Walter Scott Die Verlobten – Zweiter Band Roman aus der britischen Vorzeit. Erstes Kapitel. Der Tag der Verlobung nahte nun heran, und es schien, daß weder ihr Stand noch ihre bisherige Lebensweise die Aebtissin davon abhalten konnten, das große Sprechzimmer des Klosters zu dieser Feierlichkeit zu erwählen, obwohl sie natürlich viele männliche Gäste in diesen jungfräulichen Bezirk einführen mußte, ja die Feierlichkeit an sich selbst einem Stande zustrebte, dem die Klosterdamen auf immer entsagt hatten. Der Aebtissin normännischer Stolz auf ihre Geburt und der wahre Anteil, den sie an der Standeserhöhung ihrer Nichte nahm, überwanden aber alle Bedenklichkeiten. Man konnte jetzt die hochwürdige Mutter bei ganz ungewohnten Beschäftigungen erblicken, z. B. wie sie dem Gärtner Befehle erteilte, das Zimmer mit Blumen auszuschmücken, oder der Kellermeisterin, der Vorlegerin und der Laienschwester in der Küche, ein glänzendes Mahl zuzubereiten; doch mischten sich in ihre Befehle über diese weltlichen Dinge gelegentlich Bemerkungen über deren Eitelkeit und Nichtsnutzigkeit; und dann und wann verwandelte sich die sorgenvoll geschäftige Miene, mit der sie diese Vorbereitungen betrachtete, in einen feierlichen Aufblick zum Himmel, wie wenn sie über den eitlen Erdenprunk, mit dessen Veranstaltung sie sich so viel Unruhe schuf, aus tiefstem Herzen seufzen müßte. Zu anderer Zeit wiederum konnte man die würdige Dame in eifriger Beratung mit dem Pater Aldroband finden über das bürgerliche, sowohl wie religiöse Zeremoniell, das bei einem für ihre Familie so wichtigen Feste beobachtet werden mußte. Nichtsdestoweniger hielt sie die Zügel der klösterlichen Zucht nach wie vor straff. Der äußere Hof des Klosters war wohl für diese Zeit dem männlichen Geschlecht geöffnet; aber die jüngern Schwestern und Novizen wurden sorgfältig in die inneren Gemächer des weitläufigen Gebäudes verwiesen, wo sie der Kontrolle einer alten mürrischen Nonne, die Novizenmeisterin genannt, unterstellt waren. Dort war es ihnen nicht vergönnt, sich an dem Anblick wallender Federn oder rauschender Mäntel zu weiden, und nur wenige Schwestern von gleichem Alter mit der Aebtissin waren in Freiheit gelassen, weil sie, um mit dem Ladenkaufmann zu reden, eben nur »Ware« waren, der die Luft keinen Schaden zufügte, und die deshalb unbedeckt auf der Ladentafel liegen bleiben könne. Diese Damen »vom alten Register« stellten sich wohl sehr gleichgiltig, waren aber im Grunde recht neugierig und suchten sich insgeheim über Namen, Kleidung und Putz alle nur mögliche Auskunft zu verschaffen, ohne den Anschein wecken zu wollen, als hätten sie irgendwelches Interesse an derlei Nichtigkeiten. Eine starke Schar von Lanzenträgern bewachte das Kloster und ließ in die heiligen Mauern nur die wenigen Leute mit ihrem Gefolge hinein, die bei der Feierlichkeit gegenwärtig sein sollten. Während man die erstern unter Beobachtung aller Formalitäten in die zu diesem Zweck dekorierten Gemächer führte, erhielt ihr Gefolge, das in dem äußern Hofe zurückbleiben mußte, die kräftigsten Erfrischungen und erfreute sich dabei noch des besonderen Genusses – der ja der dienenden Klasse so überaus angenehm ist – ihre Gebieter und Gebieterinnen auf dem Gange nach ihren Zimmern zu betrachten und zu bekritteln. Unter den Dienern, die sich hiermit die Zeit vertrieben, war auch der alte Raoul mit seiner munteren Ehehälfte – er fröhlich und sich brüstend in einem neuen Rock von grünem Sammt – sie anmutig und schmuck in einem Mieder von gelber Seide, mit Grauwerk besetzt, das nicht wenig gekostet hatte – beide betrachteten gleich aufmerksam das fröhliche Schauspiel. Im heftigsten Kriege gibt es von Zeit zu Zeit Waffenstillstand, in der rauhesten und ungestümsten Witterung Stunden von Wärme und Ruhe; so war es auch mit dem Ehestandshimmel dieses liebenswürdigen Paares, der gewöhnlich bewölkt war und nun sich auf eine kurze Zeit aufgeheitert hatte. In dem Glanze ihres neuen Anzuges, bei der Fröhlichkeit des Schauspiels um sie her, vielleicht auch nach dem Genuß eines Bechers Muskatwein, den Raoul hinuntergeschüttet, und eines Bechers Hippokras, den seine Frau genippt hatte, erschienen sie sich gegenseitig viel liebenswürdiger, als es sonst der Fall zu sein pflegte. Ein guter Schluck, ein leckerer Bissen sind in solchen Fällen das, was das Oel in einem rostigen Stoffe ist: ein Mittel, die Federn und Riegel glatt zu machen, die sonst entweder ganz und gar nicht ineinandergreifen oder durch Pfeifen und Knarren ihren Widerwillen, sich vereint zu bewegen, ausdrücken. Das Pärchen hatte sich in eine Art von Nische gedrückt, die, drei oder vier Stufen von der Erde hoch, eine kleine steinerne Bank enthielt, von wo herab ihre neugierigen Augen mit aller Gemächlichkeit jeden eintretenden Gast mustern konnten. Auf diesem Platze und in diesem Augenblick ihrer vorübergehenden Eintracht, stellte Raoul mit seinem frostigen Gesicht nicht ungeschickt den Januar oder, wie man hierzulande sagt, den Jänner vor, den rauhen Vater des Jahres, und wenn auch bei Gillian die Zarte Blüte des jugendlichen Mai vorüber war, so machte doch das schmelzende Feuer eines großen schwarzen Auges, die kräftige Glut der vollen roten Wange sie zu einem lebendigen Bilde des fruchtreichen, fröhlichen August. Dame Gillian pflegte sich dessen zu rühmen, daß sie jedermann von Ramyond Berenger an bis zu Robin, dem Stalljungen, mit ihrem Plaudern gefalle; wie nun eine gute Hausfrau, um ihre Hand in Uebung zu erhalten, sich zuweilen herabläßt, selbst eine Schüssel für den lieben Mann zuzubereiten, so fand sie es jetzt für gut, ihre Macht, zu gefallen, an dem alten Raoul auszuüben, und gar schön gelang es ihr, durch ihre treffenden, lustigen und satirischen Ausfälle nicht allein seinen etwas zynischen Murrsinn gegen alle Menschen, sondern auch sein besonders eigentümliches und abstoßendes Wesen gegen seine Gattin zu überwinden. Ihre Scherze, die ja auch danach waren, und die Koketterie, mit der sie sie vorbrachte, hatten eine solche Wirkung auf diesen Timon der Wälder, daß er seine zynische Nase rümpfte, seine wenigen, einzeln stehenden Zähne zeigte wie ein Kettenhund, der beißen will, und in ein so bellendes Gelächter ausbrach, daß man glaubte, einen seiner Hunde zu hören. Doch er hielt plötzlich inne, als wenn er sich erinnerte, daß er aus seiner Rolle falle; ja ehe er noch seine barsche Ernsthaftigkeit wieder annahm, warf er noch einen solchen Blick auf Gillian, daß seine Nußknackerkinnlade, seine gekniffenen Augen und seine zusammengezogene Nase keine geringe Aehnlichkeit mit einer jener phantastischen Fratzen hatten, wie sie das obere Ende einer alten Baßgeige zieren. »Ist das nicht besser, als Euer liebendes Weib die Peitsche fühlen zu lassen, als gehörte sie zu Eurem Hundestall?« sagte August zu Jänner. »Wohl ist es das,« antwortete Jänner in einem eiskalten Tone, »aber so ist es auch besser, als wenn sie sich solche hundsmäßigen Streiche herausnimmt, die eben bloß mit der Peitsche bestraft werden können.« »Hem!« sagte Gillian in einem Tone, als dächte sie, ihres Mannes Bemerkung lasse sich leicht bestreiten, doch plötzlich den Ton zärtlicher Klage anschlagend, fuhr sie fort: »Ach, Raoul, erinnert Ihr Euch wohl, wie Ihr mich einmal schlugt, weil unser verstorbener Herr – Unsere Frau sei seiner Seele gnädig! – meine karmoisinrote Brustschleife für eine Päonie ansah,« – »Ja, ja,« sagte der Jäger. »Ich erinnere mich wohl, unser guter, alter Herr tat zuweilen solche Mißgriffe.« – Aber wie konntest Du nur, teuerster Raoul, das Weib Deines Herzens so lange ohne Mieder lassen?« sagte seine Ehehälfte. – »Wie Du hast ja eins von unserer jungen Lady erhalten, das eine Gräfin tragen könnte?« sagte Raoul. »Wie viele Mieder willst Du denn haben? Nun gut! es ist hart, daß ein Mann nicht ein einzigesmal bei guter Laune sein kann, ohne gleich dafür zahlen zu müssen. Doch Du sollst ein neues Mieder zu Michaelis haben, wenn ich die Wildbeute dieses Jahres verkaufe. Schon das Gehörn soll heuer ein gutes Stück Geld einbringen.« – »Ja, ja,« sagte Gillian, »auf einem guten Markt sind die Hörner immer soviel wert wie die Haut.« Raoul drehte sich schnell herum, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Man weiß nicht, was seine Antwort auf diese scheinbar unschuldige Bemerkung gewesen wäre, wenn nicht in eben dem Augenblick ein stattlicher Reiter in den Hof gesprengt wäre, der abstieg und sein Pferd einem Stallmeister übergab. Sein Anzug blitzte von Stickerei. – »Beim heiligen Hubert! ein seiner Reiter und ein Pferd für einen Grafen,« rief Raoul, »und Mylord Connetables Livree obendrein – doch kenn' ich den stattlichen Herrn nicht.« – »Aber ich kenne ihn,« sagte Gillian, »es ist Randal de Lach, des Connetables Verwandter, und ein so braver Herr, als je einer dieses Namens.« – »O, bei St. Hubert! von dem habe ich gehört. – Die Leute sagen, er ist ein lustiger Bruder, ein Raufbold und Verschwender.« – »Die Männer lügen dann und wann,« sagte Gillian trocken. »Und die Weiber auch,« erwiderte Raoul – »aber mir kam es so vor, als winkte er Dir eben zu.« – »Dein rechtes Auge sah nie mehr richtig, seit unser guter Herr – die heilige Maria schenk ihm die ewige Ruhe! – Dir einen Becher Wein ins Gesicht warf, weil Du zu kühn in sein Nebenzimmer drangst.« »Mich nimmt's doch Wunder,« sagte Raoul, als ob er sie nicht hörte, »daß jener Wüstling hierher kommt. Es ging einmal das Gerede, daß er dem Connetable nach dem Leben getrachtet habe, und sie sollen seit fünf Jahren sich nicht gesprochen haben.« – »Er kommt auf die Einladung der jungen Lady, das weiß ich am besten,« sagte Dame Gillian, »und weniger wahrscheinlich ist es, daß er dem Connetable ein Leid zufügt, als daß er welches von ihm empfängt, der arme Herr, wie es ihm schon zur Genüge widerfahren ist.« »Und wer hat Dir das alles erzählt?« fragte Raoul bitter. – »Gleichviel, wer; es war jemand, der die Sache ganz genau kannte,« sagte die Dame, die zu fürchten begann, daß sie, um mit ihrem bessern Wissen zu prahlen, viel zu viel gesagt hätte. – »Es muß der Teufel oder Randal selbst gewesen sein,« sagte Raoul, »denn kein anderer Mund ist groß genug für eine solche Lüge. – Aber seht doch, Dame Gillian, wer ist das, der sich jetzt vorwärts drängt wie ein Mensch, der kaum sieht, wie er den Fuß setzt?« – »Es ist ja eben Euer Engel des Lichts, mein junger Herr Damian,« fügte Dame Gillian. – »Es ist unmöglich,« sagte Raoul. »Nenne mich blind, wenn Du willst, aber nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich in wenigen Wochen so verändert. Und seine Kleidung, so wild um sich geworfen, als trüge er eine Pferdedecke statt eines Mantels! – Was mag dem jungen Mann fehlen? – Da steht er mit einemmale an der Türe still, als sähe er etwas auf der Schwelle, das ihm den Eingang verrammelt. – Heiliger Hubert! er sieht ja aus, als hätten ihm die Elfen was angetan!« »Ihr hieltet ihn doch immer für einen so großen Schatz!« sagte Gillian, »und nun betrachtet ihn einmal, wie er dasteht zur Seite eines echten Edelmannes – wie er starrt und zittert, als ob er von Sinnen ist!« – »Ich will mit ihm sprechen,« sagte Raoul, und sein Hinken vergessend, sprang er von dem hohen Platz hinab – »ich will mit ihm sprechen – und, ist er unwohl, so habe ich Lanzette und Schnepper bei mir – und kann einem Menschen so gut wie einem Tier zur Ader lassen.« – »Ein recht passender Arzt für einen solchen Kranken,« murmelte Gillian. »Ein Hundearzt für einen träumerisch Verrückten, der weder seine Krankheit kennt noch das Mittel, sie zu heilen.« Indessen ging der alte Jäger auf den Eingang zu, wo Damian in scheinbarer Ungewißheit, ob er hineingehen sollte oder nicht, noch stehen geblieben war, ohne auf die Menge um ihn her zu achten, deren Blicke er durch sein sonderbares Benehmen auf sich zog. Raoul empfand ein ganz besonderes Wohlgefallen an Damian, wozu vielleicht der Hauptgrund darin lag, daß seine Frau seit kurzem sich gewöhnt hatte, von ihm in einem verächtlicheren Tone, als sonst von hübschen jungen Männern, zu sprechen. Ueberdies wußte er, daß der junge Mann ein zweiter Sir Tristram auf der Jagd in Wäldern und Flüssen war, und mehr war nicht nötig, Raouls Seele an ihn mit ehernen Fesseln zu ketten. Mit großem Unmut sah er deshalb, daß sein Benehmen, allgemein Aufsehen und Gelächter erregte. »Er steht,« sagte der Stadtpossenreißer, der sich in den lustigen Haufen gemischt hatte, »vor dem Tore wie Bileams Esel in der Bibel, da er mehr sieht, als andere Leute sehen können.« – Ein Hieb von Raouls allezeit fertiger Peitsche vergalt diese sonst glückliche Anspielung und schickte den Narren heulend davon, sich für seine Späße ein günstigeres Auditorium zu suchen. Zugleich drängte sich Raoul zu Damian, und mit einem Eifer, sehr verschieden von seiner gewöhnlichen trockenen Scharfe, bat er ihn um Gottes willen, sich nicht zum allgemeinen Schauspiel zu machen, indem er hier stehe, als ob der Teufel auf der Schwelle säße, sondern entweder hineinzutreten oder, was noch besser sein würde, sich zurückzuziehen und erst ein wenig Toilette zu machen, ehe er der Feierlichkeit, die sein Haus so nahe betreffe, beiwohnte, »Und was fehlt meiner Kleidung, alter Mann?« sagte Damian, sich heftig zum Jäger kehrend, wie einer, der plötzlich und unhöflich aus seinen Träumereien aufgeschreckt wird. – »Nur das eine, mit Respekt gegen Euer Gnaden,« antwortete der Jäger, »Man pflegt nicht alte Mäntel über neuen Wämsern zu tragen, und bei aller Untertänigkeit will es mir scheinen, daß der Eure hier weder mit Eurer übrigen Tracht übereinstimmt, noch sich für diese edle Versammlung schickt.« – »Du bist ein Narr,« antwortete Damian, »und so grün an Verstand, als grau an Jahren. Wißt Ihr nicht, daß in diesen Tagen das Junge und Alte sich miteinander paart – miteinander verlobt – miteinander verheiratet? – Und sollen wir größere Sorge dafür tragen, unsern Anzug übereinstimmender zu machen als unsere Handlungen?« – »Um Gottes willen, Mylord!« sagte Raoul, »enthaltet Euch dieser wilden und gefährlichen Worte! Sie könnten von anderen Ohren, wie den meinigen gehört und von boshaften Auslegern gedeutet werden. Eure Wange ist bleich, Mylord, Euer Auge blutrot. – Um Himmels willen, zieht Euch zurück!« »Ich will mich nicht zurückziehen,« sagte Damian, »bis ich Lady Eveline gesehen habe,« – »Um aller Heiligen willen!« rief Raoul aus. »Jetzt nicht, Ihr würdet meine Lady unglaublich beleidigen, wenn Ihr in diesem Zustande Euch in ihre Gegenwart drängen wolltet,« – »Meint Ihr das?« sagte Damian, auf den diese Bemerkung, wie ein beruhigendes Arzneimittel wirkte, das die verwirrten Sinne ordnet. »Meint Ihr das wirklich? – Ich wollte sie nur noch einmal sehen – doch nein! Ihr habt recht, alter Mann!« Er trat von der Tür, als wollte er sich entfernen; aber bevor er seinen Vorsatz ausführen konnte, wurde er noch bleicher als zuvor, wankte und fiel auf das Pflaster nieder. Die, welche ihn aufhoben, erstaunten, als sie entdeckten, daß seine Kleider mit Blut beschmutzt waren und daß die Flecken auf seinem Mantel, die Raouls Tadel erregten, aus gleicher Ursache herrührten. Ein Mann von wichtiger Miene, in einem dunklen Mantel, trat aus der Menge hervor. »Ich dachte wohl, daß es so kommen würde,« sagte er, »Ich ließ ihm diesen Morgen zur Ader und empfahl ihm Ruhe und Schlaf, nach den Aphorismen des Hippokrates; aber wenn junge Männer die Verordnung ihres Arztes vernachlässigen, so rächt sich die Kunst selbst. Es ist unmöglich, daß sonst die Bandagen und Ligaturen, die diese Finger anlegten, hätten aufgeben können.« »Was soll das Gewäsch?« ertönte die Stimme des Connetable, vor Welcher alle andern verstummten. Eben als die Feierlichkeit des Verlöbnisses vollzogen worden war, hatte man ihn, wegen der Verwirrung, die Damians Unfall veranlaßte, herbeigerufen; und jetzt gebot er dem Arzte sehr ernstlich, die Binden, die von seines Neffen Arm losgegangen waren, wieder anzulegen. Er selbst legte Hand an, den Kranken zu unterstützen, und betrachtete mit Besorgnis und Mitleid den nahen, mit Recht geachteten Verwandten, der bis jetzt allein der Erbe seines Ruhmes und seines Hauses war. »Was bedeutet das?« fragte er den Arzt sehr ernsthaft. »Ich schickte Euch diesen Morgen gleich auf die Nachricht von seiner Krankheit zu meinem Neffen und befahl ausdrücklich, daß er keinen Versuch machen sollte, bei der Feierlichkeit gegenwärtig zu sein, und doch finde ich ihn in diesem Zustande und auf dieser Stelle?« »Wenn es Ew. Herrlichkeit gefällt,« entgegnete der Arzt, mit einem Gefühl von Wichtigkeit, worin ihn selbst die Gegenwart des Connetable nicht beirrte. » Curatio est canonica non coacta; das heißt, Mylord, der Arzt unternimmt die Heilung nach, den Regeln der Kunst und Wissenschaft. Durch Rat und Vorsicht, aber nicht durch Macht und Gewalt zwingt er den Kranken, dem er nur dann helfen kann, wenn die Vorschriften willig befolgt werden.« – »Schweigt mit Eurem Kauderwelsch!« sagte de Lacy. »Wenn mein Neffe so gedankenlos war, in der Hitze der Fieberphantasie hierherzukommen, so hättet Ihr Verstand genug haben sollen, ihn abzuhalten, wäre es auch mit Gewalt geschehen.« »Vielleicht,« sagte Randal de Lacy, der sich in die um Damian versammelte Menge mischte, »war der Magnet, der unseren Verwandten hierherzog, stärker als alles, was der Arzt hätte tun können, ihn zurückzuhalten.« Der Connetable, noch immer mit seinem Neffen beschäftigt, blickte auf, als er Randal reden hörte, und als er fertig war, fragte er mit steifer Kälte: »Nun, werter Vetter, sagt doch, von welchem Magnet redet Ihr da?« – »Von welchem andern, als von Eures Neffen Liebe und Achtung gegen Ew. Herrlichkeit,« antwortete Randal. »Die hat ihn, ganz zu schweigen von seiner Ehrerbietung gegen Lady Eveline – hertreiben müssen, solange ihn noch seine Füße tragen konnten. – Hier kommt ja auch schon die Braut, ich denke, um ihm aus Barmherzigkeit für seinen Eifer zu danken?« »Was für ein unglücklicher Vorfall ist das!« sagte Lady Eveline, hinzueilend, ganz in Verwirrung über die Nachricht von Damians Gefahr, die man ihr so plötzlich mitgeteilt hatte. »Gibt es hier nichts, wobei mein geringer Dienst helfen kann?« – »Nichts, Lady,« sagte der Connetable, sich von der Seite seines Neffen erhebend und ihre Hand ergreifend. »Eure Güte ist hier zur Unzeit. Diese bunten Haufen, diese unziemliche Verwirrung ist nicht für Eure Gegenwart geeignet.« – »Ausgenommen, wenn ich mich nützlich machen könnte,« antwortete Eveline, mit Eifer. »Es ist Euer Neffe, der in Gefahr ist, – mein Befreier, – einer meiner Befreier, wollte ich sagen.« »Sein Wundarzt wird ihn schon bedienen, wie es sich gehört,« sagte der Connetable und führte seine widerstrebende Braut in das Kloster zurück, während der Arzt triumphierend ausrief: »Sehr richtig geurteilt von dem Lord Connetable, daß er seine edle Lady aus dieser Schar von Quacksalbern in Weiberröcken fortzieht, die den Amazonen gleich sich eindrängen und den kunstgemäßen Gang der ärztlichen Praxis mit ihren kecken Vorhersagungen, ihren gleich fertigen Rezepten, ihren Schlaftränken, ihren Amuletten, ihren Besprechungen in Unordnung bringen.« Darauf wandte sich der Wundarzt seinem Geschäfte zu, und ließ den jungen Damian in ein nahe gelegenes Haus bringen, wo sein Zustand sich noch zu verschlimmern schien und eiligst alle Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit, deren der Arzt nur fähig war, in Anspruch nahm. Wie gesagt, die Unterschrift des Heiratskontrakts war soeben vollzogen worden, als die Versammlung durch die Nachricht von Damians Uebelbefinden unterbrochen wurde. Als der Connetable seine Braut aus dem Hofe in das Zimmer zurückführte, wo die Gesellschaft sich befand, verrieten ihre Züge Verwirrung und Unmut. Als die Braut bemerkte, daß die Hand des Bräutigams mit frischem Blut befleckt war, entriß sie ihm hastig die ihrige. »Was bedeutet dies?« rief sie, sich an Rosa wendend, »Ist es die Rache des blutigen Fingers; die jetzt schon beginnt?« Indessen hatte auch der Connetable bemerkt, daß bei seinem Eifer, seinem Neffen zu helfen, Spuren von dessen Blute von seiner Hand auf Evelinens Kleidung geraten waren. Er trat zu ihr, um sie dieserhalb zu beruhigen. »Schöne Lady,« sagte er, »das Blut eines echten de Lucy kann Euch nie etwas anderes als Freude und Glückseligkeit verkünden.« Eveline schien antworten zu wollen, aber nicht gleich Worte finden zu können. Die treue Rosa erwiderte, selbst auf die Gefahr hin, wieder als vorlaut gescholten zu werden: »Jede Jungfrau ist verpflichtet, das zu glauben, was Ihr sagt, mein edler Herr, da man weiß, wie bereitwillig Ihr dieses Blut immer vergösset, die Bedrängten zu beschützen, und noch letzthin zu unserer eigenen Errettung.« »Das war gut gesagt, Du Kleine!« erwiderte der Connetable, »Glücklich ist Lady Eveline, ein Mädchen zu besitzen, die ihre Rede so gut zu setzen weiß. Kommt, Lady,« fügte er hinzu, »laßt uns hoffen, daß dieser Unfall unseres Verwandten nur ein kleines Opfer ist auf dem Altar des Schicksals, das nun einmal auch über die heiterste Stunde immer einen Schatten fallen läßt. Damian, hoffe ich, wird bald hergestellt sein, und erinnern wollen wir uns, daß die Blutstropfen, die Euch beunruhigen, durch einen freundlichen Stahl vergossen und mehr Vorzeichen der Genesung als der Krankheit sind. – Kommt, teuerste Lady, Euer Schweigen macht unsere Freunde mutlos und erregt in ihnen Zweifel an der Aufrichtigkeit unseres Willkommens. – Laßt mich Euer Aufwärter sein,« sagte er, indem er ein silbernes Handbecken und eine Serviette von den reich mit Gerichten versehenen Schanktische nahm und es auf den Knien seiner Braut darreichte. Eveline suchte wenigstens äußerlich die Unruhe zu verscheuchen, in die sie der Zufall, daß der eben beschriebene Vorfall mit der Erscheinung Baldringhams zusammentraf, versetzt hatte; sie ging also auf ihres Verlobten Scherz ein und wollte ihn eben von der Erde erheben, als sie durch die eilige Ankunft eines Boten unterbrochen ward, der, ohne Umstände in das Gemach dringend, dem Connetable berichtete, sein Neffe wäre so äußerst elend geworden, daß, wenn er ihn noch lebend sehen wollte, er sich augenblicklich nach seiner Wohnung begeben müßte. Der Connetable sprang auf, nahm kurz Abschied von Eveline und den Gästen, die, über die neue Unglücksbotschaft erschrocken, eben Anstalt machten, sich gleichfalls zu entfernen, als ihm, da er sich der Tür näherte, ein Gerichtsdiener oder Vorlader des geistlichen Gerichts, entgegentrat, der auf Grund seiner Amtskleidung Zutritt in das Innere der Abtei erlangt hatte. » Deus vobiscum! « sagte der Gerichtsdiener. »Ich wünsche zu wissen, wer in dieser edlen Versammlung der Connetable von Chester ist.« –»Das bin ich,« antwortete der ältere de Lacy, »aber wenn Dein Geschäft nicht das allerdringendste ist, so kann ich jetzt nicht mit Dir sprechen. – Mich ruft eine Sache auf Leben und Tod.« – »Ich nehme alle Christen hier zu Zeugen, daß ich meiner Pflicht ein Genüge geleistet habe,« sagte der Gerichtsdiener und übergab dem Connetable ein Pergamentblatt. »Was soll das bedeuten, Bursch?« rief der Connetable, aufs höchste empört. »Für wen oder was hält mich Euer Gebieter, der Erzbischof, daß er auf eine so unhöfliche Weise mit mir verfährt und mich vorladet, vor ihm zu erscheinen wie ein Delinquent, nicht wie ein Freund oder Edelmann?« – »Mein gnädiger Herr,« erwiderte der Vorlader trotzig, »ist keinem als dem heiligen Vater, dem Papste, Rechenschaft über die Ausübung der Macht schuldig, die ihm die Canones der Kirche erteilen. – Eurer Herrlichkeit Antwort auf meine Vorladung?« – »Befindet sich der Erzbischof in der Stadt?« sagte der Connetable nach einigem Nachdenken. »Ich wußte nichts von seiner Reise hierher, noch weniger von seiner Absicht, außerhalb seiner Grenzen seine Gewalt auszuüben.« –»Mein gnädiger Herr, der Erzbischof,« sagte der Gerichtsbote, »ist soeben in der Stadt angekommen, von welcher er Metropolitan ist; überdies hat er vermöge apostolischen Auftrags eine vollkommene Jurisdiktion durch ganz England, und wer es wagt, auf seine Vorladungen nicht zu achten, wird es büßen, wie hoch sein Stand auch sei.« »Merk' es Dir, Bursch!« sagte der Connetable und blickte den Boten mit zornigem Gesicht an. »Hielten mich nicht gewisse Rücksichten ab, womit, ich gebe Dir mein Wort, Deine braune Kapuze wenig zu tun hat, so würdest Du besser getan haben, Deine Zitation zu verschlucken mit Siegel und allem, als sie mir mit so unverschämten Worten zu überreichen. Mache Dich fort und sage Deinem Gebieter, ich werde ihn in Zeit von einer Stunde sehen; solange bin ich aber genötigt, einen kranken Verwandten zu besuchen.« Der Gerichtsbote verließ mit mehr Demut das Zimmer und die versammelten Gäste, die schweigend und bange einander anblickten. Der Leser wird sich ohne Zweifel erinnern, wie streng das Joch der römischen Obergewalt sowohl auf der Geistlichkeit, wie auf den Laien in England während der Regierung Heinrichs II. lastete. Und gerade eben der Versuch dieses weisen, mutigen Monarchen, in der denkwürdigen Sache des Thomas a Becket die Unabhängigkeit des Thrones aufrecht zu erhalten, hatte einen so unglücklichen Ausgang, daß man, wie es bei einer unterdrückten Empörung geschieht, es für nötig erachtete, der Herrschaft der Kirche neue Kräfte zu verschaffen. Seit der Unterwerfung des Königs nach diesem unglückseligen Kampf hatte die Stimme von Rom aus, wo sie ertönte, eine doppelte Gewalt, und die kühnsten Großen von England hielten es für geraten, diesen gebieterischen Aussprüchen sich zu unterwerfen. So erfüllte die verächtliche Art, mit der der Connetable von dem Prälaten Balduin behandelt wurde, die zu Zeugen seines Verlöbnisses versammelten Freunde mit frostigem Schauder; und als er seinen stolzen Blick umherwarf, sah er viele, die sonst in jedem andern Kampfe ihm auf Leben und Tod zur Seite gestanden waren, jetzt bloß bei dem Gedanken an einen Zwist mit der Kirche erblassen. In Verlegenheit, aber auch zugleich erzürnt über ihre Zaghaftigkeit, eilte der Connetable, sie zu entlassen, mit der allgemeinen Versicherung, es werde alles gut gehen; seines Neffen Krankheit sei nur ein leichtes Unwohlsein, das ein eingebildeter Arzt übertreibe und das durch des Patienten eigene Sorglosigkeit vermehrt werde. Daß aber die Botschaft des Erzbischofs ihm ohne gehörigen Anstand übergeben worden, sei die Folge ihrer gegenseitigen freundschaftlichen Vertraulichkeit, die sie zuweilen veranlasse, scherzweise die gewohnten Formen des Umgangs zu vernachlässigen oder gar umzukehren. »Wenn ich mit dem Prälaten Balduin in irgend einem Geschäfte eilig zu sprechen hätte, so ist die Demut und Gleichgültigkeit gegen äußere Formen bei diesem würdigen Pfeiler der Kirche so groß, daß ich nicht fürchten würde, ihn zu beleidigen, schickte ich auch meinen geringsten Stallknecht zu ihm, Gehör bei ihm zu erbitten.« So sprach er wohl, es war aber etwas in seinen Gesichtszügen, was seine Worte Lügen strafte, und seine Freunde und Verwandten verließen die glänzende, fröhliche Festlichkeit seiner Verlobung mit ängstlichen Gedanken und niedergeschlagenen Augen, als ob sie sich von einem Leichenmahle entfernten. Randal war der einzige, der, als er das Haus verließ, sich seinem Vetter zu nahen und die Frage an ihn zu richten wagte, ob er ihm, nachdem ihre Freundschaft wiederhergestellt sei, keine Befehle zu erteilen habe?« Dabei sah er ihn mit einem Blicke an, der noch ausdrucksvoller, als seine Worte, die Versicherung enthielt, er solle ihn nicht fahrlässig in seinen Diensten finden. – »Ich habe nichts, wobei Ihr Euern Eifer betätigen könntet, mein lieber Vetter,« erwiderte der Connetable mit einer Miene, die die Aufrichtigkeit des Sprechers gar sehr zu bezweifeln schien, und die abweisende Handbewegung, mit der er diese Worte begleitete, ließ Randal keinen Vorwand, noch länger bei ihm zu bleiben, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war. Zweites Kapitel. Der sorgenvollste, unglücklichste Moment in Hugo de Lacys Leben war ohne Frage der, in welchem er durch die unter allen bürgerlichen und religiösen Gebräuchen vollzogene Verlobung mit Eveline sich dem zu nähern schien, was er seit einiger Zeit am innigsten gewünscht hatte. Der Besitz einer schönen liebenswürdigen Gattin, ausgestattet mit so vielen weltlichen Vorteilen, die seinem Ehrgeiz und seinen Neigungen ein Genüge leisten konnten, stand ihm nahe und gewiß bevor. Aber eben selbst in diesem glücklichen Augenblicke verdunkelte sich der Horizont um ihn her dermaßen, daß er nichts wie Sturm und Unwetter vor sich sah. In seines Neffen Wohnung hörte er, daß der Puls des Patienten noch heftiger schlüge, sein Delirium sich vermehrt hätte, alles um ihn her an seinem Aufkommen zweifelte, vielmehr befürchtete, er werde die schnell sich nähernde Krisis nicht überleben. Der Connetable schlich sich an die Tür des Zimmers, das zu betreten ihm eine Art von Schuldbewußtsein nicht gestattete, und lauschte auf die wahnwitzigen Reden, die der Kranke im Fieber tat. Es gibt nichts Traurigeres als anzuhören, wie der Geist in den gewöhnlichen täglichen Geschäften gleichsam weiterarbeitet, während der Körper in Schmerzen und Gefahren auf einem schweren Krankenlager hingestreckt liegt. Dieser Kontrast gegen den gewöhnlichen gesunden Zustand und dessen Freuden und Lasten macht die Hilflosigkeit des Kranken, vor dem diese Visionen emporsteigen, doppelt ergreifend, und wir fühlen um so regere Teilnahme für den Leidenden, dessen Gedanken so weit von seinem wahren Zustand abschweifen. Der Connetable fühlte dies bis ins Innerste, als er seinen Neffen das Kriegsgeschrei seines Hauses zu wiederholten Malen ausstoßen hörte, der, nach den Kommandoworten und Anordnungen zu urteilen, die er von Zeit zu Zeit erteilte, sich damit beschäftigt glaubte, seine Reisigen gegen die Walliser anzuführen. Dann murmelte er wieder Redensarten von der Reitschule, der Falkenbeize, der Jagd – er nannte dabei sehr oft seines Oheims Namen, als ob das Bild seines Verwandten mit seinen Kriegestaten, seinen Jagden aufs innigste verbunden sei. Es gab noch andere Laute, die er aber so leise flüsterte, daß sie durchaus unverständlich blieben. Zweimal legte der Connetable die Hand auf den Drücker der Tür, um in das Krankenzimmer zu treten, und zweimal zog er sie zurück, da seine Augen sich mit Tränen füllten, die er den Leuten drinnen nicht zeigen mochte. Zuletzt gab er den Vorsatz auf und verließ eilig das Haus, stieg zu Pferde, und nur in Begleitung von vieren seiner Diener ritt er dem bischöflichen Palast zu, wo der Erzbischof jetzt seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Zug von Reitern, Handpferden und Packmaultieren, von weltlichen und geistlichen Dienern und Knechten, die das Tor des bischöflichen Wohnsitzes umringten, zugleich mit der gaffenden Menge von Einwohnern, die sich hinzudrängte, teils um das glänzende Schauspiel selbst zu sehen, teils um einen Anteil an der Segenssprechung des Prälaten zu erhaschen, war so groß, daß der Connetable nicht bis zum Tore des Palastes gelangen konnte. Als dieses Hindernis überwunden war, fand er ein anderes in der Hartnäckigkeit der erzbischöflichen Bedienten, die ihm, obgleich er Namen und Titel nannte, nicht erlaubten, über die Schwelle zu kommen, bis sie den ausdrücklichen Befehl ihres Herrn erhalten hätten. Der Connetable empfand das volle Gewicht dieses geringschätzigen Empfanges. Er war in der Gewißheit vom Pferde gestiegen, daß er wenigstens sogleich in den Palast gelassen würde, wenn auch nicht gleich vor den Prälaten selbst; und als er nun zu Fuß stand unter Knappen, Dienern, Stallknechten und geistlichen Herren, war ihm das so empörend, daß sein erster Gedanke der war, wieder zu Pferde zu steigen, zu seinem vor den Stadtmauern errichteten Zelt zurückzukehren und es dem Erzbischof zu überlassen, ihn hier aufzusuchen, wenn er wirklich eine Zusammenkunft mit ihm wünschte. Aber die Notwendigkeit, ihn sich geneigt zu machen, trat unmittelbar darauf vor seine Seele und unterdrückte den ersten Entschluß seines beleidigten Stolzes. »Wenn unser weiser König,« sagte er zu sich selbst, »einem Erzbischofe, als er lebte, die Steigbügel hielt, und sich, als er tot war, den erniedrigendsten Gebräuchen vor seinem Grabe unterwarf, so darf ich in der Tat nicht so bedenklich sei.,« Ein anderer Gedanke, den er sich selbst kaum zu sagen wagte, empfahl ihm denselben demütigen, unterwürfigen Gang. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er durch seine Bemühung, von dem Gelübde als Kreuzfahrer entbunden zu werden, sich dem gerechten Tadel der Kirche preisgab, daher überließ er sich gern der Hoffnung, daß der kalte, verächtliche Empfang von Balduins Seite schon als ein Teil der Buße anzusehen wäre, die, wie sein Gewissen ihm sagte, sein Benehmen ihm zuziehen müßte. Nach kurzer Zeit wurde de Lacy endlich eingeladen in den bischöflichen Palast zu treten, um dort bei dem Primas von England Audienz zu erhalten. Aber nun gab es noch mehr als einen Aufenthalt in der Halle und dem Vorzimmer, ehe er endlich vor Balduin gelassen wurde. Der Nachfolger des berühmten Becket hatte weder die weitsichtigen Pläne noch den hochstrebenden Geist jenes berühmten Mannes, aber anderseits läßt sich bezweifeln, ob dieser, wiewohl er heilig gesprochen worden, für das Wohl der Christenheit halb so aufrichtig besorgt war, als der gegenwärtige Erzbischof. Balduin war in der Tat vollkommen wohlgeeignet, die Macht, die die Kirche gewonnen hatte, zu verteidigen, obwohl vielleicht sein Charakter zu aufrichtig und zu ehrlich war, um ihr zu noch weiterer Ausdehnung zu verhelfen. Die Beförderung des Kreuzzuges war die Hauptbeschäftigung seines Lebens, dessen Gelingen das Hauptziel seines Stolzes; und wenn das Bewußtsein, die Macht der Beredsamkeit zu besitzen und die Gemüter der Menschen nach seinem Willen lenken zu können, sich seinem religiösen Eifer beimischte, so hat doch sein ganzes Leben und später sein Tod vor Ptolomais bewiesen, daß die Befreiung des heiligen Grabes aus den Händen der Ungläubigen das aufrichtige Endziel aller seiner Bemühungen gewesen ist. Der Prälat, ein Mann von einer schönen, stattlichen Gestalt, mit Zügen, die zu strenge waren, um angenehm zu sein, empfing den Connctable mit allem Pomp der geistlichen Würde. Er saß auf einem reich mit gotischem Schnitzwerk versehenen Stuhle von Eichenholz, der auf einer Erhöhung des Zimmers in einer Nische stand. Er trug den reich gestickten bischöflichen Mantel, der sich vorne auf der Brust öffnete und ein Untergewand zeigte zwischen dessen Falten, als sei es nicht gut verdeckt, das Hemd von Haartuch hervorsah, das der Prälat auf bloßem Leibe unter allen seinen Prachtgewändern trug. Seine Bischofsmütze lag neben ihm auf einem eichenen Tische, an dem sein Hirtenstab lehnte, ein wirklicher Schäferstab von der einfachsten Gattung, der aber, geschwungen von der Hand des Thomas a Becket, sich mächtiger und furchtbarer denn Lanze oder Säbel erwiesen hatte. In einer geringen Entfernung kniete vor einem Pult ein Kaplan mit einem weißen Chorhemd und las aus einem buntbemalten Buche irgend einen theologischen Traktat vor, und Balduin schien so vertieft zu lauschen, daß er den eintretenden Connetable unbeachtet ließ, der, über diese neue Geringschätzung höchst empört, am Eingänge stehen blieb, unentschlossen, ob er den Vorleser unterbrechen und den Erzbischof anreden oder ohne weiteres sich wieder entfernen sollte. Ehe er aber mit sich selbst darüber einig werden konnte, kam der Kaplan an eine Stelle, wo die Vorlesung abgebrochen werden konnte, und der Erzbischof tat ihm mit den Worten Einhalt: »Satis est, mi fili!« Umsonst bemühte sich der stolze weltliche Große, die Verlegenheit zu verbergen, mit der er sich dem Prälaten nahte, der offenbar nur in der Absicht, ihn mit Scheu und Sorge zu erfüllen, diese Haltung angenommen hatte. Zwar versuchte er es, ein so unbefangenes Wesen zu zeigen, als bestehe noch ihre alte Freundschaft oder wenigstens eine stolze Gleichgiltigkeit, als ob er sich vollkommen ruhig fühle; aber beides gelang nicht, und seine Anrede verriet gekränkten Stolz, vermischt mit einem nicht geringen Grad von Verwirrung. »Ich bemerke,« sagte de Lacy, indem er seine Gedanken sammelte und sich darüber schämte, daß dies ihm schwer wurde, »daß eine alte Freundschaft sich hier aufgelöst hat. Ich sollte meinen, Hugo de Lacy hätte durch einen andern Boten zu dieser hochwürdigen Audienz beschieden werden und einen andern Empfang erwarten können.« Langsam erhob sich der Erzbischof in seinem Sessel und machte gegen den Connetable eine halbe Verbeugung, die dieser aus Verlangen nach Versöhnung gleichsam instinktmäßig tiefer erwiderte, als er selbst wollte oder diese karge Höflichkeit es verdiente. Zu gleicher Zeit gab der Prälat dem Kaplan ein Zeichen, worauf dieser aufstand und sich ehrerbietig zurückzog, ohne die Augen aufzuschlagen, die auf den Boden geheftet blieben, die Hände über der Brust gekreuzt. Sobald dieser stumme Diener verschwunden war, entwölkte sich zwar des Prälaten Stirn etwas, doch behielt sie noch immer einen finsteren Schatten ernsten Unmuts, und er antwortete auf de Lacys Anrede, noch immer ohne seinen Sitz zu verlassen. »Es kommt jetzt nicht darauf an, Mylord, dessen zu erwähnen, was der tapfere Connetable von Chester dem armen Geistlichen Balduin gewesen, oder mit welcher Liebe, mit welchem Stolz wir ihn das heilige Zeichen der Erlösung nehmen sahen, und wie er gelobte, sich zu Ehren dessen, durch den er selbst zu Ehre und Würden gelangt ist, der Befreiung des heiligen Landes zu weihen. Sehe ich nun noch diesen edlen Lord vor mir, mit demselben heiligen Entschlusse, so laßt mich diese freudenvolle Wahrheit wissen, und ich will Chorrock und Mitra ablegen und seines Pferdes warten wie ein Stallknecht, wenn es nötig sein sollte, durch einen solchen Knechtesdienst ihm die herzliche Achtung zu beweisen, die ich für ihn hege.« »Hochwürdiger Vater,« antwortete de Lacy mit einigem Stocken, »ich hoffte, daß die Vorschläge, welche Euch von meiner Seite durch den Dechant von Hereford gemacht wurden, Euch triftiger erscheinen würden.« Darauf sein natürliches Selbstvertrauen wiedergewinnend, fuhr er mit mehr Zuversicht in Sprache und Haltung fort, denn die kalten unbeweglichen Blicke des Erzbischofs reizten ihn auf. »Können diese Vorschläge noch verbessert werden, Mylord, so laßt es mich wissen, in welchen Stücken, und Euer Verlangen soll, wenn es möglich ist, erfüllt werden, selbst wenn es etwas unbillig sein sollte. Ich wünsche Frieden mit der heiligen Kirche, Mylord, und bin der letzte, der ihre Weisungen mißachten wollte. Das haben meine Taten im Felde, meine Ratschläge in der Staatssitzung bewiesen; und ich kann nicht glauben, daß meine Dienste kalte Blicke und kalte Sprache vom Primas Englands verdienen.« »Wollt Ihr der Kirche Eure Dienste vorhalten, eitler Mann!« sagte Balduin. »Ich sage Dir, Hugo de Lacy, was der Himmel durch Deine Hand für die Kirche tun ließ, hätte, wenn es dem göttlichen Willen so gefallen hätte, ebenso leicht auch durch den geringsten Pferdejungen in Deinem Heere geschehen können. Nur Du bist es, der geehrt worden ist, da Du zum Werkzeug erwählt wurdest, durch welches große Dinge in Israel geschahen. – Nein! unterbrich mich nicht. – Ich sage Dir, stolzer Baron, vor dem Angesicht des Himmels ist Deine Weisheit nichts als Torheit – Dein Mut, dessen Du Dich rühmst, nichts als die Zaghaftigkeit eines Dorfmädchens – Dein Speer eine Weidenrute und Dein Schwert eine Binse.« »Alles das weiß ich, heiliger Vater,« sagte der Connetable. »Und ich habe es wiederholt gehört, daß solche armen Dienste, wie ich sie geleistet habe, vorbei und abgetan sind. Jawohl, als man einer hilfreichen Hand bedurfte, da war ich der gütige Lord bei Priestern und Prälaten, ein Mann, der verehrt und angebetet werden müsse, wie die Schutzheiligen und Stifter der Kirche, die im Chor und unterm Hochaltar schlummern. Da war kein Gedanke, wahrlich! an Weide und Binse, wenn man mich darum anflehte, die Lanze einzulegen oder mein Schwert zu ziehen; nur wenn man ihrer nicht mehr nötig hat, gelten sie und ihre Besitzer nichts mehr. Wohl, mein hochwürdiger Vater! mag es so sein! Wenn die Kirche die Sarazenen aus dem heiligen Lande mit Stallknechten und Pferdejungen verjagen kann, warum predigt Ihr die Ritter und Edlen von ihrer Heimat und ihrem Vaterlande hinweg, das zu beschützen und zu verteidigen sie geboren sind?« Fest richtete der Erzbischof seinen Blick auf ihn, indem er folgendes erwiderte: »Nicht zum Besten ihres Fleisches stören wir Eure Ritter und Barone in ihren rohen Festgelegen und mörderischen Fehden, worunter Ihr die Verteidigung des Landes versteht, nicht darum, weil der Allmächtige zur Ausführung des großen Befreiungswerkes ihrer Hilfe bedarf – nein, bloß um ihres eignen Seelenheiles willen!« Ungeduldig schritt der Connetable auf und nieder, indem er vor sich hinmurmelte: »Das ist der luftige Lohn, für den Heere auf Heere aus Europa geschleppt wurden, den Sand von Palästina mit ihrem Blut zu tränken – das sind die eitlen Versprechungen, gegen die wir Vaterland, Güter und Leben austauschen sollen.« »Ist das Hugo de Lacy, der so spricht?« sagte der Erzbischof und er stand dabei von seinem Sitze auf. »Ist er es, der so herabwürdigend spricht von dem Namen eines Ritters – von der Tugend eines Christen – von der Vergrößerung seiner irdischen Ehre – von dem unberechenbaren Vorteil seiner unsterblichen Seele? – Ist er es, der nach einem solchen groben körperlichen Lohn an Land und Schätzen trachtet, indes ritterliche Ehre, der Glaube seiner Religion, sein Gelübde als Ritter, seine Taufe als Christ ihn zu einem ruhmvollen und gefährlichen Kampfe auffordern? – Ist es möglich? Ist es in der Tat Hugo de Lacy, der Spiegel der anglo-normännischen Ritterschaft, der solche Gedanken hegt, ja der sie aussprechen kann?« »Mit Schmeichelei und schönen Worten, schicklich gemischt mit Vorwürfen, Mylord,« antwortete der Connetable, wurde rot und biß sich auf die Lippen, »mögt Ihr bei andern etwas erreichen, aber ich bin zu festen Sinnes, um mich durch süße oder herbe Worte bestimmen zu lassen. Glaubt mir nur, der Charakter Hugo de Lacys, mag er nun den Kreuzzug mitmachen oder daheim bleiben, ist in Sachen des Muts nach wie vor ebenso untadelhaft, wie der des Erzbischofs Balbuin in Sachen der Heiligkeit.« »Möge er noch viel höher stehen,« sagte der Erzbischof, »als der Ruf, mit welchem Ihr ihn zu vergleichen geruht; aber eine Flamme kann so gut gelöscht werden wie ein Funke. Und ich sage es dem Connetable von Chester, daß der Ruhm, welcher seine Fahnen so viele Jahre umschwebte, in einem Augenblick davonflattern kann, ohne sich je wieder zurücklocken zu lassen.« »Wer wagt das zu sagen?« sagte der Connetable und zitterte für die Ehre, die er in so vielen Gefahren aufrecht erhalten hatte. »Ein Freund,« sagte der Prälat, »dessen Schläge als Wohltaten aufgenommen werden sollten, Ihr denkt an Zahlung, Herr Connetable, und an Lohn, als ob Ihr noch am Markte stündet und über den Preis Eures Dienstes feilschen dürftet. Ich sage Euch, Ihr seid nicht mehr Euer eigener Herr – Ihr seid durch das heilige Zeichen, das Ihr freiwillig genommen habt, ein Söldner Gottes selbst: wollt Ihr von Eurer Fahne fliehen, so träfe Euch eine Schmach, die selbst Neulinge und Troßknechte scheuen.« »Ihr verfahrt allzu hart mit uns, Mylord,« sagte Hugo de Lach und hielt in seinem unruhigen Umhergehen inne. »Ihr von der Geistlichkeit macht uns zu Packpferden in Euren eigenen Angelegenheiten und klettert zu Eurer ehrgeizigen Höhe auf unsern überladenen Schultern empor, – Aber alles hat seine Grenzen – Becket überschritt sie, und –« Ein finsterer, vielsagender Blick stimmte mit dem Tone überein, in dem er diesen abgebrochenen Satz aussprach, aber der Prälat, der wohl wußte, was er hatte sagen wollen, erwiderte mit fester, entschiedener Stimme: »Und – er ward ermordet! – das ists, was Ihr mir andeuten wollt – eben mir, dem Nachfolger dieses verherrlichten Heiligen – damit ich Eurem leichtsinnigen, selbstsüchtigen Wunsche, die Hand vom Pfluge zu ziehen, gefügiger sei. Ihr kennt den Mann nicht, gegen den Ihr diese Drohung braucht. Becket, ein heiliger Streiter auf Erden, gelangte auf dem blutigen Pfade des Märtyrertums zu der Würde eines Heiligen im Himmel; aber nicht weniger gewiß ist es, daß, um auch nur einen tausend Stufen niedrigeren Sitz als sein gesegneter Vorfahr zu erlangen, der unwürdige Balduin bereit ist, unter dem Schütze Unserer Frau sich allem zu unterwerfen, was auch der ärgste Bösewicht unter den gottlosen Menschen hienieden seiner sterblichen Hülle zufügen möge.« »Es bedarf nicht dieses Schaugepränges von Mut, hochwürdiger Vater,« sagte Lacy, sich sammelnd, »wo weder Gefahr ist, noch sein kann. Ich bitte, laßt uns über diese Sache gemäßigter sprechen. Nie habe ich den Vorschlag getan, meine Absichten auf das heilige Land aufzugeben, es ging mir darum, den Kreuzzug zu verschieben. Mich dünkt, mein Anerbieten war recht annehmbar, und ich sollte damit doch das erlangen, was andern in gleichen Fällen zugestanden wurde – einen kurzen Aufschub meiner Reise.« »Eine kleine Verzögerung von seiten eines solchen Anführers, wie Ihr, edler de Lacy,« antwortete der Prälat, »wäre der Todesstoß für unser heiliges, herrliches Unternehmen. Geringern Leuten mögen wir die Erlaubnis gegeben haben, zu heiraten oder zu verheiraten, aber Ihr, Mylord, seid ein Hauptpfeiler unseres Unternehmens, und werdet Ihr weggezogen, so stürzt das ganze Gebäude ein. Wer in England wird sich verpflichtet halten, einen Fuß vorwärts zu setzen, wenn Hugo de Lucy zurückweicht. Denkt, Mylord, weniger an die Braut, und mehr an Euern Schwur, und glaubt nicht, daß eine Verbindung je zu etwas Gutem führen kann, die Euerem gesegneten Unternehmen zur Ehre des Christentums hindernd in den Weg tritt.« Der Connetable geriet durch die Hartnäckigkeit des Prälaten in Verwirrung und begann, wenngleich widerstrebend, seinen Beweisen Raum zu geben, einzig, weil die Gewohnheiten und Meinungen der Zeit ihn keine wirksame Gegenrede finden ließen, er hätte sich denn aufs Bitten und Flehen legen mögen. »Ich erkenne an,« sagte er, »daß ich zum Kreuzzug verpflichtet bin, auch habe ich – ich wiederhole es – keinen weiteren Wunsch, als die kurze Frist zu erlangen, die nötig ist, meine wichtigen Geschäfte in Ordnung zu bringen, indessen meine Vasallen, angeführt von meinem Neffen –« »Versprich das, was in Deiner Gewalt ist,« sagte der Prälat. »Wer weiß, ob Gott nicht im Zorn darüber, daß Du andere Dinge suchst als Seine heilige Sache, Deinen Neffen von hinnen rufen wird, in diesem Augenblick, wo wir miteinander reden.« »Das verhüte Gott,« sagte der Baron und fuhr auf, als wollte er zu seinem Neffen fliegen, ihm zu helfen; dann plötzlich innehaltend, warf er auf den Prälaten einen scharfen, forschenden Blick. »Es ist nicht gut getan,« sagte er, »daß Ew. Hochwürden so mit den Gefahren tändeln, die mein Haus bedrohen. Damian ist mir seiner guten Eigenschaften wegen teuer – und dann auch als Sohn meines einzigen Bruders! – Gott verzeihe es uns beiden! Er starb, als wir miteinander entzweit waren. – Mylord! Sollen Eure Worte mir andeuten, daß mein Neffe leidet und in Gefahr schwebt um meiner Sünde willen?« Der Erzbischof bemerkte, daß er endlich den Punkt berührt hatte, der seinem widerspenstigen Büßenden am meisten zu Herzen ging. Er erwiderte mit Behutsamkeit, wohl wissend, mit wem er zu tun hatte: »Fern sei es von mir, daß ich mich erkühnte, die Ratschläge des Himmels zu deuten! Aber wir lesen in der Schrift, daß, wenn die Väter saure Trauben essen, die Zähne der Kinder davon stumpf werden. Was geht vernünftigerweise daraus hervor, als daß wir für unsern Stolz und unsere Halsstarrigkeit durch ein Urteil gestraft werden sollen, das ganz besonders darauf berechnet ist, diesen Geist des Eigendünkels niederzuschlagen und zu besänftigen? Ihr selbst wißt am besten, ob die Krankheit Euren Neffen überfiel, ehe Ihr daran dachtet, die Fahne des Kreuzes zu verlassen?