Paul Scarron Der Komoediantenroman Ins Deutsche übertragen von Franz Blei Muenchen und Leipzig Bei Georg Mueller M. DCCCC. VIII.   Dieses Werk wurde im Auftrage von Georg Müller in München in einer einmaligen Auflage von 1500 in der Presse numerierten Exemplaren in der Buchdruckerei von M. Müller \& Sohn in München hergestellt. Ausserdem wurden 100 Exemplare auf echt van Geldern Bütten abgezogen. Titel und Einband zeichnete Paul Renner Dieses Exemplar trägt die Nummer 586   Einleitung Paul Scarron war ein kleiner Abbé, der öfter ins Wirtshaus ging als zur Messe und lieber den lustigen Mädchen seiner Kumpanei Küsse gab, als den frommen Damen des Adels die Kommunion. Man kann sogar sagen, der zierliche Scarron war in jungen Jahren ein Trunkenbold, Mädchenläufer, Spieler und Bambocheur gewesen, der den Degen locker in der Scheide hatte. (Man stach sich damals wegen einer Bagatelle ab.) Es war ja auch nur das kleine Kollet, das Scarron nahm, und dies verpflichtete nicht zu einem kirchlich-tugendhaften Lebenswandel, sondern zur Eleganz, zu Puder auf den Wangen, zu Schuhen mit goldenen Schnallen. Der Abbé trägt – und trug bis zur Revolution – den Degen wie ein Krieger und die Spitzen wie ein Hofkavalier, so hat er Aussehen und Vorteile dreier Stände und alles Glück bei den Frauen, die Beichte und Liebe, Frömmigkeit und Ausschweifung in einem zu haben meinten, hatten sie einen Chypre duftenden Abbé im Bette, wie die Marion de l' Orme den Abbé Scarron. Dem gefiel dieses Leben um so mehr, als er keine frohe Kindheit hatte; und er brachte viele epikurische Talente dafür mit, deren Entfaltung die Zeit günstig war: in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hingen noch Sonnenfäden des Rinasciamento in der Luft, besonders der französischen. Ein Talent nur besass Scarron nicht: im Spiel zu gewinnen. Er verspielte immer bis aufs Hemd in der Gesellschaft von Scudery, Tristan l'Hermite, Rotrou – Dichter und Spieler und Säufer alle drei, Scarron Dichter kaum noch trotz seiner Madrigale und Curanten für die Gelegenheit, die ihn, den zwiefachen Menschen, der er war – massloser Säufer und galanter Schwärmer – nicht nur in die Taverne führte, sondern auch in die vornehme Welt und nicht nur in deren Ruelles. Da traf ihn das Schicksal. Seine Stiefmutter brachte mit ihren Kindern die häuslichen Verhältnisse in die von ihr gewünschte Ordnung, überzeugte Scarrons Vater, der die Dichter liebte und so auch seinen Sohn, dass es mit dem so nicht weiterginge, dass er vielmehr eine solide Präbende brauche und zu einem Bischof müsse. Die Robe kam Scarron zu früh über sein kleines Kollet. Irgendein fettes Canonicat wünschte er sich ja, für das Alter, aber so weit war er mit seinen dreiundzwanzig Jahren noch lange nicht, als er dem Zwange und der Not doch nachgeben musste. Charles II. de Beaumanoir, Bischof von Mans, erklärte sich bereit, den jungen Abbé als Gehilfen – pour domestique – anzunehmen mit dem Versprechen auf eine spätere Pfründe. Als nach einer letzten durchzechten Nacht Scarron die Postkutsche erkletterte, die ihn nach Mans bringen sollte, tröstete ihn die Versicherung der ihn bis an den Wagen geleitenden Genossen, dass man in der Provinz Maine gut esse, wenig über den Kummer Paris verlassen zu müssen, die Freunde und die Frauen, und die Nächte mit beiden. Und seine Reisegesellschaft war schon ganz erbärmliche Provinz: alte asthmatische Landpfarrer, Kaufleute, ein paar dicke Weiber, Landjunker in dunkelfarbigen Tuchröcken. Aber er fand in seinem Bischof einen geistvollen Herrn, der einen vorzüglichen Tisch führte, und bald Gesellschaft, die ihm behagte, bald auch die Gelegenheiten zu der seiner Natur so nötigen Libertinage. Das half ihm über die noch weiter bestehende Melancholie seines Exils hinweg, und ein anderes noch: der Roman comique, den er hier zum Teil erlebte, zum andern imaginierte. In seinem Buche, das er nach seiner Rückkehr von Mans erst schrieb, steht die Rancune gegen die pedantische und langweilige Provinzgesellschaft, sein Zorn auf die gens d' église und seine heimliche Liebe für das fahrende Volk der Komödianten, deren Leben damals, wie Bruscambille sagte, sans souci et quelques fois sans six sous war, was es auch wohl geblieben ist bis auf heute. Wer Wert darauf legt, wird im Komödiantenroman das einzig vorhandene und reiche Dokument der Provinzsitten und Gewohnheiten der Schauspielernomaden des 17. Jahrhunderts finden. Es ist aber auch dieses noch: das letzte Buch gallischer Art, wenn so zu bezeichnen erlaubt ist, was im Gargantua Rabelais' seinen stärksten Ausdruck, in Pantagruel sein Symbol fand. Schon zeigt ja Scarrons Roman die ersten Anzeichen der französischen Gesittung, in einem die Derbheit entschuldigenden Wort, in einem preziösen Euphuismus der Gefühle bei den eingeschaltenen Novellen. Ganz naiv wie bei dem Meister ist die Ausgelassenheit nicht mehr. Scarrons Leben fällt in die Zeit der Wandlung; er erlebte noch die Diktatur des Hofgeschmackes unter dem vierzehnten Ludwig. Er hat seinen Roman nicht vollendet, vielleicht weil er den natürlichen Ton dafür nicht mehr fand, vielleicht weil er ihn für unzeitgemäss hielt, vielleicht auch weil er dem Diorama seines Erlebten keine romanhaften Schlüsse erfinden wollte. Denn seine Figuren sind nach dem Leben, das keine Fabel hat. Ein Scarronforscher hat sich die Mühe nicht verdriessen lassen, die wahren Personen des Komödiantenromans herauszubringen, die Scarron zu Modell standen. Und die Literaturgeschichte hat Scarrons Vorbilder festgestellt in den spanischen Romanen, dem Gusman d'Alfarache, dem Lazarille de Tormes. In dem Sinne aber, wie wir es verstehen, war die französische Literatur nie eine originale. Das Wort Original ist im Französischen eine Beleidigung fast. Aber die fremde Anregung gab Meisterwerken das Leben. Man blättere in den gleichzeitigen Romanen, nein, man höre nur die Titel: Der Grosse Cirus, Ibrahim Bassa, und Scarrons Originalität wird ganz deutlich werden. Nicht nur den Roman brachte Scarron aus der Provinz zurück, sondern auch die Gicht oder was es sonst gewesen sein mag, das ihn hinfort zum Krüppel machte, der seinen Nabel nicht sehen, kein Glied sonst als die Finger bewegen konnte. Wie er dazu kam, erzählen nur Anekdoten. Aber der arme Cul-de-jatte verlor die Laune nicht; wenn er auch manchmal nachdenklich wurde, so war es nur für eine kleine Weile, denn Marion war noch immer eine schöne Frau und die jüngere Ninon war es erst recht, und beide waren seine Freundinnen unter vielen. In seinem gelbdamastnen Zimmer brauchte er auf Besuche nicht zu warten, der Doyen des malades de France, wie er sich in einem bösen Pamphlet gegen die Familie seiner Stiefmutter nannte und in den vielen Gedichten, in denen er um Pensionen bettelt, einem Brauch der Zeit mehr folgend als der Not, und schmachvoll höchstens für die Angebettelten. Es ging Scarron nicht schlecht, er brauchte nur mehr als ihm seine Pfründe und die Komödien und burlesken Gedichte, die er schrieb, eintrugen. Eines Tages kam zu dem Krüppel ein Mädchen, bestellte weinend Grüsse von irgendwem, weinend, da es über seinen gelben Kattunrock längst hinausgewachsen war und sich darob schämte. Briefe dieses Mädchens an eine Freundin las Scarron etwas danach, die ihn rührten. Er sah sie wieder und beschloss sie zu heiraten. Die Frau, bei der das Mädchen wie eine Magd war, half dazu, aus Hass auf das hugenotische Kind, dem sie alles Böse wünschte und nichts schlimmeres finden konnte als diesen gottlosen Krüppel. Scarron verkaufte seine Präbende um 3000 Pfund und gehörte nicht mehr der Kirche. Und heiratete das Mädchen, Françoise d'Aubigné, deren Grossvater der berühmte Verfasser des Divorce satirique, deren Vater ein Falschmünzer und Mörder war, und die unter dem Namen der Madame de Maintenon Königin von Frankreich wurde. Dies aber ist das Zweite, was Scarrons Namen populär erhalten hat. Scarron wollte eine Pflegerin, die schön anzuschauen war. Wohl dachte er an mehr vor der Eheschliessung. Machte phantastische Pläne, nach den Antillen zu gehen, wo er, wie man ihm sagte, wieder gesund würde. Er blieb in Paris und blieb das unglückliche Z, das er war. Die junge Frau trat ihre Krankenwärterstelle in der Hochzeitsnacht an. Was sie veranlasst hat, Scarron zu heiraten, wird dürftig genug gewesen sein: eine Versorgung wollte die Vielgehetzte, und nach Amerika, wo sie geboren war, sollte sie zurück, was sie nicht wollte. Der Charakter dieser Frau, die um die Weisse ihrer Haut zu erhalten sich die Ader schlagen liess, die mit Ninon unter einer Decke lag, das Weib eines armen Dichters war und dann einen König und ein Reich beherrschte, das Edikt von Nantes, die Dragonnaden in den Cevennen vorbereitete, diese Frau wird nicht ganz deutlich zu machen sein; sie scheint jedesmal eine andere. Wäre Françoise d'Aubigné nach Amerika zurückgekehrt, hätte Louis XIV. weiter in Balletten getanzt, wie Charles I. Stuart seinen Kopf behalten hätte, wäre Cromwell nach Jamaika gefahren, wie er wollte und nicht konnte, da ihm die Schuhe fehlten. »Was bringt Ihre Frau in die Ehe mit?« fragte der Notar Scarron; der sagte: »Zwei grosse sehr eigensinnige Augen, eine prachtvolle Korsage, ein paar schöne Hände und viel Geist.« Damit, und es war viel, musste sich der Krüppel begnügen, mit dem Anblick und Hören dieser schönen Dinge. »Du solltest ein Kind von ihr haben,« sagte ihm sein Freund Ménage, und Scarron wandte sich zu seinem Kammerdiener: »Mangin, würdest du gern meiner Frau ein Kind machen, wenn ich es befehle?« – »Wenn Sie wünschen, gnädiger Herr, und mit Hilfe Gottes, gewiss.« Er liebte seine Frau zärtlich und seine einzige Sorge war nur ihre Zukunft, wenn er sterben würde. Scarron starb fünfzig Jahre alt im Jahr 1660 inmitten seiner weinenden Leute: »Ihr werdet nie so viel über mich weinen wie ich euch lachen gemacht habe.« Sein Name verschwand für lange. Er hatte keinen Nachfolger. Und er verschwand auch, da es nicht anging, die Erinnerung daran zu wecken, dass Madame de Maintenon einmal Madame Scarron gewesen war. München, 30. September 1908 Franz Blei Erster Teil Dem Koadjutor! Das sagt alles! Ja, verehrtester Herr, Ihr Name allein hat in sich alle Titel und Elogen, die man den berühmtesten Personen dieser Zeit geben und machen kann. Er wird mein Buch für gut passieren lassen, so schlecht es auch sein könnte; und auch die, welche meinen, ich hätte es können besser machen, werden ohne weiteres zugeben, dass ich es nicht besser widmen konnte. Alles was Sie mir Gutes taten, lässt mich auf Mittel sinnen, Ihnen zu gefallen – was auch ohne Ihre Güte geschähe. So habe ich Ihnen meinen Roman gewidmet, damals schon, als ich die Ehre hatte, Ihnen den Anfang vorzulesen, der Ihnen nicht missfiel. Das hat mir Mut gemacht, ihn vor allem andern zu vollenden; wenn Sie ihn für mehr nehmen als er wert ist oder Ihnen auch nur ein Stück davon gefällt, bin ich der glücklichste Mensch in Frankreich. Aber, sehr verehrter Herr, ich wage die Hoffnung nicht, dass Sie ihn lesen werden; das wäre zuviel verlorene Zeit, die Sie nützlicher zu verwenden wissen. Genug Lohn ist es mir schon, wenn Sie das Buch annehmen und wenn Sie mir auf mein Wort – das ist alles was mir bleibt – glauben, dass ich von ganzen Herzen bin Ihr sehr ergebener Diener Scarron Erstes Kapitel. Eine Komödiantentruppe kommt in der Stadt Mans an Die Sonne hatte schon mehr als die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, und ihr Wagen rollte den Abhang der Welt geschwinder hinab als er wollte. Hätten ihre Pferde sich diesen Abhang zunutze machen wollen, so hätten sie den Rest des Tages in weniger als einer halben Viertelstunde zurücklegen können; so aber amüsierten sie sich mit kleinen Sprüngen und atmeten eine Seeluft ein, die sie wiehern machte, und ihnen anzeigte, dass das Meer, wo ihr Herr sich alle Nacht schlafen legt, nicht mehr weit sei. Um aber menschlicher und verständlicher zu reden, es war zwischen fünf und sechs Uhr, als ein Karren in die Stadt Mans hineingefahren kam. Dieser Karren war mit vier Ochsen und einem Müllerpferde bespannt, dessen Füllen um und neben dem Wagen wie närrisch herumlief. Der Karren war voll mit Koffern, Mantelsäcken und grossen Packen gemalten Tuchs, die gleich einer Pyramide aufgehäuft waren, auf deren Spitze ein Fräulein thronte, das halb städtisch, halb ländlich gekleidet war. Ein junger Mensch, dessen Miene ebenso viel versprach als seine Kleider wenig, ging neben dem Karren her. Auf dem Gesicht hatte er ein grosses Pflaster, das ihm ein Auge und die Hälfte der Backe bedeckte, und auf den Schultern trug er eine grosse Flinte, mit der er unter den Elstern und Dohlen ein grosses Blutbad angerichtet hatte und die er gleich einem Bandelier über die Brust trug, an dessen Ende ein Huhn und eine junge Gans hingen, welche beide bei der kleinen Jagd gefangen zu sein schienen. Statt eines Hutes hatte er eine Nachtmütze auf, die mit Strumpfbändern von verschiedenen Farben umwunden war, und dieser Kopfputz sollte vermutlich einen Turban vorstellen, an den noch nicht die letzte Hand gelegt war. Sein Rock war ein grauer Kittel, der mit einem ledernen Gürtel zusammengeschnallt war, der zugleich dazu diente, einen Degen zu halten, der so lang war, dass man sich dessen kaum bedienen konnte. Seine Hosen waren mit den Strümpfen zusammengenäht, so wie diejenigen der Komödianten, wenn sie einen Helden des Altertums vorstellen, und statt der Schuhe trug er antike Sandalen, die bis über die Knöchel mit Kot beschmiert waren. Ein ältlicher, etwas besser, wiewohl auch sehr schlecht gekleideter Mann, ging neben ihm her. Der trug auf dem Rücken eine Bassgeige, und da er etwas gebückt ging, so hätte man ihn von weitem für eine grosse Schildkröte halten können, die auf ihren Hinterbeinen ging. Pedantische Kritiker werden zwar über den Vergleich eines Menschen mit einer Schildkröte schimpfen, wegen des geringen Verhältnisses zwischen den beiden, allein ich rede hier von den grossen indischen Schildkröten, und ausserdem: mir hat der Vergleich so gefallen. Wir wollen zu unserer Karawane zurückkehren. Sie kam an der Schenke zum Reh vorbei, an deren Tür sich eine Menge Bürger aus dem Städtchen versammelt hatten. Die Neuheit des Aufzugs und der Lärm der Buben, die sich um den Karren versammelt hatten und schrien, bewogen die würdigen Herren ihre Augen auf unsere Unbekannten zu werfen. Ein Polizeileutnant unter andern, namens la Rappinière, trat näher hinzu und fragte mit einer obrigkeitlichen Miene, was für Leute sie wären. Der junge Mensch, dessen ich oben erwähnt habe, nahm das Wort, und sagte, ohne die Hand an den Turban zu legen – denn mit der einen hielt er seine Flinte und mit der anderen das Degengefäss, damit der Speer ihm nicht an die Beine schlagen sollte – sie wären Franzosen von Geburt und Komödianten von Profession, sein Theatername sei Destin und der seines alten Kameraden la Rancune; das Fräulein aber, so oben gleich einer brütenden Henne auf der Bagage sass, hiesse la Caverne. Dieser sonderbare Name erregte einiges Gelächter unter der Gesellschaft; worauf der junge Komödiant erwiderte, dass der Name la Caverne klugen Leuten eben nicht sonderbarer sein müsste, als die Namen la Montagne, la Valet, Rose oder l'Epine. Diese Unterhaltung wurde von einigen Faustschlägen und Flüchen beendet, denn der Hausbursche der Schenke prügelte sich mit dem Fuhrmann, weil seine Ochsen und sein Pferd sich allzu eigenmächtig über einen Heuhaufen hergemacht hatten, der vor der Türe lag. Man legte den Streit bei, und die Wirtin, welche das Theater mehr als Predigt und Vesper liebte erlaubte mit einer bei einer Schenkwirtin unerhörten Grossmut dem Fuhrmann, dass er seine Tiere nach Gefallen von dem Heu fressen lassen sollte. Er nahm ihr gütiges Anerbieten an, und während seine Tiere fressen, will der Verfasser etwas ausruhen, und über das nachdenken, was er im zweiten Kapitel sagen will. * Zweites Kapitel. Was Herr de la Rappinière für ein Mensch war La Rappinière war damals der Spassmacher der Stadt Mans, und gibt es wohl keine Stadt, die nicht den ihrigen hat; Paris hat in jedem Viertel einen, und ich selbst hätte ihn in meinem Viertel vorstellen können, wenn ich gewollt hätte; allein seit langer Zeit habe ich, wie jedermann weiss, allen Eitelkeiten der Welt abgesagt. Um wieder auf la Rappinière zurückzukommen, so knüpfte er den Faden der durch die Prügel unterbrochenen Unterhaltung bald wieder an und fragte den jungen Menschen, ob ihre Truppe bloss aus ihm, der Mademoiselle la Caverne und dem Herrn la Rancune bestände. »Unsere Truppe«, antwortete dieser, »ist eben so vollständig als die des Prinzen von Oranien oder die des Herzogs von Epernon, allein durch ein Unglück, das uns zu Tours begegnete, wo unser Türsteher einen von den Tölpeln von Soldaten des Provinzintendanten totschlug, sind wir gezwungen worden, halb nackend und in dem Zustand, in dem wir hier stehen, uns davon zu machen.« – »Diese Soldaten des Herrn Intendanten haben an la Fleche das nämliche begangen«, antwortete la Rappinière. »Das Feuer des heiligen Antonius möge sie alle brennen,« sagte die Wirtin, »sie sind schuld, dass wir nun keine Komödie haben werden.« »An uns soll es nicht liegen,« sagte der alte Komödiant »wenn wir nur die Schlüssel zu unsern Koffern hätten, um unsere Kleider herauszunehmen, so würden wir bevor wir nach Alençon gehen, wo der Rest der Truppe sich versammelte, die Herren dieser Stadt gerne vier oder fünf Tage belustigen.« Diese Antwort des Komödianten machte die Zuhörer die Ohren spitzen, und la Rappinière erbot sich, der la Caverne einen alten Rock von seiner Frau zu borgen, die Wirtin aber bot dem Destin und la Rancune zwei, drei Paar Kleider an, die bei ihr versetzt waren. »Aber,« sagte einer aus der Gesellschaft, »ihr seid ja nur eurer drei!« Darauf antwortete la Rancune: »Ich allein habe eine ganze Komödie gespielt und habe zugleich den König, die Königin und den Gesandten vorgestellt; wenn ich die Königin spielte, so sprach ich durch die Fistel, stellte ich den Gesandten vor, so sprach ich durch die Nase und stellte mich meiner Krone gegenüber, die auf einem Stuhl lag; machte ich aber den König, so nahm ich auf meinem Stuhl wieder Platz, setzte die Krone auf und nahm ein majestätisches Wesen an, indem ich meine Stimme etwas verstärkte. Lasset euch also nichts anfechten, sondern bezahlt nur den Fuhrmann und die Zeche in der Schenke und gebt uns die Kleider, so werden wir noch vor Nachts Anbruch vor euch spielen, oder aber mit eurer Erlaubnis eins trinken und uns niederlegen, denn wir haben heute einen starken Marsch gemacht.« Der Vorschlag wurde angenommen, und der Spitzbube la Rappinière, der immer einen Streich im Sinne hatte, sagte, man brauche keine andern Kleider als die der zwei jungen Leute aus der Stadt, die in der Schenke sassen und spielten, und dass Mademoiselle de la Caverne in ihrem gewöhnlichen Kleide alles vorstellen könnte, was man nur in einer Komödie verlange. Wie gesagt, so geschehen. Die Komödianten hatten in weniger als einer halben Viertelstunde zwei, drei Becher getrunken, waren angekleidet, und die Gesellschaft, die angewachsen war, hatte sich kaum in einer obern Stube niedergesetzt, so sah man hinter einem schmutzigen Tuch, das man aufhob, den Komödianten Destin: er lag auf einer Matratze, statt der Krone hatte er einen kleinen Korb auf dem Kopf, und rieb sich die Augen gleich einem Menschen, der aus dem Schlaf erwacht, und rezitierte in einem pathetischen Ton die Rolle des Herodes, welche mit den Worten anfängt: »Ruchloses Gespenst, das meine Ruhe stört!« Das Pflaster, das ihm das halbe Gesicht bedeckte, hinderte nicht, dass man an ihm einen vortrefflichen Komödianten entdecken konnte; Mademoiselle de la Caverne tat Wunder in den Rollen der Marianne und Salome, und la Rancune erhielt in den übrigen den allgemeinen Beifall. Das Stück sollte eben zu Ende gehen, als der Teufel, der nie schläft, sich darein mischte und dem Trauerspiel auf einmal ein Ende machte, nicht zwar durch den Tod der Marianne und durch die Verzweiflung des Herodes, sondern durch einige hundert Prügel, ebensoviele Ohrfeigen, eine schreckliche Menge Fusstritte und unzählige Flüche, und endlich durch einen schönen Bericht, den la Rappinière von dem Verlauf der Sache aufnehmen liess, der in solchen Dingen seinesgleichen nicht hatte. * Drittes Kapitel. Der beklagenswerte Erfolg der Komödie In allen kleinen Städten des Königreiches gibt es eine Schenke, wo sich täglich die Faulenzer der Stadt versammeln, einige um zu spielen, andere um den Spielern zuzusehen. Dort wird alles ausgemacht, der Nächste wird gar wenig geschont, die Abwesenden werden mit der Zunge umgebracht, keiner wird verschont – nur jeder wird da hergenommen nach Massgabe des Witzes, so ihm von der Natur zuteil geworden. In einer solchen Schenke, wenn ich mich recht erinnere, habe ich drei Leute vom Theater gelassen, wie sie die Marianne vor einer ehrenfesten Gesellschaft hersagten, an deren Spitze la Rappinière war. Zu eben der Zeit, als Herodes und Marianne einander recht die Wahrheit sagten, traten die zwei jungen Leute, deren Kleider man so ungeniert weggenommen hatte, in blossen Hosen, und jeder sein Rakett in der Hand haltend, in die Stube. Sie hatten vergessen, sich vor der Komödie anzukleiden. Ihre Kleider, welche Herodes und sein Partner trugen, stachen ihnen sogleich in die Augen, und der hitzigere von den beiden sagte zu dem Aufwärter der Schenke: »Hundejunge, warum hast du meinen Rock diesen Seiltänzern gegeben?« Der arme Bursche, der ihn für einen groben Kerl kannte, sagte ihm ganz demütig, er hätte es nicht getan. »Wer denn, du Hahnreigesicht?« sagte der Kerl. Der Knecht traute sich nicht, la Rappinière in seiner Gegenwart anzuklagen; dieser aber, der in der Grobheit seinesgleichen suchte, stand von seinem Stuhle auf und sagte ihm: »Ich habs getan, was wollt Ihr?« – »Ihr seid ein Esel!« sagte der andere, und zugleich schlug er ihm mit seinem Rakett hinter die Ohren. La Rappinière war so verblüfft, den ersten Schlag zu bekommen, er, der ihn sonst immer auszuteilen gewohnt war, dass er gleichsam unbeweglich stehen blieb, sei es nun aus Verwunderung; oder weil er noch nicht wütend genug war, und viel dazu gehörte, um ihn zu dem Entschluss sich herumzuprügeln, zu bringen, wäre es auch bloss mit Faustschlägen, ja vielleicht wäre die ganze Sache dabei geblieben, wenn sein Bedienter, der heftiger war als er, sich nicht über den Angreifer hergemacht und ihm einen derben Faustschlag schön mitten ins Gesicht gegeben hätte, nebst noch einer Menge anderer, welche fielen, wohin sie kamen. La Rappinière machte sich von hinten her an ihn und beehrte ihn mit einer derben Tracht Schläge und liess ihn fühlen, dass er zuerst beleidigt worden war; ein Verwandter seines Gegners machte sich von hinten wieder an la Rappinière, und ein Freund des la Rappinière machte sich wieder an diesen, um ihm Luft zu machen, ein anderer machte sich wieder an diesen, und noch ein anderer an jenen: schliesslich nahmen alle, die im Zimmer waren an dem Streite Teil; der eine fluchte, der andere schimpfte, und alle prügelten sich unter einander. Die Wirtin, die ihre Möbel entzwei schlagen sah, erfüllte das Haus mit einem jämmerlichen Geschrei. Wahrscheinlicherweise hätten alle einander mit Bankbeinen, Faustschlägen und Tritten totgeschlagen, wenn nicht zum Glück eine Magistratsperson der Stadt, die mit dem Seneschall von Mayen spazieren ging, auf den Lärm herbeigekommen wäre. Einige waren der Meinung, man sollte die Schläger mit zwei oder drei Eimern Wasser begiessen, und vielleicht hätte dies Mittel auch gute Wirkung getan, aber sie liessen endlich aus Müdigkeit selber von einander ab; überdies hatten sich auch zwei Kapuziner aus Nächstenliebe in den Kampf gestürzt und stifteten zwar keinen dauerhaften Frieden zwischen den Schlägern, aber doch einen kleinen Waffenstillstand, währenddem man unterhandeln konnte, ohne den Bericht der Sache zu stören, der von beiden sogleich aufgezeichnet wurde. Der Komödiant Destin hielt sich bei der Schlägerei so tapfer, dass man noch jetzt zu Mans davon spricht, nach dem Bericht der beiden jungen Leute, die den Streit angefangen hatten; mit ihnen hatte er es hauptsächlich zu tun und sie halb totgeschlagen, anderer nicht zu gedenken, die er gleich anfangs kampfunfähig machte. Während dem Streit verlor er sein Pflaster, und man bemerkte, dass er ebenso schön an Gesicht als gut gewachsen war. Die blutigen Köpfe wurden nun mit kaltem Wasser abgewaschen, die zerrissenen Jacken gegen ganze vertauscht, man legte einigen Kataplasmen auf, ja man nähte sogar einige Stiche, und die Möbel kamen wieder an ihre Stelle, jedoch nicht mehr so ganz als sie vorher noch gewesen waren; kurz, nach einer kleinen Weile war von dem ganzen Streit nichts mehr zu sehen, als viele Wut, die man auf den Gesichtern der beiden Parteien wahrnahm. Die armen Komödianten gingen erst ganz zuletzt mit la Rappinière weg. Als sie aus der Schenke nach dem Markt zu gingen, wurden sie von sieben bis acht Bravos mit dem Degen in der Faust angegriffen. La Rappinière fürchtete sich wie gewöhnlich, und wäre auch schlimm weggekommen, hätte Destin nicht grossmütigerweise einen Stoss aufgefangen, der ihn beinahe durchbohrt hätte, dem er aber doch noch so gut auswich, dass er mit einer leichten Wunde im Arm davon kam; zu gleicher Zeit zog Destin vom Leder und schlug in kurzer Zeit zwei Degen aus der Faust, spaltete zwei oder drei Köpfe, teilte eine Menge Ohrfeigen aus und arbeitete die Herren Raufbolde so zusammen, dass alle Zuschauer eingestanden, sie hätten noch nie einen so tapferen Mann gesehen. Diesen misslungenen Streich, der auf la Rappinière gemünzt war, hatten zwei Junker angestellt, deren einer die Schwester jenes geheiratet hatte, der zuerst den Streit mit dem Rakettschlag anfing, und wahrscheinlicherweise hätte la Rappinière ohne den tapfern Beistand unsers Komödianten unterliegen müssen. Die Dankbarkeit wurde nun in seinem Felsenherzen rege, und er erlaubte nicht, dass die Überreste einer zerstreuten Truppe in einer Schenke wohnen sollten, sondern er nahm sie mit nach Haus, wo der Fuhrmann das Komödiantengepäck ablud und in sein Dorf zurückkehrte. * Viertes Kapitel gibt weitere Nachricht von la Rappinière und von dem, was sich die Nacht in seinem Hause zugetragen Madame la Rappinière empfing die Gesellschaft mit sehr viel Komplimenten, denn Komplimentemachen war überhaupt ihre Sache; sie war zwar nicht hässlich, aber doch so mager und ausgetrocknet, dass sie niemals ein Licht mit den Fingern putzte, ohne sie anzubrennen. Ich könnte noch viel mehr von ihr sagen, was ich aber der Weitläufigkeit wegen unterlasse. In sehr kurzer Zeit wurden die beiden Damen so sehr bekannt und vertraut, dass sie einander nicht anders als meine Teure und meine Liebe nannten. La Rappinière, der wie ein Barbier prahlen konnte, sagte im hereintreten, man sollte nach der Küche und der Speisekammer sehen, um das Abendessen zu beschleunigen. Dies war aber lauter Wind, denn ausser seinem alten Bedienten, der zugleich seine Pferde besorgte, war niemand im Hause als eine Jungmagd und ein hinkendes altes Weib, das sich kaum bewegen konnte. Seine Eitelkeit wurde aber durch eine starke Beschämung bestraft: gewöhnlich ass er in der Schenke auf Unkosten der Dummköpfe, und seine Frau und Gesinde mussten nach Landesart mit blossem Zugemüse vorlieb nehmen; da er sich nun vor seinen Gästen zeigen und sie bewirten wollte, so wollte er hinter dem Rücken seinem Knecht etwas Geld zustecken, um Essen dafür zu holen; aus Unachtsamkeit des Knechts fiel nun das Geld auf den Stuhl wo er sass und von da auf die Erde; la Rappinière wurde über und über rot, der Knecht fluchte, la Caverne war verlegen, la Rancune gab wohl nicht acht darauf, und was Destin betrifft, so weiss man eigentlich nicht, was es für einen Eindruck auf ihn gemacht hat. Das Geld wurde wieder aufgehoben und in Erwartung des Essens fing man an zu plaudern. La Rappinière fragte den Destin, warum er sich das Gesicht mit dem Pflaster verunstalte; Der sagte hierauf, er habe grosse Ursache dazu, und da er zufälligerweise verkleidet wäre, so wollte er auch sein Gesicht vor einigen seiner Feinde verbergen. Endlich kam das Abendessen. La Rappinière trank soviel, dass er betrunken wurde, la Rancune schonte den Wein auch nicht, und Destin ass als ein ordentlicher Mann sehr massig; la Caverne ass wie eine recht ausgehungerte Komödiantin, und Mademoiselle la Rappinière suchte sich die Gelegenheit zunutze zu machen und frass so viel, dass sie speien musste. Während die Bedienten assen und die Betten zurecht gemacht wurden, unterhielt la Rappinière die Gesellschaft mit Aufschneidereien. Destin schlief allein in einer Kammer; la Caverne mit dem Kammermädchen in einem Kabinett; la Rancune und der Knecht irgendwo. Alle waren schläfrig, einige aus Müdigkeit, andere aber, weil sie zuviel gegessen oder getrunken hatten, und dennoch schliefen sie wenig, denn nichts ist sicher auf dieser Welt. Nach dem ersten Schlaf wollte Madame la Rappinière an einen Ort gehen, den selbst die Könige persönlich besuchen müssen; ihr Mann, der bald nachher aufwachte, fühlte, ob er gleich betrunken war, dass er allein läge, er rief daher seiner Frau und erhielt keine Antwort; dies stieg ihm zu Kopf, er geriet in Zorn und stand in der grössten Wut auf. Vor der Tür seines Zimmers hörte er jemand vor sich hergehen, er folgte dem Geräusch, schlich eine Zeitlang nach, bis auf eine kleine Galerie, die zu Destins Zimmer führte; da war er bei dem, was er suchte, und glaubte ihm ganz nahe zu sein; er vermeinte, seine Frau vor sich zu haben, griff hin und schrie: »Du Hure!