Peter Rosegger Nixnutzig Volk Eine Bande paßloser Leute Vorwort »Wenn die Kerle aneinandergeheftet sind, dann kann sie einer leicht vor sich hertreiben!« sagt der Landwächter Johann Krösel gern, wenn er einen Trupp Zigeuner einzubringen hat. Ich habe aus denselben Gründen meine Bande vom Buchbinder zusammenheften lassen. Ein ganzer Band nixnutzig Volk? Der Leser macht ein bedenklich ernstes Gesicht. »Waldpoet, das ist man von dir nicht gewohnt.« – Aber, mein Freund, es ist so lustig, auch einmal abenteuerliche Gesellen und Gesellinnen zu zeichnen und ihnen hie und da ein kleines Frätzlein anzuhängen. Jawohl, allerlei Nixnutze habe ich da beisammen, und fast keiner ist so traurig, daß man sich nicht ein wenig mit ihm oder über ihn lustig machen könnte. Darunter besonders bemerkt auch solche, die als »Nixnutze« gescholten werden, weil sie für das Alltagsleben nicht taugen, weil sie sich dem Weltbrauch nicht fügen können, weil sie es in ihrer treuherzigen Einfalt zu nichts bringen und von ihrem Elend nicht einmal dann etwas merken, wenn sie daran zugrunde gehen. Solch reine Toren wird man hier mehr als einen finden und der zehn Gerechten wegen bitte ich um Nachsicht für andere. Wenn bei Durchzug dieser Bande Kinder nicht auf die Straße laufen, so ist's mir lieb. Gefahr wäre zwar kaum dabei, aber auch kein Vorteil. Erwachsene hingegen, die sowieso schon wissen, wie es zugeht, mögen an den zweifelhaften Leuten Ergötzung und vielleicht sogar Gewinn finden. Krieglach , im Sommer 1906. Der Verfasser. Batzenlippel. Aus einem Schreibebuch. Dann wurde ich Schauspieler. Unsere Gesellschaft war eine wandernde, weil man uns überall sehen wollte. Wo wir einmal waren, da mochten sie uns nicht fortlassen, bevor sich nicht jeder von uns förmlich losgekauft hatte. Mein schauspielerisches Talent war sehr groß, doch wollte es nicht recht heraus; zwischen Lunge und Leber mußte es sich verklemmt haben, denn wenn ich von der Leber weg sprechen wollte, versagte mir regelmäßig der Atem. Doch war ich der beliebteste der ganzen Truppe und rettete manches Stück. Man gab Ritterstücke und Tragödien. Aber die Leute wollen lachen. Ich hatte nämlich mehrmals die Rolle tragischer Helden bekommen, ich wollte sie gar nicht lustig spielen und sie wurde doch lustig. Das ist das Unbewußte – die Genialität. Der Alte war die ersteren Male verdrießlich über die, wie er sagte, unpassend erregte Heiterkeit, als aber dann das Haus zum Platzen voll ward, so oft ich in tragischen Rollen auftrat, erkannte er meine hinreißende Kraft und versprach mir, wenn ich auch das Zettelaustragen übernehmen wollte, eine Erhöhung der Gage. Wir sagten nicht »Gasche«, sondern Gage, wie sie geschrieben wird, nur wenn der Direktor manchmal aufgebracht war, denn der Mann litt an Jähzorn, verfiel er in den alten Fehler und nannte uns Bagasche, bis der rote Louisel ihm einmal höflich nahelegte, daß er doch keinen solchen Aufwand treiben solle, alldieweilen wir nur auf die zwei letzten Silben Anspruch machten. Denn die Gagen wurden nicht so regelmäßig zugestellt, wie die Rechnungen unseres Herbergsvaters. Der rote Louisel – wegen seiner roten Gesichtsfarbe und des ziegelblonden Haares so geheißen – hatte allerhand Einfälle; er verfertigte Theaterstücke, neue, und besserte alte aus. Der Schiller und der Schekspier waren auf unserer Bühne nämlich nur möglich, wenn der Louisel die letzte Hand angelegt hatte. Aber er war komisch, dieser Louis Gruber; während er auf Befehl des Alten ganze Seiten streichen mußte, streckte er seine krumme Nase und sagte, das Feine siebe man durch, das Grobe, die Kleie, sei gut für die Säue. Der Louisel war ein gemütliches Haus und seiner geringen Begabung gemäß stets bescheiden. Er hatte etwas Geist und Gemüt, aber kein Taschenmesser. Wir beide tranken beim Wirt nie immer noch eins, wie die alten Deutschen, sondern immer nur eins. Und wenn es dann zum Zahlen kam, sagte der Louisel manchmal zu mir: »Tu' mich auch gleich mit ab, Walter, du weißt, der Alte hat wieder einmal nicht gegagt. Bis er aber seine Gage erhielte, würde er für den ganzen Tisch zahlen. Einmal wurde er von uns andern daran erinnert; er antwortete, beim Wort bleiben zu wollen und für den ganzen Tisch zu zahlen – es war ein großer viereckiger Eichentisch – falls dieser etwas verzehre. Das waren aber nur faule Fische; wir Umsitzenden hatten uns, wenn er bei Taschenmesser war, nicht zu beklagen. Es verstand sich von selbst, daß für zwei solche Kerls, wie der rote Louisel und der Heldenspieler Walter, die Welt der Bretter zu enge werden mußte. Der Louisel hatte wieder einmal ein Stück geschrieben, und ich sollte einen meineidigen Bauern geben, der sehr fromme Reden im Mund führte, dabei seine Blutsverwandten betrog, dann bei einer Geistererscheinung sich bekreuzen will, aber die Hand nicht heben kann, mit der er einst den falschen Eid geschworen. Eine abscheulich langweilige Rolle. Ich hätte trotzdem daraus etwas gemacht, wenn der Dichter nicht darauf bestanden haben würde, mich spießgenau an den Text zu halten und nicht ein einziges Wort zu extemporieren. Die Herren selber können ja nichts, und schöpft man einmal aus dem eigenen Vollen, dann wird man »Batzenlippel« genannt, was soviel heißen soll, als eingebildeter Tropf. Das ist der Neid. Nun diesmal dachte ich gleich, daß sich diese kleinliche Prinzipienreiterei rächen würde. Wenn dem Schauspieler etwas Besseres einfällt, als der Souffleur weiß, warum nicht sagen! Daß geniale Menschen, die mit reicher Phantasie begabt sind, an Gedächtnisschwäche leiden, ist eine alte Erfahrung. Und da ein guter Schauspieler sich auf den Souffleur nicht verlassen soll, so war ich eben wieder ganz auf mein eigenes Ingenium angewiesen bei derselben Premiere. Der erste Akt ging vorzüglich, ich heuchelte flott drauf los, als bewegte ich mich allen Ernstes in der guten Gesellschaft, und schwur mit salbungsvollster Frömmigkeit den falschen Eid. Gegen Ende des Aktes jedoch, wie der Louisel als Geist erscheint, komme ich plötzlich aus der Fassung und kann nicht weiter. Der Geist zischelt mir Flüche zu, die gerade auch nicht im Buche stehen; das verehrungswürdige Publikum beginnt zu kichern, mir wird ganz blau vor den Augen, der Souffleur schreit mir den Text her, das macht mich erst recht irre. »Halt's Maul!« rufe ich ihm zu, »laß dich einsalzen mitsamt deinem Büchel. Weiß es lang' schon, was drinnen steht, besser als du!« Die Leute werden unruhig, da ich schon einmal entgleist und in meinem Fahrwasser bin, so trete ich vor und rede lustig ins Haus hinein: »Verehrungswürdige! Was sollen's denn noch sitzen bleiben bei der Hitze! Den ganzen dritten Akt lang! Daß Sie's nur wissen, der Meineidige hat halt ein böses Gewissen, und wenn er sich vor dem Geist bekreuzen will, kann er die Hand nicht heben, es trifft ihn der Schlag, er fällt zusammen und wird vom Teufel geholt. So – da habt ihr die ganze Geschicht'.« Der Vorhang fällt, aber – weil ich zu weit vorn am Rande stehe – zum Glück hinter mir, so daß er mich von den hinten drohenden Mächten trennt, hingegen dem rasenden Publikum aussetzt. Das rast, aber vor Vergnügen, und wer das nicht miterlebt hat, weiß nicht, was Applaus ist. Von der vordersten Reihe herauf wird mir der Riesenblumenstrauß gereicht, der dem Autor des Stückes bestimmt gewesen. Ich sage noch tiefgefühlte Worte unaussprechlichen Dankes im Namen des Dichters, da höre ich rufen: »Selber behalten! Selber essen!« Das dämpfte etwas, für was halten sie mich denn, daß ich Blumen essen soll! Das Ende ist zu erraten. Das Stück hatte keins an diesem Abend, die Wurst hatte zwei und das meinige schien gekommen zu sein. Klipp und klar zerreißen wollten sie mich. Der Direktor wollte gar nicht aufhören, mir Backenstreiche zu versetzen, rechts und links, so daß vor meinen Augen allemal die Funken stoben. Umgekehrt, wie bei einem Gewitter, wo zuerst der Blitz und dann der Schlag erfolgt. Der Louisel war halb gebrochen hinter einer Kulisse gesessen, aber nun, da es galt, einen Mord zu verhindern, eilte er herbei, um mich aus den Händen des Tyrannen zu befreien. Jene aber, die sich mit meinem Blumenstrauß befaßt, brachen plötzlich in ein mächtiges Spektakel aus, sie hatten darin, verborgen wie eine Schlange unter Rosen, eine riesengroße Leberwurst entdeckt. Diese sensationelle Entdeckung änderte – wie das schon oft so vorkam – den Lauf der Geschichte. »Volkes Stimme ist Gottes Stimme!« deklamierte der Alte – er hatte keinen übeln Baß – »und wenn's dem Publikum recht ist, so kann's uns um so lieber sein.« Wir zogen uns in das Theaterrestaurant, zum Schöpsenwirt, wo unser Logement war, zurück, und der Direktor hat zur Wurst das Bier gezahlt. Nach solchem Erfolge – der weder dem Zufall, noch dem Talente, sondern einzig nur dem Ingenium zuzuschreiben war – litt es mich natürlich nicht mehr länger bei der Schmiere. Ich wollte mich bloß einmal im Burgtheater engagieren lassen, vorher aber eine Kunstreise durch Amerika machen, denn später bekommen erste Kräfte für derlei Seitensprünge keinen Urlaub mehr. Aber nun spreche ich aus schlimmer Erfahrung. Keinem Kollegen von der Kunst möchte ich raten, so aus dem Stegreif zu reisen. Man extemporiert wohl auf der Bühne, aber nicht nach Amerika. Das muß gut memoriert sein und für den Mimen ist der Impresario noch weit wichtiger, als der Souffleur. Ich kam natürlich gar nicht hinüber. In Bremerhaven haben sie mich zurückgewiesen; sie ahnten in mir einen Defraudeur und ahnten recht. Wollte ich nicht das größte, mindestens zweitgrößte Genie Europas nach der Neuen Welt hinüberlotsen? Auf der Rückreise wandte ich mich wiederholt an Mäcene, wovon die meisten Zwei-, andere auch Fünf-, einige sogar Zehnpfennigstücke gaben. Ich sah nun, daß meine Ruhmesbahn starke Krümmungen hatte. Eine davon führte mich aufs Schloß, wobei ich den Vorteil, der in einem einstweiligen Berufswechsel lag, sofort erkannte. Ablenkende Nebenumstände bleiben unberührt; es sei vor allem kurz angemerkt, daß ich mir auf jenem Landschlosse einen Herrn aufgenommen habe. Ein Baron, im übrigen ein ganz netter Mensch. Nur etwas hochmütig. So ließ er z.B. seine Stiefel jeden Tag stundenlang antichambrieren vor seinem Zimmer. Mir folgte er, obgleich ich wenig zu sprechen pflegte, nahezu auf den Wink; besonders wenn ich ihn zum Diner befahl, gehorchte er augenblicklich. Doch hatte er seine Kapricen. Ich besaß in seiner Lade immer gute Zigarren, er aber versteckte mir regelmäßig den Schlüssel dazu. Ich galt als Erzieher seiner nächsten Umgebung. Waren aber ein paar lederne Kerle dabei, die manchmal ein bischen gewichst werden mußten, wenn sie Politur annehmen sollten. Doch auch die Pantalons, Jacketts und Paletots mußten täglich mit dem Stock gezüchtigt werden. Derlei erregt natürlich die Galle, und eines Tages, als ich diese nichts weniger als angenehme Aufgabe an einem unordentlichen Pantalon erfüllte, stak zufällig schon der Herr drin. Wegen dieses Versehens gab es Verdruß. Der Herr faßte mich am Kragen, warf mich an die Wand und stieß mich mit einigen Fußtritten zur Tür hinaus, daß ich die Treppe hinabkollerte. Diesen Wink verstand ich so, als ob mich der Herr nicht in seinem Hause haben wollte. Da ich soweit immer mit ihm zufrieden gewesen war, so tat ich seinen Willen und ging davon. Nun wieder freier Weltbürger. Doch das ist kein Beruf, der seinen Mann ernährt, weshalb sich meine Ideale anderen Richtungen zuwendeten. Plebejische Neigung zur Arbeit hat meinen Charakter nie besudelt, und wenn die Staatseinrichtung in Preußen bürgerliche Existenz nur gegen Arbeit garantiert, so hatte ich dafür bloß ein Lächeln der Verachtung. Weil mich aber Frost und Hunger – ich will brutal aufrichtig sein – zu einem Erwerbe zwangen, so ging ich auf dem Stadtplatz von Lichtenfelde zu einem Sicherheitswachmann hin und schleuderte ihm einen Schimpf ins Gesicht. Er blickte mich an, zuckte die Achseln und wandte sich einer anderen Weltgegend zu. Ja, mein Gott, was soll ein Notleidender dann nur anfangen! In Österreich ist es doch bei Arreststrafe verboten, eine Amtsperson zu beleidigen. Glauben denn diese Herren, man wird ihrer Arrestlöcher wegen einen Diebstahl begehen? Wartet mal, ich will euch noch kurios zwingen, mir ein warmes Winterquartier zu verschaffen. Am Marktplatz, der voller Zeugen war, stieg ich auf die Brunnenstufe und schleuderte eine Majestätsbeleidigung hin, daß das Krämervolk nur so niederzuckte vor Schreck. Nun brauchte ich nicht mehr lange zu warten; zwischen zwei untadelhaft strammen Adjutanten marschierte ich dem Arreste zu, und der Richter verbürgte mir zuvorkommend drei Monate. Das genügt. Dann ist April, die Straßen sind trocken, und die Ruhmesbahn führt dann hoffentlich schnurgerade nach Wien. Man will aber nicht mit leeren Händen kommen. Ich hatte einmal gelesen, daß ein Hauptmerkmal von Genialität ununterbrochene Schaffenslust sei. So fragte ich meine Torwache, ob sie ungefähr wisse, was ein Dichter ist. »Na nu! Jlauben Sie man, wir sinn so unjebildet, um nich zu wissen, wer das Lied jedichtet hat: Ei, was kraucht im Busch herum? Mir scheint, es is Napolium! Wir können unsern Joethe uswendig – wissen Sie!« »Schön. Dann werden Sie auch Verständnis haben für die Persönlichkeit, der zu dienen Sie die Ehre haben. Es wird für Sie noch viel Trinkgeld abfallen, wenn Sie die Fremden in dieses Lokal führen, in welchem Goethe der Zweite interniert war. Jawohl, mein Herr, Goethe der Zweite! Ich schreibe hier einen neuen Faust!« »Ach herrje, is nich der alte noch jut?« sagt der Schwachkopf, brachte aber doch Tinte, Feder, Papier und Streusandbüchse, worauf ich ihn kurz entließ. Mein Schreibtisch war aufs beste eingerichtet, und ich ging an die Arbeit, das heißt: ich versuchte die Feder, ob sie nicht spießig sei, und das Papier, ob es nicht die Tinte durchlasse. Soweit alles in Ordnung, übrigens ... Man kommt sich in solchen Stunden, trotzdem einem nichts einfällt, etwas einfältig vor. Plötzlich jedoch hatte ich's – ein wahrhaft klassischer Stoff! Sofort begann ich zu schreiben vom Liebespaar, das nicht zusammenkommen soll und deshalb einen Doppelselbstmord begehen will, sich aber in dem Mittel vergreift. Die Einfälle purzelten nur so herbei, einer nach dem andern, bis mir auch noch einfiel, daß die ganze Geschichte der rote Louisel einmal erzählt hatte. Um so besser, ist gleich ein Zeuge vorhanden, daß sie wahr ist. Wenn's nach mir so viele wissen sollen, warum soll's vor mir nicht auch einer gewußt haben! Es liegt mir dran, das Stück auf die Bühne zu bringen, ehe mir etwa der Rote den Stoff stiehlt. Bis das Frühjahr gekommen, war die Majestätsbeleidigung so gründlich herausgehungert, daß meine Seele wie eine weiße Taube vom Mund auf hätte können nach dem Berliner Schloßplatz fliegen. Dann begannen zwischen Preußen und Österreich die diplomatischen Verhandlungen, wobei ersteres den kürzeren zog. Preußen wurde nämlich verhalten, mich an Österreich abzugeben, und zwar franko und rekommandiert. Als ich unter sicherem Geleite angekommen wieder auf der Scholle des geliebten Vaterlandes stand, zu Jung-Bunzlau, haperte es mit der Sprache. Bei der gründlichen Ausbildung in meiner Jugend waren die süßen Laute der tschechischen Sprache vergessen worden. Was anfangen? Für das Burgtheater war es keine Jahreszeit, so ging ich nach Karlsbad. Aber nicht etwa, weil ich mir auf der preußischen Festung stark den Magen verdorben hätte, denn vielmehr als Gesandter! Aus dem Notenwechsel zwischen den Regierungen hatte es sich nämlich ergeben, daß mein Vater nach Karlsbad zuständig war, nun so sandten sie mich dorthin, um die Gemeinde zu vermögen, mir die weiteren Subsistenzmittel auszuwerfen. Ich verzichtete darauf, nachdem diese Stadt mich nun blindlings verleugnete und mir jegliche Ehrengabe verweigerte. Meine Absicht, mich der Chirurgie zuzuwenden, indem ich mich in einer Badeanstalt als Heizer und Frottierer unterzubringen versuchte, mißlang. So ging ich in Staatsdienste und nahm ein Amt als kaiserlich-königlicher Straßenschotterer an. Hier konnte ich aber gerade einmal die menschliche Undankbarkeit studieren. Ist es glaublich? Nicht eine einzige der Herrschaften, wie sie da auf der Straße, die ich ihnen bereitet, zwei- oder vierspännig darüberrollten – nicht eine einzige hat mich gegrüßt, den ganzen Sommer über nicht eine einzige. Erst gegen den Herbst hin fiel es einem Herrschaftskutscher ein, mit der Peitsche nach mir zu hauen, weil ihm der Schotter zu grob war. Komisch sind die Leute. Ihm gefiel der grobe Schotter nicht und unsereinem soll der grobe Kutscher gefallen. Endlich um die Zeit von Allerheiligen konnte ich mich aufmachen nach Wien. Zum Behufe ethnographischer Studien wählte ich den Fußweg. Er ist auch etwas näher als die Eisenbahn, die mehrmals um die Ecke biegt. Unterwegs traf ich einen Naturarzt, einen drolligen Patron. Der suchte mich für seine Grundsätze zu gewinnen, er wollte partout das menschliche Leben verlängern. Dem sagte ich es, ob er denn glaube, daß die Natur ein langes Leben der Personen wünsche? Bei der ungeheuren Zahl an Mehrgeburten! Warum gab die Natur uns den Alkohol, den Tabak, den Heißhunger und die Weiber? Doch offenbar zur Kurzweil, das heißt, um uns das langweilige Alter zu ersparen. Wenn alles darauf ausgeht, die Zeit zu verkürzen, wieso kann es der Heilkünstler wagen, das Leben zu verlängern! Solch gemeingefährliche Leute sollte man gar nicht frei herumgehen lassen! – Na, wie der Mann gestutzt hat! Einem schlichten Wanderer hatte er diese philosophische Auffassung wohl nicht zugetraut. Er meinte wahrscheinlich, sie wäre auf meinem Sack gewachsen. Während dieser Erörterungen wanderten wir gerade durch die böhmischen Wälder. Da packte mich mein Begleiter, der Naturarzt, ganz jählings an der Gurgel, warf mich hin und sagte, er wolle mir die Zeit verkürzen. Da ich mich nicht mehr zu wehren vermochte, so wollte ich ihm meine Habe schon freiwillig abtreten. Da wurde er von einem heranrasselnden Wagen verscheucht, und ich war froh, den gelehrigen Heilkünstler, der plötzlich so – kurzweilig geworden war, los zu sein. In Wien hatte ich einen Freund. Es war der Baron, auf dessen Landschloß ich einmal Erzieher gewesen. Er besaß ein Palais auf der Ringstraße und hätte sich über meinen Besuch gewiß herzlich gefreut, wenn er nicht gerade verreist gewesen wäre. Um in der Burg eine Audienz zu erwirken, beim Theaterintendanten, das war eine Angelegenheit späterer Tage, bis mein neuer Anzug fertig sein würde. Da ich an diesem Abend also weiter nichts anzufangen wußte, ging ich in ein Vorstadttheater. Weder der Kassierer noch der Billeteur erkannte mich, ich war nämlich vorher noch nie dort gewesen. Das Theater war zum Brechen voll, ich hatte einen der obersten Plätze genommen und konnte mich ganz in das neue Volksstück vertiefen, das gegeben wurde. Allen Respekt, das heiße ich Komödie spielen – und schreiben! Die können es um einiges besser, als weiland wir von der Schmiere, mit Einschluß des Louisel, der auch just kein Plattschädel gewesen ist. Ein Landpfarrer, der sein Stubenmädchen liebt und es mit einem andern trauen muß. Mag bitter sein! Und ein halbwilder Mensch, der ihn verraten hat und doch nachher zum Pfarrer kommen muß, weil seine Mutter ins Wasser gegangen ist. – Nach meiner Ansicht war diese Figur verhaut. Inkonsequente Charakterdurchführung. Was kommt er denn zum Pfarrer, wenn er ihn nicht leiden mag? – Ich blieb indes bis zum Schluß – um etwas Besonderes zu erleben. Als der Vorhang gefallen, brach ein solcher Beifallssturm los, und ein Lärmen nach dem Verfasser, daß dieser, von zwei andern gezerrt, auf die Bühne kam. Ein Mensch – mir kommt er bekannt vor, den muß ich ja schon – Wo mag ich ihn nur – Jesses und Jusef, ist das nicht der Louisel? Der rote Louisel – wenn er heute gleichwohl schwarz ist auf und auf, und blaß im Gesicht vor Aufregung. Der Louisel ist's! »Louisel, Collega!« schrie ich und klatschte mir die Hände zuschanden. »Louisel! Collega!« Aber er hört's nicht, denn die tausend anderen lärmen noch abscheulicher. Immer wieder kommt er heraus, der Popularitätshascher, ich schwenke das Sacktuch, es war freilich nicht mehr weiß, er sah es nicht, er sah und hörte mich nicht, so tief war er vertölpelt in seinem Erfolgsdusel. – Armer Junge! Nun endlich beschaute ich mir auch den Theaterzettel recht. Meiner Six! L. Gruber! – Gruber schrieb sich doch der Rote. Daß mir das nicht gleich auffiel! – Natürlich lief ich wie wahnsinnig durch alle Gänge, verlief mich in alle Winkel, fand aber nicht den Eingang auf die Bühne. Diese verdammten Stadttheater. Wie einfach war es doch bei uns auf dem Lande, zur Bühne zu kommen! Vom Anger durch das Scheunentor und drinnen war man. Aber hier die Schlamperei! Wohin man wollte, dahin kam man nicht; und wohin man nicht wollte, dahin kam man. Am hinteren Ausgang, wo die Schauspieler sich entfernten, habe ich ihn erwartet. Nach einer Weile kam er mit mehreren aufgeregt sprechenden Herren heraus. Ich flog ihm an den Hals: »Louisel! Ich bin's, ich der Walter!« Vor eine Straßenlaterne zog ich ihn, er schaute mich erstaunt an. Er murmelte was. »Das Stück hast du gemacht!« rief ich fast toll vor Vergnügen. »Louisel, dieses großartige Stück! Bist aber doch ein Mistvieh, du! Wenn man noch du sagen darf zu dir.« »Du sagen schon,« antwortet er sich fassend, »das – das andere aber kannst du für dich behalten.« »Nicht böse sein, Brüderl!« Immer wieder von neuem mußte ich ihn umarmen, den Gefeierten. Mehrere Männer schleppten ihm Kränze nach, einer rief den Fiaker. Jetzt erst wurde es mir klar, wie gern ich den Louisel hatte. »Närrisch werde ich dir vor Freude!« rief ich, »dieses Wiedersehen! Ein solches Wiedersehen! Knabe, dieser Abend wird gefeiert. Gefeiert, wie die Götter keinen in ihrem Kalender haben.« »Du mußt mich schon entschuldigen,« sagte er zerstreut, wie Dichter immer sind, »ich bin heute in einen kleinen Privatkreis geladen.« »Genier' dich nicht, alter Freund! Jeder Kreis ist mir recht, auch der privateste, wenn nur du drinnen stehst. Große Gesellschaft habe ich, soviel du weißt, nie geliebt. Da sind mir die gemütlichen Zirkel weit angenehmer. Wohl auch hübsche Damen, wie? Na, heute will ich dir das Vorrecht, Löwe zu sein, nicht streitig machen. Kolossal lieb von dir, daß du mich mitnimmst!« Dieweilen bemerkte ich, daß ihm mein Anzug aufgefallen war. »Der ist etwas malerisch, Junge, was? Nun, den neuen hat der Schneider noch nicht fertig.« »Bei welchem läßt du denn arbeiten?« fragte er. »Das weiß ich im Moment noch nicht. Beim kaiser-königlichen Hofschneider, denke ich.« »Nicht wahr, Walter,« sagte er freundlich, aber verteufelt bestimmt, »du bist so gut und kommst nächster Tage einmal zu mir. Warte, ich will dir meine Adresse aufschreiben.« »Dein Stück muß ins Burgtheater!« rief ich begeistert. Er stieß jenes kurze heisere Lachen aus, das wir bei ihm immer das ungläubige Lachen genannt haben. »Laß das gut sein, Louisel!« sagte ich, »es soll meine Sorge sein. Das Stück kommt in die Burg!« Mittlerweile überreichte er mir das Papier mit der Adresse und unter demselben – ich erkannte es schon im Greifen. Nur wußte ich nicht, wieviel. Damit war ich aber auch entlassen. Der Schlucker! Gedrückt fühlte er sich in Gegenwart eines künftigen Hofschauspielers. Diesen Abend wollte gerade er einmal der Hahn im Korb sein in seinem Privatkreis. Ich will ihm's nicht verdenken. Aber neugierig war ich doch. Kaum war der Wagen davongefahren, ging ich hart unter die Laterne. Zehn Gulden! Schundig, bei diesem vollen Hause. Und für morgen ist dieser verliebte Pfarrer wieder angesetzt. Ich höre, die ganze Woche hindurch. Ein Schweineglück! Lasse Zeit, Louisel. Das Glück ist kugelrund. In wenigen Tagen war ich soweit beisammen, daß ein Antrittsbesuch bei der Intendanz gemacht werden konnte. Ich ließ mich also melden, doch war Seine Excellenz diesmal nicht zu sprechen. Es werden Tage kommen, mein lieber Herr, wo du bei Walter antichambrierst! Dann unterhielt ich mich leutselig mit dem Wiener im Vorzimmer. Natürlich war die Rede von dem neuen dramatischen Stern, der aufgegangen. »Ich bitte Sie,« sagte ich, »noch heute wäre dieser Mensch bei der Schmiere! Ganz natürlich! Seinen Erfolg hat er mir zu verdanken, mir einzig und allein. Wenn meine Bemühungen nicht schon auf kleinen Theatern das bischen Talent zum Leuchten gebracht hätten! Ist übrigens ein guter Junge, wird sich hoffentlich noch machen, wenn er die Ratschläge vernünftiger Freunde nicht in den Wind schlägt.« »Sie kennen also diesen Anzengruber?« fragte der Diener ergebenst. »Anzengruber? Nein, den kenn' ich nicht Wieso?« »Weil Sie sagen, daß er Ihnen den Erfolg verdankt.« »Ich spreche vom Louisel. Von Gruber, wenn Sie die Güte haben wollten, etwas weniger zerstreut zu sein.« »Wenn Sie vom Verfasser des Pfarrers sprechen, lieber Herr,« versetzte der Kammerdiener unangenehm dreist, »so heißt derselbe nicht Louisel, sondern Ludwig, und nicht Gruber, sondern Anzengruber. Früher ein fahrender Komödiant; seit kurzem ein kleiner Polizeibeamter soll es sein. Heute steht's in allen Blättern.« In solchen Momenten greift der klügste Mensch sich an den Kopf. Ist das möglich? Ist eine solche Falschheit möglich? Hat sich der Mensch jahrelang unter falschem Namen herumgetrieben, hat seine Freunde damit beschwindelt und hat schließlich noch die Frechheit, Polizeibeamter zu werden! Ein Komödiant müsse doch Komödie spielen können, hatte damals der gute Cerberus an der Pforte der Intendanz gesagt. Zum Teufel, ja, das muß er können. Verstellen muß er sich können. Das muß er! Aber – wie es sich später zeigte – der Hund ging weiter. Da hat er sich immer gleißnerisch für einen kleinen, bescheidenen Kerl ausgegeben und in Wahrheit war's ein großer Mann! – Nein, eine solche Unverläßlichkeit überschreitet die Grenzen! Hans Johanns Hauptsache Wenn ich sage, es war ein einzig guter, rührender Mensch, so legt jeder das Buch hin und läuft davon. So sage ich lieber, er war ein Taugenichts. Und das war er auch. In den Schulen, wo er stets vorgeschriebene Marschroute hatte, da ging es noch an. Aber als er selbst der leitende Teil ward, als Lehrer in der Dorfschule, da ging es nicht mehr an. Die unterschiedlichen Kinder machten ihm viel zu große Sorgen, als daß er sich ihrem Unterrichte widmen konnte. Ob sie in der Fibel lesen konnten oder auf der Schiefertafel die Ziffern zusammen zählen und in einer sehr verläßlichen Ordnung hinschreiben, das war Nebensache. Hauptsache war die Gesundheit. Und so kümmerte er sich, ob das kleine Volk auch warme Jöpplein hätte und Schuhe an den Füßen, ob die Kinder wohl gewaschen und gekämmt wären – und wo es mangelte, da griff er flink zu und trachtete, beim Bäcker, beim Müller, beim Fleischer, als den Großen des Dorfes, für die armen Wald- und Gebirgskinder altes Gewand zu bekommen; er nahm auch Eßwaren und ließ durchblicken, daß solche Wohltaten an ihren eignen Kindern würden vergolten werden. Die großmütigen Spender verstanden das so, daß – wie die Kinder der Armen Not an Hemden und Strümpfen hätten, die Kinder der Reichen zumeist Not an guten Schulnoten haben, und daß der Herr Lehrer dann wohl den richtigen Ausgleich treffen würde. Hans Johann sah auch wirklich nicht ein, weshalb er die Spenden für mittellose Kinder nicht mit hübschen Fleißzetteln und ausgiebigen Fortgangsklassen der reichen Bürgerskinder schlichten sollte. Hauptsache war die Gesundheit. Und so setzte er sich auch gerne zu den Kindern auf eine Bank und gab ihnen Verhaltungsmaßregeln, wie sie gesund bleiben, ihren Körper stärken und zur Arbeit tüchtig werden könnten. Solches Bestreben war nicht fruchtlos und nach einem Jahre schon waren alle Kinder reinlich gehalten, soweit ordentlich gekleidet und von frischerem Aussehen. Wer Bezirksschulinspektor aber konnte bei der Schulschlußprüfung nichts als den Kopf schütteln und die Hände ringen, und als die Kinder nach überstandener Plage lustig davondrollten, stellte er sich vor den Lehrer hin, rang wieder die Hände und rief: »Aber um Gottes willen! Herr Johann!« Sonst sagte er nichts. War auch nicht nötig. »Seh's eh ein,« sprach der Lehrer ganz gemütsruhig, »daß ich nicht recht tauge zu einem Lehrer.« »Wenn Sie irgendwo eine Stelle als Kindsmagd bekommen können, greifen Sie sofort zu.« Mit diesem wohlwollenden Rate ging der Bezirksschulinspektor seines Weges. Und der Hans Johann des seinen. Denn er war erledigt. Aber nicht auf lange. In demselben Orte hatte er unschwer die Briefträgerstelle bekommen. Er hatte täglich über Berg und Tal zu gehen und den zerstreuten Vierteln die Post zu vermitteln. Das tat er auf das gewissenhafteste, und wenn ihm ein Bauer eine Post auftrug, für ihn im Dorf Einkäufe zu besorgen, oder eine Bäuerin irgend was Wichtiges zur Nachbarin zu befördern hatte, so tat er's bereitwillig, vergaß aber dabei manchmal, einen Brief abzugeben. Es war zuwider, aber Besonderes daran konnte Johann nun nicht finden. Was pflegen sich die Leute denn zu schreiben? Daß sie, Gott sei Dank, soweit gesund sind, daß der oder die geheiratet hat oder gestorben ist, daß es sonst nichts Neues gibt und daß sie schön grüßen lassen. Ob die Bauern das wissen oder nicht, Hauptsache ist, daß man ihnen mitunter eine Gefälligkeit erweisen kann. Das ging ein Jährchen so herum. Dann kam die Geschichte mit dem Geldbrief. An den Obergamshofer in Spittelberg hatte Johann einen Geldbrief zu bestellen. Aber der Weg dahin ist ziemlich weit, unterwegs hatte er ein mühseliges Bettelweib getroffen. Dem war die Fußkrücke entzweigegangen und so konnte es nicht recht vorwärts. Johann ging ins Wegmacherhaus um Werkzeug und zimmerte der Alten eine neue Krücke. Denn es war just des Obergamshofers Weidknecht des Weges gekommen, dem konnte er den Geldbrief mitgeben. »Ja richtig, Mathes,« sagte er noch, »das Blattel da mußt unterschreiben. Nicht können tust schreiben? Nachher mach halt drei Kreuzeln. Bin froh, daß du mir den Weg ersparst. Hauptsach' ist, daß das Mutterl da wieder auf die Füße kommt. Bleib schön gesund, Mathes.« Einige Wochen später kam's zutage, daß der Obergamshofer keinen Geldbrief erhalten hatte, daß ihm aber sein Weidknecht durchgebrannt war. Dieses Ereignis kostete dem Briefträger allerhand und auch den Dienst. Jetzt hatte er Zeit, sich den Hauptsachen zu widmen, und merkwürdig – jetzt verlangte niemand danach. Ja, es kam allmählich ungefähr so heraus, als ob für den Hans Johann nun die Hauptsache wäre, einstweilen nicht zu verhungern. Er bewarb sich also wieder um einen Dienst. Das Steueramt im nächsten Bezirksorte suchte einen Amtsboten. Aber den Johann nahm man nicht an, aus Besorgnis, er würde aus Erbarmen mit den Parteien die Steueraufträge unterschlagen. Das Bezirksgericht hatte für einen Gerichtsarrest die Profosenstelle ausgeschrieben; der Bewerber Hans Johann wurde rundweg abgelehnt; der hätte keinem Arrestanten die Türe verschlossen nach dem Grundsatz, Hauptsache bei den Menschen sei die Freiheit. Soweit war unser Johann schon in Verruf gekommen. Dann verscholl er auf einige Zeit, um später in einem Haushaltungsbureau aufzutauchen. Hier war er fleißig und akkurat und füllte seine Stelle völlig aus. Aber es war das Haushaltungsbureau eines Siechenhauses. Seine Erholungsstunden brachte er bei den Siechenden und Krüppeln zu, um ihnen die Zeit zu vertreiben und sie aufzumuntern. Er ließ sich von ihnen ihre Anliegen erzählen; sie, auf die sonst niemand mehr hören wollte, an denen jeder gleichgültig vorüberging, waren seiner Teilnahme so froh. Er besorgte den Ofen, wenn sie fröstelte, holte ihnen ein frisches Glas Wasser, wenn sie dürstete, schrieb ihnen Briefe an Angehörige. Dann blieb er noch länger und las ihnen erbauliche oder lustige Geschichten vor oder trieb Schwänke und Späße in eigner Person. So daß die Armen getröstet und munter wurden. Wenn er darob bisweilen seinen Bureaudienst versäumte, so dachte er, ob die Reisballen, die Strohsäcke und Bettdecken und Medizinen aufgeschrieben werden oder nicht, wenn sie nur da sind. Hauptsache sind die armen Leutle und daß sie immer einmal ein bissel Zerstreuung haben. Da war in der Anstalt ein alter Holzhändler, so vergichtet und mühselig, daß er in der dunkeln Stube bleiben mußte, wenn draußen die warme Sonne schien, weil niemand war, der ihn ins Freie führte. Als nun der Schreiber Johann erschien, der tat es gerne. Er blieb auch sitzen unter dem Kastanienbaum neben dem alten Manne und hörte geduldig seinen Klagen zu. Und eines Abends, als die übrigen Spazierhumpler und Sitzer sich verzogen hatten, weil es kühl geworden und auch Johann seinen Schützling ins Haus führen wollte, blieb der Alte sitzen, langte mit der dürren, fiebernden Hand hinter seine Brustjacke und zog ein verknülltes, vergriffenes Paket heraus. »Herr Johann!« sagte er leise und hastig, »das gehört Ihnen. Es ist mein Geld, sie wissen nichts davon. Ich mag nit, daß es in den großen Sack kommt, da spürt kein Mensch was davon. Sie sind der Mensch, der's recht anwendet. Es gehört Ihnen. Da, da – nur geschwind einstecken!« Johann nahm das Paket in die Hand. »Sie meinen, daß ich's Ihnen aufheben soll.« »Ich brauch's nimmer. Will nur, daß wer was hat davon. Erspart ist's redlich. Aber dumm dürfen Sie nit sein und es ausplauschen. Tun's es gut einschieben.« Es schien ihm nicht weh zu tun, dem Alten, wie er nun seinen Sparpfennig hingab, an dem er wohl viele Jahre lang gesammelt hatte und an dem sein Herz gehangen war. Aber angelegentlich verfolgte sein Auge den Vorgang, wie Johann das Paket in seine Brusttasche steckte. »Schön fleißig zuknöpfeln!« murmelte der Alte und knöpfte mit krampfigen Fingern über Johanns Tasche den Knopf ein. Bald hernach wankte er am Arm des Schreibers ins Haus. An demselben Abend war's, daß der Direktor der Anstalt dem Hans Johann eröffnete, daß er entlassen sei. Grund gab er keinen an, war auch überflüssig. Johann wußte recht gut, daß er nicht aufgenommen worden, um die Pfleglinge zu unterhalten, sondern um die Rechnungen und Wirtschaftskorrespondenzen zu besorgen. Da er letzteres vernachlässigt hatte, so fand er seine Abdankung völlig in Ordnung. Stärker überrascht war er nachher auf seinem Zimmerchen, und zwar von der Menge Geldes, die er im Paket fand. Dafür kann man ja ein Schloß kaufen und den alten Holzhändler in der Kalesche hineinführen! Und dann kann der Hans Johann sein Kammerdiener werden – so ist allen geholfen. An einem der nächsten Tage, als er mit solch neuem Lebenslaufe beginnen will, ist der alte Gichtkrüppel richtig schon seit frühmorgens tot. Der Johann steht wie zerschlagen da. »Was tu ich jetzt!« Auf die Leiche verwendete er nicht viel, denn davon hat niemand was und der Hans Johann ist ein praktischer Mann. Auch Almosen teilte er nur spärlich aus; Almosen sagte er, mache Bettler; den Leuten müsse man viel gründlicher helfen. Von seinen großen Mitteln ließ er noch nichts verlauten, nur daß er ein Weilchen später im vorderen Labachtal, dort wo es windgeschützt und sonnig ist, ein Grundstück kaufte und große Erdarbeiten beginnen ließ. Eine Anstalt für Gichtleidende und Unheilbare soll errichtet werden, wo die armen Kranken besonders gut gehalten werden müssen und wo er mitten unter ihnen leben will, um zu helfen, zu trösten, wie es nötig sein wird. Während die weitläufigen Grundfesten zu diesem Gebäude gegraben und gebaut wurden und stellenweise schon ein Mauerwerk emporzustreben begann, half der Johann einem notigen Kleinhäusler das Heu und das reife Korn unter Dach bringen, denn das – meinte er – sei für den Bauern die Hauptsache. Inzwischen, zu den kleinen Ruhepausen, trachtete er im Heu oder auf den Garben dem Söhnlein des Kleinhäuslers das Abc beizubringen; derlei Buchstaben, sagte er, seien zwar nicht die Hauptsache, auch die Lesekunst nicht und auch die Gelehrtheit nicht, aber daß man mit solchen Wissenschaften in der lieben Welt weiterkomme und ein tüchtiger Mann werde, das sei die Hauptsache. »Wann d' schon alleweil von der Hauptsach' redest, da hast eine!« Mit diesen Worten versetzte ihm der Kleinhäusler eine klatschende Ohrfeige. »Garbentragen heißt's jetzt und nit schulfuchsen!« Der Johann griff sich an sein also besachtes Haupt und schwieg. Richtig ist's eh, dachte er, wenn sie im Winter was zu essen haben wollen, muß man jetzt ernten. Daß er für sich nur Undank erntete, das war er schon gewohnt und fand es auch für selbstverständlich. So viel Tiefblick hatte er wohl, um zu wissen, daß es am besten sei, einem, dem man was Gutes getan hat, nachher in weitem Bogen auszuweichen; denn die Begegnung mit dem Wohltäter, den sie nicht mehr brauchen, ist den Leuten zuwider und der ganze Mensch wird ihnen zuwider, sie wollen am liebsten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Außer sie brauchen ihn wieder plötzlich einmal, dann halten sie es auch für selbstverständlich, daß er ihnen neuerdings hilft, und wenn er das zufällig einmal nicht kann, so werden sie ihm weit feindseliger als einem anderen, der ihnen nie was Gutes getan. Das alles hatte Johann erfahren und er dachte weiter nicht darüber nach. Er war jedem dankbar, der sich von ihm etwas Gutes tun ließ und blieb ihm dankbar und betrachtete ihn als einen Gönner, dieser mochte oft noch so roh und erkennungslos sein. Nun, so hat den Johann auch die Ohrfeige nicht im mindesten beirrt, er half emsig Garben tragen, und abends, als der Häusler ihm freundlich eine gute Nacht zurief, schlich der Johann gerührt in seine Behausung und dankte Gott für die vielen guten Menschen, die er erschaffen hat. Wenn Johann dann wieder hinausging, um die Fortschritte seines Baues zu beschauen und wie emsig hier brave Leute arbeiteten, um armen Kranken ein Heim zu schaffen, da freute ihn die ganze Welt. Jedoch aber! Als die dritte Auszahlung war und der Baumeister darauf drang, endlich doch auch einen Kostenüberschlag zu bestimmen, da kam für unsern Idealisten einmal eine wirkliche Überraschung. Er hatte gemeint, mit seinen zweieinhalbtausend Gulden, dem Nachlasse des alten Holzhändlers, ein stattliches Krankenhaus mit den hierzu erforderlichen Stiftungen bestreiten zu können, und nun zeigte es sich, daß das Geld schon verbraucht war, während das Mauerwerk kaum noch mannshoch aus der Erde hervorstand. Da haben wir's jetzt. Der Johann griff sich an den Kopf und rief: »Deuxl, Deuxl noch einmal, daß so was so saumäßig teuer mag sein!« Nun mußte der Bau eingestellt werden und mit dem Gelde, das zu so hohen Dingen bestimmt gewesen, war nichts geschaffen als ein durchwühlter Boden mit Schutt und Steinen. Hans Johann wollte sich jetzt den Kopf wegreißen. Nicht ob der Leute Gelächter und Spott, denn hierin hatten sie ja recht, und er lachte und spottete mit ihnen – ach wie bitter bitterlich ist es, sich selbst auslachen zu müssen. Daß er aber ein so grundschlechter Verwalter des Nachlasses gewesen und kein einziger Notleidender davon auch nur um eines Hellers Wert Erleichterung hatte, das wollte ihm nicht gestatten, einen solchen Kopf noch länger auf dem Rumpfe stehen zu lassen. Jetzt wußte er endlich auch, was bei ihm die Hauptsache war. Eine grenzenlose Dummheit. Fast schien es, als hätte er nun auch allen Kredit verloren. Wenn er jemand auf der Straße das Bündel wollte tragen helfen, oder wenn er am geländerlosen Labachsteg schwindelige Leute hinüberführen wollte, da sagten sie dreist: »Schau du auf dich selber!« Und das war tatsächlich ein guter Rat, denn er begann leiblich zu verkommen und zu verderben. Auf der Baustelle, zwischen den Mauern und Sandhaufen baute er Erdäpfel an, aber diese wußten, daß der stolze Grund nicht ihnen vermeint gewesen, fühlten darob ihre Ehre verletzt und wollten nicht recht wachsen. Als sie im Spätherbste endlich doch so weit waren, daß sie den Spaten lohnten, dachten die Nachbarsleute: der Johann verschenkt sie ja doch! und stahlen ihm die Erdäpfel in der Mondnacht. So ist die praktische Seite von Johanns Tätigkeit stets unpraktisch ausgefallen, während über die ideale das Fazit im Himmel gezogen wird, wir einstweilen also keinen Einblick haben. Zu jener Zeit aber behauptete ein tiefsinniger Mensch, der Hans Johann würde seinen Mitmenschen noch einmal tüchtig imponieren und er hätte das Zeug zu einer großen Heldentat. Man hörte aber nichts weiter, als daß Johann in einem Eisenwerke ein Weilchen Schichtenschreiber war. Später soll er in einem Meierhofe des Unterlandes als Taglöhner gesehen worden sein. Und dann hörte man gar nichts mehr von ihm. Er war verschollen und auf der verlassenen Baustelle, wo das große Krankenhaus hätte stehen sollen, wucherten Nesseln und Disteln. Um so merkwürdiger ist es, daß viele Jahre später von Leuten, die darum wußten, bei Mostar in der Herzegowina auf einem Friedhof ein halb verwitterter Grabstein gefunden wurde, der die Inschrift trug: Hans Johann, Soldat aus dem steirischen Infanterieregimente 27. Und darunter einige Worte in türkischer Sprache. Die darauf angestellten Forschungen ergaben folgendes: Hans Johann soll unter außergewöhnlichen Umständen für einen jungen Rekruten, der sehr an Heimweh litt, eingestanden sein, sei aber ein spottschlechter Soldat gewesen. Bei dem Einmarsche der Österreicher in die Herzegowina habe sich auf einem Bergpasse zwischen den Österreichern und den Türken ein Gefecht entsponnen. Johann sollte schießen, da sah er in demselben Augenblick, von einer anderen Kugel getroffen einen türkischen Soldaten fallen. Das Gewehr warf er weg und eilte hin, um dem Schwerverwundeten beizustehen. Während er ihm aus seiner Feldflasche Labung einzuflößen suchte, sank er selbst nieder, von einer österreichischen Kugel getroffen. Der türkische Soldat, der mit dem Leben davongekommen, habe den barmherzigen Österreicher mit Ehren begraben lassen und den Denkstein mit der Inschrift gestiftet. Die türkischen Worte auf demselben heißen zu deutsch: Aller Hauptsachen Hauptsache ist die Liebe. Der Armeleut-Sucher In den sechziger Jahren war's, als eines Tages ein merkwürdiger Mensch nach Alpel kam. Auf einem Steirerwäglein war er dahergefahren mit einem stattlichen Schimmel, den er selbst leitete. Auch er war stattlich, hatte ein rundliches Bäuchlein, um das der breite Ledergurt geschnallt war, wie ums Faß der Reifen. Vor diesem Bäuchlein soll er sich gefürchtet haben, daß es allmählich für die dünnen Beine zu groß und schwer werden könnte. Einer jener Hammerwerksbesitzer aus dem Murtale war er, denen es um jene Zeit noch so gut ging, bei denen das Gewerbe noch so glatt in der Väter Geleise lief, daß sie selbst ihre leibliche und geistige Tätigkeit vorwiegend auf Essen, Trinken und andere vergnügliche Übungen anwenden konnten. Weil es standesgemäß war, tat's auch der Wolfhardt von den sieben Hämmern. Dabei traf ihn aber das Mißgeschick, daß er fett wurde. Der Arzt verordnete ihm eine Abmagerungskur, er aß ein halbes Jahr lang nur Gemüse, Obst, spärlich Rindfleisch, und wurde dabei noch beleibter. Denn der Appetit war für alles vorhanden, für Sauerkraut wie für Kapauner, für Apfelbrei wie für Torten, für Obstmost wie für Bier und Sekt. Alles schmeckte ihm, alles bekam ihm wohl; doch nun hatte der Wolfhardt von den sieben Hämmern hinter seinem Speckwanste seltsamerweise noch ein Herz, das sonst hinter solchen Wülsten leicht zu ersticken pflegt. Ein Kanzeleiferer, ein fremder Gastprediger, hatte es aufgeweckt. Der Christ gehöre dem Reiche Gottes, das dort ist, wo die Ärmsten der Armen sind. Der Richter komme um Mitternacht und fordere Rechenschaft über die Verwaltung des Vermögens. Ein bißchen Herz für die Armen hatte Wolfhardt ja immer gehabt; nun, bei seinem Wohlleben fielen ihm sehr oft solche Leute ein, die nichts oder nur ungenügend zu essen hatten, und die in Gefahr waren, an Auszehrung zu sterben, während er im Speck umzukommen fürchtete. Zum Glücke gestatteten es seine Vermögensverhältnisse – denn er hatte die sieben Hämmer an eine Gesellschaft für schweres Geld verkauft – den Armen etwas zukommen zu lassen, um so leichter, als er unverheiratet war. Nur kamen ihm auch in dieser Sache Bedenken, wie Wolfhardt ja einer von denen war, die besonders in gesetzterem Alter vor lauter Bedenken zu keiner Betätigung kommen können. Freilich wollte er Arme ernähren, fürchtete darüber aber, die Allerärmsten zu übersehen. In seiner Gegend gab es ja Leute genug, die sich kümmerlich fortbrachten, aber sie brachten sich trotzdem fort. Eigentlich Arme gab es nicht, während in anderen Tälern, besonders in den unfruchtbaren Gebirgsgräben, gewiß auch solche Leute sein würden, die an Entbehrung und Hilflosigkeit zugrunde gehen müssen. Was nun, wenn sein Leben im Fette plötzlich erstickt und die arme Seele muß dem strengen Richter Rede stehen, wie es mit der Nächstenliebe gewesen sei? Ob zur selben Zeit, da er sich seinen Speck geholt, nicht Mitmenschen an Hunger gestorben wären? – Wenn Wolfhardt daran dachte, wurde ihm übel. Eines Tages spannte er seinen Schimmel ein, setzte sich auf den Wagen und fuhr ins Land hinaus, um Arme zu suchen. So war denn dieser merkwürdige Mensch in unser Alpel gekommen. Er hatte ein breites Gesicht und einen falben Backenbart, der auf dickem Halse wie ein wulstiger Pelzkragen herumlag. Die Äuglein schienen verwachsen zu wollen; das eine war abgestanden, er hatte daran ein »Blümerl«, wie die Leute sagten. Mit dem anderen lugte er schlau hin, und den Kopf mit dem befederten Steirerhute neigte er im Gespräche schief vor, weil er etwas schwerhörig war. Trotzdem sah man ihm die Behaglichkeit an, mit der er in seiner wohlgepolsterten Haut stak. Aber mit unserer Gegend war er nicht ganz zufrieden. Die alten großen Bauernhöfe mit frisch-heiterem Gesinde, die weiten Haferfelder, die saftigen Wiesen und Weiden mit den beleibten Rindern, die schlagbaren Waldungen sahen nicht danach aus, als ob er sich in einem Tal von Notleidenden befände. Doch wies ihn der Ortsrichter in die Grabelhütte. Dort wäre freilich wohl Elend daheim. Hochwasser habe die Wiesen verschüttet, die Lawine eine melkende Kuh begraben, dazu hätten die Leutchen ihr Grundbuch voll Schulden. Ja, das könnte etwas sein, dachte Wolfhardt, und ließ sein Rößlein gegen die Grabelhütte traben. Vor derselben saß ein altes Mütterlein und kräutete Feldrüben ab. Sie antwortete auf sein Befragen, sie müsse lügen, wenn sie sage, es gehe ihnen gut. Aber zu beißen hätten sie allerweil noch ein bissel was, gesund seien sie auch und das sei die Hauptsache. Auf Borg, wenn er geben wolle, nähmen sie schon, aber schenken hätten sie sich noch nichts lassen müssen. Da sei die alte, kranke Sina oben in der Kohlstatt freilich wohl ärmer dran. »Ich kann natürlich nur die Ärmsten bedenken,« sagte Wolfhardt, wünschte schön guten Tag und ließ sich von einem Hirtenknaben hinausbegleiten zur Sina in der Kohlstatt. Das Fuhrwerk mußte zu Tale bleiben und der stattliche Herr schnaufte und schnob den steinigen Bergweg hinan, blieb alle zehn Schritte stehen, um sich mit rotem Sacktuch Gesicht, Haupt und Nacken zu trocknen. Zum Glücke für seine Lunge begegnete er der Sina schon unterwegs. Wie eine dünne braune Raupe kroch sie am steilen Berghange herum und sammelte Preiselbeeren in einen Korb. Bis der Korb voll sei, entgegnete sie auf Wolfhardts Anrede, laufe sie mit demselben ins Mürztal und verkaufe die Preiselbeeren. »Aber Ihr sollt ja krank sein, höre ich?« »O, freilich wohl. Seit Jahr und Tag krank. Dazu hat mich die Gicht, wissen S'; aber ins Mürztal dermach' ich's schon noch.« Die ist krank und hat noch dazu die Gicht und lauft mit dem Beerenkorb ins drei Stunden entfernte Mürztal. Andere sind gesund und können nicht einmal das Rückerl Berg herauf. »Werden Euch die Preiselbeeren wohl gut bezahlt?« »Das glaub' ich!« kreischte sie lachend auf, »Heuer schon gar, weil's nit g'raten sind. Und die Kindberger Frauen brauchen sie zum Einsieden.« »Wie viel bekommt Ihr denn für so einen Korb voll?« »Gar fünf Sechserln hat sie mir gegeben, 's letztemal, die Frau Lebzelterin. Lebt eins davon wieder prächtig eine ganze Woche.« »Verdient Ihr Euch nicht auch auf der Kohlstatt?« »Seit etlich' Jahren nimmer. Mein Mann hat dem Riegelberger seinen Wald verkohlt, nachher ist er gestorben. Hock' ich jetzt halt allein in der Hütten und heiz' mir schön warm ein.« »Die Hütte gehört doch Euch?« »Ei wo? Wird die Hütten mein gehören! Ist dem Riegelberger seine. Ich wohn' halt gleich so drin und wenn keine Gichtwochen sind und es geht 's Beerengeschäft soweit, aftn fahlt mir nix.« »Sagt mir, gute Frau, gibt's in dieser Gegend herum nicht irgendwo arme Leute?« »Arme Leut'?« sagte die Sina langsam nach und besann sich. »Die armen Leut' gfolgen (langen) freilich überall aus. Aber da weitum wüßt' ich nit recht. Müßt nur der Hautjud! Sollt' der Herr nit beim Zwickel-Sommerstall vorbeikommen sein? Dort hat er alleweil gewohnt mit seinen Häuten. Na, dem gehts freilich schlecht.« Beim Waldbauern hat der Hammerherr näheres erfahren über den »Hautjuden«. Das sei ein armer Hausierer, der seit zwanzig Jahren in Alpel und Umgegend herumgehe, um Tierhäute zusammen zu kaufen. Besonders nach Hunde- und Katzenhäuten, die billig zu haben seien, stehe sein Sinn. Aber auch Wiesel- und Marderfelle, Fuchshäute und Rehdecken könne er brauchen, was manchem Wildschützen schon etliche Groschen eingetragen habe. Gewohnt habe er in schlechten Bodenkammern oder Scheunen oder leerstehenden Ställen, wo er auch seine Hautlager gehabt. Auch ein Jüngel wäre bei ihm gewesen, das in ersteren Jahren mit dem Alten, später selbständig hausieren gegangen und große Bündel von Häuten, aber auch Fetzen, altes Schuhwerk und Knochen, rostiges Blech, Haar von Pferde- und Ochsenschwänzen gesammelt habe und andere Dinge, die in Bauernhöfen unbrauchbar, fast umsonst oder gegen etwas Bandelzeug, Zwirn oder Nadeln an die Hausierer abgegeben werden. Hatten sie einen größeren Vorrat beisammen, so ließen sie ihn mit Ochsen zur Eisenbahn hinausführen und verreisten selbst auf einige Zeit, bis sie plötzlich wieder da waren, Häute, Lappen, und allerlei Trödel sammelten. Als der Knabe zu einem schmächtigen, blassen jungen Manne herangewachsen war, der unter seiner langen herabgebogenen Nase den schwarzen Bartanflug bekam, wurde er auf einmal in der Gegend nicht mehr gesehen. Der alte Jude ging immer allein umher, und wenn man ihn fragte nach seinem Sohne, tat er einen Seufzer. Er mußte wohl ein schweres Anliegen in sich tragen. Da er von bescheidener, gutmütiger Art war, hatte man ihm nie etwas in den Weg gelegt. Als sich jetzt sogar Teilnehmende an ihn heranmachten, blieb er verschlossen und traurig, so daß die gebückte alternde Gestalt, die so arm und menschenverlassen war, oft Mitleid erregte. Die Gemeindeältesten hatten schon zur Sprache gebracht, was mit ihm etwa zu geschehen habe, wenn er krank und siech würde. Denn er hatte keine Papiere und wußte selbst nicht, wohin er zuständig wäre. Er wußte nur, daß seine Leute vor vielen Jahren aus Galizien eingewandert waren und daß er Kochel Beinkopf heiße. Zu diesem alten Juden nun wurde der Wolfhardt von den sieben Hämmern gewiesen, der nach Alpel gekommen war, um unter Armen die Ärmsten aufzusuchen. In Zwickels Sommerstall, einem alten, verfallenden Holzbaue, war aber der Jude nicht zu finden. »Der Hebräer ist fort mit Haut und Haar!« rief ein Wegmacher aus, der vor dem Stalle Steine klopfte. »Gestern ist die letzte Fuhr mit Tierhäuten und Ochsenschwanzhaaren fortgegangen; ich glaub', sie haben ihm's gepfändet. Sein Jüngel wird sich wohl das Leben genommen haben, weil es ihnen gar so schlecht 'gangen ist. Jetzt ist der alte Beinkopf auch ins Wasser oder wohin. Schade! Immer einmal ein paar Kreuzer Tabakgeld hat man doch gelöst bei ihm.« Der Wolfhardt war von dieser Auskunft gar beunruhigt worden. Den Ärmsten auf die Spur kommen und gleichzeitig versäumen! Er fuhr ins Mürztal und fragte beim Kaufmanne in Krieglach an, ob denn niemand etwas wisse vom Hautjuden, dem Kochel Beinkopf. »Von dem steht's ja heute in der Zeitung«, entgegnete der Kaufmann und holte ein Wiener Blatt aus der Lade (denn das war einer, der die Zeitungen noch vor den Kindern versperrte). »In der Zeitung? Ist ihm doch nichts zugestoßen?« Der Kaufmann las: »Geschäftseröffnung. In der Leopoldstadt Nr. 813 ist unter der Firma Kochel Beinkopf und Sohn eine neue Lederhandlung eröffnet worden, in welcher die gefälligen Kunden mit allen Sorten von Rohware sowie mit allen in die Branche schlagenden Artikeln reell und billig bedient werden.« »Der Beinkopf?« »Kochel Beinkopf und Sohn!« »Der alte Hausierjude von Alpel?« »Der nämliche!« Nun sah es der siebenfache Hammerschmied wohl ein, daß er mit der Armeleut-Sucherei kein Glück hatte. Und so ist es dem Hammerherrn bei seinem Nächstensuchen in der Ferne ergangen. Wäre er nicht gerade zu bescheidenen Menschen eines abgefriedeten Gebirgstales gekommen, er hätte leicht ganz andere Erfahrungen machen können. Ungefähr um dieselbe Zeit soll unser barmherziger Wolfhardt aber auf Arme aufmerksam gemacht worden sein, an die er nicht gedacht hatte oder die ihm aus dem Gedächtnisse entschwunden waren. Da der Hammerherr unverheiratet gewesen war, so glaubte er wohl, auch keine Familie zu haben. Dem war nicht so. Es gab in der Gegend der sieben Hämmer manchen jungen, halb verkommenen Menschen, sogar Wesen, noch in Kinderhauben, die wohl von einer Mutter wußten, aber von keinem Vater. Die Mütter hatten sich mit Geldbeträgen abfertigen lassen und so schien alles in bester Weise geschlichtet zu sein. Aber der Kurat blätterte manchmal im Pfarrbuche und lud auch den dicken Hammerherrn ein, einmal ein wenig in dieses Buch zu gucken. Der Schullehrer machte ihn eines frostigen Spätherbsttages auf zwei barfüßige Kinder aufmerksam und der Gemeindevorstand wußte von einem halberwachsenen Burschen, der so verwahrlost und verroht war, daß er schon ein paarmal vom Gemeindediener hatte in den Kotter geführt werden müssen. Der Wolfhardt hat gar nicht viel gefragt, wem solche Gewächse wohl angehören möchten, er hat sich bei der Nase genommen und gedacht: Der Mensch hätte nicht nötig, den Armen in die fernen Bergtäler nachzulaufen weil im Katechismus eigentlich nicht von der Fernstenliebe , vielmehr von der Nächstenliebe die Rede sei. Wenn es jener Kanzeleiferer zwar einmal so auslegte, als dürfe der wahre Christ eine Familie gar nicht erkennen, sondern solle über die Köpfe derselben hinwegsehen nach »Brüdern in Christo«, die noch hilfsbedürftiger sein könnten, und er müsse den Gottesverwandten eher als den Blutsverwandten helfen – so pfiff jetzt der siebenfache Schmied auf solche Lehren, kümmerte sich nicht um ferne, unbekannte Arme, sondern blieb im Lande und nährte redlich die Seinen. Diethelm, der Unnutz Ich sehe es aus grauer Zeit. In Glockhausen ist Jahrmarkt. Und wenn in Glockhausen Jahrmarkt ist, da wird die große Dorfkirche zur Arche Noahs, da sind alle beisammen – von jeder Gattung wenigstens ein Paar. Als sie nach der Messe nun herausströmten zum gothischen Tor, über den wogenden Köpfen ein Qualm von Menschendunst und Weihrauchduft, schob das auf dem Stein hockende Weib die zwei Kinder vor sich der Menge zu: »Jetzt schaut zum Beten, Bübelein! Um ein Almosen für den gefangenen Vater. Räuber haben ihn entführt. Wir haben alles verkauft. Haus und Feld verkauft. Es reicht nicht. Sie wollen ihn umbringen. Christenbrüder und Schwestern, wir bitten um einen Beitrag zum Lösegeld!« So sagt es das junge Weib laut vor sich hin, und die Knäblein, die mageren Hände gefaltet, lallen es nach: »Für defangenen Ater!« Baldegunds Weib, das arme! Mancher wollte vor der traurigen Gruppe stehen bleiben und hören, ob schon näheres zu erfahren wäre von der grauenhaften Geschichte, aber hinten drängte es nach, kaum, daß sie ihre Schinderlinge ins Körblein werfen konnten, das die kummervolle Bettlerin auf dem Schoß hatte. Einer reckte über der Menge auf dünnem Halse seinen grauen, bartstoppeligen Kopf empor: »Was hat's denn, daß nit weiter geht? Haben's Äpfel feil?« »Baldegunds Weib, wenn du's wissen willst, Hartlieb. Um Lösegeld tut sie bitten, wer was hergeben will.« »Geld hergeben, pfui!« sagte der graue Hartlieb und wandte sich mehr nach der andern Seite. Als der Hauptschwall sich auf den Marktplatz hin ergossen hatte, wo die Krämer bereits ihre unerhört ausgezeichneten und billigen Schätze auslärmten, stand ein rundliches Männlein still vor Baldegunds Familie, steckte seine Finger in die Westentaschen, ohne aber etwas hervorzuholen. Seine kurzen Beine weit auseinander, sein Haupt vorgebeugt, das schmalkrämpige Hütlein am Nacken. Und hub nun an: »Weibsen! Weibsen! Ist's denn richtig? Aber das ist ja eine teuflische Sach'? Wahr ist's nicht, hab' ich gesagt. Und anitzo hör' ich's von dir selber! So soll ihn doch der neunschwänzig Satan holen, diesen Hinkmar!« »Der Hinkmar war's ja nicht!« rief das Weib grell aus, »der Botwin! Der Räuber Botwin hat ihn weggeführt. Vom Söller aus hab' ich's gesehen. Der gelbborstige Botwin ist's gewesen.« »Baldegundin, liebste!« sagte der kleine Mann. »In dieser einen Tasche habe ich zehn Schinderlinge, die kriegst als Almosen wegen dem Christentum. Und in dieser anderen Tasche hab' ich sieben Groschen, die kriegst wegen der Neugier. Aber du mußt mir alles erzählen.« »Mein Gott!« rief das Weib, »was ist denn viel zu erzählen! Er hat mit dem Roß geackert auf dem Feld. Zur Mittagszeit – aber Kinder, kehrt euch doch nicht allemal nach meinen Reden, tut beten und Gaben sammeln; seht doch, daß wieder Leut' kommen! – Zur Mittagszeit, wie ich auf den Söller geh' und ihn zum Essen will rufen vom Feld, seh' ich sie ringen miteinand, ihn, den Baldegund, mit einem Fremden. Ein Mensch, ein schreckbar großer. Er hat ihn schon in der Furch'. Und zwei andere dabei. Ich zum Nachbar hinüber: Leut! Der Raubritter! Meinen Mann hat er angefallen! Hilfe! – Wie wir hinauskommen, sitzt er schon auf dem Roß, und gebunden vor sich, so hat der Raubmensch meinen Mann und sprengt davon – gegen die Mutolfschluchten hinein. Ich bitt' euch!« »Aber Baldegundin, liebste, das weiß ich ja schon alles. Seit vierzehn Tagen ist ja keine andere Mär im Lande. Sei mal ein bißchen froh, Baldegundin, daß er dich nicht hat geholt, der Spitzbub. Den Mann gänzt er nicht so leicht an, den wirst wohl wieder kriegen.« »Kriegen, kriegen – freilich. Wenn Geld da wär'!« »Wieviel kostet er denn?« Das Weib holte einen schweren Atemzug aus der Brust und berichtete: »Der Botwin hat mir sagen lassen, fünfzehnhundert –« »Groschen?« »Taler!« Das dicke Männlein hat einen Pfiff getan. »Ist zwar ein recht braver Mann, der Baldegund,« sagte er, das Wort langweilig hervorschleifend, »aber fünfzehnhundert Taler – Frag' ob er's wert ist.« »Ich hab' schon den Grund verkauft und das Haus und das Vieh,« erzählte das Weib, »ich hab' meiner Eltern Silber verkauft und den Ring und alles, es kleckt nicht. Ich hab' der Kinder Kresengeld genommen und meinen Altersgroschen von der Gemeinde und hab' ihn bitten lassen, er möcht' genug haben mit zwölfhundert. Morgens drauf liegt im Apfelbaum-Zwiesel das Brett und mit Kohlen angemerkt: Fünfzehnhundert Taler oder umlegen. Noch neun Tage Zeit. – Heut ist der vierte Tag. Um des lieben Heilands Marterwunden willen, Leut', tut mir helfen!« Der Alte leerte seine beiden Westentaschen, das gab einen Taler und zehn Schinderlinge. Hätte er auch seine Rocktasche geleert, der Familie wäre Mann und Vater erkauft gewesen. Er aber füßelte eilig hinaus auf den Markt und kaufte zwei junge Pferdlein. Und dachte: Heut wird mir doch der Herrgott ein gutes Geschäft machen lassen, denn ich habe einen Taler und zehn Schinderlinge Lösegeld gegeben! Auf der Kirchhofmauer saß ein lustiger Spielmann. An dem klapperte alles, wenn er sich bewegte. Der Rippenhans kann nicht heftiger klappern, als es dieser junge Spielmann tat, und er war doch voller Blut und Leben. Es war aber ein sehr anmutiges Klappern. An seinem Leibe hingen nämlich zahllose Holzstäbchen, längere und kürzere, alle ausgehöhlt und vielfach durchlöchert. So oft sich der Mensch auf seinem hohen Mauersitz bewegte oder gar darüber hinlief wie die Katze über den Dachfirst, schlugen die Stäbchen aneinander, daß es eine Art hölzernen Glockenspieles gab. Dann faßte er manchmal eine der Pfeifen kundig zwischen die schlanken Finger und blies darauf frohmutige Melodein über den surrenden Jahrmarkt hin. Mancher spitzte ihm seine Ohren mit Wohlgefallen zu, selbst der graue Hartlieb. Denn das war doch ein ganz ungefährlicher Spielmann oben auf der Kirchhofsmauer – einstweilen wenigstens. Bis er herabkommt und den Leuten das Innere seiner grauen Wollmütze unter die Augen hält, sind wir schon davon. Ein wohlgesetzter Mann, in seinem dunkelbraunen Gesichte und mit dem Federkamm auf dem Hute einem Rothäuter ähnlich, trieb sich sachte durch das Menschengewirr gegen die Kirchhofsmauer hin, aber nicht des Spielmanns wegen, vielmehr des armen Weibes halber, das immer noch an der Pforte saß und leise betend vor sich hinstarrte. »Schau, schau,« sagte er gemütlich. »Eine alte Bekannte. Heißt das, alt nicht. Es ist fabelhaft, wie gut du dich erhältst, Rada. Sind immerhin etlich zehn Jährlein her. Bin auch noch soweit beisam'. Kennen wirst mich ja. Pächter bin ich jetzt auf der Wildstatt. Der Hademar, weißt wohl.« Was Weib hatte ihr Haupt erhoben, ihr Haar aus der Stirne gestrichen, schaute dem Manne ins Gesicht und sagte: »Ihr werdet euch verkennen. Ich bin nicht die Rada. Meine Mutter hat so geheißen.« »Was du sagst!« entgegnete er. »Deine Mutter hat Rada geheißen? Ja, nachher wärst du ja die Tochter deiner Mutter! Schau! schau! Sie war auch schön! Oh, das war ein sauberes Mädel.« »Ich bin Baldegunds Weib.« »Den sie gestohlen haben? Schau! schau! Sind das deinige?« er deutete gegen die beiden Knaben, die sich auf dem Rasen herumbalgten. »Schau, da sieht man erst, daß einer alt wird. An andern sieht man's. Sich selber will man's nicht glauben. Und in Wahrheit ist's so, das Weib ist jung, so lang man's für jung hält, der Mann, so lang er sich jung vorkommt. – Mit deinem Mann sollst Malheur gehabt haben, hör' ich. Schau, schau! Gelt, Rada, es macht nichts, wenn ich mich zu dir in den Schatten setze. Wir kunnten nachher mit einander gehen, wenn du magst. Lösegeld brauchst, sagen sie. Vielleicht – wir wollen mal sehen, vielleicht finden wir was.« Zuerst hatte er laut gesprochen, dann leiser, und nun flüsterte er nur mehr, so daß es kaum für das Weib zu hören war. Über ihren Häupten auf der Mauer der Musikant las es aber beiläufig vom Gesicht des Wildstattpächters ab, was er sprach. Jetzt zog sich der Mund breit gegen die Ohren hin, jetzt spitzte er sich rundlich zusammen; jetzt schossen die Schweinsäuglein lebhaft hin und her, jetzt duckten sie sich hinter die zwinkernden Lider; jetzt bekam die Nase eine scharfe Spitze, jetzt krümmte sie sich zu einem Buckel. Das Weib stieß ihn plötzlich mit der Hand zurück und rief unter hartem Lachen auf: »Dann braucht' ich ja meinen Mann nicht, du Spitzbub!« »Du Spitzbub! Du Spitzbub!« sagte es der auf der Mauer nach, wie ein munterer Papagei. Der Pächter Hademar schoß einen schwer vergifteten Blick auf den Spielmann: »In mein Haus komm' mir noch einmal, Bettelpfeifer, verdammter!« Dann hat er sich verzogen. Dieweilen Baldegunds Weib noch dasaß und in der flachen Hand den heutigen Erlös überzählte – zwei Taler und fünfzehn Schinderlinge im Ganzen – sprang der Bursche von der Mauer herab, nahte sich bescheidentlich und sprach sie an: »Baldegunds Weib kann sich heute, scheint mir, vor den Mannsbildern nicht erwehren. Einer bettelt um dies, einer um das.« Sie streute die Münzen auf die Erde: »Wenn ein Wunder geschieht, so tragen sie bis in drei Tagen hundertfältige Frucht. Wenn keins geschieht, ist mein Mann dahin.« »Das ist ja der lautere Stein, auf den du säest!« rief der Spielmann. »Die Menschen sind härter als der Stein.« »Baldegundin! Ich habe oft an deiner Tür gebettelt. Bei dir hab' ich's nicht erfahren, daß die Menschen von Stein sind. Ich bitte dich schön! Bettle doch auch du mich einmal an.« »O Kind, du gutes!« rief sie und legte die Hände ineinander, »ich brauche viel Geld, so viel! Und du hast wenig nicht!« »So will ich dir was sagen, Baldegundin. Du brauchst gar kein Geld. Du brauchst einen Kerl, der deinen Mann aus der Räubersburg befreit. Einen mutigen Gesellen, der dem Erzbösewicht und seiner Bande gemessen ist!« Sagte sie ganz schläfrig: »Da getraue ich mich erst noch eher das Lösegeld zusammenzubringen. Geldleute gibt's, aber Ritter gibt's keinen!« Jetzt schüttelte sich der Spielmann, daß die Pfeifen klapperten rings um seinen schlanken Leib. Dann stellte er sich gerade wie eine Königskerze vor sie hin und sagte gelassen: »Da steht einer.« Sie mußte lachen. Und sagte dann mit Spott: »Am Ende willst du meinen Mann befreien?« »Warum nicht?« »Willst du das Burgschloß belagern?« »Möglich.« »Willst du die Räubersburg erobern?« »Wahrscheinlich.« »Mit Pulver und Schwert etwa?« »Schwerlich,« sagte er, auf seine Pfeifen deutend, »diese Rohre gehen nicht los und diese Spieße stechen nicht.« »Vor dem Unglücke sollte auch der Schalk Achtung haben,« sagte sie. »Daß ich schalke, meinst du? – Weib, ich bin ein schlechter Spielmann. Ich spiele nicht, die Leute spielen mit mir. Sie fangen mich ein, lassen mich pfeifen, füttern mich satt, treiben mit mir Gespött und jagen mich lachend davon, weil ich ein Unnutz bin! Ein Unnutz sagen sie, bin ich. Die ganze Gegend weiß es seit Tagen, wo der Baldegund ist. Keiner rührt sich, höchstens, daß sie denken; fünfzehnhundert Taler tät er kosten. Viel Geld! Geld, anders können sie ja nichts denken. Aber geben tun sie auch das Geld nicht. Ich geb's ebenfalls nicht. – Weib, wenn du den Spielmann Diethelm jetzt werten solltest! Meinst du, daß er fünfzehnhundert schwer ist? Ich münze mich. Ich münze mich aus, Baldegundin! Ich hab' alles geschenkt bekommen, was ich bin und habe. Und jetzt schenke ich mich selber her, da hast mich. Geh, dumm, daß du zornig wirst, wie beim roten Pächter. Kannst mich ja weiterschenken. Am Ende hast du deinen Baldegund lieber als mich. Auch gut. Ich gehe ins Lungschloß.« »Also austauschen, dich für meinen Mann?!« »Fällt mir nicht ein. Herr Botwin gibt keinen Pfifferling für den Pfeifer. Geschweige den Fünfzehnhunderttaler-Mann. Ah ne, Baldegundin, das wollen wir schon besser machen.« »Wie willst es aber nur machen?« »Das weiß ich selber noch nicht. In fünf Tagen, wenn's gut geht. Bei Eurer ersten Hochzeit habe ich schön gepfiffen, mit der langen da, mit der da – weißt du noch? Bei eurer zweiten Hochzeit will ich noch schöner pfeifen. Geh, das Kleingeld laß liegen. Wir brauchen keins. – Das ist auch nix nutz!« Er strich ihr mit der Hand über die Wangen, an welchen große Tropfen niederranen. »Du mußt dir muntere Guckelein herrichten, bis er kommt. Ein Vaterunser, wenn du Zeit hast, kannst beten, daß mir der Obere den Spaß nicht verdirbt. Wups!« Er sprang wegshin, es klapperten die Pfeifen. Einer der Knaben hub zu gröhlen an: »Feifenmann nit fortdehen! Feifenmann wieder gummen!