« Hugo de Lacy rief sich schnell das Geschehene zurück und fand in der Tat, daß keine Veränderung in der Gesundheit seines Neffen bemerkbar gewesen war, bis er auf den Gedanken kam, Eveline zu heiraten. Sein Schweigen und seine Verwirrung entgingen dem schlauen Prälaten nicht. Er ergriff die Hand des Kriegers, als er so vor ihm stand, ganz in Zweifel vertieft, ob er denn wirklich dafür, daß er die Fortpflanzung seines Hauses der Befreiung des heiligen Grabes vorgezogen, durch die Krankheit, die das Leben seines Neffen bedrohte, gestraft werden sollte. – »Kommt,« sagte er, »edler de Lacy – die Strafe, die Ihr Euch durch einen Augenblick des Dünkels zugezogen habt, läßt sich ebenso durch Gebet und Buße wieder wenden. Nieder, nieder auf Deine Knie und zweifle nicht, Du kannst noch durch Beichte und Kasteiung Deinen Abfall von der Sache des Himmels wieder gut machen!« Durch die Vorschriften der Religion, in der er erzogen worden, und durch die Furcht, seines Neffen Krankheit und Gefahr sei die Strafe seines Zögerns, gleichsam niedergezogen, sank der Connetable auf die Knie vor dem Prälaten, dem er kurz zuvor Trotz geboten, beichtete als eine Sünde, die tief bereut werden müßte, seinen Vorsatz, die Abreise nach Palästina aufzuschieben, und unterwarf sich wenigstens mit Geduld, wenn auch nicht mit williger Ergebung, der ihm vom Erzbischof auferlegten Buße, die in dem Verbot bestand, die Vermählung mit Lady Eveline zu betreiben, ehe er von Palästina zurückgekehrt wäre, wo er kraft seines Gelübdes drei Jahre zu weilen hatte. »Und nun, edler de Lacy,« sagte der Prälat, »aufs neue mein geliebtester und geehrtester Freund – fühlst Du nicht Dein Herz erleichtert, nachdem Du Deine Schuld so edelmütig abgetragen und Deinen herrlichen Geist von dem selbstsüchtigen, irdischen Flecken gereinigt hast, der seinen Glanz trübte?« Der Connetable seufzte: »In diesem Augenblicke würde die Nachricht von der Besserung meines Neffen mein glücklichstes Gefühl erregen.« »Beunruhigt Euch nicht über das Los des edlen Damian, Eures hoffnungsvollen und tapferen Verwandten,« sagte der Erzbischof. »Ich hoffe, Ihr sollt in kurzem von seiner Heilung hören, oder sollte es Gott gefallen, ihn zu einer besseren Welt abzuberufen, so wird sein Uebergang so leicht und seine Ankunft in jenem Hafen der Seligkeit so schnell sein, daß es besser für ihn sein wird, gestorben zu sein, als zu leben.« Der Connetable sah ihn an, als wolle er in seinem Gesichte mehr Gewißheit von seines Neffen Schicksal lesen, als seine Worte in sich zu fassen schienen. Der Prälat aber, damit jener nicht weiter in ihn dränge, weil er fühlte, daß er sich selbst vielleicht zu weit verraten habe, schellte mit einer silbernen Glocke, die vor ihm auf dem Tische stand, und gebot dem hierauf eintretenden Kaplan, einen zuverlässigen Boten zur Wohnung von Damian de Lacy zu senden und genaue Nachricht von dessen Befinden einzuziehen. »Ein Fremder,« erwiderte der Kaplan, »ist eben aus dem Krankenzimmer des edlen Damian de Lacy angekommen und wartet, mit dem Mylord Connetable zu sprechen.« »Laßt ihn sogleich vor,« sagte der Erzbischof, »mein Herz sagt es mir, er bringt uns frohe Kunde. – Jederzeit ist solche demütige Buße, solche willige Aufopferung der eigenen Begierden, ein solches Verlangen, des Himmels Willen zu tun, hoch belohnt worden, ob schon hinieden oder erst im Himmelreich!« Während er so sprach, trat ein wunderlich gekleideter Mann ins Zimmer. Seine buntfarbige, auffallend geordnete Tracht war weder die neueste, noch die reinste, auch ziemte sie sich keineswegs vor der Gesellschaft, vor der er jetzt stand. »Was soll das, Bursche?« sagte der Prälat. »Seit wann ist es Sitte, daß Possenreißer und Minstrels sich in eine Gesellschaft wie die unsrige ohne Erlaubnis eindrängen?« »Wenn es Euch gefällig ist,« entgegnete der Mann, »ich komme nicht zu Ew. Hochwürden, sondern zum Lord Connetable, der, wie ich hoffen will, um meiner guten Nachrichten willen über mein schlechtes Aeußere hinwegsehen wird.« »Sprich, Bursche, lebt mein Verwandter noch?« fragte der Connetable begierig. »Und wird wohl leben bleiben, Mylord,« antwortete der Mann. »Eine günstige Krisis, wie die Aerzte es nennen, ist eingetreten, und er befindet sich außer aller Lebensgefahr.« »Nun, Gott sei gepriesen, der mir solche Gnade erwiesen hat!« sagte der Connetable, »Amen! Amen!« stimmte der Erzbischof feierlich ein. – »Um welche Zeit trat diese gesegnete Veränderung ein?« »Kaum vor einer halben Stunde,« sagte der Bote. »Ein sanfter Schlaf sank auf den kranken jungen Mann, wie der Tau auf ein ausgedörrtes Feld im Sommer – er atmete freier – die brennende Hitze ließ nach – und wie ich sagte, die Aerzte fürchten nicht länger für sein Leben.« »Bemerkt Ihr die Stunde, Mylord Connetable?« sagte der Bischof mit Begeisterung. »Gerade, als Ihr Euch demütigtet vor den Ratschlägen, die der Himmel durch den geringsten seiner Knechte Euch vorlegte. – Nur zwei Worte der Reue – nur ein kurzes Gebet – und irgend ein huldreicher Heiliger hat mit seiner Fürsprache augenblickliche Erhörung und vollste Bewilligung Deiner Bitte bewirkt. – Edler Hugo!« fuhr er fort, und ergriff seine Hand mit einer Art von Schwärmerei, »gewiß hat der Himmel beschlossen, große Dinge durch die Hand dessen auszuführen, dessen Fehler so bereitwillig vergeben, dessen Gebet so augenblicklich erhört worden ist. – Darum soll ein Tedeum laudamus in jeder Kirche und in jedem Kloster von Gloucester gesungen werden, ehe der Tag vergeht.« Der Connetable, nicht weniger voll Freude, doch vielleicht minder fähig, eine ganz besondere Vorsehung in seines Neffen Genesung zu entdecken, bewies dem Ueberbringer der frohen Nachricht seine Dankbarkeit, indem er ihm seine Börse hinwarf. »Ich danke Euch, edler Lord,« sagte der Mann. »Aber wenn ich mich bücke, diesen Beweis Eurer Güte aufzuheben, so geschieht es nur Euch die Habe zurückzureichen.« »Herr! was soll das!« sagte der Connetable. »Ich dächte Deine Jacke ist nicht so reich besetzt, daß Du Dir's leisten kannst, ein solches Geschenk von Dir zu stoßen.« »Wer Lerchen fangen will, Mylord,« sagte der Bote, »muß nicht sein Netz über Sperlinge auswerfen. – Ich habe einen größern Lohn von Eurer Herrlichkeit zu erbitten, und daher weise ich das gegenwärtige Geschenk von mir.« »Einen größern Lohn, ha!« sagte der Connetable. »Ich bin kein irrender Ritter, mich durch ein Versprechen zu binden, ehe ich seinen Inhalt kenne. Aber komme morgen zu meinem Zelte, und Du sollst mich nicht abgeneigt finden zu tun, was recht ist.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von dem Prälaten und kehrte nach Hause zurück, doch nicht ohne seinen Neffen im Vorbeigehen zu besuchen, wo er die angenehme Bestätigung der Nachricht erhielt, die ihm der Bote mit dem buntfarbigen Mantel überbracht hatte. Drittes Kapitel. Die Ereignisse des verflossenen Tages waren ihrer Natur nach so ergreifend und zuletzt so anstrengend, daß der Connetable sich ermüdet fühlte wie nach einer schwer durchkämpften Schlacht, und fest schlief, bis die frühesten Morgenstrahlen ihn durch die Oeffnung des Zeltes begrüßten. Da begann er mit einem von Schmerz und Zufriedenheit gemischten Gefühl zu bedenken, wie sich seine Lage seit dem gestrigen Morgen verändert hatte. Gestern noch stand er auf als feuriger Bräutigam, nur besorgt, einen wohlwollenden Blick in den Augen seiner schönen Braut zu finden, und sorgsam bedacht auf seine Kleidung und jede andere Anordnung, als wäre er noch so jung an Jahren wie an seinen Hoffnungen und Wünschen. Das war nun alles vorbei, und nun lag vor ihm die schwere Aufgabe, seine Verlobte auf mehrere Jahre zu verlassen, bevor noch das Band der Ehe sie unauflöslich aneinander geknüpft hatte, und dabei immer denken zu müssen, daß sie allen den Gefahren ausgesetzt sei, von denen in einer solchen kritischen Lage die weibliche Treue bedroht ist. Als die unmittelbare Sorge um seinen Neffen gehoben war, fühlte er sich versucht zu denken, er habe ein wenig zu schnell den Vorstellungen des Erzbischofs sein Ohr geliehen, als er geglaubt hatte, Damians Tod oder Genesung hänge von der buchstäblichen ungezögerten Erfüllung seines Gelübdes für das heilige Land ab. »Wie viele Fürsten und Könige,« dachte er bei sich selbst, »haben das Kreuz genommen und die Fahrt aufgeschoben oder sich ganz losgesagt, und sie haben trotzdem gelebt und sind gestorben in Reichtum und Ehre, ohne eine solche Züchtigung zu erfahren, wie Balduin mir androhte. Und weshalb und wodurch verdienten diese Männer mehr Nachsicht als ich? Doch der Würfel ist gefallen, und wenig kann es jetzt nützen, nachzuforschen, ob mein Gehorsam gegen die Befehle der Kirche das Leben meines Neffen rettete, oder ob ich nicht, wie es den Laien gemeinhin im Streite mit der Geistlichkeit zu gehen pflegte, in die Falle geraten bin. Gebe Gott, es möge sich anders ausweisen, da ich ja als des Himmels Kämpe, um so sichrer auf den Schutz des Himmels für die rechnen kann, die ich unglücklicherweise zurücklassen muß.« Während diese Gedanken seinem Geiste vorschwebten, riefen die Wachen vor seinem Zelte jemand an, dessen sich nähernde Schritte er schon innen hören konnte. Der Kommende blieb auf ihren Anruf stehen, und gleich darauf hörte man den Ton einer Leier, einer kleinen Art von Laute, deren Saiten mit Hilfe eines kleinen Rades geschlagen wurden. Das Spiel verstummte jedoch alsbald, und Philipp Guarine trat herein, ihm zu melden, daß jemand, der auf das Geheiß des Connetables erschienen sei, um die Erlaubnis bäte, ihn zu sprechen. »Auf mein Geheiß?« sagte de Lacy, »laß ihn sogleich herein!« Der Bote des vergangenen Abends trat in das Zelt, in der einen Hand seine Mütze mit der kleinen Feder, in der andern die Leier haltend, auf der er eben gespielt hatte. Sein phantastischer Anzug bestand aus einem Wams von verschiedenen Farben, und zwar den glänzendsten, schreiendsten, die so aneinander gereiht waren, daß sie die grellsten Kontraste bildeten. – Das Obergewand war ein hellgrüner, normannischer Mantel, An dem gestickten Gürtel befanden sich statt der Waffen ein Tintenfaß mit Zubehör auf der einen und ein Tischmesser auf der andern Seite. Sein Haar war so verschnitten, daß es der geistlichen Tonsur ähnlich erschien, ein Kennzeichen, daß er zu einem gewissen Rang in seiner Kunst gestiegen war. Denn die fröhliche Wissenschaft (»Joyeuse science«) , wie das Gewerbe der Minstrels genannt wurde, hatte ihre verschiedenen Stufen wie die Grade in der Kirche und der Ritterschaft. Die Züge und Manieren des Mannes schienen mit seinem Gewerbe und seiner Kleidung im Widerspruch zu stehen; denn so lustig und phantastisch diese waren, so hatten jene einen Anstrich von Ernst, beinahe von Strenge, der, wenn ihn nicht die Begeisterung bei seinen poetischen und musikalischen Leistungen entflammte, eher die Neigung zu tiefem Nachdenken zu verraten schien als die gedankenlose Lebendigkeit, die die meisten seiner Brüderschaft kennzeichneten. – Sein Antlitz, sonst nicht schön, hatte daher etwas Eindrucksvolles und Ergreifendes, das auch noch den Kontrast mit seinen buntscheckigen Farben und flatternden Gewändern erhöhte. Der Connetable fühlte sich instinktiv gesonnen, den Mann freundlich zu behandeln: »Guten Morgen, Bursch! Ihr hattet eine Belohnung von mir zu fordern. Macht schnell und sagt, was Ihr von mir verlangt. – Meine Zeit ist kurz.« »Es ist die Erlaubnis, Euch in das heilige Land zu begleiten, Mylord,« sagte der Mann. »Du forderst etwas, was ich schwerlich zugestehen kann, mein Freund!« antwortete de Lucy, »Du bist ein Minstrel; bist Du es nicht?« »Ein unwürdiger Meister der fröhlichen Wissenschaft, Mylord,« antwortete der Tonkünstler, »doch laßt es mich selbst sagen, daß ich es sogar mit dem Könige der Minstrels, Geoffrey Rudel, aufnehmen würde, obgleich der König von England ihm vier Landgüter für einen Gesang gab. Ich wollte mit ihm einen Wettkampf eingehen in der Romanze, im Lied und in der Fabel, und wäre König Heinrich selbst der Richter.« »Euer Wort mag ganz wahr sein, daran will ich nicht zweifeln,« sagte de Lacy, »demungeachtet, Herr Minstrel, gehst Du doch nicht mit mir. Am Kreuzzug nehmen schon so viele von Deiner unnützen Profession teil; willst Du ihre Zahl vermehren, so geschehe es nicht unter meinem Schutze. Ich bin zu alt, durch Deine Kunst bezaubert zu werden.« »Wer jung genug ist, die Liebe der Schönheit zu suchen und zu gewinnen,« sagte der Minstrel mit unterwürfigem Tone, als fürchte er, seine Dreistigkeit könne beleidigen, »der sollte sich nicht zu alt nennen, den Zauber der Minstrelkunst zu fühlen.« Der Connetable lächelte, nicht unempfindlich gegen die Schmeichelei, die ihm den Charakter eines jungen Liebhabers zusprach. »Du bist ein Spaßmacher,« sagte er. »Wenn Du Dich in die Ordnung eines so strenge geordneten Haushaltes, wie ich ihn führe, fügen kannst, so ist es möglich, daß wir wohl noch besser zusammenstimmen, als ich's dachte. – Wie ist Dein Name, was Dein Vaterland? Deine Sprache kommt mir etwas fremd vor.« – »Ich bin aus Armorika, Mylord, von den lustigen Küsten von Morbihan. Daher hat meine Aussprache noch einen Anklang von meinem heimischen Dialekt. Mein Name ist Renauld Vidal.« »Da sich die Sache so verhält, Renauld!« sagte der Connetable, »so sollst Du mich begleiten, doch werde ich meinem Haushofmeister Befehl erteilen, Dich zwar Deinem Geschäfte gemäß, aber doch ordentlicher, als Du jetzt erscheinst, zu kleiden. – Verstehst Du auch die Waffen zu führen?« »So leidlich, Mylord!« sagte der Armorikaner und nahm ein Schwert von der Wand, zog und führte damit einen Hieb so dicht vor dem Connetable, der auf dem Lager saß, daß dieser aufsprang und rief: »Schurke, was soll das?« »Seht Ihr, edler Herr,« erwiderte Vidal und neigte untertänigst die Spitze des Schwertes zur Erde, – »ich gab Euch eine Probe von meiner Gaukelkunst, die selbst Euch, den Erfahrenen, überraschte. Ich kann noch mit hundert andern aufwarten.« »Das mag sein,« sagte de Lacy, etwas beschämt, daß er sich durch den überraschenden, gewandten Streich des Gauklers hatte erschrecken lassen. »Aber ich liebe nicht das Spielen mit spitzigen Werkzeugen und habe genug zu tun mit Schwert und Schwerthieben im Ernst, um mit ihnen spielen zu wollen. Ich bitte Euch also, von dergleichen nichts mehr; aber ruft mir meinen Squire und meinen Kämmerling, ich will mich ankleiden und zur Messe gehen.« Nach geendigter Morgenandacht war es des Connetables Absicht, die Aebtissin zu besuchen und ihr mit der nötigen Vorsicht mitzuteilen, wie sich sein Verhältnis zu ihrer Nichte geändert hätte, nachdem er zu dem Entschluß gezwungen worden sei, zum Kreuzzuge aufzubrechen, bevor er nach dem bereits eingegangenen Vertrage seine Vermählung vollziehen könnte. Er wußte wohl, daß es schwer halten würde, die gute Lady mit dieser veränderten Sachlage zu versöhnen, und er ließ sich daher einige Zeit nachzudenken, auf welche Art er am besten diese unangenehme Mitteilung machen und mildern könnte. – Eine geraume Zeit nahm auch der Besuch seines Neffen hinweg, dessen Gesundheitszustand fortwährend günstig blieb, als wäre es in der Tat ein durch ein Wunder bewirkter Lohn dafür, daß der Connetable sich den Anweisungen des Erzbischofs gefügt hatte. Von der Wohnung Damians begab sich nun der Connetable ins Kloster zur Aebtissin. Aber ein früherer Besuch des Erzbischofs Balduin hatte sie schon mit allem, was er ihr mitteilen wollte, bekannt gemacht. Der Primas hatte das Amt eines Vermittlers übernommen, da er wohl wußte, daß der Sieg, den er tags zuvor über den Connetable errungen, diesen in eine sehr heikle Lage mit der Verwandten seiner Verlobten bringen mußte; er wollte also durch sein Ansehen und durch seine Beihilfe die Zwistigkeiten beilegen, die entstehen könnten. Vielleicht hätte er besser getan, Hugo de Lacy selbst seine Sache vertreten zu lassen. Denn die Aebtissin, wiewohl sie seine Mitteilung mit all der Ehrfurcht annahm, die dem höchsten Würdenträger der englischen Kirche gebührte, leitete aus des Connetables verändertem Entschluß Folgerungen, die der Primas nicht erwartete. Sie versuchte es durchaus nicht, de Lacy bei der Erfüllung seiner Gelübde Hindernisse in den Weg zu legen, aber sie erklärte rundheraus, daß nun der Ehekontrakt mit ihrer Nichte gänzlich aufgehoben und jedem Teil Freiheit gelassen sei, eine neue Wahl zu treffen. Umsonst versuchte der Erzbischof, die Aebtissin durch den künftigen hohen Ruhm zu blenden, den der Connetable im heiligen Lande davontragen würde, umsonst hielt er ihr vor, daß dieser Glanz sich nicht nur auf seine Gattin, sondern auf alle, die auf die entfernteste Weise mit ihr verwandt oder verbunden wären, verbreiten würde. Ohne Wirkung blieb seine Beredsamkeit, obwohl er sie bei einem solchen Lieblingsgegenstande aufs äußerste anstrengte. Wahr ist's, die Aebtissin schwieg einen Augenblick, nachdem er seine Gründe erschöpft hatte; doch es geschah bloß, um zu überlegen, wie sie es auf eine schickliche, ehrbare Weise anbringen könne, daß Kinder, ohne die das Haus ihres Bruders und Vaters aussterben würde, wohl schwerlich noch zu erwarten wären, wenn der Verlobung nicht die Vermählung folgte. Sie bestand also darauf, da der Connetable in diesem wichtigen Punkt seine Meinung geändert habe, so müßte die Verlobung gänzlich aufgehoben und vergessen sein, und sie forderte es von dem Primas, als eine Sache der Gerechtigkeit, daß, nachdem er den Bräutigam zur Aufgabe seines ursprünglichen Vorsatzes bestimmt hätte er jetzt seinen Einfluß gebrauchen solle, eine Verbindung, deren Voraussetzungen umgestoßen worden seinen, gänzlich rückgängig zu machen. Der Primas, im Bewußtsein de Lucy zum Bruch des Kontrakts veranlaßt zu haben, hielt sich durch Ehre und Gewissen für verpflichtet, den für seinen Freund so unangenhmen Folgen vorzubeugen und das Verlöbnis aufrecht zu erhalten. Er verwies der Aebtissin ihre fleischlichen, irdischen Ansichten, die sie über den Ehestand und das Interesse ihres Hauses hege. Er warf ihr sogar vor, daß es Selbstsucht sei, die Fortpflanzung des Hauses Berenger der Befreiung des heiligen Grabes vorzuziehen, und er kündigte ihr die Rache des Himmels an für die kurzsichtige, bloß menschliche Klugheit, die die Sache des ganzen Christentums dem Interesse einer einzelnen Familie nachsetze. Nach dieser strengen Predigt entfernte sich der Prälat und ließ die Aebtissin in sehr gereizter Stimmung zurück, wiewohl sie es klüglich vermied, auf seine väterliche Mahnung irgend eine unehrerbietige Antwort zu geben. In dieser Laune traf nun der Connetable die ehrwürdige Frau, als er mit einiger Verlegenheit begann, ihr die Notwendigkeit seiner schleunigen Abreise nach Palästina auseinander zusetzen. Mit finsterer Würde vernahm sie seine Erklärung. Ihr breites, schwarzes Gewand mit dem Skapulier schien sich in noch stolzere Falten zu legen, als sie ihn die edlen Gründe und die Geschehnisse berichten hörte, die ihn zum Aufschub seiner Vermählung zwängen, die, wie er bekenne, der teuerste Wunsch seines Herzens wäre, die aber doch erst nach seiner Rückkehr vom Kreuzzuge, den er auf der Stelle antreten müsse, erfolgen dürfe. »Mich dünkt,« erwiderte die Aebtissin mit vieler Kälte, »wenn diese Erklärung ernstlich gemeint ist – und die Sache eignet sich nicht zum Scherze – mich dünkt, dann hätte des Connetables Entschluß gestern uns bekannt gemacht werden sollen, ehe er und Eveline Berenger durch das Verlöbnis sich zu gegenseitiger Treue verpflichteten.« »Beim Worte eines Ritters und Edelmanns, ehrwürdige Frau! gestern hatte ich noch nicht den geringsten Gedanken daran, daß ich zu einem Schritte gezwungen würde, der mir ebensoviel Kummer macht, wie er Euch mißfällt.« »Kaum vermag ich doch,« erwiderte die Aebtissin, »die zwingenden Gründe zu begreifen, die doch schon gestern vorhanden sein mußten und dabei doch erst heute zur Geltung gekommen sein sollen.« »Ich gestehe,« sagte de Lacy, mit einem gewissen Sträuben, »daß ich zu leicht der Hoffnung Raum gegeben hatte, meines Gelübdes entbunden zu werden. Jedoch Mylord von Canterbury glaubte in seinem Eifer für des Himmels Dienst mir dies versagen zu müssen.« »Dann,« sagte die Aebtissin, ihren Zorn unter äußerster Kälte verbergend, »werdet Ihr uns wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren lassen, uns in dieselbe Lage zurück zu versetzen, in der wir uns gestern morgen befanden. In Uebereinstimmung mit meiner Nichte und ihren Freunden fordere ich die Aufhebung des Ehekontrakts, dem Eure gegenwärtigen Absichten zuwiderlaufen. Gebt einer jungen Dame die Freiheit wieder, deren sie augenblicklich durch den Vertrag mit Euch beraubt ist.« »Ach, Madame,« sagte der Connetable, »was verlangt Ihr von mir? Und in welchem kalten, gleichgiltigen Tone begehrt Ihr, daß ich den teuersten Hoffnungen entsagen soll, die je mein Busen genährt hat?« »Mir ist die Sprache solcher Gefühle unbekannt, Mylord!« erwiderte die Aebtissin, »aber ich dachte, Aussichten, die so leicht auf Jahre verschoben werden, könnten wohl auch durch einen kleinen, sehr kleinen Zwang, den man sich selbst antut, auf immer aufgegeben werden.« Hugo de Lacy schritt, heftig bewegt, im Zimmer auf und nieder, auch antwortete er erst nach einer langen Pause: »Wenn Eure Nichte, Madame, die Meinung teilt, die Ihr soeben geäußert habt, so kann ich in der Tat, will ich gerecht gegen sie, ja vielleicht gegen mich selbst sein, nicht mehr das Anrecht auf ihr Herz beanspruchen, das unsere feierliche Verlobung mir zugestand. Aber ich muß mein Urteil von ihren eigenen Lippen hören; und wenn es so streng ist, wie Eure Aeußerungen mich fürchten lassen, so will ich nach Palästina ziehen und um so besser für den Himmel kämpfen, da ich dann wenig auf der Erde zurücklasse, was Wert für mich hat.« Ohne weitere Antwort rief die Aebtissin ihre Vorsängerin und trug ihr auf, ihre Nichte sogleich herbeizurufen. Die Vorsängerin verbeugte sich ehrfurchtsvoll und ging. »Darf ich so frei sein, zu fragen,« sagte de Lacy, »ob Lady Eveline schon die Umstände kennt, die mich zu dieser unglücklichen Veränderung meines Vorsatzes bewogen haben?« »Ich habe ihr, Punkt für Punkt, alles mitgeteilt,« entgegnete die Aebtissin, »genau so, wie es mir diesen Morgen vom Mylord von Canterbury auseinandergesetzt wurde (denn mit ihm sprach ich schon über diesen Gegenstand), und wie es mir jetzt durch Ew. Herrlichkeit eigenen Mund bestätigt wird.« »Ich bin dem Erzbischof wenig verbunden,« sagte der Connetable, »daß er mir hier vorgegriffen hat, wo es für mich von großer Wichtigkeit war, meine Verteidigung persönlich zu führen und freundliches Verständnis meines Handelns zu erzielen.« »Das,« sagte die Aebtissin, »habt Ihr mit dem Prälaten selbst abzumachen – uns geht's nichts an.« »Darf ich hoffen,« fuhr de Lacy fort, ohne sich von der Trockenheit im Benehmen der Aebtissin beleidigen zu lassen, »daß Lady Eveline diese höchst unglückliche Veränderung der Umstände ohne Bewegung – ich wollte sagen ohne Unwillen vernommen hat?« »Sie ist die Tochter Berengers, Mylord, und es ist unsere Gewohnheit, einen Wortbruch zu strafen oder zu verachten – nicht uns darüber zu grämen. – Was meine Nichte in diesem Falle tun wird, weiß ich nicht. Ich bin eine Dienerin der Kirche, abgeschieden von der Welt, und würde ihr raten, die unwürdige Behandlung, die ihr widerfuhr, christlich zu verzeihen. Aber sie hat Anhänger, Vasallen, Freunde und Ratgeber, die im blinden Trachten nach weltlicher Ehre ihr anempfehlen werden, sich eine solche Beleidigung nicht bieten zu lassen, sondern vor den König selbst zu gehen oder die Lehnsleute ihres Vaters zu den Waffen zu rufen und durch die Vernichtung des Kontrakts sich die Freiheit wieder zu verschaffen. – Doch hier erscheint sie, für sich selbst zu antworten.« Eveline trat in dem Augenblick ein, auf Roses Arm gelehnt. Sie hatte die Trauer seit der Verlobung abgelegt und trug ein weißes Unterkleid und darüber eine blaßblaue Robe. Ihr Haupt deckte ein Schleier von weißem Flor, so dünn, daß er sie umfloß wie eine durchsichtige Nebelwolke. Ihre Glieder zitterten, ihre Wangen waren blaß, die leichte Röte um ihre Augenlider verriet frische Tränen. Trotz dieser natürlichen Zeichen des Kummers und der Unruhe trugen ihre Züge den Ausdruck tiefster Erregung und des Entschlusses, ihre Pflicht zu erfüllen. Und so herrlich mischten sich diese entgegengesetzten Eigenschaften von Furcht und Entschlossenheit auf ihrer Wange, daß Eveline in der höchsten Pracht ihrer Schönheit nie bezaubernder als in diesem Augenblicke erschienen war; und Hugo de Lacy, bis dahin mehr ein Liebhaber ohne große Leidenschaft, stand vor ihr mit Gefühlen, als ob alle Uebertreibungen in den Romanzen in die Wirklichkeit getreten und seine Gebieterin ein Wesen aus höheren Sphären wäre, von deren Urteil Glückseligkeit oder Elend, Leben oder Tod abhinge. Von diesen Gefühlen beseelt, sank der Krieger auf ein Knie vor Evelinen nieder, ergriff die Hand, die sie ihm mehr ließ, als gab, drückte sie freudig an seine Lippen, und ehe er sich von ihr trennte, benetzte er sie mit einer der wenigen Tränen, die man ihn je vergießen sah. Aber, obgleich selbst überrascht und durch diese plötzliche Regung aus seiner Art gerissen, gewann er bald seine Fassung wieder, als er bemerkte, daß die Aebtissin seine Erniedrigung, wenn diese Gefühlsäußerung so genannt werden konnte, mit der Miene des Triumphes betrachtete. So begann er demnach seine Verteidigung vor Evelinen mit einem männlichen Ernst, zwar nicht ohne Wärme oder innere Bewegung, aber doch in einem festen, stolzen Ton, den er deswegen anzunehmen schien, um damit dem gleichen Tone der beleidigten Äbtissin entgegenzutreten. »Lady,« sagte er in seiner Anrede an Eveline, »Ihr habt von der hochwürdigen Aebtissin gehört, in welche unselige Stellung ich seit gestern durch die Strenge des Erzbischofs versetzt worden bin – ich sollte vielleicht besser sagen, durch seine gerechte, wiewohl zu genaue Auslegung meines Gelübdes für den Kreuzzug. Ich kann nicht zweifeln, daß alles dies die hochwürdige Frau Euch genau, der Wahrheit gemäß, vorgelegt hat; aber da ich sie nicht länger meine Freundin nennen darf, so laßt mich hören, ob sie mir auch Gerechtigkeit widerfahren ließ in ihrer Erläuterung der unglücklichen Umstände, die mich zwingen, sogleich mein Vaterland zu verlassen und damit die schönsten Hoffnungen, die je ein Mann in seiner Brust nährte, aufzugeben – im günstigsten Falle aufzuschieben. Die hochwürdige Frau macht es mir zum Vorwurf, daß ich selbst die Vollziehung des gestern abgeschlossenen Vertrages verschöbe und Euch dabei doch gerne auf eine unbestimmte Reihe von Jahren an den Vertrag gebunden sähe. Niemand entsagt gern solchen Rechten, wie mir der gestrige Tag verlieh, und um auch einmal ein prahlerisches Wort zu sprechen: ehe ich sie einem vom Weibe geborenen Manne abträte, wollte ich mit gewetztem Schwert und scharfem Speer, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, drei Tag lang offenes Feld halten gegen alle, die da kommen wollten. Aber was ich mir erhalten wollte, und sollte es tausend Leben kosten, dem bin ich bereit zu entsagen, wenn es Euch nur einen einzigen Seufzer kosten würde. Wenn Ihr demnach glaubt, als die Verlobte de Lucys nicht glücklich bleiben zu können, so braucht Ihr von mir nur die Zustimmung zur Vernichtung des Kontrakts zu fordern, und Ihr dürft einen vom Schicksal begünstigteren Mann glücklich machen.« Er würde noch mehr gesagt haben, aber er fühlte die Gefahr, wieder von jenen zärtlichen Gefühlen überwältigt zu werden, die seinem festen Charakter so neu waren, daß er sich schämte, ihnen abermals Raum zu geben, Eveline schwieg noch immer, und die Aebtissin nahm das Wort. – »Ihr hört, Nichte,« sagte sie, »daß die Großmut oder die Gerechtigkeit des Connetable infolge seiner nahen Abreise zu einem entfernten und gefährlichen Unternehmen, Euch den Vorschlag macht, einen Kontrakt aufzuheben, bei welchem ausdrücklich vereinbart wurde, daß er zu seiner Vollziehung in England bleiben solle. Mir scheint, Ihr könnt nicht zögern, die Euch angebotene Freiheit mit Dank für seine Güte anzunehmen.« »Meine gnädige und hochwürdige Verwandte!« sagte Eveline, indem sie alle ihre Entschlossenheit sammelte, »und Ihr, edler Lord! verzeiht es mir, wenn ich Euch bitte, nicht durch heftige Empfindlichkeit Eure und meine schwierige Lage zu verschlimmern. Mylord, was ich Euch schuldig bin, werde ich nie abtragen können; denn ich danke Euch Glück, Leben und Ehre. Wisset, als ich von den Wallisern in meinem Schlosse Garde Douloureuse belagert wurde, habe ich in der Angst meines Herzens, der heiligen Jungfrau gelobt, daß ich, meine Ehre ausgenommen, dem völlig zu eigen sein wolle, den Unsere liebe Frau zum Werkzeuge brauchen würde, mich aus jener Stunde der Todesangst zu erretten. Indem sie mir einen Befreier gab, gab sie mir einen Herrn; und ich konnte keinen edleren finden als Hugo de Lacy.« »Gott verhüte, edle Lady!« rief der Connetable schnell, als fürchte er, sein Entschluß möchte sinken, ehe er bis zum Ende der Entsagung käme, »daß durch eine Fessel, die Ihr selbst Euch auf dem Gipfel der Not anlegtet, auch ich Euch an einen Entschluß binden sollte, der Euren Neigungen Gewalt antut.« Selbst die Aebtissin konnte nicht umhin, dieser Gesinnung Beifall zu zollen, und erklärte, das sei gesprochen, wie ein normannischer Edelmann; aber dennoch richteten sich ihre Augen auf ihre Nichte und schienen sie zu ermahnen, sich wohl zu bedenken, ehe sie de Lacys ritterliches Entgegenkommen ungenützt lasse. Aber Eveline, die Augen auf den Boden geheftet, während eine leichte Röte in ihre Wangen stieg, ließ sich durch kein Zwischenreden von ihrer Meinung abbringen. »Ich will es Euch bekennen, edler Herr,« sagte sie, »damals, als Eure Tapferkeit mich vom Untergange errettete, hätte ich – denn ich ehrte und achtete Euch nicht minder hoch als Euren Freund, meinen vortrefflichen Vater – wohl wünschen mögen, Ihr hättet einer Tochter Dienste von mir gefordert. Ich kann auch nicht behaupten, dieses Gefühl ganz besiegt zu haben, obwohl ich es als Undankbarkeit gegen meinen Retter wacker bekämpfte. Aber von dem Augenblicke an, da es Euch gefiel, mich durch die Bewerbung um meine geringe Hand zu beehren, habe ich sorgfältig meine Gesinnungen gegen Euch geprüft und sie soweit mit meiner Pflicht in Übereinstimmung gebracht, daß ich mich überzeugt halten kann, de Lacy wird in Eveline Berenger keine gleichgültige, viel weniger eine unwürdige Braut finden. Hierauf, Sir, könnt Ihr Euch verlassen, möge die Vereinigung, die Ihr herbeiwünscht, sogleich stattfinden oder auf eine lange Zeit aufgeschoben sein. – Noch mehr, ich muß bekennen, daß der Aufschub der Vermählung mir angenehmer ist, als ihre unmittelbare Vollziehung. Ich bin jetzt sehr jung und völlig unerfahren. Nach zwei oder drei Jahren werde ich, das glaube ich bestimmt, der Achtung eines Edelmannes noch würdiger sein.« Bei dieser Erklärung zu seinen Gunsten, so kalt und abgemessen sie auch war, mußte de Lacy sich ebenso sehr zusammenraffen, sein Entzücken zurückzuhalten, wie vorher, seine Bewegung zu mäßigen. »Ein Engel an Güte und Freundlichkeit!« rief er aus, kniete noch einmal nieder und ergriff ihre Hand. »Vielleicht sollte nur die Ehre gebieten, freiwillig jenen Hoffnungen zu entsagen, die Ihr mir nicht gewaltsam rauben wollt; aber wer ist einer solchen unerschütterlichen Seelengröße fähig? – Laßt mich hoffen, daß meine Anhänglichkeit – daß alles, was Ihr aus der Entfernung von mir hören werdet, Euren Empfindungen eine noch zärtlichere Wärme verleihen werde, als Ihr jetzt zeigt. Tadelt mich indessen nicht, daß ich unter jeder Bedingung, die Ihr mir jetzt stellen mögt, von neuem das Pfand Eurer Treue entgegennehme. Ich weiß es wohl, meine Bewerbung fängt in späten Jahren an, und ich darf nicht mehr die lebendige Erwiderung erwarten, die der jugendlichen Leidenschaft eigen ist. Tadelt mich nicht, wenn ich mit den sanfteren Empfindungen zufrieden bin, die das Leben glücklich machen, wenngleich sie nicht die Leidenschaft berauschen. – Eure Hand bleibt in der meinen, aber sie scheint meinen Druck nicht zu fühlen. – Sollte sie sich weigern, das zu bestätigen, was Eure Lippen aussprachen?« »Niemals, edler de Lacy!« sagte Eveline mit mehr Wärme, als sie bis jetzt gezeigt hatte; und durch diesen innigeren Ton ermutigt, zog der Bräutigam sie an sich und küßte sie auf die Lippen. Mit einem gewissen Stolz, vermischt mit Ehrfurcht, wandte sich de Lacy, als er dieses Pfand der Treue empfangen hatte, zur Aebtissin, die Beleidigte zu versöhnen und zu besänftigen. »Ich hoffe, hochwürdige Mutter,« sagte er, »daß Ihr Eure frühern gütigen Gesinnungen gegen mich annehmen werdet, die, wie ich überzeugt bin, nur durch Eure zärtliche Sorge für das Wohl derjenigen, die uns beiden am teuersten sein muß, gestört wurden. Laßt mich hoffen, daß ich diese schöne Blume unter dem Schutze der hochverehrten Frau zurücklassen darf, die ihre nächste Blutsverwandte ist, in Glück und Sicherheit, wie es ja nicht anders sein kann, wenn Sie auf Euren Rat hört und in diesen heiligen Mauern wohnt.« Aber die Aebtissin war zu ungehalten, um sich durch eine Schmeichelei versöhnen zu lassen, die vielleicht klüger bis zu einem günstigeren Augenblicke verschoben worden wäre. »Mylord,« sagte sie, »und Ihr, schöne Verwandte, Ihr solltet es doch bedenken, wie wenig mein Rat, den ich wohl nicht sehr oft da geben möchte, wo man so ungern drauf hört, denen nützlich sein kann, die so in weltlichen Trieben befangen sind. Ich habe mich der Religion, der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit – kurz dem Dienste Unserer Frau und des heiligen Benedikts geweiht. Ich habe mir bereits den Tadel meines Vorgesetzten zugezogen, weil ich aus Liebe zu Euch, schöne Nichte, mich tiefer in weltliche Angelegenheiten hineingemischt habe, als es der Vorsteherin eines Nonnenklosters geziemt. Ich will mir keinen weitern Vorwurf in diesen Stücken zuziehen, und Ihr könnt das nicht von mir erwarten. Meines Bruders Tochter, ungefesselt von weltlichen Banden, ist mir willkommen gewesen, als sie meine arme Einsamkeit teilen wollte; aber dieses Haus ist zu geringe, um der verlobten Braut eines mächtigen Freiherrn zur Wohnung zu dienen; auch fühle ich mich in meiner Niedrigkeit und Unerfahrenheit unfähig, sie als solche in die gleiche Botmäßigkeit zu nehmen, zu der doch sonst jeder unter diesem Dache mir verpflichtet ist. Der ernste Gang unserer Andachtsübungen und die stillen Betrachtungen, denen die Frauen unseres Hauses obliegen,« fuhr die Aebtissin in wachsender Hitze und Heftigkeit fort, »sollen nicht meiner weltlichen Verbindungen wegen und durch die Einmischung einer Person gestört werden, deren Gedanken bei dem weltlichen Spielwerk von Liebe und Heirat weilen müssen.« »Ich glaube es in der Tat, hochwürdige Mutter,« sagte der Connetable, der nun auch seinem ganzen Unmut Raum gab, »daß ein reich begütertes Mädchen, die unverheiratet ist und wohl nicht heiraten wird, eine passendere und willkommenere Bewohnerin des Klosters wäre, als eine, die nicht von der Welt getrennt werden kann und deren Reichtum wahrscheinlich nicht des Hauses Einkünfte vermehren wird.« Die unangebrachte Bemerkung des Connetable bestärkte die Aebtissin in dem Entschluß, den sie bereits in ihrer Heftigkeit gefaßt hatte. »Möge der Himmel Euch, Herr Ritter,« erwiderte sie, »die ehrenrührigen Gedanken über eine Dienerin des Herrn vergeben! Es ist in der Tat zum Heil Eurer Seele hohe Zeit, daß Ihr im heiligen Lande Buße tut, da Ihr solche raschen Urteile zu bereuen habt. – Was Euch anbelangt, meine liebe Nichte, so kann es Euch an einer gastfreundlichen Aufnahme nicht gebrechen, die ich Euch nicht gewähren kann, ohne einen solchen ungerechten Verdacht wahrzumachen, oder mindestens den bösen Anschein zu erregen. Ihr habt in Euer Großtante von Baldringham eine weltliche Verwandte, die Euch fast so nahe steht wie ich, und die Euch ihre Tore öffnen kann, ohne sich dem unwürdigen Urteil auszusetzen, daß sie sich auf Eure Kosten bereichern wollte.« Der Connetable sah die Totenblässe, die bei diesem Vorschlag Evelinens Wangen überzog, und ohne die Ursache ihres Abscheus zu wissen, eilte er, sie von der Furcht zu befreien, die sie offenbar quälte. »Nein, hochwürdige Mutter,« sagte er, »da Ihr so hart die Sorge für Eure Verwandte ablehnt, so soll sie auch für keine ihrer Angehörigen eine Last sein. Solange Hugo de Lacy sechs stattliche Schlösser und viele Landgüter sein eigen nennt, die Feuer auf ihrem Herde haben können, soll seine verlobte Braut keinem die Ehre ihrer Gesellschaft zukommen lassen, der diesen Vorzug nicht zu schätzen weiß, und ich müßte mich für ärmer halten, als der Himmel mich gemacht hat, könnte ich nicht genug Freunde und Mannen aufbieten, ihr zu dienen, zu gehorchen, ihr Schutz zu sein.« »Nein, Mylord,« sagte Eveline und überwand den Kummer, in den die Unfreundlichkeit ihrer Verwandten sie versetzt hatte. »Da ein unglückliches Schicksal mir den Schutz der Schwester meines Vaters raubt, dem ich mich so zuversichtlich überlassen hätte, so will ich kein Obdach bei irgend einem feineren Verwandten suchen, noch das annehmen, was Ihr mir, Mylord, so großmütig anbietet. Täte ich das letztere, so würde dies harte, und ich bin überzeugt, unverdiente Vorwürfe derjenigen zuziehen, die mich zwang, einen weniger ratsamen Wohnsitz zu wählen. Mein Entschluß ist gefaßt. Wahr ist es, nur eine Freundin ist mir geblieben, aber eine mächtige, und sie ist imstande, mich sowohl gegen das besondere Unglück zu schützen, das mich zu verfolgen scheint, als auch gegen die gewöhnlichen Unfälle des menschlichen Lebens.« »Die Königin, meint Ihr, wie ich vermute,« sagte die Aebtissin, sie ungeduldig unterbrechend. »Die Königin des Himmels, hochwürdige Tante,« antwortete Eveline, »Unser Frau von Garde Douloureuse, immer gnädig unserm Hause, und noch vor kurzem meine besondere Hüterin und Beschützerin. Es scheint mir, da die Geweihte der Jungfrau mich zurückweist, so ist es die Schutzheilige selbst, deren Hilfe ich anrufen muß.« Die hochwürdige Frau, die sich dieser Antwort nicht versehen hatte, stieß bloß den Ausruf aus: »Hem!« aber in einem Tone, der sich besser für einen Bilderstürmer, als für eine katholische Aebtissin und eine Tochter aus dem Hause Berenger geschickt hätte. Allerdings hatte die erbliche Verehrung, die die Aebtissin für die Frau von Garde Douloureuse hegte, sich sehr verringert, seit sie die Wirkungen eines andern Wunderbildes kennen gelernt hatte, das im Besitz ihres Klosters war. Indessen beherrschte sie sich und schwieg, während der Connetable an die Nachbarschaft der Walliser erinnerte, die einen Aufenthalt zu Garde Douloureuse wieder gefährlich machen könnte, wie seine Braut ja schon einmal erfahren hätte. Diesem stellte aber Eveline die Stärke ihrer väterlichen Burg, die vielen Belagerungen, die sie abgeschlagen, und den wichtigen Umstand entgegen, daß sie bei der letzten Gelegenheit bloß darum in Gefahr geraten sei, weil eines Ehrenhandels wegen ihr Vater Raymond mit der Garnison ausgezogen wäre und zu seinem Nachteil sich vor den Wällen in einen Kampf eingelassen hätte. Ferner führte sie an, daß es für den Connetable leicht sein würde, aus seinen oder ihren Vasallen einen Seneschall auszuwählen, der klug und tapfer genug wäre, um für die Sicherheit des Platzes und der Braut hinlänglich sorgen zu können. Ehe de Lacy hier etwas erwidern konnte, stand die Aebtissin auf, indem sie sich für völlig unfähig erklärte, in weltlichen Dingen Rat zu erteilen, und hinzusetzte, daß die Regeln ihres Ordens sie nunmehr zu ihren klösterlichen Pflichten riefen. Mit diesen Worten verließ sie die Verlobten. Der Ausgang ihrer Unterredung schien beiden angenehm zu sein; und als Eveline Rosen erzählte, daß sie sogleich unter hinlänglicher Bedeckung nach Garde Douloureuse zurückkehren und dort während des Kreuzzuges bleiben würden, so geschah das im Ton einer so aufrichtigen Zufriedenheit, wie ihre Dienerin seit manchen Tagen nicht an ihr wahrgenommen hatte. Auch sprach Eveline mit großen Lobeserhebungen über die Bereitwilligkeit, mit der der Connetable sich ihren Wünschen gefügt hätte, und über sein ganzes Benehmen sprach sie mit einer so warmen Dankbarkeit, die fast an zärtlichere Empfindung grenzte. »Und dennoch, meine teuerste Lady,« sagte Rose, »wenn Ihr ohne Verstellung reden wollt, so müßt Ihr, davon bin ich überzeugt, zugestehen, daß Euch dieser Zeitraum von mehreren Jahren, der nun zwischen Verlobung und Vermählung liegt, gewissermaßen als Gnadenfrist sehr erwünscht ist.« »Ich gestehe dies,« sagte Eveline, »auch habe ich es meinem künftigen Herrn nicht verhehlt, daß dieses meine Empfindungen sind, so mißfällig sie auch erscheinen mögen. Aber Rose, meine Jugend ist es, meine große Jugend, die mir vor den Pflichten einer Gattin de Lacys Scheu einflößt. Auch liegen mir alle die üblen Vorbedeutungen am Herzen. Dem Leiden geweiht von meiner Verwandten, ausgestoßen fast aus dem Hause der andern, erscheine ich mir beinahe selbst als ein Geschöpf, das Unglück mit sich führt, wohin es tritt. Doch die jetzige bange Stunde und, was noch mehr ist, die Furcht vor der künftigen wird die Zeit hinwegräumen. Wenn ich das zwanzigste Jahr erreicht habe, Rose, so werde ich ein vollkommen erwachsenes Weib sein, das mit der starken Seele einer Berenger alle Zweifel und Aengste überwinden wird, die jetzt das Mädchen erschüttern.« Viertes Kapitel. Wenn Lady Eveline de Lacy zufrieden und vergnügt verließ, so hatte die Freunde des Connetable einen höheren Grad des Entzückens erreicht, als er je zuvor empfunden hatte. Ein Besuch der Aerzte, welche seinen Neffen bedienten, erhöhte noch sein Vergnügen, da er von ihnen ausführlichen Bericht über dessen Krankheit und zugleich die Versicherung von seiner baldigen Wiederherstellung erhielt. Der Connetable ließ Almosen in den Klöstern und unter die Armen austeilen, Messen lesen, Kerzen anzünden. Er besuchte den Erzbischof und erhielt von ihm die Zusage, daß in Anbetracht seines schnellen Gehorsams sein Aufenthalt in dem heiligen Lande nur auf drei Jahre beschränkt werden sollte, wobei die zur Hin- und Rückreise erforderliche Zeit mit eingerechnet sein sollte. Kurz, da er den Hauptpunkt durchgesetzt hatte, so hielt es der Erzbischof für geraten, einem Manne vom Rang und Charakter des Connetables, dessen Teilnahme an der bevorstehenden Unternehmung für deren Erfolg von höchster Wichtigkeit war, alle weniger bedeutenden Zugeständnisse willig zu gewähren. So kehrte der Connetable zu seinem Zelte zurück, höchst zufrieden, daß er sich aus Schwierigkeiten befreit hatte, die am Morgen noch unüberwindlich schienen; und als seine Hausoffizianten sich um ihn versammelten, seinem Auskleiden beizuwohnen (denn die großen Lehnsherren hatten ihre Morgen- und Abendaudienzen, wie die souveränen Fürsten) verteilte er mehrere Geschenke unter sie und scherzte und lachte in einem frohern Humor, als sie je zuvor an ihm bemerkt hatten. »Was Dich anbetrifft,« sagte er, sich zu Vidal, dem Minstrel, wendend, der prachtvoll gekleidet unter den andern Hausbeamten stand, um auch seine Ehrerbietung zu zeigen, »Dir werde ich jetzt nichts geben; aber bleibe Du neben meinem Bette, bis ich einschlafe, dann werde ich morgen Deine Kunst belohnen, je nachdem sie mir gefallen hat.« »Mylord,« sagte Vidal, »ich bin schon belohnt durch die Ehre und durch die Livree, die sich mehr für einen königlichen Minstrel als für einen von meinem geringen Rufe schickt. Aber gebt mir einen Gegenstand auf, und ich will mein Bestes tun, nicht aus Gier nach künftigen Gaben, sondern aus Dankbarkeit für genossene Gunst.« »Schönen Dank, guter Gesell,« sagte der Connetable, »Guarine,« sagte er darauf zu seinem Squire, »laß die Wachen antreten, und Du bleibe im Zelt. – Strecke Dich dort auf die Bärenhaut hin und schlafe oder höre auf den Gesang, wie Du willst. Du hältst Dich, das habe ich wohl gehört, für einen Kenner von dem Zeuge da.« In diesen unsichern Zeiten war es etwas Alltägliches, daß ein treuer Diener die Nacht über im Zelte seines Herrn schlief, damit dieser im Notfalle nicht ohne Beistand und Schutz wäre. Demzufolge zog Guarine sein Schwert, behielt es in der Hand, und streckte sich auf den Boden, so daß er beim geringsten Lärm bewaffnet aufspringen konnte. Seine großen schwarzen Augen, in welchen der Schlaf mit dem Wunsche, den Gesang zu hören kämpfte, waren auf Vidal gerichtet, der sie im Widerschein einer silbernen Lampe blitzen sah wie die Augen eines Drachen oder Basilisken. Nach einigen einleitenden Gängen auf der Leier ersuchte der Minstrel den Connetable, ihm den Gegenstand zu nennen, über den er zum Beweise seiner Geschicklichkeit singen solle. »Die Treue der Weiber,« antwortete Hugo de Lacy und legte sein Haupt auf das Kissen. Nach einem kurzen Vorspiel gehorchte der Minstrel, indem er ungefähr folgendes sang: Frauentreue, Frauenpfand! – Schreibe die Züge in den Sand, Präge sie in die Welle hinein, Drücke sie in des Mondes Schein: Und wie schnell der Zug vergeht, Fester, länger er doch steht Und verlischt so schnelle nicht, Als, was dieses Wort ausspricht. – Ich zog Spinnefäden dort, Fester war's als Mädchenwort; Ich wog ab ein Körnchen Sand, Schwerer war's als Herzenspfand, Liebchen, das mir untreu war. Stellt' ich diese Bilder dar: Wiederum schwur sie mir Treue – Und ich glaubte ihr aufs neue. – »Wie das, Herr Schalk?« sagte der Connetable und hob sich auf den Ellenbogen empor, »Von welchem trunkenen Reimschmied hast Du dieses halbwitzige Spottgedicht gelernt?« »Von einem alten, lumpigen, runzligen Freund meiner Bekanntschaft, genannt Erfahrung,« antwortete Vidal. »Ich bitte zum Himmel, er mochte nie Ew. Herrlichkeit oder einen andern würdigen Mann unter seine Zucht nehmen.« »So geh doch, Bursche,« erwiderte der Connetable, »Du bist auch einer von den Weisheitsnarren, ich stehe dafür, der gern für witzig gehalten werden will, weil er seinen Spott mit Dingen treibt, die klügere Männer der größten Achtung für wert halten – die Ehre der Männer und die Treue der Frauen. Nennst Du Dich einen Minstrel und weißt keine Geschichten von weiblicher Treue zu erzählen?« »Ich habe deren recht viele gewußt, edler Herr, aber ich warf sie beiseite, als ich dem Scherz in der fröhlichen Wissenschaft entsagte. Dessenungeachtet, wenn es Ew. Herrlichkeit gefällt, darauf zu hören, kann ich Euch ein sehr beliebtes Lied über diesen Gegenstand singen.« De Lacy willigte durch ein Zeichen ein und legte sich wie zum Schlummer zurück, während Vidal eines von jenen fast zahllosen Abenteuern, das Muster aller treuen Liebenden, die schöne Ysolte betreffend, begann und von der beständigen ununterbrochenen Treue und Liebe sang, die sie in gar vielen schwierigen und gefährlichen Lagen ihrem Geliebten, dem schmucken Sir Tristram, auf Kosten ihres weniger begünstigten Eheherrn, des unglücklichen Königs Marke von Cornwall, bewahrte, dessen Neffe, wie alle Welt weiß, Sir Tristram war. Dies war nun gerade nicht das Lied von Liebe und Treue, das de Lacy sich gewählt hätte; aber ein Gefühl, der Scham ähnlich, verhinderte ihn, es zu unterbrechen, weil er den unangenehmen Empfindungen, die der Inhalt dieses Gesanges erweckt hatte, nicht weiter nachgeben wollte. Bald schlief er ein oder tat wenigstens so, und der Minstrel, der noch eine Zeitlang den monotonen Gesang fortsetzte, begann endlich selbst den Einfluß des Schlafes zu fühlen; seine Worte und die Töne, die er noch beim Saitenspiel anschlug, stockten, brachen ab und schienen nur noch schwer den Fingern und Lippen zu entfallen. Endlich hörten sie ganz auf, der Minstrel schien in tiefen Schlummer versunken zu sein, sein Haupt neigte sich auf die Brust, der eine Arm sank zur Seite, während der andere auf seiner Leier ruhte. Sein Schlaf währte jedoch nicht lange, und als er erwachte, und sich beim Schein der Nachtlampe im Zelte umsah, fühlte er eine schwere Hand, die seine Schulter berührte, um gleichsam seine Aufmerksamkeit zu erregen. Zu gleicher Zeit flüsterte die Stimme des wachsamen Philipp Guarine ihm ins Ohr: »Dein Geschäft für die Nacht ist beendigt – begieb Dich in Dein Quartier, und zwar so still wie möglich.