Die Jachenauer in Griechenland Eine Erzählung aus der Zeit der bayerischen Expedition nach Griechenland 1832 von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Dem Andenken König Otto I. von Griechenland und Seiner braven bayerischen Truppen                                     gewidmet.     Vorwort zur ersten Auflage. Die denkwürdige Expedition nach Griechenland im Jahre 1832 unter König Otto dem I. in einer volkstümlichen Erzählung einem größeren Publikum wieder lebhafter ins Gedächtnis zu bringen, soll der Hauptzweck dieses Buches sein. Eine ausführliche geschichtliche Darstellung war natürlich nicht beabsichtigt, ich wünschte aber, daß ein Berufenerer zu einer solchen durch diese Erzählung angeregt würde. Die wenigen noch lebenden Veteranen, die mit Stolz auf jene opferschweren Tage des Ruhms und eiserner Pflichterfüllung zurückblicken können, mögen eine kleine Genugthuung darin finden, daß man ihrer auch im Volke nicht vergessen wird. Für die bei »der großen Armee Eingerückten« sei dieses Buch ein pietätvolles Andenken. Die bayerische Treue für sein Fürstenhaus, die bayerische Tapferkeit haben sich hier wie zu allen Zeiten glänzend bewährt. – An den Lorbeeren und Blumen, welche gelegentlich der Centenarfeier für König Ludwig I. die griechische Deputation auf ihres ersten Königs Bahre legte, haben alle teil, die eingestanden mit Leben, Blut und Gesundheit für die Wiedergeburt des zu Boden geworfenen Hellas . Das Standbild, welches nunmehr König Ludwig I. in Athen errichtet wird, wirkt wohlthuend versöhnend und giebt Zeugnis, daß auch Griechenland sich des Dankes bewußt ist, den es Bayerns großem Könige, Seinem königlichen Sohne und den bayerischen Truppen schuldig ist. Dies wurde auch durch das Abschiedsschreiben der griechischen Deputation an den Bürgermeister von München bestätigt, welches lautet: »In dem Augenblicke, wo wir Bayerns schöne Hauptstadt verlassen, halten wir es für unsere Pflicht, Ihnen noch einmal unsern aufrichtigsten Dank auszusprechen, daß Sie der Stadt Athen Gelegenheit gaben, an der Huldigung für Ludwig I. Teil zu nehmen. War es doch er, der mit Wort und That für die Wiedergeburt 6 Griechenlands gewirkt hat, der Athen die beneidenswerte Ehre verschafft hat, die Hauptstadt des kleinen Winkels der griechischen Welt, der sich nach heroischem Kampfe frei gemacht hat, zu sein. Die umfassende Gastfreundschaft und die großen Ehren, die uns während unseres Aufenthaltes in München erwiesen wurden, erhöhen uns den Glauben an die Zukunft, denn sie haben noch einmal gezeigt, daß dieselben freundlichen Gefühle, welche der unvergleichliche Fürst, dessen Centenarfeier ebenso festlich begangen wurde, in schweren Zeiten, in Zeiten verzweifelten Kampfes, für die griechische Nation zuerst an den Tag gelegt hat und die dann in ganz Bayern freudige Erwiderung fanden, auch jetzt noch ungeschwächt fortbestehen und daß das Billigkeitsgefühl und der gute Wille des bayerischen Volkes und seines erlauchten Herrscherhauses, die vorübergehenden Trübungen vollständig vergessen ließen. Die Griechen erachten all dies als ein wertvolles Kapital für die Vollendung ihrer Befreiung, die vor mehr als 60 Jahren begonnen, aber noch nicht zu Ende geführt wurde . Herr Bürgermeister! Empfangen Sie den Ausdruck unseres herzlichsten Dankes und die wärmsten Wünsche für das Gedeihen und Blühen Münchens, der Schwesterstadt Athens, für Ihre und Ihrer Herren Kollegen Gesundheit, die das schöne Isar-Athen so trefflich vertreten. Die Vertreter des Gemeinderats Athen: Thimoleon Philemon. Demetrios M. Kalliphronas. A. Psyllas.« Soviel ist sicher, daß durch diese jüngsten Begebenheiten ein erneuertes Interesse für jene Bayerisch-Griechische Epoche im Volke wachgerufen ist – und dies hat mich zur Abfassung des folgenden Zeitbildes veranlaßt. München 1888. Maximilian Schmidt.     I. Als historische Quellen benutzte der Verfasser Dr. Sepps Ludwig Augustus, Erinnerungen an Griechenland von Major J. Bronzetti, Oberleutnant Fd. v. Predl und Sergeant M. Chursilchen; ferner Erinnerungen eines ehemaligen griechischen Offiziers, die Zeitungen von 1832, 33 und 34 u. f., und zwar Landbötin, Augsburger Abend- und Postzeitung; außerdem die persönlichen Mitteilungen vieler bei jener Expedition beteiligt gewesenen Offiziere und Veteranen. In jener großartigen Gebirgsgegend des bayerischen Hochlandes, wo der prächtige Herzogstand, der hohe Jochberg und die kahle Benedictenwand in majestätischer Höhe sich erheben, wo aus dem waldumrandeten Walchensee die Jachna herausflutet und ein reizendes Thal von etwa vier 8 Stunden Länge, die Jachenau, durchströmt, wohnt ein kräftiges Gebirgsvolk, wohl der reinste und besterhaltene Schlag der Bajuvaren, dessen Sitten, Kleidung und Lebensweise anziehende Eigenheiten haben. Die Jachenau ist eine alte Ansiedelung des Klosters Benediktbeuern (1185) und hieß früher das Thal Nazereth. Sie besteht aus sechsunddreißig Bauernhöfen und vierundzwanzig Söldneranwesen. In zerstreuten, freundlichen, ländlichen Hütten wohnt das Völklein der Jachenauer, dessen Männer und Jünglinge von kräftigem, schlankem und hohem Wuchse und von altdeutscher Kraft, dessen Frauen von alter, deutscher Treue und festem, gesundem Körper sind, ein arbeitsames, nüchternes Völklein, sparsam in seiner Lebensweise, offen und gerade in seinen Reden und Handlungen. An den Kleidern lieben Männer und Weiber die grüne Farbe. Tanz und Gesang ist ihnen Lieblingsunterhaltung, und die Winterabende verkürzen sich die Weiber beim Spinnen durch Erzählen von Märchen, worin sie wohlbewandert sind, denn Mutter Natur hat sie mit Witz besonders begabt. Gleichwohl fand auch der Aberglaube in dem weltabgeschiedenen Ländchen, namentlich soweit er auf die Viehzucht Bezug hat, ein weites Thor. Während die Frauen die kleinen Felder bestellen und das Hornvieh zu Hause oder auf der Alpenweide pflegen, gehen die Männer in den Wald und fällen mit nerviger Hand die Stämme, um sie auf der Jachna in die Isar und hinunter nach München zu flößen, oder sie arbeiten in Gips- und Steinbrüchen. Dabei möchte es dahingestellt sein, ob der Jachenauer, dieser kernfeste Alpensohn, ohne alle Aufregung beobachten kann, wie sich das Bergwild auf den Höhen tummelt. 9 Die Jachenauer heiraten unter sich, selten nur kommt eine fremde Braut ins Thal, noch seltener heiratet ein Jachenauer hinaus. Unter den alten Jachenauern war es nichts Seltenes, daß viele, besonders Frauen, ihr ganzes Leben lang niemals aus dem Thale hinauskamen, und noch jetzt giebt es solche, die schon am Thalausgang in den Isarwinkel, beim Langeneck, ausrufen: Ui, ischt ebben die Welt a Grössen! (Ui, ist aber die Welt groß!) Den Hauptort des Thales bilden, etwa eine Stunde vom Walchensee entfernt, die Pfarrkirche, die Schenke zum Jochwirt und noch ein paar Häuser, die sogenannte Oberjachenau, dann eine halbe Stunde weiter abwärts das Forsthaus, der Bäcker und die Schule – die Unterjachenau, während die übrigen Wohngebände vereinzelt auf den grasreichen Hügeln liegen und frei und offen oder hinter Busch und Baum in die blühende Landschaft hinauslugen. Bei Beginn dieser Geschichte, Ende Oktober des Jahres 1832, hatte nun freilich diese Landschaft ihr blühendes Kleid ausgezogen, die gefärbten Blätter hatte der rauhe Herbstwind meist schon von den Bäumen gefegt, die sonst so saftig grünen Wiesen waren schmutziggelb geworden und schneegrell gleißte es von den Bergen, wenn die dichten Nebel sich zerstreuten und die blendende Mittagssonne am dunkelblauen Himmel leuchtete. Still ist es im Thale, kein helles Jodeln der Sennerin tönt von den Almen, nur der dumpfe Schlag der Holzaxt ist hin und wieder aus den dunkeln Tannenforsten zu vernehmen. Doch soeben ertönt von dem Sträßchen her helles Glockengeläute, vermischt mit fröhlichen Juchzern und Pistolenschüssen. Ein prächtig geschmückter Kammerwagen, 10 von drei gezierten Rossen gezogen und von einem festlich gekleideten Knechte geleitet, nähert sich dem von Unterjachenau etwa eine halbe Stunde entfernten Wallerhofe. Hinter dem mit buntbemalten Wohnungs- und Küchengeräten vollgepackten Wagen, auf dem das Spinnrad mit dem Rocken, das Brautbett und die Wiege nicht fehlten, fuhren in einem hübschen Schweizerwägelchen die Braut und der Pfarrer, welcher die Aussteuer ausgesegnet hatte ( benedictio tori ). Eine Dirn trieb hinter dem Kuchelwagen eine bekränzte Kuh her, welche ebenfalls zur Mitgift gehörte. Die Braut trug am Arm in einem zierlichen, buntgeflochtenen Körbchen das Brauthemd für ihren Verlobten und den Brautführer sowie ein Paar Strümpfe und Schuhe für die Brautmutter. Sie war gegen Mittag von dem in der Nähe von Oberjachenau gelegenen Singerhofe aufgebrochen, um, wie es hier üblich, am Donnerstag vor der Hochzeit die Brautschätze in das Haus des Hochzeiters zu überbringen. Aus allen Höfen, an denen der Zug vorüberfuhr, kamen die Bauern heraus und begrüßten das schöne Singerbauern-Resei, das dem Erben des Wallerbauernhofes, dem Wendel, verlobt war. Beide Bauern zählten nicht zu den vermöglichsten der Jachenau, sie galten eigentlich nur als Halbbauern, aber sie genossen immerhin einiges Ansehen im Thale, und so war die Verbindung ihrer beiden Kinder ein allenthalben freudiges Ereignis. Die jungen Burschen feuerten Salutschüsse ab und die Mädchen und Frauen drückten der Braut herzlich die Hand und wünschten ihr Glück und Segen zum neuen Hausstande. Resei war ein schönes, schlank gewachsenes Mädchen mit etwas länglichem, gut geschnittenem Gesicht und 11 dunkelblonden Haaren, welche unter dem grünen Bandelhute perrückenartig bis zum Halse herabfielen und die Hälfte der wohlgefärbten Wangen bedeckten. Sie war in die malerische Tracht der Jachenauerinnen gekleidet, die außer dem schon erwähnten Hute in einem grünen, mit rotem Vorstecker und roten Aermelaufschlägen geschmückten Spenser, einem buntseidenen Einstecktuch, dem schwarzen, nur bis an die Hälfte der Waden reichenden Wollenrock, der weiß und rot gestreiften Schürze, weißen, aus Kaninchenwolle gestrickten Wadenstrümpfen und weit ausgeschnittenen Schuhen bestand. Der Pfarrer war ein ältlicher, aber rüstiger Herr mit langen, schwarz und grau melierten Haaren und einem freundlichen Gesichte. Er trug einen niedern Cylinderhut, einen langen, schwarzen Rock, Wadenstiefel und enge Hose. Nachdem der Zug soeben wieder einen Bauernhof passiert und die Braut die Wünsche der Landsleute entgegengenommen hatte, bei welcher Gelegenheit die vorn am Wagen sitzende Dirn aus einer Butte frischgebackene Nudeln unter die Leute warf, sagte der Pfarrer lächelnd zur Braut: »Resei, du siehst, alle Leut wünschen dir Guts zum neuen Hausstand, da wird auch der Himmel sein' Segen dazu geben.« »Geb's Gott!« erwiderte das Mädchen. »I bin ja so viel glückli, Hochwürden, so viel – i moan schier z'viel. Und dengerscht is's mir wieder, als ob i woana müaßt, als wenn alles a Traum wär, grad a Traum.« »Die Sach hat sich halt rasch gmacht,« meinte der Pfarrer. »Dei' Wendl hat an' rechten Soldatenkopf mitbracht, was er sich einbild't, muß gschehn, Knall und Fall; man sollt glauben, er wär a Stabsoffizier gwen und kei' 12 Corporal bei der Artillerie. Kaum is vor etli Monat sei' Dienstzeit aus, kommt er z'rück, verlangt von sein' alten Vatern, daß er ihm 'n Hof verschreibt und geht zu dir auf d' Frei. Du b'sinnst di nit lang, deine Eltern is's recht und etli Wochen drauf wird 's Krautessen Beim Stuhlfest kommen in der Jachenau das Brautpaar, dessen Eltern und der Hochzeitlader zu einem kleinen Mahle im Wirtshause zusammen, welches das »Krautessen« genannt wird. Bei demselben bringt nämlich die Kellnerin eine Schüssel mit Kraut und fragt den Hochzeiter: Wieviel giebst du mir für dieses Kraut? Fürs erste sagt er kurzweg: Ich brauch keines. Endlich läßt er sich dann doch in den Handel ein und die Kellnerin steigert ihn im Preise von 1–4 Thaler, welche er zuletzt gutwillig bezahlt. Dieses Geld wird dann der Braut übergeben und gilt gleichsam als Brautgeschenk oder Drangeld. g'halten, bei dem du 's Drangeld kriegt hast. Und heunt fahrn wir den Kuchelwagen auf'n Wallerhof, am Montag aber is d' Hochzeit. Mir is's ja recht, Dirndl, aber halt gar so g'schwind is's gangen, meinst nit auch? Sag, hast'n denn auch wirkli von Herzen gern?« »G'wiß hon i'n gern,« entgegnete Resei errötend; »is's nit der schönst' Bursch in der Jachenau?« »Meinst, er kann si' noch hineinfinden ins Bauernlebn?« fragte kopfschüttelnd der Pfarrer. »Beim Militär war er's Kommandieren g'wöhnt, da geht alles wie am Schnürl, arbeiten müssen die gemeinen Soldaten. Bei uns heraus aber heißt's selber Hand anlegen, wenn man nit rückwärts kommen will.« »Beim Wendl wird si' nix fehln,« entgegnete mit Sicherheit das Mädchen, »und an mir soll er die best' Stütz hab'n. I bin 's hampern g'wöhnt von fruah bis auf d' Nacht. Ehhalten tragt's uns nit viel auf unsern Hof, so weni wie r am Wallerhof, aber wenn alles zam 13 greift und Gott sein' Segen dazua giebt, so kann 's nit rückwärts gehn. D' Hauptsach is, daß mi der Wendl so gern hat, wie r i ihn.« »Weißt du das nit ganz gewiß?« fragte der Pfarrer. »Mei', der Wendl kann si' halt nit gebn, wie r er is; von außenwendi siehgt er si' ebbas rauh und hart her, aber innawendi is er der best' Mensch. Fährden (voriges Jahr) is er zum Kirta in Urlaub kömma, er hat no' an' Kameraden bei eam g'habt, aa r an' Korporal von der Artillerie, alle zwoa in Uniform mit lange Sabel, grad nur so glanzt hams und alle Dirndln ham si' a Ehr draus g'macht, mit eahna z' tanzen. Grad i hätt' nit tanzen solln damit, und warum? Weil si's der Fischerfriedl so einbildt hat, den mir mei' Vata gern zum Hochzeiter gebn hätt'. I bin mir selm nit klar gwen, ob i 'n mag oder nit, aber beim ersten Tanz mit 'n Wendl – da hon i g'wußt, wie r i dran bin.« »Da hast 'n Friedl, der nix gleich sieht, 'n Laufpaß gebn und bist 'n zweierlei Tuach nach, gel?« ergänzte der Pfarrer, »'n Friedl hast dir damit nit zum Freund g'macht.« »Ja mein', 's liebn und 's beten laßt si' nit danöten. Dös hat aa mei' Vata eing'sehn und so hon i den Buam kriegt, dem mei' Herz g'hört.« Sie hatte das kaum ausgesprochen, da trat aus einem Staudenwerk der Fischerfriedl auf den Weg heraus. Resei erschrak sichtlich und unwillkürlich griff sie nach der Hand des Pfarrers. Der Bursche trug an einer Stange über der Schulter den sogenannten Pern, ein kleines Fischnetz. Er hatte soeben einige prächtige Forellen aus der Jachna gefischt, die 14 er, in Laub eingewickelt, in der Hand hielt. Er war in Arbeitsmontur, hatte eine etwas vernachlässigte Haltung und sah deshalb kleiner aus, als er war. Aber aus seinem bartlosen Gesichte blickten ein Paar große, milde, blaue Augen, die jetzt vorwurfsvoll und schmerzlich auf Resei gerichtet waren. Er hatte den Hut abgezogen und warf jetzt die Forellen in den Wagen der Braut. »Für's Kuchelwagenessen!« sagte er spöttisch. Der Pfarrer machte mit der Hand eine Bewegung gegen den Burschen, als wollte er ihn bitten, keine weitere Störung zu verursachen. Dieser verstand dies, nickte einige Male kurz mit dem Kopfe, während ihm die Thränen über die Wangen herabliefen, und blieb stehen, indessen die andern weiterfuhren. Resei war erblaßt. Sie sprach kein Wort; auch der Pfarrer gab sich seinen Gedanken hin. Er kannte den Friedl genau und fühlte tiefes Mitleid mit ihm. Lieber wäre er mit dem Kuchelwagen in das Fischerhaus bei Niedernach am Walchensee gefahren. Aber an der Sache war nichts mehr zu ändern. Je näher Resei dem Hofe ihres Bräutigams kam, desto leichter atmete sie wieder. »Von dene Fisch braucht der Wendel nix z'wissen,« sagte sie, und sich zu dem Fuhrknechte wendend, fuhr sie fort: »Da, Hansl, versteck's im Wagl und thua damit, was d' willst.« »So werd i's halt nacha dahoamt verschnabuliern,« erwiderte dieser lachend; »vergelt's Gott dafür!« Resei aber rief jetzt: 15 »Sehgt's, Hochwürden, da kimmt uns der Wendl schon entgegen.« Die Wagen hatten von der Straße abgelenkt und die Richtung nach dem seitwärts gelegenen Wallerhofe genommen, der am Abhange des Brunnenberges in prächtiger Lage sich befindet. Nach Sitte und Brauch muß der Bräutigam der ankommenden Braut einen Büchsenschuß weit entgegenkommen, wonach sie ihm die Schlüssel zu den mitgebrachten Truhen und Kästen, die den Brautschatz enthalten, übergiebt. Wendel aber, von der Artillerie her an größere Schußweiten gewöhnt, empfing die ersehnte Braut schon auf dem Punkte, wo sich der Weg nach seinem Hofe abzweigt. Wendel war ein hochstämmiger, strammer Bursche mit entschiedenem, männlichem Gesichtsausdruck und großen, blauen Augen. Seine Oberlippe schmückte ein stattlicher, brauner Schnurrbart, der sich mit dem schmal gehaltenen Backenbart zu verbinden schien, während das runde Kinn glatt rasiert war. Dunkelbraune Haare fielen unter dem grünen, mit einem Spielhahnstoß geschmückten Bandhute herab. Den Hals hatte er mit einem schwarzen Flor umwunden, ober welchem der weiße Hemdkragen sichtbar war. Dazu trug er einen kurzen Spenser von laubgrünem Holländertuch mit gelben Aufschlägen, eben solcher Einfassung und gelben Spitzknöpfen, eine Weste von gleich hellgrüner Farbe mit vielen kleinen Knöpfen und gelber Ausnähung, eine kurze, mit grünen Verzierungen versehene Lederhose, die mit Pfauenfedern abgenähte lederne Leibbinde, weiße, grün bezwickelte Strümpfe und flache, weit ausgeschnittene Schuhe. 16 Schon von weitem schwang er seinen Hut zum Gruße und beim Wagen angelangt, rief er: »Grüaß di Gott tausendmal, liabs Bräutl, und Enk dazua, Hochwürden Herr Pfarrer!« Damit drückte er beiden herzlich die Hände. Resei griff jetzt in das Körbchen, um die Schlüssel zu den verschiedenen Kästen herauszunehmen und sie, wie es üblich, dem Bräutigam zu übergeben. Dieser aber sagte: »B'halt's nur grad. I brauch d' Schlüssel nit zu deine Kästen, nur den oan, der mir dei' Herz aufgsperrt hat, b'halt i, und dös is mei' Vertraun in di, mei' treue Liab. So laß unsern Handel sei', Resei, und nit wahr, Hochwürden, Sie gebn Ihren Segen dazua?« »Amen,« sagte der Pfarrer und legte seine Hand auf die verschlungenen Hände des Brautpaares. Nun ward der noch kurze Weg zum Hofe zurückgelegt, wobei der Bräutigam an der Seite des Wagens blieb. Vor dem Hofe bewillkommten die Braut die alten Eltern des Wendel, dessen jüngerer Bruder und einige Ehehalten . Der Bräutigam hob Resei vom Wagen und half dem Pfarrer beim Aussteigen, worauf sich alle in die Bauernstube begaben, wo den Ankommenden Wein und mürbes Brod kredenzt wurde. Die mitgebrachte Kuh aber ward mit einem mit geweihtem Salz bestreuten Stück Brot bewillkommt und dann im Stalle untergebracht. Dann aber ging es zum Abladen des Kuchelwagens. Alles half da mit, die Geräte wurden an ihren Platz gestellt, vor allem aber die Brautstube eingerichtet. Ganz besonderes Vergnügen bereitete Resei ihrem Bräutigam, als dieser auf einem bunt bemalten Tölzer 17 Kleiderkasten seines ziemlich getroffenen Portraits als Artillerie-Unteroffizier zu Pferd ansichtig ward. Mit Freude und Wehmut zugleich blickte er lange nach dem Bilde. Der dunkelblaue kurze Frack mit den goldenen Knöpfen und der gelben Korporalsborte am schwarzen, rotpaspoilierten Kragen, die golden schimmernden Epauletts, der lange Schleppsäbel, der Raupenhelm mit glitzerndem Schilde, Spangen und Kettchen und der hohen roten Huppe – alles sah so prächtig aus, daß sich Wendel wieder ganz in seine schöne Soldatenzeit zurückversetzt fühlte. Dazu hatte es der Kastenmaler verstanden, Wendels großen Schnurrbart mit vieler Sorgfalt wiederzugeben, so daß der Bursche jetzt unwillkürlich die nun etwas vernachlässigte Zierde seiner Oberlippe dem Bilde durch künstliches Aufwärtsdrehen seiner Spitzen ähnlicher zu machen suchte. Der Pfarrer bemerkte das und sagte lächelnd: »Wennst'n Schnurrbart so auffidreht hast, hast g'wußt, warum, gel? Weg'n dein' Hauptmann allein is g'wiß nit g'schehn.« »Grad weg'n dem is's g'schehn!« erwiderte Wendel. »Unser Herr Hauptmann Schnizlein hat's gern a so g'sehn. Proper, hat er g'sagt, muß der Soldat sein, aber aa fesch! Da hat si' nix g'fehlt bei mir, und weil i aa sunst beim Zeug war, hat mi mei' Kommandant hoch in Ehren g'halten. Glei hätt' er mi zum Feuerwerker vorg'schlag'n, wenn i mi hätt' reangagieren lassen. Hätt' nit viel g'fehlt, so wär's der Fall gwen. Ja, ja, es is scho' schön beim Militär, wenn ma' sei' Pflicht thuat und wenn ma' von seine Vorg'setzten g'acht wird. Und grad so a Bräunl hab i g'habt, wie's der Maler daher g'macht hat, a fromm's, a guats Tier! Wie wird's ihm jetzt gehn? Obs der jetzige Reiter 18 so guat zu behandeln weiß, wie's bei mir der Fall? Obs no' hin und wieder an' Zucker kriegt, den 's so gern schleckt? Mei', i wollt, i hätt's da, mei' guate Lies!« Mit leuchtenden Augen sah er nach dem Gemälde und gab sich seinen Erinnerungen hin. »Aber Wendel,« rief Resei lachend, »i werd' dös Bild da überstreichen lassen, wennst mi drüber vergißt!« »Warum nit gar,« entgegnete der Bräutigam, wie aus einem schönen Traume erwachend. »Di vergessen, mei' liebs Bräutl, so was giebt's nit! Also stelln wir alles auf sein Platz, daß wir nacha zum Essen komma; d' Muatta greint sunst, weil ihre guaten Sachen verderben.« Nachdem alles geordnet war, nahm der Pfarrer nochmals die Einsegnung vor und hierauf beschloß ein Mahl im Kirchweihstil mit Knödeln, Fleisch und Weizennudeln die ganze Festlichkeit. Glücklich, zufrieden und in der heitersten Laune setzten sich alle zu Tische. Niemand ahnte, mit welch ganz andern Empfindungen sie sich wieder erheben sollten, denn ein plötzliches Ereignis vernichtete gleich dem jähen Sturz einer Lawine den soeben begonnenen Bau des Glückes und der Wohlfahrt des jungen Brautpaares. 19 II. Der Fischer-Friedl hatte aus der Ferne den Willkomm seines glücklichen Nebenbuhlers mit angesehen. Wie an die Stelle gebannt, blickte er noch lange nach jener Richtung, als Kuchelwagen und Braut längst seinen Augen entschwunden waren. Er hatte sie so geliebt seit vielen, vielen Jahren, und auch sie war ihm gut gewesen, und jetzt war es richtig mit dem Wendel, der nur zu kommen brauchte, um einmal mit ihr zu tanzen, und sie war sein! Wendel war eben ein schöner Mann, was man von Friedl nicht sagen konnte, dessen Gesicht zwar nicht unschön, der aber trotz seiner 26 Jahre sehr unmännlich und milchbärtig aussah. Auch Friedls Gestalt war unansehnlich und paßte nicht gut zu dem hochgewachsenen Resei. Aber er war brav, arbeitsam und friedfertig, er war beliebt in der ganzen Jachenau, nur die eine liebte ihn nicht, an deren Liebe ihm alles gelegen war – Resei. Das nagte Tag und Nacht an seinem Herzen. Er floh die Kameraden, mit denen er sonst so gern alle Lustbarkeiten, Gesang und Zitherspiel geteilt, und die ihn jetzt meistens nur hänselten und verhöhnten; er fühlte sich am wohlsten, wenn er allein war. Oft ließ er sich stundenlang von den Fluten des Walchensees hin- und hertreiben, selbst wenn der See unruhig war, er sehnte sich danach und wünschte, eine Woge 20 möchte so mitleidig sein, ihn samt seinem Schiffchen in dem tiefen Gewässer zu begraben; aber die springenden Fluten thaten ihm nichts zuleide, sie schonten den alten, treuen Bekannten. So betrieb er traurigen Mutes sein Handwerk, die Fischerei, die auf seinem Hause ruhte, in welchem nur mehr seine alte Mutter lebte. Auch das Fischwasser der Jachna war Eigentum seines Hauses und nicht ohne Absicht machte er sich heute da zu schaffen. So traf er Resei auf der Fahrt nach dem Wallerhofe. – Nun war sie ihm entschwunden, sie war für ihn verloren. – Aus seinen Gedanken störte ihn der Gruß eines im Jachenauer und Isarthale wohlbekannten Pfannenflickers, des Zigeuners Duli. Er war ein schon ältlicher Mann mit langem, schwarzgrauem Haar, das gelbbraune Gesicht um Kinn und Mund voll grauer Stacheln. In der schmutzigen Tracht eines Slovaken, einen Stock in der Hand und einen grobleinenen Brotsack, in welchem er auch sein Handwerksmaterial verwahrte, um die Schulter, so stand er vor dem jungen Fischer. Der Zigeuner Duli war gleich dem ewigen Juden fortwährend auf der Wanderung und kam alle Jahre ein- oder zweimal in die Jachenau, wobei er in allen Bauernhöfen nachfragte, ob die Pfannen und Kessel keiner Reparatur bedürftig; außerdem hatte er allerlei Hokuspokus für Menschen- und Viehkrankheiten und suchte sich durch die verschiedensten Sympathiemittel für Zahnweh, Warzen, Gewächse u. a. nützlich zu machen. Wohin er ging, woher er kam, wußte man nicht. Man sagte, er hätte von einem Zigeunerstamme in Siebenbürgen, dem er angehörte, die Verpflichtung erhalten, über das Grab der Zigeunerkönigin zu wachen, welches sich am 21 Ausgange der Jachenau in das Isarthal, beim sogenannten Zigeunerbrunnen, befindet und woselbst alle siebenzehn Jahre seit undenklichen Zeiten die Zigeuner auf einige Tage ihr Lager aufschlagen, um mit Tanz und Gesang die Erinnerung an ihre einstige Königin zu feiern. Nach landesüblicher Sage sollen vor unbekannten Zeiten die Zigeuner hier ihre gebrechliche Urelternmutter, die lebenssatt geworden, nachdem sie dieselbe mit ihrem reichsten Gewande bekleidet, lebendig begraben haben, wobei sie gerufen: »Gieb dich zur Ruhe, Alte, hast lang' genug die Welt angeguckt!« oder in ihrer Sprache: » Dscha dele! Dscha dele! O polopen baro mele! «(Kriech' unter! Kriech' unter! Die Welt vermehrt sich!) Wie dem auch sei, der Zigeuner Duli besuchte in der That jährlich das erwähnte Grab, warf, wie alle hier vorüberwandernden Zigeuner, einen Stein darauf, damit sich der Grabeshügel erhöhe, und hielt es gleichsam in gutem Stand, indem er sorgsam die dort wuchernde Waldrebe, den sogenannten Hexendraht, um dasselbe zog, um zu verhindern, daß eines Menschen Tritt es entweihen könne. Dieser Mann war, von Friedl unbemerkt, das Sträßchen heraufgekommen und hatte die Szene mit den Fischen mit angesehen. Er schien genau von der Sachlage unterrichtet zu sein. »Gott grüaß di, Fischer-Friedl!« rief er jetzt dem Burschen zu. »Was schaugst ihr denn nach so lang? Wenn das Pferd hin ist, den Sattel und den Zaum wegwerfen! Bist ja ein junges Blut. Holet ich mir halt eine andere.« Und er sang: 22 Weg'n ein Dirndl trauern, Dös könnt i nit thoa', I versüßet mir's Leb'n Und versündet mi kloa'. Friedl sah mit Widerwillen nach dem Zigeuner. »Was woaßt denn du?« gab er verächtlich zur Antwort. »Gar viel – alles weiß i,« entgegnete der Zigeuner Duli. »Dir is 's Resei b'stimmt g'wesen, darauf ist der Artillerist kommen und aus is's g'wesen. Heut' hast 's Nachschau'n. Vergönnst nachher dem Wendel sei' Glück?« »'n Wendel? Ob eam's vogunn? Warum fragst mi a so?« »I mein grad,« entgegnete der andere, »der lacht über dich, darfst mir's glauben! Ich hab's ja g'hört auf die Bauernhöf, wo ich mich seit etlichen Tagen 'rumtrieben hab. Er lacht über dich, i sag dir's, und 's Resei, no' – warum sollt die nit lachen?« »Höll' und Teufel!« rief Friedl erregt. Die Gefühle in ihm hatten sich plötzlich verändert. Neid, Haß zogen ein, sie wühlten in seinem Herzen und die Eifersucht war das orkanartige Element, das jene Leidenschaften in so heftige Bewegung brachte. »Glaub's gern, daß d' heiß wirst,« sagte der Zigeuner Duli, »wennst zuschau'n mußt, wie der andere die Braut heimführt.« »Wollt i doch glei, i könnt ihna ebbas anwünschen!« platzte Friedl heraus. »Das kannst!« fiel der Zigeuner rasch ein. »Ich weiß was, daß das Glück nit lang dauert.« 23 »Geh' zua, führ mi nit in Versuchung!« entgegnete Friedl. »I will so a Sünd nit auf mi laden.« »Hast ja grad g'sagt, du möchst ihna was anwünschen! 's wünschen ist ja kei' Sünd. Ich wünsch mir alle Tag an' Sack voll Geld und an' guten Schnaps, und meinen Feind, denen wünsch i kein Geld und kein Schnaps. Wenn mir einer mei' Dirndl genommen hat, so verlangt doch kein Mensch, daß ich wünsch: seids glücklich miteinander in alle Ewigkeit! Oder wünschst dir du das in dem Augenblick für 'n Wendel und 's Resei?« »Na', wahrhafti nit!« rief Friedl. »No' siehst, du wünscht, daß 's g'straft werden alle zwei. Ich weiß, wie ihnen 's Glück kann abbet't oder abgwünscht werden. Grad jetzt, wo 's Resei 's erste Mal 'n Fuß ins Haus vom Hochzeiter setzt, ist die beste G'legenheit.« »Sag, was dös is!« rief Friedl, der in Gedanken den Eintritt Reseis in den Wallerhof verfolgte. »Es kost dir aber was,« meinte der Zigeuner. »Drei Zwanziger mußt spendieren. Ich brauch grad Kleingeld.« »Da – da hast es!« sagte Friedl hastig, indem er das Verlangte aus seinem ledernen Geldbeutel nahm und dem Zigeuner Duli in die Hand drückte. »Und noch was!« sagte Duli. »Du allein bist nit imstand, den Zauber wieder z' lösen. Dazu mußt mich wieder haben, verstanden: mich, und das kann nur unten am Zigeunerbrunnen geschehen; das kost dir aber wieder was. Verstehst?« »Mir is's recht!« »War mir's doch, als hätt's mir der Geist von unserer Königin unten am Zigeunerbrunnen ahnen lassen,« fuhr 24 Duli fort, »daß ich an ihrem Handäko (Grube) ein Stück von dem Hexendraht abgeschnitten, der ringsum wuchert.« Und ein Stück Waldrebe aus seinem Brotsack hervorziehend, sprach er weiter: »Siehst, das paßt zu unserm Vorhaben. Mit dem drehn wir 's Glück von dem neuen Brautpaar ab.« »Wie so dös?« »Das sollst gleich sehn!« sagte der Zigeuner. »Siehst, an dem ein' End mach ich einen Knopf – der bedeut't 'n Wendel, und am andern End mach ich wieder einen, der bedeut't 's Resei. Und also, die zwei sind glücklich verbunden – so lang der Strang nit reißt.« »Wie sollt der reißen?« meinte Friedl; »der is zaach« (zähe). »Drum drehn wir 'n ab. Wie man 'n Gockl 'n Kopf abdreht und sein' Leben 'n Garaus macht, grad so drehn wir dem Brautpaar sein Glück ab. Z'erst aber muß ich a Paar Grives Graves machen; das ist mein G'heimnis.« Er machte in die Mitte des Stranges einige drudenfußähnliche Zeichen, murmelte einen zigeunerischen Zauberspruch, wobei er die Gerte mit ausgestrecktem Arm nach allen Himmelsrichtungen wandte und sein Gesicht einen so scheinheilig ernsten Ausdruck annahm, als ob er in der That eine heilige Ceremonie verrichtete. Nachdem dieses geschehen, sagte er zu Friedl: »So, jetzt nimm du das eine Trumm in die Hand, und ich 's andere, und jetzt drehn wir, du nach links, ich nach rechts.« Dem Friedl ward es ganz sonderbar zu Mute. Sollte er wirklich die Hand zu einem so bösen Spiele bieten? Wohl stieg in ihm die Vermutung auf, daß des Zigeuners That doch nichts anderes als ein gewöhnlicher Hokuspokus 25 sei, daß es demselben nur um die drei Zwanziger zu thun gewesen und am Ende nichts Verfängliches dabei wäre, wenn er die Dummheit zu Ende führte, anderseits aber war er wie alle seine Landsleute wohl geneigt, an die schwarze und weiße Kunst zu glauben, und daß der Zigeuner Duli etwas los hatte, das war eine ausgemachte Sache. Es überfiel ihn jetzt ein gewisses Gruseln bei dem Gedanken, daß er das Glück des von ihm so heiß geliebten Mädchens vernichten sollte. Das wäre doch gar zu unchristlich. Schon war er im Begriffe, sich von dem unheimlichen Gefährten zu entfernen, da ertönten ein paar Böllerschüsse zum Zeichen, daß Resei die Schwelle der neuen Heimat überschreite. »Jetzt lacht der Wendel über dich!« schürte Duli, der Friedls Zögern wohl bemerkte; »jetzt g'hörts sein – wegg'schnappt hat er dir's. Dreh, daß er nicht z' übermütig wird, der stolze Bua. Dreh zu! In dem Augenblick – ich mein, ich hör 's Bussel schnalzen, das er ihr giebt. Dreh, sag' ich, daß bald ausg'schmatzt ist; dreh zu!« Und Friedl, dem bei diesen Worten das Blut in den Kopf geschossen, fing zu drehen an und drehte hastig weiter. In wenig Augenblicken war der Hexenstrang bis auf eine dünne Faser abgedreht. »Gut ist's!« rief der Zigeuner Duli. »Nur an einer Faser darf's Glück von die zwei noch hängen, weißt, das ist d' Hoffnung, die kann kein Zauber ganz vernichten. Und jetzt werf ich den Hexenstrang in d' Jachen.« Er begab sich zum nahen Ufer, warf den Strang in das rasch fließende Wasser und rief: »Schwimm weiter und weiter, schwimm bis ins Meer, 26 nimm's Glück mit vom Wallerhof und bring's nimmer her!« Friedl sah, einem Missethäter gleich, dem Zigeuner zu. Es reute ihn schon jetzt, die Hand zu einem bösen Werke geboten zu haben. Was er in einer plötzlichen Aufwallung seiner Leidenschaften empfunden, es war wie mit einem Schlage entflohen. Deshalb sagte er: »Hör, Duli, i will dös G'schäft wieder rückgängig machen.« »Ich glaub, du bist ein Narr!« rief der Zigeuner Duli lachend. »I bin kei' Narr. Mach die Sach wieder rückgängig; es reut mi.« »Das ist nicht rückgängig z'machen bis in zwei Jahren. Dann komm hinunter zum Grab unserer Königin, denn unser Stamm Aschani wird dort sein, weil wieder siebzehn Jahr hinüber. Dort erst wirst du mich wieder sehen, denn ich ziehe mit unserm Stamme jetzt nach Asien, in die Heimat der Zigeuner. Im Posthaus zu Walchensee halt ich Rasttag, morgen geht's dann weiter ins Bayerland, der Donau zu und hinunter nach Siebenbürgen. Hörst schießen? Der Wendel kann lachen, aber er hat bald ausg'lacht! Adis!« Er schritt mit langen, wenn auch etwas unsicheren Schritten von dannen. Friedl blickte ihm lange sinnend nach; endlich aber kam er zu dem Schlusse, daß sich der Vagabund einen Spaß mit ihm erlaubt. Er warf sich zu Boden und sah dem rasch dahin flutenden Wasser der Jachen zu. Lustig plaudernd zog es fort aus der Heimat in weite, weite Ferne. Wenn auch er so forteilen könnte in die Fremde, noch weiter – bis in die Ewigkeit! 27 Wie sollte er Wendels und Reseis Glück mit ansehen können? Was er vorhin mit dem Zigeuner gegen dieses Glück unternommen, war ganz gewiß nur ein schlechter Spaß gewesen, den sich derselbe mit ihm erlaubt. Er schämte sich jetzt, daß er denselben nicht sofort von sich gewiesen. Endlich machte er sich auf den Weg gegen Oberjachenau zu. Im dortigen Gasthause beim Jochwirt wollte er die Rückkehr Reseis vom Wallerhofe abwarten. Er wollte sie im Vorbeifahren noch einmal sehen, – sehen, wie das Glück auf ihrem Antlitz strahlte, dann wollte er die Jachenau verlassen – in die Fremde ziehen. Wohin, das wußte er noch nicht, das war ihm auch ganz gleich. 28 III. Auf dem Wallerhofe saß das glückliche Brautpaar nebeneinander am wohlbesetzten Tische. Die alten Eltern Wendels, sein Bruder Lindl und der Pfarrer teilten die allgemeine Freude und tranken mit echtem Tiroler oftmals das Wohl der beiden Brautleute. Wendels Vater war ein großer, grobknochiger alter Mann mit sehr markierten Gesichtszügen, die ganz denen des Wendel glichen. Er ging schon sehr gebückt, legte aber trotzdem noch sehr viele Rüstigkeit an den Tag. Sein Weib, Wendels Mutter, war ebenfalls noch ziemlich rüstig. Sie hatte ungemein einnehmende Züge und blickte mit Stolz auf ihren Erstgeborenen. Der jüngere Sohn, Lindl, war in seinem Charakter ganz das Gegenteil seines Bruders, schüchtern, fast zaghaft wie ein Mädchen. Bedeutend kleiner als Wendel, besaß er jedoch ein sehr einnehmendes Aeußeres. Er hatte nur mit dem Rindvieh, den Schafen und Tauben Freude und verwandte alle Sorgfalt auf deren Zucht. Sonst ordnete er sich selbst in allen Stücken seinem Bruder unter, der überhaupt von der ganzen Familie mit einer gewissen Verehrung betrachtet wurde. Wenn Wendel, wie es anfangs seine Absicht war, beim Militär geblieben, so wäre dem Lindl der Hof zugefallen. Er würde damit in die für ihn sehr üble Lage gekommen sein, sich eine Bäuerin aussuchen zu müssen, und das wäre 29 ihm furchtbar unangenehm gewesen. Er hatte durchaus keine Neigung zum Heiraten, und sein Bruder hätte ihm gar keinen größeren Gefallen thun können, als daß er wieder nach Hause kam und den Hof übernahm. Für ihn war ja gesorgt, sein Heiratsgut hatte ihm Wendel bar ausbezahlen lassen und im Zuhäusl war Platz genug für ihn und die Eltern. So saß er denn auch sehr erfreut am Tische und rieb sich vergnügt die Hände darüber, daß er nicht der Bräutigam sein mußte und daß er so ganz ohne Neid auf das glückliche Paar blicken konnte. Dieses plauderte mit immer größerer Heiterkeit zueinander. »Aber die größt' Freud hast mir schon mit dem g'malten Kleiderkasten g'macht,« versicherte Wendel zum so und so vielten Male. »Mein i doch, es ist gar nit mögli, daß i kei' Uniform mehr tragen soll. I hab mi so dran g'wöhnt an mei' Ehreng'wandl, daß mir dös fludrige Zeug da gar nimmer passen will.« »Mei',« erwiderte der alte Wallerbauer, »a jed's Gwand is a Ehrengwand, 'n Bauern dös seini so guat, wie r 'n Soldaten. Woaßt nit, daß unsere Vorfahren aa koa' Uniform g'habt ham, wie 's dazumal anno 1705 einizogn san auf Münka in der Mordweihnacht, auf daß 'n Feind außijagen aus'n Land, und die kurfürstlichen Prinzen befreien? Aber 's Glück is nit mit eahna gwen; im Sendlinger Freithof ham's 's Leben lassen fürs Vaterland, in der Joppen sans g'storbn, d'rum halt dös Gwand wohl in Ehren!