« Seine Hände fanden aber nichts, und da seine Füsse an etwas anstiessen, so fiel er auf die Nase und fühlte sich zugleich etwas spitziges vor den Bauch stossen, dass er jämmerlich schrie: »Man ermordet mich! Ich bin tot!« ohne seine Frau, die er bei den Haaren zu halten glaubte und die unter ihm zappelte, aus den Händen zu lassen. Auf sein Schreien und Fluchen erwachte das ganze Haus, und alles lief ihm gleich zu Hilfe: die Magd mit dem Licht, la Rancune und der Knecht in schmutzigen Hemden, la Caverne in einem abgetragenen Unterrock, Destin mit dem Degen in der Hand und Madame la Rappinière ganz zuletzt, die ebenso wie die andern erstaunte, ihren Mann zu finden, wie er sich ganz wütend mit einer Ziege herumbalgte, die in dem Hause einige junge Hunde säugte, denen die Hündin krepiert war. Niemand war wohl je beschämter, als jetzt la Rappinière. Seine Frau, die seine Gedanken erriet, fragte ihn, ob er ein Narr geworden wäre. Er antwortete, ohne zu wissen was er sagte, er hätte die Ziege für einen Dieb gehalten. Destin erriet nun die Sache, jeder kehrte wieder in sein Bett zurück, glaubte was er wollte, und die Ziege wurde mit ihren jungen Hunden eingesperrt. * Fünftes Kapitel welches nicht viel enthält Der Komödiant la Rancune, einer der Haupthelden dieses Romans (denn es werden noch mehrere darin vorkommen und weil nichts vortrefflicher ist als ein Romanheld, so werden ein halbes Dutzend dergleichen Helden mein Buch zieren, das sonst vielleicht nicht einmal gelesen würde) – la Rancune also war einer von jenen Menschenfeinden, die alle Menschen hassen und bloss sich selbst lieben; ja viele Leute behaupten, dass man ihn niemals hätte lachen sehen. Er war witzig und konnte ziemlich geschwind schlechte Verse machen; übrigens war er in keinen Stücken ein Ehrenmann, boshaft wie ein alter Affe und neidisch wie ein Hund. An allen seinen Kameraden fand er etwas auszusetzen; Bellerose war ihm zu affektiert, Mondor zu rüde, Floridor zu kalt und ebenso die übrigen, und ich glaube, dass er gerne wollte zu verstehen geben, dass er allein ein Schauspieler ohne Fehler sei; und doch behielt man ihn nur bei der Truppe, weil er im Metier alt geworden war. Zu der Zeit, als man nur Hardis Stücke hatte, spielte er mit der Fistelstimme und unter der Maske die Ammenrollen. Seitdem aber, da die Komödie besser gespielt wird, war er Aufseher über die Türsteher, spielte die Vertrauten, Gesandten und den Häscher, wenn ein König zu begleiten war oder einer sollte ermordet oder eine Schlacht geliefert werden; in den Terzetten sang er einen Bass und bestreute sich mit kläglichem Mehl in der Posse. Auf alle diese schönen Talente war er unerhört stolz; dabei hielt er sich über jeden auf, war ein arger Verleumder und von einem zänkischen Humor ohne Herz. Alles dies machte, dass seine Kameraden sich vor ihm fürchteten, bloss gegen Destin war er fromm wie ein Lamm und so weit es ihm möglich vernünftig. Man sagte zwar, er sei von ihm einmal derb durchgeprügelt worden, aber dies Gerücht hielt sich nicht lange, so wenig als ein anderes: dass er eine so grosse Liebe zu anderer Leute Geld hätte, dass er es sich sogar heimlich aneignete. Sonst war er der beste Mensch von der Welt. Wenn ich nicht irre, so habe ich oben gesagt, dass er bei Doguin, dem Knecht des la Rappinière schlief. Es sei nun, dass das Bett nichts taugte, oder dass es sich bei Doguin nicht gut lag, kurz, er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Mit Tagesanbruch also stand er zugleich mit Doguin, dem sein Herr rief, auf, und ging, um dem la Rappinière in seinem Zimmer einen guten Morgen zu wünschen; dieser empfing seine Komplimente mit der Miene eines Landrichters und erwiderte kaum den zehnten Teil seiner Höflichkeiten. Da aber die Komödianten alle Rollen zu spielen gewohnt sind, so machte sich Rancune nicht viel daraus. La Rappinière fragte ihn vieles über die Komödie, und von einem ins andere fragte er ihn auch, wie lange Destin bei der Truppe wäre und sagte noch, er wäre ein vortrefflicher Komödiant. »Nicht alles ist Gold was glänzt,« sagte la Rancune, »zu der Zeit, da ich die ersten Rollen spielte, hätte er kaum Bediente spielen können, und wie sollte er auch eine Sache können, die er nicht gelernt hat? Er ist erst seit kurzem bei der Truppe, und man wird nicht so leicht ein Komödiant; jetzt gefällt er, weil er jung ist, und wenn Sie ihn kennten, wie ich, so würden Sie keine so grosse Meinung von ihm haben. Tut übrigens als wenn er vom heiligen Ludwig abstammte, und doch sagt er nicht, wer, noch woher er ist, ebensowenig als seine Cloe, die ihn begleitet und die er für seine Schwester ausgibt. Gott weiss ob es wahr ist. So wie ich hier stehe, habe ich ihm in Paris durch zwei Degenstiche, die ich für ihn bekam, das Leben gerettet, und er war so undankbar dafür, dass er, statt mich zum Wundarzt tragen zu lassen, vielmehr die ganze Nacht damit zubrachte, einige Diamanten von Alençon in dem Kot zu suchen, die, wie er vorgab, ihm von den Räubern, die uns angriffen, waren abgenommen worden.« La Rappinière fragte la Rancune, wo und wann ihm dieses Unglück begegnet wäre. »Am Dreikönigstag auf der neuen Brücke«, antwortete la Rancune. Diese letzten Worte brachten la Rappinière und seinen Knecht Doguin so sehr in Verwirrung, dass sie bald rot und bald blass wurden; und la Rappinière brach die Unterhaltung so plötzlich ab, dass la Rancune sich darüber verwunderte. Der Scharfrichter der Stadt nebst einigen Flurschützen, die in die Stube traten, machten der Unterredung zum Vergnügen des la Rancune ein Ende, der wohl einsah, dass das was er gesagt hatte, den la Rappinière an einem heiklen Fleck getroffen habe, ohne jedoch erraten zu können weshalb. Unterdes war der arme Destin, der so schön geschildert worden war, in grosser Verlegenheit; la Rancune traf ihn an, wie er mit Mademoiselle la Caverne sich umsonst bemühte, einen alten Schneider gestehen zu machen, dass er schlecht gehört und noch schlechter gearbeitet hätte. Die Ursache des Streites war aber diese: beim Abladen der Komödiantenbagage fand Destin zwei Kamisole und ein Paar alte sehr zerrissene Hosen; diese hatte er miteinander dem Schneider gegeben, dass er ein modischeres Kleid daraus zusammensetze als seine Pagenhosen waren. Der Schneider aber, statt das eine Kamisol dazu zu verwenden, um das andere nebst den Hosen damit auszubessern, hatte aus Mangel an Urteil (was von einem Mann wie er, der sein ganzes Leben lang alte Lumpen zusammengeflickt hatte, sehr unverständig war,) die beiden Kamisöler von den besten Lappen der alten Hosen ausgebessert, so dass also der arme Destin mit so vielen Kamisölern und so wenig Hosen gezwungen war, das Zimmer zu hüten oder den Strassenjungen zum Spott herum zu gehen, wie es schon vorhin seines komischen Aufzugs wegen geschehen war. Die Freigebigkeit des la Rappinière machte den Fehler des Schneiders gut, der die zwei geflickten Kamisöler behielt; Destin bekam den Rock eines Diebes, der vor kurzem war gerädert worden; der Schneider, der noch gegenwärtig war und der diesen Rock der Magd des la Rappinière zum Aufheben gegeben hatte, war so impertinent zu behaupten, der Rock gehöre ihm; allein la Rappinière drohte ihm seine Stelle zu nehmen. Der Rock passte dem Destin völlig, der nun mit la Rappinière und la Rancune ausging. Sie speisten zu Mittag in einer Schenke auf Kosten eines Bürgers, der mit la Rappinière zu tun hatte. Mademoiselle la Caverne vertrieb sich die Zeit damit, dass sie ihr schmutziges Hemd wusch und leistete ihrer Wirtin zu Hause Gesellschaft. An eben diesem Tage wurde Doguin von einem der jungen Leute getroffen, die er tags vorher in der Schenke verprügelt hatte, und kam mit einer grossen Wunde und einer grossen Tracht Schläge nach Hause. Da er nun so stark verwundet war, ging la Rancune nach Tische in eine benachbarte Schenke um dort zu schlafen, denn er war sehr müde, da er den ganzen Tag mit Destin und la Rappinière herumgelaufen war, welch letzterer für seinen ermordeten Knecht Genugtuung haben wollte. * Sechstes Kapitel. Die Geschichte von dem Nachttopf. Unruhige Nacht, welche la Rancune in der Schenke verursachte. Ankunft eines andern Teils der Truppe. Tod des Doguin und andere merkwürdige Vorfälle La Rancune kam mit einem ziemlichen Dampf in die Schenke, und die Magd des la Rappinière, die ihn begleitete, sagte, man sollte ihm ein Bett zurecht machen. »Das ist mir der rechte Gast,« sagte die Wirtin, »wenn wir sonst keine Kunden hätten als den da, so würden wir schlecht wegkommen.« – »Halt's Maul,« sagte ihr Mann, »der Herr la Rappinière erweist mir eine grosse Ehre. Sogleich soll ein Bett für diesen Kavalier aufgeschlagen werden.« – »Wenn nur eins da wäre,« sagte die Wirtin, »ich hatte nur noch eins übrig, das ich soeben einem Kaufmanne aus Untermaine überlassen habe.« Der Kaufmann kam eben dazu, und da er die Ursache des Zwists erfuhr, so bot er die Hälfte seines Bettes dem la Rancune an, entweder weil er mit la Rappinière etwas zu tun hatte, oder weil er von Natur aus höflich war; la Rancune dankte ihm dafür so viel es ihm sein Stolz erlaubte. Der Kaufmann setzte sich hierauf zu Tisch, wobei ihm der Wirt Gesellschaft leistete, und la Rancune liess sich nicht lange bitten mitzuessen, und fing nun aufs neue an zu trinken. Sie redeten über die Steuern, fluchten über die Pachtungen und die Staatsgesetze und betranken sich dabei so sehr, am allermeisten aber der Wirt, so dass er den Beutel hervorzog und die Zeche bezahlen wollte, denn er wusste nicht mehr, dass er in seinem eigenen Hause soff. Seine Frau und seine Magd schleppten ihn in eine andere Kammer, wo sie ihn ganz angezogen auf ein Bett warfen. La Rancune sagte dem Kaufmann, dass er mit einer Harnstrenge geplagt sei und dass es ihm sehr leid täte, dass er ihn öfters beunruhigen werde müssen, worauf der Kaufmann versetzte, eine Nacht ginge ja bald vorüber. Das Bett, worin sie schlafen sollten, stand dicht an der Wand, la Rancune legte sich zuerst hinein; und als der Kaufmann sich eben recht bequem niedergelegt hatte, verlangte la Rancune den Nachttopf. »Was wollen Sie damit?« fragte der Kaufmann. »Ihn zu mir stellen, um Sie nicht zu beunruhigen«, versetzte jener. Der Kaufmann antwortete, er wolle ihm den Topf immer hinlangen, worein la Rancune ungern willigte und bedauerte, dass er ihn so oft bemühen müsste. Der Kaufmann schlief ohne zu antworten ein, und kaum war er fest eingeschlafen, als der boshafte Komödiant, der gerne ein Auge hingab um einen andern beide verlieren zu machen, ihn beim Arm fasste und schrie: »He! he!« Der schlaftrunkene Kaufmann antwortete gähnend: »Was wollen Sie?« – »Haben Sie die Güte, mir den Nachttopf zu reichen«, sagte der andere. Der Kaufmann bog sich zum Bett heraus, holte den Nachttopf und gab ihn dem la Rancune in die Hand, der sich aufrichtete und tat, als wenn er pisste und grosse Schmerzen dabei litt; nachdem er so recht geächzt hatte, gab er dem Kaufmann den Nachttopf wieder ohne einen einzigen Tropfen gepisst zu haben. Der Kaufmann setzte ihn auf den Boden und indem er den Mund weit aufsperrte, sagte er gähnend: »Gewiss, mein Herr, ich bedaure Sie recht sehr« und schlief sogleich wieder ein. La Rancune liess ihn eine Weile fest schlafen und als er schnarchte, weckte er ihn wieder auf und verlangte den Nachttopf ebenso stürmisch wie das erstemal. Der Kaufmann gab ihm den Topf ebenso gutwillig in die Hand als das erstemal. La Rancune hatte ebenso wenig Lust zu pissen als den Kaufmann schlafen zu lassen; er ächzte noch ärger, behielt den Nachttopf zweimal länger als vorher, und bat den Kaufmann sehr, sich nicht weiter zu bemühen, er würde den Nachttopf das nächstemal schon selbst holen. Der arme Kaufmann, der gern alles hingegeben hätte, um ruhig schlafen zu können, antwortete ihm gähnend, er möchte es machen wie er wollte und setzte den Nachttopf wieder weg. Sie wünschten sich hierauf sehr höflich eine ruhige Nacht und der Kaufmann hätte gewiss viel gewettet, dass er nun ruhig schlafen würde. La Rancune war aber ganz anderen Sinnes; er liess ihn eine lange Weile schlafen, nachher aber und ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, einen Menschen zu wecken, der so fest schlief, stemmte er sich mit dem Ellenbogen auf des Kaufmanns hohlen Leib, legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn, und streckte den einen Arm zum Bett hinaus, um den Nachttopf herauf zu langen. Der Kaufmann erwachte, fühlte sich halb erstickt und tat einen jämmerlichen Schrei. »Zum Teufel, Herr, Sie bringen mich um!« So heftig die Stimme des Kaufmanns gewesen war, so ruhig und sanft antwortete la Rancune: »Ich bitte um Vergebung, ich wollte bloss den Nachttopf langen.« – »Zum Henker,« sagte der andere, »ich will ihn Ihnen lieber geben, Sie haben mich so gedrückt, dass ich es mein ganzes Leben fühlen werde.« La Rancune antwortete nicht und pisste hierauf so stark und so viel, dass das Geräusch davon allein schon den Kaufmann hätte aufwecken können. Nachdem er den Topf voll gepisst hatte und sich darüber sehr froh stellte, war auch der Kaufmann über die grosse Menge Harn schon sehr erfreut, die ihm endlich einen ruhigen, ununterbrochenen Schlaf hoffen liess, als la Rancune, indem er tat, als wenn er den Nachttopf auf die Diele setzen wollte, ihn fallen liess und ihm das ganze Gesicht und den ganzen Leib mit Brunz begoss, wobei er zugleich schrie: »Ach mein Herr! Ich bitte um Verzeihung!« Der Kaufmann antwortete erst nicht; erst als er sich so begossen fühlte, stand er wie ein rasender Mensch fluchend auf und verlangte Licht. La Rancune sagte mit der scheinheiligsten Miene: »Ach ein arges Malheur!« Der Kaufmann wiederholte sein Schreien bis endlich der Wirt, die Wirtin nebst der Magd herbeikamen; diesen erklärte er, man hätte ihn zu einem Teufel gelegt, und er verlangte, dass man ihm an einem andern Ort einheizen möchte. Man fragte ihn, was er wollte, aber er konnte vor Wut nicht antworten, nahm seine Kleider und Gepäck, und trocknete sich in der Küche, wo er die Nacht über auf einer Bank beim Feuer schlief. Der Wirt fragte den la Rancune, was er ihm getan hätte, der antwortete aber ganz unschuldig: »Ich weiss nicht, worüber der sich beklagen kann; er ist aufgewacht und hat mich durch sein Schreien mit aufgeweckt; er musste wohl einen bösen Traum gehabt haben oder gar närrisch sein, denn er hat sogar ins Bett gebrunzt.« Die Wirtin fühlte ins Bett und fand, dass ihre Matratze ganz nass war und schwur hoch und teuer, dass er sie ihr bezahlen sollte. Sie wünschten dem la Rancune eine ruhige Nacht, und der schlief so vortrefflich wie jeder andre ehrliche Mann, und entschädigte sich damit für die vorige, die er bei la Rappinière zugebracht hatte. Er stand jedoch früher auf als er wollte, weil la Rappinières Magd ihn in der Eile zu dem Doguin holte, der in den letzten Zügen lag und ihn vor seinem Tod noch zu sprechen verlangte. Er lief sehr verwundert hin und konnte sich nicht denken, was der sterbende Mensch von ihm haben wollte, den er erst seit gestern kannte. Allein die Magd hatte sich geirrt; da sie den Sterbenden nach dem Komödianten fragen hörte, verstand sie den la Rancune statt den Destin, welch letzter eben in Doguins Kammer trat als la Rancune ankam, und sich bei dem Kranken einschloss, da er von dem Priester, dem er gebeichtet hatte, erfuhr, dass der Sterbende ihm noch etwas sehr wichtiges zu sagen hätte. Es war kaum eine Viertelstunde herum, als la Rappinière nach Hause kam, der vom frühen Morgen an einiger Geschäfte halber ausgegangen war. Bei Eintritt erfuhr er, dass sein Knecht sterben würde, dass man ihm das Blut nicht stillen könne, weil eine grosse Ader entzweigeschnitten wäre und dass er vor seinem Tode den Komödianten Destin zu sprechen verlangt hätte. »Und hat er ihn gesprochen?« fragte er ganz ausser sich. Man sagte ihm, dass er sich bei ihm eingeschlossen hätte. Dies traf ihn wie ein Donnerschlag, und er lief ganz ausser sich nach Doguins Kammertür, als eben Destin sie öffnete, um Hilfe herbeizurufen, weil der Kranke in Ohnmacht gefallen war. La Rappinière fragte ihn ganz verwirrt, was sein Knecht von ihm haben wollte. »Ich glaube, er träumt,« sagte Destin ganz kalt, »denn er hat mich hundertmal um Vergebung gebeten, da er mich, so viel ich weiss, doch niemals beleidigt hat. Aber sorgt für ihn, denn ich glaube, er stirbt.« Man trat hierauf an Doguins Bett, der eben verschied. La Rappinière war darüber mehr froh als traurig, und die ihn kannten, glaubten, es wäre deswegen, weil er ihm noch Lohn schuldig war. Destin aber wusste, was er davon zu denken hatte. Hierauf traten zwei Männer ins Haus, die von unsern Komödianten als ihre Kameraden erkannt wurden und von denen wir im nächsten Kapitel weitläufiger reden werden. * Siebentes Kapitel. Abenteuer mit den Sänften Der jüngere von den Schauspielern, die in la Rappinières Haus traten, war Destins Bedienter, der erzählte, dass der Rest der Truppe nun angekommen sei, ausgenommen Mademoiselle de l'Etoile, die sich drei Stunden von Mans den Fuss verstaucht hätte. Destin fragte, wer sie nach Mans berufen und ihnen gesagt hätte, dass sie da wären. »Die Pest,« antwortete der andere Komödiant, der sich Olive nannte, »so zu Alençon wütet, hat uns verhindert, dahin zu gehen; wir hielten aber zu Bonnestable an, und dort erfuhren wir von einigen Bewohnern dieser Stadt, dass Ihr hier gespielt habt, dass Ihr Euch geschlagen habt und verwundet worden seid. Mademoiselle de l'Etoile ist deshalb sehr beunruhigt und bittet, ihr eine Sänfte entgegen zu schicken.« Der Wirt der benachbarten Schenke, der auf die Nachricht von Doguins Tod herbeigelaufen war, sagte, dass eine Sänfte bei ihm stände, und dass sie gegen gute Bezahlung um Mittag bereit sein könnte und von zwei guten Pferden getragen werden sollte. Die Komödianten dangen die Sänfte um einen Taler und mieteten einige Zimmer in der Schenke für die übrige Theatertruppe. La Rappinière übernahm es, vom Polizeileutnant die Spielerlaubnis zu erwirken und gegen Mittag machten sich Destin und seine Kameraden nach Bonnestable auf den Weg. Es war sehr warm. La Rancune schlief in der Sänfte, Olive sass auf dem Hinterpferd und der Knecht des Wirtes führte das vordere; Destin ging mit seiner Flinte auf dem Rücken zu Fuss, und sein Bedienter erzählte ihm, was ihnen von dem Schloss Loire an bis an ein Dorf vor Bonnestable, wo Mademoiselle d'Etoile sich den Fuss verrenkte, begegnet war. Plötzlich tauchten zwei Reiter auf, die das Gesicht unter den Mantel versteckten und bei Destin vorbei sich der Sänfte von der Seite, wo sie offen war, nahten. Da sie aber bloss einen alten Mann schlafend darin sahen, sagte der ansehnlichste von den beiden: »Ich glaube, dass der Henker heute sein Spiel mit mir treibt und sich in lauter Sänften verwandelt, um mich ganz toll zu machen.« Hierauf jagte er wieder querfeldein, und sein Kamerad folgte ihm. Olive rief den Destin, der etwas weiter zurück war, und erzählte ihm die Begebenheit, von der er nichts begreifen konnte, sich auch nicht viel darum bekümmerte. Eine Viertelstunde später brachte der Führer, der vor Hitze eingeschlafen war, die Sänfte in einen Sumpf, wo la Rancune bald hineingefallen wäre; die Pferde zerbrachen ihr Geschirr, und man musste sie ausspannen und bei Kopf und Schwanz wieder herausziehen. Man sammelte die zerbrochenen Stücke und erreichte so gut es ging das nächste Dorf. Das Geschirr der Sänfte hatte eine Ausbesserung sehr nötig und während man daran arbeitete, gingen la Rancune, Olive und der Bediente des Destin hin, um an der Tür der Dorfschenke eins zu trinken. Hier erschien nun eine andere Sänfte, die von zwei Männern getragen wurde und gleichfalls an der Tür der Schenke still hielt; und kaum war sie angekommen, als noch eine andere etwa hundert Schritte weiter zurück, von eben der Seite, herkam. »Ich glaube, dass alle Sänften der ganzen Provinz hier eine Versammlung halten wollen, um sich wegen einer wichtigen Sache zu beratschlagen,« sagte la Rancune, »und ich wollte ihnen raten ihre Beratschlagung nun anzufangen, denn es scheint doch nicht, als wenn mehrere kommen wollten.« – »Dort«, sagte die Wirtin, »kommt noch eine, die teil daran haben will«, und wirklich erschien eine vierte Sänfte von der Seite von Mans her. Dies erregte ein allgemeines Gelächter, nur nicht bei la Rancune, der niemals lachte. Die letzte Sänfte hielt bei den andern, – niemals sind so viele Sänften beisammen gesehen worden. »Wenn jetzt die zwei Sänftensucher von vorhin hier wären,« sagte der Führer der ersten Sänfte, »so würden sie wohl finden was sie suchen.« – »Ich habe sie auch gesehen«, sagte der zweite. Der von den Komödianten sagte eben das und der letztangekommene sagte, dass er beinahe von ihnen wäre geprügelt worden. »Warum denn?« fragte ihn Destin. »Weil sie ein Frauenzimmer suchten,« sagte der, »das sich den Fuss verrenkt hatte und die wir nach Mans gebracht haben; in meinem Leben habe ich nicht so zornige Leute gesehen, sie hätten mich beinahe deswegen geprügelt, weil sie nicht fanden, was sie suchten.« Dies machte die Komödianten aufmerksam und nach ein paar Fragen an die Sänftenträger erfuhren sie, dass die Frau des Herrn im Dorfe, wo Mademoiselle de l'Etoile sich den Fuss verrenkt hatte, diese besucht habe und sie mit grosser Sorgfalt nach Mans hatte bringen lassen. Die Unterhaltung dauerte noch eine Weile zwischen den Sänftenträgern, und so erfuhren sie voneinander, dass sie alle von den nämlichen Personen waren angehalten worden, welche die Komödianten gesehen hatten. Die erste Sänfte trug den Pfarrer von Domfront, der aus den Bädern von Bellème kam und nach Mans ging, ein medizinisches Konsilium über sich halten zu lassen. Die zweite trug einen verwundeten Edelmann, der von der Armee zurück kam. Die Sänften trennten sich hierauf voneinander, diejenige der Komödianten und die des Pfarrers von Domfront kehrten zusammen nach Mans zurück, die übrigen gingen dahin, wo sie hin wollten. Der kranke Pfarrer stieg in der Schenke der Komödianten, die auch die seinige war, ab, und wir wollen ihn nun in seinem Zimmer ruhen lassen und im folgenden Kapitel sehen, was in dem der Komödianten vorging. * Achtes Kapitel in welchem man verschiedene Dinge finden wird, die zum Verständnis dieses Buches nötig sind Die Theatertruppe bestand nun aus Destin, Olive, la Rancune, wovon jeder einen Bedienten hatte, der sich einbildete künftig einmal der erste Schauspieler zu werden. Unter diesen Bedienten waren einige, die ihre Rollen schon ohne rot zu werden oder sich irre machen zu lassen hersagen konnten. So machte der des Destin seine Sache recht gut, verstand was er sagte und hatte viel Witz. Mademoiselle de l'Etoile und die Tochter der Mademoiselle la Caverne spielten die ersten Rollen. La Caverne stellte die Königinnen und Mütter dar und zeigte sich auch in der Posse. Ausserdem hatten sie auch einen Dichter bei sich oder vielmehr einen Schriftsteller, denn alle Gewürzbuden des Königreichs waren voll von seinen prosaischen und poetischen Werken. Dieser Schöngeist hatte sich der Truppe gleichsam wider ihren Willen aufgedrängt, und da er nichts erhielt und einiges Geld mit den Komödianten verzehrte, so gab man ihm die unbedeutendsten Rollen, die er sehr schlecht spielte. Man merkte wohl, dass er in eine der beiden Schauspielerinnen verliebt war; aber, obgleich ein bisschen verrückt, war er doch so bescheiden, dass man noch nicht entdecken konnte, welche von beiden er mit der Hoffnung unsterblich zu werden verführen wollte. Er plagte die Komödianten mit einer Menge von neuen Stücken; bis jetzt hatte er sie noch verschont. Man vermutete, dass er an einem Martin Luther betitelten Stücke arbeite, wovon man ein Heft gefunden hatte, das er zwar verleugnete, obgleich es von seiner Hand geschrieben war. Als unsere Schauspieler ankamen, fanden sie das Zimmer der Schauspielerinnen mit den verliebtesten und hitzigsten jungen Laffen der Stadt angefüllt, wovon einige durch die frostige Aufnahme, mit der man ihnen begegnet war, schon wieder eiskalt geworden waren. Sie sprachen alle zugleich von den Stücken, von der Dichtkunst, von Schriftstellern, von Romanen, und niemals war ein so grosser Lärm in einem Zimmer gehört worden ausser bei einem Streite. Besonders zeichnete sich der Poet vor allen andern aus, der von einigen sogenannten Schöngeistern der Stadt umgeben war, denen er ohne Unterlass erzählte, dass er den Corneille sehr gut kenne, dass er mit Saint Amans und Beys öfters geschwärmt, und an dem verstorbenen Rotrou einen sehr guten Freund verloren habe. Mademoiselle la Caverne und Mademoiselle Angelique, ihre Tochter, brachten ihre Sachen mit soviel Gleichgültigkeit in Ordnung, als wenn niemand im Zimmer gewesen wäre. Die Hände Angeliques wurden bald gedrückt, bald geküsst, denn die Kleinstädter sind sehr verliebte und tändelhafte Leute; allein sie wusste diese drängenden Anbeter bald durch einen Tritt, bald durch einen Biss, je nachdem es ihr passte, abzuweisen. Sie war gewiss nicht schamlos, aber ihr leichtsinniger und lustiger Humor liess sie nicht viel an höfliches Benehmen denken; übrigens hatte sie Verstand und war ein anständiges Mädchen. Mademoiselle de l'Etoile war ganz entgegengesetzter Natur: niemand konnte bescheidener und sanfter sein als sie; sie war so gefällig, dass sie keinen von diesen seufzenden Herren aus ihrem Zimmer hinaus weisen konnte, obgleich sie an ihrem verrenkten Fusse viel litt und Ruhe nötig hatte. Sie lag angekleidet auf einem Bett, von vier bis fünf der süssesten Herren umgeben, und hörte viel Zweideutigkeiten mit an, die man in der Provinz für Witz hält, und lächelte öfters zu Dingen, die ihr nicht gefielen. Aber es ist dies eine von den grossen Unbequemlichkeiten des Standes, die mit der zusammen, dass man öfters lachen und weinen muss, wenn man ganz was anderes tun möchte, das Vergnügen sehr verringert, das die Komödianten dabei haben, manchmal Kaiser oder Kaiserinnen zu sein, ›schön wie der Tag‹ genannt zu werden, wenn auch viel daran fehlt, und ›junge Schöne‹, obgleich ihre Haare und Zähne öfters unter ihrer Bagage sich befinden. Es wäre hierüber noch vieles zu sagen; aber wir wollen die Leute jetzt schonen und sie lieber an verschiedenen Stellen dieses Buches konterfeien. Wir kommen auf das arme Fräulein de l'Etoile zurück, die von den unangenehmsten Kleinstädtern der Welt ganz belagert war, alle mächtige Prahlhänse, ein paar sehr fade und einige noch, die kaum aus der Schule gekommen waren. Unter denen befand sich auch ein kleiner Mann, der Witwer und seinem Beruf nach Advokat war und eine unbedeutende Stellung in einer benachbarten kleinen Stadt hatte. Seit dem Tode seiner kleinen Frau hatte er den Weibern der Stadt gedroht, sich wieder zu verheiraten, und der Geistlichkeit, dass er Priester, ja durch bare schöne Predigten Prälat werden wollte. Er war mit einem Wort der grösste unter allen kleinen Narren, welche seit Rolands Zeiten auf der Welt herumgelaufen sind. Er hatte sein ganzes Leben durch studiert, und obgleich sonst das Studieren zur Erkenntnis der Wahrheit führt, so log er doch wie ein Bedienter und war stolz und hartnäckig wie ein Pedant, und ein Poet so jämmerlicher Verse, dass er gewiss wäre gehangen worden, wenn anders eine Polizei im Königreich gewesen wäre. Als Destin und seine Kameraden in die Stube traten, erbot er sich gleich, ihnen ein Stück von sich, betitelt: »Die Reden und Taten Karl des Grossen«, in vierundzwanzig Aufzügen, vorzulesen. Allen Umstehenden stiegen die Haare darüber zu Berge. Destin aber, der in dem allgemeinen Schrecken, worein dieser Vorschlag die Gesellschaft gesetzt hatte, noch Geistesgegenwart behalten hatte, sagte ihm lächelnd, dass man ihm schwerlich vor dem Abendessen noch Gehör geben könne. »Gut,« sagte er, »so will ich Ihnen eine Geschichte aus einem spanischen Buch erzählen, das ich von Paris erhalten habe, und aus der ich ein reguläres Theaterstück machen will.