Peter Rosegger Der Gottsucher Vorwort Werden und Vergehen des Dorfes und seiner Gemeinschaften sind ein immer wiederkehrendes Thema in den Werken Peter Roseggers. Wir finden es im Waldschulmeister, im Ewigen Licht, in Jakob der Letzte und vielfältig in Erzählungen und Geschichten. Es läßt ihn von früher Jugend an die grunderfahrung des sozialen Miteinander der Menschen als spannungsreiche und dynamische Lebensprozesse nicht los. Es mag dafür auslösend gewesen sein, daß er sein eigenes Dasein in eine historische Epoche des Wandels des Dorfes, des Bauernsterbens, des Versinkens der alten brauchtumsgebundenen agrarischen Kultur eingebunden sah. Mit hoher Feinfühligkeit empfand Rosegger das Heraufkommen des noch ungesicherten Industriezeitalters mit neuen Lebensformen im Bannkreis seiner steirischen Bergheimat. Seine Stimme ist eine der ersten in der Beschreibung und Deutung solchen Geschehens, für das wir Nachgeborenen heute nach mehr als hundert Jahren freilich alle Symptome und Folgerungen wertend zu benennen wissen. »Der Gottsucher« erscheint dem Leser zunächst als ein historischer Roman, doch knüpft er nur äußerlich an ein Ereignis der steirischen Geschichte an, das sich genau lokalisieren läßt. Für den jungen Rosegger ist es auf Wanderfahrten zum beeindruckenden Erlebnis geworden. Das obersteirische Dorf Tragöß war anno 1493 Schauplatz einer grausigen Bluttat: Der Pfarrer Melchior lang – im Gegensatz zu Roseggers Charakterisierung des Paters Franciscus ein sittenstrenger Priester – wurde von aufrührerischen Bauern der eigenen Gemeinde im Gotteshaus ermordet. Bis heute ist sein eingeschlagener Schädel in der Kirche verwahrt, und auf einem etwa zeitgenössischen spätgotischen Tafelbild kündet eine lateinischen Inschrift davon, daß Melchior Lang »voll Eifer den Samen des göttlichen Wortes gesät und voll Kraft die Untaten der lasterhaften Einwohner gerügt« habe. Auch die großartige Gebirgsszenerie um Dorf und Kirche von Trawies (gleich Tragöß) an den Südabhängen des Hochschwab-Massivs und seiner Vorberge erschien Rosegger als rechter Rahmen für seine Erzählung. Jede Dichtung hat autobiographische Wurzeln und muß auch aus der persönlichen Lebenssituation des Autors verstanden werden. Mit dem »Gottsucher« löst sich Rosegger von der noch unbefangenen Gläubigkeit seiner Kindheit und Jugend. Die gleichsam naive Religiosität sollte wohl für sein ganzes Leben bestimmend und befruchtend bleiben als gute Gabe von Elternhaus und Umwelt der Waldheimat. Nun aber tritt in seinen Mannesjahren die Ausweitung einer persönlich geprägten und kritisch reflektierten Religiosität zum Grundton seines Kinderglaubens hinzu; das Innewerden von Schuld und Verstrickung im Bösen, Gefährdung des Guten, Erlösungssehnsucht, Suche nach Sinngebung für alles Sein und Tun, eine persönliche Lebensethik und die Gewißheit der Ewigkeit der Seele im Fortleben nach dem Tode. Solche Denk- und Stimmungsbereiche wird der Leser im Spiegel des poetischen Werkes erkennen. »Der Gottsucher« bedeutet im Schaffen Roseggers eine gewisse Zäsur. In den folgenden Jahren wird die Darstellungsweise konkreter und realistischer, wenn auch der Autor der fabulierende Geschichtenerzähler bleibt, der bilderreich zu illustrieren versteh. Der Realität des politischen Geschehens und geistigen Lebens rückt er immer näher, wie die oft harten und polemischen Stellungnahmen zu Zeit und Umwelt im »Heingarten« zeigen oder schon der nächste Roman »Jakob der Letzte«, der auf »Der Gottsucher« folgt. Auch sieht sich Rosegger von kritikern heftig angegriffen, besonders von seiten wenig profilierter Vertreter des politischen Katholizismus jener Jahre. Er muß sich verteidigen und gewinnt dadurch selbst an Profil. Manches höchst zeitbedingte Denkschema, das heute verblaßt ist, hat im »Gottsucher« seinen Niederschlag gefunden. Wir vermögen den vorchristlich-mythischen Herkünften unserer Volkskultur nicht mehr das Stimmungsbild einer Germanen-Illusion, der Richard-Wagner-Theatralik oder einer ideologischen Romantik beizugeben. Auch Rosegger sah das Problem eigentlich tiefer und schiebt im Werke zunehmend die Kulissen beiseite. Uns heutigen Lesern wird das Buch vielfach zum Dokument seiner Zeit und legt dennoch Bleibendes dar. Nach dem Vorabdruck in Fortsetzungen in der Zeitschrift »Der Heimgarten« und noch vor Erscheinen der Buchausgabe 1883 wurde in Roseggers Monatsblatt eine Rezension von Dr. J. Hofer eingerückt. Da heißt es, der Schreiber habe den Dichter der Waldheimat und des Waldschulmeisters im Gottsucher nicht wiedererkannt. Er sei auch sonst nicht gerade ein begeisterter Anhänger Roseggers. Es kätten ihn aber drei Hauptgedanken im Buche beeindruckt: das Ahnfeuer als Symbol der Tradition und des Schicksals von Trawies, die Sühne der Schuld und die Folgerichtigkeit des Untergangs einer Dorfgemeinde ohne religiösen Kult und göttliche Führung. Das historische Bild des Buches sei nicht so wichtig, wohl aber der sittliche Gehalt und die psychologische Richtigkeit. Über alle Irrwege und Sündenschuld schwebe doch die Idee der Gerechtigkeit. Ein Roman sei das Buch eigentlich nicht zu nennen, es genüge den Kriterien dieser Gattung nicht. Es sei aber eine gute Dorfgeschichte größeren Stils. Jener Rezensent Dr. J. Hofer war kein anderer als Peter Rosegger selbst. Hubert Lendl Erstes Buch Der Irrthum. Der Erzähler, dem Ihr Euch anvertraut, um an seiner Hand eine wilde, schattenschwere und unseren Tagen fremde Welt zu durchwandern, führt zum Anfange auf den Berg des Johannes. Dieser Berg erhebt sich in Form eines Kegels mitten aus der Wildniß. Die Wildniß kriecht an seinen Hängen hinan; zwischen zerklüfteten Felsenblöcken wuchern der Sauerdorn und die schwarze Erle, und der Schierling, und der rothe Holunder, und die Einbeere. In den Klüften nistet der Falke, im Grunde ringelt sich die Natter. Der Berg ist nicht so hoch, wie mancher von solchen, die in weiter Runde stehen, aber auf seinem Scheitel weist er eine Stätte mit grauer Erde, auf welcher keine Pflanze wächst. Wenn einst – so kündet es die Sage – nach tausend Frühlingen aus diesem Grund eine Blume erblühen wird, dann ist allerwärts das Reich Gottes erstanden. Auf dem sandigen Boden wuchert heute der grünliche Schimmel der Algen, und inmitten liegt ein großer Stein, von dem man nicht weiß, wächst er in die Erde hinein oder aus derselben heraus; auf der oberen Fläche dieses Steines will manches Auge einen blutrothen Fleck sehen, »den kein Regen löscht und kein Eis tilgt«. Rings um den Berg des Johannes, so weit das Auge fliegt, ist ein Reich von Wäldern, gegen Ausgang der Ritscher, der Birstling, der Tärn. Diese Wälder – es giebt keinen Baum und keinen Strauch und keinen Halm im nördlichen Halbrund, der nicht darinnen stünde – legen sich wie ein Meer über alle Höhen der Berge, über alle Niederungen, über alle Thäler und über alle Schluchten. Das geht so weit, bis im fernsten Kreise die Glocke des Himmels mit ihrem unergründlichen Blau oder mit ihren gletscherweißen Wolkenzinnen niedersinkt. Nur nach jener Seite hin, die man Mitternacht nennt, baut sich hinter einem weiten, dämmernden Waldkessel, die Trawies genannt, ein Wall von Felsbergen auf, die grau und scharf in den Himmel hinein gezackt sind, und die in ihren Schründen schneeweiße Adern haben. Dort hebt ein Gebirge an, dessen Bereich uns fern und fremd ist, so wie es den Menschen nicht bekannt war, die hier voreinst unter dämonischen Schicksalen gestritten haben und vergangen sind. Das Gebirge heißt Trasank. Zwischen seinen Wänden bricht ein mächtiger Fluß hervor, der in seiner reißenden Wildheit donnernd von den majestätischen Schrecken des Gebirges zu erzählen weiß. Die Trach – das ist der Name des Wassers – gräbt sich nun in den Engthälern und schattenfinsternen Schluchten durch die Wälder hin, nimmt zahllose Bäche und Bächlein und Quellen in sich auf, bis sie nach Stunden in jenes felsige Haideland kommt, das die Gegenden der Trawies weit und breit von aller Welt abschließt. Ein großer Theil dieser Striche ist Urwald, den sein Eigenthümer – ein reicher Edelmann, der weit unten in einer Stadt am Meere wohnt und die Felsen des Trasank niemals gesehen hat – so in sich zusammenfallen läßt, wie er aus sich herausgewachsen ist. Nur in jenen Niederungen des Trawieskessels ist der Wald in seinen schönsten Mannesjahren; wo er heute steht, dort ist vor nicht allzulanger Zeit eine Gemeinde von Menschen gestanden. Als zur Zeit der Völkerwanderung auch das Volk der Germanen, in seinem Grunde aufgewühlt, hin und wieder wogte zwischen den Alpen und zwischen der Ostsee, da hat sich ein Häuflein von Menschen in diese Wildniß hierher verschlagen, hat sich angesiedelt an den Gestaden der Trach, hat gerodet und gebaut, hat allmählich Fühlung gefaßt mit seinem sich wieder ruhiger entwickelnden Stamme, hat sich den Satzungen der Allgemeinheit gefügt und hat die Segnungen der Allgemeinheit empfangen. Trawies war eine Berggemeinde, wie so viele andere Berggemeinden es waren. Auf einer felsigen, der Sonne zugänglichen Anhöhe im Thale der Trach, von dichten Büschen überwuchert, ragt heute noch die Ruine des Gotteshauses, in welchem die Menschen von Trawies bis auf ihre frühen Vorfahren zurück so oft um des Herrn Gnade gefleht haben mögen, und aus welchem ihnen das gräßliche Verhängnis emporgestiegen ist. Männiglich meidet die zerfallenen Mauern bis auf den heutigen Tag. Wandern doch die Leute, etwa die verwegenen Jäger ausgenommen, samt und sonders ungern durch die Wälder von Trawies! Und wer es muß, der thut’s mit Hast, denn in jedem Schatten sieht er ein Gespenst, in jedem Schimmer, der durch das Gestämme leuchtet, wittert er das Lagerfeuer einer Räuberbande. Und selbst die Ortschaften draußen fürchten sich vor den Nebeln, die über Trawies aufsteigen, und bekreuzen sich vor den Wettern, die vom Trasank heranziehen. Oft sind auch schon die Gewässer losgebrochen aus jenen berüchtigten Waldstrichen und haben das Land verheert, als wäre doch der Fluch noch nicht gelöst, der vormaleinst in glühendem Zorn geschleudert worden war in das Engthal von Trawies, und der in überreizter Leidenschaft entfacht worden zu dämonischem Brande der Herzen bis an jenem Tage, da er auf dem Berge des Johannes in reiner Flamme hoch zum Himmel emporgelodert und dann verloschen war .... Seit alten Zeiten haben die Leute von Trawies jährlich zur sommerlichen Sonnenwende ein eigenthümliches Fest gefeiert. Ein Erstes war, daß an diesem Tage keine Kirchenglocke gehört werden durfte. Schon am Vorabende wurden die Stricke emporgezogen und siebenmal um die Glockenschwengel geschlungen, als wolle man solche siebenmal fesseln. Selbst der Gottesdienst am Altare unterblieb an diesem Tage, denn der Pfarrherr that auch mit, das Fest der Vorfahren zu begehen. Zu jener Stunde der Nacht, die wie ein Zugbrücklein von Gestern auf das Heute führt, schritten drei Männer durch das thauschimmernde Thal der Trach und riefen folgenden Sang aus: »Licht Sonnenwenden ist da! Der heilige Tag! Der goldene Tag! Wacht auf Zum ersten Stundenschlag! Herab von den Himmeln, Herauf von der Erden Die lieben Gäste erscheinen werden. Erwachet, erwachet, Und freut Euch der Sonnen, Ihr Brüder und trinkt Vom lebendigen Bronnen. Feuer und Licht hat Gott gemacht. Erwacht! Erwacht!« Und siehe, in den zerstreuten Häusern von Trawies wurde es lebendig, die Menschen traten hervor und versammelten sich auf dem grünen, eichenumstandenen Anger, unter dessen Rasen sie ihre Todten zur Ruhe gelegt hatten und Jeder suchte die Schlafstätte seiner Angehörigen und sagte das Wort: »Mein Vater, ich wecke Dich!« Oder: »Mein Bruder, ich wecke Dich, die heilige Sonnenwend’ist da!« Und all’ darüber standen die Sterne des Himmels, und mancher Träumer von Trawies blickte empor, daß er den Arm dessen sehe, der heute die Sonne heben wird bis zu seiner ewigen Stirn, um sie dann zurückzuschleudern in den Abgrund. Und von der Stätte der Begrabenen stiegen sie hinan zu den Matten, welche die Sonnenwendmatten genannt waren, und Jeder fühlte an seiner Seite den geliebten Todten, den er geweckt hatte und geladen, daß er das fröhliche Fest mit ihm und allen Lebendigen begehe. Auf den Sonnenwendmatten zündeten sie ein großes Feuer an, dessen Gluth aus den Sonnenwendfeuern ältester Tage stammte. Es war nämlich seit jeher Brauch gewesen, daß vor Erlöschen des Festfeuers Einer oder der Andere aus den Ältesten von Trawies einen Funken des »Ahnfeuers« mit sich nehmen und in seinem Hause hüten mußte, um bei der nächsten Sonnenwende damit neuen Brand zu entzünden. Dieser Feuerwart war im Laufe des Jahres frei von Steuern und Zehnten, und zur Zeit der Seuchen kamen die Leute zu seinem Herde, auf dem die Gluth nicht auslosch, und holten Feuer zum Ausräuchern ihrer Häuser. Zur Zeit dieser Geschichte verwaltete das Feuerwartamt ein Mann, der an der Trach sein Haus hatte, und der auch nie anders als der Feuerwart geheißen wurde. Das war ein Mann, der mit eherner Kraft an der Vorzeit hing, der in diesem Ideale sein Herz geläutert und seinen Willen gestählt hatte. Er war der Mächtigsten einer in Trawies und hieß mit Namen Gallo Weißbucher. Und im Frühlinge, wenn im Thale der Trach die Saat aus der braunen Erde sproßte, kamen sie zu ihm und holten Ahnfeuer, und zündeten an den Grenzen ihrer Felder Reisig an, daß der Rauch über den keimenden Acker hinwalle und den Unsegen vertreibe. Aus solch heiliger Gluth war das Feuer, das auf der Matte loderte, an welchem nun die Leute Gesänge murmelten, die anfangs düster waren, allmählich aber in Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit übergingen, weiterhin in Übermuth ausarteten und schließlich, wenn längst die Sonne ihren glorreichen Himmelsbogen vollendet hatte, in wilder Ausgelassenheit vergellten. Denn Meth war da, so zum gebratenen Wildpret getrunken wurde, und Cider aus Wildäpfeln floß und entfesselte rasch jene heißen Ströme, die in den Adern junger Menschen rollen. Bald suchten sich Männer und Weiber, Jünglinge und Mädchen und verflochten sich zusammen in Reigen, und weit in der Runde widerhallten die Wälder von Trawies von dem Jauchzen, Singen und Rufen der Versammlung auf der Sonnenwendmatte. Die geladenen Todten schienen bei solchem Treiben sehr wenig Anrecht zu haben, und zum Schlusse des Festtages, wenn man nach alter Sitte die Seligen wieder auf ihren stillen Ruheanger begleiten sollte, vergaß manches Pärchen seinen Vater oder seinem Oheim zurückzuführen, und da sagte man, daß solche Seelen friedlos ein ganzes Jahr die Leichtsinnigen umschweben müßten. Das war seit alten Tagen das Fest der Sonnenwende zu Trawies. Verbunden damit war auch eine Rede des jeweiligen Feuerwartes, welche im hohen Mittage unter den Eichen gehalten werden mußte. Diese Rede hatte vor Allem darzutun, daß das Feuer im Jahre hindurch mit allem Fleiße bewacht worden war und daß es »Funke aus jenem Funken ist, den der Urahn einst im germanischen Walde von der weißen Frau überkommen hat«. Ferner hielt der Redner eine Rückschau auf das letztvergangene Jahr, zählte die Verstorbenen, zählte die Geborenen, zählte die in Zucht und Liebe Verbundenen; zählte auch die hervorragenden Thaten der Bewohner von Trawies, es mochten dieselben zum Guten oder zum Bösen sein. So war dieser Tag Manchem zur Erhöhung, Manchem zum Gerichte. Schließlich wurde stets auch der Bande gedacht, durch welche die Gemeinde mit dem Fürsten des Landes verbunden war, und es wies sich, daß trotz aller Abgeschiedenheit die Anhänglichkeit an das Ganze eine treue war, und die Ausübung der allgemeinen Gesetze eine musterhafte, so lange solche Gesetze mit den althergebrachten Sitten dieses Volkes im Walde im Einklang standen. Nun aber war ein neuer Herr nach Trawies gekommen, Pater Franciscus geheißen. Er bewohnte, wie sein Vorgänger, das stattliche Haus aus Stein gebaut, welches auf der Felsenhöhe neben der Kirche stand. Er soll klein und gedrungen von Gestalt gewesen sein, aber einen Blick gehabt haben, der den Bewohnern von Trawies schon von Anhang nicht gefiel. Er soll gern in weltlicher Kleidung gewandelt sein und in den Häusern nachgesehen haben, wie es mit der Habe stehe, und soll nach solchem Augenmaße die Abgaben der Leute erhöht haben. Auch habe er sich die Gebete um Segen für die lebendigen und um Trost für die Verstorbenen klingend wiegen lassen, sei aber zu den Stunden des geistlichen Opfers häufig an der Trach gestanden und habe die Angelschnur in das Wasser gehalten, oder sei mit Jagdgenossen in den Wäldern herumgegangen, und habe auch verordnet, daß die Leute in den Revieren nicht mehr Holz schlagen oder die Ziegen weiden dürften. Sonst hatten sie ihre Festbraten häufig selbst im Walde geholt, oder hatten aus dem Wildprete einige Schinderlinge gelöst. Aber das hatte nun der neue Herr verpönt, und schärfer verpönt als alle übrigen Todsünden zusammen. Die Leute von Trawies hatten es durch die langen glücklichen Zeiten her völlig vergessen, daß sie an Leib und Seele Hörige waren dem geistlichen und weltlichen Herrn, welcher das Einkommen von der Gemeinde theils zur eigenen Nutznießung verwenden durfte, theils an ein weit unten in den hügeligen Landen liegendes Kloster abgeben mußte. Mit der neuen Herrschaft war ihnen das aber gar deutlich ins Gedächtnis gerufen worden. Sie ächzten unter der Last und fluchten. Das Fluchen war ihnen nicht ausdrücklich verboten, denn der Seelenkenner wußte recht gut, daß Fluchen dem Sklaven das Gemüth erleichtert, den Herrn jedoch nicht verbindet. Aber Waldleute sind von jeher bewährte Lastthiere gewesen, und die Leute von Trawies hätten es ertragen. Da hatte der neue Herr eine Verordnung erlassen: Das heidnische Treiben und Gelage am Sonnenwendtage sei aufgehoben für ewige Zeiten. Das traf die Menschen des Waldes ans Herz. Aber der Feuerwart rief: »So lange als ein Funke des Lebens in mir ist, so lange lasse ich den Funken des Ahnfeuers nicht ausgehen. Man soll einstmals nicht auf meinen Rasen treten und sagen können: Bei dem da unten, bei dem ist das alte ehrwürdige Feuer ausgeloschen! Es ist mir nicht der Zehnten und Abgaben wegen, diese will ich steuern nach meinen Kräften; jedoch aber, aus dem Ahnfeuer, das in meiner Hut ist, sollen sie zur Stunde, wenn ich in die Ewigkeit muß, meine Sterbekerze anzünden!« »Traun, das ist treu gesprochen!« antworteten die Männer. Als sie jedoch zur nächsten Sonnenwende den Tag damit begannen, daß sie auf dem Kirchhofe die Todten weckten, stand plötzlich der Herr unter ihnen; nicht mit dem Kreuze, wie einst Bonifacius unter den Heiden gestanden, sondern mit dem Schußgewehr, den Finger an den Hahn gelegt. Nicht vor dem Feuerrohr zitterten die Männer, aber dem Gebote des Herrn, das sie stets gewohnt waren zu befolgen, wagten sie sich nicht weiter zu widersetzen. Sie gingen auseinander und der Feuerwart nahm die heilige Gluth mit sich. »Halt! was trägst Du dort in jenem Hafen?« rief ihm der Herr nach. »Auf der Stelle wirf mir die Kohlen ins Wasser.« Der Feuerwart fing an zu laufen, der Herr verfolgte ihn mit gespanntem Gewehr. Der Feuerwart war ein betagter Mann und sah, er könne dem Verfolger nicht entkommen. »Du kannst mich niederbrennen mit deinem höllischen Feuer,« schnaufte er, »aber diese Gluth wirst Du nicht vertilgen!« Sein Haus war in der Nähe, dem floh er zu. »Um so besser,« lachte der Verfolger, »Feuer läßt sich nicht verstecken.« Das wollte Jener auch nicht; als er sah, er wisse das ihm anvertraute Heiligthum nicht mehr anders zu retten, sprang er in die Scheune und schleuderte die Gluth ins Stroh. Als der Pfarrherr nachgeklettert kam, war der Mann verschwunden, vor ihm schlug lichterloh die Flamme auf und er hatte hohe Zeit zu sehen, daß ihn das Feuer, welches er mit der Schußwaffe verfolgt hatte, nicht verzehre. Das Haus brannte nieder. Der Feuerwart sah sein Eigenthum vergehen in den Gluthen des Ahnfeuers. Vom Trasank hernieder zog ein wirbelnder Wind, der fachte die Flammen des brennenden Hauses hoch empor und trug sie hin in das Gestämme des nahen Waldes. Da brüllte und prasselte es auf, und als an diesem Tag die Morgensonne sich erhob, leuchtete sie roth und trüb durch das Gewölk des Rauches, welches über den brennenden Wald aufwirbelte. Eulen und Habichte flatternden kreischend in der Luft. Ganz Trawies war auf und jubelte, arbeitete aber mit Hacken und Spaten, um das Feuer zu bekämpfen. Und als es Abend war und die letzten Bäume des glücklich abgegrenzten Waldes sprühend wie in Schwärmen von Johanniswürmchen in sich zusammenbrachen, hatte Jeder einen glühenden Brand mit in sein Haus getragen, denselben auf seinen Herd gelegt, und war solcherweise ein hundertfaches Ahnfeuer im Vorrath für die Sonnenwende des nächsten Jahres. Und im nächsten Jahre, wenige Tage vor dem Feste, versammelten sich einige Männer im Hause des Waldhüters Baumhackel, das über eine Stunde von der Kirche entfernt weit oben in einem kleinen Hochthale stand. Das Hochthal, die Wildwiesen geheißen, ist noch heute an einem Wasserfalle zu erkennen, welcher zwischen ungeheuren Fichtenbäumen von einer Felsenterrasse niederstürzt und zu seinem Fuße einen großen kesselförmigen Tümpel bildet. An diesem Tümpel hin zog sich damals ein freier Platz bis zu dem kleinen Hause des großen Baumhackel, in welchem die Männer zusammenkamen, um über das Fest der Sonnenwende Rath zu halten. Einer der Alten nahm das Wort und sprach: »Was wir da bereden werden, Ihr Männer von Trawies, bedenkt es wohl; in den Wolken, die über unser Haupt gehen, ruht der Donnerer und hört uns zu. Mit seiner eisernen Hand erhebt er den Blitz und begehrt das Sonnenwendfest, auf daß er nicht in unsre Häuser schlage, nicht unsere Wälder vernichte! Der große Forderer auf dem Donnerwagen, so bespannt mit zwei schwarzen Böcken, und das Wahlheer der Todgeweihten, das auf Ebern und feuerschnaubenden Rossen naht, verlangt den Freudentag der Sonnenwende!« Des uralten Glaubens geheimnisvolle Kunde zündete und Alle riefen: »Ein Sonnenwendfest!« Nachdem beschlossen worden war, diesmal das Fest auf der Wildwiesen abzuhalten, nahm Einer das Wort und stellte den Antrag, den Pfarrherrn von Feste fernzuhalten. »Durch Gewalt?« »Durch List.« »Ei zum Donar, Isidor, das hört sich von Dir seltsam.« »Wie sich’s hört, das kommt auf Eure Ohren an; ich aber sage, den Herrn brauchen wir nicht dabei!« »Das sage ich auch!« »Und ich auch!« »Und ich ebenso!« »Gut, so sagen wir’s Alle. Was nacht das aus?« »Wenn die Männer von Trawies was wollen und zusammenstehen, soll das nichts sein?« »Du hast recht, Isidor, ich wollte es ihm nicht rathen, daß er uns den Weg verlegt. Es kocht was in Trawies für unseren Herrn!« »Bei meinem Eid, Männer, nur keine Gewalt! Ein Handschlag und unser Unglück ist zeitig. Ich sag Euch’s!« So der Isidor. Ein Mann, den sie Wahnfred hießen, neigte sehr bestimmend sein Haupt. »Ja Wahnfred, dasmal mußt du d’ran. Du hast dein Haus unten am Gestade, zwei oder drei Stunden von der Kirche, in der entgegengesetzten Richtung von der Wildwiesen. Am Sonnenwendtag wird in deinem Hause Einer auf der Sterb’ liegen. Da wird früh morgens nach dem Priester geschickt, der muß eilends hinaus. Verstehst mich!« Auf diese Rede schmunzelten die Männer, der Wahnfred aber dehnte seine breite Brust heraus und sagte: »Wenn Gott uns bewahrt in seinen Gnaden, so geschieht das nicht. In meinem Hause soll kein’ Untreu’ sein.« Das Haupt, welches so sprach, hatte sich fast trotzig über den breiten Schultern aufgerichtet. Das Gesicht war blasser, zarter, als die Farbe der Anderen; das war Keiner, der sein Antlitz viel gegen die Sonne hob. Hingegen trug er die Gluth in seinen großen Augen. Die Backen bedeckte ein leichter, gekräuselter Bart, die Lippen waren roth und kräftig und redeten, auch wenn sie schwiegen. Die Stirn war schmal und hoch, glatt und weiß; rückwärts am Scheitel hing das rotbraune Haar in Mähnen nieder. Der Mann war ganz merkwürdig. Das Eine deutete auf hünenhafte Kraft, das Andere auf kindliche Zartheit; das Eine deutete auf eine Denkerseele, das Andere auf ein überquellendes Gefühlsleben, aber auch ein Wütherich konnte es sein, ein Löwe, ein Tiger. Es giebt Menschen, deren Charakter allfort wie ein Orakel spricht und nimmer verstanden wird. Selbst in Bezug auf das Alter konnte man sich an ihm um viele Jahre täuschen: jetzt schien es, er habe mehr Winter erlebt als Sommer, im nächsten Augenblicke wieder konnte Einem einfallen, er habe gar keinen Winter und gar keinen Herbst erfahren, sondern lauter Frühlinge, aber deren eine hohe Zahl. = Ähnlich lautet eine Beschreibung, die uns von diesem Manne erhalten worden ist. Sein Kleid war, wie das der Anderen: ein grobes Hemd aus Leinwand, das am Halse mit einer schwarzen Binde zusammengebunden war, eine Kniehose aus Fellen von Hirschen oder Rehen, enge Strümpfe aus weißem Garn, ein langer Mantel aus brauner Wolle. Seit unlang trugen die Männer zu Trawies auch Beschuhung aus Leder, während die Weiber in ihrem blauen Leinwandkleide auf ihren glatteren häuslichen Wegen barfuß gingen. Filzhüte mit kleinem, kesselförmigem Boden und sehr breiten Krempen trugen sie auf dem Häuptern; und die Krempen waren zu beiden Seiten mit einer weißen Schnur nach aufwärts gehangen. Auch hatten sie auf ihren Waldgängen gern ein schweres Messerbesteck an der linken Lende, und lange, eisenbeschlagene Stöcke bei sich, denn der reißenden Thiere gab es manche in der Gegend, und auch manche der Abgründe und Wildwasser, die zu überspringen waren. So sahen sie aus, die Männer zu Trawies, und so war auch er gekleidet, den sie Wahnfred hießen und der sein Haus unten am Gestade hatte, nahe wo die Trach den Wald verläßt und in das öde steinige Heideland hinausrinnt. »In meinem Hause soll kein’ Untreu’ sein.« hatte er mit gemessener Stimme geantwortet. So sprach hierauf der Baumhackel: »Der Wahnfred ist nicht der Einzige im Gestade. Mein Bruder, der kleine Baumhackel, hat dort unten ebenfalls seine Hütten; in derselben wird auch kein’ Untreu’ sein, aber sie wird sich doch hergeben für eine Sache, die uns und der frommen alten Weise unserer Voreltern zugute kommt. Ich nehme es gern über mich, daß mein Bruder, der kleine Baumhackel, am Sonnenwendtage auf den Tod krank liegt.« »Ist freundschaftlich von Dir,« sagte Isidor, »und so wird’s mit der Allmacht Gottes auch in diesem Jahre ein Sonnwenden geben.« Nun waren nächtlicherweile auf allen Steigen, die zur Wildwiesen hinanführten, Männer und Weiber mit schweren Körben und Rücktragen gegangen und der große Baumhackel war vollauf beschäftigt mit Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, daß dieses Fest oben in der Verborgenheit der Wildniß, eben weil es verboten war und heimlich geschehen mußte, großartiger und lustiger ausfallen sollte als alle, so bisher stattgefunden hatten. Am Sonntage zuvor hatte jedoch der Pfarrherr Franciscus vom Predigtstuhle aus Folgendes gesagt: »Am Erchtage begeht unsere Kirche und mit ihr der aufrichtige Christ das Fest des heiligen Märtyrers Johannes, der unseren Herrn und Seligmacher Jesus Christus am Flusse Jordan getauft hat. So wird an diesem Tage in unserer Kirche ein feierliches Meßopfer darbegracht und haben die Kinder der Pfarre in möglichster Anzahl dabei zu erscheinen. Während des hohen Amtes wird ein Opfergang um den Altar stattfinden. Ich hoffe, daß Jeder sich dem Herrn bekennen wird. Der heilige Täufer Johannes hat das Himmelreich mit seinem Blut erkauft; ich bin als gewissenhafter Seelenhirt entschlossen, die störrischen Schafe, und sei es selbst mit Gewalt, in meines lieben Gottes Schafstall einzuführen.« Und sei es selbst mit Gewalt! Wie wunderlich dieses Wort in den Kirchenwänden widerhallte! Die Leute erschraken und wußten nicht warum. Ob der Drohung erschraken sie nicht. Als sie aus der Kirche gingen, sagte ahnungsvoll ein altes Mütterlein: »Grad’ einen Stich hat’s mir ins Herz gegeben, wie ich das hab’ gehört!« Und am Tage des Täufers, als das Morgenrot aufging, war der Herr Franciscus wach in seinem Pfühl und freute sich, daß er wach war, um die Behaglichkeit des warmen, wohl geborgenen Bettes recht empfinden zu können. Es war nicht immer so gewesen. Sein Vater, ein barscher Burgvogt allzu frommen Sinnes, hatte ihn von derblustiger Knappenwirthschaft hinweg ins Kloster gegeben. Da gab’s schmalen Tisch, breite Betstühle und anstatt der Vogelschlingen Peitschen für den menschlichen Rücken. Spaß gab’s wenig, Bußungen viele, denn die Regeln waren strenge und der Guardian noch strenger. Jammerschade um die schönen Jahre! Endlich ließen sie ihn frei und stellten ihn in die entlegene Waldgemeinde Trawies. Das war ihm recht; jetzt konnte er das Versäumte einbringen. Hier war er Herr und sollte es sein, und wunderte sich, daß die Waldbauern ihre eigenen Herren sein wollten. Er hatte in seinem Leben von freien Menschen nicht viel gehört; er hatte sich gedacht, mit den Hörigen und Knechten auf gutem Fuße zu leben, aber die Leute wollten es auch auf guter Hand, und als sie sahen, daß er mehr nahm, als seine Vorfahren genommen hatten, murrten sie und wurden trotzig. Und dieser Trotz weckte den seinen; nun wollte er mit Strenge und Gewalt die Einigkeit und den Frieden zwischen sich und seinen Pfarrkindern herstellen. Denn er sehnte sich nach dem Frieden und nach einem fröhlichen Leben in Gemeinsamkeit mit den Leuten, aber in seiner Klosterzelle hatte er nicht Menschenkenntniß genug gelernt, um so ans Ziel zu kommen. Die Spannung war in der Gemeinde so groß geworden, daß er außerordentliche Mittel ergriff. Trotzdem streckte er sich nun behaglich unter seiner Decke und dachte an Wohlleben, das auch andere Herren führten draußen im Lande. Er konnte recht gesellig sein mit Leuten, die zu ihm standen in Spiel und Waidmannslust; die priesterlichen Handlungen gingen so nebenher. Ob er sie zu Recht erfüllte! Er fragte nicht danach, hatte man ihn doch ohne seinen Willen in die Kutte gesteckt! Die Rechenschaft, welche er von seiner Gemeinde hohenorts abzulegen hatte, dachte er sich nicht strenge, maßen er die Steuern und Abgaben mit genauerer Gewissenhaftigkeit dahin ablieferte, als es seine Vorfahren je zu thun vermochten. So rechnete er auf ein langes, kurzweiliges Leben im Thale der Trach. Derlei mochte der Herr Franciscus an diesem Morgen gedacht haben, da pochte unten an der Thüre des Pfarrhofes plötzlich der Hammer. Der Herr blieb liegen, wie er lag, aber die klangvolle Stimme einer Frau fragte zum Fenster hinab, was es gebe? Es würde doch nicht schon wieder das heidnische Wesen angehen! »Das nicht,« rief Einer von unten hinauf, »aber der kleine Baumhackel will versterben, und der Herr möge um des großen Gottes Willen alsogleich mitkommen.« Bald darauf stand der Herr selbst am Fenster und that die Frage, was nur dem jungen Mann zugestoßen sei? »Vermeinen, das Schlagl wird ihn troffen haben, er liegt ganz dahin; es reckt ihn schon der Tod, würdiger Herr.« »So kann ich auch nichts machen. Ich will den Versterbenden ins Meßopfer schließen. Geh’ nur wieder heim.« »Wollt’ aber doch die Barmherzigkeit haben. Wir wissen es all’, ‘s ist ihm so viel um einen Geistlichen, und keine Ordnung ist, kein Testament, um und um nichts. Wissen uns gar nicht zu helfen, und wenn uns der gute Herr auch will verlassen ...« Da hat sich der Herr sauren Gesichts wegfertig gemacht, und das Glöcklein, welches den Allewigen in Brotgestalt begleitet, hat mählich dahingeklungen am Ufer der rauschenden Trach. Es war nicht zu verwundern, daß an den Häusern, an welchen der Priester vorüberkam, so wenig Leute knieten, denn es war noch früh am Morgen; und es war auch kein Wunder, daß im Innern der Häuser schon alle Betten leer standen, denn es war schon lange nach Mitternacht. »Licht Sonnenwenden ist da! – – – – – – – – – – – – – – – Feuer und Licht hat Gott gemacht. Erwacht! Erwacht!« Der Ruf war längst verklungen und die Leute waren davon und hinangestiegen gegen die Wildwiesen. Allerlei Volk. Da ein vierschrötiger Bursche, der wich dem Kirchhof aus, denn seine alte Base, die wollte er nicht wecken, sie mag sich ausruhen, und der Pathe auch selbander; hingegen was Lebendiges will der Nantel mitnehmen. Und an einen Hause, an welchem er vorüber kam, klopfte er am Fenster der seitwärtigen Wand: »Sonnwenden ist da! Licht ist die Sonnen. Geh’, trink vom lebendigen Bronnen!« So viel von dem alten Spruche war in seinem Kopf verblieben. Wer drinnen war, der ließ sich nicht so lange bitten, als der Herr im Pfarrhofe. Er kam bald heraus, und es war eine Maid, die ganz kecklich den Arm des Burschen erfaßte und mit ihm hinanstieg. »Hast wohl Feuer bei Dir?« fragte er. »Verspar’ Dein Spotten sauber auf ein andermal und gieb Achtung, daß ich Dir nicht zu heiß komm’!« »Mußt erst sehen, welches von uns heißer brennt. Nun sag’ ich Dir eins, wenn ich nicht zwei sag’: Haben wir Beid’ das Feuer selber bei uns, was sollen wir uns denn plagen und hinaufsteigen auf die Wildwiesen! Setzen wir uns wo hin und halten Sonnwenden im Kraut!« »Du, Nantel,« antwortete sie, »mit so heiligen Sachen treibst kein Gespött mehr! Mußt wissen, ich bin nicht allein.« Er starrte sie an und über seine Wangen ging eine blasse Farbe. »Nicht – nicht allein wärst. Josa?« »Schon gestern spät Abends Stund bin ich auf dem Friedhof gewesen und habe meine Mutter geweckt.« »Deine Mutter,« atmete der Nantel auf, »so, so, Deine Mutter selig. Ist schon recht, Josa, weil nur das! Ist schon recht.« Sie kamen glücklich hinauf. – Einen anderen Fußsteig schritten zwei Gäuche hinan. »Jetzt probir’ ich’s aber doch,« flüsterte der Eine, »und probiren thu’ ich’s.« »Wird nichts nutzen,« meinte der Andere. »Mir hat’s der klein’ Baumhackel für gewiß gesagt, ganz für gewiß. Und ich glaub’s auch.« »Gieb her, Lass’ lesen noch einmal.« Sie hielten ein arg zerfahrenes Blatt Papier in den Händen und lasen: »Approbirtes Mittel, daß die Leut nicht munter werden. Nimm Jungfernhaar als zum Tocht und Fetten von einer Kreuzotter als zum Auswendigen; dieselbe Kerzen alsdann am besten mit Sonnwendfeuer anzünden, wird der brennenden Kerzen wegen in einem Haus, so Du das thust, weder Mann noch Weiblein aufwachen.« »Möglich kann’s sein,« sagte nun auch Jener, der anfangs gezweifelt hatte. »Der Baumhackel soll’s wundershalber an seinen Hausleuten probirt haben.« »Was Du sagst!« »Wisse, Roderich, Baumhackel’s Leut’ fressen so viel gern, und hat sich der Baumhackel vornächst schon um den Pfingstsonntag kümmert, wo sie wieder allerhand gut’ Sach’ haben wollen und mit nichts zufrieden sind.« »Wenn sie mit nichts zufrieden sind, so sind das ja recht bescheidene Leut’!« »Du verstehst mich nicht, Roderich, sie sind nämlich mit nichts nicht zufrieden, heißt das, mit Etwas nicht zufrieden, wie man sagt, halt: mit nichts etwas zufrieden.« »Strapazier’ Dich nicht, Uli, Du meinst, es gäbe nichts, womit sie zufrieden wären.« »Oder vielmehr, es gibt alles, womit sie nicht zufrieden sind. Wenn man Dir einmal nicht mehr recht reden kann, so geh’ Deiner Weg allein.« »Also weiter, sie waren nicht zufrieden.« »Und sind es nicht, und der Baumhackel hat’s gewußt, sie werden es auch am Pfingstsonntag nicht sein. Was thut er?« »Den Stecken nimmt er und verjagt sie.« »Laff! Wozu hätt’ er denn hernach die Kerzen mit dem Kreuzotterschmalz und dem Jungfernhaar? In der Pfingstnacht, wie er vermeint, daß Alle schlafen, zündet er sie an und läßt sie brennen über den ganzen Tag und bis in die nächste Nacht hinein. Kein Ratz ist Dir munter worden und das ganze Essen ist verspart geblieben.« »Das ist viel!« »Das ist nichts. Wie die Knechte sind munter worden, haben sie Kisten und Kästen ausgeleert, alles aufgefressen.« »Dem wäre ja abzuhelfen, Uli; man braucht nur, dieweilen die Leut’ einen so gesunden Schlaf haben, die Kisten und Kästen selber auszuleeren, so werden sie sich nachher nicht krank essen.« »Das meine ich ja eben. Ruck’ an, Bruder, daß wir ein Brandel Sonnenwendfeuer erhaschen.« Und sie kamen glücklich hinauf. – Wieder einen anderen Weg hinan ging eine größere Gruppe von Männern. Darunter war – er ragte über die Genossen hervor – der Wahnfred aus dem Gestade. Er stieß seinen Stock derb in die Erde hinein und nahm nicht Theil an dem Gespräche, welches die Übrigen in Erregung führten. Einer war unter ihnen, der trug ein frischrasirtes Gesicht und einen neuen Hut. Er führte das Gespräch und wußte die Worte wohl zu setzen. Er war etwas, was in damaliger Zeit eine Seltenheit gewesen und was sich nur die Leute von Trawies beigelegt hatten, wenn sie einmal einen Ableger aus dem Kloster erhaschen konnten. Er war der Schullehrer von Trawies und erzeugte die großen Filzhüte, wie sie hier verlangt wurden, also ein Mann für den Kopf. »Männer,« sagte er, mußte aber stehen bleiben, so oft er sprach, weil sein Wort die ganze Lunge zur rechten und linken Seite in Anspruch nahm; »Männer von Trawies! Ich, der alte Lehrer, der zum Theile Euren Kindern und zum Theile Euch selbst freundschaftlich beigebracht hat, was in seinem Können und in seiner Erfahrung gelegen ist – ich wollt’ Euch nicht gerathen haben, daß Ihr unsern Herrn reizet! Er ist unser Schirmherr und unser geistlicher Führer, und er ist vom Obersten uns gestellt –« »Schulmeister, diesmal weiß Unsereiner es besser,« unterbrach ihn der Gallo Weißbucher, das war der Feuerwart, der ein Jahr früher sein Haus angezündet hatte, um das Ahnfeuer zu retten, »einmal ist es nicht redlich gesagt, daß wir den Herrn reizen. Wir thun, was die Trawieser seit hundert Jahren und länger her gethan haben. Es ist kein Übel für die Menschen, wenn sie das Andenken an ihre Voreltern hoch halten, wenn sie die Lebensweise und die Sitten, in denen die Vorfahren stark und ehrenreich geworden sind, wie ein Erbgut bewahren. Das sind die Ketten, die uns verbinden mit den Ahnen, so für uns gesäet haben und für uns gelitten. Am Leibe liegt es nicht, den wir von ihnen überkommen, an der Seele liegt es, die sich aus ihren jahrtausend langen Schicksalen herausgewachsen hat. Diese Seele lassen wir uns nicht wenden und färben, wie Ihr Eure Hüte wendet und färbt, die heute der Herr trägt und morgen der Knecht. Der Baum wird sich schon selber auswachsen, wie er muß, und will man uns jetzt auf einmal mit Gewalt ändern, so ist das just so viel, als man will den Baum von seinen Wurzeln trennen und als Strunk neuerdings in die Erde setzen. Wir sind dem Herrn alles zu Willen, was er zu Recht und oft gleichwohl auch zu Unrecht verlangt, jedoch aber –!« »Es handelt sich auch gar nicht mehr um das vermaledeite Sonnwendfeuer.« »Schilt, Schulmeister, schilt! und Du bist schon recht, wenn Du sagen willst, es wendet sich schier bald einem Anderen zu. Nur das will ich jetzt noch richtig machen: Unser Schirmherr ist er nicht, das ist der Kaiser. Unser geistlicher Führer ist er auch nicht, dazu gehabt er sich viel zu weltlich. Geld! Geld! läuten bei Dem die Glocken auf dem Thurm. Und wenn Ihr zum Schluß sagt: Vom Obersten wäre er uns gestellt, so sagt Ihr zum Schluß eine Dummheit, mit Verstattung. Unser Oberster ist nicht das Kloster und nicht sein Patriarch. Sie sollen ihn zurücknehmen, beizeiten zurücknehmen, das rathen wir Alle zum Guten!« »Gallo Weißbucher,« sagte jetzt der Schullehrer, »Ihr seid ein alter Mann und brauset so ketzerlich auf. Habt Ihr denn nicht christliche Sanftmuth gelernt?« »Von unserem Pfarrherrn nicht.« »Wollt Ihr denn einen Krieg anheben mit den Gewalthabern des Reiches? Dem Bischof sind die Herren Männer von Trawies schon lange nicht mehr nach Sinn und er weiß, warum er einen solch gestrengen Herrn in die Gemeinde gesetzt hat. Ich alter Mann bin ja doch keiner von Jenen, ich bin ein Trawieser Kind und halte zu Euch meiner Tage lang. Und eben darum rathe ich treu: Wir sind die Schwachen, fügen uns christlich – dann wird wieder der liebe Frieden sein in unseren grünen Wäldern.« »So möchte ich nur wissen, warum Ihr mit Euren alten Füßen selber hinaufsteigt zur Wildwiesen.« »Weil es mir erst heute zu Ohren gekommen ist, was die Leute da oben vorhaben, und weil ich sie warnen will – warnen und bitten – daß sie beizeiten still wieder auseinander gehen. Ich sag’ Euch, verfeindet Euch nicht! Wenn ein Pfaff beißt, der wird nimmer gesund! Auch darf man den Priestersegen nicht verscherzen.« »Geh mir! Pfaffen segnen sich selbst zuerst.« »O, mein lieber Gott,« seufzte der Schulmeister. »Was meint Ihr?« »Ich weiß nichts, aber es liegt mir in der Luft wie ein großes Unglück!« Sie redeten noch ein Weile durcheinander. Nur der Wahnfred schwieg und wandelte finster einher und stieß seinen Stock derb in den Boden. Sie kamen glücklich hinauf. – Es war zu Stunde der Morgenröthe, daß an den Ufern der Trach ein Knabe daherkam. Aber das war ein schöner Knabe. »Die Sonnen hatte noch nicht zwölf Jahre lang herabgeschaut, und sein Haar, sein weißes zartes Kräuselhaar war doch golden geworden; der blaue Himmel und der Morgenstern sind gar lieblich zu sehen, aber ich versenke meine Blicke in das Auge dieses Knaben hinein, darin es noch unbeschreiblich schöner ist. Der weißen Wölklein weißestes ist nicht so schön, als wie seine Stirn und sein Nacken; die Morgenröthe, so ich preise all Morgenstund’, leuchtet nicht lieblicher, denn die Wangen dieses Knaben brennen, wenn er in kindlicher Lust ist.« So heißt es von dem Knaben in jener Schrift, die dem Erzähler dieser Begebenheiten in vieler Hinsicht eine Quelle ist. Er war vielleicht so früh Morgens schon zur Schule gekommen, oder wollte auf dem Kirchhofe dabei sein, da sie den Groß- und den Urgroßvater weckten, mit denen er sich gern einmal besprechen mochte, wie es früher in Trawies mit den Adlern gewesen, die jetzo nimmer zu sehen sind. Nun war das Schulhaus verschlossen und der Kirchhof leer, und ein alter Mann, der so früh schon unter der Eiche saß, sagte: »Sie sind schon hinauf, Alle hinauf!« So ging der Knabe wieder den Bache entlang, aus dem ihm die kühle feuchte Luft entgegenthaute. Er spähte nach Forellen, nach Krebsen, er scheuchte die Bachstelzen von einem Weidenbusch zum anderen. Sein herrliches Auge glühte den Thieren nach. Und mitten in solcher Jagdlust hörte er ein klägliches Wimmern. Er schaute nach allen Seiten und das Rauschen des Wassers wollte die Stimme ersticken. Da sah er einen schmalen Steg, der über die Trach führte, und mitten auf diesem Steg lag auf dem Angesichte ein Kind und umklammerte den Baumstamm und wimmerte. Alsogleich sprang der Knabe auf den Steg und hörte, wie das Wesen – es war ein Mädchen von acht oder neun Jahren – immerfort schrie: »Ich fall’, ich fall’!« »Wirst nicht fallen,« sprach der Knabe, »steh’ auf und halte Dich fest an mich!« »Ich fall’, ich fall’!« rief das Kind und klammerte sich noch fester an den querüberliegenden Baum, unter welchem die Trach brausend über Felsblöcke wallte und gischte. Dem Knaben selbst hub es vor den Augen an zu kreisen und er haschte, die aber nicht da war. Er wendete die Augen vom rollenden Wasser ab, erfaßte das Kind mit beiden Armen, riß es mit Kraft vom Stegbaum los und sprang mit solcher Beute ans andere Ufer hinüber. »Was hast denn auf dem Steg gemacht – so früh?« fragte jetzt der Knabe. »Vor dem Hinabfallen hab ich mich gefürchtet,« antwortete die Kleine. »Weshalb bist Du hinaufgestiegen?« »Weil ich meinem Vater nachlaufen will.« »Wo bist denn daheim?« »Dort, wo das Weiße ist.« Und sie streckte den Arm aus und zeigte mit dem Fingerchen nach einem neuerbauten Hause, das jenseits des Flusses an der Berglehne zwischen braungesengten Bäumen hervorschimmerte. Es war der Hof des Feuerwarts Gallo Weißbucher, dem sie das Haus wieder auferbaut hatten. »Wo ist dein Vater?« fragte der Knabe weiter und sein Blick ruhte besorglich und treuherzig auf dem zarten Wesen, das vor ihm kauerte und recht offen zu ihm aufsah. »Mein Vater, der ist hinaufgegangen.« »Wo denn hinauf?« »Das weiß ich nicht.« »Was macht er oben?« »Das Feuer anzünden.« »So weiß ich es schon. Willst Du hinaufgehen, so gehe ich mit Dir.« »Kommen wir zu einem Steg?« »Nein, es geht jetzt alleweil zu Berg. Warum hast Du Dich auf dem Steg niedergelegt?« »Weil es um und um gang ist. Und nachher ist der ganze Steg mit mir geflogen.« »Jetzt – kommt sie! Schau, jetzt kommt sie!« flüsterte der Knabe erregt und wendete sein Angesicht den fernen Höhen zu, über denen die Scheibe der Sonne aufstieg. Auf das Tal war plötzlich ein warmes Roth gegossen und die Stämme und Gruppen der Bäume legten scharfe Schatten auf den goldenen Grund. Das Mädchen blickte nicht die Sonne an, die war zu licht; das Mädchen blickte in das Angesicht des Knaben, das that ihrem Auge wohl. Und als sich nun auch er gegen sie wendete, um zu sehen, wie ihr die Sonne gefalle, blieb sein Blick an ihrem Antlitze ruhen und er sagte ganz leise: »Die Sonnenwendsonne ist wohl schön!« Ja, sie war wohl schön! Das zarteste, das schönste Roth der Rosen legte sie auf das runde Gesichtlein des Mädchens. »Und in diesem Rosengärtlein standen zwei Violen« – lesen wir; wie nur kann man ein schönes Menschenauge mit Blumen vergleichen! Dieses Wunder der Wunder ist unvergleichlich. Möge der Leser an die schönsten Kindesaugen denken, die er in seinem Leben gesehen hat, vielleicht kommen sie den hellen Sternlein nahe, die »wie Violen in diesem Rosengärtlein« leuchteten. Da waren in den Augen zwei gluthrothe Fünklein, der sich spiegelnde Sonnenball, und daneben das winzige Lockenhaupt des Knaben, welches nun im runden Spieglein drinnen anwuchs und die Sonne verdeckte, weil der Knabe sein Haupt so nahe zum Antlitz des Kindes neigte. Da es jetzt aber war, als klänge etwas durch die Luft, so sagte der Knabe: »Das ist die Musik oben auf der Wildwiesen. Frisch auf!« Und sie stiegen an. Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Weißt Du, wie das ist?« »Was?« fragte das Mädchen. »Daß die Sonnen so auf und nieder fliegt. Höre einmal zu. Der gute Gott und der böse Feind, die thun miteinander Ball werfen. Und das ist der Sonnenball. Einmal fliegt er dem guten Gott in die Hände, da ist es Tag; nachher fliegt er wieder dem bösen Feind in die Hände, da ist es Nacht. Und da hat mein Vater gesagt, zu Sonnenwenden thät’ der Teufel den Ball am höchsten werfen. Und wenn Gott den Ball einmal nicht mehr auffängt, so fällt er hin und nachher wird es nimmer Tag.« Das Mädchen entgegnete nichts, aber es fürchtete sich und schmiegte sich an den Knaben. Sie gingen Hand in Hand und Jedes achtete auf seine Füßchen, und Eines schanzte dem Anderen den besseren Theil des schmalen, holperigen Weges zu. Endlich hörte der Weg auf und sie kamen ins hohe Heidekraut; vom Mädchen ragte nicht viel mehr als das kleine Haupt daraus hervor. Der Knabe schritt voraus und trat das Gekräute nieder, so gut es ging, und wo ein reifes Beerchen blaute, pflückte er es ab und steckte es dem Mädchen in den Mund. Da kam es schlimmer. Sie vergingen sich in ein Dickicht von Wacholdersträuchern; mit Noth wanden sie sich durch und wurden viel gestochen, aber Keines sagte ein Wort. Der Knabe wußte nun wohl, daß er den Weg verfehlt hatte, aber sie wollten ja nicht den Weg, sie wollten die Wildwiesen, und daß sie dieser immer näher kamen, bewies das deutlichere Klingen der Musik. Als er jedoch merkte, daß das Mädchen im wilden stechenden Strauchwerke verzagt werden wollte, wendete er sich um und sagte: »Du, das ist der Weg zum Himmel!« »Zum Himmel?« Fragte das Kind und blieb vor Verwunderung stehen. »Ja, weil er so dornig ist.« »Warum ist der Weg zum Himmel denn so dornig?« »Der ist so dornig, weil – ja, das weiß ich selber nicht. Ich werde meinen Vater fragen. Und weißt Du, daß in den Wacholderstrauch der Blitz nicht einschlägt? Wie unsere liebe Frau mit dem Kinde ins Ägypten gegangen ist, da ist so ein schreckhaftes Donnerwetter gewesen, und da ist die liebe Frau unter einem Wacholderstrauch gestanden, und er hat ihr ein Dach gegeben, und seither schlägt kein Blitz mehr in den Strauch.« »Ja,« sagte das Mädchen, »wenn wir nur schon beim Vater wären.« Endlich waren sie in die Nähe der Wildwiesen gekommen; sie hörten das Schreien und Singen der Leute und sie hörten den Wasserfall. Sie standen da und horchten. Sie standen ganz nahe beisammen und der Knabe sagte: »Wenn Du Deinen Vater siehst, so wirst Du von mir gehen und ich werde allein sein.« »Dann sollst Du mich rufen, und ich komme wieder zu Dir,« versetzte das Kind. »Ich kann Dich nicht rufen, ich weiß Deinen Namen nicht.« »Mein Name ist Sela.« »Und wenn Du mich rufen willst, mein Name ist Erlefried.« Die Kinder gingen auseinander und jedes suchte seinen Vater. Die beiden Väter standen unter einer Eiche und kanzelten den kleinen Baumhackel herunter. Der kleine Baumhackel, der draußen im Gestade todtkrank im Bette liegen sollte, der den Pfarrherrn rufen ließ, daß er ihn mit den Mitteln zu einem leichten, irdischen Tod und mit den Mitteln zu einem schönen ewigen Leben versehe, der kleine Baumhackel, dem die Hölle heiß zu machen sich der Pfarrherr schon gefreut haben mochte, weil dieser kleine Baumhackel immer ein Ausbund von Verschlagenheit und Bosheit gewesen war, der stand jetzt da mit seinen breiten Achseln, seinen großmächtigen Kinnbacken und seinem kegelspitzen Haupte, auf dem eine zerschlissene Wollhaube saß, und fletschte. »O Du Wicht!« rief ihm der Feuerwart zu, »Du hast den Herrn zu Dir kommen heißen, warum liegst nicht daheim?« »Weil mir beim Liegen die Zeit ist lang worden.« »Sieht er, daß er der Genarrte ist, so wird er Dein Haus in den Boden verfluchen und gewiß spornstreichs der Wildwiesen zulaufen. Hernach haben wir den Teufel im Nest. Wer ist die Ursache als Deine verdammte Dummheit?« »Thut’s nicht greinen, Feuerwartvater,« sagte nun der kleine Baumhackel. »Der alte Pfründner-Lull liegt in meinem Bette, ist so gut und stirbt für mich. Der braucht sich dazu gar keine Gewalt anzuthun; aufrichtig wahr, der Lull liegt schon seit gestern in den Zügen.« »Seid’s still! seid’s still!« winkte jetzt der Waldhüter von seinen Hause herüber. Man merkte bald, weshalb er winkte. Der Pfarrherr war da. Plötzlich war er unter den Leuten, hielt sich aber ruhig und fragte nach dem »Feuerwart«. Sich würdevoll auf den Stock stützend, mit schwerem Ernste nahte er dem Weißbucher. Dieser ging ihm noch einen Schritt entgegen und zog grüßend dem Hut vom Haupte. »Ah, laß das,« sagte der Herr, »weshalb wollet Ihr den Hut abthun vor einem katholischen Priester? Ihr seid ja doch Heiden. Recht sauber habt Ihr Euch da zusammengethan zu einem Veitstanz, zu einem Hexensabbath. Tanz und Gelag’ ist des Teufels Feiertag. Hei, dort geht’s schön zu!« Er wies mit dem Stocke auf das Gelage der Zecher, auf dem wilden Reigen der Tänzer und Tänzerinnen, die bei dem Gedudel einiger Pfeifen mit fliegenden Haaren und Röcken auf dem Moosboden Sprangen. Sie schrien und lärmten, aber bei dem betäubenden Gebrause des nahen Wasserfalles war kein Wort zu verstehen. »Ja, ja, Ihr züchtigen Jungfräulein, springt nur zu!« Rief der Herr. »Es wird nichts Unrechtes sein, Herr.« »Wenn die Keuschheit tanz, so tanzt sie auf gläsernen Schuhen. Also auf der Wildwiesen werden Eure Sünden und Laster ausgekocht!« so der Pfarrherr mit verhaltenem Grimm. »Herr!« antwortete der Feuerwart, »schon seit lange ist es Euch bekannt, daß die Trawieser Leute von ihrer alten Weise nicht abgehen und daß sie, je mehr Gewalt dagegen gebraucht wird, desto fester daran halten.« »Gut, gut. Es wird sich bald weisen, meine lieben Trawieser, wer von uns der Stärkere ist. Ihr seid schlau, ich bin es auch. Noch zu guter Stunde ist es mir auf dem Wege ins Gestade zu Sinne gekommen: da oben dürftest Du anheute nöthiger sein, als da unten – und bin umgekehrt. Ich setze mich d’dran, Euch zu biegen oder zu brechen. Ich bin Euch der Herr!« »Tröste Gott den Herrn, den der Knecht soll lehren!« sagte der Weißbucher zornig. »Ihr Verblendeten!« rief der Pfarrherr. »Danket dem Himmel, daß ich jetzt meiner priesterlichen Pflicht gedenke!« Er hatte den Arm gehoben und wieder sinken lassen. Der kleine Baumhackel war schon früher zur Seite getreten; nun stand der große, der Waldhüter da und war so frech zu sagen: »Eure priesterliche Pflicht? Herr, das Wort verstehen wir an Euch nicht. Wer ist denn heute zu einem Sterbenden gerufen worden hinaus ins Gestade?« »Dem Sterbenden ist wohl. Mich ruft’s dorthin, wo die Lebendigen in die Hölle fahren.« Nach diesen Worten des Herrn Franciscus trat der Wahnfred vor und sprach: »Man hat Euch gesagt, daß im Gestade ein Mensch in Todesnoth liege und Euer begehre?« »Wer des Priesters im Leben nicht achtet, der wird desselben auch im Sterben entrathen können.« »Ja, Pfarrherr, habt Ihr denn noch nicht gehört von Jesum Christum, der dem Reuigen verzeiht und den Sünder aufnimmt! Wißt Ihr denn nichts von der Gnade und von der Barmherzigkeit?« Jetzt bemerkte der Pfarrherr den kleinen Baumhackel, der hinter der Esche allerlei Gesten machte. »Ei, ei,« rief er. »Da hinten hockt er ja, mein armer Sterbender und treibt Possen! Seht Ihr, Gesindel!« Der Wahnfred ließ sich nicht irren. »Hast Du das gewußt, als Du auf dem Wege umgekehrt bist?« fragte er. »Nein, geweihter Mann, das hast Du nicht gewußt und Du ließest Einen wahrhaftig versterben ohne Sacrament! Nun sehen wir, was Dein Sinn ist. Wir ehren den Seelenhirten, weil wir in der Noth seinen Trost brauchen, und im Streit seine Mittlerschaft, und in der Sterbstund’ seinen Beistand. Die Sterbstund’ ist kein Spaß. Dieselbige macht gar oft auch in gesunden Tagen bang’; sie bringt dem Altare manchen Opferpfennig ein. Und Du bist im Stande, in der Sterbstund’ uns zu verlassen, und treibst dort herum, wo Du Unfried’ säen kannst. Unser Seelenhirt bist Du nicht!« »Davonjagen!« riefen jetzt mehrere Stimmen. Da that der Pfarrherr einen lauten Pfiff. Eine Rotte von Knechten stürzte aus dem Dickicht. »Räuber!« erscholl es wild durch die Menge hin. Da stoben die Zecher und Tänzer auseinander und haschten nach Steinen, Ästen, Knitteln; und der Feuerwart nahm sein Kind. Als jedoch Schüsse blitzten und Einer unter den Wehrhaften mit gellem Schrei zu Boden stürzte, da nahm die Festmenge Reißaus und verlor sich im Walde. Einer aber, der blasse Wahnfred war’s, stand noch am Wasserfalle, er hatte den blutenden Knaben Erlefried am Arm. Den anderen Arm erhob er mit der Faust gegen den Pfarrherrn, der von seinen Schergen umgeben war, und schrie mit heiserer Stimme: »Pfarrherr, Du hast mein Kind getroffen. Das bleibt Dir blutig aufgeschrieben!«     Nun war in Trawies eine seltsame Zeit. Es war nicht laut und es war nicht still; es war kein Werktag und es war kein Feiertag. Die Männer arbeiteten nicht, sondern schlichen herum von einem Hause zum anderen, oder standen in Gruppen beisammen und redeten in gedämpfter Sprache. Die Kirche war an den Sonntagen fast leer, und die wenigen Andächtigen, die drinnen saßen, mußten es hart entgelten. Die Predigten waren wuchtig, jedes Wort ein Felsblock, das der Prediger auf die Zuhörer niederstürzte. Griff aber nicht an und der Bauer Isidor sagte, es wäre nicht alles Wort Gottes, was gepredigt würde; Mancher brächte dabei auch seine eigene Waare zu Markt, und: Dann lange Predigten wären ihm lange Bratwürste lieber. Herr Franciscus ahnte es nicht, was während seines Meßopfers ihr Gebet war. Sie flehten zu Gott, daß er diesen Tyrann von ihnen nehme, daß er wieder einen Echten setze nach Trawies, wie sie ihn einst gehabt hatten und wie ihn andere Gemeinden hatten. War ihnen doch zu Muthe, als wäre das unblutige Opfer am Altare ein blutiges geworden, als wäre dieser Pfarrherr der Pharisäer und der Peiniger und der linke Schächer zugleich! Da war ihr lieber Christus in Brotgestalt wohl nicht in guten Händen. Ein Flüstern und Fragen ging von Mund zu Mund, ob denn der Bescheid noch nicht eingelangt sei? Sie hatten Bittschriften verfaßt und abgesandt an die geistlichen und weltlichen Behörden, man möchte doch diesen Pfarrherrn hinwegnehmen; er fülle andere Stellen besser aus, als die zu Trawies. Er sei nicht gut gesinnt gegen die armen Leute der Waldgegend, er sei ein harter Herr. Und gesetzt auch, daß er sich ändere, er habe es schon zu arg getrieben, als daß die Leute zu ihm je einmal Liebe und Vertrauen fassen könnten. Er sei mit Gewalt auf sie losgegangen. Die Trawieser hätten auch ein Rechtsgefühl und hätten auch eine Faust, und um Gotteswillen, man möge in Gnaden den Pfarrherrn hinwegthun, sonst wolle man für nichts gutstehen. Diese Schrift, von den meisten Bewohnern der Waldgegend mit Kreuzen unterzeichnet, mit stillem Gebet begleitet, blieb wochenlang dahin. Man erging sich in allerlei Vermuthungen über den zu erwartenden Bescheid, man sah voraus, daß derselbe rauh und herrisch sein, hoffte aber, daß er im Trawieser Pfarramte eine wohlthätige Änderung herbeiführen würde. Einstweilen ließ man die Härten und Rücksichtslosigkeiten des Pfarrherrn mit Geduld gefallen, und der Mann wurde dadurch nur noch starrer und herber, wie es ja Naturen gibt, die nichts so sehr erbittert, als Nachgiebigkeit und Sanftmuth Derer, die sie quälen wollen. Seine Unzufriedenheit mit sich selbst ließ er anderen entgelten, er zerrüttete dort eine Häuslichkeit, zermalmte hier ein gläubiges Herz, verletzte immer wieder neu die Gemüther durch das rohe Niedertreten der angestammten Sitten. Endlich im Spätsommer, am Tage des Märtyrers Bartholomäus, wurde durch den Schullehrer bekanntgegeben, die Gemeinde hätte sich am nächsten Tage zu versammeln in der Kirche, wo ein Bevollmächtigter der Behörden Willen und Gebot verkünden werde. Seit Jahren war das Gotteshaus zu Trawies nicht mehr so überfüllt gewesen, als zu dieser bestimmten Stunde. Der Pfarrherr war nirgends zu sehen. Der Altar ragte finster in der Nische auf, kein Kerzenstrahl erhellte seine Bildsäulen. »Sogar das ewige Licht hat er erlöschen lassen in der Ampel,« murmelte der Feuerwart. »Das hat schlimmes Bedeuten.« Der blasse Wahnfred, banger Ahnung voll, that einen tiefen Athemzug. Nun hörte man in der Sacristei die Thür gehen, welche zur Kanzel führte. Von der Kanzel wird es der Bevollmächtigte verlesen; vielleicht ist es schon der Neue! Aller Augen waren dahin gerichtet, wo einst so trostvoll das Wort Gottes gesprochen worden, wo seither so trotzige Anwürfe, so zornige Flüche ausgestoßen wurden. Nun wird es bald ein Anderes sein. Und auf dieser Kanzel erschien der Verhaßte. Eine dumpfe Unruhe dröhnte durch die Kirche. Der Pfarrherr, heute nicht im Chorhemde, sondern in dunklem Kleide, stand er unbeweglich still und starrte minutenlang nieder auf die Versammlung, harten Blickes, als wollte sein Auge Schlangen bändigen. Dann las er mit einer weichen Stimme, die zu dieser Sache wunderlich stand, Folgendes: »Im Namen der von Gott eingesetzten hohen Obrigkeit! im Namen Seiner Eminenz des Erzbischofs! im Namen des hochwürdigen Consistoriums! im Namen der kaiserlichen Majestät hochlöblichen Guberniums! sei Euch kund und zu wissen gethan: die Beschwerden, die Ihr gegen Euren Pfarrherrn führt, sind nicht begründet. Ihr seid es selbst, die durch Unsinniges Zurückgreifen zu einer heidnischen Lebensweise, durch Auflehnung in Sachen der Zehnte, in Außerachtlassung der schuldigen Ehrerbietigkeit den Unwillen Eures Herrn erregt habt. Euch in diesen Angelegenheiten Recht geben, hieße Euch bestärken in dem, was wir vermeiden und strafen müssen. Die Einheit hat sich der Allgemeinheit, die Gemeinde sich dem Staate zu fügen. Wer sich auflehnt, ist verloren. Wir befehlen Euch unbeschränkten und unverbrüchlichen Gehorsam gegen Euer Oberhaupt. Wir bedrohen Euch bei neuerlicher Außerachtlassung Eurer Unterthanenpflicht mit schwerer Strafe.« Dann die Namensunterschriften mit den obrigkeitlichen Siegeln, und die Angabe der Residenz und des Datums. In der Kirche war Aufregung. Unter Murren und Grollen drängten sich die Leute zu den Thüren hinaus. Der Pfarrherr blieb noch stehen, stemmte seine Fäuste auf das Kanzelbrett, und seine Augen rollten den Davoneilenden unheimlich nach. Sein Gesicht hatte eine gelbliche Farbe angenommen, seine Lippen waren zusammengekniffen. Erst als der Letzte von der Gemeinde draußen war, wendete er sich und verließ die Kanzel. Als er dann über den Anger dem Pfarrhofe zuschritt, wichen die Leute nach allen Seiten vor ihm zurück. Die Greise selbst und die Kinder grüßten ihn unsicher, die Männer versagten ihm jeden Blick und jeden Gruß. »Wir machen Platz,« sagte Einer aus dem Trasankthale. »Heut’ noch zünde ich meine Hütte an und wandere aus.« »Meine Ahnen haben dieses Tal urbar gemacht,« sagte der Feuerwart, »meine Ahnen haben Trawies gegründet. Von meiner Heimat laß ich nicht. Wollen sehen, wer festere Wurzeln hat in Trawies, der Angesessene oder der Fremde!« Das Volk wollte den Kirchplatz nicht verlassen; es wurde immer lauter, es nahte sich immer mehr dem Pfarrhofe. Einer warf einen Stein nach dem Fenster, zertrümmerte es und rief: ob er gutmüthig gehen wolle! Knechte und Schergen mußten die Leute zerstreuen. Sie streuten sich hier, um sich anderswo wieder zu versammeln. – Weit hinten im Thale, wo der Mieslingbach in die Trach stürzt, ist in der Felswand eine Höhle, die Rabenkirche genannt. Es geht die Sage, daß an dieser Höhle alle neunzig Jahre einmal in der Christnacht aus der weiten Waldgegend die Raben zusammenkämen, um sich zu erzählen von den todten Menschen, die sie seit der letztvergangenen Zusammenkunft in den Wäldern gefunden hätten. Die Thiere sollen in menschlicher Sprache reden, und ein menschliches Ohr, das sich vor den Schrecknissen, die zu solcher Zeit in der Höhle herrschten, nicht verscheuchen lasse, könne mancherlei erfahren, was sonst für alle Zeit der Welt verborgen bleibe. Mancher wird im Laufe der Zeiten todt auf dem Waldmoose, oder im Gefelse gefunden, ohne daß es offenbar ist, woran er zugrunde gegangen. Die Raben erzählen es laut, und mancher Mord könnte ans Tageslicht kommen, wenn die Leute das neunzigste Jahr und die Stunde nicht übersähen, oder wenn sie den Muth hätten, der Rabenversammlung in der Höhle beizuwohnen. Haben die schwarzen Vögel ihre Berichte abgelegt, dann halten sie Gottesdienst für jene Todten, die von den Mitmenschen ohne Gebet und Gedenken geblieben sind. Die Männer von Trawies dachten nun wohl nicht an diese wunderliche Sage, aber sie dachten an die Rabenkirche. Und eines Sonntagmorgens war’s, zur Zeit, da die Buchen und Lärchen schon zu gilben begannen und die Vögel nimmer ihre Lieder jauchzten im Walde, als allerlei Leute herangeschritten kamen zur Höhle in der Mieslingschlucht. Sie kamen von Trawies, und sie kamen vom Gestade, und die kamen vom Johannesberg und sie kamen vom Tärn, und sie kamen vom hinteren Trasankthale. Wer sollte meinen, daß es so viele Männer gebe in diesem Walde! Als die vom Gestade und vom Tärn und vom Johannesberge an der Kirche vorbeikamen, riefen die Glocken. Sie riefen wie warnend, bittend und flehend! Sie riefen, wie die Henne ruft, wenn sich die Küchlein, unkundig der Gefahr, von ihr wollen wenden. Aber die Männer schritten finster vorüber. Die Kirche war ihnen fremd geworden; doch die Kirche mußte wieder gerettet werden. Sie hofften, daß jene Tage bald kommen würden, da sie wieder mit Freuden der Glocke Stimme folgen könnten. Unter den Männern war der Feuerwart und der Jäger vom Trasank, und der Wahnfred und der Waldhüter, und Uli der Köhler, und Roderich der Stromer. Jeder hatte in der Hand einen gewichtigen Stock. denn so wie sie dazumal auf der Wildwiesen getroffen wurden, unvorbereitet, wollten sie sich nicht mehr finden lassen. Dem Roderich voran war der kleine Baumhackel des Weges getrottet. Der hatte die Zwilchjacke auf der rechten Schulter schlenkern und der war der Einzige, welcher keinen Stock trug. Ohne Waffe ist es weit weniger gefährlich. Wird geschossen, so schießt man zuerst auf den Gerüsteten. Klug war’s vom kleinen Baumhackel. Als der Bursche so dahinschlenderte, halb in der Faulheit und halb in der Sorglosigkeit, fiel aus seiner Jacke ein Papierbüschel zur Erde. Roderich der Stromer sah es, hob es auf und verhielt sich still. Es ist so etwas, wie ein papierenes Geld im Lande; der Baumhackel war gestern mit einem Lärchenkäufer beisammen gewesen. Wer weiß! Er untersuchte die Papiere und stieß lachend einen Fluch aus. »Der heilige Erasmus! Und überall der heilige Erasmus! Ja freilich,« fuhr der Stromer in seinem Selbstgespräch fort, »dem haben sie die Gedärme aus dem Leibe gewunden, ein Blutzeuge! und itzo brauchen ihn die Trawieser Leut’ als Beichtzeugen. Hätt’s nicht lieber Geld sein können?« Es war freilich ein Fund zum Ärgern. In der Pfarre Trawies war es Sitte, daß Jeder, der zur Osterbeichte ging, nach der Absolution vom Beichtvater einen Zettel erhielt, den er später als Beweis, daß er der kirchlichen Satzung gerecht geworden, im Pfarrhofe abzugeben hatte. Auf diesem Zettel war das Bild des Trawieser Pfarrpatrons mit der Unterschrift »Heiliger Bischof Erasmus, bitt’ für uns bei Gott, behüte uns im Leben, steh’ uns bei im Tod!« Darunter: »Osterbeichte des Pfarrkindes« – dann ein leerer Raum, auf welchem der Priester nach der Lossprechung jedesmal den Namen des Beichtkindes schrieb und die Jahreszahl. Kam hernach die Zeit, da Jeder seinen Namenszettel wieder ablieferte so hatte der Seelsorger genaue Übersicht, ob wohl Alle seines Sprengels die österliche Beichte abgelegt hatten. Wie kam nun der kleine Baumhackel zu den gesammten Beichtzetteln eines ganzen Jahres? »He Lümpel (kleiner Lump), halt still!« rief Roderich dem Baumhackel nach. Dieser wendete sich um. »Hast was verloren, kleiner Baumhackel!« Alsogleich begann der Kleine seine Säcke zu durchsuchen. »Fehlt Dir nichts?« »Wüßt’ nichts, wenn Du nicht etwa meine verlorene Seel’ meinst?« »Das da! gehört’s mir?« »Wird nicht viel dahinter sein an dem Fund, weil Du ihn aufzeigst,« sagte der Baumhackel. Da sah er schon die Beichtzettel. »Soll ich die Sach’ richtig noch allweil im Sack gehabt haben?« fragte er sich selber. »Bürschel,« sagte der Stromer und legte seinen Arm um die Schulter des Baumhackel, »wie kommst denn Du zu so heiligen Sachen?« »Gestohlen hab ich sie,« war die Antwort. »Gestohlen! Wenn Du in dem Pfarrhofe einbrichst und nichts Besseres findest als wie Heiligenbilder, dann bist Du ein Tropf.« »Ei ei, mein lieber Roderich, für gewöhnlich verlege ich mich nicht aufs Stehlen. Wenn ich’s doch einmal probier’, so hat’s seine eigene Ursach’. Wenn du stiehlst, so gehst beichten, das gehört sich. Wenn Du einmal nicht beichten gehst, so mußt stehlen.« »Willst Du etwan stänkern?« begehrte der Roderich auf, »an mir thätest Dich grob irren!« Fast erschrocken über den plötzlichen Zorn des Stromers stotterte der kleine Baumhackel: »Ich will Dich ja nicht kränken. Weil Du mich gefragt hast, wie ich zu den heiligen Sachen komme, so habe ich es Dir nur sagen wollen, warum ich sie gestohlen hab’. Ich bin zu den vorigen Ostern nicht bei der Beicht gewesen.« »Du Unchrist!« »Weil ich was weiß, was der Pfarrherr nicht wissen darf, und was ich ihm hätt’ sagen müssen, wollt’ ich mir bei der Speisung nicht das Gericht hineingegessen haben. Gelt, daß ich doch wieder ein Christ bin! Wie aber die österliche Zeit vorüber ist, da komme ich ins Simulieren, was mir geschehen wird, wenn’s aufkommt, daß ich schwarz durchgerutscht bin. Und aufkommen muß es, mein Beichtzettel wird fehlen. Da ist mir fürchtig worden, und an dem Tag, wie die Leut’ mit ihren Zetteln in den Pfarrhof kommen sind, schleich’ ich mich zur Abenddämmer ins Haus. Mit der Stubendirn bin ich zusammengespielt, ihretwegen geht eben die Heimlichkeit her; sie ertappt den ganzen Buschen der Beichtzettel und steckt ihn mir zu. Jetzt soll er’s nur beweisen, daß mein Zettel fehlt, jetzt fehlen ihm alle. Wenn Du Eins brauchst, Stromer, ich verkauf’ auch davon.« »Ich richt’ mir’s schon selber ein,« antwortete Roderich, »ein Jahr, wo ich nicht gar zu arg aufgeladen habe, beicht ich zweimal und verspar’ mir das zweit’ Zettel auf ein ander Jahr, wo man nicht gern schwazt. Die Zahl laßt sich verkratzen.« »Ist auch nicht schlecht.« – Da sie sich an der Mießling allmählich versammelt hatten, machte das jüngere Volk viel Lärm. Es ist ja überall ein Volksfest, wo die übermüthigen Burschen zusammenkommen; sind schon die Mädchen nicht da zum Schäkern und Tanzen, so giebt’s deswegen noch keine Langweil. Klettern, Ringeln, Fingerziehen und allerlei lustiges Gespiel wird getrieben, und es mag die Zeit noch so ernsthaft sein. Die Ältesten von Trawies, und auch andere der Selbstständigen und Wortgewichtigen sonderten sich allmählich von der lustigen Gesellschaft und zogen sich in die Höhle zurück. Während draußen da Volk in fröhlichem Jagen Holz zusammentrug und Feuer machte, daß der blaue Rauch frisch ins Getanne aufwirbelte, während sie Forellen fingen aus der Miesling und aus der Trach und dieselben ausweideten und brieten, während sie jodelten und sangen und sich ergötzten an tollen Possen in kindlicher Lust, legten drinnen in der düsteren Felsenkluft die betagten Männer bedachtsam den verhängnisvollen Samen in die Erde für eine schreckensreiche Zukunft. Gallo Weißbucher, der Feuerwart, hatte das Wort ergriffen und so gesprochen: »Männer von Trawies! Ihr wißt, weshalb wir uns hier versammelt haben.« »Wir wissen es,« murmelten die Männer. »Auch wir haben sonst mit eingestimmt in das lustige Treiben der Jugend; denn in Trawies hat Jeder lang gelebt und Keiner ist alt geworden. Das hat umgeschlagen. Seit vielen Tagen sehe ich auf Euren Gesichtern keine Freude und keine Heiterkeit mehr. Auch mir ist das Lachen vergangen. Trawies war frei und jetzt ist es geknechtet. Und das nicht etwa durch geänderte Gesetze. Unsere geistliche und weltliche Regierung ist dieselbe geblieben – die war immer starr und hat sich nie gekümmert um unser Leben im Walde. Wir haben ihr unsere Pflicht erwiesen und sind des Weiteren unsere Herren gewesen. Und wie steht es jetzt? Unser Verderben ist ein einziger Mann, ich nenne ihn nicht, Ihr kennt ihn Alle! Möchte er uns so kennen, wie wir ihn! Er kam, ein Fremder, und wir haben seither keinen Kaiser mehr. Er ist Fürst, aber nicht fürstlich, er zehrt von unserem Mark. Drum sei’s! Von unserem Mark hat noch Jeder gezehrt. Aber dieser greift uns mit roher Faust ans Herz. Unser angestammtes Recht will er zertreten. Und ist’s nicht wahr, daß er unsere Häuser plündert?« »Es ist wohl wahr!« »Ist es nicht wahr, daß er uns von der Sache unserer Vorfahren trennen will, so wie man einen Stamm von seiner Wurzel reißt, um ihn hinzuschleudern, daß er vermodere? Habt Ihr die Büttel nicht gesehen, die er hält, Fanghunde, die uns zerfleischen sollen? Habt ihr das Pulver nicht gehört knallen oben auf den Wildwiesen?« »Wir haben es gehört!« »Das Blei ist in unser Fleisch gefahren. Ein schuldloses Kind ist getroffen worden, Jedem von uns wird heute und immerdar diese Kugel im Herzen stecken.« Der blasse Wahnfred knirschte die Zähne zusammen, er dachte an das frische Blut, das von den Gliedern seines Söhnchens niedergerieselt war; er dachte an die Schmerzensnächte, die er mit Erlefried durchwacht hatte, bis die Gefahr endlich beseitigt und der Arm heil geworden. »Ist das ein guter Hirt, der die Wölfe auf seine Herde hetzt?« fuhr der Feuerwart fort. »Verflucht! Verflucht!« erscholl es in der Höhle. »Bekämpft den Zorn, Ihr Männer von Trawies! Mit Vernunft und Überlegung müssen wir heute berathen, was zu thun sei, um uns zu schützen gegen den Feind. Will einer Wort haben?« Es schwieg ein Jeder. »Unsere Bitten an die Behörden sind, wie Ihr wißt, fruchtlos geblieben. Noch zu Trotz und Schmach hat man den Bescheid durch ihn uns zugeschleudert! Nun ist er frecher als je, und wir sind hilflos, wenn wir uns nicht selber helfen. Was ist Eure Meinung?« »Er muß fort!« riefen mehrere Stimmen. »Dann bin ich mit Euch einig, Männer. Über alles zwar hasse ich die Gewalt. Aber die eben ist es, die uns empört hat, die wir vertreiben müssen. Die hohen Herren haben uns sagen lassen, die Einheit soll sich der Allgemeinheit fügen. Wir wissen das lange und fügen uns dem Reich. Ich füge mich der Gemeinde, und wenn ich es nicht thue, so sollt Ihr mich zertreten. Es ist ewiges Gesetz, daß ein Einzelnes ausgeschieden wird, wenn es nicht zum Gedeihen des Ganzen ist.« »So muß er fort!« »Er wird wiederkommen und eine verstärkte Rotte gegen uns mit sich führen,« sagten Andere. »Kommt er wieder, so soll er eine Brandstatt finden, dort wo der Pfarrhof gestanden ist.« »Ihr werdet den Pfarrhof im Frohndienst wieder aufbauen. Ein Feind geht fort, mit Hunderten kommt er zurück.« »Was also, was?« »Macht ihn todt!« Eine schwere Stille. Wer hatte das Wort ausgesprochen? Aus dem finsteren Hintergrunde war es plötzlich wie eine Eule aufgeflattert, dieses Wort. Nun war es still. Selbst draußen hatte sich das Lärmen verzogen. Über den Wipfeln wehte ein Lüftchen und welke Blätter der Buchen flogen vorüber an dem Eingang der Höhle. Der Feuerwart fragte nun in einem Tone, der umflort war: »Hat Einer Wort dagegen?« Keiner. Die Männer rückten näher zusammen und noch tiefer dem Hintergrunde zu. Einige flüsterten hastig; man sah nicht, wie tief ihre Wangen glühten. Andere schwiegen und preßten die Lippen zusammen; man sah nicht, wie blaß sie waren. Allmählich wurden die Worte der Sprechenden lauter und leidenschaftlicher – die Meinungen entzweiten sich. Dem Feuerwart gelang es wieder zu schlichten, und die Berathung nahm ihren Lauf. Es soll von draußen Keiner in die Höhle! Es soll von innen Keiner hinaus. Die Glieder des Rathes hoben ihre Arme empor, schwer wollte es gelingen, aus der trotzigen Faust drei Finger loszulösen, sie auszustrecken zum Schwure. Wen es trifft, der muß es thun, ohne Einwand und Zögern. So wahr es des großen Gottes freigeborenes Kind ist! »Trifft es mich, ich thue es ohne Einwand und ohne Zögern, so wahr ich des großen Gottes freigeborenes Kind bin!« So schwur ein Jeder. – Nun trat ein schlanker, hagerer Mann, der Bart vom Tärn genannt, aus der Höhle und richtete seine Augen auf den Boden, als ob er etwas suche. Manches Steinchen hob er auf und warf es wieder weg; manches Blatt pflückte er am Hage, und ließ es fallen; manches Zeiglein faßte er an, und schnellte es wieder aus der Hand, daß es eine Weile wiegte und schwankte an seinem Ast. »Was willst Du?« fragte Roderich der Stromer, der abseits von der fröhlichen Gesellschaft stand und das Herumspähen des Bart bemerkte, »Ich brauche so Sachen da,« sagte der Bart, ohne den Stromer anzusehen, »Steinlein oder Blätter, an die vierzig Stücke, Aber gleich sollen sie sein an Größe und Form.« »So!« antwortete der Stromer, »schau, vielleicht kannst Du das brauchen.« Er hielt ihm das Päckchen der Beichtzettel vor, welches er früher hinter dem Rücken des kleinen Baumhackel aufgelesen hatte. Der Bart sah die Zettel an, er fragte nicht erst, wie kommst Du dazu? Er sagte nur: »Das thut’s!« »Wozu brauchst sie?« fragte der Stromer. »Zum Feuermachen,« versetzte der Bart, »bleib’ Du heraußen.« Und ging in die Höhle hinein. Dort wurden die Zettelchen gemustert. Vierzig Männer waren anwesend, vierzig Männer hatten geschworen; vierzig Stücke von den Beichtzetteln der Pfarrkinder wurden ausgewählt, und zwar jene mit den Namen der vierzig Männer. »Das ist Schickung!« sagte einer der Ältesten und wies auf das Bild, »Sanct Erasmus, unser himmlischer Schutzherr, ist mit uns!« »Amen!« murmelte der Feuerwart und streute die Blättchen in eine Felsenspalte hinab. Dann nahm er den Stock und rührte sie da unten durcheinander. Hierauf wendete er sich zu den Übrigen und sagte: »In dieser Felsenurne ruht nun das Geschick von Trawies und unsere Zukunft. Bald wird der Bote emporsteigen und Einen von uns auffordern zu seiner That. Unser Aller ist das Werk, aber sein ist das Vollbringen. Alle werden mit ihm sein und hilfreich zur That. Und ist sie vollbracht, so werden Alle für ihn stehen und ihn schützen und ehren als den Befreier. Nun streiche ich etwas Harz an meines Stockes Ende. Das Blatt, welches d’ran kleben wird, sei Gottes Stimme. Sollten es mehrere Blätter sein, so hatten zwischen denselben neuerdings das Los zu entscheiden. Hier ist der Stock. Wer will ihn nehmen und in die Urne senken?« Sie weichen zurück. Sie ahnen, daß jeder Handgriff hier, so lange der ungebundene Wille noch gilt, das Verbrechen ist. Der Bart vom Tärn nahm endlich den Stab zur Hand und senkte ihn in die Spalte des Felsens. Die Augen aller Anderen waren starr geheftet auf die Umrisse der schlanken Gestalt, die in der tiefen Dämmerung stand. Nun hob sie den Arm, am Stocke klebte das weiße Blättchen. Er hält es lange unbeweglich, Keiner will es anfassen, da löst es sich los und flattert wieder in die Tiefe. Hoch in der Höhle Wölbung war ein Geräusch, als wäre eine Eule oder ein Rabe geflogen. Mancher dachte bei sich: Vielleicht war dieser Zettel der meine gewesen, und mein guter Engel hat ihn mit einem Flügelschlag zurück in den Abgrund geweht. Manchem kam das grauen und er wollte die Höhle verlassen. Der Feuerwart vertrat den Ausgang und erinnerte ernst an den Eid. Noch einmal tauchte der Bart den Stab in den Felsenspalt, hob mit ihm ein Blatt. Auf dem Sande lag das Papier; der Heilige war leicht zu sehen. Der Jäger vom Trasank bückte sich und las: »Heiliger Bischof Erasmus, bitt’ für uns bei Gott, behüte uns im Leben, steh’ uns bei im Tod! Osterbeichte des Pfarrkindes: –« Aber der geschriebene Name war in der Dunkelheit schwer zu lesen. Uli der Köhler schlug Feuer und bei solcher Gluth lasen sie die vom Pfarrherrn eigenhändig geschriebenen Worte: »Wahnfred im Gestade.« Wahnfred stand dort an der feuchten Wand und regte sich nicht. Er war noch blasser als sonst. Seinen Namen hatte er gehört. Die Schleier seiner Träume, in die sich der stille Schwärmer so gern gehüllt hatte, waren gesunken; er sah vor sich einen blutigen Lebensweg.     Am Gestade, wo das Tal der Trach sich weitet und von einem sanfter aufsteigenden Berggrund umschlossen eine Au bildet, auf welcher Wiesen und kleine Äcker liegen, auf welcher zwischen uralten, reisiglosen Tannen und jungen Buchen und Erlen graue Sandheiden sind, und durch welche dir Trach in breitem bette still dahinrieselt – auf einer freien Anhöhe, an den Berg gelehnt, steht das Haus genannt »An Gestade«. Es ist das malerischte in der ganzen Gegend, es ist aus Holz gebaut und blickt mit seinen großen, hellen Fenstern offen in das Tal hinaus, während die anderen Menschenwohnungen hier mißtrauisch ihre Luglöcher verwahren und verschließen und halb versteckt hingekauert liegen im Gebüsche. Das Haus am Gestade steht frei und hat einen hohen Dachgiebel, und hat auf diesem Giebel sogar noch ein Thürmchen. Trawies ist zu weit hinten im Thale, man hört daraus keine Glocke klingen. »Darum ist hier aufgestellt ein metallener Mund, der da tönet zum Preise des Herrn, als wie Harfenspiel in Zion.« Im Vorgemach des Hauses war zur Zeit eine Zimmer- und Schreinerwerkstatt eingerichtet, deren Fußboden nicht immer mit Hobelspänen bedeckt gewesen. Der Fremde, welcher in das Innere des Hauses trat, sah sich wohl zweimal um, bis er dann fragte, ob er wirklich beim Schreiner Wahnfred sei. Da d’rin sah es aus, wie in der Wohnung eines Landpfarrers. Alles blank und rein gescheuert und schneeweiße Vorhänge an den hellen Fensterscheiben. An den Wänden Heiligenbilder, auf den leisten Bücher mit allerlei geschriebenen und gedruckten Inlagen. Am Thürpfosten war ein Becken aus Thon mit klarem Wasser gefüllt, und darüber an der Holzwand stand geschrieben: »Ich bin das Alpha und Omega. Wen dürstet, dem will ich von dem Quell des Lebenswassers zu trinken geben.« Wenn der Herr des Hauses hinausging in den Wald oder zu fremden Menschen, so tauchte er stets den Finger in das Becken und besprengte mit Wasser seine Stirne und besprengte das Haus. Als ihn einst ein Fremdling fragte, ob das Wasser denn wohl die Kraft habe, ihn und das Haus zu segnen, antwortete Wahnfred: »Das Wasser thut es nicht, aber die gute Meinung thut es. Unser Denken und unser Wollen ist die Kraft, womit Gott Sabaoth die Welt regiert; weil das Denken und das Wollen im Anfange keine gestalt hat, so müssen wir ihm eine Gestalt geben, die vor uns steht, denn das Auge muß es sehen und das Ohr muß es hören, was das Herz glauben soll.« Ist das ein Handwerker? Muß der Mann nicht in einer Klosterschule oder von einem Denker in der Zelle erzogen worden sein? – Wahnfred ist in diesem Hause geboren worden und noch nie weiter über das Heideland hinausgekommen, als bishin, wo die fünf Kiefern stehen. Er hatte in der kleinen Schule von Trawies das lesen und das Schreiben gelernt; der alte Priester mit dem weißen Haar auf dem vorgeneigten Haupte und dem elfenbeinernen Kreuze auf der Brust, der dazumal Herr zu Trawies gewesen, hatte ihm Unterricht gegeben in manchen Dingen der Welt, besonders aber in den heiligen Schriften und den göttlichen Offenbarungen. Wie der Greis lehrend zur Erde schaute, so blickte der Knabe vernehmend und verlangend zur Höhe auf. Und wo die Wolken auseinandergingen und andere Augen nur das Blaue sahen, erblickte er die Himmel, und die Ewigen der Himmel, und all jene Zauber und Entzücken der Himmel, welche ein schwärmerisches Menschengemüth mit einem Glücke erfüllen, desgleichen die Erde nimmer geben kann. Der alte Priester wollte den Knaben in eine geistliche Lehranstalt bringen; da starb er, und das war der Wegzeiger in Wahnfred’s Leben. Seiner Anlage nach wäre er ein Gottesgelehrter, vielleicht ein Kirchenfürst und jedenfalls so viele Jahre nach seinem Tode heilig gesprochen worden. Aber wie anders der Weg und wie ganz anders das Ziel! – – Wahnfred blieb im Hause seiner Väter und lernte das Handwerk seiner Väter. Alltäglich aber, wenn die Weiden das Baches und die Wolken der Höhen in der Abendsonne schimmerten, ließ der junge Schreiner Axt und Hobel ruhen und atzte sich an den heiligen Schriften. Hierauf kam eine Zeit, da er die Verse der Bibel nicht mehr so auslegte, wie sie der priesterliche Greis ausgelegt hatte, sondern anders. Heiß wurde ihm bei den Worten der Apokalypse: »Da sah ich ein Weib auf einem scharlachrothen Thiere sitzen. Sie hielt in ihrer Hand einen scharlachrothen Becher. Auf ihrer Stirn stand geschrieben der Name: Geheimniß. Und ich sah das Weib trunken vom Blute der Heiligen. Und vom Lustwein haben alle Völker getrunken.« – Dann las er, wie Laban um Rachel freite. Und eines Tages, da sah er Eine im hintersten Thale des Trasank, die schöner war, als er sich die Rachel hätte denken können. Zur selben Zeit saß er in den Sommernächten vor der Thüre seines Hauses und blickte hinab auf die Buchen und Weiden im stillen Mondenglanze und hörte das Rauschen der Trach. Er dachte nicht an den Wald und an das Rauschen der Trach. Die Bäume zogen an ihm vorüber mit ihren hohen Häuptern, die Steine stießen an seinen Fuß. Berge bauten sich auf vor seiner Brust, und steglose Wasser ergossen sich auf seinen Pfaden. Und da er sich endlich wieder fand, da saß er nicht mehr vor der Thüre seines Hauses am Gestade, da kniete er im hintersten Thale des Trasank vor dem Fenster einer Hütte und horchte den weichen Athemzügen einer Schlummernden. Er horchte so lange, bis der Morgenstern emporstieg über den weiten Wäldern des Ritscher, dann erhob er sich von seinen Knien und ging heim zum Gestade und frisch aus seinem Hobel flogen die Späne. – Und einst, am Tage der Sonnenwende war es, als das Mädchen früh Morgens auf dem Gottesacker stand und über die Gräber rief: »Meine Mutter, ich wecke Dich! Mein Vater, ich wecke Dich! Mein Bruder und Schwester, ich wecke Dich! Die heilige Sonnenwend’ ist da!« hörte es Wahnfred und sagte zum Mädchen: »Deine lieben Leut’, hast sie schon Alle da unten?« Sie neigte das Haupt. »Bist ganz allein auf Erden?« Sie neigte das Haupt. Er floh von ihr. Und in einer der nächsten Nächte kniete er wieder an ihrem Fenster und horchte der weichen Athemzüge drinnen. Schwer und schwül war die Luft. Über dem Trasank war zur selben Stunde ein Gewitter aufgestiegen, ein Blitz leuchtete hin und Wahnfred sah bei diesem Scheine das Weib in seiner unbegrenzten Schönheit. In jenem Augenblicke waren seine Himmel zusammengestürzt. Er floh durch Sturm und Wetter seinem Hause zu, und die Donner schienen zu grollen über den Blick seines Auges in das Allerheiligste des irdischen Glückes, dem ja doch die Wolken selbst ihr Licht geliehen hatten. Für alle Zeiten hatte der Blitz die Lichtgestalt fixiert auf dem dämmernden Grunde seines Herzens. Am Morgen des Gottesleichnamsfestes, da die Jungfrau ihre weißen Arme hinter das Haupt hob, um für die Kirche den grünen Zweig zu flechten in ihr Haar, das da schimmerte wie das Kornfeld, wenn es reif ist – stürzte Wahnfred lodernden Auges in ihre Kammer und rief: »Küsse mich mit den Küssen Deines Mundes, denn köstlicher ist Deine Labe als Wein!« »Was willst Du, Wahnfred?« lispelte sie und war gar sehr erschrocken über den blassen Jüngling, aus dessen nächtigen Zügen Blitze zuckten. »Wenn Du es nicht weißt, o Du schönstes der Mädchen!« rief er, sein Knie sank auf den Boden hin und seine Hände streckten sich aus, sie zu umarmen. »Wie schön, o Holde, bist Du! Ein Myrtenstrauß mir, der an meinem Busen ruhet!« Das war seine Werbung gewesen. An seinem Arm hatte er sie heimgeführt ins Haus am Gestade. Sie war seine Hausfrau, die sorgende und liebende. Sie hörte gern zu, wenn er ihr vorlas aus dem Schwanengesange des weisen Königs, aber sie erwiderte seine Worte nicht. Sie war ein stiller See, der immer klar ist; sie war ein häusliches Weib, das dem Schwärmer praktischen Sinnes die Wirthschaft aufrecht hielt, sonst wußte die Nachbarschaft nichts von ihr. Im ersten Jahre erstickte sie der Mann fast mit seiner Liebesglut. Sie trug ihr Glück still mit friedensvollen Herzen. Im zweiten Jahre hing sein Auge oft fragend an ihrem Lippen. Sie sah ihn mit mildem Lächeln an und hatte kein Geheimniß. Im dritten Jahre wendete er sich wieder den heiligen Schriften zu und suchte die Pforten des Himmels noch einmal zu öffnen, aus denen voreinst entzückende Seelenlust auf ihn niedergeflossen war. Sein Weib schwieg und trug still an ihrem Schmerze, sie arbeitete und sie diente ihrem Gatten, und sie starrte zuweilen gar betrübt in die Flammen des Herdes hinein, die von den Hobelspänen genährt waren. Endlich im vierten Jahr, am Vorabende der Pfingsten, da sie ruhend saßen am Wasser unter dem Frieden der Erlen, sagte das Weib zum Manne: »Wenn Gott es waltet, mein lieber Mann, so werden wir, bis der heilige Christ kommt, ein Kind haben.« Gott hat es gewaltet. Die Freuden desselben Sommers, die Reize desselben Herbstes waren für Wahnfred nicht da. So heftig wie niemals nach dem Frühling, sehnte er sich dem Winter entgegen. Als die Schneeflocken niedertanzten, schauerte er vor innerer Lust; als die Kruste des Eises sich zog über die Trach, da sagte er zum Weibe: »Die Wasser rinnen stille. Er ist nah’!« Und drei Tage vor dem heiligen Christ war Erlefried erschienen. Wir sind dem Knaben schon begegnet. Er führte das Mädchen des Feuerwart hinauf zu den Wildwiesen. Oben traf ihn der Schuß eines Schergen. Wahnfred hatte damals den blutenden Knaben nach Hause gebracht, unterwegs hatte er alle Flüche des alten Testaments, heißgekocht in seinem Herzblute, ausgestoßen. Das Weib hatte nächtelang kein Auge geschlossen, aber dieses Auge hatte nicht geweint, es hatte nur gesorgt, gewacht über dem kranken Kinde. Ihr Mund hatte keinen Fluch der Vergangenheit zurückgeworfen, er hatte nur Gebet für die Zukunft, für die Genesung des Kindes. Und es genas. Die jungen Wangen wurden wieder roth, der helle Geist in ihm wieder lebhaft. Aber nie hatte er vom Schusse auf der Wildwiesen mehr gesprochen. Und Wahnfred auch nicht, dem jedoch war es zum Trost, daß die Wunde am Arme eine Narbe zurückgelassen hatte – diese Narbe ist der unauslöschliche Schuldbrief, mit welchem Erlefried einst, wenn er Mann geworden, einfordern wird. Da war jener Tag gekommen, an welchem Wahnfred, der Schreiner vom Gestade, mit Schaudern erfahren mußte, daß die Sühne nicht warten wollte auf die Thatkraft des Sohnes, daß sie noch vom Vater geübt werden sollte. Dieser Mann, der den Fluch gethan, soll den Fluch nun selbst erfüllen. – So saß er an einem Spätherbstmorgen vor der Thür seines Hauses und brütete. Im Thale lag der Reif, und die Ahorne und die Buchen regen ihre blattlosen Äste und Zweige in die kalte Luft hinein. Durch den blauenden Nebel schimmerte in der aufgehenden Sonne die Trach wie eine ungeheure Silbernatter. Das war ein anderes Herbsten, als jenes, da das Kind erwartet wurde zum heiligen Christ. Wahnfred starrte ins Weite, Kalte, Leblose, als wollte er lesen in der ersterbenden Natur, wie man Sterbenmachen lerne. »Wer Blut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden!« so stand es in der Schrift. Wohl, so ist das Gesetz und so heißen wir es gut. Aber wehe dem, der aufgerufen wird zu richten! Nöthig ist der Freimann, aber ehrlos ist er doch! – Der Mann, der seiner Tage lang nichts Hartes geplant, der in den Worten der heiligen Väter – die ihm wie Musik und Zionsglockenklingen waren – den Ewigen suchte: ihn hat der Zorn des Himmels zum Richtschwert erwählt. Wohlan, wohlan! So dachte Wahnfred: Heilig ist der Cherub, der mit der Flamme des blinkenden Schwertes den Missethäter austrieb und an der Pforte steht, zu hüten den Baum des Lebens. Auch Trawies, die stille, die liebe Heimat im Schatten des Waldes, ist ein Eden, das gehütet werden muß vor dem Verderber. Auch die Sitten der Väter sind ein Baum des Lebens, an dessen Zweigen gute Thaten reifen, unter dessen Schatten ein freies zufriedenes Geschlecht reigt. Jener, der gestellt war, um den Baum zu schützen, hat seinen Arm freventlich ausgestreckt nach seiner Krone. Er muß dahin. Am Tage, da das Fest der Seelen begangen wird, das Gedächtnißfest für Diejenigen, die vor uns waren – soll der Zwingherr uns nimmer bedrohen. Auch an seinem Grabe wird ja eine Lampe brennen. Böse Menschen segnet man, wenn sie nicht mehr sind. So war sein Sinnen. Die Sonne schien noch trüb durch den frostigen Morgennebel; sein Auge war nun an sie gebannt, als sauge er an ihrer rothen Gluth Rath und Kraft für sein Beginnen. »Du sollst nicht tödten!« Erklang jetzt im Hause eine Stimme. Wahnfred fuhr empor; da kam der kleine Erlefried zur Thür heraus, blickte den Vater bittend an und sagte wieder: »Hilf mir! Du sollst nicht tödten!« »Tödten? Wer kann das sagen?« sprach Wahnfred barsch. »Was geht’s Dich an? Willst Du mich meineidig machen?« Der Knabe blickte befremdet in seines Vaters Gesicht. Dann schmiegte er sich an seine Knie und fragte leise: »Bist Du böse? So will ich’s wohl allein lernen,« »Kind!« Er legte seine Hand auf des Knaben Lockenhaupt. »Sage mir, was willst Du allein lernen?« »Der Pfarrherr hat uns in der Schule das fünfte Gebot aufgetragen, und wer es morgen nicht sagen kann, der muß aufs Scheit.« »Dich, Dich schon will das fünfte Gebot aufs Scheit bringen? Alberner Junge. Gieb her das Buch, ich will Dir helfen.« Und er las: »Durch das fünfte Gebot wird verboten, sich selbst oder einen Anderen zu tödten. Denn so spricht der Herr: Das Blut Eurer Seelen will ich von der Hand des Menschen fordern. Von der Hand des Mannes und seines Bruders will ich die Menschenseele fordern. Ich sage Euch, wer seinem Bruder zürnt, der sei des Gerichtes schuldig!« Erlefried sagte dem Vater die Worte nach und meißelte mit einem Taschenmesser an einem Holzstäbchen. Er schien an die Worte, die er nachsagte, kaum zu denken, ihn beschäftigte das Stäbchen. »Du bist zerstreut, Kind,« verwies Wahnfred, »was machst Du da?« »Ein Schwert,« war die Antwort des Knaben ...     Wahnfred hatte laut, aber bitter aufgelacht, als er in seinem Kinde sah, wie man im Schmieden des Schwertes das Gebot sich einprägt: Du sollst nicht tödten! Das ist die Menschheit, so hat sie es immer getrieben, so wird sie es immer treiben. Die Hand frevelt und der Mund richtet. Oder ist es umgekehrt? Frevelt der Mund? Richtet die Hand? – Das scheint besser zu stimmen. Vom Pfarrherrn kam eine Aufforderung, daß die Leute den Herbstzehent an Korn, Schmalz, Fleisch, Wolle und Flachs in den Pfarrhof bringen sollten. Der Wahnfred hatte ein Schwein geschlachtet und sendete dem Herrn ein schönes Stück des geräucherten Fleisches. Das wäre ein Weg, ihm den Tod ins Haus zu schicken – so war es durch sein Gehirn gefahren wie ein Blitz; – aber nicht wie jener entzückende Strahl, der ihm einst das Leben gezeigt hatte. Wahnfred schleuderte den wilden Gedanken rasch von sich. Zur selben Zeit war in den Wäldern des Tärn eine Hirschjagd. Die Bauern von Trawies waren als »Treiber« aufgeboten. Etliche von ihnen erhielten Schießgewehre in die Hand; wo ein Wolf oder gar ein Bär sich zeigte, da durfte er von einem Treiber niedergeschossen werden. Auch Wahnfred vom Gestade wurde mitgerufen und erhielt ein Feuerschloß. Etliche Herren aus Oberkloster waren da, denen zur Seite stets der Herr Franciscus ging. Die Leute waren höchst verwundert, als sie sahen, wie freundlich und artig ihr Pfarrherr sein konnte – wie eine Taube, so geschmeidig. »Wenn er seinen Pfarrkindern daheim nur halb so gütig wäre, wir wollten ihn anbeten,« sagte einer der Treiber. »Der ist ja viel zu demüthig, als daß er sich anbeten ließe,« spottete ein Anderer. »Der will nichts von seinen lieben Pfarrkindern, als einmal tüchtig Prügel.« Der so sprach, er wußte nichts von der Verschwörung in der Rabenkirche. Um so lebhafter dachte Wahnfred daran, als er im Dickicht lauerte und durch das Gezweige sah, wie dort am Lärchenbaum kaum zwanzig Schritte von ihm der Pfarrherr stand. Er war jetzt allein und wartete mit gespanntem Hahn auf den Rudel von Hirschen, der jenseits des Grabens aufgestöbert worden war. Der Lärm der Treiber und der Hunde hallte halb verloren durch den Wald. Wahnfred sah, wie Herr Franciscus vor Begier bebte, und im Auge des Jägers war wieder dasselbe Feuer, wie dazumal auf der Wildwiesen, als er in das Sonnenwendfest hatte hineinschießen lassen. Auch dem Wahnfred – er hatte in seinem Leben schon manchen guten Schuß gethan – zuckten die Finger am Feuerschloß. Wenn jetzt die Hirschen kommen, dachte er, so darf ich nicht losbrennen. Auf Edelwild nicht – nur auf Raubthiere. Auf Raubthiere doch? Das hat er selbst erlaubt. Ei, was dort für ein schöner großer Wolf steht? Er ist aber auch ein Fuchs und hat sich in Schafspelz gehüllt und ist ein Schafhirt geworden. Und führt die Schäflein in den Wald und will sie zerreißen. Wart’, Unthier, ich schieß dich nieder. Herr Franciscus ... Dabei fuhr Wahnfred mit dem Schafte seines Gewehres schon an die Wange – was hast uns so oft, wenn der Zehent nicht reichlich hat wollen einlaufen, so tapfer gepredigt vom jüngsten Gericht! In einem Vaterunserlang stehst selber davor. Es wäre mir nicht unlieb, wenn Du das Vaterunser wolltest beten; ich habs wohl übernommen, daß ich Dich aus der Welt schicke, aber in die unterste Höllen hinab – und du fährst schnurgerade in die unterste – das ist mir schier zu scharf. Die Ewigkeit nachher, die dauert höllisch lang. Als wie ich das Blut von meinem Knaben hab’ gesehen, da hätte ich leicht alle neunundneunzigtausend Teufel auf Dich losgelassen, da wär’s mir schon eine helle Freud’ gewesen, wenn sie Dich vor meiner in Fetzen zerzaust hätten. Aber in alle Ewigkeit brennen und braten – das ... Kerl, Du erbarmst mir doch. Ich will Dich schon einmal erwischen, wenn es Deiner Seelen gelegensamer ist ... Es knallte der Schuß – des Pfarrherrn. Ein Sechzehnender stürzte nieder – zuerst mit den Vorderfüßen auf die Knie, dann mit dem ganzen Körper auf die Erde, daß der Boden dröhnte. Wahnfred’s Gewehr blieb unentladen. Auf dem Rückzuge, da die Bauern auf Reisigtragen die reiche Beute schleppten, als das Waldhorn erscholl und der Jäger fröhlich Lachen, that der Bart vom Tärn, der neben dem Schreiner schritt, in des Letzteren Angesicht einen fragenden Blick. Der Wahnfred antwortete mit einem Nicken: »Laß Zeit!« – An einem der nächsten Tage brachte Erlefried von der Schule die Nachricht nach Hause, der Herr habe über das fünfte Gebot noch nicht ausfragen können, er liege krank im Bette. Er habe es von einem Kranken mit heimgebracht; im Trasankthale herrsche das Nervenfieber. Das machte den Wahnfred nachdenklich. Wenn der harte Herr als Opfer seines Berufes fällt, dann bin ich ja frei, und wir sind es Alle. Aber, ist unser Haß gerecht gegen einen Mann, der in der Erfüllung seiner Pflicht zugrunde geht? Nimmermehr, Wahnfred! Über kurz ging die Kunde – die Leute erzählten es sich mit freudigem Schauer – im Pfarrhofe wäre die Seuche ausgebrochen. Die Magd sei schon gestorben, die Haushälterin sei geflohen – der Herr liege schwer darnieder. Die Hand des rächenden Gottes. Mein ist die Rache! spricht der ewige Herr. Doch – so dachte Wahnfred – wenn die Magd gestorben ist und die Haushälterin geflohen, wer wird in der letzten Stunde bei ihm sein. Er ist doch ein armer Mensch, Sterben ist kein Kinderspiel. Wer wird ihm die Augen zudrücken? Da ging er des Weges gegen Trawies. Als er an dem Hause des Baumhackel vorbeiging, schrie ihm der Baumhackel zu: »Gehst ins Wirtshaus, Wahnfred?