen, die menschliche Einrichtungen, menschliches Geistesleben, menschliche Sprache usw. betreffen, die unzweifelhaft auch hier bei ihm vorhandene Einsicht erst durch Aufnahme unzähliger Menschennerven erworben hat. Die letztere Annahme erscheint fast unabweislich infolge des Umstandes, daß Gott sich (wie schon früher unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen im Verkehre mit den Seelen in der Form der Grundsprache) so auch mir gegenüber der menschlichen Sprache, insbesondere der deutschen Sprache bedient und zwar auch dann, wenn dies wie bei den »Hilfe«-rufen oder von Seiten des niederen Gottes Ariman, sobald er an der Seelenwollust teilnimmt, mit den Worten »Freut mich« im Ausdruck einer echten Empfindung geschieht oder in letzterer Beziehung wenigstens geschah. III. Menschenspielerei betreffend. (Januar 1901.) In betreff der sogenannten Menschenspielerei (vergl. Kap. VII und namentlich Kap. XV der »Denkwürdigkeiten«) hat sich seit Niederschrift meiner »Denkwürdigkeiten« der Kreis meiner Beobachtungen nicht unerheblich erweitert. Ich habe seitdem zahlreiche, neuerdings fast alltägliche Spaziergänge und kleinere und größere Ausflüge in die Stadt und in die Umgebung von Pirna unternommen, einige Male das Theater daselbst, sowie die Anstaltskirche zur Beiwohnung bei dem Gottesdienste besucht und einmal sogar eine Besuchsreise zu meiner Frau nach Dresden gemacht. Dabei habe ich natürlich eine große Menge anderer Menschen, in Dresden das ganze Getriebe einer Großstadt gesehen. Es ist mir hierbei unzweifelhaft geworden, daß, was ich auch schon vorher für wahrscheinlich halten mußte, es außer den von Strahlen beeinflußten Lebensäußerungen der Menschen (und Tiere) auch noch Lebensäußerungen gibt, die vom Strahleneinflusse unabhängig sind (Vgl. Kap. XV der Denkwürdigkeiten, wo ich dies noch eine dunkle Frage bezeichnet habe.) Daß mir diese Frage früher dunkel erscheinen mußte, sowie überhaupt die ganze obige Ausübung, wird vielleicht einigermaßen verständlich werden, wenn man bedenkt, daß ich sechs Jahre lang innerhalb der Mauern der Anstalt eingesperrt gewesen bin, in welcher ich, abgesehen von kurzen, ärztlichen Besuchen und vereinzelten Besuchen meiner Angehörigen, nur geistig gestörte Personen und ungebildete Pfleger gesehen habe. Wenn ich z.B. im Theater eine Vorstellung oder in der Kirche eine Predigt mitanhöre, so kann es mir nicht in den Sinn kommen, zu behaupten, daß jedes Wort, das von den Schauspielern auf der Bühne oder von dem Geistlichen auf der Kanzel gesprochen wird, durch wundermäßige Einwirkung auf die Nerven der betreffenden Menschen hervorgerufen worden sei; ich kann selbstverständlich keinen Zweifel darüber hegen, daß die Theatervorstellung oder der Gottesdienst in der Kirche im ganzen ebenso verlaufen sein würde, wenn ich für meine Person nicht daran teilgenommen hätte. Und doch haben mir meine Wahrnehmungen bei diesen und zahlreichen ähnlichen Gelegenheiten die Gewißheit verschafft, daß meine Anwesenheit in solchen Fällen allerdings nicht ohne Einfluß auf die Lebensäußerungen anderer Menschen bleibt, sondern daß nunmehr, um die für den Rückzug erforderlichen »Störungen« (vgl. Kap. X und XV) hervorzubringen, in irgendwelcher Weise an den in meiner Nähe befindlichen Personen herumgewundert werden muß. Am wenigsten auffällig ist dies gerade bei meinen Besuchen des Theaters und der Kirche geschehen. Der Grund liegt darin, daß Gott bei diesen Anlässen gewissermaßen selbst mit im Theater und in der Kirche war (d.h. im Wege des Nervenanhangs an allen Gesichts- und Gehörseindrücken, die ich während der Theatervorstellung und des Gottesdienstes empfing, teilnahm) und diese Eindrücke das Interesse der jederzeit schaulustigen Strahlen in so hohem Maße erregten, daß die Rückzugstendenz nur in dem durch die äußeren Verhältnisse vielleicht unumgänglich nötig gemachten Mindestmaße hervortrat. Immerhin ging es auch hier nicht ganz ohne »Störungen« ab, die sich jedoch zumeist nur in einzelnen leisen Worten der in der Kirche oder im Theater anwesenden Personen oder in Hustenanfällen der Schauspieler oder einzelner Personen aus dem Theaterpublikum oder der Kirchengemeinde und dergleichen äußerten. Die auf Wundern beruhende Ursache war dabei für mich, wie in anderen Fällen infolge der jedesmal gleichzeitig in meinem Kopfe eintretenden Schmerzempfindung (vgl. Kap. XV der Denkwürdigkeiten) und zum Teil auch des sich anschließenden Stimmengeredes vollkommen unzweifelhaft. Ähnliches erlebe ich ausnahmslos bei jedem Ausgang, der mich in die Straßen der Stadt Pirna oder in deren Umgebung, in Geschäftslokale, die ich dabei etwa betrete, in Restaurationen, die ich etwa besuche, führt; selbst mir völlig fremde Personen, die bei dem Besuche von Wirtschaften in den umliegenden Dörfern zufällig mit in demselben Raume anwesend sind, lassen solchenfalls in ihren Unterhaltungen ganz vorzugsweise solche Worte hören, die in Beziehung zu dem in Kap. IX erwähnten Aufschreibematerial stehen. Allerdings will ich nicht unbemerkt lassen, daß das Aufschreibematerial infolge seiner stetig fortschreitenden Vermehrung jetzt vielleicht schon die überwiegende Mehrzahl aller in der menschlichen Sprache vorkommenden Worte umfaßt. Der Gedanke an einen bloßen Zufall scheint daher äußerst nahe zu liegen; immerhin bleibt die beständige Wiederholung gewisser Worte auch jetzt noch auffällig genug, um über die absichtliche Anregung der betreffenden Menschennerven zum Gebrauche dieser Worte keinen Zweifel zu lassen. Ebenso auffällig bleibt die lautlose Stille, die bei gewissen Gelegenheiten (vgl. bereits Kap. XV der Denkwürdigkeiten) in meiner Umgebung einzutreten pflegt, namentlich, wenn ich Klavier spiele und gleichzeitig den Text des betreffenden Musikstückes lese, also die den Inhalt desselben bildenden Worte in der Nervensprache aufsage, oder ein Buch, eine Zeitung, ein Stück aus meinen »Denkwürdigkeiten« usw. mit Aufmerksamkeit lese oder wohl auch ausnahmsweise einmal laut singe. Man sollte doch meinen, daß auch während dieser Zeiten z.B. der Verkehr der Pfleger zu ihren gewöhnlichen Geschäften auf dem Korridor, das Heraustreten einzelner Patienten aus ihren Zimmern usw. fortdauern müßte. Dies geschieht aber fast niemals, wohl aber ganz regelmäßig sofort im ersten Gesicht (Augenblick), wenn ich die betreffende Beschäftigung aufgebe, d.h. zum Nichtsdenken übergehe oder die durch die Vereinigung aller Strahlen bedingte Hochgradigkeit der Seelenwollust einen Rückzug und zu diesem Behufe eine »Störung« erforderlich macht. Ich kann mir dies nicht anders erklären, als in der Weise, daß die betreffenden Personen zwar die Fähigkeit zu derartigen Lebensäußerungen auch ohnedies besitzen, dennoch aber im gegebenen Augenblicke eine Veranlassung dazu nicht empfinden würden, sofern nicht durch Strahleneinwirkung der Entschluß zur Vornahme irgendeiner Tätigkeit in meiner Nähe, Verlassen ihrer Zimmer, Öffnung des meinigen (von Seiten der Patienten sehr häufig ganz zwecklos) usw. in ihnen angeregt würde. IV. Halluzinationen betreffend. (Februar 1901.) Unter Halluzinationen werden meines Wissens Nervenreize verstanden, vermöge deren der denselben ausgesetzte, in krankhafter Nervenverfassung befindliche Mensch die Eindrücke von irgendwelchen in der Außenwelt sich abspielenden, sonst namentlich dem Gesichts- und Gehörssinn zugänglichen Vorgängen zu haben glaubt, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Die Wissenschaft scheint nach demjenigen, was ich darüber z.B. bei Kräpelin, Psychiatrie Bd. I, Seite 102 ff. der 6. Auflage lese, für alle Halluzinationen die Existenz eines realen Hintergrundes zu verneinen. Dies ist nach meinem Dafürhalten mindestens in solcher Allgemeinheit entschieden unrichtig. Auch ich bezweifle zwar keineswegs, daß in sehr vielen, wenn nicht den meisten Fällen die bei den Halluzinationen vermeintlich wahrgenommenen Gegenstände und Vorgänge nur in der Vorstellung der Halluzinanten selbst vorhanden sind. Unzweifelhaft verhält es sich z.B. so in den auch mir als Laien bekannten Fällen, daß ein am delirium tremens Leidender etwa »Männle« oder »Mäusle« zu sehen glaubt, die natürlich in Wirklichkeit nicht existieren. Das gleiche mag für viele andere der von Kräpelin besprochenen Gesichts- und Gehörstäuschungen (vgl. Bd. I, Seite 145 ff. der 6. Auflage) angenommen werden dürfen. Allein sehr erhebliche Bedenken dürften sich einer derartigen, ich möchte sagen, rationalistischen oder rein materialistischen Auffassung in denjenigen Fällen entgegenstellen, wo man es mit Stimmen »von übernatürlichem Ursprünge« (vgl. Kräpelin Bd. I, Seite 117 der 6. Aufl.) zu tun hat. Ganz sicher kann ich natürlich nur von meinem eigenen Falle behaupten, daß bei den betreffenden Nervenreizen in der Tat eine von außen her wirkende Ursache in Frage steht; es liegt aber nahe, daß ich aus den Erfahrungen, die ich an mir selbst mache, die Vermutung ableite, es könne sich auch in vielen anderen Fällen ähnlich verhalten oder verhalten haben, d.h. es könne auch bei anderen Menschen dasjenige, was man sonst nur als subjektive Nervenreize (Sinnestäuschungen, Halluzinationen oder laienmäßig ausgedrückt, leere Hirngespinste) aufzufassen geneigt ist, doch, wenn auch in ungleich schwächerem Maße, als bei mir der Fall ist, auf einer objektiven Ursache beruhen, mit anderen Worten, der Einfluß übersinnlicher Faktoren sich geltend machen. Um diesen Gedanken verständlich zu machen, werde ich versuchen, die Gesichts- und Gehörseindrücke, die ich als »Stimmen«, »Visionen« usw. empfange, noch etwas näher zu beschreiben. Dabei betone ich von neuem, wie schon an anderer Stelle (Kap. VI der Denkwürdigkeiten) geschehen, daß ich nicht im mindesten Anstand nehme, das Vorhandensein eines krankhaft erregten Nervensystems als Voraussetzung für das Hervortreten aller derartiger Erscheinungen anzuerkennen. Menschen, die so glücklich sind, sich gesunder Nerven zu erfreuen, können (in der Regel wenigstens) Als denkbare Ausnahme vergegenwärtige ich mir z.B. die Fälle, in denen wir nach biblischen Berichten von visionsartigen Vorgängen hören. keine »Sinnestäuschungen«, »Halluzinationen«, »Visionen« oder welche Ausdrücke man sonst für die betreffenden Vorgänge wählen mag, haben; es wäre daher gewiß zu wünschen, daß alle Menschen von Erscheinungen der besprochenen Art befreit bleiben; sie würden sich wahrscheinlich dann in den meisten Fällen subjektiv ungleich wohler fühlen. Damit ist aber meines Erachtens keineswegs gesagt, daß die aus der krankhaften Beschaffenheit des Nervensystems resultierenden Vorgänge überhaupt der objektiven Realität entbehren, d. h. als Nervenreize anzusehen seien, denen jede äußere Ursache fehle. Eben deshalb vermag ich durchaus nicht in die Verwunderung einzustimmen, die Kräpelin an verschiedenen Stellen seines Werkes (z.B. Bd. I, S. 112, 116, 162 ff. der 6. Auflage) darüber ausspricht, daß die »Stimmen« usw. über die Gesichts- und Gehörshalluzinationen meist eine viel höhere überzeugende Gewalt behaupten, als »alles Reden der Umgebung«. Der Mensch mit gesunden Nerven ist eben demjenigen gegenüber, der infolge seiner krankhaften Nervenverfassung übersinnliche Eindrücke empfängt, sozusagen geistig blind; er wird daher den Visionär ebensowenig von der Unwirklichkeit der Visionen überzeugen können, wie etwa der körperlich sehende Mensch von dem (körperlich) Blinden sich einreden läßt, daß es keine Farben gebe, Blau nicht Blau, Rot nicht Rot sei usw. Dies vorausgeschickt, teile ich über die Natur der mit mir redenden Stimmen und die mir zuteil werdenden Visionen das Folgende mit. Die »Stimmen« äußern sich bei mir als Nervenreize, die, wie bereits in den »Denkwürdigkeiten« hervorgehoben – mit alleiniger Ausnahme einer einzigen Nacht, Anfang Juli 1894, Kap. X im Anfang – durchweg den Charakter leise Geräusche von dem Klange bestimmter menschlicher Worte haben. Inhaltlich und namentlich in Ansehung des Tempos, in welchem gesprochen wird, haben sie im Laufe der Jahre die allermannigfaltigsten Veränderungen erfahren. Das Wichtigste ist darüber bereits in den »Denkwürdigkeiten« mitgeteilt worden; vorherrschend ist namentlich infolge der stilistischen Unvollständigkeit der gebrauchten Redensarten der reine Blödsinn und eine ansehnliche Menge von Schimpfworten, die lediglich auf meine Aufreizung berechnet sind d.h. mich veranlassen sollen, das zu gewissen Zeiten zum Schlafe erforderliche Schweigen zu brechen. Wenn aufreizende Stimmen nach Kräpelin Bd. 1, Seite 116 der 6. Auflage auch von anderen Gehörshalluzinanten vernommen werden sollen, Daß. wie Kräpelin Bd. I, Seite 116 der 6. Auflage berichtet, diese aufreizenden Stimmen von manchen Halluzinanten für von grunzenden Schweinen, schimpfenden oder bellenden Hunden, krähenden Hähnen usw. ausgehend gehalten werden, beruht nach meinem Dafürhalten auf ganz derselben Erscheinung, deren ich im Kap. XVII der Denkwürdigkeiten am Schlusse bei Besprechung der subjektiven Gefühle der scheinbar sprechenden Kettendampfer, Eisenbahnen usw. gedacht habe. Es handelt sich insoweit offenbar nur um ein bloßes Mitklingen gleichzeitig gehörter äußerer Geräusche zu den als Nervenreize vernommenen Stimmen, so daß diese Geräusche die von den Stimmen gesprochenen Worte wiederzugeben scheinen . Wohl zu unterscheiden davon sind wenigstens bei mir die wirklich sprechenden Stimmen der Vögel, der Sonne usw. so ist dagegen ein Umstand bei mir zu bemerken, der, wie ich glaube, meinen Fall so charakteristisch aus allen ähnlichen Erscheinungen heraushebt, daß eine Parallele zwischen den bei mir vorhandenen Sinnesreizen und den etwa sonst bei anderen Menschen vorkommenden Halluzinationen gar nicht gezogen werden kann, folglich auch auf eine gänzlich davon entschiedene Ursache geschlossen werden muß. Ich nehme an. obwohl ich darüber natürlich nicht genau unterrichtet sein kann. daß es sich bei anderen Menschen nur um intermittierende Stimmen handelt, also die Halluzinationen nur in mehr oder weniger großen, von stimmenfreien Zuständen unterbrochenen Pausen auftreten. Bei mir dagegen sind Pausen des Stimmengeredes überhaupt niemals vorhanden; seit den Anfängen meiner Verbindung mit Gott – mit alleiniger Ausnahme der allerersten Wochen, wo es neben den »heiligen« noch -»unheilige« Zeiten gab (vgl. Kap. VI der Denkwürdigkeiten gegen das Ende) – also seit nunmehr nahezu sieben Jahren habe ich – außer im Schlafe – niemals auch nur einen einzigen Augenblick gehabt, in dem ich Stimmen nicht vernommen hätte . Sie begleiten mich an jedem Orte und bei jeder Gelegenheit; sie ertönen weiter, auch wenn ich mit anderen Menschen ein Gespräch unterhalte; sie nehmen unbehindert ihren Fortgang, auch wenn ich mich noch so aufmerksam mit anderen Dingen beschäftigte, z.B. ein Buch oder eine Zeitung lese, Klavier spiele usw., nur werden sie natürlich, solange ich selbst mit anderen Menschen laut rede oder im Alleinsein laut spreche, von dem stärkeren Klange des gesprochenen Wortes übertönt und auf so lange zeitweise für mich nicht hörbar. Das sofortige Wiedereinsetzen der mir wohlbekannten Phrasen, nach Befinden mit einem aus der Mitte derselben herausgegriffenen Klange, läßt mich aber auch solchenfalls erkennen, daß der Faden der Unterhaltung inzwischen weiter gesponnen worden ist, d.h. die Sinnesreize oder Nervenschwingungen, durch welche die den Stimmen entsprechende schwächere Klangwirkung hervorgerufen wird, auch während meines Lautsprechens fortgedauert haben. Dabei hat die Verlangsamung des Tempos, mit welchem gesprochen wird und deren ich bereits in Kap. XX der Denkwürdigkeiten gedacht habe, auch in der seitdem verflossenen Zeit in einer fast alle Vorstellungen übersteigenden Weise mehr zugenommen. Der Grund davon ist bereits früher angegeben worden; je mehr die Seelenwollust meines Körpers sich gesteigert hat – und diese ist infolge des ununterbrochen fortdauernden Zuströmens von Gottesnerven in rapidem, stetigem Wachstum begriffen, um so mehr ist man genötigt, die Stimmen immer langsamer sprechen zu lassen, um mit den dürftigen, immer wiederkehrenden Phrasen, »Hätten Sie nicht Seelenmord getrieben«; »nun muß er doch wohl mürbe sein«; »das will ein Senatspräsident gewesen sein«; »schämen Sie sich denn nicht« scil. vor Ihrer Frau Gemahlin; »warum sagen Sie's nicht« scil. laut? »sprechen Sie noch« scil. fremde Sprachen? »das war nu nämlich« scil. nach der Seelenauffassung zuviel usw., usw. über die man verfügt, die ungeheuren Entfernungen, welche die Ausgangsstellen von meinem Körper trennen, zu überbrücken. Das Gezisch der Stimmen läßt sich daher jetzt am ersten mit der Klangwirkung vergleichen, die das Geräusch des aus einer Sanduhr herabträufelnden Sandes verursacht. Einzelne Worte kann ich zumeist gar nicht mehr unterscheiden oder würde sie nur mit gespanntester Aufmerksamkeit unterscheiden können. Natürlich nehme ich mir aber nicht die mindeste Mühe dies zu tun, sondern suche im Gegenteil dasjenige, was gesprochen wird, möglichst zu überhören. Freilich kann ich dabei nicht vermeiden, daß wenn ich doch einzelne Worte aus dem mir wohlbekannten Phrasenmaterial vernehme, sich dann unwillkürlich die Erinnerung an den mir infolge der tausendfältigen Wiederholung der betreffenden Phrasen bekannten Fortgang derselben einstellt und also dann der »unwillkürliche Erinnerungsgedanke«, wie die Erscheinung in der Seelensprache genannt wird, von selbst eine Fortschwingung meiner Nerven bis zum Abschlüsse dieser Phrasen veranlaßt. Auf der andern Seite verschafft mir gerade die übermäßige Verlangsamung des Tempos, die zunächst und längere Zeit hindurch als eine Erhöhung der nervösen Ungeduld (vgl. Kap. XVI der Denkwürdigkeiten) von mir empfunden wurde, eine mehr und mehr wahrnehmbare Erleichterung. Solange ich auf die Stimmen hörte und unwillkürlich hören mußte, war die oft sekundenlang andauernde Verzögerung der erwarteten Fortsetzung für mich über die Maßen peinlich; nachdem aber neuerdings die Verlangsamung noch weiter fortgeschritten ist, so daß die Stimmen, wie bereits erwähnt, überwiegend zu einem unverständlichen Gezisch ausarten, ist es mir möglich geworden, mich daran zu gewöhnen, daß ich, solange ich nicht eine Beschäftigung (Klavierspielen, Lesen, Schreiben usw.) treibe, die die Stimmen ohnedies untergehen läßt, ich einfach in der Nervensprache anhaltend 1, 2, 3, 4 usw. zähle und mir damit Pausen des Denkens (den sog. Nichtsdenkungsgedanken) verschaffe. Ich erziele damit wenigstens den Erfolg, daß nunmehr ein Schimpfwort gesprochen werden muß, welches deutlich an mein geistiges Ohr schallt und das ich dann ruhig in beliebiger Wiederholung in meine Nerven hineinsprechen lasse. Das in solchen Fällen regelmäßig folgende Schimpfwort ist so gemein, daß ich es dem Papier nicht anvertrauen will; wer sich dafür interessieren sollte, könnte es aus vielen meiner verstreuten Aufzeichnungen entnehmen. Sind auf die angegebene Weise die »inneren Stimmen« zum Schweigen gebracht, so ertönen dann infolge der wieder notwendig gewordenen Annäherung der Strahlen irgendwelche beliebige Worte aus den Kehlen der mit mir sprechenden Vögel von außen her an mein Ohr. Was diese inhaltlich ausdrücken, ist mir natürlich gleichgültig; daß ich mich – nach jahrelanger Gewöhnung – nicht mehr beleidigt fühlen kann, wenn mir von einem Vogel , den ich gelegentlich füttere, etwa zugerufen (oder richtiger zugelispelt) wird »Schämen Sie sich nicht« (vor Ihrer Frau Gemahlin)? und dergleichen, wird man verständlich finden. In dem Besprochenen liegt wiederum eine glänzende Bewährung des Satzes, daß jeder Unsinn, der auf die Spitze getrieben wird, schließlich einmal einen Grad erreicht, wo er sich selbst vernichtet – eine Wahrheit, die der niedere Gott (Ariman) selbst schon vor Jahren in häufiger Wiederholung in der Formel zum Ausdruck zu bringen pflegte »Aller Unsinn hebt sich auf«. Ebenso wie die Gehörsreize (Stimmen, Gehörshalluzinationen) sind auch die Gesichtsreize (Gesichtshalluzinationen) bei mir zwar nicht ganz, aber doch annähernd in gleichem Maße perennierend . Ich sehe mit meinem geistigen Auge die Strahlen, die zu gleicher Zeit Träger der Stimmen und des auf meinen Körper abzuladenden Leichengiftes sind, als langgezogene Fäden von irgendwelchen, über alle Maßen entlegenen Orten am Horizonte nach meinem Kopfe herüberkommen. – Sie werden nur meinem geistigen Auge sichtbar, wenn mir die Augen infolge von Wundern geschlossen werden oder wenn ich die Augen freiwillig schließe, d.h. sie spiegeln sich dann in der angegebenen Gestalt als lange nach meinem Kopf züngelnde Fäden auf meinem inneren Nervensysteme. Ich nehme dieselbe Erscheinung in entsprechender Weise mit meinem körperlichen Auge wahr, wenn ich die Augen offenhalte, d.h. ich sehe dazu jene Fäden gleichsam von irgendeiner oder mehreren Stellen weit jenseits des Horizontes bald nach meinem Kopfe zustreben, bald sich wieder von demselben zurückziehen. Jedes Zurückziehen ist mit einer deutlich fühlbaren, zuweilen recht intensiven Schmerzempfindung in meinem Kopfe verbunden. Häufig auch an anderen Körperteilen, je nachdem das Leichengift außer im Kopfe von anderen Strahlenfäden gleichzeitig irgendwo anders abgeladen wird. Hierbei kommen eigentlich alle übrigen Körperteile abwechselnd in Betracht; bald wird der Bauch (dies stets unter der gleichzeitigen Frage: »Warum sch.....Sie denn nicht?«) mit Unrat gefüllt, so daß ein bisweilen bis zu plötzlicher Diarrhöe sich steigernder Ausleerungsdrang entsteht; bald entstehen Stiche in den Lungen, im Samenstrang. Lähmung der Finger (namentlich beim Klavierspielen und Schreiben), bald mehr oder weniger heftige Schmerzen in den unteren Extremitäten (Kniescheibe, Oberschenkel, Anschwellen der Füße, so daß die Stiefel drücken), wenn ich marschiere usw. usw. Übrigens beruhen nicht alle Wunder auf Abladen von Leichengift, sondern sind – ohne Dazwischenkunft des letzteren – in vielen Fällen, wie beim Schließen der Augen, allen Lähmungserscheinungen usw., offenbar eine unmittelbare Äußerung der Strahlenkraft. . Die in meinen Kopf hineingezogenen Fäden – zugleich die Träger der Stimmen – beschreiben dann in meinem Kopfe eine kreisende Bewegung, die ich am ehesten damit vergleichen kann, als ob mein Kopf von innen heraus mit einem Schleifbohrer ausgehöhlt werden sollte. Daß damit recht unangenehme Empfindungen verbunden sein können, wird man sich vorstellen können; der eigentliche körperliche Schmerz ist jedoch wenigstens jetzt – schon seit einer Reihe von Jahren – das Nebensächliche. Der Mensch kann sich eben im Punkte körperlicher Schmerzen an sehr vieles gewöhnen, was demjenigen, der die Erscheinung zum ersten Male an seinem Körper erlebte, über die Maßen erschrecken und ihm fast unerträglich dünken würde. So sind denn auch bei mir wenigstens in neuerer Zeit die Schmerzempfindungen, von denen ich an keinem Tage ganz verschont bleibe und die in ganz regelmäßiger Abwechslung mit Wollustzuständen auftreten, fast niemals von solcher Heftigkeit, daß ich an Vornahme irgendwelcher geistiger Beschäftigung, an ruhiger Unterhaltung mit anderen Menschen usw. ernsthaft verhindert würde. Viel lästiger sind für mich die Brüllzustände, die als regelmäßige Begleiterscheinungen eines Strahlenrückzugs auftreten, einmal weil ich es natürlich als unwürdig empfinde, infolge der gegen mich geübten Wunder gewissermaßen wie ein wildes Tier brüllen zu müssen und sodann, weil das Brüllen bei anhaltender Wiederholung eine sehr unangenehme, in gewissem Sinne ebenfalls schmerzhaft zu nennende Erschütterung des Kopfes hervorruft. Trotzdem bin ich darauf angewiesen, das Brüllen, wenn es ein gewisses Maß nicht übersteigt, zu manchen Zeiten über mich ergehen zu lassen, namentlich in der Nacht, wo die sonst zur Abwehr geeigneten Mittel: lautes Sprechen, Klavierspielen usw. nicht oder nur in beschränktem Maße anwendbar sind. Das Brüllen bietet mir dann den Vorteil, daß alles, was weiter in meinen Kopf hineingesprochen wird, von dem Getöse des Brüllautes selbst übertönt wird, so daß bald wieder eine Vereinigung aller Strahlen eintritt, die unter Umständen zum Wiedereinschlafen führt oder mir wenigstens am frühen Morgen, wenn die Zeit des Aufstehens nahegerückt ist, aber mein Wohnzimmer wegen der darin erforderlichen Vorkehrungen des Lüftens, Reinemachens usw. noch nicht für mich betretbar ist, mir wenigstens das Verbleiben im Bette in einer zuweilen körperlich überaus wohligen Verfassung ermöglicht. In allen Stücken muß mich eben der für die Strahlen anscheinend unverständliche, für den Menschen aber so unendlich wichtige Zweckgedanke leiten, d.h. ich muß mich in jedem gegebenen Augenblick fragen: Willst du jetzt schlafen oder wenigstens ausruhen oder eine geistige Beschäftigung treiben oder eine körperliche Funktion verrichten, z.B. selbst ausleeren usw.? Zur Erreichung jedes Zweckes ist bei mir in der Regel eine Vereinigung aller Strahlen erforderlich, selbst zum Ausleeren, denn, wie schon früher erwähnt (Kap. XXI der Denkwürdigkeiten am Ende), sucht man, obwohl man viel vom »Sch.....« spricht, doch jedesmal dann, wenn es wirklich zum Ausleeren kommen soll, den Ausleerungsdrang wegen der durch die Befriedigung desselben entstehenden Seelenwollust durch Wunder wieder zurückzudrängen. Ich muß daher, wenn die Zeit zum Schlafen, Ausleeren usw. da ist, nach Befinden selbst eine Zeitlang andere Übelstände, wie das Brüllen usw., vorübergehend in den Kauf nehmen, um den in concreto verfolgten und für das allgemeine körperliche Wohlbefinden nun einmal erforderlichen Zweck wirklich zu erreichen; das Ausleeren insbesondere, das sonst durch Wunder zu hindern versucht wird, bringe ich jetzt am besten in der Weise fertig, daß ich auf dem Eimer vor dem Klavier sitze und solange Klavier spiele, bis ich erst pissen und dann – in der Regel mit einiger Anstrengung – auch wirklich ausleeren kann. So unglaublich dies alles klingt, so ist doch alles tatsächlich wahr; denn durch das Klavierspielen erzwinge ich jedesmal eine Wiederannäherung der Strahlen, die sich von mir zurückzuziehen versucht haben, und besiege dadurch den Widerstand, den man meiner Anstrengung, zum Ausleeren zu gelangen, entgegengesetzt hat. In betreff der Gesichtserscheinungen (Gesichtshalluzinationen) habe ich noch einige interessante Punkte nachzutragen. Zunächst habe ich zu bemerken, daß die nach meinem Kopfe züngelnden, allem Anscheine nach von der Sonne oder vielleicht auch noch von zahlreichen anderen entfernten Weltkörpern herkommenden Strahlenschäden nicht in gerader Linie, sondern in einer Art von Schleife oder Parabel auf mich zukommen, ähnlich etwa wie bei den Wettspielen der Römer die Streitwagen um die meta herumfuhren oder bei einem sogenannten Schleuderkegelschub die an einen Faden gebundene Kugel erst um einen Pfahl herumgeworfen wird, ehe sie in die Kegel selbst hineinfällt. Diese Schleife oder Parabel nahm ich in meinem Kopf (bei offenen Augen am Himmel selbst) deutlich wahr; die als Träger der Stimmen fungierenden Fäden kommen daher, obwohl sie anscheinend mindestens zum Teil von der Sonne ausgehen, in der Regel nicht aus der Richtung, wo die Sonne am Himmel wirklich steht, sondern aus einer mehr oder weniger entgegengesetzten Richtung. Ich glaube dies mit dem bereits früher (Kap. IX der Denkwürdigkeiten) besprochenen »Anbinden der Strahlen an Erden« in Verbindung bringen zu dürfen. Die direkte Annäherung der Strahlen muß eben durch ein mechanisches Hindernis aufgehalten oder wenigstens verlangsamt werden, weil sonst die Strahlen infolge der längst übermäßig gewordenen Anziehungskraft meiner Nerven in einer meinen Körper beständig mit Seelenwollust überschüttenden Weise auf mich zuschießen würden, mit anderen Worten, Gott, wenn ich mich so ausdrücken darf, sich gar nicht am Himmel zu halten vermöchte. Dabei tauchen – jetzt in verhältnismäßig kurzen Zwischenräumen – helle Lichtpunkte in meinem Kopfe oder bei offenen Augen am Himmel auf. Es ist die Erscheinung, die ich früher (Kap. VII, Anmerkung 44 der Denkwürdigkeiten) als die Ormuzdsonne bezeichnet habe, weil ich der Meinung war, daß die Lichtpunkte als Reflexwirkungen eines bestimmten ungeheuer entfernten Weltkörpers anzusehen seien, der eben infolge seiner ungeheueren Entfernung für das menschliche Sehvermögen nach Art der Sterne die Gestalt einer winzigen Lichtscheibe oder eines Lichtpunktes annehme. Nach den unzähligen gleichartigen Beobachtungen, die ich im Laufe der Jahre weiter gemacht habe, bin ich geneigt, diese Auffassung in etwas zu berichtigen. Ich glaube jetzt annehmen zu dürfen, daß die Lichtpunkte vielmehr die von der Gesamtmasse der Nerven des oberen Gottes (Ormuzd) losgelöster Strahlenteile sind, die nach Erschöpfung der mit Leichengift beladenen unreinen Strahlenfäden jeweilig erstmalig ais reine Gottesstrahlen zu mir heruntergeschleudert werden. Diese Auffassung stütze ich darauf, daß ich die Lichtpunkte meist gleichzeitig mit den als Gehörseindruck auftretenden Hilferufen wahrnehme, so daß ich anzunehmen habe, daß die Hilferufe eben von diesen in irgendwelchem Angstzustand herabgeschleuderten, für das Auge infolge ihrer Reinheit als Lichteindruck sich darstellenden Strahlen oder Nerven des oberen Gottes herrühren. Darüber, daß es sich dabei um Nerven des oberen Gottes handelt, habe ich aus Gründen, die hier näher darzulegen zu weit führen würde, nicht den mindesten Zweifel. Auch dafür, daß die Hilferufe nur für mich, nicht für andere Menschen wahrnehmbar sind (vgl. Kap. XV der Denkwürdigkeiten), glaube ich jetzt eine befriedigende Erklärung gefunden zu haben. Es liegt vermutlich eine ähnliche Erscheinung vor wie beim Telefonieren, d.h. die nach meinem Kopfe ausgesponnenen Strahlenfäden wirken ähnlich wie die Telefondrähte, so daß die an und für sich nicht allzu kräftige Klangwirkung der anscheinend in sehr bedeutender Entfernung ausgestoßenen Hilferufe in derselben Weise nur von mir empfunden werden kann, wie nur der telefonisch angeschlossene Adressat, nicht aber beliebige dritte Personen, die sich zwischen der Ausgangsstelle und dem Bestimmungsorte befinden, das mittelst Telefons Gesprochene zu hören vermögen. V. Die Gottesnatur betreffend. (März und April 1901.) Meine Erlebnisse in den letzten sieben Jahren und die unzähligen Äußerungen der göttlichen Wundergewalt, die ich dabei an mir selbst und an meiner Umgebung erfahren habe, haben mich im Laufe der Jahre sehr häufig zum Nachdenken über die Frage veranlaßt, wie man sich, wenn ich so sagen darf, die räumlichen Existenzbedingungen Gottes vorzustellen habe. Das Wichtigste ist darüber bereits in meinen Denkwürdigkeiten Kap. I mitgeteilt worden. Die Annahme einer besonderen Ormuzdsonne, von der ich früher (Kap. VII Seite 137) ausgegangen bin, habe ich nach dem im vorigen Abschnitte darüber Bemerkten neuerdings aufgegeben. Dagegen möchte ich die Vorstellung, daß die luft- und wärmespendende Kraft unserer Sonne und aller übrigen Fixsterne nicht eigentlich eine ihnen selbst innewohnende, sondern in irgendwelcher Weise von Gott abgeleitete sei, wenigstens als Hypothese aufrechterhalten. Die Analogie der Planeten würde dabei, wie schon erwähnt, nur mit großer Vorsicht herangezogen werden dürfen. Denn so viel steht nun einmal unzweifelhaft für mich fest, daß Gott durch Vermittlung der Sonne mit mir spricht und ebenso durch Vermittelung derselben schafft oder wundert. Die Gesamtmasse der göttlichen Nerven oder Strahlen könnte man sich als eine nur auf einzelne Punkte des Himmelsraumes verstreute oder – selbstverständlich noch weit entfernter, als die äußersten mit unseren schärfsten Fernrohren noch wahrnehmbaren Himmelskörper – den ganzen Raum erfüllend vorstellen. Mir will die letztere Annahme als die wahrscheinlichere dünken; sie scheint mir fast ein Postulat sowohl der Ewigkeit, als der gewaltigen Kraftentfaltung zu sein, die auf so ungeheuere Entfernungen in Ansehung der schaffenden Tätigkeit im allgemeinen und – unter den jetzt eingetretenen weltordnungswidrigen Verhältnissen – der wundermäßigen Einwirkung auf einzelne lebende Wesen immer noch stattfindet. Diese wundermäßige Einwirkung selbst ist für mich nach tausendfältigen Erfahrungen eine absolut sichere Tatsache, an deren Wahrheit nicht der leiseste Zweifel möglich ist; im übrigen kann es sich bei dem vorstehend Bemerkten natürlich nur um hingeworfene Gedanken handeln, denen ich selbst nur den Wert einer Hypothese beimesse und die ich daher nur deshalb zu Papier bringe, um künftigen Geschlechtern den Stoff zu weiterem Nachdenken zu geben. Meine früher entwickelten Vorstellungen von der Unfähigkeit Gottes, in dem mir gegenüber durch ausschließlich bei einem einzigen Menschen genommenen Nervenanhang entstandenen weltordnungswidrigen Verhältnisse, den lebenden Menschen als Organismus richtig zu beurteilen (Kap. V, Kap. XIII und Kap. XX der Denkwürdigkeiten) habe ich im wesentlichen aufrecht zu erhalten. Meine seitdem gemachten Erfahrungen haben das dort Gesagte nur bestätigt. Namentlich bleibt es dabei, daß Gott, der unter normalen Verhältnissen nur einen Verkehr mit Seelen und – zum Zwecke der Heraufziehung ihrer Nerven – mit Leichen unterhielt, mich unter gänzlicher Verkennung der aus dem Vorhandensein eines lebenden Körpers sich ergebenden Bedürfnisse wie eine Seele oder unter Umständen wie eine Leiche behandeln, mir die ganze Denk- und Empfindungsweise der Seelen, deren Sprache usw. aufnötigen zu können glaubt, beständiges Genießen oder beständiges Denken von mir verlangt usw. usw. Darauf beruhen die zahllosen Mißverständnisse, die ich auf seiten Gottes voraussetzen muß; daraus sind die nahezu unerträglichen geistigen Martern entstanden, die ich Jahre hindurch zu ertragen gehabt habe. Solange Gott durch meine Vermittlung (Teilnahme an meinen Augeneindrücken) etwas sieht , solange die in meinem Körper vorhandene Seelenwollust ein Genießen ermöglicht, oder solange meine Denktätigkeit in Worten formulierte Gedanken zutage fördert, auf solange ist Gott gewissermaßen befriedigt, auf solange tritt die Neigung, sich von mir zurückzuziehen, entweder gar nicht oder doch nur in demjenigen Mindermaße hervor, das, wie ich annehmen muß, durch die vor Jahren einmal getroffenen, weltordnungswidrigen Einrichtungen (Anbinden an Erden usw.) in periodischer Wiederkehr bedingt ist. Beständiges Genießen oder beständiges Denken ist nun aber wieder für den Menschen nicht möglich. Sobald ich mich daher dem Nichtsdenken hingebe, ohne gleichzeitig eine Pflege der Wollust in dem früher bezeichneten Sinne eintreten zu lassen, ist der Rückzug der Strahlen mit den für mich mehr oder weniger unangenehmen Begleiterscheinungen (Schmerzempfindungen, Brüllzustände und dazu irgendwelcher Lärm in meiner Nähe) sofort wieder da. Regelmäßig werden mir dabei auch die Augen durch Wunder geschlossen, um mich der Augeneindrücke zu berauben, da sonst diese auf die Strahlen ihre anziehende Wirkung behaupten würden. Die Wiederannäherung erfolgt jetzt infolge der stetigen Zunahme der Seelenwollust, an der alle »inneren Stimmen« zugrunde gehen, in immer mehr und mehr sich verkürzenden Zwischenräumen. Nach Verschiedenheit der außerhalb eingerichteten »Systeme« handelt es sich oft um wenige Minuten. Es treten dann eben Wollustzustände ein, die beim Liegen im Bett zum Schlafe führen müßten; allein eine dem Bedürfnisse der menschlichen Natur entsprechende Dauer des Schlafs ist damit keineswegs immer gewährleistet; es kommen auch jetzt noch Nächte vor, wo ich nach kurzer Dauer des Schlafs erwache und Brüllzuständen ausgesetzt bin. Halten diese eine längere Weile an, ohne zum Wiedereinschlafen zu führen, so lege ich mir natürlich die Frage vor, ob es nicht besser sei, das Bett zu verlassen und irgendeine Beschäftigung zu treiben, nach Befinden selbst eine Zigarre zu rauchen. Maßgebend muß für mich dabei natürlich immer die Zeit sein, in der man lebt. Mitten in der Nacht oder bei strenger Kälte entschließe ich mich höchst ungern zum Verlassen des Bettes; ist der Tagesanbruch bereits nahegerückt und glaube ich für die betreffende Nacht wenigstens notdürftig ausreichenden Schlaf gehabt zu haben, so ist das Aufstehen für mich durchaus kein erhebliches Opfer; ich befinde mich dann außerhalb des Bettes in der Regel sehr wohl; natürlich habe ich aber, wenn ich einmal aufgestanden bin, damit bis zu einer etwaigen Rückkehr in das Bett auf Schlaf verzichtet. Das Aufstehen selbst kann nur unter akuten, zuweilen noch recht heftigen Schmerzen bewerkstelligt werden; vor Weihnachten waren dieselben eine Zeitlang so intensiv (von hexenschußartiger Beschaffenheit), daß ich das Aufrichten im Bett und das Aufstehen nur mit Hilfe eines Pflegers bewerkstelligen konnte, der damals auf mein Ersuchen einige Nächte im Nebenzimmer schlief. Zusatz vom Juni 1901 . Zu der Zeit, wo ich diese Zeilen hinzufüge, sind die Erscheinungen wieder andere: unmittelbar nach dem Verlassen des Bettes treten Lähmungserscheinungen im Oberkörper (Schulterblatt usw.) und in den Oberschenkeln ein. die zwar nicht besonders schmerzhaft, aber doch so intensiv sind, daß ich zunächst völlig Kontrakt bin und kaum aufrecht gehen kann. Diese Erscheinungen sind jedoch wie alles, was auf Wundern beruht, ganz vorübergehend; in der Regel habe ich bereits nach wenigen Schritten die gewöhnliche Gangart wiedererlangt und bin sodann am Tage sogar zu ganz ansehnlichen Marschleistungen befähigt, wie ich denn in der letzten Zeit wiederholt Ausflüge mit Besteigung des Porsbergs, des Bärensteins usw. unternommen habe. Ich kann nur lebhaft bedauern, daß alle diese Vorgänge nicht zum Gegenstande eingehender wissenschaftlicher Beobachtung gemacht werden; wer mich früh aufstehen sähe, würde es gewiß unbegreiflich finden, daß derselbe Mensch im Laufe des Tages jeder körperlichen Anstrengung sich gewachsen zeigt. Gleichwohl verstehe ich es. daß die Ärzte, die ich wiederholt schriftlich eingeladen habe, Beobachtungen in betreff der an meinem Bette sich abspielenden Vorgänge zu machen, sich nicht veranlaßt gesehen haben, der Sache näher zu treten. Denn was sollten sie denn schließlich machen, wenn sie sich dem Eindruck nicht entziehen könnten, daß irgend etwas Wunderbares, mit der gewöhnlichen menschlichen Erfahrung nicht Vereinbares mit mir vorgehe? Wollten sie auch nur die Möglichkeit einräumen, daß es sich um Wunder handle, so würden sie vielleicht fürchten müssen, sich vor Fachgenossen, vor einer religionslosen Presse und der gesamten, dem Wunderglauben wenig günstigen Richtung unserer Zeit lächerlich zu machen. Außerdem werden sie vermutlich gegenüber Dingen, die ihnen unerklärlich vorkommen müssen, eine gewisse natürliche Scheu empfinden; eine Verpflichtung zu näherer Untersuchung liegt ihnen um so weniger ob, als sie sich sagen dürfen, daß, wenn wirklich Wunder in Frage sein sollten, die ärztliche Wissenschaft weder berufen, noch befähigt sein würde, den Zusammenhang der Erscheinungen aufzuklären. Recht merkwürdige Dinge sind auch mit mir vorgegangen, als ich seit Beginn dieses Monats angefangen habe, in der Elbe zu baden, zunächst im Bassin für Nichtschwimmer, dann auch am gestrigen Tage (21. 6.) zum ersten Male in der nur für geübte Schwimmer zugänglichen freien Elbe. Beim Baden im Bassin traten einige Male – immer rasch vorübergehend – ziemlich energische Lähmungserscheinungen ein; ich fürchte dieselben jedoch nicht, da dieselben immer nur einzelne Extremitäten betreffen und ich ein so geübter Schwimmer bin, daß ich nötigenfalls, zumal auf dem Rücken schwimmend, einen Arm oder ein Bein oder auch beide vorübergehend entbehren kann und zudem die Lähmungen den Gebrauch der betreffenden Gliedmaßen zwar etwas erschweren, niemals aber vollständig aufheben. Bei dem gestrigen Baden in der freien Elbe war namentlich eine übermäßige Beschleunigung des Atems durch Wunder, sowie während ich auf einer im Wasser schwimmenden Walze saß, ein durch Wunder angeregtes Zittern des ganzen Körpers bemerkbar, die Lähmungserscheinungen traten dagegen wenig hervor, waren aber bei einigen späteren Bädern in der freien Elbe wieder stark bemerkbar. Alle diese Dinge sind eben einem stetigen Wandel unterworfen und werden sich voraussetzlich in Zukunft immer mehr und mehr abschwächen. Ich weiß dabei ganz genau, was ich meiner Leistungsfähigkeit zutrauen darf und fürchte mich deshalb auch nicht, ungeachtet aller dieser Erscheinungen im tiefen Wasser zu baden; man wird sich aber vorstellen können, daß immerhin eigentümliche Gefühle in einem Menschen entstehen müssen, der beim Schwimmen in tiefem Wasser jeden Augenblick darauf gefaßt sein muß, daß irgendein seine körperliche Beweglichkeit erschwerendes Wunder geübt wird. Hochinteressant ist für mich die Frage, ob Gott dadurch, daß er zu mir in ausschließlichen Nervenanhang getreten ist und ich demzufolge der einzige Mensch geworden bin, der sein ganzes Interesse in Anspruch nimmt, auch das Seh- und Wahrnehmungsvermögen nur noch in Ansehung meiner Person und desjenigen, was in meiner unmittelbaren Nähe vorgeht, behauptet hat. Ich wage diese Frage noch nicht zu beantworten; wohl möglich ist es aber, daß die Erfahrungen, die ich in Zukunft noch machen werde, mir zuverlässige Anhaltspunkte für eine Bejahung oder Verneinung dieser Frage gewähren. Die Licht- und Wärmeausstrahlung der Sonne teilt sich unzweifelhaft nach wie vor der ganzen Erde mit; für keineswegs ausgeschlossen möchte ich es aber halten, daß das damit verbundene Sehvermögen zufolge der den Strahlen, d. h. der Gesamtmasse der Nerven Gottes ausschließlich nach meiner Person gegebenen Richtung eben auf dasjenige, was mit mir und in meiner unmittelbaren Nähe geschieht sich beschränkt, – ähnlich etwa wie von der auswärtigen Politik der Franzosen noch lange Jahre nach dem siebziger Kriege gesagt zu werden pflegte, daß die gleichsam hypnotisch nur nach dem Loche in den Vogesen hinstarre. Die Sonne ist eben nicht selbst ein lebendes oder sehendes Wesen, sondern das von ihr ausgehende Licht ist oder war nur das Mittel, vermöge dessen Gott die Füglichkeit der Wahrnehmung alles desjenigen, was sich auf der Erde ereignete, erlangte. Gewundert wird jedenfalls nur an meiner Person und in meiner unmittelbaren Nähe. Hiervon habe ich gerade in den letzten Tagen wieder einige eklatante Beweise erhalten, die an dieser Stelle anzuführen sich nach meinem Dafürhalten der Mühe verlohnt. Der 16. März – ich glaube mich im Datum nicht zu irren – war der erste Tag in diesem Jahr, an dem bei heller Sonnenbeleuchtung eine eigentlich frühlingsmäßige Temperatur herrschte. Ich ging am Vormittag in den Garten, wo ich jetzt in der Regel nur eine halbe bis dreiviertel Stunde verweile, da der Aufenthalt im Garten – außer soweit ich Gelegenheit zu lauter Unterhaltung habe, woran es bei der fast nur aus Verrückten bestehenden Umgebung nahezu gänzlich mangelt – sich meist zu einem beinahe unausgesetzten Brüllen gestaltet. Die vorhergehende Nacht war sehr mangelhaft gewesen, so daß ich stark ermüdet war. Ich setzte mich demzufolge auf eine Bank, wo ich – wie jetzt in beschäftigungslosen Zeiten in der Regel – zur Betäubung der eingehenden Stimmen anhaltend (in der Nervensprache) 1, 2, 3, 4, zählte . Die Augen wurden mir durch Wunder geschlossen, und es trat darauf nach kurzer Zeit Schlafanwandlung ein. Nunmehr erschien – und dieser Vorgang wiederholte sich in der kurzen, etwa halbstündigen Dauer des Gartenaufenthaltes nach inzwischen erfolgtem Aufstehen auf verschiedenen Bänken dreimal hintereinander – jedesmal eine Wespe unmittelbar vor meinem Gesichte, um mich, wenn ich gerade im Einschlafen war, aus dem Schlafe aufzuscheuchen. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß es die einzigen Wespen waren, die an dem betreffenden Tage überhaupt erschienen, denn bei den Umgängen zwischen den Sitzpausen habe ich nichts von Wespen bemerkt. Die Wespen waren diesmal, wie ich aus für mich zweifelhaften Gründen, die hier darzulegen zu weit führen würde, anzunehmen habe, ein Wunder des oberen Gottes (Ormuzd); noch im vorigen Jahre wurden dieselben von dem niederen Gotte (Ariman) gewundert; die Wunder des oberen Gottes hatten damals einen noch erheblich feindseligeren Charakter (Aufhetzung von Verrückten usw.) Am Nachmittag des folgenden Tages wurden, während ich bei einem Ausgang nach der benachbarten Ortschaft Ebenheit in dem Garten des dortigen Gasthofs saß, in entsprechender Weise wiederholt einzelne spielende Mücken vor meinem Gesicht gewundert und auch diesmal nur in meiner unmittelbaren Nähe. Am heutigen Vormittage (19. März), wo ähnliche Witterungsverhältnisse wie am 16. März herrschten, hatte ich mir vorgenommen, beim Spaziergang im Garten das Wespenwunder gewissermaßen zu provozieren. Ich setzte mich auf eine Bank, worauf alsbald die gewohnten Erscheinungen: Schließen der Augen und Brüllwunder eintraten und ich meinerseits, um das Weitere abzuwarten, im stillen zählte . Nunmehr aber wurde die »Störung« in anderer Weise geübt; während ich ruhig auf der Bank saß und nur ab und zu den gewunderten Brüllaut ausstieß, hatte sich mir ein Patient genähert, den ich vorher nicht hatte bemerken können, da mir natürlich die Augen wieder durch Wunder geschlossen worden waren, und versetzte mir ohne jede Veranlassung meinerseits einen ziemlich heftigen Stoß gegen meinen Arm, so daß ich natürlich aufstand und die Ungezogenheit mit ein paar lauten Worten zurückwies. Der betreffende Patient war mir vorher völlig unbekannt gewesen, seinen Namen habe ich durch alsbaldige Befragung eines Pflegers als G. ermittelt. Der kleine, an sich sehr unbedeutende Vorgang mag zugleich als Beweis für die enormen Anforderungen gelten, die jahrelang während des Aufenthalts im Anstaltsgarten an meinen Takt und meine Mäßigung gestellt worden sind, da wie bereits früher (Kap. XX) der Denkwürdigkeiten erwähnt, derartige wörtliche und tätliche Angriffe auf mich früher sehr häufig waren und der tiefere Grund, die Strahleneinwirkung, immer derselbe war. An verschiedenen Stellen habe ich der »Hauptgedankenlosigkeit« der Strahlen oder des Umstands, daß die Strahlen der Gedanken entbehren, Erwähnung getan. Die betreffende Vorstellung ist nicht spontan in mir entstanden, sondern beruht auf Äußerungen, die ich von den Stimmen selbst empfangen habe und noch empfange; auch jetzt noch höre ich fast alle zwei Minuten nach Abhaspelung der übrigen abgeschmackten Phrasen die Redensart: »Fehlt uns nun der Hauptgedanke.