« »Ganz richtig!« entgegnete der Pfarrer, und lächelnd setzte er hinzu: »Vielleicht wär das eine bessere Uniform 30 für unsere Freiwilligen, die sich zum Zuge nach Griechenland rüsten, als die unbequeme Soldatenmontur.« »Herr, redts dengerscht nit von dera G'schicht,« bat der alte Wallerbauer lachend, »da wird mei' Wendl anemal ausnand, daß er nit mit kann.« »Sollt i nit ausanand wern!« rief Wendel. »Sechs Jahr lang hab i mir nix sehnlicher g'wünscht, als an' Ausmarsch. Nur einmal wenn i an' richtigen Schuß hätt' abgeben därfen an' wirklichen Feind genüber oder an' Marsch auf weit furt – nix, nix is 's gwen. Aber kaum war mei' Zeit vorbei, wird's im ganzen Land rebellisch, g'worben wird über Hals und Kopf und fort geht's, ins Griechenland eini. Und i bin nit dabei! Gottskreuzdi –« »Hörst auf mit dein' Fluchen, du Feuerwerker!« rief der Pfarrer. »Meinst, du versäumst was, wenn d' nit mitkannst? Ich glaub, den armen Freiwilligen wird auch kein Butterbrot gestrichen in dem verkommenen Land. Es wird eine recht zusammengewürfelte Expedition werden, zusammengewürfelt aus aller Herren Ländern, keine Freude für einen rechten Soldaten.« »Mag sein!« versetzte Wendel. »Mei' Sach wär's aa nit, mit so an' Freiwilligenkorps auszumarschiern, aber wenn mei' Regiment, mei' Batterie so a G'schäft krieget, kreuzdivi –« »Bist still mit dei'm Fluchen!« fuhr der Pfarrer wieder dazwischen. »Domine!« vollendete Wendel nach einer kleinen Pause. »Dös wär an' anders Numero! Resei, da wär's am Montag no' nix mit 'n Kopliern! Z'erst kömmet Griechenland – nacha d' Hozet!« »No', so dank i halt Gott, daß er's so wohlweisli 31 für mi eing'richt hat,« lachte Resei, »auf daß ma der jung' Küni mein' Hochzeiter nit nimmt. Mei', i moan, es is zum Erbarmen, no' so jung und so weit furt müssen, in a fremd's Land, wo Räuber und Banditen hausen.« – Das griechische Volk hatte bis vor kurzem unter dem Joche seiner Gewaltherren, der Osmanen, geschmachtet und war versunken in Schmach und Elend. Die höchsten Güter des Lebens sah es der zügellosen Willkür der Tyrannen preisgegeben, es sah sein Heiligstes, seine Religion, verachtet und in den Staub getreten. Unerträglich das Joch, fruchtlos die Versuche, es abzuschütteln. Da entstand der Bund der »Hetärie,« das Volk ermannte sich, stand auf und ging aus einem zwölfjährigen, furchtbar blutigen Kampfe glorreich siegend hervor. Markos Botzaris, Demetrios Ypsilanti, Miaulis, Karaiskatis und andere zeigten sich an Tapferkeit den griechischen Helden der Vorzeit würdig. Ganz Europa wandte dem mutigen Volke die lebhafteste Teilnahme zu. Kein Fürst hatte aber solch heiligen Eifer für den Sieg des Kreuzes kundgegeben, als König Ludwig von Bayern. Er war der erste und einzige, der sich öffentlich für die begeisterten Kämpfer erklärte und dem armen Volke nicht nur mit schwungvollen Gedichten, sondern auch mit immer neuen Summen zu Hilfe kam. Mehrere Offiziere, wie Asch Nachmals General und Vater des Kriegsministers Baron Asch. , Heideck, Schmeller, Schnizlein und Hügler, hatte er zur Teilnahme an dem Freiheitskriege dem unglücklichen Volke zu Hilfe geschickt und die Söhne der unglücklichen Hellenen wie Kinder seines 32 eigenen Volkes zu sich geladen und ihnen ein Panhellenion in München eröffnet. Das griechische Institut unter Parisiodis auf dem Königsplatze, wo jetzt das Kunstausstellungsgebäude steht. Die neue Republik unter der Leitung des Grafen Capo d' Istria, welcher der Hinneigung zu Rußland beschuldigt ward, ging mit dessen Tod von der Hand des jüngern Mauromichalis unter der Kirchthür von Nauplia zu Grabe, und die Anarchie und gesetzlose Willkür der Parteiführer verheerte die Städte und Fluren des Landes jetzt mehr als es die zerstörende Macht des langwierigen Kampfes gethan. Da traten die Großmächte, England, Frankreich und Rußland, vermittelnd dazwischen, erwählten laut Vertrag vom 7. Mai 1832 König Ludwigs Sohn, den siebzehnjährigen Prinzen Otto, zum Könige von Griechenland, und die Nationalversammlung zu Pronia beschloß mit Zustimmung der Minister, dem Sohne des hochherzigen Bavaresenkönigs Ludovikos durch eine Deputation, bestehend aus dem Seehelden Andreas Miaulis, den Generälen Konstantin Botzaris und Kalliopulos sowie dem Dragoman der Gesandtschaft, Major Diamantidis, dem Prinzen Otto die Krone antragen zu lassen. Die Abgesandten erschienen zum Oktoberfeste, Bayerns olympischem Spiele, und verblieben in München bis zur Abreise ihres neu erwählten Königs, der auf den Grabhügeln des alten Hellas einen neuen Thron errichten, ein neues Geschlecht zu der Größe seiner Voreltern wieder erheben sollte. Der Vertrag legte Bayerns König, Ludwig I, dem großen Philhellenen, die Verpflichtung auf, den König Otto durch ein Truppenkorps von 3500 Mann zu unterstützen 33 und für die Dauer der Minderjährigkeit des Königs (bis 1. Juni 1835) eine Regentschaft zu bestimmen, welche aus dem Grafen Armansperg, dem Staatsrat von Maurer, dem Generalmajor von Heidegg und dem Herrn von Abel als Ersatzmann bestand. Das für Griechenland bestimmte Truppenkorps sollte aus Freiwilligen bestehen, und so erging der Aufruf des jungen Königs an seine Landsleute zum Eintritt in das griechische Expeditionskorps. Mit Begeisterung ward der Aufruf nicht nur in ganz Bayern, sondern in ganz Deutschland vernommen. Mancher brave, junge Mann riß sich mit hochklopfendem Herzen los aus den Armen seiner Lieben, um Ottos vertrauendem Rufe zu folgen; mancher, der bisher der Trost und die Hoffnung seiner alten Eltern war, änderte plötzlich seine ganze Lebensrichtung und trat unter die griechischen Fahnen, um da ein neues Leben zu beginnen. Mit Freude verließen auch viele ihr Vaterland, um auf dem Boden wandeln zu können, der durch so erhabene Erinnerungen aus der Vergangenheit geheiligt ist; mit Freude verließen andere den heimatlichen Herd, um sich auf fremdem Boden eine neue Heimat zu gründen. Die Abreise des jungen Königs war auf den Dezember festgesetzt. Schon war sein Abschied in Liedern und Gedichten gefeiert und im ganzen Bayerlande bildete bei reich und arm des jungen Königs Abreise das Hauptgespräch. »Wie, Resei, du kannst ja dös Lied singn, dös auf'n Otto sein Abschied g'macht is worn,« sagte Wendel. »Ja, sing's!« bat der alte Wallerbauer. »Gebt's 'n Wendel d' Zither; er soll's begleiten.« Der Aufforderung zum Gesang wird im Gebirge stets 34 sofort und ohne Zögern entsprochen, und so sang Resei einige Strophen aus dem nach der Melodie von Bertrams Abschied bereits allbekannten Lied: So willst du wirklich, Otto, von uns scheiden, Zu lösen dein und deines Vaters Wort, Zu heilen des bedrängten Volkes Leiden, Reißt dein Entschluß dich unerbittlich fort. Vertrau'n einflößend allen Volksparteien, Die an des Isthmus blumenreichem Rand Noch immer sich im Bruderkampf entzweien Zu bitterm Schmerz fürs schöne Griechenland? So folge denn dem ehrenvollen Rufe, Erhörend eines Heldenvolkes Flehn, Besteige mutig nun des Thrones Stufe Mit Pallas Schutz in Pallas Stadt Athen. Wenn schon Gebirg' und Land und Meer uns trennen, Dir bleiben uns're Herzen zugewandt, Auch du wirst uns're Liebe nicht verkennen, Erlauchter Fürst, im fernen Griechenland. Die Sängerin wurde durch einen unerwarteten Besuch unterbrochen. Ein Artillerie-Unteroffizier in Uniform trat in die Stube. Es war Wendels Freund, derjenige, der schon zur Kirchweih als sein Gast mit ihm gewesen. »Jeß, der Berger!« rief Wendel aufspringend. »Grüaß di Gott! Du kommst grad zum Kuchelwagenessen recht! Da siehst mei' Hochzeiterin, 's Resei; du kennst es ja eh vom Kirta her.« Der Angekommene grüßte freundlich alle Anwesenden. »Jetzt schnall nur glei' dein' Säbel ab und setz di her zum Tisch,« bat Wendel den Kameraden. »Es is scho' so viel über, daß 's für di noch glangt. Ja, was seh i!« 35 rief er jetzt mit Erstaunen. »Du hast ja zwei Strich am Kragen, du bist Feuerwerker worn?« »Ja, vor etli Tag,« entgegnete der Soldat, der mit der einen Hand behaglich seinen großen Schnurrbart strich. »Du wärst es jetzt auch, bist ja mei' Vormann.« »Feuerwerker!« rief Wendel. »Dös is mei' höchster Wunsch gwen, aber umsunst. Und jetzt, kaum bin i fort, kreuzdivi – i fluch nit aus, Hochwürden,« unterbrach er sich;»es is dös nur so a Soldatengwohnheit. Jeß, is der Feuerwerker worn – mei' Nachmann! Setz di nur grad her, Herr Feuerwerker! Laß dir's schmecken! An' echten Tiroler kriegst. Alle Teufel, Feuerwerker! Ich hab's grad zum Korporal bracht – hat nit sei' wolln.« »Dafür hast es zu an' schön' Bräutl bracht,« erwiderte Berger. »Mi freut's, dei' Glück, Wendl, wenn glei damit mei' Herreis' verfehlt is.« »Dei' Herreis'? Wie so dös?« fragte Wendel. »Du kannst dir's wohl nit denken, warum i kömma bin?« sagte Berger lächelnd. »Du erratst es kaum? Im Auftrag von unserm Herrn Hauptmann bin i da.« »Von mein' Hauptmann? Denkt der noch an mi, der Raritätsmann?« rief Wendel mit leuchtenden Augen. »Und was is dös für a Auftrag?« »Dös sollst hörn, sobald wir unter uns sind. Laß mi z'erst essen und trinken. I komm von Länggries zu Fuß her und hab an' Weltsappetit. Gestern bin i mit 'n Stellwagn auf Tölz, und noch bis Länggries g'laufen, heunt muaß i noch zruck bis auf Tölz, daß i 'n Nachtstellwagen krieg. Da brauch i a Stärkung.« »Wenn's sei' muaß, daß d' morgn in München bist, so fahr i di auf Tölz awi, dös versteht si' am Rand. Aber 36 i zitter' ganz über die Botschaft, die mir mei' Hauptmann schickt.« »Du wirst es schon hörn, wenn ma alloa' sein,« entgegnete der Kamerad lachend. »Grad schad is's, daß d' nit mehr in München drin bist. Dös is a Lebn jetzt! Von der ganzen Welt kömma junge Leut und wolln si' anwerb'n lassen. An die fünfhundert wern schon einexerziert.« »Das reicht aber noch lang nicht aus,« meinte der Pfarrer. »Das Expeditionskorps soll ja sehr ansehnlich werden.« 37 »Das is 's ja,« versetzte der Soldat. »Die Abreis' vom König laßt sich nit länger verschieben und so is b'stimmt, daß ihm einstweilen a bayerische Brigade von 3500 Mann Stärk mitgebn wird. Sobald so viel Freiwillige nachg'schickt wern könna, kommt die Brigade wieder zruck. Der General von Hertling is der Kommandant, sie is zamgsetzt aus mehreren Bataillon' Infanterie, zwei Schwadronen Ulanen und einer Kompagnie Artillerie mit acht bespannten Geschützen.« »Von welchem Regiment wird die Artillerie-Kompagnie gnommen?« fragte Wendel, der ganz Feuer und Flammen war über diese Nachricht. »Vom ersten Artillerie-Regiment,« lautete die Antwort. Und zitternd vor Aufregung, als ahnte er schon die Antwort, fragte Wendel weiter: »Welche Kompagnie?« »Die neunte,« entgegnete der Kamerad mit schlecht verhehltem Lächeln. »Unser' Kompagnie?« stieß Wendel heftig hervor. Dann setzte er fast gekränkt hinzu: »Berger, wie magst mi a so tratzen!« »Mei' Wort drauf!« entgegnete Berger jetzt wieder ernst. »Unser Herr Hauptmann Schnizlein führt die Batterie, die 190 Mann stark wird. In etli Wochen geht's fort ans Meer und dann per Schiff Griechenland zu.« Wendel blickte einige Augenblicke starr vor sich hin. Dann erhob er sich rasch und sagte zu seinem Kameraden: »Geh mit mir, ich möcht dei' Botschaft hörn.« »Noch an' Trunk aufs Wohl der Braut!« versetzte der Feuerwerker, sich gleichfalls erhebend und alle 38 Anwesenden zum Anstoßen nötigend. Auch Wendel stieß mit an; aber in seiner Erregung that er das so heftig, daß Reseis Glas zersprang und der rote Wein auf das weiße Tischtuch herabfloß. »Barmherziger Gott!« rief das Mädchen erschrocken. »Dös is koa' guat's Zeichen; dös bedeut was!« »Das bedeutet, daß der Wendel ein anderes Mal bedenken soll, daß die Gläser nicht von Eisen sind,« warf der Pfarrer rasch dazwischen. »'s Schicksal hat damit nichts zu schaffen.« Während nun der Tisch wieder in Ordnung gebracht wurde, entfernte sich Wendel mit dem Feuerwerker. Er führte ihn in die obere Stube hinauf, welche vorhin mit Reseis neuen Tölzermöbeln eingerichtet worden war. Es war die Prunkstube des Hauses. Die erste Unterredung, welche in ihr geführt wurde, war aber gewiß nicht nach dem Sinne der jungen Braut, deren Herz ein ahnungsvolles Bangen erfaßt hatte. – 39 IV. Kaum waren die beiden Kameraden allein, so rief Wendel: »Berger, du hast mir an' Stich ins Herz gebn mit deiner Nachricht. Mir is ganz heiß!« »I kann mir's denken,« erwiderte der Freund. »Glaub mir, i wünsch dir alles Glück zu dein' neuen Hausstand, aber lieber hätt' i's gsehn, du wärst noch nit so weit. Vielleicht wär dann der Wunsch von unserm Hauptmann in Erfüllung gangen.« »Aber was is dös für a Wunsch?« rief Wendel ungeduldig. »Du weißt ja, was für große Stück der Hauptmann auf di g'halten hat. Auf di hat er sich verlassen in allen wichtigen Sachen, wie auf niemand sonst, und jetzt, bei so an' weiten und wichtigen Ausmarsch gehst ihm halt du ab. D'rum schickt er mi her und laßt di grüßen und laßt dir sagen, wennst wieder eintreten wollt'st auf die Dauer der Expedition, so kannst sofort in deiner Anciennetät wieder einrücken, du wärest der erst' Feuerwerker und was nit unwahrscheinli is, über kurzem Oberfeuerwerker mit Anspruch auf Pension und kann sein, in Griechenland drin sogar Offizier. Das hätt' i dir ausrichten solln. Aber i seh, i komm leider z' spät, du hast bereits an' andere Expedition in Ehstand ang'fangt, und 'n Hauptmann sei' Wunsch – 40 und därfst mir's glauben, der Wunsch der ganzen Kompagnie, muß leider unerfüllt bleiben.« »Auf wie lang is d' Expedition vorgsehn?« fragte Wendel nachdenklich. »Ung'fähr auf a Jahr,« lautete die Antwort. »Sobald uns die Freiwilligen ablösen, geht's wieder heim. I halt's gradzu für a Lustfahrt. Denk dir nur, aufs Meer kommen und Italien und Griechenland sehen! Hellas, wie's die nobeln Leut nenna, soll a Paradies sein!« »Und i weret glei der erst Feuerwerker?« »Und wenn der Oberfeuerwerker am Weg abspinnt (Invalide wird), wie's fast mit Sicherheit anz'nehmen is, so kommst du an sei' Stell. Das heißt, so wär alles worn, wennst nit am Montag dei' Hochzeit feiern thätst.« »Berger,« sagte jetzt Wendel feierlich, »d' Hochzeit laßt si' verschieben, aber d' Expedition nach Griechenland laßt si' nit verschiebn.« »I glaub kaum, daß der König Otto drauf einging,« erwiderte Berger lächelnd. »Aber was willst damit sagn?« »Daß i mein' Hauptmann folg – ja – i geh mit!« »Aber –« »Nix aber! I hätt' kei' ruhige Stund mehr mei' ganz's Lebn, wenn i so a G'legenheit vorübergehen ließ. Was liegt dran, ob etli Jahr früher oder später g'heirat wird! 's Resei wird dös einsehn, und wenn sie's aa nit einsieht, nix in der ganzen Welt haltet mi davon ab. – I geh mit, Berger, geh heut no' mit; koa' Stund is zu versäumen.« Er schlug in des Kameraden dargereichte Rechte ein; damit war er wieder Soldat. 41 Dann schritt er in größter Aufregung in der Stube auf und ab. »Ruf mir mein' Vater und 'n Pfarrer 'rauf, die sollns die Weiber beibringa,« sagte er nach einer Weile. »I möcht da erst 's zweite Treffen bilden. Du machst mei' Reserv. Bitt 'n Herrn Pfarrer und 'n Vata auffa!« Berger that, wie ihm geheißen. Die Gerufenen erschienen. »Was hat's da heroben im Konzilium geben?« fragte der Pfarrer, in die schöne Stube eintretend. »Hochwürden – Vater – d' Heirat muß verschoben werden!« sagte Wendel bestimmt. »Wär' nit aus!« rief der alte Wallerbauer. »Warum?« fragte der Pfarrer. »Warum? Weil i z'erst noch nach Griechenland muß mit unserm Prinzen Otto. Mei' Kompagnie is dazu beordert, mei' Hauptmann will, daß i wieder einrück und notabene als Feuerwerker. – I kann 'n König Otto nit im Stich lassen! Mi leid's nimmer da! Wenn i von Griechenland z'ruck kimm, wird g'heirat', bis dahin muß 's Resei warten. Hochwürden, Sie müssens ihr beibringen.« »Aber Wendel, das geht doch nicht!« sagte der Pfarrer. »Denk dran, was das für eine Schand, für ein Schmerz wär' für deine Braut. Nein, nein, schlag dir den Rappel aus dem Kopf! Dein Herr Hauptmann will gewiß nicht, daß du deine Braut so schändlich im Stich läßt, drei Tage vor der Hochzeit. Wendel, das wär' nicht ehrlich!« »Na', Wendl, dös geht nit!« mischte sich nun auch der alte Vater darein. »Aber Vata!« rief Wendl, »hast mir erst vorhin g'sagt, daß unsere Vorfahren Gut und Blut hergeben ham für 42 unser Fürstenhaus. San wir schlechtere Bayern, wie unsere Vorfahrn? Es gilt, unsern Königssohn in a fremds Land zu begleiten, ihm dort Beistand z' leisten. Is 's nit Pflicht für jeden, der a Soldatenblut in sich spürt, daß er da mit thuat? Is dös nit ehrli sei', Hochwürden? Soll i gehn oder nit?« »Wenn du frei wärst, saget ich auf der Stell: ja!« antwortete der Pfarrer. »Ja, dann fraget i Ihna überhaupt nit,« warf Wendel ein. »Es geht nicht,« wiederholte der Pfarrer. »Weiß man denn, was dir passiert? Du kannst ja bleiben im Gefecht?« »Dann sterb i an' Soldatentod als a braver Oberländer und komm von Stund auf in 'n Himmel. Wie's Gott bestimmt, is's mir recht.« »Da hat der Wendel recht!« sagte der Vater, mit Stolz auf seinen Sohn blickend. »Und i sag's glei,« fuhr Wendel, dadurch ermutigt, fort, »wenn i zum Heiraten zwungen werd, sag i am Altar vor alle Leut: na'!« »Aber was soll denn mit Resei werden?« fragte der Pfarrer ratlos den Vater. »Er hat ihr Treue gelobt, hat ihr 's Heiraten versprochen und als ehrlicher Mann muß er sein Wort halten.« »Da ham Hochwürden recht!« pflichtete der alte Wallerbauer bei. »'s Resei? Kann denn die der Lindl nit heiraten, falls mir was passieret? I b'stimm eam's testamentarisch«, rief Wendel. »Na', na',« rief Lindl, der gekommen war, nach den 43 Männern zu sehen und seines Bruders Worte vernommen hatte. »Da wird nix draus! I heirat nit, nit 's Resei, nit an' andere; auf mi, Wendl, därfst nit rechnen, dös sag i dir glei. Lieber ging i mit nach Griechenland, wenn der Weg nit so weit wär.« »Da hat der Lindl recht!« meinte der gutmütige Alte. »Mag's sein, wie's will,« sagte Wendel, »i bin fest entschlossen, no' heunt mit mein' Kameraden fortz'gehn. Beim Ausmarsch sehn wir uns wieder; geht ja der Marsch über'n Walchensee. Vater, red mir nimmer ab, es hilft nix!« »So laß i's Abreden bleiben,« sagte der Alte. »I kann dir's grad nit übel nehma. Meina Sixt, i hätt's in meiner Jugend grad so gmacht wie du. Wahr is's; was liegt an oan oder zwoa Jahrln Aufschub? Dafür hat's Resei dann an' g'reiften Mann, der ihr zur Kurzweil erzählen kann von all dem, was er so weit furt von der Hoamet erlebt. Und grad, daß d' mit dem lieben Prinzen Otto gehst, der mi erst färden beim Oktoberfest, wo i mir mein Preis g'holt hab, so freundli anglacht hat, dös taugt mir, Wendel. Ja, ja, mit dem ging i aa no', wenn i jünger wär. Pfarrer, thaats es ös nit selm? Seids ja aa von unserm Stamm und Jachenauer Blut?« »Viel därfst nit reden, so geh ich mit als Feldpater,« lachte der Pfarrer, »dann könnts sehn, wer euch am Sonntag Kirch hält. Aber jetzt, Leutln, handelt es sich darum, es dem Resei auf richtige Art beizubringen. Ich dank dafür!« »Mir is's aa nit gebn,« sagte Wendel, »am besten is's, mei' Kamerad da, der Berger –« 44 »Na', na',« fiel dieser ein, »i brauch meine Augen für Griechenland, i taug nit zu dem Gschäft.« »So übernimm's i!« entschloß sich der Wallerbauer. »Aber nur unter dem Beding, daß d' mir dei' Wort drauf giebst, Wendl, daß d' Resei heiratst, sobald daß d' zruckkimmst, bist nacha avantschiert als was d' willst, und selm wennst General bist.« »Mei' Wort drauf!« versicherte Wendel. »Alle sind Zeugen.« »No', so will i den harten Gang machen.« »Und i leg einstweilen mei' Uniform an,« sagte Wendel. »Lindl, schaug, daß d' a paar Stückl ung'löschten Kalk kriegst, denn d' Knöpf san anglaufen, bei mir aber solls glanzen.« »Glei, Wendl, sollst es habn!« rief Lindl, dienstfertig davoneilend. Der Vater aber begab sich in die untere Stube, wo die beiden Frauen Hand in Hand beieinander saßen. Die alte Frau sah mit Wohlgefallen in das hübsche Gesicht der künftigen Schwiegertochter. »Es wird dir schon g'falln bei uns,« sagte sie. »Du bist die Regentin alloa' am Hof. I und mei' alter Waller ziehn ins Austragstübl, wo's gar heimli und sauber is. Und du kommst recht oft ummi zu mir, gel Resei? Und hast irgend a Anliegen, so denk, i bin dei' Muatta. Hast ja sonst eh koane; is lang scho' her, daß ma's eingrabn ham, dös brave Leut. Hon's recht gern g'habt. Der Herr geb ihr die ewi Ruah!« »Amen,« entgegnete Resei und fing plötzlich zu weinen an. »Woan nur,« sagte die Alte. »Dei' Gmüat is heunt 45 viel strapliziert worn; woan, Deandl, auf daß dir leichter wird.« »Muatta, i woaß nit, mir is so ängstli, mir is grad, als hätt' der Soldat mein Wendl mit fortgnomma, als sollt i 'n gar nimmer sehn, grad so is's mir!« »Aber Resei, wo denkst hin! Hörst denn die Manna nit reden in der obern Stuben. Woaß Gott, was 's habn!« »Zu was is denn der Kamerad kömma?« fragte Resei. »Hast nit ghört, daß er an' Auftrag hat an Wendl? Was kann dös für a Auftrag sein? Warum hat er 'n nit da, vor uns allen, ausg'richt?« »Er wird scho' sein' Grund g'habt ham,« meinte die Alte. »Moanst, i hab's nit gmirkt, wie er verhofft is, als eam der Wendl gsagt hat, daß i sei' Hochzeiterin bin?« »Da hast di täuscht,« tröstete die Alte. »Gieb di z'frieden. Wir werns ja glei hörn, was 's is. Schau, da kimmt mei' Alter; der wird dir glei wieder Muat machen.« Der Wallerbauer trat in die Stube und setzte sich zu den Frauen an den Tisch. »No',« fragte die Bäuerin, »was habt's für a G'heimnis da oben? 's Resei hat Angst, daß ihr der Feuerwerker 'n Wendl abspensti macht. Red ihr dös Zeug aus'n Kopf.« »Dös kann i nit,« erwiderte der Alte. »Was Enk da der heili Geist hat denken und sagen lassen, is die Wirklichkeit. Der Wendl geht nach Griechenland, d' Heirat soll verschob'n wern. Mi ham's runter g'schickt, daß i's 'n Resei kloa'weis beibring. Oes wißt's es von eh schon, desto besser.« Resei war erblaßt und einer Ohnmacht nahe. 46 »Bauer,« rief sie, »dös is do' a G'spaß?« »Na', na', dös is völliger Ernst. Dirndl, sei stark, die Sach is so. Der junge König Otto will in sei' Land und da braucht er unsern Wendel, der halt recht umz'gehn woaß mit die Haubitzen und Kanonen, wie nit leicht an' anderer; dernthalbn hat er in d' Jachenau einag'schickt.« »Der Küni?« unterbrach ihn die Alte, vor Erstaunen die Hände faltend. »So viel wie der Küni, sei' Hauptmann halt, der so große Stuck auf'n Wendl halt'. D' Expedition könnt gar nit stattfinden, wenn der Wendl nit als Feuerwerker mitgehet. Drum will er, daß Enka Hochzeit so lang verschobn wird, bis er wieder zruck is – also halt verschobn. Was liegt denn aa da dran?« »O Muatterl, dös hat mir gschwant!« rief Resei, sich schluchzend an die Brust der Alten werfend. »Dös hat mir gschwant!« »Was sagt denn da der Herr Pfarrer?« fragte die Bäuerin. »Der, mei', der ging selber mit, wenn er nit z' alt wär, so viel hab i scho' heraus,« berichtete der Wallerbauer. »Was an' echter Jachenauer is, folgt alleweil 'n Küni sein Ruaf. Schau, Resei, laß 'n furt, 'n Wendl! Er hätt' koa' Rast und koa' Ruah sonst, und so lang er lebet, machet er dir Vorwürf, daß d' 'n abg'halten hast, die Welt z' sehn und Ruhm und Ehr z' holn. Laß 'n furt! Er kimmt ja wieder. Er hat's g'lobt, daß er dir d' Treu halten wird, und Resei, a Jachenauer bricht niemals sei' Treu. Dös woaßt, und dös is unser Stolz.« Des Alten Worte mochten recht schön sein, aber Resei ward wenig davon erbaut. 47 »I bin zum G'lächter der ganzen Jachenau,« weinte sie; »dös überleb i nit!« »Die ganz' Jachenau wirds inne wern, warum dei' Heirat verschob'n is, und wer da lacht, der is a Schelm.« »Was wird mei' Vata sagn, und mei' Schwester, die si' scho' freut, daß 's d' Kranzljungfer machen därf und eigens mit der Basl von Olchstadt auffakimmt. O mei', die Schand!« jammerte Resei. »Sag lieber: die Ehr!« sagte der Bauer. »Du kriegst an' Mann, der 'n Küni einiführt in sei' Reich, um den's extra g'schickt ham. Dös is a Ehr, kon' Schand!« Nach langem Hin- und Herreden fügte sich endlich Resei in das Unvermeidliche. »No', in Gottsnam, so soll er furt nach Griechenland,« sagte sie; »aber z'erst will i mit ihm eing'segnet sein!« Das gab der Sache eine neue Wendung. Des Alten Vollmacht ging nicht so weit und er wollte sich von den Männern im oberen Stocke neue Instruktionen holen. »Ja, z'erst will i g'heirat sein! Anders geh i nit drauf ein,« bestimmte das Mädchen. Berger, dem man die Sache vortrug, meinte aber, er hätte seine Botschaft an Wendel nur dann auszurichten, wenn dieser unverheiratet sei, mit einem Worte, der Hauptmann könne nur den ledigen Wendel brauchen. »Und als solchen soll er mi habn!« rief Wendl, in voller Uniform eintretend. »Is mir wieder wohl im König sein' Rock! Also was sagt's Resei, Vater?« »Flenna thuat's, und jetzt wird's stutzi,« berichtete der Alte. »Sie will z'erst kopliert sein, dann kannst hin, wost willst. Machs mit ihr selber aus. I hab g'red't, wie 48 r a Buach; der Herr Pfarrer hätt's nit besser machen könna.« »Mei', der Herr Pfarrer denkt aa so dran, Feldkaplan z' wern,« sagte Wendel mit einem schelmischen Blick auf den Seelsorger, der wirklich ganz nachdenklich aussah. »Jedenfalls sehn wir uns bald in München wieder,« versicherte der Pfarrer. »Fragt nur nach dort beim Bayernkorps, ob ich als Student nicht meinen Mann gestellt. Ich wußte den Schläger zu führen, ich war einer der besten Fechter. Und wer hat denn anno 5 die Jachenau in Verteidigungsstand gesetzt gegen den Einfall der Tiroler? Ich, euer Pfarrer und Landsmann war's. Und wenn's gilt, führ ich heut noch meinen Säbel für Recht und Ehr.« »Unser Herr Pfarrer soll leben, Vivat hoch!« rief Wendel und schwang seine Soldatenmütze in die Luft. Alle Anwesenden stimmten in diesen Ruf mit ein. »So, und jetzt probier i 's erste Gefecht!« sagte Wendel. »I selber geh zum Resei, i will ihr die Sach klar machen. Du aber, Lindl, spann 's Wagl ein; wir müssen glei fort auf Tölz, sonst wird 's z' spät zum Stellwagen.« Somit begab er sich in die untere Stube. Resei erschrak, als sie den Bräutigam schon in Uniform eintreten sah. Er sprach ihr nun Mut zu und schloß mit den Worten: »A Jachenauer Dirndl muß stark sein und muß fühln wie r a Mann! Auf mei' Treu kannst bau'n. Aber für jetzt is's Heiraten nit mögli, sobald i aber zruckkimm, soll's glei am ersten Tag sein.« »Wennst aber nimmer kimmst, Wendl?« fragte Resei kleinlaut. »Wenn i nimmer kimm, so tröst' di und denk, i bin 49 g'storbn für unsern Königssohn als braver, bayrischer Soldat. Aber i komm wieder, mir sagt's mei' Herz, und glückli wern wir dann hausen unser Leben lang. Für ganz nehm i heut no' nit Abschied, denn mein Kamerad hat g'sagt, daß der Marsch über Mittenwald geht. Also sehn wir uns alle nochmal, eh 's weiter geht. Und so wird 's Beste sein, wir machen 's kurz.« Resei versuchte es, noch allerlei Einwendungen zu machen. Aber der alte Wallerbauer, der mit seinen Gästen und einigen Nachbarn, zu denen schon die Kunde von Wendels Abreise gedrungen, in die Stube getreten war, half seinem Sohne, die Bedenken des Mädchens zu zerstreuen und es zu beruhigen. Vor dem Hause aber wartete schon Lindl mit dem Zweispänner, um die beiden Feuerwerker nach Tölz zu fahren. Der Abschied nahte. Die Gläser wurden gefüllt zum Abschiedstrunk. Da setzte sich der Pfarrer nochmals zum Tische, nahm die Zither zur Hand und sang das Abschiedslied, welches, für die nach Griechenland abgehenden Bayern gedichtet Gedichtet von Thierry. und in Musik gesetzt, schon im ganzen Lande bekannt war: Auf Brüder, auf! Trompeten schallen, Zum Abschied reicht die Freundeshand, Begrüßt noch Eurer Väter Hallen, Dann freudig auf nach Griechenland! Beseelt von treuem, deutschen Sinn Zieh'n wir mit unserm Otto hin. Alle Anwesenden waren gerührt. Resei schluchzte an Wendels Brust. 50 »So zieh mit Gott!« sagte sie; »mei' Herz zieht mit dir!« Die alte Mutter besprengte den Scheidenden mit Weihwasser, und nachdem er sich aus Reseis Armen gerissen und von Eltern und Pfarrer Abschied genommen, eilte er hinaus zum Wagen. »Adis! Adis!« rief es hin und her. Resei bedeckte ihr Gesicht mit dem Tuche und weinte bitterlich. Ihr war es, als wäre ihr der Bräutigam genommen für immerdar, und sie wünschte sich in diesem Augenblicke nichts sehnlicher, als zu sterben, befreit zu sein von dem Schmerze, der ihr das Herz erbeben machte. 51 V. Der Jochwirt in der Jachenau verschenkte noch ausgezeichnetes, altes Hohenburger Gebräu Schloß Hohenburg ist z. Z. Eigentum des Herzogs von Nassau. , das eine große Anziehungskraft auf die Thalbewohner und Passanten ausübte, denn beim Wirt in der Jachenau ging kein Fremder und kein Einheimischer vorüber, ohne einzukehren. Trotz des Werktages waren mehrere Tische mit Gästen besetzt. Es war nicht das Bier allein, was die Leute herführte, es war die Sucht nach Neuigkeiten, denn wie das ganze Bayernland, so war auch die Jachenau durch die Begebenheiten in der Residenzstadt in eine große Aufregung versetzt. An der Thüre der Schenkstube war ein großer mit einem Amtssiegel versehener Bogen Papier angeheftet. Er verkündigte die Anwerbe-Bedingungen des bayrischen Truppenkorps für den Dienst Sr. Majestät des Königs von Griechenland. An der Wand aber hing eine Karte von Europa, damit man über die Lage von Griechenland sich genau unterrichten konnte. Das bayrische Volk wußte in damaliger Zeit auf der Karte viel sicherer Griechenland zu finden, als beispielsweise die bayrische Rheinpfalz. Alle Gespräche drehten sich nur um dieses Land, und Hoffnungen und Pläne aller Art entstanden in den jugendlichen Gemütern. 52 Die Kapitulationszeit für den griechischen Dienst war auf vier Jahre festgesetzt und sollten die Truppen bei der Entlassung aus demselben die freie Rückreise bis Triest oder Venedig, sowie eine besondere Gratifikation erhalten. Denjenigen aber, welche nach beendigter Dienstzeit definitiv in griechische Dienste übertreten oder sich in Hellas ansässig machen wollten, sollte von der griechischen Regierung aller Vorschub geleistet werden. Dieser letztere Artikel gab manchem in der Heimat Unbemittelten zu denken. Die alten Dichter sowohl wie der junge, schöngeistige Schullehrer von Jachenau priesen ja Hellas als ein Paradies, man sah im Geiste nur Rosengewinde, Olivenhaine, mächtige Weinlauben, welche sich an weißen Marmorpalästen emporranken, üppige Kornfelder mit dreifachen Aehren, kurz, alles in Hülle und Fülle. Da dachte mancher, es wäre eine Thorheit, daheim zu bleiben, den Fretter noch länger zu machen, wenn er in Hellas nach vierjähriger Dienstzeit ein Stück Land geschenkt bekomme, das nur darauf warte, in seinen Besitz zu kommen und ihm nicht nur das tägliche Brot, sondern auch Wein und sonstiges für leichte Mühe spende. Hofrat Thierschs Briefe aus Griechenland machten solche Hoffnungen rege. Er schrieb, daß z. B. nicht der zehnte Teil der alten Landschaft Elis angebaut und dieselbe öffentliches Eigentum sei, daß sich dort über eine Million in Wohlstand ernähren könnte, während Elis jetzt nur 80 000 Einwohner enthalte. Auch unter den Gästen des Jochwirts waren zwei zugegen, welche, der eine in Hoffnung auf Beförderung, der andere aus Hoffnung auf Gutserwerb, den Entschluß gefaßt hatten, sich nach Griechenland anwerben zu lassen. Der erstere war Grenzaufseher, ein sehr schlanker Mann 53 mit blondem Vollbart, der den Namen einer altadeligen, aber verarmten Familie trug. Er hatte sechs Jahre als Regimentskadett gedient, ohne es trotz seiner guten Führung und seinen Bildung zum Offizier zu bringen, und versuchte nun seit einem halben Jahre sein Glück bei der Grenzzollschutzwache, wo er es doch endlich »auf den Gaul« zu bringen hoffte. Herr von Fels hatte bereits bei seiner Behörde um Urlaub nachgesucht, um persönlich seine Sachen in München ordnen zu können. Er gab sich fest der Hoffnung hin, als Leutnant in eins der Freiwilligen-Bataillone eingereiht zu werden, und that sich, von seiner beschwerlichen Patrouille heimkehrend, im Gasthause noch etwas gütlich. Er saß am sogenannten Herrentischchen und strich sich mit Wohlbehagen seinen großen, blonden Schnurrbart, während ihn der gemütliche Wirt ein über das andere Mal als »Herr Baron« anredete, wodurch er sich und den Titulierten zu ehren vermeinte. Alsbald kam auch der Schullehrer von Jachenau, in jeder Tasche ein Buch von Homer, in der Hand mehrere Nummern der »Landbötin«, in welch letzterem Blatte ein Gedicht von ihm stand. Mit Begeisterung las er es dem Baron vor, und dann auch einige Verse aus der Iliade und Odyssee, und thut überhaupt, als ob er in Griechenland so bekannt wäre, wie daheim im bayrischen Gebirge. Der andere Philhellene (so wurden die Griechenfreunde genannt) war der Hüter Hannes, der Sohn des alten Hirten am Luitpolderhof. Er hatte seine Militärzeit vollendet und arbeitete nun neben seinem alten Vater, so viel in seinen Kräften stand, bei dem Bauern, in dessen Inwohnerhäuschen er geboren war. Diese Inwohner sind in einer gewissen freiwilligen 54 Sklaverei ihres Bauern, letzterer befiehlt über sie, benutzt sie für wenige Kreuzer zur Arbeit und überläßt ihnen dafür etliche Stück Acker und Wiese, auf daß sie sich eine oder zwei Kühe halten können. Diese Häuslersleute bleiben ewig arm. Die Armut pflegt sich vom Vater auf den Sohn und von diesem auf den Enkel zu vererben, und selten gewinnt einer so viel Mut über sich, die Fessel abzuwerfen und sich aus den beengenden Verhältnissen zu befreien. Der Hüter Hannes war eine solche Ausnahme, doch ging eine übergroße Bescheidenheit immer Hand in Hand mit seinen Wünschen. Schon als Knabe dachte er sich: Kann ich nicht Pfarrer werden, werd ich Ministrant; ist auch ein Kirchendiener – und er wurde Ministrant. Kein anderer Bub versah den Dienst so gut wie er. Und als er zum Militär kam und infolge seiner Unkenntnis im Schreiben nicht daran denken durfte, Unteroffizier zu werden, da dachte er wieder: Ein Gefreiter ist auch ein Vorgesetzter; hat täglich um einen Kreuzer mehr, und in der That hatte er sich diese Charge bald errungen. Und als er vom Militär frei war, da nahm er sich vor, recht, recht fleißig zu arbeiten und zu sparen, vielleicht könne er dann einmal auch sein eigener Herr werden. Aber da ließ ihn das Schicksal im Stich. Wohl arbeitete er vom frühen Morgen bis zum späten Abend, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann, in seines Bauern Kreidebrüchen, beim Holzfällen und überall, wo es galt, doch dieser hielt des Häuslers angestrengten Fleiß anfangs für sehr lobenswert, bald aber für Schuldigkeit, und bezahlte ihm deswegen um keinen Kreuzer mehr als den andern Taglöhnern. So gärte es schon lange im Innern des gutmütigen 55 Burschen, er fühlte, es müsse anders werden, aber er wußte nicht wie. Da geht plötzlich die Kunde von der griechischen Expedition durch's Land. Das packt den Hannes mit Macht und die heute an der Wirtsthür angeheftete Anwerbebedingung hat er wohl schon ein dutzendmal gelesen. Die Aussicht, in Griechenland begütert zu werden, giebt den Ausschlag: sein Entschluß ist gefaßt. Gleich morgen will er nach München gehen, um sich anwerben zu lassen; er hofft, daß wie ein Phönix aus der Asche aus dem Häuslersbuben dereinst ein griechischer Großgrundbesitzer erstehe, und sieht sich im Geiste schon in dem romantischen Kostüm mit Fez und Fustanella, im Munde die lange Pfeife, durch die blühenden Gefilde wandeln, seinen Sklaven gebietend. In dieser geistigen Schwelgerei trank er seinen Maßkrug leer und rief dann mit einst gewohntem Gefreiten-Kommando: »Jochwirt, drei Schritte marsch! Eing'schenkt!« Aber kaum machte der Wirt Miene, diesem seltenen Kommando Folge zu leisten, als Hannes, die Hand auf dem Krugdeckel, in entschuldigendem Tone sagte: »Na', na', es pressiert mir ja gar nit; z'wegn mein' Kruag sollst nit extra gehn, dös leid i nit!« »Warum denn nit?« sagte der Wirt, nach dem Kruge greifend, »dei' Geld is so guat, wie andern Leuten ihres.« »Ja, ja, mei' bißl Geld schon, aber – mei' Arbeit is nit so guat, wie andere Leut die ihre, dös is bloß a Häuslersarbeit für vier Kreuzer. Aber Wirt, bei mir is ausg'arbet, von mir werd's ös Jachenauer was erleb'n!« »Gehst ebba aa r ins Griechenland?« fragte der Wirt lachend. »I schon, extra! Drin mach ich nacha aa r an' Wirt. 56 Aber brauchst koa' Angst hab'n, i schenk bloß Weißbier i mach dir koan Eintrag; und a Kaffeeschenk richt' i ein denn Kaffeebohna bau i mir selm ganze Tagwerk voll.« »Da wünsch' i dir alles Glück!« meinte der Wirt. »Der Herr Baron geht aa mit, der verhofft, Leutnant z' wern. Wend di an ihn, der macht di vielleicht zu sein' Fourierschütz.« »Na', na',« wehrte Hannes ab, »den kenn' i schon vom Regiment her; der is viel brav, hat aber weni Geld und i muaß Geld kriegn wegen dem Grundbesitz. I brenn lauter Lohnwachen, tragt jed's Mal vierazwanzg Kreuzer; und in Griechenland is 's schö' warm, da friert oan nit in d' Füaß beim Postensteh'n. Morgen in aller Fruah geh' i nach Wolfratshausen und mach mit'n Stellwagen weiter.