« Er gab keine Antwort. »Der geht zur Kofelarztin,« sagte die alte Base des Baumhackel. »Er schaut aus so blaß, wie ein Herrgott aus Lehm. Der Wahnfred steckt in keiner guten Haut.« Sie wußten nichts von dem Amte, das er in der Rabenkirche überkommen hatte. Auf der Brücke, wo der Johannesbach in die Trach fließt, begegnete dem Schreiner vom Gestade der Firnerhans. Das war Einer von den Ältesten. »Wohin so eilig?« fragte er. Der Wahnfred schritt nahe zu ihm und murmelte: »In den Pfarrhof. Dem Herrn die Augen zudrücken.« Sie schüttelten sich die Hand und Jeder ging seines Weges. »Der ist gescheit!« sagte der Firnerhans zu sich, »der nimmt seinen Vortheil wahr. Der Tod ist im Pfarrhofe schon eingekehrt. Jetzt geht der Wahnfred hin und sperrt ihn ein, bis da drin der letzte Knochen abgenagt ist.« Um die Kirche von Trawies, wo sich sonst immer Leute herumgetrieben hatten, war heute kein Mensch zu sehen. Der Küster war nicht daheim. Nur ein Halbcretin aus dem Hause des Firnerhans stand da und seine langen Arme in die Hosentaschen gesteckt, glotzte er stier die Kirche an und den Mann, der daherging. Er schnaufte und pfauchte, denn er hatte zwei große Halsauswüchse, weshalb er von den Leuten auch der dreiköpfige Osel genannt wurde. Er lächelte nun dem Wahnfred recht freundlich zu, dann deutete er gegen die Fenster des Pfarrhofes, legte seine Wange an die Hand, machte die Miene des Schlafens, und schnitt hernach ein gar weinerliches Gesicht. Das war der einzige Hüter des kranken Herrn. Und selbst der schien nicht zu ihm zu können: der Pfarrhof war verschlossen. Wahnfred pochte lange und heftig, aber Niemand kam, um das Thor zu öffnen. Von innen vernahm er nichts als das Ticken einer Wanduhr und – wie es ihm scheinen wollte – einmal – zweimal ein angstvolles Aufstöhnen. »Wenn es so steht, ist der Wahnfred nicht mehr vonnöthen!« murmelte dieser, »Man hat den menschlichen Verstand von ihm abgesperrt.« Der Mann wurde noch blasser. Sind das Menschen in Trawies? Dort an der Kirchhofsmauer ragt das Kreuz. Versammeln sie sich nicht zu den Füssen dessen, der gesagt hat: Thuet Gutes Denen, die Euch hassen! – Es war ein harter Mann, fürwahr. Aber kann denn ein Feind so groß sein auf dieser Erden – wo wir Alle sündigen – kann er so groß sein, daß man im Stande ist, ihm in seiner Todesnoth den letzten Schluck Wasser zu verweigern? Hat ein Bruder wider dich gesündigt, so gehe hin und verweise es ihm zwischen dir und ihm allein. Ja, ich will es ihm noch sagen, wie schwer er geirrt, daß er als Priester des gütigen Gottes in unserem Sprengel die Liebe zerstört und den Haß erweckt hat. Und will ihm dann verzeihen. Seit jener Stunde, da Wahnfred im Dickichte nach dem Herrn gezielt hatte und die Barmherzigkeit in ihn gekommen war, fühlte er nicht mehr jenen finsternen Haß gegen den Mann, als früher. Die Tage, die Herr Franciscus nun noch leben sollte, waren ein Geschenk vom Wahnfred; so stand dieser wie eine Art von Schutzgeist zu ihm, und aus diesem Verhältnisse entsproß die Theilnahme für den Verhaßten. Da das Thor nicht zu öffnen war, so ging er nun um das Haus herum und spähte, wie er in das Innere dringen könne. An der rückwärtigen Seite, wo sich die Stallungen anschlossen, in denen die pflegelos gewordenen Hausthiere röhrten, kletterte er die Wand empor gegen ein offenes Fenster. Er kletterte hastig wie eine wilde, mordlustige Katze. Als er sich über die Fensterbrüstung hineinschwingen wollte, schauerte er zurück. Der Tod bewachte das Haus. drinnen im Gange, gerade unter dem Fenster, lag auf langem Brette hingestreckt die verstorbene Magd. Das Antlitz trug Spuren der Seuche, die zu jener Zeit so zahllose Menschenleben hingewürgt hat. Der Schreiner vom Gestade glaubte in diesem Augenblicke die milde Stimme seines Weibes zu hören: »Wahnfred, kehre um!« und den Schrei seines Knaben: »Vater, vergiß nicht deinen Erlefried!« Aber gleichzeitig war ihm, als höre er aus einem nahen Zimmer wieder das klägliche Stöhnen wie vorhin. Mit einem flinken Satze sprang er über die Leiche hinein auf den Boden und ging in die Zimmer. Zwei derselben waren leer und in zerfahrenem Zustande. Gauspostillen, Spielkartenblätter und Hundspeitschen, Crucifixe und Jagdgewehre, an der Wand Heiligenbilder und Hirschgeweihe. Geistliches und Weltliches, alles durcheinander. Die zahlreichen Schränke scheinen die Habe nicht fassen zu können, denn auf dem Tische lagen Ballen von Schafwolle und Leinwand. Auf dem Betpulte standen zwei Weingläser und lag in einer Schüssel Honigfladen und Weißbrot dabei, als hätte das Gespenst der Seuche die Bewohnerschaft des Hauses gerade beim heiteren Vesperbrot überrascht. Im dritten Gemache endlich fand Wahnfred den Kranken. Kaum erkannte er in diesem den Pfarrherrn. In eine Ecke gesunken lag aufgedunsen und fieberroth das Haupt. Der Athem war kurz: der Kranke stöhnte zuweilen. Jetzt that er die Augen auf – sie lagen schreckhaft tief, aber es waren die strengen, gefürchteten Augen – nur unsteter, nur noch glühender. »Wer – denn da?« fragte er mit heiserem Tone. »Ist ja alles davon. Habe ich denn – die Pest, das alles davon ist?« »Der Wahnfred vom Gestade kommt zu Euch.« »Leg’ ab – leg’ ab! – Du bringst doch was?« »Ich sehe, daß Euch die Heilmittel fehlen.« »Heilmittel? Die Zehnten sollst Du mir bringen, Lastthier!« Gar mühevoll und verwirrt stieß er die Worte heraus. »Ich verstehe nicht.« sagte Wahnfred, der sich heute das erstemal dem Herrn überlegen fühlte, »ich verstehe nicht, wie Ihr in Eurem Zustande noch an irdische Dinge denken könnt.« Der Kranke wendete sein Gesicht gegen den Besucher, versuchte zu lächeln und sagte: »Sterben meint Ihr? Nein, Trawiser Leut’, den Gefallen thue ich Euch nicht. Muß Euch früher zähmen.« »Mein lieber Pfarrherr,« entgegnete Wahnfred, »darüber wollen wir nicht streiten. Des Menschen Leben steht in Gotteshand, und Ihr wisset es so gut als ich, was in der Ewigkeit auf uns wartet. Die Gemeinde Trawies ist christlich, sie wird Euch verzeihen.« Der Kranke wollte sich jetzt aufrichten. »Verzeihen!« röchelte er, »wer hat zu verzeihen? Auf den Beichtvater willst Du Dich hinausspielen? Des priesterlichen Amtes spotten? – Heide! Heide!« Er sank zurück. Sein Athem ging noch wilder, sein Auge rollte; bald darauf fiel er in einen Schlummer. Wahnfred stand da und wußte nicht, was zu beginnen war. Er fühlte Mitleid. Nur den Ausbruch des Fieberkranken hatte er vernommen, nicht aber den Sinn der Worte. Er wußte und er dachte nichts zu dieser Stunde, als daß ein hilfloser Mensch vor ihm liege. Des Kranken Nacken war eingeknickt, so bettete Wahnfred das Kopfkissen flach, daß der Schlummernde freier athmen konnte. Dann legte er ein Decke, die aus dem Bette gefallen war, über ihn; hierauf öffnete er die Fenster, daß frische Luft hereinströmte, und schließlich legte er Holz in den großen Ofen und zündete es an, um die Luft zu reinigen und zu erwärmen. Als das Feuer fröhlich knisterte und Wahnfred am Bette saß und an seinen Großvater dachte, den in einer stillen Sommernacht der schwarze Tod dahingerafft hatte, und an die schrecklichen Zeiten, da die »große Sterb« das halbe Land entvölkert hatte, faltete er die Hände und murmelte: »Mein Gott, wenn man’s betrachtet, diese Welt ist des Unheils voll! Es verlohnt sich nicht der Mühe, daß man die kleinen Ungerechtigkeiten, die Einem von Mitmenschen zugefügt werden, so ernsthaft nimmt. Was bedeutet eine Wunde am Arm, wenn das Schicksal in Massen schlachtet! Wer das Weltunrecht einst richten wird! O, hüte mich, mein Gott, vor bösem Denken, und gieb nur Eine Gnade! Nur Eine gieb uns: daß wir, die gemeinsam leiden, uns gegenseitig beisteh’n!« »Wasser!« ächzte der Kranke, ohne die Augen zu öffnen, »einen Schluck Wasser!« Wahnfred erschrak. Er der in diesem Augenblicke der Herzensregung im Stande gewesen wäre, die Leiden der Menschheit mit seinem Blute zu löschen, wenn es gefordert worden wäre, er konnte dem Verschmachtenden nicht einmal einen Trunk frischen Wassers reichen. Er sollte auf dem Weg über die Todte und durchs Fenster zum Brunnen hinabsteigen. Er durchstöberte das Haus, er fand Wein, er fand Milch, er fand den Most, den man aus den Wildäpfeln gepreßt hatte, aber Wasser fand er erst, als er mit Gewalt die Thür aufgebrochen hatte, draußen im Hofe. Der Kranke trank mit Gier. »Das – das war gut,« stöhnte er dann zurücksinkend, »ich danke Dir, Kunigunde. Und jetzt – thue mir noch den Gefallen und jage den Schreiner fort. Dieser Mensch will mir nichts Gutes.« Ihr, die mit ihm gewesen war in seinen Tagen der Herrlichkeit und der Freude, und die ihn dann, als ihn die Seuche faßte, verlassen hatte, ihr dankte er und den Schreiner wollte er verjagen! So spielt auch in den Fieberträumen der Wahn des Gesunden behendig fort. Mit offenen Augen, die aber nicht zu sehen schienen, war sein Gesicht, auf welchem Flammenröthe und Todesblässe spielten, dem Schreiner zugewendet. »Nicht wahr,« sprach er nun, »Du bringst mir das Papier, das dort im Schranke liegt – im Schranke, ja in der zweiten Lade. Sie werden kommen und plündern. Diese Schrift dürfen sie nicht finden. – So, gieb sie her!« Die letzten Worte waren im Zorn herausgestoßen. Wahnfred öffnete die bezeichnete Lade, dort fand er auf Büchern liegend ein zusammengefaltetes Blatt, das überreichte er dem Kranken. »Mir?« fragte dieser befremdet, »ich brauche es nicht. Dem Gubernium mußt Du es schicken, aber schnell, schnell!« »Ich werde es thun,« antwortete Wahnfred. Der Pfarrherr versank wieder in einen bewußtlosen Zustand. Wahnfred sann nach, wie hier am vernünftigsten Beistand geschafft werden könnte. Rasch stieg er die Treppe hinab und verließ das Haus. In einem Winkel der nahen Kirchenwand standen mehrere Männer, diese huschten, als sie den Schreiner aus dem Pfarrhofe treten sahen, auf ihn zu und flüsterten: »Ist er hin?« »Eine Wärterin müssen wir auftreiben,« sagte Wahnfred, »er braucht Hilfe. Ich steige zu der Kofelarztin hinauf, daß sie Arznei schicke.« Die Männer stutzten. Uli der Köhler war unter ihnen, der trat vor und murmelte dem Schreiner ins Ohr: »Weißt Du nicht, was wir in der Rabenkirche ausgemacht haben?« »Daran habe ich jetzt nicht gedacht,« antwortete Wahnfred. »Der Herr hat die Krankheit von einem Versehgange mit heimgeholt. Man darf ihm nicht bei, jetzt nicht. Leute, das wäre schlecht! Und er geht ohnehin.« –     Es war im Allerheiligen-Monat, als Wahnfred Tag für Tag in seiner Werkstatt hobelte und nagelte. Er zimmerte Särge. Die Seuche hatte sich ausgebreitet und fast jeden Tag legten sie einen Todten ins Grab. Das mußte ohne priesterliche Handlung geschehen; es geschah, und die Leute sagten: »Schau, es thut sich auch so.« Wahnfred hatte schöne weiße Bretter von Eschenholz in Vorrath; diese bewahrte er für den Pfarrherrn auf. Er hat seine großen Fehler gehabt, aber der Pfarrherr ist er doch gewesen. Auch die heiligen Weihen muß man ehren. Vom Pfarrhofe kam aber keine Bestellung. Da wurde jäh das Wohlwollen des Schreiners arg gedämpft. Wahnfred hatte in seinem Sacke die Schrift gefunden, die er damals am Krankenbette auf den Willen des Fiebernden zu sich stecken mußte. Diese Schrift war an die hohen Behörden adressiert und war mit aller bösen List abgefaßt, die Leute von Trawies als eine verwilderte, aufrührerische und heidnische Bande zu verklagen und die Vollführung von exemplarischen Strafen zu beantragen. Der Verfasser verlangte eine Anzahl Soldaten, die für beständig in den Häusern von Trawies eingelagert würden; er verlangte die Erlaubnis zur Vorenthaltung des kirchlichen Segens bei Todesfällen, so lange die Gemeinde nicht ganz und gar zu Kreuze kriechen würde; er begehrte schließlich, daß die geheimen Rädelsführer, die er entdeckt zu haben glaube, den Anderen zur Warnung verjagt und ihre Häuser dem Boden gleichgemacht werden sollten. Unter den Rädelsführern nannte er den Gallo Weißbucher, vulgo Feuerwart, den Bart vom Tärn und den Wahnfred vom Gestade. Wahnfred ballte das Papier in die Faust und schleuderte es ins Feuer seines Herdes. Unwillkürlich hob er seine Hand nach dem Hobel, um die weißen Eschenbretter zu falzen. – Verjagt! Die Häuser dem Boden gleichgemacht! ... An demselben Tage ließ der Küster in der Gemeinde eine Ansage ergehen. Als Wahnfred den bekannten Boten zu seinem Hause heransteigen sah, lachte ihm das Herz und er blinzelte auf die weißen Eschenbretter hin. »Gelobt sei unser Herr Jesu Christ!« grüßte der eintretende Bote mit ernster Miene. »In Zeit und Ewigkeit, Amen!« war die Antwort. »Man hat wohl recht weit da her zu Eurem Hause.« »Hingegen werdet Ihr auch was Gutes bringen und so lade ich Euch gern zu einer kleinen Labniß ein.« Wahnfred that ihm Schwarzbrot vor und Most aus den wilden Äpfeln. »Deß dank ich Euch, Schreiner Wahnfred,« versetzte der Bote, und langte nach dem Imbiss. »Ich denke auch, daß es Euch wohl gefreuen wird, was ich Euch zu sagen habe. Morgen um die achte Stunde haben sich die Trawieser Leut’ in der Pfarrkirche zu versammeln, zum heiligen Gebete des Pfarrherrn wegen.« »Ist der doch – dahin?« fragte der Schreiner, beklommen vor Erwartung. »Daß es Gott verhüte!« rief der Bote, »außer Gefahr ist er, und für seine Genesung ist ein Dankgebet angeordnet.« »Lügenmaul!« fuhr Wahnfred auf, »Du bist den Bissen Brot nicht werth, den man Dir vorlegt!« »Da hast ihn wieder zurück!« sagte der Bote kleinlaut und legte den Schnitten, den er eben hatte zu Mund führen wollen, auf den Laib, »so was ist mir auch noch nicht passiert, ‘leicht wurmt’s Dich, Schreiner, daß Du Dich beim Todtentruhengeschäft verrechnet hast.« »Nimm und iß was, Bot’! Was kannst Du dafür!« murmelte nun Wahnfred, da sein jäher Zornesausbruch gedämpft war. »Wärest Du an meiner Stell’, Dir thät’ kein Schnitten Brot schmecken –« Die Labniß und die Pflege, die der Schreiner dem verlassenen Kranken vermittelt hatte, war des Pfarrherrn Rettung gewesen. Der Eine wußte das nicht und konnte es nicht segnen; der Andere wußte es und verfluchte es. Wahnfred! Das Samaritanspielen ist Dein Verderben geworden. Aber der Herr soll es erfahren, wie der Schreiner vom Gestade Böses mit Gutem vergilt. – Herr Franciscus saß seit seiner Genesung oft stundenlang brütend in seinem Lehnstuhl. Es war ihm nicht wohl. Eine noch größere Bitterkeit fühlte er gegen die Bewohner von Trawies und gegen sich selbst. Wie hatte die Feindseligkeit, welcher er in seiner Seele einmal Raum gegeben, ihn verwandelt! Er, dem die kirchlichen Dinge so gleichgiltig waren, konnte in denselben so fanatisch sein! Er, der Behaglichkeit und fröhlichen Umgang gesucht, konnte so starr und tyrannisch sein! Der Widerspruchsgeist, der Trotz war’s; wer in sich diesen Dämon einmal aufweckt, der bringt ihn nimmer zur Ruhe. Herr Franciscus kannte sich selbst nicht mehr. Oft hatte er sich vorgenommen, es mit Güte zu versuchen, aber sobald er wieder einen der herben Waldgesellen sah, bäumte sich sein Groll auf; er konnte nicht freundlich sein zu diesen Leuten, von denen er glaubte, daß sie ihm übel wollten. und der Starrsinn wuchs so groß, daß er selbst in dem Wohlwollen, welches ihm Mancher doch entgegenbrachte, eine Beleidigung fühlte. In solcher Stimmung war es ihm eine Lust, wie wenn er nach dem Thiere des Waldes zielte, Jemanden zu verletzen. Dann wieder war’s, als müsse er sich rächen dafür, daß man ihn zum Priester gemacht hatte. Es wurde ihm hinterbracht, wer während seiner Krankheit in sein Haus gedrungen war, das von böswilliger Seite verschlossen gewesen, wer ihm das Kissen weich gebettet unter dem fiebernden Haupte, wer ihm den Schluck Wasser zum Munde geführt, wer ihm eine sorgsame Pflegerin und Arznei herbeigeschafft hatte. »So?« sagte der Herr Franciscus, »der Schreiner ist in meinem Haus gewesen? Ja, ja, mir schwant so etwas. Dann allerdings, dann kann ich mir mancherlei erklären.« Sonst sagte er nichts, ließ aber den Wahnfred zu sich in den Pfarrhof rufen. Dieser kam, sein Gemüth war schon wieder versöhnlich und weich gestimmt. Er hoffte, daß die schwere Krankheit und was dabei vorgegangen eine Wandlung herbeigeführt haben würde, daß der starre Mann endlich zur Überzeugung kommen müsse, hier sei er sich und der Gemeinde zum Verderben. Im Pfarrhofe warteten der Küster und der Schulmeister, und der Dank, den Wahnfred erfuhr, sah wunderlich aus. Wahnfred trat höflich ein, blieb aber an der Thür stehen und wartete, bis der Herr an ihn herankommen würde. Dieser stand in seinem langen Talare am Fenster und hielt sich mit einer Hand an die Lehne des Stuhles. Sein Gesicht war hager geworden und noch blaß. Mit scharfem Auge blickte er eine Weile auf den Eingetretenen hin. »Na komm!« winkte er endlich, als wolle er mit seinem Finger dem Vorgerufenen den Weg über die Zimmerdielen beschreiben, »komm näher! Wirst mit meiner Stube doch wohl noch bekannt sein, bist ja vor Kurzem erst durchs Fenster hereingestiegen.« »Die Thür war verschlossen und der Herr war todtkrank.« »Und das war die beste Gelegenheit, mir die Laden auszuplündern, nicht wahr?« »Jesus Maria!« Stieß Wahnfred heraus und sprang einen Schritt nach vorwärts. »Hübsch gemach, Schreiner,« besänftigte der Herr, »wir wollen das ganz in Ruhe –« »Ich habe die Lade geöffnet, weil Ihr darum ersucht habt, und habe Euch die Schrift geholt, weil Ihr es verlangt habt.« »Ich hätte es verlangt? Das ist eine Unwahrheit. Ich habe nichts von Dir verlangt.« »Ich glaube es, daß Ihr euch d’ran nicht erinnern könnt,« sagte Wahnfred, mit Mühe sich beherrschend, »Ihr lagt im Fieber und ich wußte es wohl, daß Ihr in der Irre waret.« »Und hast es doch gethan?« »Ich wollte Euch beruhigen.« »Wo ist die Schrift?« fragte Herr Franciscus mit grimmigen Blicke. »Ihr befahlt, daß ich sie zu mir nähm’ und den Behörden schicke.« »Und hast Du das gethan?« »Ich nahm die Schrift zu mir, Pfarrherr.« »Und hast sie abgesandt?« Wahnfred antwortete: »Was ich über diese Schrift weiter zu sagen habe, das werde ich ein andermal sagen. Dazu laden wir die Männer von Trawies ein.« Der Herr Franciscus bäumte sich langsam auf und legte seine Arme über die Brust. »Leute, ich warne Euch!« sagte er mit sehr weicher, aber nachdrucksvoller Stimme. Wahnfred stand vor ihm still und stumm wie ein Baum. Sein Auge richtete er trotzig in die zuckenden Züge des Herrn. »Ich weiß es,« fuhr dieser fort. »ich weiß es. Was Trawies will; wir stehen uns zu einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber. Schreiner, Du hast schon lange den Sarg für mich fertig! – Ich fürcht’ mich nicht, ich walte meines Amtes und gehe ohne Wanken den geraden Weg meines Rechtes. Wer sich mir auf diesem Wege entgegenstellt, der wird zertreten! Euch warne ich noch einmal. Beugt Ihr Euch nicht vor den Gesetzen, denen die Welt mit ihren Fürsten und Herren unterthan ist, dann seid Ihr vernichtet.« Wahnfred stand vor ihm still und stumm wie ein Baum. »Und Du, mein lieber Schreiner, gehst heute nicht heim. Ich will Dir in Erfahrung bringen, was bei uns zu Lande mit den Dieben und Einbrechern geschieht. – Führt ihn ab.« Sofort waren die bestellten Knechte zur Hand. Jetzt war Wahnfred erwacht, dem Einen versetzte er einen Faustschlag ins Gesicht, daß er rücklings taumelte, den Anderen schleuderte er gegen die Thür hin, den Herrn Franciscus stieß er mit gellendem Fluche vom Fenster zurück und die Scheiben mit einem Schlage zerschmetternd, das lockere Gitter losreißend, sprang er hinaus in den Schnee. Er bekämpfte sich. Gelassen, als ob nichts geschehen wäre, schritt Wahnfred durch das Dörfchen hinab. Man merkte es nicht, daß hier ein Mann ging, dem einige Minuten früher ein Giftpfahl mitten durchs Herz gestoßen worden war. –»Dieb und Einbrecher!« murmelte er, »beim allerheiligen Gott! ich habe den Schuß nach meinem Kinde ertragen, aber das ertrage ich nicht –« In den Scheunen pochten die Dreschflegel, aber sie pochten träge und mit Unlust, denn das erste Körnlein, das aus jeder Ähre springt, springt in des Pfarrherrn Sack. Vielleicht übertrieb er ein wenig, der alte Sandhock, wenn er sagte: »Was beklagen wir uns denn! der Herr kriegt ja den Zehent nicht, den dürfen wir behalten. Er nimmt das Übrige.« Daß der Sack des Herrn Franciscus nicht allzu klein war, erhellt. Da demnach das Arbeiten grämlich war, so ließen die Leute Dreschflegel und Windmühle am liebsten liegen und stehen und gingen ins Wirtshaus. Nur war auch dort keine Lust, wie sonst; die Männer saßen und lehnten und murrten mit verglasten Augen herum und die Wirthin war unwirsch, so oft sie eine Stumpe Schnaps zu bringen hatte. »Geht’s heim arbeiten, ist gescheiter.« »Recht hast.« antwortete ihr der Sandhock, »aber ich mag nicht gescheiter sein.« »Und Du, Baumhackel, Du kriegst gar keinen mehr, Du zahlst nicht!« »Daß ich nicht zahl’,« entgegnete dieser, »das missest mir so übel auf, aber daß ich kein Geld hab’, das bedenkst gar nicht. Geh’, Frau Wirthin, so blümelsauber und so ungerecht!« Im Ofenwinkel saß Roderich der Stromer. Er schwamm in Bitterkeit irdischer Drangsal. Schnaps sehen und keinen kriegen! Ins Gesicht lachte ihm die Wirthin, wenn er um einen bat, denn er mußte eben darum bitten. Er konnte noch froh sein, beim Ofen sitzen zu dürfen. Er brütete wohl über seiner Idee von Kerzen und Jungfernhaar und Kreuzotternfett. – Kreuzotternfett wäre schon zu kriegen, aber das Andere!? Der Firnerhans hätt’ Eine – kann nicht hoch über die siebzehn sein – eine laubfrische Dirn, und so viel still und frömmlich. Auf dem Johannesberg wachst sich auch eine aus. Sie ist allein bei ihrer Alten. Wenn ich die kunnt drankriegen! – Der Wirthin ihre da draußen in der Küche, der Teufel soll sie holen! Noch ein hundsjung Gansel; da meint man, sie thät’ mit dem vierten Gebot noch nicht fertig sein und dieweil ist sie schon lang beim sechsten. Von Der einen Haarfetzen hab’ ich leicht derwischt; aber wie einer da aufsitzen kunnt! Im Jägerhaus oben – ehevor das Rabenvieh noch ordentlich brennend ist, sind die Leut’ schon munter worden. Zu hart Kräften, daß ich auskommen bin. Na na, vor so Einer sollt’ mich Gott bewahren. Aber die Firner-Dirn schon, die Firner-Dirn und die Andere auch, die Andere. – Draußen in der Küche am Herde, wo die Weibsleute geschäftig Wildpret kochten und schmorten, hockte im Winkel Einer, der wisperte: »Pack’ ich Eine her und reibe ihr den Schnauzbart in die Wange, so wird das ein ketzerhaftes Gelärm und Geschrei sein.« »Ich mag’s,« meinte ein Anderer daneben, »wenn man die Weibsleute mit so einem Bartwisch abscheuert, so poltern sie wie Katzentritt und schreien mit Fischstimme!« An der Thür stand ein wildfremder Mensch. Der machte plötzlich einen langen Hals gegen die Wirthin und sagte: »Wie kommt es, daß Du so viel Fleisch hast und ich so viel Hunger?« Er sagte es mit stierem Auge. »So werdet Ihr wohl den Geldbeutel bei Euch haben,« gab die Wirthin zurück, die, aus Erfahrung klug geworden, vorher das Geld suchte, und dann erst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. »Den Beutel?« versetzte der Fremde. »Auch Ihr, Trawieser Leut’, fragt nach solchen Dingen? Hab ich doch gehört, daß die Trawieser – sobald ihnen nur der gestrenge Pfarrherr nicht mehr im Wege stünde – es eintheilen wollten auf: Dein Gut, mein Gut!« »Das Zeug versteh’ ich nicht, macht, daß Ihr mir aus dem Weg kommt!« rief die Wirthin und hegte das Feuer und förderte den Braten. »Ihr werdet es schon verstehen,« sagte der Fremde mit einer Miene, die viel bedeuten sollte, »heute stoßt Ihr den Armen noch aus diesem Haus, morgen treibt Euch er hinaus!« Und er entfernte sich. Die Männer und Burschen in der Wirthsstube waren mittlerweile laut geworden. Es war ein Streit entbrannt, der gar keine andere Ursache hatte als die, daß sie streiten wollten. Sie schleuderten sich gegenseitig Spottnamen zu, in der Weise, wie boshafte Buben Ballen spielen, zuerst von Hand zu Hand, dann von Nase zu Nase. »O Du schlechter Lotter Du!« sagte der Eine und lachte. »Behalt Du den schlechten Lotter für Dich selber – ist gescheiter, sonst heißest Du ohnehin nichts.« »Oh, Du brauchst mir schon lang keinen Namen zu schenken, Du Schelm, schau, daß Deiner besser wird!« »Wer sagt mir was Schlechtes nach?! Himmel-Herrgotts-Sackerment, wer kann mir was beweisen?« »Alle sieben Hauptsünden beweise ich Dir, Du Lump! Mit welcher soll ich anfangen?!« »Deine Goschen halt’, schlechter Wicht! Du hast die Hauptsünden Dein Lebtag nicht aus dem Katechismus gelernt – bist zu dumm dazu.« »Für einen Spitzbuben just ein bissel zu dumm, da hast Recht.« Jetzt fuhr der Andere mit seinen Fäusten los. Ein Dritter wollte Frieden stiften – der erhielt die Prügel. »Wir brauchen keinen Richter!« riefen sie. »Laßt Zeit, wenn nur erst der Richter von Trawies kommt.« »Wir kennen keinen Richter von Trawies! Und wir brauchen keinen.« Ja, dess’ waren sie bald Alle einig, sie brauchen keinen Richter. »Unser Herr ist Gott im Himmel, und sonst Keiner!« Sie wußten es recht gut, daß Gott im Himmel nicht niedersteigt und den Schelm beim Schopf faßt. »Kann sein,« sagte einer der wenigen Sanftmüthigen, die noch im Ort waren, »er wartet, bis der Schelm zu ihm kommt. Denn einmal schleicht der Schelm an und winselt: Lieber Gott, ich bin auch dein Kind, ich hab’ sie auch mitgemacht, die harte Welt, jetzt mach’, daß ich im Himmel meinen Winkel krieg’. Da wird Gott der Herr seine Arme in die Seiten stemmen und wird sagen: So! – Und der Schelm wird weiter winseln: Schauderlich schlecht ist es mir ergangen auf Erd’. Sündhaft war ich freilich auch, aber ich bereue es und mach’ meinen ernstlichen Vorsatz, denn weißt, ich möcht’s nun besser haben. – So! wird der Herr wieder sagen, wie schlau Du bist! Ich aber sage Dir: Früher hast Du mich nicht gesehen, jetzt sehe ich Dich nicht. Geh’ weg, wir Zwei sind fertig!« »Und wir Zwei sind’s auch!« rief ein stämmiger Bursche und schob den Prediger zur Thür hinaus. – Zur selben Zeit ging vom Pfarrhofe der Wahnfred am Hause vorbei und über den Steg gegen den Hof des Feuerwart. In der Wirthsstube erhoben sich einige der älteren Männer und schritten ihm nach. Der Feuerwart stand vor dem Brunnen seines Hauses und hatte eine Axt in seiner Hand. »Was willst Du mit dem Beil?« fragte Wahnfred. »Hast es Du vonnöthen?« war das Gegenwort, »sonst mache ich damit den Brunnen frei, er ist vereist.« »Ich bin da, Gallo, daß ich Dich frage, ob denn kein Richter mehr ist in Trawies? Mir ist Unrecht geschehen. Du weißt, wie ich dem Herrn in seiner Krankheit bin beigestanden. Dafür heißt er mich jetzt Dieb und Einbrecher.« »Da ist Dir Recht geschehen!« lachte der Feuerwart. »Wie so?« »Schau her da. Wenn ich meinen Brunnen vom Eis ersticken lasse und ich verdursten muß, so geschieht mir auch Recht, warum bin ich so saumselig gewesen! So Eins gehört!« Er hob die Axt und mit einem wuchtigen Schlage zertrümmerte er die Säule von Eis, daß die Stücke klingend weithin flogen und der Brunnen frei und frisch in den Trog plätscherte. »Verstehen kann ich Dich wohl,« sagte Wahnfred, nahte dann dem alten Manne, die Hände auf der Brust: »Bei der himmlischen Seligkeit, ich kann es Dir nicht sagen, mein Gallo, Du glaubst es nicht, wie schwer das ist, einen Menschen umzubringen!« Jetzt nahten die Männer, die dem Schreiner vom Wirthshause her gefolgt waren. »Fleißiger, fleißiger, Wahnfred, Du stehst im hellen Werktag da und richtest nichts aus!« Dann stellten sie sich um ihn in einen Kreis und huben an. »Weißt Du es noch, Schreiner, wie lange es schon her ist, daß wir in der Rabenkirche zusammen gewesen?« »Glaubst Du, daß ihn bei lebendigem Leib der Teufel holt?« »Warum?« »Weil Du ihn nicht angreifst!« »Läßt sich denken, daß es dir sauer fällt, aber der Herrgott hat Dir’s ja gut meinen wollen, hättest Du seine Hand nicht zurückgezogen, wie er sie ausgestreckt hat nach seinem Hals.« »Hat das Los gewiesen, daß Du bei ihm die Krankenwärterin sollst sein?« »Sollen wir Dir die Feindseligkeiten vorzählen, die er seit seiner Krankheit wieder auf uns geworfen hat? Beim Dankgebet für seine Genesung ist die Kirche nicht voll geworden, das magst Dir Denken. Solches hat ihn gar zornig gemacht. Der Freiwildin ihrer Tochter hat er das Kind nicht taufen wollen; die junge Mutter soll am Frauentag mit dem Strohkranz in die Kirchen gehen; wie sich das arme Dirndl abhärmt! Den Gemeindearmen wird für diesen Winter das Brennholz geschmälert, das sie vom Pfarrwald kriegen sollten. Oh, gebt Acht, dieser Herr Franciscus ist aus demselben Holz, aus dem man die Hexenverbrenner, die Folterknechte und Kreuziger schnitzt.« »Ich weiß es ja,« unterbrach Wahnfred, »ich weiß mehr, als Ihr selber.« Er dachte an die Schrift, die in seine Hand gelangt war und die er in das Feuer geworfen hatte. »Nun gut, so wirst Du dem Elend ein Ende machen.« »Glaubt Ihr, das Elend wird ein Ende haben, wenn er dahin ist? Ich glaube es nicht.« »Schlechter kann’s nimmer werden. Die hohen Herren müssen sehen, daß die Leute von Trawies stark sind, wie ihre hundertjährigen Bäume. Es wird ein Sturm sein, aber dem Wald wird er nichts anhaben; nur der baum, der einzeln steht, kann brechen. Wir halten zusammen und wehren uns um unsere alten Rechte.« »Und Du, Wahnfred, übe Deine Schuldigkeit!« »Denk’ auf den Schwur! Willst Du dieses Tyrannen wegen Gott untreu werden? Hat Dir Deine Mutter niemals die Geschichte erzählt von jenem Mann, der gezwungen worden ist, vom Haupt seines Knaben einen Apfel herunter zu schießen?« »Und weißt Du, wohin er geschossen hat? Auf den Tyrannen!« »Männer von Trawies! Nur Eins möchte ich Euch fragen,« sagte Wahnfred. »Was hast Du noch viel zu fragen?« »Geschehen wird’s – ohne Frage.« »Wann, wann, Schreiner?« »Hat’s bis Ostern Zeit?« »Nimmermehr. Bishin wären wir längst verrathen und verloren.« »Es ist gut,« sagte Wahnfred. »Geht heim, Leute, geht heim und laßt mich allein. In acht Tagen von heut’ ist der Frauentag.« »Ist richtig.« »Aber wir gehen in keine Kirchen mehr, sollt ihr wissen, am Frauentag wird in der Kirchen zu Trawies kein Gottesdienst mehr sein.« »Das ist Manneswort, Wahnfred, das ist Manneswort!« Wahnfred hob die rechte Hand und rief laut: »Sein Blut komme über Euch und Eure Kinder!« Dann stürzte er davon. Als er in den Schlittenfurchen des Weges so dahinschritt und in die rothe Sonne blickte, die über dem schwarzen Waldrücken des Johannesberges niedersank, da hörte er hinter sich ein Trappeln. Das Töchterchen des Feuerwart – Sela war sein Name – lief hinter ihm drein. Er beachtete es nicht und meinte, die Kleine würde ins Dorf gehen, um dort irgend etwas zu holen; als der Dorfweg rechts über die Brücke abbog, Wahnfred’s Steig gegen das Gestade links dem Wasser entlang zog, trappelte das Kind immer noch hinter ihm her. Es war nicht eben winterlich angezogen, das Näschen war roth angelaufen – die schönen feuchten Äuglein drohten einzufrieren auf diesem Gange im kalten Winterabend. Wahnfred wendete sich nun um und fragte barsch: »wo gehst hin? Was willst?« Da streckte die Kleine ihre Arme aus nach seinem Haupte, als ob sie dieses zu sich niederziehen, als ob sie ihm etwas Heimliches anvertrauen wollte. So blieb der Mann stehen und neigte sich gegen das Kind. Und jetzt schlang das Mädchen die kleinen Arme um seinen Hals, rasch und keck drückte es einen Kuß auf seine Wange – und lief davon. Es lief den Weg zurück, den es gekommen war, und Wahnfred blickte ihm nach, so lange er es sehen konnte, und er wußte gar nicht wie ihm war. – So warm ins Herz war ihm dieser Kuß gegangen und seine Seele nahm ihn auf wie eine Offenbarung. – Wen die Kinder küssen, kann der Mörder sein? Oder sollte es eine Mahnung, eine Warnung ...? Die Unschuld hatte ihn noch einmal um den Hals genommen und hatte gefleht: »Ach bleib’! Denke an Deiner Kindheit selige Freuden! Denke an das stille Glück Deiner Jugend. Die göttliche Gabe der Unschuld – bis heute hast Du sie in Deiner Brust getragen. Du kennst das Leiden wohl, aber Du kennst das Unglück nicht. Lasse Dich nicht irren, was sie Mannesthaten nennen, das sind zumeist Lieblosigkeiten, Rücksichtslosigkeiten, Verbrechen gegen die Mitmenschen. Bleibe Kind. In der Gefahr, und wenn die Leidenschaften drohen, ist das Kind stärker als der Mann. Durch die heißen, durch die wilden Wüsten dieser Welt führt zwischen Lilien, Rosen und Myrten, unter Palmenschatten ein stiller Weg – es ist der Weg des Herrn. Den wandle Du, er führt weit ab vom Elende der Schuld, dem lieben Herzen Gottes zu.« O, wie diese Gedanken schmeicheln! Hier wäre es freilich leicht, Euch zu folgen. Die Tyrannen gewähren lassen? Und meineidig sein, wortbrüchig vor Gott und den Mitmenschen, wäre das gut? – Ich habe meine That nicht erwählt, sie ist mir zugefallen. Mich hat Gott gerufen. – Ich komme. Unter solchem Streite seiner Seele schritt Wahnfred an der Trach dahin, in den Abend hinein. Das Wasser murmelte kaum hörbar unter der Eisdecke, die hin und hin über den Fluß gewachsen war. Eine scharfe Kälte lag in der engen Schlucht und schnitt dem wandernden ins Gesicht. Er hüllte sich enger in seinen Mantel, er drückte den Hut tiefer in seine Stirn. Der Weg war holperig in seinem gefrorenen Schnee, öde und verlassen. Hoch im Gewipfel krächzte bisweilen ein Rabe; er flog mehrmals über dem Haupte des Wandernden hin – er schien ihn gar zu begleiten. War das einer von der Rabenkirche? Hatte er den Schwur gehört? Mahnt er an die Erfüllung? ... Wahnfred trat auf die Eisdecke des Flusses hinaus. sie war weiß überzogen mit jenem moosartigen Reife, der sich in den vorhergehenden frostigen Nebeltagen gebildet hatte und welcher zart unter seinem Fuße knisterte. Dieser glatte, ebene Weg, aus welchem nur dort und da ein bereifter Stein hervorragte, führte ja auch ins Gestade hinaus. –»Ist das Verbrechen schwer, so wird ja das Eis brechen unter meinem Fuß – und es hat ein Ende.« Zwischen den hohen Bergen, deren steile, finstere Lehnen mit ihrem Gezacke der Waldwipfel an beiden Seiten steil emporstrebten, leuchtete der Mond nieder. Er war im halben Lichte, auch die dunkle Hälfte war zu erkennen. So weiß und so hell sah er nieder aus der tiefen Klarheit des nächtlichen Himmels. Uns hinter dem Wanderer auf der Scholle wankte schwarz und ungestaltig der Schatten. »Bis Ostern hat es nicht mehr Zeit,« sagte Wahnfred, »ich hätte es gern gesehen, daß du früher deine österliche Beicht abgelegt hättest. Sie wollen dich weg haben, jetzt auf einmal; wie es mit Deiner Seele steht, darnach fragt Keiner. O Gott, wie oft wird es geschehen, daß sie an einem Menschen nur den Leib zu tödten glauben, während sie gleichzeitig auch die Seelen, wenn sie nicht im Zustande der Gnade ist, in den ewigen Tod stürzen. Ich bin Christ und will christlich handeln. – Der, welcher mir anheimgefallen ist, soll seine Sünden mit dem Blute seines Leibes löschen und danach eingehen zum ewigen Leben. – O Mondenlicht, du steigst zum Himmel auf, sage es unserem Schöpfer, daß mein Herz rein ist von bösem Willen. In jenen längstvergangenen Zeiten, da hast du niedergeleuchtet auf einen Hain von Myrrhen und von Palmen. Es war so still und milde, es war eine Sommernacht und auf den Bäumen waren die Blätter des ersten Frühlings noch nicht gewelkt. Zwei Männer nahen und baden sich in der balsamischen Luft. Der Eine trägt die Lenden verhüllt mit dem Felle der Gazelle, der Andere mit der Haut des Bären, denn die Schönheit des Menschen ist heilig. Sie verletzen den Frieden des schlummernden Gartens nicht; sie kommen vom Altare. Sie hatten geopfert. Der eine das Fleisch der Gazelle, deren Fell er am Leibe trägt, und die Früchte der Büsche, deren Blüthen er um die Stirn geschlungen hat. Er that’s in Liebe und in Demuth, und der Herr hat das Opfer in seine Hände genommen und hat gelächelt. Der Andere opferte das Fleisch des Bären, dessen Haut er am Leibe trägt, und er opferte das vom Bären zerrissene Lamm, und er hieb den Busch von der Wurzel ab und opferte ihn mitsammt den Blüthen und mitsammt den Früchten und sagte in seinen Gedanken: Herr, siehe, ich gebe Dir mehr, als Der zu meiner Seite steht. Der Herr aber stieß das Opfer von sich und war zornig. – So schreiten sie durch den Hain und können die Ruhe nicht finden. Der Eine ist ruhelos vor Glück, der Andere ist ruhelos vor Neid. – So gingen sie hin und verletzten den Frieden des schlummernden Gartens nicht. Da kamen sie an einen Cedernbaum, und der Mann mit der Mähne kletterte den Stamm hinan und brach einen kräftigen Ast. – Warum, mein Freund, so fragte der Andere, warum verwundest Du diesen schönen Baum? O, Du frommes Kind, sprach der Mann mit der Mähne, daß Du Mitleid hegst mit dem Holze! Weißt Du es denn nicht, daß ich aus den Blättern und Zweigen, die an diesem Aste hängen, einen Kranz flechten will für deinen schönen Nacken und für deine reine Brust? Du Liebling des Herrn! – Und er flocht den Kranz und legte ihn dem sich Sträubenden auf den schönen Nacken und auf die reine Brust und sagte: Weigere dich nicht, denn was ich Dir thue, das geschieht zum Lobe Dessen, der Dich so sehr lieb hat. Und als Jener bekränzt war und in Demuth sein junges Auge aufschlug zum funkelnden Sternenreiche, erfaßte der Mann mit der Mähne den entzweigten Ast und schlug ihn mit glühender Kraft über das Haupt des Bekränzten. Still wie die Nacht rings umher, so still sank der Erschlagene auf das thauende Gras. Der Andere aber breitete mit geschlossenen Fäusten die Arme aus und schrie mit gellender Stimme: Ist Dir dieses Opfer auch nicht gut genug? ...« »Nein, mein Ewiger!« fuhr Wahnfred aus seinen Träumen auf, »so opfere ich nicht. Von diesem Mörder, der den Schlag gegen die Liebe geführt hat, die Du Jenen geschenkt, konntest Du den Bruder zurückfordern in Deinem Zorne. Ich bin ohne Haß und Neid, ich sende den, der hier auf Erd’ nicht zu deiner Ehre wirken kann, ins Heimatland, wo Du ihn aufnehmen wirst in Deiner Erbarmung.« So schritt er hin, und die Eiskörnchen knisterten unter seinen Tritten, die Eisdecke aber blieb fest und wankte nicht. Bei einer Wendung des Flusses hatte sich der Mond hinter den Waldrand verborgen; in der Schlucht war es sehr düster und nur auf den Lehnen lag der blasse Schleier des Lichtes. Wahnfred betete: »Selig der Mann, der nicht wandelt nach dem Rathe des Bösen, sondern seine Lust hat an den Gesetzen Jehova’s! Merke auf die Stimme meiner That, o mein König und mein Gott, denn Du bist kein Gott, der Freude hat an der Bosheit. Die Frevler bestehen nicht vor Deinen Augen; O leite mich in Deiner Gerechtigkeit, um meiner Feinde willen, ebne mir den Weg! Denn nichts Wahres ist in ihrem Munde; laß ihre Schuld sie tragen, o Gott; wegen der Menge ihrer Verbrechen stürze sie. Denn es rühmt sich der Böse der Gelüste seiner Seele, und der Habsüchtige lästert Jehova! Er spricht in seinem Herzen: Ich wanke nicht, denn ich werde nie im Unglück sein! Des Fluches voll ist sein Mund, und des Truges und der Bedrückung. Auf, Jehova! Gott! Erhebe deine Hand, vergiß nicht der Leidenden!« »So betete ja auch er,« fuhr Wahnfred fort, »der Harfenspieler und der Sänger. Er saß zu den Füßen des kranken Königs Saul und erheiterte ihn mit Hirtenliedern aus seinen fröhlichen Auen. Da nahten die Feinde und ein Riese war unter ihnen, der forderte Einen zum Zweikampf. Sie standen zurück, die waffengeschmückten. Da stand der kleine Hirt und Sänger auf und sprach: Wenn sonst Keiner ist, den Frechen zu züchtigen, so will ich es sein! – Sie spotteten seiner und Andere sagten: Laßt ihn ziehen, es ist ja nur ein Hirtenjunge, und kein Verlust, wenn er fällt, und keine Schmach für uns, wenn er unterliegt. – Der Hirtenknabe ging hin und tödtete den Riesen. – Wie hat Gott die That belohnt? David wurde König – heute sitzt er in Zion unter den Heiligsten der Heiligen. Und doch hat er nicht gesorgt für das Seelenheil seines Feindes. – Ich will christlicher sein.« Da Wahnfred in solchem Sinnen über die berückenden Schriften der alten Dichter an zwei Stunden gegangen war, weitete sich das Thal; er sprang ans Ufer und war im Gestade. Von seinem Hause grüßte ihn aus dem Fenster der rothe Schein des Herdes entgegen. Der Mond hatte einen blassen, milchigen Kreis um sich: von den Bäumen fielen knisternd die zähnigen Eisrindchen und auf der Trach sprangen in derselben Nacht krachend die Schollen. Am anderen Morgen war es schon licht – und wie spät lichtet sich’s im December! – als Wahnfred noch im Bette lag. Der Kienspan, den das Weib des Schreiners in den Leuchthaken der Werkstatt gesteckt hatte, weil der Meister zu solcher Jahreszeit auch vor Tags zu arbeiten pflegte – war heute unangezündet geblieben. Das Weib schlich schon eine Weile besorglich ums Lager herum, und als sie ihren Eheherrn nun erwacht sah, fragte sie ihn, ob er krank sei. Er habe in der Nacht unruhig geschlafen, er habe laut im Traume gesprochen. »Im Traum? Was habe ich gesprochen?« fragte Wahnfred. »Das Eis bricht ein! Hast Du ein paarmal aufgeschrien. Es ist ja keine Möglichkeit, daß Du es von Thale herauf solltest gehört haben. Es hätte recht gekracht, erzählt die Magd, das Wetter hat umgeschlagen und das Eis bricht auf der ganzen Trach.« »Bricht’s?« fragte Wahnfred und erhob sich aus dem Kissen. »So schwach war die Scholle! Weib, den ganzen Weg von Trawies von Trawies her bin ich auf der Trach gegangen.« »Jesus Maria!« rief die Hauswirtin, »jetzt weiß ich’s, wesweg mir gestern auf die Nacht so angst und bang gewesen.« »Du, Weib,« sagte nun Wahnfred und streckte die Hand aus, »auf der Wandstelle dort liegt der Kalender, lange mir ihn herab.« Sie that’s und als sie das Büchlein aufschlug, um ihm den Monat December bereit zu blättern, war sie verwundert und sagte: »Mann, das ist richtig wahr, Du wirst allweil leichtsinniger in christlichen Sachen. Jetzt hast Du nicht einmal Deinen Osterbeichtzettel im Pfarrhof abgegeben. Schau, da liegt er.« »Ja, ja, ich seh’ ihn wohl. Abgegeben hab ich ihn. Was kann ich denn dafür, wenn der Herr nicht schaut auf die Sachen, die man ihm in die Hand giebt. Mein Zettel ist mir närrisch wieder zugekommen.« »Wo man hinschaut,« sagte sie, »es ist überall ganz anders, als wie sonst.« »Ja, die neuen Zeiten! Wirst Dich noch verwundern, Weib. – Jetzt kannst schon wieder gehen.« Sie verließ zögernd und kopfschüttelnd sein Bett. Wahnfred sah in den Kalender und murmelte bei sich: »Heute ist der erste Adventtag und das Fest des heiligen Bischofs Eligius; der war anfangs Goldschmied, nachher ist er Büßer geworden, hat ein härenes Gewand angezogen und gegen die Ketzer gestritten. Der taugt nicht. Morgen, als am zweiten Tage, begehen wir das Gedächtnis der heiligen Jungfrau Firmina. Sie war eine Römerin von großer Leibesschönheit, und als sie der Landpfleger hat umarmen wollen, sind ihm durch Gottes Allmacht beide Arme lahm geworden. Hierauf hat sie der Kaiser Diocletian der Kleider entblößen und mit brennenden Fackeln sengen lassen, bis sie den Geist aufgegeben. Mag wohl sein, daß sie eine große Beisteherin ist in der Noth, bei meiner Sach’ hat sie nichts zu thun. – Als am dritten Tage begeht die Kirche das Fest des heiligen Franciscus Xaverius. Der hat die Wilden zum Christenthume bekehrt, ist ein sehr heiliger Mann gewesen und hat sich selbst gegeißelt bis aufs Blut. Das ist sein Namenspatron, der möchte sich wohl seiner zu früh annehmen. – Als am vierten Tage ist das Gedächtnis der heiligen Jungfrau Barbara. Sie ist von den Heiden gemartert und enthauptet worden; sie gehört zu den vierzehn Nothhelfern und ist die Schutzpatronin für Sterbende. – Das ist die Rechte. Sie wird ihm beistehen und seine Seele nehmen.« Die Hand mit dem Kalender ließ er sinken, am Kissen lehnte sein Haupt mit geschlossenen Augen – es schien, als schlummere er wieder ... Plötzlich erhob er sich und sprach: »Gut, gut, jetzt bin ich fest. Also am vierten Tage im Advent. –« An demselben Tage, da dieses morgens war, sprach der Schreiner den Boten an, der von Neubruck bisweilen in die Gegend kam, ob er nach Trawies hineingehe? »Wohl, wohl, habe ja beim Kirchenamt zu thun.« »Wollte der Bot’ so gut sein und für den Herrn was mitnehmen?« »Wenn’s nicht schwer ist; Ihr seht, ich gehe nicht mehr auf meinen ersten Füßen.« »Es ist Geldsach’.« »Nachher kann’s nicht schwer sein.« »Da, im Papier wär’s – fünfzig Schinderlinge sind’s – daß am Barbaratag eine Rorate gelesen werden sollt’.« »Eine Rorate,« meinte der Bote, »kann nicht herausgeben.« »Krieg’ nichts heraus.« »Kostet ja nur zweiunddreißig.« »Unserer liest sie nicht unter funfzig.« »Ist recht, will’s schon ausrichten und von wem denn?« »Kennst mich nicht? Na, so brauchst es auch nicht zu sagen, wer das Geld schickt. Sag’ nur frei: Jemand läßt am Barbaratag eine Rorate lesen für eine gewisse Person, auf die Meinung um eine glückliche Sterbstund’.« »Will’s schon ausrichten.« Der Bote ging seines Weges. Wahnfred blieb stehen und sah ihm nach und dachte bei sich: Mehr kann ich nicht mehr thun. – Wenn er am Altare steht und die Messe liest und das Opfer der Versöhnung begeht mit seinem Gott, und wenn er das Brot bricht zum Gedächtnisse und aus dem Kelche trinkt und auf die Brust schlägt in Reue und Leid; und wenn er der Todten gedenkt und der Sterbestunde der gewissen Person, derentwegen das Meßopfer verrichtet wird, und wenn er sich noch einmal mit ausgebreiteten Armen zum Volke wendet: Der Herr sei mit Euch: so wird das wohl der beste Augenblick sein, in dem ihn Gott abruft ... Am zweiten Tage im Advent arbeitete Wahnfred in seiner Werkstatt, wie er es gewohnt war. Daß er so blaß war und bei Tische nicht essen wollte und nicht sprechen, das bekümmerte sein Weib. Sie wollte zu der Kofelarztin schicken. »Kofelarztin!« lachte Wahnfred auf. – Dann sprach er unwirsch: »Wer kann mich zum Essen zwingen und zum Schwätzen?« und ging davon. Am dritten Tage im Advent rief er den Erlefried. »Ich brauche Dich, Knabe.« Sie gingen zum Schleifstein.»Fass’ den Hebel, Erlefried, Du mußt mir treiben.« Der Knabe trieb den radförmigen Stein, der auf seinem Schragen in einer Mulde voll Wasser lief. Wahnfred hielt die Schneide eines breiten Beiles an den Stein. »Gehst Du Bäume fällen, Vater?« fragte der Knabe. Wahnfred sagte. »Schwatz’ nicht und treib’!« Er preßte die schwere Axt so fest auf den Stein, daß die schwachen Ärmchen des Knaben kaum im Stande waren, ihn zu drehen. Endlich war die Schneide des Werkzeugs scharf, daß sie wie ein Silber blinkte. Die Axt, welche nach vorne und nach rückwärts sich weitaus in zwei scharfe Spitzen schweifte, hatte einen kurzen Stiel aus Ahornholz, und der Hals, womit sie am diesem Stiele saß, war aus dickem, schwerem Eisen, welches etwas weiter gegen die Breite hin ein durchbrochenes Kreuz hatte. Durch dieses Kreuz hing sie nun Wahnfred hoch an einen Nagel der Wand. Gegen Abend fettete das Weib ihre Schuhe ein. »Willst Du ausgehen?« fragte Wahnfred im Vorüberschreiten, »und wohin denn, jetzt mitten in der Wochen?« »Ich sehe wohl, Mann, daß Du an gar nichts mehr denkst,« antwortete sie mit leichtem Vorwurfe, »der Christenmensch sollte doch auf den heiligen Barbaratag nicht vergessen.« »Der ist morgen, ich weiß es.« »So wird wohl Eins müssen in die Kirchen gehen.« »Meine gute Eh’wirthin,« sagte er, »bleib’ Du morgen daheim. Du siehst, es schneit, und über die Nacht kann’s den Weg verwehen.« »Der Weg zum Himmel ist niemalen der schönste, muß man sich denken.« »Kirchengehen macht nicht selig.« »Aber Kirchenmeiden macht verdammt.« »Ist wohl richtig. Nur auf das Haushüten muß man nicht vergessen.« »Wenn Du daheim bist, mag Eins wohl ohne Sorg’ sein.« »Ich bin morgen nicht daheim,« sagte er, »ich muß früh fort. Und weil ich nach Trawies hinein muß, so kann’s wohl sein, daß ich selber in die Mess’ gehe. – Ich denke, Weib, wenn ich in der Kirchen bin, so wird es genug sein.« »So ist es mir auch recht.« »Ich stelle die Uhr sicher. Wenn Du wach bist in der Nacht und Du Eins schlagen hörst, so wecke mich.« »Wahnfred, was willst Du um Mitternacht?« »Wenn es Eins schlägt, so wecke mich!«     Auf dem Rockenberge, gegenüber den wilden Wänden des Trasank, stand das Haus des Rocken-Paul. Vom Rocken-Paul weiß diese Geschichte zu erzählen, daß er einen bildschönen leblustigen Knecht hatte. Schöne Leute verläßt Gott nicht! Das ist heute richtig und war damals richtig, und von Simon ist zu sagen, daß ihm seine Schönheit und Leblustigkeit – freilich nur einstweilen – den Hals gerettet hat. Zur Winterszeit, wenn die Tage kurz und die Nächte lang sind, werden auf dem Rockenberge und auf allen anderen Bergen junge Männer übermüthig. Das Winterholz für den Herd ist in Scheitern aufgespeichert um das Haus herum, das wenige Korn ist aus den Ähren geschlagen, und so wird der Christmonat beschaulich und thut den Leuten nicht weh. Der Haushahn kräht wie sonst des Morgens zum dreschen wach; aber der Simon sagt zu sich selber: »Heute dresche ich das Stroh mit Menschenfleisch!« und strampelt auf dem Schaubbette lustig seine Beine aus. Der Hahn schweigt. Da kräht endlich der Hunger. Wenn das ist, so wird der Simon im Gottesnamen aufstehen. Und husch läuft er in seiner Leinwandhose schon über den Hof und in die Küche, wo die Weibsleute – wie es vor Feiertagen der Brauch – mit Waschen und Scheuern und Greinen alle Hände und Mäuler voll zu thun haben. Ja, da kommt er ihnen just recht, der Simon, daß er ihnen im Weg aufsteht! Fürs erste sieht er: das Frühstück ist noch nicht fertig; im Advent ist dreimal die Woche Fasttag. Hingegen wenn Weihnachten kommt, da ist Faßtag. Er setzt sich auf den Herd, hält Schweinefett über das Feuer und fettet damit seine Stiefel ein. »Schaden thät’s Dir nicht, Simon,« bemerkte von den Weibsleuten eine, »wenn Du Deine auswendigen Hosen einmal wolltest anziehen.« »Zwischen dem Herdfeuer und den Weibsleuten ist’s ohnehin schön warm,« antwortete der Schalk. »Soll etwan gar ein Bissel dämpfen? wart’!« ruft Eine und spritzt ihren Waschfetzen gegen ihn aus. »Du, das wird Dir heimgezahlt!« lacht der Simon und flüchtet sich, aber nicht weiter, als bis in den Ofenwinkel. Morgen ist der Barbaratag, da geht man in die Kirche. Nicht uneben, daß es ihm einfällt, weil Zeit dazu ist, so könnte er sich den Bart rasiren. Das nöthige Zeug dazu hat er bald zusammen. Nun bläst er die eingeseiften Backen auf und, um die Haut in ihre nöthige Spannung zu bringen, zerrt er den Mund bis ans Ohr hinüber; ein Auge drückt er zu, mit dem anderen lugt er zu den Weibsleuten hinüber und denkt: Laßt nur Zeit, Eine krieg’ ich! Den Schnurrbart läßt er stehen, denn wenn er zum Lisele kommt, das nagt bisweilen gern ein wenig daran. Die beiden Schöpfe unter den Ohren verbleiben auch, die geben ein rechtes Ansehen, sowohl nach der linken, als auch nach der rechten Seite hin. Nun frägt sich’s noch um das Schöpfchen am der Unterlippe. Manche haben es gern, Andere haben den Aberglauben, Männer mit solch einem Zwickelbart hätten keine »Schneid’«. In dem Falle! Er spannt die Unterlippe über die Zähne hinein und – schnucks! ist das Schöpflein weg. »Bring mir Eine kaltes Wasser!« befiehlt nun der Simon. Und bald steht vor ihm ein Zuber voll frischen Brunnenwassers, in welchem noch die Eisstückchen schwimmen. Er entkleidet sich den Oberkörper und windet das Hemd strickartig um die Hüfte, daß er anzusehen ist wie der »heilige Sanct Veit«, der solchergestalt n der Trawieser Kirche in einem Kessel sitzt. »Was der Bursche für einen prächtige Brustkorb hat« – Ja ihr Weibsleute, solche Körbe flicht Gott der Herr! Nun beugt sich der Simon und fährt mit dem Kopf mitten ins Wasser hinein. Jetzt hört und sieht er nichts, und wenn er sich wieder aufrichtet und das Wasser von seinen Lockenschlangen niederrieselt, wollen wir es nicht verrathen, was die Weibsleute mittlerweile gedacht haben, denn die Weibsleut’ auf dem Nockenberge und auf allen anderen Bergen denken bisweilen laut. Der Bursche packt sich hierauf an Nacken und Brust und wäscht und reibt mit aller Kraft, daß man bis zu den Scheuerinnen hin seine Athemstöße hört. Ist das gethan, so schafft eine der Mägde das Wasser wieder davon, kann’s aber nicht lassen, mit dem Finger ein wenig hineinzustupfen. Schier warm ist es jetzt. Was er für eine Hitze haben muß! Der Simon fühlt sich neugeboren, wie Adam vor Zeiten, da er den Lehmstaub von sich abgeschüttelt hatte. Und wie er an die bewußte Rippe denkt, fällt ihm der Spaß des Trawieser Schulmeisters ein. Wenn, sagt der Schulmeister, Gott aus einer Rippe ein Weib machen kann, so ist jeder Mann für zwölf Weiber zur rechten Hand und für zwölf Weiber zur linken Hand geschaffen, denn er hat an jeder Seite so viel. Das sagt der Trawieser Schulmeister, welcher schon der Einen, die er hat, ausweicht. Und was sagt der Simon dazu? Na, der will einstweilen etwas essen. Weil draußen unwirthlich Wetter ist und im Kachelofen die Scheiter so prächtig knistern, so setzen sich nach dem Essen der Rocken-Paul und der Knecht zum Kartenspiel. Für Jeden ist es leicht zu spielen und schwer zu gewinnen, den Jeder kennt die Karten von vorne und von hinten. Es wäre ja doch eine Schande, wenn Einer seine besten Bekannten auf der Welt nicht auch von rückwärts erkennen sollte! Sie spielen um Haselnüsse, welche sie dann am Abende gemeinsam mit den Weibsleuten aufknacken. Das Weib des Rocken-Paul hat heute auch noch etwas Anderes zu thun. Es ist der Barbara-Abend. Da bricht man draußen am Wildkirschbaum ein Zweiglein und frischt es in der Stube ein. In der Christnacht werden an diesem Zweige schneeweiße Blüthen prangen. Was diese Blüthen bedeuten? Das Weib des Rocken-Paul weiß es wohl ... »Wenn morgen die heilige Barbara ist,« meinte an diesem Tage nun der Rocken-Paul, »so muß wer in die Kirche gehen.« »Es ist gar keine Freude, jetzt in die Kirchen zu gehen,« sagte die Hausfrau, »wenn ein solcher Mensch beim Altar steht.« »Ich höre, es ist eine Rorate gezahlt für eine selige Sterbstund’.« »Gehen will ich schon,« sagte der Simon, »aber anders, als wie in einer Hand den Rosenkranz und in der anderen den Schlagring, geh’ ich da zu Trawies nicht in die Kirchen.« »Närrisch, wirst doch nicht raufen wollen!« »Kommt er mir nur einmal unter die Hand! Der schreit mir nimmer!« Sie wußten, wen er meinte und schwiegen still. Wen von ihm die Rede war, da konnte selbst der lustige Simon wild werden. »Mir ist nicht zu trauen!« murmelte er und stand vom Tische auf, »in Glaubenssachen versteh’ ich keinen Spaß. Jetzt geh’ ich am vorigen Sonntag zu der Adventbeicht und bin nu’ schon das drittemal nicht losgesprochen. Kann er’s nicht, so soll er sich nicht hineinhocken. Da verstehe ich keinen Spaß. Mir ist nicht zu trauen!« Am nächsten Morgen pochte der Paul mit der Weckstange an die Kammerthür des Knechtes. Es war noch früh vor Tags und der Simon hatte gerade einen unterhaltsamen Traum angefangen. Fast reute es ihn, daß er den Kirchgang zugesagt hatte, aber, dachte er, eine selige sterbstunde ist auch nicht zu verschmähen und drunten beim Schummel-Zenz-Häusel trink’ ich einen Schnaps. So sprang er aus dem Bette und zog sich flink an. Noch verzehrte er das warme Hafermus, welches für ihn bereitet worden war, und machte sich auf den Weg. Schneegestöber flog ihm an die Wange, als er vor die Thüre trat, und der Weg war verschneit und verweht. Mit Mühe arbeitete er sich hinab zum Rockenbach; dem Wasser entlang unter den dichtästigen Bäumen ging es besser. Nach einer Weile roch er den prickelnden Rauch eines Kohlenmeilers. Es war der Meiler, welcher für die Zeugschmiede in Trawies die Kohlen lieferte. An der Kohlstatt stand das kleine Haus des Schummel-Zenz, der mit seiner Tochter die Köhlerei besorgte. Aus dem Fenster schimmerte Licht. »So ist der Zenz schon wach und ich trinke meinen Schnaps.« Er trat in die Vorlauben und machte die Thüre auf. Weiche Wärme wehte ihm entgegen, im Stübchen brannte auch eine Ampel. »Grüß’ Dich, Zenz!« Aber der Zenz ist gar nicht da. Hingegen seine Tochter, die rothlockige Han, steht vor einem blanken Scheibchen und flicht einen Haarzopf. Ihr Nacken ist bloß, das weiße Hemd legt sich zart über die Achseln und über den jungen Busen. Der Simon steht da und taucht sachte die Thür hinter sich zu. Sie wendet sich nicht nach ihm um, sie sieht’s im Scheibchen, wer hinter ihr steht. – Wenn sie nicht just vorhin an ihn gedacht hätte? »Han!« sagte er, »so früh schon auf der Höh’?« »Das ist gewiß. Früh aufstehen und früh freien thut Niemand reuen.« »Das sag’ ich auch.« »Was willst denn?« fragte sie, hatte aber noch immer keinen Blick für ihn. »Dein Vater, wenn er da wäre. Einen Schluck Branntwein möcht ich haben.« »Mein Vater ist schon fort in die Kirchen.« »So thust Du allein haushüten, Han?« »Freilich. Und der Simon will gewiß auch in die Kirchen gehen; da hat der Simon die höchste Zeit. Es hat der Hahn schon einmal gekräht.« »Wenn das ist, bleibt’s noch drei Stunden finster. Und wie es jetzt unsicher ist in der Nacht. Han, ich lasse Dich nicht allein.« »Bedank’ mich,« war die Antwort, »so ein Wächter möchte nicht viel anders sein, als wie wenn man den Fuchs an die Hühnersteigen wollte stellen.« »Aha! wie Du’s gleich merkst! Um so besser, ist das lange Herumreden nicht vonnöthen. Heute bleibe ich da bei Dir, und was mir schon lange anliegt, das sage ich Dir. Früh freien thut nit reuen. Hast es selber gesagt.« »Ist nur so ein Sprichwort.« »Ist das meinige, Dirndl, Du mußt meine Liebste sein!« Er nahm ihr Köpfchen zwischen seine Hände. »Du herziger Schatz, so schau’ mich an!« Sie schaute ihn an, den schönen, kecken, leblustigen Burschen. »Schlenkere doch Deinen schneeigen Janker erst aus, Du ungeschickter Bub’, Du machst Eins ja über und über naß!« »Hast Recht, den Janker brauche ich nicht am Leib.« Er warf das Kleid von sich, daß im Sack die Haselnüsse knackten, die von gestern noch darin waren. »Hast Nüssen bei Dir?« frägt sie. »Kann wohl sein, Dirndl. Magst ihrer?« »Bin ihnen gerade nicht feind.« »Ist mir lieb.« Er macht sich bequem, als wenn er daheim wäre. »Ein Feiner thät’ erst fragen,« meint sie. »Fragen?« sagt er. »Ob er dableiben darf.« »Auf die Feinen habt Ihr Weisleute kein Geschatz. Ich bin so: um das, was mein gehört, bitte ich nicht lange.« »Ja, glaubst Du, daß dieses Stübel Dein gehört? Ha, da müßte ich lachen! Daß ich Dir’s recht sag’, Simon, wenn ich einen Burschen haben wollte, so wärest Du nicht der letzte – aber ich brauche keinen.« »Dirndl, verred’s nicht! Verredetes (verschmähtes) Brot wird viel gegessen.« »O, Närrlein! wenn ich Alle essen müßte, die ich mir schon verredet hab’! Da möchte mir wohl grausen.« »Mehr als Einen möchte ich freilich nicht rathen. Aber Einer taugt. – Gelt, ich darf anzünden?« Er brannte am Ofenfeuer seine Pfeife an und murmelte ins Rohr hinein: »Los spricht er mich so wie so nicht, geht’s nachher auf Eins.« Der Hahn krähte das zweitemal. »Wenn Du schon nicht fortgehen willst,« sagte die schöne Köhlerin, »so mußt mir, dieweilen in der Kirche Rorate ist, die Litanei beten helfen.« »Ei, freilich, versteht sich. Beten, das gehört sich. Na versteht sich.« »Bist gleichwohl durch und durch ein liederlicher Bursch’, so ist doch wenigstens Eins an Dir: daß Du ein guter Christ bist.« »Schon gewiß auch noch! Nur möchte ich Dich fragen, Schatz, thun wir uns vor der Litanei gern haben oder nachher?« Jetzt wendete sich die Han zu ihm und während sie noch die Arme hinter das Haupt erhob, um das Haar – das schwere, weiche, rothschimmernde Haar – zu binden, so daß die junge geschmeidige Gestalt in ganzer Schönheit vor ihm stand, sagte sie folgende Worte: »Mein lieber Simon! Dich hat heute kein guter Geist in das Stüberl geführt. Wenn Du jetzt gehst, so ist es noch früh genug. Jetzt bist dazu noch stark genug und jetzt wissen wir es nach alle zwei – daß es nicht sein darf. Schau, die Anderen sind in der Kirche und beten, und uns kunnt die Gnad’ Gottes verlassen. Jetzt, Simon, spielst noch mit Dir selber! Steht nicht lange an, so bist nimmer Herr über Dich. Und ist’s vorbei, nachher magst nit mehr in der Schummel-Zenz-Hütten zusprechen; wirst vom Rockenberg bis zur Kirchen hinaus allemal den Umweg über die Wildwiesen machen, weil Du ihr nimmer begegnen magst, Derselbigen, die Dich heut’ nit hätt’ fortgewiesen. Schon morgen, schon heut’ wenn die lichte Sonne scheint, thäte es Dich gereuen, Simon! Nach mir frage ich nicht und mir wird’s zum verderben sein, daß ich Dich allzu gern habe. Nur Deinetwegen ist’s, daß ich Dich jetzt recht schön bitte: Geh’ ib die Kirchen!« O, Du unerfahrenes Herz! Öl ins Feuer waren Deine Worte – für ihn – für Dich. Er hört nur ihrer Stimme Klang. Der Reiz ihrer Gestalt entfacht von Augenblick zu Augenblick lebhafter das Feuer seines Auges – zuckend ausstrecken sich die Muskeln seiner Arme und plötzlich reißt er sie an seine Brust. Wie Wachs fließt sie hin vor der Gluth seiner Küsse. Noch einen Moment zuvor, als das Auge ihr vergeht, sieht sie draußen einen Schein ans Fenster schlagen. »Der Meiler brennt!« sie kann es nicht mehr stammeln .... Und im Meiler, der gebaut worden war aus kernigem und harzigem Gestämme des Waldes, ist das Feuer losgebrochen. Züngelnd, matt zuerst, blau wie ein Irrlicht, dann heller und lebendiger schlägt die Flamme aus der schwarzen Decke, immer weiter im Kreise rieselt die Hülle ein, immer weiter und tiefer wird der glühende Pfuhl und brüllend lodern die Flammen empor. Die umstehenden Stämme des Waldes sind roth, die Schneeflocken zittern wie Rosenblätter nieder und rasch aufwirbelt blauer Rauch mit den springenden Funken. Das drittemal kräht der Hahn. »Feuer!« Der schöne Knecht des Rocken-Paul stürzt hinaus. Da sind schon zwei Männer aus dem Blockhause der Holzer vorhanden, den brennenden Meiler zu dämpfen, mit Schnee und Kohlenschutt das Feuer wieder in sein Innerstes zu verschließen. »Eu Du! wer ist denn da aus der Hütten gesprungen?« schreit einer der Holzer. »Saureiter will ich heißen, wenn das nicht Einer vom Rockenberg ist gewesen. Ist sicherlich der Alte nicht daheim und heut’ Nacht der Schelm da drinnen warm gesessen.« »Nachher ist’s kein Wunder, daß der Meiler losbrennt.« »Fangen wir ihn!« »Es gilt!« Sie liefen durch Dunkelheit, Wald und Schnee dem Fliehenden nach. Der Simon weiß es wohl, er ist keine Verantwortung schuldig, wenn er da drinnen bei der Köhlerin ein Weilchen rastet, aber wenn es nicht laut wird, um so besser. Jetzt – wie sehr zu seinem Glücke! stolperte er über einen niedergebrochenen Baumast, stürzte und die beiden Holzer erhaschen ihn. Mit brennendem Schwamm leuchten sie ihm ins Gesicht. »Der Rocken-Paul-Knecht!« lachten sie, »hast Recht. Auf unser Stillsein kannst Dich verlassen.« Sie ließen ihn stehen. Er schüttelt den Schnee aus seinen Falten, gewahrt dabei in der Tasche den Rosenkranz und sagt zu sich selber: »Na, den hast heute auch vonnöthen gehabt.« Er ging dem Rockenberge zu; durch das Schneegestöber graute der Morgen. – Wie ganz anders als am Rockenbache hat sich die Barbara-Rorate an der Trach vollzogen. Aus den Thälern und von den Bergen sind zur nächtlichen Stunde die Kirchengeher herangekommen – die meisten sich den stundenlangen Pfad mühsam bahnend, der einige Minuten nach ihnen wieder verweht war. Um die alten, sausenden, krachenden Bäume tanzten die Wirbel des Schneestaubes, und auf freier Heide mußten die Leute sich mit Gewalt anstemmen gegen den Sturm und ihre Mäntel über das Gesicht werfen, um athmen zu können. Mancher verlor in dem wirbelnden Grau die Richtung und irrte fluchend oder betend im Schnee umher und Viele haben am Morgen dieses Barbaratages gemeint, es wäre »ihr letztes Ende.« Nun standen oder trippelten sie um die Kirche herum oder kauerten sich an die Mauer, und um die Ecken pfiff der Wind und von den Dächern flog der Schneestaub nieder und aus allen Winkeln tanzte er hervor. Die Leute sahen aus wie wandelnde Schneemänner und auf den schneelosen Stellen des Erdbodens klangen ihre gefrorenen Stiefel. Jeder, der huschend des Weges kam, hastete der Kirchenthüre zu und Jeder drückte vergeblich an der Klinke – sie gab nicht nach, die Kirche war verschlossen. Aus den schmalen hohen Fenstern schimmerte flackernd der rothe Schein des »ewigen Lichtes«. Durch die Thurmfenster sauste der Sturm, so daß hörbar die Glocken schrillten. Die Stunde der Rorate war schon da, die Leute wurden ungeduldig und schlugen dem Küster das Fenster ein, daß er aufwache. »Verdammtes Volk da draußen!« rief dieser, »als ob ich nicht seit erstem Hahnenschrei schon wach wäre! Kann ich was dafür, daß der Herr die Kirchenschlüssel hat?« »So hole sie Du alter Großnarr. Sind wir deswegen zur Barbara-Mess’, in Wind und Wetter dahergestiegen, daß wir hier vor der Kirchen sollten starr werden? Schau das Weibel da! ‘s ist schon gar nicht mehr bei sich selber, über und über erfroren; wir rennen Dir die Thür ein, Küster, wenn Du nicht aufmachst!« Der Küster lief in den Pfarrhof. »Was ist denn heute los und ledig?« Rief der Herr Franciscus in seinem Zimmer. »Die Leute wollen in die Kirchen.« »Was haben die Leut’ zur Nachtzeit in der Kirchen zu suchen?« »Herr, es ist schon sechs.« »Laßt mich in Ruh’ bei solchem Höllenwetter. Die Leute sollen heimgehen; es ist schon gut.« »Möchte es ihnen wohl sagen, Herr, aber die Rorate ist bezahlt.« »Gieb ihnen den Bettelpfennig zurück. Ich will mir nicht meine erst erlangte Gesundheit wieder untergraben.« »Hört doch, sie schreien schon. Um Gotteswillen, Pfarrherr,« bat der Küster, »sie sind so weit hergekommen, sie halten was auf den Barbaratag, der Sterbestund wegen. Jesus Maria, da ist jetzt ein Stein vorbeigeflogen! Ich bitt’ Euch, Pfarrherr, steht auf, sonst kann’s was abgeben.« So ist denn Herr Franciscus aufgestanden, und des Unwetters ungewohnt, fröstelnd hinabgegangen, die Rorate zu lesen. Tief in den Mantel gehüllt, schritt er quer über den Kirchplatz gegen die an die Kirche gebaute Sacristei. Die Leute grüßten ihn kaum, sie murmelten nur, und Einer – im Finstern nicht erkannt, wer es war – sagte halblaut: »Die Trawieser Leut müssen wohl einen festen Glauben an die Priesterweihe haben, daß sie des Gottesdienstes wegen, den so einer hält, den weiten Weg machen.« Endlich ging die Kirchenthüre knarrend auf und die Leute drängten hinein. Von den Sanköfen herüber waren sogar einige Bergknappen da. Das sind Leute, die im Jahr über nicht viel auf Kirchwegen gesehen werden; wenn sie einmal aus der Erde Nacht hervorkriechen, so wandeln sie lieber im freien Himmelslichte, wo das warme Leben lacht und winkt, als daß sie wieder zwischen düstere Mauern gingen. Nur die heilige Barbara ist ihnen hoch. Sie hält den Kelch in der Hand, den sich wohl Jedermann für seine letzte Stunde von ihr erbitten soll. Die Bergknappen unter dräuenden Massen und Wassern, unter schlagenden Wettern müssen nur zu oft fort aus dieser Welt, ohne des Kelches Wegzehrung zu erlangen. Daher ruft sie das Fest der heiligen Barbara aus ihren Werktagsgrüften und versammelt sie zum Gebete. Der Küster zündete aus der glimmenden Ampel die Kerzen des Altars. Das vergoldete Crucifix vor dem Tabernakel schimmerte; des Weiteren vermochten die wenigen Lichter das Düstere des nächtlichen Gotteshauses nicht zu zerstreuen. Die Leute hatten in ihren Bänken Platz genommen und gar Mancher hatte zu thun, die vor Frost ersteiften Finger gelenkig zu machen, bis ihre Thätigkeit mit der Betschnur beginnen konnte. Endlich schlug das Glöcklein an und aus der Sacristei trat ein Knabe im rothen Mäntlein und der Priester im Ornate. Die Sänger auf dem Chore stimmten den Lobgesang an, Dem, von dessen Herrlichkeit Erd und Himmel erfüllt ist. Der Priester stieg die Stufen des Altars hinan. Noch war es vor Tags, wie es nach christlicher Sitte sein muß für die Rorate. Dieser Gottesdienst soll die lange Nacht versinnlichen, in welcher sich einst das Volk Jehova’s nach der Ankunft des Messias gesehnt hat. Die Sänger begannen des Sang des Adventes: »Thauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab! – Menschen betet an im Staube, weh’ der Höll und ihrem Raube, weil der Heiland kommen soll. – Welterlöser, ach erfülle, was Dein Bot’ verkündet hat. Komm und bringe uns den Frieden!« Der Priester trat an die linke Seite des Altars und verkündete das Evangelium: »Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste. Bereitet den Weg des Herrn. Schon stehet Der in Eurer Mitte, den Ihr nicht kennt. Dieser ist es, der nach mir kommen wird, der vor mir gewesen ist und dessen Fußriemen zu lösen ich nicht würdig bin. Wer wird bestehen, wenn er erscheint! Machet eben die Wege, denn nahe ist sein Reich.« Die Gläubigen standen in Andacht da; doch Einer war unter ihnen, der dachte: »Unseliger Mann, das ist Deine eigene Grabrede gewesen.« Die Handlung nahm ihren feierlichen Verlauf und die Sänger sprachen des Propheten Gesang: »Aus Isai’s Stamme wird ein Reis entsprossen, aufblühen aus dem Zweig einer Rose. Und Du, Bethlehem Ephrata! Zwar klein bist Du unter den Geschlechtern von Juda, aber aus Dir wird hervorgehen der Herrscher, der aus der Vorzeit, aus den Tagen der Ewigkeit kommt. Nach Gerechtigkeit wird er richten, entscheiden über die Unterdrückten des Landes. Den Frevler wird er tödten mit dem Hauch seiner Lippen und frohlocken werden die Bewohner von Zion.« Die Sänger schwiegen, es nahte der heilige Augenblick. Der Priester kniete auf der Stufe und faltete die Hände und neigte das Haupt. Aller Stolz, aller Hohn und alle Härte schienen von ihm genommen zu sein, alles Irdische von ihm gewichen zu dieser Stunde, da er in Gebet und Demuth lag vor Dem, dessen welterlösendes Kreuzesopfer er nun begehen soll. Langsam erhob er sich und stieg im Geiste die Felsen des Berges Kalvari empor. Dort in der Dämmerung der Sonnenfinsternis ragt das Kreuz. Die Hammerschläge klingen. Der Priester beugt sein Knie und mit zitternden Händen hebt er die Hostie. Die Versammlung liegt im Gebete. In diesem stillen Augenblicke denkt Jeder des Liebsten auf Erd’ – mag es das Gespons, mag es das Kind, mag er es selbst sein. – Draußen pfeift und winselt der Sturm und die Fenster klirren. Der Priester hebt den Kelch; die Nerven der Hände eines wahren Priesters fühlen es, wie aus der heiligen Wunde Quell der warme Brunnen in das Gefäß rieselt. Er sieht des Gekreuzigten blasses Antlitz gen Himmel sich richten: Nun ist es vollbracht. Vater, nimm meine Seele! Die Sänger fuhren fort: »Vom Himmel erschallt die Stimme wie das Rauschen vieler Wasser, wie das Rollen des Donners. Und es erschallt ein Getön wie Harfenklingen – sie singen ein neues Lied, das keines Menschen Ohr versteht. O, Du Lamm Gottes, das Du wegnimmst die Sünden!« Der Priester schlug dreimal an seine Brust, brach dann das heilige Brot mitten entzwei und legte es auf seine Zunge. Hernach machte er über den Kelch das Zeichen des Kreuzes und trank daraus. Als das geschehen war und unter Gebet der Kelch gereinigt war, deckte er diesen zu in der Form einer Todtenbahre. Und die Sänger riefen im Chore: »Selig sind die Todten, die im Herrn sterben. Ruhen sollen sie von ihrem Leide und ihre Thaten werden mit ihnen eingehen in die ewigen Ewigkeiten!« Das Opfer war vollbracht. Der Priester wandte sich ans Volk, breitete die Hände aus und sprach: »Der Herr sei mit Euch!« Dann segnete er die Gemeinde, nahm in seine Hut das heilige Geräthe und verlies den Altar. Die Gemeinde stimmte noch den Gesang an: »O, sei gegrüßt, Maria, Du lichter Morgenstern!« – Da gellte am Thor der Sacristei ein gräßlicher Schrei, zurücktaumelt der Priester, und hinstürzt er krachend auf die Stufen des Altars. Alles springt auf; schrill abgerissen ist der Gesang. Mehrere huschen lautlos dem Ausgange zu. Andere eilen gegen den Altar und erheben ein Jammergeschrei, daß die Wände hallen. Sie drängen sich hin mit Schieben und Stoßen. Eines zwischen das Andere – und prallen zurück – mit verhaltenem Antlitze stöhnend zurück. »Was um Jesu Willen, ist da geschehen?« »Erschlagen!« »Erschlagen! Erschlagen!« »Das Blut rinnt zu unseren Füßen! Heiliger Gott!« Hingestreckt vor dem Altar, an welchem noch die Opferkerzen brennen, liegt er. An den untersten Quadern zerschmettert das Haupt, das gespaltene, über die Stufen hingestreckt die Hand, welche krampfig den Kelch noch umklammert. Abgeworfen an der Pforte der Sacristei liegen Baret und Stola und aus dem engen Thore starrt Finsterniß. »Wer!« riefen grelle Stimmen aus angstbeklommenen Gurgeln. »Wer birgt sich drinnen da?« Sie drangen in die Sacristei. Und stetig entrieselte das Blut der gräßlichen Wunde, die Niemand konnte sehen, ohne aufzuschreien vor Entsetzen. Keiner wagte den Todten zu berühren, das Schreien erstarb, Viele stumm vor Schreck, bewußtlos fast taumelten sie aus der Kirche. Auf dem Thurme gellten die Glocken – sie läuteten Sturm; um die Wände und Bäume brausten die Winde – sie bliesen Sturm. So ging in Trawies dieser Morgen an. Auf allem Wegen liefen Leute um. Rasch, als ob es der Wintersturm hinausgeschleudert hätte in die Gegend, wurde es in allen Häusern laut: Der Pfarrherr ist erschlagen! –   Der Feuerwart saß in seiner Kammer allein, sein Angesicht war fahl wie die Wand des Ofens, sein Haupt war weit vorgebeugt – gedankenschwer. Da ging die Thür auf und mit ernsten Mienen traten herein der Bart vom Tärn, Uli der Köhler, der Firner-Hans, der Waldhüter und Andere. »Feuerwart,« sagte der Bart vom Tärn, »Du wirst wissen, warum wir da sind. Wir haben zu berathen, was jetzund weiter zu thun ist.« Der Feuerwart nickte schwer mit dem Haupte und murmelte: »Es ist zu plötzlich gekommen.« »Weiß man, wer?« fragte der Waldhüter. »Das weiß man.« »Wo weilt er?« »Er ist in Sicherheit,« sagte der Feuerwart, »aber nur für heute. Für morgen nicht mehr.« »Männer,« sagte der Bart vom Tärn und sah sie an nach der Reihe, »den heutigen Tag haben wir gemacht, wir Alle. Wir stehen für ihn ein!« »Wir stehen für ihn ein.« »Heute sind wir die Freien von Trawies. Nun heißt es mit Kopf und Faust auf der Wacht sein, daß uns die Schläge nicht treffen.« »Kommt,« sagte der Feuerwart und wies sie mit der Hand von sich, »kommt am Nachmittage wieder, Ihr Männer von Trawies; jetzt geht, mir zittert das Mark in den Knochen, ‘s ist allzu plötzlich geschehen.«- Das Wirthshaus konnte heute die Gäste nicht fassen. Alles was wissend war, kam, um zu erzählen und Alles, was nicht wissend war, kam, um zu hören und zu schaudern. Mit einer Holzaxt den Kopf gespalten! Sie beklagten den »guten, braven Herrn«, und jene, die sonst am lautesten über ihn geflucht hatten, klagten am lautesten. Wer es gethan hat? Die Kirche und die Sacristei ist durchsucht und Niemand gefunden worden. Er ist entwischt. Ein Raubmörder? Nein. Ein Heimischer muß es sein, der Herr hat Feinde gehabt. Vielleicht sitzt der Mörder hier im Wirthshaus mitten unter uns und trinkt, und läßt sich erzählen, wie es gewesen ist. »Man müßte ihn hängen!« riefen Mehrere. »Köpfen, rädern, steinigen!« schrien Andere. »Man müßte ihn auf den hintersten Trasank hinaufjagen, daß ihn die Häscher nicht finden,« meinte ein Einzelner. Da stutzten die Anderen. Männer waren darunter, die saßen schweigend da und Mancher seufzte in sich hinein: »Wenn diese Tage erst vorbei wären!« Was dann wird?! – Mittlerweile waren an den Stufen des Altars die Kerzen niedergebrannt und verloschen. Der Schulmeister lag vor Schreck fast ohnmächtig in seiner Stube. Das Fenster, welches gegen die Kirche ging, hatte er sich mit Leinwand zweifach verhüllen lassen. Der Küster war in allen Weiten und erzählte die Schreckensthat in den Häusern, und war ganz außer sich, und ging trotz des tiefen Schnees wie auf Flügeln, und klagte allerwärts: »Er war so gut!« und tröstete sich und Andere: »Aber vielleicht kriegen wir jetzund einen noch Besseren.« Um die Mittagszeit kamen die Knechte des Feuerwart und trugen den Todten in den Pfarrhof, um ihn dort aufzubahren. Sie kamen ins Wirthshaus und gestanden, daß alle Beine gebrochen werden müßten, wenn man ihn so aufbahren wolle, wie andere Leute. Er sei ganz erstarrt. Ob man glaube, daß sie »brechen« dürften. Da gab Einer den Bescheid: »Wollt’ Euch’s nicht rathen! Beinbrechen ist criminalistisch!« »Heißt das, wenn man verklagt wird,« warf ein Anderer ein, »aber der Herr Franciscus, und das ist das Beste an ihm, verklagt Keinen mehr.« Keinen mehr! Endlich am Nachmittage, da es schon zu dunkeln anhub und sich die Leute in ihre Häuser zurückzogen, um in denselben einer Gespensternacht entgegen zu bangen, versammelten sich die Ältesten von Trawies in der Oberstube des Feuerwart um einen Eichentisch, auf dem zwei Kerzen brannten. »Das Allererste ist,« hub Gallo Weißbucher, der Feuerwart an, »daß wir seinen Leib in die Erde schaffen. Ich habe ihn zur Bahre legen lassen und meine Knechte sind jetzt auf dem Gottesacker und bereiten das Grab. es wird wohl Jeder mit mir einverstanden sein, wenn ich sage, der Herr muß in christlichen Ehren bestattet werden.« »So sage ich auch,« versetzte der Bart vom Tärn, »je eher, desto besser, bevor sich das Gerede noch über die Haide hinauszieht; kommen die Fremden, dann sind wir nicht mehr Herr im Haus. Warten, ob er etwan wieder munter wird, das ist bei dem nicht vonnöthen, so ist meine Antwort, daß wir ihn morgen früh in die Erde thun.« »Daß die Eile nur nicht auffallend ist!« meinte der Firner-Hans. »Sollten wir darüber einmal wortangelassen werden, so sagen wir, was wahr ist: Die Leute wären in einen Aufruhr gerathen, Jeder hätte die schreckliche Wunde sehen wollen und sie haben vor Erregtheit nicht gewußt, was sie thun, und ist das Trawieser Dörfel nicht mehr sicher gewesen. Wem liegt es an, als uns, daß wir Ordnung halten!« so sprach Uli der Köhler. »Es ist ganz schreckbar,« seufzte der Feuerwart, »solcher Gestalt! am Altar, vor aller Leut’ Augen. Ungeschickter hätte er es nimmer machen können. Wir werden arg zu thun haben, meine lieben Männer, daß wir uns aus der Patsche schleifen!« Ob mehrere Trawieser Leute eine Ahnung hätten, was dahintersteckt? wurde gefragt. »Auf unserem Johannesberg droben,« berichtete der Firner-Hans, »heißt’s allerwege, ein Raubmörder aus dem Ritscherwald herüber habe es gethan. Dem sei um das Silbergeräthe zu thun gewesen und er habe während der Rorate in der finsteren Sacristei die Laden durchsucht, sei dann nach der Messe vom Pfarrherrn überrascht worden. Er hätte dem Herrn noch den vergoldeten Kelch wollen aus der Hand reißen; der Herr Franciscus wollt’s aufnehmen mit dem Wicht, sollen miteinander noch Eins gerungen haben, und da habe ihm dieser mit einem Hieb den Kopf auseinandergehauen. Der Mörder habe hierauf eilends fliehen und seinen Raub zurücklassen müssen. Am Vormittage darauf soll er noch im hinteren Trasankthale gesehen worden sein, mit der blutigen Axt.« So berichtete der Firner-Hans und setzte noch bei: »Ich habe allen Leuten, mit denen heute davon die Rede war – und es spricht kein Mensch was Anderes, als vom Morde – gesagt, es könne wohl nicht anders sein, aber des Verbrechers dürfte bei so unsicheren Zeiten schwer habhaft zu werden sein.« »Daß es so steht,« versetzte der Feuerwart, »das ist mir recht lieb.« »Und,« meinte der Waldhüter, »der Mensch kann um Mitternacht in die Sacristei gestiegen sein – die Sturmnacht ist ihm gut zustatten gekommen – und – was ich übernehme – ein ausgehobenes Fenstergitter mag sich morgen, wenn man die Sache erst untersuchen wird, leicht finden lassen. – Wir sind hernach ledig.« Jetzt fuhr sich der Bauer vom Tropperhof mit seiner rauhrindigen Hand über das Gesicht und that, als ob er reden wollte. »Weißt Du auch was, Tropper?« fragte der Feuerwart. »Was ich gehört habe,« sagte nun der Aufgeforderte, »und was mein Knecht, der Nantel, heimgesagt hat, thäten die Leute doch so ihre Köpfe zusammenstecken; man wisse nicht, den guten Herrn Franciscus könne auch ein braver Mann aus der Trawieser Pfarr’ in den Himmel geschickt haben.« »Auf der Wildwiesen ist dasselbe Gerede.« »Bei der Kofelarztin, wo ich heute wegen eine kranken Kuh war,« berichtete ein Anderer, »und wo allerhand Leute zusammenkommen, habe ich auch so etwas gehört.« »Das ist schlimm,« murmelten sie, »das ist schlimm!« »Mich nimmt das nicht Wunder,« sprach der Bart vom Tärn. »Es wird doch Keiner unter uns ein Spitzbub’ sein gewesen!« »Davon keine Rede,« sagte der Feuerwart, »was das Mundhalten anbelangt, da getraue ich mir meine Seele für Jeden einzusetzen.« »Aber,« setzte der Bart vom Tärn bei, »was uns eingefallen ist, kann auch Anderen eingefallen sein, zu Trawies ist ein solcher Gedanke, bei meiner Treu, doch nichts Unmögliches. So gut als wir Bauern, könnten sich die Holzer am Rockenbach verschworen haben, oder die Leute im Tärn, oder auch die Knappen aus den Sanköfen. Denken mögen sich’s Viele, das glaube ich, aber Name darf keiner genannt werden, sonst sind wir verloren. Zum Glücke, daß der große Schnee die Löcher in die Trawies vermauert hat, sonst hätten wir die Herren von Neubruck und Oberkloster und weiß Gott von wo her schon morgen am Halse.« »Dem sei Gott vor. Erst muß der Todte unter die Decke, muß den Leuten das Maul gestopft sein, müssen wir die weitere Verwaltung von Trawies geordnet und unseren Stand gegen die Herren beschlossen, müssen den Schreiner in Sicherheit gebracht haben. Dann mögen sie kommen, wir wollen uns vor ihnen nicht fürchten.« »Die Verwaltung von Trawies?« »Aus Einheimischen und Hausgesessenen wird der Rath gewählt, wie es vor Zeiten war,« sagte der Feuerwart und legte seine Hand auf ein graues Blatt von Pergament. »Dieser Rath ist der Herr und das Gericht im Hause und im Walde, in der Kirche und in der Schule und in allen Gemeindesachen. An Steuern und Gaben den zehnten Theil führen wir, wie es Gottes Willen ist, ehrlich an die hohe Obrigkeit ab. Und von den streitbaren Männern jeder Siebente, den das Los trifft, wird willig dem Land zu Schutz und Wehr sich stellen, oder allzeit zu finden sein. Von den Weltpriestern des Bisthums, den Caplänen wählen wir nach altem Recht zwölf; aus diesen zwölfen Einen wird der Erzbischof uns zum Seelsorger bestimmen. So ist das alte Trawieser Gesetz gewesen und so wollen wir es wieder aufrichten.« Sie sprachen noch, als die Stiege herauf ein Gepolter vernehmbar wurde. Fast gleichzeitig ging die Thüre auf. Der Gerichtsbote und zwei Mann der Landwache traten ein. Einige der Männer richteten sich mit Befremdung auf, die anderen blieben scheinbar gelassen sitzen, und blickten ernst den Eintretenden entgegen. »Wir bitten um Verzeihung,« sagte der Gerichtsbote und wendete sich gegen den Feuerwart. »Ihr seid, besinne ich mich gut, der Gallo Weißbucher? Wir kommen eilig aus Neubruck.« »Habt Ihr etwas auszurichten?« fragte der Feuerwart. Der Bote blickte ihn erstaunt an. »Des Mordes wegen!« sagte er. »Ah, des Raubmordes wegen,« fiel der Bart vom Tärn ein, »ja gut, daß Ihr da seid. Ganz Trawies ist aus Rand und Band. Wir sind, wie Ihr seht, eben beisammen, um zu berathen, was vor Allem zu geschehen hat. Schier haben wir selbst den Kopf verloren. Ein solches Unheil, Herr Gerichtsbot’!« »Zuvörderst hat gar nichts zu geschehen, als das Protokoll aufzunehmen,« sagte der Bote im gemessenen Amtstone, sich in seiner wichtigen Mission weidlich streckend, »im Namen des Gerichtes seid Ihr aufgefordert, hierin nach heiligem Wissen und Gewissen unseres Dienstes zu sein. Wir verfügen uns sofort an den Ort der That.« Die Männer standen auf. Der Feuerwart blies die eine Kerze aus, mit der anderen leuchtete er die Treppe hinab. Seine Züge waren fast entstellt. Mehrere stahlen sich davon. Von diesen bemerkte einer: »Hockt uns richtig schon im Nest!« »Wer?« »Der Teufel.« »Du meinst des Gerichtsboten wegen. Der schreckt mich aber gar nicht. Wenn es die Herren zu Neubruck nicht einmal der Mühe werth halten, daß von ihnen Einer selbst kommt, sondern sie nur den Boten schicken, das Protokoll aufzunehmen, nachher denke Dir’s, wie groß ihnen die Sache stehen mag.« »Du trau’ nicht! Bedenk’ den wilden Schneehaufen jetzt. Wenn Du der Landvogt bist draußen zu Neubruck und es heißt: den Trawieser Pfarrherrn hätten sie heut’ erschlagen, ich stell’ mich auf die Wag’, daß Du Dir denkst: Bei so einem Höllengestöber jagt man keinen Hund nach Trawies. Ich werde nachschauen, bis der Weg fahrbar ist. Einstweilen schicke ich den Boten voraus. Verlaß Dich d’rauf, er kommt noch selber.« »Nachher geht’s uns nicht gut.« Der Bart vom Tärn, der Firner-Hans und der Feuerwart gingen mit den Gerichtspersonen gegen das Dörfchen hinab und zur Kirche hinan. Der Gerichtsbote blickte suchend um sich und fragte endlich: »Wo ist er denn, der Todte?« »Den haben wir ja in den Pfarrhof getragen, daß er zu einer würdigen Aufbahrung gekommen ist.« »Wer hat Euch gesagt, daß Ihr den Todten solltet von der Stelle tragen?« fuhr der Bote scharf drein. »Gesagt?« entgegnete der Feuerwart, »so viel wird Einer doch selber verstehn, daß er da nicht liegen bleiben kann.« »Schon so alt, Weißbucher, und immer noch nicht wissen, daß man an einem Thatort nicht ein Tüpfel ändern darf, bevor die gerichtliche Untersuchung stattgefunden hat!« »Das mag wohl ein Gerichtsbot’ wissen,« redete der Firner-Hans drein, »Einer der gleich überall dabei sein muß, wie der Rab’ beim Aas. Wir Waldleute können es nicht so genau wissen, was der Brauch ist, wenn Einer abgeschlachtet wird –« »Das verbiet’ ich mir, Du Malefiz-Mensch! Wo ich jetzt steh, da stehe ich im Namen des hohen Gerichtes!« »Nein, thut Euch nicht erhitzen, Männer,« beschwichtigte der Bart vom Tärn. »Ihr habt manches Schöppel getrunken zu Trawies, das Euch nicht in den Beutel gezwickt hat. Bot’, so werdet es uns auch nicht so streng aufmessen, wenn wir in unserer Unwissenheit as Unrechtes gethan haben. Ihr hättet es sehen sollen, wie schreckbar er dagelegen ist, Herr Jesus, den Graus vergeß ich meiner Tage nicht! Die Leute, die ihn gesehen haben, sind schier wahnsinnig worden und haben geschrien nach einer christlichen Bahre.« »Die Kirche hätte in den ersten Stunden geschlossen werden sollen,« belehrte der Gerichtsbote, da sie das Gotteshaus verließen, »mit dem Beten ist’s in diesen Mauern nun wohl doch für alle Zeit vorbei, – Was machen denn die Leute dort am Rain?« »Das Grab machen sie,« antwortete der Feuerwart. »Für wen?« »Nu eben für –« er wies mit dem Daumen gegen den Pfarrhof. Der Bote blieb stehen und sagte: »Liebe Leute, wenn Ihr in Allem so eigenmächtig handelt, dann haben die Klagen Eures Pfarrherrn einen guten Grund gehabt. Nicht ein todtgeborenes Kind dürfet Ihr selbstmächtig begraben. Und erst ein solcher Fall! Ich hafte dafür und Ihr haftet dafür, daß von diesem Augenblicke an dem Todten nicht ein Haarfaden angerührt werden! Voreh muß Vieles geschehen, ich sage Euch: Der kommt vor Wochen und Tagen nicht in die Erden!« Schweigend schritten sie die finstere Treppe hinan zur Wohnung des Pfarrherrn. Aus der offenen Thür leuchtete der Schein vieler Kerzen. Dieselben umstanden ein Gerüste, auf welchem ein Körper lag, der mit einem grauen Tuche ganz bedeckt war. Nur zu Füßen ragten die Stiefelspitzen hervor; zu Häupten stand, fast bis an die Decke der Stube ragend, ein großes Kreuzbild. Betschemel waren vorgerückt, aber kein Beter war da, das ganze Haus war leer und kalt. Keiner der Männer von Trawies schritt vor, um den Todten zu enthüllen. Der Gerichtsbote selbst mußte es thun, schrak aber mit dem Rufe: »Jesus Maria!« heftig zurück. Selbst die beiden Landwächter waren blaß geworden. »Für uns ist da jetzund nicht zu thun,« sagte nach einer Pause der Gerichtsbote, »löscht die Lichter aus, verschließt das Zimmer und das Haus.« Das Gestöber hatte sich erschöpft, ein kalter Sternenhimmel mit dem aufsteigenden Monde stand über der weißen Berglandschaft. Der Gerichtsbote in Begleitung der Wachen schritt an der Trach dahin. Es begann die Fahnde nach dem Verbrecher.     Ein heiterer Wintermorgen voll Blinken und voll Glitzern. In der Farbe der freudenreichen Unschuld liegt des Winters lilienreiner Mantel über den Bergen, die in das Blau der Himmelsglocke ragen. Die Mauern von Trawies, die sonst hell im Grünen schimmerten, stehen jetzt wie graue Würfel im lichten Schnee. Aber das Auge des Erzählers kann sich nicht freuen an diesem Glanze, es ist verschleiert von dem Schatten der unseligen Nacht; im Geiste sieht es das Verhängniß, welches mit geschäftigen Fingern aus dieser Nacht zarte, dunkle Fäden spinnt. Durch das Meer des Lichtes ziehen diese Fäden von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte, ja von Baum zu Baum und von Stein zu Stein, und verschlingen und verweben sich zu immer dichteren Schleiern, bis sie die Sonne verdecken und die Zukunft, welcher auch zu Trawies jedes junge Herz entgegenlachen will, mit schwarzem Flor verhüllen. Nur wenige dieser Fäden spannen sich gleich anfangs so stramm, daß sie reißen und ein geangeltes Menschenkind wieder frei wird. – Doch an solchem Tage der Unruhe und des inneren Aufruhrs ist keine Zeit für Betrachtungen. Seht die Rotte, die dort aus dem Wirthshause strömt! Der kleine Baumhackel ist in der Klemme, der kleine Baumhackel mit seinen großen Kinnbacken und seinem kegelspitzen Haupte, der kleine Ausbund von Verschlagenheit und Bosheit, der Faun von Trawies mit den kurzen Beinen und den langen Fingern, der behende Zwerg mit den Schafsaugen, mit den Hasenfüßen und mit dem Fuchsschweif, dem so viele Sünden auf der gelben Stirne geschrieben stehen, als Platz haben, und dem nirgends beizukommen gewesen – dieser kleine Baumhackel war jetzt in der Klemme. Gestern, bis spät in die Nachtstunde hinein, war er im Wirthshause gesessen und hatte mit den Anderen spintisirt über den Mord in der Kirche. Die Nacht hatte er in der Wirthsstube unter der Ofenbank verschlafen, weil auf derselben ein Anderer lag, den auch das Heimgehen verdrossen hatte. Heute Früh, da sich die Stube wieder füllte, begann das Spintisiren neuerdings. Der kleine Baumhackel war der Lauteste dabei. – Den – den Mörder nämlich – wenn er, der kleine Baumhackel – erwischen thät’! »Aufhängen! Bei den Füßen auf den Kirchthurm hängen! Aus der Haut Riemen schneiden, für den neuen Pfarrherrn Schuhriemen! – Gehört ihm nichts Anderes! Geht her und haut Einem den Kopf auseinander! So ein Pölli! Möcht’ wissen, wie ihm so was selber thät’ taugen! Und noch dazu an dem heiligen Ort, daß uns die ganz’ Kirchen verschandirt ist jetzunter! Erzschurk’, vermaledeiter!« Auf solche Entrüstung hinkte der Stoß-Nickel zu Baumhackel’s Tisch herbei. Der Stoß-Nickel, Holzriesner aus dem Tärn, war schon seit lange nicht der beste Freund des Baumhackel, sie hatten kein »gerades Zusammensehen«; nicht just, weil der Eine so lächerlich klein war, und der Andere so heidenmäßig lang, als vielmehr, weil sich der kleine Baumhackel einmal um die Holzriesenarbeit im Tärn beworben hatte. Er hat die Arbeit nicht bekommen, aber hätte er sie bekommen, so wäre der Stoß-Nickel mit seinen Weibern brotlos geworden. Dieser heidenmäßig lange Holzriesner – ein rollender Baumstamm hatte ihm den Fuß abgeschlagen – hinkte nun zum kleinen Baumhackel, stützte den Ellbogen auf die Tischecke und sagte so leise, daß es wie eine gütige Anrede aussah, und so laut, daß es alle Umsitzenden hören konnten: »Thu’ mir’s sagen, Baumhackel, wo bist Du denn gestern früh Morgens gewesen?« »Ich? Gestern früh Morgens?« entgegnete der Kleine und machte ein krummes Auge, »kümmert’s Dich was? Ein ordentlicher Mensch wird wohl in der Kirchen gewesen sein.« »Hast schon Recht,« hierauf der Lange, »wenn’s nur im Evangeli stünde, daß Du ein ordentlicher Mensch bist!« Darauf lachten die Leute. Der kleine Baumhackel jedoch blieb ernsthaft, machte einen langen Hals gegen den Langen und sagte: »Wie weißt denn Du das, Stoß-Nickel, daß es nicht im Evangelibuch steht? Du hast Dein Lebtag nicht hineingeschaut.« »Da braucht man auch nur Dich anzuschaun, und das habe ich gestern ums Sonnenaufgehen, wie wir uns draußen bei der Trachbrucken begegnet sind. Und da muß ich wohl sagen: Wenn Du so andächtig den Rosenkranz gerieben hast, daß dabei Deine Finger sind blutig worden, so mußt Du schon ein höllisch frommer Christ sein.« Wie die Umsitzenden und Umstehenden bisher über den Wortwechsel gelacht haben, so wurden sie plötzlich still. Dem Baumhackel quollen die Augen hervor; er machte eine Geste, daß man seine beiden Hände sehen konnte und versetzte dem Stoß-Nickel: »Brauchtest über das Rosenkranzbeten just nicht so zu spötteln.« »Ja, heute hast sie freilich gewaschen, Deine Klauen,« sagte der Nickel, »aber die Hirschlederne hast heute nicht an, und ich will nicht selig werden, wenn auf der nicht heute noch die rothen Flecken sind, die ich gestern ums Sonnenaufgehen so schön gesehen habe.« Das war genug, die Leute drängten sich lauernd um den kleinen Baumhackel; dieser wurde todtenblaß bis über die Lippen – und das war mehr als genug. In den nächsten Minuten schon war es ausgeschrien im Dörfchen: »Der kleine Baumhackel hat ihn umgebracht!« Es war unglaublich, und die besonneneren Männer, der Feuerwart darunter, beruhigten die Leute und suchten sie zu überzeugen, daß dem kleinen Flänk so was nie und nimmer zuzutrauen sei. Aber die alten Weiber: »Geht’s weg! Dem schaut so was gerade gleich! Dem habe ich schon lange nicht ‘traut, das ist ein Schlechtling, das! Wie man nur nicht gleich auf den gekommen ist! Gar keine Frag’, kein Anderer hat’s gethan, wie der! Und schilt voreh selber noch über den Mörder wie ein gerupfter Spatz, dieweilen der Lump in seiner eigenen Haut steckt. Du elendlicher Spitzbub’, Du!« Als nun der Faun von Trawies inne wurde, hier drehe sich etwas Unbehagliches um seinen bluteigenen Hals, da goß er rasch den Rest von seinem Kruge durch diesen Hals, stieß den Krug auf den Tisch, daß es schrillte, sprang hart vor die Nase des Stoß-Nickel und schrie: »Verdächtigen willst mich, Du Wicht, Du Nichtsnutziger! Wo hast an mir Blut gesehen? leicht ist Dir die Prügelsuppen von Deinen hungrigen Weibern noch im Aug’ gewesen. Weil Du Deine Erste zu früh todtgeprügelt hast, so reitet Dir der Teufel jetzt zwei auf einmal zu. Dein Heidenleben ist es gewesen, Du Wildbock, das den Pfarrherrn so gegen die Trawieser Leut’ aufgebracht hat, und Deine Red’ ist es gewesen! weißt Du, am Sonnwendtag da beim Bach unten – Deine Red’, wie Du gesagt hast: Den da oben – gegen das gemauerte Haus ist Dein Deuten gewesen, man hat sich leicht mögen denken, wen Du gemeint hast – Den da oben sollt’ Einer in der Still’ wegputzen, hätt’ die Narrheit ein End’. – Hast es nicht gesagt, Stoß-Nickel? Leugne es, wenn Du kannst! – Und einen Andern willst einreiten! ‘leicht hast es Du gethan! – Na, spring her, spring her! Will Dir’s nur weisen, daß ich es so gut von Dir kunnt ausschreien, als wie Du von mir. Thu’s aber nicht, weil ich gleich wohl weiß, daß Du mir ums Sonnaufgehen, wie ich von der Kirche heimgeh’, weit draußen bei der Trachbrucken begegnet bist. Bedenk’s Dir, Nickel, ich bin dein einziger Zeuge, daß Du selb’ Stund’ vom Tärnwald bist hergegangen! Bedenk’s Holzriesner, und sei still!« Dem kleinen Baumhackel, der sich das Gesicht krebsroth und die Kehle heiser geschrien hatte, wurde bedeutet, still zu sein. Daneben standen die Landwächter, fingen jetzt seine Arme und legten ihm ein Eisenschloß an die Hände. So bewegte sich der Auftritt ins Freie und der kleine Baumhackel schrie und beschwor Himmel und Hölle, daß sie ihm zu Hilfe kämen und seine Unschuld bezeugten. Aber es war, als ob die Häscher gar keine Ohren hätten, hingegen um so stärkere Arme und Ellbogen. Endlich wurde der kleine in einem Kellergewölbe des Pfarrhofs aufbewahrt, bis am Nachmittage vom Baumhackel-Häuschen am Gestade die Untersuchungsmänner zurückkamen und die Bestätigung brachten: an der Hirschhauthose des Baumhackel seien wirkliche Blutspuren zu sehen. »Jetzt hilft Dir nichts mehr.« blinzelte der Sandhock dem Kleinen zu, als dieser zum weiteren Verhöre ins Wirtshaus gezerrt wurde, welches heute so voll war, daß die Leute auf Bänken und Tischen stehen mußten. »Man möchte dem kleinen Kerl so was gar nicht zutrauen!« »Der Große ist gut weg.« »Und der Kleine wird auch gut weg sein. Ist kein Schade.« So flüsterten die Leute. Etliche waren zugegen, die hätten reden können, aber denen war der Mund versiegelt. Der Waldhüter empfand dieses Siegel am peinlichsten. Jetzt schwieg er noch, aber, dess’ war er entschlossen, ehevor er den eigenen Bruder hängen läßt ... Mittlerweile war aus Neubruck auch ein Gerichtsbeamter angekommen, der redete dem nun allverzagten Baumhackel ganz gütig zu, er möge auf die Fragen kurz und wahr antworten und alles offen gestehen, das sei der beste und kürzeste Weg – »Zum Galgen!