« Irgend etwas Reales muß dieser Redensart jedenfalls zugrunde liegen und ich halte es daher der Mühe wert, die Sachbewandtnis, die es damit haben mag, mit einigen Worten zu erörtern. Die Hauptgedankenlosigkeit der Strahlen ist keinesfalls in dem Sinne zu verstehen, daß Gott selbst seine ursprüngliche Weisheit verloren oder auch nur irgendwelche Einbuße daran erlitten habe; wäre dies der Fall, so könnte er offenbar auch nicht mehr die Fähigkeit haben, in den Nerven der Menschen, welche meine Umgebung bilden, irgendwelche Entschließungen anzuregen, irgendwelche Äußerungen, die ihrem Bildungsschatze entsprechen, durch Wunder zu veranlassen usw., er könnte nicht mehr, was doch alles tatsächlich auch jetzt noch andauernd geschieht, die Blickrichtungswunder üben, Examinationsversuche mit mir anstellen (vgl. Kap. XVIII der Denkwürdigkeiten) usw. usw. Ich glaube daher annehmen zu dürfen, daß diejenige Weisheit, die Gott von vornherein eigen war, in demselben Maße (und nach Befinden in Ansehung des lebenden Menschen mit derselben Begrenzung) der Gesamtmasse der Strahlen, soweit sie sich als ruhende Masse darstellt, auch jetzt noch innewohnt und die mit dem Worte »Hauptgedankenlosigkeit« zu verbindende Vorstellung sich nur auf die Strahlen in dem durch die Anziehungskraft meiner Nerven entstandenen weltordnungswidrigen Bewegungsverhältnisse gegenüber einem einzelnen Menschen sich bezieht. In dieser Hinsicht habe ich daran zu erinnern, daß ich mit den göttlichen Strahlen oder Nerven niemals ausschließlich unmittelbaren Verkehr gehabt habe, sondern daß sich stets zwischen Gott und mir sogenannte Mittelinstanzen befunden haben, deren Einwirkung jeweilig erst eliminiert sein mußte, ehe die reinen Gottesstrahlen zu mir gelangen konnten. Es waren dies, und sind es teilweise auch noch jetzt, die »geprüften Seelen«, deren Zahl früher eine sehr große war (vgl. Kap. VIII und Kap. XIV der »Denkwürdigkeiten«) und derjenige Rest der ehemaligen »Vorhöfe des Himmels,« der zur Verlangsamung der Anziehung aufgespart worden war und der, wie ich anzunehmen habe, mit gewissen Nerven der Vögel identisch ist, die seitdem als »sprechende Vögel« unausgesetzt mit mir reden. Alle diese Mittelinstanzen, also der noch vorhandene Rest der geprüften Seele des Professor Flechsig und die in den Vogelleibern steckenden Überbleibsel der »Vorhöfe des Himmels« haben ihre frühere, der menschlichen entsprechende oder dieselbe vielleicht noch überragende Intelligenz vollkommen eingebüßt; sie sind völlig gedankenlos geworden. Die betreffende Entwicklung mag in einen gewissen Vergleich mit demjenigen gebracht werden, was man im menschlichen Leben »das Vergessen« nennt. Auch der Mensch vermag nicht alle Eindrücke, die er im Leben empfängt, auf die Dauer in seinem Gedächtnisse aufzubewahren; viele Eindrücke, namentlich unwichtigere, gehen rasch verloren. Ein entsprechendes Verhältnis scheint in noch ungleich stärkerem Grade in Ansehung solcher Seelen stattzufinden oder stattgefunden zu haben, die anstatt, wie es die weltordnungsmäßige Bestimmung der Seelen verstorbener Menschen gewesen wäre, Gott eingefügt zu werden und damit – nur unter allmählichem Verluste gewisser persönlicher Erinnerungen – der göttlichen Intelligenz mitteilhaftig werden, als Einzelseelen sozusagen ohne Zusammenhang mit Gott herumflatterten, – ein Vorgang, der eben in der Weltordnung gar nicht vorgesehen, sondern nur durch die weltordnungswidrige Gestaltung der zwischen Gott und mir entstandenen Beziehungen veranlaßt worden war. Alle diese, vielleicht je nur auf einen einzigen oder einige wenige Nerven zusammengeschmolzenen Einzelseelen haben die Denkfähigkeit völlig verloren und, wie es scheint, nur ein gewisses Empfindungsvermögen bewahrt, das ihnen die Teilnahme an der von ihnen zu gewissen Zeiten in meinem Körper angetroffenen Seelenwollust als angenehm oder als einen Genuß erscheinen läßt. Auch die selbständige Fähigkeit der Sprache ist ihnen damit verlorengegangen, mit der alleinigen Maßgabe, daß die Vögel, wie schon erwähnt, in den Augenblicken (Gesichtern) die Teilnahme an der Seelenwollust meines Körpers noch der Worte »Verfluchter Kerl« oder »Ei verflucht einigermaßen« fähig sind – ein Umstand, der mir zugleich unwiderleglich beweist, daß es sich um Reste von Seelen handelt, die früher die Grundsprache sprachen. Die Echtheit der Empfindung beim Gebrauch der angegebenen Worte im Gegensatz zu den ihren Nerven nur »eingebläuten« Phrasen, die sie sonst sprechen (vgl. Kap. XV der Denkwürdigkeiten Anmerkung 92) wird für mich in völlig zweifelloser Weise erkennbar durch die Verschiedenheit einesteils der Wirkung – echte Stimmen fügen mir weder Schmerzempfindungen, noch sonstige Schäden zu, sondern tragen zur Erhöhung der Seelenwollust bei – andernteils des Klangs und namentlich des Tempos, mit welchem gesprochen wird. Die echten Worte ertönen überaus rasch mit der allen Nerven eigentümlichen Geschwindigkeit und stechen von den bloß eingebläuten Phrasen immer auffälliger ab, je mehr das Tempo der letzteren verlangsamt worden ist. Etwas sprechen müssen nun aber auch diese an sich gedankenlosen Nerven, um ihre Annäherung zu verlangsamen. Da es ihnen selbst an Gedanken fehlt und auch an denjenigen Stellen (Weltkörpern, »Erden«), von denen aus ihre Beladung mit Leichengift erfolgt, denkfähige Wesen nicht vorhanden sind – mag man sich nun diese zugleich das Aufschreiben besorgenden Wesen als menschenähnliche Gestalten nach Art der »flüchtig hingemachten Männer« oder wie sonst immer vorstellen, – so kann die an sich ruhende Gesamtmasse der göttlichen Strahlen bei jedesmaliger Annäherung ihnen nur dasjenige zum Sprechen mitgeben oder einbläuen, was man bei mir als unentwickelte Gedanken liest (in der Regel unter Fälschung in das Gegenteil), oder was man über die Wunder zu sagen weiß, die jeweilig an mir geübt werden, oder man muß auf das früher erwähnte Aufschreibematerial zurückgreifen (im wesentlichen meine eigenen früheren Gedanken), oder endlich man kann, wenn das Übrige abgehaspelt ist und man bei mir nur das Nichtsdenken antrifft, nur zu der letzten Phrase seine Hilfe nehmen »Fehlt/uns nun der Hauptgedanke«, worauf sich dann weiter wieder anschließt »Warum sagen Sie's nicht« seil, »laut« usw. usw. Dies ist die ungefähre Vorstellung, die ich mir von der in tausendfältiger Wiederholung erwähnten »Hauptgedankenlosigkeit« der Strahlen gebildet habe; natürlich kann es sich dabei nur um Vermutungen handeln, da dem Menschen hier, wie bei allen anderen übersinnlichen Verhältnissen; die volle Einsicht in den wahren Sachverhalt verschlossen ist; wenigstens annähernd glaube ich aber mit dem vorstehend Entwickelten das Richtige getroffen zu haben. Daß Gott selbst oder, um daneben den anderen wahrscheinlich auf ganz dasselbe hinauskommenden Ausdruck zu gebrauchen, die Gesamtmasse der ruhenden Strahlen sich eine höhere Intelligenz, ja voraussichtlich eine aller menschlichen Intelligenz unendlich überlegene Weisheit bewahrt hat, dafür fehlt es mir auch sonst nicht an gewissen Anhaltspunkten. Namentlich kommt hierbei eine Anzahl der nicht echten, sondern nur zum »Auswendiglernen« oder »Einbläuen« verwendeten Redensarten des niederen Gottes (Ariman) in Betracht, die zum Teil schon früher erwähnt sind (Kap. XIII und Kap. XXI der Denkwürdigkeiten) und auf die ich in dem gegenwärtigen Zusammenhange noch einmal zurückkomme (»Hoffen doch, daß die Wollust einen Grad erreicht«; »die dauernden Erfolge sind auf seiten des Menschen«; »aller Unsinn hebt sich auf«; »regen Sie sich nur geschlechtlich auf«; »die Wollust ist gottesfürchtig geworden« usw. usw. Jetzt werden übrigens diese Redensarten von den Stimmen längst nicht mehr gebraucht, da sie sämtlich bei beständiger Wiederholung auf Formen des Nichtsdenkungsgedankens hinauskommen und daher dem Zwecke einer Verlangsamung der Anziehung nicht mehr dienen könnten; ich habe sie aber alle in meinem Gedächtnisse aufbewahrt und bringe sie daher ab und zu gelegentlich durch willkürliche Reproduktion in Erinnerung. Ich muß gestehen, daß ich die darin liegenden Wahrheiten zum Teil selbst erst nach Jahren als solche erkannt habe, während ich mich anfangs wenigstens gegen einige derselben sehr skeptisch verhielt. Hierher gehört u.a. die von dem niederen Gotte vor Jahren (bereits etwa 1894 oder 1895) gleichsam als Direktive für mein Verhalten in häufiger Wiederholung ausgegebene Redensart »Meinetwegen muß die Losung sein«. Es sollte damit ausgedrückt werden, daß ich mich aller und jeder Sorge für die Zukunft entschlagen und – wohl im Vertrauen auf die Ewigkeit – die Gestaltung meiner persönlichen Schicksale ruhig der von selbst eintretenden Entwicklung der Dinge überlassen solle. Damals vermochte ich den Rat, daß ich mich über alles, was mit mir geschehe, mit einem gleichgültigen »Meinetwegen« hinwegsetzen solle, noch nicht als sachgemäß anerkennen und ich muß hinzufügen, daß dies damals vom menschlichen Standpunkte aus betrachtet auch natürlich war. In jener Zeit waren die Gefahren, von denen ich durch Wunder stündlich an Geist und Körper bedroht war, noch zu furchtbar und die Schäden, die an meinem Körper angerichtet wurden, zu entsetzlich (vgl. Kap. XI der Denkwürdigkeiten), als daß ich mich zu dem Gefühle absoluter Gleichgültigkeit gegen dasjenige, was einmal künftig aus mir werden solle, hätte aufschwingen können. Die Sorge für die Zukunft liegt dem Menschen, zumal in gefährlicher Lebenslage, einmal im Blute. Mit der Zeit hat mich aber allerdings die Gewöhnung und die sichere Erkenntnis des Hauptpunktes, daß ich keinesfalls für meinen Verstand etwas zu fürchten habe, dazu geführt, mir die mit der Losung »Meinetwegen« ausgedrückte Anschauung in betreff der Frage nach der Zukunft nahezu vollständig anzueignen. Ich habe zwar zuweilen auch jetzt noch recht widerwärtige Zeiten durchzumachen; es kommen auch jetzt noch einzelne Tage und Nächte vor, in denen es infolge der Brüllzustände, der durch das Stimmengeschwätz entstehenden geistigen Foltern und der sich hin und wieder dazugesellenden körperlichen Schmerzen, ich darf wohl sagen, kaum auszuhalten ist. Allein diese Rückschläge sind stets nur von kurzer Dauer; sie beruhen regelmäßig darauf, daß man gegenüber der abermals wahrnehmbar gewordenen Steigerung der Seelenwollust meines Körpers zu weiterer Verschärfung der mir gegenüber angewendeten »Systeme« in betreff der Verteilung der mit mir redenden Stimmen oder Strahlenfäden, in betreff der Einrichtung des Stimmengeredes usw. verschritten ist, immer mit dem Zwecke, eine Verlangsamung der Anziehung herbeizuführen, eine Entfernung in größere Weiten zu ermöglichen und womöglich eine Vereinigung aller Strahlen, die zur Wollust und zum Schlafe führen muß, zu verhindern. Allein dieser Zweck wird niemals auf eine nennenswerte Dauer wirklich erreicht; bald hat das Wachstum der Seelenwollust auch diese neue Verschärfung überwunden und es treten dann meist eine Zeitlang nur um so angenehmere körperliche und geistige Zustände für mich ein. Ähnliches wie in betreff der Losung »Meinetwegen« habe ich auch in betreff des anderen Satzes »Aller Unsinn hebt sich auf« zu sagen. Damals, als ich diesen Satz noch von den Stimmen hörte – vor einer langen Reihe von Jahren, jetzt höre ich denselben schon längst nicht mehr – konnte ich mich von der Richtigkeit desselben noch nicht ohne weiteres überzeugt halten. Ich erinnerte mich, daß der Unsinn sowohl in der Geschichte einzelner Menschen, als ganzer Völker zuweilen eine recht geraume Zeit seine Herrschaft behauptet und dabei zuweilen zu Katastrophen geführt hat, die in der Folgezeit durchaus nicht immer wieder ausgeglichen werden konnten. In Ansehung meiner hat mich aber die Erfahrung mehrerer Jahre doch dazu geführt, mich zu der Richtigkeit des Satzes zu bekehren; ein Mensch, der wie ich in gewissem Sinne von sich sagen darf, daß ihm die Ewigkeit dienstbar sei, kann allerdings allen Unsinn ruhig über sich ergehen lassen in der sicheren Annahme, daß schließlich doch einmal ein Zeitpunkt kommen müsse, wo der Unsinn sich ausgetobt haben werde und von selbst wieder vernunftgemäße Zustände eintreten. Ich habe bei den vorstehend besprochenen Redensarten etwas länger verweilt, weil sie für mich von großem Wert waren als Beweise dafür, daß die überlegene göttliche Weisheit in diesen (wie in vielen ähnlichen) Punkten schon vor Jahren gewisse Wahrheiten erkannt hatte, die mir erst sehr viel später einleuchtend geworden sind. Unendlich schwierig bleibt für mich die Frage, wie ich diese überlegene Weisheit mit der in anderen Beziehungen wieder hervortretenden Unkenntnis mit der, wie der Erfolg lehrt, durchaus verkehrten Einrichtung der mir gegenüber erfolgten Gesamtpolitik usw. in Einklang bringen soll. Die Verkehrtheit wurde ja auch, wie bereits im Kap. XIII der Denkwürdigkeiten erwähnt, von dem niederen Gott (Ariman) selbst mit der Redensart: »Das sind nun die Folgen der berühmten Seelenpolitik« anerkannt. Diese Frage beschäftigt mein Nachdenken seit Jahren fast unausgesetzt, gleichwohl habe ich mir zu sagen, daß ich zu einer vollständigen Lösung wohl niemals gelangen werde, sondern daß dieselbe etwas Rätselhaftes wohl immer für mich behalten wird. Denn daran muß ich nun einmal festhalten, daß in dem weltordnungswidrigen Verhältnisse, das zwischen Gott und mir entstanden ist, Gott den lebenden Menschen nicht kennt. Er muß es mindestens früher für möglich gehalten haben, mir den Verstand zu zerstören oder mich blödsinnig zu machen; er mag dabei von der Vorstellung ausgegangen sein, daß er es mit einem ohnedies schon nahezu blödsinnigen, vielleicht auch sittlich unwürdigen Menschen zu tun habe, und er mag mit dieser Vorstellung zugleich, ich möchte sagen, die Gewissensbedenken beschwichtigt haben, die sonst der mir gegenüber verfolgten Politik eigentlich hätten entgegenstehen müssen. Diese Unkenntnis meiner geistigen und sittlichen Verfassung hat sich in früheren Jahren wahrscheinlich jeweilig auf längere Zeit behaupten können, als die Zurückziehung und Wiederannäherung immer nur in größeren Zwischenräumen erfolgte. Jetzt ist infolge der rapiden Zunahme der Seelenwollust die Periodizität eine sehr viel kürzere geworden; die Unkenntnis weicht daher vermutlich immer sehr bald der besseren Einsicht. Gleichwohl besteht aber nun einmal die für Seelen, wie es scheint, unbezwingliche Neigung, sich zurückzuziehen, sobald ein den weltordnungsmäßigen Daseinsbedingungen der Seelen (der Seligkeit) entsprechendes Genießen an meinem Körper auch nur in einem einzigen Augenblick nicht möglich ist oder man ist durch die früher nun einmal getroffenen weltordnungswidrigen Einrichtungen gezwungen, sich zurückzuziehen, obwohl man sich eigentlich sagen könnte, daß die Zurückziehung keinen Erfolg von irgendwelcher nennenswerten Dauer verspricht, sondern alsbald wieder eine Annäherung erfolgen muß, bei der die Strahlen unter »Hilfe«-rufen, also in Angstzuständen, zu mir heruntergeschleudert werden. Diese Erscheinung läßt sich eben nur aus dem vom menschlichen durchaus verschiedenen Charakter der Seelen erklären. Männliche Todesverachtung, wie sie in gewissen Lebenslagen vom Menschen, etwa im Kriege vom Soldaten und namentlich vom Offizier erwartet wird, ist nun einmal den Seelen ihrer Natur nach nicht gegeben. Sie gleichen insoweit kleinen Kindern, die auf ihre Naschware – die Seelenwollust – nicht einen Augenblick verzichten können oder wollen; wenigstens scheint dies in betreff derjenigen Strahlen zu gelten, von denen als den jedesmal zunächst Beteiligten die Entschließung über einen Rückzug abhängt. Daraus ergibt sich, daß Gott fast in allem, was mir gegenüber geschieht, nachdem die Wunder ihre frühere furchtbare Wirkung zum größten Teile eingebüßt haben, mir überwiegend lächerlich oder kindisch erscheint. Daraus folgt für mein Verhalten, daß ich häufig durch die Notwehr gezwungen bin, nach Befinden auch in lauten Worten den Gottesspötter zu spielen; ich muß dies zuweilen tun, um der entfernten Stelle, die mich mit den Brüllzuständen, dem unsinnigen Stimmengeschwätz usw. manchmal in nahezu unerträglicher Weise quält, zum Bewußtsein zu bringen, daß man es keineswegs mit einem blödsinnigen, sondern mit einem die ganze Situation vollkommen beherrschenden Menschen zu tun habe. Auf das allerentschiedenste habe ich aber auch hier wieder zu betonen, daß es sich dabei nur um eine Episode handelt, die, wie ich hoffe, spätestens mit meinem Ableben ihre Endschaft erreichen wird, daß daher das Recht, Gottes zu spotten, nur mir, nicht aber anderen Menschen zusteht. Für andere Menschen bleibt Gott der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde, der Urgrund aller Dinge und das Heil ihrer Zukunft, dem – vermögen auch einzelne der herkömmlichen religiösen Vorstellungen einer Berichtigung bedürfen – Anbetung und höchste Verehrung gebührt. VI. Betrachtungen hinsichtlich der Zukunft, Vermischtes. (April und Mai 1901.) Dasjenige, was ich in Kap. XXII der Denkwürdigkeiten in betreff einer Genugtuung, die mir bevorstehe, oder eines Lohnes, den ich für die erlittenen Schmerzen und Entbehrungen erwarten dürfe, ausgeführt habe, nimmt, wie mir nach neueren Wahrnehmungen scheinen will, eine mehr und mehr greifbare Gestalt an. Ich glaube schon jetzt nach Verlauf weniger Monate etwas deutlicher sagen zu können, in welcher Richtung die Belohnung erfolgen wird. Augenblicklich ist allerdings mein Leben noch ein sonderbares Gemisch von Wollustzuständen, Schmerzempfindungen und anderen Widerwärtigkeiten, zu denen ich außer dem eigenen Brüllen den blödsinnigen Lärm rechne, der vielfach in meiner Nähe getrieben wird. Jedes Wort, das in irgendwelcher Unterhaltung mit mir gesprochen wird, ist noch mit einem gegen meinen Kopf geführten Streiche verbunden; die dadurch erzeugte Schmerzempfindung kann zu gewissen Zeiten, d.h. wenn die Strahlen einen Rückzug in zu große Ferne genommen haben, einen ziemlich hohen Grad erreichen und deshalb namentlich nach vorausgegangenen mehr oder weniger schlaflosen Nächten in beträchtlichem Maße abspannend wirken, zumal, wenn noch andere durch Wunder veranlaßte Schmerzen, z. B. Zahnschmerzen hinzutreten. Auf der anderen Seite ergeben sich für mich alltäglich in mehrmaliger Wiederkehr Zeiträume, in denen ich sozusagen in Wollust schwimme, d. h. ein unbeschreibliches, der weiblichen Wollustempfindung entsprechendes Wohlbefinden meinen ganzen Körper durchströmt. Dabei ist keineswegs immer erforderlich, daß ich meine Phantasie in geschlechtlicher Richtung spielen lasse; auch bei anderen Anlässen, z.B. wenn ich eine mich besonders ergreifende Stelle eines Dichtwerks lese, ein mich ästhetisch besonders erfreuendes Musikstück auf dem Klavier spiele oder bei Ausflügen in die Umgebung unter dem Eindruck eines besonderen Naturgenusses stehe, erzeugt die auf der Seelenwollust beruhende Wohligkeit nicht selten Momente in denen ich, wie ich wohl sagen darf, eine Art Vorgeschmack der Seligkeit empfinde. Zur Zeit handelt es sich allerdings häufig nur um Empfindungen von kurzer Dauer, indem gerade zur Zeit der höchsten Wollustempfindung Kopf- oder Zahnschmerzen gewundert werden, um eben das auf die Strahlen schließlich unwiderstehlich wirkende Wollustgefühl nicht recht aufkommen zu lassen. Wie sich der ganze Mensch bei solchen Zuständen befinde, ist manchmal eine schwer zu beantwortende Frage; ich genieße zuweilen von unten herauf bis zum Halse die höchste Wollust, während gleichzeitig mein Kopf vielleicht in ziemlich übler Verfassung ist. Die künftige Entwicklung der Dinge wird aber, wie ich nach mehrjähriger Erfahrung voraussagen zu können glaube, immer mehr dahingehen, daß die Schmerzempfindungen zurücktreten und die Wollust- oder Seligkeitszustände überwiegen. Die Seelenwollust nimmt eben beständig zu, daher wird die Wollustempfindung immer mehr der vorherrschende Eindruck sein, den die Strahlen beim Eintritt in meinen Körper empfangen; daher gelingt es schon jetzt häufig nicht mehr und wird voraussetzlich künftig immer weniger gelingen, die zur Abschwächung des Wollustgefühls beabsichtigten Schmerzen meinem Körper wirklich zuzufügen. Man will zwar, wie ich aus dem gleichzeitigen Gerede der Stimmen unzweifelhaft entnehme, etwa »meine Augen verwundern,« d.h. Leichengift in meine Augen spritzen oder Zahnschmerzen erzeugen, d.h. das Leichengift in meinen Zähnen abladen usw.; allein immer häufiger erreichen die Strahlen die betreffenden Stellen meines Körpers gar nicht mehr, weil die an den anderen Körperteilen hervorgerufene Wollustempfindung prävaliert; das meinen Augen oder Zähnen zugedachte Leichengift wird dann irgendwo anders, etwa am Busen, oder an den Armen, oder an irgendeiner anderen Stelle meines Körpers, unschädlich abgeladen. Demnach glaube ich für eine vielleicht nicht mehr allzuweit entfernte Zukunft voraussagen zu können, daß ich gewissermaßen schon bei Lebzeiten die Seligkeit, die anderen Menschen erst nach dem Tode verliehen ist, im voraus genießen werde. Daß diese Seligkeit in der Hauptsache ein wollustmäßiges Genießen ist und zu ihrer vollen Entfaltung der Vorstellung, ein weibliches Wesen zu sein oder werden zu wollen, bedarf, entspricht natürlich an und für sich meinem Geschmacke nicht; ich habe mich aber der weltordnungsmäßigen Notwendigkeit zu fügen, die mich, soll nicht mein körperliches Befinden durch Schmerzen, gewundertes Brüllen und blödsinnigen Lärm meiner Umgebung nahezu unerträglich werden; zur Gewöhnung an derartige Vorstellungen zwingt. Auch hier würde das Gesagte sich jetzt etwas modifizieren. Als hochbedeutsamer Ersatz für die mir entzogene Möglichkeit, meine geistigen Kräfte in anderer Weise im Dienste der Menschheit zu verwerten und mir damit Ehre oder Ruhm vor Menschen zu erwerben, kommt dabei die Erkenntnis Gottes und göttlicher Dinge in Betracht, die ich durch die unausgesetzte Berührung mit göttlichen Strahlen erlangt habe. Zugleich darf ich die Hoffnung hegen, daß ich der Mittler sein werde, durch dessen persönliche Schicksale die von mir erlangte Kenntnis fruchtbringend verbreitet werde, und daß es mir auf diese Weise beschieden sein werde, der übrigen Menschheit noch weit über meinen Tod hinaus zur Gewinnung richtiger Anschauungen über das Verhältnis zwischen Gott und Welt und zur Erschließung religiöser Heilswahrheiten zu dienen. Wie sich die Dinge bei meinem voraussetzlich doch irgendeinmal zu erwartenden Ableben gestalten werden, vermag ich natürlich nicht vorauszusagen. Nach dem in Kap. XXII der Denkwürdigkeiten hierüber Bemerkten halte ich eigentlich nur den Tod an Altersschwäche für möglich. Ich muß den Wunsch hegen, daß, wenn einmal mein letztes Stündlein schlägt, ich nicht mehr in einer Heilanstalt, sondern in geordneter Häuslichkeit in der Umgebung naher Angehöriger mich befinde, da ich vielleicht einer liebevolleren Pflege bedürfen werde, als mir in einer Anstalt zuteil werden kann. Auch erachte ich es nicht für ausgeschlossen, daß an meinem Kranken- oder Sterbelager irgendwelche außergewöhnliche Erscheinungen zu beobachten sind und ich muß daher wünschen, daß der Zutritt zu demselben Männer der Wissenschaft aus verschiedenen Gebieten des menschlichen Wissens ermöglicht sei, die daraus nach Befinden wichtige Schlußfolgerungen in betreff der Wahrheit meines religiösen Vorstellungskreises abzuleiten vermögen werden. – Augenblicklich bin ich dem Ziele meiner Entlassung noch ziemlich fern; die erstinstanzliche Entscheidung in dem in Kap. XX der Denkwürdigkeiten erwähnten Entmündigungsprozesse ist (durch Urteil des Landgerichts Dresden vom 15. April 1901) zu meinen Ungunsten ausgefallen. Noch kenne ich die Begründung des Urteils nicht und vermag daher nicht zu sagen, ob ich durch Einlegung der Berufung höhere Instanzen mit der Sache befassen werde. Jedenfalls habe ich das sichere Vertrauen, daß ich, wenn auch nicht in allernächster Zeit, so doch im Laufe von einigen Jahren die Aufhebung der Entmündigung und zugleich die Entlassung aus der hiesigen Anstalt werde durchsetzen können. Ich schließe an das Vorstehende noch einige Bemerkungen an, die in keinem näheren Zusammenhang damit stehen und die ich nur deshalb an gegenwärtiger Stelle mit unterbringe, weil ich ihnen um ihres geringeren Umfangs willen nicht einen besonderen Abschnitt widmen will. * Sehr viel habe ich im Laufe der vergangenen Jahre angeregt durch die mir zuteil gewordenen übersinnlichen Eindrücke, über Gegenstände des Volksaberglaubens nachgedacht. Dieselben erscheinen mir jetzt, ebenso wie mythologische Vorstellungen älterer Völker, in einem wesentlich anderen Lichte als früher. Ich bin der Meinung, daß den meisten Vorstellungen des Volksaberglaubens irgendein Körnchen Wahrheit, irgendeine Ahnung übersinnlicher Dinge zugrunde liegt, die im Laufe der Zeit einer größeren Anzahl von Menschen aufgegangen ist, freilich vielfach von willkürlichen Zutaten der menschlichen Einbildungskraft derart überwuchert, daß das Körnchen Wahrheit kaum noch herauszuschälen ist. Ständen mir hinreichende literarische Hilfsmittel zu Gebote, so würde ich vielleicht versuchen, unter diesem Gesichtspunkte einer größeren Anzahl von Äußerungen des Volksaberglaubens eine Betrachtung zu widmen. In Ermangelung derartiger Hilfsmittel will ich mich auf zwei Beispiele beschränken. Bekannt ist der Aberglaube von der Geisterstunde, welche den Geistern für ihren Verkehr mit Menschen ausschließlich gestattet ist und welche dieselben zwingt, mit dem Glockenschlage eins ihre Gräber wieder aufzusuchen. Nach meinem Dafürhalten liegt diesem Aberglauben die richtige Ahnung zugrunde, daß Träume nicht immer bloß von außen her unbeeinflußte Vibrationen der eigenen Nerven eines schlafenden Menschen sind, sondern daß dieselben unter Umständen allerdings auf einem Verkehr mit abgeschiedenen Seelen (einem von diesen Seelen, vorzugsweise verstorbener Angehöriger, genommenen Nervenanhang Kap. I der Denkwürdigkeiten) beruhen. Die Stunde nach Mitternacht, als die Zeit des tiefsten Schlafes, wird dabei mit einem gewissen Recht als die für einen solchen Verkehr geeignetste Zeit betrachtet. Als eines zweiten Beispiels gedenke ich der Vorstellung, welche sich mit der Redensart verbindet, daß der Teufel durch das Schlüsselloch kriecht . Das Richtige an dieser Vorstellung liegt meines Erachtens darin, daß es in der Tat kein von Menschen geschaffenes mechanisches Hindernis gibt, welches geeignet wäre, der Strahleneinwirkung den Eingang zu verwehren. Daß dem so ist, erlebe ich an meinem Körper in jedem gegebenen Augenblicke; keine noch so dicke Mauer, keine geschlossene Fensterscheibe und dergleichen vermag zu hindern, daß die Strahlenfäden in einer für den Menschen eigentlich unverständlichen Weise sich hindurchziehen und bis zu beliebigen Teilen meines Körpers, namentlich nach meinem Kopfe vordringen. * Für den Fall der Veröffentlichung meiner gegenwärtigen Arbeit bin ich mir wohl bewußt, daß es eine Persönlichkeit gibt, die sich durch eine solche Veröffentlichung verletzt fühlen könnte. Es ist dies der Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig. Hierüber habe ich mich bereits in einer unter dem 4. Februar d. J. an die hiesige Anstaltsdirektion gerichteten Vorstellung verbreitet, deren Wortlaut ich nachstehend wiedergebe: »Der Kgl. Anstaltsdirektion ist bekannt, daß ich mich mit dem Gedanken einer Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten trage und dieselbe nach erfolgter Aufhebung meiner Entmündigung zu erreichen hoffe. Zweifel, ob die Veröffentlichung statthaft sei, haben mich lang und viel beschäftigt. Ich habe mir nicht verhehlt, daß mit Rücksicht auf gewisse Abschnitte meiner Denkwürdigkeiten der Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig sich veranlaßt fühlen könnte, meine Bestrafung wegen Beleidigung, ja sogar nach Befinden die Einziehung des ganzen Druckwerks als den Tatbestand einer strafbaren Handlung darstellend (§ 40 StGB) zu beantragen. Ich habe mich schließlich aber doch dafür entschieden, an dem Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten. Ich weiß mich auch dem Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig gegenüber von jeder persönlichen Animosität frei. Ich habe demzufolge in meine Denkwürdigkeiten nur solche ihn betreffende Angaben aufgenommen, die nach meinem Dafürhalten zum Verständnis meiner ganzen Darlegung gar nicht entbehrt werden können. Ich würde insbesondere die vielleicht etwas anzügliche und für den Zusammenhang nicht unbedingt notwendige Anmerkung (gestrichen) meiner Denkwürdigkeiten im Falle einer Veröffentlichung streichen. Ich hoffe, daß dann auch bei Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig das wissenschaftliche Interesse an dem Inhalte meiner Denkwürdigkeiten etwaige persönliche Empfindlichkeiten zurückdrängen würde. Für den entgegengesetzten Fall ist das Gewicht, das ich auf Bekanntgabe meiner Arbeit mit Rücksicht auf die davon verhoffte Bereicherung der Wissenschaft und Klärung religiöser Ansichten lege, eine so große, daß ich selbst die Gefahr einer Bestrafung wegen Beleidigung und eines mir durch eine etwaige Einziehung drohenden Vermögensverlustes auf mich nehmen würde. Der Kgl. Anstaltsdirektion mache ich diese Mitteilung selbstverständlich nicht in der Absicht, eine Meinungsäußerung derselben darüber zu erbitten; ob sie die Möglichkeit einer Bestrafung für gegeben erachte, sondern lediglich, um auch hiermit einen neuen Beweis zu liefern, wie reiflich ich bei allen meinen Handlungen die Folgen im voraus erwäge und wie wenig also bei mir davon die Rede sein kann, daß ich ein Mensch sei, der die Fähigkeit, seine Angelegenheiten zu besorgen, ermangele. Sonnenstein, den 4. Februar 1901. In vorzüglicher Hochachtung (Folgt Unterschrift) Hieran mögen noch einige Bemerkungen angeschlossen werden. Daß Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig von den äußeren Vorgängen, die mit meinem Aufenthalt in der von ihm geleiteten Universitäts-Nervenklinik in Leipzig zusammenhängen, wenigstens im allgemeinen noch eine Erinnerung hat, habe ich als selbstverständlich vorauszusetzen. Dagegen wage ich nicht bestimmt zu behaupten, ob auch die übersinnlichen Dinge, die mit seinem Namen in Verbindung stehen und bei denen mir dieser Name von den Stimmen genannt worden ist und noch jetzt täglich genannt wird – obwohl die persönlichen Beziehungen zu Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig für mich längst in den Hintergrund getreten sind und daher ohne äußere Einwirkung schwerlich mein Interesse noch fortgesetzt erwecken würden – jedenfalls zum Bewußtsein gekommen sein müssen. Ich habe die Möglichkeit zugelassen, daß er in seiner Eigenschaft als Mensch denselben fern gestanden hat und noch fern steht; dunkel bleibt natürlich die Frage, wie bezüglich eines noch lebenden Menschen von einer von ihm unterschiedenen, außerhalb seines Körpers befindlichen Seele die Rede sein kann. Daß es eine solche Seele oder wenigstens einen solchen Seelenteil gegeben hat und noch jetzt gibt, ist gleichwohl nach den von mir unmittelbar gemachten tausendfältigen Erfahrungen für mich gewiß. Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles, was in den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet worden ist, die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig sich bezieht, deren besondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist. Es liegt mir also durchaus fern, mit der von mir beabsichtigten Veröffentlichung die Ehre des lebenden Geh. Rat Professor Dr. Flechsig in irgendwelcher Weise anzugreifen. Übrigens habe ich bei der wiederholten Durchsicht, der ich meine Arbeit nach Beendigung des Entmündigungsprozesses unterzogen habe, so vieles daran gestrichen, geändert und in der Ausdrucksweise zu mildern gesucht, daß, wie ich glaube, von einem beleidigenden Inhalt derselben nicht mehr die Rede sein kann. Ich hoffe damit alles dasjenige gegenstandslos gemacht zu haben, was noch in den Gutachten, in den Urteilen erster und zweiter Instanz sowie in meinen eigenen Prozeßschriften hinsichtlich einer mir möglicher Weise drohenden Bestrafung gesagt worden ist. VII. Feuerbestattung betreffend. (Mai 1901.) Die in neuerer Zeit ziemlich lebhaft gewordene, in besonderen Vereinen organisierte Bewegung für Feuerbestattung regt eigene Gedanken in mir an, deren Mitteilung vielleicht nicht ohne Interesse ist. Die von kirchlich-gläubiger Seite gegen diese Art der Leichenbestattung erhobenen Bedenken verdienen nach meinem Dafürhalten die allerernsteste Berücksichtigung. Denn es wird allerdings die Frage aufgeworfen werden dürfen, ob nicht derjenige, der seine Leiche der Feuerbestattung unterwerfen läßt, damit auf eine Wiedererweckung im jenseitigen Leben verzichte oder der Anwartschaft auf die Seligkeit sich beraube. Daß nach der Weltordnung an sich eine Fortdauer nach dem Tode oder eine Seligkeit stattfindet, ist für mich nach dem Gesamtinhalte meiner früheren Darlegungen (vergl. insbesondere Kap. I der Denkwürdigkeiten) vollkommen unzweifelhaft. Damit steht natürlich nicht im Widerspruch, daß auf solange, als die weltordnungswidrige ausschließliche Beziehung zwischen Gott und meiner Person dauert, die Neubegründung von Seligkeiten nach meinem Dafürhalten suspendiert ist (vergl. Kap. II am Ende und Kap. V am Ende der Denkwürdigkeiten). . Auch die Seele ist nichts rein Geistiges, sondern beruht auf einem materiellen Substrat, den Nerven. Hätte daher die Feuerbestattung eine vollständige Vernichtung der Nerven zur Folge, so würde damit auch ein Aufsteigen der Seele zur Seligkeit ausgeschlossen sein. Ob die angegebene Voraussetzung zutrifft, wage ich als Laie in der Physiologie der Nerven nicht bestimmt zu behaupten. Nur soviel scheint mir unzweifelhaft, daß die Frage wesentlich anders liegt, als in denjenigen Fällen, in denen der Körper eines Menschen etwa bei Brandunglücken oder bei mittelalterlicher Ketzer- und Hexenverbrennung dem Feuertode ausgesetzt worden ist. Der Feuertod ist in solchen Fällen wohl wesentlich ein Erstickungstod; von einer vollständigen Vernichtung des Körpers ist dabei schwerlich die Rede; selbst die Weichteile werden wahrscheinlich meist nur angekohlt werden; eine gänzliche Zerstörung der Knochen und der in ihnen (insbesondere in der Schädeldecke) steckenden Nervenenden findet dabei sicher nicht statt. Diese Fälle lassen sich also mit der modernen Feuerbestattung kaum vergleichen, bei der in eigenen Krematorien unter Entwicklung exorbitanter Hitzgrade, Absperrung der atmosphärischen Luft usw. eine vollständige Vernichtung alles dessen, was von den Menschen nach dem Tode noch vorhanden ist, bis auf ein geringes Häuflein Asche, methodisch angestrebt und vielleicht auch erzielt wird. Ich halte es demnach zum mindesten für nicht unwahrscheinlich, daß dabei auch mit den Nerven eine physiologische oder chemische Veränderung vorgeht, die eine Wiedererweckung derselben im jenseitigen Leben ausschließt. Diesen Erwägungen gegenüber muß nach meinem Dafürhalten weit zurücktreten, was zugunsten der Feuerbestattung unter ästhetischen, sanitären oder volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten geltend gemacht zu werden pflegt. Auch in letzterer Beziehung sind die vermeintlichen Vorteile wohl äußerst prekärer Natur; insbesondere wird der durch Ersparung von Friedhöfen usw. erhoffte wirtschaftliche Gewinn wohl durch die gewaltigen Kosten ausgeglichen werden, welche die Feuerbestattung – wenn man sie sich als eine allgemein gewordene Einrichtung vorstellt – verschlingen würde. Auf Jahrhunderte hinaus ist vermutlich nicht daran zu denken, daß der überwiegende Teil der Bevölkerung die alte Sitte der Leichenbeerdigung aufgeben sollte. Daß jedesmal ein Zeitpunkt kommen sollte, wo etwa jedes Dorf oder jeder kleinere Bezirk sein eigenes Krematorium besitzen würde, will mir kaum wahrscheinlich dünken. Allein die für das sittliche Gefühl entscheidende Frage wird immer die bleiben, ob die moderne Feuerbestattung mit der Hoffnung auf eine künftige Seligkeit verträglich ist. Ich weiß wohl, daß es viele Menschen gibt, die an dieser Frage ziemlich gleichgültig vorüberzugehen geneigt sind. Es handelt sich dabei nicht immer bloß um Äußerungen des Unglaubens, d. h. um bewußte Anhänger des Atheismus. Der Widerwille gegen die Vorstellung einer mit dem eigenen Körper nach dem Tode vorgehenden Verwesung drängt bei manchen Menschen jede andere Erwägung zurück; unklare Vorstellungen über die Natur des im jenseitigen Leben zu erwartenden neuen Daseins erzeugen, zumal bei pessimistisch angelegten Naturen nicht selten Stimmungen, in denen sie sich und anderen vorreden, es liege ihnen gar nichts an einer Fortdauer nach dem Tode, es sei ihnen ganz recht, wenn mit dem Tode alles aus sei und alles, was von ihnen noch vorhanden sei, so vollständig als möglich verschwinde, um nicht für andere Menschen als Gegenstand eines doch vielleicht nur geteilten Interesses zurückzubleiben. Allein ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß solche Stimmungen niemals länger anhalten werden, als bis einmal die Schrecken des Todes wirklich in greifbare Nähe gerückt sind. Irgendeines Trostes, irgendeiner Hoffnung bedarf auch der Mensch, der vielleicht zu langem, schmerzvollen Krankenlager niedergestreckt, sich der Gewißheit des bevorstehenden Todes nicht mehr verschließen kann; furchtbar können die Leiden werden, wenn der Sterbende nach dem in religiösen Dingen von ihm eingenommenen Standpunkte sich jeder Hoffnung beraubt glaubt und sich damit auch die Tröstungen der Religion unempfänglich gemacht hat. Für denjenigen, der die Anordnung einer Feuerbestattung getroffen hätte, käme vielleicht der quälende Zweifel hinzu, ob er nicht gar selbst dazu beigetragen habe, sich jeder letzten Hoffnung zu verschließen. Wohl dem, möchte ich ausrufen, der in solcher Lebenslage wenigstens noch die Möglichkeit gegeben sieht, die Anordnung der Feuerbestattung zu widerrufen, die er in gesunden Tagen vielleicht in mehr oder weniger leichtfertiger Stimmung getroffen hatte! Die Frage, ob die Geistlichkeit bei einer Feuerbestattung aus Rücksicht auf die leidtragenden Hinterlassenen den kirchlichen Segen erteilen oder Trostworte sprechen dürfe, mag nach individueller Auffassung einer verschiedenen Beantwortung unterliegen. Daß die Lage des gläubigen Geistlichen dabei eine ungemein schwierige ist, scheint mir zweifellos. Denn er wird sich dem Eindruck nicht entziehen können, daß derjenige, der die Feuerbestattung angeordnet hat, bei einer Entscheidung, die für die Frage der Fortdauer nach dem Tode wenigstens nach Befinden von Bedeutung ist, eine starke Gleichgültigkeit an den Tag gelegt habe; zudem werden wohl fast alle Geistlichen mindestens eine Ahnung des von mir entwickelten Zweifels haben, ob denn eine Seligkeit nach vollständiger Vernichtung der Nerven überhaupt noch möglich sei? Man lasse sich auch nicht durch den Einwand täuschen, daß die Annahme, es könne die Feuerbestattung irgendwelchen Einfluß auf die Möglichkeit einer Wiedererweckung nach dem Tode äußern, sich mit der Vorstellung von Gottes Allmacht nicht vereinigen lasse. In absoluter Unbegrenztheit ist eben diese Allmacht nicht vorhanden; es ist z. B. auch für Gott nicht möglich, etwa einer Kindesseele oder der Seele eines in Sünden versunkenen Menschen dasselbe Maß von Seligkeit zu verschaffen, das der Seele eines gereiften Mannes von der intellektuellen Bedeutung einer unserer geistigen Größen in Kunst und Wissenschaft oder der Seele eines sittlich hochstehenden Menschen zuteil wird. Demnach verbleibt allerdings die Möglichkeit, daß der Mensch durch eigene Veranstaltungen, die Aussicht auf ein Wiederaufleben nach dem Tode, die ihm an sich nach der Weltordnung gewährt ist, sich selbst verschließen könne. Die menschliche Willensfreiheit ist hier, wie sonst, durch Gottes Allmacht nicht aufgehoben (vgl. Kap. XIX der Denkwürdigkeiten), aus dem Gebrauche, den der Mensch von seiner Willensfreiheit macht, können mithin Folgen sich ergeben, die auch von Gott nicht wieder rückgängig zu machen sind. Nachträge, zweite Folge. (Oktober und November 1902.) Als weitere Nachträge habe ich dem früher Ausgeführten nur noch wenig hinzuzufügen. In betreff meiner äußeren Lebensschicksale, der Aufhebung meiner Entmündigung und meiner bevorstehenden Entlassung aus der hiesigen Anstalt ist bereits im Vorwort das Nötige bemerkt worden. Es gereicht mir zur Genugtuung, daß damit meine Voraussagen im Eingang von Kap. XXII der Denkwürdigkeiten schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit Bestätigung gefunden haben. Wunder und Stimmengerede nehmen nach wie vor ihren Fortgang. Die Verlangsamung der Stimmen, nach welcher die gesprochenen Worte oft kaum noch verständlich sind, (Kap. XVI der Denkwürdigkeiten und Nr. IV der Nachträge) hat weitere Fortschritte gemacht; dasjenige, was in Nr. IV der Nachträge hinsichtlich der Kontinuierlichkeit des Stimmengeredes bemerkt worden ist, gilt auch jetzt noch in vollem Maße. Was die Wunder betrifft, so nehmen dieselben ein immer harmloseres Gepräge an. Nur ab und zu kommen namentlich beim Liegen im Bette noch etwas heftigere Lähmungs- und Krampferscheinungen, namentlich in den unteren Extremitäten und am Rücken, die mich am Aufstehen oder Veränderung der Lage im Bett hindern sollen, oder – zu gleichem Zwecke – akute Knochenschmerzen, namentlich in den Unterschenkelknochen – auch jetzt noch vor. Dagegen leide ich noch häufig, an jedem Tage zu oft wiederholten Malen, an den mit jedem Strahlenrückzug verbundenen, daher immer ruckweise auftretenden und bald wieder vergehenden zerrenden Kopfschmerzen , die bereits unter Nr. IV der Nachträge beschrieben sind. Dieselben sind immer noch zuweilen intensiv genug, um ein anhaltendes Lesen und dergleichen unmöglich zu machen. Dabei besteht, wie früher, die – schwerlich nur subjektive – Empfindung einer vorübergehenden Verdünnung und Durchfurchung der Knochensubstanz meiner Schädeldecke. Mein Schlaf ist mit Rücksicht auf meine Altersverhältnisse annähernd normal zu nennen; ich schlafe – überwiegend ohne künstliche Schlafmittel – im ganzen befriedigend. Die Brüllzustände sind zwar noch nicht ganz verschwunden, treten jedoch nicht unwesentlich gemäßigter auf, hauptsächlich, weil ich mehr und mehr gelernt habe, denselben zu Zeiten, wo sie mir ernstere Ungelegenheiten bereiten, d.h. für andere Menschen zum Ärgernisse werden würden, wirksam zu begegnen. Abgesehen von dem schon früher erwähnten Aufsagen von Gedichten genügt u.a. für Gott, wie es scheint, auch das einfache Zählen in der Nervensprache, um ihn von der Irrtümlichkeit der Vorstellung, daß er es mit einem der Denkfähigkeit beraubten, also blödsinnigen Menschen zu tun habe, zu überzeugen. Solange ich anhaltend zähle, tritt daher das Brüllen nicht auf. Dies ist für mich von besonderer Wichtigkeit in der Nacht, weil ich dann unter Ausschluß des Brüllens durch anhaltendes Zählen in der Regel Schlaf erziele, auch nach vorübergehendem Erwachen in der Regel bald wieder in Schlaf verfalle. Allerdings ist dieser Erfolg nicht immer herbeizuführen. Stundenlanges Zählen bringt der Mensch nun einmal nicht leicht fertig. Gelingt es mir daher selbst bei längere Zeit fortgesetztem Zählen nicht, zum Schlaf zu gelangen, so höre ich wohl einmal damit auf und dann pflegt sofort im ersten Augenblick das Brüllwunder gemacht zu werden, welches bei öfterer Wiederholung im Bette leicht unerträglich werden kann. Es kommt daher zuweilen – wiewohl erheblich seltener – auch jetzt noch vor, daß ich das Bett verlassen muß, um irgendeine Beschäftigung, die den denkenden Menschen erkennen läßt, außerhalb desselben zu treiben. Ebenso vermag ich, wenn ich mich an öffentlichen Orten, im Theater, in gebildeter Umgebung usw. befinde, soweit ich nicht eine laute Unterhaltung führe, in den notwendigen Pausen derselben, durch anhaltendes Zählen das Brüllen vollständig oder so gut, wie vollständig, zu verhindern. Höchstens kommt es dann zu Geräuschen, die von anderen Menschen als Husten, Räuspern oder allenfalls etwas unmanierliches Gähnen aufgefaßt werden können und daher nicht geeignet sind, besonderen Anstoß zu erregen. Bei Spaziergängen auf offener Landstraße, auf freiem Felde usw. dagegen mache ich es mir, wenn nicht gerade andere Menschen in meiner Nähe sind, bequem. Ich lasse dann das Brüllen einfach über mich ergehen; dasselbe wiederholt sich zuweilen 5-10 Minuten lang fast ununterbrochen. Ich befinde mich dabei körperlich vollkommen wohl; wird es mir gar zu arg, so spreche ich dann auch im Alleinsein ein paar laute Worte, am liebsten gleich von Gott, Ewigkeit usw., um Gott von der Irrtümlichkeit der oft erwähnten Vorstellung zu überzeugen. Wer bei solchen Gelegenheiten unbeobachtet Zeuge der fast unausgesetzt von mir ausgestoßenen Brüllaute wäre, würde sich allerdings den Zusammenhang wohl kaum erklären können und wirklich einen Verrückten vor sich zu haben glauben. Allein ich achte dabei eben wohl darauf, ob andere Menschen sich in meiner Nähe befinden, und bin bei alle dem über mein Geschick vollkommen ruhig, da ich weiß, daß jeder Zeit ein einziges lautes Wort genügt, um mich über meine vollkommene geistige Klarheit auszuweisen. Wie schon erwähnt, gestalten sich die Wunder in betreff der schädigenden Einwirkung auf meinen Körper immer harmloser; vielfach wird nur eine Art Schabernack mit meinen Gebrauchsgegenständen getrieben. Mein körperlicher Zustand ist zwar auch jetzt noch keineswegs immer beneidenswert; die durch jeden Strahlenrückzug veranlaßten zerrenden Kopfschmerzen, die durch das unausgesetzte Stimmengerede erzeugte geistige Beunruhigung, dazu nicht selten Atembeschleunigung, gewundertes Zittern, Herzklopfen usw. erschweren namentlich eine ruhige Beschäftigung zuweilen über die Maßen. Nichtsdestoweniger ist alles, was ich in dieser Beziehung noch zu ertragen habe, gar nicht der Rede wert im Vergleich zu den an meinem Körper verursachten Zerstörungen, die ich in den ersten Jahren meiner Krankheit zu erdulden gehabt habe (vergl. dazu die Schilderung Kap. XI der Denkwürdigkeiten). Diese Entwicklung der Dinge ruft jedoch immerhin etwas widerstreitende Gefühle in mir hervor. Während es mir auf der einen Seite natürlich nur erwünscht sein kann, daß ich mich persönlich jetzt ungleich wohler befinde, als in früheren Jahren, so muß ich mir auf der anderen Seite doch auch sagen, daß die Aussicht, andere Menschen von der Wirklichkeit der Wunder zu überzeugen, immer schwächer zu werden scheint, je weniger die Wunder äußerlich wahrnehmbare Spuren zurücklassen. Die letztere Seite der Betrachtung fällt für mich fast ebenso schwer ins Gewicht, wie die erstere, da ich einen rechten Zweck meines Lebens fast nur noch zu erkennen vermag, wenn es mir gelingt, die Richtigkeit meiner sogenannten Wahnideen in für andere Menschen überzeugender Weise dazutun und damit der Menschheit eine richtigere Einsicht in das Wesen Gottes zu verschaffen. In den ersten Jahren meiner Krankheit wäre es meines Erachtens ein Leichtes gewesen, durch eine nicht ganz oberflächliche Untersuchung meines Körpers mit den gewöhnlichen medizinischen Instrumenten, vor allen Dingen mit den damals allerdings wohl noch nicht erfundenen Röntgenstrahlen die alleraugenfälligsten Veränderungen an meinem Körper, namentlich sonst unbedingt tödlich wirkende Verletzungen meiner inneren Organe nachzuweisen. Dies wird jetzt erheblich schwerer fallen. Wäre es möglich eine fotografische Darstellung der in meinem Kopfe sich abspielenden Vorgänge, des bald äußerst langsam, bald – bei übermäßiger Entfernung – mit rasender Geschwindigkeit erfolgenden Züngelns der vom Horizont herkommenden Strahlen zu geben, so würde sicher für den Beschauer jeder Zweifel an meinem Verkehr mit Gott schwinden müssen. Allein leider verfügt wohl die menschliche Technik noch nicht über geeignete Hilfsmittel, um derartige Eindrücke der objektiven Wahrnehmung zugänglich zu machen. Daß es sich dabei nicht bloß um pathologische Vorgänge – innere abnorme Erregung apperzipierender Hirnapparate, wie Geh. Rat Dr. Weber in seinem Gutachten vom 5. April 1902 sich ausdrückt – handelt, ist für mich völlig zweifellos; namentlich kann bei den göttlichen Hilferufen (Kap. II und Kap. XV der Denkwürdigkeiten und Nr. IV der Nachträge am Ende), die ich an jedem Tage zu Hunderten von Malen in kurzen Zwischenräumen mit vollständiger Deutlichkeit vernehme, unmöglich eine Sinnestäuschung obwalten. Auch sind es ja nicht bloß die Gesichts- und Gehörshalluzinationen, sondern auch Vorgänge, die sich an meiner Umgebung, an leblosen Gegenständen, an anderen Menschen und Tieren ereignen, welche meine subjektive Gewißheit von den besondern Beziehungen, in denen ich zu Gott stehe, begründen. Ich kann bei Lebensäußerungen anderer Menschen genau unterscheiden, inwieweit dieselben auf Wundern beruhen oder nicht. Natürlich sind jetzt, wo ich zeitweilig in ausgedehnten Verkehr mit zahlreichen anderen Menschen getreten bin, die letzteren überwiegend; auch die ersteren – die auf Wundern beruhenden –, zählen jedoch an jedem einzelnen Tage nach Hunderten. Sie werden für mich in völlig zweifelsfreier Weise erkennbar: durch die zerrende, ruckhafte, zuweilen mit ziemlichem Schmerz verbundene Empfindung, die ich dabei in meinem Kopfe verspüre; durch die Blickrichtung (Kap. XVIII der Denkwürdigkeiten bei Anmerkung 100), indem dabei regelmäßig meine Augen nach der Stelle, von welcher die Lebensäußerung ausgeht, verdreht werden; durch die regelmäßig damit verbundene Examinationsfrage »Fand Aufnahme« (vgl. Kap. XVIII der Denkwürdigkeiten), durch welche man sich eben darüber vergewissern will, ob die jeweilig gebrauchten Ausdrücke (namentlich einem höheren Bildungsniveau entsprechende, fremden Sprachen angehörige usw.) noch Eingang in mein Verständnis finden. Es bleibt also für mich unumstößliche Wahrheit, daß Gott sich mir täglich und stündlich durch Stimmengerede und Wunder von Neuem offenbart . Das Wort »offenbaren« ist, wie kaum der Bemerkung bedürfen wird, hier in etwas anderem, als dem herkömmlichen Sinne zu verstehen. Wenn man sonst von Offenbarungen Gottes redet, die nach religiöser Überlieferung stattgefunden haben, so denkt man dabei immer an gewillkürte Kundgebungen, die Gott einzelnen als seine besonderen Rüstzeuge erwählten Menschen zum Zwecke der Belehrung über göttliche Dinge und der Weiterverbreitung der hierdurch erlangten Einsicht unter der übrigen Menschheit zuteil werden läßt. Davon ist bei mir nicht die Rede. Gott offenbart sich mir nicht absichtlich, sondern die Kenntnis seines Wesens und seiner Kräfte erschließt sich mir unabhängig von seinem Willen und ohne einen besondern damit verfolgten Zweck durch die Wunder, die er an mir tut und durch die Stimmen, in denen er mit mir spricht. In den ersten Jahren meiner Verbindung mit Gott kamen allerdings noch Mitteilungen (teils in Worten, teils in Form von Visionen) vor, die augenscheinlich den Zweck der Belehrung verfolgten, bei denen es sich aber auch vorwiegend nur um Erteilung von Richtschnuren für mein eigenes Verhalten handelte (vergl. Kap. XIII der Denkwürdigkeiten). Seit Jahren haben jedoch derartige belehrende Mitteilungen fast gänzlich aufgehört; nur ganz vereinzelt kommt es noch in Träumen zu visionsartigen Vorgängen, die mir zuweilen den Eindruck einer absichtlichen Belehrung machen. Ich wage indessen nicht zu entscheiden, ob dies wirklich der Fall ist oder ob es sich nur um ein Spiel meiner eigenen Nerven handelt. Kann ich mir nach dem vorstehend Bemerkten nicht verhehlen, daß die Aussichten auf eine objektive Erweislichkeit der von mir behaupteten Wunder und meines Verkehrs mit Gott im Laufe der Jahre sich nicht gerade gebessert haben, so hoffe ich doch, daß auch künftig immer noch genug übrig bleiben wird, um einer wissenschaftlichen Untersuchung bestimmte Anhaltspunkte zu bieten. Im allgemeinen verweise ich auf die Ausführung, die ich in meinem Entmündigungsprozesse zur Begründung der von mir gegen das Urteil des Landgerichts eingelegten Berufung dem Königl. Oberlandesgericht vorgetragen habe und die ich deshalb als Anlage C im Auszuge mit zum Abdrucke befördern lasse. Abgesehen von dem, was die Zukunft vielleicht noch bringen mag, hebe ich als charakteristische Erscheinungen, die schwerlich auf natürlichem Wege eine ausreichende Erklärung finden werden, wiederholt hervor: Die Brüllzustände, die mit den Lärmausbrüchen katatonischer Kranker kaum etwas gemein haben dürften. Bei Paranoikern – zu diesen will man mich ja nun einmal zählen – scheinen dieselben ein sehr ungewöhnliches Vorkommnis zu sein: Das Gutachten des Geh. Rat Dr. Weber vom 5. April 1902 weiß nur von einem einzigen Fall, in dem angeblich ähnliches an einem Paranoiker beobachtet worden sein soll, zu berichten; das auf Wundern beruhende Zuklappen meiner Augen und jeweilig nur auf einen einzigen Augenblick (ein einziges Gesicht) erfolgende Wiederaufschlagen derselben, bezüglich dessen unschwer zu konstatieren sein dürfte, daß es weder von meinem Willen noch von einer Schwäche meiner Muskeln beeinflußt ist; die ganz unnatürliche Atembeschleunigung, welche selbst bei ruhigstem Verhalten, beim Liegen im Bette oder auf dem Sofa usw. anscheinend völlig unmotiviert zu gewissen Zeiten in der augenfälligsten Weise hervortritt; das Vorhandensein der Wollustnerven an allen Teilen meines Körpers, das ich ungeachtet der teilweise ablehnenden Äußerungen des Gutachtens des Geh. Rat Dr. Weber vom 5. April 1902 als Tatsache aufrechterhalten muß, da die daraus – namentlich bei leisem Druck – hervorgehenden subjektiven Empfindungen zu den unzweifelhaftesten Erfahrungen, die ich täglich und stündlich mache, gehören und da auch das zeitweilige Anschwellen des Busens einer eingehenden Untersuchung gewiß nicht entgehen wird. In regelmäßigen Zwischenräumen, d. h. bei jeder Wiederannäherung der Strahlen, die zu einer Vereinigung derselben führt, strömt die Wollust so mächtig auf mich ein, daß mein Mund von einem süßen Geschmack ganz erfüllt ist; beim Liegen im Bette würde es häufig einer ganz besonderen Anstrengung bedürfen, sich der Wollustempfindung zu erwehren, in ähnlicher Weise, wie dies irgend etwa bei einer weiblichen Person, die der Umarmung entgegensieht, der Fall sein mag. Von Vorgängen an leblosen Gegenständen will ich nur zweierlei beziehentlich wiederholt erwähnen: das Zerspringen meiner Klaviersaiten und dasjenige, was an meinem Musikwerk (Symphonion) zu beobachten