« Man sprach hierauf zwei-, dreimal von was anderem, um einer Geschichte zu entgehen, die man für eine Nachahmung jener von der Eselshaut glaubte. Allein der kleine Mann fing seine Geschichte immer wieder von vorne an, so oft man ihn unterbrach, und da er sich gar nicht dauernd unterbrechen liess, so gab man ihm endlich Gehör, was man jedoch nachher nicht bereute, denn die Geschichte war gut und widerlegte die schlechte Meinung, die man von allem, was von Ragotin kam, hegte; denn dies ist der Name dieses Helden. In dem folgenden Kapitel wird man diese Geschichte finden, nicht zwar so wie sie Ragotin erzählte, sondern wie ich sie von einem der Zuhörer erfahren habe; Ragotin redet also hier nicht, sondern ich selber. * Neuntes Kapitel. Geschichte der unsichtbaren Geliebten Don Karlos von Arragonien war ein junger Edelmann aus dem Hause, dessen Namen er trug. Er tat sich bei den öffentlichen Schauspielen, die der Vizekönig von Neapel dem Volk bei der Vermählung Philipps des zweiten, dritten, vierten – ich weiss nicht mehr welcher es war – gab, sehr hervor. Den Tag nach einem Ringelstechen, dessen Preis er davongetragen hatte, erlaubte der Vizekönig den Damen, verkleidet in der Stadt herumzugehen und französische Masken zu tragen, zum Vergnügen der vielen Fremden, welche diese Festlichkeit in die Stadt gelockt hatte. An diesem Tage schmückte sich Don Karlos aufs beste, und fand sich mit einer Menge anderer Herzenseroberer in der Kirche der Galanterie ein. In diesem Land entweiht man die Kirchen ebenso wie in unserm, und der Tempel des Herrn dient den jungen Stutzern und verliebten Frauenzimmern zum Sammelplatz, zur Schande jener, die den niedrigen Ehrgeiz haben, ihre Kirchen feilzubieten, um einander die Kunden wegzufischen. Man sollte da einmal eine Änderung treffen und Leute dazu bestellen, welche die verliebten Herren und eitlen Dirnen fortjagten, so wie man Hundepeitscher und Hundepeitscherinnen anstellt. Vermutlich wird man fragen, was mich das angeht; allein es soll noch besser kommen, und der Narr, der sich darüber ärgert, muss wissen, dass jeder Erdensohn hienieden ein Narr und ein Lügner ist, der eine mehr, der andere weniger, und ich selbst bin vielleicht ein grösserer Narr als die andern, ob ich es gleich freiwillig gestehe, und da mein Buch eine Sammlung von Narrenstreichen ist, so hoffe ich, jeder Narr wird eine Schilderung darin finden, die auf ihn passt, wenn er anders nicht von der Eigenliebe sich blenden lässt. Don Karlos also, um auf meine Geschichte zurückzukommen, war mit einer Menge spanischer, italienischer und anderer Edelleute, die auf ihre schönen Federn so stolz waren wie die Pfauen auf die ihren, in einer Kirche, als drei maskierte Damen mitten durch diese losgelassenen Kupidos auf ihn zukamen, und die eine sagte ihm folgendes oder etwas ähnliches: »Don Karlos! Es ist eine Dame hier in der Stadt, der Ihr sehr verpflichtet seid; denn bei allen Stiergefechten und Ringelstechen hat sie Euch immer gewünscht, dass Ihr den Preis erhalten möget, wie es denn auch geschehen ist.« – »Das Angenehmste in dem, was Ihr mir sagt,« antwortete Don Karlos, »ist, dass ich es von Euch erfahre, die Ihr eine Dame von Stand zu sein scheint, und hätte ich gewusst, dass mir eine Dame gewogen ist, so hätte ich mir gewiss mehr Mühe gegeben ihren Beifall zu erhalten.« Die unbekannte Dame antwortete ihm, er hätte es an nichts fehlen lassen, um sich als den geschicktesten Kavalier von der Welt zu zeigen, und ausserdem hätte er durch seine schwarz und weisse Farbe zu erkennen gegeben, dass sein Herz noch frei wäre. »Ich habe mich nie auf die Farben verstanden,« antwortete Don Karlos, »allein dies weiss ich, dass ich nicht liebe, nicht so aus Unempfindlichkeit nicht, als vielmehr, weil ich weiss, dass ich nicht verdiene, geliebt zu werden.« Sie sagten sich noch eine Menge solcher schöner Sachen, die ich hier nicht anführen will, weil ich sie nicht weiss, und weil ich keine andern erfinden will, um Don Karlos und seiner unbekannten Dame nicht unrecht zu tun, die beide, wie ich seitdem von einem Neapolitaner erfahren habe, der sie gekannt hat, viel mehr Verstand hatten als ich. Endlich erklärte die maskierte Dame Don Karlos, dass sie es selbst wäre, die Neigung für ihn fühlte; er verlangte sie hierauf zu sehen. Sie antwortete, es wäre noch nicht Zeit, doch würde sie Gelegenheit dazu suchen. Um ihn aber doch zu überzeugen, dass sie sich nicht fürchte, mit ihm allein zusammenzukommen, so wolle sie ihm einstweilen ein Pfand geben. Indem sie dies sagte, zeigte sie dem Spanier die schönste und niedlichste Hand von der Welt und übergab ihm einen Ring, den er annahm. Es war sein Erstaunen über diese Begegnung so gross, dass er beinahe vergessen hätte, ihr ein Kompliment zu machen als sie von ihm wegging. Die übrigen Edelleute, die sich aus Bescheidenheit von ihm entfernt hatten, traten nun wieder zu ihm. Er erzählte ihnen, was ihm begegnet war und zeigte ihnen den Ring, der ziemlich grossen Wert hatte. Jeder sagte darauf, was er von der Sache dachte, und Don Karlos war so verliebt in seine Dame, als wenn er sie schon von Angesicht gesehen hätte: so sehr wirkt der Verstand auf diejenigen, die selbst welchen besitzen. Es vergingen ungefähr acht Tage, ohne dass er eine Nachricht von seiner Dame erhielt: ich weiss nicht genau, ob er sehr unruhig darüber war. Unterdessen ging er täglich in das Haus eines Infanteriehauptmanns, wo sich viele Leute von Stand des Spieles wegen versammelten. Eines Abends, als er gar nicht gespielt hatte und zeitiger nach Hause gehen wollte, hörte er aus dem unteren Zimmer eines grossen Hauses seinen Namen rufen. Er näherte sich dem Fenster, das vergittert war, und erkannte seine unsichtbare Geliebte an der Stimme, die zu ihm sagte: »Kommt näher heran, Don Karlos, ich erwarte Euch hier, um den Streit zu beenden, den wir miteinander haben.« – »Ihr seid eine Grosssprecherin,« antwortete Don Karlos, »Ihr fordert die Leute stolz auf, und versteckt Euch acht Tage lang, um endlich wieder hinter einem Gitterfenster zu erscheinen.« – »Wir werden uns zur richtigen Zeit schon näher sehen«, sagte sie. »Es geschah nicht aus Zaghaftigkeit, dass ich es aufgeschoben habe, mit Euch allein zu sein; ich wollte Euch nur vorher näher kennen lernen. Ihr wisst wohl, dass man bei den Kämpfen mit gleichen Waffen schlagen muss; wenn also Euer Herz nicht ebenso frei wäre wie das meine, so hättet Ihr etwas über das meine voraus, und deswegen habe ich mich nach Euch erkundigt.« – »Und was habt Ihr über mich erfahren?« fragte Don Karlos. »Dass wir beide für einander geschaffen sind«, sagte die unsichtbare Dame. Don Karlos sagte darauf, dass die Sache der beiden Teile nicht ganz gleich wäre. »Denn Ihr seht mich und wisst wer ich bin, ich aber sehe Euch nicht und weiss auch auch nicht wer Ihr seid. Was glaubt Ihr selbst, was ich über Euch denken muss, da Ihr Euch so sorgfältig versteckt? Man verbirgt sich nicht so, wenn man sich guter Absichten bewusst ist, und eine Person, die sich nicht in acht nimmt, ist leicht hintergangen: aber man hintergeht sie nicht zweimal. Und wenn Ihr Euch nur meiner bedient, um einen andern eifersüchtig zu machen, so sage ich Euch im voraus, dass ich mich nicht dazu eigne, und dass Ihr mich zu nichts weiter brauchen könnt als Euch zu lieben.« – »Seid Ihr mit Euerm verwegenen Urteil zu Ende?« sagte die Unsichtbare. »Es ist jedoch nicht ohne Wahrscheinlichkeit«, antwortete Don Karlos. »Wisst,« sagte sie, »dass ich sehr aufrichtig bin und dass Ihr mich in allen Stücken so finden werdet, und dass ich verlange, dass Ihr es auch seid.« – »Nichts ist billiger,« antwortete Don Karlos; »allein es ist ebenso billig, dass ich Euch sehe, und erfahre, wer Ihr seid.« – »Ihr sollt es bald erfahren,« sagte die Unsichtbare, »unterdessen hofft in Geduld, nur dadurch könnt Ihr das verdienen, was Ihr von mir fordert; und damit Eure Liebe nicht ohne Grund und Hoffnung auf Belohnung sein möge, so versichere ich Euch, dass ich gleichen Standes mit Euch bin, dass ich Vermögen genug besitze, um Euch mit derselben Pracht leben zu lassen, wie der erste Prinz des Königreichs, dass ich mehr schön als hässlich bin, und in Hinsicht auf den Verstand, habt Ihr selbst so viel, um zu beurteilen ob ich welchen habe oder nicht.« Mit diesen Worten zog sie sich vom Fenster zurück und liess Don Karlos, da er eben antworten wollte, mit offenem Munde stehen, der nun so sehr in die Person verliebt war, die er nicht gesehen hatte, und über das seltsame Verfahren so erstaunt war, dass er eine gute Viertelstunde auf ebendem Fleck stehen blieb und über die ausserordentliche Begebenheit nachdachte. Er wusste wohl, dass sich verschiedene Prinzessinnen und Damen von Stand in Neapel aufhielten, allein er wusste auch, dass es eine Menge galante Frauenzimmer dort gab, die den Fremden nachstellten und die um so gefährlicher waren, weil sie grösstenteils sehr schön waren. Ich werde euch nicht erzählen, ob er zu Abend gegessen hatte oder ob er sich ungegessen zu Bett legte, wie gewöhnlich die Romanschreiber zu tun pflegen, die alle Stunden des Tags ihres Helden anordnen, sie früh aufstehen lassen, ihre Geschichte bis zu Mittag erzählen, sie sehr wenig Zu Mittag essen lassen, und nach Tisch ihre Geschichte wieder fortsetzen oder sie in einen Wald sich verirren lassen, um dort mit sich selbst zu sprechen, wenn sie anders den Bäumen und Steinen nichts zu sagen haben; des Abends sie pünktlich an dem Ort erscheinen lassen, wo man isst, wo sie seufzen und träumen anstatt zu essen, und nachher Luftschlösser auf einer Terrasse bauen, die nahe am Meer liegt, während ihr Stallmeister anderen erzählt, dass sein Herr der und der, Sohn des und des Königs sei, dass kein besserer Prinz auf der Welt gefunden werden könne, und obschon er heut noch der schönste unter den Sterblichen wäre, er dennoch viel schöner gewesen wäre, ehe ihn die Liebe so abgezehrt hätte. Um aber auf unsere Geschichte zurückzukommen, so fand sich Don Karlos andern Tages auf seinem Posten ein und die Unsichtbare war schon auf dem ihrigen. Sie fragte ihn, ob er nicht wegen der gestrigen Unterredung verlegen wäre und ob es nicht wahr wäre, dass er an allem gezweifelt hätte, was sie ihm gesagt hatte. Don Karlos, ohne auf ihre Frage zu antworten, bat sie, ihm zu sagen, was für Gefahr dabei wäre, wenn sie sich ihm zeigte, da doch beide gleich wären und ihre Liebe einen Endzweck hätte, der von jedermann würde gebilliget werden. »Es ist die grösste Gefahr dabei, wie Ihr zu seiner Zeit erfahren werdet,« sagte die Unsichtbare, »beruhigt Euch unterdessen damit, dass ich aufrichtig bin, und dass ich in der Schilderung, die ich von mir selbst gemacht habe, sehr bescheiden war.« Don Karlos forschte nun nicht weiter, und die Unterredung dauerte noch eine Zeitlang, sie beteuerten einander mehr als zuvor ihre Liebe, und schieden mit der Versicherung, sich alle Abend an dem nämlichen Ort zu sprechen. Den folgenden Tag gab der Vizekönig einen grossen Ball. Don Karlos hoffte dort seine Unsichtbare zu erkennen. Unterdessen erkundigte er sich, wem das Haus gehöre, wo man ihm so günstiges Gehör gab. Er erfuhr von den Nachbarn, dass das Haus einer alten Dame, der Witwe eines spanischen Kapitäns, gehöre, die sehr zurückgezogen lebte und weder Töchter noch Verwandte hatte. Er versuchte sie zu sprechen, allein sie Hess ihm sagen, dass sie seit dem Tod ihres Mannes sich vor niemand sehen liesse, und dies setzte ihn in noch grössere Verlegenheit. Don Karlos fand sich abends bei dem Vizekönig ein, wo, wie man sich denken kann, die Versammlung überaus glänzend war. Er betrachtete sich alle Damen sehr genau und suchte seine Unsichtbare zu entdecken, er sprach auch mit verschiedenen, die er antraf, fand aber nicht, was er suchte. Endlich machte er sich an die Tochter eines Marquis von wer weiss welchem Marquisat, denn dies ist eine Sache, worauf ich am wenigsten schwören möchte, zu einer Zeit, wo sich jeder aus eigner Autorität marquisiert. Sie war jung und schön und hatte wohl etwas von dem Ton der Stimme derjenigen, die er suchte. Doch zuletzt fand er so wenig Ähnlichkeit zwischen ihrem Verstand und dem seiner Unbekannten, dass er es bereute, in so kurzer Zeit seine Sache bei dieser schönen Person so weit getrieben zu haben, dass er sich schmeicheln konnte, sie sähe ihn nicht ungern. Sie tanzten oft miteinander und als der Ball mit sehr wenig Befriedigung für Don Karlos beendigt war, beurlaubte er sich von seiner Eroberung, die ganz stolz darauf war, in einer so glänzenden Versammlung ganz allein einen Kavalier gefesselt zu haben, den alle Mannspersonen beneideten und alle Frauenzimmer liebten. Von dem Ball ging er eiligst nach Hause, um seinen Degen zu holen, und nachher an sein Gitter, das nicht weit davon entfernt war. Seine Dame war schon da und fragte ihn nach Neuigkeiten von dem Ball, ob sie gleich selbst dagewesen war. Er sagte ihr ganz freimütig, dass er mit einer sehr schönen Person getanzt und sie während des ganzen Abends unterhalten hätte. Sie tat hierüber verschiedene Fragen an ihn, die ihm zeigten, dass sie eifersüchtig auf die andere war. Don Karlos liess ihr seinerseits merken, dass es ihn wundere, sie nicht auf dem Ball gefunden zu haben, und dass das ihn an ihrem vornehmen Stand zweifeln liess. Sie bemerkte es, und um ihn wieder zu beruhigen, war sie ausserordentlich zärtlich und erlaubte ihm soviel Gunstbezeigungen als bei einer Unterredung durch ein Gitterfenster nur möglich sind, ja sie versprach sogar, sich ihm nun bald zu zeigen. Sie schieden hierauf von einander, er sehr zweifelhaft, ob er alles glauben sollte, und sie ein wenig eifersüchtig auf die schöne Person, die er den ganzen Ball über unterhalten hatte. Den andern Tag ging Don Karlos in die Messe und reichte zwei maskierten Damen das Weihwasser, die es zu gleicher Zeit mit ihm nehmen wollten. Die am besten gekleidete von ihnen sagte zu ihm, dass sie keine Gefälligkeiten von einer Person annehmen könne, der sie eine Entdeckung machen wolle. »Wenn Sie nicht zu sehr eilen,« sagte Don Karlos, »so können Sie es diesen Augenblick tun.« – »Folgen Sie mir in die nächste Kapelle« sagte die unbekannte Dame. Sie ging dahin voraus und Don Karlos folgte ihr, sehr zweifelhaft, ob es seine Dame wäre; obgleich sie von derselben Figur war, fand er einen Unterschied in der Stimme, da diese ein wenig schnarrte. Nachdem sie sich in der Kapelle mit ihm eingeschlossen hatte, sagte sie ihm folgendes: »Ganz Neapel, Don Karlos, ist voll des grossen Ruhmes, den Ihr Euch seit der kurzen Zeit, die Ihr hier seid, erworben habt und Ihr seid unstreitig der artigste Kavalier von der Welt. Allein man wundert sich sehr, dass Ihr es gar nicht zu merken scheint, dass es gewisse Damen von Stande hier gibt, die eine besondere Achtung für Euch hegen; sie haben Euch solche so viel als die Sittsamkeit erlaubt, bewiesen, und ob sie gleich sehnlich wünschen, Euch davon zu überzeugen, so wünschen sie doch lieber, Ihr möchtet aus Unempfindlichkeit nicht erkenntlich dafür sein, als dass Ihr Euch aus Gleichgültigkeit dagegen verstelltet. Unter andern ist eine unter meinen Bekannten, die Euch genug schätzt, Euch zu benachrichtigen, was auch immer daraus entstehen möge, dass Eure Besuche entdeckt sind, dass Ihr Euch unvorsichtigerweise einlässt, eine zu lieben, die Ihr nicht kennt, und da diese Geliebte sich verbirgt, schämt sie sich entweder Euch zu lieben, oder fürchtet, nicht liebenswert genug zu sein. Ich zweifle nicht daran, dass Eure ideale Liebe eine Dame von hohem Stande ist und viel Verstand hat und dass Ihr Euch eine anbetungswürdige Person darunter vorstellt. Allein, Don Karlos, traut Eurer Einbildung nicht auf Kosten Eurer Vernunft, hütet Euch vor einer Person, die sich verbirgt und lasst Euch nicht länger in diese nächtlichen Unterhaltungen ein. Warum sollte ich mich verstellen, ich bin es selbst, die auf Euer Phantom eifersüchtig ist und die es ungern sieht, dass Ihr mit ihm sprecht; und da ich mich einmal so weit erklärt habe, so will ich ihr Unternehmen so gut zerstören, dass ich einen vollkommenen Sieg über sie erhalten werde, den ich ihr mit Recht streitig mache, weil ich ihr weder an Schönheit, noch an Reichtum, noch an Stand, noch an allem, was eine Person liebenswürdig macht, nachstehe. Wenn Ihr klug seid, so werdet Ihr diesem Rat folgen.« Nach diesen Worten verliess sie ihn ohne seine Antwort abzuwarten. Er wollte ihr nacheilen, aber er traf eine Standesperson an der Kirchtüre, die ihn in eine Unterredung verwickelte, die ziemlich lang dauerte und die er nicht ablehnen konnte. Er dachte den ganzen Tag über das Begebnis nach und glaubte anfangs, dass die maskierte Dame, die er zuletzt sah, das Frauenzimmer vom Ball wäre. Da er sich aber erinnerte, dass sie vielen Verstand gezeigt hatte, den er bei der anderen nicht gefunden hatte, so wusste er nicht mehr, was er darüber denken sollte und wünschte insgeheim, sich mit der verborgenen Geliebten nicht eingelassen zu haben, um sich gänzlich dieser zu ergeben. Da er aber bedachte, dass er sie ebensowenig kenne als seine Unsichtbare, deren Verstand ihn bei allen Unterredungen so sehr eingenommen hatte, so wählte er gar nicht lange, welchen Entschluss er ergreifen sollte, ohne auf die Drohungen zu achten, die man ihm gemacht hatte, da er ohnehin nicht gewohnt war sich dadurch abschrecken zu lassen. Noch an demselben Tage begab er sich zur gewohnten Stunde an das Gitter, doch wurde er mitten im Gespräch von vier maskierten Personen angegriffen, entwaffnet und mit Gewalt in einen Wagen getragen, der am Ende der Strasse wartete. Der Leser kann leicht erraten, wie sehr er auf diese Masken schimpfte und ihnen vorwarf, dass sie ihn in überlegener Zahl angegriffen hätten. Er versuchte sogar, sie durch Versprechungen zu gewinnen, doch statt sie zu überreden, bewachten sie ihn nur desto schärfer und benahmen ihm alle Hoffnung, sich durch Mut und seine Stärke helfen zu können. Unterdessen ging der Wagen immer in einem scharfen Trab von vier Pferden fort und zur Stadt hinaus; nach einer Stunde hielt man an einem prächtigen Haus, dessen Türen zu seinem Empfang geöffnet waren. Die vier Masken stiegen mit Don Karlos ab und hielten ihn unter den Armen fest, so wie man einen Gesandten vor den Grossherrn befördert. Man führte ihn in derselben Zeremonie in das erste Stockwerk, wo zwei maskierte Fräulein ihn an der Türe eines grossen Saales erwarteten, jede mit einem Wachslicht in der Hand. Hier verliessen ihn die maskierten Männer, indem sie ihm ein tiefes Kompliment machten. Vermutlich Hessen sie ihm weder Pistolen noch Degen und er vergass auch nicht ihnen dafür zu danken, dass sie so gut acht auf ihn gegeben hatten. Vielleicht vergass er es auch. Nicht als ob er unhöflich gewesen wäre, allein einem Gefangenen kann man ja wohl eine kleine Unhöflichkeit verzeihen. Ich werde auch nicht sagen, ob die Leuchter, die die Fräulein trugen, von Silber waren, dies wäre das wenigste, sie waren vielmehr von vergoldetem Silber mit eingegrabener Arbeit. Der Saal war, wenn ihr es so haben wollt, der prächtigste von der Welt, und ebensogut möbliert wie die Zimmer in den Romanen, wie z. B. das Schiff der Zelmaandra in dem ›Polexander‹, der Palast des Ibrahim in dem ›Erlauchten Bassa‹, oder das Zimmer, wo der König von Assyrien die Mandane in dem ›Cyrus‹ empfängt, welches letztere Buch nächst den oberen unstreitig am allerbesten möbliert ist. Man kann sich also das Erstaunen unseres Spaniers vorstellen, als er sich in einem prächtigen Zimmer fand, in Gesellschaft zweier Fräulein, welche nichts sprachen und ihn nun in ein noch prächtigeres Zimmer führten, in dem sie ihn jetzt allein liessen. Wäre er Don Quichottischen Sinnes gewesen, so hätte er hier seine Sache gefunden und sich gewiss eingebildet, entweder Esplandir oder Amadis zu sein; aber unser Held liess sich davon so wenig rühren, als wenn er in einem Zimmer seiner Wohnung oder einer Herberge gewesen wäre; nur vermisste er seine Unsichtbare sehr, und da er beständig an sie dachte, so schien ihm dieses Zimmer ärger als ein Gefängnis, das man gewöhnlich nur von aussen schön findet. Er sah wohl ein, dass man ihm hier, wo man ihn so prächtig logierte, kein Übel zufügen wollte; er zweifelte auch nicht, dass die Dame, die er gestern in der Kirche gesprochen hatte, die Zauberin dieses Schlosses ist. Er bewunderte bei sich den Sinn der Weiber und wie schnell sie ihre Entschlüsse ausführen; und entschloss sich, das Ende dieser Begebenheit ruhig abzuwarten und seiner vergitterten Dame treu zu bleiben, so viel Drohungen und Versprechungen man ihm auch machen würde. Einige Zeit später traten einige maskierte Diener herein, deckten den Tisch und trugen das Abendessen auf. Alles war höchst prächtig; die Musik und die Räucherbecken waren nicht vergessen, und unser Don Karlos befriedigte ausser den Sinnen des Geruchs und Gehörs auch den des Geschmackes, mehr, als man ihm in dem Zustande, in dem er war, hätte zutrauen sollen; aber was vermag ein grosser Mut nicht alles! Doch ich vergass euch zu melden, dass er sogar den Mund ausgespült hat, denn, soviel ich weiss, hielt er viel auf seine Zähne. Die Musik dauerte noch eine Zeitlang nach dem Abendessen fort, und da alles weggegangen war, spazierte Don Karlos lange Zeit auf und ab, und dachte an all diese Zaubereien oder auch an etwas anderes. Bald darauf, ohne zu fragen, ob er Lust hätte, sich schlafen zu legen, kamen zwei maskierte Fräulein nebst einem maskierten Zwerg herein, um ihn auszukleiden, nachdem sie vorher einen prächtigen Nachttisch aufgestellt hatten. Er liess alles mit sich machen, was man wollte, die Frauenzimmer machten ihm das Bett auf und gingen fort; der Zwerg zog ihm die Schuhe oder die Stiefel aus und kleidete ihn hierauf völlig aus. Don Karlos legte sich zu Bett, und alles dies geschah, ohne dass von beiden Seiten ein Wort gesprochen wurde. Für einen Verliebten schlief er ziemlich ruhig, nur die Vögel eines in der Nähe hängenden Bauers weckten ihn morgens früh auf. Der maskierte Zwerg erschien wieder und liess ihm die allerfeinste, weisseste und wohlriechendste Wäsche anlegen, die man sich nur vorstellen kann. Wir wollen uns nicht darüber aufhalten, zu erzählen, was er bis zum Mittagessen tat, als welches ebenso kostbar war wie das vorige Abendessen, sondern gehen gleich zum Bruch des Stillschweigens. Eines der maskierten Fräulein brach es zuerst, indem sie fragte, ob es ihm angenehm wäre, die Besitzerin des Schlosses zu sehen. Er antwortete, sie solle ihm sehr willkommen sein. Bald darauf erschien sie selbst, von vier prächtig gekleideten Fräuleins begleitet: niemals hatte unser Kavalier eine Person von besserem Anstand gesehen als diese unbekannte Fee; er war so entzückt und zugleich so erstaunt, dass er unter den vielen Reverenzen und Schritten, die er ausführte, und indem er ihr die Hand bot, um sie aus dem Zimmer in ein anderes zu geleiten, mehr stolperte als ging. Alles was er Schönes in dem Saal und in dem Zimmer gesehen hatte, von dem wir schon geredet haben, war nichts in Vergleich mit diesem Zimmer, und das Ganze wurde noch durch die Pracht der maskierten Damen gehoben. Sie traten auf den reichsten Fussteppich, der je gesehen wurde, seitdem Teppiche in der Welt sind. Dem Ritter wurde wider seinen Willen ein Armsessel hingesetzt und die Dame setzte sich auf eine Menge reicher Kissen ihm gerade gegenüber; sie liess hierauf ihre Stimme gleich einem süssen Klavier ertönen und sagte ihm ungefähr folgendes: »Ich zweifle nicht, Don Karlos, dass alles das, was seit gestern in meinem Hause mit Euch vorgegangen ist, Euch sehr befremden muss, und wenn dies auch keinen grossen Eindruck auf Euch gemacht hat, so werdet Ihr wenigstens daraus ersehen haben, dass ich mein Wort halten kann, und nach dem, was ich getan habe, könnt Ihr leicht auf das schliessen, was ich zu tun imstande bin. Vielleicht ist meine Nebenbuhlerin durch ihre Künste und weil sie so glücklich war, Euch zuerst zu kennen, schon ganz Herrin von dem Platz geworden, den ich ihr in Euerm Herzen streitig mache. Allein ein Frauenzimmer lässt sich nicht so leicht abschrecken, und wenn meine Glücksumstände, die gewiss nicht zu verachten sind, nebst all dem, was man mit mir besitzen wird, Euch nicht bewegen können, mich zu lieben, so habe ich wenigstens die Genugtuung, dass ich mich weder aus Scham noch aus List verborgen habe, und dass ich mich lieber wegen meiner Fehler verachtet sehen will, als durch meine List geliebt werden.« Mit diesen Worten nahm sie die Maske ab und zeigte Don Karlos den offenen Himmel, oder besser gesagt den Himmel im Kleinen: den schönsten Kopf, der von dem schlanksten Körper und der feinsten Taille unterstützt war; kurz eine ganz herrliche Person. Nach der jugendlichen und frischen Gesichtsfarbe hätte man sie ungefähr sechzehn Jahre geschätzt, allein etwas sanftes Majestätisches, welches die ganz jungen Damen nicht haben, zeigte, dass sie auf zwanzig Jahre zu schätzen war. Don Karlos blieb einige Zeit ohne ihr zu antworten; er war böse auf seine unsichtbare Dame, die ihn hinderte, sich der schönsten Person, die er je gesehen, zu ergeben; er wusste nicht was tun noch sagen; nach längerem Kampfe endlich, der die Dame schon in Verlegenheit setzte, fasste er den Entschluss, ihr das zu bekennen, was in seinem Herzen vorging. Hier ist die Antwort, die er ihr gab, und die man sehr gerne glaubte: »Ich leugne es nicht, Madame, dass ich sehr glücklich wäre, Euch zu gefallen, wenn ich Euch nur lieben könnte. Ich sehe wohl, dass ich die schönste Dame von der Welt verlasse, für eine andere, die es wohl nur in meiner Einbildung ist. Doch würdet Ihr mich Eurer Liebe für wert halten, wenn Ihr mich der Untreue fähig hieltet? Und könnte ich treu sein, wenn ich Euch lieben könnte? Bedauern Sie mich also, Madame, ohne mir zu zürnen, oder vielmehr: wir wollen uns beiderseits bedauern – Sie, dass Sie nicht haben können, was Sie wünschen, und mich, da ich diejenige nicht sehen kann, die ich liebe.« Er sagte dies alles mit so trauriger Miene, dass die Dame merken konnte, dass es ihm ernst war. Sie tat alles, um ihn zu bereden und einzunehmen, allein er war taub gegen ihre Bitten und liess sich durch ihre Tränen nicht rühren. Sie setzte ihm verschiedentlich zu, doch er verteidigte sich ritterlich. Endlich wurde sie zornig, schmähte auf ihn, machte ihm Vorwürfe und sagte ihm alles, was ihr der Zorn nur eingab und liess ihn allein, wo er Zeit genug fand, sein Schicksal zu verwünschen, das ihn so früh unglücklich gemacht hatte. Bald darauf erschien ein Fräulein, das ihm sagte, es stände ihm frei, im Garten zu spazieren. Er ging nun durch all die schönen Zimmer, ohne jemanden zu treffen, bis zur Treppe, die zehn maskierte Männer bewachten, die mit Speeren und Karabinern bewaffnet waren. Indem er durch den Hof nach dem Garten ging, der ebenso schön war wie das Haus, da ging einer dieser Wächter an ihm vorbei ohne ihn anzusehen und sagte ihm leise, als wenn er befürchtete, gehört zu werden: ein alter Edelmann hätte ihm einen Brief für ihn gegeben, und er hätte versprochen, ihn ihm eigenhändig zu übergeben, obgleich sein Leben darauf stände, wenn er entdeckt würde; aber ein Geschenk von zwanzig Pistolen und das Versprechen auf ebensoviel liessen ihn es wagen. Don Karlos versprach verschwiegen zu sein und eilte in den Garten, um folgenden Brief zu lesen: »Seit der Zeit, dass ich Sie verloren habe, können Sie sich meine Angst nicht besser vorstellen, als wenn Sie sich den Zustand denken, in dem Sie sich selbst jetzt befinden müssen, wenn Sie mich so lieben wie ich Sie. Doch bin ich etwas ruhiger seitdem ich den Ort erfahren habe, wo Sie sind. Es ist die Prinzessin Porcia, die Sie hat entführen lassen, sie schont nichts, wenn sie ihren Willen haben will, und Sie sind nicht der erste Reinold dieser gefährlichen Armide. Aber ich will all ihre Künste vernichten, und Sie bald aus ihren Armen reissen, um Sie in die meinigen zu schliessen, und dies werden Sie verdienen, wenn Sie so beständig sind wie ich es wünsche. Die Unsichtbare.