« Ohne etwas zu erwidern, hüllte sich der Minstrel in seinen Mantel und ging, wenn auch nicht ohne Groll, so ohne alle Umstände weggeschickt zu werden. Fünftes Kapitel. Der Gegenstand, der unsern Geist zuletzt beschäftigt hat, schwebt uns auch oft noch in der Nacht während des Schlummers vor, wenn die Einbildungskraft, ungeregelt durch die Sinne, ihr eigenes phantastisches Gewebe aus Ideen webt, die zufällig in buntem Wechsel in dem Schläfer erwachen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß es de Lacy in seinen wirren Träumen so vorkam, als wäre er mit dem unglücklichen Marke von Cornwall einunddieselbe Person, und daß er aus solchen unangenehmen Bildern mit weniger heiterer Stirn erwachte, als er sich des Abends niedergelegt hatte. Er war still und schien in Gedanken verloren, als sein Squire bei seinem Lever ihn mit der Ehrfurcht bediente, die man jetzt nur den Fürsten zollt, »Guarine,« sagte er endlich, »kennt Ihr den stämmigen Flamländer, der sich so gut bei der Belagerung von Garde Douloureuse betragen haben soll, einen großen, dicken, kräftigen Mann?« »Allerdings, Mylord,« antwortete der Squire, »ich kenne Wilkin Flammock. – Ich sprach ihn noch gestern.« »Wirklich!« erwiderte der Connetable. – »Hier sagst Du? – Hier in der Stadt Gloucester?« »Gewiß, mein edler Herr. Er ist hierhergekommen teils seines Handels wegen, teils, denke ich, seine Tochter Rose zu sehen, die sich im Gefolge der gnädigen Lady Eveline befindet.« »Er ist ein tüchtiger Soldat, nicht wahr?« »Wie die meisten seiner Landsleute, – ein Wall für eine Burg, aber ein Sandhaufen im Felde,« sagte der normännische Knappe. »Treu auch, nicht wahr?« fuhr der Connetable fort. »Treu, wie die meisten Flamländer, solange Ihr ihre Treue bezahlen könnt,« erwiderte Guarine, sich ein wenig über den ungewöhnlichen Anteil wundernd, den sein Gebieter an einen seiner Meinung nach so niedrig stehenden Menschen nahm, aber nach einigen weiteren Fragen gebot der Connetable, sogleich den Flamländer herbeizurufen. Jetzt kamen andere Geschäfte des Morgens an die Reihe (denn seine schnelle Abreise verlangte noch manche schleunige Anordnungen), und als der Connetable noch mehreren Offizieren seiner Truppen Audienz gab, erschien schon die gewaltige Gestalt Wilkin Flammocks am Eingange des Zeltes. Er trug eine Jacke von weißem Zeuge, und seine einzige Waffe war ein Messer an der Seite. »Verlaßt das Zelt, meine Herren,« sagte de Lacy, »aber wartet in der Nähe auf mich; hier kommt jemand, mit dem ich allein zu sprechen habe.« Die Offiziere entfernten sich, und der Connetable war mit dem Flamländer allein. »Ihr seid Wilkin Flammock, der so wacker gegen die Walliser zu Garde Douloureuse focht?« »Ich tat mein Bestes, Mylord!« antwortete Wilkin. – »Ich war durch meinen Kaufbrief dazu verpflichtet, und ich hoffe, stets wie ein Mann von Treue und Glauben zu handeln.« »Mich dünkt,« sagte der Connetable, »daß Ihr mit einem so eisenfesten Körper und, wie ich höre, einem so kühnen Geiste den Blick wohl etwas höher, als auf dieses Euer Weberhandwerk, richten könnt.« »Keiner hat was dawider, seine Lage zu verbessern, Mylord!« sagte Wilkin. »Doch ich bin soweit entfernt, über die meinige zu klagen, daß ich sehr gern zufrieden sein würde, wenn sie auch niemals besser werden sollte, nur freilich müßte man mir auch die Versicherung geben, daß sie nie schlechter werden solle.« »Und dennoch, Flammock,« sagte der Connetable, »habe ich größere Dinge für Euch im Sinn, als Eure Bescheidenheit Euch ahnen läßt. – Ich gedenke Dich in einem Amte hier zu lassen, zu dem ich einen sehr zuverlässigen Mann brauche.« »Wenn es Tuchballen betrifft, Mylord, so soll keiner die Sache besser verrichten,« sagte der Flamländer. »Fort damit, Du denkst zu niedrig von Dir,« sagte der Connetable. – »Was meinst Du, wenn ich Dich zum Ritter schlage, wie Deine Tapferkeit wohl verdient hat, und Dich als Kastellan von Garde Douloureuse zurücklasse?« »Was die Ritterwürde anbetrifft, Mylord, da muß ich um Vergebung bitten, sie würde mir passen wie der Sau ein goldener Helm. Aber die Bewachung eines Schlosses oder einer Hütte, – ich glaube, das würde ich so gut verrichten wie ein anderer.« »Ich fürchte doch, Dein Rang muß etwas erhöht werden,« sagte der Connetable, indem er die unkriegerische Kleidung der Gestalt vor sich betrachtete, »in Deiner jetzigen niedrigen Stellung kannst Du nicht gut zum Beschützer und Hüter einer jungen Lady von Geburt und Rang gemacht werden.« »Ich der Hüter einer jungen Lady von Geburt und Rang!« sagte Flammock, und seine großen hellen Augen wurden bei diesen Worten noch größer und heller und drehten sich rascher als sonst. »Eben Du,« sagte der Connetable. »Lady Eveline will im Schlosse Douloureuse Aufenthalt nehmen. Ich habe es mir überlegt, wem ich die Obhut über sie und die Feste anvertrauen soll. Wollte ich irgend einen berühmten Ritter erwählen, wie ich deren mehrere in meinem Hofstaat habe, so würde er aus Lehnspflichten Taten gegen die Walliser verrichten wollen und sich in Unruhen einlassen, die die Sicherheit des Schlosses gefährden könnten; oder er würde die Feste verlassen, um sich an Ritterfesten, Turnieren, Jagdpartien zu beteiligen; oder er würde vielleicht gar dergleichen lockere Schauspiele vor den Wällen, ja Wohl gar in dem Schloßhofe veranstalten, und in dem einsamen stillen Aufenthalt, welcher sich für Evelinens Lage schickt, die Zügellosigkeit der ausgelassensten Gelage einführen. – Dir kann ich vertrauen – Du wirst fechten, wenn es erforderlich ist, aber nicht die Gefahr um ihrer selbst willen herausfordern. Deine Geburt, Deine Gewohnheiten werden Dich diese Lustbarkeiten vermeiden lassen, die, wie verführerisch sie auch für andere sein mögen, Deinem Geschmack durchaus nicht entsprechen. – Du wirst alles so pünktlich verwalten, wie ich Sorge dafür tragen werde, daß es Dir an nichts fehle. Deine Verwandtschaft mit ihrem Liebling Rose, wird Deine Obhut der Lady Eveline angenehmer machen, als wäre dazu einer ihres Ranges bestimmt. – Und, um mit Dir eine Sprache zu sprechen, die Euer Volksschlag rasch begreift. Dein Lohn, Flamländer, wenn Du dieses wichtige Amt ordentlich verwaltest, soll Deine schmeichelhaftesten Hoffnungen übertreffen.« Der Flamländer hatte den ersten Teil dieser Rede mit einem Ausdruck des Erstaunens angehört, das allmählich einem tiefen, besorgten Nachdenken Platz machte. Er starrte fest auf den Boden hin, und erst als der Connetable wohl eine Minute lang schon geschwiegen, riß er plötzlich die Augen auf und sagte: »Es ist unnütz, mich rundherum nach Entschuldigungen umzusehen. Das kann nicht Euer Ernst sein, Mylord – und wenn auch, so wird doch nichts daraus.« »Wie? und weshalb?« fragte der Connetable mit unwilligem Erstaunen. »Ein anderer mag nach Eurem Anerbieten gierig greifen und sich nicht weiter drum grämen, ob Ihr den gehörigen Gegenwert dafür erhaltet; aber ich bin ein ganz gerader Mann und will nicht Zahlung nehmen für Dienste, die ich nicht leisten kann.« »Aber ich frage noch einmal, warum kannst Du nicht, oder vielmehr warum willst Du nicht dieses Amt übernehmen?« sagte der Connetable. »Wahrlich, wenn ich dir ein solches Vertrauen schenken will, so solltest Du doch an Deinem Teile mir auch entgegenkommen.« »Ganz wahr, Mylord,« sagte der Flamländer, »aber mich dünkt, der edle Lord de Lacy sollte es fühlen, und der kluge Lord de Lacy sollte es vorhersehen, daß ein flamländischer Weber nicht der beste Hüter für eine verlobte Braut ist. – Denkt sie Euch nur einmal in jenem einsiedlerischen Kastell eingesperrt, unter so geringem Schutze, und überlegt wohl, wie lange es in diesem Lande der Liebe und der Abenteuer eine Einsiedelei bleiben würde. Da werden wir Minstrels haben, die zu Dutzenden unter unsern Fenstern Balladen singen und die Harfe klimpern werden, daß unsere Mauern in ihren Grundfesten zittern werden, wie die Geistlichen sagen, daß es zu Jericho geschah. – Da werden wir recht viel irrende Ritter um uns haben, wie zu Karls des Großen oder König Arthus Zeiten. – Gott sei mir gnädig! Eine feine, edle Einsiedlerin, in einen Turm gesperrt und von einem flamländischen Weber bewacht, so wird es heißen, und die halbe Ritterschaft von England wird sich um uns her versammeln, Lanzen zu brechen, Gelübde zu tun, Liebesfarben zur Schau zu tragen und was weiß ich der Narrheiten mehr zu treiben. – Denkt Ihr, daß solche galanten Herren, mit einem Blute, das durch ihre Adern wie Quecksilber fliegt, sich daran kehren würden, wenn ich ihnen geböte, uns zu verlassen?« »Riegel vor! Zugbrücke auf! Fallgitter nieder!« sagte der Connetable mit einem gezwungenen Lächeln. »Und glaubt Ew. Herrlichkeit, daß solche Galane sich um dergleichen Hindernisse kümmern? Das ist ja erst die rechte Würze der Abenteuer, die sie suchen. – Der Ritter des Schwanes wird durch den Graben schwimmen – der des Adlers über die Mauern fliegen – der des Donnerkeils die Tore sprengen.« »Laß Armbrust und Steinschleuder spielen!« sagte de Lacy. »Und laß Dich in aller Form belagern,« sagte der Flamländer, »wie das Kastell von Tintadges auf den alten Tapeten, alles aus Liebe zu einer schönen Dame! – Und dann die lustigen Frauen und Fräulein, die von Schloß zu Schloß auf Abenteuer ausziehen, von Turnier zu Turnier, mit bloßem Busen, wallenden Federn, Dolche an der Seite, Wurfspieße in den Händen, schnatternd wie die Elstern, flatternd wie die Dohlen, und zuweilen girrend wie die Tauben, – wie soll ich diese von Lady Evelinen fernhalten?« »Indem Du die Tore gut verschlossen hältst, sage ich Dir,« antwortete der Connetable, noch immer in dem Tone einer erzwungenen Scherzhaftigkeit, »dagegen dient schon ein hölzerner Riegel.« »So? aber wenn der flamländische Weber sagt: Zu! und die normannische Edle sagt: Auf! bedenkt einmal, wer sich da am sichersten Gehorsam verschaffen wird. Mit einem Wort, Mylord, – was eine solche Hüterschaft und dergleichen anbetrifft, da sage ich: Hände weg! Ich wollte es nicht unternehmen, der keuschen Susanne Hüter zu sein, lebte sie auch in einem bezauberten Schlosse, dem sich kein lebendes Wesen nähern könnte.« »Du sprichst und denkst wie ein gemeiner Wüstling, der über weibliche Beständigkeit lacht, weil er nur mit den Unwürdigsten des Geschlechts gelebt hat,« sagte der Connetable. »Aber Du solltest doch das Gegenteil kennen, da Du, wie ich weiß, eine so tugendhafte Tochter hast.« »Deren Mutter es nicht weniger war,« unterbrach Wilkin den Connetable etwas aufgeregter als sonst. »Aber das Gesetz, Mylord, verlieh mir die gebührende Gewalt, mein Weib zu beherrschen und zu behüten, wie auch Natur und Gesetz mir Macht und Pflicht gegen meine Tochter gaben. Was ich beherrschen kann, dafür kann ich verantwortlich sein; aber ob ich ebensogut meine Pflicht erfüllen kann, wo ich bloß ein Stellvertreter sein soll, das ist eine andere Frage. – Bleibt zu Hause, mein guter Lord,« fuhr der ehrliche Flamländer fort, da er merkte, daß seine Worte einigen Eindruck auf de Lacy machten, »laßt eines Narren Rat einmal dazu dienen, eines weisen Mannes Vorsatz zu ändern, den er, ich sage es dreist, nicht in einer weisen Stunde faßte. Bleibt in Eurem eigenen Lande – regiert Eure eigenen Vasallen – und schützt Eure Braut, Ihr allein könnt von ihr herzliche Liebe und bereitwilligen Gehorsam fordern; und ich bin gewiß, ohne daß ich mir anmaße, zu erraten, was sie, von Euch getrennt, tun wird, unter Euren eigenen Augen wird sie die Pflichten einer treuen, liebenden Gattin erfüllen.« »Und das heilige Grab?« fragte seufzend der Connetable, dessen Herz die Weisheit des Rates anerkennen mußte, den zu befolgen die Umstände ihm nicht gestatteten. »Laßt die, die das heilige Grab verloren, es wiederzugewinnen suchen, Mylord,« erwiderte Flammock. »Wenn jene Lateiner und Griechen, wie sie sie nennen, nicht bessere Leute sind, als ich gehört habe, so hat es nicht viel zu sagen, ob sie oder die Heiden das Land besitzen, das Europa schon soviel Blut und Schätze gekostet hat.« »Bei meiner Treu,« sagte der Connetable, »was Du sagst, hat Sinn. Doch warne ich Dich, es zu wiederholen, oder sie halten Dich für einen Ketzer oder Juden. Was mich anbetrifft, Wort und Schwur sind ohne Widerruf verpfändet; ich habe nur noch zu überlegen, wen ich am besten zu der wichtigen Stelle ernennen soll, die Du als vorsichtiger Mann, nicht ohne einen Schatten von Recht, ausschlägst.« »Es gibt keinen, dem Ew. Herrlichkeit so natürlich und so geziemend diese Stelle übertragen können,« sagte Flammock, »als dem nahen Verwandten, der so ganz Euer Vertrauen besitzt. Aber viel besser wäre es, Ihr brauchtet in dieser Sache überhaupt niemand.« »Wenn Ihr,« sagte der Connetable, »unter meinem nächsten Verwandten Randal de Lacy versteht, so mache ich mir nichts daraus, es Euch zu sagen, daß ich ihn für gänzlich unwürdig halte, ein ehrenvolles Vertrauen zu verdienen,« »Nein, ich meinte einen andern,« sagte Flammock, »der Euch noch näher steht durch die Bande des Bluts und, wenn ich mich nicht sehr irre, noch viel näher durch Zuneigung – Ich hatte Euren Neffen, Damian de Lacy im Sinne.« Der Connetable schrak zusammen, als hätte ihn eine Wespe gestochen; aber er antwortete zugleich mit gezwungener Fassung: »Damian sollte an meiner Stelle nach Palästina gehen – es scheint nun so, als müsse ich an der seinigen gehen. Denn seit dieser letzten Krankheit haben die Aerzte gänzlich ihre Meinung geändert und halten ein warmes Klima jetzt für so gefährlich, als sie es vorher für zuträglich hielten. Aber unsere gelehrten Aerzte müssen, wie unsere gelehrten Priester, immer recht haben, mögen auch ihre Meinungen sich ändern, wie sie wollen; wir armen Laien haben aber immer nur unrecht. Ich kann, das ist wahr, auf Damian mich mit der größten Zuversicht verlassen; aber er ist jung, Flammock – sehr jung – und gerade darin gleicht er nur allzusehr ihr, die ich sonst wohl seiner Fürsorge anvertrauen möchte.« »Dann noch einmal, Mylord! bleibt zu Hause, und seid selbst der Beschützer dessen, was Euch naturgemäß so sehr teuer ist.« – »Noch einmal wiederhole ich, ich kann nicht,« antwortete der Connetable. »Der Schritt, zu dem ich mich verpflichtet habe, mag vielleicht ein großer Irrtum sein – ich weiß nur, daß er unwiderruflich ist.« »So vertraut denn Eurem Neffen, Mylord, – er ist redlich, und treu, und es ist immer noch ein besserer Verlaß auf junge Löwen als auf alte Wölfe. Er kann vielleicht irren, aber nicht aus vorbedachter Verräterei.« »Du hast recht, Flammock,« sagte der Connetable, »vielleicht hätte ich Dich eher um Rat fragen sollen, derb wie er ist. Aber laß das, was zwischen uns vorgefallen, ein Geheimnis unter uns sein und besinne Dich auf etwas, womit ich Dir eine Gunst erweisen kann.« »Die Rechnung können wir bald aufsetzen, Mylord,« erwiderte Flammock, »denn ich hatte die Absicht, Ew. Herrlichkeit Fürsprache mir zu erbitten, um in jenem wilden Winkel, wohin wir Flamländer uns gezogen haben, eine gewisse Ausdehnung unserer Privilegien zu erhalten.« »Die soll Dir werden, wenn Du nichts Uebertriebenes forderst,« sagte der Connetable. Und der ehrliche Flamländer, unter dessen guten Eigenschaften ein ängstliches Zartgefühl nicht die erste war, beeilte sich bis auf das kleinste, alle Punkte seines Gesuchs auseinanderzusetzen, das schon früher vergebens vorgelegt worden war und nun durch diese Unterredung Erfüllung fand. Begierig, den einmal gefaßten Beschluß auszuführen, eilte der Connetable nun zur Wohnung Damians und verkündete seinem Neffen, zu dessen nicht geringem Erstaunen seinen veränderten Vorsatz. Er führte seine eigene beschleunigte Reise, Damians letzte und noch dauernde Krankheit, vereint mit dem für Eveline nötigen Schutz, als die Gründe an, weswegen sein Neffe notwendig zurückbleiben müsse, um während seiner Abwesenheit sein Stellvertreter zu sein, die Rechte des Hauses de Lacy und die Ehre der Familie zu beschützen – vor allem aber der Hüter der jungen, schönen Braut zu sein, die sein Oheim und Schutzherr eine Zeitlang zu verlassen gezwungen sei. Als ihm sein Oheim diese Veränderung seines Vorsatzes ankündigte, hütete Damian noch das Bett. Vielleicht war ihm dies nur angenehm, weil er in dieser Stellung leichter vor den Augen seines Oheims die mannigfaltigen Bewegungen verbergen konnte, die er nicht zu unterdrücken vermochte. Der Connetable dagegen, mit der Hast eines Mannes, der nur das eilig zu enden wünscht, was er über einen unangenehmen Gegenstand zu sagen hat, erörterte in großer Hast die Vorkehrungen, welche er schon getroffen hatte, damit sein Neffe die Mittel in Händen hätte, mit gehörigem Nachdruck sein wichtiges Geschäft auszuführen. Der Jüngling horchte wie auf eine Stimme im Traume, die zu unterbrechen ihm die Kraft fehlte, obgleich in ihm etwas war, das ihm zuflüsterte, daß Klugheit und Rechtlichkeit es erheischten, gegen den veränderten Entschluß seines Oheims Einwendungen zu machen. Sobald der Connetable schwieg, versuchte er deshalb auch wirklich etwas vorzubringen; aber er redete zu schwach, um einen zwar schnell, aber fest gefaßten Entschluß erschüttern zu können, zumal er einen Mann vor sich hatte, der nicht gewöhnt war, zu sprechen, ehe sein Vorsatz feststand, oder ihn zu ändern, wenn er ausgesprochen war. Auch wurden die Gegenvorstellungen Damians – wenn sie so genannt werden konnten – in so widersprechenden Ausdrücken vorgebracht, daß sie kaum verständlich waren. In dem einen Augenblick äußerte er seinen Schmerz, sich die Lorbeeren entrissen zu sehen, die er in Palästina zu sammeln gehofft hatte, und beschwor seinen Oheim, seinen Vorsatz nicht zu ändern, sondern ihm zu gestatten, seinen Fahnen dahin zu folgen; in der nächsten Wendung der Rede, erklärte er seine Bereitwilligkeit, Lady Eveline bis auf den letzten Tropfen Blutes zu verteidigen. De Lacy sah nichts Unzusammenhängendes in diesen Gefühlen, ob sie gleich für den Augenblick einander widersprachen. Es war natürlich, dachte er, daß ein junger Ritter ein Verlangen trug, Ehre zu gewinnen – aber auch natürlich, daß er gern ein so ehrenvolles und wichtiges Amt übernehmen wollte, mit welchem er ihn bekleiden wollte; und daher dachte er, es wäre nicht sehr zu verwundern, daß bei der willigen Uebernahme der neuen Pflicht der junge Mann zugleich einen Schmerz darüber fühle, die Aussicht auf ehrenvolle Abenteuer zu verlieren. Er lächelte daher nur zu den abgebrochenen Einwendungen seines Neffen, und seine Anordnungen noch einmal bekräftigend, verließ er den jungen Mann, damit er mit Muße über den Wechsel seiner Bestimmung nachdenken könnte. Er selbst begab sich zum zweitenmale in die Benediktinerabtei, um den gefaßten Entschluß der Aebtissin und seiner erwählten Braut mitzuteilen. Der Mißmut der ersteren Dame wurde durch diese Mitteilung nicht verringert, an der sie überhaupt sehr wenig Anteil zu nehmen schien. Sie betonte fortwährend ihre religiösen Pflichten und ihre geringe Kenntnis in weltlichen Angelegenheiten; im übrigen, meinte sie, wären bisher wohl immer noch die Beschützer der jungen Schönen ihres Geschlechts aus den Kreisen der reiferen Männer gewählt worden. »Eure eigene Unfreundlichkeit, Lady,« antwortete der Connetable, »hat mir keine bessere Wahl gelassen. Da Lady Evelinens nächste Freunde ihr den Aufenthalt unter ihrem Dache versagen, weil sie mich eines Anrechts auf ihren Besitz würdigt, so würde es von meiner Seite noch mehr als undankbar sein, wenn ich Ihr nicht den Schutz meines nächsten männlichen Erben zusicherte. Damian ist jung, aber er ist zuverlässig und achtungswert, und die ganze Ritterschaft Englands bietet mir keine bessere Wahl dar.« Eveline schien mit Staunen, ja fast mit Schrecken den so plötzlich ausgesprochenen Entschluß ihres Bräutigams zu vernehmen, und es traf sich vielleicht recht glücklich, daß die Bemerkung der Aebtissin eine Antwort des Connetables notwendig machte und ihn abhielt, zu bemerken, wie ihre Farbe mehr wie einmal von der Blässe zum höchsten Rot abwechselte. Rose, die von der Zusammenkunft nicht ausgeschlossen war, zog sich dicht zu ihrer Gebieterin, und indem sie sich stellte, als lege sie ihr den Schleier zurecht, drückte sie insgeheim recht innig ihre Hand und flößte ihr dadurch Mut ein, sich zu einer Antwort zu sammeln. Diese wurde kurz und mit einer Festigkeit ausgesprochen, die bewies, daß die Ungewißheit des Augenblicks verschwunden oder unterdrückt worden war. Im Falle einer Gefahr, sagte sie, würde sie nicht verfehlen, Damian de Lacy aufzufordern, zu ihrem Beistand zu eilen, wie er es schon früher getan; aber sie fürchte jetzt in ihrem eigenen sichern Schlosse von Garde Douloureuse keine Gefahr und wäre entschlossen, dort allein mit ihrem eigenen Haushalt zu verweilen. Sie wäre überdies entschlossen, fuhr sie fort, ihrer ganz eigentümlichen Lage wegen, dort in der strengsten Abgeschiedenheit zu leben, die, wie sie erwarte, auch selbst von dem edlen jungen Ritter, den sie zum Beschützer erhalten, nicht gestört werden würde; es sei denn, daß irgend eine Besorgnis ihrer Sicherheit wegen seinen Besuch unbedingt notwendig mache. Die Aebtissin stimmte, wiewohl sehr kalt, diesem Vorschlag, bei, den ihre Begriffe von Anstand billigten; und somit wurden denn schnelle Vorbereitungen zu Lady Evelinens Rückkehr in die Burg ihres Vaters getroffen. Zwei Zusammenkünfte, welche, noch ehe sie das Kloster verließ, stattfanden, waren ihrer Natur nach höchst peinlich. In der ersten wurde ihr Damian feierlich von seinem Oheim vorgestellt als der Bevollmächtigte, dem er die Aufsicht über sein Eigentum und, was ihm noch teurer sei, wie er versicherte, die Obhut über ihre Person anvertraut hatte. Kaum gestattete sich Eveline einen einzigen Blick; aber auch dieser einzige Blick erkannte schon all die Verwüstungen, welche Krankheit, mit Gram vereint, an der männlichen Gestalt und auf dem schönen Antlitz des Jünglings vor ihr angerichtet hatte. Sie empfing ihn ebenso verlegen, wie er sie verlegen begrüßte, und erwiderte, als er ihr stotternd seine Dienste angeboten, sie hoffe, während der Abwesenheit seines Oheims nur für seinen guten Willen ihm Dank schuldig zu werden. Ihr Abschied vom Connetable war die höchste Prüfung, der sie sich unterziehen mußte. Sie schieden nicht ohne Rührung, obwohl sie ihre bescheidene Fassung und de Lacy seinen ruhigen Ernst behauptete. Doch schwankte seine Stimme, als er zu äußern begann: Es sei ungerecht, daß sie auf immer durch eine Verpflichtung gebunden sein solle, welcher sie mit so ungemeiner Güte sich unterzogen habe. Drei Jahre wären die abgemachte Zeit, da der Erzbischof Balduin eingewilligt hätte, bis auf diese Dauer die Zeit seiner Abwesenheit abzukürzen. »Erscheine ich nicht, wenn diese Jahre verstrichen sind,« sagte er, »so mag Lady Eveline schließen, daß de Lacy das Grab umfängt, und sich einen glücklicheren Mann zu ihrem Gefährten aussuchen. Einen dankbareren wird sie nirgends finden, obgleich viele ihrer würdiger sein mögen als er.« Hiermit trennten sie sich. – Der Connetable schiffte sich sehr bald darauf ein, durchschnitt das schmale Meer bis zu den Küsten von Flandern, wo er seine Macht mit dem Grafen dieser reichen und kriegerischen Landschaft vereinigte, um dann mit ihm zusammen auf dem besten Wege, dem gemeinsamen Ziel zuzusteuern. Das breite Panier mit dem Wappen der de Lacys wallte auf dem Vorderteil des Schiffes, das ein günstiger Wind vorwärts trieb, und wenn man den Ruhm des Anführers und die Trefflichkeit seiner Krieger betrachtete, so war wohl noch nie eine tapfrere Schar zu einem Rachezuge wider die Sarazenen gen Palästina gesegelt. Nach einem kalten Abschiede von der Aebtissin trat nun auch Eveline die Rückreise nach dem väterlichen Schlosse an, wo ihr Haushalt so eingerichtet werden sollte, wie es der Connetable angegeben und sie gebilligt hatte. Dieselben Maßregeln, wie auf ihrer Reise nach Gloucester, waren auch jetzt zu ihrer Bequemlichkeit an jedem Platz, wo man Halt machte, getroffen worden, und eben wie damals, war der Mann unsichtbar, der das alles für sie befolgte, obwohl es ihr nicht schwer sein konnte, seinen Namen zu erraten. Für alle Bedürfnisse und Bequemlichkeiten, wie im größten Maße für ihre Sicherheit, war allenthalben auf dem ganzen Wege gesorgt; aber es waltete dabei nicht mehr die zarte, geschmackvolle Galanterie ob, welche verriet, daß diese Aufmerksamkeiten einer jungen schönen Dame galten. Nicht mehr wurde die reinste Quelle, der schattigste Hain zum Platz ihres Mittagsmahles erwählt; sondern das Haus irgend eines Landwirts oder ein kleines Kloster gewährte die erforderliche Gastfreundschaft. Alles war mit der strengsten Rücksicht auf Rang und Stand geordnet, – es schien, als ob eine Nonne irgend eines strengen Ordens, nicht ein junges Mädchen von hoher Geburt und großem Reichtum durch das Land reiste, und obwohl Eveline an dem Zartgefühl Wohlgefallen fand, mit dem auf ihre schutzlose, ganz eigentümliche Lage Rücksicht genommen wurde, so kam es ihr doch bisweilen unnötig vor, daß sie durch so manche indiskreten Andeutungen an das Sonderbare ihrer Lage erinnert wurde. Auch schien es ihr sonderbar, daß Damian, dessen Obhut sie so feierlich übergeben wurde, auch nicht einmal auf dem Wege ihr seine Aufwartung machte. Zwar flüsterte eine Stimme ihr zu, es sei ungeziemend, wohl gar gefährlich, öfters mit ihm zusammen zu sein; jedenfalls aber hätte es ihm die Pflicht als Ritter und Edelmann gebieten sollen, sich hin und wieder vor der unter seinen Schutz gestellten Jungfrau sehen zu lassen, wäre es auch nur geschehen, um sie zu befragen, ob sie mit den getroffenen Einrichtungen zufrieden sei oder ob sie einen besonderen Wunsch hätte, der noch zu erfüllen wäre. Allein der Verkehr zwischen beiden blieb darauf beschränkt, daß Amelot, Damian de Lacys junger Page, des Morgens und Abends erschien, Evelinens Befehle betreffs der ferneren Reise und der ihr gefälligen Ruhestunden zu vernehmen. Bei dieser Förmlichkeit wurde die Einsamkeit, in der sich Evelinens Rückreise vollzog, noch unausstehlicher, und hätte sie nicht Roses Gesellschaft gehabt, so wäre sie sich fast wie eine Gefangene vorgekommen. Sie wagte selbst gegen ihre Begleiterin einige Bemerkungen über das sonderbare Benehmen de Lacys, der doch das Recht habe, sich ihr zu nähern, und sich doch davor so sehr zu fürchten schien, als ob sie ein Basilisk wäre. Rose ließ die erste Bemerkung dieser Art vorübergehen, als ob sie sie nicht gehört hätte; aber als ihre Gebieterin eine zweite Bemerkung der gleichen Art machte, antwortete sie mit der gewohnten Offenheit und Freimütigkeit ihres Charakters, doch vielleicht mit weniger Klugheit wie sonst: »Damian de Lacy urteilt sehr richtig, edle Lady. Wem ein königlicher Schatz zur sichern Bewahrung anvertraut ist, der darf sich's nicht erlauben, zu oft die Blicke daran zu werfen.« Eveline errötete, wickelte sich fester in ihren Schleier und nannte während der ganzen Reise den Namen Damian de Lacys nicht wieder. Als am Abend des zweiten Tages die grauen Türme von Garde Douloureuse ihr Auge begrüßten und sie wiederum ihres Vaters Banner vom höchsten Wachturm zu Ehren ihrer Ankunft wehen sah, mischte sich tiefer Schmerz in ihre Empfindungen; doch blickte sie im ganzen auf die altertümliche Heimat als auf einen Zufluchtsort hin, wo sie über ihre neue Lage als Braut in der alten Umgebung nachdenken konnte, die ihr schon als Kind und Tochter lieb und wert gewesen war. Sie trieb ihren Zelter vorwärts, das altertümliche Portal so schnell wie möglich zu erreichen, und verneigte sich flüchtig gegen die wohlbekannten Gesichter, die sich auf allen Seiten zeigten; aber mit keinem sprach sie, bis sie vor der Kapelle vom Pferde gestiegen und zu dem Heiligtum geeilt war, worin das wundertätige Bild sich befand. Hingesunken auf den Boden, erflehte sie sich hier der heiligen Jungfrau Führung und Beschirmung in den verwickelten Verhältnissen, in die sie sich selbst gebracht hatte, um das Gelübde zu erfüllen, das einst sie in der Angst ihres Herzens vor dem heiligen Schrein tat. Sechstes Kapitel. Der Haushalt Evelinens war zwar ihrem jetzigen und zukünftigen Range entsprechend eingerichtet, hatte aber doch auch etwas Einsiedlerisches, denn das Schloß sollte nicht nur ihre Residenz, sondern auch der unberührte Zufluchtsort sein, den ihre Lage erheischte, weil sie nicht mehr zu der Klasse der Mädchen gezählt werden konnte, deren Hand noch frei war, und doch auch nicht zu den Frauen gehörte, die unter dem unmittelbaren Schutze des ehelichen Namens stehen. Ihre nächsten weiblichen Dienerinnen, mit welchen der Leser bereits bekannt ist, bildeten fast ihre ganze Gesellschaft. Die Garnison des Schlosses, außer dem Hausgesinde, bestand aus Veteranen geprüfter Treue, den Gefährten Berengers und de Lacy, auf manchem blutigen Gefilde, denen die Pflicht der Wachsamkeit zur zweiten Natur geworden war, die dabei aber doch, durch Alter und Manneszucht gemäßigt, sich nicht leicht zu einem unbesonnenen Abenteuer oder einem vom Zaun gebrochenen Streit hinreißen ließen. Diese Leute hielten beständig und sorgsam Wache, befehligt durch den Haushofmeister, der obendrein unter der Aufsicht des Pater Aldrovand stand, da dieser neben seinen geistlichen Verrichtungen gern zuweilen noch sich an seinen alten kriegerischen Beruf erinnerte. Während diese Garnison gegen jeden plötzlichen Angriff von seiten der Walliser Sicherheit gewährte, lag eine starke Mannschaft fünf englische Meilen von Garde Douloureuse in Bereitschaft, beim geringsten Lärm vorzurücken, um den Platz gegen jeden Ueberfall der Feinde zu decken, falls diese, ungeschreckt durch Gwenwyns Schicksal, die Dreistigkeit haben sollten, eine förmliche Belagerung zu beginnen. Zu diesen Truppen, die unter Damians Oberbefehl beständig schlagfertig gehalten wurden, konnte im Notfall die ganze militärische Macht der Grenzen stoßen, die zahlreiche Menge der Flamländer und andere Ansiedler, denen unter der Bedingung, im Kriegsfalle Dienste zu tun, Grund und Boden überlassen worden war. Während die Festung so vor feindlicher Gewalt sicher war, floß das Leben ihrer Bewohner so gleichförmig und einfach dahin, daß man es einem Mädchen von Jugend und Schönheit nicht verübeln konnte, wenn es selbst auf einige Gefahr hin etwas Veränderung wünschte. In die Arbeiten der Nadel brachte höchstens ein Spaziergang entweder um die Wälle, wo Eveline, Arm in Arm mit Rose, von jeder Schildwache einen militärischen Gruß erhielt, oder im Schloßhofe, wo die Hüte und Mützen der Diener ihr dieselben Ehren erwiesen, etwas Abwechslung. Wünschte sie sich noch weiter ins Freie außerhalb des Tores zu begeben, so war es nicht damit abgetan, Tore zu öffnen und Brücken hinabzulassen; es mußte sogleich eine Bedeckung unter Waffen treten, die zu Fuß ober zu Pferde, wie es nötig war, für die Sicherheit Evelinens zu sorgen hatte. Ohne diese Bedeckung konnte sie nicht einmal zu den Mühlen gehen, wo der ehrliche Wilkin Flammock, seine kriegerischen Taten vergessend, sich mit den Arbeiten seines Gewerbes beschäftigte. Beabsichtigte man gar noch Ergötzungen in weiterer Entfernung, wollte die Lady von Garde Douloureuse der Jagd oder Falkenbeize einige Stunden widmen, so wurde ihre Sicherheit nicht einer so schwachen Bedeckung anvertraut, wie die Burg sie stellen konnte. Da war es nötig, daß Raoul am Abend vorher durch einen besonderen Boten Damian ihren Vorsatz bekannt machte, damit er Zeit hatte, vor Tagesanbruch die Gegend, in der sie sich dieses Vergnügen machen wollte, durch einige Leute der leichten Reiterei absuchen zu lassen; und so lange sie draußen blieb, wurden an allen verdächtigen Punkten Posten aufgestellt. Zwar versuchte sie in der Tat einmal oder zweimal, einen Ausflug zu wagen, ohne dies erst bekannt zu geben; aber alle ihre Pläne schien Damian eben so schnell, wie sie entstanden, zu erfahren, und kaum war sie draußen, so sah man Abteilungen von Bogenschützen und Reitern aus seinem Lager die Täler durchziehen und die Bergpässe besetzen, und Damians eigener Federbusch ragte gewöhnlich unter den entfernten Soldaten hervor. Die Förmlichkeit all dieser Maßregeln vergällte Evelinen so sehr das Jagdvergnügen, daß sie selten zu einem Zeitvertreib ihre Zuflucht nahm, die mit so großen Umständen verbunden war und so viele Menschen in Bewegung setzte. Wenn der Tag, so gut es gehen wollte, hingebracht war, pflegte Pater Aldrovand des Abends aus irgend einer heiligen Legende oder aus den Homilien eines verewigten Heiligen solche Stellen vorzulesen, wie er sie für diese seine kleine Gemeinde geeignet fand. Zuweilen las er auch und erklärte ein Kapitel aus der heiligen Schrift; aber dann war des guten Mannes Aufmerksamkeit so sonderbar auf den kriegerischen Teil der jüdischen Geschichte gerichtet, daß er nicht imstande war, sich von dem Buche der Richter oder der Könige und von den Siegen des Judas Maccabäus zu trennen, wiewohl seine Weise, die Siege der Kinder Israels zu schildern, ihm selbst mehr Vergnügen machte, als sie seine Zuhörerin erbaute. Zuweilen, doch selten, erhielt Rose Erlaubnis, einen wandernden Minstrel einzuführen, um mit seinem Sang von Liebe und Rittertaten eine Stunde auszufüllen; zuweilen vergalt ein Pilger, der von einem fernen Gnadenbilde kam, die in Garde Douloureuse genossene Gastfreundschaft mit langen Erzählungen von den Wundern, die er in andern Ländern gesehen hatte; zuweilen geschah es auch, daß auf Verwendung der Kammerfrau, die darin ihren Vorteil fand, reisende Kaufleute und Hausierer Zutritt erhielten, welche mit Gefahr ihres Lebens von Schloß zu Schloß ihre Stoffe zu reichen Kleidern oder andern weltlichen Schmuck herumtrugen. Die Ankunft von Bettlern, Taschenspielern und Gauklern darf bei dieser Aufzählung von Vergnügungen nicht vergessen werden, und selbst der Walliser Barde mit seiner großen, mit Pferdehaar bezogenen Harfe wurde zuweilen zugelassen, um die Gleichförmigkeit ihres einsamen Lebens zu unterbrechen, nur daß man wegen seiner Herkunft aus Feindesland ein scharfes Auge auf ihn hatte. Aber außer diesen Unterhaltungen und den regelmäßigen Andachten in der Kapelle, hätte das Leben unmöglich in langweiligerer Einförmigkeit dahinfließen können als auf der Burg Garde Douloureuse. Seit dem Tode des tapfern Besitzers, bei dem ein Festgelage mit zahlreichen Gästen ebenso zur Natur gehörte wie das Streben nach Ehre und Rittertaten, hätte man sagen mögen, die Finsternis eines Klosters umhülle den alten Wohnsitz von Raymond Berenger, wenn nicht die Gegenwart so vieler Wachen in Waffen, die auf den Zinnen auf und niedergingen, ihm vielmehr das Ansehen eines Staatsgefängnisses erteilt hätte. Auch nahm die Stimmung der Einwohner nach und nach den Charakter ihrer Wohnung selbst an. Besonders fühlte sich Eveline so niedergedrückt, daß ihr sonst so lebendiges Gemüt sich kaum aufrecht erhalten konnte. Je mehr sie sich ins Grübeln einließ, desto mehr verfiel sie in still beschauliche Stimmung, die so oft mit feurigem, schwärmerischem Wesen verbunden ist. Sie dachte tief über die früheren Vorfälle ihres Lebens nach, und da kann es nicht wundernehmen, daß ihre Gedanken immer auf zwei Zeitabschnitte zurückkamen, in denen sie eine übernatürliche Erscheinung erfahren hatte oder erfahren zu haben glaubte. Dann kam es ihr oft vor, als ob eine gute und eine böse Macht um die Herrschaft über ihr Geschick kämpften. Einsamkeit begünstigt das Gefühl eigner Wichtigkeit, und nur wenn sie allein und einzig mit dem Gedanken an ihr Ich beschäftigt sind, haben Fanatiker Träume, und vermeinte Heilige verlieren sich in Schwärmereien ihrer Einbildungskraft. Bei Evelinen gelangte nun zwar die Schwärmerei nicht zu solcher Höhe, doch kam es ihr in ihren nächtlichen Träumen so vor, als sähe sie bisweilen die Gestalt von Unserer Frau von Garde Douloureuse, die Blicke des Mitleids, des Trostes und des Schutzes auf sie richtete, bisweilen die Gestalt aus dem sächsischen Schlosse Baldringham, wie sie die blutige Hand als Zeugin des Unrechts, das ihr zugefügt worden, aufrecht hielt und dem Abkömmling des Mörders Rache drohte. Wenn sie aus solchen Träumen erwachte, dann kam sie auf den Gedanken, daß sie der letzte Zweig ihres Hauses sei, eines Hauses, das seit langen Jahren ganz besonders unter dem Schirm und Schutz des Wunderbildes, aber auch unter dem Einfluß und der Feindschaft der rachesüchtigen Vanda stand. Ihr kam es vor, als wäre sie der Preis, um dessen Besitz die milde Heilige und der rächende böse Geist jetzt ihr letztes und gewagtestes Spiel spielten. Voll von diesen Betrachtungen und wenig darin von äußern Zerstreuungen gestört, ward sie tiefsinnig, zerstreut, verlor sich in Betrachtungen, die ihr Augenmerk ganz von der nächsten Umgebung abwandten, und wandelte in der wirklichen Welt, als befände sie sich noch im Traum. Wenn sie an ihre Verpflichtung gegen den Connetable von Chester dachte, so geschah es mit Ergebung, aber ohne einen Wunsch, ja ohne, daß sie erwartet hätte, jemals in die Lage zu kommen, diese Verpflichtungen einhalten zu müssen. Sie hatte ihr Gelübde erfüllt, indem sie mit ihrem Befreier den Treuschwur wechselte, und wenn sie selbst sich entschlossen wähnte, ihr Wort zu lösen, und sich's nicht gestehen mochte, mit welchem Widerwillen sie daran dachte, es zu tun, – so hegte sie im Innersten doch, wenn sie sich dessen auch kaum bewußt war, die Hoffnung, Unsre Frau von Garde Douloureuse werde kein strenger Gläubiger sein, sondern, zufrieden mit dem guten Willen, nicht auf der Forderung in ihrer vollen Strenge bestehen. Nur die schwärzeste Undankbarkeit hätte wünschen können, daß ihrem tapferen Befreier, für den zu beten sie so viele Ursache hatte, einer von den Unglücksfällen zustoßen möchte, die im heiligen Lande schon so oft den Lorbeer in die Cypresse verwandelten; aber es hatte sich ja wohl manchmal schon ereignet, daß Menschen, die lange außerhalb des Landes waren, bewogen wurden, die Vorsätze zu ändern, mit denen sie die Heimat verlassen hatten. Ein wandernder Minstrel, der Garde Douloureuse besuchte, hatte zur Ergötzlichkeit der Lady und ihrer Umgebung, die berühmte Geschichte vom Grafen von Gleichen vorgetragen, der, schon verehelicht in seinem Vaterlande, im Morgenlande eine sarazenische Prinzessin, die die Mittel gefunden hatte, ihm seine Freiheit zu verschaffen, aus Dankbarkeit heiratete. Der Papst und sein Konsistorium bewilligten in diesem außerordentlichen Falle die Doppelehe, und der gute Graf von Gleichen teilte sein Bett zwischen zwei Frauen zu gleichem Rechte und schläft jetzt zwischen beiden unter demselben Monument. Die Bemerkungen der Schloßbewohner über diese Sage waren verschieden und widersprechend. Pater Aldrovand hielt diese Geschichte für durchaus unwahr und die Behauptung, der Papst würden dergleichen Gesetzwidrigkeiten gutheißen, für eine Lästerung des kirchlichen Oberhauptes. Die alte Marjory, mit dem zärtlichen Herzen einer alten Amme, weinte aus Mitleid bitterlich während der Erzählung, und es war ihr recht lieb, daß bei einer solchen Verwicklung von Liebesunfällen, aus denen kein Ausweg zu sein schien, eine so schöne Lösung gefunden worden war. Frau Gillian nannte es unbillig, daß, da einer Frau nur ein Ehemann erlaubt sei, einem Manne, unter welchen Umständen es auch sei, gestattet sein sollte, zwei Frauen zu haben; aber Raoul, ihr einen Blick wie Essig zuwerfend, nannte den Menschen albern, der nicht an einer Frau vollauf genug hätte. »Schweigt all ihr übrigen,« sagte Lady Eveline, »und sagt Ihr, meine treue Rose, Euer Urteil über den Grafen von Gleichen und seine beiden Frauen.« Rose errötete und erwiderte, sie wäre nicht gewöhnt, über solche Dinge nachzudenken, aber nach ihrer Ansicht hätte die Frau, welche sich nachher mit der halben Liebe ihres Mannes begnügen könnte, nie verdient, auch nur den kleinsten Teil derselben besessen zu haben. »Du hast im allgemeinen recht, Rose,« sagte Eveline. »Mir scheint es, die europäische Frau würde, als sie sich von der jungen, schönen Prinzessin überstrahlt sah, am besten ihrer Würde genügt haben, wenn sie ihrer Rechte entsagt hätte. Der heilige Vater würde gewiß, wie dies mehrfach schon stattgefunden hatte, ihre Ehe aufgelöst haben.« Sie sagte dies mit einer Art von gleichgiltigem, ja vergnügtem Wesen, woraus ihre treue Dienerin sah, daß es ihr selbst wenig Mühe gekostet, ein solches Opfer zu bringen. Doch lag darin auch eine Andeutung, daß es mit ihrer Liebe zum Connetable nicht sehr weit her sei. Es gab eben doch einen andern Mann, zu dem ihre Gedanken, wenn auch unwillkürlich, so doch öfter, als es klüglicherweise hätte geschehen sollen, zurückkehrten. Die Erinnerung an Damian de Lacy war schon zuvor nicht in Evelinens Seele erloschen. Nun wurde sie gar täglich an ihn erinnert, weil sie so oft seinen Namen nennen hörte und wußte, daß er fortwährend in ihrer Nähe sei und seine ganze Aufmerksamkeit auf ihre Bequemlichkeit, ihren Vorteil, ihre Sicherheit richtete. Doch er selbst ließ sich nie vor ihr sehen und befragte sie nie persönlich nach ihrem Willen, mochte es sich auch um die wichtigste Angelegenheit handeln. Eveline hätte gern den Zwang fallen lassen, der ihren Verkehr mit Damian beschränkte; Rosens Äußerung hatte auch sie auf den Gedanken gebracht, daß dieser Zwang zu einem herabwürdigenden Argwohn führen müßte. Warum sollte sie an ihrem Beschirmer nur durch die Dienste, die er ihr leistete, durch die Sorge, die er für ihre Sicherheit trug, durch den Mund anderer, die von seiner ritterlichen Gesinnung sprachen, erinnert werden, ohne daß sie sich jemals sahen, ganz als ob eins von ihnen mit der Pest oder sonst irgend einem ansteckenden Uebel befallen sei, das ihr Zusammenkommen dem andern gefährlich machen könnte. Wenn sie sich wirklich gelegentlich einmal sähen, was könnte die Folge sein, als daß die Sorge eines Bruders für seine Schwester, eines treuen und freundlichen Hüters für die verlobte Braut seines nahen Verwandten und verehrten Oberherrn die melancholische Abgeschiedenheit von Garde Douloureuse erträglicher für ein so junges Mädchen machen würde, das zwar jetzt durch die Umstände in gedrückter Stimmung, von Natur aber so fröhlichen Gemütes war. Obwohl nun eine solche Gedankenreihe der sich selbst überlassenen Eveline ganz folgerecht zu sein schien, so daß sie mehrmals ihre Ansicht Rose Flammock mitteilen wollte, so fürchtete sie doch, wenn sie in die klaren, ruhigen blauen Augen des flamländischen Mädchens blickte, im Herzen ihrer bis zur Grobheit aufrichtigen Dienerin einen Argwohn zu erwecken, von dem ihr eigenes Gewissen sie freisprach. Und ihr stolzer normannischer Geist empörte sich bei dem Gedanken, sich vor irgendwem rechtfertigen zu sollen, wo ihr eigenes Gewissen sich unschuldig wußte. »So mögen die Dinge bleiben, wie sie sind,« sagte sie, »und ich will lieber dieses langweilige Leben ertragen, das so leicht angenehmer gemacht werden könnte, als daß diese eifrige, aber fast zu streng denkende Freundin, die so zärtlich um mich besorgt ist, mich für fähig halten sollte, die Hand zu einem Verkehr zu reichen, der mißdeutet werden oder zu irgend welchem Argwohn Veranlassung geben könnte.« – Aber eben dieser Mangel an Ablenkung, dieses Schwanken im Entschluß, diente nur dazu, das Bild des schönen jungen Damian um so öfter vor Lady Evelinens Phantasie zu zaubern. Solchen Gedanken indessen überließ sie sich niemals lange; denn das Gefühl des sonderbaren Schicksals, das sie bisher betroffen, führte sie bald zu den melancholischen Betrachtungen zurück, aus denen nur auf eine kurze Zeit die Schwungkraft jugendlichen Geistes sie herausgerissen hatte. Siebentes Kapitel. An einem hellen Septembermorgen war der alte Raoul in dem Hause beschäftigt, wo er seine Falken aufbewahrte. Er murrte in sich hinein, während er jeden Vogel einzeln untersuchte, und abwechselnd der Sorglosigkeit des Unterfalkoniers, der Lage des Gebäudes, dem Wind und dem Wetter, kurz allem um ihn her schuld daran gab, daß der Falkenbestand von Garde Douloureuse so arg gelitten hatte. In diesen unangenehmen Betrachtungen wurde er durch die Stimme seiner vielgeliebten Ehehälfte, Dame Gillian, unterbrochen, die sonst selten so früh aufstand und ihn noch seltener in seinem eigenen Herrschergebiet aufsuchte. »Raoul! Raoul! wo steckst Du, Mann? – Ewig muß man Dich suchen, wenn Du für Dich oder für mich was gewinnen kannst.« »Und was fehlt Dir, Frau!« rief Raoul, ärger kreischend, als die Seemöwe vor dem Regen. – »Die Pest hole Deine Stimme, sie reicht hin, jeden Falken von seiner Stange aufzuscheuchen.« »Falke!« antwortete Dame Gillian, »hier ist wohl Zeit, nach solchen kläglichen Falken zu sehen, wenn hierher zum Verkauf Falken von der edelsten Gattung gekommen sind, die je über See, Moor und Wiesen flogen, tüchtige Geierfalken mit breiten Nasenlöchern, starken Fängen und kurzen, etwas bläulichen Schnäbeln.« »Pah! mit Deinem Geschwätz! – Wo kommen sie her?« sagte Raoul; denn die Nachricht lockte ihn, er wollte nur seiner Frau nicht das Vergnügen machen, es sich merken zu lassen. »Von der Insel Man,« erwiderte Gillian. »Dann müssen sie wahrlich gut sein, obgleich ein Weib die Nachricht brachte,« sagte Raoul und lachte sauersüß über seinen eignen Witz. Dann verließ er den Falkenhof und fragte, wo der berühmte Falkenhändler anzutreffen sei. »Wo? Zwischen den Barrieren und dem inneren Tore,« erwiderte Gillian, »wo sonst noch andere Kaufleute zugelassen werben. – Wo sollte es wohl sein?« »Und wer ließ ihn herein?« fragte der argwöhnische Raoul. »Nun, der Herr Hofmeister, Du Eule!« sagte Gillian. »Er kam soeben nach meiner Stube und schickte mich hierher, Dich zu rufen.« »Aha! Der Haushofmeister! Der Haushofmeister! – Das hätte ich erraten können. Und er kam auf Deine Stube, ohne Zweifel, weil er nicht ebenso leicht hierher zu mir kommen konnte. – War es nicht so, süßes Herzchen?« »Ich weiß nicht, warum er lieber zu mir als zu Euch kam, Raoul,« sagte Gillian, »und wenn ich es wüßte, so würde ich es Euch doch vielleicht nicht sagen. – Nun fort! Macht Euren Handel oder macht ihn nicht, ich bekümmere mich nicht darum – der Mann wird nicht auf Euch warten, – er hat schon ein gutes Gebot vom Seneschall von Malpas und vom Walliser Lord von Dinevawr.« »Ich komme – ich komme,« sagte Raoul, der diese Gelegenheit, seine Falknerei zu verbessern, nicht ungenützt lassen wollte. Er eilte zum Tore, wo er den Kaufmann in Begleitung eines Dieners antraf, der in besonderen Käfigen drei Falken trug, die zum Verkauf ausgeboten wurden. Auf den ersten Blick überzeugte sich Raoul, daß sie zu der besten europäischen Gattung gehörten und nach guter Dressur selbst für eine königliche Falknerei kein schlechter Zuwachs gewesen wären. Der Kaufmann verfehlte nicht, sich über all ihre Vorzüge auszulassen, über die Breite ihrer Oberflügel, die Stärke ihres Schweifes, ihre großen und feurigen dunklen Augen, die Lebendigkeit, mit der sie ihre Federn putzten und sich schüttelten. Er ließ sich über die Schwierigkeiten und Gefahren aus, unter denen sie auf den Felsen von Ramsey gefangen wurden, wo ein Horst wäre, der selbst an den Küsten Norwegens nicht seinesgleichen hätte. Anscheinend hatte Raoul für alle diese Empfehlungen nur taube Ohren, »Freund Kaufmann,« sagte er, »ich kenne einen Falken so gut wie Du und will nicht leugnen, daß die Deinigen eine feine Sorte sind; aber wenn sie nicht sorgfältig zum Auffliegen und Zurückkommen abgerichtet sind, so wollte ich lieber einen Stockfalken auf meiner Stange haben, als den schönsten Falken, der je die Schwingen in die Luft hob.« »Wenn wir erst über den Preis einig sind, denn das ist die Hauptsache,« sagte der Kaufmann, »sollst Du die Vögel fliegen sehen. Dann magst Du sie kaufen oder nicht, wie Du willst. Ich will kein ehrlicher Kaufmann sein, wenn Du je Vögel so schön, wie diese stoßen sähest, sei es im Aufsteigen oder im Niederschießen.« »Das nenne ich billig,« sagte Raoul, »wenn nur der Preis auch danach ist.« »Er soll danach sein,« sagte der Falkenhändler. »Ich habe auf Erlaubnis des guten Königs von Man, Reginald, sechs Paar von dieser Insel gebracht, und ich habe schon jede Feder davon bis auf diese verkauft. Da ich nun so meine Käfige geleert und meinen Beutel angefüllt habe, so will ich mich mit dem Rest nicht lange schleppen, und wenn einem guten Kameraden und einem Kenner, wie Du zu sein scheinst, die Falken gefallen, nachdem er sie fliegen gesehen, so soll er den Preis selbst bestimmen.