ist. Das Zerspringen der Klaviersaiten kommt zwar nicht ganz so häufig mehr vor, wie früher, immerhin hat es sich auch in den letzten Jahren mindestens je ein halbes Dutzend Male ereignet. Daß der Grund nicht in einer »rücksichtslosen Behandlung meines Instrumentes« liegen kann, wie Geh. Rat Dr. Weber in seinem Gutachten vom 5. April 1902 annimmt, scheint mir völlig ausgemacht. Man vergleiche meine früheren Ausführungen im Kap. XII der Denkwürdigkeiten und Nr. 1 meiner Berufungsbegründung (Anlage C). Dasjenige, was ich dort über die Unmöglichkeit, die Saiten eines Klaviers durch heftiges Aufschlagen auf die Tasten zum Springen zu bringen, bemerkt habe, wird, wie ich glaube, jeder Sachverständige bestätigen müssen. Das oben erwähnte Symphonion habe ich mir ebenso wie früher einfache Spieluhren, Mundharmonikas und dergleichen angeschafft, um bei gewissen Gelegenheiten das schwer erträgliche Stimmengeschwätz zu übertäuben und mir damit wenigstens vorübergehend Ruhe zu verschaffen. Bei jedem Gebrauch des Symphonions wird dasselbe zum Gegenstande von Wundern, indem dann die sogenannten »Störungen« (vgl. Kap. X der Denkwürdigkeiten) an diesem geübt werden, was sich in ganz eigentümlichen Nebentönen, schwirrenden Geräuschen und wiederholtem heftigen Hacken in demselben äußert. Ich habe mehrmals Veranlassung genommen, die Anstaltsärzte und den Anstaltsgeistlichen zu Zeugen dieser Vorgänge zu machen. Daß es sich dabei nicht um eine Eigentümlichkeit meines Musikwerks handeln kann, geht zur Evidenz daraus hervor, daß ganz dieselben Erscheinungen auch an Musikwerken in Restaurationen usw. hervortreten, wenn dieselben in meinem Beisein von dritten Personen aufgezogen oder von mir selbst durch Einwerfen eines Zehnpfennigstücks in Gang gesetzt werden. Leider bin ich auf meinen Spaziergängen fast immer allein, nicht in Begleitung eines wissenschaftlich gebildeten Beobachters; einen solchen hätte ich häufig von der Richtigkeit meiner Angabe überzeugen können. Beiläufig bemerkt will ich nicht eine bestimmte Voraussage wagen, ob diese Musikwerkwunder etwa in Jahr und Tag auch noch zu beobachten sind, da die Objekte der Wunder fast immer gewechselt haben. Immerhin hoffe ich, daß auch künftig noch Gelegenheit gegeben sein wird, die besprochenen auffälligen Vorkommnisse an meinem Symphonion und anderen Musikwerken festzustellen. Die früher von mir benutzte (einfache) Spieluhr ist, um dies noch zu erwähnen, mir längst durch Wunder unbrauchbar gemacht worden; der defekte Zustand derselben kann jetzt noch eingesehen werden. Nach alledem bleibt mir weiter nichts übrig, als meine Person der fachmännischen Beurteilung als ein wissenschaftliches Beobachtungsobjekt anzubieten. Hierzu einzuladen ist der Hauptzweck, den ich mit der Veröffentlichung meiner Arbeit verfolge. Äußerstenfalls muß ich hoffen, daß dermaleinst durch Sektion meiner Leiche beweiskräftige Besonderheiten meines Nervensystems werden konstatiert werden können, sofern deren Feststellung am lebenden Körper, wie mir gesagt worden ist, ungewöhnlichen Schwierigkeiten unterliegen oder ganz unmöglich sein sollte. Zum Schlusse noch einige Bemerkungen über den Egoismus Gottes, von dem an verschiedenen Stellen der Denkwürdigkeiten die Rede gewesen ist (vgl. Kap. V am Ende, Kap. X, Anmerkung 66). Daß Gott in Ansehung des zu mir bestehenden Verhältnisses vom Egoismus beherrscht wird, ist für mich vollkommen unzweifelhaft. Dies könnte geeignet erscheinen, die religiösen Gefühle zu verwirren, insofern danach Gott selbst nicht das ideale Wesen absoluter Liebe und Sittlichkeit wäre, als das die meisten Religionen ihn sich vorzustellen pflegen. Nichtsdestoweniger büßt, unter dem richtigen Gesichtspunkte betrachtet, Gott dadurch nichts von der Größe und Erhabenheit ein, die ihm innewohnt und die daher auch von Menschen gläubig anerkannt werden muß. Der Egoismus, insbesondere in der Form des Selbsterhaltungstriebes, der unter Umständen dazu zwingt, fremde Wesen der eigenen Existenz zu opfern, ist eine notwendige Eigenschaft aller belebten Wesen; er kann gar nicht entbehrt werden, wenn nicht die betreffenden Individuen selbst untergehen sollen und erscheint daher an und für sich nicht als etwas Verwerfliches. Gott ist ein belebtes Wesen und würde daher ebenfalls von egoistischen Triebfedern sich leiten lassen müssen, dafern es andere belebte Wesen gäbe, die ihm irgendwelche Gefahren bereiten oder sonst seinen Interessen hinderlich werden könnten. Nur darauf, daß es unter weltordnungsmäßigen Verhältnissen keine derartigen Wesen neben Gott geben konnte und gegeben hat, beruht es, daß von einem Egoismus Gottes, solange diese Verhältnisse in unverfälschter Reinheit bestanden, nicht die Rede sein konnte. Mir gegenüber ist nun aber eben ausnahmsweise eine andere Gestaltung eingetreten; nachdem Gott durch Duldung geprüfter Seelen, die wahrscheinlich mit irgendwelchen seelenmordartigen Vorgängen in Verbindung steht, sich an einen einzelnen Menschen gekettet hat, von dem er sich anziehen lassen muß, aber doch nur widerwillig anziehen läßt, sind nunmehr auch die Vorbedingungen zur Entfaltung egoistischen Handelns gegeben. Diese egoistische Handlungsweise ist mir gegenüber jahrelang mit äußerster Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit geübt worden, so wie nur irgend etwa ein Raubtier mit seiner Beute zu verfahren pflegt. Aber der Erfolg für die Dauer blieb eben aus, weil Gott sich dadurch mit der Weltordnung, d. h. mit seinem eigenen Wesen und seinen eigenen Kräften in Widerspruch gesetzt hatte (vgl. Kap. V der Denkwürdigkeiten, Anmerkung 35). Demnach wird dieses regelwidrige Verhältnis, wie ich mit Sicherheit annehmen zu können glaube, spätestens mit meinem Ableben seine vollständige Erledigung finden. Einstweilen hat für mich der Gedanke etwas ungemein Tröstliches und Erhebendes, daß der feindliche Gegensatz, in den sich Gott zu mir gestellt hat, immer mehr an Schärfe verliert und der gegen mich geführte Kampf immer versöhnlichere Formen annimmt, um zuletzt vielleicht in eine vollkommene Solidarität auszuklingen. Dies ist, wie bereits früher (Kap. XIII der Denkwürdigkeiten) ausgeführt, die natürliche Folge der stetig fortdauernden Zunahme der Seelenwollust meines Körpers. Dieselbe mildert den Widerwillen gegen die Anziehung; man findet eben in meinem Körper nach jeweilig kürzeren Unterbrechungen dasjenige wieder, was man infolge der Anziehung hat aufgeben müssen: die Seligkeit oder Seelenwollust, mit anderen Worten ein vollkommenes Behagen der einmal zum Eingehen verurteilten Nerven. Nicht minder wird dadurch die Periodizität der Wiederannäherung verkürzt und damit, wie mir scheint, für Gott in immer kürzeren Zwischenräumen erkennbar, daß es mit einem »Liegenlassen«, einem »Zerstören des Verstandes« usw. nichts ist und daß es sich daher schließlich nur darum handelt, innerhalb der durch die Anziehung nun einmal gebotenen Notwendigkeiten sich das Leben beiderseits so angenehm wie möglich zu machen. Ich selbst bin ja, auch dann, wenn ich aus den früher angeführten Gründen ab und zu in lauten Worten den Gottesspötter spielen mußte, niemals gottfeindlich gewesen; es wäre ein Unding, wenn ein Mensch, der Gott einmal erkannt hat, etwas Derartiges von sich sagen wollte. Die ganze Entwicklung erscheint danach als ein großartiger Triumph der Weltordnung, den ich zu meinem bescheidenen Teile auch mir mit zurechnen zu dürfen glaube. Wenn irgendwo, so gilt eben auch in der Weltordnung der schöne Satz, daß alle berechtigten Interessen harmonisch sind. Anhang Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren erklärten Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden? Der Aufsatz ist Anfang des Jahres 1900 geschrieben, also zur Zeit meiner gänzlichen Absperrung von der Außenwelt, daher fast ohne jede Möglichkeit der Benutzung literarischer Hilfsmittel. Die Beantwortung der obigen Frage bietet nicht unerhebliche Schwierigkeiten, da ausdrückliche gesetzliche Bestimmungen nur wenig oder gar nicht darüber vorhanden sind, und dasjenige, was als geltendes Recht bezeichnet werden soll, daher in der Hauptsache aus allgemeinen Grundsätzen abgeleitet werden muß. Um anschaulich zu werden, gehe ich von einem praktischen Beispiel aus. Mein Zimmernachbar, Regierungsassessor N., beklagt sich fortwährend über widerrechtliche Freiheitsberaubung, ruft nach Staatsanwalt und Bürgermeister und glaubt von diesen ein Einschreiten gegen die ihn seiner Freiheit beraubende Anstaltsverwaltung erwarten zu können. Objektiv liegt natürlich eine Einsperrung im Sinne von § 239 StGB vor. Eine strafbare Handlung ist jedoch nur vorhanden, wenn die Einsperrung eine widerrechtliche ist; daher scheiden, wie Oppenhof in seinem Kommentar sagt – das einzige, was mir an strafrechtlicher Literatur zu Gebote steht, – die in Ausübung eines Erziehungs-, Züchtigungs-, Haus- und Dienstherrschaftsrechts oder einer Pflicht, z.B. einer Berufs-, Amts- und Aufsichtspflicht bewirkten Freiheitsberaubungen hier aus. Ein Staatsanwalt oder Untersuchungsrichter, der einen Bezüchtigten oder Angeschuldigten in Gemäßheit der gesetzlichen Bestimmungen in vorläufige Haft oder Untersuchungshaft nimmt, desgleichen eine Strafanstaltsverwaltung, welche eine gerichtlich erkannte Freiheitsstrafe vollstreckt, handelt natürlich nicht widerrechtlich. Dasselbe gilt von der Verwaltung einer öffentlichen Heilanstalt für Geisteskranke, soweit dieselbe innerhalb ihrer Zuständigkeit die Festhaltung einer eingelieferten Person in der Anstalt verfügt oder in der letzteren noch weitere Freiheitsbeschränkungen anordnet. Vor Erörterung des Umfangs und der Grenzen dieser Zuständigkeit mag zunächst die Frage behandelt werden, wie sich das Verhältnis in Privatheilanstalten für Geisteskranke gestaltet. Die Aufnahme in eine Privatheilanstalt und der Aufenthalt in einer solchen beruht, soweit es sich nicht um Bevormundete handelt, auf dem – ausdrücklich oder stillschweigend erklärten – Willen des Betreffenden selbst; der Wunsch von Angehörigen mag unter Umständen tatsächlich von Wert sein, um die Anstaltsverwaltung gegen den Vorwurf der Willkür zu schützen; rechtlich von Bedeutung ist derselbe an und für sich nicht. Dagegen wird sich allerdings behaupten lassen, daß derjenige, der sich einmal in eine Privatheilanstalt aufnehmen läßt, sich damit zugleich im voraus denjenigen Freiheitsbeschränkungen unterwirft, die sich aus der Hausordnung oder sonst nach dem pflichtmäßigen Ermessen des leitenden Arztes als notwendige Maßregeln für sein körperliches und geistiges Wohl ergeben. Beschränkungen etwaiger Spaziergänge auf ein gewisses Maß, Anweisung des Aufenthaltes innerhalb gewisser Räume der Anstalt usw. wird sich daher der Aufgenommene gefallen lassen müssen, ohne sich, wenn einem entgegengesetzten Willen mit Gewalt begegnet wird, über widerrechtliche Freiheitsberaubung beklagen zu können. Ebenso wird nicht auf jeden beliebigen Einfall (ad nutum) des Aufgenommenen die augenblickliche Entlassung gefordert werden können; der Leiter der Anstalt wird vielmehr derartige Wünsche ignorieren dürfen, wenn und soweit er darin nach seinem pflichtmäßigen Ermessen nur mit dem krankhaften Geisteszustände des Betreffenden zusammenhängenden Willensschwankungen zu erkennen glaubt, die voraussetzlich nicht von Dauer sind. Anders dagegen, wenn ein Aufgenommener, der nicht unter Vormundschaft steht, seinem Willen aus der Anstalt entlassen zu werden, beharrlich und in einer von reiflicher Überlegung zeugenden Weise , z. B. zu dem Zwecke, in eine andere Heilanstalt aufgenommen zu werden oder sich in seiner Familie verpflegen zu lassen, zu erkennen gibt. Die bloße subjektive Meinung des leitenden Arztes, daß der Aufgenommene in seinen Händen besser aufgehoben sei, als irgendwo anders, würde den ersteren nicht berechtigen, dem Aufgenommenen hinsichtlich der Wahl seines Aufenthaltes für die Zukunft irgendwelche Beschränkungen aufzuerlegen. Eine Ausnahme wird nur dann Platz greifen, wenn der Geisteszustand des Aufgenommenen einen Charakter angenommen hat, infolgedessen seine Freiheit für ihn oder andere gefährlich erscheinen würde, insbesondere dann, wenn Selbstmordverdacht vorliegt. In diesem Falle wird der leitende Arzt berechtigt sein, nach Befinden im Einvernehmen mit den Angehörigen des Aufgenommenen. Vorkehrungen zur Überführung desselben in eine öffentliche Heilanstalt zu treffen und den Kranken bis dahin in der Anstalt und während der Überführung auch gegen seinen Willen überwachen zu lassen, ohne sich dem Vorwurfe einer widerrechtlichen Freiheitsberaubung auszusetzen. Er übt dann gewissermaßen als Geschäftsführer der öffentlichen Behörden, polizeiliche Funktionen aus und ist damit – ähnlich wie im Fall des § 127 StPO, derjenige, der einen auf frischer Tat Betroffenen festnimmt – von jeder strafrechtlichen Verantwortlichkeit frei. In dem im Texte Entwickelten liegt denn auch der – wenn auch nicht alleinige – Grund, aus welchem das Unternehmen von »Privat-Irrenanstalten« durch § 30 der Gewerbeordnung von einer Konzession der höheren Verwaltungsbehörde abhängig gemacht worden ist. Bei der tatsächlichen Macht, die den Leitern derartiger Anstalten über die Person der darin Aufgenommenen eingeräumt werden muß, erachtet es der Staat für geboten, daß die Errichtung derselben nur- solchen Personen gestattet werde, gegen deren Vertrauenswürdigkeit sich nicht besondere Bedenken ergeben. Dagegen hat die Erteilung der Konzession keineswegs die Bedeutung, daß den Leitern von Privatheilanstalten für Geisteskranke die Eigenschaft ständiger Organe der Sicherheitspolizei verliehen sei, m. a. W. daß dieselben auf die Dauer mit obrigkeitlichen Befugnissen ausgestattet seien. Die endgültige Verwahrung von Geisteskranken, welche sich oder anderen gefährlich werden können, liegt den öffentlichen Heilanstalten ob. Über die Einrichtung derselben sind für das Königreich Sachsen in dem durch die Verordnung vom 31. Juli 1893 (G.- u. V.-Bl. S. 157 ff.) auszugsweise veröffentlichten Regulative für die Unterbringung in eine Landesheil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke Inzwischen durch das neue Regulativ am 1. März 1902 (G.- u. V.-Bl. S. 39 ff.) ersetzt. Bestimmungen getroffen worden. Indessen ist nicht in diesem Regulative die eigentliche sedes materiae in betreff der Frage zu finden, unter welchen Voraussetzungen eine Person gegen ihren erklärten Willen einer öffentlichen Heilanstalt zugeführt oder in derselben festgehalten werden dürfe. Nicht unmittelbar aus dem Regulativ würde also der Strafrichter – wennschon einzelne Bestimmungen desselben dabei unterstützend in Betracht kommen können – eintretendenfalls die Entscheidungsnorm für die Beantwortung der Frage, ob eine widerrechtliche Freiheitsberaubung vorliege, zu entnehmen haben. Das Regulativ trifft Bestimmungen über die Einrichtung und den Geschäftskreis der einzelnen Anstalten, regelt die Bedingungen der Überbringung in denselben, faßt dabei ersichtlich die Unterbringung zunächst unter dem Gesichtspunkte einer dem Aufgenommenen erwiesenen Wohltat auf (vgl. § 1 unter 4), Im Regulativ vom 1. März 1902, § 2. wahrt insbesondere das fiskalische Interesse an gesicherter Beitreibung der Verpflegungskosten und ist daher nur als eine Zusammenstellung der für die Anstaltsbeamten maßgebenden Dienstvorschriften anzusehen, denen unmittelbare Gesetzeskraft nicht beiwohnt. Zur Beantwortung der eingangs gestellten Frage muß vielmehr auf allgemeine Grundsätze zurückgegangen werden. Unter diesem Gesichtspunkte stellt sich die Unterbringung und Verpflegung von Geisteskranken in hierfür geordneten Anstalten als ein Ausfluß der vom Staat als seine Aufgabe erkannten allgemeinen Fürsorge für die Wohlfahrt und Sicherheit seiner Untertanen dar. Wie der Staat – oder im Wege staatlicher Delegation die Gemeinde – durch Schulen und höhere Unterrichtsanstalten Gelegenheit gewährt, sich geistige Bildung zu verschaffen, in Erziehungsanstalten für Taubstumme, Blinde und dergleichen dafür Sorge trägt, daß besonders Hilfsbedürftigen eine angemessene Ausbildung zuteil werde; Kranken- und Siechenhäuser zur Fürsorge in Krankheitsfällen und Armenhäuser zur Aufnahme unterstützungsbedürftiger Personen unterhält usw., so hat er in neuerer Zeit In früheren Jahrhunderten wurden meines Wissens die Geisteskranken einfach als »Besessene« in Gefängnissen oder ähnlichen Anstalten untergebracht, wobei eine eigentliche Heilbehandlung wohl kaum stattfand. Ob ich mich hierin irre, muß ich dahingestellt sein lassen, da mir in meinem jetzigen Aufenthalt literarische Hilfsmittel so gut wie gar nicht zugänglich sind. Für den Fachmann wird es jedenfalls leicht sein, einen etwaigen Irrtum festzustellen. Übrigens scheint (Zusatz vom Februar 1901) nach Kräpelin, Psychiatrie 4. Auflage. 1893. S. 230 ff. die im Texte enthaltene Angabe doch im wesentlichen das Richtige zu treffen. auch öffentliche Anstalten gegründet, deren Aufgabe in der ärztlichen Behandlung, Überwachung und Verpflegung von Geisteskranken besteht. Die Benutzung aller derartiger Wohlfahrtseinrichtungen wird jedoch in der Regel nicht aufgenötigt; vielmehr steht es – soweit nicht besondere Gesetze etwas anderes, z. B. in Ansehung der Schulen den Schulzwang verfügen – den Beteiligten oder deren gesetzlichen Vertretern frei, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht. Das gleiche würde auch von den öffentlichen Heilanstalten gelten, wenn nicht bei ihnen in zahlreichen Fällen mit dem Gesichtspunkte der Förderung der öffentlichen Wohlfahrt zugleich ein sicherheitspolizeilicher Zweck sich verbände. Es muß daher unterschieden werden zwischen solchen Geisteskranken, an deren Festhaltung ein öffentliches Interesse besteht und solchen, bei denen dies nicht der Fall ist. Zu der ersten Klasse gehören alle diejenigen Geisteskranken, welche infolge ihrer Krankheit sich oder anderen gefährlich werden können , also namentlich die Fälle der Tobsucht und der Schwermut, sofern letztere geeignet ist, die Annahme des Selbstmordverdachts zu begründen. Ebenso werden im allgemeinen hierher zu rechnen sein die in Sachsen durch die Verordnung vom 30. Juli 1893 unter 2 Im Regulativ vom 1. März 1902. § 2 Abs. 2 in Verbindung mit Anlage I unter B (G.-V.-Bl. S. 38 bez. S. 64). der Landes versorg anstalt zu Colditz zugewiesenen unheilbaren Erkrankungsfälle, in denen die Kranken »tief verblödet sind und schon durch ihren Anblick Abscheu erregen«. Zu der zweiten Klasse gehören alle anderen Fälle geistiger Erkrankungen, – schwererer oder leichterer Art, bei denen insbesondere vielleicht nur einzelne Wahnvorstellungen bestehen, – von denen nicht gesagt werden kann, daß sie die Freiheit der Erkrankten für diese selbst oder für andere gefährlich erscheinen lassen würden. Geisteskrankheiten der letzteren Art möchte ich – gleichviel, wie die betreffenden Krankheitsformen vom Standpunkte der wissenschaftlichen Psychiatrie aus zu rubrizieren sein mögen – für die hier in Betracht kommende verwaltungsrechtliche Frage als die Fälle harmloser Geisteskrankheiten bezeichnen. Zu den harmlosen Geisteskranken in dem obenbezeichneten Sinne rechnet sich der Verfasser dieses Aufsatzes selbst, von dem behauptet wird, daß er in religiösen Wahnvorstellungen befangen sei. während dieselben nach seiner eigenen Auffassung die objektive, nur für andere Menschen nicht erkennbare Wahrheit enthalten. Er glaubt mit diesem Aufsatz zugleich bewiesen zu haben, daß es in der Tat Fälle gibt, in denen die Klarheit des logischen, insonderheit juristischen Denkens durch die vermeintlichen Wahnvorstellungen nicht getrübt wird, und in denen also weder von einer die freie Willensbestimmung in der Richtung vernünftigen Handelns ausschließenden krankhaften Geistesstörung im Sinne von § 104a des B.-G.-B. für das Deutsche Reich, noch von einer Unfähigkeit zur Besorgung der eigenen Angelegenheiten im Sinne von § 6 dieses Gesetzbuches die Rede sein kann. Geisteskranke der zuersterwähnten Kategorie – gefährliche Geisteskranke , wie sie in dem Folgenden der Kürze halber genannt werden mögen – in den dafür geordneten Anstalten auch gegen ihren Willen festzuhalten, hat der Staat aus dem Gesichtspunkte der ihm obliegenden Handhabung der Sicherheitspolizei ebensowohl das Recht, als die Verpflichtung. Der Rechtsgrund für die im einzelnen Falle stattfindende Freiheitsentziehung ist demnach kein anderer als derjenige, aus welchem beispielsweise die Polizeibehörde einen auf der Straße in trunkenem Zustande Betroffenen in Gewahrsam nimmt und bis zur Ernüchterung festhält. Daß es sich bei der Trunkenheit um einen Zustand handelt, der seiner Natur nach nur vorübergehend ist, bei Geistesstörungen dagegen in der Regel um Zustände von längerer Dauer, ist für die Frage nach dem Rechtsgrunde der Freiheitsentziehung ohne Belang. Demnach kommen auch für die weitere rechtliche Beurteilung in beiden Fällen ganz ähnliche Erwägungen in Betracht. Über die Zulässigkeit der Freiheitsentziehung entscheidet selbstverständlich nicht die. Auffassung des Betreffenden, sondern das pflichtmäßige Ermessen der zuständigen Behörde oder ihrer Organe. Daß ein Trunkener dem ihn festnehmenden Schutzmann versichert, vollkommen nüchtern zu sein, ist eine alltägliche Erscheinung: nichtsdestoweniger hat der Schutzmann das Recht zur Festnahme, wenn er pflichtmäßig vorn Gegenteil überzeugt ist. Ebenso pflegt fast die Mehrzahl der geistig Erkrankten zu behaupten, daß keinerlei Störung der geistigen Gesundheit bei ihnen vorliege, daß man sie »widerrechtlich ihrer Freiheit beraube«, daß irgendeine Gefahr für sie oder andere im Falle ihrer Entlassung nicht zu befürchten stehe. Der Leiter einer öffentlichen Heilanstalt ist gleichwohl vollkommen in seinem Rechte, wenn er sie in der Anstalt festhalten läßt und nach Befinden noch weiteren Freiheitsbeschränkungen unterwirft, sobald er nach seiner wissenschaftlichen Erfahrung aufgrund der Natur der betreffenden Krankheitsform sich zu der Annahme berechtigt glaubt, daß eine solche Gefahr der entgegengesetzten Beteuerungen ungeachtet bestehe. Weiter ist die Zulässigkeit der Freiheitsentziehung auch hinsichtlich ihrer Dauer von der Fortdauer des Rechtsgrundes abhängig. Den Trunkenen muß die Polizeibehörde entlassen, sobald die Trunkenheit behoben ist. es sei denn, daß noch irgendein weiterer Grund zu gefänglicher Verwahrung besteht. In gleicher Weise darf dem in eine öffentliche Heilanstalt Aufgenommenen die Entlassung auf sein oder seines gesetzlichen Vertreters Verlangen nicht verweigert werden, wenn die Krankheit geheilt ist oder denjenigen besonderen Charakter verloren hat. infolgedessen die Freiheit für den Kranken selbst oder für andere gefährlich erscheinen mußte. Was die zweite Kategorie, die harmlosen Geisteskranken in dem oben bezeichneten Sinne anlangt, so besteht an ihrer Festhaltung ein öffentliches Interesse von vornherein nicht. Sind dieselben daher in eine öffentliche Heilanstalt aufgenommen worden, so befindet sich ihnen gegenüber die Anstaltsverwaltung im wesentlichen in demselben rechtlichen Verhältnisse, welches oben für die Leiter von Privat-Heilanstalten entwickelt worden ist. Soweit eine Vormundschaft besteht, kommt natürlich eine eigene Willenserklärung des Geisteskranken, insbesondere ein eigenes Verlangen desselben, aus der Anstalt entlassen zu werden, rechtlich nicht in Betracht. Denn die Sorge für die Person des Mündels liegt auch bei der Vormundschaft über Volljährige, soweit es der Zweck der Vormundschaft erfordert, dem Vormunde bzw. dem Vormundschaftsgerichte ob (§ 1901 in Verbindung mit §§ 1897 und 1858, BGB für das Deutsche Reich). Die formell allerdings nicht mehr in Gesetzeskraft stehende Bestimmung unter II, § 5 des Gesetzes vom 20. Februar 1882 (»die Vormünder über die wegen Geisteskrankheit Entmündigten und über die in §§ 2–4 bezeichneten Personen haben dafür Sorge zu tragen, daß die Pflegebefohlenen weder sich noch anderen schaden können, auch im Falle des Bedürfnisses in einer Heil- oder Versorgungsanstalt untergebracht werden«) wird ungeachtet des Gesetzgebungswechsels nach den angezogenen Vorschriften des BGB für das Deutsche Reich auch jetzt noch als das geltende Recht materiell im wesentlichen wiedergebend betrachtet werden dürfen. Haben daher Vormund und Vormundschaftsgericht die Unterbringung des Geisteskranken in einer öffentlichen Heilanstalt für notwendig befunden, so wird der Geisteskranke selbst mit einem entgegenstehenden Wunsche nicht gehört. Besteht dagegen eine Vormundschaft nicht oder ist dieselbe später wieder aufgehoben worden, so hat die Anstaltsverwaltung im Falle einer harmlosen Geisteskrankheit dem nachhaltig zu erkennen gegebenen Willen des Geisteskranken, aus der Anstalt entlassen zu werden, als von einer geschäftsfähigen Person ausgehend, geradeso zu respektieren, wie dies oben für die Leiter von Privat-Heilanstalten ausgeführt worden ist. Sie darf sich insbesondere nicht aufgrund einer vermeintlich vom ärztlichen Standpunkte gewonnenen besseren Einsicht in dasjenige, was dem wahren Wohl des Aufgenommenen förderlich sei, über das Recht des letzteren, seinen Aufenthalt nach Belieben zu bestimmen, insbesondere etwa eine andere Heilanstalt aufzusuchen oder auch auf ärztliche Behandlung ganz zu verzichten, hinwegsetzen. Würde hiergegen gefehlt werden, so würde die Freiheitsentziehung allerdings den Charakter einer widerrechtlichen Freiheitsberaubung annehmen. Harmlosen Geisteskranken gegenüber ist eben der Leiter einer öffentlichen Heilanstalt nicht ein mit obrigkeitlichen Befugnissen ausgestattetes Organ der Sicherheitspolizei, sondern im wesentlichen nur ärztlicher Berater und steht daher in bezug auf die Frage der Freiheitsentziehung zu ihnen in keinem anderen Verhältnisse, wie jeder beliebige Privatarzt zu seinen Patienten. Vergleicht man mit den im vorstehenden gewonnenen Ergebnissen die Bestimmungen des Regulativs von 1893, so hat dies natürlich nicht in der Meinung zu geschehen in einzelnen ausdrücklichen Bestimmungen des Regulativs eine Bestätigung der aus allgemeinen Grundsätzen abgeleiteten Folgerungen zu finden. Denn das Regulativ ist nach dem oben hierüber Bemerkten gar nicht dazu bestimmt, die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine Freiheitsentziehung durch Festhalten in der Anstalt gegen den Willen des Aufgenommenen stattfinden dürfe, zu regeln. Immerhin ist bei der autoritativen Bedeutung, die dem Regulativ vermöge der Stelle, von welcher es ausgegangen ist, zukommt, der Nachweis von Interesse, daß das Regulativ jedenfalls keinerlei Bestimmungen enthält, welche zu Zweifeln an der Richtigkeit der dargelegten Grundsätze Anlaß geben könnten. Insbesondere kommen hierbei die von der Entlassung und Beurlaubung handelnden Bestimmungen in § 10 des Regulativs Im Regulativ von 1902. § 42. in Betracht. Dieselben unterscheiden zunächst, in welchen Fällen die Entlassung auf Entschließung der Anstaltsdirektion erfolgen darf oder zuvor die Entschließung des Ministeriums des Innern einzuholen ist. Wenn sodann in § 10 unter 1 Im Regulativ von 1902. § 42 unter 1 a–c ist das »kann erfolgen« mit »hat zu verfügen« vertauscht. gesagt wird, daß die Entlassung auf Entschließung der Anstaltsdirektion in den daselbst unter a, b und c bezeichneten Fällen erfolgen kann, so hat damit natürlich nicht ausgeschlossen werden sollen, daß unter gewissen Voraussetzungen auch eine entsprechende Verpflichtung der Anstaltsdirektion besteht. Eine solche Verpflichtung ist unter Umständen namentlich in dem unter c bezeichneten Falle vorhanden. Die »zuständige Seite«, von welcher die Entlassung beantragt werden kann, ist je nach Verschiedenheit der Verhältnisse entweder der (geschäftsfähige) Aufgenommene selbst oder seine gesetzliche Vertretung (Inhaber der elterlichen Gewalt, Vormund und Vormundschaftsgericht): »Bedenken, die der Anstaltsdirektion gegen die von zuständiger Seite beantragte Entlassung beigehen«, dürfen nur aus sicherheitspolizeilichen Rücksichten abgeleitet, also dann geltend gemacht werden, wenn der Aufgenommene nach Ansicht der Anstaltsdirektion als ein »gefährlicher Geisteskranker« in dem vorher entwickelten Sinne sich darstellt (vgl. hierzu auch § 1 unter 2 des Regulativs.) Im Regulativ von 1902. § 1 Abs. 3. Hat dagegen die Anstaltsdirektion anzuerkennen, daß dieser Fall nicht vorliegt, sondern eine harmlose Geisteskrankheit in Frage steht, so ist dem Antrag auch dann stattzugeben, wenn dieselbe nach ihrer subjektiven Auffassung »behufs Heilung oder Besserung des Zustandes des Aufgenommenen« (§ 1, 1a des Regulativs) Im Regulativ von 1902 ist § 1 wohl nur aus redaktionellen Gründen etwas anders gefaßt. ] eine Fortdauer des Aufenthalts in der Anstalt an sich für rätlich erachten sollte. Wollte sie diese Auffassung dem (geschäftsfähigen) Aufgenommenen selbst oder den zu dessen gesetzlicher Vertretung berufenen Personen und Behörden aufnötigen, so würde sie die Grenzen ihrer Zuständigkeit überschreiten, also einer widerrechtlichen Freiheitsberaubung sich schuldig machen. Die Bestimmung in § 10, 2 des Regulativs Im Regulativ von 1902. § 42 unter 2c. scheint den Zweck zu verfolgen, daß dem Ministerium des Innern Gelegenheit gegeben werde, etwaigen Mißgriffen, zu denen die Anstaltsdirektion in dieser Beziehung geneigt sein könnte, von vornherein zu begegnen. Denn es liegt natürlich im öffentlichen Interesse, daß das Vertrauen in die gesetzmäßige Leitung der öffentlichen Heilanstalten nirgends erschüttert werde und daß daher der Fall eines gegen den Leiter einer öffentlichen Heilanstalt wegen widerrechtlicher Freiheitsberaubung einzuleitenden Strafverfahrens oder auch nur eines deshalb in einem Zivilprozesse zu erhebenden Schadenanspruchs niemals praktisch werde. Nachschrift. Erst nachträglich ist der Verfasser dieses Aufsatzes auf die Ministerialverordnung vom 30. Mai 1894, betreffend die Unterbringung von Kranken in Privat-Irrenanstalten (G- u. V.-Bl. S. 139 ff.) aufmerksam gemacht worden, die ihm bis dahin, da er sich selbst seit Ende 1893 in Anstalten befindet, nicht bekannt gewesen war. Nach seinem Dafürhalten dürfte aus dieser Ministerialverordnung nichts zu entnehmen sein, was den in dem gegenwärtigen Aufsatz entwickelten Ansichten entgegenstände. Eigentliche Gesetzeskraft, sonach eintretendenfalls für den Richter verbindliche Wirkung, kommt der Verordnung (abgesehen von der Strafbestimmung unter 9) überhaupt nicht zu. Dieselbe will auch offenbar den Leitern von Privat- Irrenanstalten in bezug auf die Frage der Freiheitsentziehung nicht größere Rechte geben, als ihnen nach allgemeinen Grundsätzen zustehen würden, sondern fügt nur den in dieser Bezeichnung aus allgemeinen Grundsätzen sich ergebenden Verpflichtungen noch weitere (instruktionelle) Verpflichtungen hinzu, deren Verletzung für die Leiter der Anstalten zur Anwendung der unter 9 der Verordnung bestimmten Polizeistrafe und nach Befinden zur Entziehung der erteilten Konzession führen kann. Der entscheidende und für den Richter bei einer etwaigen Anklage wegen Freiheitsberaubung maßgebende Gesichtspunkt wird daher immer der sein, ob und inwieweit die Leiter von Heilanstalten für Geisteskranke zugleich als staatliche Organe für Ausübung der Sicherheitspolizei in bezug auf die Festhaltung gefährlicher Geisteskranker anzusehen sind. Dies ist bei den Leitern der öffentlichen Heilanstalten der Fall – diesen stehen insoweit obrigkeitliche Befugnisse zu, ganz so, wie etwa bei den Eisenbahnen den mit Handhabung der Bahnpolizei beauftragten Beamten –, nicht aber (von dem obenberührten Ausnahmefall der einstweiligen Fürsorge bis zur Unterbringung in einer öffentlichen Heilanstalt abgesehen), den Leitern von Privatanstalten. Zweite Nachschrift. Inzwischen ist bekanntlich auch die Ministerialverordnung vom 30. Mai 1894 schon wieder durch eine andere Verordnung, die Verordnung, die Unterbringung von Kranken in Privat-Irrenanstalten betreffend, vom 9. August 1900 (G.- u. V.-Bl. S. 887 ff.) und das Regulativ vom 31. Juli 1893 durch das Regulativ für die Unterbringung in eine Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke vom 1. März 1902 (G.- u. V.-Bl. S. 39 ff.) ersetzt worden. Einige Modifikationen mag das in dem vorstehenden Aufsatz Entwickelte für Sachsen dadurch erleiden; von erheblicher grundsätzlicher Bedeutung sind diese Modifikationen jedenfalls nicht. Vor allen Dingen ist wiederholt zu betonen, daß es sich bei den erwähnten Verordnungen und Regulativen nicht um Akte der Gesetzgebung handelt. Sollten sich daher je in einem Falle die Gerichte mit der Frage einer widerrechtlichen Freiheitsberaubung zivilrechtlich oder strafrechtlich zu beschäftigen haben, so würden die in der neueren Verordnung und dem neuen Regulative enthaltenen Bestimmungen jedenfalls nicht schlechthin oder allein als maßgebend zu betrachten sein. Wenn beispielsweise die Verordnung vom 9. August 1900 in § 6 hinsichtlich der sogenannten »freiwilligen Pensionäre« einer Privat-Irrenanstalt (d.h. solcher Kranker, die aus eigener Entschließung in die Anstalt eintreten) die Bestimmung enthält, daß die Entlassung eines freiwilligen Pensionärs auf seinen Antrag oder denjenigen des gesetzlichen Vertreters »in jedem Falle unverweilt« bewilligt werden muß, so wird doch nicht ohne weiteres angenommen werden dürfen, daß jede Verzögerung der Entlassung als widerrechtliche Freiheitsberaubung anzusehen sei, die eine zivilrechtliche oder strafrechtliche Verantwortlichkeit des Leiters der Anstalt begründe. Man wird sich dabei vergegenwärtigen müssen, daß die Unterscheidung zwischen bloßen »Gemütskranken« und »Geisteskranken« eine äußerst schwierige ist und die betreffenden Krankheitsformen häufig in kaum merklichen Übergängen sich einander nähern. Es kann also sehr wohl vorkommen, daß der Zustand eines »Gemütskranken«, der sich aus eigener Entschließung als »freiwilliger Pensionär« in eine Privat-Irrenanstalt begeben hat, sich während des Aufenthaltes in derselben dergestalt verändert, daß die sofortige Entlassung (wegen Selbstmordgedanken) für den Patienten selbst gefährlich wäre. Die Bestimmung in § 5 Abs. 2 der Verordnung vom 9. August 1900 kann in einem solchen Falle nicht herangezogen werden, da dieselbe nur von » gemein gefährlichen« Geisteskranken oder Geistesschwachen handelt. Soll deshalb ein gewisser Aufschub der Entlassung (zu dem Zwecke der Benachrichtigung der Polizeibehörde oder der Angehörigen wegen Überführung in eine öffentliche Heilanstalt) dem Leiter der Privatanstalt unter allen Umständen als widerrechtliche Freiheitsberaubung angerechnet werden? Wie mir scheint, würde es doch recht erhebliche Bedenken haben, diese Frage zu bejahen. Anlagen (Aktenstücke aus dem Entmündigungsprozesse) Ol 128/01 zu C. J. J. 64/99 2 Sonnenstein, den 9. Dezember 1899. [Gutachten] A. Gerichtsärztliches Gutachten. Der Abdruck der Gutachten A, B und D erfolgt (abgesehen von Note 134 u. 135) ohne jede weitere Bemerkung. Der Vergleich mit den entsprechenden Schilderungen in den Denkwürdigkeiten und der Berufungsbegründung wird ohne weiteres ergeben, daß die Gutachten auch in tatsächlicher Beziehung manche Unrichtigkeiten, Ungenauigkeiten und Mißverständnisse enthalten. Dabei verkenne ich keineswegs, daß der Grund zu nicht geringem Teile in der unzuverlässigen Berichterstattung dritter Personen (Pfleger usw.) liegen mag. * Der Senatspräsident a.D. Herr Dr. jur. Daniel Paul Schreber aus Dresden wurde der Pensionsabteilung hiesiger Landesanstalt am 29. Juni 1894 zur Behandlung übergeben und ist seitdem fortdauernd in derselben verblieben. Nachdem Herr Präsident Schreber nach dem vom Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Flechsig in Leipzig behufs Überführung des Patienten in die hiesige Anstalt ausgestellten Formulargutachten bereits 1884–1885 einen Anfall schwerer Hypochondrie durchgemacht hatte, von demselben aber genesen war, ist er am 21. November 1893 zum zweiten Male in die psychiatrische Universitätsklinik zu Leipzig aufgenommen worden. Im Beginn seines dortigen Aufenthalts äußerte er mehr hypochondrische Ideen, klagte, daß er an Hirnerweichung leide, bald sterben müsse, p. p., doch mischten sich schon Verfolgungsideen in das Krankheitsbild und zwar auf Grund von Sinnestäuschungen, die anfangs allerdings mehr vereinzelt aufzutreten schienen, während gleichzeitig hochgradige Hyperästhesie, große Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusch sich geltend machte. Später häuften sich die Gesichts- und Gehörstäuschungen und beherrschten in Verbindung mit Gemeingefühlsstörungen sein ganzes Empfinden und Denken, er hielt sich für tot und angefault, für pestkrank, wähnte, daß an seinem Körper allerhand abscheuliche Manipulationen vorgenommen würden und machte, wie er sich selbst noch jetzt ausspricht, entsetzlichere Dinge durch als jemand geahnt und zwar um eines heiligen Zweckes willen. Die krankhaften Eingebungen nahmen den Kranken so sehr in Anspruch, daß er, für jeden anderen Eindruck unzugänglich, stundenlang völlig starr und unbeweglich dasaß (halluzinatorischer Stupor), andererseits quälten sie ihn derartig, daß er sich den Tod herbeiwünschte, im Bade wiederholt Ertränkungsversuche machte und das »für ihn bestimmte Zyankalium« verlangte. Allmählich nahmen die Wahnideen den Charakter des Mystischen, Religiösen an, er verkehrte direkt mit Gott, die Teufel trieben ihr Spiel mit ihm, er sah »Wundererscheinungen«, hörte »heilige Musik« und glaubte schließlich sogar in einer anderen Welt zu weilen. In der hiesigen Anstalt, in welche Herr Präsident Schreber nach einem kurzen Aufenthalte in der Privatanstalt des Dr. Pierson übergeführt wurde, bot sich im wesentlichen zunächst dasselbe Krankheitsbild dar wie in Leipzig. Der körperlich kräftige Mann, an dem die häufigen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur und starkes Zittern der Hände auffielen, zeigte sich anfangs durchaus unzugänglich und in sich verschlossen, lag oder stand unbeweglich da und starrte mit ängstlichem Blick geradeaus ins Weite, an ihn gerichtete Fragen beantwortete er nicht oder ganz kurz und abweisend, offenbar aber war diese starre Haltung weit entfernt von Indifferentismus, vielmehr erschien das ganze Wesen des Patienten gespannt, gereizt, durch inneres Unbehagen bedingt und es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß er fortgesetzt von lebhaften und peinlichen Sinnestäuschungen beeinflußt war und dieselben in wahnhafter Weise verarbeitete. Wie der Patient jeden Verkehr schroff abwies und immer wieder verlangte, daß man ihn allein lasse, ja das ganze Haus räume, weil durch die Anwesenheit des Pflegers p. p. die Allmacht Gottes verhindert werde, er aber »Gottesfrieden« haben wolle, wies er auch die Aufnahme der Nahrung zurück, so daß sie ihm eingeflößt werden mußte, oder nahm nur einzelne leichte Speisen, während er Fleisch ganz zurückwies, und nur mit Mühe gelang es, ihn allmählich zu regelmäßigerem Essen zu bewegen. Zugleich hielt er den Stuhl anscheinend absichtlich zurück, solange er irgend konnte, und es kam infolgedessen sogar zu Verunreinigungen. Ihre wahre Erklärung finden die angeblichen Verunreinigungen in demjenigen, was in Kap. XVI der Denkwürdigkeilen am Ende bemerkt ist. Ebenso war es längere Zeit unmöglich, ihn zu einer Beschäftigung, zu einer Lektüre zu überreden, letztere wies er namentlich um deswillen zurück, weil jedes Wort, was er lese, in der ganzen Welt ausposaunt werde. Er klagte öfters darüber, daß ein »Strahlenverlust« stattfinde, daß der Arzt »Strahlen nachlässig abgegeben« habe, ohne näher zu erklären, was er darunter verstehe. Im November 1894 löste sich die starre Haltung des Patienten ein wenig, er ging etwas mehr aus sich heraus, wurde beweglicher, äußerte sich, wenn auch immer kurz und gewissermaßen stoßweise, in zusammenhängender Rede und es trat nun unverhüllter die wahnhaft, phantastische Verarbeitung der ihn fortdauernd heimsuchenden Halluzinationen hervor; er fühlte sich durch gewisse ihm von früher her bekannte Personen (Flechsig, v. W...), die er hier anwesend glaubte, beeinträchtigt, wähnte von denselben die Welt verändert, die Allmacht Gottes zerstört, sich durch deren Fluchen getroffen, behauptete, daß sie ihm die Gedanken aus dem Körper zögen u. dergl. Während er eine Lektüre fortdauernd zurückwies, malte er öfter stenographische Zeichen auf Papier, beschäftigte sich hin und wieder mit einem Geduldspiel und schien den Vorgängen in seiner Umgebung etwas mehr Beachtung zu schenken. Ganz allmählich steigerte sich nun weiterhin die Erregung des Kranken, störte den bis dahin leidlichen Schlaf und machte sich nach außen hin namentlich durch lautes und anhaltendes, gewissermaßen anfallsweise auftretendes Lachen (sowohl bei Tag als bei Nacht) und durch heftiges Trommeln auf dem Klavier in recht störender Weise Luft. Daß dieses sehr auffällige Gebaren als Reaktion auf Sinnestäuschungen, beziehentlich aus ihnen hervorgehenden Wahnideen aufzufassen war, lehrten manche Äußerungen des Patienten, die Welt sei zugrunde gegangen, alles, was er um sich sehe, sei nur Schein, er selbst und die ihn umgebenden Personen seien nur wesenlose Schatten. Gleichzeitig hing er auch jetzt noch hypochondrischen Ideen nach, äußerte u. a., sein Körper sei ganz verändert, eine Lunge sei ganz verschwunden, er könne kaum noch soviel Atem holen, um am Leben zu bleiben. Weiterhin wurden namentlich die Nächte immer ruheloser, zugleich vollzog sich aber in seinem Wesen insofern eine Änderung, als die anfängliche fortgesetzt starre, direkt ablehnende und negativistische Haltung gewissermaßen einem Dualismus Platz machte. Einesteils wurde die Reaktion gegen die Halluzinationen immer geräuschvoller und intensiver, im Garten pflegte der Kranke lange Zeit regungslos auf einer Stelle zu stehen, gerade in die Sonne zu blicken, dazu die seltsamsten Grimassen zu schneiden oder überlaut, oft geradezu brüllend die Sonne mit Droh- und Schimpfworten anzuschreien, gewöhnlich ein und dieselbe Phrase unzählige Male zu wiederholen, ihr zuzurufen, daß sie sich vor ihm fürchte, vor ihm, dem Senatspräsidenten Schreber, sich verkriechen müsse, bezeichnete sich auch wohl als Ormuzd. Oder er erging sich in seiner Stube in derartigem Toben, haranguierte einige Zeit lang den »Seelenmörder« Flechsig, wiederholte endlos »kleiner Flechsig«, das erste Wort scharf betonend, oder schrie, und zwar auch nachts, aus seinem Fenster Schimpfworte und ähnliches mit solcher Kraftanstrengung hinaus, daß die Leute in der Stadt sich ansammelten und Klagen über die Störung laut wurden. Andererseits war er gegenüber den Ärzten und sonstigen Personen, auch wenn sie ihn bei solchen lärmenden Szenen überraschten, nunmehr um vieles höflicher und zugänglicher, gab, wenn auch reserviert und etwas von oben herab, auf einfache Fragen nach dem Befinden usw. entsprechende Antwort, erwähnte von den ihm heimsuchenden Belästigungen nichts und vermochte sich für eine Weile recht wohl zu beherrschen, fing nun auch an, sich eingehender mit Lektüre, wie schon früher mit Schach- und Klavierspiel zu beschäftigen. Inzwischen steigerte sich das nächtliche Lärmen immer mehr und die in immer stärkerer Dosis angewendeten Schlafmittel vermochten keine ausreichende Abhilfe zu bringen, so daß man sich, da die Arzneimittel aus Besorgnis vor Schaden nicht weiter gesteigert werden konnten, die ganze Abteilung aber durch die fortgesetzten nächtlichen Störungen in empfindlicher Weise in Mitleidenschaft gezogen wurde, im Juni 1896 gezwungen sah, den Kranken während der Nacht in einen abgelegeneren Isolierraum unterzubringen und diese Maßnahme eine Reihe von Monaten hindurch fortzusetzen. Wegen der Zeitangabe vergl. S. [224–226, 228] (2½ Jahre). Der Patient war über dieselbe zwar irritiert, ließ sie sich aber ohne erhebliches Widerstreben gefallen, anscheinend in dem Gefühle des Krankhaften seines Gebarens und der außerordentlichen, fast unerträglichen Belästigung der Umgebung durch dasselbe. Geraume Zeit hindurch zeigten sich nun in dem physischen Verhalten des Patienten nur geringe Veränderungen, das eigentümliche überlaute forcierte Lachen und das monotone Ausstoßen oft sehr unverständiger Schimpfreden in endloser Wiederholung (z. B. »die Sonne ist eine Hure« u. dgl.), die gewissermaßen als Gegenmittel gegen die Halluzinationen und Gefühlsstörungen (Kreuzschmerzen pp.) zu dienen schienen, dauerten fort, der Schlaf blieb bei nunmehr regelmäßiger und reichlicher Nahrungsaufnahme und zunehmender Leibesfülle sehr mangelhaft, und schon damals machten sich Andeutungen von einer eigentümlichen Wahnidee geltend, die sich später weiterentwickelt hat: Der Kranke wurde häufig halb entblößt in seiner Stube getroffen, meinte, daß er schon weibliche Brüste habe, beschäftigte sich gern mit der Betrachtung von Abbildungen nackter Frauengestalten, zeichnete wohl auch solche und ließ sich den Schnurrbart entfernen. Insofern indes konnte etwa seit dem Frühjahr 1897 eine Wandlung bei dem Patienten wahrgenommen werden, als er mit seiner Gattin und anderen Angehörigen in lebhaften Briefwechsel trat, wobei nicht übersehen werden konnte, daß die Briefe korrekt und gewandt geschrieben waren und kaum etwas Krankhaftes, vielmehr eine gewisse Krankheitseinsicht insofern erkennen ließen, als er sich darüber ausließ, daß er sehr beängstigt gewesen sei, sich zu keiner Beschäftigung habe aufraffen können, daß es aber jetzt viel besser gehe und er dankbar sei, sich so viel anregende Unterhaltung schaffen zu können p. p., während dabei doch das alte Schimpfen, Lachen, Schreien fortging, und die nächtliche Isolierung sich nicht entbehren ließ. Wenn der Patient auch weiterhin zu eingehenderer Unterhaltung wenig geneigt schien und bei dem Versuch einer solchen bald Unruhe und Ungeduld verriet, das Gesicht zu grimassieren anfing, eigentümliche kurze Interjektionen ausgestoßen wurden und man es ihm ansah, daß er die Unterredung bald beendigt zu sehen wünschte, so wurde doch nun die Beschäftigung des Patienten eine vielseitigere und anhaltendere und man begriff oft kaum, wie er bei den fortdauernden, offenbar intensiven halluzinatorischen Belästigungen Ruhe und Sammlung genug zu solcher geistigen Tätigkeit zu finden, über die mannigfaltigsten Gegenstände sich in sachgemäßer Weise zu äußern und auch sonst in einer die krankhaften Momente zeitweilig verdeckenden Weise sich zu beherrschen vermochte. Auch die nächtlichen lärmenden Ausbrüche milderten sich nach und nach, so daß der Kranke sein gewöhnliches Schlafzimmer wieder in Gebrauch nehmen und mit einiger medikamentöser Nachhilfe in demselben verbleiben konnte. – Ohne noch weiter auf alle Einzelheiten des Krankheitsverlaufes einzugehen, sei nur darauf hingewiesen, wie in der Folge aus der anfänglichen akuteren, das gesamte psychische Geschehen unmittelbar in Mitleidenschaft ziehenden Psychose, die als halluzinatorischer Wahnsinn zu bezeichnen war, immer entschiedener das paranoische Krankheitsbild sich hervorhob, so zu sagen herauskristallisierte, das man gegenwärtig vor sich hat. Dieses Krankheitsbild charakterisiert sich bekanntlich dadurch, daß neben einem mehr oder weniger fixierten folgerichtig ausgebauten Wahnsystem völlige Besonnenheit und Orientiertheit bestehen, die formale Logik enthalten ist, erhebliche gemütliche Reaktion fehlt, die Intelligenz, das Gedächtnis keine erhebliche Einbuße erlitten haben und die Auffassung und Beurteilung indifferenter, d. h. den dominierenden krankhaften Vorstellungen fernliegender Dinge nicht unmittelbar beeinträchtigt erscheinen, obschon sie natürlich bei der Einheitlichkeit alles psychischen Geschehens von ihm nicht unberührt bleiben können. So erscheint zur Zeit Herr Senatspräsident Dr. Schreber abgesehen von den selbst für den flüchtigen Beobachter unmittelbar als krankhaft sich aufdrängenden psychomotorischen Symptomen, weder verwirrt, noch psychisch gehemmt, noch in seiner Intelligenz merklich beeinträchtigt, – er ist besonnen, sein Gedächtnis vorzüglich, er verfügt über ein erhebliches Maß von Wissen, nicht nur in juristischen Dingen, sondern auch auf vielen andern Gebieten und vermag es in geordnetem Gedankengang wiederzugeben, er hat Interesse für die Vorgänge in Politik, Wissenschaft, Kunst usw. und beschäftigt sich fortgesetzt mit ihnen (obschon er neuerdings von diesem Interesse wieder mehr abgelenkt erscheint), und wird in den angedeuteten Richtungen dem von seinem Gesamtzustande nicht näher unterrichteten Beobachter kaum viel Auffälliges wahrnehmen lassen. Bei alledem ist der Patient von krankhaft bedingten Vorstellungen erfüllt, die sich zu einem vollständigen System geschlossen haben, mehr oder weniger fixiert sind und einer Korrektur durch objektive Auffassung und Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse nicht zugänglich erscheinen. Letzteres um so weniger, als bei ihm halluzinatorische und illusorische Vorgänge fortgesetzt eine bedeutsame Rolle spielen und die normale Verwertung der Sinneseindrücke verhindern. Der Patient spricht diese krankhaft gearteten Ideen für gewöhnlich nicht oder nur andeutungsweise aus, wie sehr er aber von ihnen okkupiert wird, ergibt sich teils ohne weiteres aus manchen schriftlichen Auslassungen (von denen einige im Auszug beigefügt werden), teils läßt es sich aus seinem Gebaren leicht erschließen. Das Wahnsystem des Patienten gipfelt darin, daß er berufen sei, die Welt zu erlösen und der Menschheit die verlorengegangene Seligkeit wiederzubringen. Er sei, so behauptet er, zu dieser Aufgabe gekommen durch unmittelbar göttliche Eingebungen, ähnlich, wie dies von den Propheten gelehrt wird; gerade aufgeregtere Nerven, wie es die seinigen so lange Zeit hindurch gewesen seien, hätten nämlich die Eigenschaft, anziehend auf Gott zu wirken, es handle sich dabei aber um Dinge, die sich entweder gar nicht oder doch nur sehr schwer in menschlicher Sprache ausdrücken lassen, weil sie außerhalb aller menschlichen Erfahrung lägen und eben nur ihm offenbart seien. Das Wesentlichste bei seiner erlösenden Mission sei, daß zunächst seine Verwandlung zum Weibe zu erfolgen habe. Nicht etwa, daß er sich zum Weibe verwandeln wolle , es handle sich vielmehr um ein in der Weltordnung begründetes »Muß«, dem er schlechterdings nicht entgehen könne, wenn es ihm persönlich auch viel lieber gewesen wäre, in seiner ehrenvollen männlichen Lebensstellung zu verbleiben, das Jenseits sei aber nun einmal für ihn die ganze übrige Menschheit nicht anders wieder zu erobern als durch eine ihm vielleicht erst nach Ablauf vieler Jahre oder Jahrzehnte bevorstehende Verwandlung in ein Weib im Wege göttlicher Wunder. Er sei, das stehe für ihn fest, der ausschließliche Gegenstand göttlicher Wunder, somit der merkwürdigste Mensch, der je auf Erden gelebt habe, seit Jahren, in jeder Stunde und in jeder Minute erfahre er diese Wunder an seinem Leibe, erhalte sie auch durch die Stimmen, die mit ihm sprächen, bestätigt. Er habe in den ersten Jahren seiner Krankheit Zerstörungen an einzelnen Organen seines Körpers erfahren, die jedem anderen Menschen längst den Tod hätten bringen müssen, habe lange Zeit gelebt ohne Magen, ohne Därme, fast ohne Lungen, mit zerrissener Speiseröhre, ohne Blase, mit zerschmetterten Rippenknochen, habe seinen Kehlkopf manchmal zum Teil mit aufgegessen usf., göttliche Wunder (»Strahlen«) aber hätten das Zerstörte immer wieder hergestellt und er sei daher, solange er ein Mann bleibe, überhaupt nicht sterblich. Jene bedrohlichen Erscheinungen seien nun längst verschwunden, dafür sei in den Vordergrund getreten seine »Weiblichkeit«, wobei es sich um einen Entwicklungs-Prozeß handle, der wahrscheinlich noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zu seiner Vollendung beanspruche und dessen Ende schwerlich einer der jetzt lebenden Menschen erleben werde. Er habe das Gefühl, daß bereits massenhafte »weibliche Nerven« in seinen Körper übergegangen seien, aus denen durch unmittelbare Befruchtung Gottes neue Menschen hervorgehen würden. Erst dann werde er wohl eines natürlichen Todes sterben können und sich wie allen Menschen die Seligkeit wieder erworben haben. Einstweilen sprächen nicht nur die Sonne, sondern auch die Bäume und die Vögel, die so etwas wie »verwunderte Reste früherer Menschenseelen« seien, in menschlichen Lauten zu ihm und überall geschähen Wunderdinge um ihn her. Es bedarf wohl nicht des weiteren Eingehens auf alle Einzelheiten dieser wahnhaften Ideen, die übrigens mit bemerkenswerter Klarheit und logischer Schärfe entwickelt und motiviert werden, – die angeführten Auslassungen dürften genügen, um einen Begriff von dem Inhalt des bei dem Patienten vorhandenen Wahnsystems und von seiner krankhaft veränderten Weltanschauung zu geben, und es sei nur noch darauf hingewiesen, daß auch in dem Benehmen des Kranken, in dem Glattrasieren des Gesichts, in seiner Freude an weiblichen Toilettengegenständen, an kleinen weiblichen Hantierungen, in der Neigung, sich mehr oder weniger zu entblößen und im Spiegel zu betrachten, sich mit bunten Bändern, Schnüren pp. in weiblicher Art zu schmücken, die eigenartige pathologische Richtung seiner Vorstellungen sich fortdauernd kundgibt. Gleichzeitig spielen sich die halluzinatorischen Vorgänge, wie schon aus den obigen Auslassungen hervorgeht, in unveränderter Intensität ab und sie sowohl wie gewisse krankhafte motorische Impulse geben sich in sehr auffälligen, dem Willen entzogenen automatischen Handlungen kund. Wie der Patient selbst darauf aufmerksam macht, ist er bei Tag und Nacht sehr oft gezwungen, »unnatürliche Brüllaute« auszustoßen; er versichert, daß er sie nicht zurückhalten könne, daß es sich dabei um göttliche Wunder, um übersinnliche Vorgänge handle, die von anderen Menschen nicht verstanden werden können, und so unausweichlich treten diese auf organischem Zwange beruhenden, auch für die Umgebung sehr lästiger Vociferationen auf, daß sie dem Patienten die Nachtruhe in der empfindlichsten Weise stören und den Gebrauch von Schlafmitteln zur Notwendigkeit machen. Nur in einer Beziehung hat sich in der letzten Zeit eine Veränderung in der Haltung des Patienten ergeben. Während er früher, vielleicht in stärker ausgeprägtem Krankheitsgefühl, sein Geschick, obschon gegen die oder jene Maßnahme protestierend, im allgemeinen mit einer gewissen Resignation hinnahm, wenigstens nach außen hin dem Wunsche nach einer Wandlung seiner Lage keinen Ausdruck gab und seinen rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen nur geringes Interesse zuzuwenden schien, verlangt er neuerdings mit Energie die Aufhebung seiner Vormundschaft, wünscht eine freiere Bewegung und regeren Verkehr mit der Außenwelt und erwartet in nicht zu ferner Zeit die definitive Rückkehr in die eigene Häuslichkeit. Diese Absichten nehmen ihn gegenwärtig durchaus in Anspruch und haben, wie es scheint, selbst die Geltendmachung der oben angeführten krankhaften Ideen nach außen einigermaßen in den Hintergrund gedrängt. Ob nun infolge des oben dargelegten krankhaften psychischen Zustandes, der als Paranoia zu bezeichnen ist, Herr Senatspräsident Dr. Schreber als des Vernunftsgebrauchs im Sinne des Gesetzes beraubt anzusehen sei, unterliegt richterlicher Entscheidung, wenn aber unter dem erwähnten, der ärztlichen Anschauung fernliegenden Ausdruck zu verstehen ist, daß der betreffende Kranke durch die psychische Störung behindert ist, alle Vorgänge objektiv und unverfälscht abzufassen, sie nach Maßgabe der tatsächlichen Umstände zu beurteilen und seine Entschließungen nach unbefangener vernünftiger Überlegung in freier Willensbestimmung zu fassen, so liegt auf der Hand, daß im vorliegenden Falle in den bestehenden Sinnestäuschungen, die mit ihnen im Zusammenhange stehenden, zu einem System ausgebauten Wahnvorstellungen und den den Kranken beherrschenden zwangsmäßigen Impulsen solche Behinderung in reichlichem Maße gegeben ist und fortgesetzt obwaltet. Der richterlichen Vernehmung des Herrn Senatspräsidenten Dr. Schreber stehen ärztlicherseits Bedenken nicht entgegen. Vorstehendes wird von dem Unterzeichneten unter Berufung auf den von ihm geleisteten Pflichteid bezeugt. L.S.                                           (gez.) Dr. Weber Anstaltsbezirks- und Gerichtsarzt. Sonnenstein, d. 28. Nov. 1900. B. Anstaltsbezirksärztliches Gutachten. Wenn der Unterzeichnete so lange gezögert hat, das von ihm erforderte anderweite Gutachten über den Geisteszustand des Herrn Senatspräsidenten a. D. Dr. Schreber zu erstatten, so ist es geschehen, weil das physische Verhalten des Genannten seit Abgabe des ersten Gutachtens eine wesentliche Veränderung nicht erfahren hat und daher die früheren Ausführungen lediglich zu wiederholen wären, falls sich nicht nach der einen oder anderen Richtung hin neue Gesichtspunkte für die Beurteilung der Sachlage ausfindig machen ließen. Der Unterzeichnete glaubte nun einmal solche finden zu können in den schriftlichen Aufzeichnungen, die der Patient vor einer Reihe von Monaten begonnen hat und die in der ausführlichsten Weise die Geschichte seiner vieljährigen Krankheit sowohl nach ihrer äußeren Beziehung als nach ihrer inneren Entwicklung behandeln. Es war diesen Niederschriften um so mehr Wert beizulegen, als der Patient im allgemeinen wenig geneigt ist, seine krankhaft bedingten Ideen im persönlichen Verkehr darzulegen, bei der komplizierten und subtilen Ausgestaltung dieser Ideen die mündliche Wiedergabe derselben ihm auch zugestandenermaßen Schwierigkeiten bereitet. In der Tat sind denn auch die »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«, wie der Verfasser seine Abhandlung bezeichnet, nicht nur vom wissenschaftlich ärztlichen Standpunkt für die Beurteilung des Gesamtcharakters der vorliegenden Krankheit wertvoll, sondern sie bieten auch manche praktisch verwertbare Anhaltspunkte für die Auffassung des bei dem Patienten wahrzunehmenden Verhaltens. Bei dem von vornherein nicht vorauszusehenden Umfange dieser »Denkwürdigkeiten« hat aber die Fertigstellung derselben erhebliche Zeit in Anspruch genommen, und erst vor kurzem hat der Unterzeichnete sie nach ihrer Vollendung in Abschrift in die Hand bekommen. Dann aber wollte der Unterzeichnete mit Rücksicht darauf, daß im gegenwärtigen Stadium der Angelegenheit das Hauptgewicht nicht auf die klinische Darstellung und Beurteilung des zweifellos vorhandenen physischen Krankheitszustandes, sondern auf die Beantwortung der Frage zu legen ist, ob der Kranke infolge dieses Zustandes nicht imstande ist, seine Angelegenheiten – im weitesten Sinne des Worts – zu besorgen, es versuchen, eine Reihe von tatsächlichen Momenten festzustellen, auf Grund deren der Richter in der Lage wäre, in der fraglichen Richtung zu einem begründeten Urteil zu gelangen. Denn das möchte der Unterzeichnete, wie er es schon im ersten Gutachten getan hat, wiederholt betonen, daß es nicht zur Kompetenz des ärztlichen Sachverständigen gehören dürfte, darüber ein entscheidendes Urteil zu fällen, ob eine Person infolge ihrer Seelenstörung zur selbständigen Wahrnehmung ihrer Interessen fähig, im rechtlichen Sinne handlungsfähig sei oder nicht, seine Aufgabe sich vielmehr darauf zu beschränken habe, den kompetenten Stellen physische Verfassung der betreffenden Person in einer Weise darzulegen, die es ermöglicht, die rechtzeitlichen Konsequenzen daraus zu ziehen. Wenn nun der Nachweis tatsächlicher Vorgänge verlangt wird, die den Beweis zu liefern geeignet seien, daß die zu begutachtende Person infolge ihrer Seelenstörung außerstande sei, ihre Angelegenheiten zu besorgen, beziehentlich, wie es in dem Beweisbeschlusse heißt, bei gegebener Freiheit der Verfügung durch unvernünftiges Handeln sein Leben, seine Gesundheit, sein Vermögen oder irgendwelches andere Lebensinteresse gefährden werde, so liegt es auf der Hand, daß es sehr schwer hält, ja fast unmöglich ist, solche beweisende Tatsachen beizubringen bezüglich einer Person, die seit Jahren ihres psychischen Zustandes halber in einer geschlossenen Anstalt interniert ist und demzufolge nur in sehr beschränktem Maße in der Lage ist, selbständig handelnd in die Gestaltung ihrer Verhältnisse einzugreifen. Handelt es sich um einen Geisteskranken, der in der Außenwelt und in unmittelbarem Kontakt mit den bisherigen Lebensverhältnissen sich bewegt, so werden sich in der Ausübung seines Berufes, in der Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten, im Familienleben, im geselligen Verkehr, in der Berührung mit den Behörden usw. zumeist ohne Schwierigkeit tatsächliche Vorgänge feststellen lassen, die entscheidend für die Beantwortung der Frage sind, ob der Kranke infolge seines abnormen geistigen Geschehens unzweckmäßig, unverständig und verkehrt handelt oder nicht. Anders bei dem in einer Anstalt verpflegten Kranken. Der Natur der Sache nach ist ihm die Lebensführung durch die Anstaltsordnung bis ins einzelne vorgeschrieben, die so unendlich mannigfaltigen Anforderungen des Lebens treten gar nicht an ihn heran, und wie er sich ihnen gegenüber verhalten würde, kann nur nach seinem Gesamtzustande vermutet werden. Die Probe auf das Exempel sozusagen könnte nur dadurch gemacht werden, daß man ihn eben zeitweilig jenen Anforderungen aussetzte und außerhalb des Schutzes der Anstalt stellte. In der Tat werden ja solche Proben in manchen Fällen auch gemacht – allerdings meist nur dann, wenn nach der Persönlichkeit des betreffenden Kranken auf eine etwaige Kompromittierung nicht viel ankommt – und der Unterzeichnete glaubte auch in dem vorliegenden Falle bei seiner Eigenart wenigstens in beschränktem Maße dieses Hilfsmittel in Anwendung ziehen zu sollen. Dazu aber hat es eines längeren Zeitraumes bedurft. Herr Präsident Schreber hatte bis dahin weder Neigung gezeigt, sich außerhalb der Anstalt zu bewegen, noch konnte man nach seiner bisherigen Haltung ohne erhebliche Bedenken einen derartigen Versuch ins Werk setzen. Erst nach der Anfechtung seiner Entmündigung ist einmal der Patient einem ausgiebigeren Verkehr zugänglich gemacht worden und hat erst allmählich der Wunsch in ihm angeregt werden müssen, aus der Beschränkung auf sein Innenleben herauszutreten und der Außenwelt sich wieder zu nähern. Mit Rücksicht auf mancherlei Umstände, namentlich auch die naheliegenden Besorgnisse der Angehörigen haben die in dieser Richtung gemachten Versuche nicht allenthalben so weit ausgedehnt werden können, als es beabsichtigt war, und wenn auch die regelmäßige Einnahme der Mahlzeiten an dem Familientische des Unterzeichneten, die Teilnahme an geselligen Veranstaltungen, die Ausflüge in die Umgegend, die sich auch nach Dresden in die Wohnung seiner Gattin erstreckt haben, die Ausführung kleiner Besorgungen in der Stadt, erwünschte Gelegenheit zur Beachtung der Haltung des Patienten im Verkehr mit der Außenwelt geboten haben, so sind doch bis jetzt auf diesem Wege nach der einen oder anderen Richtung hin ohne weiteres überzeugende Resultate nicht gewonnen worden; der Unterzeichnete glaubt aber nun nicht noch länger mit der Erstattung des erforderten Gutachtens Anstand nehmen zu sollen, vielmehr sich bei den bisher gemachten Beobachtungen bescheiden zu müssen. Überschaut man den Verlauf, den die psychische Erkrankung bei Herrn Präsidenten Schreber genommen hat, so wird man bei dem gegenwärtigen Stande der Sache auf die früheren Phasen der Krankheit nicht mehr zurückzukommen haben. Ohne Zweifel haben sie erhebliche Bedeutung für die Auffassung des Gesamtbildes des pathologischen Vorgangs, wie denn jede natürliche Erscheinung nur unter Berücksichtigung ihrer Entwicklung richtig abgefaßt werden kann, und namentlich ist auch ihre Beurteilung seitens des Kranken selbst beachtlich, für die Lösung der augenblicklich vorliegenden praktischen Frage kommen aber nicht sowohl jene früheren Krankheitsstadien in Betracht, als die Zustandsform, zu denen sie im Laufe der Zeit geführt haben und die sich nunmehr als mehr oder weniger abgeschlossen der Beobachtung darbietet. Der ursprünglichen reichen Begabung des Patienten, seiner geistigen Produktivität und umfassenden Bildung entsprechend, erscheinen die Emanationen seines krankhaft veränderten psychischen Geschehens nicht, wie so häufig in sonst ähnlichen Fällen, ärmlich und monoton und in ihrem Zusammenhange leicht zu überschauen, sie stellen vielmehr ein so phantastisch ausgestaltetes, entwickeltes, zugleich von den gewohnten Gedankengängen so sehr abweichendes Ideengebilde dar, daß es kaum möglich ist, es in kurzen Zügen wiederzugeben, ohne es in seinem inneren Zusammenhange unverständlich zu machen und die Erkenntnis seiner spezifischen Bedeutung zu erschweren. Aus diesem und aus einem später noch zu erwähnenden Grunde halte ich es für zweckmäßig, dem Königlichen Landgerichte mit der ergebenen Bitte um spätere Rückgabe, die »Denkwürdigkeiten« des Patienten in ihrem vollen Umfange zur Einsichtnahme zur Verfügung zu stellen und glaube, daß sich aus denselben dem Richter auch ohne Kommentar ohne weiteres der psychische Zustand des Verfassers klar ergeben werde. Daß in früheren Phasen des Krankheitsverlaufs der Patient völlig handlungsunfähig und nicht imstande gewesen ist, seine Angelegenheiten zu besorgen oder auch nur sein Interesse ihnen zuzuwenden, liegt nach den damals gemachten Beobachtungen auf der Hand und geht auch aus der eigenen Schilderung des Kranken unzweideutig hervor. Der Patient war lange Zeit hindurch so sehr von den krankhaften Vorgängen seines Seelenlebens in Anspruch genommen, seine Auffassung der Dinge war so ausschließlich bedingt durch halluzinatorische Vorspiegelungen, er war so vollständig desorientiert bezüglich der Zeit, der Personen und Örtlichkeiten, an Stelle der Wirklichkeit war in solchem Umfange eine völlig phantastische verfälschte Erscheinungswelt getreten, sein Gemütsleben war soweit abgelenkt von allem natürlichen Geschehen, seine Willenstätigkeit entweder so gehemmt und gebunden oder so sehr auf die Abwehr krankhafter Bedrängnisse gerichtet, seine Handlungen endlich waren so widersinnig und bedenklich, ebenso bezüglich der Erhaltung der eigenen Persönlichkeit wie hinsichtlich der Beziehungen zur Außenwelt, daß von freier Selbstbestimmung und vernünftiger Überlegung nicht die Rede sein konnte, der Kranke vielmehr vollständig unter dem Zwange übermächtigter krankhafter Einflüsse stand. Im früheren Gutachten ist nun schon ausgeführt, wie das akute Irresein bei dem Herrn Präsidenten Dr. Schreber nach und nach in einen chronischen Zustand übergegangen ist, wie sich aus den stürmisch bewegten Wogen des halluzinatorischen Wahnsinnes sozusagen ein Sediment von wahnhaften Vorstellungen abgesetzt und fixiert hat und dem Krankheitsbilde das Gepräge der Paranoia aufgedrückt hat. Indem die begleitenden mächtigen Affekte sich allmählich abschwächten und die Fälle der halluzinatorischen Vorgänge ihren verwirrenden und unmittelbar überwältigenden Einfluß einbüßten, vermochte der Kranke sich gewissermaßen mit ihnen abzufinden und den Weg zu geordneterem psychischen Geschehen wiederzufinden. Nicht daß er die wahnhaften Erzeugnisse seiner krankhaft veränderten Sinnestätigkeit und die darauf sich aufbauenden Kombinationen als solche erkannt und anerkannt, nicht daß er sich über die Subjektivität seiner Anschauungen erhoben hätte und zu objektiverer Beurteilung der Vorgänge gelangt wäre, – dazu war er nicht imstande, weil eben die Sinnestäuschungen fortdauerten und auf ihrem Boden die Wahnvorstellungen immer aufs neue sich festigen mußten, – aber mit dem Schwinden der starken Affektbetonung, mit der Wiederkehr der Besonnenheit und Orientierungsfähigkeit vollzog sich eine gewisse Scheidung in der Gesamtheit der Vorstellungen, das vorwaltend krankhaft veränderte Gebiet des Seelenlebens grenzte sich von dem übrigen schärfer ab, und wenn auch bei der organisch gegebenen Einheitlichkeit alles psychischen Geschehens ein Intaktbleiben dieser Gebiete nicht denkbar ist, vielmehr ein Hinübergreifen anscheinend partieller Störung auf die Gesamtheit der psychischen Funktionen unvermeidlich ist, so konnte es doch, wie so gewöhnlich bei der Paranoia, auch in diesem Falle geschehen, daß nach Ablauf der akuten Krankheitserscheinungen gewisse Kreise des Empfindens und Denkens relativ wenig berührt von den krankhaften Veränderungen sich zeigten, daß namentlich die intellektuelle Leistungsfähigkeit keine erhebliche Einbuße wahrnehmen ließ, die Assoziation der Vorstellungen in formaler Hinsicht regelrecht vonstatten zu gehen schien und das Urteil über diejenigen Dinge und Verhältnisse, die von den festgehaltenen, in ein abgeschlossenes System gebrachten Wahnideen fernab lagen, zumeist als ungetrübt und zutreffend sich erwies. Daß mit dieser Veränderung des Krankheitscharakters der Gesamtzustand eine wirkliche Besserung erfahren habe, kann nicht ohne Einschränkung gesagt werden, so sehr auch der äußere Anschein dafür sprechen mag, man könnte sogar das Gegenteil annehmen: – so lange die akuten Krankheitserscheinungen andauerten, durfte man an der Hoffnung auf einen günstigen Ausgang des Krankheitsprozesses festhalten, jetzt, wo man es mit dem fixierten Ergebnis dieses Prozesses zu tun hat, wird jene Hoffnung hinfällig. Es fehlt dann auch ganz, wie schon eben gesagt, das wichtigste Kriterium der Besserung beziehentlich Genesung, die mehr oder weniger klare Einsicht in die krankhafte Natur der früheren Vorgänge, – Herr Präsident Dr. Schreber läßt zwar offen, ob diese oder jene von seinen Wahrnehmungen auf Täuschung zurückzuführen sein mögen, im wesentlichen aber hält er an der Realität seiner Wahngebilde durchaus fest und erklärt die ungeheuerlichsten von ihm beschriebenen Vorgänge für Tatsachen. Das komplizierte Wahnsystem des Kranken hat zum Ausgangspunkt eine ganz eigenartige Auffassung von dem Wesen Gottes (folgt eine Darstellung dieses »Wahnsystems« in der Form eines gedrängten Auszugs aus den Denkwürdigkeiten; diese kann hier wegbleiben, da dem Leser die Denkwürdigkeiten selbst vorliegen). Man sieht schon aus diesem kurzen Abriß, namentlich aber aus den Schilderungen des Patienten selbst, wie sehr er in seinem ganzen Empfinden und Denken auch jetzt unter dem Einfluß von Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen steht und in welchem Maße sie sein Tun und Lassen bestimmen, ihn teils zur Abwehr, teils aber auch zur schrankenlosen Hingabe an die pathologischen Vorgänge veranlassen, und in welchem Umfange vor allem seine ganze Welttäuschung, sein Urteil über Menschen und Dinge durch sie bedingt wird. Es erübrigt nur, soweit möglich, im einzelnen festzustellen, inwiefern und inwieweit der krankhafte Zustand in den Beziehungen des Patienten zur Außenwelt und den Anforderungen des alltäglichen Lebens gegenüber sich geltend macht und maßgebend ist. Zunächst ist wiederholt auszusprechen, daß bei dem Patienten, wie so häufig bei Paranoikern, die Intelligenz und die formal logische Gedankenknüpfung eine erhebliche Beeinträchtigung nicht erlitten zu haben scheinen, der Kranke über einen großen Besitz von Vorstellungen verfügt und sie in geordneter Weise zu äußern vermag, ebenso auch seine Besonnenheit ungetrübt ist. Der Unterzeichnete hat seit ¾ Jahren bei Einnahme der täglichen Mahlzeiten am Familientische ausgiebigste Gelegenheit gehabt, mit Herrn Präsidenten Schreber über alle möglichen Gegenstände sich zu unterhalten. Welche Dinge nun auch – von seinen Wahnideen natürlich abgesehen – zur Sprache gekommen sind, mochten die Vorgänge im Bereiche der Staatsverwaltung und Justiz, der Politik, der Kunst und Literatur, des gesellschaftlichen Lebens oder was sonst berühren, überall bekundete Dr. Schreber reges Interesse, eingehende Kenntnisse, gutes Gedächtnis und zutreffendes Urteil und auch in ethischer Beziehung eine Auffassung, der nur beigetreten werden konnte. Ebenso zeigte er sich in leichter Plauderei mit den anwesenden Damen nett und liebenswürdig und bei humoristischer Behandlung mancher Dinge immer taktvoll und dezent, niemals hat er in die harmlose Tischunterhaltung die Erörterung von Angelegenheiten hineingezogen, die nicht dort, sondern bei der ärztlichen Visite zu erledigen gewesen wären. Übersehen hat man dabei allerdings nicht können, daß der Patient auch während der Tischzeit öfters präokkupiert erschien, seine Aufmerksamkeit abgelenkt war und er das, was um ihn her vorging, nicht vollständig apperzipierte, so geschah es wiederholt, daß er einen Gegenstand aufs Tapet brachte, der eben erst besprochen worden war. Diese Präokkupation prägt sich dann auch deutlich in dem Wesen des Patienten aus, – er blickt entweder starr vor sich hin oder bewegt sich unruhig auf dem Stuhle hin und her, grimassiert in eigentümlicher Weise, räuspert sich mehr oder weniger laut, greift sich im Gesicht herum und ist namentlich bemüht, die Augenlider in die Höhe zu schieben, die nach seiner Meinung ihm »zugewundert« d. h. wider seinem Willen geschlossen werden. Offenbar kostet es ihm oft die größte Anstrengung, sich des Ausstoßens der »Brüllaute« zu enthalten und alsbald nach Beendigung der Tafel, noch unterwegs nach seinem Zimmer, hört man ihn dann diese unartikulierten Laute von sich geben. Die durch halluzinatorische Vorgänge bedingte Ablenkung der Aufmerksamkeit und die infolgedessen auftretende auffällige Reaktion macht sich auch bei sonstigen Gelegenheiten störend geltend. Bei Ausflügen in die Umgegend, bei Teilnahmen an einigen festlichen Veranstaltungen, bei einem Besuch des Theaters hat der Kranke zwar laute Ausbrüche hintanhalten können, zeitweise hat er sich aber doch, wie an den heftigen Gesichtsverzerrungen, dem Brummen, Räuspern, kurzem Auflachen und der ganzen Haltung erkenntlich, sehr geniert gefühlt, ja während eines Besuches bei der Gattin in Dresden die Laute auch bei Tisch nicht ganz unterdrücken können, so daß dem Dienstmädchen ein Wink hat gegeben werden müssen, nicht darauf zu achten, und er hat, obgleich der Besuch sich nur auf wenige Stunden erstreckte, auffallend zur Rückfahrt nach der Anstalt gedrängt. Doch nicht nur in gesellschaftlicher, sondern auch in anderer Beziehung dürfte die Beeinflussung durch die pathologischen Vorgänge störend wirken. Das Königl. Amtsgericht zu Dresden hat in seiner Begründung der Entmündigung u.a. angeführt, daß p. Schreber recht wohl imstande sein würde, eine schwierige gerichtliche Verhandlung zu leiten usw. Das muß indes bezweifelt werden, – wie der Patient selbst hervorhebt, daß er durch die (vermeintlich absichtlich herbeigeführten) »Störungen« verhindert werde, sich längere Zeit einer ernsteren anstrengenden geistigen Arbeit zu widmen, und auch bei der Vernehmung geäußert hat, daß er es nicht für möglich halte, seinen Beruf ferner auszuüben, da die in ihm sich vollziehenden Wunder ihn zu zerstreuen versuchten, so erweist sich auch dem Beobachter seine Haltung fortdauernd derart, daß an volle geistige Freiheit und Konzentration voraussetzende Leistungen wie die obenerwähnten nicht wohl wird gedacht werden können. Nach außen hin am störendsten machen sich seit langer Zeit die von dem Patienten selbst sogenannten Brüllzustände bemerklich, d. h. das Ausstoßen teils von unartikulierten Lauten, teils von Drohungen und Schimpfreden gegen imaginäre Störer seines Behagens (Flechsig pp.). Diese lärmenden Ausbrüche vollziehen sich durchaus gegen den Willen des Kranken automatisch und zwangsmäßig. Er kann sie zwar – obschon nicht immer – zeitweilig durch lebhaftes Sprechen, Musizieren im Fortissimo und mancherlei sonstige Kunstgriffe unterdrücken, aber nicht nur während eines großen Teiles des Tages ertönen sie in seinem Wohnzimmer wie im Garten zu nicht geringer Belästigung der Umgebung, sondern auch nachts werden sie nicht selten stundenlang zu einer unerträglichen Störung der Ruhe in der ganzen Abteilung, ja auch in die Stadt hinab schreit er manchmal rücksichtslos. Gerade neuerdings treten diese Vociferationen in ganz besonders heftiger Weise auf, und wie der Patient selbst darunter leidet, wie sehr er sich diesen »Wundern« gegenüber hilflos und machtlos fühlt und zu den unzweckmäßigsten Gegenmaßregeln genötigt wird, möge der anliegende Brief erhärten. Zu solchen Maßregeln gehört u.a. auch, daß der Kranke (wohl um die oft erwähnte Seelenwollust hervorzurufen) sich halbnackt im Zimmer umherbewegt, beziehentlich in einem mit bunten Bändern geschmückten weit ausgeschnittenen Unterhemd vor den Spiegel stellt und seinen vermeintlich weiblich gestalteten Busen betrachtet. Er setzt sich durch dieses Gebaren (früher streckte er auch zuweilen die nackten Beine zum Fenster hinaus) Erkältungen aus, deren Folgen er dann wiederum als Wunder auffaßt. Die Absicht, sich zu schaden, hat er übrigens nicht, wie er denn auch an Selbstmord schon um deswillen nicht mehr denkt, weil er glaubt, daß selbst die denkbar schwersten Verletzungen seines Körpers ihm nichts anhaben können. Nun hegt zwar der Kranke die Meinung, daß diese Brüllzustände sich nach dem eventuellen Verlassen der Anstalt vielleicht günstiger gestalten möchten, jedenfalls aber glaubt er die durch sie nach außen hin sich ergebenden, in einem sonst noch bewohnten Hause gar nicht zu duldenden Ruhestörungen dadurch vermeiden zu können, daß er sich eine isolierte Wohnung in einem Garten sucht, – wie aber die erstere Meinung natürlich eine illusorische ist, so fällt es sehr auf, daß der Patient in krankhaft gesteigertem Egoismus gar nicht daran denkt, wie sehr seine Gattin unter diesem Treiben zu leiden haben, ja ein eheliches Zusammenleben mit ihm ihr fast unmöglich gemacht werden würde, ganz abgesehen davon, daß er auch die Belästigung seiner jetzigen Umgebung als irrelevant ansieht und nur sich über sein Mißbehagen beklagt. Die Beeinträchtigung der ehelichen Gemeinschaft durch die bestehende Krankheit macht sich nach den Mitteilungen der Gattin auch sonst bemerkbar. Wie der Kranke schon früher mit Rücksicht auf seine dereinstige Entmannung seiner Frau eine ev. Scheidung anheimgegeben hat, so ist er bei etwaigen Einwendungen und Widersprüchen derselben gegen seine Ideen und seine Gebaren auch jetzt nach ihrer Angabe alsbald mit der Andeutung bei der Hand, daß sie sich dann ja von ihm trennen könne. Also auch in dieser Beziehung ist der Zwang der krankhaften Vorgänge nicht zu übersehen. Ob der Kranke, der von ihm erstrebten Selbständigkeit wiedergegeben, seinen Vermögensverhältnissen genügende Aufmerksamkeit zuwenden und sie bei seinem Verhalten stets berücksichtigen werde, kann mit Sicherheit kaum vorausgesetzt werden, da er eben seit langer Zeit natürlich keine Gelegenheit gehabt hat, in irgend erheblichen Geldsachen selbständig zu handeln. Soweit die Beobachtung in dieser Richtung reicht, hat der Kranke weder besondere Sparsamkeit noch Neigung zur Verschwendung erkennen lassen, überhaupt bei Befriedigung seiner Bedürfnisse nach dem Geldpunkt nicht weiter gefragt, während er bei Wahrung der Rechte der Familie bezüglich des Verlags des von seinem Vater herausgegebenen Buchs, soweit ersichtlich, ganz sachgemäß vorgegangen ist. Gegenüber der ihm zugefallenen großen Mission treten freilich offenbar die pekuniären Interessen bei ihm sehr in den Hintergrund, und es wird als zweifelhaft zu bezeichnen sein, inwiefern etwa das Streben nach Erfüllung der am Schlusse seiner Denkwürdigkeiten ausgesprochenen krankhaft bedingten Zukunftswünsche und Zukunftshoffnungen und nach Sicherung seines nur unter besonderen Voraussetzungen zu erreichenden Wohlbehagens Anlaß zu unverhältnismäßigen materiellen Opfern geben könnte. Das wichtigste Moment bei der Beurteilung der Handlungsfähigkeit des Patienten ist und bleibt immer die Tatsache, daß ihm die Einsicht in die krankhafte Natur der ihn bewegenden Eingebungen und Vorstellungen abgeht, daß alles das, was der objektiven Beobachtung als Sinnestäuschungen und Wahnideen sich darstellt, für ihn unumstößlich Wahrheit und vollberechtigtes Motiv zum Handeln ist. Es liegt dieser Tatsache gegenüber auf der Hand, daß es ganz unberechenbar ist, wie einmal im gegebenen Moment die Entschließung des Kranken ausfällt, ob sie nach Maßgabe des relativ intakt gebliebenen Vorstellungsinhalts oder unter dem Zwange jener krankhaften psychischen Vorgänge erfolgt und in Handlungen umgesetzt wird. – Auf ein sehr prägnantes Beispiel in dieser Richtung möchte ich noch besonders aufmerksam machen und füge namentlich auch deshalb die »Denkwürdigkeiten« des Patienten bei. Es ist erklärlich, daß letzterer das Bedürfnis gehabt hat, die Geschichte seiner letzten Lebensjahre zu beschreiben, seine Wahrnehmungen und seine Leiden schriftlich zu fixieren und sie denen vorzulegen, die in der einen oder anderen Beziehung ein berechtigtes Interesse an der Gestaltung seines Geschickes haben. Nun hegt aber der Kranke den dringenden Wunsch, seine »Denkwürdigkeiten« (so wie sie hier vorliegen) drucken zu lassen und weitesten Kreisen zugänglich zu machen und verhandelt deshalb, bis jetzt natürlich vergeblich, mit einem Verleger. Überblickt man den Inhalt seiner Schrift, berücksichtigt man die Fülle der Indiskretionen, die in bezug auf ihn und andere in ihr enthalten sind, die ungenierte Ausmalung der bedenklichsten und ästhetisch geradezu unmöglichen Situationen und Vorgänge, die Verwendung der anstößigsten Kraftausdrücke usw., so würde man es ganz unverständlich finden, daß ein Mann, der sich sonst durch Takt und Feingefühl ausgezeichnet hat, eine ihn vor der Öffentlichkeit so schwer kompromittierende Handlung beabsichtigen könne, wenn eben nicht seine Weltanschauung krankhaft verfälscht, wenn ihm nicht das Augenmaß für die tatsächlichen Verhältnisse abhanden gekommen wäre und die durch den Mangel an Einsicht in seinen Krankheitszustand herbeigeführte Überschätzung der überwiegenden Bedeutung seiner eigenen Persönlichkeit den Blick für die dem Menschen in der Gesellschaft gezogenen Schranken getrübt hätte. Mit den vorstehenden Ausführungen, sowie den angeführten Beilagen glaube ich mich begnügen zu dürfen. Das darin gegebene tatsächliche Material ist, obschon aus den oben erwähnten Gründen nicht vollständig, doch im wesentlichen ausreichend und die Sachlage zeichnet sich in ihren Umrissen so deutlich ab, daß dem Richter meines Erachtens die erforderlichen Unterlagen zur Entscheidung darüber geboten sind, ob und in welchem Maße die zur Zeit noch bestehenden Sinnestäuschungen und zu einem System verarbeiteten Wahnideen bei dem Herrn Präsidenten Dr. Schreber die freie Selbstbestimmung beeinträchtigen, einen Zwang auf sein Denken, Wollen und Handeln ausüben, ihn in seiner Stimmung und Haltung maßgebend beeinflussen, und ob danach die bestehende Geisteskrankheit nach Umfang und Intensität erheblich genug ist, um den Kranken an der Besorgung seiner Angelegenheiten im weitesten Sinne des Wortes zu verhindern. Geheimer Medizinalrat Dr. Weber, Anstalts-, Bezirks- und Gerichtsarzt. C. Berufungsbegründung. Zur Begründung der von mir eingelegten Berufung bemerke ich folgendes: I. Den Tatbestand des angefochtenen Urteils betreffend. Der Tatbestand des angefochtenen Urteils enthält im wesentlichen nichts weiter als eine Wiedergabe des von meinem Rechtsanwalte seinerzeit bei dem Prozeßgerichte eingereichten Schriftsatzes vom 16. Mai 1900. Mit dem Inhalte dieses Schriftsatzes konnte ich mich, wie mittelst Briefes vom 24. Mai 1900 geschehen, im allgemeinen einverstanden erklären, wennschon ich einzelne juristische Ausführungen meines Rechtsanwaltes, z. B. die unter 1 des Tatbestandes und unter 2 des Schriftsatzes selbst nicht für zutreffend zu erachten vermochte. Was ich in dem Schriftsatz als richtig anzuerkennen habe, ist zum nicht geringen Teile meiner eigenen Feder entflossen, d. h. der Vorstellung entnommen, die ich unter dem 24. März 1900 an die hiesige Anstaltsdirektion gerichtet hatte und von der meines Wissens Abschrift bei den Gerichtsakten sich befindet. In zwei Punkten habe ich aber den Feststellungen des Tatbestandes entschieden zu widersprechen. Von einer Berichtigung des Tatbestandes im Sinne von § 320 C.-P.-O. würde ich mir gleichwohl keinen Erfolg versprechen können, da ich nicht bezweifeln kann, daß mein Rechtsanwalt in der mündlichen Verhandlung die betreffenden Erklärungen wirklich abgegeben hat. Die Erklärungen meines Rechtsanwalts beruhen aber insoweit auf Mißverständnissen meiner Auffassung; es würde sich daher hier um einen Widerruf von Zugeständnissen im Sinne von § 290 C.-P.-O. handeln. Die in Rede stehenden beiden Punkte sind folgende: 1) Gleich im Eingang des Tatbestandes heißt es entsprechend einer bezüglichen Stelle im Schriftsatze meines Rechtsanwaltes: »Der Kläger bestreitet nicht, daß er geisteskrank ist.« Das ist unrichtig; ich bestreite auf das allerentschiedenste, daß ich geisteskrank bin, sobald man mit diesem Worte, wie unter Laien gewöhnlich geschieht, die Vorstellung einer Verstandestrübung verbindet . Ich habe dies auch in meiner Vorstellung an die Königl. Anstaltsdirektion vom 24. März 1900 zu hinreichend deutlichem Ausdruck gebracht. Ich habe daselbst erklärt, daß ich das Vorhandensein einer Geisteskrankheit im Sinne einer Nervenkrankheit nicht bestreite; ich habe aber ausdrücklich auf die verschiedene Bedeutung hingewiesen, die das Wort »geisteskrank« für den Mediziner und im Rechtssinn habe. Demnach will ich mich jetzt noch etwas deutlicher erklären: Ich bestreite nicht, daß mein Nervensystem sich seit einer Reihe von Jahren in einer krankhaften Verfassung befindet. Dagegen bestreite ich mit voller Entschiedenheit, geisteskrank zu sein oder es jemals gewesen zu sein. Mein Geist, d. h. das Funktionieren meiner Verstandeskräfte ist so klar und gesund, wie nur bei irgendeinem anderen Menschen der Fall ist; er ist es auch – abgesehen von einigen nebensächlichen hypochondrischen Vorstellungen – seit Beginn meiner Nervenkrankheit gleichmäßig gewesen. Das Gutachten des Herrn Sachverständigen enthält daher, indem es das Vorhandensein von Paranoia (Verrücktheit) bei mir angenommen hat, einen Schlag in das Gesicht der Wahrheit, wie er ärger kaum gedacht werden kann. Indem ich diesen Satz niederschreibe, bin ich weit entfernt davon, dem Herrn Sachverständigen zu nahe treten zu wollen: ich bezweifle nicht im mindesten, daß das Gutachten in gutem Glauben erstattet worden ist . Dies kann mich aber hier, wo die Anerkennung meiner rechtlichen Selbständigkeit in Frage steht, nicht abhalten, meiner Überzeugung von der objektiven Verfehltheit des Gutachtens in rückhaltloser und freimütiger Weise Ausdruck zu geben. Wie es gekommen ist, daß das Gutachten den jetzt vorliegenden Inhalt erhalten hat, werde ich weiter unten auszuführen suchen. 2) Die zweite Unrichtigkeit liegt in dem Satze unter 3b des Tatbestandes, daß ich selbst die Überzeugung habe, mein Aufenthalt in der Landesheilanstalt Sonnenstein könne für meine geistige Gesundheit nur von Vorteil sein. Dieser Satz ist allerdings auch bereits in dem Schriftsatze meines Rechtsanwalts enthalten, hatte mich aber bereits im vorigen Sommer zu einer Verwahrung gegen seine Richtigkeit veranlaßt; ich gebe den betreffenden Passus aus dem unter dem 14. Juni 1900 an meinen Rechtsanwalt geschriebenen Brief nachstehend wörtlich wieder: »Da ich einmal an Sie schreibe, will ich nicht unterlassen, hinzuzufügen, daß mein in meinem Brief vom 24. Mai d. J. ausgedrücktes Einverständnis mit dem Inhalte des von Ihnen eingereichten Schriftsatzes immerhin einer gewissen Einschränkung bedarf, die ich neulich nicht zu machen für nötig gehalten habe, da sie m. E. für die juristische Beurteilung des Falls ohne Belang ist. Es handelt sich um die Stelle, ich selbst erachtete meinen Aufenthalt in der Anstalt als einen solchen, der meiner geistigen Gesundung nur vorteilhaft sei. Dies ist nicht ganz richtig. Ich betreibe meine Entlassung aus der Anstalt vorläufig nur deshalb nicht, weil, nachdem ich sechs Jahre in derselben verbracht habe, wenig darauf ankommt, ob das noch ein halbes oder ganzes Jahr länger geschieht und weil überdies meine Rückkehr in meine frühere Häuslichkeit mit Rücksicht auf Wohnungsverhältnisse usw. gewisser Vorbereitungen bedürfen würde. Einen gesundheitlichen Vorteil verspreche ich mir dagegen von der Fortdauer meines Aufenthaltes in der hiesigen Anstalt nicht . Um eine Wiederherstellung der geistigen Klarheit kann es sich dabei überhaupt nicht handeln, da diese stets ungeschmälert vorhanden gewesen ist; meine Nervenüberreizung aber kann mit menschlichen Mitteln überhaupt nicht beseitigt werden; sie wird, da sie mit übersinnlichen Dingen zusammenhängt, bis an mein Lebensende fortdauern, sofern nicht etwa vorher eine auch anderen Menschen die Augen öffnende Veränderung an meinem Körper sich vollziehen sollte. Selbstverständlich habe ich aber den Wunsch, nicht den ganzen Rest meines Lebens in einer Anstalt zu vertrauern, wo meine geistigen Kräfte nahezu brachgelegt sind und wo ich des Umgangs mit gebildeten Menschen, sowie aller sonstigen Lebensgenüsse nahezu vollständig entbehre. Sollten gewisse Übelstände (wie das Brüllen) meinem Erscheinen in größerer Öffentlichkeit andauernd irgendwelche Bedenken entgegenstellen, so würde ich mir schon selbst die erforderliche Zurückhaltung aufzuerlegen wissen. Ich gebe anheim, ob Sie es vielleicht für angemessen halten, zur Orientierung des Gerichtes eine Abschrift von diesem Briefe zu den Gerichtsakten gelangen zu lassen.« Nachdem das Gericht – zu meiner großen Überraschung – in dem Endurteil vom 13. April d. J. von Erwägungen sich hat leiten lassen, von denen der m. E. vollkommen korrekte Beweisbeschluß vom 15. Juni 1900 auch nicht die leiseste Andeutung enthielt (der Beweisbeschluß schließt sich fast wörtlich der Fassung an, die ich selbst in meinem Briefe vom 4. April 1900 – Anlage A des Schriftsatzes vom 16. Mai 1900 – vorgeschlagen hatte), muß ich allerdings mein lebhaftes Bedauern darüber ausdrücken, daß der Inhalt meines vorstehend wiedergegebenen Briefes vom 14. Juni 1900 nicht ebenfalls zur Kenntnis des Gerichtes gelangt ist. Es hätte sonst die von mir beanstandete Stelle nicht unverändert auch in den Tatbestand des Urteils übergehen können. II. Die Entscheidungsgründe des Urteils betreffend. Die Begründung des angefochtenen Urteils fußt im wesentlichen auf dem – zweiten – Gutachten des Herrn Sachverständigen vom 28. November 1900; der überwiegende Teil der Ausführungen ist diesem Gutachten fast wörtlich entnommen, so daß auch ich zur Widerlegung in der Hauptsache mich auf eine Besprechung beschränken kann, inwieweit die Sätze des Gutachtens als richtig anzuerkennen sind oder nicht. Nur einige wenige Punkte sind selbständige Zutaten des Gerichts; ich werde dieselben vorher zu erledigen suchen, ehe ich auf den Inhalt des Gutachtens selbst näher eingehe. Lediglich zu akzeptieren habe ich die Bemerkungen der Entscheidungsgründe, welche sich darauf beziehen, daß zu der Besorgnis, ich würde bei gegebener Freiheit der Verfügung über meine Person mein Leben gefährden, kein Grund vorliege, daß auch sonst meine Besonnenheit ungetrübt sei und daß die sogen. Brüllzustände außer Betracht bleiben können, da bloß polizeiliche Rücksichten die Aufrechterhaltung der Entmündigung nicht würden zu begründen vermögen. Eine selbständige Erwägung findet sich noch gegen das Ende der Entscheidungsgründe in dem Satze, daß ich Sinnestäuschungen unterliege, zufolge deren ich Menschen vor mir zu sehen glaube, die gar nicht vorhanden seien (»flüchtig hingemachte Männer«). Diese Erwägung, insofern danach im Präsens gesagt wird »der Kläger glaubt Menschen vor sich zu sehen« usw., erweist sich aber sofort als hinfällig, sobald man sich die Mühe gibt, die betreffende Stelle meiner »Denkwürdigkeiten« auch nur mit einiger Aufmerksamkeit zu lesen. Die ganze Vorstellung von »flüchtig hingemachten Männern« gehört einer Zeit an, die seit Jahren längst hinter mir liegt; sie hat nur während des ersten oder höchstens der ersten beiden Jahre meines Aufenthalts in der hiesigen Anstalt bestanden. Dies ist im Eingang von Kap. XVI meiner Denkwürdigkeiten deutlich genug zu lesen. Ob meinen bezüglichen Vorstellungen wirklich nur Sinnestäuschungen oder tatsächliche Vorgänge zugrunde gelegen haben, darf ich jetzt dahingestellt sein lassen. Es würde sich insoweit, wie der Herr Sachverständige – etwa auf der achten Seite des neueren Gutachtens, ich kann nur nach der mir vorliegenden Abschrift zitieren, doch wird es wohl nicht allzuschwer sein, danach die betreffenden Stellen in der bei den Gerichtsakten befindlichen Urschrift aufzufinden – mit Recht hervorhebt, dabei nur um frühere Phasen der Krankheit handeln, die bei der Beurteilung des jetzigen Zustandes außer Betracht bleiben können. Jetzt weiß ich schon längst, daß die Personen, die ich vor mir sehe, nicht »flüchtig hingemachte Männer«, sondern wirkliche Menschen sind, und daß ich mich daher ihnen gegenüber so zu verhalten habe, wie ein vernünftiger Mensch im Verkehr mit andern Menschen zu tun pflegt. Der Satz am Schlusse der Entscheidungsgründe, daß auch um jener früheren Vorstellung willen die Gefahr unvernünftigen Handelns bei mir bestehe, scheidet daher als eine beachtliche Stütze der getroffenen Entscheidung wohl ohne weiteres aus. Ich wende mich nun zur Besprechung der erstatteten Gutachten. Dieselben gehen a priori von der stillschweigenden Voraussetzung aus, daß alles dasjenige, was ich über einen zwischen Gott und mir entstandenen Verkehr, sowie über göttliche Wunder, die an meiner Person geschehen, in meinen Denkwürdigkeiten berichtet habe oder sonst habe verlauten lassen, nur auf krankhafter Einbildung beruhe. Wollte ich meine wahren Empfindungen diesem Standpunkte gegenüber zum Ausdruck bringen, so könnte es nur mit dem Ausrufe geschehen, den einst Huß für das Bäuerlein zur Verfügung hatte, das Holz zu seinem Scheiterhaufen trug: O sancta simplicitas! Es soll hierin keine Überhebung von meiner Seite über den Herrn Sachverständigen liegen; es sollte mir aufrichtig leid tun, wenn irgendeines meiner Worte auf Herrn Geh. Rat Weber, vor dem ich sowohl dem Charakter als der amtlichen und wissenschaftlichen Befähigung nach die vollkommenste Hochachtung hege, verletzend wirken würde. Ich weiß auch sehr wohl, daß der Herr Sachverständige gar nicht füglich anders gekonnt hat, als an meinen Fall den Maßstab der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erfahrung anzulegen. Derselbe wird es aber auf der anderen Seite hoffentlich auch mir nicht verargen wollen, wenn ich meinen entgegengesetzten Standpunkt in scharf pointierter Weise zum Ausdruck bringe. Danach muß es von mir ausgesprochen werden: die Sicherheit meiner Gotteserkenntnis und die unmittelbare Gewißheit, daß ich es mit Gott und göttlichen Wundern zu tun habe, steht turmhoch über aller menschlichen Wissenschaft . Das mag überaus anmaßlich klingen; ich bin mir bewußt, daß die zugrunde liegende Überzeugung in keiner Weise von persönlicher Eitelkeit oder krankhafter Selbstüberschätzung eingegeben ist. Ungeachtet meiner unzweifelhaft in vielen Hinsichten reichen Begabung, habe ich mir auch die Mängel derselben niemals verhehlt; ich habe mir niemals eingebildet, etwa zu den allerersten Geistern der Nation gerechnet werden zu dürfen; es ist ja auch nicht mein Verdienst, daß infolge einer wunderbaren Verkettung von Umständen die Einsicht in das wahre Wesen göttlicher Dinge mir in ungleich höherem Maße aufgegangen ist, als irgend je einem Menschen zuvor; ich habe zudem diese Einsicht mit dem Verluste meines ganzen Lebensglückes während einer langen Reihe von Jahren teuer genug erkaufen müssen. Aber um so sicherer sind für mich die durch diese Einsicht gewonnenen Ergebnisse; sie sind in der Tat zum Mittelpunkte meines ganzen Lebens geworden und müssen es sein, da sich Gott auch jetzt noch täglich und stündlich, ja ich kann fast sagen in jedem Augenblicke in seinen Wundern und in seiner Sprache mir von neuem offenbart. Darauf beruht die gleichmäßige Heiterkeit meiner Stimmung, die trotz aller Widerwärtigkeiten, denen ich auch jetzt noch ausgesetzt bin, jedermann im Verkehr mit anderen Menschen, auch mit ungebildeten Personen und Kindern – nur nicht gerade mit Verrückten – an mir beobachten kann; daraus entspringt das ruhige Wohlwollen, das ich auch denjenigen entgegenbringe, die mir in früheren Jahren unwissentlich wehe getan haben; daraus erklärt sich auch der unvergleichlich hohe Wert, den ich auf Bekanntgabe meiner Denkwürdigkeiten lege. Denn sollte es mir damit gelingen, in anderen Menschen auch nur erhebliche Zweifel zu erwecken, ob es mir nicht doch vielleicht vergönnt gewesen sei, einen Blick hinter den dunklen Schleier zu werfen, der sonst das Jenseits den Augen der Menschen verhüllt, so würde meine Arbeit sicher zu den interessantesten Werken gezählt werden dürfen, die je geschrieben worden sind, seitdem die Welt besteht. Ich habe es mir nicht versagen mögen, vor dem Eingehen auf alle Einzelheiten meinen grundsätzlichen Standpunkt mit einiger Entschiedenheit zu betonen, da sowohl das Urteil, als die Gutachten mich etwas von oben herab behandeln zu können glauben – übrigens, wie ich meinerseits zugegeben habe, an und für sich nicht ganz mit Unrecht, da sie beide staatliche Autoritäten vertreten. Selbstverständlich habe ich mir aber zu sagen, daß ich vorläufig wenig Aussicht habe, diesem meinem grundsätzlichen Standpunkte bei anderen Menschen und namentlich bei der Entscheidung des gegenwärtigen Prozesses Geltung zu verschaffen. Ich habe es infolgedessen früher sogar für möglich und rätlich gehalten, jede Diskussion über meine angeblichen Sinnestäuschungen und Wahnideen von dem Streitstoffe des Prozesses, der die Anfechtung meiner Entmündigung zum Gegenstande hat, auszuscheiden; ich konnte mich der Befürchtung nicht entschlagen, – wie bereits in meiner Vorstellung an die Kgl. Anstaltsdirektion vom 24. März 1900 hervorgehoben – daß dadurch die Aufmerksamkeit des Gerichtes von der entscheidenden und eigentlich allein seiner Zuständigkeit unterliegenden Frage, ob ich die Fähigkeit zum vernünftigen Handeln im praktischen Leben besitze , abgelenkt werden würde. Neuerdings habe ich mich aber der Anerkennung nicht verschließen können, daß es ohne eine gewisse Würdigung meiner sogenannten Wahnideen oder meiner religiösen Vorstellungen nicht abgehen wird und zwar nicht nur nach der formalen Seite ihres logischen Zusammenhangs und geordneten Aufbaues, sondern bis zu einem gewissen Grade auch rücksichtlich der Frage, ob es irgendwie denkbar sei, daß meinem Wahnsysteme, wie man es nun einmal zu nennen beliebt, denn doch vielleicht etwas Wahres zugrunde liege. Ich muß anderen Menschen, insbesondere meinen Richtern gegenüber den Versuch machen, zwar nicht eigentlich sie zu meinem Wunderglauben zu bekehren – dies würde mir natürlich vorläufig nur in sehr beschränktem Maße gelingen können – wohl aber ihnen wenigstens im allgemeinen den Eindruck zu verschaffen, daß die in meinen »Denkwürdigkeiten« niedergelegten Erfahrungen und Betrachtungen denn doch nicht so ohne weiteres als eine quantité négligeable, als leere Phantastereien eines verwirrten Kopfes zu betrachten seien, die zum Gegenstande weiteren Nachdenkens und etwaiger Beobachtungen an meiner Person zu machen sich von vornherein gar nicht der Mühe verlohne. Nur so wird es mir vielleicht gelingen, dem Gerichte verständlich zu machen, daß kleinliche und sonst für Menschen bestimmende Erwägungen, wie die Rücksicht auf die Empfindlichkeit einzelner dritter Personen, die Scheu vor der Aufdeckung sogenannter Familiengeheimnisse, ja selbst die Furcht vor Strafe, nur in sehr beschränktem Maße bei mir Platz greifen dürfen, wenn es sich um die Erreichung eines heiligen Zweckes handelt, den ich geradezu als eine Lebensaufgabe zu betrachten habe. Ich werde daher in dem Folgenden eine Anzahl von Punkten anführen (und nach Befinden später unter Beweis stellen), mit denen ich die Wirklichkeit der von mir behaupteten Wunder zwar nicht geradezu beweisen, aber doch wenigstens insoweit glaubhaft machen zu können hoffe, daß man Bedenken tragen wird, die ganze Darstellung von vornherein als reinen Unsinn zu verwerfen, sondern die Möglichkeit zulassen wird, es könne die wissenschaftliche Welt daraus nach Befinden den Ausgangspunkt zu weiteren Nachforschungen entnehmen. Allerdings handelt es sich nur um einige wenige Punkte, die meist anscheinend ziemlich unbedeutende Äußerlichkeiten betreffen; denn es liegt nun einmal in der Natur der Sache, daß der unendlich überwiegende Teil der übersinnlichen Eindrücke, die ich in geradezu überwältigender Fülle empfange, nur mir zum Bewußtsein kommen und in irgendwelchen äußeren Spuren von anderen Menschen nicht wahrgenommen werden kann. Immerhin dürfte auch das wenige, das ich anführen will, geeignet sein, eine gewisse Verwunderung bei jedem unbefangen Urteilenden zu erregen. 