« »Was sagt aber dei' Mirdei dazua?« »Was will's sagn? Sie is a Hüatadirndl und i bin a Hüatabua. Habn thun ma alle zwoa nix und heiraten laßt uns die Gmoa nit, weil ma nixi san als – fleißi und brav. Drum geh i furt – weit furt und bring i's zu was, zu Grund und Boden – dann kimm i und hol mir 's Mirdei. Um sie arbeit i, um sie stirb i, wenn's sei' muaß. Dös is mei' G'sinnung.« »So sollst auf dein' Mirdei sei' G'sundheit die Maß trinkn, die i dir einschenk, und d' Rechnung is scho' beglichen.« Hannes wollte sich bedanken, aber der Wirt eilte davon und kam mit dem vollen Kruge und einem Stückchen Geselchtem wieder, um damit den Jachenauerischen Philhellenen zu traktieren. »Wir reden schon a Mal über alles,« sagte er. »Und auf d' Roas gieb i dir a Stückl G'selchts mit und die 57 Bauern dort werd i's aa beibringa, was si' g'hört. Durt kommt der Förschta.« Sofort schritt er dem Ankommenden, einem alten, weißbärtigen Forstwart, entgegen und begrüßte ihn, die grüne Schlegelkappe abnehmend. Der Forstwart entledigte sich mit Hilfe des Wirts seines Rucksacks, welcher einen schönen Gemsbock barg, gab denselben nebst seinem Gewehre dem Wirt, um ihn einstweilen im Nebenzimmer aufzuheben, und setzte sich zu dem Grenzaufseher und Lehrer, die ihm die Hände zum Gruße reichten und seine Jagdbeute lobten. Ueber dem Kommen des Jägers, nach dem sich die Blicke aller Anwesenden richteten, übersah man fast den Eintritt des Fischers Friedl, der sich in der Nähe des Fensters bei einigen bekannten Floßknechten niederließ. »Wo hast denn du dein' Fang heunt?« fragten ihn die hochstämmigen Burschen. »I hon nur a paar Forellen g'fangt, die hon i wegg'schenkt,« antwortete er. »I hon heunt koa' Freud mit 'n Fischen.« »Trink und sing,« ermutigte ihn einer der Burschen. »Trink dir's aus 'n Sinn. Bist ja a junger Kunt und hast a Geldei nöti, so langst d' Fisch außa aus der Jachna.« »Wohl bekomm's, Friedl!« sagte der Wirt, dem Gaste den vollen Krug hinstellend. Und Friedl trank in langen Zügen. »Hast 'n Kammerwagn g'sehn?« fragte sein Tischnachbar wieder. »I hätt's nit glaubt, daß 's wirkli ernst wird; aber die Dirndln studiert der Teufl aus, i nit.« »Red'n nit hart,« versetzte ein anderer. »Was rinnt, soll rinna. Halt d' Jachna auf in Lauf und unser ganz's Thal wird überschwemmt. Laß's rinna, was nit dableib'n 58 mag; was oan b'stimmt is, dös bleibt schon. Es kimmt scho' wieder amal an' anders Glück. Laß dir koa' grau's Haar wachsen, bleib a lebfrischa Bua, trink und sing und laß's rinna!« »Da kunnt oan 's Singa vogehn, gel Friedl?« meinte des Flößers Kamerad. »Mir is's nit verganga,« sagte jetzt Friedl entschlossen. »Her mit der Zither. I sing Enk heut, wie bislang.« Schnell wurde dem Liederkundigen die Zither hingereicht und man schenkte dem Burschen allgemeine Aufmerksamkeit, der es verstand, mit prächtigem Tenor auf die Gemüter der Landleute zu wirken. Er that zur Netzung der Kehle noch einen ausgiebigen Trunk und begann dann das auf seine Lage passende Volkslied: Da drauß steht a Baum Ganz alloa auf dem Feld, Da sein wir oft beisamm g'west, Han Gschicht'ln erzählt. Da droben am Rain, Da sein wir g'sess'n, Ham g'lacht und ham g'scherzt, Ham 's Hoamgehn vergess'. Und du hast mi ja gern g'habt, Du hast mir's oft g'sagt, Und dös hätt' i mir nie denkt, Daß du's jetzt a so machst. Wie is's denn jetzt kommen, Daß 's mit deiner Treu Und mit deiner herzigen Liab is vorbei? Friedl hatte das mit weicher Stimme gesungen. Alle 59 Anwesenden tranken ihm zu und trösteten nach ihrer Weise den um sein Glück Betrogenen. Auch der junge Schullehrer, der durch den Gesang in einem Vortrag unterbrochen worden, den er seinen beiden Tischgenossen, dem Förster und dem Grenzaufseher, über Einzelheiten aus der alten griechischen Geschichte, über Miltiades, Themistokles und Leonidas hielt, gestört worden war, sprach dem Friedl seine Anerkennung aus. Aber Friedl trank bereits den zweiten Krug leer und trank sich in eine trotzige Laune hinein. Er improvisierte einige Schnadahüpfeln, in welche fast alle in der Stube Anwesenden einstimmten, und zwar um so lebhafter, als jetzt Reseis alter Vater mit seiner jüngeren Tochter, der Amrei, in die Stube trat, um hier die Rückkehr seiner ältern Tochter und des Pfarrers abzuwarten. Friedl hatte den Eintritt der beiden nicht bemerkt, sonst würde er wahrscheinlich seinen Gesang sofort beendigt haben. So aber sang er weiter: Wie i gmeint hab, jetzt is's was, Jetzt wird's bald was wern, Da sagt's mir auf ei'mal: I hab di nimmer gern. I daschieß mi nit, i dahäng mi nit, I lach grad dazua, Aber triff i dein' Buam an, So kriegt er Schläg gnua. Und so groß er aa is, So fürcht i'n do' net, I wirf'n in's Gras, Daß eam 's Aufstehn vogehet. Die andern sangen die Schlußstrophen lachend mit und ergötzten sich an der Verlegenheit des Singerbauers 60 und seiner bildsaubern Tochter. Diese lebte seit fünf Jahren bei einer Base in Olchstadt am Fuße des Heimgarten und war jetzt zur Hochzeit der Schwester gekommen. Sie sah Resei zum Sprechen ähnlich, nur war sie zarter und – noch hübscher. Und als sich jetzt Friedl auf eine Bemerkung seiner Tischgenossen hin umwandte, konnte er beim Anblick des Mädchens einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. »Dort is ja –« Weiter kam er nicht. »'n Resei sei' Schwester,« vollendete einer der Flößer. »Am Singerhof g'raten die Dirndln guat, dös muß ma' sagn.« »D' Amrei?« rief Friedl. »Jeß, hat si' die sauber herg'wachsen!« »No', Friedl, hon i nit g'sagt, laß's rinna, es kimmt scho' wieder an' anders Glück,« bemerkte der Flößer, mit 61 dem Fischer anstoßend. »Vielleicht kannst 's Amrei fischen. Aber mach, halt's fest, eh wieder d' Artillerie kimmt.« Auch Amrei hatte den Fischer-Friedl erblickt und nickte ihm freundlich zu. Dem alten Singerbauer war es sichtlich hier unbehaglich. Er nahm zwar die Glückwünsche der übrigen Bauern erfreut entgegen, blickte aber dabei nicht ohne ein gewisses Mitleid nach dem Fischer, dessen Trutzgesang er wohl zu deuten wußte. In der Wirtsstube waren nun die verschiedenen Gruppen in der lebhaftesten Unterhaltung begriffen. Der Lehrer hatte mit seinen Tischgenossen wieder das Gespräch über Griechenland aufgenommen, die ältern Männer hatten sich zu dem Singerbauern gesetzt, während die jüngeren sich um Friedl scharten und ihn aufforderten, im Singen und im Trinken fortzufahren. Aber diesem war um beides nicht mehr zu thun. Der Hüterhannes hatte sich schon vor längerer Zeit entfernt. Jetzt kam er wieder in die Stube, setzte sich zu den Burschen und sagte: »I weiß enk a Neuigkeit vom Wallerhof. Mir hat's der Lenzl erzählt, der schnurgrad von dort kimmt und 'n Singerbauern Botschaft thun will.« »Der Singerbauer sitzt ja dort!« sagten die Burschen. »No', so erfahrt er's halt später. A schlechte Botschaft kimmt no' alleweil z' fruah,« meinte Hannes. »Was is denn passiert?« fragte man. Friedl war heftig erschrocken. Plötzlich stand der Duli wieder vor seinem Geiste und die mit ihm gemeinsam verübte geheimnisvolle That. Starr blickte er nach dem Erzähler und sein Gesicht wurd bald blaß, bald rot. 62 »Denkts enk nur,« begann Hannes, »der Waller-Wendl is auf und davon!« »Wohin,« fragte man. Jetzt kamen auch die anderen Gäste herbei. Der Singerbauer aber fragte: »Was red'st da für an' Stiefel?« »D' Wahret red' i!« sagte Hannes. »Also hört's! Im Wallerhof is alles ganz richti ganga, der Kammerwagn war abg'leert und 's Haus scho' eing'richt', grad sitzens bei der Mahlzeit, da kimmt a Kamerad vom Wendl, a Artillerist, und bringt eam a Botschaft von sein' Hauptmann. Der Wendl ziagt sei' Uniform an und sagt seiner Braut: »Unser Hochzet wird auf zwoa Jahr verschobn, i ruck ein, i geh nach Griechenland!« »Dös is a Lug!« rief der Singerbauer. »No', so is's a Lug. Aber der Wendl is scho' furt mit sein' Freund auf Tölz. Es ist so gaach kömma, grad als ob eahna wer ebbas ang'wunschen hätt'.« »Ang'wunschen?« rief Friedl, und wie um sein Gewissen zu beruhigen, fuhr er fort: »Dös is a Dummheit, dös giebt's nit!« »Dös glaub i aa nit,« versetzte der Singerbauer, »dös ist ganz gwiß nit wahr!« »So hat's der Lenzl erzählt,« versicherte Hannes. »Da kimmt er; fragt's 'n selm.« Der Genannte trat soeben zur Thür herein. Sofort wurde er von allen Seiten mit Fragen bestürmt und er bestätigte alles, was Hannes soeben erzählt. Und auch er schloß mit den Worten: »Grad is's halt, als ob eahna 's Glück wer abbet't hätt.« 63 »So soll der verfluacht sei', der's am G'wissen hat!« rief der Singerbauer. Dabei sah er Friedl scharf an. Dieser trank, um seine Verlegenheit zu verbergen, seinen Maßkrug leer, dann schlich er sich, einem Sünder gleich, aus der Stube. Im Fortgehen warf er noch einen Blick auf Amrei, die ihr Gesicht mit der Schürze verdeckt hielt und weinte. »Aber i glaub's nit!« rief der Singerbauer wieder. »Dös hätt' der Herr Pfarrer nit zulassen!« »Der Herr Pfarrer?« sagte Lenz. »Der hat si' ganz g'wend't. Der geht selber mit nach Griechenland, hat er g'sagt, als Feldkaplan.« »Wär nit aus!« rief der Hüterhannes erfreut; »da geh i mit als sei' Meßner.« Alles lachte. »Dann laß ich mich als Professor in Hellas anstellen!« sagte der Lehrer mit einer gewissen Begeisterung. »Und ich als Forstmeister,« lachte der Forstwart. »Vivat, der König von Griechenland soll leben! hoch! hoch! hoch!« rief der Grenzaufseher und alle stimmten begeistert in diesen Ruf ein. Nur der Singerbauer schwieg und sah bekümmert vor sich hin. Der Lehrer benutzte diese Gelegenheit und verteilte unter die Anwesenden die Nummern der »Bayrischen Landbötin,« welche sein Gedicht enthielten. »Melodie zu Heil unserm König Heil,« sagte er, jedem ein Blatt in die Hand drückend, und es verstand sich wie von selbst, daß alle sofort nach obengenannter Melodie zu singen begannen: 64 Hellas, du teures Land, Dem Bayern wohlbekannt, Der Großes ehrt! Heil dir! Gott rettet dich! Segnet dich väterlich, Aller Zwist endet sich, Bald ruht das Schwert! Otto, dein König wacht, Den Gott erwählet hat Für Hellas Thron. Nimm ihn aus Gottes Hand Zum sichern Unterpfand. Gott ist mit Griechenland, Mit Ludwigs Sohn. VI. Der Singerbauer hatte mit seiner Tochter das Wirtshaus verlassen, um nach dem Wallerhof zu eilen und dort genaue Kenntnis von dem Sachverhalt zu erlangen. Dasselbe hatte Friedl gethan. Er kam sich vor wie ein Verbrecher. Er meinte, es müsse ihm auf der Stirn geschrieben stehen, daß durch ihn das Unheil auf dem Wallerhofe herbeigeführt wurde, denn daß die Sache mit dem Hexenstrang doch mehr als Hokuspokus gewesen, das glaubte er jetzt mit Sicherheit annehmen zu müssen. Und er war so wenig dazu geschaffen, das Unglück eines Menschen zu verschulden und diese Schuld verantworten zu müssen. Er wollte mit dem Pfarrer über die Sache sprechen, er fühlte das Bedürfnis, hierin klar zu sehen. Da kam der hochwürdige Herr auch schon mit Resei herangefahren. Das Mädchen schluchzte in sein Taschentuch hinein; der geistliche Begleiter schien Trost zuzusprechen. Es hatte also wirklich alles seine Richtigkeit. Am Pfarrhof stieg der Pfarrer ab und lud den herankommenden Singerbauern ein, mit ihm ins Haus zu kommen, wo er ihm Mitteilung machen werde. Amrei dagegen sollte mit Resei nach Hause fahren. So geschah es auch. Sie fuhren ganz nahe an Friedl vorüber. Resei war in Thränen aufgelöst; auch Amrei weinte. 66 »Dös is mei' Werk!« sagte sich der junge Fischer vorwurfsvoll. »I bin der elendigste Tropf auf Gottes Erdboden.« Das Schuldbewußtsein drückte ihn fast zu Boden. Vom Wirtshause her tönte fröhlicher Gesang; er aber hätte weinen mögen über sich und über den Jammer, den er der einst so Heißgeliebten verursachte. Nach langer Zeit kam der Singerbauer aus dem Pfarrhofe. Er war blaß und sehr erregt. Er schlug den Fußsteig zu seinem Hofe ein. Friedl, der, noch immer in düsteres Brüten versunken, hinter einer Staude kauerte, entschloß sich jetzt, dem Pfarrer sein Verbrechen zu beichten. Aber zu einer Beichte kam es vorerst nicht. Der Pfarrer hatte Friedl kaum erblickt, als er ihm zurief: »Du kommst mir gerade recht, du mußt mir sofort einen Brief für den Herrn Benefiziaten im Klösterl besorgen. Ich reise morgen nach München und mein Herr Amtsbruder muß auf ein paar Tage meinen Dienst hier versehen. Warte nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder hier.« Mit diesen Worten eilte er in sein Arbeitszimmer und ließ Friedl allein in der Wohnstube zurück. Aber schon nach kurzer Zeit kam er mit dem Briefe wieder und händigte diesen dem jungen Fischer ein. »Du thust mir einen großen Gefallen, Friedl,« sagte er nochmals, »wenn du ohne Verzug von Niedernach mit dem Schiffe überfahrst zum Klösterl und mir noch heute, und wenn's noch so spät wird, Antwort bringst. Verhalt dich keine Minute länger; es hat Eile.« 67 »Hochwürden, i hätt' noch a Anliegen,« brachte jetzt Friedl schüchtern hervor. »Is wirkli d' Hochzet zwischen 'n Wendl und 'n Resei ausanand gangen?« »Verschoben, nur verschoben,« antwortete der Pfarrer mit sichtlicher Ungeduld. »So gaach?« »Ja, ganz unvermutet. Heutigen Tages kommt gar viel unvermutet. Ihr werdet in den nächsten Tagen noch manches erfahren. Jetzt aber geh! Besorge den Brief! Wenn du zurückkommst, reden wir weiter.« Da war nichts zu machen. Der Pfarrer, das sah Friedl deutlich, war jetzt nicht in der Stimmung, ihn anzuhören. »Da bitt' i halt nacha um G'hör, Hochwürden,« sagte er. »I hon an' Stoa' am Herzen.« »Kann mir's schon denken,« entgegnete der Pfarrer, der glauben mochte, es handle sich um Friedls Liebe zu Resei. »Der liebe Gott wird ihn dir schon wegwälzen. Die Zeit heilt alles, und du bist ja noch jung.« Er machte dem Friedl ein Zeichen, daß er sich entfernen möge, und der junge Mensch that nach seinem Willen. Er hoffte, bei seiner Rückkehr mehr Gehör zu finden. Das aber stand jetzt schon in ihm fest: er wollte nach Abgabe des Briefes und erhaltener Antwort im Klösterl nicht sofort hierher zurückgehen, sondern zuerst zum Posthause am Walchensee hinüberrudern, wo der Duli übernachtete. Dieser mußte die Sache ändern, koste es, was es wolle. Der böse Zauber mußte gelöst werden, denn das Bewußtsein dieser Schuld würde ihm sein Leben lang keine frohe Stunde mehr gestatten. Mit eiligen Schritten wanderte er die Jachenau 68 entlang aufwärts zum Gestade des Walchensees, der beim Ausfluß der Jachna eine tiefe, spitzverlaufende Ausbuchtung bildet, in welcher der Fischberg zur Linken und der Altbachberg zur Rechten gleichsam die riesige Ausgangspforte des lustig dahinströmenden Gebirgswassers bilden. Ruhig lag die dunkelgrüne, von einem großartigen Hochgebirgspanorama eingeschlossene Flut des Walchensees. 2½ Stunden lang, 1½ Stunden breit, 196 m tief, 790 m über dem Meere (194 m höher als der Kochelsee.) Die buntgefärbten Buchenwaldungen brachten im Vereine mit den tannendunklen Waldbergen und dem tiefen Blau des Himmels ein wunderbares Farbenspiel hervor, welches durch die dem Untergange sich nähernde Sonne verklärt wurde. Die über die Waldberge hereinragenden Spitzen und Schroffen fingen zu leuchten an und die sich immer mehr am Firmament ausbreitende Abendröte spiegelte sich im Bergsee und schien das Wasser mit Purpur und Gold zu färben. Die Flut schien zu zittern vor heiligem Schauer, denn der Gottesdienst der Natur hatte begonnen, der Weiheakt für den Schöpfer all' dieser Herrlichkeit. Friedl hatte ein Schiff losgelöst und ruderte in der Richtung quer über den See nach dem am westlichen Ufer auf einer grünen Halbinsel, dem Posthause und dem Dörfchen Walchensee gerade gegenüber gelegenen sogenannten Klösterl. Dieses kleine Stift ward von Maria Antonie, der Tochter Kaiser Leopolds I. und ersten Gemahlin des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, 1698 gegründet und von Hieronomitanern bewohnt. Verschiedene Uebelstände, namentlich das Rauhe und Unwirtliche der Gegend, veranlaßten die Mönche, ihre Zellen zu räumen und auf das 69 Lehel, jetzt St. Anna-Vorstadt in München, zu ziehen, wo sie sich ein neues Kloster erbauten, das 1803 aufgehoben, 1827 aber wieder den Patern Franziskanern eingeräumt wurde. Das verlassene Stift am Walchensee ward ein zur Abtei Benediktbeuern gehöriges Pächterhaus und ein alter, ehrwürdiger Benefiziat versah dort die Seelsorge. Zu diesem führte Friedl jetzt sein Kahn. Mehr aber drängte es ihn, das Posthaus recht bald zu erreichen. Seit er das weinende Resei und ihre Schwester, die hübsche Amrei, gesehen, nagte es wie ein Wurm an seinem Innern. Er war es, der ihre Thränen verschuldet, er war es, den der Fluch des alten Bauern traf, und ja, er verspürte diesen Fluch, er konnte nie wieder glücklich werden – nie wieder! Welcher Gegensatz zwischen dem verklärten Frieden in der Natur und den Stürmen, die im Herzen des unglücklichen Burschen tobten! Viel lieber wäre es ihm gewesen, wenn, wie es oft der Fall, ein plötzlicher Windstoß das ruhige Wasser zu schäumenden Wellen aufgewühlt hätte, wenn der Sturm rasche Kreisel in das schläfrige Wasser gezogen, daß es wild aufsprühend seinen schwanken Kahn umzischte und dumpf grollend ihn umtobte. Das hätte zu Friedls Stimmung gepaßt, denn so, gerade so düster, so trostlos sah es in seinem Innern aus. Dort unten in jener bodenlosen, grauenvollen Tiefe, in die er hinabstarrte, war der Friede, war die ersehnte Ruhe für sein Herz, für seine Seele zu finden. Für seine Seele? War das gewiß? War dieser Schmerz, der ihn quälte, zu Ende mit dem Leben? Und 70 wenn, durfte er sich diese Ruhe gönnen? Hatte er nicht so viel wieder gut zu machen, mußte er es nicht unverzüglich thun? Rascher senkte er die Ruder ein, kräftiger zog er an. Die Sonne war bereits hinter den Bergen hinabgesunken, der Abglanz einiger Sterne blinkte schon aus den allmählich sich verdüsternden Fluten. Es mahnte der Silberton des Glöckleins vom stillen Klösterl zum Abendgebete. Der Schiffer achtete nicht darauf, er starrte nur mit tiefem Sinnen in die Fluten. Da ward es plötzlich hell in dem geheimnisvollen Grunde, der Fährmann glaubte mit Entsetzen ein fischartiges Ungetüm zu erblicken, das mit scharfem Gebisse seinen eigenen Schweif im Rachen hielt und mit seinem Riesenleib in weitem Bogen den ganzen Felsenstock umspannte. Die Augen glühten rollenden Feuerrädern gleich, mit drohendem Blick schaute es aus seinem krystallenen Hause auf zu dem Burschen im kleinen Kahne. Friedl schloß die Augen, die Sinne drohten ihm zu schwinden. Seine erregte Phantasie hatte ihm das Ungeheuer vorgespiegelt, wie es einer alten Sage nach im Walchensee hausen soll. Die Sage erzählt, daß, wenn es einmal seinen Schweif losläßt, sich das Gestein des Kesselberges spaltet und die Wogen des Walchensees, sich mit denen des Kochelsees vereinigend, hinausstürzen in die Ebene Bayerns und München und seine Umgebung begraben, denn der Volksglauben hält das Wasserbecken für bodenlos und mit dem Meere in Verbindung. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war die Besorgnis vor einem Durchbruche des Kesselberges so groß, 71 daß man zu Gott um Abwendung dieses drohenden Unglücks flehte. In der Gruftkirche zu München wurde aus diesem Anlasse täglich eine Messe gelesen, alljährlich aber ein geweihter, goldener Ring in den See geworfen, um die Wassergeister bei freundlicher Stimmung zu erhalten. Wie man sich erzählt, suchte einmal ein vorwitziger Fremdling in einer Taucherglocke in die Tiefe zu gelangen, da erblickte ihn das grimme Ungetüm und rief ihm mit Donnerstimme zu: »Ergründst du mich, so schluck ich dich!« Rasch gab er das Notzeichen und entkam nur mit Mühe der Gefahr. Der Tollkühne soll es später noch einmal gewagt haben, den Grund des Walchensees erforschen zu wollen. Mann und Glocke sind aber nicht mehr zum Vorschein gekommen. Diese und andere Erzählungen ließen in Friedls überreiztem Gehirn jene Phantasiegebilde wieder aufleben und versetzten ihn in einen fieberhaften Zustand. Als er die Augen wieder aufschlug, fand er sich, auf einem ledernen Sofa liegend, mit wollenen Decken zugedeckt, in einer Stube des Klösterls. Frau Gertraud, die Schwester des Benefiziaten, saß neben ihm. Eine Oellampe brannte auf dem Tische. »Gott sei Dank!« rief die Matrone. »Das war ein langer Schlaf, Friedl, und voll wüster Träume!« »I woaß nit – daß i g'land't hon,« sagte Friedl erstaunt. »Frau Gertraud, bin i denn krank?« »Dei' Schiffl hat's bei uns ans Land trieb'n. Du hast g'schlafen und bist nit zum erwecken g'wen. Da hab'n di unsere Dienstboten 'reintragen. I glaub halt, Friedl, du hast z'viel trunken?« 72 »Trunken?« fragte Friedl, und sich besinnend fuhr er fort: »Ja, ja, scho' mehr, als i gewöhnt bin, aber – Jeß, i hab ja an' Brief an Sr. Hochwürden.« »Den hat mei' Herr Bruder schon,« berichtete die alte Frau. »Er ist aus deiner Tasche g'fall'n, wie's dich 'reintragen hab'n.« »Aber d' Antwort muß i ja zruckbringa,« entgegnete Friedl, indem er versuchte, sich zu erheben. »Die ist schon durch an' andern Schiffer b'sorgt,« berichtete Gertraud. »Verhalt di nur ruhig; es ist schon bald Mitternacht.« »Mitternacht!« rief Friedl voll Schrecken. »Da därf i koan Augenblick verliern. I muaß ja ins Posthaus ummi zum –« Wieder suchte er sich zu erheben, aber die alte Gertraud hielt ihn zurück. »Für heut bleibst da!« sagte sie. »Deiner Mutter hat der Schiffer Botschaft tho, daß d' bei uns bist. Sobalds Tag wird, kannst ins Posthaus 'nüber. Jetzt halt di ruhig, daß d' mein Herrn Bruder nit aufweckst, sonst kriegst noch a Repremant. I mach dir an' Kaffee, der bringt di wieder in Ordnung. Bist doch so brav, Friedl, und fangst 's trinken an? Aber freili, i weiß schon, was gestern für a Tag war; mei' armer Narr!« Frau Gertraud ging. Friedl aber ward sich wieder all der Einzelheiten des gestrigen Tages bewußt. Ach, was er im Verein mit dem Duli gethan, war kein Phantasiegebilde, wie das riesige Ungetüm auf dem Grunde des Walchensees! Wieder erfaßte ihn bittere Reue. 73 Frau Gertraud kam bald mit heißem, schwarzem Kaffee zurück, der Friedl sehr wohl bekam. »So, und jetzt schlafft wieder!« befahl die alte Frau. »Morgen bist dann wieder frisch und gesund.« »Ja, morgn in aller Fruah muaß i ummi ins Posthaus,« versetzte Friedl, der keinen andern Gedanken fassen zu können schien; »es hängt gar viel davon ab.« »Ich werd' di wecken,« versprach die Alte. »No' a Wort, Frau Gertraud,« sagte Friedl, sie zuhaltend. »Halten Sie 's für mögli, daß ma' jemand 's Glück abwünschen, oder a Unglück anwünschen kann?« »Es giebt scho' solch schlechte Leut, die so was thun,« meinte Frau Gertraud. »Aber unser Herrgott richt's ein, daß all' dös schlechte, was 's ihren Nebenmenschen wünschen, auf sie selber zurückfallt. An' echter Christ wünscht selbst sein' Feind nur gut's und schaut nit neidig aufs Glück von andere. Jetzt ruh wieder aus und denk, aa für di kommt noch's Glück, wennst fromm und ehrbar bleibst.« Friedl war allein. Der Alten Rede beruhigte ihn nur teilweise. Er sehnte den Morgen herbei. Nicht eher glaubte er Ruhe zu finden, als bis er den Hexenstrang unwirksam gemacht. Die trüben Bilder, welche vor seinen Sinnen immer wieder erstanden, wurden nur manchmal erhellt durch den Gedanken an die dunkeln, glänzenden Augen der schönen Amrei. Doch das Bewußtsein, diesen Augen Thränen entlockt zu haben, machte ihn von neuem traurig, bis endlich die Natur ihr Recht verlangte und ihm der Schlaf die Augen schloß. – Zu gleicher Stunde saß Resei weinend auf ihrem Bette 74 und konnte keinen tröstenden Gedanken finden. Die Zukunft lag trübe vor ihr. Wendl aber hatte dem Freund ein über das andere Mal gesagt: »Dös Glück, Freund, daß d' noch zur rechten Zeit kommen bist! I wär närrisch worn, wenn i um Griechenland kommen wär. I bleib ihr treu auf Mannswort; und sollt i General wern, so wird neamd anders mei' Generalin, wie 's Resei. Hellas nochamal! Die G'schicht kann si' guat auswachsen! – 75 VII. Der Herbstmorgen war angebrochen. Ein dichter Nebel wogte über dem Gewässer des Walchensees und verhüllte die ganze Landschaft rings umher. Die Wälder und Fluren am Ufer waren mit starkem Reif bedeckt, der auch die Georginen und Astern in Frau Gertrauds Blumengärtchen vernichtete. Gestern prangten sie noch so schön in ihren bunten Farben und hoben die Köpfchen empor zum wärmenden Himmelsgestirn; heute waren sie zerstört, ihr schöner Traum war aus. Der würdige Priester vom Klösterl betrachtete auf den Jammer der alten Gertraud hin mit wehmütigem Blick den raschen Verfall seiner Lieblinge. »Ach, wie schade ist's um die herrlichen Astern!« jammerte Frau Gertraud. »Wie ist die Natur so grausam! Alles, was sie uns zur Freude schafft, zerstört sie wieder über Nacht.« »Aber sie bringt auch wieder,« warf der Benefiziat ein; »sie handelt nach ewigen Gesetzen. Was heute tot ist, steht im Frühjahre wieder verjüngt auf. In ihrem Scheiden läßt sie uns noch die Hoffnung auf den Frühling, die Hoffnung, die niemals trügt, die Sehnsucht, die niemals ungestillt bleibt. Grausam und tückisch ist nur der Mensch, der seinen Nebenmenschen vernichtet in seiner niederen Leidenschaft und niemals wieder aufbauen kann, was er zerstört.« 76 Diese Worte drangen wie Dolchstiche in das Herz des jungen Fischers, der sich den Bewohnern des Klösterl genähert, um von ihnen Abschied zu nehmen und sich zu bedanken für all das Gute, was man ihm hier zuteil werden ließ. Er war ja einer jener Verruchten. Aber in seiner Macht lag es noch, das Unheil wieder gut zu machen. »Vergelts Gott, Hochwürden, für alles,« sagte er. »Die ersten Saibling, die i fang, bring i der Frau Gertraud.« »Eigentlich sollte ich dich darüber schelten, daß du gestern so tief in den Krug geschaut,« meinte der Geistliche. »Aber ich gebe dir für dieses Mal die Absolution. Es war ein Glück, daß der See so ruhig war. Wär' er stürmisch geworden, dein Schlaf hätte dir schlecht bekommen können.« »O, bei mir hat's gestern g'stürmt, wie no' niemals in mein' Leben,« erwiderte Friedl. »Kann i unserm Herrn was ausrichten?« »Der weiß schon alles,« antwortete der Benefiziat. »Nächsten Sonntag halte ich's Amt in der Jachenau. Heute muß ich nach Walchensee, um Gottesdienst zu halten.« »Därf i Eahna ummifahrn, Hochwürden?« fragte Friedl. »Ich ziehe den Landweg vor,« lächelte der Geistliche. »Verfehl dich nicht bei dem Nebel. Behüt dich Gott!« Frau Gertraud steckte dem Burschen ein Sträußchen vom Reife verschont gebliebener Blümchen auf den Hut und gab ihm noch einige ermunternde Worte mit auf den Weg. Der See war heute leicht bewegt. Immer neue Nebelmassen brauten aus demselben auf, kaum konnte man auf Schiffslänge vor sich sehen, und nur dem langjährigen 77 bewährten Schiffer war es möglich, mit ziemlicher Sicherheit seinem Ziele zuzusteuern. Insoweit belästigte ihn also der Nebel nicht, doch brachte er ihn unwillkürlich mit der ihn so beunruhigenden Angelegenheit in Verbindung. Im Gebirge, wo plötzlich eintretende Nebel oft großes Unglück im Gefolge haben, ist es üblich, dieselben den Gewittern gleich weg zu beten, und besonders ist das bei den Wildschützen und Jägern der Fall, welche gefährliche Steige zu begehen haben, wo ein unsicherer Tritt den Sturz in die Tiefe zur Folge hätte. Viel hübsche Sagen leben darüber im Volksmunde. Manch undurchdringlicher Nebel soll durch solches Beten plötzlich zerteilt worden sein, als ob ihn die Mittagssonne zerstreut. Friedl meinte, was sein sonst so heiteres Gemüt so verdüstere, sei auch einem solchen Nebel vergleichbar, und er wolle es versuchen, ihn wegzubeten. Er gelobte feierlich, schon am morgigen Samstage nach dem Klösterl in der Hinterrieß zu wallfahrten und dort sein Vergehen zu sühnen. Er wünschte jetzt nichts sehnlicher, als Wendl und Resei wieder vereinigt zu sehen. Was sollte es ihm nützen, wenn sie beide unglücklich wären? Wie viel begreiflicher war ihm Reseis Handeln, seit er gestern Amrei gesehen. Jetzt verstand er, wie man sich plötzlich von dem einen wenden und für den andern empfinden könne. War es ihm gestern nicht selbst so ergangen? Wohl war es zunächst die Aehnlichkeit der Schwestern, es waren die ihm so lieben Züge, die ihn gefangen nahmen, als ihm Amreis Augen so freundlich zugrüßten; aber wie Hoffnung zog es durch sein trostloses Herz, einem Sonnenstrahle ähnlich, der plötzlich durch dichten Nebel bricht. Aber nein, er durfte ja kein Glück empfinden, ehe nicht 78 die beiden Getrennten durch ihn wieder vereinigt waren, und er that ein heiliges Gelübde, keinem andern Mädchen eher die Hand am Altare zu reichen, auch nicht Amrei, bevor nicht das Glück aus dem Wallerhofe wieder eingekehrt. In diesem Augenblicke ertönte das Glöcklein von dem Kirchlein in Walchensee. Es war das erste Zeichen zum Gottesdienst. Friedl aber meinte, es sei ein Zeichen, daß sein Schwur von den Himmlischen gehört worden. Gleich darauf landete er bei dem kleinen Dörfchen. Im Posthause angekommen, war seine erste Frage nach dem Zigeuner Duli. Aber niemand hatte ihn weder gestern noch heute gesehen. Diese Nachricht schaffte dem armen Friedl neue Qual. Er ging von einem Hause zum andern, um nach dem Zigeuner zu fragen, umsonst, niemand wußte von dem Vagabunden. Selbst die Wegmacher, die gestern den ganzen Tag auf der Straße gearbeitet, beantworteten seine Frage verneinend. Es war also sicher, der Gesuchte war einen andern Weg gegangen. Friedl war der Verzweiflung nahe. Duli war also über den Kesselberg hinab nach Kochel gestiegen, somit mußte Friedl in jener Richtung nach ihm suchen. Jetzt wurde das zweite Zeichen zur Messe gegeben. Friedl lenkte seine Schritte nach dem uralten, dem heiligen Jakob geweihten Kirchlein, um den Segen des Himmels für sein Werk zu erflehen. Der würdige Benefiziat vom Klösterl las die Messe. Das kleine Gotteshaus war so ziemlich angefüllt mit den Leuten aus dem Dörfchen und der Nachbarschaft. Die Messe hatte kaum begonnen, da trat ein in Jachenauer Tracht gekleidetes Mädchen in die Kirche und nahm 79 in einem der Stühle Platz. Es war Amrei; Friedl hatte sie sofort erkannt. Nun war's mit dem »Nebel wegbeten« vorbei. Was wollte das Mädchen schon zu so früher Stunde hier in Walchensee? Würde sie mit dem in einer Stunde eintreffenden Postwagen schon wieder wegfahren zu ihrer Base? Amrei sah gegen gestern sehr blaß aus, aber Friedl fand, daß ihr diese Blässe noch zehnmal besser stünde, als die roten Wangen. Ihre Augen waren heute matt und glanzlos, während sie gestern funkelten wie zwei Sternlein; aber Friedl fand sie auch jetzt schön, zeugten sie doch von einer verwandten Gemütsstimmung. Um was mochte sie wohl beten? Vielleicht um Strafe für ihn, den Zerstörer des Glückes ihrer Schwester? Aber nein! Amrei hatte ganz das Aussehen jener Menschen, die imstande sind, dem Feinde nur Gutes zu wünschen, was Frau Gertraud als die schönste Tugend erklärt hatte. Und so wollte er es wagen, das Mädchen nach beendigtem Gottesdienst anzusprechen. Er wollte aus seinem Benehmen dann erkennen, ob man auf dem Singerbauernhofe Verdacht gegen ihn schöpfe, ob man ahne, daß er etwas gegen Reseis Glück versucht. So folgte er denn, als Amrei die Kirche verließ und sich dem Posthause zuwandte, derselben auf dem Fuße und nahm sich, vor dem Hause angekommen, das Herz, die schöne Jachenauerin zu grüßen. Wie ein Sonnenblick überflog es Amreis Gesicht, als sie Friedl erblickte. Sie reichte ihm freundlich die Hand. »So bist mir nit bös?« fragte Friedl. »I dir bös sein, Friedl?« sagte das Mädchen. »Dauert 80 hast mi, därfst mir's glauben. Wie vorigs Jahr mei' Schwester bei der Bas'l auf B'suach war, hat's nur von dir g'red't und erzählt, wie lieb und brav daß d' bist und i hon 's Resei nur als dei' künftige Hausfrau g'sehgn –« »Aber gel, es ist halt anders kömma,« unterbrach sie Friedl. »Der Wendl hat ihr's antho und mit mir war's aus.« »Dös war nit recht und drum is's g'straft worn. Es is nit schö' von eam, daß er 's so ins G'red bringa mag und ins G'spött, drei Tag vor der Hochzeit auf und davon geht, so ganz gaach; so was is no' nit gwen, so lang d' Jachenau b'steht. Da hab i an' Brief für 'n Wendel, den muaß i der Post mitgebn, drum bin i so fruah herkömma.« »Därf i wissen, was in dem Brief drinsteht?« fragte Friedl. »Ja, dös därfst wissen,« versetzte Amrei. »Da steht drin, daß der Vater sei' Wort zruck nimmt, daß 's Resei si' nimmer bunden fühlt an Wendel und daß der Kuchelwagen wieder hoamg'fahrn wird. Dös steht drin. I hab den Brief schreibn müassen, weil der Vater nit recht damit umz'gehn woaß und 's Resei halt nix als g'woant und g'woant, daß's eam dabarma möcht.« Friedl erschrak aufs neue über diese Nachricht; sie verwirrte ihn in diesem Augenblick. Dem Mädchen aber schien es gar wohl zu thun, sein Herz ausschütten zu können, und Friedl fühlte sich unwillkürlich zu demselben hingezogen. Die beiden hatten in der angenehm durchwärmten Gaststube nebeneinander Platz genommen, und sie sprachen 81 zusammen, als ob sie längst gut bekannt miteinander gewesen wären. »O mei' Friedl,« sagte Amrei im Verlaufe des Gespräches, »du wärst freili a besserer Mann für d' Schwester gwen. Der Vata hat's aa g'sagt; aba 's Resei is halt blind. Wenn die nur mit unsere Augen sehget!« »Also hätt'st du mi nit aufgeb'n?« fragte Friedl errötend. »Mei' Lebta nit!« erwiderte Amrei rasch, und erst nachdem sie es ausgesprochen, mochte sie finden, daß sie doch zu aufrichtig gewesen, denn sie schlug errötend die Augen nieder. Friedl aber faßte des Mädchens Hand und im Drange der Gefühle sagte er: »Amrei, wennst so große Stuck auf mi haltst, so – so werd' du mei' Regentin. I lauf dir nit davon. Gwiß nit!« Amrei sah den Sprechenden fest an. »Friedl, dir könnt i guat sein, recht guat,« sagte sie, »aber i hoff fast, mei' Vata hat's im Sinn, dir 's Resei wieder z' gebn.« »Da wird nix draus!« rief Friedl, sich vergessend;»im Gegenteil, 's Resei und der Wendl müssen beinand bleibn, denn i hons globt, so lang die nit Mann und Frau san, därf i koan Dirndl hoamführn als mei' Regentin. Dös hon i g'schworn und unser Herrgott hat's g'hört.« »Dös hast du g'schworn, und warum denn?« fragte Amrei. »Was geht di 's Resei no' an und der Wendel?« »Dös kann i dir nit sagn,« erwiderte Friedl, »aber es is a so. Und itz gieb Antwort auf mei' Frag. Moanst, 82 du könntst, was d' Schwester wegg'worfen, wieder aufheb'n?« »Friedl!« Das war alles, was ihm zur Antwort wurde. Aber es war in einem so warmen und herzlichen Tone gesprochen, daß es dem Burschen ganz heiß aufstieg. »Amrei, is's denn mögli, mi soll aa no' mal 's Lebn g'freun?« rief er. »Aber dös bin i ja nit wert! I muaß dir's scho' sagn, gestern, wie r i di 's erst' Mal g'sehn hab, da is's mir mitten in meiner Verzweiflung gwen, als höret dös Wehthoa' plötzli auf. Es hat aber nur an' Augenblick dauert, nachher is's wieder angunga. D' Schuld und d' Reu ham mi g'martert bis zu dem Augenblick, wo i di heut wieder g'sehn hon. So lang i dei' Hand in der mein gspür, is mir's, als rinnet 's Elend weg von mir, als teilet si' der Nebel und d' Sunn scheint wieder runter auf mi, so lind, so wohl. Laß mir d' Hand, Amrei, laß mir's!« »I laß dir's scho', Friedl,« sagte Amrei herzlich und teilnahmsvoll. »I hon mi nit verlobt, daß i koan Buam g'hörn will, so lang 's nit 'n Wendl g'fälli is, wieder zruckz'kehrn zu seiner Braut. Friedl, da wird's nix wern mit uns zwoa, wennst nach dein' G'löbnis thuast.« »Muaß i denn nit?« rief Friedl. »I halt 'n Menschen mei' Wort und unsern Herrgott halt i 's doppelt. Aber Amrei, du kannst mir dabei helfen. Den Brief da därfst nit abschicken.« Das Mädchen sah ihn fragend an. »Woaß 's Resei um den Brief und was sagt's dazua?« »Mei', was sagt's? Die is zu koan richtigen Gedanken z' bringa. Bald schimpft's über 'n Wendl, nacha lobt's 'n wieder über 'n Schellnküni. Aber du hast recht, i schick 83 den Brief nit ab. I schreib 'n Wendl, daß er glei wieder kömma soll.« »Wenn dös aber nix nutzt?« »No', so schreib i eam halt, daß er so bald als mögli wieder kömma soll, und daß eam's Resei treu bleibt. I glaub, dös därf i schreibn.« »Ja, dös därfst schreib'n!« pflichtete Friedl bei. »Und weiter sagst eam, daß aa unser Glück davon abhängt und daß er scho' deshalb recht bald kömma soll.« »I werd's scho' machen,« versprach Amrei. »I schreib eam halt, daß i g'lobt hon, nit ehnda an' Mann z' nehma, als bis er und 's Resei kopliert san, obwohl i scho' oan woaß, der mir der Allerliaba is –« »Amrei!« lachte Friedl glückselig, »moanst ebba gar mi damit?« Und das Mädchen nickte ihm schalkhaft zu. Dann ließ es sich von der Kellnerin Papier, Feder und Tinte geben. Der neue Brief war kaum fertig geschrieben, als die lustigen Klänge des Posthorns die Ankunft des Eilwagens verkündeten. Der Brief ward der Post übergeben und Amrei befahl ihrem Knechte, wieder einzuspannen. Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedete sie sich von Friedl, der ihr nachsah, so lange er sie sehen konnte. Der Nebel hatte sich zerteilt, der See war rein, nur die Gipfel und Hänge der Berge waren noch von ihm bedeckt. Friedl suchte nun einen armen Burschen auf, den er beauftragte, sofort nach Kochel zu gehen, überall nach dem Zigeuner Duli zu fahnden und ihn zurückzubringen. Er 84 sollte ihm reichlichen Lohn versprechen und ihn um jeden Preis zu rascher Rückkehr bewegen. Zwar sagte ihm heute wieder die Vernunft, daß Wendels Fortgang mit seinem Hexendraht nichts zu schaffen habe, aber das seltsame Zusammentreffen der Dinge, der rasche und unbegreifliche Entschluß Wendels gaben ihm doch immer wieder zu denken und schienen ihm mehr als ein bloßer Zufall zu sein. Vielleicht hätte ihn der Pfarrer beruhigen können. Aber er scheute sich jetzt, sein mit dem Zigeuner gemeinsam vollbrachtes Hexenwerk zu bekennen. So stieß er denn voll Hoffen und Bangen sein Schiff vom Ufer und ruderte in den Weitsee mit der Richtung nach Niedernach. – Leichler, durchsichtiger wurde das Gewölke; einzelne Lichtblicke tauchten aus dem Schatten auf und mehr und mehr traten die Wände der höheren Berge hervor. Allmählich umlagerten nur noch leichte Wölkchen in phantastischem Spiele die Gipfel der Gebirge, bis die vom Sonnengolde umflossenen Bergesspitzen in zauberischem Farbenspiel frei emporragten in den Azur des wolkenlosen, tiefblauen Firmamentes. Nicht viel fehlte und Friedl hätte beim Anblick all dieser Pracht, für die er heute plötzlich wieder Sinn und Verständnis hatte, laut aufgejubelt zu den so herrlich sich im Bergsee spiegelnden Riesenhäuptern, um ihnen sein neues Glück kund zu thun, aber noch hielt ihn das Schuldbewußtsein zurück. Immerhin aber begrüßte er mit freudigem Gefühl die ihn am Ufer erwartende, um ihn besorgte Mutter. »Kimmst so spät? Hast was g'fischt?« fragte ihn diese. 85 »G'wiß hon i was g'fischt, Muatterl,« gab er zur Antwort, »und dös was rar's!« »Saibling oder Renken? Wir brauchens notwendi zum verkaufen.« »Was i g'fischt hon, Muatterl, dös wird nit verkauft, dös b'halt i schon selm. Kimm nur eini in d' Stuben, i dazähl dir's schon; da wirst schaun!« – Spät abends kam der um den Zigeuner abgesandte Bote zurück. Er hatte denselben in der That in Kochel angetroffen, aber Duli hatte schon gestern in Walchensee von dem Ereignisse auf dem Wallerhofe gehört und fürchtete, da sich alles so seltsam traf, von Friedl in eine Falle gelockt und bestraft zu werden, denn dieser mußte ihm sicherlich die Schuld zuschreiben. Deshalb ließ sich Duli durchaus nicht zur Rückkehr bewegen, sondern sagte nur, zu der bewußten Zeit sei er am Zigeunerbrunnen wieder zu treffen, dorthin solle dann Friedl kommen und dann würde alles wieder recht werden. Der Bote wußte nicht, um was es sich handle, und beendigte seine Botschaft mit der Bemerkung: »Wenn i dir gut's Rats bin, Friedl, so trau dem Lumpen nit, b'sonders nit an so an' verrufnen Ort, wie der Zigeunerbrunnen. I halt 'n für an' Sechser- und Thalerwechsler. Dank Gott, daß er nimmer zu dir her is. Und jetzt b'hüt di!« Er erhielt seinen Lohn und ging. Friedl überlief wohl ein gewisses Gruseln, als er die Botschaft nochmals überdachte – doch Amrei lächelte ihm die schwarzen Nebel von der Seele und neue Hoffnung zog in seinem Herzen ein. 86 VIII. In München herrschte im Novembermonat des Jahres 1832 ein äußerst reges militärisches Treiben. In der sogenannten griechischen Kaserne (Eckhaus der Brienner und Ottostraße) wurden die Freiwilligen der Infanterie, in der Isar-Kaserne die für Griechenland bestimmten Ulanen und Artilleristen abexerziert. Von Tag zu Tag vermehrten sich die Anmeldungen, nicht nur aus Bayern, sondern vom ganzen übrigen Deutschland. Mancher brave junge Mann riß sich mit hochklopfendem Herzen aus den Armen seiner Lieben, um Ottos vertrauendem Rufe zu folgen; mancher, der Trost und Hoffnung seiner alten Eltern gewesen, änderte plötzlich seine Lebensrichtung und trat unter die griechischen Fahnen, um da ein neues Leben zu beginnen; mancher, der früher nur gewohnt war, zu befehlen, wollte unter diesen Zeichen gehorchen lernen, und mancher brave Offizier, der in Kampf und Schlacht seinen Soldaten als treuer Führer vorangegangen war, legte nun den Degen ab, um die Muskete zu ergreifen und in Zukunft selbst geführt und befehligt zu werden. Mit Freuden verließ man sein Vaterland, um nur auf dem Boden wandeln zu können, der durch so manche erhabene Erinnerung geheiligt ist; mit Freuden verließ man den heimatlichen Herd, um sich im fremden Lande einen neuen zu gründen. 87 Da jedoch die Organisation dieses Freiwilligenkorps nicht so rasch vollzogen werden konnte und die Abreise des jungen Königs nach seinem Lande, woselbst bereits wieder Unruhen ausgebrochen, höchst dringlich war, so beschloß Bayerns König, seinem Sohne ein Begleitungs- oder Hilfskorps in der Stärke von 3500 Mann, bestehend aus vier Bataillonen Infanterie, zwei Schwadronen unberittener Reiter und einer Kompagnie Artillerie mit acht bespannten Geschützen unter Kommando des Brigadegenerals Freiherrn v. Hertling mitzugeben. Das Truppencorps war gebildet aus den ersten Bataillonen des 6. und 10., aus den zweiten Bataillonen des 11. und 12. Infanterie-Regiments, aus je einer Schwadron Chevaulegers des 3. und 4. Regiments und der 9. Compagnie des 1. Artillerie-Regiments. Die Infanterie hatte sich aus ihren Garnisonen bereits nach München und Mittenwald, wo der Sammelplatz der Brigade war, in Bewegung gesetzt, um von hier aus nach bestimmter Marschordnung über Innsbruck nach Triest, wo die Einschiffung erfolgen sollte, zu gelangen. Die Ankunft eines jeden solchen Bataillons brachte ganz München auf die Beine; man eilte ihm jedesmal weit über den Burgfrieden hinaus entgegen und bewillkommte die Ankommenden aufs herzlichste. Hiebei scheute man keine Unbill der Witterung. So wechselten z. B. Regengüsse mit Schneegestöber, als König Otto, von einem glänzenden Stabe umgeben, das soeben anmarschierte und auf der Schwabinger Wiese in Parade aufgestellte zweite Bataillon des 12. Infanterie-Regiments, dessen Oberstinhaber er war, besichtigte, und dann unter den Klängen der Musikkorps aller in München garnisonierenden Regimenter durch die mit Menschen angefüllten Straßen auf den 88 Residenzplatz führte. Da öffneten die dichten Wolkenmassen ganz plötzlich die tiefen Falten ihrer Trauerschleier und herrlich erglänzte am Himmelsgewölbe die Spenderin des Lichts und der Freude, als der 17jährige König dem königlichen Vater das Bataillon vorstellte. Es war dies eine Szene, welche die Volksmenge mit Jubel und zugleich mit Schmerz erfüllte, denn immer näher rückte die Stunde des Scheidens für den jungen Fürstensohn, der auf immer die Heimat, auf immer alles, was ihm teuer war, verlassen, der von einer heißgeliebten Mutter scheiden, auf den Grabhügeln des alten Hellas einen neuen Thron errichten, ein neues Geschlecht zu der Größe seiner Voreltern wieder erheben sollte. In der Artilleriekaserne war man lebhaft bemüht, die zum Abmarsch bestimmte neunte Kompagnie aufs beste zu einer in Bayerns Kriegsgeschichte so merkwürdigen Episode einer überseeischen Truppensendung auszurüsten. Die Batterie unter Kommando des Hauptmanns Friedrich Schnitzlein Die übrigen Offiziere und Beamten u. s. w. bei der Batterie waren: Oberleutnant Karl Kriebel, die Unterleutnants Nep. Hiemer und Max Abele, Unterarzt Dr. Jos. Waltenberg, Dr. Bauriedel und Veterinärarzt Leonh. Bauer, die Junker Heinrich Lutz und Max Graf von Tattenbach und die Regimentskadetten Clemens von Wallmenich und Rudolf Freiherr von Gumppenberg. Letzterer war nachmals Oberst des Infanterie-Leib-Regiments und starb 1875. hatte eine Gesamtstärke von 202 Mann, 33 Fahrzeugen, 8 Geschützen (Haubitzen und Kanonen) und 34 Pferden. Wendel Waller war in der That als erster Feuerwerker eingereiht worden. Er hatte so viel zu thun, daß er den ganzen Tag über nicht eine Minute Zeit fand, in der er an die Jachenau hätte denken können. Dazu, tröstete er sich, hätte es Zeit, wenn er mit seiner Batterie nach 89 Walchensee käme, woselbst in der Marschordre ein Rasttag angesetzt war. Dann wollte er sich seinem Bräutchen noch einige Stunden ganz allein widmen. Wiederholt aber versicherte er seinem Freunde, er wäre ein Narr geworden vor Aufregung, wenn er die schöne Expedition nur »in der Landbötin« hätte mitmachen können. Amreis Brief hatte er richtig empfangen und auch sofort beantwortet. Er versprach ihr in launiger Weise, alles zu thun, daß das Hilfskorps so bald als möglich wieder aus Griechenland heimkomme und daß dann die beiden Hochzeiten, nämlich diejenige Amreis und die seinige, gleich miteinander gefeiert werden könnten. Auch an Resei legte er einige Zeilen bei, in welchen er ihr Mut zusprach und sie ersuchte, sie möchte sich doch auch für die große Sache begeistern, damit zeige sie sich seiner würdig. Einen Bauernbuben, der sein Lebtag nicht aus der Jachenau hinausgekommen, bemerkte er, einen solchen »Lattidl« könne sie alle Tage zum Mann bekommen, aber nicht einen königlich bayrischen Feuerwerker, der mit seiner Batterie die Welt umsegeln und die Osmanen zu Paren treiben werde, wenn es notthue. Alles übrige wolle er sich auf den Rasttag in Walchensee versparen, wo er noch einen recht »vergnüglichen« Abschied von ihr und all seinen Landsleuten nehmen wolle. Dieser Brief schien die Jachenauer befriedigt zu haben, es erfolgte wenigstens kein weiteres Schreiben, was Wendel um so lieber war, da er dann auch nicht mehr zu antworten brauchte. Wenige Tage vor dem Ausmarsche, er war gerade über Hals und Kopf mit dem Einpacken der nötigsten Requisiten zum Laborieren der Feldmunition beschäftigt, kam 90 der Pfarrer von der Jachenau zu ihm auf Besuch und machte ihm erfreut die Mitteilung, daß er bei dem griechischen Expeditionskorps als Feldkaplan angestellt worden sei und während seiner Abwesenheit ein Franziskaner von Tölz seine Pfarrei versorge. Der Hüterhannes war gleichfalls angenommen und ihm als Meßner und Diener zugeteilt worden. Auch Herrn von Fels ward sein höchster Wunsch erfüllt, er wurde zum Leutnant in der später nachrückenden Freiwilligen-Abteilung ernannt und somit waren die Wünsche aller Jachenauer vorerst befriedigt, sogar derjenige des Schullehrers, welcher infolge seiner patriotisch-poetischen Ergüsse die Aufmerksamkeit König Ludwigs erregt und auf sein Gesuch hin gern der Regentschafts-Kanzlei, wenn auch vorerst nur als Schreiber, zugeteilt wurde. Am 20. November früh 8 Uhr erfolgte der Abmarsch der Batterie vom Kugelfang aus, nachdem die Mannschaft vom Magistrat mit einem Frühstück bewirtet und mit Geld beschenkt worden war. Mehrere Musikkorps, die gesamte Generalität, viele Offiziere und Tausende von Menschen gaben der wackeren Batterie das Geleit bis über Sendling hinaus. Es war hier wie bei allen übrigen Abteilungen ein schmerzliches, banges Abschiednehmen der Zurückbleibenden, wie viele ahnten, auf Nimmerwiedersehen. Aber die Fortziehenden waren von bestem Geiste beseelt und von den schönsten Hoffnungen erfüllt. Wolfratshausen und Benediktbeuern bemühten sich, den tapferen Söhnen des Vaterlandes auf ihrem Zuge nach Hellas alle nur erdenklichen Ehren angedeihen zu lassen. Der Winter hatte bereits seine Herrschaft angetreten. 91 Es hatte zwei Tage ohne Unterlaß geschneit, nun aber fing es plötzlich zu tauen an und nur mit vieler Mühe konnten sich die Fuhrwerke auf der Straße fortbewegen. Doch eilten von allen Seiten die Bauern mit Vorspannpferden heran, die sie unentgeltlich stellten, und so zog die Batterie um Mittag des dritten Tages glücklich den steilen Kesselberg hinan. Auf der Höhe desselben angelangt, war der Nebel plötzlich verschwunden, im tiefsten Blau spannte sich das Firmament über die Spiegelfläche des bald in Diamantfeuer, bald Rubinen gleich erglühenden Walchensees mit seinen malerischen Ufern, während im Hintergrunde die gewaltigen Tirolerberge mit ihren gen Himmel starrenden schneebedeckten, jetzt in majestätischem Schimmer erglänzenden Häuptern schweigend über die zu ihren Füßen gelagerte Landschaft hereinschauten. Alles jubelte, entzückt von dem prachtvollen Anblick. Wendel aber gab seine Freude über diesen schönen Gruß seiner Heimat durch einen hellen, weithin schallenden Juchzer kund, der von seinen Landsleuten, die sich alle bei Urfeld, am Anfange des Sees, woselbst wegen der Ablösung der Vorspannpferde ein kleiner Aufenthalt war, versammelt hatten, hundertfach erwidert wurde. Auch Wendels Vater und Bruder hatten sich eingefunden und drückten dem Feuerwerker die Hand, Resei aber fehlte. Sie wollte sich nicht dem allenfallsigen Gespött ihrer Landsleute aussetzen, und da der morgige Tag für die Batterie ja ein Rasttag in Walchensee war, so erwartete sie, daß ihr Bräutigam ihr in der Jachenau einen Besuch abstatten werde. Wendel verrichtete heute den Dienst des 92 Oberfeuerwerkers, der infolge eines Pferdeschlages stark am Fuße verwundet war und in Kochel zurückgelassen werden mußte. Die erste Halbbatterie hatte sich auf der den See entlang ziehenden Straße nach dem Dorfe Walchensee sofort wieder in Bewegung gesetzt und bereits einen sehr weiten Vorsprung gewonnen, bevor bei der zweiten Halbbatterie, bei welcher Wendel eingeteilt war, die Vorspannverhältnisse wieder in Ordnung waren. Der See war sehr unruhig, ein auffallend warmer Wind strich über denselben; es war der Föhn, der schon den ganzen Tag darüber wehte. Der Förster von der Jachenau blickte nicht ohne Besorgnis zu dem die Straße beherrschenden Kirchelskopf auf, von welchem sich während des Föhns gern Schneelawinen ablösen und die Straße verschütten, und er mahnte den Offizier mit den Worten: »Ich halt's für gut, daß's den Weg auf Walchensee rasch zurückleg'n, es gehn gern Lawinen nieder, wenn der Föhn weht.« Der Kommandant der Halbbatterie hörte auf diesen Rat und gab den Befehl zum Weitermarsch, der unter wiederholtem Grüßen und Hochrufen der in Urfeld angesammelten Jachenauer begann. Auch Friedl hatte sich den Marsch der Artillerie vom See aus mit angesehen. Er wollte seinen Landsleuten keine erneute Gelegenheit geben, Vergleiche zwischen ihm und Wendel anzustellen, auf welch letzteren heute ohnedies alle Jachenauer so stolz waren. Morgen aber, in Walchensee, wollte er den Nebenbuhler aufsuchen und ihm einen Talisman auf den Weg mitgeben, der ihn wohlbehalten wieder zurückbringen sollte. So fuhr er in seinem Schiffchen, etwas entfernt vom 93 Ufer den See aufwärts, mit aufmerksamen Blicken die auf der Straße sich hinbewegenden Reiter, Kanonen und Fahrzeuge betrachtend. Da ward seine Aufmerksamkeit durch ein dumpfes, donnerartiges Getöse nach aufwärts zu dem hart an der Straße sich erhebenden Kirchelkopf gelenkt. Eine mächtige Schneemasse hatte sich von dort oben in Bewegung gesetzt, noch fand sie schwachen Widerstand an einigen mächtigen Tannen, aber dieser Widerstand war sichtlich so unbedeutend, daß sie nur durch eine Verzögerung von wenigen Minuten in ihrem Sturze aufgehalten werden konnte. Die erste Hälfte der Batterie hatte die gefährliche Stelle bereits passiert, aber die zweite Abteilung näherte sich unbefangen derselben, da man von der Straße aus die drohende Gefahr nicht wahrnehmen konnte. Friedl zog nun mit aller Kraft die Ruder an, um sich dem Ufer möglichst schnell zu nähern und rief ohne Unterlaß: »Halts, halts! A Lahna, a Lahna!« Aber man mißverstand ihn. Man glaubte, er rufe wie alle anderen Leute den Soldaten seine Grüße zu, und so erreichte er das Ufer dicht an der bedrohten Stelle. Ohne sich weiter um sein Schiff zu kümmern, sprang er aus demselben und lief, so schnell er konnte, den Soldaten entgegen, ihnen durch lebhafte Zeichen Stillstand gebietend. »Halts, halts!« rief er aus Leibeskräften, »a Lahna is im Absturz! Alle werds verschütt, wenns nit halts!« Der Offizier kommandierte Halt! und alles blickte nach der rechtsseitigen Höhe. Aber man sah nichts Verdächtiges, und selbst Wendel, der in der Nähe des Offiziers war, meinte: 94 »Ins Posthaus kommen wir schon noch, Herr Oberleutnant.« »Das denke ich auch,« entgegnete der Offizier. »Wir können doch nicht umkehren und uns von der Kompagnie trennen. Also vorwärts marsch!« Friedl aber fiel dem Pferde des Offiziers in den Zügel und rief: »Kein' Schritt weiter! Alle seids verlor'n!« »Siehst denn nit, Friedl, daß i dabei bin?« sagte Wendel. »D' Lahna könnt dir ja gar kein' größern Gfalln thun, als daß 's mi dadrucket!« »Nit wahr is's!« rief Friedl; »grad dir därf kei' Unglück g'schehn, du mußt leben für's Resei!« 95 Wendel sah den Sprechenden mißtrauisch an, dann sagte er, sich zu seinem Offizier wendend: »Därf i in See 'neinfahren und die Sach rekognoszieren, denn von der Straß aus is's nit möglich?« Der Offizier war einverstanden. Wendel stieg vom Pferde, dasselbe einem Kanonier übergebend. Aber er hatte erst wenige Schritte gegen den See gemacht, als er wie gebannt stehen blieb. Die Lawine hatte die sich ihr entgegenstemmenden Bäume abgedrückt und kam ins Rollen. Man vernahm ein Donnern, als ob die Erde bersten wollte, Schnee, Bäume, Felsstücke stürzten im wilden Durcheinander pfeilschnell herab. Es wurde dunkel in der Luft, hernieder sauste es auf die Straße und in den See hinein, daß der Gischt hoch aufspritzte und die Mannschaft von dem Luftdruck halb betäubt wurde. Die Pferde bäumten sich scheu auf, sodaß einige Wagen und Kanonen in den Straßengraben hinuntergedrückt wurden und auch hier ein wirres Durcheinander Platz griff. Die Sonne schien sich verfinstert zu haben, es herrschte schwaches Dämmerlicht und ein undurchdringliches Schneegestöber hüllte den vorderen Teil der Kolonne ein. Allmählich erst klärte es sich wieder auf. Die meisten Soldaten waren vor Schrecken kreidebleich, und nun erst ließen sich die Folgen dieser unerwarteten Katastrophe übersehen. Einige Kanoniere lagen verwundet unter den Lafetten; man holte sie rasch hervor, und nachdem erst die Pferde zur Ruhe gebracht, konnte man darangehen, die in dem Straßengraben liegenden Kanonen wieder heraufzuheben. Die in Urfeld zurückgebliebenen Landleute kamen voll Angst und Schrecken nachgeeilt. Sie befürchteten, daß ein 96 großes Unglück geschehen, das sich aber glücklicherweise auf unbedeutende Verletzungen einiger Kanoniere und einige zerbrochene Deichseln beschränkte. Auch vom Dörfchen Walchensee, wo Sturm geläutet wurde, eilten sämtliche Einwohner mit Schaufeln und Pickeln sowie die Offiziere und Soldaten der ersten Kolonne heran. Diese glaubten nicht anders, als daß ein Teil ihrer Batterie von der Lawine verschüttet worden sei. Ein Ueberblick war ihnen nicht möglich, da ein gewaltiger Schneeberg die Straße versperrte. Der besorgte Hauptmann ließ durch den Trompeter ein Signal geben, das aber von jenseits in Mangel eines Trompeters nicht erwidert werden konnte, und ein Schiff war nicht vorhanden, um vom See aus die Folge dieses Lawinensturzes überschauen zu können. Es ward daher nach Walchensee um Schiffe geschickt, was aber bei der über 2 Kilometer weiten Entfernung einen für die peinliche Lage schrecklichen Zeitverlust verursachte. Da ward ein Schiffchen sichtbar, das mit Vorsicht die herabgestürzte Lawine umsteuerte. Friedl war in demselben. Er hatte das Fahrzeug unversehrt am Ufer gefunden und beeilte sich nun, den Walchenseern Botschaft zu bringen. Der Hauptmann rief ihn heran und befragte ihn mit bebender Stimme über die Größe des Unglücks. »Nix is passiert!« rief Friedl erfreut. »Nix als a paar umg'worfne Kanonen und a paar Löcher in Kopf hat's abg'setzt. Steigns ein, Herr Offizier, i fahr Ihna zu die andern.« »Gott sei's gedankt!« entgegnete, leichter atmend der Hauptmann, indem er mit noch zwei Offizieren in das Schiffchen stieg und seinem Führer befahl, rasch die gefährliche Stelle zu umrudern. 97 »Das ist ja geradezu ein Wunder, daß nicht alle meine Leute verschüttet wurden,« staunte der Hauptmann. »Gewiß hat der Feuerwerker Waller als Ortskundiger die Gefahr noch zu rechter Zeit entdeckt.« »Ja, ja, dem Waller Wendel hams es zu verdanken, daß 's so gut abgangen is,« entgegnete Friedl. »Nur der is dran schuld! Ohne den marschierten die dort nimmer ins Griechenland weiter.« Der Hauptmann hörte mit Befriedigung diese Worte. »Er soll belohnt werden!« erwiderte er. »Ja, ja,« bat Friedl, »sorgt's nur, daß er wieder g'sund hoam kimmt zu seiner Hochzeiterin, macht's, daß er in kei' Gfahrnis kimmt, denn er selm acht' sei' Lebn für nix, und davon hängt so viel ab.« Der Offizier mußte über den harmlosen Burschen lächeln. Bald landeten sie jenseits der Lawine, die in einer Länge von über zweihundert Fuß die Straße verschüttet, und der Hauptmann bedurfte nicht erst einer Meldung des Offiziers, um sofort die ganze Sachlage zu übersehen. Er ließ vorerst die glücklicherweise nur leicht Verwundeten in Friedls Schiffchen nach dem Posthause in Walchensee fahren, um sie sofort in ärztliche Pflege zu geben. Friedl aber fuhr hierauf, da er am Platze nicht mehr nötig, über den Weitsee seiner Heimat zu, da er sich nicht in die Nacht begeben wollte, die um diese Jahreszeit schon nach 4 Uhr sich geltend macht. Von Urfeld und der Jachenau, wo ebenfalls Sturm geläutet wurde, kamen Männer und Weiber scharenweise mit allen möglichen Werkzeugen herangeeilt. Auch Resei und Amrei kamen mit ihren Ehehalten herangefahren. Sie 98 wußten nicht anders, als daß die ganze Kompagnie mit Mann und Pferden verschüttet worden. Es war für Resei eine fürchterliche Fahrt. Sie sah ihren Hochzeiter zerschmettert unter der Lawine liegen und machte sich jetzt heftige Vorwürfe, daß sie nicht gleich den andern ihn in Urfeld bewillkommt habe. Trostlos rang sie die Hände und jammerte laut. Erst in Urfeld empfing sie die beruhigende Nachricht, daß keiner der Soldaten verunglückt und Wendel ganz wohlbehalten sei. Von hier eilte sie mit Amrei zu Fuß nach der Unglücksstätte und bald hatte sie auch ihren Bräutigam entdeckt, der da herumkommandierte, wie noch einmal ein General, dann aber wieder selbst Hand anlegte und arbeitete wie ein echter Bauernbursche. Nur flüchtig konnte er Resei begrüßen, die ihm weinend die Hand reichte. »O mei' Wendel,« sagte sie, »dös war schon die erst' Gfahrnis – wie viel wirst noch ausz'halten hab'n? Möcht dir unser Herrgott an' Schutzengel an d' Seiten geben, daß d' wieder glückli hoamkimmst.« »Gieb di, Dirndl,« antwortete Wendel, »es wird mi aa künftig 's Glück nit verlassen. Aber heut hat mei' Schutzengel Friedl ghoaßen. Ohne 'n Fischer-Friedl liegeten i und mei' Oberleutnant und gar viele dazu unter dem weißen Hügel da.« »Der Friedl?« tönte es aus Reseis und Amreis Mund zugleich. »Ja, es is schon so; der hat uns g'warnt und uns zum Halten veranlaßt.« »Unser Herrgott lohn' eams!« rief Resei. 99 Amrei aber meinte: »Dös wird wohl a braver Bua sein!« »Der Friedl?« fragte dann Resei sinnend. »Hab i gmeint, der is unser Feind?« »Der Friedl is neamd Feind,« fiel Amrei warm ein. »Mir is's völlig a Rätsel,« meinte der Feuerwerker. »Grad mir soll kei' Unglück begegnen, hat er gsagt, weil i lebn muß für di, Resei. Aber Hellseiten no'mal! i verplauder da mit Enk d' Zeit und mei' Hauptmann braucht mi. B'hüt Gott, Dirndln; morgn nachmittag komm i auf an' Sprung in d' Jachenau, wenn's mei' Hauptmann erlaubt, dann reden wir weiter; jetzt is kei' Zeit dazu. Grüßts 'n Vatern und meine Leut – morgen auf mehrers!« Damit eilte er von den Landsleuten weg und gleich darauf hörte man ihn wieder die geeigneten Befehle erteilen. Unfern dieser Stelle traf Goethe auf seiner italienischen Reise den Harfner mit Mignon, welche er in seinem »Wilhelm Meister« verwertete. Durch die ergiebige Hilfe der Bauern waren Schnee, Felstrümmer und Bäume so weit von der Straße weggeräumt, daß die Kanonen und Fuhrwerke wieder vorwärts gebracht werden konnten. Es dämmerte bereits, als der Trompeter das Zeichen zum Weitermarsch gab, und es ward völlig Nacht, als die so lange aufgehaltene Truppe im Dörfchen Walchensee einzog. Bevor die Leute in ihre Quartiere entlassen wurden, rief sie der Hauptmann zusammen und hielt eine feierliche Ansprache an dieselben, zum Schlusse aber belobte er mit warmen Worten die großen Verdienste, welche sich Wendel um die Batterie und um das Vaterland erworben, da nur durch seine wohlweise Warnung ein unabsehbares Unglück 100 abgewendet wurde. Zur Belohnung dafür ernannte er ihn zum Oberfeuerwerker der Batterie. Wendel wollte Einwendungen machen, er kam aber stets nur zu dem Anfang: »Herr Hauptmann, – bitt gehorsamst –« Weiter ließ ihn der Hauptmann, der darin eine Bescheidenheit des Unteroffiziers erblickte, nicht kommen. Nun ward zum Gebet kommandiert. Tiefste Stille herrschte. Die zwei Trompeter bliesen die vorgeschriebenen Posten; – feierlich tönte es hinaus in die Winternacht. Am Himmel leuchteten Milliarden hellglänzender Sterne. Kein Auge blieb trocken; die Mannschaft und die umstehenden Landleute waren tief ergriffen. Ganz besonders war dies der Fall bei dem Schiffer-Friedl, welcher in seinem Kahn Niedernach zusteuerte. Er konnte sich sagen, daß er sein vermeintliches Verbrechen nun wenigstens durch eine gute That gesühnt. Es war ihm, als verkündeten die feierlichen Trompetenklänge Verzeihung an für sein Fehl, und seinen Hut abnehmend, blickte er auf zu den leuchtenden Sternen und schloß sein Gebet mit den Worten: 's Amrei möcht i halt! 101 IX. »Ja, Bua! Wennst so furt avantschierst, kannst es in Griechenland drin zum General bringen!« rief der alte Wallerbauer erfreut, als gegen Mittag des andern Tages Wendel mit seinem Bruder Lindl, der ihn mit dem Wägelchen in Walchensee abgeholt, angefahren kam und der Alte von Lindl erfuhr, daß er einen Oberfeuerwerker mitbringe. Die alte Mutter begrüßte den Sohn unter Thränen und meinte: »Mir wär's lieber, du wärst a g'meiner Soldat und bleibest im Land! O mei', o mei', dös is gestern a schlechter Anfang gwen mit der Lahna, dös is kei' gut's Zeichen. Wendel, i verhoff, du kimmst von einer G'fahrnis in die ander.« »Tröst di, Muatterl!« erwiderte Wendel, Mantel und Säbel ablegend, »i bin Soldat und der hofft allweil 's beste. Alleweil kann's natürli nit eben gehn, aber 's Ungemach därf uns nit abschrecken. Mir kann's so leicht nit an!« »Jegerl, Jegerl!« rief jetzt der alte Bauer wieder, als er die drei gelben Litzen auf Wendels Rockkragen erblickte, »jetzt hast ja gar drei Strich und an' Borten! Paß auf, paß auf, dir setzen's in der Jachenau noch a Monament!« Auch Lindl kam jetzt in die Stube und bewunderte mit den Eltern neuerdings die vielen gelben Litzen an Wendels Rockkragen, dabei aber vergaßen sie nicht, den Tisch zu einem guten Mittagsmahl herzurichten, zu welchem 102 Lindl eigens einige Flaschen roten Tiroler vom Jochwirt mitgebracht hatte. Resei wollte Wendel erst auf dem Nachhausewege besuchen, um dann länger bei ihr verweilen zu können. Mit dem Singerbauer, Reseis Vater, hatte er sich heute morgens in Walchensee ausgesöhnt. Der Bauer war zu ihm gekommen, um ihn ernstlicherweise wegen seines Benehmens gegen Resei zur Rechenschaft zu ziehen, aber der neugebackene Oberfeuerwerker mit dem großen Bärenschweife am Helm (die besondere Auszeichnung des ersten Unteroffiziers, welche er sich schon für alle Fälle von München aus mitgenommen) flößte ihm solchen Respekt ein, daß er seine einstudierte Rede vergaß, und zum Ausstudieren einer neuen ließ ihm Wendel keine Zeit. »Z'erst kommt der König, dann kommt lang nix mehr – dann kommt erst unsre Heiratsg'schicht!« behauptete er. »Alles schön nacheinand'. Mit 'n Resei hab i mi schon gestern ausg'söhnt, und wir zwei, Singerbauer, werden auch fertig wern mitanand. Weißt was, i verzicht auf dei' Kuh, die 's Resei mit ihrem Kuchelwagen auf mein Hof bracht hat; dös war eh nur a Abmachen zwischen mein Vatern und dir. I nimm's Resei ohne ihr Heiratsgut; 'n Kuchelwagen kannst ihr lassen, sonst will i nix. Aber dafür verlang i, daß d' nimmer brummst, Schwiegervater, und daß d' Sach nimmst, wie 's is.« Der Singerbauer traute kaum seinen Ohren, als er Wendels Verzicht auf ein weiteres Heiratsgut und sogar auf die Kuh vernahm. »Ja, da möcht i 's ja schier als a Glück betrachten, daß d' nach Griechenland reist!« meinte er zufrieden 103 lächelnd. »Eingschlagn, Wendel – i bin einverstanden! Und gel, kimm zum Resei heunt und richt's auf in ihrer Verzagtheit.« Ein Kanonier war eingetreten und machte »gehorsamst« eine Meldung, auf welche der Oberfeuerwerker sofort kurzen Bescheid gab, worauf der Meldende erwiderte: »Zu Befehl, Herr Oberfeuerwerker!« auf einem Absatz Kehrt machte und stramm davonmarschierte. Der Singerbauer riß vor Erstaunen Mund und Augen auf. Wendel aber wandte sich wieder zu ihm und fuhr fort: »Sag 'n Resei, i b'suchs, nachdem i heut nachmittag bei meine Leut zug'sprochen hab. Hörst das Signal! Mich ruft der Dienst. Adis.« »Zu Befehl!« antwortete der Bauer, noch ganz verblüfft über den militärischen Ton, den er vorhin vernommen, drehte sich, so gut er es vermochte, herum, bei welchem Versuch er fast das Gleichgewicht verloren hätte, und eilte gleich dem Kanonier festen Schrittes zur Stubenthür hinaus. Im Lauf des Vormittags war dann Lindl mit dem Fuhrwerk gekommen, um den Bruder abzuholen. Der Batterie-Kommandant genehmigte Wendel gern die Bitte um einige Stunden Urlaub, trug ihm auf, Eltern und Braut zu grüßen und allen Jachenauern zu danken für ihre gestrige ausgiebige Hilfe, welchen Dank er noch im Amtsblatte veröffentlichen lassen würde. Wendel hatte heute nicht unterlassen, seinem Hauptmann mitzuteilen, welch besonderes Verdienst der junge Fischer von Niedernach an der Abwendung der Katastrophe gehabt, ohne dessen Warnung auch er nicht imstande gewesen wäre, dem gewissen Unheil zu entgehen. 104 Der Hauptmann wünschte, dem Burschen persönlich danken zu können, und gab dem Oberfeuerwerker den Auftrag, dafür zu sorgen, daß Friedl nach Walchensee komme, am liebsten morgen früh vor dem Abmarsche, wo er ihn dann vor aufgestellter Mannschaft zu ehren gedachte. Wendel fuhr hierauf ins heimatliche Thal. In Oberjachenau bestellte er die Nachricht an Friedl, daß er ihn nachmittags beim Jochwirt sicher erwarte, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Auf dem Wege zwischen Ober- und Unter-Jachenau begegnete dem Wagen 's Hüter-Mirdei vom Pfundbauern, ein allein in der Welt stehendes hübsches, braves Mädchen, das zwar in ihren Sonntagsstaat, aber doch sehr ärmlich gekleidet war. »Wo aus denn, Mirdei?« rief ihr Wendel freundlich zu. »Zum Jochwirt geh i auffi,« antwortete das Mädchen, »'n Hannes verhoff i dort z' treffen. Der Herr Pfarrer hat gschrieben, daß er heut kimmt und morgn wieder weiterfahrt nach Mittenwald und – da wird wohl der Hannes aa mitkömma. Er is ihm ja beigeben als Diener und Meßner ins Griechenland eini. O mei', i möcht nix als flenna!« Und sie fing in der That bitterlich zu weinen an. »Es geht ihm ja nix ab, wenn er beim Herrn Pfarrer is,« tröstete Wendel. »Wer weiß's, zu was's gut is?« »I fürcht, es is zu nix gut,« entgegnete Mirdei. »Er bild't si' ein, er kriegt viel Grund und Boden gschenkt in Griechenland drin und möcht's zu an' Bauern bringen, auf daß i sei' Bäurin werd. Aber i glaub nit dran. I 105 frettet mi viel lieber arm durch d' Welt, als daß i 'n furt laß ins Ungwisse, so weit – so weit!« »Hoff's best', Mirdei!« tröstete Wendel. »Unser Herrgott verlaßt kein' braven Bayern! Und mach'n Hannes 's Herz nit schwer. Denk, er zieht sein' Glück entgegen! Beim Jochwirt kehr i auch zu am Heimweg. B'hüt di Gott, Mirdei!« Mirdei grüßte gleichfalls, dann ging sie traurig ihrer Wege. Wendel aber fuhr nach seinem Hofe. Nachdem dort alles Wichtige nochmals besprochen, verabschiedete er sich von den Eltern, er machte es kurz und von ihrem Segen und ihren Thränen begleitet, fuhr er mit Lindl rasch von dannen, und ohne Aufenthalt auf den Singerhof zu seiner Braut. Dort war schon alles zu seinem Empfange hergerichtet. Auf dem mit schneeweißem Linnen gedeckten Tische standen in einer zinnernen Platte goldgelbe, frischgebackene Nudeln, daneben ein nagelneues Kaffeegeschirr, dann einige Weinflaschen und eine weitere Platte mit Aufschnitt von Selbstgeräuchertem. Resei und Amrei aber hatten sich in ihre schönsten Sonntagsgewänder gekleidet. Hätten sie das nicht aus eigenem Antriebe gethan, so würde sie der Singerbauer dazu gezwungen haben, denn seit er von Walchensee nach Hause gekommen, sprach er nur mehr von der Macht und dem Ansehen, die sein künftiger Schwiegersohn genoß, sodaß selbst der Landrichter von Tölz dagegen verschwinden müsse. Besonders der Bärenschweif erregte noch jetzt seine Bewunderung. Und als Wendel angefahren kam, eilte er zum Wagen und rief ein über das andere Mal: 106 »Grüaß Gott, Herr Ober! Grüaß Gott, Herr Ober! Steig nur ab und komm in die warme Stuben. Der Kaffee is schon zu Befehl.« Resei und Amrei begrüßten den Oberfeuerwerker ebenfalls aufs freudigste, und alsbald saß man um den reichgedeckten Tisch. Kein Wort des Vorwurfs kam mehr über Reseis Lippen, sie fand sich in das Unabänderliche, und da wollte sie dem Bräutigam die letzten Stunden in der Heimat nicht durch Klagen und Vorwürfe verbittern. Auch Amrei war heiter und gesprächig. Oefters freilich schweiften ihre Gedanken über die Stube hinaus und gen Niedernach zu, wo Friedl gewiß in jenem Augenblicke auch ihrer gedachte. Aber auch Wendel erinnerte sich jetzt des früheren Nebenbuhlers, indem er sagte: »I darf nit lang dableiben. I hab 'n Fischer-Friedl zum Jochwirt außi b'stellt, wo i ihm von mein' Hauptmann was ausrichten muß. Er muß morgen beim Abmarsch in Walchensee sein.« »Der Friedl?« rief Amrei erregt. »Da wird nix draus. Dei' Herr Hauptmann soll z'frieden sein, daß er di meiner Schwester noch in der letzten Stund wegg'schnappt hat; vom Friedl soll er d' Hand lassen! Was bild't si' denn der ein? Meint denn der, d' Jachenauerbuam san nur für eam auf der Welt? Der machet uns Dirndln ja alle zu Witwen, noch eh daß wir g'heirat san! Uebern Friedl hat er gottlob kei' Macht. Da kann er lang warten, bis der kimmt.« Alle sahen erstaunt nach der sich so Ereifernden, die jetzt hoch errötete, weil es ihr nachträglich einfiel, daß sie sich verraten. 107 »Ja, was geht denn di der Friedl an?« fragte der Singerbauer. Resei und Wendel aber hatten sie verstanden, ohne zu fragen. Jene hatte es längst geahnt und dieser wußte es jetzt sicher, auf wen sich die Stelle in Amreis Brief bezog. Der »Allerlieber« war Friedl. Auch dessen gestrige Bemerkung, daß von Wendels Leben sein Glück abhänge, stimmte mit dem Schreiben Amreis überein, in welchem sie mitteilte, sie hätte gelobt, nicht eher einen Mann zu nehmen, bis Resei und Wendel verheiratet wären. Wendel reichte daher dem Mädchen die Hand und sagte: »Jetzt versteh i dein' Brief. A größere Beruhigung hätt'st mir nit mitgebn könna auf d' Reis' –« »Aber i möcht wissen, für was d' di so ereiferst« – wiederholte der Singerbauer fragend zu Amrei. »Laß mi reden!« unterbrach Wendel den Alten. »Zu Befehl!« gab dieser zur Antwort. »Aber nachher red i.« »Mei' Herr Hauptmann will dem Friedl nur eine große Ehrung zu teil werden lassen.« »Zu Befehl! Aber –« »Nix aber!« unterbrach ihn Wendel. »Amrei, sag du mir aufs G'wissen, hab i recht g'raten?« »Scho!« entgegnete verlegen das schöne Mädchen; »aber jetzt is's mir scho' wieder recht.« »Und dein' Vatern muß's auch recht sein,« entgegnete Wendel lachend. »Wie meinst, Singerbauer, wenn i halt für'n Friedl um dei' Amrei freiet? Als Schwiegersohn hast dir'n ja ehvor schon denkt, jetzt giebst eam halt's d' Amrei und – nix sagst, als: zu Befehl!« »Dös kimmt mir z' gaach, dös kimmt mir z' gaach!« 108 sagte der Singerbauer, den Kopf schüttelnd. »I weiß ja no' gar nit, wie's Amrei g'stimmt is.« »Gut bin i g'stimmt, Vater!« erwiderte rasch die Tochter. »No', so giebst ihr 'n halt!« meinte lächelnd Resei. »I betracht's für a groß's Glück.« »Begleits mi außi zum Jochwirt,« sagte Wendel. »Da wern wir's ja hörn, wie der Friedl pfeift. Und wenn er um d' Amrei bei dir anhalt', Singerbauer, so sagst: einverstanden!« »Zu Befehl!