« »Nur zu,« sagte Raoul, »wir wollen nicht die Katz im Sack kaufen. Sind die Falken gut, so kann meine Gebieterin sie noch eher bezahlen, als Du sie wegschenken kannst. – Wird ein Byzantiner genug sein für das Paar?« »Ein Byzantiner, Herr Falkenier! – Bei meiner Ehre! Ihr bietet niedrig. – Doch verdoppelt Euer Gebot, und – ich will es überlegen.« »Wenn sich die Falken gut zurückrufen lassen,« sagte Raoul, »will ich Euch anderthalb Byzantiner geben, aber erst will ich sie auf einen Reiher stoßen sehen, ehe ich so rasch den Handel mit Euch abschließe.« »Gut denn,« sagte der Kaufmann, »ich tue besser, Euer Anerbieten anzunehmen, als sie lange auf dem Hals zu haben. Denn brächte ich sie nach Wales, könnte ich vielleicht noch schlechter mit einem ihrer langen Messer bezahlt werden. – Wollt Ihr sogleich zu Pferde?« »Allerdings,« sagte Raoul, »und wiewohl der Herbst besser für die Reiherbeize ist, so will ich Euch doch einen von diesen Froschvertilgern zeigen, wenn wir etwa eine Meile weit auf dieser Seite des Wassers reiten.« »Ich bin es zufrieden, Herr Falkenier,« sagte der Kaufmann. »Aber machen wir uns allein auf den Weg? Gibt es hier keinen Herrn, keine Dame im Schlosse, die Vergnügen daran fänden, einer solchen stattlichen Jagd beizuwohnen? Ich fürchte mich nicht, diese Falken einer Gräfin zu zeigen.« »Meine Gebieterin liebte sonst derlei Vergnügen sehr,« sagte Raoul, »aber ich weiß nicht, seit ihres Vaters Tode ist sie so betrübt und wie im Traum und lebt in ihrem schönen Schlosse wie eine Nonne im Kloster, ohne irgend einen Zeitvertreib und Jubel. – Jedoch, Gillian, Du vermagst etwas über sie. – Geh' hin, tue einmal etwas Gutes – und bringe sie dazu, sich aufzumachen und dieser Jagdlust beizuwohnen – Das arme Kind hat den ganzen Sommer über keine Zerstreuung gehabt.« »Das will ich tun,« sagte Gillian, »und was noch mehr ist, ich will ihr einen so schönen neuen Reithut zeigen, den kein Weib auf Erden ohne den Wunsch ansehen kann, ihn ein wenig im Winde umherflattern zu lassen.« Als Gillian so sprach, kam es ihrem eifersüchtigen Manne so vor, als ob Blicke zwischen ihr und dem Handelsmanne gewechselt würden, die ein größeres Einverständnis verrieten, als eine so kurze Bekanntschaft erwarten ließ. Wenn auch selbst bei Dame Gillians großer Dreistigkeit gar manches möglich war. Als er den Kaufmann schärfer ansah, kam es ihm auch vor, als ob dessen Gesichtszüge ihm nicht ganz unbekannt wären, er sagte ihm also ziemlich trocken: »Wir haben uns schon einmal gesehen, Freund, doch kann ich mich nicht mehr entsinnen, wo?« »Sehr wahrscheinlich,« sagte der Kaufmann. »Ich habe oft diese Gegend besucht und mag auch schon von Euch Geld für Ware erhalten haben. Wäre hier nur ein schicklicher Ort dazu, so möchte ich gerne eine Flasche Wein auf bessere Bekanntschaft spendieren.« »Nicht so schnell, Freund,« sagte der alte Jäger. »Ehe ich mit jemand auf bessere Bekanntschaft trinke, muß mir das, was ich bis dahin von ihm sah, sehr wohl gefallen haben. – Wir wollen Deine Falken stoßen sehen, und wenn ihre Zucht Deinem Prahlen entspricht, dann brechen wir vielleicht zusammen einer Flasche den Hals. – Aber siehe, da kommen Knechte und Stallmeister. – Meiner Treu! Meine Gebieterin hat eingewilligt zu erscheinen.« Die Veranlassung, diesem Vergnügen auf freiem Felde beizuwohnen, hatte sich Evelinen in dem Augenblicke dargeboten, als die erfreuliche Heiterkeit des Tages, die milde Luft und das fröhliche Treiben der Ernte rings um sie her die Versuchung, sich diese Bewegung zu erlauben, fast unwiderstehlich machten. Da sie auf dem diesseitigen Ufer bleiben wollten, ohne eine Brücke zu überschreiten, auf der sich beständig eine kleine Wache von Fußvolk befand, so verlangte Eveline keine weitere Bedeckung und nahm, ganz gegen die bisherige Gewohnheit, niemand mit sich, als Rose und Gillian, und ein paar Diener, welche die Hunde führten oder Jagdgerätschaften trugen. Raoul, der Kaufmann und ein Stallmeister begleiteten sie natürlich auch, jeder einen Falken auf der Faust, wobei gleich ausgemacht worden war, wie sie sie fliegen lassen sollten, um sich von ihren Kräften und von ihrer Abrichtung zu überzeugen. Als diese wichtigen Punkte gehörig verabredet worden waren, ritt die Gesellschaft den Fluß hinab, sorgfältig auf allen Seiten nach einem Wild für die Jagd ausspähend; aber keinen Reiher sah man auf dem Sand umherschreiten, obgleich sich ein sogenannter Reiherstand in geringer Entfernung befand. Wohl die verdrießlichste Enttäuschung ist die eines Jägers, der, reichlich versehen mit allem Jagdzubehör, auszieht, aber kein Wild antreffen kann; denn er sieht sich mit seinem vollen Schießbedarf und seiner leeren Jagdtasche dem Hohnlächeln jedes vorbeigehenden Bauern preisgegeben. Die Jagdgesellschaft der Lady fühlte alle die Unannehmlichkeit einer solchen Enttäuschung. »Ein schönes Land das,« sagte der Kaufmann, »wo man zwei Meilen weit an einem Fluß nicht einen armseligen Reiher finden kann.« »Das kommt von dem Geklapper der verdammten Flamländer, von ihren Wasser- und Walkmühlen,« sagte Raoul. »Sie zerstören gute Jagd und gute Gesellschaft, wohin sie nur kommen. Aber wenn meine Gebieterin nur Willens wäre, noch eine Meile und etwas darüber zum roten Teiche zu reiten, so will ich Euch einen solchen langbeinigen Burschen zeigen, der Eure Falken im Wirbel herumdrehen soll, bis ihr Gehirn ganz schwindlig wird.« »Der rote Teich,« sagte Rose, »Du weißt Raoul, das ist mehr als drei Meilen jenseits der Brücke und liegt gegen die Berge zu.« »Ja, ja,« sagte Raoul, »wieder eine flämische Grille, einem die Lust zu verderben. Sie sind nicht so selten hier auf den Märkten, die flamländischen Dirnen, daß sie sich zu fürchten brauchten, gebeizt zu werden von dem welschen wilden Falken.« »Raoul hat recht, Rose,« antwortete Eveline, »es ist albern, wie Vögel in einem Käfig eingesperrt zu sein, wenn alles um uns her so völlig ruhig ist. Ich bin entschlossen, ein für allemal diese Schranken zu durchbrechen und der Jagd einmal auf die alte Weise beizuwohnen, ohne immer mit Bewaffneten wie eine Staatsgefangene umgeben zu sein. Wir wollen lustig auf den roten Teich los, Mädchen, und auf Reiher jagen, wie freie Mädchen von den Marken.« »So laßt mich nur meinem Vater sagen, daß er zu Pferde steige und uns nachfolge,« bat Rose, denn sie befanden sich jetzt in der Nähe der wieder erbauten Mühlen des kräftigen Flamländers. »Mir ist es gleich, ob Du das tust,« entgegnete Eveline, »aber glaube mir, Mädchen, wir werden am roten Teich und wieder zurück sein, ehe Dein Vater sein bestes Wams anlegt, sein gewaltiges Schwert umgürtet und seinen starken flandrischen Elefanten von einem Pferde sattelt, das er sehr vernünftig Faultier nennt. Nein, runzle nicht die Stirne und beginne keine Lobrede auf Deinen Vater, benütze die Zeit lieber dazu, ihn herbeizurufen.« So ritt also Rose nach den Mühlen, wo Wilkin Flammock alsbald, dem Befehl seiner Lehnsherrin gemäß, sich beeilte, Stahlhaube und Halsberge anzulegen, und einem halben Dutzend seiner Verwandten und Knechte gebot, gleichfalls die Pferde zu besteigen. Rose blieb bei ihm, ihn zu größerer Eile zu ermahnen, da es seine Weise war, alles hübsch langsam der Reihe nach zu tun. Aber trotz all ihrer Mühe, ihn anzutreiben, hatte Lady Eveline schon länger als eine halbe Stunde die Brücke hinter sich, ehe diese Bedeckung gerüstet war, ihr zu folgen. Indessen sprengte, kein Unheil fürchtend, mit der Empfindung einer entflohenen Gefangenen, Eveline fröhlich auf dem lustigen Zelter dahin, leicht, wie die Lerche in der Luft! die Federn, mit denen Gillian ihren Reithut geschmückt hatte, flatterten im Winde; ihre Begleiter galoppierten hinter ihr her, mit Hunden, Taschen, Leinen und allem, was zur edlen Falkenjagd gehörte. Nachdem man über den Fluß geritten war, begann der wilde, grüne Wiesenpfad, den sie verfolgten, sich zwischen kleinen Anhöhen hinaufzuziehen, die bisweilen kahl und felsig, bisweilen mit Haselbüschen, Schlehdorn und anderm niedrigen Gesträuch bewachsen waren; endlich senkte er sich plötzlich hinab, und führte sie an den Rand eines Bergbaches, der wie ein spielendes Lamm lustig von Fels zu Fels hüpfte, als sei er ungewiß, welches Weges er rinnen sollte. »Dieses kleine Flüßchen war stets mein Liebling, Frau Gillian,« sagte Eveline, »und es kommt mir vor, als hüpfe es jetzt leichter, da es mich wiedersieht.« »Ach, Mylady,« sagte Dame Gillian, deren Unterhaltung in solchen Fällen sich niemals über einige Phrasen der gröbsten Schmeichelei zu erheben pflegte, »mancher schöne Ritter möchte schulterhoch springen, wenn er die Erlaubnis hätte, Euch so dreist anzuschauen, wie dieser Bach, besonders jetzt, da Ihr diesen Reithut aufgesetzt habt, der an ausgezeichnet schöner Empfindung nach meiner Meinung alles, was ich bisher erdachte, um eine Bogenschußweite übertrifft. – Was meinst Du dazu, Raoul?« »Ich denke,« antwortete ihr gutherziger Ehemann, »daß Weiberzungen dazu gemacht sind, alles Wild aus der Gegend zu vertreiben. – Hier kommen wir der Stelle näher, wo es uns gelingen muß; darum bitte ich, meine süßeste Gebieterin, seid jetzt hübsch still. Wir wollen uns am Ufer des Teiches entlangschleichen, unter dem Winde die Hauben unserer Falken losbinden und alles zum Auffliegen fertig machen.« Während sie so sprachen, ritten sie ein paar hundert Schritte an dem rauschenden Flusse hin, bis das kleine Tal, durch das er floß, eine ziemlich scharfe Biegung machte, worauf der rote Teich sich zeigte, der eben durch den kleinen Bach gebildet wurde. Dieser Bergsee oder Sumpf war ein tiefes Becken von ungefähr einer englischen Meile im Umfange, mehr länglich als rund. Auf der Seite, wo unsere Falkenjäger standen, erhob sich ein Felsrücken von einer dunklen Farbe, der dem See den Namen gab, da diese starke düstre Wand sich in ihm spiegelte und ihm ihre Farbe zu verleihen schien. An der entgegengesetzten Seite war ein Hügel, mit Heidekraut bedeckt, dessen herbstliche Blüten noch nicht ganz von der Purpurfarbe zum Dunkelbraun hingewelkt waren. Zwischen dem Heidekraut zeigten sich an manchen Stellen graue Klippen oder auch lose Steine von derselben Farbe, die einen Gegensatz zu der gegenüberliegenden roten Felsenwand bildeten. Ein von der Natur gebildeter schöner Sandweg am Ufer zog sich rings um den See und trennte sein Wasser auf der einen Seite von dem schroffen Felsen, auf der andern von dem steilen Hügel, und da er nirgends weniger als fünfzehn bis achtzehn Fuß breit, an mehreren Stellen sogar noch weit breiter war, so bot er in seinem ganzen Umfange Platz genug für einen Reiter, der sein Pferd tummeln und in Atem setzen wollte. Der Rand des Teiches an der Seite des Felsens war hin und wieder mit Blöcken von beträchtlicher Größe bedeckt, die sich oben von der Felsmasse losgerissen hatten. Viele von diesen Felsstücken, die im Sturz über den Rand weggerollt waren, lagen im Wasser, wie kleine Inselchen – und zwischen diesen entdeckte das scharfe Auge Raouls – den Reiher, den sie suchten. Auf einen Augenblick wurde Rat gepflogen, wie man am besten den ernsten, einsamen Vogel beschleichen könnte, der nicht ahnte, daß er selbst der Gegenstand eines furchtbaren Hinterhalts sei, während er bewegungslos auf einem Steine am Ufer stand und auf ein kleines Fischchen oder Wassertierchen lauerte, das sich seinem einsamen Standort nähern möchte. Ein kurzer Wortwechsel fand zwischen Raoul und dem Falkenverkäufer statt, die nicht einig miteinander waren, wie das Wild am besten aufzuscheuchen sei, so daß auch Eveline und ihre Begleiterin die Beize gut mitansehen könnten. Ob es am leichtesten sei, den Reiher »far jette« oder »jette ferré,« das heißt, auf dieser oder auf der andern Seite des Teiches – zu erlegen, das wurde, als handelte es sich um ein großes Unternehmen, so gewichtig und eifrig besprochen, daß sie fast außer Atem kam. Endlich wurden die beiden Sachverständigen einig, und die Gesellschaft näherte sich dem Wassereinsiedler, der sie jetzt gewahr wurde, sich in voller Höhe aufrichtete, seinen langen dünnen Hals emporstreckte, sein gewöhnliches helltönendes Geschrei ausstieß und, seine dünnen Beine hinter sich weisend, in die heitere Luft emporstieg. In diesem Augenblick warf der Kaufmann mit einem lauten Hussah den edlen Falken, den er trug, ab, nachdem er ihm erst die Haube abgezogen, damit er den Reiher sehen konnte. Hitzig, wie eine Fregatte auf der Jagd nach einer reichen Gallione, schoß der Falke auf den Feind zu. Der Reiher, der sich auf den Kampf vorbereitete, falls es ihm unmöglich sein sollte, durch die Flucht zu entrinnen, bot alle seine Schnelligkeit auf, einem so furchtbaren Jäger zu entgehen. Mit der unvergleichlichen Kraft seiner Schwingen stieg er in kleinen Kreisen immer höher und höher in die Luft, so daß der Falke keinen Punkt erreichte, von wo aus er mit Vorteil auf ihn stoßen konnte. Mit seinem spitzen Schnabel aber, der am Ende eines so langen Halses saß, konnte der Reiher im Umkreis von fast drei Fuß jeden Gegenstand nach jeder Richtung hin treffen. Jetzt wurde ein zweiter Falke aufgeworfen, um, durch das Halloh des Falkners ermuntert, sich mit seinem Kameraden zu vereinigen. Beide erhoben sich oder stiegen in die Luft, immerfort in kleinen Kreisen sich bewegend, und bemühten sich, die Höhe zu erreichen, in der der Reiher seinerseits sich zu behaupten trachtete, und zum auserlesensten Vergnügen der Zuschauer setzte sich dieser Wettkampf so lange fort, bis alle drei sich in leise gekräuselten Wolken verloren, von wo aus man nur zuweilen noch das scharfe klagende Geschrei des Reihers hörte, als ob er den Himmel, dem er sich näherte, gegen die mutwillige Grausamkeit seiner Verfolger anrufen wollte. Endlich war einer der Falken über den Reiher emporgestiegen, um nun auf ihn herabzustoßen; aber das Tier verteidigte sich so besonnen, daß es mit seinem Schnabel den Stoß auffing, den der Falke, mit voller Kraft herniederschießend, gegen seinen rechten Flügel richtete; so daß einer seiner Feinde, durch seine eigene Schwere von dem Schnabel durchbohrt, auf der von den Falkenieren abgelegenen Seite flatternd in den See stürzte und dort umkam. »Da wandert ein wackerer Falke zu den Fischen,« sagte Raoul. »Kaufmann! Dein Kuchen ist nicht gar!« Aber während er noch sprach, hatte der andere Vogel seinen Bruder gerächt. Das Glück, das der Reiher auf der einen Seite hatte, schützte ihn nicht vor einem Angriff von der andern Seite; der Falke stieß kühn auf ihn zu, und sich einkrallend oder wie es in der Falknerei heißt, »seine Beute bindend«, sanken beide aus der großen Höhe, sich untereinander wälzend, herunter. Es war nun keine kleine Mühe, so schnell wie möglich hinzuzueilen, damit der Falke nicht von dem Schnabel und den Klauen des Reihers verwundet würde. Die ganze Gesellschaft also, die Männer die Sporen einsetzend, die Frauen die Reitgerte schwingend, flog wie der Wind dahin über das schöne, weiche Ufer zwischen den Felsen und dem Wasser. Lady Eveline, die bei weitem besser beritten war als ihr Gefolge, und deren Lebensgeister, sich an dem Vergnügen und der schnellen Bewegung aufgefrischt hatten, erreichte weit früher, als die Leute ihrer Begleitung, den Flecken, wo der Falke und der Reiher, noch immer in tödlichem Kampfe begriffen, im Sumpfe lagen; dem letztern war durch den Stoß des erstern der Flügel gebrochen worden. In solchem entscheidenden Augenblicke war es die Pflicht des Falkners, hinzuzueilen und dem Falken beizustehen, indem er den Schnabel des Reihers in die Erde bohrte, ihm die Beine zerbrach und es dann dem Falken überließ, ihm mit leichter Mühe den Garaus zu geben. Auch eine Edeldame vom Range und der Zartheit Evelinens durfte nicht davor zurückschrecken, auf so grausame Weise dem Falken beizustehen; aber gerade als sie zu diesem Zweck vom Pferde gestiegen war, fühlte sie sich zum größten Schrecken von einer wilden Gestalt ergriffen, die in welscher Sprache ausrief, daß man Pfand von ihr begehre, weil sie auf dem Grunde von Dawfyd Falkenjagd triebe. Zu gleicher Zeit zeigten sich viele andere, mehr als zwanzig, hinter den Felsen und Gebüschen, alle mit Aexten oder welschen Krummhacken, langen Messern, Wurfspießen Bogen und Pfeilen bewaffnet. Eveline erhob ein Geschrei, die Ihrigen zu Hilfe zu rufen, zugleich redete sie die Fremden, so gut sie konnte, in welscher Sprache an; denn sie zweifelte nicht, daß es Walliser wären, in deren Gewalt sie geraten war. Als sie merkte, daß ihre Bitten unbeachtet blieben und jene sie als Gefangene behalten wollten, so würdigte sie sie weiter keiner Anrede, sondern verlangte nur, mit Achtung behandelt zu werden. Sie versprach ihnen in diesem Falle ein reichliches Lösegeld, drohte aber auch mit der Rache des Lords und besonders des Damian de Lacy, wenn sie ihr ein Leides täten. Die Männer schienen sie zu verstehen, und obwohl sie ihr eine Binde um die Augen legten und ihr die Arme mit ihrem eigenen Schleier fesselten, so beobachteten sie doch bei diesen gewalttätigen Handlungen eine gewisse Zartheit und Aufmerksamkeit, Anstand zu bewahren und ihr nicht wehe zu tun. Sie banden sie auf dem Sattel ihres Zelters fest und führten sie mit sich durch die Schluchten der Berge. Zu ihrem tiefsten Schmerze vernahm sie hinter sich das Getöse eines Kampfes und erkannte daran, daß ihr Gefolge sich vergebens bemühte, sie zu erretten. Erstaunen hatte zuerst die Jäger ergriffen, als sie von ferne ihre Jagdlust durch den gewalttätigen Angriff auf ihre Gebieterin unterbrochen sahen. Der alte Raoul setzte nun wieder die Sporen ein, rief den andern zu, ihm zu folgen, und sprengte wütend auf die Räuber los; aber da er keine andern Waffen, als seine Falkenstange und ein kurzes Schwert hatte, so wurden er und die ihm folgenden bei diesem tapfern, wenn auch nutzlosen Versuch leicht überwältigt. Raoul und ein paar der vordersten wurden jämmerlich zerschlagen, indem die Räuber ihre Knüttel gegen sie schwangen, bis sie in Splitter zerbrachen, wiewohl sie sich großmütig des Gebrauches gefährlicherer Waffen enthielten. Die übrigen des Gefolges, die allen Mut verloren hatten, ergriffen die Flucht, um Lärm zu machen; nur der Kaufmann und die Dame Gillian blieben am See und erfüllten die Luft mit unnützem Geschrei. Die Bösewichter sammelten sich indessen, sandten den Flüchtlingen einige Pfeile nach, doch mehr, um sie zu erschrecken, als um ihnen Schaden zuzufügen, und verließen zusammen den Platz, um zu ihren Gefährten zu stoßen, die mit der geraubten Lady Eveline vorausgezogen waren. Achtes Kapitel. Solche Abenteuer, die jetzt nur in Werken bloßer Erdichtung geschildert werden, waren in jener Zeit des Faustrechts, wo Gewalt allgemein über das Recht ging, nichts Ungewöhnliches. Daraus folgte, daß die, deren Lage sie öftern Gewalttätigkeiten aussetzte, fertiger im Widerstande, aber auch geduldiger im Ertragen waren, als man sonst von Alter und Geschlecht hätte erwarten sollen. Lady Eveline fühlte, daß sie eine Gefangene war. Furcht beschlich sie freilich, wenn sie sich fragte, zu welchem Zwecke man sie geraubt hätte; aber weder ihre eigene Unruhe noch die Raschheit, mit der man sie fortführte, hinderten sie, ihre Sinne zusammenzunehmen und mit Geistesgegenwart alle Vorgänge zu beobachten. Aus dem lauten Hufeklappern um sie her schloß sie, daß der größte Teil der Räuber sich zu Pferde gesetzt hatte; dies stimmte, wie ihr bekannt war, mit dem Gebrauch der welschen Landstreicher überein, deren Pferde zwar schwach und klein und zum Dienste im Gefechte untauglich, aber doch schnellfüßig genug waren, ihre gewandten Reiter mit der notwendigen Eile am Schauplatz ihrer Taten auftauchen und dann wieder verschwinden zu lassen. Diese Tiere schritten auch ohne Schwierigkeit und unter der Last eines schweren Kriegers über die wilden Bergpfade, von denen die Gegend durchschnitten war, und auf deren einem Lady Eveline Berenger sich jetzt befand. Am Schritt ihres Zelters, der von jeder Seite durch einen Mann zu Fuß gehalten wurde, glaubte sie zu merken, daß er eben eine Anhöhe erklommen und nachher mit noch größerer Gefahr hinabzusteigen schien. In diesem Augenblicke wandte sich eine Stimme, die sie bisher noch nicht unter den andern gehört hatte, in anglo-normännischer Sprache zu ihr, fragte mit scheinbarer Teilnahme, ob sie auch sicher in ihrem Sattel säße, und erbot sich, wenn dem nicht so sei, alles zu ihrer Bequemlichkeit herzurichten. »Spottet nicht über meine Lage; daß Ihr von Sicherheit redet,« sagte Eveline, »Ihr könnt es nur immer glauben, daß ich nach solcher Gewalttat mich nicht sicher wähnen kann. Ist es Lösegeld, was Ihr begehrt, so nennt die Summe, und ich will Befehl geben, sie herbeizuschaffen, aber haltet mich nicht in Gefangenschaft, das kann mich nur beleidigen und Euch nichts helfen.« »Lady Eveline,« antwortete die Stimme, noch immer im Tone der Höflichkeit, der so schlecht mit der verübten Gewalttätigkeit übereinstimmte, »wird sehr bald erfahren, daß unsere Handlungen rauher sind als unsere Absichten.« »Wenn Ihr wißt, wer ich bin,« sagte Eveline, »so könnt Ihr nicht zweifeln, daß dieser Frevel gerächt werden wird. Ihr müßt wissen, wessen Banner jetzt meine Länder beschützt.« »De Lacys Banner,« antwortete die Stimme, sehr gleichgütig, – »Was weiter! – Ein Falke fürchtet nicht den andern.« In diesem Augenblick wurde Halt gemacht, und ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter den Leuten um sie her, die bisher geschwiegen hatten, außer wenn sie zuweilen in welscher Sprache, und so kurz wie möglich, sich über den Weg verständigten oder einander zur Eile ermuntert hatten. Das Murmeln hörte auf, und ein Stillschweigen von einigen Minuten erfolgte. Endlich vernahm Eveline wieder die Stimme, die sich zuvor an sie gewandt hatte, und die jetzt Befehle austeilte, die sie nicht verstand. Darauf sprach der Mann zu ihr selbst: »Ihr werdet jetzt selbst sehen,« sagte er, »ob ich wahr sprach, wenn ich erklärte, daß ich Euch nicht gerne Fesseln anlegen ließ. Aber Ihr seid zugleich die Ursache des Kampfes und der Preis des Sieges. Für Eure Sicherheit muß demnach so gut gesorgt werden, als die Zeit es erlaubt. So befremdend auch die Art des Schutzes sein mag, dem wir Euch vertrauen wollen, so hoffe ich, daß der Sieger in dem bevorstehenden Kampfe Euch unverletzt wiederfinden wird.« »O, laßt doch nicht, um der heiligen Jungfrau willen, Kampf und Blutvergießen entstehen!« sagte Eveline. »Bindet mir lieber die Augen auf und laßt mich mit denen reden, deren Annäherung Ihr fürchtet. Sind es meine Freunde, wie es mir scheint, so will ich die Friedensvermittlerin zwischen Euch sein.« »Ich verachte den Frieden,« sagte der Fremde. »Ich habe ein so entschlossenes und gewagtes Abenteuer kühn unternommen und sollte nun, wie es ein Kind beim Spielen macht, bei dem ersten Gedanken, es könnte unglücklich ablaufen, die Hand davon ziehen? Habt die Güte, vom Pferde zu steigen, edle Lady! oder vielmehr nennt es nicht ungütig, daß ich Euch vom Sattel hebe und auf den Rasen niedersetze.« So wie er sprach, so fühlte sich auch Eveline vom Pferde gehoben und sorgfältig auf den Erdboden in sitzender Stellung niedergelassen. Den Augenblick darauf nahm ihr derselbe Mann, der sie vom Pferde herabgehoben hatte, den Hut ab, dieses Meisterstück der Dame Gillian, und dann den Mantel. »Ich muß Euch ferner ersuchen,« sagte der Banditenhauptmann, »auf Händen und Füßen in diese enge Oeffnung zu kriechen. Glaubt mir, es tut mir leid, daß ich Euch, der Sicherheit wegen, in eine so enge Festung bringen muß.« Eveline kroch vorwärts, wie ihr geheißen worden war, indem sie wohl begriff, daß Widerstand hier von keinem Nutzen wäre und daß dieser Mann, der in gebietendem Tone sprach, sie gegen die zügellose Wut der Welschen in Schutz nehmen würde. Von den Wallisern aber durfte sie nichts Gutes erwarten, weil sie an Gwenwyns Tod schuld war, und um ihretwillen die Britonen unter den Wällen von Garde Douloureuse eine schwere Niederlage erlitten hatten. Sie kroch durch einen engen, dumpfigen Gang, der zu beiden Seiten von unbehauenen Steinen gebildet und so niedrig war, daß man nur kriechend hineinkommen konnte. Als sie etwa neun Fuß vorwärts gedrungen war, dehnte sich dieser Durchgang zu einer Höhle oder Kammer aus, die sonst unregelmäßig und enge, dennoch hoch genug war, daß sie bequem darin sitzen konnte. Zu gleicher Zeit bemerkte sie an einem Geräusch hinter sich, daß die Räuber den Weg verrammelt hatten, durch den sie so in den Schoß der Erde gelangt war. Sie konnte ganz deutlich das Rasseln der Steine hören, womit sie den Eingang verschlossen, und sie merkte es, wie der frische Luftstrom, der zuvor durch die Oeffnung gedrungen war, allmählich aufhörte und die Atmosphäre dieses unterirdischen Gemaches immer dumpfiger, feuchter und drückender wurde. In diesem Augenblick drangen entfernte Töne von draußen zu ihrem Ohre, in denen Eveline Geschrei, starke Schläge, Pferdegetrappel, Flüche, Jauchzen und Heulen von Fechtenden unterschied, aber alles klang gedämpft durch die Felsenmauer ihres Gefängnisses, wie ein verworrenes, hohles Gemurmel. In so furchtbarer Lage durch Verzweiflung getrieben, arbeitete Eveline, fast mit der Kraft einer Wahnsinnigen, um sich zu befreien, so daß es ihr zum Teil gelang, ihre Arme aus den Banden herauszupressen. Aber dies allein genügte, sie zu überzeugen, daß eine Flucht unmöglich sei; denn als sie den Schleier wegriß, der ihr Haupt umhüllte, fand sie sich in der tiefsten Finsternis, und indem sie mit den Armen rasch umherfühlte, entdeckte sie, daß sie in einer unterirdischen, sehr engen Höhle eingesperrt war. Die Hände, mit denen sie umhertastete, fanden nur Stücke von verrostetem Metall, und noch etwas, das zu anderer Zeit ihr Entsetzen eingeflößt hätte, da es in der Tat nichts anders, als die Gebeine eines Toten waren. Jetzt konnte dieser Umstand kaum ihre Furcht vermehren, eingemauert wie sie sich wähnte, um eines gräßlichen Todes unter der Erde zu sterben, indes ihre Freunde und Befreier wahrscheinlich wenige Schritte von ihr entfernt waren. Wild streckte sie die Arme aus, um irgend eine Oeffnung zur Flucht zu finden, aber jeder Versuch, den sie machte, sich aus diesem lastenden Bau um sie her zu befreien, war so unwirksam, als hätte sie versucht, den Dom einer Kathedrale umzustoßen. Der Lärm, den sie zuerst vernommen, nahm immermehr zu, und einen Augenblick schien es, als ob die Decke des Gewölbes, unter dem sie sich befand, von Gestampf oder Stößen widerhalle. Unmöglich hätte ein menschliches Gehirn diese Schrecken überstehen können; aber glücklicherweise dauerte dieser höchste Grad der Angst nicht lange. Töne, die immer hohler wurden und endlich in der Ferne erstarben, ließen erkennen, daß einer oder der andere Teil sich zurückgezogen hatte; zuletzt war es still. Eveline konnte nun ihre schreckliche Lage ungestört erwägen. Das Gefecht war vorbei, und allem Anscheine nach waren ihre Freunde Sieger geblieben. Denn wäre es anders gewesen, so hätten die Sieger sie aus ihrem Gefängnisse befreit und ihre Gefangene mit sich genommen. Aber was konnte nun der Sieg ihrer treuen Freunde und Anhänger Evelinen nützen, die in einem verborgenen Winkel eingeschlossen war, wo sie niemand finden würde? Waren dann ihre Freunde abgezogen, so kehrten gewiß die Feinde zurück, und sie fiel ihnen aufs neue in die Hände, oder aber sie starb in Finsternis und Einsamkeit eines gräßlichen Todes. Daran konnte das unglückliche Mädchen nicht denken, ohne ein Gebet zum Himmel zu schicken, daß wenigstens ihre Todesangst abgekürzt werden möge. In dieser furchtbaren Stunde gedachte sie des Dolches, den sie trug, und der finstere Gedanke durchzuckte ihre Seele, daß, wenn jede Hoffnung des Lebens schwände, es wenigstens in ihrer Hand läge, sich einen schnellen Tod zu geben. Als ihre Seele bei diesem traurigen Troste zusammenschauerte, drängte sich plötzlich die Frage vor, ob sie diese Waffe nicht zu ihrer Befreiung benützen könnte, statt damit ihre Leiden auf einmal zu endigen? Sobald diese Hoffnung einmal gefaßt war, so zauderte auch die Tochter Raymond Berengers nicht, den Versuch zu machen, und es gelang ihr durch wiederholte Anstrengung, wiewohl mit großer Beschwerde, ihre Stellung zu verändern, so daß sie den Raum ihres Kerkers ringsumher umschauen und besonders den Gang finden konnte, durch den sie hereingekommen war, und nun wieder zum Tageslicht zurückzukehren versuchen wollte. Sie kroch bis zum äußersten Ende und fand, wie sie erwartete, die Oeffnung mit großen Steinen und Erde versperrt, die so zusammengestampft waren, daß gegenüber diesem Wall alle Hoffnung auf Flucht schwinden mußte. Doch war die Mauer sehr schnell errichtet worden, und Leib und Leben waren ja ein Preis, um den man alle Kräfte wohl aufbieten konnte. Mit ihrem Dolche schaffte sie die Erde und die Rasenstücke weg, und mit den Händen, die an solche Arbeit nicht gewöhnt waren, schob sie mehrere Steine fort, bis sie schließlich einen Schimmer von Licht sah und, was nicht weniger kostbar war, ein wenig frische Luft schöpfen konnte. Aber zu gleicher Zeit mußte sie erkennen, daß die Größe und Schwere eines gewaltigen Steines, der den Durchgang von außen schloß, ihr jede Hoffnung raubte. Hier konnten ihre Kräfte allein, ohne einen Beistand von außen, nichts mehr ausrichten. Doch war ihr Zustand jetzt wenigstens erträglich: denn sie hatte nun wenigstens Luft und Licht und konnte vielleicht auch jemand zur Hilfe rufen. Aber ein solches Geschrei um Hilfe stieß sie eine Zeitlang vergebens aus – wahrscheinlich lagen nur Tote oder Sterbende in der Nähe; denn leise, unverständliche Klagelaute waren einige Minuten lang die einzige Antwort, die sie erhielt. Endlich, als sie wiederholt rief, sprach eine schwache Stimme, wie die eines Menschen, der eben aus einer Ohnmacht erwacht, folgende Worte: »Edris aus dem unterirdischen Hause, rufst Du aus Deiner Gruft den Elenden, der zu seiner eigenen hinabeilt? – Sind die Schranken zerbrochen, die mich mit den Lebenden zusammenhielten? – Höre ich schon mit meinen leiblichen Ohren die schwachen Klagelaute der Toten?« »Es ist kein Geist, der hier spricht,« erwiderte Eveline überfroh, daß sie endlich einem lebenden Wesen sagen konnte, wo sie sich befand, »kein Geist, sondern ein sehr unglückliches Mädchen, namens Eveline Berenger, eingemauert in diesem dunklen Gewölbe und in Gefahr, gräßlich umzukommen, wenn Gott nicht Erlösung sendet.« »Eveline Berenger!« rief derjenige, zu welchem sie sprach, mit dem Tone der Verwunderung. – »Es ist unmöglich. – Ich sah ihren grünen Mantel – ihren Federhut, als die Feinde mit ihr davonjagten und ich nicht imstande war, sie zu retten.« »Getreuer Vasall, oder besser getreuer Freund, oder freundlicher Fremdling, oder wie ich Dich nennen soll,« erwiderte Eveline, »wisse, Du bist durch die List der Walliser Räuber getäuscht worden, Mantel und Hut Eveline Berengers haben sie in der Tat bei sich, aber sie haben sie nur gebraucht, meine treuen Freunde, die wie Du um mein Schicksal besorgt sind, irre zu führen. Deshalb, tapferer Herr, ersinne irgend eine Hilfe, wenn Du kannst, für Dich und mich. Denn ich fürchte, wenn die Räuber der Verfolgung entronnen sind, so kehren sie hierher zurück wie der Dieb zu dem Schlupfwinkel, in dem er das gestohlene Gut niedergelegt hat.« »Nun, die heilige Jungfrau sei gepriesen,« sagte der verwundete Mann, »daß ich mit dem letzten Atemzug noch Dir einen Dienst erweisen kann. Ich wollte zuvor nicht ins Horn stoßen, um niemand von den Verfolgern zurückzurufen, weil ich glaubte, sie könnten Dich retten. Gebe der Himmel, daß der Ruf jetzt gehört und meine Augen noch Lady Eveline in Freiheit und Sicherheit sehen mögen!« In so schwachem Tone auch diese Worte gesprochen wurden, so atmeten sie doch eine wahre Begeisterung, und nun folgte ein Stoß in ein Horn, das nur sehr schwach ertönte und keine Antwort als nur den Widerhall aus der Grube selbst erhielt. Jetzt wurde schärfer und lauter ins Horn gestoßen, doch brach der Ton so plötzlich ab, daß es schien, der Atem habe den Verwundeten mitten in der Anstrengung verlassen. – Ein sonderbarer Gedanke ging in diesem Augenblick der Ungewißheit und des Schreckens durch Evelinens Seele. – »Das,« sagte sie, – »war das Signal eines de Lacy. – Ihr seid doch nicht mein edler Verwandter, Sir Damian?« »Ich bin der unglückliche Elende, der den Tod dafür verdient, daß er für seine Schutzbefohlene so schlecht gesorgt hat. – Wie konnte ich nur unbekannten Boten trauen? – Ich hätte die Heilige, welche meinem Schutz übergeben war, stets mit wachsamem Blick anbeten sollen. Nirgends hätte ich verweilen sollen, als an Eurem Tore, länger davor wachen, als der glänzendste Stern am Himmel. Ungesehen und von keinem gekannt, hätte ich nie aus Eurer Nähe weichen sollen. Dann wärt Ihr nicht in die gegenwärtige Gefahr geraten, und Du, Damian de Lacy, wärst nicht als meineidiger, nachlässiger Schurke in die Gruft gefahren!« »Ach, edler Damian,« sagte Eveline, »brecht nicht mein Herz, indem Ihr Euch einer Unbesonnenheit wegen tadelt, die ganz meine Schuld ist. Eure Hilfe war immer nahe, sobald ich nur einen Wink gab, daß ich ihrer bedürfe; und es verbittert mein eigenes Unglück, daß meine Uebereilung die Ursache Eures Unfalles ist. Antwortet mir, teurer Verwandter, und laßt mich hoffen, daß die Wunden, die Ihr erhalten habt, geheilt werden können. – Ach! wieviel von Eurem Blute sah ich schon fließen, wie grausam ist doch mein Geschick! Stets muß ich Kummer über all diejenigen bringen, für welche ich gern mein eigenes Glück aufopfern wollte! aber laßt uns nicht die uns durch des Himmels Gnade gegönnten Augenblicke in fruchtloser Reue verbringen. –Versuche alles, was Du kannst, Dein Blut zu stillen, das so kostbar ist – für England – für Eveline – für Deinen Oheim.« Damian seufzte, als sie sprach und schwieg; während Eveline halb wahnsinnig bei dem Gedanken, er könne aus Mangel an Hilfe umkommen, ihre Anstrengungen verdoppelte, sich zum Heil ihres Verwandten und ihrer eigenen Rettung hinauszuarbeiten. Es war alles vergebens, verzweifelnd gab sie ihre Versuche auf, und von einem gräßlichen Gegenstande des Schreckens zum andern übergehend, lauschte sie mit geschärftem Ohr den sterbenden Seufzern des edlen Damians, als – welches Entzücken! – Pferdegetrappel schnell sich näherte. Doch wenn auch dieser freudvolle Ton ihr Erlösung aus dem Grabe verhieß, würde er ihr auch die Freiheit bringen? Es konnten ja die räuberischen Bergbewohner sein, die zurückkehrten, ihre Gefangene zu holen. Aber auch diese würden ihr erlaubt haben, die Wunden Damian de Lacys zu untersuchen und zu verbinden; denn es konnte ihnen weit mehr Vorteil bringen, ihn als Gefangenen zu behalten, als ihn zu töten. Ein Reiter kam herbei, Eveline rief ihn um Beistand an, und das erste Wort, das sie hörte, war ein flamländischer Ausruf des getreuen Wilkin Flammock – ein Ruf, den nur dieses Schauspiel höchst ungewöhnlicher Art dem phlegmatischen Manne entreißen konnte. Als er von Lady Eveline vernahm, in welcher Lage sie sich befände, und von ihr zugleich beschworen wurde, den Zustand Damian de Lacys genau zu untersuchen, begann er mit bewunderungswürdiger Fassung und einiger Sachkenntnis die Wunden des einen zu verbinden, während seine Begleiter einen Hebebaum herbeibrachten, welchen die Welschen bei ihrem Rückzuge zurückgelassen hatten, und bald imstande waren, an der Befreiung Evelinens zu arbeiten. Mit großer Vorsicht und unter der erfahrenen Leitung Flammocks wurde der Stein endlich so lange gehoben, daß man Eveline sehen konnte. Groß war das Entzücken aller, besonders ihrer treuen Rose, die ohne Rücksicht auf persönliche Gefahr um den Kerker ihrer Gebieterin herumflatterte, wie ein seiner Jungen beraubter Vogel um den Käfig, in den ein mutwilliger Bube sie gefangen hält. Große Vorsicht war notwendig, als man nun den Stein aufhob, weil er leicht nach innen fallen und die Lady beschädigen konnte. Endlich war das Felsenstück so hoch gelüftet, daß sie hinaus konnte, während ihre Leute aus Wut über ihre erlittene Einsperrung nicht aufhörten mit Stangen und Hebebäumen zu arbeiten, bis sie den schweren Block aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Nun stürzte der große Stein, der die Oeffnung des unterirdischen Ganges versperrt hatte, nach der Seite über und begann den steilen Abhang hinunterzurollen. Immer schneller kollerte und krachte und donnerte er den Berg hinab, mitten unter Feuerfunken, die er aus den Felsen schlug, unter Wolken von Rauch und Staub, bis er endlich in das Bett eines Waldbachs schlug, wo er in fünf große Stücke zerschellte, mit einem Gekrach, das wohl drei Meilen weit gehört werden konnte. Mit zerrissenen und beschmutzten Gewändern, mit aufgelöstem Haare, erschöpft von dem Aufenthalt in ihrem stickigen Kerker und von der Anstrengung, sich zu befreien, verwandte Eveline doch nicht eine Minute dazu, auf ihren eigenen Zustand zu achten; nein, mit dem Eifer einer Schwester, die ihrem einzigen Bruder zu Hilfe eilt, ließ sie es sich angelegen sein, die schweren Wunden Damians de Lacy zu untersuchen, den Bluterguß zu stillen und ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Wir haben es anderswo gesagt, daß gleich andern Frauen jener Zeit Eveline in der Wundarzneikunst nicht unerfahren war, und jetzt entwickelte sie noch größere Kenntnisse, als man ihr zugetraut. In jeder ihrer Anordnungen lag Klugheit, Umsicht und Zartgefühl; und die Sanftmut des weiblichen Geschlechts, die nimmermüde Menschenliebe, die stets bereit ist, das Elend zu mildern, wo sie es findet, schien in ihr durch den Scharfsinn eines energischen Verstandes noch auf eine höhere, würdevollere Stufe gehoben. Nachdem Rose ein paar Minuten bewundernd die klugen, sinnreichen Anordnungen ihrer Gebieterin angehört hatte, schien es ihr plötzlich einzufallen, daß der Kranke nicht der ausschließlichen Sorge Evelinens allein überlassen werden dürfte; sie ging ihr daher zur Hand und leistete ihr Beistand, soviel sie konnte, wahrend die Diener eine Bahre anfertigten, auf der der verwundete Ritter nach dem Schlosse von Garde Douloureuse gebracht wurde. Neuntes Kapitel. Der Platz, auf dem das Scharmützel sich abgespielt und Lady Evelinens Befreiung stattgefunden hatte, war eine wilde, abgelegene Stelle, eine kleine, ganz ebene Fläche zwischen zwei sehr rauhen Fußpfaden, von denen der eine sich längs des Flusses hinzog; der andere aber weiter emporführte. Von Bergen und Gehölz umgeben, war diese Stelle besonders reich an Wild, und in früheren Zeiten hatte ein Walliser Fürst, der durch seine allgemeine Gastlichkeit, seine Liebe zur Jagd berühmt geworden, hier ein Jagdhaus errichtet, wo er seine Freunde und Anhänger mit einer Verschwendung, die in Cambria ohne Beispiel war, zu bewirten pflegte. Die Phantasie der Barden, denen alle Pracht imponierte und die besondere Art von Verschwendung gefiel, die dieser Fürst betrieb, hatte ihm den Beinamen Edris von den Bechern gegeben, und sie erhoben ihn in ihren Gesängen mit so hohen Lobsprüchen, wie nur noch die Helden des weitberühmten Hirlas Horn gepriesen worden waren. Der so schwärmerisch besungene Zecher und Nimrod fiel endlich als ein Opfer seiner Schwelgereien, indem er bei einem Zwist, der nach einem wüsten Gelage ausbrach, erstochen wurde. Empört über dieses Ereignis begruben die versammelten Briten die Leiche des Fürsten an dem Ort, wo er starb, eben in jenem engen Gewölbe, in welchem Eveline eingekerkert war. Nachdem sie den Eingang der Grabesstelle mit Felsstücken gesperrt hatten, türmten sie darüber einen ungeheuren Cairn oder Steinhaufen als Grabhügel, auf dessen Spitze sie dem Mörder den Tod gaben. Aberglaube wob manche Schrecken um den Ort; viele Jahre blieb dieses Denkmal des Edris unverletzt, obgleich das Jagdhaus in Trümmer zerfallen und jede Spur davon erloschen war. In spätern Jahren hatte eine herumstreifende Bande welscher Räuber den geheimen Eingang entdeckt und ihn in der Absicht geöffnet, die Gruft nach Waffen und Schätzen zu durchwühlen, die in alten Zeiten oft mit den Toten begraben wurden. Sie täuschten sich und erhielten durch diese Entweihung des Grabes nichts weiter, als die Kenntnis dieser geheimen Stelle, die sehr gut zum Versteck geraubter Beute oder auch im Notfall einem Flüchtling als Zufluchtsort dienen konnte. Als die Begleiter Damians, fünf oder sechs an der Zahl, dem Wilkin Flammock mitteilten, was ihnen an diesem Tage zugestoßen, so ging daraus hervor, daß Damian Befehl gegeben, mit Tagesanbruch aufzusitzen, und zwar in viel größerer Anzahl, um, wie sie verstanden hatten, gegen eine Bande rebellischer Bauern aufzubrechen. Doch plötzlich habe er seine Meinung geändert, seine Mannschaft in kleinere Abteilungen getrennt und von ihnen mehrere Bergpässe zwischen Wales und den Marken in der Nähe von Garde Douloureuse durchsuchen lassen. Dies pflegte er so oft zu tun, daß niemand etwas Auffallendes darin fand. Oft wurden dergleichen Streifzüge von den kriegerischen Herren der Marken unternommen, um teils die Walliser allesamt, besonders aber die gesetzlosen Banden, die, keiner regelmäßigen Herrschaft untertan, diese wilden Grenzen beunruhigten, in Furcht zu erhalten. Es war ungefähr um die Mittagszeit, als Damian und seine Begleiter, weil es das gute Glück wollte, auf einen der flüchtigen Reitknechte stießen und die Nachricht von dem Unglück der Lady Eveline erhielten. Bei ihrer vollkommenen Kenntnis der Gegend waren sie imstande, den Räubern im Paß von Edris, wie er genannt wurde, durch den sie gewöhnlich ins Innere des Landes zurückkehrten, den Weg abzuschneiden. Wahrscheinlich hatten die Räuber nicht die geringe Zahl erkannt, an deren Spitze Damian stand, und da sie wußten, daß ihnen eine heiße Verfolgung bevorstand, war der Anführer auf den sonderbaren Gedanken gekommen, Evelinen in dem Grabmal zu verstecken, während einer von den Räubern Evelinens Hut und Mantel antun mußte, um die Angreifer zu täuschen und sie von der Stelle, wo sie wirklich verborgen war, hinwegzulocken. Dahin wollten dann die Räuber zurückkehren, sobald sie ihren Verfolgern entgangen wären. Demzufolge hatten sie sich zu einem regelmäßigen Rückzug vor dem Grabmal aufgestellt, von wo aus sie entweder einen zur Verteidigung geeigneten Platz finden, oder, wenn sie überwunden würden, ihre Pferde verlassen und sich zwischen den Felsen zerstreuen konnten, um den Angriffen der normannischen Reiterei zu entgehen. Ihr Plan wurde durch die Schnelligkeit Damians vereitelt, der, als er Evelinens Hut und Mantel unter den Fliehenden gewahrte, sie wütend angriff, ohne die geringste Rücksicht, auf ihre Ueberzahl oder auf seine leichte Rüstung zu nehmen, die einzig aus einem Helm und einem büffelledernen Wams bestand – gegen die welschen Messer und Spieße eine sehr unzulängliche Deckung. So wurde er beim Angriff schwer verwundet, und er wäre umgekommen, wenn seine Begleiter sich nicht aufs äußerste angestrengt, und die Walliser nicht gefürchtet hätten, daß, während sie von vorne den Kampf fortsetzten, sie im Rücken von Evelinens Vasallen angegriffen werden könnten, die jetzt wahrscheinlich schon alle unter den Waffen und auf dem Marsche wären. Sie zogen sich also zurück oder flohen vielmehr, und Damians Leute setzten auf Befehl ihres verwundeten Herrn ihnen nach, mit der ausdrücklichen Weisung, unter keiner Bedingung von der Verfolgung abzulassen, bis die gefangene Lady von Garde Douloureuse ihren Entführern entrissen sei. Dank ihrer genauen Kenntnis der Nebenwege und der Gewandtheit ihrer kleinen Pferde gelang es allen Wallisern, zu entkommen, zwei oder drei ausgenommen, die Damian bei seinem wütenden Angriff niederhieb. Von Zeit zu Zeit schossen sie Pfeile gegen die Verfolgenden ab und lachten über die nutzlosen Bemühungen der schwer bewaffneten Krieger, mit ihren gepanzerten Rossen sie einzuholen. Aber die Sachlage änderte sich, als Wilkin Flammock auf seinem mächtigen Streitrosse an der Spitze von Fußvolk und Reiterei erschien und den Bergpaß zu erklimmen begann. Die Furcht, sich abgeschnitten zu sehen, veranlaßte die Landstreicher, ihre Zuflucht zu ihrer letzten Kriegslist zu nehmen; sie ließen ihre welschen Klepper laufen, sie selbst flüchteten sich in die Felsen, und die Mehrzahl wußte sich, dank ihrer Schnellfüßigkeit und Gewandtheit im Klettern den Verfolgern zu entziehen. Doch nicht alle waren so glücklich, einige fielen Flammocks Leuten in die Hände, unter andern, der, den man mit Evelinens Hut und Mantel angetan hatte. Wie groß war die Ueberraschung derer, die gerade ihm auf den Fersen gefolgt waren, als sie nun nicht die Lady erblickten, die sie befreien wollten, sondern einen schön gelockten jungen Walliser, der, nach seinen wilden Blicken und unzusammenhängenden Reden zu schließen, nicht recht bei Verstande zu sein schien. Dies wäre jedoch kein Anlaß gewesen, ihn nicht auf der Stelle zu töten – wie es stets denen erging, die in solchen Scharmützeln gefangen genommen wurden, hätte nicht Damians schwacher Stoß ins Horn, dessen Leute zurückgerufen und Wilkin Flammock bewogen, Halt zu machen. In der allgemeinen Verwirrung, dem Hornruf so rasch wie möglich Folge zu leisten, kümmerten die Leute sich nicht um den Gefangenen, dem es nun glückte, zu entrinnen; auch hätten sie in der Tat wenig von ihm erfahren, wäre er auch imstande gewesen, ihnen etwas mitzuteilen. Alle waren indessen überzeugt, ihre Gebieterin sei einem Hinterhalt Dawfyds des Einäugigen, eines gefürchteten Freibeuters jener Zeit, in die Hände gefallen, der dieses kühne Unternehmen in der Hoffnung auf ein reiches Lösegeld gewagt hatte, und über diese kühne Frechheit höchst erbittert, weihten sie sein Haupt und seine Glieder dem Adler und dem Raben. All diese Einzelheiten teilten sich nun die Leute Flammocks und Damians gegenseitig mit. Als sie am roten Teiche entlang zurückkehrten, trafen sie mit Frau Gillian zusammen, die ihrer Freude über die glückliche Rettung ihrer Gebieterin und ihrem Schmerze über den unerwarteten Unfall Damians in lauten Rufen Luft machte. Sie erzählte dann den Kriegern, daß den Kaufmann, dessen Falken an all diesen Begebenheiten schuld wären, einige Walliser auf ihrem Rückzuge gefangen mit sich genommen hätten, und daß sie selbst und der verwundete Raoul das gleiche Schicksal erlitten haben würden, nur daß die Feinde kein Pferd übrig gehabt hätten, sie mitzunehmen. Von dem alten Raoul hätten sie sich wohl kein Lösegeld versprochen, und ihn zu erschlagen, mochten sie nicht der Mühe wert gehalten haben. Einer hätte zwar wirklich einen Stein nach ihm geworfen, aber unglücklicherweise, sagte die Dame, verfehlte er sein Ziel. »Es war nur ein kleines Kerlchen, der den Stein warf,« sagte sie. »Da war ein großer langer Mann unter ihnen; hätte der den Wurf getan, so wäre es mit Unserer Frauen Hilfe wohl anders gekommen.« Mit diesen Worten machte sie sich auf und ordnete ihre Kleidung, um sich wieder zu Pferde zu setzen. Der verwundete Damian wurde nun auf die aus Baumzweigen schnell zusammengesetzte Tragbahre gelegt und nebst den Frauen in die Mitte des kleinen Trupps genommen, an den sich die übrige Mannschaft des jungen Ritters anschloß, die sich nach und nach zusammenfand. Die vereinte Schar zog nun mit militärischer Ordnung ab und durchschritt die Pässe mit aller Vorsicht, stets darauf gefaßt, nochmals auf den Feind zu stoßen. Zehntes Kapitel. Rose, von Natur eines der uneigennützigsten und liebevollsten Mädchen, überlegte schnell, in welcher eigentümlichen Lage ihre Gebieterin sich befand und wie große Zurückhaltung bisher zwischen ihr und ihrem jugendlichen Schirmvogt bestanden hatte. Sie stellte daher sogleich ihre Betrachtungen darüber an, was nun mit dem verwundeten Ritter geschehen sollte. Doch als sie zu Eveline heranritt, um ihr diese wichtige Frage vorzulegen, fehlte ihr fast der Mut dazu. Auch war Eveline von dem Abenteuer so angegriffen, daß es fast eine Grausamkeit gewesen wäre, ihr Augenmerk auf irgendwelchen Gegenstand der Sorge zu lenken, bevor sie Zeit gefunden, sich von der eben noch ausgestandenen Angst zu erholen. Ihr Angesicht war totenbleich, außer wo es mit Blutstropfen befleckt war: ihr Schleier war zerrissen und in Unordnung, beschmutzt mit Staub und geronnenem Blut; ihr wild zerzaustes Haar fiel in verwirrten Locken auf Stirn und Schulter; eine einzige zerknickte Feder war alles, was von ihrem Reithut übrig geblieben, und hatte sich in ihrem Haar verfangen, wo sie nun, mehr zum Spott als zum Schmucke, im Winde flatterte. Ihre Augen hefteten sich auf die Bahre, auf welcher Damian lag, sie ritt dicht an seiner Seite, ohne dem Anschein nach für irgend etwas anderes, als für die Gefahr dessen, der hier ausgestreckt lag, Sinn zu haben. Rose begriff, daß ihre Gebieterin in allzu aufgeregter Stimmung war, um sich über ihre Lage klar zu werden. Sie suchte allmählich ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken. »Teuerste Gebieterin,« sagte sie, »wäre es Euch nicht gefällig, meinen Mantel umzunehmen?