« Das Weib packte die lebendigen Kleinodien zusammen und ging dem Gehöfte zu, das seit ein paar Tagen nicht mehr ihnen gehörte. In weitem Bogen wich sie dem schrillenden Jahrmarkt aus – dort waren die Richtigen beisammen. Seit die Truppen des Landesherrn in Böhmen lagen, war Ritter Botwin der Schrecken weitum. Ein Hauptmann war er gewesen im Heere, unter der Anführung des Fürsten. Als er aber merkte, daß im unendlichen Kriege das Faustrecht Landesverfassung geworden war, schwenkte er mit seinem Fähnlein seitab, zog plündernd durch das Freundesland und nahm Besitz von der besatzungslosen Burg in den Mutolfschluchten, genannt das Lungschloß, das hoch in der Nische einer Felswand stand und nur unterirdische Zugänge hatte. Des Schlosses Eigentümer, Graf Thurnstein, lag im Böhmerlande schwer verwundet. Botwin fühlte sich gleich als rechtmäßigen Besitzer der Burg, denn er hatte sie ja »genommen«. Und sollte der Graf je noch einmal heimkehren, so müßte er eben das Lungschloß wieder erobern nach löblichem Landesbrauch oder darauf kameradschaftlich verzichten. Das Mißliche war nur, daß – als Botwin mit seiner Bande einzog – ihm Haufen halbverhungerter Mäuse entgegenkamen, nicht so sehr zur Begrüßungsfeierlichkeit, als vielmehr in der Hoffnung, die Anrückenden würden Korn und Speck mitbringen. Sie brachten aber nichts mit, als was bereits seit langem im Schlosse war – einen rasenden Hunger. Es wurden sofort Ausflüge in die Umgebung gemacht; das weniger, um die romantische Natur zu bewundern, als um den Landleuten, die sich weigerten, dem fremden Eindringling Abgaben zu steuern, die Sachen wegzunehmen. Diese rotteten sich zusammen und wehrten sich ihrer Haut. Das nahm Botwin für eine aufgelegte Kriegserklärung. Offene Schlachten lieferte er ihnen nicht, dafür war seine Bande zu klein. Nur im Felsenschloß konnte er sich behaupten. In schlauen Winkelzügen kaperte er seinen Raub, nahm, wo er fand, entführte Rinder, Schafe, Pferde und schließlich – wo es sein konnte – auch Menschen, die er nur gegen schweres Lösegeld wieder zurückgab. So hatte sich »Ritter« Botwin auch den Bauer Baldegund vom Felde geholt und den wollte der Spielmann Diethelm nun zurücknehmen. Mit tänzelnden Schritten zog er munter durch die Mutolfschluchten hinein unter fortwährendem Klappern seiner Pfeifen. Der letzte Engpaß war besetzt mit Botwins Reisigen, die dem frohen Knaben die offenen Arme entgegenhielten. Sie erklärten ihn lachend als Gefangenen und führten ihn auf die Burg. Er antwortete, das enthebe ihn der Mühe, in der Burg um Einlaß zu bitten, denn er sei gekommen, dem edlen Ritter Botwin ein Preislied zu singen. Er sei es satt, zu hungern bei den dummen Bauern herum. Er wolle einmal ein höfischer Sänger sein. Darob begann im Lungschloß ein dralles Vergnügen. Botwin hatte schon lange auf Mittel gesonnen, seiner tapferen Bande einmal ein Lustfest zu geben, zumal vor kurzem auch für das abgefangene Weib eines reichen Brotbäckers ein sehr erkleckliches Lösegeld eingelangt war. Demnach war der Schloßherr guter Laune, als der klappernde Spielmann ihm vorgeführt wurde. Dieser Botwin! Ein Kerl wie der wilde Eber! Ein Kerl wie der Satan im illustrierten Märchenbuch! Der Räuber Kuno ist ein wohlgearteter Seminarzögling dagegen. Und der Spielmann dagegen ein Knabe, der just das erste Höslein bekommen hat, wie er jetzt schrecklich treuherzig aufblickte zum wilden Riesen, der nach schlechtgegerbten Tierfellen roch. Das war Ritter Botwin, der neue Herr auf dem Lungschloß. »Was kannst du denn, lieber Hund?« fragte er den Diethelm. »Ich kann alles, großer Löwe! Alles, was dir zum Ruhm ist!« »Zum Ruhm?« Der Schloßherr winkte mit der Hand: »Laß das. Auf diesen Speck gehe ich nicht. Daran magst du die tapferen Feldherren lecken lassen, Kleiner, die jetzt in Böhmen Frösche dressieren und auf einen blinden Harfenisten warten, der sie in die unsterbliche Weltgeschichte hineinzirpt. Ich will mich bloß unterhalten.« »Wünsch' gute Unterhaltung, edler Herr!« »Kannst du Komödiespielen, Schafsnase?« »Können?! Ihr beleidigt mich, gestrenger Ritter! Ich leite die größten Schauspielertruppen, Helden, Sänger und Schalksnarren. Sogar mich selber spiele ich nicht schlecht.« »So sage doch, Krötensohn, wo hast du denn deine Truppe?« »Liegt bei euch in bester Verwahrung, hoher Fürst.« »Was heißt das?« schnob Botwin. »Herr, wenn Ihr so streng seid! Die freien Künste bedürfen gnädigen Sonnenscheins, mächtiger König. Ich wollt Euch ja doch unterhalten? Ihr wollt gewiß recht lachen?« Der Herr streichelte den Spielmann an der Wange: »Freilich will ich lachen, du lieber Kerl. Deine schönen Pfeifelein da! Darf man eine angreifen?« Diese Güte war doch Sonnenschein genug, Spielmann. Wie? »Dann bin ich schon recht mit dem Baldegund,« sagte der Diethelm. »Baldegund? Der Bauer? Was hast du mit dem?« »Herr, der Baldegund hat meine Komödiantentruppe im Bauch. Herr, der ist es ja, mit dem ich Euch Milz und Leber aus dem Leib lachen mache.« »Hund, räudiger, was geht dich der Baldegund an?« »Milz, Leber und die Galle – ha ha ha, so heraus, ha ha ha, immer so heraus, Herr. Man muß aber ein Tuch um den Hals machen! ziemlich eng, daß sich die Seele nicht herauslacht. Der Herulf zu Glockhausen, dem ist sie beim Lachen so weit zum Mund herausgeflattert, daß sie der Dorfschmied mit dem Blasebalg hat müssen zurück hineinjagen. So hat er gelacht wegen des Bauchredners Baldegund.« »Bauchreden, sagst du?« »Bauchreden, sage ich, allergnädigster Herr.« Der Botwin wurde wieder ganz schmiegsam, nahm wie in Zerstreuung spielend den Spielmann am Ohr und hob ihn so in die Höhe. Da klapperten nur wieder die Pfeifen, der Bursche selber gab keinen Laut. »Das Bauchreden, liebes Kindlein, muß wohl ein großer Spaß sein, besonders nach vorne, gelt? Aber den Baldegund hol' ich dir nicht hervor. Der bleibt in meiner Eisenkasse. Ist so viel als Bargeld. Mit dem laß' ich nicht spielen. – Knabe, du bist schön wie ein junges Kalb. Kannst du klettern? So klettere einmal an mir heran. Am ersten Tage bis zum Knie, am zweiten bis zum Hosensack, dort Ruhetag, was?« So das Großmaul, hatte aber für den Diethelm nunmehr keinen Reiz. Sein Plan war mißlungen. Botwin ließ den Baldegund nicht aus der Höhle. Hingegen wurde schon am nächsten Tage auf der Waldwiese ein Lustfest veranstaltet, bei dem der Spielmann klappern sollte, pfeifen, singen und all seine Künste zeigen. Die ganze Schloßbewohnerschaft war dabei. Sogar das Gemachel des Botwin, ein so blasses, schattenhaftes Weib, daß der Spielmann anfangs fast vor ihr erschrak, in der Meinung, es sei das altherkömmliche Burgmöbel, die weiße Frau. Anders zu Mute ward ihm bei dem Töchterlein. Jetzt hatte er wohl ohne Pardon den Raubritter mögen henken lassen, weil er unverantwortlicher Weise der Vater eines solchen Wesens war. Und es noch liebkosen. Das war das größte Verbrechen. Das Mädel hieß Jugunda und war wahnsinnig schön. So schön, daß Diethelm laut aufschrie, als er es das erste Mal im weichen Felle über den Rasen hüpfen sah. Dann log er, eine Hummel habe ihn gestochen. Ein anderer würde vielleicht gefunden haben, daß das junge Ding die Augen zu weit auseinander hätte, und eine zu kurze Nase, und einen gar zu kleinen Mund, der ganz rund war und nach unten und oben ausgeböscht, so daß man das feuchte, kirschrote Unterfutter gar schön sah. Aber den Diethelm stach die Hummel zum zweitenmal und all seine Blutstropfen wollten die Adern sprengen und auf das Mädel hinspringen. Einstweilen klapperte er ganz schrecklich mit seinen Pfeifen, die wie ein Pferdefliegennetz rings um sein Gewand niederbaumelten. Der kleinen Jugunda gefiel das ganz ungeheuer, sie klatschte in die Hände und tanzte um ihn herum, und wenn er weiter ging, tanzte sie immer noch um ihn herum, wie der Mond, der den wandernden Erdball begleitet. Weinfässer waren auf den Waldanger gewälzt worden. Etliche der Gesellen hatten nämlich einem Weinführer das beschwerliche Fuhrwerk erleichtert. Der Platz war voller Spießgesellen und kecker Dirnen. Der Botwin liebte das. Für heute hatte er sich ganz besondere Ergötzlichkeiten ausgedacht. Er war kein geborener maître de plaisir , so wußte er auch nicht, womit Lustfeste eigentlich ausgestattet werden. Die Soldaten wußten einiges, das Beste mußte er sich doch selber erfinden. Den größten Spaß bereitete ihm der Reifritt. Da hatte er einen großen Holzreifen aufstellen lassen wie ein Haustor, und denselben ringsum mit lebendigem Gevögel behangen – mit Krähen, Raben, Geiern, Hähern. Dann hatte er sich auf einen großen Ziegenbock gesetzt, mit dem er durch den flatternden, kreischenden, pfeifenden Reifen zu reiten gedachte. Aber der Ziegenbock wollte nicht. Zwei Knappen mußten das Biest dressieren helfen und als es so weit war, daß es schrittweise vorwärts bockte – durch den Reifen wollte es immer noch nicht. Botwin winselte vor Ärger und Gier, durchzusausen; es vergingen Stunden bis der Ritt zur Not gelang und der Bock jenseits des Reifens keuchend und schäumend zusammenstürzte. Nun wollte man aber auch einmal den Spielmann haben. Und der war nicht da. Den Schloßherrn verlangte es nach seinem Töchterlein Jugunda. Es war das einzige milde Lichtlein seines finsteren, rauhen Lebens. Jetzt wollte er ihm den Reifritt zeigen und für das Töchterlein noch ein zweites Böcklein bringen lassen. Aber das Töchterlein war auch nicht da. Am Waldrande dort, schon unter dem Eichenschatten, hatte der Spielmann sein feinstes Pfeiflein von der Lende gelöst und hub damit ein Liedel an zu blasen. – Ein Liedel, so wundersam, daß Jugunda in noch engerem Kreise ihn umtanzte. Sie stand auf dem einen Barfüßchen und drehte sich wie ein Kreisel, sie stand auf dem anderen und hüpfte wie ein Bachstelzlein voran. Der Spielmann blies gar lieblich auf der Flöte und zog sich dabei sachte zwischen das Gestämme hinein in den dunklen Wald. Das Mägdlein neben und hinter drein trällerte, surrte und sang, und wenn die Lust zu groß ward, sprang ein helles Jauchzen aus ihrem runden Mündchen. Und der Spielmann blies und schlich mählich dahin, immer weiter und weiter durch den Wald, und das Mädel folgte ihm tänzelnd nach ... Was war das Lied lang in der Pfeife! Und was war es lustig! Es war so süß! So heiß! – Atemlos, bewußtlos sank Jugunda endlich aufs feuchte Moos. Der Spielmann hing die Pfeife an ihren Platz, faßte die Maid in die Arme, und wie man ein Kind trägt, so trug er es dahin durch den Wald, durch die Schluchten, dahin über die Matten, über die Felder bis zum großen Dorf Glockhausen. Als die Leute solcherlei erschaut, da sind sie sehr tapfer und sehr hochherzig geworden. Man brauchte ja nichts mehr zu tun und zu geben für den geraubten Baldegund. Der Schultheiß nur, der gab für des Spielmanns schöne Beute eine Stube und was dazu gehört. Und Diethelm begann die Verhandlungen. »Ritter Botwin, allergnädigster Spitzbub! Gibst du den Baldegund, so bekommst du dein Mädel! Sonst wird's geschlachtet!« – Der Spielmann biß derb in die Finger, die das letzte Wort geschrieben hatten. Schon am zweiten Tage, des Morgens, als die Leute zur Messe gingen, lag auf dem Stein vor der Kirche die Schrift aus dem Lungschlosse. – Desselben Nachmittags, Stunde drei, am Eingang der Mutolfschluchten sollte der Umtausch sein. Jetzt kam aber das unvorhergesehene Ereignis: die schöne Jugunda wollte nicht. Sie bliebe lieber beim Spielmann. Baldegunds Weib kniete nieder vor dem Mädel wie vor einem Heiligenbild und betete, wie sie noch nie eine Gottheit so heftig, so glühend angebetet hatte: »Geh' zu deinem Vater! Erlöse mir meinen Mann!« Das Mädel lachte, schüttelte den Kopf und schmiegte sich an die Pfeifen ihres Diethelm. Aber das Weib umklammerte ihre Füße: »Engel, gib mir meinen Mann!« Sagte die Kleine sehr fröhlich: »Du hast den deinigen schon lange gehabt, jetzt will ich den Meinigen haben!« Und rankte sich noch enger an den Spielmann. Hierauf neue Note an den Raubritter: »Lieber Herr Vater! Ich hab mir's überlegt. Zurückgeben tu' ich das Maidel überhaupt nicht. An dem Baldegund liegt uns nicht viel. Wenn du ihn für dich behältst, so wird eben dein Töchterlein – du weißt schon was. Wenn du ihn bis morgen Mittags nach Glockhausen sendest, so wird dein Töchterlein geheiratet. Von deinem lieben Schwiegersohn Diethelm .« Als Antwort auf solches Ultimatium hat der Burgherr auf dem Lungschloß den Baldegund hingegen schier bis zum Eingang der Mutolfschluchten führen und dort an einen Kiefernbaum binden lassen. Im Hinterhalt lauerten die Spießgesellen mit den Flinten. Er hatte sagen lassen: Wenn die Jugunda frisch und gesund herbeigebracht werde, so könne man den Baldegund haben. Sie möge, wenn's schon gar nicht anders ginge, halt auch den Spielmann mitbringen. Einen Tag schmachtete der Bauer Baldegund an dem Baum gebunden. Er schrie jämmerlich nach Weib und Kind. Gegen Abend wurde er heiser und als die Nacht kam, die dunkle, erhob sich oben hinter dem Felsen ein liebliches Pfeifenblasen. Die Spießgesellen horchten und kletterten dann hinauf, um den prächtigen Singvogel einzufangen. Dieweilen lief Diethelm hinter dem Felsen in die Schlucht zum Kiefernbaum hinab und stahl den Baldegund. Er schnitt die Stricke ab und schleppte den Mann eilends davon gen Glockhausen. Und das Mädel gab er auch nicht zurück. – Wenn ein junger Spielmann um so viel gescheiter ist wie ein alter Räuber, und so lustig und so lieb! Jugunda! man kann dir nicht unrecht geben, wenn du so gern beim Diethelm bleibst. ... Der Lachenmacher Nach Stockwiesen müssen wir. Dort gehts heute lustig zu. Über den Giebeln des Dorfes surrt die Luft, denn es wogt, es treibt und schwärmt in den Gassen und auf dem Kirchplatz. Alle Sträßlein, die zum Dorfe führen, sind bestreut mit dunklen und bunten Tierchen, die sich dem stattlichen Orte Stockwiesen zu bewegen. Es sind aber keine Tierchen, es sind Leutchen, manche nahezu Menschen. Der Kirchturm winkt auch so freundlich. Der hat zu seinen obersten Fenstern, über der Uhr, ein weißrotes Fähnlein ausgesteckt. Es flattert an der Stange, wie ein Fetzlein Freude, das in alle Welt fliegen möchte und nicht los kann. Die Glocken singen auch schon Willkommen den Herbeieilenden, die sich aber unterwegs bei Krämerständen, Schaubuden und Schenken verweilen, auf dem großen Platz sich herumdrängen, plaudern, feilschen, kaufen oder verkaufen, oder plump und starr dastehen im schiebenden Gedränge und ihre Pfeifen rauchen. Bis zum weit offenen Kirchtor dringen die Wenigsten vor, obschon aus dem Innern Lichter herausfunkeln und die Orgel summt. Aber die Leute meinen, Kirchweih heiße doch nicht beten, vielmehr feilschen, trinken, tanzen, Weiberleut foppen und Männer prügeln. Die evangelische Kirche, die in einer Häusergruppe jenseits der Ach steht, ist zugeknöpfter. Auf ihrem Turm flattert kein Kirchweihfähnlein, aber ein Kirchentörchen hält heute auch sie offen, wer etwa von den Katholiken kommen und sehen wolle, wie es in dieser Kirche gehalten wird, und ob es ihnen nicht etwa besser gefiele als drüben. Der katholische Kirchendiener, ein kleines grämliches Männlein, stand nach dem spärlichen Gottesdienst ebenfalls auf dem Kirchplatz herum, aber nicht um sich zu belustigen, sondern um sich zu ärgern. Das Ärgern schien ihm lieber zu sein, denn er hatte doch die Wahl zwischen beiden. Er schnitt ein Gesicht, als ob er Kalmuswurzeln kaute. Er sah in der Menge allzuviele solche, die heute nicht hergehörten. »Was geht den Lutherischen unsere Kirchweih an!« schnurrte er. »Bei der heiligen Meß ducken sie sich weit ab, aber beim Handeln und Schandeln und Lumpen sind sie dabei. Da wollen sie zu uns gehören. Heimgeht! ihr habt keine Kirchweih, heimgeht!« Das sagt er ganz freimütig gegen die Evangelischen hin, die überall unter den »Christen« herumstehen, so daß man immer fürchten muß, die »Unseren« werden angesteckt. Aber der Mann sagte die abweisenden Worte ganz leise, daß es nur ein paar der nächsten Katholiken hören konnten. Auf diese Weise kann der Mensch freimütig sein, ohne daß es ihm schadet. Denn der Mensch ist nicht bloß Kirchendiener, sondern auch Schneider, und wenn die lutherischen Bauern nicht mehr bei ihm schneidern lassen, dann – wird die Kalmuswurzel, an der er kaut, noch bitterer. Das Schlimmste war nur, daß man es den Leuten gar nicht anmerkte, ob sie »christlich« oder »lutherisch« waren. Sie plauderten, handelten und scherzten miteinander, als ob sie lauter gut Freund wären, und wenn die herlebigen Burschen sich nach munteren Dirnlein umsahen, so dachten sie gewiß an alles andere eher, denn an die Kirchenzugehörigkeit. Schau! Steht dort beim Büchelkrämer nicht der Pastor? Der neue, den wir erst frisch vom Sachsenland herein 'kriegt haben. Hat einen Schnurrbart wie ein Husar und will Geistlicher sein. Na, zugehts auf der Welt! Er schaut wohl nach, ob der Büchelkrämer auch lutherische Bibeln hat. »Oh Pardon!« sagt der Pastor, denn er ist im Gedränge jemand auf die Zehen getreten. Und steht neben ihm der katholische Pfarrer. Der macht ein sehr freundliches Gesicht und versichert, es sei nichts geschehen. Dann verlieren sich beide unter der Menge. Aus dem Gesumme hört man von allen Buden her die Marktschreiereien. Metallgießer schwingen ihre Glöcklein, Pfeifenschneider versuchen ihre Pfeifen, Spielwarenhändler lassen ihre Trommeln und Kindertrompeten hören; mit singendem Gekreische künden diese Krämer – die noch keine Zeitungsreklame haben – ihre allerbesten und allerschönsten und allerbilligsten Waren aus. Zwischendurch hört man den dünnen, grellen Ton einer Geige. Vor dem Backenwirtshaus auf einem leeren Bierfaß steht er und fiedelt so lebhaft, daß alle Glieder des alten Spielmanns zucken und schnellen wie galvanisierte Froschbeine. »Je, der Brosel!« ruft hell ein Bursche aus, »der Lachenmacher ist auch da! Lustig wirds heut, zum Lachen gibts. Und tanzend werden wir allemiteinand. Gelt, Schatzerl!« Ein rundes rotwangiges Dirndl hatte der Bursch' am Arm gepackt und mit dem andern Ellbogen sich durch die Menge eine Gasse bohrend strebt er dem Bäckenwirtshause zu. Der Brosel, wer ist denn das? Seht ihr nicht, daß alle lachen, die ihn bemerkt haben? Die Milzreichsten dürfen gar nicht hinschauen auf den geigenden Spielmann und seine Gebärden, sonst müßten sie sich in Lachkrämpfen zusammenkauern und winden, und dazu fehlt im Jahrmarktsgedränge schlechterdings der Raum. Der Lachenmacher war von den Wirten abonniert für Sonn- und Feiertage, einmal bei diesem, einmal bei jenem. Wenn aus einem Wirtshaus das brüllende Lachen der Gaste gehört wurde, das man fürchtete, es platze das Haus – da wußte es jeder auf Platz und Gasse, der Brösel war drinnen, sang seine Schelmenliedeln, sagte seine Sprüchlein und erzählte seine Schnurren, womöglich alles in zierliche Reime gebracht, denn nicht bloß das liebe Leutgesindel, der Gescheite wie der Narr, auch die Wörter müßten tanzen zu Paar und Paar. Im Texte lags übrigens gar nicht, die Liedeln, die Sprücheln, die Geschichtlein waren keinem neu. Aber der Gesichtsausdruck, mit denen sie vorgebracht wurden, war über alle Beschreibung lächerlich. Darum beschreibe ich sie auch nicht. Denke man sich ein rührsames Männlein mit einem runzeligen verkniffenen Gesicht, das in alle Formen gezogen wurde – in die Länge wie eine Gurke, in die Breite wie ein Kürbis. Jetzt waren die Augen glotzig, wie zwei Pflugräder, jetzt zwinkernd und dünn wie zwei Kohlraupen. Die Nase jetzt dick wie eine Kaiserbirne, jetzt schmal wie ein »Bockshörndl«. Der Mund jetzt ein Schnitt von einem Ohr zum andern, jetzt wieder ein kleinwinziges Nullerl zwischen aufgetauchten Wangen. Dabei wackelte das Kinn, über den Stirnknochen glitt behendig die Haut auf und nieder, die grauen Haarbüscheln sträubten sich oder zuckten munter hin und her und die Ohren trieben dabei ihre besonderen Spiele. Auch mit den Gliedmaßen brachte er allerlei zuwege, es war, als seien keine Knochen in ihnen, als sei der ganze kleine Kerl aus Kautschuk. Man behauptete der Brösel brauche bei seiner Kammer keinen Schlüssel, er schlüpfe durch das Schlüsselloch wie ein langer Regenwurm und bedürfe dazu fünf Minuten. Die Geige, setzten solche Witzbolde bei, müsse er freilich zum Fenster hineinwerfen, denn die ließe sich nicht spinnen. Übrigens könne er sie auch draußen hängen lassen, er brauche nur die Beine zum Fenster herauszustrecken, er geige mit den Zehen gerade so gut als mit den Fingern. Auch solche, die sonst sich über kein »Ausgeschau« lustig machen wollen, über dem Brosel seine Grimassen konnten sie lustig lachen, denn er tat sie deswegen. Das hatte er sich ja zur Lebensaufgabe gesetzt, auf dieser traurigen Welt die Leute lachen zu machen. Es gibt Schuhmacher und Kammacher und Knöpfelmacher, warum solls keine Lachenmacher geben? Das Gewerbe ernährt seinen Mann. Es war eigentlich ein Nebengewerbe für den Brosel. Seines Zeichens war er Spielmann, und schon als solcher geboren worden, denn sein Vater – behauptete er – habe nur gespielt. Allerdings mit Tarockkarten, wobei er sein Gütchen verloren, so daß der Sohn sich einen anderen Beruf wählte. Er entschied sich für die Chirurgie bei den Haustieren. Das tat er jahrelang. Endlich aber ward ihm der Beruf, der so vielen Geschlechtern der Zukunft vorwegs das Leben abschnitt, zuwider, er wurde Spielmann. Schon in der Volksschule hatte er gelernt, die Geige zu beunruhigen; jetzt trat er mit mehr Liebe an sie heran und sie kreischte nicht mehr, wenn er den Fiedelbogen strich, sie erhörte sein Werben um ihr Lied und gab bisweilen einen lieblichen Ton; Hauptsache war der Takt, den er extra noch mit dem Fuße stampfte. Wer gern tanzt, dem ist leicht gestampft. In Zeiten, da man nicht tanzen wollte oder durfte, unterhielt er die Leute mit seinen »Faxen« und lachen tat mancher noch lieber als tanzen, was mir durchaus einleuchtet. Es gibt zwar Holzapfelseelen, die das Lachen einfach lächerlich finden, ich weiß mir auf der weiten Welt keinen größeren Spaß, als ein herzliches Gelächter. Nun aber war dem lustigen Brosel nicht zu trauen. Er sprach und sang Zwetschken. Hinter dem süßen Fleisch barg sich manchmal ein bitterer Kern. Wer ihn aufbiß, der glaubte dran. Auf solchen Schleichwegen brachte der Alte manche heilsame Wahrheit an den Mann und nahm noch Kleingeld dafür ein und allerhand Wohlwollen. Fühlte sich vom Kerne einmal einer getroffen, so tat er nichts desgleichen und lachte mit den andern, was immer weitaus das Klügste ist. Man hätte es frei nicht glauben mögen, daß der pudelnärrische Spielmann insgeheim ein so kluger Beobachter war und wohl wußte, in welches Holz die Nägel einzuschlagen waren. Jetzt also stand der Spielmann auf dem Bierfaß und geigte die Kirchtagsleute in das Bäckenwirtshaus hinein. Er geigte den ganzen Nachmittag und schaukelte sein geschmeidiges Körperlein dabei und schnitt seine Gesichter dazu. Damit diese um so deutlicher und ausdrucksvoller wurden, hatte ihn der Bäckenwirt glatt rasieren lassen; sein braunes Hochzeitsgeigen-Gewandel hatte er auch an und so hätte er können bei jedem König an den Stufen des Thrones als Hofnarr sitzen. Aber er stand an den Stufen des Tanzbodens, auf dem Ihre Majestät die Freude herrscht. Noch stieg er aber nicht hinauf, denn vor dem Abendgebetläuten durfte nicht getanzt werden. Der Herr Pfarrer saß beim Bäckenwirt im Extrastübel, da hieß es strenge nach der Verordnung vorgehen und höchst sittsam. Übrigens war es im Wirtshause schon sehr laut geworden. Als auch der neue Pastor kam, um bei der schönen Gelegenheit Ortsbekanntschaften anzuknüpfen, fand er in der großen Stube keinen Platz und der Wirt, sein grünes Käppchen lüpftend, erinnerte höflich, daß der Hochwürden Herr Pastor ohnehin ins Extrastübel gehöre. Mir nix dir nix saßen sie plötzlich nebeneinander, der Herr Pastor und der Herr Pfarrer. Anfangs waren heute auch das zwei Spielleute, machten zum bösen Spiel gute Miene, bedachten, daß manches auf dem Spiel stünde und besprachen in überlauter Gemütlichkeit das schöne Wetter, den belebten Jahrmarkt und das gute Geschäft. Man muß sich in der Nachbarschaft denn einmal miteinander abfinden, dachte jeder für sich, und sie nahmen, um hübsch wohlgemut zu bleiben, ihre Zuflucht zum weltberühmten Herzstärker, dem Wein. Wer Wirt hatte einen guten Tropfen, und wie er im Vertrauen versicherte, nicht bloß einen. Der Pastor entschuldigte sich beim katholischen Pfarrer, daß er noch nicht Gelegenheit gefunden, im Pfarrhause seinen Antrittsbesuch zu machen. »Oh, nix entschuldigen,« lachte der Pfarrer überlaut, »werd's leicht erwarten, hab' keine große Sehnsucht nach Ihnen.« »Das glaube ich,« sagte der Pastor und lachte auch. Es war ein ungutes Lachen beiderseits. Es war keins, das der Brosel gemacht hatte. Endlich war es dunkel geworden auf der Gasse und licht in den Wirtsstuben. Das Gebetläuten war vorüber, die Hüte flogen wieder auf die Köpfe und die jungen Leute auf den Tanzboden. Der Brosel setzte sich an den erhöhten Spielleutetisch im Winkel, strich seine Saiten mit Geigenharz und drehte an den Stimmschrauben. Er drehte das Spiel um einen Ton höher, Tanzmusik darf nicht brummen, die muß jauchzen. Ganz erfüllt von der Würde seines Berufes machte der alte ein ernstes Gesicht. Die Stirn runzelte sich immer mehr, die Augensterne traten immer tiefer hinter die Lider zurück, die Nase wurde immer länger und die Mundwinkel dehnten sich immer tiefer übers Kinn hinab, so finster ernsthaft, daß die Leute – in helles Lachen ausbrachen. Da zog er plötzlich andere Muskeln an und sieben Taler hätte einer wetten mögen, daß es ganz entschieden nicht dasselbe Gesicht war als früher, daß zwei Köpfe in dem Manne stecken mußten, wovon er je nach Belieben einen oder den andern wie die Schildkröte aus dem Rumpf hervorschob. Übrigens, jetzt ist's zum Tanzen. Ein gemütlich langsamer Steirischer klang los, die Paare hielten sich um die Mitte und die Gesichter der Tanzenden, die männlich trutzigen, die weiblich hingebenden, die verliebten und die zärtlichen – alle spielten auch im kleinen Rundgesichte des Spielmanns, so daß sich in ihm gleichsam das ganze Seelenleben des Tanzbodens Stelldichein gab. Von den Gaststuben kamen immer mehr Leute herauf, auch ältere, die sonst auf dem Tanzboden nicht mehr viel zu suchen haben. Unten sei es heute nicht gemütlich, im Extrastübel täten sie streiten, von wegen des Glaubens ginge es her. Der Herr Pfarrer, meinten sie, solle gescheiter sein. Er täte ja sonst bei solchem Diskurs nicht mit und solle auch nicht mittun, aber der Pastor habe immer Wasser auf die Mühle geleitet. Der Spielmann verzog sein Gesicht sehr in die Länge. »Sollen Fried geben,« murrte ein hagerer, grauköpfiger Bauer, »wir von hüber und drüber der Ach vertragen uns ja auch.« Der Spielmann zog sein Gesicht in die Breite und fiedelte. Ein flotter Walzer. Jedes Paar eine Erdkugel, die sich um sich immer selber drehend einen großen Kreis macht um den lodernden Sonnenball der Liebe. Und Brosel der Spielmann war's, der dieses kreisende Sonnensystem leitete mit seinem Fiedelbogen. In Wirbeln flog der Staub über den Köpfen, Wein- und Schweißdunst erfüllte das Haus mit Kirchtagsstimmung; halberschöpfte Tanzpaare taumelten in die Winkel hin und frische stürmten in die Reihen hinein. Manches Paar stieß im Gewirbel unsanft an ein anderes, das gab weiter keinen Weltuntergang; war der Bursche schneidig, so schmetterte er einen Fluch hin, war er sanft, so tat er einen Lacher, und wenn der Schweiß vom Gesichte troff, so fuhr ihm das Dirndel mit rotem Handtüchel über Stirn und Wangen und flüsterte ihm ins Ohr: »Tapperl, mußt du dich denn gar a so Plagen? A bissel stader!« Da hebt einer das Weinglas: »Vivat! Sollt leben allmiteinander!« So ging es toll und toller – aber es war eine kreuzlustige Tollheit – durch den Abend hin. Da kam plötzlich der Wirtsjunge die Treppe heraufgesprungen: »Leut', geht helfen. Der Herr Pfarrer und der neue Pastor sind raufend worden!« Der Spielmann zuckte ab mit dem Fiedeln und hatte ein sehr langes Gesicht. Als sei die Feder gesprungen, so stockte das tanzende Rad, stand still und fiel auseinander. »Raufend? Wer? Die Herren?« Was Platz hatte in der Treppe, das drängte hinab; und hinten drein, aber ganz weichmütig gelassen, Brosel, der Spielmann. Seine Äuglein zwinkerten, seine Stirnhaut zuckte auf und nieder und der gekniffene Mund bog sich im Halbkreis weit in die roten Wanglein hinein. Lacht so der boshafte Vollmond auf die Erde herab, wenn in lockenden Nächten leidenschaftliche Menschen in allerlei Unglück rennen? Unter dem Arm trug der Spielmann seine Geige, in der Hand schwang er den Fiedelbogen, als hätte er damit nebst dem Tanzboden auch noch das übrige Haus und die Welt zu regieren. Im Extrazimmer war der Sturm zwar vorüber, nun stand es so, daß die beiden Geistlichen kein Wort und keinen Blick mehr für einander hatten; jeder stellte sich gleichmütig und rief seine Gemeindeangehörigen. Die Schafe sollten sich von den Böcken trennen und dem Hirten folgen. Aber die Scheidung mißlang. Protestanten wie Katholiken bleiben untereinander sitzen, wo sie saßen und schauten betroffen auf die beiden Herren hin, die da plötzlich einen solchen Unfried erhoben hatten. Der stattliche Bäckenwirt stand am Gläserkasten, immer noch um die Seinen besorgt, die über den hölzernen Ständern stürzten. Und von den Gästen tat mancher heimlich schmunzeln über den Auftritt, den sie erlebt hatten. Jetzt drängten die Tanzbodenleute in die Gaststuben herein und zwischen durch der Spielmann. Der blieb in der Tür des Extrazimmers stehen und fiedelte zum Gruß die Weise: »Da streiten sich die Leut' herum.« Dann ließ er seine Gesichter spielen, und die beiden Herren in ihrem Ärger wußten nicht recht, was jetzt zu machen sei. Hinaus konnte weder der eine noch der andere, so gaben sie sich den Anschein des Lässigen: der Pastor steckte seine Hände in die Tasche und blickte mit überlegenem Humor auf das possierliche Männlein; der Pfarrer machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, gleichsam, solche Narreteien kenne er zur Genüge, und kehrte sich an sein Weinglas. Da zuckte der Brosel sein Spiel ab, tat ein äußerst gemütliches Gesicht hervor und begann halb sagend, halb singend eine Rede, dieselbe manchmal mit einer drolligen Grimmasse oder mit einem Fiedelstrich künstlerisch mildernd. »Verzeiht, ihr Herren, es währt nit lang, ich will euch singen ein altes Gesang, von zweien Hochgeweihten, die taten gar bitterlich streiten. Oho! – Der eine tat sagen: Dein Luther ist ein Fresser; der andere: Dein Papst ist auch nichts besser. Der eine: Dein Luther ist Trug und Spott, der andere: Dein Papst ist auch kein Gott. Aha! – Du bist falsch und ich bin wahr! Ich bin gescheit, und du ein Narr. Hehe! – Da kommt ein alter Spielmann herein: Ihr Herren, ihr kunnt schon g'scheiter sein, wollt streiten, so steigt auf die Kanzel hinauf. Da gibts keinen Gegner und keinen Tort, da habt ihr selber das letzte Wort. Im Wirtshaus gibts ein andern Brauch, da ist eine Kirchen allgemein, kann jeder reden und lustig sein. Hehe! – Die Leut' auseinanderzanken dahier, was ist denn das für eine Manier? Könnt ihr nit schweigen, so kauft euch Geigen. Mehr Leut, als ihr mit Disputieren, hab' ich mit Fiedeln und Musizieren zusammengebracht und glücklich gemacht. Jaha! – Ich kenn euch einen, der's auch so tut meinen, dem Fried und Freud das liebste ist, sein Name heißt Herr Jesu Christ.« Als der Brosel das gesagt, streicht er eine leise, liebliche Melodie und sein Gesicht nimmt einen natürlichen, rührend innigen Ausdruck an und schaut so treuherzig, fast flehend auf die beiden Seelenhirten hin. Der Pfarrer hat seine gewohnte gemütliche Art wieder erlangt. Bei den närrischen Sprüchlein des Spielmanns muß man ja lachen – und er lacht. Dem Pastor ist nicht so wohl zu Mut. Sein Gesicht ist gerötet, er möchte am liebsten draußen sein. Denn als der Brosel sein lieblich Spiel – wie ein Wiegenlied war's, so zart – geendet hat, da lachen die Leute nicht. – Niemand hat diesmal zum Spruche des Lachenmachers gelacht! Ein andächtiges »Vergeltsgott« sagten sie im Chore, wie es nach jeder guten Predigt üblich ist. Über die zwei Streitenden hat ein dritter den Sieg davongetragen. Die Stille in den Wirtsstuben war fast feierlich geworden. Aber das geht doch nicht an einem solchen Tage. Der alte Spielmann tat plötzlich einen flinken Hopser, jauchzte dazu und führte dann seine Gemeinde wieder auf den Tanzboden. Die beiden Geistlichen waren, jeder für sich unauffällig nach Hause gegangen. Aber am nächsten Tag, als sie sich zufällig auf der Achbrücke begegneten, blieb der Pastor stehen und sagte: »Ich glaube, Herr Amtsbruder, wir sind gestern ein wenig zu weit gegangen. Die Sache wäre beinahe lächerlich geworden. Mein Wunsch wäre, daß wir uns miteinander vertragen.« Der Pfarrer sah auf dem Boden ein Steinchen liegen, das wollte er mit der Spitze des Spazierstockes beiseite schnellen, trafs aber nicht. Dann gab er's auf. »Herr Pastor,« sagte er, »Sie haben es leicht. Sie können sein, wie Sie wollen. Aber ich!« Die Ja-Sager von Duselbach Weit hinter dem Dachstein in einer Wildnis zwischen Bergen liegt die Gemeinde Duselbach – ganz einsam, eine kleine Welt für sich. Aber nicht der großen Abgeschlossenheit in der Wildnis, sondern der großen Abgeschlossenheit in den Köpfen wegen. Kleinbauern und Hüttler, einst nicht arm und nicht reich, jetzt elend. Zumeist gute Leute, denen alles recht ist, die zu allem ja sagen, und dann auf alles nein tun. Wenn ihnen jemand den Rat gibt, früh morgens aufzustehen und früh abends schlafen zu gehen, wegen der Gesundheit und wegen der Wirtschaftlichkeit, so antworten sie: »Ja, 's ist eh wahr. Gesund sein tut's eh, das Frühaufstehen!« Und bleiben am nächsten Tag länger im Stroh als sonst. Wenn man ihnen lehrt, daß sie in ihrem Hochland sich mehr auf die Viehzucht verlegen sollten, als auf den Getreidebau, weil die Viehzucht viel erträglicher sei und weniger Gesinde brauche und nicht so von der Witterung abhängig wäre, als der Getreidebau, so meinen sie: »Ist eh richtig, daß man bei der Viehzucht weniger Leut braucht und sich nicht so vor dem Hagel fürchten muß, wahr ist's eh.« Und machen nächstes Jahr aus einer Viehweide ein neues Kornfeld. Wenn ihnen nahe gelegt wird, in den Landtag einen Mann zu wählen, der praktisch und tüchtig für die Landwirtschaft und ihren Fortschritt, für Schule, gute Verkehrsstraßen und Anschluß an die Zeitverhältnisse eintritt, so geben sie zu, es wär eh wahr, einen solchen Mann täten sie eh brauchen – gehen hin und wählen einen Stockreaktionär. Wenn ihnen gesagt wird, sie sollten sich doch gegen ihre anrainenden Großwaldbesitzer wehren, daß ihnen die Hasen und Hirsche nicht das Korn auf dem Feld und das Kraut im Garten fressen, so sind sie völlig damit einverstanden, jammern, daß ihnen das »Wildbrat« wirklich alles tät verderben, doch anstatt sich gegen den allzugroßen Wildstand aufzulehnen, gehen sie hin und verpachten ihre eigene Jagdbarkeit für etliche Gulden an die hohen Herren. Wenn es gemeinnützige Werke zu tun gibt, da sind die Duselbacher stets hochherzig beistimmend. »Zusammenhalten müssen wir! Ei das wohl! Da sind wir schon dabei, das ist gewiß!« Und wenn's zur Ausführung kommen soll, da stellt sich jeder bescheiden in den Hintergrund. Einer aus Duselbach, der Rumpelbacher, lag einst auf den Tod krank und der Geistliche ermahnte ihn, seinem Nachbar, mit dem er seit Jahren in Feindschaft gelebt, um der ewigen Seligkeit willen zu verzeihen. Auf vieles Zureden versprach der Kranke, wenn er schon sterben müsse, dem Nachbar zu verzeihen. Er wurde wieder gesund und war gegen den Nachbar feindselig wie vorher. Der Pfarrer erinnerte ihn an sein Versprechen auf dem Krankenbett. »Hab ich was versprochen?« sagte der Bauer. »Ich hab gesagt, wenn ich sterben muß, soll ihm verziehen sein. Weil ich aber nicht gestorben bin, so bleibt's beim alten.« So sind sie, die braven Männer von Duselbach. Daß auch die Weiber fleißig ja sagen, versteht sich, vor und hinter dem Altare. Wenn jemand nein sagt zu Duselbach, so sind's die Kinder; die haben beständigen Widerspruch gegen die Befehle und guten Lehren ihrer Eltern, dieweilen sie nur allzugut sehen, daß diese die Ja-Sager und Nein-Tuer sind. Seit ungemessener Zeit war zu Duselbach keine Schule. Sie hätten wohl gern eine, hatten sie oft gesagt, sich aber nie um eine beworben. Da kam eines Tages ein verabschiedeter Feldwebel in die Gegend und trug sich an als Schullehrer. Er habe die Befähigung dazu, könne alle Buchstaben, wenn sie nicht lateinisch wären, lesen, etliche derselben sogar schreiben; pfund- und klafterrechnen könne er auch, ja wisse sogar, wie viele Weltteile es gibt und sonst allerlei. Im Hintergraben sei ein leerstehendes Holzknechthaus, ob sie ihm dasselbe nicht einräumen wollten zum Wohnen und Schulhalten? – »Ist wahr,« sagten die Ältesten von Duselbach, »das könnten wir ja tun, da hätten wir einmal eine Schul. Allemal eine schöne Sach, wenn die Gemein eine Schul hat.« Der Feldwebel richtete sich in der Holzknechthütte ein, legte etliche Buchstabentäfelchen auf den Tisch, die er mitgebracht hatte, und eröffnete die Schule. Ein buckeliges Knäblein kam daher getorkelt, das Kind eingewanderter und nun verstorbener Deichgräbersleute. Sonst kam keine Seele und keine Ratte. Am ersten Tage lehrte er dem Krüppelchen drei Buchstaben, das i, das u und das e – weil er sich sagte, daß der Mensch mit ich, du und es zu denken anhebt – schon ein Beweis, daß der Feldwebel eine pädagogische Ader hatte. Dann ging er zu den Bauernhöfen, um nachzufragen, wo denn die Kinder steckten. Wo sollen sie denn lauter stecken? Beim Vieh sind sie halt. Schober treten tun sie beim Heuen, Garben tragen tun sie im Schnitt. Das Arbeiten muß man den Kindern angewöhnen bei Zeiten, wenn sie keine Taugenixe werden sollen! So hieß es in vielen Häusern. Wieder in anderen hatten die Kinder kein Gewand, um in die Schule zu gehen hinauf in den Hintergraben, oder sie waren gar krank, und wer's nicht glauben wolle, der soll gerade den Bader fragen. Man könne auch eine Schrift bringen vom Bader, daß sie krank wären. Nach einiger Zeit kam eins und das andere in die Schule, sie fanden, daß es dort sehr lustig sei, versprachen, daß sie stets fleißig kommen wollten und blieben nach wenigen Tagen wieder aus. Im Sommer konnte man sie in der Wirtschaft nicht entbehren, im Winter war das Wetter zu schlecht, so blieb der Schullehrer zumeist mit seinem verkrüppelten Knaben allein, und teilte mit diesem, der gar arm und so verwaist war, nicht bloß sein Wissen, sondern auch sein Essen. Denn das lieferten sie dem Schulmeister, die Duselbacher, und waren stolz, in ihrer Einöd eine Schule zu haben. Solche Bettelbauern wären sie noch lange nicht, daß sie sich keine Schule leisten könnten! Aber, was die Gescheitheit betrifft, anstehen tun wir nicht auf dem Feldwebel seine Weisheit. Die ist just recht für den dummen Deichgräberbuben, der kann sie in seinen Höcker tun, dort drinnen hat viel Platz. Mit Zeit und Weil wurde dem Feldwebel ein solches Verhältnis aber zu windig, er ließ danken für Unterstand und Kost, wand sein Bündel und ging davon. Das Krüppelchen nahm er auch mit. Hierauf waren mehr als zwanzig Jahre vergangen. Weit draußen auf der Ebene in der großen Stadt lebte ein junger Rechtsanwalt, der gut berufen war und hochmögende Freunde hatte. Außer den Freunden hatte er noch mancherlei, hatte Haus und Heim, Weib und Kind, besonders aber einen Höcker. Denn es war das einstige Deichgräberbübel aus jenem Bergschulhause. Der Feldwebel hatte es damals in eine ordentliche Schule geführt. Der Kleine eignete sich ganz vorzüglich als Schüler. Der Feldwebel hingegen war darüber mit sich einig geworden, daß er weniger zum Schulmeister passe, als zum Schuldiener, und als solchen hatte er sich bei jener Schule anwerben lassen. Für den kleinen Buckeligen fand sich hernach ein Gönner, den der Höcker nicht abschreckte, maßen ihm das kluge Köpflein gefiel. Dieses Köpflein ließ er studieren und so war es gekommen. Da war es nun eines Tages, daß einer der hochmögenden Freunde den Rechtsanwalt fragte: »Sagen Sie einmal, Doktor, wie steht es denn jetzt mit Ihrer Heimatsgemeinde?« »Wie es mit Duselbach steht? Mit dem steht es gar nicht. Vielmehr, es liegt. Alles zerfahren, herabgekommen. Die Leute aus meiner Zeit zumeist weggestorben, aber mit dem Nachwuchs schleppt sich's ebenso fort, nur noch tiefer. Von allen Seiten werden die armen Leute ausgenützt, obschon sie sehr mißtrauisch sind und sehr schlau zu sein wähnen. Sie selbst haben zueinander kein Vertrauen, an ihrer Scholle keine Freude, und ihre Mühen sind ohne Segen. So wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren, so wirtschaften sie starrsinnig auch heute, nur daß sie sich um Viehzucht etwas mehr bekümmern, weil die am schnellsten Geld ins Haus bringt, um die bösartigsten Gläubiger zu befriedigen und die restlichen Sorgen mit Bier zu verschwemmen. Sie glauben, weiß Gott wie tüchtig und fleißig zu sein und bringen doch nichts auf. Die Einfältigen sind Betbrüder, die Geriebeneren führen Prozesse miteinander und mit aller Welt und wenn's nicht klappt, so geben sie allem Schuld, nur sich selber nicht. So leben sie roh und gedankenlos und unsauber in den Tag hinein und lauern nach einem offenen Loch hinaus in die Fremde. Mehrere haben ihre Höfe schon verkauft, sind mit dem Groschen Geld großsprecherisch in die Welt gegangen und dort in kürzester Zeit verdorben. Und die noch daheim sind – Ach, es ist zu traurig!« So erzählte der Rechtsanwalt. »Die Leute haben wohl doch endlich eine ordentliche Schule?« »Nein,« sagte der Rechtsanwalt, fast trotzig sagte er es. »Sie könnten – wenn sie auch wollten – keine mehr halten.« »Keine halten? Das wird Sorge des Landes sein. Die Duselbacher sollen eine Schule bekommen, und zwar eine gute.« Der Rechtsanwalt erhob sich rasch, langte nach der dargebotenen Hand: »Excellenz, wenn das so wäre! Ich danke Ihnen! Unter solchem Nachdruck würde es freilich gehen.« »Wenn Sie wieder einmal in Ihre Heimat reisen, lieber Doktor, so sagen Sie es den Leuten. Sie bekommen eine Schule, die sie nichts kostet, nicht einmal so viel, wie jener brave Feldwebel, von dem Sie oft erzählt haben.« Sehr bald schnallte der Rechtsanwalt sich seine Beine an, um den fernen Waldleuten in der Bergschlucht die gute Botschaft zu bringen. Er war in Duselbach stets freudig aufgenommen, man hatte jetzt den großen Buckeligen viel lieber, als einst den kleinen. Mancher der Spielkameraden aus Kindeszeit lud ihn brennend ein, bei ihm zu wohnen, sein Gast zu sein um schon am nächsten Tage zu fragen, ob denn die Lebensmittel in der Stadt auch so unerschwinglich teuer wären, als dahier in Duselbach. Der Doktor ließ immer Geld zurück für irgend einen Gemeindezweck, aber dafür dankte niemand recht, weil doch keiner seine Hand danach ausstrecken konnte. An dem Tage nun, da der Doktor mit der frohen Botschaft nach Duselbach kam, saßen die Bauern eben im Wirtshaus beisammen, um über eine Viehweide zu beraten. Solche Viehangelegenheiten waren stets die wichtigsten des Jahres. Wenn die verwahrlosten Kinder abmagern, was machts; ein Pfund Rindfleisch hingegen zahlt der Fleischhauer um sechzehn Kreuzer! Schlechtes Vieh zu haben ist für den Bauer eine Schande. Elende, vertrottelte Kinder? Das ist Herrgotts Sache. Zur Zeit lungerte das kleine Volk zerrissen und zerzaust im Walde um, die Väter saßen beim Bier und berieten wichtige Dinge über die Viehweiden. Als der Buckelige eintrat, schrien sie ihm fröhlich zu, er streckte ihnen die Hände entgegen: »Wißt ihr was Neues, Leute? Eine Schule bekommt ihr!« »Eine Schul?« riefen mehrere, »ah, das wär gescheit! Das wär ein Glück! Ist's wahr auch, Herr Doktor?« »Euch ist's also recht?« »Aber versteht sich. Freilich. Das wär wohl eine Gnad, wenn wir eine Schul täten kriegen. O mein, o mein, dafür kunnten wir wohl nit genug Vergelt's Gott sagen!« »Das Holzknechthaus wird hergerichtet. Soll auch einen kleinen Turm bekommen und eine Glocke drinn, daß ihr doch einmal was läuten hört in Duselbach.« »Ja, Herrgott noch einmal, da wird's ja gar lustig bei uns!« Einer war unter ihnen, der Tippelbauer, der pfauchte jetzt mit der Nase auf seinen kohlschwarzen Schnurrbart und schnarrte: »Die Glocke gehört auf den Kirchturm, und nit auf ein Schulhaus. Ist's nit wahr? Eine Kirche sollen sie uns bauen, daß wir Sonntags nit so weit laufen müssen, ist gescheiter!« Darauf sprach der Grabenmichel: »Für eine Kirche wär ich auch. Das wär schon was, eine Kirche, ei das schon! Da halt ich gleich mit, da zahl ich auch was dazu.« »Vom Zahlen ist überhaupt keine Rede,« sagte der Doktor. »Vielleicht bekommt ihr das Schulhaus ganz neu und ganz geschenkt.« »Eine Kirche! Das wär eine Freud!« riefen sie einer um den andern. »Eine Kirche ist etwas Schönes, braucht sie aber nur für den Sonntag. Die Schule braucht ihr die ganze Woche.« »Wahr ist's!« riefen sie und einer erzählte, wie ihn vor kurzem der Krämer in der Randau mit dem Viehsalz angeschmiert habe, weil er nicht geschwind genug rechnen gekonnt. »Schaut Euch doch einmal Eure Kinder an,« sagte der Doktor, »so gescheite Köpfeln von Natur, und wie sie da draußen herumlaufen bei den Tieren des Waldes, bis sie ihnen gleich werden. Denkt doch, was das heißt – wilde Leute! Gegen die wilden Tiere geht ihr noch mit den Büchsen aus, und so macht man's draußen in der Welt gegen die wilden Leute. Es ist kein Fortkommen, sie müssen zugrunde gehen.« »Nichtig ist's!« riefen sie dazwischen. »Wie beim Vieh, just so. Ist eh war!« »Es soll Euch gar keine Mühe machen, Freunde, ihr braucht nicht zum Bezirksschulrat zu gehen, nicht zum Landesschulrat, um zu bitten, wie es da drüben die Krummberger haben tun müssen. Für Euch ist schon alles bereit, Euch bringt man die Schule auf dem Präsentierteller entgegen. Aus Liebe zu den Kindern.« »Tut uns wohl rechtschaffen gfreuen,« entgegneten sie. »Jetzt ist Micheli. Zu Allerheiligen, wenn der Schnee kommt und die Kinder nicht mehr beim Vieh sein müssen auf der Weide, ist die Schule aufgetan. Drei, vier Winter, und das Kind kann lesen, schreiben und rechnen wie ein Professor. Also abgemacht, nicht wahr, ich kann sagen, ihr seid einverstanden.« Ganz heiß hatte der Buckelige sich geredet. Die Bauern sagten, einer wie der andere: »Das wär nit zuwider, wenn sie was lernen kunnten, zuwider wär's nit! Der Mensch, der nit lesen und schreiben kann, heutzutag – einem Narren schaut er gleich.« Dabei taten sie mit ihrem Tabakzeuge um, ohne daß es zum Rauchen kam. »Wird doch nit schon der Schnee kommen, zu Allerheiligen!« sagte dann der Grabenjackel. »Wär mir wohl zu früh, wenn zu Allerheiligen schon der Schnee tät kommen. Da hat man ja Kraut und Rüben noch auf dem Acker.« »Wär wohl schad ums Kraut!« meinte der Riegelberger. Und so waren sie glücklich bei Kraut und Rüben. »Aber, Leute, von der Schule ist jetzt die Rede!« erinnerte der Doktor. »So!« fiel plötzlich der Tippelbauer mit seiner schleifenden Stimme ein. »Schöne Liebe zu den Kindern! Wenn sie in Schnee und Winter sollen in die Schul gehen? Und haben nit einmal Schuh. Sollen ihnen Schuhe kaufen, die Herren, wenn sie es ihnen schon so gut meinen. Wer in die Schul gehen soll, muß auch ein Gewand haben. Gewand sollen sie ihnen kaufen. Ist's nit wahr?« »Und braucht die Kinder auch im Winter daheim,« warf ein anderer ein. »Zum Dreschen, zum Ochsen füttern, zum Arbessen schälen.« »Aber Vetter!« sagte der Doktor. »Arbessen (Erbsen) wachsen ja gar keine in Duselbach.« »Daß weiß ich, daß keine wachsen!« fuhr jener drein, »schlecht genug, daß keine Arbessen wachsen bei uns. Kunnten aber wachsen, wenn's wärmer wär. Sollen nur einmal selber kommen und nachschauen, die Herren, was das für ein kalter Winkel ist. Wie kommen denn just wir dazu, daß bei uns nix will wachsen? Und Steuer zahlen müssen wir doch. Wie kommen wir denn dazu, frag ich?« Großartig sagte er das heraus. Die anderen schüttelten ihre Köpfe und meinten, 's wär schad um jede Red. Man sollt doch endlich einmal auf die Viehweide kommen. Wegen der Viehweide sei man zusammen gekommen. Der Buckelige aber ließ nicht locker. Immer wieder stellte er ihnen die besondere Begünstigung vor, die man den Duselbachern angedeihen lassen wolle, denn bei dem Umstande, daß die Vollzahl der Kinder nicht vorhanden sei, hätten sie eigentlich auf die Schule gar keinen Anspruch. »Es kann uns gefreuen, daß wir eine Schul kriegen sollen,« sagte der Tippelbauer, »rechtschaffen kann es uns gefreuen. Oder auch nit – wie man's nimmt. Von rechtswegen aber darf gar keine Schul sein in Duselbach! Denn wegen warum? Es kommen in der ganzen Gemein nicht vierzig Kinder zusammen. Nach dem Gesetz darf es gar nit sein, daß sie uns eine Schul aufhalsen.« Jetzt zog er die Pfeife aus dem Mund, hielt sie in der einen Hand und mit der andern hieb er auf den Tisch: »Männer! Wir brauchen die Schul gar nit anzunehmen! Haben keine vierzig Kinder nit! Sie können uns nit zwingen! Wenn Ihr mehr als dreißig schulmäßige Kinder zusammenbringt in ganz Duselbach, so zahl ich eine Maß!« »Kann eh sein,« stimmten die anderen bei, »wird eh nit anders sein!« »Können uns nit zwingen! Auch der Kurater zu Randau hat's gesagt. Ist eh nix wert die Neuschul, ist eh gescheiter, die Kinder lernen das Teufelwerk nit und bleiben schön bei ihrem alten Glauben. Ist's nit wahr?« »Wahr ist's. Sein tut's eh so.« »Also wollt Ihr die Schule oder wollt Ihr sie nicht?« fragte der Doktor ungeduldig. Sie schauten einander an und redeten schläferig so hin und her: »Weiß halt nit. Ist halt so eine z'widere Sach. Müßten es uns wohl gut überlegen. Es hats derweil ohne Schul getan, wird's fürder auch tun. Der Bauer hat eh nit Zeit zum Lesen. Der soll ehzeit arbeiten lernen. So was muß man sich gut überlegen. Derweil denk' ich: nit. Wird eh gescheiter sein, nit.« Der Doktor bezähmte seinen Zorn, es war ihm, er könne, er dürfe nicht nachgeben. Daher erinnerte er an jenen Feldwebel, der sein Glück gewesen, weil er bei ihm die Anfangsgründe gelernt. So könnte es auch bei anderen besser sein. »Ist eh wahr,« gaben sie bei. »Wenn derselb Feldwebel nit wär gewesen, so wärst du jetzt ein braver Bauernknecht zu Duselbach. Weil du halt aber die Buchstaben hast geschmeckt, bist uns davongelaufen. Und so täten's leicht unsere Kinder auch machen. Schon die alten Leut haben's gesagt: Der Bauer reitet auf dem Roß, der Herr auf dem Buchstaben.« Dieses Wort, dachte der Buckelige, hat einmal einen Sinn. Er erinnerte sich des Wortes: Der beste Wanderstab ist der Buchstab. Die ersten, die den Bauernstand verlassen, um was »Besseres« zu werden, sind solche, die lesen und schreiben können. Also hat das altgesessene Bauernblut eine instinktive Abneigung vor der Schule. Aber das alles muß doch bei der jetzigen Welt eine andere Richtung nehmen. »Liebe Leute,« sagte er dann, »jener kleine Deichgräber-Knabe ist fortgegangen, weil daheim keine große Nachfrage nach ihm gewesen war. Hätte er Haus und Hof gehabt, so würde er trotz seiner Buchstaben daheim geblieben sein. Probiert es doch einmal, lernt was und betreibt Eure Wirtschaft danach. Und fragt Eure Söhne, die Soldaten sind, wozu die Schule gut ist.« »Das ist schon einmal richtig wahr, daß ein Soldat arm ist, wenn er nicht lesen und schreiben kann,« gaben sie lebhaft bei. Der Rippelbauer war anderer Meinung, mit Lesen und Schreiben, sagte er, hätte noch kein Soldat den Feind verjagt. »Das ist eh wahr,« lachten sie, »da wird leicht eh was anderes dazugehören, als Lesen und Schreiben. Wenn sie dem Bauernstand schon aufhelfen wollen, so sollen sie unsere Buben daheimlassen, daß sie nit Soldat werden müssen. Das wär was! Mit dem bissel Schul werden sie unser Kraut nit fett machen.« »Wenn Ihr aber zur Schul gezwungen werdet?« Darob sprang der Tippelbauer von der Bank auf: »Ist schon recht. Nachher übergeben wir die Gschicht dem Doktor und führen Prozeß. Wo keine vierzig Kinder sind, da können sie nix machen. Na, na, wir sind nit so dumm, wie die Herren glauben, und daß wir's trutz sagen, wir brauchen keine Schul! und wir wollen keine! So, und jetzt gehen wir auf die Viehweid!« Also stand auch der buckelige Doktor auf, schier lustig war ihm zu Mut vor lauter Galle. Vor den Augen der Bauern drehte er sich dreimal um. »Schaut ihn noch einmal gut an,« sagte er, »so einen seht Ihr Euer Lebtag nimmer, 's ist einer, der Euch die Schule hat bringen wollen. Jetzt geht er fort. Werdet Ihr ihm nicht einmal nachlaufen? Wird schwer zu finden sein.« Dann begütigten sie. Es sei gut gemeint, sagten sie, man müsse ja recht schön dankbar sein, daß es Leute gibt, die die Duselbacher gescheit machen wollen. Leider Gottes, wer halt von Natur dumm sei, den mache kein Schulmeister gescheit. Und immer einmal sei ein dummer Bauer noch um ein Stück gescheiter, als – andere Leut, so die Felder mit Bücheln und Schreibfeldern düngen wollen, anstatt mit Mist. Nach solchen Auseinandersetzungen hielt ihm jeder der Bauern die Hand vor, er möcht halt nit bös sein und alleweil schön gesund bleiben. Dann ging er fort. Sie waren gar sehr mit sich zufrieden, so tapfer gewesen zu sein. Sie hatten sich als warme Schulfreunde gezeigt und doch das Ding entschieden abgelehnt, das ihnen so vom Grunde des Herzens zuwider war. So schmählich ist die gute Botschaft gescheitert bei den Bauern zu Duselbach. In welcher Stimmung der Rechtsanwalt in seine Stadt zurück kam, das läßt sich denken. Dort hatte er sonst oft seine Duselbacher gelobt und erhoben, jetzt mußte er sich mit ihnen um die Ecke ducken. Dann vergingen wieder Jahre. Die kleine Gemeinde in den Bergschluchten verwilderte immer mehr und die gescheiten Duselbacher wurden zum Gespötte des Landes. Man sprach davon, daß in Duselbach die Leute mit den Weisheitszähnen geboren würden, weshalb sie so unsinnig gescheit wären, und daß dem Gottvater die Welt nur deshalb mißraten sei, weil zur Zeit der Schöpfung noch keine Duselbacher existiert hätten, die er hätte um Rat fragen können. Und im ganzen Lande sei auf niemanden ein so guter Verlaß, als auf die Duselbacher, denn wer sich auf sie verlasse, der sei gründlich verlassen. Der buckelige Rechtsanwalt hatte anderes zu tun, als sich weiter um seine halsstarrigen Heimatsgenossen zu kümmern, aber eines Tages begegnete er einen von ihnen in der Stadt. Derselbe war am Sonntagsabend aus einem Wirtshaus hervorgetorkelt und auf das Pflaster gefallen. Der Doktor suchte ihm aufzuhelfen, da erkannte ihn jener und hub zu weinen an. Es war ein Soldat aus dem heimischen Regiment und er beklagte sich schluchzend, wie schlecht es ihm gehe, wie arg ihn die Kameraden hänselten und wie grob ihn der Hauptmann behandle, als ob er dümmer und geringer sei als andere, und wäre er doch der Tippelbauernsohn aus Duselbach. Und möchte er halt schön bitten, daß ihm der Herr Doktor einen Brief nach heim schreiben täte; die Kameraden wollten's ohne Geld nicht tun und täten allemal andere Sachen hineinschreiben, als er angebe, daß schon immer einmal ein Verdruß herausgekommen wäre. So habe ihm der Vater einmal einen alten Ochsenstriegel geschickt und er habe doch um Geld bitten lassen. Und sie – dieselbige – seine Herzliebste in Duselbach daheim, die habe ihm ein abscheuliches Wetter schreiben lassen, weil er ihr hätte schreiben lassen, sie solle ihm nur in Gottesnamen untreu werden, denn er sei ihr auch untreu geworden. Das sei aber heilig derlogen. Das habe er nicht so schreiben lassen, zu Fleiß hätten sie ihm's getan. Ein Kreuz sei es wohl, wenn sich der Mensch so gar nicht zu helfen wisse. Und vor lauter Verzagtheit kaufe er sich um den letzten Groschen einen Rausch, was auch wieder gefehlt wäre, so daß er sich schon am liebsten eine Kugel in den Hals schießen wolle. Solches brachte der Soldat weinerlich vor und bat den Buckeligen um Rath, und ob denn gar kein Mittel wäre, daß er es sich gescheiter einrichten könne. »Mensch!« rief der Doktor. »Wenn du mir da noch eine Weile vorflennest, so hau ich dich in den Erdboden hinein, daß du auf der andern Seite herausspritzest! Ein Soldat und winseln! – Willst du meinen Rat hören?« »Ich bitte drum, ich bitte gehorsamst.« »Und willst ihn auch befolgen?« »Mein Gott, freilich. Daß es nur besser sollt werden, 's ist nit zum Aushalten so. Nur ein Bissel was, daß ich mir helfen kunnt!« In den Sack langte der Buckelige nicht. Bei manchen Leuten kommen die Wohltaten alle nur beim Mund heraus. So sagte der Rechtsanwalt: »Das ist ja leicht, du bist jung, hast Zeit und Gelegenheit – trag's nach! Ich habe einst von einem braven Feldwebel das Lesen gelernt, mach du's auch so. In der Kaserne gibt's ihrer gewiß, die manchmal durstig sind und sich auf ein Glas Bier verdienen wollen. Die Lehrgroschen verschaff ich dir. Nimm Unterricht und hol's nach.« »Wie gut er ist, der Herr Doktor!« stöhnte der Soldat und wollte ihm die Hand küssen. »Bedank mich fleißig, wenn ich Bissel ein Geld hab, will ich leicht einen Lehrer finden.« »Nein, so nicht, Freund. Das Geld werde ich erst dem Lehrer in die Hand geben, bis ich sehe, daß es richtig ist.« Darauf haben sie noch etliches besprochen und der Soldat versicherte, daß es ganz gewiß richtig werden soll! Dann sind sie auseinander gegangen und der Doktor wartete Tag für Tag auf die Nachricht, daß der Tippelbauern-Sohn angefangen habe, Unterricht zu nehmen. Er hat umsonst gewartet. Der Soldat war, was er eben war und sein mußte – der Sohn seines Vaters. Der Rechtsanwalt, dem die Anhänglichkeit an sein Duselbach nicht abzuschwächen war, sollte aber doch eine Genugtuung erleben. Und was für eine! Unter den Parteien, die zu ihm kamen, um in Streitsachen ihr Recht zu suchen, befanden sich eines Tages auch drei Männer aus Duselbach. Einer mit grauem Haar und zwei aus jüngeren Jahrgängen. Der Graue begann gleich zu reden, legte seine ruppige Hand wagerecht an den Hals und sagte: Bis daher ginge ihnen das Wasser schon! Der Doktor dachte im ersten Augenblick wirklich an eine Überschwemmung in Duselbach, denn es war regnerische Zeit. Es war aber ein moralisches Wasser. Die Duselbacher meinten, sie wüßten sich in der neuen Zeit nicht mehr zu helfen. Betrogen würden sie von jedem Hausierer, der Amtsdiener bringe immer Schriften, die sie nicht lesen könnten, und wenn es ihnen der frühere Amtsdiener gutmütig vorgelesen und erklärt hätte, was in den Bogen stand, der junge gebe die Schriften allemal so lachend hin: »Lest's nur selber, ihr gescheiten Duselbacher, für mich ist's nit geschrieben, für Euch ist's geschrieben.« Der Richter sage immer, wer sich darauf ausredet, daß er das Gesetz nicht kenne, dem gebe er extra noch vierundzwanzig Stunden dazu. »Und erst die armen Kinder, wer weiß, was die alles erleben werden. Und sich nirgends auskennen! Nein, ohne Schule geht's nimmer.« Und sie seien gekommen und wollten tausendmal bitten um eine Schule. Sie selber könnten's nicht hermachen, Guttäter müßten sie suchen und da wären sie halt zu ihrem lieben Doktor gekommen! Wissen täten sie wohl, daß die Eltern einstmals einen groben Fehler gemacht hätten. »Ja, meine Lieben!« sagte hierauf der Buckelige. »So leicht das einstmals gegangen wäre, so schwer geht's jetzt. Wenn's überhaupt geht. Will's noch einmal versuchen, wenn's wirklich Euer Ernst ist. Und ich frage Euch jetzt, wollt Ihr allen Ernstes eine Schule?« »Aber mein Gott, Herr, halt ja, halt ja! Desweg sind wir ja da. Sind gestern den ganzen Tag gegangen, wer wollt einen so weiten Weg machen, wenn's nit Ernst wär! Die ganze Gemeinde laßt bitten!« »Und wenn's so weit kommt, es müßte jetzt ein Schulhaus erbaut werden. Würdet Ihr da nach Euren Kräften mittun mit Baumaterial, mit Arbeit?« »Heut lieber wie morgen, Herr Doktor, heut lieber wie morgen.« »Nun, so wollen wir sehen. Richte ich etwas aus, so schreibe ich Euch, daß wir noch in diesem Sommer bauen können.« Die Männer von Duselbach waren voll Freude über den guten Herrn und daß ihre Reise nicht umsonst gewesen. Kostet Geld genug, so eine Reise in die Stadt, und das übrige sollen nachher die andern tun, daheim! Der Buckelige arbeitete mit Dampf und Begeisterung. Er setzte alles in Bewegung, um seine Lieblingsidee nun endlich durchzusetzen. Sechs Wochen später war es so weit, daß ein großer Landauer wegshin fuhr gen die Berge von Duselbach. Der Buckelige saß darin, ferner der alte Excellenzherr, der sich einst für die Schule interessiert hatte, und ein Baumeister. Es war ein sonniger Julitag, im dunkelgrünen Tann funkelten die Tautropfen und neben dem Wege rauschte der Bach aus dem Gebirge den munteren Reisenden entgegen. Duselbach war beflaggt, die Rinder waren bekränzt, mit Bändern geziert, die Kinder trieben sich halbwild und scheu hinter den Scheunen umher und guckten neugierig an den Ecken hervor. Die Erwachsenen standen festlich gekleidet an der Straße und grüßten ehrerbietig die Ankömmlinge. Der Buckelige war gerührt, diesen Tag endlich erlebt zu haben, gar bescheidentlich saß er zusammengekauert im Wagen, aber sein großes Auge leuchtete hell auf den Excellenzherrn, als ob er sagen wollte: Siehe, das sind meine Duselbacher! – Im Wirtshause war hernach gemeinsames Essen, wobei der Ortsvorstand Riegelberger eine Dankrede sprach, die so hochdeutsch gehalten war, daß man sie kaum verstand. Es war das Kaplandeutsch von der Kanzel, nur weitaus schiefeckiger. Der Sinn war gut, er dankte für »die gnädige Schulhausbauerei, indem ihr uns alßo ein schenes Schulhauß mit Lehrer auferbauen wollt's.« Der Doktor drückte in seiner Erwiderung die Freude aus, daß seine Landsleute endlich klug und wohl auch opferwillig geworden seien. Sie würden Bäume fällen. Steine führen, Grundfesten graben, den Lehrer hernach achten, ihm das Leben erleichtern, kurz, zu fremder Hilfe auch das Ihre tun. Zum Schlusse sagte er, daß dieser Tag die Wiedergeburt seiner geliebten Heimatsgemeinde bedeute. Nach dem Essen gingen sie, um einen Platz zu bestimmen für das neue Schulhaus. Es gab eigentlich nur einen passenden; derselbe war am unteren Ende des Dorfes, wo die Seitenschlucht in den Hintergraben ausmündet. Ein hübsches, ebenes Wieselein zwischen dem Berghange und dem Bache. Es gehörte dem Stockmüller, und der Stockmüller sagte diesen Platz mit Freuden zu. Für ein Schulhaus gebe er ihn allemal, natürlich nur gegen einen anständigen Preis. Es würde wohl auch niemand Unbilliges von ihm verlangen wollen. Denn wie komme er dazu, die gute Wiese umsonst herzugeben? Er gebe sie einfür allemal mit samt dem Bergrain und für ewige Zeiten um einen Kaufpreis von tausend Gulden. Der Excellenzherr und der Doktor schauten sich verblüfft an. Der Baumeister schätzte den Platz auf ein viertel Joch im Werte von etwa fünfzig Gulden. Der Stockmüller behauptete, daß es Baugrund sei, denn sonst würde man kein Schulhaus drauf bauen wollen, und das müsse ein Baumeister am allerbesten wissen, daß Baugrund teurer ist als Wiesengrund. Er habe sich's überlegt, unter tausend Gulden sei keine Rede, und für diesen Preis nur ausnahmsweise, wegen der Schul. Die Herren wendeten sich von ihm ab und der Doktor fragte den Riegelberger, ob von seiner Berghalde am oberen Rande des Dorfes ein Stück zu haben sei. Der Riegelberger zuckte die Achseln. Es tue ihm leid, sei aber wohl nicht möglich, weil er vorhabe, auf der Berghalde sich selber ein Ausgedingshäusel hinzubauen. Der Tippelbauer jedoch erklärte sich sofort bereit. Er hätte seinen Anger hinter dem Wirtshause vom Herzen gern für das neue Schulhaus gestiftet und ganz umsonst! Leider aber habe er den Platz gerade ein paar Wochen früher an den Wirt verkauft. Nun wollte man sich an die übrigen Bauern wenden, die beim Essen dagewesen, allein sie hatten sich alle verzogen. Die drei Herren, die von weit hergekommen waren, um den Duselbachern ein Schulhaus zu gründen, standen mitten auf dem Dorfplatze allein da und über ihren Häuptern fächelte eine alte schmutziggelbe Fahne träge hin und her, bis sie der Wirt durch die Dachlucke einziehen ließ. Der arme Buckelige war so blaß geworden, daß ihn der Baumeister teilnehmend fragte, ob ihm nicht wohl sei? »Ganz abscheulich ist mir zu Mut!« stieß dieser hervor. Seine Excellenz zündete sich eine Zigarre an, schaute dabei mit dem einem Auge hinan zu den Felswänden, die im roten Abendscheine standen, und sagte; »Eine hübsche Gegend das! Romantisch!« »Mir graust!« rief der Buckelige. Jener klopfte ihm auf den Höcker und sprach: »Machen Sie sich nichts draus, lieber Doktor. Es stimmt ja ohnehin. Offen gesagt, ich hab's ungefähr so erwartet. Ich kenne Ihre Pappenheimer besser, als Sie selber, Sie unverbesserlicher Idealist, Sie! Die Jasager und Neintuer – sie werden damit schlafen gehen. – Wollen wir nicht einspannen lassen, meine Herren?« Als die Drei die Dorfstraße entlang fuhren, staute es sich. Der Hirt trieb eben die Herde von der Weide heim. Die Tiere bockten und drängten sich, trotteten klobig einher und glotzten dumm auf den Wagen. Der Excellenzherr rief von diesem aus einem Bauern zu: »Viel Rindvieh gibt's da bei Euch in Duselbach!« »Ja!« antwortete der Bauer stolz. Das herzhafteste Ja, das seit langem ausgesprochen wurde in diesen schönen Bergen. Die Tugendhaften »Heut früh ist schon eine ins Wasser gegangen!« wußte der Pailhofer zu erzählen, der auf dem Dorfplatze stand, nahe dem Brunnen, wo ein Fuhrmann sein Pferd wässerte und eine Magd ihren Zuber voll schöpfte. Weil sie darauf nicht achteten, des Brunnengeräusches wegen es vielleicht gar nicht gehört hatten, so sagte er es noch einmal: »Heut' früh ist eine ins Wasser gegangen.« »Geh plausch' nit,« antwortete der Fuhrmann. »Ins Bad vielleicht. Kann schon sein.« »Unten bei der Klausenwehr hat sie der Gemeindediener herausgefischt!« Schauten die am Brunnen auf. »Soll's wirklich wahr sein? Aber mein Gott, wer denn?« Der Pailhofer hob die Achseln und ließ sie wieder fallen. »Rat einmal.« »Unvergebens hineingefallen?« »Zufleiß hineingesprungen. Wird schier nit anders sein.« »Ein Weibsbild, sagst?« »Ein junges Weibsbild.« Er blinzelte mit einem Auge. »Jetzt, wenn's wahr ist, so red einmal!« rief die Magd am Brunnen. »Daß die Weiberleut' aber schon gar so viel neugierig mögen sein!« sagte der Pailhofer bedächtig und hub an, sich seine Pfeife zu stopfen. »Wer soll's denn lauter sein?« fragte der Fuhrmann mit leiser Stimme und schaute um sich. »Eine, um die's kein Schad ist,« antwortete der Bauer und strich mit dem Zündholz über den Hinterteil des Oberschenkels. »Hast sie eh auch gut gekannt, Fuhrmann. Hast eh auch gern dein Rössel bei ihr eingestellt.« »Mein Rössel? Ich? Beim Traubenwirt? Wird doch die nit –« »Wohl wohl! die Traubenwirtin ist ins Wasser gegangen. Maustot. Haben sie just vor einer halben Stund' in die Totenkammer getragen.« Die Magd stand sprachlos, der Fuhrmann klatschte vor Überraschung auf sein Bein. »Ja, warum denn?« »Weiß man's? Der Mannsbilder wegen wird's halt hergegangen sein. Weißt es eh, wie's die hat getrieben. Ich sag, die ist gut weg.« »O du heilige Zeit!« rief jetzt die Magd aus. »Heißt es doch, daß die Traubenwirtin ihren Mann so gern gehabt hat.« »Ja, und andere Männer noch lieber. Der ist jeder recht gewesen. Man hat's ja eh gesehen in ihrer Gaststuben. Alle Tag ist sie auf einem andern seinem Schoß gesessen. Das ist ein Luderl gewesen.« Dort unter den Roßkastanien hin ging ein Mann. Ein noch junger Mann. Er hatte keinen Hut auf, sein schwarzes Haar war verworren, er ging ganz langsam, wie unentschlossen. Er ging dem Pfarrhofe zu. Die am Brunnen taten, als sähen sie ihn nicht. Es war der Traubenwirt. Beim Pfarrer soll er mit gefalteten Händen um ein ehrliches Begräbnis gebeten haben. Sie wäre freilich nicht ganz so gewesen, wie sie hätte sein sollen, aber gern gehabt habe er sie doch. Der Arzt hätte gesagt, sie wäre ein krankes Leut gewesen, sie hätte halt so eine Natur gehabt. Einen Brief hätte man gefunden, da stehe was drinnen. Er bringe ihn, wenn der Herr Pfarrer wollt lesen. Dieser wehrte mit der Hand ab. »Eine Selbstmörderin! Da wird nichts gebetet und nichts gesungen und nichts geläutet. Ich darf nicht und ich darf nicht.« Da ist der Traubenwirt traurig wieder fortgegangen. Den Brief hatte man in ihrem Zimmerkörbchen gefunden, ganz obenauf über Nadelkissen und Zwirn. Die Zeilen waren schnell und schief hingeschrieben über das Blatt, sie waren an ihren Mann gerichtet. Dieser Brief hatte dem Traubenwirt schier das Herz gespalten. Er hatte ihn dann dem Gemeindevorsteher gezeigt, mit dem er auf der Gasse zusammengetroffen. Das war ein schlanker hagerer Mann mit einer großen Glatze. Man sah diese Glatze, so oft er an einem Bildstöckl vorbeikam und seine schwarze Tuchmütze zog. Er zog sie stets sehr tief und setzte sie erst wieder auf, wenn das Heiligenbild weit dahinter lag. Er war immer glatt rasiert und das als »Burgermeister«, und er trug immer ein schwarzes Tuchgewand, weil er auch das Amt eines Kirchenvorstehers versah. An Sonn- und Feiertagen zündete er in der Kirche die Lichter an, sammelte mit dem Klingelbeutel Münzen ein; bei Wallfahrten war er Vorbeter und Vorsänger und benahm sich mit demütig vorgebeugtem Haupte stets sehr erbaulich. Diesem Manne hatte der Traubenwirt den Brief gezeigt. Der Vorsteher steckte seine Brille auf die Nase, las ihn, las ihn ein zweitesmal, dann legte er ihn langsam zusammen, steckte ihn in seine Brusttasche und sagte: »Das ist nix für die Leut. Den Brief mußt nit umeinander zeigen. Ich heb dir ihn auf.« In der Tischlerwerkstatt hobelte der Geselle an den Sargbrettern. »Ein Bettstattl für die Traubenwirtin!« lachte jemand zum offenen Fenster herein. »Hast dich auch drum gekümmert, gelt?« »Ich denk' wohl!