1) An meinem Klavier ist im Laufe der Jahre eine ganz unverhältnismäßig große Menge von Klaviersaiten – wie ich behaupte durch Wunder – zersprungen . Es mögen wohl im ganzen 30–40 Stück gewesen sein; auf die genaue Zahl kommt es dabei nicht an; im Jahre 1897 allein hat die Rechnung für zersprungene Klaviersaiten 86 Mark betragen. Die Tatsache selbst wird der Prozeßgegner, die Kgl. Staatsanwaltschaft, vielleicht nicht bestreiten wollen; eventuell wäre ich in der Lage, dieselbe durch Berufung auf das Zeugnis meiner Frau, des Pflegers Möbius und der Musikalienhandlung C. A. Klemm in Dresden, sowie vielleicht auch eine gelegentliche bestätigende Äußerung in einem ferneren Gutachten der Kgl. Anstaltsdirektion zu beweisen. In betreff meiner Annahme, daß das Zerspringen unmöglich durch unvernünftiges Gebaren meinerseits (Lospauken auf das Klavier) veranlaßt worden sein könne, erlaube ich mir auf das im Kap. XII meiner Denkwürdigkeiten (etwa in der Mitte) Ausgeführte zu verweisen; um Wiederholungen zu vermeiden, bitte ich, das dort Gesagte nachlesen zu wollen. Daß niemand, selbst mit Anwendung äußerster Gewalt, mit bloßem Aufschlagen auf die Tasten des Klaviers die Saiten desselben zum Springen bringen kann, würde, wie ich überzeugt bin, jeder Sachverständige aus der Pianofortebranche bestätigen müssen, eventuell würde ich bitten, ein entsprechendes Gutachten zu erheben. Wenn dem so ist, wenn überhaupt der Fall, daß die Saiten eines Klaviers zerspringen, eine überaus große Seltenheit ist – mir ist es in meinem ganzen früheren Leben nie passiert, auch habe ich niemals davon gehört, daß anderen Menschen dergleichen begegnet wäre; in Konzertsälen kommt ähnliches bei grellen Temperaturschwankungen vielleicht in betreff der überspannten Saiten von Streichinstrumenten vor, aber auch da wohl kaum in betreff der Saiten eines Konzertflügels – wie erklärt sich dann die auffällig große Zahl der gerade an meinem Klavier vorgekommenen derartigen Zerstörungen? Läßt sich überhaupt eine natürliche Entstehungsursache hierfür denken? 2) Eine überaus auffällige Erscheinung müssen für meine ganze Umgebung die bereits seit einer Reihe von Jahren – nicht in den ersten Jahren meiner Krankheit – in großer Häufigkeit bei mir eintretenden sogenannten Brüllzustände sein. Das Wesen derselben habe ich bereits in meiner Vorstellung an die Kgl. Anstaltsdirektion vom 24. März 1900 dahin bezeichnet, daß meine dem Atmungsvorgang dienenden Muskeln (also wohl die Lungen- und Brustmuskeln) durch göttliches Wunder unmittelbar dergestalt in Bewegung gesetzt werden, daß ich genötigt bin, den Brüllaut oder Schrei auszustoßen, sofern ich nicht ganz besondere Mühe darauf verwende, denselben zu unterdrücken, was bei der Plötzlichkeit des gegebenen Impulses nicht immer möglich ist oder doch nur bei unablässig auf diesen Punkt gerichteter Aufmerksamkeit möglich sein würde. Hinsichtlich des Zwecks, der meiner Auffassung nach mit diesem Wunder verfolgt wird, bitte ich, das in meinen Denkwürdigkeiten Kap XV etwa im ersten Dritteil ad 3 gesagte nachlesen zu wollen. Daß das Brüllen weder von mir simuliert, noch willkürlich provoziert wird – ich empfinde es ja selbst als eine schwer erträgliche Belästigung – wird augenscheinlich auch von dem Herrn Sachverständigen nicht bezweifelt (vergl. das neuere Gutachten Seite 28 und 31 der mir vorliegenden Abschrift); er erkennt an, daß es mir oft die größte Anstrengung kostet, mich des Ausstoßens der Brüllaute zu enthalten und daß die lärmenden Ausbrüche sich durchaus gegen meinen Willen automatisch und zwangsmäßig vollziehen. Ich muß nun die Frage aufwerfen: Hat die Wissenschaft für die ganze Erscheinung eine irgendwie befriedigende Erklärung? Ist in den Annalen der Psychiatrie irgendein Fall erhört, daß bei einem Menschen , der an der bei mir angenommenen Form von Geisteskrankheit (Paranoia) leidet, der aber, wie gleichzeitig anerkannt wird, durch hohe Intelligenz, ungetrübte Besonnenheit, taktvolles und dezentes Verhalten in geselliger Unterhaltung, ethisch richtige Auffassung usw. sich auszeichnet, dessen ganze Natur eine Neigung zur Roheit in keiner Weise erkennen läßt, derartige automatisch veranlaßte laute Ausbrüche oder Brüllzustände – die der Herr Sachverständige, wenn sie in milderer Form auftreten, als Brummen, Räuspern und kurzes Auflachen bezeichnet – beobachtet worden sind ? Mir stehen natürlich die Erfahrungen, die an anderen Geisteskranken gemacht worden sind, nicht ausreichend zu Gebote, ich gehe aber von der Voraussetzung aus, daß die aufgeworfenen Fragen Unbedingt zu verneinen sind. Wenn diese Voraussetzung zutrifft, so lege ich Wert darauf, eine Bestätigung durch Vervollständigung des Gutachtens zu erhalten. Ich erwarte selbstverständlich nicht, daß der Herr Sachverständige positiv meine Erklärung der Erscheinung, wonach dieselbe auf Wundern beruht, sich aneignen solle, aber schon die Negative , daß es sich insoweit um einen ganz eigenartigen Fall, um ein Unikum auf dem Gebiete der psychiatrischen Erfahrung handle, würde nach meinem Dafürhalten auf die Beurteilung meines Falles nicht ohne Einfluß bleiben können, insofern danach allerdings bis zu einem gewissen Grade glaubhaft gemacht wäre, daß man bei mir wenigstens an die Möglichkeit der Einwirkung übernatürlicher Kräfte zu denken hätte. Dieser Gesichtspunkt würde um so beachtlicher erscheinen, wenn der Herr Sachverständige ferner zu bestätigen hätte, daß die Brüllzustände fast niemals eintreten, wenn ich mich in lauter Unterhaltung in gebildeter Gesellschaft oder außerhalb der Anstalt auf Dampfschiffen, Eisenbahnen, öffentlichen Orten, den Straßen der Stadt usw. bewege, sondern in der Hauptsache nur dann zu beobachten sind, wenn ich auf meinem Zimmer allein bin oder im Anstaltsgarten unter lauter Verrückten verweile, mit denen eine Unterhaltung nicht wohl möglich ist. Müßte die Wissenschaft bekennen, daß es ihr auch hierfür an einer ausreichenden Erklärung mangle, so würde man wohl nicht umhin können, meiner Darlegung der Sachbewandtnis eine gewisse Beachtung zu schenken. Danach handelt es sich eben um Wunder; die sämtlichen Erscheinungen erklären sich einfach daraus, daß die Strahlen (mit anderen Worten Gott) in der Regel nur dann einen Rückzug von mir zu nehmen sich versucht fühlen, wenn das Nichtsdenken bei mir Platz greift und wenn auch irgendwelche die Strahlen besonders anziehende Augeneindrücke bei mir nicht zu haben sind. An solchen Augeneindrücken wird es z. B. bei Ausgängen in die Straßen der Stadt, wo ich Schauläden besehen kann, wo jeder Zeit eine größere Anzahl anderer, insbesondere weiblicher Personen verkehren usw., niemals fehlen (vgl. wegen des näheren meine Denkwürdigkeiten, Kap. XV im ersten Dritteil, sowie die Nachträge zu diesen Denkwürdigkeiten unter III und V, nicht allzuweit vom Eingang des letzteren Abschnitts entfernt). 3) In dem neueren Gutachten (Seite 28 ff. der mir vorliegenden Abschrift) wird festgestellt, – was ich mit gewissen Vorbehalten vollkommen unterschreibe –, daß ich zuweilen selbst während der Tischzeit »präokkupiert« erscheine, starr vor mich hinsehe (richtiger mit geschlossenen Augen dasitze), in eigentümlicher Weise »grimassiere« und namentlich bemüht sei, die Augenlider in die Höhe zu schieben, womit doch eben anerkannt wird, daß dieselben vorher geschlossen gewesen seien und wobei übrigens auch der Herr Sachverständige wohl nicht sagen will, daß das Heraufschieben der Augenlider mit den Händen, sondern unter Anwendung der in den Augenlidern enthaltenen Muskelkraft geschehe. Der Herr Sachverständige behandelt diese »halluzinatorischen Vorgänge« und die sich daran anschließende »auffällige Reaktion« nur unter dem Gesichtspunkte, inwieweit die in Rede stehenden »pathologischen Vorgänge« in gesellschaftlicher Beziehung als eine Störung empfunden werden. Für mich haben dieselben eine ungleich wichtigere Bedeutung als auch für andere Menschen wahrnehmbare Anzeichen , daß meine ganze Muskulatur gewissen Einflüssen unterliegt, die nur einer von außen wirkenden Kraft m. a. W. göttlichen Wundern zugeschrieben werden können. Ich könnte dabei dem von dem Herrn Sachverständigen hervorgehobenen noch manches andere hinzufügen, z. B. daß zuweilen eine nur auf Minuten andauernde Schwerhörigkeit bei mir eintritt, daß zu gewissen Zeiten, auch wenn ich mich ganz ruhig verhalte, eine hochgradige Atembeschleunigung sich einstellt, so daß ich förmlich nach Luft schnappe, dabei gleichzeitig der Mund in ganz unnatürlicher Weise aufgesperrt wird usw. usw. Alle diese Dinge können von jedermann, der mich aufmerksam beobachtet, wahrgenommen werden; es kostet mich daher allerdings zuweilen eine enorme geistige Anstrengung, um mich an geselliger Unterhaltung zumal in möglichst unbefangener und launiger Weise zu beteiligen; denn kein Mensch hat eine Vorstellung davon, was für Dinge dabei gleichzeitig in meinem Kopfe und an meinem ganzen Körper vorgehen. Nun ist es mir zwar nicht unbekannt, daß Halluzinationen, d. h. Gehörsreize, nach welchen irgendwelche Stimmen vernommen werden und konvulsivische Zuckungen, d. h. krampfhafte Zusammenziehungen der Muskulatur, insbesondere der Gesichtsmuskeln, als Begleiterscheinungen einer krankhaften Nervenverfassung nicht gerade zu den Seltenheiten gehören. Ich glaube aber behaupten und auf eine Bestätigung durch sachverständiges Gutachten dafür rechnen zu dürfen, daß die bei mir vorkommenden betreffenden Erscheinungen so auffällige Abweichungen von dem sonst Beobachteten aufweisen, daß es kaum abweislich sein wird, sie auch der Ursache nach für etwas spezifisch Verschiedenes anzusehen. Über die bei mir vorkommenden Halluzinationen habe ich unter IV der Nachträge zu meinen Denkwürdigkeiten ausführlich gehandelt, wo ich das Nähere in dem gegenwärtigen Zusammenhange nachzulesen bitte. Aus dem Gutachten des Herrn Sachverständigen entnehme ich nun mit einiger Befriedigung, daß auch dieser den bei mir auftretenden Halluzinationen eine gewisse Realität insofern beimißt, als derselbe offenbar nicht bezweifelt, daß die in meinen Denkwürdigkeiten beschriebenen »Stimmen« in der Tat von mir vernommen werden. Nur darüber besteht also Meinungsverschiedenheit, ob die subjektive Empfindung des Hörens von Stimmen nur durch ein krankhaftes Funktionieren meiner eigenen Nerven veranlaßt ist oder eine äußere Ursache auf dieselben einwirkt m. a. W. ob der Klang der Stimmen sozusagen mir nur von meinen eigenen Nerven vorgegaukelt wird, oder ob irgendein außerhalb meines Körpers befindliches Wesen in der Form der Stimmen auf mich einspricht. Ganz entsprechend ist auch in betreff des »Grimassierens«, der Gesichtsverzerrungen, des Schließens der Augen usw. die Frage aufzuwerfen, ob es sich nur um durch die krankhafte Verfassung meiner Nerven bedingte Muskelzusammenziehungen handelt oder ein außerhalb meines Körpers wirkender Anstoß vorhanden ist. An und für sich steht hier Behauptung gegen Behauptung . Der Rationalismus wird selbstverständlich die Möglichkeit eines auf göttlichen Wundern beruhenden äußeren Anstoßes von vornherein bestreiten. Allein glücklicher Weise ist doch der Rationalismus für den, um mit Goethe zu reden, »Dasjenige, was er nicht rechnet, auch nicht wahr ist«, fast nirgends in der Wissenschaft die allein herrschende Richtung. Für mich aber, der ich die Wunder nicht beweisen, sondern andere Menschen nur in die Stimmung versetzen will, an die Möglichkeit übernatürlicher Einflüsse in betreff meiner Person zu denken, würde es genügen, wenn der Herr Sachverständige zu bestätigen hätte, daß die in Rede stehenden Erscheinungen auch hier in meinem Falle ein ganz eigenartiges, von demjenigen, was sonst durch die wissenschaftliche Erfahrung bekannt ist, abweichendes Gepräge an sich tragen. Ich setze voraus, daß Halluzinationen der von mir beschriebenen Art, insbesondere ununterbrochen redende, durch keinerlei geistige Ablenkung zum Schweigen zu bringende Stimmen etwas sonst völlig Unerhörtes sind, ebenso daß Muskelkontraktionen, welche den Patienten gegen seinen Willen, (wie auch der Herr Sachverständige anerkennt) zum Schließen der Augen, zum Ausstoßen der Brüllaute usw. nötigten, zu gewissen Zeiten eine auffällige Atembeschleunigung selbst bei ganz ruhigem Verhalten verursachten usw., außer in meinem Falle noch niemals beobachtet worden sind. Auch diese Voraussetzung möchte ich, wenn man nicht in der Lage ist, sie als unrichtig zu bezeichnen, durch eine ausdrückliche gutachtliche Äußerung bestätigt sehen. Von besonderem Wert würde es mir dabei sein, wenn der Herr Sachverständige namentlich auch zu bestätigen hätte, daß das – gegen meinen Willen erfolgende – Schließen der Augen regelmäßig unverzüglich eintritt, sobald ich nach Beteiligung an einer lauten Unterhaltung mich dem Schweigen hingebe, mit anderen Worten das Nichtsdenken bei mir Platz greift. 4) An meinem Körper sind, wie ich überzeugt bin, gewisse, nach der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erfahrung durchaus unerklärliche Erscheinungen zu beobachten; ich würde nach Befinden in Aussicht nehmen, zur Konstatierung dieses Umstandes eine körperliche Untersuchung durch die Ärzte der hiesigen Anstalt oder andere Ärzte, vielleicht unter Anwendung von Röntgenstrahlen, falls dies tunlich, zu beantragen. Es handelt sich dabei zwar nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich um die sogenannten Wollustnerven, über die ich mich in Kap. XXI meiner Denkwürdigkeiten ausführlich verbreitet habe. Allerdings findet sich in dem neueren Gutachten des Herrn Sachverständigen (Seite 22 der mir vorliegenden Abschrift) ein Passus, worin es heißt, »ich glaubte Wollustnerven in einer dem weiblichen Körper entsprechenden Weise zu fühlen, obwohl die Wissenschaft eine derartige Verbreitung von Wollustnerven nicht anerkenne.« Allein ich vermag nicht deutlich zu erkennen, ob der Herr Sachverständige damit nur meine bezüglichen Äußerungen hat referieren oder es als seine Ansicht hat bezeichnen wollen, daß die Wissenschaft die Existenz besonderer Wollustnerven, die im weiblichen Körper eine andere Verbreitung als im männlichen Körper aufwiesen, nicht anerkenne. Jedenfalls scheint es sich mir dabei um einen für die Sache selbst bedeutungslosen Wortstreit zu handeln. Denn das wird wohl auch der Herr Sachverständige nicht bezweifeln wollen – wenigstens habe ich ihn gelegentlich einer mündlichen Unterhaltung so verstanden und erachte es auch sonst als eine wissenschaftlich anerkannt Tatsache –, daß das Nervensystem des weiblichen Geschlechtes gewisse mit der Wollustempfindung zusammenhängende Eigentümlichkeiten am ganzen Körper und namentlich am Busen in ganz anderer Weise aufzeigt, als beim männlichen Geschlechte. Etwaige Erläuterungsfragen in dieser Beziehung würden folgende sein: Worauf beruht denn überhaupt die physiologische Eigentümlichkeit des weiblichen Busens, insbesondere dessen Anschwellung in den Jahren der beginnenden Mannbarkeit? Handelt es sich dabei nur um eine Verstärkung der Muskulatur, Anhäufung von Fett und dergleichen oder ist nicht vielmehr das wesentliche in einer von derjenigen des männlichen Geschlechts spezifisch verschiedenen Entwicklung des Nervensystems am weiblichen Busen zu finden? Mit welchem Namen man diese Eigentümlichkeiten belegt, ist wohl gleichgültig; sollte ich als Laie in der Nervenlehre daher nur in der Wahl des Ausdrucks fehlgegriffen haben, so würde darauf wohl an und für sich nicht viel ankommen. Ich behaupte also, daß an meinem Körper, namentlich am Busen durchaus die dem weiblichen Körper entsprechenden Eigentümlichkeiten des Nervensystems vorhanden sind und bin überzeugt, daß eine körperliche Untersuchung dies bestätigen würde. Welche Folgerungen daraus abzuleiten sein würden, ist in Kap. XXI meiner Denkwürdigkeiten des Näheren ausgeführt. Übrigens will ich zur Vermeidung von Mißverständnissen gleich hier bemerken, (worauf ich später noch näher zurückkomme), daß ich die in Rede stehende Untersuchung nur für die Zwecke des gegenwärtigen Prozesses , d.h. um die Aufhebung meiner Entmündigung zu erreichen, beantragen würde. Sobald ich die Aufhebung meiner Entmündigung erreicht hätte, würde ich eine entsprechende Untersuchung berufenen Fachmännern zwar auf Wunsch gestatten , niemals aber meinerseits veranlassen und noch weniger auch nur einen Groschen meines Vermögens dafür ausgeben. 5) Der Herr Sachverständige erkennt an (Seite 9 des neueren Gutachtens in der mir vorliegenden Abschrift), daß die »Emanationen meines krankhaft veränderten psychischen Geschehens« nicht, wie so häufig in ähnlichen Fällen ärmlich und monoton sind, sondern als ein phantastisch gestaltetes, verwickeltes und von den gewöhnlichen Gedankengängen überaus abweichendes Ideengebilde sich darstellen. An diese Bemerkung anknüpfend, fasse ich den Plan ins Auge, meine Denkwürdigkeiten der Begutachtung von Sachverständigen aus anderen Gebieten der Erfahrung, insbesondere von Theologen und Philosophen unterbreiten zu lassen. Es würde dies zu einem doppelten Zwecke geschehen, einmal um den Richtern die Überzeugung zu verschaffen, daß meine »Denkwürdigkeiten«, so fremdartig auch vieles darin berühren mag, doch für weitere wissenschaftliche Kreise als eine beachtliche Anregung für die Forschung auf einem bisher äußerst dunklen Gebiete in Betracht kommen könnten und damit begreiflich zu machen, wie lebhaft ich den Wunsch nach einer Veröffentlichung empfinden muß. Sodann würde ich eine gutachtliche Äußerung von Männern der Wissenschaft aus den bezeichneten Erfahrungsgebieten für wertvoll erachten, ob es irgendwie wahrscheinlich, ja auch nur psychologisch denkbar sei, daß ein Mensch von so durchaus kühler und nüchterner verstandesmäßiger Veranlagung, wie ich es nach dem Zeugnis aller derjenigen, die mich in meinem früheren Leben gekannt haben, gewesen bin, und zudem ein Mensch, der, wie bereits im Eingang von Kap. VI meiner Denkwürdigkeiten hervorgehoben, vor seiner Erkrankung einen festen Glauben an Gott und die Unsterblichkeit der Seele gar nicht gehabt hat , das ganze verwickelte Ideengebilde mit seiner Unmasse tatsächlicher Einzelheiten (z.B. über die Sprache der Seelen, über die Seelenauffassung Kap. I und Kap. XII der Denkwürdigkeiten usw. usw.) sozusagen aus den Fingern gesogen haben sollte , ob sich nicht vielmehr von selbst der Gedanke aufdränge, daß ein Mensch, der etwas derartiges zu schreiben vermöge, und dabei zu so ganz eigenartigen Vorstellungen über das Wesen Gottes und der Fortdauer der Seele nach dem Tode gelange, in der Tat irgendwelche besondere Erfahrungen und besondere Eindrücke gehabt haben müsse, die anderen Menschen verschlossen seien. Ich will den Antrag auf Erhebung eines Gutachtens in der vorstehend bezeichneten Art vorläufig noch nicht gerade in aller Form gestellt haben. Denn ich kann mir nicht verhehlen, daß dadurch ein sehr bedeutender Aufwand an Zeit und Kosten veranlaßt werden würde. Sollte daher das Berufungsgericht ohnedies zu einer Aufhebung der Entmündigung gelangen, so wäre mir dies selbstverständlich lieber. Für den Fall aber, daß hierzu Neigung nicht vorhanden sein sollte – worüber mich der Eindruck der mündlichen Verhandlung, der ich wenigstens in einigen Terminen persönlich beiwohnen zu können hoffe, wohl einigermaßen orientieren wird – würde ich mir vorbehalten, einen entsprechenden Antrag zu stellen. * Alles, was in dem Vorstehenden entwickelt worden ist, hat eigentlich nur die Bedeutung einer Arabeske in betreff der den Kern der zu fällenden Entscheidung bildenden Frage, ob ich infolge der bei mir angenommenen Geisteskrankheit der Fähigkeit, meiner Angelegenheiten zu besorgen, ermangle. Indem ich mich nunmehr dieser Frage zuwende, habe ich zunächst mit Rücksicht auf die in dem Gutachten enthaltene Charakterisierung meiner Persönlichkeit noch einige Bemerkungen vorauszuschicken. Ich habe mit Dank anzuerkennen, daß der Herr Sachverständige offenbar mit einem gewissen Wohlwollen bemüht gewesen ist, meiner gesamten Individualität gerecht zu werden; ich bin ihm ferner Dank dafür schuldig, daß er sich die Mühe nicht hat verdrießen lassen, meinen »Denkwürdigkeiten« ein eingehendes Studium zu widmen, welches ihn befähigt hat, in dem Gutachten einen im wesentlichen zutreffenden Auszug wenigstens in betreff einiger der wichtigeren Gedankengänge desselben zu geben. Daß hierbei einzelne kleine Ungenauigkeiten und Mißverständnisse untergelaufen sind, konnte bei der Sprödigkeit des Stoffes nicht wohl vermieden werden; ich brauche hierauf nicht näher einzugehen, weil die gerichtliche Entscheidung schwerlich davon in irgendwelcher Weise beeinflußt werden wird. Im allgemeinen glaube ich behaupten zu dürfen, daß der Herr Sachverständige mich eigentlich erst seit Jahresfrist , d.h. seitdem ich regelmäßig an den Mahlzeiten seiner Familie teilnehme, wirklich kennengelernt hat und daß sein Urteil über mich, nachdem dieser Verkehr ein weiteres halbes Jahr fortgesetzt worden ist, jetzt schon wieder wesentlich günstiger lauten würde, als noch zur Zeit der Abfassung des letzten Gutachtens. Vor jener Zeit (d.h. etwa vor Ostern 1900) hat der Herr Sachverständige, ich möchte sagen, nur die pathologische Hülle kennengelernt, die mein wahres Geistesleben verdeckte. Es soll aus diesen Worten durchaus nichts herausklingen, was als ein Vorwurf in betreff der mir früher in der Anstalt zuteil gewordenen Behandlung aufgefaßt werden könnte. Ich gebe zu, daß ich während der ersten Jahre meines hiesigen Aufenthaltes (wennschon es sich auch dabei nur um einen täuschenden Schein handelte) den Eindruck eines stumpfsinnigen Menschen machen konnte, der für geselligen Verkehr nicht zu brauchen war. Ich finde es auch verständlich, daß die Ärzte das Urteil, das sie sich hiernach einmal über mich gebildet haben mochten, noch Jahre lang festgehalten haben, nachdem mein Verhalten längst in vielen Beziehungen auf eine eingetretene Veränderung meiner geistigen Verfassung hinwies. Es ist nun einmal in einer großen Anstalt nicht möglich, jedem einzelnen Patienten eine unausgesetzte Beobachtung in allen Einzelheiten zu widmen und bei der Verschlossenheit, die ich in den ersten Jahren meines hiesigen Aufenthaltes zeigte, mochte es in der Tat schwer sein, sich von meinem geistigen Leben allenthalben eine richtige Vorstellung zu machen. Auf der anderen Seite ist es aber doch auch nicht ganz richtig, wenn in dem Gutachten (Seite 7 der mir vorliegenden Abschrift) bemerkt ist, ich hätte »bis dahin«, d. h. bis zur Einforderung des neueren Gutachtens (Juni 1900), keine Neigung bezeigt, mich außerhalb der Anstalt zu bewegen und es hätte erst allmählich der Wunsch in mir »angeregt« werden müssen, mich der Außenwelt wieder zu nähern. Hier liegt denn doch wohl ein kleiner Gedächtnisfehler vor. Denn ich bin in der Lage, aktenmäßig nachzuweisen, daß ich bereits in einem unter dem 8. Oktober 1899 meinem Zustandsvormund, Herrn Amtsgerichtspräsident Schmidt, bei Gelegenheit eines Besuches persönlich übergebenen Exposé mich darüber beklagt habe, daß ich seit 5 Jahren nicht einmal zu kleineren Spaziergängen, wie viele andere Patienten, aus den Anstaltsmauern herausgekommen sei. Dieses Exposé habe ich, um ganz loyal zu sein, Herrn Geh. Rat Weber mittelst Briefs vom 27. November 1899 abschriftlich überreicht. Nichtsdestoweniger hat es auch danach noch 4–6 Monate gedauert, ehe ich zum ersten Male zu den Mahlzeiten an der Familientafel zugezogen worden bin und das Angebot eines Ausflugs außerhalb der Anstalt (mittelst Wagenfahrt) erhalten habe. Ich wiederhole, daß die Absicht von Rekriminationen für die Vergangenheit mir durchaus fern liegt; allein ich kann doch auch die Behauptung nicht unwidersprochen lassen, daß es nur an mir gelegen habe, wenn man mich nicht schon früher als einen Menschen kennengelernt habe, der im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte in jeder anständigen Gesellschaft sich angemessen zu betragen wisse. Nach meiner Auffassung wäre dies mindestens schon seit dem Beginn des Jahres 1897 recht wohl möglich gewesen . Jedenfalls ist der Herr Sachverständige nach dem in dem Gutachten (Seite 27 der mir vorliegenden Abschrift) hierüber bemerkten jetzt selbst zu der Überzeugung gelangt, daß kein wesentliches Bedenken vorhanden sei, mich an jedem beliebigen geselligen Verkehr, sowie an Veranstaltungen, bei denen Menschen in größerer Anzahl versammelt sind, wie Theater, Kirche usw. teilnehmen zu lassen. Die pathologischen Vorgänge (Grimassieren, Räuspern und dergleichen), die auch hierbei zuweilen zu beobachten sind, sind, wie die Erfahrung gelehrt hat, keinesfalls von solcher Beschaffenheit, daß dadurch andere Menschen wesentlich belästigt werden könnten. An die Schilderung meines Verhaltens in gesellschaftlicher Beziehung hat der Herr Sachverständige eine weitere Ausführung angeschlossen, mit welcher er sich in einem gewissen Gegensatz zum Amtsgerichte Dresden gesetzt hat, welches mich in seinem Beschlusse vom 13. März 1900 für befähigt erachtet hatte, die schwierigste Verhandlung zu leiten, ein Urteil in einwandfreiester Form zu entwerfen usw. Ich bin mit dem Herrn Sachverständigen vollkommen darin einverstanden, daß das von dem Kgl. Amtsgerichte Dresden hierunter gesagte einer gewissen Einschränkung bedarf, möchte aber noch etwas deutlicher, als in dem Gutachten geschehen, hervorheben, worin die Einschränkung zu bestehen hat. Ich gebe also meine Auffassung dahin zu erkennen, daß ich im schriftlichen Gedankenausdruck mich auch jetzt noch jeder Anforderung, die mein früherer Beruf als Richter bei einem höheren Gerichtshofe an mich gestellt haben würde, gewachsen glaube; ich würde mir auch jetzt noch die Fähigkeit zutrauen, jedes Urteil und jede sonst im richterlichen Berufe vorkommende schriftliche Arbeit in einer selbst ziemlich hoch gesteigerten Ansprüchen genügenden Weise zu entwerfen. Denn dem schriftlichen Gedankenausdruck gegenüber erweisen sich alle Wunder machtlos; die auch hierbei ab und zu versuchte Fingerlähmung erschwert zwar das Schreiben etwas, macht es aber keinesfalls unmöglich, und die Versuche, meine Gedanken zu zerstreuen, werden beim schriftlichen Gedankenausdruck, wo man hinreichende Zeit hat, den Geist zu sammeln, leicht überwunden. Dasjenige, was ich geschrieben habe, hat daher, seit mir überhaupt wieder Schreibmaterial zur Verfügung gestellt war und ich Neigung zum Schreiben an den Tag legte, jederzeit, auch in den ersten Jahren meiner Krankheit, den geistig vollkommen klaren Menschen erkennen lassen. Etwas anders gestaltet sich aber allerdings die Sache für den mündlichen Gedankenausdruck. Hier wirken die an meinen Atmungsorganen und an meinen Sprachwerkzeugen geübten Wunder, in Verbindung mit der Gedankenzerstreuung überaus störend. Da gleichzeitig auch die Präokkupation durch Halluzinationen – das Hören von Stimmen – fortdauert, so pflichte ich dem Herrn Sachverständigen darin bei, daß eine so intensive Konzentration des Geistes, wie sie die Leitung einer gerichtlichen Verhandlung, die Teilnahme an gerichtlichen Beratungen usw. erfordert, mir nur sehr schwer möglich sein wird. Es handelt sich aber demnach nicht eigentlich um einen Mangel des Intellektes, sondern um gewisse, den prompten mündlichen Gedankenausdruck erschwerende Einwirkungen, die nach meiner Auffassung auf Wundern, nach derjenigen des Herrn Sachverständigen auf rein pathologischen Vorgängen beruhen. Soviel zur Ergänzung des Gesamtbildes meiner geistigen Persönlichkeit, das der Herr Sachverständige in seinem Gutachten gegeben hat. Es ist also nun die Frage zu beantworten, ob die bei mir angenommene Geisteskrankheit mich unfähig erscheinen lasse, meine Angelegenheiten zu besorgen, das heißt im praktischen Leben vernünftig zu handeln. In dieser Beziehung möchte ich zunächst wieder die Bemerkung vorausschicken, daß nach meinem Dafürhalten eigentlich den Gegner, die Kgl. Staatsanwaltschaft, die Beweislast trifft. Denn da das Gesetz nicht Geisteskrankheit schlechthin als Grund für die Entmündigung anerkennt, sondern eine Geisteskrankheit von solcher Beschaffenheit voraussetzt, welche den Erfolg hat, den Betreffenden an verständiger Besorgung seiner Angelegenheiten zu verhindern, so dürfte streng genommen demjenigen, der die Entmündigung beantragt, obliegen, dem Richter die hierzu erforderlichen tatsächlichen Anhaltspunkte zu liefern. Demnach ist es mit vagen Befürchtungen, mit allgemeinen Redewendungen, es sei »vollkommen unberechenbar«, ob ich bei Rückgabe der freien Verfügung über meine Person und mein Vermögen durch meine Wahnideen und Sinnestäuschungen nicht zu irgendwelchen unvernünftigen Handlungen veranlaßt werden könne, denn doch wohl nicht getan, um einen Menschen von dem hohen geistigen und sittlichen Niveau, den man auf der anderen Seite in mir anzuerkennen genötigt ist, in rechtlicher Beziehung einem Kinde unter sieben Jahren gleichzustellen. Es hätte vielmehr an der Hand der tatsächlichen Erfahrung namentlich aus den letzten Jahren nachgewiesen werden müssen, daß und in welcher Beziehung eine Neigung zu unvernünftigem Handeln infolge meiner Wahnideen und Sinnestäuschungen bei mir hervorgetreten sei. Nun ist es ja richtig, daß die Gelegenheit, derartige Erfahrungen zu sammeln, bei einem in einer Anstalt Definierten nicht in so reichlichem Maße vorhanden ist, wie bei demjenigen, der sich auf freiem Fuße befindet. Allein einesteils ist es doch nicht meine Schuld, daß ich noch Jahre hindurch unter Entziehung von Ausgängen in der Anstalt festgehalten worden bin, nachdem der eigentliche Grund, die Sicherung gegen mir selbst oder anderen Menschen drohende Gefahren, weggefallen war, und andernteils hat die mir seit über Jahresfrist eingeräumte größere Freiheit der Bewegung meines Erachtens denn doch ausreichende Anhaltspunkte geliefert, daß irgendwelche unvernünftige Handlungen bei vollständiger Rückgabe der freien Verfügung über meine Person und mein Vermögen nicht von mir zu besorgen sein würden. Ich habe seitdem in Hunderten von Fällen die Mahlzeiten an der Familientafel des Anstaltsvorstands eingenommen, auf kleineren und größeren Ausflügen teils zu Fuß, teils mit Benutzung der Dampfschiffe und Eisenbahnen, an öffentlichen Vergnügungsorten, in Geschäftslokalen, in Kirche, Theater und Konzerten, nicht ganz selten ohne jegliche Begleitung durch einen Pfleger der Anstalt mich bewegt, mich dabei auch in der Regel im Besitze einer gewissen, wenn auch bescheidenen Barschaft befunden. Nie wird jemand bei allen diesen Gelegenheiten auch nur das geringste Anzeichen unvernünftiger Handlungsweise bei mir wahrgenommen haben. Es ist mir nicht eingefallen, anderen Personen jemals mit Kundgebung meiner Wahnideen und Sinnestäuschungen lästig zu fallen; ich glaube zum Beispiel behaupten zu dürfen, daß die Damen an der Familientafel des Anstaltsvorstandes, wenn sie nicht zufällig auf anderem Wege Kenntnis davon erlangt haben sollten, auch nicht die leiseste Ahnung von dem Bestehen dieser Wahnideen und Sinnestäuschungen haben werden. Daß ich meiner Frau und meinen Verwandten gegenüber teils mündlich, teils schriftlich zuweilen darüber Andeutungen gemacht habe, ist richtig. Dies wird aber wohl hinreichend gerechtfertigt durch die innige Lebensgemeinschaft, welche zwischen Eheleuten und nahen Angehörigen bestehen soll und welche es nicht gestatten würde, dem anderen Teile alles vorzuenthalten, was das Gefühls- und Geistesleben erfüllt. Auch hier sind überdies die Mitteilungen niemals in aufdringlicher Weise, sondern meist nur auf besonderes Zufragen erfolgt. Das einzige, was in den Augen anderer Menschen als etwas Unvernünftiges gelten kann, ist der auch von dem Herrn Sachverständigen berührte Umstand, daß ich zuweilen mit etwas weiblichem Zierrat (Bändern, unechten Ketten und dergl.) bei halbentblößtem Oberkörper vor dem Spiegel stehend oder sonst angetroffen wurde. Es geschieht dies übrigens nur im Alleinsein, niemals wenigstens, soweit ich es vermeiden kann, zu Angesicht anderer Personen. Die geringen, dazu erforderlichen Anschaffungen (auch etwas Nähzeug und dergleichen), die mir zumeist durch Anstaltsbeamte selbst versorgt worden sind, haben kaum etwas mehr als einige Mark gekostet und kommen daher unter rein finanziellem Gesichtspunkte sicher nicht weiter in Betracht. Zu dem geschilderten Verhalten, so läppisch oder gar verächtlich es vielleicht anderen Menschen erscheinen mag, habe ich nun aber meine sehr guten und gewichtigen Gründe . Ich erziele damit in den Zeiten, wo ich der geistigen Ruhe bedarf – und man kann doch nun einmal nicht den ganzen Tag Klavierspielen, Lesen, Schreiben oder sich sonst geistig beschäftigen – eine erhebliche Mäßigung der sonst für mich und meine Umgebung so überaus lästigen Brüllzustände . Der Zusammenhang wird anderen Menschen nicht ohne weiteres einleuchtend sein; wer sich dafür interessieren sollte, könnte das nähere in Kap. XXI meiner »Denkwürdigkeiten« nachlesen. Für mich ist jedenfalls der angegebene Umstand durch mehrjährige Erfahrung unzweifelhaft bestätigt, so daß ich also insoweit das Urteil anderer Menschen, ob die betreffenden Vornahmen zweckmäßig oder unzweckmäßig seien, nicht anerkennen kann. Allein auch wer, wie ich es natürlich bei anderen Menschen voraussetzen muß, davon ausgeht, daß dieser Vorteil nur in meiner Einbildung beruhe, würde schlimmsten Falles in dem bezeichneten Gebaren doch nur eine unverständliche Schrulle erblicken können, der das Prädikat der absolutesten Harmlosigkeit – außer etwa im Verhältnisse zu meiner Frau, worauf ich noch näher zurückkomme – nicht versagt werden könnte, weil sie weder für mich, noch für andere Personen mit irgendwelchen Nachteilen verbunden ist. Von einer Erkältungsgefahr, deren der Herr Sachverständige als möglich gedenkt, ist dabei sicher unter gewöhnlichen Zimmertemperaturverhältnissen nicht die Rede, wie das Beispiel dekolletierter Damen zur Genüge beweisen dürfte. Die vorstehend besprochene Anlegung weiblichen Zierrats usw. hat offenbar die Auffassung sowohl des Gutachtens, als des Urteils in Betreff meiner Person in ziemlich erheblicher Weise beeinflußt; ich habe daher auch meinerseits etwas länger dabei verweilen müssen. Es ist dies aber nun eben auch der einzige Punkt, bezüglich dessen mit einigem Recht gesagt werden kann und künftig vielleicht noch gesagt werden könnte, daß mein Verhalten der Außenwelt und insbesondere anderen Menschen gegenüber einer Beeinflussung durch meine Wahnideen und Sinnestäuschungen unterliege. Und damit komme ich auf denjenigen Satz des Gutachtens, der meines Erachtens die Hauptstütze desselben und eben deshalb auch für mich den Hauptgegenstand der Anfechtung bildet. Der Herr Sachverständige sagt auf der viertletzten Seite des Gutachtens in der mir vorliegenden Abschrift: »Das wichtigste Moment bei der Beurteilung der Handlungsfähigkeit des Patienten bleibt immer die Tatsache, daß pp. alles dasjenige, was der objektiven Betrachtung als Wahnideen und Sinnestäuschung sich darstellt, für ihn (a) unumstößliche Gewißheit und (b) vollberechtigtes Motiv zum Handeln ist.« Von dieser These habe ich den ersten Teil (ad a), daß mein sog. Wahnsystem unumstößliche Gewißheit für mich sei, ebenso entschieden mit »Ja« zu bestätigen, als ich dem zweiten Teil (ad b), daß meine Wahnideen für mich vollberechtigtes Motiv zum Handeln seien, in der denkbar bestimmtesten Form ein »Nein« entgegenzusetzen habe. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« könnte ich insoweit mit Jesus Christus sagen; meine sogenannten Wahnideen beziehen sich nur auf Gott und das Jenseits, sie können daher auf mein Verhalten in allen irdischen Angelegenheiten, wenn ich einmal diesen Ausdruck brauchen darf – abgesehen von der bereits erwähnten Schrulle, bei der es sich übrigens auch um einen Gott gegenüber zu machenden Eindruck handelt – niemals irgendwelchen Einfluß äußern. Wie der Herr Sachverständige zu der entgegengesetzten Aufstellung kommt, daß meine Wahnideen für mich vollberechtigtes Motiv zum Handeln seien, weiß ich nicht; jedenfalls glaube ich zu dieser Annahme weder durch mein Verhalten, noch durch die schriftlichen Darlegungen in meinen »Denkwürdigkeiten« Anlaß gegeben zu haben. In den letzteren habe ich wiederholt betont, daß ich dasjenige, was an meinem Verhalten anderen Menschen auffällig erscheinen mag, nur »soweit es die Rücksicht auf meine Umgebung gestattet« (Kap. XIII der Denkwürdigkeiten nicht allzuweit vom Eingang entfernt) oder »im Alleinsein mit Gott« (Kap. XXI der Denkwürdigkeiten im zweiten Dritteil) üben werde. Dasjenige, was das Gesetz sonst unter »Angelegenheiten« versteht, d.h. die Wahrung aller Lebensinteressen, namentlich auch der das Vermögen betreffenden, kann durch meine Wahnideen und Sinnestäuschungen gar nicht berührt werden. Ich denke nicht im entferntesten daran, wie der Herr Sachverständige und vor ihm zum Teil schon Herr Justizrat Thürmer als möglich unterstellt hat, irgendwelche mit pekuniären Opfern verbundene Maßnahmen zur Propagierung meines Wunderglaubens, zur Konstatierung meiner Wollustnerven oder zur Erhöhung des auf den letzteren beruhenden »materiellen Wohlbehagens« zu treffen. Wer dergleichen für möglich hält, ist eben doch in keiner Weise in mein inneres Geistesleben eingedrungen, worin natürlich wieder keinerlei Vorwurf liegen soll, da ein derartiges Eindringen für andere Menschen eigentlich überhaupt unmöglich ist. Die Sicherheit meiner Erkenntnis Gottes und göttlicher Dinge ist so groß und unerschütterlich, daß es mir an und für sich vollkommen gleichgültig ist, was andere Menschen über die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit meiner Vorstellungen denken. Ich werde daher – außer für die Zwecke des gegenwärtigen Prozesses – niemals etwas anderes in dieser Beziehung tun, als meine Erlebnisse und Betrachtungen, wie in der Form der Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten beabsichtigt, der Kenntnisnahme anderer Menschen zu unterbreiten; ich werde sonst keinen Finger rühren, um dieselben zu beweisen oder wahrscheinlich zu machen. Mein Standpunkt ist insoweit derjenige Luthers: »Ist's Menschenwerk, so wird's vergehn; ist's Gotteswerk, so wird's bestehn.« Ich werde ruhig abwarten, ob nicht unzweifelhaft tatsächliche Vorgänge auch anderen Menschen die Überzeugung von der Richtigkeit meiner Wahnideen aufzwingen werden. Ähnlich verhält es sich mit dem von dem Herrn Sachverständigen erwähnten »materiellen Wohlbehagen« oder, wie ich es nenne, der auf der Seelenwollust beruhenden Erhöhung des körperlichen Wohlbefindens. Diese muß mir von selbst kraft innerer Notwendigkeit in den Schoß fallen, ohne daß ich irgend etwas dazu zu tun brauche und ohne daß eine wesentliche Erhöhung durch geschäftliche Maßnahmen auch nur möglich wäre. Es wird mir daher auch insbesondere nie in den Sinn kommen, etwa die paar Lappen oder unechten Schmucksachen, aus denen mein sog. weiblicher Zierat besteht, durch irgend etwas, was auch nur einem armen Dienstmädchen als wirklicher Putz oder Schmuck erscheinen könnte, zu ersetzen. Denn ich habe die betreffenden Gegenstände nicht mir zum Vergnügen angeschafft oder angefertigt, sondern um auf Gott einen gewissen Eindruck zu machen, und dazu genügen eben auch nahezu wertlose und unechte Sachen. Für alles das, was ich in dem Vorstehenden in betreff meines zukünftigen Verhaltens versichert habe, werde ich wohl Glauben in Anspruch nehmen dürfen, da ich noch niemals Veranlassung gegeben habe, an der Unverbrüchlichkeit meiner Wahrheitsliebe zu zweifeln. Damit erledigen sich nach meinem Dafürhalten alle diejenigen Befürchtungen; die dem Gutachten und dem Urteil bei der Erwägung vorgeschwebt haben könnten, es sei »vollkommen unberechenbar«, ob nicht doch meine Wahnideen mich zu einem unvernünftigen Handeln in irgendwelchen nicht näher bezeichneten Richtungen veranlassen könnten. Als denkbare Gesichtspunkte für die Aufrechterhaltung meiner Entmündigung blieben demnach wohl nur die beiden in den Entscheidungsgründen des Urteils speziell behandelten Momente übrig, nämlich die Besorgnis, daß bei Rückgabe der Verfügung über meine Person und mein Vermögen »das Verhältnis zu meiner Frau zerstört« werden und ich selbst durch Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten mich vor anderen Menschen kompromittieren oder der Gefahr einer Bestrafung aussetzen könnte. Auf diese beiden Momente habe ich in dem Folgenden des näheren einzugehen. A) Was die ersterwähnte Besorgnis anlangt, so scheint mir mit der Bemerkung des Urteils, daß ich durch unvernünftige Handlungen »das Verhältnis zu meiner Frau zerstören würde«, eine Erwägung ins Feld geführt zu sein, die zwar für das Gefühlsleben der beteiligten Personen von großer Bedeutung sein würde, aber schwerlich in rechtlicher Beziehung als ein für die Anerkennung der Geschäftsfähigkeit erhebliches Moment in Betracht kommen kann. Die eheliche Gemeinschaft zwischen mir und meiner Frau ist infolge meiner Krankheit seit Jahren schon so vollständig wie möglich aufgehoben und würde gerade bei Aufrechterhaltung der Entmündigung auf unbestimmte Zeit, möglicherweise bis zum Lebensende eines der Ehegatten aufgehoben bleiben. Wenn die Bemerkung von der drohenden Zerstörung des Verhältnisses zu meiner Frau irgend einen Sinn haben soll, so kann also damit nur gemeint sein, daß die Gefühle der Achtung und Liebe, die meine Frau mir gegenüber etwa noch empfindet, ins Wanken gebracht und erstickt werden könnten. Offenbar handelt es sich hierbei um ein äußerst delikates Kapitel, rücksichtlich dessen dritte Personen, die die Innigkeit des betreffenden ehelichen Verhältnisses niemals gekannt haben, denn doch recht vorsichtig und zurückhaltend in ihrem Urteil sein sollten. Vor allen Dingen aber muß ich mit voller Entschiedenheit betonen, daß die Entmündigung doch nur im Interesse des zu Entmündigenden selbst erfolgen darf, um diesen vor irgendwelchen aus seiner Geneigtheit zu unvernünftigem Handeln drohenden Gefahren zu schützen, niemals aber, um andere, und wären es noch so nahestehende Personen, vor irgendwelchen Unbequemlichkeiten zu bewahren oder sie in einer gewissen Gefühlsstimmung zu erhalten, die nach Befinden für ihr seelisches Gleichgewicht von Bedeutung sein kann, nicht aber zu den durch das Recht geregelten Lebensbeziehungen der Menschen gehört. Neben den die eigene Person des zu Entmündigenden betreffenden Lebensinteressen kann die Sorge für Angehörige (vergl. die im Eingang der Entscheidungsgründe angezogene Verordnung des Kgl. Justizministeriums) nur insoweit in Betracht kommen, als eine derartige Sorge dem zu Entmündigenden rechtlich obliegt, unter den Verhältnissen des vorliegenden Falles also insoweit, als es sich um Gewährung des standesmäßigen Unterhaltes handelt. Dieser Verpflichtung, namentlich auch in der Richtung, daß ich meine Frau mit den zum Getrenntleben erforderlichen Mitteln ausstatten würde, falls Umstände sich ergeben sollten, unter denen ein Zusammenleben mit mir meiner Frau nicht füglich zugemutet werden könnte, würde ich mich niemals entziehen. Wäre ich daher wirklich so verständnislos für die mir meiner Frau gegenüber obliegenden sittlichen Pflichten, daß ich mich jeder Rücksicht auf ihre Gesundheit, ihren seelischen Frieden und ihre natürlichen Empfindungen als Frau entschlagen würde, so würde man zwar gegründeten Anlaß haben, über den sittlichen Wert meiner eigenen Persönlichkeit recht gering zu denken, niemals aber könnte daraus ein Grund zur Verneinung meiner Geschäftsfähigkeit abgeleitet werden . Denn für mich könnte, wenn ich wirklich so gefühllos wäre, den Verlust der Liebe meiner Frau nicht zugleich als ein eigenes Unglück zu empfinden, aus dem Erlöschen dieser Liebe ein sonstiger Nachteil kaum erwachsen: ihre Liebe in irgendwelcher mein körperliches und geistiges Wohl fördernden Weise durch körperliche Fürsorge, Abwartung und Pflege, sowie Austausch der geistigen Interessen zu betätigen, dazu ist ja meiner Frau die Möglichkeit durch die tatsächliche Trennung ohnedies so gut wie vollständig entzogen. Demgegenüber kommen die gelegentlichen Besuche meiner Frau und Geschenke, die sie mir ab und zu macht, schwerlich in Betracht; die von den letzteren betroffenen Gegenstände könnte ich mir ja, wenn ich Herr meines Vermögens wäre, mit Leichtigkeit selbst verschaffen. Mit dem vorstehend Ausgeführten glaube ich alles dasjenige, was in dem Gutachten und in dem Urteil über die »drohende Zerstörung des Verhältnisses zu meiner Frau«, »die Beeinträchtigung der ehelichen Gemeinschaft« usw. bemerkt worden ist, als für die Entscheidung in dem gegenwärtigen Prozesse unerheblich nachgewiesen zu haben. Nur um meinen Herren Richtern mich auch moralisch denn doch in etwas besserem Lichte darzustellen, als nach gewissen Äußerungen des Gutachtens und der Entscheidungsgründe auf mich fallen zu müssen scheint, will ich in betreff der Beziehungen zu meiner Frau und in betreff der für meine jetzige (und eventuell künftige) Umgebung aus den sogenannten Brüllzuständen sich ergebenden Unzuträglichkeiten noch einige Bemerkungen anschließen. Die ganzen Ausführungen des Gutachtens, die sich auf das Verhältnis zu meiner Frau beziehen und die anscheinend auf Unterredungen des Herrn Sachverständigen mit meiner Frau beruhen, bekunden starke Mißverständnisse , wobei ich dahingestellt sein lassen darf, ob meine Frau mich (bei der Seltenheit der Begegnungen wäre auch dies möglich) oder der Herr Sachverständige meine Frau mißverstanden hat. Ich habe niemals mit dem Gedanken einer Scheidung gespielt oder Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehen des ehelichen Bandes zu erkennen gegeben, wie man nach der Ausdrucksweise des Gutachtens, »ich sei alsbald mit der Andeutung bei der Hand, daß meine Frau sich scheiden lassen könne«, annehmen möchte. Die ganze umfängliche Korrespondenz, die ich seit Jahren mit meiner Frau geführt habe, würde beweisen, mit wie herzlicher Liebe ich derselben zugetan bin und wie schmerzlich ich es empfinde, daß auch sie durch meine Krankheit und die tatsächliche Auflösung der Ehe tief unglücklich geworden ist und wie großen Anteil ich fortdauernd an ihren Geschicken nehme. Demnach habe ich auch die Eventualität einer Scheidung nur in dem Sinne besprochen, daß ich meiner Frau einige Male gesagt habe, wenn es ihr unmöglich sei, mir wegen einer gewissen, ihr natürlich unsympathischen Vorstellung, die mich beherrsche und wegen der daraus entspringenden Absonderlichkeiten meines Verhaltens, die frühere Liebe und Achtung zu bewahren, ihr ja allerdings nach dem Gesetze das Recht zustehe, wegen länger als drei Jahre andauernder Geisteskrankheit auf Ehescheidung zu klagen. Ich habe aber stets hinzugefügt, daß ich dies auf das schmerzlichste beklagen würde; nicht minder habe ich ihr auf der anderen Seite bemerkt, daß sie dann freilich aber auch auf die Zinsen meines Vermögens und meine in 28jährigem Staatsdienste verdiente Pension keinen Anspruch haben würde. (Meine Frau ist zwar ebenfalls nicht vermögenslos; jedoch rührt der größere Teil des Vermögens, dessen Zinsen sie bezieht, von mir her). Ich habe jederzeit volles Verständnis dafür gehabt, welche Rücksichten ich meiner Frau schulde und dies auch meiner Frau gegenüber sowie sonst zum Ausdruck gebracht. Zum Beweise setze ich beispielsweise die Anmerkung 76 zu Kap. XIII meiner Denkwürdigkeiten hierher: »Eine besondere Diskretion ist für mich namentlich im Verhältnis zu meiner Frau, der ich durchaus die frühere Liebe bewahre, geboten. Es kann sein, daß ich hierbei in mündlichen und schriftlichen Mitteilungen durch allzu große Offenheit zuweilen gefehlt habe. Meine Frau kann natürlich meine Ideengänge nicht vollständig verstehen; es muß ihr schwerfallen, mir die frühere Liebe und Achtung zu bewahren, wenn sie hört, daß ich mich mit der Vorstellung einer mir möglicherweise bevorstehenden Verwandlung in ein Weib beschäftige. Ich kann dies beklagen, aber nicht ändern; auch hier habe ich mich vor jeder falschen Sentimentalität zu hüten.