« »Quäle mich nicht,« antwortete Eveline in einem etwas scharfen Tone. »In der Tat, meine Gebieterin,« sagte Dame Gillian, sich mit Geräusch hervordrängend, als ob sie fürchtete, man wolle ihrem Amte als Garderobemeisterin Eintrag tun. »In der Tat, meine Gebieterin, Rose Flammock hat recht, weder Euer Mieder noch Euer Rock sitzen, wie sie sollten. Wenn also nur Rose ihr Pferd ein wenig aus dem Wege lenken will, so werde ich mit ein paar Nadeln Euern Anzug wieder in Ordnung bringen.« »Was frage ich nach meinem Anzug?« erwiderte Eveline im selben Tone wie zuvor. »So fragt nach Eurer Ehre, nach Eurem Rufe,« sagte Rose, dicht an ihre Gebieterin reitend und es ihr ins Ohr flüsternd. »Bedenkt, und zwar schnell, wohin der verwundete junge Mann gebracht werden soll.« »Nach dem Schlosse,« antwortete Eveline ganz laut, als ob sie gleichsam die Ziererei des Geheimnisses verachte. »Führt uns zum Schlosse, und das auf dem kürzesten Wege!« »Warum nicht lieber in sein Lager oder nach Malpas?« sagte Rose; »teuerste Gebieterin, glaubt mir, das wird das beste sein.« »Warum nicht – warum nicht? – Warum ihn nicht lieber an der Landstraße liegen lassen, als willkommene Beute für das Messer eines Welschen oder den Zahn eines Wolfes? – Ein- Zwei-, dreimal ist er mein Retter gewesen. Wohin ich gehe, soll er gehen, und ich will nicht einen Augenblick früher in Sicherheit sein, als ich weiß, daß er es ist.« Rose sah, daß sie keinen Eindruck auf ihre Gebieterin machte, und ihre eigene Ueberlegung sagte ihr, des Verwundeten Leben könne gefährdet werden, wenn der Transport unnötig in die Länge gezogen wurde. Ein Ausweg fiel ihr ein, dem vorzubeugen; doch war es notwendig, deshalb ihren Vater zu befragen. Sie gab ihrem Zelter die Reitgerte, und in einem Augenblick war ihr winziges, aber schönes Figürchen und ihr feuriger, kleiner Zelter an der Seite des riesigen Flamländers und seines großen schwarzen Rosses, und sie ritt sozusagen in deren breitem Schatten. »Mein teuerster Vater,« sagte Rose, »die Lady hat die Absicht, Sir Damian nach dem Schloß bringen zu lassen, wo er dann wahrscheinlich sehr lange wird verweilen müssen. – Was denkt Ihr davon? – Wird das gut sein?« »Für den jungen Mann gewiß, Röschen;« antwortete der Flamländer, »er wird um so mehr der Gefahr des Fiebers entgehen.« »Wohl wahr! Ist es aber auch verständig von meiner Gebieterin?« fuhr Rose fort. »Verständig genug, wenn sie verständig verfährt. – Aber weshalb zweifelst Du an ihr, Röschen?« »Ich weiß nicht,« sagte Rose, die selber gegen ihren Vater ungern ein Wörtchen von Furcht und Zweifel wollte fallen lassen, »aber wo es böse Zungen gibt, da gibt's auch Böses zu erzählen. Sir Damian und meine Gebieterin sind sehr jung. – Es wäre wohl viel besser, lieber Vater, so denke ich, Ihr bötet dem verwundeten Ritter Eures Daches Schutz an, statt daß er nach dem Schlosse gebracht werde.« »Das werde ich nicht tun, Dirne,« antwortete der Flamländer etwas heftig. »Das werde ich nicht tun, wenn ich's vermeiden kann. Der Normann soll nicht über meine friedliche Schwelle kommen, der Engländer noch weniger, um sich über mein einfaches, sparsames Leben aufzuhalten und meinen Vorrat zu verzehren. Du kennst sie nicht, weil Du immer bei Deiner Lady und in ihrer Gunst bist. Aber ich kenne sie wohl, und das Beste, was ich noch von ihnen erlangen konnte, war ›fauler Flandersmann‹ und ›flämischer Tölpel‹ tituliert zu werden. – Ich danke allen Heiligen, daß sie seit des Welschen Gwenwyns Aufstand nicht mehr sagen können, ›flämische Memme‹.« »Ich habe stets geglaubt, mein Vater,« erwiderte Rose, »Ihr wäret zu verständig, um auf diese niedrigen Verleumdungen zu achten. Gedenkt, wir gehören zum Banner dieser Lady, sie ist stets meine liebevolle Gebieterin gewesen, und ihr Vater war Euer guter Herr; selbst dem Connetable seid Ihr verpflichtet, denn er hat Euer Privilegium erweitert. Mit Geld kann man Schulden bezahlen, aber Freundlichkeit kann man nur mit Freundlichkeit vergelten. Und ich sage es Euch vorher, Ihr werdet nie mehr eine solche Gelegenheit haben, dem Hause der Berenger und de Lacy Gutes zu erweisen, als wenn Ihr die Türe Eures Hauses dem verwundeten Ritter öffnet.« »Die Tür meines Hauses?« antwortete der Flamländer. »Weiß ich denn, wie lange ich dieses oder irgend ein Haus auf Erden mein eigen nennen kann? Ach! meine Tochter, wir zogen hierher, um der Wut der Elemente zu entfliehen, aber wer weiß, wie bald wir durch die Raserei der Menschen umkommen können.« »Ihr sprecht sonderbar, mein Vater,« sagte Rose. »Es stimmt nicht mit Eurer sonst so sichern Einsicht überein, aus dem plötzlichen Ueberfall eines welschen Freibeuters ein so allgemeines Unglück zu weissagen.« »Ich denke nicht an den einäugigen Räuber,« sagte Wilkin, »obgleich die wachsende Frechheit solcher Räuber wie Dawfyd kein gutes Zeichen für die Ruhe im Lande ist. Aber Du, die Du in jenen festen Mauern lebst, vernimmst nur wenig, was draußen vorgeht, und Euer Zustand ist daher sorgenloser. Du hättest auch diese Nachrichten nicht von mir erfahren, es sei denn, daß ich es für nötig gefunden, mich in ein anderes Land zu begeben.« »Euch wegbegeben, mein teuerster Vater, von einem Lande, wo Eure Betriebsamkeit und Sparsamkeit Euch ein so ehrenvolles Auskommen verschafft haben?« »Ja, und wo der Hunger von Bösewichtern, welche mir den Ertrag meiner Arbeit beneiden, mir leicht einen ehrlosen Tod bereiten kann. Es sind unter dem englischen Pöbel in mehr als einer Grafschaft Unruhen ausgebrochen, die Wut des Volkes richtet sich gerade gegen unsere Nation, als ob wir Juden oder Heiden wären und nicht bessere Christen und bessere Menschen als sie selbst. Zu York, Bristol und anderswo haben sie die Häuser der Flamländer gestürmt, ihr Gut geplündert, ihre Familien gemißhandelt, und selbst ermordet. Und warum? Wahrscheinlich nur deswegen, weil wir Künste und Gewerbe zu ihnen brachten, die sie vorher nicht kannten, und weil ein Wohlstand, den sie ohne uns nie in Britannien erblickt hätten, der Lohn für unsere Kunst und Mühe wurde. Röschen, dieser böse Geist verbreitet sich täglich mehr. Hier zwar sind wir sicherer als sonst irgendwo, weil wir eine ziemlich zahlreiche und starke Kolonie bilden. Aber ich traue unsern Nachbarn nicht, und wärest Du, Rose, nicht in Sicherheit gewesen, schon lange hätte ich dieses alles aufgegeben und Britannien verlassen.« »Alles aufgegeben, und Britannien verlassen!« Wundersam klangen diese Worte in den Ohren seiner Tochter, die am besten wußte, wie es ihrem Vater mit seiner Betriebsamkeit geglückt war, und wie es seinem festen und ruhigen Charakter gar nicht ähnlich sah, sichere und gegenwärtige Vorteile aus Furcht vor entfernter oder möglicher Gefahr aufzugeben. Endlich erwiderte sie: »Droht diese Gefahr wirklich, mein Vater, so scheint es mir, Euer Haus und Eigentum kann keinen bessern Schutz finden, als die Gegenwart dieses edlen Ritters. Wo lebt der Mann, der irgend eine Gewalttat gegen das Haus wagen wollte, welches Damian de Lacy beherbergt?« »Das weiß ich doch nicht!« sagte der Flamländer in demselben gesetzten, aber doch abweisenden Tone. »Möge der Himmel es mir vergeben, wenn es Sünde ist! aber ich sehe nichts wie Narrheit in diesen Kreuzzügen, die die Priester so erfolgreich gepredigt haben. – Da ist nun der Connetable fast drei Jahre schon abwesend, und wir erhielten keine sichere Nachricht, ob er lebt oder tot ist, ob er gesiegt hat oder eine Niederlage erlitt. Er zog aus, als ob er gesonnen sei, nicht eher abzuzäumen oder das Schwert einzustecken, bis das heilige Grab den Sarazenen entrissen wäre, und wir hören jetzt nichts davon, ob den Sarazenen auch nur ein Dorf genommen wurde. Während der Zeit wird das Volk zu Hause immer mißvergnügter – ihre Herren mit dem besten Teile ihres Geleites sind in Palästina, ob tot oder noch am Leben, ist schwer zu wissen – sie selbst werden unterdrückt und geschunden von Haushofmeistern und Stellvertretern, deren Joch nie so leicht ist und nie so leicht ertragen wird wie das des wirklichen Herrn. Die Bürgerlichen, die natürlich die Ritter und den Adel hassen, halten den Zeitpunkt für günstig, ihnen die Spitze zu bieten – ja, es gibt auch einige von edlem Blut, die sich nichts daraus machen, sie anzuführen, um ihren Teil an der Beute zu haben. Die Abenteuer in der Fremde und die Gewöhnung an ein liederliches Leben haben viele arm gemacht; und wer arm ist, wird für Geld den eigenen Vater morden. Ich hasse arme Leute, und ich wollte, der Teufel holte einen jeden, der sich nicht mit seiner Hände Arbeit ernähren kann!« Der Flamländer beschloß mit diesem charakteristischen Fluch eine Rede, die seiner Tochter eine so furchtbare Schilderung vom Zustande Englands gab, wie sie in der Einsamkeit von Garde Douloureuse noch nie zu vernehmen Gelegenheit gehabt hatte. »Sicherlich,« sagte sie, »sind derartige Gewalttätigkeiten nicht von denen zu befürchten, die unter dem Banner de Lacys und Berengers stehen!« »Berenger besteht nur noch dem Namen nach,« antwortete Wilkin Flammock, »und Damian, wiewohl ein wackerer junger Mann, steht an Charakter und Ansehen noch lange nicht so hoch wie sein Oheim. Auch beklagen sich seine Leute, daß sie unnütz geplagt werden, ein Schloß zu bewachen, das an sich uneinnehmbar ist und eine hinlängliche Besatzung hat. Sie führten hier ein tatenloses, unrühmliches Dasein und verlören alle Gelegenheit zu ehrenvollen Taten, wie sie es nennen, worunter sie aber nur Raufen und Plündern verstehen. Sie sagen, Damian, der Bartlose, war ein Mann, aber Damian mit dem Knebelbart ist nicht viel mehr als ein Weib, und die Jahre, die seine Oberlippe dunkel machten, haben zugleich seinen Mut gebleicht. – Und sie sagen noch mehr, aber es ist zu langweilig, davon zu reden.« »Gut! aber doch laßt mich wissen, was sie sagen! Laßt's mich wissen, um des Himmels willen!« anwortete Rose, »wenn es, wie es der Fall sein muß, meine treue Gebieterin betrifft.« »So ist es, Röschen,« antwortete Wilkin, »da gibt es viele unter den normannischen Kriegern, die erzählen sich's, so beim Weinkruge, daß Damian de Lucy ein Liebesverhältnis mit der Braut seines Oheims habe: ja, und daß sie miteinander verkehrten durch – Zauberkünste.« »Durch Zauberkünste! Wahrhaftig, so muß es sein,« sagte Rose, verächtlich lächelnd, »denn durch irdische Mittel stehen sie in keiner Gemeinschaft, das kann ich bezeugen,« »Demzufolge schreiben sie es der Zauberkunst zu,« sagte Wilkin Flammock, »daß de Lacy, sobald nur Mylady sich aus dem Schloßtor herausrührt, auch gleich mit seinen Leuten im Sattel ist, wiewohl sie es ganz genau wissen wollen, daß er weder durch einen Boten, noch durch einen Brief, noch auf sonst welchem gewöhnlichen Wege, Nachricht von ihrer Absicht erhalten hat. Auch waren sie jedesmal nur kurze Zeit in den Bergpässen herumgeritten, so hörten oder sahen sie auch schon, daß Lady Eveline außerhalb des Schlosses sei.« »Das ist mir nicht entgangen,« erwiderte Rose, »und Mylady hat bisweilen ihr Mißvergnügen gezeigt, daß Damian so sorgfältig sich Kenntnis von allen ihren Bewegungen zu verschaffen wüßte und sie dann mit einer so zudringlichen Pünktlichkeit beobachtete und beschützte. Der heutige Tag jedoch hat es bewiesen,« fuhr sie fort, »daß seine Wachsamkeit sehr am Platze ist. Da sie aber selbst bei solchen Gelegenheiten nie zusammenkamen, sondern sich immer in einer solchen Entfernung hielten, daß jede Möglichkeit, sich zu sprechen, ausgeschlossen war, so hätte ich denken sollen, daß auf beide kein Verdacht fallen könnte.« »Ach, Tochter Röschen,« erwiderte Wilkin, »man kann bisweilen auch die Vorsicht so weit treiben, daß eben dadurch Argwohn erregt wird. Warum, sagen die Reisigen, müssen sie denn immer so förmlich gegeneinander sein? Warum müssen sie sich immer so nahe sein und dürfen doch nie zusammenkommen? Wären sie sich gegenseitig nichts mehr als der Neffe und des Oheims Braut, so dürften sie öffentlich und frei miteinander umgehen; und sind sie anderseits heimliche Liebesleute, so ist doch anzunehmen, daß sie im geheimen zusammentreffen, obwohl sie dies sehr schlau zu verbergen wissen.« »Jedes Wort, das Ihr sprecht, mein Vater, macht es unumgänglich notwendig, daß Ihr den verwundeten jungen Mann in Euer Haus aufnehmt. Mögen die Uebel, die Ihr fürchtet, noch so groß sein, so könnt Ihr Euch doch darauf verlassen, sie werden nicht dadurch vermehrt, daß Ihr ihm und einigen wenigen seiner treuen Begleiter Obdach gewährt.« »Seinen Begleitern nicht!« sagte der Flamländer heftig, »Nicht einem von ihnen! Nur dem Pagen, der ihn bedient, und dem Arzt, der ihn behandelt.« »So kann ich also Euer Dach wenigstens den dreien anbieten?« sagte Rose. »Tu, was Du willst! Tu, was Du willst!« rief der sie so innig liebende Vater. »Bei meiner Treu, Röschen, es ist sehr gut, daß Du in allen Deinen Forderungen verständig und bescheiden bleibst, weil ich doch mal so närrisch bin, Dir alles gleich zuzugestehen. Das ist nun wieder einmal eine Deiner wunderlichen Regungen von Großmut und Ehre – mir gegenüber freilich stellst Du es als Klugheit und Rechtlichkeit hin. Ach, Rose, Rose, die, welche mehr noch als das Gute tun wollen, bringen zuweilen etwas hervor, was übler ist als das Böse. – Aber ich denke, ich werde diesmal mit der Furcht davonkommen, denn Deine Gebieterin, die, mit allem Respekt zu sagen, ein bißchen abenteuerlich veranlagt ist, wird schon eigensinnig auf das ritterliche Vorrecht bestehen, ihren Ritter in ihrem eigenen Gemach aufzunehmen und ihn in Person zu pflegen.« Der Flamländer hatte recht prophezeit. Kaum hatte Rose Evelinen den Vorschlag getan, den verwundeten Damian bis zu seiner Wiederherstellung in ihres Vaters Hause zu lassen, als ihre Gebieterin kurz und entschieden das Anerbieten verwarf. »Er ist mein Erretter gewesen,« sagte sie, »und gibt es ein Wesen, vor welchem die Tore von Garde Douloureuse von selbst aufspringen müßten, so ist es Damian de Lacy. – Nein, Jungfer, wirf nicht auf mich einen so argwöhnischen, bekümmerten Blick. – Wer über Verstellung erhaben ist, Mädchen, verachtet den Argwohn, Gott ist's und Unsere Frau, denen ich Rechenschaft schuldig bin, und vor ihnen liegt mein Herz offen!« Sie gelangten schweigend zu dem Burgtore, woselbst Lady Eveline Befehl erteilte, daß ihr Beschützer, wie sie mit Nachdruck Damian nannte, ihres Vaters Gemach bewohnen sollte; und mit der Klugheit eines reifern Alters gab sie die nötigen Anweisungen für die Aufnahme und Bequemlichkeit seiner Begleitung. Alles tat sie mit der größten Fassung und Geistesgegenwart, noch ehe sie ihre eigene, in Unordnung geratene Kleidung wechselte. Noch ein Schritt blieb ihr zu tun übrig. Sie eilte zu der Kapelle der Jungfrau, und sich vor ihrer heimlichen Beschützerin niederwerfend, brachte sie ihr Dank für ihre zweite Befreiung dar und flehte um ihren Schuh und durch ihre Fürsprache um den Beistand des allmächtigen Gottes in all ihren Zweifeln, wie sie fernerhin sich verhalten sollte. »Du weißt«, sagte sie, »daß ich nicht in übermütigem Vertrauen auf meine eigenen Kräfte mich in Gefahr begeben habe. O mache mich stark, wo ich am schwächsten bin! Laß meine Dankbarkeit und mein Mitleid nicht einen Fallstrick für mich sein, und während ich dahin strebe, die Pflichten zu erfüllen, die mein dankbares Herz mir auferlegt, errette mich von den bösen Zungen der Menschen – und rette mich – o, rette mich von den hinterlistigen Nachstellungen meines eigenen Herzens!« Mit andächtigem Eifer betete sie jetzt ihren Rosenkranz ab, dann begab sie sich in ihr Zimmer, rief ihre Frauen und ließ ihre Kleidung in Ordnung bringen. Elftes Kapitel. In Gewändern von dunkler Farbe, wie in Trauer gekleidet, deren Schnitt mehr einer Matrone geziemte als ihrer Jugend, einfach bis zur Übertreibung, ohne allen Schmuck als ihren Rosenkranz, erfüllte nun Eveline die Pflicht einer Wärterin bei ihrem verwundeten Befreier, eine Pflicht, die die Sitte der Zeit nicht nur erlaubte, sondern gebieterisch erheischte. Rose und Dame Gillian waren ihr zur Seite; Maryorin, die sich in Krankenzimmern wie in ihrem Element befand, wurde in dem des jungen Ritters angestellt, um für alles, was sein Zustand erfordern könnte, Sorge zu tragen. Eveline trat in das Zimmer mit einem leisen Schritt, um nicht den Kranken zu stören. Sie hielt an der Tür still und sah sich um. Es war einst ihres Vaters Zimmer, und sie hatte es seit seinem gewaltsamen Tode nicht betreten. Längs den Wänden hing ein Teil seiner Rüstungen und Waffen, mit Falkenhandschuhen, Jagdstangen und anderm Jagdgeräte. Diese Reliquien riefen wie leibhaftig die stattliche Gestalt des Sir Raymond vor ihre Seele. »Runzle nicht die Stirn, mein Vater,« ihre Lippen bildeten die Worte, aber die Stimme sprach sie nicht aus. »Runzle sie nicht! Eveline wird Deiner nie unwürdig sein!« Pater Aldrovand und Amelot, Damians Page, saßen an seinem Bette und standen beim Eintritt Evelinens auf, und der Pater, der sich ein wenig mit der Heilkunde abgegeben, sagte zu Evelinen, der Ritter hätte ziemlich lange geschlafen und scheine eben jetzt zu erwachen. Zu gleicher Zeit trat Amelot vor und bat schnell und leise, daß Ruhe im Zimmer herrschen möge und alle Zuschauer entfernt werden möchten. »Mein Herr,« sagte er, »pflegt zuweilen seit seiner Krankheit zu Gloucester etwas wild zu reden, wenn er vom Schlafe erwacht, und würde mit mir unzufrieden sein, erlaubte ich irgend jemand, alsdann in seiner Nähe zu bleiben.« Demzufolge gebot Eveline den Frauen und dem Mönch, sich in das Vorzimmer zurückzuziehen, während sie in der Tür stehen blieb und ihren Namen von Damian nennen hörte, als er sich schmerzensvoll auf seinem Lager umwandte. »Ist sie in Sicherheit und unverletzt?« war seine erste Frage, und die Heftigkeit, in der er sie stellte, bewies, wie sehr ihm vor allem diese Sorge am Herzen lag. Als Amelot bejahend antwortete, seufzte er wie einer, dessen Brust von einer schweren Last befreit worden, und mit minder bewegter Stimme fragte er den Pagen, wo sie waren? – »Das Zimmer,« sagte er, »mit allem Geräte ist mir ganz fremd.« »Mein teuerster Herr,« sagte Amelot, »Ihr seid jetzt zu schwach, um Fragen vorzulegen und Erklärungen zu empfangen.« »Sei es, wo es sei,« sagte Damian, immer mehr zur Besinnung kommend. »Ich bin nicht an der Stelle, wohin mich meine Pflicht ruft. – Laßt meine Trompeten zu Pferde blasen – zu Pferde! – Und laß Ralph Genvil mein Banner tragen. – Zu Pferde! zu Pferde! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.« Der verwundete Ritter machte einige Versuche, sich aufzurichten, wurde aber bei seiner Schwäche von Amelot mit geringer Mühe zurückgelegt. »Du hast recht,« sagte er und sank in liegende Stellung nieder. »Du hast recht, – ich bin zu schwach – doch warum soll mir auch die Kraft bleiben, wenn die Ehre verloren ist?« Der unglückliche junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seufzte wie im Todeskampfe, doch schien der Schmerz mehr seine Seele als seinen Körper zu erschüttern. Eveline näherte sich seinem Bette mit schwankendem Schritte: sie fürchtete, sie wußte selbst nicht was, doch zeigte sie den innigsten Anteil an dem Schmerz des Leidenden. Damian blickte auf, wurde sie gewahr, und wiederum verhüllte er sein Angesicht mit seinen Händen. »Wozu diese heftige Leidenschaft, Herr Ritter?« sagte Eveline mit einer anfangs schwachen, bebenden Stimme, die aber allmählich mehr Festigkeit und Sicherheit erhielt. »Kann es Euch, die Ihr zu den Pflichten der Ritterschaft geschworen habt, so großen Schmerz erregen, daß der Himmel Euch schon zweimal zum Werkzeug erwählte, Eveline Berenger zu retten?« »O nein! nein!« rief er schnell aufeinander. »Da Ihr gerettet seid, ist alles gut – aber die Zeit drängt – ich muß sogleich aufbrechen – nirgends darf ich mich jetzt aufhalten – am allerwenigsten in diesem Schlosse – noch einmal, Amelot, laß die Leute aufsitzen!« »Nein, mein guter Lord,« sagte das Fräulein. »Das kann nicht geschehen. Als Eure Schutzbefohlene kann ich meinen Beschützer nicht so plötzlich abreisen lassen – als Euer Arzt kann ich meinem Patienten nicht erlauben, sich selbst zu verderben. – Ihr könnt unmöglich ein Pferd besteigen.« »Eine Trage – eine Bahre – einen Karren, den entehrten Ritter, den Verräter wegzuschleppen – alles noch zu gut für mich – ein Sarg wäre das beste von allem. Aber gib wohl acht, Amelot, daß er nur einer sei, wie für den geringsten Bauern, keine Sporen auf der Sargdecke – kein Schild mit dem alten Wappen der de Lacys, kein Helm mit dem ritterlichen Kamme darf den Leichenwagen dessen zieren, dessen Name entehrt ist.« »Ist sein Verstand zerrüttet?« sagte Eveline und blickte mit Schrecken von dem Verwundeten auf seinen Diener hin, »oder steckt ein furchtbares Geheimnis hinter diesen abgebrochenen Worten? – Ist es so, so sprecht es aus, und kann es wieder gut gemacht werden durch Leben und Eigentum, so soll meinem Befreier nichts Uebles widerfahren.« Mit niedergeschlagenem, traurigem Blick, sah Amelot sie an, schüttelte seinen Kopf und blickte dann auf seinen Herrn hin mit einer Miene, welche sagen wollte, daß er ihre Fragen in Damians Gegenwart nicht beantworten könnte. Lady Eveline bemerkte diesen Wink, schlich in das Vorzimmer und gab dem Amelot ein Zeichen, ihr zu folgen. Er gehorchte, nachdem er zuerst einen Blick auf seinen Herrn geworfen, der in derselben trostlosen Stellung verharrte, das Gesicht mit den Händen bedeckt, wie einer, der das Licht scheut und alles, was vom Licht beschienen wird. Als Amelot im Vorzimmer war, gab Eveline ihren Dienern ein Zeichen, sich bis ans äußerste Ende zurückzuziehen, und befragte ihn nun heimlich, worauf die Worte der Sorge und Verzweiflung, die sein Herr gesprochen, zurückzuführen seien. »Du weißt,« sagte sie, »daß ich Deinem Herrn zu helfen verpflichtet bin, sowohl aus Dankbarkeit, weil er mich mit Gefahr seines Lebens gerettet hat – als auch weil er mein Verwandter ist. Sage mir daher, wie es um ihn steht, daß ich ihm helfe, wenn ich es vermag – das heißt,« setzte sie hinzu, und ihre Wange färbte eine dunkle Röte, »wenn es sich für mich schickt, die Ursache seines Kummers zu hören.« Tief verneigte sich der Page; doch geriet er in so große Verlegenheit, als er zu sprechen begann, daß auch Eveline verwirrt und ratlos war. Demungeachtet drang sie in ihn, ohne Bedenken und Verzug zu sprechen, wenn nur das, was er zu sagen hätte, sich für sie schickte. »Glaubt mir, edle Lady,« sagte Amelot, »augenblicklich würde ich Eure Befehle erfüllt haben, fürchtete ich nicht meines Herrn Zorn, daß ich ohne seine Erlaubnis von seinen Angelegenheiten rede. Da ich aber weiß, er ehrt Euch höher, als irgend einen Menschen auf der Welt, so will ich auf Euren Befehl, soviel sagen: wenn er von den Wunden geheilt und sein Leben gerettet wird, so würden doch seine Ehre und Würde in noch größere Gefahr geraten, sofern der Himmel nicht selbst Hilfe sendet.« »Sprich weiter,« sagte Eveline, »und sei versichert, wenn Du Dich mir anvertraust, wirst Du Damian de Lacy keinen Nachteil bringen.« »Ich glaube es wohl, Lady,« sagte der Page. »So wißt denn, wenn es Euch nicht bereits bekannt ist, daß die Bauern und der Pöbel, die im Westen die Waffen gegen den Adel ergriffen haben, behaupten, sie würden bei ihrer Empörung nicht allein von Randal de Lacy, sondern auch von meinem Herrn Sir Damian unterstützt.« »Lügner sind es, die ihn eines so schändlichen Verrates gegen seinen eigenen Blutsfreund und seinen Landsherrn zu beschuldigen wagen,« sagte Eveline. »Wohl weiß ich, daß sie lügen,« sagte Amelot, »aber das hindert nicht, daß ihre falschen Behauptungen bei denen Glauben finden, die ihn nicht genau kennen. Mehr als ein Ausreißer von den Unsrigen hat sich zu diesem zusammengelaufenen Gesindel gesellt, und das macht das böse Gerücht noch wahrscheinlicher. Und dann sagen sie, – sagen sie – daß – mit einem Wort – daß mein Herr danach strebe, die Ländereien seines Oheims, welche er für ihn verwaltet, an sich zu reißen, und daß, wenn der alte Connetable – ich bitte um Verzeihung, Mylady! – von Palästina heimkehren sollte, es ihm schwer werden dürfte, sein Eigentum zurückzuerhalten.« »Diese elenden, niederträchtigen Menschen urteilen über andere nach ihren eigenen niedrigen Gesinnungen und glauben, daß solchen Versuchungen, denen sie selber nicht würden widerstehen können, auch edlere Naturen erliegen müßten. Aber sind denn wirklich die Empörer so vermessen und so mächtig? Wir haben von ihren Gewalttaten gehört, aber doch nur, als ob es ein kleiner Volksauflauf wäre?« »In der vergangenen Nacht erhielten wir die Nachricht, daß sie sich in großer Menge zusammengezogen und Wild Wenlock mit seinen Reisigen in einem ungefähr zehn englische Meilen von hier entfernten Dorfe eingeschlossen und belagert hätten. Er sandte zu meinem Herrn und bat ihn als seinen Verwandten und Waffenbruder um Hilfe. Wir saßen heute früh auf, zu seinem Beistand zu ziehen – als« – Er schwieg und schien nicht gern fortfahren zu wollen, Eveline nahm das Wort auf: »Als Ihr von der Gefahr hörtet, in der ich mich befand?« sagte sie. – »Ich wünschte, Ihr hättet lieber meinen Tod vernommen.« »Gewiß, edle Lady,« sagte der Page mit einem Blicke auf den Boden, »nur eine so dringende Ursache konnte meinen Herrn bewegen, seine Truppen halten zu lassen und ihre Mehrzahl gegen die welschen Bergbewohner zu führen, da die Lage seines umzingelten Landsmannes und die ausdrücklichen Befehle des königlichen Statthalters ihm doch vorschrieben, gegen die Aufrührer zu ziehen.« »Ich wußte es,« fügte sie, »ich wußte es, daß ich geboren ward zu seinem Verderben; aber mir scheint, das ist noch schlimmer, als wovon ich träumte. Ich fürchtete nur seinen Tod zu verursachen, nicht den Verlust seiner Ehre. – Um Gottes willen, Amelot, tu, was Du kannst, und das ohne Zeitverlust! – Auf der Stelle wirf dich aufs Pferd, und zu Deinen eigenen Leuten nimm so viel von den meinigen, wie Du zusammenbringen kannst! – Geh! sprenge fort, mein tapferer Jüngling, – zeige Deines Herrn Banner – zeige ihnen, daß seine Macht und sein Herz mit ihnen ist, wenn auch seine Person abwesend sein muß. – Eile – eile – kostbar ist die Zeit!« »Aber die Sicherheit des Schlosses? – aber Eure eigene Sicherheit?« sagte der Page, »Gott weiß, wie gerne ich alles tun möchte, seine Ehre zu retten. Ich kenne meines Herrn Sinn. Sollte Euch durch meine Entfernung von Garde Douloureuse irgend ein Leides widerfahren, und hätte ich ihm auch dadurch Land, Leben und Ehre gerettet, ich möchte wohl eher seinen Dolch als Dank und Lohn dafür kosten.« »Nichtsdestoweniger, teurer Amelot, mache Dich auf!« sagte sie, »sammle, was Du zusammenbringen kannst, und mache, daß Du davon kommst!« »Ihr spornt ein williges Roß,« sagte der Knappe, – und war schon auf dem Sprunge, »auch sehe ich in meines Herrn Lage nichts Besseres zu tun, als seine Banner wenigstens gegen diese Feinde zu tragen.« »Zu den Waffen denn!« rief Eveline mit Feuer, »zu den Waffen! und gewinne Dir die Sporen! Bringe mir die Gewißheit, daß Deines Herrn Ehre gerettet ist, und ich selbst will die Sporen Dir anschnallen. – Hier – nimm diesen geweihten Rosenkranz – befestige ihn an Deinem Helm – und möge der Gedanke an die heilige Jungfrau von Garde Douloureuse, die nie die Ihr Geweihten verließ, Dich stärken in der Stunde des Gefechts!« Sie hatte kaum geendet, als schon Amelot davon geflogen war, und so viel Pferde zusammenbrachte, als er konnte, von seines Herrn Leuten sowohl, als von dem Burg gehörigen Gesinde. So hielten bald vierzig Mann zu Pferde im Schloßhofe. – Aber obwohl bis dahin der Page willigen Gehorsam gefunden, als die Kriegsmänner hörten, daß sie zu einem gefährlichen Zuge aufbrechen sollten, wenngleich unter keinem andern Führer, als einem jungen Menschen von fünfzehn Jahren, so weigerten sie sich doch entschieden, das Schloß zu verlassen. Die alten Krieger de Lacys behaupteten, Damian selbst wäre noch zu jung, sie zu befehligen, und habe kein Recht, seine Gewalt nun gar einem Knaben zu übertragen; Berengers Leute sagten, ihre Gebieterin möchte zufrieden sein, daß sie am Morgen gerettet worden, statt nun noch die Besatzung des Schlosses zu vermindern und die Gefahr dadurch zu erhöhen. »Die Zeiten,« sagten sie, »sind stürmisch, und das klügste ist, ein steinernes Dach überm Kopf zu haben.« Je mehr die Krieger einander ihre Gedanken und Befürchtungen mitteilten, desto stärker wurde ihre Abneigung gegen das Unternehmen. Als nun Amelot, der inzwischen, nach Pagenart, sich darum kümmerte, daß sein Pferd gesattelt und vorgeführt würde, wieder in den Schloßhof zurückkehrte, sah er die Leute in wirren Gruppen stehen, einige zu Pferde, andere zu Fuß, alle in lautem Gespräch und in größter Unordnung, Ralph Genvil, ein Veteran, dessen Gesicht mit mancher Schramme gezeichnet war, stand abseits von den übrigen und hielt seines Pferdes Zaum in der einen Hand und in der andern den Fahnenschaft, um den das Banner de Lacys noch unentfaltet gewickelt war. »Was heißt das, Genvil?« fragte der Page ärgerlich, »warum besteigt Ihr nicht das Pferd und laßt das Banner wehen? – Und was veranlaßt diese Verwirrung?« »Fürwahr, Herr Page,« sagte Genvil, ganz gelassen, »ich bin nicht in meinem Sattel, weil ich einige Achtung vor diesem alten seidenen Lumpen habe, den ich mit Ehren getragen, und ich möchte ihn nicht gerne irgendwohin tragen, wohin die Männer ihm nicht folgen wollen.« »Heut wird nicht marschiert – heut wird nicht angegriffen – heut wird das Banner nicht entfaltet!« schrieen die Krieger, um der Rede des Fahnenträgers Nachdruck zu geben. »Wie, ihr Memmen, ist das Meuterei?« sagte Amelot und legte die Hand auf das Schwert. »Droht mir nicht, Herr Page!« sagte Genvil, »und fackelt mir nicht mit Eurem Schwerte vorm Gesicht herum. Ich sage Dir, Amelot, sollte mein Schwert mit dem Deinigen zusammenkommen, nie sollte ein Dreschflegel mehr Spreu um sich geworfen haben, als ich Splitter aus Deinem eben flügge gewordenen, vergoldeten Bratspieß machen wollte. Seht her, hier sind Graubärte, die nicht Lust haben, sich nach der Laune eines Knaben ins Weite führen zu lassen. Was mich anbetrifft, mir ist's einerlei, ob der eine oder andere Knabe das Kommando hat. Aber ich bin für jetzt de Lacys Mann, und ich bin mir nicht klar, ob de Lacy es uns danken wird, wenn wir Wild Wenlock zu Hilfe ziehen. Warum führte er uns nicht diesen Morgen dahin? Statt dessen ließ er uns in die Berge marschieren.« »Ihr wißt ja sehr gut, weshalb das geschah,« antwortete der Page. »Ja, wohl wissen wir's, oder wenn wir's nicht wissen, so können wir es erraten,« antwortete der Fahnenträger mit wieherndem Lachen, in das mehrere seiner Gefährten einstimmten. »Ich will diese Verleumdung in Deinen falschen Hals stopfen, daß Du daran erwürgst!« sagte der Page, zog sein Schwert und warf sich blindlings auf den Bannermann, ohne auf den gewaltigen Unterschied ihrer Kräfte Rücksicht zu nehmen. Genvil begnügte sich damit, seinen Angriff durch eine, wie es schien, ganz leichte Bewegung seines Riesenarmes zu parieren, wodurch er den Pagen zur Seite schob, indem er gleichzeitig einen Hieb mit dem Fahnenschaft auffing. Ein neues, lautes Gelächter erfolgte, und Amelot, der alle seine Anstrengungen vereitelt sah, warf sein Schwert von sich, und indem ihm aus Stolz und Aerger die Tränen in die Augen traten, eilte er zur Lady Eveline zurück, ihr seinen Mißerfolg zu berichten. – »Verloren ist alles,« sagte er – »die feigen Schufte sind aufsässig und wollen nicht ausrücken, und der Tadel ihrer Feigheit und Zaghaftigkeit wird auf meinen teuern Herrn fallen.« »Nie soll das geschehen,« sagte Eveline, »und sollte ich mein Leben aufopfern, es zu verhindern. – Folge mir, Amelot!« Sie warf eine scharlachrote Schärpe um ihre dunkle Kleidung und eilte in den Hof. Gillian folgte ihr unter lebhaften Gebärden des Erstaunens und Mitleids; Rose folgte gleichfalls, sorgfältig alle Aeußerungen der Gefühle unterdrückend, die ihr Herz bewegten. Eveline trat in den Schloßhof mit dem flammenden Auge und der glühenden Stirne, die ihre Vorfahren in Gefahr und Not zu zeigen pflegten, wenn ihre Seele gewaffnet war, dem Sturme die Spitze zu bieten. In diesem Augenblick schien sie größer als gewöhnlich, und mit klarer und fester Stimme, die dennoch die Zartheit des weiblichen Tons nicht verlor, redete sie die Meuterer also an: »Was ist das, Ihr Herren?« sagte sie – und indem sie sprach, zogen sich die breitschultrigen Gestalten der Krieger enger zusammen, als ob ein jeder für seine Person dem Vorwurf entgehen wollte. Sie glichen einer Gruppe plumper Wasservögel, wenn diese sich dicht aneinander schließen, dem Stoß des leichten, schönen Lerchenhabichts zu entgehen, die Ueberlegenheit seiner Natur und Zucht über ihre ungeschickte körperliche Kraft fürchtend. – »Was ist denn das?« fragte sie noch einmal, »denkt Ihr, es ist Zeit, Meuterei zu treiben, weil Euer Gebieter abwesend ist und sein Neffe und Stellvertreter auf dem Krankenbette liegt? – Haltet Ihr so Euren Eid? – Wollt Ihr so Eures Anführers Gewogenheit erlangen? – Schande über Euch, feige Hunde, die da zagen und den Rücken wenden, so wie sie den Jäger aus dem Gesicht verlieren!« Eine Pause folgte. – Die Krieger blickten einander, dann Eveline an, als schämten sie sich ihrer Meuterei, ohne daß es ihr Trotz zuließ, zur gewohnten Manneszucht zurückzukehren. »Ich sehe, was es ist, meine braven Freunde! – Euch mangelt ein Anführer – doch darauf sollt Ihr nicht lange warten. – Ich selbst will Euch anführen, und wenn ich gleich nur ein Weib bin, kein Mann unter Euch darf einen Schimpf befürchten, wo eine Berenger befehligt. – Rüstet meinen Zelter mit einem Stahlsattel aus,« rief sie, »und das im Augenblick!« – Sie hob des Pagen leichten Helm auf und warf ihn über ihr Haar, sie ergriff sein weggeworfenes Schwert und trat vor. – »Hier gelobe ich Euch meine ganze Kraft und meine Führung. Dieser Biedermann,« sie zeigte auf Genvil, »soll meinen Mangel an Kriegskenntnis ersetzen. Er sieht wie ein Mann aus, der schon manche Schlacht gesehen hat und wohl die junge Anführerin in ihrer Pflicht unterweisen kann.« »Gewiß,« sagte der alte Krieger, wider Willen zum Lächeln gezwungen und doch zugleich den Kopf schüttelnd, »viele Schlachten habe ich gesehen, aber nie focht ich unter einem solchen Befehlshaber.« »Demungeachtet,« sagte Eveline, als sie sah, wie aller Augen sich auf Genvil wandten, »werdet Ihr nicht – könnt Ihr nicht– wollt Ihr Euch nicht weigern, mir zu folgen. Ihr dürft's auch nicht als Soldat, denn meine schwache Stimme gibt Euch nur Eures eigenen Hauptmanns Befehle wieder. – Ihr könnt es auch nicht als Mann, denn eine Frau, eine verlorene, hart bedrängte Frau fleht Euch um Hilfe an – Ihr dürft's auch nicht als Engländer, denn Euer Vaterland verlangt Euer Schwert, und Eure Kameraden sind in Gefahr. – Laßt also das Banner wehen, und nun vorwärts!« »Bei meiner Seele, ich möchte es gerne tun, schöne Lady!« antwortete Genvil und tat, als wickle er schon das Banner auf, »auch Amelot könnte uns schon genug anführen, wenn er sich von mir unterweisen ließe; aber ich weiß nicht, ob Ihr uns da auf den rechten Weg schickt.« »Gewiß! Gewiß!« rief Eveline zuversichtlich, »der rechte Weg ist der, der Euch zur Befreiung Wenlocks und der Seinigen führt, die von den rebellischen Bauern belagert werden.« »Das ist mir nicht ganz klar,« sagte Genvil, noch immer zögernd, »unser Anführer hier, Sir Damian de Lacy, beschützt das Volk, einige sagen, er begünstigt sie sogar. Auch weiß ich, daß er einmal mit Wild Wenlock in Streit geriet über eine kleine Beleidigung, die jener der Frau des Müllers von Twinford zufügte. Wir werden schön wegkommen, wenn unser feuriger junger Anführer wieder auf den Beinen ist und erfährt, daß wir gegen die Partei kämpften, die er in Schutz nahm.« »Seid überzeugt,« sagte das besorgte Fräulein, »je mehr er den Bürgerstand gegen Unterdrückung beschützt, desto mehr würde er gegen ihn auftreten, wenn die Bürger wieder andere unterdrücken wollten. – Steig auf und reite – rette Wenlock und seine Mannen – jeder Augenblick entscheidet über Tod und Leben! – Ich will mit meinem Leben und Lande mich verbürgen, daß, was Ihr hier tut, de Lacy als guten Dienst aufnehmen wird. – Auf denn, folgt mir!« »Niemand kann sicherlich Sir Damians Absichten besser kennen als Ihr, schönes Fräulein,« antwortete Genvil. »Ja, auch hierin könnt Ihr ihn umstimmen, wie Ihr Lust habt. – So will ich denn mit den Leuten aufbrechen und dem Wenlock helfen, wenn es noch Zeit ist, wie ich's wohl hoffe; denn er ist ein wilder Eber, und wenn er sich wehrt, wird es die Bauern Blut genug kosten, ehe sie ins Horn blasen. – Aber bleibt Ihr in der Burg, schöne Lady! und verlaßt Euch auf Amelot und mich. – Komm, Herr Page, übernimm das Kommando, da es sein muß; wiewohl es, meiner Treu! schade ist, den Helm von dem schönen Kopf und das Schwert aus der schönen Hand zu nehmen. Beim heiligen Georg! Die Waffen da zu erblicken, gibt dem Soldatenhandwerk ein wahres Ansehen.« Die Lady übergab demnach dem Amelot die Waffen und ermahnte ihn mit wenigen Worten, die zugefügte Beleidigung zu vergessen und männlich seine Pflicht zu tun. Indessen rollte Genvil langsam seine Fahne auf, dann warf er sie aus, und ohne den Fuß in den Steigbügel zu setzen, half er sich nur ein wenig mit der Lanze und schwang sich in den Sattel, so schwer bewaffnet er war. »Wenn es Euer Jugendlichkeit gefällig ist,« sagte er zu Amelot, und während der Page den Haufen in Reih und Glied stellte, flüsterte er seinem nächsten Kameraden zu: »Ich meine, weit herrlicher wär's, wenn uns statt dieses Burschen im alten Kittel das hübsche Weib im gestickten Gewand anführte – es geht nichts über einen verbrämten Weiberrock. – Sieh einmal, Stephen Pontoys – ich kann es jetzt dem Damian vergeben, daß er seinen Oheim und seinen eigenen guten Ruf über dieser Dirne vergißt; denn bei meiner Treu, das ist so eine, in die ich bis auf den Tod vernarrt sein könnte, versteht sich, so par amours . – Mögen die Weiber zum Kuckuck fahren! – Sie beherrschen uns, Stephan, bei jeder Gelegenheit und in jedem Alter. Sind sie jung, dann locken sie uns mit freundlichen Blicken und gezuckerten Worten und süßen Küssen und Liebespfändern; sind sie in mittleren Jahren, so machen sie uns willfährig durch Geschenke und Artigkeiten, roten Wein und rotes Gold; und wenn sie alt sind, so besorgen wir ihnen nur zu gern alle Aufträge, um nur ihre alten ledernen Gesichter loszuwerden. – Wohl hätte der alte de Lacy zu Hause bleiben sollen, seinen Falken zu bewachen. Aber uns, Stephan, kann das alles gleich sein, und wir können heute vielleicht Beute machen, denn diese Bauern haben mehr wie ein Schloß geplündert.« »Ja, ja,« erwiderte Pontoys, »der Bauer geht auf Beute, damit der Soldat sie ihm abnimmt, ein recht kräftiges Sprichwort. Aber, ich bitte Dich, kannst Du mir nicht sagen, warum der Herr Page uns noch nicht abführt?« »Pah!« antwortete Genvil, »der Stoß, den ich ihm gab, hat sein Gehirn ausgeleert – oder vielleicht hat er noch nicht alle seine Tränen hinabgeschluckt – denn sonst ist es ein vorschnelles Hähnchen für seine Jahre, wo es gilt, Ehre zu gewinnen. – Sieh! jetzt setzen sie sich in Bewegung. – Es ist doch ein sonderbares Ding, Stephen, dieses edle Blut; ein Kind, das ich eben zurechtgesetzt habe wie einen Schulknaben, muß nun uns Graubärte hinführen, wo es uns den Kopf kosten kann, und das auf Befehl einer muntern Lady.« »Ich wette, Sir Damian ist Geheimschreiber bei meiner feinen Lady,« antwortete Stephen Pontoys, »so wie der Springinsfeld Amelot es bei Sir Damian ist; und so müssen wir armen Leute gehorchen und den Mund halten.« »Aber dabei die Augen aufmachen, Stephen Pontoys, vergiß das nicht.« Jetzt war man außerhalb der Tore des Schlosses und hatte den Weg nach dem Dorfe eingeschlagen, in welchem, nach der am Morgen erhaltenen Nachricht, Wenlock von einer überwiegenden Zahl der Rebellen belagert wurde. Amelot ritt an der Spitze der Schar, noch immer verdrossen über die in Gegenwart der Krieger empfangene Beleidigung und in Gedanken verloren, von wem er sich in seiner Unkenntnis sollte raten und helfen lassen. Früher hatte der Fahnenträger dies getan, und nun schämte er sich, eine Versöhnung mit ihm zu suchen. Aber Genvil, wiewohl stets ein Murrkopf, war nicht von Natur tückisch. Er ritt zu dem Pagen heran, machte ihm eine Verbeugung und fragte ihn mit allem Respekt, ob es nicht gut getan wäre, wenn einige ihrer am besten berittenen Leute vorauszögen, um auszukundschaften, wie es mit Wenlock stünde und ob es noch Zeit wäre, ihm Beistand zu leisten. »Mich dünkt, Fahnenträger,« erwiderte Amelot, »Ihr solltet die Führung des Zuges übernehmen, da Ihr genau wißt, was zu tun ist. Ihr mögt um so besser zum Befehlen taugen, weil Ihr – doch will ich Euch keinen Vorwurf machen.« »Weil ich so schlecht zu gehorchen weiß,« erwiderte Genvil, »das wollt Ihr sagen. Und meiner Treu, ich leugne es nicht, etwas Wahres steckt darin. Aber wir wollen eines närrischen Wortes oder einer übereilten Handlung wegen keine dummen Streiche machen. – Komm, laß Frieden unter uns sein!« »Von ganzem Herzen!« erwiderte Amelot, »ich will sogleich einige Leute vorausschicken, wie Du mir geraten hast.« »Nimm den alten Stephen Pontoys mit zwei von den Chester Speeren dazu. – Er ist so schlau wie ein alter Fuchs, und weder Hoffnung noch Furcht bringt ihn um eines Haares Breite weiter, als sein Scharfsinn gut heißt.« Amelot befolgte den Wink, und auf seinen Befehl sprengten Pontoys und zwei Lanzen voraus, den Weg zu untersuchen und die Lage derer auszukundschaften, zu deren Hilfe sie heranrückten. »Jetzt, da wir auf dem alten Fuße stehen, Herr Page,« sagte der Fahnenträger, »sage mir, wenn Du es kannst, liebt nicht jene schöne Lady unsern artigen Ritter ›par amours'‹ ?« »Das ist eine schändliche Verleumdung!« rief Amemlot voll Unwillen. »Seinem Oheim ist sie verlobt, und ich bin überzeugt, sie würde eher sterben, als einen solchen Gedanken hegen, und so auch mein Herr. Ich habe schon früher diesen ketzerischen Glauben bei Dir wahrgenommen, Genvil, und ich bat Dich, ihn zu verdammen. Du weißt ja auch, es kann nicht sein, denn Du weißt, daß sie fast gar nicht zusammenkommen.« »Wie sollte ich das wissen?« sagte Genvil, »und wie solltest Du es wissen? – Bewache sie auch noch so streng – viel Wasser schleicht durch die Mühle, das Müller Hob nicht gewahr wird. – Sie schreiben sich, das kannst Du nicht leugnen.« »Ich leugne es,« sagte Amelot, »so wie ich alles leugne, was ihre Ehre antastet!« – »Doch wie in des Himmels Namen erlangt er eine so genaue Kenntnis von allem, was sie beginnt? Erst heute morgen haben wir ein Beispiel dafür erlebt.« »Wie soll ich das erklären?« antwortete der Page. »Es gibt doch gewiß solche Wesen, die wir Heilige und gute Engel nennen, und lebt eines auf Erden, das ihres Schutzes würdig ist, so ist es Eveline Berenger.« »Wohl gesagt, Herr Geheimnisbewahrer,« erwiderte Genvil lachend, »aber das geht bei einem alten Reitersmann nicht durch. Heilige und Engel! Wahrhaftig! Ein sehr heiliges Treiben!« Der Page wollte seine Verteidigung fortsetzen, als Stephan Plontoys mit seinen Begleitern zurückkehrte. »Wenlock wehrt sich tapfer,« rief er aus, »obgleich ihn diese Bauern grausam in den Klauen haben! Die großen Armbrüste tun gute Dienste, und ich zweifle nicht, er wird sich halten können, wenn es Euch nur gefällig ist, etwas scharf zuzureiten. Sie haben die Barrieren gestürmt und hatten eben von neuem angegriffen, wurden aber wieder zurückgetrieben.« Die Schar ritt nun rascher weiter, und so erreichte man bald den Gipfel einer kleinen Anhöhe, an deren Fuß das Dorf lag, wo Wenlock sich verteidigen mußte. Die Luft hallte von Geschrei und dem Jubel der Aufrührer wider, die so zahlreich wie Bienen, mit dem verbissenen Mute, der dem Engländer eigentümlich ist, die Palisaden umschwärmten und sich bemühten, sie niederzureißen oder hinüberzuklettern, trotz des heftigen Hagels von Pfeilen und Steinen, durch den sie fast ebenso große Verluste erlitten wie durch die Schwerter und Streitäxte dort, wo es zum Handgemenge kam. »Wir kommen zur Zeit! wir kommen zur Zeit!« rief Amelot, ließ die Zügel fallen und schlug fröhlich in die Hände. – »Schwinge Dein Banner in die Luft, Genvil – laß es recht sichtbar wehen vor Wenlock und seinen Leuten. Kameraden! Halt! laßt Eure Rosse einen Augenblick verschnaufen. – Höre doch einmal, Genvil, wenn wir auf jenem breiten Fußweg uns auf die Wiese hinabzögen, wo dort das Vieh ist.« »Bravo! mein junger Falke!« antwortete Genvil, dessen Liebe zur Schlacht angesichts der Spieße und beim Schall der Trompete aufflammte. »Das gibt uns ein freies Feld zum Angriff auf jene Buben.« »Was für eine dicke, schwarze Wolke die Schufte machen!« sagte Amelot, »aber wir wollen das Tageslicht hineinbringen mit unsern Lanzen. – Sieh, Genvil, die Belagerten ziehen eine Flagge auf, um uns zu zeigen, daß sie uns gesehen haben.« »Für uns ein Zeichen!« rief Genvil aus. – »Beim Himmel, es ist die weiße Flagge – das Zeichen der Uebergabe. »Uebergabe! Das werden sie sich doch nicht einfallen lassen, da wir zur Hilfe kommen,« erwiderte Amelot, als zwei oder drei Trauertöne aus den Trompeten der Belagerten mit einem donnernden, lärmenden Jubelruf der Belagerten zusammenklangen und kein Zweifel mehr möglich war. »Wenlocks Fahne sinkt,« sagte Genvil, »und die Bauern dringen von allen Seiten in die Verschanzungen ein. Feigheit oder Verräterei ist das. Was ist nun zu tun?« – »Auf sie anrücken!« sagte Amelot, »den Platz wiedernehmen und die Gefangenen befreien. »Anrücken? Wirklich?« antwortete der Fahnenträger, »nach meinem Rat gehen wir nicht um eines Pferdes Länge weiter. Soviel Nagel in unserm Küraß sind, soviel Bogenschüsse bekommen wir, ehe wir noch den Hügel hinabgeritten sind. Und nachher den Platz stürmen – es wäre wahrer Unsinn!« »So komm doch ein wenig weiter mit mir vor,« sagte der Page, »wir finden vielleicht einen Weg auf, wo wir ungesehen hinabkommen können.« Demzufolge ritten sie ein klein wenig vorwärts, um den vordern Abhang des Hügels zu untersuchen, indem der Page noch immer an die Möglichkeit glaubte, mitten im Tumult hinunterzukommen, als Genvil ungeduldig antwortete: »Unbemerkt! – Ihr seid schon bemerkt worden – dort kommt ein Geselle, so schnell sein Pferd nur traben kann, auf uns zu.« Indem er noch so sprach, hatte sie der Reiter schon erreicht. Er war ein kleiner, untersetzter, dicker Bauer, in ganz gemeiner Jacke und Hose von Fries, eine blaue Mütze auf dem Kopfe, die er tief über die buschigen roten Haare gezogen hatte. Seine Hände waren voll Blut, und an seinem Sattelbogen hing ein leinener Sack, gleichfalls mit Blut befleckt. »Ihr gehört zu Damian de Lacys Haufen, nicht wahr?« sagte der rohe Bote, und als sie die Frage bejahten, fuhr er mit derselben plumpen Höflichkeit fort, »Hob, der Müller von Twinford, empfiehlt sich dem Damian de Lacy, und da er dessen Absicht kennt, die Unordnung im Gemeinwesen zu verbessern, so schickt er ihm hier Zoll von der Grütze, die er gemahlen hat,« und hiermit nahm er aus dem Sacke ein menschliches Haupt – und hielt es dem Amelot hin. »Es ist Wenlocks Haupt,« sagte Genvil, – »wie seine Augen starren!« »Sie werden nicht mehr nach Weibern starren,« sagte der Bauer. »Ich habe ihm das Gelüst versalzen.