« brummte dieser kurz und die geringelten Späne flogen pfeifend aus dem Hobel. Auf dem Friedhofe waren zwei Männer beschäftigt, eine Grube auszuschaufeln. Der eine hatte einen ziegelroten Vollbart, der andere einen schwarzen Schnurrbart. Ein dritter schaffte mit einem Handkarren die ausgegrabenen Steine und Knochen an den Rain hinüber. Die zwei Grabenden stützten ihre Arme manchmal auf den Spatenstiel und schauten durch die offene Tür in die nahe Totenkammer, wo auf einem Schrägen die Leiche lag. Man sah aus dem Dunkeln von ihr nur die Fußsohlen der Frauenschuhe. Die Männer plauderten schmunzelnd über diese Schuhe und über die Strümpfe. Sie ergingen sich in Erinnerung »an allerhand Dummheiten,« die ihnen heute noch Spaß zu machen schienen. »Um die Schuh' ist's eigentlich schad',« sagte der Rotbärtige. »Wird sich nit viel wehren, wenn du ihr sie ausziehst.« »Hat sich nie viel gewehrt,« lachte der andere. »Gut, daß sie hin ist.« Da redete der Karrenschieber drein: »Da ist's halt immereinmal lustig gewesen, gelt? Dazumal, wie du ihr beim Almwirt den Krampamperl hast aufgewartet!« »Halt's Maul!« fuhr ihn der Rotbärtige an. Krampamperl, so nennt man in jener Gegend den mit gebranntem Zucker versetzten Glühwein, der bei ausgelassenen Gelagen beliebt wird, um »die Weibsbilder toll zu machen.« Am nächsten Tage schob der Rotbärtige den Sarg aus der Totenkammer bis an den Rand der Grube hin, so knapp, daß er endlich überkippte und mit dumpfen Gepolter hinabstürzte. Zugegen war der Traubenwirt, seine alte Mutter und der Bezirkskommissär. Sonst niemand. Außerhalb der Umfriedung standen ein paar müßige Leute und machten ihrer Entrüstung Luft darüber, daß ein solches »selbstmörderisches Mensch« in geweihter Erde begraben werde. Nach der Einscharrung ging der Traubenwirt zum Gemeindevorsteher und verlangte von ihm den Brief zurück. Der Mann erinnerte sich zuerst nicht, von welchem Briefe die Rede sei, dann durchsuchte er seine Säcke und sagte endlich, der Wisch müsse verstreut worden sein, oder gar in den Ofen geworfen. Die Magd pflege beim Ausstauben der Kleider solches Zeug wegzutun. Noch an demselben Tage sperrte der Traubenwirt sein Gasthaus. Aber es war um ein paar Jahr zu spät. Die Fahnelträgerin Am Ende leitet der Verein für Priesterschutz eine Verfolgung gegen mich ein, wenn ich wieder einmal einen schalkhaften Landpfarrer aufzeige. Ich habe an solchen Schalken im Talar halt einmal meine besondere Freude, es ist an ihnen so etwas Deutschderb-Christliches und seit Abraham Santa Clara hat mancher Eulenspiegel in der Kirche manche schläfrige Seele mit einem hellen Lachen aufgeweckt. Da oben im Gebirge, in dem kleinen weltentlegenen Wildalpen, soll er gelebt haben, mein lustiger Pfarrer, ich habe ihn persönlich nicht gekannt, denke mir ihn aber als einen behäbigen ältlichen Herrn, der die Gaben Gottes, soweit sie in Wildalpen geboten werden, nicht verschmäht, mit derbem Wort und gerader Tat der Wahrheit die Ehre gibt und die Frömmigkeit, wenn sie ihm zu süßlich wird, gerne mit einem dreisten Spaße würzt. Von seinen Predigten spricht man noch heute, es sei ihm gerade gut zuzuhören gewesen. Weil er den Nagel stets auf den Kopf getroffen, so habe er auch bei vernagelten Köpfen etwas ausgerichtet. Weitum war es bekannt, daß der Pfarrer von Wildalpen so possierlich predigen täte. Selbst in das neun Stunden entfernte Eisenerz hinüber war sein Ruf gedrungen. Dort kannten ihn etliche Krämer und Wirte sogar persönlich, weil er mehrmals des Jahres über das Gebirge herüberkam mit einem alten Buckelkorbe, um Kochsalz, Schnupftabak, Schreibzeug und andere Notwendigkeiten einzukaufen, die in seiner Wildnis zeitweise nicht zu haben waren. Wie ein Hochgebirgler kam er daher in Knielederhose, grünen Wadenstrümpfen und grobgenagelten Bundschuhen. Nur sein Kollare hatte er um den Hals gebunden und auch den Handküssen der Weiber und Kinder wehrte er nicht; das ist ja nicht dem alten Adam in mir vermeint, sagte er, sondern der heiligen Weih, die auch hinter der Lederhose überallhin mitgeht. Manchem halbgewachsenen Dirndl griff er ans Goderl: »Na, wie du aber wachst, Annamirl, das ist frei aus der Weis', da muß ich dir ja bald einen braven Mann suchen! Na, tu' nur schön brav bleiben; Gott behüte dich!« Da war es einmal, daß mehrere Eisenerzer Herren sich verabredeten, sie wollten doch einmal eine Bergtour machen nach Wildalpen hinüber, um den seltsamen Pfarrer predigen zu hören. Und das taten sie, ihrer fünf oder sechs, auch der Bergverwalter und der Rentner waren dabei, und der Zolleinnehmer, der schon seit Jahren inwendig keine Kirche gesehen und dessen Hosen immer nur beim Sitzteil, nie aber bei den Knien zu flicken gewesen, weil er wohl auf den Wirtsbänken, aber in keinem Betstuhl daheim war. Am Vorabend gingen sie bis zu einer schlechten Hütte auf der Eisenerzerhöhe, um am nächsten Tage, einem Sonntage, rechtzeitig zur Predigt in Wildalpen einzutreffen, was sie auch nach angestrengten Märschen zuwege brachten. Das Kirchlein war schon gefüllt mit Andächtigen und die vornehmen Gäste bargen sich möglichst hinter den Pfeilern, um von dem Pfarrer nicht etwa unzeitig bemerkt zu werden. Der mußte sich doch mit seinen Bauern allein wissen, um nach guter Gewohnheit loszulegen. Daß vor der Predigt in der Sakristei der Pfarrer und der Küster die Köpfe zusammensteckten, ist dem Erzähler wohl bekannt, aber die andern wußten es nicht. Und ist zu sagen, daß die Eisenerzer Herren mit Spannung auf die Predigt warteten, obschon dem dicken Rentmeister das Stehen gleich zum Beginne sauer ankam. »Grobe Wetter dauern ja nicht lang,« damit trösteten sie sich. Endlich erschien der Pfarrer auf der Kanzel. Ganz gleichmütig las er das Evangelium, betete dann das Vaterunser, was die Herren hinter den Pfeilern für ziemlich überflüssig hielten. Dann stand er auf, zog das blaue Taschentuch hervor, schneuzte sich schmetternd, wendete sich gegen den Kirchenraum und begann: »Meine lieben Pfarrkinder! Ich hab' mir's heut' überlegt. Was ich euch zu sagen hätt', das wißt ihr eh, befolgt nur das fleißig, was ich euch schon gesagt hab'. Heut' wollen wir statt einer Predigt um Erhaltung der Feldfrüchte drei Rosenkränze beten, den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen.« Dann kniete er wieder hin, begann das langwierige Gebet, das von der ebenfalls sich niederknienden Gemeinde eintönig nachgebetet wurde. Die Eisenerzer Herren schauten einander mit langen Gesichtern an, dann duckten sie sich noch weiter nach rückwärts, sachte dem Ausgange zu. Und wie sie abfahren wollten, war jetzt die Kirchentür zugesperrt – sie konnten nicht hinaus. Mit Entsetzen sahen sie sich verurteilt zum Psalter. Um nicht aufzufallen, mußten sie ebenfalls niederknien auf den steinharten Boden; wenn auch einer und der andere sein Sacktuch unters Knie bauschte, wenn sie auch einmal das rechte, einmal das linke Knie vorspannten, so blieben doch die Rosenkränze höchst schmerzhaft – alle drei. Als endlich, endlich nach geendetem Gottesdienste der Küster kam und mit einem absichtlich höchst einfältig stilisierten Gesicht die Kirchentür aufsperrte, huschten die fremden Gäste hinaus und davon und waren fürder nicht mehr leckerig auf eine Predigt des Pfarrers von Wildalpen. Solche Geschichten also werden erzählt von diesem Dorfpfarrer, der eines Abends auf dem Kirchplatz stand hinter der Linde und heimlich einem sauberen Almdirndl zuschaute. Er wird eigentlich wohl nicht so sehr gelugt haben, weil sie so frisch und sauber war, denn solche Dirndeln sind nichts Neues in Wildalpen, als vielmehr, weil sie so andächtig vor dem großen Kruzifix kniete und betete. Einen schwarzen Filzhut hatte sie auf und ein blaues Röcklein an, das hoffentlich etwas weiter hinabgehen wird, wenn sie erst nicht mehr kniet. Neben ihr auf der Erde war ein weißes Bündel mit Achselbändern. Als sie nach verrichteter Andacht aufstand, trat der Pfarrer vor und fragte sie ohne weiters: »Nau, Dirn, woher? wohin?« »Küß die Hand, Hochwürden!« antwortete sie, derweil sie sich zu schaffen machte, das Bündel aufzuladen. »Von der Alm herab und nach Mariazell.« Er setzte sich auf die Kniebank hin vor das Kreuz und lud sie ein, doch auch ein wenig zu rasten. Gar weit würde sie ohnehin nicht mehr kommen an diesem Abend. »Wenn's halt noch bis Weichselboden tät geh'n,« sagte sie. »Oho! Das wirst nimmer dermachen mögen.« »Müd bin ich noch gar nit, von der Brennalm komm' ich herab. Das Almvieh haben wir gestern abgetrieben ins Gams hinüber, wo ich daheim bin, und jetzt will ich g'rad einmal unserer lieben Frau Dank sagen gehen, daß mir meine Küh' und Kalben und Säue gesund sind verblieben über den Sommer und ich meinem Bauern hübsch ein eichtl Butter und Käs hab' können heimschicken.« So plauderte sie treuherzig und schaute aus dem roten Rundgesichtlein munter auf den Pfarrer hin. »Almerin,« sprach hierauf dieser: »Du bleibst heut' da und morgen gehst mit uns. Du weißt es doch, daß wir Wildalpner morgen auch nach Mariazell gehen – mit der Prozession. Müssen freilich schon mit dem Haushahn auf, wenn wir beizeiten in Zell sein wollen. Deswegen gehst bald schlafen. Magst nicht im Pfarrhof über Nacht bleiben?« Dem Dirndl war das recht, aber die Haushälterin nachher wollte Umstände machen. »Wo tät ma's denn hin, das fremd' Weibsbild? Im Kaplanstübel sind jetzt die Hühner und das Bischofzimmer ist voller Krautgebel, wissens eh, Herr Pfarrer!« »Ah mei, für mich ist gleich was gut!« versicherte die Almerin bescheidentlich. »Im Stadl auf ein' Schaub Stroh schlaf' ich wie ein Ratz!« Nachtmahl essen taten sie selbander zu dreien. Es gab Eierschöberl mit Milch, aber als der Pfarrer eine wohlverkorkte Flasche Apfelwein auftun wollte, fand die Haushälterin den Stoppelzieher nicht und erinnerte, daß die Zellerprozession am nächsten Morgen zeitlich abziehen müsse. »Was glaubst, Dirndl!« rief der Pfarrer plötzlich und hieb seine flache Hand auf den Tisch, daß die Almerin schier erschrocken einzuckte, »bist denn so schreckig, Nandl oder Kathl oder wie du heißt. Oder bist eine schlimme Liesel?« »Nix derraten, Herr Pfarrer,« antwortete die Almerin. »Heißen tu' ich wie dieselbige, die wir morgen heimsuchen gehen.« Aus Schämigkeit darüber, daß sie sich unbedacht mit der Gottesmutter verglichen hatte, deckte sie eine Wange mit der Hand zu und mit dem anderen Auge forschte sie aus, was der Pfarrer zu einer solchen Hoffart für ein Gesicht machen werde. Dieser aber knüpfte von vorne wieder an: »Also Maria! Was glaubst, Maria, wirst uns Wildalpern morgen das Fahnl (Fähnchen) vorantragen? Spaß und Ernst auch, wir haben keinen Fahnltrager; der Kirchenbub, der sonst mit der Fahnenstang' gegangen ist, fahrt mit seinem Rössel hintendrein, mit der alten Fischerin, die zu Fuß nicht mehr mitkommen kann. Andere Mannsbilder wird's wieder nicht viel geben. Will ja keiner mit bei der Prozession, Lauter alte Weiber. Und gleich, Dirndl, wie ich dich heut' hab' gesehen, was du für ein nutzes Stuck bist, hab' ich mir gedacht, das wär' die richtige Fahnlträgerin. Ein sauberes rotes Fahndl, ist die heilige Barbara drauf, den Wildalpern ihre. Und recht komod zu tragen. Gar nix schwer, aber eine Ehr', wie die Leut' sagen. Dem Kirchenbuben tut's eh leid, möcht' eh lieber mit der Fahnstang' gehen, wie mit der alten Fischerin.« Das Dirndl war über die ihr in Aussicht gestellte Würde ganz verblüfft. »Wenn die alte Fischerin mich kunnt brauchen!« sagte sie kleinlaut. »Bist schon einmal mit einem Roß gefahren?« »Das freilich wohl nicht. Aber Fahnl hab' ich auch noch keins getragen. Ich möcht' mich nicht schicken können. Die Fahnltrager müssen vorausgehen und ich weiß den Weg nicht recht gut.« »Hättest ihn für dich allein nicht verfehlt, wirst ihn auch mit der Prozession nicht verfehlen. Dein Bündel muß dir wer anderer tragen, das versteht sich. Und zehrungsfrei gehalten wirst von der Gemeinde. Ist alter Brauch.« »Um das gehts mir nicht. Etliche Sechserln hab' ich wohl selber bei mir. Aber mein Lebtag hab' ich's nicht gehört, daß bei der Zellerprozession ein Weibsbild fahnltragen tut.« »Gelt! Die Mariazeller werden einmal schauen, wenn die Wildalper mit einer bildsauberen Fahnlträgerin anrucken!« rief der Pfarrer lustig aus. »Also? Abgemacht und petschiert!« »Na, Herr Pfarrer, na. Zu tot schämen tat ich mich mit der Fahn'. Ich taug' nicht dazu. Werd's doch noch so viel ein Mannsbild zusammenbringen in Wildalpen, daß er die Fahnstang' tragt!« »Mannsbilder genug, liebe Dirn, Mannsbilder mehr als zu viel. Aber zu hoffärtig und nixnutzig sind sie mir für die Fahn'. Fuchteln um damit wie mit einem Peitschenstecken. Und nicht aufpassen. In der Beitsch drüben hat gar einmal einer frühmorgens, wie die Wallfahrer vom Wirtshaus fort sind, verschlafenerweis' statt der Fahnenstang' den Ofenbesen derwischt; daß die Leut' heut noch darüber lachen. Na, na, Maria, die Fahn' mußt morgen du zu dir nehmen. Die Zeller Muttergottes wird uns doppelt gnadenreich sein, wenn wir mit so einer braven, demütigen Fahnltragerin anrucken. Also, es bleibt dabei. Um fünf Uhr ist die Meß, nachher hebst dir dein Fahnstangel aus dem Bankhalter und wir marschieren in Gottesnamen ab.« Überredet hat er sie. Was kann ich denn machen? dachte die Almerin. Gegessen hab' ich jetzt im Pfarrhof und über Nacht bleib' ich im Pfarrhof; wenn er wahrhaftig will, daß ich's Fahnl trag', so wär's eine rechte Undankbarkeit, wollt' ich mich noch länger spreizen. Und sagt: »In Gottesnamen, Herr Pfarrer. Ich hab den Futterkorb dertragen auf der Alm, ich werd' das Fahnl auch noch dertragen mögen.« Das war festgemacht. Dann stand schon die Haushälterin mit dem Kerzenleuchter da, daß sie das Dirndl in den Stadl hinausbringe aufs Stroh. Der Pfarrer gab der Almerin noch den Abendsegen: »Schlaf' dich aus, lass' dir was Gutes träumen und denk', wenn's wieder Nacht wird, sind wir in Mariazell.« Also führte sie die Haushälterin hinaus ins Wirtschaftsgebäude, über eine Leiter hinauf und wies ihr einen Haufen Stroh an. Ein etwas mürrisches »Gute Nacht!«, dann ging sie mit dem Kerzenlicht über den knarrenden Bretterboden hin und dachte: Was sich unser Herr Pfarrer doch immereinmal für Leut' aufgabelt! So ein bunkig's (rundliches) Weibmensch Fahnl tragen! Und morgen früh wird sie ihren Kaffee haben wollen. Der Herr Pfarrer hatte auch noch einen Gedanken, bevor er am selbigen Abend einschlief. Schade, daß ich's vorigen Sonntag noch nicht hab' verkünden können, was wir dies Jahr für eine Fahnltragerin haben. Da hätten sich gleich alle Burschen von Wildalpen zur Prozession gemeldet. Die ärgsten Gedanken aber hatte unser Almdirndl auf dem Stroh. Als Kopfkissen hatte sie ihr Bündel gelegt und die Füße hatte sie ins Stroh gebohrt. Sonst war ihr warm. Aber immer mußte sie dran denken. Geradezu die Versuchung war da, ihr Wort nicht zu halten. Jetzt erst bedachte sie recht, was sie da zugesagt hatte. So ein einfältig Almdirndl, das immer nur beim Vieh gewesen, das alleweis am liebsten bei ihren Kühen und Kalben allein ist gewesen und nicht weiß, was sich schickt – das soll jetzt vor dem Leutschock her Fahnltragen! Und was sie für ein Gewand an hat! Hätt' man so was vorher gewußt, wollt' man den roten Sonntagskittel angelegt haben und die weißen Baumwollstrümpf'. Und wenn die Mannerleut' hinten drein gehen und heimlich ihr Gespött treiben! Und schon ums Kaiserg'schloß in der Radmer nicht! Sie tut's nicht. Das Fahndl soll tragen wer will, sie tut's nicht. Aber! was wird der Herr Pfarrer sagen, der ihr drum so gut zugeredet hat und dem sie zugesagt hat? – Da gibt's kein anderes Mittel als durchgehen. – Kein Aug' hat sie zugetan. Die Kirchenuhr schlägt zwölf und nach einer langen Weile eins. Du liebe Welt, wie stad (langsam) die Zeit vergeht, wenn der Mensch so da liegt und keinen Schlaf hat. Endlich schlägt es zwei Uhr. Noch drei Stunden und sie muß an die Fahnenstange. Jetzt geht der Mond auf und scheint wässerig durchs Dachfenster herein. Da hebt sie sich hastig, schüttelt das Stroh von dem Gewand, nimmt ihr Bündel auf, hängt sich's an den Rücken, steigt vorsichtig die Leiter herab. Und wie sie in der freien kühlen Nacht steht und vor ihr die Straße blaß und still dahin liegt, da läßt sie einen frischen Atemzug aufspringen und eilt wegshin – die Richtung gen Mariazell. Finsterer Wald, bisweilen blinkt ein Mondstrahl auf die Straße, dann wieder steht der Mond hinter hohen Felsen und in der Schlucht rauscht die Salza. Endlich wird der Himmel blasser über den Gebirgskämmen, kalter Wind fächelt in den Bäumen, helle Vogelstimmen werden laut – es kommt der Tag. Dort, wo die Straße durch eine stille ebene Au führt, bleibt die einsame Wanderin stehen und horcht. Ob man am Ende nicht schon die Wallfahrerprozession beten oder singen hört hinten drein? Oder ob der Herr Pfarrer nicht etwa gar den Kirchenbuben nachschickt, um die Flüchtige einzuholen und mit Ernst zurückzuführen zu ihrer Pflicht. Dann eilt sie weiter, je heller der Tag, je schneller ihre Schritte. Nach Stunden kommt sie ins Dörfchen Weichselboden, das in einem stillen Wiesentale liegt zwischen schauerlich aufsteigenden Felswänden. Sie hätte Hunger und Durst, wagt es aber nicht, im Wirtshause einzukehren aus Angst, die Prozession von Wildalpen könnte sie einholen. Ein Stück Brot und ein wenig Käse holt sie aus ihrem Bündel hervor, an der Quelle Wasser trinkt sie, und eilt weiter. Die Straße geht bergan und talab. Holzknechte und Steinschläger, Kohlenfuhrwerke, auch Roheisenwagen begegnen ihr in der Bergwildnis, und mancher Hirt treibt seine Herde daher und ruft ihr ein munteres Wort zum Gruße zu. Marand Josef, denkt sie, wenn mich alle diese Leut' gesehen hätten mit der Fahnlstang', zu Tod hätt' ich mich geschamt, in den Erdboden hinein, und ist er auch noch so steinhart. Hoher Mittag, da kommt sie ins Gußwerk, wo die großen Hochöfen stehen und Eisenhämmer und die weiße Kirche. In diese kehrt sie ein wenig ein, um sich andächtig vorzubereiten auf Mariazell, dem sie schon nahe ist. Dann spricht sie bei einer kleinen armen Hütte um einen Löffel Suppe zu; bei großen Häusern, denkt sie, kriegt man ja ohnehin nichts geschenkt. Rückt dann wieder ihr Bündel zurecht und wandert rasch – sich immer umsehend, ob ihr nicht etwa die Wildalper schon auf der Ferse seien – nach Mariazell hinein, wo sie ganz verschwitzt und erschöpft ankommt. In der großen Wallfahrtskirche bringt sie ihren Ankunftsgruß der lieben Frau und dann eilt sie wieder ins Freie, um nach der Wildalper Prozession auszuschauen. Diese kommt erst gegen Abend an. Das rote Fähnlein mit dem funkelnden Kreuz flattert über der kleinen Schar von Weibern, Greisen und einigen jungen Burschen, die während des lauten Singens ihre Augen vorwitzig nach allen Seiten ausflattern lassen. So viele und schöne Häuser, eine so prachtvolle Kirche und so allerhand Leute sieht man in Wildalpen freilich nicht. Ein weißköpfiger Alter, der den Hut hinten am Nacken hängen hat, trägt die Fahne, sicher und würdig trägt er sie und neigt sie dreimal vor dem Kirchentor. Hinter ihm geht der Pfarrer im Chorrock, und unserer Almerin, die sich hinter eine Mauer duckt, ist es, als schaue er finster drein und strampfe mit den Füßen wie einer, der auf jemand einen großen Zorn hat. Sie schleicht hinaus auf den Markt und kauft sieben kleine Kühe aus rotem Wachs und drei Kälbchen aus weißem. Diese trägt sie in die Kirche und an der Mariensäule, wo über einem Haufen ähnlicher Wachsgebilde viele Lichter brennen, legt sie ihre Opfer hin, und kniet davor nieder, und während die Wildalper weit hinten an dem Gnadenaltar ihren Preisgesang tun, gedenkt die junge Almerin ihrer Herde von der Brennalm und betet in Einfalt für die Kuh und jedes Kalb und jedes Schwein, daß die Himmelmutter, so wie den Sommer über, sie auch im Winter beschützen möge. In der Kirche, in den Winkeln und Seitenkapellen, in den Gewölben und Kuppeln dunkelt der Abend. Maria, die Hirtin, kniet unbeweglich vor dem Lichterherd und ist versunken in liebevolles Gedenken an ihre Tiere. Sonst hat sie bisher ja niemand begegnet, der so sehr ihrer Liebe bedurfte als die guten Rinder mit den treuen großen Augen. Das Gefühl war süß, und doch ist der Maid nicht ganz wohl zumute gewesen bei dieser Andacht. Wenn sie jetzt zum Beichtstuhl gehen soll, so wird sie auch sagen müssen, daß sie eine gar weltlich gesinnte, eitle, unverläßliche Person ist. Der Beichtstühle gibt es in allen Winkeln und in jedem sitzt einer drinnen. Sie sieht, wie ein paar Wildalperburschen in grünverbrämten Lodengewand an den Beichtstühlen hinschleichen und überlegen, in welchem der nachsichtigste Beichtvater sitzen könnte. 's ist ein Unterschied und mancher Knab' hat ein besonderes Bündel, das er daheim beim eigenen Pfarrer nicht gerne auspackt. Jahre alte Sachen sind drinnen, die man nur auf der Wallfahrt anbringen mag. In einer gar dunklen Nische steht ein Beichtstuhl und den wählt unser Almdirndl. Und bekennt dem würdigen Greis, der drinnen sitzt, ihre Sünden. Besonders die von Wildalpen, wie sie dort vom Herrn Pfarrer so gütig in der Herberge aufgenommen worden sei, recht tüchtig gegessen habe, wie sie das Fahnltragen versprochen hätt', dann aber in der Nacht ganz leichtsinnig durchgegangen wäre. Und was sagte auf dieses Bekenntnis der Beichtvater? »Liebes Kind! Da du deine Sünde beichtest und bereuest, so will ich dich davon lossprechen und dir eine heilsame Buße aufgeben. Hast du das Wildalper Fahnl schon nicht ausgetragen, so wirst es heimtragen.« Und jetzt merkte sie 's erst zu ihrem Schreck, ihr Beichtvater war kein andere als der Herr Pfarrer von Wildalpen. – So ungeschickt! Just den zu erwischen! grollte sie zornig sich selber aus. Es muß mir rein aufgesetzt sein, daß ich Fahnltragen muß. Nau meinetwegen, Buß' ist Buß' und so eine Fahnstang' wird mich auch noch nicht umbringen. Dann am Mittag des nächsten Tages, als alle und jedes ihre frommen Obliegenheiten verrichtet hatten, sammelten die Wildalper sich in der Kirche, um in guter Ordnung auszuziehen, wie sie eingezogen waren. Da winkte der weißköpfige Alte die Maria aus der Bank, nahm ihr das ohnehin zusammengeschrumpfte Bündel ab und hing ihr einen Lederriemen um die Achsel, an dem unten eine Hülse war. Dann hob er aus einem Fahnenhalter vor dem Gnadenaltar das rote Fähnlein mit dem Bildnisse der heiligen Barbara, gab es dem Dirndel in die Hände, das untere Ende der Stange in die Hülse versenkend. So jetzt war sie angeschirrt. Aber das war ja federleicht zu tragen und nahm sie sich vor, gewissenhaft und tapfer ihren Beruf zu erfüllen. Stramm voraus. Hintendrein die alten Weiber und Dirnen und Greise und Bursche – auch die zwei mit dem grünausgebrämten Lodengewand. Sie hörte flüstern und kichern. Das ist ihr jetzt schon alles eins, wenn sie sich ausgekudert haben, werden sie schon aufhören. Ihr schwarzes Hütlein hatte sie sich fest in die Stirn gedrückt. Als Frauenzimmer kann sie es auch beim Beten und Singen aufbehalten und braucht es nicht an den Rücken zu hängen. Der Herr Pfarrer guckte mit stillem Wohlgefallen auf die tapfere Büßerin und wenn Leute, die sie auf der Straße begegneten, stehen blieben und mal dreinschauten, was die Wildalper für eine saubere Fahnenträgerin haben, war der Pfarrer nicht wenig stolz darauf und sagte das Wort: »Paßt auf, der Schock wird bald wachsen. Dieser Fahne folgen auch die Waldlotter!« Denn es hatten sich schon etliche Holzhauer und Pechschaber angeschlossen und sogar ein schmucker Jägerbursch' ging eine Strecke mit der Prozession und surrte den Psalter, sein Auge andächtig auf die Fahnenstange gerichtet. In Weichselboden kehrten sie ein wenig im Wirtshause zu und Maria lehnte die Fahne neben der Türe an die Wand, um die Schale Kaffee zu trinken, die sie vermöge ihres Amtes vorgesetzt bekam. Ein wenig schämte sie sich zwar darob, doch tauchte sie mutig ihre Semmel ein und genoß die wohlverdiente Sach', immer mit dem Auge wachsam. Plötzlich sprang sie auf, eilte zur Türe hinaus und erfaßte dort einen der grünverbrämten Lodenburschen am Kragen: »Oho Bübel! Derweil gehört das Fahnl noch mein!« Und entriß ihm das schon zusammengerollte Fähnlein, das er von der Stange gelöst hatte, in der Absicht, es ihr scherzeshalber zu entwenden. Er ließ sie nicht willig los und da im Augenblick die Ringenden sonst niemand sah, so suchte der lebfrische Bursch im Kampfe um die Fahne seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen und ihr Rundgesichtchen an seinen Mund zu bekommen. Aber das Almdirndl wehrte sich so heldenhaft, daß er weder Fahne noch Kuß eroberte, vielmehr unter Gelächter Herbeieilender mit Schand und Spott abziehen mußte. Der Pfarrer hatte zum Glück von diesem Angriffe nichts gewahrt, sonst hätte es wohl ein höllisches Wetter setzen mögen. Es dunkelte, es wurde finster und sie waren noch lange nicht daheim. Das Beten unterwegs hatten sie aufgegeben, stolperten und tappten nur langsam so dahin auf schlechtem Wege. Der weißköpfige Alte hatte der Maria die Fahne abnehmen wollen, um sie einzuwickeln und die Stange bequemer über der Achsel tragen zu können. Aber das Dirndl gab sie nicht her, hoch aufrecht wie am Tage trug sie die Fahne in der Nacht, sie tat's ja nicht der Leute wegen und Gott hat auch in der Nacht helle Augen. Die Schar war merklich kleiner geworden und als endlich das Dörfchen Wildalpen erreicht wurde, löste sie sich schon halb verschlafen auf. Aber ehe das Dirndl noch die Fahne an den Alten abgeben konnte, war ein Augenblick, daß der grünausgebrämte Bursch neben ihr stand und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Da schwang sie die Stange: »Soll ich dir eins geben?!« Am nächsten Morgen wanderte das Dirndl seiner Heimatgegend zu und es kümmerte sich niemand mehr um sie – ausgenommen der eine. Der junge Großbauer Steinschlachtiger ging eines Tages nach der Messe dem Pfarrer zu auf dem Kirchplatze und er möchte wissen, was es mit der Fahnlträgerin sei? Schief blinzelte der Pfarrer den Grünbesämten an und sagte endlich: »Schau du! Gewundert hätt's mich, wenn du nicht gekommen wärst fragen. Hab's wohl wahrgenommen dazumal auf der Wallfahrt. Aber ich bin nicht so dumm, dir ihren Unterschlupf zu verraten.« »Meiner Seel', Herr Pfarrer, die möcht' ich heiraten!« »Das glaub' ich dir, Franzi. Aber ich fürcht', einen solchen Lotter nimmt sie nicht.« »Mich ziemt, wenn ich die hätt', so wollt' ich brav werden.« »Das ist eine Red,« antwortete der Pfarrer. Aber als dieser nachher bei einem Amtsbruderbesuch in Gams der Maria begegnete, die im schlechten Kitterl mit dem Spaten auf der Achsel ins Erdapfelgraben ging und er bei ihr gleich das Kuppeln versuchte für den jungen Burschen, antwortete sie scharf: »Er hat gesagt, wenn er mich hätt', nachher wollt' er brav werden? Ich laß' ihm sagen: Wenn er erst brav wird, nachher kann er mich haben.« Drauf ein wenig ungleich der Pfarrer: »Aber 's ist ein blutarmer Bursch', muß ich sagen. Steinerschlagen tut er und geht's halt ein bissel kümmerlich her in seiner Hütten.« »Das macht mir nix, das Kümmerliche bin ich eh gewohnt. Wenn er brav wird, so mag ich ihn.« »Jesseles, Madl!« rief der Pfarrer aus und faßte sie an beiden Händen, als ob er auf der Straße mit ihr eins tanzen wollte, »du machst ja dein Glück! Ein reicher Bauer ist er. Der größt' in meiner Pfarr'! Und brav ist er so weit auch – wenn man die verliebten Übermütigkeiten ausnimmt. Und die gewöhnen sich im Ehestand bald ab. Also ich darf ihm sagen, daß er kommen mag? Schon am nächsten Sonntag, wenn Ihr wollt', schmeiß' ich Euch von der Kanzel herab.« Mit großen Augen, fast erschrocken, schaute sie auf, was ihr da widerfahren soll mit dem Burschen, von dem sie seit der Wallfahrt immer hat träumen müssen. »Siehst du,« rief der Pfarrer, »siehst du, Dirndl, den Mann schickt dir die Zeller Mutter für's Fahnltragen!« Der Geistbrenner Wer einmal so fünfzig Jahre lang Zeuge des Weltlaufes gewesen, bei dem müßte sich, so sollte man meinen, der ganze innere Mensch geändert haben. Alles ist ja so unerhört anders, als man's in der Jugend gesehen, geträumt hat. Die lange Reihe von Hoffnungen, Überraschungen und Enttäuschungen, von Freuden und Qualen, von Entwickelungen und Verwickelungen und Lösungen, bei denen immer wieder alles erwartet wird und immer wieder nichts herauskommt: diese Reihe von großartig aufgedonnerten Nichtigkeiten müßte ein denkendes Wesen doch endlich gleichgültig machen, in den Zustand jenes Träumenden versetzen, der bei keiner Feuersbrunst mehr aufschreit, bei keinem Sturz mehr zusammenzuckt, weil er in seinem Halbschlummer weiß: es ist doch nur ein Traum. Jawohl, wer fünfzig Jahre lang am sausenden Webstuhl der Zeit steht, der müßte es endlich doch weghaben, wie die Fäden geknüpft, verschlungen und die Knoten wieder gelöst oder zerhauen werden. Er müßte sehen, daß jeder, der da mit hineingewoben wird, eigentlich gleich gut daran ist, ob sein Faden nun geradeaus oder querüberläuft. Ein Kreuz bildets immer. Der Sehende kommt ruhig darüber hinweg; der mit den übrigen Fäden ringende und sich verklemmende, auf andere Fäden sich stützende, in andere Fäden sich bergende und doch für sich ein freier selbstsüchtiger Ichfaden sein wollende Hascher und Haber leidet ganz verzweifelt. Der ruhig Schauende ändert sich im Lauf seines Lebens. Der Haschende und Habende ändert sich nicht. Dieser ist lediglich Stoff, der nach gemeinen Naturgesetzen steigt und fällt, sich physisch ausdehnt, chemisch verbindet und nicht anders als ein Klumpen Erde mittun muß in dem Kessel, aus dem ewig die Blasen steigen und in dem der Bodensatz in die Tiefe sinkt. Die Haschenden und Habenden, sie sind es, die den Kampf ums Dasein mit demselben trostlosen Stumpfsinn ringen wie der Wurm und die Milbe und die Eintagsfliege. Die Haschenden und Habenden, sie sind für sich nichts; erst wenn sie sich mit Gleichwertigem, mit der Stoffmasse verbinden, scheinen sie Etwas zu sein, wenigstens so viel, daß sie sich selbst und Gleichgearteten genügen. Sie schauen nicht, sie denken nicht, sie sind bloß, wie ein Schwammtier oder ein Weichtier ist. Diese rein materiellen Menschen sind eigentlich das Unschuldigste, was es geben kann; sie sind ja halb unbewußte Wesen; sie dämmern so hin im Verdauungsschlummer, als ob sie zu viel gefressen hätten, oder sie greifen instinktiv immer und immer mit ihren Fängern aus wie Seetiere, die alles, was sie erhaschen können, einmal an sich ziehen, wenn sie auch, längst übersättigt, alles wieder fallen lassen müssen. Die Hascher und Haber, diese Ärmsten! Und doch: diese Glücklichen! Weil sie ja so kurzsichtig sind und so tief in ihren Tag hineingebettet, daß sie keine Ahnung haben von den ewigen, glühenden, göttlichen Dingen, die den Schauenden nimmer zur Ruhe kommen lassen. Der reine Stoffmensch ändert sich nicht durch ein Erleben; er ist als Greis innerlich derselbe, der er als Kind gewesen, wenn auch nicht immer ein Habender, wohl aber immer ein Haschender. Er denkt nicht weit genug, um sich zu fragen, wie er die erhaschte Beute nutzen werde; er denkt kaum daran, welchen Wert sie für ihn hat; er lebt in der dämmernden Vorstellung dahin: Das gehört mir! Es ist ein Versunkensein in die Stoffwelt, ein fast friedlicher Schlaf. Aber der Schauende ändert sich in seinen späteren Tagen. Er mag in der Jugend von den Sinnen zum Stoff hingezogen worden sein; aber als ihm das Auge aufging, trat er ein wenig zurück von dem sausenden Webstuhl, um nicht in das grobe Tuch der Menge mitverwoben zu werden. Er beobachtete, wie da alles vor sich ging, betrachtete seinen Standpunkt gegenüber dem Tuch und dessen Weber, – war ein Schauender geworden. Was da aufsteht, das wird von der Menge mit Jubel begrüßt, was hinfällt, mit Schreck und Klage bestattet. Der Schauende jubelt nicht, erschrickt nicht und klagt nicht. Er weiß: diese Schürzungen und Lösungen sind selbstverständliche Vorgänge am Webstuhl. Er sieht den Wandel und Wechsel im Kleinen, er empfindet mit, wie die einzelne Kreatur vergehend aufschreit: Ich sterbe, jetzt ist alles aus! Und doch ist nichts aus; alles flutet im gleichen mächtigen Lebensstrom weiter dahin und der Lebensstrom ist und bleibt so urfrisch wie am ersten Schöpfungstage. – Dieses Sehen hat den Schauenden verwandelt. Er war Stoffwesen und ist ein vergeistigter Mensch geworden; er steht gleichsam außerhalb des Schlagbalkens, der die Fäden aneinanderstößt; er schaut vergnüglich dem Weber zu. Aber wenn er ihn fragt: »Meister, wozu das viele Tuch, das du webest und auf die Rolle windest?«, so bekommt er keine Antwort. Vor etlichen Jahren war ich eines Tages an der Reichsstraße in eine Hütte eingekehrt. Eine ziemlich armselige Hütte, in deren Mauerspalten Gras keimte. An der schiefwinkligen Tür, deren Fugen mit Moos verstopft waren, klebte ein Blatt Papier, auf dem in ungefüger Handschrift die Worte standen: »Hotel zum Napoleon«. In der Hütte saß ein alter Mann in einem Zwilchkittel, aber barfuß. Er hatte einen schönen weißen Bart, einen Holzblock zwischen den Händen und stampfte im Bottich Vogelbeeren ein. Meine Anfrage, ob ich während des Gewitterregens in seinem Haus Unterstand halten dürfe, wurde damit beantwortet, daß der Alte Körbe und Stiefel von der Wandbank wegräumte, auf daß der Gast sich behaglich niederlassen könne. Sogar einen Lodenmantel rollte er zusammen zu einem Hauptkissen, falls ich mich ein Bißchen hinlegen wolle. Ich sei, meinte er, gewiß schon weit gegangen und hingestreckt ruhe sich der Wandersmann am besten aus. Auch in der ewigen Ruhe verlege sich der Mensch aufs Liegen. »Hab' mir's gleich gedacht, daß das ein vornehmes Hotel ist, das Hotel Napoleon«, sagte ich spaßend. »Das wohl; nobel sind wir schon!« Der Alte lachte und goß aus einer großen Flasche eine wasserklare Flüssigkeit ins kleine Kelchgläschen, das er vor mich auf die Tischecke stellte. Auf meine nähere Erkundigung nach der Geschichte dieser Firma antwortete er: »Will der Herr die zwei Dukaten sehen, die der Napoleon meinem Vater (Gott tröste seine Seele!) hat auszahlen lassen?« Und mit dem dürren Finger durchs Fensterchen zeigend: »Dort, wo jetzt der Brennofen steht, beim Hollerbuschen, ist die Schmiede gestanden. Von gestern und vorgestern rede ich nit. Ist ja mein Vater noch ein junger Bursch gewest. Hufschmied an der Straßen. Ein gutes Geschäft dazumal. Wenn auch nit gerade jeder fürs Pferdebeschlagen drei Dukaten hat gegeben wie der Franzosenkaiser, als er vorbei ist geritten gen Graz. Später, als es mein Vater erfahren, wer der kleine Reiter ist gewesen, hat er freilich die Dukaten auf den Steinhaufen geschleudert. Und noch später, viel später, wie es geheißen hat, der große Napoleon sei auf eine Insel im Weltmeer verstoßen worden, hat's die Leut' umgewendet und mein Vater hat den Steinhaufen abgetragen. Zwei hat er richtig wieder gefunden von den Goldstücken; und die sind in der Familie verblieben zum ewigen Andenken.« Es wollte mir nicht übel gefallen, daß dieser Hufschmied, entgegen dem Weltbrauch, den Mächtigen gehaßt und den Unglücklichen geehrt hat. Ich nahm einen Schluck von der klaren Flüssigkeit. Das war Feuer, eines Hotels Napoleon würdig. Es regnete Stunden lang, der Weg bis zum nächsten Bahnhof war nachher immer noch leicht zu machen und so verlor ich mich mit dem frohen alten Mann in ein anmutiges Gespräch, während er mit dem Kolben im Bottich seine Vogelbeeren stampfte. Dort, wo angeknüpft war, erzählte er weiter. Sein Vater habe neben der Schmiede eine Schänke aufgetan, damit den Fuhrleuten, die etwa in der Reihe auf das Pferdebeschlagen zu warten hatten, die Zeit nicht lang werde. Aus der Schänke sei allmählich ein Wirtshaus geworden und aus diesem ein großer Gasthof, wo alle Fuhrwerke und Herrschaftkutschen Einkehr gehalten. Um diese Zeit sei er, mein jetzt so weißbärtiger Mann, ans Licht gekommen, gehegt und erzogen und »von den Leuten verhunzt wie ein Prinz«. Der einzige Sohn des reichen Napoleonwirtes! Denn so hat der Gasthof geheißen und die Deutschen sind lieber beim »Napoleon« eingekehrt als beim »Kaiser Rotbart« auf der nächsten Poststation, weil beim Napoleon eben der Wein besser gewesen. Dann kamen die Eisenbahner ins Land. Da gab es Fuhrwerk über die Maßen und ungeheuer viel Geld. Die Leute hatten nur so gelacht dazu, obwohl ihnen der Strick schon um dem Halse lag. Aber er war noch locker. Der Napoleonwirt selbst hatte Tag für Tag vierundzwanzig schwere Pferde auf der Straße und am Tag der Eisenbahneröffnung saß er an der Ehrentafel fast ganz oben in der Nähe der hohen Herren und einer von ihnen feierte ihn durch einen Trinkspruch als den König der Straße. Das war vielleicht ein unbeabsichtigter Spott; aber ein großer. König der Straße hieß in diesem Fall König ohne Reich, denn wenige Jahre später: und auf der Straße konnten sich Schafe satt weiden. Der alte Napoleonwirt kränkte sich sehr darüber, daß die Eisenbahn, die er so emsig miterbauen half, so treulos war. Kein Mensch, sagte er, sei noch so grob betrogen worden wie er, der Napoleonwirt. Der Eisenbahnzug, der oben am Berghang hinrollte, pfiff auf ihn herab und kein Gesetz kümmerte sich um die Straße. Ohne gewöhnlich andere Gäste zu haben als manchmal einen durstigen Nachbar, wirtschaftete er in seiner Weise noch eine Weile fort; und als er endlich Haus und Hof verkaufte, geschah es gerade so, daß die Gläubiger keinen Schaden hatten. Da meinte der alte Napoleonwirt, für ihn sei es nun die höchste Zeit, zu sterben, denn ein paar Jahr später hätte es nicht einmal mehr für einen Grabstein gereicht. Ein Leben ohne Nachlaß und ohne Grabstein hätte er für die überflüssigste Arbeit von der Welt gehalten. Und der junge Mensch, der Sohn, stand nun allein auf der Straße. Manchmal saß er auf der Bank vor der verfallenden Schmiede und beobachtete die Leute, wie deren doch von Zeit zu Zeit wieder vorüberkamen. Und wenn er sich so ins Schauen verlor, da war ihm anfangs, als vermöge er den Insassen des Viergespannes und den hinkenden Handwerksburschen nicht zu unterscheiden. Es sei denn, daß dieser einen munteren Marsch pfiff und jener ein gelangweiltes Gesicht machte. Und dann wieder zu sich kommend, fragte er: »Was tue ich jetzt? Am vollen Trog habe ich schon gesessen.« Nichts war davon übrig geblieben als der Nachteil, daß ihn nun der leere doppelt verdrießen konnte. Doch er verdroß ihn nicht eigentlich. Er war gegen alle weiteren Unfälle gut versichert bei der Assekuranzgesellschaft Habenichts \& Co. Der Pfarrer seines Ortes hatte einmal gepredigt, der Christ solle dem Geist leben. Und weil er das nicht weiter erklärte, so legte der Zuhörer es sich selber zurecht. Es wird auch am Besten sein. Das braucht kein großes Betriebskapital. Ich will dem Geist leben. Und gründete eine kleine Branntweinbrennerei. Die Wurzeln, Beeren und Abfälle, aus denen er den Geist zog, hatte er umsonst; er brauchte sie nur zu sammeln, manchmal dafür ein »Vergelts Gott!« zu sagen und ein »Stamperl Branntwein« zu versprechen. Wenn dann der Nachbar kam, um ihn zu trinken, griff er doch in den Sack; denn man hatte den fröhlichen Burschen nicht ungern und vermutete, daß er auch ein Bißchen leben wolle. Er scheint auch in seiner Unterhaltung Geist geschenkt zu haben und nicht etwa Fusel, wie mancher zünftiger Ritter vom Geist zu destillieren pflegt. Da das große Einkehrhaus an der grünen Straße keine rechte Verwendung mehr finden konnte, so wurde es abgetragen und aus seinen Ziegeln am Bahnhof eine Waggonhalle erbaut. Nur die alte kleine Schmiede blieb stehen, um dem einzigen Übriggebliebenen zur Brennerei zu dienen. Das Wohnhaus dazu hatte er sich aus dem Fachgebälk des abgetragenen Gasthofes selbst gezimmert. Und hier lebte der Mann nun gelassen dahin, länger als fünfzig Jahre. Er war Zeuge, wie sich in dieser Zeit alles mehrmals umstürzte. Die Menschheit machte Purzelbäume. Stand sie auf den Füßen, so behauptete sie, die einzig richtige Grundlage für den Fortschritt sei der Kopf; und stand sie auf dem Kopf, so klagte sie, daß alles in der Welt verkehrt sei. Der Schauende stand abseits und war ein wenig verblüfft. Nicht der Wandel befremdete ihn, sondern die Stetigkeit der Kreatur. Trotz allem unbegreiflichen Wandel blieben die Leute sich gleich. Bauten die Leute Häuser, so tranken sie Branntwein, um Kraft zu gewinnen. Brannten die Häuser nieder, so tranken sie Branntwein, um sich zu trösten. Die Felder wurden zu Wald: die Leute tranken Branntwein und wanderten aus. In den Wildnissen streiften Jäger und tranken Branntwein. Und der Alte machte seinen Branntwein gerade so, wie man ihn vor so viel hundert Jahren gemacht haben mag. Und auch wo sie es anders machen, ist's im Grunde dasselbe. Alles kreist um den Punkt; und dieser Punkt rührt sich nicht vom Fleck. Zur Zeit der Ritter war es Mode geworden, in Kutschen zu fahren; zur Kutschenzeit ist es Sitte geworden, auf der Eisenbahn zu reisen; in der Eisenbahnzeit wurde es nobel, den Motorwagen zu hetzen; zur Zeit des Motorwagens wird es vornehm sein, im Luftballon zu fliegen; und zur Zeit des Luftballons werden die Herren plötzlich finden, das Vornehmste, das Stolzeste, das Ritterlichste sei das Reiten auf dem Pferd. Ein Ringelspiel wie auf Jahrmärkten. An einzelnen Stellen wurde wieder gerodet, wurde wieder gebaut: und immer tranken sie Branntwein und haschten nach Habe, nach grobem Genuß und waren stumpfsinnig für alles andere. So war die Masse immer gewesen und das Erdbeben der jungen Welt hatte wenig geändert. Die Masse ist Rohstoff, an dem die Wetter der Zeiten immerwährend formen und zerstören. So streute die Natur ihren Menschenstaub auch wieder einmal auf die Straße. Eines Tages kam der närrisch gewordene Scheerenschleifer und der sausende Teufel. Der erste ein Reiter ohne Roß, der zweite ein Roß ohne Reiter. So der wörtliche Ausdruck des Alten; ich kann mir nur denken, daß damit die Radfahrer und Automobilisten gemeint sein sollten. – Und so, fuhr er fort zu sagen, habe sich seit fünfzig Jahren allerlei hingeändert und zurückgeändert, im Weltkasten sei alles ganz toll durcheinandergerüttelt. Aber die Zwetschken, seien sie braun oder blau, süß oder herb, frisch oder faul: der Kern sei gleich geblieben. Es sei derselbe harte Kern mit etwas Gift im Innern. Der Mensch turne und bade, »doktere« und schneide an sich grausam herum, sei aber inwendig ganz der Alte geblieben. Vor Zeiten habe eines Tages ein armes Weib verschmachtend an der Straße gelegen und ein vornehmer Vierspänner sei lustig vorübergefahren. Vor einigen Wochen habe da unten bei der Telephonstange Nummer 321 der Blitzschlag einen alten Hausierer betäubt und ein Automobiler sei lustig an ihm vorübergefahren. Einen Menschen aufheben und laben: Das kann man von so einem nicht verlangen. Muß noch froh sein, wenn er selber keinen niederrennt. Ja, der Kern ist hart und ein wenig giftig. Aber abgewöhnen mag man sich's doch nicht, das Zwetschkenessen. Das Auswendige nascht man und auf den Kern läßt man sich nicht ein. Dann bleibt man halt abseits stehen und schaut zu. Und brennt Geist. Während solcher Reden hatte der alte Schnapsbrenner mir einen angeschnittenen Laib Weißbrot vorgelegt und mich eingeladen, die Stiefel auszuziehen, damit sich die Füße besser ausrasten könnten. Ja, er stellte sich ausgespreitet hin und wollte sie mir von den Beinen reißen. Ich lachte und sagte ihm offen, was mich wunderte. Daß er bei seiner Weltverachtung noch so gut sein könne. Ich sei in seinen Augen ja auch nichts anderes als ein Körnchen des Menschenstaubes auf der Straße. Da fuhr er munter in die Höhe: »Ja, glaubt Ihr denn, Ihr bekommt das alles geschenkt? O, das Hotel Napoleon ist ein gar teures Hotel!« »Ich hoffe, daß Ihr Euch die Sachen bezahlen lassen werdet.« »Bezahlen! Geht mir weg mit dem Wort Bezahlen! Allerlei Geist habe ich Euch vorgesetzt. Guten Geist!« fügte er mit gar ernsthafter Miene hinzu. »Und seit wann tut man den Geist mit Ziffern und Zahlen ab, seit wann? Ich denk', Ihr werdet Euch selber dalassen müssen. Ich denk' wohl.« Der Gewitterregen war vorüber, die Straße hatte kalkgraue Tümpel und die Sonne schien wieder drein. Als ich zu Dank und Abschied dem Alten die Hand reichen wollte, nahm er sie nicht an. »Bleiben wir nit beisammen?« sagte er. »Wir bleiben ja beisammen!« Damals dachte ich, er spreche doch Unsinn, manchmal. Heute denke ich das nicht. Über zwei Jahre sind seitdem dahingegangen, in jene Gegend kam ich nicht mehr, den Alten habe ich nicht mehr gesehen: und doch muß ich oft, sehr oft an ihn denken. Ja, so oft ich selbst mich als Weltbeschauer empfinde, muß ich an jenen Schauenden denken. »Wir bleiben beisammen!« hatte er gesagt. Es dürfte stimmen. Ich war an seiner Weisheit hängen geblieben. Aber, mein lieber alter Geistbrenner, es wird uns nicht viel helfen. Wenn wir zwei uns auch außerhalb des sausenden Webstuhles stellen, einer links und der andere rechts, und dem Weber mit Fadenknüpfen Handlangerdienste zu leisten vermeinen: wir sind doch mitten im Gewebe; nur sind wir als Fäden vielleicht widerhaariger als andere und bilden häßliche Knoten. Alle miteinander machen wir das lüderliche Tuch aus. Der ordentliche Augustin Als der Vater Augustin Kernschimmlers sein vierzigjähriges Geschäftsjubiläum beging, sagte der Festredner unter anderem auch die großartigen Worte: »Unser teurer Jubilar nährte andere und wurde selbst fett, machte andere wohlhabend und wurde reich dabei. Sein Glück gründet auf seinen Tugenden!« Und Sekt darauf. – Denn der Vater Augustin Kernschimmlers war Bäcker und Fleischermeister gewesen – der einzige in dem Städtlein. Als einziger Fleischer hatte er die einzige Bäckerin geheiratet, und Augustin war von diesem einzigen Paar das einzige Kind. Jemand behauptete, der Vater habe das aus Geschäftsrücksichten so eingerichtet, denn er konnte keine Konkurrenten leiden und wollte dem lieben Söhnlein auch die Konkurrenz von Geschwistern ersparen. Als nun bei dem oben erwähnten Jubiläum das Wochenblatt einen Festartikel über die Doppelfirma brachte und sogar die Bildnisse des verehrten Ehepaares Kernschimmler, da war es plötzlich ausgemacht, daß der kleine Augustin weder Fleischer noch Bäcker werden dürfe, sondern ein Doktor oder Professor, womöglich ein sehr berühmter. Zwar sagte der Vater zu seiner Frau, berühmt werde man ja auch als Fleischer, was eben der große Festartikel und das mit einem Lorbeerkranz umgebene Doppelbild des Jubelpaares im Wochenblatte bezeuge. Sie wußte das freilich besser, sagte es aber nicht, daß ihr die Veranlassung zu diesem illustrierten Festartikel runde hundert Gulden von ihrem Nadelgelde gekostet hatte. Der Augustin kam in die Stadt, ins Gymnasium, und ward ein sehr ordentlicher Student. Seine Schulbücher hatten nicht ein einziges Eselsohr, doch bei den Examinationen ging es manchmal nicht ab ohne jegliche Erinnerung an das populäre Tier, auch wenn es nicht just Zoologie gab. Die Mutter schickte dem Söhnlein häufig Geräuchertes, Milchbrot, Krapfen und Zwieback, vor allem Powidlkuchen, die er so gerne aß. Einen Teil dieser guten Dinge verzehrte der Junge, der andere verschimmelte ihm im Nachtkästchen, der seine Vorratskammer war. Und als der Rest verschimmelt war, verzehrte er ihn auch, schon aus Ordnungsliebe und weil es ihm leid tat, die mütterlichen Liebesgaben wegzuwerfen. Seine Schulhefte waren stets wie neu und die Schriften und Ziffern wie gestochen, nur recht oft unrichtig. Über Fleiß und Sittlichkeit sangen seine Zeugnisse wahre Lobeshymnen, im übrigen jedoch gaben sie ihm Anlaß zur Unzufriedenheit mit den Professoren. So kam der Tag der Maturitätsprüfung. Die schwarzen Kleider mit dem Seidenzylinder hatte der junge Kernschimmler sich schon am Vorabend auf das musterhafteste zurechtgerichtet, also auch im Notizbuche die Gegenstände, in denen er bereits geprüft war und noch geprüft werden sollte, mitsamt den erhaltenen und zu erhoffenden Noten sorgfältigst aufgeschrieben. Als er nun auf der Gasse schon nahe dem Schulgebäude dahinging, bemerkte er mit Entsetzen, daß seine Stiefel nicht frisch gewichst waren. Er kehrte in seine Wohnung zurück, fand aber weder die Quartierfrau vor, sie war auf den Markt gegangen, noch den Schlüssel zum Schrank, wo das Stiefelputzzeug aufbewahrt lag. Er mußte also zum Krämer und zum Bürstenbinder, um Wichse und Bürsten zu kaufen und dann die Beschuhung selbst in einen des Tages würdigen Zustand zu versetzen. Als er hernach die Stiefel wieder an die Beine zog, riß sich an einem derselben eine Strupfe los. Man sah zwar den Schaden hinter der Hofe nicht, aber der junge Mann konnte keine Schlamperei leiden, er ging zu seinem Schuster, der die kleine Angelegenheit auch zur besten Zufriedenheit schlichtete. Als er hernach an den Lehrsaal kam, schritten die Kollegen und Professoren gerade zum Tore heraus, das Rigorosum war vorüber. Augustin hatte nun ein ganzes Jahr Zeit, um vor seiner Prüfung vielleicht auch noch andere Mängel, als die an den Kleidern, zu beseitigen. Mittlerweile starben rasch hintereinander seine Eltern. Der Schlag würde für den guten Jungen vernichtend gewesen sein, wenn nicht durch denselben in Haus und Geschäft eine Welt von Unordnung aufgetaucht wäre, die in Ordnung gebracht werden mußte, Das zerstreute ihn ein wenig. Das Ordnungmachen dauerte aber Jahr und Tag, und mich wundert es nicht, daß darob die Maturitätsprüfung ganz und gar vergessen worden war. Augustin Kernschimmler fand sich plötzlich allein auf der Welt, aber als Erbe eines großen Fleischergeschäftes und einer Bäckerei, die sich auch auf Mühle und Kornhandel verzweigte. Die Mühle und die gewerblichen Rechte verkaufte er, ebenso auch die Grundstücke; die beiden alten Häuser aber, das Fleischerhaus des Vaters und das Bäckerhaus der Mutter, behielt er aus Gründen der Pietät, und seine Lebensaufgabe bestand von nun an darin, diese Häuser und ihre Einrichtung in Ordnung zu halten. Jahraus jahrein beschäftigte er eine Anzahl Dienstboten, um die Möbel abzustauben, die Spinnweben von den Ecken zu fegen, den Schwamm im Fußboden zu vernichten und alles Geschirr und Gezier blank und rein zu erhalten. Er konnte sich nicht entschließen, irgend ein Kleidungsstück seiner Eltern wegzugeben, die Dienstboten rangen für und für einen wahren Verzweiflungskampf mit den Motten und anderem Insekt, aber mit Kampfer und anderen Mitteln gelang es immer noch, die Sachen zu erhalten, so daß sie in ihren Schränken und Kästen genau so liegen und hängen konnten, wie sie zu Lebzeiten oder beim Tode seiner Eltern gelegen oder gehangen waren. Die Wohnungen der beiden Häuser waren denn auch stets in dem Zustande, die ehrenwertesten Besuche zu empfangen, die nicht kamen. Auf der Fleischbank konnte zu jeder Stunde geschlachtet, im Ofen jeden Tag gebacken werden, es war alles dazu in bester Bereitschaft. Geschlachtet und gebacken wurde aber nicht. Doch, so fleißig auch gelüftet wurde, es war ein Modergeruch vorhanden, und die Schritte des Wandelnden hallten lauter in den Wänden als anderswo. Kernschimmler war ein stattlicher Mann geworden, dem außer Hause seine wunderliche Art nicht einmal angesehen werden mochte. Er pflegte sich gut und kleidete sich stets mit peinlicher Genauigkeit, freilich nicht gerade nach der Mode, aber doch mit gutem Geschmacke und mit größter Akkuratesse. Wenn an einem Kleidungsstücke ein Knopf verloren ging, so mußte seine alte Dienerin von Schneider zu Schneider, von Krämer zu Krämer laufen, um genau den gleichen aufzutreiben, und wenn das nicht glückte, so wurde das ganze Kleidungsstück dem Trödler übergeben. Sein Aus- und Eingang war pünktlich, wie eine Uhr, sein Verkehr mit Bekannten verbindlich, aber gemessen, im Gespräche stets der gleichen Worte und Redewendungen sich bedienend. Alle Samstage ging er des Abends in heitere Gesellschaft, lachte aber nur, wenn bei ihm Lachenszeit war, nämlich der Ordnung halber bloß bei bestimmten, stets wiederkehrenden Späßen. Neue Witze mochten zehnmal besser sein, er machte keine Ausnahme von der Regel. Er hätte sich zur Zeit – denn die Weiber garnten um und um – sicherlich verliebt, allein das lag nicht in seiner Tagesordnung, und wie er schon so sehr dem Gesetze der Trägheit unterworfen, so wäre nach dem einmaligen Verlieben zu befürchten gewesen, er könnte sich der lieben Ordnung halber jeden Tag wieder verlieben. Augustin Kernschimmler war unverheiratet geboren und blieb also unverheiratet. Er lebte so nach seiner Art behaglich und zufrieden dahin und eine Entgleisung von dieser Lebensbahn schien ausgeschlossen. Da – in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre – erkrankte er. Es geschah so allmählich, so sachte, daß er die Ordnungswidrigkeit nicht einmal inneward. Er wurde ein wenig magenleidend, dann ein wenig leberleidend, hernach ein wenig halsleidend, endlich ein wenig brustleidend. Seine große Sorge war, die Erscheinungen, die er an sich wahrnahm, ordentlich zu verbuchen und vom Arzte die lateinischen oder griechischen Namen dafür zu erfahren. Damit konnte der Doktor recht sehr aufwarten. Wenn es aber einmal nicht stimmte, wenn der Doktor und die medizinischen Werke, die Kernschimmler genau studierte, sich widersprachen, dann war er gebrochen. Als es sich aber sachte, doch haarscharf auf eine Lungensucht wies und alle Anzeichen dazu auf das glänzendste auftraten, da rieb sich der gute Kernschimmler fröstelnd die Hände, vergnügt darüber, daß doch noch wenigstens bei schweren Krankheiten eine gute Ordnung obwalte. Sicherheitshalber hatte er mehrere Ärzte rufen lassen, und alle stimmten darin überein, daß der rechte Lungenflügel ganz kaput, der linke noch fast zur Hälfte intakt sei. Eine Frage der Zeit. In der Bestimmung dieser aber widersprachen sich die Herren, die gutmütigeren gaben ihm Monate, sogar Jahre, die berühmten gestanden fast derb, daß es sich nur noch um Tage handeln könne. – In Gottes Namen! Es liegt ja in der ewigen Ordnung der Natur, daß der Mensch sterben muß. Wenn's jedoch wirklich schon ernst ist, dann frägt es sich um die testamentarischen Angelegenheiten. Ein paar Verwandte, etliche gute Freunde werden ja wohl so gut sein, die Hinterlassenschaft in Empfang zu nehmen und ordentlich zu verwalten. Die hohe Erbsteuer ist nicht in Ordnung und ist das überhaupt ein sehr umständlicher Weg durch Behörden und Advokaten, dessen Ausgang mancher Erbe gar nicht erlebt. Da wird's vernünftiger sein, die Sachen unter der Hand zu verschenken. Also hat Augustin Kernschimmler am nächsten Tage seine entfernten Vettern und Muhmen und einige gute Bekannte der Samstagsgesellschaft zu sich beschieden. Wäre schier zu spät gewesen, er hatte kaum noch eine vernehmliche Stimme, es versagte ihm schon der Atem. Zur Not wenigstens das Wichtigste: Die Häuser gehören den Verwandten, die Einrichtungsstücke den Freunden, das vorhandene Papier der Gemeinde für wohltätige Zwecke. Das alte Gewand in den Schränken soll verbrannt werden. Die Beschenkten weinten vor Rührung, vor freudiger. Wer seine Sachen mitnehmen konnte, der nahm sie gleich mit. Der Sterbende konnte sich nun auf die andere Seite legen – es war in Ordnung. Am nächsten Morgen erwachte er später als sonst. Ah, das war ein erkleckliches Schläfchen gewesen, diesmal. Er fühlte sich nachgerade erfrischt. – Nun muß aber der Erzähler sich sputen mit der Entwicklung, sonst errät es der Leser vorwegs, wo es hinaus will. Also gut, der Augustin Kernschimmler wurde wieder gesund, stocksteingesund, so gesund, als er vorher nie gewesen. Und war arm wie eine Kirchenmaus, wenn der Küster die Wachskrusten von den Leuchtern geschabt hat. Er hatte ja alles verschenkt und es war in Ordnung. So ein Testament ist doch ein gutes, kluges Ding. Man gibt sein Vermögen so selbstlos, so großmütig hin – aber erst, wenn man es selber nicht mehr braucht. Das, was einer im Testament voll Edelsinn und Barmherzigkeit jemand vermacht, kann er unbedenklich aufbrauchen, da ist keine Pflicht vorhanden, es über den Tod hinaus zu bewahren, damit jenem, dem es vermeint gewesen, das auch richtig zukomme. Testamentarisch vermachte Sachen bleiben Eigentum des ursprünglichen Besitzers, solange er lebt; nach dem generosen Papier kann man ganze Häuser vererben, die der Erblasser mittlerweile vertrinkt oder verspielt. Wie brutal hingegen ist das Schenken! Was du heute verschenkest, das ist morgen nicht mehr dein, und selbst wenn dein Leben darauf stünde. Wolltest du es zurücknehmen, so könnte der Beschenkte dich gerichtlich belangen, als strecktest du deine Hand nach fremdem Eigentum aus. – In diesem Falle war unser armer, stocksteingesunder Kernschimmler. Aber er fand es in Ordnung. Es fiel ihm durchaus nicht ein, auch nur auf einen Groschen seines großen verschenkten Vermögens Anspruch zu machen, oder scheinen zu lassen, daß er etwas bedürfe. Er griff seine gewohnte Lebensordnung wieder auf und führte sie so lange, bis der für sein Begräbnis bestimmt gewesene Betrag verbraucht war. Dann ging er ins Gemeindeamt und ersuchte um eine Versorgung. Er hatte früher das Wort »reich« nie ausgesprochen, jetzt sprach er das Wort »arm« nicht aus. Er war jetzt so wenig arm, als er früher reich gewesen. Er hatte früher den Lebensunterhalt gehabt, und den mußte er jetzt auch haben. Die Gemeinde hatte über seine Widmung zu wohtätigen Zwecken bereits verfügt, sie tat nichts desgleichen, als ob der Mann bei ihr etwas besonders gut haben könne; sie fand nur, daß er für das Spital zu gesund, für das Armenhaus zu fröhlich und für die Altersversorgung zu jung war. Sie ließ in sehr vorsichtiger Form bei ihm anfragen, ob er die zur Zeit offene, sorgenfreie und Achtung gebietende Stelle eines Gemeindedieners würde übernehmen wollen. Wenn ja, so wäre er der Bevorzugte. Diese einflußreiche Stelle sei weitaus gesicherter, als die des Bürgermeisters, der von drei zu drei Jahren abgelehnt werden konnte, während der Gemeindediener ohne ganz besonderen Anlaß nicht bedankt werde, sondern bestimmt sei, die Tradition des Bürgermeisteramtes von Geschlecht zu Geschlecht zu übertragen und zu überwachen. Augustin Kernschimmler ward Gemeindediener und als solcher ein wahrhaft bedeutender Mensch. Er hatte zwar nichts zu tun, als den Willen anderer auszuführen, aber die Ausführung ist ja schließlich Hauptsache. Er war ganz glücklich, der Selbstbestimmung enthoben zu sein, denn er hatte nie etwas mit sich anzufangen gewußt, er fühlte sich als Werkzeug anderer geborgen und gekräftigt und funktionierte mit wunderbarer Präzision. Sein Wirkungskreis erstreckte sich nicht etwa über die Kanzlei, sondern über die ganze Gemeinde bis zum Bezirksgerichte und zu der Landeshauptmannschaft hinauf. Man soll gerade einmal nachdenken, was ein Gemeindediener zu tun hat. Kernschimmler besorgte sein Amt mit so unerhörter Ordnung, daß die Leute sich fragten, wer denn das Räderwerk eingefettet haben könne, daß es nun so glatt ginge? Sie wurden sich der Ursache kaum bewußt, merkten nur, daß der Gemeindediener ein ordentlicher Mensch sei. Als er fünfundzwanzig Jahre lang der musterhafte Gemeindediener gewesen, machte er etwas Dummes. Er ließ sich pensionieren. Als siebzigjähriger Mann, meinte er, sei es in Ordnung, sich zur Ruhe zu setzen. Bald sah er aber, daß bei ihm die Ruhe als solche nicht in Ordnung war. Denn er hatte zu lange in regelmäßiger Tätigkeit gelebt; jetzt auf einmal nichts zu tun, als spazieren zu gehen, das war doch die größte Schlamperei. Jeden und jeden Tag dieselbe Schlamperei. Das war freilich auch Regelmäßigkeit – aber in diese neue Ordnung konnte er sich nicht mehr finden. Er erbot sich dem neuen Gemeindediener freiwillig zu Diensten und wurde des Dieners Diener. Die schwersten Kränkungen seines Alters bestanden darin, wenn ein Foliant statt im dritten Fach, etwa im vierten lag; wenn die Empfangsbestätigung für Zustellungen von dem Empfänger mit Bleistift geschrieben war, anstatt mit Tinte; wenn der Bürgermeister ihn » Herr Kernschimmler« nannte, da er doch fünfundzwanzig Jahre lang in treuen Diensten bloß der Kernschimmler gewesen war. Seine persönliche Tagesordnung war das Uhrwerk geblieben, das seit einem halben Jahrhundert kaum ein einziges Mal stillstand – täglich dieselbe Sekunde zum Aufstehen, dieselben dreiundzwanzig Minuten zum Anziehen des immer gleich geformten Gewandes, dieselben neun Minuten zum Rasieren, und die Haare kämmte er sich mit der gleichen gewohnten Sorgfalt auch noch zur Zeit, als er längst keine mehr am Kopfe hatte. Eines Tages aber ließ Augustin sich eine große Unregelmäßigkeit zu schulden kommen. Er kämmte sich nicht und rasierte sich nicht, er kleidete sich nicht einmal an. Lange über die gewohnte Zeit hinaus blieb er in seinem Bette liegen und war tot. Als der Schreiner ihm den Sarg zurechtmachte, sagte er zu einem Nebenstehenden: »Ich wüßte schon, was zu machen wäre, daß der Kernschimmler wieder aufstände. – Man brauchte bloß einige Hobelspäne auf den Boden zu verstreuen, alsogleich wäre er mit dem Besen da, um Ordnung zu schaffen.« Tue es nicht. Laß ihn rasten mit neunundsiebzig Jahren – es ist in Ordnung. Das Gericht im Breitschirmhof Die Talstraße vom Weinlande her rasselte ein Steirerwäglein. Vorn ein flinker Schimmel und hinten, im Wagen drin, ein junger Mann. Wer wissen will, wer es ist, der muß ihm auf den Magen schauen. Dort, über dem schon leidlich gewölbten Bäuchlein schmiegt sich der breite Ledergurt, und auf demselben, mit weißen Buchstaben ausgesteppt, die Buchstaben L.B. Es sind dieselben Buchstaben, die im Resingtal von Markstein zu Markstein eingegraben stehen und an dreihundert Joch Grund und Boden umfrieden. Der Grund und Boden des Breitschirmhofes, dessen Jungbesitzer Leopold Breitschirm eben vom Weinkaufen aus dem Unterland heimfährt. Unterwegs blickte er aus, was da für schöne Nußbäume stehen an der Straße. Und unter einem, auf schattigem Rasen, saß ein Frauenzimmer. Es war aber kein Frauenzimmer, sondern ein jungfrisches Dirndl. So ließ der Leopold seinen Schimmel stehen, richtete ein paar gewöhnliche Worte an das Dirndl, fragte woher und wohin, lud es dann ein, sich zu ihm in den Wagen zu setzen und mit ihm zu fahren. Das sei ihr nicht unlieb, denn der Weg ziehe sich länger als sie vermeint habe. Und er zog sich auch von nun ab. Um ihn kurzweiliger zu machen, wurde der junge Großbauer gegen die Reisegefährtin zutunlich und wollte sie ein wenig lieben. Aber sie dankte so entschieden und herb dafür, daß er schweigend wurde und bei sich dachte: Endlich einmal auch ein Apfel, der nicht fällt, wenn man den Baum schüttelt. – Das gefiel ihm und er begann mit ihr ein anderes Gespräch. »Also Dienst suchen willst du im Resingtal? Von Sankt Martin bist du her? Gefällt's dir denn nicht in Sankt Martin? Nachher gefällt's dir doch vielleicht im Resingtal? Probier es bei mir auf dem Breitschirmhof.« Dazu sagte sie nicht ja und nicht nein, da müsse sie erst nachfragen. Ungeschaut trete sie in keinen fremden Dienst. »Frag nur nach,« antwortete er und versuchte es noch einmal mit schmeichelhaften Zutunlichkeiten. Da spitzte sie scharf den Ellbogen und begehrte auszusteigen. Sein Besänftigen nützte nichts, sie stieg aus, sagte: »Schön Dank!« und ging einen Feldweg. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sie verschwand im Buchenwalde. Dann stand sie bei einem Kleinbauern im Dienste ein, war Sonntags in der Kirche zu sehen, einmal sogar beim Wirt auf dem Tanzboden. Da begehrte er sie zu einem »Steirischen«. Ein Jahr später war dieses Dirndl Jungbäuerin auf dem Breitschirmhof – zum Entsetzen aller Bauerntöchter der Umgebung. Nach der Hochzeit waren die zwei so glücklich, daß sie den ganzen Tag nicht voneinander ließen. »Wie du gerade auf mich verfallen bist, Leopold!« sagte sie zärtlich. »Bin ja wohl nicht schön.« »Just das gefällt mir, weil du nicht weißt, daß du schön bist.« »Und bin gar ein armes Leut.« »Aber du bist auch was anderes und das geb' ich um viel Geld nicht her. Das hat selten eine. Schon in der ersten Stund' damals hab ich's gewußt. Ich bin so, daß ich der meinigen vertrauen muß können, und ist's just einmal meine Passion, daß ich einen Krug will haben, aus dem noch kein anderer getrunken hat.« »Ah, so meinst es,« antwortete sie und schob sachte seine Hand zurück, die unversehens ihrem Rocksack nahegekommen war. Denn darin hatte sie einen Brief. Gerade am Hochzeitstag war er gekommen. Der ging ihn nichts an. Dann kam die ruhige, sorglose Zeit, da ihnen zumute war wie dem Landmann nach heißen, stürmischen Sommertagen, wenn das Korn in der Scheune ist. Leopold hatte sich über seine Wahl nicht zu beklagen, die Thekla hatte alle Vorzüge eines braven Weibes. So strenge sie den Leopold damals zurückgewiesen hatte, so zärtlich war sie ihm nun ergeben. So derb sie im Falle das Gesinde anlassen konnte, so fürsorglich war sie für dessen Wohl. So reichlich sie für den Tisch sorgte, so bereitwillig sie für die Nachbarschaft war und so freigebig gegen arme Leute, so arbeitsam und sparsam war sie in der Wirtschaft. Das Achselzucken zuerst und die halben Bemerkungen, von der Straße hebe man nichts Gutes auf, waren bald überwunden, sie war nicht allein die geachtetste Bäuerin im Resingtal, sie war auch die gelobteste und die geliebteste. Leopold hatte sie so gerne, daß er ganz aus der Art schlug und außer in seiner ehelichen Kammer alles Weiblichen vergaß. Außer, daß die Thekla von Zeit zu Zeit einen Besuch machte in ihrer Heimat Sankt Martin, ging sie nie vom Hofe fort, sie war die Seele des Hauses und – wie die Leute sagten – die Seele von einem Menschen. Und als dann der Knabe und das Mädchen da waren, pflegte und erzog sie sie zu ein paar gesunden, schönen und wohlgearteten Kindern. Sie waren schon eine Reihe von Jahren verheiratet, als eines Tages im Hause ein Betteljunge erschien. Ein zerlumptes, unsauberes Bürschchen mit scheuen, schreckigen Äuglein und tölpischem Benehmen. Die Thekla hatte ihn auf dem Feldwege aufgegriffen und in den Hof gebracht, auf daß das arme Wesen einmal gesättigt, gereinigt und mit Kleidern versehen werde. Der Kleine blieb dann eine Weile, war aber unanstellig und unverläßlich, so daß Leopold ihn eines Tages davonjagte. Die Thekla war darüber schweigsam, als ob sie mit dem Fortschicken nicht einverstanden wäre. Sie hätte den fremden, verwahrlosten Jungen wohl gerne zu einem Menschen gemacht. Wenn sie dann in das nahe Dorf ging und aushorchte, ob nirgends von jenem fremden Knaben die Rede sei und nichts vernahm; wenn sie auf dem Feldwege und am Waldraine dahinging und vergeblich ausschaute und spähte, wie verstimmt kehrte sie nachher in den Hof zurück. Ihre eigenen Kinder aber gediehen und brachten hellen Sonnenschein in das Haus. Nur die Mutter schien sich nicht recht darüber freuen zu können, als hätte sie immer an andere, an verlassene Kinder denken müssen, die heimatlos und liebelos in der Welt herumirren. Noch gütiger wurde sie gegen arme Leute. Und eines Tages im Herbste hatte Leopold bemerkt, daß am Morgen sein Weib einen Topf Milch und ein Stück Brot hinaustrug in den Heustadl. Er sah nach, ob dort etwa ein kranker Dienstbote liege und fand den fremden Betteljungen. Der war seither noch verwahrloster geworden und störrischer. So sagte die Thekla, es sei doch Christenpflicht des Wohlhabenden, ein solch armes Menschenkind aufzunehmen, es mit liebevoller Strenge zur Arbeit anzuspornen und von dem Schlechten abzuhalten. Der Bauer wollte es noch einmal versuchen. Der Bursche blieb auf dem Hof. Anfangs stellte er sich emsig zum Dreschflegel, zur Stallstreugabel, aber es dauerte nicht lange, so warf er das Geräte weg und warf sich aufs Stroh, und wenn ihn die Knechte mit den Stiefelabsätzen stießen, so stellte er sich tot oder sprang auf und lief in den Wald hinaus, wo man auf dem Moose liegen kann und nicht arbeiten muß. Manchmal schlich er sich in die Vorratskammer, naschte Butter oder Geräuchertes, und wenn der Leopold ihn darob mit der Peitsche züchtigte, so schrie der Junge so kläglich, als geschähe ihm das größte Unrecht. Je herber er mit diesem Geschöpfe wurde, je gütiger war mit ihm die Thekla. Sie begutete ihn heimlich und einmal nahm es der Bauer wahr, wie sie dem Knaben in der Flachskammer das wirre Haar strählte, ihn dann mit der flachen Hand fast zärtlich über den Kopf strich und leise sagte: »Bitt dich gar schön, Bastel, sei brav, sonst mußt wieder fort und darfst nimmermehr kommen!« Da trat der Leopold vor: »Er soll nur gleich fort, der Taugenichts, der uns noch unsere Kinder verderben kann. Oder hast du den hergelaufenen Lumpen wohl gar lieber, als deine eigenen Kinder? Es scheint so. Eine solche Nächstenliebe ist mir zu dumm, hörst du?