« Don Karlos war so entzückt über die Nachrichten seiner Dame, die er aufrichtig liebte, dass er den Brief hundertmal küsste und an die Gartentür zurücklief, um den zu suchen, der ihm die Nachricht gebracht hatte, und ihn mit einem recht hübschen Diamant zu belohnen, den er am Finger trug. Er spazierte noch einige Zeit im Garten herum und konnte sich nicht genug über die Prinzessin Porcia verwundern, von der er oft gehört hatte, dass sie eine junge, sehr reiche Dame und aus einer der ersten Familien des Königreichs wäre, und da er sehr tugendhaft war, so empfand er einen solchen Abscheu gegen sie, dass er sich entschloss, mit Gefahr seines Lebens alles aufzuwenden, um sich seiner Gefangenschaft zu entziehen. Am Ausgang des Gartens fand er ein Fräulein unmaskiert (jetzt maskierte man sich nicht mehr im Palast), das ihn fragte, ob er gern mit ihrer Herrschaft heute essen möchte. Man kann sich denken, mit welcher Miene er den Willkomm dazu bot. Man deckte hierauf die Tafel, zum Abend- oder Mittagessen, ich erinnere mich nicht mehr welcher Mahlzeit. Porcia erschien schöner denn je. Sie war während der Mahlzeit reizend und zeigte so vielen Verstand, dass unser Ritter bedauerte, dass so vortreffliche Gaben von einer Dame so hohen Standes so schlecht angewendet würden. Er zwang sich so gut er konnte, munter zu scheinen, obgleich er beständig an seine Unbekannte dachte und sehnlichst sich an sein Gitter zurückwünschte. Sobald gegessen war, liess man die beiden allein, und da Don Karlos, entweder aus Ehrfurcht oder um die Dame zu nötigen, zuerst zu reden, stille schwieg, so unterbrach sie das Stillschweigen mit folgenden Worten: »Ich weiss nicht, ob ich mir von der Heiterkeit, die ich auf Euerm Gesichte zu bemerken, glaube etwas erhoffen darf, und ob diejenige, die ich Euch gezeigt habe, Euch schön genug erscheint oder Euch zweifeln lässt, dass die andere, die man Euch noch verbirgt, Euch noch verliebter machen könnte. Ich habe das was ich Euch geben wollte nicht versteckt, weil ich nicht wollte, dass Ihr es einst bereuen solltet, es erhalten zu haben. Obgleich ich gewohnt bin, mich bitten zu lassen, könnte ich durch eine abschlägige Antwort leicht beleidigt werden, doch werde ich über Eure Weigerung nicht zürnen, wenn Ihr alles wieder gut macht und mir das schenkt, was Ihr mir mehr schuldig seid als Eurer Unsichtbaren. Sagt mir also Euern letzten Entschluss, damit ich, falls er ungünstig ausfällt, hinreichende Gründe suche, die Ursache zu vernichten, die mich bewogen hat, Euch zu lieben.« Don Karlos wartete eine Weile, ob sie wieder anfange zu reden, da sie aber schwieg und mit gesenkten Augen das Urteil erwartete, das er aussprechen sollte, so befolgte er den Entschluss, den er schon einmal gefasst hatte: ganz offenherzig mit ihr zu reden und ihr alle Hoffnung zu nehmen, dass er jemals der ihrige werden würde. Dies tat er folgendermassen: »Madame, bevor ich das beantworte, was Ihr von mir wissen wollt, so müsst Ihr mir mit eben der Aufrichtigkeit, die Ihr von mir fordert, Eure wahren Meinungen über das, was ich sagen werde, entdecken. Wenn Ihr von einer Person geliebt würdet, die Euch alle Gunstbezeigungen gegeben hätte ohne ihre Tugend zu verletzen, und der Ihr unverletzliche Treue geschworen, würdet Ihr den nicht für den schlechtesten und niederträchtigsten Menschen halten, wenn er dies sein Versprechen brechen würde? Und wäre ich nicht dieser schlechte und niederträchtige Mensch, wenn ich um Euretwillen eine Person verliesse, welche glauben darf, dass ich sie liebe?« Er wollte so noch eine Menge schöner Grundsätze hersagen, um sie zu überzeugen, aber sie liess ihm nicht Zeit dazu, sondern stand hastig auf, indem sie sagte, sie sähe wohl wo er hinaus wolle; sie müsse zwar seine Beständigkeit bewundern, obgleich sie ihrer Ruhe sehr nachteilig wäre, sie setze ihn daher wieder in Freiheit und bäte es sich nur als Gefälligkeit aus, zu warten bis es Nacht geworden, um auf ebendieselbe Art wieder fortzugehen, wie er angekommen war. Sie hielt während dieser Rede das Taschentuch vor die Augen, um ihre Tränen zu verbergen, und liess unsern Ritter zwar etwas verlegen, jedoch freudig, sich wieder in Freiheit zu sehen, also dass, wenn er auch der grösste Heuchler gewesen wäre, er dennoch seine Freude hätte nicht verbergen können, und wenn die Dame darauf acht gegeben hätte, sie ihm ganz gewiss Vorwürfe darüber würde gemacht haben. Ich weiss nicht ob es bald Nacht wurde, denn wie ich schon oben gesagt, ich gebe mir nicht mehr die Mühe, weder Zeit noch Stunden anzuzeigen – genug, sie kam und er setzte sich in einen geschlossenen Wagen, der ihn nach einer ziemlich langen Fahrt in seine Wohnung brachte. Da er der beste Herr von der Welt war, so wollten seine Bedienten, als sie ihn wieder sahen, vor Freuden ganz ausser sich kommen und hätten ihn mit ihren Umarmungen bald erstickt; allein sie genossen ihn nicht lange, denn er nahm seinen Degen und zwei von seinen Leuten, die sich nicht prügeln liessen, und lief geschwind nach seinem Gitter und so eilig, dass seine Leute ihm kaum folgen konnten. Er hatte kaum das verabredete Zeichen gegeben, als seine unsichtbare Schöne ihm erschien. Sie sagten sich eine Menge solch zärtlicher Sachen, dass mir immer die Tränen in die Augen kommen, wenn ich nur daran denke. Endlich sagte die Unsichtbare, dass in dem Hause, wo sie jetzt eben wären, ihr ein verdriesslicher Zufall begegnet wäre, sie habe schon nach einem Wagen geschickt um fortzufahren, da er aber so lange ausbliebe, und der seinige geschwinder bereit sein könnte, so bäte sie ihn, ihn holen zu lassen und sie an einen gewissen Ort zu fahren, wo sie ihm ihr Gesicht nicht länger verbergen würde. Unser Ritter liess sich das nicht zweimal sagen, und lief wie närrisch zu seinen Leuten hin, die er am Ende der Strasse gelassen hatte und schickte nach seinem Wagen. Als dieser ankam, hielt die Unsichtbare Wort und setzte sich zu ihm hinein. Sie sagte dem Kutscher welchen Weg er nehmen solle und liess vor einem grossen Haus halten, in das sie beim Schein vieler Fackeln, die bei ihrer Ankunft angezündet wurden, eintraten. Der Ritter ging mit seiner Dame eine grosse Treppe hinauf in einen Saal, wo er sehr unruhig wurde als sie sich immer noch nicht demaskierte. Nachdem endlich verschiedene prächtig gekleidete Fräuleins mit Wachskerzen herbeigekommen waren, um sie zu empfangen, da wurde die Unsichtbare sichtbar und zeigte Don Karlos, indem sie die Maske abnahm, dass die Gitterdame und die Prinzessin Porcia ein und dieselbe Person war. Ich werde die angenehme Überraschung Don Karlos' nicht schildern: die schöne Neapolitanerin sagte ihm, dass sie ihn zum zweiten Male entführt habe, um seinen letzten Entschluss zu hören; die Gitterdame habe all ihre Ansprüche an sie übertragen und sagte so noch eine Menge schöner und witziger Sachen. Don Karlos warf sich ihr zu Füssen, umfasste ihre Knie und wollte bald ihre Hände vor lauter Küssen aufessen, was ihn der Mühe überhob, ihr all das dumme Zeug vorzusagen, das man gewöhnlich sagt, wenn man zu glücklich ist. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, bot er all seinen Witz und Schmeichelei auf, um seine angenehme Überraschung der Geliebten zu zeigen; er tat dies in so schmeichelhaften und schönen Worten, dass sie sich ausserordentlich freute, in ihrer Wahl nicht betrogen zu sein. Sie erzählte ihm nun, dass sie sich niemals auf eine andere Person in dieser Sache als auf sich selbst verlassen wollte, ohne das sie ihn niemals hätte lieben können, und dass sie niemals einen weniger beständigen Mann als ihn je geliebt haben würde. Darauf kamen die Eltern der Prinzessin Porcia an, die benachrichtigt worden waren. Da sie unter die ersten Familien des Königreichs gehörten, so kostete es wenig Mühe, die Erlaubnis zu einer Heirat vom Erzbischof zu erhalten. Sie wurden noch an demselben Abend vom Pfarrer des Kirchspiels getraut, der ein sehr guter Priester und vortrefflicher Redner war; deshalb darf man nicht fragen, ob er eine schöne Trauungsrede hielt oder nicht. Man sagte, dass die beiden am folgenden Morgen sehr spät aufgestanden sind, was ich gar gerne glaube. Die Nachricht ihrer Verheiratung wurde bald bekannt, und der Vizekönig, der ein naher Verwandter des Don Karlos war, war darüber so froh, dass die öffentlichen Belustigungen in Neapel wieder aufs neue anfingen, wo man noch jetzt von Don Karlos von Arragonien und seiner unsichtbaren Geliebten spricht. * Zehntes Kapitel. Wie Ragotin eins auf die Finger bekam Die Geschichte des Ragotin erhielt allgemeinen Beifall, und er wurde davon so stolz, als wenn er sie selbst erfunden hätte; und da er von Natur schon hochmütig war, so fing er an, die Komödianten gering zu behandeln, näherte sich den Komödiantinnen, nahm ihre Hände wider ihren Willen und wollte ein wenig tändeln – eine kleinstädtische Galanterie, die den Satyr besser als einen andern ehrlichen Mann kleidet. Mademoiselle de l'Etoile begnügte sich ihre weissen Hände aus seinen schmutzigen und haarigen Pfoten zurück zu ziehen, aber Mademoiselle Angelique schlug ihn mit dem Blankscheit derb auf die Finger. Er verliess sie ohne ein Wort zu sagen, wurde vor Scham und Zorn feuerrot und ging wieder zur Gesellschaft, wo jeder aus allen Kräften schrie und sprach, ohne auf die andern zu hören. Ragotin brachte den grössten Teil dadurch zum Schweigen, dass er noch ärger schrie als sie, und fragte, wie ihnen seine Geschichte gefallen hätte. Ein junger Mann, dessen Name ich vergessen habe, antwortete ihm frech, sie gehörte ihm ebensowenig als jedem andern, weil er sie aus einem Buch gestohlen hätte, und indem er dies sagte, zog er ein Buch aus Ragotins Tasche, das halb heraussah. Der zerkratzte ihm beide Hände um es wieder zu erlangen; dessen ungeachtet gab es der junge Mann einem andern in die Hand, den Ragotin nun ebenso vergeblich anpackte, und das Buch ging von Hand zu Hand, in die fünfte, sechste, wo es Ragotin nicht wieder erobern konnte, weil er der kleinste von der Gesellschaft war. Nachdem er sich nun fünf- oder sechsmal vergebens danach ausgestreckt hatte, viele Manschetten zerrissen und ebensoviele Hände zerkratzt hatte und das Buch immer in der Mitte des Zimmers herumspazierte, da wurde der arme Ragotin, als er sah, dass alle über ihn lachten, so wütend, dass er sich an den ersten Urheber der Verwirrung machte und ihm Faustschläge auf den Bauch und die Schenkel gab – höher konnte er nicht hinauf. Die Hände des andern, die den Vorteil hatten, sausten über seinen Kopf herunter und zwar so schwer, dass der Hut bis an das Kinn in den Kopf herunter gedrückt wurde. Davon wurde der Verstandskasten des armen Mannes so erschüttert, dass er nicht mehr wusste wo er war; um das Unglück vollkommen zu machen, gab ihm sein Gegner noch einen Tritt vor den Bauch, dass er unter Zurücktaumeln der Länge nach vor die Füsse der Komödiantinnen auf den Hintern fiel. Man stelle sich die Wut eines kleinen Mannes vor, der stolzer war als alle Barbiere des Königreichs zusammen, und zu einer Stunde, da er sich wegen seiner Geschichte so sehr aufblähte und in Gegenwart der Komödiantinnen, in die er verliebt war. Denn wie die Folge zeigen wird, wusste er nur noch nicht, welche seinem Herzen am nächsten war. Es zeigte sein kleiner Körper, der auf dem Hintern lag, die Wut seiner Seele an den Bewegungen seiner Arme und Beine; denn seinen Kopf konnte man nicht sehen, der steckte noch im Hut. Die Gesellschaft hielt es nun für ratsam, eine Mauer zwischen den Gegnern zu bilden und den einen entwischen zu lassen, während die mitleidigen Schauspielerinnen den kleinen Mann aufhoben, der in seinem Hute brüllte wie ein Stier. Es stellte sich als Schwierigkeit heraus, den Deckel herunter zu bekommen, denn die Öffnung des Hutes war enger als dessen Kopf; er war wie ein Buttertopf gestaltet und die lange Nase stellte ein grosses Hindernis dar. Dieses Missgeschick war noch ein Glück, denn bei seiner grossen Wut musste er nun auf seine eigene Erhaltung bedacht sein, da er fast erstickte in seinem Hut, denn nun konnte er nicht mehr an die Zerstörung seines Gegners denken. Er bat nicht um Hilfe, er konnte nicht reden; da man aber sah, wie er seine bebenden Hände vergebens an den Kopf legte, um sich frei zu machen und vor Wut die Erde stampfte und sich mit den Nägeln zerkratzte, so kam man ihm zu Hilfe. Die ersten Versuche ihn zu befreien, waren so heftig, dass er glaubte man wolle ihm den Kopf herunterreissen; er konnte es nicht mehr aushalten und gab deshalb mit den Fingern ein Zeichen, dass man diesen Kopfputz entzwei schneiden solle. Mademoiselle de la Caverne machte ihre Schere von der Seite los und la Rancune, der Operateur dieser schönen Kur, tat erst so, als wenn er den Hut von der Gesichtsseite aus aufschneiden wolle, was den Kleinen nicht schlecht beängstigte, er schnitt alsdann den Hut von hinten oben bis unten entzwei. Sobald sein Gesicht wieder frei war, fing die ganze Gesellschaft an zu lachen, denn das Gesicht war so aufgetrieben und rot, als wenn sein Träger hätte ersticken wollen, und die Nase ganz zerschunden. Alles wäre nun gut gewesen, wenn ein Spassmacher nicht gesagt hätte, er müsse nun seinen Hut wieder zusammenflicken lassen. Dieser unzeitige Rat erweckte nun seinen Zorn von neuem, der noch nicht ganz erloschen war, er ergriff den eisernen Kaminrost, tat als wenn er ihn unter die Gesellschaft werfen wollte, und dies machte die Verwegensten so furchtsam, dass jeder der Türe zulief, um dem Wurf zu entgehen; dabei eilten alle so sehr, dass nur einer hinaus kam, und dieser fiel hinaus, weil er mit seinen gestiefelten und gespornten Beinen über einen andern hinausfiel. Nun musste auch Ragotin wieder lachen und das beruhigte alle. Man gab ihm sein Buch wieder und die Komödianten borgten ihm einen alten Filzhut. Er fluchte noch sehr auf den, der ihn so zusammengearbeitet hatte; da er aber mehr Eitelkeit als Rachgier besass, so sagte er ihnen mit grosser Wichtigkeit, dass er aus seiner Geschichte eine Komödie machen wolle, er würde sie so bearbeiten, dass er bestimmt auf einmal dahingelangen würde, wohin die übrigen Poeten erst nach und nach gekommen seien. Destin erklärte ihm, dass seine Geschichte zwar ganz angenehm wäre, jedoch für das Theater nicht geeignet. »Ihr werdet mir das wohl beibringen,« erwiderte Ragotin, »meine Mutter war eine Patin des Poeten Garnier, und ich, der das sagt, besitze noch zu Hause sein Schreibzeug.« Destin sagte ihm darauf, dass selbst der Poet Garnier keine Ehre damit einlegen würde. »Und was für grosse Schwierigkeiten findet Ihr denn darin?« fragte ihn Ragotin. »Diese, dass man kein regelmässiges Stück daraus machen kann, ohne die Sittsamkeit und die gesunde Vernunft zu beleidigen«, antwortete Destin. »Ein Mann wie ich«, sagte Ragotin, »kann selbst Regeln machen so oft und so viel er will. Bedenkt einmal,« fuhr er fort, »ob das nicht was Neues und zugleich was Prächtiges wäre, wenn man mitten auf dem Theater eine grosse Kirchtüre vorstellte, vor welcher sich einige zwanzig Kavaliere nebst ebensoviel Damen unterhielten, – es würde jedermann entzücken! Ich bin auch Eurer Meinung, dass man nichts gegen die Sittsamkeit vornehmen darf, und deswegen will ich meine Personen auch nicht in der Kirche drinnen reden lassen.« Destin unterbrach ihn mit der Frage, wo sie denn so viele Kavaliere und Damen finden wollten. »Und wie macht man es in den Kriegsschulen wenn man Schlachten liefert?« versetzte Ragotin. »Ich habe zu La Fleche die Einnahme der Brücke von Cé vorstellen helfen, und mehr als hundert Soldaten von der Partei der Königin Mutter erschienen auf dem Theater ohne die von der Armee des Königs, die noch zahlreicher war; und ich erinnere mich, dass man danach, wegen einem unerwartet starken Regen, der die Vorstellung unterbrach, sagte, alle Federn des Adels im ganzen Lande wären dadurch verdorben worden.« Destin, der ihn gern auf so kluge Art sprechen hörte, antwortete, die Schulen hätten Schüler genug dazu, sie aber wären, wenn alle beisammen, nur sieben oder acht Mann hoch. La Rancune, der wie man weiss, ein schlechter Kerl war, schlug sich nun auf die Seite des Ragotin, um ihn noch mehr aufzuziehen und sagte zu seinem Kameraden, dass er nicht seiner Meinung wäre; er wäre ein älterer Komödiant als er, eine Kirchtüre würde die schönste Theaterdekoration abgeben, und was die nötige Menge Kavaliere und Damen beträfe, so könnte man einen Teil Leute mieten, die übrigen könnte man von Pappdeckel machen. Dieser schöne Pappdeckelvorschlag brachte die ganze Gesellschaft zu lautem Gelächter. Ragotin lachte selber darüber und schwur, dass er es auch gewusst hätte, dass er es aber nur nicht hätte sagen wollen. »Und die Kutsche?« fuhr er fort, »wäre das nicht etwas ganz Neues in einer Komödie? Ich habe einst den Hund des Tobias vorgestellt, und ich machte ihn so gut, dass die ganze Gesellschaft darüber entzückt war; ich meinerseits« fuhr er fort, »bin niemals so sehr von dem Tod des Piramus und der Thisbe gerührt worden, als wie vor dem Löwen erschrocken.« La Rancune unterstützte die Gründe des Ragotin durch noch lächerlichere und machte sich dadurch so angenehm bei ihm, dass er ihn mit sich zum Abendessen nach Haus nahm. Alle übrigen lästigen Besuche liessen nun die Komödianten in Ruhe, die mehr Lust hatten zu Abend zu essen, als die Tagediebe der Stadt zu unterhalten. * Elftes Kapitel welches dasjenige enthält, was man bei dessen Lesung erfahren wird Ragotin führte den la Rancune in eine Schenke, wo er das Beste auftragen liess was nur da war. Man glaubte, er hätte ihn deswegen nicht mit nach Hause genommen, weil für gewöhnlich sein Tisch sehr schlecht war; aber ich will darüber nichts sagen, ich befürchte vielleicht da ein vorschnelles Urteil zu sprechen, denn die Tatsache habe ich selbst nie untersuchen wollen, weil sie nicht der Mühe wert ist und ich andere Dinge zu berichten habe. La Rancune war sehr scharfsinnig und hatte seine Leute gleich ausstudiert: er merkte sofort, als zwei Rebhühner und ein Kapaun für zwei Personen aufgetragen wurden, dass Ragotin ganz was anderes im Sinne hatte, als seine Verdienste zu belohnen oder dafür, dass er behauptete, die Geschichte wäre ein schöner Stoff für ein Theaterstück. Er bereitete sich also vor, etwas Neues von Ragotin zu hören, der bis jetzt nichts merken liess, sondern immer noch fortfuhr von seiner Geschichte zu reden. Er sagte eine Menge satirische Verse her, die er teils gegen seine Nachbarn gemacht hatte, dann gegen Hahnreie, die er nicht nannte und gegen einige Frauenzimmer, er sang Trinklieder und zeigte ihm Sinngedichte. Solches ist die Art der Reimschmiede, wodurch sie ehrliche Leute am meisten quälen. La Rancune verdarb ihn noch mehr, weil er alles in den Himmel hob und wie ein Spieler schwur, dass er niemals was Schöneres gehört habe, ja er tat, als wenn er vor Entzücken sich gleich die Haare ausreissen wollte. Er sagte ihm verschiedentlich, es sei ein Unglück, dass er sich nicht ganz dem Theater widme, denn in zwei Jahren würde man so wenig mehr von Corneille reden als man jetzt von Hardis Stücken spricht. »Ich kann nicht schmeicheln,« fügte er hinzu, »doch um Euch Mut zu machen, muss ich Euch sagen, dass ich, so wie ich Euch zum ersten Male sah, Euch sogleich für einen grossen Dichter erkannt habe, und Ihr könnt meine Kameraden fragen, was ich ihnen von Euch gesagt habe. Ich täusche mich nicht so leicht darin, und rieche einen guten Dichter auf eine halbe Stunde weit. Auch Euch habe ich, sowie ich Euch gesehen hatte, sofort erkannt, so als ob Ihr mein Sohn wäret.« Ragotin schluckte das alles mit einigen Gläsern Wein hinunter, was ihn noch mehr als la Rancunes Lob betrunken machte, der seinerseits mit dem grössten Appetit ass und trank und zuweilen ausrief: »Um alles in der Welt, zeigt Euer Talent, Ihr seid närrisch, dass Ihr Euch und uns nicht damit bereichern wollt. Ich kann ebenso gut wie jeder andere Papier verschmieren, allein wenn ich solche Verse machen könnte, die nur halb so gut wären wie die Eurigen, so würde ich wahrlich nicht mein Brot so suchen wie jetzt, sondern so wie Mondori von meinen Einkünften leben. Arbeitet also, Herr Ragotin, arbeitet frisch darauf los, und wenn wir diesen Winter die Komödianten des Hotels von Bourgogne und Marais nicht ausstechen, so will ich das Theater nie wieder gesund betreten – weiter hab ich jetzt nichts mehr zu sagen. Lasst uns trinken!« Er hielt Wort, und indem er sein Glas bis obenan füllte, trank er Herrn Ragotin die Gesundheit des Herrn Ragotin zu. Dieser bedankte sich, indem er auf die Gesundheit der Schauspielerinnen trank; dies tat er mit entblösstem Haupte und mit solchem Entzücken, dass sein Glas zerbrach als er es auf den Tisch zurückstellen wollte; er hatte das nicht bemerkt und glaubte, er habe es richtig beiseite gesetzt und versuchte wiederholt, es wieder aufzustellen. Endlich warf er es über den Kopf hinweg, indem er durch Anstossen la Rancune darauf aufmerksam machte, damit ihm ja nicht der Ruhm entgehen möchte, ein Glas zerbrochen zu haben. Es tat ihm leid, dass la Rancune nicht darüber lachte, aber wie gesagt, dieser war mehr neidischen als vergnügten Humors. La Rancune fragte ihn, was er denn von den Komödiantinnen halte, und der kleine Mann errötete über und über und konnte nicht antworten, und als la Rancune noch einmal fragte, gab er ihm stammelnd und errötend zu verstehen, dass eine der Damen ihm ausserordentlich gut gefiele. »Und welche?« fragte la Rancune. Der kleine Kerl war so verwirrt, dass er schon so viel gesagt hatte und antwortete: »Ich weiss es nicht.« – »Und ich auch nicht« sagte la Rancune. Dies verwirrte ihn noch mehr, so dass er ganz beschämt sagte: »Es ist, es ist –« Diese Worte wiederholte er vier bis fünfmal, sodass endlich der Komödiant ungeduldig wurde und ihm sagte: »Ihr habt sehr recht, es ist ein recht hübsches Mädchen.« Dies brachte ihn vollends in Verwirrung, und er konnte es gar nicht herausbringen, wen er meinte, vielleicht wusste er es auch selbst nicht recht und hatte weniger Liebe als simple Geilheit. Endlich als ihm la Rancune Mademoiselle de l'Etoile nannte, sagte er, sie wäre es, in die er verliebt wäre. Ich aber glaube, wenn er ihm Angelique oder ihre Mutter la Caverne genannt hätte, so würde er den Schlag der einen und das Alter der andern vergessen und sich mit Leib und Seele derjenigen ergeben haben, die ihm la Rancune genannt hätte, so sehr verwirrt war der alte Sünder. Der Komödiant liess ihn ein paar Glas Wein trinken, wodurch ein wenig von seiner Verwirrung wich, er selbst trank ein anderes und sagte ganz leise zu ihm, indem er sich sorgfältig im Zimmer umschaute, obgleich niemand darin war: »Eure Wunde ist nicht gefährlich, Ihr habt Euch an einen Mann gewandt, der Euch heilen kann, wenn Ihr ihm nur glauben und die Sache geheim halten wollt. Die Geschichte ist zwar nicht leicht, denn Mademoiselle de l'Etoile ist ein wahrer Tiger und ihr Bruder Destin ein Löwe, allein solche Leute wie Ihr seid, sieht sie nicht alle Tage, und ich weiss schon was ich zu tun habe. Lasst uns jetzt unsern Wein austrinken und morgen ist wieder ein Tag.« Die Unterredung wurde durch beiderseitiges Trinken einen Augenblick unterbrochen. Ragotin nahm zuerst wieder das Wort, erzählte alle seine Vollkommenheiten und seine Reichtümer; sagte zu la Rancune, er hätte einen Vetter, der Schreiber bei einem Finanzpächter wäre; dieser, sein Vetter, wäre ein vertrauter Freund des la Rallière gewesen, zur Zeit, als dieser sich zu Mans aufhielt um eine neue Steuer zu errichten, und dieser hätte versprochen, ihm durch Fürsprache eine königliche Pension zu verschaffen; er sagte ihm ferner, dass er den Kindern seiner Verwandten geistliche Pfründen geben lassen würde, weil seine Nichte den Bruder einer Dame geheiratet hätte, welche von dem Haushofmeister eines Abtes in der Provinz unterhalten würde, der sehr gute Pfründen zu vergeben hätte. Während Ragotin so fort prahlte, schenkte la Rancune immer ein und trank aus, und Ragotin, der einem Manne nichts abschlagen konnte, der ihm so viel Gutes versprach, tat ein Gleiches. Endlich wurden sie beide betrunken, la Rancune dadurch nur noch ernsthafter, Ragotin aber so stumpf und schwerfällig, dass er den Kopf sinken liess und einschlief. La Rancune rief die Magd, damit sie ihm ein Bett zurecht mache, denn Herr Ragotin wäre in einem solchen Zustande, dass er schwerlich aufwachen würde; und wirklich schnarchte er auch schon nach Herzenslust. Als man die zwei Betten zurecht gemacht hatte, erwachte er plötzlich und schimpfte und fluchte auf die Magd, als diese ihm sagte, sein Bett wäre bereit. Als ihn dann la Rancune auf dem Stuhl gegen das Feuer zu drehte, sperrte er die Augen auf und liess sich ohne weiteres auskleiden. Man legte ihn so gut man konnte auf sein Bett, verschloss die Türe und la Rancune legte sich in das seinige. Eine Stunde später stand Ragotin auf und ging, ich weiss nicht warum, zum Bett heraus. Er tappte dermassen in der Stube umher, dass er alle Möbel umstiess und verschiedenmal hinfiel, ohne sein Bett finden zu können; endlich kam er an das la Rancunes und weckte ihn dadurch auf, dass er ihm die Decke nahm. La Rancune fragte ihn was er suche. »Mein Bett«, sagte Ragotin. »Es steht auf der linken Seite des meinigen« antwortete la Rancune. Der besoffene Ragotin ging auf die rechte und legte sich zwischen die Decke und den Strohsack des dritten Bettes, das weder Matratze noch Federbett hatte, und dort schlief er nun sehr sanft. – La Rancune kleidete sich an, noch ehe Ragotin aufgewacht war. Er fragte ihn nachher, ob er aus Selbstverleugnung sein Bett verlassen hätte, um auf einem Strohsack zu schlafen. Ragotin behauptete, er wäre gar nicht aufgestanden, und es müsse in dem Zimmer spuken; er zankte sich deshalb mit dem Wirt, der sein Haus verteidigte und ihm drohte ihn vor Gericht zu belangen, weil er es in üblen Ruf brächte. Allein jetzt habe ich Euch lange genug mit Ragotins Ausschweifungen unterhalten, wir wollen nun zur Schenke der Komödianten zurückkehren. * Zwölftes Kapitel. Nächtliche Schlägerei Ich möchte den geneigten Leser vorher noch benachrichtigen, dass, wenn er an den bis jetzt gelesenen Possen Ärgernis nimmt, er wohl daran tun wird, nicht weiterzulesen; denn, auf mein Wort: er wird nichts anderes darin finden und wenn das Buch so dick würde wie der ›Cyrus‹; und wenn er von dem, was er gelesen hat, auf das Folgende schliesst, hat er nicht unrecht, denn ein Kapitel gibt das andere und ich halte es wie mit den Pferden, denen man die Zügel fahren lässt, so dass sie laufen können, wohin sie wollen. Vielleicht aber auch habe ich eigene Beweggründe. Ohne mein Buch mit nachahmungswürdigen Beispielen zu füllen, suche ich unterrichtend zu unterhalten, so wie der Säufer Abscheu vor dem Trinken erweckt und durch die Streiche, die er in der Trunkenheit begeht, andere zum lachen bringt. Aber wir wollen mit dieser Moralpredigt aufhören und zu unseren Komödianten in die Schenke zurückkehren. Sobald ihr Zimmer leer war und Ragotin den la Rancune fortgeschleppt hatte, kam der Pförtner, den sie in La Tour zurückgelassen hatten, mit einem bepackten Pferd in der Schenke an, und setzte sich mit ihnen zu Tische. Aus seiner Erzählung und was einer dem andern wiedererzählte, konnte man sich klar werden, warum der Provinzintendant sich nicht an ihnen hatte rächen können, weil er selbst nebst seinen Soldaten sich kaum aus den Händen des Pöbels hatte retten können. Destin erzählte nun seinen Kameraden, wie er sich in seinem türkischen Kleid, in dem er den Soliman vorstellen wollte, geflüchtet hätte und da er gehört, dass zu Alençon die Pest regiere, so wäre er und la Caverne sowie la Rancune in dem Aufzug, den wir im Anfang dieser wahrhaften Geschichte beschrieben haben, nach Mans gegangen. Mademoiselle de l'Etoile erzählte ihnen von der Hilfe, die sie von einer Dame aus Tours erhalten hatte, deren Namen ich aber nicht erfahren konnte, und wie sie durch deren Beistand bis an ein Dorf bei Bonnestable gekommen wäre, wo sie sich bei einem Sturz vom Pferde den Fuss verrenkte. Sie fügte hinzu, dass sie erfahren hatte, dass die Truppe in Mans wäre; so hätte sie sich in der Sänfte der Dame des Dorfes, welche sie ihr gerne geliehen hätte, dahin tragen lassen. Nach Tisch blieb Destin ganz allein in dem Zimmer der Damen. La Caverne liebte ihn wie ihren Sohn, Mademoiselle de l'Etoile war ihr nicht weniger lieb und Angelique, ihre