« – »Du?« rief Amelot entsetzt. »Ja, ich selbst,« erwiderte der Bauer, »ich bin Groß-Justitiarius der Gemeinden in Ermangelung eines Bessern.« »Groß-Henker willst Du sagen,« erwiderte Genvil. »Nennt es so, wie Ihr wollt,« erwiderte der Bauer, »wahrlich, es geziemt sich doch für Männer im Staate, ein gutes Beispiel zu geben. Ich heiße keinem Menschen was tun, was ich nicht auch bereit bin zu tun. Es ist ebenso leicht einen Menschen selbst aufzuhängen, als zu sagen, hängt ihn auf! Es soll keine Trennung der Aemter stattfinden in der neuen Welt, die jetzt glücklicherweise in Altengland erschaffen wird.« »Elender!« rief Amelot, »trage dieses blutige Geschenk dem zurück, der Dich geschickt hat. Wärst Du nicht auf gutes Vertrauen gekommen, ich hätte Dich mit meiner Lanze an die Erde genagelt. – Aber seid versichert, Eure Grausamkeit soll furchtbar vergolten werden. – Komm, Genvil, laß uns zu unsern Leuten zurückkehren; unser Weilen kann hier zu nichts weiter dienen.« Der Kerl, der einen ganz andern Empfang erwartet hatte, starrte ihnen einige Augenblicke nach, dann steckte er seine blutige Trophäe wieder in den Sack und ritt zurück zu denen, die ihn abgesandt hatten. »Das kommt davon, wenn man sich in Liebeleien mischt,« sagte Genvil. »Da mußte sich Sir Damian mit Wenlock zanken, weil jener mit der Frau des Müllers was vorgehabt hat, und nun glauben die Bauern steif und fest, unser Herr sei auf ihrer Seite. Es wäre noch alles gut, wenn nicht andere dieselbe Meinung hätten. – Ich wollte, wir wären aus all der Verwirrung hinaus, die einen solchen Verdacht uns auf den Hals ladet – ja, und sollte ich mein bestes Pferd darum geben – ich kann es ohnedies leicht in dem harten Dienst verlieren, und ich wünschte, das wäre noch das Schlimmste, was es uns kosten kann.« Mißmutig und ermüdet kehrten sie zur Burg von Garde Douloureuse zurück, und nicht ganz ohne Verlust, indem einige hin und wieder zerstreut zurückblieben, da die Pferde müde wurden, andere wieder diese Gelegenheit benutzten, zu den Banden der Aufrührer und Plünderer überzulaufen, die sich jetzt in verschiedenen Gegenden sammelten und durch solche liederlichen Ausreißer verstärkt wurden. Amelot fand bei seiner Rückkehr in das Schloß, daß der Zustand seines Herrn noch immer sehr bedenklich war, und daß Lady Eveline, obgleich schon sehr erschöpft, sich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, sondern seine Rücklehr mit Ungeduld erwartete. Ihrem Befehl gemäß, wurde er sogleich zu ihr geführt, und mit schwerem Herzen berichtete er ihr den fruchtlosen Ausgang seines Unternehmens. »So mögen die Heiligen sich unser erbarmen!« sagte Lady Eveline. »Es scheint, als sei ich mit einer Seuche oder Pest behaftet, die alle die befalle, die sich meine Wohlfahrt angelegen sein lassen. Von dem Augenblick an, wo sie das tun, werden selbst ihre Tugenden für sie Fallstricke, und was in jedem andern Falle ihnen Ehre erwerben würde, bringt den Freunden Eveline Berengers Verderben.« »Fürchtet nichts, schöne Lady,« sagte Amelot. »Es gibt noch Männer genug in meines Herrn Lager, diese Störer der öffentlichen Ruhe zu unterdrücken. Ich will mich nur so lange verweilen, bis ich seine Befehle vernommen habe, und dann will ich morgen fort und eine hinreichende Macht zusammenziehen, um die Ruhe in diesem Teile des Landes wiederherzustellen.« »Ach, Ihr kennt doch das Schlimmste noch nicht,« erwiderte Eveline. »Seit Ihr fortzogt, erhielten wir Kunde, daß alle Soldaten in Sir Damians Lager schon längst des untätigen Lebens überdrüssig wären, das sie in letzter Zeit hier führen mußten. Durch die Nachricht von der Verwundung, ja vom Tode ihres Anführers völlig mutlos gemacht, hätten sie nun samt und sonders sich aufgemacht und wären verschwunden. Doch sei guten Mutes, Amelot!« sagte sie, »dies Haus ist fest genug, einen noch schwereren Sturm auszuhalten, und wenn alle Menschen Euren Herrn in Wunden verlassen, so ist es um so mehr die Sache Eveline Berengers, ihren Befreier zu pflegen und zu beschützen.« Zwölftes Kapitel. Die schlimmen Nachrichten, mit denen das letzte Kapitel schloß, mußten wohl oder übel Damian de Lacy überbracht werden, da sie ihn hauptsächlich angingen. Lady Eveline selbst übernahm es, sie ihm mitzuteilen, und was sie sagte, vermischte sie mit Tränen, und wiederum unterbrach sie diese Tränen um Worte der Hoffnung und des Trostes zu sprechen, an die sie freilich selbst kaum glauben mochte. Der verwundete Ritter ließ die Augen unverwandt auf ihr ruhen und hörte die unselige Zeitung an, wie einer, den sie nur insoweit rührte, wie sie diejenige betraf, aus deren Munde er sie vernahm. Als sie geendet hatte, fuhr er fort, sie wie im Traume unverwandt anzusehen, so daß sie aufstand, um diesen Blicken zu entgehen, die sie in Verwirrung setzten. Da beeilte er sich, ihr zu antworten, um sie noch zurückzuhalten. »Was Ihr mir da gesagt habt, schöne Lady,« erwiderte er, »wäre aus jedem Munde hinreichend, mir das Herz zu brechen, denn es lehrt mich, daß die Macht und Ehre meines Hauses, die meinem Schutze so feierlich anvertraut wurden, infolge meines Unglücks verloren gegangen find. Aber wenn ich Euch sehe und Eure Stimme höre, so vergesse ich alles andere, nur das nicht, daß Ihr gerettet und hier in Ehre und Sicherheit seid. Eure Güte gewähre mir also die Bitte, mich von dem Schlosse, das Ihr bewohnt, irgend anderswohin bringen zu lassen. Ich bin in keiner Weise Eurer fernern Sorge würdig, da mir nicht länger die Schwerter anderer zu Gebote stehen und ich gegenwärtig durchaus unfähig bin, das meinige zu ziehen.« »Und wenn Ihr großmütig genug seid, nur an mich bei Eurem Unglück zu denken, edler Ritter,« antwortete Eveline, »glaubt Ihr denn, daß ich vergessen könnte, weswegen und bei wessen Errettung ihr diese Wunden empfingt? –Nein, Damian, sprecht nicht davon, daß ich Euch soll fortschaffen lassen. – Solange noch ein Türmchen von Garde Douloureuse steht, solange sollt Ihr in diesem Türmchen Obdach und Schutz finden. Dies würde, ich bin davon überzeugt, auch der Wille Eures Oheims sein, wäre er hier.« Es schien, als ob Damian einen plötzlichen Schmerz an seinen Wunden fühlte; denn die Worte wiederholend: »Mein Oheim!« kehrte er sich ganz um und wandte sein Gesicht von Evelinen ab; dann faßte er sich wieder und sprach: »Ach! wüßte mein Oheim, wie schlecht ich seinen Befehlen nachgekommen bin, er würde mich, statt mir den Schutz dieses Hauses zu gewähren, von den Zinnen hinabwerfen lassen!« »Fürchtet seine Unzufriedenheit nicht,« sagte Eveline, wiederum im Begriff hinauszugehen, »bemüht Euch vielmehr, durch ruhige Fassung Eures Gemütes die Heilung Eurer Wunden zu fördern; dann zweifle ich nicht, werdet Ihr imstande sein, die Ordnung im Gebiet des Connetables wiederherzustellen, noch lange vor seiner Rückkehr.« Sie errötete, als sie die letzten Worte aussprach, und verließ eilig das Zimmer. Als sie in ihre Kammer gelangt war, entließ sie ihre andern Dienerinnen und behielt nur Rose bei sich. »Was denkst Du von all dem, mein kluges Mädchen, meine Ermahnerin?« sagte sie. »Ich wollte,« sagte Rose, »dieser junge Ritter hätte nie das Schloß betreten – aber, da er einmal hier ist, er verließe es jetzt gleich – oder er könnte mit Ehren für immer hier bleiben!« »Was verstehst Du unter dem Hierbleiben für immer?« fragte Eveline scharf und schnell. »Laßt mich diese Frage mit einer andern beantworten. – Wie lange ist jetzt der Connetable von Chester von England abwesend?« »Drei Jahre auf den St. Klemenstag,« sagte Eveline. – »Was soll das hier?« »Nun, nichts als –« »Als was? – Ich will's, sprich aus!« »In wenigen Wochen werdet Ihr das Recht haben, über Eure Hand zu verfügen.« »Und denkst Du, Rose,« antwortete Eveline und erhob sich mit Würde, »daß es keine andern Bande gibt, als die, welche des Schreibers Feder aufsetzt? – Nur wenig wissen wir von des Connetables Schicksalen; doch wir wissen genug, um zu erraten, daß seine hochfliegenden Hoffnungen gescheitert und sein Schwert und sein Mut zu schwach gewesen sind, das Glück des Sultans Saladin zu ändern. Setze den Fall, er kehrte binnen kurzem zurück, aber, wie wir viele Kreuzfahrer zurückkommen sahen, arm und mit geschwächter Gesundheit – setze den Fall, er fände seine Güter verwüstet, seine Krieger durch die letzten Ereignisse zerstreut: wie würde es klingen, sollte er auch seine verlobte Braut als Gattin eines andern finden, als Frau seines Neffen, dem er am meisten vertraute? – Glaubst Du, ein solches Versprechen sei dem Pfande in der Hand eines Lombarden zu vergleichen, das auf Tag und Stunde eingelöst werden muß, oder es ist verfallen?« »Ich kann nichts weiter sagen, Mylady,« erwiderte Rose, »als daß die, welche sich an den Buchstaben ihres Vertrags halten, in unserm Lande darüber hinaus nicht gebunden sind.« »Das ist eine flämländische Sitte, Rose,« sagte ihre Gebieterin, »aber die Ehre eines Normanns begnügt sich nicht mit einer so engbegrenzten Pflichterfüllung. Wie? wolltest Du, daß meine Ehre, meine Neigung, meine Pflicht, alles, was für eine Frau Wert hat, von eben der Fortschreitung des Kalenders abhängen soll, auf die der Wucherer beständig sein Auge hat, um sich eines verfallenen Pfandes zu bemächtigen? – Bin ich nur eine Ware, daß ich dem einen gehören muß, wenn er vor Michaelis sein Anrecht geltend macht, – und dem andern, wenn jener zu spät hervortritt? – Nein, Rose! So legte ich mein Versprechen nicht aus, geheiligt, wie es war, durch die besondere Führung Unserer Frau von Garde Douloureuse.« »Das Gefühl ist Euer wert, meine teuerste Lady,« antwortete ihre Dienerin. »Aber Ihr seid noch so jung – so von Gefahren umgeben – so der Verleumdung bloßgestellt – daß ich allein deshalb gern auf die Zeit hinblicke, wo Ihr einen gesetzlichen Gefährten und Beschirmer habt, weil ich das als das einzige Mittel ansehe, Euch aus Zweifeln und Gefahren zu befreien.« »Denke daran nicht, Rose!« antwortete Eveline. »Setze Deine Gebieterin nicht mit den vorsichtigen Damen in eine Klasse, die, während der erste Gatte noch lebt, wiewohl alt und krank, sich klüglich damit beschäftigen, eine Verbindung mit einem andern anzuzetteln.« »Etwas wohl, meine teuerste Lady,« sagte Rose, »doch nicht ganz so. – Erlaubt mir nur noch ein Wort! Da Ihr entschlossen seid, Euch Eurer Freiheit nicht zu bedienen, selbst wenn die Zeit Eurer Verpflichtung abgelaufen ist, warum gestattet Ihr, daß dieser junge Mann unsere Einsamkeit teilt? – Er ist gewiß gesund genug, um nach einem andern sichern Ort gebracht zu weiden. Laßt uns unsere frühere abgeschlossene Lebensweise wieder annehmen, bis uns die Vorsehung bessere oder wenigstens sichrere Aussichten gewährt.« Eveline seufzte – blickte nieder – dann das Auge erhebend, öffnete sie noch einmal ihre Lippen, um ihre Bereitwilligkeit zu einem solchen vernünftigen Vorschlage zu erklären, als ein scharfer Trompetenton, der vom Tore her erklang, sie unterbrach, und Raoul, mit Angstschweiß auf der Stirn hereingehinkt kam, seiner Lady anzukünden, daß ein Ritter und ein Wappenherold in des Königs Farben, begleitet von einer starken Mannschaft, vor dem Schlosse hielten und Einlaß im Namen des Königs begehrten. Eveline schwieg einen Augenblick, ehe sie folgendes erwiderte: »Auch nicht auf des Königs Befehl soll das Schloß meiner Vorfahren geöffnet werden, bevor wir genau wissen, wer es fordert, und zu welchem Zwecke. Wir wollen selbst zum Tore, um zu vernehmen, was mit dieser Aufforderung gemeint sei. – Meinen Schleier, Rose – und rufe meine Frauen. – Noch einmal erschallt die Trompete – ach! sie tönt wie ein Zeichen des Todes und des Verderbens!« Die prophetische Furcht Evelinens war nicht falsch. Denn kaum hatte sie die Türe ihres Zimmers erreicht, als ihr der Page Amelot voll Schreckens entgegenstürzte. Das Knie vor Evelinen beugend, rief er: »Lady, edle Lady, rettet meinen teuern Herrn! – Ihr, Ihr allein, könnt ihn in dieser äußersten Not erretten!« »Ich?« rief Eveline mit höchstem Erstaunen. »Muß ich ihn retten, und von welcher Gefahr? – Gott weiß, wie gerne!« Hier brach sie kurz ab, als scheue sie sich, die Worte, welche auf ihren Lippen schwebten, auszusprechen. »Guy Monthermer, Lady, hält vor dem Tore mit einem Herold und dem königlichen Banner. Der Erbfeind des Hauses de Lacy in dieser Begleitung kommt zu nichts Gutem hierher. – Ich kenne nicht den ganzen Umfang des Unheils, aber zum Unheil kommt er. – Mein Herr erschlug seinen Neffen auf dem Schlachtfelde von Malpas, und deshalb –« – Ihn unterbrach ein neuer Trompetenstoß, der gellend die Ungeduld der draußen Harrenden durch die Gewölbe der alten Feste widerhallen ließ. Lady Eveline eilte zum Tore. Dort standen die Wachen und andere Leute, und sahen einander mit angstvollen Gesichtern an. Alle richteten die Blicke auf sie, als ob sie bei ihrer Gebieterin den Trost und Mut finden wollten, den sie einander nicht mitteilen konnten. Vor dem Tore hielt zu Roß und in voller Rüstung ein ältlicher stattlicher Ritter, dessen aufgezogenes Visier einen schon ergrauenden Bart zeigte. Neben ihm befand sich der Herold zu Pferde; das königliche Wappen war als Stickerei auf seinem Amtskleide, das ganze Gewicht der beleidigten Amtswürde lag auf dem Gesicht, das von einem dichten Bart und einem dreifachen Federbusch beschattet war. Etwa fünfzig Soldaten unter dem Panier von England begleiteten ihn. Als Lady Eveline an der Barriere erschien, fragte der Ritter nach einer leichten Verbeugung, die mehr äußere Höflichkeit als Freundlichkeit verriet, ob er die Tochter Raymond Berengers vor sich sehe. »Und,« fuhr er fort, als er eine bejahende Antwort erhalten hatte, »vor der Burg dieses bewährten und begünstigten Dieners vom Hause Anjou müssen König Heinrichs Trompeten dreimal ertönen, ohne daß die Bevollmächtigten des Herrschers Einlaß erhalten?« »Meine Lage,« entgegnete Eveline, »muß meine Vorsicht entschuldigen. Ich bin ein einsames Mädchen und wohne in einer Grenzfestung. Ich kann niemand einlassen, ohne nach seiner Absicht zu fragen, und muß erst gewiß sein, daß ich den Betreffenden einlassen kann, ohne die Sicherheit des Platzes und meine eigene Ehre zu gefährden.« »Da Ihr gar so ängstlich seid, Lady,« erwiderte Monthermer, »so vernehmt, daß bei dem gegenwärtig zerrütteten Zustand dieser Landschaft es Sr. Gnaden des Königs Wille ist, eine Truppenabteilung in Eure Festung zu legen, die dieses wichtige Schloß sowohl vor den rebellischen Bauern zu schützen vermag, als auch vor den Wallisern, die, wie zu erwarten ist, über die Grenzen einbrechen werden, da sie dies in unruhigen Zeiten stets getan haben. Oeffnet Euer Tor, Lady von Berenger, und laßt Seiner Hoheit Truppen ins Schloß hinein!« »Herr Ritter,« entgegnete die Lady, »die Burg, wie jede andere Festung in England, gehört gesetzlich dem Könige; aber gesetzlich bin auch ich deren Inhaber und Verteidiger. So besagt es die Lehnspflicht, nach der meine Vorfahren diese Länder zum Besitz erhielten. Ich habe Leute genug, Garde Douloureuse zu meiner Zeit zu halten, wie mein Vater und mein Großvater vor ihm es zu ihrer Zeit verteidigten. Der König ist zu gnädig, mir Hilfe zu schicken; aber ich habe die Hilfe von Mietlingen nicht nötig. Auch halte ich es nicht für sicher, solche Leute in mein Schloß zu lassen, die in dieser gesetzlosen Zeit sich selbst leicht zu gunsten eines andern und nicht der gesetzlichen Gebieterin zu Herren der Burg machen könnten.« »Lady,« erwiderte der alte Krieger, »der König kennt die Gründe sehr wohl, weshalb Ihr Euch ihm widersetzt. Es ist nicht die Furcht vor den königlichen Truppen, die Euch, eine Vasallin des Königs, zu so halsstarrigem Benehmen veranlaßt. Ich könnte auf Eure Weigerung hin sogleich vorgehen und Euch als eine Verräterin gegen die Krone ausrufen; doch der König erinnert sich der Verdienste Eures Vaters. So wißt denn, es ist uns nicht unbekannt, daß Damian de Lacy, der beschuldigt ist, den Aufstand angeregt und angeführt, seine Pflicht im Felde verlassen und einen edlen Streitgenossen dem Schwerte der unbarmherzigen Bauern preisgegeben zu haben, unter Eurem Dach Schutz gefunden hat, was Eurer Treue als Vasallin und Eurer Aufführung als edelgeborene Jungfrau wenig Ehre macht. Liefert ihn uns aus, so will ich diese Bewaffneten abführen und Euch, ob ich es gleich kaum verantworten kann, von der Besetzung des Schlosses freisprechen.« »Guy de Monthermer,« antwortete Eveline, »wer einen Flecken auf meinen Namen wirft, spricht falsch und unwürdig; was Damian de Lacy anbetrifft, so wird er selbst seinen guten Namen zu verteidigen wissen. Nur das eine laßt mich sagen, daß solange er im Schlosse der Verlobten seines Verwandten weilt, diese ihn keinem ausliefert, am wenigsten seinem wohlbekannten Feinde. – Laßt das Fallgitter nieder, Leute, und daß es nicht aufgezogen werde, ohne meinen ausdrücklichen Befehl.« Als sie noch sprach, fiel das Fallgitter schwirrend und rasselnd auf den Boden, und Monthermer, beschämt und voll Ingrimms, mußte draußen bleiben. »Unwürdige Lady,« begann er mit Heftigkeit, dann aber an sich haltend, sagte er ruhig zu dem Herold: »Ihr seid Zeuge, daß sie den Verräter in das Schloß gelassen hat – Ihr seid Zeuge, daß, gesetzlich aufgefordert, Eveline Berenger sich weigert, ihn auszuliefern. Nun tut Eure Pflicht, Herr Herold, nach üblichem Gebrauch!« Der Herold trat vor und verkündete in der bei solchen Gelegenheiten üblichen Form und Sprache, daß Eveline Berenger, nachdem sie dazu gesetzlich aufgefordert worden, sich geweigert habe, des Königs Truppen in ihre Burg einzulassen und den Leib eines falschen Verräters, genannt Damian de Lacy, auszuliefern, selbst der Strafe des Hochverrats verfallen sei, und mit ihr alle diejenigen, die ihr Hilfe oder Vorschub leisteten oder das Schloß Garde Douloureuse verteidigten. Wer also täte, sei des Treubruchs gegen Heinrich von Anjou schuldig. Sobald die Stimme des Herolds schwieg, bestätigten die Trompeten das Urteil, das er ausgesprochen hatte, durch ein langes, Unheil weissagendes Geschmetter, so daß die Raben und Eulen entsetzt aus ihren Nestern flatterten und mit ahnungsvollem Gekrächz antworteten. Die Verteidiger des Schlosses sahen einander mit bleichen, niedergeschlagenen Gesichtern an, während Monthermer, hoch seine Lanze hebend, indem er sein Pferd vom Tore abwandte, rief: »Wenn ich nächstens mich Garde Douloureuse nähere, so geschieht es nicht bloß, um den Befehl meines Souveräns zu verkünden, sondern auch, ihn auszuführen.« Während Eveline noch gedankenvoll dastand und, dem Rückzuge Monthermers und seiner Begleiter nachschauend, erwog, was in dieser dringenden Not zu tun sei, hörte sie einen Flamländer einen Engländer, der neben ihm stand, fragen, was eigentlich ein Verräter sei? »Wenn einer die Treue, auf die man sich verläßt, bricht – so ist er ein Verräter.« Diese Worte erinnerten Eveline an ihren prophetischen Traum, »Ach!« sagte sie, »die Rache des bösen Geistes ist der Vollendung nahe. Als Gattin – Witwe, und als Jungfrau! – Schon lange gehören mir diese Benennungen. – Verlobt! – Wehe mir! Es war der Schlußstein meines Unglücks. – Zur Verräterin bin ich jetzt erklärt, wiewohl ich, Gott sei Dank, von aller Schuld frei bin. – Nur eins ist übrig: daß ich verraten werde – und diese böse Prophezeiung wird bis auf den letzten Buchstaben erfüllt sein!« Dreizehntes Kapitel. Mehr als drei Monate waren seit dem im letzten Kapitel erzählten Ereignis vergangen, doch war dies nur der Vorläufer von andern, noch wichtigern Begebenheiten gewesen, die sich im Verfolg unserer Erzählung entwickeln werden. Da wir aber nicht gesonnen sind, dem Leser einen genauen, ausführlichen Bericht von allen Umständen nach Folge und Datum zu geben, sondern nur eine Reihe von Gemälden, die die ergreifendsten Vorfälle dem Auge oder der Einbildungskraft derer, die daran teilnehmen, vorstellen sollen; so eröffnen wir jetzt eine neue Szene und bringen andere Schauspiele auf die Bühne. Durch eine sehr verwüstete Gegend, mehr als zwölf Meilen von Garde Douloureuse entfernt, in der Hitze eines Sommernachmittags, wo die Sonne ihre sengenden Strahlen in das schweigende Tal und auf die schwarzen Trümmer der Hütten warf, die es einst schmückten, wanderten langsam zwei Reisende. An ihrer Kleidung, dem Stab, den breitkrempigen Hüten, die vorn mit einer Jakobsmuschel geziert waren, und vor allem an dem Kreuz von rotem Zeuge auf der Schulter erkannte man zwei Pilgrime, die ihr Gelübde erfüllt hatten und jetzt von dem verhängnisvollen Lande zurückgekehrt waren, aus dem in jenen Tagen so wenige von den Tausenden heimkamen, die es aus Liebe zu Abenteuern oder aus heißer Andacht besuchten. Die Pilgrime waren schon seit dem Morgen durch einen Schauplatz von Verwüstung gezogen, der an Elend kaum den Stätten des Schreckens nachstand, die sie in den Schlachten des Kreuzzuges betreten hatten. Sie hatten Dörfer gesehen, die die ganze Wut des Krieges gelitten zu haben schienen. Die Häuser waren bis auf den Grund niedergebrannt, und oft stießen sie auf Leichname der unglücklichen Bewohner oder auf verstümmelte Gliedmaßen, die man am Galgen oder an Bäumen aufgehängt hatte. Kein lebendiges Wesen ließ sich sehen, außer jenen natürlichen Freibürgern, den wilden Tieren, die stillschweigend den wieder verwüsteten Landstrich einnahmen, aus dem die Zivilisation sie früher vertrieben hatte. Ihren Ohren bot sich ebensowenig Erfreuliches dar wie ihren Blicken. Die in Gedanken verlorenen Reisenden hörten das Gekrächze der Raben, die gleichsam zu beklagen schienen, daß hier schon die Schlachtbank abgeräumt sei, an der sie geschwelgt hatten; oder sie hörten dann und wann das klagende Geheul eines Hundes, der Haus und Herrn verloren hatte; aber kein Geräusch des Gewerbes oder der häuslichen Arbeit war zu vernehmen. Die schwarzen Gestalten, die mit müden Schritten über diesen Schauplatz der Verheerung und des Elends dahinwanderten, schienen mit ihrer Umgebung durchaus im Einklang zu stehen. Sie sprachen nicht miteinander – nur hielt sich der eine, der kleinere von beiden, immer einen halben Schritt vor seinem Gefährten – sie bewegten sich langsam wie Priester, die von eines Sünders Sterbebette kommen, oder noch besser wie Gespenster, die längs der Kirchhofsmauer hingleiten. Endlich erreichten sie einen Rasenhügel, auf dessen Gipfel eines von den Grabmälern alter britischer Häuptlinge stand, die aus unaufgerichteten Granitblöcken bestehen und so gestellt sind, daß sie einen Sarg von Steinen oder etwas Aehnliches bilden. Das Grabmal war schon früher von den siegreichen Sachsen zerstört worden, entweder aus Spott oder aus eitler Neugier, oder weil man glaubte, daß bisweilen Schätze an diesen Stellen niedergelegt wären. Der gewaltige platte Stein, der erst die Decke dieses Sarges gewesen, lag in zwei Stücke zerbrochen in einiger Entfernung vom Grabmal, und diese Trümmer, überwachsen mit Schlingkräutern und Gras, zeigten deutlich, daß der Deckel schon seit vielen Jahren geborsten war. Ein verknorpelter Eichbaum breitete noch seine Zweige über das offene, rauhe Mausoleum, als ob der Druiden Wahrzeichen und Sinnbild, zwar schon erschüttert und vom Sturme gebrochen, sich darum noch immer darüber neigte, um seinen Schutz den letzten Ueberbleibseln ihrer Verehrung zu gewähren. »Dies ist also der Kist-vaen,« sagte der kleinere Pilger, »hier müssen wir die Nachrichten von unserm Kundschafter erwarten. Aber, Philipp Guarine, welche Erklärung der Verwüstungen, durch die wir gegangen sind, steht uns bevor?« »Ein Einfall der welschen Wölfe, Mylord!« erwiderte Guarine, »und bei Unserer Frau, hier liegt ein armes, sächsisches Schaf, das sie zerrissen haben!« Der Connetable, denn er war der Pilger, der voranging, drehte sich bei diesen Worten nach seinem Squire um und sah den Leichnam eines Mannes im Grase, wo er so versteckt lag, daß er vorbeigegangen war, ohne das zu bemerken, was sein weniger in Gedanken versunkener Diener entdeckte. Das lederne Wams des Erschlagenen zeigte, daß er ein englischer Bauer gewesen, der Körper lag auf dem Gesichte, und die Ursache seines Todes, der Pfeil, steckte noch in seinem Rücken. Philipp Guarine zog mit der kalten Gleichgiltigkeit eines Mannes, der an einen solchen Anblick gewöhnt ist, so gelassen den Pfeil aus des Menschen Rücken, wie er ihn aus dem Körper eines Hirsches gezogen hätte. Mit ähnlichem Gleichmut gab der Connetable dem Waffenträger einen Wink, ihm den Pfeil zu geben – er betrachtete ihn genauer und sagte dann: »Du hast Dein altes Handwerk vergessen, Guarine, wenn Du das einen welschen Pfeil nennst. Glaube mir, er flog von einem normännischen Bogen. Aber wie er in den Leib eines englischen Bauers kommt, kann ich schlecht erraten.« »Irgend ein entlaufener Leibeigener, will ich wetten – irgend ein falschherziger Köter, der sich an die welschen Rudel von Hunden angeschlossen hat,« antwortete der Schildknappe. »Es könnte wohl sein,« sagte der Connetable, »aber ich schließe vielmehr auf einen Bürgerkrieg zwischen den Bauern und den Markherren selbst. Die Walliser zerstören die Dörfer und lassen nichts wie Blut und Asche zurück, aber hier scheint man auch Schlosser gestürmt und genommen zu haben. Möge Gott uns gute Nachrichten von Garde Douloureuse senden!« »Amen! erwiderte der Squire, »aber wenn Renault Vidal sie bringt, so ist es das erste Mal, daß er ein Vogel von guter Vorbedeutung ist.« »Philipp,« sagte der Connetable, »ich habe Dir schon oft gesagt, Du bist ein eifersüchtiger Narr. Wie oft hat Vidal seine Treue in zweifelhaften Umständen – seine Geschicklichkeit in schwierigen Lagen – seinen Mut in der Schlacht – seine Geduld im Leiden gezeigt.« »Das kann alles sehr wahr sein, Mylord,« erwiderte Guarine. »Dennoch – doch, was nützt das Reden? – ich gestehe, er hat Euch zuweilen sehr gute Dienste geleistet; aber nur ungern möchte ich Euer Leben und Eure Ehre in Renault Vidals Macht gegeben wissen.« »Im Namen aller Heiligen, Du grämlicher und argwöhnischer Narr, was hast Du denn zu seinem Nachteil anzuführen?« »Nichts, Mylord,« erwiderte Guariue, »als Verdacht und Abscheu aus Instinkt. Ein Kind, das eine Schlange sieht, weiß nichts von ihren üblen Eigenschaften, es wird ihr aber doch nicht nachstellen und sie haschen wie einen Schmetterling. So ist meine Abneigung gegen Vidal – ich kann mir nicht helfen. Ich könnte dem Menschen seine boshaften, düstern Seitenblicke, wenn er sich von niemand beobachtet glaubt, vergeben; aber sein höhnisches Lachen vergebe ich ihm nie; – er gleicht der Bestie, von der wir in Judäa hörten und die, wie man erzählt, erst lacht, dann zerreißt und umbringt.« »Philipp,« sagte de Lacy, »ich bin betrübt Deinetwegen – betrübt von ganzer Seele, daß eine so vorherrschende, grundlose Eifersucht im Gehirn eines so wackeren, alten Kriegers sitzt. Um von früheren Proben seiner Treue zu schweigen – hat er sie nicht hier bei unserm letzten Unglück vollauf bewiesen, als wir an der Küste von Wales Schiffbruch erlitten und man uns augenblicklich den Tod gegeben hätte, wenn die Cymries in mir den Connetable von Chester und in Dir seinen treuen Schildknappen, der seine Befehle so manchesmal an den Wallisern vollstreckt hat, erkannt hätten? »Ich gestehe es,« sagte Philipp Guarine, »der Tod wäre gewiß unser Los gewesen, wäre nicht dieser Mann auf den Einfall gekommen, uns für Pilgrime auszugeben, und hätte er nicht unsern Dolmetscher gespielt. Indem er uns zu dieser Verkleidung verhalf, entzog er uns aber auch alle Möglichkeit, uns von irgend jemand über die Lage der Dinge berichten zu lassen, während doch Ew. Herrlichkeit alles genau hätte erfahren müssen; denn wahrlich, schlimm genug sieht hier alles aus.« »Noch immer bist Du ein Tor, Guarine,« sagte der Connetable, »denn sieh, hätte Vidal es übel mit uns gemeint, so hätte er uns den Wallisern verraten oder es doch so einrichten können, daß wir durch die Kenntnis ihrer Gaunersprache, so viel Du und ich davon wissen, uns selbst verrieten.« »Gut, Mylord,« sagte Guarine, »Ich kann wohl zum Schweigen gebracht werden, aber ich bin doch nicht zufrieden gestellt. Trotz all der schönen Worte, die er reden kann – trotz all der schönen Weisen, die er singen kann – wird Renault Vidal in meinen Augen immer ein finsterer, verdächtiger Mann sein, dessen Gesichtszüge immer bereit sind, sich in die Form zu legen, die am besten Vertrauen zu erwecken vermag, dessen Zunge es versteht, zu einer Zeit die schmeichelhaftesten, angenehmsten Worte auszusprechen, zu einer andern verschmitzte Einfalt oder plumpe Ehrlichkeit zu äußern; dessen Auge aber, wenn er sich unbemerkt glaubt, jedem angenommenen Gesichtsausdruck, jeder Versicherung der Rechtlichkeit, jedem Worte der Höflichkeit und Herzlichkeit Hohn spricht. – Doch ich will über die Sache nicht mehr sprechen. – Ich bin ein alter Bullenbeißer von der echten Gattung – ich liebe meinen Herrn, aber ich kann einige von denen nicht ausstehen, die er begünstigt. – Aber dort, wie es mir scheint, kommt Vidal, um uns, wie ich vermute, nach Gutdünken über unsere Lage zu berichten.« Wirklich erblickte man einen Reiter, der in Eile sich dem Kist-vaen näherte. An seiner Kleidung, die ein wenig an morgenländische Mode erinnerte, verbunden mit dem gewöhnlichen phantastischen Anzuge der Männer von seiner Profession, erkannte der Connetable in dem rasch näherkommenden Manne den Minstrel. Obgleich Hugo de Lacy seinem Diener nicht mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen glaubte, als seine Dienste es verlangten, wenn er ihn gegen den Argwohn Guarines verteidigte; so hatte er doch im Grunde seines Herzens zuweilen diesen Argwohn selbst gehegt und war als gerechter und rechtlicher Mann oft über sich selbst unwillig, daß er auf das schwache Zeugnis von Blicken oder gelegentlichen Ausdrücken hin seine Treue in Zweifel ziehen konnte, die sich durch so viele Beweise von Eifer und Unbescholtenheit bewährt hatte. Als Vidal vom Pferde gestiegen war und herankam, um sich vor seinem Gebieter zu verneigen, eilte dieser, ihn mit freundlichen Worten zu begrüßen, als sei er sich bewußt, daß er Guarines ungerechtes Urteil gewissermaßen, schon indem er es anhörte, geteilt habe. »Willkommen, mein ehrlicher Vidal,« sagte er, »Du bist der Rabe gewesen, der uns in den Bergen von Wales gespeist hat, sei nun die Taube, die uns gute Nachrichten von den Grenzen bringt. – Du schweigst? – Was bedeuten diese niedergesenkten Blicke – dieses verlegene Betragen – diese in die Augen gedrückte Mütze? – Um Gottes willen, Mann! sprich! – Fürchte Dich nicht vor mir. – Ich kann Schlimmeres ertragen, als Menschen erzählen können. – Du hast mich in Palästinas Kriegen gesehen, als meine braven Streitgenossen fielen, Mann für Mann rings um mich her, und ich fast allein übrig blieb – und erblaßte ich damals? – Du sahst mich, als des Schiffes Kiel an dem Felsen zerkrachte und die Wellen schäumend über das Verdeck schlugen – erblaßte ich damals? – Nein, und auch jetzt werde ich es nicht.« – »Rühmt Euch nicht!« sagte der Minstrel und blickte scharf den Connetable an, als dieser die Haltung und Fassung eines edlen Mannes annahm, der dem Schicksal und seiner äußersten Bosheit Trotz bietet. – »Rühme Dich nicht und trau Dir nicht mehr zu, als Du zu tragen vermagst! Eine minutenlange Pause folgte, während die Gruppe ein eigentümliches Bild abgab. Der Connetable, der den Minstrel nicht zu fragen wagte und sich doch schämte, Furcht vor der schlimmen Kunde zu verraten, die er hören sollte, trat dem Boten gegenüber, hoch aufgerichtet, die Arme übereinander geschlagen, die Stirn frei und voll Entschlossenheit, während der Minstrel, seiner gewöhnlichen Ruhe und Gleichgültigkeit durch die Macht des Augenblicks entrissen, einen scharfen Blick auf seinen Gebieter heftete, als wollte er beobachten, ob sein Mut echt oder nur erkünstelt sei. Philipp Guarine dagegen, dem der Himmel zwar ein rauhes Aeußere gegeben, aber dabei Verstand und Beobachtungsgeist nicht versagt hatte, faßte seinerseits Vidal fest ins Auge, als suche er es aufzufinden, worin eigentlich der rege Anteil bestehe, der aus des Minstrels Augen sichtbar hervorleuchtete. Er war im Zweifel, ob es der eines treuen Dieners sei, den die schlechte Nachricht erschüttert hat, durch die er seinen Herrn unglücklich machen soll, oder eines Henkers, der sich mit dem Messer über sein Opfer beugt und nur zuzustoßen zögert, bis er die Stelle entdeckt hat, wo der Stoß am schmerzlichsten gefühlt werden möchte. Guarine, voreingenommen, wie er gegen den Minstrel war, traute ihm vielmehr das letztere zu, und es gelüstete ihn heftig, den Stab zu erheben und den Diener zu Boden zu strecken, der sich so an dem verlängerten Leiden ihres gemeinschaftlichen Meisters zu weiden schien. Endlich zeigte sich ein krankhaftes Zucken auf des Connetables Angesicht, und Guarine, der nun bemerkte, daß ein sardonisches Lächeln Vidals Lippen zu kräuseln begann, konnte nicht länger schweigen. »Vidal!« rief er, »Du bist ein –« »Ein Ueberbringer böser Zeitungen,« sagte Vidal, ihn unterbrechend, »und daher der Mißdeutung jedes Narren ausgesetzt, der keinen Unterschied zwischen dem Urheber des Bösen und dem, welcher es ungern hinterbringt, zu machen weiß.« »Wozu dieser Aufschub?« sagte der Connetable. »Kommt, Herr Minstrel, ich will Euch eine Qual ersparen. – Eveline hat mich verlassen und vergessen?« Der Minstrel bejahte mit einer Verbeugung. Hugo de Lacy ging einigemale vor dem steinernen Denkmal auf und nieder, indem er sich bemühte, der tiefen Erschütterung, die er empfand, Herr zu werden. »Ich vergebe ihr,« sagte er.– »Vergeben? sagte ich so? – Ach! ich habe nichts zu vergeben. – Sie hat sich nur des Rechts bedient, das ich in ihrer Hand ließ. – Ja – die Zeit unseres Verlöbnisses war abgelaufen. – Sie hat von meinen Verlusten gehört – von meinen Niederlagen – von der Zerstörung meiner Hoffnungen – von der Vernichtung meines Vermögens. Nun hat sie die erste Gelegenheit ergriffen, die ihr das strenge Recht zugestand, ihre Verpflichtung gegen den aufzuheben, der einen Bankerott an Glück und Ruhm erlitten hat. – Mehr als ein Mädchen würde so gehandelt haben – hätte vielleicht klüglicherweise so handeln müssen – aber dieses Mädchens Name hätte doch nicht Eveline Berenger lauten sollen.« Er lehnte sich auf seines Knappen Arm und ließ einen Augenblick das Haupt an dessen Schulter ruhen, mit einer so tiefen Rührung, wie Guarine noch nie an ihm gewahr wurde, und die er mit linkischer Teilnahme dadurch zu beschwichtigen suchte, indem er ihn ermahnte, »guten Mutes zu sein – er hätte ja nur ein Weib verloren.« »Ich sage das nicht aus Eigennutz, Philipp,« sagte der Connetable wieder mit seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung. »Ich bedaure weniger, daß sie mich verlassen, sondern, daß sie mich falsch beurteilt hat – daß ich von ihr behandelt wurde wie der unglückliche Schuldner vom Pfandleiher, der sich des Pfandes bemächtigt, sobald der Augenblick verflossen ist, bis zu welchem es eingelöst werden konnte. Denkt sie denn, daß ich meinerseits ein so strenger Gläubiger gewesen wäre? – Seit ich sie kenne, und als ich noch Reichtum und Ruhm besaß, hielt ich mich Ihrer kaum für würdig, und sollte ich nun darauf bestanden haben, daß sie mein vermindertes Glück, meine Erniedrigung teilen sollte? – Wie wenig hat sie mich jemals gekannt! Sonst hätte sie nie geglaubt, daß mich mein widriges Schicksal so selbstsüchtig gemacht habe! – Doch es ist so – sie ist dahin – möge sie glücklich sein! – den Gedanken, daß sie mir Kummer bereitet, will ich in meiner Seele unterdrücken; und ich will denken, sie hat das getan, was ich selbst oder ihr bester Freund mit Ehren ihr hätte raten müssen.« So sprach er, und zum Erstaunen seiner Diener nahm sein Gesicht die gewöhnliche Festigkeit und Ruhe an. »Ich wünsche Euch Glück!« flüsterte der Knappe dem Minstrel zu. »Eure bösen Neuigkeiten haben weniger tief verwundet, als Ihr es zweifelsohne für möglich gehalten habt.« »Ach!« erwiderte der Minstrel, »ich habe noch andere und noch schlechtere zu bringen.« Diese Antwort wurde in zweideutigem Tone gegeben, der ganz mit der Eigentümlichkeit seines Wesens übereinstimmte und aus dem Innersten eines heimtückischen Charakters hervorging. »Eveline Berenger ist also verheiratet?« fragte der Connetable, »und laßt mich einmal eine gewagte Mutmaßung anstellen – sie gab die Familie nicht auf, wiewohl sie ein Mitglied davon verließ – sie ist noch immer eine de Lacy, ha!? – Tölpel, der Du bist, willst Du mich nicht verstehen? – Sie ist mit Damian de Lacy vermählt – mit meinem Neffen!« Die Anstrengung, mit der der Connetable diese Vermutung hervorstieß, bildete einen krassen Gegensatz gegen das gezwungene Lächeln, das er seinem Gesicht dabei gleichsam abnötigte. Mit einem solchen Lächeln mag ein Mann, der eben Gift trinken will, eine Gesundheit ausbringen, indem er den verhängnisvollen Becher an seine Lippen setzt. »Nein, Mylord, – nicht verheiratet,« antwortete der Minstrel, mit einer Betonung, die der Connetable nach seiner Weise auslegte. »Nein, nein!« antwortete er schnell, »nicht verheiratet – vielleicht nur versprochen – verlobt. Und warum nicht? Die Zeit der älteren Verlobung war verflossen, – warum nicht eine neue eingehen?« »Lady Eveline und Sir Damian sind nicht verlobt, soviel ich weiß,« antwortete der Diener. Diese Antwort trieb de Lacys Geduld aufs äußerste. »Hund, spielst Du mit mir?« rief er aus. »Elender Bänkelsänger! Du marterst mich. Sprich das Schlimmste mit einemmal aus, oder ich will Dich im Augenblick zum Minstrel an Satans Hof machen!« Ruhig und gefaßt entgegnete der Minstrel: »Lady Eveline und Sir Damian sind weder verheiratet, noch verlobt, Mylord, Sie lieben sich und leben zusammen ›par amour‹ .« »Hund! und Sohn eines Hundes! Du lügst.« Und der aufs äußerste empörte Freiherr faßte dem Minstrel bei der Brust und schüttelte ihn mit allen seinen Kräften. Aber wie groß auch seine Stärke war, er vermochte Vidal, einen geübten Ringer, nicht aus der festen Stellung, die er eingenommen hatte, zu heben, so wenig wie sein Zorn ihn aus seiner Gelassenheit bringen konnte. »Bekenne, Du hast gelogen!« sagte der Connetable, und ließ ihn los, nachdem er durch seine Heftigkeit ebensowenig erreicht, als wenn Menschenkraft sich an den Felssteinen der Druiden versucht hätte, die sich wohl schütteln, aber nicht aus ihrer Lage bringen lassen. »Könnte ich durch eine Lüge mein Leben erkaufen, ja das Leben meiner ganzen Zunft,« sagte der Minstrel, »ich wollte keine sagen. Aber die Wahrheit selbst wird immer Lüge genannt, wenn sie unsere innersten Wünsche zunichte macht.« »Hör ihn, Philipp Guarine, hör ihn,« rief der Connetable aus und wandte sich rasch zu seinem Squire. »Er erzählt mir von meinem Unglück, von der Schande meines Hauses – von der Verdorbenheit derer, die ich am meisten auf der Welt liebte – er erzählt mir davon mit ruhigem Blick, festem Auge und flinker Zunge. – Ist das, kann das natürlich sein? – Ist de Lacy so tief gesunken, daß seine Schande von einem gemeinen herumziehenden Minstrel erzählt wird, so ruhig, als ob es sich um das Thema einer armseligen Ballade handelte. – Vielleicht gedenkst Du eine daraus zu machen, he?« – schloß er, einen wütenden Blick auf den Minstrel schleudernd. »Vielleicht würde ich es tun, Mylord,« sagte Vidal, »müßte ich nicht darin auch vom Mißgeschick Renault Vidals erzählen, und daß er einem Herrn diente, der weder die Geduld besaß, Beleidigungen und Unrecht zu ertragen, noch den Mut hatte, sich an dem Urheber seiner Schande zu rächen.« »Du hast recht, Du hast recht, guter Bursche,« sagte der Connetable heftig. »Die Rache allein ist uns geblieben! – und doch, an wem?« Indem er so sprach, ging er kurz und heftig auf und nieder. Er schwieg – stand still – und rang seine Hände in großer Bewegung. »Ich sagte es Dir wohl,« sagte der Minstrel zu Guarine, »meine Neuigkeiten würden doch eine empfindliche Stelle berühren. – Erinnerst Du Dich des Stiergefechtes, das wir in Spanien sahen. Tausend kleine Wurfspieße reizten und peinigten das edle Tier, ehe es den letzten tödlichen Stoß von der Lanze eines maurischen Kavaliers empfing.« »Mensch oder Teufel, sei, was Du willst,« erwiderte Guarine, »der Du mit Wohlgefallen Dich an dem Schmerz eines andern weiden kannst, ich rate dir, nimm dich vor mir in acht! – Gib Dein kaltes Höhnen andern Ohren zu hören, denn wenn meine Zunge auch stumpf ist, so trage ich ein Schwert, das scharf genug ist.« »Du hast mich unter Schwertern gesehen,« antwortete der Minstrel,« »und weißt, wie wenig sie einen Mann, wie ich bin, schrecken.« – Doch zog er sich, indem er so sprach, ein wenig von dem Knappen zurück. Dieser hatte ihn eigentlich nur in der Fülle des Herzens angeredet, die sich, wäre er allein gewesen, in einem Selbstgespräch Luft gemacht hätte, jetzt sich aber auf den nächsten Zuhörer ergoß, ohne daß der Sprecher sich vergegenwärtigte, welche Empfindungen seine Worte erregen konnten. Wenige Minuten waren verstrichen, als der Connetable wieder die äußere Ruhe erlangt hatte, mit der er bis zu diesem letzten furchtbaren Streiche alle Schläge des Schicksals erduldet hatte. Er wandte sich gegen seine Begleiter und redete den Minstrel mit seiner gewöhnlichen Fassung an. »Du hast recht, guter Bursche,« sagte er, »mit dem, was Du mir da sagtest, und ich verzeihe Dir die Stichelei, die Deinen guten Rat begleitete. In Gottesnamen, sprich nun alles aus, Du sprichst zu einem Manne, der vorbereitet ist, die Leiden zu tragen, die Gott ihm sendet. Gewiß ist es, der beste Ritter wird in der Schlacht erkannt, der gute Christ aber in Tagen der Not und der Bedrängnis.« Der Ton, in dem der Connetable sprach, schien von entsprechender Wirkung auf das Verhalten seiner Begleiter zu sein. Der Minstrel ließ den höhnenden, verwegenen Ton fallen, mit dem er bis dahin die Leidenschaft seines Herrn gereizt, und in einfacher und ehrerbietiger Sprache, die selbst dem Mitgefühl sich näherte, vollendete er nun seinen Bericht, In der Tat hatte er ein Unglück über das andere mitzuteilen. Die Weigerung der Lady Eveline Berenger, Monthermer mit seinen Leuten in die Burg zu lassen, hatte natürlich allen den Verleumdungen, die ihr und Damian bereitet waren, Glauben verschafft; auch gab es viele Leute, die es aus verschiedenen Ursachen für vorteilhaft fanden, diese Lästerungen auszubreiten und zu bekräftigen. Eine starke Macht war in die Landschaft ausgesandt worden, die aufrührerischen Bauern zu unterdrücken; und die Ritter und Edlen, die dazu befehligt waren, ermangelten nicht, an den unglücklichen Bürgerlichen aufs äußerste das adlige Blut zu rächen, das jene während ihres vorübergehenden Triumphs vergossen hatten. Die Kampfgenossen des unglücklichen Wenlock stimmten in das allgemeine Gerede ein. Wegen ihrer so eiligen, feigen Uebergabe eines noch haltbaren Platzes von vielen getadelt, versuchten sie, sich selbst zu rechtfertigen, indem sie die feindliche Erscheinung der Reiterei Damians als den einzigen Grund ihrer zu frühzeitigen Unterwerfung angaben. Diese Gerüchte, von solchen parteiischen Zeugen unterstützt, gingen weit und breit durchs Land, und vereint mit der unleugbaren Tatsache, daß Damian Zuflucht in dem starken Schlosse von Garde Douloureuse gesucht habe, das sich selbst den königlichen Waffen widersetzte, stachelten sie die zahlreichen Feinde des Hauses de Lacy auf und machten dessen Vasallen und Freunde völlig mutlos, indem diese sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder ihrem Lehnseide untreu zu werden oder die noch heiligeren Pflichten gegen ihren Landesherrn zu verletzen. In diesem entscheidenden Augenblick erhielten sie die Kunde, daß der weise, tätige Monarch, der damals das Szepter Englands in Händen hatte, an der Spitze einer großen Armee nach diesem Teil Englands vorrücke, in der Absicht, zugleich die Belagerung von Garde Douloureuse zu beschleunigen und die Unterdrückung des Bauernaufstandes zu vollenden, den Guy Monthermer bereits fast ganz niedergeworfen hatte. In dieser dringenden Not, und als die Freunde und Untergebenen des Hauses Lacy kaum wußten, welchen Weg sie einschlagen sollten, erschien plötzlich unter ihnen Randal, des Connetables Verwandter und nach Damian sein nächster Erbe, mit einem königlichen Auftrage, diejenigen von den Vasallen seines Hauses, welche sich nicht an der vermeintlichen Verräterei Damians beteiligt hätten, zu seinen Fahnen zu versammeln und sich an ihre Spitze zu stellen. In unruhigen Zeit vergißt man die Laster der Menschen, wenn sie Tätigkeit, Mut und Klugheit, die gerade dann so nötigen Tendenzen, zeigen; und das Auftreten Randals, dem diese Eigenschaften keineswegs fehlten, wurde als eine gute Vorbedeutung von den Anhängern seines Vetters aufgenommen. Schnell versammelten sie sich um ihn, übergaben nach dem königlichen Befehl alle festen Orte, die in ihrer Gewalt waren, und um sich ganz von jeder Teilnahme an den Verbrechen zu reinigen, die man Damian zuschrieb, fochten sie mutig unter Randals Oberbefehl gegen die zerstreuten Bauern, die noch immer das Feld behaupteten oder sich in den Bergschluchten versteckt hatten. Nach jedem Siege gingen sie so unbarmherzig vor, daß selbst Monthermers Truppen im Vergleich mit denen de Lacys menschlich erschienen. Endlich zog Randal mit dem Banner seines Hauses und fünfhundert rüstigen Kriegern vor Garde Douloureuse und vereinigte sich dort mit Heinrichs Lager. Schon war die Burg hart bedrängt, und die wenigen Verteidiger, durch Wunden, Wachen und Hunger sehr geschwächt, mußten nun obendrein allen Mut verlieren, da sie nun gegen ihre Mauern auch noch das einzige Banner in ganz England wehen sahen, das allein ihnen vielleicht Hilfe hätte bringen können. Die von hohem Geiste beseelten Ermahnungen Evelinens, die sich durch Unglück und Entbehrung nicht niederdrücken ließ, verloren allmählich ihre Wirkung auf die Verteidiger des Schlosses. In einem tumultuarischen Kriegsrate, zu dem sich nicht allein Offiziere niederen Ranges, sondern auch viele von den Gemeinen herzugedrängt hatten, da eine solche allgemeine Not alle Bande der Kriegszucht lockert und jedermann die Freiheit gibt, für sich selbst zu sprechen und zu handeln, wurden Vorschläge zur Kapitulation gemacht und besprochen. Mitten in diesen Beratungen erschien zu aller Erstaunen Damian de Lacy, der sein Krankenbett verlassen hatte. Bleich und schwach, mit dem schauderhaften Geisterblicke, der nach einer langen Krankheit zurückbleibt, lehnte er sich auf seinen Pagen Amelot. »Edle Herren und Krieger!« sagte er, »doch wie kann ich die einen oder die anderen so nennen? Edle Männer sind immer bereit, für das Wohl einer Frau zu sterben – Krieger verachten das Leben, wenn es die Ehre gilt.« »Weg mit ihm! Weg mit ihm!« riefen einige Soldaten, ihn unterbrechend. »Er will wohl, daß wir, die wir unschuldig sind, den Tod der Verräter sterben und in der Rüstung an den Mauern aufgehängt werden, ehe er sich von seinem Schätzchen trennt.« »Schweig, unverschämter Sklave!« schrie Damian mit Donnerstimme, »oder mein letzter Schlag soll ein gemeines Ziel haben, indem er einen solchen Schurken wie Dich trifft. – Und Ihr,« fuhr er zu, den anderen fort. »Ihr, die Ihr von den Beschwerden Eures Berufes zurückschaudert, weil der Tod sie vielleicht einige Jahre früher endigen kann, wie es doch einmal geschehen muß, – Ihr, die Ihr Euch schrecken laßt, wie Kinder beim Anblicke eines Totenkopfes – glaubt nicht, daß Damian de Lacy auf Kosten dieses Euch so teuren Lebens sich retten wollte! Schließt Euren Handel mit König Heinrich ab! Uebergebt mich seiner Gerechtigkeit oder Strenge; oder wenn Euch das besser gefällt, schlagt mir das Haupt ab und werft es als Friedenszeichen über die Mauern dieses Schlosses; ich vertraue Gott, daß er zu seiner Zeit meine Ehre in helles Licht stellen werde. Mit einem Worte: überliefert mich, tot oder lebendig, oder öffnet die Tore, damit ich mich selbst übergebe. Nur, so wahr Ihr Menschen seid, da ich nichts Besseres von Euch sagen kann, tragt wenigstens Sorge für die Sicherheit Eurer Gebieterin, stellt die Bedingung, daß ihr kein Leides geschehen darf, und rettet Euch selbst von der Schande, als feige und meineidige Schurken in die Gruft zu fahren.