« rief Einer am Ofentische. Nicht an sein irdisches Los möge der Angeklagte jetzt denken; jedes Menschen Leben stehe in Gottes Hand; aber jener Welt möge er sich erinnern, wo nur der wahrhaft reumüthige Bekenner Erbarmen und Gnade hoffen könne. Der kleine Baumhackel barg sein Gesicht in den Winkel seines Ellbogens und weinte. Fürs Erste möge er sagen, wo er das Werkzeug habe. Mit einer Hacke sei es geschehen. Hacke hätte er gar keine gehabt, schluchzte der Kleine, nur ein Messer. Wo das Messer wäre? Das wäre noch oben in Freiwild’s Sommerstadl. Aber an dem Pfarrermord sei er unschuldig, so wahr die heilige Dreifaltigkeit im Himmel säße. Wenn er schon sagen müsse, woher das Blut rühre: dem Freiwild auf der Höhe habe er in der Sturmnacht einen feisten Schöps aus dem Stalle geführt und im Sommerstadl geschlachtet. »Was redet er von mir?« stand fragend am Nebentisch ein rothbärtiger Mann auf. Der Freiwild war’s, der Bauer auf der Höhe. »Er sagt aus, daß das Blut von einem Schöps herrühre, den er dem Freiwild aus dem Stalle geführt habe. Ist das wahr?« »Aus meinem Stall – einen Schöpsen?« rief der Rothbärtige, »so schaut’s aus! – – meine lieben Herren, da kann ich heute gar nichts sagen, mir ist kein Schöps aus dem Stalle gekommen.« »Lügenmaul, Du!« fuhr der kleine Baumhackel auf, »oder bist Du so reich, daß Du es nicht merkst, wenn Dir Schafe gestohlen werden? Ist gut für Dich und für mich.« »Da müßt’ ich erst nachschauen,« versetzte der Freiwild mit aller Ruhe, »heute kann ich gar nichts sagen.« Das Verhör mußte geschlossen werden. Der Baumhackel wurde in sein Gewölbe zurückgeführt, das für einen einfachen Schafdieb schier etwas zu finster und zu frostig war. Der Freiwild auf der Höhe, der so wohlhabend war, daß er nicht einmal seine Schafherde zählte, gewann bei Vielen außerordentlich an Respect. Andere jedoch meinten, der ganze Schafdiebstahl sei nichts als eine windige Ausflucht vom Baumhackel, der lieber sitzt als hängt. Als der Freiwild seines Weges ging, eilte ihm der Sandhock nach und sagte: »Schau, Freiwild, dem armen Teufel könntest Du jetzt aus der Klemme helfen. Man mag’s , wie der Will’, und Du denkst Dir’s selber: ein gutes Werk ist doch geschehen gestern Früh in der Kirche. – Hilf ihm aus. Laß’ Dir den Schöps gestohlen sein.« »Lauter Lumpen!« brummte der Freiwild und hastete davon. Zur Dämmerung, als es gar öde und einsam war um dir Kirche und den Pfarrhof, weil sich Niemand in die Nähe getraute, selbst der Schulmeister und der Küster waren fort und das Läuten blieb aus und die hölzerne Uhr stand still auf dem Thurme – kauerte der rothbärtige Freiwild am vergitterten Fensterlein und flüsterte in den Keller hinab: »Junger Herr Baumhackel! Bist noch wach? Wohnst woltern vornehm, jetzund. Das g’freut mich. Aber vermeint hätt’ ich’s nicht, daß mir mein lieber Nachbar alljährlich die feisten Schafe stiehlt.« »O, Freiwild!« seufzte der Kleine im Keller. »Aber als braver Nachbar will ich Deine Ehre retten.« »Thue es doch gleich – heut’ noch, daß ich aus diesem Kotter komme.« »Ein Schafdieb ist etwas ganz Niederträchtiges, wirst es einsehen, Baumhackel. Es hat mich vor etlich’ Wochen, als ich mir auf der Höhe einen Lärchenstamm nahm, Dein Herr Bruder, der Waldhüter, schon einen dreidoppelten Spitzbuben geheißen. Und Dein Vater selig, wie der noch ist Waldhüter gewesen, der hat mich etlicher Armvoll Reisigstreu wegen auf die Bank binden lassen. Schon das hat dem Ehrenmann, als der ich Gott sei Dank immer gewesen bin, nicht wohl bekommen. Jetzt denke Dir erst: ein Schafdieb! Möchtest ja wieder frei werden, aber schwarz bliebest und ein Schurkel bliebest in aller Leut’ Augen. Nein, Nachbar, das kunnt ich nicht mit ansehen. Schau, da ist Dir ein kecker, blutiger Mörder doch ganz was Anderes! Und gar so Einer, wie der gestrige! Der wird respectirt! Sein Ruf geht in alle Welt und nach hundert Jahren noch zeigt der Vater seinem Sohn den Ahornbaum: auf dem ist er gehangen – Nein, nein, Baumhackel, Schafdieb bist keiner. Mir fehlt kein feister Schöps.« »Um der heiligen Maria-Linden Willen, Freiwild, thu’ mich nicht martern!« flehte der im Keller. »Es müßte denn sein,« sagte der Rothbärtige, »daß Du Dich gescheiterweis’ einmal zu was brauchen lassen wolltest.« »Was Du willst, Nachbar, nur des Schöpses wegen sage die Wahrheit. Im Sommerstadl unter dem Schnee ist ja das Eingeweide und das Messer zu finden.« »Das ist das Wenigste, mein lieber Baumhackel, das kann ich heute noch aus dem Wege räumen.« »Wirst doch kein Teufel sein, Freiwild?« »Wie ich sage, wenn Du Dich einmal zu etwas brauchen läßt. Aber voreh müßt’ ich Deinen Eidschwur haben. Ich und ein Zweiter, wir haben was vor, und da brauchen wir auch einen Dritten dazu. Ist auf Dich zu rechnen?« Der Kleine schwur einen gewaltigen, siebenfachen Eid. »So!« Sagte der Freiwild, »so wären wir auf Eins. Gute Nacht, Schafdieb!« Am anderen Tage gab der Freiwild auf der Höhe an, wie es sich herausgestellt habe, daß ihm in der Sturmnacht richtig der feiste Schöps aus dem Stalle geführt, und daß etliche Büchsenschuß von seinem Hause, im Sommerstadl, das Eingeweide gefunden worden sei. »Aber,« setzte er bei, »ich verzeihe es dem armen kleinen Kerl, und ich schenke ihm’s. Er soll meinetwegen nichts zu büßen haben. Ein andermal, wenn er wieder Hunger hat, soll er offen zu mir kommen.« Wie nun die Leute staunten! Der Freiwild war nicht allein reich, er war auch großmüthig. Der wird noch Richter von Trawies! Das Verhör mit dem Baumhackel wickelte sich nun rasch ab; der kleine Faun war wieder frei. – Beim Rocken-Paul saßen sie vergnüglich beisammen um den Tisch, knackten Haselnüsse auf und besprachen die Neuigkeiten aus dem Dorf. »Der Pfarrherr liegt noch immer im Pfarrhof und hat kein Licht und kein Gebet. Alle Tage kommen Herren aus Neubruck und Oberkloster und schauen den Todten an und begucken das Blut am Altar, und treiben allerhand wunderliche Sachen, und sperren hernach Pfarrhof und Kirche immer wieder fest zu, daß kein anderer Mensch hinein kann. Dies Jahr haben wir Trawieser keine Christmette.« »In allen Gräben und auf allen Bergen steigen die Landwächter herum – aber aufgekommen ist noch gar nichts.« »Der kleine Baumhackel soll schon wieder daheim sein. Vor dem muß man sich jetzt in Acht nehmen.« »Ist’s wohl wahr, daß sie gestern den Feuerwart haben forttreiben wollen?« »Ja, den, als Vormann der Gemeinde, wollen sie verantwortlich machen für das Unglück. Was kann denn der dafür?« »Jetzt ist der Brauch abgekommen. Sonst ist es allzeit Brauch gewesen zu Trawies, daß die Leute ihrem verstorbenen Pfarrherrn einen Ehrenmantel haben geflochten.« »Einen Ehrenmantel! Wovon denn? Vielleicht einen aus dem Barte der alten Weiber?« So redeten sie und auf einmal: »Uh, Dunar, wer ist denn heute draußen?« Man hörte das Abklopfen des Schnees von Schuhen und Kleidern; dann schritten sie auch schon in die Stube. Der Gerichtsbote und ein Landwächter. Zwei übrige Wächter blieben draußen vor der Schwelle stehen. Der Rocken-Paul sah etwas befremdet drein. Seit sein Haus stand, waren noch keine solchen Leute zur Thür hereingegangen. »Hier ist das Rocken-Paul-Haus?« fragte der Gerichtsbote. »Ja!?« antwortete der Bauer, und das Wörtchen endete in einen fragenden Ton. »Wir suchen einen Simon Hanefer.« Da stand der Knecht von seinem Platze auf und sagte: »Der Simon Hanefer bin ich. Was wollen die Männer von mir?« »Im Namen des Gerichtes: Du mußt mit uns gehen.« »Wer, ich?« lachte der Simon auf, »möchte doch wissen, wozu ich Euch gut wäre.« »Das wird sich weisen. Mache Dich fertig!« Der Knecht richtete sich höher auf – das war ein Mensch, prächtig und stark wie ein junger Tannenbaum – und sagte: »Ich lasse mich nicht forttreiben, wie ein Kalb von der Kuh. Ich will wissen warum, dann werde ich freiwillig gehen.« »Nu, nu,« versetzte der Bote, »ich hätte gemeint, Du würdest es noch früh genug erfahren, und dürfte Dir – wenn Du’s einmal weißt – die Zeit gar lang, vielleicht auch zu kurz werden. Ich habe nicht Befehl zu reden, sintemal Du es selber leicht viel besser weißt, als wir allmiteinander.« Der Rocken-Paul trat vor den Boten und bedeutete, daß er glaube, er habe hier auch ein Recht, er sei Herr im Hause und für seine Leute verantwortlich und er frage ernstlich, weshalb man ihm den Knecht fortführen wolle. »Wenn Einer von uns Beiden zu fragen hat, so werde ich es sein,« versetzte der Gerichtsbote, »und so wird mir der Bauer Wort geben, wo sein Knecht Simon Hanefer am Vierten in diesem Monate von sechs bis sieben Uhr Morgen gewesen ist.« »Ach je, das ist wieder die Mordgeschichte. Wenn Ihr Alle fassen wollt, die bei der Rorate gewesen sind, werdet Ihr lang zu thun haben und hat der Schelm Zeit genug, daß er holl geht. – Mein Simon ist am Barbaratag wohl freilich auch beim Gottesdienst gewesen.« »So wisset Ihr aber auch, Bauer, daß er in der Kirche nicht gesehen worden ist? daß der Rocken-Paul-Stuhl leer gewesen ist? Und hat Euer Knecht nicht das Wort fallen lassen, in der einen Hand den Rosenkranz, in der anderen den Schlagring, anders ginge er zu Trawies nicht in die Kirchen?« Der Bauer blickte auf seinen Knecht; der war etwas gar roth geworden im Gesicht, und diese Röthe wollte dem Paul nicht gefallen. »Sollt’ mich wundern Simon, wenn Du damals unredlich gewesen und nach dem Hafermus wieder ins Bett gekrochen wärest? Es ist mir nachher wohl aufgefallen, daß Du nichts von den Geschehnissen erzählt hast; hast nur verlautet, Du wärest ein wenig vor dem Auswerden fortgegangen, weil Du so zeitlich heimgekommen bist.« »Ist verdächtig,« meinte der Bote. »Narrheit!« rief der Bauer, »in seinem Nest wird er gehockt haben.« »Wie Du mir geheißen hast, Bauer,« sagte der Knecht, »so bin ich von Haus aus meines Weg’s gegangen.« »So wirst in der Kirchen gewesen sein.« Der Simon suchte sein rothes Sacktuch hervor, trocknete sich damit die heißgewordene Stirne und antwortete dann: »In der Kirchen – wirst mir nicht übel sein, Bauer, aber das Schneewetter – ich bin gar nicht nach Trawies gekommen.« »Geht mir weg!« rief der Bote ungeduldig, »das sind Ausflüchte. Das Gericht fragt nach Zeugenschaft! – Soldaten, legt ihm das Handeisen an!« Der Rocken-Paul, sein Weib, seine Mägde, die schrien jetzt zu gleicher Zeit auf. »Ihr werdet doch nicht kindisch sein und glauben!« beruhigte sie der Simon. »Ich gehe mit. Zeugenschaft zu stellen, das wäre mir ein Leichtes; muß sich aber erst weisen, ob ich sie stellen will. – Weg da! binden laß ich mich nicht!« Sie banden ihn nicht, aber sie führten ihn mit sich. Die Leute des Hauses jammerten ihm nach. Der Simon schlug seinen Hut tief in die Stirne und ging rascher, als es seinen vier Begleitern lieb war. Seine Gedanken waren rasch und entschieden, wie seine Schritte. - Es ist wahr: Wo der Mensch einen Schritt auf die Seiten thut, gleich hat ihn der Teufel im Spiel. Jetzt wäre es angestellt, daß ich alles verrathen sollt’ und ausschreien, und noch aufschreiben und siegeln lassen: Da auf diesem Fleck, in dieser Hütten bin ich gewesen zu derselben Stund’. – Und ihre Ehr’ ist weg, ihr guter Ruf ist hin – findet ihn nimmer, ihr Lebtag lang nimmer. Das Freien ist einem armen Knecht versagt. Die Leute zeigen mit Fingern nach ihr, wo sie mag gehen und stehen: Das ist Dieselbige, die – die dem Rocken-Paul-Knecht so gutes Zeugnis hat ablegen können! Ihr Vater selber, der vielgestrenge Kohlenbrenner, ist im Stande und jagt sie davon. Und jetzt sollte ich die – just die nämliche, so mir die Liebste ist worden auf der Welt, ins Unglück stürzen? Nein, das thue ich nicht! Das Letzte, fast rief er es laut in den Wald hin. Er war entschlossen, die Han nicht zu verrathen, und sollten sie ihm noch so heiß machen. Seine Unschuld an der blutigen That müsse sich auch anderswie weisen. Jeder Ast am Baume, jeder Zaunstock am Wege mußte zeugen gegen den falschen Schein und die Wahrheit zu Tage bringen. – So meinte der Bursche, verlangte aber von den Bäumen und von den Zaunstöcken, daß sie die eine Wahrheit laut verkünden und die andere still verschweigen sollten. - Und wenn sie mich wochenlang in den Pfarrhofskeller sperren, und wenn sie mir Daumenschrauben anlegen, die Han verrathe ich nicht. Das war der Schlußpunkt seiner Gedanken. Der Gerichtsbote forderte ihn auf, langsamer zu gehen. Der Simon gab ihm zur Antwort, das sei sein gewohnter Schritt, und wer ihm nicht folgen könne, der möge zurückbleiben. Sie folgten ihm doch, nur daß Einer in seinem Ärger murmelte: »Spring, spring, daß Dir der Galgen nicht davonläuft!« Als sie am Rockenbache dahin gingen und an der Kohlstatt vorbeikamen, schielte der Simon wohl ein wenig unter der Hutkrämpe hervor und gegen die Hütte hin. Die Meiler rauchten still; die Fensterchen blickten ihn licht an, sonst sah er nichts. Kaum sie aber einige Schritte am Häuschen vorüber waren, hörte er hinter such den Ruf: »Simon!« Die Männer wandten sich um, da stand das Mädchen, die schöne Han. Sie war nicht erregt, sondern ganz ruhig in ihren Mienen und in ihren Worten. Sie bat den Gerichtsboten, daß sie einige Worte mit dem Rocken-Paul-Knecht reden dürfte. Der Bote gestattete das um so lieber, als er selbst ein ziemlich lebhaftes Verlangen trug, zu hören was eine so anmuthsreiche Maid einem so frischkecken Burschen zu sagen haben werde. Die Han wendete sich denn zum Knecht und sagte: »Ich werde mich nicht weit irren, Simon, wenn es mir vorkommt, daß Du wieder einmal eine große Dummheit begehen willst. Ich weiß die ganze Geschichte, brauchst mir kein Wörtel zu sagen; reden ja die Leute seit gestern nichts mehr Anderes, als daß Du den Herrn hättest erschlagen. Ich bin still gewesen und habs’s anstehen lassen, bis Du zu mir kommst. Jetzt wärst aber vorbeigegangen, hättest gemeint, Du dürftest von mir nichts desgleichen thun und hättest Dich in Deiner Leichtsinnigkeit zugrunde richten können. Denn Einer muß es entgelten zu Trawies, das ist so sicher, als wie dort unter dem schwarzen Meiler das glühheiß’ Feuer brennt – ob’s der Schuldige oder der Unschuldige ist, nach dem wird zuletzt nimmer gefragt. Du bist der Unschuldige und ich laß Dich nicht hinaus. Es ist nicht Zeit, daß ich Dich lobe deswegen, daß Du eine arme Dirn’ nicht willst in Unehren bringen; so sage ich es vor Gott und den Menschen, daß Du am Barbaramorgen vom ersten Hahnenschrei bis zum letzten bei mir in der Hütten bist gewesen.« »Schau, schau,« blinzelte der Gerichtsbote, »was man da im grünen Wald für Neuigkeiten kann hören. Es ist nur rechtschaffen schade, daß ein solcher Zeuge nicht gelten kann. Die Weiber wären im Stande und schwätzten dem Teufel alle Männer aus der Hölle, und wenn eine Frag’ wäre der Sünden wegen, so thäten sich für allesamt die Weiber bekennen, auf daß sie nur wieder ihre Mannsleute hätten. Ei, das kennen wir!« Der Simon hatte die Han an beiden Händen gefaßt und rief jetzt: »Ja, Du Dirn, Du mein herziger Schatz! Wenn Du um so viel besser bist, als ich von Dir habe gedacht, und daß Dir an mir liederlichem Burschen mehr gelegen ist, als an Dir selber, so weiß ich, was ich zu thun habe. Zeugst Du schon selber für mich und mit dem Besten, was Du hast auf der Welt – was dem hochweisen Herrn und Gerichtsläufer hier zwar noch zu wenig ist – so werde ich mit Gottes Hilfe auch noch ein paar andere Zeugen finden, die für mich reden. – Ich gehe jetzt ganz lustig nach Trawies, und wenn Du mir einen Gefallen willst erweisen, meine liebste Dirn, so schicke hinauf zum Blockhaus, ich lasse die Holzer Jok und Sepp bitten, daß sie nur gleich sollten kommen nach Trawies; nachher gehen wir miteinander heim und ich melde mich bei Deiner Hütten an.« »Das wird mich gefreuen,« antwortete die Han, »mußt aber deswegen nicht glauben, Du wärest mir was schuldig.« Sie ging zurück. Er blickte ihr nach und jauchzte auf. In diesem Jubelschrei lag die Hymne, die er seinem herrlichen Mädchen sang; in diesem Juchschrei klang das Glück auf, das sein Herz auf so ungeahnte Weise erfüllt hatte. Dann ging er mit den Häschern und pfiff zum Schritt ein fröhlich Wanderlied. Als er im Pfarrhofe zum Verhöre kam, waren auch schon die beiden Holzer aus dem Blockhause da, und sie erzählten und beschworen es, daß der Rocken-Paul-Knecht Simon Hanefer am Barbaramorgen zur Stunde des Tages bei dem Schummel-Zenz-Häuslein gesehen worden sei. Das Schummel-Zenz-Häuslein stand eine Stunde weit entfernt von der Kirche zu Trawies. Der Simon konnte nach Hause gehen. – Trotzdem die als des Mordes verdächtig eingezogenen Personen immer wieder freigegeben werden mußten – nicht etwa aus Mangel an Beweisen, sondern auf Grund schlagender Gegenbeweise –, so nahm das Gerücht, der Schuldige sei unter den Einheimischen zu suchen, doch stets bestimmtere Gestalt an. Ja endlich munkelte man von einer durch die Gemeinde selbst angestifteten Verschwörung. Die paar Stuben im Wirthshause zu Trawies waren von Gerichtspersonen besetzt; die Zimmer im Pfarrhause waren für Verhöre, ja selbst für peinliche Fragen eingerichtet worden, und auf allen Wegen und Stegen dieser entlegenen Waldgegend gingen schwerbewaffnete Landwächter. Der Leib des Erschlagenen lag immer noch auf seinem Gerüste und der Gestrenge von Neubruck hatte geschworen, ihn nicht früher ins Grab legen zu lassen, als bis der Verbrecher verscharrt sei. Nach den vielen erfolglosen Untersuchungen war nun die Vermuthung auf eine neue Persönlichkeit gelenkt, gegen welche zwar kein anderer Verdachtsgrund vorlag, als der religiöser Schwärmerei. Der Mann war stets verschlossener Natur, und trotzdem seine Verhältnisse recht gut bekannt und bisher weder in seinem Leben noch in seinem Hauses etwas Auffälliges bemerkbar gewesen, lag doch über seinem Wesen etwas Dunkles, Geheimnisvolles, etwas Finsteres und Schwermüthiges. Er konnte jetzt Funken sprühen wie ein Kieselstein, und jetzt weinen wie ein Kind. Oft verschloß er sich bei Tage in seine Werkstatt und ging bei Nacht wie ein Mondsüchtiger durch die Wälder. An den amtlichen Verordnungen, welche an das Kirchenthor geschlagen waren, ging er vorüber, aber die heiligen Schriften und Satzungen der Alten waren ihm bekannt, und diese verflocht er in sein Denken und Träumen. Keiner war zu Trawies, der diesem Manne einmal auf dem Grund seiner Seele geblickt hätte; aber Alle wußten von ihm zu sagen, und die Richter lauerten. Zu solcher Zeit war es, daß der Bart vom Tärn aus dem Hause des Feuerwart ging und rasch der Trach entlang gegen das Gestade hinaus. Im Hause des Schreiners Wahnfred war Aufregung und Angst. Seit der Nacht vor dem Barbarafeste war der Wahnfred verschwunden. Am ersten Tage fiel seine Abwesenheit nicht auf, denn er war zur Kirche gegangen. Als man von dem schrecklichen Geschehnisse hörte, war sein Ausbleiben um so leichter erklärlich, da ja alles in Trawies blieb oder nach Trawies eilte, und im Wirthshause Wort und Rath halten wollte. Als Wahnfred aber auch am zweiten Tage nicht erschien, wollte sein Weib nachfragen und suchen lassen; wie konnte ihm bei dem Unwetter auf unwirthlichen Wegen leicht was zugestoßen sein! – Da kam an diesem Tage eine Botschaft vom Feuerwart: Die Wahnfredin möge nicht nachfragen und nicht suchen lassen, sie möge still sein, ihr Mann sei wohlbehalten und in Hut. Er grüße sein Weib und sein Kind, und sie sollten tapfer sein, Gott wolle, daß er sich ihnen auf kurze Zeit entziehe, aber nach den bösen Tagen würden sie sich glücklich wiedersehen. Nur auf Gott vertrauen und schweigen! Da stieg in dem Weibe die Ahnung auf, die gräßliche Ahnung, die ihr nimmer Ruhe ließ. Sie sann bei Tag und betete bei Nacht. Und wenn sie an den entheiligten Altar ihrer Pfarrkirche dachte, da wurde ihre betende Seele lahm. Nun war auch ein Todter im Hause. Wahnfred hatte seinem Söhnchen einen kleinen Handschlitten gezimmert, auf welchem Erlefried gern über die Schneebahn der Berglehne in das Thal hinabfuhr. So auch am Abende des Barbaratages, als es am Himmel klar geworden war, als hinter dem Johannesberge der kalte Tag verblaßte, und über den Wäldern des Tärn der rothe Mond aufging. Und als der Knabe auf seiner fröhlichen, vom Sturme glattgefegten Bahn zum Wege herabgefahren kam, der arg verschneit sich neben dem Flusse hinzog, sah er aus dem Schnee einen dunklen und von scharfem Winde halbverwehten Gegenstand ragen. Es war ein alter, in sich zusammengeschauerter und zusammengekauerter Mann. Es war der Pfründner Lull, der, von Haus zu Haus wankend, seinen Unterhalt suchen mußte. Es war – wir wissen es – derselbe Greis, der an jenem Sonnenwendtage im Hause des kleinen Baumhackel darniederlag und vergebens auf die letzte Wegzehrung wartete. Da der Priester aber anstatt zu seinem Krankenbette zur Wildwiesen hinaufgestiegen war, so sagte der alte Lull: ohne geistlich’ Hilf’ wolle er nicht sterben, und wurde wieder gesund. Nun schien er aber doch nicht mehr länger warten zu können. Man weiß nicht, wann zu Trawies wieder ein Priester sein wird. Auch hat man in allen Häusern auf den Lull vergessen, er ist alt gegen die neunzig Jahre, und der Wind bläst rauh. »Lull!« Rief der Knabe. »Lull!« Schrie er dem Alten ins Ohr, »was machst Du denn da?« Der Pfründner fröstelte, blickte starr vor sich hin und murmelte: »Sterben.« Da lief der Kleine, was er konnte zum Hause hinan und verkündete entsetzt: »Da unten stirbt der Lull! Da unten stirbt der Lull!« Sie eilten hinab, sie trugen ihn ins Haus und betteten ihn weich, und das Weib flößte ihm warme Brühe ein, und der Knabe stand daneben und blickte mit seinen großen, hellen Augen dem Greise in das fahle Antlitz. Dieser murmelte müden Mundes und stieren Auges: »Jetzt, Trawieser Leut’, jetzt kommt das jüngste Gericht mit Noth und Schrecken.« Dann tastete er mit seinen mageren Händen gegen das Lockenhaupt des Knaben: »Dich, Du liebes, schönes Kind, hulde der himmlische Herr!« Das Weib wollte die Nacht bei ihm wachen, aber er bat, daß sie sich schlafen lege. – Am anderen Morgen wurde er todt gefunden. Die Frau des Wahnfred wollte nun Anstalt treffen, den alten Lull zu bestatten, da erfuhr sie, daß jetzt zu Trawies Keiner begraben werden könne. Es fehle der Priester, es fehle die Weihe der Kirche und des Friedhofes. Es sei kein gesegnetes Grab mehr zu Trawies. Wie lange denn sollte der kalte Gast im Hause liegen? War das ein Ersatz für Wahnfred? .... Grauenhafte Gedanken durchzogen das Haupt des armen Weibes. In einer dieser Nächte hub der kleine Erlefried im Schlafe zu schluchzen und zu weinen an. Das hatte er sonst niemals gethan. Die Mutter wollte ihn wecken und fragen, was ihn denn so sehr schmerze; aber er blieb im Schlummer befangen und weinte – weinte. Da kam der Bart vom Tärn. Sein Gesicht war so ernst, daß es, als er in der Vorkammer die Leiche sah, nicht mehr ernster werden konnte. Das bedrängte Weib bat ihn händeringend um Rath, was zu thun sei, daß der Todte davon und der Lebendige ins Haus käme? Es sei ihr so unsagbar bange ums Herz, sie wisse sich all das, was jetzt vorgehen, nicht zu deuten. Man möge ihr doch sagen, was wäre! »Meine liebe Wahnfredin,« entgegnete der Bart vom Tärn, »Du willst, daß ich Dir sage, was Du schon weißt. Dein Mann ist angeschuldigt, den Mord begangen zu haben.« Sie hörte es und schwieg. Sie stützte sich mit der Hand an die Tischecke, sie sah dem Mann ins Auge und sagte gelassen und leise: »Aber wahr ist es nicht.« Er merkte es kaum, daß die so ruhig scheinende Antwort eine von Angst und Pein durchzitterte Frage war. Der Bart versetze: »Heute kann noch nichts gesagt werden. Noch ist der Wahnfred in Sicherheit, aber man weiß nicht, wie lange.« »Nur wo er ist, will ich wissen!« Rief sie und hob die gefalteten Hände. »Er ist in guter Hand, in Freundesschutz, das magst glauben. Mehr kann ich nicht sagen. Sie verfolgen ihn. Schon in der nächsten Stunde können sie an Deine Hausthür schlagen. Wahnfredin, Du und Dein Knabe, Ihr müsset eilends fort, sonst schleppen sie Euch ins Elend. Das Gericht ist nicht mehr das Gericht, es ist wahnsinnig vor Wuth, es will Trawies zugrunde richten. Euch würden sie als Geißeln peinigen, bis er, den sie suchen, selbst hervorspringt. Wahnfredin, Ihr müßt mit mir hinein zu den Tärnwäldern. In meinem Hause will ich Euch verbergen.« »Dort ist auch Er?« Fragte sie mit heißer Hast, »nicht wahr, lieber Bart, dort ist auch Er?« »Macht Euch nur rasch bereit. Wenn sie uns treffen, so sind wir Alle verloren.« »O mein Gott, dieses Haus, dieses liebe Haus jetzt auf einmal verlassen! Sie werden es zerstören, sie werden es niederbrennen!« »Niederbrennen!« Versetzte der Bart vom Tärn, und seine Stimme hatte plötzlich einen fremden Klang, »niederbrennen! – Wahnfredin, thue das selbst. Das Haus, das die Voreltern Deines Mannes gebaut haben, das Haus, in welchem Ihr Euer Glück habt gelebt – lasse es nicht von rasenden Feinden zertreten, opfere es selbst, opfere es den Flammen!« »Wie könnte ich das thun, Ihr Heiligen Gottes!« Rief sie. »Ja, noch was Anderes!« Fuhr der Bart leiser, aber nicht weniger erregt fort. »Wenn das Haus niederbrennt: – natürlich geschah es zufällig, ein Unglück, die Leute entkamen bis auf ihn – den Wahnfred – verstehst Du?« Der Mann deutete auf die Leiche, »dieser wird verkohlt gefunden im Schutte und morgen geht es um in Trawies und in Neubruck und in Oberkloster: Der Schreiner Wahnfred ist verbrannt! Vielleicht hat er sich’s selbst gethan. Sie stellen das Suchen ein und Dein Mann ist gerettet.« »Es mag ja sein, es mag gut sein, aber weiß Gott: ich thu’s nicht, ich kann’s nicht thun!« »Stelle es Dem anheim,« sagte der Bart und deutete, man mußte nicht, nach dem Himmel oder nach seiner Stirne. Nach einer Stunde hatte er es so weit gebracht, daß die Wahnfredin und der Knabe Erlefried in ihren Winterkleidern vermummt an der Hausthüre standen. Während er noch auf den Dachboden stieg – vielleicht um von dem Fenster des Thürmchens aus zu sehen, ob nicht schon Verfolger nahten, vielleicht aus anderem Grunde – brach das Weib vor Schmerz an der Schwelle zusammen. »Wer hätte es vermeint,« rief sie aus in Klagen, »daß es so sollte kommen! Und jäh, wie der Blitz vom Himmel! Jetzt, im kalten Winter, fort in den Wald! Und wenn er kommt, verfolgt, gehetzt, um sich zu bergen, findet er sein Kind, sein Weib, vielleicht sein Haus nicht mehr. Nein, ich kann dich nicht verlassen, du liebes Dach, das Er mir hat gegeben. Gottes Segen ist gewesen an dieser Thür, an diesem Tische. Hier habe ich ihm das Kind geboren; an diesem Herde, um das Feuer herum sind wir oft gesessen in stillen Freuden und haben nicht gewußt, wie glücklich wir waren. Wie ist’s mein Traum gewesen, dereinst in alten Tagen der Ruhe zu pflegen in diesem Hause, neben mir den lieben Mann in weißem Haar, zufrieden und heiter und fromm, und um uns die Kinder unseres Kindes. Dann gehen wir schlafen, und sie leben fort unter ihrer Eltern Dach, von Großeltern, Eltern, Kindern und Enkeln ein einziges langes Leben ... Und jetzt ein Schlag, daß alles, alles hin ist, auf einmal! – O du mein getreues, mein süßes Haus, an jedem Stein deiner Festen, an jedem Nagel deiner Wand hängt dein Leben. Muß ich fort von dir, du mein getreues, mein liebes Haus!« »Wahnfredin, gib Dich d’rein,« sagte der Bart und stand bereit zu gehen. Sie fuhr fort: »Die Todten, wenn sie Aschen werden, sie stehen wieder auf. Das Haus, wenn es Aschen wird, sehe ich nimmermehr.« »Gieb Dich d’drein, Wahnfredin. Es dunkelt schon der Tag und sie kommen noch heute. Denk’ an Deinen Mann; das kleinste Zögern noch, und es ist sein Verderben. Nicht nach dem Hause wird er fragen, das ist wieder zu gewinnen, nur nach Euch, nach Weib und Kind, und diese will ich retten!« Er suchte sie mit fortzudrängen. Das Weib tauchte noch ihren Finger in das Wassergefäß, welches am Thürpfosten hing, und sprengte einige Tropfen in die Stube, und sprengte einige Tropfen auf die Leiche des alten Lull und rief: »Du alter, armer glückseliger Mann, Du bist der Letzte d’rin, Gott walt’s! Gott walt’s« Sie sprang aus dem Hause. Der kleine Erlefried torkelte ihr nach, er war halb betäubt von dem Jammer der Mutter, so hatte er sie, die stille, die milde Frau, noch niemals gesehen. Sie hatte nie geweint, und jetzt rieselten die Thränen heiß und unablässig nieder von ihren langen Wimpern. Der Bart ließ sie still gewähren, er wußte, dieser klagende Schmerz war milder, als der stumme ... Rasch schritten die Drei gegen den Fluß hinab, um die Brücke zu erreichen. Unter ihren Füßen knisterte der Schnee, es brach die kalte Nacht an. Als sie über die Brücke gingen, hielt sich der kleine Erlefried an das Kleid des Bart, deutete in die Trach und flüsterte: »In diesem Wasser da unten rinnt Blut!« Es war der Spiegel des Abendrothes. Das Weib des Wahnfred hielt ihr Kind am Arm und hastete fort und war stumm, und blickte nicht mehr zurück. Jenseits des Flusses wendeten sie sich einer Bergschlucht zu, durch welche ein armseliger Steig hinanführte gegen die Wälder des Tärn. Der Bart blickte mit erwartungsvollem Auge zurück auf das Haus am Gestade. Noch war der Frieden des Todes im schattigen Bau, da erhellte sich plötzlich eines der Dachfenster mit rothem Scheine. Bald erglühte auch das zweite, und jetzt brach der flammende Qualm hervor. In lichten Zungen rieselte es hin über das Dach und lohten die Feuerfahnen auf in den abendlichen Himmel. Roth erglühten die Schneefelder rings um, und die schneeigen Bäume. Und immer voller wurde die Flammengarbe, bis das Haus des Schreiners Wahnfred in einer feurigen Fluth stand. Im Thale war Pferdegewieher und Waffengeklirre. Der Trach entlang von Neubruck her gegen Trawies sprengte ein Trupp von Reitern.     Um Mitternacht ging der Mond auf und der Kirchthurm zu Trawies mit seiner lichten Mauer und dem glänzenden Schindeldache ragte in diesem Scheine wie eine stille Gluthsäule empor über den Schlafenden Häusern. In solchen Stunden sind nur die Wässer laut, und wachsam ist das Ohr in stiller Nacht, da es in die Rechte des Auges tritt. Außer dem Rieslen der halb eingeeisten Track knisterten im Thale vier wandernde Füße. Sie treten leise auf dem Schnee, denn sie fürchten das wachsame Ohr. Zwei Männer, mit Bündeln bepackt, mit Stöcken, Einer auch noch mit einem Schußgewehre bewaffnet, sind aus dem Gehöft des Gallo Weißbucher geschlichen und eilen nun thaleinwärts gegen den Trasank. Erst als die rothe Nadel des Kirchthurmes hinter einer Berglehne verschwunden ist und die letzten Hütten zurückgeblieben sind, bleiben sie ein wenig stehen, stützen die Stöcke unter ihre Rückenbündel. Der Eine machte tiefe Athemzüge und sagte: »Mein Gallo, was doch die freie Luft Gottes wohlthut!« »Das glaube ich,« versetzte der Andere, »und die freie Luft Gottes, die wirst nun genugsam trinken können.« »Weiß es wohl,« sagte der Eine, »daß ich nun in den Ritscherwald hinauf muß, aber einmal hättet Ihr mir mein Gestadehaus noch vergönnen mögen. Ihr wißt so wenig als ich, ob ich es in späterer Zeit noch einmal sehen werde.« »Dein Gestadehaus,« entgegnete der Hallo, »das wirst Du – doch mein Rath ist, wir gehen weiter. Aber bei der Rabenkirche drinnen mögen wir rasten, und dort will ich Dir auch erzählen, was sich die letzten Tage her d’raußen im Gestade zugetragen hat. Es ist hart für mich, daß ich es Dir sagen muß. Härter freilich noch für Dich, daß Du es ertragen mußt. Aber das Härteste ist das nicht. Gehen wir.« Und sie gingen. Der Schlittpfad wurde immer schlechter und hörte endlich ganz auf. Nur die einzigen Fußspuren irgend eines Holzfällers zogen sich noch eine Strecke hin, dann bogen auch diese seitab, und da blieb der Feuerwart stehen und murmelte: »Das ist mir unlieb, hier dürfen wir nicht weiter. Jetzt bleibt uns nichts Anderes übrig, wir müssen auf dem Wasser gehen; daß keine Spur bleibt.« Uns sie schritten auf der hier gänzlich eislosen Trach von Stein zu Stein, wie solche aus dem gischtenden Wasser hervorstanden. Oft mußten sie sich mit den Stöcken von Klotz zu Klotz schwingen, oft glitten sie in der Dunkelheit auch zur Tiefe. Das Rauschen des Bergflusses war so gewaltig, daß sie ihre eigenen Tritte nicht vernahmen. Endlich war die arge Strecke zurückgelegt und sie standen in der finsteren Felsenhöhle, die Rabenkirche genannt. Hier zündeten sie Reisig an, und während die Flammen aufloderten an dem rauhen, klüftigen Gewände, an welchem einst der Eid der Verschwörung widerhallt hatte, blickte der Schreiner vom Gestade mit seinem schreckbar blassen Gesichte fragend auf den Feuerwart. Und dieser sagte: »Mein lieber Wahnfred! Dahier an dieser Felsenkluft ist Dein Name hervorgehoben worden, und in diese Felsengruft mußt Du Deinen Namen jetzt begraben. Da unser Weg an dieser Höhle vorüberführt, so vernimm es hier. Dein Opfer für Trawies ist schwer, aber es wird Dir erstattet werden. Gestern Abends ist draußen am Gestade das Haus des Schreiner Wahnfred niedergebrannt.« »Was sagst Du?« rief der Andere dumpf, »mein Haus?« »Ist Asche. Man baut es wieder.« »Und die Meinen? Feuerwart, die Meinen?« »Sind glücklich entkommen bis auf ihn – den Wahnfred. Der ist mit verbrannt.« »Was sind das für Worte, Gallo?« »Du verstehst sie bald. Während Du in meinem Keller verborgen warst, ist der Satan nicht müßig geblieben; er hat allen Verdacht auf Dich und Dein Haus zusammengetragen. Wir hätten Dich und Dein Weib und Kind nicht anders zu retten vermocht, als daß wir Dein Haus niedergebrannt haben und die Knochen des Pfründners Lull, die im Schutt gefunden werden, für die Deinen ausgeben.« »Die Knochen des Pfründners? Wer hat ihn umgebracht?« »Geh, Freund, das Morden wird doch weiter nicht eingeführt in Trawies. Der Lull ist von selber gestorben. Dein Weib und Kind hat der Bart mit in die Tärnwälder geführt. Zur Sommerzeit kannst sie sehen, aber jetzt nicht. Jetzt mußt Du in die Wildniß kriechen, so tief Du kriechen kannst, daß keine Spur von Dir ist, bis die Späher wieder Alle davon sind. Deinem Weibe werde ich Nachricht von Dir bringen; sei unbesorgt. Ich muß Dich hier verlassen, daß ich noch in der Nacht heimkomme. Du bleibe hier bis zum nächsten Abend und verbirg Dich. Und wenn es morgen Abends dämmert, so mach’ Dich auf, Du brauchst eine lange Nacht, bis Du zu Deinem neuen Hause kommst, das hinter dem Rücken des Ritscherwaldes steht. Du kennst die Klause am Donnerstein, wo vor Zeiten Einsiedler haben gelebt. Du bist ja mit uns gewesen, da wir vor etlich’ Jahren den Letzten herabgetragen haben auf den Kirchhof. An seiner Statt zieh’ Du in die Klause; Dir ist das Einsiedeln nöthiger, wie alle Mönchen auf der Welt. Was Du von diesen Lebensmitteln tragen kannst, das trage mit Dir, das Andere verwahre in diesen Klüften und hole es nach Bedarf! Ich will Dir Mancherlei noch hierherschaffen, was Du nicht entbehren kannst. Aber richte es so ein, daß Du zwei Nächte hast, eine zum Hergang und eine zum Rückgang. Daß Dich Niemand sieht, bis Deine Haare lang sind und Die Mantel und Deine gestalt verändert ist! Und wenn es Zeit ist und Du zurückkehren darfst, so wirst Du in dieser Felsenspalte Nachricht finden.« »Wo aber, mein lieber Gallo, wo soll ich die Nachricht finden, wenn bis dahin die Felsen verwittert sein werden?« So fragte Wahnfred. »So hart mußt Du Dir’s nicht legen,« antwortete der Feuerwart, »bis die Wiesen grün werden, verhoffe ich, Dich hier unten wieder zu sehen.« »Mann! Hier hast Du ein Wort gesagt, das Du selber nicht glaubst. Nimm es zurück. Du weißt es, Ihr Alle wißt es, was mit mir ist. Die Wiesen werden siebenmal grünen und siebenmal welken, und die Nachricht wird sich in dieser Spalte nicht finde. – Der Wahnfred ist todt und er wird nimmer lebendig. Ihr habt ihn umgebracht.« »Ich kann mir’s wohl denken, wie Dir jetzt sein muß und verzeihe Dir das Wort. Nur das sollst Du nicht vergessen: was Dich getroffen hat, das hätte jeden Anderen von uns treffen können. Wohl, ich bin der Zuversicht, daß – wäre auf mich das Los gefallen – auch Du mich verborgen und gehütet hättest in Deinem Hause, daß Du mich begleitet hättest zur nächtlichen Weil’, und mir Lebensbedarf getragen. – Du könntest nicht anders hier stehen, und nicht anders reden, als wie ich.« »Klage ich denn?! Gleichwohl Ihr sagt, so oft ich es nur hören mag: Was ich gethan, das läge auf Eurem Gewissen – mag sein, aber leiden muß ich es. Mein Gewissen wird nicht geringer, und wenn Ihr zehnmal mitgemordet habt. Ich weiß es, mit mir und meinem Gott habe ich allein fertig zu werden; und ich werde es, ohne daß ich Einen von Euch noch einmal brauche.« »Wahnfred, so bitter gehst Du von mir?« »Zum Henker hat mich das Los gemacht; aber zum Knecht und Wicht habt Ihr mich gemacht.« »Ich möchte Wissen, wie Du das meinst.« »Habe ich Euch gebeten, daß Ich mich im Rübenkeller gefangen halten solltet? Habe ich euch gebeten, daß Ihr mich in die Wildniß stoßen möchtet? Aber weil Ihr gefürchtet habt, ich könnte selbst zum Gericht gehen wollen und mich anzeigen und Euch verrathen, so habt Ihr mich eingesperrt wie einen Roßdieb und schafft mich jetzt bei Nachtzeit über die Grenze, als wie wenn ich in Trawies mein Lebtag nicht daheim gewesen wäre. Wißt Ihr’s denn so sicher, Ihr weisen Männer zu Trawies, daß mir mein elendes Leben da oben in den Einöden lieber ist, als der Büßertod? Dann wißt Ihr mehr von mir, als ich selber; ich weiß es nicht, ob ich dem Hochgerichte lange ausweichen werde.« »Und uns Alle zugrunde richten!« Rief der alte Mann in großer Erregung. »Ha, wie Ihr zittert um Eure Haut!« lachte der Wahnfred – wie hohl sein Lachen klang! »Was hilft es aber, wenn ich Euch mit mir reiße? Dann fallen leicht an die vierzig Köpfe in Trawies, und ich glaube, der Eine ist mit Einem vollauf bezahlt?« »O Gott, Wahnfred, bedenke, sie werden sich nicht begnügen, Dich mit einem Streiche zu tödten, sie werden Dich zu Tode foltern, bis sie Deinen letzten Tropfen Blut und Dein Sterbenswort haben!« »So komme, Feuerwort,« sagte der Schreiner, und suchte den Mann gegen den Ausgang zu zerren, »komme, und stürze mich in die Trach hinab. Dann bist aller Sorgen ledig.« »Du bist von Sinnen! Wahnfred! Im Namen Deines Weibes, im Namen Deines Knaben beschwöre ich Dich, fliehe und erhalte Dich!« »Mein Weib! Mein Kind!« So schrie der Schreiner auf, schlug die beiden Hände an seine Stirne und stöhnte laut, bis ihm die Thränen über die Wangen rannen. Das Feuer war in sich zusammengebrochen. Die Kohlen knisterten noch und wandten sich wie glühende Schlänglein. Der Gallo Weißbucher stand da und rang nach Worten, daß er den Unglücklichen tröste und versöhne. Zutiefst fühlte er es, wie er, wie Trawies diesem Manne in Schulden war. Zwei Verbrechen sammeln sich wucht- und wehevoll auf der Gemeinde Haupt – der Todte dort, der Untergehende hier ... Nach einer Weile war Wahnfred ruhig und gefaßt. »Gut, gut, ich will leben.« sagte er, »so schwere Schuld sühnt nicht der Tod, nur das Leben ... Geh’ heim Feuerwart, und Eines: vergessen laß mich sein. Sage es den Anderen: Ich verschreib’ Euch keine Schuld, aber vergessen laßt mich sein! – Weg von mir, Du fremder Mann, hinweg!« Mit den Händen abwehrend, sprang er aus der Höhle – und der Feuerwart hat ihn nicht mehr gesehen. Suchend ging der Gallo hin und her. Nichts vernahm er, als das brausen der Trach, und über der Waldschlucht her schimmerten im Mondlichte die Felsen des Trasank. Eine Bangnis auf der Seele, die er bisher nicht gekannt hatte, wanderte der betagte Mann die unwirthlichen Wege seinem Hause zu. Müde und gebrochen kam er heim sich sehnend nach dem Ruhebette. Das jedoch sollte ihm heute nicht gegönnt sein. Schon in der Ferne vernahm er von seinem Hofe her Lärm und Lichter in den Fenstern. Auch draußen im Dörfchen waren die Leute auf und es war eine ganz seltsame Unruhe im Thal. Pferdegewieher und Waffengeklirre erscholl, wie sonst noch nie zwischen diesen Wäldern. An der Wegen flimmerten Laternen hin und her. Das Haus des Feuerwart war besetzt von Landsknechten. Andere durchsuchten die Wohnung und das Gehöfte und verlangten von der Hausfrau und von dem Gesinde den Gallo Weißbucher. – Er ist nirgends zu finden, er ist geflohen, er ist mitschuldig. Zum Glücke kam er und fragte strenge, was man von ihm begehre? Die Gegenfrage war, wo er sich in der Nacht herumzutreiben hätte? Er antwortete, darüber sei er keine Rechenschaft schuldig, und wenn es aus sei, um als Vormann der Gemeinde in den Häusern von Trawies nach dem Mörder zu fahnden, so sollten sie ihm wohl eher dankbar sein, als auf so grobe Art zu begegnen. Die Waldgemeinde Trawies sein noch ein Ort, wo ergraute Männer respectirt zu werden pflegten. Darüber zu verhandeln sei jetzt keine Zeit. Der Gallo Weißbucher müsse mit nach dem Gestade. Dort habe sich der muthmaßliche Verbrecher mitsammt seinem eigenen Hause verbrannt. Ja, so hieß es allerseits, der Schreiner Wahnfred sei verkohlt bis auf die Knochen aus dem Schutte gezogen worden. Aber es waren so viele Herren aus Neubruck und Oberkloster und selbst von weiteren Orten und Städten da. Die Untersuchung ergab, daß die kleinen vertrockneten Knochen mit den zahnlosen Kiefern nicht die des großen, jugendlichen Mannes sein konnten. »Dieses Opfer umsonst!« Flüsterte der Bart vom Tärn dem Feuerwart zu. Nun wurde nach dem Schreiner begehrt und seiner Familie. »Wo sollen wir die Leute finden?« Sagte der Firnerhans. »Wenn mir die Hütte niederbrennt, ich besinne mich nicht lange heutzutag’, was in Trawies zu machen ist: ich schneide mir einen Hagebuchenen und wandere aus. Viel anders wird’s auch der Schreiner nicht gemacht haben. Suchet draußen auf der Landstraßen unter dem Bettelvolk, auf gut Glück vielleicht in einer Zimmer- oder Schreinerwerkstatt zu Neubruck – was weiß ich!« Da saß auf schwarzem Hengste ein finsterer, bärtiger Reitersmann. Der griff mit der linken Hand ans Schwert, die rechte ballte er zur Faust und knirschte gegen die Männer von Trawies: »Bei den Himmlischen und bei den Höllischen! Daß binnen vierundzwanzig Stunden der Mörder mein ist, das bürgen mir Eure Köpfe!« »Seit Menschengedenken hat es im Thale der Trach noch nicht so viele Raben gegeben, als in diesem Winter.« »Wie kann es anders sein, seit man zu Trawies die Todten nicht begräbt!« »Was wird das für ein Christfest werden? Trawies ist belagert wie ein Räubernest, das sich nicht überliefern will. Heute steht unter jedem Baum ein Scherge.« »Und morgen hängt auf jedem Baum ein Bauer!« So sprachen die Leute, die des Weges kamen. Darunter einige der ältesten Männer, die vorgerufen waren, »bei Vermeidung der Einbuße von Hab und Gut im Pfarrhofe zu erscheinen«. »Wenn ich vom Pfarrhof höre, steigt mir schon allemal der Graus auf,« brummte Uli der Köhler. »Das hätten wir ganz anders machen sollen,« meinte der Firnerhans, »aber sein Lebtag: die gescheiten Gedanken und die krummen Ross’ hinken hinten drein. Wir hätten es mit dem Pfarrhof machen sollen, wie draußen mit dem Schreinerhaus. Der Herr wäre dabei ums Leben gekommen. Ein Unglück. Wer kann dafür!« Ein paar Landsknechte mit ausgestreckten Messern traten dazwischen und bedeuteten den Männer, daß sie sich zu zerstreuen hätten. »Und ich weiß es,« sagte der Köhler, »daß wir in den Pfarrhof berufen sind zur Versammlung.« »Auf der Straße ist das Zusammenrotten nicht gestattet! Auseinander!« Der Firnerhans erhielt einen Stoß mit dem Gewehrkolben, da sprang er mit einem wilden Fluche auf die Häscher los; es entspann sich ein Gebalge zwischen den Bauern und den Soldaten und als sie auseinandergestoben, lag der Hans hingestreckt auf dem blutigen Schnee; er raffte sich erst allmählich wieder auf und schleppte sich in das Wirthshaus und befeuerte die Leute zum Kampfe gegen die Tyrannen. Die Übrigen wurden in den Pfarrhof getrieben, in die große Stube gethan und vielfach bewacht, bis die Herren erschienen. Die Herren des Gerichtes mit schwarzen Mänteln über der Amtsuniform und den Waffen. Auch Priester waren darunter, und diese schienen den Vorsitz zu führen. Die meißten waren blaß und sahen finster drein, und ihre langen Bärte zuckten bei jeder Bewegung ihres Mundes. Einer war so feist und die Miene seines Angesichtes derart verfettet, daß nicht zu unterscheiden war, ob dieselbe strenge sein oder lächeln wollte. Indeß schien die Gluth seiner breiten Wangen und seiner mit schwarzem Käppchen bedeckten Stirne nicht Zornesröthe zu sein, sondern eher dankbar von dem Genusse der flüssigen Gabe Gottes herzurühren. Wie bei den Frommen nichts ohne Zweck ist, selbst das Schmerbäuchlein nicht, so diente dieses hier als Kissen für ein goldenes Kreuz, das an einer goldenen Kette von den Schultern niederhing. Denn der wohlbeleibte Herr war der Prälat von Oberkloster. Er saß hinter dem grünen Tisch auf massivem Lehnsessel. Ihm zur Seite stand ein schlanker jugendlicher Priester ohne Bart und mit kurzgeschnittenem Haar. Seine tiefliegenden Augen waren grau wie ein Nebeltag, in welchem man nicht sehen kann, ob die Sonne im Auf- oder Untergehen ist. Um die Winkel seines Mundes spielten sich die Ringe, die wie ein erzwungenes Lächeln ließen. Diesem Herrn nannten sie den Pater Dominicus. Er saß nicht auf seinem Stuhle, in seinen Bewegungen zuckte die Ungeduld. Auf dem Tische stand ein Christuskreuz und lagen Papiere. Als nun die Männer versammelt und die Thüren besetzt waren, murmelte der Pater Dominicus die Worte: »Im Namen des dreieinigen Gottes!« Hierauf nahm eine der Gerichtspersonen die Protokolle und begann zu lesen. Sie las eine Stunde und länger, und die Männern von Trawies zuckten dabei häufig die Augenbrauen und die Fäuste. Als die Schrift zu Ende war und der Vorleser noch einen eiskalten Blick auf die Bauern geworfen hatte, nahm der weißbärtige Oberrichter von Neubruck das Wort und sagte: »Ihr habt es gehört!« Alles lautlos. »Ihr habt es gehört, Männer zu Trawies, daß Ihr schuldig seid an dem Tode Eures Seelenhirten. Gottes Stimme hat gesprochen. Das Volk von Trawies ist verhört, jede Aussage streng geprüft worden und es hat sich das erwiesen, was Herr Franciscus, der gottlos Erschlagene, uns so wiederholt mitgetheilt hat und dem wir leider nicht vollsten Glauben schenken wollten, weil wir an den Gehorsam unserer Bauern seit jeher gewöhnt sind. Nun ist es sonnenklar, Ihr seid Rebellen. Ihr habt die Verordnungen Eures Herrn mißachtet, ihm den Gehorsam verweigert in geistlichen und weltlichen Dingen. Ihr habt vielerlei Anstalten getroffen, Euren von hoher Obrigkeit Euch zunächst bestimmten Vorgesetzten zu entfernen und, da dieses nicht gelingen wollte, auf Mittel gesonnen, ihn auf andere Weise aus dem Wege zu schaffen. Heute kann es keiner mehr leugnen, daß der Mörder unter Euch ist, daß Ihr ihm Vorschub geleistet habt bei seiner That, daß Ihr ihn verborgen haltet. Da die Hausuntersuchungen fruchtlos waren, so ist anzunehmen, daß der Mann frei unter Euch steht.« Nun erhob der Oberrichter seine Stimme: »Ihr Ältesten der Gemeinde, Keiner von Euch kehrt in sein Haus zurück ebvor Ihr den Mörder genannt und ausgeliefert habt!« »Verrath!« Schrie eine Stimme aus den Angeklagten, »vom Gerichte selbst verrathen! Abgefangen wie herrenlose Hunde!« Die blinkenden Spieße der Landsknechte standen zur Thür herein. Der Richter stand bewegungslos. Als die Ruhe wieder hergestellt war, rief er: »Im der Gerechtigkeit des Himmles und der Erden! Ihr Männer, deren Haare grau geworden sind im Dienste Eurer Gemeinde, beschworen seid Ihr, Eure Heimat nicht selbst treulos zugrunde zu richten. Das Gericht hebt sein Schwert über ganz Trawies. Schützt Euch und Eure Mitgenossen – liefert den Mörder aus!« Nun drängte sich aus dem Knäuel der Männer der Älteste hervor, Gallo Weißbucher, genannt der Vormann und der Feuerwart. Auf seinen Stock gestützt – denn es bebten ihm die Knie – trat er hin vor die Herren und sprach: »Was bei uns geschehen ist, das – hohes Gericht – bist Du selber Schuld. Wir haben Dich gebeten, den Mann, der nicht für uns war, von uns zu nehmen. Du hast uns zu Hohn den Bescheid durch ihn selbst ertheilt. Wir zu Trawies sind freie Bauern gewesen seit altersher, und lieber, denn wir der Willkür Knechte sind, gehen wir zugrunde. Er hat uns getreten und verschmäht, er hat uns die alten Rechte an Wald und Weide verweigert, er hat unsere Ernten nicht geschont, er hat unsere altehrwürdigen Sitten verletzt. War’s aus Trotz aus Bequemlichkeit, aus Feindseligkeit: Manchem hat er das Sacrament vorenthalten und die Wegzehrung auf dem Todtenbette. Macht auf die Augen! An diesen Wänden steht seine Lebensgeschichte geschrieben: Hirschgeweihe, Hundspeitschen und Eberszähne, Schlagringe und beim Donner! Noch vollgespickte Weidtaschen. Wo sonst das Ciborium hing, baumelt jetzt der Hirschfänger. Wo sonst das Evangelium lag, findet Ihr die Spielkarten. Und Der war uns zum Vorbild gestellt! Mit diesem Menschen hätten wir leben und sterben sollen!! Gebt uns einen gerechten Herrn, gebt uns einen Priester, wir sind redliche Unterthanen und gute Christen. Laßt uns frei sein, und wir werden treu sein – aber das, was geschehen ist, bereuen wir nicht!« »Das Geständnis läge vor,« flüsterte der Pater Dominicus dem Schriftwart zu. Der Oberrichter sagte: »Ich fordere Euch zum letztenmale auf, liefert den Mörder aus!« Der Feuerwart stürzte zum Tisch, erfaßte das Crucifix und rief: »So wahr sie unseren Heiland, einen Unschuldigen, ans Kreuz geschlagen haben: wir liefern ihn nicht!« »Gib weg das Kreuz,« sprach der blasse Pater, sprang einen Schritt vor und wand dem Manne das Crucifix aus der Hand. »Bei diesem heiligen Bilde haben wir geschworen, den Tod unseres Mitbruders an Euch schwer zu büßen. Der Pöbel will übermüthig werden, da ist es hoch an der Zeit, ein Exempel aufzustellen, wie Empörung endet.« »Der Pfaff nimmt uns das Kreuz weg!« schrie ein knorriger Waldmensch. »Niederschlagen! Niederschlagen!« Einige stürzten trotz der Abwehr des Feuerwartes hin auf das Richtercollegium, warfen den Pater zu Boden und brachen in seiner Hand das Crucifix entzwei, ehe noch die Landsknechte zur Stelle waren. »Aus und vorbei ist’s!« Rief der Feuerwart händeringend, während die Kolben krachten, die Spieße schrillten und ein Schuß aufblitzte über den Köpfen der schreiend und polternd hin und her wogenden Menge. »Nieder, nieder mit Allem, was Bauer und Hund ist!« Rief es im bedrängten Richtercollegium. Und nun hob ein grausames Gemenge und Gemetzel an. Zu groß war das Gedränge, als daß die Söldner ihre Waffen frei gebrauchen konnten; die Bauern arbeiteten mit Fäusten und kurzen Schlagern erfolgreicher. Mancher Wehrmann röchelte durch seinen mit knochigen Fingern zugeklemmten Hals, mancher der Häscher stöhnte auf dem Fußboden unter dem Knie eines wüthenden Trawiesers. Als die Bauern inne geworden, daß für sie nichts mehr zu verlieren war, ließen sie ihrer Wuth freien Lauf und drängten immer stürmischer gegen die Richter ein, die nur mit Noth von den Söldnern beschützt werden konnten. In denselben Augenblicken brach auch draußen ein wildes Lärmen los, und zu den Fenstern flogen Steine herein. »Schließt die Thore ab!« Hörte man den Oberrichter noch schreien, während das sich draußen versammelnde Volk laut und lauter nach Einlaß verlangte. Der Feuerwart beschwor seine Mitgenossen im Zimmer, beschwor durch das Fenster die aufgeregten Rotten vor dem Hause um Mäßigung. Schier umsonst. Auf den Fußdielen floß das Blut, der grüne Tisch war umgestürzt, die Schriften wurden von krampfhaften Händen zerfetzt, die Stücke flatterten in der Luft. Pater Dominicus, der anfangs zumeist Bedrohte, hatte sich mit Hilfe zweier Söldner wieder freizumachen gewußt; nun war er auf einen Wandkasten geklettert, wo er den Erzengel Michael anrief gegen diese höllische Meute. Selbst der Prälat war behender geworden, als man hätte vermuthen können, er verschanzte sich in einer dunklen Ecke hinter einem Betpult und sein Angesicht war in Schreck und Angst gar ausdrucksvoll geworden. Der weißbärtige Oberrichter von Neubruck blieb unter Allen der Ruhigste. Da er sah, daß die Bauern endlich unterlegen waren, so warnte er die Soldaten, ohne besondere Noth von ihren Waffen Gebrauch zu machen. »Diese da!« Rief er, »dürfen mir nicht gemordet, sie müssen gerichtet werden!« »Morgen, Ihr Waldhunde, liegt Ihr ausgestreckt auf den Folterbänken; da werden wir noch gütig miteinander reden.« So der vom Schreck sich wieder erholende Schriftwart. Da erscholl der Ruf: »Feuer!« »Der Pfarrhof brennt! In die Holzkammer haben sie Feuer geworfen!« Als die Thüre aufflog, drang schon der Rauch herein und an das Ohr schlug das Geprassel der brennenden Sparren. »Keiner hinaus, bevor die Rebellen gefesselt sind!« befahl der Richter. Da begann das Ringen von neuem, und zwischen Rauch und Flammen haben die Ältesten von Trawies ihren Rest von Freiheit verloren. Die Arme an den Rücken gebunden, so wurden sie dir brennende Treppe herabgezerrt und ihnen folgte, als der Letzte aus diesem Hause – auf der Bahre von Söldnern getragen – der Leichnam des Erschlagenen. Rings um das brennende Haus johlte die Menge, Männer, Burschen und Jungen der Umgebung, auch zeternde Weiber darunter, auch Gesindel, das überlaut von Befreiung schrie und insgeheim nach Beute spähte. Plötzlich knallten Schüsse. Eine Dirne stürzte zu Boden mitten in der Rotte, und als die Anderen sahen, daß vom Gebäude her, und dort vom Thale herauf, und dort vom Walde herüber Häscher mit gezückten Waffen gesprungen kamen, da wollten sie sich davon machen. Aber sie waren umrungen, bereits eingeschlossen, der niederwirbelnde Rauch raubte den Blick nach etwaigen Auswegen, da war ein Geschrei und ein Gewinsel, und alles floh der Kirche zu, um sich in ihren Mauern zu verbergen. »Wohlan,« sagte der Oberrichter, »diese Mauern sind fest. Führt mir auch die Gefesselten hinein und verschließt das Thor.« So geschah es. Und als der Abend dämmerte, war ein wunderlich Volk versammelt im Gotteshause zu Trawies. Es schrie, es fluchte, es drohte. Es rief die Bilder der Heiligen an gegen die auf sie hereinbrechende Gewalt. Einer erfaßte den Strick und läutete Sturm. Ein Anderer sprang auf den Blasebalg, sprang auf die Orgel, daß sie in schrillem Tone aufschrie. und zu den Fenstern leuchtete der Brand des Pfarrhofes herein. Der Feuerwart stand am Tische der Communion und starrte auf den großen dunklen Flecken des Steinpflasters. Solche Frucht trägt diese Saat. Er ahnte nicht, daß all das erst der Anfang war, der Anfang von Geschehnissen, an denen Trawies sterben und verderben sollte ....     Die verhängnisvolle Nacht brach an. Unter der Linde, die am Friedhof stand, beriethen die Herren aus Neubruck und Oberkloster und von weiter her, was nun zu thun sei. Der Vorschlag, den hohlen Todtenschädel des Erschlagenen von der Gemeinde dreimal mit Gold füllen zu lassen, wurde nicht angenommen. Mit Geld sich in den Frieden einkaufen, das kann den Leuten zu Trawies nicht gewährt werden. Einer war dabei, der stand auf eines Menschen Grab und hatte eines Teufels Traum. Der sann nach, wie es wäre, wenn jetzt vom brennenden Hause ein Funken hinüberflöge auf die Schindeln des Kirchendaches. Die Anderen waren darüber Eins, daß die Kirche und das weltliche Gericht über diese Frevler, Empörer und Hochverräther die strengsten Strafen verhängen müsse. Hierauf bestimmten sie den Plan; er wurde nicht hier neu erfunden, er wurde nach dem, was anderwärtig geschehen war, wo Frevel und Verbrechen von Einzelnen oder von Verbindungen begangen worden, aufgestellt. Zu jener Zeit hatte die Obrigkeit ihre Vollmacht nicht von Menschen – so war sie oft auch nicht menschlich; in jenen Tagen behaupteten die Herrscher, ihre Vollmacht von Gott übernommen zu haben, und übten sie demnach mit einer Herzlosigkeit, die eines puren Geistes würdig gewesen. Als die Nacht hereingebrochen war, drangen Söldner in die Kirche, befreiten die Gefesselten von ihren Banden, nahmen Jedem die Waffe ab, die er etwa mit sich führen mochte, und stellten sich dann an beiden Seiten das Altars auf, als gelte es ein Meßopfer in Parade, das zu später Stunde noch gehalten werden sollte. Zwei Lichter wurden angezündet am Altar. Dann ging die Thüre der Sacristei auf und hereinschwankte, von vier Männern getragen, der Leichnam des Priesters. Auf den Stufen, dort, wo er vor Tagen vom Beile getroffen zu Boden gestürzt war, wurde er niedergelassen. Hierauf kam in seinem langen, schwarzen Kleide der Pater Dominicus und brachte einen Kelch, den er zu Haupten des Todten stellte. Und endlich kamen die übrigen Richter und Herren und stellten sich an dem Altare auf. Die zusammengezwungene Menge war, als sie diese Anstalten gesehen, gar still geworden. »Was wird da werden?« So flüsterte Mancher der Gefangenen dem Nachbar zu. »Das ist das Gottesgericht!« Sagte Einer zum Anderen. »Das Gottesgericht. Sie suchen den Mörder. Jeder von uns wird hintreten müssen und den Todten berühren. Wenn der Mörder ihn anrührt, dann wird die Wunde bluten.« »Ein unterhaltsames Schauspiel. Und wenn der Mörder nicht da ist?« »So wird sie nicht bluten.« »Und wenn sie nicht blutet?« »So ist der Mörder nicht da. Das heißt man Gottesgericht.« »Wird uns nicht gefährlich.« Das Murmeln unterdrückte sich, denn der Oberrichter ergriff das Wort und sprach: »Ich bin ein alter Mann und – selbst ein sündiger Mensch – grau geworden im Richten, aber niemals ist mir ein Urtheil so hart angekommen, als heute. Ich verschließe mein Ohr vor meiner Zunge, denn diese spreche im Namen der Gerechtigkeit. – Nach dem, wie die Dinge sind, ist es dem Gerichte nicht darum zu thun, das Werkzeug des Verbrechens zu bestrafen – dieses würde die Tortur uns leicht vermitteln –, sondern den Verbrecher. Der Verbrecher aber ist hier das Volk von Trawies. Noch strenger aber müßte der Richterspruch lauten, hätten ihn nicht Menschen gemildert. – Männer von Trawies! Ihr werdet heute in langer Reihe das letztemal einen Umgang machen um den Altar Eurer alten Pfarrkirche. Und Jeder, sobald er an diesem Todten vorüberkommt, wird aus dem Kelche, der an seinem Haupte steht, ein mit Papier umhülltes Körnlein ziehen. Die Körner sind weiß und auf Gottes Felde gewachsen; aber zwölf liegen darunter, die sind schwarz. Wer eines von diesen Zwölfen hebt, der wird von heute in drei Tagen durch das Schwert zu seinem ewigen Richter gehen.« Jetzt schrillte ein Schrei aus der Menge auf und die Leute fuhren durcheinander, »als wie die Schafe im Stall, da der Dieb nach seinem Opfer hascht«, besagt die Handschrift, »sie sind aufgefahren und haben den himmlischen Herrn gerufen, gerüttelt haben sie an der Pforten, als wann die Festen sollten wanken, sie sind an die Wand gestoßen und haben ihre Köpfe vergraben in das Gemäuer und haben so grausamblich den höllischen Erbfeind angerufen, daß selbsten die Priesterschaft davor erbebet.« Nachdem das Toben soweit abgenommen, daß der Oberrichter mit Mühe wieder zu Worte kommen konnte, fuhr er fort: »Daß Ihr sehet, wie das Gericht der Barmherzigkeit Gottes eine lange Hand gelassen, so wisset, daß weit mehr Körner im Becher liegen, als Eurer Köpfe sind, und es – so Ihr trotz Allem der Schuld frei wäret – wohl möglich kann sein, daß sich Keiner die Verderbnis hebt.« Trat jetzt der Feuerwart vor. Seine gestalt war hoch aufgerichtet, die grauen Haare sträubten sich auf seinem Haupte, seine Hände waren ausgestreckt gegen die Herren. »Haltet ein!« Rief er und seine Stimme klang hohl vor Grauen, »haltet ein, Ihr Männer der Gerechtigkeit, mit solchem Spiel an diesem heiligen Orte! Das ist der Kelch für unseres Heilands rosenfarben Blut. Schüttet die Lose weg! Die Lose weg!« Er wollte zum Kelch springen, ein Landsknecht stieß ihn zurück. »Und wollt Ihr,« so fuhr er fort, »tödten hier, weil getödtet ist worden: Da, da, faßt den alten Mann, der Gemeinde Vordersten, und löscht mit seinem Blut, was zu löschen ist.« Mit gerungenen Händen stürzte er vor die Richter hin: »Ich bitt’ Euch im den Tod, aber das Volk laßt frei!« »Steht auf,« versetzte der Oberrichter kalt, »und mischt Euch nicht ins Gottesgericht, alter Mann. Ihr seid des Griffes in den Kelch enthoben. – Wohlan, der Gang beginne. Mit dem die Gnade ist, der mag frei durch das Thor der Sacristei nach Hause gehen.« Ein Wink gegen die Söldner, und das Treiben begann. Der Erzähler hätte vergebens nach Farben gesucht, um die Verzweiflung zu malen, von der er die Männer bei diesem Rundgange befallen zu sein wähnte, aber die Urkunde belehrt kurz und trocken: »Alsdann sie gesehen, es kunnt nit anders seyn, sind sie gegangen und hat Männiglich erwogen: Trifft es mich, so rait ich es für das Sterben ab.« Schwer und finster wie Einherier schritten sie um den Altar, nahten sich dem Todten und zogen ihre Lose. Mancher sprühte dabei wilde Augengluth auf den Erschlagenen; Mancher auch wendete sich schaudernd ab und fast graute ihm mehr vor dem todten Priester, als vor seinem todtbringenden Kelche; Mancher langte mit zitternder Hand in den Becher, Mancher mit keckem Griff, trotzig knirschend, als gelte es, das Geschick am Kragen zu packen. Dann wurde jeder vor die Richter geleitet, seine kleine Beute ihm aus der Hand genommen und enthüllt. War das Körnchen weiß, so schienen die Richter selbst aufzuathmen und der Glückliche wurde durch das Pförtchen ins Freie gelassen. In der stillen, weiten Sternennacht, wie jauchzte er auf, wie sprang er hin in jugendlicher Leichtfüßigkeit – und war es gleich ein altersgebeugter Mann – wie schwur er, von nun an die Kirche von Trawies auf Stundenweite zu meiden und im grünen Walde unter dem lichten Himmel Gottes seine Andacht zu verrichten! Die wenigen Weiber, die mitgefangen waren, entschlüpften ungefährdet; doch schlugen sie die Hände zusammen über diesen seltsamen Gottesdienst und über den in Asche glühenden Pfarrhof und liefen Gebete murmelnd, davon. Der Wegmann von der unteren Trach war der Erste, der in des Richters Hand ein schwarzes Korn legte. Als er es sah, prallte er zurück, als hätte ihm Einer einen Schlag auf die Stirne versetzt. Dann aber stand er fest, blaß und regungslos wie ein aufrechtragender Leichnam. Nach ihm kam eine Reihe von Kindern des Lichtes, die, vor Freuden ächzend, hinaustraten in die Sternennacht. Einer war wohl dabei, der schritt so ernst und finster der Freiheit zu, als ginge er in den Tod. Warum er nicht Gott Lob sage? Wurde er draußen vom Nachbar gefragt. »Wofür?« Murmelte er. »O Freund, wie es jetzt sein wird, der Tod wäre uns besser, als wie das Leben!« Der zweite Todgeweihte war ein Holzer aus dem Tärn. Er stieß ein gellendes Lachen aus. Nach ihm kam rasch der Dritte, ein alter Knecht aus dem Sandhockhause, ein leidenschaftlicher Kugelschieber und Kartenspieler. »Das habe ich gewußt,« rief er ärgerlich aus, »wenn’s was gilt, verspiel’ ich allemal.« Die Nächsten waren zwei Bauern vom Johannesberge. Sie verzogen zum bösen Spiele keine Miene. Nach einer weiteren Reihe von »Weißen« kam mit einem schwarzen Korn der blutbefleckte Firnerhans. »Mir scheint, vom Johannesberg gehen sie Alle!« bemerkte einer der Rückwärtigen aus dem Trasankthale. Gleich darauf zog er selbst das Schwarze, so daß ihm der Firnerhans zurief: »Mir scheint, es gegen auch die Trasankthaler.« Nun kam der Rockenpaul-Knecht, der schon einmal wunderbar gerettete Simon, welcher sich heute auch unseligerweise in die Nähe der Kirche gewagt hatte. Er zögerte lange in den Kelch zu greifen; endlich that er’s und langte tief bis auf den Grund. Ohne vor die Richter zu treten, enthüllte er rasch, als wenn er von einer Nuß die Schale lösete, sein Korn und hob es empor. Es war schwarz. »Ja, meine liebe Han!« Seufzte er auf und stellte sich in die Nische zu den von Schergen umringten Toderkorenen. Nach ihm wieder ein langer Zug in die Nacht hinaus, in den freien Wald. Wie blickte ihm der Simon so betrübt nach! »Ihr geht hin, und Ihr schießet die Rehlein im Wald und habt Eure Freuden. Kunnt ich mit Euch gehen, jetzt wüßte ich aufs neu’ was das Leben schön ist!« Noch kamen zu den Todten Leute von der hinteren Trach und darauf ein Hausirer, ein Schwefelmann, der nur nach Trawies gekommen war, um den Leuten Feuerzeug, Rattengift und dergleichen zu vermitteln, Katzen zu erwürgen und deren Bälge mit sich zu nehmen. Wie warf er sich hin vor die Richter und jammerte und erinnerte, daß er unschuldig sei und nicht zu den gottlosen Trawiesern gehöre, daß er täglich seinen Psalter bete, oft wochenlang faste, weil er sich der freiwilligen Armuth begeben habe, daß er den frommen Herren zu Oberkloster das Zündzeug liefere für ihr geweihtes Feuer in Kirche und Küche, daß er ihnen stets das Harz zugetragen habe zum Bepichen der Fässer ihrer Keller, und daß er demnächst selbst in den Orden zu treten gedenke. Es nutzte nichts. Die Herren beriefen sich kalt auf das Gottesgericht, und der Ewige würde wissen, warum er ihn hinwegnehme. Das Männlein wälzte sich auf dem Boden und wand sich im Krampfe, bis es ohnmächtig im Winkel liegen blieb. Nach diesem kam Einer, bei dem Manche sich eines Auflachens kaum enthalten konnten. Andere sagten: »O mein! Auch der!« Es war der Halbcretin aus dem Hause des Firnerhans, der »dreiköpfig’ Osel«. Er starrte zuerst eine Weile auf den Todten, hockte sich dann hin vor den Kelch und begann mit den Körnern zu spielen. Endlich hob er ein Stückchen, betrachtete es und hielt es den Richtern hin. Das Korn war schwarz, der Osel lächelte, begehrte es als sein Eigenthum zurück, steckte es in die Tasche und stellte sich mit sichtlichem Selbstgefallen zu den Todtgeweihten. Die Richter blickten sich fragend an. – Sind nicht selig die Armen im Geiste? Ist ein solches Wesen der Sünde fähig? Mit nichten. Als die Letzten der Freien durch das Pförtchen huschten, verlangte es auch den dreiköpfigen Osel hinaus. Und man wehrte es ihm nicht. Es war die Kirche nun leer geworden. Im Kelche lagen nur noch wenige der Körner, kein Schwarzes mehr darunter. Dir Richter traten ab. Die elf Männer, die sich den Tod gezogen hatten, wurden in das Häuschen des Küsters gebracht und dies mit Wachen besetzt. Aus den Trümmern des Pfarrhofes stieg trüb und träge der Rauch auf und verschleierte die Sterne des Himmels. – So lagen sie nun auf dem Stroh, der Eine tief vergraben unter dem Schaube, der Andere zusammengekauert im Winkel, der Dritte ausgestreckt auf dem Bauche, der Nächste auf dem Rücken, die Arme als Kissen unter dem Haupte, die Beine weit hingeworfen. Mancher that, als gebe es keine Sorge auf der Welt. So lagen sie seit vielen Stunden. Wie sie die Nacht über in ihrem neuen Quartier geschlafen haben, sind sie nicht befragt worden. Sie lagen in den Tag hinein »wie die Grafen und Freiherren«. »Auf was wir nur warten?« Fragte Einer. »Aufs Köpfen,« antwortete sein Nachbar. An Thüren und Fenstern standen die Landsknechte, und ihre Spieße funkelten in der Morgensonne herein durch die Scheiben. Etliche waren freilich unter den Gefangenen, welche die ganze Nacht gejammert hatten und jetzt erschöpft und im Halbschlummer dalagen. Die Anderen waren leidlich bei Humor. »Alleweil,« so bemerkte jetzt der Holzer aus dem Tärn, derselbe, der bei der Losung das gellende Lachen ausgestoßen hatte, »alleweil hat mein Vater gesagt, das Tabakrauchen thäte nicht gesund sein. ‘s ist richtig, mich hat das Teufelskraut umgebracht.« »Lebst ja noch, Pistel.« »Lieg so gut in den letzten Zügen als wie Du. Das ganze Jahr komme ich nicht in die Trawieser Kirchen, seit im Tärn das Wirthshaus ist. Wie es aber nun den närrischen Schnee macht, daß die alten Weiber nicht in die Mess’ mögen, geht mir der Tabak aus, und so ist’s, daß ich mich selber auf den Weg mach’ ins Trawies. Kleber daß ich den Tabaksbeutel voll und den Geldbeutel leer hab’, geht vor dem Pfarrhof das Spectakel an. Kehr’ die Hand um, hat mich der Teufel schon dabei, und ich bin hin. Desweg sag ich: Nur das Rauchen nicht angewöhnen!« »Wenn ich nur so gescheit wär gewesen,« meinte er alte Knecht des Sandhock, »daß ich gleich ein paar Bohnen hätt herausgenommen, wär’ doch sicher eine Weiße dabeigewest – und die schwarze geschwind weggeworfen. Wenn ich nur so gescheit wär’ gewest!« »Eh’ wahr. Allgenug hast falsch gekartelt Dein Lebtag lang, und beim letzten, wo es Deinen Kopf gilt, hast eine Ehrlichkeit, daß es eine Schand’ ist.« »Ei, ei,ei!« seufzte der Knecht. »Mir schwant,« sagte der Wegmann von der unteren Trach, »es ist ihnen nicht Ernst.« »Gelt ja!« fuhr ein Anderer vom Stroh empor, »sie wollen uns nur ein Stückel Angst einjagen, nachher lassen sie uns wieder aus.« »Kunnt’s ja nimmer glauben, daß uns das Gericht wie eine Mörderbande wollt’ umbringen, wo von uns ein Jeder wegen des Pfarrherrn so unschuldig ist, als wie das Lamm Gottes im Himmel.« »Freund,« sagte der Firnerhans, »bilde Dir nichts ein. Mußt es ja noch wissen, wie vor etlich Jahren der Postbote von Siebenbaum auf der Straßen ermordet und beraubt ist gefunden worden. Alle Wandersleute sind eingefangen worden auf der selbigen Straßen, und weil den Mord Keiner hat eingestehen wollen, so sind von ihnen drei Köpf’ herausgelost und abgehackt worden.« »Wisset Ihr auch von dieser Geschichte?« Fragte jetzt in wimmernden Tone der Schwefelmann. »Man muß nur die Satzungen kenne,« fuhr der Firnerhans fort. »Das beste ist, daß zu einer Zeit, welche die Vehm- und Gottesgerichte nicht vergessen hat – die noch dann und wann gern ein Hexlein verbrennt, wie wir das dürre Unkraut auf unserem Rübenfeld – daß wir zu solch erfreulicher Zeit nicht die einzigen Unschuldigen sind, die fort müssen. Wir haben nicht eingesehen, wie gut es zu leben war zwischen dem Tärn und dem Trasank; jetzt ist die Welt mit ihren Herrlichkeiten zu uns hereingekommen. Leute, die wir da zusammengesperrt sind wie die feisten Hammel vor dem Schlachten: Das Plärren und Grunzen hilf gar nichts. Das Beste, wir treten ab als wie Männer, und spucken voreh der Welt noch Eins ins Gesicht!« Die Meisten schwiegen, Einige grollten. »Nicht daß es mir um meinen Kopf leid thäte,« simulirte des Rocken-Paul’s Knecht, der Simon, »aber um meine Han thut’s mir leid.« – Ein armseliges Schreibzeug verschaffte er sich im Küsterhause und schrieb folgenden Brief: »Herzallerliebste Han Es ist gar zum Lachen, gelt, wie sie mich doch noch d’rankriegt haben! Der Kuh wegen geht’s her, die ich bei der Wirthin im Stall hab’ stehen. Sie schickt mir Post, das Kalb wär’ da und ich sollt’s anschauen gehen. Die Arbeit ist nicht g’nöthig, izt im Advent, so bin ich her. ‘s ist ein ganz proper Stierlein und semmelfarb, eigen zum Spennen. Brennt Dir auf einmal der Pfarrhof und ich lauf’ löschen. Dieweilen jagen sie uns schon in die Kirchen und suchen sich unser Zwölf aus zum Köpfen. Heut’ steht er mir noch fest auf den Achseln, und daß ich Dir schreib’, herzliebste Dirn, Du bist mein letzter Gedanken. Die Kuh mit dem Kalb ist Dein. Röhren kannst um mich, wie Du willst, aber es hilft nichts. Daß ich unschuldig bin, weiß Kein’s besser, als wie Du, aber was kannst machen, wenn Einen die Herren einmal im Kotter haben. Wenn im Himmel die Geköpften wieder einen aufkriegen, so kommen wir leicht zusammen und heiraten. Dein liebender Simon Hanefer. Wann es losgeht, weiß ich itz nit zu sagen, bleib daheim und scher’ Dich nit d’rum. Die neumelke Kuh will die Wirthin noch bis Petri Stuhlfeier haben. Laß ihr’s.« Der Erzähler weiß es: Das heutige Geschlecht will es nicht glauben, daß damals ein junger kerngesunder Bauernbursche so munter aus dem Leben sprang. Das heutige Geschlecht verlästert die Welt mit jedem Athemzuge und klammert sich mit allen Fasern angstvoll an dieselbe oder stürzt sich in Verzweiflung unter ihre rollenden Räder. Dem Simon fällt das Eine nicht und das Andere nicht ein. Kann es sein: lustig leben, und muß es sein: lustig sterben! Das ist seine Art. Viel zu philosophiren hat er nicht gelernt. Der Simon war mit seinem brieflein kaum fertig, als, von Soldaten begleitet, ein Priester zur Thür hereintrat. Er hatte die letzte Wegzehrung bei sich, und als sie den Kelch sahen, rief ihm der Firnerhans entgegen: »Geh’, Pfaff, geh’! Deinen Kelch kennen wir!« Der Priester sprach in milden, gütigen Worten, sprach von der Freude, die im Himmel über einen reumüthigen Sünder sei, »Wenn ich Eins bereue, so ist es, daß ich Dir nicht schon gestern die Gurgel verklemmt hab’!« schrie Einer und wollte, auf den Geistlichen zustürzend, heute sein Vorhaben ausführen. Die Söldner schleuderten ihn zurück, daß er ächzend an die Wand fiel. Die zwei Bauern vom Johannesberge knieten nieder, sagten, daß obgleich ihr Gott ihnen untreu geworden wäre, sie ihm treu bleiben wollten, und baten um die Absolution. Dann kroch der Schwefelmann hin gegen den Priester und bat diesen, bei den Herren vom Gericht etwas ausrichten. »Ich laß fragen, das Gottesgericht wäre nichts nutz und würde heut’ gerade so die Unschuldigen hinrichten, wie dazumal des Postboten von Siebenbrunn wegen. Unter den Enthaupteten sind allerlei Leute gewesen, aber der Mörder nicht. Wenn das hohe Gericht wissen will, wer den Postboten umgebracht hat, so soll es mich fragen.« »Das wird’s bleiben lassen,« lachte der Firnerhans. »Ihr seid erbarmungswürdige Menschen,« sprach nun der Priester, »Ihr frevelt gegen die Gnade des Himmels, die Euch auserwählt hat, genug zu thun. Wenn der eingeborene Sohn Gottes es nicht verschmäht, unschuldig für die Welt zu sterben, wie sollt Ihr Sünder dagegen murren?« »Du heiliger Mann,« sagte der Firnerhans, »Du bist ja der Stellvertreter des Sohnes Gottes, komm und tausch’ mit mir; wenn der Pfaff’ stirbt, thut er mehr für die Welt, als der Bauer, wenn er stirbt.« Jetzt nahm der Holzer vom Tärn das Wort: »Das ist ein närrisches Streiten. Jeder stirbt für sich selber und nachher soll er’s Maul halten.« Auf dem Kirchthurm klangen die Glocken. »Hört Ihr,« sagte der Geistliche, »laßt fahren Euren Groll, sinkt auf die Knie und betet. Die Glocken gehen Euch an.« Mancher erblaßte. »Euch Blutzeugen begleiten sie noch mit christlichem Klange aus dieser Welt. Dann werden sie nicht mehr klingen zu Trawies. Wisset, die heilige Kirche hat über diese Gemeinde das Inderdict gelegt und von der Stunde Eures letzten Athemzuges an ist Trawies geächtet und verbannt.«     Es kann wohl nicht versucht werden, den Schreck zu beschreiben, der durch die Wälder zitterte. Das Gehaben der Todtgeweihten Männer war zu betrachten; aber vor der wilden Verzweiflung der Weiber, Schwestern, Brüder und Kinder könnte die Feder nicht Stand halten. Man hörte das Jammergeschrei von Haus zu Haus. Plötzlich verstummte es, wie in unheilschwangerer Luft die Wettergüsse oft plötzlich versiegen. Sie fragten sich immer und immer wieder, ob es denn auch wahr sei, wahr sein könne. Und als es immer und immer wieder bestätigt wurde, hub das Klagegeschrei von neuem an. Hineilten sie zu den Mauern von Trawies mit Bitten und Beten; nur einmal noch sehen wollten sie die Verurtheilten; sie wurden zurückgestoßen. Mit scharfem Hausgeräth bewaffnet stürzten sie herbei, die Männer zu befreien, da knallten die Gewehre. Die Unglücklichen, die nicht wußten, was Landsknechtmacht bedeutet! Niedergeworfen wurden sie, bis sie in Ohnmacht an die ganze wilde Gewalt glaubten, die unerbittlich auf Trawies wuchtete. Und als die Hände lahm waren vor Bitten und Selbstwehr, und die Kehlen heiser, und die Augen versiegt, da versanken sie betäubt in stilles Brüten und regten sich nicht mehr. Gar besonders zu Muthe war es dem Bart vom Tärn. Er war nicht dabeigewesen, als sie unten gefangen und ausgelost wurden. Er hatte aber dabei sein wollen. Er sagte es am selben Tag zu seinem Weibe, das bei der Frau des Wahnfred im Stübchen saß und mit ihr plauderte, um sie, die Haus und Gatten verloren hatte, zu zerstreuen. –»Du,« sagte er, »ich gehe ins Trawies hinab.« »Schon wieder,« versetzte sein Wein, »‘s ist ja heller Werktag heut’!« »Sie kommen zusammen zum Rath, ‘s ist viel zu schaffen jetzt, in der Gemein’.« Er setzte seinen breiten Hut aufs Haupt, er nahm seinen hagebuchenen Stock zur Hand und sagte: »Thut’s fleißig das Haus zusperren, ‘s ist unsicher jetzt.« Dann ging er. Hinter dem Hause auf der Schafweide, auf einem Baumstock, der aus dem Schnee hervorging, saß der kleine Erlefried, Wahnfred’s Sohn. Er ließ die Füßchen baumeln über den Stock hinab, hielt die Händchen übereinandergeschlagen auf der Brust und blickte wie träumend über den Schnee hin. Der Kleine war nicht mehr fröhlich, wie er das sonst gewesen. Er hatte keine Beschäftigung und oft fragte er, weshalb er denn nicht mehr in die Schule gehen solle? Die Leute des Hofes hatten ihre Arbeit und verstanden nicht mit Kindern umzugehen. Seine Mutter saß in ihrem Stübchen und strickte und weinte still. So trieb er sich allein herum und dachte an den Vater. Daß etwas besonderes mit ihm geschehen sein mußte, das ging in ihm vor, aber wenn er fragen wollte nach ihm, mit dem er so oft fröhlich beschäftigt gewesen in der Werkstatt, der mit ihm gespielt hatte, der mit ihm allerlei Gespräche geführt hatte, der mit ihm so liebevoll gewesen war – wenn er nach ihm fragen wollte, da war sein Mund verschlossen. Er war plötzlich kein Kind mehr; es war, als bange ihm vor der Antwort. So saß er nun auf dem Baumstocke; und der Bart vom Tärn, als er den Knaben so sitzen sah, allein und betrübt, mitten im trüben Winter, da erwachte in ihm ein tiefes Mitleid mit dem Kinde. –»Sie haben Dir den Vater genommen und lassen Dich allein. Du schauest mit Deinem guten Auge so still und sinnend hin über die Berge und über die Wälder von Trawies, Du ahnst es nicht, was Du, schuldloses Kind, Deiner Heimat für ein Opfer hast bringen müssen.« Der Bart trat hin zum Knaben und rief: »Kleiner Spatz, was lugst denn?« Erlefried sprang vom Baumstock berab und eilte auf seinen neuen Brotvater zu. »Schau, Knäbel, auf diesen Stock wollen wir doch einmal einen anderen Heiligen stellen. Was ist’s kannst Du Schneemänner machen?« Der Kleine nickte bejahend, er könne wohl, aber es freue ihn nicht. »Ei geh!« rief der Bart in der Absicht, den Knaben aufzuheitern, »so ein Bursch’ da, und nicht freuen! Das wollt’ Eins sehen! Guck, wie sich der Schnee heute kneten läßt! Möcht’ ich doch wissen, ob ich’s selber kann. Bin ja auch einmal so Einer gewest, als wie Du, nur noch um viel herlebiger. Gerauft hab’ ich Dir mit den Buben, daß nur die Fetzen sind geflogen. Und sind keine so Buben zu Weg gewest, so hab ich mir selber etlich’ gemacht, aus Schnee Riesenkerle her, und Roß und Reiter, als wie die Türken. Und wie die ganz’ Reih’ ist fertig gewest über den Anger her, so bin ich wie der bös’ Feind über sie hingefahren und habe ihnen die Köpf abgehauten. – So, da steht gleich Einer.« Unter solchem Geplauder hatte der Bart einen ansehlichen Schneemann auf dem Baumstock postiert. Das regte den Erlefried an und gleich daneben baute er ebenfalls einen auf. Dann machten sie ein Pferd und den Reiter drauf, und andere Figuren, eine größer als die andere, vornehm zu schauen. Besonderes Gewicht legte der Bart auf lange Nasen, aber dieses Effectmittel blieb bei dem Knaben ziemlich wirkungslos; Erlefried richtete sein Augenmerk auf breite Brust der Männer und hochgetragene Köpfe der Pferde, und besonders auf große Anzahl der gestalten. Er griff flink zu, eiferte sich immer mehr in die Arbeit hinein, und seine Wangen rötheten sich und seine Augen leuchteten. Dem Bart erging es nicht anders. Anfangs nur aus Gutmüthigkeit in den kalten Schnee langen, hatte ihn nun die Knabenlust gepackt. Im Schimmer der weißen Gestalten versank ihm alles ernste und düstere Gebilde seines Lebens, die Kinderzeit war da, die lichte, die heitere; des Ritters Schneeschwert wie des Bischofs possirliche Spitzhaube erweckte in ihm etwas wie Jubelstimmung, der Schnee war nicht mehr kalt und des sonst so ernsthaften Bart Wangen rötheten sich, und seine Augen leuchteten. Da rief plötzlich sein Weib vom Hofe her, ob das die Rathssitzung wäre zu Trawies? Wahrhaftig – die Rathssitzung! Auf die hatte der Bart ganz närrischerweise vergessen. Nun ist es zu spät. Entweder die Leute sind zusammengekommen, dann kommt er just zum Auseinander gehen, oder sie sind nicht zusammengekommen, dann wird auch er sie heute nicht mehr zusammenbringen. Daher ist das Vernünftigste, er bleibt daheim, um mit dem Erlefried die Schneemänner zu köpfen. Der Knabe arbeitete an einer neuen Gestalt. Abseits von dem Trosse der übrigen Figuren, fast am Randes des Waldes, stellte er sie auf. Er legte sie breiter an, als die übrigen, er preßte den Schnee so fest, als es ihm nur möglich war, zusammen, er baute sie so hoch, als er mit seinen Händen langen konnte. Er war ganz still dabei, aber emsig, und als der Bart in lustigem Spiele Miene machte, die Figuren über den Haufen zu werfen, stellte sich der Knabe schützend vor sein neues Werk und sagte in bittendem Tone: »Den nicht!« Das Gesichtchen war so ernsthaft und die Bitte so innig, daß der Bart fragte: »Warum just Den nicht?« Antwortete der Knabe: »Das ist mein Vater.« So spielt das Geschick, das geheimnisvolle, als hätte es bisweilen launige Anwandlungen, sich dem Menschen freundlich, prophetisch zu nahen, während es ihn an einem anderen Ort oder zu einer anderen Stunde unerbittlich, planlos, seelenlos zermalmt. Wir wissen, was an jenem Tage, da der Bart vom Tärn und der Knabe Erlefried – Wahnfred’s Sohn – auf freier Wintershöhe Schneemänner formten und zerstörten, zu Trawies geschehen ist. – Wohl ganz anders ging’s auf dem Johannesberge, im Hause des Firnerhans zu. Das Weib des Firnerhans, als es die Kunde von der unerhörten Gefangennehmung in der Kirche vernommen hatte, brach zuerst in Zornesausdrücke gegen ihren Mann aus. Warum lasse er Haus und Wirthschaft im Stich, warum mische er sich in Sachen, die ihn weiters nichts angingen! Ihr Erster – sie hatte das zweitemal gefreit – habe sich keinen Deut um auswärtige Händel gekümmert, sei hübsch daheimgeblieben beim Weib und ein wohlhabender Mann geworden. Was aber der Erste zusammengebracht, das hätte der Zweite wieder verthan. Freilich, den Ersten hätten die Leut’ nirgends gern dabei gehabt, den Zweiten hingegen hätten sie überall voranschieben mögen, wo Kästen (Kastanien) aus dem Feuer zu holen gewesen wären. Der Dritte werde ihm’s sicherlich nicht nachthun an der Gutheit – es sei ein Jammer! Und dann hub sie so bitterlich zu weinen an, als ob ein Erster niemals dagewesen, ein Dritter nimmer zu erwarten wäre. Um Mitternacht kam der Osel heim. Er hatte sich unterwegs vielfach verweilt und Jedem, auf den er stieß, seinen schwarzen Kern gezeigt. Viele wußten es noch gar nicht, was das für ein verhängnisvolles Ding war, und schrieben die Freude, die der Osel daran bezeigte, dem Halbnarren zu. Als er aber auch Roderich dem Stromer begegnete, der von Allem schon wußte, zog dieser sein heute gar seltsam spöttisches Gesicht zu einem ernsten und sagte: »Ja mein lieber Osel, das ist nicht so, daß Du mit diesem Küglein jetzt gleich heimgehen kannst. Bist bei den Zwölfen Du, und wirst geköpft.« Der Osel nickte fröhlich mit seinen drei Köpfen. »Bei Dir ist’s leicht,« fuhr der Roderich recht vernehmlich fort – denn der Bursche war schwerhörig –»Du hast ein paar übrig – nur weiß man nicht, welcher der dümmste ist.« Der Osel bedeutete, das wisse er selber nicht. Hierauf fragte er gröhlend, wann geköpft würde? »Morgen. Mußt aber früh auf sein, sonst kommst zu spat. Warten werden sie nicht auf Dich.« Deß zeigte sich der Osel etwas nachdenklich und er ging seiner Wege. Um Mitternacht erst kam er zu Bette, ließ aber die Thür der Kammer offen, damit ihn früh der erste Lärm des Hauses wecke. Dann schlief er einen Schlaf, wir ihn noch selten ein Verurtheilter geschlafen hat. Am Morgen war er mit dem Hahnenschrei wach. Eilig stand er auf und die Leute wunderten sich baß, daß der Osel schon so früh am Brunnentrog stehe und sich mit so großer Emsigkeit wasche. »Der will in die Kirche gehen und für den Bauer beten, es ist doch ein guter Lapp.« So meinten sie. Der Osel war ein Bursche von zwanzig Jahren, er sah aber jünger aus, und heute erstrahlte sein Gesicht, als wenn er zu einer Hochzeit ginge. Er zog sein Feiertagsgewand an mit dem kirschrothen Leibel und mit dem flammengelben Halstuch, das sich lässig um die Kröpfe wulstete. Sein falbes Haar, das sonst wie vertrocknetes Riedgras spröde in die Weiten zu stehen pflegte, war heute hübsch glatt über die Stirne herab gekraut bis zu den gelblichen Brauen und Wimpern, unter denen die Äuglein jetzt mit besonderem Glanze lugten. Aus dem Winterhausgärtlein, das zwischen den Fenstern war, pflückte er einen dorrenden Nelkenstamm, den steckte er auf seinen Hut, wie das sonst am Gottsleichnamstage in Gebrauch war. Dann ging er in die Stube und verzehrte seine Morgensuppe. Als er damit fertig war, stand er eine Weile an der Thür, als sinne er. Es schien ihm nicht recht einzuleuchten, wie es mit dem Abschiede zu halten sei, wenn man geköpft werde. Da er mit sich nicht ins Reine kam, so schlich er still davon. Er ging den Berg herab gegen den Johannesbach. Über den Kofelwaldrücken flimmerte ihm die Spitze des Kirchthurms zu. Noch ehe er zur Trach hinauskam, sah er im Geäste der Tannen ein Eichhörnchen hüpfen. Da blieb er stehen und sperrte Mund und Augen auf und abseits vom Wege ging er im Schnee dann dem flüchtigen Thierchen nach und verlor sich in dem Wald. – Im Thale hatte des Morgens mancher Schuß gehallt; gegen Mittag war es still geworden. Die Sonne hat sich allmählich verzogen und ein mattes Grau verhüllte den Himmel. Am Nachmittage verdichtete sich das Grau und die tiefen Schatten der Waldberge hoben sich scharf ab, bis langsam und mählich einzelne Flocken niedergetänzelt kamen. Seit früh Morgens waren bewaffnete Landsknechte von Haus zu Haus gegangen, hatten die Truhen durchsucht nach gesponnenem Garn, hatten die Spulen genommen von den Spinnrädern und die Rocken von den Stäben. Dann hatten sie kund gemacht, daß sich die Leute am Nachmittage zu Trawies an der Dreiwand zu versammeln hätten. Die Dreiwand strebt etwa büchsenschußweit unterhalb der Kirche, wo der Rockenbach in die Trach sich ergießt, senkrecht aus dem Wasser auf. Der Fluß bildet dort einen tiefen, grünlich finsteren Tümpel und ist ganz still. Seithalb wuchert dichtes Getann und der Wald erfüllt zu aller Tageszeit die Schlucht mit Dämmerung. Nur in den Monaten der Sommersonnenwende ergießt sich zu Mittag ein paar Stunden der helle Sonnenschein in die Schlucht und verschleiert sie sanft mit blauem Äther. Unterhalb der Dreiwand, welche an ihrer hohen Brüstung drei balconartige Abstufungen hat, führt über eine Brücke der Weg, der vom Trasankthale und vom Rockenberge kommt, und schlägt dann zur schmalen Straße, die diesseits des Wassers, der Felswand gegenüber von den Vorgegenden herein nach Trawies führt. So steht es heute noch, und so war es an jenem Tage, da an dieser Stelle das Schicksal von Trawies erfüllt worden ist. Bald nach der Mittagsstunde begannen die Leute sich hier zu versammeln und am Wege und am hange, gegenüber der Wand aufzustellen. Da waren etliche Neugierige, die sich trotz aller Warnung und Gefahr nicht zurückhalten ließen, sondern wissen wollten, was die Dinge für einen Ausgang nehmen würden. Andere waren gekommen in der Absicht, die Gemüther aufzuregen, und wieder Andere in der Absicht, die Gemüther zu besänftigen. Vielleicht gab es noch etwas zu retten, vielleicht handelte es sich um einen Vergleich, vielleicht auch galt es, anderswie einen weiteren Schlag von der Gemeinde abzulenken. Landsknechte bewachten die Bewegungen der Versammelten. Diese getrauten sich denn auch kein lautes Wort zu reden, flüsterten sich aber insgeheim umsomehr ordnungswidrige Dinge zu. Die am Bergabhange standen, sahen die Kirche und die Brandstätte des Pfarrhofes. Von dieser Brandstätte her bewegte sich jetzt unter dem unendlich traurig klingenden Geläute der Glocken ein Zug schwarzer Gestalten, von drei Fackeln begleitet. Dieser Zug umging von rückwärts den Felsen und erschien an der ersten Abstufung hoch über dem Wasser. Es waren die Priester und Richter. Die Fackeln, welche von drei Greisen getragen wurden, legten einen trübrothen Schein in die Schlucht – und die Schneeflocken zitterten nieder von der Düsternis des Himmels. »Ich weiß nicht,« flüsterte Einer in der Versammlung, »daß es so grauenvoll ist!« »Zum Herzabdrücken,« meinte ein Anderer, »nur die Schneeflocken thun mir wohl – ich weiß nicht warum.« Schwere Stille herrschte in der Schlucht. Da trat aus den Männern auf der Felswand der Pater Dominicus vor; er hatte in der Hand einen langen, schwarzen Stab, der ein Kreuz trug. Er wendete sich gegen das Volk und sprach mit lauter Stimme: »Höret, der Herr spricht durch seinen Propheten. Ich habe Euch groß gezogen. Ihr habet gefrevelt wider meinen heiligen Namen. Ihr seid verstockt und ohne Reue. Ihr seid der Baum, der stirbt, das Fleisch, das vermodert. Euer Same sei verflucht. Veröden wird Euer Land, das Feuer wird Eure Häuser verzehren. Auf dem Felde, das ihr begießet mit Schweiß, wird Unkraut wachsen und Gift, Pest und Feinde werden Euch bedrängen. Ihr werdet beten zu mir. Der Bruder wird den Bruder zerfleischen, der Wahnsinn wird brennen in Eurem Haupte, Ihr werdet beten zu mir. Aber hinwegstoßen will ich Euch vor dem Schemel meiner Füße, denn Ihr habet den Namen des Herrn verachtet und getödtet seinen Diener.« »O je, nur eine Predigt!« zischelte Einer unter den Zuhörern. Der Priester nahm nun eine Rolle zur Hand und sagte: »Im Namen des dreieinigen Gottes!« Dann begann er aus der Rolle zu lesen in lateinischer Sprache und ging über in folgende Worte, die er mit lauter, feierlicher Stimme sprach: »Gemeinde von Trawies! Von dieser Stunde an bist Du verstoßen aus dem Frieden! Du bist treulos gewesen den Gesetzen der Kirche und des Kaisers. Du bist verstockt und ohne Reue. Du hast Deinen Priester gemordet. So sollst Du priesterlos sein. Den Altar Deines Gottes hast Du entweiht, so soll das Unkraut wachsen auf demselben und die Raben sollen krächzen in Deinem Tempel, und den Glocken auf dem Thurm sollen die Zungen ausgerissen sein. Magst Du die Kinder begießen mit dem Nasse des Regens, aber verwehrt sei dem Brautpaare der Segen der Ehe, dem Sterbenden die Gnade des Abendmahles, dem Todten die geweihte Erde. Wie Michael der Erzengel die hoffärtigen Geister hat vertrieben aus den Himmeln, so bist Du ausgestoßen, Gemeinde zu Trawies, vom heiligen Frieden des Reiches Gottes. Ehrlos bist Du und aller christlichen Gemeinschaft bar. Frei wolltest Du sein, frei bist Du, wie der Vogel in der Luft, wie der Wolf im Walde. Wer eines Deiner Mitglieder aufnimmt in sein Haus, der wird selber der Rechte verlustig; wer eines Deiner Mitglieder tödtet, der ist des Gerichtes frei. Umstrickt werden Deine Grenzen und von einem Flammenring umzogen sein. Anheimgegeben bist Du dem Fürsten der Finsternis, so lange Du in der Unbußfertigkeit verharrest.« Er schwieg. Auch das Klingen der Glocken war verstummt. Die Zuhörer, anfangs spottlustig noch, waren während des Anathemas blaß geworden, Einer nach dem Anderen. Wohl Mancher aber war darunter, der knirschte mit den Zähnen und ballte die Faust im Sacke. Wie ein Standbild ragte dort auf dem Felsen die dunkle Gestalt des Priesters, von den drei Fackeln beschienen, die weit über die Wand hin seinen Schatten warfen. Nun hob der Priester den schwarzen Stab mit dem Kreuze. »Zunichte sei Dir das Anrecht an das Kreuz unseres Erlösers!« Er rief es, zerbrach den Stab und schleuderte die Stücke hinab in das Wasser. Dann faßte er mit kräftigem Griff eine der Fackeln: »Zunichte sei Dir der Schutz Gottes des Vaters!« – und schleuderte die qualmende Leuchte in das zischende Wasser. Hierauf erfaßte er die zweite: »Zunichte sei Dir die Liebe Gottes des Sohnes!« – und schleuderte sie hinab. Endlich nahm er die dritte der Fackeln, rief: »Zunichte sei Dir die Gnade Gottes, des heiligen Geistes!« – und warf sie in den Abgrund, wo alle drei zischend verloschen. Jetzt bemächtigte sich eine wilde Aufregung der Versammelten und manches Weib war sich auf den Boden und klagte und schrie: »jetzt ist’s aus, der Himmel ist hin! Ich sehe meine verstorbenen Leut’ nimmer. Der Himmel ist hin! Wir sind verdammt in die unterste Höllen! Ewig aus ist’s!« Ein erbärmlich Weinen und Klagen ward, so in dieser Schluchten niemalen gehört worden. Eltern verfluchten ihre Kinder und Kinder ihre Eltern, anzusehen und zu hören, so als nach der Weissagung Wort beim jüngsten Gerichte die Verdammten rasen werden. Diese Schilderung in der Urkunde erstreckte sich nicht auf Alle. Es waren Böcke darunter. Denn ein anderes Blatt erzählt aus derselben Stunde, daß eine Frau geschrien habe: »Ich sehe sie, sie kommen schon, die schwarzen Teufel!« worauf ein Nebenstehender gefragt habe, ob sie wohl wisse, wovon die Teufel ihre schwarze Farbe hätten? Und da sie nicht antwortete, den Bescheid gab, die hätten sie von den Pfaffen. Als nun in der Abenddämmerung das Volk der Geächteten wirr an der Trach auf und ab eilte, Manche mit dem Gefühle, als hätte man ihnen die arme Seele aus dem Leib gerissen, Manche dem Wahnsinne nahe, und Andere wieder voll Lustigkeit und Spottsucht – bewegte sich von der Kirche her ein zweiter Zug. In feierlicher Procession unter Laternen und Windlichtern trugen Priester die Monstranz mit dem Heiligsten davon. Tief bogen sich an beiden Seiten des Weges die Äste und die Wipfel der Bäume unter dem Schnee; Ammern und Häher flatterten über den Köpfen des Zuges, als wollten sie dem Heiland das Geleite geben hinaus ins Land. »Jetzt geht mein Jesus fort!« rief ein Weib in der Menge und sprang hin und stürzte vor dem Zuge mitten auf dem Wege zu Boden, »Du darfst nicht fortgehen! Mein Kind ist krank, mein Mann liegt daheim auf der Todtenbahr’!« Still und ernst gingen sie an dem wimmernden Weibe vorüber. Das starrte, plötzlich stumm geworden, dem Zuge nach und in ihrem stieren Auge glühte der Schein der hinschwankenden Lichter. Unten an der Brücke, hinter einem dichtästigen Baum, stand ein großer, wildbärtiger Mann, der hatte Gluth in den Augen auch ohne Fackelschein, der hielt sich still und ließ den Zug mit der Monstranz vorüberschwanken und blickte ihm mit Hohn nach, und knurrte es halb verbissen heraus: »Ist mir lieb, daß Du fortgehst. Dich hab’ ich lange gefürchtet!« Unweit dort, wo der Johannesbach in den Fluß rauscht, begegnete der Zug Uli dem Köhler und Roderich dem Stromer. Sie hatten vorhin weiter draußen den Fackelstab eines Windlichtes in der Trach schwimmen gesehen, ohne zu wissen, was das zu bedeuten. Nun sie den Aufzug sahen, fragten sie sich gegenseitig: »Was kommen denn da für Lichter daher?« »Den todten Pfarrherrn werden sie nach Oberkloster tragen,« meinte der Stromer, »und haben ganz Recht, auf unserem Kirchhof gäb er doch keine Ruh’.« »Er wird noch lange als Gespenst umgehen zu Trawies. Ich sag’s« »Da, lug’ einmal, das ist ja eine ganze Gottesleichnams-Procession. Sie haben das Goldene bei sich.« »Sollt’s doch wahr sein, was ich heute gehört hab’?« »Was willst denn gehört haben?« »Das Sacrament thäten sie uns davontragen.« »Ist mir gleichviel.« »Und die Kirchen schließen!« »Ist mir gleichviel. Wann ich nur von der Thür an der auswendigen Seiten bin.« »Und uns in Acht und Bann thun, alle miteinander!« »Ist mir gleichviel,« sagte Roderich der Stromer immer wieder. »Weißt, Uli, Du hast was, hast ein Häusel und Weib und Kinder drei, und eine Gais, Dir muß so was nicht lustig sein. Aber wir, was wir freie Leut’ sind und so fest bestellt, daß uns kein Mensch was wegnehmen kann, weil wir nichts haben, wir lachen jetzund.« »Bedenke, mein lieber Roderich, daß wir jetzt dem Teufel gehören.« »Nachher!« zischte der Stromer dem Köhler in die Ohren, »nachher giebt’s Geld ab. Der Teufel – muß ich Dir sagen – verlangt nichts umsonst. Bruder, jetzt gefreut mich wieder das Leben.« Mittlerweile war der Zug vorübergewallt. In feierlicher Würde bewegte er sich hin an dem Ufer der rauschenden Trach, die lange dunkle Schlucht hinaus gegen das Gestade und weiter. Der kleine Baumhackel bestieg eben die Brandstätte des Schreinerhauses und fuchtelte mit einem glimmenden Feuerschwamm auf der Asche umher, nach Eisennägeln oder etwaigen anderen Dingelchen suchend, die das Feuer übrig gelassen. Er hatte schon einen Sack davon dort an der Herdmauer stehen. Die neuesten Ereignisse hatten ihn gelehrt, daß es viel weniger verdächtig und gefährlich ist, auf heimlichen Raub auszugehen, als sich in der Kirche zu zeigen. Als nun unten am Wege die seltsame Procession vorbeizog, duckte er sich ein wenig und sagte bei sich: »Schau die Gerichtsherren unterhalten sich auch. Weil jetzt das Wasser so klein ist, machen sie einen Fischzug. Werden schon was stechen. Ei schau, Baumhackel, da bist Du schon wieder einmal zu langsam gewesen.