Tochter und einzige Erbin, liebte den Destin und die l'Etoile wie Bruder und Schwester. Sie wusste noch nicht, wer sie wären und warum sie Komödianten waren. Aber sie hatte doch so viel bemerkt, dass sie bei weitem freundlicher miteinander umgingen als Verwandte, obgleich sie sich Bruder und Schwester nannten; dass Destin gegen die Etoile die grösste Achtung hege, übrigens aber Verstand hatte und sehr wohl erzogen schien. Mademoiselle l'Etoile hatte mehr von einer Standesperson als von einer Komödiantin. Da sie nun beide von der la Caverne und ihrer Tochter sehr geliebt wurden, so vergalten sie es durch gegenseitige Freundschaft, und wirklich verdienten sie vor allen andern französischen Schauspielern geliebt zu werden, ob sie gleich niemals das Glück gehabt hatten auf dem Theater des Hotel von Bourgogne aufzutreten, welches jetzt als das non plus ultra der Komödie gilt. Diejenigen, welche diese drei kleinen lateinischen Worte nicht verstehen, denen ich hier den Platz nicht gut versagen konnte, weil sie mir eben so gelegen kamen, mögen sie sich erklären lassen. Nun aber scheuten sich Destin und l'Etoile nicht, sich in Gegenwart der la Caverne viel Angenehmes über ihr Wiedersehen zu sagen. Sie schilderten die Unruhe, die sie eins über das andere gehabt hätten, und Destin sagte zu Mademoiselle de l'Etoile, dass er bei der letzten Vorstellung zu Tours ihren alten Verfolger glaubte gesehen zu haben; dass er ihn unter der Menge der Zuschauer erkannt hätte, obgleich er sein Gesicht unter dem Mantel versteckt hielt, und dass er deshalb beim Auszug aus der Stadt, da er waffenlos war, sich ein Pflaster auf das Gesicht gelegt hätte. Er erzählte ihr, wie viele Sänften sie unterwegs angetroffen hatten und dass er glaube, es müsse ihr alter Feind gewesen sein, der alle Sänften so genau untersucht hatte. Während Destin so erzählte, konnte sich die arme Etoile der Tränen nicht erwehren, was Destin sehr rührte; er tröstete sie so gut er konnte und versicherte ihr, dass er fortfahren würde ihren gemeinschaftlichen Feind aufzusuchen, ebenso wie er bis jetzt sich bemühte ihm zu entgehen: in kurzem wolle er sie von ihrem Verfolger befreien ohne sein Leben zu riskieren. Diese letzten Worte machten sie noch trauriger. Destin selbst war nicht stark genug um nicht ebenfalls mit traurig zu werden; la Caverne und ihre Tochter, die auch von Natur aus weich veranlagt waren, oder der Gesellschaft wegen oder gar durch Ansteckung dazu getrieben, weinten mit. Ich weiss nicht, ob Destin auch weinte, doch sprachen er und die Damen lange Zeit nichts und deshalb weinte wer wollte. Endlich unterbrach la Caverne das Schweigen und Weinen und machte ihnen Vorwürfe darüber, dass sie in der Zeit ihres Beisammenseins wohl hätten einsehen müssen, wie sehr sie ihnen eine Freundin wäre; dennoch hätten sie weder zu ihr noch zu ihrer Tochter je Vertrauen gehabt, so dass sie noch immer nicht wüssten, wer sie wären; auch hätte sie in ihrem Leben genug Verfolgungen durchgemacht, um ebensolchen Unglücklichen wie sie zu sein scheinen, raten zu können. Destin antwortete, es wäre nicht aus Misstrauen geschehen, dass sie sich ihr nicht entdeckt hätten, sondern im Glauben, dass die Erzählung ihrer Missgeschicke für andere ganz langweilig sein müsste; er erbot sich aber, sie ihnen zu erzählen wenn sie wollten, und sobald die Zeit sich dazu schicke. La Caverne konnte ihre Neugierde fast nicht mehr bezähmen und ihre Tochter, ebenso neugierig sie anzuhören, schickte sich an, sich neben l'Etoile niederzusetzen. Und Destin wollte eben seine Geschichte anfangen, als sie in dem unteren Zimmer einen grossen Lärm hörten. Destin horchte eine Weile; da aber der Lärm und das Getöse immer zunahmen, man sogar um Hilfe schrie, so sprang Destin in drei Sätzen aus der Kammer auf Kosten seines Kamisols, das la Caverne und ihre Tochter ihm zerrissen, als sie ihn zurückhalten wollten. Er kam in das Zimmer, wo der Lärm war, und sah erst nichts. Aber die Schläge, Ohrfeigen, Stimmen der einander prügelnden Männer und Weiber und die Tritte der blossen Füsse, die in der Stube herumtappten, machten einen schrecklichen Lärm. Er mischte sich unvorsichtigerweise mitten unter die Kämpfenden, und erhielt sofort einen Schlag von der einen und eine Ohrfeige von der andern Seite. Dies änderte die anfängliche gute Absicht, die Schläger auseinander zu treiben, in ein heftiges Gelüste der Rache. Er fing also an, mit den Händen herumzuhauen und Versehrte, wie man nachher an seinen blutigen Händen sah, mehr als einen Kinnbacken. Doch dauerte der Streit lange genug, noch einige Hiebe abzubekommen, die er immer doppelt widergab. Im stärksten Gedränge fühlte er einen Biss in seinen Schenkel; als er mit der Hand danach griff und etwas haariges fühlte, glaubte er, ein Hund hätte ihn gebissen. Doch la Caverne und ihre Tochter, die mit Licht in der Türe erschienen, sahen Destin inmitten von etwa sieben Personen, die alle im Hemd waren und sich prügelten, jedoch als das Licht sichtbar wurde, von einander abliessen und sich versteckten. Der Friede dauerte jedoch nicht lange, denn der Wirt, der einer von den sieben weissen Bussfertigen war, fing wieder mit dem Poeten an und Olive, der auch dabei war, wurde von dem Knechte des Wirts, dem andern Bussfertigen, angegriffen. Destin wollte sie auseinanderbringen; die Wirtin aber, die eben das Tier war, das ihn gebissen hatte und die er für einen Hund hielt, weil sie unbedeckten Kopfes war und kleine kurze Haare hatte, sprang ihm, unterstützt von zwei Mägden, die ebenfalls nackt und unbedeckt waren, nach den Augen. Das Geschrei, die Schläge, die Ohrfeigen, alles ging wieder von vorne an und der Streit war noch schlimmer als zuvor; endlich erschienen, durch den Lärm aufgeweckt, verschiedene Leute auf dem Kampfplatz, brachten die Kämpfenden auseinander, und stellten einen zweiten Waffenstillstand her. Man fragte nun nach der Ursache des Streites und der Schlägerei, die sieben Personen unbekleidet in der Stube versammelt hatte. Olive, der am wenigsten erhitzt war, sagte, dass der Poet habe wollen zur Tür hinaus gehen, doch geschwind kam er wieder zur Tür herein, gefolgt von dem Wirt, der ihn prügeln wollte. Die Frau des Wirts wäre dazu gekommen und hätte sich ebenfalls über den Poeten hergemacht; da er sie nun hätte voneinander bringen wollen, so wären auch die beiden Mägde dazu gekommen; das Licht, das ausging, wäre die Ursache gewesen, dass man sich länger geprügelt hätte als sonst geschehen wäre. Nun war die Reihe an dem Poeten, die Ursache des Streites zu erzählen. Er sagte, er hätte zwei der schönsten Stanzen gemacht, die je gemacht wurden. Um nun diese nicht zu verlieren, hätte er von den Mägden in der Schenke Licht gefordert, diese aber hätten ihn ausgelacht; dann habe ihn der Wirt einen Seiltänzer geschimpft, worauf er ihn, um ihm nichts schuldig zu bleiben, einen Hahnrei genannt habe. Kaum war dies gesagt, so holte der Wirt zu einer Ohrfeige aus. Nun warfen sich wie verabredet die Wirtin, der Knecht und die Mägde über die Schauspieler her, die sie wiederum mit derben Schlägen empfingen. Diese letzte Schlacht war hitziger und dauerte länger als die erste. Destin ergriff eine dicke Magd und gab ihr über hundert Hiebe auf den Hintern. Olive der sah, dass die Gesellschaft darüber lachte, machte es der andern ebenso; der Wirt war mit dem Poeten beschäftigt; die Wirtin wurde von einigen der Zuschauer gehalten, worüber sie so zornig wurde, dass sie Diebe und Mörder schrie. Durch ihr Schreien wurde la Rappinière aufgeweckt, der gegenüber wohnte. Er liess die Türe aufmachen und gebot im Namen des Königs Ruhe. Da er die Ursache des Lärms erfuhr, ermahnte er den Poeten, künftig des Nachts keine Verse zu machen und hätte den Wirt und die Wirtin beinahe prügeln lassen, weil sie noch immer auf die armen Komödianten losschimpften und schwuren, sie andern Tags aus dem Hause zu werfen. Aber la Rappinière drohte dem Wirt, ihn exequieren zu lassen und stopfte ihm dadurch das Maul. La Rappinière ging nach Hause und die übrigen in ihre Zimmer, Destin aber in das Zimmer der Damen, wo ihn die Caverne bat, nun nicht mehr länger mit der Erzählung seiner und seiner Schwester Geschichte zu zögern. Er war dazu bereit: man hört sie im folgenden Kapitel. * Dreizehntes Kapitel. Länger als das vorige. Die Geschichte des Destin und der Mademoiselle de l'Etoile Ich wurde auf einem Dorf unweit Paris geboren; es würde mir leicht sein, euch einzureden, dass ich aus einem sehr berühmten Haus stamme, denn das kann jeder tun, den man nicht kennt; aber ich bin zu ehrlich die Niedrigkeit meiner Geburt zu leugnen. Mein Vater war einer der vornehmsten und bemitteltsten in seinem Dorfe. Ich hörte ihn öfter sagen, dass er als armer Edelmann geboren wäre, dass er in seiner Jugend Kriegsdienste getan, wo er nur Schläge gewonnen hätte, nachher hätte er sich in den Dienst einer reichen Dame begeben, und als er sich etwas bei ihr verdient hatte (er war Haushofmeister und Schatzmeister, d. h. er liess zuweilen ihre Pferde beschlagen), da heiratete er eine alte Jungfer aus dem Hause, die einige Zeit darauf starb und ihn zum Erben eingesetzt hatte. Er wurde des Witwenstandes bald überdrüssig, auch seines Dienstes war er müde, also heiratete er in zweiter Ehe eine Landfrau, die das Haus der Herrschaft mit Brot versah, und dieser zweiten Ehe verdanke ich mein Dasein. Mein Vater nannte sich Garigues. Ich habe niemals erfahren können, woher er war; der Name meiner Mutter ist zu dieser Geschichte nicht notwendig. Sie war geiziger als mein Vater, und mein Vater wieder geiziger als sie und beide hatten ein sehr weites Gewissen. Mein Vater war der Erfinder des Stück Fleisches, das man mit einem Bindfaden an den Henkel des Topfs anbindet, um es zurückziehen zu können wenn es genug gekocht hat, auf dass man damit mehrmals Fleischbrühe machen könne. Ich könnte noch hundert andere Stückchen von ihm erzählen, die ihm mit Recht den Ruf eines erfinderischen Kopfes erworben haben; aber, um euch nicht zu langweilen, will ich nur zwei davon anführen, die zwar schwer zu glauben, jedoch wahr sind. Er hatte eine Menge Früchte eingekauft, um sie während einem Missjahre recht teuer zu verkaufen; da aber Überfluss an allen Orten herrschte und der Preis der Früchte fiel, wollte er sich aus Verzweiflung aufhängen. Eine seiner Nachbarinnen, die sich gerade in der Stube befand, als er mit diesem edlen Vorhaben hereintrat und die, ich weiss nicht aus welchem Grund, sich darin versteckt hatte, erstaunte sehr, als sie ihn nun an einem Balken hängen sah. Sie lief auf ihn zu, schrie um Hilfe und schnitt den Strick ab und wickelte ihn nun mit Hilfe meiner Mutter, die dazu kam, vom Halse. Sie bereuten bald darauf diese gute Handlung, denn er prügelte beide dafür durch und liess die arme Frau noch dazu den Strick bezahlen, den sie dabei entzwei geschnitten hatte, indem er ihr das Geld vorenthielt, das er ihr schuldig war. Das andere Stückchen ist ebenso sonderbar. Er bereute alles, was er zum Essen an sich wenden musste. Da nun seine Frau mit einem Sohn niederkam, setzte er sich in den Kopf, sie hätte Milch genug, um ihren Sohn und ihn zu ernähren, er hoffte, wenn er an seiner Frau trinke, würde er sich das Brot ersparen und durch die leicht verdauliche Nahrung sich vortrefflich erhalten können. Meine Mutter war lange nicht so klug wie er, aber ebenso geizig; sie war nicht so erfinderisch wie mein Vater, was sie aber einmal begriffen hatte, führte sie genauer aus als er selbst. Sie suchte also mit ihrer Milch ihren Sohn und ihren Mann zu ernähren, ja sie versuchte es, sich selbst auch noch davon zu nähren, und dies trieb sie solange, bis der arme Kleine aus Hunger starb; sie aber und der Vater waren so geschwächt, dass sie vor Heisshunger zu viel assen und beide in eine schwere Krankheit fielen. Einige Zeit später wurde meine Mutter mit mir schwanger und da sie mit mir unglücklichen Kreatur glücklich niederkam, fuhr mein Vater nach Paris, um seine Herrschaft zu bitten, nebst einem Geistlichen, der im Dorfe wohnte, bei seinem Sohne Pate zu sein. Er kehrte zur Nacht zurück, um der Tageshitze zu entgehen, und kam so durch eine grosse Strasse der Vorstadt, in der lauter Häuser im Bau standen; da sah er von weitem etwas Glänzendes über die Strasse gehen. Erst kümmerte er sich nicht darum, was das war, da hörte er einen Seufzer, der von einem leidenden Menschen herzukommen schien und aus der Richtung kam, wo das Glänzende verschwunden war. Er ging nun herzhaft auf die Stelle zu: es war ein grosses noch unfertiges Gebäude, und fand da auf der Erde ein Frauenzimmer sitzen. Der Ort, wo sie war, wurde vom Monde beschienen, wobei mein Vater erkannte, dass sie jung und sehr gut gekleidet war. Sie trug ein Kleid aus Silberstoff, das von weitem so geglänzt hatte. Man kann sich leicht denken, dass mein Vater sich ebenso über sie verwunderte wie das junge Frauenzimmer über ihn; aber sie war in einem Zustande, in dem ihr nichts Schlimmeres begegnen konnte. Wenn er ein Christ wäre, sagte sie, möge er sich erbarmen. Sie wäre dabei, niederzukommen, ihre Schmerzen nähmen zu und die Magd käme nicht wieder, die nach einer verschwiegenen Hebamme gegangen wäre; sie wäre heimlich, ohne jemanden aufzuwecken, aus dem Hause gelaufen, und die Magd hätte die Türe offen gelassen, damit sie ohne Geräusch wieder hineinkommen könne. Kaum hatte sie ihre kurze Geschichte beendet, als das Kind kam, das mein Vater in seinen Mantel wickelte. Er vertrat die Stelle der Hebamme so gut er konnte, und die junge Person beschwor ihn, die kleine Kreatur sogleich mit sich fort zu nehmen, dafür zu sorgen und in zwei Tagen einen alten Geistlichen, den sie ihm nannte, zu besuchen, der ihm Geld und alles was zur Erhaltung ihres Kindes nötig wäre, geben würde. Bei dem Worte Geld wollte mein Vater, der eine geizige Seele hatte, seine Beredsamkeit hören lassen, allein sie liess ihm nicht Zeit dazu und gab ihm einen Ring in die Hand, der ihm bei dem Geistlichen zum Zeichen dienen sollte, dass er von ihr abgeschickt sei, und trieb ihn mit grosser Eile weiter, obgleich er sie in dem Zustande, in dem sie war, anfangs nicht gerne allein lassen wollte. Ich darf glauben, dass sie Mühe hatte, ihre Wohnung wieder zu erreichen. Mein Vater kam in sein Dorf, gab das Kind meiner Mutter zur Versorgung und ging zwei Tage nachher zu dem Geistlichen, ihm seinen Ring zu zeigen. Er erfuhr von ihm, dass die Mutter des Kindes aus einem sehr vornehmen und reichen Hause wäre, dass sie das Kind von einem schottischen Herrn hätte, der nach Irland gegangen war, um Truppen für den Krieg anzuwerben, und dass dieser Herr ihr die Ehe versprochen hätte; er sagte ihm noch, dass das Frauenzimmer nach der Niederkunft sehr krank gewesen wäre, dass man an ihrem Leben gezweifelt hätte, dass sie in den letzten Zügen ihren Eltern alles gestanden hätte, die ihr aber nicht zürnten, sondern sie trösteten, da es ihre einzige Tochter war; er sagte noch, die Sache wäre im Hause noch nicht bekannt; und versicherte meinem Vater, wenn er für das Kind sorgen wolle und verschwiegen wäre, so wäre sein Glück gemacht. Damit gab er ihm fünfzig Taler und ein Paket, das die nötige Kindswäsche enthielt. Mein Vater kehrte, nachdem er mit dem Geistlichen gegessen hatte, in unser Dorf zurück. Ich selbst wurde einer Amme übergeben, und der Fremde trat in die Stelle des Sohnes vom Hause. Einen Monat später kam der schottische Herr wieder, und da er seine Geliebte in so schlechtem Zustande fand, heiratete er sie noch schnell vor ihrem Tode und war zugleich verheiratet und Witwer; zwei oder drei Tage später kam er mit den Eltern seiner Frau in unser Dorf. Hier ging das Weinen von neuem an, und das Kind wurde fast erstickt unter Küssen. Mein Vater wurde von dem Schotten und den Grosseltern des Kindes freigebig belohnt. Sie kehrten nach Paris zurück. Dahin wollten sie das Kind noch nicht nehmen, weil die Heirat aus mir unbekannten Gründen geheim gehalten wurde. Sobald ich gehen konnte, nahm mich mein Vater wieder nach Hause, um dem kleinen Grafen von Glaris, das war der Name seines Vaters, Gesellschaft zu leisten. So wie Jakob und Esau Abneigung gegen einander fühlten vom Mutterleib an, – die des jungen Grafen und meine konnte nicht stärker sein. Meine Eltern liebten ihn ausserordentlich, mich dagegen hassten sie, obgleich ich die Anlage zeigte, künftig ein braver Mann zu werden, wozu Glaris wenig Neigung bewies. Er war von ganz gemeiner Art, ich dagegen schien etwas anderes zu sein und schickte mich eher zum Sohne eines Grafen als zum Sohn eines Garigues; und wenn ich auch jetzt nur ein elender Komödiant bin, so doch nur deshalb weil das Glück sich an der Natur rächte, die etwas ohne seine Einwilligung aus mir machen wollte, oder deshalb, weil die Natur öfters die begünstigt, welche das Glück verfolgt. Ich werde die Jugend der beiden Bauernjungen übergehen (Glaris war es seinem Gemüt nach mehr als ich), da auch deren merkwürdigste Begebenheiten doch nur in einer Menge Prügel bestanden. In allen gemeinsamen Händeln zog er den kürzeren, wenn der Vater oder die Mutter sich nicht darein mischten; was sie aber so oft und heftig taten, dass mein Pate, Herr von Saint-Sauveur, sich darüber ärgerte und mich von meinem Vater herausverlangte. Er schenkte mich ihm mit grossem Vergnügen, und meine Mutter zeigte noch weniger Rührung als er. Ich war nun bei meinem Paten, gut gehalten, geliebt, gut gekleidet und bekam keine Schläge. Er sparte nichts, mich lesen und schreiben lernen zu lassen. Sobald ich ans Latein kam, durfte ich mit den Söhnen eines artigen und reichen Edelmanns des Dorfes unter Führung eines gelehrten Mannes, den er mit grossem Gehalt von Paris kommen liess, studieren. Dieser Edelmann, Baron von Arques, liess seine Söhne mit grosser Sorgfalt erziehen. Der ältere hiess Saint-Far, war ziemlich hübsch, doch der grösste Raufbold von der Welt, der jüngere dagegen war hübscher als sein Bruder, hatte viel Verstand und eine Seele, die der Schönheit seines Körpers entsprach. Ich glaube nicht, dass ein junger Mensch je mehr Hoffnung geben konnte ein rechtschaffener Mann zu werden als dieser junge Edelmann Verville. Er schenkte mir seine Freundschaft und ich liebte ihn wie einen Bruder und achtete ihn wie einen Herrn. Saint-Far war nur gemeiner Handlungen fähig; ich kann seine Gesinnungen gegen seinen Bruder nicht besser beschreiben, als wenn ich sage, dass er ihn nicht mehr liebte als mich, den er gar nicht mochte. Die Art seiner Vergnügungen war von der unsrigen sehr verschieden: er liebte bloss die Jagd und liess das Studieren liegen. Verville dagegen ging selten zur Jagd und fand viel Vergnügen bei den Büchern: darin stimmten wir wie in jeder andern Sache ausserordentlich überein, ohne dass ich etwas aus Gefälligkeit tun musste, wozu ich eigentlich verbunden war. Der Baron von Arques hatte eine grosse Bibliothek voll mit Romanen; unser Lehrer, der bei seinem Latein noch gar keine Romane gelesen hatte, hatte uns anfangs die Lektüre derselben verboten, er setzte sie sogar vor dem Baron von Arques herunter, je amüsanter sie waren. Bald aber wurde er so sehr davon eingenommen, dass er, nachdem er die alten und die neueren gelesen hatte, eingestand, dass das Lesen guter Romane sehr unterrichte und zugleich unterhielte, und dass er sie nicht weniger fähig achte, das Herz eines jungen Menschen zu bilden als das Lesen des Plutarch. Er ermahnte uns nun ebensosehr wie er vorher abgeraten hatte, nur ja die neueren zu lesen; aber sie waren nicht so nach unserm Geschmack: bis zum fünfzehnten Jahre fanden wir mehr Vergnügen am Amadis als an den anderen Romanen, durch welche die Franzosen wie durch eine Menge anderer Sachen gezeigt haben, dass sie ohne grosse Erfindung eine Sache höchst vollkommen machen können. Wir brachten demnach unsere meiste Zeit mit dem Lesen guter Romane zu. Saint-Far nannte uns bloss »die Leser«, ging auf die Jagd und prügelte die Bauern, was er meisterlich verstand. Die Neigung Gutes zu tun, erwarb mir die Gunst des Barons von Arques, der mich so liebte als wäre ich eines seiner Kinder gewesen. Er gab nicht zu, dass ich seine beiden Söhne verliess als diese auf die Akademie gingen, und ich wurde mehr als Kamerad denn als Diener mit ihnen geschickt. Wir studierten da recht fleissig und nach zwei Jahren nahm man uns von dort wieder weg. Da kam ein Verwandter des Baron von Arques, der Truppen für die Venezianer warb; Saint-Far und Verville wussten ihren Vater so gut zu bereden, dass er sie mit dem Verwandten nach Venedig gehen liess. Der gute Mann wollte, dass ich sie auch dahin begleiten solle, und mein Pate, Herr von Sauveur, der mich sehr liebte, war so gütig und gab mir einen beträchtlichen Wechsel mit, damit ich denen, die ich die Ehre hatte zu begleiten, nicht zur Last fallen möchte, und mich dessen bedienen könne, wenn ich Lust hätte. Wir wählten den weitesten Weg, um Rom und die anderen schönen Städte Italiens sehen zu können, in denen wir uns einige Zeit aufhielten, die Städte unter spanischer Herrschaft ausgenommen. In Rom wurde ich krank, die beiden Brüder aber setzten ihre Reise fort, weil ihr Führer die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, mit den Galeeren des Papstes fortzukommen. Diese Galeeren wollten zur venezianischen Armee segeln, die bei den Dardanellen die türkische Flotte erwartete. Verville verliess mich in der grössten Traurigkeit, und ich wollte verzweifeln, dass ich ihn nun zu einer Zeit verlassen musste, wo ich durch meine Dienste ihm die Freundschaft, die er für mich hatte, vergelten konnte. Saint-Far verliess mich, wie ich glaube, ebenso kalt, wie wenn er mich niemals gesehen hätte, – ich dachte auch gar nicht an ihn, nur als den Bruder Vervilles, der mir auch so viel Geld zurück liess wie er konnte, ob mit oder ohne Einwilligung des Bruders, weiss ich nicht. Ich blieb nun krank in Rom zurück, ohne einen Menschen zu kennen, ausser meinen Wirt, der ein Apotheker aus Flandern war; ich erhielt viel Hilfe von ihm, und er schien auch von der Medizin mehr zu verstehen als der italienische Doktor, der mich besuchte. Endlich wurde ich wieder gesund und konnte die merkwürdigsten Plätze Roms besuchen, wo die Fremden reichliche Nahrung für ihre Neugierde finden. Vorzüglich gefielen mir die Weingärten (dies sind viele schöne und grosse Gärten, welche die Kardinäle zu Rom mit grosser Sorgfalt und mehr aus Eitelkeit als zu ihrem Vergnügen unterhalten; sie selbst kommen selten oder gar nicht dahin). Eines Tages, als ich im schönsten dieser Gärten spazieren ging, sah ich am Ende einer Allee zwei ziemlich hübsche Damen, die von zwei jungen Franzosen angehalten wurden, die sie nicht eher wollten vorbei gehen lassen, bis sie ihre Schleier aufheben und ihr Gesicht sehen lassen würden. Einer dieser Franzosen, welcher der Herr des andern zu sein schien, war sogar so dreist, einer das Gesicht mit Gewalt aufdecken zu wollen, während der Diener die andere, die nicht verschleiert war, zurück hielt. Ich überlegte nicht lange, was ich tun solle, und sagte diesen Grobians geradeaus, dass ich es nicht leiden würde, dass sie diese Damen so schlecht behandelten. Beide wunderten sich, mich so entschlossen reden zu hören, und würden vielleicht, selbst wenn sie so wie ich ihre Degen bei sich gehabt hätten, in Verlegenheit geraten sein. Die beiden Damen traten auf meine Seite, und der junge Franzose, der eine Beleidigung einer Schlägerei vorzog, sagte im Weggehen zu mir: »Mein Herr Eisenfresser, wir werden uns wohl an einem andern Ort wieder finden, wo die Degen nicht alle auf der einen Seite sein werden.« Ich antwortete ihm, ich würde mich nicht vor ihm verbergen. Sein Diener folgte ihm, und ich blieb mit den beiden Damen allein. Die nicht Verschleierte schien ungefähr fünfunddreissig Jahre alt zu sein; sie dankte mir in französischer Sprache, die nichts Italienisches verriet, und sagte unter anderm, wenn alle Männer meiner Nation mir glichen, so würden gewiss die italienischen Frauen sehr gerne auf französischem Fusse leben. Für meine Dienste wurde ich dadurch belohnt, dass die Mutter sagte, es wäre jetzt nur recht und billig, dass ich ihre Tochter bei gutem Willen sehe: »Nimm deinen Schleier weg, Leonore,« sagte sie, »damit der Herr sehe, dass wir der Ehre würdig sind, die er uns erwiesen hat.