« »Leopold,« entgegnete sie und schaute ihn fragend an, »solltest denn du gar keinen jungen Menschen wissen, dem du's auch gut meinen möchtest – extra gut? Ich hätte nichts mehr dagegen....« »Hast du dich zu beklagen darüber, daß ich's unseren Kindern etwa nicht gut genug meine? Eben deswegen leid' ich ihn nicht, diesen hergelaufenen Zottel! Lernen könnten sie schon was von dem – ei ja, das schon! Er soll machen, daß er weiter kommt!« Sie sagte nichts dagegen, nur das seufzende Wort sprach sie: »Es ist hart, daß er wieder fort muß!« »Du kannst ja mit ihm...!« rief er zornig, sprach aber das Wort nicht ganz aus. Es war doch zu schwer. Es ließ sich ja nichts sagen. Er wußte nur, daß die Thekla entfernte Verwandte habe. Sie hatten sich stets fernegehalten, vielleicht war das der Stolz armer Leute. Wer weiß, ob sie nicht sehr verkommen sind, ob dieser Bettelknabe nicht der Sippe angehört? Der Leopold sagte also nichts mehr und die Sache wurde allmählich vergessen. Auf dem Breitschirmhof nahm es den Lauf, wie auf allen reichen Höfen, wo fleißig gearbeitet wird; er wurde immer noch reicher, die Wirtschaftsgebäude mußten vergrößert werden. Besonders auf dem Anger vor dem Wohnhause wurde ein fester Blockbau aufgeführt, wo Korn, Brot, Fleisch, Fett, Leder, Wolle und andere Vorräte in Massen sicher aufbewahrt werden konnten. Die Felder und Wiesen wurden verbessert und die Marksteine mit den Buchstaben L. B. rückten stellenweise weiter nach außen hin. Der Sohn des Hauses war schon so weit, daß er in eine landwirtschaftliche Fachschule gegeben werden konnte; das Töchterlein übte sich unter Anleitung der Mutter in den häuslichen Obliegenheiten. Alles war frisch und froh, bis auf Thekla. Sie blieb gütig und milde, wurde aber immer ernster und verschlossener. Die trautsame Liebe zueinander wird bei bäuerlichen Eheleuten überhaupt nicht zur Schau gestellt; aber es war doch verwunderlich, daß dieses herzensgute Weib nicht mehr Liebe zeigte zu ihren Kindern. Ihre Schwermut steigerte sich derart, daß Leopold ihr vorschlug, zur Zerstreuung eine Reise in die Stadt zu machen. Darauf antwortete sie, in der Stadt habe sie nichts zu tun. Aber eine Wallfahrt möchte sie machen! doch nur, wenn er zu Hause bliebe und daß sie die Beruhigung haben könne, der Hof wäre derweil gut versorgt. Der Bauer sah diese Fürsorge ein, sie freute ihn und er ließ sie hinziehen die weiten Straßen, um ihre Wallfahrt zu verrichten. Während der Zeit, als die Bäuerin fort war, schlug einmal besonders heftig der Kettenhund an, der am neuen Blockbau hing, und es wurde der Bettelbursche wieder gesehen. Er schlich hinter dem Hause im Baumgarten herum. Er war nun schon halb erwachsen, trug aber ganz unterschiedliche Kleidungsstücke an sich, eine bäuerliche Lederhose und einen schwarzen Stadtrock und eine schildlose Mütze, aber alles zerrissen und zerfranst und kein Stück paßte an den Leib. Schreckig spähte er zwischen den Baumstämmen her, wenn jemand über den Hof ging, um dann, da es die Bäuerin nicht war, sich allemal wieder schnell hinter Büschen zu verstecken. Der Bauer machte kurzen Prozeß. Er ließ den Hund von der Kette, dieser raste wütend auf den Jungen hin, riß ihn einige Kleiderfetzen herab und kehrte wieder in seinen Kobel zurück, während der Bursche kreischend vor Schreck davongelaufen war. Länger als der Leopold erwartet, war sein Weib ausgeblieben, endlich kam sie heim, abgezehrt, erschöpft und fast verstört. Das, was sie auf den Wallfahrtswegen erhofft, schien sie nicht gefunden zu haben. Wie vor und eh ging sie ihren häuslichen Verrichtungen nach, aber es geschah mit einer gewissen Gleichgültigkeit. Nur wenn manchmal ein Bettelmann um Almosen zusprach, wurde sie erregt und gab so reichlich, daß mancher Empfänger erstaunt fragte: »Das alles? Das alles gehört mein? Vergelt dir's Gott, Breitschirmhoferin, an deinen lieben Leuten!« »Geb's Gott!« sagte sie und ging traurig ihren Arbeiten nach. In den Nächten ahnte es der Leopold nicht, wie sie im Nebenbette wachend lag. Wenn er sie seufzen hörte, mußte es wohl ein böser Traum gewesen sein. Und in einer Nacht, da setzte sie sich im Bette plötzlich auf und sagte: »Hörst du nichts, Mann?« »Was soll ich denn hören,« entgegnete er, »es schläft ja alles.« »Dann wird's nichts sein,« sagte sie, »es ist nichts, mir hat nur so geträumt. Es ist nichts, Leopold!« setzte sie mit ängstlicher Hast bei. Er war aber aufmerksam geworden, stand auf, ging zum Fenster und sah im Blockbau Licht. Allsogleich ergriff er das Scheit, pochte an die Stubendecke den Knechten, die auf dem Dachboden schliefen: »Auf, auf, Leut! Es sind Diebe im Bau!« »Aber, mein Gott, es wird ja nichts sein!« sagte die Thekla, von einer bösen Ahnung ergriffen. Mittlerweile war auch Ferdinand, der Sohn des Hauses, der eben auf den Schulferien daheim, aus seiner Kammer hervorgekommen, und sah sich nach dem Schußgewehr um. Die Knechte hatten schon bemerkt, daß auf dem Blockbau einige Dachbretter ausgehoben waren und es sei ganz sicher jemand in der Vorratskammer. »Wo ist denn das Luder von einem Kettenhund, daß es sich nicht meldet?« Der lag neben dem Kobel und verendete. Das Tier war wahrscheinlich mit einem wohlgezielten Steinwurf getötet worden. Der Lichtschein, der vorher durch ein Fensterchen gedrungen, war weg. Der Dieb hatte wohl schon gemerkt, daß er entdeckt sei. Der Bau war schon umringt von dem ganzen Gesinde des Hauses. Auf dem Dache lauerten zwei Knechte, an der Tür stand der Bauer mit einer schweren Axt. Vor dem Fenster stand der Ferdinand mit gespannter Flinte. Aber seine Mutter rief zagend von der Haustüre her: »Schießen mußt nicht, Ferdel!« – Andere huschten mit Stallgabeln, Hacken und allerlei Werkzeugen immer um den Bau. Und horchten, ob von innen nichts zu hören sei. Da es still war, so steckte der Leopold den Schlüssel an und öffnete die Tür. In demselben Augenblick huschte der Dieb neben ihm heraus, so unversehens, heftig und schnell, daß der Bauer ihn nicht erhaschen konnte. Er sprang über die Stufen und eilte um die Ecke. Ferdinand ihm nach. Da eilte die Bäuerin, die ihn gesehen, herbei und schrie: »Nicht schießen, um Jesu Willen! Nicht schießen, Ferdel! Es ist dein Bruder!« Sie rang mit ihm um das Gewehr. Der Dieb war der Flinte entkommen, aber den Knechten in die Arme gelaufen. Mit der Fackel kamen sie und sahen, es war der Betteljunge. In der Vorratskammer war die Leiter gelehnt hinan zu den frischgeräucherten Schinken. Der Bauer war ganz würdevoll gelassen, er hielt die Knechte ab, die ihn mit einer abgebrochenen Zaunstange schlagen wollten. »Das laßt nur sein!« sagte er, »der geht jetzt ins Zuchthaus, 's ist nicht um den Diebstahl. Aber das er mir das schöne Tier hat umgebracht! Vor so einem geht auch der Mensch nimmer sicher. Der kriegt sieben Jahre. So lang als möglich. Je länger er sitzt, je später wird er baumeln. Hol' mir einer den Strick aus der Zeugkammer!« Der Junge schlug, und biß um sich und schrie jetzt gellend auf. »Leider Gottes,« setzte der Bauer bei, »daß ich den Strick an dir nicht anders brauchen darf als um deine Bratzen zu binden.« Mittlerweile waren auf den Lärm Nachbarsleute herbeigekommen, das halbe Dorf zog heran, um zu sehen, was im Breitschirmhofe los sei. »Dieser Galgenstrick!« rief ihnen der Bauer zu, der seine Wut nicht mehr bemeistern konnte, »viel Guttat hat er im Hause empfangen.« Da faßte der junge Ferdinand seine Hand und zog ihn beiseite. »Vater, ich kenn' mich nicht aus, ich habe von der Mutter ein Wort gehört und weiß nicht, was es soll bedeuten.« Er redete nicht zu Ende, so kamen schon der Gemeindediener und der Nachtwächter, beide schwer bewaffnet, um den ertappten Dieb in Empfang zu nehmen. Und jetzt geschah es. Thekla, die Bäuerin trat dazwischen und rief strenge und herb: »So laß ich ihn nicht forttreiben!« Und stellte sich mitten hin zwischen die Büttel, den Dieb und ihren Mann. Sie bewahrte äußerlich die Ruhe, sie habe was zu sagen. »Leopold,« sagte sie mit ganz gedämpfter Stimme. »Ich hab' gemeint, diese Stund' wird mir erspart bleiben. Hab' ich's gleichwohl gebeichtet schon vor vielen Jahren, so ist's mir doch nicht geschenkt und muß es hart bezahlen. Daß du dir's selber nicht hast denken können, Leopold! Wie du den Bettelbuben hast fortgejagt, so kannst du's jetzt mit mir tun. – Der Bastel ist mein Kind ...« Aber anstatt, daß sie bei diesem Schuldgeständnisse zusammenknickte, richtete sich ihre schlanke Gestalt fast stolz auf und blaß war ihr Gesicht bis über die zuckenden Lippen hinein; so stand sie aufrecht, faltete vor ihrem Manne die Hände und sprach: »Leopold! Für mich erbitte ich nichts. Aber dem Knaben tu's noch einmal verzeihen. Ich hab' an ihm viel gutzumachen; jetzt führ' ich ihn, so weit meine Füß' mich tragen, er soll dir nimmer in dein Haus kommen.« Alles war jetzt still, nur der Gemeindediener machte Anstalt, den Jungen, der immer noch von den Knechten gehalten wurde, zu fesseln. Die Bäuerin faßte ihn am Arme: »Laß es sein! Ist denn niemand da, der Gottsrecht weiß? Wenn ein Kind so ganz verlassen und verachtet ist und überall getreten, da kann's nicht wissen, was recht und was unrecht ist. Und ehe ein Mensch zugrund' geht vor Hunger, eher nimmt er, was er kann erwischen. Schlecht wird er wohl noch nicht sein, aber dort, wohin ihr ihn jetzt wollt führen, müßt' er schlecht werden.« »Wenn die,« sagte jetzt der Bauer mit verbissener Bitterkeit, »wenn die für ihre ehelichen Kinder einmal so gute Worte gehabt hätte!« Stellte sie sich vor ihn hin: »Hast mir einen Vorwurf zu machen, daß ich sie lieblos behandelt, ungut erzogen hätte? Ich hab' alle meine Kinder gleich gern. Daß eine Mutter just dem Kind am meisten zuneigt, dem's am schlechtesten geht, das wirst mir wohl nicht können für Übel halten. – Und dem geht's so schlecht! So schlecht!« Mit diesen Worten riß sie den Bettelknaben an ihre Brust und herzte und küßte ihn stöhnend, laut weinend. Die Leute ringsum hatten sich zusammengedrängt und ein Flüstern, ein Murmeln, ein Schluchzen ging um und der Dorfrichter winkte dem Gemeindediener und dem Nachtwächter, sie sollten nach Hause gehen. »So ist's recht, so ist's recht!« riefen einige und lachten. Der Bauer stellte sich knapp hin vor sein Weib, sagte es kalt und hart: »Und ich? Was bin denn ich? Ich bin der Gefoppte. – Verleugnet hast du mir's. Freilich, freilich, so ein Bauernhof ist schon einer Falschheit wert. Und jetzt nicht ein Wort um Verzeihung?« »So lang ich mir's selber nicht verzeihe, kann ich's von dir nicht verlangen,« sagte sie. »Eines Hofes wegen mach' ich keine Falschheit, wie du's nennst, wenn ein Mädel seinen Fehltritt nicht will sagen. Wenn man einen Menschen einmal so gern hat, da ist's wohl nicht leicht, mein Lieber, das Wort hinzusagen, das zwei Leut' wie ein Messer auseinandertrennt. Nachher hätt' ich's freilich sagen sollen, aber es hätt' kein Gut getan, und weil jener Mensch, sein Vater schon lang' in der Ewigkeit ist, so hab' ich gemeint, ich weiß allein davon und sonst soll's niemand erfahren. Unrecht ist's gewesen vor dir und vor dem Buben, ich seh' es ein. So gut ich hab' glücklich sein können, Leopold, bin ich's mit dir ja gewesen. Kein Trutz ist's, wenn ich jetzt freiwillig gehe, ehe du mich fortschaffst. Ich muß mit dem Buben, daß er nicht ganz und gar verdirbt. Meine anderen Kinder weiß ich bei dir versorgt, sie haben einen guten Vater. Und wenn es sein mag, daß ich sie immer einmal kann sehen, so wirst mir's nicht verwehren.« Er wendete sich ab, wies sie mit einer Handbewegung von sich: »Eine, die von Mann und Kind so fortgehen kann – und mit einem Diebsbuben!« »Er weist sie aus?« fragten die Leute sich untereinander. »Er schickt sie fort? Er verzeiht ihr das Kind nicht? Der Breitschirmhofer! Der Leopold Breitschirm, der in seiner ledigen Zeit den schönen Spitznamen hat gehabt? Der verzeiht ihr das heimliche Kind nicht, für das sie sich so zerkümmert hat, daß sie schier hintersinnig ist worden!« »Der Leopold Breitschirm!« lachten manche laut auf und es ging ein Verwundern durch die Leute, die hier zusammengeeilt waren in dunkler Nacht. »Der Leopold hat's not, daß er sein Weib verjagt, deswegen! Der muß ein Gedächtnis haben wie ein luckedes Schneuztüchel.« »Möchte doch gern wissen, was der sagt, wenn man ihn wollt' fragen, was aus seinen heimlichen Kindern geworden ist?« »Im Weinland draußen,« sagte jemand, »ist ein kleiner Einhandel; weil er sein Brot nicht verdienen kann, ist er in der Einleg' bei den Weinbauern, aber sie wollen ihn nimmer behalten. Dem seine Mutter, eine Dienstmagd, hat auf dem Sterbebett angegeben, der Vater hätt' den größten Bauernhof in Resingtal.« »Im Resingwald,« rief ein anderer, »weiß ich ein sauberes Dirndl, Gaismadl ist sie im Holzschlag. Ist noch nicht tausend Wochen alt und tun doch schon die Holzknecht um sie Karten spielen.« Und plötzlich über den Gartenzaun her schrie eine grelle Weiberstimme: »Ich weiß auch was. Hab' mir fürgenommen, daß ich nicht sein' Schand und Spott will sein. Aber weil er so hartherzig ist –« »Still sein!« rief der Dorfrichter drein. »Wir haben genug gehört. »Die zwei Eheleute sollen es selber miteinander ausmachen!« »Ja, daß geprügelt wird! Wir bleiben da, wollen 's just einmal hören, wie sie's ausmachen.« »Sie sollen sich jetzt einander ein gutes Wort sagen, nachher gehen wir schlafen.« »Die Bäuerin soll reden!« wurde verlangt. »Ich hab' da nichts mehr zu reden,« sagte sie. »Was ich eben gehört hab', ist nichts neues bei den Mannsbildern; das muß eine jede wissen, die einen nimmt, und froh sein, wenn's nachher gut ist. Und meinen Buben – dem Herrgott muß ich danken, daß er mir ihn noch einmal hat zugeführt! – den verlaß ich nicht, weil er mich am notwendigsten braucht.« Jetzt aber brach der Bettelbub auf die Knie nieder, sein ganzer Körper schütterte, er rang vor der Bäuerin die Hände. Daß dieses Weib seine Mutter ist, er hatte es das erstemal gehört. Nun hatte der Leopold gerade genug erfahren und gehört! Bei solchen Leuten muß sich das Wesen plötzlich stürzen, oder es geschieht nie. Er besann sich nimmer. In den rechten Arm nahm er sein Weib, in dem linken zerrte er den Bettelbuben mit sich, so brachte er sie ins Haus. Am Abende des nächsten Tages saß die schon halberwachsene Haustochter an ihrem Nähkorb. Nähte aber nicht, hielt die Hände auf dem Schoße übereinandergelegt und hatte rotgeweinte Augen. Daneben am Tische saß ihr Bruder Ferdinand, der war stumm wie sie und schnitzte mit dem Taschenmesser an der Tischkante. Da kam der Vater in die Stube und setzte sich auch hin. »Geh', Ferdel,« sagte er, »bist nicht gescheid, 's ist schad' um den Tisch!« Er sagte es in einem gar gütigen Tone, der mehr wie eine Zärtlichkeit klang, denn wie ein Vorwurf. Der Bursche klappte das Messer zusammen, steckte es in die Tasche und stand auf. »Willst nicht noch ein bisset sitzen bleiben, Ferdel?« sagte der Vater und sein Atem war kurz, daß er die Rede nur leise und stoßweise vorbringen konnte. »Mir ist's recht, daß ich euch beisammen find', allzwei. Weil ich ein paar Wort' mit euch zu reden han. – Was gestern vorgefallen ist, das wißt ihr. Auf der Welt geht's halt immer einmal so. Sein sollt's freilich nicht. Wer dran ein Abscheuchen nehmen möcht'. 's weiß keiner, was ihm zusteht. – Und was ich sagen will. Daß die G'schicht in Ordnung kommt: Eure vier Geschwister, die wollen wir halt jetzt ins Haus nehmen. Wird euch eh auch recht sein.« Und dann wartete er auf Antwort. Die bekam er. Ruhig, aber entschieden sagte Ferdinand: »Zwei zu vier – das möcht' uns wohl nicht taugen. Meine Schwester und ich, wir haben es schon besprochen. Wenn sie bei der vorderen Tür hereingehen, gehen wir zwei bei der hinteren hinaus.« Nach dieser Erklärung verließen die zwei jungen Leute die Stube. Der Bauer ging zur Thekla und sagte: »Weib, wir sind in allen Instanzen verurteilt. Vielleicht, daß du einmal redest mit ihnen. Ich habe genug.« Die Lüge der Jungfrau Die Geschichte habe ich von ihr selber. Aber sie ist verdammt hart fürzubringen, weil die Leute darüber wieder den Kopf schütteln werden. Auch solche, die gar nicht einmal einen haben. Nun – lassen wir's drauf ankommen. Der Bürgermeister zu Knodlach war schon in der gewissen Zeitigkeit, wo man die Haare hinten länger wachsen läßt, um sie nach vorne kämmen zu können. Und fiel es ihm jetzt ein: Heiraten könnte der Mensch eigentlich auch. – Für den Bürgermeister die Säuberste, das ist ohne weitere Erklärung zu verstehen. Aber auch eine Ehrsame muß es sein, eine ganz frische, die noch keinen Wurmstich hat. Und da ist die Auswahl freilich wohl nicht groß. In Knodlach weiß man gar keine, bei der es ganz sicher wäre. Hat eine schon keinen Wurmstich, so gewiß einen Wespenstich boshafter Umrede. Aber beim Kern auf dem Samelsberg steht eine – so frisch wie der junge Kirschbaum. Solange solch ein grün Bäumlein noch keine Kirschen trägt, ist es sicher vor Gimpeln und Spatzen, obschon so mancher hin- und herflattert, um zu gucken, ob sich im Laub nicht doch irgendwo schon ein rotes Knötlein zeige. Auf den Samelsberg, so steil er ist, denkt der Bürgermeister von Knodlach. Während er aber bloß hinauf denkt, gehen andere hinauf. Der Kringstam-Franzl! Auf dem Kirchweg hatte er sie einmal flüchtig, nur so über die Achsel hin, ganz leise, aber schreckbar glühend, gefragt, ob er in der Samstagnacht kommen dürfe! – »Kommen«, das erlaubt jede. Erstens, weil sie's nicht verbieten kann, und zweitens, weil sie's nicht verbieten will, dieweilen es kein übler Aufputz ist für ein Dirndlkammerfenster, wenn am Gitter frische Büblein hängen. Gasseln! Fensterln! In unserem Heimatland ein uralter Brauch, ein schöner, lustiger, gar sündhafter Brauch, weshalb er auch nimmer abkommen wird; solange das Obst nicht umsonst zu haben ist. Grußstanderln! Besuchsstünderln! Probenächte! Wem zugetraut werden kann, daß er nachher ernst macht mit dem Heiraten, der wird so leicht nicht abgewiesen. Schmilzt die heiße Liebe schon nicht das Fenstergitter, so kommt ein Flüstern heraus, wie man um die Hausecke gehen und die Türklinke drücken muß, daß es aufgeht. Die Eltern oder der Vormund mögen es wahrnehmen, aber sie brauchen die Augen nicht erst zuzudrücken, weil sie bei der Nacht ohnehin selten offen stehen. Also hinein, junger Kerl, wenn du willst! Aber, Lump, wenn du sie nachher sitzen läßt! – Wenn es jedoch Probenächte sein sollen, auf die unsere klugen Altvordern schon so viel gehalten, dann muß man's auch d'rauf ankommen lassen. Allerdings, daß ich erinnern mag: In der Probenacht besteht manches rechtschaffen, was nachher in den langen Ehejahren nicht immer Stand hält. Deswegen, Dirndl, gewagt ist's, wenn du dem Buben verrätst, wie man die Türklinke drückt, daß sie aufgeht! Der Amrei Lise beim Kern auf dem Samelsberg braucht man solcher Sach' wegen keine Mahnung zu geben. »Die Tür in mein Stübel,« sagt sie, »sperrt nur der Kirchenschlüssel.« »Was hilft dir dein Klocken (Klopfen), Deine picksüße Red'! Das G'schloß is von Eisen, Das Herz aber net!« Wäre er nur erst in der Kammer, dann kunnt sie sich wohl selber nimmer stark genug sein. Aber an die Wand kommen mit dem Leiterl, das hat sie ihm gestattet, da will sie wohl 's Fenster aufmachen, daß sie selbander mögen plaudern. Schwer zu glauben ist es nicht, daß der Franzi nun Samstagnacht um Samstagnacht auf dem Leitersprießel sitzt, vor ihrem Fenster. Liebliche Ansprach' kann hinein, die Hand kann hinein, daß sie langt an die Ringlein ihres Haares, der Kopf kann so weit durch das Kreuzgitter hinein, daß »seine Lippen an ihr Göscherl tippen«. So viel Vorschuß gibt sie, aber nicht mehr. Und selbst das nur auf Rechnung des heiligen Ehestandes. Dem Franzi geht es also verteufelt schlecht. Hätte er sich auch für die ersten Abende begnügt, für sein beständiges Wiederkommen jeden und jeden Samstag, auch bei Wind und Wetter, schien ihm doch die Gunst zu gering. Auf dem Heimweg war er oft recht unmutig, aber am nächsten Morgen, wenn er munter ward, da lachte ihm das Herz darüber, daß er ein so starkes züchtiges Dirndl hatte. Und wenn wieder die Samstagnacht kam, stieg er wieder an ihr Fenster, in der Hoffnung, diesmal würde sie weniger stark sein, und beim Heimweg war er wieder ungut und am nächsten Morgen war er wieder froh. Es mag bei den eingezogenen Dirndeln wohl auch die Klugheit mitsprechen; sie wissen es recht gut, daß man die Hochzeit mit nichts sicherer beschleunigen kann, als mit dem Versagen vorzeitiger Gaben. Der Kringelstam-Franzl ging zum Pfarrer, des Aufgebotes wegen, und zum Wirt, daß er einen Ochsen schlachte und ein paar fette Schweine. Der Kringelstam besitzt zwar kein Anwesen, aber er will die große Klausenmühle pachten und lumpig soll's nicht hergehen, wenn er die Kerntochter heimführt. Mittlerweile war auch der Bürgermeister einig geworden mit dem Kern auf dem Samelsberg. Es wackelte nämlich der Kernhof. Es lasteten Schulden auf ihm, von denen »niemand nichts« wußte, als der Kern und leider auch die Gläubiger. Diesen Gläubigern begann aber die Gläubigkeit abhanden zu kommen, ob das Kerngut im Kern wohl auch gut sei und ob sie wohl auch sicher zu ihrer Sache kommen würden. Da mit stillen Mahnungen nichts erreicht wurde, so ließ einer ihrer Advokaten was fallen vom Pfänden und Verganten. Jetzt verlor der Kern den Kopf und – der Bürgermeister fand ihn. Nachdem er schon in den Gemeinderatssitzungen immer besonders beifällig genickt hatte, so oft der Rat Kern einen weisen Ratschlag getan, fuhr der Bürgermeister eines schönen Regentages im Kernhofe vor. »Schön hast es wohl da heroben,« so begrüßte er den Bauer. »Möcht' gleich selber heroben sein, wenn ich nit unten war'. Aber frei zum bideln (brautwerben) gehen, so regnen tut's heut'.« An einem Regentage brautwerben oder Hochzeit halten, bedeutet künftige Reichtümer. »Na, na,« lachte der Kern, »der Knodlacher Bürgermeister wird bei so was wohl nit auf einen Regentag anstehen.« »Eh nit, eh nit. Schon ehenter aufs Bideln, möglicherweis'.« »So? Ei! Schau! Viel zu jung wärst just nit mehr dazu,« sagte spaßeshalber der Kern. »Und zu alt auch nit. Und 's Regnen kann der Mensch alleweil brauchen.« Auf diese Bemerkung hat der Kern einen hörbaren Seufzer getan. »Wenn's einmal eine halbe Stund' Dukaten regnen tät, meine Kohlpflanzen wollt' ich gern derschlagen lassen.« »Wirst eh auch dein Anliegen haben,« sagte hierauf der Bürgermeister. »Solltest einmal einen guten Freund brauchen – den Kernleuten bin ich alleweil geneigt gewest, alleweil. – Ist die Amrei Lise nit daheim?« »Meine Tochter? Die tut mit der Mutter Krautpflanzen setzen. Wenn's regnet, muß man Kraut setzen.« »Du Nachbar – eh, was ich sagen will,« der Bürgermeister tat gar zerstreut, »die – die – weißt, die Amrei Lise, die wirst mir halt müssen geben.« Lachend schlug ihm der Kern die Hand auf den Arm: »Wär' schon recht, Bürgermeister, wär' schon recht!« »Spaß und Ernst auch. Heut' lieber wie morgen, daß ich sie wollt' mitnehmen. Platz hätten wir auf dem Wagen alle zwei. Und austrommeln (aufbieten zum Verganten) wollt' ich ihn nit lassen, meinen Schwiegervater, austrommeln nit!« »Aber je, aber je,« rief der Kern freudig aus. »Nachher wärst mir ja ein reiner Vierzehn-Nothelfer!« Eine halbe Stunde spater und sie gingen hinaus zum Krautacker. Die beiden Weibsleute waren in gebückter Stellung und eifrig bei der Arbeit, Kohlpflanzen in die feuchte Erde zu setzen. Der Bürgermeister schlich die Amrei Lise hinterwärts an, hielt plötzlich den Regenschirm über sie und rief lustig: »Die Frau Bürgermeisterin darf man nit anregnen lassen!« Alle lachten und die Amrei Lise entgegnete, da hätt's keine Not, die Frau Bürgermeisterin tät's eh nit anregnen. Das war die erste, noch die höfliche Ablehnung. Ein paar Tage später, als er förmlich um sie anhielt, war ihre Meinung, mit so ernsten Sachen soll man keine Späße machen. Und eine Woche später, bei der dritten Werbung, die in Gegenwart der Eltern und Verwandten geschah, bekam das Dirndl blitzende Augen. Der Bürgermeister versicherte, daß es wohl auch ihre Jugend und Schönheit sei, als noch mehr ihre Bravheit und Gutheit, die man in Gold fassen müsse und zum Vorbild hinstellen vor die Gemeinde. Gar feierlich sprach er. Aber sie wollte zur Tür hinaus. Der Vater hielt sie am Arm fest und sie würde doch nicht ihr Glück ablaufen lassen! »Glück! Mit dem!« kreischte sie auf, »laßt mich, ich will Fried' haben!« »'s ist nur die Schamigkeit,« beruhigte der Kern, »die Schamigkeit ist's. Bist halt alleweil ein züchtig Dirndl. Daß du dir's von deiner Mutter halt wohl einmal sagen lassen mußt, wie nach Gottes Willen zur Eva auch der Adam gehört. Und auf so ehrenhaften Schick, wie diesmal! Schau an deine Kameradinnen weitum, ob eine so ein Glück macht! Und ich bin aus der Sorg, das mußt auch bedenken, ich bin aus der Sorg, wenn du jetzt ›ja‹ sagst. Einmal den Mund auftun, schau', das ist eh nit viel für all' Kreuz und Kummer, so die Eltern mit einem Kind haben gehabt. – Ei, sie ist nur erschrocken, sie sagt schon ja.« »Ah na, freilich sagt sie ja!« sprach der Bürgermeister, nach ihrer Hand tastend. »Daß sie sich tut sträuben, ich wünsch' mir kein besseres Zeichen von der Jungfrau!« »Ich bin keine mehr!« schreit die Amrei Lise gellend auf, reißt sich los und eilt hinaus. Sie ging in ihr Stübel, schloß sich ein, und jetzt erst konnte sie weinen. Weinen aus Zorn, daß man sie so hatte verkuppeln wollen. Weinen aus Leid, daß sie in trotziger Erregung durch eine Lüge ihre Ehre hat verletzt, bloß um ihn abzuscheuchen. Das Wort flog rasch hinaus und kitzelte alle Ohren von Knodlach und Umgebung. Im Hause ist Ruhe geworden an demselben Tage. Keins sprach zu ihr ein Wort; die Mutter tat am Abend beim Herde, als sie das Scheit ins Feuer warf, murmeln von der »spottschlechten Flitschen, die just einmal so ins höllisch' Feuer geschmissen wird«! Der Bürgermeister hatte sich zurückgezogen von »so Einer«. Eine schreckliche Verbannung war auf sie geworfen und mit solchem Verlangen hatte sie die Samstagnacht noch nie erwartet als diesmal. Sie kam, aber der Franz kam nicht. Hingegen brachte ihr der nächste Tag ein Brieflein: »Liebe Amrei Lise! Indem ich das hab' hören müssen, wird's nichts mit dem Mühlpacht. Ich mag nimmer bleiben in Knodlach und probier mein Glück in der weiten Welt. Daß du dich vergessen hast, hätt' ich dir vielleicht verzeihen können, aber die Falschheit nicht, da kunnt ich wohl kein Vertrau zu dir mehr haben. Ich wünsche nur, daß er dich wenigstens heiratet, der Gewisse, dem du's so gut gemeint hast, dieweil du vor meiner so geizig bist gewest. Bin jetzt um ein Stückel gescheiter worden und will halt schauen, daß ich dich vergiß. Dir wird's nicht schwer ankommen. Franz Kringelstam.« Von dieser Stunde an ist ihr Herzleid angegangen. Wie manchen Brief hat sie hinausgeschickt, wenn sie auf Umwegen erfahren, da oder dort sei er gesehen worden. Bei Gott und allen Heiligen hat sie ihm geschworen, daß sie jenes unglückselige Wort nur in Unüberlegtheit und Trutz herausgesagt habe, weil sie sich nimmer anders zu helfen gewußt. Es wäre ihr nichts mehr gelegen gewesen an ihrem Ruf, nur ihm – dem Franz – wollte sie sich in Treuen bewahren. Außer ihm habe sie keinen Liebsten gehabt und werde auch keinen haben, und das könne sie noch in ihrer Sterbstunde sagen. So hat sie gleichsam hinausgeschrien in die weite Welt. Aber keine Antwort ist zurückgekommen. Nichts und nichts hat sie mehr gehört von ihrem Franz. Nach ihrer Eltern Tod, der bald nach Vergantung des Kernhofes eingetreten, ist sie als Magd in Diensten gegangen. Bis ins Alter hat sie ihre Selbstverleumdung gebüßt uud – ist Jungfrau geblieben. Der Unkrott und seine Hani Beim schönen Irnhardthof in der Irrsen, wie war es da oft lustig gewesen! Der alte fleißige Irnhardt war mit keiner Heu- oder Kornfuhr in den Hof gefahren, ohne daß ein barfüßiges Nachbarsknäbel dran hing, das sich auf solchem Fahrzeug in das Haus einschmuggelte, wo es Butter und Honig zu schlecken gab. Da waren die Leute alle so lustig, sei es bei der Arbeit oder am Feierabend, wenn die Sonne rot auf den Dachgiebel schien, auf den Kirschbäumen pfeifende und schnabulierende Burschen wuchsen und den Mädeln, die unten auf dem Rasen saßen, purpurrote Träublein mit frischem Laub herabwarfen. Und als eines Abends wieder die Kornfuhr in den Stadel rollte, rutschte von der hohen Garbenschichte der kleine Waldbauernbub herab und die Großdirn konnte noch früh genug ihre Schürze spannen, um ihn aufzufangen. »Leut'!« rief sie aus, »da hab' ich einen Heuschreck gefangen. Was heben wir denn an mit ihm?« Gab der Weidknecht den Rat: »Die Haxeln ausreißen. Heuschreckhaxeln sind so viel gut.« Hierauf die Irnhardtbäuerin: »Dazu wird er halt zu mager sein, wir wollen ihn erst ein bissel füttern!« Und kam mit einem Stück Butterbrot. So gab es immer was Anmutiges in diesem Hofe, er war voller Leben überall und die Arche Noahs konnte an Kälbern, Schafen, Ziegen, Ferkeln, Hühnern, Kaninchen nicht mehr gesegnet sein als dieses frohe Haus, und die Irnhardtleute waren ehrengeachtet im ganzen Irrsental, und die Wirtin zu Fischbach deckte den Tisch mit Silberbesteck, wenn manchmal am Sonntag der Irnhardtner angefahren kam mit seinem Steirerwäglein. – Und wie nun der damalige Waldbauernbub als bejahrter Mann einmal ins Hochtal gekommen war, verlangte es ihn, den alten Irnhardthof wieder zu sehen, der hinter dem Bache auf breitem Hügel unter Laubbäumen so behäbig dagestanden. Da stand er nun freilich noch, aber wie? Ich habe es die langen Jahre her gewohnt werden müssen, schöne große Bauernhöfe in Einöden als armselig verfallende Ruinen wieder zu finden – das Dach zerzaust und durchlöchert, die braunen Holzwände einsinkend und überwuchert von Struppwerk oder gar nur mehr ein Steinhäuflein vorhanden, wo einst jahrhundertelang der Küchenherd mit der munter prasselnden Flamme gewesen. Ganz anders sah es um den Irnhardthof aus. Über seinen weiten Bereich lag nicht bloß eine schwere Einsamkeit. Im schütteren Kiefernwald, wo unter Eichhörnchen und Eidechsen einst jubelnde Kinder Preiselbeeren gesammelt, war nichts als verkrüppeltes und verwittertes Gezwerge mit langen Barten, und welkendes Heidekraut. Keine Beere, kein Pilz, kein funkelnder Käfer. Das Feld daneben hatte reifes Korn, aber alle Halme waren gebrochen wie die Glieder eines geräderten Missetäters. Auf den Kirschbäumen begannen die Aste zu dorren, selbst die noch grünen Zweige trugen kein einzig Kirschlein, weder ein rotes noch ein schwarzes. Der Hausbrunnen im Hofe war versumpft und tröpfelte nur träge in den breiten Trog. Haus und Ställe waren so gut erhalten, als ob sie erst gestern verlassen worden wären. Tür und Tor standen offen, nur das Wohnhaus war verschlossen und an die Tür ein Zettel genagelt: »Hier ist verspirt, Schlisel beim Gemeinrichter.« – Anscheinend half das Schloß nicht viel, denn im Dache waren Bretter ausgehoben und ein Blick durch das vergitterte Fenster zeigte, daß drinn Unberufene nach Wertsachen gesucht hatten. Was nicht nagelfest gewesen, war fort, aus den offenen Kästen und Läden war unbrauchbarer Wust in der Stube umher gestreut und an der Wand standen mit Kohle geschriebene Diebszeichen. Ich war fast lahm vor Verblüffung. Was ist da geschehen? Das ist kein gewöhnliches Abgehaustsein, da ist was anderes dahinter. Ich verließ die öde, lautlose Stätte und weiter oben setzte ich mich auf einen Steinhaufen. Ganz arm und gebrochen kam ich mir vor, daß auch dieses Jugendidyll dahin war. Müssen sie denn alle verblassen und in den Sumpf einer unseligen Wirklichkeit versinken, die sonnigen Bilder aus fernen Zeiten? Muß uns denn vor unserem trostlosen Hinsiechen noch die Gewißheit werden, daß von den kümmerlich in der Erinnerung geretteten Jugendfreuden keine, keine einzige echt ist? »Gelt, da schauts aus!« rief hinter mir jemand mit einer quatschigen breiten Stimme, wie sie aus zahnlosem Munde kommt. So ein Waldmensch, ein Ameisler oder Pechschaber, oder beides. Sein Buckelkorb, unter den er just den Stecken gestützt hatte, war mit dürren Reisignadeln bespickt, schien aber leer zu sein. Er zog das hübsch glatt geschorene runde Gesicht auseinander, es schien ihm Spaß zu machen, daß er mit seinem plötzlichen Auftauchen einen erschreckt hatte. »Seid Ihr leicht auch gekommen ein bißl nachschauen?« fragte er glatt hin, »man kann aber nit hinein, wer nit beim Dach durchkrauchen will. 's Bessere ist auch schon verschleppt.« Da ich ihn ohnehin nicht eigentlich verstand, so wurde die Bemerkung fallen gelassen; meine Frage war nach den Irnhardtleuten. Er legte fromm die Hände in einander und sagte fast seufzend: »Mein Gott, die Irnhardtleute! Da tät's freilich anders ausschauen, wenn die noch auf diesem Haus wären! Die Alten sind weggestorben, die Jungen haben sich um ein besseres Stückel Welt umgetan. Im Miesertal, oder wo, Fabriksarbeiter oder was. Ich weiß nit.« »Und hatten dieses Haus allein stehen lassen?« »Ah das nicht. Sie nicht. Werden es wohl verkauft haben. Der Unkrott hat's ihnen halt abgekauft. Ist auch schon zwanzig, fünfundzwanzig Jahr', oder was. Mein Göttel, da wär' viel zu sagen.« Der Mann hatte sich nachher neben mich auf den Steinhaufen niedergelassen und auf ein paar Hin- und Herreden angefangen, mir die Geschichte vom Unkrott zu erzählen. – Lange habe ich sie seither schweigend in mir herumgetragen, denn es tut weh, so niederträchtige Sachen weiter zu sagen, wie von diesem dummen Unkrott und seiner schlechten Menschin. Weil aber nichts Gutes wachsen kann, solange das Schlechte nicht abgeräumt ist, so muß man doch den Unrat hinausschaffen. Vielleicht kann es manchem, der etwa auf derselben Straßen niederwärts zu gleiten in Gefahr ist, zur guten Wendung sein. Mein Waldmensch auf dem Steinhaufen hat's etwas sprunghaft gemacht, so will auch ich es versuchen, in seiner Art mit großen Schritten über den Sumpf hinwegzukommen. Vor so und so viel Jahren war aus dem Sunk herüber ein Bauer mit seinem jungen Weibe gekommen und hatte nach dem Tode der alten Irnhardtleute den Irnhardthof gekauft. Bar ausgezahlt, heißt es, und schier fürnehm angefangen zu wirtschaften. Nur war das Weib schier zu fein und kleber für den derben Bauernhof und seinen Herrn. Da war eines Abends ein fremdes Mädel ins Haus gekommen, barfuß und mit einem Handbündel am Stecken, wie vazierende Burschen gehen. Ob sie in Irnhardthof nicht eine Magd täten brauchen? Der Bauer schaut sie an und denkt: Ein fester Brocken wärst, zum Arbeiten! – Und was sie Lohnes begehre? – Geldeswegen rede sie nicht, er möge übers Jahr halt geben, was sie verdient haben werde. – Da kann ich nicht leicht zu kurz kommen, denkt er und so ist sie im Hof verblieben. Wohl fleißig muß sie gearbeitet haben, denn übers Jahr und übers zweite Jahr stand es so, daß das Weib des Unkrott mit ihren zwei Kindern davon war, in Haß und Verzweiflung davongegangen. Und an ihrer Stelle saß warm und breit die zugelaufene Magd, die dralle Hani. Jahrlohn gab's da keinen, denn sie schaffte für seine Sach' und ihre Sach'; er nannte sie gern sein herztausiges Mutzerl und verschrieb ihr aus Dankbarkeit dafür, daß sie gar so lieb mit ihm war, ein Stückel Wirtschaft ums andere, ein Stückel Vermögen ums andere. Sie nahm es nur unmutig an, ob er denn glaube, daß es ihr nach eitel Gut gehe, wo er ihr alles und einziges sei auf der ganzen Welt! Vor Rührung über eine solche Liebe hub der alte Esel zu gröhlen an und verschrieb ihr noch mehr. Sein rechtmäßiges Weib lebte zwar noch in irgend einer Hütte, aber das war eine böse Person, sie tat immer nur greinen und schimpfen über den Unkrott, daß er eine Untreu sei und seine Zottin was noch Schlimmeres. – Natürlich muß man eine so schlechte Kreatur entgüten und enterben und alles fein schriftlich machen, daß es der lieben Hani gehört, was unter ihrer braven Mitwirtschaft erworben worden ist. Und da war in das Haus öfter so ein Stadtzottl gekommen, ein abgekrachter Advokat, oder so was, soll gerichtliche Nachfrage nach ihm gewesen sein und kam in Flüchten so in den Irnhardthof, wo er zeitweilig sich als Knecht aufhielt, der Hani schön tat und den Leuten mancherlei Schreibereien und Rechtsangelegenheiten besorgte. Dieser Mensch soll der Hani manchen Einschlag gegeben haben, von dem der Unkrott nichts erfuhr. Und wie nach solch lieblichem Lauf der Jahre an zwei Dutzend verflossen waren, sah sich die Hani, so uneigennützig sie doch stets gewesen, als die einzige Eigentümerin. Der Unkrott war mittlerweile grau und buckelig geworden, die noch gar lebensrüstige Hani bewies ihm ihre Dankbarkeit mit Zwetschkengeist, dem er schon früher nicht abhold gewesen war; nun fing er an, ihn für sein Leben gern zu trinken. Brantwein, das wird's wohl noch tragen, Alter, daß du keinen Durst zu leiden brauchst, sagte sie gern, hast dein Lebtag viel gearbeitet, so sollst dir jetzt wohl keinen Abbruch tun. Und kaufte ihm allwöchentlich den Fusel maßweise. Der Alte aber wollte für so viel Güte seiner lieben Hani nicht erkenntlich sein. Zwar lieben haben wollt' er sie, so viel das Zeug hielt, doch versterben wollte er nicht. Sie aber mochte mit ihrem jungen Burschen, einem Forstgehilfen, den sie sich neben ihm heimlich warm gehalten hatte, nicht gerne mehr länger zuwarten, heiratete ihn, machte ihn zum Herrn des Hofes, den sie vom Unkrott geschenkt bekommen hatte. Der alte Unkrott fand nun diese Heirat seiner lieben Hani weidlich keck und fing an, im Hause umherzufluchen, als ob noch alles sein eigen wäre. Da fanden die Hani und ihr junger Mann, daß Fluchen grob Sünde sei und ein schlimmes Beispiel für das Gesinde. Sie machten daher dem Alten tief unten im ruhigen Keller eine bequeme Liegerstatt, ganz nahe am Fuselfäßchen, und sperrten, damit ihn niemand in seinem wohlverdienten Ruhestand sollte stören können, die eiserne Kellertür ab. Manchmal war der Unkrott aber doch durch das vergitterte Fensterlein zu hören und er tat fast, als ob ihm dieser Aufenthalt nicht recht wäre. Da kam die Hani einmal hinab, schleuderte ihn, den ohnehin Wankenden, zur Erde, warf einen schweren Pferdekotzen über seinen Kopf und legte sich selber darauf mit ihrem breiten Leibe, um ihn mit eigen Fleisch und Leben zu schützen gegen fremde Unbill. Zur Stunde soll eine alte Magd den Unkrott schreien, den Namen seines ehelich angetrauten Weibes ausrufen gehört haben, aber nur einmal ganz deutlich, das zweite Mal halb erstickt, und dann war es bald stille geworden. – An Altersschwäche. – Das Begräbnis des alten Unkrott soll Wunders wie feierlich gewesen sein, die alte Magd aber konnte den Schrei im Keller nicht verwinden, sie hörte ihn allnächtig. Das klagte sie den Hausleuten, da wurde die Hani sehr unwirsch und fragte scharf, was denn mit solchem Gerede gemeint sei? Ob man nicht wisse, was alten, immer fröstelnden Leuten not tue? Immereinmal ein heißes Tröpfel und warme Decken. Ob sie nicht das Recht gehabt hätte, ihn, dem sie alles verdanke, zu wärmen und zu schützen? Na, was ließ sich denn sagen? Höchstens eingesperrt könnte man werden, wegen so einer dummen Rederei. – Als ob nicht die alten Leute in der ganzen Welt stürben! Nach dem Tode des Alten wies es sich, daß ein paar tausend verfügbare Gulden vorhanden waren, und nach diesem Gelde streckten die mitlerweile herangewachsenen ehelichen Kinder des Unkrott die Hand aus. Die Entrüstung der Hani über eine solche Frechheit war unermeßlich. Wie kommen diese Rangen dazu, ihr Eigentum anzutasten? Sie ging zu den Advokaten und begann gegen die Kinder des Unkrott einen Prozeß. Um diese Zeit war der herrische Knecht, der versprengte Rechtspraktikus, wieder gesehen worden. Der saß oft stundenlang im Stadl neben der Hani und gab ihr allerlei seine Ratschlage und faßte ihr schriftliche Eingaben ans Gericht ab, in welchen alleweil sie die Anklägerin war gegen den und gegen die, so ihren ehrlichen Namen verdächtigen oder gar ihr redliches Eigentum anfechten wollten. Das Gericht war ihr lange willfährig gewesen, allmählich fiel es ihm aber doch auf, was denn dieses Bauernweib immer für Unfried habe und begann die Geschichten näher zu untersuchen. Der Hani ihr Knecht, Freund und dunkler Rechtsanwalt im Stadl diktierte ihr gut und sie hielt klugen Widerpart, endlich aber brach der Boden unter ihren Füßen ein, sie war überwiesen. Bei den Untersuchungen hatten sich Sachen herausgestellt, bei denen den Richtern selber die Zornadern schwollen auf der Stirn. Alles klärte sich schrecklich auf und die Hani wurde verurteilt zu jahrelangem schweren Kerker. Sie weinte so heftig im Gerichtssaal, daß der Fußboden unter ihr schütterte, und als sie wieder so weit war, um sprechen zu können, war ihre demütige Bitte, daß man sie wenigstens auf vier Wochen lang nach Hause gehen lasse, sie müsse doch ihre paar Sachen in Ordnung bringen, damit sie – wenn einst die Unschuld mit Gotteswillen an den Tag komme – nicht ganz elend sein werde; und sie für allzeit zertreten, das werde doch auch das hohe Gericht nicht wollen. Nach abgelaufener Frist stelle sie sich ja selbst, was solle sie denn sonst machen, die Leute seien wie der Teufel auf sie und sie müsse bei solchen Umständen noch froh sein, vom Gericht in Schutz genommen zu werden. Alsdann, die Richter sind auch nicht von Stein und die Hani nutzte ihre vier Wochen, um aus Haus, Hof und Fährnissen kurzer Hand möglichst viel Geld zu machen. Der Hauptteil gehört zwar den Gläubigern, aber sie versilberte, was nur immer zu versilbern war. – Als die vier Wochen vorbei waren, spähte ein Gendarm um den Irnhardthof und wunderte sich, daß niemand daheim war. Die Leute aber erzählten, daß sie drei Mannsbilder hätten gehen sehen, einen halbstädtischen Zottel, einen bäuerlichen schlanken mit dem Schnurrbart und einen kurzen Dicken ohne Bart, und wenn diese Reisenden auch nicht dem kürzesten Weg ins Amerika nachgefragt hätten, gesucht hätten sie ihn sicherlich. Und wären sie erst glücklich soweit, dann würde der verkrachte Advokat, der sich wahrscheinlich zum Kassenwart ernannt hatte, wohl füglich einmal an sich selber denken. – Soviel hatte mein Ameisen- oder Pechmann gewußt und darauf noch Folgendes beigesetzt: »Pfutsch ist sie mit samt der Hosen. Sonst hätt' man den Unkrott allein für einen Esel gehalten. Jetzt sind's andere auch. Jeder ist's, der jetzt nit zugreift da beim Hof herum. Tut's wer's kann. Wie das Korn ist reif worden, das noch die Hani und ihr Junger angebaut haben, ist der Hagel kommen und hat gedroschen. Die Holzknecht' vom Dambachwald haben sich den besseren Eisenzeug ausgesucht, der noch im Kasten ist gewesen. Die Kohlbrunnerin hat erst gestern ein altes Spinnradel fortgetragen..... »Und Ihr geht auch mit Eurem Korb?« fragte ich. »Weiß noch nit,« antwortete er zäh, »stehlen nit, das war' mir zu lumpig. Wenn einer aber was findet, das er brauchen kann – Nemm ich's nit, so nimmt's ein anderer.« Da ist mir denn doch unheimlich geworden in der Nähe dieser moralischen Aasstätte. Allerhand wilde Frage- und Ausrufungszeichen bäumten sich in mir auf. Mit der einen Mär ließ es sich schließlich nur so abfinden, daß ich sie einfach nicht glauben wollte. Welches Gericht wird eine Kanaille nach der Verurteilung und vor der Strafe auf freien Fuß setzen und obendrein nichts wahrnehmen, wenn das schlechte Frauenzimmer in die Hosen, und die Hosen nach Amerika verschwindet. – Der alte brave Irnhardthof wäre jedenfalls eines besseren Endes wert, als von den Raubvögeln der Gegend kahlgeplündert zu werden. Hatte der Himmel schon einen schlagkräftigen Hagel, weshalb nicht auch einen treffsicheren Blitzstrahl. Dämon Weib Abend im Walde. Rula : Nein, niemals das, mein lieber, schöner Rabenbart, meinen Mann betrüge ich nicht! Rabenbart : Und immer wieder dieser schielend' Spion, der mich eines halbverreckten Auerhahns wegen in den Kotter gebracht hat. Daß du dich an den hast verwerfen können, du Herzmädel! Ja! Ja! Für mich bist du noch ein Mädel, und wenn du zehnmal getraut worden wärest mit diesem Giftmaul! Mein Mädel wirst du sein! Rula : Bleib' mir vom Leibe! Hältst du mich für eine solche ? da irrst du, mein Lieber. Es bleibt dabei, meinem Mann will ich treu sein, so lang' er lebt. Rabenbart : Und dann? Ließest du dich dann von mir gern haben? Rula : Du bist ja ein herziger Kerl. Rabenbart (leidenschaftlich) : Und ich soll warten, bis dieses Unkraut verdirbt? Mach mich nicht rasend, Rula! Rula : Wenn ich dir schon am Tag nach seinem Tod erlaubte zu kommen? Rabenbart (lauernd) : Wann soll denn das sein, Mädel? Wohl bis die Katz ihre ersten Eier legt. Rula : Geh jetzt hübsch heim zu deinem Weib und denke darüber nach, daß auch für den schönen Großbauern nicht jeder Apfel vom Baume fällt, sobald er dran rüttelt. Rabenbart (zärtlich) : Geh' Kindel, wenn das dein Ernst wär', müßtest du ein bissel anders dreinschauen! Deine schwarzen Augen sind aufrichtiger als deine Zung. Komm! Rula : Kannst du denn nicht eine Minute ruhig bleiben? (Leise) : Höre einmal, ich will dir eine Geschichte erzählen. Vielleicht kommst du dabei auf andere Gedanken. Aber sie ist ja gar nicht lang. Du kannst derweil deinen Kopf auf meinen Arm legen, so. Und jetzt merke hübsch auf. – Da war einmal eine junge Häuslerin und ein sauberer Großbauer. Und die hatten sich lieb. Aber sie konnten nicht zusammenkommen, weil der Ehemann der Häuslerin ein argwöhnischer Alter war, sie bewachte, wie der Drache den Schatz. Was geschah? In einer Nacht sieht sie in der Kornkammer, die just gegenüber ihrem Fenster steht, Licht. Sie weckt ihren Mann, daß er hinausgehe, um nachzusehen und den Dieb zu verscheuchen. Als er vor die Türe tritt, fällt von der Kornkammer ein Schuß, der Alte stürzt zu Boden und ist tot. Der Dieb ist entflohen und niemals ist aufgekommen, wer es getan hat. Rabenbart (schweigt ein Weilchen und sagt dann gedehnt ): Rula, ich verstehe. Aber solche Gedanken solltest du nicht haben. Rula : Habe ich denn Gedanken? Heb' dich weg jetzt, ich will heim. Rabenbart : Ist das dein letztes Wort? Rula : Mein erstes und mein letztes. Ein braves Weib bleibt ihrem Mann treu, so lang' er lebt. Rabenbart : Gut. Nacht in der Hütte. Rula : Johannsel! – – Johannsel! Johannsel (schlaftrunken) : Was ist denn? Was hast denn? Rula : Hörst du nichts? Draußen in der Kornkammer war vorhin ein Gepolter. Du hast doch den Schlüssel abgezogen? Johannsel : Geträumt wird dir haben. Laß mich schlafen. Rula (sich im Bette aufrichtend) : Aber um Gotteswillen, es ist ein Licht in der Scheune! Schau doch ins Fenster. Es ist jemand draußen. Diebe sind in der Kornkammer. Johannsel, steh' auf. Johannsel (sich langsam erhebend) : Was Teufel sind denn das für Geschichten bei der Nacht? Rula : So nimm es doch wahr! Ein Dieb ist beim Korn. Du mußt ihn verjagen gehen. Johannsel : Wie viel Uhr mag's denn sein? Rula : Lieber Mann, das ist jetzt alles eins. Häng' geschwind den Rock um, zünd' die Latern an, nimm den Stecken und geh' hinaus. Johannsel : Aber ich sehe und höre ja nichts. Laß mich doch in Ruh', ich will schlafen. Rula : Du wirst dir doch nicht das Korn in Säcken davontragen lassen. Schlafen kannst nachher. Johannsel : Glaubst, daß ihrer mehrere sind? Rula : Gott nein, 's ist halt so ein alter Haderer. Neben deiner auf dem Kasten liegen die Streichhölzer. Mach', mach'! Johannsel : Sollt' man nicht lieber den Nachbar rufen? Rula : Die Latern' steht auf dem Kasten. Mach' doch, daß du hinauskommst. Johannsel : (während er sich sehr langsam anzieht) : Verdammter Schelm, den Kornkasten ausrauben! Na wart, Lump, die heutige Nacht sollst du dir merken. (Während er säumig die Laterne anzündet, blickt sie ihn an, mit großen schönen Augen. Ein absonderlicher Blick.) Rula : Geh' ihn nur scharf an. Er lauft davon, wirst sehen. Johannsel : Den will ich lehren, Korn stehlen! (Endlich trottet er zur Tür hinaus in die Nacht, da knallt ein Schuß.) Jesus Maria! – Weib! Hilf mir! Hilf mir! (Er bricht zusammen, sein Haupt schlägt hart an die Wand der Hütte.) Rula (springt vom Bette auf, reibt die Fäuste ineinander und zischt vor sich hin) : Aus ist's! Endlich! (Einige Minuten später geht sie auf die Gasse und schreit kläglich) : Nachbarn! Nachbarn! Kommt zu Hilfe! Diebe! Räuber! Mörder! Meinen Mann haben sie mir erschossen! Morgen im Großhof. Rabenbart (ihr entgegenkommend) : Ist es wahr? ist es möglich? Von einem Unglück hört man bei dir? Rula : Hören, sagst? Du mußt ja mehr wissen davon. Rabenbart : Wieso soll ich mehr wissen? Erst hat mir's der Knecht gesagt. Rula (bläst ihm zu) : Willst du's etwa leugnen? Hab' durchs Fenster dein Gesicht genau erkannt, beim Schutzfeuer. Rabenbart (flüsternd) : Ich bitte dich! Man könnte es hören. Rulll (schreiend) : Und man wird es hören! Rabenbart : Die Geschichte von der Häuslerin. Weißt du? Rula : Meinen Kopf, wenn ich was gesagt habe! (Sie blickt ihn verächtlich an.) Armer Schelm! Ich kann dich jetzt hängen lassen! Rabenbart : Rula! Dann – hängst du mit! Rula : Oho, Bürschl! Das war jetzt nicht fein von dir. Das Gericht möcht' ich sehen, das wegen Geschichten erzählen Leute hängt. Rabenbart : Mach' doch jetzt keine dummen Späße, Mädel. Wir wollen Anstalten treffen, den Raubmörder zu verfolgen. Rula : Hast denn du Angst vor dem Raubmörder? Wieso denn das? Er ist ja nicht so schlimm, er tut dir nichts. Du kannst dich leicht erlösen. Weißt, ich muß ja nichts gesehen haben, wenn – wenn ich Großbäuerin werde, und – dein eheliches Weib! Rabenbart : Mein eheliches Weib? Rula : Billiger ist die Witwe nicht zu haben, mein Schönster! Und dein Leben auch nicht – verstehst? Rabenbart : Mein eheliches Weib? Hat dir das Unglück den Verstand geraubt? Mein Haus ist zwar groß, aber zwei Eheweiber haben doch nicht Platz darin. Rula : So muß die eine weg. Rabenwort: Was? Was sagst du? Rula : Schöner Rabenbart, warum bist du denn so blaß? Schande über einen Mann, der andere umbringt und dem selber die Hosen blädern vor dem Sterben. Rabenbart : Rula, Herzmädel! Hi, hi, du bist spaßig, hi, hi! Rula : Ich hätt' den Meinigen hergeben müssen und du wolltest die deinige behalten! Das war' ein ungleiches Spiel. Nein, mein Lieber, weil wir schon so weit sind, so will ich jetzt Großbäuerin sein. Bist denn nicht einverstanden? Wenn man dir glauben darf, habe ich dir doch besser gefallen, als die andere. Rabenbart (in plötzlicher Verzweiflung losbrechend) : Bestie, laß mir mein Weib in Frieden! Rula : Dann gehst du. Wohin, das weißt du. Rabenbart : Törichte Reden sind's, törichte Reden. Sei gescheit, Rula. Leicht begreiflich, die Aufregung, jetzt. Werden uns schon verstehen. Soll dein Schaden nicht sein. Rula : Du kannst ihr einen Trunk richten. Rabenbart : Was sagst du? Rula : Ich weiß ein Salz dazu ... Rabenhart (starr, kalt, verändert) : Ein Salz? – Dann will ich doch lieber sehen, ob noch Pulver da ist. (Er geht rasch ins Haus. In der nächsten Minute kracht ein Schuß.) Das Gesinde (läuft aus dem Hause und schreit) : Der Bauer! Der Bauer! Er liegt auf Erden! Der Urbrandel In altgesessenen Bauernhöfen fällt es einkehrenden Fremden auf, daß die Leute zueinander ihre unterschiedlichen Ansprachen haben. Daß das Gesinde den Hausbesitzer »Bauer« oder »Vater«, sein Weib »Bäuerin« oder »Mutter« nennt, das kann man verstehen. Auffallend aber ist, daß die Leute zu den einen »Du« sagen und zu den andern »Ihr«, wobei nicht etwa Stellung und Alter allein entscheidend ist. Ältere Leute pflegen von jüngeren mit »Ihr« angesprochen zu werden, als Zeichen der Ehrerbietung, während man zu jüngeren Leuten stets das »Du« gebraucht. So daß der junge Hausvater zu seinem alten Knecht »Ihr« sagt, der alte Knecht aber den jungen Hofbesitzer und Dienstherrn mit »Du« anspricht. Das gleiche kommt zwischen der jungen Hausmutter und älteren Gesindepersonen vor. Das Alter wird höher geehrt, als Besitz und Rang! Aber nicht bloß das Alter. Auch die sittliche Würde. Zu dieser wird im altgesessenen Landvolke auch der Ehestand gerechnet. Es kommt mitunter vor, daß in einem Hofe der Hausbesitzer Junggeselle ist, der Knecht oder die Magd aber verheiratet ist oder war. In diesem Falle sagt der Bauer zum Dienstboten »Ihr« und dieser zum Bauer »Du«, und das auch, wenn der Ledige weitaus älter ist, als der Verheiratete. Kurz, die Verehelichten, Mann oder Weib, werden mit dem ehrerbietigen »Ihr« angesprochen, die Unverheirateten mit dem gemeinen »Du«, aber nicht im Sinne der Vertraulichkeit, vielmehr im Sinne des Gleichgiltigen. Zwei Personen, wovon jede für sich verheiratet ist, sagen zu einander »Ihr« oder »Du«, sie stehen ja auf der gleichen Höhe. Wenn man hört, daß die Tiroler ihren Pfarrer oder Kaplan mit »Du« anreden, »Du Hochwürden«, »Du Geistler«, oder wohl gar »Du schwarzer Bua«, so denkt man sich, es geschehe, weil der Priester nicht verheiratet ist. An Ehrerbietung läßt es der Tirolerbauer bei seinem Seelsorger gewiß nicht fehlen, aber die Ehre des Verehelichten muß er ihm versagen, in dieser Sache steht der arme Häusler und Dörfler, wenn er verheiratet ist, höher als der Pfarrer und der Bischof und der Papst. Allerdings sagt der Bauer, der seinen eigenen Vater mit »Ihr« anspricht, auch zu Gott »Du«; das ist aber ein anderes Du, ein bedeutungsvolles Du, über das viel zu sagen wäre. Ein Volk, das die Ehe so hoch hält und dieselbe trotz seiner großen Kirchlichkeit – sogar über den Priesterstand erhebt, hält sie auch treu . Das, was anderwärts in der Ehe gang und gäbe geworden ist, leider weiß es sofort jeder, was ich meine, das kommt im Altbauerntum nicht vor. In der Bauernschaft erlauben es sehr vielen die Verhältnisse nicht, sich zu beweiben; ja wenn ein Bauernknecht oder ein armer Häusler heiraten will, gleich ist die Gemeinde dagegen, aus Besorgnis, es könnten ihr Lasten erwachsen. Das ist der gemeine Eigennutz wie überall. Wenn es so einer aber doch durchsetzt und sich das Weib nimmt, dann gibt's zwar einmal Verdruß, bald aber kommt er zu den Ehren, die ihm als Ehemann gebühren. – Aber ich rede da vom alten Bauerntume; wer heute noch derlei Kernsitten finden will, der muß schon sehr weit ins Hinterland wandern. Das, von der Ehrerbietung gegen verheiratete Leute, muß vorausgeschickt werden, um das Gegenteil zur Not zu verstehen, nämlich wie Leute mitunter angesehen werden, die heiraten könnten und doch ledig bleiben. Im steirischen Wechselgebiete lebte auf einem großen Bauernhof, zum Urbrandel genannt, ein alter Hagestolz. Er hatte weder Geschwister noch sonst Verwandte, und das dünkte ihm so gut zu sein, daß er's dabei auch für die Zukunft bewenden lassen wollte. Es war doch zu nett, wenn alles Wirtschaftsgut immer hübsch beisammenbleiben konnte und es nicht Leute gab, die man gleichsam bezahlen müsse dafür, daß sie so als Blutsverwandte in der Gegend herumleben. Das allein, was sein Rundhag einschloß, war sein Stolz, und dieser Hagestolz erfüllte sein Herz, so daß von Liebe oder dergleichen daneben nichts mehr aufkam. Aber immer einmal wurde er von vorwitzigen Nachbarn doch gefragt: »Ja, Urbrandl, warum heiratest denn du nicht?« Und da machte er ihnen eine Rechnung vor. Das Weib im Haus sei zwar eine Magd, der man keinen Jahrlohn zu geben braucht und die doch nicht den Dienst aufsagt, aber wenn man bedenke, was so ein Trumm Frauenzimmer für Gewand braucht, und Bettzeug, und nachher, was sonst nachkommt – Jeß und Josef, was nachkommt! Vier Dienstmägde kosten nicht so viel Geld, wie ein einziges Eheweib! – Die Nachbarn ließen das allemal gelten, aber gelegentlich fragten sie doch wieder: »Ja, Urbrandel, warum heiratest denn nicht? Wer soll denn einmal deinen Hof erben?« »Geht's weiter!« rief er und schlug mit der flachen Hand in die Luft hinein. Von Vererben und Sterben wollte er nichts hören. »Wer alleweil ans Sterben denkt, der ist eh schon so viel als tot. Wenn man nichts davon hört, ist's gut.« Zur Zeit war er schon über die Sechzig. Er hatte weißes Haar, das aber noch sehr üppig über die Stirn herabwucherte. Er hatte ein rotes breites Gesicht und kleine wässernde Augen drin; jeden Sonntag hatte er seinen Rausch, aber erst gegen Abend. Denn vormittags und bei der Vesper mußte er in der Kirche mittun. An den Heiligenbildern zündete er die Lichter an, wobei er sich über die Weiber, die in den Kirchenbänken saßen, hinlehnte, um mit seinem Kerzelstab an die Leuchter zu gelangen. Das wollte manchmal nicht brennen, aber wenn es endlich auch brannte, lehnte er sich immer noch hin, so daß einst eine junge Bäuerin ihn zurückschiebend fast laut ausrief: »Jetzt aber geh' einmal weg, alter Kracher, es brennt ja schon!« Als jedoch ein neuer Pfarrer kam, war es mit seinem Kirchendienste aus. Der neue, das war keiner von denen, die sich in die Launen des Küsters fügen und von solchen Leuten sich und den ganzen Gottesdienst beherrschen lassen. Er verlangte vor allem, daß der Mann, der im Gotteshaus funktioniert, in der Gemeinde auch persönliche Achtung genieße. Die Scharte wollte der Urbrandel nun auswetzen, und zwar mit der Zunge. Als die Gemeinderatswahl herannahte, ließ er im Wirtshaus verlauten, wenn es sein müsse, er wolle es auf ein paar Jahre probieren. Es täten neue Männer not, Männer, die was leisteten! Wenn es durchaus sein müsse –! Es mußte aber nicht durchaus sein. Die Weiber sagten es ihren Männern: »Den Urbrandel wirst doch nicht wählen! Der leistet nichts, hat nichts geleistet und wird nichts leisten.« Es mag wohl sein, daß manche von ihnen sich einst auf den reichen Bauern Hoffnung gemacht hatte. Aber der war ja immer stolz an den Weibern vorübergegangen, besonders bei hellem Tag, daß beileibe niemand ein verpflichtend Wörtlein oder Gebärdlein an ihm erfahren konnte. Denn man war darauf hin lauernd. – Wie es dieser Mensch nur angeht, daß er so leicht drüber hinauskommt! Wo es jedem andern so höllisch zu schaffen macht, daß man ganz dumm und sogar für die Arbeit unbrauchbar wird, bis man die Rechte gefunden. Aber der Urbrandel dachte: O, ihr armen Hascher, euch lach' ich alle aus. Ich steh' mich besser wie jeder. – Im Grunde war's so gewesen: Vor seinem fünfzigsten Jahre hatte er sich gesagt, derweil will ich tun, was ich will, zum Heiraten ist immer noch Zeit. Nach dem Fünfzigsten: Zum Heiraten ist's ohnehin zu spät; ich tu', was ich will. – Manchmal allerdings ward ihm ungleich zu Mut, wenn er sah, wie in der Nachbarschaft die Söhne und Töchter tüchtig arbeiteten und wirtschaften halfen, während er sich abärgern mußte mit kostspieligen, mißmutigen und unverläßlichen Dienstboten, die ihn hinten und vorn betrogen und bestahlen. Außerdem mußte er zu manchem jungen Laffen der Nachbarskinder »Ihr« sagen, während er von ihm nur das geringschätzige »Du« bekam, denn jene waren verheiratet und hatten wieder Kinder. Die kleinen Kinder waren für diesen alten Junggesellen nicht da. Wo ihm deren unter den Beinen herumliefen, schob er sie unbeschaut beiseite, als wäre er in einer Schafherde. Nie hatte er ein freundliches Wort für sie, und auch nie ein grobes, sie waren »Ziefer«, wie er sagte. Die Kleinen wichen ihm auch überall aus. So wurde der Urbrandel immer vereinsamter, je höher die Jahre stiegen. War dieser Hagestolz sonst stolz gewesen auf sein Behagen, daß in seinem Hause kein Weib zankte und kein Kind krächzte und kein Aufwand war für solches »Ziefer«, jetzt begann ihm ungut zu werden. Es kam die Gicht und es kam der Lungendampf; er hatte Tage der Hilflosigkeit, aber die Dienstleute wollten es nicht aushalten bei dem jammernden Alten, der um so wehleidiger war, als er das Kranksein früher nur nach dem Hörensagen gekannt hatte. Recht mürrisch und recht unsauber war er geworden und ein altes Weiblein, das noch aus Christenpflicht am längsten bei ihm blieb, mußte sich beschimpfen lassen vom Morgen bis zum Abend; und in der Nacht, wenn es ihr gar beifiel eine Stunde zu schlafen, während ihm die Gicht in den Knochen nagte, rief er den Teufel an, daß er sie hole, die Gicht und die Alte. Die Alte war am Morgen fort, die Gicht war dageblieben. Zur Zeit taten sich einige Nachbarsburschen zusammen, um dem zuwideren, ganz unerträglich gewordenen Menschen etwas anzutun. Obschon einer unter ihnen meinte, kranke Leute sollt' man in Ruhe lassen, sagte ein anderer, das nütze nichts, der Mann müsse doch noch einmal erinnert werden, was die Ursache seines Elendes sei, für das er so gerne andere verantwortlich machen möchte. Einer, der früher bei dem Urbrandel Knecht gewesen, wußte auf dem Nachboden des Hofes eine alte Wiege, in der die Vorfahren des Urbrandels gelegen sein mochten und wohl auch er selber. Dieser Wiege bemächtigen sie sich. Und da war es eines Tages, daß der Alte auf dem Herde Feuer machte, um sich die Suppe zu kochen, denn alles war fort. Das Herdfeuer begann träge zu glimmen, aber siehe, es zog der Rauch nicht ab. Der Alte wollte immer wieder den Schuber an dem Schornstein öffnen, aber der war ohnehin offen, so weit er aufging. Der Rauch zog nicht hinauf und füllte bald die Küche und die Nebenstube, so daß die Fenster ganz gelb und dunkel wurden und er sich immer mehr ducken mußte, um nicht zu ersticken. Fluchend warf er die Feuerbrände auseinander, da ward es noch ärger, hüstelnd und scheltend über das davongelaufene Weibervolk, auf das kein Verlaß sei, von dem aller Jammer stamme, stolperte er zur Tür hinaus. Auf dem Anger stand ein Rudel Burschen, johlend und lachend. Einer trug Hoch über Haupten ein verdorrtes Fichtenbäumchen, von dem die roten Nadeln losflogen, so oft man ihn rüttelte. Ganz oben am Wipfel war ein schmutzigbraunes Bündel befestigt, nach dem einige mit Fichtenzapfen warfen. Andere – es war ja ein ganzer Auflauf entstanden – zeigten mit langgestreckten Fingern nach dem Schornstein, der über dem Dachfirst aufragte. Und hier konnte es der Urbrandel erfahren, warum der Rauch nicht abziehen wollte, denn über die Schornsteinmündung war die alte Wiege gestülpt. Der Alte hinkte rasch ins Haus zurück und bald darauf schoß er mit einer Flinte zum Fenster heraus, worauf sich der Rudel zerstreute. Von dem ganzen Geschlechte derer von Urbrandel ist fast nichts übrig geblieben, als dieser unsterbliche Spott. – Es ist ja wahrlich nicht schön gewesen von den Leuten, allein der Urbrandel war ihnen zu widerlich geworden. Die Leute haben wohl selbst nicht recht gewußt, was sie tun, es war nur etwas in ihnen, das immer und immer drängte: Dem Urbrandel müssen wir einmal was antun! – Eine Wiege, die zu nichts mehr gut ist, als zu einem Schornsteinhütchen, damit sind wohl alle Geschlechter gezeichnet, die sich freiwillig verlöschen lassen. – Und an den Hagestolzen ist alles erlaubt. Wer soll den Schimpf rächen, wenn – keine Söhne vorhanden sind? Der reiche Freisinger »Es wird nicht gehen, es wird umsonst sein,« sagte zu sich der Präckel-Bub, der den steinigen Waldweg herabstieg in das Tal, wo das Freisinggehöfte breit, behaglich und schützend dalag, wie eine alte Bruthenne auf ihrem Nest. »Es wird nicht gehen. Es wird umsonst sein. Wir sind ein notiger Bergbauernsohn, sie ist die einzige Haustochter des großen weitberufenen Freisinghofes. Probieren kann man's ja, 's Probieren kostet nichts.« Im Hausgarten arbeitete sie und duckte sich dabei so tief, daß es schien, sie stehe mit vier Füßen auf dem Salatbeet. Der Präckel-Bub hatte eine hübsch breite Hand und hätte nicht übel Lust gehabt, dieselbe scherzeshalber auf die schöne Rundung zu klatschen, die von der Freisingdirn zur Zeit am auffallendsten hervorstand. Wenigstens fiel es ihm ein, aber der Mensch tut nicht alles, was ihm einfällt. Er blieb vielmehr ganz bescheiden am Zaune stehen und betrachtete sie. So schauen sie aus, die reichen Bauerntöchter. Hm, hm! – Und sprach sie an: »Bist halt schon wieder fleißig, Gina!« Sie richtete sich halb auf, dieweilen sie den Finger noch in der Erde stecken ließ, in die junge Salatpflanzen zu setzen sie eben im Begriffe war. »Na freilich,« antwortete sie. »'s tut not. Zu Peter und Pauli wollen wir schon Salat essen.« »Der Salat ist eh gut,« sagte er, »ich ess' ihn auch gern.« »Na freilich ist der Salat gut,« darauf sie, und arbeitete. »Rote Rüben hast auch da,« sagte er. »Rote Rüben hab' ich auch da.« Er schwieg ein Weilchen, um nachzudenken, was jetzt Kluges zu sagen wäre. Es muß recht klug sein und ein wenig anzüglich, daß sie es merkt, weshalb er da ist. »Einen schönen Nelkenstock hast auch da!« sagte er. »Ja,« antwortete sie. »Mit was wird denn so ein Nelkenstock gedüngt?« fragte er, um ein rechtes Interesse für ihre Sache zu zeigen. »Mit Roßmist,« antwortete sie und tauchte mit den Fingern die Wurzel eines schlanken Pflänzleins in den Boden. »Ah so,« sagte er. Da waren sie wieder fertig. Nun faßte der Präckel-Bub am Holzzaun ein Brett an und rüttelte stark, damit sie sehe, er verstehe anzugreifen. »Der Zaun wackelt ja!« sagte er. »Wenn du ihn schüttelst, wird er freilich wackeln,« antwortete sie. Er schwieg und zermarterte seinen Kopf. Auf diese Art kommt man ja nicht weiter. Er muß sich ihr nähern. Aber er hatte den Mut schier gänzlich verloren. Das ist nicht so leicht, als man glaubt. Sie wird ihn abschnalzen. Er muß sie ihm verbindlich machen. »Wart', Gina,« sagte er, »ich will dir die Salatpflanzen zureichen, daß du nicht so weit hinundhergreifen mußt.« »Das kannst auch tun, wenn's dich freut,« war ihre Antwort. »O, bei dir freut mich alles!« platzte er heraus, ganz glücklich darüber, endlich in der richtigen Ecke zu sein. »Wir zwei sollten halt zusammenheiraten. Magst, Dirndl?« Jetzt richtete sie sich auf, fuhr sich mit dem Ärmel über das gerötete Rundgesichtlein, lachte ihn an und sagte: »Das Heiraten ist mir nicht zuwider.« »In Spaß und Ernst, Gina. Ich möcht' dich haben. Bin deswegen da. Ganz im Ernst, Gina! Ich hab' mir's schon überlegt. Überleg' dir's halt auch du.« »Narrl, dummes!« lachte sie. »Was braucht es da viel Überlegen, wenn man heiraten will! Schau, dort unter dem Birnbaum geht just mein Vater. Er geht nach Hansbach auf den Viehhandel. Den kannst gleich fragen. Holst ihn leicht ein.« Wenn sie ihn zum Vater schickt, so muß er doch gleich gehen. Vielleicht sagt er: Nein. Ihm war nämlich bange geworden. Dieweilen der Präckel-Bub eilig über den Hof geht, dem Feldtor zu, wo der alte Freisinghofer vierschrötig hinausschreitet und seinen Stock fest in den Boden setzt, schaut die Gina ihm nach und denkt: Schön ist er gerade nicht. Aber gesund. Gesund und stark schaut er aus. Gesund ist eh das beste. Wenn man heiraten will, ist einer wie der andere. Wie es bei uns jetzt ausschaut und was ich vom Vater weiß, kommt kein besserer. Viel zu jung, heißt's, war' man auch nicht mehr, mit fünfundzwanzig. Freilich, aber doch nicht so. Bei mir waren halt die Jahre kürzer, wenigstens kurzweiliger. Über zwanzig bin ich nicht. Was weiß der Kalender! Der dumme Kalender! Mir graust schon. Einen Ehrentag will man doch auch haben. – Na, wenn er so langweilig vorantrottelt, wird er ihn nicht einholen! Stader Tepp! Den werd' ich mir herrichten, wenn er erst mein ist! Das ödweilige Umfrötten bei Allem! Entweder geschwind, oder gar nicht, so bin ich. Na endlich! Jetzt stehen sie beieinander. Wird wieder der Vater Geschichten machen. Gott, diese Mannerleut'! – »Stad, Freisinghofer, stad!« rief ihm der Präckel-Bub nach. »Ich geh' auch ein wenig mit.« Der Bauer stand still: »Ist eh recht.« »Gut steht's heuer, das Roggenkorn!« sagte der Bursch', auf das wogende Feld deutend, wo aus den Halmen schon die jungen Ähren zu gucken begannen. »Gehst auch mit auf den Markt, oder hast so was mit mir zu reden?« fragte ihn der Bauer kurz. – Er ist herrisch! denkt sich der Bub, es wird ja so umsonst sein. Nun, eine Frag' ist frei, die kann ihn nicht verdrießen und die Nachbarschaft nicht verschlechtern, eher verbessern, auf jeden Fall. »Na, freilich hätt' ich was zu reden mit Euch, Freisinghofer,« sagte er, und zwar frischer und dreister, als er es sich selbst zugetraut hatte. Ist nichts zu verlieren, dann kommt erst manchmal die richtige Kurasch. »Nachbar Freisinghofer,« sagte er und bohrte, wie sie jetzt so nebeneinanderstanden, den einen Stiefelabsatz in den Boden, um sich auf solcher Axe ein wenig hin- und herzuwiegen. »Wenn ich einmal wem nachlauf!« »Und wenn ich einmal stehen bleib'!« sagte der Bauer. »So muß es schon was Wichtiges sein. Daß ich's geradeweg sage, Freisinghofer, wenn Ihr mir Eure Tochter Regina geben wollet, eine Frage wird ja frei sein.« »Hast du mit dem Mädel schon gesprochen?« »Das ist gewiß. Sie schickt mich her, daß ich mit dem Vater reden soll.