« erwiderte verlegen der Bauer. Alle lachten. »Also richts euch zam, wir gehn zu Fuß zum Jochwirt,« dirigierte Wendel und ging dann, den Bruder aufzusuchen, um ihm das Nötige mitzuteilen. Lindl war, da zwei junge Mädchen in der Stube anwesend waren, durchaus nicht zu bewegen gewesen, in dieselbe einzutreten, und zog es vor, seinen Kaffee im Stalle bei den Pferden zu verzehren. Er haßte die Mädchen nicht, aber er empfand eine unüberwindliche Scheu vor ihnen. Als dann die ganze Familie mit Wendel den Hof verlassen, fuhr er langsam zum Jochwirte nach. – – – Friedl wollte soeben in sein Schiffchen steigen, um nach Walchensee überzufahren, als ihm Wendels Botschaft zukam. Es lag ihm alles daran, mit dem früheren Nebenbuhler zusammenzutreffen, dessen Glück er durch einen verbrecherischen Zauber untergraben zu haben glaubte. Er wollte alles aufwenden, um die Wirkung dieses Zaubers so lange abzuschwächen, bis er denselben mit Hilfe des Zigeuners Duli vollends gefahrlos machen konnte. Und so war es ihm gelungen, von einem in Kochel lebenden 109 Veteranen, welcher den russischen Feldzug glücklich überdauert, ein sicheres Mittel der berühmten »Passauer Kunst« zu erhalten. Diese Passauer Kunst besteht aus hieb- und stichfest machenden Zettelchen mit allerlei Figuren, welche unfehlbare Wirkung haben, wenn man sie unter gewissen Gebeten verschluckt. Ein Scharfrichter in Passau hat sie zuerst 1610 den dortselbst für Kaiser Rudolf II. Seinen Bruder Mathias, den er haßte und fürchtete zugleich, sowie Ferdinand, den Erzherzog von Görz, von der böhmischen Thronfolge auszuschließen, verfiel Kaiser Rudolf II. auf den Gedanken, Ferdinands Bruder, dem Erzherzog Leopold, Bischof von Passau, dieselbe zuzuwenden. Zu diesem Zwecke zog er im Bistum Passau eine militärische Macht zusammen, deren Ausschweifungen jedoch den Kaiser in ungeahnte Verlegenheiten setzten und ganz Böhmen gegen ihn aufbrachten. Die passauischen Truppen wurden verjagt und Rudolf, von aller Hülfe entblößt, mußte dem Bruder lebend den Thron überlassen, den er ihm im Tode nicht gönnen wollte. ausgerüsteten Soldaten verkauft und es hat sich der abergläubische Gebrauch dieses Zettelverschluckens bis in das jetzige Jahrhundert herein fortgepflanzt. Und damit gar nichts mehr fehlen könne, verschaffte sich Friedl von einem andern Veteranen in Wallgau, der jetzt als alter, pensionierter Gerichtsbote dort lebte, auch noch eine Abschrift der »goldenen Schatzkammer,« das ist ein Schutzbrief, welcher auf der rechten Seite oder um den Hals getragen werden muß und von einem Diener des Grafen Philipp von Flandern herstammt. Dieser Schutzbrief feit den gläubigen Träger ebenfalls vor »Geschoß und Geschütz, süchtigen Messern und allen Gefährlichkeiten zu Wasser und zu Land und im Sturmwind, vor Zauberei, Totschlag, Stolz und Heuchelei.« Er verhindert, daß der Träger jemals gefangen und gebunden werde, und bezweckt, daß alle Waffen gegen ihn 110 ihre Kraft verlieren, wie Pharao seine Kraft verloren hat; ja, sogar alle Augen sollen sich verblenden, die falsch auf ihn sähen u. s. f., kurz, dieser mit allerlei Gebeten vermengte Schutzbrief schien dem besorgten Friedl für Wendel das richtige Geleitschreiben und ganz geeignet zu sein, das Gleichgewicht gegen Dulis bösen Zauber zu halten, und er wollte erst einige Beruhigung in sich aufkommen lassen, wenn all diese wohlthätigen Dinge sich in des Feuerwerkers Händen befänden. Daß er ihn gestern vor dem sicheren Untergange retten durfte, schrieb er schon auf Rechnung dieses Schutzbriefes, da derselbe ja für Wendel bestimmt und gleichsam schon dessen Eigentum war. Welch großes Werk ihn der günstige Zufall hatte vollbringen lassen, dessen war er sich gar nicht bewußt. Es war ihm nur ganz natürlich, daß er die Batterie nicht von der Lawine verschütten ließ, da er es verhindern konnte. Daß er dafür einen Dank, eine Ehrung empfangen sollte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Aber doch freute es ihn, daß er Wendel einen guten Dienst hatte erweisen können. Friedls Mutter bemerkte mit Freuden, daß der schon so lange Zeit einem stillen Trübsinn nachhängende Bursche seit seiner gestrigen Heimkehr wie umgewandelt war, und als er auf Wendels Botschaft hin Anstalten machte, sich in besserer Kleidung nach Oberjachenau zu begeben, fragte sie ihn: »So hast kein' Verdruß mehr auf'n Wendel?« »Kei' Fäserl mehr!« erwiderte Friedl. »Er hat mir ja gar nix Bös's antho'. Wenn er's Resei nit gnomma hätt', wär i ja gar nit auf den Gedanken kommen, daß d' Amrei viel besser für mi paßt.« »D' Amrei,« fragte die Mutter erstaunt, »du hast 111 weni Stolz, daß d' no' zum Singerbauer schaust, 's giebt ja no' andere Dirndln in Jachenau. So weit därfst di nit runtergebn, daß d' di wieder ins Netz nehma laßt von an' Singerbauerndirndl.« »A was, Muatta! D' Amrei und i san schon einig und an der Schwiegertochter sollst a Freud habn.« »Aber wie is denn dös so gaach kömma?« »Mei', so was kimmt halt unverhofft. Aber sie is scho' die richtige für mi. Muatta, sag nit: na', sonst kannst es erleben, daß mi der Riesenfisch verschlingt im See, grad wie r 'n Friedl, den Buam von unsern Urvorfahrn.« »Bist staad, Bua!« rief die Alte erschrocken. »Der Friedl, von dem du red'st, hat sich den Tod geben aus Ehr, du gebest dir 'n aus sündhafter Schwachheit.« Diese Rede bezog sich auf nachstehende Sage: Vor vielen Jahren hatte ein Herzog von Bayern mit Vorliebe in der Umgebung des Herzogenstandes gejagt, der durch ihn den Namen erhielt. Seine Gemahlin begleitete ihn häufig, ließ sich aber gern durch einen Fischer auf dem Walchensee spazieren fahren, während ihr Gemahl dem Weidwerk oblag. Der Schiffer, ein herrlicher Jüngling aus der Jachenau, mit Namen Friedl, wußte die hohe Frau durch seine Alpenlieder und Jodler höchlich zu ergötzen, und bald entbrannte die Herzogin in leidenschaftlicher Liebe zu dem jungen Manne. Dieser fühlte nicht weniger warm für die schöne Frau, aber noch höher galt ihm die Liebe zum angestammten Herrscherhause, und gelegentlich einer neuen Fahrt mit ihr auf dem See riß er sich aus ihren Armen und rief: »Schöne Frau, ich hab Euch lieb, aber ich kann kein Unglück über unser Herzogtum bringen, deshalb laßt mich lieber sterben. Lebt wohl!« 112 Und er sprang aus dem Schiffe und versank in der tiefen Flut. Mit Stolz gedenken die Jachenauer dieser Sage und ihre treue Anhänglichkeit an das Fürstenhaus hat sich bei allen Gelegenheiten rühmlichst bewährt. Friedl meinte aber: »I Muatta, i denk ja gar nit an'n Tod, sondern ans Leb'n, und gel, dir is's recht, wenn i um d' Amrei auf d' Frei geh?« »Muß's mir denn nit recht sein?« erwiderte die Mutter lächelnd. »Thut's mir ja völli wohl, wie 's Lüfterl im Lanks (Frühling), daß i di wieder lachen seh; leicht, daß d' aa wieder juchezt, daß di dei' jungs Lebn wieder g'freut. Ja, ja, geh nur außi auf'n Singerhof und frei ums Amrei.« »Dös G'schäft muß mir der Wendel b'sorgn.« »Der?« fragte die Mutter ungläubig. »Der stolze Waller?« »Gen mi is er's nit, und wir san ja seit gestern die besten Freund.« »So thu, was d' für gut find'st,« sagte die Fischerin, »aber d' Hauptsach is – mach, daß d' Hochzet recht bald is.« »Damit pressierts nit,« entgegnete Friedl. »G'heirat wird erst, wenn der Wendel wieder z'ruck is; so is's b'stimmt zwischen mir und der Amrei.« »Aber Bua, der könnt ja gar nimmer z'ruck kömma!« »Er kommt schon wieder. I gieb ihm schon was mit auf'n Weg, das'n g'feit macht vor allem Schaden.« »Ebba gar a Hexerei?« »Na', na', guate Sachen, die jeder Christenmensch habn kann.« 113 »'s best, was d' ihm mitgebn kannst, Friedl, das is a Vaterunser, alles andere is a Menschensach und mehrenteils nix als Lug und Trug und Aberglauben. A Vaterunser gieb ihm mit, weiter nix.« »Ja Muatta, so glaubst du an kein Zauber? Wo bist denn du a solchene Freigeistin worn? Bist dengerst nit außi kömma aus der Hoamat.« »A Freigeistin, meinst? Grad a bißerl a schärfers Aug und an' g'sunden Verstand hon i kriegt, aber ohne an' Tritt aus unserer Hoamat z' machen. I hon mir halt d' Augen nit verbinden lassen, bin da aufg'wachsen am See und hon an' Sinn für die Pracht und Größen in unserm Herrgott seiner Welt. Wenn's thort (donnert) und d' Wildfeuer blitzen, wenn's d' Welln haushoch auffipeitscht und der Sturmwind heult, wenn nacha wieder d' Stern so freundli awaglanzen vom Himmi und der Mond über'n See zieht, wenn's leucht' von die Berg, wenn d' Sunna kimmt und geht, wennst schaust bei Tag und Nacht, was wird und lebt um di: da lernst es kenna, wie zwerghaft d' Menschen san, wie winzig alles is, was's könna, wolln und wissen, und daß's auf der Welt kein andern Zauber giebt, als den, der awa kimmt vom Himmi. Und den kannst nur erbeten, Friedl, glaub deiner alten Muatta; is's aa nur a alt's Wei, was dös anlangt, so weiß si's g'wiß.« »Also glaubst nit dran, daß d' Zigeuner zaubern, daß si's Glück abbeten und abwünschen könna?« »Alles is Lug und Trug; foppen könnens d' Leut, die dumma Leut, sonst nix, und was d' vorhin g'red't hast von die Sachen, die's d'n Wendel mitgebn willst, so halt i nix davon, mögens noch so christli aussehn. Bet 114 ihm an' Vaterunser. Wenn dös nix nutzt, so is's ihm anders b'stimmt.« »Aber Muatta, i hon's g'lobt, d' Amrei nit ehnda heimz'führn, bis der Wendel glückli wieder z'ruck is,« sagte Friedl etwas ängstlich. »So bist dumm gwen, daß d' so a Gelöbnis gmacht hast,« erwiderte die Mutter freimütig. »Aber dei' Pflicht is's jetzt, daß d' dei' G'löbnis haltst, und wenn all dei' Glück drüber z' Grund geht. Is dir aber d' Amrei b'stimmt, so glaub fest, daß der Wendel wieder kimmt und – an' Vaterunser gieb ihm mit, dös glangt.« Friedl hörte nicht ohne Beschämung die alte Mutter so weise sprechen und es war ihm, als würde es auch in seinem Geiste etwas heller. Trotzdem er von Jugend auf am See lebte und alles das mit angesehen hatte, von dem seine Mutter erzählte, so fehlte ihm doch das richtige Verständnis dafür. Aber von nun an wollte er anders sehen und denken. Freilich war er noch nicht so ganz überzeugt, daß der Zigeuner Duli mit ihm nur einen Spaß getrieben. Immerhin aber schritt er leichtern Herzens der Oberjachenau zu. 115   X. Beim Jochwirt hatten sich, wie üblich, nach der sonntägigen Nachmittsgsvesper die Bauern und Häusler eingefunden, um sich nach wochenlanger Plage etwas zugute zu thun. Das Gespräch drehte sich natürlich nur um die Ereignisse des vorherigen Tages, den Durchmarsch der Truppen und den Niedergang der Lawine. An einem der hinteren Tische saßen Mirdei und Hannes beisammen. Letzterer war richtig mit dem Pfarrer und 116 nunmehrigen Feldkaplan angekommen, um mit ihm morgen früh nach Mittenwald, dem Sammelplatz der Brigade, weiterzufahren. Hannes trug die Infanterie-Uniform ohne Regimentsabzeichen und das Seitengewehr an dem weißen Bandelier. Hand in Hand saßen die Liebenden beieinander und der Bursche war bemüht, das Mädchen zu trösten und ihm glänzende Hoffnungen für die Zukunft zu machen. Der Jochwirt hatte ihnen Bier und Fleisch hingestellt, aber beiden fehlte der Appetit. Gern hätte der gutmütige Mann dem Hannes auch zu etwas Reisegeld verholfen, aber die Bauern, welche er darum anging, kratzten sich hinter den Ohren und meinten, es hätte ja dem Burschen niemand befohlen, daß er fortginge, und sein Vorhaben, in Griechenland Großgrundbesitzer zu werden, verlachten sie geradezu und hielten es für eine Sünde, daß er über seinen angeborenen Stand hinauswolle; es wäre richtiger, wenn er ein Tagelöhner bliebe. Hannes aber dachte ganz anders und tröstete in diesem Sinne auch sein armes Mädchen. »Mir wird's sein, als wär's finster um mi rum,« sagte Mirdei, »wenn i di furt weiß, so weit, so lang.« »Du wirst von Zeit zu Zeit a Briefl kriegn, Mirdei, dös soll dir Licht bringen in dei' Nacht, und denkst an mi, so glaub's fein g'wiß, daß i bei dir bin in Gedanken, und daß i red' zu dir von unserer Lieb, san aa tausend Meilen zwischen uns. Und hab i's zu an' Grund und Boden bracht, so hol' i di, und aa für uns fangt dann a neues Leben an. Da in der Hoamat, so schön 's aa is, da bleiben wir arm und veracht' unser Lebta, über d' Hüterleut bring' ma's nit naus; drum müssen wir außi in d' Fremd und müssen uns 117 a neue Hoamat gründen. Und 's Griechenland, so hoff i, is der rechte Platz dafür.« »Mi halt nix z'ruck,« erwiderte Mirdei, »meine Eltern liegen drent am Freithof und i werd wohl a barmherzige Seel finden, die ihna diermaln an' Weihbrunn giebt. I geh' hin mit dir, Hannes, wohin d' willst; aber halt jetzt möcht i schon mit; dös Alloa'sein ohne di, ohne mei' oanzige Freud auf der Welt, dös is so hart, dös thuat so weh. Seit mir du dei' Lieb gebn hast, hon i mei' Armut vergessen und mein' gringa Dienst, i hon mi reicher und glücklicher g'fühlt, als die Tochter von mein' Bauern. Die schwerst' Arbeit is mir leicht worn, grad g'juchezt und g'sunga hon i, und kei' Traurigkeit hat mir ankönna auf meilenwegs, weilst halt du in der Näh warst, und mir diermaln g'sagt hast, wie viel gern daß d' mi hast. Und jetzt kimmst nimmer, – itz is's vorbei mit 'n juchezen und singa.« »Laß 's nit vorbei sein, Mirdei,« entgegnete zärtlich Hannes. »G'wiß kimm i wieder, mit unsern Herrn Pfarrer kimm i wieder, kann sein schon in an' Jahr. Und da schau her, in Münka drin da hon i dir a Ringl kauft; wenn's aa grad silbern is, i weiß's, für di hat's ja den gleichen Wert, als wär's von Gold und Edelstoa', weil i dir's schenk, dei' treuer Bua.« Dabei steckte er ihr den silbernen Reif an den Finger und Mirdei drückte einen Kuß darauf. Dann sagte sie: »Aa von mir sollst an' Andenken tragen, a g'weiht's Amulett; es stammt von meina Muatta seli und is mir heili gwen. Du sollst es tragen von heut an und sollst mi nie vergessen.« Sie nahm das an einem Schnürchen um ihren Hals 118 hängende Amulett ab und gab es Hannes, der es sofort um seinen Hals befestigte. »So lang i leb,« sagte er, »soll's nimmer von mir kömma, verlaß di drauf, und hoff ma 's beste, alle zwei!« Jetzt öffnete sich die Thür und Wendel trat mit dem Singerbauern und dessen Töchtern in die Stube. Lindl folgte erst später, nachdem er das Pferd versorgt. Hannes stand sofort auf, um den Vorgesetzten mit strammer Haltung zu begrüßen. »Setz di, setz di!« sagte Wendel. »Zu Befehl, Herr Feuerwerker!« sagte Hannes und setzte sich. Dem Singerbauer gefiel das ungemein, aber während Wendel sich mit den Mädchen an einem Tische in der Nähe des Fensters niederließ, sagte er zu Hannes: »Zu Befehl, Herr Oberfeuerwerker, mußt sagen, denn mei' Herr Schwiegersohn is avantschiert. Schau nur hin, jetzt siehgst seine sechs Stricheln.« Hannes sprang erfreut auf und suchte dem Landsmann zu gratulieren, aber dieser war von den Gästen, dem Wirt und der Wirtin so umdrängt, daß nicht leicht an ihn zu kommen war. Der Singerbauer strich sich, obwohl glatt rasiert, fortwährend seinen eingebildeten Schnurrbart und sah triumphierend auf die in der Stube Anwesenden, welche alle mit einer gewissen Ehrfurcht auf den schönen und martialisch aussehenden Oberfeuerwerker blickten, während von dem armen Hannes fast niemand Notiz nahm, der ja nur ein gemeiner Soldat war. Der erste, der dieses that, war wieder Wendel, der jetzt dem Hannes zurief: »Kamerad, setz di mit'n Mirdei an unsern Tisch; 119 halten wir g'meinsam Abschied, wir tragen ja aa gemeinsam 'n König sein' Rock und wern Glück und Unglück teiln im fremden Land; drum laß uns aa'n Abschiedstrunk teiln. Und heut muß g'sunga wern; g'flennt wird nix mehr! I seh, 's Mirdei hat's G'hörige drin schon g'leist't! Die letzt' Stund in der Jachenau muß lusti sein!« Dann hielt er namens seines Hauptmanns eine Dankrede an alle, die sich gestern um die Truppe verdient gemacht, und schloß mit einem Vivat auf die Jachenauer. »Hoch!« schrieen die Bauern aus Leibeskräften, und der Gemeindevorsteher ließ dann den König Otto, den Hauptmann, den Wendel und die ganze griechische Armee leben. Da stieß man denn auch mit Hannes an, und der Vorsteher sammelte nun selbst in der Stille für ihn unter den Bauern, von denen nun jeder gern einen Kronenthaler und jeder Häusler einen Zwanziger beitrug, sodaß er dem überraschten Burschen immerhin eine ganz namhafte Summe einhändigen konnte. Inzwischen war auch Friedl in der Gaststube angelangt und von Wendel sofort zum Tische des Singerbauern geführt, was die Anwesenden aufs neue verblüffte. Niemand ahnte ja, daß Friedls Herzenswunde durch die schöne Amrei so rasch geheilt worden. Und als jetzt sogar Resei ihrem früheren Buam die Hand zum Gruße reichte und ihn freundlich anlachte, da kannte das Erstaunen keine Grenzen mehr. Als Wendel nun dem Burschen danken wollte, da unterbrach ihn Friedl, indem er sagte: »Wendel, i möcht nix mehr hörn von gestern. Willst mir an' Gfalln thun, so erfüll' mir zwei Bitten; aber sag mir's schon im voraus zu.« 120 »Was 's auch is,« entgegnete Wendel, »mei' Wort drauf, i erfüll's, wenn's in meiner Macht steht.« »I kann dir's aber nit öffentli sagen,« erwiderte der junge Fischer. »Gehn ma in' Wirt sei' Kammer, da sollst es hörn.« Wendel that nach dem Wunsche Friedls und beide begaben sich in des Wirtes Kammer. »Wendel, du sollst mein' Freier machen um d' Amrei,« begann Friedl. »Schon gschehn!« erwiderte Wendel lachend. Der Fischer sah ihn verblüfft an. »Es is, wie i dir sag, und der Singerbauer hat sei' Einwilligung gebn; alles in Ordnung.« »Ja kannst denn du aa zaubern, wie der Zigeuner Duli?« rief Friedl. »Und mei' Muatta sagt, es giebt gar kei' Zauberei –« »Da hat dei' Muatta schon recht und doch nit ganz, oan Zauber giebt's, und dös is d' Lieb. D' Amrei hat di gern, sie hat mir's selm eing'standen und i hab für di gfreit bei ihrem Vater. Der thut heut alles, was i habn will, denn wenn ma an' Bauern a Kuh schenkt, wie i's heunt tho, da kann ma'n zu allem habn. Also die Sach is fertig. Was hast noch für an' Wunsch?« »No', wenn dös so is, so kannst dir denken, wie mi dös gfreut. Aber i hon halt g'lobt –« »Daß d' nit eher heiraten willst, bis 's Resei und i Mann und Frau san? Dös weiß i.« »Du weißt es? Du weißt ja alles!« »Erst wenn mir's z'erst wer sagt. Also was willst noch?« 121 »I will – i bitt di, nimm den Brief da von mir; es is a Schutzbrief –« »Die goldene Schatzkammer?« unterbrach ihn Wendel. »Aha, du willst mi versichern gegen Hieb und Schuß. Gieb's her, i will's bei mir tragn, bis i wieder zurück komm.« »Aber i hon noch was,« versetzte Friedl, »da, die Zetterln – die Passauerzetterln –« »Du sorgst ja gut für mi!« lachte Wendel. »Wenn dir damit a Gfalln gschieht, so will i 's halt verschlucken zu gelegener Zeit. Bist jetzt z'frieden? Aber Friedl, jetzt möcht i doch wissen, warum denn du dei' Glück abhängig machst von dem mein'? Was geht's denn di und 's Amrei an, ob i gsund bleib oder z' Grund geh? Das is ja, verzeih mir's, doch a Narretei?« »I hons halt g'lobt,« antwortete Friedl ausweichend. »Aber warum denn?« drang der andere in ihn. »Zur Straf, – weil i dir – weil i 'n Resei dortmals, wie 's 'n Kuchelwagen zu dir g'fahren hat, 's Glück abbet't hon, und in dem Moment is der Artillerist kömma und hat die furt – und –« »Und dös hat di nacha g'reut, weil dir d' Amrei unter d' Augen kömma is und du eingsehn hast, daß 's die is, die dir bestimmt is.« »Ja, ja, so sagt mei Muatta aa – 's is all's a B'stimmung, sagt's.« »Natürli, d' Dummheit und d' G'scheitheit,« lachte der Artillerist. »Schlag ein, Friedl, laß dir's Herz nit schwer wer'n! Anbet't hast mir 's Glück, nit abbet't, denn nix auf der Welt könnt mir a größere Freud machen, als mit meiner Batterie nach Griechenland z' marschieren. Und glückli werd i wieder kömma, so 's Gott will! Dann 122 halten wir Hochzet! Jetzt aber hab i noch an' Wunsch. I will, daß d' morgen früh vor acht Uhr, vor unserm Abmarsch in Walchensee bist. Gel, du kimmst? D' Hand drauf!« »I kimm!« versprach Friedl einschlagend. Hierauf kehrten beide in die Wirtsstube zurück. Friedl wurde neben Amrei gesetzt, der alte Singerbauer lachte ihm vergnügt zu und nach kurzer Verständigung erhob sich Wendel und brachte auf das Wohl des neuen Brautpaares, Friedl und Amrei, ein Hoch aus. Ueberrascht und freudig stimmten alle Anwesenden ein und nun nahm das Glückwünschen fast kein Ende mehr. Wendel aber bat jetzt die Töchter des Singerbauern, sowie Mirdei und Hannes, zum Abschied noch ein schönes Volkslied zu singen. Der Wirt brachte die Zither und die drei Mädchen sangen, von Hannes begleitet, ein damals noch viel gesungenes, altes Volkslied, in dessen Kehrreim alle Anwesenden mit einstimmten. Es ritt ein Reiter zum blutigen Krieg, – Ade! Lebwohl, Geliebter, viel Heil und Sieg! – Ade! Das Mägdlein weinte die Augen sich rot, Als läge der Bräutigam bleich und tot. Ade! ade! ade! Ach weine, Feinliebchen, um mich nicht so sehr! – Ade! Bald kehr ich zurücke mit Ruhm und Ehr! – Ade! Der Himmel verläßt Treuliebende nicht, Die Falschen allein straft Gottes Gericht. Ade! ade! ade! Drauf ritt er dannen mit nassem Blick, – Ade! Oft schaute er weinend nach Liebchen zurück: – Ade! Doch bald, ach! sah sie den Reiter nicht mehr, Da ward's ihr im Herzen so öd und leer. Ade! ade! ade! – – – 123 Woher, Gefreiter? Ich komm aus dem Feld! – Ade! Hat mir mein Liebster keinen Gruß bestellt? – Ade! Dein Liebster gab einer andern die Hand, Die zart ihm die blutenden Wunden verband. Ade! ade! ade! – – – Was läutet so bang im schattigen Thal? – Ade! Was deutet der Glocken dumpfer Schall? – Ade! Sprich, Hirte, wen senken sie unten ins Grab? Wen mähte die Sense des Todes hier ab? Ade! ade! ade! Sie senken da unten ins kühle Grab, – Ade! So hold und lieb ein Mädchen hinab; – Ade! Ihr Bräutigam hielt nicht, was er versprach, Darüber vor Wehmut das Herz ihr brach. Ade! ade! ade! Daß den Mädchen bei diesem Gesang die Thränen über die Wangen liefen, daß ihre Stimme bebte, ist wohl selbstverständlich. »Der G'sang paßt nit für uns, gel, Hannes?« sagte Wendel; »wir halten, was wir versprochen ham. Was Lustigs wolln wir hörn. Der letzte Ton in der Jachenau soll a freudiger sein!« »So mein ich's auch!« versetzte der soeben eintretende Pfarrer. Alles erhob sich und staunte den geistlichen Herrn an, der in seinem Kriegsanzuge als Feldkaplan, in schwarzer Schirmmütze, schwarzem, zusammengeknöpftem Rock, Wadenstiefeln,. den Offizierssäbel mit silbernem Portepee um die Hüften geschnallt, recht stattlich und würdig aussah. »Freut mich, liebe Landsleute, daß ich euch so schön beisammen treffe und daß ich von euch Abschied nehmen kann vor meinem Abgang nach Griechenland. Ja, schaut mich nur an mit dem Säbel an der Seite. In den 124 Feldzügen kann man ihn brauchen zur Notwehr, und ich versteh mich darauf. In Griechenland geht noch nicht alles so ganz glatt, unsere Truppen werden viel zu säubern bekommen. Da mach ich dann auch keinen müßigen Zuschauer, so weit kennt ihr mich. Mit Gottes Hilfe hoffe ich aber gesund wiederzukehren! So, und jetzt möchte euer Pfarrer doch ein Viertelstündl vergnügt bei euch sein.« »Unser Herr Pfarrer soll leben!« rief es wie aus einem Munde. Viele kamen heran und küßten ihm die Hand, wobei er für jeden ein freundliches Wort hatte. Nun aber wollte er nochmals die Jachenauer singen hören. Man kam seinem Wunsche sofort nach und sang einige Jachenauer Gsangeln. Aber auch der Pfarrer wollte sein Scherflein beitragen, ließ sich die Guitarre reichen und trug mit schöner Baßstimme das in jenen Tagen in München gern gesungene Lied vor:                   Der Grenadier. Ich bin ein Bayer, stamm' von tapfern Ahnen, Die ihre Treu' dem Vaterland erprobt; Mit frohem Mute folg ich Ottos Fahnen, Der Hellas Heil zu gründen sich gelobt; Ich wechsle nicht die ruhmgekrönten Farben, Auch dort lacht Blau und Weiß im hellen Schein; Wie meine Ahnen für ihr Bayern starben, Will ich ein Bayer auch in Hellas sein. Dem Sohne Ludwigs hab' ich Treu geschworen; Ich halte sie, dann ist auch Gott mit mir; Zu Ottos Schutze bin ich auserkoren; Ich steh für ihn, ein braver Grenadier! Ob Fels und Eich' im wilden Sturme splittern, Ich stehe fest in meiner Brüder Reih'n! Mit Gott für Otto! Könnt ich da erzittern? Ich will ein Bayer auch in Hellas sein! 125 Ihr Brüder alle, die wir's redlich meinen, Um uns schlingt Lieb und Treu ein festes Band; Ein Mann für alle, alle stets für einen! Drauf reicht euch der Grenadier die Hand! So weihet denn dem König euer Leben; Setzt, wo es gilt, es mutig für ihn ein! Bleibt ihm, dem Wittelsbacher, treu ergeben; Wir sind ja Bayern, laßt uns Bayern sein! Die Melodie war diejenige des Liedes: »Denkst du daran u. s. w.« Alles sang mit und stieß dann mit dem Pfarrer und den beiden Soldaten an. Jener konnte nicht länger bei seinen Pfarrkindern verweilen, denn dringende Arbeiten harrten ihrer Erledigung, um morgen früh beruhigt die große Reise antreten zu können. Die Jachenauer verabschiedeten sich aber noch nicht von ihm; alle wollten sie morgen zur Stelle sein, um nochmals in der Kirche ihres allgeliebten Pfarrers Segen zu empfangen und ihm Lebewohl zu sagen. Sobald der geistliche Herr die Gaststube verlassen, beauftragte auch Wendel seinen Bruder, einzuspannen, und beredete Friedl, gleich mit ihm nach Walchensee zu fahren und dort zu übernachten. Resei hatte sich mit dem Bräutigam dahin verabredet, daß sie mit Vater und Schwester sowohl der Auszeichnung Friedls als dem Abmarsch der Truppen beiwohnen wolle. Zum Sprechen gab es zwar morgen keine Zeit mehr, aber einen Gruß, einen Blick konnten sie noch miteinander tauschen. Auf ein glückliches Wiedersehen wurden die Gläser geleert. Wendel wurde von sämtlichen Gästen aus dem Hause geleitet. Er nahm kurzen, herzlichen Abschied von seinem 126 Bräutchen und allen übrigen, bestieg mit Friedl den Wagen und unter den schallenden Hochrufen der Zurückbleibenden ging es in raschem Trabe von dannen. Mit geteilten Empfindungen gingen Resei und Amrei mit ihrem Vater nach Hause, aber nicht, ohne Mirdei getröstet zu haben, die von dem nächsten Ziele an auf dem Singerhofe in Dienst treten und so besser versorgt werden sollte. Hannes war darüber zu Thränen gerührt. »Siehgst, Mirdei,« sagte er, als er dem Mädchen bis in die Nähe des Luitpolders das Geleite gab, »siehgst, mit lauter Glück geht mei' Ausmarsch an und mit Glück wird's enden. I bitt di, glaub dran!« »I glaub ja dran,« entgegnete Mirdei schluchzend, indem sie sich an Hannes' Brust warf. Der im Beisein der andern zurückgehaltene Schmerz kam nun um so mächtiger zum Ausbruch. Hannes mußte sich mit Gewalt von ihr losreißen. Aber auch er ward traurig bis in die tiefste Seele hinein. Andern Morgens sah er sie noch zu einem letzten Gruß und Händedruck. Der letzten Messe, die der Pfarrer in der Heimat las, hatten sämtliche, auch die entferntest wohnenden Jachenauer trotz der frühen Morgenstunde beigewohnt. Dann bestieg Hannes mit dem Pfarrer den Wagen, der ihn fortführte aus der Heimat, fort von seinem schmerzbewegten Dirndl. Im Dorfe Walchensee aber stand die gesamte Mannschaft der Artillerie-Kompagnie um die achte Morgenstunde gleichfalls zum Abmarsche bereit, als der Oberfeuerwerker den ahnungslosen Fischerfriedl vor die Front brachte, wo 127 der Hauptmann seiner harrte. Dieser kommandierte »Achtung!« und stellte nun den Ueberraschten der Kompagnie als den braven Mann vor, der die Batterie durch seine rechtzeitige Warnung vor einem unermeßlichen Unglück bewahrte. Er dankte ihm in feierlichen Worten für diese schöne That, worüber er bereits höhern Ortes Bericht erstattet, und schüttelte dem zu Thränen gerührten Friedl herzlich die Hand. Der Singerbauer und seine Töchter standen mit vielen anderen Landsleuten in der Nähe und hörten das laute Lob mit an, das dem wie betäubt zurückkehrenden Friedl nun auch von den anderen zu teil wurde. Nun ward das Kommando »Zum Gebet« gegeben. Wieder hallten die Trompeten feierlich hinaus über den See und hin zu den Bergen; dann begann der Abmarsch. Wendel winkte der Braut den letzten Abschiedsgruß zu und unter lustigen Trompetenklängen zog die Batterie ab. Die Zurückbleibenden aber riefen: »Glück auf nach Griechenland!« 128   XI. König Otto nahm am 6. Dezember Abschied von seiner Familie. Die Abreise erfolgte gegen Mittag unter einem ungeheuren Zulauf treuer Münchener aus allen Ständen, welche mit Thränen in den Augen dem Scheidenden ihr »Lebehoch« riefen. König Ludwig gab ihm das Geleite bis Perlach, die Königin bis Aibling, Kronprinz Maximilian aber wollte den geliebten Bruder erst bei der Einschiffung im Hafen von Brindisi verlassen, wo eine englische Fregatte, Madagaskar, zu dessen Verfügung gestellt werden sollte. In der Suite des Königs befanden sich General Heidegger, dann die Adjutanten Baron von Asch und Graf von Saporta. Die übrigen Mitglieder der Regentschaft folgten einige Tage später dem Könige nach Neapel und Brindisi nach, während die Deputierten Griechenlands schon andern Tages nach Triest abreisten, um mit dem übrigen Gefolge Sr. Majestät und dem Militär gegen den 4. Januar von dort abzusegeln. Das Expeditionskorps marschierte von Mittenwald aus in drei Kolonnen. Nach einem fünfwöchentlichen, beschwerlichen Landmarsche über die schneebedeckten Gebirgsstraßen Tirols, Kärntens und Illyriens, bei welchem die Gesundheit der Truppen durch rauhe Witterungsverhältnisse 129 manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde, langten die Kolonnen am 22. Dezember in Triest an. Die Batterie war wohl aussehend und gerüstet, trotzdem der Marsch meist mit Vorspannpferden, oft gehemmt durch die schwierigsten Bodenverhältnisse, vor sich ging. Es zeugte dies von der Umsicht, Thätigkeit und Energie des Batterie-Kommandanten und der wackern Beihülfe seiner Offiziere und Unteroffiziere, unter welchen der Oberfeuerwerker Wendel Waller sich nicht selten besonders hervorthat. Sämtliche Kolonnen wurden in Sasano, drei Stunden vor Triest, von der deutschen Kaufmannschaft bewirtet. Der Schnee war hier verschwunden und die Luft milde. Nach einem eintönigen Marsche über den mit graulich gefärbten, zerrissenen Steinmassen nach allen Richtungen hin überstreuten Karst, auf dem nur wenige verkrüppelte Gesträuche und Bäume zu sehen sind und der überall die Spuren der alles verheerenden Bora trägt, erreichten die Truppen die Höhe von Optschina und erblickten von hier zum ersten Male die blaue Adria. Ein Ausruf des Entzückens entrang sich allen Bayern, viele wurden zu Thränen gerührt, viele warfen sich auf die Knie und starrten mit Andacht hinunter auf die endlose Wasserfläche und auf die am Gestade des Meeres in einem Halbkreise liegende Stadt Triest mit ihren Türmen und Prachtgebäuden, mit einem Walde von Masten und zahllosen flatternden Wimpeln und Flaggen der im Hafen liegenden Schiffe aller Nationen, auf die vielen pfeilschnell in dem schönen breiten Meerbusen hin und her und durcheinander sich bewegenden Barken, welche das Meer nach 130 allen Richtungen bis weit hinaus, wo Himmel und See ineinander zu verfließen scheinen, durchziehen. Wohl keiner der durch den beschwerlichen Marsch ermüdeten und erregten Soldaten umspannte mit seinen trunkenen Blicken diese Herrlichkeit, ohne daß er dabei seiner Lieben in der Heimat gedacht und sie an seine Seite gewünscht hätte. Viele freilich erfaßte auch ein plötzliches Heimweh, andere unterhielten sich mit erregter Begierde und großer Lust schon jetzt von dem Augenblicke, wo sie die Schiffe besteigen und diese sie hinaus tragen würden in das unendliche Wasser. Der Einzug in Triest fand unter dem Andrange einer großen Menschenmenge, dem Schalle der Musik des dort garnisonierenden kaiserlich österreichischen Regiments, den Gouverneur der Stadt Triest an der Spitze, statt. Die Truppen wurden in Kasernen untergebracht und Bürger sorgten unentgeltlich für ihre Verpflegung aufs beste, während die griechische Einwohnerschaft den Offizieren der Truppenabteilungen glänzende Gastmähler in der Locanda Grande gab und der Mannschaft vom Feldwebel abwärts 30 Kreuzer für den Mann zahlte. In den folgenden Tagen erfolgte die Einschiffung der Infanterie unter dem Andrange einer ungezählten Volksmenge, und unter brausenden Hochrufen für die Könige von Bayern und Griechenland ging dieselbe glücklich vor sich. Die Anker wurden gelichtet, weit auf blähten sich die Segel und der Kiel zerteilte die Wellen, daß sie mit zischend weißem Schaum emporspritzten. Schnell segeln die stolzen Brigantinen mit den jubelnden Bayern an der im Hafen liegenden englischen Fregatte Madagaskar vorbei, welche im neapolitanischen Hafen von Brindisi den König und 131 die Regentschaft an Bord zu nehmen bestimmt war, auf die offene See hinaus nach der Bucht von Pirano, einem Städtchen an der istrischen Küste, dem Sammelplatze der gesamten Flottille. Die Einschiffung der Artillerie fand am 24. Dez. statt. Die ganze Batterie war auf vier Schiffe verteilt. Der größte Teil der Mannschaft, der Kommandant, Hauptmann Schnizlein, dann die bayrischen Artilleriehauptleute von Lüder und Freiherr von Brandt, Beide wurden alsbald zu Obersten ernannt; von Lüder ward Adjutant des Königs, Frhr. von Brandt Kommandant von Nauplia. Nachmals ward jener bayerischer Kriegsminister, dieser bayerischer General. Des letztern Tagebuch stellte sein mir befreundeter Sohn General Philipp Brandt, in liebenswürdiger Weise zur Verfügung, woraus ich viel Interessantes für mein Buch schöpfte. D. V. welche für die in Griechenland neu zu bildende Artillerie als Instruktionsoffiziere bestimmt waren, dann der Feldkaplan Erhard mit seinem Diener, dem Hannes, waren an Bord des Düßau. Die Flotte sollte am 1. Januar in See stechen, aber noch in der Nacht zuvor brach die Bora mit ihrer ganzen Wut los und hinderte die Abfahrt sowie die Verbindung mit den andern Schiffen. Erst am 5. Januar erlaubte die Witterung, in See zu gehen. Nachmittags 3 Uhr ertönte der ersehnte Kanonenschuß an Bord der Cornelia, das Signal zur Abfahrt. Die Anker wurden gelichtet und unter Segel gegangen, sodaß sich bis gegen Abend die gesamte Flottille, bestehend aus 44 Schiffen, unter dem Kommando des Madagaskar in Pirano vereinigt sah. Fröhliches Jauchzen und kriegerische Musik ertönte von allen Schiffen und die Flottille steuerte mit vollen Segeln im Glanze der Abendsonne an Istriens Küste hinab. 132 Bei günstigem Winde ging es vorüber an Rovigno und Brione, Pola und Zara. Bei der Insel Lissa verließen am 10. die Fregatten Madagaskar und Anna, an deren Bord sich der General mit dem Stabe befand, nebst der Korvette Cornelia die Flotte und steuerten nach Brindisi, um den König Otto und die Regentschaft an Bord zu nehmen. Eine österreichische Goelette übernahm bis Korfu das Kommando. Der Düßau war einer der besten Schnellsegler und so ging es glücklich bis Cattaro, wo infolge eingetretener Windstille das Schiff nicht mehr von der Stelle kam. Das schöne Wetter hatte alles auf das Verdeck gelockt und in verschiedenen Gruppen unterhielten sich Offiziere und Soldaten über Vergangenheit und Zukunft, ihre Blicke auf Albaniens graue Gestade gerichtet, die gespensterartig aussahen und vielen nicht behagen wollten. Hier ergötzte man sich mit Gesang, dort vertrieb man sich die Zeit mit Kartenspiel. Der eine sang Kriegslieder, der andere stand, einer Bildsäule gleich, an den Schiffsrand gelehnt, verloren in Betrachtung der Natur, ein dritter beklagte sein Schicksal, die Trennung von dem Mädchen seines Herzens in Liedern, deren Molltöne sich in dem Rauschen der Wogen verloren, und während des Kapitäns rauhe Stimme den Camerato, der heute nichts recht machen konnte, auszankte, den Koch zur Bereitung der Speisen antrieb, ächzte mancher von der Seekrankheit Befallene, indessen andere Trost und Stärkung in der Weinflasche suchten. Da fanden sich denn auch die Jachenauer von selbst zusammen und sprachen von der Heimat und den Lieben, die sie dort zurückgelassen. Dem Oberfeuerwerker war die lange Ruhe bereits 133 unbehaglich und Hannes war umsonst bemüht, seine Sehnsucht nach Mirdei zu verbergen, aber der Pfarrer heiterte beide wieder auf. Und als wieder günstiger Wind die Segel blähte und die Fahrt fortgesetzt werden konnte, waren alle Herzen wieder von freudiger Hoffnung erfüllt. Der Mond tauchte aus der leicht bewegten Flut in schönem rötlichem Glanze auf, und das in den Wellen sich spiegelnde Firmament schien mit seinen Millionen Sternen im Grunde des Meeres zu ruhen. Alles ergötzte sich an diesem unbeschreiblich schönen Schauspiel der Natur. Doch während der Nacht zerstreute sich die kleine Flotte völlig und am Morgen war nur mehr eine einzige Brigg in der Nähe des Düßau. Nach vergeblichem Suchen beschlossen die Kapitäne dieser beiden Schiffe die Fahrt nach Brindisi ohne die begleitenden Kriegsschiffe. Hiezu veranlaßte hauptsächlich die Erkrankung mehrerer Soldaten an den Blattern. In Brindisi salutierten soeben zwei Fregatten ein einlaufendes Dampfboot, San Fernando, dessen griechische Königsflagge die Anwesenheit des Königs Otto, des Kronprinzen Max von Bayern und der Mitglieder der Regentschaft verkündete. Aerztliche Hilfe rettete hier mehrere dem Tode nahe Leute der Batterie. König Otto und Kronprinz Max von Bayern kamen an Bord des Düßau und es waren drei Festtage, welche die Mannschaft in Brindisi zubringen durfte. Am 16. verließ das Dampfschiff mit dem König Otto, der sich hier von seinem königlichen Bruder verabschiedet hatte, den Hafen und die Kriegsschiffe gingen unter Segel. An Bord des Düßau kamen 29 Kisten mit Geld in Verwahr 134 der Batteriekommandanten, und ein Stabsarzt, Dr. Kessel, wurde an Bord beordert. Am 18. Januar lief sodann der Düßau von Brindisi aus. Es war ein herrlicher Tag und eine ebensolche Nacht. Purpurrot ging die Sonne am Morgen wieder auf und spiegelte sich majestätisch in dem Meere, das, nur durch ein mildes Lüftchen bewegt, hier und da kleine Wellen schlug. Aber auf den heiteren Morgen folgte ein trüber Abend. Die Menge der das Schiff umschwärmenden Delphine, deren Anblick die Soldaten ergötzte, war für den Kapitän das untrügliche Zeichen des nahenden Sturmes, und noch hatte der Düßau keine drei Stunden zurückgelegt, als die Luft, welche am Morgen ganz still gewesen, sich plötzlich erhob. Dichte schwarze Wolken, aus welchen von Zeit zu Zeit Blitze schossen, stiegen am südlichen Himmel empor, der Wind nahm an Heftigkeit zu und bald sauste er durch das Takelwerk. Des Kapitäns Stirn runzelte sich. Er ließ sogleich alles festbinden, die Segel einziehen. Kaum waren die Soldaten unter das Verdeck gejagt, als der Sturm heulend durch die schwere Gewitterluft raste und das Schiff zornig schüttelte, daß es von den aufgeregten Wogen, die sich zu Bergen türmten und brausend über das Verdeck schlugen, bald hoch gehoben, bald in die Tiefe geschleudert wurde, als wollte der gräßlich gähnende, unergründliche Schlund des grauenvollen Elements es verschlingen. Den ganzen Himmel umhüllte schwarzes Dunkel; grelle Blitze erleuchteten auf Augenblicke den Graus der erzürnten Natur. Der Regen fiel in Strömen nieder, vom Sturme gepeitscht, prasselnd an die Schiffswand schlagend, als wolle er sie zertrümmern. Die Maste ächzten, die Segelstangen 135 knarrten, als müßten sie jeden Augenblick bersten, und das Rollen des Donners mischte sich wild mit dem dumpfen Getöse der schäumenden Wogen, die, sich brechend, wie Phosphor funkelten, daß die weite schwarze Nacht durch tausend bläuliche Lichter erhellt war. Die unter dem Verdeck eingeschlossenen Offiziere und Mannschaften hatten bewegte Stunden zu durchleben. Was nicht fest war, fiel zu Boden. Gläser, Teller, Flaschen klirrten und lagen in Trümmern in der Kajüte umher, jeder neue Windstoß brachte Tisch und Stühle von ihrem Platze. Die Soldaten wurden nicht selten so aneinander geworfen, daß sie die unwillkürlichsten Zusammenstöße ausführten, und fast alle wurden von der Seekrankheit befallen. Da saß mancher verzweiflungsvoll in einer Ecke und schickte Bittseufzer an alle Heiligen. »Hon i gmoant, es giebt nix Aergers, als so an' Sturm im Walchensee,« sagte Hannes mit erblaßtem Gesicht, »dierweil is dös a Taunderlaun gegen an' Meersturm. O mei' lieber Walchensee, i wollt, i wär wieder bei dir! Dös Meer da wird mir z'grob!