« Kaum hatte sie ausgeredet, als ihre Tochter den Schleier wegnahm und mich blendete: ich habe niemals etwas Schöneres gesehen. Sie sah mich ein paarmal verstohlen an, und da ihre Augen immer den meinigen begegneten, so überzog eine sanfte Röte ihr Gesicht, was sie nur noch verschönte. Ich sah wohl, dass die Mutter sie zärtlich liebte, denn sie schien an meiner Freude über ihre Tochter sehr Anteil zu nehmen. Da ich an dergleichen Unterhaltung nicht gewohnt war und junge Leute in Gesellschaft leicht in Verlegenheit geraten, so machte ich ihnen bei ihrem Weggehen bloss ein paar Komplimente und glaube, dass sie eine geringe Meinung von meinem Verstande mitnahmen. Ich ärgerte mich nachher über mich selbst, dass ich sie nicht um ihre Wohnung gefragt und mich angeboten hatte, sie zu begleiten, aber nachlaufen konnte ich nicht mehr. Ich fragte endlich den Aufseher der Gärten, ob er sie kenne, – wir konnten beide einander lange nicht verstehen, denn er verstand nur ebensoviel französisch wie ich italienisch; endlich gab er mir mehr durch Zeichen zu verstehen, dass er sie nicht kenne; vielleicht wollte er auch nicht gestehen, dass er sie kenne. Ich kehrte nun zu meinem flamländischen Apotheker zurück, ganz anders als ich gegangen war, nämlich sehr verliebt und sehr begierig, zu erfahren, ob die schöne Leonore ein galantes oder ein ehrbares Mädchen sei, und ob sie ebensoviel Geist hätte als ihre Mutter zu haben schien. Ich überliess mich diesen Gedanken, die mir eine Weile gefielen, aber mich nachher desto mehr beunruhigten, weil ich keine Möglichkeiten des Wiedersehens fand. Nachdem ich viel unnütze Projekte entworfen hatte, beschloss ich, sie zu suchen. Ich stellte mir vor, dass sie in einer so bevölkerten Stadt wie Rom einem so verliebten Menschen nicht verborgen bleiben könnte. An demselben Tage suchte ich sie überall in der ganzen Stadt auf, wo ich glauben konnte, sie anzutreffen, und kam müde und verdriesslich nach Hause zurück. Den folgenden Tag suchte ich noch sorgfältiger und wurde dadurch noch müder und trauriger. Die Art und Weise, wie ich vor allen Fenstern stehen blieb und das Ungestüm, mit welchem ich allen Frauen nachlief, die einige Ähnlichkeit mit meiner Leonore hatten, liessen mich mit Recht für den allertörichtsten Franzosen gelten, der je in Rom die Nation lächerlich gemacht hatte. Es war verwunderlich, dass ich bei solcher Gemütsverfassung meine Kräfte wieder erlangte; ich wurde jedoch am Körper gesund und nur mein Geist blieb krank; ich war ganz unentschlossen, ob ich in Rom bleiben sollte oder nicht, ich wusste nicht, sollte ich den Briefen Vervilles folgen oder nicht, der mich beschwor, um unserer Freundschaft willen zu kommen, ohne sich des Rechts zu bedienen, das er hatte, es mir zu befehlen. Da ich doch gar keine Nachricht von meiner Unbekannten einziehen konnte, so sorgfältig ich mich auch erkundigt hatte, bezahlte ich meinen Wirt und machte mich reisefertig. Tags zuvor sagte mein Wirt Stephano Vamberghe, dass er mich zu seinen Freundinnen zum Mittagessen mitnehmen wolle, und dass ich ihm gestehen müsse, dass er für einen Flamländer keinen üblen Geschmack bewiesen habe; er setzte hinzu, dass er mich absichtlich erst am Tage vor meiner Reise mitgenommen hätte, weil er etwas eifersüchtig wäre. Ich versprach ihm, mehr aus Gefälligkeit als aus Neigung, mitzugehen und zur Mittagzeit machten wir uns auf. Das Haus sah weder äusserlich noch innerlich der Wohnung einer Apothekersmaitresse ähnlich. Wir gingen durch einen schönen Saal, an dessen Ende ich zuerst in ein prächtiges Zimmer trat, wo ich von Leonore und ihrer Mutter empfangen wurde. Man kann sich denken, wie angenehm mir diese Überraschung war. Die Mutter des schönen Mädchens kam auf mich zu, um mich nach französischer Art zu begrüssen, jedoch gestattete ich, dass sie mich mehr küsste als ich sie. Ich war so verlegen, dass ich nichts mehr sah und auch von dem Kompliment nichts hörte. Endlich erhielt ich meinen Verstand und mein Gesicht wieder und sah Leonore schöner und reizender als je, aber grüssen konnte ich sie nicht. Ich erkannte meinen Fehler sofort, verbesserte ihn aber nicht, sondern wurde aus Scham ganz rot, und Leonore errötete aus Bescheidenheit. Ihre Mutter sagte, dass sie mir vor meiner Abreise danken müsse für die Mühe, die ich mir genommen hätte, ihre Wohnung aufzusuchen, und dies vermehrte noch meine Verlegenheit. Sie nahm mich in ein Kabinett, wohin ihre Tochter nicht folgte, weil sie mich vermutlich für zu albern hielt um sich wegen meiner zu bemühen; sie blieb mit Herrn Stephano allein, während ich bei ihrer Mutter eine lächerliche Rolle spielte, nämlich die eines Bauern. Sie war so gütig, das Gespräch allein zu führen, und tat dies mit sehr viel Witz, obgleich es schwer ist, gegen eine Person Verstand zu zeigen, die selbst keinen hat; ich wenigstens hatte niemals weniger gehabt als bei dieser Zusammenkunft, und sie empfand vielleicht so viel Langweile wie noch nie im Leben. Sie erzählte mir neben andern Dingen, dass sie eine Französin von Geburt wäre und dass Stephano mir die Ursachen erzählen würde, die sie in Rom zurückhielten. Man setzte sich zu Tisch: mich musste man in den Saal hinein zerren so wie vorhin in das Kabinett, denn ich war so verwirrt, dass ich kaum gehen konnte. Dieselbe dumme Rolle spielte ich bei und nach Tisch, denn während dem Essen tat ich nichts weiter als Leonore ansehen; ich glaube, dass sie davon so verlegen wurde, denn sie schlug beständig die Augen nieder. Wenn die Mutter nicht immer gesprochen hätte, so hätten wir eine wahre Kartäusermahlzeit gehalten; allein sie sprach beständig mit Stephano von Rom, wenigstens vermutete ich es. Endlich wurde zu jedermanns Vergnügen von Tisch aufgestanden. Als wir fortgingen, sagten sie mir hundert höfliche Dinge, die ich mit nichts weiter beantwortete, als was man gewöhnlich am Schlusse jeden Briefes sagt; nur eins tat ich noch: ich küsste Leonore beim Weggehen und machte mich dadurch ganz unglücklich. Stephano konnte auf dem ganzen Weg nach Hause kein Wort aus mir heraus bringen. Ich schloss mich in mein Zimmer ein und warf mich aufs Bett, ohne Mantel noch Degen ab zunehmen: ich dachte an alles, was mir begegnet war. Leonore erschien mir in Gedanken noch schöner als bei ihrem Anblick. Ich erinnerte mich, wie wenig Verstand ich Mutter und Tochter gezeigt hatte und wurde jetzt noch vor Scham feuerrot. Ich wünschte sehr reich zu sein und war über meine niedrige Geburt traurig. Ich erdachte mir hundert schöne Möglichkeiten, die meine Glücksumstände und Liebe begünstigen könnten. Da ich endlich einen geeigneten Vorwand suchte nicht abzureisen und dennoch keinen finden konnte, der mich befriedigte, wurde ich so verzweifelt, dass ich mir wünschte, wieder krank zu sein; und wirklich fühlte ich, mich schon krank. Ich wollte ihr schreiben, jedoch gefiel mir was ich schrieb nicht, und ich steckte den angefangenen Brief wieder in die Tasche; hätte ich ihn fertig geschrieben, hätte ich nicht den Mut gehabt, ihn abzuschicken. Nachdem ich mich so lange gequält hatte und immer nur an Leonore denken konnte, beschloss ich die Vigne noch einmal zu besuchen, wo ich sie zum ersten Male gesehen hatte, um mich ganz meiner Leidenschaft hinzugeben, und dann vor ihrem Hause zum letztenmal vorbei zu gehen. Dieser Weingarten lag im entlegensten Winkel der Stadt, mitten unter alten unbewohnten Gebäuden. Als ich unter den Ruinen eines Bogens hinschritt, hörte ich hinter mir gehen und in demselben Augenblick erhielt ich einen Degenstoss in die Rippen. Ich wandte mich rasch, zog den Degen und erblickte den Bedienten jenes jungen Franzosen, von dem ich früher erzählt habe. Ich wollte ihm den verräterischen Stoss wiedergeben, doch ich trieb ihn zurück, ohne ihn zu erreichen. Da kam sein Herr aus den Ruinen hervor, fiel mich von hinten an und gab mir einen starken Schlag auf den Kopf, einen auf die Beine, so dass ich niederfiel. Da man bei einer bösen Handlung selten die ganze Vernunft behält, so verwundete der Bediente seinen Herrn an der Hand. Zu gleicher Zeit kamen zwei Mönche vorbei, die gesehen hatten, dass man mich ermorden wollte. Meine Mörder flüchteten und liessen mich mit drei Degenstichen am Platze. Diese guten Mönche waren zum Glück Franzosen; denn ein Italiener, der mich an so abgelegenem Ort und in diesem Zustande gesehen hätte, würde sich eher entfernt haben als mir Hilfe zu leisten aus Furcht, man würde ihn für meinen Mörder halten, wenn man ihn bei mir fände. Während der eine Mönch meine Beichte hörte, lief der andere in meine Wohnung, um meinen Wirt zu benachrichtigen. Der kam gleich herbei und liess mich halbtot in mein Bett bringen. Mit so viel Wunden und bei so mächtigen Hieben musste ich in ein heftiges Fieber fallen. Die Liebe zu Leonoren verliess mich nicht. Sie wurde im Gegenteil immer stärker, je mehr meine Kräfte abnahmen. Als ich nun die drückende Last nicht länger ertragen konnte, wollte ich mich erleichtern, da ich mich zu sterben nicht entschliessen konnte, ohne Leonoren vorher zu sagen, dass ich nur für sie zu leben gewünscht hätte. Ich verlangte Feder und Tinte. Man glaubte erst, ich träumte, aber ich verlangte es so dringend und versicherte, dass man mich zur Verzweiflung bringen würde, wenn man mir meine Bitte abschlüge. So entschloss sich Herr Stephano, der meine Leidenschaft kannte und merkte was ich vorhatte, mir das Nötige zum schreiben zu bringen. Und als ob er meine Gedanken erraten hätte, blieb er allein bei mir im Zimmer. Ich schrieb an Leonore. Doch während des Schreibens verliessen mich plötzlich meine Kräfte, die Feder fiel mir aus der Hand und mein Körper konnte meinem Geist nicht folgen, der davonging. Ich lag lange in tiefer Ohnmacht ohne ein Lebenszeichen von mir zu geben. Stephano öffnete die Türe, um nach einem Geistlichen zu schicken; in demselben Augenblick kam Leonore mit ihrer Mutter herein. Sie hatten erfahren, dass ich verwundet worden sei, und da sie glaubten, dass sie unschuldigerweise die Ursache meines Todes wären, so trugen sie keinerlei Bedenken, mich in dem Zustande zu besuchen. Meine Ohnmacht dauerte an und sie gingen schliesslich fort in der festen Überzeugung, dass ich nicht davon kommen würde. Sie lasen alles, was ich geschrieben hatte. Die Mutter, die neugieriger als die Tochter war, las auch die andern Papiere, die auf meinem Bette lagen, darunter einen Brief meines Vaters Garigues. – Lange schwebte ich zwischen Tod und Leben; nach vierzehn Tagen jedoch hatte meine Jugend den Sieg davon getragen: ich war ausser Gefahr, und nach sechs Wochen konnte ich wieder in der Stube herum spazieren. Mein Wirt brachte mir öfters Nachrichten von Leonore; er sagte mir, dass die Damen mich besucht hätten, worüber ich grosse Freude empfand. Obgleich es mir nicht lieb war, dass sie den Brief meines Vaters gelesen hatten, so freute es mich doch wieder dass sie den meinen gelesen hatten. So oft ich mit Stephano allein war, kam das Gespräch auf Leonore. Eines Tages erinnerte ich mich, dass die Mutter mir sagte, Stephano könne mir sagen, wer sie wären und was sie in Rom hielte, und ich erinnerte ihn daran. Er erzählte mir, sie wäre mit der Gemahlin des französischen Gesandten nach Rom gekommen; ein vornehmer Mann und naher Verwandter des Gesandten hätte sich da in sie verliebt und in heimlicher Ehe die schöne Leonore gezeugt. Dieser Herr habe sich deshalb mit der ganzen Familie des Gesandten entzweit, und sei daher genötigt gewesen, Rom zu verlassen, um mit dieser Mademoiselle de la Boissière so lange als die Gesandtschaft dauerte in Venedig zu leben. Als er sie nach Rom zurückgeführt hatte, möblierte er ihr dort ein Haus und richtete alles ein, so dass sie wie eine Dame vom Stande leben konnte während der Zeit, da er nach Frankreich zurückreisen musste, wohin ihn sein Vater berufen hatte und wohin er sich nicht getraute, seine Geliebte oder vielmehr Frau mitzunehmen, da er wusste, dass man seine Heirat nicht billigen würde. Ich muss gestehen, dass ich oftmals wünschte, meine Leonore möchte nicht die rechtmässige Tochter einer vornehmen Dame sein, damit ihre Geburt der meinigen gleich komme; aber ich bereute auch wieder diesen niedrigen Gedanken und wünschte ihr alles Glück, so wie sie es verdiente. Da ich sie mehr als mein Leben liebte, sah ich ein, dass ich ohne ihren Besitz ewig unglücklich sein würde, und dass ich sie nie besitzen könne ohne sie unglücklich zu machen. Als ich wieder vollständig gesund und nur noch etwas blass war, kamen auch meine beiden jungen Herren von der venezianischen Armee zurück: da die Pest in der Levante wütete, konnten sie nichts mehr für ihren Mut zu tun finden. Verville liebte mich noch wie zuvor; Saint-Far liess mich noch nicht merken, dass er mich hasste, wie er es nachher getan. Ich erzählte ihnen alles was mir inzwischen begegnet war, meine Liebe zu Leonore ausgenommen. Sie waren sehr begierig, sie kennen zu lernen, um so mehr, als ich viel von den Vorzügen der Mutter und Tochter erzählte. Man soll niemals eine Person, die man liebt, allzusehr vor andern loben, weil die Liebe Wege in die Seele findet nicht nur durch die Augen, sondern auch durch die Ohren, und diese Unbedachtsamkeit demjenigen, der sie begeht, sehr viel Unglück bringen kann – wie die Folge lehren wird. Saint-Far fragte mich täglich, wann ich ihn denn zu Mademoiselle de la Boissière bringen würde, und eines Tages, als er wieder ganz besonders darum bat, erwiderte ich, dass ich nicht wüsste, ob sein Besuch ihr angenehm sein würde, da sie sehr zurückgezogen lebe. »Ich sehe wohl,« sagte er, »dass Ihr in die Tochter verliebt seid«, und fügte hinzu, er würde sie schon auch ohne mich besuchen; diese Worte machten mich so vollständig verlegen, dass er an der Wahrheit nicht mehr zweifeln konnte, und er zog mich nachher so sehr damit auf, dass Verville mich bedauerte. Sein Bruder arbeitete unterdessen an seinem Vorhaben und an meinem Ruin. Er ging zu Mademoiselle de la Boissière, wo man ihn empfing, weil der Diener des Wirtes mit ihm ging, der mich öfters dahin begleitet hatte und man annahm, dass ich es wäre; sonst hätte man ihn vielleicht gar nicht vorgelassen. Mademoiselle de la Boissière erstaunte, einen Unbekannten bei sich zu sehen, und sagte zu Saint-Far, dass sie ihn nicht kenne und nicht wisse, wem sie die Ehre seines Besuches zuschreiben solle. Saint-Far sagte ihr, er sei der Herr eines jungen Burschen, der so glücklich gewesen wäre, für einen kleinen Dienst, den er ihr erwiesen hätte, verwundet zu werden. Da nun diese Neuigkeit weder der Mutter noch der Tochter gefiel, so zeigten sie wenig Entgegenkommen für ihn, so dass ihnen die Zeit beiderseitig ziemlich lang wurde. Was ihn aber besonders aufbrachte, war, dass er Leonorens Gesicht nicht zu sehen bekam, die nach Art aller unverheirateten römischen Damen den Schleier trug, den sie auch auf seine dringende Bitten nicht lüftete. Endlich wurde er es müde, verabschiedete sich und kehrte zu Stephano zurück, ohne für den schlechten Dienst, den er mir erwiesen hatte, einen Nutzen gehabt zu haben. Da nun schlechte Menschen gewöhnlich jenen übel wollen, denen sie Schlechtes zugefügt haben, so verfolgte und beleidigte er mich von dieser Zeit an und zeigte mir eine so starke Verachtung, dass ich hundertmal die Achtung gegen seinen Stand vergessen hätte, wenn nicht Verville durch überhäufte Gefälligkeiten die Grobheiten seines Bruders mir erträglich gemacht hätte. Ich wusste noch nicht einmal, was er mir zugefügt hatte, bis ich die Folgen davon bemerkte. Ich fand Mademoiselle de la Boissière kälter als sie anfangs gegen mich gewesen war, doch immer noch sehr höflich, weshalb ich nicht merkte, dass ich ihr zur Last fiel. Leonore schien mir in Gegenwart der Mutter versonnen, sobald sie aber von dieser nicht beobachtet wurde, schien mir, als wenn sie weniger traurig wäre und mich heiter anblickte.« Also erzählte Destin seine Geschichte und die Komödiantinnen hörten ihm aufmerksam zu ohne schläfrig zu werden. Als es aber zwei Uhr nach Mitternacht schlug, erinnerte ihn Mademoiselle la Caverne, dass er morgen dem la Rappinière bei einem Ausflug Gesellschaft leisten sollte, drei bis vier Stunden weit von der Stadt, wo er ihnen das Vergnügen einer Jagd versprochen hatte. Destin nahm also Abschied von den Schauspielerinnen und ging in sein Zimmer, wo er sich aller Wahrscheinlichkeit nach zu Bett legte. Die Frauen taten dasselbe, und der Rest der Nacht wurde in dem Wirtshause ziemlich ruhig verbracht, weil der Poet zum Glück keine neuen Verse gemacht hatte. * Vierzehntes Kapitel. Entführung des Pfarrers von Domfront Die Zeit genug hatten, die vorigen Kapitel zu lesen, werden, wenn sie es nicht vergessen haben, wissen, dass der Pfarrer von Domfront in einer der Sänften sass, deren vier an Zahl zufällig in einem kleinen Dorfe zusammen kamen; man weiss ja, vier Sänften können eher zu einander kommen als vier Berge. Dieser Pfarrer hatte in der Schenke der Schauspielerinnen logiert und die Ärzte von Mans wegen seiner Steinkrankheit um Rat gefragt, welche Herren ihm auch in zierlichstem Latein sagten, dass er den Stein hätte, eine Sache, die der arme Mann nur zu wohl wusste. Er reiste also, nachdem er noch andere Geschäfte erledigt hatte, eines Morgens gegen neun Uhr aus der Schenke ab, um zu seinem geistlichen Amte zurückzukehren. Eine junge Nichte begleitete ihn, als Jungfrau gekleidet (ob mit Recht oder nicht) und setzte sich vorn in die Sänfte, zu Füssen des guten Manns, der ziemlich kurz und dick war. Ein Bauer namens Wilhelm führte das Vorderpferd beim Zügel, dies auf ausdrücklichen Befehl des Pfarrers, aus Furcht, das Pferd möge stolpern. Der Bediente des Pfarrers trieb das Hinterpferd, das sehr störrisch war, so dass Julian, der Bediente, es öfters in den Hintern stechen musste. Der messingene Nachttopf des Pfarrers, der wie Gold glänzte, weil er in der Schenke gescheuert worden war, baumelte an der rechten Seite der Sänfte, und dies zierte diese Seite vorzüglich, da auf der linken nur ein Hutfutteral aus Pappdeckel hing; das hatte der Pfarrer vom Pariser Boten für einen Edelmann, der bei Domfront wohnte, mitgenommen. Anderthalb Stunden von der Stadt ging die Sänfte durch einen Hohlweg, welcher mit mauerdicken Hecken umgeben war, als auf einmal drei Reiter und zwei Fussgänger das ehrwürdige Gefährt anhielten. Der eine, der das Oberhaupt der Strassenräuber zu sein schien, sagte mit fürchterlicher Stimme: »Der erste der sich nur regt, soll erschossen werden!« und hielt dem Wilhelm, der die Sänfte führte, zwei Finger weit von der Nase eine Pistole hin. Ein anderer tat dasselbe an Julian, und einer der Fussgänger legte auf die Nichte des Pfarrers an, welch letzterer ganz ruhig in seiner Sänfte schlief und von der Gefahr nichts ahnte, in der alle schwebten. Die bösen Kerle trieben die Sänfte schneller vorwärts als die schwachen Pferde dazu Lust hatten; und keiner redete ein Wort. Die Nichte des Pfarrers war mehr tot als lebendig, Wilhelm und Julian heulten, ohne zu wagen, den Mund aufzutun, wegen der fürchterlichen Pistolen, nur der Pfarrer schlief immer ruhig weiter. Einer der Reiter sonderte sich ab und ritt im schärfsten Galopp voraus. Inzwischen kam die Sänfte in ein Gehölz, bei dessen Eingang das Vorderpferd stolperte, entweder aus Furcht oder aus Bosheit, weil man es so stark antrieb, und darüber erwachte der Pfarrer und die Nichte fiel aus der Sänfte heraus auf des Pferdes Hinterteil. Der Pfarrer rief nun nach Julian, der aber nicht antwortete, er rief seiner Nichte, die sich ebenfalls nicht getraute den Mund aufzutun, und der Bauer war eben so harthörig wie die andern. Da wurde der Pfarrer allen Ernstes zornig, ja man behauptete sogar, dass er fluchte, doch dies ist von einem Pfarrer nicht zu glauben. Seine Nichte hatte sich vom Hinterteil des Pferdes wieder aufgerichtet und ihren Platz eingenommen ohne sich zu getrauen den Pfarrer anzusehen; das Pferd hatte sich mutig aufgerichtet und trabte rascher vorwärts, ungeachtet der Pfarrer immer halt! halt! schrie. Sein Schreien feuerte es nur noch mehr an, und darüber schrie der Pfarrer noch stärker; bald rief er Julian, bald Wilhelm und noch öfter seiner Nichte, deren Namen er den Zusatz: verdammtes Luder gab. Sie hätte jetzt reden können, denn der Reiter, der ihr vorher Stillschweigen geboten hatte, war zu den andern Berittenen getrabt, die etwa fünfzig Schritt voraus waren; doch die Furcht vor der Flinte machte sie taub und unempfindlich gegen das Schimpfen ihres Onkels, der jetzt zu heulen anfing und nach Räuber und Mörder schrie, als er so diesen halsstarrigen Ungehorsam sah. Die beiden Reiter, die voraus geritten waren und von dem andern zurück geholt wurden, kamen an die Sänfte heran, und der eine fragte den Wilhelm mit Gebrüll: »Wer ist der Narr, der da drinnen so schreit?« – »Ach, Herr, Sie wissen es besser als ich«, antwortete Wilhelm. Der Reiter schlug ihm seine Pistole um die Ohren, hielt sie der Nichte vor und befahl ihr, sich zu entlarven und zu sagen, wer sie wären. Der Pfarrer, der von seiner Sänfte aus alles sah, und der mit einem benachbarten Edelmanne namens Laune einen Prozess hatte, glaubte es wäre dieser Nachbar und er wolle ihn ermorden. Er schrie also: »Herr von Laune, wenn Sie mich umbringen, fordere ich Sie vor den Richterstuhl des Herrn! Ich bin ein geweihter und würdiger Priester und Sie sollen wie ein Hexenmeister exkommuniziert werden.« Unterdessen nahm seine Nichte ihre Larve ab, und zeigte dem Reiter ein erschrockenes, ihm ganz unbekanntes Gesicht. Dies tat eine Wirkung, die man nicht erwartet hatte, denn dieser zornige Kerl schoss seine Pistole auf das Vorderpferd ab und eine andere Pistole, die er im Sattel hatte, schoss er einem der Fussgänger gerade vor den Kopf und sagte: »So muss man es denen machen, die einem falsch berichten.« Nun verdoppelte sich das Schreien des Pfarrers und seines Gefolges. Er verlangte zu beichten; Julian und Wilhelm knieten nieder und seine Nichte setzte sich neben ihn. Jene aber, die ihnen diese Furcht eingejagt hatten, waren schon längst auf und davon und so geschwind die Pferde sie tragen konnten, und liessen den erschossenen Genossen als Unterpfand zurück. Julian und Wilhelm erhoben sich endlich und sagten dem Pfarrer, dass die Reiter weg wären. Man musste nun das Hinterpferd ausspannen, damit die Sänfte nicht nach vorn hing, und Wilhelm wurde in das nächste Dorf geschickt, ein anderes Pferd zu holen. Der Pfarrer wusste nicht, was über die Angelegenheit zu denken und konnte nicht begreifen, warum die Kerle ihn verlassen hatten ohne ihn zu bestehlen, und warum der Reiter einen seiner eigenen Leute erschossen hatte. Doch darüber betrübte er sich weniger als über sein totes Pferd, das vermutlich nie etwas mit diesem tollen Menschen zu tun gehabt hatte. Er glaubte noch immer, dass es Herr von Laune gewesen wäre, der ihn hätte ermorden wollen. Seine Nichte behauptete zwar, es wäre nicht der Herr von Laune gewesen, den sie gut kenne, aber der Pfarrer wollte, dass er es sein sollte, damit er ihm einen grossen Kriminalprozess machen könne; dabei verliess er sich auf gemietete Zeugen, die er in Goron zu finden hoffte, wo er Verwandte hatte. Während sie sich noch so stritten, sah Julian einige Reiter herankommen und fing sofort an zu laufen was er konnte. Die Nichte, welche Julian laufen sah und vermutete, er habe alle Ursache dazu, lief ebenfalls fort, wodurch der Pfarrer alle Fassung verlor, weil er nicht wusste, was das bedeute. Endlich sah auch er die Reiter, denn sie kamen geradewegs auf ihn zu. Es waren etwa neun bis zehn Berittene, in deren Mitte man einen Menschen auf ein Pferd gebunden sah, der ausschaute als sollte er gehängt werden. Der Pfarrer fing an zu beten und empfahl sich und das Pferd das ihm übrig geblieben war, dem Himmel. Aber er beruhigte sich und staunte sehr, als er den la Rappinière und einige seiner Leute erkannte. La Rappinière fragte ihn, was er da mache, und ob er den Menschen getötet hätte, den er neben dem toten Pferd liegen sah. Der Pfarrer erzählte was ihm begegnet war und behauptete, es wäre Herr von Laune der ihn hätte umbringen wollen, was la Rappinière alles weitläufig aufschrieb. Einer der Flurschützen ritt nach dem nächsten Dorf, um den Toten wegbringen zu lassen, und kam mit der Nichte und Julian, die Wilhelm mit einem Pferde unterwegs angetroffen hatten, wieder zurück. Der Pfarrer aber kehrte ohne weiteren Unfall nach Domfront zurück, wo er, so lange er lebt, seine Entführung erzählen wird. Das tote Pferd wurde entweder von Wölfen oder Hunden gefressen, der tote Mensch ich weiss nicht wo begraben, la Rappinière, Destin, la Rancune, Olive und die Polizisten kehrten mit ihrem Gefangenen nach Mans zurück. Dies war der Erfolg von la Rappinières und der Komödianten Jagd, die statt eines Hasen einen Menschen heimbrachten. * Fünfzehntes Kapitel. Ankunft eines Operateurs in der Schenke. Fortsetzung der Geschichte Destins und der Mademoiselle de l'Etoile. Ständchen Man wird sich aus dem vorhergehenden Kapitel erinnern, dass einer von denen, die den Pfarrer angriffen, seine Kameraden verlassen und im Galopp fortgejagt war, wohin weiss ich nicht. Da er nun sein Pferd in einem hohlen und sehr engen Weg stark antrieb, sah er von ferne einige Reiter auf sich zukommen, wollte also, um ihnen auszuweichen, umkehren und lenkte dabei sein Pferd so kurz und schnell, dass es bäumte und mit seinem Herrn stürzte. La Rappinière und sein Haufen, denn diese waren es, die er gesehen hatte, fanden es auffallend, dass ein Mensch, der so geschwind auf sie zugeritten war, ebenso geschwind wieder umkehren wollte. La Rappinière schöpfte Verdacht. Er war ohnehin von Natur aus etwas sehr misstrauisch und seine Stellung berechtigte ihn schon dazu, eher Böses als Gutes vorauszusetzen. Seine Vermutung mehrte sich, als er näher kam. Der Mensch, der noch ein Bein unter dem Pferde hatte, war mehr über seine Zuschauer erschrocken als über seinen Sturz. La Rappinière, der nichts dabei riskierte, ihm noch mehr Furcht einzujagen, und der überhaupt einer der besten Profosse des Königreichs war, sagte: »So seid Ihr denn gefangen, mein schöner Herr. Wartet, ich will Euch an einen Ort bringen, wo Ihr nicht so leicht wieder fallen sollt.« Diese Worte machten den Unglücklichen noch bestürzter, und la Rappinière und die Seinen sahen so viel Zeichen eines bösen Gewissens auf seinem Gesicht, dass jeder auch weniger Beherzte ihn angehalten hätte. Er befahl also seinen Leuten, ihm aufzuhelfen und liess ihn auf sein Pferd binden. Die Zusammenkunft mit dem Pfarrer von Domfront, den er in so schlimmem Zustand traf, den getöteten Menschen neben dem erschossenen Pferd, alles das überzeugten ihn, dass er sich nicht geirrt hatte, ganz abgesehen von der Furcht, die der Gefangene sichtbar zeigte. Destin sah ihn aufmerksamer an als die übrigen und glaubte ihn zu kennen; doch sann er vergebens den ganzen Weg über nach. Man kam nach Mans, wo la Rappinière den vermeintlichen Missetäter ins Gefängnis setzen liess. Die Komödianten aber, die Tags darauf ihre Vorstellungen beginnen wollten, gingen in ihre Schenke, um ihre Sachen noch in Ordnung zu bringen. Sie versöhnten sich wieder mit dem Wirt, und der Poet, der so freigebig war wie nur ein Poet, wollte durchaus das Abendessen bezahlen. Ragotin, der auch in der Schenke war und mit seiner Liebe zu der Etoile gar nicht mehr daraus weggehen konnte, wurde von unserm Poeten dazu eingeladen, sowie auch alle jene, die vorige Nacht Zuschauer der Schlacht zwischen den Komödianten und der Familie des Wirts gewesen waren. Ein wenig vor dem Abendessen wurde diese auserlesene Gesellschaft in der Schenke noch um einen Operateur und dessen Gefolge vermehrt, das aus seiner Frau, einer alten schwarzen Magd, einem Affen und zwei Bedienten bestand. La Rancune kannte ihn seit langer Zeit und machte ihm viel Komplimente. Der Poet, der gerne Bekanntschaften machte, liess dem Operateur und dessen Frau keine Ruhe, bis er sie durch viel Komplimente dahin brachte, dass sie ihm die Ehre erwiesen, mit ihm zu speisen. Man ass und es passierte dabei nichts besonderes; es wurde viel getrunken und auch nicht weniger gegessen. Ragotin weidete seine Augen an der schönen de l'Etoile, was ihn noch betrunkner machte als der Wein. Er sprach gar nichts, obgleich ihm der Poet Stoff genug zum zanken gab, damit dass er die Verse Theophiles verächtlich besprach, die Ragotin sehr verehrte. Die Komödiantinnen plauderten noch eine Weile mit der Frau des Operateurs, die eine Spanierin und nicht übel war. Darauf begaben sie sich auf ihre Zimmer, wohin ihnen Destin folgte, um seine Geschichte fertig zu erzählen, auf die la Caverne und ihre Tochter sehr begierig waren. L'Etoile fing an ihre Rolle zu studieren und Destin setzte seinen Stuhl an ein Bett, worauf la Caverne und ihre Tochter sassen und begann: »Bisher haben Sie mich sehr verliebt gesehen und darüber beunruhigt, was für eine Wirkung mein Brief auf Leonore und deren Mutter gemacht haben wird, – jetzt werden Sie mich nur noch verliebter und als den unglücklichsten unter den Menschen sehen. Ich ging täglich zu Mademoiselle de la Boissière und deren Tochter und war von meiner Leidenschaft so verblendet, dass ich die Kälte gar nicht merkte, mit der man mir begegnete und weiter gar nicht bedachte, dass meine häufigen Besuche ihnen am Ende unangenehm sein könnten. Mademoiselle de la Boissière war es das auch wirklich, seitdem Saint-Far ihr gesagt hatte wer ich war; aber nach dem was vorgefallen war, konnte sie mir ihr Haus wohl nicht gut verbieten. Ihre Tochter stimmte mit der Mutter nicht überein; sie bedauerte mich, allein wir konnten uns nie sprechen, weil ihre Mutter uns nie verliess. So konnte die Tochter mir nicht anders begegnen, wenn sie es auch gewünscht hätte. Ich litt unaussprechlich und meine häufigen Besuche machten mich bei denen verhasst, welchen ich zu gefallen suchte. Eines Tages, als Mademoiselle de la Boissière Briefe aus Frankreich erhielt, die sie nötigten, sofort auszugehen, schickte sie nach einem Mietwagen und zugleich nach Stephano, dass er sie begleite, weil sie sich seit jener unangenehmen Geschichte nicht mehr traute, allein auszugehen. Ich war ja näher und besser imstande, ihr Beschützer zu sein als der, den sie rufen liess, aber sie wollte keine Dienste von einem annehmen, den sie los sein wollte. Zum Glück war Stephano nicht zu Hause, und sie war gezwungen, mir ihre Verlegenheit einzugestehen, damit ich mich anbieten möchte; was ich nun mit ebensoviel Freude tat als sie Verdruss darüber hatte, mich mitzunehmen. Ich führte sie zu einem Kardinal, der damals die französischen Geschäfte besorgte und der ihr glücklicherweise Audienz gab, sobald sie sich melden liess. Ihre Audienz musste wichtig und nicht ganz ohne Schwierigkeit sein, denn sie dauerte sehr lange und fand in einer Grotte statt, die in einem schönen Garten lag. Ich befand mich also mit der schönen Leonore in einer Orangenallee allein, wie ich es mir so oft gewünscht hatte, und doch war ich verlegen wie immer. Ich weiss nicht, ob sie es bemerkte oder aus Güte zuerst das Wort ergriff: »Meine Mutter hat Ursache auf Herrn Stephano böse zu sein, der uns im Stiche liess, so dass wir Sie bemühen mussten.« Ich antwortete ihr, dass ich ihr ja so viel Dank schuldig wäre, da sie ohne ihr Wissen mir das grösste Glück der Welt verschafft hätte. »Ich bin Ihnen so viel Verbindlichkeit schuldig und nehme an allem teil, an allem, was Ihnen angenehm ist. Sagen Sie mir nur, worin besteht das Glück, das ich Ihnen verschaffte, damit ich mich auch darüber freuen kann, wenn es eine Sache ist, die ein junges Mädchen hören darf.« – »Ich fürchte,« sagte ich, »Sie würden mir die Freude nehmen.« – »Ich?« fragte sie, »ich war nie neidisch, und wenn ich es auch wäre, so doch niemals gegen einen Menschen, der sein Leben für mich gewagt hat.« – »Sie sollten mich nicht beneiden?« fragte ich. »Und aus welchem Grunde sollte ich mich Ihrem Glück entgegen setzen?« sagte sie. »Aus Verachtung«, antwortete ich. »Sie machen mich sehr verlegen,« sagte sie, »wenn Sie mir das nicht sagen, was ich verachten sollte, und auf welche Art eine Sache, die ich verachte, Ihnen unangenehm werden kann.« – »Es ist mir leicht, mich darüber zu erklären, aber ich weiss nicht, ob Sie mich anhören werden.« – »Nun, so sagen Sie mir's also nicht,« antwortete sie, »denn zweifelt man schon, ob eine Sache angehört werden wird oder nicht, so ist es ein Zeichen, dass sie entweder unverständlich oder unangenehm ist.