« »Ja, ja, ihr jungen Leut'! Das geht nicht so schnell, wie ihr glaubt!« sprach der Bauer in derbem Tone. »Vor vierzehn Tagen kann keine Red' sein!« »Wir können es ja noch überlegen,« meinte der Präckel-Bub. »Nichts da, überlegen!« rief der Freisinghofer. »Vor vierzehn Tagen kann die Hochzeit nicht sein. Was wisset ihr, was das für Vorbereitungen braucht!« »Ich meine, es eilt auch nicht so,« sagte der Bursch' bescheidentlich, fast kleinlaut. Und der Alte: »Dann ist's am besten, ich laß' heut' den Markt Markt sein. Gekauft hätt' ich eh nichts. Und gehen miteinander nach Kiendorf zum Notar. Ihr junges Volk gebt ja doch keine Ruh, bevor ihr nicht beisammen seid.« »So muß ich gleich zu meinem Haus hinauf und ein besseres Gewand anlegen,« sagte der Bub. »Daß du dich nicht verweilst, Josel. Kannst nachher gleich zu Mittag essen bei uns.« Der Präckel-Bub stieg seinen Berg hinan. Der Freisinghofer blickte ihm nach: Haben tut zwar auch der nicht viel. Ist aber zur Arbeit stark und greift fest an. Man merkt's auch an seinem Weibsuchen, daß er nicht blöde ist. Der soll nachher halt selber schauen, wie er fertig wird mit der G'schicht! Und der Bub unterwegs, der wußte gar nicht, wie ihm geschah. – Er ist ja so viel als Freisinghofer! Reicher Freisinghofer! Soll das geträumt sein? – Wenn der Mensch schon zum Frühstück Griesknödel ißt, da wird der Magen schwer. Träume sollen ja vom Magen kommen, sagt der Schulmeister, auch wenn man wacht, bisweilen. Reicher Freisinghofer auf einmal! Es ist zu dumm! Im Gegenteile, es war eigentlich sehr gescheit! Und wie der Alte mit sich reden ließ! Als sie hernach alle drei gegen Kiendorf hinausgingen und der Präckel-Bub unter umständlichem Stottern eingestehen mußte, daß der Präckelhof auch seine Sorgen habe, sagte der Freisinghofer freundlich: »Wie's halt schon geht. Tuet halt miteinander auf Gütergemeinschaft. Ein bissel was wird doch da sein. Was dein, das ist ihr; was sie hat, ist dein.« Das war dem Burschen überaus angenehm. Er packte vor Vergnügen darüber das Dirndl plötzlich an der Hand und drückte sie keck. »Auweh!« rief sie. »Du bist aber schon auch ein bissel ein Grobian, Josel!« »Beim Gernhaben kann einer nicht leicht zu grob sein,« meinte der Alte. Darauf blieb er stehen, es gabelten sich zwei Wege. »'s ist wahr,« sagte er. »Wir könnten gleich nach Hansdorf zum Pastor. Mit dem Notar hat's immer noch Zeit. Hauptsache ist jetzt das heilige Versprechen. Und die Hochzeit vorbereiten. Wir wollen uns nicht lumpen lassen.« Einen wahren Heiligenschein bekam das Gesicht der Gina, als sie von einer festlichen Hochzeit hörte. Ihre Schulgenossinnen hatten größtenteils schon angeheiratet und sogar Schadenfreude geoffenbart. Nun sollen sie sehen! Und von heute am fünfzehnten Tage, als das öffentliche Aufbieten, das Einladen und Brautpoltern vorüber war, kam der Ehrentag. Der Regina war's, sie wäre Königin! Sie trug ein weißes Schleppgewand und eine Blumenkrone, was weiß ich, es ließe sich wunderbar beschreiben. Aber, offen gestanden, der Erzähler hat an dieser Hochzeit keine besondere Freude. Er erinnert nur, daß es unermeßlich viele Pracht gab, das ganze Dorf war bei der Hochzeit, sogar Leute von den katholischen Nachbarsgemeinden. Und alles schwamm in Blumen und Grünzeug, in Sträußen und Bändern, deren bunte Farben grell hinausschrien in alle Weiten: » Salve Regina !« Eine nachgerade schreckliche Majestät bekundeten die Blechinstrumente der lungenfesten Musikanten und die krachenden Pulvermörser. Der Wein wurde nicht aus Gläsern getrunken, das waren zu engherzige Verhältnisse, er floß aus Tonkrügen, einer zu drei Litern! Aus Tonkrugschnäbeln schnurgerade in den Mund! Das tut's. Die Brautgaben, die Gesundheitstränke, die Hochzeitsreden, die Kranzeljungfern, das Kranzelabtanzen und all die deutsamen Hochzeitsgebräuche, aus der ganzen Gegend und vielen Generationen zusammengesucht – es war großartig! Und die Leute flüsterten, schrien, sangen es hinaus, eine so lustige Hochzeit hätten sie noch nicht erlebt. Diese Ehe beginne glückselig, wie das ewige Leben! – Die Königin saß natürlich mitten an der hufeisenförmigen Festtafel und nahm die Huldigungen gnädig und wonnig entgegen. Was sah sie nicht alles zu ihren Füßen! Was ward ihr nicht alles dargebracht! Die aufgedonnerten Gewand- und Eßspenden, die süßsäuerlichen Ansäuselungen der Weiber, die ernster gemeinten Glutblicke junger Burschen, die ihr besonderen Spaß bereiteten. Sehr saubere Mannsbilder gab's dabei! Und – verlaub zu fragen, wo war denn der Bräutigam? Aber! Der saß doch immer neben ihr, an der rechten Seite, etwas tiefer, etwas im Hintergrunde. Mit größter Gelassenheit ließ er die Braut Königin sein. Er begnügte sich, nun bald der reiche Freisinghofer zu sein. Das würde nicht einen einzigen Tag währen, sondern vierzig, fünfzig Jahre oder länger; mein Gott, manche Leute, die sich leicht geschehen lassen können, werden achtzig, neunzig Jahre alt. Das Weib nimmt er halt nebenbei mit, so gut es geht. Das gehört eben zu seinen Aufgaben, zu einer stattlichen Existenz. – Na, jetzt kommt eine mit den Honigkrapfen. Die hätte auch die andere Tischreihe nehmen können! – Das war nämlich im Wirtshause die Küchenmagd. Weil Not an Aufträgerinnen war, so mußte auch sie dran. Und so kam sie mit ihrer Riesenschüssel, in welcher die frischgebackenen Krapfen dampften. Die Magd wendete ihr blasses Gesichtlein abseits, als sie dem Bräutigam die hochgeschichtete Schüssel hinhielt. Als er sich mit der zweispießigen Gabel ein schönes Stück herausgestochen hatte, gab sie ihm die Schüssel in die Hand: »Deiner Braut kannst du sie reichen!« Ihm schien, als zitterten ihre Arme, er vermied es, sie anzublicken, dachte aber bei sich: Um dieses Mädel tut's mir leid! – Sie war schon wieder fort, er sah sie nicht mehr, den ganzen Abend nicht. In den Stuben dampfte und dunstete es schrecklich, roch nach Speisen, Wein, Kerzen, Tabak und Leuten. Es war der Hochzeitsgeruch, der berauschende, betäubende. Das Brautpaar hielt aus bis nach Mitternacht. Dann ging ein Schwarm davon. Das junge Ehepaar hatte eine halbe Stunde bis zum Freisinghofe. Ihretwegen hätte der Weg weiter sein dürfen. Auch seinetwegen. Gott, was war diese Luft köstlich, diese stille träumende Nacht! Der Josel hätte immer so fortgehen mögen. Er legte seinen Arm um den Nacken eines Jugendkameraden und sie sangen mitsammen einen Jodler. Die Gina wurde vom Brautführer begleitet und mehreren Hochzeitsburschen. Auch sie waren lustig und vor dem Freisinghofe wurde zum Schlußpunkt noch ein schallendes Ständchen gebracht, das letzte Salve Regina . Bald hernach fanden sie sich allein in der dumpfen Ruhe des Hauses. Sie sagte ihm: »gute Nacht!« und eilte in ihr Kämmerlein. Er ging in seiner ihm angewiesenen Stube noch ein Weilchen auf und ab und betrachtete die alten Schränke und Kästen; sie waren aber zugesperrt. Er löschte das Licht aus, legte sich ins Bett, aber die Hochzeit brodelte ihm noch im Kopfe herum, er konnte nicht schlafen. Er hätt am liebsten schon den Morgen gehabt, um alles in Augenschein zu nehmen, was jetzt sein war oder sein werden sollte. Da er doch nicht schlafen konnte, so stand er wieder auf, machte Licht und ging an einige Kammertüren, um etwa schon jetzt die Vorräte in Augenschein zu nehmen. Es war aber alles zu, ganz fest zu – auch die Kammertür zur Gina. Am nächsten Morgen schlief er lang und als er aufwachte, streckte er sich mit großem Behagen auf seinem Bette. Wenn man als Freisinghofer aufwacht! Der Hof war übrigens in großer Unordnung, das Gesinde verschlafen, mürrisch; das Vieh plärrte hungrig in den Ställen. Nach so einem Tage ist das aber kein Wunder. Das Wetter regnete, die Gasse war lehmig, so daß der Karren eines Holzfuhrwerkes bis an die Räderachsen einsank. Beim Frühstück kamen sie zusammen in der dumperen, ungelüfteten Stube. Die Gina und er. Sie schauten sich fast betroffen an. Die Gebräuche und Lustbarkeiten waren vorüber, aber es sind nicht bloß Gebräuche und Lustbarkeiten allein gewesen, sie waren unter all diesen heiteren Vorgängen Mann und Weib geworden. War das wirklich so? Die Gina lachte, sie fand es komisch. An diesem Tage wollten sie zum Notar gehen, da kam der Amtsbote mit Briefschaften. Der alte Freisinghofer schob gähnend – er hatte auch nicht ausgeschlafen – die Papiere dem Josel zu. Aha! dachte dieser, daß ist gewiß schon der Steuerbogen. Wenn sich alle Sachen so pünktlich einfänden, wie der Steuerbogen! Nun, wer was hat, der muß sich auch die Abgaben gefallen lassen. – Es war aber etwas anderes. Es war etwas Unangenehmeres. Es war ein ganz abscheulicher Katzenjammer nach dem Festtage. Das erste der Papiere war eine notarielle Zuschrift mit der Drohung, daß der Stiftmüller zu Hansbach sein Guthaben von zweitausend fünfhundert Gulden gerichtlich einklagen müsse, wenn es der Freisinghofer nicht innerhalb acht Tagen zahlen würde. Das zweite Papier war eine gerichtliche Zustellung von der Sparkasse. Die Sparkasse hatte schon eingeklagt, sie wollte vom Freisinghof ihre dreitausend Gulden haben. »Was bedeutet das?« fragte der Josel den Alten. Dieser zuckte mißmutig die Achseln: »Was kannst machen! Heißt's halt zahlen, oder wenn du das nicht kannst, den Hof verganten!« – Was soll ich die peinlichen Auftritte weiter schildern? Wo wir lieber dem Herrgott danken möchten, nicht dabei gewesen zu sein. Schon am zweitnächsten Tage war's, daß der Josel wieder oben in seinem Präckelhause hinundherging und hinter sich alle Türen zuschlug unter den ächzenden Wänden. Er blieb oben. Die Gina schickte nicht zu ihm hinauf, aber der Hansdorfer Pastor kam nach acht Tagen, ihn mahnend an seine Pflichten. An welche Pflichten? Die er am Altare eingegangen mit seiner Eheliebsten. Mit seiner Eheliebsten! Von Liebe und Treue bis in den Tod soll am Altare die Rede gewesen sein? Das mußte der Präckel-Bub ganz überhört haben. Der Mensch hat an anderes zu denken, wenn er eine so große Wirtschaft übernimmt. Der Josel ging nun notgedrungen zwar wieder hinab, aber nicht, um den Freisinghof zu übernehmen, den ließ er großmütig dem Alten, als vielmehr, um sein Weib auf das Präckelhaus heimzuführen. Sie ging jedoch nicht mit ihm, sie blieb in ihrem Vaterhause, und wenn der Josel nicht Mannes genug sei, um dasselbe aus den Schulden zu reißen und wieder wohlhabend und angesehen zu machen, wie es ehemals gewesen, so pfeife sie auf ihn. So ging er allein wieder hinauf und war verzagt bis zur Verzweiflung. Wenn er die arme Magd genommen hätte, die Rosel, die ihn so gerne gehabt hat! Gott, was ist das für ein liebes, fleißiges, anspruchsloses Mädel im Vergleich mit dieser Gina! – Jetzt ist das Leben verspielt, Höllverdammter Freisinghof du! Die Gina war freilich auch nachdenklich geworden darüber, daß sie so ohne alle Neigung zu diesem Manne blind dreingeheiratet hatte, aus dummer Freude an einem »Ehrentag« und wohl auch in der Hoffnung, der sonst tüchtige Präcker-Bub würde den Hof allmählich aus der Verlegenheit ziehen. Als sie nun vernahm, daß der Josel so todestraurig sei, da empfand sie für ihn das erstemal etwas. Es wäre dann ja auch für sie besser, wenn sie wieder frei sein und vielleicht doch gelegentlich eine glücklichere Wahl treffen könnte. Auch nahegelegt wurde es ihr, und so bat sie den Josel um eine Unterredung. Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort ausgesprochen, aber recht war es beiden. Es war kein Trotz da und keine Eifersucht, und sie wollten anständig wieder auseinandergehen, damit jedes nach seiner Art und nun gewitzigt sich bestreben könnte, glücklich zu werden. Sie gingen zum Amte, ließen sich willig scheiden, und das war die erste und wohl auch die letzte Liebestat, die sie sich einander geleistet haben. 's ist eine alte Geschichte »Justina!« flüstert er. Es bleibt still, nur der Brunnen rauscht unter den Wänden. »Justina!« lockt er. Der Nachtvogel krächzt im Gezirm. »Justina!« ruft er und klopft ans Fenster. »Jetzt hör' mir aber einmal auf!« schreit es drinnen in der Hütte, »diese verdammte Remplerei soll schon der Teufel holen übereinand!« Jetzt weiß er wenigstens, daß sie daheim ist und daß sie nicht schläft. »Justina,« sagt er und hält sein Haupt ganz an die Fensterscheibe hin. »Dasmal ist's wohl keine Remplerei, bewahr' mich Gott!« »Jessas!« kreischt sie drinnen. »Das – das wird doch der Maxl nit sein!« »Er ist's freilich wohl, meine liebe Dirn. Und er kommt heut mit gerungenen Händen zu dir, und daß du ihn in die Hütten sollst lassen!« Die beiden Hände, an denen ein Kettlein rasselt, hält er hin, stößt mit ihnen das Fenster auf, daß die Scheibe in Scherben niederklingelt. Sie drinnen macht einen heftigen Atemstoß und sagt hernach: »Wie aber du eins schrecken kannst! Jetzt hab' ich hell gemeint, du wärst geschlossen (gefesselt)!« »Wird schier nit anders sein, meine liebe Dirn. Laß dir's sagen. Ich bin ausgebrochen.« »Heilige Mutter Anna!« schreit sie und springt aus dem Bett. »Du wirst doch nit eingesperrt gewesen sein!« »Daß ich den Hirschen geschossen und den Jäger geprügelt hab, wirst doch wissen. Nit? Nu, so hab' ich dir's jetzt gesagt. Am Samstag vor acht Tagen, Im Kreßwald. Noch dieweil ich ihm mit dem Griesbeil den Buckel dresch', denk' ich mir: Man sollt' dich eigentlich ganz derschlagen, sonst verrätst mich und ich werd' eingesperrt. Denn ich bin so dumm gewesen und hab' mich nit angerußt gehabt. Na, zuerst ist er eine Weil liegen geblieben, dann wieder aufgestanden und zum Gericht gegangen. In der Sonntagfrüh weckt mich schon der Gendarm auf und gleich in den Kotter. Jetzt, weil sie mich nit geschwind gehenkt haben, so ist mir die Zeit lang geworden, hab' aus Langweil das Fenstergatter wollen ausbrechen. Das ist wieder dem Profosen, oder wie der Herbergvater heißt, nit recht gewesen und er hat mir Eisen angelegt. Das hat mir die Arbeit wolter umständlich gemacht, aber in der dritten Nacht bin ich doch fertig gewesen mit dem Fenstergatter. Jetzt wär' ich halt da und jetzt mußt einmal du mein Schutzengel sein, Justina.« »Bist aber doch ein rechter Halbnarr!« entgegnet das Dirndl, dieweil sie in der Eile ihren Kittel umwirft. »Beim Fenster aus und beim Fenster wieder ein, was ist denn das für eine Mode!« »Geh, Schatz, mach die Tür auf. Beim Fenster gehts heut' nit. Und mir ist kalt.« »Einem Mannsbild aufmachen bei der Nacht, das ist ein teurer Spaß.« »Plausch nit und mach auf. Wenn einer in solcher Not ist, wie ich heute bin, da denkt man an nichts. Jeden Augenblick können sie da sein. Du mußt mich verstecken. Ich will dir's nimmer vergessen, Justina, mein Lebtag nit, wenn du mir jetzt aushilfst.« Da macht sie eilends Licht, geht aufmachen,und er schlüpft zur Tür hinein. Ein bildsauberer Kerl, ohne Hut und ohne Rock, doch wohl in der Kniehose des Holzknechts und – mit gefesselten Händen. Sie bleibt starr vor ihm stehen, den Span leuchtet sie ihm ins Gesicht, daß er zuckt mit den Augen. »Sag mir's heilig Maxl, hast sonst nichts angestellt?« »Wie ich gesagt hab, den Hirschen geschossen und den Jäger geprügelt. Hat mich ja gleich niederbrennen wollen, der Saggra, wie er mich laufen sieht im G'stauder, mit dem Wildpret. Ich geschwind alles weg und dieweil er schon glaubt, ich bin sein, da kriegt er's von mir. Das Gewehr hab ich ihm aus der Hand gewunden. Hätt ihn leicht kalt machen können, kein Mensch erfahren, wer. Wenn er gscheit ist, laßt er mich nimmer einfangen. Aber jetzt riegel die Tür zu, Dirndl, und tu' das Licht aus. Sie können auf einmal da sein.« »Die Tür will ich wohl zuriegeln, aber das Licht lösch ich nit aus, mein Bübel. Muß dich ja anschauen, wie sauber dir die Diebeseisen stehen!« Er will zornig werden über den Spott, aber das möchte leicht schaden, die Justine hat ihren eigenen Kopf. Zum Glück, daß dieser Kopf so herzig ist – ein rundes blühendes Gesichtlein, zwei tollkirschenschwarze Augen drinn, ein keckgestülptes Näschen und ein Lippenpaar, dem man's ansieht, daß es nicht zum Plaudern allein gegründet worden ist. Ein wahrer Frevel, solche Dirnlein in die Sennerei zu setzen auf die Alm. Der Almherr mag sich aber gedacht haben, daß Wildwässer im Tale viel gröber graben als auf der Höhe. »Die Hauptsach ist,« sagt jetzt der Bursche, »daß wir die Eisen von den Händen kriegen.« »Hast einen Schlüssel dazu?« fragt sie. »Ja, den mußt schon beim Profosen holen.« »Nachher müssen wir was anderes probieren,« Mit der Feuerzange versuchen sie's und zwängen. Es geht nicht. Dann die Hände mit dem Eisen auf einen Holzblock, die Hacke dran gesetzt, mit dem Schlegel draufgehauen. Es geht nicht, einen guten Stahl hat der Schmied genommen zu diesem verfluchten Armensünderkettlein. »Aber halsen laßt es sich so besser,« sagt der Maxl, immer noch derselbe Schelm, und will seine aneinandergebundenen Arme über den Kopf des Dirndls streifen. »Oho!« lacht sie zurückweichend, »just so! daß wir nachher nit auseinander kunnten!« »Mir macht's ja nichts, wenn wir fest bei einander bleiben,« meint der Bursch, »mir gefallen halt die zweidoppelten Leut so viel gut.« »Ein Gagg bist!« ruft sie aus. »Geh jetzt hinaus ins Heu, morgen wenn's Licht wird, probieren wir noch einmal. Die dumme Ketten wird doch zu brechen sein.« Und am Morgen geht die Justina zeitlich hinüber zur Nachbarshütte und fragt nach einer Feile. »Zu was brauchst denn du eine Feil?« sagt die andere Sennerin. »Ja du, Mirzl, meiner Braunen, der tun die Hörner so viel krumm wachsen.« »Ja so, eine Hornfeil willst.« »Freilich wohl, Mirzl, liebste, eine Hornfeil will ich. Sei so gut, wenn du eine hast!« Aber die Hornfeile tut es nicht. Nicht ein Ritzlein macht sie an der Kette, wie geschmiert gleitet sie darüber hin. Und soll der arme schöne Holzknecht Maxi sein Lebtag in Ketten schmachten! Wie der Bursch gar so hilflos vor ihr steht und seine Pfoten immer wie bittweise zusammenhält, da ist der Justina zum Lachen und zum Weinen. Sie füttert die Ferkel mit Heublumtränke, milkt die Kühe, treibt sie auf die Weide und befiehlt dem Maxl, derweil acht zu geben auf die Hütte, sie gehe hinab zum Schmied. Und unten beim Schmied verfängt sie sich in ein Netz von Lügen, wozu sie die Eisenfeile brauche: Zum Sensen schärfen. »Aber dazu ist ja der Wetzstein!« Zum Dachnägel abfeilen. »Aber die Dachnägel sind ja hölzern!« Endlich sagt sie: Als Sympathiemittel müsse sie eine Feile haben. Ihr Kühe hätten die Klauenseuche, und da habe man ihr geraten, den Viehern eine Eisenfeile auf den Nacken zu binden. Erst das leuchtet dem Schmied ein und er borgt ihr die Feile. Um die Mittagszeit ist der Maxl los und ledig. »Und jetzt, Bübl, schau, daß du weiter kommst.« »Ich? Weiterkommen? Da möcht ich schon wissen wohin! In meinen Holzschlag etwa? Dahin ist wohl gewiß ihr erster Weg. Nach Niederweng hinüber? Da wird schon der Steckbrief voraus sein. Bei dir in der Hütten will ich bleiben und du mußt mich verstecken.« »Das kann ich nit leiden!« sagt sie. »Nachher, meine liebe Dirn, bist du dran schuldig, wenn sie mich wieder abfangen. Und wenn du nachher in die Kirchen gehst Sonntags, werden die Leut mit den Fingern auf dich zeigen: das ist dieselbige, die ihren Schatz hat henken lassen.« Ihren Schatz? denkt sie, auch gut wenn er's glaubt. »Ich weiß was,« sagt sie plötzlich. Dem Schmied trägt sie die Feile zurück, bedankt sich tausendmal und die Klauenseuche wäre davon gleich besser geworden, aber was anderes wäre über sie gekommen, ihre zwei Ferkeln hätten den Brand und da sei das beste Mittel dagegen, den armen Tierlein die Ohren balbieren und ob ihr der Meister nicht um Gotteswillen ein Balbiermesser leihen möchte? Der Schmied hat zwar nur sein eigenes Balbiermesser, aber in der Not darf man den Leuten die Hilfe nicht versagen. »Soll ich mitgehen oder kannst es selber machen?« »Mein Gott, freilich! wie oft hab ich den Säuen schon die Ohren halbiert, daheim bei meiner Mutter!« »Glaub dir's eh. Bring mir's halt wieder gut zurück.« Als sie mit dem Rasiermesser hinauf in die Hütte kommt und den Maxl dort verzagt hinten im Herdwinkel sitzen findet, sagt sie schneidig: »Jetzt geh her, Bübl, setz dich da auf die Butten. Jetzt wird dir das Schnurrbartel wegbalbiert!« »Geh, laß die Narreteien bleiben, dafür bin ich schon einmal gar nit aufgelegt.« Sie stemmt die runden Arme in die Seiten, stellt sich vor ihn: »Nachher muß es der Herr Maxl schon selber sagen, wie ihm zu helfen ist. Ich hab' ein zweites Gewand in der Hütten und da hätt' ich gemeint, daß ich jetzt eine Stalldirn brauchen kunnt, die Futter macht. Ich werd' nit Zeit haben dazu, wenn die Herren Fänger kommen. Aber eine schnurrbartige Magd kann ich nit brauchen. Verstehst?« Hat er sie endlich verstanden. Den seinen Schnurrbart vertraut er ihr zwar nicht an, den schneidet er sich selber weg. Aber beim Anziehen der Weibskleider muß sie ihre Wissenschaft und Fertigkeit gar sehr hervorkehren. Wie unglaublich läppisch ein Mannsbild von Natur aus beschaffen ist, das zeigt sich erst, wenn er Weibergewand anlegen soll, er kann keinen Kittel einhäkeln, keine Schürze binden, kein Busentuch falten, kein Strumpfband knüpfen, und erst beim Kopftuch! Als sie ihn eine Weile ausgelacht hat darüber, wie er mit dem Kopftuch herumtat, ohne damit zu stande zu kommen, bindet sie es ihm selber um, knüpft es unter dem Kinn zusammen und zieht es vorne weit über die Augen, wie einen Blendschirm. »So, jetzt ist die Waben fertig, jetzt soll sie die Futtersense nehmen und auf die Wiese hinaus, und jetzt können sie kommen.« Wie ungeschickt diese nagelneue Dirn dahergeht! Eckig, gspreizt und starr aufrecht, wie wenn sie einen Zaunstecken hätte geschluckt. Zum Glück krümmt die Arbeit den Menschen ein wenig, und beim Mähen und Rechen und Grastragen hatte es keiner gemerkt, daß dieses alte Weib im Kern ein sauberer Holzknecht ist. So führen sie miteinander die Wirtschaft, aber doch nicht wie Hausvater und Hausmutter, sondern wie Frau und Magd. Schon reden sie von einem guten Glück, da steigt am dritten Tage der Jäger daher in seinem roten Bart. Mit großen, leicht und vorsichtig auftretenden Schritten, wie Jäger zu gehen pflegen, schleicht er gegen Abend in die Hütte. In alle dunklen Winkel läßt er seine Augen fliegen, bemerkt aber niemand, als die Sennerin Justina und eine alte Magd, die am Schweinstrog mit Tränke arbeitet. Er ist heute nicht so zutunlich wie sonst, wenn er in dieser Hütte zugesprochen, der wohlbestallte Jäger, barsch fragt er, ob der Holzknecht Maxl auf dem Boden oben liege oder draußen im Stadl! Oho! denkt sich die Justina, Jager, Jager, so dumm bin ich nit! Und sagt ganz betroffen: »Der Holzknecht Maxl? Der ist ja eingesperrt, hört man. Hat ihn eh, glaub ich, der Herr Jäger einsperren lassen.« »Er ist gesehen worden da auf der Alm.« »So!« Er nimmt sein Gewehr ab, lehnt es an die Wand und sein Gesicht wird gemütlicher, wie er nun das Dirndl anschaut. »Hab's ja ohnehin nicht geglaubt, daß so ein properes Madel dem Faloten Unterstand sollt' geben,« sagt er artig, »aber weil ich schon einmal da bin, so schlägst mir etliche Eier ins Schmalz, gelt! Ich will dir nicht zu sparsam sein, nachher.« »Eier im Schmalz, die soll Er haben,« spricht sie bereitwillig, »tu' Er sich halt nieder beim Tischel dort. Will bald fertig sein.« Die alte Magd ist hinausgegangen, die Justina macht Herdfeuer, tut Butter in eine Pfanne, läßt sie prasseln und schlagt dann ein halb Dutzend Eier hinein. Jäger haben ja alleweil so viel Hunger, und daß er ein rechter Eiermarder ist, das weiß sie schon. Für eins ein Silbergröschel! Von dem seinem Eiergeld will sie sich ein seidenes Schürzlein kaufen. Ei, ei, wenn die Holzknechte so viel Geld hätten als die Jäger! Bald setzt sie ihm die Speise vor: »Nur gleich essen, Eier im Schmalz muß man heiß essen!« Ihr ist darum zu tun, daß er vor der Dämmerung fertig wird und nicht etwa wieder auf den Gedanken kommt, in der Hütte zu nächtigen. Auf den Gedanken kommt der Jäger aber merkwürdigerweise doch. Zuerst zieht er aus dem Lodenrock seinen Schnapsplutzer, heut' hätte er einen Guten bei sich! Tut dann einen prächtigen Zug und lad't auch die Justina ein, sein Kirschwasser zu verkosten. »Dank schön, ich tät rauschig werden,« lacht sie. »Ein bissel rauschig, das steht den sauberen Dirndln gar so gut,« meint er. »Du schau, auf dieser Bank ist's gut sitzen.« Faßt sie um die Mitte und zieht sie nieder auf sein Knie. Die alte Magd ist wieder da, mit verbundenem Kopf, sie hat Zahnweh; heftig ist sie mit dem Besen beschäftigt, an der Holzwand die Spinnenweben abzufegen und weiß dabei des Gewehres habhaft zu werden. Dieweilen schaukelt der Jäger mit dem roten Bart das geduldige Dirndel auf dem Knie, mit dem einen Arm umschlingt er sie, in der anderen Hand hält er den Plutzer und in heißem Flüstern schildert er ihr die Güte des Kirschwassers. Sie lauscht ihm, scheint es, nicht ungern, preßt aber die Lippen zusammen, als er mit dem Plutzer in ihre Nähe kommt. »Mich scheikt's vor Branntwein!« haucht sie und ein Schauer geht durch ihren Leib. »Man kann auch Zucker dazu nehmen,« bemerkt er. »Wirst sehen, Schatz, wie das warm macht ums Herzl...« »Mein lieber Jäger, mach' Reu und Leid!« Von der Tür her ruft's eine Männerstimme, dort steht die alte Magd stramm aufgerichtet und zielt mit dem Schießgewehre schnurgerade auf den Jäger, her. Dieser springt auf, bleibt aber starr stehen und wird blaß. »Heut' hab' ich dich so, wie vor etlichen Tagen du mich gehabt hast!« sagt der Mann im Weibergewand, »kennst du mich?« Das Kopftuch ist ihm in den Nacken gerutscht, der struppige Kopf und im braunen Gesicht zwei glühende Augen. »Kennst du mich, Jäger?« Sucht es der Jäger ins Harmlose zu ziehen und sagt gleichsam gutmütig grollend: »Mach' keine Dummheiten mit dem Gewehr, es könnt' losgehen!« »Meinst? Möglich ist's schon. Heut, Jager, bist du in meinem Gai! Gelt, wie du mir in den Kotter hinein so lustig hast nachgelacht, da hast dir's nit denken mögen, daß wir uns da heroben so gemütlich wiedersehen sollten, gelt? Bleib stehen, Jager, sonst geht's los!« Denn der Jäger schleicht an der Wand hin und sucht ihm seitlings beizukommen. Der Holzknecht weicht nicht von seinem Posten und kehrt dem Gegner immer das Rohr zu. »Was ist jetzt zu machen?« fragt er wie plaudernd, »daß ich deinetwegen ein Mordsgesell werden soll, ist mir verdammt zuwider. Und tu' ich's nit, so verrätst mich und kann's mir ein paar Jahr kosten. Werd' ich halt doch müssen losdrucken. Ihr Jager spart's es ja auch nit, wenn ihr einmal einen armen Wildschützen niedertauchen könnt.« »Meine Büchsen gib mir!« schreit der Jäger. »Und nachher geh zum Teufel, wohin du willst. Nur daß du dich in meinem Revier nimmer blicken läßt! Dann will ich weiter nichts gesehen haben.« »Das ist eine Red', Jäger! Wenn du mir darauf auch noch dein Ehrenwort gibst, nachher sind wir handelseins.« »Was ich sag', dabei bleibt's!« »Ich möcht' nur noch darüber deine Meinung wissen, Jager, welcher von uns zweien heut' in der Hütten bleibt und welcher fortgeht.« »Meinetwegen mach' was du willst, ich steh' auf die dumme Hütten nit an.« »Ist das auch gewiß?« »Zum Teufel, ja!« schreit der Jäger. »Du bist ein verfluchter Jager, aber Hundsfott bist keins. – Da hast deine Büchsen.« Wie der Jäger sein Gewehr in der Hand hat, tritt er ein paar Schritte zurück und hebt langsam das Rohr. Wehrlos steht der Holzknecht da, die Justina faltet ihre Hände in stummer Angst, was da werden soll. Der Jäger weidet an beiden seinen herrischen Blick und legt den Finger an den Hahn. – In diesem Augenblick gehört ihr mein , alle zwei! Aber nein, so nicht! Heute nicht! – Dann zur Tür hinaus. Der Maxl kann hierauf das Weibergewand von seinem schlanken Leibe streifen. Er macht der Justina den Vorschlag, so lange in der Almhütte zu verbleiben, bis der Schnurrbart wieder gewachsen ist. »Wenn's dich freut, Bübel, so kannst in dieser Hütte bleiben bis er grau ist,« sagt die Justina. An einem der nächsten Tage zieht sie mit ihrer Herde zu Tale, denn es ist Herbst geworden. Im darauffolgenden Frühjahre sollte ihre Hochzeit sein. Am Vorabende fiel der Schuß... Susanna, nit wana! Zu jener Zeit mußte noch geschlagen werden, um Funken zu erzielen. So steht Susanna am Herd und schlug Feuer, bis der Schwamm gloste. Mittagessen kochen für den Vater. Das Mädel hält noch den anglosenden Buchenschwamm zwischen den Fingern, als zur Tür der Bursche eintritt. Der kernige Sandbichlersohn. »Muß schaun, wer daheim ist in dem Haus da.« So grüßt er. »Ja schau nur.« So dankt sie. »Feuerbetteln möcht ich bei dir.« »Hast selber keins?« »Die Pfeif'n ist mir ausgangen.« Sie hat den Schwamm unter ein Häuflein dürrer Zündspäne gelegt und bläst nun drein, bis es lichterloh brennt. »Na greif halt zu!« Rasch legt er seinen Arm um ihre Mitte. »Oha, Helm!« sagt sie in der Redeart und schleudert den Arm von sich. Denn sie ist eine von besonderer Art. »Hast ja gsagt,« lacht er, »daß ich zugreifen soll.« Und setzt dann bei: »Kanns eh so auch machen,« nimmt einen Spann und zündet die Pfeife an. Und als sie brennt und als er saugt und zwischen den Zippen einen bläulichen Rauchstrahl hervorsprüht, setzt er sich an den Rand des Herdes und sagt halblaut: »Hast schon nachdenkt drüber? Weißt eh.« »Da brauchts kein Nachdenken. Was ich g'sagt hab vorig Sonntag, dabei bleibts.« Emsig legt sie Scheiter über das Feuer. »G'scheit wärst nit,« sagt er. »Einem Dirndl wie dir, hätt' ich gemeint, müßt's taugen – Großbäurin werden.« »Aussuchen kann ich mir's, die Bauernhöf', wenn mir drum ist. Alle Tag feilt mir ein anderer einen an. Ich mag nit und ich mag einmal nit.« Der Bursche stellt sich auf die Füße. »Wie du halt glaubst. – Laß deinen Vater schön grüßen. Und mit dem Kornmalen wird's derweil nix sein auf meiner Mühl. 's ist zu kalt, 's ist frei zu kalt. 's hat das Wasser vereist.« – Aber sogleich tritt er sie zärtlich an: »Saggrisch leid tut's mir wohl um dich. Weil ich mir keine Liebere weiß, ich weiß mir keine. Wenn du's nur tätest sagen, was für einen großen Fehler ich hab' – daß d' mich so kannst fortschicken!« »Was für einen Fehler? Zu schön bist mir. Zu brav bist mir. Zu reich bist mir auch.« Hell lacht sie zum Spott. Und der Sandbichlersohn ist fortgegangen. Als das Mittagessen gekocht ist, schiebt sie ein Glasfensterlein seitlings und tut durch die Lücke hinaus einen hellen Pfiff. Vom Strohdach, die Leiter herab, steigt ein betagter Mann. Der Dachdecker Karl, der heute einmal den Schopf seiner eigenen Hütte ausgebessert hat. Der kleine Tisch ist weiß gedeckt, eine Schüssel dampfender Milchsuppe, ein Topf mit Erdäpfeln, ein Salzgefäß und ein Laib Brot. Das Brotmesser zieht der Karl aus seinem Sack. »Sanna,« sagt er während des Essens, »heut früh, wie ich Weiden schneiden geh, ist mir der Tonhofer begegnet. Und – er hat mich wieder gefragt. Und will morgen noch einmal anfragen. – Sanna, was darf ich ihm denn sagen?« Schon wieder einer! denkt sich das Dirndl. »Was meinst denn von wegen seiner?« »Ich hab's schon gesagt.« Der Alte schält einen Erdapfel, tunkt ihn in Salz. »Daß d' gar so trutzig magst sein,« sagt er heiser und schiebt den Erdapfel in den Mund. »Wenn ich nit mag. Wer kann mich zwingen?« »Zwingen – kein Mensch. Aber leid wird's dir einmal tun, wenn du dein Glück bei der Tür hinausjagst. Wohl, wohl – bei der Tür hinausjagst, nit anders. Das klemmige Kummerörtel da. Und dort der prächtige Bauernhof, überall Sachen zum hernehmen. Und der Mensch ist ja auch nit z'wider.« »Wem er gefallt!« »Gern hat er dich, sagt er. Ihm stehen zehn für eine, wenn er will. Wohl auch angesehene Bräut. Dich hätt' er halt so viel gern, sagt er. Und – mir wollt's auch taugen, wenn ich mir's in alten Tagen ein eichtel leichter geschehen lassen kunnt.« Da schaut sie auf. Traurig und müd ist sein Gesicht. Alt und zusammengeknickt sitzt er da, der sein Lebtag fleißig gewesen ist und noch im weißen Haar für ihn, für sie das Brot soll herschaffen. » Wenn er noch einmal fragt, in Gottesnamen Vater – sag halt ja.« Er hält im Essen ein, schaut sie von der Seite an. »Wenn's g'rad nur meinetweg wär', Sanna! Das dürft auch wieder nit sein. Das möcht' ich nit verantworten.« »Deinetweg und seinetweg. Zwei gelten mehr als eins.« Und noch an demselben Abend ist's, sie liegt schon im Bette, klopft der Holzknecht an ihr Fenster. Schade, daß es schon nachtet und man nicht mehr sieht, was das für ein schöner Mensch ist. Susanna zieht die Decke über ihr Haupt. So herrisch sie gegen alle andern ist, aber vor dem vermag sie sich nicht zu schützen. Sie fürchtet sich vor ihm und – vor sich selber. »Warum tust denn heut so, Dirndl?« flüstert er durch das Fenster. »O mein Siegi, mit uns zweien ist's aus.« »Du Narrl,« lacht er, »mit uns zweien hebts erst an. Gestern bin ich Holzmeisterknecht geworden. Um einen ganzen Gulden mehr Wochenlohn. Wenn du willst, können wir jetzt ernst machen?« »Mein Gott!« schluchzt sie, »ich hab mich einem anderen versprechen müssen.« »Geh' mach' keinen dummen Spaß.« »Behüt dich Gott, Siegmund! 's kann nit sein bei uns. Behüt' dich Gott!« »Was b'hüt dich Gott? Wie b'hüt dich Gott? Geh, mach' auf, 's ist Schad um die Zeit.« Da geht im Fenster der Holzschuber zu. Er hat lange geklopft und gebettelt und geschmeichelt und geflucht. Veschlossen ist das Fenster geblieben und still hinter demselben, als wäre alles abgestorben. Bergwärts ist er gegangen gegen seinen Hochwindschlag und hat sich unterwegs mit der Faust an den Kopf geschlagen, weil er sich vor seiner selbst hat geschämt. Denn wie ein Kind weinen hat er müssen. Nur weiß er nicht, aus Zorn oder aus Liebe. Dumm ist beides – ganz dumm. »Jetzt – jetzt, wenn ich die nit krieg, ist mir alles eins. Eine Freud muß der Mensch doch haben. Ein nixnutziger Kerl will ich werden.« Damit will er sich trösten und schleicht jenem Dickicht zu, wo er unter Moos und Steinen seinen Kugelstutzen versteckt hat. Das Dirndl hätte ihn zurechtbringen können von seiner alten Leidenschaft. Wenn's nicht sein kann, muß der Mensch halt zugrunde gehen. Der Tonhofer, wie er von dem Alten hört, er dürfe kommen, da steht er auch schon vor der Haustür. Ein dicklicher, gutmütig dreinschauender Bursche, nicht mehr gar jung, so daß er – wenn's nicht sein muß – den Hut ungern vom Kopf tut. Es muß auch nicht sein. Aber, als er zum Suppenessen eingeladen wird und der alte Decker Karl das Tischgebet ruft, da muß es doch sein. Es ist nicht anders, beinahe bis an den Scheitel geht sie hinauf, die Glatze. Der Susanna macht die gerade nicht viel. Sein süßliches, untertäniges Girren und Schleichen um sie herum ist ihr viel zuwiderer. Zwingen muß sie sich zur Freundlichkeit und was die Hütte in Vorrat hat, das kocht und brät sie und bringt es auf den Tisch. So lange er ißt, hat sie Ruh vor seinen läppischen Schmeicheleien. Und denkt weiter: Die so viel essen, die leben nicht lang, und am liebsten wäre ihr, seine Glatze ginge auch noch hinten hinab, so daß seitlings nur ein paar weiße Haarschüberln stünden und er keinen Zahn mehr im Mund habe und er bucklig und hustend und trensend auf dem Stecken herumwanke – da wollte sie ihn am liebsten nehmen, da wollte sie ihn sogar recht liebreich hegen und pflegen – lange könnt's ja nachher nicht dauern und sie säße mit ihrem guten Vater allein auf dem schönen Tonhof. Nach dem Abendessen streichelt der Tonhofer die Sanna am Arm – weiter hin wagt er sich noch nicht, spricht aber vom Dableiben. »Fragst halt den Vater!« rät sie ihm, das weiß sie wohl, der Alte winkt ab, denn er ist sehr streng in solchen Sachen. Der Karl hat für diese Strenge seinen besonderen Grund. Wenn so ein Großbauer einmal weiß: Dableiben kann ich so auch, dann verschiebt er das Heiraten. Solche Leut' muß man brav aushungern lassen, bis sie dazukommen, die Hochzeitstafel zu decken. Also heimgehen, Tonhofer! Und wenn du willst, daß wir zum Pfarrer gehen – wir sind allzeit bereit. Gelt, Sanna!« »Na freilich!« So ist er willig heimgegangen. »Einen kamoden Mann kriegst!« sagt der Karl zu seiner Tochter. »Jetzt derweil hältst ihn fest, verstehst und daß er dir nit auskommt. Daß ich dir sag, ein bissel kunnt'st just schon zutunlicher sein mit ihm, weißt, es gibt auch noch andere Weiberleut, die nach ihm angeln. Nach der Hochzeit nachher ist's nit mehr so heikel – kannst dich schon besser gehen lassen wie du willst. Froh bin ich halt wohl, daß die Heirat zustande kommt. Jetzt sind wir auch einmal wer. Das taugt.« Die Susanna ist still. Aber als sie in ihre Schlafkammer geht, muß sie doch ganz laut aufkreischen: »Jesses, diese Mannerleut. In alles tun sie sich drein und alleweil denken sie auf sich selber und von der Lieb wissen sie nix.« Wer in derselbigen Nacht gehorcht hätte an ihrem Fenster. Der Alte hat's ganz zufällig gehört und bei sich gesagt: »Daß sie wieder so viel Zahnweh hat, die arme Dirn! Und kunnt sonst jetzt so lustig» sein!« – Aber am nächsten Morgen hat sie sich die Augen mit kaltem Wasser gewaschen. Kein Mensch merkt es. Eine Woche später, an einem kühlen Aprilmorgen, sind sie früh aufgestanden. 's ist über zwei Stunden weit ins Kirchdorf und auch der Tonhofer wird sich dort einfinden. Dann wollen sie in den Pfarrhof zum »Versprechen«. Unterwegs auf dem kiesigen Waldweg fallen dem Karl rote Flecken auf und zerrupfte Vogelfedern. Er hebt eine auf und sagt: »Sanna, schau einmal her. Da ist heut schon ein Schildhahn geschossen worden.« »Wegen meiner,« sagt sie und geht ihren Schritt weiter. 's ist ihr alles gleichgültig. Wird noch nicht ausgeschlafen haben, denkt sich der Alte. Oder sollt' sie doch so verschossen sein in den Zukünftigen, daß sie alles andere übersieht und überhört, wie der Hahn auf der Palz? Bei den Weiberleuten kennt sich eins frei nit aus. Im Kirchdorf beim Bräuer müssen sie warten. Er ist noch nicht da. – Es wär' schon Zeit, kunnt schon da sein. Hat auch nit weiter, wie wir, sinniert der alte Karl. Die Kirche läutet zur Messe. Man sollt' doch zu Meß' gehen an so einem Tag. Sonst wird sich der Pfarrer was Schönes denken von so Brautleuten, die den Herrgott beiseite schieben, just wenn man ihn am notwendigsten zu brauchen haben möcht'. – Der Alte wird unruhig. Der Tonhofer! Wenn er sich's überlegt hätt'! – Kriegen tät so ein Großbauer jede. Auch gar angesehene. Daß ihm seine Blutsfreund' abgeredet hätten: Ein Tonhofer wird eine Häuslerin nehmen! Das wär' schon gar schön. So unruhig wird der Karl, daß er gar nicht mehr sitzen bleiben kann bei seinem Bierglas. Er geht hinaus und schaut die Dorfstraße hin, ob er nicht endlich daher steigt. Die Susanna denkt: Was soll eins da auch noch hersitzen wie ein angemal'ner Kineser. Als ob man ihn schon nit möcht' derwarten. So einen! Ich geh' lieber in die Meß'. Und auf dem Weg zur Kirche hinauf, im kleinen Birkenschachen, steht auf einmal der Holzknecht vor ihr. Er ist im lodenen Werktagsgewand und ein wenig verstört. »Sanna!« sagt er, zischt es fast nur, »komm' ein bissel mit mir!« »Ich geh' in die Kirchen,« sagt sie, »wenn du mit willst, wird dir auch nit schaden.« Er faßt sie am Arm und zerrt sie mit gelassener Gewalt zwischen den Birken und Erlensträuchern hin. Sie weiß nicht wie ihr geschieht. So hat sie noch kein Mensch in seine Kraft genommen. Er steht still, läßt sie los und fällt vor ihr auf beide Knie: »Sanna!« Er ringt die Hände: »Sanna! Ich weiß, auf wen du wartest. Um deines und meines Lebens und Sterbens Willen, das darf nit sein.« »Was das dich angeht, will ich wissen!« Da nimmt er sie heftig an beiden Händen, zieht sie nieder an sich: »Du gehörst da her! Zu mir gehörst du! Zu mir gehörst du!« Sie wehrt ab, will sich losreißen, da versetzt er ihr einen heftigen Schlag an den Kopf. – – Nach dem Schlage stehen beide bewegungslos da. Er hat sie ja losgelassen, er hat sie geschlagen – und sie bleibt vor ihm stehen, ohne Trotz und Zorn. Ihre Augensterne werden so groß, daß sie das Weiße ausfüllen. Dann kommt eine Träne hervor. Er verdeckt mit den Händen sein Gesicht und sein Leib schlittert. »Siegmund,« sagt sie in einem gar innigen Ton. »Wenn du mich so unsinnig gern hast, daß du mich schlagen mußt – –! Ich hab' ja auch keinen so gern, als wie dich. Keinen Menschen auf der ganzen Welt. – Führ' du mich, wohin du willst.« Der Tonhofer war freilich zu spät gekommen. Im Bräuhause haben die beiden Männer gewartet, dann sind sie hinausgegangen und haben gesucht und gerufen. Derweil sind die Susanna und der Holzknecht Siegmund oben im Pfarrhof gewesen und haben sich versprochen. Wie der Holzknecht nachher allein hinübergeht in seinen Hochwindwald, begegnet ihm der Sandbichlersohn. »Was ist's, Holzknecht?« ruft er diesem zu, »verkaufst mir deinen Schildhahnschwanz?« Das ist kein kleiner Schreck für den Siegmund. Aber ganz unbefangen stellt er sich und sagt: »Geh, Sandbichler, was du nit plauschest!« Der Sandbichler macht einen Ruck mit der Achsel, gleichsam: Ich kann schweigen, kann dich aber auch verraten. Dann geht er seines Weges. Er hat die Absicht hinein ins Tal zur Dachdeckerhütte zu gehen und es nochmals zu versuchen mit der Susanna. Warum just dieses Fleisch und Blut von Stein sein sollt, das möcht' er wissen. Unterwegs, nicht weit vom Forsthause, begegnet er dem gräflichen Oberjäger. Der ist in einer wütenden Erregung. Seine Gnaden, der Herr Graf, kommt in einer Stunde von der Stadt daher auf den Hahn. Morgen sollt' Jagd sein und heute früh ist der Hahn abgeschossen worden! »So, so,« sagt der Sandbichlersohn, »der Hahn ist dir abgeschossen worden. Nachher schau nur, Jager, daß du den Wilddieb nit derwischest, sonst kommst auf zehn Jahr ins Zuchthaus.« »Ich?« »Freilich du. Weil du ihn niederschießest.« Dann gehen sie auseinander. In der Dachdeckerhütte ist der Sandbichlersohn nicht eingelassen worden am selbigen Abend. Er hat auch kein Begehr danach gehabt. Denn drinnen ist ein wildes Schreien und Fluchen und Weinen gewesen. – Wenn der Vater fragt: Du Sanna, der Tonhofer hat lang auf dich gewartet beim Bräuer, daß er mit dir zum Pfarrer geht. Wo bist du denn gewesen? – Vater ich bin mit dem Holzknecht Siegmund beim Pfarrer gewesen – so ist ein solches Zwiegespräch vergleichbar mit einem Zunder, den man ins Pulverfaß legt. Das Unwetter hat gedauert die halbe Nacht, dann sind sie müde gewesen vor Schreien und Klagen, haben sich in ihre Betten gelegt und hat jedes für sich gesagt: In Gottesnamen! – In Gottesnamen! sagt die Susanna, ich nehm den, der mir gefallt. – In Gottesnamen! sagt der alte Karl, bleib' ich halt mein Lebtag ein armer Teufel. Ist vielleicht eh' g'scheiter, so. Erfahrene Leute wissen zu sagen, daß manch' ein großes Glück, welches viele Jahre lang mit allen Sehnsuchten herbeigefleht, mit allen Kräften angestrebt wurde, wenn es plötzlich da ist, nicht die große Freude verursacht, die man von ihm erwartet hat. Sollte das auch dem Holzmeisterknecht Siegmund so ergehen? Seit dem Tage, da er sich mit seiner Herzallerliebsten versprochen hat, ist er nicht mehr lustig. Er tut ihr alles, was er kann, zulieb, aber er ist oft in sich versunken, schweigsam und nicht mehr lustig. Susanna weiß sich das nicht zu reimen, mag ihn aber auch nicht fragen nach der Ursache. Am Ende – denkt sie – ist es gar, daß ihm der Schlag weh tut, den er ihr damals in der Aufregung versetzt hat. Mein Gott, dieser Schlag ist es ja gerade gewesen, der sie zu ihm hingerissen hat. Nach einem heißen Menschen hat's ihr ja immer verlangt. Weichmütige Leute, die haben sie nur zum Trotz gereizt. Aber dem Mann, der sie geschlagen hat, weil sie nicht hat lieben wollen, dem hat sie ja sagen müssen. Die Trauung wird angesetzt für einen Sonntag nach dem Nachmittagsgottesdienst. Aber just noch vor diesem Gottesdienst hat der Holzknecht die Braut in eine Ecke der Kirchhofmauer geführt und gesagt: »Oder was meinst, Sanna, ob wir's nit etwa auf ein paar Wochen verschieben sollten?« Ihre Antwort: »Siegmund, ich versteh dich nit!« Da ist er mit ihr in die Kirche gegangen. Die Anwohner des Gottesdienstes sind nach demselben alle sitzen geblieben. Bei dieser Trauung wollten sie doch dabei sein. Wenn eine arme Häuslersdirn reiche Bewerber ablaufen läßt, einen um den andern und einen notigen Holzknecht auserwahlt – ein solches Brautpaar muß man sich doch anschauen. In ihrem einfachen Sonntagsgewand kommen sie daher. Er hat im Knopfloch eine blasse Nelke, sie hat in das gescheitelte Haupthaar ein schütteres Rosmarinstämmlein gewunden – anders unterscheiden sie sich nicht von den übrigen. Der Altar trägt keine Zier, der Pfarrer hat den einfachen Chorrock an und eine abgeblaßte Stola. Im Gebettone liest er aus dem Buch eine kurze Traurede, dann schreitet er zur Trauung. Dann kommt, wie es im Lande herkömmlich, die dreifache Frage. Den Bräutigam frägt der Priester, ob es sein ernstlicher und ungezwungener Wille sei, diese anwesende Braut zum Weibe zu nehmen. Er säumt mit der Antwort und murmelt ein unentschlossenes ja. Sie macht es bei derselben Frage kräftiger. Der Priester fragt das zweite Mal, ob er ihr treu bleiben wolle und all Freud und Leid mit ihr teilen, bis sie der Tod trennt. Er zögert – dann antwortet er kaum vernehmlich ein zagendes ja. Dabei neigt er sein Haupt über die Brust hinab und ein Zucken geht durch seinen Körper. Susanna möchte versinken vor Angst und denkt: Er stirbt mir. Aber sie bleibt starr auf ihrem Stein stehen. So frägt ihn der Pfarrer, und zwar mit nachdrücklicher Stimme, das dritte Mal um seinen Willen, den ewigen Bund abzuschließen. Siegmund steht unbeweglich und schweigt. In derselben Sekunde ist kein Atemzug getan worden in der ganzen Kirche. Da richtet der Bräutigam sich plötzlich in die Höhe und ruft laut: »Nein! Jetzt nit! Ich kann nit!« und eilt durch die Sakristeitür davon. Das Volk in der Kirche ist auf und fährt murrend und fast laut sprechend durcheinander. Der alte Dachdecker Karl, der hinter dem Paare gestanden, streckt beide Arme empor wie einer der im Ertrinken ist und schnappt nach Luft. Aber nur ein paar Augenblick so, dann duckt er sich unter die Menge. Der Pfarrer ist rasch dem Flüchtigen in die Sakristei gefolgt. Die Braut steht vor dem Altare unbeweglich wie eine Säule. Da steht sie nun. Die reichsten und angesehensten Werber hat sie heimgeschickt. Und der arme mißachtete Holzknecht hat sie verschmäht. – – Endlich wendet sie sich – und geht auch hinaus. Aber den Flüchtling hat niemand eingeholt. Die Dorfgasse lief er hinab, dann hat ihn keiner mehr gesehen. Die Susanna steht wieder am Herd ihrer Hütte und schlägt mit Stahl und Stein Feuer, um ihrem Vater die Suppe zu kochen. Arme Leute sind abgehärtet. In Gottesnamen, denkt sie, auf der Welt geht alles vorbei, wird auch das nit stehen bleiben. Etliche hätten gerne gewußt, ob sie ihn liebt oder haßt. Andere haben gemeint, jetzt wäre sie vielleicht billiger zu haben. Der Sandbichlersohn machte einen Versuch, der abscheulich mißlang und der Tonhofer war froh, daß er unbeweibt geblieben. Eines Abends gehen drei Burschen an der Hütte vorüber und singen spottweise: »Susanna, nit wana!« – Und sie weint ja auch gar nicht. Sie verliert über den durchgegangenen Bräutigam kein Wort, kein gutes und kein schlechtes. Weil aber der Vater doch immer anfangen will, seiner zu fluchen, so ist ihr die Zeit am liebsten, da er in der Arbeit aus ist und sie ihr wehes Gedenken still für sich hat. Wenn er aber Samstags heimkommt, so ist's halt doch immer wieder die Frage: »Und kannst dir's denn gar nit denken, Sanna, warum er's hat getan?« Blickt sie nicht von ihrer Arbeit auf, zuckt die Achseln und sagt trocken: »Wird ihm halt g'rad so gepaßt haben.« Da ist eines Tages der Brief gekommen. Verknittert, schlecht zugeklebt, mit gelblich blasser Tinte, von einer Hand, die besser das Holzbeil führt als die Feder: »Liebe Susanna! Bitt' um verzeichen, indem ich dich so in Unehr. Ist schlecht aber hat nicht andersch Sein können und dich vor den leuten in unehr hab gebracht. Jetz mus ich wol hart Büssen und in 5 Wochen dir vor Augen treten kann.« Das ist alles. Kein Ort, kein Datum, kein Name. Aber sie weiß es ja doch. Und sie schweigt. Als ob nichts wäre, so arbeitet sie in der kleinen Wirtschaft ihre Tage dahin. Der Brief muß lange gegangen sein, denn noch vor der angegebenen Zeit steht er bei der Hütte am Brunnen. Er hat sein Gewand an wie damals. Sein Gesicht ist ein wenig schmäler und blasser geworden, aber gut rasiert. Seine Augen schauen größer aus, so wie nach einer Krankheit. Er nimmt einen Schluck Wasser. – Sie sieht ihn, geht langsam hinaus und reicht ihm die Hand. Er hält sie fest, schaut sie an und sagt nichts. Sie führt ihn in die Hütte, setzt ihm eine Schüssel mit Milch vor, legt ein Stück Brot daneben hin und einen Löffel. »Ich tu' lieber trinken,« sagt er und führt den Rand der Schüssel zum Mund. Jetzt, da sie sieht, wie gierig er die Milch austrinkt, kann sie ihr Herz nimmer verhalten. »Aber, Siegmund!« schreit sie weinend heraus, »warum hat denn das so sein müssen?!« Er fährt sich mit seinem zerknüllten blauen Sacktuch über das Gesicht und tut ein kurzes heiseres Auflachen. »Wenn's dich gereut hat mit mir, wesweg bist denn jetzt wieder da?« fragt sie. »Du weißt es halt nit, Sanna,« sagt er. »Du hast es halt nit wahrgenommen. Wie wir in die Kirche sind gegangen und am Tor das Gedräng' ist, streicht mich der Sandbichlersohn an und raunt mir ins Ohr: Mußt dich schleunen mit der Koplation, in einer Stund' sind die Schandarm da! – Da weiß ich, er hat mich verraten. Weil ich den Schildhahn hab' geschossen und der Sandbichler hat mich dabei gesehen.« »Und was denn weiter?« fragt sie. »Jetzt kannst dir's ja wohl denken. – Hätt' ich dir's leicht antun sollen, daß mich die Schandarm vom Altar wegtreiben? Da geht einer schon lieber so. Schnurgerade zum Land'sgericht bin ich, hab' mich gestellt und mein' Sach' abgebüßt.« Susanna steht da, hält die Hände über der Brust gefaltet und schweigt. Nach langem Schweigen endlich: »Eines Schildhahns wegen!« »Ungeschickt genug, daß ich so bin davongelaufen. Und dir eine andere Schand gemacht, derweil ich dir die eine hab' ersparen wollen.« »Und auf mein Leid hast nit gedacht?!« Sie schreit vor Schmerz. Er reißt sie an sich und herzt sie und küßt sie. »Und wenn's gutzumachen wär', Susanna. Freilich hab' ich des Hahn's wegen auch meine Holzmeisterstell' verloren. Bin halt gar nix jetzt ...« »Ich frag' nit nach Schand und Ehr und Holzmeisterstell'. Vier gesunde Händ' haben wir und wenn du ordentlich ja sagen kannst, so woll'n wir's halt noch einmal miteinander probieren.« Ist aus den zwei armen Leuten ein zufriedenes Ehepaar geworden. Und ist's ihnen am liebsten, wenn sich fremde Leute nicht weiter um sie kümmern. Der versteigerte Herr Gemahl Der Marxl drängte sich gemeinsam mit seinem fürnehmen Freund durch das Kirchtagsgewühl und stieß unversehens einen Obstkorb um, so daß etliche honiggelbe und wahrscheinlich auch honigsüße Kaiserbirnen dem lieben Christenvolke unter den Beinen umherkollerten. Natürlich hub die dicke Obstkrämerin nun ihre Prachtstimme empor und schmiß dem sich eilig weiterschiebenden Burschen etliche Kosenamen nach, wie Büffelochs, Tagedieb, Mordbrenner, Ehebrecher usw. »Was hat sie gesagt?« fragte der Marxl seinen fürnehmen Freund, »Ehebrecher hat sie gesagt?« »Na, das wäre auch weiter was!« antwortete der Fürnehme. »Hi, hi,« lachte der junge Bauernbursche, »Ehebrecher, das könnt ich gar nicht sein.« »Wäre nicht übel!« »Ich bin ja gar nicht verheiratet!« lachte der Marxl. Sie waren schon vor dem Dorfe draußen. Der Fürnehme streckte seine Hand aus gegen die Gartenhecke und riß einen Hagebuttenzweig ab. »Mein Freund!« sagte er dann zum schlanken und aufgeweckten Bauernburschen. »Siehst du, ich besitze keinen Hetschenbusch und habe doch einen Zweig gebrochen. Verstehst du?« »Haben dich die Dornen nicht in die Finger gestochen?« fragte Marxl nicht ungeschickt. Der andere warf den Zweig in den Straßengraben und steckte die Hand in den Sack. »Nein, das wär' mir auch zu dumm,« versetzte nun der Marxl, zum Zeichen, daß er recht wohl verstanden hatte. Da die beiden das Marktgetriebe hinter sich hatten, blieb der Fürnehme stehen und fragte den Bauernjungen: »Sag mal an, Marx, wie viele Geburtstage hast du schon gehabt?« »Einen,« antwortete der Bursche. »Eh, das glaube ich dir. Wie alt du bist, frage ich dich.« »Neunzehn und ein halb.« »Ganz schön. Für ein solches Alter tust du noch verdammt unschuldig. – Blicke einmal zurück auf die Leute dort im Kirchtag. Männer und Weiber, alles durcheinander. Und lauter –« »Lauter?« »Was über sechzehn oder siebzehn Jahre ist.« »Lieber Herr Poiser, da wirst du dich wohl irren,« meinte der Marxl. »Am Ende strafst du mich Lügen, indem du hingehst und jeden und jede extra befragst, ob's wahr ist!« lachte der Fürnehme. »Dir werden sie die Wahrheit schon sagen, ich bin überzeugt.« »Du nimmst das Maß vielleicht von den Stadtleuten,« sagte der Marxl, »nun, mein Lieber, mit so einem Strick lassen wir uns noch lange nicht messen.« »Du bist ja ganz aufgeregt,« sprach der Fürnehme. »Sonst treibt Ihr Bauern ein wahres Luderleben und macht gar kein Geheimnis daraus, in jedem Trutzliedel und Schnaderhüpfel beichtet Ihr's in die Welt hinaus. Warum just in dem einen Punkte so manierlich? Was ist's denn weiter! Wem schadets denn?« Der Marxl blieb wieder stehen: »Laß Zeit, da muß ich erst nachdenken. Ob's wem schadet, fragst du?« »Ob's meiner lieben Ehegattin schadet?« »Ah, nur das. Na, der schadets eigentlich nicht, heißt das: wenn du nicht heimlich gewisse Kreuzer zahlen mußt vom Geld, das ihr, das deiner Familie mitgehört.« »Ach Gott, nein.« »Jetzt denke dir, Poiser, deine Frau –« »Was, meine Frau?« »– wäre so klug wie du.« »Knäbchen, die Frau, das ist etwas anderes. Der Ehemann kompromittiert die Familie nicht, die Frau jedoch, die kompromittiert.« »Na, und ordentlich!« rief der Marxl lustig aus. »Aber mir deucht Poiser, sie tut mehr als kom– kom–« »–promittieren!« half der andere freundschaftlich nach. »Wenn dem Mann das Haus niederbrennt, wenn er blind wird auf beiden Augen, wenn er seinen ehrlichen Namen verliert, wenn ihm das liebste Kind stirbt, so ist das ein Unglück. Und es ist doch alles miteinander nichts dagegen, als wenn ihm sein Weib untreu wird.« Also sagte der Marxl. »Ein kluger Mann geht schweigend darüber hinweg.« »Ich danke schön,« sagte der Bauernbursche. »Und hast morgen vielleicht das Kukuksei im Haus. Es ist ein Menschenkind, nu freilich ist's eins. Du starrst es täglich an und suchest in seinem Gesicht Familienähnlichkeit, – und findest keine. Die Augen sind nach aufwärts geschlitzt, oder nach abwärts, der Kopf ist zu spitzig, oder zu platt. Das Geschrei, wenn es den Mund auftut, ist wie Elstergekreisch. Deine übrigen Kinder sind anders. Ja, vielleicht willst du dich zwingen und nichts merken lassen von deinem Elend, aber jeden Tag erinnert dich der Balg daran, was dir deine liebste Frau Gemahlin angetan hat; es ist ein Denkmal von ihrer Falschheit und deiner Schand'. Und dieses Denkmal mußt du in deinem Haus haben, mußt es füttern und kleiden und erziehen und versorgen und das verhaßte Wesen führt deinen Namen. – Wenn mir so was passieren tät, verflucht und vermaledeit!« Eine grauenhafte Handbewegung machte der Bursche –: »Zuerst sie – nachher mich!« »Ei nun, darum sage ich ja, es ist etwas anderes, ob sie oder er,« entgegnete der Fürnehme. »Und wenn man's wieder so nimmt,« sagte der Marxl, »sie ist in einer größeren Versuchung als er. Ihn versucht so leicht niemand anderer, er versucht sich nur selber und geht hin und überredet eine. Sie hat auch eine eigene Versuchung, jetzt kommt noch die von ihm dazu, zuletzt sind zwei böse Geister gegen den einen guten Willen und da kann sie freilich schwach werden.« Blieb wieder der Fürnehme stehen und sagte zum Bauernburschen: »Herr Marxl, du sprichst, wie ein Philosoph! Du mußt auf der Universität gewesen sein!« »Ja freilich, auf der, die dort steht,« antwortete der Marxl und deutete gegen das Dorfschulhaus. »Weißt, wer nicht ganz vernagelt ist, der braucht für so was keine U – Universität.« »So wirst du wohl auch weise genug sein, niemals zu heiraten!« »Hörst du, Poiser, für das mußt schon du mir die Weisheit leihen. Wenn man dir zuhört, wie es im Ehestand hergeht, nachher mach' ich's wie die sieben Sakramente im Katechismus, – die Ehe war' mein Letztes.« »Junger Freund,« sagte der Fürnehme, »mache es wie ich. Ich bin ja auch verheiratet, und sogar sehr glücklich. Ich habe meine Frau sehr lieb und bin ihr auch treu, vollkommen treu, das heißt – es geschieht ja aus Rücksicht für sie, wenn –. Deshalb braucht man ja keine zu verführen und sich keiner zu verpflichten. Wenn du mit einer Ledigen umgehst, so wirst du bald in der Patsche sitzen. Das ist gefährlich. Es gibt genug unglückliche Ehefrauen, die von ihren Männern schlecht behandelt werden, genug gibt es solcher, ein gutes Werk ist's, sich ihrer anzunehmen, verstehst du mich?« Nun blieb wieder der Maxl stehen, mit seinen grauen Äuglein blinzelte er den Fürnehmen an und flüsterte: »Poiser, eigentlich habe ich mir das auch schon gedacht!« »Lieber Gott, wer hätte sich das nicht gedacht,« rief der andere. Dann setzte er leise bei: »Sage mir einmal, Marxl, du gehst im Dachsbauernhause aus und ein.« »Das wohl, ich komm' immer einmal hin.« »Sage mir, wie leben denn die Zwei miteinander? Die Bauersleute, meine ich.« Der Marx! zuckte die Achseln: »Wie es halt schon oft geht.« »Sie ist ein bildsauberes Weib,« sagte der Fürnehme. »Wer?« »Die Dachsbäuerin. Was meinst, Freund, wäre da nichts zu machen? Einen Besuch –« Jetzt schaute ihn der Bursche an. »Ich meine, ob –« Das Gesicht vom Marxl! Dann zuckte er wieder die Achseln, was so viel heißen konnte wie: Weiß ichs? oder: Möglich! oder: Vielleicht! Der Fürnehme musterte den Burschen. Dann drohte er mit dem Finger: »Ich glaube gar! – Marxl, Marxl!« »Aufrichtig Gott nein, ich nicht!« rief der Bursche. »Na nu, ist alles eins,« also wieder der andere. »Ich will einmal meinen Besuch machen im Dachshofe. Mit dem Bauer bin ich ohnehin schon bekannt, der war unser Führer im vorigen Sommer, als die große Partie auf dem Hochnock gewesen ist. Sein Weib hat seither meiner lieben Frau ein paarmal Eier gebracht. Brave Leute sind's, recht brave Leute. Will sie doch einmal besuchen. Wann glaubst du denn, daß der Dachsbauer am Sichersten zu Hause ist?« »Das will ich dir schon sagen,« antwortete der Marxl, »morgen z. B. ist er den ganzen Tag nicht zu Hause. Weißt, er hat sein Ausnahmhäusel verkauft, das unten im Tal steht, weil sie keine Kinder haben und er also sein Lebtag auf dem Hof sitzen bleiben kann. Und jetzt, morgen, läßt er vom Häusel die Einrichtung versteigern, Kisten und Kästen und lauter so alte Sachen. Ist eh angeschlagen auf der Tafel. Na und da hat der Dachsbauer dabei zu tun und kannst ihn im Talhäusel finden.« Faßte jetzt der Fürnehme den Burschen bei den Jackenflügeln und sagte: »Bist du ein ganzer Kerl, Marxl? Bist du ein Freund?« »Allemal!« beteuerte dieser. »Spiele mit! Wenn du mich einmal brauchst, verfüge! – Spiele mit, daß ich sie allein finden kann morgen, oben im Dachshofe. Du weißt schon...« »Freilich,« sagte der Bursche, »und es wird ganz leicht gehen. Will heut noch kundschaften, dann laß ich dichs wissen. Verraten wirst du mich wohl nicht?« »Mensch, was denkst du! Ich hoffe aber: auch du mich nicht. Meine Frau ist nicht eifersüchtig, hat auch keinen Grund dazu; allein erfahren darf sie es auf keinen Fall, sie würde sich kränken, ganz unnötiger Weise, hörst du?« Der Leser wird endlich ungeduldig. Er will wissen, was es mit diesen zwei losen Nixnutzen eigentlich ist. Das ist bald berichtet. Der Fürnehme kommt natürlich aus einer Stadt, vermutlich aus einer großen, denn der Mann scheint Welt zu haben. Dort besitzt er ein erheiratetes Bankgeschäft und hier in der Windwend, wie der Ort heißt, genießt er mit seiner Frau Gemahlin stets die Sommerfrische. Herr Poiser ist ein Mann noch nicht einmal in den besten Jahren, denn in solchen ist einer erst – glaube ich – von fünfzig, bis sechzig. Er steht nicht hoch über vierzig; daß seine Frau noch etwas niedriger steht, obzwar sie ihm ziemlich hoch zu stehen kommt, das ist glaubhaft. Der Lebemann verstand sich auf Naturgenuß und Geselligkeit. Schon im vorigen Sommer war er mit dem Bruckmüller Marxl bekannt geworden und hatte mit ihm Freundschaft geschlossen, denn dieser Bruckmüller-Marxl war ein merkwürdiger Kumpan. Ein junges, hübsches, findiges und schalkhaftes Bürschlein, wußte er für sich einzunehmen; durch seine gesunde Einfalt, die aber, näher besehen, nicht immer eine war, gewann er bei den Herrenleuten leicht Sitz und Stimme. Er hatte von einem Oheim die Bruckmühle geerbt und wieder verpachtet. Seit er als Knabe Ministrant gewesen war, tat er unterschiedliche Kirchendienste, wenn der Meßner oder der Schulmeister einmal nicht vorhanden war. Orgeln konnte er, Lichter anzünden konnte er, mit dem Klingelbeutel konnte er umgehen und jedem, der etwas hineinwarf, schmunzelte er verständnisinnig zu: »Nur her mit dem Bußpfennig! Du solltest wohl noch einen zweiten geben!« Bei Lust und Festlichkeiten hatte man den Marxl auch gern, denn er wußte mancherlei Schwank und Schelmenstück und verdarb nie etwas. Andererseits konnte er gar nachdenklich sein; weil er viel in Büchern las, aber nicht Geschichten und Romane, sondern Besseres, so hatte er sich das Denken angewöhnt, dachte es aber nicht gerade so den Büchern nach, sondern aus Eigenem, und wie der Zufall just dazu Anlaß gibt. Es war oft erstaunlich und oft drollig, wie das frische Bürschlein in Bauernloden (er verachtete das Stadtzeuggewand) und Bauernsprache die tiefsinnigsten Dinge vorbrachte, und plötzlich ein keckes Hinaushüpfen ins Schalkhafte, so daß der Zuhörer schließlich nicht klug war darüber, gehöre er zu den Belehrten oder zu den Gefoppten. All das und manch anderes zusammen machte ihn gesucht, umworben, so daß auch die städtischen Sommerfrischler sich seiner Bekanntschaft befleißigten. Der Bankmann Poiser hatte also mit ihm Freundschaft geschlossen und diese Freundschaft gedachte der kluge Geschäftsmann nun auch zu fruktifizieren. Was sie miteinander heute verabredet haben, das wissen wir. Was morgen geschehen soll, das vermuten wir, und wie es ausgefallen ist, das sollen wir bald hören. Der Dachshof! Der Marxl geht im Dachshof immer einmal aus und ein, hatte er gesagt. Daß der Dachsbauer, frisch und heiter wie er, sein Vetter war und eigentlich in allem sein bester Kamerad, das hatte der Marxl dem Fürnehmen nicht gesagt. Nun ging er zu seinem Vetter, und erzählte ihm die ganze Geschichte. Anfangs war der Dachsbauer höllisch aufgebracht darüber, daß dieser »Stadtzodel« sein Weib besuchen wollte, dann lachte er tüchtig und hernach gingen die Zwei im Schachen spazieren und beredeten etwas. Am nächsten Frühmorgen stand der Fürnehme am Bach und angelte. Nichts wollte anbeißen, gar nichts. Na doch! Er hatte etwas, schnellte empor – an der Angel hing das patschige Gefaser einer Graswurzel. Gleichzeitig stupfte ihn was von hinten. Der Zeigefinger des Marxl war's. »Willst Fische haben?« fragte dieser lustig. »Also komm' mit, nach der Messe führe ich dich in den Dachshof, ich hab' sie schon hergerichtet, es geht leicht, der Bauer ist beim Häusel unten und kommt vor Abend nicht nach Hause.« »Ein goldener Kerl bist du!« rief Herr Poiser, »ein diamantener. Ganz unbezahlbar bist du.« »Ich verlang' eh nichts,« sagte der Bursche. Während der Marxl bei der Messe war, ließ der Fürnehme seiner Gemahlin sagen, sie brauche heute nicht auf ihn zu warten mit dem Diner, er habe eine Bergpartie vor. Und nachher gingen die beiden hinauf zum Dachshofe. Der Marxl führte den Freund durch ein Hintertürchen hinein in die Vorratskammer. Da gab es Flachs und Rauchfleisch und Speck und Schmer und Butter und lauter so gute Sachen. »Da wartest,« sagte der Marxl, »kannst dich derweil auf diese Truhe setzen. Man kann sich auch verstecken drinnen. Die Bäuerin wird bald kommen, um Speck zu holen für die Knödeln. Ich geh' jetzt. Gute Unterhaltung!« Der Fürnehme fand sich allein in der Kammer, die nur durch ein einziges Oberfensterlein kümmerlich beleuchtet war. Der prickelnde und mürfelnde Geruch von Fleisch und Speck mutete ihn gar eigen an – Das ist so pikant! Die Maus beim Schmer, ha, das ist so pikant! Die Katz' beim Speck! Das ist doch einmal pikant! – Charmant – Es kommt wer. Das ist sie. Um Gotteswillen, nein, das ist sie nicht! Das sind Männerschritie. – Durch eine Spalte guckte er ins Vorgelaß – höllverdammt! Der Bauer! ... In der Kammer stand eine große, alte Truhe; sie war nicht versperrt. Hastig und leise öffnete der Herr Poiser den Deckel, huschte hinein auf einen Wust von schmutziger Wäsche und senkte vorsichtig über sich den Truhendeckel zu. Das Prickeln war auch hier wieder sehr pikant, doch der Fürnehme war jetzt weniger Nase als Ohr. Der Dachsbauer war in die Kammer getreten, tastete eine Weile an der Truhe herum und rief dann nach einem Knechte. »Geh, Franzl,« sagte er, als dieser kam, »hilf mir die Truhen da hinaustragen auf den Karren, ich führ' sie zum Häusel hinab, ich laß sie auch versteigern.« »Aber Bauer, was wirst denn kriegen für den Scherben?« lachte der Knecht. »Glaub' das nicht, Franzl! Es ist ein altes Möbel. Für so was gibt's Liebhaber heutzutag. Mir verstellts da nur den Platz, ihre Fetzen und Lumpen kann die Bäuerin auch in einen andern Winkel schmeißen. Schau du, der Deckel klappelt. So!« Er drehte den Schlüssel um und steckte ihn in die Tasche. »Geh, Franzl, faß' an!« Also wurde die Truhe hinausgetragen, auf den zweirädrigen Karren geschoben und zu Tale gezogen. Der Fürnehme war schon mit allerlei Vehikeln spazieren gefahren, auf einem solchen bisher noch nie. Halb in den Lappen vergraben, dachte er sich einen ganzen Rattenkönig von Flüchen und Verwünschungen gegen den Verräter. Dabei sann er auf einen Schick, die Sache ins Scherzhafte zu spielen, wenn ihn der Bauer auslassen würde, und so zu tun, als ob er sich selber einen solchen Spaß hätte machen wollen. Aber die Geschichte konnte auch grauslich ausgehen, – pikant war sie jedenfalls sehr. Vor dem Talhäusel auf dem Anger waren schon viele Leute beisammen und ergötzten sich an den drolligen Ausrufen des Versteigerers, der zum Beispiel eine alte Hühnersteige um fünfhundert Gulden ausbot, schließlich aber um acht Kreuzer losschlug. Auch die Frau von Poiser war gegenwärtig und der Marxl machte ihren Kavalier. Ihr Gemahl ist heute ja auf einer Bergpartie, sie braucht mit dem Essen nicht auf ihn zu warten, so hatte sie schon den Marxl dazu eingeladen. Sie war eine sehr liebe Dame. Nun kam der Dachsbauer mit der alten Truhe. »Ah! Eine Antiquität! Altdeutsch! Sehr hübsch!« so sagte die Frau von Poiser. »Ach, da muß ich mitbieten. Wir haben in unserer Stadtwohnung ein altdeutsches Zimmer mit Butzenscheiben und lauter wurmstichigen Möbeln, mein Gemahl ist ein Freund von alten Möbeln!« »Dann werden ihm gnädige Frau eine große Freude machen!« sagte der Bursche. Sie versetzte ihm mit zwei Fingern ein Klatschchen an die Wange. »Grobian!« Der Bursche fragte verblüfft, warum er geschlagen worden sei. »Eine altdeutsche Geldtruhe!« rief der Versteigerer aus, »sie stammt vom Hofe Karls des Großen, der hat seine Dukaten drin gehabt, die Alten vom Dachshof waren Truchsessen beim großen Karl, die sind immer auf dieser Truhen gesessen, und wie sie pensioniert wurden, haben sie sie zum Gnadengeschenk erhalten. Dreißig Gulden zum Ersten! – Dreißig Gulden zum Ersten! – Gibt niemand dreißig Gulden? – Dann fünfunddreißig Gulden zum Zweiten!« »Ich gebe sechsunddreißig!« schrie jemand in der Menge; es war der Dachsbauer selber. »Vierzig!« rief der Marxl. »Ich gebe fünfundvierzig,« hierauf der andere. »Fünfzig!« jauchzte die Frau von Poiser. Die Truhe wurde ihr zugeschlagen. Allsogleich machte sie sich daran, um sie bewundernd von allen Seiten zu besehen und auch aufzumachen. Dem Inwohner der Truhe begann der Angstschweiß aus der Haut zu brechen. Doch der Dachsbauer sagte, er habe leider den Schlüssel zu Hause vergessen und er werde ihn nachmittags schicken. Der im Möbel atmete auf. Frau von Poiser ließ das erstandene Kleinod sofort in ihre Villa schaffen. Wie es massiv war und schwer! Sie war ganz verliebt in die Truhe und nach dem Mittagsessen setzte sie sich darauf und der Marxl mußte sich zu ihr setzen. Sie scherzten, sie lachten und der muntere Bursche sagte: »Man setzt sich drüber hinaus. Schon der erstandenen Truhe zu Ehren bin ich heute so lustig.« »Ich bin ja auch lustig!