« Aber er hatte dies kaum ausgesprochen, sollte es noch gröber kommen. Schläge, wohl zwölf an der Zahl, rollten, von vorn kommend, unter dem Kiele hin und hoben das Schiff. »Aufgefahren!« war der erste furchtbare Gedanke. Es wurde wieder still, aber aller Gedanken waren in heftiger Erregung, in peinlicher Erwartung. Da, zum zweitenmale, kamen diese Schläge, stärker, schneller noch und in größerer Anzahl. Jeder einzelne Schlag wurde heftig empfunden. Nun zweifelte niemand mehr; das Schiff war aufgefahren, gescheitert! Allgemeine Bestürzung. Aber kein 136 Laut, keine Frage, alles blieb stumm. Von dem Verdecke herab drang der Angstruf der Matrosen, dazwischen der kaum vernehmbare Ton des Sprachrohrs, von dem Rasen des Sturmes übertobt. Die Soldaten hatten ein Wallfahrtslied angestimmt, jede Minute wurde erwartet, was sich keiner laut zu äußern getraute. Das gräßliche Heulen des Sturmes, das Donnern der Wogen, ihr Brausen und Emportürmen, ihr Niedersturz, Millionen Funken von sich werfend, der Angstruf der Matrosen, ihr unruhiges Hin- und Herlaufen, diese unheimlichen Schläge und das Bewußtsein, eingeschlossen zu sein, dies alles zusammen war geradezu schauerlich, und man war nahe daran, die Hoffnung fahren zu lassen, als endlich der Kapitän erschien und Aufklärung brachte. Die unheimlichen Schläge rührten von einem Erdbeben her, das, aus Italien kommend, seinen Weg unter dem Schiffe hindurch genommen hatte. Er tröstete, daß nichts weiter mehr zu befürchten sei, auch beginne der Sturm sich zu legen, und er hoffe, die ganze Flotte werde noch am Abend in Korfu einlaufen. Einer der geschichtskundigen Offiziere erinnerte daran, daß hier in der Nähe über tausend bayrische Krieger auf dem Meeresgrunde ruhen, deren Geister, wie er meinte, diesen fürchterlichen Sturm heraufbeschworen, um die Landsleute zu zwingen, ihrer zu gedenken. Es war das Regiment Bürchen, welches Kurfürst Ferdinand Maria 1669 den Venetianern zu Hilfe gegen die Türken sandte und welches zur Belagerung nach der Insel Kandia (südwestlich von Hellas) geschifft wurde. Nach siegreichem Kampfe wurde es bei der Rückkehr in die Heimat auf der Höhe von Korfu von einem furchtbaren Sturme überrascht und die ganze Flotte vernichtet; nur 57 Mann 137 konnten sich mit der Fahne Diese Fahne des Regiments befindet sich zur Zeit im Armee-Museum zu München. Das Regiment führte damals auch einige Hinterlader-Kanonen mit sich, welche wegen ihres Schnellfeuers ungemeines Aufsehen erregten. retten und kehrten in die Heimat zurück. – Bei Tagesanbruch sah man die Gipfel der albanischen Berge mit Schnee bedeckt und die See ging so hohl, daß es aussah, als läge das Schiff zwischen Hügeln, über welche man keine hundert Schritte sehen konnte. Doch bald wurde die See ruhiger und die Luft nur gerade so bewegt, daß der Düßau mit vollen Segeln auf Korfu zuflog und in den Hafen einlief. Hier versammelte sich wieder die ganze Flotte, um am 22. Januar die Anker zur Weiterfahrt zu lichten. Als sie in See stach, salutierte die Landbatterie auch die Abfahrt des Königs. Ein günstiger Wind trieb nunmehr die Flotte schnell ihrem Ziel entgegen. Bald lagen die Inseln Paros und Antiparos im Rücken und war Zante erreicht sowie die Höhe von Koron. Aber noch war der Golf von Kalamata und die Küste von Maina fern, als der Wind plötzlich umschlug und den Lauf der Schiffe hemmte, die jetzt einen zweiten Kampf zu bestehen hatten. Die Matrosen arbeiteten aus vollen Kräften, aber ihrer Anstrengung ungeachtet war es nicht möglich, das Kap Matapan zu umsegeln, und da das Schiff bei dem heftigen Sturme Gefahr lief, an die Klippen der Küste geworfen zu werden, so suchte es die hohe See zu gewinnen und lavierte hier im Kampfe mit den Elementen bis in die Nacht des 27. Januar, wo sich der Sturm legte. 138 Viele Schiffe hatten in diesem Sturme gelitten, einige trieben bis auf Kandia, und die russische Fregatte Anna mit dem Brigadestab an Bord war ernstlich in Gefahr, an den Felsen des Kap St. Angelo zu scheitern, wo sie einen Mast verlor und am Hinterteil beschädigt wurde, sodaß das Wasser in die Kajüten drang. Auf dem Düßau wurden die schweren Geldkisten nur so hin- und hergeworfen und das Weinfaß zertrümmert. Das war ein harter Schlag, denn von den andern Schiffen konnte nur spärlich ausgeholfen werden. Dazu war große Kälte eingetreten, und da seit einigen Tagen des Sturmes wegen kein Feuer an Bord erhalten werden durfte, so war die Mannschaft fast nur auf den Genuß des Brotes beschränkt und daher nicht in der rosigsten Laune. Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Bier erfüllte wohl die meisten; andere lagen bleich und zitternd am Boden, nach dem Feldkaplan verlangend, da sie ihr letztes Stündlein nahe glaubten. Aber Herr Pfarrer Erhard konnte die so Mutlosen nur damit trösten, daß es ihm auch nicht besser ergehe. Einer der mutigsten war und blieb der Oberfeuerwerker. Er rauchte, wenn möglich, gemütlich seine Pfeife und hatte von der Seekrankheit fast gar nichts zu leiden. So konnte er die andern aufrichten in ihrer Verzagtheit, und ein frisch angestimmtes bayrisches Lied, in welches immerhin mehrere mit einer Art Galgenhumor einstimmten, war stets von guter Wirkung. »Alles geht vorüber!« tröstete er dann, und dem war auch so. Ein schwacher Südwestwind brachte endlich das Schiff um das Kap, und am 30. waren die Berge von Nauplia 139 mit der Feste Palamides sichtbar. Auch Nauplia tauchte nach und nach aus dem Meere auf. Der Madagaskar hatte sich an die Spitze der Flotte gesetzt, die nun eine Linie zu gewinnen suchte. Die Schiffe wurden aufs sorgfältigste gereinigt, die Flaggen aufgezogen, und als sie sich gegen 10 Uhr dem Hafeneingang nahten, nahmen des immer noch schwachen Windes wegen zwei eiserne Schaluppen die Fregatte des Königs ins Schlepptau und bugsierten sie in den Hafen, während die übrigen Schiffe denselben durch Lavieren zu gewinnen suchten. Ein Dampfboot, das soeben auch einfuhr, umkreiste mit großer Schnelligkeit die Flotte und aus der Ferne beobachtete ein türkisches Schiff, von Kandia kommend, den Eingang. Rechts hinter dem Madagaskar fuhr die russische Fregatte St. Anna, links die französische Korvette; diesen dreien folgte in der Mitte der österreichische Kutter. Zu gleicher Zeit spieen alle Schiffe ihr Feuer aus und eine Kanonade aus beinahe tausend Schlünden erschütterte die Luft. Die Werke Itz-Kali und Palamides blieben nicht zurück und ihr Donner rollte über die Schiffe in die Ebene von Argos. Der ganze Hafen war im Nu so voll Pulverdampf, daß kaum mehr ein Schiff zu sehen war. Da gerieten plötzlich, schon nahe am Ankerplatz, der Düßau und ein anderes Schiff in große Gefahr. Der slavonische Schiffskapitän des ersteren geriet mit dem griechischen Kapitän des letzteren Schiffes in Streit, und in toller Rachsucht rannte er dessen Schiff mit aller Gewalt an, sodaß es nahe daran war, in den Grund gebohrt zu werden, doch erhielt es glücklicherweise keine wesentliche 140 Beschädigung. Das erzeugte Erbitterung gegen die Rücksichtslosigkeit des slavonischen Kapitäns, der in gewissenloser Weise Hunderte von braven Bayern am Ziele ihrer beschwerlichen Fahrt und den Schatz des Königs in höchste Gefahr brachte, sodaß auf dem Düßau eine förmliche Meuterei gegen den Kapitän, den Steuermann und die ihn verteidigenden Matrosen auszubrechen drohte, was den Düßau in neue Zusammenstöße bringen mußte. Das Kommando des Hauptmanns verhallte im Kanonendonner. Es war die höchste Gefahr, denn schon hatten die Matrosen zu den Waffen gegriffen und bereits einen Fehlschuß abgegeben. Zudem brachte der Düßau alle Nachbarschiffe in Not. Da war es denn Wendel, der Oberfeuerwerker, der mit herkulischer Kraft die Streitenden trennte und auf einen Augenblick Ruhe schaffte. Diese kurze Pause benutzte der Hauptmann, sprang mit brennender Lunte zur Pulverkammer und drohte, das Schiff in die Luft zu sprengen, wenn nicht sofort Ruhe würde und jeder sich auf seinen Posten begäbe. Diese Worte wirkten. Die Streitenden ließen ab voneinander und es trat wieder Ordnung an Bord ein. So wurden weitere Unglücksfälle verhindert, bald waren die erregten Gemüter besänftigt und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem nun folgenden prächtigen Schauspiel zu. Eine große Menge Griechen waren rings auf den Felsen gelagert und jubelte ihrem Könige entgegen. Nahe am Vorwerke Itz-Kali legte sich der Madagaskar vor Anker. Nachdem die Salutschüsse zu Ende und der Pulverdampf sich verzogen hatte, sah man Barken und Boote auf 141 den Madagaskar zurudern. Sie führten die griechischen Großwürdenträger, welche kamen, Se. Majestät zu begrüßen. Eine Menge Feluken oder Langos wand sich zwischen den Schiffen hindurch, mit Griechen und Griechinnen besetzt. Alles betrachtete sich mit wechselseitiger Neugierde. Die Damen waren meist bis auf die Augen verhüllt; die Männer erschienen in sehr reicher Tracht. Nachts waren die Städte Nauplia, Tyrent und Argos feenhaft beleuchtet. Erst drei Tage nach Ausschiffung der Truppen betrat König Otto das Land. Es war dieses eine wohlweise Vorsicht, denn während König Otto auf der Fahrt nach seinem Lande war, machte die Partei Kolokotronis, des Häuptlings der Palikaren, einen letzten Versuch, sich der öffentlichen Gewalt in Griechenland zu bemächtigen, indem sie einen Angriff auf die französischen Truppen im nahen Argos machte. Indessen erlitt sie nach heftigem Kampfe eine große Niederlage. Es war die Absicht der Rebellen, den König bei seiner Landung zu zwingen, in Argos zu residieren und dem Lande jene Verfassung zu geben, welche der Neigung und den Vorteilen der Parteihäupter am meisten zusagte. Der Mangel an Einigkeit, der sich übrigens seit der Vertreibung der Türken bei allen Unternehmungen der Griechen zeigte, war, wie es scheint, auch diesesmal Ursache, daß die mutmaßliche Absicht der Rebellen in ihrer Entstehung scheiterte. Wären sie in größerer Anzahl erschienen, so dürfte es den französischen Truppen, die nur eine Kompagnie stark war, schwerlich gelungen sein, ihnen zu widerstehen, und 142 die neue Regierung wäre in die unangenehme Lage versetzt worden, ihren Antritt mit blutigem Kampfe zu beginnen. Durch das Gefecht von Argos waren diese Sorgen beseitigt, die Empörer, soweit sie nicht sofort standrechtlich abgeurteilt worden, spurlos verschwunden und Kolokotroni selbst unterwarf sich. Die erste Handlung des jungen Königs bei seiner Ankunft im Hafen war ein Gnadenakt, in dem er dem Aufrührer verzieh und sogar gestattete, daß sich derselbe, seiner Bitte gemäß, beim Einzuge beteiligen dürfe. Es wurde aber beschlossen, den Einzug erst stattfinden zu lassen, wenn sämtliche Truppen des Hilfskorps ausgeschifft seien. Am 3. Februar 1833, morgens 7 Uhr, erfolgte die Ausschiffung der Brigade, vom schönsten Wetter begünstigt, auf allen Schiffen zugleich, sodaß sie schon um 11 Uhr vormittags vollendet war. Die Truppen sahen sich von einer ungeheuren Menschenmenge umgeben, deren reiche bunte Trachten einen malerischen Anblick gewährten. Aber das kalte, zurückhaltende Benehmen derselben stach sehr ab von dem Jubel, der beim Einlaufen der Flotte in den Hafen geherrscht. Die Artillerie-Kompagnie wurde in Pronia einquartiert, weil Nauplia bis zur Landung des Königs von französischen Truppen besetzt bleiben sollte. Aber so freudenleer sich auch die Landung der Truppen vollzog, so groß und allgemein waren Jubel und Begeisterung drei Tage später bei der Landung König Ottos. Das aus allen Teilen des Reiches herbeigeströmte Volk harrte mit Ungeduld am Gestade der Landung. Ganz Nauplia war in einen duftenden Blumengarten verwandelt. Am Landthore prangte eine mit Waffen prachtvoll 143 geschmückte Triumphpforte und selbst der Himmel schien mit der Gesinnung des Volkes zu sympathisieren, denn herrlich war der Tag angebrochen, kein Wölkchen trübte des Aethers Blau, die Sonne goß ihr glänzendes Licht über Hellas aus und in magischem Schimmer leuchteten die Berge des alten Epidauros herüber, als wollten sie an die Herrlichkeit erinnern, die auch an ihnen einst vorübergegangen. Kanonendonner verkündete von der hohen Feste herab die Feier des Tages. Um 11 Uhr waren sämtliche Abteilungen der Brigade auf der nach Argos führenden Straße, dem Landungsplatze gegenüber, in Parade aufgestellt und dicht hinter ihnen stand Hadschi Christos Reiterei in regellosen Zügen. Diese mit langen Flinten, dolchartigen Schwertern und Pistolen bewaffneten kriegerischen Gestalten mit scharf markierten, von der Sonne gebräunten Gesichtern, von Narben, den Unbilden der Zeit und mancherlei Strapazen gefurcht, sahen trübsinnig, aber doch vertrauensvoll auf ihren jungen König und die Regentschaft hin. Ihre Pferde waren elend und klein, aber um so rascher. Die französischen Truppen bildeten den linken Flügel und standen vor dem Landthore in Parade. Nachdem ein Kanonenschuß verkündet, daß die Truppen ihre Stellung eingenommen, sah man eine Unzahl von Barken von den mit vielfarbigen Flaggen geschmückten Schiffen dem Landungsplatze zurudern. In der Barke, in welcher sich der König befand, verrichteten Kadetten den Matrosendienst. Alle Kanonen der Forts, der Stadt und der Schiffe wurden gelöst, ihr Donner widerhallte, daß die Erde zu beben schien und brausende Hochrufe empfingen den König am Landungsplatze, wo die 144 Mitglieder der provisorischen Regierung versammelt waren, deren Präsident eine Rede an den König hielt, welche Se. Majestät in huldvoller Weise erwiderte. Hierauf stieg der König in griechischer Generalsuniform zu Pferde. Der Zug bewegte sich langsam, begleitet von Kanonendonner und dem Jubelrufe des Volkes, nach der St. Georgi-Kirche. Der König grüßte unaufhörlich mit huldvollem Blick, aus dem Freude und frohe Hoffnung strahlte. Die Regentschaft, die Adjutanten des Königs, die fremden Generale, Gesandten, Konsuln und die griechischen Notabilitäten vom Zivil- und Militärdienst bildeten ein ebenso zahlreiches als glänzendes Gefolge. Unter den Palikarenführern zeichneten sich besonders der alte Kolokotroni und der in prächtiger Nationaltracht erschienene stolze Theodor Grivas aus. Ersterer durch seine Züge voll Ernst und Festigkeit. Er trug einen antiken Helm und große, schwere Epauletten von Messing, sonst aber die Nationaltracht. Es war ein höchst sonderbarer Anzug, der aber sein gebieterisches Ansehen und seinen kräftigen Körperbau noch mehr hervorhob und ihm etwas Furchtbares verlieh. Theodor Kolokotroni, der tapfere Palikarenhäuptling, war von den Franzosen noch für vogelfrei erklärt, und wäre nicht einer aus dem Gefolge des Königs der französischen Schildwache an der Porta de Terra rasch in den Arm gefallen, so hätte ihn dieselbe vom Pferde gestoßen. Der Wilde erblaßte. In der Kirche wurde unter besonderen Zeremonien ein Tedeum abgehalten. Nach demselben reichte der amtierende Bischof Sr. Majestät das Evangelienbuch zum Kusse. Dann legte der König die rechte Hand auf das 145 Evangelium und beteuerte dadurch, die Rechte der altrechtgläubig-griechischen Religion nach allen ihren Teilen sowie auch den damit verschwisterten Kultus schützen zu wollen. Hierauf begann der Zug nach dem Palaste des Königs. Alt und jung gab sich grenzenlosem Jubel hin, selbst Frauen und Mädchen drängten sich freudestrahlend vor, schwangen Palmen- und Olivenzweige, und man sah Greise, bis zur Erde geneigt, sich bekreuzen; es fehlte wenig, daß man neben Lorbeer und Oleander nicht auch die Kleider vor dem Kommenden auf den Weg breitete. Peter Heß's großartiges Gemälde »Der Einzug König Ottos in Nauplia« in der neuen Pinakothek zu München hat diesen denkwürdigen Akt verewigt. Die Unabhängigkeit von Griechenland war errungen. die ganze Zukunft schien gesichert. Der Feldkaplan aber sagte zu dem ehemaligen Schullehrer von der Jachenau und jetzigen Regentschaftsschreiber, den er zu seiner Freude heute getroffen: »Gott gebe, daß ich mich nicht täusche, aber ich kann den Gedanken an die Passion nicht los werden. Heute: Hosiannah! morgen: Kreuziget ihn!« 146 XII. Die Bayern übernahmen das arme Hellas in einem bejammernswerten Zustande. Wo man hinsah, kahle Felsen, ödes Land, nirgends Wege, keine Straßen, keine Brücken, die Bewohner in Höhlen oder in Hütten, die von Lehm und übereinandergelegten Balken erbaut waren, wohnend. Zertrümmert lagen ganze Dörfer und Städte. Alle Bäume in der Nähe von Nauplia sowie in anderen Teilen des Landes waren verschwunden. Ganz Griechenland bildete nur eine einzige ungeheure Ruine. In den ersten Tagen nach der Landung sah man in der Ferne noch rauchende Häuser, besonders in dem »rossenährenden« Argos, welches die Franzosen vor kurzem bombardiert hatten, um daraus die aufrührerischen Palikaren zu vertreiben. In Nauplia selbst gab es eine Menge Ruinen, unfahrbare Straßen, der Platanenplatz angefüllt mit Schutthaufen zerstörter Häuser. Und erst die Wohnungen! Sie waren in einem geradezu unbeschreiblichen Zustande, voll Schmutz und Ungeziefer, aber ohne alle Möbel. Der Artillerie wurde die Vorstadt Pronia als Standquartier angewiesen. Die erst von den französischen Truppen verlassenen Gebäude gewährten nur den allernötigsten Schutz gegen die Unbill des Wetters, waren mit Unflat aller 147 Art gefüllt, die meisten Thüren und Fenster mutwillig beschädigt und zerbrochen. Die Infanterie ward vorerst auf die die Stadt beherrschenden Festen Palamides und Itz-Kali verlegt, später teilweise auch Argos und Korinth. Die Kavallerie war in Argos untergebracht. Die Truppen waren bitter enttäuscht. Der erste Aufenthalt auf griechischem Boden entsprach durchaus nicht den gehegten Erwartungen. Die nach dem fast ganz verfallenen Korinth verlegten Truppen waren nicht besser daran und ein gemütlicher Altbayer meinte: »Dös wenn wir gwußt hätten, daß 's da so ausschaugt, und nit amol a Bier giebt, hätt'n wir 's auch gmacht, wie der Apostel Paulus, hätten einen Brief an die Korinther gschrieben und wären z' Haus bliebn.« Mannigfache Erkrankungen, besonders Hautausschläge, Blattern und durch die heißen Tage und kalten Nächte erzeugte Fieber, dann durch die mangelhafte Verpflegung hervorgerufen, traten auf, kurz: es war ein Anfang mit Entbehrungen aller Art. Nauplia, eine Stadt von ungefähr 8000 Einwohnern und die Hauptstadt des Peloponnes, war damals der Tummelplatz der Abenteurer des ganzen Landes. Die in großer Anzahl sich daselbst aufhaltenden irregulären Palikaren-Offiziere, in den verschiedensten Trachten, standen zwischen Hoffnung und Zweifel einer allenfalls zu erlangenden Offiziersstelle, obgleich viele kein anderes Bewußtsein in sich trugen, als unter dem Schutze eines barbarischen Häuptlings ihre unglücklichen Mitbürger räuberisch ausgesogen und mißhandelt zu haben. Diese waren freilich sehr mißvergnügt über das 148 herannahende Ende der Schwertherrschaft und eines einträglichen Nomadenlebens. Viele dieser»Klephten« Klephten – Staudenhelden, umher vagierende Kriegsleute, auch Räuberbanden. hatten ihre Heimat gar nicht auf griechischem Boden, sie nahmen während der vergangenen, unruhigen Periode haufenweise Dienste bei irgend einem Häuptling und dachten nun nicht mehr an eine Rückkehr nach Thessalien und Albanien, woher sie kamen, mehr um sich Beute zu erringen, als Hilfe zu bringen im Kampfe für die heilige Sache der Freiheit. Zu gleicher Zeit befand sich aber auch eine Menge echter Patrioten, sowohl Eingeborene wie Philhellenen in Nauplia, um das endliche Ziel der Belohnung für treu geleistete Dienste abzuwarten. Aber wie sollte die Regierung alle die oft unerhörten Ansprüche der verschiedenen Parteien befriedigen? Es gab fast keinen Eingeborenen, keinen Eingewanderten, und wenn er auch erst vor kurzem den Fuß auf griechischen Boden gesetzt, der nicht sein Vermögen, seine Existenz, alles, was er hatte, geopfert, und dafür Entschädigung, Belohnung und Stellung erwartete. Alle waren arm, die meisten blutarm, sehr viele wirklich mit Ruhm bedeckt. In dieses unendliche Wirrsal war nun Ordnung zu bringen, die feindlichen Elemente zu vereinigen, das Unvereinbare auszufinden. Man vertröstete jeden und gab Anweisung auf die Zukunft. Nur die Erwartung besserer Tage hielt Volk und Regierung aufrecht. Obwohl aus fernem Lande gekommen, war der junge König von vornherein der Liebling des Volkes. Schon Ottos jugendliche Erscheinung wirkte gewinnend, aber es bedurfte einer starken Hand, die im fortwährenden Kampfe 149 mit den Türken halbverwilderten Klephtenhäuptlinge sich dienstbar zu machen. Welche der einheimischen Parteien, die sich gegenseitig wütend zerfleischten, sollte der fremden Herrschaft zu nutze sein? Die Palikaren boten keinen Verlaß. Erst kurz vor der Landung des Königs übergab Kolokotroni die mit Kanonen besetzte Feste Kalavryta. Während der Landung der Bayern und der freiwilligen Söldner aus aller Herren Ländern standen zwischen Nauplia und Argos achttausend Palikaren, welche den griechischen Freiheitskampf gekämpft, und flehten um Brot. Man brauchte sie nicht und so zerstreuten sie sich und wurden Räuber. So hatte man von Anfang an diese Klephten zu bekämpfen. Die bayerischen Truppen und Verwaltungsbehörden richteten sich so gut ein, als es eben ging. Auch der Feldkaplan Erhard bezog ein Zimmer in der Stadt. Eine Thür ohne Schloß, zwei Fenster ohne Scheiben und nur mit hölzernem Laden versehen, ein Stuhl und ein aus Brettern bestehendes Lager, das war des Pfarrers Quartier. Aber Hannes sorgte sofort für einige Bretter, die er zu einem Tische herrichtete, wobei ihm der Pfarrer sägen und schreinern half. Auch ein Strohsack ward herbeigebracht. Hannes richtete sich in einem andern Winkel des Hauses sein Lager zurecht, um stets in der Nähe seines Herrn zu sein. Aber von einem ruhigen Schlafe konnte nicht die Rede sein; die Qualen des Ungeziefers gestatteten dies nicht. Diesem zu entgehen, sah man vor allen Häusern die Griechen unter freiem Himmel, teils in Betten, teils auf der bloßen Erde liegen. In der nächsten Zeit aber gab es für den Feldkaplan 150 vollauf zu thun. In dem auf Itz-Kali errichteten Lazarett war er fortwährend beschäftigt, den kranken Landsleuten Mut und Trost zu spenden. Die Armen konnten das Klima nicht ertragen, sie erlagen dem Fieber und es verging kein Tag, wo nicht ein oder mehrere Soldaten zur Erde bestattet wurden. Die ungewohnte Lebensweise, der Mangel an entsprechendem Getränke – es gab nur unangenehm schmeckenden Wein –, insbesondere aber ein unstillbares Heimweh machte ihnen Leib und Seele krank. Letzteres war selbst bei Offizieren, bei den stärksten Männern in solchem Grade vorhanden, daß die leiseste Erinnerung an die ferne Heimat ihr Auge mit Thränen füllte. Einige griffen zu dem verzweifeltsten Mittel, den Seelenschmerz durch übermäßiges Trinken von gebranntem Wasser zu betäuben. Ein solches Mittel, den Ausländern ohnehin schon schädlich, schaffte im Verein mit dem Klima manchem Ruhe, freilich die ewige Ruhe, die kein Schmerz mehr zu stören vermag. Da gab es denn für den würdigen Seelsorger manche herzbrechende Szene und dann viele Briefe an die Teuren in der Heimat, denen der Bruder, Sohn oder Bräutigam die letzten Grüße senden ließ. Der Schullehrer von Jachenau, nunmehr Sekretär, benutzte ebenfalls jede Gelegenheit, seine Landsleute aufzusuchen. Ihm erging es nicht besser wie allen andern, aber er schweifte, so oft er einen Feiertag hatte, nach Argos, Korinth, Athen, Mikenä an Agamemnons Grabstätte und lebte, den Homer in der Hand, die längst vergangenen bessern Zeiten durch. Der blaue Himmel wölbte sich zwar jetzt noch ebenso schön über dieses viel besungene 151 Land, aber man fand keine Spur mehr von den Göttern und Helden, von denen die unsterblichen Dichter sangen. Der Kommandant der bayerischen Batterie begab sich Ende Februar, nur von dem Oberfeuerwerker Waller, vier Artilleristen und einigen Führern begleitet, nach dem südlichen Peloponnes. Er hatte die Aufgabe, in den dortigen Festungen und befestigten Plätzen das vorhandene Artillerie-Material teils von den französischen Truppen zu übernehmen, teils das dem französischen Gouvernement gehörende, an Griechenland überlassene abzulösen. Nachdem dieses Geschäft größtenteils bei schlechtem Wetter erledigt, erhielt Hauptmann Schnitzlein den Auftrag, eine Anzahl fester Türme im südlichen Bergpeloponnes, welche von zweideutig gesinnten Griechen bewohnt waren, zu rekognoszieren und bestimmte Angabe über die Gefährlichkeit derselben zu liefern. Auch dieser mit großer Gefahr verbundenen Aufgabe entledigte sich der Kommandant und seine Begleitung mit Mut und Intelligenz. Durch Niederreißen einiger solcher als Raubnester benutzter Türme wurde diesem Landesteile Ruhe und Sicherheit gegeben. Nach Nauplia zurückgekehrt, ward die Hälfte der Batterie, wobei sich auch der Oberfeuerwerker befand, unter Kommando des Oberleutnants Kriebel mit dem Bataillon des 12. Infanterie-Regiments nach der Insel Negroponte (Euböa) entsendet, um die Türken von der Insel zu vertreiben. Die zu dieser Expedition bestimmte Flottille, bei welcher sich auch die Gesandtschaft der drei Großmächte und von griechischer Seite Oberst Baligand als königlicher Kommissar befanden, bestand aus zwei österreichischen Kauffahrern, einer englischen Fregatte mit 4 Kanonen, einer 152 französischen Korvette und einer russischen und griechischen Goelette, auf welch letzterer sich die vier Feldgeschütze der bayerischen Artillerie befanden. Nach mehrtägiger Fahrt bei günstigem Winde legte die Expedition in Chalkis an, welches von der Feste Karababa beherrscht ist. Der Bischof von Chalkis im Ornate und eine Menge Menschen empfingen mit ungeheurem Jubel die Befreier, bei deren Ansichtigwerden die Türken sofort Stadt und Feste räumten, sich teils zurückzogen, teils die Waffen niederlegten und in Chalkis, einer Stadt von 10 000 Einwohnern, verblieben. Auch hier sah man fast nur Ruinen aus alter und neuer Zeit oder unansehnliche Häuser. Von hier aus wurde eine Abteilung mit dem Oberfeuerwerker, 22 Artilleristen und zwei Kanonen unter Befehl des Hauptmanns Bronzetti nach dem am südlichen Ende der Insel liegenden Karysto entsendet, wo die Türken sich festgesetzt hatten. Nach einem höchst beschwerlichen Marsche über die Gebirge gelangte sie nach Karysto, welches von der auf einem Felsen thronenden Feste überragt wird. Ringsum prangte die Natur in bezaubernder Schönheit. Auch hier wurden die Bayern als die Befreier mit Jubel empfangen, denn der türkische Kommandant erklärte sich bereit, Stadt und Citadelle gegen freien Abzug zu übergeben. Die Türken hatten viele Sklaven bei sich, welche, die Gelegenheit benutzend, bei Offizieren und Soldaten sich als griechische Unterthanen erklärten; und man beschloß, so viele dieser Unglücklichen zu retten, als nur immer anging. Es wurden auch wirklich viele derselben ihren Peinigern mit List entzogen und von ihrer Sklaverei befreit. 153 Frohlockend und unter lauten Ausbrüchen des Dankes kehrten die Befreiten zu ihren Familien zurück, aus deren Schoß sie gerissen wurden. In Karysto sollten die Bayern noch vor ihrem Abzuge – sie wurden durch andere Truppen abgelöst – ein echtes griechisches Volksfest kennen lernen. Es wurde das Maifest gefeiert, welches hier ganz besonders festlich begangen wird und wozu Offiziere und Mannschaft eingeladen worden. Die Thüren der Häuser wurden am Morgen mit Feldblumen und Kornähren geschmückt, nachmittags versammelte man sich im Freien. Nahe an den Ruinen der ehemaligen Klosterkirche, unter einer riesigen Platane, hielt ein Priester nach altehrwürdiger Sitte das Meßopfer, das die ganze andächtige Menge mit Gesängen begleitete. Diese Feierlichkeit unter des Himmels azurblauen Hallen war tief ergreifend. Nach dem Gottesdienste gab sich alles der Freude hin. Es bildeten sich auf der großen Terrasse vor dem Kloster, welche eine schöne Aussicht bietet, Gruppen. Frauen besorgten die Küche, Männer drehten an ungeheuren, hölzernen Spießen ganze Lämmer über dem Feuer, und während Tanzende sich, im Kreise gestellt, ihre Musik selbst sangen, riefen herumgehende Verkäufer unaufhörlich Käse und Milch mit so lauter Stimme aus, daß sie alles übertönten und mit ihrem einförmigen Geschrei den damaligen berüchtigten Ausrufern in Bayerns Hauptstadt an die Seite gesetzt werden konnten. Endlich ging es zu Tische, das heißt, man nahm auf schönen Teppichen auf dem Boden Platz, einen Kreis um die aufgetragene Mahlzeit bildend, von der die Frauen 154 ausgeschlossen waren. Man aß mit Hilfe der Finger, denn der Gebrauch von Messer und Gabel war hier nicht üblich; nur einige hölzerne Löffel machten unter den Gästen die Runde. Die Speisen bestanden aus den seltsamsten Gerichten in einer den Bayern ganz fremden Zubereitung, meistens in Oel schwimmend, süß und stark gewürzt. Die Lämmer wurden auf einer Art von Riesengabel aufgetragen, in Stücke gerissen und zerteilt auf Baumblättern vorgelegt. Die Griechen fuhren mit ihren scharfen Nägeln in das gebratene Fleisch, rissen ein Stück nach dem andern von den Vierteln herunter und schlangen ungeheure Brocken mit schrecklicher Gier hinunter. In wenigen Minuten war dieser ihr Lieblingsbraten bis auf die Knochen aufgezehrt. Dann machten Jahurt, Knoblauchspflanzen, Oliven und Orangen den Schluß des seltsamen Mahles. Unterdessen waren ein halbes Dutzend griechischer Virtuosen auf dem Platze erschienen und verübten mit ihren Instrumenten einen jämmerlichen Lärm. Die langhalsigen Mandolinen quiekten, die Bogen kratzten auf den Saiten der Geige, dem Instrumente markerschütternde Töne erpressend, und das Griechenvolk stimmte einen näselnden Gesang an, der den Bußpsalmen der Charwoche nicht unähnlich war. Die ganze Versammlung war entzückt über diese herrlichen Leistungen, und Toaste auf Toaste erfolgten. Plötzlich ließen sich auch von der andern Seite der Terrasse Musikklänge vernehmen. Einige Zigeuner, Burschen und Mädchen, erschienen. Sie lagerten in der Nähe und ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, ihre Künste zu zeigen. Die durchdringenden, schmetternden Töne der 155 fünflöcherigen Hoboe, das Getöse der Cymbeln, Tambourins und der baskischen Trommel begeisterten die Griechen so, daß sie mit der barbarischen Musik um die Wette zu schreien begannen. Diese Zigeuner, deren es in Griechenland viele giebt, haben nur elende Strohhütten in Gestalt von Bienenkörben oder länglichen Vierecken, wenig über 80 bis 100 Quadratfuß haltend, welche nicht selten die Herberge von zwei bis drei Familien mit zahlreichen Kindern in Gemeinschaft mit Schweinen, Enten und Hühnern sind. Das Zigeunerlager ist gesondert von der eigentlichen Stadt. Die Zigeuner sind eben so arm als verachtet. Kein Grieche würde mit dem Zigeuner aus einer Flasche trinken, und doch ist letzterer eine gefürchtete Erscheinung, wo er sich zeigt, und schnell beschenkt ihn der Grieche, um der Macht des Zaubers zu entgehen, der den Zigeunern zugeschrieben wird. In Livadien haben die Zigeuner alle Jahre einen großen Markt, wo sie zu vielen Hunderten zusammenkommen. Sie durchziehen in der guten Jahreszeit das ganze Land, musizieren zu den Tänzen der Griechen, und da beinahe alle ihrem Handwerk nach Schmiede oder Kesselflicker sind, beschlagen sie die Pferde oder richten die alten Kochgeschirre wieder zurecht. Infolge der allgemeinen Verachtung, die ihnen allenthalben zuteil wird, sind sie auf den Verkehr unter sich beschränkt und halten deshalb auch sehr zusammen. Eine solche Zigeunerbande kam nun auf ihrer Wanderung auch nach Karysto, um von hier nach Asien, von woher ihre Ureltern stammen, überzuschiffen. Sie wollten nicht dort bleiben, nur einige Monate die Luft der Heimat 156 atmen, dann wieder fortziehen, weit, weit in die Ferne. Sie benutzten das griechische Maifest, um Reisegeld und Nahrung zu sammeln. Die bayerischen Soldaten sahen mit gemischten Gefühlen dieses ungewohnte Schauspiel an. Der Oberfeuerwerker aber meinte: »Da is unser Oktoberfest in München halt doch was anders! Alles is schöner in unserer Heimat! Wir estimieren die Pomeranzen und Lemoniwaldungen nit. Was is dagegen a Tanna- oder a Buchenwald! Mag's noch so paradiesisch sein, daherum, a schöners Landl, als 's Boarnland, giebt's doch nit! Trinkts, Kameraden, unser' Heimat soll leben!« Alle tranken begeistert mit, viele mit nassen Augen. Da hörte sich Wendel von einem hübschen 157 Zigeunermädchen, das vorhin das Tambourin geschlagen, in deutscher Sprache angeredet: »Und dei' Resei in der Jachenau soll auch mitleben?« sagte die Zigeunerin vertraulich. Wendel sah überrascht nach der Fragenden. »Die soll freili leben!« gab er zur Antwort. »Aber wie weißt du davon?« »Wir Zigeuner wissen alles,« erwiderte schalkhaft lächelnd das Mädchen. »Ja, ja, wenn's euch zuvor wer g'sagt hat,« lachte Wendel. »Aber wer kann dös g'sagt hab'n? I red mit neamd davon –« »O, ich weiß noch mehr!« entgegnete die Zigeunerin. »Du hattest einen Nebenbuhler, den Fischerfriedl. Du hast drei Tage vor der Hochzeit deine Braut verlassen –« »Jetzt halt!« rief Wendel aufs höchste überrascht. »Wer hat dir dös alles g'sagt? Für a Hex halt i di nit, i glaub an kei' Hexerei und an kein' Zauber, also red' gschwind! I werd mi schon generös zeigen. Von wem weißt du meine Angelegenheiten?« »Von mein' Vater.« »Wer is dei' Vater? Wo is er?« rief Wendel, sich im Kreise umblickend. »Da bin i,« sagte jetzt ein ältlicher Zigeuner in gut bayerischer Mundart. Er war lauernd herangekommen, um die Wirkung zu beobachten, welche des Mädchens Rede auf den Jachenauer machte. Es war Duli, der mit seinem Stamm aus Siebenbürgen hierhergezogen war und in dem Oberfeuerwerker sofort den Waller Wendel aus der Jachenau erkannte, die er seit vielen Jahren durchwandert, wo er Hof für Hof wohl kannte. Er freute sich, den Nebenbuhler 158 Friedls hier zu finden, dem er mit dem Hexenstrang das Glück abgedreht, und er teilte seiner Tochter schnell das Wissenswerteste über ihn mit und schickte sie hin, denselben mit ihren Künsten zu verblüffen. Auch Wendel erkannte jetzt den Zigeuner, und so zuwider er ihm in der Heimat war, hier empfand er doch eine Art Freude, so unvermutet einen Bekannten aus der Heimat zu treffen. »Du bist ja der Zigeuner Duli!