« Ich gestehe, dass ich mich nachher oft darüber wunderte, wie ich ihr antworten konnte, denn ich dachte nicht an das, was sie sagte, sondern nur immer daran, dass ihre Mutter kommen konnte und mir die Gelegenheit genommen wäre, ihr je von meiner Liebe zu sprechen. Kurz, ich fasste Mut und ohne eine Unterredung zu verlängern, die mich nicht geschwind genug dahin brachte wohin ich wollte, sagte ich ihr, ohne auf ihre letzte Bemerkung zu antworten, dass ich schon längst Gelegenheit gesucht hätte sie zu sprechen, um ihr das zu bestätigen, was ich kühn genug schon geschrieben hätte, und dass ich niemals gewagt hätte, es zu sagen, wenn ich nicht wüsste, dass sie meinen Brief gelesen hätte. Ich wiederholte nun einen grossen Teil von dem, was ich ihr geschrieben hatte, und fügte hinzu, dass ich bereit wäre in den Krieg zu gehen, den der Papst mit einigen italienischen Fürsten führte, und entschlossen wäre, darin zu sterben, weil ich doch nicht würdig wäre, für sie zu leben. Ich bäte sie nur, mir zu sagen, was sie für mich gefühlt haben würde, wenn meine Glücksumstände in besserem Verhältnis zu den ihrigen gestanden hätten. Sie gestand mir, dass mein Tod ihr nicht gleichgültig gewesen wäre. »Und wenn Sie imstande sind, etwas für Ihre Freunde zu tun, so erhalten Sie uns einen, der uns so nützlich war, oder wenn Sie doch dem Tode zueilen wollen, so heben Sie ihn für eine wichtigere Angelegenheit auf als die ist, die Sie mir angegeben haben, und warten Sie bis wir nach Frankreich zurückgekehrt sind, wohin ich bald mit meiner Mutter reisen werde.« Ich drang in sie, mir deutlicher zu erklären, was sie für mich fühlte, allein ihre Mutter war uns so nahe, dass sie nicht mehr antworten konnte. Mademoiselle de la Boissière war sehr kühl gegen mich, vermutlich weil ich Zeit gehabt hatte, mich mit ihrer Tochter zu unterhalten, die etwas verlegen war. Ich hielt mich nicht mehr lange bei ihnen auf und verliess sie zufrieden und zog aus Leonorens Antwort gute Vorbedeutung für meine Liebe. Den andern Tag ging ich meiner Gewohnheit gemäss wieder hin: man sagte mir, die Damen seien ausgegangen und so drei Tage hintereinander, da ich mich nicht abschrecken liess, immer wieder hinzugehen. Endlich riet mir Stephano meine Besuche einzustellen, weil Mademoiselle de la Boissière mir nicht mehr erlauben würde, ihre Tochter ferner zu sehen, und er setzte hinzu, dass ich doch zu vernünftig wäre, mir eine abschlägige Antwort zu holen. Er erzählte mir auch die Ursache dieser Ungnade. Die Mutter hat Leonoren dabei getroffen als sie eben einen Brief an mich schrieb und war deshalb sehr hart gegen sie gewesen; sie befahl darauf all ihren Leuten mich jedesmal abzuweisen und zu sagen, sie wären ausgegangen. Ich erfuhr nun auch den schlechten Streich, den mir Saint-Far gespielt hatte, und dass seit dieser Zeit meine Besuche der Mutter sehr unangenehm gewesen wären. Was die Tochter betrifft, versicherte mir Stephano, so hätten meine Verdienste in ihren Augen meine niedere Geburt ersetzt, und sie wäre nicht so eigennützig wie die Mutter. Ich will nicht sagen, in welche Verzweiflung mich diese Nachricht gestürzt hat. Ich grämte mich, als hätte man mir Leonoren unrechtmässigerweise geraubt, obgleich ich niemals gehofft hatte, sie zu besitzen. Ich war über Saint-Far wütend und wollte mich mit ihm schlagen. Als ich jedoch alles wieder bedachte, was ich seinem Vater und seinem Bruder zu danken hatte, begnügte ich mich mit Tränen und weinte wie ein Kind. Ich musste abreisen ohne Leonore mehr zu sehen. Wir machten einen Feldzug in der päpstlichen Armee mit, wo ich alles tat um mein Leben los zu werden, – aber das Glück war mir darin zuwider, so wie in allen andern Dingen. Ich konnte den Tod nicht finden, den ich suchte, und fand Ruhm, den ich nicht suchte und der mir zu einer andern Zeit lieb gewesen wäre; aber damals war nichts als Leonore. Verville und Saint-Far mussten nach Frankreich zurück, wo sie Baron d'Arques als liebevoller Vater in die Arme schloss. Meine Mutter empfing mich sehr kalt und mein Vater war in Paris bei dem Grafen von Glaris, der ihn zum Hofmeister für seinen Sohn erwählt hatte. Der Baron d'Arques, der erfahren hatte, was ich in dem italienischen Krieg geleistet und dass ich Verville das Leben gerettet hatte, wollte haben, dass ich als Gesellschaftskavalier bei ihm bleiben solle. Er erlaubte mir, meinen Vater in Paris zu besuchen, der mich noch kälter empfing als meine Mutter. Ein anderer Vater, der einen solchen Sohn gehabt hätte, würde ihn gewiss dem schottischen Grafen, seinem Herrn, vorgestellt haben; statt dessen eilte mein Vater mit mir auf die Strasse, gleich als ob er sich meiner geschämt hätte. Er warf mir vor, dass ich zu kühn wäre; dass ich ein stolzes Aussehen hätte und dass ich besser getan hätte, wenn ich ein Handwerk gelernt als dass ich den Degen ergriffen hätte. Man kann leicht denken, dass dergleichen Reden einem jungen Menschen, der gut erzogen war, sich Ruhm im Kriege erworben und einem schönen Mädchen seine Liebe erklärt hatte, sehr unangenehm sein mussten, und ich gestehe, dass mich die Achtung, die man für einen Vater haben soll, nicht hinderte, ihn für einen alten unangenehmen Mann zu halten. Er begleitete mich zwei bis drei Strassen lang, und verliess mich dann mit dem Verbot, ihn je wieder zu besuchen. Es kostete mich nicht viel Überwindung ihm zu gehorchen. Ich verliess ihn, um Herrn von Saint-Sauveur zu besuchen, der mich wie ein Vater empfing und über das schlechte Benehmen des meinigen sehr empört war und mir versprach, mich nicht zu verlassen. Der Baron d'Arques hatte Geschäfte, die ihn nötigten in Paris zu wohnen. Er nahm sein Quartier an dem äussersten Ende der Vorstadt Saint-Germain in einem sehr schönen Hause, das man nebst vielen andern erst kürzlich gebaut hatte, wodurch diese Vorstadt so schön wurde wie die Stadt selber. Saint-Far und Verville gingen zu Hof, machten Besuche und taten alles, was junge Leute vom Stande in dieser grossen Stadt zu tun pflegen, in der die Einwohner anderer Städte wie Leute vom Land aussehen. Ich ging, wenn ich sie nicht begleitete, auf alle Fechtböden oder auch in die Komödie, und dies wird die Ursache sein, dass ich ein leidlicher Komödiant geworden bin. Eines Tages nahm mich Verville beiseite und entdeckte mir, dass er in eine Dame sehr verliebt wäre, die in der gleichen Strasse wohnte. Er sagte mir, sie hätte einen Bruder, namens Saldagne, der auf sie und noch eine Schwester ebenso eifersüchtig sei als wenn er ihr Mann wäre. Er sagte noch, dass er sie beredet habe, ihn des Nachts in ihren Garten einzulassen, dessen Hintertür so wie die des Baron d'Arques auf das freie Feld ging. Er bat mich, ihn dahin zu begleiten und alles zu tun, um mich bei dem Kammermädchen einzuschmeicheln, das sie mitbringen musste. Ich konnte das Verville, dem ich so viel Freundschaft schuldete, unmöglich abschlagen. Wir gingen also abends gegen zehn Uhr durch die Hintertür unseres Gartens, und wurden im Garten der Dame erwartet. Mademoiselle de Saldagne zitterte vor Furcht und traute sich nicht zu sprechen. Verville war auch nicht viel beherzter. Ich sprach überhaupt nicht und hatte auch keine Lust zu reden. Endlich fasste sich Verville und führte seine Dame in eine bedeckte Allee, nachdem er dem Mädchen und mir eingeschärft hatte, ja genau aufzupassen; und dies taten wir denn auch so gründlich, dass wir lange Zeit hindurch auf und ab spazierten ohne ein Wort zu reden. Am Ende der Allee stiessen wir mit den Verliebten wieder zusammen. Verville fragte mich laut, ob ich Mademoiselle Madelon gut unterhalten hätte; ich antwortete, ich glaube nicht, dass sie sich über mich zu beklagen hätte. »Nein, gewiss nicht,« antwortete das Kammermädchen, »denn er hat noch kein Wort mit mir gesprochen.« Verville lachte und versicherte Madelon, dass es sich schon verlohnte, mit mir bekannt zu werden, wenn ich auch etwas melancholisch wäre. Mademoiselle de Saldagne nahm das Wort und sagte, dass ihr Kammermädchen auch nicht zu verachten wäre, worauf uns die beiden Verliebten wieder verliessen mit der nochmaligen Mahnung ja gut acht zu geben. Ich machte mich nun auf sehr viel Langeweile bei dem Mädchen gefasst; ich dachte, sie würde fragen, wieviel Lohn ich hätte, welche Mädchen aus der Nachbarschaft ich kenne, ob ich bei meinem Herrn viel verdiene; ferner die Geheimnisse des Hauses von Saldagne, sowie alle Fehler des Bruders und dessen Schwester zu hören. Denn wenig Mädchen kommen zusammen, ohne sich gegenseitig alles zu erzählen, was sie über ihre Herrschaften wissen und zugleich zu klagen, dass sie ihr eigenes und das Glück ihrer Bedienten so wenig förderten. Ich war deshalb sehr erstaunt, mit einem Mädchen allein zu sein, das schliesslich zu mir sagte: »Du stummer Geist, ich beschwöre dich, mir zu bekennen, ob du ein Bedienter bist, und wenn du einer bist, so sage mir, durch welches Wunder du dich bisher hast zurückhalten können, von deinem Herrn Übles zu sagen.« Diese Worte klangen im Munde eines Kammermädchens doch recht sonderbar und ich fragte sie, mit welchem Rechte sie mich denn so beschwöre. »Ich sehe wohl,« fuhr sie fort, »du bist ein hartnäckiger Geist; vermöge der Macht, die ich über alle hochmütigen und prahlerischen Bediente habe, sage mir; wer bist du?« – »Ich bin ein armer Teufel,« sagte ich, »der jetzt gerne in seinem Bette liegen möchte.« – »Ich sehe wohl,« sagte sie, »es wird schon etwas Mühe kosten, dich kennen zu lernen. Wenigstens habe ich bemerkt, dass du nichts weniger als galant bist; denn hättest du mich nicht zuerst anreden sollen, mir viele Süssigkeiten erzählen, die Hand drücken, drei oder vier Ohrfeigen dafür in Empfang nehmen, um nachher als einer der glücklichsten Menschen nach Hause zu gehen?« – »Es gibt Mädchen in Paris,« sagte ich, »von denen ich Zeichen gerne an mir tragen möchte, andere aber gibt es auch, die ich nicht gerne ansehen möchte, aus Furcht böse Träume davon zu bekommen.« – »Du glaubst also,« sagte sie, »dass ich hässlich bin? Mein heikler Herr, weisst du denn nicht, dass bei Nacht alle Katzen schwarz sind.« – »Ich will des Nachts nichts tun,« sagte ich, »was ich am Tage bereuen könnte.« – »Und wenn ich nun schön wäre?« fragte sie. »Alsdann wäre ich nicht ehrerbietig genug gegen dich gewesen,« versetzte ich »ausserdem würdest du mit dem Verstand, den du zu haben scheinst, verdienen, in aller Form bedient und geliebt zu werden.« – »Und würdest du wohl einem anständigen Mädchen aufwarten?« fragte sie mich. »Besser als jeder anderen,« sagte ich, »vorausgesetzt, dass ich sie liebe.« – »Was liegt daran?« versetzte sie, »genug, dass du geliebt würdest.« – »In Liebessachen müssen beide Teile übereinstimmen«, antwortete ich. »Gewiss,« sagte sie, »wenn ich von dem Bedienten auf den Herrn schliessen soll, so hat meine Gebieterin an Herrn von Verville hübsch gewählt, und das Mädchen, zu dem du dich herablassen würdest, hätte grosse Ursache stolz zu sein.« – »Es genügt nicht, mich reden zu hören, man muss mich auch sehen.« – »Ich glaube,« versetzte sie, »keines von beiden ist nötig.« Hier wurde unsere Unterredung unterbrochen, denn draussen klopfte Herr von Saldagne heftig an die Türe, die nach der Strasse ging. Man beeilte sich nicht sehr, ihm zu öffnen, da seine Schwester vorher sich noch auf ihr Zimmer begeben wollte. Die Dame und das Mädchen waren so verwirrt, dass sie uns ohne Gutenacht-Gruss zum Garten hinaus liessen. Niemals habe ich einen verliebtern und zufriedenern Menschen gesehen als Verville; er hielt mich die ganze Nacht auf, wiederholte mir hundertmal das nämliche und ich konnte erst bei Tagesanbruch zu Bette gehen. Ich für meinen Teil verwunderte mich sehr, ein Kammermädchen mit so viel Verstand gefunden zu haben, und gestehe gerne, dass ich begierig war zu erfahren, ob sie schön wäre, wennschon das Andenken an Leonore mich bis jetzt gegen alle schönen Mädchen von Paris unempfindlich gemacht hatte. Verville und ich erwachten zu Mittag. Sogleich schickte er einen Brief an Fräulein von Saldagne durch einen Bedienten, der schon mehrere überbracht hatte und der in Briefwechsel mit dem Kammermädchen stand. Als er ging, dachte ich mir, wenn das Mädchen, mit dem ich mich unterhalten hatte, ihn sähe, mit ihm sprechen würde und ihn so hässlich fände, könnte sie wohl nicht annehmen, dass es derselbe wäre, der am Abend vorher Verville begleitet hatte. Dieser einfältige Kerl richtete den Auftrag für einen Dummkopf gut aus; er fand Mademoiselle de Saldagne bei ihrer älteren Schwester, der Mademoiselle de Lery, die das Vertrauen der jüngeren Schwester hatte. Während er noch auf Antwort wartete, hörte man Herrn von Saldagne auf der Treppe; er trat in das Zimmer der beiden Schwestern, die den Kerl rasch in eine Garderobe versteckten. Der Bruder blieb nicht lange bei der Schwester und der Gefangene war bald erlöst. Mademoiselle de Saldagne schloss sich in ein kleines Kabinett ein um Verville zu antworten und Mademoiselle de Lery sprach unterdessen mit dem Bedienten, der sie wohl nicht gut unterhielt. Ihre Schwester, die nun ihren Brief beendet hatte, befreite sie von dem Tölpel und schickte ihn mit dem Zettel zu seinem Herrn: sie versprach ihm, ihn zur selben Stunde wieder im Garten zu erwarten wie am Abend zuvor. Des Abends wurden wir in den Garten eingelassen und ich fand wieder dieselbe Person, die mich am Abend zuvor so witzig unterhalten hatte. Ich wünschte am Klang ihrer Stimme, sie möchte ebenso schön sein als klug. Sie konnte nicht glauben, dass ich der Bretagner wäre, den sie am Tage gesehen hatte, und nicht begreifen, warum ich da weniger Verstand hätte als bei Nacht; der Bretagner hatte gesagt, dass ihn die Ankunft des Saldagne in dem Zimmer seiner Schwester sehr erschreckt hätte, worauf ich dies nützend sagte, dass mich das nicht für meine Person, sondern für Fräulein von Saldagne erschreckt hätte. Diese Rede nahm ihr nun jeden Zweifel, dass ich der Bediente von Verville sein könne, obschon sie es darauf absah mich nur durch Bedientendiskurse zu unterhalten. Sie sagte mir, dass Herr von Saldagne ein schlimmer Herr wäre; seine Eltern wären früh gestorben, hätten ihm viel Geld hinterlassen, auch wären wenig Verwandte am Leben, da hätte er seine Schwestern sehr tyrannisiert, dass sie in ein Kloster gehen sollten, und wäre ihnen nicht nur wie ein ungerechter Vater, sondern wie ein eifersüchtiger und unerträglicher Gatte begegnet. Ich wollte ihr nun meinerseits von Baron d'Arques erzählen, als wir auf einmal an der Gartentüre, die wir nicht geschlossen hatten, Herrn von Saldagne mit zwei Bedienten herein kommen sahen, von denen einer eine Fackel trug. Er kam gerade aus einem Hause am Ende derselben Strasse, das auf der einen Seite seines und unseres Hauses lag und in dem auch Saint-Far öfters spielte. Sie hatten beide an diesem Abend gespielt und als Saldagne all sein Geld verloren hatte, kehrte er wider seine Gewohnheit früh durch die offen gebliebene Hintertüre des Gartens heim, wo er uns alle vier überraschte. Wir waren soeben alle vier in dem bedeckten Gang, was uns Gelegenheit gab uns zu verbergen. Die Dame blieb unter dem Vorwande noch im Garten den Abend zu geniessen und fing sehr gegen ihre Lust, wie man sich denken kann, an zu singen. Inzwischen hatte Verville an einem Holzgitter die Mauer erstiegen und war auf der andern Seite hinunter gesprungen; aber ein dritter Bedienter, der noch nicht im Hause war, sah ihn springen und lief zu seinem Herrn, ihm zu sagen, dass er einen Mann habe über die Gartenmauer springen sehen. In demselben Augenblick hörte man mich in den Garten fallen, denn das Gitterwerk, das Verville getragen hatte, zerbrach unter mir. Durch dieses Geräusch kam alles, was im Garten war, in Bewegung. Saldagne folgte sofort der Richtung des Lärms, und als er einen Mann mit einem Degen in der Hand erblickte (sobald ich aufgestanden war, hatte ich mich in Verteidigungszustand gesetzt), griff er mich sogleich an. Ich zeigte ihm nun auch den Meister; da der Bediente mit der Fackel näher kam, sah ich Saldagnes Gesicht und erkannte in ihm denselben Franzosen, der mich seinerzeit in Rom hatte ermorden wollen, weil ich ihn gehindert hatte, Leonore unanständig zu begegnen. Er erkannte mich ebenfalls und zweifelte nicht daran, dass ich gekommen war, mich an ihm zu rächen. Also schrie er mich an, dass ich ihm dieses Mal nicht entgehen würde. Jetzt befand ich mich auch wirklich in Gefahr, zumal ich das Bein bei dem Falle fast gebrochen hatte. Beim Zurückweichen kam ich bis an das Gartenhäuschen, wo ich Vervilles Geliebte hatte sehr traurig hinein gehen sehen. Sie ging nicht hinaus als ich mich dahinein flüchtete, sei es, dass sie die Zeit dazu nicht hatte oder dass sie vor Schrecken unbeweglich blieb. Als ich nun sah, dass ich, durch die Türe geschützt, nur mehr von vorne angegriffen werden konnte, fasste ich von neuem Mut. Ich verwundete Saldagne an der Hand und einen der hitzigsten Diener am Arm. Dies verschaffte mir einen Augenblick Ruhe; ich glaubte jedoch nicht mit dem Leben davon zu kommen, und nahm an, sie würden mich, wenn sie anders nicht mit mir fertig werden konnten, mit Pistolenschüssen umbringen. Da kam mir Verville zu Hilfe. Er wollte nicht ohne mich nach Hause gehen, hörte den Lärm und das Degengeklirr und kam, mich aus der Gefahr zu retten, in die ich durch ihn gekommen war, oder sie wenigstens mit mir zu teilen. Saldagne, der ihn kannte, glaubte, er käme ihm zu Hilfe als Freund und Nachbar. Er war höflich und sagte zu ihm: »Sie sehen, verehrter Herr, wie man mich in meinem Hause ermorden will.« Verville, der seinen Gedanken erraten hatte, sagte kurz, er würde ihm gegen jeden andern beistehen, aber jetzt käme er nur, mir gegen jeden, wäre es auch wer immer, zu helfen. Saldagne wurde über seinen Irrtum so rasend, dass er fluchte und schwur, mit zwei Verrätern auch noch fertig werden zu können; und zugleich ging er auf Verville unsinnig los, der ihn tapfer empfing. Ich kam aus dem Gartenhäuschen heraus um meinem Freund zu helfen und da ich den Bedienten mit der Fackel sah, dachte ich nicht ihn umzubringen, sondern versetzte ihm nur einen Schlag mit dem Degenkorb auf den Kopf, dass er heftig darüber erschrak und weit hinaus ins Feld lief und Mörder schrie. Auch die übrigen Bedienten liefen fort. Saldagne sah ich im Augenblick als die Fackel verlöschte fallen, entweder durch Zufall oder weil Verville ihn verwundet hatte. Wir hielten es nicht für ratsam, ihn aufzuheben, sondern machten uns in grösster Eile davon. Die Schwester Saldagnes hatte von ihrem Versteck aus alles gesehen, eilte nun hervor und bat uns, voller Angst vor dem Bruder, wir sollten sie doch mitnehmen. Verville war ganz entzückt, seine Geliebte in seiner Gewalt zu haben; wir fanden die Türe des Gartens noch unverschlossen, verschlossen sie auch nicht, falls wir sie wieder benutzen sollten, und eilten fort. In unserem Garten war ein schöner bemalter Pavillon, in dem im Sommer gespeist wurde, vom Wohnhaus entfernt; meine jungen Herren und ich belustigten uns öfters darin mit Fechten; da es der angenehmste Ort des Hauses war, hatten der Baron d'Arques, seine Söhne und ich jeder einen Schlüssel, damit die Bedienten nicht hinein könnten und die Möbel und Bücher nicht ruinierten. In diesen Pavillon brachten wir unsere Dame, die ganz untröstlich war. Ich sagte ihr, dass wir für ihre und unsere Sicherheit sorgen und gleich wieder bei ihr sein würden. Verville brauchte eine gute Viertelstunde, bis er seinen stark angetrunkenen Bretagner aufgeweckt hatte. Sobald dieser uns nun Licht gebracht hatte, überlegten wir eine Weile, was wir nun mit Saldagnes Schwester anfangen sollten. Endlich beschlossen wir, sie auf mein Zimmer zu bringen, das im dritten Stocke des Hauses lag und von niemandem ausser mir und meinem Bedienten betreten wurde. Wir kehrten nun mit dem Lichte in den Gartensaal zurück; beim Eintreten stiess Verville einen lauten Schrei aus, was mich sehr verwunderte. Ich hatte keine Zeit zu fragen, was ihm begegnet sei, denn ich hörte an der Saaltüre reden in demselben Augenblick als ich mein Licht auslöschte. Verville rief: »Wer da?« Sein Bruder Saint-Far antwortete uns: »Ich bins, was Teufel sucht Ihr hier zu dieser Stunde ohne Licht?« – »Ich unterhielt mich hier mit Garigues, weil ich nicht schlafen konnte«, antwortete Verville. – »Und ich«, sagte Saint-Far, »kann auch nicht schlafen, ging in den Pavillon und bitte Euch, mich allein zu lassen.« Wir liessen uns nicht lange bitten. Ich liess die Dame so leise wie möglich zur Türe hinaus gehen, indem ich mich zwischen sie und Saint-Far stellte. Ich führte sie hinauf in mein Zimmer, ohne dass sie unterwegs aufgehört hätte zu jammern, und ging alsdann zu Verville, wo dessen Bedienter soeben wieder Licht gemacht hatte. Verville sagte mir düster, dass er notwendigerweise wieder zu Saldagne gehen müsste. »Und was wollen Sie dort machen? ihm vollends den Garaus?« – »Ach lieber Garigues, ich bin der unglücklichste Mensch von der Welt, wenn ich nicht Fräulein von Saldagne aus den Händen ihres Bruders rette.« – »Wie kann sie denn bei ihm sein, wenn sie auf meinem Zimmer ist«, fragte ich. – »Wollte Gott, es wäre so«, seufzte er. – »Ich glaube Sie träumen«, versetzte ich. – »Ich träume nicht,« sagte er, »wir haben die ältere Schwester der Mademoiselle de Saldagne statt ihrer mitgenommen.« – »Wie,« sagte ich, »waren Sie denn nicht mit ihr im Garten?« – »Selbstverständlich«, sagte er. – »Warum wollen Sie denn hingehen und sich von ihrem Bruder totschlagen lassen, da die Schwester in meinem Zimmer ist?« – »Ach Garigues,« rief er aus, »ich weiss wohl was ich gesehen habe.« – »Und ich auch,« rief ich, »und damit Sie sehen, dass ich nicht irre, so kommen Sie mit mir und sehen Sie Mademoiselle de Saldagne.« Er sagte, ich wäre närrisch und folgte mir ganz niedergeschlagen. Es war aber doch mein Erstaunen gross, als ich eine Dame fand, die ich niemals gesehen hatte und die auch nicht diejenige war, die ich hergeführt hatte. Verville war ebenso erstaunt wie ich, jedoch zugleich der glücklichste Mensch der Welt, denn es war wirklich Mademoiselle de Saldagne. Er gestand, dass er sich geirrt hatte. Ich konnte nicht antworten, denn ich begriff nicht, durch welchen Zauber sich eine Dame auf dem kurzen Wege vom Pavillon in mein Zimmer in eine andere verwandelt hatte. Ich betrachtete Vervilles Geliebte immer aufmerksamer und fand immer mehr, dass es die nicht war, die wir von Saldagne mitgenommen hatten. Verville, der mich so erstaunt sah, wiederholte, er gebe noch einmal zu, dass er sich geirrt habe. »Und ich habe mich noch mehr geirrt,« antwortete ich, »wenn es Mademoiselle de Saldagne war, die mit uns hierherkam.« – »Und mit wem denn sonst?« antwortete er. – »Ich weiss es nicht, und niemand wird es besser wissen als Mademoiselle selbst.« – »Ich weiss auch nicht, mit wem ich gekommen bin,« sagte Mademoiselle de Saldagne, »wenn es nicht dieser Herr da war. Herr von Verville hat mich nicht von meinem Bruder weggenommen, sondern ein Mensch, der einen Augenblick später in unser Haus kam als ihr schon fort wart; ich weiss nicht, ob ihn die Wehrufe meines Bruders herbeigelockt haben oder ob die Bedienten, die mit ihm kamen, ihn davon benachrichtigt hatten. Er liess meinen Bruder in sein Zimmer bringen, und als meine Kammerfrau mir das hinterbrachte und hinzufügte, dass sie bemerkt hätte, dieser Herr wäre meinem Bruder bekannt und unser Nachbar, so erwartete ich ihn im Garten und bat ihn, mich bis morgen früh mitzunehmen, wo ich mich alsdann zu einer Dame meiner Bekanntschaft begeben würde, bis der Zorn meines Bruders vorüber wäre, den zu fürchten ich Ursache hätte. Dieser Mensch bot sich an, mich dahin zu führen, wohin ich wolle und mich mit Gefahr seines Lebens gegen meinen Bruder zu verteidigen. Unter seinem Schutz bin ich hierher gekommen, wo Verville, dessen Stimme ich erkannte, mit eben diesem Herrn sprach.« Das, was uns Mademoiselle de Saldagne sagte, gab uns zwar noch keinen völligen Aufschluss, doch konnten wir ungefähr erraten, wie die Sache zugegangen war. Verville betrachtete seine Geliebte so entzückt, dass er wenig darauf achtete, was sie sagte. Er sagte ihr eine Menge zärtliche Dinge, ohne sich viel darum zu kümmern, wie sie zu uns gekommen war. Ich liess sie also allein, nahm ein Licht mit mir und ging zurück nach dem Pavillon, um mit Saint-Far zu reden, auf die Gefahr hin, dass er seiner Gewohnheit nach mir schlecht begegnen würde. Wie erstaunte ich aber, hier die Dame zu treffen, von der ich sicher war, dass ich sie von Saldagne mitgebracht hatte! Mehr erstaunte mich noch ihr Zustand, denn sie sah aus, wie eine Person, der man Gewalt antun wollte: ihre Frisur war zerrissen, ihr Halstuch verschoben und ihr Gesicht an verschiedenen Stellen blutig. »Verville,« sagte sie als sie mich sah, »kommen Sie mir nicht zu nahe, anders als um mich zu töten! Dies wäre besser als eine zweite Gewalttätigkeit gegen mich unternehmen! Da ich Kräfte genug hatte, der ersten zu widerstehen, so wird mir Gott helfen, Ihnen die Augen auszukratzen, wenn ich Sie nicht töten kann! Dies also ist die heftige Liebe, die Sie zu meiner Schwester haben? Wie teuer muss ich die Gefälligkeit gegen Ihre Torheit bezahlen! Es ist ganz gerecht, wenn man das Ärgste ertragen muss, hat man vernachlässigt, das Rechte zu tun. – Was überlegen Sie denn so lange«, fuhr sie fort als sie mich so erstaunt dastehen sah; »fühlen Sie Reue über Ihre Schlechtigkeit? Wenn das der Fall ist, so will ich es vergessen. Sie sind jung und ich war unvorsichtig, mich einem Menschen Ihres Alters zu überlassen; ich beschwöre Sie, führen Sie mich zu meinem Bruder zurück, so grausam er auch ist, so fürchte ich ihn doch noch weniger als Sie, da Sie ein niederträchtiger Mensch oder besser ein geschworener Feind unseres Hauses sind, denn es war Ihnen nicht genug ein Mädchen zu verführen und einen Edelmann zu ermorden, Sie wollten auch noch grössere Sünden begehen.« Bei diesen Worten fing sie heftig an zu weinen. Ich gestehe, ich verlor jetzt ganz den Verstand, der mir in all diesem Wirrsal übrig geblieben war. Hätte sie nicht aufgehört, ich hätte es nicht gewagt sie zu unterbrechen, so gross war mein Staunen und der Eindruck ihrer Worte und Vorwürfe. »Fräulein,« sagte ich, »ich bin nicht Verville und versichere Ihnen, dass er keiner solchen schlechten Handlung fähig ist, wie die, worüber Sie sich beklagen.« – »Wie, du wärst nicht Verville? Habe ich dich nicht mit meinem Bruder fechten sehen? Und ist dir nicht ein junger Edelmann zu Hilfe gekommen? Hast du mich nicht auf mein Bitten hierher geführt, wo du mir eine dir und meiner unwürdige Gewalt antun wolltest?