« flüsterte sie. Der Inwohner in der Wäsche bebte vor Wut. So lange sie noch laut lachten, war's erträglich,... nun aber begann er zu rasen. Als es im Innern der Truhe plötzlich zu trampeln anhub, schnellte die Frau von Poiser mit einem Schreckruf in die Höhe: »Um aller Heiligen Willen, was ist denn das? Wer ist denn da drinnen?« Der Marxl tat auch erschrocken. »Ja, ja, in der Truhe drinnen trampelt was!« sagte er. »Wie wäre denn das möglich? Beim Dachsbauer in der Speckkammer ist sie gestanden, wo die Bäuerin allemal Fleisch und Schmer holen geht zum Kochen. Sie wird doch nicht sein in die Truhe gefallen, die Bäuerin! Das wäre so was! – Auf geht das Zeug auch nicht. Wenn's nur aufginge, daß man könnt' nachschauen, was drinnen ist. Da habe ich wohl einen Schlüssel bei mir, na vielleicht paßt er.« So redete der Schelm herum, griff in den Sack, zog einen Schlüssel hervor und sperrte die Truhe auf, – da flogen ihm die Fetzen ins Gesicht. Im ganzen Zimmer flatterten die alten Hosen und Hemden und Tücher, wie in einem Wirbelsturm und mitten durch sauste – aus der Truhe hervor, zur Tür hinaus – wer? »Um Gotteswillen, ist das nicht – mein Mann gewesen?« stöhnte die Frau von Poiser. »Eh nein, gar nicht zu denken!« beruhigte der Marxl, »der Herr Gemahl ist ja auf einer Bergpartie.« »Er war's! Er war's!« »War er's? Oh der Schelm, dann hat er uns sauber zum Narren gehalten.« Bald darauf hat der Marxl sich höflich verabschiedet. Als er um die Büsche bog und durchs Gartentor hinausging, stand dort der Fürnehme –: ein lehmblasses Gesicht, wild rollende Augen, geballte Fäuste. Da trachtete der Marxl, ehestens weiter zu kommen. Am nächsten Morgen erhielt der Herr von Poiser ein Brieflein: »Es wissens nur wenige und soll ein Geheimnis bleiben. Du weißt nun meine Meinung und kannst sie dir merken. Marxl.« Wenige Tage nach der Versteigerung sind die fürnehmen Herrschaften abgereist. Die altdeutsche Truhe, in der Karl der Große seine Dukaten gehabt hat und auf der die alten Truchsessen gesessen sind, haben sie vergessen mitzunehmen. Einer, der die Finessen kennt »Bezähme deine Phantasie, Ludwig,« sagte ich zu ihm, »und laß den unwürdigen Argwohn!« »Phantasie! Unwürdigen Argwohn nennst du das!« rief er aus. »Gut, so höre. Höre einmal.« »Da bin ich doch begierig, was du deiner braven Eglanta anfärbeln wirst.« »Heute vor acht Tagen, am Ostersonntag,« so begann er zu erzählen, »vormittags von elf bis zwölf Uhr waren wir auf der Promenade vor dem Stadttheater. Ich liebe sie nicht, diese Herdenbewegung, aber meine Frau – da fühlt sie sich in ihrem Element. Ich gehe mit Mama, Eglanta hintennach, mit ihrer Cousine glaube ich. Es war ein Leutegemenge gegeneinander – wie eine wilde Quadrille; nur alles hundertfach. Da ist es mir plötzlich, im Gegenschwarm sei der Baron Hammerspach gewesen. Gesehen hat er mich nicht, wenigstens nicht gegrüßt. Habe mich aber doch umgewendet, um zu schauen, wie die gegeneinander kommen würden. Sie tat einen kurzen Blick nach ihm, ein flackernder Blick war's, möchte ich sagen, dann streiften sie im Gedränge aneinander und waren vorüber. Eglanta hatte meine flüchtige Beobachtung gemerkt und drängte sich rasch voran zu mir. Denke dir, flüsterte sie mir zu, der Baron Hammerspach. Und ganz dreist angestreift hat er mich. Mir scheint, du streiftest ihn an, wollte ich sagen, tat es aber nicht, sondern schwieg und war verstimmt. Sie ging nicht mehr hintendrein mit der Cousine, sondern knapp neben mir und hing sich in meinen Arm. Ich kann mir nicht helfen; aber ihr Benehmen war mir verdächtig. Nicht daß es anders gewesen wäre als sonst – eben das war verdächtig. Bei Tische nachher war's so weit ganz gemütlich. Nach demselben ging ich wie immer ins Café Kaiserhof. Noch war ich in meine Witzblätter vertieft, als sich ein Bekannter an mein Tischchen setzte und mir so nebenhin mitteilte, daß ich zu Hause wahrscheinlich Besuch bekommen hätte. Als er an meinem Hause vorübergegangen, sei gerade Baron Hammerspach zum Tore hineingetreten. Baron Hammerspach? fragte ich, mich dumm verstellend, der ist ja in Wien. Hat über Ostern wahrscheinlich eine kleine Vergnügungsfahrt nach Graz gemacht, um seine Freunde zu besuchen. Ihr kennt ihn ja von früher her. Teufel, denke ich, was kommt er denn plötzlich mit dem »Ihr«! Er bezieht meine Frau mit ein. Glaubst du, daß er zu mir kommen wollte? Ich vermute es nur, weil er in dein Haustor eintrat. Hast du dich auch nicht getäuscht? War es der Baron? Aber ich bitte dich, wer wird den Hammerspach nicht kennen! Er hat auch noch seinen zweispännigen Zylinder. Wir hatten diesen Hut immer den zweispännigen Zylinder genannt, weil er zwei Spannen hoch wäre. Ich habe ihn übrigens nie gemessen. Aber wenn du glaubst, daß er's wirklich war, dann muß ich nach Hause. Vermutlich ist gar niemand zu Hause, sagte ich. Die Mägde haben Ausgehtag und meine Frau ist sicher bei ihrer Mama. Zehn Minuten später – ich war ja gelaufen wie verrückt – bin ich in der Grabenstraße und im dritten Stock vor meiner Tür. Ich schelle. Es kommt niemand. Ich schelle das zweite Mal. Es bleibt still. Zum Donner, die Mägde sind freilich ausgegangen, aber Eglanta muß doch zu Hause sein. Sie hatte nach Tisch über Migräne geklagt und wollte einige Stunden Ruhe haben. Ich schelle das dritte Mal und heftig, und anhaltend. Da hörte ich, wie sich drinnen stark ein Fenster schloß. Gleich darauf kam sie zur Türe und öffnete. – Jes Maria, du bist es, Ludwig? rief sie lachend. Jetzt wußte ich doch nicht, wer da läuten kann. Hast du schon lang geläutet? Ich blickte zum Fenster hinab und hörte es wohl nicht gleich. Rasch trete ich in die Wohnung, ins Empfangszimmer und zum Fenster. Was war denn unten? Mein Gott, gewesen ist nichts. Man beschaut sich so die Vorübergehenden. Ich wollte ins Nebenzimmer eilen. Ach, Ludwig, laß doch einmal schauen! sagte sie mit ihrer hellen Stimme, ganz unbefangen, mir scheint an deinem Rock will sich ein Knopf lösen, da vorn, oben. Willst du ausziehen, so kann ich ihn gleich festheften. Die Johanna vergißt doch wieder darauf. Oho! denke ich, ins Nebenzimmer soll ich nicht! Was ist denn im Nebenzimmer, daß ich nicht hinein soll? Und trete rasch hinein. Ich sehe niemanden. Ich durchspähe die Winkel, den Schrank, ich gucke unter Tisch und Sofa. Ich finde niemanden. Wie ich wieder ins Empfangszimmer trete, kommt sie vom Vorzimmer herein, hat ein echauffiertes Gesicht. War jemand da? fragte ich. Ach Gott, mir war, als hätte wieder jemand geläutet. Man wird wirklich ganz nervös. Man hat doch wirklich nicht eine Stunde mehr Ruhe. Aber die Migräne ist gut? fragte ich. Gut, sagst du? gab sie etwas gereizt zurück. Da möchte ich schon wissen, wie bei diesem fortwährenden Gelaufe der Kopf gut werden könnte. Ich öffnete das Fenster, um auf die Gasse zu schauen. Bitte dich! rief sie, tu' mir den einzigen Gefallen und schließe das Fenster. Glaubst du, daß bei diesem schrecklichen Luftzug – Aber du hast doch erst selbst zum Fenster hinabgeschaut. Siehe, wer da unten geht! Das ist doch wahrhaftig der Baron Hammerspach. Der ist ja aus unserem Haustore getreten. Eglanta, der war da! Wer, der Baron? fragte sie. Der war da! Er war bei dir da! Aber natürlich war er da, antwortete sie ganz ruhig und unbefangen. Er wollte mit dir sprechen. Eine Angelegenheit, er wollte anfangs nicht heraus damit. Endlich hat er's auch mir gesagt. Denke dir, Ludwig, dieser Mensch muß nicht schlecht herabgekommen sein. Ein Anlehen will er von dir. Der Baron Hammerspach? Ich habe es ihm offen ins Gesicht gesagt, da wäre er vor der unrechten Tür. So wird er nun wohl bei anderen Türen herumklopfen. Eglanta, warum hast du mir's verschweigen wollen, daß der Baron da war! Verschweigen? Ich dir? Ja, warum sollte ich dir den Baron verschweigen! Dieses Geheimnis wäre mir wirklich nicht interessant genug. Sie lachte wieder. Nun stand ich da und beobachtete sie. Gott strafe mich, wenn ich auch nur das geringste verdächtige Zeichen an ihr bemerkt habe. Die Verstellung der Weiber ist fabelhaft. Eglanta, sage ich hernach. Ich habe es gesehen, wie du am Vormittag auf der Promenade den Baron am Ellbogen gestreift hast. Ich? Den Baron am Ellbogen? Wie meinst du das? – Hörst du, Ludwig, das ist arg, das ist gemein. Wenn ich einen anstreifen will, wie du dich auszudrücken beliebst, so streife ich einen anderen an und nicht den Baron Hammerspach. Das ist von ihr in einem so ehrlichen Zorn gesagt, daß ich ganz unsicher werde. So pflegen sich sonst Halbentlarvte nicht zu gebärden. Ich will schon irgend eine begütigende Form des Rückzugs antreten, da sehe ich auf dem Sofa in der Falte zwischen Sitz und Lehne ein Taschenmesser mit Hirschhornschale. Was ist nur das für ein Messer? Ich hebe es auf. Das wird wohl dein Taschenmesser sein, sagt sie gelassen. Ein Herrenmesser ist es, aber das meine nicht. Siehe, da auf dem Silberblättchen find drei Buchstaben eingraviert. B. R. H. – Was mag denn das etwa heißen, Eglanta? Das wird wohl Baron Richard Hammerspach heißen, sagt sie. Ich habe ihn einen Augenblick Platz zu nehmen heißen. Da wird's ihm wohl aus der Tasche gerutscht sein. Oder denkst du, daß er mich mit diesem Messer ermorden wollte?! Du hast wohl sehr Angst gehabt vor dem Jugendfreund. Aber mein Gott, rappelst du denn heute? Ich weiß gar nicht was du willst. Wie diese Jugendfreundschaft beschaffen war, davon hast du dich doch selbst überzeugt. Sonst hättest du ihn später wohl nicht in unser Haus geladen. Aber nicht während meiner Abwesenheit. Sage, Eglanta, hat er auch an zehn Minuten schellen müssen, wie ich? Er hat gar nicht zu schellen gebraucht, weil ich eben in der offenen Türe stand, um vom Briefträger die Post in Empfang zu nehmen. Deshalb konnte ich mich auch nicht verleugnen. – Das schien mir alles ganz glaubwürdig. Und doch habe ich kein Wort geglaubt. Wäre es weniger glaubwürdig gewesen, so hätte ich es lieber geglaubt. Als sie in das Nebenzimmer tritt und die Tür heftig hinter sich zuwirft, beginne ich das Sofa zu untersuchen, ob der Gast nicht etwa auch sonst noch etwas verloren hätte. Ich finde gar nichts. Ei doch, ich finde einen langen Haarfaden. Er schimmert wie Gold. Der Baron hat falbes Haar, aber – die Eglanta ... Mir wird ganz heiß, als ich an ihr weiches güldenes Haar denke. Entschieden und gemessen trete ich zu ihr ins Zimmer. Das ist schon Verstellung, ich verliere mich bereits. Eglanta, sage ich, da die Sache jetzt einmal angebrochen ist, so müssen wir sie gründlich austragen. Ich wünsche, daß ich dir Unrecht getan habe. Sehr Unrecht. Und ich hoffe es. Du bist ja meine liebe Taube, Weibchen! Ich nehme ihr Köpfchen zwischen die Hände, aber ich will ja schlau sein. Ich tue es doch nur, um meinen Haarfaden mit ihrem Haare zu vergleichen. Und Freund – es ist schrecklich. Da läßt sich nichts mehr beschönigen, es ist ihr Haar. – Ich habe ihr's auch sofort gesagt. Da springt sie auf, wütet durchs Zimmer und schreit wie von einer dritten Person: Ist er denn plötzlich wahnsinnig geworden? In meinem Zimmer einen Haarfaden von mir, zu finden? Was will er denn damit sagen? Oh, Eglanta, das weißt du recht gut. Sonst würdest du jetzt nicht so rasend sein. Schlechtes Weib, ich will dir etwas sagen: du hast mich betrogen! – So habe ich es ihr ins Gesicht gespien. Da ist sie ruhig geworden, unheimlich ruhig. Hinter der offenen Tür ihres Kleiderkastens hat sie sich angezogen, hat ihr Handtäschchen gefüllt und ist fortgegangen. Ich vermute, zu ihrer Mutter. Gesagt hat sie nichts mehr. – So, nun weißt du, wie es steht.« – Mich hatte diese Erzählung Ludwigs fast gelähmt. Nach einer Weile erst konnte ich sagen: »Du hast dein Haus zerstört.« Er zuckte die Achseln und schritt, die Hände auf dem Rücken, mit großen Schritten über die Diele. Einmal blieb er stehen und stampfte den Fuß in den Boden. Dann schritt er wieder aus. »Was wirst du jetzt machen?« fragte ich zagend. »Gibt es eine Wahl?« stieß er heftig hervor. »Es ist aus. Sie hat mich entehrt.« »Aber Mensch, woher weißt du denn das? Du hast keinen Anhaltspunkt.« »So! Keinen Anhaltspunkt. Als ob sie 's nicht eingestanden hätte!« »Eingestanden? Wieso?« »Ihr Leugnen ist so viel als eingestanden. Er war bei ihr. Das ist doch eklatant, nicht? Nein, so leugnet nur die Schuldige. Ich kenne die Finessen.« »Ja, Ludwig, das ist das richtige Wort. Du kennst die Finessen. Du kennst sie an dir. Aber nur an dir. Wie der Schelm von anderen denkt und so weiter. Du hast in deinen Fällen geradeso geleugnet. Oder würdest so leugnen, wenn sie dich zur Rede stellte. Dein ausgezeichnetes Verständnis für die Situation, das du ihr bei diesem Auftritte verrietest, hat dich entlarvt, während du glaubtest, sie zu entlarven.« Ludwig stellte sich ernst, fast feierlich vor mich hin und sagte: »Ich dachte, das, was man einem Freunde auf Diskretion gelegentlich mitgeteilt, wäre begraben...« »Ich wollte dich bloß daran erinnern, stolzer Richter.« Wie Einer seine Frau eifersüchtig machte Einmal hatte an der Tafelrunde jeder der Reihe nach das Ungewitter seiner Ehe erzählt. Nun war's an dem Ingenieur Thomi. »Es ist daher evident, meine Herren,« begann dieser, »daß jede Ehe, auch die beste und glücklichste, ihre Stürme, ihre Hochgewitter hat. Aus den sechs eben erzählten Fällen ist es leicht zu erkennen, um was die Stürme sich drehen – eben um die beiden Pole Mann und Weib. Die Geschichten sind sich ähnlich, sind miteinander verwandt. Ich erwartete, daß eine oder die andere derselben aus der Art schlagen würde, doch ich sehe, daß es mir allein beschieden ist, etwas Außerordentliches zum besten zu geben. Hören Sie. Ich hatte eine Frau, die nicht eifersüchtig war. Ich habe sie nicht mehr. Ich habe wohl noch die Frau, aber sie hat nicht mehr die Tugend, um die mich alle Welt beneidete. Ich habe ihr die Tugend abgewöhnt, es mußte mit Gewalt geschehen. Aber ich will nicht vorgreifen. Bald nachdem ich vor einunddreißig Jahren meine Eva geheiratet hatte, erkrankte ich an einem Magenleiden, das mich auf lange Zeit nahezu siech machte. Entkräftet und verdrossen mußte ich die meiste Zeit auf meinem Zimmer zubringen, während meine junge Frau in Konzerte, Theater, auf Volksfeste und Landpartien ging und die schöne Welt genoß. Allerdings stets in Begleitung ihrer beiden Cousins, wovon einer Offizier, der andere Studierender an der Universität war. Zwei schneidige Burschen, so daß ich mir eigentlich gratulieren konnte, meine Eva stets in sicherer Hut bei Verwandten zu wissen. Die Väter meiner Frau und ihrer Mutter waren Brüder gewesen. Aber ein älterer Freund, der mich eines Tages besucht, redete so neben Betrachtungen über meine Krankengeschichte her allerlei Menschliches, darunter auch, daß man sich selbst auf Blutsverwandte nicht in allen Fällen verlassen dürfe. Besonders zwischen Cousins und Cousinen sei – kurz .... Da brach der Freund ab, sah auf die Uhr und fand, daß er sich bereits bei mir verspätet habe. Der Floh in meinem Ohr sprang aber ganz wütend hin und her. Und abends, als meine liebe Frau wie immer froh erregt nach Hause kam, um sich wieder in die Einförmigkeit der Krankenstube zu finden, schien mir, als sei in ihrem Rundgesicht ein gewisser Widerwillen bemerkbar. Nun begann ich anzüglich zu reden, freilich fände ich es begreiflich, daß es ihr draußen bei lustigen Leuten besser gefalle, als in einer Krankenstube. Aber ich möchte sie nur erinnern, was sie beim Standesamt versprochen hätte! – Wie ich das meine? – Den Ehegatten auch in Krankheit und Not nie zu verlassen ... Jetzt blickte sie mich verblüfft an. Ob sie es hierin an etwas fehlen ließe? Ob sie mir nicht persönlich alles täte, was sie glaube, daß mir gut tun könne? Ob sie die paar Stunden, die sie außer Hause sei, nicht der Pflegerin alles einschärfe? – Das, war meine Entgegnung, hätte ich nicht sagen wollen, und weshalb sie einer geraden Antwort ausweiche? Nun, wie bemerkt, ein paar lustige Vettern seien unterhaltsamer als der kranke Ehemann! – Rasch stieß ich's heraus, in mir kochte alles, mit den Nerven war ich ja arg herabgekommen. Sie aber lachte jetzt leichthin auf und sagte: Mir scheint, du bist eifersüchtig! Da schlug ich mit der Faust auf den Tisch und schrie: Ich leid es nicht mehr länger! Für denselben Tag war's abgebrochen. Aber schon an einem der nächsten Tage wiederholte sich Ähnliches, und da gab meine Eva ganz ruhig zu verstehen, wieso ich ihr die liebe Gesellschaft verbieten könne, da doch auch sie mir völlig freigebe, umzugehen mit wem ich wolle. Sie hatte freilich leicht reden in jenen Jahren. Aber selbst, als es später besser wurde mit mir und jene Cousins längst in weiter Ferne weilten, ging sie täglich ein paar Stunden nahezu eigensinnig ihrer Wege und ließ mich die meinen gehen. Ich aber glaubte nicht an Liebe, die ohne Eifersucht ist. Ich selbst hatte ja meine Eifersucht, die immer noch heftiger wurde, mit der Liebe begründet. Ich empfand wirklich auch gar keine Neigung, meiner schönen Eva untreu zu sein, obschon sich vielfach gar bequeme Gelegenheit dazu geboten hätte. Und hätte ich mir freilich sagen können: Sie kennt dich eben zu gut, um eifersüchtig zu sein, sie hat eben das Vertrauen zu dir, das mit jeder wahren Liebe verbunden ist. Aber das sagte ich mir nicht, erklärte mir ihr Benehmen vielmehr als ein sicheres Zeichen gänzlicher Gleichgiltigkeit gegen mich. Ich fühlte mich todeselend. Und eines Tages klagte ich mein Unglück einem Freund. Es war ein Musiker, der nach meinem Bekenntnisse sachte zu pfeifen anhub. O Mensch! rief er dann aus, Mensch! Dann war er wieder ein Weilchen still, bis er anhub, gemütlich also zu reden: Thomi! Knie' nieder. Da, wo du stehst, knie just einmal nieder, und als ob du ein Katholik wärest, rutsche auf den Knien bis zur Kirche unserer lieben Frau und danke der Muttergottes unter heißen Freudenzähren, daß deine Frau nicht eifersüchtig ist! Du weißt es nicht, du glückseliges Kind. Eine eifersüchtige Frau ist ärger als ein siebendoppeltes Fegfeuer!« Das half nichts. Ich wollte eine eifersüchtige Frau haben. Erstens sollte nur auch sie die Qual kennen lernen, die ich um sie ausgestanden. Zweitens sollte sie die Möglichkeit des Verlustes veranlassen, ihren Schatz mit größerer Sorgfalt zu wahren. Und wenn die Eifersucht auch ihre Liebe zu einer etwas temperamentvolleren Leidenschaftlichkeit entzündete, so konnte das nicht schaden. Erst mit der Eifersucht kommt's. O warte, Evchen, dachte ich, da nur meine Gesundheit wieder hergestellt ist und die Nervosität geschwunden, so daß sich alles mit ruhiger Überlegung ausführen läßt, du sollst mir noch ganz erträglich eifersüchtig werden. Zur Zeit hatte die Nachbarin ein hübsches Küchenmädchen, das ich Tag für Tag auf der Stiege, im gemeinsamen Vorhause und an anderen Orten begegnete. Aber, dachte ich mir, mit diesem Feuer wäre doch nicht gut spielen. Lieber eine Häßliche. Erst wenn sie sieht, daß ich gar eine Häßliche ihr vorziehe, müßte sie mit Schrecken gewahr werden, wie viele Schöne ich ihr schon vorgezogen haben könnte. So begann ich mein Auge auf unser Stubenmädchen zu werfen. Das war soweit ganz nett an Gestalt und Benehmen, hatte aber schielende Augen und ihren schwarzen Chignon nicht immer so an den Kopf geheftet, daß alles fuchsrote Haar verdeckt gewesen wäre. Mir graute vor ihr. Auch stahl sie in der Küche Zucker, weil sie gerne naschte. Meine Frau kündete ihr den Dienst, in vierzehn Tagen habe sie das Haus zu verlassen. Das war nicht ungünstig und hier setzte ich ein. Eines stillen Nachmittags, als meine Frau wieder ihrer Wege ging und ich mit dem Stubenmädchen allein zu Hause war, ging ich auf sie zu und fing an, zärtlich zu sein. Es war erschreckend, wie morsch sie stand. Mit beiden Armen mußte ich sie fassen und festhalten, daß sie nicht umfalle. Dann drückte ich rasch zwei oder drei Küsse auf ihre gestickte aber etwas ungewaschene Halskrause, ließ sie los und unter dem Vorwand mich zu schneuzen wischte ich mir mit dem Sacktuch den Mund ab. Dann griff ich in die Tasche und sagte: So, Mina, da haben Sie zwanzig Mark. Aber Sie müssen mir einen Gefallen tun. – Ach gern, gnädiger Herr! lispelte sie. – Sagen Sie meiner Frau, daß ich mit Ihnen etwas gehabt hätte. Am besten, Sie tun es im Augenblick, wenn Sie fortgehen. Verraten Sie mich, daß ich Sie umarmt, Sie geküßt hätte, sagen Sie, was Sie wollen. – Aber mein Gott, Herr Ingenieur, was glauben Sie denn von mir? – Machen Sie, daß Sie fortkommen! Ich glaube nicht, daß sie mich ohne weiteren Anlaß verraten hätte, denn Solche sollen zumeist sehr gutmütig sein. Doch als meine Frau ihr das Dienstbotenbuch hinwarf und ihr bei dieser Gelegenheit noch einmal all ihre Schlampereien, Unverläßlichkeiten und Unsauberkeiten vorhielt, war es dem Stubenmädchen bequem, ihr einen empfindlichen Stoß zu versetzen. Unsauberkeiten?! entgegnete sie giftig. Dem gnädigen Herrn bin ich sauber genug gewesen. – Die Frau: Was soll das heißen? – Das soll heißen, daß er mich, das arme Mädchen, lieber gehabt hat, wie Sie! – Na, meine Herren, das Weitere können Sie sich denken. Ich hatte mir's zwar nicht so gedacht. Nein, so hatte ich mir die Folge meiner Pädagogik nicht gedacht. Eva trat in mein Zimmer, gemessen und schweigend – ruhig auf mich zu, ganz instinktiv duckte ich mich. Sie rief mit ihrer gewöhnlichen Stimme – nur etwas weicher schien sie noch – ins Vorzimmer: Kommen Sie noch ein wenig herein, Mina! – Wiederholen Sie mir jetzt, was Sie früher gesagt haben! Und Mina wiederholte es, kam dabei in neue Erregung, die Eitelkeit und Phantasie ging mit der Wahrheit durch, sie sagte das Äußerste. Das schien sie wohl ihrer Ehre schuldig zu sein. Und meine Frau? Eine Minute blieb sie wie versteinert, als wäre es unfaßbar. Dann aber begann sie zu rasen und raste den ganzen Abend und die halbe Nacht. Es war gräßlich. Die erträglichsten Momente waren mir noch, wenn sie sich auf mich stürzte, mit Faustschlägen auf meinen Kopf, auf meine Wangen her. Im übrigen war ich keinen Augenblick sicher, daß sie sich selbst ein Leid antue. Noch um Mitternacht schritt sie, während ich im Bette lag, heftig das Zimmer auf und ab und hielt mir in leidenschaftlichsten Ausdrücken meine Niedertracht vor. Sie hätte so an mich geglaubt, auf mich vertraut. Sie hätte gemeint, so wenig in unserer Ehe bei ihr ein Selbstvergessen, ja auch nur ein leiser Gedanke an Untreue möglich gewesen, so wenig könne das auch bei mir sein. An so etwas habe sie gar nie gedacht. Und nun das! Das! Um vor Haß und Verachtung nicht zugrunde zu gehen, müsse sie annehmen, ich sei wahnsinnig geworden. Leider auch das könne sie nicht. Meine Handlungsweise zeige die größte teuflische Schlauheit, sie so aus Absicht mit dieser Person in ihrem eigenen Hause tödlich zu beschimpfen. Ich, der ihr Einziges, ihre ganze Zuversicht gewesen! Und dann hub sie an zu weinen, wie ich in meinem Leben noch nie weinen gehört habe. Ich mag nicht bran denken. In mir aber schrie es auf: Mensch, was hast du da angestellt?! Ich war ja freilich nicht so schuldig, als sie glaubte und glauben mußte, aber ihr das zu beweisen, das war einfach undenkbar, unmöglich. Dazu jagte das Stubenmädchen der Teufel in der Nachbarschaft umher. Das Beest prahlte überall, der Herr Ingenieur Thomi habe sie seiner hochmütigen Frau vorgezogen und deshalb hätte sie natürlich aus dem Hause müssen. Das war doppelte Rache, auch gegen mich. Und ich wehrlos, wehrlos. Jetzt, meine Herren, ist mir ein Licht aufgegangen, ein schreckliches. Was ich da in unbegrenzter Dummheit getan, das war nie wieder gut zu machen, nie wieder. Ich verübelte es meiner armen Frau nicht, daß sie es nicht glauben konnte, wie ich die Komödie in Szene gesetzt, nur um sie eifersüchtig zu machen. Das glaubte mir selbst von meinen Freunden keiner, war er nun durchtrieben oder naiv, das glaubte kein einziger. Das Elend der darauffolgenden Zeit erzähle ich nicht. Meine Frau und ich waren zwar beisammengeblieben, aber so wie zwei aneinandergekettete Galeerensträflinge. Sie ging nicht mehr einen gesonderten Weg, sie blieb um mich; selbst zu meinen Berufsarbeiten und auf allen Reisen begleitete sie mich. Aber in sich gekehrt und kühl. Als jene ersten Stürme vorübergewesen, hat sie den Fall nicht mehr berührt, nicht mit einem einzigen Worte. Doch ich wußte, daß sie immer daran denken mußte, daß sie bei mir an gar nichts anderes denken konnte, als an meine Untreue. Es ist unsagbar, wie sehr sie mich erbarmte. Aber ich wagte es nicht, ihr Liebes zu erweisen; nur was heimlich geschehen konnte, um ihr ein Gutes zu tun, das geschah. So lebten wir nebeneinander hin. Manchmal lauerte ich, ob in ihrem Wesen nicht doch etwas zu entdecken wäre, was sie ein wenig ins Unrecht setzen und mich rechtfertigen könnte. Aber statt dessen fand ich, daß nicht ein Zug in ihr war, der meine frühere Eifersucht auch nur zum Teile entschuldigt hätte. Das kann ich wohl sagen, auch mein Leben war ziemlich korrekt, aber viele Jahre hat es gedauert, traurige, endlose Jahre, bis alles vergeben und vergessen. Als erst in späteren Jahren Kinder erschienen, war die letzte Spur verwischt und meine Eva ist wieder herzlieb zu mir geworden und froh. Nichts ist zurückgeblieben bei ihr, als ein klein wenig Eifersucht, die sie zwar sorgfältig zu verdecken sucht, die ich aber merke an ihrem manchmal wehmütig bittenden Blicke. Ich habe mir zur Aufgabe gestellt, noch vor meinem Alter auch diesen letzten trüben Hauch von ihrer reinen Seele zu verscheuchen.« Als Ingenieur Thomi seine Erzählung geendet hatte, fragte ihn einer von der Tischgesellschaft: »Und ist Ihnen oder Ihrer Frau in jenen Tagen nicht der Gedanke an die Ehescheidung gekommen?« »Zum Glücke, nein. Das erst wäre die Untreue gewesen. Denn wir können ohneeinander nicht leben.« Ein alter Luderskerl Auf einer meiner Reisen durch Deutschland habe ich eine Begegnung erlebt, die wert ist, aufgemerkt zu werden. Ob man alles ohne Vorbehalt drucken lassen kann, das war zu überlegen. Es war in einer kleineren Stadt, nach der Vorlesung. Die üblichen Vorstellungen mit den üblichen Artigkeiten und auch redlich gemeinten Begrüßungen waren vorüber. Schon vorher hatte ich einen kleinen alten Herrn bemerkt mit dichtem weißen Haar und einem Gesicht, in welchem greisenhafte Züge mit jugendlichen auffallend ineinandergeprägt waren. Er stand an der Tür und schien warten zu wollen, bis der Leuteandrang vorüber wäre. Als dann die Letzten – da ja doch das Gespräch bei solchen flüchtigen Begegnungen keinerlei Vertiefungen erfahren kann, sondern auf der flachen Höhe der Phrase bleibt – sich zögernd und unbefriedigt entfernt hatten, trat der alte Herr vor. Es war zuerst nichts Besonderes, er könne es nicht unterlassen, mir die Hand zu drücken, zu danken usw. Mit ziemlich lebhafter Geberde zog ich meinen Überrock an und nahm den Hut, um in mein Hotel zu fahren. Aber er stand ganz ruhig und sagte: »Sie haben in Ihren Gestalten sich uns, Ihrem Publikum, ganz hingegeben. Wir wissen, wie Sie sind und durch Sie, wie wir sind. In Ihrer Kunst opfern Sie sich persönlich auf. Wie sollen wir uns Ihnen geben? Und möchten es doch tun.« Das klang schon eigentümlich und ich sagte: »Ich habe manches gegeben. Aber wer kann wissen, ob auch das Wesentlichste?« »Das werden Sie wohl selbst nicht wissen können,« entgegnete der Mann. »Es ist so vieles in uns, was wir selbst nicht überschauen, obschon es uns bestimmt. Gerade die inneren Mächte, die uns am meisten beeinflussen, können wir am wenigsten nennen. Also sind alle Bekenntnisse, ob in Kunst oder Person, so wahr sie gemeint sein mögen, ganz unzulänglich, wir täuschen leicht andere und uns selbst damit. Und doch –?« Er stockte und blickte mich mit seinem lebhaft leuchtenden Auge an. Seine scharfgeschnittenen Lippen bewegten sich, als übten sie sich in einer Form, in der das Folgende zu sagen wäre: »Und doch drängt es uns zur Mitteilung. Nicht jeder bedarf sie und ich preise den Mann, der mit sich allein fertig wird. Ich kann es nicht mehr. Der Feder bin ich entwöhnt, man würde es nicht lesen. Beichtväter haben wir Protestanten auch nicht. Und Freunde findet man so wenige, die uns ihr Vertrauen schenken. Und wer sich mir nicht ganz gibt, dem kann auch ich mich nicht geben. Sie haben sich mir gegeben, so weit – möchte ich sagen – als Sie selbst über sich verfügen. Ich glaube. Sie kennen den Menschen so weit, daß Sie alles begreifen und somit auch verzeihen können. Sie wären mein Mann. Und deshalb, geehrter Herr, hätte ich eine sehr große Bitte.« Ei, dachte ich, wie der abgeschwenkt hat! Am Ende hat er den sattsam bekannten Dolch im Gewände. Ein Drama. Oder gar lyrische Gedichte, und will sie mir beibringen. Das Mißtrauen wurde beschämt. »Wie ich höre,« fuhr er fort, »sind Sie morgen noch in unserer Stadt. Tun Sie bei dieser Gelegenheit ein gutes Werk an einem Ihrer Mitmenschen. Ich habe ein Anliegen, ein Geheimnis, eine Sünde, oder wie man's nennen mag. Ich trage sie seit Jahren mit mir herum und muß sie endlich wem mitteilen. Sie sind gekommen und gehen wieder fort, wir werden uns auch kaum je wieder sehen. Und doch sind Sie mir so nahe gekommen, ich weiß nicht wie, kaum durch die Kunst allein. Weiß nicht, wie es kommt, daß ich zu Ihnen das Vertrauen habe und Sie von Herzen bitten möchte, mein Freund, mein Beichtvater zu sein. Schenken Sie mir morgen eine Stunde.« So hatte er gesprochen und wartete nun auf Antwort. In solcher Weise war mir noch kein Mensch nahegetreten. Ich war gefesselt, nicht etwa von Neugierde, sondern von der wunderlich sensitiven Art, mit der dieser weißhaarige Mann vor mir, dem weit jüngeren, stand. »Von acht Uhr morgens an bis in den späten Abend,« so antwortete ich, »währt morgen das vom Komitee entworfene Programm. Die Besuche wären noch nicht das Schlimmste dabei. Ein Vormittagsausflug und ein Festessen. Das Joch ist süß – aber die Bürde ist schwer. So bleiben uns nur die Morgenstunden. Wollen Sie etwa um sechs Uhr zu mir ins Hotel kommen!« »Pflegen Sie nicht einen Morgenspaziergang zu machen?« fragte er entgegen. »Die Au am Flusse entlang ist sehr schön. Da wären wir ganz unbehelligt.« »Also gut. Holen Sie mich um sechs Uhr zum Spaziergang ab.« Dann gab er mir seine Visitenkarte und empfahl sich kurz. – Von Beruf war der Mann Mathematiklehrer an einer Mittelschule der Stadt. Was konnte der mir zu sagen haben? Es hat mir ja mancher schon sein Leben angeboten, um darüber einen Roman zu schreiben. Nun kann ich aber fremde Leben für solchen Zweck nicht brauchen. Alles, was ich schaffe, muß durch mein eigenes Leben gehen. Zudem sah mir der Mann nicht danach aus, als ob er eitel wäre und mit dem, was er zu geben hatte, sich hervortun wollte. Es ging doch die halbe Nacht dran in dem Denken und Sinnen, welch ein Anliegen der alte Herr mir am nächsten Morgen vorzutragen haben würde. Erraten hätte ich es in hundert Jahren nicht. Noch vor sechs Uhr früh, als ich aus dem Frühstücksalon trat, stand er an der Türe. Sein Anzug schien mir noch feierlicher als gestern. Zylinder, weiße Krawatte und weiße Handschuhe, die er in der linken Hand hielt. »Also, Herr Professor, nun führen Sie mich, wohin Sie wollen. Ich werde Ihnen folgen.« Er blickte mich lange an, um dann ganz leise zu sagen: »Das wäre schade.« Erst später habe ich verstanden, wie das gemeint. Die Mauern der Stadt waren hell von der Morgensonne beschienen, die meisten Fenster geschlossen, die Straßen noch unbelebt. Wir kamen bald zum Wasser und zu den Bäumen. Schütter, aber unabsehbar dahin standen alte Eichen, zwischen denen ein leichter, feuchter Nebelhauch strich. Dem Wasser entlang ging ein schöner breiter Weg, an dem von Strecke zu Strecke Sitzbänke waren. Auf eine solche setzten wir uns und schauten hin über den stattlichen Fluß, der herkam von einer weiten Ebene, hinter der ein blasses Gebirge aufstand. Er glitt ganz still und ruhig daher. »Er kommt aus jenen Bergen hervor,« sagte mein Begleiter. »Dort gibt es rauschende Bäche und stürmische Wasserfälle. Der Fluß hat eine bewegte Jugend und ein ruhiges Alter. Bei Leuten kann es auch umgekehrt sein.« Das war die Einleitung und dann suchte er anzufangen. Aber es kam ihm nicht leicht an. Ich mußte noch sagen: »Wenn Sie mir etwas erzählen wollen, Herr Professor, es ist gewagt. Denken Sie, daß ich ein Schreibersmensch bin, der sich zum Beichtgeheimnisse nicht verpflichtet hält.« »Wenn Sie es verbreiten, so wird das zwar wenig nützen, aber auch nicht schaden. Nur den Namen nennen Sie nicht. – Sehen Sie, es ist sehr merkwürdig, lieber Herr, wie wir jetzt hier beisammen sitzen und ich will Ihnen etwas heben, was sich eigentlich doch nicht heben läßt. Gestern abends glaubte ich, es gar reinlich hervorschälen zu können. Aber es ist doch alles zu sehr verwachsen. Ich habe mir jetzt oft gedacht: Der Mensch sollte ja nur darauf sehen, daß alle seine Eigenschaften und Neigungen sich gleichmäßig entwickeln. Sobald eine bestimmte Neigung gewaltsam zurückgedrängt wird, kann sie einmal ebenso gewaltsam hervorbrechen. Und anderseits, wenn eine Neigung besonders gepflegt wird, so kommt die Zeit, da sie uns beherrscht. Die unschuldigste Anlage – übermäßig bevorzugt – kann zum Laster, zum Verbrechen werden. Denken wir an – kurz gesagt – an die Liebe.« »Ja, ja, Professor. Aber das sind alte Sachen, derentwegen man doch nicht um fünf Uhr aus dem Bette steigt.« »Merken Sie mir denn wirklich nichts an? Man müßte es einem ja anmerken. – Kurz und gut, Herr!« rief er plötzlich aus, während er das Gesicht von mir abwendete, gegen den Fluß hin: »Ich bin ein alter Luderskerl!« Das sonst schier gemütlich dreinschauende Herrchen war in diesem Augenblicke völlig anders, sein Blick war gleichsam flüchtig, sein Gesicht verzerrt, als ob er einen Schmerz empfände. Endlich kam er doch ins Erzählen. »In meiner Jugend sah es aus, als würde ich heil entkommen. Als Mittelschüler hatte ich einen Freund, der um einige Jahre älter war als ich. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und lasen mitsammen die Klassiker. Er war ein bildschöner schwärmerischer Jüngling. Wenn er des Abends in seinem Bette laut Liebesgedichte oder Liebesromane las, da wurde seine Stimme unsicher und erstickte fast. Dann hielt er Nachtwanderungen, die mich so schlaftrunken fanden, daß ich nicht schwören könnte, ob sie wirklich gewesen sind. Dann kam eine Zeit, daß er sich ein besonderes Zimmer nahm und seine eigenen Wege ging, ich wußte nicht welche und kümmerte mich wenig darum. Ich stellte damals meinen Ehrgeiz darauf, zwei Studienjahrgänge in einem Jahre zu machen. Ein sogenannter braver Junge. Eines Tages besuchte mich der Freund, um, wie ich glaube, ein paar Bände Shakespeare zurückzubringen, die er von mir entlehnt hatte. Dann stand er noch eine Weile schweigend herum, was sonst nicht seine Gewohnheit war. Und sprach plötzlich: daß ich dir mal was sage, Louis! Er sagte aber nichts weiter, sondern ging langsam zur Türe hinaus. Als er draußen am Fenster vorüberkam, denn es war ebener Erde, klopfte er an die Scheibe. Als ich aufgetan hatte, sagte er: Hüte dich vor der Liebe! Und dann ist er die Straße dahingegangen. Am nächsten Tage hat er sich erschossen. Ich weiß nichts weiter, wir haben nichts rechtes erfahren können. Ich habe es nur erzählt, weil ich von derselben Zeit an über meinem Schreibtische den Spruch geschrieben hielt: Hüte dich vor der Liebe! Übrigens war ich in jenen Jahren durchaus nicht geplagt von dieser Sache. Das Weibervolk bekümmerte mich wenig, mein Kopf hatte anderes vor. Wenn der Tag mit den Studien, mit den Reitpartien und Fischfängen, die ich leidenschaftlich pflegte, vorüber war, fiel mein Blick manchmal noch auf den Spruch: Hüte dich vor der Liebe! dann legte ich mich hin und schlief ein. Da war es einmal, daß mein Geographie-Professor, ein schlanker, gütiger und ernsthafter Herr, aus irgendeiner Ursache in mein Zimmer kam und den Spruch sah. Er schüttelte den Kopf und sagte: Diesen Spruch sollten Sie wegtun, Louis. Er erinnert Sie zu sehr an das, wovor er Sie warnen will. An Liebe soll man denken so wenig, als möglich. So habe ich den Spruch ausgelöscht. Die Sache interessierte mich überhaupt wenig. Was die Leute da für ein Aufhebens von der Liebe machen – ich verstand es nicht recht. Ich lebte meinen Studien, meinen körperlichen Übungen. Ich war der Erste in meiner Klasse und nach vollendeten Schuljahren erhielt ich bald eine schöne Lehrstelle in einem Gymnasium. Später kam ich in diese Stadt und habe eine Weile die Leitung der Realschule geführt. Das nährte gar angenehm meinen Ehrgeiz, um so mehr, als einige mathematische Werke, die ich schrieb, in den Gelehrtenkreisen Aufsehen erregten. Nebenbei beschäftigte ich mich mit Kunst, malte Landschaftsbilder und versuchte mich sogar in der Dichtung. Sorglos und froh war mein Leben, so recht harmonisch ausgefüllt mit Nützlichem und Schönem. So frisch und rege war mein Wesen, daß ich mir an geistiger Arbeit gar nicht genug tun konnte; schwere Aufgaben löste ich ohne Schwierigkeit; jetzt darf ich das ja sagen. In späteren Jahren kam eine große Naturfreude in mich, Wanderungen über Berg und Tal, Reisen zur Ferienzeit in die Alpen, nach Italien, auf dem Mittelländischen Meere machten mich zu einem größeren Menschen, dessen Ebenmaß und Kraft ich immer mehr empfand. Wenn je ein Mensch glücklich genannt werden kann, so war es ich. Und weil ich dementsprechend leicht heiter und freundlich sein konnte, so bin ich überall gerne gesehen worden. Meine Schüler liebten mich und in Gesellschaft unterhielt ich mich ebenso gerne mit trefflichen Männern, als mit anmutigen Frauen. Nachher habe ich erfahren, wie manches heiratslustige Dämchen, wie manche schöne Frau ihre Schlingen nach mir ausgeworfen hätten; ich habe nicht viel darauf geachtet, war stolz auf meine Freiheit.« Nun schwieg er, nickte mit dem Kopf und lachte fröhlich. Dann stand er von der Bank auf und sagte: »Wir könnten ja einmal weitergehen.« Wir schritten den leise wogenden Fluß entlang. Er streifte die weißen Handschuhe an die Finger. »Es kommt bald der feierliche Moment,« sagte er. »Ich gestehe nur, daß mein fünfzigster Geburtstag mich noch in diesem ruhigen und schönen Glücke fand. Es mußte aber erst einmal eine Blamage kommen. Um dieselbe Zeit schrieb ich für eine bekannte Monatsschrift einen Essay des Inhalts, daß nicht jeder Mann des Weibes bedürfe, daß es für den geistig Schaffenden, der persönlicher Vollkommenheit zu strebe, geraten sei, sich nicht zu vermählen. In meinem Alter glaubte ich mich als Beispiel anführen zu dürfen.« Plötzlich riß er sich die Handschuhe von den Fingern, knüllte sie zusammen und warf sie in weitem Bogen ins Wasser. – »Kurze Zeit später war ich der tollste, dümmste Liebeshahn von Europa.« »Jener Aufsatz,« so fuhr er fort, sich zu entwickeln, »hatte mir nämlich statt Ehre Widerstreit und Spott eingetragen. Man sprach von einer geschlechtslosen Moral, die das Lebenswerteste dieser Welt verlästere. Da fiel es mir einmal auf, daß dieses Lebenswerteste eigentlich überall und immer so lebhaft anerkannt wurde. Daß die größten Leidenschaften gerade um dieses Beste wüteten. War es denn auch danach? Und ich fragte mich selbst, ob ich denn am Ende wirklich das Beste versäumt hätte? Und als ob da neben untergeordneten Lebensaufgaben gerade die höchste unerfüllt geblieben wäre. Und als ob solcherart die immer mit Sehnsucht erhoffte Unsterblichkeit unmöglich geworden sei. Am empfindlichsten traf den alten Knaben der Vorwurf der geschlechtslosen Moral und gleichzeitig begann es mir klar zu werden, daß immer noch die besten Bedingungen vorhanden wären, Versäumtes so weit nachzuholen, um die Ehre zu retten. Schon eine Weile hatte mir eine Hauptmannswitwe den kleinen Haushalt geführt, nun sah ich sie einmal daraufhin an, ob sie hübsch sei. Zum Donner, das war sie eigentlich, trotz ihrer vierzig Jahre. Und dann, eines Abends, habe ich sie gefragt, ob ihr noch nie was eingefallen sei? »O, sehr oft!« lachte sie. Da bekam ich Angst und hub an mich vorzusehen wie einer, der sich nicht recht auf sich verlassen kann. Doch der Vorwitz riß mich immer weiter. Ein paar Wochen später erwog ich theoretisch schon den Unterschied, der wohl bestehen muß zwischen einer vierzigjährigen Witwe und einem jungen Weibe, und da das Exempel einmal aufgestellt war, so mußte es auch gelöst werden. Dann konnte ich ja wieder zurückkehren in meine einsame Studierstube. Beim Satan, jetzt hatte ich auf einmal gemerkt, daß die Studierstube eine Zelle ist, daß die Umherlaufereien an den Wässern, in den Wäldern langweilig sind. Andererseits schien es mir, daß wie alles, so auch Liebesglück geübt werden müsse und einer Steigerung fähig sei. Ich horchte unauffällig aus nach Andeutungen und Gesprächen, die mich früher angewidert hatten, ich las Liebesgedichte und derlei Bücher, lernte da zwischen den Zeilen und Gedankenstrichen zu lesen und fand auf einmal alles reizend. Auch auf die Körperpflege hieß es nun bedacht zu sein; wenn ich sonst den alternden Jahren Rechnung getragen, nun gab ich mich dem Schneider und dem Friseur völlig frei, und sie machten etwas so Leidliches aus meiner Wenigkeit, daß ich mir im Spiegel mit großer Sympathie entgegenlachte. Der Friseur pflegte meinen Haarboden und behauptete, daß der Bart um rund fünfundzwanzig Jahre jünger sein müsse als das Haupthaar, was schließlich auch stimmen dürfte. Mit süßem Schauer wurde es wahr, daß die Liebe jung mache. Das Überraschendste war mir zuerst die Leichtigkeit der Siege; selbst schwerere Aufgaben bei ehrenwerten Frauen und sittigen Mädchen gelangen auf das verblüffendste. In Gesellschaft wie auf der Straße, in der Kirche wie im Konzert sah ich nur nach Liebe aus und wurde nicht müde, glücklich zu sein. Zur großen Verwunderung der Stadt zeigte ich mich mit meiner Hauptmannswitwe, zu ihrem Entsetzen gelegentlich auch einmal schäkernd mit einem blühenden Mädchen. Man konnte nicht einmal vom Johannistriebe witzeln, weil ein dem notwendig vorhergegangener nicht zu beweisen war. Freilich merkte ich glühend, daß es längst nicht mehr ordentliche Beweggründe waren, sondern daß es mir angetan sein mußte. Auch wenn ich auf der Jagd war oder in den Bergen, immer und überall fiel mir die Liebe ein. Ich konnte keinen Menschen ansehen, sei es Weib oder Mann, ohne an Liebe zu denken. Wie ich in den Blättern sonst nur die Rubriken der Geisteskultur beachtet hatte, so spähte ich nun nach gewissen Inseraten. An pornetischer Kunst und Literatur ergötzte ich mich heimlich, während in der Öffentlichkeit natürlich geheuchelt werden mußte. In den Nächten floh mich der Schlaf, ein heißes Gift fluidete durch die Glieder und machte alle Behaglichkeit unmöglich. Erst dachte ich in der Tat, es sei eine Hexerei mit im Spiele und es würde vorübergehen. Aber, mein Herr! Jetzt währt das schon Jahre! Meine Freude an der Kunst ist lau geworden, mein Vergnügen an Sport und Reisen ist matt geworden, meine wissenschaftlichen Arbeiten gehen nicht vorwärts, ich bin kein eifriger Lehrer mehr und die Leitung der Anstalt entglitt meinen Händen. Immer und immer muß ich mit geringen Unterbrechungen an die Weiber,an diese Weiber denken und es scheint, das will sich noch immer steigern, jetzt am Beginne der Sechziger. Was ist denn das? Eine Luderei. Hart an der Schwelle des Irrenhauses! – Junge Leute lieben nicht so. Nein, so lieben sie nicht. Wohl wenige werden es erfahren, wie das ist, wenn's erst in späten Tagen losbricht. Ich weiß mich in der Gewalt eines Dämons und möchte mich retten. Möchte um Hilfe rufen! Gestern abends faßte ich den Entschluß, Ihnen, gerade Ihnen, dem fremden, aber mir langst Vertrauten, meine Not zu gestehen, daß von allen Menschen doch einer sei, der es wisse, wie mir ist. Aber in dieser Nacht hätte es mich beinahe wieder reuen mögen. Doch ich will nicht untergehen in diesem Elende. Mensch will ich wieder werden, meine Seele will ich wieder haben. Sagen Sie, was soll ich tun?« Es ist wohl kein Wunder, daß ich diesem Ausbruche des alternden Mannes, der ihn unheimlich machte, mit aller Spannung zugehört hatte. Und nun meine Antwort: »Aber, lieber Professor, das ist doch leicht gesagt. Heiraten müssen Sie!« »O Herr, das habe ich ja getan!« rief er aus. »Seit fünf Jahren schon bin ich mit der Hauptmannswitwe verheiratet. Das ist es ja, daß dieses Feuer nicht zu löschen ist! Daß mir der Satan in allen Arten zusetzt. Ach, vorwitzig habe ich leicht den Amor wecken wollen, und jetzt umgaukeln mich die Faune und ziehen mich hinab. – Sie ist mir nicht genug!« »Eine Krankheit!« sagte ich. »Knabe, das weiß ich. Will auch keinen Namen dafür. Mir ist nur, daß ich's einem Menschen habe sagen können. In diesem Augenblicke steht mein Vorsatz wieder fest: Umkehr! Aber ich glaube nicht mehr daran, dieser Vorsatz ist schon hundertmal gemacht und gebrochen worden. Ich glaube, ich bin verloren. Es wird wohl das klügste sein, jenem Jugendfreunde zu folgen. Er war doch gewiß unschuldiger als ich. Aber ich bin ein bißchen feige. – Wenn mich jemand da von rücklings ins Wasser stoßen wollte. Es ist nicht um das allein, daß ich gemein geworden bin, ich habe unglücklich gemacht. Es geht ein blasses Mädel um in der Stadt, dessen Blick mich verdammt macht. Es gehen andere Leute um. Ich bin ein Scheusal!« Jetzt begann er mir wirklich unheimlich zu werden. Weit war mein Verstehen mit ihm gegangen, nun wollte es zurückbleiben. Eigentlich verkommen sah er ja nicht aus, das war kein geknickter Wüstling, das war noch lohes Feuer in den Augen. Man konnte doch an aufgespeicherte Jugendkraft denken, nur die Willensschwäche wollte sich dazu nicht reimen. Und wohin denn, wenn die wilde Bestie keinen Bändiger hat! Als die Stunde kam, die uns – wohl fürs Leben trennen mußte – wußten wir beide nicht, was zu sagen war. Das von ihm vielleicht erwartete Pathos war ausgeblieben; seinen jüngeren Beichtvater, dem er wohl die Gewalt eines hochgemuten Wortes zugemutet hatte, sah er gedrückt und stumm. – Mit schlecht gesetzten Worten entschuldigte er sich; als ich ihm die Hand gab, legte er nur die Fingerspitzen hinein, dann ging er wie flüchtig davon. Ich konnte mich zum mit anderen verabredeten Stelldichein um acht Uhr nicht einfinden. Ging lange planlos in der weiten Au umher, das Herz voll Unbehagen. Hatte sich denn gar kein gutes Wort finden lassen? Ein fremder Mensch kommt im Vertrauen und schenkt dir das Intimste, was er hat, seine Sünde. Und du bist kalt wie ein Stein, und doch empfindest du sein Elend mit. Dann die Frage ins Leere hinaus: Wenn ich mit einem solchen Bekenntnisse zu ihm gekommen wäre, was hätte er antworten können? Ebenfalls nichts. Das ist eine stumme Schose. Die muß jeder mit sich allein ins Reine bringen. Aber wissen möchte ich es erst, ob dieses Naturphänomen unentwegt seinen Lauf in den Abgrund nimmt. Ist es eine notwendige Folge seiner Entwicklung? Sollte ein fremdartiger Zwang so spät in sein Leben eingegriffen haben? Schließlich dachte ich mir: Es ist der alte Adam. Wir kennen ihn alle. Aber für die Öffentlichkeit ist das nichts. Und doch habe ich es hier vor aller Welt erzählt. Es hat sich nämlich noch etwas zugetragen, und das ändert die Sache. Jetzt muß sie unter die Menschen. Von meinem Mathematikprofessor hatte ich einstweilen nichts mehr gehört. Da war es einige Jahre später, daß aus jener Stadt in Teutschland ein Pastor nach Grah kam und mich in meinem Hause besuchte. Bei dem erkundigte ich mich nach dem Bekannten in seinem Berufsorte, besonders nach dem Professor. »Der ist schon lange tot,« war die Antwort. »Das ist ein wunderbarer Mensch gewesen. Er ist verbrannt mitsamt seiner Frau.« »Verbrannt? Mitsamt seiner Frau? Was soll das heißen?« Und hat mir nun der Pastor die traurige, nein, die herrliche Geschichte erzählt. In jener Stadt war eine Epidemie der schwarzen Pocken gewesen. Und eines Tages, als der Professor von seiner Schule nach Hause kommt, findet er seine Frau nicht mehr. Von der Seuche ergriffen, war sie rasch auf die Isolieranstalt gebracht worden. Der Mann überlegte es sich nicht einen Augenblick, folgte ihr in das Seuchenlazarett und pflegte sie Tag und Nacht, inmitten der Schwerkranken und Sterbenden. Sie genas, hatte aber das Augenlicht eingebüßt. Nun gab der Professor seine Stelle auf, seine literarischen Arbeiten, alle seine Passionen, um ganz der armen Frau leben zu können. Er besorgte persönlich den Haushalt, die Küche, die Kleider; unterhielt sie mit Lesen und Erzählen. Ihr das schwere Geschick erträglich zu machen, war sein einziges Bestreben. Er wich nicht von ihrer Seite. Er führte sie ins Freie, in die Kirche, ins Konzert und ein junger Bräutigam – bemerkte mein Pastor – könne nicht zärtlicher mit seiner Braut sein, als es der alte Professor mit seinem blinden Weibe war. Nachbarn wollten auch bemerkt haben, daß er Notwendiges sich selbst abkarge, um ihr besonders Musikgenüsse zu verschaffen. Anfangs hatten vorwitzige Leute gespottet, das ging allmählich in stille Bewunderung über. Man suchte ihm heimlich Vorteile zuzuwenden, so daß zum Beispiel durch vertrauliche Anzahlungen seiner alten Kollegen und Schüler scheinbar die Pension erhöht wurde. Aber das dauerte nun nicht mehr lange. Dann kam das Ende. Eines Tages, während der Alte in das Kasseamt ging, um seine vierteljährige Pension zu holen, brach in dem Hause seiner Wohnung Feuer aus. Es griff rasch um sich, die blinde Frau konnte sich nicht retten, sie stand, während über ihrem Kopfe schon der Schwalch herausschlug, am Fenster und rief nach ihrem Manne. Dieser eilte durch Rauch und Brand die Treppen hinauf und – ist nicht mehr zurückgekehrt.« Das war die letzte Kunde. Winlof, der Schöngeist Wenn jung Winlof Liebeszeichen von sich gab, wurde er von seinen Kollegen allemal ausgelacht. Als ob ein Gymnasiast, dem antike Sprachen schon alle Liebesaffairen der alten Welt übermittelt haben, die Mädchen von Ramstadt nicht sollte hübsch und reizend finden dürfen! Allerdings kicherten auch diese liebenswürdigen Mädchen, wenn Winlof mit einer roten Rose im Knopfloch an ihren Fenstern vorbeischritt, wenn er ritterlich vor ihnen den Hut zog, oder gar einen schlecht verhaltenen Seufzer hören ließ. Daß er sie in den Formen des Horaz auch dichterisch verherrlichte, wußten sie nicht einmal. Nun muß aber ein Junge, der solche Sachen treibt, ein hübscher Kerl sein, wenn er anstatt Kichern einen wohlgefälligen Blick ergattern, ein holdes Erröten auf Mädchenwangen erzielen will. Man kann ja nicht sagen, daß Winlof schlecht gewachsen war, er hatte einen breiten Brustkorb und die Schultern waren hübsch wagrecht hinausgebaut. Aber die Kopfhaltung war zu fortschrittlich, wie seine Kollegen schnöde spotteten, weil Nacken und Haupt immer nach vorne neigten. Auch sah dieser Kopf ein wenig igelhaft aus, weil die halbgeschnittenen Haare borstig nach allen Seiten hinwegstanden, was freilich wieder den Vorteil hatte, daß die allzukeck vorspringenden Ohren sich noch immerhin bescheidentlich unter den Schatten des Strupes bergen konnten. Auf dem viereckigen Gesichte gab es nebst den unter starker Stirn tiefliegenden Augen, der stattlichen langen Nase und dem wulstigen Mund noch allerhand Sachen, es gab Sommersprossen, Wärzlein und Narben, und die Kanten der breiten Oberzähne zeigten sich schartig, weil er gewohnt war, die Haselnüsse und Kastanien kurzweg aufzubeißen. Allerdings bekam er eine auf die Linke, derjenige, der über ihn den Spitznamen »Nußknacker« aufgebracht hatte. Eine kollegiale Ohrfeige vergeht in kurzer Zeit, wie schwer man aber einen Spottnamen wieder wegbringt, das weiß jeder, der irgend einmal »etwas geheißen« hat.. Winlof der Nußknacker hub nach sotanen Erfahrungen allmählich an, seine Zeitgenossen zu verachten und sich den Schätzen der Vorzeit zuzuwenden; er trug keine Rosen mehr, erteilte keine Ohrfeigen mehr, zog sich zurück und betrieb mit Eifer die Studien der Geschichte, der Sprachen, der Philosophie, der Literatur. Seine Körperhaltung wurde dabei nicht aufrechter, allein die Matura machte sich nicht mit Vorzug, sondern mit Auszeichnung und, glaube ich, einem Sternchen dran, womit die Professoren andeuten wollten, daß sie einen so außerordentlich veranlagten Schüler noch nicht gehabt hatten, und daß Winlof auf dem Gelehrtenhimmel ein Stern erster Größe werden würde. – Na, schön! dachte sich der Bursche, dann mögen die Gänse nur schnattern! – Ob er dabei die Gänse des Kapitols im Sinne hatte, oder die kichernden Mädchen von Ramstadt, das ist nicht ganz klar zu stellen. Als Student hatte er sich anfangs allerdings ein paar Pappenheimer und eine langrohrige Porzellanpfeife mit der obligaten Schönen, und endlich einen großen Hund angeschafft. Der Spaß freute ihn aber nicht lang und als er an den Backen die Schrammen hatte, glaubte er seiner Ehre nichts zu vergeben, wenn er zu den Büchern zurückkehrte. Ein paarmal tat er auch im Karneval mit. Allein, wenn er auf den Patronessen-Bettel ausging, bekam er wohl sehr artige Refuse, aber kein Geld. Und wenn er auf dem Ball sich eine schöne Tänzerin spießen wollte, so war dieselbe gewöhnlich leider schon engagiert, oder tanzte überhaupt nicht, obschon sie fünf Minuten darauf mit anderen flott durch den Saal flog. Nein, Winlof, ein solches Jungsein ist nicht lustig. Er wendete sich wieder seinen Alten zu. Zur Zeit des Doktor-Diploms war er in der Lage, ein umfangreiches Werk vorzulegen über die Literatur der Pharaonen. Die Arbeit war so gründlich angelegt und so geistesfrisch in der Form, daß die Mumien der alten Pharaonen ordentlich wieder lebendig wurden. Als Dozent an der Universität gewann Dr. Winlof bald Hörer, die sich über sein stets etwas klobiges Benehmen zwar lustig machten, doch ob seiner wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit bald den größten Respekt bekamen. Vom Nußknacker war auch schon lange keine Rede mehr, seit aus seinem breiten und wulstigen Mund so viel Weisheit floß. Der Ruf des jungen, genialen Gelehrten drang nicht bloß bis zum Ministerium hinauf, das eine gute Professur für ihn wußte, sondern auch ins große Publikum hinaus, besonders, als er bei einem Zyklus öffentlicher Vorträge einen Abend übernahm und von den Minnesängern sprach. Wie ungeschickt er doch auftrat, wie unbeholfen er anfing zu sprechen, wie zusammengedrückt und vorgebeugt er dasaß und sein rauhes, viereckiges Gesicht hinter dem Buche verbarg, um die Leute nicht anschauen zu müssen und von ihnen nicht immer fixiert zu werden! Die Mehrzahl der Zuhörer, das waren natürlich Frauen, die denn doch auch einmal hören wollten, wie es die Minnesänger getrieben hatten. An Walther von der Vogelweide pries Winlof das große Talent, das leider an unwürdigen Gegenstand vertrödelt worden sei. Bei Ulrich von Lichtenstein wurde der Vortragende witzig. Von den Klügsten wäre das keiner gewesen, der seiner Herzliebsten mit dem Ring gleich den ganzen Finger geschickt habe, denn wenn man einer Dame den Finger gebe, so wolle sie gleich die ganze Hand haben. Doch besser sei es immerhin noch, sich den Finger abhauen zu lassen und dem Weibe zu schicken, als ihm gleich das ganze Herz zu vermachen und den Kopf als Draufgabe dazu, so daß vom Manne schließlich nichts mehr übrig bleibe, als Frack und Zylinder. – Im Augenblicke hatte er zwar die Verliebten gegen sich, aber die Lacher auf seiner Seite, auch die weiblichen. Sein Haupt richtete sich auf, als er von der Würdelosigkeit des Mannes sprach, des Weibes Knecht zu sein, sein Auge sprühte, um seinen Mund spielten allerhand Geister, über seine breitgewölbte Stirne zuckte wie flüchtiges Wetterleuchten eine leichte Röte hin. – Die Frauen fanden, daß es ein interessanter Mann war. Wenn sie einen Mann als »schön« bezeichnen, das geht ohne weiteres hin, aber wenn sie ihn »interessant« finden, das wird sofort bedenklich. – Er merkte es bei Zeiten und sagte sich, daß der Mann nie stillstehen dürfe, weil Stillstand Rückschritt sei. Pflicht alles Lebenden sei die Entwickelung. Bei einer nächsten öffentlichen Vorlesung, die Doktor Winlof für die Studenten-Krankenkasse hielt, war der Saal überfüllt und zumeist von Frauen. Der Vortragende hatte früher einen Bartanflug gehabt, welcher sehr dünn aufsproßte, aber in die Länge ging. Der war jetzt kurz geschnitten und das borstige Haupthaar war größtenteils nach einer Richtung hin gebürstet. Als Thema hatte er sich Friedrich Schiller gewählt und im Gedenken an den früheren Erfolg würzte er den Stoff wieder mit einigen Pointen. Schließlich setzte er sich auf das Gedicht von der Würde der Frauen und als er den Vers zitierte, daß Frauen »lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen, sich in der lieblichen Form zu umfassen,« da gewann die sonst rauhe Stimme einen solchen Schmelz, daß alles entzückt war und darin übereinkam, wie es ein wahrer Genuß sei, den Doktor Winlof sprechen zu hören. Nun änderten sich mählich die Zeiten, und Schiller hatte wieder einmal recht mit dem neuen Leben, das aus den Ruinen blüht. Der junge, ruppige Gelehrte vertiefte sich zwar nach wie vor in seine klassischen Studien, doch öfter als sonst: hob er sein Haupt, blickte um sich, oder gar zum Fenster hinaus. Er fühlte sich gestört. Es war schon geschehen, daß ihm von unbekannter Hand Blumensträuße zugeschickt wurden. Er hielt nichts auf Blumen, nur wer sie gesandt, hätte er mögen wissen. Weiber werden es gewesen sein – jedenfalls. Dummheiten. Sie wollten ihn ja doch nur zum Narren halten, das kennt man. Oder –. Da müßte man doch erst einmal –. Er hatte sich einen Wandspiegel angeschafft. Ganz ohne derlei ginge es schließlich wohl auch beim Manne nicht, hatte seine Zimmerfrau gesagt. Wenn's Eigennutz ist, dann betrügt sich die Alte. Er nimmt ihn ja doch mit, wenn er auszieht. Haben sie nicht gesagt, schon in seiner Jugend, daß er so häßlich wäre? Da darf man sich was kosten lassen und der wahre Ästhetiker muß auch aus sich selbst ein Kunstwerk schaffen können. Indes, offen gesagt, er findet keinen Unterschied zwischen sich und anderen Männern, wenn er den Körper etwas strammer aufrichtet, die Haare bürstet, den Bart pflegt, der ja doch von Tag zu Tag stärker wird! Ein üppiger Vollbart verdeckt die Blatternarben am allerunauffälligsten, die Schrammen sollen allerdings frei bleiben. Und der Schneider ist auch keine Fabel. Man muß sich doch mal auch für sein Ansehen was leisten. Die Straußspenderinnen werden sich schließlich auch noch aufzeigen. Was wählen wir denn nächstens? Ich denke Heine. Der ist den Damen immer interessant, da haben sie gleich zwei auf einmal. Sein großes Werk über den Ursprung des Menschengeschlechtes auf Grund des Ursprachstammes – wozu? Es ist nichts, als ein Wühlen in Staub und Asche. Was nützt mich der Ruhm in Jahrhunderten, wenn ich tot bin! Da halte ich es lieber mit der Popularität, die das Leben ziert. Lassen wir den Ursprung der Menschheit schlafen. Schreiben wir einen graziösen Essay über Heinrich Heine, das bringt Beifall, bringt Ehre in der Presse, bringt wieder Blumensträuße, bringt – weiß Gott was alles. Und bei der nächsten Vorlesung, prost Mahlzeit! Ein erregtes Flüstern ging durch den Saal, als der Doktor – jetzt schon Professor – hinter dem Pulte hervortrat. Er war um einen Kopf größer als sonst. Stramm wie ein Oberleutnant trat er vor und verneigte sich flüchtig, gemessen. Im Knopfloch stak ein blaßrotes Röslein. Der Stehkragen mit der Seidenkrawatte schob gleichsam den Kopf frei in die Höhe. Der wohlgepflegte Backenbart, der in einen flotten Spitzbart zusammen lief, das halbkurz geschnittene, nachlässig über die Stirn gestrichene Haar gab dem blassen, durchgeistigten Gelehrtengesicht eine berückende Umrahmung. Ein Schnurrbärtchen milderte schön den starken Aufwurf der Lippen. Die Augengläser waren mit einem Nasenzwicker vertauscht worden, dessen schwarzes Seidenbändchen an der einen Wange senkrecht niederhing bis zur Brust. Die Hände waren bedeckt von taubengrauen Handschuhen, die nicht ohne Mühe abgezogen werden konnten, als er nun mit nicht schlecht gespielter Nachlässigkeit sich an den Tisch setzte. Während er mit dem weißen Sacktuch seinen Zwicker rieb, flog sein scharfer, sieghafter Blick durch den Saal. Ach, es war ein so edler Stolz in ihm. Ich bin Professor Winlof, ihr gehört alle mir! Er sagte es zwar nicht, aber sie fühlten es so. Der Vortragende begann mit den Worten: »Du bist wie eine Blume!« Nach dieser Huldigung des großen Frauenauditoriums hielt er frei und unbefangen eine pikante Plauderei über Heinrich Heine. Die Seite der Liebe kam nicht zu kurz, durchaus nicht, und manchmal war es so, daß den hochgeehrten Damen ein Prickeln ankam, bis in die Zehenspitzen hinab. Aller Augen hingen fest an dem Antlitze des Vorlesers und in mancher vertieften Zuhörerin flossen sie ganz ineinander, der Heine und der Winlof. Nach Schluß des Vortrages war er umgeben von dem bekannten »reizenden Damenflor.« »Ach, Professor, das war entzückend! Herrlich! Nur viel zu kurz! Man möchte bis Mitternacht zuhören! Tausend, tausend Dank! Hoffentlich doch recht bald wieder!« Er stand schweigend zwischen ihnen, drehte seinen Schnurrbart und blickte auf die Bewunderinnen, die schlank und schmächtig, oder mit hohen wogenden Busen und glühenden Wangen ihn umschwärmten. Wie er also dastand, hatte er eigentlich bloß die Wahl. Er war Löwe, aber er verschonte alle und hatte schließlich nur einen kühlhöflichen Gruß. Dann über die Freitreppe hinab eine zur andern: »Das war geradezu großartig, heute wieder! Es war einzig. Dieser Heine muß doch ein reizender Mensch gewesen sein. Und welch ein Vortrag! – Eigentlich ein interessanter Mann, der Professor! (Leise, aber nachdrücklich:) Und ein schöner Mann! – Nur etwas feinere Manieren, wenn –, Ich bitte Sie, das gehört ja dazu, bei den Gelehrten! Hat sich ohnehin wunderbar herausgemacht. Da hätten Sie ihn mal früher sehen sollen. Ich versichere, nicht wieder zu erkennen.« Professor Winlof fühlte allerdings immer noch das Manko, das einstweilen durch würdige Zurückhaltung verdeckt werden mußte. Er fragte sein Gewissen, was es wohl zu einem Tanzmeister sage. Wer einmal in der Gesellschaft lebt, der ist es sich schuldig. Dann – er stand vor dem Spiegel – dieser dumme Teint! Allemal im Frühsommer treten sie so stark hervor. Es muß ja Salben geben für so etwas. Ein leichter Puder. Auch der Bart ist stellenweise etwas fuchsig. Ferner – ein paar Tropfen aromatischen Mundwassers schaden nie. Eine gescheite Frau hat einmal darauf hingewiesen, wo man den Mann am besten kennen lernt. »Seht euch bloß einmal seinen Waschtisch an, wie viele Tiegel und Fläschchen und Schächtelchen und Schälchen und Pinselchen und Bürstchen da vorhanden sind, und noch mancherlei Dinge, deren Gebrauch man nicht leicht erraten kann. Und nun schätzet.« – Der Professor bedurfte täglich fünf Viertelstunden zu seiner Toilette. Hingegen kam er dann aus seinem Boudoir auch danach hervor. »Wie aus dem Schüchtert.« Die Stirn gepudert, die Wangen geschminkt, der Bart gefärbt und drei Schritte im Umkreis erfüllte der Wohlduft des Kölnerwassers die Luft. So kam er in die Salons, wo sein elegantes Benehmen schon als Muster weltmännischer Routine bewundert wurde. So trat er in den Vorlesesaal, fein und glatt wie ein Dandy aus dem Wachsfigurenkabinet. Die Studien über das verschimmelte Altertum hatte er längst aufgegeben, auch das Dozieren in den Hörsälen. Sein Feld waren die populären Vorlesungen geworden. Er sprach über Literatur und Kunst, über die Jungdeutschen, über die Secession. Bei Jubiläen und Erinnerungsfeierlichkeiten hielt er die Festreden. Bei Hochzeiten und Taufschmäusen sprach er die Toaste, er machte das alles so geistvoll akademisch, so vornehm liebenswürdig. In Ramstadt war kein Fest mehr vollständig, zu dem nicht Professor Winlof seine heitere Weihe gab. Wo er sich öffentlich zeigen mochte, stets umschwärmte ihn ein Hof schöngeistiger Damen. Auch solche darunter, die es freimütig eingestanden, daß er anbetungswürdig sei. Bisweilen wurde er in offenen Wagen gesehen an Seite von Frauen, mehr als einmal hörte man von Verlobung. Näher zugesehen war's aber nichts. Eine ungarische Gräfin war vorhanden, eine Literaturenthusiastin, die auch selber die Leier zu führen wußte. Mit dieser Dame war er in Vorlesungen und Gesellschaften so oft ganz zufällig zusammengetroffen, bis er sie in Versen besang als die »Sappho der Neuzeit«, oder als der neun Musen letzte, die noch leibhaftig unter den Sterblichen wandle. Bald darauf wurde die Verlobungsanzeige gedruckt. Doch noch bevor sie verschickt werden konnte, hatte die Gräfin gebrochen. So plötzlich und brutal, wie man es von einer holden Muse nicht hätte denken mögen. Ihre Begründung war: »Er färbt ab.« Nun erst offenbarte sich die Mannesgröße, die in ihm war. Er machte sich nichts daraus. Er las über Kunst und Dichter, er las eigene Poesien und flirtete. – Abfärben? Sind die Weiber denn so echtfärbig? Wenn man ihnen die Liebe erklärt, erröten sie, wenn man ihnen die Liebe kündet, erblassen sie. War er erblaßt, als ihm der ungarische Blaustrumpf den Ring zurückschickte. Gab es nicht genug der herrlichen Frauen, die eine schöne Seele verstanden und ein bischen Karminrot auf der Wange nicht übel nahmen. Besonders von einer ist zu erzählen. Sie hatte zwar das Unglück, als die Tochter eines Wirkwarenfabrikanten geboren zu werden, hingegen das Glück, das einzige Kind eines reichen Mannes zu sein. Sie war sehr schön, vorwiegend nach der inneren Seite hin und da kann man ja umwenden. Sie hatte eine ästhetische Seele, sie war eine begeisterte Freundin alles Schönen und Erhabenen. Der Professor war Philosoph genug, um ob dieser idealen Vorzüge etwaige äußere Unvollkommenheiten zu übersehen – und sie zog ihn hinan. Also hatte Professor Winlof gleich Faust die graue Theorie verlassen und sich auf einen Ast gesetzt an des Lebens goldenen Baum. Die Akademie der Wissenschaften hatte den Preis, den sie für das seit Jahren angekündigte, aber immer nicht erschienene Werk »Über den Ursprung des Menschengeschlechts auf Grund des Ursprachstammes« schon halb und halb bestimmt, einem anderen Gelehrten zugewendet. Darob erklärte Winlof in einem musterhaften Distichon, daß es leicht sei, auf den Ruhm zu verzichten, wenn man die Liebe hat. Übrigens, ob das kein Ruhm und kein Stolz war, wenn er gewissermaßen das öffentliche geistige Leben von Ramstadt repräsentierte! Wenn er sogar von Nachbarstaaten geladen wurde, um dort seine »unübertrefflichen Vorträge« zu halten und wenn er in den Blättern der moderne Cicero genannt wurde und sogar einmal verglichen mit jenem antiken Feldherrn, der kam, sah und siegte! Als trotz der zuverlässigsten Haartinktur seine Stirne infolge unermüdlicher Denkarbeit sich merklich erhöht hatte, vermählte er sich mit seiner begeisterten Freundin alles Schönen und Erhabenen. Die Trauungsanzeige wurde in achthundert Exemplaren ausgeschickt an alle Anhängerinnen des Gelehrten. Nun begann aber Unerfreuliches einzutreten. Die Damen von Ramstadt waren nicht mehr so bildungsfroh, so literaturbeflissen, als sonst. Die populären Vorlesungen Professors Winlof zogen nicht mehr recht. Ob er nun über Griesebach las, oder über Sudermann, oder über Zola – der Saal blieb größtenteils leer. Der Professor hätte das wahrscheinlich recht tief empfunden, wenn er zur Zeit nicht von anderen Dingen abgezogen worden wäre. Sein Schwiegervater, der Wirkwarenfabrikant, war gestorben und hatte das ganze Geschäft der Tochter vererbt. Um jene Zeit tat Professor Winlof zu seinen Kollegen und auch in Vorlesungen die Bemerkung, daß ein ganzer Mensch sich für alles interessieren müsse. Die Wissenschaft, die Kunst, der Handel, wie das Gewerbe, sie seien Fäden eines einzigen Webstuhles und dieser Webstuhl sei die menschliche Kultur. Wenn er seine kleinen Vortragsreihen hielt, zeigte er dem Publikum nach denselben, oder auch unterwegs gern seine Wirkwaren vor, erklärte ihnen das ästhetische derselben und nutzte sie als Gleichnis vom großen Schicksalsgewebe des Lebens. Allmählich drangen die Wirkwaren von der Fabrik seiner Frau tiefer in seine Vorlesungen, er sprach über die Herstellung derselben, über ihre besonderen Vorzüge und wie sie mit allen ähnlichen Erzeugnissen die Konkurrenz siegreich bestehen müßten. Neugierigen Zuhörern gab er gern kleine Proben ab und den Preiskurant seiner Firma. Seiner Person wendete er nicht ganz die Aufmerksamkeit zu, wie in früheren Zeiten, das Haar, das nicht mehr gefälbelt wurde, wies graue Fäden, die Wangen, die nicht mehr übertüncht wurden, zeigten feine Runzeln. Den reichhaltigen Toilettetisch hatte er seiner Frau abtreten müssen. Sein Nacken begann sich wieder nach vorwärts zu ducken zwischen den hohen breiten Schultern. Sein Mund begann neuerdings zu gemahnen an die Familie der Nußknacker, und Leute jener Gattung, die gern in Bildern redet, wollten wissen, daß seine Ehegenossin ihm manche Nüsse aufzuknacken gab. So lange der Gemahl noch über alle Zähne verfügt, ist's nicht so schlimm, aber.....