« Da die fremden Männer und Herren von Trawies her drei Stunden und länger mit dem Sacrament gewandert waren, zogen sie nun durch die letzte Schlucht, wo die Trach tief unten in einer finsteren Klamm braust und der Weg am Gewände mühsam emporstieg gegen die Höhe, wo damals die fünf Kiefern ragten und wo die weite Hochfläche des Heidelandes beginnt. Und als sie unter diesen Kiefern standen und ihr hohes Gut zur Rast auf einen schneelosen Stein niederließen, sanken sie davor auf die Knie und beteten es an. Hinterher aber kam ein Trupp von Landsknechten gezogen und dort, wo der schmale Weg die Wand heranlief und an der unwirthlichsten Stelle kühn über ein Brücklein setzte, zerstörten sie das Brücklein und sprengten das Gestein, daß die Trümmer krachend in den Abgrund stürzten. Und als so das letzte Band abgebrochen war mit Trawies, trugen sie auf der Grenzhöhe der fünf Kiefern Reisig zusammen und zündeten es an. Wanden dann von riesigen Spulen einen Faden ab und zogen ihn hin an der Grenze von Stein zu Stein, von Baum zu Baum. Und da war es, als ob manche junge Fichte ächzte, als man den Strick um sie schlang – den Strick, dessen Hanf im Thale der Trach gewachsen, der am Rocken in den Häusern von Trawies gesponnen worden war. Und die Verwirrung im Dörfchen währte fort. Unangefochten aber von aller Bedrängnis stand das Wirthshaus. In der Küche schluchzten zwar die Frauen, aber in der Stube tranken die Männer. Und vor dem Hause stand der »dreiköpfig’ Osel« umher, hatte die langen Arme in den Hosentaschen und glotzte das Haus an, und glotzte rathlos zur Kirche hinauf und in die nächtige Gegend hinaus. Wo den geköpft wird? Da ist er schon den halben Tag bereit und nirgends eine Anstalt, als ob was geschehen sollt’. Manchem hielt der arme Junge das schwarze Korn vor, gleichsam auf sein Anrecht weisend. Aber jeder ließ ihn stehen, wo er stand, kein Mensch wollte sich um ihn kümmern. Aus den Kirchenfenstern schimmerte ein Schein, der fast zu hell war, als daß er vom ewigen Lichte herrühren konnte. Auf dem Kirchhofe war ein frisches Grab gegraben und ein Leib mit gespaltenem Haupte hineingelegt worden. Das Christusbild, welches mitten auf dem Anger der Todten hoch aufgeragt hatte, lag zusammengebrochen in Trümmern auf dem Schnee. Und über alles lag eine tiefe Ruh’. Der Küster kam nun heran. Er hatte sich an jenem Abende, da der Tumult war, und er sah, daß der Pfarrhof zu brennen begann, weit gegen den Trasank hineingeflüchtet. Er hatte sich halb verloren und verirrt herumgetrieben und kam nun, da er glaubte, daß wieder Ruhe sein werde, über pfadlose Gründe von der Wildwiesen niedergestiegen. Das Erste, was einem braven Küster geziemt, er geht der Kirche zu. Nach dem Scheine aus den Fenstern schließt er, daß Gottesdienst drinnen sei. Das Thor öffnend, bemerkt er, daß die Bänke leer sind. Es ist so grauenhaft still und am Altare brennen die Lichter. Er tritt ein. Aber nicht lange, und er stürzt wieder heraus, die Arme ausgebreitet, todtenblaß wie ein Gespenst, mit gräßlich verdrehten Augen und Lippen, die wie im Fieber beben und nicht reden können – so eilt er zu den Häusern hinab, stürzt in die Stube des Withshauses und ächzt und stöhnt und deutet gegen die Kirche hin und schlägt die Hände zusammen. Sie treten zu ihm hin. »Der nimmt’s jetzt erst wahr, daß unser Altar geplündert ist,« so sagt Einer. Aber der Küster streckt beide Arme mit gespreiteten Fingern jetzt nach dem Fußboden aus, und stammelt unverständliche Worte und starrt mit rollenden Augen hin, so daß Alle ihr Gesicht nach den Dielen wenden, zu sehen, was denn da Schreckliches sei. Wieder nach der Kirche deutet der Küster und stößt einen Schrei aus und schlägt sich die Hände in das Angesicht. Da erheben sich denn die Leute und verlassen das Haus und steigen den Berg hinan zur Kirche. Am Altar um den leergähnenden Tabernakel brennen die Lichter und an den blutigen Stufen hingeworfen liegen die Körper der Enthaupteten. Zur selben Stunde schimmerten von den Grenzhöhen am Heideland, über den Waldzügen des Firner, des Tärn und des Ritscher, von den Warten des Trasank und in der ganzen weiten Runde zahlreiche Gluthsterne herein auf Trawies. Es waren Markfeuer, einschließend und zeichnend die niedergeworfene verstoßene Waldgemeinde, ein glühender Grenzwall, der sie Abschied von Gott und Menschen, ein Glied aus der feurigen Kette, »die den Drachen fesselt«. Somit waren die Symbole der Verbannung vollzogen. Zweites Buch Die Gottlosen. Und zu jener Zeit war’s, daß der kleine Erlefried eines Tages herangestiegen kam zur Kirche von Trawies, um in seiner kindlichen Einfalt zur nahenden Weihnacht das Jesukind zu grüßen. Er war im Festtage aus- und inwendig; sein blühender Leib strebte in Lust den Thaten des Lebens zu, seine Seele schwebte in frommer Heiterkeit und Zuversicht und flog gläubig, wie ein Waldkind nur gläubig sein kann, an diesem Tage in die Ewigkeit hinein. Er, der vom Berge niedersteigt, weiß von Allem noch nichts, man hat’s ihm verhüllt – er ist noch in der Gnade. Er weiß wohl, daß etwas Außerordentliches geschehen ist, etwas, das seinen Vater betrifft; wohl ist sein kleines, junges Herz bedrängt, aber er hat gehört, das Beten wäre heilsam, so will er beten. Nicht wie sonst klingen ihm die hellen Kirchenglocken entgegen, und als er zur Pforte des Gotteshauses kommt, erschrickt er. Ein Landsknecht steht da mit bloßem Schwerte und zwei Männer vermauern den Eingang. »O Kind,« murmelte ihm einer der Arbeiter zu, »Du willst beten gehen und wir haben keinen Gott mehr! Er hat uns alle verlassen und sein Tempel ist eine Mördergrube geworden.« Da erhält der Sprechende schon vom Landsknecht einen Seitenstoß, er habe nicht zu schwatzen, er habe zu arbeiten. Erlefried schleicht davon. Der Sandhock erklärt ihm alles. »Suchest Du etwas, Kleiner?« »Meinen lieben Herrgott suche ich,« schluchzt der Knabe. »O Schäflein, Du, was Du da schwätzest! Weißt Du denn nicht, daß sie Neuzeit die Dreifaltigkeit ertränkt haben? Seien wir froh, jetzt haben wir frei Ding!« Gar traurig macht sich Erlefried auf den Heimweg gegen das Haus des Bart. Da kommt es ihm vor, es schwankte der Boden unter seinen Füßen. Es mag ja sein, wie soll denn was feststehen, wenn’s Niemand hält! Wenn er nur glücklich nach Hause kommt zur Mutter, zum guten Bart. Auf dem Wege trifft er mit dem Bauer Isidor zusammen. Der sagt ihm’s noch klarer, die Trawieser Leute wären gottlos geworden. Auf der Freiwildhöhe unter zwei alten Buchen, die ihre Äste starr in die blaue Winterluft hinausrecken, steht ein Marienbild. Der Knabe, der des Weges kommt, will in seiner Herzensbedrängnis davor beten – wenn schon kein Herrgott mehr ist, so muß man sich ganz an unsere liebe Frau halten. Und da es so recht still ist um ihn, im Thale kein Klang, auf den Wipfeln kein Sang und als Erlefried so kniet auf dem schneefreien Stein, da hört er in der Brust Mariens das Klopfen des Herzens. Zitternd vor Freude steht er auf und küßt das Holzbild, das lebendige, und eilt weiter. – Gottlob, es ist Niemand zugegen, der ihm sagte, daß in dem Holze der Statue ein Klopfkäfer bohrt. Als der Knabe immer weiter und weiter den Waldweg hinaufschreitet und nichts Anderes denken kann, als daß, da in Trawies kein Gott mehr ist, auch kein Himmel mehr sein kann – und als er zwischen den Stämmen ein Reh hüpfen sieht, daß das Reisig knistert, fällt es ihm plötzlich bei: Was wird’s fürder mit dem Sündigen sein? Besser, denn der Vogt sieht nicht Alles. Ein Eichkätzchen läuft den Baumstamm hinan, steigt einen Ast hinaus und blickt nieder auf den Knaben. Gar höhnisch blickt es nieder, als wollte er sagen: »Armer Schlucker da unten, jetzt bist Du auch nicht besser als ich. Ihr Gotteskinder habt so gern gesagt, wir hätten keinen Heiland, wir hätten blos ein armseliges Leben, und nach diesem Leben habt Ihr uns getrachtet. Jetzt sind wir gleich viel, aber klettern kann ich besser als Du.« Dann hörte der Knabe das Rauschen des Waldbaches; wie oft hat er es gehört, aber heute wird ihm angst und bang. Was ist das am Morgen ein anderer Weg gewesen! Es ist die Sonne da, aber sie hat nicht mehr den hellen Schein, die Schatten der Bäume legen sich gespensterhaft über den Pfad und so oft der Knabe auf einen solchen Schatten steigt, ist ihm zu Muthe, als trete er in einen Abgrund hinaus. Dann hört er das Donnern einer niederfahrenden Schneelawine und das Knattern brechender Bäume. Keine allmächtige Hand schützt vor der Gefahr; Raben fliegen über den Wald hin und her und der Gegend zu, wo die Lawine niedergegangen ist, um zu sehen, ob es nicht etwas aufzufressen gäbe. Als der Junge über den hohen Steg der Freiwildschlucht geht, steht er mitten auf demselben still und starrt in den Abgrund. Er kann seinen Blick nicht wenden von der Tiefe; ist ihm doch der Blick zur Höhe verleidet worden! Es ist, als beginne sich der Steg mit ihm zu drehen, ein paar gute Sprünge retten ihn noch zu rechter Zeit, ehe ihn der Schwindel vollends erfaßt. Als er endlich in das alte berghaus des Bart tritt, ist er sehr erschöpft. Seine Mutter hat so blaße Wangen. Sie trägt das Leid er Erde willig, meint sie doch, sie komme zum lieben Gott. Und alles ist angewiesen auf den lieben Gott. Sie wissen nicht, was Erlefried weiß ... »Warum läßt denn Du heute die Krautsuppe stehen?« Frägt die Mutter, da er das vorgesetzte Mittagsmahl nicht berührt. Der Knabe antwortet nicht. »Du bist heute so still.« Der Knabe beginnt zu schluchzen. »Kind, ist Dir was widerfahren?« »Mutter,« antwortete der Knabe und birgt sein Lockenhaupt an ihre Brust, »ich weiß etwas Fürchterliches.« »Von Deinem Vater,« murmelt das Weib. »Was ganz Anderes – gar nicht zu sagen, wie fürchterlich.« »Fasse Dich, Erlefried, dann sage mir, was geschehen ist.« »Es giebt keinen!« stößt der Knabe hervor, »keinen Gott.« Vor Entsetzen vergräbt er sein Gesicht in die Kleider des Weibes. Dieses richtet sich auf und sagt ruhig: »Du Närrchen, wer hat Dir denn gesagt, daß es so sein mag oder nicht so sein mag? Schau, das ist kindisches Gerede. Wer wird viel Ja oder Nein sagen zu einer Sach’, die von Ewigkeit zu Ewigkeit feststeht und nicht anders sein kann!« »Er ist? Er ist?« Fragte der Knabe freudig. »Du weißt es, Du lebst, Himmel und Erde ist sein Leib.« Und hierauf fing das Weib, theils um ihre Bangigkeit selbst zu zerstreuen, theils um den traurigen Knaben zu ermuntern, an, von Gott und Himmel zu erzählen und that’s nach ihrer Weise. »Im Himmel ist’s wie in der Kirche, nur noch tausendmal schöner. Die Lichter, die brennen, kannst nicht zählen, die Englein, die fliegen kannst nicht zählen. Voran, auf gold’nen Wolken sitzt die heilige Dreifaltigkeit, gleich neben ihnen unsere liebe Frau. Hernach kommen die Apostel und die Blutzeugen und alle heiligen; sie haben weiße Kleider an, Palmen in den Händen und singen den himmlischen Gesang und der heilige König David spielt dazu die Harfen. D’rauf kommen die Seligen; da sind auch Deine Großeltern darunter und die verstorbenen Bekannten. Sie sitzen in der Seligkeit und haben nasse Augen; Eins thut ihnen weh in ihrer ewigen Freud’ – daß sie uns noch in der Gefahr und im Leiden wissen. Jedes hat an seiner Seiten einen Platz leer und hat was d’rauf liegen, daß er ihnen nicht versessen wird. Das, mein Kind, sind die Plätze für ihre Lieben auf Erden. Jetzt, Erlefried, denke Dir eine Mutter, die sitzt dort und wartet auf ihr liebes Kind. Alle kommen nach und nach und setzen sich zu den Verwandten und Freunden, aber ihr Nebenplatz bleibt leer und ihr Kind will nicht kommen. Die Lebenszeit muß schon lange aus sein; Andere, die sich verirrt und verspätet haben, folgen auch noch und setzen sich, Rosen auf dem Haupt, zur heiligen Rast. Die Mutter steht auf, geht um wie ein Schatten und frägt jeden Ankömmling, ob er ihr Kind nicht hätte gesehen. Und Jeder schüttelt das Haupt. Jetzt wankt sie hin zum lieben Gott; er frägt, warum sie denn weint? Sie weiß sich keine Ruh’, will fort aus dem Himmel, will wieder auf die Erden und suchen, bis sie ihr Kind gefunden hat. – D’rum thu’ ich fortweg sagen: Sich selber und die Seinigen gerettet wissen vor dem Bösen, das ist die Seligkeit. Mein lieber Sohn! Wenn ich einmal nicht mehr bei Dir bin, denke d’ran und thu’ meiner nicht vergessen!« Erlefried wischte sich mit dem Rockärmel das Wasser von den Augen und dann sagte er zu seiner Mutter, wenn Gott nur auch fortan die Sterne leuchten lasse, so würde er den Weg zum Himmel wohl finden. Guter Knabe. Sterne leuchten viele, aber alle stehen nicht in den Höhen.     Winter im Hochwalde. Das Blühen des klingenden Lenzes liebt der Urgermane, aber wohler fühlt er sich mitten im weiten, kräftigen Winter. Es ist eine stille, ernste, vom Himmel gefallene Welt – das kühle, starre, nordische Nifelheim. Die gedehnten Auen und Wiesen, so mannigfaltig durchzogen sonst von zarten Gewächsen, von Bächlein, Steigen und Steintrümmern, sind eins und gleich, darüber hin liegt der hohe Schnee in seinen sanften Wellungen. Und die knorrigen Arme der nordischen Bäume, der Tannen, Lärchen und Kiefern, die sich sonst weithin ausgestreckt hatten, wie zu Segen über das Erdreich, deren Triebe und Zweige alljährlich im jugendlichen Schwunge des Lenzes von Neuem himmelan strebten, um erhaben zu werden, wie die Wipfel ihrer Stämme, sie beugen sich nun tief unter Lasten. Anfangs spielte das Gezweige mit den zart und leicht wie Blütenstaub niederwehenden Flocken, und es freute sich, daß die fliegenden Einwanderer von oben sich auf ihr Genadel setzten, wie es sonst die Schmetterlinge gethan hatte, die weißen und die bunten, in sonnigen Tagen. Und sachte wiegten die Zweige ihre Gäste, zu denen, weil es ihnen auf lustiger Schaukel ja so gut ging, sich immer noch neue gesellten, sich allmählich fester ans Genadel klammernd ein weiches Nest bauten, sich bauend verbanden mit anderen Zweigen, sich sachte, anmuthig wie Kissen und schwer wie Sand hinlegten und das Astwerk, das starre, tief niederwärts drückten. Und so stehen die Bäume nun da, mit weißen Banden gefesselt, aber trotzig, wie die Söhne des nordischen Waldes in ihrer ganzen Stolzheit und thun, als ob sie den schweren Hermelinmantel freiwillig trügen auf ihren Schultern; er wärmt, das fühlen sie, ja doch die Glieder und verleiht ein ehrwürdiges Aussehen. Auf ein ehrwürdiges Aussehen halten sie was, die genadelten Stämme. Die genadelten sind es, während jene dort am Wiesenraine die geadelten heißen. Das ist der wamstige Ahornbaum und der weibisch glatte, flatterhafte Buchenstamm und die sich wie ein Pfauenrad bauschende Eiche, welche deutschen Boden allerwärts gepachtet zu haben glaubt. In die slavischen Wälder gehört sie hinein, wo sich der Bär und der Eber umtreibt. Zu den Schweinen der Pußten hinab – deutscher Erde Kind, der Alpen Felsenburg entstammend, sind wir die Tanne. Wohin die Esche dort am Angerrande zuständig sei, müßte sich erst weisen, über diesen Baum sagt man nicht gern, was man weiß, geht doch die Mär’ heute noch vom Welteschenbaum, und wie aus dem Moder des hohlen Stammes, Holzwürmern gleich, die Menschenbrut gekrochen sei. – Zur Sommerszeit allerdings, da geben sie es bunt, die geadelten mit dem geschlachten Holze, flattern mir grünem Gefieder, stecken ihre Büsche auf und im Herbst, wo es dem Walde geziemt, sich zu bereiten auf die heilige Wintersruh’, prangt der Laubbaum freventlich noch in schreiendem Roth und flunkert voll Übermuth mit Goldfarbenschein. Der Prahler! Aber das ist sein Letztes. Der erste Athemzug des Winters bläst die Herrlichkeit weg. Wie närrisch flattern und wirbeln die entheimten dürren Blättern auf dem Boden herum, bis der Schnee sie verhüllt! Und durch das armselige Gerippe dieser Edelbäume tanzen höhnisch die Flocken und wollen nichts zu thun haben mit den kahlen, knochigen Armen. Und sitzt wie ein müder Spatz auch einmal eine auf, sie fliegt doch bald wieder davon. Armsünderlich stehen sie, und da zeigt es sich, wie unbeholfen und fremd sie sind in deutschem Walde. Ja freilich, solchen Schluckern gegenüber thut sich die Tanne im weißen Hermelin auf ihr ehrwürdig Aussehen doppelt viel zugute! Obzwar es ihr noch besser stünde, wenn sie groß wäre und demüthig zugleich. Viele vom Sturme gebrochene Stämme liegen unter dem Schnee und strecken völlig gespensterhaft einzelne Äste heraus, so wie man sagt, daß manchmal aus dem Grabe der Erschlagenen eine drohende Hand wächst. Daneben steht der Strunk und hat eine Schneemütze über seine Splitter gedrückt. Dort wölbt sich ein rundes Hügelches, ein Küppelchen auf. Darunter ein Junges, ein kleiner Tannling, träumend die ferne Zeit, da mitten im Winter die jungen Tannlinge auferstehen werden aus dem Schnee, um kindlichen Augen und Herzen zur Lust in einer Flammenkrone zu strahlen. Denn eine Zeit wird sein dereinst in deutschen Landen, in welcher durch die Winternebel nieder die Sterne des Himmels gleiten, in welcher die Lichter, die von Bergen und aus Waldschluchten nächtig der Kirche zueilen, um des lieben Herrn Christi Geburt zu feiern, herbeiflimmern und sich versammeln werden – wie im Frühling die aus sonnigen Strichen kommende Vögleinschaar – um den grünen Wipfel, der im Heime des Menschen steht. Um die Quelle, die im Sommer lebendig sprudelte aus moosigem Gestein, haben die Flocken kunstvoll sinnig, wie Bienen Zellen bauen, ein Gewölbe gemauert, ein Brunnenhaus, unter welchem, von grüner Kresse noch umkränzt, kaum hörbar das Wässerlein murmelt. Und so legt sich das endlose Schneetuch hin über Auen und Wälder, und die Tannen stehen in ungezählten weißen, schwarzgesprenkelten Zacken und Spitzen empor, wie ein ungeheurer Dom der Gothen. In den Thälern ruht das Grau des Nebels, aber hehr über den Höhen leuchtet das weite Rund des Felsengebirges; nicht die Wände leuchten jetzt, sondern die Schneefelder, die sich heute noch an steilsten Hängen halten, morgen aber von Odin’s Athemzug gelöst donnernd in den Abgrund fahren. »Des Winters Leichentuch,« dieses Wort haben danklose und gedankenlose Menschen gemacht. Hätte es denn Keiner noch empfunden, wie erquickend, belebend, versöhnend und aufmunternd der Gang über eine Winterlandschaft ist! Hat denn Keiner den aus knisterndem Schneegeflocke wehenden kühlen Hauch getrunken, in welchem reiner als aus dem Athem der sommerlichen Blätter, reiner als aus dem Dufte der Blumen, der Lebensfunke in unsere Nerven übergeht? Hat denn Keiner noch die süße Ruhe gefühlt, in welche das kampfmüde Reich der Pflanzen und Thierchen unter der lichtdurchwirkten Schneehülle gesunken ist? Keiner an die jungen Kräfte gedacht, die sich unter dieser Hülle beständig entwickeln und sammeln, um nach wenigen Monden eine Welt voll neuer Herrlichkeit vor uns aufzubauen? Wie eine aus weißer Seide gewobene Decke, so hat Mutter Natur den Winter niedergesenkt auf die Wiege des Frühlings. Kennen die Bewohner jener Gegenden, denen der weiße Winter versagt ist, bei denen es sich vom Großvater vererbt auf den Enkel, wenn die welken Blätter der Pinien eines Morgens mit Schneereif überzogen sind – kennen sie die Wonnen des Frühlings in dem Maße, wie der Nordländer, der auf lustig gleitendem Schlitten den lieblichen Tagen der Blüthe entgegenfährt. Und wenn in einem der Himmelskörper dort oben ein Auge offen ist, das ausspäht nach Licht, und wenn dieses Auge an seinen nächtlichen Himmel die blasse Scheibe der Erde betrachtet, aus welchen Strichen sonst wird ihm der hellste Schimmer entgegengrüßen, als aus den winterlichen Zonen! Denn licht ist unsere Welt, wenn die Sonne strahlt auf das schneeumhüllte Land! – Dergleichen Winterphantasien spielen gern in der träumerischen Seele des Germanen. Doch vielleicht nicht so an jenem Tage, da Wahnfred, der Mann aus dem Gestade, auf dem Rücken ein schweres Bündel und ein Schußgewehr geschnallt, sich durch Schnee und Wildstrupp emporarbeitete aus den Wänden der Rabenkirche, an den Lehnen der Mieslingschluchten, an dem felsigen Vorgeschiebe des Trasank bis zu jener Höhung, wo die Grunde von Trawies zu Ende gehen und der Ritscherwald beginnt. Der Ritscher schließt sich an den Birstling und an den Tärnwald, mit dem er auf gleichem Gebirgszuge liegt, hat jedoch eine höhere Lage und breitet sich auf einer weiten Hochebene hin, stets allmählich aufsteigend und emporziehend an das Felsengebirge, bis an diesem die Bäume immer schütterer und verwitterter, die Felsblöcke immer dichter und mächtiger werden, und sich so der ungeheure Wald allmählich verwebt mit dem Gesteine des Hochgebirges. Der Ritscherwald hat nur wenige Gräben und Schluchten, die Wässerlein rinnen in seichten Rinnsalen entlang und scheinen zum großen Theile wieder zu versickern, bevor sie hinab zu Bächen und Flüssen gelangen. Zahlreich ragen zwischen Bäumen und auf sandigen Heidegründen massige Felsblöcke, die vom Hochgebirge herniedergerollt zu sein scheinen und ein gar verwittertes Aussehen zeigen. Heute ist dieser Urwald zum großen Theile hingeschlachtet, sind die Quellen, die einst so zahlreich waren, zum großen Theile versiegt. Zur Zeit dieser Begebenheiten aber führte kein Weg und kein Steg in den so ab- und so hochgelegenen Wald, der Mensch suchte ihn nicht mit Gewinngier, wie heute, er mied ihn, er fürchtete ihn seiner Wildnisse und seiner Raubthiere wegen, und so wucherte in demselben, was wuchern wollte. Das Gestämme der Tannen, der Buchen und Eichen war üppig und wuchtig – ein Riesengeschlecht. Schauerlich wilde Formen, theils dicht umflochten von Reisigmassen, theils erstorben und fahl, ragten auf, und der Specht, der Habicht, der Adler, und was eben fähig war zum Streite, das lebte hier und herrschte. Einmal des Jahres brauste das wilde Heer der Klosterjagden durch den Wald und fahndete nach dem Wolf und dem Eber und führte eine reiche Beute von Hirschen heim. So war das Bergreich, in welches Wahnfred nun einzog. Der Mann, wie das damalige Geschlecht überhaupt, kannte die Naturbetrachtung noch nicht solchergestalt, wie wir Heutigen; er fürchtete sich vor den Alpenstürmen, vor den Wildwässern, vor den Lawinen, ihm war die Wildheit, die wir heute Schönheit nennen, drückend dämonenhaft. So hatte die Natur dazumal keine Seele; erst der Mensch muß die seine in sie hineinlegen, und je größer das Herz eines Beschauers ist, desto bedeutungsvoller wird ihm die Außenwelt. Viele sind gewöhnt worden, den sie umgebenden Ring der Welt auf sich selbst zu beziehen, während eine große Seele bereit ist, das Herz opferfreudig in die Außenwelt zu versenken. Einen ähnlichen, aber unbewußten Drang fühlte auch Wahnfred; er sah, er hatte sich selbst verwirkt, so wollte er sich hingeben, nur wußte er nicht, an wen. Jetzt dachte er an nichts, als an Flucht, um sich zu retten für eine freiwillige Sühne. Hoch aufathmete er, als er mit seiner Last zu Höhe gelangt war, rings um ihn der sonnige Glanz des Winters. Nun blickte er zurück in das Engthal der Trach, das von den Wänden des Trasank sich zweigte und in vielen Windungen zwischen schroffen Waldbergen hinausging, vorüber dort an dem ätherblauenden, kegelförmig aufstrebenden Johannisberge, linksab gegen das Gestade. Da in der Tiefe der Nebel lag, war es zu schauen, wie ein langgestreckter, grauer, welliger See, von steilen Ufern umrahmt, die theils in der Sonne blinkten, theils im dämmernden Blau des Schattens lagen. Schräge gegenüber stand der Rockenberg und die Felswand mit dem Wasserfalle an der Wildwiesen. Über den Bäumen strebte ein Bändchen blauen Rauches auf aus dem Hause des Waldhüters. Dort draußen, wo sich der See ein wenig weitete, ragten aus dem Nebel die Zacken einer Wand, der Dreiwand. Dort lag Trawies. Dort, Wahnfred, liegt der starre Mann, der im Tode Dir noch ein größerer Feind ist, als er es im Leben gewesen ... Weit links hin, am Fuße des Firner, über dem Gestade, schiebt sich der Nebel in dichterem Massen ineinander, zu sehen, als ob darunter auch Wirbel des Rauches wären. Vielleicht! Jene Nebel brauen über einer Brandstätte ... Noch weiter links, schon an den diesseitigen Bergzug sich schließend, blaut der Tärn. In jener Gegend sieht das Haus des Bart und in diesem Hause weilt ein heimatloses Weib, ein vaterloses Kind ... In seinen Füßen zuckte es heiß, seine Schuhspitzen waren gegen den Tärn gerichtet; aber er war gewarnt, er wußte, wie dort unten die Häscher Haus um Haus durchstöberten, und daß seine Rückkehr nicht bloß ihm, sondern auch seiner Familie, ja der ganzen Gemeinde die größte Gefahr bringen müßte. Wahnfred bedauerte seine That, sie hatte sein innerstes Wesen aufgewühlt, wie der Ausbruch eines Vulcans den Schoß der Erde – aber er bereute sie nicht. Er war entschlossen, sich nun verborgen zu halten und aufzubewahren für die Zeit, da er ungefährdet in sein Thal zurückkehren durfte. Er war entschlossen, sein Leben ganz der Waldgemeinde Trawies zu weihen, der erste Theil seiner Aufgabe war gethan; das Verderbliche war niedergerissen. Der zweite Theil blieb ihm noch übrig zu thun: das Gedeihliche aufzubauen. Nun wendete er sich und ging hinein in die winterliche Wildniß. Fast eben war der Boden. Zwischen den Bäumen lag hoher Schnee, der den Mann streckenweise trug, streckenweise brach unter der Last, so daß Wahnfred oft bis an die Lenden, mehrmals sogar bis an die Brust einsank und es ihm nur mit großer Mühe gelang, sich wieder herauszuarbeiten. Er kam kaum vorwärts und wurde allmählich so erschöpft, daß er in den Schnee zurücksank. Vor seinen Augen sah er nichts mehr, als das Kreisen buntfarbiger Sternchen und sein Gedanke war: das also ist mein Ende ... Doch erholte er sich wieder und seine Beine fühlten sich gestärkt im Schoße des Schnees, und die Sonne schien so warm über die zackigen Wipfel des Waldes her. Wahnfred sann auf Mittel, um vorwärts zu kommen. Am Abend friert der Schnee, dann dürfte er tragen. Aber wer konnte in der Nacht hier wandern und die Richtung einhalten, die gefunden werden mußte! Oder sollte er sich der Länge nach auf den Boden legen und weiter rollen wie ein voller Sack? Undenkbar. Es blieb ihm nur Eins übrig. Er hieb mit dem Handbeil, das er mit sich trug, Zweige von einem Tannling und flocht aus denselben zwei Scheiben, die er sich an die Fußsohlen band. Mit solch breiten Pfoten versuchte er’s nun wieder; der Schnee knackte unter den Tritten, aber er brach nicht ein. So schritt der Mann vom Gestade nun dahin. Er ging über weite Blößen, er brach durch Dickicht und Gefälle, indem er sich Pfad schlug mit dem Handbeil. Er ging durch glatt- und hochstämmigen Wald, der sich so dicht und finster über ihm schloß, daß der Boden schneelos war. Dann wieder ging er über Gesteppe, in welchem die Bäume einzeln und gar zerzaust dastanden, alle die verkrüppelten Äste nach einer Seite hinneigend, wie sie der Windlauf verkümmert hatte. In die Gegend von Trawies sah er nicht mehr; ein fremder Gesichtskreis voll Wald und Winter, so weit das Auge reichte. Nur einzelne Warten des Trasank ragten goldig leuchtend über die Höhe. Endlich kam er zu einem Bächlein, das zwischen dem Schnee auf braunem Kieselgrunde, die Wellen in verschobenen Quadraten glitzernd, heranrieselte. Nun war unser Wanderer auf rechtem Weg; an diesem Wasser mußte er fortgehen, bis er zur Klause des Einsiedlers kam. Auf dem Boden gingen stets Spuren von Hochwild in Kreuz und Krumm durcheinander; im Gewipfel flatterte manchmal ein Geier auf, daß der Schnee niederstäubte von Ast zu Ast. Da sah denn Wahnfred, daß er nicht einsam sein werde. Freilich bemerkte er im Schnee mitunter auch so etwas wie Hundspfoten, die aber theilweise durch einen Besen wieder verwischt schienen, als wär’ auch da Einer gegangen, der Ursache hatte, hinter sich die Spur zu vertilgen. Wahnfred kannte den Übelthäter, es war der Wolf mit dem buschigen Schwanze. Endlich – die Sonne hatte ihre winterliche Mittagshöhe schon überschritten – setzte sich Wahnfred auf einen frei aus dem Schnee ragenden Stein, um zu rasten und Tisch zu halten. Er holte Etwelches von seinem Mundvorrathe hervor und aß; dann schöpfte er mit hohler Hand Wasser aus dem Bächlein und trank. Hierauf stützte er sein Haupt auf die Hand und blickte sinnend ins Weite hinaus. – So von den Menschen fern sein, ein einziges Herz zwischen der starren Erde und dem ehernen Himmel – verlassen, vergessen, verloren ... Der Stern seiner Augen wendete sich mählich, das Lid sank, er schlummerte. Dort im Dickicht funkelten die grünlichen Augen eines Fuchses; auf dem Zweig einer Lärche saß ein Schneeammer, flatterte mit den Flügeln und neigte sein Köpfchen Schief gegen den Schläfer herab, als käme ihm diese Gestalt hier gar erstaunlich seltsam vor. Plötzlich zuckte Wahnfred zusammen und sprang vom Steine auf und wendete sein Haupt und starrte umher. Er sah den Fuchs nicht und auch nicht den Ammer, er suchte einen Anderen und fürchtet ihn zu sehen. Er hatte die Stimme gehört im Halbschlummer: Kain, wo ist Dein Bruder?!     Wahnfred ging weiter. Die Mühe des Vorwärtskommens beruhigte wieder ein wenig seinen aufgeregten Geist. Er kam zu einer sich weit hinziehenden und ihm quer den Weg abschneidenden Felswand, die aus waagrecht liegenden Steinschichten aufgebaut war, und an welcher der kleine Bach von Stufe zu Stufe rauschend herabsprang. Das armselige, morsche Leitergeflecht, welches die Männer aus Trawies damals, als sie diesen Weg gingen, um den Einsiedler zu begraben, hier gefunden hatten, war nun nicht mehr da. An die Umgehung der langgestreckten Wand, die sich weit in der Wildniß verlor, war kaum zu denken. An dem Wasserfalle hatten sich theils in Orgelpfeifen, theils in Pfeilerform Eismassen angesetzt, und an denselben empor schlug Wahnfred mit dem Beile seinen Pfad und hackte Stufen in das Eis. Die Reisigscheiben mußten hier freilich von den Füßen gelöst werden, dann aber stieg er kühn und kam glücklich oben an. Das erste Thauen wird diese Treppe schmelzen, und die Wand wird ihn hüten und schützen vor seinen Verfolgern wie eine feste Burg. Dann ging es wieder eben, oder sanft ansteigend fort durch Wald oder über Blößen. Mehrmals hörte Wahnfred jenes scharf ausgestoßene und langgezogene Bellen, vor dem in den Wäldern alles floh, was sich nicht wehrhaft fühlte. Endlich, als die Kruste des Schnees wieder starr geworden war, als die Sonne glanzlos hinter dem blauenden Wipfelwalle niedergesunken war, sah der Wanderer am Bächlein den dreispitzigen Stein, der ihm zum Wahrzeichen war. Hier bog er vom Wasser links ab, wand sich durch wucherndes Dickicht zu einer Anhöhe hinauf, deren Boden hin und hin mit schneelosen, grünbemoosten Steinen bestreut war, ging dann wieder thalwärts in einen weiten Kessel, der hier von Hochwald, dort von Felslehnen umgeben war und in welchem nur wenige Baumgruppen standen. Er war am Fuße einer kahlen, felsigen Kuppe, der Donnerstein genannt. Und nun erblickte Wahnfred sein Ziel. Es stand noch da, wie damals, unter einigen Tannen, die ihr Geäste undurchdringlich dicht ineinander verschlangen und über diesem Gefilze ihre zerzausten Wipfel in die Luft reckten. Eine dieser Tannen war geköpft und ihr kahler Strunk mit den knochenweißen Astresten ragte abenteuerlich empor über die Kronen der anderen. Unter diesen Bäumen stand das Haus, die Klause des Einsiedlers. Sie war fest gebaut und kaum einer Klause ähnlich. Die Zimmerbäume waren so massig, daß sie ein Mann kaum hätte zu umspannen vermocht. Auch das giebelsteile Dach war aus dicken Bäumen gezimmert, so daß es weder ein Raubthier durchbrechen, noch ein fallender Baumast durchschlagen konnte. Das rindenlose Holz war klingend hart – ein Holz, wie wir es in unseren Tagen nimmer haben, weil wir den Stämmchen unserer Wälder die Bedingungen ihres Ausreifens nehmen und ihnen keine Ruh’ und Zeit geben, um Bäume zu werden. Der Fensterlein des Hauses waren nur wenige, dieselben waren von innen mit Schubern wohl verschlossen. Den Eingang zu finden mußte man schier um den Baum herumgehen; ganz rückwärts, wo das finstere Dickicht des niederstehenden Geästes am üppigsten wucherte, war die schmale, schwere Thür, die noch mit jener Vorrichtung versperrt war, welche die Männer beim Tode des Einsiedlers angelegt hatten. Wer in dieser Wildniß dieses Haus gebaut hatte, war gar nicht bekannt; es war vor vielen Jahren mitsammt dem Einsiedler vom Feuerwart entdeckt worden. Der Feuerwart war bei einer Klosterjagd als Treiber betheiligt gewesen, und als er – er allein – an den Bau stieß, bat ihn der Einsiedler kniefällig, ihn nicht zu verraten. Der Feuerwart hatte es ihm versprochen und sein Wort gehalten. Von drei zu drei Jahren aber stieg er hinauf in den Ritscherwald, nach dem Einsiedler zu sehen. Der that, was einem Einsiedler zukam, er aß Wurzeln und Kräuter und betete. Er sah gar wild und bärtig aus und hatte fast das Sprechen verlernt. Der Mann aus Trawies behelligte ihn nicht, und da er sich überzeugt hatte, daß dieses Menschenthier einen Beistand nicht bedurfte oder ihn verschmähte, stieg er stets beruhigt in sein fernes Thal hinab. Einmal, als er wieder hinaufgekommen war, fand er den Waldmenschen todt, aber in einer Stellung, vor der er erschrak und die er niemanden verrathen hatte. Er ließ ihn zu Thale tragen und auf dem Kirchhofe zu Trawies begraben. Das Haus im Ritscherwald jedoch merkte er sich, und da es nun galt, den Wahnfred in Sicherheit zu bringen, wählte er es diesem zum Asyle. In dieses Haus trat Wahnfred, der Schreiner aus dem Gestade an der Trach nun ein. Es graute ihm vor dem Modergeruch, der da hervorwehte, und er riß die Schuber der Fenster auf. Dann machte er Feuer an, und da die Flamme prasselte, der Hertha heiliger Geist, da ward ihm wohler. Der Herd war größer, als man es in der Wohnung eines Wurzel- und Kräuteressers hätte vermuthen mögen, er war gut eingewölbt und hatte sogar eine Vorrichtung für den Abzug des Rauches. Daneben war auf einem Gestelle ein Mooslager, ein Betschemel vor dem Holzkreuze an der Wand, ein Tisch, ein Schrank, und es fand sich auch manch Anderes, welchem sich der Mensch damals schon angelebt hatte. Ja, die mit glatten Tafeln beschlagenen Wände, das Glas in den Fenstern, der gut gedielte Fußboden und anderes waren Dinge, die man sonst in der Einsiedlerklause nicht zu finden pflegte. Wahnfred legte die Nahrungsmittel und andere Dinge aus, die er mitgebracht hatte, das Schußgewehr lehnte er zur steten Bereitschaft an die Ecke der Wand; machte sich dann so bequem als möglich, um nach der mühevollen Wanderung zu rasten. Als es still wurde und die Flammen verflogen waren, starrte er in die Gluth. Und nun – kaum zwei Stunden nach seinem Einzug in dieses Haus – überkam ihn das Grauen der Einsamkeit, die Sehnsucht nach den Seinen. Denn hier in dieser öden Ruhe das erstemal, als ob es nun der Gluth entstiege, schaute er jene Szene am Altare – das Bild in seiner gräßlichen Lebendigkeit. Im Dunkel der Nacht hatte er sich neben dem eintretenden Pfarrherrn in die Sacristei geschlichen. Im Winkel hinter dem großen Kasten, in welchem die kirchlichen Kleider aufbewahrt sind, stand er wie eine schwarze Säule und kein Strahl der Altarkerzen fiel auf ihn. Als das Glöcklein klang, schlug er mit Rechten das Kreuz, während seine Linke unter dem Mantel krampfhaft die Axt festhielt. Bei der Aufwandlung, da der Priester die Hostie emporhielt, kam ihm der Gedanke: Laß fahren. Thu’s nicht! – Aber da er durch die Fuge der halb offenen Thür den Kelch heben sah, fiel ihm ein: Christi Blut! Blut muß fließen, daß die Welt erlöst sei. Beim Agnus dei schlug er auf seine Brust und betete, daß nicht Haß- oder Rachegefühl seinen Arm lenke. Und als er sah, wie der Priester in Demuth sich neigte, um des Herrn Leib aufzunehmen, wärmte sich sein Herz in Mitleid und Liebe, und er freute sich, daß dieser Geist in ihn gekommen war und seine That zu einem edlen Werke weihen wollte. Mit ausgebreiteten Händen wandte sich der Priester gegen das Volk und der Chor sang: »Selig die Todten, die im Herrn sterben. Ruhen sollen sie von ihrem Leide und ihre Thaten werden mit ihnen eingehen in die ewigen Ewigkeiten!« Wahnfred hatte den Ausgang ins Freie vorbereitet und sich dann in der dunklen Sacristei hingestellt an die Thüre, durch welche vom Altare her der Priester kommen mußte. Dieser hob die heiligen Geräthe, stieg nieder von den Stufen und schritt heran. Wahnfred faßte das Beil mit beiden Händen, trat ein paar Schritte zurück und stürzte dann auf sein Opfer hin ... Einen Schrei stieß Wahnfred aus, da er nun an der knisternden Gluth saß und sein Angesicht verhüllte er mit den Händen, denn er sah den Blick, welchen der Sterbende auf ihn geworfen, und er sah hinfallen den Kelch auf die Stufen und hinfallen die Seele in die Gluthen. Daß er einen Menschen vielleicht in die Hölle hätte geschickt! Als Seelenmörder zitterte und wimmerte er vor der knisternden Gluth. Tief erschöpft vor Anstrengung und Aufregung sank er endlich in den Schlummer. – So lebte er nun. Das fröhliche Feuer auf dem Herde, das er nicht verlöschen ließ, war sein einziger Genosse und Freund. Raben umkreisten die Baumgruppe, in welcher der Rauch emporstieg. In den Nächten heulten die Wölfe und nicht selten hörte der schlaflose Wahnfred die Sprünge und das Röhren der draußen durch Raubthiere vorübergejagten Hirsche. Mehrmals des Tages ging er selbst ins Freie, um Holz zu sammeln, oder um in einem roh ausgehöhlten Gefäße, das er vorgefunden hatte, vom Bächlein her Wasser zu holen, oder um die Gegend zu untersuchen, ging auch mit dem Gewehre auf Jagd aus und kam selten ohne Beute zurück. Der sonst so ahnungsreiche Mann, ahnungslos spielte er mit den Kohlen seines Feuers, während unten die Männer von Trawies verhängnisvolle Körner aus dem Kelche zogen. Er schlief ruhig zu jener Stunde, da unten in der Kirche der Tod, den er zum Altar gesandt hatte, dort die Opfer heischte. Nur einmal, als er auf dem Block vor seinem Hause saß und hinausblickte in das weite stille Schneegefilde und in den bleigrauen Himmel hinein, war ihm plötzlich, als höre er das Glockengeläute von Trawies. Es klang so wunderlich in der Luft, jede der drei Glocken ganz deutlich zu vernehmen, aber als Wahnfred aufsprang, um zu horchen, war es vorüber. Die alte Schrift sagt: »Das seyn gewest die Klocken von Trawies, so verbannet worden, gleichsamblich in die Wildnussen entfleuchend.« So nahte die Zeit, in welcher die Christenwelt das Weihnachtsfest begeht. Wahnfred mußte nicht einmal genau den Tag, im Verstecke bei Feuerwart und in der Wildniß war ihm die Zeitrechnung abhanden gekommen. Er sehnte sich so sehr danach, in jener Nacht, in welcher alle Christen zum Jesukinde beten, auch miteinzustimmen, wenngleich in der Einsamkeit und Verlassenheit. Auf dem Wege zu Gott treffen ja Alle zusammen und finden sich und umarmen sich geistig im Vaterunser, in diesem hohen Gebete, das allgemein wie Sturmgebraus und Vogelgesang um den Erdball schallt. – Und nun war Wahnfred so sehr in die Einsamkeit verstoßen, daß ihm nicht blos der Raum, daß ihn auch die Zeit von den Menschen trennen wollte. In jenen Tagen noch hielten die Gläubigen das Weihnachtsfest nicht wie heute für den willkürlich angekommenen und festgesetzten, sondern für den wahrhaftigen Jahrestag der Geburt des Herrn. Und so strenge schlossen sie sich an die Zeit, daß sie selbst in der Winternacht aufstanden, um genau die Stunde zu feiern, die uns den Heiland gebracht hat. Und diesen Tag und diese Stunde wußte Wahnfred nicht mit jener Bestimmtheit, wie es sein religiöser Sinn verlangte. Nach vielfachen Erwägunen stellte er endlich einen Tag als den heiligen Abend fest. Und an diesem Tage ging er mit kräftigem Stocke bewaffnet aus dem Hause. Die Luft war kalt, der Himmel klar, der Schnee fest gefroren. Er schritt über die weiten Blößen hin, er stieg den felsigen Hang hinan zur Höhe des Donnersteins, von der er weit ins Land sah. Die Trawieser Gegend selbst lag zu tief, nur das Gewände des Trasank baute sich auf, und die Spitze des Johannesberges und ein Waldrücken des Tärn erhoben sich für das Auge. Darüber hinaus blaute das weite Land. Dort stehen die Kirchen und Klöster, die sich vorbereiten zur nächtlichen Feier, dort leben die Menschen, die an Weihgesängen sinnend, freudigen Herzens dem heiligen Feste entgegengingen. Jedes Haus wird ein Tempel, jede Familie umschlingt sich heute inniger als sonst. So war es auch am Gestade gewesen, wo jetzt aus dem Schnee die Brandstätte ragt ... Sonst war an diesem Tage, wenn die Sonne sich zu neigen begann, eine eigenthümliche Stimmung über die Gegend gebreitet. In den wachsenden Schatten lag ein wundersamer Zauber. Die Bäche unter dem Eise stellten ihr Flüstern ein und aus den Wäldern widerhallte die Stimme des Menschen nicht mehr. Es war, als ob in Erwartung des göttlichen Wiegenfestes die Natur den Finger an den Mund legte: Stille, stille! Heute aber? Heute war es, wie es zur Winterszeit in den Bergen immer ist. Wahnfred vermißte jene kindliche Stimmung, weil er sich, wie er glaubte, an dem Tage irren mußte. Es war ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß dem Unglücklichen, dem eine That zur schuld geworden, das kindliche Himmelreich auf Erden für immer dahin ist. Während im weiten Lande schon das Meer der Dämmerung herrschte, lag auf der Kuppe, auf welcher Wahnfred stand, noch der lichte Sonnenschein. Da dachte er: Wenn Einer von den Menschen dort jetzt sein Auge erhebt, so wird er wohl im Hochgebirge das Alpenglühen sehen, aber er wird nichts dabei denken und er kann nicht wissen, daß hier in der kalten, leuchtenden Einsamkeit ein Verbannter steht. Daß ich diesem Feste, welches ich nun, wie es einem Einsiedler geziemt, andächtigen Herzens beginne und feiern will, daß ich ihm ein Denkmal setze, einen Altar, so nenne ich den Berg, auf den ich stehe, den Christtagberg. Er schrieb mit dem Stocke das Wort in den Schnee und dann stieg er herab zu seinem Hause. In demselben ordnete er seine Geräthe, lichtete und reinigte die Stube so gut es ging und steckte in Ermangelung eines anderen Schmuckes Tannenreisig an das rohgeschnitzte Kreuz. Er wußte nicht recht, was er beginnen sollte, um dem Weihnachtsgefühle Genüge zu thun. Er legte sich in derselbigen Nacht nicht zu Bette. Stets tat er frisches Holz ins Feuer, daß die Flamme lohte und leuchtete. Und dabei dachte er an Weib und Kind. Abseits von Herde zündete er jetzt auf einem Stein zwei Flämmchen an, das eine seinem Weibe, das andere seinem Kinde. Als sie im Verlöschen waren, wendete er sich ab, als wollte er nicht sehen, welches zuerst dahinging. So peinigte ihn selbst die Liebe. Er suchte auch die Bilder von Bethlehem in seinem Gedächtnisse wachzurufen, aber sein Herz blieb heute kalt. Ein anderes Bild, finster und blutig, umgaukelte die lieblichen Idyllen aus dem Morgenlande, und jene Engel, die in den Lüften schwebten und sonst bei den Menschen Frieden verkündeten, bliesen heute Posaunen. Wahnfred sah, daß er nicht mehr denken und träumen konnte wie sonst, und nicht mehr selig sein in diesem Träumen. Er sehnte sich nach einem Liede, wie sie sein Weib in dieser Nacht gern gesungen hatte, nach einem Erbauungsbuche, nach seiner Bibel sehnte er sich. Hatte denn der Mann, der vor ihm in dieser Klause gewohnt, keine Seele gehabt? Hatte er denn die ganze Aufgabe seines Lebens darin gesehen, Wurzeln und Kräuter zu kauen, vor dem Kreuze zu knien? Hatte er den gar keine Spur eines geistigen Lebens hinterlassen? Wahnfred durchsuchte noch einmal den Schrank, in welchem er sonst nur einen härenen Sack, ein paar Betschnüre und allerlei alltägliche Dinge gefunden hatte. Er wühlte heute das vertrocknete Moos auf, das sein Lager bildete und unter diesem Lager fand er zwischen zwei Holzbrettchen, die mit einer Schnur umwunden waren – Schriften. Nicht ein gedrucktes Buch, sondern ein Packet von Handschriften. Das war etwas Seltenes. Nicht viele Leute konnten lesen und die Schreibkunst war nur in Klöstern, Schlössern und Städten daheim. Trawies war eine wunderliche Ausnahme. Der Geist der Selbständigkeit, der in dieser Waldgemeinde seit jeher geherrscht hatte, wußte es wohl, daß die Kunst zu lesen, schreiben und rechnen eine Hauptnothwendigkeit geworden war für Jeden, der sein Stückchen Erde frei beherrschen wollte. und so stand ein des Lesens Kundiger vor den Schriften. Wahnfred legte frisches Holz in die Gluth, setzte sich ans Feuer, durchblätterte die grauen Papierstücke und las sie. Der Inhalt zog seine ganze Seele an ; sein Auge begann seltsam zu leuchten, bis der plötzlich aufsprang und ausrief: »Das ist die Wahrheit!« Wörtlich könnte es heute nicht mehr gegeben werden, was in diesen Schriften stand, denn die Blätter sind verbrannt worden. Der sie geschrieben hatte, war ein Phantast gewesen. In selbstverschuldetem Elend untergehend, hatte er Gott und Welt dafür verantwortlich machen wollen, hatte sich aufgelehnt gegen die menschlichen Satzungen und auch gegen jene, welche die göttlichen genannt werden. Und er hatte sich eine eigene Lehre erdichtet, die ihm anfangs zugesagt zu haben schien und an der er schließlich zugrunde gegangen war. Überschrieben war eine Abtheilung der Blätter, die etwas von dem wilden Humor eines zum Tode Verurtheilten in sich hatten, mit den Worten: Offenbarungen eines frommen Einsiedlers. Ihr Inhalt war der Hauptsache nach folgender: Gott hat den Himmel erschaffen. Deß war der Engel Oberster von Bosheit und Neid geplagt, hat seine Flügel ausgebreitet, hat ein Ei in den Himmel gelegt. Hierauf hat Gott den bösen Engel und sein Ei aus dem Himmel geworfen. Das Ei war groß und schwebte in den Lüften und das Ei war voll von Gluth und Schreckniß und hieß die Hölle. Da das Ei so schwebte, daß sein Äußeres von der Sonne beschienen wurde, so entstanden darauf allerlei Wesen, als Pflanzen, Thiere und Menschen, und das Äußere des Eies hieß die Erde. Der böse Engel aber ist Teufel genannt, und sobald von den Wesen der Erde eines gestorben war, warf er dessen arme Seele in die Höllengluth. Dagegen hat sich Gott aufgethan und gerufen: »Es ist unrecht, schuldlose Geschöpfe ins ewige Feuer zu werfen!« Darauf entgegnete der Teufel: »Was geht das Dich an! Ich habe das Ei gebrütet, es gehört mein! Du hast es mit mir aus dem Himmel geworfen, es gehört mein! Du hast es verflucht, es gehört mein!« Hierauf sprach Gott: »Das Ei gehört Dein. Aber die Wesen, die auf seiner Oberfläche gewachsen sind, gehören mein, denn meine Sonne hat sie erzeugt und großgezogen, in meinen himmlischen Sternen habe ich zu ihnen gesprochen und sie haben sich meines Lichtes gefreut und meinen Winken gelauscht.« Und der Teufel antwortete: »Was? Deine Sonne, die in der Nacht nicht scheint? Deine Sterne, die am Tage nicht leuchten? Die Wärme der inneren Gluth ist durch die Schale gedrungen und hat auf der Oberfläche die Wesen erzeugt und großgezogen. Ihr Blut und ihre Leidenschaften sind Gluth von meiner Gluth. Der Weizen wächst auf meinem Felde, den ernte ich!« Gott bedachte, daß der Teufel zum großen Theile Recht hatte und sprach: »Wohlan, wir wollen theilen. Behalte Du die Pflanzen und Thiere, ich nehme die Menschen.« »Wie Du schlau bist!« rief der Teufel, »nimm Du die Pflanzen und Thiere, just nach den Menschen gelüstet’s mich.« Hierauf sprach Gott: »Mit Dir will ich nicht streiten. Überlassen wir die Entscheidung dem Menschen selbst, Er empfindet Deine Höllengluth, er fühlt und sieht mein Sonnenlicht: sein Fuß steht auf der Erde, sein Haupt schaut gegen Himmel. Er soll wählen. Läßt er sich leiten von deiner Gluth, ergiebt er sich den Früchten Deiner Erder, so sei er Dein. Weist er Dein Feuer zurück, verschmäht er die Güte Deines Reiches, so sei er mein.« »Was soll das heißen?« Versetzte hierauf der Teufel, »Verschmäht er das Feuer, die Güte der Erde, so wird er nicht leben.« »Ja,« sprach Gott, »er wird sterben. Er wird in die Wildnisse gehen, wo ihm Deine Spur am seltensten begegnet, er wird sein Auge zum Himmel richten und freiwillig sterben. Und je mehr er erfüllt ist vom Hasse gegen Dich und von der Liebe zu mir, mit desto größerer Sehnsucht wird er von der Erde hinweg zu mir zutrachten. Und wenn es ihm gelingt, so selbstlos zu sein, daß er mit eigener Hand die blutigen Fesseln zerhackt, die ihn an Dich ketten, so fliegt er jauchzend in meine Arme und jauchzend werde ich ihn empfangen. Die zweite Abteilung der Schrift, welche Wahnfred unter dem Moose seines Lagers aufgefunden hatte, trug die Bezeichnung: Das Bekenntniß des Einsiedlers. Darin war Folgendes enthalten: «Wenn ich hier meine Lebensgeschichte aufschreibe, so thue ich es nicht, um sie der Welt als dem Reiche des bösen Feindes zu hinterlassen, sondern mein Wunsch ist, daß sie in die Hand eines Solchen falle, der wie ich die Erde flieht und dem Himmel zustrebt. Ein Anderer wird ja in dieses Haus der Einsamkeit nicht kommen. Und wenn Keiner kommt, so möge die Schrift vermodern, und ich trage mein Geheimnis mit zu Gott, der mich meiner Buße willen in Gnaden richte! Meine väterliche Burg steht zwei Tagesreisen von hier auf einem Felsen, an dessen Sohle der große Fluß rinnt. Es der einzige Felsen in dem fruchtbaren Lande, das, so weit man ihn schaut, der Burg unterthan ist. Wir sind die Grafen von Bechern, unser Urahn reichte am Hofe des römischen Kaisers Karl den Becher. Die Thaten unseres Geschlechtes verschweige ich, sie sind nur groß in den Augen der Welt. Nur meine Missethat bekenne ich und flehe mit jedem Athemzuge meines Mundes zu Gott um Verzeihung. Mein Vater hinterließ, als er zur Erde sank, zwei Söhne, meinen Bruder und mich. Mein Bruder war der ältere und der Herr auf Bechern. Er war ein Heißblut und ein Sprühgeist und that, von der Macht des Augenblicks erfaßt, die unglaublichsten Dinge. Seine Leidenschaft war heiß wie die Hölle, seine Jugend war reich an Freuden und Sünden und unter den schönen Weibern der Grafschaft gab es wenige, die nicht für seine Sünden büßten. Zerfahren an Leib und Seele fiel mein Bruder – er war damals im sechsundzwanzigsten Jahre seines Lebens – in eine schwere Krankheit. Ärzte und Priester kamen zu seinem Lager, die Einen um seinen Leib, die Anderen um seine Seele zu retten. Im wilden Fieberträumen tobte er, darauf lag er dahin, als wäre er schon gestorben, und in einer Nacht, da wir versammelt waren, um ihm die letzte Liebe zu erweisen, erhob er sich, streckte die Arme aus und blickte mit leuchtenden Augen gen Himmel. »Mein Gott!« so rief er mit heller Stimme, »mein großer, einziger Gott! Mein lieber Jesus! Meine heiligste, schönste Jungfrau Maria! Nehmt mich auf, ich will bei Euch sein! Die schnöde Welt, ich verachte sie! Ich dürste, dürste nach dem Reiche Gottes!« – Und sank hierauf erschöpft zurück aufs Kissen und lag dahin. Am nächsten Tage war die Krankheit gebrochen, mein Bruder schritt der Genesung zu. Aber als er genesen war, wurden seine Wangen nicht mehr so roth, wie sie sonst gewesen waren, sein Auge war noch glühender und er that mir die Absicht dar, seinen Lebenswandel zu ändern, in die Einsamkeit zu gehen und, wie die heiligen Büßer es gethan, Gott zu dienen in Kasteiung und Gebet. Ich hörte es und widersprach nicht. Ich pries die Gnade Gottes, die seine Seele erleuchtet hatte; er verließ die Burg und zog in die tiefste Wildniß, die in unserem Lande ist, und erbaute sich durch mitgeführte Hörige daselbst eine feste Klause. Er richtete sie ein, so gut es ging, weil er dachte, in der Behaglichkeit habe der Mensch mehr Lust, Gott zu dienen und den Himmel zu erwerben, als in Elend und Widerwärtigkeiten. Die Arbeiter sandte er zurück, nachdem er ihnen den Eid abgenommen hatte, seinen Aufenthalt keinem Menschen auf der Welt zu verrathen. Und hierauf begann er sein Büßerleben und hatte Verzückungen, in welchen er den Himmel offen sah, in welchen der Heiland seinen Arm vom Kreuze loslöste, um ihn zu umarmen, in welchen die Jungfrau Maria ihm Rosen zuwarf und sich niederbeugte um ihn zu küssen. Ich lobte meinen frommen Bruder und war nun Herr der Burg und der Grafschaft. Auch ich genoß jene Freuden, die mein Bruder genossen hatte, aber ich genoß sie nicht im Rausche, sondern mit Bedachtsamkeit, und atzte somit auch meine Seele. Ich liebte ein schönes Burgfräulein aus nachbarlichem Gaue, das mich als den Herrn von Bechern erhörte. Wie war es schön, die Huldin an der Seite, hinter vier Rappen oder sechsen, dahinzurollen! Wie war es schön, auf hohem Rosse durch die Gegend zu sprengen und zu sehen, wie alles ehrfurchtsvoll den Herrn begrüßt, und in fröhlichem Muthe Einem oder dem Anderen mit der Peitsche Eins über den Rücken geben zu können! Alles hatte ich, was der Jugend und dem Ehrgeize wohl that, und nach Allem trachtete ich, was die Lust der Jugend und des Ehrgeizes noch erhöhen konnte. Einer der schon von Kindheit auf zur Herrschaft erzogen und mit dem Gedanken daran vertraut geworden ist, kann nicht jenes Glück empfinden, das ich als junger Herr auf Bechern empfunden habe. Und das lange Leben, das vor mir lag, wie sollte es reich und herrlich sein! So war es mondelang gewesen, da stand eines Tages mein Bruder vor mir. Das Leben da d’rin in der Wildniß habe ihm doch nicht behagt, es sei überaus langweilig, auch wären die Wurzeln und Kräuter seiner Gesundheit nicht zuträglich und so habe er sich entschlossen, wieder auf sein Gut zurückzukehren und sein frommes Leben auf der Burg fortzuführen. Er danke mir freundlich für die Verwaltung der Grafschaft, die ich während seiner Abwesenheit geführt hätte. Ich war wie aus den Wolken gefallen. Was ich ihm auf seine Worte geantwortet habe, weiß ich nicht mehr; was ich aber gefühlt und gedacht habe, beim Himmel, das weiß ich noch. Eher sterben, als gestürzt werden! Erst am nächsten Morgen besaß ich so viel Sammlung, daß ich hintreten konnte vor Den, der meinem begonnenen Lebensglücke so rücksichtslos in den Weg gesprungen war. »Bruder,« sagte ich, »was ich heute mit Dir zu besprechen habe, wir wollen es mit Ruhe abthun, wie es Rittern geziemt. Einer von uns Beiden ist auf diesem Schlosse zu viel.« Er verstand mich wohl und antwortete: »Wenn Du, mein lieber Bruder, in der väterlichen Burg nicht Platz zu haben wähnst, so laß’ Dir das Deine reichen und ziehe Deiner Wege.« »Das steht anders,« sagte ich, »denn der Herr auf Bechern bin ich. Du hast verzichtet auf die Güter und ein Ritter bricht sein Wort nicht.« »Wem habe ich mein Wort gegeben?« »Mir, stillschweigend, aber in der That, indem Du das väterliche Erbe herrenlos und schutzlos im Stiche ließest. Ich habe es bewahrt vor den Händen der Feinde, so ist es zu Rechten mir anheimgefallen. Dem Himmel hast Du laut Dein Wort gegeben, auf diese Welt zu verzichten.« »Bist Du der Anwalt des Himmels?« Sagte hierauf mein Bruder, »willst Du mich verantwortlich machen für das, was ich etwa im Fieber gesagt habe?« »Schurke!« rief ich, »Du bist immer im Fieber.« »Zum mindesten jetzt!« schnaufte er und riß sein Schwert aus der Scheide. Ich sprang einen Schritt zurück, erfaßte meinen Degen. Wir kämpften, ich stieß ihn nieder. Nun war ich Herr auf Bechern. Ich machte mich daran, das begonnene Leben fortzusetzen. Aber das war jetzt anders; die Lust und den Übermuth mußte ich heucheln, ich fühlte Unlust und Unmuth. An dem Busen der Huldin wollte ich wieder erwarmen, diese aber stieß mich zurück und sagte: Mörder liebe sie nicht. »Mein Bruder ist im Zweikampfe gefallen!« rief ich ihr zu. »Wer giebt deß Zeugniß? Wer hat es gesehen? Dir stand er im Wege, Du hattest die Absicht, ihn zu tödten, Du hast es gethan!« Ich schwieg, denn gegen die Wahrheit habe ich niemals gestritten. Sie rief es laut, was mir mein Gewissen im Innern vorwarf. Ich war Herr auf Bechern, aber die Braut floh mich, verachtete mich. Die Unterthanen grüßten mich kriechend, aber ihr Gruß war wie Hohn, jedem Auge merkte ich’s an, daß es an mir den Mörder sah. Die Nächte wurden mir vergällt durch schreckliche Träume und Erscheinungen. Ich kämpfte dagegen; Almosen gab ich. Messen ließ ich beten für meinen Bruder. Vergebens, meine innere Last wurde immer unerträglicher. Das Gemach hatte ich verschließen lassen, in welchem der Bruder gefallen; aber nun graute mich vor der ganzen Burg. Elend war ich, krank war ich, vor Gespenstern bebend, wankte ich selbst wie ein Gespenst umher. Meinem Schloßcaplan wollte ich das gerade nicht mittheilen, woran ich am schwersten trug, dazu war ich zu stolz, und ich wußte doch, daß er mir nicht vergeben konnte. Ach ja, es reiten so Viele unter der Sonne, die finstere Verbrechen auf der Seele haben, und freuen sich doch des Lebens! Ich war zu schwach dazu, vielleicht auch hatte mich Gott noch lieb und ließ das Gewissen nicht schweigen. Ich ertrug es, so lange ich vermochte, dann warf ich es ab. Verwandte und Freunde nahmen meine Güter in Besitz und erklärten mich für einen Narren. Da floh ich. Einen alten Hörigen nahm ich mit auf die Flucht, er fragte: »Wohin?« Ich lachte ihm ins Gesicht. »Von den Menschen weg, von Allen, auch von Dir und von mir selbst!« Da hat mich der Mann traurig angeblickt und hat mir dann mitgetheilt: wie es mit mir stünde, wisse er wohl einen Platz, der für mich passe. »Die Gruft,« rief ich. »Die Zelle,« sagte er. »Ins Kloster, wohin Jeder seine Sünden trägt?« »Ich habe es,« fuhr der Mann fort, »dem Herrn, Eurem Bruder geschworen, daß ich die Klause nicht verrathe, die er in der Wildniß für sich gebaut hat. Aber, da der Herr nicht mehr in der Zelle lebt, da er todt ist, so mag ich das Geheimnis auf Euch übertragen. Die Zelle, die mein Bruder in der Wildniß gebaut hat? Anfangs graute mir vor diesem Vermächtnisse, aber der Gedanke blieb, und je vertrauter ich mich mit demselben machte, desto leichter und tröstlicher wurde mir zu Muthe. Ja, das ist die Sühne. In jener Klause will ich als Einsiedler leben und büßen und beten, bis der Getödtete versöhnt ist. Wohlan, Freund, führt mich! Führt mich hin, versorgt mich mit dem Nöthigsten und dann geht, geht, wohin Ihr wollt, ich geb’ Euch frei, aber meinen Aufenthalt dürft Ihr nicht verrathen. Ich will allein sein. So hat er mich heraufgeführt in diesen weiten Wald und zu dieser Klause. Gott wird meinen Bruder in Gnaden zur Urständ rufen; mir ist’s mit dem Eremitenleben ernster gewesen als ihm. Ich weiß nicht genau, wie viele Jahre ich schon hier lebe, ich bin nun alt, das weiß ich. Der Kampf ist groß, den ich gegen der Welt Versuchung geführt habe, und ich kann nicht sagen, daß ich mit ihm fertig wäre. Gott hat mich einer Offenbarung gewürdigt, die mein Leitfaden ist, ein Leitfaden, der mich in den Himmel führen wird. Die Flucht vor dem Teufel, die Verachtung dieser Welt, die Abtödtung der Begierden, die Sehnsucht nach Gott, die freiwillige Vernichtung der Fessel ... das ist mein Weg. Es gelang mir fast alles, aber vor dem letzten stehe ich mit Bangigkeit. Oft höre ich himmlische Stimmen, die mich rufen. Ach wie glücklich ich bin! Bald werde ich selig sein.«     So viel des Hauptsächlichen der Schrift, wie es in dem Gedächtnisse Wahnfred’s verblieben war. Darunter fand sich auch allerlei Wunderliches, Unverständliches. Besonders gegen Ende hin war sowohl in der Schreibart eine wachsende Verwilderung, als auch in der Denkweise eine steigende Verwirrung bemerkbar. Die äußere Welt, sowie die Lebensweise des Einsiedler, seine Schicksale und etwaigen Abenteuer in der langen Reihe von Jahren fanden kaum Erwähnung. Überall nur die Laute einer ringenden Seele. Die Klagen und Selbstanklagen waren allmählich verstummt, Zufriedenheit und Glück fanden stets begeisterten Ausdruck; die letzten Seiten waren völlig im Tone der Verzückung geschrieben. Es wirkte ansteckend, und als Wahnfred, der Mann vom Gestade, all das gelesen hatte, rief er aus: »Das ist die Wahrheit!« Es war lange nach Mitternacht. Das Feuer auf dem Herde war matt geworden. Im Walde heulten die Wölfe, Wahnfred hörte sie nicht. Er war vertieft in die Offenbarung und in das Bekenntniß des Einsiedlers. Das ist mein Vorbild. Was er gesühnt hat, das habe auch ich zu sühnen, und noch mehr. Mit eigenem Willen und eigener Hand will ich ein Band um das andere zerreißen, das mich an diese Erde knüpft, wo mich der Teufel gelehrt hat, zu sündigen. Was Gemeinde? Es ist doch nur eine Gemeinschaft zum Genusse irdischer Güter. So viele Opfer für sie gebracht werden mögen, keines hebt sie zu Gott. Was Familie? Sie muß der Erde entfremdet werden. Wenn ich für sie lebe und sorge, wird sie das nicht. Wenn ich ihr vorausgehe, den Weg weise, wird sie mir nachblicken und folgen. Mein Weib, mein Kind, wie habe ich Euch lieb! Wäre es nur nicht eine Liebe, die mich kettet, die ein Werk des Teufels ist! Diese Kette muß gebrochen werden. Ich will Euch ein Zeichen hinterlassen, daß wir uns im Himmel wiederfinden. Solche Gedanken hegte der arme Wahnfred, sie reiften zwar nicht zum Entschluß, aber er gab sich ihnen hin. Wir von heute wenden uns, wenn nicht gar spöttelnd, so doch mit Kopfschütteln von derlei Religionsschwärmerei der Vorfahren ab, der Himmelsucher, die in Drangsal und Herzensnoth zu Gott ihre Zuflucht nahmen. Und doch, wie unvergleichlich elender ist das heutige Geschlecht, welches die Überzeugung erklügeln will, daß kein Gott lebe, daß ein allmächtiger Helfer und Retter der Menschen weder am Himmel, noch auf Erden zu finden sei, daß der Mensch, ein Spiel des Zufalls, wenn auch nicht am besten, so doch für sich am vernünftigsten handle, sich in einer Art von Galgenlust an den Genüssen dieser Welt zu betäuben, um nicht zutiefst zu empfinden den unbegrenzten Jammer, von dem uns nur der einzige treue und doch gefürchtete Freund, der Tod erlösen kann. Es ist das gleiche Ziel heute wie damals, nur daß in jenen Tagen ein glühender Idealismus seine magischen Strahlen warf auf die dunklen Wege der Erdgeborenen. Aber Wahnfred’s neuer Weg war nicht der damals gewöhnliche. Er hegte jetzt Gedanken des Selbstmordes und träumte sich hinein in das Leben des Grafen von Bechern. Das ist die Gefahr der Einsamkeit, daß der Geist wie spielend anfangs aus den regelmäßigen Bahnen entgleist, daß er dann hintollt über Grund und Ungrund und rasch auch den Körper mit sich zieht. Wenige Wochen vergingen nach dieser unseligen Weihnacht, und Wahnfred ging ernstlich mit dem Gedanken um, sich das Leben zu nehmen. Oft, wenn ihn das blutige Bild aus der Kirche zu Trawies beängstigte, fand er in diesem Vorhaben Beruhigung. Blut um Blut, so sagten ja auch die heiligen Schriften. Nur seinem Erlefried hätte er noch gerne die Lehren des Vaters ans Herz, den Segen des Vaters aufs Haupt gelegt. Das konnte zu solcher nicht sein. Hinaus ging er, schrieb es mit dem Stabe auf den Schnee: »Mein Sohn! Sei liebreich gegen die Menschen und wahr, aber folge ihnen nicht. Ohne Wehmuth zerhaue das Band zwischen ihnen und Dir und wandle den einsamen Pfad durch Noth und Tod hinauf zu Deinem Herrn.« Wenn dieser Schnee zerrinnt und die Wasser niederbrausen, und wenn Deine Worte Häuser niederreißen und Städte zerstören, was dann? Er grub mit dem Stabe über die Schrift hin und strich sie aus.     In den ersten Tagen des Februar wurde der Gesichtskreis so rein, daß Wahnfred, wenn er auf den Donnerstein, dem Christtagberge, stand, über die Waldkämme hin das Heideland mit den fünf Kiefern sah und dahinter das Hügelgelände mit den breiten Thälern und den vielen Ortschaften, die ganzen weiten Gaue mit dem zackigen Bergzug, der in der Ferne durchsichtig wie Glas erschien und den Wahnfred’s Auge bisher noch nie erreicht hatte. Eine laue Luft wehte aus jenen Gegenden her und die letzten Schneeschollen fielen von den Bäumen herab, so daß der Wald und die einzelnen Baumgruppen ganz schwarz dastanden auf dem weißen Grunde. Alle Waldrücken des Ritscher schienen näher geschoben, und es lag mitten im Tage über Allem eine matte Dämmerung. Der Himmel war gleichmäßig grau angelaufen und die Sonne nicht sichtbar. Die Luft war feucht, und wenn Wahnfred über den Schnee ging, so brach er ein bis auf den Grund. In diesen Tagen ließen die Wölfe das heulen sein, denn sie litten keinen Hunger. Das Hochwild, das sie jagten, konnte nicht weiter und war leicht zu erjagen. Auch Wahnfred schoß einen großen Hirschen und war nun einige Zeit mit Fleisch versorgt. Und in einer dieser Nächte war es, daß Wahnfred aus dem Schlafe geweckt wurde. Er hörte ein eigenartiges Tosen, daß davon das Haus erbebte. Er dachte an Wasser und sprang auf. Als er die Thür öffnete, um hinaus ins Freie zu sehen, ging ein vielstimmiges Pfeifen hin über das Dach. Er trat hinaus, betäubt noch vom Schlafe, da drang es wie ein Ruthenschlag an sein Haupt. »Wer ist da?« Rief er laut, aber das Brausen und Pfeifen währte fort, und Wahnfred bekreuzte sich und sein Gedanke war: Die wilde Jagd fährt über mein Haus. Als das Sausen und Brausen immer fortwährte, jetzt tosend in den Schutztannen des Hauses, jetzt rauschend dort in den Baumgruppen am Waldsaume, da wurde Wahnfred endlich gewahr, daß es der Sturm wäre. Er zog sich zurück unter das schützende Dach und machte Feuer an. Selbst die sonst so fröhlichen Flammen zuckten und zitterten, und in Wahnfred wurde die Erinnerung an seine That, das Bewußtsein seines Elendes von Neuem mächtig aufgerüttelt; in dem Getöse und Gezische des Windes hörte er winselnde Gespenster. Vom Trasank hernieder schwebten blasse Nebelgestalten, sie trugen Lichter, welche keinen Schein gaben, blaue zuckende Flämmlein. Eine der verschleierten Gestalten in den Wolken hielt einen Kelch empor, aus welchem Blut überfloß und vom Sturme hingepeitscht auf die Erde tropfte. Dann kamen Wesen in schwarzen Hüllen, sie trugen auf hoher Bahre den Erschlagenen. Wahnfred sprang auf. »Ein Ende, ein Ende!« rief er aus, »ich bin bereit, Wenn es Gottes Wille ist, er nehme mich. Nur die eigene Hand sträubt sich dagegen. O, möchte eine von euch, ihr Tannen, über mein Haupt niederbrechen! Jauchzend wollte ich sterben. Nur ich selbst kann nicht mehr tödten. Wohlan, über den Ritscherwald stürmt jetzt der Tod, ich höre die Äste krachen, die Stämme brechen. Ich will einen Spaziergang machen.« Und als der Morgen graute und ein blasses Licht lag über den Blößen und über dem Gebäume, das heute alllebendig war, verließ Wahnfred das Haus. Er trug weder Stock noch Beil, noch andere Wehr mit sich. Oft brach er tief in den weichen Schnee, er rang sich wieder heraus und dem Walde zu. Oft wollte ihm der Wind, der lau über das Schneefeld fegte, den Athem verschlagen. Unweit von ihm, in einer Gruppe rüttelte der Sturm mit aller Macht, das Geäste schlug wie abwehrend auf und nieder, die Wipfel bogen sich wie ausweichend hin und her, nur einer stand inmitten, der größte, der älteste, der Ahn; er stand und – brach. Knisternd, schmetternd, krachend, dröhnend stürzte er in den Schnee, der wie Wasser hoch auffluthete und den Stamm in sich begrub. Nur wuchtiges Geäste ragte noch hervor, und an diesem rüttelte und zauste der Sturm. Überall im Walde rauscht es, alle Wipfel wiegten sich beständig hin und her, jetzt mäßiger, gelassener, plötzlich wieder erfaßt zu heftigem Schwunge, sich stemmend dann und bäumend – der eine widerstand, der andere brach. Was war das für eine Aufruhr in der Wildniß! Die Bäume schienen sich gegenseitig zu jagen, zu peitschen. Die kleinen bogen sich leicht und duckten sich, aber die großen schleuderten ihre Äste auf sie nieder. Besäet mit Strünken, Zweigen und Zapfen war der Boden. Manches Rabennest war mit dem Wipfel herabgeflogen und die Thiere flatterten und kreischten zornig oder rathlos darüber hinweg. Durch diesen Wald schritt nun Wahnfred, der Mann vom Gestade. Sein Haupt war entblößt, harrte willig des Streiches. Er ging nicht langsam, er ging nicht rasch, aber er ging seinen gleichmäßigen Schritt. Er sprang nicht hin dort, wo ein Baum brach, er wich nicht aus dort, wo ein Strunk stürzte. Oft streifte ihn das Reisig eines niederfahrenden Astes, oft flog ihm der aufspringende Schnee ins Gesicht, aber er blieb unversehrt. Je wilder der Sturm wüthete, desto freudiger brannte sein Auge. Mehrmals war sein Weg verlegt. Mit hochragendem Knie lehnte manch geknickter Stamm, manch anderer hing noch an seinem Strunk, kopfüber den Wipfel in den Schnee gestürzt. Manch anderer wieder, aus der Höhe niedergebrochen, war hängen geblieben im luftigen Geäste der niedrigeren, die ihn nun mit ihren Armen hielten und trugen wie eine Bahre. Wahnfred, den Todsucher, hat keiner getroffen. Er wand sich weiter durch das Gestrüppe und das Gefälle, er kroch darunter und kletterte darüber hin. Dort wo stürzende Bäume ihre Wurzelscheiben mit sich aufgerissen hatten, daß diese nun wie Bergmassen ragten, war das Weiterkommen am mühsamsten, und wenn auch noch die Grundlosigkeit des Schnees dazukam, in welchen Wahnfred, schon erschöpft und unbehilflich, oft bis an die Brust einsank, und wenn er sich umstrickt sah von dem Gewirre des zerrissenen Waldes und über all dies hin ungebändigt die Windsbraut raste, so wollte ihn doch das Schauern des Todes erfassen. Als er so in den Schneemassen lehnte, als er sich den Schweiß vom Angesichte wischte und mit dem Schweiß eine Thräne über sein unglückliches Leben, stieg auf einem Baumstamme, der vor ihm hingeworfen lag, vorsichtigen Schrittes ein Wolf heran. Ein großes Thier, mager mit verfilzten Haaren und mit Hungersgier in den grünlich glühenden Augen. Als er denn Mann sah, blieb er auf seinem Wege stehen, drehte die gespitzten Ohren nach vorwärts, und aus seiner Schnauze blinkten die Zähne. Lange stand er unbeweglich da mit eingezogenem Schweife und kräftig gestemmten Vorderbeinen und ließ seine Augen glühen. Als er erwogen haben mochte, wie ganz wehrlos der Mann im Schnee stak, fing er an zu knurren und schon stand er auf dem Sprunge nach seinem Opfer, da rauschte ein buschiger Wipfel hernieder. Erschrocken sprang das Raubthier mit mächtigen Sätzen über das Gefälle hin. Wahnfred, nun durch die Angst vor dem Wolf neu belebt, sichte sich aus seiner Lage allmählich wieder hervorzuarbeiten. Es gelang ihm; er ging weiter, sein Ohr war fast betäubt von dem steten Gebrause. Er hatte einen solchen Sturm noch nie erlebt. Zur Zeit, als er ein siebenjähriger Knabe gewesen, hatte auch ein Sturmwind die Wälder von Trawies verheert. Die Leute hatten damals nach altem Volksglauben gesagt, es müsse sich Jemand erhenkt haben, weil sich die Bäume so schüttelten. Und bald darauf erfuhr man es, daß sich im Trasankthale ein Holzknecht aus Verzweiflung darüber, daß sein vergrabenes Geld ausgehoben worden war, an einen Baumast geknüpft hatte. Der Knecht kam nicht in geweihte Erde, sondern wurde unter seinem Baum verscharrt. Was hat damals Wahnfred’s Großvater, der alte Zimmermann auf der Krücke für ein Wort ausgesprochen? – Jedes Verbrechen, so sagte der Greis, kann verziehen werden, nur der Selbstmord nicht. Denn der Selbstmord kann nicht mehr gebüßt werden. Wahnfred blieb stehen und dachte über das Wort seines Vorfahren nach. Die ganze, unmeßbare Liebe, mit welcher einst der Knabe an seinem Großvater gehangen war, erwachte zu dieser Stunde und begann sein Herz zu wärmen. In schmerzlichen Leiden war der alte Mann dahingesiecht, jeden Tag den Tod vor Augen und jeden Tag seinem Gott für das Leben dankend. Wie war die Krankheit qualvoll! Verzehrend fraß sie an den Knochen seines linken Beines; und wie war er doch heiter, liebreich gegen seine Umgebung, wie machte er oft noch Scherze über die eigenen Schmerzen! Und in seiner letzte Zeit lag er still auf dem Bette, preßte die Lippen zusammen, verwand das Zucken seiner Glieder und lächelte mit den Augen. Als sie ihm diese Augen endlich zugedrückt hatten, sagte der Pfarrer: »Ihr wisset es Alle nicht, wie gräßlich er gelitten hat; ich ahne es. Der Dulder fährt vom Mund auf in den Himmel.« – Ja guter Pfarrherr der damaligen Zeit, das ist das rechte Wort gewesen. Dieser Dulder war ein Held. Auf die Freuden der Welt verzichten ist leicht, aber ihrer Leiden spotten, das ist das Trotzigste, das man dem Teufel entgegenstellen kann. So dachte Wahnfred, dessen Stimmungen wandelbar waren, wie Luft und Wetter unter den wandelnden Sternen. Da ihn der Himmel an diesem Tage verschonen zu wollen schien, nahm er dies für ein Orakel und war entschlossen, muthig weiter zu leben, sich wieder den Lehren seiner Vorfahren zuzuführen, in denselben Sühne und Rettung zu suchen und die Schriften des Einsiedlers zu verbrennen. Er wendete sich auf Umwegen, über Lichtungen, wo der Wind den Schnee theils weggefegt, theils geschmolzen hatte, seiner Thalung zu. Da war über die Blöße her plötzlich ein Schnoben, welches nicht vom Sturme kam; er wendete sich rasch und sah den Wolf – es war jener vom Baumsteg – in eiligem Sprunge auf sich zurasen. Kaum hatte Wahnfred noch Zeit, einen aus moderndem Strunke hervorragenden Ast zu brechen. Denselben mit beiden Armen schwingend – barmherziger Gott, wenn jetzt das gräßliche Bild aufsteigt, um ihn zu lähmen! Nein, die funkelnden Augen des Raubthieres hielten ihn gespannt, er erwartete die Bestie und hieb mit aller Kraft darauf los, beim ersten Schlage schon brach der Ast entzwei! Auf zu seiner Brust sprang das wüthende Thier und lechzte nach warmem Blut, eine einzige Wendung, und Wahnfred stieß ihm das gebrochene Stück Holz mit seinem scharfen Splitter tief in den Rachen. Noch bäumte sich die Bestie und schlug mit den Pfoten an die Schnauze, als wollte sie den Speer herausziehen, Blut schoß hervor und röchelnd wälzte sich der Wolf auf dem Boden. Wahnfred selbst sank erschöpft auf einen Strunk und sah dem Thiere zu, bis es verendet hatte. Dann lachte er auf; er lachte über sich, des ausgegangen war, um zu sterben. Das war ihm klar, selbst mit dem unerschütterlichstem Vorsatz, zugrunde zu gehen, hätte er sich gegen das Raubthier zur Wehr gesetzt. Da ist keine Zeit zum Denken: willst du, willst du nicht? Durch die Glieder fährt ein Blitz, die Arme ringen von selbst; und der sonst so träumerische Mann hatte in diesem Augenblicke der Todesgefahr, dem Ziel- und Ausgangspunkte all seiner Philosophie, nichts gedacht als: Bestie, ich wehre mich! Wölfegeheul, das vereint mit dem Brausen des Windes vom Walde her drang, bewog den Mann zu raschem Aufbruche. Mit einem schweren Aste bewaffnet, eilte er, so gut es ging, seinem Asyle zu, und die Arme des Windes hinter ihm drängten, schoben ihn vorwärts, bis er unterhalb des Christtagberges auf eine Höhung gelangt war. Hier drang ihm Brandgeruch entgegen. In der Mulde zogen sich Streifen Rauches, und einen Augenblick später sah Wahnfred seine Klause brennen. Der Sturm hatte eine der Schutztannen gebrochen und niedergeworfen auf das Haus, dessen Dach unter der stürzenden Last geborsten war. Die Trümmer waren auf die Gluth des Herdes gefallen, der Wind hatte das Feuer entfacht und nun flogen die Flammen hochauf in das Geäste und Gewipfel der rauschenden Baumgruppe. Als Wahnfred dieses sah, gerieth er in eine Art von Entzücken. »Nun weiß ich, o Herr,« rief er aus, »Du willst, daß ich leben soll. Während ich ausging, um den Tod zu suchen, hast Du mich vom Tode gerettet.« Nun aber? Nun wollte er leben und konnte nicht. Sein geringer Nahrungsvorrath war verbrannt, sein Schießgewehr, der Rest seiner Kleider war mitsammt dem Obdache verbrannt. Schutzlos stand er da und im Walde rüttelte der Sturm, heulten die Raubthiere. Ein Meer von weichem Schnee umgab ihn weit und breit und machte das Fortkommen selbst mittelst Fußscheiben unmöglich. Er fühlte sich hungernd und entkräftet und hatte nichts, um sich zu erquicken. Auf einmal bettelarm. Ja, wenn du das wärest, unseliger Mann, wenn du betteln könntest! Die Bäume werden dir mit schwingenden Armen ihre Zapfen zu. Wie unnöthig, Wahnfred, war alles, was du plantest! Der Himmel erhält dich, verdirbt dich, wann er will.   Mit Schnee hatte er sich geatzt. Aus der Asche seines Hauses hatte er die halbverkohlten Reste von Hirschfleisch gegraben und sie verzehrt. Die nächste Nacht hatte er schlaflos auf der glosenden Brandstätte zugebracht. Der Sturm war vergangen, grauenhaft still lagen die tausend und tausend gebrochenen Stämme. Die laue Luft hatte den Schnee um ein gut Theil zusammengebeizt; wenn nun, wie es den Anschein hatte, wieder Kälte kam und der Schnee fror, so war an ein Entkommen aus diesem nun furchtbar unwirthlich gewordenen Hochthale wohl zu denken. Wohin, was dann? Deß fragte sich Wahnfred heute noch nicht. Vor Allem galt es, auf der Brandstätte das Feuer zu wahren und von den verbrannten Nahrungsresten so viel genießbar zu finden, als der Körper in äußerster Noth bedurfte. Der verbrannte Hirsch duftete weithin, und auch die Wölfe rochen den Braten. Lauernd kamen sie heran, in immer engeren Kreisen umschlichen sie die rauchende Stätte. Wahnfred rettete, was zu retten war, mit sich auf eine der dichtästigen Schirmtannen. Und so saß er nun oben im Astgeflechte einen Tag und eine Nacht. Während der Nacht hatte er sich mit einem zähen Zweig an den Stamm gebunden, daß er im Schlafe nicht hinabstürzen konnte. Wie war die Wohnung, deren Asche nun verglimmte, königlich gewesen gegen diesen Wohnsitz im Getanne! Aber Wahnfred war zufrieden, daß ihn der Baum noch schützte. In der Gefahr war seine Lust zum Leben gar wundersam erwacht, und seine Hoffnung, mit sich und den Menschen doch wieder ins Reine zu kommen, neu erstarkt. Die Nacht war kalt und still. Er hatte aus Reisig einen Mantel um seinen Leib geflochten. Die Füße stellten sich auf einen Ast, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Es standen die Sterne am Himmel, und die Ruhe, die über dem weiten Walde lag, war so groß, daß sie in der Seele des Menschen fast Unruhe erzeugte. Als endlich nach Mitternacht, da sich das Gestirn schon gewendet hatte, die Augen des Baumbewohners sinken wollten, war es, als hätte dort drüben durch den Wald ein Schuß gehallt. Wahnfred fuhr empor. Da aber nichts mehr zu hören war, als das Schweigen der Nacht, da keine Wahrscheinlichkeit gedacht werden konnte, daß wirklich ein Mensch in der Nähe sei, beruhigte sich Wahnfred wieder und sank endlich in Schlaf. Als im Morgenschimmer schon die Ammern zwitscherten, als die Sonne aufging und ihr Flammengold goß über das Schneeland, schlief Wahnfred noch immer, aber die Füße waren losgerutscht und gängelten zwischen den Ästen frei herab. Die Reisighülle schützte den Schläfer, dem wohl zu sein schien, wie jenen Thieren, die sich zur Winterruhe in die Bäume verkriechen, und zur Frühlingszeit wieder fröhlich erwachen. Wahnfred lag in seiner erquickenden Ruhe wirklich dahin, wie in einem Winterschlafe, und vielleicht wäre er in den Frühling, in den ewigen, hinübergeschlummert, hätte ihn nicht eine laute Menschenstimme aufgeschreckt. »O Herrgot!« rief es unten, »hat sich Der auch erhenkt?« »Wer ist denn hier?« Fragte Wahnfred und suchte sich eilig von seinen Banden und Panzern freizumachen. »Lebst Du doch?« Hierauf die Stimme von unten. »Aber Schreiner, was hast Du für eine Wirthschaft angerichtet?« Die Stimme des Feuerwart war’s. »Du bist es, Gallo?« Mit diesen Worten kletterte Wahnfred rasch herab und sprang auf den Boden. Aber als er vor einem gebeugten, weißlockigen und graubärtigen Manne stand, meinte er, er habe sich geirrt. »Was Du dreinschaust wie ein Wildling! Wahnfred, kennst Du mich nicht mehr?« »Wie bist Du grau geworden, Feuerwart, seit wir uns das letztemal gesehen haben!« »Möchte wetten, Du wärest es in diesen zwei Monden ebenfalls geworden an meiner Stelle unten in Trawies. Doch wie ich sehe, lebst Du auch nicht am vergnügtesten.« »Vor zwei Tagen, wie der Sturm war, hat mir dieser Baum, von dem Du die Brände siehst, das Haus eingeschlagen und in Brand gesteckt.« »Willst es nicht, so brauchst es nimmer.« »Es ist weg. Vor Allem bitte ich Dich, daß Du mir die Worte vergißt, die ich in der Rabenkirche gesagt habe – es hat mir so viel weh gethan. Und jetzt sage mir, was Dich heraufführt?« »Eins, das auch Dich angeht.« »Mein Weib und Kind?« »Die leben im Frieden beim Bart am Tärn. Das Haus des Bart liegt ja hoch im Wald.« »Das werde ich Dir schon erzählen. Jedoch denke ich, wir machen vorher Feuer an und nehmen ein Morgenbrot. Wollte mich wundernehmen, wenn Du schon gefrühstückt hättest.« »Dazu, mein lieber Gallo, hätte ich wahrlich des Heilands bedurft.« »Laß Dir nicht bange sein, siehe ich habe Dir etwas mitgebracht.« Dabei wies er auf ein Bündel, das er vorher unter den Baum gelegt hatte. »Aber um Gotteswillen, Wahnfred, wenn ich nicht gekommen wäre?« »Greulich ist der Weg von Trawies in den Ritscherwald, das kannst mir glauben, aber mein Freund, der Weg vom Ritscher nach Trawies ist noch schreckbarer.« Nach diesen Worten begann er aus dem Reste von Brennholz ein Feuer anzumachen und dann Brot und Branntwein auszupacken. Sie aßen und schwiegen dabei, als bange Jedem vor dem, was er zu berichten und zu hören habe. »Warum hast Du den Vorrath in der Rabenkirche nicht geholt?« Fragte endlich Gallo. »Bevor mir das Gewehr verbrannte, habe ich Nahrung genug gehabt.« »Etlichemale,« fuhr der Feuerwart fort, »bin ich gegangen, um nachzuschauen, und da die Sachen immer dort gewesen sind, so habe ich mich aufgemacht, um zu sehen, ob Du wirklich in dieser Klause Deine Zuflucht genommen habest und ob Dir nichts widerfahren sei. Kann wohl sagen, daß ich über dreißig Stunden vom Dürrbachgraben her gebraucht habe.« »Wieso, daß Du vom Dürrbachgraben herkommst, Feuerwart?« »Es ist nicht zu glauben, was dieser Sturmwind angerichtet hat,« erzählte der Gallo, »die Mieslingschlucht schaut aus, wie ein Scheiterhaufen, so liegen darin die zerspaltenen Bäume. Die Trach ist verlegt und verworfen und das Hochwasser reißt die Stämme mit sich und staut sich an der Klamm, daß der See schon herein bis zur Rabenkirche geht. Auf der Tärnleithen, Du weißt, wo der schöne Wald gestanden ist, die Stämme wie gegossen, kein Wurmstich im Holz und kein welkes Zweiglein, liegt alles hingestürzt. Vom Hause des Uli hat der Wind das Dach gehoben und es auf dreißig Schritt Weiten hin in den Bach geworfen. Über meine Hütte ist ein großmächtiger Baum gestürzt, aber so, daß er an einen anderen aufgefallen und daran hängen geblieben ist, und wir unterhalb d’rin hocken und keine Stunde sicher sind vom Erschlagenwerden. Wie es weiter hinten auf dem Tärn aussieht, das weiß ich selber nicht; ein Schwarm von Krähen ist herübergekommen in den Dürrbachgraben, so sind drüben sicherlich ihre Nester zerstört. – Wie ich durch eine solche Zerstörniß heraufgekommen bin, meinst? Ich habe den Umweg über die Birstlingblößen genommen. Habe wohl viel kriechen und klettern müssen und hätte es nicht vermeint, daß es den Ritscherwald, der hoch liegt, und wo die Luft freien Ausweg hat, so arg mitnehmen sollte können. Zum Weiterkommen ist’s gewesen bis zur Wand her, wo der Wasserfall ist. Du wirst es wissen, die Leiter ist weg; einen stundenlangen Seitenweg habe ich machen müssen, sonst wäre ich gestern Abends schon dagewesen. So hat mich die Nacht übereilt; zum Weitergehen war’s in der Finstern nicht, habe mich im Dickicht niederlassen müssen und Feuer anmachen und sonst dazuthun, daß ich nicht angefroren bin. Die Bestien haben mir keine Ruh’ lassen wollen, und sind wir sogar ernstlich aneinander gerathen – solltest den Schuß ja gehört haben. Denn weit war’s nicht von da, und mich hat’s heute noch gewundert, daß ich auf einmal hier auf der Blöße stehe und die Baumgruppen erkenne und die Nacht über so nahe bei Dir gewesen bin. Aber erschrecken kannst Einen, Wahnfred, wie Du vom Baum die Füße herabhängen läßt. Auf der Stelle ist mir durch den Kopf gefahren, Du hättest es auch so gemacht wie Dein Vorgänger, der fromme Einsiedler. Ich habe es dazumal nur nicht sagen wollen, daß er nicht etwan um seine geweihte Erden gekommen wäre! Aber gefunden habe ich den Schelm an der Schnur. Dir wird’s auch lieber gewesen sein, Schreiner, daß Du es nicht gewußt, wie sich der Klausner mit der Rosenkranzschnur erdrosselt hat.« »Der Mann ist seinem Grundsatze treu geblieben,« murmelte Wahnfred. »Wie Gallo, wenn Du auch mich so an die Ewigkeit geknüpft gefunden hättest?« »Heute wäre nicht mehr nöthig, es zu verheimlichen.« »Aus Ehrenpflicht hättest Du es thun mögen.« »Der geweihten Erden wegen thut heute bei uns Keiner das Maul mehr auf.« »Wie meinst Du das?« »O mein Freund,« sagte der Feuerwart, »was ich Dir zu erzählen habe! Als wir damals in der Rabenkirche auseinandergegangen sind, hast Du gegrollt, daß wir Dich ins Unglück gestürzt hätten. Du bist heraufgestiegen in diesen Frieden, der wie ein Himmel ist gegen Trawies, das sie jetzt zur Hölle gemacht haben. Wir haben kein Christfest gehabt in diesem Jahre, haben kein Läuten gehört und keinen Orgelklang seit langer Zeit. Wahnfred, Du bist es nicht schuld, wir Anderen sind es auch nicht, es hat so sein müssen. Nur schreckbar ist, was jetzt über uns gekommen. Das Erdenleben haben sie uns zerstört, den Himmel haben sie uns entrissen, Wahnfred, unsere Heimat ist in Bann gelegt!« Wahnfred war bei diesen Worten von seinem Strunke aufgesprungen. Nun stand er da, ein blasser, wildbärtiger Mann und grub sein Auge in das Antlitz des unseligen Boten. Endlich murmelte er: »Ich muß Dich doch nicht verstanden haben?« »Du hast mich wohl verstanden, Wahnfred, ich sehe Dir’s an.« »Sage, daß der Sturm jeden Baum gebrochen, jedes Haus zerstört hat in Trawies, daß er die Leute todtgeschlagen oder lebendig begraben thut. Nur das nicht, Feuerwart, nur nicht von Gott verstoßen sein!« »Wenn es allein der Fluch wäre! Wenn’s nur der kirchlichen Dinge wegen wäre – das wollte mich nicht erschrecken. Wir gingen zum reinen Christenthum zurück. Aber die Folgen, die Zügellosigkeit! Und es ist gerade, als ob sie zum Bann auch die Acht über uns verhängt hätten. Alles läßt uns im Stich, auch die weltliche Obrigkeit.« »Feuerwart, das mag ein Elend werden!« »Schon heute, mein Wahnfred. Alles ist aus Rand und Band. Auf der einen Seite die Noth, auf der anderen die Willkür. Die Straßen ins land sind zerstört; es geht kein Fuhrwerk hinaus und kein Geld herein. Die Grenzen sind umstrickt. Da unten, wo der Tärn anhebt, kannst Du den Strick gezogen sehen, soweit ihn der Sturm nicht zerrissen hat. Aber den Bann zerreißt kein Sturm. Der Bursch’ vom Schmied in Trawies, der arbeitslos geworden ist, hat wollen auf die Wanderschaft gehen; bei den fünf Kiefern ist er zurückgejagt worden. Der Holzmeister vom Trasankthale wollte nach Neubruck um seine Rait; ehe er noch in die Stadt hineinkommt, haben sie ihn mit Steinen todtgeworfen. –Anfangs sind die Leute gar verzagt gewesen und Viele sind auf dem Angesicht gelegen vor der vermauerten Kirchenthür, auf welcher das Interdict angenagelt gewesen. Wenn Du es hättest gelesen, würdest Dich verwundert haben, was die Herren fluchen können! Der Sandhock hat die Schrift aber herabgerissen. Bald ist auch Anderes geschehen. Auf der Höhe, wo man von Freiwildbach hinübergeht in den Tärn – wirst Du wissen – ist eine Bildsäule gestanden in einer Baumnische, der heilige Nikolaus. Bischof brauchen wir keinen bei uns! haben sie geschrieen und haben das Bild zu Boden geworfen. Wenn wir verflucht sein sollen, haben sie wieder geschrien, so kann uns auch kein Heiliger helfen, und haben vom Brückenkreuz an der Trach den heiligen Sebastian, und von der Capelle, die vor dem Wirthshaus steht, die heilige Katharina gerissen. Und die Wildesten darunter sind gar über die Muttergottesbilder hergefallen, und Einen höre ich heute noch, wie er ruft: Wenn wir schon des Teufels sind, so brauchen wir kein Kreuz und keinen Herrgott! – und haben die Crucifixe zerstört. Es waren wohl Leute da, die sich dem Treiben widersetzt haben; mein Gott, die sind nicht beachtet, sind zurückgestoßen worden. Die Anderen sind schon die Stärkeren. Streit und Hader giebt es, daß es ein Schreck ist.« »Und bist denn Du kein Mittler geworden?« fragte der entsetzte Wahnfred. »Schreiner, das sind andere Zeiten gewesen, als sie auf das Wort des Feuerwart gehört haben. Freilich war ich so kindisch und habe Ordnung machen wollen. So! hat es geheißen, der Alte, der uns hineingeritten hat, will auch noch reden? Heut’ ist nicht gestern, heut’ haben die Jungen und Starken das Wort in der Hand. Althausgesessen! Wir brauchen keine Althausgesessenen; Jeder soll sich’s selber erwerben, was er haben will. Her mit dem Großbauernhof, den wollen wir uns theilen. Um Mitternacht sind sie gekommen – eine Rotte und ein Gesindel, wie ich es zu Trawies nicht vermeint hätte; scheint es doch gerade, als wie wenn alle Galgenstricke von weit und breit zusammenliefen ins vogelfreie Trawies! Um Mitternacht sind sie gekommen mit Hacken, Sensen und Pflugscharen. Meine Knechte und Mägde will ich wecken – ist nicht mehr vonnöthen, sie sind Alle schon bei der Rotte und schlagen gegen mich mit meinen eigenen Geräthen. Eine alte Magd, halb blind und halb lahm, ist uns treu geblieben, ist mit uns gewesen, als sie uns hinausgestoßen haben aus dem Feuerwarthof. Die Lahme hat mir geholfen, mein krankes Weib zu schleppen. Das Töchterlein ist noch die Vernünftigste gewesen von uns; der Sela fiel es ein, in der finsteren Nacht könnten wir nicht weiter und hat eilig an der Herdgluth die Laterne angezündet. Sonst wäre das Ahnfeuer auch dahin, ich hätte an nichts mehr gedacht. Weit in den Dürrbachgraben sind wir gerathen, dort haben wir uns in einer verlassenen Holzerhütte eingeheimst, dort leben wir heut’ noch, und wir werden von Glück sagen dürfen, wenn sie uns leben lassen.« »Das sind schöne Zeitungen, Feuerwart, die Du mir mit aus dem Thale bringst,« versetzte der Wahnfred in der Ironie des heimlich kochenden Zornes. »Aber die Anderen, regen sie sich denn nicht?« »Wer?« »Der Bart vom Tärn, der Firnerhans –« »Der Firnerhans!« unterbrach Gallo. »Jesus Maria, Schreiner, Du weißt es nicht! – Weißt Du es wirklich noch nicht?« »Was noch?« Fragte Wahnfred. »Ja wie solltest Du es denn wissen können! Die Nebel, die aufgestiegen sind aus Trawies zu Dir, sind ja nicht blutig gewesen, die Berge haben ja nicht gebebt, wie das Ungeheuerliche geschehen ist. Der Firnerhans war unter ihnen.« »Dein Vetter, der Holzer Thom aus dem Tärn, war auch unter ihnen. Elf waren ihrer. Mit elf Köpfen bist Du erkauft, Wahnfred! In der Kirche hingerichtet, enthauptet – o mein Gott, wie gräßlich ist’s auf dieser Erden!« Mit diesem Rufe war der alte Mann zusammengeknickt, hatte das Gesicht verhüllt mit seinem Mantel.     Wahnfred stand wie eine Bildsäule da in der Morgensonne. Sein Schatten lag hingestreckt über den Schnee. »So dieser Schatten hätt’ künnen aufstehn,« sagt die Schrift, »hätt’ er leichtlich dem Baumschokk bis zum führnehmbsten Wipfel gereicht.« »Feuerwart!« schrie Wahnfred nun plötzlich und stand mit geballten Fäusten drohend vor dem alten Mann: »Warum hast Du mich nicht gerufen?« »Schlage mich todt,« murrte der Gallo Weißbucher, »wir ist es das Liebste. – Dich nicht gerufen! Und hätte ich auch meineidig werden wollen, es wär dazu keine Zeit mehr gewesen. Du hättest es nicht besser gemacht. Verlange Dir auch jetzt nicht nach Trawies!« Wahnfred schwieg. »Du nimmst Weib und Kind und suchest Dir unter neuem Namen eine neue Heimat!« »Thue Du’s, wenn Du kannst!« antwortete der Wahnfred, und seine Stimme klang fremd. »Ich kann es nicht. Ich bin auf dem Boden meiner Vorfahren alt geworden, ich gehe mit der Heimat unter. Aber Du bist noch jung genug, um auf fremdem Boden Fuß zu fassen, um die Greuel, die Du noch nicht gesehen hast, zu vergessen, um mit Deiner Hände Geschicklichkeit Dir Brot zu erwerben und wieder ein zufriedenes Leben zu führen.« Da sagte Wahnfred: »Ich gehe hinab nach Trawies!« »O, wenn Du so hinabsteigen könntest, wie Moses vom Berge Sinai, mit neuen Gesetzestafeln.« Wahnfred sagte: »Ich gehe hinab.«     Aus hohen Einöden, wo nur die That der Trägheit herrscht: das Träumen, stiegen die beiden Männer nun nieder. Ihre Wege waren tausendfach verrammelt, gleichsam, als hätte auch die Natur den Bann gesprochen, oder anders: als wollte ihnen ein guter Geist die Rückkehr ins Thal des Fluches wehren. In den Tiefen rauschten die Wildwässer des sich lösenden Winters, ein warmer hauch wehte Regenschauer nieder, und die Zacken des Trasank waren in Nebel gehüllt. Die Männer gingen in langer Wanderung den Wäldern des Tärn zu. Wahnfred sehnte sich nach dem Hause des Bart, zu seinem Weibe und zu seinem Kinde. Als er hinter dem Waldschachen den dünnen blauen Rauch des Hauses aufsteigen sah, rötheten sich seine Wangen und im Auge glühte es, wie dazumal, als er in das hinterste Thal des Trasank ging, um zu freien. Nun stand er plötzlich still, griff mit beiden Händen an sein zerfahrenes Haar, an seinen wildwuchernden Bart und murmelte: »Gallo, da thät’ ein Scheermesser vonnöthen.« »Du mußt Dein Weib noch wunderlich lieb haben,« entgegnete hierauf der Feuerwart, der auch auf ernsten Wegen seinen Schalk mit sich trug, »ganz verwunderlich, daß Du jetzt auf die Glattheit Deines Angesichtes so viel hältst. Aber ich denke, Du wirst ihr auch mit dem langen Bart recht sein, wenn Du Dir nur sonst keine einsiedlerischen Bräuche angewöhnt hast.« »Feuerwart! Ich bin auf einmal wieder ganz anders, als ich da oben war. Ich möchte nimmer zurück auf die Höhe, ‘s ist mit so sonderbar warm und jung, mein Gallo, ‘s ist mir wunderlich jung! Wie der Mensch zu Zeiten nur so verfrieren kann! Und wie er so verzagt sein kann und hart gegen die Leute und undankbar gegen Gott! Diese Wässer da unten – Du wirst es inne werden, Feuerwart – sie schwemmen alles Übel hinweg von Trawies. Frühjahr wird’s, in Frieden werden wir wieder unsere Felder pflügen, unsere Wiesen mähen und unsere Herden weiden. Es wird sein, wie es sonst ist gewesen, bis wir nur wieder die helläugigen Blümlein sehen auf der Au! O komm, Gallo, komm, mir ist’s zum Jauchzen, mir ist so jung!« In freudiger Aufregung zog er den Gallo Weißbucher mit sich fort gegen das Haus. Da sahen sie, wie ihnen ein Mann entgegeneilte, dieser winkte mit der Hand und rief in einem Tone, der zuhalb ein Schrei und zuhalb ein Flüstern war: »Stehen bleiben! Eilends zurück in den Wald!« Er kam herbei, der Bart war’s, er drängte die Beiden waldeinwärts. »Was hat das wieder zu bedeuten?« Fragte der Feuerwart. »Die Schergen!« sagte der Bart fast athemlos: »Wahnfred, die Schergen suchen Dich! Du mußt verrathen worden sein. Sie haben es erfahren, daß Deine Leut’ bei mir sind und jetzt umlauern sie schon tagelang das Haus und vermeinen ganz richtig, daß Du einmal herfürgehen müßtest und die Deinen aufsuchen. Vom Fußboden bis zum Dachfirst haben sie schon Alles drunter und drüber geworfen und Einer steht fortweg an der Thür und achtet, wer aus- und eingeht.« »Den Weg zu meinem Weib laß’ ich mir nicht vertreten!« sagte der Wahnfred, und wollte gegen das Haus. »Wahnfred!« murmelte der Feuerwart und hielt ihn zurück, »Du hast monatelang ohne sie gelebt, Du wirst die kurze Zeit auch noch überdauern, sei kein Knabe.« »Mein Weib will ich sehen! Mein Kind will ich haben! Sie sind in Gefahr. Bart vom Tärn, sage es, die Schergen werden sie martern, wegführen, tödten!« »Das werden sie nicht, weil sie Dich damit ködern wollen. Aber gehe ihnen nicht in die Falle, Schreiner, bedenk’s, das wäre Dein und ihr Verderben. Gehe wieder zurück in Deine Wildniß.« »Nimmermehr!« »Verbirg Dich, bis die Gefahr vorbei ist und ich Dich rufe. Ich will sie zu täuschen suchen. Gestern ist drüben auf der Karebene das Gerippe eines Mannes gefunden worden; die Wölfe haben es übrig gelassen! – so will ich aussprengen, der Flüchtling wär’s gewesen. Vielleicht ziehen die Landsknechte ab.« »Hätte ich doch geglaubt,« versetzte der Feuerwart, »sie wollten sich’s damit, daß sie uns niedergeworfen und in die Hölle verflucht haben, genug sein lassen und nicht noch mit Fleiß Menschenjagd halten in Trawies. Wir gehören dem Teufel und gehen die Herren nichts an, magst es ihnen sagen, Bart.« »Wir hätten Recht auf den Schutz der weltlichen Obrigkeit,« sagte der Bart, »aber der Kirchenbann ist allemal auch eine halbe Acht, die ehebald zu einer ganze wird. Geradeaus gesagt, es ist nicht anders, meine lieben Leut’, wir sind vogelfrei.« »Das ist mir nichts Neues,« antwortete der Gallo. »Auch das Haus haben sie mir schon niederbrennen wollen,« erzählte der Bart weiter, »da hätten sie ja das Durchsuchen nicht vonnöthen gehabt. Aber des Köders wegen haben sie es noch stehen gelassen. Nur die Vorrathskammer haben sie mir geplündert. Landsknechte heißen sie und sind von unserem Stamm, aber nicht so viel Erbarmen haben sie, als was im Herzen einer Kröte Platz hat. Weil sie uns für Verdammte halten, so spielen sie die Teufel. Der Türke ist mir lieber.« »Und das sagst wahr? Meinen zwei Leuten thun sie nichts zu Leid?« Fragte der Wahnfred. »Denen, mein Wahnfred könntest nur Du zum größten Feind werden, wenn Du jetzt zu ihnen gingest, die Häscher thäten Dich niederstechen vor ihren Augen.« »Und warum kommt der Knabe nicht mit Dir, Bart? Warum sagst mir nicht, daß es meinen Leuten gut geht? Verschweig’ mir nichts, Bart!