« »Mich dünkt, der junge Mann spricht gut und vernünftig,« sagte Wilkin Flamock. »Laßt uns also des Königs Gnade wiedergewinnen, indem wir ihn überliefern und dabei die besten Bedingungen für uns und unsere Gebieterin ausmachen, eh noch der letzte Bissen von unserm Vorrat verzehrt ist.« »Ich würde schwerlich diese Maßregel vorgeschlagen haben,« sagte Pater Aldrovand, der vor kurzem vier Vorderzähne durch eine Steinschleuder verloren hatte; »da sie aber von dem, den es hauptsächlich angeht, so großmütig angeboten wird, so halte ich es mit den gelehrten Scholiasten: Volenti non fit injuria! !« »Priester und Fläminger,« fügte der alte Bannersmann Ralph Genvil. »Ich sehe, wohin der Wind Euch treibt. Aber Ihr betrügt Euch selbst, wenn Ihr unsern jungen Gebieter Sir Damian zum Sündenbock für Euer leichtsinniges Fräulein machen wollt. – Nein, runzelt nicht die Stirn und tobt nicht, Sir Damian! Wißt Ihr keinen gescheitern Ausweg zu finden, so wissen wir es. – Krieger de Lacys, werft Euch auf die Pferde, zwei auf eines, wenn es nötig ist! – Wir wollen diesen hartnäckigen Knaben in die Mitte zwischen uns nehmen, und der schmucke Squire Amelot soll auch mit gefangen sein, wenn er uns durch seinen kindischen Widerstand aufhält. Dann laßt uns einen tüchtigen Ausfall machen; die, die sich durchhauen, fahren gut dabei, und die, welche fallen, nun, die sind auch versorgt.« Jubelnd zollten die Reiter de Lacys diesem Vorschlag Beifall. Während die von der Partei Berengers mit lauten und scheltenden Worten noch darüber stritten, suchte Eveline, durch den Tumult herbeigerufen, sie zu besänftigen, doch vergebens; und Damians Vorwürfe oder Bitten waren bei seinen Streitgenossen ebenfalls fruchtlos. Beiden erteilte man die gleiche Antwort. »Bekümmert Euch darum nicht! – Denkt Ihr, weil's Euch beliebt par amours , könnt Ihr Euer Leben und das unsrige nur so hinwerfen?« so rief Genvil de Lacy zu, und zwar sanfter, aber mit gleicher Halsstarrigkeit, weigerten sich die Geleitsmänner von Raymond Berenger, bei dieser Gelegenheit auf die Befehle oder Bitten seiner Tochter zu hören. Wilkin Flamock hatte sich aus dem Tumult zurückgezogen, sobald er sah, welche Wendung die Sache genommen hatte. Er verließ die Burg durch eine Ausfallpforte, deren Schlüssel ihm anvertraut war, und kam unbemerkt und unbehelligt in das königliche Lager. Er begehrte den König zu sprechen. Dieser Wunsch wurde gewährt, und sehr bald stand Wilkin vor dem König Heinrich. Der Monarch befand sich in seinem königlichen Zelt, in Gesellschaft seiner beiden Söhne Richard und Johann, welche späterhin das Szepter Englands unter ganz anderen Verhältnissen führten. »Was gibt es? – Wer bist Du?« war die königliche Frage. »Ein ehrlicher Mann aus der Burg Garde Douloureuse.« »Du magst ein ehrlicher Mann sein,« erwiderte der Souverän, »Du kommst aber aus einem Nest von Verrätern.« »So wie sie da sind, will ich sie Eurer Königlichen Gnade überliefern; denn sie wissen nicht mehr aus noch ein. Sie verstehen sich nicht mehr zu verteidigen und wissen sich auch keinen Rat, wie sie kapitulieren sollen. Aber ich möchte gerne zuvorderst von Ew. Gnaden wissen, welche Bedingungen Ihr den Verteidigern jenes Schlosses zugestehen wollt?« »Die, welche Könige den Verrätern zugestehen,« sagte Heinrich strenge. – »Scharfe Messer und starke Stricke.« »Nein, gnädiger Herr, Ihr mußt milder sein, als worauf das ausgeht, wenn das Schloß durch meine Vermittlung übergeben weiden soll. Sonst werden Eure Stricke und Messer nur mit meinem armen Leichnam etwas zu schaffen haben, und von dem Innern von Garde Douloureuse werdet Ihr so entfernt bleiben wie jetzt.« Der König sah ihn scharf an, »Du kennst,« sagte er, »die Kriegsgesetze. – Hier, Oberprofoß, steht ein Verräter, und dort steht ein Baum.« »Und hier steht eine Kehle,« sagte der hochherzige Flamländer und knöpfte den Kragen seines Wamses auf. »Bei meiner Ehre,« sagte Prinz Richard, »ein kecker, treuer Bursche. Es wäre besser, man schickte solchen Kerlen was Ordentliches zu essen und schlüge sich dann vor der Burg wacker mit ihnen herum, statt sie auszuhungern, wie die bettelhaften Franzosen ihre Hunde hungern lassen.« »Still, Richard!« sagte sein Vater, »Dein Witz ist zu grün und Dein Blut zu heiß, um hier mein Ratgeber zu sein. – Und Du, Bursche, schlage einige vernünftige Bedingungen vor, und wir wollen es nicht zu genau mit Dir nehmen.« »Zuerst denn,« sagte der Flamländer, »dinge ich mir aus, vollen und freien Pardon an Leib, Leben und Gütern für mich, Wilkin Flamock, und meine Tochter Rose!« »Ein echter Flamländer,« sagte Prinz John, »er sorgt für sich selbst im ersten Artikel.« »Seine Forderung ist vernünftig,« sagte der König. – »Was zunächst?« »Sicherheit für Ehre, Leben und Länder dem Fräulein Eveline Berenger.« »Wie? Herr Schuft!« sagte der König erzürnt. »Ziemt es sich für Deinesgleichen, unserm Urteil oder unserer Gnade in Sachen der edlen normannischen Lady Vorschriften zu machen? – Beschränke Deine Fürsprache auf Leute Deiner Art; oder vielmehr gib uns das Schloß ohne längeren Aufschub, und sei versichert, daß dies das beste für die Verräter ist, jedenfalls weit besser, als ein wochenlanger Widerstand, der schließlich doch fruchtlos sein muß.« Der Flamländer stand schweigend da; er hatte keine Lust, das Schloß, ohne ausdrücklich vereinbarte Bedingungen, zu übergeben, und war doch überzeugt, daß er bei der Lage, in welcher er die Besatzung von Garde Douloureuse verlassen hatte, Evelinen den besten Dienst leisten würde, wenn er die königlichen Truppen einließe. »Mir gefällt Deine Treue, Bursche,« sagte der König, dessen scharfes Auge den Kampf in des Flamländers Brust bemerkte, »aber treibe Deine Hartnäckigkeit nicht zu weit. Haben wir nicht gesagt, wir wollen gnädig gegen jene Verbrecher verfahren, soweit unsere königliche Pflicht es erlaubt?« »Und, königlicher Vater,« sagte Prinz Johann, sich einmischend, »ich bitte Euch um die Gnade, laßt mich zuerst von Garde Douloureuse Besitz nehmen und zugleich die Strafe der verräterischen Lady bestimmen und vollziehen.« »Auch ich bitte Euch, mein königlicher Vater, Johanns Gesuch zu genehmigen,« sagte sein Bruder Richard mit spöttischem Tone. »Bedenkt, königlicher Vater, es ist das erstemal, daß er den Wunsch äußert, sich den Barrieren der Burg zu nähern, obschon wir vierzigmal zum wenigsten Sturm liefen. – Ei ja doch! Da waren Armbrust und Steinschleuder tätig, und die werden jetzt wahrscheinlich ruhig sein.« »Haltet Frieden, Richard!« sagte der König. »Eure Worte durchbohren mein Herz. – Johann, Deine Bitte sei Dir gewährt, was das Schloß anbetrifft; aber die unglückliche junge Lady wollen wir in unsere eigene Aufsicht nehmen. – Flamländer, wieviel Mann unternimmst Du, ins Schloß einzulassen?« Ehe Flamock antworten konnte, näherte sich ein Squire dem Prinzen Richard und flüsterte ihm ins Ohr, doch so, daß es alle hören konnten: »Wir haben bemerkt, daß infolge einer inneren Zwistigkeit oder aus einer anderen unbekannten Ursache sich ein großer Teil der Wachen von der Burg entfernt hat, und daß ein plötzlicher Angriff vielleicht –« »Hörst Du das, Johann?« rief Richard aus, »Leitern, Mann! – schaff Leitern herbei, und hin zur Mauer – O! wie ich mich freuen werde, dich auf der höchsten Staffel zu sehen, – Deine Kniee schlotternd – Deine Hände krampfhaft sich anklammernd, wie einer im Fieberschauer – nichts wie Luft um Dich, ein paar hölzerne Stäbe ausgenommen – der Graben unten – ein halbes Dutzend Piken an Deiner Kehle.« »Ruhig, Richard, aus Scham, wenn nicht aus Barmherzigkeit!« sagte sein Vater in einem zornigen Tone, in welchen sich jedoch auch Gram mischte. – »Und Du, Johann, mache Dich fertig zum Angriff!« »Sobald ich meine Rüstung angelegt habe,« antwortete der Prinz und ging mit bleichem Gesicht langsam hinaus. Sein Bruder lachte, als er sich entfernte, und sagte darauf zu seinem Squire: »Es wäre kein schlechter Spaß, Alberick, wenn wir das Schloß erstürmten, ehe noch John sein seidenes Wams mit einem stählernen vertauscht.« Mit diesen Worten eilte er schnell davon, und der König rief ihm mit väterlichem Schmerze nach: »Weg ist er! ach! er ist zu heiß, und sein Bruder zu kalt! doch ist sein Fehler der männlichere – Gloucester,« sagte er zu dem berühmten Grafen dieses Namens, »nehmt hinlängliche Mannschaft und folgt dem Prinzen Richard, ihn zu unterstützen. Vermag einer ihn zu zügeln, so kann es nur ein so berühmter Ritter sein wie Du. – Ach! ach! für welche Sünden verdiene ich den Schmerz, daß meine Söhne sich also befehden!« »Tröstet Euch, mein Gebieter!« sagte der Kanzler, der ebenfalls gegenwärtig war. »Sprecht nicht von Trost zu einem Vater, dessen Söhne in Zwiespalt miteinander stehen, und nur im Ungehorsam gegen ihn eins sind.« So sprach Heinrich II., der weiseste oder, allgemein genommen, glücklichste Monarch, der je auf dem Throne von England saß. Doch war sein Leben ein schlagender Beweis dafür, wie Uneinigkeit in der Familie das glänzendste Los verdüstern kann, das der Himmel je einem Sterblichen vergönnte, und wie befriedigter Ehrgeiz, ausgedehnte Macht und der höchste Ruhm in Krieg und Frieden doch nicht die Wunden zu heilen vermögen, die häuslicher Kummer schlägt. Der plötzliche und feurige Angriff Richards, der an der Spitze von ein paar Dutzend aufs Geratewohl zusammengerafften Soldaten die Mauern erstürmte, hatte den vollen Erfolg eines Ueberfalls. Nachdem sie die Mauern mit ihren Leitern erstiegen hatten, sprengten sie die Tore und ließen Gloucester hinein, der ihnen eiligst mit einem starken Heerhaufen gefolgt war. Die Garnison in diesem Zustande der Ueberraschung, Verwirrung und Uneinigkeit leistete nur geringen Widerstand; sie hätten über die Klinge springen müssen, und der Ort wäre geplündert worden, wenn nicht Heinrich selbst eingezogen wäre und durch seine persönliche Gegenwart den Ausschweifungen der zügellosen Soldaten Einhalt getan hätte. Der König selbst beobachtete, wenn man den Charakter der Zeit und seine gereizte Stimmung berücksichtigt, eine lobenswerte Mäßigung. Er begnügte sich damit, die gemeinen Soldaten zu entwaffnen und zu entlassen, und gab ihnen noch eine kleine Summe als Wegzehrung, damit Entbehrung sie nicht verleite, sich zu Räuberbanden zusammenzurotten. Strenger wurden die Offiziere behandelt, die größtenteils in den Kerker geworfen wurden, um hier den Spruch des Gesetzes abzuwarten. Vor allem war strenge Haft das Los Damians de Lacy, auf welchen Heinrich, da er den mannigfaltigen Klagen gegen ihn Glauben beimaß, so sehr erzürnt war, daß er beschloß, ihn zum warnenden Beispiel für alle falschen Ritter und pflichtvergessenen Untertanen zu machen. Der Lady Eveline Berenger wies er ihr eigenes Zimmer zum Gefängnis an, worin sie ehrenvoll von Rose und Alice bedient, doch aber mit der größten Strenge bewacht wurde. Man erzählte sich allgemein, ihr Gebiet würde als ein der Krone verfallenes Eigentum erklärt und wenigstens teilweise dem Randal de Lacy verliehen werden, der während der Belagerung so gute Dienste geleistet hatte. Sie selbst, glaubte man, sollte in einem fernen französischen Nonnenkloster eingeschlossen werden, um in voller Muße ihre Torheit und Uebereilung zu bereuen. Pater Aldrovand wurde zur Bestrafung seinem Kloster übergeben, da Heinrich sehr nachdrücklich erfahren hatte, wie unklug es sei, die Gerechtsame der Kirche zu beeinträchtigen, wiewohl der König, als er ihn zuerst in dem über seinen geistlichen Rock geschnallten rostigen Panzer erblickte, nur mit Mühe den Wunsch unterdrücken konnte, ihn über den Zinnen aufhängen zu lassen, damit er dort den Raben predige. Mit Wilkin Flammock hatte Heinrich manche Unterredung, besonders über Handel und Gewerbe, worüber der Flamländer mit seinem gesunden Kopf, wiewohl mit etwas derber Sprache, dem verständigen Monarchen recht gute Aufschlüsse zu geben wußte. »Es soll Dir nicht vergessen werden,« sagte er, »daß Du uns ins Schloß einlassen wolltest, obwohl die tollkühne Tapferkeit meines Sohnes Richard Dir zuvorgekommen ist, die manchem armen Schurken das Leben gekostet hat. – Richard ist nicht der Mann, ein Schwert ohne Blutflecken in die Scheide zu stecken. Aber Du und Deine Landsleute sollen dort zu ihren Mühlen zurückkehren, mit voller Vergebung aller ihrer Vergehungen, nur daß Ihr Euch künftig nicht mehr mit solchen verräterischen Dingen befaßt.« »Und unsere Privilegien und Dienstpflichten, mein Fürst?« sagte Flammock. »Ew. Majestät weiß wohl, wir sind Vasallen, dem Herrn dieser Burg gehörig, und müssen ihm in den Krieg folgen.« »So soll es nicht länger sein,« sagte Heinrich. »Ich will hier eine Gemeinde von Flamländern bilden, und Du, Flammock, sollst ihr Bürgermeister sein, damit Du Dich, wenn wieder mal jemand Verrat sinnt, nicht wieder mit Deiner Lehnspflicht entschuldigen kannst.« »Verrat!« sagte Flammock, der sehnlich wünschte, aber es kaum wagte, ein Wort zu Gunsten der Lady Eveline einzulegen, an der er trotz der natürlichen Kälte seines Charakters wirklich Anteil nahm. – »Ich wünsche, Ew. Gnaden wüßten nur ganz richtig und genau, wieviel Fäden zu diesem Gewebe zusammenkamen.« »Still, Bursche! – Bekümmert Euch um Euren Webstuhl!« sagte Heinrich, »lassen wir uns herab, mit Dir über Dein Handwerk zu sprechen, so halte das nicht für eine Erlaubnis, Dich weiter in unsere Vertraulichkeit einzudrängen.« So zurückgestoßen, entfernte sich der Flamländer schweigend, und das Geschick der unglücklichen Gefangenen blieb in des Königs Brust verschlossen. Er selbst nahm Wohnsitz in der Burg von Garde Douloureuse, weil dieser Ort sehr dazu geeignet war, um Streifzüge gegen die rebellischen Bauern zu unternehmen und jeden Funken, der etwa noch unter der Asche glomm, auszulöschen. Randal de Lacy war aber bei diesen Gelegenheiten so tätig, daß er täglich in des Königs Gnade zu steigen schien und mit beträchtlichen Geschenken aus den Besitzungen der Berenger und Lacy belohnt wurde, welche der König schon als verfallenes Eigentum zu behandeln schien. Viele Leute betrachteten die wachsende Gunst Randals als ein schlimmes Vorzeichen sowohl für des jungen de Lacy Leben als für das Geschick der unglücklichen Eveline. Vierzehntes Kapitel. Der Schluß des letzten Kapitels enthält die Nachrichten, die der Minstrel seinem unglücklichen Herrn, Hugo de Lacy, überbrachte. Zwar berichtete er nicht mit der Umständlichkeit, wie wir erzählt haben; aber doch enthielt sein Bericht die entsetzlichen Tatsachen, daß seine verlobte Braut und sein geliebter Verwandter, dem er so sehr vertraut hatte, sich zu seiner Schande miteinander verbunden und die Fahne der Rebellion gegen ihren rechtmäßigen Souverän erhoben hätten. Das verwegene Unternehmen sei fehlgeschlagen und dadurch das Leben wenigstens des einen in die drohendste Gefahr und das Haus de Lacy, wenn nicht augenblicklich Hilfe gefunden würde, an den Abgrund des Verderbens gebracht. Vidal beobachtete das Angesicht seines Herrn, indem er sprach, mit der scharfen Aufmerksamkeit, mit der der Wundarzt das Fortschreiten seines schneidenden Messers verfolgt. Kummer war in des Connetables Zügen – aber ohne den Ausdruck der Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die denselben gewöhnlich begleiten. – Zorn war es und Scham, aber beides von einem edlen Charakter, entstanden vielmehr durch den Treubruch und die Ehrlosigkeit seiner Braut und seines Neffen, als durch die Unannehmlichkeit und den Schaden, die er selbst durch ihr Verbrechen erlitt. Der Minstrel war so sehr erstaunt über diese Veränderung seines Betragens gegen den unverhohlenen tödlichen Schmerz, den er beim Anfang seiner Erzählung bekundet hatte, daß er zwei Schritte zurücktrat und, den Connetable anstarrend, mit Bewunderung ausrief: »Wir haben viel in Palästina von Märtyrern gehört; aber dies übertrifft sie!« »Wundre Dich nicht so sehr, guter Freund,« sagte der Connetable gelassen, »nur der erste Stoß der Lanze tut weh, nur der erste Schlag der Keule betäubt; die nachfolgenden fühlt man weniger.« »Bedenkt Mylord,« sagte Vidal: – »alles ist verloren – Liebe, Gebiet, hohe Ehrenstellen, glänzender Name – vor kurzem ein Haupt unter Edlen – jetzt ein armer Pilgrim.« »Willst du meines Elendes spotten?« sagte Hugo finster. »Freilich, hinter meinem Rücken geschieht das ja doch, warum sollte ich es also nicht ertragen, wenn es mir ins Gesicht gesagt wird? – Wisse denn, Minstrel, und setze es in ein Lied, wenn Du Lust hast, daß Hugo de Lacy, nachdem er alles verloren hat, was er nach Palästina mitnahm, und alles, was er zu Hause ließ, noch immer Herr über sich selbst geblieben ist: und Unglück kann ihn nicht mehr erschüttern als der Wind, der von der Eiche das Laub streift, nicht aber ihren Stamm von der Wurzel abreißen kann.« »Nun, bei dem Grabe meines Vaters!« rief der Minstrel hingerissen, »dieses Mannes Edelmut überwiegt meinen Entschluß!« – Und schnell zu dem Connetable tretend, ließ er sich auf ein Knie nieder und ergriff seine Hand dreister, als er sich gegenüber einem Manne von de Lacys Rang eigentlich erlauben durfte. »Hier,« sagte Vidal, »auf diese Hand, diese edle Hand, entsage ich –« Aber ehe er noch ein anderes Wort aussprechen konnte, zog Hugo de Lacy, der vielleicht dieses Benehmen als Freiheit ansah, zu der sein Mißgeschick den andern ermutigte, die Hand zurück und befahl dem Minstrel mit einer finstern Stirn, aufzustehen und zu bedenken, daß in allem Unglück ein Hugo de Lacy doch noch keinen Mummenschanz mit sich treiben ließe. Zurückgewiesen, stand Renault Vidal auf. »Ich hatte,« sagte er, »den Unterschied zwischen einem armorkanischen Geiger und einem hochgeborenen normannischen Baron vergessen. Ich dachte, daß gleiche Tiefe des Kummers, gleicher Rausch der Freude wenigstens für einen Augenblick die künstlichen Schranken wegnähmen, durch welche Menschen von Menschen getrennt sind. Aber auch so ist es gut, wie es ist. Lebt in den Grenzen Eures Ranges, wie ehedem in Eurem Gefangenenturm hinter Euren Gräben, Mylord, ungestört durch das Mitleid irgend eines so geringen Mannes wie ich, – auch ich habe meine Pflichten zu erfüllen.« »Und nun nach Garde Douloureuse!« sagte der Baron, sich zu Philipp Guarine wendend. – »Gott weiß, wie sehr mit Recht es jetzt diesen Namen führt! – Hier wollen wir mit eigenen Augen und Ohren die Wahrheit dieser schmerzlichen Nachrichten erforschen. – Steig ab, Minstrel, und gib mir Deinen Klepper. – Ich wollte, Guarine, ich hätte auch einen für Dich, – Vidal, Deine Begleitung ist weniger nötig. Ich will meinen Feinden oder meinem Mißgeschicke ins Angesicht sehen, wie ein Mann. Dessen sei versichert, Geiger; und blicke nicht so düster, Mensch! – Ich werde keinen vergessen, der mir anhing!« »Einer von ihnen wird mindestens Euer nicht vergessen, Mylord!« erwiderte der Minstrel mit seinem gewöhnlichen zweideutigen Blick und Ausdruck. Aber eben als der Connetable im Begriff war, sein Pferd anzuspornen, erschienen zwei Personen auf dem Pfade, beide auf einem Pferde. Durch niedriges Gesträuch verdeckt, waren sie ziemlich nahe gekommen, ohne bemerkt zu werden. Es war ein Mann und eine Frau. Der Mann, der vorn auf dem Pferde saß, war ein solches Bild des Hungers, wie die Pilger kaum in all den verwüsteten Ländern erblickten, die sie durchzogen hatten. Sein Gesicht, von Natur spitz und dünn, verschwand beinahe hinter dem ungekämmten Bart und Haar, womit es überdeckt war; und nur das Schimmern einer langen Nase, die so scharf wie die Schneide eines Messers schien, und das Blinzeln der grauen Augen gab eine Andeutung von seinen Gesichtszügen. Seine Beine in den weiten, alten Stiefeln, die sie umgaben, erschienen wie der Stiel eines Besens, der in einem Wascheimer stecken geblieben ist. – Seine Arme waren ungefähr so dick wie eine Reitgerte – und die Teile seines Körpers, die nicht in die Lappen eines Jägerkleides gehüllt waren, schienen mehr einer Mumie, als einem Lebenden zu gehören. Die Frau, welche hinter diesem Gespenste saß, zeigte ebenfalls einige Spuren von Verfall. Aber da sie von Natur eine stramme hübsche Frau war, so war der Hunger noch nicht imstande gewesen, sie zu einem wichen jammervollen Schauspiel zu machen wie das Gerippe, hinter dem sie saß. Dame Gillians Wange – denn es war des Lesers alte Bekanntschaft – hatte die Rosenfarbe der guten Pflege und die Glätte verloren, die Kunst und gemächliches Leben ihr noch zuletzt statt der zarteren Jugendblüte verliehen hatte. Ihre Augen waren eingesunken und hatten vieles von ihrem kecken und schelmischen Glanz eingebüßt. Aber sie war doch immer gewissermaßen sie selbst; und die Ueberbleibsel früherer Zierlichkeit, zugleich mit den enganliegenden, obgleich schmutzigen Strümpfen, zeigten noch immer einen Ueberrest von Koketterie. Sobald sie der Pilger ansichtig wurde, stieß sie den Raoul mit der Reitgerte. »Versuche Dein neues Gewerbe, Mann! da Du ja zu einem andern nicht taugst – Hem! – zu den guten Leuten da! hin zu ihnen! – sprich sie um Barmherzigkeit an.« »Bei Bettlern betteln?« murmelte Raoul, »das hieße mit Falken Sperlinge jagen, Frau!« »Wenigstens bleibt unsere Hand in Bewegung,« sagte Gillian, und begann in einem weinerlichen Tone: »Gott sei Euch gnädig, liebe heilige Männer, die Ihr durch seine Gnade nach dem heiligen Lande wandern und, was noch mehr ist, auch wieder heimkehren durftet. Ich bitte Euch, spendet etwas von Euren Almosen meinem armen alten Mann, der eine elende Kreatur ist, wie Ihr seht, und einer, die das Unglück hat, seine Frau zu sein! – Der Himmel helfe mir!« »Schweigt, Weib, und hört, was ich Euch sagen werde,« sagte der Connetable und legte seine Hand an den Zügel seines Pferdes. – »Ich habe jetzt dieses Pferd nötig und –« »Beim Jagdhorn des heiligen Hubert! Du kriegst es nicht ohne Püffe,« antwortete der alte Jäger. »Das ist mir eine schöne Welt, wo Pilger Pferdediebe werden.« »Still doch, Bursche,« sagte der Connetable. »Ich sage Dir, ich habe jetzt den Dienst der Mähre nötig. Hier sind zwei goldene Byzantiner, wenn Du mir das Tier einen Tag zum Gebrauch überläßt. Sein ganzer Wert wäre wohl mit der Hälfte bezahlt, bekämst Du es auch nie wieder.« »Aber der Klepper ist mein alter Bekannter, Ihr Herren!« sagte Raoul, »und wenn vielleicht –« »Schweig mit Deinem Wenn und Vielleicht,« sagte die Dame, und gab dabei ihrem Manne einen so kräftigen Stoß, daß er bald aus dem Sattel gefallen wäre. »Hinunter vom Pferde! und danke Gott und diesem würdigen Manne für die Hilfe, die er uns in unserer Not verleiht. Was nützt uns der Klepper, wenn wir nichts haben, um Futter für ihn und für uns zu schaffen; selbst dann nicht, wenn wir Gras und Hafer mit ihm essen wollten, wie der König Ungenannt, von dem uns der gute Pater zur Nacht vorzulesen pflegte.« »Halte ein mit Deinem Geschwätz, Frau,« sagte Raoul und wollte ihr aus dem Sattel helfen. Aber sie zog Guarines Beistand vor, der obwohl schon bei Jahren, doch immer den Vorteil einer rüstigen kriegerischen Gestalt hatte. »Ich danke ergebenst für Eure Güte,« sagte sie, als der Squire sie nach einem Kusse auf die Erde setzte. – »Und ich bitte Euch, Herr, Ihr kommt aus dem heiligen Lande? Ist Euch da nicht eine Kunde von einem Connetable von Chester zu Ohren gekommen?« De Lacy, der sich eben damit beschäftigte, das Reitkissen hinter dem Sattel wegzunehmen, hielt plötzlich in seinem Geschäft inne und sagte: »Ha! Frau! was wollt Ihr mit ihm?« »Recht viel, guter Pilger, wenn ich ihn nur antreffen könnte, denn seine Länder und Würden sollen, wie es aussieht, an den falschen Dieb, seinen Verwandten vergeben werden.« »Wie? an Damian, seinen Neffen?« rief der Connetable schnell und hastig aus. »Gott, wie Ihr mich erschreckt, Sir,« sagte Gillian und fuhr, zu Philipp Guarine sich wendend, fort, »Euer Freund ist ein heftiger Mann, wie es scheint.« »Daran ist die Sonne schuld, unter der er so lange gelebt hat,« sagte der Squire. »Aber seht wohl zu, daß Ihr seine Fragen richtig beantwortet, und er wird Euch um so mehr belohnen.« Gillian ging sogleich auf den Wink ein. »War es nicht Damian de Lacy, nach dem Ihr fragtet? – Ach! der arme junge Mann! Keine Würden, keine Länder gibt's für ihn – viel wahrscheinlicher ist's, daß er einen Platz am Galgen erhält, der arme Junge – und alles für nichts, so wahr ich ein ehrliches Weib bin. – Damian! – nein, nein, es ist nicht Damian, noch die Dame, keiner von beiden – sondern Randal de Lacy, der hat den Braten, der erhält des alten Mannes Länder und Einkünfte und Herrschaften.« »Was?« sagte der Connetable, »ehe sie wissen, ob der alte Mann tot ist oder nicht? – Mich dünkt, das wäre beides gegen Gesetz und Vernunft.« »Ja, aber Randal Lacy hat noch viel unglaublichere Dinge zustande gebracht. Seht nur er hat es dem König geschworen, er habe sichere Nachrichten vom Tode des Connetable. Ja, seid unbesorgt, er wird die Nachricht schon wahr machen, wenn ihm der Connetable einmal in die Hände fällt.« »Wirklich?« sagte der Connetable. »Doch Ihr schmiedet da Lügen über einen Edelmann. Kommt, Frau, kommt, Ihr sagt das, weil Ihr Randal de Lacy nicht leiden könnt.« »Ihn nicht leiden! Und was habe ich nur für Ursache, ihn zu leiden, frage ich? – Darum, weil er meine Einfalt verführt hat, ihm Eingang ins Schloß von Garde Douloureuse zu verschaffen – ein, zweimal, ja noch öfter – wenn er als Krämer verkleidet kam und ich ihm alle Geheimnisse der Familie erzählte, und wie der Knabe Damian und das Mädchen Eveline aus Liebe zueinander stürben, aber nicht den Mut hätten, ein Wort davon fallen zu lassen, aus Furcht vor dem Connetable, wiewohl er tausend Meilen entfernt war? – Ihr scheint Euch nicht wohl zu befinden, würdiger Herr. – Kann ich Ew. Hochwürden einen kleinen Schluck aus meiner Flasche anbieten; es ist ein Universalmittel gegen Herzzittern und Kopfkrämpfe?« »Nein, nein!« rief de Lacy. »Es war nur der Schmerz einer alten Wunde. Aber Frau, ich kann's mir wohl denken, dieser Damian und Eveline, wie Ihr sie nennt, wurden mit der Zeit vertrautere Freunde?« »Die – nein, die wahrhaftig nicht, die armen einfältigen Seelen. – Es fehlte ihnen an einem klugen Ratgeber, der zwischen sie trat und ihnen Anweisungen gab. Denn seht nur, Herr, wenn der alte Hugo tot ist, was wohl der Fall sein wird, So wäre es doch natürlicher, daß seine Braut und sein Neffe seine Besitzungen erbten, als eben jener Randal, der nur ein entfernter Verwandter und ein meineidiger Schuft obendrein ist. Könnt Ihr es Euch denken, ehrwürdiger Pilger, nach den Bergen von Gold, die er mir versprochen hat – als die Burg eingenommen war, und er sah, daß ich ihm nichts weiter nützen könnte, da nannte er mich eine alte Hexe und drohte mir mit dem Büttel und dem Tauchschemel. Ja, ehrwürdiger Herr, Büttel und Tauchschemel, das waren seine schönsten Worte, als er sah, daß ich niemand mehr hatte, der sich meiner annahm, als der alte Raoul, der sich seiner selbst nicht annehmen kann. Aber wenn der grimmige alte Hugo noch sein altes Gerippe aus Palästina zurückbringt und nur halb den Teufel in sich hat, wie früher, als er Narr genug war, davon zu gehen, heilige Maria! da will ich seinem Verwandten einen guten Dienst tun!« Eine Pause erfolgte, nachdem sie gesprochen hatte. »Du sagst,« rief endlich der Connetable aus, »daß Damian de Lacy und Eveline einander lieben, aber sich keiner Schuld bewußt sind, keiner Falschheit oder Undankbarkeit gegen mich – ich wollte sagen gegen ihren Verwandten in Palästina?« »Lieben, Sir – in Wahrheit, so ist es – sie lieben einander,« sagte Gillian, »aber wie die Engel oder wie die Lämmer – oder wie die Narren, wenn Ihr wollt! Denn sie würden selbst nicht ein einzigesmal miteinander gesprochen haben, wäre es nicht durch einen Schelmenstreich eben des Randal de Lacy geschehen.« »Wie,« fragte der Connetable, »durch einen Schelmenstreich Randals? Und was für einen Grund hatte er, beide zusammenzubringen?« »Ei, ihre Zusammenkunft war ganz und gar nicht seine Absicht. Er hatte den Plan gehabt, Lady Eveline selbst zu entführen; denn er war ein wilder Wüstling, dieser Randal, und so kam er verkleidet als Falkenjäger – und schleppte meinen alten, stupiden Raoul und Lady Eveline und uns alle hinaus zu einer Reiherbeize. Aber er hatte eine Rotte welscher Habichte in Bereitschaft, auf uns zu stoßen; und hätte sich nicht Damian plötzlich aufgemacht, uns zu befreien, so läßt's sich nicht beschreiben, was aus uns geworden wäre; und da Damian bei dem Angriff schwer verwundet wurde, so mußte er wohl oder übel nach Garde Douloureuse gebracht werden; und wäre es nicht geschehen, um sein Leben zu retten, so ist es mein fester Glaube, Mylady hätte ihn nie ersucht, über die Zugbrücke zu kommen, selbst wenn er sich dazu angeboten hätte.« »Weib!« sagte der Connetable, »besinne Dich, was Du sagst. Wenn Du selbst zuvor in dieser Sache Böses angestiftet hast, wie ich aus Deiner eigenen Erzählung entnehme, so denke nicht, es durch neue Lügen wieder gut zu machen, bloß aus Aerger, daß Dir der Lohn entgangen ist.« »Pilger,« sagte Raoul, mit seiner klanglosen Stimme, »ich bin gewohnt, das Geschäft der Zeitungsträgerei meiner Frau Gillian zu überlassen, die mit jedem Zankmaul in der Christenheit um die Wette schwatzen kann. Aber Du sprichst wie einer, der großen Anteil an diesen Geschichten nimmt, und so will ich Dir ganz offen sagen, daß dieses Weib ihre eigene Schande offenbart, indem sie ihr Einverständnis mit Randal de Lacy gesteht. Aber was sie gesagt hat, ist wahr, wie das Evangelium! und wäre es mein letztes Wort, so wollte ich's sagen, daß Damian und Lady Eveline unschuldig an allem Verrat und aller Schandbarkeit sind, wie neugeborene Kinder. – Aber was hilft's, was unseresgleichen davon sagt, wir, die wir hinausgetrieben sind – und unsere Notdurft erbetteln müssen, nachdem wir in einem so guten Hause gelebt haben und in eines so guten Herrn Diensten standen? – Gottes Segen sei mit ihm!« »Aber sagt mir,« fuhr der Connetable fort, »sind nicht andere alter Diener des Hauses zurückgeblieben, die alles das eben so gut aussagen können wie Ihr?« »Hem!« antwortete der Jäger, »die Menschen sind nicht sehr willig zu plaudern, wenn Randal de Lacy seine Peitsche über ihren Kopf knallen läßt. – Viele sind erschlagen worden oder verhungert – einige abgeschafft – einige verschwunden. – Aber da ist der Weber Flammock und seine Tochter Rose, die eben so viel wie wir von dem Handel wissen.« »Wie? Wilkin Flammock? der wackere Niederländer?« sagte der, Connetable, »er und seine etwas vorlaute, doch treue Tochter Rose? – Ich gebe mein Leben für ihre Wahrhaftigkeit! – Wo halten sie sich auf? – Was ist unter all diesen Vorgängen ihr Schicksal gewesen?« »Und um Gottes willen, wer seid Ihr, der diese Fragen tut?« sagte Dame Gillian. »Mann, Mann – wir sind zu frei gewesen. Es ist etwas in diesem Blick und diesem Tone, dessen ich mich erinnern sollte!« »Ja, seht mich noch schärfer an!« sagte der Connetable, und warf den Hut ab, der bisher sein Gesicht verdunkelt hatte. »Auf Eure Knie, auf Eure Knie, Raoul,« rief Gillian aus, und sank zugleich auf die ihrigen. – »Es ist der Connetable selbst, und er hat gehört, daß ich ihn den alten Hugo genannt habe!« »Es ist wenigstens alles, was von dem Connetable übrig geblieben ist,« erwiderte de Lacy, »und gerne verzeiht der alte Hugo Eure Dreistigkeit, Eurer guten Nachrichten wegen. – Wo befinden sich Flammock und seine Tochter?« »Rose ist bei Lady Eveline,« sagte Dame Gillian. »Ihre Herrlichkeit wählten sie statt meiner zur Kammerfrau, obwohl Rose nie imstande war, auch nur eine holländische Puppe anzuziehen.« »Das treue Mädchen!« rief der Connetable, »und wo ist Flammock?« »O, was den anbetrifft, der hat Verzeihung und Gnade gefunden,« sagte Raoul, »er ist mit seinen Webern in seinem eigenen Hause, nahe der Schlachtbrücke, wie man jetzt den Ort nennt, wo Eure Herrlichkeit die Walliser schlugen.« »So will ich denn dahin!« sagte der Connetable, »und dann wollen wir sehen, was für einen Willkommen König Heinrich von Anjou für einen alten Diener hat. – Ihr beide müßt mich begleiten.« »Mylord,« sagte Gillian mit Stottern, »Ihr wißt, arme Leute haben schlechten Dank davon, wenn sie sich in großer Herren Sachen mischen. Ich bin überzeugt, Ew. Herrlichkeit sind imstande, uns zu schützen, wenn wir die Wahrheit gesagt haben, und werden auch mir verzeihen, was ich getan habe, da es durchaus nicht in böser Absicht geschah.« »Stille, Frau! und schämt Euch!« sagte Raoul. »Wollt Ihr an Euren eigenen alten sündigen Leichnam denken, wenn Ihr Eure süße junge Gebieterin von Schande und Unterdrückung retten sollt? – Und was Deine böse Zunge betrifft und Deine schlechten Streiche, so weiß Sr. Herrlichkeit, daß sie Dir angewachsen sind.« »Stille, guter Bursch,« sagte der Connetable, »wir wollen nicht auf Deines Weibes Irrtümer zurücksehen, und Eure Treue soll belohnt werden. – Ihr aber, meine treuen Begleiter,« sagte er und wandte sich zu Guarine und Vidal, »wenn de Lacy wieder in seine Rechte eingesetzt ist, woran er nicht zweifelt, so soll sein erster Wunsch sein, Eure Treue zu belohnen.« »Die meinige, so wie sie ist, war und wird ihre eigene Belohnung sein,« sagte Vidal. »Ich will von dem nicht Gunstbezeugungen im Glücke verlangen, der im Unglück mir seine Hand verweigerte. – Unsere Rechnung ist noch nicht abgeschlossen,« »Geh nur, Du bist ein Narr! Aber Dein Gewerbe hat das Vorrecht, launenhaft zu sein,« sagte der Connetable, dessen von Sturm und Wetter mitgenommene, etwas harte Gesichtszüge fast schön werden konnten, wenn Dankbarkeit gegen den Himmel und Wohlwollen gegen die Menschen sie belebte. – »Wir wollen,« sagte er, »bei der Schlachtbrücke wieder zusammentreffen, eine Stunde vor Sonnenuntergang. – Ich muß bis dahin noch vieles verrichtet haben.« »Die Zeit ist kurz,« sagte sein Knappe. »Ich gewann eine Schlacht in kürzerer,« erwiderte der Connetable. »Und in ebenso kurzer,« sagte der Minstrel, »fand mancher Mann, der sich des Lebens und des Sieges gewiß hielt, den Tod.« »Ebenso soll mein gefährlicher Vetter Randal alle seine ehrgeizigen Plane vernichtet sehen,« antwortete der Connetable und ritt vorwärts, begleitet von Raoul und seiner Frau, die wieder ihren Klepper bestiegen hatten, während der Minstrel und der Squire Zu Fuß folgten. Fünfzehntes Kapitel. Von ihrem Gebieter zurückgelassen, wanderten die beiden Diener Hugo de Lacys in mürrischem Stillschweigen weiter, wie Menschen, die sich nicht leiden können und einander mißtrauen, obgleich zu gemeinschaftlichen Dienst miteinander verbunden und daher von gleichen Hoffnungen und Befürchtungen erfüllt. Der Widerwille war in der Tat hauptsächlich auf Guarines Seite; denn dem Renault Vidal konnte nichts gleichgiltiger sein, als sein Gefährte, wenn er sich auch bewußt war, daß Philipp ihn nicht liebe und wahrscheinlich, soweit es in seiner Macht lag, einige Pläne, die ihm nahe am Herzen lagen, gern durchkreuzt hätte. Er kümmerte sich wenig um seinen Gefährten, sondern brummte so für sich, als wolle er sein Gedächtnis üben, einige Romanzen und Lieder her, wovon mehrere in einer Sprache verfaßt waren, die Guarine, der nur ein Ohr für sein Normännisches hatte, nicht verstand. Auf diese verdrießliche Art waren sie fast zwei Stunden gewandert, als ihnen ein Reitknecht zu Pferde entgegenkam, der einen gesattelten Klepper am Zügel führte. »Pilger!« sagte der Mann, nachdem er sie aufmerksam betrachtet hatte, »wer von Euch heißt Philipp Guarine?« »Ich, in Ermangelung eines bessern,« sagte der Squire. »In diesem Falle empfiehlt sich Euch Euer Herr,« sagte der Reitknecht, »und schickt Euch dieses Zeichen, woran Ihr erkennen sollt, daß ich wirklich sein Bote bin,« damit zeigte er dem Squire einen Rosenkranz, welchen Guarine sogleich für den des Connetables erkannte. »Ich erkenne das Zeichen,« sagte er, »sage mir meines Herrn Befehl.« »Er gebot mir. Euch zu sagen, daß sein Unternehmen geglückt sei und er noch diesen Abend um Sonnenuntergang im Besitz seines Eigentums zu sein hofft. Er verlangt daher, Ihr sollt diesen Zelter besteigen und mit mir nach Garde Douloureuse kommen, weil Eure Gegenwart dort nötig ist.« »Sehr wohl, und ich gehorche ihm,« sagte der Knappe, gar sehr über den Inhalt der Botschaft erfreut, und gar nicht unzufrieden, sich von seinem Reisegefährten trennen zu müssen. »Und welchen Auftrag habt Ihr für mich?« fragte der Minstrel den Boten. »Wenn Ihr, wie ich vermute, der Minstrel Renault Vidal seid, so sollt Ihr Euren Herrn bei der Schlachtbrücke erwarten, nach dem schon früher erteilten Befehl.« »Ich werde dort mit ihm zusammentreffen, nach Pflicht und Schuldigkeit,« war Vidals Antwort. Aber er hatte es kaum ausgesagt, als schon die beiden Pferde ihm den Rücken zukehrten, davonsprengten und ihm bald aus dem Gesicht kamen. Es war vier Uhr nachmittags. Schon sank die Sonne, doch blieben noch drei Stunden Zeit bis zur bestimmten Zusammenkunft, und die Brücke war jetzt nicht über vierhundert englische Meilen entfernt. Vidal begab sich daher, entweder um auszuruhen – oder seinen Gedanken nachzuhängen, von dem Wege in ein Gebüsch zur linken Hand, aus dem das Wasser eines Flüßchens hervorrieselte, das von einer Quelle zwischen den Bäumen gespeist wurde. Hier setzte sich der Reisende nieder, und scheinbar nicht wissend, was er tun sollte, beugte er sich über die kleine perlende Quelle länger als eine halbe Stunde, ohne die Stellung zu verändern, so daß er zur Zeit der Heiden wohl die Bildsäule eines Wassergottes hätte vorstellen können, der sich über sein Becken beugt und aufmerksam darauf achtet, daß ihm Wasser reichlich entströme. Endlich aber schien er aus diesem Zustande des tiefen Nachdenkens zu erwachen, richtete sich auf und nahm etwas grobe Nahrung aus seiner Pilgertasche, als ob er sich plötzlich erinnerte, daß Speise und Trank nötig seien, das Leben zu erhalten. Aber es lag ihm wahrscheinlich etwas auf dem Herzen, das ihm die Gurgel zuschnürte oder den Appetit nahm. Nach einem vergeblichen Versuch, einen Bissen herunterzuschlucken, warf er ihn mit Ekel von sich, und wandte sich lieber zu einer kleinen umflochtenen Flasche, die etwas Wein oder ein anderes geistiges Getränk enthielt. Aber auch diese schien ihm widerlich zu sein, denn er schleuderte beides, Tasche und Fläschchen, von sich, bückte sich zur Quelle tat einen tiefen Zug aus dem reinen Element, badete darin Hände und Gesicht, und dadurch scheinbar erfrischt, begab er sich wieder auf den Weg, sang im Gehen, aber in melancholischem Tone, wilde Bruchstücke aus einer alten Poesie in einer gleichfalls veralteten Sprache. Auf diese trübe Weise seinen Weg fortsetzend, bekam er endlich die Schlachtbrücke zu Gesicht, neben der in stolzer, düsterer Kraft die berühmte Burg von Garde Douloureuse sich erhob. »Hier also,« sagte er, »hier also soll ich den stolzen de Lacy erwarten. Sei es so in Gottes Namen – er soll mich besser kennen lernen, ehe wir uns trennen!« So sprach er, maß mit langen, entschlossenen Schritten die Brücke und bestieg eine Anhöhe, die in einiger Entfernung sich auf der andern Seite erhob. Er betrachtete eine Zeitlang das Schauspiel unter sich: der schöne Fluß, geschmückt mit den Farben des westlichen Himmels – die Bäume im herbstlich bunten Laube – und die finstern Mauern und Türme der Burg, von der zuweilen ein Schimmer herabblitzte, wie die Waffen einer Schildwache, vom Strahl der untergehenden Sonne getroffen. Die Gesichtszüge des Minstrels, die bisher düster und unruhig gewesen waren, schienen durch die Ruhe seiner Umgebung besänftigt. Er warf sein Pilgergewand zurück, so daß die dunklen Falten desselben nur wie ein Mantel um ihn hingen, unter dem der Waffenrock des Minstrels sich zeigte. Er nahm die Laute von seiner Seite (eine kleine Art von Geige mit einem Rade), spielte erst eine und die andere welsche Weise und endlich ein Lied, von dem wir einige Bruchstücke; wörtlich aus der alten Sprache übersetzt, in der es gesungen wurde, mitteilen können. »Ich fragte meine Harfe: Wer hat beschimpft deine Saiten? Da sprach sie: Der Finger, der krumme, den ich verspottet im Ton. Es krümmt sich die Klinge von Silber; die Klinge von Stahl aber dauert. Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus. Der süße Geschmack von Met entflieht den Lippen; Aber lange zernagt sie der Saft des Wermuts. Das Lamm, man bringt's zur Schlachtbank; der Wolf schweift auf dem Gebirge. Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus. Ich fragte das Eisen, das rot auf dem Ambos glühte: Warum glühst du länger als der Feuerbrand? Mich gebar der finstre Schacht, den Brand der grünende Wald! Liebe schwindet dahin; aber Rache hält ans. Ich fragte die grünende Eiche: Was gleichen deine Zweige dem Geweihe des Hirsches? Und sie zeigt an der Wurzel den kleinen nagenden Wurm. Der Bube, der Geißel gedenkend, eröffnet das Pförtchen des Schlosses zur Nachtzeit. Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus. Blitze zerstören Tempel, dringt gleich deren Spitze durch Wolken. Stürme zerstören Flotten, deren Segel leicht auffangen den günstigen Wind. Er in der Mitte des Ruhms fällt durch den kraftlosen Feind. Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus«. Noch mehr solcher wilden Bilder wurden hingeworfen, deren jedes, wiewohl wunderlich und entfernt, doch in Beziehung zu dem Thema stand, das wie ein Kehrreim am Schlusse jeder Stanze wiederholt ward. So glich diese Poesie einem Musikstücke, das nach wiederholten Abschweifungen durch Phantasie und Variationen immer von neuem zu der einfachen Melodie zurückkehrte, wovon jene nur die Verzierungen waren. Während der Minstrel sang, waren seine Augen auf die Brücke und die nächste Umgebung geheftet; aber als er an dem Schlusse des Gesanges seine Augen gegen die entfernten Türme von Garde Douloureuse erhob, sah er, daß die Tore geöffnet waren und Wachen und Diener an den Barrieren aufgestellt wurden, als ob sogleich etwas vor sich gehen oder eine Person von Wichtigkeit erscheinen sollte. Als er zu gleicher Zeit die Augen umherwarf, so bemerkte er, daß die Landschaft, die erst so einsam war, als er sich auf dem grauen Steine niedergelassen hatte, von dem aus er sie überschaute, sich mit Gestalten füllte. Wahrend seiner Träumereien hatten viele Leute allein und in Gruppen, Männer, Weiber, Kinder sich an beiden Seiten des Flusses versammelt und verweilten da, als ob sie irgend ein Schauspiel erwarteten. Auch gab es einen Aufstand bei den flamländischen Mühlen, die er, wiewohl in einiger Entfernung, ganz genau sehen konnte. Es schien sich hier ein Zug in Ordnung zu stellen, der auch bald mit Pfeifen und Handtrommeln und andern musikalischen Instrumenten sich in Bewegung setzte und wohlgeordnet sich dem Platze näherte, wo Vidal saß. Aber was da auch vor sich gehen mochte, es schien alles einen friedlichen Charakter zu haben. Denn die graubärtigen alten Männer der Niederlassung in ihrer anständigen Bauernkleidung, folgten den ländlichen Musikanten, drei oder vier zusammengehend, auf ihre Stäbe gestützt, und die Bewegung des ganzen Zuges durch ihre abgemessene Gangart regelnd. Hinter diesen Vätern der Niederlassung ritt Wilkin Flammock auf seinem mächtigem Streitroß in vollkommener Rüstung, doch mit unbedecktem Haupte, wie ein Vasall, der sich zum Kriegsdienste für seinen Herrn angeschickt hat. Ihm folgten, und zwar in Schlachtordnung, die jungen Männer der kleinen Kolonie, dreißig an der Zahl, wohl bewaffnet und gut gekleidet, deren starke Gliedmaßen sowohl als ihre blanke glänzende Rüstung eine gewisse Festigkeit und Zucht andeuteten, obwohl ihnen der feurige Blick der französischen Krieger fehlte oder die Miene trotziger Herausforderung, die dem Engländer eigen ist. Sodann kamen die Mütter und Mädchen der Kolonie; dann folgten die Kinder; endlich als Nachtrab kamen die jungen Leute von vierzehn bis Zwanzig Jahren, bewaffnet mit leichten Lanzen, Bogen und ähnlichen, für ihr Alter schicklichen Waffen. Dieser Zug umschritt den Fuß der Anhöhe, auf der der Minstrel saß, ging dann langsam und geordnet über die Brücke und stellte sich zu einem Spalier auf, als gelte es, eine Person von Wichtigkeit zu empfangen oder einer Feierlichkeit beizuwohnen, Flammock hielt an dem äußersten Ende des so gebildeten Durchganges und beschäftigte sich ruhig, aber eifrig mit allerlei Anordnungen und Vorbereitungen, Indessen kamen aus den verschiedenen Gegenden Müßiggänger zusammen, wie es schien durch bloße Neugier herbeigerufen, und bildeten ein buntes Gedränge an dem nach dem Schlosse zu gelegenen Ende der Brücke. Zwei englische Bauern gingen ganz dicht an dem Stein, wo Vidal saß, vorüber. »Willst Du uns ein Lied singen, Minstrel,« sagte einer von ihnen, »hier ist ein Kopfstück für Dich!« und warf ihm eine kleine Silbermünze in den Hut. »Ich habe ein Gelübde getan,« sagte der Minstrel, »und kann die fröhliche Kunst jetzt nicht ausüben.« »Oder Ihr seid zu stolz, englischen Bauern was vorzuspielen,« sagte der ältere Landmann, »denn Eure Aussprache klingt normannisch,« »Behalte dennoch das Stück Geld,« sagte der Jüngere. »Mag der Pilger empfangen, was der Minstrel zu verdienen verschmäht.« »Ich bitte Euch, guter Freund, verschont mich mit Eurer Gabe,« sagte Vidal, »ich bedarf ihrer nicht. Statt dessen habt die Güte, mir mitzuteilen, was hier eigentlich vor sich gehen soll.« »Wie? Wißt Ihr nicht, daß wir unsern Connetable de Lacy wiederhaben, und daß er die flamländischen Weber jetzt mit all den schönen Dingen, die Heinrich von Anjou ihnen verliehen, feierlich belehnen wird? – Wäre Heinrich der Bekenner noch am Leben, um den niederländischen Schuften ihren Lohn zu erteilen, so wäre es ein Stückchen vom Galgen gewesen. Aber komm, Nachbar, sonst geht uns das Schauspiel verloren.« – Mit diesen Worten eilten sie den Hügel hinab. Vidal richtete seine Augen auf die Tore des Schlosses. Fahnen wurden entfaltet und Reiterei aufgestellt. Obwohl Vidal das aus der Entfernung nur undeutlich erkennen konnte, so ersah er daraus doch, daß jemand von Bedeutung an der Spitze einer ansehnlichen kriegerischen Begleitung aufzubrechen im Begriff stand. Entfernte Trompetenstöße, die an sein Ohr schlugen, schienen dasselbe anzudeuten. Jetzt merkte er schon an dem Staube, der sich wie Säulen zwischen der Burg und der Brücke erhob, wie auch an dem näherkommenden Klang der Blasinstrumente, daß die Schar herangeritten kam. Vidal seinerseits schien noch unentschlossen, ob er seinen jetzigen Platz, von wo aus er alles, obwohl etwas entfernt, überschauen konnte, innehalten, oder ob er sich in das Gedränge mischen sollte, das jetzt an jeder Seite der Brücke herrschte, ausgenommen da, wo der Durchgang durch die bewaffneten, in Reihe aufgestellten Flamländer offen gehalten wurde. Ein Mönch eilte an Vidal vorüber, und auf dessen wiederholte Frage nach der Ursache dieser Zusammenkunft, antwortete er in einem murmelnden Tone unter seiner Kapuze hervor, es wäre der Connetable de Lacy, der nun die erste Handlung seiner wiedererlangten Würde ausüben und den Flamländern den königlichen Gnadenbrief über ihre Freiheiten übergeben werde. »Er beeilt sich recht sehr, wie es scheint, seine Würde auszuüben,« sagte der Minstrel. »Wer nur soeben ein Schwert erhalten hat, ist ungeduldig, es zu ziehen,« erwiderte der Mönch, der noch mehr hinzusetzte, was aber der Minstrel nicht ganz verstand; denn Pater Aldrovand hatte die vier Vorderzähne noch nicht ersetzt, die er bei der Belagerung verloren. Vidal glaubte indessen zu verstehen, daß jener den Connetable hier sprechen und um dessen Fürsprache zu seinen Gunsten bitten wolle. »Auch ich will ihn sprechen,« sagte Renault Vidal und erhob sich plötzlich von dem Steine, auf dem er saß. »So folgt mir,« murmelte der Priester, »die Flamländer kennen mich und werden mich durchlassen.« Aber Pater Aldrovand war in Ungnade, sein Einfluß war also nicht so mächtig, als er sich geschmeichelt hatte; er sowohl, als der Minstrel wurden in dem Gedränge hin und her gestoßen und voneinander getrennt. Vidal wurde jedoch von den englischen Landleuten wiedererkannt, die kurz zuvor mit ihm gesprochen hatten. »Kannst Du einige Taschenspielerstückchen machen, Minstrel?« sagte der eine. »Du könntest hier eine reiche Ernte haben, denn unsere normannischen Herren lieben die Gaukler.« »Ich kann nur eins,« sagte Vidal, »und das will Euch zeigen, wenn Ihr mir ein wenig Platz machen wollt.