« rief er erfreut. »Grüß di Gott!« Duli zog seinen Hut und sagte: »Ja, i bin's, Herr Offizier, und i freu mi, daß's gsund sind und so prächti aussehn.« Und nun erzählte er, daß die Zigeuner auf dem Wege nach Asien seien, daß sie aber bis jetzt von keinem Schiffe aufgenommen worden, und er benutzte die Gelegenheit, den Oberfeuerwerker zu bitten, sich für ihn bei einem Schiffskapitän verwenden zu wollen, um billige Ueberfahrt zu bekommen. Wendel versprach ihm das und beschenkte ihn mit etwas Geld. »Trink a Flaschen Wein auf mein' Resei sei' Wohl!« sagte er. »Und kommst wieder in d' Jachenau, so kehr ein am Wallerhof. I werd dir dös Begegnen für alle Zeiten gedenken.« »Im nächsten Jahr, wenn's Blatt von die Bäum' fallt, kommt unser Stamm zum Zigeunerbrunnen, wo unser Königin begraben liegt. Geb's der junge Gott, daß's bis dahin glückli z' Haus seids. Weils so gut seids mit uns und nit so verächtli thuts, wie die Griechen, will i euch was verraten.« Und leise sprechend, teilte er ihm mit, daß 159 die Zigeuner von Rumelien kommen, wo die Klephten einen Aufstand vorbereiten. Große Banden schwärmen in den unzugänglichen Gebirgsschluchten, verüben die fürchterlichsten Grausamkeiten an den Unglücklichen, die ihnen in die Hände fallen, und ihre Absicht sei, sich mit den Palikaren zu verbinden, um die Regentschaft zu stürzen. Er, Duli, kenne die Namen und den Aufenthalt mehrerer Häuptlinge dieser Banden. Wendel veranlaßte nun Duli, die Aussage seinem Kommandanten zu wiederholen, der ihm zum Lohn für diese Kunde freie Fahrt nach der asiatischen Küste verschaffen werde. Es sei heute gerade ein Schiffskapitän in Karysto, welcher seinen Kurs nach Smyrna nehme. Duli that nach Wendels Willen und seine Nachrichten waren dem Offizier von solcher Wichtigkeit, daß er darüber sofort einen Bericht an das Brigade-Kommando in Nauplia machte. Duli aber sollte andern Tags mit den Seinen an Bord des nach Asien segelnden Schiffes genommen werden, was den Zigeuner ganz glücklich machte und ihn mit lebhafter Dankbarkeit erfüllte. Wendel hatte sich zurückgezogen. Die Erinnerung an die Heimat, an Resei hatte ihn plötzlich weich gestimmt. Er ging allein auf die Zinne der Plattform der Citadelle. Der untergehenden Sonne goldene Strahlen fielen auf das in einem Brillantfeuer schimmernde Meer, auf Attikas herrliche Küste, von fern hörte man das Läuten der Herden und den Gesang der Hirten. Gerade unter dem Felsen aber, wo die Hütten der Zigeuner aufgeschlagen waren, ertönte jetzt der Gesang einer 160 Mädchenstimme, begleitet von einer Mandoline. Er kam von Barba, Dulis Tochter. Das Lied hatte eine traurige Weise, es klang wie Sehnsucht nach der Heimat, die den Zigeunern niemals erfüllt wird. Bald aber verstummte der Gesang und tiefe Stille herrschte rings umher. Dies alles wirkte heute so eigentümlich wehmütig auf Wendel, und als er den Weg nach seinem Quartier einschlug, gab er seinen Gedanken lauten Ausdruck und sagte mit einem recht aus dem Herzensgrunde kommenden Seufzer: »Wenn's nur wieder heimzu ging!« 161 XIII. Zu Hause dachte man nicht weniger lebhaft der Teuren im fernen Hellas. Die Nachrichten von der glücklichen Ankunft kamen erst sehr verspätet an; nachdem sich schon im ganzen Lande das Gerücht verbreitet, daß beim Kap Matapan mehrere Schiffe zugrunde gegangen oder verschlagen worden seien, harrte man mit fieberhafter Aufregung auf Nachrichten aus Griechenland. Wohl brachten die Zeitungen Ende Februar die Kunde von dem Aufstande der Palikaren in Argos und allerlei Einzelheiten über die noch nicht vollständige Ruhe aus Hellas, aber die glückliche Landung des Hilfskorps und der Einzug König Ottos in Nauplia ward durch die eingelaufenen Berichte erst gegen Mitte März bestätigt. Nun atmete alles leichter auf in der Jachenau, vor allem Friedl und die drei Mädchen auf dem Singerhofe, denn auch Mirdei war seit Lichtmeß dort in Dienst. Aber nun war schon der Mai herangekommen und noch immer trafen keine näheren Nachrichten aus Griechenland ein, denn der von dort abgeschickte Kurier, Hauptmann Trentini, mußte wegen Beschädigung seines Schiffes in Korfu ans Land steigen, und so verzögerte sich dessen Weiterreise. Endlich kam er in München an und schnell verbreitete sich die Kunde, daß die Nachrichten, welche er brachte, erfreulichen Inhalts seien, daß sie also die Unruhe 162 und die Sorge stillen würden, in welcher Hunderte von Familien durch das Ausbleiben aller offiziellen Mitteilungen und der Nachrichten von ihren Angehörigen fortdauernd gehalten wurden. Auch Resei und Mirdei erhielten nun Briefe von Wendel und Hannes, ebenso der Benefiziat im Klösterle von Pfarrer Erhard. Alle schilderten die ersten schlimmen Eindrücke auf Griechenlands Boden, aber sie sprachen auch die Hoffnung auf baldige Besserung aller Verhältnisse aus. Resei war nicht wenig überrascht, in Wendels Brief folgende Stelle zu finden: »Eifersüchtig brauchst du nicht zu werden; die Griechinnen sind bis an die Augen eingebunden, als hätten sie Zahnweh, aber die schüchternen Weiber und Dirndln werden jetzt auch schon heimlicher und zutraulicher.« Hannes hob in seinem Briefe besonders hervor, daß Tausende von Bayern in Griechenland ihr Glück machen könnten, vorzüglich Bauersleute. Fleißige Landwirte müßten bald wohlhabende Leute werden. Die Rindviehzucht läge gänzlich darnieder, Melkvieh kenne man dort gar nicht. Ebenso notwendig brauchte man Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Gärtner und andere Handwerker. Er gab sich noch voll der Hoffnung hin, in nächster Zeit durch Vermittlung des Herrn Pfarrers einen großen Grundkomplex zu erhalten. Dieser Brief machte auf alle Häusler in der Jachenau tiefen Eindruck. Viele hatten den Gedanken erfaßt, auszuwandern, um in Hellas ihr Glück zu gründen. Hellas ist ja Bayern, dachten sie, lauter Landsleute würden sie dort finden, da könne es nicht fehlen. 163 Aber der Forstwart meinte, es wäre doch klüger, noch weitere Berichte abzuwarten, wie sich in dem so fernen Lande noch alles gestalten würde. Friedl atmete auch wieder leichter. Er hatte auf die Nachrichten von dem bösen Sturm am Kap Matapan allen Glauben an den Talisman, den er Wendel mitgegeben, verloren, und nun erkannte er wieder, daß ihn dieser Glaube doch nicht betrogen. Er hoffte, daß die drei verschluckten Passauerzettelchen ihre günstige Wirkung auch ferner bewähren würden, und als Ende Mai die »Bayerische Landbötin« berichtete, daß demnächst bereits die ersten bayerischen Truppen in ihr Vaterland zurückkehren sollten, wobei Abteilungen der Artillerie und Reiterei sich befinden würden, ließ er einen freudigen Juhschrei hinaushallen über den See, den ersten nach langer, langer Zeit. Aber auch im ganzen Bayernlande herrschte Freude. In allen Kirchen wurden feierliche Dankgottesdienste abgehalten für die glückliche Landung König Ottos und seiner Truppen und ward der Segen für eine glückliche Regierung in Hellas erfleht. Auf vielen Bergspitzen des bayerischen Hochgebirges wurden Freudenfeuer abgebrannt, und auch vom Herzogstand und der Benediktenwand verkündeten die hochauflodernden Feuersäulen die Freude des Bergvolkes über die glücklichen und glückverheißenden Nachrichten. In München aber ging die Werbung eines weitern freiwilligen Truppenkorps für den Dienst des griechischen Königs unter dem Obersten von Lesuir mit größtem Erfolge vor sich. Die deutsche Jugend, durch die Vorkommnisse bei dem Hambacher Feste (Ende Mai) ohnedies in einer hohen 164 Erregung, vernahm mit Begeisterung die Nachrichten aus Hellas, von dessen schönem Himmel, der Farbenpracht der Gefilde, der Reinheit der Luft, von den göttlichen Fluren von Athen, und sie betrat schon im Geiste jene klassische Welt. Die überschwenglichsten Gedichte erschienen, von welchen hier eine Probe folgt: Ich kenn' ein Land, so wunderschön, Wo Palmen und Oliven stehn, Und wo der Tanne (!) dunkles Reis Dem starken Sieger ward zum Preis. Dorthin laßt uns, ihr Brüder, ziehn, Dort wird ein neues Glück uns blühn! Aehnliche poetische Ergüsse standen Tag für Tag in den Blättern. Ein neues Glück wollten sie sich alle schaffen, und wie lautete die Botschaft von jenem vielbesungenen Lande so verführerisch! Selbst der Singerbauer trug sich auf alle die glänzenden Nachrichten hin eine Zeitlang mit dem Gedanken, sein kleines Bauernanwesen zu verkaufen und nach Griechenland auszuwandern. Sein Schwiegersohn, der Wendel, meinte er, müßte es dort bald zum Obersten und General bringen und könnte ihm dann leicht zu reichem Grundbesitz verhelfen. Der Kleinbauer genügte ihm plötzlich nicht mehr. In Griechenland, meinte er, liege das Glück auf dem Boden, da dürfe man es nur aufheben. Resei war mit solchen Zukunftsplänen natürlich einverstanden, ebenso Mirdei; jene dachte nur an Wendel, diese nur an Hannes. Aber die klügere Amrei hielt alle im Schach. »I bleib in meine Berg!« sagte sie. »Mei' Glück such i in der Hoamat, bei mein' Friedl.« Der alte Singerbauer ließ sich jedoch nicht abhalten, 165 für alle Fälle nochmals genaue Erkundigungen einzuziehen, indem er an Pfarrer Erhard schreiben ließ und ihn um seinen Rat, um seine Meinung bat. Da kamen aber doch vereinzelt andere, weniger günstige Nachrichten von Krankheiten und Sterbefällen, von ausgebrochenen Unruhen und Aufständen, welche auf den Sturz der Regentschaft abzielten, und wurde auch versucht, die schlimme Wirkung solcher Nachrichten immer nach Möglichkeit abzuschwächen, so viel hatte man doch bald heraus, daß das Paradies in Griechenland auch seine Schattenseiten haben müsse. Die neu errichteten Freiwilligenkorps traten nach und nach ihren Marsch nach Hellas an. Im August 1833 unter Kommando des Hauptmanns A. Gößner, 236 Mann. Am 25. Sept. 1833 unter Major Wirth, 647 Mann. Am 15. Nov. 1833 unter Major Heß, 796 Mann. Am 22. Jan. 1834 unter Oberleutnant Rudolph, 211 Mann. Am 27. Febr. 1834 unter Major v. Ott, 1400 Mann (darunter eine ganze Truppe Schweizer mit allen ihren Offizieren), sodann im Frühjahr 1834 noch 1682 Mann. Da kam ein Brief von Hannes, der in der Jachenau große Niedergeschlagenheit verursachte. Er enthielt die Nachricht von Pfarrer Erhards schwerer Erkrankung und sagte weiter, daß Hannes, selbst erst von einem heftigen Fieberanfall genesen, ihn Tag und Nacht pflege, daß er aber befürchte, der Herr würde sich nicht mehr erholen. Der Priester ließ alle seine Landsleute herzlich grüßen und schickte ihnen vom Sterbebette aus seinen Segen. Hannes erzählte weiter in seinem Briefe, daß die Bayern das Klima schwer vertrügen, daß Fieber und Epidemieen unter ihnen herrschten und von den 3500 Mann, welche ausmarschiert, 166 schon über 500 gestorben seien. Er teilte seiner Mirdei auch mit, daß er den Plan, sich in Hellas anzusiedeln, gänzlich aufgegeben habe und keinen höhern Wunsch kenne, als wieder gesund in die Heimat zurückzukommen. Da könne man das wenige, was man besitze, sein eigen nennen, aber in Griechenland sei zur Zeit nichts sicher vor den Räubern, die haufenweise das Land durchzögen und mit welchen die Truppen sich stets herumschlagen müßten. Von Wendel wußte er nur, daß er sich auf der Insel Negroponte befände, er habe ihn gesund und frisch verlassen, denn der habe eiserne Nerven und ihm scheine nichts anzukönnen, weder Krankheit noch die Waffen der Rebellen. »I woaß, warum!« rief Friedl mit tiefer Befriedigung, als er von diesem Briefe Kenntnis erhielt, »i hon dafür gsorgt! Sag mir no'mal einer, es giebt kei' Kräutl für 'n Tod!« Aber der Singerbauer und alle andern, die schon in Gedanken der Heimat den Rücken gekehrt, waren mit einem Schlage wie umgewandelt. »Es geht halt nix über unser Hoamet!« hieß es jetzt. »Vivat, die Jachenau soll leben!« In der Dorfkirche ward aber von nun an täglich für den fernen kranken Pfarrer gebetet sowie für die Wohlfahrt aller Bayern. Mit banger Sorge sahen nun die Jachenauer und mit ihnen ganz Bayern weitern Nachrichten entgegen. Der »Landbötin« mit ihren überschwenglichen Berichten und Gedichten glaubte man nicht mehr. Wahrheit enthielten nur die Briefe, und diese waren meist die letzten, herzlichen Zeilen an die Teuren in der Heimat, die letzten Grüße auf dieser Welt. 167   XIV. Der Zigeuner Duli hatte wahr gesprochen und seine Mitteilungen waren für das Truppenkommando in Nauplia und die Regierung von großem Belang. An den Nordgrenzen des Königreiches spukte ein böser Geist. Capodistrias Des Präsidenten der 1831 gestürzten Republik. mächtige Partei erhob ihr feindseliges Haupt unter Kolokotronis Einfluß gegen die Regierung, und ihre hinterlistigen Anschläge hatten den Sturz der Regentschaft zum Zweck. Der Revolutionsgeist war schon in Abnahme begriffen gewesen, man war mit den erlassenen Verordnungen zufrieden, da erschien ein Erlaß über die Auflösung des frühern Nationalheeres und die Organisation der Armee, wobei die Nationaltracht verbannt und die verhaßte europäische Kleidung und Bewaffnung eingeführt werden sollte. Diese Abschaffung der Nationaltracht, in welcher die insularen Arnauten zur See und die Rumelioten zu Lande ihre herrlichen Siege zur Befreiung vom Halbmonde erfochten hatten, wurde mit der Bemerkung der Regentschaft erklärt: »Das orientalische Unwesen müsse aufhören!« Weitere Unzufriedenheit verursachte es, daß die in das neue Heer aufzunehmenden Offiziere des aufgelösten griechischen Nationalheeres einen Grad niederer eintreten sollten, während die aus Bayern gekommenen freiwilligen Offiziere auf Beförderung zu höhern Chargen 168 außerordentlich begünstigt wurden, und endlich die Verweisung der nicht angestellten, auf einen äußerst geringen Sold gesetzten Offiziere nach der Insel Aegina, wo sie ihrer ferneren Bestimmung harren sollten. Eine solche Behandlung weckte die Griechen aus einem schönen Traume, vernichtete manche Hoffnung und erzeugte Erbitterung und fanatischen Haß. Eine immer größere Abneigung gegen die im Auslande geworbenen Truppen machte sich fühlbar, besonders aber gegen die Regentschaft, die nach der Griechen Ansicht den Umsturz der griechischen Religion, der alten Sitten und Gebräuche beabsichtigte. Griechenland erhoffte von der Regentschaft nicht nur den Frieden, der erste und innigste Wunsch dieses Volkes war die Erhaltung und Befestigung seiner Nationalität, und dieses edle Vertrauen wurde leider getäuscht. Dazu führte Graf Armansperg den Generalzehnten ein, welcher den Bürgern und Bauern, die ohnedem ausgesogen, deren Felder verwüstet und unbebaut waren, keine Aussicht gewährte, sich erholen zu können. Das Vertrauen in die Regentschaft verschwand noch mehr, als im Schoße derselben selbst der Zwiespalt deutlich hervortrat. Die heimatlosen Palikaren zogen nun im Lande umher und schürten den Enthusiasmus für Kolokotroni, den mit Ruhm umstrahlten Heros des Freiheitskampfes, besonders in Rumelien, wo dessen Partei sehr verzweigt war, deren Umtriebe jedoch durch schnelle Absendung einer beträchtlichen Truppenabteilung nach jenen Gegenden und durch Verhaftung aller verdächtigen Häuptlinge bald unterdrückt war. Auf Itz-Kali waren die des Staatsverrats angeklagten Palikaren-Chefs Theodor Kolokotroni, Theodor Grivas, 169 Demetrius Plapulos und andere in Haft. Auch die Gefängnisse auf Palamides und Burdschi waren mit solchen der Verschwörung angeschuldigten Personen angefüllt, deren Prozeß die Gemüter im höchsten Grade erregte. Selbst Kalliopulos Plapulos, welcher als Mitglied der nach München gesandten Deputation von dem König von Bayern das Kommandeurkreuz des Zivilverdienstordens erhalten hatte und nach Griechenland zurückgekehrt, den König Otto auf einer Reise nach Morea begleitete, war als Anhänger der Capodistrianer an der Seite des Königs verhaftet und in das Gefängnis nach Itz-Kali gebracht. Grivas ward freigesprochen, Kolokotronis und Kalliopulos aber zum Tode verurteilt, jedoch zu zwanzigjährigem Gefängnis begnadigt. Später versprach der König Kolokotronis um Gnade bittenden Söhnen, bei seiner Thronbesteigung den Kerker ihres Vaters zu öffnen. Als Wendel nach längerem Kommando in Chalkis auf Negroponte, woselbst die Hälfte des Kommandos an gefährlichem Fieber erkrankte und großenteils daran starb, in Nauplia wieder eintraf und den Feldkaplan begrüßen wollte, erfuhr er, daß derselbe todkrank im Spitale auf Itz-Kali liege. Dort fand er den Kranken in Behandlung des Stabsarztes und in der Pflege des Hüterhannes. Er war infolge der anstrengenden Krankenbesuche von den Blattern angesteckt worden und nun dem Tode nahe. Aber die sorgsame Pflege des Hannes, der nicht von seinem Bette wich, sowie die Kunst des sich in jeder Weise aufopfernden Stabsarztes Fleschuez, brachten ihn wieder auf den Weg der Besserung, und Wendel konnte ihm bereits hierzu Glück wünschen. »No', Hannes,« fragte Wendel, »willst dei' Vorhabn 170 ausführen und Grund und Boden erwerben in Griechenland?« »Und wenn i 'n gschenkt krieget, möcht i 'n nit,« erwiderte der Gefragte. »Da frett' i mi doch lieber in unserm Boarnland durchs Leben, als daß i da a Selbster (Grundherr) weret.« »Du brauchst dich in Bayern nimmer durchz'fretten,« sagte der Pfarrer. »Deiner Pflege verdank ich nebst Gott und dem Herrn Stabsarzt mein Leben und ich verhelf' dir zu einem Bauernhöfel in der Jachenau. Du sollst dei' Mirdei heiraten. Will's Gott, daß wir glücklich heimkommen, so wollen wir uns alle wieder unsers Lebens freuen und in der Heimat ebenso zusammenhalten wie hier.« Hannes weinte Thränen der Freude und küßte dem freundlichen Herrn die abgemagerte Hand. So sollte sein höchster Wunsch sich dennoch erfüllen, und noch dazu in der Heimat! Der ehemalige Jachenauer Schullehrer kam auch recht oft, um sich nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen. Seine Begeisterung für Griechenland ward infolge der traurigen Verhältnisse sehr vermindert, und als ihn der Pfarrer lächelnd fragte, ob er noch auf Hellas dichte, las ihm der Lehrer sein neuestes Opus vor, das zu seinen frühern Liedern, die so begeistert klangen und von so sehnsüchtigem Verlangen zeugten, einen ganz entsetzlichen Gegensatz bot. Das Lied lautete: Kennst du das Land, von Dichtern ausposaunt, Auf dem Papier gar höchlich angestaunt, Gemalt von Malern, die es nie geseh'n, Mit bunten Farben, Thälern, so wie Höh'n? Kennst du es wohl? – von dort, von dort, Laß uns so schnell als möglich fort. Kennst du das Land, verbrannt vom Sonnenstrahl, Gebirg ohn' Baum und Felsen dürr und kahl, Kein grünes Laub, das schattend dich umzieht, Wenn dir die Hölle auf den Schädel glüht? Kennst du es wohl? u. s. w. Kennst du das Haus, aus Stein und Kot erbaut, Die Stuben drin verödet und versaut, Zerfall'ne Löcher, die der Wind durchheult, Wenn von den Bergen er das Land durcheilt? Kennst du es wohl? u. s. w. Kennst du das Bett mit seiner Wanzenqual? Kennst du der Flöhe unermess'ne Zahl? Sie rauben dir den Schlaf, den letzten Freund, Wenn er zum Trost dir in der Nacht erscheint. Kennst du es wohl? u. s. w. Kennst du das Volk, das dieses Land bewohnt, Das faul und stolz auf seinen Plätzen thront, Oliven ißt, auf seine Ahnen prahlt, Und statt des Geldes nur mit Läusen zahlt? Kennst du es wohl? u. s. w. Das sind Hellenen, das ist Griechenland! Dorthin hat die Begeist'rung uns gebannt! Das ist das Land, wo Goldorangen glühn, Wo Wohlgerüche nur die Luft durchziehn! Du kennst es wohl, drum laß von dort So eilig uns als möglich fort! »Grell und schroff,« sagte der Pfarrer, »ist die Wahrheit, die dieses Gedicht enthält, aber es ist leider die Wahrheit!« Die anderen stimmten bei. Sie trennten sich mit dem Schlußgedanken: »Laßt von dort so eilig uns als möglich fort.« Graf Armansperg handelte in seinen Regierungsmaximen im Sinne Englands, das Griechenlands 172 Emporkommen bei der Nähe der Jonischen Inseln mit Widerwillen sah und jeder freien Entwicklung des jungen Staates hemmend entgegentrat. Mit Sehnsucht hoffte man deshalb auf den Zeitpunkt, da der junge König selbst die Regierung antreten werde, dessen ausgezeichneter Herzensgüte man vertraute. Nach und nach kamen neue Abteilungen Freiwilliger aus Bayern heran und einige Bataillone des Hilfskorps konnten in das Vaterland zurückkehren. Die Batterie Schnitzlein war bereits zum Rückmarsche beordert, als ein neuer Aufstand in der Maina, Arkadien und Messenien ausbrach und gleichzeitige Erhebungen in Rumelien die Heimkehr verzögerten. Tausende von Aufrührern zogen von Ort zu Ort, gewannen das Volk durch Schrecken, durch Vorspiegelung einer Konstitution und die Vertreibung aller Fremden, deuteten auf die Unterstützung einer hohen Macht hin und führten eine Fahne mit dem Phönix und der Inschrift: »Im Namen Griechenlands!« In dieser schlimmen Zeit nun wurden die verabschiedeten Palikaren aufgeboten, sich unter ihren Chefs wieder zu sammeln. Und sie kamen bei dem ersten Aufrufe auch wirklich alle herbei. In Nauplia fanden sie ihre alten Anführer versammelt, sie erhielten Waffen und Geld und zogen mit den Bayern gegen die Aufrührer. Niemand sprach es offen aus, aber auf allen Gesichtern stand die Frage zu lesen: Werden sie dieses Vertrauen rechtfertigen oder zu den Rebellen übergehen? Man war in peinlichster Erwartung. Da stieg auch der alte Mainotenhäuptling Katzako Mavromichali mit 3–400 Mainoten von seinen Bergen herab und stellte sich den Rebellen gegenüber. Die 173 Palikaren, unter einem ihrer ehemaligen ersten Häupter, dem vielbekannten Grivas, hielten sich vortrefflich, und unter Leitung des griechischen Generals von Schmalz wurden unter tapferer Mitwirkung der bayrischen Truppen, besonders der soeben aus Bayern gekommenen Freiwilligen, Wunder der Tapferkeit verrichtet, die Aufständischen geschlagen und gefangen. In Messenien schlug Hadschi Christos mit seinen Palikaren die Empörer aufs Haupt. Allerdings hatten auch die Sieger große Verluste an Toten und Verwundeten. Wendel war glücklich und gesund aus dem Kampfe gekommen. Dagegen blieb Leutnant von Fels auf dem Felde der Ehre. Einer der tapfersten Offiziere, Leutnant Joh. Bapt. Steinle, wurde, als er mit seiner Abteilung gegen eine furchtbare Ueberzahl siegreich kämpfte, durch einen Flintenschuß am rechten Knie verwundet. Er starb als ältester General-Leutnant der bayerischen Armee in einem Alter von 91 Jahren am 7. Mai d. J. (1888). D. V.  – – Nun war endlich Friede im Lande und die Zukunft schien gesichert. Ein Teil des bayerischen Hilfskorps, wobei auch die Artillerie, marschierte nach Missolonghi, um sich dort nach der Heimat einzuschiffen. Der Feldkaplan Erhard mit seinem Diener schloß sich der Batterie an, ebenso der Schullehrer, welcher das Klima durchaus nicht vertragen konnte und es daher vorzog, seine Sekretärstelle niederzulegen und wieder den Schullehrer in der Jachenau zu machen. Die für die Ueberfahrt bestimmten Schiffe wurden bereits verproviantiert, da kam die Nachricht, daß aus Thessalien über das Othryxgebirge unter dem Räuberhauptmann Naxos eine große Rebellenbande im Anzuge gegen 174 Missolonghi sei. Erst kurz vorher wurden unter Kommando des Majors Heerwagen durch die Truppen in Missolonghi, wobei sich namentlich die Berg-Batterie des Artillerie-Hauptmanns Dietl Ignaz von Dietl lebte später als General-Leutnant z. D. in München. auszeichnete, die Befestigungen der Rebellen in den Bergen zerstört und diese in die Gebirge von Valtos zurückgeworfen. Zur Niederwerfung der neuen Einfälle wurde eine Kompagnie von Missolonghi abgeordnet nebst einem Teile der Artillerie, welche zu dieser Expedition mit Infanteriegewehren ausgerüstet wurde. Oberfeuerwerker Waller führte den Zug der Artillerie. Hannes bat, bei demselben ebenfalls in Reih und Glied treten zu dürfen, um, wie er sich ausdrückte, wieder einmal Schießpulver riechen zu können, nachdem er anderthalb Jahre lang nur mit Krankenpulvern und Totenweihrauch zu thun hatte. Seine Bitte ward ihm gewährt und freudig zog er mit Wendels Zug von dannen. Der griechische Räuber lebt wie die Gemse in den Felsen. Dabei stehen ihm tausend Mittel zu Gebote, alle Maßregeln der Feinde zu vereiteln. Er kennt alle Klüfte, geheimen Wege und Gelegenheiten in seinem wilden Gebirge und ist von den armen Bewohnern sehr gefürchtet. Nur Eingeborene können mit Erfolg gegen denselben zu Felde ziehen, denn nur sie kennen alle Schlupfwinkel und wissen Bescheid zu geben über das Treiben der Klephten und kennen die meisten persönlich. Aber sie fürchten die Rache dieser Buschklepper; nicht selten dienen sie ihnen sogar als Spione, denn sie verraten nicht gern einen Landsmann und wäre es auch der ärgste Räuber. Es kam alsbald zu Plänkeleien mit den Räubern, die 175 indessen nirgends standhielten und sich gegen das Othryxgebirge zurückzogen, welches in seiner zerklüfteten Rauheit Schutz gewährte, und das Nachdringen verhinderte. Es gelang aber den Räubern, einige Artilleristen, welche sich zu weit vorgewagt, gefangen zu nehmen. Sie verfuhren schrecklich mit ihnen, schnitten ihnen Nase und Ohren ab, wie derartige Verstümmelungen von seiten der grausamen Rebellen sowohl in Rumelien als in der Maina überhaupt nichts Seltenes waren. Die Erbitterung der Soldaten gegen dieses Gesindel hatte den höchsten Grad erreicht, und alle Bodenhindernisse verachtend, verfolgte man die Spuren der Banditen. Da kamen die Truppen an ein halbverfallenes Dorf, vor welchem Zigeuner lagerten. Es war Duli mit den Seinigen. Er war auf der Rückreise von Asien und auf dem Wege nach Deutschland. Er kannte den Versteck des Banditenhäuptlings, der sich mit den Seinigen in einer Ruine verborgen hielt, um zu geeigneter Zeit aus dem Hinterhalt hervorzubrechen und den Soldaten in den Rücken zu fallen. Dies ward dem Räuber jetzt vereitelt, denn Duli hatte keinen Grund, den Soldaten dessen Aufenthaltsort zu verheimlichen. So wurden die Klephten direkt angegriffen, die etwa dreißig Mann starke Bande zog es aber vor, in die Berge zu flüchten. Dabei kamen sie in die Nähe eines Abgrundes. Wendel, der dies wohl bemerkt, ereilte sie jetzt mit seinen Leuten. Den Räubern war der Weg zur Flucht abgeschnitten, es gab ein lebhaftes Hin- und Herfeuern und die Banditen versuchten, sich durchzuschlagen. Es kam zum Handgemenge. 176 Der Banditenführer Naxos, ein riesenhafter Mann, warf sich auf Wendel, aber dieser, ebenfalls ein kräftiger Sohn der Berge, fühlte sich ihm gewachsen. Es entspann sich ein furchtbarer Ringkampf auf Leben und Tod. Naxos suchte seinem Gegner den Dolch in die Brust zu stoßen, aber Wendel vereitelte dies, und nachdem der Sieg eine Weile geschwankt, neigte er sich dem Jachenauer zu. Es gelang ihm, den wildschnaubenden Banditen zu Boden zu werfen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen. Mehrere Soldaten, unter ihnen Hannes, eilten nun herbei, banden dem Gefürchteten die Hände auf den Rücken und führten ihn mit den anderen Gefangenen zurück. Da es schon zu dunkeln begann, hatten es einige Gefangene vermocht, sich wieder frei zu machen. Der Oberfeuerwerker eilte ihnen mit wenigen Soldaten nach. Dabei 177 kam er abermals an Dulis Zigeunerlager vorüber. Duli mahnte ihn, sich nicht mehr weiter vorzuwagen. Aber Wendel horchte nicht auf diese Warnung. Er drang in das felsige Gelände vor. Da hörte man lebhaftes Feuern, dann trat Totenstille ein. Die Verfolger kamen nicht zurück. Die Räuber hatten sie wahrscheinlich in einen ihrer Schlupfwinkel verlockt und sich ihrer mit wohlgezielten Schüssen entledigt. Sollten die vielen Gefangenen, deren Befreiung von dem Rest der Bande sicher versucht würde, noch vor Nacht in Sicherheit gebracht werden, so durfte sich der Kommandant der Expedition nicht lange mit Nachforschungen um die Zurückbleibenden aufhalten. Man gab sie verloren. Die Expedition hatte einen nicht unbedeutenden Verlust an Toten und Verwundeten. Auch Hannes erhielt einen Säbelhieb ins Gesicht, der aber nicht gefährlich war. Der Hauptanführer der Bande wurde gefangen nach Missolonghi geführt, wo er mit sämtlichen Räubern sofort standrechtlich erschossen wurde. Die Batterie aber betrauerte den Verlust der wackeren Kameraden, besonders aber ihres tapferen Oberfeuerwerkers. Ein nochmaliger Streifzug in jener Gegend blieb ohne Erfolg. Von Wendel und den andern Gefallenen fand man keine Spur. Pfarrer Erhard hielt mit feuchten Augen eine Totenfeier für den braven Landsmann und der Kommandant ließ ihm und den übrigen Gefallenen zu Ehren drei Ehrensalven abgeben. Einige Tage später fand die Abfahrt nach der Heimat 178 statt. Dieselbe erfolgte bei äußerst günstigem Winde unter einem kräftigen Vivat auf König Otto, den liebreichen jungen Fürsten, der sich in der Gunst des eigentlichen griechischen Volkes immer mehr befestigte, das nur den einen Wunsch hatte, daß die Zeit der Regentschaft bald vorüber sein möge, auf daß der junge Fürst selbst die Zügel der Regierung ergreifen könne. Aber der Schullehrer von der Jachenau, der einst so schwärmerische Sänger der Größe Griechenlands, hatte seinen Glauben verloren. Die einzige Größe, welche diesem Lande verblieben, meinte er, ist diejenige, welche sich an den Zauber seines Namens knüpft. Wer diese finden will, erhebe sich über das schmutzige Alltagsleben und träume sich aus der traurigen Wirklichkeit in die große Vergangenheit hinein; er wird dann die Größe und Herrlichkeit erkennen, wie man das Bild des Magiers im Zauberspiegel sieht: ein Hauch und es erlischt, ein Blick herab von seiner Höhe – und der schöne Traum ist entschwunden. 179 XV. Ein harter Winter war hinübergegangen; die milden Strahlen der Frühlingssonne lagen über Berg und Wald. An den zur Jachna fließenden Quellen sproßte frisches grünes Gras und allerwegen verkündeten buntfarbige Blümchen die Ankunft des Lenzes. Neue Hoffnung, neuer Mut sprießt da empor im Menschenherzen, und wäre es noch so unempfänglich für wärmere Gefühle, der Anblick dieser ersten Frühlingsblüten berührt es wie ein Liebesgruß, oft nur der einzige, den ihm das Leben bietet. Doch wer ein kindlich Gemüt besitzt und wer da liebt und hofft, der freut sich ihrer holden Wiederkehr, er versteht ihre Sprache und den süßen Trost: Auf Wintersnacht Folgt Frühlingspracht. So hoffte auch Friedl, als er sich den ersten Buschen auf den Hut steckte, um ihn der Amrei zu bringen. Er hatte ja sein Glück abhängig gemacht von Wendels Rückkehr, diese mußte nunmehr bald erfolgen, da die Heimkehr sämtlicher bayerischer Hilfstruppen bereits anbefohlen war und die Freiwilligen zu ihrer Ablösung schon abgezogen waren. Es war sogar schon der Tag berechnet, an welchem die Artillerie in München eintreffen könnte, mit welcher auch der Pfarrer und Hannes zurückkehren wollten. Daß sich des Feldkaplans Krankheit gehoben hatte und er wieder verhältnismäßig gesund war, sodaß er die 180 Obliegenheiten seines schweren Amtes wieder voll verrichten konnte, daß auch Wendel wohlauf sei, das war in der Jachenau durch die eingetroffenen Briefe wohl bekannt. Alles freute sich schon auf die Wiederkehr der Landsleute. Die bereits Ende Januar zurückgekehrte Augsburger Kavallerie-Division ward sowohl in der Residenzstadt wie in Augsburg mit ungeheurem Jubel empfangen. Die guten Nachrichten, welche sie über Griechenland brachte, beruhigten wieder alle Gemüter, und am Ostertag (30. März 1834) sollte bereits ein Infanterie-Bataillon (vom 6. Regiment) aus Griechenland in München eintreffen. So war nun alles froher Hoffnung und in der freudigsten Erwartung feierte man allenthalben das schöne Osterfest. Auf dem Singerbauernhof in der Jachenau war dieses Fest noch deshalb von besonderer Bedeutung, weil dieser Hof heuer das Bockopfer zu bringen hatte, welches seit undenklichen Zeiten in der Jachenau mit dem Osterfeste verbunden ist. Es wird nämlich in jedem Jahre der Reihe nach von einem der sechsunddreißig Hofbesitzer ein Widder zum besten gegeben, in Vierteln gebraten, dann wieder in einem Korbe zusammengerichtet, am Kopf mit einem Kranz von Buchs und Bändern geziert und, ganz wie die Opfertiere des germanischen Heidentums, an den Hörnern vergoldet. Der Erbe des Hauses oder der erste Dienstbote trägt dann den Widder zur Weihe in die Kirche und von da ins Wirtshaus, wo ihn der Wirt zerhackt und der Hirt eines jeden Hofes den ihn treffenden Teil in Empfang nimmt. Der Rest verbleibt den armen Söldnern. Heidnischer Opferdienst ist hier in der Form des jüdisch-christlichen Passah nur unvollkommen verkleidet. 181 Die beiden Schwestern auf dem Singerhofe richteten denn auch dieses Opfer aufs beste zurecht und Mirdei trug es zur Weihe. Sie sorgte dann dafür, daß der Hüter vom Luitpolderhof, Hannes Vater, ein altes, verwittertes Männlein, zum Unterschied vom jungen der »alte Hannes« genannt, das beste Stück davon bekam, und tröstete den armen Alten, daß er nun seinen Sohn bald wiedersehen werde. »Dös wenn i no' dalebet!« sagte der Alte unter Thränen, »mei' ja, – dös wenn i no' dalebet! I hon's ja gsagt, gsagt hon i's, daß 's nix is; nix is's, hon i gsagt, daß d' reich wirst draußen in der Fremd – in der Fremd draus. Is's dir b'stimmt, daß d' nit dei' Lebta an' arma Schlucker bleibst, wie r i – so an' arma Schlucker, so kannst in der Jachenau herin aa vermögli wern, kannst aa vermögli wern, hon i gsagt – und Mirdei, paß auf, paß auf, Mirdei, mei' Hannes, der setzt's durch, der hat an' Geist, mei' Hannes!« »Dös hat's ja gar nit nöti, daß er vermögli wird,« entgegnete Mirdei; »wenn ma 's nur so weit bringa, daß uns d' Gmoa' 'n Konsens zur Heirat giebt. Wir macheten ihr gwiß koa' Unehr'!« »Da will i helfen dazua,« sagte der Alte, »helfen will i. Woaßt, wie? I laß mi pensioniern als Hüata am Luitpolderhof, i bin eh nimmer viel nutz, i laß mi pensioniern und der Hannes kriegt mei' Stell, mei' Stell kriegt er und d' Gmoa' kann nacha nimmer na' sagn – na', na', sie sagt nimmer na'.« »Aber Hannes,« sagte Mirdei lachend, »wie wirst denn du a Pension kriegn kinna! Dös giebt's ja nit bei die Hüata.« 182 »Giebt's, giebt's! Auf Michaeli im heurigen Jahr halt i mei' Jubelfeier als fufzgjähriger Hüata am Luitpolder. Anno 74 hon i dös Gschäft übernomma, da hat der Bauer gsagt, Hannes hat er gsagt, du kriegst alle Jahr, alle Jahr kriegst zehn Gulden und dei' Pfoad. Mit der Zeit kannst di bessern – bessern, hat der Luitpolder gsagt, und wennst fufzg Jahr am Hof gwen bist, fufzg Jahr, so kriegst dös doppelt, dös doppelt, hat der Luitpolder gsagt. I bin guat gstellt, ja, ja, i hon scho' a schöns Geldei eingnomma von dem Hof da, macht scho' fünfhundert Gulden in die fufzg Jahr. Und itz krieg i's doppelt, i krieg's, Mirdei, auf Michaeli krieg i's, denn was der alt' Luitpolder seli versprochen hat, dös halt sei' Suhn – der halt's, Mirdei. I aber hon mein' Plan, i hon mein' Plan. Der Luitpolder muß 'n Hannes als Hüata annehma und i bin z'frieden mit die zehn Gulden, die i mehra kriegn soll, mit die bin i z'frieden, dös soll mei' Pension sei', da leb i ja nacha grad wie r a Graf. Und enk zwoa is g'holfen. Is ja mei' Pflicht, daß i sorg für mein' Hannes, daß i für eam sorg, daß 's eam aa r amal guat geht.« Mirdei dankte dem Alten gerührt für all seine Liebe und Sorgfalt und tröstete ihn mit der festen Zuversicht, daß Hannes schon der Mann dazu sei, sein Ziel zu erreichen, wenn er nur erst wieder glücklich da wäre. Inzwischen hatte Friedl sein Bräutchen nach Hause begleitet. Die Frühlingsblumen, die vorher seinen Hut geschmückt, prangten jetzt an Amreis Brust. Der Singerbauer und Resei schritten eine gute Strecke voraus, um den Liebenden Gelegenheit zu geben, sich gegenseitig auszusprechen. Amrei war heute mit besonderer Sorgfalt gekleidet 183 und ihr Gesicht hübsch, wie immer. Aber sie sah heute nicht so froh aus, wie sonst. Sie war nach der Kirche von Freundinnen darüber geneckt worden, daß ihr Brautstand so über alle Maßen lang währe, jetzt schon über anderthalb Jahre. Deshalb fragten sie die Mädchen neckisch, wie lange ihre Prüfungszeit noch dauere und ob Friedl sie bald würdig genug finde, sie als Regentin heimzuführen. Man nannte sie scherzweise die ewige Hochzeiterin und prophezeite ihr, daß Friedl es ihr machen werde, wie Resei es ihm gemacht, d. h. er werde sie sitzen lassen. Ihr Stolz, ihre Eitelkeit waren hierdurch aufs empfindlichste verletzt und sie hatte den Entschluß gefaßt, gleich nach Ostern von der Heimat fort und wieder zu ihrer Base nach Olchstadt zu gehen. Sie teilte dieses jetzt auch ihrem Bräutigam mit und dieser kam hierdurch neuerdings in eine peinliche Lage. Wieder berief er sich auf sein Gelöbnis, nicht eher zu heiraten, bis Wendel und Resei wieder vereinigt wären. Aber Amrei wollte heute nicht mehr an den Ernst dieses Gelöbnisses glauben. »Und gsetzt den Fall,« sagte sie, »der Wendel wird krank und stirbt, wie so viele andere von unsere Soldaten, gsetzt den Fall, es trifft'n a Kugel im G'fecht, denn i hon'n Forstwart schon reden hörn, daß wir noch viel Schlimm's erfahrn wern, eh unsere Leut alle zruck san, gsetzt 'n Fall, der Wendel kimmt nimmer, was dann?