« »Kannst mir’s glauben, Schreiner, ich will Dir gut. Ich weiß, wie wir Dir zu Schuld sind. So lange ich ein Auge offen hab’ in meinem Haus, soll den Deinigen nichts Arges widerfahren, so weit’s an Menschen ist. Was Gott thut, für das kann Keiner von uns Rede stehen.« »Wir wollen uns davonmachen,« sagte jetzt der Feuerwart, »dort unten habe ich einen Spieß funkeln sehen. In den Ritscherwald sollst mir nimmer hinauf, dort müßtest Du verkommen. Geh’ mit in den Dürrbachgraben, in meine Hütte. Ich will Dir zur Wacht sein, so gut ich kann, will Dir Nachricht bringen von Weib und Kind, bis Du sie sehen darfst. Geh’ mit mir!« »Und kann’s denn sein, daß meine Füße nicht angewurzelt sind auf diesem Boden, daß ich wieder davon kann gehen, wie ich hergegangen bin? Ich Leute, ich kann’s nicht. Bart vom Tärn, Du gehst jetzt ins Haus und darfst sie sehen. Gieb mir Deine Kleider und lasse mich, wenn es dunkel wird, als der Bart in das Haus gehen!« Fast jubelnd rief er den Gedanken aus, aber die Beiden warnten ihn vor einem Streich, bei welchen alles, was er habe und sei, auf dem Spiele stünde. »So gehe Du! eilends, Bart! Gehe Du, und sage ihnen, daß – o Gott, was sollst Du ihnen sagen! Sie sollen denken an ihren Wahnfred, sollen lustig sein! Sollen schlafen – den Winter verschlafen, so wie der Wahnfred schläft. Der Winter gießt ja schon zu Thale und das erste Veigelein dieser Frühzeit, das bringe ich ihnen. Gott’s Gruß!« Er war sich schluchzend an die Brust des Bart, »Gott’s Gruß meinem Weib!« Der wunderliche Mann! Er konnte fast ihrer vergessen und jetzt auf einmal brach es los. So treiben es Menschen seines Schlages. Mit Mühe brachte der Feuerwart den Schreiner in seine Hütte. »Es ist ja nicht immer gut für den Mann,« sagte er unterwegs, »wenn Füße und Hände nur dem Herzen folgen. Heute geht er dort hin, wo er morgen nicht sein will, heute thut er das, was er morgen bereut, gethan zu haben.« »Sei still, Feuerwart!« versetzte der Wahnfred, »gegen inwendig Weh hilft kein gescheit Reden.« Endlich waren sie hinabgekommen zur Schlucht. Das Wasser, welches aus allen Furchen und Rinnsalen niedergoß, war mächtig und laut; braun wie Lehm waren die Fluthen, die in rollenden Bauchungen über die unebenen Gründe schossen, weiß wie Schnee der kochende Schaum, der an Blöcken und Erdschollen aufbrauste. Hier grub es unter gelockerter Baumwurzel ein, dort schlug es an widerstrebender Brüstung empor, da unterwühlte es eine Schneewand, bis die Massen niederbrachen, das Wasser einen Augenblick stauten und von diesem zerschellt in Stücken und Trümmern davongeschoben wurden. Baumstrünke, denen von Sturm und Wasser die Arme gebrochen waren, glitten heran, stießen brüllend ans Gestein, wurden hoch aufgeschnellt und stürzten klingend in die Fluth; Erdmassen waren lebendig und mancher Felsblock wälzte sich langsam weiter, mitten im Quirlen, Brausen und Gischten der entfesselten Kräfte. Das ist das wilde Sterben des stillen, weißen Schnees. Muß denn alles, auch das Reinste, Mildeste und Zarteste auf Erden, sich einmal auflehnen und einmal den heißen Kampf ringen? Wenn im Leben nicht, so im Sterben! Der Feuerwart ging so rasch, als es im Gewirre des zerschlagenen Waldes möglich war. Er wußte, seine Hütte stand nicht weit vom Wasser, und er traute es den Elementen zu, daß sie dem kirchlichen Fluche Handlangerdienste leisten könnten. Sie mußten an den Lehnen hinaufklettern, denn der gebahnte Fußsteig in der Schlucht war nicht mehr da, darüber hin schossen die Fluthen. Ihnen zu Seite rollte manche Schneelawine nieder, Erdreich, Baum und Busch mit sich fortreißend. Mitten in solchen Wüsten, von Fluthen umbrandet, von gebrochenen Stämmen umlagert, auf einem Felsblocke stand Sela, die kleine Tochter des Feuerwart. Ihr blaues Kleidchen schimmerte durch das triefende Astwerk; der Staub der zerschellenden Wellen hüllte sie wie in einen zarten Nebel. Mit weißem Händchen hielt sie sich an einen Ast und beugte sich vor, um Wasserkresse zu pflücken, die am schneelosen Rande wuchs. Der Feuerwart schrie ihr zu, was sie denn treibe an so gefährlicher Stelle? Sie hörte in dem Gedonner des Wildbaches das menschliche Wort nicht. Ihr Gesichtchen war so blühend, wie an jenem Morgen, da sie mit Erlefried zum Sonnenwendfeste gegangen war; ihre großen klugen Augen schauten so sanft und ruhig, als stünde sie mitten in einem Blumengarten. Die Kresse, die sie pflückte, heimste sie in das halbaufgeschürzte Röcklein. Nachdem sie das letzte Pflänzlein gesammelt hatte, blickte sie auf in die Wildniß, und ins rasende Gewässer. In unablässigen Brüllen und Krachen trieb das Getrümmer des Waldes heran, aber ihre Augen schauten ruhig. Die beiden Männer betrachteten das Kind, dann nahm Wahnfred den Feuerwart bei der Hand und sagte: »Wir sind nicht verloren.« Nun bemerkte das Mädchen den Vater, und flink wie ein Gemslein des Trasank hüpfte sie von Stein zu Stein, bis sie vor ihm stand. In stiller Freude schmiegte sie sich an ihn und reichte ihm hinan bis zur Brust. »Was willst Du, Sela, mit diesem Kraut?« »Die Mutter hat heiße Hände,« antwortete das Mägdlein, »und hat auch eine heiße Stirn. Da wird ihr das Frische gut sein.« Bald waren sie an der Hütte. Sie war gefährdet am Fuße durch die heranschlagenden Wogen und am Dache durch den querüberhängenden Baumstamm. Das Mädchen ging zur Kranken und flüsterte ihr zu: »Jetzt ist der Vater schon da!« Dann legte es die kühle, grüne Kresse mit dem silbrigen Schimmer auf die heißen Hände und auf die heiße Stirne, und gab ihr zu trinken, und streichelte ihr die Wangen und blickte sie mit ihren milden, blauen Augen tiefsinnig an. Und an diesem Blicke, der wie Frühlingshimmel über dem abgehärmten Antlitze des Weibes ruhte, schien sich die Kranke bis ins Innerste ihres Wesens zu erquicken. Und wenn sie dann einschlief, um in sonnigen Träumen ihres Kindes Zukunft zu schauen, oder sich ein wenig in jenem ewigen Schlummer zu üben, der nichts mehr von Vergangenheit und Zukunft weiß – dann schlich Sela auf ihren Zehenspitzen davon und war in fröhlicher Emsigkeit bestrebt, im Schrank und am Herde zu ordnen und Dinge zu bereiten, welche der Erwachenden hernach zugute kommen sollten. Der Feuerwart sagte einmal: »So lange der letzte Engel nicht davon ist, so lange gebe ich Trawies nicht auf.« Ja, alter Mann, wer ein liebes, aufblühendes Kind hat, der kann und darf an der Welt nicht verzweifeln.     Wahnfred blieb wochenlang in der engen Hütte des in die Bergschlucht verbannten Feuerwart. Er sah noch lange das Toben und dann das allmähliche Verlaufen der wilden Fluth. Er sah das Vergehen der letzten Schneemassen, er sah das Aufgrünen des Rasens, Er sah das stille Trauern des Feuerwart um sein hinsiechendes Weib; er sah die kleine, behendige Pflegerin, die unerschöpflich war an Trost, niemals traurig schien, mit ihren seelenvollen Augen das ganze Haus erhellte. Sie gab nicht zu erkennen, daß sie von der Gefahr wisse, in der die Mutter und in der sie Alle schwebten. Der Feuerwart meinte, es sei die Ahnungslosigkeit des Kindes; wie sehr war er daher betroffen, als Sela eines Tages vor der Hütte zu ihm sagte: »Du sollst wieder einmal lachen Vater, sonst meint die Mutter, das sie sterben muß.« Er lachte nicht, in Weinen brach er aus, als er dieses Wort seines Kindes gehört hatte. Sela weinte mit ihm, und so heftig und bitterlich, daß ihr ganzer Leib zitterte und zuckte, daß der Strom ihrer Thränen die Brust des Vaters netzte, daß sie sich vergebens bemühte, dem Schluchzen, in welchem all ihr so lange zurückgedrängtes Weh auf einmal hervorquoll, Einhalt zu thun .... Sie ging zum Bache, befeuchtete ihr Angesicht mit kaltem Wasser. Sie pflückte das weiße Krönchen eines Maßlieb und trug es in die Hütte und legte es der Mutter an den Busen und sagte: »Eins ist schon da!« – Und sie war wieder so fröhlich, wie sonst, und ihr Auge schaute wieder so ruhig, und der Frieden des Kindes schien wieder in ihrer Seele zu sein. Wahnfred sah diesem Weibe und diesem Kinde zu und dachte an die Seinen. Er ahnte nicht, daß auch sein Weib so dahinsiechte und sein Kind so liebestreu die Mutter pflegte. Das Weib des Schreiners hatte sich die That, die Flucht und die Gefahr ihres Mannes so tief zu Herzen genommen, daß sie zu welken begann. Sie sagte es mit keinem Worte, wie das Gefühl der Heimatlosigkeit, die Angst um ihren in der Einöde verbannten Gatten an ihrem Leben nagte, aber sie siechte und siechte dahin. Der Feuerwart wußte es wohl, was da oben im Hause des Bart vom Tärn vorging, aber er durfte es nicht sagen, sollte der Schreiner seinem vergehenden Weibe zueilend nicht ins Verderben rennen. Er ging beim Bart aus und ein und brachte befriedigende Nachricht heim; bat ihn ja doch auch das Weib des Schreiners, dem Gatten ihr Absterben zu verhehlen, damit er sich halten lasse und den Feinden nicht ans Messer laufe. Denn immer noch umzingelten die Schergen das Haus und wichen nun umsoweniger, da sie annahmen, die Krankheit des Weibes müsse den Mann sicher herbeiholen. Sie, die Herzlosen, hatten doch die Schlauheit, auf menschliche Regungen bei Anderen zu rechnen. Wenn einmal ein Fremder, ein Hausirer oder Holzer oder Bettelmann ins Haus wollte, so wurde er strenge untersucht und so lange gestoßen und hin und her gezerrt, bis ihm die Lust, unter dieses Dach zu treten, ein- für allemal verging. Jeder der Schergen hatte sich eine Beschreibung eingeprägt von dem Flüchtling; Einer war da, der kannte den Mann persönlich aus jüngeren Tagen her. Auf Wahnfred’s Kopf stand die Freiheit zum Preise; wer ihn einbrachte, der war der Landsknechtschaft ledig auf der Stelle. Scharf bewaffnet war Jeder, sie wußten wohl, daß sie in Feindesland standen. Sie wußten auch, daß Kraft des Kirchenbannes diese Waldleute von allen Seiten verlassen waren. Und so vermochte denn der heimkehrende Gallo dem Schreiner nur immer zu sagen, daß die Häscher noch beständig um das Haus wären, daß ihn das Weib grüßen lasse und ihn bitten, er solle doch ihret- und des Kindes wegen sich in keine Gefahr begeben. Trotzdem sann Wahnfred auf allerlei List, unerkannt zu den Seinigen zu kommen; ja er kam sogar auf den Gedanken, in Trawies eine Freischar zu werben und damit das Haus im Tärn zu stürmen. »Du hast Dich bisher,« so sagte auf solchen Vorschlag der Gallo Weißbucher, »von mir abhalten lassen, nach Trawies zu gehen; Du brauchst es nicht zu bereuen. Du hörst es, welche Nachrichten zu uns in den Dürrbachgraben dringen, Du hörst es und kannst Dir doch nicht denken, wie es jetzt mit den Trawieser Leuten bestellt ist. Sie türmen die Häuser, stürmen die Weiber, aber für eine Sterbende führen sie keinen Schlag.« »Für eine Sterbende!« sagte der Wahnfred und sprang von seinem Blocke auf, »wie verstehst Du das?« Der Feuerwart wußte den Augenblick kein Wort zu sagen. »Wie ist das gemeint, Gallo? Eine Sterbende?« »Du siehst ja doch,« brummte der Feuerwart nun, »daß mein Weib im Sterben liegt und wir haben keinen Beistand.« »Du verschweigst mir etwas, Feuerwart, auf der Stell’ will ich wissen, wie es mit meinem Weibe ist!« »Daß sie nicht lustig sein wird, magst Du Dir denken, Wahnfred. Daß die Bedrängnis, die jetzt so schreckbar über uns gekommen ist, eine weichherzige Frau angreifen muß, das wird Dich nicht wundern.« »Sie ist krank!« rief Wahnfred, »Du weißt mehr, als Du sagen willst. Gallo, sei mir nicht ungetreu! Zu ihr will ich jetzt, und wenn es mein Leben kostet, wissen will ich’s, auf was ich mich gefaßt zu machen hab’.« »Der Mensch muß sich in dieser Welt auf alles gefaßt machen.« »Sie ist mir gestorben!« schrie Wahnfred auf. »Was sagst Du, Schreiner? Vom Gestorbensein noch gar keine Rede. Aber so ich Dir’s recht soll sagen und weil ich’s nicht verantworten möchte, Dich in der Sach zu hintergehen: Wenn Du sie noch einmal sehen willst, so wirst Du freilich nicht warten können, bis die Schergen abziehen.« »Ich gehe heute noch hinauf,« sagte Wahnfred mit Entschlossenheit, »jetzt hält mich nichts mehr zurück. Wenn es sein muß, mit dem Messer will ich mir den Weg frei machen zu meinem kranken Weibe.« »Wir wollen was Anderes probiren. Der Bart und ich haben es schon verabredet. Wir tragen einen Strohschaub ins Haus.« »Warum ist das jetzt auf einmal möglich, was Ihr mir niemals habt zugeben wollen? Mich däucht, es ist hohe Zeit! Feuerwart, wenn Du mir’s zu lang verschwiegen hättest, ich wüßt’ nicht, ob ich Dir’s verzeihen könnte.« Der Feuerwart ging mit ihm. Sie stiegen den Berg hinan, Wahnfred war dem betagten Manne lange Strecken voraus. Er hatte ihr das erste Veilchen bringen wollen, und nun vergaß er d’rauf und trat die jungen Blumen mit den Füßen. Er tödtete sie kaum, die blauen Äugelein der wieder erwachenden Erde, so flüchtig und leicht war sein Schritt; schier flog er mehr als er ging, und der Feuerwart rief ihm vergebens nach, nicht blindlings ins Verderben zu rennen. Auf der Höhe kam ihm der Bart entgegen. »Ah, Du kommst schon, Schreiner!« rief er ihm zu. »Bart,« sagte der Wahnfred, faßte ihn an den Händen und wollte ihn rasch mit sich weiter zerren. »Bart, Du wirst es wissen, daß nicht mehr viel Zeit ist. Du hast sie ins Haus genommen und ihretwegen die Schergen geduldet um Deinen Wohnsitz. Du bist uns Freund gewesen, so wirst mir’s jetzt auch redlich sagen, was ich finden werde.« »Beim Leben ist sie noch,« antwortete der Bart, »und dort im Dickicht ist der Schaub in Bereitschaft.« Es war ein Bund aus den längste Kornhalmen des vergangenen Sommers. Wahnfred that ihn auseinander und legte sich hinein, und die Männer banden den Schaub über ihn zusammen. Dann legten sie ihn auf zwei Tragstangen und trugen ihn hin gegen das Haus im Tärn. »Es ist nur ein Glück, daß die Wichte gestern zu einem Schießen gegangen und noch nicht zurückgekehrt sind,« sagte der Bart, »bis auf Einen, der noch vor der Hausthür sitzt und zu seinem Zeitvertreib mit dem Messer allerlei Figuren in die Wand schneidet. Um ihn zu täuschen, habe ich schon heute Morgens ein Paar Schaube ins Haus tragen lassen. In den ersten hat er mit seinem Spieß gestochen und hämisch gefragt, was wir da trügen? Ich habe ihn wiederum gefragt, ob er keinen Strohschaub kenne? Wenn nicht, so möge er zum Nachbar Freiwild gehen, uns das Stroh ausdreschen, die Schaube ins Haus tragen und auf den Dachboden legen helfen. Von Arbeit will er nichts wissen, der Landrab’, hat sich auf seine Bank gedrückt, beim zweiten Schaub hat er nicht mehr gefragt.« »Weiß sie, daß ich komme?« fragte der Wahnfred im Strohbunde. »Sei still, Schreiner, wir kommen schon ans Haus.« Sie trugen die Last über den Anger, sie trugen dieselbe zwischen der Baumgruppe durch, die als Schutzwart gegen Sturm und Blitz dastand, sie trugen den Schaub über den kleinen Hof, wo der Brunnen rieselte, sie trugen denselben langsam, mit fast trägem Behagen gegen die Thür. Der Büttel kauerte auf seiner Bank; er hatte vor sich eine Schüssel mit Butter stehen, die er sich in der Vorrathskammer geholt. Er starrte mit Unwillen auf den Rest seines köstlichen Raubes, denn er wollte noch gern davon genießen und war schon satt. Als er nun die Männer mit dem Strohbunde heranschreiten sah, gedachte er seiner Pflicht, der er nach so fettem Bissen doch wieder einmal nachkommen solle, denn dieser Scherge das war ein Mensch, der sich sein Essen auch verdienen wollte. »Ist das wieder Stroh?« fragte er brummig. »Ja, Herr Soldat,« antwortete der Bart; »Du hast ein sauberes Amtel, hältst Schildwache vor lauter Stroh.« »Ist das alles Stroh?« rief der Scherge und schlug mit dem Spieß auf den Schaub. Anstatt Angst verspürte der Bart Zorn. »Wenn ich nur wüßt’, wie das Thier heißt, das dem Stroh so viel nachstellt?« versetzte er. »Ablegen!« knurrte der Scherge. »He, Ihr werdet doch Spaß verstehen?« Mit diesen Worten suchte der Feuerwart zu begütigen. Aber der Büttel riß den Strohbund von der Trage, zerbrach das Band; die Männer suchten ihn zurückzudrängen, er drohte mit Waffen und grub in den Halmen, und in dem Augenblicke, als der Schaub auseinanderfiel, sprang Wahnfred aus demselben auf und erfaßte den erschreckt zurücktaumelnden Schergen an der Gurgel. »So soll ich mir die letzte Stunde meines Weibes erkämpfen!« Diese Worte stieß er hervor, würgte den Söldner und schleuderte ihn an die Wand, daß der Schädel klang. Wahnfred stürzte in das Haus, in die Stube. Diese war dunkel, die Fensterchen waren verhüllt mit Lappen, auf dem Tische brannte eine rothe Kerze. Das Weib des Bart hatte vergessen auf den Bannfluch, hatte das Crucifix hervorgeholt, das sie vor den Räubern der Heiligthümer gerettet. Bei diesem alten Holzkreuze waren eine lange Reihe ihrer Voreltern gestorben, dieses Kreuz sollte nun auch der lieben Hausgenossin vor Augen sein, die schon seit vielen Stunden im Sterben lag. »Mein barmherziger Herr Jesu Christ,« so betete das Weib des Bart vor dem Crucifix, »wir sind Dein, wir lassen Dich nimmer. Sie wollen uns reißen von Deiner Seiten; wir umfangen Dein dornengekröntes Haupt, wir fliehen zu Deinen heiligen Wunden. O löse Deinen Arm vom Kreuze und halte uns fest, uns arme Sünder, für die Du gestorben bist. Laß’ uns nicht fahren, wenn uns die harten Menschen verstoßen wollen, steh’ uns bei, wenn der böse Feind uns will verderben. Hilf uns im Leben, hilf uns im Sterben, hilf uns, mein Jesu!« Aus dem dunklen Raum vor dem Tische ragten zwei kleine weiße Hände empor. Sie gehörten dem Erlefried, der im Schatten kniete, der erschöpft war vom Nachtwachen und Weinen, der nichts mehr für seine Mutter zu thun vermochte, als bebenden und betenden Herzens seine Hände emporzuhalten zu dem Bildnisse Gottes. Und daneben auf niedrigem Bette lag die Kranke. Ihr Gesicht war weiß wie Wachs, das die Sonne gebleicht hat. Jenes seltsam milde Licht, das wie ein Widerschein der Jugend auf dem Antlitze Sterbender ruht, schwebte um das Haupt. Die Augen waren offen und es schien, als schauten sie gegen die Thür hin. Sie hatte ihn gebeten, daß er nicht komme, und sie hatte doch gehofft, daß er kommen werde. Seit gestern rang sie mit dem Tode. Peinvoll zuckten ihre Glieder, schwer wie unter Berglasten hob sich ihre Brust, kalte Tropfen der Angst standen ihr auf der Stirne, und der Blick, der starre, verlöschende Blick war gegen die Thür gerichtet. Den Lärm, der sich draußen erhoben hatte, hörte sie nicht, aber als nun die Thür aufging, hub das Auge noch einmal an zu schimmern, bevor sie ihn sah. Er stand erschrocken still. Die Schauer des Todes dämpften sein aufgeregtes Gemüth. Erlefried ging auf ihn zu, zögernd, ängstlich, als erkenne er nicht recht, ob es der Vater sei oder ein Fremder. Wahnfred legte dem Knaben die Hand auf das Haupt und starrte auf sein Weib hin. Er war wie festgebannt, als ob ihn hier ein anderer Wächter zurückhielte, den er nicht beiseite zu schleudern vermöge. Ihr Auge blickte ihn unsäglich wehmuthsvoll an, und sie wollte doch lächeln. Nun bewegten sich ihre Lippen: »Wahnfred! ... Wahnfred, vom Knaben thu’ sie weg, diese Hand. Ich bitte Dich!« Da ging’s wie ein Stich durch des Mannes Brust, rasch zog er den Arm zurück, es war ihm, als müsse er fliehen. Sie bewegte ein wenig ihre Rechte, als winke sie ihm zu bleiben, seine Hand in die ihrige zu legen. »Ich habe Dich ja geweckt, mein Wahnfred, damals in der Nacht – als es Eins geschlagen. Du bist lange von mir fortgewesen.« »Nimmer!« so entgegnete nun er, und seine Stimme erstickte im Schluchzen, »nimmer gehe ich jetzt von Dir.« »Daß nur nicht ich so früh von Dir müßt’ scheiden!« sagte sie. »Möchte wohl gern bei Dir bleiben, weil Du so viel unglücklich geworden bist.« Nun brach er vor ihrem Bette nieder auf die Knie und preßte sein Gesicht an ihre Hand und weinte laut. Ihr Auge ruhte enrst und liebevoll auf seinem Haupte, sie suchte die Linke zu heben, um sie auf seine verwilderten Locken zu legen; da zitterte auch unter ihren Wimpern eine Thräne. »Daß Du nur weinen kannst, Wahnfred,« sagte sie leise, »diese Perlen nehm’ ich mit in die Ewigkeit. Sie werden mir leuchten auf dem finsteren Weg. Ich werde den lieben Gott schon finden.« »Nimm mich mit, mein liebes Weib, nimm mich mit Dir!« »Wahnfred! Du mußt noch auf Erden bleiben. Mußt bleiben, daß Du wieder kannst löschen, was Du hast gethan. Nur nicht verzagen darfst. Der Kirchenbann soll Dich nicht irren; nur den Fluch auf Deiner Hand mußt Du löschen. Ich weiß wohl, Du hast den Schwur gethan und hast keinen schlechten Willen gehabt. Du bist gut, mein Wahnfred, Du wirst Dich wieder erlösen. Nur mußt Du nicht vergessen, daß Du es unserm Erlefried sagst: Was böse ist, das bleibt aller Tage böse, und wenn es der Mensch auch des Guten wegen thut, es bleibt aller Tage böse.« »Ich verspreche Dir’s, mein Weib; so vielmals als ich Haare auf dem Haupt hab’, versprech ich Dir’s, daß ich Alles büßen will mit Freuden und gutmachen will, was ich gutmachen kann. Bei diesem Ehering, Maria, verspreche ich Dir noch einmal die Treue.« »Denk’ an’s Kind, sonst verlang’ ich für mich nichts. Das Trauern um mich laß sein. Zu mir bist Du allzeit lieb gewesen und ich hab’ den Himmel gehabt an Deiner Seiten. Wenn Du Dein Tagwerk gethan haben wirst und Dich zur Ruhe legst, dann komme ich wieder und wir gehen miteinander zu unserem Herrn. – Hörst Du den schönen Gesang?« Sie horchte; auch er wollte horchen und hörte nichts, als das Klopfen des Holzwurms in der Wand. »Die Todtenuhr!« lispelte das Weib des Bart gegen ihren Mann hin, der an der Thür stand. »Was sie doch wunderlich singen!« hauchte die Kranke. »Das sind die Engelschöre. – Die Fenster sind so schwarz. Wird denn gar nimmer Tag? Das liebe Licht möchte ich noch einmal sehen ...« Sie zogen die Hüllen von den Fenstern, der helle Tag schien in die Stube und auf das weiße Angesicht der Kranken. Sie sah nur starr in dieses Licht hinaus, als sinne sie, ob es wohl das rechte wäre, das sie meinte. – endlich sanken ihr die Lider, sie schlummerte, und das Weib des Bart schlich herbei, zu horchen, ob sie Athem hole. Wahnfred kauerte am Bette, hielt seinen Knaben an sich gedrückt und blickte unverwandt auf die Schlummernde hin. So währte es den Tag über und so währte es am Abend. Eine alte Magd war im Hause, die vertraute es dem Weibe des Bart, daß ihr der Schreiner bis ins Herz hinein erbarme. Da säße er die ganze Zeit am Krankenbett und er hätte heut’ sicherlich noch nichts Warmes gegessen. Der Tag in den Fenstern war längst verblaßt, ein Öllicht flackerte, sein matter Schein zuckte unstet an den Wänden. Sonst regte sich nichts, die Kranke schlummerte und Wahnfred saß neben ihr und blickte sie an. Nach Mitternacht zuckte sie plötzlich auf. »Wecken! Wecken!« rief sie hell und deutlich, »es hat Eins geschlagen!« »Ist Dir besser, Maria?« fragte Wahnfred leise schaudernd und beugte sich über ihr Gesicht; »Du hast gut geschlafen.« Ihr Auge war offen, aber er wußte nicht, ob sie ihn sah. Ihr sonst kaum bemerkbarer Athem wurde lebhafter und dann langsam. Das Weib des Bart, das nicht vom Lager wich, zündete mit zitternden Händen die rothe Kerze an und begann zu beten. Wahnfred sprang auf: »Was ist das? – Erlefried! Erlefried!« »Laß ihn schlafen,« sagte die Hausfrau. Und dann gegen das Lager: »Liebe Schwester, fahr’ mit Gott! Bitt’ für uns im Himmel! – – Es ist vorbei. – – Wahnfred, drücke ihr die Augen zu.« Das Haus war frei. Der an die Wand geschleuderte Scherge war eine gute Weile betäubt vor derselben liegen geblieben. Der Bart vom Tärn nahm ihm die Waffen weg, den Spieß, die schwere Doppelpistole, und verbarg sie in seinem Hause. Dann betrachtete er die Bilder an der Wand, die der Söldner mit seinem Messer eingegraben hatte. Es war ein laufender Hirsch, von Hunden und Jägern verfolgt. – Noch heute steht ein altes Haus am Tärn, und noch heute ist an der braunen Holzwand desselben ein verwittertes Bild zu sehen, von dem man sagt, daß es die wachhabenden Soldknechte geschnitten hätten in jenen Tagen, da sie auf den geächteten Wahnfred gelauert. Als der Wächter endlich wieder zum Bewußtsein kam und sich bar seiner Wehr sah, schleppte er sich seitab und davon. So stand das Haus nun wieder frei auf hoher Au und leuchtete in der Frühlingsmorgensonne weit in die Wälder hinaus. Auf grünendem Anger, am Rande, wo die Bäume anheben, fast an jener Stelle, wo zur Winterszeit Erlefried aus Schnee seinem Vater ein Denkmal erbaut hatte, standen der Bart und der Wahnfred und maßen ein Plätzchen aus. Auf dem Rasen funkelten Thautropfen, auf den Bäumen jubelten die Vögelchen, die einen flüsternd, zwitschernd, die anderen in hellen Stimmen wirbelnd und jauchzend. In Niederungen lösten sich eben die Morgennebel zu leichtem, lichtem Flockenhauche, an Bäumen und Bergen empor gegen Himmel steigend und in blauer Luft vergehend; hier auf der Höhe war schon klarer Sonnenschein aus reinstem Himmel. Ein kühler Hauch, leicht durchweht von Düften des neu sprossenden Waldes, der jungen Kräuter und Blümchen, zog mählich durch das sonnenbesprenkelte Gestämme und über die Au. Der Bart vom Tärn that den ersten Spatenstich. Wahnfred legte seine Hand auf des Anderen Werkzeug und sagte: »Den Rasen wollen wir verschonen. Wir wollen ihn so abheben, daß er hernach wie eine Decke darauf gelegt werden kann. Da wächst gleich das Grüne weiter und fremde Leute sollen nicht wissen, wo sie liegt.« »Können es wohl so machen,« antwortete der Bart, und sie stemmten das Rasenviereck aus und schnitten unterwärts hinein und hoben es wie eine Decke ab. Dann erfaßte auch Wahnfred den Spaten und begann die Erde auszuheben. Sie war dunkelbraun und noch ein wenig feucht von dem zu Grunde gesunkenen Winter. Der Wurzelarm einer nahen Fichte zog sich quer durch das Grab. »Den müssen wir abhacken,« meinte der Bart. »Ich möchte lieber, daß wir ihn so lassen wie er ist und neben und unterhalb durchgraben,« sagte der Schreiner. »Der Wald soll seinen Arm über sie breiten.« »Wenn Du willst, können wir es so machen,« antwortete der Bart. Dann gruben sie und Keiner sagte ein Wort. Erst nach einer Weile, als sie schon bis an die Brust in der Tiefe standen und als auf der Stirne des Bart schon die Tropfen waren, hielt dieser ein wenig ein, stützte seinen Ellbogen auf den Stab des Spatens und blickte auf den grabenden Wahnfred. »Laß Dir Zeit,« sagte er, »wir werden noch frisch genug fertig.« »Ich gunn’ sie dieser Welt nimmer länger,« murmelte Wahnfred. »Du mußt Dich nicht selber quälen, Schreiner! In meinem Hause ist ihr nichts zu Leide gethan worden. Ich kann sagen, ich hab’ sie so lieb gehabt, wie meine eigene Schwester. Und das will ich Dir auch noch sagen, Wahnfred: Du weißt, wo Du daheim bist, Du und Dein Erlefried. So lang’ mein Haus steht, gehörst Du zu uns. Ich denke, jetzt wirst Du sicherer sein. Es mag werden, was will zu Trawies; wir Drei, Du, der Feuerwart und ich, halten zusammen.« Der Wahnfred grub und grub. »Ein solches Lenzen wie heute,« fuhr der Bart vom Tärn fort, »da denkt man, es muß wieder recht werden.« »Wird’s auch,« versetzte der Schreiner und grub. »Ich meine, daß wir nun bald sechst Schuh haben werden,« sagte der Bart. »So eine Ruhstatt kann niemals zu tief sein,« antwortete Wahnfred und wurde nicht müde zu graben, als sehne er sich in die tiefsten Nächte des Erdengrundes hinab. »Wer weiß, was auf der Welt noch geschieht. Es wird gut sein, wenn man die Unschuldigen mit aller Sorge verbirgt.« Es war schon später Mittag; Wahnfred stand so tief in der Erde, daß die Sonne über den Rand des Grabes hinab kaum mehr sein Haupt beschien. Und er würde fortgewühlt haben in der Grube bis zur gänzlichen Erschöpfung, wenn ihn nicht das helle Wort »Vater« zurückgerufen hätte. Da oben im Lichte des Tages stand Erlefried. Anfangs starrte er mit Grauen in diese finstere Tiefe hinab, dann richtete er seine Botschaft aus: Die Bartin (das Weib des Bart) lasse sagen, er solle doch auch auf sich selber denken und zum Essen kommen. »Die Anderen haben schon gegessen,« sagte der Knabe, »aber ich warte auf Dich.« So stieg der Mann herauf, nahm den Knaben an der Hand, und sie gingen ins Haus. Am anderen Morgen war das Begräbnis. Es war niemand geladen worden aus Trawies und auch Niemand gekommen. Nur die wenigen Leute des Hauses waren zugegen und der Feuerwart war heraufgekommen aus seiner Schlucht. Er hatte unter dem Schutze einer Laterne ein Flämmchen Ahnfeuer mitgebracht, das als Bote aus alten Zeiten die Verstorbene zu Grabe begleiten sollte. Die Todte lag aufgebahrt in der Stube in einem langen weißen Kleide, wozu die Hausfrau ihre feinste Leinwand gegeben hatte. Die Hand hielt sie nicht gefaltet über der Brust, sondern an beiden Seiten ausgestreckt, weil sie ja nicht mehr betete, sondern weil sie ruhte. Einen Arzt hatten sie nicht, der ihnen sagen konnte, daß sie todt wäre. Der Bart fühlte ihre kalte, erstarrte Hand an und sagte: »Wir mögen sie erheben, wach wird sie nimmer.« Einen Priester hatten sie nicht, der über der Todten seinen Segen gesprochen hätte. Der Feuerwart trat hinzu, legte einen Kranz aus Tannengrün auf ihre Stirn und sagte die Worte: »Selig die Todten, die im Herrn sterben, sie sind frei von aller Sünde. Wir werden Dir folgen, geliebte Schwester, wenn wir den Sold entrichtet haben. Wir werden eingehen in das ewige Leben.« Dann legten sie den Leichnam in einen sechseckigen Sarg, der rauh war und ungefüg, dem man es anmerkte, daß ihn der Schreiner nicht gemacht hatte. Der Wahnfred legte noch seine Hand auf die Rechte der Todten und sagte: »Schlaf süß! schlaf süß! Abschied nehme ich nicht.« Sonach legte der Bart den Deckel auf den Sarg und hämmerte ihn fest. Auf das Hämmern lief Erlefried herbei; er hatte Weilchen in der Hand, die er der Mutter auf die Brust legen wollte. »Es ist zu spät, Kind,« sagte der Bart. Und sein Weib fügte bei: »Es ist auch nichts nutz, wenn man einem Todten was mitgiebt, man muß auf solche Gebe so lang Herzweh haben, bis sie im Grab verfault ist.« »Tragen wir sie jetzt in ihr Bett.« sagte der Feuerwart und legte die Hände an die Bahrenstangen, »wir wollen weiters keine Ceremonien mehr machen. Wir haben sie gern gehabt, Gott hat sie noch lieber gehabt, so hat er sie genommen. – heb auf, Bart!« Dan trugen sie den Sarg aus dem Hause und über die Au hin. Das Weib des Bart trug das Licht, dessen Gluth von den längst heimgegangenen Voreltern als ein flammender Faden so fromm bewahrt und beschützt herübergekommen war, den Lebendigen zur Mahnung, dem Gedenken an die Altvorderen treu zu bleiben und die Todten zur letzten Ruhe zu begleiten. Auch der Himmel hat ein Licht bewahrt aus der Väter Zeiten. Die Sonne schien so hell auf den weißen Schrein, der den Glanz wieder zurückstrahlte auf die traurigen Gesichter, so wie der Mond die Nächte unserer Erde beleuchtet. Als sie zum Grabe kamen, fuhren die Träger, von einem Geräusche erschrocken, zurück. Ein paar kleine aschgraue Vögel flatterten hervor aus der Grube und ins Gestämme hin; zwei junge Ammern waren es, die in der Erde nach Insekten gesucht haben mochten. Es ist kein Grab so tief, daß in ihm nicht wieder Leben wäre. Sie senkten nun den Sarg hinab; sie machten das so rasch als möglich, sie warfen mit den Händen Erde darauf, wühlten mit den Armen Erde hinab, rührten mit der Schaufel Erde hinab, bis vom Sarge das letzte Stückchen Weiß verdeckt war. Sie füllten das Grab mit Erde und legten endlich noch die Rasendecke darüber, und fegten mit Reisig den Staub hinweg, bis alles wieder glatt und grün und kaum die Spur des neuen Grabes zu merken war. Wahnfred wendete sich gegen die Übrigen und sagte: »jetzt sind wir fertig, jetzt seid mir bedankt. Ich danke Dir, Bart vom Tärn, für die Freundschaft, die Du meinem Weibe unter Deinem Dach und an Deinem Tisch erwiesen hast; ich danke Dir, Hausfrau, für die Liebe, mit der Du sie gepflegt und getröstet hast; ich danke Euch, Hausgenossen, daß Ihr so gut gegen sie gewesen seid und ihr Liebes gethan habt bis zu dieser Stund’! Ich danke Dir, Gallo, daß Du hinaufgestiegen bist mit dem Licht und sie mir hast helfen begraben. – Und nun,« er ergriff die Hand des Bart, »nun bitte ich Dich, behalte meinen Knaben und sei ihm ein väterlicher Freund, wenn ich nicht bei ihm bin. Ich gehe hinab nach Trawies.« Er schüttelte Allen die Hand, er drückte den Knaben an die Brust. Er trat vom Grabe weg und stieg rasch zu Thale. Die Leute gingen auseinander, der Feuerwart heimwärts, die Anderen ins leere Haus. Sie blickten traurig auf den Schragen hin, auf welchem die Bahre geruht hatte, auf das Bett, in welchem die Arme monatelang hingesiecht war still und ohne Klagen. Das Haus war weit und öde. Es war ein Werktag und der Acker bedurfte des Pfluges, aber der Bart hatte angeordnet, daß seine Leute an diesem Tage zum stillen Gedenken an die Heimgegangene ruhen sollten. Auf dem Grabe war nur ein Mensch zurückgeblieben – Erlefried. Er stand allein da und hatte immer noch das Sträußchen in der Hand, das er seiner Mutter vermeint gehabt. – Warum ließen sie es nicht auf ihre Brust legen? Als ob er nicht ohnehin Herzweh haben werde, weit länger, als bis der Sarg da unten zu Moder sein wird! Und wer hat ihn gefragt, ob er eine Zeit zu erleben wünsche, in welcher er um seine verstorbene Mutter nicht mehr trauern werde! So dachte der Knabe; er fühlte etwas wie Zorn gegen den Bart und sein Weib und er wollte nicht in das Haus zurück. Auf diesem Rasen stand er nun und sann nach, wie denn das sein könne, daß seine Muttern da unten liege, fest eingegraben in die feuchte Erden? – Wie er so dastand, wohl zart am Körperbau, aber schlank, und wie sein üppiges Gelocke das aufrechte Haupt umrankend Schatten legte über sein Gesicht, den Ernst desselben noch erhöhend, da war er kein Kind. Die leichtlebige Behendigkeit des Knaben war weg und in seiner Stirn ging’s wie ein neues Ahnen auf – weit vorauseilend den Jahren. Dieser eine Winter hatte mehr an ihm gethan als sonst Jahre thun, die im Alltagsschritte an fröhlichen Knaben vorübergehen. Harte Erfahrungen führen den Mann rascherem Altern, und den Knaben rascherer Entwicklung zu. Der Körper bewegt sich nur so lange in jener planlosen, tollenden Ungebundenheit, die wir Kindeslust nennen, als er von dem Geiste noch nicht gebändigt wird. Ist dieser durch Zeit, Zucht oder Erfahrung kräftig genug, den Körper zu beherrschen, ist es der feste Wille, der das Wort führt, dann geht die Mannheit an. Auch bei Mädchen, deren inneres Leben noch weit empfindlicher ist, wirkt heißer Schmerz wie die Gluth der südlichen Zonen – saugt den Thau der Kindheit auf, entwickelt im Herzen frühzeitig die Ahnung der Jungfrau. Erlefried sann und brütete; nun hörte er den Gesang der Vögel. Ihr seid lustig, so dachte er, ja, wenn ich wüßte, was ihr euch so viel zu sagen habt! Meine Mutter hat mir wohl erzählt von dem Drachen, dessen Fleisch man berühren muß, um den Gesang der Vögel zu verstehen. Aber der Drache ist ein Ungeheuer und will Jeden, der ihm in die Nähe kommt, verschlingen. Gemach, Junge, noch ist jener Drache nicht in deiner Nähe, mit dem die germanische Mythe die sinnliche Leidenschaft gemeint hat, und die Vögelein im Gezweige sind vielleicht verwunschene Engel und erzählen sich, wie sie eben vom Himmel geflogen kämen. Dort war heute ein großes Fest. Eine Dulderin, eine liebgetreue Gattin und Mutter, noch in der Jugend Jahren, angethan mit schneeweißem Kleide, ist in den Himmel gezogen. Alle Glockenblumen haben geläutet im himmlischen Garten und der Erzengel hat die Einziehende erwartet an der goldenen Pforte und hat sie zwischen den Jungfrauen und Blutzeugen hindurch zu Maria der himmlischen Königin geführt. Diese hat sie umhalst, hat sie geküßt, hat ihr einen Kranz von Rosen auf das Haupt gelegt, hat ihr den lieblichsten Platz angewiesen zu ihren Füßen. Wo solche Mär im kindlichen Haupt widerspielt, da singen leicht die Vögelein das nämliche Lied. – Ein Rehbock war’s , der ihn aus seinen Träumen weckte. Das Thier stand zwischen dem Gestämme und schaute auf den Knaben, der jetzt doch wieder Kind war. »Warum läufst du nicht davon?« rief ihm Erlefried fast drohend zu. »Siehst du nicht, daß ein Mann hier steht, der dich todtschießen könnte?« Das Thier trabte mit seinem hochgehobenen Haupte noch einige Schritte näher; wie herausfordernd winkte es mit seinem Geweih. »Geh!« sagte der Knabe und hob die Hand, »ich thue dir ja nichts. Heute wollen wir gut sein aufeinander. Siehe, meine Mutter ist gestorben ...« Plötzlich wendete sich der Bock und lief durch das knisternde Gestrüppe rasch davon. – Hingegen nahte ein Anderes, welches das Thier verscheucht zu haben schien. Sela kam herangeschlichen, das kleine Mädchen, das schöne Mädchen. Sie war aber gar nicht mehr klein, sie war nur schön, und an diesem erkannte sie Erlefried wieder. »Erlefried,« rief ihm das Kind entgegen. Er hörte es, er sah sie an, aber er wußte nichts zu antworten. »Erlefried,« wiederholte das Mädchen und war schon ganz nahe an ihm. »Du hast einmal gesagt, wenn ich Dich wolle, so soll ich Dich rufen. Nun will ich Dich.« »Soll ich Dich über das Wasser tragen? Nun, da bin ich,« sagte Erlefried und sah in das frische Angesicht Sela’s. »Ich will Dich nur sehen, Erlefried, dann gehe ich wieder. Ja, ich geh’ schon wieder.« »Magst Du Violen?« fragte er und hielt ihr den Strauß der Veilchen hin. Sie nahm den Strauß und sah in das Angesicht Erlefried’s und überlegte bei sich, wie sie es nur angehen solle, ihn zu zerstreuen, zu erheitern, heute, da sie seine Mutter begraben hatten. »Bist Du also nicht auf dem Hirschen geritten?« fragte sie. »Ich auf dem Hirschen? Auf welchem?« »Wie Du jetzt so dastehst – möchte ich es glauben. Was Du trotzig geworden bist, Erlefried! Der Hirsch ist tiefnächtig im Kraut gelegen und hat geschlafen. Du schauest ihn zuerst nur so an, gehst um ihn herum, betrachtest sein Geweih. Er legt den Kopf an seinen Leib hin. Die giebst nicht nach, streichelst ihn, setzest Dich auf das Thier. Ja, ja, Erlefried, ich habe alles ganz genau gesehen. Der Hirsch rührt sich gar nicht. Du nimmst ihn beim Geweih und schlägst mit den Fersten an seine Seiten – nachher springt er auf. Springt auf und mit Dir davon. Du lachst, ist ein lustiges Reiten, und der Hirsch hebt zu laufen an hinein in den Wald. Mir wird angst und bang; Du haltest Dich fest ans Geweih und lachst noch immer und rufst um Hilfe. Du reitest durch den ganzen Tärn, Du reitest in die Trasankfelsen hinauf. Ich seh’ alles und hör’ alles und kann mich nicht rühren, und vom Trasank springt der Hirsch über die Wildwiesen ins Trawies herab, just gegen die Wand, wo sie die heilige Dreifaltigkeit ins Wasser geworfen haben – jetzt bin ich Dir auf einmal munter geworden.« Wie lebhaft sie das erzählt hatte! »Geträumt hast Du von mir?« »Ja, in der heutigen Nacht. Jetzt hab’ kein Gut thun mögen, bis ich gesehen hab’, daß Du da bist und alles nicht wahr ist. Ja die Violen nehm’ ich schon, und gieb Achtung, Erlefried und reite auf keinem Hirschen.« »Sela!« sagte er. »Aber eine große Stimme hast bekommen.« »Sela,« sagte er, »ich möchte wissen, ob Dein Vater in seinem Haus so Einen brauchen kunnt’?« »Was für Einen?« »Ich kann schon Holz spalten, Sela!« »Das ist wohl brav.« »Kann große Scheiter tragen, und Reisig hacken. Die Kühe füttern, wassern und melken, das kann ich auch. Das Baumsägen ist leicht gelernt. Bretter hobeln kann ich schon lang. Ihr werdet vielleicht Kräuter sammeln und Wurzeln stechen, das kann ich gut. Dein Vater soll mich nur nehmen.« »Mein Vater hat gesagt, daß ich beim Bart bleiben werde. Ich will nicht beim Bart bleiben, und weil meine Mutter gestorben ist, so kann ich hingehen wohin ich will!« Das Mädchen sah, wie der Junge zornig war, und fragte, was ihm der Bart zu leide gethan habe. »Ich bin kein Knabe!« knirschte Erlefried, und die Stimme wollte ihm versagen, »sie haben mich meine Mutter nicht das letztemal schauen lassen.« »Sei froh, wenn Du sie nicht das letztemal gesehen hast,« versetzte das Mädchen, »mein Vater hat es uns gesagt, und daß Du deswegen so betrübt gewesen wärest. So bin ich geschwind hinaufgegangen. Aber Du bist zornig, und so gehe ich geschwind wieder hinab.« »Sela, Du muß bei mir bleiben.« »Und Du mußt es mir nicht für Übel halten, Erlefried, es ist aber nicht recht, was Du thun willst. Der Bart hat es viel gut mit Deiner Mutter gemeint und Du wolltest jetzt davongehen und in den wilden Wald hinein? Das wäre so, wie auf dem Hirschen.« »Du hast leicht reden,« entgegnete nun zögernd Erlefried, »Du hast Dich selber bei Dir.« »Du auch,« lachte das Mädchen. »Mich freut es nicht. Jetzt weil die Mutter gestorben ist, möchte ich nur bei Dir sein.« »Du kannst oft zu mir hinabgehen und ich werde oft zu Dir heraufgehen. Da auf der Höhe ist’s viel lustiger als unten im Graben. Mußt schön gut sein, Erlefried, und dankbar. Gelt, das wirst sein?« »Dir zu Lieb’ blieb ich beim Bart,« sagte der Knabe, »aber Du mußt dafür alle Nacht von mir träumen.« »Wo haben sie denn Deine Mutter hineingethan?« fragte jetzt Sela. »Da,« sagte er leise. »Wo?« »Da, wo wir stehen. Hier unten liegt sie.« Das Mädchen trat erschrocken einige Schritte zurück und legte die Hände zusammen und schaute auf den Boden hin. Es betete. Als Erlefried das sah, faltete auch er seine Hände. Jetzt fiel ihm ein, auf Gräbern müsse man beten. – Und so standen sie eine Weile unbeweglich wie die Bäume, und ein junger Falter war da, der flog im Kreise über den beiden Menschen, die auf dem Grabe standen, auf segenloser Scholle, umlauert vom Verderben – und die jung waren und glücklich werden wollten.   Wahnfred war über den Bergrücken herausgegangen, den man die Höhe nennt, und von welchem man zur Linken die Aussicht ins Heidegelände und zur Rechten das Thal von Trawies und den Trasank hat. Im Hause des Freiwild wollte er zukehren, um zu sehen, ob die neuen Zustände auch hier so wenig zu verspüren wären, als im Hofe des Bart vom Tärn, wo die fleißige Arbeit und die alte Sitte noch fortging, wie sie bisher gegangen war. Aber das Haus des Freiwild war versperrt: auch in der Umgebung war kein Mensch zu bemerken. Im Stalle blökte ein Rind, die einzige Kunde, daß in diesem Hause doch noch Leute wohnten. Als Wahnfred forschend um den Hof herumging, war es, als wären da oben an der Giebelwand durch das Fensterlein ein paar menschliche Beine hereingezogen worden. Wahnfred stand eine Weile da und horchte, aber er sah nichts mehr und hörte nichts, als das Blöken des hungrigen Rindes. Endlich ging er von dannen. Aus einer bewaldeten Engschlucht drang ihm prickelnder Geruch entgegen, zwischen den Fichten schwebte Rauch; er stand vor der Schnapsbrennerei der alten Ursula, die eine Schwester des Freiwild war und hier eine armselige Hütte und einen armseligen Erwerb hatte. Jetzt aber – so viel Wahnfred sah – schien der Erwerb gar nicht armselig zu sein. Fünf Kessel über rohem Ofenbau, mit Lehm dicht verschmiert, standen der Reihe nach unter den Bäumen hin, und aus jedem rieselte der helle Faden eines Brünnleins in einen Zuber. Vor einem solchen Zuber kauerte die Ursel, die in ihrem zerfaserten und verblaßten, halb weiblichen und halb männlichen Anzug selbst ganz lehmfarbig aussah, bis auf das stark geröthete Gesicht. Sie hielt jetzt den Finger unter eines der Brünnlein und führte ihn zur Zunge und prüfte die Güte des neuen Gebräues. Wahnfred sprach sie an; sie erschrak vor ihm, dann fragte sie was er denn wolle. »Ich will Dir nur zuschauen, Ursel.« »Kennst mich? Du bist mir auch so – gesehen hab’ ich Dich oft, das weiß ich, nur weiß ich jetzt nicht, wo ich Dich geschwind hinthun soll.« »Der Schreiner aus dem Gestade,« sagte er. Sie richtete sich vor ihm auf. »Der bist!« und glotzte ihn an. »Du bist der Schreiner Wahnfred?! – Schau, das hätte ich Dir nicht angesehen.« Er murmelte ein paar herbe Worte. »Ja; der Schreiner,« fuhr sie fort, »der ist freilich nichts, aber daß Du so Pfarrherren niederschlagen kannst! – Ja wir wissen alles. Geh, lügst mich leicht doch an und bist ein Anderer.« »Mich wundert, daß Deine Brennerei so groß geworden.« »Gelt!« machte die Alte, und wie sie jetzt grinste, zeigte sie die breite, dicke Zunge zwischen den zahnlosen Kiefern. »Und wenn Du wahrhaftig der Wahnfred bist – aber mein’ Seel’, was ich mir diesen Menschen anders hab’ vorgestellt! Wenn Du es halt doch bist, so muß ich mich nur bei Dir bedanken, daß mein Geschäft so gut geht. Seit die Granitz (Grenze) gesperrt ist und sie keinen Wein ins Trawies lassen, trinken die Leut’ allerweg Schnaps. Ist auch viel gescheiter. – Du, wart’ mir doch einen kurzen Rand (kurze Zeit),« sie hastete in die nahe Hütte und kam recht bald mit einem Plutzer und einem thönernen Töpfchen zurück, welch letzteres sie aus dem ersteren füllte: »Eins mußt mir auskosten, Schreiner! ‘s ist mein schneidigster, den ich hab’. Daß aber nicht einmal eine Bank zum Niedersetzen da ist! Thät’ Dich frei bitten, Schreiner, wenn Du einmal einen Tag Zeit hättest – etliche Bänk’ und ein paar Tisch’ möcht ich haben, da auf dem Anger. ‘s kommen alleweil Leut’ und ‘s hat bisweil hell kein en Schick, daß sie so auf dem Rasen müssen herumhocken.« »Was kommen denn für Leut’?« »Närrisch, es kommen den Laster (die Menge)! Manns- und Weibsbilder. Sie thun im Wald umeinand’. Ich schenk’ mein Tröpfel und kümmere mich nicht weiter. Sollen lustig sein – jetzt ist’s eh schon alleseins.« Nun fragte der Wahnfred: »Dein Bruder, der Freiwild, will denn der dies Jahr nichts anbauen?« »Wesweg fragst?« »Weil ich auf seinem Feld keinen Menschen gesehen hab’. Das Haus ist auch versperrt.« »Je, das glaub’ ich. Sind ja jetzt all’ närrisch worden, die Leut’! Keiner baut was an. Thät’ eh nichts mehr wachsen auf der Trawieser Erden, sagen sie – und ‘s wird auch nicht viel ander sein. Hast Du die Winterfrucht gesehen auf der Kirchleuten? Nicht? Na, da wirst Dir genug sehen. Kein einziges Halmel geht auf. Und geht eins auf, so ist’s im zweiten Tag schon welk. Da wär’ der Mensch ein Narr, wenn er noch sein letztes Korn wollt’ in die Erden werfen!« »Was machen denn aber die Leute?« fragte Wahnfred nicht ohne Erregung. »Na, fürcht’ Dich nicht, daß sie sich die Zeit nicht vertreiben! Wenn mein heiß’ Tröpfel da nicht wär’, ja dann kunnst fragen. Packt’s Dich denn nicht auch immer einmal an?« »Was denn?« »Steigt sie Dir denn nicht auch immer einmal auf, die Grauswurzen, von wegen dem, daß wir für Zeit und Ewigkeit hin sind? Gelt schau! und wenn’s Dich anpackt – trinkst nicht?« »Der Herrgott hüte mich!« »Der Herrgott?« grinste die Alte, »der dreifältige Herrgott, den sie uns unten in der Trach ertränkt haben? Schau, just deswegen müssen wir unsere armen Seelen auch ertränken. Trink das, Schreiner, ich füll Dir nach.« »Geh weg mit Deinem Gesöff!« sprach Wahnfred und warf ihr das Krüglein vor die Füße. »Weißt Du, wie die Giftmischerinnen im alten Testament bestraft worden sind?« »Ja so,« entgegnete die Ursel bissig, »weil du kein Christ mehr sein kannst, willst leicht ein Jud’ sein!« »Tausendmal besser, als wie ein gottloses Thier dahinleben. Der starke jüdische Gott mit der Ruthen, Freiwildin, der ist für uns gut genug!« Jetzt schritt vom Berghang nieder die halb zerfetzte und zerfahrene Gestalt des Stromers Roderich. Er schrie mit seiner heiseren Stimme schon von weitem nach Branntwein. Als er den Wahnfred sah, schlug er die Hände zusammen, stürzte dann auf ihn zu und schrie: »Der Schreiner! Der Retter! O Du Heldenmann, komm an mein Herz!« und wollte ihn umarmen. Wahnfred schob ihn ernst zurück. »Fang’ Du nur mit Dem was an, Roder, das ist ein Sauerampfer,« so sagte die giftige Ursel zum Stromer. »Bei Dir, das glaub’ ich,« rief dieser, »im Trawieser Wirthshaus bei den Jüngeren macht er ein anderes Gesicht, das weiß ich gewiß. Wahnfred! Sieger! Drachentödter! Na, da stehst Du ja! So sag’ aber, in welchem hohlen Eichenbaum bist denn begraben gelegen über den Winter, daß doch so umsonst gesucht haben?« »Wer hat mich gesucht?« »Wir Trawieser Bürger,« sagte der Stromer und richtete sich in seinen Lumpen so hoch auf, als es sein verkümmerter Körperbau nur erlauben wollte. »Und weißt Du auch, Schreiner, der Dich bringt, ist für den Tag gastfrei, so hat’s der Rath schon zu Lichtmeß beschlossen.« »Ich möchte wohl wissen, welcher Rath über mich was zu beschließen hat?« bemerkte Wahnfred. »Das wirst schon sehen, Held! Komm nur erst mit. Heut’ geb’ ich Dir kein Geld, Alte. Heut’ zech’ ich anderswo! Komm Schreiner. Eh, so geh mit und wart’ nicht erst auf einen goldenen Wagen. Im Trawieser Reich ist jetzt alles gleich, und mußt nur sehen, Bruder, was seit letztvergangenem Advent bei uns lustig geworden ist. Willst noch was trinken, so trink; ansonst aber komm!« Wahnfred war daran, die Kameradschaft entschieden abzulehnen; doch besann er sich. Sein Weg führte ja nach Trawies; wenn er nun mit dem redseligen Stromer ging, so konnte er gleich unterwegs Unterricht nehmen über die neuen Zustände seines Heimatsortes. Und so gingen die beiden Männer mitsammen. Indeß erfuhr Wahnfred auf diesem Wege nichts Anderes, als daß der Stromer heiterster Laune war. »Jetzt mein Bruder,« rief dieser und legte seinen Arm über die Schulter des Schreiners, »jetzt ist sie einmal da, die Zeit, wo Keinem hart geschieht. Ein Winter ist schon vorbei und im Sommer wird’s noch lustiger werden. Nur Eins fürchte ich, daß die Wacht wieder aufgelassen werden kunnt an der Granitz; geschieht das, so ist auf ja und nein alles Übel wieder in Trawies. Mußt nicht glauben, Schreiner, es gehe so leicht! Es giebt viele verblendete Leut’. Die Sandhockin will Buß’ wirken, daß doch dir Kirchen wieder sollt’ aufgesperrt; die Kofelarztin will Buß’ wirken, der Schmied-Paul will Buß’ wirken, daß der Bann wieder sollt’ gelöst werden. Das sind Leut’, die das Wohlsein nicht vertragen können. Wahnfred, wir werden zu thun haben, daß wir auf unserem Fuß bleiben jetzund. Etlich’ Altbauern sind auch noch, die von der neuen Gemein’ nichts wissen wollen. Na, weil wir nur Dich haben, Bruder, jetzt werden wir schon Ordnung machen.« Und der Stromer legte sich, als sie in Trawies einzogen, recht eng in den Arm seines Begleiters; es that ihm nur leid, daß es schon Finster wurde und die Leut’ nicht sehen sollten, was er heute für einen Genossen hatte. Sie hätten einmal nachsinnen sollen, ob nicht am Ende auch der Roderich dazumal im Advent hinter dem Spiele gewesen sein konnte, weil er mit dem Schreiner so gut Freund ist. Wahnfred that einen kurzen Blick gegen die Kirche hin, welche durch die Dunkelheit von der Anhöhe schimmerte. Im Wirthshause, auf das die Beiden zugingen, waren alle Fenster beleuchtet. Die Stuben waren voll lärmender Zecher. Der Stromer stieß mit dem Fuß die halb angelehnte Thür auf und zerrte seinen Begleiter mitten ins Gewühle. »Schaut’s auf, Leut’, schaut’s auf, wen ich da bring’!« so rief er. »Wahnfred!« schrien sie dem neuen Gast jubelnd entgegen, »Du Himmel-Herrgotts-Mensch, wo streifst denn so lang um und läßt uns allein? Schreiner! Du sakrischer Trawieser Heiland, Du! Na, wie schaust denn aus!« Von allen Seiten klatschten Willkommschläge auf seine Achseln, und Aller Hände drängten sich stoßend heran, um die seinen zu schütteln. Wahnfred konnte bei der vor Qualm verschleierten Talgkerze kaum eines der ihm zugrinsenden Gesichter erkennen. Es waren halbverkommene, bärtige Gesellen, zu sehen, als wäre Jeder eben wie er selbst aus einer Hochwildnis gekommen. Kohlenbrenner, Holzer, Bauernknechte, Wilderer, Bergknappen, Kräutersammler u. s. w. hatten ihre Arbeitsposten verlassen, hatten genommen, was sie gefunden, hatten, weil ihrer die große Mehrzahl war, sich die Herrschaft angemaßt und waren nun die Freien und die Bürger von Trawies. Alsbald war auch das Hausirervolk und alles Gesindel von der Straße mit ihnen und sie hatten sich zur steten Kräftigung der »Gemein« mit diesem Volke verbunden. Es waren aus den Hochwäldern Leute hervorgekommen, denen man auf entlegenen Pfaden niemals gern begegnet wäre; sie wurden aufgenommen in den neuen Verband, dem vor Allem daran gelegen sein mußte, aus gleichgesinnten Elementen gebildet, sobald as möglich groß und stark zu werden. Gleichgesinnte Elemente waren auch jene Gesellen, die draußen irgendwo der Kette oder dem Galgen entlaufen waren und sich nach Trawies geflüchtet hatten, so daß aus diesem Exile ein Asyl der Verbrecher werden wollte. Der Haufe ging von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte, und wer sich nicht anschloß, der lief Gefahr, seine Habe und sein Leben zu verlieren. Im Wirthshause hielten sie Hof, im Wirthshause tagten ihre Berathungen, die nicht selten mit Streit und Gewaltthätigkeiten, öfter aber noch mit tollen Gelagen endeten. So lange Geld da war und gangbar von Hand zu Hand flog, wickelten sich die Geschäfte ziemlich regelmäßig ab, denn »das einand mit Gewalt etwelches wegnehmen ist nicht verstattet«, hieß es in einem damaligen Beschluß der »Gemein«. Als sich jedoch der Wirth und der Krämer weigerten, Geld anzunehmen, weil sie die Münzen nicht abfließen zu lassen vermochten, drohte ein Aufstand, bis man sich zur Noth darin einigte, daß die Vorräthe der Trawieser Häuser herbeigeschafft und gleichmäßig an die Leute vertheilt werden sollten. Die Ursel in der Freiwildhütte war die einzige Person, welche noch Schinderlinge nahm, denn sie hatte noch nicht in Erfahrung gebracht, daß die Münzen keinen Anwerth mehr hatten, da sie die Dinger nicht ausgab, sondern in einen alten Topf zusammenthat und in die Erde grub. Und so war es eingerichtet, daß man zu Trawies um Bargeld nur Schnaps und nichts als Schnaps bekam. De gemäß war im Wirthshause die Stimmung, als Wahnfred eintrat. Auch Weiber waren in der Gesellschaft, je zwischen zwei Männern eines oder zweie, Alle Gluth in den Wangen, Viele auch noch Gluth in den Augen. Sie schauten gar unbefangen auf den schönen, schlanken Mann mit dem blassen Antlitze. Alles war auf. Sie hielten ihm Branntwein zu, sie tranken johlend auf den Befreier von Trawies. »Jetzt bist unser,« riefen sie, »jetzt bleibst unser! Wir brauchen Einen, der so ist wie Du. Was bist denn so blaß, wie ein steinerner Heiliger? Wirst doch nicht glauben, wir verschergen Dich?« »Da schau, das ist Deine Axt von der Sacristei, die wir in Ehren halten! Ist uns lieber als das Christuskreuz!« Wahnfred schauerte zurück vor dem rostigen Werkzeuge, vor dem harten Stahl, aus welchem der Funke gesprungen war, der in seiner Seele brannte wie höllisches Feuer, der einen unheilvollen Brand entfacht hatte in den Gemüthern zu Trawies. Im Herzen des Mannes war noch die Betrübnis vom Grabe her, er konnte kaum zu Worte kommen. Am liebsten wollte er nach dem, was er heute sah und hörte, fliehen, so weit ihn die Füße trugen. Nun dachte er aber an das Gelöbnis vor dem Sterbebette und an den Entschluß, mit Trawies zu siegen oder zu fallen. »Ich grüß’ Euch, Leute,« sagte er, »und wenn Ihr mir vertraut, so wird unser Zusammenbleiben ersprießlich sein.« Heller Jubel brach jetzt los, sie zogen den Schreiner zum vordersten Tisch! »Trink Brennwasser, Bruder! Du stehst nicht so auf, wie Du Dich hingesetzt hast, merk’, was wir gesagt haben!« Ein Weib, die Frau des Freiwild war’s, lief jetzt zur Thür herein und fragte nach ihrem Manne. Beim Ofentische stand derselbe auf und fragte seine Hausgenossin, ob sie wieder da sei um ein Merks, wie letzthin? Erschrocken fuhr sie mit der Hand an die Wange. »Nein, nein,« sagte sie kleinmüthig, »kannst sitzen bleiben und trinken, so lange Du willst; will Dir nur die Post bringen, daß wir ausgeraubt sind worden heute Nachmittag. Speck und Fleisch und Leinwand ist weg, und die groß’ Truhen ist erbrochen und Deine neuen Stiefel sind hin.« Der Freiwild sprang auf den Tisch und rief: »Ausgeraubt bin ich, Trawieser Rath, ausgeraubt bin ich worden!« »Durch das Oberfenster muß er hineingekrochen sein, der Dieb,« fuhr das Weib fort, »man sieht an der Wand die Kratzer von den Schuhnägeln.« »Ausgeraubt bin ich worden!« schrie der Freiwild. »Es muß wo so ein verhöllt’ Gesindel umstreichen,« sagte jetzt der Stromer Roderich zum Wahnfred gewandt, »alle Augenblicke hört man vom Stehlen und Rauben.« »Kunnt’s nicht sein, daß Du den Dieb heute gesehen hättest?« fragte ihn der Wahnfred. »Wesweg? Wie meinst das?« entgegnete der Stromer lauernd. »Weil Du voreh vom Freiwildhaus herabgekommen bist, da wir uns nachher bei der Branntweinerin getroffen haben.« Ein Anderer stellte sich vor den Freiwild und sprach: »Hast denn Du noch Fleisch und Speck im Hause gehabt? Hast nächst’ Wochen, wie wir zu Dir gekommen sind, um Vorrath zu sammeln, nicht gesagt, in Deinem Haus wär’ alles gar geworden und Du thätest selber Hunger leiden? Hörst, Schurkel, Dich soll man peitschen, Du betrügst die Gemein’!« »Was, die Gemein’!« zischelte der Freiwild im Lärme dem Sprecher zu, »Du hast Zorn, weil es Dir ist zu Schaden gewesen. Du lieferst nur das Magere ab an die Gemein’. Soll ich’s laut sagen, wo Du die fetten Stücke versteckst?« »Sag’s nicht, wir theilen,« raunte Jener dem Freiwild ins Ohr; dieser aber entgegnete: »Wir haben schon getheilt, mein Lieber. In der Roßhöhlen, wo Du Deinen Raub zusammenschleppest, habe ich Speck und Fleisch gefunden, das mir heut’ gestohlen worden ist.« Jetzt trat ein kleines Männlein vor, der Holzer Stom aus dem Trasankthale; man sah ihn gar nicht, er schlüpfte und rieb sich zwischen den Knochen der Anderen herum, aber man hörte seine schrille, gellende Stimme. »Will was reden!« schrie er. »Still sein, der Stom will reden,« rief es allerwärts. Da stand der Kleine schon auf dem Stuhl und sprach: »Leut’! Wenn es so fort geht in Trawies, so kann’s nicht halten. Alleweil stehlen und rauben thun die Löter! Uns selbst ausplündern, das ist eine Schand’. Daß sich der brauch aber bald aufhören wird, weil wir Keiner mehr was zu stehlen und zu rauben finden werden in der Gemein’, das ist noch eine größere Schand’. Arbeiten!« »Arbeiten mögen wir nicht!« schrie Einer entgegen. »Hilft auch nichts,« fuhr der Stom fort, »ist kein Segen dabei, der Himmel ist vernagelt. Von draußen herein kriegen wir nichts. Das Thier im Walde ist auch so gescheit und lauft uns nicht mehr über die Granitz herein. Uns selber auffressen?« Ein Gebrumm der Mißbilligung. »Mit Dir wär’ Einer bald fertig,« verspottete der Stromer den kleinen Redner. »Du Schielender Umherlaufer!« schrie der Redner, »ich denk’, mit Dir hab’ ich auch nicht lang’ zu thun. Du füllst Deinen Magen und legst Dich auf die faul’ Haut und machst Deine rostigen Späß’, wenn Einer was Ernsthaftes sagt. Du bist ein nichtsnutziger Schmarotzer, wenn nicht noch was Anderes. Hinaus! hinaus gehst!« Mehrere Arme packten den Stromer und zerrten ihn, während dieser fortwährend schrie: »Ist das der Dank! Ist das der Dank dafür, daß ich den Schreiner hab’ gebracht?« zur Thür hinaus. Vielleicht war das sein Glück; Wahnfred hatte den Roderich eben ins Verhör nehmen wollen, was er eigentlich an diesem Nachmittage beim Freiwildhause zu thun gehabt habe, und seine Schuhe untersuchen, ob sie an der Wand Kratzer hinterlassen konnten und ob sie Ähnlichkeit hätten mit jenen, die er bei seinem Vorübergehen zum Fenster hineinschlüpfen gesehen zu haben glaubte. Der Holzer Stom fuhr aber in seiner Rede fort: »Weil das Arbeiten nichts nutzt und das Sichselberfressen nichts taugt, alsdann so sage ich: Wenn wir nicht wollen hin sein, so müssen wir uns zusammenthun, daß wir eine Schaar sind und keck hinausfahren zu den Herrenhäusern und zu den Meierhöfen und uns das Recht und die Lebensmittel nehmen, wo wir sie finden.« »Eine Räuberbande?« versetzte Wahnfred und hielt sein Haupt hin, als glaube er, nicht recht verstanden zu haben. »Von einer Räuberbande habe ich nichts gesagt.« fuhr der Redner fort. »Wenn die Ungarn und die Türken einfallen und Häuser und Schlösser niederbrennen, so heißt man das anders. Wenn die Schweden kommen und die Kaiserlichen selber die Höfe ausplündern, und der Salzburger Bischof Aschermittwoch hält das ganze Jahr, weil er Burgen und Dörfer zu Aschen brennt – wer wird denn da Räuberbande sagen? – Trawies ist auch eigenständig geworden jetzund. Trawies hat streitbare Männer. Und wenn uns die da draußen Krieg erklärt haben, werden wir uns feiglings verkriechen, wie der Luchs ins Loch? Giebt’s nicht Löwen in der Wildniß? Und sehen wir auf unserem alten Kirchenthor nicht den Löwenkopf eingemeißelt? Jetzt wird’s aufkommen, was der Löw’ bedeutet zu Trawies. Männer! Einen Feldzug wollen wir halten!« »Feldzug! Landkrieg! Herrenerschlagen!« Diese Worte wurden nun wild durcheinander gerufen; Einzelne griffen schon zu den Knütteln, zu den Messern, als gelte es zur Stunde. Die Weiber sprangen auf und thaten krächzend dar, sie blieben nicht daheim, sie zögen mit Sensen und Streugabeln und Kohlenhaken aus, und gierig zuckten schon ihre scharf benagelten Finger. Der Stom blinzelte und lächelte vergnügt, als er die Wirkung seiner Rede sah. »Das geht schon gut,« schmunzelte er, »aber vorerst muß ein Feldherr gewählt werden. Der braucht keine Riese zu sein an Leibesgestalt, aber im Kopf muß er’s haben und heiß muß er dreingehen, recht teufelmäßig scharf und nichts achten – g’rad hinfahren wie ein brüllender Löw’ – ich wollt’ ihm’s schon zeigen!« Allsogleich schickten sie sich an zur Wahl. Und wäre es auch nicht für ein Ausbrechen aus Trawies, meinten die besonneneren, ein Oberhaupt müsse für jeden Fall sein. Ob das Oberhaupt an Leibesgestalt groß oder klein sei, an dem sei allerdings nicht viel gelegen; auch das, ob derselbe das Maul gut brauchen könne oder nicht, sei Nebensache; hausgesessen dürfe er aber nicht sein, das Los der freien, gleichen Bürger müsse das seine sein, daß er nicht etwa zurückneige zu altverrosteten Einrichtungen, die das alte Übel wieder herbeiführen könnten. Und einen festen Kopf müsse er haben und eine sichere Hand, sei es mit dem Werkzeug oder sei es mit der Waffe, und den Beweis müsse er geliefert haben, daß ihm die Gemein’ über Alles gehe, auch über sich selber. Es sei nur Einer im Haus, von dem man das sagen könne, auf den ein Vertrau wäre, und der es für Ehren- und Pflichtsache halten müsse, die Wahl anzunehmen. Da verneigte sich der kleine Stom und er sagte, es freue ihn, er mache sich eine Ehr’ daraus und halte es für seine vorderste Pflicht, der Gemein’ zu Nutze zu sein. Jene aber wiederholten, es gebe nur Einen im Hause, den sie zur Wahl vorschlagen könnten, und das wäre der tapfere Befreier der Gemeinde Trawies aus Knechtsbanden, es wäre der thatkräftige Mann – der Schreiner Wahnfred. Jetzt war ein entfesseltes Geschrei: »Wahnfred soll unser Oberhaupt sein, unser Feldherr, unser Führer und König!« Die Weiber schrien noch am heftigsten und Jede gab ihm zwei Stimmen, die eine dem Bürger, die andere dem Manne. Mittlerweile hatte Wahnfred seine stets wieder aufsteigende Entrüstung nach Kräften niedergekämpft; Unmuth und Zorn erfüllten seine Seele. War das wirklich Trawies? Er war gekommen in der Absicht, das mit kirchlichem Fluche belegte und vom Staate verlassene Völklein zu hüten, zu beruhigen, wieder besseren Bahnen zuzuführen. Und nun sollte er dieser Bande von herabgekommenen rohen Gesellen und Dirnen Oberhaupt sein? Andererseits war es ihm klar, daß er nur auf diesem Wege, auf den sie ihn drängten, Einfluß und Macht über die gesetzlose Rotte gewinnen könne. Wo nichts zu verlieren und alles zu gewinnen ist, kommt Wahnfred leicht zum Entschlusse. Er steht auf, stemmt seine Faust auf den Tisch und mit trüber Stimme – aber sie wird allwärts vernommen – sagt er: »Wenn ich die Wahl annehme, so fordere ich Eins!« »Fordere, was Du willst!« riefen sie. »Ich fordere Gehorsam.« »Gehorsam fordert er!« schreit der Holzer Stom, »da seht: er, der den Tyrann hat erschlagen, will es nun selber sein.« »‘s ist Einer gegen mich,« sagte der Wahnfred. Den Stom stießen sie mit Fäusten, den Schreiner beschworen sie, daß er ihr Vormann sei. »Die Freiheit,« so redete nun Wahnfred, »kann nur sein, wo Ordnung ist und das Gesetz. Dieser mein Arm, er ist Euer, er soll Euch führen. Ihr kennt ihn. Als er sich erhob mit der Axt, es war zu Eurem Wohl und was er fürder thun wird, es soll zu Eurem Wohl sein. Trawieser Leut’! Gelobt Ihr mir Gehorsam, so bin ich Euer Mann!« »Gehorsam, Gehorsam dem Hauptmann von Trawies!« so hallte und schallte es im Hause; die Weiber schrien wieder am lautesten. Die paar Unzufriedenen hatten sich davongemacht. Wahnfred erfaßte mit herbem Faustgriff die schwere Axt und stemmte sie auf den Tisch, daß ihre Spitze sich tief ins Holz grub. Sein Auge blickte finster in die Runde, da lief das Geschrei in ein Gemurmel aus und dieses löste sich in Schweigen. Wonniger Schauer des Beherrschtseins durchrieselte die Knechteseelen. Wenige Wochen, nachdem Wahnfred die Führerschaft über die Einwohner der Waldgegend übernommen hatte und es ihm mit allem Aufwande seiner Schlauheit und Kraft gelang, die Menschen insofern im Zaum zu halten, daß sie sich einstweilen nicht gegenseitig schädigten, wurden die Gemüther durch eine seltsame Erscheinung aufgeregt. Gegen Ende Mai war’s so erzählt die Schrift, in einer schwülen, fast sternlosen Nacht, als vom Sonnenaufgang her über den Waldzügen des Tärn am Himmel ein feuriges Kreuz emporstieg. Es war mit seinen beiden Armen ungeheuer groß und flammte in mattem Roth, als lodere es in einem Nebelschleier. Die Enden zuckten sachte auf und nieder, so stand es in gespenstiger Ruhe wohl gegen eine halbe Stunde, bis es allmählich erblaßte und verlosch und wieder die schwarze Himmelsnacht lag über den Wäldern.   Die Furchtsamen hatten sich vor Angst in finstere Winkel verkrochen und dort noch ihr Antlitz mit Tüchern verhüllt, daß dieses Schreckliche nicht mehr in ihr Auge zu dringen vermochte. Die Kühnen waren dagestanden und hatten ernsten Gesichtes auf die Erscheinung hingeschaut; erst als sie schwand, lösten sich die Zungen und Einer sagte zum Anderen: »Was ist das gewesen?« Wahnfred selbst, der im Hause des Feuerwart wohnen mußte und aus seinem Schlummer gerufen worden war, hatte innerlich vor dem Gesichte gezittert. Nun sagte er zu den aufgeregten Leuten Folgendes: »Danket Gott dem Herrn, Ihr Leute von Trawies; daß uns der Himmel seiner Zeichen und Drohungen würdigt, beweist, daß wir noch nicht verloren sind. Harte Menschen nahmen und zertrümmerten uns das Kreuz, der Himmel zeigt es uns wieder. Auch am Tage des Gerichtes wird das Kreuz in den Lüften erscheinen. Aber heute ist die Weißsagung nicht erfüllt, die Sterne leuchten noch am Himmel; eher meine ich, der Herr zeigt uns das Kreuz, wie man es einem Sterbenden hinhält. Wir haben Grund zu beben vor den Dingen, die da kommen werden. Wir sind Gotteslästerer, Müßiggänger, Diebe, Ehebrecher. Unsere Laster haben tausend Namen. In diesem Hause lebte ein braver Mann, der alt geworden war in der Liebe und Arbeit für Trawies – Ihr habt ihn verstoßen.« Da fiel ihm Einer in die Rede: »Wir haben ihn nicht verstoßen, weil er alt geworden ist in der Liebe und Arbeit für Trawies, wir haben ihn fortgewiesen, weil er sich in den neuen Brauch nicht hat fügen wollen.« »Nennt mir diesen neuen Brauch!« rief Wahnfred. »Nicht? so nenne ich ihn: Gewalt und Zügellosigkeit! Doch sage ich Euch und schwöre es bei dem flammenden Kreuze am Himmel, es muß anders werden.« »So mach es anders, wenn Du kannst,« antwortete ein Trotziger. »Der Gallo Weißbucher, unser Vormann, soll wieder wohnen in seinem Hause.« »Soll’s thun, wenn er eins hat.« »Seht Euch vor! Das brennende Kreuz kann niederfallen vom Himmel auf Trawies!« »Soll’s! Mehr als hin sein können wir nicht.« In Manchem schienen sie seinen Weisungen zu folgen, doch waren sie nicht zu bewegen, in diesem Frühjahr zu ackern und zu säen. Auf verdammter Erde wachse nichts, war ihr Vorwand. »Ist dieser Boden verflucht?« rief Wahnfred und wies auf das reich emporschießende Gekräute, auf den hellen Blumenflor der Matten, auf die blühenden Wildobstbäume, auf den in neuer Schöne prangenden jugendlichen Wald. Wer sollte aber säen? die zusammengelaufene Rotte hatte weder Acker noch Samenkorn; und die so vielfach schon geplünderten Besitzer von grund und Boden sahen leicht voraus, wer zur Zeit der Reife für sie ernten würde. Die wenigen alten Ansäßler wollten es darauf ankommen lassen; war kein Brot mehr in Trawies, so würde sich das Gesindel schon wieder verlaufen. Wahnfred besaß an der Brandstätte seines Hauses im Gestade ein Äckerlein, dieses nützte er und bebaute es mit verschiedenem Gemüse. Der kleine Baumhackel arbeitete nicht. Einen Tag nach der Nacht, da am Himmel das Kreuz erschienen war, ließ Wahnfred dem Feuerwart Nachricht geben, daß er wieder in seinen Hof an der Trach zurückkehren möge. Der Gallo ließ ihm sagen, er habe im Dürrbachgraben neben der Hütte sein Weib zur ewigen Ruhe gelegt, er wolle bei ihr verbleiben. Während aber der Bote aus gewesen, schlich ein Wicht in das hintere Gebäude des Hofes und wollte Feuer legen. Zufällig war Wahnfred in der Nähe, verscheuchte des Missethäter, gewann jedoch von Neuem die Überzeugung, wie gefährlich der Boden war, auf dem er stand, wie niederträchtig die »Gemeinde«, die ihm zum Oberhaupte gewählt hatte. Täglich kamen zerfahrene Strolche und raublustige Gesellen zu ihm, die ihn drängten, die streitbaren Männer von Trawies zu einer Schaar zu versammeln und einen Zug in die Vorlande zu unternehmen. Wahnfred lehnte nicht ab, er durfte seinen allerdings zweifelhaften Einfluß auf die Menge und deren freilich ebenso zweifelhaftes Vertrauen zu ihm nicht ganz verscherzen. Er vertröstete sie auf eine dem Unternehmen günstigere Zeit und wies auf die militärischen Bewegungen, die im Lande herrschten und einen Ausfall der Waldleute nicht rathsam machten. Dabei sann der Schreiner Tag und Nacht auf Mittel, Ordnung und Sitte wieder herzustellen. Mit dem vertriebenen Vormann berieth er sich; dieser war krank und gebrochen und sagte: »Ihr habt drei Mittel: Entweder Ihr kriecht zum Kreuz und fleht die Kirche um Aufhebung des Interdictes an, oder Ihr wartet auf die Soldknechte, die Euch sprengen und vernichten werden, oder – Ihr thut es selber.« Vom Gallo Weißbucher war das eins der letzten Worte, die er für Trawies sprach. Er zog sich zurück in sein armseliges Haus und war allein mit seinem Feuer und mit seiner Sela. »Ja,« sagte er einmal, als er sein heranblühendes Kind betrachtete. »Du bleibst noch lange in dieser Welt, wie wird es Dir ergehen? Die Menschen sind wahnsinnig geworden. Es ist doch war, daß eine Bestie in ihnen steckt. Lange halten sie den Schild Gottes hoch und schauen zu ihm empor mit glänzenden Augen und wachsen himmelwärts. Eine heiße Freude in sie über das, wie hoch sie es gebracht. Und eines Tages ist das Anbild hingeschleudert, zerschlagen, zertreten: Stück um Stück werfen sie von sich, schänden den Tempel, stürzen das Gesetz, verbrennen ihr eigenes Wohnhaus, reißen sich die Kleider vom Leibe, wühlen mit allen Vieren in der Erde, wüster als Hyänen, denn Eins ist ihnen noch vom Menschen geblieben, haben sie dem Thiere voraus – das Laster. Je höher der Stand, von dem sie in den See springen, desto tiefer sinken sie zu Grunde. Aber getrost, mein Kind, die Fluth wirft sie wieder empor, von Neuem entdecken sie das Sonnenlicht, von Neuem beginnen sie sich aufzukämpfen durch Noth und Blut, sich ein Anbild zu machen, das erst nach ungemessenen Zeiten wieder in seiner einstige Größe vollendet steht. Glückselig der, welcher mit der jubelnden Menschheit auf solchen Höhen wandeln kann, der sterbend sein Geschlecht segnen darf, anstatt, wie ich, ihm und seiner selbst zu fluchen. – Ich kann Dich nicht segnen, meine Sela, aber wie ich das Ahnfeuer bewahre, so hüte ich Dir den Segen der Vorfahren, den Segen all Derjenigen, die aus Liebe für die kommende Menschheit gelitten und gestritten haben.« Das Mädchen blickte den alten Mann verwundert an; es war ein seltsamer Klang in seinen Worten, ein seltsames Leuchten in seinen Augen. Dann wieder versank er in sich selbst und murmelte, daß vom hohen Birstling eine Lawine, ein Fels niederfahren und den Eingang in den Dürrbachgraben verschütten möge. Er fürchtete sich vor den Feinden, die von außen den Strick und den Flammenring gezogen hatte; aber noch mehr graute ihm vor dem Ungeheuer, das in den Bergen aufstand und das Feuer wildester Leidenschaft entfachte um die preisgegebenen Herzen. Das war ein anderes Feuer, als jenes der Penaten, der heiligen Hertha, welches er vertheidigt und gehütet hatte. Dieser von ihm gehütete Funke, welcher vor vielen hundert, vielleicht vor tausend Jahren in einem Blitzstrahle etwa jenen alten Eichbaum verzehrt haben konnte, unter welchem die Germanen ihren Göttern geopfert hatten; dieser Funke, der dann die Seele der Vorfahren weiter trug von Geschlecht zu Geschlecht, ein still glühendes Vermächtnis, die Wände des Hauses sanft erwärmend, mild erhellend, aber stets bereit zu mächtigem Auflodern, sei es um zu läutern, sei es um Übles zu zerstören; dieser Funke, an welchem die Bewohner zu Trawies seit je ihre Freudenfeuer und ihre Trauerfackeln entzündet hatten, und der nun in der Hütte des Feuerwartes weiterglimmte: er war der Verbannte. Er war ein Fremdling geworden im neuen Reiche. Der alte Weißbucher sah an seinem Herde und blickte in die Gluth. Da beklagte er nicht mehr den Verlust seines Hofes, er war hier daheim. An dieser Herdgluth erwärmte sich sein Herz bisweilen zu einem Gefühle von Genugthuung und Glückseligkeit. Wo auf dieser Welt ist ein Schöneres, ein Geheimnisvolleres, ein Milderes, ein Gewaltigeres, als das Feuer? Das Feuer macht alles lebendig, das Feuer soll nach heiliger Offenbarung einst alles zerstören. Sela legte Strünke und Äste gestürzter Bäume auf den Herd zur steten Nahrung für dieses lebendige Wesen, das so uralt war und sich in jedem Augenblicke neu gebar. Im Knistern der Gluth schlummerte dann der alte Mann ein, aber sein Schlaf war ein ruheloser, immer wieder schreckte er auf, aus Angst, das Feuer könnte verlöschen. Sela versicherte ihm unzähligemale in jeder Nacht, daß sie wachen würde. »Dein Wille ist gut,« sagte der Feuerwart, »aber dein Leib ist schwach. Du bist jung, der helle Tag gießt so viel neues Leben in Deine Sinne, Du loderst wie dieses Feuer. Und wenn die Nacht ist, sinken Deine Augen zu und Deine Glieder hin, und Du bist schier ohne Leben und weißt nicht, was zu bewachen ist. Ich kann Dir zur nächtlichen Weile nicht vertrauen, Sela, Du meine arme, geliebte Sela!« Und wenn sie dann wirklich schlief und auch ihn die Erschöpfung zu übermannen drohte, legte er viel Holz auf das Feuer, daß es in der Hütte der Schlucht oft um Mitternacht gar unheimlich leuchtete und prasselte, während die zwei Bewohner derselben schlummerten. Einmal, als der Feuerwart wieder plötzlich aufzuckte, brannten die Querbalken, die als Stützen und zum Aufhängen von Kleidungstücken durch das Haus gezogen waren. Lustig hüpften die Flammen weiter und strebten dem Dache zu, als wollten sie aus so langer Haft endlich entfliehen. Aber der Feuerwart brach noch zu rechter Zeit die Brücke ab; er war aufgesprungen, hatte mit der Axt die Balken rasch entzwei gehackt, daß die Brände praßelnd niederbrachen auf den Lehmboden und dort an feuchter Erde rauchend verloschen. »Wo hast Du denn hingewollt?« fragte der alte Weißbucher das Feuer. »Ich vermeine, Du willst der Trawieser Gegend entfliehen. Auf solche Weis’, dächte ich, wir gingen mitsammen. Oder willst Du einen Kampf mit dem Flammenring anheben? Wohlan, wohlan! Flieg’ aus, erfasse die Wälder des Tärn, des Ritscher, und schleudere die Brände auf Trawies. Ergreife, schmilz die Wände des Trasank und leite die Feuerbäche durch das Thal der Trach. Verschone auch nicht mein Haus, denn wir sind Mörder. Vernichte das Nest des Lasters, erlöse und von dem Fluch, den sie auf uns geworfen haben. Und wenn das geschehen ist, dann kehre wieder ein in die friedliche Wohnung besserer Menschen und trage den Segen der Alten hinüber in die fernsten Zeiten!« Das erwachende Mädchen erschrak, als es den Vater verstört und mit wirren Haaren in der Hütte aufrecht stehen sah, mitten in Rauch und unter glühenden Kohlen – laut Worte sprechend, die es nicht verstand. Die Stimme des Kindes befreite den Alten aus seiner Verzückung. Er schloß Sela in seine Arme und weinte. So ging es eine Zeit fort. Der Feuerwart wurde hinfälliger von Tag zu Tag, Er mochte auch nicht mehr im Freien sein, das Licht des Himmels that seinem Auge weh und er fürchtete auch, es könne, während er da außen der Sonne nachgehe, daheim das ihm anvertraute Feuer verlöschen. So saß er stets am Herd und wachte und sann. Er wußte, daß er sterben würde nach kurzer Zeit. Der Sühne hatte er sich willig ergeben, so fürchtete er sich nicht, der Tod war ihm ein Bekanntes und ein Trautes, eine Gnade Gottes, die Allen gemeinsam ist. Nach dieser Welt des Unrechtes, der unruhe und der Leiden ist der Tod eines Jeden Anrecht; ein milder Erlöser, der wieder mit dem Leben versöhnt, weil er sein Unrecht gut macht, seine Unruhe aufhebt, sein Leiden endet. Der Tod giebt das, was wir von dem Leben verlangen; er ist das letzte Band, welches uns loslösend noch einmal mit der Menschheit verbindet, er ist die Pforte, wo wir mit stillem Lächeln Allen begegnen, die für oder wider uns waren auf Erden. Nach den goldenen Tagen der Glücklichen, welch ein schöneres Ende ist denkbar als der Schlummer! Nach dem kummervollen Dasein des Armen, was soll denn kommen zum Trost und zum Entgelte, als die tiefe Rast? Soll sich das Elend in Freude und Lust verwandeln, um wieder vor neuem Jammer zu zittern? Diese Erde ist ja so reich an Sonnenlicht und Freuden, aber erst der Hinblick auf den Tod giebt Allem die Weihe. Nur der Tod macht das Leben schön und das Leben macht den Tod gerechtfertigt. Die Natur widerstrebt freilich so lange sie kann; es ist ja ihre Schuldigkeit, zu leben. Die Schuldigkeit unserer Seele aber ist, den Leib, indem sie diese schöne Welt genossen hat, dankbar und willig hinzulegen zu seiner Ruh’. Unsere Vorfahren haben uns Platz gemacht, haben das, was sie auf Erden errungen, uns zum Erbe hinterlassen. Dasselbe leisten wir den Nachkommen, welche in junger Liebe heute wohl weinen werden um uns, die sie – lebten wir auch nur um fünfzig Jahre länger – von der Erde vertilgen müßten. Ich bin’s so zufrieden. Bereut es mein Gott nicht, mir das irdische Licht auf eine Weile geliehen zu haben: ich habe mich nicht zu beklagen. – So sann der Feuerwart oftmals; dann fiel sein Auge und sein Herz wieder auf Sela, auf das junge Leben, das da entsprosset neben dem morschen, zur Erde sinkenden Stamm, in das Sonnenlicht empor, in die Maienzeit hinein. Sela läßt bisweilen das Auge länger ruhen auf des alten Mannes Angesicht, als sonst. Dieses Angesicht wird so fremd. Er fühlt es wohl, wie schlaff und leer seine Haut über den Knochen liegt. Ist es doch, als ob die Zeit der Knochen beginne. Die Augen sind tief in die Höhlen gesunken und nur selten lechzt ein Blick noch hervor nach anderem irdischen Lichte als dem Feuer seines Hauses. In seinem Herzen ist es noch warm und hell. Freundlich leuchtet ihm die Gluth von ihrem Herde zu. Dieses Feuer ist nicht thatlos vorübergegangen an den Tempeln fremder Lehren, es ist nicht vorübergegangen an den Zwingburgen der Unterdrücker. Doch hat es tausend- und abertausendmal im Frieden den häuslichen Herd erwärmt. Immer und immer ist das sein Sinnen, das vom Feuer. Bei seinem Scheine hat der Enkel des Großvaters Sagen gelauscht von Odin. Bei seinem Scheine hat der Bräutigam der Braut den Ring vertraut; an seiner Gluth ist das Hochzeitsmahl bereitet worden. In seiner Gluth haben sie das Schwert geschmiedet gegen den Feind. In seiner Gluth ist manches Stäubchen Gold und manches Menschenherz geläutert worden. Du liebes, trautes Feuer aus alten Zeiten, du treuer Freund meines Lebens, nun heische ich bald den letzten Dienst von Dir. »Es ist eine Weile,« so sagte der Feuerwart einst zu seinem Kinde, »da sie den Menschen mit Steinen werfen und mit Füßen treten; und es ist eine Weile, da sie vor ihm niederknien und ihre Augen senken. Das erste thun sie, wenn er wandelt und athmet; das andere thun sie, wenn er ausgestreckt liegt auf dem Laden.« Das Mädchen verstand es nicht. Er setzte noch bei »Möchtest Du es nie verstehen lernen!« Und eines Abends, da der volle Mond zwischen den Felsen und über den Baumwipfeln vor derselben und hielt sein Kind auf dem Schoß. »Meine Sela,« sagte er mit leiser Stimme, »Du hast mich lieb.« Das Kind machte ein ernstes Gesicht und neigte den Kopf. »Und wenn ich Dir heute etwas sage, was Du thun sollst, so wirst Du es thun?« Das Mädchen neigte sein Haupt. »Und wirst Du es auch morgen thun?« »Ja, Vater.« »Und wirst Du es immer thun, auch wenn ich es Dir nicht mehr sagen und wiederholen werde?« »Was Du willst, das werde ich immer thun.« »Dann, mein Kind, bist Du mir heute und immer lieb; auch dann noch, wenn ich es Dir nicht mehr sagen werde, daß Du mir lieb bist. Denn siehe, meine Sela, es wird eine Zeit sein, da werde ich schlafen. Als die Mutter schlafen ging, warst Du in Deinem Bett, ich habe Dich nicht wecken wollen. Gehe morgen und in den nächsten Tagen nicht viel in die Beeren hinaus. Bleibe hübsch bei mir und flicht. Wenn ich auf der Reisigbank sitze und schlummere, so horche auf mein Athmen. Ich werde schwer Athem holen, so wie es ein Erschöpfter thut, wenn er seine Last hat abgelegt. Dann, Kind, wenn Du diese Athemzüge wahrnimmst, dann zünde am Ahnfeuer die Kerze an, die in der Lade liegt, und gieb sie mir in die Hand. Und sage nichts, sei fein still, denn Du sollst mich nicht wecken. Die schweren Züge werden bald vorüber sein, dann werde ich ganz still und ruhig schlafen. Sollte ich, mein Kind, vor diesem Schlafe vergessen haben, meine Augen zu schließen, so lege Deine Fingerspitzen auf die Lider. Und ist das alles geschehen, so nimm das Kerzenlicht aus meiner Hand, thu’ es in die Laterne, die über dem Bett an der Wand hängt, und gehe damit aus dieser Hütte fort und hin in die Trawies, wo wir gewohnt haben und wo jetzt der Wahnfred sein Haus hat. Dem Wahnfred reiche das Licht und sage: ›Der Feuerwart übergiebt das Feuer.‹«   Zu jener Zeit, da der Schreiner Wahnfred nach Trawies zurückgekehrt und Gallo Weißbucher sich vorbereitet hatte auf sein Ende, verliert sich plötzlich auf lange der Faden der Ereignisse. Wohl windet sich aus der langen Zeit des Bannes die dunkle Tradition von Thaten und Geschehnissen, die durch ihre gleichartige Wildheit und Grauenhaftigkeit als zusammengehörig gekennzeichnet sind. Wir vermuthen durch dieselben, daß mit dem Banne, der auf Trawies gelegt worden, auch eine völlige Acht verbunden gewesen sein muß; wie wäre sonst die Verwirrung, wie wären die Greuel und Verbrechen und die gänzliche Hilflosigkeit und Verzweiflung erklärbar, die wir da finden? Zu Oberkloster ruht eine Urkunde, welche von einem Walde spricht, aus dem keine Rückkehr ist. Die Verdorbenen und Verstoßenen, die Freundlosen, die Heimlosen, die Gottlosen gehen hin und werden nimmer gesehen. Denn es ist ein brennender Ring gezogen worden um jenen Wald, er ist umstrickt und verflucht. Jeder mag hineingehen, Keiner kann heraus. Eine Mär geht: drinnen ist das Paradies; eine andere Mär geht: drinnen ist die Hölle. Dieser Bericht bezieht sich wahrscheinlich auf das verbannte, umstrickte Trawies, in welches allerlei Stromervolk und herrenloses Gesindel zusammenlief, um eine kurze Zeit zügellos zu leben und dann elendiglich umzukommen. Die Behörden, wohl von kriegerischen Bewegungen im Lande in Anspruch genommen, schienen ihre Hand ganz und gar von der Gegend zurückgezogen zu haben, bewachten nur die Grenzen und kümmerten sich nicht um das, was innerhalb derselben vorging. Glaubte man, daß sich das Volk von Trawies selbst erdrücken und verzehren werde? Oder war man der Hoffnung, daß es endlich doch zum Kreuze kriechen, feierliche Sühne leisten und flehen würde um Wiederaufnahme in die katholische Kirche und in die Gemeinschaft des Reiches? Man hatte wohl Beides vergebens erwartet, man hatte nicht vermuthet, daß in den Wäldern der Trach eine Macht erstarken würde, deren unheilvolles Treiben jahrelang die umliegenden Wälder heimsuchen sollte, ohne daß man im Stande gewesen wäre, sie zu brechen. Es wird erzählt von Räuberbanden, die aus den Wäldern der Trach hervorbrachen, einzelne Gehöfte, ja ganze Ortschaften überfielen, plünderten und in Brand steckten. Straßenraub und Mord war in weiter Runde um Trawies nichts Seltenes. Bald drangen Soldaten ins Räubernest ein, aber sie wurden zurückgeworfen oder massacrirt. Am Gestade, völlig dort, wo des Schreiners Wahnfred Haus gestanden war, soll sogar eine förmliche Schlacht stattgefunden haben; die Rotten von Trawies siegten, die Krieger schwammen entseelt die Trach heraus und wurden im Haidegelände bei den fünf Kiefern an den Sand geschwemmt. Die daselbst aufragende Felswand heißt noch heute Leichstein. Aber auch zwischen den Trawieser Leuten selbst sollen stets Kämpfe, Raubanfälle und Gewaltthaten aller Art stattgefunden haben. In der Ortschronik zu Neubruck ist die Rede von einer argen Sach- und Weibergemeinschaft, so die »Trachen« unter sich eingeführt und welche ein ersprießliches Mittel gewesen wäre, daß sich die Verbrecher gegenseitig todtgeschlagen hätten. Doch es war Einer unter ihnen, dem es lange gelungen, eine gewisse Ordnung aufrecht zu halten; sonst wäre es nicht denkbar, daß sich diese gott- und menschenverlassene Gemeinschaft hätte behaupten können. Andere Berichte erzählen von einer wilden Seuche, welche aus den Trawieser Wäldern hervorgekommen sei, um pestähnlich im Lande zahllose Opfer dahinzuraffen. Im Trasankthale haben noch vor etwa siebzig Jahren die Leute einen Stein gesehen, auf dem Buchstaben eingegraben gewesen. Dieselben berichteten von einem »großen Sterben« zu Trawies und daß sich von der Dreiwand an die dreißig Personen aus Verzweiflung in die Trach gestürzt hätten. Das genügt, um uns das Ungeheure ahnen zu lassen. Der Erzähler, der nicht allein in den verstaubten Chroniken, sondern zum Zwecke seiner Forschung auch in den ewigen Urkunden des Menschenherzens zu lesen bestrebt war, er sucht die vor ihm aufsteigenden Bilder der Schrecknisse und Greuel in den Schatten der Wälder zu verbergen, er will dieselben nur insoweit berühren, als sie mit den Schicksalen jenes Mannes verflochten sind, von dem das Unheil ausging und in dem er das heiße Bestreben fand, den verlorenen Himmel des Herzens wieder aufzurichten und die unglückliche Gemeinde der Erbarmung und Gnade zuzuführen. Wahnfred hatte mancherlei Angelegenheiten zu schlichten, aber der Erfolg war karg. Es sind einige Beispiele zu erzählen, wie absonderlich dieser Mann war und wirkte. Eines Tages kam ein Mensch aus dem hinteren Trasankthale zu ihm, ein schöner, kerngesunder Gesell, der klagte sein Weib an. Das Weib habe einen Ehebruch begangen, halte es heimlich mit dem abgedankten Forstjungen vom unteren Ritscher. »Weiß sie, daß Du’s weißt?« fragte Wahnfred. »Jetzt noch nicht, aber ich will ihr’s heute zu wissen machen.« antwortete der Ehemann und unterstützte sein Wort mit einer nicht leicht mißzuverstehenden Handbewegung. »Thue das nicht,« sagte Wahnfred, »sobald über derlei das erste Wort gesprochen, ist’s für alle Ewigkeit vorbei.« »Das ist’s. Sie hat mich betrogen. Es ist ein schlechtes Weib!« »Wenn sie Dich betrogen hat, so verdient sie auch nichts Anderes zu sein.« »Was soll ich also machen?« »Still sein und sie verachten.« »Verjagen will ich sie!« rief der Ehemann. »Dann kommt sie um und Du hast in Deinem Gewissen einen giftigen Stachel. Dulde sie um Dich, lasse sie unbeachtet, aber hasse sie nicht. Ein schlechtes Weib ist nicht werth, daß der Mann sich in solchem Haß das Leben versalze.« »Aber wenn es mir ein Kind auf die Welt bringt?« »So habe das Kind lieb.« »Auch wenn es nicht mein ist?« »Habe das Kind lieb.« »Sie wird mich darüber höhnen.« »Mag sein, daß sie über Deine Sanftmuth den gelben Ärger kriegt und es Dir eines Tages vorschreit, Du hättest gar kein Recht, das Kind lieb zu haben. Darauf sage, wenn Du rachsüchtig bist, Folgendes: Du hättest das größte Recht dazu. Denn Du hättest es lieb, weil es so unschuldig und so arm sei, weil es eine falsche, schlechte Mutter habe, und einen Vater, der so bübisch sei, daß man ihn gar nicht nennen könne. Einem so unglücklichen Wurm wollest Du der freiwillige, treue Vater sein.« »Das kann ich nicht! So bin ich nicht! Das kann ich nicht!« rief der Mann aus dem Trasankthale und ging davon. Wahnfred blickte ihm nach und sagte zu sich: »Ob wohl ich es könnte? Ich glaube ja.« – Wahnfred übte sich im Wohlthun. Kein Hungeriger ging von seiner Thür; Wahnfred brach für ihn das letzte Stück Brot, und an diesem evangelischen Brotbrechen, diesem größten Wunder der Liebe, erkannte wohl Mancher im Schreiner vom Gestade den Heiland. – Wahnfred bewohnte längere Zeit das Haus des verjagten Feuerwart an der Trach. Sie nannten ihn den Hauptmann, sie krochen vor ihm, sie gaben ihm Feste und allerlei Ehren, aber sie thaten, was sie wollten. Sein Plan, scheinbar in ihre Absichten einzugehen, sie zu ordnen, um sie dann halten und leiten zu können, war mißlungen. Sie hörten seinen Reden zu, sie stellten sich seinen Anordnungen zurecht, um im nächsten Augenblicke wieder auseinanderzufahren, Jeder seinen Begierden und Leidenschaften nach. Sie waren Kinder ihrer Zeit, sie gaben sich mit allerlei Hocuspocus ab, trieben sogar Hexereien, die zumeist mißlangen; übten sich selbst in Teufelsbeschwörungen und Mancher ging mit der Einbildung um, der Böse sei sein Diener. Es war auch gar kein schlechter Einfall, dem Teufel gegen die Lieferung von irdischen Schätzen die Seele zu verschreiben, die ihm ohnehin verfallen war. Nebstbei hatten sie das Bedürfniß nach einem Könige und hohen Priester. Sie schworen dem Wahnfred, jeglichen Raubausfall zu unterlassen, um dann nach kurzer Zeit mit reichen Opfern ihn zu überraschen, die sie auf ihren neuen Raubzügen erbeutet hatten. Sie machten ihn zum unumschränkten Herrn über ihr Leben und Sterben, aber wenn er über einen das Urtheil der Züchtigung aussprach, so lachten sie ihm ins Gesicht und er hätte seinen Urtheilsspruch wohl selbst vollziehen können, wenn er stärker gewesen wäre, als die ihm plötzlich trotzig und höhnisch entgegenjohlende Rotte. Wahnfred trug es, verwand es. Er blieb der Mittelpunkt von Trawies und hoffte auf eine Wendung, und wäre es auch die, daß eines Tages der Feind einbreche in den verbannten Kreis und die Unseligen allesammt – auch ihn, ihn vor Allem – vernichte. Aber sie vertheidigten ihre Burg. Die große Zerfahrenheit, die auch draußen herrschte in aller Herren Länder, die Glaubenskämpfe, die Einfälle der Asiaten, die Pestgefahr nahmen alle Kräfte in Anspruch, man vertheidigte sich eben nur zur Noth gegen die Räuber aus den Trasankbergen, ließ es aber in Trawies gehen, wie es ging. Die Grenze blieb gesperrt, die Bevölkerung selbst hatte die Wache übernommen und schlug in ihrem Fanatismus gegen die Ausgestoßenen, wie bereits angedeutet, sofort Jeden todt, der sich über die mit Stricken und angekohlten Baumstämmen gezeichnete Linie hinausgewagt hatte. Mehrmals schon hatte Wahnfred eine Bittschrift abgefaßt, einen erschütternden Schrei an die Menschen um Barmherzigkeit. Und er war die Bewohner von Trawies angegangen um ihre Unterzeichnung. »Sind wir Kinder, daß wir um die Ruhte betteln sollen?« fuhren sie ihn an, »wir haben kein Verlangen nach Robot und Stock. Hängen thäten sie uns. Das können wir selber, wenn’s aufs Letzte geht.« »Ihr habt wohl vergessen, daß es auf der Welt noch Männer giebt,« rief Wahnfred einmal, »wenn sie Gnade versprechen, so werden sie Gnade geben.« »Wir brauchen keine. Uns gegen die Türken hetzen, das wäre ihre Gnade.« Da versuchte es Wahnfred mit List. Er ging zu den Älteren, zu den Eingeborenen von Trawies, in denen er noch Gerechtigkeitsliebe vermuthete, in denen die Sehnsucht nach geregelten Zuständen, nach Gesetzbuch und Evangelium brannte – freilich, Solcher gab es nur mehr wenige – aber zu ihnen ging Wahnfred und ließ sein Bittgesuch um Aufhebung des Anathemas unterschreiben. »Bereitet Eure Waffen,« sagte Einer, »vielleicht werdet Ihr Euren Namenszug mit der Faust schreiben müssen!« Sie bereiteten ihre Waffen, Werkzeuge des Waldes, des Feldes, der Wiesen, die im Verrosten waren; sie verbargen dieselben in den Winkeln ihrer Häuser und Höhlen, unter ihren Lagerstätten und waren des Aufstandes gewärtig. Wahnfred aber sammelte Unterschriften und Kreuze, und als Einer zeichnete, so that’s auch der Zweite, der Dritte; die Wenigsten konnten ihren Namen schreiben, sie machten Kreuze, und bald war der große Bogen angefüllt mit Unterzeichnungen. Wahnfred jubelte im Herzen. Er war der Überzeugung, daß die Aufhebung des Bannes nicht versagt werden könne, wenn man sehe, die Trawieser Leute wollen sich zur Buße wenden und sich wieder der allgemeinen Ordnung fügen. Er selbst sehnte sich – nach dem Schaffot. Sein Richter hat keinen anderen Spruch, als das klingende Beil. Aber bevor Wahnfred die Stufen hinaufsteigt, wird er noch einen Fußfall thun vor dem Papste, vor dem Landesfürsten um Gnade für die durch ihn so elend gewordenen Leute von Trawies. Wahnfred traf Anstalten, die Abgeordneten mit der Schrift, in der Trawies für alle Zeit Treue gelobte, abzusenden und ihnen über die Grenze ein gutes Geleite mitzugeben, da fragten sie ihn plötzlich, was er denn vorhabe? Er las ihnen das Bittschreiben noch einmal vor, sie lachten auf. Er berief sich auf ihre Unterschriften. »Wo?« fragten sie. Er wies auf die unzähligen Kreuze. »Das ist ja ein Friedhof!« riefen sie, »und führt d’rauf hin.« »Uns führt kein Wisch mehr auf geweihten Anger,« sagte der Bauer Isidor, »wird sich Unsereiner auch nicht darum reißen. Thu’ weg das G’schrift, Schreiner.« »Eure Unterschrift!« »Das Kreuz gilt nichts mehr zu Trawies, Schreiner, das weißt.« Sie zerrissen den Bogen in viele Stücke. – In einer finsteren Nacht wären für den, der im Schachen hinter dem Sandhockhause gelauscht hätte, zwei flüsternde Stimmen zu hören gewesen. Die eine sagte: »Sei ein Kamerad und thu’s.« »Thue es selber,« versetzte die andere. Dann waren sie still. Und nach einer Weile wieder die erste der Stimmen: »Bin ich der Erste zu Trawies, so sollst Du nicht der Letzte sein.« »Ich will gar nichts sein, aber gut Leben will ich haben.« »Was Dein Herz verlangt, nur der Schreiner muß aus dem Weg.« »So thue es selber,« antwortete die zweite Stimme wieder. »Man soll nicht sagen, der König hätte seine Krone durch eine Gewaltthat gewonnen.« »Und ich soll für Dich morden gehen?« »Wer sagt was vom Morden, Kind? Aus dem Weg schaffen sollst Du ihn. Dieser Wahnfred ist das Unglück von Trawies, er soll bei uns keinen Platz haben. Ich spreche darüber ungern mit einem Anderen, Du wärst mir der Verläßlichste; ich denke, Du läßt Dir die Gelegenheit, gut Leben zu gewinnen, nicht entgehen – wie?« »Zeit mußt Du mir lassen. Auf Gelegenheit wart’ ich. Vermag ich’s so thu ich’s.« »Abgemacht.« »Festgenagelt.« Hierauf im Dickicht ein Geräusch und alles war still. Vielleicht in derselben Nacht, da Wahnfred von seinem Hause aus einem Sterne zuschaute, der einen langen Streifen weit über den Himmel hin in die Richtung gegen das volkreiche Flachland streckte, kam ihm der Gedanke zu entfliehen. Es würde ihm gelingen, über den Ritscherwald und an den Abhängen des Trasank dem Bereiche von Trawies zu entkommen, um in fremdem Lande ersprießlicher als hier im Dienste der Menschen wirken zu können. Da fiel ihm sein Gelöbnis ein, bei den Unseligen auszuharren, mit ihnen zu siegen oder unterzugehen. – Bisweilen ging Wahnfred hinauf zum Bart vom Tärn, um seinen heranreifenden Sohn zu sehen und ihm Lehren zu geben. Erlefried horchte nur so halb hin, wenn der Vater Worte sprach, schaute ihn dann kalt an und ging davon. Dem Bart hatten die Bürger von Trawies so ziemlich alles weggetragen, was genießbar und tragbar gewesen war. Sie hatten ihm dabei recht wohlgemuth die Hände geschüttelt, er möge sich daraus nichts machen, es wäre so der neue Brauch und er solle nur mit ihnen kommen und wacker Antheil nehmen an Allem, was sie auf ihren Wegen fänden. Der Bart ging nicht mit ihnen, stieg gar nicht mehr hinab ins Thal, baute an entlegenen Stellen des Waldes sein Kraut und seine Rüben an, sammelte wilde Früchte und verbarg sie, so gut es ging, vor den Räubern. Die in losen Schwärmen hin und her fahrenden Gesellen und Gesellinnen verzichteten auch gern auf den alten Mann, hingegen hatten sie im Hause am Tärn einen jungen, flinken Burschen entdeckt, dem sie nachstellten und als kräftigen Streiter und hoffnungsvollen Genossen mit sich führen wollten. Sie hatten den zu Manne heranwachsenden Erlefried gesehen. Dieser war so wenig wie sein Nährvater gewillt, mit den Rotten zu ziehen und mußte sich mehrmals vor ihren Nachstellungen flüchten. Da ging er freilich am liebsten hinab in den Dürrbachgraben, wo eine liebe Maid so einsam und geduldig ihren hinsiechenden Vater pflegte, und leistete den armen Menschen liebevollen Beistand. Dann war es wieder nöthig, daß er höher ins Gebirge, tiefer in den Ritscherwald floh, denn sein Vater hatte ihm gesagt: »Du bist schuldlos, Du magst Dich entziehen, Du mußt es thun. Gehe in die Wildniß unter die Wölfe, ehevor Du Dich zu dem Volke von Trawies gesellest!