« Sie traten ein wenig zurück und ließen ihm Zeit, seine Mütze abzuwerfen, Beine und Knie zu entblößen, indem er die ledernen Halbstiefel, die sie einhüllten, abzog und nur die Sandalen anbehielt. Dann wand er ein dunkles Tuch um die braune, sonnenverbrannte Stirn und sein Oberkleid abschleudernd, zeigte er seine fleischigen, muskulösen Arme, nackt bis zur Schulter. Aber während sich die Leute um ihn her an diesen Vorbereitungen belustigten, entstand eine lautere Bewegung unter der Menge. Zugleich ertönten die Trompeten näher, beantwortet von allen Instrumenten der Flamländer, wie auch von Jubelrufen in normannischer und englischer Sprache: »Lange lebe der tapfere Connetable! Unsere Frau für den kühnen de Lacy!« – alles verkündigte, daß der Connetable ganz nahe sei. Vidal bemühte sich energisch, sich dem Führer des Zuges zu nähern, dessen Helm mit den hohen Federn und dessen rechte Hand mit dem Kommandostab ihm allein sichtbar waren, weil ihn Offiziere und Bewaffnete dicht umdrängten. Endlich gelang es ihm soweit, daß er nur etwa zehn Fuß noch von dem Connetable entfernt war. Dieser befand sich jetzt in einem kleinen Kreise, den man nur mit Mühe frei hielt. Er kehrte dabei dem Minstrel den Rücken zu, und eben beugte er sich vom Pferde nieder, um den königlichen Gnadenbrief Wilkin Flammock zu überreichen, der sich auf ein Knie niedergelassen hatte, ihn um so ehrfurchtsvoller entgegenzunehmen. Die Haltung des Flamländers nötigte dabei den Connetable, sich so tief zu bücken, daß der Federbusch seines Helms sich fast mit der Mähne seines edlen Streitrosses zu vermischen schien. Im selben Augenblick sprang Vidal mit außerordentlicher Gewandtheit über die Köpfe der Flamländer, die den Kreis schlossen, hinweg, und ehe ein Auge blinzeln konnte, faßte sein rechtes Knie Halt auf dem Hinterteil des Pferdes, seine linke Hand packte de Lacy beim Kragen, und sich wie der Tiger nach dem Sprunge an seine Beute klammernd, zog er einen kurzen scharfen Dolch und stieß ihn dem Connetable hinten in den Nacken, da wo das Rückgrat und Gehirn ineinander übergehen. Der Stoß wurde mit der größten Treffsicherheit und mit gewaltiger Kraft geführt. Der Unglückliche sank aus dem Sattel, ohne zu zucken oder zu stöhnen, wie der Stier im Amphitheater unter dem Stahl des Toreadors; in seinem Sattel aber saß sein Mörder, schwang den blutigen Dolch und trieb das Roß zur Flucht an. Es war wirklich die Möglichkeit vorhanden, daß die Flucht gelingen konnte, so regungslos, wie vom Schlage getroffen, standen im ersten Augenblicke alle Umstehenden da, durch die Schnelligkeit und Kühnheit der Tat erstarrt; aber den stämmigen Vater Rosas verließ die Geistesgegenwart nicht. Er ergriff das Pferd beim Zügel, und mit Hilfe der andern, die nun durch sein Beispiel aus der Erstarrung gerissen wurden, nahm er den Reiter gefangen, band ihm die Arme und rief laut, er müsse vor König Heinrich geführt werden. Diese Worte, in Flammocks starker entschlossener Stimme, beschwichtigten das wilde Geschrei über Mord und Verrat, das aus tausend Kehlen erscholl und dadurch entstanden war, daß die verschiedenen Völkerschaften angehörenden und daher einander feindlich gesinnten Zuschauer sich gegenseitig den Vorwurf der Verrätern machten. Alle diese Ströme vereinigten sich aber jetzt in einem Bett und wogten vorwärts gegen Garde Douloureuse, ausgenommen einige aus dem Gefolge des ermordeten Edelmannes, die zurückblieben, um den Leichnam ihres Herrn mit gebührender Feierlichkeit und Trauer von dem Orte, wohin er mit so großem Prunk und Triumph geritten war, wegzuschaffen. Als Flammock Garde Douloureuse erreichte, wurde er sogleich mit seinem Gefangenen und denen vorgelassen, die er auswählt hatte, um als Zeugen zur Ueberführung des Verbrechers zu dienen. Gleich anfangs wurde ihm auf sein Gesuch um Audienz geantwortet, der König hätte befohlen, daß jetzt niemand vor ihn gelassen werden sollte; aber die Nachricht von der Ermordung des Connetables war doch so überraschend, daß der Hauptmann von der Wache es wagte, Heinrichs Ruhe zu stören und ihm das Ereignis mitzuteilen. Er kehrte mit dem Befehl zurück, daß Flammock und sein Gefangener sogleich in das königliche Gemach treten sollten. Hier fanden sie Heinrich von mehreren Personen umgeben, die ehrfurchtsvoll hinter dem königlichen Stuhl in einem dunklen Teil des Gemachs standen. Als Flammock hereintrat, bildeten seine breiten, starken Glieder einen auffallenden Gegensatz zu seinem vor Entsetzen über das eben Erlebte bleichen Wangen und zu seiner Befangenheit, sich in dem königlichen Audienzzimmer zu befinden. Neben ihm stand sein Gefangener, unerschrocken trotz seiner furchtbaren Lage. Das Blut, das aus der Wunde seines Opfers gespritzt war, zeigte sich auf seinen bloßen Gliedern und seinem engen Kleide, besonders aber auf seiner Stirn und dem darum gewundenen Tuche. Heinrich warf einen strengen Blick auf ihn, den jener aber nicht nur ohne Furcht ertrug, sondern selbst mit einem finstern Blicke des Trotzes zu erwidern schien. »Kennt hier keiner diesen Bösewicht?« fragte Heinrich und blickte umher. Auf diese Frage antwortete niemand, bis Philipp Guarine aus der Gruppe, die sich hinter dem königlichen Stuhle befand, hervortrat und mit fast versagender Stimme antwortete: »Da Ihr es erlaubt, mein Fürst – sofern mich nicht sein sonderbarer Anzug irre macht – so würde ich sagen, er wäre ein Minstrel aus dem Haushalt meines Herrn, namens Renault Vidal.« »Du bist im Irrtum, Normann!« erwiderte der Minstrel, »die Stelle als Diener und meine niedere Abkunft waren nur angenommen – ich bin Cadwallon, der Brite – Cadwallon, der erste Barde Gwenwyns von Powislaws und – sein Rächer.« – Als er die letzten Worte aussprach, erblickte er einen Pilger, der allmählich aus dem Hintergrund hervortrat, wo das Gefolge sich befand, und jetzt vor ihm stehen blieb. Des Welschen Augen quollen gespensterhaft hervor, als wollten sie aus ihren Höhlen brechen, indem er mit einem Tone des Erstaunens und Schreckens ausrief: »Erscheinen die Toten vor den Königen? – Oder wenn Du lebst, wen habe ich erschlagen? – Ich habe von dem Sprunge und Dolchstoß doch nicht geträumt? – dennoch steht mein Opfer vor mir! – Habe ich nicht den Connetable von Chester erschlagen?« »Du hast wirklich den Connetable erschlagen,« antwortete der König. »Aber wisse, Waliser, es war Randal de Lacy, dem ich heute morgen diese Würde übertragen hatte, denn wir glaubten, daß unser vielgetreuer Hugo de Lacy auf seiner Rückkehr vom heiligen Lande umgekommen sei, weil die Nachricht einlief, daß das Schiff, auf dem er sich befand, gescheitert sei. Du hast Randals kurze Erhebung nur um einige Stunden verkürzt; denn die morgende Sonne hätte ihn schon wieder ohne Land und Würden gesehen.« Der Gefangene ließ in Verzweiflung das Haupt auf die Brust sinken. »Ich glaube,« murmelte er, »er hätte so schnell seine Haut verändert und sei wieder in Glanz hervorgetreten. Mögen die Augen mir aus dem Kopfe fallen, die sich durch dergleichen Spielwerk, wie Federhut und lackierter Stab, betrügen ließen!« »Ich werde Sorge tragen, Waliser, daß Deine Augen Dich nicht wieder betrügen!« sagte der König sehr ernst. »Ehe die Nacht eine Stunde älter ist, sollen sie für alles, was irdisch ist, geschlossen sein.« »Darf ich Ew. Gnaden um die Erlaubnis ersuchen,« sagte der Connetable, »dem unglücklichen Mann einige Fragen vorlegen zu dürfen.« »Sobald ich ihn erst selbst werde gefragt haben,« sagte der König, »warum er seine Hände in das Blut eines edlen Normannen tauchte?« »Weil er, dem ich meinen Stoß zugedacht hatte,« sagte der Brite, den feurigen Glanz seiner Augen von dem Könige auf de Lacy und zurück auf den König werfend, »das Blut des Abkömmlings von tausend Königen verspritzt hat, gegen den sein Blut und auch Deines, stolzer Graf Anjou, ebensowenig ist, wie eine Pfütze auf der Landstraße gegen eine silberne Quelle.« Heinrichs Auge bedrohte den kühnen Sprecher, doch unterdrückte der König seinen Zorn, als er den bittenden Blick seines Lehnsmannes gewahrte. »Was wolltest Du ihn fragen?« sagte er. »Sei kurz, denn seine Zeit ist gemessen.« »Wenn Ihr es gestattet, mein Fürst, so wollte ich nur fragen, warum er es jahrelang aufgeschoben hat, das Leben dem zu nehmen, dem er nachstellte, da es doch oft in seinen Händen war – ja, da es ohne seinen scheinbar treuen Dienst hätte verloren gehen können?« »Normann!« sagte Cadwallon, »ich will Dir antworten. Als ich zuerst in Deinen Dienst ging, war es meine Absicht, Dich schon in derselben Nacht zu erschlagen. Da steht der Mann,« und er zeigte auf Philipp Guarine, »dessen Wachsamkeit Dich damals gerettet hat.« »In der Tat,« sagte de Lacy, »ich erinnere mich, daß ich manchmal etwas bemerkte, was mir nicht geheuer vorkam. Aber warum schobst Du Deinen Vorsatz auf, als nachher mein Leben oft in Deine Hand gegeben war?« »Als der Mörder meines Souverains Gottes Söldner war,« antwortete Cadwallon, »und der Sache des Himmels in Palästina diente, war er vor meiner irdischen Rache sicher.« »Eine wunderbare Enthaltsamkeit bei einem welschem Meuchelmörder!« sagte der König verächtlich. »Ja,« antwortete Cadwallon, »eine Enthaltsamkeit, die christliche Fürsten dadurch ausüben, daß sie die Abwesenheit eines nach dem heiligen Lande gezogenen Nebenbuhlers benützten, sich seine Besitzungen anzueignen.« »Nun! bei dem heiligen Kreuze!« sagte Heinrich, und wollte seinem Zorn Luft machen, denn die Beleidigung traf ihn besonders, Weniger ihn, als seinen Großvater Heinrich I., welcher seinem ältern Bruder Robert erst das Anrecht an die Krone und hernach die Normandie raubte, während dieser sich auf einem Kreuzzuge befand. aber plötzlich hielt er an sich und sagte mit der Miene der Verachtung: »Zum Galgen mit dem Buben!« »Noch eine Frage,« sagte de Lacy, »Renault, oder wie Du heißt, auch auf meiner Rückreise hast Du mir Dienste geleistet, die sich mit Deinem festen Entschluß, mich zu töten, kaum vereinbaren lassen. – Du standest mir im Schiffbruch bei – Du führtest mich sicher durch Wales, wo schon mein bloßer Name meinen Tod herbeigeführt hätte – und dies alles, nachdem der Kreuzzug schon vollendet war?« »Ich könnte Deine Zweifel lösen,« sagte der Barde, »nur möchte man glauben, ich spräche für mein Leben.« »Darum stehe nicht an, fortzufahren,« sagte der König, »denn wollte auch der heilige Vater für Dich bitten, seine Bitte wäre vergeblich.« »Gut denn,« sagte der Barde, »so vernimm die Wahrheit. – Ich war zu stolz, weder den Meereswogen noch den Walisern einen Anteil an meinem Rachewerk einzuräumen. Wisse auch, obwohl es vielleicht eine Schwäche Cadwallons ist, indem ich mit Dir umging und mich an Dich gewöhnte, schwankte ich zwischen Abscheu und Bewunderung. Ich dachte noch immer an meine Rache, aber als an etwas, das ich wohl nie erfüllen würde. Sie erschien mir mehr wie ein Bild in den Wolken, als wie ein Gegenstand, dem ich einmal näher treten mußte. Und als ich Dich noch heute so fest entschlossen sah, Dein furchtbares Unglück wie ein Mann zu tragen, – so daß Ihr mir dem letzten Turme eines zerstörten Palastes zu gleichen schienet, der noch immer sein Haupt zum Himmel erhebt, indes die stolzen Mauern, die prächtigen Gemächer rings in Trümmern liegen: – da sagte ich im stillen zu mir selbst: Möge es mein eigener Tod sein – den Mann töte ich nicht! Da, eben da – es sind nur einige Stunden verflossen – hättest Du nur die Hand anzunehmen brauchen, die ich Dir bot, so hätte ich Dir gedient, wie ein Diener seinem Herrn. – Ihr wieset sie zurück mit Verachtung – und doch mußte ich mir erst in Erinnerung rufen, wie Ihr im Stolze des normannischen Uebermuts über das Feld hinsprengtet, wo Ihr meinen Herrn erschlugt, ehe in mir wieder der Entschluß fest stand, den Streich zu tun, der Euch zugedacht war und nun wenigstens einen von Eurem gewalttätigen Geschlecht erschlagen hat. – Jetzt will ich keine Fragen mehr beantworten. – Führt mich zum Beil oder zum Galgen! – dem Cadwallon ist es gleich – meine Seele wird bald bei meinen freien, edlen Vorfahren sein.« »Mein Herr und König,« sagte de Lacy und beugte sein Knie vor Heinrich, »könnt Ihr dieses hören und einem alten Diener eine Bitte abschlagen? – Verschont diesen Menschen! – Löscht nicht ein solches Licht aus, weil es ausschweifend und wild ist.« »Steh auf, steh auf, de Lacy, und schäme Dich Deiner Bitte!« sagte der König, »Deines Verwandten Blut – das Blut eines edlen Normanns haftet an Hand und Stirn des Welschen. So wahr ich ein gekrönter Fürst bin, er soll sterben, ehe es abgewischt ist. – Fort, zu seiner Hinrichtung, auf der Stelle!« – Cadwallon ward sogleich unter Wache abgeführt. »Du bist wahnsinnig, de Lacy – Du bist wahnsinnig, mein alter, treuer Freund, so in mich zu dringen,« sagte der König und nötigte de Laey aufzustehen. »Siehst Du nicht, daß ich hierin für Dich Sorge trage. Dieser Randal hat sich durch Freigebigkeit und Versprechungen viele Freunde gemacht, die wohl nicht so leicht zur Vasallenpflicht gegen Dich zurückkehren würden, da Du ganz arm und bar an Macht und Reichtum heimkamst. Hätte er gelebt, wir hätten viele Mühe gehabt, ihn ganz der Macht zu berauben, die er erworben hatte. Wir danken es dem Waliser Mörder, der uns von ihm befreite, aber seine Anhänger würden über falsches Spiel schreien, bliebe der Mörder verschont. Wenn Blut für Blut geflossen ist, wird alles vergessen sein, und ihre Treue wird wiederum in ihrem rechten Bette ihrem rechtmäßigen Lehnsherren zuströmen.« Hugo de Lacy erhob sich von seinen Knien und versuchte ehrerbietig, die politischen Gründe seines klugen Fürsten zu bekämpfen, die, wie er deutlich sah, weniger seinen Vorteil bezweckten, als vielmehr dazu dienen sollten, bei der Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Herrn nach Möglichkeit alle Unruhen zu vermeiden. Heinrich hörte geduldig seine Gründe an und widerlegte sie mit Gelassenheit, bis die Totentrommel gerührt wurde und die Schloßglocke zu läuten begann. Da führte er de Lacy zum Fenster, auf das, denn es war schon finster, ein starkes, rotes Licht von draußen fiel. Eine Schar Bewaffneter, ein jeder eine brennende Fackel in der Hand, kehrte die Terrasse entlang von der Hinrichtung des wilden, doch hochgesinnten Briten zurück, und der Ausruf: »Lange lebe König Heinrich! so müßten alle Feinde der edlen Normannen sterben!« hallte in die Nacht. Sechzehntes Kapitel. Man hatte allgemein geglaubt, Eveline Berenger sei nicht unter die Obhut der Aebtissin, ihrer Tante, sondern in strengeren Gewahrsam gebracht worden; aber das war ein Irrtum. Freilich, selbst diese Haft war streng genug; denn unverheiratete Tanten, ob Aebtissinnen oder nicht, sind eben nicht sehr duldsam gegen die Irrtümer, deren man Eveline anklagte; und das unschuldige Mädchen mußte ihr Brot in Scham und Bitterkeit essen. Mit jedem Tag wurde ihre Haft unerträglicher durch den Spott, den sie unter den verschiedensten Gestalten, bald als Mitleid, bald als Trost, bald als Ermahnung erdulden mußte, der aber, seiner Hülle entkleidet, offenbar nichts wie der Ausdruck des Zorns und der Beschimpfung war. Rosens Gesellschaft allein hielt sie aufrecht und auch diese wurde ihr endlich an demselben Morgen entrissen, als so viele wichtige Begebenheiten sich zu Garde Douloureuse ereigneten. Die junge, unglückliche Lady befragte umsonst eine sauertöpfische Nonne, die an Rosens Stelle erschien, ihr beim Ankleiden zu helfen, warum man ihre Gesellschafterin und Freundin nicht bei ihr ließe. Ueber diesen Punkt behauptete die Nonne ein hartnäckiges Schweigen, warf aber dagegen manche Bemerkungen hin über die Wichtigkeit, die man der eitlen Ausschmückung eines gebrechlichen Kindes, vom Staube geboren, beilege, und über das harte Los, daß eine Braut des Himmels gezwungen sei, ihre Gedanken von ihren höheren Pflichten abzulenken und statt dessen Häkchen zu festigen und Schleier zierlich zu legen. Die Aebtissin erzählte indes ihrer Nichte nach der Frühmette, daß ihre Dienerin nicht nur auf eine kurze Zeit von ihr entfernt sei, sondern wahrscheinlich in ein Kloster von der strengsten Regel eingeschlossen würde, da sie ihrer Gebieterin Beistand geleistet habe, Damian de Lacy in ihr Schlafzimmer im Schlosse von Baldringham einzulassen. Ein Krieger von de Lacys Mannschaft, der bis dahin verschwiegen hatte, was er in jener Nacht gesehen, hatte jetzt zu Damians Unglück geglaubt, sich selbst durch Erzählung der Geschichte einen Vorteil zu verschaffen. Dieser neue Schlag, so unerwartet, so niederwerfend – diese neue Beschuldigung, die so schwer aufzuklären und unmöglich ganz zu widerlegen war, schien Evelinens und ihres Geliebten Schicksal zu besiegeln. Der Gedanke aber, in ihr Verderben ihre innige, treue, hochherzige Dienerin verwickelt zu haben, fehlte noch, sie in einen Zustand zu versetzen, der der Fühllosigkeit der Verzweiflung sich näherte. »Denkt von mir, was Ihr wollt,« sagte sie zu ihrer Tante, »ich will mich nicht länger selbst verteidigen – sagt, was Ihr wollt, ich will nicht mehr antworten – bringt mich, wohin Ihr wollt, ich will nicht länger widerstehen – Gott wird zu seiner Zeit, meinen guten Namen wiederherstellen – möge er meinen Verfolgern vergeben!« Nach dieser Erklärung schlich Eveline an diesem traurigen Tage auf den leisesten Wink der Aebtissin oder der ihr zur Dienerin beigegebenen Nonne blaß, kalt und schweigend von der Kapelle zum Refektorium, vom Refektorium wieder zur Kapelle, und schien die verschiedenen Entbehrungen, Nutzungen, Ermahnungen und Vorwürfe, denen sie während dieses Tages in einem außerordentlichen Maße ausgesetzt war, nicht mehr zu empfinden, als die Bildsäule von Marmor die Unfreundlichkeit der rauhen Luft und die Regentropfen fühlt, die auf sie fallen und mit der Zeit sie verwüsten und verzehren müssen. Die Aebtissin, die ihre Nichte liebte, wiewohl sich ihre Zuneigung auf eine sehr quälende Art zeigte, wurde endlich unruhig – nahm den Befehl zurück, Eveline in eine schlechtere Zelle zu setzen, ließ in ihrer eigenen Gegenwart sie zu Bette bringen (worein, wie in alles andere, die junge Lady widerstandslos willigte), und mit einer Art von wiederauflebender Zärtlichkeit küßte sie sie und gab ihr den Segen, als sie das Zimmer verließ. So geringfügig auch dieses Zeichen der Freundlichkeit war, so war es doch unerwartet, und gleich dem Stabe des Moses, öffnete es die verborgene Wasserquelle. Eveline weinte, eine Erleichterung, die ihr den Tag über noch nicht vergönnt gewesen war, – sie betete – und endlich schluchzte sie sich selbst wie ein Kind in Schlaf, nachdem ihr Gemüt dadurch einigermaßen beruhigt worden, daß sie diesen Wogen einer inneren Bewegung einen freien Durchbruch verschafft hatte. Sie erwachte in der Nacht mehr als einmal, sich ineinandergemischte Träume zurückrufen von Zellen und Burgen, Leichenbegängnissen und Hochzeitsfeier, Wappenkronen, Folter und Galgen; aber gegen Morgen fiel sie in einen sanfteren Schlaf, als ihr bisher zuteil geworden, und auch die Träume wurden sanfter. Unsere Frau von Garde Douloureuse schien in ihren Träumen auf sie herabzulächeln und ihrer Geweihten Schutz zu verheißen. Der Schatten ihres Vaters zeigte sich auch, und mit der Kühnheit der Träumenden betrachtete sie des Vaters Bild mit Ehrerbietung, aber ohne Furcht. – Seine Lippen bewegten sich – sie hörte Worte – ihren Inhalt verstand sie nicht, nur daß sie von Hoffnung, Trost und nahender Glückseligkeit sprachen. Auch glitt leise hinein, die glänzenden blauen Augen auf sie gerichtet, gekleidet in eine Tunika von safrangelber Seide, mit einem himmelblauen Mantel nach altertümlichen Schnitt, eine weibliche Gestalt im höchsten Glanze der Schönheit. Es war, wie es ihr vorkam, die Britin Vanda; aber ihre Gesichtszüge hatten nicht mehr den zürnenden Ausdruck, ihr langes gelbes Haar flog nicht mehr aufgelöst um ihre Schultern, sondern war geheimnisvoll mit Eichenlaub und Misteln durchflochten. Vor allem aber ragte in reizvoller Stellung ihre rechte Hand unter dem Mantel hervor, und es war nicht mehr eine verstümmelte, sondern eine unbefleckte, schön geformte Hand, die die Evelinens drückte. Doch mitten unter diesen Zeichen der Gunst lief ein Schauer durch Evelinens Seele, als die Erscheinung zu wiederholen oder zu singen schien: Als Gattin, Witwe, als Jungfrau – in Ehe, Braut, Verräterin, selber verraten, Wehe! Es ist geschehen, wie's hieß, daß es geschehe. Gerächt ist also Bandas Wunde: Nimm hier der Versöhnung Kunde. Sie beugte sich nieder, als wollte sie Eveline küssen, die in diesem Augenblick aufschrak und erwachte. Und wirklich wurde ihre Hand sanft von einer anderen gedrückt, die so zart und weich war wie ihre eigene. Die blauen Augen und das schöne Haar eines lieblichen Gesichtes, mit verschleiertem Busen und aufgelösten Locken nahte sich in der Tat mit ihren Lippen denen der liebenswürdigen Schläferin im Augenblick des Erwachens; aber es war Rose, in deren Armen Eveline sich fühlte, die ihr Gesicht mit Tränen benetzte, indem sie mit der innigsten Liebe sie zugleich mit Küssen bedeckte. »Was bedeutet das, Rose?« sagte Eveline. »Gott sei Dank Du bist mir wiedergegeben! Doch was bedeuten diese ausbrechenden Tränen?« »Laßt mich weinen – laßt mich weinen,« sagte Rose. »Schon lange ist's, daß ich nicht vor Freuden weinte, und lange, hoffe ich, soll es währen, ehe ich wieder vor Kummer weine. – Nachrichten sind in aller Eile von Garde Douloureuse gekommen. – Amelot hat sie gebracht, er ist in Freiheit – sein Herr auch und in hoher Gunst bei Heinrich. – Hört noch mehr – aber laßt es mich nicht so schnell sagen, Ihr werdet blaß!« »Nein, nein!« sagte Eveline. – »Fahre fort – fahre fort – ich denke, ich verstehe Dich – ich denke so.« »Der Bösewicht Randal de Lacy, der an allen unseren Leiden schuld ist, wird Euch nicht mehr quälen. Er ist von einem ehrlichen Waliser erschlagen worden, und es tut mir leid, daß sie den Mann für den guten Dienst gehängt haben. Aber die Hauptsache ist, der wackere alte Connetable ist selbst von Palästina zurückgekehrt, ebenso achtungswert als sonst und etwas klüger, als er war; denn es heißt, er wolle seiner Verbindung mit Ew. Herrlichkeit entsagen.« »Albernes Mädchen!« sagte Eveline, ebenso hoch errötend, als sie zuvor erblaßte. »Scherze nicht bei einer solchen Erzählung. – Aber wie? – Kann dies Wahrheit sein? – Ist Randal wirklich erschlagen? – Der Connetable wirklich zurückgekehrt?« Nun folgten hastig ausgestoßene Fragen, ebenso hastig und verwirrt beantwortet und vermischt mit Ausbrüchen des Erstaunens, des Danks gegen den Himmel und Unsere Frau, bis das Uebermaß des Entzückens nachließ und in ruhigere Verwunderung überging. Indessen mußte auch Damian de Lacy Aufklärung erhalten, und die Art, wie er sie empfing, hatte etwas Merkwürdiges. Damian war seit einiger Zeit der Bewohner eines Aufenthalts, den man heutzutage einen Kerker nennen würde, in jenen älteren Zeiten jedoch nur als Haftzelle bezeichnete. Man kann uns vielleicht tadeln, daß wir anerkannte überwiesene Verbrecher mit menschlicherer Wohnung und Nahrung versehen, als sie selbst sich, wenn sie in Freiheit wären, durch fleißige Arbeit würden verdienen können, doch ist dies ein verzeihlicher Irrtum, verglichen mit dem unserer Vorfahren, die Anklage und Ueberführung als gleichbedeutend betrachteten, und den Angeklagten vor der Verurteilung auf eine Weise behandelten, die selbst schon nach einer Anerkennung der Schuld die schärfste Strafe gewesen wäre. Damian war demzufolge trotz seiner hohen Geburt und seinem ausgezeichneten Rang auf eben die Weise, wie man mit dem ruchlosen Verbrecher zu verfahren pflegte, eingekerkert worden. Mit schweren Ketten beladen, erhielt er nur die allergröbste Nahrung und mußte in einer einsamen Zelle, deren klägliches Gerät aus einer schlechten Bettstelle, einem zerbrochenen Tisch und einem Stuhl bestand, über sein Unglück nachsinnen. Ein Sarg – sein Wappen und sein Monogramm befanden sich auf demselben – stand in einem Winkel, ihn an sein nahendes Schicksal zu erinnern, und ein Kruzifix stand in einem andern, ihm anzudeuten, daß es noch eine andere Welt gäbe, jenseit derjenigen, welche sich bald für ihn verschließen würde. Kein Geräusch konnte in die eiserne Stille seines Gefängnisses eindringen – kein Laut, aus dem er sein Schicksal oder das seiner Freunde hätte erraten können. Angeklagt, im offenen Kriege gegen seinen König gefangen worden zu sein, war er dem Kriegsgesetz anheimgefallen, und konnte ohne förmliches Verhör hingerichtet werden; auch erwartete er kein anderes Ende seiner Gefangenschaft. Diese melancholische Wohnung war nun fast einen Monat Damians Aufenthalt gewesen, als, so sonderbar es scheinen mag, seine Gesundheit, die so sehr unter seinen Wunden gelitten hatte, allmählich sich wiederherzustellen begann. Entweder war ihr die strenge Diät vorteilhaft, zu der er gezwungen war, oder aber die Gewißheit, wie traurig sie sein mag, ist mancher Natur zuträglicher, als der fiebrische Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht. Doch schien jetzt das Ende seiner Gefangenschaft nahe bevorzustehen; sein Wärter, ein grämlicher Sachse aus der niedrigsten Klasse, begann ihn, wortreicher, als er gewöhnlich war, zu ermahnen, daß er sich auf eine baldige Veränderung seines Zustandes gefaßt machen sollte, und der Ton, in dem er sprach, überzeugte den Gefangenen, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er forderte einen Beichtvater, und der Gefangenenwärter, obwohl er ohne Antwort sich entfernte, schien durch sein Benehmen anzudeuten, daß dieses Verlangen wohl erfüllt werden würde. Am nächsten Morgen zu einer ungewöhnlich frühen Stunde, ließ sich das Rasseln und Knarren von Ketten und Riegeln hören, und Damian wurde aus dem bisher ununterbrochenen Schlaf erweckt, den er seit ein paar Stunden genossen hatte. Seine Augen richteten sich auf die langsam sich öffnende Türe, als erwarte er den Scharfrichter und seine Gehilfen; aber der Kerkermeister führte einen kräftigen, gedrungenen Mann in Pilgerkleidung herein. »Ist es ein Priester, den Ihr mir bringt, Wärter?« fragte der unglückliche Gefangene. »Er kann die Frage am besten selbst beantworten,« sagte der mürrische Beamte und entfernte sich sogleich. Der Pilger blieb gleich beim Eingang stehen, mit dem Rücken nach dem kleinen Fenster oder sogenannten Luftloch, durch das die Klause nur ein sehr unvollkommenes Licht empfing, und blickte scharf auf Damian hin, der auf dem Rande seines Bettes saß, und dessen bleiche Wangen und verworrene Haare in traurigem Einklang mit seinen schweren Ketten standen. Er erwiderte den Blick des Pilgers, aber das unvollkommene Licht ließ ihn nur soviel sehen, daß der Fremde ein kräftiger alter Mann sei, der die Jakobsmuschel an seinem Hute trug, zum Zeichen, daß er über das Meer gefahren war, und einen Palmenzweig in der Hand hatte, zum Zeichen, daß er das heilige Land besucht habe. » Benedicite , ehrwürdiger Vater,« sagte der junge Mann. »Seid Ihr ein Priester, und kommt Ihr, mein Gewissen zu entlasten?« »Ich bin kein Priester,« erwiderte der Pilger, »sondern einer, der Euch sehr trostlose Nachrichten bringt.« »Ihr bringt sie einem, dem Trost schon lange etwas Fremdes ist, und an einem Orte, der ihn niemals kannte,« erwiderte Damian. »Nm so freimütiger kann ich in meiner Mitteilung sein,« sagte der Pilger. »Wer sich in Betrübnis befindet, wird leichter böse Nachrichten ertragen, als der, den sie mitten in Zufriedenheit und Wohlsein überraschen.« »Aber die Lage eines Elenden,« sagte Damian, »kann noch elender werden durch Ungewißheit. Ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, das Schlimmste mit einem Wort auszusprechen. – Kommt Ihr, das Todesurteil dieser armseligen Gestalt anzukündigen, so möge Gott der Seele gnädig sein, die so gewaltsam von ihr losgerissen wird.« »Ich habe keinen solchen Auftrag,« sagte der Pilger. – »Ich komme aus dem heiligen Lande, und beklage es um so mehr, Euch hier zu finden, weil meine Botschaft für den freien und reichen Damian de Lucy bestimmt war.« »Von meiner Freiheit,« sagte Damian; »laß diese Ketten, von meinem Reichtum dieses Gemach sprechen. – Doch melde Deine Neuigkeiten! – Sollte mein Oheim, denn ich fürchte, Deine Erzählung betrifft ihn, meines Arms und meines Vermögens bedürfen, so enthalten dieser Kerker und meine Erniedrigung mehr Qualen, als ich geglaubt hätte.« »Euer Oheim, junger Mann,« sagte der Pilger, »ist ein Gefangener, ich wollte vielmehr sagen, ein Sklave des großen Sultans, in dessen Hände er in einer Schlacht fiel, wo er sich ungemein auszeichnete, obwohl es ihm nicht möglich war, die Niederlage der Christen abzuwenden. Er wurde gefangen genommen, als er den Rückzug deckte, doch erst, nachdem er, zu seinem Unglück, wie sichs nachher auswies, Hassan Ali, den Liebling des Sultans, erschlagen hatte. Der grausame Heide ließ den würdigen Ritter in noch schwerere Eisen schlagen, als Ihr ertragt, und gegen seinen Kerker ist dies ein Palast. Des Ungläubigen erster Entschluß war, den tapfern Connetable den furchtbarsten Tod, den seine Peiniger nur erfinden konnten, leiden zu lassen. Aber er erfuhr, daß es ein Mann von großem Reichtum und Einfluß sei' und so hat er ein Lösegeld von zehntausend goldenen Byzanthinern gefordert. Euer Oheim erwiderte ihm, daß eine solche Zahlung ihn gänzlich arm machen und ihn zwingen würde, alle seine Ländereien loszuschlagen, wobei ihm dann auch Zeit gewährt werden müßte, sie zu Gelde zu machen. Der Sultan versetzte, daß ihm wenig daran gelegen wäre, ob ein Hund, wie der Connetable, fett oder mager würde, und daß er dennoch auf den vollen Betrag des Lösegeldes bestehe. Doch so viel gab er nach, die Zahlung in drei Terminen annehmen zu wollen, unter der Bedingung, daß zugleich mit dem ersten Teil des Geldes der nächste Verwandte und Erbe de Lacys ihm als eine Geisel für die noch fällige Schuld überliefert würde. Unter dieser Bedingung willigte er ein, daß Euer Oheim in Freiheit gesetzt werden sollte, sobald Ihr in Palästina mit dem Gelde angelangt wäret.« »Nun mag ich mich erst recht in der Tat unglücklich nennen,« sagte Damian, »daß ich meinem Oheim, der mir Waisenkind immer ein Vater gewesen, nicht Liebe und Treue zeigen kann.« »Es wird das ohne Zweifel eine schwere Enttäuschung für den Connetable sein,« sagte der Pilger. »Da er sich ungemein sehnte, in dieses glückliche Land zurückzukehren, um seine Vermählung mit einem Fräulein von hoher Schönheit und großem Reichtum zu vollziehen.« Damian schauderte zusammen, daß seine Fesseln klirrten, antwortete aber nichts. »Wäre er nicht Euer Oheim,« fuhr der Pilgrim fort, »und als ein verständiger Mann sehr wohl bekannt, so sollte ich denken, hierin sei er nicht ganz klug zu Werke gegangen. Wie er auch vorher in England gewesen sein mag, zwei Sommer, im Kriege und in Palästina zugebracht, und ein dritter in der qualvollen Entbehrung eines heidnischen Gefängnisses, haben einen gar trübseligen Bräutigam aus ihm gemacht.« »Ruhig, Pilgrim,« sagte de Lacy mit gebietendem Tone. »Es geziemt Dir nicht, einen edlen Ritter wie meinen Oheim zu beurteilen, noch geziemt es mir, daß ich auf Eure Bemerkungen höre.« »Ich bitte um Verzeihung, junger Mann,« sagte der Pilger. »Ich hatte dabei nur Euer Bestes im Auge. Für Euch kann es doch wohl nicht von Vorteil sein, wenn Euer Oheim einen leiblichen Erben bekommt.« »Schweige, niedriger Mensch!« sagte Damian. »Beim Himmel, ich denke schlechter von meiner Klause als zuvor, seit ihre Türen sich einem solchen Ratgeber öffneten, und schlechter von meinen Ketten, weil sie mich daran hindern, ihn zu züchtigen. – Mach', daß Du davon kommst, ich bitte Dich.« »Nicht eher, als bis ich Eure Antwort für Euren Oheim habe,« antwortete der Pilger. »Mein Alter verachtet den Zorn Deiner Jugend, wie der Fels den Schaum, den der Bach gegen ihn spritzt.« »So sagt meinem Oheim,« antwortete Damian. »Ich bin selbst ein Gefangener, sonst käme ich zu ihm geeilt. – Ich bin ein seines Vermögens beraubter Bettler, sonst wollte ich ihm alles bringen, was mein ist.« »Solche tugendhaften Vorsätze sind leicht und keck ausgesprochen,« sagte der Pilger, »wenn der, der sie ausspricht, weiß, daß er nicht aufgefordert werden kann, die Prahlerei seiner Zunge wahrzumachen. Aber konnte ich Dir die Wiederherstellung Deines Reichtums und Deiner Freiheit verkünden, da will ich meinen, Du würdest es Dir noch einmal klüglich überlegen, ehe Du in der Tat das Opfer brächtest, daß Du in Deiner gegenwärtigen Lage so glattweg versprichst.« »Verlasse mich, ich bitte Dich, alter Mann,« sagte Damian. »Deine Gedanken können die meinigen nicht fassen – geh und füge zu meinem Unglück nicht noch Schmähungen, die ich nicht zu rächen imstande bin.« »Aber wie, wenn ich die Gewalt hätte. Dich wieder zum freien reichen Manne zu machen, würdest Du mir dann erlauben, Dich an Deine gegenwärtige Prahlerei zu erinnern? – Ist dem aber nicht so, so kannst Du auf meine Verschwiegenheit bauen, nie werde ich die verschiedenen Gesinnungen des gefangenen und freien Damian verraten.« »Was meinst Du damit? oder hast Du überhaupt nur im Sinne, mich zu martern?« fragte der Jüngling. »Nicht also,« antwortete der Pilger und zog aus seinem Busen eine Pergamentrolle hervor, an welcher ein großes Siegel befestigt war. – »Wisse, Dein Vetter Randal ist auf eine seltsame Weise erschlagen worden, und auf ebenso seltsame Art kam seine Verräterei gegen den Connetable und Dich ans Licht. Um Dich für Deine Leiden zu entschädigen, hat der König Dir hiermit die volle Verzeihung gewährt und Dich mit dem dritten Teil der weitläufigen Besitzungen belehnt, die durch Randals Tod der Krone anheimgefallen sind.« »Und der König hat mir auch meine Freiheit zurückgegeben?« rief Damian aus. »Von diesem Augenblicke an – auf der Stelle« – sagte der Pilger – »schaut auf dieses Pergament! – Betrachtet des Königs Handschrift und Siegel!« »Ich muß einen bessern Beweis haben. – Hierher!« rief er aus und rasselte zugleich mit den Ketten. – »Hierher, Du Murrkopf, Du Wärter, Sohn eines sächsischen Wolfshundes!« Der Pilger, an die Tür schlagend, unterstützte diese Bemühung, den Schließer herbeizurufen, der alsbald eintrat. »Du, Kerkermeister!« rief Damian sehr ernst, »bin ich noch Dein Gefangener oder nicht?« Der grämliche Kerkermeister befragte den Pilger mit einem Blick und antwortete dann dem Damian, daß er frei sei. »Daß Dich der Henker hole, Sklave!« sagte Damian ungeduldig, »Warum umspannen diese Ketten noch die freien Glieder eines normannischen Edlen? Jeder Augenblick, den sie ihn noch fesseln, wiegt eine ganze Lebenszeit eines solchen dienstbaren Leibeigenen, wie Du bist, auf!« »Sie sind bald abgenommen, Sir Damian,« sagte der Mann. »Ich bitte nur um Geduld. Erinnert Euch nur, daß noch vor zehn Minuten ihr wenig Ursache hattet, zu denken, diese Armbänder würden jemals zu anderm Zweck abgenommen werden, als um Euch zum Schafott zu führen.« »Ruhig, verfluchter Hund!« sagte Damian, »und beeile Dich! – Und Du, der Du mir diese gute Kunde gebracht hast, ich vergebe Dir Dein voriges Betragen. Du dachtest ohne Zweifel, es sei gut getan, mir noch in den Banden Versprechungen abzulocken, die zu erfüllen mir die Ehre gebieten würde, sobald ich mich in Freiheit befände. Der Argwohn hatte allerdings etwas Beleidigendes, doch Deine Absicht war ja, meines Oheims Freiheit zu sichern.« »Und ist es denn wirklich Euer Vorsatz,« sagte der Pilger, »Eure neugewonnene Freiheit zu einer Reise nach Syrien anzuwenden und Euer englisches Gefängnis gegen den Kerker des Sultans zu vertauschen?« »Wenn Du selbst mein Führer sein willst, so sollst Du nicht sagen, daß ich nur einen Augenblick auf der Reise säumte.« »Und das Lösegeld,« sagte der Pilger, »wie soll das herbeigeschafft werden?« »Wie? Wie anders als von den Gütern, die dem Namen nach mir verliehen, nach Wahrheit und Recht meinem Oheim gehören und zuerst zu seinem Nutzen angewendet werden müssen. Wenn ich mich nicht sehr irre, so wird mir jeder Jude oder Lombarde die nötige Summe auf diese Sicherheit hin vorschießen. Darum, Du Hund!« fuhr er, gegen den Gefangenwärter gewendet, fort, »schließ die Klammern etwas schneller um, fürchte nicht, daß Du mir Schmerzen machen konntest, nur zerbrich mir nicht die Glieder!« Der Pilger sah eine kleine Weile zu, wie verwundert über Damians festen Entschluß. Dann rief er aus: »Ich kann des alten Mannes Geheimnis nicht langer bewahren – eine solche hochherzige Großmut soll nicht das Opfer werden. – Höre nur, braver Sir Damian, ich habe noch ein mächtiges Geheimnis Dir zu vertrauen, und da dieser sächsische Bauer kein Französisch versteht, so kann ich es Dir in seiner Gegenwart sagen. Wisse, Dein Oheim ist ebensosehr in seinem Charakter verändert, wie sein Körper schwach und gebrechlich geworden ist. Verdrießliches Wesen und Eifersucht haben Besitz von einem Herzen genommen, das einst männlich und großmütig war. Sein Leben geht nun auf die Neige, und es tut mir leid, es zu sagen, diese Neige ist verdorben und bitter.« »Ist das Dein mächtiges Geheimnis?« sagte Damian, »daß Menschen alt werden, weiß ich, und wenn mit Schwäche des Körpers auch Schwache des Geistes oder Gemütes eintritt, so fordert ihr Zustand um so mehr die pflichttreue Aufmerksamkeit derer, die durch Bande des Bluts oder der Liebe den Kranken nahe stehen.« »Aber des Connetable Herz ist voll Gift gegen Dich, weil ihm von England aus zu Ohren gekommen ist, daß zwischen Dir und seiner verlobten Braut Eveline Berenger ein Liebesverhältnis bestände. – Ha! habe ich jetzt den rechten Fleck getroffen?« »Nicht im geringsten,« sagte Damian, alle Kraft aufbietend, mit der das Bewußtsein seiner Unschuld ihn zu beseelen vermochte. – »Der Bursch da berührte nur etwas unsanft mein Schienbein mit seinem Hammer. – Fahr fort! – Mein Oheim vernahm diesen Bericht und hielt ihn für wahr?« »Er hielt ihn für wahr,« entgegnete der Pilger, »das kann ich wohl versichern, da er keinen seiner Gedanken vor mir verbarg. Aber er bat mich, sorgfältig Euch seinen Argwohn zu verhehlen. Sonst, sagte er, wird der junge Wolf sich schwerlich in die Falle wagen, um den Alten zu befreien. Ist er aber erst einmal hier in meinem Gefängnisse, fuhr Euer Oheim fort, dann mag er hier vermodern und umkommen, ehe ich einen Pfennig zur Befreiung des Liebhabers meiner Verlobten sende.« »Das sollte mein Oheim im Ernst denken!« sagte Damian, höchst bestürzt. »Er konnte so verräterisch gesinnt sein, mich in der Gefangenschaft zu lassen, in die ich freiwillig ging, um ihn zu erlösen? – Pah! das kann nicht sein!« »Schmeichelt Euch nicht mit falscher Hoffnung,« sagte der Pilger. »Geht Ihr nach Syrien, so geht Ihr zu ewiger Gefangenschaft, während Euer Oheim zum Besitz seines nur um ein weniges verminderten Reichtums zurückkehrt und Eveline Berenger heiratet!« »Ha!« rief Damian aus, und einen Augenblick zu Boden sehend, fragte er den Pilger mit unterdrückter Stimme, was er ihm in dieser äußersten Not zu tun rate. »Die Sache ist ganz einfach nach meiner geringen Meinung,« entgegnete der Pilger. »Niemand ist an seine Treue gegen diejenigen gebunden, die selbst keine gegen ihn zu beobachten gedenken. Kommt diesem Verrat Eures Oheims zuvor, laßt sein ohnehin noch kurzes und schwaches Dasein in jener verpesteten Klause vermodern, zu der er Eure jugendliche Kraft verdammen will. Die königliche Gnade hat Euch Ländereien genug zu einem ehrenvollen Auskommen angewiesen; und warum wollt ihr nicht damit die von Garde Douloureuse vereinigen? – Eveline Berenger, wenn ich nicht sehr irre, wird schwerlich Nein sagen. Ja, noch mehr, ich will meine Seele darauf verwetten, sie sagt Ja; denn ich bin genau von ihren Gesinnungen unterrichtet. Was ihre Verlobung anbetrifft, ein Wort von König Heinrich an seine Heiligkeit den Papst, die beide jetzt gerade voll Freude über ihre Versöhnung sind, wird von dem Pergament den Namen Hugo verwischen und Damian an seine Stelle setzen!« »Ja, bei meinem Glauben!« sagte Damian, wobei er aufstand und seinen Fuß auf den Stuhl setzte, damit der Gefangenwärter desto leichter den letzten Ring, der ihn noch umgab, abstreifen konnte. »Ich habe von allen dergleichen Dingen gehört, – ich habe von Wesen gehört, – die mit scheinbarer Würde in Wort und äußerer Gebärde – mit gar seinen, künstlich den Schwächen der menschlichen Natur angemessenen Ratschlägen die Hütten verzweifelter Menschen heimsuchen und ihnen die lockendsten Versprechungen machen, den Pfad zur Seligkeit zu verlassen und ihre Nebenwege einzuschlagen. – Das sind des Satans teuerste Helfershelfer; auf solche Art ist der böse Feind selbst erschienen. – Im Namen Gottes, alter Mann, bist Du ein menschliches Wesen, so entferne Dich! – Ich will nicht Deine Worte, noch Deine Gegenwart! – Ich speie Deine Ratschläge an! – Und nimm Dich in acht!« setzte er in einer drohenden Bewegung hinzu, »gleich werde ich freie Hände haben!« »Knabe,« erwiderte der Pilger und schlug verächtlich seine Arme in seinen Mantel, – »ich verachte Deine Drohungen – ich verlasse Dich nicht, bis wir einander besser kennen lernen.« »Auch ich,« sagte Damian, »möchte wohl wissen, ob Du Mensch oder Teufel bist – und nun zur Probe!« – Während er sprach, fiel die letzte Schelle von seinen Füßen rasselnd auf den Boden, und zu gleicher Zeit sprang er auf den Pilger zu, faßte ihn um den Leib, und indem er dreimal verzweifelt versuchte, ihn in die Höhe zu heben und kopfüber auf die Erde zu schleudern, rief er aus: »Dies für die tückische Behandlung eines Edelmanns! Dies für den Zweifel an der Ehre eines Ritters! dies« – (mit dem äußersten Kraftaufwande) – »für die Beschimpfung einer Lady!« Jede Anstrengung Damians schien kraftvoll genug, einen Baum zu entwurzeln, dennoch, obwohl er den alten Mann zum Wanken brachte, konnte er ihn doch nicht niederwerfen; und als Damian nach dem letzten stärksten Angriff noch keuchte, erwiderte dieser: »Und Du nimm dieses, da Du so grob umgehest mit Deines Vaters Bruder!« Mit diesen Worten stürzte Damian, der beste jugendliche Ringer in Cheshire, nicht eben sanft auf den Boden des Kerkers. Langsam und erstaunend erhob er sich. Aber der Pilger hatte nun seinen Hut und das geistliche Gewand abgeworfen, und die Gesichtszüge, wiewohl sie Spuren des Alters und des Klimas trugen, waren die seines Oheims, des Connetables, der nun ruhig die Worte sprach: »Ich denke doch, Damian, Du bist stärker geworden und ich schwächer, seit meine Brust an die Deinige sich preßte in unsers Landes gern geübtem Spiele. Du hättest mich bei der letzten Wendung bald niedergestreckt, nur daß ich den alten Rückengriff der de Lacys noch ebensogut kenne wie Du. – Aber warum knien, Mensch!« Er hob ihn mit großer Freundlichkeit auf, küßte seine Wange und fuhr fort: »Denke nicht, mein teuerster Neffe, daß ich unter dieser Verkleidung Deine Treue auf die Probe stellen wollte, woran ich selbst nie zweifelte! Aber böse Jungen sind geschäftig gewesen, und das brachte mich doch auf diesen Versuch, dessen Erfolg, wie ich erwartete, so ehrenvoll für Dich gewesen ist. So wisse (denn diese Mauern haben zuweilen Ohren, auch im buchstäblichen Sinne) es gibt hier in nicht großer Entfernung Augen und Ohren, die alles gehört und gesehen haben. – Meiner Treu! ich wünschte, Deine letzte Umarmung wäre nicht so ernsthaft gemeint gewesen. – Meine Rippen fühlen noch den Druck Deiner Knöchel!« »Teuerster, verehrter Oheim,« sagte Damian, »entschuldigt –« »Hier ist nichts zu entschuldigen,« entgegnete sein Oheim, ihn unterbrechend, »Haben wir nicht schon manchesmal miteinander gerungen? – Doch noch eine Prüfung bleibt Dir zu bestehen. – Schleunigst begib Dich aus diesem Loche – lege Deinen besten Anzug an, mich in der Mittagsstunde zur Kirche zu begleiten, denn, Damian, Du mußt bei der Vermählung der Lady Eveline zugegen sein!« Diese Aufforderung schlug mit einenmale den jungen Mann zu Boden. »Um des Himmels willen!« rief er aus, »darin entschuldigt mich, mein gütiger Oheim! Ich bin vor kurzem sehr schwer verwundet worden und bin noch sehr schwach.« »Wie meine Knochen es bezeugen können,« sagte sein Oheim. »Wie, Mensch? Du hast die Stärke eines norwegischen Bären.« »Leidenschaft,« entgegnete Damian, »mag mir für einen Augenblick Stärke gegeben haben; aber, teuerster Oheim, verlangt alles andre, nur nicht das. Ich sollte denken, wenn ich gefehlt habe, konnte irgend eine andere Strafe genügen.« »Ich sage Dir,« erwiderte der Connetable, »Deine Gegenwart ist notwendig – unumgänglich notwendig. – Seltsame Gerüchte sind im Umlauf, die Deine Abwesenheit bei dieser Gelegenheit nur zu sehr bestätigen würden. Evelinens Ruf verlangt es.« »Wenn dem so ist,« sagte Damian, »so wird keine Aufgabe für mich zu schwer sein. Aber ich hoffe, wenn die Zeremonie vorüber ist, werdet Ihr mir erlauben, das Kreuz zu nehmen, wenn Ihr es nicht vorzieht, daß ich mich den Truppen anschließe, die, wie ich höre, zur Eroberung von Irland bestimmt sind.« »Nun, nun,« sagte der Connetable, »wenn Eveline Euch ihre Erlaubnis gibt, so will ich Euch die meinige nicht vorenthalten.« »Oheim,« sagte Damian etwas unmutig, »Ihr kennt die Gefühle nicht, mit denen Ihr Euren Scherz treibt.« »Nun,« sagte der Connetable, »ich zwinge Dich zu nichts. Doch wenn Du zur Kirche kommst und die Heirat Dir nicht recht ist, so magst Du, wenn Du willst, Einspruch tun – das Sakrament kann nicht ohne des Bräutigams Einwilligung vollzogen werden.« »Ich verstehe Euch nicht, Oheim,« sagte Damian, »Ihr habt ja bereits eingewilligt.« »Ja, Damian,« sagte er, »ich habe eingewilligt, meine Ansprüche zurückzunehmen und ihnen zu Deinen Gunsten zu entsagen. Denn wenn Eveline heute vermählt wird so – bist Du der Bräutigam. – Die Kirche hat ihre Bestätigung gegeben – der König seine Einwilligung – die Lady sagt nicht nein – und nur die Frage bleibt übrig, ob der Bräutigam Ja sagen will.« Die Antwort läßt sich leicht erraten. Auch ist es nicht nötig, bei dem Glänze der Zeremonie zu verweilen, die, seine unverdiente Strenge gut zu machen, Heinrich mit seiner Gegenwart beehrte. Amelot und Rose wurden bald darauf verbunden, nachdem vorher der alte Flammock durch Verleihung eines Wappens zum Edelmanne erhoben worden war, damit das edle normännische Blut sich ohne Entweihung mit dem geringern Strome vermischen könnte, der der schönen Flamländerin Wangen rötete. In dem Benehmen des Connetables gegen seinen Neffen und dessen Braut zeigte sich nichts, was darauf hätte deuten können, daß ihm die großmütige Selbstverleugnung leid täte, die er zu Gunsten ihrer jugendlichen Liebe bewiesen hatte. Aber bald nachher übernahm er eine hohe Befehlshaberstelle bei den Truppen, die zum Angriff auf Irland bestimmt waren; und sein Name steht unter den ausgezeichnetsten in der Liste der ritterlichen Normannen verzeichnet, die zuerst die schöne Insel mit der englischen Krone vereinigten. Eveline, in den Besitz ihres schönen Schlosses und ihres Eigentums eingesetzt, unterließ es nicht, ihren Beichtiger sowohl als ihre alten Kriegsleute, Diener und Beamten zu versorgen, indem sie ihnen ihre Verirrungen vergaß und nur ihrer Treue gedachte. Der Beichtiger kehrte zu den Fleischtöpfen Aegyptens zurück, die seiner Natur besser zusagten als die magere Kost eines Klosters. Selbst Gillian erhielt die Mittel zu ihrem Unterhalte, denn hätte man sie bestrafen wollen, wäre auch der treue alte Raoul betroffen worden. Sie zankten sich bei gutem Auskommen ebenso, wie sie sich vorher in der Armut gezankt hatten. Denn bissige Hunde knurren sich ebensogut über einem Braten an wie über einem Knochen. Der einzige verdrießliche Auftritt, den Lady Eveline nun noch erlebte, war der Besuch ihrer sächsischen Verwandten, der mit großer Feierlichkeit abgestattet wurde, aber unglücklicherweise zu derselben Zeit, die die Frau Aebtissin zu ihrem Besuche erwählt hatte. Der Zwist, der zwischen diesen beiden ehrenwerten Personen herrschte, hatte einen doppelten Ursprung: sie waren normannischen und sächsischen Stammes, sie wichen aber auch überdies von der Meinung voneinander ab, zu welcher Zeit Ostern gefeiert werden müßte. Jedoch war dies nur eine kleine Wolke, die über den heitern Himmel Evelinens hinflog; denn mit ihrer unverhofften Vermählung mit Damian endeten die Prüfungen und Leiden »der Verlobten«. Ende.