Übrigens, seine Stimme hatte noch den sonoren Klang wie früher. Und wenn er im Eisenbahnwagen, oder in Gasthäusern den zufälligen Nachbarn Vortrag über seine feinen und soliden Wirkwaren hielt, da horchten auch Leute der weiteren Umgebung auf und erwärmten sich für die Unterwämser, Magenbinden, Socken usw., die der Professor vor aller Augen ausbreitete. Neuerdings die Frauen zog er an mit seinen weiblichen Waren, den Schlafhäubchen, Nachtleibchen, Strümpfen, weißen, roten und blauen. – Ob sie Faden hielten? – Ja wohl! – Ob sie echtfärbig wären? – O gewiß! – Ob er auch männliche Blaustrümpfe habe? – Aber ja!.... Wie er das Gold fand Aus den Schriften eines Gutsbesitzers. Ich war von einer italienischen Reise zurückgekehrt auf mein Bergschloß. Aber recht verstimmt, denn die Reise war mißlungen. Das ganze Frühjahr eine ununterbrochene Plage von schlechtem Wetter. In Venedig hatte ich mir die Finger verfroren. In San Carlo fand ich die Spielbank geschlossen. In Rom hatte ich den Papst nicht gesehen. In Neapel hatte der Vesuv kaum geraucht, viel weniger gespien. Die Fahrt nach Sizilien mußte wegen stürmischer See ganz fallen gelassen werden. So war ich leer und mißmutig in das Alpental zurückgekehrt. Hier waren die Saatfelder und die Wiesen wohl schon grün und es blühten an den Rainen die Eriken und es blühten an den Steinhaufen die Schlehen und Wildkirschbäume; auf den höheren Bergen aber lag noch Schnee. Besonders der Kegel, den man von den Fenstern meiner Wohnung aus so schön und hoch aufragen sieht jenseits des Tales, stand da, weiß und glatt wie ein Zuckerhut. Beinahe hat er dieselbe Form, nur daß er nicht ganz so steil und spitz ist und unten sich ausböscht zu breitem, flachem Sockel. Im Hochsommer wird er schneefrei und grün und es weidet darauf das Vieh. Er soll vulkanischen Ursprunges sein und sieht in seiner schneebedeckten Gestalt aus wie der Ätna in Sizilien. Dieser Berg, der Kegel genannt, steht so hoch über alle anderen Berge der Umgebung auf, daß er weit ins Land hinausleuchtet und von Ferne zu sehen ist wie eine ägyptische Pyramide. Besonders schön im Frühsommer, solange auf den steilen Matten desselben noch der Schnee liegt, wahrend alles andere schon im Grünen steht. Um diese Zeit rauschen auch die Wässer so grimmig und die braunen Fluten des am Schloßberge vorüberwütenden Flusses schlagen hoch an die Felswand herauf, daß sogar manchmal ein Tropfen an die Fenster springt. Der weite Talkessel heißt die Kaal, er hat sieben Dörfer, die mit ihren grauen Holzdächern baumlos auf den Matten stehen und einst alle zum Schloß gehört haben. Der Bevölkerung liegt die Hörigkeit noch heute so sehr im Blute, daß sie mir in allem Untertänigkeit bezeigt, obschon ich ein ganz gewöhnlicher Gutsbesitzer bin und das Schloß der verkrachten Grafenfamilie, oder vielmehr ihrem Wucherjuden für Geld abgekauft habe. Ich halte mich auch nur fünf Monate des Jahres in dieser Gegend auf, um mich gerne mit Jagen, Fischen und dergleichen abzugeben. Die Wirtschaft, von der ich nicht viel verstehe, und die mir nie sonderlich den Schlaf verdorben hat, überlasse ich meinen Meiern. Die übrige Jahreszeit lebe ich in der Stadt oder bin auf Reisen, die man schon so machen muß und die das eine Gute haben, daß es einem dann zu Hause wieder auf eine Weile gefällt. So war ich denn auch diesmal froh, wieder in der Kaal zu sein bei den gutmütigen Leuten, die man mit ein wenig Artigkeit an der Nase herumführen kann. Wieder da auf meinem alten Grafenschloß, welches sich von allen anderen derartigen Burgen darin unterscheidet, daß keine weiße Frau darin umgeht – ja daß überhaupt keine Frau darin umgeht. Ich besitze keine. Ich habe »das Schnalzerl überhört,« wie die Leute hier zu Land von einem alten Junggesellen sagen. Junggesellen, Herr Jemine! Nur allzuoft muß ich meine Kammerdiener wechseln, damit sich in einem und demselben nicht zu viele Familienerinnerung ansammelt. Aber das wollte ich ja gar nicht erzählen. Am dritten Tage, als ich nach der Kaal zurückgekehrt war, meldete mein Diener Friedrich mir eine Bauerndeputation an. Drei Mann. Was wollen die? Wollen sie mir endlich ihre Unabhängigkeit erklären? Wollen sie mich in den Landtag wählen? Oder begehren sie Wildschadenvergütung? Na, wir wollen einmal sehen. »Ei siehe! Welch' gute Stunde bringt mir meine Nachbarn! Der Strehlhöfinger und der Glowogger, nicht? Und der Karer-Martin.« Die Leute freut's immer, wenn man in der weiten Welt ihre Namen nicht vergessen hat. Sie tun's bedeutend billiger mit den Wildschäden, wenn man sie beim Namen nennt und vertraulich Du zu ihnen sagt. Nirgends wird Höflichkeit so gut bezahlt, als bei den Bauern. Der Strehlhöfinger – ich glaube, daß er jetzt Gemeindevorsteher ist – ergreift das Wort. »Es tut uns g'freuen, gnädiger Herr, daß der gnädige Herr wieder da ist. Wenn's G'schloß so leer steht und man nichts trampeln und nichts klocken und gar nichts hört, und alles wie ausgestorben, da ist's so viel langweilig. Und alleweil sagen wir, wenn nur schon die Pfingsten da wären, daß der gnädige Herr wieder kommt. Und weil wir schon so viel eine Freud haben, daß der gnädige Herr wieder gekommen ist, so sind wir – so haben wir –?« Da stockte er endlich. Ich hatte ihn schon beneidet um seine Rednergabe. Und siehe, er war tatsächlich klüger, als die meisten Redner, die den Faden verlieren. Er suchte ihn nicht lange, um wieder anzuknüpfen. Er begann etwas frisches. »Heut' auf den Abend, wenn's finster wird, möchten wir dem gnädigen Herrn halt gern eine kleine Freud' machen. Und wollen zu Lob und Ehr' ein Schaug'spiel sehen lassen. Sonnwenden halten, das tun wir sonst alle Jahr. Heuer möchten wir wohl extra was machen. Wie es ausfallen wird, das wissen wir nit, bitten halt, daß es der gnädige Herr so gut möcht' aufnehmen, wie es gemeint ist. – Und wie ist's gangen, gnädiger Herr, alleweil gesund gewesen?« Die letzten Worte waren nicht mehr in getragener Ehrerbietung des offiziellen Teiles gesprochen, vielmehr in gemütlich vertraulichem Plauderton, in dem wir miteinander zu verkehren pflegen. Als ich sie dann auf ein Glas Wein einladen wollte, lehnten sie es strikte ab. Heute nicht, heute hatten sie nicht Zeit. Und sind dann unter lebhaftem Handgeschüttel davongegangen, ohne weiter etwas anzudeuten, worin das »Schaug'spiel« bestehen würde. Ich fragte dann den Friedrich aus, ob er nichts gehört oder wahrgenommen hätte. Er wußte nur, daß zu einer Komödienaufführung oder dergleichen keinerlei Anzeichen vorhanden wären, daß vielmehr die Leute, besonders das jüngere Volk, die Häuser verließen und gegen das Gebirge wanderten. Die alten Frauen stünden vor den Haustüren, hielten die Hände über die Augen und schauten so hinaus. Da wurde ich ein wenig neugierig. Je tiefer die Sonne sank, je höher stieg die Neugierde. Und als die Abenddämmerung anbrach, das Dorf zu meinen Füßen zur Hälfte ausgewandert war, zur andern Hälfte aufgeregt auf den Gassen herumging, da bin auch ich unruhig geworden. Es wurde finster, am Himmel glitzerten die Sterne, unten rauschte das Wasser – weiter war nichts. Nachdem ich lange am Fenster gestanden und zu überlegen begann, ob das angekündigte Schauspiel im oder vor dem Schlosse stattfinden würde, oder ob man mich benachrichtigen sollte, wann und wo, hatten Koch und Diener das Souper serviert. Meine gütigen Götter, wie traurig das ist, wenn ein einziger Mensch bei einem Tische sitzt, der reichlich für zwölf Personen Raum hat. Es gibt nichts Traurigeres. Ei doch! Trauriger ist es noch, wenn zwölf an der Tafel sitzen und sind einander nichts und haben einander nichts zu sagen als Abgeschmacktheiten. Habe es oft genug versucht und mich endlich für die Einsamkeit entschieden. Bei Tische ist der beste Freund der Magen. Wenn der gut aufgelegt ist, dann kann's manchmal ganz amüsant werden. Junker Wein leistet auch Gesellschaft und weiß sehr gut zu unterhalten. Er plaudert, er musiziert, er schäkert, produziert sich als Schnellzeichner der Welt und malt mit rosigen Farben. Nicht übel sekundiert ihm Madame Zigarre und in solchem Freundeskreise läßt sich der Abend manchmal recht passabel zubringen. Dann kommt aus Jena der lustige Studiosus, aus Ungarn der forsche Rittmeister und aus Wien der lachende Erbe der zwei Millionen eines ausgezeichneten Goldonkels. Sie kommen und sagen: Erinnerst du dich noch daran, als du ich warst? Ich der Student, der Rittmeister und der, dem plötzlich die Welt in den Schoß fiel, so heftig, daß ihm die Beine wackelten! Ha, wie da die Straßen stolz auseinandergingen in alle Winde hinein, um endlich auszumünden an der alten Räuberburg in diesem verlorenen Gebirgstal. Ja hier, da haben sie ihn ausgeworfen, den alten übersättigten Sonderling und da will er nun warten auf – Auf was will er dann warten? »Euer Gnaden möchten zum Fenster kommen!« sagte der Diener, der leise herangetreten war. »Na ist nun etwas los?« »Euer Gnaden wollen bloß einmal zum Fenster kommen.« Ich ging in den Erker und blickte hinaus. Wie, was ist nur das? Hoch in den Lüften ein Feuer. Ist es der Mond? Es ist eckig und zackig wie eine Krone und steht ruhig im Himmel. »Das Fernglas, Friedrich!« – Und durch das Instrument, das ich richtete, sah man einen großen Feuerbrand, dessen Flammen langsam aufloderten, eingewölbt von rötlichen Rauchmassen. Und am Fuße des Feuers, auf weißen Wolken zitterten kleine Punkte herum, wie ausgestoßene Kohlenteile, oder Wesen, die aus dem brennenden Neste geflohen waren. Ganz fabelhaft, so daß ich aufschreien mußte: »Wie machen sie denn das, die Racker!« An eine Nebelbilderscheinung dachte ich, die von der Erde aus erzeugt werde, da sagte mein Diener schon: »Das Feuer ist auf dem Berg.« Und endlich wurde es klar, daß der Brand nicht am Himmel sei, sondern auf der Spitze des Kegels, wo – wie nun deutlich zu sehen – er sich immer mehr entfaltete. Manchmal lösten sich ganze Feuermassen los und flogen mit dem Rauchaualm hoch in die Lüfte, und eine ungeheure Funkengarbe sprühte auf, um dann als glühender Regen nach allen Seiten niederzusinken. Da kam mir plötzlich der Gedanke: Ein Vulkan! Der Kegel hat sich wieder aufgetan. Ich öffnete die Fensterflügel, um zu horchen, ob man nicht ein Brüllen oder Sausen höre. Aber in der großen Ferne war es ganz ruhig. Nur unten im Dorfe manchmal ein Aufschrei, dann wieder nichts als das Rauschen des Baches. Still und feierlich stiegen die Flammen auf. Mich packte etwas, wie ein wollüstiges Grauen – um das richtigste Wort zu sagen. Das was in Italien der Vesuv versagt, bietet mir die Heimat? Von Minute zu Minute größer wurde das Feuer und begann sich hinzubreiten über den ganzen Scheitel des Berges, als fließe es auseinander. Siehe, jetzt glitt ein Funke hernieder über den Hang des Berges und es glitt ein zweiter. Und es begannen mehr und mehr Glutkügelchen herabzurollen über den Berg, teilweise zu sehen wie sinkende Sternschnuppen, gleichsam einen glühenden Streifen hinter sich herziehend. In Bächlein und Bächen begann die feurige Lava herabzurinnen von dem Kegel nach allen Seiten, immer dichter und dichter, daß es war wie ein qualmender Lichtschleier, der sich niedersenkt. Ich hatte mir – konnte ich noch denken – einen Lavastrom eigentlich anders vorgestellt, nicht so schön, so graziös. Trotz aller Großartigkeit war das fast lieblich zu sehen, ich fürchtete mich nicht mehr, ich betrachtete die unerhörte Erscheinung wie ein Götterschauspiel, bei dem ich ganz vergaß, daß mir ja auch die guten Kaaler an diesem Abende ein Schauspiel bringen wollten. Dann griff ich mir an die Stirn, ob sie kühl sei, ob ich nicht etwa zu viel Wein getrunken hatte. Zwei kleine Gläser wie gewöhnlich. Wie ich dastand an der Fensterbrüstung, von unten das Wasser rauschen hörte, und dort den feurigen Berg sah – das war weder Rausch noch Traum. Ich regte mich aber weiter nicht mehr auf. Viel hatte ich ja in dieser Welt schon erfahren und mir angewöhnt, mich über nichts mehr zu wundern, also auch darüber nicht, daß der alte Vulkankegel plötzlich wieder ausgebrochen. Nur die Verhältnisse in der Kaal würden sich jetzt ändern, die Ruhe und Einsamkeit würde dahin sein. Die alten gemütlichen Bauernhöfe würden von Fremdenhotels verdrängt werden und man würde nicht mehr wissen wohin, wenn man die Welt fliehen wollte. Lange stand ich da und schaute hin, wie immer noch die glühenden Striemen niedergingen. Ich wartete nun auf den Aschenregen, der geflogen kommen mußte und gab meinen Hausleuten Auftrag, die Fenster wohl zu verwahren und Wassereimer bereit zu halten. Aber der Aschenregen kam nicht, das feurige Spiel auf dem Kegel wurde dünner und matter; der Brand auf der Spitze war in sich zusammengesunken und den Hang herabglitten nur einzelne Lichtkügelchen. Nach einer Stunde war alles verglommen und vergangen und der Berg stand da dunkel in der dunklen Nacht, kaum daß sein blasses Dreieck sich abhob vom schwarzen Himmel. Dieses schnelle Ende hatte mich fast mehr erregt, als die Erscheinung selbst. Denn nun konnte ich mir erst gar nichts erklären. Wenn es kein Vulkan war, was soll es denn gewesen sein? In wirklicher Besorgnis darüber, ob ich wohl noch richtig bei meinen gesunden Sinnen sei, befragte ich die Dienerschaft. Ja, auch sie hatte alles so gesehen, wie ich, ihre Ausrufe der Verwunderung, des Schreckens, der Angst hatte ich ja wohl gehört. Friedrich der Belesene behauptete, das könne nichts anderes gewesen sein, als Elmsfeuer, während der Kutscher daran erinnerte, daß heute die Sonnwendnacht sei, in der sich in alten Zeiten oft große Wunder zugetragen hätten. In dieser Nacht würden manchmal die alten Heidengötter lebendig und ritten auf feurigen Rössern durch die Lüfte. Da konnte ich den Morgen kaum erwarten, um hinabzugehen in das Dorf und zu sehen, wie die Leute sich zu diesem Ereignisse verhielten. Als ich um Sonnenaufgang die steinerne Treppe hinabstieg – der Kegel stand dort, wie er jeden Morgen steht – war schon der Maurer bei der Arbeit, um das Stiegengeländer auszubessern. Er lüpfte seine Mütze, nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte: »Auch schon auf, gnädiger Herr! Recht gut ist's ausgefallen, heut bei der Nacht, gelten 's?« »Aber Freund, so sagt mir doch, wer hat denn das gemacht?« »Weiß man nit mehr, wird noch aus der frühern Grafenzeit stammen. Mit der Zeit morscht halt auch der beste Stein.« »Ich meine nicht die Mauer, mein guter Meister. Aber das möchte ich wissen, was das war, heute nachts, dort auf dem Kegel.« »Nit wahr, gnädiger Herr, das hat sich sauber gespielt, recht sauber. So ein Sonnwendfeuer werden die Kaaler wohl noch keins gesehen haben. Die Holzknecht' haben's gemacht. Schon die halbe Woche lang haben sie Holz hinaufgeschleift, und dürren Strupp, und sogar Birstlingheu, daß es tüchtig brennen und die Feuerfetzen recht hoch auffliegen sollten. Sind auch hübsch geflogen, gelten's? Die jungen Leut' nachher, die sind erst gestern in der Geschwindigkeit zusammengebracht worden. Aus allen sieben Dörfern sind's hinauf. Grad wie eine Gottsleichnamsprozession ist's gewest, aber viel größer noch, wie sie gestern hinauf sind hinten über die Buchkarrwiesen, jeder den Handschlitten auf dem Buckel.« »Den Handschlitten – wieso?« »Na freilich, daß sie nachher haben können herabrutschen vom Kegel, jeder eine Pechfackel in der Hand. Sauber haben sie's g'macht. Hat's gefallen, gnädiger Herr? Na, wenn's nur gefallen hat. So was sieht man nit alle Tag. Vor hundert Jahren, oder wann – wie der Kaiser auf der Jagd ist da gewesen – sollen sie auch einmal so was gemacht haben.« So ähnlich sprach der Maurer, dann wußte ich es. Nichts hatte ich mir vorher reimen können, und nach diesen wenigen Andeutungen erklärte sich mir alles. Und so etwas machen die Bauern. Machen es mit einigern Klaftern Holz und Stroh und mit einigen hundert Schlittenfahrern und Pechlunten. Vielleicht waren es auch einige tausend. Alles ohne viel Gerede und Getue. Und solches war mir zu Ehren so gemacht worden. Ich war sehr gerührt, nur Schade, daß es nicht in die Zeitungen kommen wird. Vielleicht, daß der Friedrich etwas schreiben könnte. Wenn derlei nicht veröffentlicht wird, hat's ja eigentlich keinen Sinn. – Jetzt würde ich aber auch was tun sollen. Man kann sich's von armen Leuten ja nicht bieten lassen. Noblesse oblige . – Es ist aber nicht so einfach. Ihnen ein Armenhaus bauen? Sie haben keine Armen, jedes Haus versorgt seine alten mühseligen Leute selbst. Ein Schulhaus? Das steht schon da. Eine neue Kirche? Sie hängen so sehr an der alten, in welcher die Vorfahren gebetet haben. Hingegen aber eine gute breite Straße, die sieben Dörfer bequem mit einander verbindend. Oder die Gemeinde Kaal hat vielleicht Schulden. Wir wollen einmal darüber nachdenken. Schon am nächsten Tage habe ich erfahren, wo die Leute der Schuh drückt. Die Wildschäden. Sie wollten mir dieselben nicht so hoch anrechnen, als sie ihnen zu stehen kämen, denn ich hätte von der Jagd ohnehin nur Unkosten und es wäre unbillig, einem so guten Herrn dieselben noch zu vergrößern. Deshalb wäre es ihnen am liebsten, die Gemeindejagd zurückzunehmen. Der Pacht dauere zwar noch sieben Jahre, aber vielleicht hätte der gnädige Herr die Gnade, denselben gleich zu lösen. Nein, der gnädige Herr hat die Gnade nicht. Das einzige Vergnügen, das mir noch geblieben ist auf der öden Welt, die Jagd sollte ich nun auch hingeben? Das kann niemand von mir verlangen. Diese Wildschädengeschichten habe ich schon satt. Jedes Jahr die Jammerei. Sollten sich anderswo ansiedeln. In den Waldgegenden ist's ohnehin nichts mehr mit dem Landbau. In den Wald gehört der Jäger und nicht der Bauer. Die Sache schien abgetan zu sein. Doch ging die Sonne noch zweimal auf und einmal unter, da ist wieder etwas Außerordentliches geschehen. Es rächten sich die alten Heidengötter, daß in der Sonnwendnacht ihr weiland feuriger Wolkenritt so arg verweltlicht worden war. An einem warmen Regennachmittage gab es Stöße in der Luft. Dann begann es zu donnern und man glaubte, daß es ein Gewitter sei. Es war aber ein anderes Donnern. So weit die weiße Pyramide des Kegels von unten hinauf nebelfrei war, sah man an derselben schwarze, breite Bänder herabrinnen. So wie drei Tage vorher die feurigen Sterne und Fäden niedergeglitten, so waren es die schwarzen Streifen, vorangespannt die Walzen der Schneelawinen, die da zur Tiefe fuhren, in die Waldschluchten hinein. Mit jedem Donnern bekam der Berg ein neues schwarzes Band, bis an manchen Stellen aller Schnee dahin war. Die Leute schauten erschrocken und schweigend hin. Wer das vollbrachte, das waren nicht mehr die Holzknechte und auch nicht die Bauernburschen mit ihren Schlitten. Man konnte auch nicht sagen, daß es so schön war, wie vorher das Feuerschauspiel; ich aber empfand ein Wohlbehagen. Das empfinde ich immer, wenn die Elemente im großen zerstören. Fast ballt sich dabei selbst die Faust und möchte mit dreinschlagen. Warum, das weiß ich nicht, denn im ganzen hat mich diese Welt ja verzärtelt. Vielleicht eben deswegen. Ich wollte den Leuten eigentlich nichts Übles, aber wenn ein wildes, grauses Unheil über sie kam, da war ich ganz unwillkürlich erfrischt. Gleich auch bereit, die Verunglückten zu trösten, ohne das ich übrigens besonderes Mitleid empfand. Gab es nur wieder einmal eine besondere Abwechslung, die mich den Rücken prickeln machte, dann war mir wohl und froh zumute. An demselben Abende, als vom Kegel die Lawinen abgegangen waren, erhob sich in den sieben Dörfern großer Jammer. Denn das Wasser war ausgeblieben. Auch am Fuße meines Schlosses war es still geworden, auf dem Sande zappelten Forellen, die nun – am Ende ihres Lebens erst – inne wurden, wie notwendig das Wasser ist. In den Dörfern ging es zu wie bei einer Feuersbrunst; die Häuser wurden geräumt, das Vieh aus den Ställen gejagt und auf den erhöht am Waldrande liegenden Wiesen breiteten sich bald große Lager aus, von allerlei Habseligkeiten und aufgeregten Menschen. Am Flußbett, in dem zwischen weißen Kieseln die toten Tümpel standen, eilten Wasserwächter auf und ab, die von Stunde zu Stunde erregter wurden, denn je länger das Wasser ausblieb, je verheerender müsse es dann kommen. Und am nächsten Tage ist es gekommen. Das ist nicht zu vergessen. Nicht Wasser kam, Berge von Schlamm, Steinen, Bäumen und Blöcken kamen. Sie wurden herangewälzt, so unerhört wuchtig, daß sie über das Tal sich mit dumpfem Rauschen verbreiteten und alles, was ihnen im Wege stand, hinwarfen und verschütteten. Wie lebhaft sehe ich es heute noch. Das untere Dorf ist zerstört. Das Dorf am Fuße meines Schloßberges ragt noch halb aus dem Schutte hervor. Das am Eschenberg ist unversehrt. Von den übrigen Dörfern, die hinter der Schlucht liegen, ist noch nichts bekannt. Als unten die Fluten kamen, zitterte das Schloß wie der Oberbau einer Mühle, in welcher die Räder laufen. Ununterbrochen klirrten die Fenster und manchmal sprang draußen ein Gischtschwall herauf und goß in das Zimmer. Und sind doch die Fenster vierzig Meter hoch über dem Grunde! Meine Leute waren jammernd beschäftigt, um ihre Habseligkeiten zu sammeln und wunderten sich, daß ich so ruhig wäre und mich um meinem Schätze nicht kümmere. Nun – die liegen in der englischen Bank. Was liegt mir an diesem Spielzeug! Nur daß es nicht uninteressant ist, solche Elementarspiele zu beobachten. Leider hatte Regen und Nebel die Gegend derart verdeckt, daß man nichts Rechtes sehen konnte. Nur die Stromschnelle an der Schloßbergwand war und blieb ganz gegenwärtig. Dieses braune, dicke Wasser, das zornig die größten Stämme vorüberschob! Sie wehrten sich, diese Stämme und Zimmerbäume und Brückenbalken, klammerten sich an Ufervorsprünge, wurden losgerissen und über die Wogen dahingeschnellt. An einen solchen Waldstamm klammerte sich ein Tier fest; ein Rehbock, es konnte auch ein Hirsch sein, es hockte zu sehr im Geäste. Noch heute höre ich sein angstvolles Plärren. Es wird wohl ein junger Hirsch gewesen sein. In der Luft schössen Raben auf und nieder und ich glaubte sogar einen Adler gesehen zu haben, der vom Hochgebirge her zur Kadaverjagd erschienen war. Als der hohe Herr an den Fenstern vorüberflog, huschte ein dunkler Schatten durch die Zimmer. Wie ich mit der Flinte ans Fenster komme, ist nichts mehr zu sehen. Am nächsten Morgen war die Luft klar wie Kristall, der weiß- und schwarzgefleckte Kegel stand da wie ein Tiger und in der Kaal war ein brauner See, aus dem Bäume, Zaunhecken und Häuser verlassen aufragten. Die Leute standen auf Gassen und Straßen herum und waren betäubt. Etliche, darunter mein alter Maurer, falteten die Hände und priesen das Glück. Das Glück, daß die Lawinen nicht in der Sonnwendnacht losgegangen waren! Aber die Sonnwendnacht könne doch an allem Ursache sein, meinten andere. Die Leute und die Schlitten hatten den Schnee erschüttert, die Feuer, die Fackelabfälle hatten Löcher gebrannt in den Schnee, da ist er gerissen. Und wieder andere sagten, man könne nichts sagen. So lange wie diesmal sei der Schnee seit Menschengedenken nicht kleben geblieben an dem Kegel. Die Junisonne habe den kalten Bergwinden nicht aufkommen können, aber der warme Regen habe alles auf einmal gelöst. »Es ist alles eins, ob es so oder so gewesen. Wir sind Bettelleute!« Das war dann der Schluß aller Meinungen. Dann kam der Sonntag. Mein Verwalter erzählte, daß diesmal die Kirche zu klein geworden sei, sie steht im oberen Dorf. Die Leute waren noch außen herumgesessen, wollten von den Trostworten des Pfarrers etwas hören und durch die Messe gesegnet werden. Am Nachmittag haben sie sich bei dem Friedrich erkundigt, ob ich zu Hause sei und dann sind sie zu mir gekommen, die Vorsteher der sieben Dörfer. Redner ist wieder der Strehlhöfinger, aber nicht mehr so gewandt, wie bei meiner Ankunft – heiser, klobig, kurz gebrochen hat er es gesagt: »Jetzt sind wir fertig, lieber Herr, jetzt ist die Kaal zu nichts mehr zu brauchen, als zum Jagdrevier. Herr, kaufen Sie uns Grund und Boden ab!« Ich konnte nicht ja sagen und wollte nicht nein sagen, so wurden sie auf später vertröstet. – Grund und Boden! Wozu brauche ich Grund und Boden in der Kaal! Die Jagd gehört auch so mein. Alles andere brauche ich nicht. Wieso sie immer nur zu mir kommen, wenn sie sich nicht zu helfen wissen! Ich werde es ihnen kurz und entschieden sagen lassen, daß ich mich weiter in nichts einlassen kann. Die Leute muß man sich vom Hals halten. Jedoch – bevor ich es ihnen sagen ließ, hatte sich wieder etwas geändert. Als das Wasser abgelaufen war, ging ich mit meinem Oberförster über die Sandschütten den Bach entlang, um zu sehen, inwiefern der Fischstand etwa Schaden genommen hätte. Die Jahresbrut ist hin. Abscheulich, was man da wieder für einen Schaden hat. Aber der Pacht, natürlich, der muß regelmäßig erlegt werden. Und da wird man wohl noch beneidet um solche Vergnügungen. Ich danke schön! Das will ich ihnen gesagt haben. Der Oberförster stocherte mit seinem Stock im Sand, dann bückte er sich und hob eine Hand voll davon auf. Der Sand glitzerte in winzigen Sternchen, daß es ganz poetisch war. Die Feuer der Sonnwendnacht in Miniatur! »Wie in die Erde gelegte Samenkörner des Lichtes, daß daraus wieder Licht soll wachsen.« »Bitte, gnädiger Herr!« sagte der Oberförster, während er mir die Hand voll Sand mit dem zarten Funkeln vor das Gesicht hielt, »das ist Gold!« »Was du nicht sagst!« »Es ist Gold, gnädiger Herr! Echtes Gold. Man hört ja davon, daß dieses Gebirge goldhaltig sei; aber so reich, wie es dieser Sand zeigt – das hätte ich nicht gedacht. Die Lawinen müssen ein Goldlager aufgetan haben. Da soll man nachforschen.« Na, das war also nicht mehr »Poesie«, das war schon Besseres. Auch an anderen Stellen untersuchten wir den Sand, weniger oder mehr gab es überall darin die funkelnden Sternchen. Ein kleiner Stein, den wir im Schutte fanden, war sogar mit deutlichen Goldäderchen durchsetzt. Als wir einem Bauern begegneten, der nach davongeschwemmtem Hausgeräte suchte, haben wir den Sand gleichgiltig weggeworfen. Den Stein steckte ich in die Tasche und dann wollten wir durch die Schlucht hinein. Das ging aber nicht, da waren schauerliche Verheerungen. So gingen wir über den Kaalhals, um an den Fuß des Kegels zu kommen. An vielen Stellen war dem Berg die Brust aufgerissen worden, Granit, Quarz – Gold. Steinflächen mit Goldeinsatz lagen zutage an mehreren Stellen. Wir arbeiteten den ganzen Tag, um sie mit Erdreich und Gebüsche zuzudecken, dann sind wir nach Hause gegangen. Der Kegel ist Eigentum der Gemeinde Kaal. Auf dem Heimweg sprach ich beim Strehlhöfinger zu, der in einer Nothütte wohnt, weil sein Haus die Grundmauer verloren hat und sozusagen in der Luft hängt. Er sagte, es sei ihm ein Gang erspart, er hätte eben wieder zu mir gehen wollen. Sie hätten halt sonst niemand, zu dem sie Vertrauen haben könnten. Ob ich denn nicht eine Fürsprache tun möchte, daß ihnen jetzt das Land zu Hilfe käme, oder die Regierung oder sonst wer. Sie müßten alles verkaufen und warten, was man biete. Ich versprach ihm, das Meinige zu tun und der Gemeinde etwa den Kegel abzukaufen. Für sie habe der Berg wenig Wert. Ich wollte ihn anständig schätzen. Zu Jagdzwecken habe er allerdings auch für mich keinen Wert; müsse schauen, ihn sonst irgendwie nutzbar zu machen. Die Hauptsache sei, daß die Gemeinde jetzt ein Stück Geld bekomme. In wenigen Tagen bin ich Herr des Kegelberges gewesen, und habe Bergleute gedungen, um »Quarzbrüche aufzumachen und nach Steinkohlen zu schürfen«. Als vom Schluchtgrund hinein am steilen Berghang ein Stollen geschlagen wurde, zuerst durch Erdschutt, dann durch Stein, machte ich mir manchmal darin zu schaffen. Von oben troff Wasser herab, das meinen Golddurst nicht löschen konnte; immer spähte ich verstohlen nach den glänzenden Äderchen und Sternchen, die von den Arbeitern kaum beachtet wurden, weil sie das Flimmern für eine Eigenschaft des Steines hielten. Und einmal nach der Schicht, als sie ihre Krampen, Brechstangen und Sprengstoffe verwahrt hatten und davongingen, blieb ich immer noch zurück. Im Licht einer Grubenlampe begann ich mit dem Brecheisen zu bohren und zu stemmen, den harten, goldenen Spuren nach, immer tiefer in den Berg. Ich dachte an die Pochwerke, an die Goldraffinerien und Goldwäschereien, die in der Kaal errichtet werden sollten. Ein wahres Goldmacherdorf würde das werden. So grub und grub ich. Die Hände wurden mir heiß, der Schweiß rann mir über's Gesicht. Das erstemal im Leben empfand ich, welch eine Lust körperliche Arbeit ist. Je tiefer ich kam, je häufiger wurden die Goldadern und Sternchen im weißen Gestein, das glitzerte und funkelte ringsum wie eine Sternennacht unter der Erde. Ich glaube auf allen meinen Jagden durch die weite Welt nach Schönheit eine so berückende noch nicht gefunden zu haben. Der blasse Tag schien nicht mehr zur Stollenmündung herein, es war Nacht geworden und ich allein bei meiner Lampe und bei meinen Sternen. Was dieser wunderbare Berg nur für Lichtquellen hat nach außen und nach innen. Die Glut der Wände wurde allmählich so rosig und tief, daß sie anfing zu knistern. So schien es mir fast. Wenn ich von meinem Graben und Brechen einen Augenblick abließ, um zu rasten, da war es bisweilen ein Schnalzen im Gestein und Gebälke. Ein Knappe hatte einmal davon gesprochen, daß die Berggeister sich ihrer Schätze wehrten, ich dachte jetzt nur flüchtig dran. Meine Seele war gleichsam in den Armen, die da gruben und in den Augen, die nach Gold und immer größeren Goldspuren ausblickten. Und nun geschah es. Ein Rollen hub an, ich wußte nicht wo, ein hohles Dröhnen, Schmettern ringsum, ein Krachen und ein dumpfer Schlag, der mir, so viel mich heute dünkt, die Besinnung raubte. Wie lange das währte, ich weiß es nicht. Als ich mich wieder fand, war es finster. Die Lampe war verloschen. Ich wollte dem Ausgange zu und stieß an die Wände. Endlich fand ich die Richtung, aber stolperte über Schuttmassen, die früher nicht dagewesen. Der Ausgang war verstopft mit Schutt und Gestein und nun wurde mir furchtbar klar, was da geschehen. Der Stollen war eingestürzt, oder eine Lawine hatte ihn verlegt – ich war verschüttet. – Nach dem Gemütszustand, der nun eintrat, frage mich niemand. Von Angst und Grausen, so viel mir erinnerlich, keine Spur. Ich suchte meine Werkzeuge, aber im Dunkeln waren sie nicht zu finden, auch die Lampe nicht. An den scharfkantigen Quarzwänden, wo die Goldfasern sein mußten, tastete ich mich dahin. Warum funkeln sie jetzt nicht, diese Goldblätter und Sterne? Als noch Lampenlicht war, da glimmten die Wände wie ein Sternenhimmel und nun nichts als tiefe schwere Nacht. – Vor Kurzem, in jener Nacht war vom Gipfel dieses Berges so viel Licht herabgeronnen. Dann hatte des Berges Eingeweide in tausend Funken geglüht. Und jetzt? Spricht man nicht von der Treue des Goldes? Etwas wie Zorn kochte in mir auf; dann allmählich eine andere Stimmung. – Morgen früh werden die Knappen ja das Unheil sehen und mich befreien, aber – jetzt kam die Ewigkeit. Schon glaubte ich, mehrere Tage lang zu schmachten, aber es ging immer noch meine Taschenuhr, die unaufgezogen um drei Uhr morgens stehen zu bleiben pflegt. Endlich war sie still geworden. Ich zog sie natürlich auf um beiläufig ein Zeitmaß zu haben. Das war gut, sonst hätte ich um Leben und Sterben für viele Tage gehalten, was doch nur zweimal dreißig Stunden gedauert. Ich weiß nicht, ob der Schlummer kam, ich glaube es nicht. Als die Uhr endlich das zweitemal stehen blieb, war immer noch die dunkle Grabesruh um mich. Und jetzt kam's mir das erstemal bei: Sterben müssen! – Es wird ein großer Bergsturz gewesen sein, sie können der Unmasse nicht Herr werden, sie finden die Stelle des Stollens nicht mehr. O Tor, der sich verlocken ließ vom Golde! Der diesem falschen Metalle nachstieg bis ins Grab hinab! – In der Sterbestunde kommen die Sünden. Gold und Vergnügen, das waren die zwei Rappen, die mich durch die Welt schleiften, bis ich zerrissen hier liegen bleibe in der goldgesättigten Unterwelt. – Man hört, daß es Leute gibt, die in ihrem Leben nicht bloß immer an sich selbst, die auch an andere denken. Du hast viel empfangen von Menschen. Was hast du ihnen gegeben? Selbst die armen Kaaler haben dich; den reichen Mann beschämt. Denke an ihre Anhänglichkeit, an ihre Uneigennützigkeit im Jagdwesen, denke an den fürstlichen Willkommgruß, den arme Bauern und Waldleute dir in der Sonnwendnacht gebracht haben. Und du ihnen? – Ein Glück, daß es nichts gibt. Wenn es aber doch etwas gebe! Ein Gericht, eine Vergeltung! – Ich fühlte Atemnot, ich fühlte heftigen Durst. Der Körper bebte in Fieber, ich konnte nicht ruhig liegen und zum Sitzen fehlten die Kräfte. Alles fällt hin, nur das Bewußtsein bleibt lebendig; wenn alles andere schon Moder ist, bleibt vielleicht das Bewußtsein noch und schreit: Nichtsnutz, du! Bist Leib und Seele gewesen und hast vergessen Mensch zu sein. Herr Gott im lichten Himmelreich, laß' mich noch einmal leben! Ich will anders sein. Hier schreibe ich und schreibe, und weiß doch nicht, ob es so war. Was weiß ich denn aus jener Zeit des Begrabenseins? Ich finde nur Fragmente von Eindrücken, die der Wahnsinn zerrissen hat. Ich könnte es kaum glauben, daß ich wirklich einmal vierundsechzig Stunden lang in einem Berge eingeschlossen gewesen bin, wenn nicht die ganze Bevölkerung der Kaal Zeugnis davon ablegte. Es fängt erst wieder an, als ich mich am rauschenden Bache auf einer Tragbahre fand, über mir den hellen Himmel, um mich hunderte von jubelnden Menschen. Mit Labemitteln hatten sie mich umdrängt. Nun kniete der alte Strehlhöfinger neben mir, küßte mir lachend und schluchzend die Hände und rief fort und fort: »Weil wir Euch nur wieder haben! Weil wir Euch nur glücklich wieder haben, lieber gnädiger Herr!« Zwei Tage und zwei Nächte hatte alles, was Werkzeug führen konnte, gearbeitet, um die Riesenlawine, die vom Berge niedergegangen war und den Stolleneingang verschüttet hatte, zu durchbrechen. Das habe ich aufschreiben müssen, wie man eine Rechenschaft ablegt vor Gott und den Menschen. Seit jener Zeit ist es anders geworden mit mir und mit den Leuten in der Kaal. Über die sieben Dörfer, so wird gesprochen, sei eine glücklichere Zeit gekommen. Es ist ihnen geholfen worden. Sie haben alles wieder gut aufgebaut, haben den Fluß reguliert, haben eine landwirtschaftliche Schule, betreiben die Wirtschaft, wie es in diesen Bergen am zweckmäßigsten ist. Sind zufrieden. Die Jagd macht keinen Schaden mehr, sie ist aufgelassen. Am Bache steht eine Pochmühle, um das Gestein der Kegelbrüche zu zerkleinern; sie haben nicht viel zu tun und weisen mehr wissenschaftlichen als praktischen Erfolg auf. Ich habe erst in meinem einundfünfzigsten Lebensjahre die Erfahrung gemacht, daß man echtes treues Gold nicht im Mineralreich suchen soll, vielmehr in den Herzen der Menschen. Der hohe Herr Sie brauchen nicht auf mich zu warten, können zurückfahren. Ich komme über Hochlassing in einigen Tagen retour.« »Sehrwohl.« Der Kutscher schnalzte mit der Zunge, die vier Rappen hoben flink ihre Beine und der Wagen rollte fast lautlos auf der glatten Straße dahin. Der Herr und sein Diener standen auf dem Anger, wo der Fußweg von der Straße abzweigt in den Wald hinein und einen ansteigenden Graben empor, zwischen steilen Bergen. »Also, Berthold, jetzt zeigen Sie mal Ihre Touristenpraxis.« »Zu dienen.« »Ins Windlegtal. Es geht heute wohl noch bequem!« »Zu dienen, Euer Gnaden.« Dann schritten sie fürbaß. Voran der Diener in Gamaschen, mit strammgepacktem Rucksack, in dessen Achselriemen eine gefleckte Tigerpelzdecke und ein grauer Tuchmantel geschnallt waren. Der Herr, etwa zehn Schritte hintendrein, in grauem Touristenanzug, roten Bundschuhen und mit Bergstock. Es war ein hübsch junger Mann. Der Weg wurde bald steil; als die Steine des Baches aufhörten, der sich stellenweise über den Weg ergoß, begannen die natterbraunen Baumwurzeln und die über den Weg laufenden Eichhörnchen. An beiden Seiten die rötlichen Schafte des dunklen Fichtenwaldes, die bis hoch hinauf astlos waren und oben das finstere Gewölbe des undurchdringlichen Geästes trugen. Sie waren kaum eine Stunde angestiegen, so schnaufte der junge Mann. »Laufen Sie doch nicht so. Berthold!« »Zu dienen, Euer Gnaden.« Und der Berthold stand. Nach der zweiten Stunde war immer noch ansteigender Wald, nichts als Wald, hie und da wildes Gebüsch, kahlstehender Fels. »Wie lange dauert nur dieser infame Berg noch?« Der Diener schwieg, denn er sagte nicht gerne etwas, das dem Herrn nicht gefiel. »Leg' ab und gib einmal etwas Proviant heraus.« »Zu dienen, Euer Gnaden.« »Höre, Berthold, laß das dumme ›zu dienen, Euer Gnaden‹ sein. Rede vernünftig.« »Zu dienen, Euer Gnaden. – Pardon!« In der dritten Stunde kamen sie zu einer Lichtung, wo aus schwarzen Kegeln weißer Rauch aufstieg. Daneben ein aus Holzblöcken gezimmerter Kobel. Ein rußiger Mann war da, dessen zerflicktes Beinkleid mit einem Strick über dem Hemde zusammengehalten war, Er hatte eine Schaufel und stieg mit derselben auf einem der schwarzen, rauchenden Kegel umher. Der Tourist stand still und fragte: »Was machen Sie nur da?« Der Schwarze schaute den Fragesteller mißmutig an und schaufelte schwarzes Zeug hin und her. »Was Sie da treiben, frage ich!« »Das seht Ihr ja,« antwortete der Schwarze. Der Diener erklärte dem Herrn die Kohlenbrennerei. »In Paris sieht man derlei nicht.« »Sagen Sie, Mann, wie weit ist es von hier bis in das Windlegtal, wo das Berghaus steht?« »Kunnt's nit sagen. Bin noch nie oben gewesen,« antwortete der Kohlenbrenner. Der Diener berechnete nach einer Karte, daß es länger als vier Stunden nicht mehr sein könne. Der Herr begann zu fluchen. »Wäre hier herum vielleicht irgendwo eine Sänfte zu haben?« Der Köhler wies die Fremden in die Blockhütte, denn er wußte nichts mit ihnen anzufangen. Die Weiber sind findiger. In der Hütte brannte mitten auf dem Lehmboden ein Feuer, dessen Rauch und Funken ins finstere Bretterdach aufstiegen. Vor dem Feuer kauerte ein altes Weib in vergilbten Lappen, barfuß, aber das Haar sorgfältig um das Haupt geflochten. Die Arme braun und hager, entblößt bis hinter den Ellbogen, der immer eine Art Rechteck machte, wie sie auch herumarbeitete am Herd, mit den Scheitern und mit der Pfanne. In der Pfanne kochte so etwas, wie Wasser und Mehlnocken. Daneben kauerte ein Knabe in verschlissenem Hemd und wollte mit dem Holzspießchen in die Pfanne fahren, um eine Nocke herauszustechen, obschon das Weib immer keifte, sie wären noch nicht gar. Da der Hunger des Knaben schon sehr groß sein mochte, so biß er in seine Faust. In einem Winkel auf Stroh balgten sich zwei andere Kinder um eine Hose. Jedes wollte hinein, sie hatte aber nur für eines Raum und dieweilen das eine aufrecht im Kleid umherstolzierte, mußte das andere im Neste bleiben. Dieses seltsame Schauspiel beobachtete der Herr durch die niedrige Tür hinein. Doch ob man hier herum irgendwo eine Sänfte haben könne, das wußte auch das Weib nicht. Erst als der Diener ihr deutlich machte, daß es sich um eine Tragbahre handle, schlug sie die dürren Hände ineinander. Wer denn verunglückt sei? »Dieser Herr, dieser junge, schöne Herr? Na, der hat ja Läufeln wie ein Reh!« »Aber nur deren zwei, liebe Frau, und er ist gewohnt, mit acht Beinen zu traben oder gar mit sechzehn!« Das verstand sie nun wieder nicht. Nach langem Gerede kamen sie allerdings so weit, daß die Köhlersleute inne wurden: Der Herr möchte gerne in das Windlegtal und zum Berghause hinauf und weil er nicht mehr marschieren könne, so suche er Leute, die ihn trügen. »Jetzt bin ich deutsch,« sagte der Kohlenbrenner. »Das ist einer von der Gattung – weiß schon. Jetzt, ich tät den Hascher schon in den Buckelkorb nehmen, Hab' vorige Woche einen ganzen Sauspeck hinaufgetragen, aber der Meiler laßt mich nit fort. Ein halbes Stündl, wenn der Herr noch hermachen kunnt, bis zu den Holzknechten hinauf. Die täten schon so etwas zusamm'richten und sind starke Saggra.« »Ich würde auch anständig bezahlen, wenn Ihr dran wolltet.« »Hab' schon gesagt, ich kann vom Meiler nit fort.« Dann kamen sie doch ins Gespräch. »Der Meiler da? Der scheint Euch viel einzubringen.« »Daß man halt lebt. Auf fünf Gulden mag einer gelangen.« »Des Tages?« »Wieso? Drei Wochen brennt er halt, so ein Meiler.« »Drei Wochen? Fünf Köpfe? Fünf Gulden? Das ist kein schlechter Spaß.« Dann nahm der Herr einen der Jungen auf, daß er sie führe bis zu den Holzknechten. Aber der Junge mußte erst mit dem Gewande zusammenkommen: vom Bruder die Hose, vom Vater die Joppe, von der Mutter den Filzhut – dann war er wohl tapfer gestellt und begleitete die Herren bis zu den Holzknechten. Zwischen dem Gestämme huschte hier lautlos ein Reh, sprang dort ein schwerer Hirsch, mit seinen Geweihen dürres Astwerk knickend, daß es raschelte. Dann wieder schwirrten aus dem Haidekraut Wildhühner auf und über den Köpfen der Wanderer hüpften immer wieder Eichhörnchen von Ast zu Ast. Bald ging es ganz steil an. Doch je schlimmer es wurde über Stock und Stein, je trotziger fühlte sich der Herr. Boulevard war das allerdings keiner, aber der Teufel noch einmal! – Beim Fluchen wird der Mensch allemal stärker, für den Augenblick wenigstens. Doch als sie ins Schlagholz kamen, half auch das Fluchen nicht mehr. Da lagen sie in kreuz und quer über den Weg, die gefällten und entrindeten Bäume, einer über den anderen, dazwischen die Wälle des halbdürren Geästes, die Reisigstöße, die Rindenhaufen, Barrikade um Barrikade über den ganzen weiten Plan hin. Darüber die heiße Sonne, einen harzigen Dunstbrodem legend über dieses abscheuliche Schlachtfeld. Der Knabe begann ohne alle Umständlichkeit über das Gebäume und alles Blockwerk dahinzuhüpfen unter seinem Hute, der ihm über das Näschen, in seiner Jacke, die ihm bis zum Knöchel ging. Das wulstige, schlotternde Gewand war schier ohne Inhalt, wie ein komisches Gespenstlein sah das aus. Der Herr stieg, ritt, kroch, schlüpfte, kletterte, rutschte, sprang, fiel, raffte sich wieder auf und begann endlich, da das Fluchen absolut zu nichts führte, sich lustig zu lachen. Wie sich der Berthold mit dem großen Rucksack weiterhalf, das war seine Sache. »Hast du dich schon zutodt gefallen, Berthold?« »Zu dienen, Euer Gnaden.« Drüben am Waldrande schmetterte es, unter dumpfem Gedröhne stürzte ein Baum zu Boden, während das Rauschen der Säge, das Pochen der Beile schon das Sterben der nachbarlichen Stämme kund tat. »Selben sein die Holzknecht!« rief der Knabe und lief den Hang hinab. »Kleiner, so warte doch!« Nein, der Junge hielt seine Aufgabe für gelöst und der Herr mußte seinen Dukaten wieder in den Westensack stecken. Dann setzte er sich auf einen Stock, aus dessen Poren just kein Pech floß und schaute den Holzhauern zu bei ihrer Arbeit. Die schwitzten so heftig, daß der prickelnde Dunst bis zu den Stadtnasen herüberkam, aber sie zeigten keine Müdigkeit; langsam, gleichmäßig, wie aufgezogene Automaten sägten sie, hieben sie, hackten sie. Andere schälten die Rinde los, so daß der weiße, feuchte Bast offen lag; andere zimmerten an einer endlos langen rinnenförmigen Brücke, die schräge den Hang hinabging gegen die Schlucht zur Kohlstatt. All diese Dinge wußte der Herr sich anfangs nicht zu deuten. Später haben ihm's die harzigen Waldteufel erklärt. – Der Wald zieht sich stundenlang hin, die Bergkuppen dort hinten, sie sind blau aus lauter Ferne, sie gehören noch zu diesem Walde, und so wie hier werden mit der Zeit alle Bäume, die Millionen, geschlagen und verkohlt oder zu Bauholz, zu Brettern verarbeitet. Und das, das geht immer so fort, jahraus, jahrein. So ein Holzhauer kommt mit seinem Rückenkorbe Sonntags abends oder Montags früh stundenweit aus einem Dorfe herauf, heimt sich die Woche über in der Blockhütte ein, die dort oben steht, die Käser nennt man sie. Dort haben ihrer ein Dutzend Nachtlager und den gemeinsamen Kochherd. Um sechs Uhr früh gehen sie in den Schlag, um sechs Uhr abends spannen sie aus. Ist der Wald weitum geschlagen, so brechen sie die Hütte ab und bauen selbe an gelegentlicherer Stelle wieder auf. Am Samstag gehen sie hinaus in ihre Dörfer. Die einen haben Weib und Kind, die anderen sind nichts als Knechte, wissen nichts als Schlag und Kohlstatt und haben nichts als ihren Rückenkorb, den Behälter für Werkzeug, Mehl und Fett. Denn Mehl und Fett, das ist die Nahrung dieser starren Kraftkerle, die freilich vorzeitig verbogen, hinkend, lahm und kernmorsch werden, denn die Arbeit ist aufreibend und voller Gefahr, so frisch und idyllisch sie aussehen mag in Gottes freier Natur. Da vergeht kein Jahr, ohne daß die stürzenden Stämme sich rächen – diesem ein Bein, jenem schnurgerade das Leben nehmen. Es ist ein Kampf. Für die Holzhauer hatte der Diener schon einen andern Ton. »Und jetzt sage mir einmal, lederner Kerl mit dem Rindengesicht, wollet ihr eine bequeme Tragbahre bauen und euer vier Mann diesen Herrn da in das Windlegtal hinauftragen?« »Können mir nit tun, weil der Holzmeister nit da ist. Was uns der schafft!« »Sakerment, kann denn gar nichts sein! Und wo ist der Holzmeister?« »Der?« Der Holzknecht lacht. »Der ist heut' 'gangen Wildschützen fangen mit dem Jäger.« »Wildschützen?!« Der Herr horcht auf, das interessiert ihn. Das ist kernfrische Romantik. Auch ist er ein großer Jagdfreund, einstweilen allerdings nur in der Theorie, denn zu Paris jagt man vorwiegend nur nach schönen Damen. »Ei, Wildschützen, sagst du. Siehe, davon mußt du mir erzählen.« »Hau, was gibt's da zu erzählen. Ist halt ein Wildschütz. So ein Waldbauer. Ein armer Teufel, dem die Hirschen und die Hasen das Kraut fressen.« »Und ist der Jäger oder Förster denn sehr strenge?« »Das glaub' ich, daß er streng' ist. Hat halt den Auftrag von der Herrschaft.« »So. Und jetzt sage mir, was verdient sich so ein Holzknecht?« »Verdienen? Nix. Wenn's Jahr zu End' geht, hat man g'rad' so viel, wie wann's angefangen hat. Übrig bleibt nix, als das Altwerden.« »Und Pension?« »Wer? Wir? Wir Arbeitsleute Pension? Von woher ist denn der Herr?« »Fünf Gulden für den Mann, wenn ihr mich jetzt hinauf zum Berghaus tragt.« »Hab's schon gesagt, 's ist der Holzmeister nit da. Und wir müssen jetzt die Schicht fertig machen im Holz.« Der Berthold, ein treuer Diener seines Herrn, zerrte den Holzhauer am Hemdärmel hinter eine junge Lärche und duschelte ihm etwas ins Ohr. Der Waldmensch schnupperte mit der Nase, lugte unsicher umher, rief hohlstimmig einen Kameraden. Dann hoben sie etliche Fichtenäste auf, banden sie mittelst jungen zähen Zweigen ineinander und die Sänfte war fertig. Ein Riesen-Geiernest, da setzte der Herr sich hinein. Vier Holzknechte hoben es an den nach außen stehenden Astschäften und so ging es sachte bergan. Der Berthold stieg hintendrein und hatte wachsamen Blick, daß die Männer dieses Heiligtum hübsch wagrecht trugen und der Insasse nicht etwa nach einer schiefen Seite herabpurzeln konnte. Dieser hockte fast bequem in seinem duftenden Reisig, schmauchte eine Zigarre, um den säuerlnden Schweißgeruch der Träger zu verscheuchen und betrachtete sich die Gegend. Nach rückwärts war die Tiefe schon so bedeutend, daß die Wälder der Niederung in blauen Tinten lagen und die Berge jenseits schroff und massig anstiegen, dieweilen allmählich ein Kamm hinter dem anderen hervortrat. An beiden Seiten steile Lehnen, mit hellgrünen Sträuchern bewachsen, mit Felsklippen bespickt. Nach vorne stieg die Schlucht steil an über ein wildes Bachbett mit massigen Steinblöcken, die aber trocken und fahl waren; nur in einem tiefen Sandschrunde sickerte ein braunes Wässerlein. Das Engtal stieg im Gestein terassenförmig an und hinter der dritten Terrasse, als eine scharfe Felsrippe umgangen war, standen sie im Windlegtal und nun lag in einer weiten Runde die Eiswelt da. Im ersten Augenblicke schien es, daß die nächste Moräne mit einem flinken Steinwurf erreicht werden könnte. An einer weiteren Moräne oben, scheinbar nahe dem Gletscher, lag ein taubengraues Kästchen. Aber das dauerte noch länger als zwei Stunden, bis sie über Geröllfelder, über mattgrüne Almkessel, über Steinhalden und Kare bis zur tiefen Schlucht kamen, in welcher ein schweres Wasser dahintoste. Das Kästchen hatte mittlerweile Augen bekommen und die Augen waren Fenster, aber das Berghaus stand jenseits der Schlucht und mußte in einem großen Bogen erreicht werden. Glatt ging es nicht auf den acht Füßen, einmal stolperte dieser, einmal strauchelte jener im felsigen Geklobe; einmal tat von den Trägern dieser einen Fluch und dann machte jener einen Witz, den der Herr glücklicherweise nicht verstand. Im Hochkar waren sie zwei Jägern begegnet. Einer derselben schritt derb auf die Holzknechte zu und stellte sie zu Rede darüber, was sie da machten und ob sie nicht wüßten, daß kein Fremder durchs Windlegtal heraufgehen dürfe! »Desweg' laßt er sich ja tragen,« sagte einer der Knechte schalkhaft. Ein zweiter lispelte dem Jäger etwas zu, dieser machte seine buschigen Augen auf, nahm den Hut ab, dann trabte er mit seinem Genossen weiter. Diese beiden Jäger aber trieben einen alten Mann mit sich. Derselbe schwankte gebeugt unter der Last eines todten Tieres, das er am Rücken trug, unsicher dahin; unter der niedergedrückten Hutkrempe war nur das spitze Kinn und der graue Schnurrbart zu sehen. »Haben sie ihn halt doch derkrabbelt, den armen Teufel!« sagte' einer der Holzknechte. »Aber daß er einen Rehbock geschossen haben sollte?« »Glaub' nit!« der andere, »den werden sie ihm nur aufgeladen haben. Der Kürsteiner Michel soll vorige Woche wohl auf einen Hirschen 'zielt haben, der ihm in den Garten ist ein'brochen. Aber nix 'troffen.« »Und dennoch ein'gangen: Den lassen sie vor Weihnachten nit heim!« Der Herr in der Sänfte hatte sich über diesen Fall noch einiges erzählen lassen, dann wurde er mißmutig. Und als sie an die Stelle kamen, wo der Weg – tatsächlich »Weg« nannten sie den Steinhaufen – steil anstieg gegen das Haus, da ließ er halten. – Das ist doch zu dumm. Vier abgerackerte Männer müssen einen jungen, gesunden Menschen schleppen. Das ist doch zu dumm! – Hat er's gesagt? Oder bloß gedacht? Oder hat es nur der Berthold gedacht? Oder von den vier Holzknechten einer? Es ist nicht genau festzustellen. Kurz, der Herr war von seiner Tragbahre gestiegen und hatte die Männer entlohnt. Als sie ihre Fünfguldenscheine zwischen den knochigen Fingern hielten, glotzten sie blöde drein. Darf man das nehmen? Es ist ja ein ganzer Wochenlohn! Für die paar Stunden da. »Wir werden's halt dem Meisterknecht geben,« sagte der eine. »Hat mich der Meisterknecht getragen?« Fast unwirsch war der Herr darüber, daß es in dieser Gegend gar so ehrlich zuging. So arm und so ungerecht und doch so ehrlich. Die Männer schüttelten ihre struppigen Köpfe, der eine warf vor lauter Staunen seinen schwammigen Filz zu Boden und hob ihn wieder auf. Und dann gingen sie – die Tragäste im Gestein liegen lassend – niederwärts gegen die Schlucht. Die Wanderer stiegen nun den letzten Ruck hinan zum Berghaus. Das war nicht eines jener alten Hospize mit dicken Mauern, kleinen Guckfenstern und flachem, breit ausspringendem Dache. Es war ein ziemlich neues luftiges Gebäude mit zierlichen Balkonen und Dachgiebeln, fast mehr auf das Malerische, als auf das Feste bedacht. Der steinige Platz ringum war leicht eingeplankt, nach einer Seite fiel es steil in die Tiefe ab, hinterwärts ging ein in den Felsen gehauener Steig gegen die Eiswüsten empor. Die Kegel und Kare ringsum waren kahl, nur durch die Schlucht herauf blaute das Waldland. Vor dem Hause stand ein kleiner Mann, der hatte eine Kniehose und eine Lodenjacke an, sein blonder Vollbart war städtisch gepflegt. Einen Feldstecher in der Hand, hatte er lange hinabgeforscht in die Kare, als dort die Männer langsam, mühselig und winzig wie Milben sich vorwärts bewegten. Nun trat er ihnen entgegen und lüpfte artig sein befedertes Hütchen. Das war der Wirt. Dann kam auch die Wirtin hervor, ihre Herzensfreude nur schlecht verhehlend, daß doch endlich wieder einmal ein paar Gaste kämen. Sonst war niemand zu sehen. An einem Wandvorsprung hockte eine scheckige Katze, in deren grünen Augen sich unbehagliche Überraschung spiegelte. Im Vorhause waren Gebirgsstöcke, Eispickel und andere Ausrüstungen. Im eisernen Ofen des Gastzimmers prasselte bereits ein Feuer. An den Wänden desselben hingen Gebirgskarten, touristische Verordnungen und ein Speise- und Getränketarif. In den Schlafstuben gab es Betten zur Auswahl, aber die Wollendecken fühlten sich etwas feucht an. In einem der Fenster saß wieder die scheckige Katze und tat schnurren, als sei ihr bange, ob nicht etwa gerade das Bett ausgewählt werde, in dem sie ihre Nachtruhe zu halten pflegte. – »Nun, Herr Wirt, was kann man zum Souper haben?« Der Berthold las den Tarif. »Vor allem eine Bouteille Wein. Schön. Oder willst du erst ein Glas Bier, Berthold?« »Flaschenbier, bitte, ist ausgegangen,« wendete der Wirt ein. »Was denkst du über Rostbraten mit jungen Kartoffeln?« »Rostbraten ist momentan nicht da.« »Oder ein Backhuhn?« »Will einmal die Frau fragen.« Sehr bald kam aus der Küche die Botschaft, mit Huhn könne man leider nicht dienen. »So ist doch gewiß Wildbret vorhanden?« »In voriger Woche hat's noch ausgezeichnetes Wildbret gegeben, meine Herren. Aber vor den Jagden darf nichts geschossen werden.« »Also in Gottesnamen etwas von Eiern.« »Vielleicht Schmalzeier mit Schnittlauch?« riet die Wirtin. Der Berthold raunte seinem Herrn zu, der Schnittlauchvorschlag lasse vermuten, daß die Eier nicht mehr frisch sein würden. »Aber du mein Gott, etwas Genießbares wird doch zu haben sein!« rief der Herr. »Es wird doch ein Stück Rindfleisch im Hause sein!« »Lämmernes, wenn den Herrschaften gefällig wäre?« »Also meinetwegen Lämmernes.« »Es wird ganz frisch sein,« sagte der Wirt und eilte hinaus. Sie setzten sich zum mit rotem Tuch gedeckten Tisch am Ofen, schenkten sich Wein ein und rauchten Zigarren. Dem Berthold war ganz eigen, daß der gnädige Herr so leutselig neben ihm saß nnd mit ihm plauderte, wie mit seinesgleichen. Der Herr schaute in die Hängelampe, die schon angezündet worden war, blickte dann zum Fenster hinaus, ins blasse, kalte Schneelicht des verglimmenden Tages, dann schüttelte er sich wie im Fieberfrost und lachte. »Na!« rief er aus, »das habe ich mir etwas anders gedacht. Im Verhältnis zu dem, was man über dieses Gebirge spricht und schreibt, ist es verdammt einfach hier herum. Ich hatte mindestens ein paar Tische voll lustiger Touristen zu finden gehofft im Berghause. Ei sieh, da bringt die liebenswürdige Frau Wirtin ja Ansichtskarten mit unserem Alpenhotel. Schön. Das ist immerhin etwas. Wollen einmal den guten Freunden schreiben. Sage mir, Berthold, wenn du Ansichtskarten schreibst, fällt dir etwas ein?« »Aber, Euer Gnaden! Dafür sind Ansichtskarten, daß einem nichts einzufallen braucht. Man schreibt den Namen darauf.« »Und wenn einem der auch nicht einfällt? In der Tat, Berthold, ich muß mich besinnen. Es ist mir einigermaßen fabelhaft zumute. Wenn man sich aus der Riesenstadt monatelang nach Natur sehnt. Und wenn man da ist und sich sagt: Der kürzeste Weg zur Stadt zurück wäre mir der liebste!« »Das gibt sich bald, Euer Gnaden. Morgen wird uns der heutige Tag schon Spaß machen.« »Wo sollen wir denn morgen nächtigen?« »In den Hammerwerken zu Moosbach. Wir wollen aber vielleicht doch die Gletscherwanderung nicht machen, schon aus dem Grunde, weil kein Führer da ist.« »Zum mindesten hätte ich Gefolge mitnehmen sollen. Diese romantische Anwandlung!« Es war ihm ärgerlich. Als der Wirt den Tisch deckte, Teller und Eßbesteck und viel Gewicht auf Pfeffer und Salzgefäß, auf Senf und Paprika, auf Servietten und Zahnstocher zu legen schien, wurde der Weg des nächsten Tages besprochen. Das Wetter würde aushalten, es streiche der Gletscherwind. Morgen über das kalte Gschwänd in sechs Stunden nach Moosbach. – Die Sänfte lag freilich noch unten im Steinkar, aber die Holzhauer waren zu früh entlassen worden. Über das kalte Gschwänd! Sechs Stunden! Der Wirt zuckte die Achseln, dort wäre ohnehin noch guter Weg, von Moosbach her sei es nicht gesperrt. Der Berthold blätterte im Fremdenbuch. In den letzten Jahren standen nur wenige Touristen verzeichnet, doch lobten sie die freundlichen Wirtsleute, die Verpflegung war kaum erwähnt. Das neueste Blatt war herausgerissen. Endlich kam die Frau Wirtin mit dem Lämmernen. Es war auf dem Porzellanteller hübsch mit einem grünen Kräuterkränzlein garniert, es lagen ein paar Zwiebelmandeln daran und ein paar Limoneschnitten darüber. Es war recht appetitlich anzusehen. Die Wirtsleute wünschten »wohl zu speisen«. Der Braten war in der Tat ganz delikat. Nicht, als ob bloß der Hunger so gut gekocht hätte, man merkte es an der Zartheit und Würzigkeit des Fleisches, daß das Lamm auf köstlicher Alpenweide fett geworden. Schließlich nahm der Berthold die Knöchlein mit den Fingern auf und nagte sie säuberlich ab, was der Herr als gar nicht unklug fand; er erinnerte sich, einmal gehört zu haben, daß gerade an den Knochen das beste Fleisch sei. Dann wischte der Herr sich mit der feingefalzten Serviette Finger und Mund ab, nahm einen Schluck Wein und sagte mit Behagen: »Alle Achtung! Auch bei Sarrien und Guillain soupiert man nicht besser.« Der Berthold ging hinaus, um nachzusehen, ob das Schlafzimmer in Ordnung sei. Die Wirtsleute setzten sich zum Herrn, waren wohlgemut und gesprächig und erzählten allerhand Lustiges aus dem Bergeleben. Zuletzt nahm der Wirt die Guitarre von der Wand, um das eingenommene Abendmahl noch mit ein paar frischen Alpenliedern zu feiern. Da kam der Berthold herein und machte ein Gesicht, als ob im Schlafzimmer irgend etwas nicht in Ordnung wäre. Der Wirtin fiel das auf und sie eilte hinaus, der Wirt wollte wieder einmal nachsehen, ob sich nicht etwa der Wind gedreht habe. Der Berthold war etwas gedrückt und fragte: »haben Euer Gnaden vorhin am Fenster die scheckige Katze gesehen?« »Die Katze! Sollte sie dir über den Rucksack gekommen sein?« »Weiß nicht, Euer Gnaden. Mir ist unheimlich. Diese gefleckte Katze –« »Ich denke, sie wird auf eine Stelle in unserem Schlafgemache reflektieren.« »Eine solche scheint ihr allerdings sicher zu sein, Euer Gnaden. Das Luder ist nirgends zu sehen. Hingegen fand ich in der Küche ein scheckiges Katzenfell – frisch abgezogen...« Der Herr erhob sich rasch. »Was sagst du. Berthold? Am Ende –!« Der Diener nickte zustimmend. »Überzeugt bin ich davon!« – »Frau Wirtin!« Sie eilte etwas erregt herein: »Gefällig, meine Herrschaften?« Der Herr nahm sie mit festem Griff am Arm: »Könnte ich das Fell nicht bekommen von dem Lamm, das Sie uns vorhin geschlachtet haben?« Sie kreischte auf: »Das hab' ich mir gedacht! Das hab' ich mir gedacht!« – Laut weinend hat sie alles gestanden. – Und das war eine traurige Geschichte. Das Unglück habe sie schon lange verfolgt. Nun seien sie vollends ruiniert und könnten die Hütte zusperren, besser heute, als morgen. Aber die Herren hätte man doch nicht verhungern lassen können. Mit Kartoffeln in Wasser gekocht würden sie nicht haben fürlieb nehmen wollen. Sie holten ja zeitweise Vorräte herauf, aber bis wieder einmal wer käme, sei alles verdorben. Und just allemal, wenn nichts im Hause sei, führe der Teuxel wen daher! Früher sei es anders gewesen. An manchem Tag dreißig – auch vierzig Touristen. Der Alpenklub habe das Haus gebaut, sie hätten es auf zehn Jahre gepachtet, ihr kleines Ersparnis dran gewendet und wären ruiniert. »Was allerdings nicht für Sie spricht!« sagte der Herr. »Wir können nichts dafür, daß der Weg durch das Windlegtal und durch die Waldungen verboten worden ist. Vom Oberjäger. Des Wildes wegen darf nicht gegangen werden. Die Wegtafeln herabgerissen, die Markierungen ausgelöscht, die Wege und Brücken zerstört. So geht jetzt alles auf der anderen Seite drüben und kehrt im Schwaighause ein, und mit uns ist's aus. Aus und vorbei. Und jetzt noch das!« – In tiefster Verzagtheit stand sie da. Dann kniete sie nieder vor dem Herrn, faltete die Hände und bat: »Kein Gift ist's ja doch nicht gewesen. Das Tier ist ganz gesund gewesen und hat auch nicht schlecht bekommen, wie man's wohl sieht. Von Herzen schön bitten wir, nur nichts sagen! Wir gehen ja so schon fort in der nächsten Woche.« Der Herr ist bei diesem freimütigen und einfältigen Bekenntnisse mit strenger Miene dagestanden. Dann hat er gefragt, ob man am nächsten Morgen beizeiten das Frühstück haben könne. Kaffee, in Wasser gekocht und mit Zucker. »Ja? Nun also, da kann nichts geschehen. Denn gute Nacht!« Der Berthold schien durchaus keinen weiteren Groll zu haben, er schlief balde und schlief fest. Der Herr hatte einen Katzenjammer. Zwar im Magen war soweit alles in Ordnung, obschon er sich von diesem Lammbraten für längere Zeit gesättigt fühlte. Ein anderes Unbehagen raubte ihm den Schlaf. Er stand auf und schaute zum Fenster hinaus. Eine kalte, starre, lautlose Nacht. Die Berge lagen in ihren blassen Wuchten da, schienen aber nicht so hoch zu sein als am Tage, wo ihre Gliederungen, ihre Wände und Bänke, ihre Kare und Schründe sie bauten. Darüber der gestirnte Himmel. Der Mann, der das Bild betrachtete, hatte nie etwas Langweiligeres und zugleich nie etwas Gewaltigeres gesehen, als diese Wüstennacht im Hochgebirge. Nachdem er lange am Fenster so gelehnt war, geträumt und gesonnen hatte über die Eindrücke dieses absonderlichen Tages, schloß er den Balken und machte Licht. Papier und Stift brauchte er aus dem Rucksack, wollte aber den Diener nicht wecken, kramte es selbst hervor und begann einen Brief zu schreiben. »Liebe Adelaide! Meine Depeschen aus Krumstein und Detmarsdorf wirst Du erhalten haben, sowie auch mir Deine lieben Nachrichten zugekommen und zur Freude gewesen sind. Seither manches kleine Reiseabenteuer, besonders der heutige Tag war einer der lehrreichsten für mich. Der Einfall, nach meiner Heimkehr aus Frankreich unsere Besitzungen incognito zu bereisen, war allerdings eine geistreiche Laune – und sie dürfte mehr bedeuten. Nachdem ich einen wenn auch nur flüchtigen Blick in das Leben dieser Waldleute gelegt, deren Arbeiten unsere Revenuen schaffen – Holzknechte, Kohlenbrenner, Häusler, Jäger usw. – gehen mir die Augen auf. Wie teuer wird das Leben auf der Riviera, der Aufenthalt in Paris, die Rennen und Spiele, der hundertfache Luxus erkauft mit der Lebenskraft anderer Leute. Davon hatte ich keine Ahnung. Wenn ich je darüber nachgedacht hätte, so würde man nach den Darstellungen der Verwalter ja glauben müssen, es hätte jedermann, der für uns arbeitet, gutes Auskommen und menschenwürdige Existenz. Und schon heute sehe ich es: die Pariser Bettler sind Rothschilde und Fürsten im Vergleiche zu diesen Waldarbeitern, deren Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Anspruchslosigkeit über alle Vorstellung geht. Und ich sehe, wie zahlreiche andere durch den Schwerdruck unserer Interessen zugrunde gehen. Nein, mein teures Kind, das habe ich nicht geahnt, und wenn es sich auf meiner fortgesetzten Inspektionstour auch anderweitig bestätigt, dann wird auf eine durchgreifende Änderung zu denken sein. In der Schweiz und in Frankreich ist mein Adelsstolz seltsamerweise nicht geringer geworden, und auf dieser Gebirgswanderung werde ich mir seiner erst recht bewußt. Wenn unsere Einnahmsquellen solcher Art sind, daß sie die Armut anderer bedingen, dann ist mir das Ding zu lumpig. Die Waldarbeiter beziehen einen Lohn, bei dem sie nicht leben und nicht sterben können. Den Kleinbauer führt man in den Arrest, weil er seine Feldfrüchte vor dem gefräßigen Wilde schützt, und von dem Souper im Gebirge will ich dir mündlich erzählen. Vorerst wisse nur, daß den Naturfreunden auf unseren Besitzungen die Wege verboten sind ins Hochgebirge. Nach der Rückkehr werde ich einmal meine Herren zusammenbitten und ein bißchen Musterung halten. Diese Zeilen schreibe ich in einem tristen Alpenwirtshaus zur nachtschlafenden Stunde. Ich fühle mich etwas aus dem Gleichgewichte geraten und gäbe was darum, Empfindungen und Gedanken, die jetzt mich beunruhigen, mit Dir besprechen zu können, Du hattest doch in so vielem Recht, was ich bisher auf altem Geleise nicht zugeben wollte. Man war ein ganz gemeiner Aristokrat, aber kein Edelmann. – Lebe wohl. Ich will noch ein paar Stunden zu schlafen suchen, denn für morgen hat Berthold, der sich wieder als tüchtiger Junge bewährt, eine beschwerliche Wanderung arrangiert. Aber von jetzt an werde ich weder mit vier Pferden, noch auf vier Holzknechten reisen. Seine gräflichen Gnaden dürften geruhen, sich fürderhin mehr an seine uraltangestammten Besitztümer zu halten – an zwei Beine und zwei Arme, mit welch letzteren in sechs Tagen Dich umfangen wird Dein Ferdinand.« Ein Theatererfolg »Geehrter Herr Hendlbadschi! Ihre Tragödie »Das Blutgericht« habe ich erhalten und sofort gelesen. Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen mitteilen zu können, daß das Stück zur Aufführung angenommen ist. Die Premiere soll schon am 27. Februar stattfinden, und denke ich, daß Sie nach langem vergeblichen Bemühen auf diesem Felde die Genugtuung eines großen Erfolges haben werden. Ich, sowie meine brave Gesellschaft werden gewiß das Möglichste hierzu beitragen. Seien Sie für den genannten Tag höflichst eingeladen, sich der Direktionsloge zu bedienen. Gewiß wollen Sie auch Ihrem Fräulein Braut die Freude gönnen, Ihrem Ehrenabende beizuwohnen. Ihr stets wohlgeneigter Ringelbaum, Theaterdirektor.« So, das wäre auch gemacht. Direktor Ringelbaum schleudert die Feder hin, steht flink von seinem Drehstuhl auf und reibt sich die Hände. – Ja, mein frecher Hendlbildschi! Du chronische Landplage aller Theaterdirektoren, nun wollen wir dich einmal kurieren. Dein »Blutgericht« soll dir einen Erfolg bringen, an den du dein Lebtag denken wirst. Und Fanny, die kleine, blonde Bestie. Ich glaube, daß sich so großartig noch kein verschmähter Liebhaber gerächt hat. In den Zwischenakten sollen Kellnerjungen mit Bier, Kindertrompeten und faulen Eiern herumgehen. Die Direktionsloge wird von außen zugesperrt. Vor dem P. T. Publikum rechtfertigt mich der Faschingdienstag. »Das Blutgericht.« Na – gehorsamer Diener! »Meine Herzensfanny! Schwerenotsmädl! Bum! Bum! – Hörst Du es? Das sind die Siegessalven. Endlich einmal. Soeben hat mir mein Gönner, Herr Direktor Ringelbaum, mitgeteilt, daß das »Blutgericht« zur Aufführung kommt, und zwar schon am 27. Februar, also nächsten Dienstag. Gerade von diesem Stücke – es ist ja eine Jugendarbeit von mir – hätte ich's am allerwenigsten gedacht. Ich bin außer mir. Wie oft bin ich aus der Haut gefahren, wenn die Wische zurückkamen, aber außer mir, so außer mir – noch nie. Wie ein bummelwitziger Falter tanzt meine Seele (jetzt spüre ich, daß eine vorhanden ist) um die schmachtende Gestalt, genannt Balduin Hendlbadschi, den lieben Kerl bewundernd, der das »Blutgericht« geschrieben hat. Ein reizender Mensch, dieser Ringelbaum. Mag seinen himmlischen Brief nicht den Zufälligkeiten der Post anvertrauen, bringe ihn Dir morgen selber. In der Direktionsloge, denke Dir, werden wir sitzen. Tue mir doch den einzigen Gefallen, Dir bei der Schneiderin sofort eine Rosaseidenrobe zu bestellen; Du, mein süßes Kosekatzerl, sollst den Neid der gesamten Damenwelt entfachen, wie ich den der Dramendichter des ganzen deutscheinigen Reiches. Bum! Bum! Ttschinradatschin! Ich beschwöre Dich, Fanny! Wirf Dein Divankissen auf die Erde, knie drauf und bet' mich an als Deinen verklärten, in alle Himmel entrückten und verzückten, triumphierenden Baldl.