« Da hat sich mit diesem Burschen einmal eine Geschichte zugetragen, die uns von der Schlauheit der Bewohner des Hauses am Tärn einen guten Beweis giebt, und die eine ungeahnte Ursache war, daß der Sohn des Schreiners für die Zukunft vor den verschiedenerlei Verfolgungen des Gesindels Ruhe Hatte. Es war zur Zeit des Winters. Das Haus des Bart war von Schneewänden umgeben, die der Wind gebaut hatte. Eine einzige Lücke war ausgeschaufelt, ein enger Fußsteig offen, der hinab gegen das Thal führte. Das Weib des Bart saß in der dunkelnden Stube und that Garn spinnen – Garn aus dem Flachs, der im vergangenen Sommer auf einem entlegenen Hange in den Birstlingblöcken gewachsen war. Sonst saß auch der Bart nicht weit von ihr an seinem Webstuhle, aber heute befand er sich vor dem Hause auf dem freien Plätzchen, das durch einen Bretterverschlag nothdürftig gegen den Schnee geschützt war. Dort schlachteten er und Erlefried ein Ferkel für die nahe Zeit der Weihnachten. Und als diese vier Bewohner des Berghauses gerade so in bester Arbeit waren, beim Spinnen und Schlachten und das Ferkel beim Versterben – da eilte von der Stoßnickel-Hütte heran ein Knäblein, das wünschte fast athemlos einen guten Nachmittag. »Guten Nachmittag auch,« antwortete der Erlefried und setzte heiter bei: »Geh’ her, Natz, ich schneide Dir auch die Ohren weg.« Ein Antrag, den er an dem Schweinchen eben vollführte. Der kleine Natz war von solcher Anrede weder erschrocken noch erbaut, er trippelte ganz nahe vor die blutigen Männer hin und lispelte: »Sie kommen!« »Wer?« »Die Leut’ kommen!« »Was für Leut’?« »Die Trawieser Leut’ kommen. Da unten habe ich sie gesehen, ein klein Eichtel Zeit und sie sind heroben.« Erlefried schoß empor. Die Trawieser Leut’! Da galt’s zu fliehen, denn er hatte schon vernommen, daß sie ihm mit Ernst nachstellten, um ihn ihrer Streitmacht anzureihen. Das war nicht nach seinem Sinn, er mußte ihnen entkommen. Aber wohin zu solcher Zeit? Der Schnee schloß alle Wege ab – zähneknirschend preßte der Bursche die Finger um den blutigen Griff des Messers. Dem Alten hingegen war der Veitel aus der Hand gefallen, er sagte Gott und die Heiligen an. »O guter alter Narr,« rief sein Weib aus dem Hause, »bei solcher Sach’ muß man den ledigen Teufel anrufen; nur Der richtet bei Diesen was aus. So lauf doch Erlefried, und verkriech Dich im Stroh!« »Wäre das Dümmste, was er thun könnte,« meinte der Bart, »‘leicht wissen sie, daß er da ist, so stürzen sie das Haus über, bis sie ihn haben. Was meinst, Erlefried, Du vergrübest Dich im Schnee?« »Wird nichts nutzen,« sagte der Bursche, »wenn ich verschurkt bin, so gehen sie ohne mich nicht fort. Dem Josa-Hannes haben sie ja das Haus angezündet, bis er vor Rauch und Hitze aus seinem Versteck hervorgesprungen ist. Die Höhe hinüberlaufen hilft mir auch nichts, man kann im Schnee nicht weiter und dann die Spur!« »Eine Schande ist’s, Junge, wenn Du diesen Bestien nicht auskommst!« rief das Weib weinend. »Das sage ich auch so,« versetzte Erlefried und stand rathlos da. »Ich wüßte was, wenn Ihr gescheit genug wäret,« sagte das Weib. Der Bart antwortete: »Ich denk’, Alte, so viel Verstand haben wir selbander noch, als wie Du allein.« »Gut für Euch,« sagte sie und wendete sich zu dem noch immer kleinmüthig dastehenden Botenknaben. »Natz, Du bist ein ausbündiger (vernünftiger) Bub’ und zum nächsten Sonntag komm, da kriegst vom Ferkel die Lümpeln (Nieren). Jetzt gehe eilends davon, den Steig hinab. Sie begegnen Dir und werden Dich fragen, wo Du gewesen bist, oder wo Du hin willst. Gieb Antwort, es wäre heute beim Bart vom Tärn Einer erschossen worden und Du müßtest den Todtengräber suchen. D’rauf spring davon und sei gescheit.« Der Knabe ging, der Bart aber rief seinem Weibe zu: »Du Lappin, was willst denn damit?« Sie fuhr mit der flachen Hand über die weiße Ofenmauer, fuhr damit dem Burschen über das Gesicht – da war er blaß wie ein Todter. »So, Kind, die Farbe hast, und jetzt lege Dich im Gottesnamen auf die Bahre.« Nun hatten sie verstanden. »Vielleicht haben wir Glück. Zu verlieren ist nichts.« Rasch verabredeten sie noch Manches, thaten dem Burschen Blutstriemen in die Haare, die Kleider trugen ohnehin etwelche Spuren. Und während der Bart draußen das todte Ferkel tief in den Schnee grub, bahrte das Weib in der Stube zwischen Webstuhl und Ofen auf der Lehnbank, wo einst die Mutter Erlefried’s gelegen, den Erlefried auf. Dieser streckte seinen schönen, schlanken Leib auf dem Brette aus, legte die Arme kreuzweise über die Brust, ließ das blutige Haupt mit den geschlossenen Augen nach rückwärts hängen, daß die zerrissenen Locken über den Rand der Bank hinabschlugen. Dann steckte ihm das Weib des Bart ein geschnitztes Kreuz in die Hand, wickelte eine Betschnur darüber, that, wie es bei bäuerlichen Leichen zu jener Zeit der Brauch war, getrocknete Blätter des Marienkrautes auf seine Brust, holte dann ein großes Leintuch herbei, hüllte den Burschen damit ein und sagte: »Jetzt rühr Dich nicht mehr!« Hierauf stellte sie noch Einiges, was zu einer Todtenbahre gehört, nebenan, auch die brennende Ampel. Als aber das alles fertig war, stand sie ein Weile vor der Bahre still und flüsterte beklommen: »Melde Dich, Erlefried!« Der Todte that’s, da war die alte Frau beruhigt. Jetzt eilte der Bart herein: »ist’s fertig? Sie steigen schon daher.« Er sah den Erlefried liegen, erschrak und schmunzelte. Vor dem Hause standen mehrere Männer, verwahrlost, verkommen aussehend und mit ihren stechenden Augen auf den blutigen Schnee starrend, auf welchem vorhin das geschlachtete Thier gelegen war. Schon wollten sie ins Haus treten, da schoß ihnen das Weib des Bart heulend entgegen: »Daß Ihr nur kommt, Leut’, daß Ihr nur kommt! Es ist kein Bleiben mehr in dieser Gegend.« Was geschehen sei? Sagten sie. »Räuber sind dagewesen, haben uns den Burschen erschossen. Thut das Blut weg, Jesus Maria, ich kann es nicht sehen!« Sie spielte gut. Der Bart saß auf einem Blocke seines Webstuhles zusammengekauert. Die Männer, die in die Stube getreten waren, blickten unsicheren Auges auf die Bahre hin, an welcher der matte Schein des Ämpleins lag. Dann setzten sie sich polternd an den Tisch und verlangten zu essen. Das Weib brachte wässerige Milch. Sie mußte zuerst selbst daran kosten, denn die Leute trauten einander nicht mehr. »Habt keine Angst,« sagte sie, »hätte ich Hüttenrauch (Gift) im Hais, ich wollt’ ihn nicht sparen, dasselb’ mögt Ihr trutz glauben. Auf einer solchen Welt mag ich nicht mehr leben.« Und sie weinte, daß es im Hause widergellte. Die Rotte aß Milch und Brot und Zwei gingen auf die Suche, ob nichts Besseres im Hause wäre. Das Weib, das sich in der Nähe der Bahre zu thun machte, nahm wahr, wie Erlefried gegen ein losbrechendes Niesen kämpfte. Eilends setzte sie sich zum Spinnrade und brachte das klappernde Ding in Bewegung. Der Bart begriff sofort. Langsam erhob er sich. »Was nutzt das Verzweifeltsein,« seufzte er, »kein Herrgott kann’s mehr ändern. Die Arbeit muß den Menschen halten!« Und er kauert sich in den Webstuhl und hub an zu webern und zu poltern, daß die Männer am Tische ihr eigenes Wort nicht verstanden, und der Bursche unter dem Bahrtuche konnte niesen und husten nach Herzenslust. Doch that er nicht mehr, als nöthig war. Die Fremden erhoben sich endlich; Einer von ihnen nahm die Alte am Arme und sagte: »Die Leich’ aufdecken!« »Wem darnach gelustet, der soll’s nur selber thun,« versetzte das Weib. So ging er zur Bahre, zog das Tuch ein wenig vom Haupt zurück – ein blasses, entstelltes Antlitz. »Ist schon gut,« murmelte der Mann und warf das Tuch wieder über das Haupt. »Es ist der Sohn von unserem Hauptmann.« »Mord um Mord, das ist die Wiedervergeltung!« flüsterte ein Anderer in der Rotte. Da verließen sie schaudernd das Haus. Als sie fort waren, trocknete sich das Weib den Angstschweiß. Der Bart sagte: »Ich habe ein heißes Gebet gemacht, daß es gut vorbeigehe. Jetzt, Erlefried, stehe auf.« Der Bursche stand auf, reinigte sich und murmelte: »Das thue ich nimmer.« »Wirst es auch Rath haben,« sagte das Weib; »Du bist ihnen todt und sie lassen Dich in Ruh’, Und besser werden muß es doch wieder einmal.« – Von dieser Zeit an war keine Frage mehr nach Erlefried, dem Sohn des Schreiners. Ja, Wahnfred selbst war eine Zeitlang im Glauben, sein Kind wäre von Räubern erschossen und auf der Höhe begraben worden. Er hatte keine Klage; er hielt es für ein Gottesgericht und weinte Thränen der Dankbarkeit, daß Erlefried in seinen schuldlosen Jahren der Drangsal entrückt worden sei.     Wahnfred hatte bisweilen das Gefühl der Stumpfheit; er war muthlos. Er ergab sich und hielt sich nur mehr als das Sühneopfer von Trawies, über welches alle Qualen kommen müßten, bis die letzte, tödtende ihm Ruhe bringen konnte. – Er wußte es aber selbst nicht, daß er noch so thatenkräftig war; sein Leben, das er nach außen abschloß, kehrte sich in sein Inneres. Er suchte in den alten Offenbarungen und in den neuen Träumen eine Leuchte für die grauenvolle Nacht, die ihn und seine Mitgenossen umgab. Aber die Bibel war ihm verhaßt geworden; sie hatte ihn verführt, sie hatte ihm sozusagen das Mordbeil in die Hand gegeben. Die zornigen Gesetze des alten Bundes, hatten sie ihn nicht geradezu aufgefordert, die That zu vollbringen? Auch in den Schriften des neuen Bundes fand er kein Heil. Aus ihnen, die das Vermächtnis der Liebe genannt werden, war ihm und der Gemeinde dieser gräßliche Fluch geschöpft worden. Das alte Testament gab der Gemeinde Trawies den entmenschten Missethäter, das neue den entmenschten Richter. In heißer Sehnsucht forschte Wahnfred nach einer neuen Offenbarung. Er kam sich vor, wie ein Moses in der Wüste, der sein verlorenes Volk einer besseren Zukunft entgegenführen sollte und nach Wegen und Satzungen sucht, an welchen das Treiben der Irrenden Halt gewinnen möchte. In einer Nacht nach grauenvollem Tage, da er so verlassen in dem weiten Gehöfte des Feuerwart auf seinem Schaube lag, kam ihm ganz plötzlich – als hätte es eine fremde Stimme gerufen – in den Sinn, der Menschen Ringen sei allvergebens, die Welt gehöre dem Teufel. – Stand es nicht auch ähnlich in jenen »Offenbarungen eines frommen Einsiedlers«, die er in der Klause des Ritscher vorgefunden? Er hatte den Gedanken von sich gewiesen, aber nun zu Trawies so ungeheuerliche Beweise von der Richtigkeit desselben erfahren, daß er ihn neuerdings aufnahm, daß er ihm nachzuhängen begann Tag und Nacht. Aber weiter hieß es, daß Gott sprach: Überlassen wir die Entscheidung dem Menschen selbst. Er soll wählen zwischen Erdengluth und Sonnenlicht. Entsagt er der Erde, vermag er es, sich seiner selbst zu entäußern, freiwillig zu sterben, so ist er mein. Wahnfred beschloß, das Haus an der Trach zu verlassen, den Trawieser Leuten, die Verbrechen auf Verbrechen häuften und ihn ihren Hauptmann nannten, zu entfliehen, nicht über den Flammenring hinaus, sondern um in größerer Einsamkeit dieser Wälder der seltsamen Offenbarung nachzuhängen und vielleicht aus derselben dem verworfenen Volke zur Rettung eine neue Lehre zu entwickeln. Fast auf der Höhe jenes Berges, der Johannesberg genannt wird, nur ein wenig gegen den Hang hin, auf dessen rotbraunen Grund die aufgehende Sonne fällt, wenn die übrigen Höhen noch im Schatten stehen, und von welchem man das waldige Trawies so hoch und weit überblickt – stand zu jener Zeit eine Menschenwohnung. Es war die aus Holz gezimmerte Hütte eines armen Weibes, welches zur Zeit des Sommers die auf dem Berge weidenden Herden der Trawieser Bauern überwacht hatte. Das war die Witwe eines Holzers gewesen und Niemand hatte sich des Weiteren um sie und ihr Kind gekümmert, so wie auch sie wenig danach fragte, was im Thale vorging. Die Aufmerksamkeit der Leute wurde erst erregt, als man durch einen Zufall in Erfahrung gebracht, daß ihr Kind zu einem außerordentlich schönen Mädchen herangewachsen sei. Und eines Tages fand man die Witwe erdrosselt in ihrer Hütte, und das Mädchen war spurlos verschwunden. Wenige Tage lang besprach man das Ereignis, welches in dem vielbewegten Trawies aber bald durch neue Seltsamkeiten verdrängt wurde. Niemand ward bewogen, der geheimnißvollen That nachzuspüren; das todte Weib wurde in die Erde gescharrt, die Hütte stand leer und der Wind schlug die Thür derselben ächzend auf und zu. Dieses Dach fand Wahnfred auf seiner Suche nach einem einsamen Aufenthalte. Er wählte es, um unter demselben als Einsiedler den Spuren der ewigen, rettenden Wahrheit nachzustreben. Den Trawieser Leuten hatte er gesagt, er gehe nun davon, sie möchten nicht forschen wohin. Er werde ihre Thaten sehen und zu seiner Zeit wieder unter ihnen erscheinen in der Herrlichkeit und in der Gewalt. Er sah, wie sie da aufhorchten, er sah ihren Hang nach Geheimnisvollem, so wie er in den Verstoßenen schon längst das innere Bedürfnis nach religiösem Cultus wahrgenommen hatte. Insgeheim mochte ihnen doch etwas bange sein, gleichwohl es ein ganz Anderes war, was sie wollten, als was Wahnfred suchte. Sie wollten mit allen Sinnen genießen; Wahnfred suchte den Frieden des Herzens. Sie wollten den Himmel; Wahnfred suchte Gott. Sie beschworen ihn, daß er fürder ihr Hauptmann bleibe – das war ja ein so bequemes Oberhaupt, eben nicht mehr als ein Zeichen, dessen sie bedurften, das Wahrzeichen des »befreiten und freien Trawies«. Was er litt, sie wußten es nicht, was er plante, sie ahnten es nicht, sie waren aus anderem Holze, als das in eines solchen Schreiners Werkstatt ist. Und Wahnfred lebte nun in der Hütte, die auf dem Berge des Johannes stand. Er grübelte, er träumte. Jene wunderliche »Offenbarung« keimte, wob in ihm fort, gährte, läuterte sich, wurde lebendig. Schließlich war es freilich ein Anderes, was da aus der Seele des Schwärmers hervorstieg. Und da Wahnfred Monde lang verborgen war, fand sich eines Morgens am Fuße der Dreiwand, fast dort, wo man dem Volke von Trawies Kirche und Himmel ausgelöscht hatte, auf dem glatten Stein gezeichnet folgende Schrift: »Eins: Gott schuf die Himmel, und die Engel als Einwohner der Himmel. Der Engel Leben war Hoffart gegen Gott. Zwei: Gott verstieß die Hoffärtigen, die bösen Geister in eine Ödnis, so die Erde heißt. Da leben sie in Leibern aus Lehm und sind anheimgestellt aller Drangsal. Sie sollen sühnen die Hoffart durch Demuth, die Selbstsucht durch Selbstaufhebung, bevor ihr Leib wieder in Lehm sich löset. Drei: Denen das gelingt, die steigen auf in die ewigen Himmel; denen es nicht gelingt, die kehren von Neuem ein in irdischen Leib. Und sie kehren so lange zurück zu Noth und Tod, bis sie klar sind.« Durch die bethauten Bäume flossen Sonnenstrahlen nieder auf den Stein, und die Leute standen dabei und betrachteten die Schrift und wurden aufgeregt, als sie sich deren Sinn zu erklären suchten. »Ja, ja,« sagte der Jäger vom Trasank, »mir schwant allweg, ich bin schon einmal auf der Welt gewesen, und daß ich nicht hab’ fertig werden können mit der schmutzigen Wäsch’!« »Ich bin der Etzel gewesen,« prahlte Roderich der Stromer. »Du bist der Etzel gewesen,« spottete der Tropperknecht und sprach das tz wie s aus. »Ich verspür’ vom Herodes noch was in mir,« sagte der kleine Baumhackel, worauf ihm ein Anderer bemerkte: »Da schaust Du mir eher dem Judas gleich.« »Ich komme mir mit meiner Stuben voll Kinder wie der Abraham vor,« meinte der Bauer Isidor. »Oho!« rief ein Anderer, »der steigt nicht mehr auf der Welt herum, das ist ja ein Braver gewesen und sitzt längst in Abraham’s Schoß.« »Wer? Er selber?« lachten sie. »Im Ernst auch noch!« »D’rum sagt man von einem guten Kerl, der sich erlöset hat: So Einer kommt nicht wieder!« So faßten sie die neue Offenbarung auf, und als sie sich an derselben satt gewitzelt hatten, kehrten sie sich nicht mehr weiter d’ran und gingen ihre gewohnten Wege. Wenn jene wunderliche Lehre meinte, die gefallenen Geister müßten sich so lange im Menschenblute waschen, bis sie rein wären, so hat sie auf die Trawieser Leute nicht gerechnet. Das Blut kochte und schäumte und sie wurden von Tag zu Tag befleckter. Wahnfred sah es, daß die Schrift an der Dreiwand nicht das Rechte war, er ruhte aber nicht, er suchte mit dem Kopfe, er suchte mit dem Herzen nach einem Retter, nach einem Gott. Ob und wo er ihn finden und wie die Erlösung vollzogen werden sollte – ahnte er es? – Trotz alledem ging noch ein milder Engel durch die Wälder von Trawies. In einer Seitenschlucht des Rockenbaches stand das Haus der Zirmerleute. Es war eine arme Familie, der Zirmer hatte sich stets mit Holzschnitzen beschäftigt, und war dann ins Land hinausgegangen, um mit seinen schlichten Waaren zu hausiren und Lebensbedarf für seine zahlreiche Familie mit heim zu bringen. So war er auch zu jener Zeit, da über Trawies der Bannfluch gesprochen wurde, auf der Wanderschaft. Als er von dem Elende hörte, das über seine Heimat hereingebrochen war, wendete er sofort den Weg und ging Tag und Nacht, um zu den Seinen zu gelangen. In der letzten Nacht kehrte er noch bei einem Verwandten in Neubruck zu. Der Verwandte suchte ihn zu halten, er möge Gott danken, daß er außerhalb des Feuerringes stehe und er würde jetzt doch nicht heimkehren nach Trawies, wo alles verflucht und verdammt sei. Ihm stehe noch die Welt offen und das Himmelreich, so möge er nicht als Gottes und der Seele Feind ins Verderben rennen! Der Zirmer hörte nicht auf solche Vorstellungen, in seinem fiebernden Haupte war nichts als Weib und Kind, in seinem Herzen war Weib und Kind. Entfliehen mußte er dem Verwandten, der den Unsinnigen mit Gewalt festzuhalten suchte. Die Wachtmänner bei den fünf Kiefern grinsten höhnisch, als er an ihnen vorbeieilte. Bei seinem Hause angelangt, fiel er vor Aufregung und Erschöpfung zur Thür herein. Seither lag er krank, siechte armselig hin. Seine erwachsenen Söhne zogen draußen mit den banden, seine unmündigen Kinder nagten an unreifen Waldfrüchten, sein Weib stand ihm bei in muthvoller Treue, aber wenn sie allein war und ihr Mann schlummerte, da verfiel sie in ein Weinen, daß die Steine sich hätten erbarmen können. – In solcher Noth, in solch grenzenloser Noth, und keinen Helfer haben auf Erden und im Himmel! Da bist Du sterben heimgekommen, Du guter Mann, und wir haben keinen Heiland für Dich. Aller Jammer dieses Lebens wäre so leicht zu ertragen! Daß die Menschen in der weiten Welt doch inne würden, wie wichtig und wie süß das Erdenleben ist, wenn man in Gottes Gnade der Ewigkeit entgegenhoffen darf. Aber in solchem Elend sein – und keinen Gott haben, verlassen und verloren sein allerwege – allerwege! .... Der kranke Zirmer sagte nichts, als: »Laß mich ableben! Laß mich nur still ableben und komm mir ehzeit nach.« »Wohin denn?« rief sie. »Wenn ich denke, wohin wir müssen, da schaudert mir die Haut. Wir sind gerichtet, wir sind in der Hölle bei lebendigem Leib.« Als nun das Weib des Zirmers von der Schrift hörte, die unten an der Dreiwand gefunden worden wäre und in welcher eine Verheißung liege, that sie einen gellenden Schrei und weinte laut. Die weinte vor Freude. »Gott Lob und Dank!« sprach sie, »wir verspüren den Herrgott wieder!« So tief war die Sehnsucht mancher Gemüther der verstoßenen Gemeinde nach dem Troste der Religion. – Und Wahnfred saß in seiner hochgelegenen Hütte, und sann und sann. Es war in den Maien, ihm war pfingstlich. Nirgends auf der Welt – so dachte er einmal – kann Pfingsten lieblicher sein, als in unseren Strichen. In jenen heißen Steinbergen, wo einst die Flammen des Geistes niedergesunken sind auf die Häupter der Apostel, dort möcht’ ich nicht Pfingsten halten; und oben im Nord, wo über die traurigen Kieferwälder die Nebel der See liegen, wäre es im Monde der Maien nicht pfingstlich genug. Nur um unser harmonisches Herz windet die heilige Taube ein pfingstliches Kleid. In solchen stunden fühle er ein glückliche sein. Die zarten Vergißmeinnichte schauten so treuherzig zu ihm auf, als Boten aus der Erde, erstanden zur stillen Mahnung, Derer nicht zu vergessen, die liebevoll einst in seinem Lebenskreise gewaltet, nun längst zur Erde gesunken sind. Vor Kurzem noch hat hier die Maiblume ihr goldenes Körbchen aufgehalten für die Diamanten des Thaues; heute hat sie weißes Haar und das Lüftchen entführt mählich ihr Gelocke. Hoch über dem weiten, klaren Meer der Luft, tief im Himmel drinnen brennt der Sonnenstern und sendet seine Flammen den lichtdurstigen Wesen der Erde. – Pfingsten! Phönix! Die Worte haben ja Ähnlichkeit. Das vor etlichen Monaten noch in Moder und Starrniß daliegende Jahr ist neuverjüngt auferstanden, wie der Wundervogel im Märchen. Ist es denn wahr, daß die Menschen so sehr zum Bösen neigen? Wir stehen aufrecht, unser Fuß wandelt auf Blumen, unser Haupt ist gereift im Lichte des Himmels. Das Leid des Herzens, was ist es Anderes, als Heimweh nach dem Guten und Heiteren! Und ist es Elend, wenn unser Haupt einmal in Wetternacht gehüllt ist? Wetter haben ihre Blitze, welche oft erleuchten wie feurige Zungen des heiligen Geistes. Gäbe es keine Nacht, wer hätte je in die Tiefen des Sternenhimmels geschaut! Da kommen sie, die undankaren Kinder der Welt und schreien: Die Mutter ist schlecht! – und beweisen es. Ich sage trotz Allem: Sie ist gut und brauche es nicht zu beweisen. Und schauet den Lebensweg Dessen, der hier im Waldfrieden ruht. Der Zweifel hat mich an der Brust, der Kummer mich an den Haaren gepackt; der Haß hat mich durchwühlt, die Liebe mich gefoltert; Unrecht habe ich erfahren. Aber tausendmal mehr als das alles: Unrecht hab’ ich gethan! Und dennoch, ich ersehne das Schlafen nicht und bedauere des Morgens das Erwachen nicht. Vernichten kann mich nicht der Schmerz, denn er will geheilt sein, nicht die Schuld, denn sie will gesühnt sein – nur die Stumpfheit, denn sie will – nichts. Draußen im Lande liegt mancher silbergraue See. Licht und Schatten gleiten im Wechsel darüber hin. Das ist das Kornfeld. Die jungen Ähren horchen der Lerche, hebn ihre Häupter zum Himmel und ihr Pfingstgebet geht nach Sonnenschein. Ihre Sehnsucht ist, zu reifen, aber das Reifen ist ihr Verderben; so verstehen es wir Menschen. Das Korn kommt in den Schrein, in die Erde. Und im nächsten Jahr, wenn wieder Pfingsten ist, wallt wieder im Winde der See – und kann zehnmal größer sein, als heut’. Das Leben nimmt nicht ab, es nimmt zu. Welch selige Stimmung, du guter Wahnfred! Dann wieder blickte er hinab. Der lichte Schleier des Sonnenäthers lag über Berg und Thal; die Wässer der Trach, der Miesling, des Rockenbaches glitzerten wie Silberketten zwischen den grünen Matten, die Mauer der seit lange verschlossenen und verfallenden Kirch schimmerte wie ein Sternchen Schnee. Wenn ich, so dachte Wahnfred einmal, jener Gott wäre, von dem der Glaube sagt, daß er gerecht und barmherzig ist, ich würde der Noth da unten noch heute ein Ende machen. Sind nicht die Wuchten des Trasank, die Meere der Wolken, die Feuer der Himmel in meiner Hand! Übers Jahr blühten aus der Zerstörung wieder die Blumen, und es wäre gut. Es wäre gut! Wenn Einer aus dem Geschlechte der Menschen – irgend Einer – plötzlich Allmacht hätte, es wäre besser für uns, denn so, da ein Etwas über Allem ist, das nicht versteht und nicht verstanden wird, das mit Herzen herzlos spielt, das nicht lächelt, wenn wir kurze Lust haben, nicht weint, wenn wir untergehen. Ein Ungethüm ist’s, falsch, gefährlich, berückend, denn es nennt sich Gott. Der gute Gott! Der liebe himmlische Vater, der die Erde mit einem Sternenkranze, die Welt mit einem Sonnenmeere umgiebt, damit solch äußere Pracht seinem Auge zum Wohlgefallen sein. Was darinnen ist und leidet und verzweifelt, ihm gilt es gleich. Wer auch stellt ihn dafür zu Gerichte, er ist der Stärkere, und um den rohen Gebrauch seiner Kraft zu beschönigen, nennt er sich den alleinig Weisen. Nennt er sich? Waren es nicht die menschlichen Knechteseelen, die aus dem uns unbekannten Etwas einen gütigen, allmächtigen und allweisen Gott herausgeklügelt haben? O, der Trägheit, die sich für das, was sie selbst thun und sein sollte, einen Gott beilegt, der es für sie thut und ist! Gott hat Menschengestalt angenommen, um die Welt zu erlösen. Ich habe einen Pfaffen gekannt, der so fromm war, so fest im heiligen Glauben, daß er wußte, wie Gott auch dann die Welt erlöst hätte, wenn er als Kürbis aus der Erde hervorgewachsen wäre. Und so viel Vernunft haben sich es die Leute kosten lassen, um einen Gott herzustellen, der für sonst nichts zu brauchen ist, als zum Schrecken armer Seelen. – Das war eine der verschiedenen Stimmungen, welche den armen Mann durchzogen. Zu anderen Stunden dünkte ihm alles wieder anders. Wenn es mir blos nach dem Himmel gelüstete, sagte er sich einmal, so erbettle ich ihn nicht von Gott, sondern von den Menschen. Vom Kind die Unschuld, vom Jüngling die Schönheit, vom Manne die Kraft, vom Greise die Güte, das zusammen gäbe den Himmel auf Erden. Der wird mir versagt. In meiner Macht liegt es, daß ich sühne, daß ich im Geiste so werde, wie ich mir gefalle. Das ist der Himmel und Gott in ihm. – Es war im Hochsommer. Wahnfred strich durch die Wälder. Bisweilen vergaß er ans gehen und hörte dem Zirpen eines Vogels zu, der in dichtester Gruppe des Tannichts sein Heim hatte, ein Heim, an dessen Pforten die Spinne ihr Gitter geschmiedet. – Der Mensch versteht in der Regel an fremdem Sange nur das, was er selbst schon erfahren oder empfunden; im wortlosen Liede, in der Musik findet er genau so viel, als er selbst hineinzulegen hat. Und so war Wahnfred, der Gottsucher, auch geneigt, des Vogels helle Stimme für eine Offenbarung zu halten. Er schritt über grüne Waldwiesen hin, der hohen Bäume blauer Schatten, in Sommertagen nur kurz, besäumt mit seinem Walddufte mild den Rand. Ein Meer von fliegenden Thieren erfüllt die Luft, von der kleinen Mücke bis zum langspießigen Hornuß, von der klingenden Waldbiene bis zum schillernden Schmetterling, vom hüpfenden Heupferdchen, von der zarten Halmfliege abwärts bis zu jenen ungezählten Insecten, welche die Mücke noch für einen Elephanten halten und welche des Wanderers gestalt wie winzige Stäubchen umgaukeln – sie alle zusammen geben wohl den Schleier, welcher an heißen Tagen über der Gegend liegt. Was hat da der seidenfeine Fliegenschnapper für gute Zeiten! So oft er den Schnabel aufthut, verirren sich in denselben ein paar Dingelchen, die am Vormittag geboren werden, zu Mittag Hochzeit halten und Nachmittag verunglücken. Erlebt eines davon die Stunde, da die Schatten sich dehnen über die Wiesen hin, so fröstelt es im hohen Alter und ist vergangen, ehe noch das Sonnengold von den Wipfeln der Bäume schwindet. Von solch kleinen Feinden umsummt, lag Wahnfred oft hingestreckt im Grase, niedergedrückt von der Schwüle des Tages, von der Schwere der Empfindungen. Träumend richtete er sein Antlitz aufwärts und betrachtete die Traumbilder des Himmels. – Oder wären die Wolken, die phantastischen, ewig mannigfaltigen, die bald in zarten, lichtvollen Gestallten, bald in finsteren Zerrbildern hingegossenen, wallenden, im Werden vergehenden, im Vergehen werdenden Erscheinungen nicht die Träume des Himmels? Sie ziehen von Westen nach Osten – der Himmel träumt vom Morgenlande, von jenem Paradiese, welches er voreinst geschaut hat, liebesinnig mit seinem blauen Auge, welches er mit seinen Strahlen und mit seinem Thau geküßt hat, wie seither keine Braut mehr auf der ganzen weiten Erde. O Jugend der Welt! Alles Gestirne geht den ewigen Lauf vom Morgen zum Abend, nur die Wolken ziehen den Weg zurück, ein sehnsuchtsvolles Erinnern nach Dir, vergangene Jugend der Welt .... Auch Wahnfred hatte eine Seele, die lieber nach rückwärts schaute, als nach vorwärts. Häufiger als je dachte er an das am Fuße seines Berges ruhende Gestade. Dort war seine Mutter, dort war sein Weib, dort war sein Kind gewesen, dort hatte er ein Kind gehabt. Alles liebliche Glück war dort gekommen und hatte ihn besucht in seiner kleinen Werkstatt. – Alles ist vorbei, um jener heiligen Zeit willen hat er nicht das Recht, der Welt zu fluchen. Er war der redlichsten Freundin des Menschen, der Arbeit, untreu geworden, er war grob abgewichen von den Wegen der Friedfertigen – eine gute Weltordnung muß es sein, welche die böse That so strenge sühnt. Und er hat doch wieder Freude, denn eine Offenbarung geht ihm auf, er beginnt in der Natur die Schönheit zu sehen. O Menschenauge, wie schön giebt sich dir die Erde! Sein Blick fliegt in das Bergrund hinaus weit über den Flammenring, die Sonne leuchtet dort nicht heller als hier, der Himmel wölbt sich wie ein schirmend Zelt über alles. – Reicher Träumer du! Kennst du das Herrscherpaar über die Gegend, so weit der Blick reicht? Deine zwei Augen. Dem Gärtner gehört wohl der Apfel, aber dir der grüne, säuselnde Baum; ihm gehört vielleicht der Stamm, dir der weite, blauende Wald. Anderen gehört das Einzelne, dir das Ganze. Prangt der Garten, hast du den Genuß; geht er zugrunde, hat ein Anderer den Schaden. Jene nennt man reich, dich heißt man arm. Jenen zieht die Welt zu ihren Säckeln ein, dir zu Deinen Sinnen. Traurig bist du? Ei Laß, so schreit der Uhu. – Hunger hast du? Geh, so singt der Rabe. – Nach Leben dürstet dich? Weißt du, was ein Bergquell ist? Wenige wissen es, Wenige sind werth, es zu wissen. Alles was aus den Brüsten der Natur hervorgeht, ist klar und rein. Vielleicht war auch der Quell der Menschheit einst hell und frisch, und der Strom hat sich nur getrübt auf seinem weiten Laufe, da er den Staub der Welt mit sich riß, hat sich in den planlosen Weiten verloren, in steten Wellenkämpfen verbittert, so wie das Wasser des Meeres bitter geworden, welches erst wieder zu seiner Reinheit gelangt, bis es in den Wolken gegen Himmel gestiegen, zur Erde gefallen und aus derselben neuerdings hervorgegangen ist .... Erlösung in der Auflösung und nach dem Hinfalle bessere Urständ’, dahin zielten unwillkürlich, wie der Magnet nach dem Norden, all seine Gedanken. – Weit hinter den Bergen, im sonnigen Flachland, schimmerten gelbe Flächen. »O glückseliges Land, wo die Glocken und die Sicheln klingen!« rief Wahnfred aus. Ja dort ist Frieden, dort ziehen die Schnitter zur Ernte, und das Erdreich hat seine arme, seine Brust geöffnet, bietet all seine Früchte, sein Blut, sein Herz dar; so dankbar ist es, daß man ihm vertraut hat in den ersten Lenzen, da so Vieles noch starr war und grau, und der Landmann sein Korn in die feuchte Scholle gelegt hat. Mit Kornblumen und mit den Purpurblüthen des wilden Mohn hat sich das Feld für seinen Opfertag geschmückt, mit erdwärts geneigtem Haupte erwartet der Halm die Sichel .... Wann wird zu Trawies wieder Ernte sein? – Erstarrt sind nun die Traumbilder da oben, als wäre der Himmel in tiefsten Schlaf gesunken. Die wandernden Gestalten sind ohnmächtig geworden auf ihrem Wege gegen Morgen hin, noch drängen die hinteren nach und in der Stockung schiebt sich eine in die andere; eine steht der anderen vor dem Licht und sie erblassen und verdüsteren sich und liegen grau und schwer wie heißes Blei am Himmel. Und wie alles still ist und selbst die Mücken sich unter die Schirme der Germen und Gentianen bergen, gleichwohl der Sonnenbrand auf Augenblicke sich dämpft, um dann aber noch heißer hervorzubrechen – hört man etwas, als ob in der Ferne ein Wagen über die Brücke der Trach rollte. Er ist bald darüber hinweg, dann wieder Stille, und die Bäume stehen bewegungslos, von der Hitze erschlafft, erstarrt. Über den Trasank hat sie eine mattgraue Wand aufgebaut, und so oft deren vorgeschobene Kuppen vor die Sonne wachsen, geht ein fahler Schatten über das Waldland, und wenn die Sonne wieder aus den bewegungslos scheinenden milchweiß beränderten Wolken hervortritt, ist die Nebelwand um so finsterer, als käme heute die Nacht durch leuchtende Ungeheuer einmal vom Untergang her der Sonne und ihren glorreichen Schaaren feindlich entgegengezogen. Wahnfred schließt die Augen, er sinnt, wie es wäre, wenn die Natur einmal in Lähmung verfiele und der Erdball stünde still, und die Sonne stünde auf dem gleichen Flecke und müßte brennen, immer gleich fort brennen. – Drei Nächte nimm hinweg und es ist alles todt .... Von Neuem rollt der Wagen, er ist näher, die Brücke ist länger. Wahnfred schlägt die Augen auf, wie ganz anders sieht’s jetzt am Himmel aus! Zerissene, weiße und dunkle Wolkenballen, dahinter gedämpftes Grau, in welchem die Sonne bereits ertrunken ist. Über die Zinnen des Trasank wälzen sich schwer und düster ungeheure Wolkenmassen und fahren nieder an dem finster blauenden Gewände und schlagen an die Höhen des Ritscher und der Wildwiesen. Es murren Donner, der Schall vermag die dichten, rasch ins Thal sinkenden Nebel nicht zu durchdringen und schlägt wie ein halbersticktes Röcheln ans Ohr. Die Blitze zucken nur in schwachem Schimmer durch die Nebel, aus denen hier und dort weißes Geflocke hervorspringt. Die gegenüberliegenden Berge sind nicht mehr zu sehen. So finster ist es, daß zwischen den Zweigen der Hagebutte zwei Leuchtkäfer schimmern. Noch schreit eine Amsel, man weiß nicht zur Warnung oder zum Gebete. Ein Geier schießt ins Gewipfel nieder, der hat sich auf seinem Raubzuge in die Nebel verirrt und ist von einem Windstoß bodenwärts geschleudert. Nun fährt’s an, von oben her und den Berg heran kommt’s in finsteren Haufen, die Bäume pfeifen und rasen, das Gevögel flattert angstvoll auf. Im Heidekraut selbst saust der Sturm und schleudert Sand und Erde empor. Ein blendendes Feuerband schlägt in den Lüften ein ungeheures Trudenkreuz, und wo es schmetternd zur Erde fährt, da lodert ein Baumstamm. Ein Meer von Nebel wallt, fliegt zerzaust und zerfetzt zwischen den krachenden Bäumen. Die Wolken brechen und fallen in Fluthen nieder. Jetzt springt Staub, Moos und Reisig empört zur Höhe, jetzt ist es von wuchtigen Eiskörnern tief in den Boden geschlagen, und jetzt fährt alles, Halm und Ast, Stamm und Stein in braunen, brandenden Bächen lawinenartig der Tiefe zu. Wahnfred sieht nichts mehr als das wirbelnde Grau, von rothen Lichtern durchfahren, hört nichts mehr, als das Brausen wie auf wilder See. Das Rollen der Steine, das Stürzen der Bäume, das krachen der Blitze, es ist Eins geworden. Wie wenn der Hauch eines Gottes die Schöpfung wieder in ihr ursprüngliches Chaos zerblasen hätte, so wogen die Elemente durcheinander, als sollten sie sich eins im anderen lösen. Wahnfred ist hingeschleudert worden in junges Dickicht, Hören und Sehen vergeht ihm, aber die Pulsschläge seines Herzens klingen in wundersamer Weise. Du armes Menschenkind! Du hast auch gehaßt; wie kindisch war Dein Neid, wie ungezogen Dein Zorn, wie kleinlich Deine Bosheit gegen diesen Zorn der ewigen Gewalt, die mit Einem Schlage alles rächt, alles erlöst. – Du hast auch geliebt! Welch wässerige Glückseligkeit, welch ängstliche Eigensüchtelei, welch schwacher Muth, welch träge Leidenschaft gegen die weltverzehrende Gluth, die alles vereint und in der Vernichtung alles gebärt. Deine Leidenschaft ist ein Sturm im Glase – und du wagst Den, der da in ewiger Größe zürnt und zerschmettert, armseliger, menschlicher Motive zu zeihen! Du wimmerst um sein Erbarmen, oder du ballst die Faust, um, bevor du untergehst, seiner Brust einen Schlag zu versetzen. O, du bist kindisch, du siehst deinen Feind im niedersausenden Eise und weißt es nicht, wie lange sich die Tropfen gesträubt haben, bis sie der Frost erstarrt, der Sturm hingeworfen hat. Du meinst, der Sturm wolle dich verderben und denkst nicht daran, wie verzweifelt die ungleichen Wärmeschichten miteinander gerungen haben, bis die wilde Jagd der Lüfte anhub. Und der Lüfte Schlachtenplan, er wird gemacht bei den Sternen. Alles und alles liebt die Ruhe wie du. Der Alleinige vernichtet und baut absichtslos, er will sich nicht nützen und dir nicht schaden – du bist ja sein, bist ein zitterndes Härchen an seinen grauen Locken. Du bist ein Blatt im Kartenspiele und wirst auf deinen Posten gestellt, jetzt gewinnst du, jetzt unterliegst du, jetzt wirst du miteingemischt und bist so viel und so wenig, wie jedes andere. Du bekämpfest scheinbar die übrigen Blätter und sie bekämpfen dich, aber ihr gehört zusammen und für das Ganze kann das Spiel nicht verloren sein. Unheilvoll ist nur jene Gefahr, die der Mensch sich selbst bereitet, denn auf solchem Wege begegnet ihm das böse Gewissen. Im Streit der Elemente mag er ruhig sein; in welche der auf- und niederspringenden Wagschalen er auch geworfen wird, er dient dem Gleichgewichte, es wird wieder das Ebenmaß herrschen und das Zünglein friedlich nach aufwärts deuten, wo des Ewigen Hand an der strahlenden Sternenkette die Wage hält .... So das Sinnen des gottsuchenden Wahnfred. »O, du Narr!« rief er einst zu sich lebst, da er fühlte, wie es in seinem Haupte wirr war. »Narr?« fragte er sich dann. »Wer? Ist es es denn Narrheit, bei Ihm sein zu wollen? Die Mär erzählt, der Alten Gott hätte Donar geheißen. So rufen wir heute noch aus: O, Gott! oder: Donar! Und die Leute verstehen: Du Narr! Worte entarten wie Geschlechter. Donar hat Blitze geschleudert – im Feuer find’ ich ihn wieder!« – Der Sturm ist vorüber. Die größten Bäume des Waldes sind gebrochen, tief unten über die Wiesenflächen wälzt sich noch der Schutt, brausen noch die braunen Wasser. Hänge sind blaß und kahl, das Blätterwerk ist zu Thale geschwemmt. Der Trasank steht in scharfem Bilde da, leichte Nebelflocken schweben an seinen Wänden und die Luft ist kühl wie Kellerhauch. Das Thal der Trach ist weiß; ein Stück Winter ist krachend hingeworfen worden. Die Berge jenseits stehen in voller Klarheit, keiner ist gestürzt, über den Waldungen steigt da und dort ein blaues Rauchwölklein auf. Leichte Streifen durchziehen den Himmel, die hingehende Sonne lächelt ein »Gute Nacht« zurück. Fern über das Flachland grollt die Wetternacht dahin und auf ihrem stahlgrauen Grunde, wie aus den gezähmten Flammensplittern der Blitze gebaut, steht das hohe Halbrund des Regenbogens. Wahnfred geht seiner Hütte zu. Was ist die Luft so rein! Keine einzige Mücke, kein Schmetterling, kein Heupferdchen mehr! Wer die Millionen der kleinen Todten zählen könnte! Da ist ein Weltgericht vorbei. Nun kommt die ruhsame Nacht. Alles im Frieden, nur aus dem Thale dringt lauter als sonst das Rauschen der Trach. Die Wildwässer haben auch jene Schrift ausgelöscht an der Dreiwand. Aber Wahnfred sitzt ruhelos in seiner Hütte und sinnt und träumt- Fast will er heute vergessen auf die Vergangenheit; er denkt daran, was werden soll. Er möchte die Bande zerreißen, die ihn an die Vorfahren und ihre Satzungen binden, durch sie geleitet, hat er der Gemeinde Trawies die Religion getödtet. Einen neuen Gott muß er ihr suchen .... Tief war es schon in der Nacht. Die schlaflosen Augen des Mannes, der vor der Hütte saß, irrten in die Gegend hinaus. Da sah er unten am Hang zwischen den Stämmen ein Lichtlein flimmern. Es glitt langsam hin und her, es kam näher. Und als es nahe war, trat über das Flämmchen rosig beleuchtet ein überaus schönes Mädchengesicht hervor. Sela trat vor ihn hin und sagte die Worte: »Der Feuerwart übergiebt das Feuer.« – – –     Sela war nicht zu bewegen, im Haus auf dem Johannisberge die Stunden der Nacht abzuwarten. Allein, wie sie bergwärts gestiegen war, stieg sie thalwärts. Die hohen Tannen standen so starr und hoben noch höher ihre knorrigen Kronen, seitdem sie wieder einen Strauß mit dem Sturme so glücklich ausgefochten. Zwischen ihrem finsteren Geäste glitt das weiße Mondlicht nieder, wohl eine mangelhafte Leuchte für die Wanderin, welche ihr Licht auf den Berg getragen hatte und nun in Wald und Nacht still und zitternd zurückschritt. Oft strich ein Mondenstrahl über ihre gestalt und da leuchtete es wie tropfender Thau über ihren Wangen. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt, nun durfte sie ihr Eigen sein, nun konnte sie ihr Elend bedauern und darüber weinen. An diesem Tage, während die Wetter wütheten, war es mit ihrem Vater aus geworden. Vor dem Feuerschein eines Blitzes hatten die Wimpern seines Auges noch gezuckt, dann waren sie starr geblieben. Nun ging Sela heim, um an der todten Gestalt zu wachen. Als sie an der Berghalde über einen Holzzaun stieg, sah sie die schwarze Gestalt nicht, die neben dem Zaune stand und die jetzt, da sie vorüber war, sich zu bewegen begann und ihr nachging. Sela eilte hastig und immer hastiger abwärts, als hätte sie es geahnt, daß sie verfolgt werde. Aber plötzlich stand sie vor der brausenden Trach und konnte nicht weiter. Das Wildwasser hatte den Steg fortgerissen und die Wellen schlugen zornig über das Ufer hinaus. Gegen das hin ist das Thal offen, geht der Himmel in seiner blaßgrauen Scharte nieder zwischen den schroffen Bergen. In dieser Scharte stand der Mond. Sela stand still und überlegte, was hier zu beginnen sei. Da nahte ihr die schwarze Gestalt vom Zaune und sagte den Namen: »Sela!« Sie erschrak nicht, sie kannte die Stimme wohl, konnte es aber doch kaum glauben, daß er nahe sei. »Sela,« sagte er, »fürchte Dich nicht vor mir, ich bin Erlefried.« »Wie kann es sein, daß Du da bist?« war ihre Frage. »Das ist kein Wunder, ich bin hierher gegangen. Nimm nur meine Hand, ich will Dir’s gleich erzählen, aber wir müssen ein wenig in den Wald zurückgehen, hier schreit das Wasser so sehr.« Er führte sie vom Bache hintan und sagte: »Das heutige Gewitter ist so mächtig gewesen, daß mir die Angst gekommen ist, es könnte Eurer Hütte was zustoßen. So bin ich in den Dürrbachgraben herabgestiegen und da sehe ich Dich des Wegs mit einem Laternenlicht gehen. Es wird schon dunkel und ich folge Dir. Zu Trawies kann sich keine Maid auf ihren eigenen Schutzengel verlassen. Ich habe gemeint, Dein kranker Vater hätte Dich zur Kofelarztin geschickt, aber Du bist auf den Johannesberg gestiegen und da habe ich Dich erwartet.« »Erlefried,« antwortete das Mädchen, »daß Du so zu mir bist – ich dank’ Dir’s allerwege, nur muß ich’s sagen, meine Angst ist jetzt zweifach. Du weißt doch, die Leute dürfen Dich nicht sehen.« »Deswegen gehe ich in der Nacht,« versetzte der Jüngling, »und wer mir begegnet, dem erscheine ich als Gespenst. Es ist ja noch ein Glück, daß es Gespenster giebt. Ich wollte für heute nur, wir wären welche, daß wir über dieses Wasser fliegen könnten. Herüben können wir nicht bleiben, wenn wir nicht unten am Gestade, auf dem Steingrunde, wo mein Vaterhaus gestanden ist, übernachten wollen. Nach Trawies dürfen wir nicht hinauf, und da, wo wir stehen, können wir uns nicht zu Schlafe legen.« Da schlug Sela vor: »Wir könnten zum Hause auf dem Johannesberg emporsteigen.« »Ich hasse die Leute,« antwortete Erlefried. »Da oben wohnt Dein Vater.« »Ich weiß es. Vor meinem Vater fürchte ich mich.« Sela schwieg. Sie dachte über das Wort nach, welches ein Sohn hier gesprochen hatte. Er fürchtet sich vor seinem Vater. »Mich däucht immer,« sagte Erlefried beklommen und brach sein Wort ab. »Was meinst?« »Mich däucht, in Trawies gehen Leute um, die sich dem Teufel verschrieben haben.« »Um Gotteswillen, Du wirst doch das von Deinem Vater nicht vermeinen!« »Wenn ich auch just das nicht sagen will: ich kenne Andere, die für solche Sach’ nicht zu gut sind.« »Erlefried,« entgegnete nach einer kleinen Weile das Mädchen, »daß ein Mensch sich dem bösen Feind verschreiben kunnt, ich glaub’ nicht recht d’ran.« »Ich glaub’s wohl. Wenn Einer nur will. Aber mit Ernst wollen muß Einer.« »Geh, wer wird denn das wollen!« »Wer? Leute genug, die es möchten, daß ihnen alles nach Wunsch ginge. Sie selber bringen es nicht zuweg; der Herrgott, gesetzt die Trawieser hätten einen, läßt sich auch nicht allemal brauchen. Sucht halt der Mensch nachher wen Anderen. Wir thäten auch Einen brauchen, der uns über die Trach trüge.« »Du hast ein sündhaftes Reden, Erlefried, wir können uns ja einen Steg legen.« Das Steglegen wäre ein unbedacht Beginnen gewesen, denn die Trach war noch immer im Wachsen; jetzt kamen erst die Wasser aus den hintersten Hochschluchten des Trasank, sie wälzten Gestein und Erdreich mit sich und manches Geräthe aus Häusern und Scheunen. Aber dort, wo zwei Felsenbänke den Fluß einengen, hatte der Sturm einen alten Lärchenstamm über quer geworfen und das war ein Steg. Das dichte Geäste bildete einen förmlichen Wald auf dem Stege, durch welchen sich die beiden jungen Menschen mit Gefahr und Mühe winden mußten. Sela schmiegte sich mit dem einen Arm an den Jüngling, während dieser sich wacker von Ast zu Ast griff und die Gefährtin zu stützen suchte. Wie lange war jener liebliche Sonnenwendmorgen schon vorbei, da Erlefried sie wie heute über die Trach geführt. Was war das für eine sonnige Stunde, für eine glückliche Zeit gewesen! Aber jenem Sonnenwendtage entkeimte der Dämon, der heute herrscht zu Trawies im Vereine mit den wilden Nächten der Natur, wüst und zerstörend wie die aus dem Hochgebirge niederfahrenden Fluthen, über welche das junge Paar nun schreiten mußte. Endlich waren sie am anderen Ufer, und als sie zur Freiwildhöhe hinanstiegen, erzählte Sela von dem Tode ihres Vaters. Erlefried wischte ihr mit seinen schlanken Fingern die Thränen aus den Wimpern. »Ich will Dir Deinen Vater bestatten helfen, so wie Du mit mir warst, da ich meine Mutter begrub. Wir legen ihn im Wald recht tief zur Erde und wälzen Steine auf sein Grab.« Sie schwieg. Wie dieser liebe Mensch so lieblos sein kann! Begraben, begraben! Dann gingen sie über die Höhe hin. Der Himmel war wolkenlos geworden, der Mond schien überaus hell und mild und warf schwarze Schatten, sein Schein war fast warm. Kein Thierchen rauschte in den Zweigen, keines zirpte im Grase. Selbst die Füße der zwei Menschen traten leise auf. Erlefried und Sela gingen nahe beisammen und ihr Schatten war wie ein einziges Wesen mit zwei Häuptern. Erlefried fühlte sein junges Leben. »Ich werde Dich nicht verlassen, Sela,« sagte er, »ich werde bei Dir sein in Deinem Hause und Dich hüten, wie Dich Dein Vater gehütet hat, und Dich liebhaben, wie Dich Erlefried bis auf diesen Tag lieb gehabt hat.« »Du wirst bei mir sein,« hauchte das Mädchen tief beklommen. »Ich werde heute bei Dir sein,« stieß er kurz und scharf heraus, »ich werde nimmer von Dir gehen. Ich werde in alle Ewigkeit bei Dir sein.« »Heute nicht,« flüsterte sie. »Heute, Sela, heute. Du zündest das Feuer an, ich verschließe das Haus, da gehören wir nicht mehr zu Trawies. Wir fliehen nicht hinaus ins fremde Land, wir fliehen in uns selbst hinein. Wir gehören unser. Sela! Sela!« Hastig riß er sie an sich und küßte sie auf die Stirne, auf das Auge; auf den Mund wollte er sie küssen, da preßte sie ihre Hand an seine Lippen und drückte ihn zurück. Er zog sie rasch mit sich fort gegen das Häuschen im Dürrbachgraben. Sela ließ sich ziehen. Einmal, zweimal schlug leise eine Ruthe auf ihre Achsel, Zweige der silbern schimmernden Weiden, die auf dem Moorboden standen und dem Paare nachsahen, nachwinkten. Erlefried und Sela eilten, liefen, raseten dahin und abwärts durch den Wald, wo es naß war und kühl und wo Schutthaufen von Eiskörnern lagen, und wo in der schwarzen Nacht das Mondlicht tropfenweise hing hoch im Gezweige. Sie sagten nichts, die eilenden Füße waren der einzige Ausdruck ihres Fühlens. Sela sehnte sich nach der Leiche ihres Vaters und empfand Angst, je näher sie der Hütte kamen. Der Jüngling, urplötzlich umfangen von dem Flammenringe leidenschaftlicher Liebe, dachte nicht an den Todten. Fest schlang er den starken Arm um ihre Gestalt, er trug sie fast, ihre Füße berührten kaum die Wurzelstränge und die Steine und die Steine. So glitten sie abwärts und immer vernehmlicher wurde das Rauschen des Dürrbaches. Nun waren sie in der Schlucht, und als sie über das Gefälle und Geschütte dahinkletterten und unsicher auf und ab gingen, schauend, forschend, suchend, blieb Sela plötzlich stehen und rief: »Die Hütte ist nicht mehr da!« »Wo soll sie sein? Sie wird weiter unten stehen.« »Hier, dahier, gegenüber dem großen Stein muß sie stehen. O Gott, da ist ein neuer Berg, Erlefried, Erlefried; die Hütte ist verschüttet!« Eine Berglehne war herabgefahren mitsammt Baum und Strauch. Sela warf sich auf den Schutt und wimmernd grub sie mit den Händen die Erde auf, bis sie Erlefried zurückdrängte und die Worte sprach: »Siehe, Gott ist noch in Trawies, er hat Deinen verstorbenen Vater begraben!« Dieses mild und sinnig gesprochene Wort des Jünglings öffnete die Schleusen ihres bedrängten Gemüthes, sie weinte heftig. »Gott hat ihn begraben!« Dieser Gedanke that ihr wohl zu solcher Zeit, wo sie davor gezittert hatte, ihren Vater ohne Glockenklang und ohne Segen in die Erde legen zu müssen; wo sie auch gebangt hatte davor, in der finsteren Hütte fortzuleben, sei es allein, sei es mit dem Freunde. Jetzt ist alles vorbei, hier wendet auch ihr Weg. Sie haben sich hernach auf den großen Stein gesetzt, der neben dem Wasser des Dürrbaches aufragte und an dessen Flächen zartes Moos wuchs. So saßen sie die Nacht und schauten hin auf den ungeheuren Grabhügel. In Erlefried hatte sich jene Gluth, die in vorhin über Berg und Thal gejagt, aufgelöst in die Wärme der Theilnahme und der Andacht. Er wollte zu ihr sprechen, aber sie hörte seine Worte nicht; die wilden Wasser betäubten rauschend ihre Gefühle. Der Mond sank gegen das Gewipfel der Bäume hin und da gingen zwischen demselben die Schlierstreifen des Lichtes, legten Silber auf die Steine und Funken in die Wellen und die Gesichter der beiden Menschen schienen blutlos zu sein. Ein breites Band ging durch die Wipfelscharte nieder auf den Schutthügel, aus welchem in weißen Splittern noch die Strünke frischgebrochener Stämme ragten. Ein geheimnisvolles Wehen ging und der Mondäther verdichtete sich zu blassen Gestalten, die aufwärts und niederwärts stiegen, wie die Engel auf der Jakobsleiter. »Sela,« sagte Erlefried und legte sein Haupt an das Köpfchen der Jungfrau, so daß seine langen Locken hinabwallten über ihre Stirn, »Sela, siehst Du, wie jetzt die Altvorderen herabsteigen zu Deinem Vater, der das Ahnfeuer gewartet hat? Jetzt tragen sie ihn auf der lichten Straßen in den Himmel.« Als über den blauen Wäldern des Tärn die Sonne emporstieg, führte Erlefried die zagende Sela in das Haus des Bart ein. Er erzählte, was geschehen war und bat den Bart um Unterstand und Schutz für das Mädchen. »Dein Bitten, Erlefried,« entgegnete der Bart, »ich weiß nicht, wie ich es soll deuten. Ja, ich will dem Kinde eine Hut geben, so lange ich selber eine habe. Ich nehme die Sela gern in mein Haus; nur, Erlefried, Du hast es ja erfahren, daß wir oft nicht wissen, was wir essen sollen.« »Ich sammle meine Nahrung im Wald, wie ich es bisher gethan habe,« sagte das Mädchen. »Und wo sie schlafen wird?« meinte der alte Mann. »In der Scheune auf dem Heu,« schlug Erlefried vor. Das Weib des Bart stand dabei; sie hatte schon ein Weilchen die jungen Leute betrachtet, die so warmlebig und so ahnungslos nebeneinander dastanden. »In der Scheune mögen die Mannesleute schlafen,« sagte sie jetzt, »der Erlefried und meinetwegen auch der Bart; die Maid soll in der Stube sein, ihr Bett neben dem meinen.« Dem Bart war’s recht.     Aus derselben Zeit berichtet die Urkunde das Sterben des Tärn. Der Tärnwald war bis zum Ritscher hin fast eine Geviertmeile groß und lag an schönen Sommertagen wie ein stiller, tiefblauer See unter dem Himmelszelte, scheinbar ruhend und schlummernd auf weltfernem Gelände. Das unendliche Leben und Weben in seinen schattenkühlen Gründen sah man nicht. Das millionenfache Entstehen und Vergehen der Wesen, die Lebenslust und das Sterbensweh, die warmen Herzschläge und die heißen Kämpfe all um das Leben, das nimmer rastende Ineinanderzittern, Auf- und Niedergehen, wie es in dem Webstuhle des Waldes ist, ununterbrochen bei Tag und Nacht, zu allen Zeiten des Sonnenjahres, wer achtet es? Und im Tärn, wer wagt es, verlorener Menschen Treiben zu verfolgen? Die Bäume verhüllten es lange mit ihren wuchtigen Ästen. Trawies war scheinbar der Mittelpunkt, dort wickelte sich scheinbar eine Art von Gemeindeleben an, aber tief in den Wäldern barg sich und wob ein Anderes. Mancher der Alten von Trawies staunte ja, wie sich das von aller Welt herbeiströmende verworfenste Gesindel allmählich von selbst wieder verloren hatte. Sollte es sich zu gut fühlen für Trawies oder sollte es noch Ärgeres suchen? Der Tärn war wie ein gothischer Bau gegen den Rundbogenstil der Laubwälder draußen im Lande. Der Tärn war eine dröhnende Orgel im Gegensatze zu den säuselnden Büschen der Niederungen; der Sturm zog daran den Blasebalg. Der Tärn war die Nacht, andere Wälder waren die Dämmerung. Der Tärn bestand zumeist aus Fichten, die nicht von Menschen gepflanzt worden waren, die in wilder Zucht dem Samen ihrer Väter entsprossen auf der braunen Erde standen. Seit Menschengedenken und Sagen hatten die Hochwaldungen des Tärn gestanden; Stürme, Schneebrüche, Waldbrände und Holzfäller vermochten diesem Walde nicht viel anzuhaben; alljährlich schlüpften die rothen Kätzchen und die braunen Zäpfchen hervor aus dem Gezweige, wehte der Fruchtstaub durch das harzige Geäste, flogen die beschwingten Samen nieder in das Moos der Gabelzähne und des Widerthrons, und zwischen den Wurzeln der alten keimten junge, und die morschenden Stöche wurden Wiegen für neue Stämme; hoch oben neben den geknickten Kronen wuchsen frische Wipfelchen und aus jeder Wunde quoll urkräftig neues Leben. Mancher vom Sturme hingeworfene Baum, dessen filzige Wurzelscheibe hoch gegen Himmel stand, grünte eine Weile noch fort auf seiner Bahre und wollte nicht eher versterben, als bis er aus seinem bemoosten Körper neue Sprößlinge in heller Jugendfrische erstehen sah. Andere freilich gingen zugrunde an der Fruchtbarkeit ihres eigenen Bodens, sie wurden harzlos, herzlos, kernfaul. Wieder andere Bäume hier waren übermüthig und standen auf Stelzen, als wollten sie hoch über die Nachbarn hinausblicken in die weite Welt. Auf alten Stöcken waren sie gewachsen, und als die Stöcke in eitel Erde zergangen waren, da fehlte ihnen der Boden unter den Füßen und sie standen wie auf gespannten Klauen, und unter dem Wurzelgeflechte durch verfolgte das Wiesel die Eidechse und der Wolf den Fuchs. Der Schmarotzer gab es im Tärn übergenug. Der Fichtenblattsauger stach in die zarten Zweige, daß sie Auswüchse bekamen; der Kreuzschnabel biß die Blütenzäpfchen ab, das Eichhörnchen that dasselbe; der Rüsselkäfer zernagte die Rinden junger Sprößlinge, und ein Falter war, der sich in dunklen Habit hüllte, ein gleißendes Thier, die Nonne geheißen, der fraß die grünen Nadeln, daß die Bäume lungensüchtig wurden; der Kieferspinner zehrte in beispiellosem Heißhunger das Genadel der Föhren auf; der war ein gefährlicher Feind und gab, um auch die kommende Generation mit Unheil zu versorgen, gern seine unzähligen Eier in die Stämme ab. Da kam aber die Schlupfwespe und legte ihre Eier in die Raupen der Kieferspinner. Wohl gedieh die Schmetterlingsraupe trotz des nagenden Wurmes im Inneren bis zur Puppe, dann war’s ein Schmetterlingsleib mit einer Wespenseele, der Leib sank bald der Erde zu, die junge Schlupfwespe aber flog lustig empor über die Wipfel der Bäume und die Kiefer war erlöst von ihrem Feinde. Wohl gab es Bestände, die vorzeitig von Holzern hingeworfen wurden; sagte ja einmal der Feuerwart das Wort: »Den Bäumen geht es wie den Menschen, in ihren besten Jahren müssen sie aufs Schlachtfeld.« Aber da kam der unsichtbare Säemann, tauchte seine Hand in die Samen und wehte, streute sie hin über die kahle Lände. So säet der Wind. Und der Tärn stand und wucherte in strotzender Kraft auf seinem Granitgrunde fort. Bäume waren darunter mit vielen hundert jahren an Alter, mit vielen hundert Fuß an Höhe, zwei Männer vermochten nicht, sie zu umspannen. Von jenen, die am höchsten standen, waren die verkrüppelten Wipfel und Äste gegen Morgen hin gebogen, daß es stetig zu sehen war, als fahre ein westlicher Sturm in sie. Aber gerade dieselben bogen sich im Sturme nicht, starr und trotzig standen sie aufrecht und in ihren Kronen nistete der Habicht. Hie und da stand auch eine Weißtanne, eine freundliche Lärche; aber verwahrlost und wie in der Fremde kümmerten diese Bäume im düsteren Tärn und genossen das Gnadenbrot von den Fichten. Es führten wenige Wege durch die Waldung, und selbst zur Zeit der Ordnung war es in derselben keinem der seltenen Wanderer heimlich gewesen. Der Boden war zumeist völlig kahl und nur mit Gefälle, grauem Moosfilz und dürrem Genadel bedeckt, selten war darauf der Ducaten eines Sonnenpunktes zu finden. Dort und da ragte ein grauer Stein, zuweilen das Gerippe eines modernden Strunkes. Fast auf der Höhung des sachten Bergrückens, fern von den pfaden der Menschen, ganz in der Ödniß des Hochwaldschattens stand ein hölzernes Kreuz. Wenige suchten es auf, um davor zu beten, und niemand wußte recht, warum es stand. Das Kreuz trug weder das Bild des Erlösers, noch ein anderes Zeichen; wie es so ragte in der Einsamkeit, wo über Allem schwere Stille lag, oder der Wind brauste oben in den Wipfeln, da war es schier grauenhaft zu schauen. Einige meinten, hier sei die Stelle, wo vormaleinst dem heiligen Jäger Eustachius, da derselbe noch ein Heide gewesen, der Hirsch mit dem Crucifix zwischen den Geweihen erschienen sei. Andere behaupteten, das Kreuz sei von selbst aus der Wurzel eines Baumes gesprossen und an Größe und Gestalt genau jenem gleich, an welchem Christus gestorben. Wieder andere wußten zu erzählen, diese Kreuz stamme von dem grünen Wolfgang her. Der grüne wolfgang war vor dieser Zeit der Schrecken der Förster gewesen im Tärn; er hatte stets Reiser, Blätter und Blüthen vom grünen Wald an seinen Kleidern getragen, auch sein Hut, sein Rock, seine Strümpfe waren grün, sein Haar und Bart war weiß, sein Ruf war schwarz. Was der grüne Wolfgang war und that, es sah nicht böse aus, und den Wald hegte und pflegte er, wie man ein liebes Kind pflegt. Er lebte selbst wie der Baum im Walde, gar frei und frisch in seinen alten Jahren noch. Aber trotzig war er. Selten stieg er hinab nach Trawies, ging nicht in die Kirche und nicht ins Wirtshaus. Davon kam sein schwarzer Ruf. Sein Haus stand im Walde, sein Mahl holte ihm die Kugel; tausend Ruhekissen waren ihm im Tärn gewachsen. Einst an einem hellen Sommermittage lag er unter dem Zeltdache der Fichten auf sanftem Moose. Die Vögel waren alle verstummt, die Käfer krabbelten träge unter dem Geflechte des Bodens; ein grauer Schmetterling flatterte von Ast zu Ast; der Förster schlief ein. Eine Weile schlief er süß und Ameisen liefen fröhlich über seine Beine. Allmählich kam eine Unruhe über ihn, er seufzte und stöhnte, und als er endlich erwachen konnte, da fand er sich in der Kühle der Abenddämmerung. Der Mann erhob sich rasch, blickte beklommen ins schlanke Gestämme, blickte zu den Wipfeln auf und eilte seinem Hause zu. Und bald nach diesem Tage hat er an der Stelle, wo er geschlafen, das Kreuz setzen lassen. Der alte Förster lebte hierauf noch eine Weile fort; endlich aber starb er, ohne daß die Leute erfahren hätten, weshalb der Ketzer in dieser Wildniß das hochragende Bild hatte errichten lassen. Der grüne Mann war der letzte Förster gewesen im Tärn. Nach ihm wucherte der Wald wilder und unumschränkter als je. Nun hatte er keinen Meister mehr. Manch strotzender Baum blickte höhnend wieder aufs Kreuzbild: Du Ding aus dürrem Holz, was willst Du? Man stellte wohl wieder Leute auf, um den Wald zu hüten, aber denen wollte es in der Einschicht nicht gefallen, denen war der Wirtshausschatten lieber. Männiglich weiß, im Wirthshaus giebt es alten Wein und junge Mädchen und auf dem Fensterbrettlein liegen die Spielkarten. So war’s auch zu Trawies gewesen, so lange dort überhaupt noch Wein getrunken wurde. Der Wald draußen, der wächst selber, aber den Wein müssen die Leute trinken. So hielten es die jungen Hüter das Tärn. Von den Schneebrüchen und Stürmen, die in dieser Gegend herrschten, haben wir bereits erfahren. So auch im letztvergangenen Frühling. Abwechselndes Thau- und Frostwetter hatte den Fallenden Schnee an den Ästen und Wipfeln festgehalten und anfrieren lassen. Eisnadeln und Klumpen hatten sich daran gebildet, die zogen das Geäste nieder, bogen die jungen Stämme, brachen die Wipfel. Und später, als der Schnee zergangen war und die Veilchen wuchsen, da verwunderten sich, daß die Finken und die Ammern, daß die sonst so stolzen Stämme so tiefe Bücklinge machten, daß sie die Arme so muthlos niederhängen ließen, während es doch Zeit war zum Auskeimen und Kätzchentreiben: verwunderten sich, daß manche sauber gewachsene Jungfichte auf der faulen Haut lag im hellgrünen Sauerklee, und daß so viele der höchsten und ältesten Bäume den Kopf verloren hatten. Die Verwüstung war groß; dazu noch das verheerende Unwetter, welches wir auf dem Johannesberge miterlebt haben – und so kam die Zeit, da der Tärn zu sterben begann. Keiner war mehr zu Trawies, der daran gedacht hätte, im Walde das Todte von dem Lebndigen zu sondern. Der Bart freilich, der schüttelte den Kopf, aber es wären vile Hunderte von Holzhauern nöthig gewesen, um das Gefälle und alles Bruchholz fortzuschaffen. Im nächsten Frühjahr trat der »Waldhüter« einen alten Wurzelgräber an, warum derselbe mit seinem Stecheisen die Baumwurzeln versehre. »O lieber Gott,« antwortete der Alte, »mein Eisen thut nicht viel, aber hier will ich Dir was zeigen, das mehr thut!« Er führte den Hüter zu einem tief im Moose liegenden Baumstrunk, riß mit der Hand ein großes Stück Rinde davon ab, daß der braune Staub flog, die zwischen Borke und Splint in einer dichten Schicht angehäuft war. »Siehst Di die Buchstaben, die da ins Holz eingegraben sind? Kannst sie lesen? Das ist der Todtenschein des Tärn!« »Dummes Zeug!« brummte der Hüter; insgeheim erschrak er aber vor den in den Splint gegrabenen Zeichen. Es waren zahllose verschlungene Canälchen, die von einem Hauptgange auszweigten und von denen runde Löchelchen in das Innere des Stammes führten. Es waren die durch ein Insect genagten Gänge, in welchen hie und da eine graubraune schwulstige Larve lag und in welchen zuweilen so ein braunes Käferchen heranrieselte, nicht größer als ein Weizenkorn. »Schau, schau,« sagte der Hüter schließlich, »nun, das ist morsches Holz. Es liegt nichts d’ran.« Nicht lange hernach gesellte sich der »Waldhüter« zu einem anderen Waldlungerer und sie unterhielten sich von Bubenstreichen aller Art, die in der Gegend wieder verübt worden waren. »Ich bin dahintergekommen,« flüsterte der Eine und legte den Arm mit dem zerfetzten Ärmel um den Leib des Anderen. »Wem bist dahintergekommen?« »Dem Fuchs, wo er die Taube versteckt hält.« »Meinst Du den Stromer?« »Wen etwa denn sonst?« »Und das Dirndel vom Johannesberg?« »Geh’, stell Dich nicht so dumm, die meinst Du selber.« »Wo ist sie?« »Ja, glaubst, ich bin der Narr und steck Dir’s? Die magst Du lang suchen. Ich sage Dir nur, daß sie der schlechte Kerl noch immer bewacht, wie eine gottverbissene Äbtissin ihr jüngstes Nönnlein. Das goldfarbig Haar wachst ihr und in etlichen Wochen ist wieder Schafschur.« »Pst!« Eine durch das Dickicht streichende Gestalt mit beladenem Rücken unterbrach das Gespräch der Beiden. Bald war der Beladene verschwunden und es waren auch die beiden Lungerer verschwunden. – Noch immer bereitete der Tärn über alles seine grüne Decke. Sein Bestände war scheinbar fruchtbarer als je und mancher Wipfel brach nieder von der Last der Zapfen. Sehr viele Spechte waren zu sehen, die in dem faulenden Holze emsig umherpickzem; sie fanden der Nahrung übergenug ... Da kam die Zeit mit einer außerordentlichen Erscheinungen. Die Witterung war mild und feucht, aber viele und viele Bäume im Tärn, jung und mächtig sonst, trieben keine Keime, keine Blüthenkätzchen, und die spröden Zapfen aus dem Vorjahr blieben an den Zweigen hängen. Der Bart schüttelte wieder den Kopf. Aus dem dunklen Grün dieser Bäume war ein mattes Braun geworden und im Hochsommer rieselten die Nadeln nieder auf den Boden. Der Bart, dessen Haus ja nicht weit vom Walde stand und der im Walde versteckt seine Äcker hatte, untersuchte manchen Stamm. In den Rinden, in den Bastschichten, im Splint und im Kernholz waren die schrecklichen Schriftzeichen, die unzähligen Canälchen des Borkenkäfers, das »mene tekel« des Tärn. Das fließende Harz des grünen Holzes hatte die kleinen Ungeheuer nicht erstickt. »Der Wald ist hin,« sagte der Bart zu Erlefried. »Es ist wahrhaftig, als wie wenn der Fluch nichts wollte verschonen. Mir ist angst und bang.« Erlefried hielt seine Antwort an sich. Er war doch auch im Flammenring, wie sie das umstrickte Trawies nannten, aber er spürte nichts an sich von einem Fluche. Ihm war so frisch und freudig. Die holde Sela durfte er anschauen jeden Tag. Wohl zog’s ihn näher zu ihr, als auf dem Felde zwei Halme nebeneinanderstehen können, aber der Bart und sein Weib hüteten insgeheim die jungen Herzen. Zu einer anderen Zeit hätte das Hinsiechen des weiten, herrlichen Waldes in Trawies eine große Aufregung verursachen müssen, aber jetzt kehrte man sich nicht viel daran und Manche hielten es für selbstverständlich, daß´Alles zugrunde gehe. Zu Ende des Sommers stand stellenweise fast jeder dritte Baum ohne Nadeln da und reckte sein kahles, verkrüppeltes Gezweige gegen Himmel: die Rinden waren wulstig und zerrissen und hingen stellenweise in Fetzen. Ein starker Harzduft wehte und endlich schien wieder einmal die sonne auf den Erdengrund des Tärn. Die Grünspechte und Kreuzschnäbel, die Amseln, Häher und Sperlinge schossen planlos umher, die Wildhühner, Eulen und Fledermäuse flatterten heimatlos geworden im dorrenden Reisig auf und nieder. Und als die Sonne wieder höher stieg, flog der Borkenkäfer in unendlichen Schwärmen durch das Gestämme, um sich in noch frischem Holze neue Nester für seine Brut zu bauen. Entlegene Theile der Waldung waren bisher noch verschont geblieben, sie wären vielleicht durch Gräben und Feuerdämme zu retten gewesen; nun drang die Pest auch dahin und die Bäume huben an zu vertrocknen. Der Bart war ob solcher Verwüstung bisweilen wie wahnsinnig. Jetzt fühlte er erst, wie sehr er den Wald geliebt hatte. In seiner Wuth machte er Jagd nach einzelnen Käfern und zerstampfte sie mit den Füßen. Dann, als er sah, daß der Wald verloren war, wollte er in die dürren Bestände Feuer schleudern. So hat auch diesen sonst so besonnenen Mann, zwar nur vorübergehend, der Wahnsinnsteufel erfaßt, der eine Folge des Fluchst war, weil man an den Fluch geglaubt. Auf dem Boden lag eine dichte Schicht von dürrem Genadel, in welcher allerlei Fußtritte zu verspüren waren, die man sonst in diesem Walde kaum vermuthet hätte. Und endlich, wann man auf der Freiwildhöhe stand und hinblickte über den unabsehbaren Wald, da sah man ein mattgraues Meer. Das war der todte Tärn. All die Häuser dieser Gegend waren von den urkräftigen Stämmen des Waldes gebaut worden, dieses Waldes, der jetzt in Todtenblässe dalag. An »Wurmtrockniß«, sagte man, sei er gestorben. Der Bart schlug vor, daß man in allen Mulden Kohlenstätten anlege; man lachte ihm ins Gesicht. »Was brauchen wir Kohlen, wenn wir keine Schmieden haben!« Sie hatten recht. Der Weg ins Land hinaus war gebrochen. Nun begannen die Brunnen zu versiegen und in den Schluchten und Bachbetten grinsten die trockenen Steine. Als so die Hülle des Waldes gefallen war, da huschte und lief und floh das schattenlos gewordene Gesindel, wie unter einem Stein, den man emporhebt, die Käferbrut. Manche Rauchfahne war sonst emporgeweht über den Bäumen, nun war auch das Feuer bloßgelegt, und alles, was um dieses lag, kroch und lungerte zwischen den dürren Stämmen. Man sah die elenden Hütten und Höhlen, angefüllt mit Raub aller art. Man sah die hier im Überfluß schwelgenden, da in Noth, dort in Neid sich verzehrenden hohläugigen Gestalten. – Dem Erzähler dieser Ereignisse ist von einem gütigen Geschicke der Pinsel versagt worden, um das Laster zu malen. Aber andeuten muß er, was hier aufgedeckt, nachdem die Hülle des Waldes abgefallen und alles Häßliche und Abscheuliche, so aus wilder Menschenbrust entspringen kann, in das Sonnenlicht gerückt war. Mord und Todtschlag waren nicht die äußersten Auswüchse der Zuchtlosigkeit. Der Gesetzlosigkeit entsprang rasch das Faustrecht, dem Faustrechte die Blutrache. Und immer in denselben alten Kreisen des Verbrechens drehten sich die gar bald stumpf und blöde gewordenen Gesellen. Ein Begabter hätte hier mühelos Außerordentliches vollführen können, freilich nur zum Schlechten. Von Nachbarlichkeit, Brüderlichkeit oder gar ehelicher Gemeinschaft nach alter Art war kaum ein Rest noch in Trawies. Die Leute verbanden sich, wie es der Zufall heischte, oder wie sie sich brauchten. Die Älteren, durch Gewohnheit Gebundenen schleppten sich wohl oder weh auf langbetretenem Pfade dahin. – In Sachen der Ehe hieß es wieder: Nimm das Weib, so wirst Du sie los. Die alten Vetteln und Hausdrachen waren hier nicht fürchterlicher als anderswo. Selbstverständlich waren sogar in »guten Ehen« solche ehrenwerthe Ehefrauen nicht damit zufrieden, daß das Hauswesen nach ihrem Willen ging, sie wollten auch noch, daß der Mann ihnen hierin widerspräche, Nichts kann bekanntlich ein böses Weib in größere Wuth bringen, als ein sanftmüthiger Mann. Bäumt sich dieser aber einmal auf, dann bricht, wenn’s milde abgeht, das Geheul los, das Gewimmer über Tyrannei und Unrecht. Insgeheim ist der trauten Gesponsin ein solches Gebaren gar willkommen, hat sie doch nun wieder neuen Anlauf, der Hausteufel zu sein. Der Mann weiß, daß der Ehefrieden bei Beiden steht, und daß – es mag Eins sein, wie es will – das Andere doch Anlaß finden kann, den Frieden zu brechen. Das weiß er, meidet sein Haus, wird ein Lungerer, wird ein Lump. In Trawies waren das noch die besten Ehen; nur Wenige führten sie, darunter die beiden Alten, der Tropper und der Sandhock. »Es ist dreidoppelt erlogen,« sagte der Tropper gern, »daß bei uns zu Trawies das Kreuz nimmer steht. In meinem Hause hab’ ich ein viel größeres, als vorweg allzeit.« »Alter Schragen,« rief ihm einmal der Sandhock zu, »Du sagst meine Gedanken.« Und als die Beiden hierauf einen einschichtigen Weg im dürren Tärn wandelten, sagte der Sandhock: »Ich möchte mir gern einen Spaß machen, Nachbar; aber um’s baare Geld kostet er mir zu viel. Etwand meinst auch Du so?« »Wie so?« »Daß wir zwei uns einen Gegendienst machen kunnten.« »Wenn’s was Rechtes ist, wesweg nicht?« »Rechtes ist’s schon was, aber halt eben auch was Gefährliches.« »Schreckt mich nicht ab.« »Wenn ich,« meinte der Sandhock, »wenn ich mein Weib selber salbe, so thut sie mir’s siebenfach zurück und ich hab’ keine ruhige Stund’ mehr. Und gesalbt muß sie werden.« Der Tropper verstand’s und entgegnete: »Jetzt sagst wieder Du meine Gedanken.« »Ist recht, so einigen wir uns leicht. Du machst Dich über die Meine und ich thue Dir denselben Gefallen.« »Es gilt!« rief der Tropper und brach in der ersten Begeisterung für das Unternehmen einen Haselstock. »Geh’ weg,« sagte der Sandhock, »der ist viel zu klein. Laß Zeit, ich will Dir schon einen herrichten.« »Was die Deine angeht, Sandhock, so schaff’ nur an; sollst mit mir zufrieden sein. Für die Meinige suche ich Dir keinen allzugroßen, hingegen zwei zähe aus der Dornhecke. Wird besser sein, Sandhock, ist besser!« Da waren sie im Walde verschwunden. Am darauffolgenden Abende soll man in den Häusern des Sandhock und des Tropper ein arges Geschrei gehört haben. Ins eine wie ins andere Haus war in Abwesenheit des Hausvaters ein geschwärzter Mann eingebrochen. Und als er wieder davon war und nach einiger Zeit der Gatte nach Hause kam, fand er sein liebes Weib in einem Winkel kauern, nicht keifend und scheltend, sondern herzlich weinend. Dem Gatten war wohl ums Herz, daß er sein Weib wieder sah. Nach diesem Bildchen aus dem ehelichen Leben zu Trawies ist noch zu erzählen, wie von nun an der Sandhock und der Tropper unfreiwillig aneinander gefesselt waren. Einer suchte den Anderen auszubeuten und wollte sich dieser Andere auflehnen, so wurde ihm sogleich mit der Anzeige gedroht. Vor dieser Anzeige bei der Ehegesponsin zitterte Jeder, aber sie einigten sich doch immer wieder im Frieden, und sinnig sagte einmal der Tropper: »Schau, Nachbar, Jeder von uns ist ein Erzengel Michael und hält den höllischen Drachen des Anderen an der Kette. Hältst Du fest, so halte ich auch fest; last Du aus, so lasse ich auch aus.« Beide wandelten heimlich grauend ihrer Wege. – Manches Ehepaar hielt sich durch das Sacrament der Ehe nicht mehr für gebunden und konnte doch nicht voneinander lassen. Manche Gatten neckten sich, peinigten sich bis zum Hasse. Der Man verließ die Frau mit dem Wunsche, daß sie ohne ihn verderben solle; die Frau that ihm ein Gleiches. Und sie gingen nach kurzer Trennung doch immer wieder zusammen. Am Mießlingbach wohnte ein Mann mit einem jungen Weib und mit einem Zipperlein. Das Weib wollte fort von ihm und einem jungen Jäger zu. Der Gatte ließ sie nicht, suchte aber mit teuflischer Bosheit und Lüsternheit eine Gelegenheit herbeizuführen, um sein Weib in den Armen des Geliebten unbemerkt zu beobachten, um sie dann später zur Verantwortung zu ziehen, sich an ihrem Leugnen zu ergötzen und sie dann mit Beweisen niederzuschmettern. Ersteres gelang ihm leicht, bei Letzterem wurde er zu Schaden, denn sie leugnete nicht einen Augenblick. »Verstoß mich jetzt!« rief sie dann. »Jetzt gefällst mir erst!« grinste der Alte, sperrte sie in seine Hütte und hielt sie eingeschlossen, bis ihr alle Lust von den Knochen gezehrt war. – Ein anderer Ehemann lebte im Orte Trawies. Der hatte ein Weib, das immer hinter dem Herde saß und weinte. Oft fragte er sie nach dem Grunde ihrer Thränen, sie gab ihm keine Antwort und schluchzte, wenn sie ihn ansah, noch lebhafter. Er war keiner der Harten und Rohen, und immer wieder fragte er sie mit Sanftmuth, was sie drücke. So gestand sie ihm endlich, daß sie vom Teufel besessen sein müsse, weil sie, seit sie dem jungen Hirten Robin ins brennende Auge geschaut, Tag und Nacht vom jungen Hirten Robin träume! Der Ehemann meinte, das finde er eben nicht so schlimm, da wäre sie nur vom jungen Hirten Robin besessen. Wenn sie den Robin gern habe, so könne er, der Ehemann, dagegen nichts machen; – sie möge nur zum Hirten gehen und bei ihm sein. Jetzt fiel das Weib über den Ehemann her: Wenn er ihr ein solches Wort sagen könne, so sehe sie, er sei ihrer überdrüssig. Sie sei die unglücklichste Person auf der Welt. Und weinte noch heftiger. Er wollte sich rechtfertigen. Er versicherte ihr, daß es ihm nicht um sich, sondern nur um sie zu thun wäre, und wie sie überzeugt sein müsse, daß er ihr bisher alle Wünsche zu erfüllen getrachtet habe, so wolle auch diesem nicht im Wege sein. Sie möge mit gutem Gewissen zum Hirten Robin gehen, bei ihm bleiben, so lang’s ihr Herz begehrt und dann ganz ruhig wieder in sein Haus zurückkehren. Sie aber rief immer, ihr Mann liebe sie nicht, von einem Ehemann forderte sie die gehörige Eifersucht, und wo sie die nicht finde, da gehe sie ihres Weges. Und ging zum jungen Hirten Robin. Sie blieb bei ihm eine Zeit, die so lange war, als es vom Vollmond auf den Neumond währt. Dann kam sie wieder zurück, war ihrem Eheherrn ergeben und weinte nicht mehr. – Ganz abseits von Allem, in einer vielgliederigen Felsenschlucht, die kaum zugänglich war, hoch an der Wand des Torfsteins, der gegen Morgen schaut und weithin schimmert, hatte Roderich, genannt der Stromer, seine Burg aufgeschlagen. Roderich war der Stillsten und Gierigsten Einer und hatte das Beste und Feinste, was zu Trawies noch auffindbar gewesen, um sich versammelt. An Früchten, Brot, Fett und Branntwein litt er keinen Mangel; gedunsene Ballen von Schafwolle, Garnsträhnen, Lodentuch und Leder füllten die seltsamen Räumlichkeiten seiner Wohnung. Oft kauerte er in der Steinnische, die am Eingange seiner Höhle war, und blickte beseligt über die blauen Höhen hin, wo die Sonne aufging, faltete über das Knie seine dürren Hände und murmelte in dankbarer Rührung: »So gut, wie jetzt, ist es mir noch nie ergangen.« Dann zog er sich zurück, kroch in finsteren Stollen an seinen Vorräthen vorbei, immer tiefer hinein, bis er zur Stelle kam, wo ihm der trübe Schein eines Talglichtes entgegenschimmerte. Die Luft war dumpfig und schwer. Endlich weitete sich der Raum ein wenig und dort war des Stromers Talismann. Die Höhle war an den Wänden ausgeschlagen mit Moos und Häuten; auf dem Boden waren Lodenteppiche gebreitet; manches handsame Hausgeräthe fand sich aufgestellt, so auch ein niedliches Tischchen mit Heiligenbildchen und der Talgkerze. An einer Ecke war ein mit Sorgfalt aus schneeweißer Wolle bereitetes Lager, und auf demselben ruhte ein Mädchen von großer Schönheit. Sie schien erst der Kindheit entwachsen zu sein und war wohl blässer, als es das trübrothe Licht gestehen wollte. Ihre Augen waren groß und braun wie zwei reifende Kirschen. Es war ein Glanz in ihnen, der eine unheimliche Gluth verrieth. Roderich wähnte, es wäre die Gluth begehrender Liebe und er verwies das Mädchen mehrmals des Tages auf die Askese der Heiligen, deren Bildnisse er ihr in den alten Häusern von Trawies zusammengestohlen hatte. Der über die Welt jetzt geschleuderte Fluch, sagte er dem Mädchen, sei nur durch ein enthaltsames Eremitenleben lahm zu legen, und er, der alte Roderich, wolle ihr guter, wachsamer Vater sein. Freilich war es wohl dem alten Roderich zu danken, daß der schönen Jungfrau in dieser Höhle Askese gepredigt wurde. Nun lag sie ganz unbeweglich da und verbarg ihr Angesicht in dem Winkel des nackten Ellbogens; hätte im weißen Arm der Puls nicht leise gezuckt, Roderich müßte sie für todt gehalten haben. Aber er wußte gut genug, daß sie lebte. Mit großer Behutsamkeit nahte er ihr, und indem er sein Gesicht abwandte, als fürchte er einen Schlag von ihrer Hand oder ein Dreinfahren von ihren Fingern, tastete er nach ihren goldfarbigen Haaren. Dieselben waren in kurzen Strähnen und ungleich geschnitten, sie hingen wie getödtete Schlangen über den weißen Nacken herab. »Gut,« murmelte er, »gut, Bertha, mein Herz, es giebt sich bald wieder. Morgen schneiden wir.« Jetzt schoß das Mädchen empor und suchte den Roderich mit beiden Händen von sich zu stoßen. Er stand und wich nicht. »Laß mich in Frieden, Du fürchterliches Gespenst!« rief sie. »Du bist es ja selbst, mein Engel, die den Unfrieden macht,« grinste der alte Stromer. »Wozu brauchst Du mein Haar?« »Was nutzt Dein Fragen, wenn Du meiner Antwort nicht glaubst. Ich vertraue Dir’s noch einmal, aus Deinem schönen Jungfrauenhaar drehe ich den Strick, den Teufel zu binden, der jetzt in den Trawies ist.« »Du bist selber ein Teufel,« rief das Mädchen mit sprühenden Augen. »Du hast meine Mutter umgebracht!« »Was Dir nicht wieder beikommt, kleiner Narr,« versetzte der Alte, gar gleichgiltig lächelnd, »wer hätte dem guten Weibe was zu Leide thun mögen.« »Du hast sie mit einem rothen Tuch erwürgt; hast mir hernach das Tuch in den Mund gesteckt, hast mich fortgeschleppt in diese Hölle her, Du bist der Teufel, der Teufel, der Teufel!« Er drückte sie mit starkem Arm auf das Lager zurück, er grinste sie an und zischelte: »Weil Du’s schon weißt, was soll ich’s leugnen. Deine Mutter hat sich erhängt von wegen dem verfluchten Trawies, Du bist vor Schrecken gestorben im verfluchten Trawies, wer soll Dich denn haben, als wie der Teufel?« »O mein gekreuzigter Heiland,« wimmerte das Mädchen und zitterte und rang die Hände, »was habe ich denn gethan, daß Du mich so kannst verlassen!« »Was Hoffart für eine Sünde ist, das hast Du gewußt,« versetzte tiefen Tones der Alte, »der Heiland hat die blutige Dornenkrone getragen auf seinem Haupte, Du hast mit Deinem weichen Haar viel Eitelkeit getrieben; jetzt muß es Dein Haar büßen. Morgen schneiden wir’s wieder. Leg’ Dich jetzt zur Ruh’; ich wache, daß kein ärgerer Teufel, als ich Dir bin, über Dich komme.« Er ging hinaus, er kroch hinaus, er kletterte hinab um Wasser – und hat’s nicht gesagt, aus welchem Grunde er die Jungfrau hütete, wie der Drache den Schatz, und wozu er ihr Haargesträhne verwenden wollte. Bertha aber, als sie sich allein wußte, sprang auf, sank hin vor das Tischchen und wollte beten. Ach, aus ihrem Beten wurde ein heftiges Schluchzen, ein gellendes Weinen, daß davon die Felswand widerhallte. Sie rief laut nach ihrer Mutter; sie rief, bis ihre Kraft erlahmt war, dann sank sie hin. Wenn sie wieder erwachte, starrte sie auf ihre Hände, betastete ihr Gesicht. Das Fleisch war weggefallen, was Wunder aber, daß sich keine Runzeln zeigen wollten! War sie nicht schon uralt? War sie nicht schon hundert Jahre in diesem fürchterlichen Aufenthalt? Keine Ahnung hatte sie, daß, seit sie dem Tageslicht entrückt worden, erst einmal die Bäume grünten und noch nicht einmal die Blätter der Buchen gilbten. Nur in den wenigen Minuten seligen Traumes sah sie die lichte Welt, um deren Verlust zu beweinen. Allmählich wurde sie stumpfer; an ihre Verdammniß konnte sie nicht glauben, aber an die Nacht des Wahnsinns glaubte sie, der sie verfallen sei, und der Gedanke war ihr tröstlich, das leben müsse doch einmal ein Ende haben. So ergab sie sich und die schwersten Stunden flüchtete sie zum Gebete. Von den ihr vorgesetzten Speisen wollte sie nicht genießen, aber immer wieder kam die Zeit, da sich ihre Hände unwillkürlich ausstreckten nach der Nahrung. Der Alte kam oft zu ihr, war zuthunlich und wollte mit ihr sprechen, und schaffte ihr Bequemlichkeit wie er konnte. Von Zeit zu Zeit schnitt er ihr mit einem scharfen Messer das Haar vom Haupte und ging damit hinaus und kehrte dann oft in langer Weile nicht zurück. Und eines Abends verrammelte er wie gewöhnlich mit Sorgfalt den Eingang zur Höhle, kroch dann im Gesteine besonders viel umher, schlich mit noch größerer Hast davon und durch den Wald. Sonst hatte ihn der Wald gedeckt, jetzt mußte er die Nacht wählen. Er eilte dem Hause des Bart zu. Diesen einsamen Hof hatte er noch nicht besucht und doch schwante ihm, als müsse manches Begehrenswerthe darin aufbewahrt sein. Bei sich trug der Roderich das »approbirte Mittel, daß die Leut’ nicht munter werden« – die Kerze aus Kreuzotterfett mit Docht aus Jungfrauenhaar. – Viel hat’s gekostet, bis der Roderich endlich eine verläßliche Dochtquelle gefunden. Aber seither hat ihn die Zauberkerze nicht mehr im Stiche gelassen; freilich gehört auch sonstige Sorgfalt dazu. Man geht tagsüber an den Häusern vorbei, bewundert scheinbar die Blümlein, die am Fenster stehen, den Jakobisegen, der an der Thüre hängt, die Vogelnester, die an den Wänden und unter den Dächern kleben und schaut sich insgeheim die Stellen aus, wo nächtlicherweile am besten einzubrechen ist. Dann wählt man die Stunde, wo die Leute im tiefsten Schlaf liegen, man trägt eine Fußbekleidung, die nicht Lärm macht, hat ein sachgemäßes Brechzeug und Schlüsselwerk; und noch am besten, man besucht die Häuser zur Zeit, da die Bewohner derselben selbst auf Diebsfuß aus sind. In Kästen und Truhen ist freilich nichts mehr zu finden, aber unter den Bodendielen und in Kellern muß man nachsehen, auch unter Steinhaufen und oben unter den Dachbrettern oder im dichten Baumgeäste. Ein Mann, der beim Handwerk alt geworden, kennt die Kunstgriffe, und wenn ein fester Glaube an die Zauberkerze dazukommt, dann kann’s gar nicht fehlen. Unterwegs dachte der Strolch oft an das Mädchen, welches er gefangen hielt. Er wußte es zu schätzen. Es that ihm bisweilen leid, daß er sie so tief in den Felsen vergraben, daß er sie ängstigen, ja züchtigen mußte, doch die Kleine war auch allzu störrisch. Das aber dachte der brave Mann: wenn ich das Geschäft aufgebe, dann verheirate ich das Mädel. – Jawohl, Alter, sorgsamer hat noch keiner die Tugend bewacht, als Du an diesem Wesen; es wird schwer halten, Einen zu finden, der Jungfrauenhaar so trefflich zu nutzen weiß, wie Du! Um Mitternacht schlich sich der Roderich vermittelst einer Strickleiter, die er durch eine Stange am Dachfenster befestigt hatte, in die Bodenkammer des Barthauses. Er machte sich in derselben bequem und zündete seine Kerze an. Sie brannte heute etwas ungleich und knisterte zuweilen. Im Hause schien wohl alles zu schlafen, und doch war eine gewisse Unruhe, als wenn Mäuse und Ratten umgingen. Dem Roderich war nicht ganz heimlich. – Er hatte ihr, als er letztlich das Haar geschnitten, ein klein wenig das Brusttuch seitab gezogen, der Locken wegen, die hinein verbunden gewesen waren – nur der Strähne wegen – sollte das von Übel gewesen sein? Nun es ist ja alles still im Hause, die alten Schränke stehen hier so einladend da; eine innere Wärme, wie Jugendgluth, durchrieselt den alten Kerl und er macht sich leuchtendes Auges an sein Geschäft. Wir wollen uns nicht zu Mitwissern der That machen und kehren in einem anderen Gelasse des Barthauses ein.     In der Scheune auf duftigem Heu liegen zwei Männer. Der Eine davon läßt das Zeichen hören, daß er schläft, da erhebt sich der Andere sachte und schleicht zum Fenster. Der Bart braucht es nicht zu wissen, um nicht noch einmal zu wiederholen, daß der Teufel süß pfeife, ehe man ihm aufsitze. – Eine Todsünde, die schöne Sela mit so Einem zu vergleichen! Aber auch der Teufel, pflegte der Bart zu sagen, sei in seiner Jugend schön gewesen. – Die gute Sela ist ja ein Engel! Denkt Erlefried. Macht nichts, sagt der Bart, wenn man dem Teufel auf sein Horn »guter Engel« schriebe, gäbe es Leute genug, die es glaubten. – Daher braucht der Alte nichts zu wissen. Wenn der, so rechnet der Jüngling, die Beiden alleweil zusammenthut, so mag’s wohl gerathen, daß sich Einer dem Teufel verschreibt ... Erlefried schaut hinaus in die Nacht und zu den Fenstern des gegenüberstehenden Wohnhauses. Im Walde geht die Mär, daß zwei Leute, die sich lieben, täglich einmal – und wären sie sich noch so ferne – einen Augenblick hätten, in welchem Eins das Andere sehen könnte. Dieser Augenblick, er sei bei Tag oder Nacht, währe so lange, als ein Thautropfen falle vom Wipfel eines Lärchenbaumes bis zum Erdboden nieder. Wer ihn nicht verpaßte! Für Erlefried kam dieser Augenblick zur nächtlichen Stunde, wenn der alte Bart neben ihm eingeschlafen war. Und der schöne aufgeweckte Bursche nahm ihn wahr; er stand auf und blickte zu den Fenstern des Wohnhauses hinüber und sah im Geiste, wie sie ruhte und – seiner gedachte. Stundenlang sah er ihr süßes Bild, denn ein Thautropfen, wie lange braucht er, bis er vom hohen Wipfel des Lärchbaumes, an Zweig und Zweig sich verweilend und verdunstend, zu Erde kommt! Und wie nun heute Erlefried zum Fensterchen der Scheune hinauslugt, sieht er im Oberboden, wo Sela ihren Kleiderschrank hat, ein Licht. – Sie wacht noch? Sie sitzt da oben und bessert vielleicht ein Gewand aus und es wird ihr dabei die Weile lang. – Das Wasser des Grundes rieselt allerwege, da ist nichts Neues zu hören; des Himmels Sterne funkeln hell, es sind immerdar die alten. Auch dem Burschen wird die Weile lang. So will er zu ihr in die Dachkammer schleichen und bei ihr sitzen und ihr das Licht hüten, daß sie arbeiten kann. Und wenn sie dann vor dem Schlafengehen die Arme nach rückwärts hebt, um die Haarflechten zu lösen – denn sie schläft gern mit losem Haar – dann wird sie sich nicht wieder mit ihrer Hand die Lippen zudecken können. Erlefried schleicht – er sucht die Thür, er weiß, wie sie zu öffnen ist, er steigt leise die finstere Stiege hinauf, er steht an der Bodenkammer. Da klopft er anfangs und flüstert ihren Namen, daß sie nicht erschrecke. In demselben Augenblick ist drinnen ein Gepolter, und als er eintritt, ist es in der Kammer finster und leer; das Fenster ist offen und draußen eilt eine Gestalt davon. Der Dieb ist entwischt, aber die Schränke sind noch unversehrt und Erlefried steht da und weiß nicht recht, wie ihm ist. Diesmal hat er die Zeit des fallenden Thautropfens nicht wahrgenommen. Aber was bedeutet’s? Thau fällt ja täglich. Lange saß der Jüngling auf ihrem Schranke, dann als es ihm zu spät wurde, legte er sich darauf hin und fing zu schlafen an. Am anderen Tage war das Gedächtnis der Erhöhung des Kreuzes. Wer in diesen Bergen dachte daran oder wollte daran denken? Manche waren, die hätten das Bedürfniß nach religiösen Festlichkeiten gehabt; sie hatten ja vielleicht den Glauben, aber sie hatten die Hoffnung nicht. Im Hause des Bart ging es völlig umgekehrt; da hatte man nicht den Glauben an den Fluch, und daß er auch Unschuldige treffen müsse, aber man hatte die Hoffnung auf Gott und sein Reich. Der Bart ließ die Bewohner seines Hauses alle Feste begehen, er selbst beging keines mit; er für seine Person, das wußte er, er hatte Theil an dem Fluche. Zur Feier der Erhöhung des Kreuzes hatten die Leute des Barthauses gern eine Wallfahrt unternommen in den Tärn, zu jenem Kreuze hin, das mitten im Hochwaldschatten stand und so geheimnißvollen Ursprungs war. Dorthin waren sie betend gegangen, dort waren sie gekniet und hatten ihr Herz erhöht, und hatten der fernen Lebendigen gedacht und auch der Todten in den Gräbern, oder der im Feuer wimmernden Seelen. Hierauf hatten sie sich niedergesetzt auf das braune Moos, hatten ihr Wanderbrot verzehrt und waren dann still wieder zurückgezogen zu ihrer geborgenen Wohnung. So sollte sie auch heute gehen. Und schon früh, da die Baumgerippe der Tärnhöhen in die Morgenröthe hineinstarrten, stieg Sela zur Bodenkammer hinauf, um sich für den weiten Weg anzukleiden. Sie that einen Schrei, als sie den Schrank öffnen wollte und auf demselben einen Menschen liegen sah. Erlefried erwachte, sprang auf und wußte wieder nicht, wie ihm geschah. »Ich frage Dich, Erlefried,« redete ihn Sela ernsthaft an, »ich frage Dich, was Du da gemacht hast?« »Du wirst es besser gesehen haben, als ich selbst,« war seine Antwort, »ich habe geschlafen.« »Zum Schlafen hast Du Dein Heu.« »Das ist mir zu hart.« »Und auf der hölzernen Truhen, meinst, wäre es weicher?« »Es ist Deine Truhen,« sagte er trotzig. »Ich bedanke mich,« versetzte sie schneidig. »Hast Dich auch zu bedanken. Mußt wissen, Sela, heutzutage soll jeder Schrank ein lebendiges Schloß haben.« »Geh’ jetzt weg. Ich will mich ankleiden, ich gehe zum Kreuz im Wald.« »Ich gehe mit Dir.« »Ist mir lieber, Du bleibst daheim. Deine Frommheit auf dem Wallfahrtsweg, die kennt man.« »Da in der Nacht nicht einmal Dein Gewandschrank sicher steht, wird’s nicht von Übel sein, wenn ich mit Dir durch den Wald gehe. Auf die Frommheit kommt’s da nicht an.« »Narr’ Dich nicht auf, Erlefried,« sagte das Mädchen und legte die Hand auf seine Achsel und blickte ihm innig ins Auge, »Du meinst mir’s gut, ich erkenne es, und ich möchte nicht gern in den Tärn gehen ohne Dich.« Da war’s den Beiden gut, da war’s ihnen sehr gut. Und Erlefried zog rasch sein Sonntagsgewand an und band sich das hellste und bunteste seiner Halstücher um; heute wollte er auch von außen leuchten, wie es in seiner Seele leuchtete – er ging mit dem lieben Mädchen. Ihr Weg führte sie anfangs durch grünes, frisches Buchengehege, wo in allen Zweigen Leben war. Die übrigen paar Leute aus dem Barthause, die auch gingen, hatten sich abgesondert, sie kannten nichts Langweiligeres, als mit diesen zwei jungen Menschen zu sein; sie dachten: Vögel mit gleichen Federn fliegen gern miteinander, was geht das uns an! – sie ließen sie ziehen. Nun sie ganz allein dahinwandelten in der herbstlichen Morgenkühle, sagte Sela: »Erlefried, ich gehe nur mit Dir, wenn Du Frieden giebst und mir unterwegs wieder Geschichten erzählst.« »Geschichten von der schönen Welt?« fragte er. »Es mag auch vom Himmel sein.« »Kennst Du die von den zwei Säemännern? So los’. Im Himmel droben gehen fort und fort zwei Säemänner um, der Eine säet Segen auf die Welt herab, der Andere Fluch.« »Mir scheint, daß der Erste nicht gar zu fleißig ist,« meinte das Mädchen. »Ei, fleißig wäre er schon, aber der Same wird ihm fort zu wenig, weil er so viel schlechte Ernte hält, mußt Du wissen. Hingegen der Fluch, der geht allemal hundertfältig auf, so kann auch wieder reicher gesäet werden.« »Das ist traurig,« sagte Sela. »Man kann’s auch lustig machen,« belehrte der Bursche; »das Gute, das vom Himmel fällt, man nimmt’s auf und läßt’s wachsen. Wir zwei wollen es auch so halten, gelt, Sela!« Dagegen könne man nichts einwenden, war ihre Antwort. Nun schritten sie eine Weile fast still nebeneinander hin. Insgeheim lugte er oftmals auf das Mädchen, wie es doch gar zu schön geworden sein. – Auf ihrem runden Gesichtchen lag das zarte Roth, »und in diesem Rosengärtlein standen zwei Violen«. Ihr lichtes Haar ging am Nacken nieder in zwei Ketten »wie der Fischer seine Angelschnur senkt«, und daran hing untrennbar des Burschen Lieb’ und Verlangen. Beide, die da gingen im Buchenwald, waren jung erwachsen, Beide wurden unruhig, wenn sich ihre Augen begegneten! Glücklich fügte es sich, daß der dichte Laubwald zu Ende ging und das dürre kahle Bestände des Tärn begann, da mußte Sela ihre Haarketten um das Haupt winden, daß dieselben nicht hängen blieben am starren Gezweige. Auf dem Boden knisterte bei jedem Schritte das Reisig und die Sonne stieg immer höher und der Schatten des Tärn war wie ein dünner, zerrissener Schleier. Als Erlefried auf einem Anger eine blasse Herbstzeitlose stehen sah, fragte er Sela, ob sie wisse, warum diese Pflanze giftig sei? Sie wußte es nicht. »Nun,« erklärte er, »weil sie die Zeit versäumt hat, und alte Mädchen giften sich.« »Das mußt Du freilich wissen,« spottete sie. Endlich kamen sie zu einer kleinen Gruppe von Weißtannen, die von der Waldpest verschont und in üppiger Grüne standen. Sie ruhten im Schatten, und Erlefried, der sinnend ins dichte Astwerk schaute, und dem doch die Gefahr seiner Gedanken auffiel, fragte Sela, ob sie wisse, warum bei den tannen jeder Zweig ein Kreuz bilde? »Wenn Du’s weißt, so mußt Du mir’s erzählen,« bat sie. »In alten Zeiten,« sagte er, »sind am Tannenbaum die Zweige palmartig himmelwärts gewachsen. Seit jenem Tage, da sie das Kreuz Christi aus einem Tannenbaum gezimmert haben, muß an diesem Baum alles ins Kreuz wachsen, so wie zu Trawies, wo doch kein Kreuz mehr stehen soll, alles ins Kreuz wächst.« »Ins Kreuz und Elend,« versetzte Sela. »ich bin auch ins Kreuz gewachsen,« sagte der schöne Bursche, da er sich hoch und stramm hinstellte und die Arme wagrecht auseinander spannte. »Willst gekreuzigt werden?« »Mir gefällt der Lärchenbaum besser als der Tannenbaum,« bemerkte das Mädchen und schaute hin in die Lichtung, wo in heller, weicher Grüne eine solche Ceder des nordischen Waldes stand. »Soll ich Dir auch die Geschichte vom Lärchenbaum erzählen?« fragte sie der Bursche. »Nun schau, mit den Bäumen ist es so, wie mit den Leuten. – Da sind einmal an einem Sonntage die Bäume zusammengestanden, daß sie unter sich einen König wählen. Der Fichtenbaum hat gesagt, ich bin der Schönste; der Tannenbaum hat gesagt, ich bin der Größte; der Kieferbaum hat gesagt, ich bin der Fleißigste und der Nützlichste und hat sogar vom Trasank herab die Legföhre mit sich gebracht, daß dieselbe für ihn stimmen soll. Zuletzt ist noch der Lärchbaum gekommen, der schöne, weiche, kräftige Lärchbaum, da haben die anderen Bäume gedacht: vor dem bestehen wir nicht, der ist der Fürnehmste, und haben die Königswahl auf den Winter verschoben. – Ich denke, Sela, ich verschiebe den anderen Theil von dieser Geschichte auch auf den Winter.« »Erzähle nur, erzähle,« sagte sie, »wir wissen sonst nichts Gescheites zu reden.« »Du hast Recht, Sela. Wenn ich bei Dir bin, fällt mir zwar allemal die gescheiteste Sach’ ein, aber ich bringe sie nicht heraus. – Nun also, wie der Winter gekommen ist und die Nadelbäume wieder zusammengekommen sind in ihrem immerwährenden Grün, da will der Lärchbaum nicht vortreten. Dreimal wird er gerufen, bis er kommt, er hat einen Schneemantel um. Die Anderen befehlen ihm, daß er die Winterpfaid sollt’ ablegen; er thut’s nicht gern, ist ja nackt und bloß, hat keine grünen Nadeln mehr an seinem Holz wie die anderen. Sie lachen ihn aus, und König ist der Fichtenbaum geworden. – Seither stellt sich der arme Lärchenbaum gern beiseite, und im Frühjahr wachsen ihm allemal wieder die grünen, weichen Federnbüschel und er vertreibt sich die Zeit besser als wie der König. Bei der Lärche trifft’s auch zu, daß Mann und Weib ein Leib ist.