« Ich weiß nicht, wie man zu der Annahme kommt, daß ich den Takt und das Feingefühl, das man sonst rühmend an mir hervorhebt, im Verhältnisse zu meiner Frau außer acht lassen würde. Es ist selbstverständlich – und danach habe ich auch bisher schon gehandelt –, daß ich irgendwelche meiner Frau peinliche Anblicke ihr zu Angesicht ersparen würde; auch meinen weiblichen Zierat habe ich ihr immer nur mit einem gewissen Widerwillen, wenn sie in verzeihlicher weiblicher Neugier darauf bestand, gezeigt. Es ist ebenso selbstverständlich , daß ich meiner Frau ein Zusammenleben mit mir nicht zumuten oder gar meine eheherrlichen Rechte zur Ausübung eines Zwanges in dieser Richtung mißbrauchen würde, wenn die Erfahrung ergeben sollte, daß ihr das Zusammenleben infolge der sogenannten Vociferationen oder Brüllzustände unerträglich werden müßte. Der Herr Sachverständige tut mir daher denn doch ein wenig unrecht, wenn er von einem »krankhaft gesteigerten Egoismus« redet, in welchem ich »gar nicht daran dächte« (!!), wie sehr meine Frau »unter meinem Treiben« zu leiden habe und in welchem ich auch die Belästigung meiner Umgebung als irrelevant ansähe und mich nur über mein eigenes Mißbehagen beklagte. Der Herr Sachverständige erkennt selbst an, daß die Vociferationen sich zwangsmäßig und automatisch gegen meinen Willen vollziehen, Was übrigens doch nicht ganz richtig ist. Soweit die Vociferationen in dem Gebrauche artikulierter Worte bestehen, ist mein Wille natürlich nicht unbeteiligt. Nur das unartikulierte Brüllen ist wirklich rein zwangsmäßig und automatisch veranlaßt. Zu dem Gebrauche lauter Worte greife ich aber zu gewissen Zeiten nur eben deshalb, weil das unartikulierte Brüllen, das außerdem eintreten würde, für mich und meine Umgebung noch belästigender sein würde. insofern leidet meine Frau zur Zeit überhaupt nicht, da sie getrennt von mir wohnt; soweit aber mit »meinem Treiben« die gelegentliche Anwendung von weiblichem Zierat gemeint sein sollte, habe ich schon oben bemerkt, daß ich meine Frau nie zum Zeugen desselben machen würde, im Alleinsein aber die triftigsten Gründe dazu habe. Die Behauptung, daß ich die Belästigung meiner Umgebung als irrelevant ansähe und mich nur über mein Mißbehagen beklagte, widerlege ich – um nicht zu weitläufig zu werden, führe ich nur dies eine an – mit dem Wortlaute einer von mir an die Kgl. Anstaltsdirektion selbst unter dem 16. Oktober 1899 gerichteten Vorstellung, in welcher ich gesagt habe: Noch immer werde ich von den Brüllzuständen heimgesucht, die ich der Kgl. Anstaltsdirektion bereits wiederholt geschildert habe. Dieselben treten zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Gelegenheiten in sehr verschiedener Stärke und Dauer auf, nehmen aber zuweilen solche Dimensionen an, daß ich selbst die Empfindung habe, ich könnte mich eigentlich ohne Belästigung der übrigen Patienten gar nicht auf dem Korridor zeigen. Auch im Garten finden dieselben manchmal während des ganzen Spaziergangs nahezu ununterbrochen statt, überhaupt überall da (ich füge jetzt hinzu: aber auch nur da), wo es mir an Gelegenheit zur Aussprache mit gebildeten Menschen fehlt etc. Im übrigen handelt es sich bei allen mit dem Brüllen oder den sogen. Vociferationen zusammenhängenden Übelständen nur um ein polizeiliches Moment, das wie ja auch das Urteil selbst anerkennt, bei der Frage nach der Rechtmäßigkeit der Entmündigung außer Betracht zu bleiben hat. Wenn bei einem Aufenthalte außerhalb der Anstalt infolge des Brüllens usw. Ruhestörungen sich ergeben sollten, die »in einem bewohnten Hause gar nicht geduldet werden könnten« – was ich keineswegs für so ausgemacht halte, wie der Herr Sachverständige und was daher immerhin erst durch Versuche nachgewiesen werden möchte –, so würde ich selbst verständig genug sein, die Untunlichkeit meines Verweilens außerhalb einer geschlossenen Anstalt einzusehen und freiwillig in dieselbe zurückzukehren, ohne daß es der Ausübung irgendwelchen Zwanges, zu dem man ja dann aus polizeilichen Gründen das Recht hätte, bedürfen würde. B) Ein zweites »Beispiel«, wie sehr meine Handlungsweise unter dem Zwange krankhafter Vorstellungen stehe, soll nach der Auffassung des angefochtenen Urteils durch meine »Denkwürdigkeiten« und den Wunsch ihrer Veröffentlichung geboten sein. Nun ist es an und für sich gewiß nichts Unvernünftiges, daß ein Mensch ein Erzeugnis seiner Geistestätigkeit der Kenntnisnahme weiterer Kreise zugänglich zu machen wünscht. Jeder Dichterling, der ein paar Verse geschmiedet hat, erstrebt den Druck seines Machwerks und dies wird jedermann begreiflich finden, selbst wenn der poetische Unwert des Gedichteten für einsichtige Beurteiler von vornherein feststehen sollte. So mögen denn auch meine Denkwürdigkeiten zunächst verworren, phantastisch und manchem Leser nicht der Druckerschwärze wert erscheinen, die darauf verwendet werden würde. Immerhin bleibt es mißlich, im voraus zu beurteilen, ob ein Geisteswerk sich zur Veröffentlichung eigne oder nicht; zu einem solchen Urteil sind nicht einmal immer die jeweiligen Autoritäten auf den betreffenden Gebieten des menschlichen Wissens, noch weniger aber einzelne Richter berufen: es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, daß eine neue wissenschaftliche Entdeckung, eine neue Weltanschauung, eine neue Erfindung usw. von den Zeitgenossen belächelt, verspottet und als ein Erzeugnis des Irrsinns angesehen worden wäre, der hinterdrein eine mehr oder weniger bahnbrechende Bedeutung zugestanden werden mußte. Allein – so belehrt mich das Landgericht – meine Denkwürdigkeiten sind gleichwohl zur Veröffentlichung ungeeignet, weil ich dadurch mich und meine Familie in unerhörter Weise bloßstellen, ja sogar mich der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung aussetzen würde. Denn ich bediene mich darin höchst anstößiger Kraftausdrücke, gebe die intimsten Familiengeheimnisse preis und belege noch lebende hochangesehene Personen mit beschimpfenden Bezeichnungen, schildere ungeniert die bedenklichsten Situationen und beweise damit eben nur, daß mir das Unterscheidungsvermögen hinsichtlich dessen was erlaubt und unerlaubt sei, vollständig verlorengegangen sei. Dieser ganzen Ausführung gegenüber möchte ich zunächst bemerken, daß die von mir beabsichtigte Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten doch nicht so ohne weiteres in dem Sinne zu verstehen ist, daß ich dieselben unbedingt so wie sie liegen ohne jede Abänderung dem Druck übergeben würde. Ich habe dieselben zunächst nicht in der Absicht der Veröffentlichung geschrieben. Dies habe ich im »Vorwort« (am Schlusse der »Denkwürdigkeiten« zu lesen) ausdrücklich hervorgehoben. Da dieses Vorwort auch im übrigen in nuce meine (antizipierte) Replik gegen die damals noch gar nicht vorliegenden Beanstandungen des Gutachtens und des Urteils enthält, so lasse ich dasselbe hier im Wortlaut folgen: »An eine Veröffentlichung dieser Arbeit habe ich beim Beginne derselben nicht gedacht. Der Gedanke ist mir erst im weiteren Fortgang derselben gekommen. Dabei habe ich mir die Bedenken nicht verhehlt, die einer Veröffentlichung entgegenzustehen scheinen, es handelt sich namentlich um die Rücksicht auf einzelne noch lebende Personen. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, daß es für die Wissenschaft und die Erkenntnis religiöser Wahrheiten von Wert sein könnte, wenn noch bei meinen Lebzeiten von berufener Seite irgendwelche Beobachtungen an meinem Körper und in betreff meiner persönlichen Schicksale gemacht werden könnten. Dieser Erwägung gegenüber müssen alle persönlichen Rücksichten schweigen.« Hiernach wäre an und für sich nicht ausgeschlossen, daß, wenn es einmal zum Drucke meiner Denkwürdigkeiten kommen sollte, ich zuvor erst eine Nachprüfung eintreten lassen würde, ob nicht diese oder jene einzelne Stelle ohne Nachteil für den Zusammenhang gestrichen, dieser oder jene Ausdruck gemildert werden könnte usw. Die Aussicht, zu einer Veröffentlichung meiner Arbeit durch den Druck zu gelangen, ist übrigens doch nicht so gering, wie der Herr Sachverständige meint. Wenn es in dem Gutachten (auf der vorletzten Seite der mir vorliegenden Abschrift) heißt, ich verhandelte wegen der Veröffentlichung »bis jetzt natürlich vergeblich« mit einem Verleger, so ist dem Herrn Sachverständigen nicht bekannt gewesen, daß mir in zwei Briefen des Verlegers (Friedrich Fleischer in Leipzig) am 5. November und 2. Dezember 1900 die ziemlich unverblümte Zusage, daß er nach erfolgter Aufhebung der Entmündigung seine Mitwirkung zur Veröffentlichung der Denkwürdigkeiten nicht versagen würde, vorliegt. Allein, auch wenn der Abdruck meiner »Denkwürdigkeiten« in der jetzt vorliegenden Form ohne jede Abänderung erfolgen würde, so müßte ich mich auf das Entschiedenste dagegen verwahren, daß dadurch irgend eines der Mitglieder meiner Familie bloßgestellt werden könnte. Das Andenken meines Vaters und meines Bruders, sowie die Ehre meiner Frau ist mir so heilig, wie nur irgend jemand unter ähnlichen Verhältnissen, dem der gute Ruf naher Angehöriger am Herzen liegt. Ich habe denn auch nicht das mindeste berichtet, was das Andenken meines Vaters und meines Bruders verunglimpfen oder dem Rufe meiner Frau schaden könnte. Es handelt sich dabei vielmehr nur um die Schilderung allerdings zum Teil recht eigentümlicher Krankheitszustände , aus denen für die betreffenden Personen niemals ein Vorwurf abgeleitet werden kann. Was dagegen die Gefahr betrifft, daß ich mich selbst durch Bekanntgabe meiner Denkwürdigkeiten »bloßstellen« oder kompromittieren könne, so nehme ich diese Gefahr mit vollem Bewußtsein und mit vollkommener Ruhe auf mich. Das Schlimmste, was mir passieren könnte, wäre doch nur, daß man mich für geistig gestört hielte und dies tut man ja schon ohnedies . Hierbei hätte ich also kaum noch irgend etwas zu verlieren. In Wahrheit glaube ich aber nicht befürchten zu müssen, daß irgend jemand, der sich die Mühe nicht verdrießen läßt, meine Denkwürdigkeiten mit Aufmerksamkeit zu lesen, nach der Lektüre geringer von mir denken würde, wie vorher. Wenn auch der Besprechung sexueller Verhältnisse in meiner Arbeit ein breiter Raum gewidmet ist, so beruht dies doch keineswegs auf meiner eigenen Geistes- und Geschmacksrichtung, sondern lediglich darauf, daß die betreffenden Verhältnisse in dem Verkehre der mit mir redenden Stimmen eine überaus große Rolle gespielt haben und dies steht wieder damit in Zusammenhang, daß die Wollust nun einmal in einer – für andere Menschen bisher nicht erkennbar gewordenen – nahen Beziehung zu der Seligkeit der abgeschiedenen Geister steht (vergl. Kap. XXI meiner Denkwürdigkeiten). Dabei wird aber sicher nicht gesagt werden können, daß ich irgendwie ein Behagen am Gemeinen zu erkennen gegeben habe; niemand wird vielmehr den sittlichen Ernst verkennen, der meine ganze Arbeit durchweht und der kein anderes Ziel, als die Erforschung der Wahrheit verfolgt; niemand wird sich dem Eindruck entziehen können, daß ich überall da, wo ich genötigt war, an Gott und göttlichen Dingen sozusagen eine ungünstige Kritik zu üben, ich jedesmal ängstlich bemüht gewesen bin, jedes Mißverständnis auszuschließen, durch welches die Grundlagen wahrer Religiosität gefährdet werden könnten (vergl. Kap. V der Denkwürdigkeiten gegen das Ende, Anmerkung 97 zu Kap. XVI der Denkwürdigkeiten, Nr. V der Nachträge zu denselben usw. usw.). Daß hin und wieder Kraftausdrücke gebraucht sind, ist richtig; allein diese Kraftausdrücke sind doch nicht auf meinem eigenen geistigen Nährboden entstanden, sondern kommen, soweit ich übersehen kann, überall nur da vor, wo ich referierend über den Inhalt des mit mir geführten Stimmengesprächs berichtet habe. Daß diese Stimmen sich vielfach nichts weniger als salonfähiger Ausdrücke bedienen, ist nicht meine Schuld; um der Treue der Darstellung willen mußte ich die betreffenden Redensarten stets wörtlich wiedergeben. Zum Beweise, daß die von den Stimmen gebrauchten »Kraftausdrücke« nicht ein unwillkürliches Produkt meiner eigenen Nerven sein können, will ich nur eines anführen: das besonders anstößige mit F..... beginnende Wort ist in meinem früheren Leben vielleicht nicht zehn Mal über meine Lippen gekommen, während ich es im Laufe der letzten Jahre von den Stimmen zu Zehntausenden von Malen vernommen habe. Wie sollten meine Nerven, denen der Gebrauch dieses Wortes nichts weniger als eine Gewohnheit war, von selbst ohne äußere Einwirkung in der Lage sein, mir jenes Wort immer von neuem zuzurufen oder zuzulispeln? Im übrigen sind doch meine Denkwürdigkeiten nicht für Backfische oder höhere Töchter geschrieben; kein Verständiger wird mir daher einen Vorwurf daraus machen wollen, wenn ich nicht allenthalben den Ton getroffen haben sollte, den empfindsame Pensionsmütter ihren Pflegebefohlenen gegenüber für angemessen halten mögen. Wer einer neuen Religionsauffassung die Wege ebnen will, der muß nach Befinden in Flammenworten sprechen können, wie sie etwa Jesus Christus gegenüber den Pharisäern oder Luther gegenüber dem Papste und den Mächtigen der Erde zur Verfügung hatte. Die sicherste Gewähr, daß ich mit der Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten mich keineswegs »vor anderen Menschen kompromittieren« d. h. in der Achtung derselben verlieren würde, bietet mir das Verhalten der hiesigen Ärzte, darunter des Herrn Sachverständigen selbst. Es ist gar keine Frage – das werden sich die betreffenden Herren im stillen selbst eingestehen, – daß die Behandlung, die mir in der hiesigen Anstalt zuteil wird, eine sehr viel achtungsvollere geworden ist, seitdem man von dem Inhalte meiner Denkwürdigkeiten Kenntnis genommen und hierbei doch einen ganz anderen Einblick in meine geistige und sittliche Persönlichkeit erlangt hat, als bis dahin vielleicht möglich war. Ebenso würde ich. wie ich glaube, in der moralischen Einschätzung anderer Personen nur gewinnen, nicht verlieren können. Ich soll aber weiter auch »noch lebende hochangesehene Persönlichkeiten mit beschimpfenden Bezeichnungen belegt« haben. Damit kann nur der Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig gemeint sein. Diesem gegenüber ist jedenfalls die Behauptung, daß ich beschimpfende Bezeichnungen angewendet hätte, unzutreffend; ich müßte bitten, mir aus meinen Denkwürdigkeiten auch nur eine einzige Stelle nachzuweisen, in der ich mich eines Schimpfwortes in bezug auf Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig bedient hätte. Wahr ist nur soviel, daß ich über gewisse Vorgänge berichtet habe, die ich nach den Mitteilungen der mit mir redenden Stimmen für wahr halten mußte und die, wenn sie wahr wären und auf den Menschen Geh. Rat Dr. Flechsig bezogen werden müßten, denselben in der öffentlichen Achtung herabzuwürdigen geeignet wären, wenn sie unwahr wären, also eine Beleidigung desselben enthielten. Die Gefahr einer Bestrafung ist daher hier in der Tat vielleicht nicht ausgeschlossen. Diese nehme ich aber mit vollem Bewußtsein auf mich. Zur Klarlegung meines Standpunktes werden am besten zwei meiner früheren schriftlichen Elaborate dienen, welche beide noch aus der Zeit vor Erlaß des Urteils und beziehentlich der Zeit, wo ich von dem Inhalte der erstatteten Gutachten noch keine Kenntnis hatte, herrühren. Der volle Wortlaut der letzteren ist mir nämlich erst in den letzten Wochen (Ende Mai bis Anfang Juli 1901) zugänglich geworden. Unter dem 4. Februar 1901 habe ich eine Vorstellung folgenden Inhalts an die Königliche Anstaltsdirektion gerichtet: »Der Königlichen Anstaltsdirektion ist bekannt, daß ich mich mit dem Gedanken einer Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten trage und dieselbe nach erfolgter Aufhebung meiner Entmündigung zu erreichen hoffe. Zweifel, ob die Veröffentlichung statthaft sei, haben mich lange und viel beschäftigt. Ich habe mir nicht verhehlt, daß mit Rücksicht auf gewisse Abschnitte meiner Denkwürdigkeiten der Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig sich veranlaßt fühlen könnte, meine Bestrafung wegen Beleidigung, ja sogar nach Befinden die Einziehung des ganzen Druckwerks als den Tatbestand einer strafbaren Handlung enthaltend (§ 40, Str.-G.-B.) zu beantragen. Ich habe mich aber schließlich doch dazu entschieden, an dem Vorhaben der Veröffentlichung festzuhalten. Ich weiß mich auch dem Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig gegenüber von jeder persönlichen Animosität frei. Ich habe demzufolge in meine Denkwürdigkeiten nur solche ihn betreffende Angaben aufgenommen, die nach meinem Dafürhalten zum Verständnis meiner ganzen Darlegung gar nicht entbehrt werden können. Ich würde insbesondere die vielleicht etwas anzügliche und für den Zusammenhang nicht unbedingt notwendige Anmerkung – meiner Denkwürdigkeiten im Falle einer Veröffentlichung streichen. Ich hoffe, daß dann auch bei Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig das wissenschaftliche Interesse an dem Inhalte meiner Denkwürdigkelten etwaige persönliche Empfindlichkeiten zurückdrängen würde. Für den entgegengesetzten Fall ist das Gewicht, das ich auf die Bekanntgabe meiner Arbeit mit Rücksicht auf die davon erhoffte Bereicherung der Wissenschaft und Klärung religiöser Ansichten lege, ein so großes, daß ich selbst die Gefahr einer Bestrafung wegen Beleidigung oder eines mir durch eine etwaige Einziehung drohenden Vermögensverlustes auf mich nehmen würde. Der Kgl. Anstaltsdirektion mache ich diese Mitteilung selbstverständlich nicht in der Absicht, eine Meinungsäußerung derselben darüber zu erbitten, ob sie die Möglichkeit einer Bestrafung für gegeben erachte, sondern lediglich um auch hiermit einen neuen Beweis zu liefern, wie reiflich ich bei allen meinen Handlungen die Folgen im voraus erwäge und wie wenig also bei mir davon die Rede sein kann, daß ich die Fähigkeit entbehre, meine Angelegenheiten zu besorgen.«. Weiter ist in den Nachträgen zu meinen Denkwürdigkeiten unter VI am Ende folgendes bemerkt: »Für den Fall der Veröffentlichung meiner gegenwärtigen Arbeit bin ich mir wohl bewußt, daß es eine Persönlichkeit gibt, die sich durch eine solche Veröffentlichung verletzt fühlen könnte. Es ist dies der Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig. Hierüber habe ich mich bereits in einer unter dem 4. Februar 1901 an die Kgl. Anstaltsdirektion gerichteten Vorstellung verbreitet, deren Wortlaut ich nachstehend wiedergebe (folgt der obige Wortlaut). Hieran mögen noch einige weitere Bemerkungen angeschlossen werden. Daß Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig von den äußeren Vorgängen, die mit meinem Aufenthalt in der von ihm geleiteten Universitätsirrenklinik zu Leipzig zusammenhängen, wenigstens im allgemeinen noch eine Erinnerung hat, habe ich als selbstverständlich anzunehmen. Dagegen wage ich nicht zu behaupten, ob auch die übersinnlichen Dinge, die mit seinem Namen in Verbindung stehen und bei denen mir dieser Name von den Stimmen genannt worden ist und noch jetzt täglich genannt wird , jemals zum Bewußtsein gekommen sein müssen. Ich habe die Möglichkeit zuzugeben, daß er in seiner Eigenschaft als Mensch denselben ferngestanden hat und noch fernsteht; dunkel bleibt natürlich die Frage, wie bezüglich eines noch lebenden Menschen von einer von ihm unterschiedenen, außerhalb seines Körpers befindlichen Seele die Rede sein kann. Daß es eine solche Seele oder wenigstens einen solchen Seelenteil gegeben hat und noch jetzt gibt , ist gleichwohl nach den von mir gemachten tausendfältigen Erfahrungen für mich gewiß. Ich habe demnach auch als möglich anzuerkennen, daß alles, was namentlich in den ersten Abschnitten meiner Denkwürdigkeiten über Vorgänge berichtet ist, die mit dem Namen Flechsig in Verbindung stehen, nur auf die von dem lebenden Menschen zu unterscheidende Seele Flechsig zu beziehen ist, deren besondere Existenz zwar gewiß, auf natürlichem Wege aber nicht zu erklären ist. Es liegt mir also durchaus fern, mit der von mir beabsichtigten Veröffentlichung die Ehre des lebenden Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig in irgendwelcher Weise anzugreifen.« Meinen Auslassungen in den vorstehend wiedergegebenen Schriftstücken habe ich nur noch einiges wenige hinzuzufügen. Es ergibt sich daraus wohl zur Evidenz, daß ich bei der beabsichtigten Veröffentlichung meiner Denkwürdigkeiten von Anfang an das vollste Verständnis für die möglichen Folgen eines solchen Vorgehens gehabt und dies scheint mir doch für die Frage nach der Bejahung oder Verneinung meiner Geschäftsfähigkeit das Entscheidende zu sein. Will ich zu den unsäglichen Leiden, die ich schon durchgemacht habe, um eines für mich heiligen Zweckes willen auch noch das Martyrium einer mir drohenden Bestrafung auf mich nehmen, so hat meines Erachtens kein Mensch das Recht, mich hieran zu hindern. Ich kann nun einmal nicht wünschen, daß die Erkenntnis Gottes, die sich mir erschlossen hat, mit meinem Ableben in das Nichts versinke und damit der Menschheit eine vielleicht niemals wiederkehrende Gelegenheit zur Erlangung richtigerer Vorstellungen über das Jenseits verlorengehe. Im übrigen steht wohl immer noch dahin, ob ich eine Beleidigungsklage des Geh. Rat Prof. Dr. Flechsig wirklich zu erwarten hätte und ob dieselbe zu meiner Bestrafung führen würde. Jedenfalls müßte ich den mir zugedachten Schutz dankend ablehnen, welcher darauf hinauslaufen würde, daß man, um mich vor einer höchstens mehrmonatigen Gefängnisstrafe zu bewahren, mich lieber gleich zeitlebens in eine Anstalt einsperrte und der freien Verfügung über meine Person und mein Vermögen beraubte. * Mit dem, was ich in dem bisherigen entwickelt habe, könnte ich die Begründung meiner Berufung abschließen; denn ich glaube alle wesentlicheren Gesichtspunkte, welche in dem Gutachten und im Urteil zugunsten der Aufrechterhaltung der Entmündigung geltend gemacht worden sind, widerlegt zu haben. Nur ein novum, das, während ich mit Abfassung der gegenwärtigen Niederschrift beschäftigt war, in Begriff meiner gesundheitlichen Verfassung hervorgetreten ist, veranlaßt mich noch zu einem Zusatz, da davon meine Zukunftspläne nicht gänzlich unberührt bleiben können. Ich habe bisher in der Meinung gelebt, daß die mir in der hiesigen Anstalt verabreichten Schlafmittel für meinen Schlaf gänzlich indifferent seien, mein Schlaf vielmehr nur von der Einwirkung der Strahlen abhänge (vergl. Anmerkung 29 zu Kap. VII meiner Denkwürdigkeiten). Die verordneten Schlafmittel habe ich immer nur deshalb eingenommen, weil ich mich hierin wie in allen anderen Punkten den Anordnungen der Ärzte füge. Nun ist aber in diesem Monate während einiger Nächte der Versuch gemacht worden, von Schlafmitteln abzusehen. Der Versuch hat den Erfolg gehabt, daß ich während der betreffenden Nächte wenig oder gar nicht geschlafen habe. Nicht ausgeschlossen wäre natürlich, daß hierbei ein Zufall im Spiele wäre, da ich auch sonst zuweilen ein oder mehrere Nächte schlecht geschlafen habe. Immerhin muß ich jetzt mit der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit rechnen, daß ich die Schlafmittel wenigstens vorläufig nicht entbehren kann. Damit würde zwar meine Grundanschauung, daß meine Person der Gegenstand göttlicher Wunder ist und daß auch mein Schlaf zunächst auf Vereinigung aller Strahlen beruht, nicht im mindesten berührt werden. Es wäre ja wohl möglich, daß eine dem Bedürfnisse der menschlichen Natur genügende Dauer des Schlafs nur durch medikamentöse Nachhilfe zu erzielen wäre. Wohl aber müßten dadurch meine Pläne hinsichtlich der Gestaltung meiner Zukunft von selbst eine gewisse Einschränkung erfahren. Ich gehöre nicht zu derjenigen Klasse von Geisteskranken, welche immer nur mit Ungestüm nach ihrer Entlassung drängen, ohne sich irgendwie Rechenschaft darüber zu gehen, wie ihr Leben außerhalb der Anstalt für sie und ihre Umgebung sich gestalten würde. Auch ist der Aufenthalt in der hiesigen Anstalt unter den jetzigen Verhältnissen an und für sich nicht so unerträglich für mich, daß ich etwa ein einsames Leben außerhalb der Anstalt – wenn ich nun einmal mit meiner Frau nicht zusammenleben könnte – dem jetzigen Stande der Dinge vorziehen würde; es wäre ja z. B. kaum zu sagen, ob, solange die Brüllzustände eine häufigere Erscheinung sind, auch nur ein gemieteter Dienstbote bei mir aushalten würde. Demnach bescheide ich mich ohne weiteres, daß, solange ich für meinen Schlaf eine künstliche Nachhilfe nicht entbehren kann, das Verbleiben unter ärztlicher Aufsicht, am einfachsten also in der Anstalt, in der ich mich nun einmal seit sieben Jahren befinde, das einzig Richtige und Vernünftige ist. Allein wie ich auch hiermit wieder einen neuen Beweis für meine durchaus verständige und besonnene Auffassung der Dinge geliefert zu haben glaube, so muß ich auf der anderen Seite auch Wert darauf legen, daß mein Aufenthalt in der hiesigen Anstalt den Charakter einer durch gesundheitliche Rücksichten veranlaßten Maßnahme behält, die sich – außer soweit und solange daneben noch polizeiliche Rücksichten einschlagen – mit meiner freien Zustimmung als derjenigen eines durchaus verständigen und auch in dieser Beziehung zur Fürsorge für seine Angelegenheiten durchaus befähigten Menschen sich vollzieht. Es handelt sich dabei einmal um eine Sache des Ehrgefühls ; denn welcher Mensch von so hoher geistiger Bedeutung, wie ich sie für mich in Anspruch nehmen zu können glaube, sollte es nicht als eine Unwürdigkeit empfinden, sich in rechtlicher Beziehung allenthalben wie ein Kind unter sieben Jahren behandeln zu lassen, von jeder, auch schriftlichen, Verfügung über sein Vermögen, ja auch nur von der Kenntnisnahme über den Stand dieses Vermögens ausgeschlossen zu sehen usw. usw. Sodann hat aber die Sache auch eine sehr erhebliche praktische Bedeutung. Die Notwendigkeit der Schlafmittel kann sich möglicherweise über kurz oder lang erledigen; die zu polizeilichen Bedenken Anlaß gebenden Brüllzustände können eine Milderung erfahren, nach der sie als eine ernstliche Belästigung anderer Personen nicht mehr in Frage kommen würden. Wenn ich solchenfalls in dem geeigneten Zeitpunkte irgendeine Veränderung meiner Lage, etwa probeweise einmal eine vorübergehende Unterbringung in einer Privatanstalt anregen wollte, so würde ich, solange die Entmündigung besteht, befürchten müssen, mit den bezüglichen Wünschen von Pontius zu Pilatus geschickt zu werden. Denn die Anstaltsverwaltung auf der einen Seite und meine Angehörigen sowie Vormund und Vormundschaftsgericht auf der anderen Seite, welch letztere natürlich über meinen Zustand niemals genau unterrichtet sein werden, könnten sehr leicht geneigt sein, die Verantwortlichkeit für meine Entlassung oder irgendwelche Veränderung meiner Lage wechselseitig aufeinander abzuwälzen. Ich habe daher das allerentschiedenste Interesse daran, es in dieser Beziehung nur mit der Anstaltsverwaltung zu tun zu haben, deren Einsicht und Pflichttreue ich zwar das vollkommenste Vertrauen entgegenbringe, der ich es aber andrerseits auch nicht ersparen kann, über eine eventuell gegen meinen Willen stattfindende Fortdauer des Aufenthaltes in der Anstalt lediglich unter eigener Verantwortlichkeit zu befinden und sich diesen Gesichtspunkt bei ihren betreffenden Entschließungen jederzeit mit vollkommenster Deutlichkeit bewußt zu halten. Ich schließe mit dem nochmaligen Ausdrucke des Wunsches, daß irgendeine persönliche Schärfe, die meine Ausführungen etwa gegen meine eigentliche Absicht dem Herrn Sachverständigen gegenüber angenommen haben könnten, von demselben keinesfalls als eine Verletzung der demselben geschuldeten Hochachtung empfunden werden möchten. Sonnenstein , den 23. Juli 1901. Dr. Schreber , Senatspräsident a.D. O.I. 152/00. D. Gutachten des Geh. Rat Dr. Weber vom 5. April 1902 Sonnenstein, 5. April 1902. An das Königliche Oberlandesgericht I. Zivilsenat zu Dresden. Wenn ich auf Grund des Beweisbeschlusses des Königlichen Oberlandesgerichts, I. Zivilsenat, vom 23. Dezember 1901, unter dem 14. Januar d.J. veranlaßt worden bin, mich anderweit über den psychischen Zustand des Herrn Senatspräsidenten Dr. Schreber gutachtlich auszusprechen, so ist das für mich eine wenig angenehme Aufgabe. Seit Jahren bin ich der Arzt des Klägers, seit langer Zeit ist er mein täglicher Tischgast, von meiner Seite sehe ich das Verhältnis zwischen ihm und mir, wenn ich so sagen darf, als ein freundschaftliches an und es ist mein lebhafter Wunsch, daß dem schwergeprüften Manne noch das Maß von Lebensgenuß zuteil werde, auf das er nach so vielen Widrigkeiten rechnen zu dürfen glaubt. Nun fällt es mir zu, den Bestrebungen gegenüber, auf die er selbst den größten Wert legt, und deren Erfolg für ihn eine wesentliche Voraussetzung jenes Lebensgenusses ist, pflichtgemäß die Dinge vom ärztlich wissenschaftlichen Standpunkt so zu schildern, wie sie sich mir nach meiner Beobachtung darstellen, und damit das Material zu liefern, das eventuell der Bestätigung der von ihm angefochtenen Entmündigung als Grundlage zu dienen hat. Es liegt in der Wiedergabe der im intimen Verkehr gemachten Wahrnehmungen immerhin ein Moment, das leicht als Mißbrauch der ärztlichen Vertrauensstellung gedeutet und empfunden werden kann, und wenn auch dem Gericht gegenüber der Arzt von der sonst gebotenen Rücksicht gegen den Patienten entbunden ist, so bleibt für den letzteren die rückhaltlose Aussprache über seine Krankheitserscheinungen immer empfindlich und kann nicht dazu beitragen, das gegenseitige Verhältnis zu einem unbefangenen und vertraulichen zu gestalten, wie es der Natur der Sache nach sein sollte. So objektiv der ärztliche Sachverständige sich in seinen Äußerungen auch zu halten bemüht sein mag, er wird nie dahin gelangen können, von dem psychisch Kranken seine Anschauungen als objektiv begründet anerkannt zu sehen, es müßte denn eben der Kranke seinen Zustand richtig beurteilen, damit aber beweisen, daß er tatsächlich nicht krank sei. Um deswillen wäre es mir lieb gewesen, wenn nunmehr ein anderer Sachverständiger bestellt worden wäre, um auf Grund der gegebenen Unterlagen sein Urteil zu fällen, um deswillen habe ich mich aber auch in dem früheren Gutachten besonders vorsichtig an meine Kompetenz als ärztlicher Sachverständiger gehalten, wie ich sie auffasse. Von seiten des Klägers sowohl als der Königlichen Staatsanwaltschaft ist allerdings diese Haltung als ungerechtfertigt bezeichnet worden, ich glaube aber doch an meiner Anschauung festhalten zu sollen, wenn auch in den gewöhnlich vorkommenden zweifellosen Fällen der Sachverständige (und ich nehme mich nicht aus) der Kürze halber ohne weiteres die Konsequenzen aus der konstatierten Geisteskrankheit oder Geistesschwäche selbst zieht. Ich darf mich in dieser Richtung unter anderen auf die Ausführungen Endemanns (Einführung in das Studium des B. S. C. 3. Aufl. Seite 147 ff.) beziehen und glaube auch aus dem Inhalt des Beweisbeschlusses entnehmen zu dürfen, daß das Königliche Oberlandesgericht meine Anschauung nicht bemängelt, indem es von mir nicht die gutachtliche Erklärung darüber, ob der Kläger seine Angelegenheiten infolge seiner Geisteskrankheit nicht besorgen könne, sondern nur eine Erläuterung und Ergänzung meines früheren Gutachtens verlangt. Mit Rücksicht auf die gewünschte Ergänzung habe ich denn auch die Abgabe des Gutachtens etwas zurückgehalten, um die Vorgänge der neueren Zeit, in der dem Kläger nicht nur freiere Bewegung, sondern auch die Verfügung über etwas größere Geldmittel zustand, mit berücksichtigen zu können. – Bei Erledigung des Beweisbeschlusses möchte ich mit der in demselben an dritter Stelle formulierten Frage beginnen, da sie eine generelle ist und durch ihre Beantwortung auf manche in den vorhergehenden Fragen berührten Punkte Licht geworfen wird. Wenn man, vielleicht übertrieben, behauptet, daß kein Blatt eines Baumes dem anderen vollkommen gleiche, so gilt das mit noch größerem Rechte von den Erkrankungen des menschlichen Gehirns, soweit es das Substrat der psychischen Funktionen ist. Dasselbe ist ein so überaus komplizierter Apparat und ist in so verschiedenem Maße entwickelt, daß die Störungen innerhalb seines Bereichs eine unendliche Mannigfaltigkeit aufweisen, die einzelnen abnormen Erscheinungen in einer unerschöpflichen Zahl von Kombinationen sich miteinander verbinden und demzufolge kein Einzelfall dem anderen absolut gleich ist. Es wird das auch dem in psychischen Erkrankungen Unerfahrenen ohne weiteres einleuchtend sein, wenn er sich vergegenwärtigt, wie verschieden die psychischen Individualitäten gesunder Menschen sind, wie sehr sie nach der Promptheit und Fülle der Assoziationen, der Lebhaftigkeit und Tiefe der Affekte, der Energie der Willensimpulse usw. voneinander abweichen, so daß kaum je die eine Persönlichkeit in allen Einzelzügen sich mit einer anderen vollständig deckt. Daß die ursprüngliche Individualität von wesentlichem Einfluß auf die Gestaltung eines pathologischen Prozesses ist, daß krankhafte Ideen nach Inhalt und Form ein ganz anderes Gepräge tragen müssen bei einem geistig reich begabten, kenntnisreichen, ethisch hochstehenden Menschen als bei einem von Haus aus minderwertigen, ärmlich entwickelten, stumpfsinnigen Individuum, liegt auf der Hand, und berücksichtigt man weiter, daß in dem so oder so gearteten Organismus wiederum das komplizierte Getriebe des psychischen Geschehens in einer besonderen Richtung gestört sein kann, so ergibt sich der denkbar weiteste Spielraum für die Ausgestaltung des Details der Krankheitsbilder. So überaus mannigfaltig und verschiedenfarbig aber die Einzelfälle von Seelenstörung sich darstellen, soviel Besonderes und Eigenartiges in jedem Falle der aufmerksamen Beobachtung sich darbieten mögen, so unabweislich drängen sich doch bei einer Überschau über die Einzelfälle innerhalb derselben gewisse Gruppierungen der Wahrnehmung auf, bestimmte Komplexe krankhafter Erscheinungen, die sich nach Entwicklung, Verlauf und Ausgang, nach Beteiligung der einzelnen psychischen Funktionen mehr oder weniger scharf voneinander abheben und die auf Grund tausendfältiger Beobachtung zur Feststellung einer gewissen Zahl von Krankheitsformen geführt haben. Und so bunt, so unerschöpflich an Variationen die Einzelausführung der psychischen Krankheitsbilder sein möge, so konstant sind die wesentlichen Richtungslinien, und in fast überraschender eintöniger Gleichmäßigkeit wiederholen sich, wenn man so zu sagen von den Arabesken des Einzelfalles absieht, die charakteristischen Grundzüge der Krankheitsformen. Von diesem wissenschaftlich gesicherten Standpunkte aus kann nicht entfernt davon die Rede sein, daß die bei dem Kläger sich kundgebende Seelenstörung in ihrer Eigenart in der Psychiatrie bisher nicht bekannt gewesen sei, vielmehr gehört sie zweifellos einer wohlbekannten und wohl charakterisierten psychischen Krankheitsform, der Paranoia, an und trägt alle wesentlichen Merkmale derselben an sich. Gewiß ist der vorliegende Fall, eine so häufige Seelenstörung die Paranoia an sich auch ist, kein gewöhnlicher, landläufiger, so wenig der Kranke selbst ein gewöhnliches Durchschnittsindividuum ist. Mehr als bei anderen Krankheitsformen ist gerade bei der Paranoia die ursprüngliche Persönlichkeit des Erkrankten von maßgebender Bedeutung für die Ausgestaltung des Irrseins und, so lange nicht etwa die sekundäre (bei Paranoia seltene) geistige Abschwächung platzgegriffen hat, werden, wie gesagt, von einem geistig bedeutenden, mit umfassenden Kenntnissen ausgestatteten, von lebhaftem Interesse für wissenschaftliche und sonstige ideale Probleme beseelten Mann mit reicher Phantasie und gut geschulter Urteilskraft die krankhaften Produkte eine dem geistigen Besitz entsprechende Ausstattung erhalten, – im wesentlichen in der Bildung und Systematisierung von Wahnvorstellungen wird aber das Krankheitsbild das gleiche sein wie bei einem Menschen, dessen Vorstellungskreis über die trivialsten Vorgänge des alltäglichen Lebens nicht hinausreicht. Ich habe bereits in den früheren Gutachten die Krankheitsform der Paranoia in ihrer Eigenart geschildert, muß es aber aus Anlaß der an mich gerichteten Frage hier nochmals in Kürze tun. Die Paranoia ist eine ausgesprochen chronische Krankheit. Sie entwickelt sich meist ganz allmählich, kann aber auch ziemlich akut unter den Erscheinungen halluzinatorischer Verwirrtheit einsetzen und dann nach Ablauf der stürmischen Symptome den weiteren langsam fortschreitenden Entwicklungsgang einschlagen. Als charakteristisch für die Paranoia ist zu bezeichnen, daß ohne primäre Mitwirkung stärkerer Stimmungsanomalien, häufig aber im Zusammenhang mit Halluzinationen und Erinnerungstäuschungen Wahnideen auftreten, sich bald fixieren und zu einem dauernden unkorrigierten und unerschütterlichen Wahnsystem verarbeitet werden, wobei die Besonnenheit, die Gedächtniskraft, die Ordnung und die Logik des Gedankenganges vollständig erhalten bleiben. Ob die Wahnideen sich auf die Verfassung des eigenen Körpers (hypochondrische Form) oder auf das politische, religiöse, sexuelle etc. Gebiet beziehen, ist für die Beurteilung des Gesamtzustandes nicht von wesentlicher Bedeutung, als charakteristisch aber ist hervorzuheben, daß der Mittelpunkt der krankhaften Vorstellungen immer die eigene Person ist, daß gewöhnlich Beeinträchtigungs-, bez. Verfolgungsideen einerseits, Überschätzungsideen andererseits sich kombinieren und daß zumeist – für längere Zeit wenigstens – die Wahnideen sich auf ein bestimmtes Vorstellungsgebiet beschränken, während die übrigen Gebiete relativ intakt bleiben. Mit Rücksicht darauf hat man denn auch früher eine »partielle Verrücktheit« angenommen und wenn auch die in dieser Bezeichnung sich kundgebende Auffassung jetzt verlassen ist, so kann man ihr eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Zwar muß jedes Wahnsystem, weil es sich als Träger desselben um ein »Individuum«, ein Unteilbares, handelt, sämtliche Vorstellungen des Kranken irgendwie beeinflussen und das würde sich auch nachweisen lassen, wenn wir jede Vorstellung eines Menschen in allen ihren Beziehungen zu anderen ganz genau verfolgen könnten. Eine solche Verfolgung ist aber tatsächlich nicht möglich und selbst bei sorgfältiger Beobachtung erscheint in nicht wenigen Fällen von Paranoia die Beeinflussung, welche das Urteil in manchen größeren Vorstellungskomplexen, die nur unbedeutende und indirekte Beziehungen zu dem Wahnsystem haben, durch das letztere erfährt, so gering, daß man für die praktische Rechnung diese Größe unter Umständen gleich Null setzen kann. Man kann sich den Sachverhalt vielleicht durch ein Beispiel aus dem gesunden psychischen Leben dem Verständnis näherbringen. Wir können mit einem Menschen längere Zeit in regem wissenschaftlichen Verkehr stehen, ohne in seine religiösen Überzeugungen einen Einblick zu gewinnen, weil die letzteren keine näheren Beziehungen zu seinen wissenschaftlichen Anschauungen haben, beide Vorstellungskomplexe gewissermaßen eine Sonderexistenz in seinem Gehirne führen. Es wird aber fast immer ein Moment kommen, in dem wir erkennen, daß doch auch die wissenschaftlichen Gesichtspunkte von der bis dahin nicht an die Oberfläche getretenen religiösen Überzeugung in maßgebender Weise beeinflußt werden, vielleicht ohne daß sich die betr. Person dieses Einflusses bewußt wird. Ähnlich ist es mit dem Wahnsystem eines Paranoikers: nicht speziell berührt, wird es für den Dritten leicht verborgen bleiben und sich in dem gewöhnlichen Verhalten kaum merklich geltend machen, während es doch in Wirklichkeit den Untergrund seines geistigen Lebens bildet. Es ist darum die Tatsache weder eine seltene noch eine auffällige, daß Paranoiker lange Zeit hindurch zwar vielleicht als Sonderlinge gelten, aber ihren Berufspflichten genügend gerecht werden, ihre Geschäfte ordnungsgemäß besorgen, selbst wissenschaftlich mit Erfolg tätig sind, obwohl ihr geistiges Geschehen schwer gestört ist und sie im Banne eines oft recht absurden Wahnsystems sich befinden. Jedem Psychiater von einiger Erfahrung sind solche Fälle in größerer Zahl bekannt, ja sie illustrieren recht eigentlich die Eigenart der Paranoiker. Zumeist ereignet es sich nun freilich bei diesen immer einen durchaus chronischen Charakter tragenden Fällen, daß der Kranke bei irgendeiner Gelegenheit aus dem Geleise seines der Außenwelt gegenüber festgehaltenen modus vivendi gerät, infolge seiner krankhaften Anschauungen irgendwie mit der Umgebung kollidiert, über die Grenze des Erträglichen in seinem Gebaren hinausgeht und nun als Kranker erkannt und behandelt wird. Letzteres lehrt die Erfahrung, man wird aber nicht mit Sicherheit in Abrede stellen können, daß manche derartige Fälle von Paranoia überhaupt nicht in das Bereich der ärztlichen Erfahrung treten, letzterer ganz entzogen bleiben und, vielleicht nur der nächsten Umgebung bekannt, dauernd ohne wesentliche Störung des Betreffenden in seinem bürgerlichen Leben verlaufen. In die Gruppe dieser Krankheitsfälle gehört nun ohne Zweifel die Psychose des Klägers in ihrer schon seit mehreren Jahren sich darbietenden Gestaltung, wenn sie auch nicht wie gewöhnlich allmählich und unmerklich entstanden ist, sondern aus einem Stadium akuter Krankheitsvorgänge sich entwickelt hat. Hier möchte ich aber in Befolgung der mir in dem Beweisbeschlusse des Königlichen Oberlandesgerichts erteilten Weisung, die bei den Akten befindlichen Eingaben des Klägers zu berücksichtigen, auf einige von dem letzteren mir gemachte Einwürfe kurz eingehen. Der Kläger meint (Blatt 118), daß mein Gutachten a priori von der stillschweigenden Voraussetzung ausginge, daß alles das, was er über seinen Verkehr mit Gott und über die an seiner Person geschehenen göttlichen Wunder habe verlauten lassen, nur auf krankhafter Einbildung beruhe. Diese Auffassung ist nicht zutreffend. Abgesehen davon, daß ich den Ausdruck »Einbildung« kaum irgendwo gebraucht haben dürfte, habe ich den krankhaften Charakter der betr. Ideen keineswegs a priori vorausgesetzt, vielmehr an der Hand der Krankengeschichte auseinandergesetzt, wie der Kläger zunächst von hochgradiger Hyperästhesie, Überempfindlichkeit gegen Licht und Geräusch heimgesucht worden ist, wie sich daran massenhafte Halluzinationen und namentlich Gemeingefühlsstörungen angeschlossen und seine Auffassung gefälscht haben, wie auf Grund dieser Sinnestäuschungen sich zuerst phantastische Beeinträchtigungsvorstellungen entwickelten und den Patienten so beherrschten, daß er zu Selbstmordversuchen gedrängt wurde, und wie denn endlich aus diesen pathologischen Vorgängen das System von Ideen sich herausbildete, das der Kläger in seinen Denkwürdigkeiten so eingehend und drastisch geschildert hat und dessen Einzelheiten in den früheren Gutachten soweit möglich wiedergegeben worden sind. Wenn nun der rechtliche Vertreter des Klägers nach dessen Äußerungen die Sache so darstellt, als habe für den Begutachter und den Richter nur in dem in jenem Vorstellungskomplex sich kundgebenden »Wunderglauben« das Moment für die Annahme geistiger Erkrankung gelegen, letztere sei aber um deswillen nicht zutreffend, weil sehr viele Menschen dem Wunderglauben ergeben wären, ohne daß man deshalb auf den Gedanken käme, sie für geisteskrank zu erklären, so ist das nicht richtig. Von dem, was man Wunderglauben nennt, von der naiven, jeder Kritik sich unabsichtlich oder absichtlich enthaltenden theoretischen Anschauung, daß der liebe Gott gelegentlich gegen die uns bekannten Naturgesetze oder über sie hinaus die Dinge nach seinem allmächtigen Willen sich vollziehen lassen, kann in dem vorliegenden Falle nicht die Rede sein. Hier handelt es sich um Vorstellungen, die, wie der Kläger selbst wiederholt hervorhebt und wie deren Inhalt ohne weiteres erkennen läßt, nicht aus einem frommen Kinderglauben hervorgegangen, sondern direkt und im Gegensatz zu früheren Anschauungen durch zweifellos pathologische Vorgänge im Gehirn bedingt sind, Vorgänge, die sich namentlich auch durch Gemeingefühlsstörungen und Täuschungen der Sinne dokumentieren und somit auf einem ganz andern Gebiet liegen als jener harmlose »Wunderglauben«. Der Kläger selbst kann ja selbstverständlich nicht zu der Einsicht gelangen, daß diese halluzinatorischen Vorgänge (im weiteren Sinne – es gehören dazu u. a. auch die von dem Patienten beschriebenen Muskelempfindungen –) lediglich subjektiv bedingt sind, und seine Auseinandersetzungen Bl. 164 ff. gehen im wesentlichen darauf hinaus, seine Halluzinationen als etwas ganz besonderes hinzustellen und ihnen eine reale Grundlage zu vindizieren. Das tut aber jeder Halluzinant und muß es tun, andernfalls hätte er überhaupt keine wirklichen Halluzinationen. Für letztere ist es eben charakteristisch, daß sie für bar und tatsächlich genommen werden und volle sinnliche Schärfe haben. Es wäre falsch zu sagen, es sei dem Halluzinanten so, als ob er etwas sähe oder höre, er sieht und hört wirklich und es wäre ganz vergeblich, mit ihm über die Realität seiner Eindrücke zu diskutieren. »Wenn meine Wahrnehmungen irrige sein sollen«, sagte ein Kranker, »so muß ich auch an allem zweifeln, was Sie mir sagen, ich muß daran zweifeln, daß ich Sie sehe.« Es würde viel zu weit führen, hier auf die Lehre von den Halluzinationen näher einzugehen, und für den vorliegenden Zweck auch wenig Nutzen haben; es sei nur kurz bemerkt, daß bei der Halluzination die innere abnorme Erregung apperzipierender Hirnapparate im Bewußtsein des betr. Individuums dasselbe hervorbringt, was unter normalen Verhältnissen durch äußere Eindrücke erzeugt wird, nämlich eine Wahrnehmung, ein Vorgang, den man auch so bezeichnen kann, daß man sagt, der Halluzinierende apperzipiert nicht die Welt, sondern sich selbst, d. h. Vorgänge in seinem zentralen Nervenapparate. Die ungleich größere Macht aber, die die Sinnestäuschungen über den gesamten Bewußtseinsinhalt des Kranken zu gewinnen pflegen als die wirklichen Wahrnehmungen, ist nicht allein auf deren sinnliche Deutlichkeit zurückzuführen, sondern auch darauf, daß sie der jeweils dominierenden Vorstellungsrichtung adäquat sind und auf demselben Boden erwachsen wie jene zunächst vielleicht noch dunklen und unklaren Gedankengänge, die durch sie wiederum mächtig gefördert und befestigt werden. Daß aber der Kläger halluziniert hat und noch halluziniert, kann ja gar nicht bezweifelt werden und zwar unterscheiden sich seine Halluzinationen bzw. Illusionen (krankhaft subjektive Deutung tatsächlicher Vorgänge) im wesentlichen nicht von denen sehr zahlreicher anderer Kranken, nur daß sie eben seiner Individualität entsprechend sich ausgestaltet haben. Auch der von ihm ausgesprochene Zweifel, ob jemals kontinuierliche Halluzinationen beobachtet worden seien, ist unbegründet; sie sind, wenn auch seltener, als die intermittierenden, häufig genug. Ebenso ist die Voraussetzung, daß die »Brüllzustände« wohl noch nie vorgekommen seien, unbegründet. Bei den sog. katatonischen Kranken ist das automatische Ausstoßen unartikulierter Töne oder endlos wiederholter Worte kein seltenes Vorkommnis, aber auch bei Paranoikern habe ich es beobachtet. So befand sich unter meinen Patienten mehrere Jahre hindurch ein Herr aus vornehmer Familie von ungewöhnlich guten Geistesgaben und nicht gewöhnlicher allgemeiner Bildung, der u. a. von der Wahnidee beherrscht war, daß frühere Bekannte, namentlich ihm vermeintlich unfreundlich gesinnte, in den hohlen Wänden des Hauses eingesperrt seien, ihn von dort aus durch beleidigende höhnische Redensarten belästigten usw. Dieser paranoische Kranke, der sich ganz geordnet benahm, im Verkehr sehr unterhaltend war, besonders auch durch gelungene poetische Gabe erfreute, pflegte täglich wiederholt halbe Stunden lang ununterbrochen überlaute unartikulierte Laute (»Brüllaute«) oder Schimpfworte zwangsmäßig auszustoßen und zwar fast nur in seinem Zimmer, – er nannte dies »sich psychisch räuspern.