« Die Rückantwort erschien noch an demselben Tage durch einen Knaben, der zwei Silberzehner bekommen hatte, damit er recht laufen sollte. Das Briefchen war tatsächlich noch feucht geklebt, Handlbadschi küßte dieses Feuchte mit wütender Inbrunst auf. »O mein geliebter Jüngling! Endlich also ist Dein Ringen und Harren und Dulden gekrönt, Du nun bald mit Lorbeeren bekränzter Held. Wollte Dir gleich einen Zweig senden, aber der Gärtner hat noch nichts. Na, der kann sich sputen. Ich freue mich furchtbar auf den Dienstag. Ob jedoch lichtrosa Seide paßt für das Trauerspiel, wo es mich schon jetzt gruselt, wenn der schwarze Ritter kommt und die engelsschöne Rosa ersticht! Da wird man im Theater wohl mehr Taschentücher sehen, als was anderes! Vergiß nicht, Deinen Frack zum Fleckputzer zu geben. Wer weiß, wie oft sie Dich auf die Bühne schleppen, Du armer Kerl. Aber nachher gehen wir in den »Hirschen« soupieren. Gott, wenn mich nur nicht früher der Schlag trifft! Mein Herz pumpert seit Deinem Brief und es ist alles so ganz lebendig in mir. Meine Quartierfrau sagt, sie möchte auch hineingehen, wenn sie eine Karte haben könnt. Gib ihr eine, sie soll recht baschen. Komm nicht zu spät morgen, kann Dich schon nimmer erwarten.« Ohne Datum und Unterschrift natürlich, aber Hendlbadschi wußte recht gut, woran er war. Die Nachschrift: »Deinem gar zu netten Briefe entnehme ich, daß Du den »Witzbold in der Westentasche« schon gelesen hast. Bringe ihn mit, der N. will ihn zurückhaben.« Gruppenweise standen an den Straßenecken die Leute beisammen und lasen den großen, purpurroten Theaterzettel: Theater. Heute, am Faschingdienstag, den 27. Februar 1900: Das Blutgericht. Trauerspiel in fünf Akten von Balduin Hendlbadschi. Personen: Graf Rodelich von Lilienburg ... Herr Wallner. Rosa von Lilienburg, seine Schwester ... Frl. Florelli. Kuno, der schwarze Ritter ... Herr Müller. Galerakom, ein Hirte ... Herr Bromberg. Muhu, ein Stier ... Direktor Ringelbaum. Volk. – Zeit: Mittelalter. – Ort: Der Spessart. Im Blätterwald war es still wie vor einem Sturm. Keine Zeitung brachte eine Reklamenotiz, es war ein fast feierliches Entgegengehen dem Ereignisse. Eine Stunde vor Eröffnung des Theaters drängte man sich vor dem Eingang und rot von der Wand leuchtete es nieder: Das Blutgericht! Die Besetzung war eine ausgezeichnete. Der Heldendarsteller Wallner, ein Recke mit donnergewaltiger Stimme, der Liebhaber Müller mit dem üppigen geringelten Lockenhaar, das immer so pechschwarz und feucht war. Der Charakterdarsteller Bromberg mit den Intriguantenfalten im glattrasierten Gesicht. Direktor Ringelbaum, der so selten spielte, nur in Rollen, wo sein schöner Schnurrbart nicht störte; ein boshafter Rezensent hatte einmal behauptet, dieser Schnurrbart stehe ihm höher als die Kunst. Und endlich Fräulein Florelli, in der Studentenwelt Forelle genannt, eine Liebhaberin, deren Reize es glaubhaft machten, daß man sich ihretwegen mit Papiermachédegen duellierte, mit blindgeladenen Revolvern erschoß, mit leeren Giftbechern vergiftete. Und diese Lieblinge des Publikums sollten die neue Tragödie heute zur Darstellung bringen. Der Dichter war völlig unbekannt. Man wollte wissen, daß Balduin Hendlbadschi ein angenommener Name sei, hinter dem sich eine hochstehende Persönlichkeit verberge. Andere wollten den Mann als jungen Privatlehrer kennen, der immer zu kurze Beinkleider und einen zu hohen Zylinder trug und wenigstens schon so viele klassische Stücke geschrieben hätte, als Goethe und Schiller zusammen. Direktor Ringelbaum habe es mit Mühe dahin gebracht, daß der Dichter sein neuestes Drama aufführen lasse, so bescheiden sei er. Weil aber alles Hehre durch Bosheit verdorben werden muß, so erdreistet sich ein schmieriger Coulissenbursche zur Behauptung, »das Blutgericht« sei schon der dreizehnte Schund, den Herr Hendlbadschi seit zwei Jahren bei diesem Theater eingereicht habe. Er setze durch seine Zudringlichkeit alle Dramaturgen in Verzweiflung. Man werde wohl sehen! In einer Galerieecke des Theaters hockten drei halberwachsene Buben, ein wenig zerzaust an Kleidung und Haar, aber kunstbegeistert. Die führten zischelnd – zwei waren stark zahnlückig – ein Gespräch: »Wieviel hat er dir gegeben?« »Eine Krone. Und dir?« »Auch eine Krone. Aber aufpassen sollen wir, hat er gesagt. Wenn die Leute baschen, müssen wir pfeifen, und wenn die Leute pfeifen, sollen wir baschen. Und wenn sie nach Abschluß still sind, müssen wir auch baschen.« »Warum denn? Wenn's durchfallen soll!« »Du bist dumm. Wenn nicht ein paar anheben zu baschen, wird dir dein Lebtag kein Stück ausgetrampelt.« »Ich möcht' nur das wissen, warum der Direktor ein Stück austrampeln lassen will, wo er selber mitspielt.« »Ja, mein Lieber! Das geht um ein Frauenzimmer her!« »Aaah, jetzt verstehe ich! Na, da hätt' er schon zwei Kronen geben können.« Das Haus war überfüllt. Es konnte kein Apfel zu Boden fallen. Der von einer Kinderloge fallende Apfel fiel einem alten Major auf den Schädel. Hätte der Mann nicht schon Kanonenkugeln über sein Haupt summen gehört, er würde wahrscheinlich ob dieser unvorhergesehenen Fruchternte ungehalten gewesen sein. Fünf Minuten vor Beginn entstand Bewegung. In der Direktionsloge war ein Herr und eine Dame erschienen. »Die Pinselduse!« raunten sich die Leute zu, besonders die Herren, während die Damen ihre schönen roten Mündchen verzogen. Die kein Mündchen hatte, verzog den Mund. Interessant war die junge Malerin allen, man merkte es wohl. In ihrem schwarzen, enganliegenden Seidenkleid, mit dem gelben Haargekrause, welches wie ein ungebärdiger Heiligenschein das weiße Rundgesichtchen umgab, hatte sie heute ein ganz distinguiert geniales Aussehen. Mit dem graubehandschuhten schmalen Händchen wedelte sie den großen japanischen Fächer, eines ihrer eigenen Meisterwerke, so daß man das lichte Gesichtchen nur immer als Halbmond zu sehen bekam. Sie plauderte scheinbar harmlos mit ihrem Begleiter, dieweilen ihre Blicke wie zwei lose Vöglein im Hause umherflogen, voll heimlichen Vergnügens darüber, sich beobachtet zu sehen. Leute, die es wußten, daß die Pinselduse noch nie auf so exponierter Stelle gesessen, wunderten sich über ihre Routine. Sie war wie geschaffen, um zu glänzen und gesehen zu werden. Dem Herrn zu ihrer Linken glückte es nicht so gut. Er war in pechschwarzem Anzug, mit weit ausgeschnittener weißer Brust, weißer Krawatte und Stehkragen, der seine Kopfhaltung in eine Art Zwangslage brachte. An den Ärmeln standen die weißen Manschetten weit hervor über die maikäferbraunen Handschuhe, und damit man sie auch sah, legte er die Hände stets auf die Brüstung, und wenn die Manschetten unter den Ärmel rutschen wollten, schob er sie durch eine wie zufällig scheinende Bewegung hervor. Er saß steif aufrecht und überragte seine rundliche Dame um Kopfeslänge. Er hatte ein blasses Gesicht mit blonden Koteletten unter den Ohren, zwischen der etwas kurzen Nase und dem gekniffenen Mund war eine breite Oberlippe, die nur an den Mundwinkeln Schnurrbartspuren zeigte; Wangen und Stirn waren mit dezent gesäeten Sommersprossen besetzt. Das aschblonde Haar war an der linken Seite sehr sorgfältig gescheitelt und vorne in einer Kurve aufgeschöpft. Der Mann befliß sich eines sehr tiefsinnigen Blickes, trotzdem hatte sein Gesicht manchmal etwas unruhig lustig Springendes. Er sprach scheinbar sehr eifrig mit der Dame, und seinen Gebärden und Mienen dabei sah man's an, daß sie »zum Fenster hinaus« gemacht waren. Manchmal wollte er die unbeholfene Verlegenheit mit Nonchalance bemänteln, lehnte sich zurück und tat, als sei ihm das alles so von ungefähr, so nebenbei, etwas, das seine Persönlichkeit noch lange nicht erschöpfe. Alle Operngläser waren nach ihm gerichtet – denn wie ein Lauffeuer hatte es durch das Haus gezuckt: Das ist Handlbadschi. Der Kapellmeister hatte aus dem »Freischütz«, den »Hugenotten« und dem »Propheten« eine grause Musik zusammengemacht, die ging durch Mark und Bein und bereitete vor auf die nahen Ereignisse, Hendlbadschi wußte wohl, daß der eigentliche Ruhm erst nach Schluß der Aufführung angehen könne, aber eine kleine Anleihe davon konnte er doch jetzt schon machen. Jetzt ist der Genius, der nach zwei Stunden vor aller Augen frei und leuchtend dastehen wird, noch geheimnisvoll verhüllt. Dieser Nimbus ist auch nicht zu verachten. Fanny warf manchmal einen Blick auf das Publikum, gleichsam: Ihr armen Kinderchens, noch wißt ihr es nicht, wen ich neben mir sitzen habe, wer in eurer Mitte lebt. Kling! – ganz leise. Die Brandung legt sich, der Vorhang hebt sich. Mondnacht. Felsenlandschaft. Man hört das Tosen eines Wasserfalles. Auf einer Rasenbank sitzen Kuno, der schwarze Ritter, und Rosa von Lilienburg. Sie schwören sich mit Ausdauer ewige Treue und küssen sich. Darob stockt – ein sehr sinniger Zug – der Wasserfall, es ist still, man hört das süße Schlagen einer Nachtigall. Diesen Umstand benützt das Paar zu einem schönen Reim. Rosa: O Geliebter mein, vernimm, es schweigt der Wasserfall! Kuno: Und hörst du, Mädchen, nicht die Nachtigall? Über diese Idylle senkt sich langsam der Vorhang. Natürlich kamen auch andere Szenen vor, und wunderschöne Sentenzen, die geradezu an niemanden Geringern als Friedrich Schiller erinnerten! Der Erzähler kann das nicht alles so wiedergeben, er muß sich mit Vorführung der Hauptsache bescheiden. Der erste Aufzug vorüber. Das Publikum war verblüfft. So verblüfft, daß es das Applaudieren vergaß. Hendlbadschi und Pinselduse nickten sich vielsagend zu. Diese heilige Ruhe ist mehr als Applaus. Sie sind in eine andere Welt versetzt. – Das Volk fand sich zuerst wieder, das schlichte Volk auf der Galerie. Dort begann es irgendwo zu klatschen, vier oder sechs Hände. Hendlbadschi wurde unruhig. Ob er nicht aufstehen und sich auf die Bühne begeben sollte? Fanny meinte, er möge warten, bis es noch dicker komme. Zweiter Aufzug. Dorfplatz. Jahrmarkt mit allerlei Volk, Marktschreier, Werkelmänner, Taschenspieler, im Hintergrunde Seiltänzer. Von der Kirche her Glockengeläute, Orgelklang, Liederchor. Die Leute strömen in die Kirche, darunter auch Kuno und Rosa, einander am Arm führend. Rosa in weißem Schleppkleid, Schleier und Myrtenkranz, Kuno im Harnisch und Helm, an der Seite ein breites Schwert. Vor dem Tore begegnet ihnen Graf Roderich von Lilienburg in rotem Samtwams, über der Brust eine goldene Kette, Barett mit bunten Federn. Roderich (zu Rose) : Wohin, Schwester? Rosa (auf Kuno deutend) : Frage meinen Herrn. Roderich: Ritter Kuno, du? Kuno: Ja, Herr Graf, ich. Roderich: Wohin führst du meine Schwester? Kuno: Zum Traualtar, Herr Graf! Roderich (sich in die Brust werfend) : Mein Herr! Kuno (sich auch in die Brust werfend) : Mein Herr! Roderich: Das wird nimmer geschehen, so lange ich lebe! Kuno: So stirb, du seichter Fant! (Zieht das Schwert, um den Grafen zu erstechen, trifft aber Rosa, die sich dazwischen geworfen hat.) Rosa (legt ihre Hand auf die Brust) : Ach, das tut weh! – Lebe wohl mein Geliebter, ich verzeihe dir! (Fällt um und stirbt.) Roderich (springt auf eine Stufe, ballt gegen Kuno die Faust und schreit mit furchtbarer Stimme) : Rache! Rache! Rache! Der Vorhang fällt. Im Publikum Bewegung. An mehreren Stellen wird geklatscht. Fanny will Taschentücher bemerken, Hendlbadschi eilt hinaus, rennt in den Vorgängen herum, findet endlich den Zugang zur Bühne, prallt an Kulissen und verlangt, daß der Vorhang sich hebe. »Da müssen Sie, bitte, schon warten, bis man Sie ruft!« sagt der Regisseur. »Einstweilen – hören Sie?« – Man hört ein paar schrillende Pfiffe. Hendlbadschi kehrte kreidebleich in die Loge zurück. »Man pfeift, weil man sich durch dummes Klatschen die Stimmung nicht zerstören lassen will,« sagt die Pinselduse. »Ich sehe Frauen, die bitterlich weinen.« »Die Komödie tut ihre Schuldigkeit,« flüstert Hendlbadschi scheinbar zufrieden, doch etwas unsicher. »Es ist ein furchtbares Stück,« haucht Fanny. »Ich hätte nicht gedacht, daß es so arg erschüttern könnte. Die Leute sind sehr aufgeregt.« »Das kommt noch besser!« sagt der Autor mit stoischer Gelassenheit. Doch fühlt er, seine Rolle für diesen Abend ist die schwerste. Es ist ihm, als ob er starken Wein getrunken hätte und über ein gespanntes Seil gehen müßte. Im Publikum gehen Bierjungen umher. »Frisch Bier gefällig?« Auch Biskuit haben sie auf ihren Tellern, Schinken, Eier und dergleichen. »Wozu ist denn das?« fragt ein gemütlicher Herr und langt nach einem rotangestrichenen Holztrompetchen, das zwischen den Eiern liegt. »Das kann man den Kindern kaufen,« antwortet der Bierjunge und zwinkert mit den Augen. »Nur fünf Heller.« »Da hast, Junge.« – Kling! – Dritter Aufzug. Freie Heide. Vom Buschwerk her das Blöken einer Herde. Gakerakom, der Hirt tritt auf, mit langem Rastelbinderhaar, in komisch zerfahrenem Gewand. Er philosophiert über das Glück der Armut, dann nimmt er seine Flöte vor und bläst, und singt hernach ein Lied mit dem Refrain: Ach, wie ist das so fein. Ein Schwein – ein Schwein – Ein Schweinedieb zu sein! Die Bühne verdüstert sich, es beginnt zu blitzen und zu donnern. Bei pfeifendem Sturm stürzt Ritter Kuno herbei, wirft sich vor dem Hirten nieder: »Gakerakom! Schütze mich! Ich beschwöre dich bei allem, was dir heilig ist, beschütze mich!« Gakerakom: Bist du nicht Kuno, der schwarze Ritter? Kuno: Ich bin's. Man will mich morden. Bin noch so jung und soll schon sterben. Ich will nicht sterben, nein, ich will nicht! Die Grausen des Todes, o! – Gakerakom! Lieber, guter Gakerakom, verbirg mich! Verbirg mich im Busch, unter deinem Mantel, wo du willst, nur rette mich! Gakerakom: Ich weiß nicht, Herr, ich weiß nicht. Mir scheint, es kommt ein Gewitter. (Donnerschlag.) Kuno (furchtbar bebend) : Hast du kein Pferd? Mein Grafenschloß für ein Pferd! – Uh, uh, er naht, er ist schon da! Graf Roderich: Ha, Bube! Mörder meiner teuren Schwester, du entkommst mir nicht. Hier hast du deinen Lohn! (Schleudert einen Wurfspieß nach ihm, trifft den Hirten.) Gakerakom: Was ist das für ein Geschoß, das in mein warmes Herz dringt? Ewige Gerechtigkeit, vom Himmel möcht' ich deine Sterne reißen, um den Mörder zu zermalmen! Ihr Blitz und Donner rächet mich! Ihr Blümlein der Au, ihr Tiere und Herden rächet mich. Ich bin des Todes! (Stirbt.) Graf Roderich: Wie? Den Kuno habe ich erstochen und der Hirte stirbt? (Zornig zur Leiche) : Kanaille, was hast du zu sterben, wenn ich den Kuno ermorde! Auf, Spitzbub, oder du sollst meinen Zorn fühlen. Wirklich? Wirklich tot? (In Jammer ausbrechend) : Ach weh, ach weh! alle Kreatur hat sich gegen mich verschworen! Kuno: Zurück, Schurke, von dieser Leiche! Neue Kraft gibt mir das himmelschreiende Verbrechen. Ich rate dir, geh bald zur Beichte. Ritter Kuno wird die Unschuld rächen! Vorhang fällt. In einigen Ecken der Galerie Applaus, im Publikum Widerspruch: »Ruhig!« Man zischt, eine Kindertrompete piepst. Gelächter und Händeklatschen, das sich durch das ganze Haus verbreitet. »Kommt denn die Forelle nicht wieder?« riefen die Studenten. »Aber die ist ja tot!« »Dann tröst' sie Gott!« Hendlbadschi neigt sich für alle Fälle ein wenig zurück, er weiß nicht ganz genau, wie ihm geschieht. Der Pinselduse ist sehr warm, sie flattert heftig mit dem Fächer. Auf der Bühne fragt der Regisseur den Direktor, ob man das Stück zu Ende spielen solle? »Aber natürlich!« »Also auf!« Vierter Aufzug. Meeresküste. Sonnenuntergang. Möven schwirren über die Bühne. Man hört das Gebrüll eines Stieres. Ritter Kuno tritt auf, schleichend, hastig, bleibt stehen, späht um sich: »Auf diesem Strandwege muß er kommen. Hier vollend' ich's! – O, der Qualen dieser letzten Tage! Vom Rachegott gekitzelt, mußte ich gleichwohl liegen auf dem Stroh, in den Eingeweiden ein mächtig Grimmen, denn meine Schaffnerin, die alte Hexe, hatte mir die Fisolen nicht gar gekocht. Und über meinem tatenlosen Sein kreisten die ewigen Sterne!« Ob dieser herrlichen Sprache geht durch die Zuschauer ein Hauch des Entzückens. Hendlbadschi will sich doch auf die Bühne begeben, vermag aber jetzt die Logentür nicht zu öffnen. Aller Aufmerksamkeit ist der Szene zugewendet. Aus dem Buschwerk trottet plump ein schwarzer Stier. Kuno: Welch ein Ungeheuer äfft mich hier! Graf Roderich (der hinter dem Stiere her auftritt): Ungeheuer? Du bist es, das größte auf dem Erdball! Stehe mir! Kuno: Dich hat dein Engel heut' verlassen, Schurke! Ich will dir heimleuchten ins ewige Leben! (Sie ziehen die Schwerter und fechten, aber so, daß sie den Stier zwischen sich haben und einer wie der andere sich durch das Tier zu decken sucht. Endlich holt Kuno zu einem mächtigen Hieb aus, trifft aber den Stier im Nacken. Dieser wankt, fällt schwer zu Boden, schiebt sich um und reckt die Beine hoch in die Luft. (Am Himmel ein liebliches Abendrot.) Und in diesem Augenblicke war's, daß – bei offener Szene – sich ein stürmischer, ein beispielloser Applaus erhob. Volles Männerlachen, kreischendes Frauenlachen, schmetterndes Kinderlachen erfüllte das Haus. »Ein Riesenerfolg!« flüsterte die Pinselduse dem Autor zu, »jetzt mach', daß du vor die Rampe kommst!« »Und jetzt gehe ich nicht,« sagte Hendlbadschi. Je mehr sie lachten im Hause, je mehr war ihm ums Weinen. »Du bist das größte Ungeheuer auf dem Erdball!« knirschte er dem Publikum zu. Der ganze Zwischenakt war belebt, die Leute standen in Gruppen, sprachen laut, lachten und blickten grüßend und zunickend nach der Direktionsloge. Frauen, die von der Pinselduse bemalte Fächer hatten, schwangen und schwenkten solche gegen die Loge. Der fünfte Aufzug war eine melodramatische Apotheose. Unter den weichen Klängen der Lorelei erhellte sich sachte der nächtliche Himmel, die Wolken teilten sich und im Verklärungsschein schwebten die drei heiligen Opfer: Rosa im weißen Brautkleide, dann Gakerakom und – der schwarze Stier. Die hehre Stimmung wurde leider beeinträchtigt durch den ungeheuren Heiterkeitsausbruch. Und junge Leute im Parterre riefen laut: »Die Forelle! Die Forelle!« Wie noch so die drei verklärten Gestalten in den flammenden Wolken standen, senkte sich langsam, feierlich der Vorhang. Der Beifallssturm ist nicht zu beschreiben. »Balduin Hendlbadschi!« schrien hunderte von Stimmen, und wahrend der Vorhang immer wieder aufging, und die Schauspieler, auch der schwarze Stier, sich verneigten, kam der Regisseur in die Loge, schleppte den Autor mit sich und auf die Bühne. – Von den eleganten Verbeugungen, die er sich eingelernt, war keine Spur, er torkelte, er taumelte. Mit seinen langen, steifen Beinen und spitzen Ellbogen war er eckig wie ein Drudenkreuz. Eine Dankesansprache hatte er sich ausgedacht, nun fand er von ihr weder Anfang noch Schluß, nur das Wort, von der »gütigen Nachsicht des Publikums mit dem bescheidenen Jünger der göttlichen Kunst« kam ihm auf die Zunge und das stammelte er auch. Die Herren standen auf den Sitzen und applaudierten, die Frauen rissen Blumen von ihren Hüten und warfen sie auf die Bühne. Und nachdem unter beständigem Lärmen und Tücherschwenken Hendlbadschi öfter als ein Dutzendmal herausgerufen war und die Diener schon das Licht abdrehten, begann endlich das Theater sich zu entleeren. Während die Menge unter lebhaften Gesprächen und Gelächter sich nach allen Seiten der Stadt zerstreute, luden Studenten den Hendlbadschi auf einen hölzernen Theaterschild und trugen ihn so auf den Achseln dem »Golden Hirschen« zu. Die Pinselduse eilte mit gehobenem Bauschrock allein durch die dunkeln Gassen, weinend vor Aufregung und Verdruß, daß man nicht auch sie auf die Schultern der Studenten gehoben hatte. Das nächste »Abendblatt« brachte folgenden Bericht: »Gestern hat uns unser Theater eine höchst gelungene und liebenswürdige Überraschung bereitet. »Das Blutgericht« heißt die Kanail– Pardon! – Tragödie, die uns zwei Akte lang so köstlich genasführt hat, bis es dem Publikum, und, offen gesagt, auch uns erst im dritten Akte klar wurde, es wäre die Parodie einer jener Ritterstücke, bei denen unsere Großmütter sich noch die Augen rot weinten. Die gestrigen Zuschauer haben sie sich rot gelacht. Es war ein Faschingsulk, der seiner übermütigen Laune wegen auch noch in der Fastenzeit viele ergötzen wird. Möge das Stück auf dem Spielplan bleiben, bis es alle lachlustigen Theaterfreunde gesehen haben. Wie wir hören, sollen sich bereits mehrere Bühnen telegraphisch um das Aufführungsrecht beworben haben. Der Verfasser, den nach der Vorstellung begeisterte junge Leute ins Hotel trugen, ist ein junger, schlichter Sprachlehrer, der durch diese humorvolle Schöpfung sich als einer der feinsten Geister unserer Stadt legimitiert hat.« Direktor Ringelbaum war schlecht gelaunt. »Mir gelingt schon gar nichts mehr. Ich ziehe mich ins Privatleben zurück.« Hendlbadschi las die Rezension bei seiner Pinselduse. Darauf lehnte er eine Weile im Sopha, zupfte an den blonden Schnurrbartschöpfchen und blickte dem Fräulein so ein wenig unsicher ins runde Gesicht. Endlich fragte er: »Fanny – und was denkst du?« »Ich? Daß du ein Lustspiel geschrieben hast.« »Wirklich? Es hat mir nämlich schon den Eindruck gemacht, als meinten Einige, ich hätte – allen Ernstes ein Trauerspiel schreiben wollen.« »Tröpfe!« sagte sie und kicherte heimlich in den weißen Fächer, auf den sie eben eine blaue Tulpe malte. – Es brauchen nicht gerade immer die gescheitesten Männer zu sein, die man heiratet. »Nur eins,« sagte sie und nagte dabei mit den weißen Zähnchen an der Unterlippe, »nur eines vermisse ich an diesem Lustspiel. Nämlich –« »Nämlich?« »Die letzte Szene. Wo sie sich kriegen.« »Aber Mädel! Sie haben sich ja schon!« flüsterte Hendlbadschi und küßte ihr das Handgelenk. In seinem nächsten Lustspiel will er diese gelungene Szene verwenden. Hoffentlich wird's kein Trauerspiel. Die Familie Kolbenblutt Im Hause des Rentmeisters Kolbenblutt herrscht eine strenge Zucht. Da ist sogar das Kranksein verboten. Das Kranksein vor allem! Nichts kann der Frau Kolbenblutt einen größeren Schrecken, einen tieferen Abscheu einjagen als irgend ein körperliches Leiden. Sie hält derlei geradezu für unsittlich, die ganze Erziehung ihrer Kinder geht darauf hinaus, daß sie gesund seien. Und doch müssen sie immer krank sein, doch hält der Wagen des Arztes vor keiner Tür so oft, als vor der ihren. Wenn jemand im Hause den Schnupfen hat – der Arzt muß gerufen werden. Wenn jemand hustet – der Arzt! Muß ein Kind des Tages zweimal hinaus, oder in zwei Tagen nur einmal – der Arzt! Hat die Frau Kopfweh oder die Magd Zahnweh oder der Junge ein bißchen Ohrenreißen – also gleich der Arzt! »Warum ißt du denn nicht, Kind?« wird das Mädchen gefragt, wenn es den zweiten Semmelknödel ablehnt. »Du hast keinen Appetit, du hast dir den Magen verdorben. Oder sind etwa gar die Masern in Anzug? Ich will den Doktor holen lassen.« »Poldi! Du hast mir heute so verdächtig rote Flecken auf den Wangen. (Denn der Junge hat eine schlechte Schulnote in der Tasche.) Geh, lang' einmal deine Hand her, daß ich den Puls greif'. Mein Gott, das Kind hat ja Fieber! Die Mali soll sofort zum Doktor laufen. Ich lass' bitten, so schnell als möglich!« »Mann, du bist ja heiser! Lass' mich einmal in den Hals gucken. Der ist gerötet auf der linken Seite. Auch die Zunge ist belegt. Am Ende bekommst du mir die Influenza. Am besten, du legst dich gleich ins Bett, ich lass' den Doktor holen.« »Aber Mädel, was fällt dir ein! Du wirst heute doch nicht mit der Frühjahrsbluse ausgehen! Es geht ja der Wind! Sofort ziehe mir den Tuchmantel an!« »Seitenstechen, sagst du? Warum laufst du wie nicht gescheit! Auf der rechten Seite? Stark? Du wirst mir noch eine Rippenfellentzündung bekommen, Franz. Das dumme Turnen! Die Turnstunden werden aufgehoben, hörst du! Heute bist du das letzte Mal gewesen. Ich werde mir nicht die Gesundheit meiner Kinder verderben lassen! – Es wär' schon wieder gut? Das ist nicht wahr. Seitenstechen wird nicht so schnell gut. Ich werde den Doktor holen lassen.« »Jetzt schau aber, daß du ins Zimmer kommst! Da auf dem zugigen Gang – kehr' um die Hand, hast wieder dein Reißen! Heute bleibst du im Zimmer, es ist regnerisch. Warm, was warm! Es ist regnerisch, sage ich, und auf ja und nein ist wieder eins krank!« »Mann! Gustl! Was hast du denn? Jesus Maria! Gustl, was ist dir denn! Ihr Heiligen Gottes, steht uns bei! Gustl! Gustl!« Die Frau ist aufgesprungen und schlägt mit beiden Fäusten auf den Rücken des Herrn Gemahls los, der sich bei einem Trunk Wasser ein bißchen verschluckt hat und mit einem Hustenkrampf kämpft. Er wehrt mit den Händen ab, kann kaum zu sich kommen, weil die Frau ihn wie tobsüchtig bearbeitet. Das ganze Haus ist zusammengelaufen und weil sie immer noch grauenhafter um Hilfe ruft, so meinen die Leute, der Herr ersticke, bis er sich endlich ruhig räuspern kann, und schimpfen über das Geschrei, wenn einmal ein Wassertropfen »in den unrechten Hals kommt.« Die Schulzeugnisse der Kolbenbluttschen Kinder sind voll versäumter Lehrstunden. Alle natürlich korrekt entschuldigt mit Krankheiten. Die Kinder wollen schon gar nicht mehr in die Schule, weil sie immer rückständig sind. »Ist kein Unglück!« meint die Mutter. »In der schlechten Schulzimmerluft werden sie doch allemal krank und bringen von andern allerlei Ansteckungen heim. Gesundheit ist die Hauptsache. Auf alles andere pfeif' ich.« Die Kinder waren's soweit ganz zufrieden. Keines der Kinder will in der Nähe der Mutter schlafen, denn so oft eines hustet, wird es ausgezankt. Wenn es trotzdem das zweite- oder gar das dritte Mal hustet, so wird es gestraft. Sie haben die Mutter sehr lieb, wenn sie aber einmal ein paar Tage abwesend ist, dann sind sie ganz vergnügt – nun darf man wieder einmal ungeniert einen Huster tun. Nun braucht man nicht mehr zu ersticken bei Unterdrückung eines augenblicklichen Hustenreizes, nun kann man, wenn's einmal in der Nase beißt, frisch drauf los niesen. Man kann auch kaltes Wasser trinken, in Hemdärmeln und barfuß im Garten herumlaufen. Natürlich schadet das dem verweichlichten Geschöpflein und das führt die Mutter dann mit schrecklichem Zorn als Beweis dafür an, daß ihre Vorsicht notwendig und die richtige Methode sei, um die »Fratzen« gesund zu erhalten. Die älteren Kinder sind demnach richtig schon Hypochonder geworden. Sie trauen keinem frischen Luftzug, keiner freien Bewegung, keinem derben Stück Brot mehr – das könnte schaden. Spüren sie irgendwo im Leibe ein Zwicken und Zwacken, so fahren sie erschreckt auf, forschen ängstlich nach, ob sich nicht da eine Krankheit entwickele und schreien nach jedem vorübergehenden Unbehagen nach dem Arzt. Einzelne Leiden, die besonders in der Jugend sich öfters einstellen, als Kopfweh, Katarrhe, Magendrücken, Ohrenreißen und dergleichen, halten sie für besonders krankhafte Anlagen, für beginnendes Siechtum. Hingegen besuchen sie skrupellos Bälle, trinken in der Erhitzung kaltes Bier, rauchen Tabak ins Maßlose – das schadet nicht. Das treiben ja auch andere so. Wenn man nicht einmal mehr so kleine Genüsse soll haben dürfen, dann hat das Leben überhaupt keinen Wert. Dann sei es am besten – eine Kugel! – Zwischen Angst vor Fensterluft und Hang zum Revolver pendelt der moderne Mensch. Frau Kolbenblutt hat daran wohl auch einige Schuld. Körpergesundheit ist freilich eine Hauptsache, aber man erreicht sie nicht durch völlige Außerachtlassung krankhafter Anlagen, nicht durch rücksichtslose Abhärtung, und auch nicht mit dem Gegenteil. Die Gesundheit liegt nicht rechter Hand und nicht linker Hand, sondern – geradeaus. Aber wie man's da treibt, ist mit der größten Fürsorge die größte Rücksichtslosigkeit verbunden. Der Hausarzt der Kolbenblutts ist ein Greis von mehr als siebzig Jahren, er ist gichtisch und asthmatisch und sehnt sich nach verantwortungsvoller Tageslast bei Schwerkranken abends allemal nach dem Bette. Und siehe, um Mitternacht wird er geweckt. Unverzüglich zum Rentmeister Kolbenblutt kommen! Eines der Kinder hat die Diphtheritis! – Er steht auf und geht hin und findet an dem fünfjährigen Mädchen eine leichte Angina. Ein einfacher Prießnitz-Umschlag, wie ihn bei solchen Fällen andere Hausfrauen zu machen verstehen, hätte die Sache behoben. Gott sei Dank! sagt die Mutter, insgeheim hat sie aber doch ihren Ärger. »Der Doktor nimmt halt alles so leicht.« Sonst hat jedes Haus seine kleine Apotheke gehabt von altbewährten Hausmitteln. Nein! Derlei lehnt Frau Kolbenblutt energisch ab, mit beiden Händen! »Ich fange nicht an zu patzen! Mit der Gesundheit ist nicht zu spielen. Wenn wer krank ist, geht man zum Doktor! Mir ist noch keines gestorben!« Keines gestorben, aber auch keines gesund. Treibhauspflänzchen. Und zwar solche, an denen fortwährend herumgezwickt und geschmiert wurde. Hatte eines Schnupfen – zum Doktor. Hatte es Zahnreißen – zum Dentisten. Hatte es Gliederschmerzen – zum Masseur. Hatte es sich ein Speilchen in den Finger gestoßen – zum Chirurgen. Hatte es ein gerötetes Auge – zum Augenarzt. – Hatte es einen überladenen Magen – zum Mediziner. In den meisten Fällen wäre es schon am nächsten Tage gut, aber man wartet nicht darauf, man läuft zum Arzt und ist empört, wenn er nicht im Augenblick zur Verfügung steht. Drei Diurnistenfamilien könnten jahraus jahrein leben von dem Gelde, das die Kolbenblutts für Ärzte ausgeben, und doch sind sie immer »krank«. Die Ängstlichkeit ist eines unserer größten Übel. Wer ist denn heutzutage überhaupt vollkommen gesund? Und wie viel hat selbst der Gesunde Tage, an denen er nicht irgendwo an seinem Körper einmal einen Schmerz, ein Unbehagen empfindet? Wer da allemal die Hände über den Kopf zusammenschlagen wollte, da gebe es mehr Hände über den Köpfen, als Köpfe über den Händen. Man behalte vielmehr den Kopf oben. Man denke doch nicht immer nur an sein leibliches Befinden! Unser Körper ist manchmal ein Simulant, ohne daß wir es wissen. Wenn wir jeglicher seiner krankhaften Regungen Gehör geben, so fängt er bald an, die Sachen aufzubauschen. Wenn man alle seine Finessen gleich beachtet und bedenkt, dann fängt man eben an, »bedenklich« krank zu werden. Wenn man seine Versuche, zu außergewöhnlichen Zeiten in ein warmes Bett zu kommen, gelassen überhört und übersieht, verdrießt es ihn weiter nicht, sondern tritt wieder frisch und munter ins Leben. Wenn man sie aber lockt, die schalkhaften kleinen Schmerzen, wenn man ihnen geradezu entgegenkommt, dann packen sie aus und spielen sich auf die schönsten Krankheiten hinaus. In einer Nacht war es, daß Ricki, das kleinste Töchterchen der Kolbenblutts, gar bitterlich schluchzte. Die Mutter, schwer erschrocken, stand auf und fragte, was der Kleinen denn wäre um Gotteswillen! »Mama! Mama!« stöhnte das Kind, »ich habe so Angst, daß ich krank werde.« »Mein Gott, tut dir was weh?« »Jetzt noch nicht, aber ich habe so Angst, daß ich krank werde.« »Das arme Kind!« klagte die Frau ihrem Manne, »es ist so aufgeregt. Ich will doch morgen den Doktor holen lassen.« Ihr Mann hat sie schon vielfach beschworen: »Lass' es, Margaret', es ist ja nichts, es geht vorüber!« Und sie: »Du bist auch so einer! Weil dir die paar Groschen Doktorhonorar leid tun, sollen die armen Wesen leiden wie Hunde, wenn's nicht schlimmer wird, Gott bewahre uns. Du hast kein Herz für deine Kinder.« Der Doktor hat ihr schon oft zu verstehen gegeben: »Wenn an den Kindern etwa die und die Erscheinungen auftreten sollten, so wenden Sie bloß das und das an, und brauchen Sie sich nicht die Mühe zu nehmen, mich holen zu lassen. Ich bin auch nicht immer zu Hause, weil es Schwerkranke gibt.« »Du, mir scheint, unser Doktor will streiken,« sagte die Frau einst zu ihrem Manne. »Nun, wenn es ihm nicht gefällig ist, es gibt noch andere Ärzte. Ich werde meine Kinder nicht verkommen lassen, wenn ihnen was ist. Es ist doch gescheiter, man schaut dazu, bevor sie schwer krank werden, nicht?« Unvorsichtig tat Herr Kolbenblutt einen ungeduldigen Huster. »Du könntest auch einmal was tun für deinen verdächtigen Husten,« rief sie, »wenn du erst die Lungensucht hast, dann ist es zu spät.« So sind sie – und so bleiben sie. Eines Tages ersuchte mich diese Frau, etwas in ihr Stammbuch zu schreiben. Sie hat eins angelegt für »berühmte Leute zum Einschreiben, und weil die Frau Bezirksrichterin auch eins hat«. Ich schrieb aufs Blatt: »Man muß nicht zu jeder Krankheit, die anklopft, herein sagen.« »Siehst du, Gustl!« rief sie triumphierend ihrem Mann zu, »der Rosegger sagt's auch! Er fürchtet sich auch vor den Krankheiten. Wenn sie einmal im Hause sind, dann ist's zu spät.« Das gelbe Pulver Nachdem der Mann jahrelang gelitten hatte, schrieb er an seinen Arzt. Seine Schrift ist kaum wieder zu erkennen; er schrieb unter Schmerzen und Qualen. »Mein lieber Doktor! Es ist nicht mehr zum Aushalten. In letzter Nacht nicht eine Minute geschlafen. Das Herz tobt oder will ganz stehen bleiben. Und dieses schreckliche Bohren! Und dieser abscheuliche Ekel! Und diese Hinfälligkeit, – hoffnungslos! Und die Schmerzen im Magen, im Rückgrat: zum Wahnsinnigwerden! Ich bat Sie gestern kniefällig und ich bitte Sie heute um Gottes willen: geben Sie mir was, daß ich einschlafen kann. Um mich gesund zu machen, haben Sie kein Mittel; es gibt keins; ich bin morsch durch und durch. Aber ein Mittel haben Sie und viele Mittel, daß ich kann einschlafen für immer. Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: seien Sie barmherzig. Und wenn Sie die Tat nicht auf sich nehmen wollen, so vergessen Sie etwas bei mir, ein Fläschchen, ein Pulver, ich werd's nutzen, auf meine Verantwortung. Das größte Gift habe ich ja längst in mir, das vergiftete Blut. Heilen Sie mich, Doktor, und lassen Sie mich einschlafen. Ich bin Herr meines Lebens und verfüge darüber; wen geht das an? Ich will erlöst sein und ich kann nicht aufhören, zu bitten: Erbarmen, Erbarmen!« So schrieb der Kranke an seinen Arzt. Als er versichert war, daß der Brief im Postkasten lag, atmete er schwer auf. Nun ist's entschieden. Aber was wird geschehen? Wird der Doktor schreiben: Also, in Gottes Namen, wenn Sie die Verantwortung tragen, ich will Ihr Leiden enden. Oder wird er sagen: Das ist frevelhaft, was Sie verlangen. Sie müssen, was die Natur über Sie verhängt hat, tragen, wie es tausend andere tun, die nicht minder leiden als Sie. Ihr Verlangen kann nimmer erfüllt werden. – Was wird er schreiben? Allein der Doktor schrieb nichts und sagte nichts. Er kam wie gewöhnlich, zu seinem Kranken, sagte wie gewöhnlich, seine beruhigenden Worte, daß sein Körper nur so verweichlicht, so widerstandslos und wehleidig, sein Geist so mutlos sei. Und gegen die rheumatischen, neuralgischen und anderen Schmerzen verschrieb er die lindernden Mittel, wie immer. Einmal, als er das von der Apotheke geholte Fläschchen mit der grünlichen Flüssigkeit in der Hand hielt, sagte er mit bedeutsamem Ton: »ich denke, mein Lieber, das wird Ihnen gut tun. Abends, wenn die Schmerzen unerträglich werden sollten, nehmen Sie etwa fünf Tropfen zu sich, nicht weniger!« ... Der Kranke schaute ihm scharf in die Augen; die zuckten kaum merklich. Im übrigen betrug sich der Arzt wie gewöhnlich und ging gelassen davon. Am Abend begann, wie immer, das grausame Bohren im Haupt, der Hüftschmerz, das Angstgefühl. Der Kranke starrte auf das grünliche Fläschchen, streckte seine Hand danach aus, nahm es aber nicht. Er griff zu den anderen Mitteln, die in Flaschen und Pulvern noch herumstanden, und nahm sie nach der Vorschrift zu sich. Aber die Qual stieg, er krümmte sich und ächzte und langte nach dem Fläschchen. Weniger als fünf Tropfen nicht, hatte der Arzt gesagt. Der Kranke ließ einen einzigen Tropfen auf das Silberlöffelchen heraus, goß ihn auf die Zunge und versuchte vorsichtig den Geschmack. Ölig und bitter; aber er bemerkte keine Wirkung. Der Arzt hätte es wohl sagen müssen. Er nahm zwei, nahm drei Tropfen: er merkte an seinem Zustand keine Änderung; die Schmerzen tobten wie immer. Also in des Himmels Namen! Er goß fünf Tropfen auf den Löffel; und mit bebender Hand schüttete er sie in seine Gurgel. Nichts änderte sich. Die Schmerzen tobten und waren unerträglich. Knirschend nahm er das Fläschchen und trank es aus. Nichts geschah. Nur schlief der Kranke nach einer Weile ein wenig ein, mit den Schmerzen mengten sich beängstigende Träume und dann erwachte er wieder in seiner dunklen, qualvollen Einsamkeit. Es waren ja wohl nur gewöhnliche Kirschlorbeertropfen gewesen, mit einem halben Promill Blausäure, und der Arzt erweist ihm nicht die innig erbetene Barmherzigkeit. Wieder vergingen die Tage. Der Arzt kam und wechselte die Mittel und hatte manchmal ein wunderliches, geheimnisvolles Benehmen, das den Kranken beunruhigte. Am Ende besinnt er sich doch noch. Mit Hoffnung und mit Mißtrauen nahm er jede neue Medizin, fade Tränklein, widerliche Pulver, bittere Pillen. Doch wenn die Qualen nicht geradezu furchtbar waren, nahm er am liebsten gar nichts. Er hatte sein Schreiben an den Arzt schon bereut. Diese Ungewißheit! Ob er nun eine Medizin nimmt, eine Speise oder ein Getränk: wer bürgt ihm dafür, daß nicht der Doktor sein Gift hineingelegt hat? So war zur Leibespein noch eine Seelenqual gekommen, eine immerwährende Todesangst ohne Tod, – ein unerträglicher Zustand. Und eines Tages, als es wieder arg ist, als wieder der Arzt an seiner Seite sitzt, klammert der Kranke seine mageren Finger an einander und sagt: »Warum, Herr Doktor, haben Sie mir noch immer die Bitte nicht erfüllt?« »Welche Bitte, mein Freund?« »Ich hätte es längst überstanden. Sonst, wenn Sie mir nicht helfen konnten, hatten Sie keine Schuld; es liegt nicht in des Menschen Macht. Meine Lebenskraft ist aufgebraucht. Aber nun Sie meinen Wunsch kennen und ihn nicht erfüllen, sind Sie verantwortlich für mein Leiden. Sie können mir helfen und tun's nicht. Sie lassen mich nun schon Monate lang hinsterben und, statt daß es schnell vor sich ginge, tun Sie, daß es langsam geht. Die Qual verlängern: Das allein liegt noch in Ihrer Macht. Sagen Sie mir doch wenigstens, daß Sie mir meine Bitte nicht erfüllen wollen, damit ich weiß, wie ich dran bin. Vielleicht finde ich dann noch selbst den Mut, mich besser zu betten. So reden Sie doch!« Hierauf sagte der Arzt: »Ich will wohl reden, lieber Freund, aber ich kann Ihnen nur mein Staunen ausdrücken. Sie haben mich in Ihrem Schreiben gebeten, Sie zu vergiften. Welcher Arzt wird nicht entrüstet sein, wenn ihm ein Mord zugemutet wird? Ich aber, wissen Sie, war nicht entrüstet. Ich dachte: wenn die Krankheit unheilbar ist, weil alle Kräfte zur Neige gehen, dann ist es ja wirklich gewissenlos, ihn so lange leiden zu lassen. Man gibt ja kein momentan und heftig wirkendes Mittel, aber man gibt ein nicht minder sicheres, das ruhig betäubt und lähmt und auflöst. Und das, lieber Freund, hören Sie, das habe ich Ihnen gegeben! An jenem Tag, als ich Ihnen die gelben Pulver daließ, habe ich in Gedanken von Ihnen Abschied genommen. Morgen, dachte ich, wird nur noch ein bewußtloses, verlöschendes Geschöpf daliegen. Aber Sie, der so leidenschaftlich um den Tod bettelt, haben die Pulver ja gar nicht genommen!« »Die gelben Pulver vor einigen Tagen? Die in blaues Papier gewickelt waren? Die so widerlich schmeckenden gelben Pulver? Die habe ich genommen!« »Ja, und wahrscheinlich zum Fenster hinausgeworfen!« »Zu mir genommen! Ganz nach Vorschrift, jede Stunde ein Pulver!« Der Arzt blickte den Kranken betroffen an. »Sie hätten die Pulver eingenommen?! Sie hätten diese Pulver in der Tat eingenommen?« »Aber ganz gewiß!« »Ich meinte anfangs, als Sie am nächsten Tage noch lebten, daß ich mich vergriffen hätte, und versuchte ein solches Pulver an meiner alten Hauskatze. Das Tier verfiel in Starrkampf und verendete am zweiten Tage.« Der Kranke schnellte aus seinem Lehnstuhl auf. »Ich hätte ... Sie hätten mir Gift gegeben?« »Und Sie hatten – trotz Ihrer Zusage – nicht die Güte, zu sterben.« Gereizt war der Doktor, geradezu aufgebracht. Lebhaft fuhr er zu sprechen fort: »Sie wollen krank sein? Ein Simulant sind Sie und nichts anderes! Ein Organismus, der von diesem Pülverchen nicht einmal ein bißchen Zuckungen bekommt, ist schon ein hartgesottener Sünder!« »Dann bin ich eben schon zu sehr tot, um noch ordentlich sterben zu können,« antwortete der Kranke bitter. »Sie haben Galgenhumor,« sagte der Arzt. »Doch ich versichere: Sie haben Grund zu wirklichem Humor. Wenn Sie sich nicht geradezu vor eine Eisenbahnmaschine legen oder in einen Hochofen springen, so erreichen Sie Methusalems Alter. Erzählen Sie nach hundert Jahren meinen greisen Urenkeln, daß Sie mich, den Urgroßvater, ersucht hätten, Sie zu vergiften. Vielleicht ist einer davon Staatsanwalt und läßt Sie nachträglich noch einsperren.« »Ich weiß nicht, Doktor, was Sie reden!« »Bei meiner Treue, wenn Sie, Sie unheimlicher Mensch, die gelben Pulver wirklich verzehrt haben! ... Aber nein, Sie irren sich wohl nur oder renommieren ...« »Bei meiner Seele Seligkeit! Ich habe die Pulver gegessen!« »Dann sind Sie immun. Dann ist Ihr sogenanntes Leiden nur die Folge überschüssiger Kraft, die nirgends hinauskann, weil sie nicht betätigt wird. Werfen Sie doch Ihre Kleinkunst, den Plunder, zum Satan und werden Grobschmied oder Maurergehilfe oder Arbeiter auf einem Frachtenbahnhof und schlagen jeden Sozialdemokraten tot, der es auf Achtstundenarbeit abgesehen hat. Sie bedürfen keiner Rast, Sie vertragen keine, Sie Urelement, Sie, Sie ... na, Mensch, ich schweige!« Der Arzt reichte dem Kranken mit großer Gebärde die Hand. Dieser war bloß verblüfft. Er war einer von denen, die in solchen Momenten nicht recht wissen ob ..., und deshalb das annehmen, was ihrer Neigung entspricht. In der nächsten Nacht bohrte es wieder im Kopf, grub und krampfte es wieder in der Brust, zuckte es wieder in allen Nerven, aber nicht ganz so schlimm wie sonst. Wenn man weiß, daß es nur das Rumoren der überschüssigen Kraft ist, erträgt man's wesentlich leichter, als wenn es das letzte Krampfen des vergehenden Lebens bedeutet. Am nächsten Tage nahm er den Spaten und ging in seinen Gemüsegarten. Zum Umfallen war ihm, so schlecht, aber er fiel nicht um. Er begann, zu graben und Erde zu schaufeln; seine Glieder empörten sich über die Zumutung und taten rasend weh, er aber dachte: Ihr habt das gelbe Pulver ausgehalten, Ihr werdet auch das bißchen Anstrengung aushalten! Und sie hielten's aus. So trieb er's nun manche Stunde und manchen Tag; und je müder er sich arbeitete, um so schwächer war das Bohren in seinem Haupt, das Krampfen in seinem Magen, das Zwacken in seinen Nerven. Natürlich: weil die Kraft anderswo aufgebraucht wurde. Das Vertrauen zu sich und seiner Kraft wuchs immer mehr, bis er sich das körperliche Arbeiten so angewöhnte, daß er dabei blieb und allmählich vergaß, einmal krank gewesen zu sein. Der Doktor aber hält seit diesem Falle seinen Puder, mit zerriebenen Harzkörnern vermischt, für ein ausgezeichnetes Heilmittel; denn man macht daraus die gelben Pulver. Das Pulver kann übrigens auch weiß sein oder rot, aus Maismehl oder aus geriebenem Kalk, aus was immer, – wenn es nur mit der gehörigen Dosis Suggestion versetzt wird. Den Kranken ein Heilmittel zu suggerieren: Das ist nicht mehr neu. Doch glauben zu machen, daß der mutlose Kranke noch schwere Gifte zu besiegen vermöge: das Kurstück hat mein Doktor erfunden. Seine Adresse mag ich allerdings nicht angeben, weil man nicht wissen darf, wer unter den Schlauen der Schlaueste ist. Ein Tag der Unzukömmlichkeiten Das war ein Tag der Unzukömmlichkeiten, wie solche von Zeit zu Zeit abgehalten werden müssen in einem Landesschulrate. Die Herren saßen beisammen im hohen Rate. Mancher verfügte über ein gemütliches Gesicht, aber heute hatte er es zu Hause gelassen. Heute mußte das strenge aufgesteckt werden, das Amtsgesicht, und das ist bei den Herren Schulräten besonders martialisch! Es handelte sich um Einläufe über unzukömmliche Vorfälle in den Landschulen. »Wir haben heute, meine Herren,« sagte einleitend der Vorsitzende, ein Mann mit eckigem, tiefgebräuntem Gesichte, dessen graue Äuglein scharf und unbeglast auslugten im Gegensatz zu den vier übrigen Räten, die trotz ihrer bewaffneten Augen verhältnismäßig friedlich dreinschauten. »Wir haben heute – Sie Franz, bringen Sie doch einmal die Mappe B. – wir haben heute einige Einläufe zu erledigen, die – danke!« Er legte die Mappe vor sich zurecht und nahm die schmalgebogenen Aktenstücke heraus. »Haben Sie die Güte, Herr Doktor!« Er lud den Nächstsitzenden ein, das Schriftstück vorzulesen. »Bitte!« sagte der Doktor und ergriff das Blatt. »Haben die Herren etwas dagegen, wenn ich das Fenster öffne? Es wird schwül.« Dienstbereit flogen die Flügel auf. Der Doktor begann: »Also, Nummer eins. Eine erbauliche Katechetengeschichte, meine Herren. Sie erlauben.« Die einen bliesen ihre Nasen pusternd ins Sacktuch aus, die anderen putzten mit dem Sacktuchzipf ihre Augengläser – wohl damit sie besser sollten hören können. »In Kleingöding,« begann der Doktor, das einemal in den Bogen, das anderemal über den Rand desselben hinausblinzelnd, »hat der dortige Cooperator in der dritten Volksschulklasse über die Wunderkraft der heiligen Namen geredet, und zur Erhärtung seines Lehrstückes folgendes Exempel erzählt: Da war – der Berichterstatter versichert, daß es der Wahrheit gemäß wörtlich wiedergegeben ist. Da war einmal ein frommer Mann, der einen Starmatz besaß und demselben aus kindlicher Frömmigkeit die drei heiligen Namen einlernte. Des Morgens, wenn der Mann aufwachte, begrüßte ihn der Star mit dem Rufe: Jesus, Maria und Josef! Desgleichen, wenn er an die Arbeit ging, oder zu Tische, oder wenn er sich des Abends schlafen legte. Auch wenn der Vogel Hunger oder Durst hatte, oder ein anderes Leid, als wenn die liebe Sonne zum Fenster hereinschien, rief er in Schmerz oder Freude die drei Worte aus, also daß das Haus jeden Augenblick mit den heiligen Namen besegnet ward. Nun trug es sich zu, daß eines Tages aus Unachtsamkeit der Magd, der Star seinem Käfig entkam und hinausflog in den grünen Wald. Und zur Stunde stieß vom hohen Himmel ein Geier nieder auf das arme wehrlose Tier. »Jesus, Maria und Josef!« kreischt der Vogel in größtem Schreck. Was geschieht? Als der Geier diesen Ruf hört, prallt er zurück, es erlahmen seine Flügel und er stürzt in den Abgrund. Daraus erseht Ihr, liebe Kinder.« – Und nun die Moral: »Gewöhnet Euch an, die heiligen Worte recht oft auszusprechen. Wenn sie schon beim unvernünftigen Tier eine solche Wunderwirkung haben, um wie mehr erst beim Christenmenschen.« Der Doktor hatte das gelesen und dann den hohen Rat der Reihe nach angeblickt. »Nun? Was sagen die Herren dazu?« fragte der Vorsitzende. Der eine stemmte den Ellbogen auf den Tisch, stützte das Haupt auf die Hand und brummte: »Es ist ganz niederträchtig, den Kindern mit solch naturwidrigem Gefasel den Kopf zu verwirren. Solches Altweibergeschwätz, anstatt die Kleinen in den Naturwissenschaften zu unterrichten, sie darüber aufzuklären, daß der Starmatz und der Geier auf dogmatische Dinge pfeifen.« Der Vorsitzende blickte auf den Nächsten. Dieser tat einen großen Atemzug und sagte: »Wenn ich der Sache von diesem Starmatz und dem Geier auch keine besondere Bedeutung beimessen möchte, so finde ich doch – offen gestanden –.« Er brach ab, wollte dem Vorsitzenden mit seiner Meinung nicht vorgreifen. Denn dieser hatte noch nicht gesprochen, obschon ihm entschieden das erste Wort gebürte. Denn er war ein Graf. »Nun, bitte, Herr Rat!« »Exzellenz!« murmelte ein dritter und machte mit der Hand eine Bewegung, gleichsam, als gebe er Sr. Exzellenz darüber das Wort, ob man dem Katecheten den Geier durchgehen lassen solle, oder ihm eine Rüge erteilen müsse. Seine Exzellenz zuckte die Achseln und sagte kurz und trocken: »Was weiter? Ist halt ein klerikaler Geier gewesen.« Sie lachten und der Bogen wurde beiseite gelegt. Nun kam das zweite Stück dran. Es war die Beschwerde des Dorfschulrates zu Mitterwies darüber, daß der Lehrer den Kindern gesagt hatte, es sei nicht wahr, daß die Sonne aufgeht. Es drehe sich vielmehr die Erde um die Sonne. Man bitte hohenorts, eine so offenkundige Lüge zu bestrafen. Als Zeuge einerseits, daß der Lehrer die Worte wirklich ausgesprochen habe, und anderseits, daß die Sonne Tag für Tag aufgehe, erböte sich die ganze Gemeinde Mitterwies. Seine Exzellenz legte das Aktenstück beiseite und sprach: »Die Herren aus Mitterwies werden demnächst dem Reichsrate wahrscheinlich eine Gesetzvorlage unterbreiten, es möge beschlossen werden, daß in Zukunft die Erde nicht mehr um die Sonne kreisen darf, sondern die Sonne täglich pflichtgemäß auf und unterzugehen hat, damit man ihretwegen nicht am Ende gar die Schulbücher abändern müsse!« Sie lachten und eine weitere Erledigung dieser Beschwerde aus Mitterwies hat nicht stattgefunden. Das dritte Aktenstück schloß sich insofern an das erste, als es den Katecheten einer Marktgemeinde verklagte. Dieser hatte nämlich bei Behandlung des Altarssakramentes den Schulkindern folgende Geschichte erzählt: In alter Zeit, als in Deutschland fast noch heftiger als heute das Christentum verfolgt wurde, ging eines Tages ein Priester mit Monstranze und Hostie aus, um einem Sterbenden die letzte Wegzehrung zu spenden. Und als der fromme Mann so im Gebete dahinwandelte, da wurde er plötzlich angefallen von berittenen Heiden, die ihn mißhandelten und des hochwürdigsten Gutes beraubten. Dann ritten sie davon, zerbrachen die Monstranze, um das Gold derselben unter sich zu teilen, und die Hostie warfen sie zur Erde. Dort blieb sie liegen unter Heidekraut, von wildem Gewürme umzingelt. Da flog zur Zeit ein Bienenschwarm über die Heide, und als diese Tierchen die Hostie liegen sahen, umflogen sie die Stelle im Kreise und huben an, aus wilden Blumen Wachs zu sammeln und aus Wachs ein Tabernakel, mit Trepplein und feinen Säulen und einem kunstreichen Baldachin. Und in die zierliche kleine Halle hoben sie die heilige Hostie. Also blieb das Tempelchen stehen, Hirten fanden es und an derselben Stelle wurde eine Kirche erbaut, genannt die Immenkirche, in welcher das Wunderwerk der Bienen heute noch zu sehen ist. So war die Katechetengeschichte dem Schulrat hinterbracht worden. Da schlug einer der Herren Räte die Hand auf den Tisch und rief aus: »Das ist nun aber schon zu arg! Das sind Faustschläge ins Gesicht der Natur und der Wahrheit! Wie kann bei systematischer Züchtung solchen Unsinnes der Lehrer den Kindern die Naturgesetze einprägen? Das ist ja die reinste Schule des Aberglaubens. Das Tierreich so in die Religion hineinzuzerren. Ich glaube, meine Herren, das können wir länger nicht dulden!« Der Exzellenz-Präses zuckte ein wenig die Achseln und meinte, da müsse man erst einen Immenzüchter fragen, ob die Bienen auch Altäre und Tabernakel bauen können. Wenn ja, dann falle der Akt dem Gewerbeamte zu. Sie lachten wieder ergebenst. Aber ganz unten am grünen Tische saß ein altes Männlein, das bisher geschwiegen hatte. Jetzt räusperte es sich angelegentlich und hob das Wort: »Wenn ich mir erlauben darf, geehrte Herren! Die bisher geäußerten Auffassungen in so ernsten Dingen scheinen mir nicht recht am Platze zu sein. Ich frage, wollen wir in der Schule noch Religion, oder wollen wir keine?« »Unsere Religion ist Gerechtigkeit und Sittlichkeit,« versetzte einer der Räte. »Gut. Also dann keine Religion. Die Gerechtigkeit besorgt das Gesetz und die Sittlichkeit besorgt der Brauch.« »Religion muß sein!« sagte der Nebensitzende würdevoll. »Das Volk muß Religion haben.« »Jeder Mensch muß Religion haben,« rief das alte Männlein, »und er hat sie, wenn oft auch nur unbewußt. In jedem – er müßte denn allzu frivol sein, Exzellenz! – ist eine Sehnsucht nach Übernatürlichem, ein Durst nach Geheimnisvollem und Weihevollem, nach höchster Erhebung dessen, was wir gut und schön nennen. Diesen überweltlichen Sinn im Menschen ausbilden, gehört zur Erziehung, zur Bildung. Wenn im religiösen Unterrichte nichts Schlimmeres vorkäme, als was unsere heutigen Aktenstücke aufweisen, wir könnten zufrieden sein. Die beiden Legenden, die uns zur Prüfung vorliegen, finde ich geradezu schön und rührend. Sie zeigen, daß Gott nicht bloß für den Christenmenschen da ist, sondern auch für die Tiere und deuten damit die Zusammengehörigkeit und Göttlichkeit aller Kreatur an. Das schadet den Kindern gar nicht. Und auch nicht den Erwachsenen.« »Der Starmatz!« lachte jener, »und diese bigotten Bienen! Das ist ein Unsinn.« »Aber Religion müsse sein, sagen Sie?« entgegnete der Alte. »Hören Sie einmal. Wenn Sie an die Transsubstantiation glauben, oder sie lehren lassen wollen, dann können Sie diesen Starmatz mit dem Geier und diese tabernakelbauenden Bienen getrost mit in den Kauf nehmen. Ganz getrost. Derlei Legenden sind wahrlich nicht das Schlechteste in der katholischen Kirche. Der Name des Heilandes zähmt die Raubtiere, Bienen haben Mitleid mit dem obdachlosen Gott und bauen ihm eine Hütte. Ich gestehe, mich berücken solche Geschichten geradezu. Und wer da befürchtet, daß sie den kindlichen Sinn von der realen Welt zu sehr ablenken und in den Aberglauben hineintreiben könnten, der lasse alle Poesie außerhalb der Schulstube und verwehre auch den Dichtern Eingang mit ihren sinnigen Fabeln, Legenden und Liedern. Das ist meine Meinung. Ebenso überflüssig ist es, sich über den Lehrer zu ereifern, der ein astronomisches Naturgesetz vorgetragen hat, oder über einen rührenden Ortsschulrat, der das Kreisen der Erde um die Sonne verbietet. Der heutige Tag der Unzukömmlichkeiten ist nach meiner Meinung nachgerade gegenstandslos. Wenn wir den Leuten den Rat geben, fürder in der Schule Dinge nicht zusammenzumengen, die nicht zusammengehören, so glaube ich, daß wir unseres Amtes gewaltet haben. Naturgeschichte für den Kopf, Religion fürs Herz –« »Und Slivowitz für den Magen!« sagte Se. Exzellenz, die Sitzung aufhebend. Zum Schlusse wird getanzt Im Vorzimmer rauschte Seide. Mein Stubenmädchen gab Karten ab: »Zwei Damen!« Baronin de Crocci, Gräfin Trenn-Sigloff. »Ich lasse bitten!« »Ach, bester Herr Doktor! Wir sind so glücklich, Sie zu Hause zu treffen.« Ich lud sie mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen. Aber die Damen wollten stehen bleiben, bis sie ihr Anliegen vorgebracht hätten. »Sie können sich's denken,« sagte die ältere der Damen, die Baronin. »Es kommt ja kein Mensch zu Ihnen, der nicht eine Bitte hat.« »Sehr schmeichelhaft.« »Das heißt,« verbesserte die Gräfin, »jeder, der zu Ihnen kommt, hat eine Bitte. Sind Sie doch der Nothelfer aller Bedrängten. Helfen Sie auch uns, bitte, bitte!« Ich schwieg, lud sie noch einmal ein, Platz zu nehmen. Es war leicht zu erraten, was sie von mir wollten, aber ich fühlte mich im vorhinein entschlossen, die Bitte abzulehnen. Um so mehr empfiehlt sich ausgesuchte Höflichkeit. »Unser Verein ›Armenhaus‹ gibt ein Konzert. Nun wissen Sie alles, liebster Herr Doktor,« sagte die Baronin. »Sie dürfen, Sie werden es uns nicht abschlagen,« rief die Gräfin, »wenigstens eine Nummer!« »Soll ich singen, meine Damen?« Die Baronin wollte dem Witz gelinde ausweichen, allein die Gräfin faltete lachend die taubengrau behandschuhten Händchen: »Ach ja, Herr Doktor, singen! Dann sind wir im Trockenen, dann brauchen wir gar nichts mehr zu tun, als einen größeren Saal zu suchen, wenn der Doktor singen. Das wäre schrecklich schön!« »Mit Ausnahme des letzten Wörtchens gebe ich's ohne weiteres zu, meine Damen.« Aber dieser ungenierte Ton war nicht gut, nun wurden sie dreist. »In allem Ernste eines bedrängten Komitees, Sie müssen bei unserem Konzert eine Nummer lesen. Im Johannensaal am sechsten Februar.« »Es geht nicht, ich bin heiser, ich habe an demselben Abende Besuch, ich bin um jene Zeit in Prag verpflichtet, und wenn ich nicht irre, in Klagenfurt, auch bin ich todkrank und möglicherweise am sechsten Februar gar nicht mehr am Leben. Also sehen Sie, meine verehrten Damen, daß ich absolut nicht zusagen kann.« Sie lachten. »Zusagen, das ist gar nicht nötig, wenn Sie nur bei uns lesen. Ihre Mitwirkung – ach, wozu das noch sagen – garantiert uns, bedeutet die halbe Jahresmiete für unser Haus. Es bitten ja nicht wir, es bitten hunderte von Frierenden, Hungernden, Heimatlosen.« »Aber was soll ich denn lesen!« »Ganz und gar nach Ihrem Belieben, wir sind für alles unendlich dankbar.« »Soll wohl etwas Ernstes sein, dem humanitären Zweck angemessen.« »Was Sie uns schenken wollen. Das Publikum wird entzückt sein.« »Was meinen Sie zu Enoch Arden?« »O wie reizend! – Wenn Sie das nicht zu sehr anstrengt?« »Oder der Streik der Schmiede.« »Wäre vielleicht noch besser. Wir möchten Sie nur um Gotteswillen nicht anstrengen. Im Notfalle wären wir schon etwa mit ein paar Heineschen Gedichten zufrieden. Vorläufig sind wir Ihnen überaus dankbar, Ihren verehrten Namen ins Programm drucken zu dürfen. Haben Sie tausend, tausend Dank. Ach, wie sich schon alles freut auf Ihre Vorlesung. Wir lassen sofort die Plakate drucken. Nochmals Dank, bester liebster Doktor!« Na nu – und dann waren sie fort. Zwei Tage später erhielt ich das Programm. Acht Nummern, und welche illustre Namen! Die Produktionen bestanden aus Klavierstücken, Liedern, meiner Vorlesung, einem Violinsolo und einem Vortrag in oberösterreichischer Mundart von einem beliebten Humoristen. Dann unten mit größeren Buchstaben: »Zum Schlusse wird getanzt.« Aha. – Da wäre freilich der Enoch Arden – zu anstrengend. Zum Schlusse wird getanzt. Ich wählte für meine Nummer den »Streik der Schmiede« und Hamerlings »Vor einer Gentiane.« Getrommelt wurde tüchtig. Auf den Plakaten waren sezessionistische Figuren abgebildet, die asyllose arme Leute vorstellen sollten. In den Blättern standen erschütternde Artikel über das Elend der Unterstandslosen, deren zu dieser herben Jahreszeit mehr als Tausend in Stadt und Umgebung umherirren, zu Tode gehetzt vor Hunger, Frost und Verzweiflung. Der Festabend kam. Alle Mitwirkenden, mit Ausnahme der Diva, hatten die Wagen, mit denen sie abgeholt werden sollten, abgelehnt zu Gunsten des wohltätigen Zweckes. Als ich in den Johannensaal kam, ah, wie prächtig war er ausgeschmückt! Gewinde, Fahnen, erbauliche Sprüche; aus den Türen, Fenstern und Nischen hatten Tapezierer wahre Kunstwinkel gemacht. Bassins mit Goldfischchen kühlten und erfrischten die Luft. Der Saal war bereits völlig besetzt, aber nicht in Sitzreihen, sondern mit etwa vierzig runden Biertischen, an welchen sich junge Paare zum Essen und Trinken gruppiert hatten. Zahlreiche Kellner schossen wie Schwalben umher, und alles wollte vor Beginn des Konzertes abgefüttert sein. Aber der Klaviervortrag hatte schon begonnen, man merkte das vor allem an dem Zischen im Publikum. Es wollte den Lärm zur Ruhe zischen. Trotzdem klapperten Teller und Besteck immer noch mindestens so vernehmlich, als die Tasten, so sehr der Virtuos auch darauf losschlug. Unter mehreren Tischen hörte ich Füße Takt treten, und es war doch kein Walzer, es war eine Symphonie. Der Mann spielte auf dem Flügel einen Teil der »Neunten« mit allen Stimmen. Das hielten die jungen Beine nicht aus. Es dauerte aber nicht lang. Dann kam schon die Diva. Im Saale war es plötzlich so ruhig, daß die Kellner wie angewachsen stehen blieben auf dem Punkte, wo sie eben standen. Es war ein schönes Weib. Dieser Wuchs, diese Augen! »Ach, wie beneide ich diesen Müllerburschen!« murmelte ein dreister Leutnant. »Müllerburschen? Welchen Müllerburschen?« »Der jetzt über ihre Lippen geht!« Denn sie sang das Lied vom Müllerburschen. Der Applaus war scharf und lärmend. Dreimal mußte sie kommen, nur zitterten einige davor, daß sie etwas beigeben könnte. Aber sie merkte schon etwas und tat es nicht. Sie bekam einen Riesen-Blumenstrauß. Ich rechnete mindestens zwanzig Obdachlose, die um den Preis dieses Buketts für ein paar Tage hätten versorgt werden können. Ein weiteres Musikstück fiel ab. Es war zu fein gewesen, zu zart und intim im Vortrage. Es war für Andächtige gewesen, während im Saale noch die Sorge um frisches Bier jede andere Stimmung schlug. Nun kam's an mich. Ich war bereits bescheidener geworden und hatte »Vor einer Gentiane« aufgegeben. Während ich aufs Podium stieg, fragte mich flüsternd ein Komiteemitglied, wie lange mein Vortrag wohl dauern würde. »Nicht über eine Viertelstunde.« »Doch so lang? Na, schön.« Mit Klatschen begrüßt, natürlich. Mir war's um etwas anderes zu tun. Das herrliche Gedicht wollte ich ihnen hinlegen, da sollten sie schon einmal sehen, daß es auf dieser Welt auch noch andere Dinge gibt, als Biertrinken, Kokettieren und Flirten. Rasch schlug ich das Buch auf mit dem erschütternden Gedicht: »Der Streik der Schmiede«. – Jemand hustete, dann war es ruhig, eine oder zwei Minuten lang. Hernach wieder Husten, hier und da ein klappernder Teller, ein Getrippel und im Nebensaal das Gemurmel der Menge. Pst! machte jemand, die Unruhe dauerte fort, steigerte sich. In den ersten Reihen der Tische gab es noch Andächtige. Aber weiter hinten! Es war verspielt. Ich hatte schon die Seele verloren und schrie das Gedicht mechanisch herab. Ich war in jenem schrecklichen Stadium, wo man vom Gemeinen suggeriert wird und nicht mehr loskann. Dachte nur noch an die Leute, und was sie über mich denken würden. Ich hörte die Witze gerade nicht, die hinten im Saale von jungen Leuten geführt wurden, aber ich fühlte sie. »Diese Streiks waren mir immer in der Seele zuwider,« sagte ein junger Papierfabrikant. »Jetzt verfolgen sie einen noch in den Tanzsaal.« »Er scheint überhaupt nicht mehr aufhören zu wollen,« murmelte ein anderer, nachdem ich an fünf Minuten gelesen hatte. »Ich glaube, er treibt Obstruktion.« »Man sollte die Polizei rufen. Es gibt noch Streikbrecher in Österreich. Prosit!« Ich hörte es nicht, bin aber ganz absolut überzeugt, daß derlei gewitzelt wurde. Solche Sachen empfindet man suggestiv. Übrigens, das Zusammenstoßen mit Gläsern hörte ich wirklich. Das Räuspern und Hüsteln und das undefinierbare Geräusch des Hinundherrückens mit Sesseln, das immer unbefangener werdende Trappeln flüsternd gerufener Kellner sagte mir immer freimütiger: Laß es gut sein, mein Lieber, mach ein Ende, denke, daß hinter dir noch ein paar Leidensstationen folgen, bis wir zum Tanzen kommen. – Mehr als einer blickte verstohlen oder auch auffällig auf seine Uhr. So rückhaltslos bin ich mit der Menge wohl selten einig gewesen in einer Meinung, als diesmal: Wenn ich nur schon fertig wäre! Man könnte ja plötzlich abbrechen, diesem holden Ungeheuer Publikum das Buch über die Köpfe hinwerfen und abtreten, aber ich glaube, daß sie auch diese dramatische Wendung nicht befriedigt haben würde. Mit Resignation las ich das Gedicht dahin und bei der Katastrophe, da erzählt wird, wie der Schmied den Agitator erschlägt, sah ich im Publikum mehrere Hände, die sich an die Stirne legten, entweder um das leichte Kopfschütteln zu verbergen oder das Gähnen – Wie man an einem Tanzfeste zum Vorlesen eine solche Wahl treffen könne! Geradezu mißbilligende Gebärden habe ich gesehen. Hingegen der Applaus am Schlusse meiner Vorlesung war von einer aufrichtigen Herzlichkeit. Eine rührende Dankbarkeit, daß ich zu gunsten der tanzlustigen Paare die »Obstruktion« doch gnädig aufgegeben hatte. Ein Alp schien der Versammlung vom Herzen gerutscht zu sein. Ich tat fröhlich mit den Fröhlichen, insgeheim hatte sich in mir ein grauenhafter Schwur entladen: Nie wieder! Der Violinspieler, der jetzt an die Reihe kam, war ein kluger Mann, der hatte eben aus der gemachten Erfahrung etwas gelernt. Er müsse sich entschuldigen, seine Geige sei plötzlich heiser geworden. Das Komitee bedauerte es unendlich, versicherte dem Künstler aber, ihm sehr verbunden zu sein für die große Güte seiner Bereitwilligkeit; wenn er sich unwohl fühle, werde wohl kein Mensch so indiskret sein, Unmögliches zu verlangen. Nun noch der humoristische Mundart-Vorleser. Sie erwarteten ihn mit Gier. Erst noch eins lachen und dann – tanzen. Schnurren, dachte ich, würden kommen und dann dürfte er ihnen ein paar saftige Liebesliedeln in die Adern spritzen. – Der Mundartmann kam auf seinem Weg zum Podium an meinem Tisch vorüber und flüsterte mir über die Achsel zu: »Herr Doktor, ich werde Sie rächen.« »Wie? Was werden Sie?« »Ich lese Ihnen Stelzhamers ›Ahndl‹, die dauert drei Stunden lang.« »Um des Himmelswillen, nein!« hauchte ich ihm erschrocken zu. »Erbarmt Sie diese Meute?« »Gewiß nicht. Stelzhamer würde mich erbarmen. Haben Sie so viel Achtung vor Ihrem großen Landsmann, um ihn nicht den Tanzwütigen unter die zappelnden Beine zu werfen.« »Ich werde den Bedürfnissen nach allen Seiten hin Rechnung tragen,« sagte er und stieg aufs Podium. Dort setzte er sich behaglich an den Vortragstisch, zog einen Pack Papier aus der Brusttasche, legte die Blätter ordnend vor sich hin und begann ruhig zu sprechen: »Meine geehrten Damen und Herren! Der Einladung eines ebenso wissenschaftsfreundlichen als kunstsinnigen Festkomitees, eine Charakteristik der Volksmundart im allgemeinen und der oberösterreichischen Mundart im besonderen zu geben, bin ich recht gerne nachgekommen. Denn die Philologie ist eine höchst wichtige Wissenschaft, ja, ich möchte sie die Mutter aller Wissenschaften nennen. Wenn ich mich auch in Hinblick auf die vorgerückte Zeit nicht mit jener systematischen Gründlichkeit in die Überfülle des Stoffes vertiefen kann, die wohl wünschenswert wäre, so wird es doch unerläßlich sein, vorerst in dem Hauptsächlichen die vergleichende Methode einzuschlagen, bevor wir dann die Einzelheiten näher beleuchten können.« Nach diesen einleitenden Sätzen eine kleine Pause. Das Publikum war erstarrt, eine junge Dame am Nebentisch tat einen stöhnenden Seufzer, als ob ihr meuchlings und lautlos der kalte Stahl ins Herz gestoßen worden wäre. Gräfin Trenn-Sigloff rang stumm die Hände und sah sich nach Hilfe um. Der Redner fuhr fort: »Indem ich mich selbst der gebotenen Kürze zu befleißigen habe, will ich den großen Vorteil der Kürze und Präzision, der in der Volksmundart liegt, sofort an einem Beispiel zeigen. Ich nehme zu diesem Zwecke ein erstbestes hochdeutsches Gedicht zur Hand, »Ballmusik« überschrieben. Es lautet: Lasset doch bei Euren Kränzchen Amor in die Saiten greifen, Anstatt daß zu jedem Tänzchen Euch die Dichter sollen pfeifen. Traum, es ist mit anderen Dingen Vollgerüttelt unser Ranzen. Pfeifet ihr auf unser Singen, Pfeifen wir auf Euer Tanzen. Und jetzt verehrte Zuhörer geben Sie acht, wie dieser im Hochdeutschen so wortreich und umständlich ausgesprochene Gedanke in der Volksmundart mit zwei Wörtern ebenso treffend als erschöpfend zum Ausdrucke kommt, ich sage, mit zwei Wörtern, die fast klassisch anmutend ans Altägyptische oder besser ans Chaldäische erinnern, mit den geradezu köstlichen Wörtern: lects mi !« Der Redner machte eine Verbeugung und stieg herab. Der Applaus war großartig, er entsprach der freudigen Überraschung über den unerwartet plötzlichen Schluß. Ob man etwas verstanden hatte oder nicht, das große Verdienst des Redners bestand darin, daß er's doch noch so kurz gemacht hatte. Und nun begann die Gewalttätigkeit. Wie die mitwirkenden Künstler moralisch hinausgeworfen worden waren, so wurden es die Tische und Stühle nun tatsächlich. Die Kellner und Hausknechte wurden wacker unterstützt von Herren und Damen, bis der Saal von allem Möbelwerk geräumt und die Bahn zum Tanze frei war. Dann rückte Cupidos Leibgarde an, die sechsundzwanzig Mann starke Militärkapelle. Ich hatte Hut und Überrock gefunden. Während die Kapelle schon den ersten Straußischen aufspielte, und die Menschheit als Männlein und Weiblein zu strudeln begann, fragte ich am Ausgange den Kassier, wie es gehe. »Vorzüglich!« antwortete er. »Ein kleines Defizit wird's geben.« »Wieso ein Defizit?« »Die hohe Miete des Tanzsaales, die Ausschmückung desselben, die Kapelle. Aber das macht nichts.« »Ah so!« Nun verstand ich. Eigentlich bloß um ein Tanzkränzchen hatte es sich gehandelt. Und das sollte aufgeputzt werden mit dem Schilde der Wohltätigkeit und mit ein paar populären Künstlernamen, die als Lockvögel Dienste leisten. – Wen geht's übrigens was an? Das Defizit wird vom Armenhausverein ja gedeckt werden. Durch die nächtlichen Straßen strich ein schneidig kalter Wind. In einem zierlichen Hüttchen, das anderen Zwecken zu dienen hat, kauerte etwas. Bei dem Scheine eines Streichhölzchens zeigte sich ein in Lumpen gehüllter junger Mensch, der mit den Zähnen klapperte und am ganzen Körper fieberte. »He, was machen Sie da? – Kein Obdach? Paperlapap, es geschieht genug an Wohltätigkeit. Hören Sie die Musik? Hören Sie nicht, wie eifrig man schon wieder tanzt für die Armen!« Mit dieser Erzählung eines Freundes sei die Reihe nixnutzigen Volkes würdig beschlossen.