« »Jetzt magst bald aufhören mit Deinen Baumgeschichten.« »Ein Vogel ist in den Lüften, der heißt auch Lerche, der singt: didlde, didlde, und singt das Brautpaar ein.« »ich möchte nur wissen, Erlefried, wo Du das alles her hast?« fragte das Mädchen verwirrt. »Wer viel im Walde umgeht und Augen hat, der sieht’s,« antwortete er. »So ist’s noch gar nicht lang her, daß ich auf der Freiwildhöhe hab’ gesehen, wie der Schöne junge Fichtenbaum, unter dem das Fraunbild gestanden ist, sich was Feines gesucht hat.« »Du mußt nicht viel an Leut’ zu denken haben, weil Du Dich mit dem Holz sogar abgiebst,« bemerkte jetzt das Mädchen. »Ich will nicht fortweg an Leute denken, das ist nicht allemal gesund.« »So, da höre ich was Neues.« »Es ist doch umsonst. Mit Thieren gebe ich mich nicht ab; das dürre Holz ist mir auch verhaßt, so halte ich mich ans grüne. Ich mag mich noch so fest an die Bäume machen, allsogleich bin ich wieder bei Dir. Sie schicken mich ja zurück, zu Dir zurück.« »Daß sie aber so fein sind!« »Was,« sagte jetzt Erlefried, »was thut letzlich der Fichtenbaum auf der Freiwildhöhe? Fällt ihm ein, er will sich ein Weib nehmen. In der Nachbarschaft ist dort nicht viel zu holen, lauter kleine verkrüppelte Wesen. Da denkt er, ehe ich so eins meinen Kindern zu Mutter gebe, eher bleibe ich allen. Sonach gewahrt er, es gehe ihm nicht schlechter, als unserem Menschenvater Adam, er hat das Weib in den eigenen Rippen. In rothen Kätzlein haben sie sich zugelächelt; ein Körnlein aus seinem Herzen läßt er abfliegen, um zu freien; sie ist gescheit gewesen, Sela, sie hat den Freier nicht abgewiesen. Und da habe ich halt wieder an Dich denken müssen.« Er stützte sich vor ihr aufs Knie, und zwar in einer Stellung, in der Keiner lange verharrt. Das Mädchen drängte zum Aufbruch und machte selbst den Anfang, indem sie rasch aufsprang und weiterging. Der Jüngling folgte ihr wortlos, aber mit Hast. Eine Strecke waren sie dergestalt vorwärts gekommen, als Erlefried rief: »Bleibe stehen, Sela!« Sie blieb stehen. »Schau!« sagte er und wies auf einen grünen, niedergebrochenen Fichtenwipfel, der neben einem schönen schlanken Stamme übervoll von Zapfen auf der Erde lag. Sie schaute hin, sie schaute empor zu dem hauptlosen Baume und versetzte: »Was ist denn da zu sehen?« Erlefried gab keine Antwort. Sie gingen wieder fürbaß. Der Wipfel war unter der großen Last seiner Samenzapfen gebrochen, der Baum – von der Waldpest so gnädig verschont – zugrundegegangen an eigener Lebensfülle ... Nach all diesem kamen die beiden Leutchen immer tiefer hinein in den todten Tärn. Bald war kein einziger grüner Baum mehr um sie. Die Sonne glühte nieder, der Sommer hatte den Regen versagt und heftige Winde hatten die letzten Nadelbüschel von den Zweigen gerissen. Die dorrenden Bestände waren heiß und über dem Boden zitterte die Luft. Zwischen den Steinen blitzte da und dort ein Eidechsen hin, sonst fand sich kaum ein Lebendiges in dieser seltsamen Wüste. Selbst die Schwärme des Borkenkäfers waren verschwunden. Schon von weitem sahen unsere Wallfahrer zwischen den fahlen Stämmen das Kreuz ragen. Niemand war dort, sie schienen heute die Einzigen zu sein, die es besuchten. Für Erlefried, den schwärmerischen Sohn eines schwärmersichen Vaters, war das Kreuz in diesem Walde stets ein geheimnisvoller Gegenstand gewesen, von dem seine Seele gern träumte. So siegte auch jetzt in ihm das Kreuz über das Herz – wenn auch, weiß Gott, nur für kurze Zeit. – Still ging er ihm zu, zog das graue Hütlein vom Haupt und kniete nieder. Er gedachte jener Stunde, da er als Knabe ohne Gott und ohne Hoffnung heimgekehrt war zu seiner kranken Mutter. –»Er ist. Du weißt es, Du liebst ihn. Himmel und Erde ist sein Leib!« So hatte sie, die am Thore der Ewigkeit stand, zu ihm gesprochen. Auch Sela, die Tochter des Feuerwart, hatte Stunden, in welchen das ganze, das furchtbare Elend von Trawies an ihr Herz schlug. Da konnte sie nicht lächeln, nicht hoffen, nicht beten, da wußte sie sich nicht anders zu helfen, als daß sie das Auge ihrer Seele zuthat und alles andere aus dem Sinne schlug. Auch heute war sie zum Kreuze gekommen, ohne recht zu wissen warum. Der verdorrte Wald war nicht darnach angethan, ihr Gemüth aufzuschließen. Nun sie aber den geliebten Jüngling so still vor dem Kreuze knien, so andächtig beten sah, kam es auch über sie. Wie kühlender Thau kam es über sie, dann kniete sie hin und konnte beten – beten, wie schon lange nicht mehr. Dabei wurde ihr so weich, so leicht, vor Freude darüber hub sie zu schluchzen an. Die Herren draußen in der Welt, die den Feuerbrand geschleudert hatten in dieses stille Thal, wenn sie das Paar hier knien gesehen hätten im schattenlosen Hochwald vor dem verlorenen Kreuze, jetzt noch schuldlos, aber von den höllischen Gewalten eines Flammenringes enger und immer enger umlodert! Keiner hat sie gesehen, auch nicht in Gedanken gesehen. Zu Trawies ist die Empörung, ist das Laster, ist die Hölle, sonst dachten sie nichts. Und Sela und Erlefried, die Kinder der Empörer, sie waren verlassen. Erlefried stand endlich vom Gebete auf, setzte sich in den Schatten einiger dicken Stämme, that seinen Mundvorrath heraus und bereitete für Sela den Tisch. Sie sind nebeneinander gesessen, haben still das Brot verzehrt, und der Sonnenstern wendete sich abendwärts. Sie ruhten und Erlefried richtete sein Angesicht dem blauen Himmel zu, aber das dürre Gezweige flocht sich wie ein ungeheures Spinnengewebe zwischen den beiden Menschen und dem Himmelszelt. Und als Erlefried so dalag, sagte er plötzlich das Wort: »Sela, ich habe Dich immer noch mehr lieb!« »Wie werden wir heute heimkommen!« sagte das Mädchen. »Es wird ein schöner Weg sein,« versetzte der Jüngling, »die Sonne wird nicht mehr brennen und die Luft wird kühl sein.« »Ich fürchte, wir verirren uns!« Sela sagte es nicht, aber sie dachte es. Ihr war bange, sie wußte nicht, warum. Wieso, daß heute außer ihnen kein Mensch zu diesem Kreuze kommt? Hätte sie das geahnt, sie wäre nicht mit Erlefried gegangen, sie hätte auch ihn nicht gehen lassen. Am liebsten möchte sie jetzt auf dem abendlichen Heimweg anfangen und ihn mit Gespenster- und Räubergeschichten ängstigen, aber dann wird ihr selbst das Grauen kommen, und er wird darüber lachen. Sie versucht es wirklich, spricht zagend von Strolchen, die den Tärn durchziehen. »Ja,« sagte Erlefried, »darum meine ich, daß wir den Weg meiden und im dichtesten Bestände dahinschleichen sollen, daß wir nicht bemerkt werden können.« »Der bösen Traut und dem Anweil kann man nicht entgehen.« »Gegen solche Gespenster ist das beste Mittel, wenn wir uns nahe zusammenhalten.« Er faßte sie mit einem Arm frisch um den Leib: »Ich bin stark, Sela, mir magst Du vertrauen.« Sie blickte ihn an. Das war ein tiefer, schwerer, ein seltsamer Blick – bittend, vorwurfsvoll, hoffend, bangend, das alles zugleich. Vor dem Kreuze warf sie sich noch einmal nieder: »Schütze uns! Schütze uns heute!« Hierauf eilten sie davon, durch den Tärn jenen abendlichen Höhen zu, hinter denen wie ein blaues fernes Dreieck der Kegel des Johannesberges ragte. Dichter Höhenrauch lag über der Gegend und die Luft war schwül. Am Himmel hatten sich Wolken gebildet, die bald in zahllose Stückchen zerfielen, als hätte sie eine unsichtbare Hand mit dem Hammer zertrümmert. An anderer Stelle zogen sich zarte Streifen hin, von einem lebhaften Winde zeugend in der Höhe, während über dem Walde tiefe Stille lastete. Als unsere Wanderer zu einem grünen Anger kamen, der in versteckter Thalschlucht lag, um welchen gewaltige Stämme des Urwaldes nackt und knorrig standen und wo es so lautlos war, als wäre selbst die alte Fädenspinnerin Einsamkeit einschlummert, da schlug Erlefried ein Rasten vor. Sela sah ihn noch einmal an, trat ein wenig beiseite und war verschwunden. Der Bursche ging hin und her, von Stamm zu Stein, von Strupp zu Strauch und suchte. Suchte so lange, bis ihn plötzlich ein heiseres Lachen erschreckte. Was da lachte, es lag ganz in seiner Nähe zwischen zwei Steinen. Eine magere Hand in Fetzen langte hervor, dann das struppige, grinsende Haupt des Stromers Roderich. »Junger Mann,« schnüffelte er jetzt, als Erlefried stehen blieb und finster auf ihn hinschaute, »Dir ist zur unrechten Zeit Dein Schatz davon.« »Geht’s Dich was an, alter Tagedieb?« sagte Erlefried trotzig. »Ein so kerngesunder Bursch’ und ein solches Unglück! Es ist unglaublich,« versetzte der Stromer. Dan richtete er sich halb auf, daß es aussah, als wollte hier ein Lazarus dem Grabe entsteigen, und fuhr fort: »Mache Dir aber nichts d’raus, schöner Knab’, ich will Dir was sagen. Ich habe Dir schon eine Weil’ zugeschaut und mir gedacht: Wie der’s angeht, da kommt er nicht vorwärts. Lugst hin und schaust her und frägst an und duckst ab und hast nichts. Willst was haben, so mach’s wie Andere, verschreib’ Dich dem Teufel.« »Ist mir schon Ein Ding, ich verschreib’ mich dem Teufel!« knirschte der vor Aufregung bebende Bursche. Begierde und Zorn verwirrten seine Gedanken und auch er war ein Kind seiner Zeit. »Willst Du mit mir kommen, so wirst Du noch an diesem Abend Freude haben,« sagte der Alte lauernd, »aber Du mußt mich stützen, ich habe heute bösen Tag gehabt. Ich ward von Räuberb angefallen, sie haben mir den Fuß zerschlagen; ich liege hier schon den halben Tag und kann nicht weiter. Führst Du mich in die Schlucht hinaus bis gegen die Felswand dort, so mache ich Dir eine gute Nacht.« Der Stromer sagte selbstverständlich nicht die Wahrheit. Der böse Fuß war da, das Unvermögen, ohne Stütze weiter zu gehen, war auch da; aber nicht die Räuber hatten ihn angefallen, sondern er selbst war auf seinem Raubzuge verunglückt, hatte sich im Hause des Bart bei dem Sprunge aus dem Fenster den Fuß beschädigt. Bis hierher hatte er sich mühsam geschleppt, weiter konnte er nicht mehr, so suchte er den Burschen an sich zu locken. Erlefried ahnte nicht, daß der Dieb vor ihm kauerte, den er in der vorigen Nacht von dem Kleiderschranke der Sela verscheucht hatte. Ihm war nur klar, daß hier ein samaritisches Werk gethan werden mußte. Und er that’s. Er schleppte den alten Gauch die Schlucht entlang und spähte stets nach links und rechts, ob Sela sich nicht doch irgendwo zeigte. »Du schaust umsonst,« sagte ihm Roderich, und stützte sich recht tapfer auf den kräftigen Burschen. »Wie ich diese Gattung von Weibsleuten kenne, lassen sie sich im Walde nicht erwischen, laufen der Kirchen zu und auf den Altarstufen erwarten sie den Liebsten. Geheiratet wollen sie sein, nachher geben sie sich zufrieden. Maßen wir jetzund aber keine Kirchen haben, so mußt Dir Dir schon anderswo was bereiten. Hat der Herr Vater den Pfarrer erschlagen, so wird’s der Sohn auch leicht ohne den Pfarrer richten. Glaubsr, Junge, ich kenne Dich nicht? Schau mich nicht so schwarz an, Du Sohn des großen Wahnfred, der das Leutumbringen in Schwung gebracht hat und das Stehlen abbringen will, ich verrathe Dich nimmer, Du versteckst Dich im Tärn, wie ich, willst nicht mithalten draußen beim Rauben und Plündern, wie ich. Recht hast, wer für sich ist, dem geht’s besser. Nur schade, daß es auch Andere wissen werden, der todte Erlefried ist wieder lebendig geworden. Wie Du jetzt d’ran bist – solltest unsichtbar sein: Erwischest Die, welche Du haben willst, kommst Denen aus, die Dich haben wollen. Dich treibt die Noth dazu, Junge, Du mußt Dich dem Teufel verschreiben.« »Gleich soll er mich holen, wenn ich’s nicht thu’!« rief Erlefried leidenschaftlich erregt, auch darüber, daß ihn der alte Stromer erkannt hatte. »Du gefällst mir,« murmelte Roderich und hinkte an der Seite des Burschen mühsam weiter. Das, was er in Bosheit dachte und plante, schien ihm die Schmerzen seines Beines fast vergessen zu lassen. »Allemal ist es besser, er holt Dich morgen, als heut – wenn’s auch schon finster wird. Geh’ mit!« »Ich rufe ihn auf der Stelle!« sagte Erlefried und blieb stehen. An ihm war’s wahr: Feuer im herzen giebt Rauch im Kopf. »Rufe ihn, wenn Du allein bist,« entgegnete der Alte, der keine Lust haben mochte, heute mit dem leibhaftigen Teufel zusammenzutreffen. »Achte auf meinen Rath. Den Teufelsstein kennst Du, er liegt auf der Höhe, wo man zu Ulrich, des Köhlers Hütte, hinüberkommt, nicht eine Stunde von da. Wirst viele Namen darauf finden, auch bekannte. Jeder ist ein Narr heutzutage, der nicht mit dem höllischen Herrn Bruderschaft macht. Kommst Du hin zum Stein, so ritze an Deiner linken Hand die Herzader auf, tauche einen Halm, der schon verblüht hat, ins Blut und schreibe Deinen Namen auf den Stein. In dem Augenblick wir er vor Dir stehen, wirst Dich gar nicht erschrecken, er schaut nicht so schreckbar aus, als die Leute meinen, die ihn noch niemals gesehen haben. Etwan tritt er Dir als schöner Knab’ entgegen, oder als eine junge Maid, oder als ein frisches Reh, oder auch als grüner Baum. Der schwarze Herr hat allerlei Gewand. Gleich trittst ihn an sagst keck, was Du willst. Daß Du nur nicht auf das Wichtigste vergißt. Die Zeit wann er Dich nimmt, bestimmst Du selber; nicht daß Du etwa der Narr bist, und bedingst Dir achtzig Jahre, oder hundert. Das ist zu wenig. Merk’ auf, mein schöner Jüngling. Als die Zeit, wo er Dich holen darf, bestimmst Du das Gottesleichnamsfest in Trawies, welches auf einen Neumond fällt!« »Ich verstehe es nicht.« »Du weißt es ja, An diesem Tage mag uns allsammt der Teufel holen.« »Ist mir zu früh, kann in wenigen Jahren schon sein,« bemerkte Erlefried. »Junge,« sagte der Stromer und klammerte sich wie eine Schlange an Erlefried, »wer sich dem Teufel verschreibt, der schaut nicht in den Kalender. Neumond und Gottsleichnam trifft alle hundert Jahr kaum einmal zusammen, und wenn auch: Trawies liegt im Kirchenbann, das weißt Du, so wirst auch wissen, daß zu Trawies kein Gottsleichnamsfest sein kann. Und ist keins, so kann es ewig nicht auf Neumond fallen. Mach’s wie Du willst und sei bedankt, daß Du mich geführt hast.« Sie waren zur Stelle angelangt, wo sich die graue Felswand erhob, in welcher der Stromer sein Nest hatte. Der Alte hatte es verstanden, den Burschen durch das Gespräch mit sich zu locken, so lange er dessen bedurfte. Hier mußte er ihn verabschieden und versuchen, allein zu seiner Höhle emporzuklettern, wollte er dieselbe nicht verrathen. Erlefried ging in der Dunkelheit verwirrt davon und suchte Sela und trachtete dem Teufelssteine zu. Schwül war ihm, die Phantasie hatte ihn übermannt ganz und gar, eng und enger zog sich der Leidenschaft Feuerring um sein zitterndes Herz. Rasch ging er hin und that, was ihm der Stromer gerathen hatte. – Als er den Arm entblößte, um ihn zu ritzen, sah er an demselben die Narben jenes Schusses, der ihn einst als Knaben auf der Wildwiesen gestreift hatte. Dort stach er hinein ... Noch zitterte am Halme das Tröpflein Blut, noch hatte er auf den Lippen den letzten Hauch seines Schwures, als er vom nahen Torfstein her einen Ruf vernahm. Wie eine weibliche Stimme war’s. Sollte der neue Genosse schon seines Dienstes walten? Und sollte es Sela sein? – Im Augenblicke, als sein Blut floß, durchrieselte ihn kalter Schauer. Und nun? Es war plötzlich nicht mehr so sehr das Weib, es war die liebe, schützende Freundin, nach der er sich sehnte. Der Ruf am Felsen wiederholte sich. Erlefired stieg hinan. –     Der Stromer saß auf Schutt und Sand und sammelte Kräfte zum Klettern. Gingen zwei mit Knitteln bewaffnete Männer die Schlucht entlang. Der Eine schlug Feier, da sahen sie ihn, bevor er sich noch hinter dürrem Gestrüppe verbergen konnte. »Ha, da hockt der Fuchs!« Sie setzten sich zu ihm hin, Einer rechts, der Andere links, und sagten: »Es ist uns recht, daß wir Dich finden, Wir haben Dir eine höfliche Frage.« »Wird mich gefreuen,« antwortete er und sein Lächeln war ein Grinsen. Dann folgendes Gespräch: »Roderich, wo hast Du die schöne Maid versteckt?« »Welche schöne Maid?« »Die Du auf dem Johannesberg gefunden hast.« »Sie ist meine Tochter.« »Das geht uns nichts an, wir wollen nur wissen, wo Du sie versteckt hältst.« »Das sage ich nicht. Laßt mich ungeschoren.« »Laß Du die Maid ungeschoren, Schelm! Heute hilft Dir nichts, Du sagst, wo sie ist, oder wir schlagen Dich todt.« »Daß ich sie umsonst verrathen soll, werdet Ihr als billige Männer nicht verlangen,« entgegnete kleinlaut der Stromer. »Gut wir geben Dir zwölf Schinderlinge, wenn Du ehrlich nist.« »Ehrlich bin ich, aber die zwölf Schinderlinge stehen zu Trawies nicht in Werth. Baargeld – Schlechtgeld jetzund, Ihr wißt es.« »Aber unsere Schinderlinge, lieber Spitzbub!, die heißen Baargeld – Gutgeld!« Sie hielten ihm, beim Scheine des Zunders, in hohler Hand schwere Goldmünzen vor. Er blinzelte darauf hin, seine Finger geriethen in ein absonderliches Zucken. »Gebt her!« zischelte der Stromer. »Sobald wir wissen, wo Du Dein Schurschäflein birgst.« »Was soll ich’s nicht sagen? Am Trasank, in der Rabenkirche wohnt sie seit etlichen Tagen. Gebt her!« »Ja glaubst Du, wir trauen Dir? Ha, ha, so kindisch sollt’ der Stromer Roderich nicht sein. Du gehst mit uns, und wenn wir sie haben, kriegst Du Dein Geld.« »Wenn Ihr mich tragen wollt? Ich habe mir den Fuß gebrochen und kann nicht weiter.« Er zeigte ihnen das stark geschwollene Bein, dabei gelang es ihm, die Goldmünzen zu erhaschen. Den stundenlangen Weg bis zur Rabenkirche ihn zu tragen, hatten sie keine Lust; das Geld schloß der Alte in der Faust, so sagte Einer: »Das Nest wissen wir, das Geld wollen wir. Ein krüppelhafter Schragen ist er. Schlagen wir ihn todt.« »Ist das Vernünftigste,« versetzte der Andere und warf den Zunder weg. Da war ein verzweifeltes Aufbäumen und ein Gebrüll, daß es hoch im Felsen widerhallte. Das Reisig leuchtete und zur selben Stunde flog die Flamme in den dürren Tärn ...     Wahnfred saß auf einem Steine des Johannesberges und blickte in die rauchdurchzogenen Thäler und Schluchten von Trawies. Da unten qualmte es träge herum und bisweilen wehte der bläuliche Hauch den Hang heran zwischen den Bäumen und brachte prickelnden Brandgeruch. Dort, jenseits der Trach, unter dem Ritscher hin bis zu den Grenzen des Sehkreises, lag der feurige See. Zur Tageszeit waren die Flammenwälder theils verdeckt von den schmutzigen Rauchwirbeln und Dunstschichten, des Nachts aber leuchtete der Tärn wie ein Höllenpfuhl. Zu Zeiten, wenn die Ostluft zog, war auf dem Johannisberge das Knistern krachender Äste, das Dröhnen stürzender Stämme vernehmbar. Manches fliehende Gethier kam geflattert und suchte neues Heim in den grünen Wäldern diesseits der Trach. Es war schon spät in den Septembertagen, aber das strich warm bei Tag und Nacht, und zu Trawies fiel kein Thau mehr. Luftzüge, die über den brennenden Tärn geweht kamen, waren heiß, und hoch am Trasank, wo sie mit kalten Schichten zusammentrafen, bildeten sich Wolken, aus denen nicht selten Blitzscheine zuckten. Wahnfred saß auf dem Stein und blickte hinab. Was die Leute unten trieben, das konnte er freilich nicht sehen, aber er vermuthete, daß sie thätig sein würden gegen das Feuer und daß die Arbeit und Kämpfe läuternd auf sie wirken müßten. Als in einer Nacht sich ein heftiger Wind erhob und die Gluthfelder des Tärn neuerdings wild aufloderten und das Feuer auseinanderstob, da meinte der Einsiedler auf dem Berge, es würde auch den Ritscher erfassen und die Wälder im Dürrbachgraben, an der Miesling und an der Trach, und so das herz von Trawies verbrennen. Dann wollte er hinabsteigen und den Hingeworfenen im Scheine solcher Herrlichkeit sein Evangelium verkünden. Er hatte gemeint, daß die verhärteten Herzen der Leute von Trawies wie Eisen sind, die erst im Feuer der Noth und Jammers geglüht werden müssen, bevor sie bildsam werden. Nun begann es wohl zu brennen an einem Hange des Birstling und hoch oben im Ritscherwalde, aber es verkohlte und es verlosch im Busche, die Flammen gingen über die Grenzen des dürren Tärn nicht hinaus. Und Wahnfred blieb auf dem Berge. Der Wald aber, welcher an jenem Abende, da die beiden Männer den Stromer Roderich erschlugen, durch ein Ungefähr in Brand gesteckt worden war, loderte und glühte viele Tage lang fort. Keiner hatte auch nur versucht, dem Feuer zu wehren und die Flammen flogen in hellem Hohne das Gestämme an, wie es früherhin die Schwärme des Borkenkäfers angeflogen hatten. Und es war, als ob das Feuer nicht von außen käme, vom Innern der Bäume schlug es plötzlich hervor und durch Risse und Runsen, aus den Höhlungen trockener Rinden, aus den Löchern, die der Wurm gebohrt, der Specht gehackt hatte. Dann tänzelten die Flammen um den Stamm, züngelten gegen den Wipfel auf, hüpften hinaus in das knorpelige, harzige, braunreisige Astwerk und wirbelten hin, rasch wie die Fluth. Dünn war der aus solch heftigem Feuer aufgejagte Rauch, nur wenn die Stämme und die Strünke brachen, niederstürzten ins Moos, da erhoben sich die finsteren Wolken und fuhren, noch lange von der Gluth beleuchtet, von Funken durchsprüht, über die Wipfel hinweg. Seltsam war der Zug des fliehenden Gesindels, welches im Walde immer noch seine Nester und Höhlen gehabt hatte. Das war ein Johlen und Höhnen! Mancher rief dem brennenden Walde die tollsten Späße zu, und das wäre gar trefflich, daß die Hölle nach Trawies gekommen sein, so brauchten die Trawieser nicht mehr in die Hölle zu fahren. Einmal aber verging ihnen das lose Maul. Zur nächtlichen Stunde hatte sich von den breiten Höhen des Ritscher ein Wirbelwind herangewunden. Schon lange war dort das Tosen der Bäume und das Auftanzen des Waldstaubes hoch in die Luft, bevor in den Niederungen sich noch ein Blättchen regte. Dann kam es. Wie ein unsichtbarer Besen, so fuhr es anfangs drein, daß die Flammen sich wimmernd hinlegten auf den Boden. Plötzlich wurde ein großer Theil der Fläche emporgerissen in einer brausenden, pfeifenden Feuerhose, ein ungeheurer Springbrunnen, daß aller Schatten verzuckten und die tiefsten Schluchten des Gebirges beleuchtet waren. Und hoch am Himmel war ein tanz, wie die Berge an der Trach wohl seit Urzeiten keinen ähnlichen gesehen haben. Reisigmassen von Flammenflügeln getragen, flogen im Kreise und sprühten, fuhren in Rauch hinein, sprangen wieder hervor, wurden wie Raketen aufwärts geschleudert, schossen hin und her und zitterten, lahm geworden, eine Stunde weit im Umkreise als Flammenregen nieder. Bei diesem Schauspiele waren Manchem die Augen übergegangen und Etlichen brannte solcher Regen die Kleider und die Seele vom Leibe. In weitem Umkreise umschwärmten die Leute den brennenden Tärn, um sich dann allmählich gegen die Trach und ihre Hütten zurückzuziehen. Da gab es manchen Strauß; die Fremden drangen in die Häuser und plünderten und warfen die Bewohner vor die Thür und richteten sich selber ein. Und mancher solchermaßen dachlos Gewordene warf Feuer in sein eigenes Haus; lieber die Brandstätte wollte er sehen, als die Strolche wohnen in seinem Nest. Der Erdboden von Trawies hatte seine Treue länger bewahrt, als die Leute die ihre. Den wenigen fleißigen Händen, die in ihren entlegenen Winkeln den Acker und die Wiese bearbeiteten, gab der Boden reichlich und oft fast mit Üppigkeit, als habe er, wie die Urkunde sagt, Erbarmniß gehabt mit den Zähren, die ihn düngten. Und auch dort, wo nichts gearbeitet wurde, wuchsen und reiften die wilden Früchte, welche zu sammeln auch den Arbeitsscheuen die Noth gebot. Die Heerden der Rinder, Ziegen und Schafe strichen halbwild auf den Matten und in den Wäldern umher; mancher Kampf entbrannte um sie zwischen dem Eigenthümer und dem Räuber, aber ganz ausgerottet konnten die Hausthiere nicht werden und sie waren immerhin noch eine Quelle der Nahrung. Auch die Hasen und die Rehe und die Hirsche wollten kein Ende nehmen, trotz der wahnsinnigen Vertilgungsjagden, die nach ihnen gehalten wurden. Die Gemsen des Trasank, die Raubthiere ds Ritscher, die Fische der Trach schienen immer von neuem nachzuwachsen und aus fremden von solchen Thieren übervölkerten Wildnissen und Wassern herbeizukommen. Die geregelte Nahrung und Kleidung war schon lange abgekommen, aber die halbwild gewordenen Trawieser Leute begnügten sich mit rauhen Hüllen und mit halbwilder Kost, die ihnen theils, sozusagen, in den Mund wuchs. Dazu kam die Beute, die sie von ihren Raubausfällen und Streifzügen aus der weiteren Umgebung heimbrachten. Und so lebten sie. Es war aber für jeden Einzelnen ein Leben unter Feinden. Mit schweren Hakenbüchsen bewaffnet strichen die Männer umher; die Weiber, welche gezwungen waren, das Haus zu verlassen, gingen mit Sicheln aus, und es war doch keine Schnittzeit gewesen; oder sie hatten andere Messer bei sich, und nicht selten geschah es, daß diese Waffen in Gebrauch kamen, und zumeist wieder gegen Weiber. Denn das war die Zeit, da man die Eifersuchtshändel nicht mehr mit Keifen und Kratzen, sondern mit dem scharfen Eisen ausmachen konnte, und da blieb dem Manne von Zweien freilich seltener die Schönste, denn die Stärkste übrig. Menschenleben waren wohlfeil wie Hasenbälge und manches wurde abgethan eines kaum nennenswerten Gewinnes wegen. Eine der wenigen Ausnahmen machte der Tropper. In der Zeit des Waldbrandes war es, daß der Tropper einen fremden Mann aufnahm, weil derselbe die Krautgrube, die hinter dem Hofe zwischen zwei Bäumen schachtartig in die Erde gegraben war, um den Kohl aufzubewahren, ausbessern sollte. Der Mann stieg in den finsteren Schacht hinab und kam lange nicht zurück. Der Tropper rief in die Tiefe, der Arbeiter gab keine Antwort, aber Bauer hörte ihn kichern. Nun rief er seinen Knecht, daß auch der hinabsteige. Und auch der kam nicht zurück, sondern half in der Grube kichern. Erst als es finster wurde, stiegen Beide herauf und eilten in den Wald. Das war dem Tropper verdächtig; er ließ sich selbst in den Schacht hinab und fand unten in Nischen Vorräthe von Fleisch, Speck, zweifach gebackenem Brot, Branntwein und sonst mancherlei Lebensmitteln. Jetzt freilich konnte er die stille Heiterkeit der beiden Gesellen begreifen und ihm schwante auch, daß sie in der Nacht mit Genossen zurückkehren würden, um die Grube auszuleeren. Der Tropper konnte sich zwar nicht vorstellen, wer hier so nahe an seinem Hause Lebensmittel versteckt haben mochte, doch waren sie ihm sehr willkommen. Allsogleich begann er mit Hilfe seines Weibes die Dinge aus dem Schacht empor und in sein Haus zu schaffen, wo er zwei Kammern mit den theilweise freilich schon verschimmelten Schätzen füllte. Als sie damit fertig waren, wurde jedoch der Tropper nachdenklich und meinte: »Was wird’s nutzen? Bald wird der Rudel da sein, wird mich angehen, wo ich das Zeug hingethan hätte? Wer soll sich erwehren, wenn ihrer ein Haufen sind?« Das Weib sagte nichts darauf, ging in die Küche und begann in den Kesseln Wasser zu sieden. Er ging ihr nach und fragte, was sie triebe? »Wir müssen ja doch die Krautköpfe einweichen,« gab sie ihm zur Antwort. »Lehne nur die Leiter wieder in die Grube.« Gegen Mitternacht kamen richtig etliche Strolche, darunter auch der Knecht des Bauers, und sie stiegen die Leiter in den Schacht hinab. Nur Einer blieb heroben am Rande stehen, bereit, die heraufgereichten Gegenstände in Empfang zu nehmen. Jetzt sagte das Weib des Tropper zu ihrem Manne: »Schleiche den Spitzbuben dort an und wirf ihn in den Schacht!« »Du bist nicht gescheit; sie kommen doch herauf und herren uns.« »Wirf ihn hinab,« befahl sie, »das Wasser ist heiß!« Jetzt erst wußte er, was sie wollte. Aber er stellte sich vor sein Weib und sagte: »So weit nit, Alte, so weit nit. Lebendig kochen wollen wir Keinen. Ehevor theile ich mit ihnen die Vorräthe und den Knecht verjage ich.« So geschah es, und das Weib des Tropper kochte in dem für ganz Anderes bestimmten Siedewasser das aufgefundene Fleisch zu einem gemeinsamen Mahle. – Der alte Bart hatte, während die Strolche aus dem brennenden Tärn flohen, auch zu thun, sich seiner und der Seinen Haut zu erwehren. Vor Allem sorgte und bangte er für Sela – das war der größte Schatz im Hause, vielleicht in ganz Trawies. Der Heuboden, wo sonst er mit Erlefried geschlafen hatte, war für ihr Versteck nicht mehr sicher genug; auf diesem Heu nahm das herumstreichende Gesindel Nachtlager, nachdem es das Haus und dessen Vorrathskammer untersucht hatte. Aber unterhalb des Heubodens war zwischen zwei dicken Wänden ein enger dunkler Raum, der einst in guten Zeiten als Haferkammer für die Pferde gedient hatte. Seit Jahren hingen nur mehr die grauen Fetzen der Spinngewebe nieder, in welchem sich nichts mehr verfing, als der Staub und dürrer Samen, der zwischen die Fugen rieselte. In dieser Kammer hielt der Bart die Tochter des Feuerwart oft tagelang verwahrt, versorgte sie durch eine kleine Öffnung mit Speise und hatte sein eigenes Lager im angrenzenden Schafstall – der war ihm ja vollständig geleert worden –, um sie bewachen zu können. Neben seinem Bette an der Wand lehnte stets eine scharfe Axt, bereit für Jeden, der in die Haferkammer zu dringen hätte versuchen wollen. Seine alte kränkliche Gattin fühlte sich in der Stube vollkommen sicher; sie bedurfte keiner Axt, es war der Mühe werth kaum mehr etwas im Hause. Sela litt in ihrem Gewahrsam unbeschreibliche Qualen. Nicht die dunkle Kammer war’s, wo ihr nur Mücken und Spinnen Gesellschaft leisteten; nicht die Furcht war’s vor Entdeckung, was ihr das Herz wollte brechen, sondern der Schmerz über den unendlichen Verlust. Seit jenem Abende, da sie mitten im Tärn ihren Gespielen und Freund verlassen hatte, war er nicht mehr vor ihre erschienen. Sie kam damals nach manchem Irrlaufe glücklich nach Hause, er folgte ihr nicht, er kehrte nicht zurück und Niemand hatte ihn seither gesehen. – Sie war von ihm gegangen und hatte ihn den Gefahren jener Einöden preisgegeben. Und warum? Weil er sie lieb hatte, weil er sie auf den Mund küssen, an sein Herz drücken wollte. Sela vermochte nicht daran zu denken, ohne sich der Gefahr auszusetzen, plötzlich wahnsinnig zu werden. Aber endlich konnte sie doch auch wieder an nichts Anderes denken, als an ihn, und da verging ihr Hören und Sehen. »Warum ist es in mir,« so fragte sie sich selbst, »daß ich den Mann, den ich so sehr lieb habe, nicht mit meinen Armen umfangen darf? Küssen wollt’ ich ihn, bis die Lippen bluten, und sein Blut aufsaugen und sein Herz an dem meinen erdrücken! Wer im Himmel und auf Erden hat mir gesagt, daß ich ihn mit meiner Faust von mir stoßen soll, wenn er mich anschaut mit seinem lieben Auge, wenn er mir den Hauch seines Mundes, nach dem ich mich sehne wie der Fisch nach dem Wasser, nicht versagen will? Wer hat mir’s geboten? Meine Mutter? Sie hat jenes Lied gesungen vom falschen Jüngling im grünen Wald. So treu wie Erlefried kann keiner sein. Ein Anderes ist in mir, das die Faust gegen ihn geschleudert hat. Ich kann’s nicht ergründen.« Und sie weinte, und sie träumte und sie fuhr fort: »Vielleicht war’s das Sonnenlicht, das noch in den Wolken gebrannt hat. Vielleicht waren es die alten Bäume, die mich umstanden haben. Vielleicht war es der böse Feind, während ich den Schutzengel angerufen habe. – Jetzt ist er hin, und der er sich in Liebe hat vertraut, die hat ihn verlassen. Das thut so weh, wie ein Sterben.« Der alte Bart war ausgegangen, um Erlefried zu suchen; aber es brannten die Stämme des Tärn. Das Feuer hatte sich zu jener Zeit und unweit dort erhoben, wo nach Aussage des Mädchens sie ihm davongelaufen war. – »Und warum bist ihm davongelaufen, Du unbesinnte Dirn?« So hatte sie der Bart gefragt. »Warum?« So gab sie zur Antwort, »weil ich mich vor ihm gefürchtet habe, mich hat eine Natter gestochen, ich habe eine Giftbeere gegessen, ich weiß es nicht, aber ich bin irre gewesen und habe ihn nicht erkannt.« Der Bart fragte nicht weiter. Er ging in Rauch und zwischen den kohlenden Stämmen herum und suchte Erlefried, als wäre es sein eigenes Kind. Endlich jedoch blieb darüber kein Zweifel mehr, Erlefried mußte verunglückt sein. Der Bart glaubte seinem eigenen Worte nicht, wenn er sagte: »Der Knab’ ist schlau, der hat sich noch bei Zeiten in den hohen Trasank hinaufgeflüchtet.« Was ginge den der Trasank an, dachte Sela, der will bei Leuten sein. Ihr einziger Wunsch war, daß er lebe, und ihr Gebet war, daß er gestorben sein möge. Das ahnte sie, wenn er noch lebte, so stände es nicht gut um ihn. »Vater Bart,« fragte sie einmal, »wann gehen die neunzig Jahre aus?« »Welche neunzig Jahre?« »Daß in der Rabenkirche die Raben wieder zusammenkommen und es laut erzählen, wen sie die Zeit her ermordet gefunden haben und wer der Mörder ist? In einer Christnacht soll es sein. Ich will hin und horchen.« »Laß den Aberglauben sein, mein Kind,« antwortete der Bart. »Wir stehen in der Hand Gottes. Vergiß es nicht.« »Wir in der Hand Gottes?« fragte Sela. »Laß Dich nicht anfechten, wenn sie sagen, sie hätten Dir den Herrgott weggenommen. So mächtig ist Keiner, daß er das kann, so mächtig bist nur Du selber. Der ewige Herr läßt sich nicht geben und nicht nehmen. Wer ihn haben will, der hat ihn.« Das war keine rechte Antwort auf ihre Frage, aber sie beruhigte sich. Gedankenvoll blickte sie oft in die Schleier der Spinnen ihrer Kammer, die zur nächtlichen weile durch den Schein vom Tärn her beleuchtet wurden. – Und einmal, als sie einem Thierchen zuschaute, das von der Decke nieder senkrecht seinen Faden spann, dachte sie: Wenn sie bis zur Erde spinnt, so sehe ich ihn wieder. Das will ich heilig glauben und das wird so sein. Die Spinne hockte lange auf einem Punkt, dann spann sie bis zur Erde. Nachdem der Tärn neun Tage und Nächte lang gebrannt hatte, war er verzehrt. Aus der weißen, schwarz gesprenkelten Aschenschichte stand hie und da ein verkohlter Strunk empor. Viele kleine Felswände waren kahl geworden, da und dort gähnte der finstere Eingang zu einer Höhle. Auf dem Höhenzug stand aber noch das Kreuz, jetzt weithin sichtbar. Der Borkenkäfer hatte es verschont, weil es dürr war, die nach Reisig lechzenden Flammen waren hoch darüber hingeflogen, und so war es der einzige übrig gebliebene Baum auf den Gründen des Tärn. Drittes Buch Die Erlösung Zur selben Zeit geschah es, daß an einem der späten Herbsttage eine große Verfinsterung die Menschen beunruhigte. Gegen die Mittagsstunde war es, bei heiterem Himmel, daß die Bäume an der Trach ihre Schatten verloren, daß es düster wurde über Berg und Thal, und daß die Fledermäuse den Leuten um die Köpfe flogen. Die Sonne war verloschen und hatte nur einen schimmernden Rand. Am Firmament standen Sternlein. Ganz anders waren diese Sternlein gruppirt und anders sahen sie aus, als man sie zur selben Jahreszeit in der Nacht beobachten konnte. Einer der Ältesten zu Trawies hielt die alte Fahne noch aufrecht und erklärte, daß der höllische Drache, der die Sonne stets verfolge, nun mit ihr im Kampfe liege. Man sähe es ja, wie das schwarze Ungeheuer die Scheibe umklammert halte, während die Sonne noch ihren Flammenring über seinen Hals zu werfen trachte. Unterliege sie, so gehe die Welt zugrunde; unterliege sie nicht, so drehe es sich eine Weile noch so fort mit Tag und Nacht, mit Winter und Sommer. Es drehe sich nicht mehr fort, sagten Andere, die Sonne werde wohl für die weite Welt noch scheinen, aber für Trawies werde sie verlöschen. »Das ist Firlefanz,« rief es drein, »Gott läßt die Sonne scheinen über Gute und Böse.« »Aber nicht über Gute und Verdammte.« »Derob keck anpacken, was zu packen ist. Die Zeit ist kurz und in alle Ewigkeit geht es uns nicht mehr so gut, als wie jetzt!« Etliche waren der Meinung, diese Nacht mitten im Tage sei nichts, als eine gewöhnliche Sonnenfinsterniß und eine solche sei unergründlich, gehe vorüber und bedeute gar nichts, als daß der Türke komme oder die Pest. Und so traf es zu. – Die Finsterniß war nach einer Stunde ganz und gar vorbei und die Sonne schien nach wie vor und hatte nicht die geringste Wunde vom Kamp mit dem Drachen an sich. Wenige Tage später aber ging schon die Kunde: »Der Türk’ kommt!« Das war ein Schreckenswort zu jener Zeit, und Trawies hatte aus früheren Tagen manches Denkzeichen aufzuweisen von den Greuelthaten der morgenländischen Horden. Diesmal machte die Kunde kaum einen anderen Eindruck, als den der Neugierde und der Genugthuung. Die Türken, das sind ja jetzt Bundesgenossen der Trawieser Leute. Vom Rocken- und vom Johannesberge aus sah man in den Nächten manch seltsamen Schein fern über dem Flachland aufsteigen, und vom Trasank brachte Jemand die Nachricht herab, daß man dort oben deutlich den Brand von Neubruck und Oberkloster sehen könne. Das war ein Jubel. »Der Flammenring, den sie um Trawies gezogen haben, der wächst jetzt; der dehnt sich nach außen. Gebt Acht, sie werden noch zu uns kommen, die hohen Herren von Neubruck und von Oberkloster und von Altenziel, und ihre Haut verstecken in unseren Wäldern und Höhlen. Sie werden recht willkommen sein!« Die Fäuste zuckten ihnen, da sie so sprachen, und in den Fäusten die Messer. Die Grenzen von Trawies wurden nicht mehr bewacht. Auf den Stelen, wo sie einst die Feuer des Bannes angezündet hatte, wuchs wieder das Gras. Die Bäume, an welchen der symbolische Strick gespannt war, grünten neu oder verdorrten auch, wie es eben war. Die umliegenden Ortschaften, so weit viele derselben auch von diesem Waldrande entfernt lagen, hatten an ihrer Markung einen Galgen errichtet als Willkomm für die Besucher aus Trawies. Und das waren nunmehr die einzigen Grenzpfähle. Wohl waren von einsichtsvollerer Seite auch Versuche gemacht worden, mit den Leuten von Trawies eine Art von freundschaftlichem Verkehr zu pflegen, den Bann still zu umgehen und so die Gemeinde allmählich wieder zur Gesellschaft heranzuziehen. Aber die Rotten in den Wäldern waren damit nicht einverstanden. Die wilde Freiheit behagte ihnen und sie trugen gar kein Verlangen nach Steuern und Robot, nach dem Kriegshandwerk, wo der Mann wohl das Leben verlieren, aber nichts gewinnen könne. Aus Neubruck war nun ein von den Türken verscheuchter Mann vertrauensselig nach Trawies gekommen. Der erzählte was draußen vorging. Krieg in Ost und Krieg in West, und Krieg mitten in der Heimat. Heuschrecken hätten die Ernte gefressen, Osmanen hätten die Speicher geleert, die Kirchen geschändet und Städte verbrannt. Der Landesfürst läge mit den Bischöfen in Fehde, die Bischöfe riefen als ihre Verbündeten die Magyaren ins Land, und das wären neue Feinde und an Grausamkeit nicht viel geringer, als die Türken. Ferner hätten sich in den letzten Jahren Semiten eingenistet, Hausirhandel getrieben, Kinderblut getrunken und Brunnen vergiftet. Sie seien ausgewiesen worden, aber nicht gegangen, und wären nur erst die feindlichen Einfälle überdauert, dann dürfte es ein fröhlich Judenerschlagen abgeben. Trawies sei dazu eingeladen. Ein Trawieser antwortete: »Was gehen uns die Juden an, wir erschlagen Pfaffen und Herren!« Aber man müsse bedenken, meinte der Mann aus Neubruck, daß die Semiten eine schreckbare Seuche ins Land geschleppt und in den Brunnen großgezogen hätten. Dort und da fiele Einer um und wäre todt und würde nach kurzer Zeit schwarz und verwese. Es wären dieses Sterbens wegen schon angesteckte Häuser verbrannt und ganze Ortschaften abgesperrt worden. Einen Juden habe man dabei erwischt, da er just Gift in einen Brunnen warf; der sei zwischen zwei Hunden aufgeknüpft worden. Einen Anderen habe man durch peinliche Fragen zum Geständniß treiben wollen und ihm jede Stunde einen Zahn ausgerissen, bis er endlich mit zerstörtem Kinnbacken bekannte, daß er Hostien entweiht habe. Mit lustigen Mienen hörten die Leute von Trawies derlei Geschichten, und als der Fremde alles erzählt hatte, was er wußte, und zur Ergötzung der Zuhörer vielleicht etwas mehr, nahmen sie ihm seinen Geldvorrath ab, seinen Mantel und seine Stiefel und luden ihn ein, mit ihnen auf die Jagd zu gehen. Er schlich einige Tage im reifigen Waldschatten herum, nährte sich von Kraut und Preiselbeeren, legte sich in eine halbzerstörte Hütte und starb in derselben. Als man ihn fand, war er schwarz angelaufen und hatte am Körper grause Beulen. »Den rühr’ ich nicht an!« sagten die Leute und liefen davon. Und zogen einen weiten Ring um die Hütte, ächteten den Platz, wie sie selbst geächtet waren. Aber es war vergebens. Der schwarze Tod hatte sein Ei in Trawies gelegt und es begann in dem ungezügelten, ausschweifenden Haufen ein böses Sterben. Aus der unteren Trach kamen anfangs die meisten Nachrichten; bald hieß es, auch im Dürrbachgraben sei die Seuche aufgetaucht. Im Trasankthale liege ebenfalls ein Todter; und von den Häusern des Rockenberges kamen die Bewohner geflohen mit dem Bericht, die Seuche sei auf dem Berge, und noch ärger als im Thale. Vor diesen Leuten flohen nun die Anderen, aber sie wußten nicht wohin, von allen Seiten kamen ihnen die Berichte und die Spuren der wilden Geißel entgegen. Medicin hilft nicht, das wußten sie; aber durch Orakelsprüche und Amulette suchte man sich zu schützen. Doch die Himmlischen erkannten keine fromme Meinung aus Trawies. Dem Verstorbenen Brot auf den Mund legen, damit sich das Gift in dasselbe ziehe! So lautete ein Rath. O Gott, wer wollte sich dem Todten nahen! Mittel gab es übergenug, aber sie halfen nicht. »Gegen die Ansteckung nichts besser, als Ziegenböcke!« riethen sich die Leute, und Jeder trachtete im Stalle eines Ziegenbockes zu schlafen und zu wohnen; tagsüber sah man die Leute mit Ziegenböcken herumgehen, und weil dieser luftreinigenden Thiere zu wenig waren, so raubte sie Einer dem Anderen; der Ziegenbock wurde zum Zeichen der Stärke seines Herrn, wurde das Pferd der Ritter von Trawies. Da geschah es, daß auch von solch minder hohem Rosse mancher Reiter zur Erde fiel und starb. Und als die Leute sahen, daß die Seuche sich steigerte, da verfielen Diese der Verzweiflung, Andere dem Stumpfsinn; noch Andere meinten, die giftige Luft könne man nur mit giftigem Wasser besiegen und thaten nicht als Branntwein trinken. Sie fielen zu Boden, sie brachen sich vielleicht den Hals; im Ganzen waren von den Trinkern Wenige, die starben, und Ursula, die Schnapsbrennerin, stieg an Ansehen, und das umso höher, als Viele sie des Bundes mit dem »Schwarzen« ziehen. Ihr Branntwein war ganz darnach. Die Nüchternen trachteten, den letzten Rest von Ordnung noch immer aufrecht zu halten. Die Häuser und Hütten, wo Jemand an der Seuche gestorben war, wurden niedergebrannt oder verrammelt. Die Todten wurden mit langen Haken in die Grube gezerrt. Der Verkehr war fast ganz aufgehoben; Einer floh den Anderen. Unterredungen geschahen nur über Bäche oder über Feuer. Sie hatten die Erfahrung gemacht, daß das Feuer luftreinigend sei. »Wir sollten noch einen Tärn haben zu verbrennen!« meinten sie. »So zünden wir den Ritscher an,« riethen sie. »Stürzen wir uns ins Feuer, ist das beste Mittel gegen Krankheiten,« lachten sie. »Schon verdammt eng zieht uns der Teufel die Schlinge,« fluchten sie. Und in demselben Spätherbste vollzog sich noch nicht das Ärgste. Vom Winter hoffte man, daß er das Gift in der Luft zerstören werden; er ging auch vorüber, ohne viele Opfer zu fordern. Aber als die Sonne wieder hoch stand und der Schnee thaute und die Dünste aufstiegen in weißen Frühlingsnebeln, da fing es wieder an. Jetzt rächten sich die Todten, die man im vergangenen Spätherbste nicht begraben hatte. Und als die Sonnenwendnacht kam, die man in glücklichen Tagen zu Trawies so fröhlich gegangen hatte, brannten wohl auch diesmal im Thal und auf den Höhen zahlreiche Feuer, aber sie waren vergleichbar den Wachtfeuern auf dem Kriegsfelde. Hier brannte ein Haus, in welchem der letzte Bewohner hingestorben war; dort brannte ein Reisigfeuer zwischen zwei Männern, die sich beriethen; da hatte man einen Holzstoß entzündet, an dessen Gluth sich eine ganze vor Angst bebende Familie drängt. Denn dieser Rath war vom Johannesberge den Leuten wiederholt zugekommen: Nur an das Feuer möchten sie sich halten! »Ja,« meinte ein alter Trawieser, es war der Rocken-Paul, »das möchte ich glauben, wenn wir das Ahnfeuer noch hätten! Die Gluth vom Flammenring ist uns nicht gesund!« Manche der von der Seuche befallenen wütheten, beteten, fluchten, verzweifelten. Andere wieder geriethen vor dem Tode in eine seltsame Verzückung, riefen aus, sie sähen den Himmel offen und feurige Leitern seien gezogen herab auf Trawies. Und als das Sterben grassierte, da erzählte der alte Schummelzenz, daß er im Herbste, als noch alles gesund war, am Rockenbachwege Enzian geschnitten habe. Da sei von der Trach her ein Karren gefahren, worauf ein fremder Mann und ein fremdes Weib gesessen. Der Mann habe eine Sense, das Weib einen Rechen gehabt. Das Weib habe zum Manne gesprochen: »Du mähst Trawies, ich werde es rechen.« Und das Paar sei niemand Anderer, als die Pest gewesen. – Die Chronik übermittelt uns aus dieser Schreckenszeit ein einziges Bild, das geeignet ist, unser Herz zu erheben. Hoch im Trasankthale, hart am berge zwischen Schuttriesen, stand das Haus des Sand-Nantel. Der Nantel hatte seine Josa ohne viel Umfragens zum Weibe genommen und sie ohne viel Umschauens zum Weibe behalten. Sie mischten sich nicht in das Treiben der neuen Gemeinde, sie verstanden sich zu ernähren von dem, was zwischen den Steinen wuchs. Und nun, eines Tages fiel der Nantel zu Boden. Mit einem Schreckrufe sprang ihm sein Weib bei, er wehrte mit den Händen ab: »Laß mich! rühr’ micht nicht an! Gehe zu den Kindern!« Und suchte sich selbst aufzuraffen. »Was ist Dir, Mann? Wo willst Du hin?« »Dem Wasser zu. Geh’ weg. Ich will zum frischen Wasser. Die schwarzen Flecken – ich will mich waschen.« Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirne und er brach auf der Stelle wieder zusammen. Die Josa wusch die Beulen mit Wasser, gab ihm Wasser auf seine brennende Zunge, befeuchtete die trüben Augen und wich nicht von ihm. »Hättest mich lassen.« Murmelte er, »ich wäre lieber ertrunken, in der Erde erstickt, als so – als so. Und Euch wäre ich nicht zum Gifte geworden.« »Nein Nantel, Du wirst wieder leben.« Er lachte heiser, dann versetzte er leise: »Ich hoffe, mein liebes Weib, wir werden Alle wieder leben. Hast Du mir noch Treu, so gehe jetzt zu den Kindern – ich will schlafen.« Spät in der Nacht war das. Die Josa ging, und als sie nach kurzer Zeit wieder kam, um zu warten, war der Kranke nicht mehr da. Die Thür ins Freie stand offen. Sie lief hinaus, sie rief seinen Namen. Die Felsen riefen es nach. Das war eine Nacht für das arme Weib! Erst am Morgen hat sie ihn gefunden, abseits im Dickicht in einem tiefen, selbstgeschaufelten Grabe, theils mit Erde bedeckt. So hatte der Nantel in vorhinein für einen bösen Fall sich selbst das Grab gegraben und, wie die Spuren zeigten, sich selbst in dasselbe gelegt, um darin zu sterben – damit sein Leib Weib und Kind nicht vergifte. Als ob die Treue dieses Herzens das Schicksal gerührt hätte, in der Familie des Nantel erkrankte und starb Keines mehr und sie hatten das Glück, über die Wüsten des Trasank dem unseligen Kreise zu entkommen, nachdem sie das theure Grab noch mit heißen Tränen begossen. – Gar absonderlich ist das Blatt über den Faun von Trawies. Ein verkommener Wicht! Die wenigen Kleider, die er auf seinem braunen, haarigen Leibe trug, waren ihm zu weit. Das schlotterte so in Fetzen daher, und darüber saß das narbige, gelbborstige, kegelspitze Haupt mit dem gierigen Mund, mit den gestutzten Ohren und den schielenden Äuglein, die gar unstet hin und her fuhren. Er wollte rasten und es graute ihm vor der Scholle, auf welcher seine nackten Füße standen; er wollte fliehen, und wußte nicht mehr wohin. In dem Schatten des Tärn war er viel herumgeschlichen; als der Wald verdorrte, kroch er in die Höhlen; als es darüber brannte, mußte er auch aus diesen fliehen. Hinaus über die Grenze? O, dort standen die Pfähle. Hinab zur Trach? Dort war das wilde Sterben. Der kleine Baumhackel machte es wie Viele: er gab an seinem Elende Anderen die Schuld. Und er hatte Grund dazu. Er hatte nicht brandgestiftet und nicht gemordet, aber ihm ging es schlechter als Solchen, die es gethan. Er wart stets bereit gewesen, Jedem zu dienen, und Mancher hatte ihn zum Werkzeug mißbraucht und sich durch ihn bereichert. Er spähte die Beute aus, Andere raubten sie; er war die Brieftaube von einem Versteck zum anderen; dort, wo es unsicher war, lauerte er; wo es ein Schelmenstück zu vollführen gab, war er der Gesuchteste und Schlaueste. Vielerlei, was hier verschwiegen bleiben muß, hatte er in Diensten des Freiwild gethan, als dankbare Abstattung für die Zeugenschaft, die Jener ihm dazumal in Sachen des Schafdiebstahles geleistet hatte. Damals hatte den Faun der Schafdiebstahl gerettet, so stahl er noch öfters Schafe, Lämmer und Ziegen; man kann nicht wissen, wozu es gut ist. Die finstersten Kerle wählten ihn für ihre Unternehmungen zum Vertrauten und Helfershelfer. Und hatte er seinen Mann gestellt, so dankten sie ihn ab und wollten von einem Lohn nichts wissen. Da war es vor Allen der Holzer Stom gewesen, der ihn zu seinen Plänen benutzen wollte; der herrische Holzer Stom – er brachte es nicht zu dem, was er wollte – er wurde nicht König von Trawies, aber er verstand es, auf manche Leute einen Druck zu üben. Wahnfred war ihm im Wege, und der ließ sich nicht umgehen, der genoß einen ganz besonderen Respect; einmal weil er sich vor den Leuten gern in vornehmer Ferne hielt, schroff und strenge war, und geheimnisvoll in seinem Thun und Lassen. Der Stom hatte sich in einer Nacht mit dem kleinen Baumhackel verabredet. Der Baumhackel sollte den Wahnfred aus dem Wege schaffen. Wir haben damals das Gespräch im Schachen hinter dem Sandhockhause vernommen. Der Faun wartete auf Gelegenheit und umspähte den Schreiner, hatte aber nicht den Muth, ihm zu Leibe zu gehen. Es war lange her, da hatte er eines Tages eine fünfblätterige Kleepflanze gefunden. Er trug dieselbe heim und legte sie unter das Strohkissen seines Hauptes. Zu der nächsten Nacht, als der Baumhackel schon eingeschlafen war, kam der Teufel an sein Bett und fragte, warum er ihn durch den Fünfblätterigen gerufen habe? – Der kleine Baumhackel antwortete: »Ich bin ein braver Mann und will kein Mörder werden, darum sollst Du mir den Schreiner Wahnfred aus dem Wege schaffen.« – Hierauf der Teufel: »Was soll ich denn mit ihm machen?« – Sonach der Baumhackel: »Das geht mich nichts an. Er ist dahier zu viel.« – Sagte der Teufel: »Gut, ich schaffe ihn Euch aus den Augen, und Du verpfändest mir Deine Seele.« – »Meine Seele?« entgegnete in Angstschweiß der Faun. »Nein, die kann ich nicht, die gehört meinem lieben Jesus.« – »Die gehört schon ihm,« sagte der Teufel, »ich will dafür drei Jahre von Deinem Leben.« – »Sollst sie haben, nur nicht die besten drei.« – »Ich will die schlechtesten drei, damit Du siehst, daß ich billig bin.« – »Diese kann ich ihm geben,« dachte der Baumhackel, »denn sie sind ja schon vorbei und fürder, wenn der Stom Hauptmann ist, wird’s mir gut gehen.« – Der Teufel verschwand; der kleine Baumhackel erwachte aus seinem schweren Traume. Und kurze Zeit darauf war der Schreiner Wahnfred verschwunden – und das Haus des Feuerwart stand leer. Zu selben Zeit war’s ja, als sich Wahnfred auf den Berg des Johannes zurückgezogen hatte. Der kleine Baumhackel aber hielt das Verschwinden des Mannes nun wirklich für ein Werk des Bösen, das er selbst verursacht, er ging zum Stom und verlangt sein »gutes Leben«. Die Anstrengungen des Stom, die Herrschaft von Trawies an sich zu reißen, mißlangen schmählich; mit Steinwürfen gaben ihm die Leute zu verstehen, daß der Wolf nicht erschlagen worden war, um einem Wolfe Platz zu machen. Und der Stom schlug in seinem Unmuthe dem lohnbegehrenden Baumhackel die Hand ins rothe Haar und jagte ihn davon. Da war der Baumhackel tief betrübt. Er hatte drei Jahre von seinem geliebten Leben verpfändet und sollte nichts dafür kriegen? Dann ging ja das heiße Elend sofort an – vielleicht der Jahre schlechtesten drei, und der Schwarze konnte zu jeder Stunde kommen und das Seine holen. Dann erwachte in dem kleinen Faun der Haß gegen den Stom, er verfolgte ihn, aber er stellte sich nicht vor, sondern hinter ihn. Er hetzte die Leute gegen den Stom auf, durchkreuzte seine Pläne, suchte sogar, als er ihn einmal im entlegenen Busch schlafend fand, ihn zu knebeln und so seinem Schicksale zu überlassen. Er selbst wollte keinen Mord auf dem Gewissen haben, aber der Stom müsse verhungern oder von Wölfen vertilgt werden Als jedoch der Baumhackel eben die Schlinge zog, fuhr der Stom wie ein gereizter Tiger auf, erfaßte den Faun und knirschte zornglühend: »Jetzt, mein feines Baumhacklein, jetzt ist der Teufel um Dich da.« Der kleine Gauch zitterte wie das Wildkraut daneben und flehte mit gerungenen Händen um Barmherzigkeit. »Du hast mich lange genug geneckt,« sagte der Stom, »hast wie ein Wiesel nach mir gebissen und wie eine Natter nach mir gestochen. Sei doch vernünftig und ächze nicht, keinen Zahn breche ich Dir aus, nicht einmal blenden will ich Dich. Ich beweise Dir, daß der Stom sich vor dem Baumhackel nicht fürchtet, aber merken will ich Dich, daß ich Dich um so leichter erkenne, wenn wir uns wiedersehen. Komm nur her da, es geschieht dir weiter nichts.« Er hob den zappelnden Knirps, setzte ihn zwischen seine Knie; wo er den Hals wie mit einer Zange einklemmte. Der Baumhackel starrte stumm drein, er konnte sich nicht denken, was hier geschehen sollte; als er aber sah, wie der Stom das Messer aus dem Sacke zog – Nein, das malt sich nicht aus. Es sei nur erzählt, wie der Stom noch sagte: »Ein ärmerer Wicht, als Du bist, ist mir noch nicht vorgekommen. Und ein so königliches Geschenk habe ich noch Keinem gemacht, als ich Dir jetzt mache. Dir schenke ich das Leben. Aber Deine Ohren sind mir zu lang.« Seit diesem Tage lief der Faun mit gestutzten Ohren umher, und so sehen wir ihn auch jetzt der Trach entlang rennen, fliehend vor der Seuche. Dem Hause des voreinstigen Waldhüters eilte er zu. Bei seinem Bruder hoffte er den Hunger zu stillen und Rast zu finden. Als er die Thür öffnete, sah er, das Haus war leer und auf der finsteren Erde lag sein Bruder. Er floh entsetzt über die Au. Auf der Au sah er seinen Feind, den Stom, dahergehen, er wich ihm aus, huschte ins nahe Dickicht. Der Stom schien auch erschöpft zu sein, er wankte auf seinen gewundenen Stock gestützt dem Hause des Waldhüters zu und trat in dasselbe. Das sah der kleine Baumhackel und jetzt fiel es ihm ein, er könne seine drei Jahre und seine zwei Ohren rächen. Mit Hast lief er durch das Gebüsch dem Hause zu, schlug die nach innen offene Thür in die Klinke und zog durch das an der Thür als Handhabe befestigte Holzband eine Stange. Der Ausgang war verschlossen. Wiehernd vor Befriedigung lief der Baumhackel davon, während von innen des Hauses bald die Stimme der Verzweiflung erscholl und ein Gepolter anhub, das erst nach Stunden ein Ende nahm. Der Stom wurde nicht mehr gesehen. Der kleine Baumhackel irrte zwischen Todten und Lebendigen um und endlich trieb ihn die Noth, die immer schwerer auf ihm lastete, zum Gebete. »Wenn auch,« so dachte er, »Trawies verdammt ist, ich kann nicht mit gemeint sein. Ich habe es niemals mit den Trawiesern gehalten, ich bin zuerst gar kein Trawieser, denn mein Vater ist von den Sanköfen herüber gekommen. Umgebracht habe ich auch Niemand; in meinem Leben, Gottlob, habe ich keinen Menschen umgebracht. Meine Seele habe ich dem Teufel nicht verschrieben, und die drei Jahre, die des Teufels gewesen, sind vorbei. So stehe ich gut mit meinem himmlischen Vater. Wenn man nur in die Kirche könnte, ich möchte beten.« Aber die Kirche von Trawies war vermauert und vernagelt. Die Fensterstäbe waren verwittert und an ihnen hinan stieg der rothe Holler; an der Wand hatte sich die Tünche losgeschält, und das Mauerwerk prickelte allmählich nieder. Das Dach war mit grünen Flechten überzogen, dort und da brachen die morschen Bretter ein. In den Ritzen und Spalten des Thurmdaches keimte Gras und allerlei Gezweige. Um den Bau war eine Wildniß von Schutt, Nesseln und Sträuchern, in welchen an warmen Sommertagen Nattern huschten. In dem Haupte des kleinen Baumhackels war es so dumpf geworden, daß er kaum mehr wußte, was er that. Verachtet selbst von den Verächtlichen, wie ein räudiger Hund davongejagt, wo er um Unterkunft bat, kroch er jetzt den Berg zur Kirche hinan. An der einst geweihten Mauer fürchtete er sich nicht mehr vor dem Teufel, nur noch vor Einem, vor dem Stom. Wohl wußte er, der Stom war gefangen bei einem der plötzlich Verstorbenen; aber er fürchtete sich doch noch. Und als er die Mauer hinankletterte, um durch das Fenster in die Kirche zu steigen, war ihm, als klammere sich der Stom an seinen Fuß. –     Und zu jener Zeit der maßlosen Noth war es, daß die Trawieser Leute hinaufstiegen zur Wildwiesen, wo vor Zeiten das Sonnenwendfest begangen worden war. Nicht zu Rath und Schutz kamen sie zusammen, denn sie waren rathlos und muthlos ganz und gar. Und in Keinem, wie sie da hinaufstiegen, Mann und Weib, Jung und Alt, in Keinem fand sich die Ruhe der Ergebung. In Aller Herzen zitterte die Noth des Lebens und die Angst vor dem Sterben. Da hieß es, auf den Höhen sei die Luft gesünder. Unweit des Wasserfalls, hart am Felsen zündeten sie ein großes Feuer an, um das sie sich in einem weiten Halbkreis drängten. Einer wollte dem Anderen ausweichen und doch zog die Furcht vor dem Ungeheuerlichen, die Sehnsucht nach Freunden und Helfern Einen zum Anderen hin. Sprach Einer, so verhielt sich der Andere den Mund, oder kaute an einer Enzianwurzel. Wo irgend noch eine Mutter war, sie küßte ihr Kind nicht mehr. Vor dem grauen Hauche, der in kühler Luft aus dem athmenden Munde des Menschen geht, flohen sie. Und doch zog sich der Kreis eng und enger um das knisternde Feuer, denn das Feuer war die einzige Medicin. Wäre es möglich gewesen, sie hätten die Flammen getrunken. Als es in den Abend hineinging und die Felswand zu leuchten begann hinter dem Feuer, saßen und kauerten sie noch immer da, wie eine geängstigte, vom Wolf müdegehetzte Schafherde sich zusammendrängt. Die Meisten wußten auch nicht, wohin sie gehen sollten, sie waren heimatlos, ihr häuslicher Herd hatte kein Dach, er stand zwischen dem grauen Gestein des Trasankthales oder unter verwitterten Schirmtannen. Jetzt schlich ein Weib herbei, so abgehärmt wie alle Anderen, aber in den Augen eine leuchtende Freude. Sie erzählte, daß sie unten am Hang Biberellwurzeln gesucht habe, und dabei wäre plötzlich so ein seltsames Klingen gewesen in der Luft, und sie hätte aufgehorcht und hätte das Läuten der Trawieser Kirchenglocken gehört. Das Läuten der Trawieser Kirchenglocken? Da fuhren sie auf und stoben über die Höhe hin bis zum Rande, von dem man in das Thal sieht. Aber sie hörten nichts, als das Rauschen der Trach. Es war ja auch nicht möglich und so mußte das Weib wohl zugeben, daß es sich getäuscht habe. Etliche waren dabei, die murrten, daß es hier noch Leute gäbe, welche sich von einer Kirchenglocke aufschrecken ließen. Andere freilich und vielleicht die Meisten, senkten ihr Haupt und gedachten jener Zeit, in welcher der Schmerz und die Freude des Menschen vom Thurme gegen Himmel tönte. O glückselig jene Tage, da die Kirche ihre Kinder mit süßem, trostreichem Klange in den ewigen Schlaf sang! Es war ein betrübtes Lebewohl dieser Welt, und es war ein froher Willkommsgruß vom Himmel herab. Und jetzt, wie gräßlich ist das Sterben, wenn die Erde keinen Trost hat und die Ewigkeit keine Hoffnung! Ein kräftiger Mann, der wildesten einer unter den Waldleuten, streckte jetzt seine Arme aus gegen den funkelnden Sternenhimmel und schrie wild wie ein Ungeheuer auf der See: »Verlassen hast uns, verlassen, Du fürchterlicher Gott!« Allmählich versammelten sie sich wieder um das Feuer und brüteten hin und murmelten Flüche und Gebete, und manchmal zuckte Einer auf, als hätte die kalte Hand eines Unsichtbaren seine Achsel berührt. Sie starrten in das Feuer, das stets neu genährt und geschürt wurde und das in Funkengarben und breiten Bändern auflohte. Der glühende Rauch wölbte sich wie ein Dach um die Heimatlosen, wie ein Dom um die Gläubigen. Sie starrten in das Feuer, als wollten sie dahinein all ihren Jammer vergraben, als wollten sie, wie jener büßende Räuberhauptmann, ihre Herzen darinnen verbrennen, daß die Seele als weiße Taube auffliege gehen Himmel. Was ist das, dort in der Gluth? Es steigt wie aus den Flammen auf? – Die es zuerst sahen, schraken stöhnend zurück und bedeckten ihr Angesicht. Hinter dem sprühenden Feuer erhob sich, als wüchse sie aus demselben hervor, eine menschliche Gestalt, glühend im Scheine der Flammen. Auf dem Felsen stand sie – es war Wahnfred. Finster blitzte sein Auge zwischen den langen Haaren des Hauptes und des Bartes, sein Gesicht war wie ein rothes Dreieck im schwarzen Gelocke. Ein langer dunkler Mantel bedeckte die gestalt und machte sie noch schlanker und unheimlicher. Die Hände waren geballt zu Fäusten, welche sich allmählich lösten. »Sein Geist! sein Geist!« flüsterte die Menge und Einer suchte sich hinter dem Anderen zu verbergen. Da rief mit mächtiger Stimme Wahnfred, der von seinem Berge Niedergestiegene und hier wie aus dem Feuer Erstandene: »Leute von Trawies, fürchtet Euch nicht und trotzet nicht. Ich komme zu Euch und bringe Euch die Gnade Gottes.« Das Murren und Flüstern und Wimmern verstummte. Erstaunt blickten die Einen, höhnend die Anderen über das Feuer gegen den Felsen hin, auf welchem der sonderbare Mann stand. Nichts war vernehmbar, als das Knistern der Gluth und das Rauschen des Wasserfalls, bis Wahnfred jetzt wieder seine Stimme erhob und im Ernste und in der Weihe eines Propheten so zu sprechen begann: »Trawies! ich habe Gott gefunden. Er den keines Menschen Segen geben, keines Menschen Fluch rauben kann, sendet mich. Er ist stets bei Euch gewesen, Ihr habt ihn gesehen, aber nicht erkannt. Jede Stunde Eures Lebens ist eine Gnade von ihm; unter dem himmlischen Tage ist keine That, die sein heißer Blick nicht sieht. Ich seid schlecht geworden, weil Ihr das nicht gewußt habt; die Gegenwart Gottes macht nur den selig, der an sie glaubt, und Euch hat man verdammt, da man Euch diesen Glauben nahm. – Leute zu Trawies! Ich gebe ihn Euch wieder zurück. Es ist der alte, liebende, schreckliche Gott. Er hat Euch aufgeweckt in der Morgensonne, er hat Euch geschlagen im Wetterblitz. In der Sternennacht hat er Euch zugeschaut, von den Ampeln des Altars hat er Euch angelacht. Als Euch die Mächtigen verstoßen, hat er Euch umarmt im Flammenring, und er hat seinen Tempel gebaut im Tärn. Ihr drängt Euch jetzt um ihn und wißt, daß sein warmer Athenhauch Euch beschützt. Er ist überall, auch wo sie ihn hassen, er zuckt aus den Wolken, er springt aus dem Stein, er bricht das Eis auf dem Trasank, er weckt die Blumen der Wildwiesen vom Tode auf, er ist der ewige Schöpfer, Ernährer und Zerstörer. Er ist die Kraft und das Licht. Wenn er Euer Auge nicht geblendet hat, Ihr Leute von Trawies, so seht ihn an, er steht vor Euch in seinem Glanze, das Feuer ist sein Lein! Das Feuer ist der sichtbare Gott!« Es ging wie ein Sturm durch die Menge, ein innerer Frühlingssturm durch starre winterliche Herzen. Die Flammen loderten still und hoch und verdeckten zeitweise die schwarze Gestalt, die hinter denselben auf dem Felsen stand. Wahnfred ließ die aufgeregten Gemüther austoben und beben, dann hob er seinen Arm und fuhr fort: »Falsche Propheten wollen den Menschen die Liebe und Dankbarkeit für Gott entreißen und sagen, das Feuer sei höllisch, sei das Reich des Teufels, sei die Strafe des Bösen. Einen von diesen Propheten hat Trawies getödtet, so haben sie uns verdammt, haben uns fesseln wollen mit dem Ring der Hölle, haben nicht geahnt, daß sie mit den Flammen ein Reich Gottes umgrenzen, außerhalb welchem die hoffärtige, arge Welt sich herrisch breitet, innerhalb welchem die Armen und Glücklosen durch das Feuer gereinigt werden sollen. – Leute von Trawies! Ihr habt die himmlische Gnade mißkannt. Es giebt einen Weg, der durch Rosen zur Hölle führt, den wandelt die Welt, es giebt einen Weg, der durch Elend und Jammer zur Hölle führt, und den seid Ihr gegangen. Wo steht Trawies? Es steht an der Grenze zwischen Erde und Hölle, denn es hat geraubt und gemordet, Unzucht getrieben und Unheil gestiftet überall. Wer mich heute nach dem Thale der Missethaten fragt: ich zeige auf Trawies. Weinend thue ich es und mit zitternder Hand. Man möge mir die Augen blenden, wenn ihre Thränen nicht aus Herzeleid rinnen; man möge mir den Arm abhauen, wenn er sich nicht ausstreckt, um Euch zu retten! Der Gott unserer Väter, der zu uns gekommen war in den Funken unseres Ahnfeuers, der gehütet worden war mit Treue und Frömmigkeit, wo ist er? Den Feuerwart habt Ihr sterben lassen im Elend, sein Haus habt ihr geschändet, und wenn ich Euch frage: wo ist das Feuer? Was habt Ihr Antwort? Ihr habt es verfolgt und verhöhnt und verlöschen lassen, und wollt nun, daß es Euch schütze. Wenn Ihr sagt, die Welt hätte Euch Gott genommen, so lügt Ihr. Wehr als Ihr selbst hat ihn verbannt aus dem Thale der Trach? In finsterer Nach, begleitet von einem hilflosen Kind, ist er geflohen in die Wildniß, so wie nach der Schrift das Jesukind vor Herodes floh. Ein einziger Mann hat noch gelebt in der Einsamkeit, hat gebetet und die Gottessehnsucht bewahrt im Herzen; zu diesem kam das heilige Licht, das Ahnfeuer, herangezittert, und er hat es aufgenommen, es ist die Gnade gekommen und er hat es erkannt, hat es gewahrt und angebetet und kommt nun zu Euch mit der Botschaft, daß es lebt und nicht fern ist. Ja Ihr Leute von Trawies, nun sehe ich Eure Augen leuchten, als wäre Gott in Euch. Aber ich sage Euch, noch ist er es nicht. Er der Allgegenwärtige ist dort nicht, wo die Herzen kalt sind, wo keine Freude ist und keine Hoffnung und keine Liebe. Er ist dort nicht, wo das Mißtrauen wohnt und die Furcht und die Verzweiflung. Jetzt, da Ihr in den Lüften das Schrillen der Schaufel höret, womit eine unsichtbare Hand das Grab gräbt, jetzt sind Eure Begierden gedämpft. Aber ich fürchte, daß die Flamme, welche über Eurem Haupte den Pesthauch verzehrt, nicht Eure entarteten Herzen erwärmen wird. Denn Ihr seid schlecht geworden. Und so ist es tausendmal besser, o gerechter Goot, Du lassest hinsterben, was nicht leben soll.« »Nein,« riefen jetzt Einige der Versammelten, »leben! Leben!« »Nur leben!« Rief die ganze Menge, und Viele stöhnten und Viele knieten vor dem Feuer nieder und begannen zu beten. »Jetzt betet Ihr,« fuhr Wahnfred fort, und seine Stimme wurde immer heller und gewaltiger, »jetzt, da in den Häusern, wo Ihr gesündigt habt, die Leiber mancher Eurer Genossen hingestreckt liegen, wo Ihr dürstend die Quelle flieht und der Waldluft nicht mehr traut, die Ihr athmet, jetzt betet Ihr!« Sie unterbrachen ihn, sie Flehten, von der neuen Erinnerung an die drohende Gefahr zutiefst erregt und erschüttert, um Gnade und Erbarmung, sie schworen, von nun an nach Gottes Willen leben zu wollen. Nur Einer war darunter, der hagere Wend vom Gestade, der richtete sich auf und sagte: »Ich will auch leben, aber so lang ich nicht weiß, was Gott verlangt, verspreche ich nichts.« Dem entgegnete Wahnfred: »Gott will daß Du lebest und neben Dir auch Andere. Sei wie das Feuer ist, wenn es Dir gefallen soll – sei warm, so wirst Du Dir und Anderen zur Freude sein.« Dir und Anderen zur Freude! das war wie ein Märchenklang aus alten Tagen. »Nicht allein leben wollen wir,« rief aus der Menge ein Stimme, »nicht Anderer wegen ist’s uns zu thun, es soll uns auch selber gut sein. Redlich gesagt, es lüstet uns nicht gar so arg nach Gott, aber den Himmel wollen wir haben.« »Ja,« riefen sie im Haufen, »das ist es, den Himmel wollen wir haben!« »Suchet zuerst das Reich Gottes und die Gerechtigkeit,« sagte Wahnfred, »dann wird Euch der Himmel von selber zu Theil.« »Sollen wir unter Krieg, Hunger und Pestilenz suchen?« versetzte der Wend mit Hohn. »Was gehen uns Krieg, Hunger und Seuchen an!« rief Wahnfred und hatte einen Blick, daß man hätte glauben können, er sei dem Wahnsinn verfallen. »So lange wir leben, achten wir nicht darauf, und sind wir todt, wissen wir nichts davon. Was wir sind und haben, es gehört nicht uns, so können wir es nicht verlieren. Wir genießen es, aber es liegt uns nichts d’ran. Unglücklich ist, wer begehrt, was die Welt selten oder nie giebt. Unglücklich, der sich selbst nicht genug ist, denn er wird in der Jagd nach Anderem sich selbst verspielen. Selig der Genügsame und der Begierdenlose, er wird Frieden haben und schuldlos bleiben. Was kann ihm geschehen? Er ist allmächtig, und jeder seiner Wünsche wird erfüllt, denn er will, was Gott will. – Geht hin, Ihr Leute von Trawies, kehrt mit diesem himmlischen Frieden zurück ins Thal, und Ihr werdet Euch nicht mehr vor der Seuche fürchten – eher als Ihr glaubt, wird sie vergangen sein. Ihr werdet nichts mehr hassen, nichts verspotten und nichts mehr beweinen. Aber die Augen werden Euch aufgehen, Ihr habt erfahren, was die Erde nehmen kann, und Ihr werdet sehen, was sie geben kann. Ihr werdet nicht verhungern. Ihr werdet wieder reuten und ackern; es werden Schloßen fallen auf die Felder, aber Ihr werdet nicht umkommen. Ihr werdet wieder Häuser bauen; sie können zugrunde gehen, anher ihr werdet dem ewigen Licht wieder ein Gotteshaus errichten und kommen, darin zu beten, und Kraft finden zur Geduld. – Das wilde Thier in Euch, an dem alle Flüche haften, an dem alle Laster nagen, nach dem der grimme Tod Jagd hält mit seiner Sense, das Thier schleudert heute von Euch. Menschlich steiget hinab vom Berg, daß Ihr im Thale Menschen findet.« »Wir bleiben im Wald!« riefen jetzt mehrere Stimmen. »Was wollt Ihr im Walde?« fragte sie Wahnfred und stieg vom Felsen nieder. »Bleib’ oben und rede noch von Gott!« baten Einige. »Ihr wollt’ die Stimme des Predigers wieder hören, die altbekannten, angewohnten und lange entbehrten Töne. Ich aber sage Euch, Gott ist nicht im Worte. Gott ist im Werke, und zu diesem will ich Euch führen.« »So gehst Du mit uns?« »Nicht ich mit Euch, Trawieser Leute, jedoch Ihr mit mir. Wehe aber,« rief Wahnfred mit gewaltiger Stimme und aus seinen finsteren Augen schoß es wie Blitzesstrahlen, so daß auch die wildesten Gesellen davor mit den Wimpern zuckten, »wehe Dem, der mir entgegen! Mit mir ist der Allmächtige. – – Steht auf, zündet die Fackeln an. Wir gehen an’s Werk.«     Und nun lautet der Bericht, daß Wahnfred die Versammlung in das Thal geführt und dort versucht habe, Ordnung, Arbeitsamkeit und Gemeinsinn zu stiften und zu fördern. Durch seiner Worte Macht, durch die phantastischen Bilder seiner Rede, durch die Verheißungen und Drohungen, womit er auf die krankhaft erregten Seelen wirkte, gelang es ihm, daß die Todten begraben und die Sterbestädten vernichtet wurden. Er selbst war voran und scheute sich nicht, den Erkrankenden zu nahen, den Sterbenden mit Labniß und Trost beizustehen. Er war ruhelos Tag und Nacht, war Jedem Freund, Arzt und Priester – und blieb am Leben. Für die Verstorbenen hielt Wahnfred im Walde Todtengottestdienste, indem er große Opferfeuer entzünden und an denselben alte Bußlieder singen ließ. Das vermehrte die Wehmuth des Sterbens, aber milderte die Schrecken. Allmählich wurde die Seuche zahmer, seltener wurden die Sterbefälle, mancher Anfall ging in gewöhnlichere Krankheiten über, forderte mitunter auch noch in solchen sein Opfer, verlief aber häufiger günstig. Endlich verlosch das böse Sterben ganz. Unter den während der Seuche Verschwundenen war auch der kleine Baumhackel. Erst in späterer Zeit, als man die alte, verfallene Kirche wieder betreten konnte, fand man am Glockenstrick ein menschliches Skelet hängen, welches für den Überrest des Fauns von Trawies gehalten wurde. – Im Thale war es nach dem Verlöschen der Seuche ruhiger geworden, aber nur scheinbar; über die Grenze kamen immer wieder arge Geschichten. Draußen hatten sie noch lange nicht verziehen und jede Pause, die der Weltunfrieden gab, weckte von neuem den Trotz und den Haß gegen die verbannten Rotten im Walde, die freilich diesen Haß stets von neuem rechtfertigten. Wieder – und zum letztenmale – versuchte Wahnfred eine Anbahnung des Friedens. Wie er daran denken könne! warfen ihm die Trawieser vor, ob er nicht wisse, daß die fremden Ketzer seine Lehre mitsammt dem Propheten und der Gemeinde austilgen würden? Jetzt an seiner Seite stünden sie auf festem Boden und hätten wieder einen Himmel über sich und einen vor sich – jetzt zum Kreuze kriechen? Weniger, als jemals. Einige fingen nun an, die Felder, die seit Langem nur mehr als Weiden für Rinder, Ziegen und Schafe gedient hatten, oder gar als Unkrautwildniß dagelegen waren, wieder zu bebauen. Aber es war keine regelmäßige Arbeit möglich, sie stritten sich um die Grenzen, um die Grundstücke endlich, sie stritten sich um die Knechte und um das Samenkorn, das ohnehin auf dunklen Wegen in die Gegend gekommen war. Es fand sich kein Gesetz, das hier Recht geboten hätte, und fand sich eins – sei es auf einem alten Blatte, sei es im Haupte eines alten Mannes – so wurde es nur von Dem beachtet, dem es Recht zusprach, von dem Anderen aber verlästert und verflucht. Wahnfred, vor dem sie Achtung und eine innere Scheu hatten, war nicht immer und überall zugegen, und so entschied schließlich stets das älteste Gesetzbuch – die Faust. Trotzdem hingen sie mit Wärme, sogar mit Leidenschaft an dem neuen Glauben vom Feuergott. Das Bedürfniß des Volkes nach religiösen Formen ist ja so groß und war zu einer Zeit, da alles Ideale fast nur im Gottescult bestand, noch viel größer als später, da die Köpfe und Sinne mit anderen Aufgaben beschäftigt wurden. Der religiöse Cultus hing damals eng zusammen mit allerlei Aberglauben, ja selbst mit dem Hexenwesen. Eines trug das Andere. Beides war das tägliche Brot der armen Seelen. Menschen, die man aus der kirchlichen Gemeinschaft stieß oder die sonstwie an derselben nicht theilnehmen konnten, verkamen gar bald, fielen einer Richtung anheim, die ihr Dasein gefährdete, schon darum, weil sie dem Scheiterhaufen zustrebte. Die keinen Gott hatten, ergaben sich dem Teufel. Wie Wenigen gelang es, auf Grund alter Schriften, die zufällig in ihre Hände fielen, sich ein eigenes System aufzurichten, das im Einklange mit ihrem Wesen war, dem sie heimlich nachleben konnten und das sie erbaute. Aber selbst mit Solchen nahm es oft ein eigenthümliches Ende. Wahnfred hatte in den Leuten von Trawies die volle Religionsleidenschaft zu wecken gewußt, die nun um so heftiger hervorbrach, je länger sie unbefriedigt geblieben war. Sie schwärmten jetzt für alles was leuchtete, von der Sonne herab bis zum Johanneswürmchen. Nun wußten sie, warum das Feuer so wohlthätig und fürchterlich war. Dem Feuer und der Verehrung, die für dasselbe aufgekommen war, dieser Gottesanbetung schrieben sie das Verlöschen der Seuche zu. Wie sie sonst geweihte Kreuzchen und Amulette aller Art unter ihren Kleidern mit sich getragen hatten, so gingen sie jetzt mit Lichtchen oder glimmenden Schwämmchen um. Wie sie sonst in ihren Häusern zum Gebete vor dem Hausaltar gekniet waren, so knieten sie jetzt um den Herd, schürten das Feuer und sangen. Wie sie sich sonst mit geweihtem Wasser besprengt hatten, so führten sie jetzt einen Funken gegen ihr Haupt und hielten sich für besegnet. Etliche waren den Wahnfred angegangen, daß er an dem vom Feuerwart ihm gesandten Ahnfeuer ihre Herdflammen entzünden lasse; er hatte es verweigert. Solange sie nur einen Formgottesdienst huldigten und nicht auch ihr Leben darnach einrichteten, wären sie des heiligen Feuers nicht werth, und dasselbe sollten sie erst kennen lernen am Tage des Gerichtes, wenn die Welt zu Asche würde verbrennen. Im waldumschatteten Hause auf dem Johannesberge glimmte fort und fort das Ämplein und Wahnfred wahrte es an geborgenster Stätte und ließ es nicht verlöschen. Er hütete es mit Angst vor Dieben. Gegen jeglichen Windhauch war es geschützt, aber eine Fliege konnte es in das Öl stoßen und dämpfen, ein Schmetterling konnte es mit seinen Flügeln ausblasen. – Sein glühendes Auge, so lange hatte es an diesem Funken getrunken, das es plötzlich auf der Welt und im Himmel nichts mehr sah als Feuer. Wie lange hatte er gegrübelt nach der Formel, um das Ungeheuer in Trawies zu beschwören! Und als er sie gefunden und ausgesprochen, war er selber in ihrem Banne. In Nebel versunken waren die Legenden und Evangelien der alten Schrift und über diesen Nebel aufgetaucht war der lodernde Flammenring; seine Seele hatte wie ein Falter die Flamme so lange umflattert, bis sie plötzlich von ihr erfaßt war ... Und die Leute in den Thälern um Trawies, die sich zur Noth in neuen Hütten einzuleben suchten, gingen niedrigen Sinnes, frevelten an sich und Anderen und hielten dann zur Buße den Finger über die Flamme, bis sie vor Schmerz wimmerten. Wenn die Tagen waren, daß Feld und Garten Arbeiter heischten, lagen diese auf dem Bauch um ein Feuer, das sie am Waldrande angezündet hatten, und machten sich weiters keine Sorgen. Wo Mehrere feindlich gegeneinander geriethen, da vertheidigte und schlug man sich mit Feuerbränden. Und Einen gab es dabei, der verordnete, daß, wenn er todtgeschlagen sein, man ihn nicht begraben, sondern verbrennen möge. Das waren nicht die Schlechteren. Das ungezählte Gesindel strich und lauerte in der Gegend umher, wie vor und ehe, ihr Leben war ein Feuer ohne Wärme und ihre Thaten hat kein Lichtstrahl verklärt. Im Trasankthale wurde ein altes Weib abgefangen, welches schon lange im Rufe einer Hexe gestanden. Es war die Kofelarztin. Sie betete die Krankheiten ab, wendete allerlei geheimnisvolle Mittel an und Viele glaubten durch sie geheilt worden zu sein. Als aber die Seuche kam und ihre Kunst gar nicht mehr anschlug und man oft sah, wie sie geheimnisvolles Wesen trieb, wurde sie verdächtig. Ein Hirt vom Traboden war der Erste, der sie eine Hexe nannte. Derselbe begann zu siechen und abzuwelken, und jetzt war es den Leuten gewiß, daß die Kofelarztin »den Teufel brauche«. Man vertheidigte sie: Warum sollte dieses Weib nicht den Teufel brauchen? Alte Weiber sind dazu auf der Welt. Und gar jetzt, wo ganz Trawies dem Teufel angehört! Warum soll Eins nicht tapfer darauf loshexen! Man kam zur Alten, um von ihr zu lernen, doch sie sagte, sie nehme ihre Kunst mit ins Grab. Als nun aber der neue Glauben aufgekommen war und die Leute wieder einen Gott hatten, begannen sie gegen den Teufel feindselig zu werden. Die Alte bäumte sich noch dazu auf und lästerte den neuen Glauben als eine Ketzerei. Sie verfolgten die Hexe, fingen sie ein und schleppten sie nach Trawies, wo man sie verbrennen wollte. Schon versammelten sich die Leute zum Spectakel und trugen Holz herbei und eilten um die Wette, den Scheiterhaufen recht hoch zu bauen, während das Weiblein todtenblaß und geknebelt an einem Baumstamm kauerte und mit stieren Augen den fleißigen Leuten zuschaute. Da kam Wahnfred herbei. Er meinte anfangs, sie bauten ein Haus und freute sich der Emsigkeit seiner Trawieser. Als er aber sah, was hier geschehen sollte, gerieth er in Zorn und rief: »Ist Euer Hirn dahin? Ist die Kofelarztin eine hexe, was wollt Ihr sie in die Arme Gottes schleudern! Wollt Ihr das Feuer verunreinigen? Laßt die Alte laufen, ist sie des Teufels, so entkommt sie ihm nicht.« Sie sahen es ein, ließen das Weib frei und leisteten dem Feuer Abbitte. – Wahnfred hatte lange schon auf Mittel gesonnen, die Leute zu beschäftigen, ihnen eine Art von Frohndienst aufzulegen, der sie im Zaume hielt. Ihr Wahn sollte dabei sein Bundesgenosse und Zuchtmeister sein. Nun er sie beim Schichten des Scheiterhaufens gesehen hatte, kam ihm der Gedanke: Ein Tempelbau. Die Leute von Trawies müssen ihrem Feuergott einen Tempel bauen. Das soll ein Bau werden, wie diese Berge noch keinen gesehen haben, ein festes gewaltiges Haus, aus Urwaldstämmen gezimmert, eine Burg für den Priester und Herrn, ein Hort der Gemeinde, der Kern des neuen Trawies. Aber nicht im Thale soll dieser Bau stehen, wo die Wässer graben, und wo er von der nächsten Höhe aus beherrscht werden könnte. Das alte Trawies mit seiner Kirche soll verfallen, um die Dreiwand soll eine Wildniß wuchern. Das neue Haus wird auf hohem Berge stehen und in der Sonne leuchten wie eine flammende Gesetzestafel. Eine flammende Gesetzestafel! Sollte in dem Haupte des düsteren Wahnfred schon jetzt, da er den Tempel plante, die Ahnung gedämmert haben von dem, was da oben auf dem Berge des Johannes später geschehen ist? Voll des Geistes, Trawies seinem Elende zu entreißen, es zu erheben, zu stärken und wieder der menschlichen Gesellschaft gerecht zu machen, stieg Wahnfred auf den Berg. Der Scheitel desselben war eine kleine felsige Fläche, die nach drei Seiten schroff abfiel. Auf dieser Fläche zeichnete er mit seinem Stabe in Sand und Erde den Grund des Baues.     Ihr blickt den Erzähler fragend an – fragend: welche Wege wird er Euch nun führen müssen? – Es ist tiefe Nacht und zwei Flämmlein sehen wir vor uns dahinflackern. Das sind die Spuren der Gottsucher, der Himmelsucher, diesen müssen wir folgen. Den Propheten des Feuers wissen wir auf dem Berge des Johannes. Aber es ist noch ein Anderer, der seinen Gott und seinen Himmel in einem anderen Feuer sucht – in der Gluth eines liebenden Herzens. Der Sohn des Wahnfred, der mitten in der Öde seiner Abgeschlossenheit tief innen die Leidenschaft der jungen Lust erfaßt hatte, der lebensfreudige, liebesdurstige Erlefried – was ist aus ihm geworden? Seit jener Abendstunde, da er, einer Stimme folgend, hinangestiegen war gegen die Wände des schründigen Torfstein, an dessen Fuße sich zur Zeit der Brand erhob, war Erlefried nicht mehr gesehen worden. Ein einziger Mensch, den er fand, mit dem er war, der sah in nicht, den der war blind. Bertha, die junge Gefangene in der Felsenhöhle, hatte oft und oft versucht, einen Ausgang, eine Erlösung zu finden; aber sie fand sich im Labyrinth der Grotten und Schachte nicht zurecht und war immer noch froh, wenn sie das an die Wand geschmiedete Lämpchen wieder schimmern sah und sie tief erschöpft niedersinken konnte auf ihr weiches Lager. Sie hatte aufgehört zu sinnen und zu grübeln, warum es so mit ihr sei, sie glaubte nicht mehr an das, was sie sah und empfand, hielt alles für eine Täuschung der Sinne und hatte sich vertraut gemacht mit dem Gedanken: die Nacht des Wahnsinns sei über sie gekommen. »Du närrische Bertha,« so sprach sie häufig mit sich selbst, »was peinigst du dich so, du bist nur krank. Das ist der Johannesberg, und das ist das Haus und die Stube, und das ist nicht der Schreckliche Mann, das ist die gute Mutter, die dir das Bett macht und das Haar flicht. Mußt es mir nicht für Übel halten, Mutter, daß ich so ungeberdig bin, ich bin so viel krank und es kommen mir Sachen vor, daß es ein grausen ist. Diese Höhle, wenn ich mir nur die einmal aus dem Kopf schlagen kunnt, und wenn ich den fremden Menschen nicht immer an der Seiten hätt’, er grinst so, er sagt, er ist der Teufel, ich glaub’s schon, ich glaub’s. – Im Gottesnamen, ich mach’ die Augen zu, Mutter, mußt nicht weinen.« Da war’s aber doch an jenem Tage, als der Wald zu brennen anhub, als ihr unheimlicher Wirth nicht kommen wollte und sie zu hungern begann, daß sie neuerdings nach einem Ausweg spähte. Sie trieb sich fort in den finsteren Löchern, sie kletterte und kroch, und wo der Weg aufhörte, da riß sie lockere Steine von der Wand und grub und Grub, als wollte sie sich noch tiefer in den Berg hineingraben. So trieb sie’s eine Weile, bis mit einemmale die Wand vor ihr zusammenfiel und ein greller Blitz an ihr Auge schlug. Aber nur ein einziger kurzer Strahl; derselbe Augenblick, der ihr das Tageslicht wieder gezeigt, stieß sie in die ewige Nacht – zerstörte ihre in der langen Dunkelheit geschwächten Sehnerven, machte sie blind. Sie fühlte es alsobald, wie das jetzt anders war, sie fühlte das Licht, sie athmete die klare Luft, sie empfand es: die Freiheit war da! und sie konnte nicht sehen. Es war nicht mehr die Nacht mit dem schwarzen Schatten und dem mattrothen Scheine der Lampe, es war das Grau eines undurchdringlichen Nebels, in welchem eine Weile noch bunte Sternchen kreisten und sich der plötzliche Strahl noch nachspielte in mannigfaltigen Formen, bis allmählich alles verschwamm und alles verdämmerte und nichts mehr war als grau und grau. Bertha schmiegte sich an den Felsen, denn sie hatte mit ihrem Fuße einen Abhang getastet, sie klammerte sich an einen Stein und rief um Hilfe. Das war der Schrei, den Erlefried am Teufelssteine vernommen hatte. Er glaubte, Sela, die ihn im Walde verlassen, werde ihm nun zugeführt und rufe ihn; er war sehr erstaunt, als er hoch am Felsenhang das fremde, blasse, dürftig gekleidete Mädchen sah. Als sie seine Schritte hörte, rief sie nicht mehr, kauerte bewegungslos da. Der Abend war schon dunkel und am Himmel glühten Sterne. Erlefried sah nicht empor. Er strebte mit ausgebreiteten Armen dem Weibe zu. Lange währte es freilich nicht, so wurde ihm klar, welch ein elendes Wesen ihm wimmernd in die Arme gesunken war. Abgezehrt bis zum Tode, blind, wahnwitzig war sie – so hatte er dieses Mädchen gefunden. Sie weinte, als sie seine junge warme Hand empfand, sie klammerte sich an den schlanken, behendigen Leib, sie betete laut und sie redete von Dingen, die er nicht verstand. Er geleitete sie mit Mühe den wüsten Steig hinab zu Thale. Als sie am Bette des Baches standen und er im vertrockneten Sand nach Wasser späht, um sie zu laben, sah er auf der Wand des Torfstein den rothen Schein, der nun Nächte lang auf dem-selben schimmern sollte, sah die finsteren Wirbel des Rauches himmelan fahren. Fliehen, fliehen! mit Noth entkam er und rettete das Mädchen für den Augenblick. Zwischen den kahlen Stämmen wankten sie fort, Erlefried schleppte sie. Das aufstrebende Feuer warf ihnen durch das Gehölze manches Streiflicht vor die Füße. Aber als der Wald finsterer wurde und ringsum die stille Nacht war, da ließ der junge Mann seine Last auf das Moos gleiten. Regungslos, athemlos lag sie da. War sie ohnmächtig? War sie todt? – Nun kniete er neben ihr und das heißersehnte Weib lag vor ihm. Wo aber war seine glühende Begierde nach einem Kuß! Eiskalt wehte es ihn an, eiskalt bis ans Herz. Eine andere Wärme jedoch begann da drinnen, wo Gluth und Kälte gekämpft hatte, zu thauen, und der Thau schimmerte in des Jünglings Auge. Er beugte sich über das Wesen und am Frauenmunde suchte er nun nicht den Kuß, sondern die Spur des Lebens, den Athemzug. Sie athmete. In den Erl- und Haselnußgebüschen brach er Zweige und hüllte damit die Schlummernde ein. Zwei Schritte von ihr legte auch er sich hin und wachte, und sann nach, bei wem er wohl wache, wie das war und wie das werden sollte. Endlich kam er mit sich überein: Das ist das Spiel des Bösen; der Teufel hält Wort; aber er ist falsch, nun höhnt er mich. Für solchen Lohn, als da jammervoll und im Bettelgewand liegt, wär’ mir meine arme Seele nicht feil gewesen. Gieb mir sie zurück, Höllenhund, meine Seele will ich wieder haben! Das Mädchen stöhnte und schlief. Erlefried wollte beten und konnte nicht. Wohl stammelte er die Worte seines Abendsegens, wo aber waren seine Gedanken? Beim Teufel. Das Gebet war todt wie ein Gerippe, seelenlos – die Seele war einem Anderen verschrieben. – Auf seiner Stirne stand der Schweiß, ein Frosthauch ging durch seinen Leib. Dann wendete sich Erlefried auf die andere Seite und dachte, aber recht für sich und im innersten Winkel des Herzens, daß es der lauernde Satan ja nicht sollte vernehmen können: Du betrügst mich und ich betrüge Dich wieder. Ich bin noch nicht Dein, das bin ich erst zum Trawieser Gottleichnamstag, wenn Neumond ist. – Na gute Nacht und laß mich in Ruh. – Was böses Gewissen! Das junge Blut hatte nichts Böses gethan, es sank bald in einen gesunden Schlaf. Stundenlang war Frieden, da weckte ihn ein seltsames Krachen und Brausen auf. Erlefried sprang empor, hörte es, sah es: rother, wogender Schein ringsum – das Feuer war da. Es war kaum noch Zeit, das Mädchen aus seinem Schlafe zu reißen; sich zu besinnen aber, ob es nicht besser wäre, dieses Teufelsspiel hier liegen zu lassen und allein zu fliehen, dazu war gar nicht mehr Zeit. Weder an Gott noch Teufel denkend, zog er die Taumelnde mit sich fort, da über ihren Häuptern die Funken flogen. Sie entkamen der Gluth, aber nicht der Noth. Tagelang irrte Erlefried rast- und rathlos mit dem blinden Mädchen umher. Hunger bei Tag und Frost bei der Nacht waren ihre Genossen. Erlefried sah an dem Mädchen nun nichts Anderes mehr, als ein sieches, elendes Wesen, das er nicht verlassen konnte. Wohin aber mit ihr sich wenden? In Trawies durfte er sich nicht zeigen, er wußte auch, daß man dort alles suchen dürfe, nur nicht Hilfe. Sollte er in das Haus des Bart zurückkehren? Der Bart wird ihn fragen, woher er diese Begleiterin habe, Sela wird ihn fragen, wieso er zu diesem Geschöpfe gekommen sei? Kann er sich verantworten? Wird es nicht an seiner Stirne stehen, so wie sein Name blutig auf dem Felsklotz in der Wildniß steht, wie weit es mit ihm gekommen ist. Er kann der Geliebten nicht mehr ins Auge blicken, er kann nicht mehr zurück in das Haus seines Nährvaters. Soll er sich im Walde herumtreiben, sich und seine Genossin mit wilden Früchten nähren? Der Wald brennt und alles Lebendige, das noch in ihm ist, flieht. Kann er den Flammenring überschreiten und bettelnd durch das Land ziehen? Draußen drohen die Pfähle. Und doch, wenn er will, er kann’s, nur verlassen kann er das Mädchen nicht, das er auf so seltsame Weise gefunden hat. Es ist ihm eine harte Last, das leugnet er sich nicht. Mancher der das paar schwerfällig dahinwandeln sieht, oder wortlos sitzen auf einem gestürzten Strunk, denkt sich allerlei, nur nicht das Richtige. Daß sie Bruder und Schwester sein könnten, daran denkt Keiner – es wäre ein langweiliger Gedanke. Das Mädchen hatte den Erlefried gefragt, wer er sei. »Ich heiße Erlefried und bin des Schreiners Wahnfred Sohn,« antwortete der Jüngling rasch und freute sich, daß sie redete. »Des Schreiners vom Gestade?« lispelte sie nachdenkend, »das ist ja Der, welcher den Pfarrer umgebracht hat. Und Du bist sein Sohn Erlefried?« »Der bin ich.« »Bist Du es wirklich?« Sie befühlte seine Hand, sie betastete seinen Leib. »Bist Du es wirklich?« »Ich bin’s; weshalb sollte ich’s nicht sein?« Hierauf antwortete die Blinde: »Ich habe es ja geahnt, daß ich gestorben bin.« »Ich lebe, so wie Du lebst – in der anderen Welt.« So sprach sie, dann schwieg sie stundenlang und brütete und ließ sich willenlos von ihm leiten. Er war nun überzeugt, daß sie dem Irrsinne verfallen, und jetzt wuchs sein Mitleid. In einer verlassenen Hirtenklause des Birstling hatten sie sich niedergelassen und der Jüngling sammelte Brombeeren, Preiselbeeren und andere Waldfrüchte, die er zu kochen wußte. Als Bertha das Herdfeuer fühlte, begann sie zu weinen. Auf seine liebevolle Frage nach der Ursache antwortete sie, daß sie an ihre Mutter denke. »Wir müssen ihr ja begegnen, sie ist schon lange da. Wenn Du sie siehst, so führe mich zu ihr.« Und nach einer Weile fragte sie: »Weißt Du, was mit Deinem Vater geschehen ist?« »Der lebt auf dem Johannesberg.« »So!« Rief das Mädchen und richtete sich auf, »dann hat er auch meine Mutter umgebracht. Sie hat auf dem Johannesberg gewohnt. O, Ihr seid Mörderleute. Erlefried, geh und laß mich allein! Bin ich denn verdammt, daß ich mit Euch muß sein!« Und einmal, während sie aß, lachte sie auf und rief: »Ich will mich hell verwundern, daß hier Vieles noch so ist, wie es dort gewesen. Hast denn auch Du Hunger? Willst auch Du noch essen und trinken? Schau, und bist lang schon gestorben.« »Wer hat Dir gesagt, daß ich gestorben bin?« »Das haben die Trawieser Leut’ gesagt, und daß Dich beim Bart vom Tärn die Räuber hätten erschlagen.« Nun freilich war ihm wenigstens ein Theil ihrer wunderlichen Worte klar. Allmählich offenbarte aich ihm diese arme Seele ganz. Ja, sie bildete sich in ihrem Wahne nichts Anderes ein, als daß sie im Fegefeuer sei, und er vermochte es nicht, sie zu erleuchten. Dann athmete sie doch wieder auf und griff mit ihren Händen in die Luft hinein und murmelte: »Ja, das ist ganz wieder, wie das süße Leben. Wüßte ich nur, ob ich das Sterben noch vor mir habe!« Er wußte es. Nur das wußte er nicht, ob er sie erfreuen oder betrüben würde, wenn er ihr die Wahrheit sagte. Und weiß auch kein Mensch, wie es besser wäre, den Tod vor oder hinter sich zu haben. »Du mußt jung und schön sein,« hauchte sie ihm einmal zu, »ich möchte nur wissen ob dahier in der anderen Welt das Liebhaben auch Sünde ist.« »Traurig, wenn’s keine wär’,« bemerkte der Bursche und spielte mit einer Kohle, »nicht sündig – nicht lustig.« »Du hast auf der Welt gewiß eine Liebste gehabt?« »Kind, ich habe sie noch,« antwortete er, »und will sie erst recht haben.