« Weiter ist der wiederholt ausgesprochenen Meinung des Klägers, daß ich mein Urteil über seinen Zustand im Laufe der Zeit geändert hätte, und voraussichtlich auch noch weiterhin zu einer andern Anschauung über denselben kommen dürfte, entgegenzutreten. Nicht mein Urteil, sondern der Zustand selbst hat sich allmählich geändert und sehr verschiedene Phasen durchlaufen. Ich habe das schon in meinem früheren Gutachten ganz ausführlich und, wie ich meine, verständlich dargelegt und glaube in gleicher Ausführlichkeit auf den Entwicklungsgang des vorliegenden Krankheitszustandes nicht nochmals zurückkommen zu sollen. Zwischen der Okkupation durch ungeheuerliche hypochondrische Wahnideen, den schweren halluzinatorischen Stupor, dem negativistischen, durch Nahrungsverweigerung, Abweisung jeden Verkehrs wie jeder Beschäftigung sich charakterisierenden Gebaren der früheren Zeit und der besonnenen, umgänglichen, den Ansprüchen und Interessen des Tages sich nicht verschließenden Haltung der Gegenwart besteht ein großer Unterschied, ein Unterschied, der bei der Würdigung des Gesamtzustandes selbstverständlich ins Gewicht fällt. Wie erheblich die Veränderung des Zustandes ist, darauf weist u. a. auch die Modifikation in den Halluzinationen hin. Wenn sie früher nach Form und Inhalt von gewaltiger Art, von lebhaftem Affekt begleitet und daher von unmittelbarer mächtiger Wirkung waren, so haben sie sich allmählich abgeschwächt und sind jetzt nach der anschaulichen Schilderung des Patienten (vgl. Bl. 166 ff.) nur noch ein lispelndes, leises Geräusch, ein Gezisch, das sich mit dem Geräusch des aus einer Sanduhr herabträufelnden Sandes vergleichen läßt, während zugleich auch der Inhalt ärmlicher und skurriler ist, die Aufeinanderfolge der halluzinierten Worte immer langsamer geworden ist, die »Stimmen« durch ein gewöhnliches Gespräch übertönt werden und dem Patienten lästig und widerwärtig sind, nicht aber sein Fühlen und Denken in maßgebender Weise beeinflussen. Es ist eben, wie ich schon früher auseinandergesetzt habe, das akutere Medium der Psychose mit seiner lebhaften gemütlichen Alteration schon längst in ein chronisches übergegangen, aus der stürmisch bewegten, trüben Flut der akuten Krankheitsvorgänge hat sich das bekannte, komplizierte Wahnsystem kristallisiert und fixiert, und mit diesem hat sich der Kranke in der oben angedeuteten Art abgefunden, daß es in gewissem Maße eine Sonderexistenz in seinem Vorstellungsleben führt, zwar einen sehr bedeutsamen Teil desselben darstellt, aber doch bei dem Mangel lebhafter Affektbetonung mit den übrigen Vorstellungskreisen, namentlich den das alltägliche Leben in sich fassenden, nur in relativ geringer Wechselwirkung steht und sie nicht überall durch Erregung entsprechender Willensimpulse merklich beeinflußt. Damit ist nicht gesagt, daß ein solcher Einfluß ganz ausgeschlossen ist, er wird sich unter Umständen sehr wohl auch auf trivialem Gebiete geltend machen und zu falschen Anschauungen führen können. Ich will hier nur beispielsweise, da der Kläger über diesen Punkt eine sachverständige Äußerung begehrt, dessen eigentümliche, in seinem Wahnsystem eine Rolle spielende Auffassung des männlichen und weiblichen Körpers berühren. Er ist der Meinung, daß der weibliche Körper im Gegensatz zu dem männlichen überall, namentlich aber an den Brüsten »Wollustnerven« aufweise, er selbst aber in dieser Beziehung dem weiblichen Typus ähnle und daher entsprechende Empfindungen habe, und läßt sich von dieser Meinung nicht abbringen, obwohl in Wirklichkeit »Wollustnerven« nur an den Genitalien vorhanden sind und die weibliche Brust ihre schwellende Form lediglich der Entwicklung der Milchdrüse und der Fettablagerung verdankt. – Nach diesen durch die im Beweisbeschluß gestellte Schlußfrage veranlaßten allgemeinen Bemerkungen komme ich nun zur Beantwortung der praktisch wichtigeren ersten Frage. Hierbei darf zunächst konstatiert werden, daß dem Kläger seit Erstattung des früheren, mit Rücksicht auf seinen Gesamtzustand eine allmählich weitergehende Bewegungsfreiheit eingeräumt worden ist. Wenn ihm schon vorher gestattet worden war, in Begleitung eines Pflegers größere und kleinere Ausflüge zu unternehmen, Restaurationen und öffentliche Vergnügungsorte zu besuchen, in Geschäftslokalen Besorgungen zu machen pp., so ist seit dem Sommer v. J. auch die Begleitung durch den Pfleger weggefallen. Es hatten damals Mutter und Schwester des Klägers Aufenthalt in dem benachbarten Wehlen genommen, zu welchem Herr Präsident Schreber selbst den Anlaß gegeben und die Vorbereitungen in zweckmäßiger Weise getroffen hatte. Bei den eine Reihe von Wochen hindurch fast täglich den Angehörigen abgestatteten, öfters auf den größten Teil des Tages sich erstreckenden Besuchen erschien, abgesehen von den immerhin beachtlichen Unkosten, aus naheliegenden Gründen die Anwesenheit des Pflegers wenig opportun, ja störend und wurde daher auf dieselbe verzichtet. Da nun aber Unzuträglichkeiten infolge der Unterlassung der bisher noch geübten Vorsichtsmaßregel der Anstaltsdirektion nicht bekannt geworden waren, ist sie auch nach der Abreise der Angehörigen nicht wieder aufgenommen worden. Seitdem ist dem Kläger freier Ausgang aus der Anstalt ohne weitere Beschränkung als die selbstverständliche Verpflichtung zur Einhaltung der Hausordnung gewährt geblieben und er hat ihn dazu benutzt, um in fast täglichen Ausflügen zu Fuß, zu Schiff oder unter Benutzung der Eisenbahn alle bemerkenswerten Punkte der Umgegend teils allein, teils in Gesellschaft des einen oder anderen von ihm dazu aufgeforderten Patienten aufzusuchen, ebenso auch gelegentlich Konzert, Theater, öffentliche Schaustellungen pp. zu frequentieren; er ist aber auch wiederholt zur Abwartung von gerichtlichen Terminen, zum Besuch seiner Gattin, zur Besorgung kleiner Geschäfte in Dresden gewesen und neuerdings hat er auf Einladung seiner Angehörigen mit Zustimmung der Anstaltsdirektion allein eine Reise nach Leipzig unternommen, von der er nach achttägiger Abwesenheit gestern zurückgekehrt ist und die nach einer mir von der Schwester zugegangenen Mitteilung ganz glücklich abgelaufen ist. Was nun das Verhalten des Klägers bei allen diesen Gelegenheiten anlangt, so ist ihm zunächst das Zeugnis zu geben, daß er nie ein unverständiges und unpassendes Unternehmen ausgeführt, über seine aus dem Rahmen des Alltäglichen fallenden Pläne und Absichten sich stets offen und rückhaltlos ausgesprochen, beziehentlich sich des Einverständnisses der Direktion vor ihrer Ausführung versichert hat, bei letzterer auch mit Überlegung und verständiger Berücksichtigung aller Verhältnisse vorgegangen, auch immer rechtzeitig von seinen Exkursionen zu Hause eingetroffen ist. Ebenso glaube ich bestimmt annehmen zu dürfen, daß erhebliche Unzuträglichkeiten bei dem Verkehr des Klägers in der Außenwelt niemals vorgekommen sind. Ein Nachteil hat sich aus dem Mangel der Begleitung durch einen Anstaltsbeamten bei diesem Verkehr ja insofern ergeben müssen, als nunmehr eine zuverlässige Kunde über das Verhalten des Patienten außerhalb der Anstalt fehlte. Seine eigenen Angaben können in dieser Richtung nicht ausschließlich maßgebend sein. Er ist streng wahrheitsliebend und wird, glaube ich, wissentlich nie eine Unwahrheit sagen, es hat aber nicht unbemerkt bleiben können, daß ihm über die Tragweite und die Wirkung seines Gebarens nach außen hin doch das objektive Urteil, wie leicht erklärlich, vielfach abgeht. Es ist beispielsweise nicht selten geschehen, daß das lärmende Treiben des Patienten während der Nacht zu lebhaften Klagen der Umgebung Anlaß gegeben hat, er selbst aber bei bezüglichem Vorhalt an eine derartige Störung gar nicht recht glauben wollte und sie als ganz geringfügig einschätzte. Wenn man nun wahrzunehmen hat, wie laut der Patient nicht nur in seinem Zimmer, sondern auch sonst im Bereiche der Anstalt ist und wie er überdies durch seine sonstigen notorischen Absonderlichkeiten auffällig wird, so ist es schwer zu glauben, daß er an andern Orten jede Auffälligkeit zu vermeiden vermöge. In der Tat ist das denn auch nicht der Fall. Ich habe schon früher beschrieben, wie an dem Patienten sich auch in Gesellschaft während der täglichen Mahlzeiten und bei einigen anderen Gelegenheiten recht auffällige Erscheinungen wahrnehmen lassen, die auch dem halbwegs aufmerksamen Laien ohne weiteres als krankhaft imponieren, nicht nur das Grimassieren, das Zukneifen der Augen, das Räuspern, die sonderbare Haltung des Kopfes pp., sondern mehr noch das zeitweilige vollständige Abgelenkt- und Entrücktsein, das ihn die Äußerungen der Umgebung gar nicht apperzipieren läßt; es ist aber auch in neuerer Zeit – freilich nur einmal – vorgekommen, daß er sich nicht hat enthalten können, bei Tisch die bekannten »Brüllaute« auszustoßen, und dadurch namentlich die anwesenden Damen in die größte Bestürzung versetzt hat. Zu derselben Zeit hat er sich auch in Gegenwart seiner ihn besuchenden Gemahlin so laut gebärdet, daß sie sich alsbald wieder hat entfernen müssen. Weiter ist mir auch von Augenzeugen gemeldet worden, daß der Kläger wenigstens in der Nähe der Anstalt (auf der Treppe) laut geworden ist und auf der Straße durch Gesichtsverzerrungen auffällig geworden ist. Ich kann endlich auch nicht verschweigen, daß mir von einem Pirnaer Bürger im Juni v. J. brieflich Vorwürfe darüber gemacht worden sind, daß ich einen Kranken, der sich so gebärde wie der Kläger, »der Öffentlichkeit preisgebe,« – diese Insinuation erschien mir aber so sehr übertrieben und wurde durch die Versicherung des Patienten so glaubhaft entkräftet, daß ich ihr keinen besonderen Wert beilegen zu müssen geglaubt habe; es ist mir auch ähnliches nie wieder hinterbracht worden. Immerhin wird man daran nicht wohl zweifeln können, daß der Kläger, wenn sein Gesamtzustand nicht noch eine weitere Besserung erfährt, nach der eventuellen Rückkehr in seine Häuslichkeit mindestens innerhalb der letzteren den geräuschvollen zwangsmäßig erfolgenden Entäußerungen seines abnormen motorischen Drangs nicht wird entsagen können und dadurch für die Umgebung störend sein wird. – Hierbei muß ich noch mit einigen Worten auf das Verhältnis des Klägers zu seiner Gattin zurückkommen. Er hat es begreiflicherweise unangenehm empfunden, daß ich ihm in dieser Beziehung »krankhaft gesteigerten Egoismus« beigemessen habe. Ich bin weit entfernt davon gewesen, bei diesem Hinweise an eine Herabminderung seiner ethischen und moralischen Gefühle zu denken, ich erkenne vielmehr deren ungeschwächte Fortdauer auch der Gattin gegenüber vollständig an, der Akzent liegt in der oben zitierten Äußerung ganz auf dem Worte »krankhaft« und ich habe dabei nur die egozentrische Gedankenrichtung im Auge gehabt, die jedem Kranken eigen ist und die die Vorgänge an der eigenen Person durchaus in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, während die Wirkung dieser Vorgänge auf andere unterschätzt, für deren Mitleidenschaft nicht der richtige Maßstab gefunden wird. Wie dem aber auch sein möge, zu bezweifeln dürfte füglich nicht sein, daß nach den tatsächlich bestehenden Umständen und solange eine weitere Besserung nicht eintritt, bei dem äußeren Verhalten des Kranken die eheliche Gemeinschaft nicht oder doch nur mit einem Maß von Selbstverleugnung seitens der Ehefrau wieder aufgenommen werden könnte, das sie mit Rücksicht auf ihren eigenen schwankenden Gesundheitszustand nicht aufzuwenden vermöchte. Seitdem dem Kläger ganz freier Ausgang aus der Anstalt gewährt wird, ist ihm auch eine etwas größere Summe (... Mk. monatlich) als Taschengeld zur Bestreitung seiner Ausflüge und kleinen Bedürfnisse zur Verfügung gestellt worden. Es ist nun nicht wahrgenommen worden, daß er mit diesem Gelde verschwenderisch umgegangen und infolgedessen nicht mit ihm ausgekommen sei. Den Eindruck besonderer Sparsamkeit hat man nicht gehabt, wohl aber bemerken können, daß er sich jede Ausgabe wohl überlegt, Kostspieliges vermeidet, auch nicht etwa Unnützes (abgesehen etwa von den früher erwähnten kleinen Schmucksachen) zusammenkauft. Aus wiederholten Äußerungen der Gattin glaubte ich zwar entnehmen zu können, daß ihrer Ansicht nach der Patient relativ zuviel Geldmittel in Anspruch nehme; da mir die Vermögensverhältnisse des Klägers nicht näher bekannt sind, kann ich über die Berechtigung dieser Äußerungen nicht urteilen, ich meine aber, daß eine irgend erhebliche Überschreitung des nach den Verhältnissen erlaubten Maßes in den hier gemachten Ausgaben nicht wird gefunden werden können. Durchaus orientiert über seine pekuniäre Lage ist der Kläger jedenfalls und es liegt zur Zeit kein Anhalt für die Annahme vor, daß er etwa aus irgendwelchen krankhaften Motiven über die durch dieselbe gezogenen Grenzen hinausgehen und auch bei unbeschränkter Disposition über dasselbe sein Vermögen verwahrlosen werde. Daß der Kläger seine Gesundheit in acht zu nehmen nicht verstände und sie durch willkürliche Handlungen schädige, kann nicht gesagt werden. Er hält auf Reinlichkeit und Körperpflege, ißt genügend, wenn auch nicht überreichlich, ist im Trinken durchaus mäßig und darauf bedacht, sich durch regelmäßige Körperbewegung Elastizität und Frische zu bewahren. Daß freilich die oft sehr erhebliche Störung des Schlafs, zu dessen Herbeiführung jetzt übrigens nur noch selten Medikamente in Anwendung gekommen sind, sowie auch die am Tage sich vielfach geltend machende Unrast und Ruhelosigkeit nicht günstig auf seinen Gesamtzustand zurückwirken, läßt sich aus seinem öfters recht angegriffenen Aussehen schließen und daß er unter Umständen bei etwaiger Indisposition ein sehr irrationelles Verhalten einschlagen kann, hat erst neulich beobachtet werden können. Der Kläger war von einer an und für sich nicht weiter bedenklichen Verdauungsstörung mit Durchfall und Erbrechen befallen worden, er geriet durch sie aber, indem er sie als »göttliches Wunder« ansah, in große Erregung und statt im Bett zu bleiben, die durch das Leiden gebotene strenge Diät einzuhalten und die indizierten Medikamente zu nehmen, tat er unter dem Einfluß der krankhaften psychischen Vorgänge von alledem (soweit möglich) so ziemlich das Gegenteil und zog dadurch die Indisposition in die Länge. Für gewöhnlich dürfte der Kläger, wie gesagt, kaum eine seine Gesundheit beeinträchtigende Handlung unternehmen, aber die hier angedeutete Episode weist doch darauf hin, wie unberechenbar auf der gegebenen pathologischen Grundlage die jeweiligen Impulse sind. – Als krankhaft bedingt und unbefangener verständiger Überlegung ermangelnd, muß wiederum die bestimmte und wiederholt bekräftigte Absicht des Klägers angesehen werden, seine »Denkwürdigkeiten« zu veröffentlichen. Ich brauche wohl nicht nochmals auf die Einzelheiten dieser Schrift einzugehen – sie liegt dem Königlichen Oberlandesgericht vor und es wird von dem Inhalte derselben genaue Kenntnis genommen worden sein. Jeder unbefangene Beurteiler wird diese Darstellung eines komplizierten Wahnsystems zwar als sehr interessant, speziell für den Fachmann, bezeichnen, ihre mehr oder weniger unverkürzte Veröffentlichung aber mit allen in ihr enthaltenen geradezu »unmöglichen« Partien für ebenso anstößig als kompromittierend für den Verfasser erachten. Mit letzterem ist eine Diskussion über die Opportunität der Veröffentlichung seiner Schrift aussichtslos; er sieht in ihr die Offenbarung einer neuen für die Welt wichtigen Wahrheit, und wenn er sich der mündlichen Propaganda für sie enthält, so will er wenigstens durch das gedruckte Wort die Menschheit an der ihm gewordenen Erkenntnis Gottes und des Jenseits teilhaftig machen und alle etwa ihm daraus erwachsenden persönlichen Unannehmlichkeiten auf sich nehmen. Was von den im Vorstehenden erwähnten Abweichungen von der Norm im Sinne des Beweisschlusses als »Neigung zu unverständigem und verkehrtem Tun« anzusehen sei, wird das Gericht zu beurteilen wissen, das aber wird auch ärztlicherseits hervorgehoben und insoweit dem rechtlichen Vertreter des Klägers bzw. ihm selbst beigestimmt werden dürfen, daß die krankhaften Erscheinungen sich zur Zeit nach außen hin zumeist nur in relativ untergeordneten Gebieten geltend machen, ihre störende Wirkung vorwaltend im intimeren häuslichen und gesellschaftlichen Verkehr äußere, ihrer Art nach mehr eine sozusagen wohlfahrtspolizeiliche als eine rechtliche Bedeutung haben und die vitalsten persönlichen Interessen des Kranken selbst, Interessen zugleich, die durch vormundschaftliches Eingreifen gesichert werden können, also etwa Gesundheit, Vermögen, Ehre, nicht erheblich zu schädigen drohen. Nur bezüglich des letzteren Punktes kann, wie gesagt, die auf Veröffentlichung der Denkwürdigkeiten gerichtete Bestrebung als ein schädigendes Moment angesehen werden. Es wird nun aber im Beweisbeschlusse unter b noch gefragt, ob nach der Natur der bestehenden geistigen Erkrankung ungeachtet des gegenwärtigen günstigen Verhaltens des Kranken Grund zu der Besorgnis vorliege, daß der Kläger, sobald ihm die Freiheit der rechtlichen Verfügung zurückgegeben werde, durch unvernünftiges und zweckwidriges Handeln die oben genannten und sonstige beachtliche Lebensinteressen gefährden werde. Ich habe schon im früheren Gutachten darauf hingewiesen, daß es sich nach der Natur einer so tief eingreifenden Krankheit, wie es die Paranoia ist, nicht voraussagen läßt, ob und in welcher Richtung im gegebenen Moment der Folgezeit die vorhandenen krankhaften Vorstellungen das Handeln des Patienten beeinflussen könnten; ich habe ferner erwähnt, wie viele Paranoiker mit ausgebildetem Wahnsystem anstandslos und ihren Beruf ausübend in der Außenwelt existieren, bis sie bei irgendeiner Gelegenheit durch verkehrte Handlungen ihren krankhaften Zustand dokumentieren; ich habe auch oben an einem Beispiel gezeigt, wie sehr der Kläger durch äußere Umstände außer Fassung gebracht und durch seine krankhaften Eingebungen zu unzweckmäßigem Handeln gedrängt werden kann, und habe daher nur zu wiederholen, daß auch jetzt eine Beeinflussung des Klägers durch pathologische Vorgänge bei seinen Handlungen nicht ausgeschlossen werden kann. Wenn der Kläger (Bl. 118 u. 119) sagt, daß die durch die Einsicht in das wahre Wesen göttlicher Dinge gewonnenen Ergebnisse, die Gewißheit, daß er es mit Gott und göttlichen Wundern zu tun habe, zum Mittelpunkt seines ganzen Lebens geworden seien, daß sich Gott ihm jetzt noch täglich und stündlich in seinen Wundern und seiner Sprache offenbare, daß darauf die gleichmäßige Heiterkeit seiner Stimmung, sein Wohlwollen auch gegen desselben minder Würdige beruhe usw., so ist es gar nicht denkbar, daß diese mächtige Grundströmung seiner Gedanken und Empfindungen unter allen Umständen ganz ohne Einfluß auf seine Handlungen bleiben sollte, zumal ja auch gegenwärtig manche seiner Handlungen ohne seinen Willen direkt durch »Wunder« veranlaßt werden. Daran kann auch die Versicherung des Klägers, »daß er seinen Wahnideen auf die Gestaltung seiner Angelegenheiten grundsätzlich keinerlei Einfluß vergönne«, kaum etwas ändern, da er sich einesteils solcher Einflüsse gar nicht bewußt zu werden braucht, andernteils die Macht der krankhaften Vorgänge so wachsen kann, daß ein Widerstand unmöglich wird. Eine Gewähr also dafür, daß durch die bestehende Krankheit in Zukunft keinerlei wichtige Lebensinteressen des von der Bevormundung befreiten Patienten gefährdet werden würden, kann nach der Natur dieser Krankheit nicht gegeben werden. Im übrigen ist indes auch vom ärztlichen Standpunkt auf zwei Momente hinzuweisen. Einmal erscheint es doch fraglich, ob die bloße Befürchtung bedenklicher Eventualitäten, die Möglichkeit schwerer Gefährdung zur Begründung der Annahme ausreiche, daß der Kranke seine Angelegenheiten nicht besorgen könne, und dann ist die Gefahr für die Zukunft insofern nicht groß als eben zu konstatieren ist, daß bei dem Kläger der wahnhafte Vorstellungskreis sich allmählich von den übrigen Vorstellungskreisen schärfer geschieden hat und seit längerer Zeit eine wenn auch nur relative Sonderexistenz führt, daß nach der bisherigen Erfahrung tatsächlich die Beurteilung und Behandlung einer Reihe gerade der wichtigeren Lebensinteressen von jenem wahnhaften Vorstellungskomplex nicht merklich beeinflußt wird, sondern in einwandfreier Weise erfolgt. Den gegenwärtigen Verhältnissen gegenüber liegt aber ein Grund zu der Vermutung nicht vor, daß der psychische Zustand des Klägers in absehbarer Zeit eine wesentliche Veränderung bzw. Verschlechterung erfahren werde, und man darf daher die Sorge für die Zukunft bei der Beurteilung der Gesamtlage nicht mehr so hoch einschätzen wie früher. – Geheimer Medizinalrat (gez.) Dr. Weber . E. Urteil des Königlichen Oberlandesgerichts Dresden, vom 14. Juli 1902. O.I. 152/01. Nr. 22 Ausfertigung. Verkündet am 14. Juli 1902. gez.: Ref. Dr. Förster, als Gerichtsschreiber. F. XI 6894/02. Tag des Aushangs der 14. Juli 1902. gez.: Sekr. Diethe, Gerichtsschreiber. Im Namen des Königs! In Sachen des Senatspräsidenten a. D. Dr. Daniel Paul Schreber , früher in Dresden, jetzt in der Landesheilanstalt Sonnenstein, Klägers und Berufungsklägers, (Prozeßbevollmächtigter: Rechtsanwalt Justizrat Windisch), gegen den Staatsanwalt beim Königlichen Landgericht zu Dresden und nunmehr den Staatsanwalt beim Königlichen Oberlandesgericht zu Dresden, Beklagten und Berufungsbeklagten, wegen Anfechtung der Entmündigung, erkennt der erste Zivilsenat des Königlich Sächsischen Oberlandesgerichts unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Hardraht und der Oberlandesgerichtsräte Vogel, Dr. Steinmetz, Nicolai, Dr. Paul, für Recht: Auf die Berufung des Klägers wird unter Abänderung des Urteils der siebenten Zivilkammer des Landgerichts zu Dresden vom 13. April 1901 der Entmündigungsbeschluß des Amtsgerichts Dresden vom 13. März 1900 aufgehoben . Die Kosten des Verfahrens mit Einschluß der in der Berufungsinstanz erwachsenen werden der Staatskasse auferlegt. Tatbestand . Der Kläger ist auf Antrag der Königlichen Staatsanwaltschaft durch Beschluß des Amtsgerichts Dresden vom 13. März 1900 wegen Geisteskrankheit entmündigt worden. Der Amtsrichter erklärt sich auf Grund des sachverständigen Gutachtens des Geh. Med. Rats Dr. Weber, in dessen Behandlung sich der Kläger seit dem Jahre 1894 befindet, sowie nach dem Eindrucke, den er aus der persönlichen Vernehmung des Kranken gewonnen hat, für überzeugt, daß der Kläger des Vernunftgebrauchs beraubt und infolgedessen unfähig sei, seine Angelegenheiten zu besorgen. Dr. Schreber werde von Wahnideen beherrscht. Er halte sich für berufen, die Welt zu erlösen und ihr die verlorengegangene Seligkeit wiederzubringen. Das könne er aber nur, wenn er sich zuvor aus einem Manne zu einem Weibe verwandelt habe. In dieser geschlechtlichen Wandlung wähne der Kranke ein Gegenstand fortdauernder göttlicher Wunder zu sein, und er meine die Vögel und die Winde mit sich sprechen zu hören, die ihn in seinem Wunderglauben bestärkten. – Ein Mensch unter dem Einflusse solcher Wahnideen und Sinnestäuschungen sei nicht mehr Herr seines freien Willens. Er stehe unter äußeren, von seinem eigenen Wollen unabhängigen Einwirkungen, gegen die er machtlos sei und die ihn unfähig machten, sein Tun und Handeln nach praktischer, vernünftiger Überlegung einzurichten. Der Kläger hat den Entmündigungsbeschluß rechtzeitig im Prozeßwege angefochten und die Aufhebung des Beschlusses beantragt. Er bestreitet, durch die von dem Sachverständigen bei ihm festgestellte geistige Erkrankung (Paranoia) an der Besorgung seiner Angelegenheiten irgendwie gehindert zu sein. Tatsächliche Unterlagen für diese Annahme habe das Amtsgericht nicht beigebracht. Es sei eine reine petitio principii, wenn gesagt werde: ein Mensch unter dem Einflusse von Wahnideen und Sinnestäuschungen sei nicht Herr seines freien Willens. Mit der Frage seiner Geschäftsfähigkeit habe das, was dem Gerichte als Wahnvorstellung erscheinen möge, überhaupt nichts zu tun; jedenfalls sei seine Krankheit nicht von der Art, daß sie ihn außerstande setze, diejenigen Vorgänge des menschlichen Verkehrs, die im Sinne des Gesetzes, »seine Angelegenheiten« ausmachten, richtig zu beurteilen, selbst wenn man die »Angelegenheiten« im weitesten Sinne begreife, also unter Einschluß derer, die sich bezögen auf: Leben, Gesundheit, Freiheit. Ehre, Familie, Vermögen. In allen diesen Dingen habe die Klarheit seines Urteils durch die Erkrankung keine Einbuße erlitten. Niemand werde ihm nachsagen können, daß er seinem Körper und seiner Gesundheit nicht die erforderliche Pflege angedeihen lasse. Selbstmord gedanken seien ihm im ersten Jahre seiner Krankheit allerdings nicht fremd gewesen, sie seien aber mit der fortschreitenden Besserung seines Zustandes schon längst gewichen. Daß ihm die persönliche Freiheit und seine Ehre am Herzen lägen, beweise gerade das Streben, sich der Fesseln der Entmündigung zu entledigen; sein männliches Ehrgefühl fühle sich dadurch verletzt, daß er in rechtlicher Beziehung wie ein unmündiges Kind behandelt werden solle. Mit seiner Frau und seiner Familie stehe er auf dem besten Fuße und er lasse sich auch deren Interessen angelegen sein. Was aber schließlich seine Vermögens angelegenheiten anlange, so sei er durchaus imstande, sie selbständig wahrzunehmen. Vor Übervorteilungen im Geschäftsverkehr fühle er sich ebenso sicher wie jeder andere Mensch. Das Amtsgericht gehe im Entmündigungsbeschlusse zugunsten des Klägers selbst davon aus, daß er auch jetzt noch die Fähigkeit besitze, einem Richterkollegium vorzusitzen, die verwickeltsten Prozesse zu entscheiden und die schwierigsten Rechtsgutachten mit durchschlagender juristischer Begründung abzugeben. Sei das der Fall, so sei schlechterdings nicht einzusehen, weshalb er nicht fähig sein solle, die einfachen Rechtsgeschäfte abzuschließen, welche die Verwaltung eines geordneten Vermögens mit sich bringe. Das Landgericht hat die persönliche Vernehmung des Klägers durch einen beauftragten Richter und die nochmalige Begutachtung seines Geisteszustandes durch den Direktor der Kgl. Landesanstalt Sonnenstein, Geh. Med.-Rat Dr. Weber, angeordnet, namentlich in der Richtung; ob nach der Natur der Erkrankung des Klägers und nach den in den letzten Jahren bis zur Gegenwart an ihm gemachten ärztlichen Beobachtungen Grund zu der Annahme besteht, daß der Kläger im Falle der Wiederaufhebung der über ihn verhängten Entmündigung sein Leben, seine Gesundheit, sein Vermögen oder irgendwelche andere Lebensinteressen durch unvernünftiges Handeln gefährden werde. Das Ergebnis der persönlichen richterlichen Vernehmung des Klägers liegt in dem Protokolle Bl. 38 fg. vor, während der Sachverständige Dr. Weber das erforderte Gutachten in einem ausführlichen schriftlichen Berichte vom 28. November 1900 niedergelegt hat. (Bl. 44–53.) Der Sachverständige hat dem Gerichte hierzu die Aufzeichnungen überreicht, die Dr. Schreber in 23 Heften unter dem Titel »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken« über seine religiösen Vorstellungen und über die Geschichte seiner Krankheit abgefaßt hat. Das Landgericht hat durch Urteil vom 13. April 1901 die Klage Dr. Schrebers abgewiesen. Es erkennt in Übereinstimmung mit dem Weber'schen Gutachten an, daß die hohe Intelligenz des Klägers und seine Fähigkeit, formal logisch zu denken, durch die geistige Erkrankung nicht wesentlich getrübt sein möge. Trotzdem bestehe bei ihm die Gefahr unvernünftigen Handelns. Denn wie die Durchsicht der »Denkwürdigkeiten« ergebe und wie der Sachverständige Dr. Weber bestätige, unterliege der Kläger in ausgedehntem Maße Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen, deren Mittelpunkt seihe Beziehungen zu Gott und seine exzeptionelle Stellung im Weltganzen bildeten. Dieses Wahnsystem beherrsche sein ganzes Empfinden und Denken, es beeinflusse seine Weltanschauung und sein Urteil über Menschen und Dinge. Unter solchen Umständen sei es ganz unberechenbar, wie einmal die Entschließungen des Klägers ausfallen würden, wenn man ihm jetzt die Freiheit des Handelns zurückgäbe, ob nach Maßgabe des von seinem Irrwahne verhältnismäßig unberührt gebliebenen Vorstellungskreises oder unter dem Zwange der vorhandenen krankhaften seelischen Erregungen. In zwei Tatsachen trete der nachteilige Einfluß dieser Wahnideen auf die Anschauungsweise Dr. Schrebers besonders klar zutage: in den Beziehungen zu seiner Frau, die unter dem Wahne seiner bevorstehenden Entmannung schwer zu leiden habe und der gegenüber er, wenn sie gegen seine Ideen Einwendungen zu erheben versuche, rasch mit der Andeutung bei der Hand sei, daß sie sich ja von ihm scheiden lassen könne. Sodann aber hege der Kläger den dringenden Wunsch, seine »Denkwürdigkeiten« durch den Druck der Öffentlichkeit zu übergeben, und erstrebe die Aufhebung seiner Entmündigung hauptsächlich zu dem Zwecke, um einen rechtsgültigen Verlagsvertrag über die Schrift abschließen zu können. Tatsächlich seien nun die »Denkwürdigkeiten« zur Veröffentlichung durchaus ungeeignet; der Kläger würde dadurch sich und seine Familie in unerhörter Weise bloßstellen, sich nach Befinden sogar der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung aussetzen. Daß der Kläger dies nicht selber zu erkennen vermöge, beweise gerade, wie sehr ihm infolge seiner krankhaft veränderten Weltanschauung der richtige Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse des Lebens, das Unterscheidungsvermögen hinsichtlich dessen, was erlaubt und was unerlaubt sei, verloren gegangen. Der Kläger hat gegen das landgerichtliche Urteil Berufung eingelegt und seinen Antrag auf Aufhebung des Entmündigungsbeschlusses wiederholt, wogegen der Staatsanwalt um Verwerfung des Rechtsmittels gebeten hat. Das angefochtene Urteil, auf das Bezug genommen wird, ist seinem vollen Umfange nach nebst allen darin angeführten Schriftstücken, den von Dr. Schreber persönlich verfaßten Eingaben an Gericht und Anstaltsdirektion, sowie dem Inhalte der Entmündigungsakten des Amtsgerichts C J I 64/99 zum Vortrage gelangt. Der Vortrag der Schreberschen »Denkwürdigkeiten« ist im Einverständnis beider Teile auf die Abschnitte 1. 2. 18. 19. beschränkt geblieben. Der Kläger ist in den Verhandlungen vor dem Berufungsgerichte persönlich erschienen und hat neben seinem Prozeßbevollmächtigten wiederholt selbst das Wort ergriffen. Von ihm rühren eine Anzahl Schriftsätze her, in denen er unter Widerspruch gegen die Ausführungen der ersten Instanz und das ihnen zugrunde liegende Weber'sche Gutachten seine gegenteilige Auffassung in tatsächlicher und rechtlicher Beziehung eingehend begründet. Auf diese Schriftsätze, die ihrem wesentlichen Inhalte nach ebenfalls vorgetragen worden sind, muß verwiesen werden. Der Kläger legt Gewicht darauf, daß die formale Behandlung, die er persönlich der Streitsache gewidmet habe, bei der Beurteilung der Frage seiner Geschäftsfähigkeit vom Richter mit verwertet werde. Wer eine so schwierige und verwickelte Rechtsangelegenheit wie die hier vorliegende in selbstverfaßten Prozeßschriften mit Umsicht, Sachkenntnis und, soweit die Meinungen anderer Menschen in Betracht kämen, zugleich taktvoll und diskret zu führen wisse, zu dem werde man wohl das Zutrauen hegen dürfen, daß er auch fähig sein werde, die zumeist viel sehr einfacheren und minder wichtigen Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens verständig zu erledigen. Aus den Vorträgen des Klägers ist folgendes hervorzuheben: I. Der Kläger verwahrt sich zunächst gegen die Annahme, als ob er in erster Instanz zugestanden hätte, geisteskrank zu sein oder gewesen zu sein. Er räume nur ein, daß sich sein Nervensystem seit Jahren in einer krankhaften Verfassung befinde; sein Geist dagegen, d. h. das Zusammenwirken seiner Verstandeskräfte, sei klar und gesund, wie nur irgend bei einem anderen Menschen. Wenn der Sachverständige bei ihm das Vorhandensein einer Art von Verrücktheit (Paranoia) annehme, indem er a priori alles das, was der Kläger in seinen »Denkwürdigkeiten« über den intimen Verkehr zwischen ihm und Gott und über göttliche Wunder berichtet habe, für krankhafte Einbildung erkläre, so schlage das der Wahrheit ins Gesicht. Er wisse freilich, daß der Sachverständige füglich nicht anders gekonnt habe, als an seinen (Dr. Schrebers) Fall den Maßstab der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erfahrung anzulegen, und er sei weit entfernt, ihn wegen dieser seiner Auffassung irgendwie zu nahe treten zu wollen. Dr. Weber stehe eben auf dem Boden des Rationalismus, der die Möglichkeit übernatürlicher Vorgänge von vornherein leugne. Ihm gegenüber vertrete der Kläger grundsätzlich den entgegengesetzten Standpunkt: die Sicherheit seiner Gotteserkenntnis und die unmittelbare Gewißheit, daß er es mit Gott und göttlichen Wundern zu tun habe, stehe ihm turmhoch über aller menschlichen Wissenschaft . Sie sei der Mittelpunkt seines ganzen Lebens geworden und müsse es sein, da sich ihm Gott auch jetzt noch täglich und stündlich in seinen Wundern und in seiner Sprache von neuem offenbare. Darauf beruhe die gleichmäßige Heiterkeit seiner Stimmung, die ihm trotz aller Widerwärtigkeiten des Lebens eigen geblieben sei, und die jedermann im Verkehre mit ihm beobachten könne; daraus entspringe das ruhige Wohlwollen, das er auch denen entgegenbringe, die ihm in früheren Jahren unwissentlich wehe getan hätten, und daraus erkläre sich zugleich der hohe Wert, den er auf eine Bekanntgabe seiner »Denkwürdigkeiten« lege. Er denke nicht daran, für seinen Wunderglauben Propaganda zu machen und noch viel weniger werde er ihm zu Liebe auch nur einen Groschen seines Vermögens aufopfern wollen. Worauf es ihm bei der beabsichtigten Veröffentlichung seiner Denkwürdigkeiten allein ankomme, sei: Zweifel darüber zu erwecken, ob es nicht denkbar sei, daß seinem »Wahnsystem«, wie man es nun einmal zu nennen beliebe, etwas Wahres zugrunde liege, und ob es ihm nicht vielleicht doch vergönnt gewesen sein könne, einen Blick hinter den dunklen Schleier zu werfen, der sonst das Jenseits den Augen der Menschen verhülle. Er sei überzeugt, daß die wissenschaftliche Welt nach dem Erscheinen der Schrift lebhafte Veranlassung nehmen werde, sich für seine Persönlichkeit zu interessieren. Den Propheten einer neuen Religion zu spielen, liege ihm vollständig fern, er betrachte sich lediglich als wissenschaftliches Beobachtungsobjekt. Wie man aber auch über seinen Wunderglauben im übrigen denken möge, niemand habe das Recht, darin einen geistigen Defekt zu erblicken, der den Kläger der staatlichen Fürsorge bedürftig erscheinen lasse. Pflege man doch auch die Anhänger des Spiritismus nicht ohne weiteres für geisteskrank zu erklären und zu entmündigen, obgleich ihre übersinnliche Anschauungsweise von der überwältigenden Mehrheit ihrer Mitmenschen ebenfalls nicht verstanden und nicht begriffen werde. II. Selbst angenommen aber, er hätte im Sinne der psychiatrischen Wissenschaft als geisteskrank zu gelten, so müsse ihm doch nachgewiesen werden, daß er infolge davon seine Angelegenheiten nicht zu besorgen vermöge. Der Sachverständige habe es abgelehnt, über den letzteren Punkt eine bestimmte Meinung zu äußern. Er spreche sich nur dahin aus: es sei unberechenbar , ob und inwieweit der Kläger bei gegebener Verfügungsfreiheit vielleicht veranlaßt werden könne, unvernünftige Handlungen vorzunehmen. Mit so allgemeinen Redewendungen und vagen Befürchtungen sei es indes nicht abgetan. Es hätte vielmehr an der Hand von Tatsachen und auf Grund tatsächlicher Erfahrungen, namentlich aus den letzten Jahren, nachgewiesen werden müssen, daß und in welcher Richtung eine Neigung zu unvernünftigem Handeln infolge seiner »Wahnideen und Sinnestäuschungen« bei ihm hervorgetreten sei. Nun gebe er zu, daß die Gelegenheit, derartige Erfahrungen zu sammeln, bei einem in der Anstalt Detinierten nicht so reichlich vorhanden sei, wie bei einem anderen Menschen, der sich auf freiem Fuße befinde. Insbesondere habe der Sachverständige Dr. Weber den Kläger eigentlich erst seit Ostern 1900, seitdem er ihn regelmäßig an den Mahlzeiten seiner Familie mit teilnehmen lasse, näher kennengelernt. Allein das habe sich in der Zwischenzeit wesentlich geändert. Seit der Erstattung des letzten Gutachtens sei über ein Jahr verflossen. Während dem sei ihm von der Anstaltsdirektion eine ziemlich weitgehende Bewegungsfreiheit eingeräumt worden. Er habe zahlreiche kleinere und größere Ausflüge unternommen, habe an öffentlichen Vergnügungsorten, in Geschäftslokalen, Kirchen, Theater und Konzerten verkehrt, im letzten halben Jahre ohne Begleitung eines Pflegers und mit einer gewissen Barschaft versehen. Nie werde jemand bei einer dieser Gelegenheiten auch nur das geringste Anzeichen einer verkehrten Handlungsweise an ihm wahrgenommen haben. Es sei ihm nicht eingefallen, anderen Personen jemals mit Kundgebung seiner Wahnideen lästig zu fallen. Er glaube z. B. behaupten zu dürfen, daß die Damen an der Familientafel des Anstaltsvorstandes, wenn sie nicht zufällig etwa auf anderem Wege davon Kenntnis erlangt haben sollten, auch nicht die leiseste Spur von dem Vorhandensein jener Wahnideen haben würden. Daß er seiner Frau gegenüber zuweilen Andeutungen davon gemacht habe, sei richtig, erkläre sich aber ausreichend durch die zwischen ihnen bestehende innige Lebensgemeinschaft. Der einzige Punkt, in dem sein Verhalten zur Außenwelt einer gewissen Beeinflussung durch seine »Wahnvorstellungen« unterliege und der in den Augen anderer Menschen vielleicht als unvernünftig erscheinen könne, sei der auch von dem Sachverständigen Dr. Weber hervorgehobene Umstand, daß er seinen Körper zuweilen mit etwas weiblichem Zierrat (Bändern, unechten Ketten u. dergl.) behänge. Das möge, wie er zugebe, vielen läppisch vorkommen. Allein, er habe seine guten Gründe dazu. Er erziele damit nämlich in der Regel eine erhebliche Mäßigung der sonst für ihn, wie für seine Umgebung so überaus lästigen Brüllzustände. Und schlimmstenfalls liege darin eine bloße Schrulle, die absolut harmlos und weder für ihn selbst, noch für andere Personen mit irgendwelchen Nachteilen verbunden sei. Der finanzielle Gesichtspunkt könne nicht weiter in Betracht kommen; der ganze Kram habe ihm kaum etwas mehr als einige Mark gekostet. III. Der Sachverständige hebe in seinem Gutachten hervor: Das wichtigste Moment für die Beurteilung der Handlungsfähigkeit des Patienten bilde die Tatsache, daß alles dasjenige, was der objektiven Betrachtung sich als Sinnestäuschung und Wahnidee darstelle, für ihn unumstößliche Wahrheit und vollberechtigtes Motiv zum Handeln sei . Von dieser Tatsache gebe er den ersten Teil unumwunden zu, während er dem zweiten Teile ein unbedingtes »Nein« entgegenzusetzen habe. Die religiösen Vorstellungen, die ihn erfüllten, würden ihn nie und nimmer zu einem unvernünftigen Tun im praktischen Leben verleiten können. Auf die Fähigkeit, seine Angelegenheiten zu besorgen und seine Interessen selbständig zu wahren, seien sie gänzlich ohne Einfluß. Er wisse nicht, wie Dr. Weber zu seiner entgegengesetzten Aufstellung gekommen sei. Durch sein bisheriges Verhalten habe er jedenfalls keinen Anlaß dazu gegeben. Er denke nicht daran, zur Förderung seines Glaubens oder zur Konstatierung der bei ihm vorhandenen »Wollustnerven« pekuniäre Opfer darzubringen. Die Sicherheit seiner Gotteserkenntnis sei so groß und unerschütterlich, daß es ihm an und für sich ganz gleichgültig sei, was andere Menschen über die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit seiner Vorstellungen dächten. Für diese Versicherung in betreff seines zukünftigen Verhaltens beanspruche er Glauben, da er noch niemals Veranlassung gegeben habe, an der Unverbrüchlichkeit seiner Wahrheitsliebe zu zweifeln. Die Befürchtungen des Sachverständigen, es sei »vollständig unberechenbar«, wie weit der Kläger einmal durch seine Wahnideen zu einer Unvernünftigkeit verleitet werden könne, seien somit grundlos. Das Landgericht selbst erachte jene Besorgnis vorzugsweise in zwei Punkten für gerechtfertigt: zunächst in dem ehelichen Verhältnis zu seiner Frau, das bei einer Aufhebung der Entmündigung zerstört werden könne, sodann aber namentlich im Hinblick auf die von ihm geplante Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten«, da er sich hierdurch kompromittieren werde und sogar der Gefahr einer Bestrafung aussetze. Keine dieser beiden Erwägungen könne indes dazu führen, seine Entmündigung aufrecht zu erhalten. a) Die eheliche Gemeinschaft zwischen ihm und seiner Frau sei infolge seiner Krankheit schon seit vielen Jahren so vollständig als möglich aufgehoben und würde bei Fortdauer der Entmündigung auch für die Zukunft, nach Befinden bis zum Lebensende eines der Ehegatten, aufgehoben bleiben. Möglich sei ja, daß die Rückkehr zur Familie, die er anstrebe, für seine Gattin Unzuträglichkeiten im Gefolge haben werde. Das könne jedoch nicht in Betracht kommen, da die Entmündigung doch nur im Interesse des zu Entmündigenden selbst erfolgen dürfe, um ihn vor den aus seinem unvernünftigen Handeln drohenden Gefahren zu schützen, niemals aber um andere, und wären es noch so nahestehende Personen, vor Unbequemlichkeiten zu bewahren. Selbstverständlich habe er auch rechtliche Verpflichtungen gegen seine Frau, insofern er ihr den standesgemäßen Unterhalt zu gewähren habe. Der Erfüllung dieser Rechtspflicht werde er sich niemals entziehen; er sei vielmehr jederzeit bereit, seine Frau mit den zum Getrenntleben erforderlichen Mitteln auszustatten, falls sich nach seiner Rückkehr aus der Anstalt Umstände ergeben sollten, bei denen jener ein Zusammenleben mit ihm füglich nicht zugemutet werden könne. Die Bemerkung des Sachverständigen: wenn seine Frau Einsprache gegen seinen Wunderglauben zu erheben versuche, sei er ihr gegenüber rasch mit der Andeutung bei der Hand, sie könne sich ja scheiden lassen, beruhe augenscheinlich auf einem Mißverständnis. Er habe niemals mit dem Gedanken einer Scheidung gespielt, noch Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehen des ehelichen Bundes zu erkennen gegeben. Die ganze umfängliche Korrespondenz, die er seit Jahren mit seiner Frau geführt habe, werde beweisen, mit wie herzlicher Liebe er ihr noch zugetan sei und wie schmerzlich er es empfinde, daß auch sie durch seine Krankheit so tief unglücklich geworden. Demnach habe er auch die Eventualität einer Scheidung mit ihr nur in dem Sinne besprochen, daß er ihr einige Male gesagt habe, wenn ihr infolge seiner leidigen Brüllzustände das Zusammenleben mit ihm unerträglich sein sollte, oder wenn es ihr unmöglich sei, ihn wegen gewisser anderer, aus seinem Wunderglauben entspringenden Absonderlichkeiten die frühere Liebe und Achtung zu bewahren, sie dann ja nach dem Gesetz das Recht habe, sich von ihm scheiden zu lassen. b) Das zweite Beispiel dafür, wie sehr seine Handlungsweise unter dem Zwange krankhafter Vorstellungen stehe, entnehme die erste Instanz dem Inhalte der »Denkwürdigkeiten« und seinem Wunsche, sie veröffentlicht zu sehen. Daß der Bekanntgabe der Denkwürdigkeiten gewisse Bedenken entgegenstünden, habe er sich nie verhehlt und habe er bereits im Vorworte der Schrift selbst ausgesprochen. Sollte es noch zur Drucklegung kommen, so behalte er sich vor, das und jenes vorher darin zu streichen und einzelne Ausdrücke zu mildern. In der jetzt vorliegenden Form solle die Abhandlung keinesfalls veröffentlicht werden. Dem Verlagsbuchhändler in Leipzig, mit dem er sich wegen der Herausgabe der Denkwürdigkeiten bereits vorläufig ins Einvernehmen gesetzt habe, sei die Schrift zunächst nur zur Einsichtnahme übergeben worden. Selbst wenn die Schrift aber völlig unverändert bliebe, müsse er sich doch mit aller Entschiedenheit dagegen verwahren, als ob dadurch eines der Mitglieder seiner Familie »bloßgestellt« werden könne, – wie der Vorderrichter anzunehmen scheine. Davon sei keine Rede. Die »Denkwürdigkeiten« enthielten nicht das mindeste, was dem Andenken seines Vaters, seines Bruders oder seiner Frau zu schaden geeignet wäre. Was dagegen die Gefahr betreffe, daß sich der Kläger durch Bekanntgabe seiner »Denkwürdigkeiten« selbst kompromittieren könne, so nehme er diese Gefahr mit vollem Bewußtsein auf sich. Das Schlimmste, was ihm passieren könne, sei doch nur, daß man ihn für geistig gestört halte, und das tue man ja schon ohnedies. In Wahrheit glaube er nicht befürchten zu müssen, daß irgend jemand, der seine »Denkwürdigkeiten« mit Aufmerksamkeit lese, nach der Lektüre von ihm geringer denken werde, als vorher. Ihm sei es überall nur auf die Erforschung der Wahrheit angekommen. Wenn das angefochtene Urteil an seiner Schrift aussetze, daß sie hin und wieder anstößige Kraftausdrücke gebrauche, so sei das ja richtig. Allein, jene Ausdrücke stammten nicht von ihm selbst her, sondern kämen nur dort vor, wo er referierend über den Inhalt des mit ihm geführten Stimmengesprächs berichtet habe. Daß diese Stimmen sich vielfach nichts weniger als salonfähiger Ausdrücke bedienten, sei nicht seine Schuld. Im übrigen seien seine »Denkwürdigkeiten« doch nicht für Backfische oder höhere Töchter geschrieben. Eine Persönlichkeit gebe es allerdings, die sich durch die Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten« vielleicht verletzt fühlen und die nach Befinden sogar wegen Beleidigung gegen ihn werde vorgehen können. Das sei der Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Flechsig in Leipzig. Immerhin habe er auch hier nur über Vorgänge berichtet, die er nach den Mitteilungen der mit ihm redenden Stimmen habe für wahr halten müssen. Er sei überzeugt, daß Flechsig ihm das zugute halten werde, und habe sogar schon daran gedacht, ihm ein Exemplar der »Denkwürdigkeiten« zukommen zu lassen, weil er glaube, daß Geh. Rat Flechsig an dem dort erörterten Problem wissenschaftliches Interesse nehmen werde. Die persönliche Ehrenhaftigkeit Flechsigs anzugreifen, habe ihm vollständig fern gelegen. Sollte aber die Veröffentlichung der Schrift ihm wider Erwarten dennoch eine Bestrafung wegen Beleidigung eintragen, so sei er um des guten Zweckes willen bereit, auch dies neue Martyrium auf sich zu nehmen, und niemand habe seines Erachtens ein Recht, ihn daran zu hindern. – Der Staatsanwalt hält die Aufrechterhaltung der Entmündigung für gesetzlich notwendig und durch das eigene Interesse des Klägers dringend geboten. Daß Dr. Schreber an Paranoia leide, könne nach seinen Ausführungen in der Berufungsverhandlung keinem Zweifel unterliegen. Ebenso zweifellos sei aber auch, daß er dadurch außerstande gesetzt worden sei, seine Angelegenheiten vernunftgemäß zu besorgen, wenn schon der Sachverständige in zu enger Auffassung seiner Kompetenz sich darüber nicht mit der wünschenswerten Bestimmtheit ausgesprochen habe. Denn, wie Dr. Weber mit Recht hervorhebe, beruhe das psychische Geschehen auf einer organischen Einheitlichkeit und es sei nicht denkbar, daß die von der Wahnidee nicht unmittelbar erfüllten Gebiete des Seelenlebens davon ganz unberührt bleiben könnten, daß die mündlichen und schriftlichen Auslassungen des Klägers zum Teil den Eindruck der Klarheit erweckten, dadurch dürfe man sich nicht täuschen lassen. Der Anführung einzelner Tatsachen, aus denen das Unvermögen des Klägers zur Besorgung seiner Angelegenheiten hervorgehe, bedürfe es nicht. Übrigens seien Tatsachen dieser Art vorhanden. So sei der Kläger offenbar nicht in der Lage, zu beurteilen, wie lange er sich noch in der Anstalt aufzuhalten habe. Werde die Entmündigung aufgehoben, so werde er über kurz oder lang sicherlich darnach trachten, aus der Anstalt entlassen zu werden. In einem seiner Briefe an den Justizrat Dr. Thürmer, seinen erstinstanzlichen Prozeßbevollmächtigten (Bl. 68 74 der Akten), schreibe er u. a.: Was ihm körperlich und geistig wohltue, wisse er genau und besser als irgendein Arzt, da es sich um die Abwehr der nachteiligen Einwirkungen göttlicher Wunder handle. Man sehe hieraus, wie der Kläger kein richtiges Urteil über seine Krankheit besitze und daß er auf den Rat dritter Personen nicht hören werde. Hierzu komme, daß er auch von Halluzinationen heimgesucht werde, die ihn nach dem Zeugnis Dr. Webers zuweilen mitten in der Unterhaltung präokkupierten und durch die seine Aufmerksamkeit abgelenkt werde. Es liege auf der Hand, daß das für ihn bei der Vornahme vermögensrechtlicher Geschäfte unter Umständen verhängnisvoll werden könne. Sein und seiner Frau Vermögen zu verwalten, sei nicht so einfach. Es bestehe nach dem letzten, vom Amtsgerichtspräsidenten Schmidt in Leipzig als Vormund aufgestellten Vermögensverzeichnis (Bl. 177 der Bevormundungsakten ) zum Teil in Grundstücksanteilen und in einem Anteile an einem Verlagsrechte. Auch das Verhalten Dr. Schrebers zu seiner Frau erwecke begründete Zweifel, ob er fähig sein werde, sich in seinen Verfügungen ihr gegenüber von dem Einflusse der ihn beherrschenden Wahnvorstellungen frei zu machen, wie denn überhaupt trotz aller in dieser Hinsicht vom Kläger abgegebenen gegenteiligen Versicherungen die Befürchtung nicht abzuweisen sei, daß er in Verfolgung der Idee der ihm zugedachten göttlichen Mission vielleicht Aufwendungen machen werde, die er als willensfreier Mann unterlassen würde. Und wie sehr sich die ganze Denkweise Dr. Schrebers auf verschobener Grundlage bewege, dafür spreche nicht am wenigsten die auch gegenwärtig noch mit solcher Hartnäckigkeit festgehaltene Absicht, seine »Denkwürdigkeiten« zu veröffentlichen. – Der Kläger tritt diesen Ausführungen allenthalben entgegen. Die seit der Erstattung des letzten Weber'schen Gutachtens vom 28. November 1900 in der Zwischenzeit mit ihm gemachten Erfahrungen hätten den Beweis geliefert, daß er trotz aller angeblichen Wahnideen und Sinnestäuschungen dennoch vollkommen imstande sei, seine geschäftlichen wie sonstigen Angelegenheiten selbständig und in der durch seine rechtlichen Interessen gebotenen Weise vernünftig zu erledigen. Er sei überzeugt, daß Dr. Weber auf Grund jener Erfahrungen die in seinem früheren Gutachten hinsichtlich der Geschäftsfähigkeit des Klägers angedeuteten Folgerungen jetzt nicht mehr werde aufrechterhalten wollen. Daß er in näherer oder entfernterer Zukunft seine Entlassung aus der Anstalt erstrebe, sei richtig. Von einer Fortdauer des Aufenthaltes auf dem Sonnenstein erwarte er für die Wiederherstellung seiner Gesundheit keine Vorteile. Immerhin könne darüber noch einige Zeit hin vergehen. Er bescheide sich namentlich, daß, solange nicht in seinen Brüllzuständen eine Besserung eintrete, es für ihn vielleicht ratsamer sein werde, noch eine Weile in der Anstalt zu verbleiben, obschon er die Beobachtung gemacht habe, daß die Brülllaute immer nur bei dem Aufenthalte in der Anstalt, so gut wie niemals aber außerhalb derselben, auf Reisen usw. vorgekommen seien. Indes, mit der Bejahung oder Verneinung seiner Geschäftsfähigkeit hätten jene »Vociferationen« nichts zu tun. Insoweit walteten lediglich wohlfahrtspolizeiliche Rücksichten ob. die der Anstaltsverwaltung kraft der ihr zustehenden sicherheitspolizeilichen Befugnisse unter Umständen allerdings vielleicht das Recht geben würden, ihn gegen seinen Willen in der Anstalt zurückzuhalten. Er wiederholte jedoch, daß es eines Zwanges in dieser Richtung gegen ihn nicht bedürfen werde, da er, solange aus dem häufigeren Auftreten der Brüllaute Unzuträglichkeiten zu befürchten seien, gegen ein Verbleiben in der Anstalt seinerseits gar nicht ankämpfe. – Das Berufungsgericht hat durch Beweisbeschluß vom 30. Dezember 1901 den Geh. Med.-Rat Dr. Weber in dem unter a, b, c des Beschlusses hervorgehobenen drei Richtungen zu einer Erläuterung und Ergänzung seines ersten Gutachtens veranlaßt und ihn insbesondere um Auskunft darüber ersucht, welcher Art die Erfahrungen gewesen sind, die man seit dem November 1900 über die Fähigkeit des Klägers gemacht hat, sich außerhalb der Anstalt frei zu bewegen und seine Geschäfte zu besorgen. Dr. Weber hat das erforderte Gutachten Bl. 203 flg. unter Berufung auf seinen im allgemeinen geleisteten Eid schriftlich erstattet und es, veranlaßt durch einige von Dr. Schreber (Bl. 223 flg.) gegen die tatsächlichen Unterlagen seines Gutachtens erhobenen Einwendungen, durch den Nachtragsbericht Bl. 231 ergänzt. Beide Gutachten sind dem Berufungsgerichte vorgetragen worden. Der Kläger glaubt, die neueren Auslassungen des Gutachtens in einem für sich günstigen Sinne deuten zu dürfen. Für ihn genüge es schon, daß der Sachverständige jetzt Zweifel hege, ob eine Fortdauer der Entmündigung notwendig sei. Tatsächlich sei ihm während der letztverflossenen zwei Jahre auch nicht in einem einzigen Falle ein unvernünftiges Handeln nachzuweisen gewesen. Selbst die störenden Brüllaute, deren zeitweiliges Vorkommen dem Sachverständigen noch Bedenken zu machen scheine, die aber außerhalb der Anstalt niemals einen Charakter annähmen, daß sie als grober Unfug oder als ruhestörender Lärm angesehen werden könnten, hätten in der letzten Zeit nachgelassen. Während seines achttägigen Besuchsaufenthaltes in Leipzig seien sie, wie ihm seine Angehörigen bezeugen würden, auch nicht ein einziges Mal aufgetreten. Da das Brüllen automatisch veranlaßt werde, also von seinem Willen unabhängig sei, könne es als Äußerung einer Neigung zu unverständigem Gebaren ohnedies nicht in Betracht kommen. Unzutreffend sei, wenn der Sachverständige ihm vorwerfe, daß er in dem von ihm erwähnten Krankheitsfalle (Brechdurchfall) sich unzweckmäßig benommen und die ihm verordneten Arzneien verschmäht habe. Er habe die ärztlichen Anordnungen sehr wohl befolgt (Beweis: Pfleger Müller), wie sich überhaupt nicht sagen lasse, daß er die Bedeutung der Medikamente verkenne oder sie gar mißachte. Das Gegenteil ergebe sich schon daraus, daß er ja auch bei Schlaflosigkeit sich nicht weigerte, Schlafmittel zu sich zu nehmen. Im übrigen habe er in neuerer Zeit geflissentlich jede Gelegenheit aufgesucht, um auf seinen Spaziergängen, Ausflügen und Reisen mit anderen, ihm zum Teil bis dahin fremden Menschen, Unterhaltungen anzuknüpfen. Auf deren Zeugnis berufe er sich. Er benenne aus der großen Zahl der in Frage kommenden Personen vorläufig nur folgende als Zeugen: seinen Schwager, den Kaufmann Karl Jung in Leipzig und dessen Ehefrau, seine älteste Schwester, seinen Schwager Landgerichtsdirektor Krause in Chemnitz und dessen Ehefrau, seine jüngste Schwester, seinen Vormund: den Amtsgerichtspräsidenten Schmidt in Leipzig und dessen Gemahlin, den Sanitätsrat Dr. Nakonz, den Rechtsanwalt Geh. Justizrat Dr. Schill, den Arzt Dr. med. Hennig, den Verlagsbuchhändler Nauhardt, den in Aussicht genommenen Verleger seiner »Denkwürdigkeiten«, – sämtlich in Leipzig, endlich den Senatspräsidenten a.D. Thierbach in Dresden und die Majore Meißner und Sander in Pirna. Alle diese Personen würden bestätigen, daß sie bei den betreffenden Begegnungen von ihm den Eindruck eines vollkommen verständigen, jeder Anforderung des gesellschaftlichen und geschäftlichen Verkehrs gewachsenen Menschen empfangen, dem sie als Laien auch nicht die leiseste Spur einer Geisteskrankheit, geschweige denn einer solchen, die zur Besorgung der eigenen Angelegenheiten unfähig macht, angemerkt hätten. In jüngster Zeit sei eine neue, für die Beurteilung seiner Geschäftsfähigkeit sehr wichtige Tatsache hinzugetreten. Um die Anstaltsverwaltung zu einer etwas bestimmteren Stellungnahme zur Frage seiner Entmündigung zu veranlassen, habe er sie jüngsthin in der Richtung auszuforschen gesucht, ob sie gegen seine demnächstige Entlassung aus der Anstalt wohl Bedenken habe. Eine unvermittelte Entlassung, etwa von heute auf morgen, strebe er freilich nicht an. Die Rücksicht auf die angegriffene Gesundheit seiner Frau, mit der er gern wieder zusammenleben möchte, und die Wahl einer für ihre, wie für seine eigenen Bedürfnisse, geeigneten Wohnung würden eine Reihe umsichtiger Erwägungen und rechtsgeschäftlicher Vorbereitungen bedingen, die nicht so rasch zu erledigen seien. Auch nehme er an, daß die Anstaltsverwaltung sich vor seiner Entlassung erst mit seinem Vormunde, vielleicht auch mit seiner Gattin werde ins Einvernehmen setzen, und vor allem sich darüber werde vergewissern wollen, ob für seine anderweite Unterbringung gesorgt sei. Er habe daher seine Anfrage an Herrn Geh. Med.