« »Dann – dann –« erwiderte Friedl erbleichend – »aber na', da dran kann i nit denken!« »Aber i denk dran,« entgegnete Amrei erregt. »Dann bin i zum Gspött in der ganzen Jachenau. Anderthalb 184 Jahr san wir jetzt in Verspruch und kei' Mensch kann si's denken, warum die Sach nit vorwärts geht. Und i muß dir schon sagen, Friedl, zu an' Liebesverhältnis alloa', dazu bin i z'stolz, dös leid't mei' Ehr, mei' Charakter nit.« Friedl mußte dem Mädchen recht geben, aber er wußte nicht, wie er die Sache ändern sollte. »Mei' Muatta hat recht,« sagte er, »wer a dummes Glöbnis macht, der hat schwer an die Folgen z'tragen.« »Aber warum hast aa so a merkwürdigs Glöbnis gmacht,« sagte das Mädchen ärgerlich. »I kann mir's gar nit vorstelln, wiest dazu kömma bist? Was hat di denn's Resei noch anganga? Und was geht di der Wendel an? Wenn 'n a Unglück trifft, is er nit ganz alloa' dran schuld?« »Na', Amrei, trifft'n a Unglück, so bin i dran schuld, i hon's meinoad verschuld't,« platzte Friedl in seiner Angst heraus. »Du? Wie so?« ».I kann dir's nit sagen.« »Du mußt mir's sagn, und glei mußt mir's sagn! I wüßt ja sonst gar nit, was i von dir denken müßt? Also, wie is die Sach?« »I will dir's eing'stehn,« sagte Friedl kleinlaut. »Aber i weiß, du wirst mi dann verachten und –« »Red!« unterbrach ihn Amrei. »I fürcht mi völli vor dir.« Und Friedl berichtete jetzt dem Mädchen, was er mit dem Zigeuner Duli verbrochen, die vermeintlichen Folgen dieser That, seine Reue darüber, sein Gelöbnis in der Kirche von Walchensee und wie er gleich darauf Amrei in der Dorfkirche getroffen. Amrei hatte ihm schweigend zugehört. War sie auch 185 anfangs empört über die sündhafte Handlung, so erfaßte sie doch bald inniges Mitleid mit dem reuigen Burschen. Nun hatte sie doch endlich den Schlüssel zu Friedls rätselhaftem Gelöbnis. Sie gingen, nachdem Friedl geendet, lange schweigend nebeneinander. Schon nahe am Singerhofe aber sagte Amrei, indem sie dem Burschen die Hand reichte: »Friedl, du sollst dei' Glöbnis halten. I halt aa dös meinige, daß i koan andern Buam ang'hörn will, als dir. Bis aber dös sein kann, laß mi furt zu meiner Basen. Wenn's Zeit is zum Kömma, thu mir Botschaft. Und kimmt die Zeit nimmer, so laß uns fern von anand dengerscht treu sein bis zum Sterben.« Friedl konnte nichts erwidern. Die Thränen standen ihm in den Augen, aber er blickte auf die Frühlingsblumen an Amreis Brust und sagte: »Die Bleameln san wiederkömma, und hörst, wie d' Walddrossel singt dort im Tannazweig? Und d' Buachenblattln setzen an, und alles, alles kimmt wieder. Warum soll grad mei' Glück nit wieder kömma?« »Alles kimmt wieder, Friedl, bis auf die Toten.« In diesem Augenblicke kam Resei, ein Papier in der Hand haltend, zur Thüre des Hauses heraus, das sie mit ihrem Vater schon vorher betreten hatte, und rief der Schwester zu: »Amrei, a Briefl vom Wendel! G'sund und frisch is er und in etli Wochen kimmt er selm!« Neue Hoffnung erwachte in den Herzen des liebenden Paares. Amrei aber blieb ihrem Vorhaben treu und ging in den nächsten Tagen nach Olchstadt. – – Nach nicht zu langer Zeit lauteten die Nachrichten in 186 den Blättern über Griechenland nicht mehr so froh. Gaben sie auch nur allmählich und mit größter Zurückhaltung Kenntnis von der veränderten Sachlage, so konnte mit der Zeit die Thatsache nicht mehr verschwiegen werden, daß ganz Griechenland neuerdings in Aufruhr sei und die bayerischen Truppen nach allen Seiten hin in Kämpfe verwickelt wären. Infolge dessen verzögerte sich auch die Heimkehr eines Teiles des Hilfskorps. Es war jener Teil, bei welchem Wendel stand. Endlich, endlich kamen wieder bessere Nachrichten, daß der Aufstand in der Maina und in Messenien niedergedrückt und die Ruhe in Hellas wieder hergestellt sei. Es kam dann auch wieder ein Brief von Wendel, der besagte, daß er bereits mit seiner Abteilung in Missolonghi sei, um dort nach Triest eingeschifft zu werden, und daß er sich freue, gesund wieder in der Heimat anzukommen. Diese Nachrichten brachten Jubel auf den Singerhof wie auf den Wallerhof, denn begreiflicherweise gaben Wendels Angehörige sofort Nachricht an die befreundete Familie. Bald darauf enthielten die Blätter bereits die Marschordre der heimkehrenden Artillerie mit etwa vierhundert Mann Infanterie von Triest aus über Laibach, Leoben, Braunau, Altötting nach München, wo die Ankunft am Montag den 6. Oktober, gerade einen Tag nach dem Oktoberfestsonntag stattfinden sollte. Dies war ein doppelter Grund für viele Jachenauer, nach München zu gehen. Viele beschickten die landwirtschaftliche Ausstellung mit seltenen Mustern ihrer Vieh- und Pferdezucht. Auch der Singerbauer ließ durch Mirdei ein Paar prächtige Kalben dorthin führen, während er mit seinen 187 beiden Töchtern – Amrei war aus diesem Anlaß eigens von Olchstadt her dazu eingeladen – auf seinem Gefährte dorthin fuhr. Den beiden Mädchen war es natürlich weniger um das Nationalfest als um Wendels Begrüßung zu thun. Wendels Vater und Bruder schlossen sich mit ihrem Gefährte dem Singerbauern an, die alte Mutter richtete indessen zu Hause voller Freude alles zum Empfange des Sohnes her. Die Bewohner von Jachenau aber banden Kränze aus Eichenlaub und errichteten die prächtigsten Triumphbogen, wodurch in erster Linie der Pfarrer Erhard, der, wie ein Brief von einer Marschstation aus sagte, mit der Artillerie in München einrücken würde, bei seiner sofortigen Rückkehr in seine Pfarrei geehrt werden sollte. Der erste große Triumphbogen wurde auf der Straße nach Tölz am Eingange in die Jachenau, am Langeneck in der Nähe des Zigeunerbrunnens gesetzt. In größeren Zwischenräumen folgten dann weitere Ehrenpforten mit sinnigen Sprüchen. Im Dörfchen Jachenau selbst aber prangten Kirche und Pfarrhof im grünen Schmucke. Auch an der Stelle, wo der Weg zum Wallerhof abzweigt, ward dem Wendel zu Ehren ein Triumphbogen errichtet. Man hoffte ganz sicher, daß er mit seinen Angehörigen sofort, wenn auch nicht gleich für immer, so doch auf ein paar Tage zur Begrüßung in die Heimat kommen werde. In festlicher Stimmung waren die zu Hause gebliebenen, noch mehr aber die zur Residenzstadt fahrenden Oberländer. Das Glück leuchtete aus aller Augen. In München ward das Nationalfest in herkömmlicher 188 Weise und bei günstigster Witterung aufs herrlichste gefeiert. Viele Jachenauer, darunter auch der Singerbauer, erhielten Preise aus den Händen des Königs, der in leutseligster Weise letzterem mit einem freundlichen Blick auf die schönen Jachenauerinnen sagte: »Meine Jachenauer zeichnen sich in allem aus.« »Zu Befehl, Herr Küni!« entgegnete der Singerbauer, glückselig lächelnd, mit einem unbeholfenen Knix und eilte seinen Töchtern nach, welche die prächtig bekränzten Kalben vor dem Königszelte vorübergeführt. Am darauffolgenden Tage strömte alles Volk über die Isarbrücke hinaus, den auf der Braunauerstraße heranziehenden Truppen entgegen. Drei Regimentsmusiken und die gesamte Generalität mit dem Offizierskorps, dann der Magistrat begaben sich bis zum Burgfrieden der Stadt, um die Heimkehrenden zu empfangen und in die Stadt und nach dem Residenzplatze zu geleiten, wo sie der König mit den Prinzen besichtigen wollte. Es war ein herzerhebender Anblick, einerseits die Heimgekehrten zu sehen, aus deren von der Sonne gebrannten Gesichtern die Freude des Wiedersehens hervorglänzte, gemischt mit dem stolzen Gefühle, in weit entfernte Gegenden, über Meere hin den Ruhm des bayerischen Namens getragen und dem Sprößling des Königshauses zum Schutz und Hort gedient zu haben, anderseits die unübersehbare, durcheinander wogende Menschenmenge zu überschauen, aus welcher sich einzelne unaufhaltbar in die Reihen der Soldaten drängten, um ihre Söhne, Brüder oder Verwandte zu begrüßen. Es war einer jener seltenen Momente, wo sich die Menschenherzen, wie verschieden sie 189 auch sonst fühlen, in einem erhebenden Gefühle zusammenstimmen. Auch der Singerbauer mit seinen Töchtern und Mirdei, sowie Wendels Bruder waren hinausgeeilt, die Langersehnten zu bewillkommnen – aber sie suchten ihn vergebens. Da stand plötzlich Pfarrer Erhard vor ihnen und Hannes begrüßte bereits das vor Freude weinende Mirdei. Die Landsleute reichten dem während seiner Abwesenheit weiß gewordenen Herrn erfreut die Hände zum Gruße. Dieser drückte ihnen dieselben gerührt. Dann aber fielen ihm doch die freudestrahlenden Züge auf und blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, daß sie von Wendels Schicksal noch gar nicht unterrichtet sein könnten. Und Resei bestätigte die Meinung auch durch die Frage: »Wie geht's denn 'n Wendel? Wo is er denn?« »Der Wendel?« antwortete der Pfarrer verlegen. »Ja, wißt ihr denn nicht?« »Was soll'n ma wissen?« fragte Amrei und ihr Atem stockte. Die Antwort hierauf gab Wendels Bruder. Er hatte einen Artilleristen direkt um den Oberfeuerwerker gefragt und von diesem die Antwort erhalten: »Unser braver Oberfeuerwerker kann leider Gottes nimmer einmarschieren, er is g'fall'n bei Missolonghi.« Wie betäubt eilte Lindl nun herbei und rief dem Mädchen zu: »Der Wendel kimmt nimmer, – er is gstorbn!« Ein doppelter Schreckensschrei folgte dieser Rede. »Hochwürden,« fragte Resei mit bebender Stimme und totenbleichem Antlitz, »gelts, es is nit wahr?« 190 Der Pfarrer war in der peinlichsten Lage. Nach einer kurzen Pause aber sagte er: »Trage dein Geschick mit Christenmut. Es ist so, wie Lindl sagt. Er starb den Heldentod in edler Pflichterfüllung als tapferer Soldat.« Der laute Jammerausbruch der beiden Mädchen wurde jetzt übertönt durch die heitern Klänge der Musik, unter welchen die Truppen zur Stadt marschierten, wurde übertönt durch die Freudenrufe der Menge, welche sich in stürmischen Hochs und Vivats Luft machte und auf die durch die Strapazen des Marsches ohnedies erregten Soldaten derartig wirkten, daß den meisten die hellen Thränen über die gebräunten Wangen rollten. Die Jachenauer aber folgten mit wundem, zerrissenem Herzen langsam den einziehenden Truppen nach. Sie wußten nichts von dem Freudentaumel, der ringsum das Volk erfaßt hatte. Den jubelvollen Empfang, welcher den Heimgekehrten in der Stadt zu teil wurde, die Begrüßung des Königs am Residenzplatze, das hörten und sahen sie nicht mehr. Im Gasthause aber, wo sie eingestellt hatten, saßen sie um den alten Wallerbauer, Wendels Vater, und gaben sich ihrem Schmerze hin. Der alte Waller widerstand dem Anpralle dieser Unglücksbotschaft am meisten. Er tröstete sich und die anderen mit den Worten: »Er is gfalln als braver Oberländer für sein Herrn und Küni! Tröst ma uns, er is im Himmi!« 191 XVI. Friedl harrte mit Sehnsucht der von München Zurückkehrenden. Sein Herz war froh bewegt. Nun war ja alle Qual zu Ende. Die Schuld, die ihn so lange bedrückt, war gesühnt, der Weg zu Amrei war frei. Sein Gebet für Wendels Wohl hatte also doch gefruchtet; die Himmlischen hatten sich seiner erbarmt und den bösen Zauber zu nichte gemacht, den er in einer gottvergessenen Stunde sündhafterweise heraufbeschworen. Am Dienstag gegen Abend erwartete er die Ankunft des Singerbauern und seiner Töchter. An diesem Tage fand auch der Einzug des Pfarrers statt. Es ließ ihm keine Ruhe mehr, schon in aller Frühe begab er sich hinaus zum Jochwirt. Er beschäftigte sich mit dem süßen Gedanken seiner Hochzeit und wollte sich einstweilen mit dem Wirte darüber besprechen. Letzterer hatte durch einen von München heimgekehrten Jachenauer schon die traurige Nachricht von Wendels Tod erhalten, und als nun Friedl von seiner baldigen Hochzeit zu sprechen begann, fragte er ihn: »Moanst, die Trauer für'n Wendel macht dir koan Strich durch d' Rechnung?« »Was denn für a Trauer?« fragte Friedl erblassend. »Ja, no', du kannst es noch nit wissen, aber i hon's für gwiß g'hört vom Sachenbacher oben, dem's unser Herr Pfarrer gestern in Münka erzählt hat.« 192 »Was hat er ihm erzählt?« drängte Friedl den Wirt. »No' ja, vom Waller Wendel. Die ganz' Zeit über is er frisch beinand g'wesen, da hat's noch etli Tag vor der Einschiffung a G'fecht gebn mit die Räuberbanden; der Wendel hat 'n Räuberhauptmann gfangen gnomma, nachdem er 'n z'erst keit (haut) hat auf oberlandlerisch. Ja, der Wendel, dös war a Mann!« »Und was weiter?« fragte Friedl, der sich kaum zu atmen getraute. »Weiter?« fuhr der Wirt fort. »Da san etli G'fangene durchbrennt, der Wendel mit a paar Soldaten hat's verfolgt, er hat si' z'weit einigwagt ins felsige Gebirg, du hat ma etli Mal feuern hörn, und aus war's – der Wendel is nimmer zruckkömma.« »Tot?« rief Friedl, starr vor Entsetzen. »In der Listen steht »vermißt,« sagte der Pfarrer. Aber natürli is er gfalln, kurz vor der Hoamreis'. Und er hat si' so viel gfreut auf sei' Jachenau. Aber was is dir denn, Friedl? Du bist ja kaasweiß! Dir is unguat? Wart, i reib di mit an' Branntwein ein und bring dir Tropfen. Schau nur, daß d' nit vom Stuhl fallst. Jeß! kimmt ma' heunt aus'n Schrecken nimmer außi!« Der Jochwirt lief fort, um die bezeichneten Sachen zu holen. Schleunigst kehrte er zurück. Er rieb dem Fischer die Stirn mit Branntwein ein und gab ihm auf Zucker einige Tropfen Karmelitergeist. »So – so, jetzt lebst schon wieder auf!« sagte er, nachdem er so eine Zeit lang an dem Burschen herumkuriert. »Wollt i ja doch lieber, i därft sterbn,« sagte Friedl mit verstörtem Blick. »I – i bin an dem Unglück schuld!« »Du? Ge, laß di auslachen! Die Räuber in dem 193 Land, aus dem der Schullehrer a Paradies gmacht hat, die san dran schuld.« »Ja, ja,« antwortete Friedl, sich verbessernd. »Mir is, als hätt' i an' Rausch. Es is mir aber schon wieder besser – es wird mir so warm herin in der Stuben.« »So geh außi zu die Dirndln, die binden Kraanz in der Tenna (Scheune) drauß für 'n Herrn Pfarrer sein Einzug. Da geht's lusti her. I hon eahna no' nix g'sagt von dem Unglück, dös 'n Waller troffen hat, sonst bindetens glei nimmer so frischweg; und es hoaßt zuagreifen, denn i verhoff, daß der Pfarrer bis um Fünfe eintrifft.« »I will lieber hoamzua,« versetzte Friedl. »I muaß der Muatta die Botschaft bringa.« »Thu, was d' für gut haltst,« sagte der Wirt. »Und fahr fein aa 'n Pfarrer entgegen bis zum Zigeunerbrunnen awi, wo der erst' Kranzbogen steht. Alle Bauern von der Jachenau fahrn und reiten ihm entgegen. Und nacha giebt's bei mir a gut's G'schäft. Hon i doch aa ebbs von Griechenland! Jetzt aber muß i außi zu die Dirndln und ihna was zum trinken bringa. B'hüt di, und klaub di wieder zam!« Damit verließ der Wirt die Stube. Auch Friedl machte sich auf den Heimweg. Ihm war zu Mute wie damals, als er mit Duli jene unselige That beging. Aber damals hatte er doch das Recht, zu hoffen, zu zweifeln, jetzt war alles aus. Wie er nach dem Verluste Amreis mit dem schuldbeladenen Gewissen noch weiter leben sollte, das wußte er nicht. – Zu Hause angekommen, setzte er sich an den Tisch und stützte den Kopf in beide Hände. »Was is 's? Bist krank, Friedl?« fragte ihn die Mutter besorgt. 194 »Narrisch bin i!« erwiderte er, indem er plötzlich laut und höhnisch auflachte. »Was is dir denn?« »Der Wendel is gstorben – der Wendel, für den d' mi hast beten hoaßen, für den i bitt hon alle Tag – du hast mir's ja graten, und was hat's gnutzt? Nix hat's gnutzt. Was sollt aa r a Vaterunser helfen!« Und wieder lachte er krankhaft auf. »So tröst Gott sei' arme Seel!« versetzte die Mutter. »Dös is wohl trauri für d' Wallerleut und für sei' Hochzeiterin.« »No'? Und für mi nit? Weißt nit, daß d' Amrei jetzt für mi so viel wie tot is?« »Gieb di, Friedl; drüber wird si' reden lassen.« »Nix laßt si' reden. Mei' G'löbnis därf i nit brechen, oder aber – was brauch denn i 'n Himmi mei' Wort z' halten, der mi so viel straft, so viel elendi macht!« »Und wennst drüber z' Grund gehst, Friedl, so mußt dös halten, was d'n Himmel versprochen hast.« »I geh aa z' Grund drüber. Aber glauben thu i nimmer an a Gnad von durt oben, i glaub grad mehr an den Zauber, der vom Teufl kimmt.« »Hör auf dei' Lästern, du kecker Bua!« rief die Mutter. »Damit söhnst di nit aus mit 'n Himmi.« »I will aa nit ausgsöhnt sein. I glaub nix mehr! 'n Wendel könna die sieben Himmel nimmer lebendi machen.« »Weißt nit, daß unser Herrgott selbst Tote auferweckt hat? Soll er dir z' lieb no'mal a Wunder thun? Denk dran, Friedl, daß d' a Mann bist! Trag dei' G'schick!« »Grad den Duli, den elendigen Lumpen, wenn i da 195 hätt'!« rief jetzt der Bursche, die geballten Fäuste in der Luft schüttelnd; »i wollt ihm d' Seel außabeuteln, dem Hexenkerl!« »Meinst 'n Zigeuner Duli, du Wildfang, du?« fragte die Mutter. »Ja, der is an allem schuld, den sei' Hexenwerk is dran schuld.« »Jetzt glaub i, daß d' überg'schnappt (närrisch) bist,« entgegnete die Frau. »Schaam di, so daher z' reden.« »Den wenn i da hätt'!« rief Friedl wieder. »I wollt 'n martern für all den Jammer, den er mir gmacht hat.« »Der Zigeuner Duli?« fragte die Mutter kopfschüttelnd. »Ja, sag i. Der is dran schuld, daß der Wendel –« Weiter kam er nicht. Ein Ausruf höllischer Freude brach aus seiner Brust hervor, denn die Thür hatte sich geöffnet und der Zigeuner Duli erschien auf der Schwelle. Friedl starrte ihn eine Weile regungslos an. Dann aber stürzte er sich auf ihn gleich einem wütenden Tiere. Aber der Zigeuner hielt ihn mit beiden Händen fest und die Mutter riß von rückwärts an ihm. »'n Wendel verlang i zruck von dir!« schrie Friedl. »'n Wendel mach mir wieder lebendi oder –« »Is er denn gstorben?« fragte Duli. »Der Friedl sagt's,« erwiderte die Mutter; »er is ganz auseinander, er sagt, du bist dran schuld.« »I?« »So! Hon i nit mit dir 'n Hexenstrang dreht?« »Ja, ja,« entgegnete der Zigeuner, verschmitzt lächelnd »Aber hab i dir nit gsagt, daß alles wieder gut werden kann nach zwei Jahren am Grab der Zigeunerkönigin?« 196 »Wie? Es könnt noch gut wern, itz noch? Duli, i glaub's nit. Aber dös wenn no'mal gut wern könnt, i gebet dir zehn Jahr von mein' Leben!« rief Friedl. »Was thät i mit die zehn Jahr von dein' Lebn!« entgegnete Duli lachend. »I verlang nix, will nur, daß d' Zigeuner nit behandelt wern wie Hund, und daß's in der Jachenau gastlich aufg'nommen sind. Heut gegen Abend kommt der Stamm Aschani beim Zigeunerbrunnen an. Siebzehn Jahre sind vorbei und wir feiern den Tod der Zigeunerkönigin acht Tag und acht Nächt', dann ziehen wir wieder fort nach Siebenbürgen. I bin voraus, um zu sorgen für Lebensmittel.« Und in feierlicherem Tone, als bisher, sprach er: »Komm um vier Uhr zum Grab unserer Königin! Dort wirst du Ruhe finden und mit Duli zufrieden sein.« Friedls Blick war auf den Zigeuner gebannt. Dieser sprach mit solcher Ruhe und Sicherheit, daß sich der erregte Bursche ganz sonderbar davon berührt fühlte. Er wußte nicht, was er denken, was er glauben sollte. Die Mutter aber sagte: »Duli, wennst's machen kannst, daß der Friedl wieder ruhiger wird, geb i dir so viel an Geld und Lebsucht, daß d' gwiß z'frieden sein kannst.« »Soll a Wort sein!« rief der Zigeuner. »I komm morgen, alles abzuholn.« »Siehgst, Muatta,« versetzte Friedl, »jetzt hat di der Zigeuner aa schon am Bandl –« »Nur mit dem Unterschied, daß i erst dann an ihn glaub, wenn er halt', was er verspricht,« erwiderte die alte Frau. 197 »I halt mein Versprechen,« beteuerte Duli. »Aber wie willst mir denn du helfen?« rief jetzt Friedl aufs neue erregt. »Der Wendel is tot – es is ja nimmer z' helfen, aus is's, aus is's! Was tot is, bleibt tot.« Auch die Fischerin betrachtete zweifelnd den Alten. »Ja, ja, Duli, i halt di für an' Schwänkmacher, für an' Leutanführer,« sagte sie. »Aber wenn's so is, wie der Friedl sagt, wennst wirkli die Leut 's Glück abbeten kannst und wennst es richten kannst, daß der Wendel jetzt wieder lebendi wird, so glaub i an dei' Hexenwerk und stimm mit'n Friedl ein, daß alles andere nix is. Verstanden wohl? Wenn du dös kannst! Aber du därfst es nit könna, du kannst es nit!« »I kann's!« beteuerte Duli aufs neue. »Kommt nur zum Zigeunerbrunnen, wenn mein Stamm ankommt, und bringt zu essen und zu trinken mit, dann geb ich euch den Wendel lebendig wieder.« »So bist der Teufl!« rief die alte Frau, sich bekreuzend. »Bist, was d' willst, wennst nur wahr red'st!« meinte Friedl. »Aber aus 'n Teufl seine Händ därfst kei' Glück nehma!« warnte die Mutter. »I nimm's!« entgegnete Friedl. »I kenn' mi a so nimmer aus, was i glauben soll.« »Friedl!« mahnte die Mutter. Der Zigeuner aber nahm jetzt eine feierliche Miene an und die Hand erhebend, sagte er: »An Gott sollst glauben, sonst an nix, und an die guten Menschen. Sind auch Zigeuner gute Menschen; ihr sollt's heut sehen. Kommt sicher und vergeßt nit: d' Zigeuner müssen leben.« 198 Damit entfernte er sich, Mutter und Sohn zweifelnd zurücklassend. Sie blickten ihm kopfschüttelnd nach. Seine letzten Worte hatten sie an ihm irre gemacht. Friedls Aufregung hatte sich gelegt. »Wie kann er denn 'n Wendel wieder lebendi machen?« fragte er die Mutter. »Dalk!« sagte diese, »so is er halt gar nit gstorbn und die Botschaft war verlogen. Aber es is recht, fahrn ma awi zum Zigeunerbrunnen. Die Bauern von der Pfarrei fahrn ja eh bis dorthin 'n geistlin Herrn entgegen zum Willkomm. Richts 's Wagl zam. I möcht aa dabei sein, wenn's 'n Herrn empfanga, und möcht sehgn, wie der Duli 'n Wendel lebendi macht.« 199 XVII. Zwischen dem Rauchberg und Langeneck, einem Ausläufer der Benediktenwand, tritt die Jachna heraus in das lichte Thal der blaugrünen Isar, welche sich bis hierher in einem rauhen, felsigen, fast weltverlassenen Thale Bahn gebrochen. Hier, im sogenannten Isarwinkel, erweitert sich das Thal, der ungestüm daher rauschende Bergstrom wirft sich bald rechts, bald links, bildet viele Kieslagen, teilt sich in mehrere Arme und verwüstet bei Hochwasser nicht unbedeutende Strecken Landes. Desto reizvoller ist die Szenerie zu beiden Seiten des Flusses. Ein herrlicher Baumschlag durchzieht die Raine der Hochwiesen und Felder, eine wunderschöne Hochebene erhebt sich zur Linken, über welche sich die weißlichen Felsen der Benediktenwand erheben, während zur Rechten die mit grünen Matten und dunklen Tannen bedeckten Berge, der Geiger- und Fockenstein in die Lüfte ragen, zu dessen Füßen sich das stolze Hohenburg und Lenggries, das schönste bayerische Gebirgsdorf befinden. Nordwärts haftet der Blick auf dem Kalvarienberge von Tölz, gegen Süden aber bilden die Gebirge der obern Isargegend und die riesigen Felsen des wilden Karwendels einen großartigen Hintergrund. Nah und kantig, farbig und heiter erscheint heute alles in der klaren Herbstluft, in tiefem Blau wölbt sich der Himmel über das herrliche Stück Erde und silberne Fäden 200 fliegen durch die Luft und hängen sich fest an den prächtigen Ahorn- und Buchenstämmen, deren gefärbte Blätter sich malerisch abheben von dem dunklen Grün der Fichten und Tannen in den nahen Waldungen. Dazu das rege Leben auf den zahlreichen Flößen, welche die Isar hinabeilen, die damals bedeutendste Handelsstraße für die Erzeugnisse Tirols und die übliche Personenbeförderung. Führten ja sogar die Isarflößer s. Z. den griechischen Kaiser Paläologas die Isar und die Donau hinab zu Kaiser Sigismund in Ungarn. Das Getöse der Schneidsägen, die Gesänge und Jodler der Hirten, das Geläute der Herden, dann wieder ein Schuß mit vielfachem Echo in den dunklen Waldungen, und dort ein Adler, welcher in unermeßlicher Höhe über das weite Thal hinschwebt: nicht leicht dürfte es einen Punkt geben, wo das Leben und Treiben und die Pracht des Gebirges sich anschaulicher und schöner entfaltet, als im sogenannten Isarwinkel. Heute war es aber ganz absonderlich lebendig hier. Auf dem von Jachenau herführenden Sträßchen folgten sich Wagen und Reiter in Menge, deren Zielpunkt das am Fuße des Langenecks liegende Dorf Wegscheid war, wo sie sich mit den von München zurückkehrenden Landsleuten vereinigten, um hier die Ankunft ihres Pfarrers abzuwarten und ihm dann das Ehrengeleite in die Heimat zu geben. Es herrschte deshalb reges Leben beim »Pfaffensteffl«, dem Besitzer des Wegscheider Wirtshauses. Am jenseitigen Ufer hatte man schon vor einigen Stunden mehrere Zigeunerkarren auf dem Sträßchen von Mittenwald nach Lenggries gesehen, welche über die dortige Brücke das diesseitige Ufer zu gewinnen suchten, um dann 201 wieder isaraufwärts nach Wegscheid und dem nahen Zigeunerbrunnen zu gelangen. Daß die Zigeuner in diesem Jahre das Fest zu Ehren ihrer Königin feierten, war wohl bekannt, doch waren darüber weder die Jachenauer, noch die Isarthalbewohner sonderlich erfreut. – Der Singerbauer hatte seine preisgekrönten Kalben in München gut verkauft und war nun mit seinen beiden Töchtern und Mirdei, gefolgt von dem Wallerbauer und Lindl auf dem Heimwege begriffen. Auch sie wurden eingeladen, in Wegscheid anzuhalten und mit den andern gemeinsam heimzufahren. Man bezeugte ihnen allgemein die aufrichtigste Teilnahme. Jetzt kam auch Friedl mit seiner alten Mutter an. Er wagte es nicht, Amrei unter die Augen zu treten. Die Hoffnungen, welche ihm Duli gemacht, erschienen ihm jetzt wieder als ein neues Schelmenstück des Zigeuners, denn er hatte sich am Zigeunerbrunnen vergebens nach demselben umgesehen. Amrei aber schritt auf ihn zu und indem sie ihm die Hand reichte, sagte sie traurig: »Friedl, i kann mir's denken, du marterst di ab mit Vorwürfen und dummen Gedanken. Laß dös gut sein. Du tragst so weni d' Schuld an Wendel sein' Unglück, wie r i. Laß uns tragn, was unser Herrgott über uns verhängt hat. I halt dir mei' Wort, dös i dir am Ostertag gebn hon.« In diesem Augenblicke rief es von allen Seiten: »Die Zigeuner! Die Zigeuner!« riefen die einen. »Der Pfarrer! Der Pfarrer!« die andern. Alles rannte auf die Straße hinaus. Beide Nachrichten bestätigten sich. 202 Vor dem Orte suchte der Wagen des Pfarrers den Zigeunern vorzufahren. Jetzt hielt er an und man sah den Zigeuner Duli mit dem Priester sprechen. Sie hatten sichtlich leise mit einander gesprochen und wie es schien, hatte der auf dem Bocke sitzende Hannes davon nichts vernommen. Es mußte aber eine gute Nachricht sein, die der Zigeuner ihm mitgeteilt, denn der Pfarrer drückte Duli erfreut die Hand und sagte: »So soll's sein – am Zigeunerbrunnen halten wir!« Und nun fuhr er nach Wegscheid und empfing hier den Willkomm seiner Pfarrangehörigen. Die Zigeuner passierten inzwischen das Dorf mit sechs gedeckten Wagen. Wenigstens dreißig Personen, darunter viele Kinder, schritten nebenher und grüßten die sie nicht gerade freundlich anblickenden Landleute. Sie fuhren ohne Aufenthalt zu dem für sie geheiligten Orte, dem sie sich unter Gesang und Musik näherten und woselbst sie um das Grab der Königin unter eigentümlichem Geschrei herumtanzten. Nun aber setzte sich auch die Wagenkolonne und die Kavalkade von Wegscheid her in Bewegung. Ein Zug Reiter voraus, dann der inzwischen mit Blumen und Tannenreisig geschmückte Wagen des Pfarrers, dem die anderen Gefährte folgten. Am Zigeunerbrunnen ließ der Pfarrer halten und stieg aus. Er hieß auch Friedl, die Singerbauern und die Wallerleute dasselbe thun. Niemand wußte, warum hier Aufenthalt gemacht wurde, aber der Pfarrer sagte: »Ehe wir den ersten Triumphbogen durchfahren, müssen alle Jachenauer beisammen sein.« 203 »Wir san ja alle beisammen, Hochwürden!« rief der Gemeindevorsteher. »Neamd fehlt.« »Die Hauptperson fehlt!« sagte der Pfarrer; »der tapferste aller Jachenauer in Griechenland, der Oberfeuerwerker Waller!« »Der is ja tot!« hieß es. »Oder ebba nit?« fragte Friedl, jetzt von neuem hoffend. Da trat Duli herzu. »Hab i dir nit gsagt, daß da am Zigeunerbrunnen alles gut wird? Aber nit durch Zauberei, sondern auf natürliche Weise. Der Wendel is nit tot, er is nur verwundet und dann g'fangen worn. Unsere Leut haben 'n aus der G'fangenschaft befreit und den rumelischen Klephten wieder abg'jagt. Wir haben ihn in Sicherheit bracht, seine Wunden g'heilt und ihn pflegt wie unsern Künig und ist er auch noch nit ganz herg'stellt, so ist er doch außer aller G'fahr und wird wieder g'sund wern und die Zigeuner niemals vergessen.« Der Eindruck dieser Worte auf die zunächst Beteiligten zu schildern, wäre vergebene Mühe. Noch wußten sie nicht, ob Dulis Worte in der That Wahrheit seien, aber Dulis schöne Tochter Barba öffnete nun die Plache des best aussehenden Wagens und ein vielfacher Freudenschrei ertönte: Wendel wurde sichtbar. Er saß mit seinem dunklen Uniformrocke bekleidet, auf reinlichen, weichen Decken und winkte mit der Hand den überraschten Landsleuten zu, indem er sagte: »Grüß euch Gott alle mitanand!« Friedl war von diesem Anblick so überwältigt, daß er auf die Kniee fiel. Resei, Wendels Vater und Bruder 204 aber eilten auf ihn zu, küßten ihn und weinten Thränen voll unaussprechlicher Freude. Auch der Pfarrer und alle übrigen kamen heran und gaben ihrer Freude über dieses so uuerwartete Wiedersehen Ausdruck. Noch konnte der Kranke sein Lager nicht verlassen und es ward sofort bestimmt, den Karren mit den Pferden der Jachenauer nach dem Wallerhofe zu fahren. Zugleich beschloß man, den Zigeunern aus Gemeindemitteln eine Ehrengabe zu übergeben, was bei diesen Jubel hervorrief. Nur Dulis Tochter, die schöne Barba, die treue Pflegerin des Kranken, weinte, weil sie nun ihren Pflegling verlieren sollte, den sie über zwei Monate so hingebend bedient hatte. Während des Umspannens kam auch Friedl herzu und reichte dem Wiedergekehrten mit nassen Augen die Hand. »Gelt,« sagte er, unter Thränen lachend, »der Schutzbrief und die Passauer Zetterln hab'n dir halt was g'nutzt!« »Wo denkst hin,« erwiderte der Oberfeuerwerker, »die hab i dortmals schon in Walchensee aus Vergessen liegen lassen.« »Was?« rief Friedl. »Nacha weiß i endli, wie i dran bin. Du und mei' Muatta habt's recht, es giebt kein Zauber.« »Es giebt ein', und dös is d' Lieb,« versetzte Wendel, »und die kimmt vom Himmi, gelt Resei?« »Muatta, i dakenn's, du hast 'n rechten Glauben,« sagte Friedl zu der alten Fischerin; »von nun an is's aa der meine.« Dann reichte er Amrei die Hand und sie blickten sich an voller Glückseligkeit. – Der alte Waller lud die Zigeuner ein, am nächsten 205 Tage auf seinen Hof zu kommen, damit er sie nach Gebühr belohnen könne. Und nun begann die Weiterfahrt nach der Jachenau. Es war ein Fest- und Freudenzug, der die Heimkehrenden für all die Unbill entschädigte, die sie im fernen Lande zu erdulden hatten. Er ehrte aber nicht weniger die wackeren Landsleute in der Jachenau. Am andern Tage ward ein Dankgottesdienst und drei Tage später ein Traueramt für den gefallenen Leutnant von Fels und alle übrigen auf dem Felde der Ehre oder durch Krankheit Gebliebenen abgehalten. Die Zigeuner hielten sich acht Tage lang am Zigeunerbrunnen auf und niemals in ihrem unsteten Leben war es ihnen so gut ergangen, wie hier. Wendel meldete sofort schriftlich an sein Kommando seine glückliche Wiederkehr, worüber die ganze Batterie große Freude empfand. Er erhielt nach wenigen Tagen ein Schreiben vom Regiment, worin ihm angezeigt wurde, daß ihm die goldene Tapferkeitsmedaille verliehen worden sei und er demnächst auch die griechische Denkmünze erhalten solle, und daß der König für die braven Zigeuner ein Geschenk bestimmt habe, welches ihnen bei ihrer Durchreise in München ausgefolgt werden sollte. Auch ward dem Oberfeuerwerker, im Falle er noch weitere Dienste nehmen wollte und es seinen Wünschen entspräche, nahe gelegt, daß er zum Zeugwart befördert würde. Aber Wendel sehnte sich nach Ruhe in der Heimat und wollte nun gern sein eigener Herr sein. Sobald er aber wieder vollkommen hergestellt, wollte er sich in München persönlich abmelden. Der Abschied von Duli und Barba war sehr herzlich. 206 Noch vor Weihnachten standen zwei glückliche Brautpaare am Altar. Auch Hannes und Mirdei machten Anstalt zu ihrer Hochzeit, denn der dankbare Pfarrer, welcher mit dem griechischen Erlöserorden ausgezeichnet worden, hielt sein Versprechen und kaufte seinem treuen Diener und Krankenpfleger ein kleines Bauerngütchen. So konnte auch Hannes' Vater sein Leben in Ruhe bei den Glücklichen beschließen. Am glücklichsten aber war Lindl, der schon befürchtet hatte, er müsse etwa gar an seines Bruders Stelle Resei heiraten. Dieser Leidenskelch war an ihm glücklich vorübergegangen. So war es noch für alle recht geworden, selbst für den Schullehrer, dem, wie er selbst sagte, die Erinnerung an die zwei Jahre in Hellas nicht um eine Million abzukaufen wäre. – – Wie man über die bayerisch-griechische Expedition auch immer urteilen mag, das bayerische Hilfskorps sowie die fünftausend nachgerückten Freiwilligen haben ihren deutschen, biederherzigen Charakter in all den schlimmen Tagen aufs glänzendste bewährt. Sie dienten mit treuer Ergebenheit und Liebe ihrem Monarchen. Sie wankten nicht, als sie schon im ersten Jahre Hunderte ihrer Kameraden ins Grab sinken sahen; sie wankten nicht, als in den folgenden Jahren eine erschreckliche Epidemie an ihrem innersten Leben zehrte; sie wankten nicht, als die Mehrzahl von ihnen den unsäglichen Strapazen und den mörderischen Kugeln der Aufständischen in Rumelien und in der Maina erlag, sie drangen sicheren Mutes in die noch nie bezwungenen Gebirgsfesten, und was unmöglich geschienen, die Mainoten wurden überwunden und wieder zu ihrer Pflicht 207 zurückgebracht. Die Unruhen in Messenien wurden gedämpft, und mit der bewunderungswürdigsten Geduld und Ausdauer hatten sie stets gegen die unaufhörlich sich wiederholenden Raubeinfälle das Eigentum und die Sicherheit derjenigen zu schützen gesucht, von denen sie als Fremdlinge gehaßt waren, mit der edelsten Selbstaufopferung hatten sie ihr eigenes Mißgeschick vergessen und alle Nebenrücksichten beiseite setzend, vor allem nur die Pflicht gegen ihren König im Auge behalten. Aber alles dieses hatte große Opfer gefordert. Weit über die Hälfte erlag den Krankheiten und den feindlichen Kugeln, eine große Zahl kehrte als Invaliden ins Vaterland zurück. Hellas aber ist wiedererstanden und fühlte sich glücklich im Besitze seines jungen Königs. Am 21. Mai 1835 konnte Otto als großjährig den Thron besteigen. Es geschah unter dem Jubelrufe des Volkes. Nach Athen war der Sitz der Herrschaft verlegt, wo bayerische Architekten eine herrliche Königsburg erbauten. König Ludwig besuchte Ende 1835 seinen königlichen Sohn und half dort mit Rat und That. Prinzessin Amalie von Oldenburg teilte von 1836 an den Thron mit Otto, sie überstrahlte in ihrer Frauenschönheit selbst Griechenlands Töchter. Athen erhob sich aus den Ruinen, seine Einwohnerzahl stieg rasch über 40 000 Bewohner, und Griechenlands Bevölkerung verdoppelte sich seit Ottos Landung innerhalb zehn Jahren. Griechenland besaß vor der Ankunft der Bavaresen soviel wie keine Schule; alsbald bestanden tausend Gemeindeschulen und eine Universität zu Athen. Die bayerischen Offiziere bauten Straßen in der Länge 208 von 50 deutschen Meilen nach allen Richtungen, machten Flußkorrektionen und Vermessungen, und die Wüste, welche Ibrahim Pascha zurückgelassen, verwandelte sich in einen fruchtbaren Garten; Handel und Industrie stiegen rasch auf eine erfreuliche Höhe. Mildthätigkeitsanstalten aller Art wurden errichtet. Leider erfreute sich das Königspaar keiner Nachfolge und vermochte sich in der Folge auch die Sympathieen der Griechen nicht zu erhalten. Da wurde durch Sendboten aller Art in Griechenland eine Aufregung geweckt und geschürt. Hauptsächlich hatten Rußland und England die Hand im Spiele. Der Aufstand erfaßte einen großen Teil des Reiches. Nach dreißigjähriger Regierung ward König Otto am 13. Oktober 1862 aus Athen nach dem Peloponnes gelockt und am 23. Oktober proklamierte Athen die Absetzung seines Herrschers. – Daß schließlich die ganze bayerische Kulturmission mißlang, wer wollte den Bayern die Schuld beimessen! Sie hatten mit unausgesetzten Ränken zu kämpfen, denen sie auf die Dauer nicht gewachsen waren. Was auch geschehen wäre, der Bruch wäre unter allen Verhältnissen herbeigeführt worden, weil die Großmächte es so wollten. König Otto lebte noch einige ruhige Jahre in der geliebten Heimat und starb am 26. Juli 1867, erst 52 Jahre alt, betrauert von ganz Bayern, gewiß aber auch von dem besseren Teile des griechischen Volkes, ganz besonders aber von den bayerischen Kriegern, welche in Hellas für ihn gekämpft, geblutet und gesiegt. –