« Darauf schwieg sie, schwieg und weinte die ganze Nacht. Erst gegen Morgen wurde sie still und Erlefried, der auf seinem Lager aus Heidekraut eine peinvolle Beklemmung empfunden, konnte nun schlafen. Als er erwachte, lag die durch die offene Thür fallende Sonnentafel auf seinem Bette. ‘s ist heller Tag, wie ganz anders schaut jetzt wieder die Welt aus, als in der schweren finsteren Nacht! Die Bangniß ist weg, der Kummer verschwunden. Des blinden Mädchens Ruhestätte war leer. Hat sie sich hinausgetastet und sitzt auf dem Stein, um im freien Morgen des Leidens zu vergessen? – Erlefried erhob sich und trat aus der Hütte. Aber das Mädchen sah er nicht. Im thauigen Grase folgte er den Spuren menschlicher Tritte, sie führten im unregelmäßigen Zickzack zwischen Bäumen hin, an Büschen vorbei und endeten an einem schroffen Abhang. Tief im Grunde lag sie – auf blutigen Steinen. Es ist nicht offenbar, wie die unglückliche Bertha den Tod gefunden. Hat sie ihn gesucht? Dann muß sie an jenem Morgen bei Vernunft gewesen sein, denn in ihrem Wahne hatte sie ja schon in der anderen Welt gelebt. Wollte sie, die Blinde, vor Erlefried fliehen, weil sie ihn haßte oder – liebte? und war sie auf ihrer Flucht verunglückt? Erlefried wollte laufen, so weit ihn die Füße trugen, so unheimlich war ihm. Als er sie berührt hatte und sah, wie sie starr und kalt war, vermochte er keinen Blick mehr auf ihr Angesicht zu werfen. Er riß Fichtenäste ab, im Birstling waren sie noch grün und buschig, und bedeckte mit denselben den Leichnam, bis nichts mehr zu sehen war, als ein Hügel von Reisig auf dem Felsgrund. Dann begann er und trug Steine zusammen, so groß, als er sie zu schleppen vermochte, und baute um den grünen Hügel einen Wall und deckte ihn mit Steinen, bis ein breiter, hoher Kegel dastand, zu dessen Spitze er selbst kaum zu reichen vermochte, als er – am dritten Tage seiner Arbeit – den letzten Stein darauf legte. Das war ihr Begräbniß. Ein anderes konnte ihr Erlefried nicht geben, denn er hatte weder Spaten noch Hacken, um ihr ein Grab zu graben. Und als er diese Gruft vollendet steckte er als stilles Bekenntniß, daß er weder sich noch die Todte als verloren betrachte, ein hölzernes Kreuzlein auf die Pyramide, und der erste Beter, der vor diesem Kreuze kniete, war er selbst. Es hatte sich in die Tiefe seines Herzens Angst eingenistet seit jenem Abende, da er Blutstropfen auf den grauen Stein fließne ließ; aber das Kreuz war immer noch seine Zuversicht und sein Vertrauen. Dann verließ Erlefried die Todtenhütte im Birstlingwald und kehrte nie mehr zu ihr zurück. Die jüngsten der Bäume, die damals in diesem Walde sproßten, sind heute als der Urstämme älteste im Vermodern, aber unter einem Felshange ist noch der Steinhügel mit Rasen und Schlingpflanzen überwachsen zu finden, unter welchen eines der unseligsten, unschuldigsten Opfer des verworfenen Trawies begraben liegt. Erlefried wandelte im Wald dahin. Die Rauchschichte über dem Tärn war endlich vergangen. Leute, die ihm begegneten, hatten bestürzte Gesichter und erzählten, daß in Trawies der Spaß jetzt aufgehört habe. Sie erzählten vom großen Sterben. Ob die Seuche auch auf die Höhen des Bart am Tärn gedrungen sei? Das Haus des Bart stehe leer, berichtete man ihm, die Inwohner seihen geflohen. Jetzt war das letzte Band gerissen. Erlefried sprang über die Grenze, den Flammenring geheißen, hinaus, ging gelassen an den Henkerspfählen vorbei, die an der Markung der Ortschaften und Schlösser standen, und sprach in den Häusern zu. Er bat um Wegzehrung und fragte überall an, welchen Rath man ihm geben könne in Bezug auf Trawies. Er sei nämlich auf dem Wege nach Trawies. Was er dort suche? Er sei von dort gebürtig, sei aber in seiner frühen Kindheit durch einen Vetter, der Priester gewesen, nach Neukloster gebracht worden und die Zeit her dort Laienbruder gewesen. Aber sein unglückseliger Heimatsort, was man von ihm höre, dauere ihn gar sehr, er könne es nicht glauben, daß die Trawieser Leute so sehr entmenscht geworden, und seine Absicht wäre, zu gehen, um die Dinge zu untersuchen und vielleicht eine Vermittlung und Rettung anzubahnen für das, was noch zu retten wäre. Man rieth ihm entschieden ab. Trawies sei eine Räuber- und Mörderhöhle, da lasse sich gar nichts machen, als auf der Hut zu sein, daß Keiner hervorbreche, des Weiteren aber ruhig abzuwarten, bis sich die Rotten und Banden gegenseitig selbst vertilgt hätten. Vielleicht auch übernehme es ein Größerer, der gottlosen Brut noch eher, als man glaube, ein Ende zu machen. Mit anscheinendem Widerwillen gab dann der schlaue Bursche seinen Plan, nach Trawies vorzudringen, stets auf, indem er anscheinend den Rückweg antrat, während er doch immer vorwärts kam hinaus ins Land, wo sich die Gefahr, als Trawieser erkannt und gerichtet zu werden, mit jedem Tag verringerte. Endlich war er auf der Ebene und die Berge seines Waldlandes standen nun in fernen, blauen Zacken. In einem großen Meierhofe fand er Platz als Knecht, und dort verbrachte er den Winter über ein geregeltes, arbeitsames Leben. Wie oft dachte er an Sela! Und da machte er an sich eine Erfahrung, die ihm viel zu sinnen gab, und gern hätte er wissen mögen, ob es Anderen auch so ergehe. Nur wenn sein Gram schwieg, wenn er sich zufrieden fühlte, konnte er mit heißer Sehnsucht an das Mädchen denken. War ihm weh, flog ihn die Stimmung der Trostlosigkeit an, da wollte ihm Sela’s Bild schier vergehen. Wer frägt, ob das die rechte Liebe ist, dem sei die Antwort: Ja. Die Liebe will nur glücklich machen und Seligkeiten des Herzens verschenken. In Elend und Jammer hat sie keinen Boden und keinen ihr eigenen Wirkungskreis. Sie mag dem Geliebten das leid ab- und es auf sich nehmen, aber sie wird schwer in ihm einen Mitträger eigenen Schmerzes suchen. Das Glück wird der Liebende dem Geliebten geben; das harte und Wehe wird er in sich selbst vergraben, wird sich absondern, wird vielleicht nach dem Freunde suchen, der ihm tragen hilft. Die Liebe für sich liegt zu solcher Zeit im Winterschlafe, wie Vöglein den Winter über in hohen, blätterlosen Bäumen schlafen. Und einst, wenn Frühling wird und es wieder Freude zu verschenken giebt, wach sie auf. – Echte Liebe sucht sich nur fürs Glück Gefährten. Der Dienstherr war mit dem flinken, fleißigen Burschen wohlzufrieden, aber dieser selbst war es mit sich nicht. Eine Unruhe war in ihm, gerade so, als ob der böse Feind in ihm Hause. Erst seit dem letztvergangenen Herbste fühlte er, daß Gott verloren war – für Trawies und für ihn selbst. Allerlei Begierden und Leidenschaften waren wach; er suchte sie nicht mehr zu bekämpfen, denn er wußte, wem er sich verschrieben. Tagsüber verfolgte ihn eine tiefe Bangigkeit, ohne daß er den Grund derselben kannte, und des Nachts schreckte er oft plötzlich vom Schlafe auf, als hätte sich eine kalte Hand an seine Brust gelegt. Jene süßen Träume aus der Kindeszeit am Gestade, von seinen heiteren Spielen, in welchen er eine Welt gefunden, von seiner Mutter, welche ihn geleitet wie ein Engel, von seinem Vater, in dessen religiösen Gesprächen er den Himmel offen gesehen und darin in ewiger Majestät sitzend den großen heiligen Gott – diese Träume, die ihn sonst fast jede Nacht heimgesucht hatten, um dem Jüngling, dem verbannten Sohne eines verbannten Vaters, stets ein Stück jener goldenen Zeit wieder zu bringen, sie waren seit dem Tage, da er sich im Rausch der Begierde auf den grauen Stein schrieb, nicht mehr erschienen. Die Vergangenheit war ihm ein versunkenes, verlorenes Paradies. Dafür hatte etwas ganz Anderes Besitz genommen von seinen nächtlichen Stunden. Da kauerte an seinem Bett der alte Roderich mit den stechenden Augen. Anstatt den Händen hatte er Klauen und mit diesen Klauen schürte er glühende Kohlen auf einen grauen Stein, und aus der Gluth rieselten Blutstropfen hervor. Dann wieder grinste der Alte zu Erlefried auf und flüsterte ihm lüsterne Worte zu und stäubte aus den Kohlen Funken auf seine Glieder, daß diese zuckten und der Schläfer erwachte und Fiebergluth in sich empfand, daß er meinte, er müsse aufspringen und nach Genossen suchen, um den brand zu bekämpfen. Wieder ein andersmal lag es wie ein Berg auf seiner Brust und erwachend hörte er eine laute Stimme: »Thust Du, was Du willst, Du bist mein!« Die Leute, mit denen er war, hatten den hübschen, stillen, gutmüthigen Burschen alle gern; aber zwei Kinder waren im Meierhofe, die schlossen sich ihm nicht an, sie fürchteten sich vor ihm. Sie fühlten es, daß seine Heiterkeut eine erzwungene, sein Spiel mit ihnen ein seelenloses war. Er stierte oft so wunderlich vor sich hin, dann lachte er wieder so grell auf, dann war er wieder so blaß – er war ihnen unheimlich. Wenn das Gesinde zu Tische oder zum Abende laut betete, daß die Stimmen wie Glockenläuten melodisch ineinander klangen, war seine Stimme gedämpft oder übermäßig laut und seine Finger klammerten sich krampfhaft aneinander. Asu der Kirche kehrte er jedesmal trübsinniger zurück, als er in dieselbe getreten war. Anfangs that ihm Glockenklang und Orgelton und der in Weihrauch mild verschleierte Kerzenschimmer unsäglich wohl. Er fühlte sich neu geboren und neu getauft. Aber als er einst am heiligen Tische kniete und der Priester auf seine Zunge die Hostie legte, da wurde es dunkel vor seinen Augen, er bedeckte sein Angesicht mit den Händen, wankte und murmelte: »Jetzt habe ich den Tod gegessen.« Am heiligen Ostersonntage war’s, da hörte er eine Predigt von dem todten und begrabenen Heiland. »Ihr Menschen, die Ihr ihn mit Eurer Sünde getödtet und begraben habt; Ihr verlaßt die heilige Gruft und geht den Weltfreuden nach. Aber zwischen den Schätzen und der Luft dieser Welt werdet Ihr glücklos irren, werdet hungern und dürsten und nicht gesättigt sein, werdet Euch selbst verzehren, werdet verloren und verdammt sein. Selig, der noch zu seiner Stunde umkehrt zu seines Heilandes stillem Grab. Die Thränen der Reue werden tönend auf die Felsgruft fallen und den Heiligsten erwecken. Er wird auferstehen und seine Liebe und Gnade dem Menschenkinde wieder schenken. Darum, Du armer, gottloser, gottverlorener Sünder, heute, an diesem glorreichen Tage des Sieges wende Deine Wege, kehre um, und dort suche Deinen Gott, wo Du ihn verloren hast.« Diese Worte des Predigers schlugen tief in das Gemüth des träumerischen Jünglings und er beschloß, zurückzukehren nach Trawies. Er sagte sich, daß er Antheil habe an der Schuld seiner Heimatsgemeinde, und, daß er ein treuloser Wicht sei, wenn er sich der Sühne entziehen wolle. Stets gefesselt im Wahne, dem Bösen verfallen zu sein, war er nun entschlossen, sich demselben wieder zu entringen, jenen Namen, den er auf den stein geschrieben, auszulöschen. Andererseits hatte ihn, das Kind der Berge, Heimweh erfaßt, Heimweh, die dämonische Macht, die schon Manchen aus besseren Gehenden in die Leiden und das Elend der Heimat zurückgezogen hat. endlich hatte ihn die Sehnsucht gepackt nach dem Hause des Bart am Tärn und seinen Bewohnern, die Sehnsucht nach Sela, der lieben Verlassenen. Sie muß ihm verzeihen, sie ist sein Engel, in ihre Arme will er sich flüchten ... Erlefried trat vor seinen Dienstherrn hin: »Habet Dank für das Gute, das mir in Eurem Haus zu Theil geworden ist. Nun will ich wieder davongehen.« »ich weiß es wohl,« antwortete der Bauer, »aber bis zur Hochzeit wirst Du Dir bei mir doch Zeit lassen.« »Bis zu welcher Hochzeit?« »So! Du gestehst es heute noch nicht ein? Wollt’ mich gefreut haben, Erlefried, wenn Du mich werth gehalten hättest, daß ich Deine Sach’ nicht erst von fremden Leuten hätt erfahren müssen. Aber so seid Ihr jungen Leut’, vermeint weiß was für ein geheimniß in Euch zu hüten, dieweilen weiß es der ganze Haus. Bigott, ‘s ist viel von Dir, daß Du alle Anderen ausgestochen hast, ‘s ist viel! Vermeine schier, das kommt, weil Du im Kloster bist aufgewachsen. Donners-Junge, wie Du dahstehst! Nun, ich wünsche Dir Glück, bist jung, bist brav, bist gut genug für sie.« Der Bursche schaute drein. Mit Mühe wurde es ihm klar, was dahinter stak. Nachbar Erhard hatte eine Tochter, die schöne Trull genannt, des Bauers einziges Kind und heiratsmäßig. Aber stolz! Sie gehörte zu Jenen, die darauf aus sind, den Männern das Herz zu brechen. Sie wußte Manchen anzuwärmen, um dann plötzlich ihren Spott wie einen eiskalten Sturzbach über ihn zu gießen. Als ihr aber Keiner mehr anbiß, sagte sie ganz laut: In der Gegend gefiele ihr Keiner! Seit Erlefried in der Gegend war, sagte sie es nicht mehr. Sie lauerte dem Burschen nach und that es so auffällig, daß alle Leute es merkten, bis auf Einen: Erlefried merkte es nicht. Und als es ihm nun laut und deutlich gesagt wurde, die schöne Trull habe ihn lieb, wollte ihn heiraten! Da kam eine wunderliche Freude in sein Herz, er wußte nicht, was er that, er lief allsogleich ins Haus des Erhard und fragte der Trull nach. Der Erhard war nicht mehr jung, empfing den Burschen gar freundlich und konnte nicht genug sagen, wie es ihn freue, daß der junge Knecht des Nachbars, von dem er schon so viel Braves gehört habe, sich endlich einmal in seinem Hause sehen lasse. Ja so, die Trull suche er, na, die würde sich erst recht freuen, sie sei in ihrer Kammer, er möge nur eintreten. – Die Trull war nicht mehr in den Jahren, in welchem das Mädchen unwillkürlich erröthet, wenn ein junger Mann eintritt, sie erröthete daher etwas willkürlich, aber deshalb nicht minder reizend. Auch schlug sie die Augen nieder – und schön war sie wirklich. Erlefried müßte nicht vom Teufel besessen gewesen sein, hätte er den guten und braven Gedanken, mit dem er eingetreten war, ganz rein bewahren können. Aber noch rechtzeitig dachte er daran, was er sich vorgenommen hatte, und so sagte er: »Es geht, meine liebe Jungfrau Trull, ein Reden um bei den Leuten. Sie wird gewiß auch schon davon gehört haben, und wenn es wahr sollt’ sein, daß mich die Jungfrau leiden mag, so müßt’ ich mich überaus freuen. Und müßt’ mich, meine schätzbare und schöne Jungfrau, bedanken für die gute Meinung, und daß ein Mensch wie Unsereiner, dem nichts Gutes anliegt, auf dieser lieben Welt noch Anwerth hätt’. Iust einem Menschen, wie ich bin, möchte das zu tausendmal gefreuen, daß er gar nicht wüßt’, wie er den Dank sollt’ abstatten. Ich kunnt nichts Besseres dagegenstellen, Als Aufrichtigkeit. Ich wollt’ gewiß der Rechte sein und meine Pflicht und Schuldigkeit abstatten – aber ich hab’ halt mein Herz schon verschrieben.« Die letzten worte sagte er gar wehmüthig, man weiß nicht, hat er dabei an Sela gedacht, oder an den grauen Stein im Tärn. Die schöne Trull war rasch aufgestanden und hatte gesagt: »Was geht mich das an? Ich kenn’ Ihn nicht. Ich werde meinen Vater rufen, wenn Er sich nicht allsogleich davontrollt!« Der alte Erhard wußte nicht, wie ihm geschah, als Erlefried still wieder abzog; und die schöne Trull, die arme Trull! Der Chronist hat unterlassen, zu beschreiben, was sie hat leiden müssen. – Und Erlefried wanderte. Eine Weile plagte ihn das Bewußtsein, daß er hier auf dem flachen, sonnigen fruchtbaren Lande ein Glück und eine Zukunft verscherzt habe, und daß er, weiß Gott, unendlichem Jammer entgegengehe. Aber er ging doch, es zog ihn dahin, rascher und rascher stürzte er der unseligen Heimat zu. Nun fragte er Niemanden mehr, wie man ihm wohl rathe. innerlich erbebend vernahm er Kunde von dem Grassiren des schwarzen Todes in Trawies, aber er ging unaufhaltsam vorwärts. trübe und zornig flutheten ihm vom Gebirge her die Frühlingsbäche entgegen, die Bergeshöhen blinkten noch im Schnee, aber darüber lag das unendliche Blau, mit leichten Wolkenschäumen durchzogen, und über dem Haupte des Wanderers zogen die Schwalben gleich ihm den waldigen Bergen zu. Wohl dehnte sich dort über weite Höhungen hin eine graue, todte Fläche, auf welcher kein Baum stand, sondern hie und da gar gespenstig ein schwarzer Strunk aufragte. Das war der Tärn. Selbst das Kreuz, welches nach dem Sterben des Waldes noch lange auf der einsamen Höhe gestanden war, hatten die Stürme des letzten Winters geknickt, hingeworfen das letzte Zeichen von der christlichen Gemeinde, die einst im Frieden der Berge hier gelebt. Erlefried war manchen Tag und manche Nacht gewandert; die Tage waren lieblich, es war in den Maien; die Nächte waren finster, es war zur Neumondzeit. Endlich hatte er die Grenze erreicht. Er stand still und schaute noch einmal in die weite Welt hinaus, noch gehörte er ihr, noch war er frei. Es war ihm zu Muthe, wie dem Selbstmörder, der am Rande des Abgrundes steht: noch einmal schaut er ins Sonnenlicht, noch einmal schreit er auf: Ich kann nicht anders! Und stürzt sich in die Tiefe. Als Erlefried die Markung von Trawies übersprungen hatte, stieß er einen schrei aus, der war wie ein Jauchzen. Mit dem Fuß stampfte er auf die Erde, das war wieder Boden! Heißer rollte in seinen Adern das Blut. Das bange Gefühl des Verlorenseins war weg; hier wird ihn der Böse nicht mehr tückisch umlauern, im Schlaf überfallen, hier wo der Teufel daheim, mag er ihm ganz offen entgegentreten und das ist besser. Er soll ihn in Ruhe lassen, noch ist in Trawies nicht Gottsleichnam! Und wird niemals sein; so wie Wahnfred neue Wege baut, um Trawies in den Himmel zu führen, so wird’s auch sein Sohn. Erlefried will seinem Vater Genosse werden und die neue Straße zu Gott soll nicht mehr über Charfreitag und Frohnleichnam führen. Als Erlefried vom Bergsattel, das Scharfeck genannt, gegen die Engthäler von Trawies niederstieg, hatte er zur Rechten den in jungen Maien mit üppigem Haselgebüsch überwucherten und weiter hin im dunklen Tannengrün stehenden Birstling, und zur Linken die grauen, muldigen Flächen des Tärn, über welchen das Wildwasser stellenweise tiefe Furchen und Löcher gerissen hatte. Im Engpasse, wo der Dürrbach rieselte, waren Männer, die arbeiteten. In Trawies arbeitende Menschen! Das war ein gutes Bedeuten. Sie räumten einen alten, in den letzten Jahren durch Verschüttung und Überwucherung unfahrbar gewordenen Weg aus. Die großen Steine schafften sie seitab, die kleinen zerschlugen sie mit eisernen Schlegeln, krauten dann Erde d’rauf und überlegten alles mit Moos und Rasen. Sie waren emsig dabei, und dort, wo die Engschlucht endet und eine Wand aufsteigt, und wo hoch am Hange die Bäume überhingen, daß es in der Schlucht schier dunkel war, dort bauten sie au Steinen eine Art von Tisch. Einer der Männer hatte sich aber abseits gestohlen und streckte im gebüsch alle Viere von sich. Diesen bemerkte Erlefried und nahte ihm. Sogleich erhob sich der Faulenzer, aber Erlefried sagte ihm, er möge sich seinetwegen nicht aus der Ruhe bringen lassen, er wolle nur fragen, was man vorhabe, daß in diesem Wildgraben ein so schöner Weg angelegt werde? »Bist Du kein Dasiger?« Fragte der Mann. »Ich komme von draußen.« »So! Na, da sollt’ man Dich eigentlich todtschlagen. Wenn Unsereiner hinausgeht, so geschieht’s ihm auch. Aber neu Zeit haben wir uns Todte genug gesehen, ‘s ist kein Spaß mehr. Zu essen, wenn Du was hättest? Gieb’s willig, ich rath’ Dir’s!« Der Jüngling theilte mit dem Gesellen sein Brot, das er im Sacke hatte. »Ja!« Meinte der Buschmann und schluckte die Bissen, ohne sie zu kauen, »wenn wir wieder einmal so ein ordentlich Brot hätten!« »Wenn man arbeitet, wie ich da sehe, so ist man schon auf dem rechten Weg dazu.« »Ha, ha, ha,« lachte der Andere, »von dem, der uns da die Arbeit anmacht, verhoff’ ich mir nicht viel. Was meinst, fremder Prinz, für wen wir diesen Weg schlagen? Du rathest gar nicht? Thust ganz gescheit daran, wäre Schad’ um die Müh’. Das Possirliche ist nur, daß derselbe, für den wir diesen Weg machen, gar nicht darauf gehen wird.« »Also fahren.« »Das ist dir gar ein bequemer Herr! Tragen läßt er sich! Da hockt er und flunkert und frißt, frißt fort und fort, frißt unaufhörlich, nicht ein fingerlang Zeit, sag ich Dir, kann er leben, wenn er nichts zu fressen hat,« »Was das nur für ein wunderlich Thier sein mag!« »Das ist kein Thier, mein junger Herr! bis Du ihn erst kennst, wirst Du Respect vor ihm haben. Will dir’s sagen: es ist der neue Gott. Ja, Kind, Du großes! der neue, der brennende Herrgott ist’s. Ist kürzlich erst aufgebracht worden. Gelt, da weiß man doch wahrhaftig nicht, soll Einer lachen oder winseln.« Erlefried hatte draußen schon vernommen, daß die Trawieser Leute Feueranbeter geworden wären. Er hatte sich anfangs vor dieser Botschaft entsetzt, bei näherem Nachdenken jedoch gefunden: Warum denn nicht? Müssen wir schon von ihm ein sichtbares Zeichen haben, so ist eins so gut wie das andere.Ja, eins ist sogar besser. Das Wasser thät’s auch, aber das Feuer thut’s anders. Wenn man sich nur auch den Teufel malen könnt, wie der Will’. – läßt sich nichts machen. »Der alte Glaube ist nichts nutz gewesen,« bemerkte der Buschmann, »dieweilen das Feuer voreh in der Höll’ ist gewesen, thun wir’s jetzt in den Himmel. ‘s ist so besser. Wir richten uns die Höll ein, wie wir sie brauchen. Versengen läßt sich Keiner gern. Da hat er ganz Recht, unser Schreiner, nächst Zeit, verhoff’ ich, bricht er dem Teufel die Hörner ab, daß er nicht stoßen kann.« Wäre mir nicht unlieb, dachte sich Erlefried, doch, wie es jetzt ausschaut, hat er über mich noch lange keine Gewalt. »Mein Brot hast gegessen,« sagte der Bursche, »und ich weiß noch immer nicht, wie Euer neuer Gott zu diesem Wege kommt.« »kannst Dir’s nicht denken?« Rief der Buschmann, »für das, daß Du von draußen kommst, hast just nicht gar viel Religion. Habt ihr herren von draußen morgen nicht Gottsleichnam? Ich denk’ wohl. Und wir herinnen auch. Desweg ist’s ja, daß wir einen Herrgott brauchen, daß wir unsere Feiertage und festbarkeiten haben. Wir thun’s aber bei der Nacht, muß ich Dir sagen, denn bei Tag hat unser Herrgott keinen Glanz. In der heutigen Nacht halten wir unser Fest. Dies Jahr trifft sich’s gar recht gut, ist die Gottsleichnamsnacht kohlrabenfinster, ganz ohne Mondschein. Der Umgang ist der Brauch, so tragen wir unseren Neuen da in den Berggraben herauf und dort auf den steinernen Tisch – die Lotter, die faulen, haben ihn noch nicht fertig – zünden wir ihn an, daß er Dir schon brennen wird, wie der Teufel. Die Weiber singen ihm Eins vor und so wird’s recht unterhaltlich werden. Du bist sicherlich auch dabei?« Der arme Erlefried. Bei Neumond Gottsleichnam zu Trawies, und schon in dieser Nacht! »Nein!« rief er jetzt aus, »das ist Götzendienst, das darf nicht sein!« Der Andere blickte den aufgeregten Burschen zwinkernd an und murmelte: »O Du Häuflein Menschenfleisch, was willst den Du mit uns?« »Ich bin verloren!« Sagte Erlefried und warf sich auf den Erdboden. Vor seiner Seele stand das grauenhafte Wahnbild, das in jenen finsteren Tagen den Menschen so verhängnisvoll angeboren oder angelebt worden war. Er wälzte sich auf dem Boden und wimmerte, daß sogar dem faulen Buschmann angst und bange wurde. »Was hast denn so jäh?« fragte er, »schier möcht’ man vermeinen, die Pest!« »Die Pest!« sagte Erlefried, »guter Mann, wenn es weiter nichts wäre, wie wollt’ ich meinem Gott danken.« »O Jesu Christi, kann denn noch was Ärgeres sein?« »Die ewige Pest, die höllische Pest! Laß mich, Laß mich fort, Du kannst mir doch nicht helfen.« Der Andere hielt ihn aber fest am Arm und murmelte zwischen den Zähnen: »Auslaß ich Dich nicht. Jetzt möcht’ ich schon wissen, was hier dahintersteckt.« »Gut, ich sag’ Dir’s,« stieß Erlefried hervor und wischte mit dem Ärmel die Tropfen von der Stirne, »’s ist ja weiter kein geheimniß, gehört zu Eurem Fest. In der heutigen Nacht holt mich der Teufel.« Der Andere lachte auf, weil er das Wort für nichts weiter, als eine Redensart hielt. Aber Erlefried belehrte ihn bald eines Besseren. Er erzählte dem mit unendlicher Neugierde und auch mit Theilnahme zuhörenden Buschhocker, daß er sich mit Blut auf den Teufelsstein geschrieben, daß er den Bösen seither oft nächtlicher Weile gesehen habe, und daß nach Wort und Schwur am grauen Stein der Teufel an dem Tage, da in Trawies wieder Gottsleichnam gefeiert werden, von ihm Besitz ergreifen könne. Der Andere faltete seine Hände über das Knie und sagte kopfschüttelnd: »Das ist bös! Das ist sehr bös!« »Meinst,« fuhr Erlefried fort, »daß die Trawieser Leut’ meinetwegen aus Nächstenlieb’ die Prozession unterlassen würden?« Jetzt lachte der Buschmann hell auf. »Man merkt es wohl, mein schöner Jüngling, von wannen Du kommst, die Trawieser Leut’ kennst Du nicht. Wenn sie wissen, daß es noch extra ein Spectakel giebt, halten sie die Procession doppelt so gern. So was macht ja die Feuerlichkeit noch größer.« »Du kannst mir nicht rathen,« sagte der Bursche und wandte sich. »Wohl nicht, nur will ich mich besinnen –« »Laß Dein Besinnen, Dich geht’s weiter nichts an.« »Daß Du nicht bei Laune bißt, junger Mann, das kann ich mir denken, nur mußt ein Freundeswort nicht gleich in den Wind schlagen. Und seit ich weiß, daß Dich der Teufel holen will, bin ich Dein Freund. Wir zwei, wie wir da liegen im Haselbusch, wir sollten dem schwarzen Schelm doch eine Nase drehen. Bei Deiner Jugend müßt’s ein Wunder sein, wenn Du nicht etliche Tropfen überflüssiges Blut hättest.« »Was willst sagen?« fragte Erlefried seelenlos. »Weil ich ein Mittel weiß. Mit Deinem Blut, sagst, hättest Du Dich am Teufelsstein unterschrieben? Ich frag’ nicht, warum, das möchte Dich jetzt leicht verdrießen, ich sag’ nur: soll die Unterschrift null und nichtig sein, so muß sie wieder mit Blut abgewaschen werden.« »Wäre das wahr?« fragte Erlefried gespannt. »Ich hab’s hundertmal gehört und in der Geschichte vom Räuberhauptmann ist’s auch so. Der hat eine ganze Truhen voll Messer gehabt. Und mit jedem von diesen Messern hat er einen Menschen umgebracht. Und wie der Tag kommt, daß ihn der Teufel sollt holen, nimmt er ein Messer ums andere und schneidet sich mit jedem ein Stück vom eigenen Leib, und so lang, bis er todt zusammengefallen ist. In demselben Augenblick ist aus seinem Herzen eine weiße Taube gen Himmel geflogen und der Teufel hat das leer Nachschauen gehabt. Du mein junger Herr, wie Du dastehst, schaust mir nicht aus, als ob du so viele Leut’ aus der Welt gesetzt hättest, das umgekehrte Theil schon eher, so wirst auch nicht viel Stück Fleisch von Deinem Leib schuldig sein worden. Nimm Dir einen Finger ab, wirst damit löschen genug.« »Ich weiß, was ich thue,« sagte Erlefried, stand auf und ging davon. Die Gedanken gewannen bei seiner phantastischen Natur rasch Gestalt. Die Rettung seiner Seele ging ihm über alles. War die Erde auch verloren, so wird er doch in einer anderen Welt seiner Sela wieder begegnen. Hienieden darf er ihr nicht mehr vor Augen treten. Selbsterlösung aus sündigen Banden! Das ist jetzt sein Gottbekenntniß, sein Weg zum Himmel. Er eilt durch den Wald, er eilt über die Steppe, er eilt dem grauen stein zu, wo sein Name steht. Er will den Namen löschen mit Blut.   Auf dem grünen Waldanger liegt der Stein noch heute. Er ragt wie ein kleines Haus und hat stumpfe Ecken und verwitterte Flächen. Er konnte nicht aus der Erde herausgewachsen sein, wie sonst die Leute sagen, wenn durch allmähliches Wegschwemmen des Erdreiches Steine immer mehr bloßgelegt werden. Dieser scheint im Gegentheile immer mehr in den Grund zu wachsen, als müsse er nach dem Volksworte »vor Schand’ neun Klafter tief in die Erde sinken«. Ursache mag er haben, sein Leumund ist darnach. Häufig begegnet man in den Alpen der Sage, daß der Teufel, dem für den Flug in den Himmel die Flügel zu sehr gestutzt worden waren, von der Erde bis ins Reich Gottes eine Stiege bauen wollte, um es wieder zu erobern. Diese Mär ging auch hier. Auf die Spitze des Trasank soll der Teufel von weit und breit das Baumaterial zusammengeschleppt haben. Als der dann baute und mit seinem Bau ins Firmament hinauf kam, war’s dort so fest gewölbt und die Sonne und die Sterne blendeten den Schwarzen derart, daß er sein Unternehmen aufgeben mußte. Darüber arg erbost, schlug er mit seiner Faust so heftig inden Bau hinein, daß die Trümmer in alle Enden flogen. Einer dieser Steine fiel dann in den Wäldern von Trawies zu Boden und wurde der Teufelsstein genannt, und trägt diesen Namen bis auf den heutigen Tag. Für Trawies hat dieser Stein aber noch obendrein grauenhafte Bedeutung gewonnen, da der Wahn herrschte, daß Jeder, der mit eigenem Blute seinen Namen auf den Stein schreibe, die Erfüllung seiner Wünsche erlangen könne, nach einer bestimmten Zeit jedoch dem Teufel verfallen sei. Jahrhunderte lang mochte auf dem Felsblocke nichts als Moos zu sehen gewesen sein. Aber zur Zeit der Verbannung schabte man die Flechten los, grub die in den Spalten keimenden Pflanzen aus und legte die Flächen bloß. Bald waren sie bekritzelt von oben bis unten, seltsame Worte und Zeichen prangten in rostiger Farbe. Heute ist bis auf wenige dunkelrothe Spuren, die mancher Waldgänger noch für Menschenblut hält, alles weggespült. Diesem Steine nun war unser Erlefried zugeeilt, jetzt wie vor einem Jahre. Die Waldgegend war schon abendlich. Am Himmel zogen sich leichte Nebelbänke; es war nicht sonnig und es waren auch keine scharfen Schatten. Es war eine stille ernste Stimmung und die Baumzweige und die Farrenkräuter waren wie versteinert. Erlefried hatte sich an einen gewaltigen Strunk gelehnt und starrte hinaus in die Welt. Er sah die Spitze des Johannisberges, zu dessen Fuß das liebe gestade lag. Er sah die Hänge des Trasank, an welchen er als Knabe flink und lustig wie eine Gemse herumgeklettert war. In jenem engen Thalkessel kiegt das kleine Trawies, wo er einst heilige Worte von Gott vernommen, und den Glockenklang und den Orgelton. Alles verklungen. Dort sag er die Höhe, hinter welcher das Haus des Bart lag und im Vordergrund ragte die kahle Kuppe, auf welcher das Kreuz gestanden, zu dem er mit Sela im vorigen Herbste gezogen war. »O, könnte ich es noch einmal haben, mein liebes Leben,« so schluchzte der junge Mann und verhüllte sein Angesicht. »Alles leiden vom Gestade an, wo ich Kind gewesen bis zum Kreuz im Tärn, ich wollte es gern noch einmal tragen, ich bin so glücklich gewesen. O Du mein ewiger Herrgott, laß mich noch einmal anfangen, das zweitemal will ich den rechten Weg finden. Da unten kommen sie jetzt zusammen, um Dich im Fuer anzubeten. Bist Du jenes Feuer, das den zu Tode gehetzten Reiher verzehrt und aus der Asche den jungen Phönix erweckt, so bete ich mit ihnen! Ich will noch nicht Erde werden, o heiliger Gott, ich will noch nicht ins unbekannte Land, ich möchte so gern leben.« Es war keine Antwort und allmählich ging der Tag in die Dämmerung über. Erlefried raffte sich auf: »Es giebt keine Umkehr und keine Wahl, es muß sein.« Mit einigen Schritten stand er vor dem Felsblock. Er stutzte. Auf dem Steine eine Menschengestalt. Ein Mann war’s, der hatte flachsgelbe, aus einer weißen Wollenhaube an beiden Seiten des Gesichtes lang herabhängende Haare, gelbe Augenbrauen und wasserlichte Äuglein, eine lange Spitze Nase und ein spitziges Kinn. Den Mund hatte er zusammengekniffen und schmunzelte so in sich hinein. Dabei ließ er die nackten Füße – das leinerne Beinkleid war bis zu den Knien aufgewunden – über den Stein hinabgängeln. Ein Hirte mochte es sein. Er saß auf dem Fels, wo Erlefried’s Name war. Der Jüngling stand hinter einem Baum und wollte warten, bis sich der flachsgelbe Mensch entfernen würde. Aber dieser blieb sitzen und trillerte ein Liedchen ums andere und ließ die Beine hin und her baumeln. Die verhängnisvolle Nacht zog immer höher herauf und alles dunkelte. Da war keine Zeit zu verlieren, und, wie oft genug erzählt worden, der Böse findet sich genau zur Stunde ein. Wenn er aber schon dort säße und wartete? In Jäger und Hirten verkleidet er sich gern. – Der auf dem steine trillerte: »Lieber Freund, ich frage Dich, – Lieber Freund, was fragst Du mich? Sag mir, was ist Eins? – Eins und Eins ist Gott allein, Der da webt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden.« Erlefried athmete auf. Der Teufel ist es nicht. Er trat hin und fragte den Hirten: »Was machst Du da?« »Ich singe mein Abendgebet,« atwortete Jener gleichmüthig und trillerte weiter: »Lieber Freund, ich frage Dich. – Lieber Freund was fragst Du mich? Sag mir, was ist Zwei? – Zwei Tafeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein, Der da lebt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden.« »Bist keiner von den Feueranbetern, daß Du noch das alte Lied hast?« Fragte Erlefried. »Doch wohl, doch wohl,« antwortete der Hirt, »ich nehm’s alles durcheinander, wie’s mir just einfällt und denk’, daß ein doppelter Glauben wohl besser sein wird, als wie ein einfacher. Bei dem Lied aber sollten Zwei sein. Kannst mir helfen?« Elrefried kannte das Lied von seiner Mutter her, es heimelte ihn an. Die Mutter hatte gesagt, dieser Gesang wäre so hochheilig, daß, wenn er auf Erden gesungen würde, die Sterne am Himmel still stünden und wie Altarkerzen leuchteten. So konnte zu solch gefährlicher Stunde dem Burschen kaum etwas willkommener sein, als dieses Lied. »Sing’ vor,« sagte er, »ich thu’ mit.« Der Hirt fuhr fort: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried entgegnete: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag’ mir, was ist Drei.« Erlefried: »Drei Patriarchen.« Beide zusammen: »Drei Patriarchen, zwei Tafeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein, der da lebt und der da schwebt im Himmel und auf Erden.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Vier?« Elrefried: »Vier Evangelisten.« Beide zusammen: »Vier Evangelisten, drei Patriarchen u. s. w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Fünf?« Erlefried: »Fünf Wunden Christ.« Beide: »Fünf Wunden Christi, vier Evangelisten u.s.w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Sechs?« Erlefried: »Sechs steinern’ Wasserkrüg’, fünf Wunden Christ u. s. w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Sieben?« Erlefried: »Sieben Sacramente.« Beide: »Sieben Sacramente, sechs steinern’ Wasserkrüg’ u.s. w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Acht?« Erlefried: »Acht Seligkeiten, sieben Sacramente u. s. w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Neun?« Erlefried: »Neun Chör’ der Engel.« Beide: »Neun Chör, der Engel, acht Seligkeiten u. s. w.« Der Hirt: »Lieber Freund, ich frage Dich.« Erlefried: »Lieber Freund, was fragst Du mich?« Der Hirt: »Sag mir, was ist Zehen?« Erlefried: »Zehen Gebot Gottes.« Beide zusammen: »zehen Gebot Gottes, neun Chör’ der Engel, acht Seligkeiten, sieben Sacramente, sechs steinern’ Wasserkrüg’, fünf Wunden Christi, vier Evangelisten, drei Patriarchen, zwei Tafeln Moses, Eins und Eins ist Gott allein, der da lebt und der da schwebt im Himmel und auf Erden.« In gläubiger, weihevoller Stimmung hatten sie das alte Lied gesungen. Und nun funkelten am Himmel schon einzelne Sternlein. »So,« sagte der Hirt, »jetzt brauchst Du später Dein Abendgebet nicht zu verrichten. Mußt aber recht fromm sein, weil Du bei dem Gesang nasse Augen ‘kriegt hast.« »Guter Freund,« versetzte Erlefried, »wenn Du wüßtest, was es mit mir ist, Du möchtest Dich nicht wundern über meine nassen Augen. Frage nicht weiter und geh’, Du bist mir da im Weg.« Der Hirte machte einen langen Hals und lispelte dem Jüngling zu: »Aha, Du willst Dich dem Teufel verschreiben.« »Löschen will ich,« antwortete Erlefried und jetzt, da er zum letztenmal einen Menschen vor sich sah, stieg ihm das Herz auf die Zunge und er erzählte alles. Er erzählte, daß er der Sohn des Pfarrertödters sei, daß er, um nicht in das Treiben der Trawieser Leute hineingerissen zu werden, sich für todt habe ausgeben lassen. Und er erzählte von Sela, seiner Liebsten, erzählte von der Wallfahrt zum Kreuz im Tärn, von seinen bösen Wünschen und wie ihm Sela entflohen war, und wie er im Wahnsinne sich dem Teufel verschrieben habe. Endlich gestand er, was in der heutigen Gottsleichnamsnacht ihm bevorstehe, was er dagegen thun müsse, und daß er gekommen sei, um sich an diesem Steine das Leben zu nehmen. Der Hirt machte während der Erzählung ein Gesicht, als ob er wieder so in sich hineinschmunzele. »Sind saubere Geschichten, das!« Sagte er jetzt, »und hilft Dir Dein Vater nicht?« »Der weiß von nichts.« »Ist ein heiliger Mann, der kann schon was für Dich thun!« Der möchte sich am liebsten selber helfen, dachte Erlefried bei sich. »Ich weiß nur ein Mittel; wenn Du mir beistehen willst, Hirte.« »Auf mich verlaß Dich,« rief der Flachsgelbe. »Ich bin Isak und Du sollst Abraham sein,« sagte Erlefried und schaute unsicher zu Boden, als wollte er das weggeworfene Wort wieder aufheben. »Ich verstehe Dich schon,« meinte der Hirt, »Du verhoffst, daß ein Engel kommt und mir den Arm fängt.« »Ich will sterben!« rief der Bursche. »Ich muß sterben,« murmelte er tonlos nach. »Du bist ein Narr!« Rief der Hirt und sprang vom Steine herab. Erlefried schaute blassen Gesichtes hin auf die Fläche. Von seinem Namen waren nur wenige Merkmale mehr zu sehen. »Da steht er,« sagte er und legte den Finger auf ein paar rostige Punkte. »Das da,« versetzte der Andere, »Ei, wenn Du nicht mehr heißest, als das da, so heißest nicht viel.« »Aber es ist Blut!« »Mach’ keine Sachen, guter Freund, stelle Dich hin und laß warmes Wasser d’rauf – beißt alles weg.« So rieth der Hirt. »Du hast leicht Spaß treiben,« sagte der Bursche mit traurigem Blick, »Du weißt nicht, wie mir ist.« »Das kann ich mir denken, wie’s übel thut, wenn Einen der Teufel holen will. Giebt aber ein gutes Mittel dagegen, wundert mich nur, daß Du darauf noch nicht verfallen bist.« »Blut,« murmelte der Jüngling. »Hast ganz Recht, ist aber ein Unterschied, wie man’s braucht,« sagte der Hirt und machte ein wichtiges Gesicht. »Solltest Du denn noch nichts gehört haben von jenem Zauberkreis, in dem der Teufel keine Macht hat? – Deine Liebste, von der Du mir vorhin hast erzählt, wo ist sie denn?« »Sie soll der Seuche wegen mit dem Bart in den Ritscher geflohen sein, aber wie ich gehört, leben sie Alle zurückgekehrt wieder im Haus des Bart.« »Hast die höchste Zeit,« meinte der Flachsgelbe, dann zog er den jungen Mann etwas beiseite und flüsterte ihm in’s Ohr: »Von der Liebsten laß Dich umfangen, das ist der Zauberkreis.« Im Auge des Jünglings zuckte ein Feuer auf, bald aber verlosch es wieder in der Traurigkeit und er machte eine abwehrende Geberde. »Ganz im Ernst, mein Freund,« betheuerte der Hirt und seine Auge war jetzt offen und hell, schalkhaft und treuherzig zugleich; »Du, ich weiß mehr, als daß der Wald finster ist. In den Armen der liebsten – aber die einzige und rechte Liebste muß es sein.« »Das bist Du, Sela!« Rief Erlefried aus. »In Ihren Armen bist sicher!« Erlefried soll in demselben Augenblicke ganz erstarrt gewesen sein. Welch ein Ausblick! Ja, jetzt stand’s in ihm auf, was er selbst oft vernommen in alten Geschichten: Wer ein treues Lieb hat, in seinen Armen kann ihm der Böse nicht bei. Rasch verbrüderte sich dieser erwachende Glaube mit seinen Sinnen. Er verließ den Stein und den Hirten, und noch eiliger, als er hierhergekommen, lief er davon. Er verschmähte die sich schlängelnden steige, er brach durch Gestrüppe, er eilte über Bößen und Heiden, thalab, bergauf, immer gerade aus und hin gegen das Haus des Bart. Es war ja möglich, daß er es noch vor Mitternacht erreichte und ihr zu Füßen liege zur Stunde, wenn die Prozession zum Opferstein in der Schlucht gelange. O, zu ihr, und ihr zurufen: Hilf mir, mich hat das Glück verlassen, Sela, mich hat Gott verlassen! und ihr alles sagen. Und wenn sie verzeiht, dann ist alles gut, er weiß es, dann ist er gerettet, er weiß es gewiß! Der nächtige Himmel war übersäet von funkelnden Sternen; dem Jüngling war, als schauten alle nur auf ihn herab, ihn anfeuernd auf seinem Wettlauf, ihm leuchtend und für ihn zitternd. Die Himmlischen! sie wissen wohl, es handelt sich hier um eine Seele. Eine Sternschnuppe glitt rasch, als wollte sie ihm Wegweiser sein, in der Richtung gegen das Haus, wo Sela war, dahin. Als Erlefried auf dem aschigen den Tärn hinanging, sah er draußen in den Wäldern des Dürrbachgrabens Lichterschein. Nicht lange, und er bemerkte auch die Fackeln. Der Zug war bereits auf dem Wege – die Procession hatte begonnen. Erlefried beschleunigte seine Schritte und seine Angst steigerte sich. Es schien ihm kaum mehr möglich, das noch ferne Haus zur rechten Zeit zu erreichen. Dort und da standen halbverkohlte Strünke; mancher schien, als bewege er sich. Einer trat aus der Gruppe hervor und ging dem Fliehenden nach. Ganz langsam ging er ihm nach und doch schien er mit dem Eilenden gleichen Schritt zu halten. Der Fackelzug kam immer weiter die Bergschlucht herauf; voran auf hoher Bahre loderte eine mächtige Flamme, die von zahllosen anderen umtanzt und umzingelt wurde. Dann folgte die lange Schaar von Menschen und Fackeln, theils hell schimmernd, theils vom Rauchqualm verschleiert. Weithin im Walde tönte der vielstimmige Gesang; sie sangen phantastische Worte nach alten Weisen. So wallten sie heran und immer näher kamen sie der Schlucht, in welcher der Altar stand. In der vor bösem Glauben und vor Angst aufgeregten Phantasie Erlefried’s hielt dieser sich für verloren. Er wagte es nicht mehr, umzuschauen, aber er glaubte hinter sich das Traben und Schnauben des höllischen Verfolgers zu vernehmen: Er prallte an Stock und Stein, aber er achtete es nicht, er fiel zu Boden, daß die Asche um ihn stob, er raffte sich wieder auf und oft schien es, als berühre sein Fuß den Boden kaum. Die Flächen dehnten sich weit und weiter, die Gegend, der er zustrebte, lag immer gleichmäßig in einem dunklen Streifen da. Die Feuerprocession hatte ihr Ziel noch nicht erreicht, aber sie hielt Rast und die Fackeln kreisten in einem weiten Ring um die große Flamme, der man in harzigen Holzspänen neue Nahrung gab. Erlefried sah einen Strahl von Hoffnung. Wenn sie längere Zeit stillstanden, wenn sie noch mehrmals auf ihrem Wege anhielten – wie ja auch die kirchliche Gottsleichnams-Procession viermal Station hält – so konnte er vielleicht sein Ziel erreichen. Des Menschen Wahn ist des Menschen Schicksal, und Erlefried, keines vernünftigen Gedankens mehr fähig, nur von Phantomen umgaukelt, bildete sich ein, daß mit jenem Augenblicke, als die Schaar zum Opfertisch in der obersten Engschlucht gelange, er seinem Schicksal verfallen sei. Er lief mit erneuter Kraft. Nur zu bald bewegte sich unten wieder der Zug und dehnte sich, und das Haus des Bart, wie weit war es noch entfernt! Dem Flüchtling graute, als er gewahr wurde, daß er erst auf jener Höhung des Tärn war, wo das Kreuz gestanden. Er mußte über eine Mulde setzen, da kam ihm der Zug unten in der Schlucht aus den Augen, und als er ihn wieder sah, war er nahe dort, wo die jähe Felswand den Enggraben abschließt. Dort stand der steinerne Tisch, er widerleuchtete schon im Scheine der nahen Fackeln. Im lauten Pochen seines eigenen Herzens glaubte Erlefried die Schritte des Verfolgers zu vernehmen; sie kamen immer näher, seine Füße zitterten, sein Athem wollte ihm versagen. Schon war er daran, hinzustürzen, sich aufzugeben für alle Ewigkeit, da kam ihm noch der Gedanke: das Kreuz! Es ist in der Nähe, fliehe zum Kreuz. Er lief die Kuppe vollends hinan. Dort lag der morsche Holzpfahl hingestreckt auf dem Boden. Erlefried that einen Angstschrei zum Himmel: »Wenn ich schon sie nicht kann erreichen, o Herrgott Jesu! rette mich an Deinem Kreuzesstamm!« dann fiel er hin aufs Holz, und dort blieb er mit ausgestreckten Armen bewußtlos liegen. Ja, bei der nächtlichen Procession, da war alles dabei, was sich rühren konnte in den Waldthälern von Trawies. Die begeisterte Lehre des zum Seher und Propheten gewordenen Mannes auf dem Johannesberge hatte Alle hingerissen. Das Feuer ist der Weltschöpfer, der Weltreiniger und der Welterlöser! das leuchtete Allen ein. Das stimmte auch mit dem alten Glauben und ist doch ein neuer, befriedigt das religiöse Bedürfnis so gut wie ein anderer, giebt Anlaß zu Festgepränge und ist nicht abhängig von dem Pfaffenthume. Den Wahnfred hatten sie herabgeholt von seinem Berge, hatten ihm einen langen rothen Paltrock umgeworfen, und er mußte hinter der Lade, in welcher die heilige Flamme loderte, einhergehen als der hohe Priester. Vor dem Zuge gingen einige Kinder und streuten grüne Blätter und junge Blumen auf den Weg. Darüber hatte sich zu Beginn der Procession ein Streit erhoben. Der Sandhock und der Waldhüter und Andere behaupteten, diesem Zuge streue man nicht Blumen, sondern Asche. Vom Feuer komme Asche. Aber die Gegner sagten: die Sonne sei auch ein Feuer, und von der kämen die Blumen; diese behielten Recht. Die Anderen murrten grimmig und meinten, man müsse erst sehen, es würde noch Asche genug geben. Sie hatten – ach wie ahnungslos – ein Prophetenwort gesprochen. Unter den mannsleiten gab es viele, die Branntweinplutzer mit sich schleppten, um sich während und nach der Andacht laben zu können. Aus diesen Gefäßen sogen sie ihre Begeisterung für das Feuer. Und es war ihnen wohl dabei. Da es schon tagelang vorher den Anschein gewonnen hatte, als wäre mit der Aufstellung eines Gottesdienstes wieder ein besseres Denken und Trachten in die Leute gekommen, als stelle sich durch den Einfluß Wahnfred’s wieder eine gewisse Ordnung her – so verließ auch der betagte Bart sein entlegenes Berghaus und ging mit den Seinen nach Trawies, um den Gottsleichnamszug mitbegehen zu helfen. Der Alte sehnte sich, wieder einmal öffentlich zu beten und beten zu hören. Er war einer der Männer, die dem Zuge mit entblößtem Häuptern folgten. Und bei den Weibern, aber ganz rückwärts, schlich Sela mit. Ihr gefiel das Wesen nicht, sie hätte sich am liebsten abstehlen und davonschleichen mögen, aber sie fürchtete sich vor der Nacht, ja nicht einmal die Letzte im Zuge wollte sie sein, weil es ihr vorkam, als folge demselben ein ganzes Heer von bösen Geistern. Sie ahnte wohl nicht, daß dort auf den nächtigen Höhen ein Flüchtling von inneren Dämonen gehetzt wurde. Sela hatte das Herz so voll und konnte nicht beten. Diese ungeberdigen Flammen über ihrem Haupte brannten alle Andacht aus dem Herzen und brannten Wunden hinein. Was suchen sie, daß sie um Mitternacht mit Fackeln ausziehen? O Kind – sie suchen Einen, der Sinn und Licht in ihr Leben bringt, und wäre es auch ein Wahnsinn, und wäre es auch ein Irrlicht. Ist ihnen doch kaum anders zumuthe, als dem Mädchen, das wir in der finsteren Felsenhöhle verderben und erblinden sahen. Sie suchen Einen, dem sie grollen können ob dieser elenden Welt, von dem sie Ersatz fordern können für das jammervolle Erdenleben. Sie suchen den, der ihnen einst in drei brennenden Fackeln zum Grunde der Trach geschleudert worden war. Viele suchen ihn mit dem schmerzlichen Sehnen des Heimwehs, rufen Namen und meinen Ihn. Und der Teufel – sagt ein altes Wort – der mag’s wohl leiden, daß Gott über die Zunge geht, wenn er darunter liegt. Wie viele sind dabei, die nicht wünschen, daß sie ihn finden, und auch nicht wünschen, daß er sie finde. Glauben sie ihn nicht, so schweigt ihr gewissen, müssen sie ihn glauben, so müssen sie auch zittern vor seinem Zorn. Es scheint denn, sie hätten ihn wirklich noch nicht gefunden, weil sie wie planlos mit Fackeln durch den Wald ziehen. Mit dem Gotte im Herzen der Jungfrau hatte diese Nacht weiter nichts zu schaffen. Der stand rein und still im Heiligthume. Sela hatte nur den einen Wunsch: Könnte sie diese Fackelträger hinaussenden, in die Tiefen Wälder hinaus, in die weite Welt, Den zu suchen, den sie glaubt. So fest glaubt sie ihn, daß ihr sein Tod unmöglich dünkt, obgleich er schon viele Monate verschollen ist. Wer wiegt den Kummer, wer zählt die Zähren! In ihrem abgehärmten Antlitz ist die Spur davon zu sehen. Und wenn ihr allzuwehe ward im Gedenken an den Verlorenen, so betet sie: »Mein Gott, ich lege dieses Anliegen in Deine Hände!« – Dann war ihr leichter. So wollte Sela auch heute beten, aber der seltsame Zug beunruhigte sie. Und als sie endlich zum steinernen Tisch kamen, auf dem sie das Feuer stellten, und als ein phantastisches Schreien und Toben begann; als sie unter Johlen und Tollen an die Hänge kletterten, um Holz zu sammeln, und jeder die Strünke in das Feuer warf, daß es immer mehr aufsprühte und anwuchs, und als sie dann stoßend und schlagend hinzudrängten, um vom geheiligten Feuer Brände zu erhaschen, und trotz Wahnfred’s Abwehr eine Balgerei entstand, in der man mit brennenden Scheitern aufeinander losschlug, da wurde es dem Mädchen zu arg. Sie stimmte nicht ein in das Jammergeschrei der Weiber, sie lief seitab, und hinter einem Felsvorsprung, wohin kein Schein von dem wilden Feste zu fallen vermochte, setzte sie sich nieder und weinte. Die Procession löste sich auf und ordnungslos verlief sich die Menge. Manche der Gruppen schleppten einen Verstümmelten mit sich. Wahnfred hatte sich das rothe Kleid vom Leib gerissen. Er ging ganz allein. Das Feuer auf dem Opferherde knatterte noch lange. Auf den Scherben der zerschlagenen Branntweinplutzer flackerten blaue Flämmchen wie Irrwische, die auseinandergeworfenen Brände rauchten träge und verkohlten allmählich im Sande. Über dem Ritscher gingen bereits die drei Sterne auf, welche zur Sommerzeit den Morgen verkünden. Der sich nach Frieden sehnende Mensch schaut gern nach den Sternen. Nein, du Armer, ist in deinem Herzen nicht Ruh’, bei den Sternen wirst du sie nimmer finden! Das Himmelszelt ist nichts als ein Spiegel deiner Seele. Bist du einig mit dir, dann lese in den Sternen. Siehe, manche dort oben zittern und zucken in heißer Gluth, andere leuchten ruhig. Auf der blassen Straße, die nach Süden führt, wie man sagt gegen die Kirche und das Grab des heiligen Petrus, ziehen wie auf feinem Sande in Schaaren die Heerden und die Hirten mit flimmernden Laternlein. Jene kleine Reihe wieder wandelt einsam auf finsterem Grunde die Höhen des Zenith hinan. Weiter hin stehen sie groß und klein, in Gruppen zusammen, als hielten sie Rath, und wieder ein anderer stürzte sich, schnell wie der Blitz, in unendliche Tiefen hinab. Den einen Zweck verfolgen sie alle, die milden und die lodernden, die gezeichneten und die verlorenen Bewohner der Himmelskrone: sie suchen Gott. Sie suchen das Eine, dem auch du im stillen Sehnen und in heißen Kämpfen entgegenringst ... Der liebe Gottsleichnamsmorgen, der Tag der Fahnen und Rosen und der bekränzten Jungfrauen! Im Herzen Sela’s erwachten Erinnerungen aus der Kindeszeit. An diesem Tage tragen die Mädchen zum Bekenntnis der Jungfrauenreine einen Rosmarienzweig um das gescheitelte Haupt geschlungen, wenn sie in der Procession dem Sacramente folgen, ihm, der da »zugegen ist, als wahrer Gott und Mensch«. So ist’s auch heute noch draußen. Zu Trawies war es auch einmal so ... Das Mädchen sann, eine unaussprechliche Sehnsucht erfüllte sie nach dem herrlichsten Feste der Christenheit. Einen jungen Lärchenzweiz brach sie und wand ihn um ihr Haupt, dann ging sie hinan die Flächen des Tärn. Da war alles kahl und ausgebrannt. Der Morgen dämmerte, sie ging der Höhe zu, um vor dem Kreuze zu beten, Vor ihren Augen weitete sich die Gegend, die Wände des Trasank standen wie Silber in den jungen Tag hinein und weit herüber vom Berge des Johannes durch Äther schimmerte der entstehende Bau. Als das Mädchen auf der Höhe des Tärn das Kreuz nicht ragen sah, meinte sie, es wäre die Gegend verfehlt; sie schaute umher, aber auf keiner Kuppe der weiten Runde stand ein Kreuz. Plötzlich that sie einen Schrei und sprang entsetzt einige Schritte seitab. Dann blieb sie stehen, rieb sich die Augen und sah zurück – sah es nochmal, was sie früher gesehen. Das Kreuz lag dort auf dem Boden und am Kreuze, ausgestreckt wie Christus, lag ein Mensch, ein wirklicher Mensch. Ihr erster Gedanke war: da treibt Einer sein Gespött. – Aber als sie immer wieder hinschaute, sah sie: sein Gesicht ist blaß wie Stein. – Ein Verunglückter oder eine heilige Erscheinung? – Verzagt nahte sie dem Kreuze und ihr Grauen wuchs. War es doch fast, als wären Hände und Füße wirklich angeheftet, so stramm spannten sich die Glieder. Das Haupt war hingeneigt zum linken Arm, die Haare legten sich in Strähnen über das Holz. So lag er da und war vom Morgenroth beschienen. Jetzt brach Sela lautlos zusammen auf ihre Knie. Sie hatte ihn erkannt. Ihn, den sie gesucht seit jenem Tage, da er mit ihr an diesem Kreuze gewesen. »Erlefried!« Sie stürzte auf ihn hin. –-- Vor der Erschütterung, vor dem gellenden Schrei war der bis zum Tod Erschöpfte zu sich gekommen, war erwacht. »Sela!« sagte er leise wie in einem Traum, »meine Sela!« Und hob seinen rechten Arm vom Kreuze und umfing ihren Nacken. Sie war einer Ohnmacht nahe. Er zog ihr Haupt zu sich nieder, er küßte sie mit Gluth, mit Andacht: »Lieber himmlischer Engel! Ich sehe Dich wieder, Du liebe Welt!« Plötzlich aber sprang er empor, mit rollenden Augen blickte er um sich, zog mit einer Hand das Mädchen an sich, schob es mit der anderen hinweg: »Sela!« rief er mit erschütternder Stimme. »Mich hat Gott verlassen.« Sie schmiegte ihre Arme um seinen hals uns sagte mild, da ihre Lippen zitterten: »ich verlaß Dich nicht.«     Tages Licht und Lärm ist vergangen, der Himmel ist schwer umzogen, wir hören nicht mehr das Schreien der Rehe im Wald, nicht mehr das Rauschen des Wildbaches, wir hören das Ticken der ewigen Uhr, die das Leben des Menschen mißt. Der Erzähler dieser Ereignisse gesteht es: er war der Erste, der vor all dem, was die Sagen und Aufzeichnungen über Trawies darthun, tief erstaunte. Doch mußte er sich sagen: die Zeit war damals eine andere, die Menschen waren befallen von ungeheuren Irrthümern. Wer aber, der mitten in der Menschheit steht, hat das Recht so zu sprechen? Sind wir heute im Reinen? So wenig wie damals. Wir spotten jener Zeit, da die Leute sich abhetzten und peinigten vor dem Anblicke des leibhaftigen Teufels. Uns plagt nicht mehr der Teufel; die Phantome, von denen wir besessen sind, haben andere Namen. Wir begreifen jene Weltordnung nicht, in welcher die Kirche mit ihrem Fluche Einzelne und Gemeinschaften zerschmettern konnte und zerschmettert hat, ohne daß ihr ein menschliches Gesetz in den Arm gefallen wäre! Sehen wir heute nach – und bei der aufgeklärten Zeit wird’s nicht viel Mühe machen – ob von jenen dämonischen Vorurtheilen auch nur eins dahin ist: Religion, Forschung, Socialismus, Politik haben immer noch ihre Pfaffen, Irrlehrer und Henker, denen Hunderttausende von Menschen zum Ofper fallen. Die menschlichen Wünsche und Leidenschaften sind heute keine anderen, als sie damals waren, nur die Mittel, sie zu befriedigen, sind gewaltiger und feiner. Das ist der Sieg. Aber Befriedigung der Wünsche ist nicht Befriedigung der Menschen; ruhelos jagen wir der »Wahrheit« nach und ihr Inhalt ist, daß wir unglücklich sind. Nur die flachen Köpfe sind es, die in Selbstgefälligkeit sich sonnen können an dem Lichte ihrer Zeit; dem Schärferblickenden weitet und vertieft sich mit seiner Erkenntniß das menschliche Elend, er sieht nichts mehr als das unselige, immer tiefer sinkende, trostlos untergehende Geschlecht. Ihm ist zumuthe, wie dem Schreiner Wahnfred in seinem verbrannten Trawies. Noch getragen von seinem nach Leben lechzenden Herzen, von seinem nach Freiheit ringenden Geist kann er’s nicht glauben, daß alles verloren sein soll, er sucht Auswege, sucht Ideale, sucht einen Gott. Himmelsucher hat es allerwege gegeben; männiglich strebt ihn an mit allen Kräften – und wäre es auch nur der Himmel auf Erden: Alltagsmenschen suchen den Himmel; Sonntagskinder, die tiefen Herzen und auserwählten Geister suchen Gott. Sie suchen das, was sie über oder hinter dem Materiellen ahnen, sind gequält und beseligt zugleich in diesem Hinstreben zum Idealen. Unsere Zeit besonders hat ein Volk von Gottsuchern geboren. Zwar bekreuzt sie sich vor dem Worte Gott, wie sich das Mittelalter vor dem Teufel bekreuzt hat; sie giebt ihm andere Namen und sucht ihn; sie mag ihn nicht bekennen und nicht entbehren. Jene Generationen, die zum Bewußtsein gekommen sind, Gott verloren zu haben, sie mögen unglücklich sein, aber sie sind nicht verworfen. Sie sinken nicht mehr, sie steigen aufwärts, denn der Mensch sucht Gott oder was er darunter versteht, nicht in der Tiefe, sondern in der Höhe. Er schafft – es ist ja wahr – Gott nach seinem Ebenbilde; aber dieses Ebenbild ist der denkbar vollendetste, ein Vorbild, dessen kein Lebender und Sterbender entbehren kann. Irrlichter und Mißverständnisse, ach wie viele! Wer jedoch, dem das eigene Herz im eigenen Widerstreite blutet und verbluten muß, erdreistet sich, hier Richter sein zu wollen! Die Wege der Suchenden sind überaus verschieden, manche sind nicht minder phantastisch, als die Pfade waren, die der Schreiner Wahnfred und sein Sohn in Trawies gewandelt. Mancher thut sich Splitter und Schrebn in die Schuhe und wankt büßend und betend am Pilgerstabe. Mancher zieht lachend, singend und tanzend seine breiten Straßen. Mancher wandelt abseits seine Pfade, irrt in den Wildnissen umher, kämpft sich mit steigender Sehnsucht fort im heißen Gestein, bis er mit verzweifeltem Blick nach den Himmelshöhen sterbend zusammenbricht. Auf allen Straßen und auf allen Wüsten, Du magst Dich gegen Morgen wenden oder gegen Abend, gegen Mittag oder gegen Mitternacht, überall wirst Du der Gottsucher Spuren entdecken, hier ein Rosenbett, dort steinerne Tafeln, hier ein Schwert und dort ein Kreuz. Das Rufen des Derwisch auf der Moschee, das Knarren der Klappern im Wigwam, das Glockenklingen im Dome, es ist der Kinder des Leibes ewiger Nothschrei nach einem göttlichen Retter, es ist die brennende Sehnsucht nach einer Kraft, die das Thier in uns besiegt, den Geist befreit und uns die Vollendung giebt. Eine große Menge aber ist – und wer widersteht ihrer gewaltigen, schrecklichen Lehre! – die wühlt ihren Weg durch das Thierreich, durch Pflanzen und Moder in die Erde hinein. Das sind nicht Gottsucher, sie verneinen das Ideal, sie suchen das Gegentheil. Sie wollen das Rechte, aber sie finden es nicht, sie sind auf dem Wege zur Wahrheit – blind geworden. Möge es ihnen niemals ganz gelingen, den Boden zu unterminiren, auf dessen grünen Rasen die Glücklichen wandeln, auf dessen Steppen Andere ruhelos, aber nicht trostlos den Idealen des Guten und schönen nachjagen! Und mögen die Gottsucher heute und immerdar ihr ersehntes Anbild, ihre Erlösung an besserem Orte finden, als unser armer, sühnender, des Weges unkundiger Wahnfred sie finden mußte und gefunden hat. Trawies muß zugrunde gehen, denn es hat keinen Gott, das heißt hier, es hat kein Vorbild und kein Gesetz. – Auf dem Berge des Joahnnes klangen die Hämmer. Sie klangen hinaus in die weiten Wälder, in welchen der Frühling wob. Und in den Wäldern krachten und stürzten die riesigen Bäume. Dem Wahnfred war es gelungen, die arbeitsfähigen Leute von Trawies ins Joch zu bringen. Theils war es der Aberglauben, theils das Gottbedürfnis, weswegen sie so emsig Hand an den Tempelbau legten, theils waren es die phantastischen Worte und Predigten des Schreiners, theils war es der Reiz der geregelten Arbeit selbst. Endlich glaubten sie sich in dem neuen Bau eine Burg zu gründen, in der sie Halt hätten gegen die Welt da draußen, die sie immer mehr haßten und fürchteten. Lagen doch die Wälder von Trawies mitten im Feindeslande, nur die treuen Wüsten des Trasank waren den Verbannten ein Hort. Es verging keine Woche, daß draußen vor den Grenzen nicht Einer aus den Wäldern gelyncht wurde. Mit dem Frieden und der Ordnung, die sich draußen zur Noth wieder hergestellt hatte, war nach einem neuerlichen, aber vergeblichen Versuche, Trawies zu gewinnen, noch schärfere Gewalt gegen die Verstoßenen angeordnet worden. Nun war’s offen, man mußte und wollte sie erdrücken, ersticken, in sich selbst zugrunde gehen lassen. Das fühlten sie, die Söhne das Waldes, und sie bäumten sich dagegen wahnsinnig auf. Sie überschritten in Rotten den Flammenring und plünderten Höfe aus und mordeten auf den Straßen. Eines Tages kam eine Schaar von Bauern und Soldaten von der Gegend der fünf Kiefern her in der Absicht, das Räubernest an der Trach zu vertilgen. Aber die Männer von Trawies, so bestialisch sie auch selbst miteinander umzugehen pflegten, fanden sich dem gemeinsamen Feinde gegenüber rasch zusammen, und an der Dreiwand entspann sich ein wildes Gebalge und Gemetzel, in welchem Trawies Sieger blieb. Eines anderen Tages, zur Zeit als die Seuche noch nicht ganz erloschen war, waren zwei fremde Männer in das Thal der Trach gekommen. Sie trugen lange Lodenmäntel und unter denselben allerlei Werkzeuge, denen es nicht abzusehen war, ob sie Arbeitsgeräthe oder Waffen sein sollten. Für den Nothfall wohl beides. Diese Fremden gaben an, daß sie Ärzte wären, daß sie gehört hätten, an den Hängen des Trasank wachse ein Kräutlein gegen den schwarzen Tod, und daß sie gekommen wären, dieses Kraut zu suchen. Das war den Leuten etwas sehr Interessantes. Sie bespähten die Fremden von allen Seiten, gingen ihnen aich nach und waren zuvorkommend gegen alle Wünsche, welche jene äußerten. Ärzte? Sie konnten ja auch Zauberer sein! Sie hatten ein geheimnißvolles Aussehen. Die Fremden strichen so etliche Tage in den Gräben herum. Sprachen in den Wohnungen zu und ließen sich mit Manchem, der des Weges kam, in freundlichen Wortwechsel ein. Endlich erklärten sie, daß sie nicht gern eigenmächtig handeln möchten; sie wollten doch beim Oberhaupte der Gemeinde anfragen, ob es ihnen wohl gestattet sein, das Kräutlein zu suchen. Beim Oberhaupte der Gemeinde? Niemand wußte recht, zu wem die Fremden zu weisen wären. Jeder erlaubte das Kraut auf eigene Faust, unter der Bedingung aber, daß er mit den Findern theilen wolle. Weil jedoch die beiden Männer immer wieder den ersten Mann von Trawies zu sprechen verlangten, so leitete man sie endlich auf den Johannesberg zu Wahnfred. Diesem vertrauten sie nun ihre Mission. Sie wären allerdings Ärzte, aber Ärzte der Seele und seien Gesandt von dem guten Hirten, der einst selbst auf Erden gewandelt wäre, um verlorene Schäflein zu suchen. Sie seien Abgesandte der heiligen Kirche, die da nicht wolle den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. Und sie brächten folgende Botschaft: Die Kirche entbiete den Bewohnern von Trawies noch einmal und das allerletztemal Vergebung ihrer Missethaten. Sie sei bereit, dieselben wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufzunehmen, sowie ihnen auch die Milde des irdischen Gesetzes zu erwirken, wenn sie sieben ihrer größten Missethäter zur Sühne durch den Tod ausliefern wollten. Wahnfred erwiderte, es dünke im wahrlich schon hohe Zeit, daß die Kirche es mit Güte versuche, eine von ihr so willkürlich niedergeworfene Gemeinde armer, im Vorhinein zumeist schuldloser Menschen wieder aufzurichten. Die Auslieferung von sieben Missethätern könne er nicht verbürgen, wohingegen er aber bereit sei, den Urheber all des Unheils, den Mörder des Pfarrherrn zu Trawies der Gerechtigkeit zu überantworten. Die Gesandten entgegneten, daß dahin ihre Vollmacht nicht laute, daß es sich auch gar nicht mehr um den erschlagenen Pfarrherrn handle, welcher seinerzeit durch zwölf gefallene Häupter gesühnt worden sei, sondern vielmehr um den ungeheuren Frevel, der an Gott und Kirche begangen, und um die unzähligen Übelthaten, die seither von Trawieser Leuten verübt worden wären. Wahnfred wendete ein, daß es eine Ungerechtigkeit sei, von so vielen Verbrechern nur sieben zu bestrafen, daß aber, wenn die Strafe an allen Übelthätern vollzogen werden sollte, in Trawies jetzt kein Mensch mehr übrig bleiben dürfte. Hierauf schilderte der Mann das Elend und den Jammer der letzten Jahre, wie die Leute in die Schuld hineingestürzt worden waren und wie sie hart genug für dieselbe büßen mußten. Dann bat er um Gnade. Die beiden Fremden schauderten, waren aber auch gerührt von dem, was sie hier aus beredtem Munde zu hören bekamen. Sie fühlten den glühenden Geist des Zornes, der aus diesem Manne sprach, das zitternde Herz, das für unselige Menschen flehte. Aber in seinem finsteren Auge, in den wunderlichen Bildern seiner Rede war etwas, vor dem ihnen graute. Im seiner Kammer sahen sie das Lämplein brennen mitten am Tage. Sie fragten, was das bedeute? Er antwortete, das wäre das ewige Licht, welches zu Trawies in allen Nächten und Stürmen bis zu diesem Tage bewahrt worden sei. Die priesterlichen Abgesandten dachten ans ewige Licht beim Altarssacramente, lobten den frommen Sinn des Lichtbewahrers als einen Rest der göttlichen Gnade und sprachen die Hoffnung aus, daß vielleicht endlich die heilige Kirche Gnade für Recht ergehen lassen und die armen Sünder wieder in ihre Fürsorge und Liebe aufnehmen würde. Wahnfred legte seine Hände über die Brust und sein blasses Gesicht röthete sich vor freudiger Aufregung. Er sah im Geiste schon die Erlösung und die Wiederbegründung seiner Heimatsgemeinde im Vereine und unter dem Schutze der Gesellschaft. Die Besprechung war aber noch nicht geschlossen, als sich vor dem Hause wüster Lärm erhob. Es war nämlich in den Leuten die Vermuthung erwacht, daß unter den langen Mänteln der beiden Fremden etwas Anderes stecken müsse, als ein Paar Kräutersammler. Allsogleich war der Argwohn da, und Einer theilte denselben dem Anderen mit. Man spürte den Fremden nach und verfolgte sie auf dem Weg zu Hause des Wahnfred und behorchte dort das Gespräch. Und als sie merkten, wo hinaus das wollte, brachen sie ins Haus und schrien wie wüthend: Verrathen und verkaufen ließen sie sich nicht und sie wollten eher hängen, als sich einer [ eingefügt aus einer anderen Ausgabe Herrschaft ergeben, deren Art von Fürsorge Trawies schon reichlich erfahren habe. »Wir wollen keinen Herrn, der uns in die Hölle wirft.« »Aber auch den Himmel zu vergeben hat«, wendete einer der Fremden ein. »Wir wollen keinen, als den Himmel auf Erden und den behalten sie selber. Und daß sie den jener Welt hergeben wollen, weist nur, daß ihnen selber nicht viel daran liegen mag.« »Ihr guten Leute,« sagte der Fremde, »euer Sehkreis ist klein. Aber wenn Ihr tausend Jahre wandert, alle Straßen der Welt abgeht, in allen Häusern einkehrt, in allen Palästen zusprecht, Ihr werdet keinen, nicht einen einzigen finden, der den Himmel auf Erden hat. Manchen würdet Ihr sehen, der lächelnd andere verdammt, während er in seinem eigenen Herzen eine peinvolle Hölle trägt. O, glaubt uns, Ihr Menschen von Trawies, wir überheben uns nicht, besser und größer sein zu wollen, als Ihr seid; aber uns obliegt – ob von Gott, ob von irdischen Gesetzen auferlegt – eine Sendung, das Auge der Menschen von ihrer Armseligkeit ab und auf ein ewiges Anbild und zukünftiges Glück zu lenken, damit sie nicht verzweifeln. Wer unserer Weisung folgt, der sieht den Himmel offen, und schon die irdischen Pfade werden ihm vom himmlischen Strahle erhellt. Wer aber trotzig den Segen der Kirche verschmäht, ihre Lehre verhöhnt, an der sich die ganze Menschheit aufrichten soll, der wird mit Recht das Elend der Ausgestoßenen tragen.« »Stoßt ihm die Faust ins Maul!« schrie einer aus der gärenden Rotte. »An Euch selbst sollt Ihr’s sehen!« rief der Fremde mit erhöhtem Eifer, »die Kirche hat ihre Hand von Euch gezogen, und was seid Ihr jetzt? Eine Bande von Gotteslästerern, Ehebrechern, Räubern und Mördern.« Das war des Unglücklichen letztes Wort gewesen. Im nächsten Augenblick schon lag er hingestreckt. Sein Genosse entkam bluttriefend, soll aber die grenze des Flammenrings nicht überschritten haben. Wahnfred suchte mit Gefahr seines Lebens den wütenden Haufen zu beruhigen. Und als er in dunkler Nacht auf der Höhe den Fremden begrub, begrub er auch den letzten Rest der Hoffnung. Nun war es ihm gewiß, für Trawies gab es keine Rettung mehr von außen. Um so entschiedener wollte er seinen Einfluß auf die verthierten Trawieser Leute behaupten, um so glühender predigte er den ewigen, furchtbaren Gott, der im Feuer den Menschen erschienen sei zur Rache – und mit noch größerem Eifer betrieb der den Bau des Bethauses. In allen Wäldern der Runde hallten die Äxte, an manchem Vielhundertjährigen hieben sie tagelang, bis er fiel. Und dann kroch der Stamm mit hundert Füßen – denn soviel sonst seine Äste waren, soviel klebten jetzt Menschen an seinem Leibe – den Berg hinan. Die rötlich schimmernden Wände des Hauses wuchsen immer mehr aus dem Boden. Die Bäume waren nur roh behauen, fest klammerten sie sich an den Ecken ineinander. Es sollte ja eine Festung sein. Gegen Aufgang der Sonne wurde eine schmale Öffnung zum Eintritte freigelassen, hoch an den Wänden, wohin keines Menschen Haupt zu reichen vermochte, wurden sieben Fenster ausgeschnitten, die so klein waren, daß kaum eine Katze durch dieselben hätte schlüpfen können. Wahnfred war der Baumeister. Im zweiten Jahre des Baues waren sie bei den Gleichen. Die Arbeiter die schwer genug zu zügeln waren und fortwährend miteinander im Hader lagen, verlangten nun einen Festtag. Wahnfred gewährte ihn, und sie hielten um die zahlreichen Feuer, in denen Wildpret schmorte, ihre Gelage. In solchen Stunden schlossen sie gern einen Bund der Brüderlichkeit, um ihn bald wieder wahnwitzig zu zerstören. Rohheiten, die in Worten bestanden, galten für Freundschaftsbezeigungen, weit lieber stahlen sie sich gegenseitig die besten Bissen vom Munde weg, dann kamen sie ins Handgemenge. So war bei diesem Baue mancher verunglückt. Wo sich das finstere Auge des Wahnfred zeigte, da waren sie still und arbeiteten. Der schlanke, bärtige Mann, wie er nun zwischen den Spänen und neubehauenen Holzstücken dahinschritt, selbst eine blinkende Axt in der Hand, eher geneigt scheinend, mit derselben ein Menschenhaupt, denn einen Baumstrunk zu spalten – er war unheimlich zu sehen. Es hat ihn keiner begleitet, wenn er durch die Dickichte des Johannesberges schritt, oft durch die undurchdringlichsten Büsche, als wollte er etwas, das ihm anlag, von sich abstreifen, abfegen lassen. Es hat ihn keiner gesehen, wenn er auf dem Wildanger stand und hinabstarrte ins Thal, wo zur Rechten das Gestade lag und zur Linken Trawies mit dem blinkenden Mauerwerk der alten Kirche. Auch schaute er hinüber auf die Höhen, wo das Haus des bart lag – aber nicht oft und nicht mit Befriedigung. Sein Sohn Erlefried war wieder erschienen, den er schon zweimal gestorben sein ließ. Als ihn – wie er hörte – die Räuber erschossen hatten, beweinte er den Sohn, den er für ein glücklicheres Leben geboren wähnte, als er selbst trug. Da es später hieß, bei einem Waldbrande wäre Erlefried zugrunde gegangen, freute er sich, daß es seinem Kind gegönnt war, ohne Schuld aus dieser Welt zu gehen. Nun lebte der Junge doch, aber lebte einem Tag entgegen, an dem er mit Trawies die Sühnung zu theilen haben würde. Und vielleicht nun mit Recht ... Er hätte seinen Sohn gern wiedergesehen, aber es bange ihm davor. Er trug in seiner Seele das offene, kindlich-reine Antlitz des geliebten Erlefried, und dieses Bild war ihm stets Labniß und Seligkeit in seinem unseligen Leben gewesen. Nun fürchtete er, ein bleiches eingefallenes Gesicht sehen zu müssen, auf dem das Laster und das Elend steht. – Es beunruhigte ihn, daß Erlefried nicht selbst kommen wollte, um seinen Vater zu zu suchen. Sollte das eine stille Verurtheilung der That sein? Wohlan, dafür segnet er den Sohn. Er konnte aber auch Mangel an Kindesliebe sein. Dafür segnet er ihn nicht. Nein, Wahnfred will nicht segnen und nicht fluchen; leicht könnte der Himmel den Segen eines solchen Mannes verkehren und den Fluch erhören. Ferner befremdete ihn, daß sich Erlefried nicht an dem Baue des Bethauses betheiligte. Wenn er die Arbeit flieht, was soll ihn denn schützen oder retten? Von der Höhe des Berges nieder klangen die Balken des im Aufzuge begriffenen Dachstuhls, das Hämmern der Zimmerleute und das Schreien der Holzträger. Wahnfred horchte den Tönen der Arbeit und Arbeiter, sie waren ihm trostreicher als Osterglocken. In dieser Richtung allein konnte Zukunft liegen, und gelänge es ihm, die Leute regelmäßig zu beschäftigen, daß sie vom Tempelbau sich auch wieder dem Feldbau zuwendeten, dann wäre viel gewonnen. Hätten sie erst nur wieder Eigenthum, so würden sie trachten, dieses zu bewahren, Ordnung zu begründen, würden die Notwendigkeit einsehen, sich wieder der Welt zu fügen und dem Lande anzuschließen. So wurde der Mann auf dem Johannesberge noch immer zwischen Verzweiflung und Hoffnung hin und her geworfen. Rasch folgte er seinen Stimmungen. Er hatte den Segen noch nicht ausgedacht, den ehrliche Arbeit über Trawies bringen könne, und daß Arbeit allein imstande sei, den Fluch der Kirche von nun an unschädlich und des staatlichen Schutzes sich wieder würdig und theilhaftig zu machen, als das klingende Pochen oben am Bau unterbrochen wurde, hingegen sich anderer Lärm erhob. Über den Wipfeln junger Fichten leuchtete im blauen Himmelsgrunde scharf gezeichnet das Gebälke des Dachstuhles. Rasch verließen die Arbeiter First und Giebel und stiegen nieder. Schreien, Fluchen und Poltern war vernehmbar, darunter fielen auch Schüsse. Und schon eilte ein Bote durch das Dickicht und rief nach dem Meister. Bald wußte Wahnfred, was es galt. Es galt den Bau zu schützen; Feinde waren da, ganze Haufen von Strolchen und Wegelagerern, sie wollten die neue Burg anzünden. Der Kampf wurde mit den mannigfaltigsten Waffen geführt, mit Kolben, Hacken, Gewehren, Äxten, Steinen und Stangen. Wie früher die Bäume, so purzelten jetzt die Menschen. Den Angreifern gelang es, einen brennenden Strohwisch in den Bau zu schleudern, den Verteidigern gelang es, den Brand zu ersticken. Das Geschrei war so mächtig, daß der Ruf Wahnfreds ungehört blieb. »Nieder mit den Schanzen«, war das Feldgeschrei der Angreifer, »wir brauchen keine Zwingburg!« Aber dieses Feldgeschrei wurde immer einsilbiger und verwandelte sich in Ächzen und Stöhnen und Todesröcheln. Ein Theil entkam, ein Häuflein wurde gefangengenommen und vor den Richter gestellt. Wahnfred befragte die Gefangenen, weshalb sie gekommen wären, den Bau zu vernichten? »Weil wir müssen«, knirschte der Wortführer. »Wer ist der Herr, der euch zwingt?« »Unsere linke Hand.« »Wir hauen sie euch ab.« »Tut es! Noch auf dem Rasen wird sie ihre Finger ausstrecken, mit denen sie den Schwur gethan hat.« »Welchen Schwur?« »Alles zugrund zu richten, was wir zugrund richten können.« »O ihr Erbärmlichen, und krümmt Euch jetzt auf der Erde, wie ein Wurm, den man zertritt.« »Zertretet uns! Tut es, Ihr gehorcht damit nur unserem Gesetz. Morgen werdet Ihr zertreten sein. Wir sind überall und sind allmächtig. Wisset Ihr, wer wir sind?« »Bösewichter! Verbrecher!« rief Wahnfred. »Das sind zahme Worte, Lobnamen, mit denen Ihr Euch gegenseitig schmeicheln mögt. Wir sind die Erlöser, wir sind die Kinder des ewigen Todes.« »Wahnwitzige seid Ihr.« »In euren blöden Augen.« »Ihr wisset nicht, was Ihr wollt.« »Wisset Ihr es?« rief der Gefangene. »Ihr wollt leben und seht, daß alles sterben muß, ihr wollt Lust haben und tut alles, daß Euch leid werde. Ich seid die Wahnwitzigen; wir wissen, was wir thun, wir wollen dieser Mißgeburt ein End’ machen. Alles muß aus werden. Wir haben Feuer in den Tärn geworfen, wir haben die Pest nach Trawies getragen. Uns ist die Welt vergällt, alles muß zunichte sein!« Wahnfred wurde todtenblaß. Hier auf einmal stand’s vor ihm, das Ungeheuer, großgewachsen und entfesselt. Fürchterlich wahr, fürchterlich klar stand’s da, was er bisher wie einen Schatten in der Seele getragen hatte. Von allen Wegen, die er gesucht, soll der der rechte sein! Von allen Evangelien, die er erdacht, soll dieses das größte sein! Das größte und letzte! – Alles vernichten! ... Wahnfred lachte. Sein Lachen erscholl in den neuen Wänden des Baues. Sein Haupt war, als wachse es noch höher aus dem Körper empor, seine langen Haare waren wie lebendig, seine hageren Hände streckte er zur Höhe, so stand er da und lachte. Die Trawieser Leute hatten schon manches Unheimliche gesehen, aber so grauenhaft wie jetzt, da ihnen Wahnfred in diesem Bilde erschien, war ihnen kaum jemals zumuthe gewesen. Einige verhüllten ihr Gesicht und murmelten: »Ich kann ihn nicht anschauen.« »So wird am Jüngsten Tag der Richter sein«, sagten andere. Wahnfred hub nun, gegen die Gefangenen gewendet, an zu sprechen: »Ihr seid die Kinder des Todes und seine Henkersknechte, und seid gekommen, diesen Tempel zu zerstören?« »Wir werden ihn zerstören«, antwortete der Vorderste in finsterem Grolle. »Dann wißt Ihr nicht, was Ihr thut. Dann wißt Ihr nicht, daß wir diesen Tempel ja eben jener Gottheit gebaut haben, die alles zerstört. Das ist das Haus des Feuers. In diesem Tempel wird sich Trawies versammeln, um den Vernichter und Verzehrer anzubeten und ihm zu opfern. Wir halten es mit Euch, so werdet ihr mit uns halten. Das Feuer ist die Fahne, zu der wir alle schwören!« Die »Kinder des ewigen Todes« verstanden ihn nicht, wie ihn ja keiner verstehen konnte, aber es gelüstete ihnen weiter zu leben und sie schworen zur Fahne. [ eingefügt aus einer anderen Ausgabe – Nun, die Traweiser Gemeinde hatte sich durch den Beitritt der »Kinder des ewigen Todes« erklecklich vergrößert und die Arbeiten nahmen ihrem weiteren Verlauf. Wahnfred aber stieg nieder zu seinem Hause, dort nahm er die Lampe, in welcher das Flämmchen des Feuerwart glimmt – nahm sie zur Hand, starrte so scharf in das Lichtlein, daß dieses vor seinem Auge zu zucken und zu zittern schien und sprach; »Alle Sterne sind untergegangen, Du allein bist uns geblieben.« – Zwei Tage vor der Sonnenwende war das Blockhaus fertig. Sie hießen es das Blockhaus, ohne daß es ein solches eigentlich war. Die Befestigungswerke fehlten; diese sollten, so sagte Wahnfred, später ringsumher entstehen. Bis dahin sollte der neue Bau nichts als ein Tempel sein, der seine Festigkeit mehr nach innen, als nach außen bekundete. Er ragte auf dem berge wie ein Castell und war weithin sichtbar. Er faßte nicht viel weniger im Raum, als die Kirchen zu Trawies. Von ferne sah er glatt und völlig fensterlos aus; das Dach stieg steil empor, die Giebelwände wurden noch erst eifrig geschmückt mit Tannenkränzen. In der Nähe besehen waren die Wände rauh und an den Ecken ragten die Köpfe der Zimmerbäume ungleichmäßig hinaus. Die Pforte, welche ins Innere führte, war schmal und mit einem wuchtigen Thore versehen, das an beiden Seiten weit vorstand und mit schweren Bändern und Schlössern wie ein Gefängnißpförtlien beschlagen war. Das Doppelschloß hatte der alte Schmied vom Thale geliefert und einen »Himmelsriegel« hineingeschmiedet, dessen Geheimniß ohne den Schlüssel weder Feind noch Bruder lösen konnte. Der Schlüssel lag in der Hand des Wahnfred. Das Innere des Baues war in Dämmerung. Die Sonnenscheiben, welche hoch zu den runden Fensterlein, hingen an den Wänden wie leuchtende Lampen. Der Fußboden war aus behauenen Baumstämmen; an der dem Pförtlein gegenüberstehenden Wand stand ein breiter steinerner Sockel als Altar. Über demselben in einer Nische war Platz für das Heiligthum. Im Gebälke das Daches ähnelte dieser Tempel einer Basilika, doch gingen die wuchtigen Balken viel zahlreicher, unregelmäßiger und formloser durcheinander, es war ein Gewirre von Hölzern, Brettern und Stangen, die bestimmt schienen, das Dach zu halten und zu stützen. Der Bau war ohne Festgelage und Segensspruch fertig geworden. Die Feier der Einweihung sollte am Sonnenwendtage stattfinden, wozu Alle, die sich Trawieser Leute nannten und die gegen eine Aussöhnung mit Kirche und Staat stimmten, durch Wahnfred beschieden worden waren. Wer an diesem Tage auf dem Johannesberge nicht erscheine, der sei aus Trawies gestoßen. Mehrere Männer waren im Inneren des Tempels beschäftigt, mit Reisig und bunten Lappen das Gebälk zu zieren. Sie führten dabei ausgelassene Gespräche; sie freuten sich, wieder eine Kirche zu haben, weil jetzt wohl die großen Kirchweihludereien noch einmal aufkommen würden. »Gar nichts kommt mehr auf!« rief Einer trotzig, »bei dem nicht.« »Bei wem?« »Beim hohen Priester Wahnfred. Der mag keine Lustigkeit leiden. Das ist ein Bitterer. Das ist Einer, vor dem man sich fürchten muß.« »Geh, Narr, wer wird sich fürchten. Wird er uns zu arg, so spalten wir ihm den Schädel.-« Wahnfred stieg ins Thal hinab und ging der Trach entlang; er wollte seinen Sohn Erlefried sehen. Er ging an der Dreiwand vorbei, er ging über den Platz, wo das Haus des Gallo Weißbucher gestanden war. Er kämpfte gegen Erinnerungen, die wie Nattern sein Herz umzingelten. Im Dürrbachgraben sah er plötzlich vor sich auf dem Rasen einen Menschen liegen; der lag regungslos auf dem Bauche, sein Haupt auf den Stein des Bachufers gelegt, seine Hände hingen ins rauschende Wasser. Wahnfred blieb ein paar Schritte vor diesem Körper stehen – es mußte ein noch junger Mann sein, die Füße waren nackt, die Haare waren blond und kraus. Wenn’s Erlefried wäre! Wahnfred dachte an den Erschlagenen in der Kirche. Wenn hier die Vergeltung vor ihm stünde! – Er wollte den trauten Namen rufen, er stöhnte ihn nur. In demselben Augenblicke richtete sich der Hingestreckte empor und in seiner Hand schwänzelte eine weißbauchige Forelle. »Erlefried!« stieß Wahnfred hervor. Er war’s. In Kraft und Schönheit stand er da. Ruhig stand er da, nur warf er zum Zeichen, daß er sich des Ernstes dieser Begegnung bewußt war, den Fisch wieder in das Wasser zurück. »Erlefried,« sagte der Wahnfred noch einmal. Der Bursche fühlte den Vorwurf, der in diesem Tone lag. »Suchst Du mich, Vater?« fragte er. »Der Sohn vergißt des Vaters.« »Ich habe Deiner nicht vergessen, aber ich hätte Dich nicht gesucht.« »Du wirst Dich am Tage der Sonnenwende auf dem Johannesberge zur neuen Gemeinde versammeln,« sagte Wahnfred. »Ich werde fern bleiben,« versetzte Erlefried, »Ich habe was Anderes vor. Es ist mit lieb, Vater, daß ich Dir’s sagen kann: ich nehme am Sonnenwendtage ein Weib.« Wahnfred schwieg eine Weile, dann murmelte er: »Ich habe lange geglaubt, Erlefried, Du wärest gestorben.« »Glaube es noch, Vater, es wird Dir besser sein,« versetzte der Jüngling; »Deinen Weg kann ich nicht gehen, ich kann nicht. Ich bete für Dich, daß er Dir der rechte sei. Aber mich laß im grünen Wald und bei meinen Freuden.« »Die Freuden im Wald, mein Sohn, die sind gefährlich. Alle, Alle will ich hervorrufen aus den Wäldern und versammeln im Schafstall.« »Mich laß, ich will den Wald roden und Feldbau treiben. Der Bart am Tärn hat mir sein Haus gegeben, da werde ich mit meiner Sela in Frieden leben und sterben.« Es steht nicht geschrieben, was Wahnfred darauf erwidert hat, auch nicht was er empfunden hat, als er so seinem Sohne gegenüber stand. Der Eine geht sterben, der Andere geht freien. »Wir können nicht dafür, daß wir uns fremd geworden sind,« sagte Erlefried, »im Himmel wird’s wohl aufgeschrieben bleiben, daß wir zusammengehören. Lebe wohl, Vater!« »Und Du willst ihm die Hand versagen, dem alten von Gott und Menschen verlassenen Mann!« rief Wahnfred, und mit einem Schrei des Schmerzes fiel er dem Burschen um den Hals. »O Kind, o mein Kind, hast denn ganz vergessen auf den armen Mann, dem Du einst sein Glück auf Erden bist gewesen! Hast vergessen auf Deine Mutter, die uns Beide so oft in den Armen hat gehalten, wie ich Dich jetzt halte, und nimmer lassen möchte, Du geliebtes Kind! O, komm mit mir, Erlefried, Du bist jung und fromm, Du hast noch gut sterben. Der Einzige unter uns Verlorenen, der gut sterben hat. Siehe, Dein Weg führt Dich jetzt so nahe an die Himmelsthür, da drinnen warten auf Dich Deine Voreltern, wartet Deine Mutter, da drinnen lebt Dein Gott. O sage nicht, Du seiest noch zu jung und wollest Dich der schönen Welt erfreuen. Kehrst du jetzt nicht ein, bald wendet sich der Weg zur Welt zurück, zur falschen Welt, führt Dich weit ab, wirst gehetzt von Deiner Begier; was Dir begegnet, ist Furcht, Angst, Schrecken, wo Du Lust wähnst, erwartet Dich der Schmerz. An Gräbern weinen, ist noch das Süßeste. Die Untreue mordet Dein Vertrauen, das Elend der Menschen mordet Deinen Glauben an Gott; Du kannst nimmer beten, nimmer weinen, alles, was Du thust, ob in Lieb’, in Haß, ob in Genuß, in Verzweiflung, es wird Dir zur Schuld. Dann wirst Du wie Einer, den die Nacht überfallen hat, diesem Weg zu suchen, auf dem Du heute stehst, aber jeder Schritt führt Dich tiefer ins Verderben. Erlefried, denk’ an Deine Seele!« Der junge Mann blickte befremdet auf, bei dem letzten Worte fuhr’s wie ein Blitz durch sein Herz. Sein Dämon fragte ihn, on die Seele denn gerettet sei oder noch dem Bösen angehöre? Wahnfred sah ihn wankend, glühenden Auges fuhr er fort in glühender Rede: »Und denke an sie, die Du Dir hast auserwählt. Bringe Deine Braut, sie ist wohl wie eine Blume im Schnee, sie ist wie ein Engel unter Verdammten, rette sie zu Gott. Den Himmel mach’ ihr zur Brautgabe, nur im Himmel werden die Ehen geschlossen – vergiß das nimmer, Sohn! O, laß Dich nicht bethören, die Welt ist hin, ‘s ist alles aus. Ich führe Dich, wir gehen miteinander ins himmlische Reich!« Erlefried erkannten nun, was aus dem Manne sprach; gegenüber dem Wahne wurde er vernünftig, er suchte sich dem unheimlichen Schwärmer zu entringen. Wahnfred bebte vor Erregung, mit beiden Armen umfaßte er den Jüngling und rief: »weich’ hinweg! Hinweg, du höllischer Teufel! ich will mein Kind haben, ich laß es nicht. O, steh mir bei, du himmlisches Heer! Jhr Engel Gottes, steht mir bei.« Ein Wahnsinniger! Erlefried raffte seine volle Kraft zusammen, schleuderte den rasenden von sich und floh davon. Auf der Höhe blieb er stehen und blickte zurück. Er sah seinen Vater nicht. Jetzt überkam ihn ein unsägliches Weh, ein herzzermalmendes Mitleid mit dem armen Manne. Er kehrte um, daß er ihn am Bache wiederfinde und in sein Haus begleite. Er fand ihn nicht mehr dort stehen. Traurig schritt Erlefried seines Weges, nahm sich aber vor, dem Vater zu Lieb’ zur Einweihung des Blockhauses auf den Johannesberg zu gehen. Und seiner Braut machte er den Vorschlag, ihr Hochzeitsfest mit dieser Feier zu verbinden. »Dir zu Lieb’,« sagte Sela. »So ist’s gut!« Sagte er, sie glückselig anblickend, »und jetzt lache und scherze wieder Eins!« »Ich kann nicht,« hauchte sie und legte ihr Haupt an seine Brust, »mein Erlefried, mit ist so bang.« Schluß Am Vorabende des Festes war’s, als sich Wahnfred allein im Bethause befand. Er hatte sich eingeschlossen, er kauerte am Altartische und schaute mit umflorten Auge in das schwere Gebälke des Daches empor. Bisweilen knisterte, krachte es im frischen Holze, sonst war alles still. Wahnfred starrte wie ein Träumender – irr und wirr – zu den sieben Rundfensterlein hinauf, von welchen das Tageslicht jetzt in blassen Strömen das Innere durchzog. Er murmelte die Worte: »Siehe, Er kommt aus den Wolken. Sehen werden sie, die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden die Ge-schlechter der Erde. Sein Angesicht strahlt wie die Sonne. Seine Augen sind wie Feuerflammen. In seiner Hand hält er sieben Sterne. Aus seinem Munde geht ein zweischneidiges Schwert. Er ist der Anfang und das Ende. Ich fürchte mich nicht, ich habe des Todes und der Hölle Schlüssel ...« Dann stand er auf, kletterte auf Wandleisten bis zum Gebälk empor, wo er eine Kette aus Stroh befestigte, die er niederhängen ließ bis zum Altare, wie sonst die Ampelschnur niedergeht. Die Kette war breit und leicht geflochten und Wahnfred sagte zu ihr: »Du bist die heilige Jakobsleiter, auf der wir zum Himmel steigen – Morgen! – Morgen werden die Siegel gebrochen sein, wie ein zugerolltes Buch wird die Erde verschwinden ....« Er zuckte zusammen und erwachte. Es war ihm gewesen, als hätte er einen Ruf vernommen: »Wahnfred, was willst Du beginnen?« Er fragte laut: »Hat mich wer gerufen? Die Rechenschaft gebe ich gern. Wir sind verworfen. Jeder Athemzug, den wir thun, wird zum Laster. Niemand als der große Gott hemmt unseren Sturz in die Hölle. Gott, so umfassen wir Dich. Ich habe den Fluch gezeichnet, ich werde ihn löschen, das ewige Feuer mit irdischem löschen, das Land von uns befreien. – Der Skorpion, den man in einem Feuerringe gefangen hält, tödtet sich selbst .... Sie werden sagen, wir sind wahnsinnig geworden, aber sie werden nicht sagen können, wir wären in der Finsterniß untergegangen. Wir haben erkannt, daß wir das Böse sind und haben uns vertilgt. Das ist unser Sieg.« Als er das Blockhaus verließ, war er heiter. Er fühlte den Sommer außer sich, in sich. Er war am Ziele, endlich, endlich! Sein müdes Haupt ruhte am Busen Gottes. – In der darauffolgenden Nacht, die wie ein Zugbrücklein von Heute auf das Morgen führt, schritten drei Männer durch das thauschimmernde Thal der Trach und riefen folgenden Sang: »Licht Sonnenwenden ist da! Der heilige Tag. Wacht auf zum ersten Stundenschlag. Herab von den Himmeln, Herauf von der Erden Die lieben Gäste erscheinen werden. Feuer und Licht hat Gott gemacht, Erwacht! Erwacht!« Da wurde es lebendig in den Hütten und Höhlen. Aber sie konnten sich nicht mehr wie einst versammeln auf dem grünen, eichenumstandenen Anger, unter dessen Rasen ihre Todten ruhten. Der Anger war überwuchert von Nesseln und Dorngesträuche. In neuen Tagen hatten sie ihre Todten verscharrt zunächst dort, wo sie starben. Wer über Wiesen, Matten und durch die Wälder strich, der konnte manchen Fleck sehen, wo die kahle Erde lag und ein Stab darauf stak. So war Trawies ein großer Friedhof geworden, aber die Gräber verwuchsen rasch, die Stäbe sanken bald in ds Gras und die Verstorbenen waren spurlos dahin. So war jetzt Niemand, der den Ruf that: »Mein Vater, ich wecke Dich, die Sonnenwend’ ist da!« Nach Branntwein aber schrien die aus dem Schlaf geweckten Gesellen, darunter wohl auch der Bauer Isidor, der Jäger vom Trasank, der Stoßnickel und Ursula, die Giftmischerin. In Lumpen gehüllte Weiber schleppten sie mit, aber nicht mehr gegen die Wildwiesen, sondern dem Johannesberge zu, wo heute Kirchweih war. Auch Musikanten waren da, doch ihre Instrumente krähten heiser oder schrien grell und schrill; selbst die Saiten und Pfeifen klagten es, daß alle, alle Harmonie von Trawies gewichen sei. Die Fackeln fuhren im Thale wie Irrlichter hin und Herr und strebten im Zickzack dem Johannesberge zu. Wohl fehlte etwas, das sonst diesen Morgen belebt hatte, dessen Abgang jedoch heute kaum bemerkt wurde. Das heitere Völklein der Kinder war nicht da. Zu Trawies gab es keine Kinder mehr. Die wenigen, die da umherliefen, es waren kleine Strolche. »Die Kinder,« hatte Wahnfred einmal gesagt, »sind ein Geschenk Gottes; aus der Sünde entstehen sie nicht.« Die Wenigen, die geboren wurden, verdarben und starben in ihrem zartesten Alter. »Ein Zeichen,« meinten Einige, »daß der jüngste Tag nicht mehr weit ist.« Und Wahnfred hatte gesagt: »Das ist die göttliche Gerechtigkeit. Sollen die Kinder denn in der Schuld der Väter mit zugrunde gehen? Daran, daß er zu Trawies die Männer entmannt und die Weiber entweibt, daran erkenne ich Ihn wieder.« Nun gingen sie dem neuen Tempel zu. »Sonst stoßt uns der finstere Herr aus Trawies,« spottete der Eine. »Und die lichten Herren draußen, die stoßen uns wieder herein,« versetzte der Andere. »Na höret einmal, es wird schon wieder ungemüthlich. Dahier soll Eins knien, draußen soll Eins hängen, ‘s ist ein Teufel wie der andere.« »Seid froh, daß wir wieder einen Herrgott haben!« »Der Sackra will nicht brennen!« Rief ein Weiterer und schleuderte seine rauchende Lunte zu Boden. »O, er wird Dich schon brennen, Du alter Sünder!« »Ein Sünder, meinst? Schau, das giebt mit wieder ein rechtes Ansehen. Es war bös die Jahre her, daß es in ganz Trawies keinen Sünder gab.« »Ich glaub’s. Lauter Räuber und Halunken.« »Ist auch schöner, aber nur hübsch fromm dabei sein.« Ähnliche Gespräche führten sie unterwegs. Einen stillen Waldpfad hatte sich Erlefried erwählt. Er bestieg mit seiner Sela den Berg vom Gestade aus. Da begegneten sie Keinem, da waren sie allein. – Selbst der Bart war nicht mit ihnen, der hatte sich zum Sandhock und zum Tropper gesellt, um mit ihnen die Einrichtung des neuen Gottesdienstes zu besprechen. So sehr er anfangs und selbst noch bei dem Gottsleichnamsfeste der neuen Lehre entgegen war, heute stimmte er dafür. Er sah den günstigen Einfluß. Die Leute von Trawies gehörten zu jenem Mückengezücht, welches gern die Flammen sucht und umgaukelt. Und das war ein unendlicher Vortheil, sie um einen Mittelpunkt zu versammeln, sie zu beherrschen. Der Bart hatte in der Zeit des Unheils durch Arbeit und Rechtschaffenheit sein Gewissen zu besänftigen gesucht. Nun, da er alt wurde, da er in Trawies wieder einen Drang nach Überirdischem erwachen und sich selbst davon erfaßt sah, nun hörte er plötzlich in seinem Inneren die Stimme: »Bart vom Tärn, Du warst auch dabei!« Er war dabei gewesen in der Rabenkirche, da sie den Mord geplant, er war dabei gewesen im Hause des Weißbucher, da sie den Mörder verleugnet. Er war der Hauptschuldigen Einer, auch für ihn ist dazumal in der Kirche ein Kopf vom Rumpfe gefallen. Als die Leute sich auf der Höhe um das Haus versammelten, ging über dem Trasank der Morgenstern auf. Sie, von ihren Fackeln geblendet, sahen ihn nicht. Sie johlten wie eine Rotte von wilden Buben und trieben sich balgend, lachend und fluchend durcheinander. Die ruhigsten von ihnen waren die Taschendiebe und von den Feueranbetern die Glühendsten waren jene fahlfarbenen Gesellen, welche den Weibern nachhuschten. An den Branntweinbänken wurden Ehen geschlossen und Todtschläge geschworen. Der Bart verwies Einigen das tolle Trinken. »Das Brennwasser willst uns neiden!« schrie einer der Wildesten, »alter Gotteslästerer, man soll dich würgen! Im Branntwein ist der Herrgott drin, siehst Du?« Er goß den Zuber auf das Brett aus, warf einen brennenden Span drein und die Flüssigkeit lohte in blauer Flamme auf. Die Waaren zahlten sie seit Langem schon durch Tausch. Für Branntwein: Wildpret, für Vögel: Fische, für Kümmel: Essig, für Waldnüsse: Käse, für Wurzeln: Beeren, für Wolle: Häute, für Bänder: Nägeln u. s. w. Dabei gab’s Zank und streit in Fülle und Mancher pries die Zeit, da Trawies seinen Pfarrherrn hatte, nur weil es dazumal auch Schinderlinge gegeben. Es gab deren noch, aber Keiner wollte sie nehmen, man durchlöcherte die Münzen und trug sie als Schmuck an den Hälsen, und der Liebende bag als Dank einen Schinderling und die Geliebte schleuderte ihm das Geldstück ins Gesicht und forderte Fleisch und Branntwein. Ähnlich trieb sich’s auch heute bei dieser Kirchweih auf dem Johannesberg, zur Stunde, da das Bethaus im blassen Scheine des werdenden Tages stand. Da wurde das Treiben plötzlich unterbrochen. Wahnfred, von mehreren alten Männern begleitet, stieg von seinem Hause herab und trug das Heiligthum – das Ahnfeuer. Allsogleich schlug in der Menge die Stimmung um. An der Stelle der Ausgelassenheit trat die Bigotterie mit ihren Schwärmereien und fanatischen Ausschreitungen. Man fiel aufs Angesicht nieder und streckte die Arme aus, Weiber geriethen in Verzückung, denn sie hatten getrunken. Sie kreischten dem Feuer Bittgesänge zu, die im Lärm der Hinundherwogenden wie der Schrei des Schiffbrüchigen im Orkan erstickten. – Zwei Männer mit langen Stäben gruben in der Menge eine Gasse, und durch dieselbe zog Wahnfred im Paltrock, an seine Brust gelehnt das in einer Laterne brennende Ämplein. Der matte Schein desselben streifte die verwitterten und verwilderten Gesichter der Knienden und kämpfte mit dem Morgenroth. So zog Wahnfred in den Tempel ein und hinter ihm drängte sich stoßend, schlagend, lachend und fluchend die Menge nach, bis der Letzte drinnen war. Und als der Letzte drinnen war, fiel das Pförtlein krachend ins Schloß. An den inneren Wänden zuckte das Roth des Ahnfeuers, das dem Altar zugetragen wurde. Und als das Ahnfeuer am Altar war, schlug aus demselben ein Flämmchen an die niederhängende Strohkette ....     Erlefried und Sela waren durch den Wald und immer durch den Wald gegangen. Sie hatten keine Fackel, sie führten sich an der Hand, sie sagten kein Wort. Erst als sie auf einem freien Platz gekommen waren, wo der Morgenstern über ganz anderen Baumwipfeln stand, als er hätte stehen sollen, bekannte Erlefried, er hätte den Weg verfehlt. Das Mädchen vertraute ihm. Sie dachte an jenen Sonnenwendmorgen vor Jahren, da sie mitsammen als Kinder zur Wildwiesen hinangestiegen. Auch damals hatten sie sich verirrt und kamen in die Dornen. Damals wußte der kleine Erlefried so schöne Märchen zu erzählen. Das hat sich geändert. Je größer und schöner, desto schweigsamer ist er geworden. Heute sagt er gar nichts mehr. Viel zu weit links waren sie gekommen, und zur rechten Hand hatten sie nur die aufsteigenden Felsen. So dachten sie nicht mehr an den Johannesberg, sondern gingen immer weiter, immer vorwärts. – Eines folgte dem Anderen, Keines wußte wohin. Die Bäume standen im Morgenroth, die Vöglein sangen in heller Lust. Der pfad zog wieder thalwärts und verlor sich allmählich im Struppwerk. Der Jüngling und die Jungfrau waren ganz allein, nur die Vöglein waren mit ihnen überall. Sie schritten still zwischen dem Gestämme hin, sie kamen ins Brombeerlaub, sie traten auf das kraut der Einbeere, sie schreckten manche Eidechse auf unter ihren Füßen. Sie wanden sich durch Haselnußgesträuch, immer üppiger rankte, wölbte sich das Gebüsch um die zwei jungen Menschen – endlich vermag unser Blick ihnen nicht mehr zu folgen. Von diesem Waldgang sagte der Chronist: »Und sie dergestalt selbander gewest seynd, haben sie nit anders vermeinet, denn sie wären in der Himmlischen Freid.« Vergebens horchen wir nach ihren Schritten, warten vergebens auf ihre Umkehr. Und wie wir so horchen, da geht etwas sonderbares durch die Luft. Es ist, als wenn Saiten gespannt wären über die Höhen von Fels zu Wald und plötzlich fahre eine unsichtbare Hand wild in die Saiten. So schrillt es lang getragen und gebrochen seltsam durch die Luft, dann ist alles still. – Ein paar Spechte schießen planlos im Gewipfel um und kreischen. Tief in der Schlucht, wo ein bemooster Weg gegen das Haus des Firnerhans hinausführt, kamen die zwei jungen Menschen aus dem Dickicht wieder hervor. Ihre Gesichter waren rosig erblüht, ihre Herzen zitterten leise, zitterten selig nach, als hätten sie ihn gesehen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit seinen Kindern die Freude giebt. Sie schwiegen noch immer. Sela schlug ihre Augen nieder auf das graue Moos; Erlefried hob das seine – feucht und glühend wie es war – gegen den Himmel und wunderte sich, daß die Sonne schon so hoch stand und daß sie heute so roth war. Über dem Gipfel des Johannesberges lag eine finstere Wolke, die mit ihren rothbraunen Rändern weit über den Himmel hin und als blazender Schleier an der oberen Trach, wo die Kirche stand, in das Thal niedersank. Als sie weiter unten in die Lichtung gekommen waren, sahen sie, daß die Wolke dicht und schwer, sich selbst beschattend, aus der Spitze des Johannesberges aufstieg, als wäre dort ein Vulkan ausgebrochen. Erlefried wurde blaß. Er sah auf der Höhe kein Haus. Einer von Allen, die hinaufgestiegen waren zum Berge des Johannes, um die Sonnenwende und das Feuerfest zu begehen, ist zurückgekehrt. Im Erzählen dessen, was er geschaut, hat ihn der Wahnsinn erfaßt. Seine Spur ist bald verloren gegangen. Erlefried und Sela sind geflohen, so weit sie ihre Füße haben getragen. Auf fernen Auen, wo kein trüber Rauch die Sonne umhüllte, haben sie ein neues Leben angefangen. In einer schwülen Sommernacht desselben Jahres kam vom Niedergange her ein mächtiger Sturm. Er wühlte auf dem Berge die Asche empor und streute sie hin über die grünen menschenleeren Wälder von Trawies. Der noch heute bestehende Galgen von Schattenberg besteht aus drei aus Bruchsteinen gemauerten, nach oben sich etwas verjüngenden Rundsäulen mit Mörtelputz, an den Enden abgefallen. H. c. 600; U.: c. 380 (Brusthöhe); Abstand der Säulen: 380. E.: Krauß I, S. 235, 238: Die im Volk noch lebendige Tradition berichtet, daß die an der Ermordung des Pfarrers Melchior Lang (1493) acht Hauptschuldigen an diesem eigens zu diesem Zweck errichteten Galgen justifiziert wurden. Peter Rosegger hat in seinem Roman »Der Gottsucher« die damaligen Ereignisse ausführlich behandelt. Gottfried Gidaly, 2002