-Rat Dr. Weber in einer Zuschrift vom 29. Mai 1902 dahin formuliert: ob die Anstaltsverwaltung nach dem jetzigen Stande der Dinge unter der Voraussetzung, daß von dem Vormunde und dem Vormundschaftsgerichte besondere Bedenken gegen die Entlassung nicht erhoben werden sollten, dieselbe auch einer ausgesprochenen Abneigung seiner Frau nicht begegnen würde oder sonst für sein Unterkommen gesorgt wäre, einem zu gelegener Zeit von ihm geäußerten Wunsche auf Entlassung unter den dann wohl allein in Betracht kommenden wohlfahrtspolizeilichen Gesichtspunkten willfahren zu können glauben würde. Daraufhin sei ihm vom Herrn Geh. Med.-Rat Dr. Weber die Bl. 252 b /253 D. A. im Original befindliche Antwort vom 30. Mai 1902 zuteil geworden, folgenden Inhalts: »Die Anstaltsdirektion würde unter den in der Zuschrift erwähnten Voraussetzungen und solange in Ihrem Befinden keine Verschlimmerung eintritt, gegenwärtig keinen Anlaß haben, Ihrer Entlassung aus der Anstalt ein Hindernis in den Weg zu legen. Für die Anstaltsdirektion kommt, von etwa erbetenem ärztlichen Rat abgesehen, bei der Entlassung oder versuchsweisen Beurlaubung im wesentlichen nur die etwaige ›Gefährlichkeit‹ des Krankheitszustandes für den Patienten selbst oder für andere in Frage. Solche besteht im gegenwärtigen Falle nicht ... etc.« – Der Staatsanwalt erkennt den Briefwechsel zwischen dem Kläger und dem Geh. Med.-Rat Dr. Weber an. Er widerspricht gleichwohl einer Aufhebung der Entmündigung, da trotz allem, was der Kläger dagegen sage, die Besorgnis nicht abzuweisen sei, daß er unter dem Zwange des ihn beherrschenden Irrwahns sich zu törichten und unvernünftigen Handlungen werde hinreißen lassen. So werde der Kläger beispielsweise, um die geplante Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten« ins Werk setzen zu können, sicherlich bedeutende finanzielle Opfer bringen müssen, da das Zustandekommen eines normalen Verlagsvertrags ausgeschlossen sei. Zu dem letzteren Punkte erwidert der Kläger: Die Herausgabe der »Denkwürdigkeiten« sei nach den mit dem Verlagsbuchhändler Nauhardt in Leipzig vorläufig getroffenen Abmachungen in der Form eines Kommissionsvertrags geplant, derselben Verlagsform, in der die »Zimmergymnastik« seines Vaters erschienen sei. Dabei beschränke sich das von ihm zu übernehmende geschäftliche Risiko auf die Herstellungskosten des Werkes im Betrage von ... Mark. Seinem Gesamtvermögen gegenüber, das auf annähernd ... Mark zu schätzen sein möge, bedeute eine solche Ausgabe nicht viel. Im übrigen wiederhole er seine frühere Versicherung, daß er für seinen Wunderglauben keine Propaganda mache und daß es ihm nicht einfalle, ihm zuliebe auch nur einen Groschen seines Vermögens aufzuopfern. Entscheidungsgründe Die Tatsache, daß der Kläger geisteskrank ist, unterliegt auch für das Berufungsgericht keinem Zweifel. Nur wird man mit dem Kläger natürlich über das Bestehen der bei ihm als Paranoia erkannten Geisteskrankheit nicht rechten wollen. Ihm fehlt eben die Einsicht in die Krankhaftigkeit der ihn bewegenden Eingebungen und Vorstellungen. Was der objektiven Beobachtung als Sinnestäuschung und Wahn-Idee sich darstellt, ist für ihn unumstößliche Gewißheit. Hält er doch auch heute noch unerschütterlich fest an der Überzeugung, daß Gott sich ihm unmittelbar offenbare und unablässig an ihm seine Wunder verrichte. Die Überzeugung steht ihm, wie er selbst sagt, turmhoch über aller menschlichen Einsicht und Wissenschaft. Die Feststellung, daß sich der Kläger in einem Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit befindet, reicht indes zur Entmündigung nicht aus. Das BGB knüpft in § 6 Ziff. 1 deren Zulässigkeit noch an die weitere Voraussetzung, daß der Kranke infolge seines Zustandes seine Angelegenheiten nicht zu besorgen vermöge . Nicht jede geistige Anomalie führt mithin notwendig zugleich zur Verneinung der Geschäftsfähigkeit. Die Verhängung der Entmündigung ist nur zu rechtfertigen, wenn die Geisteskrankheit in solcher Schwere auftritt, daß der Kranke dadurch nach Art eines Kindes unter sieben Jahren an der Besorgung aller seiner Angelegenheiten behindert erscheint. Ist dem Erkrankten die Fähigkeit zu überlegtem und verständigem Handeln nicht vollständig genommen, ist er durch sein geistiges Gebrechen vielmehr nur an der Wahrnehmung einzelner seiner Angelegenheiten oder eines bestimmten Kreises seiner Angelegenheiten behindert, so kann das zwar nach Befinden zur Einleitung einer Pflegschaft Anlaß bieten (§ 1910, Abs. 2 B.G.B.'s), niemals aber zur Anordnung der Entmündigung. Unter den »Angelegenheiten«, von denen das Gesetz in § 6 Ziff. 1 spricht, sind, wie die erste Instanz mit Recht annimmt, nicht nur die Vermögensangelegenheiten zu verstehen. Der Begriff umfaßt die Gesamtheit der Lebensverhältnisse, an deren geordneter Regelung die Rechtsordnung interessiert ist: die Sorge für die eigene Person des zu Entmündigenden, für sein Leben und seine Gesundheit, nicht minder wie die Fürsorge für seine Angehörigen und für sein Vermögen. Denn die Entmündigung ist in erster Linie Schutzmaßnahme. Sie will demjenigen zu Hilfe kommen, der sich gegen die nachteiligen Folgen seiner Einsichtslosigkeit und gegen deren Ausbeutung durch andere nicht selbst zu schützen vermag. Soweit in dieser Beziehung das Schutzbedürfnis des Kranken reicht, soweit auch die Fürsorgepflicht des Staates. Nur muß das von der Rechtsordnung dem Kranken in der Entmündigung dargebotene Schutzmittel zur Abwendung der ihm aus seiner Willenslosigkeit im bürgerlichen Verkehr drohenden Gefahren auch tatsächlich geeignet und wirksam sein. Die Entmündigung darf nur Platz greifen, wenn es sich um solche Gefahren für den zu Entmündigenden handelt, denen durch Aberkennung der rechtlichen Geschäftsfähigkeit (§ 104 3 B.G.B.'s) und durch Bestellung eines Vormundes zur allgemeinen Fürsorge für seine persönlichen und vermögensrechtlichen Angelegenheiten (§ 1896) mit Erfolg begegnet werden kann. (Vergl. Denkschrift zum Entwurfe B.G.B.'s S. 2.) Ist der Kläger in dem angegebenen Sinne des Schutzes bedürftig, oder vermag er seine Angelegenheiten selbständig zu besorgen? Der Sachverständige Dr. Weber gibt in seinen beiden Gutachten keine bestimmte Antwort auf die Frage. Er beantwortet sie weder direkt mit Ja noch mit Nein. Die Entscheidung fällt ihm offenbar schwer. Während er in gewöhnlichen und zweifellosen Krankheitsfällen meist kein Bedenken zu tragen pflegt, die aus der konstatierten Geisteskrankheit sich ergebenden rechtlichen Konsequenzen der Kürze halber ohne weiteres selber zu ziehen (Bl. 203 b ), lehnt er das im vorliegenden Falle ab. Er beschränkt sich darauf, das Bild der geistigen Erkrankung des Klägers vorzuführen und diejenigen tatsächlichen Momente zusammenzustellen, in denen das gestörte Seelenleben des Kranken nach außen hin besonders auffällig in die Erscheinung tritt, es dem Richter überlassend, sich an der Hand dieser Darlegungen selbst ein Urteil darüber zu bilden, ob der Kläger darnach für fähig zu erachten sei, seine Lebensinteressen im bürgerlichen Verkehr selbständig zu wahren. Gegen diese Haltung des Sachverständigen ist kein Einwand zu erheben. Es gehört in der Tat nicht zur Zuständigkeit des ärztlichen Gutachtens, über die praktische juristische Seite der von ihm an einer Person festgestellten geistigen Erkrankung, ihren Einfluß auf die Gestaltung der Geschäftsfähigkeit, mit zu entscheiden. Die Beurteilung dieser Frage fällt ausschließlich dem Richter anheim. Da der Sachverständige das Krankheitsbild, das die Wahnideen des Klägers darbieten, als Paranoia bezeichnet, könnte man versucht sein, hierdurch allein schon die zu entscheidende Frage für entschieden anzusehen. So Endemann in seinem Lehrbuche § 31, S. 136, Nr. 8. S. 137 (3. Aufl.), der jeden an Paranoia Erkrankten schlechthin für entmündigungsreif erklärt und dem schon die Natur dieser Geisteskrankheit einen ausreichenden Beweis dafür liefert, daß der davon Betroffene unvermögend sei, die Folgen seines Handelns vernünftig zu überlegen. Das geht zu weit. Wie der Sachverständige Dr. Weber, eine anerkannte Autorität der psychiatrischen Wissenschaft, mit Recht hervorhebt, gibt es zahlreiche Paranoiker, die trotz schwerer seelischer Störungen und obgleich ihr Denken sich zuweilen im Banne der absurdesten Wahnideen bewegt, von ihrer Umgebung doch kaum als Kranke anerkannt werden und die ihre täglichen Geschäfte ordnungsmäßig erledigen, auch den Pflichten ihres Berufs in der Hauptsache genügend gerecht werden. Man hält sie wohl für Sonderlinge, erklärt sie für schrullenhaft und mit fixen Ideen behaftet, denkt aber in der Regel gar nicht daran, sie unter Entmündigung zu stellen. Darin liegt gerade der Fortschritt der neueren Gesetzgebung, daß es nunmehr möglich ist, derartige mehr oder minder harmlose Naturen, ungeachtet der auch bei ihnen festzustellenden geistigen Gestörtheit, nach Befinden dennoch im Besitze der zu ihrem Fortkommen im Leben notwendigen rechtlichen Verfügungsfreiheit zu belassen. Stehen diese Personen auch unter dem Einflüsse von Zwangsideen, die sie auf dem davon unmittelbar berührten Gebiete des Seelenlebens unzurechnungsfähig erscheinen lassen, so ist ihnen damit doch nicht überhaupt die Fähigkeit genommen, vernünftig zu handeln. Auf den von ihrer Wahnidee weiter ab gelegenen, der Beeinflussung durch sie entzogenen oder ihr doch in minderem Grade ausgesetzten Vorstellungsgebieten sind sie meist imstande, ihre beruflichen Angelegenheiten einwandfrei zu besorgen. Vgl. Krafft-Ebing, die zweifelhaften Geisteszustände S. 8, auch Samter in Gruchots Beitr. v. J. 1901, S. 3. In die Gruppe dieser Krankheitsfälle gehört nach dem Gutachten Dr. Webers (Bl. 206) auch die Psychose des Klägers in der Gestalt, die sie seit einigen Jahren, seit ihrem Übergange aus dem Stadium des akuten Irrseins in das der chronischen Krankheit, genommen hat. Wohl ist es wahr, daß die Weltanschauung des Klägers durch die ihn beherrschende Idee von seiner Ausnahmestellung zu Gott verfälscht ist, und daß Dr. Schreber in ausgedehntestem Maße Sinnestäuschungen unterliegt. Die Überzeugung, der unausgesetzte Gegenstand göttlicher Wundergewalt zu sein, ist ihm, wie er selbst bekennt, zum Mittelpunkte des Lebens geworden. Immerhin handelt es sich hierbei zunächst nur um ein einziges Gebiet des klägerischen Seelenlebens, das religiöse Gebiet. Was mit unseren Anschauungen über göttliche Dinge und mit unserem Glauben über das Verhältnis des Menschen zu Gott im Zusammenhang steht, wird der Kläger bei der ihm fehlenden Einsicht in die Krankhaftigkeit seiner Denkweise niemals richtig zu beurteilen vermögen. Allein daraus folgt nicht, daß sein Urteil auf allen übrigen Gebieten des Seelenlebens nun ebenfalls krankhaft verändert sein müßte. Das religiöse Empfinden eines Menschen mag zahlreiche und bedeutungsvolle Berührungspunkte mit anderen Seiten seines geistigen Daseins haben; daß es alle diese Seiten gleichmäßig oder mit gleicher Stärke umfasse, wird man trotzdem nicht sagen können. Die religiöse Überzeugung, die den gläubigen Menschen erfüllt und die auch für den psychisch Gesunden oft genug den Mittelpunkt seines Lebens bildet, hat nicht auf allen Lebensgebieten Raum sich zu betätigen, und Dr. Weber weist zutreffend darauf hin, wie jemand lange Zeit hindurch mit einem anderen in regem wissenschaftlichem Verkehr stehen kann, ohne in seinen religiösen Überzeugungen irgendeinen Einblick zu gewinnen: die Letzteren haben eben zumeist keine näheren Beziehungen zu seinen wissenschaftlichen Anschauungen, beide Vorstellungskomplexe führen in seinem Gehirne gewissermaßen eine Sonderexistenz . Ähnlich ist es nach dem Ausspruche des Sachverständigen (Bl. 205 b ) mit dem Wahnsysteme des Paranoikers . Es ist daher nicht richtig, wenn die Kgl. Staatsanwaltschaft in Anlehnung an die Ausführungen Endemanns a. a. O. dem Kläger einhält: weil er unter dem Einflusse von Wahnvorstellungen stehe, bewege sich sein gesamtes Denken auf einer von Haus aus verschobenen Grundlage, und dies müsse zur Folge haben, daß mehr oder minder alle von ihm ausgehenden Willensakte krankhaft beeinflußt würden; bei der Einheitlichkeit des Geisteslebens sei ein Hinübergreifen der krankhaften Vorstellungsgebiete auf die anscheinend gesunden und von dem Wahnsystem relativ wenig berührten nicht zu vermeiden. Die hier herein spielende Idee von der Einheitlichkeit des psychischen Geschehens mag der wissenschaftlichen Anschauung der neueren Irrenheilkunde entsprechen. Auch der Sachverständige Dr. Weber nimmt sie in seinem Gutachten zum Ausgangspunkte (Bl. 47, 205). Immerhin hat sie zunächst nur theoretische Bedeutung. In früheren Zeiten huldigte man entgegengesetzten Anschauungen; man sprach hier unbedenklich von »partieller Verrücktheit«, und der in dieser Bezeichnung sich kundgebenden Auffassung wird in dem Weberschen Gutachten auch heute noch eine gewisse Berechtigung zuerkannt (Bl. 205 b ). Wie man aber auch wissenschaftlich und theoretisch sich zu der Frage stellen mag: der Entmündigungsrichter hat mit der Erfahrungstatsache zu rechnen, daß der Einfluß der Wahnideen, die den Paranoia-Kranken beherrschen, sich im bürgerlichen Verkehrsleben nicht auf allen Gebieten gleichmäßig zu äußern pflegt. Häufig genug bleibt es bei einer bloß »partiellen Verrücktheit«, indem die krankhaften Vorstellungen sich auf ein bestimmtes einzelnes Gebiet zurückziehen und in dieser Beschränkung eine Art »Sonderexistenz« bilden, während andere Lebensgebiete davon verhältnismäßig unberührt bleiben und ein seelisches Gestörtsein des Kranken in keiner Weise erkennen lassen. (Bl. 205.) Die Möglichkeit eines Übergreifens der partiellen Störung auf die Gesamtheit der übrigen geistigen Funktionen im Menschen ist freilich nicht von der Hand zu weisen. Sie besteht in thesi bei jeder Form der geistigen Anomalie. Dies, und nichts anderes, hat wohl auch Dr. Weber nur zum Ausdrucke bringen wollen, wenn er es in seinem ersten Gutachten (Bl. 53) für unberechenbar erklärte, wie einmal im gegebenen Augenblicke die Entschließung des Klägers, falls man ihm die Freiheit des Handelns zurückgäbe, ausfallen werde, ob nach Maßgabe seines relativ gesund gebliebenen Vorstellungsinhalts oder unter dem Zwange des ihn beseelenden krankhaften Wunderglaubens. Das allein reicht jedoch zur Vornahme der Entmündigung nicht aus. Wie der Kläger sich mit Recht verwahrt, kann ihm die Geschäftsfähigkeit nicht schon auf den bloßen Verdacht hin genommen werden, daß er durch seine Wahnvorstellungen sich auf dem oder jenem Gebiete vielleicht zu unvernünftigem Tun verleiten lassen könne. Hierzu ist nach dem Gesetze vielmehr die positive Feststellung erforderlich, daß er infolge der Geisteskrankheit seine Angelegenheiten nicht zu besorgen vermöge. (§ 6¹ B. G. B.) Und daß dem so sei, hat derjenige zu beweisen, der die Entmündigung beantragt hat. Kann der Beweis gegen den Kläger nicht erbracht werden und ist auch an der Hand der nach § 653 C. P. O. über den Geisteszustand des Kranken von Amts wegen anzustellenden Ermittlungen zu keinem sicheren und zweifelsfreien Ergebnis zu gelangen, dann kann die Entmündigung nicht aufrechterhalten werden. Welche Anforderungen man an jenen Beweis zu stellen habe, darüber läßt sich streiten. Man wird sicherlich nicht so weit gehen dürfen wie der Kläger, der eine Entmündigung des Kranken erst dann zulassen will, wenn die Gefahr seines unvernünftigen Handelns unmittelbar auf Gewißheit beruhe. Auf der anderen Seite wird man sich aber ebensowenig an der bloßen Befürchtung genügen lassen dürfen. Die Befürchtung muß zum mindesten in greifbare Nähe gerückt, muß durch Tatsachen oder sonstwie wahrscheinlich geworden sein. Damit ist die Beweisführung auf dasjenige Gebiet gedrängt, das allein auf die zu entscheidende Frage eine zutreffende Antwort zu bieten vermag: auf das Gebiet der tatsächlichen Erfahrungen . Die Entmündigung hat festzustellen, in welchem Maße die Wahnvorstellungen eines Kranken sein Tun und Lassen im Verkehrsleben bestimmen. Ist der zu Entmündigende trotz seiner Geistestrübung noch den Anforderungen des praktischen Lebens gewachsen oder sind die Einwirkungen der Sinnesstörung so tiefgehender Natur, daß ihm dadurch das Augenmaß für die Wirklichkeit der Dinge und deren vernünftige Erfassung verlorengegangen ist? Das läßt sich mit Sicherheit nur an der Hand der Erfahrung beurteilen. Der Kranke muß den Anforderungen des Lebens wirklich ausgesetzt gewesen sein und, mitten im rechtsgeschäftlichen Verkehre innestehend, Gelegenheit gehabt haben, sich mit ihnen abzufinden. Die dabei an ihm gemachten Beobachtungen werden die beste Probe abgeben für die Wahrheit seiner Behauptung, daß er, obgleich krank, dennoch imstande sei, seine Angelegenheiten wie jeder andere verständige Mensch zweckmäßig und in der durch seine Interessen gebotenen Weise zu besorgen. Die Natur der Geisteskrankheit bietet dem ärztlichen Sachverständigen keinen zuverlässigen Anhalt. Sie gestattet in dieser Richtung nur Vermutungen. Wie bereits gezeigt wurde, ist das Vorhandensein der Paranoia mit dem Fortbestehen voller Geschäftsfähigkeit an sich nicht unverträglich. In dieser Auffassung begegnet sich das Gericht mit dem ärztlichen Gutachter. Dr. Weber gab schon in seinem ersten Berichte vom 28. November 1900 dem Bedauern Ausdruck, daß der Kläger bis dahin nur in ziemlich beschränktem Maße in der Lage gewesen sei, außerhalb der Anstaltsmauern selbständig handelnd in die Gestaltung seiner Verhältnisse einzugreifen, so daß die eigentliche Probe auf das Exempel noch nicht habe gemacht werden können (Bl. 45). Er beschränkte sich daher früher in der Hauptsache darauf, das Krankheitsbild zu zeichnen, wie es sich den Augen des pathologischen Beurteilers damals darstellte. Das ist in der Zwischenzeit besser geworden. Dem Kranken ist seit der Erstattung des ersten Gutachtens größere Bewegungsfreiheit eingeräumt worden. Man hat ihn mit den verschiedensten Kreisen der Außenwelt in Verkehr treten lassen. Er hat Gelegenheit gehabt, im Umgange mit seinen Angehörigen und mit dritten Personen zu zeigen, in welchem Grade die Wahnideen, die seine Seele erfüllen, die Herrschaft auch über sein sonstiges Denken und Empfinden an sich gerissen haben, und inwieweit sie auf die Ausgestaltung der Verkehrsbeziehungen zu seinen Mitmenschen von Einfluß sind. Dem Berufungsgerichte steht für seine Beurteilung jetzt ein weit reicheres Tatsachenmaterial zu Gebote, als es in erster Instanz zur Zeit der Urteilsfällung vorlag. Die Beobachtungen, die man in dieser Hinsicht gemacht hat, sind aber für den Kläger durchaus günstig ausgefallen. Eine Wahrnehmung hat sich auch den Berufungsrichtern in ihrem Prozeßverkehr mit der Person des Klägers unmittelbar aufgedrängt, die nämlich, daß die Verstandeskräfte Dr. Schrebers und die Klarheit seiner Gedanken durch die Erkrankung keine Beeinträchtigung erfahren haben. Die Art der persönlichen Aufnahme des Kampfes gegen die über ihn verhängte Entmündigung und dessen planvolle Durchführung, die Schärfe der dabei entwickelten logischen und juristischen Operationen, die Besonnenheit seines Vorgehens und nicht zuletzt auch die vornehme, maßvolle Haltung in der Opposition gegen Gutachter und Staatsanwalt: alles das liefert einen unwiderleglichen Beweis dafür, daß der Kläger auf diesem Gebiete keines vormundschaftlichen Schutzes bedarf, daß er bei der Behandlung seiner prozessualen Angelegenheiten vielmehr seine Interessen im vollen Maße selbständig zu wahren vermag, besser als dies irgendein anderer an seiner Statt zu tun vermöchte. Allzu großes Gewicht wird man auf diese Seite des Geisteslebens des Klägers freilich nicht legen dürfen. Die Fähigkeit, logisch richtig zu denken, scheint, wie Dr. Weber (Bl. 50ᵇ) andeutet, bei den Paranoikern vielfach entwickelt zu sein; sie ist kein untrügliches Kennzeichen dafür, daß der Kranke auf den außerhalb des reinen Denkens liegenden Lebensgebieten ebenso richtig zu urteilen vermöchte. Hier greifen nun ergänzend die Erfahrungen ein, die der Sachverständige Dr. Weber über das Verhalten des Klägers in seinem Verkehr mit der Außenwelt während der letzten anderthalb Jahre zu machen Gelegenheit hatte und über die er in seinem zweiten Gutachten vom 5. April 1902 berichtet. Hatte Dr. Weber schon in seinem ersten Berichte trotz der geringen Erfahrungen, die ihm damals aus dem Verkehrsleben Dr. Schrebers zur Seite standen, anerkennen müssen, daß sich das krankhafte Gebiet seines Geistes von den übrigen Gebieten bereits ziemlich scharf abgesondert habe, und hatte er dort hinzufügen müssen, daß sich das Urteil des Klägers über solche Dinge und Verhältnisse, die von dem festgehaltenen Wahnsystem fernab lägen, meist als zutreffend erweise (Bl. 47, 50 b ), so wiederholt er das mit verstärktem Akzente in seinem zweiten Berichte. Das Krankheitsbild selbst hat keine Veränderungen erfahren. Es ist heute noch im wesentlichen dasselbe, wie es zur Zeit der Erlassung des Entmündigungsbeschlusses war. Nur das Beobachtungsmaterial ist seitdem ergiebiger geflossen; es hat dem Sachverständigen die Möglichkeit geboten, sein früheres Urteil, das sich auf ziemlich beschränkten tatsächlichen Unterlagen aufbaute, zu ergänzen und bzw. zu berichtigen. Es kann daher keinem Bedenken unterliegen, die Ergebnisse, zu denen der Sachverständige erst in seinem späteren Gutachten gelangt, im Wege des Rückschlusses für die Beurteilung der Geistesverfassung des Klägers zur Zeit seiner früheren Entmündigung unmittelbar zu verwerten. Dr. Weber ist nunmehr der Überzeugung, daß die Wahnideen des Klägers eine relative Sonderexistenz an seinem Seelenleben führen und daß sie sich außerhalb des von ihnen unmittelbar beherrschten religiösen Gebiets, namentlich in den Vorstellungskreisen des täglichen Lebens, kaum noch bemerklich machen. Auch von den Sinnestäuschungen, denen der Kläger fortgesetzt unterliegt, stellt er fest, daß sie sein Fühlen und Denken jetzt nicht mehr in maßgebender Weise beeinflussen. Was an krankhaften Erscheinungen zutage tritt, macht sich nach außen hin zur Zeit meist nur in verhältnismäßig untergeordneten Gebieten geltend. Gerade die wichtigeren Lebensinteressen haben sich ihrer Herrschaft entzogen und werden in einwandfreier Weise wahrgenommen. (Bl. 208 a/b . 211 b , 212 b .) Zur näheren Begründung dieses Urteils führt der Sachverständige eine Reihe tatsächlicher Vorgänge an, die er teils selbst beobachtet, teils von zuverlässigen Gewährsmännern sich hat berichten lassen, und die auch in dem Berufungsgerichte die Überzeugung befestigt haben, daß die Gefahr eines verkehrten und unzweckmäßigen Handelns beim Kläger im Rechtsverkehre so gut wie ausgeschlossen erscheint, jedenfalls nicht so nahe liegt, daß sie die Aufrechterhaltung der Entmündigung zu rechtfertigen vermöchte. Der Kläger ist seit einigen Jahren der tägliche Tischgast an der Familientafel des Anstaltsvorstandes, ohne daß sich für die Beteiligten daraus bisher Unzuträglichkeiten ergeben haben. Dr. Weber,, der sein Verhältnis zum Kläger als ein freundschaftliches auffaßt, rühmt im Gegenteil den zarten Takt des Kranken und seine Zurückhaltung, die ihn niemals verleitet habe, der Tischgesellschaft durch die Erwähnung seiner wunderlichen Ideen lästig zu fallen (Bl. 50b). Dr. Schreber selbst glaubt versichern zu dürfen, daß dritte Teilnehmer an der Tafel, insbesondere die anwesenden Damen, ihm dabei nie auch nur eine Spur seiner Geisteskrankheit angemerkt haben werden. Nach dem, was Dr. Weber a. a. O. über den Verkehr mit ihm bekundet, wird man dem Glauben schenken dürfen. Aber auch der Verkehr des Klägers außerhalb der Anstalt hat zu keinen nennenswerten Beanstandungen geführt. Während Dr. Schreber sich bis zum Sommer 1900 Unrichtig: bis zum Sommer 1900 gar nicht , ohne Begleitung eines Pflegers seit Herbst 1901. in der Hauptsache nur in Begleitung eines Pflegers im Freien hatte bewegen dürfen, ist diese Begleitung seitdem weggefallen und ihm unbeschränkter freier Ausgang aus der Anstalt verstattet worden. Er hat ihn dazu benutzt, um in fast täglichen Ausflügen zu Fuß, zu Schiff oder mit der Eisenbahn alle bemerkenswerten Punkte der Umgegend von Pirna teils allein, teils in Gesellschaft aufzusuchen, ebenso auch gelegentlich Konzert, Theater, öffentliche Schaustellungen usw. zu frequentieren. Wiederholt ist er zur Abwartung von Terminen, zum Besuche seiner Gattin oder zur Besorgung kleiner Geschäfte in Dresden gewesen, und neuerdings hat er auf Einladung seiner Angehörigen mit Zustimmung der Anstaltsdirektion sogar allein eine Reise nach Leipzig unternommen, von der er nach achttägiger Abwesenheit zurückgekehrt ist und die nach einer Mitteilung der Schwester ganz glücklich abgelaufen ist. Dr. Weber bezeugt hierbei dem Kläger, daß er nie ein unverständiges und unpassendes Unternehmen ausgeführt, über seine aus dem Rahmen des Alltäglichen fallenden Pläne und Absichten sich stets offen und rückhaltlos ausgesprochen, bzw. sich von ihrer Ausführung des Einverständnisses der Anstaltsdirektion versichert hat, bei der Ausführung auch mit Überlegung und verständiger Berücksichtigung aller Verhältnisse vorgegangen ist. Dr. Weber glaubt ebenso bestimmt annehmen zu können, daß erheblichere Unzuträglichkeiten bei diesem Verkehre des Klägers in der Außenwelt niemals vorgekommen sind. (Bl. 209 a/b. ) Mit den ihm seit ungefähr Jahresfrist zur Bestreitung seiner Ausflüge und kleinerer Bedürfnisse zur Verfügung gestellten Taschengeldern, monatlich 50 Mark, hat der Kläger ordnungsmäßig , nach der Art eines sorgfältigen Hausvaters, zu wirtschaften gewußt. Es ist nie wahrgenommen worden, daß er das Geld verschwendet hätte und infolgedessen nicht damit ausgekommen wäre. Den Eindruck besonderer Sparsamkeit hat man nicht gehabt, wohl aber bemerkt, daß er sich jede Ausgabe wohl überlegt, Kostspieliges vermeidet, auch nicht etwa (von den kleinen weiblichen Schmucksachen abgesehen) Unnützes zusammenkauft. – Kurzum, in dem ganzen bisherigen Verhalten des Klägers im Verkehre außerhalb der Anstalt ist auch nicht eine einzige Tatsache zutage getreten, welche begründeten Anlaß zu der Besorgnis geben könnte, der Kranke werde sich bei gegebener freier Selbstbestimmung unter dem Zwange seines Wahnsystems verleiten lassen, seine rechtlichen Interessen durch verkehrtes Tun zu schädigen. Der praktische Versuch hat gelehrt, daß der Irrwahn des Wunderglaubens, mag er immerhin den Untergrund seines geistigen Daseins bilden, den Kläger doch nicht in dem Maße ausschließlich beherrscht, daß er ihm die Fähigkeit des ruhigen und vernünftigen Überlegens auf anderen Lebensgebieten geraubt hätte. So ist denn in der Tat nirgends ein beachtliches rechtliches Interesse des Klägers erkennbar, das bei einer Wiederaufhebung der Entmündigung gefährdet erschiene. Daß der Kläger etwa sein Leben gefährden könnte, ist ausgeschlossen. Ebensowenig droht von seiner Seite aber auch dem Leben anderer Gefahr, so daß die Entmündigung auch nicht etwa als Sicherungsmaßnahme zum Schutze der Umgebung des Kranken in Frage gezogen werden kann. Zuzugeben ist nur das Störende der »Brüllzustände«, von denen der Kläger zeitweilig heimgesucht wird und die seiner Umgebung häufig genug recht lästig fallen mögen, obschon er versichert, daß er außerhalb der Anstalt von ihnen so gut wie vollständig verschont werde. Mit der Frage der Entmündigung haben indes jene sogenannten Vociferationen, die sich gegen den Willen des Kranken automatisch und zwangsmäßig vollziehen, nichts zu tun. Sie mögen nach Befinden, wenn die Ruhe der Nachbarschaft dadurch gestört werden sollte, das Einschreiten der Wohlfahrtspolizei erfordern, zur Rechtfertigung der Entmündigung können sie nicht dienen, schon deshalb nicht, weil das gewählte Mittel insoweit keinen Erfolg haben könnte, sondern wirkungslos bleiben müßte. Unbeachtlich ist ferner der Hinweis der Königl. Staatsanwaltschaft, daß während der Dauer der Brüllzustände und in denjenigen Momenten, wo der Kranke durch Halluzinationen in seinen Gedanken abgelenkt werde, die Willensfreiheit ganz aufgehoben erscheine. Das mag sein. Allein eine Gefahr kann für den Kläger daraus gleichwohl nicht entspringen: denn bei alledem handelt es sich offenbar nur um rasch vorübergehende Bewußtseinsstörungen in der Dauer von Augenblicken, während deren ein rechtsgeschäftliches Handeln sich ohnedies von selbst verbietet. – Eine Gefährdung seiner Gesundheit steht nach dem Weber'schen Gutachten für den Kläger ebenfalls nicht auf dem Spiele. Er versteht seine Gesundheit im allgemeinen wohl in acht zu nehmen und hütet sich, sie durch willkürliche Handlungen zu schädigen (Bl. 211). Also auch insoweit bedarf es für ihn keiner vormundschaftlichen Fürsorge. In seinem zweiten Berichte vom 5. April 1902 erwähnt der Sachverständige allerdings eine Krankheitsepisode, bei der der Kläger unter Einwirkung seiner seelischen Störung in der Behandlung der Krankheit (Brechdurchfall) unzweckmäßig verfahren sein soll. Allein er legt auf den Zwischenfall selbst kein besonderes Gewicht, er muß auch auf Vorhalt des Klägers nachträglich zugeben, daß dieser sich in dem angegebenen Falle den ärztlichen Anordnungen schließlich gefügt hat. (Bl. 231 a/b ). Daß der Kläger seinem Wunderglauben gemäß die ärztlichen Medikamente überhaupt mißachte, ist gewiß nicht richtig. Zutreffend verweist der Kläger auf die von ihm zur Beförderung des Schlafes in früheren Jahren fast alltäglich willig genommenen künstlichen Schlafmittel (Bl. 226, 231 b ). Und wäre es auch der Fall, so würde dem durch Anordnung der Entmündigung nicht abgeholfen werden können. Weder durch die Anerkennung der rechtlichen Geschäftsfähigkeit, noch durch die Beiordnung eines Vormunds ließe sich die Abneigung des Kranken gegen Arzt und Apotheke, die übrigens in Wirklichkeit nicht besteht, überwinden. Bedenklicher wäre es schon, wenn die Krankheit des Klägers zu ihrer Besserung ein längeres Verbleiben des Kranken in der Heilanstalt erheischte, wenn die vorhandene psychische Störung ihn aber hinderte, die Notwendigkeit davon einzusehen und er die Aufhebung seiner Entmündigung gerade mit zu dem Zwecke betriebe, um, von der Überwachung des Vormundes befreit, seine Entlassung aus der Anstalt durchzusetzen. Nach dem amtlichen Bescheide, den die Anstaltsdirektion des Sonnensteins dem Kläger erst jüngsthin auf seine Anfrage vom 29. Mai d. J. hat zuteil werden lassen (Bl. 252/253), können indes Besorgnisse in dieser Richtung zur Zeit nicht mehr Platz greifen. Dr. Weher ist mit einer Entlassung des Klägers aus der Anstalt unter gewissen, sich von selbst verstehenden Voraussetzungen grundsätzlich einverstanden. Er erklärt ausdrücklich, daß er eine »Gefährlichkeit« des Patienten für sich selbst oder für andere nicht als gegeben erachte, und ihm gehen auch sonst keine Bedenken dagegen bei, den Kläger dem freien Verkehre der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben. Damit ist das Bedürfnis einer vormundschaftlichen Fürsorge für die Gesundheit des Kranken verneint. Wollte der Richter die Notwendigkeit der Entmündigung aus dem hervorgehobenen Gesichtspunkte gleichwohl bejahen, würde er sich mit dem maßgebenden Urteile des ärztlichen Sachverständigen und der Anstaltsverwaltung in Widerspruch setzen. In vermögensrechtlichen Angelegenheiten ist eine Gefährdung des Kranken durch verkehrte und unvernünftige Verfügungen ebenfalls nicht zu befürchten. Wie der Sachverständige bekundet, ist Dr. Schreber über seine Vermögensverhältnisse vollkommen unterrichtet. Die Versuche des letzten Jahres, ihn durch Gewährung eines Taschengeldes finanziell wenigstens teilweise auf eigene Füße zu stellen, haben ein durchweg günstiges Ergebnis geliefert, der Kläger hat sich in jeder Beziehung als sorgsamer haushälterischer Wirt erprobt. Daß er bei Rückgabe der unbeschränkten Disposition über sein Vermögen dasselbe verwahrlosen werde, dafür liegt schlechterdings gar nichts vor. Dr. Weber, der den Kläger am besten kennt und den Einfluß seiner Wahnvorstellungen am zutreffendsten zu beurteilen weiß, versichert wenigstens keinen Anhalt dafür zu haben, daß er aus irgendwelchen krankhaften Motiven über die ihm durch seine finanzielle Lage gezogenen Grenzen hinausgehen und sein Vermögen verschleudern werde. (Bl. 211.) Die in erster Instanz aufgetauchte Besorgnis, der Kläger möchte sich unter dem Zwange seiner wunderlichen Ideen und in der Absicht dafür Propaganda zu machen, vielleicht zur Ausschreibung wissenschaftlicher Preisaufgaben verleiten lassen, war von Haus aus nicht eben hoch zu veranschlagen. Eine Neigung, sich seinem Wunderglauben zuliebe in Unkosten zu stürzen, ist beim Kläger bisher nirgends zutage getreten. Das Berufungsgericht hat daher, zumal im Hinblick auf die oben hervorgehobenen zustimmenden Auslassungen des Sachverständigen, keinen Grund, dem Kläger zu mißtrauen, wenn er beteuert, er denke nicht daran, für die Förderung seines Wunderglaubens Opfer darzubringen und es werde ihm nie in den Sinn kommen, zu diesem Zwecke auch nur einen Groschen seines Vermögens aufzuwenden. Die Möglichkeit ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß der Kläger trotz dieser Versicherungen im gegebenen Augenblicke einmal unbewußt durch die ihn beherrschenden phantastischen Vorstellungen bei seiner Vermögensgebarung beeinflußt werden könnte . Die Möglichkeit einer Einflußnahme besteht bei jeder Geistesabnormität, auch wenn sie nicht gerade die Formen einer eigentlichen Geisteskrankheit angenommen hat. Für das Recht und die Rechtsordnung kann jene Möglichkeit jedoch erst in Betracht kommen, sobald sie zur wirklichen Gefahr geworden ist. Davon ist hier nichts zu verspüren. Nur in einem einzigen Punkte hat sich bisher eine unmittelbare Einwirkung der religiösen Wahnideen des Klägers auf seine Vermögensgebarung nachweisen lassen. Und auf den hat Dr. Schreber selbst aufmerksam gemacht. Es betrifft seine Neigung zu allerhand kleinen Zieraten, mit denen er, nach Art eines Weibes, seinen Busen, den er in der Umbildung zu einem weiblichen begriffen wähnt, hin und wieder zu schmücken pflegt. Zu so törichtem Zeuge Geld auszugeben würde ihm, wenn er geistig vollständig normal wäre, natürlich nicht in den Sinn kommen können. Indessen handelt es sich dabei um Geringfügigkeiten, deren Geldwert viel zu unbedeutend ist, als daß er bei der schwerwiegenden Entscheidung über die Zu- oder Aberkennung der rechtlichen Geschäftsfähigkeit eine Rolle spielen könnte. Auch wenn man ganz davon absieht, daß der Kranke jene Zieraten, wie er versichert, als eine Art seelisches Medikament verwendet, um sich mit ihrer Hilfe eine Beruhigung der ihn befallenden Nervenerregungen zu verschaffen, ist darin schlimmstenfalls eine Schrulle zu erblicken. Derartigen Schrullen werden aber selbst von im übrigen gesunden Leuten oft genug noch ganz andere Geldsummen geopfert. Daß der Kläger seinen verstandesmäßigen Fähigkeiten nach der Aufgabe, sein und seiner Frau Vermögen zu verwalten, vollauf gewachsen ist, steht außer Frage. So verwickelt, wie der Staatsanwalt meint, ist die Verwaltung nicht, auch wenn man die einzelnen Objekte ins Auge faßt, aus denen sich nach dem Verzeichnis Bl. 175 fg. der Vormundschaftsakten das Vermögen der Eheleute Schreber zusammensetzt. Einen glänzenden Beweis seiner Fähigkeit hat der Kläger in dieser Richtung erst jüngsthin erbracht, indem er die nach dem Konkurse des Verlegers der Schreberschen »Zimmer-Gymnastik« unter den Beteiligten überaus schwierig gewordene Frage der ferneren geschäftlichen Verwertung jenes Werks in einem auf Wunsch der Familie erstatteten Gutachten mit solcher Schärfe, Klarheit und Einsicht der tatsächlichen Verhältnisse behandelt hat, daß seine Angehörigen kein Bedenken getragen haben, seinen Vorschlägen zu folgen. So nach der glaubhaften Darstellung seines Schwagers, des Kaufmanns Jung in Leipzig (Bl. 41/43 der Entmünd.-Akten). Der Vorgang zeugt aber nicht bloß von der technischen Befähigung Dr. Schrebers, Angelegenheiten der Art überhaupt zu besorgen, sondern beweist zugleich, daß es ihm weder an Neigung noch an Interesse fehlt, der Ordnung seiner Vermögens-Verhältnisse die ihr gebührende geschäftliche Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Beziehungen Dr. Schrebers zu seiner Familie sollen bedroht sein, die eheliche Gemeinschaft mit seiner Gattin Gefahr laufen, zerstört zu werden. Auch das kann nicht zugegeben werden. Wie der Kläger mit Recht hervorhebt, ist die eheliche Gemeinschaft zwischen ihm und der Frau infolge seiner Geisteskrankheit und der dadurch für ihn bedingten Notwendigkeit, von ihr getrennt leben zu müssen, schon seit Jahren so vollständig als möglich aufgehoben. Es ist nicht abzusehen, wie sich dies Verhältnis soll verschlechtern können, wenn man dem Kläger jetzt die freie Selbstbestimmung über seine Person zurückgibt. Dr. Schreber hat den sehnlichen Wunsch, sobald ihm die Rückkehr aus der Anstalt offensteht, die häusliche Gemeinschaft mit seiner Gattin wieder aufzunehmen und in der Zurückgezogenheit eines ruhigen, ländlichen Wohnsitzes bei ihr seine Tage zu verleben. Er strebt also an seinem Teile gerade eine Verbesserung des bestehenden ehelichen Verhältnisses. Ob sie sich in der Wirklichkeit wird erreichen lassen, ist freilich eine andere Frage. Die Wunderideen, in deren Banne sich das Seelenleben des Klägers bewegt und die der Gattin im intimen Verkehre sich wahrscheinlich noch weit lästiger bemerklich machen werden, als dem fernerstehenden Dritten, lassen es zweifelhaft erscheinen, ob ein gedeihliches Zusammenleben der Eheleute auf die Dauer möglich sein wird. Es käme erst darauf an, die Probe zu machen. Wie diese Probe aber immerhin auch ausfallen möchte, auf die Entscheidung darüber, ob die Entmündigung fortzubestehen habe, könnte sie keinen Einfluß ausüben. Denn dem Kläger ist auch darin recht zu geben, daß die Rücksicht, auf das Wohlbehagen dritter Personen, und wären es selbst die nächsten Familienangehörigen, hierbei nicht in Anschlag kommen darf. Die Entmündigung hat in erster Linie für das Wohl des zu Entmündigenden zu sorgen. Sie lediglich im Interesse anderer zu verfügen ist unstatthaft. Vergl. auch § 2 Just M.V.O., das Verfahren bei Entmündigung wegen Geisteskrankheit etc. betr. vom 23. Dezember 1899. Im übrigen ist Dr. Schreber, wie seine Erklärungen im Prozeß erkennen lassen, sich der sittlichen Pflichten, die ihm aus den angedeuteten, schwierigen Verhältnissen gegen seine Gattin erwachsen, wohl bewußt. Sein Geist ist nicht in dem Grade gestört, daß er blind wäre für das Maß von Selbstverleugnung, das seine Frau bei einem Zusammenleben mit ihm unter Umständen aufzubringen haben würde. Er wird ihr, wenn sich das Zusammenleben als tatsächlich untunlich herausstellen sollte, keine unbilligen Zumutungen machen; er wird auch in diesem Falle alles gewähren, worauf sie ihm gegenüber einen rechtlichen Anspruch hat. Daß er seine gesetzliche Unterhaltspflicht vernachlässigen oder aus Unmut gegen sie über sein Vermögen zu ihrem Nachteile verfügen werde, – den Gedanken weist er weit von sich. Nach seiner Angabe liegt ein gemeinschaftliches Testament aus dem Jahre 1886 vor, das ihm solche Verfügungen ohnehin verbieten würde. Und, wie vorsichtig man auch sonst vielleicht in der Bewertung von Versicherungen geisteskranker Personen regelmäßig wird sein müssen: – der hohe sittliche Ernst, der die Person des Klägers erfüllt und die durch keine Krankheit beeinträchtigte, auch von Dr. Weber rühmend anerkannte Lauterkeit seines Charakters, wie sie in allen seinen Erklärungen vor Gericht zutage tritt, machen es unbedenklich, ihnen hier Vertrauen zu schenken. Damit verliert auch die frühere Bemerkung des Sachverständigen, daß Dr. Schreber im Verkehr mit seiner Gemahlin schon jetzt mitunter auf Ehescheidung andeute, wenn sie auf seine Wahnideen nicht gleich willig eingehe, an Gewicht. Bei diesem Berichte, dem, wie es scheint, Angaben der Frau Dr. Schreber zugrunde liegen, walten augenscheinlich Mißverständnisse ob. Der Kläger hat erläuternd hierzu tatsächliche Aufklärungen gegeben, die sein Benehmen gegen die Gattin als einwandfrei erscheinen lassen, und denen Dr. Weber, dem jene Erklärungen vorgelegen haben, in seinem zweiten Gutachten in keiner Weise entgegengetreten ist. – Es bleibt mithin nur übrig, daß der Kläger durch die geplante Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten« sich und seine Familie bloßstellen, nach Befinden sogar sich mit dem Strafgesetz in Konflikt bringen werde. Daß die Bekanntgabe der Schrift erheblichen Bedenken unterliegt, wird kein Einsichtiger in Abrede stellen wollen. Nicht einmal Dr. Schreber selbst hat sich dieser Einsicht ganz verschließen können. Wenn er gleichwohl dringend auf der Veröffentlichung besteht, so ist das nicht ein Beweis seiner mangelnden Fähigkeit, sich die Folgen seines Tuns vorher zu überlegen, sondern nur ein Beleg für die Stärke seines Glaubens an die Wahrheit der ihm von Gott zuteil gewordenen Offenbarungen: »Ich kann nun einmal« – bemerkt er wörtlich – »nicht wünschen, daß die Erkenntnis Gottes, die sich mir erschlossen hat, mit meinem Ableben ins Nichts versinke und damit der Menschheit eine vielleicht niemals wiederkehrende Gelegenheit zur Erlangung richtigerer Vorstellungen über das Jenseits verlorengehe.« (Bl. 160.) Daß ihm Unannehmlichkeiten daraus erwachsen können, darüber ist sich der Kläger nicht im unklaren. Nur verwahrt er sich mit Recht gegen den Vorwurf der ersten Instanz, als ob er in den »Denkwürdigkeiten« irgend etwas geschrieben hätte, wodurch der Ehre seiner Familie Abbruch geschehen könnte. Davon ist in der Schrift in der Tat nichts zu finden. Es läßt sich auch nicht sagen, daß der Inhalt der »Denkwürdigkeiten« dazu angetan wäre, den Kläger selbst bloßzustellen. Die Schrift ist das Produkt einer krankhaften Einbildungskraft, und wer sie liest, wird keinen Augenblick die Empfindung verlieren, daß ihr Verfasser geistig gestört ist. Das kann den Kranken aber unmöglich in der Achtung seiner Mitmenschen herabsetzen, zumal andererseits gewiß niemand den hohen Ernst und das Streben nach Wahrheit wird verkennen wollen, das die Schrift in jedem Kapitel durchweht. Sehr richtig bemerkt Dr. Schreber selbst: das Schlimmste, was ihm passieren könne, sei wohl, daß man ihn für verrückt halten werde, und das tue man ja schon ohnedies. An den Kraftausdrücken, die sich in dem Werke finden, darf man keinen Anstoß nehmen. Sie kommen nicht auf Rechnung des Klägers, sondern enthalten nur eine Wiedergabe der Geisterstimmen, die in früheren Jahren, zur Zeit der schwersten Halluzinationen, auf den Kläger eingeredet haben. Das muß im Auge behalten werden, wenn man den richtigen Maßstab finden will für die Beurteilung der Verunglimpfungen, die sich der Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Flechsig in den »Denkwürdigkeiten« gefallen lassen muß, insofern ihm Seelenmord vorgeworfen wird und noch viel Schlimmeres. Auch hier tritt der Kläger keineswegs selbstredend und selbsthandelnd auf, sondern er berichtet nur über das, was ihm die Stimmen wunderlicher Geister, mit denen er nach seiner Meinung im Verkehr steht, hinterbracht haben. Die Absicht, den Professor Flechsig anzugreifen und ihn in seiner Ehre wissentlich zu kränken, hat dem Kläger, als er die »Denkwürdigkeiten« schrieb, sicherlich fern gelegen. Die Gefahr, daß er deshalb von Flechsig werde wegen Beleidigung belangt werden, ist somit nicht sehr groß, zumal an der Schrift vor ihrer Drucklegung noch in der Form verschiedenes geändert werden soll. Eine Bestrafung erscheint jedenfalls ausgeschlossen, da dem Kläger unter allen Umständen der Schutz des § 51 Str. G. B. zur Seite stehen würde. Und läge selbst die Gefahr einer strafrechtlichen Verurteilung des Klägers vor, so wäre auch das noch kein hinreichender Grund, ihm darum die Geschäftsfähigkeit abzusprechen. Die Entmündigung kann nicht als Mittel angewendet werden, um eine Person, die trotz ihres geistigen Defekts im übrigen durchaus fähig ist, ihren Geschäften nachzugehen, von der Vornahme einer einzelnen verkehrten Handlung abzuhalten, um ihr die etwaigen nachteiligen Folgen davon zu ersparen. Das gilt auch von dem Hinweise der Königl. Staatsanwaltschaft auf die Unvorteilhaftigkeit des Verlagsgeschäfts, das der Kläger zur Veröffentlichung der »Denkwürdigkeiten« abzuschließen genötigt sein werde. Zunächst ist keineswegs so unbedingt sicher, ob das abzuschließende buchhändlerische Kommissionsgeschäft dem Kläger unbedingt werde Verlust bringen müssen. Wahrscheinlich genug ist es allerdings. Zu bedenken bleibt auf alle Fälle, daß das geschäftliche Risiko, das der Kläger auf sich nimmt, im Verhältnis zu seinem übrigen Vermögen am Ende nicht so sehr groß ist. Und ihn vor diesem Risiko zu bewahren, ist nicht die Aufgabe der Entmündigung. Der Kläger besitzt vollkommen die Einsicht, zu erkennen, daß die Herausgabe der »Denkwürdigkeiten« sein Vermögen nach Befinden belasten kann. Eines rechtlichen Schutzes, wie ihn die Entmündigung zu bieten bestimmt ist, ist er auch insoweit nicht bedürftig. Das Berufungsgericht hat hiernach die Überzeugung gewonnen, daß der Kläger auf allen hier besprochenen Lebensgebieten – und es sind die wichtigsten, an deren ordnungsmäßiger Regelung der Rechtsordnung gelegen ist – den Anforderungen des Lebens gewachsen ist. Jedenfalls liegt nichts dafür vor und kann nicht als festgestellt angesehen werden, daß er infolge seiner Wahnvorstellungen seine Angelegenheiten nicht zu besorgen vermöge. Dies mußte in Beachtung des eingewendeten Rechtsmittels zur Aufhebung der über den Kläger verhängten Entmündigung führen, ohne daß auf seine neueren Zeugenbeweisanerbietungen eingegangen zu werden brauchte. (§ 672 C. P. O.) Die Kostenentscheidung beruht auf § 673 C. P. O. gez.: Hardraht. Vogel. Dr. Steinmetz. Nicolai. Dr. Paul. Ausgefertigt Dresden, am 26. Juli 1902. (L. S.) Der Gerichtsschreiber des König. Sächs. Oberlandesgerichts: Heinker, Bur.-Assistent. In vorbezeichneter Prozeßsache ist innerhalb der mit dem 1. September 1902 abgelaufenen Notfrist ein Schriftsatz zum Zwecke der Terminbestimmung bei dem Reichsgerichte nicht eingereicht worden. Leipzig, den 3. September 1902. Gerichtsschreiberei VI des Reichsgerichts . Schubotz. (L. S.) VI. Z. 1520/02. Daß vorstehendes Urteil am 1. September 1902 rechtskräftig geworden ist, wird hiermit bezeugt. Dresden, am 17. September 1902. Der Gerichtsschreiber des Königl. Landgerichts . Müller, Sekr. (L.S.) Beilagen zu Schrebers »Denkwürdigkeiten« Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808--1861) Fig. 1 Fig. 2 Fig. 3 Fig. 4 Die vorhergehenden Zeichnungen sind den Veröffentlichungen von Daniel Gottlieb Moritz Schreber entnommen. Ihre Bedeutung für die Phantasiewelt Daniel Paul Schrebers ist häufig hervorgehoben worden (vor allem von W. Niederland: vgl. Bibliographie). Die »Kopfzusammenschnürungsmaschine« zum Beispiel (S. 194) läßt seine reale Herkunft aus dem väterlichen Gerät (Fig. 3 und 4) kaum verleugnen. Fig. 1 und 2 deuten auf den wirklichen Hintergrund zu Schrebers Auffassung von Gott als Einem, Der den Menschen nur als Leiche kenne (S. 75 und passim). Bibliographie A. Zu Daniel Gottlieb Moritz Schreber: Politzer, L. M.: Daniel Gottlieb Moritz Schreber, Jahrbuch für Kinderheilkunde, V, 1862. Ritter, Alfons: Schreber – Das Bildungssystem eines Arztes, Inaugural- Dissertation, Erlangen, 1936. Schreber, Daniel Gottlieb Moritz: (Immer Leipzig) Das Buch der Gesundheit, 1939. Das Turnen vom ärztlichen Standpunkt aus, zugleich eine Staatsangelegenheit (1843) Die Eigentümlichkeiten des kindlichen Organismus in gesundem und krankem Zustande (1852) Die schädlichen Körperhaltungen und Gewohnheiten der Kinder nebst Angabe der Mittel dagegen (1853) Ärztliche Zimmergymnastik (1855) Ein ärztlicher Blick in das Schulwesen (1858) Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit (1858) Der Hausfreund als Erzieher und Führer zu Familienglück, Volksgesundheit und Menschenveredlung für Väter und Mütter des deutschen Volkes (1858) Anthropos, der Wunderbau des menschlichen Organismus (1859) Das Pangymnastikon oder das ganze Turnsystem an einem einzigen Geräte (1862) – u. v. a. m. B. Zu Daniel Paul Schreber: Baumeyer, Franz: »Der Fall Schreber«, Psyche 9,1955/56, 513–36. ders.: »Noch ein Nachtrag zu Freuds Arbeit über Schreber«, z. Psychosomat. Med. 16 (1970), S. 243–245. Benjamin, Walter: »Bücher von Geisteskranken«, in: Gesammelte Schriften IV/2, Frankfurt am Main, 1972, 615–619. 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Redaktionelle Fußnoten stehen unter einer durchgehenden Linie in eckigen Klammern durch Kreuzchen gekennzeichnet; die mit Sternchen markierten bzw. arabisch durchnumerierten Fußnoten unter einer kurzen Linie stammen vom Autor. Auf fehlende oder doppelte Anmerkungen wurde an Ort und Stelle verwiesen. Die in der Erstausgabe fehlenden Kapitelüberschriften (Kapitel I.–XXII.) wurden anhand der im Inhaltsverzeichnis der Erstausgabe aufgeführten Überschriften an jeweiligem Ort in eckigen Klammern aufgeführt. Das Vorwort von Samuel M. Weber wurde für diese Ausgabe geschrieben; er erstellte die Bibliographie und zusammen mit der Redaktion die Beilagen zu Schrebers »Denkwürdigkeiten«. Für die freundliche Genehmigung zum Abdruck des Fotos von D. P. Schreber danken wir Herrn Dr. Franz Baumeyer (Berlin) und der Focus-Verlag GmbH (Wiesbaden); für das Foto von P. E. Flechsig der Verlagsbuchhandlung S. Karger AG (Basel). Die Redaktion