« Der Schmerz erstickte ihre Stimme, sie konnte nicht weiter reden. Ich war nun in grosser Verlegenheit und konnte nicht begreifen, wie sie Verville kannte und wieder nicht kennen konnte. Ich sagte ihr, dass es mir nicht bewusst wäre, dass man ihr Gewalt hätte antun wollen, und ich sie, da sie eine Schwester des Herrn von Saldagne wäre, nun zu ihrer Schwester führen wollte. Da trat Verville mit Fräulein de Saldagne herein, die von einem sonderbaren Einfall getrieben, durchaus zu ihrem Bruder zurück wollte. Die beiden Schwestern fielen sich unter Tränen in die Arme. Verville bat sie inständig auf mein Zimmer zurückzukehren; er stellte ihnen vor, wie schwer es sein würde, bis man ihnen bei Herrn von Saldagne öffnete, das ganze Haus wäre in Aufruhr, und die Gefahr gross, die sie bei einem so unsinnigen Menschen erwarte; und dass sie in unserer Wohnung nicht entdeckt werden könnten, dass es bald Tag werden würde, dass man, wenn man Nachricht über Herrn Saldagnes Zustand hätte, weitere Entschlüsse fassen könne. Verville hatte sie bald überredet, da sie sich durch ihr Zusammensein schon sehr beruhigt hatten. Wir gingen in mein Zimmer zurück und fanden nach reifer Untersuchung, dass die schlechte Behandlung, die Mademoiselle de Lery erfahren hatte, nur von Saint-Far herrühren konnte; Verville und ich wussten, dass er noch ganz anderer Dinge fähig war. Und wir hatten uns nicht geirrt. Saint-Far hatte in demselben Hause gespielt, wo Saldagne sein Geld verloren hatte, und da er einen Augenblick später als wir den Lärm verursacht hatten, an dem Garten vorbeiging, hatte er die Bedienten Saldagnes getroffen, die ihm alles erzählten, was ihrem Herrn begegnet war, lind versicherten, er wäre von etwa acht Räubern ermordet worden, um ihre eigene Feigheit zu beschönigen. Saint-Far glaubte sich als Nachbar verbunden, ihm seine Dienste anzubieten; er verliess ihn nicht eher, bis er ihn in sein Zimmer hatte bringen lassen; beim Weggehen hatte Mademoiselle de Saldagne ihn ersucht, sie vor dem Zorn des Bruders zu schützen, und war in unser Haus gekommen, so wie mit uns die Schwester. Er wollte sie nun in den Gartensaal bringen, wo, wie ich bereits sagte, wir schon waren; er fürchtete ebenso wie wir, wir möchten seine Dame sehen, so wie er die unserige. Da beide aber ungefähr nebeneinander standen als er hereintrat und wir herausgingen, so nahm ich die seinige, und er, sich gleichfalls irrend, die unsere; auf diese Weise geschah der Tausch. Dies konnte um so leichter geschehen, da ich gleich anfangs das Licht gelöscht hatte, und weil jede, so wie wir selbst alle, nicht mehr recht wusste, was sie tat. Sobald wir sie nun in dem Pavillon verlassen hatten und Saint-Far mit einem schönen Frauenzimmer allein, seinen Trieben immer mehr gehorchte als der Vernunft, mit einem Worte die Unverschämtheit selber war, wollte er die Gelegenheit nützen ohne zu bedenken was daraus entstehen konnte, eine Dame von Stande so zu beleidigen. Seine Unverschämtheit wurde aber nach Verdienst bestraft. Mademoiselle de Lery verteidigte sich tapfer, sie biss und kratzte ihn ganz blutig. Nach all dem legte er sich ganz ruhig zu Bett als wenn nichts geschehen wäre. Vielleicht wird man noch fragen, wie Mademoiselle de Lery sich in dem Garten befinden konnte als uns ihr Bruder überraschte, da sie doch nicht mit der Schwester gekommen war; und dies setzte mich ebenso in Verwunderung wie euch. Doch ich erfuhr nachher von den beiden, dass Mademoiselle de Lery ihre Schwester in den Garten begleitet hatte, da sie sich auf keine Bediente verlassen wollten, und dass sie es war, die sich unter dem Namen Madelon mit mir unterhalten hatte. Ich wunderte mich also nicht mehr über die Klugheit des Kammermädchens und Mademoiselle de Lery gestand mir, dass sie, nachdem sie mich im Garten gesprochen hatte, sich tags darauf über den Bedienten des Herrn von Verville sehr gewundert hätte. Von dieser Zeit an fühlten wir beide etwas mehr als Achtung für einander und waren beide froh, ich getraue es mir zu behaupten, dass wir uns mit mehr Parität sozusagen besser lieben konnten, als wenn eins von uns ein Bedienter oder eine Magd gewesen wäre. Der Tag brach an, als wir noch zusammen waren. Wir liessen unsere Damen in meinem Zimmer, wo sie schlafen konnten, wenn sie Lust hatten. Verville und ich beratschlagten, was wir tun wollten. Ich, der ich nicht verliebt war, hätte viel für einen tüchtigen Schlaf gegeben; aber bei so wichtigen Dingen durfte ich meinen Freund nicht verlassen. Ich hatte einen Bedienten, der ebenso geschickt war wie der Vervilles ungeschickt; ich unterrichtete ihn so gut wie möglich und schickte ihn aus, bei Saldagne auszukundschaften, was dort vorging. Er besorgte seinen Auftrag gut und berichtete, dass Saldagnes Bedienung aussprenge, dass Diebe ihren Herrn verwundet hätten, und dass man von seinen Schwestern nicht spräche, als wenn er nie welche gehabt, sei es dass er sich nicht um sie bekümmere, sei es dass er seinen Leuten verboten hatte, über Dinge zu sprechen, die ihm keine Ehre machten. »Ich sehe wohl,« sagte Verville, »dass es hier ein Duell geben wird.« – »Vielleicht auch einen Mord,« fügte ich bei und erzählte Verville, dass Saldagne ebenderselbe wäre, der mich habe in Rom ermorden wollen, und dass wir uns wieder erkannt hätten. Ich ging zu den Damen, um ihnen unsre Neuigkeiten zu hinterbringen; unterdessen begab sich Verville zu Saint-Far, um dessen Gesinnung zu erforschen und zu sehen, ob wir richtig geraten hatten. Er fand ihn mit einen zerkratzten Gesicht. Verville konnte jedoch mit allem Fragen nichts anderes herausbringen, als dass er, vom Spiele zurückgekommen, Saldagnes Türe offen gefunden habe und sein ganzes Haus in Aufruhr, ihn selbst hätte er in den Armen seiner Leute verwundet getroffen. »Das ist ein eigener Zufall,« sagte Verville, »und seine Schwestern werden wohl sehr traurig darüber sein; es sind sehr hübsche Mädchen, ich will sofort hingehen, sie besuchen.« – »Was geht das mich an?« antwortete ihm Saint-Far und fing an zu pfeifen, ohne auf die weitern Fragen seines Bruders zu antworten. Verville verliess ihn und kam auf mein Zimmer zurück, wo ich alles versuchte, um unsere traurigen Schönen zu beruhigen. Sie wollten verzweifeln, da sie das Allerschlimmste von ihrem Bruder erwarteten, der ganz der Sklave seiner Leidenschaften war. Mein Bedienter brachte ihnen aus dem nächsten Wirtshaus zu essen. So führten wir dies Leben vierzehn Tage, hielten sie immer in meinem Zimmer versteckt, das im obern Stockwerk ganz abgesondert von den andern Räumen lag. Sie würden sich nicht geweigert haben in ein Kloster zu gehen; doch nach den Vorkommnissen fürchteten sie, dass sie so leicht nicht wieder aus einem Kloster heraus kommen würden. Inzwischen wurde Saldagne wieder gesund; Saint-Far hatte ihn täglich besucht. Verville verliess fast mein Zimmer nicht mehr, was zwar niemandem auffiel, weil man gewohnt war, dass er öfters ganze Tage bei mir mit Lesen und Plaudern zubrachte. Seine Liebe für Mademoiselle de Saldagne vermehrte sich täglich und auch sie liebte ihn nicht weniger; ich missfiel der ältern Schwester nicht, und sie war auch mir nicht gleichgültig, doch hatte ich meine hoffnungslose Liebe zu Leonore deshalb nicht verloren. Eines Tages erhielt Verville eine Mitteilung von Saldagne, er wolle ihn auf der Ebene Grenelle mit einem seiner Freunde erwarten; in demselben Zettel wurde Verville gebeten, keinen andern als mich mitzubringen: dies gab mir den Gedanken, er wolle uns beide in einer Schlinge fangen. Ich hatte ja Grund genug zu dieser Vermutung und wusste auch, wessen er fähig war. Verville wollte sich nicht daran kehren, wollte ihm alle Genugtuung geben und sich erbieten, seine Schwester zu heiraten. Er liess eine Mietkutsche holen, obschon wir drei eigene Wagen im Hause hatten. Wir gingen hin, wo uns Saldagne erwartete, und Verville war sehr erstaunt, seinen eigenen Bruder als Sekundanten Saldagnes zu sehen. Wir versuchten es mit Bitten und Anerbietungen, der Sache einen gütlichen Verlauf zu geben, mussten uns aber doch entschliessen, uns mit den zwei unvernünftigen Menschen zu schlagen. Ich wollte Saint-Far vorher um Verzeihung bitten, dass ich gezwungen wäre, den Degen gegen ihn zu ziehen; aber er sagte, er hätte mich von jeher nicht leiden können; wenn ich seine Gunst erringen wollte, müsste ich mich schon entschliessen, zwei oder drei Degenstiche zu empfangen. Damit ging er wütend auf mich los. Ich parierte eine Zeitlang, fest entschlossen, mich nicht zu schlagen, wenn ich auch einige Wunden erhalten sollte; das Glück war erst meiner guten Gesinnung günstig; er fiel vor mir nieder: ich liess ihn wieder aufstehen und das machte ihn nur noch wütender auf mich. Nachdem er mir eine leichte Wunde beigebracht hatte, schrie er mich wie einen Bedienten an, dass ich überwunden wäre, so dass ich die Geduld verlor; ich ging auf ihn los, brachte ihn in Verwirrung und kam ihm so nahe, dass ich ihm sein Degengefäss nehmen konnte. »Dem Menschen, den Ihr so hasst, sollt Ihr wenigstens Euer Leben zu danken haben«, sagte ich. Er machte vergebliche Versuche sich loszumachen und sprach kein Wort, der sonst so ein Prahler war. Ich stellte ihm vor, dass wir seinem Bruder und Saldagne zu Hilfe eilen müssten, die sich auf dem Boden wälzten. Da sah ich, dass ich ganz anders mit ihm verfahren müsste: ich schonte ihn also nicht mehr und riss ihm den Degen mit solcher Gewalt aus der Hand, dass ich ihm beinahe den Arm gebrochen hätte; den Degen warf ich weit weg. Ich lief Verville zu Hilfe, der noch heftig mit seinem Gegner kämpfte; als ich hinkam, sah ich von weitem einige zu Pferd auf uns zukommen. Saldagne wurde entwaffnet und ich erhielt von hinten einen Stoss vom tapfern Saint-Far. Nun war ich nicht mehr Herr meines Zornes und brachte ihm eine grosse Wunde bei. Der Baron d'Arques, der gerade in dem Momente dazu kam als ich seinen Sohn verwundete, war ebenso erzürnt auf mich als er vorher gütig war; er ritt auf mich ein und gab mir einen starken Schlag mit seinem Degen auf den Kopf; seine Umgebung folgte seinem Beispiel und ging auf mich los; ich verteidigte mich so gut ich konnte gegen so viel Feinde; am Ende hätte ich aber doch der Überzahl unterliegen müssen, wenn mein grossmütiger Freund Verville sich nicht mit Gefahr seines Lebens zwischen uns gestellt hätte. Er gab seinem Bedienten einen starken Hieb auf den Kopf, der, um sich ihm angenehm zu zeigen, stärker als alle andern auf mich eingehauen hatte. Ich bot dem Baron d'Arques meinen Degen an, aber auch dies rührte ihn nicht; er nannte mich einen undankbaren und törichten Menschen und drohte sogar, mich hängen zu lassen. Ich antwortete ihm darauf sehr stolz: wenn ich auch das alles wäre, so hätte ich doch seinem Sohne das Leben geschenkt und ihn nicht eher verwundet, als bis ich einen verräterischen Stoss von ihm empfangen hätte. Verville beteuerte seinem Vater, dass ich recht hätte, doch der bestand darauf, dass er mich nie mehr sehen wolle. Saldagne stieg mit dem Baron d'Arques in den Wagen, in den man Saint-Far gelegt hatte, Verville, der mich nicht verlassen wollte, setzte sich mit mir in den andern. Er liess mich in dem Hause eines Prinzen absteigen, wo er Freunde hatte, und ging zu seinem Vater. Herr von Saint-Sauveur schickte mir noch in derselben Nacht seinen Wagen und liess mich heimlich in sein Haus holen, wo er wie ein Vater für mich sorgte. Verville kam am andern Tage und erzählte mir, dass sein Vater durch Saldagnes Schwestern von unserer Schlägerei erfahren hatte, und dass die ganze Angelegenheit durch eine doppelte Heirat enden würde, sobald sein Bruder wieder gesund wäre, dessen Wunden ungefährlich wären; es käme bloss auf mich an, mich mit Saldagne zu versöhnen, sein Vater wäre nicht mehr zornig auf mich und bereute, dass er mir so übel begegnet wäre. Er wünschte nur, bald geheilt zu sein, um an so vieler Freude teilzunehmen; aber ich antwortete ihm, dass ich nun nicht länger in einem Lande leben könne, wo man mir meine niedere Herkunft vorwerfen würde, wie es sein Vater getan, dass ich bald das Königreich verlassen wolle, um den Tod im Felde zu finden. Ich glaube, dass ihn mein Entschluss betrübte, doch ein verliebter Mensch denkt selten an etwas anderes mehr als seine Liebe.« Als Destin in seiner Geschichte so weit gekommen war, hörte man plötzlich einen Flintenschuss auf der Strasse und gleich darauf eine Orgel spielen. Alle liefen an die Fenster. Die Orgel spielte immer weiter, und die etwas davon verstanden, hörten, dass es ein geistliches Lied war. Niemand konnte diese fromme Serenade begreifen, von der man nicht wusste, was sie zu bedeuten hatte. Doch bald wurde jeder Zweifel genommen: man hörte zwei jämmerliche Stimmen, deren eine den Diskant, die andere den Bass heulte, beide Sänger zusammen begleitete die Orgel und sie machten einen solchen Lärm, dass die Hunde der ganzen Nachbarschaft zu heulen begannen. Sie sangen aber: Lasst uns mit unsern Lauten und Stimmen Alle Seelen entzücken usw. Nachdem dieses veraltete Lied war schlecht genug abgesungen worden, vernahm man eine laute Stimme, die den Sängern vorwarf, dass sie immer dasselbe singen. Die armen Leute antworteten, dass sie nicht wüssten was sie singen sollten. »Singt was ihr wollt,« antwortete dieselbe Stimme, »ihr müsst singen, da ihr dafür bezahlt seid.« Nach diesem Machtspruch änderte die Orgel den Ton und man hörte ein schönes Exaudiat, welches sehr tröstlich gesungen wurde. Niemand von den Zuschauern hatte zu reden gewagt, um die Musik nicht zu stören, da fing la Rancune an zu schreien, da er bei solcher Gelegenheit um alles in der Welt nicht geschwiegen haben würde: »Wie ich sehe, hält man hier die Kirche auf der Strasse?« Einer der Zuhörer sagte, dass man dies mit Recht Kirche auf der Strasse nennen könne, ein anderer behauptete, es wäre ein nächtlicher Umgang, kurz alle Witzbolde der Schenke machten sich über die Musik lustig, ohne dass jemand den Anlass zu dieser Musik erraten konnte. Das Exaudiat wurde unterdessen frisch herunter gesungen, als auf einmal ein Schock Hunde einer lüderlichen Hündin nachliefen und sich unter die Beine der Musikanten mischten; da nun Nebenbuhler sich nicht lange zusammen vertragen, so fingen sie an zu bellen und knurren und plötzlich fielen sie sich mit solcher Wut an, dass die armen Musikanten für ihre Beine besorgt davon liefen und den Hunden die Orgel überliessen. Die unbescheidenen Tiere gingen nicht fein säuberlich damit um, und stiessen das Gestell, worauf das harmonische Instrument stand, um, – ich will nicht beschwören, dass nicht auch einer sein Bein aufhob und an die Orgel gepisst hätte. Da nun das Konzert also gestört war, machte der Wirt die Haustüre auf und wollte wenigstens die Orgel in Sicherheit bringen. Wie er nun mit seinem Knechte dies verdienstliche Werk verrichtete, kam der Organist nebst drei andern Personen zurück, unter den letztern eine Frau und ein Mann, die das Gesicht unter dem Mantel versteckten. Dieser Mann war kein anderer als der leibhaftige Ragotin selber, welcher der Mademoiselle de l'Etoile ein Ständchen bringen wollte, und sich deshalb an einen Kastraten, der Organist einer Kirche war, gewendet hatte. Dieses Ungeheuer, das weder Mann noch Weib war, hatte den Diskant gesungen und die Orgel gespielt, die von seiner Magd getragen wurde; ein Chorschüler hatte den Bass gesungen, und all dies um den Preis von zwei Groschen: so teuer war es schon damals im lieben Vaterland. Als der Wirt die Ständchenbringer erkannte, sagte er so laut, dass alle es an den Fenstern hören konnten: »Also Ihr, Herr Ragotin, seid es, der vor meiner Tür Kirche hält? Es wäre besser, Ihr legtet Euch schlafen und liesset meine Gäste auch ruhen.« Ragotin antwortete, er irre sich und hielte ihn für einen andern, aber dies auf eine Art, dass man ihn nur um so leichter erkannte. Der Organist war wie alle unbärtigen Tiere sehr zornig als er seine Orgel gefunden hatte und schrie Ragotin an, dass er sie ihm bezahlen müsse. Ragotin erwiderte, da lache er nur darüber. »Es gibt hier nichts zu lachen, ich will bezahlt sein!« erwiderte der andere. Der Wirt und seine Leute traten auf seine Seite; Ragotin sagte ihnen, was sie noch nicht wussten, dass das bei einem Ständchen gar nicht gebräuchlich wäre und ging darauf stolz auf seine Galanterie seiner Wege. Die Orgel wurde nun wieder der Magd des Kastraten aufgeladen, die mit dem Tisch auf dem Rücken und der Chorschüler mit dem Gestell sehr verdriesslich wieder nach Hause gingen. Die Schenke wurde wieder verschlossen. Destin wünschte den Komödianten gute Nacht, und versprach das Ende seiner Geschichte auf die nächste Gelegenheit. * Sechzehntes Kapitel. Eröffnung des Theaters und andere wichtige Vorfälle Am andern Morgen versammelten sich die Komödianten auf einem ihrer Zimmer, die sie in der Schenke inne hatten, um die Komödie zu probieren, die am Nachmittag sollte vorgestellt werden. La Rancune, dem Ragotin schon das Geheimnis mit dem Ständchen anvertraut hatte, und der sich stellte als könne er es kaum glauben, sagte zu den Kameraden, dass der kleine Mann nun bald erscheinen würde, um den Dank für sein Ständchen einzuholen, man solle aber die Unterhaltung immer auf etwas anderes lenken, sobald er nur davon anfangen würde. Bald darauf trat Ragotin in das Zimmer, und nachdem er die Komödianten begrüsst hatte, wollte er mit Mademoiselle de l'Etoile von seinem Ständchen sprechen; die aber war wie ein Irrstern bald da bald dort, so oft er auch davon anfing und immer wieder fragte, wann sie zu Bett gegangen wäre, wie sie die Nacht verbracht hätte pp. Er liess sie und sprach mit Mademoiselle Angelique, die aber statt ihm zu antworten ihre Rolle studierte. Hierauf zur Caverne, die ihn nicht einmal ansah. Alle Komödianten der Reihe nach befolgten die Weisung des Rancune und antworteten mit keiner Silbe auf Ragotins Reden, oder änderten sofort die Unterhaltung sobald die Rede auf die vorige Nacht kam. Da ihn schliesslich die Eitelkeit zu sehr drückte und er doch den Ruhm haben wollte, rief er ganz laut zu allen: »Soll ich euch eine Wahrheit gestehen?« – »Ihr mögt das halten wie Ihr wollt«, sagte jemand. – »Ich bin derjenige,« sagte er, »der euch diese Nacht ein Ständchen gebracht hat!« – »In diesem Lande bringt man sie mit Orgeln; und wem brachtet Ihr es denn? Gewiss der schönen Dame, welche so viele Hunde zusammenhetzte?« – »Ohne Zweifel,« versetzte Olive, »denn diese Tiere, so bissiger Natur sie sind, hätten gewiss eine so schöne Musik nicht gestört, wenn sie nicht Nebenbuhler und vorzüglich eifersüchtig auf Herrn Ragotin gewesen wären.« Ein anderer von der Gesellschaft nahm das Wort und sagte, dass er vermutlich bei der Dame gut stünde und sie zärtlich liebte, weil er es so öffentlich bezeuge; kurz, alle Anwesenden zogen Ragotin mit seinem Ständchen auf, la Rancune ausgenommen, der ihn schonte, weil er ihn mit seinem Vertrauen beehrt hatte. Der Poet, der im Grunde ein ebenso eitler Narr war wie Ragotin und aus jedem Ding etwas für sich zu ziehen verstand, sagte mit der Miene eines vornehmen Herrn: »A propos Ständchen, ich erinnere mich, dass man mir eins zu meiner Hochzeit gebracht hat, das dauerte vierzehn Tage lang und bestand aus hundert Instrumenten, die galantesten Damen der Place Royale eigneten es sich zu, viele Verliebte glaubten, es gälte ihnen, und ein Mann von Stande wurde darüber so eifersüchtig, dass er diejenigen, die es mir brachten, von seinen Leuten angreifen liess. Allein sie kamen übel an; denn die Leute waren alle Landsleute von mir und sehr tapfer und zum Teil Offiziere in einem Regiment gewesen, welches ich errichtet hatte.« La Rancune, der seinen beissenden Spott gegen Ragotin zurückgehalten hatte, war nicht so höflich gegen den Poeten, den er beständig neckte. Er nahm also das Wort und sagte dem Musensohn: »Euer Ständchen muss nach Eurer Beschreibung ein wahres Geheul gewesen sein, da es einer Standesperson lästig wurde und die ihre Leute schickte, damit sie aufhörten oder es fort zu jagen. Was mich in meiner Meinung noch bestärkt, ist, dass Eure Frau an Altersschwäche sechs Monate nach Eurer zärtlichen Verbindung gestorben ist, wie Ihr mir selbst zu erzählen beliebtet.« – »Sie starb aber an den Mutterwehen«, sagte der Poet. »Warum nicht lieber an den Grossmutter- oder Urgrossmutterwehen,« versetzte la Rancune; »seit Heinrich des IV. Zeiten hatte sie ihre Mutterwehen verloren,« setzte er hinzu, »und um Euch zu zeigen, dass ich bessere Nachrichten von ihr habe als Ihr, der beständig mit ihr prahlt, so will ich Euch etwas von ihr erzählen, das Ihr gewiss nie erfahren habt! An dem Hof der Königin Margarete –« Dieser schöne Anfang lockte alle die im Zimmer waren zu la Rancune hin, weil sie wussten, dass er für das ganze Menschengeschlecht Bosheiten auf Lager hatte. Der Poet, der ihn fürchtete, unterbrach ihn und sagte: »Ich wette hundert Pistolen, dass alles nicht wahr ist.« Diese hübsche Wette brachte alle zum lachen, und diese Gelegenheit benützte der Dichter hinaus zu gehen. Es war seine Gewohnheit, dass er seine Aufschneidereien mit so grossen Wetten wieder gut machte; sie betrugen wöchentlich tausend bis zwölfhundert Unverschämtheiten, die Lügen nicht mit eingerechnet. La Rancune hielt ein richtiges Register über alle seine Handlungen und Worte und er hatte eine so grosse Gewalt über ihn, dass ich sie der Macht des Augustus über den Antonius vergleichen möchte, wohl verstanden Mensch für Mensch ohne weiter zwei Provinzschauspieler mit zwei solchen Römern zu vergleichen. Da nun la Rancune seine Erzählung angefangen hatte und von dem Poeten war unterbrochen worden, so baten alle inständig, er möge sie fortsetzen. Er entschuldigte sich jedoch für heute und versprach ihnen für ein andermal, ihnen den ganzen Lebenslauf des Poeten zu erzählen, und der seiner Frau solle darin inbegriffen sein. Man fing nun an, die Komödie zu probieren, die man noch an demselben Nachmittag in einer benachbarten Schenke spielen wollte; während der Probe fiel nichts merkwürdiges vor. Nach Tisch wurde sie aufgeführt und es fiel recht gut aus. Mademoiselle de l' Etoile bezauberte durch ihre Schönheit alle Zuschauer, Mademoiselle Angelique hatte auch einen Anhang, und beide spielten ihre Rollen zu jedermanns Vergnügen. Destin und seine Kameraden übertrafen sich selber, und diejenigen unter den Zuschauern, die oft die Komödie zu Paris gesehen hatten, gestanden, dass selbst die Schauspieler des Königs ihre Sache nicht besser hätten machen können. Ragotin bestätigte bei sich die Schenkung seiner Seele und seines Leibes an Mademoiselle de l' Etoile, die er in Gegenwart la Rancunes bereits gemacht hatte, und der ihm täglich versprach, dass die Schauspielerin sie annehmen würde; denn ohne dies Versprechen hätte die Verzweiflung einem kleinen Advokaten ein grosses Thema zu einem tragischen Gedichte gegeben. Ich will nicht sagen, ob die Komödianten den Damen von Mans ebenso gut gefielen als die Schauspielerinnen den Herren; denn wenn ich auch etwas davon wüsste, würde ich es doch verschweigen; da indessen der beste Mensch nicht immer Herr über seine Zunge ist, so werde ich, um aller Versuchung auszuweichen, dieses Kapitel schliessen. * Siebzehntes Kapitel. Übler Erfolg von Ragotins Galanterie Sobald Destin seinen alten Kostümfrack ausgezogen und seinen Alltagsrock angezogen hatte, führte ihn la Rappinière in das Stadtgefängnis, weil der Mann, den sie bei der Entführung des Pfarrers von Domfront gefangen hatten, ihn zu sprechen wünschte. Unterdessen kehrten die Schauspielerinnen mit einem Gefolge von Maulaffen in ihre Schenke zurück. Da Ragotin sich gerade neben Mademoiselle la Caverne befand, als sie aus dem Saal herauskam, wo man gespielt hatte, bot er ihr seinen Arm an, um sie nach Haus zu führen, obgleich er diesen Dienst lieber seiner geliebten de 1' Etoile erwiesen hätte. Und bot sich gleichzeitig Angelique an, so dass er von beiden Seiten verhängt war. Diese doppelte Höflichkeit erzeugte eine dreifache Beschwerlichkeit, denn die Caverne, welche wie billig rechterhand ging, wurde von Ragotin gedrückt, damit Angelique nicht in den Rinnstein trete, zudem ging ihnen der kleine Mann nur bis an die Hüften und zog dadurch ihre Arme so sehr nach unten, dass sie Mühe hatten, sich zu halten und nicht auf ihn zu fallen; noch beschwerlicher war ihnen aber, dass der kleine Mann sich beständig nach Mademoiselle de l' Etoile umschaute, die er hinter sich mit zwei Laffen reden hörte, die sie wider ihren Willen führten. Die armen Frauenzimmer versuchten oft, ihre Hände los zu machen, aber er hielt sie so fest, dass sie nicht loskamen. Sie baten ihn vielemal, er möge sich nicht so sehr bemühen, er aber antwortete immer: »Ihr Diener, Ihr Diener!« (dies war sein gewöhnliches Kompliment), und drückte ihre Hände nur noch stärker. Sie mussten sich also bis an die Treppe gedulden, die zu ihrer Kammer führte, wo sie frei zu werden hofften; aber Ragotin wollte dies nicht und sagte immer nur auf jede Widerrede: »Ihr Diener, Ihr Diener!« Er versuchte mit Gewalt mit den beiden gleichzeitig die Treppe hinauf zu gehen; da dies nun unmöglich war, so stellte sich die Caverne mit dem Rücken gegen die Wand und ging zuerst hinauf; sie zog den Ragotin nach, dieser zog wieder Angelique nach und diese zog niemanden, sondern lachte wie toll. Vier oder fünf Stufen vor ihrer Kammer ereignete sich eine neue Schwierigkeit, denn sie trafen den Knecht des Wirts mit einem Sack voll Hafer an, der ausserordentlich schwer war, und welcher Knecht ihnen unter viel Anstrengung sagte, dass sie wieder hinuntergehen sollten, weil er mit der grossen Last nicht wieder zurück könne. Ragotin wollte antworten, aber der Knecht fing an zu fluchen: wenn sie nicht sofort gingen, würde er den Sack auf sie fallen lassen. Sie zogen sich also in grösster Eile wieder hinunter, doch liess Ragotin die Hände der Komödiantinnen dabei immer noch nicht fahren. Der Knecht kam ihnen zu geschwind auf den Hals; Ragotin tat einen falschen Tritt, wodurch er zwar nicht niederfiel, weil er sich an den Händen der Damen festhielt, zog sich aber dadurch die Caverne auf den Leib, welche sich besser hielt wie die Tochter, die den besseren Platz hatte. Sie fiel also auf ihn, trat ihm auf den Bauch und stiess gegen ihre Tochter, so dass beide hinfielen. Der Knecht dachte, so viel Leute würden so schnell nicht wieder aufstehen, konnte die Last des Sackes nicht länger tragen, setzte ihn auf die Stufen nieder und fing an zu fluchen. Der Sack ging unglücklicherweise auf, und da kam gerade der Wirt hinzu und wollte über den Knecht wütend werden. Der Knecht fluchte über die Komödianten; diese über Ragotin, der toller war als alle zusammen, weil eben Mademoiselle de l' Etoile dazu kam und Zeuge von diesem neuerlichen Unglücke war, das fast noch schlimmer war als das mit dem aufgeschnittenen Hute. Die Caverne schwor hoch und teuer, dass Ragotin sie in ihrem Leben nie wieder führen dürfe und zeigte Mademoiselle de l' Etoile ihre zerschundenen Hände. Die Etoile sagte ihr, dies wäre die gerechte Strafe dafür, dass sie ihr den Herrn Ragotin weggenommen habe, der ihr versprochen hatte, sie nach der Komödie heimzuführen; und fügte noch hinzu, sie wäre sehr froh darüber, dass ihm dies begegnet, weil er ihr nicht Wort gehalten hätte. Von all dem aber hörte Ragotin nichts; denn der Wirt wollte von ihm den verschütteten Hafer bezahlt haben und wollte auch den Knecht verprügeln deshalb. Angelique fing gleichfalls mit ihm an und warf ihm vor, dass er sie nur in Ermangelung einer Besseren geführt hätte, kurz: das Glück zeigte, dass es bis zur Stunde an dem Versprechen des la Rancune, ihn in ganz Maine zu dem glücklichsten aller Verliebten zu machen, noch nicht den geringsten Anteil genommen hatte. Der Hafer wurde wieder zusammengeschaufelt und die Komödiantinnen gingen jede auf ihr Zimmer, ohne dass ihnen weiter ein Unglück zustiess. Ragotin ging nicht mit ihnen; ich weiss auch nicht, wohin er ging, da es Abendessenszeit war. Man ass in der Schenke, und nach Tisch ging jeder seiner Wege. Destin schloss sich mit den Schauspielerinnen ein, um ihnen seine Geschichte zu Ende zu erzählen. * Achtzehntes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte Destins und der Etoile Das vorige Kapitel war etwas kurz, das jetzige wird etwas länger werden: ich weiss es zwar noch nicht bestimmt, doch wir wollen sehen. Destin setzte sich also auf seinen gewöhnlichen Platz und fuhr mit seiner Geschichte fort: »Ich will euch nun so kurz wie möglich ein Leben vollends erzählen, das euch schon gewiss zu lange gedauert hat. Da Verville, wie ich schon sagte, mich nicht bewegen konnte zu seinem Vater zurückzukehren, so verliess er mich sehr traurig und ging nach Hause, wo er sich einige Zeit später mit Fräulein von Saldagne und Saint-Far mit Mademoiselle de Lery verheiratete. Letztere war so klug wie Saint-Far unklug, und ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei so verschiedene Naturen glücklich geworden sind. Ich wurde unterdessen wieder ganz gesund, und da der grossmütige Herr von Saint-Sauveur meinen Entschluss nach dem Ausland zu reisen billigte, gab er mir Geld zur Reise, und Verville, der mich auch nach seiner Heirat nicht vergass, schenkte mir ein schönes Pferd und hundert Pistolen. Ich nahm den Weg über Lyon nach Italien, mit dem Vorsatz, durch Rom zu reisen, und, nachdem ich Leonore zum letzten Male gesehen, nach Candia zu gehen, um dort im Kriege mit meinem Unglück fertig zu werden. Zu Nevers stieg ich in einem Gasthof ab, der nah am Flusse lag. Da ich früh angekommen war und nicht wusste wie die Zeit bis zum Abendessen durchbringen, ging ich über eine steinerne Brücke spazieren. Zwei Frauenspersonen gingen denselben Weg, von denen die eine krank zu sein schien und sich auf die andere stützte als wenn ihr das Gehen beschwerlich fiele. Ich grüsste sie ohne sie anzusehen als ich vorbeiging, und spazierte eine Zeitlang auf der Brücke und dachte öfters an mein Unglück und noch öfter an meine Liebe. Ich war ziemlich gut gekleidet, wie es sich für einen Menschen ziemt, dessen Stand ein schlechtes Kleid nicht entschuldigen kann. Als ich wieder bei den Damen vorbeiging, hörte ich halblaut sagen: »Ich würde ihn bestimmt dafür halten, wenn er nicht gestorben wäre.« Ich weiss nicht, warum ich mich umschaute, da ich doch kaum Ursache hatte, diese Worte auf mich zu beziehen; und doch waren sie auf mich hin gesagt worden. Ich erkannte Mademoiselle la Boissière mit einem abgezehrten und blassen Gesicht, die sich auf ihre Tochter Leonore stützte. Ich ging gerade auf sie zu und beherzter als damals in Rom. Sie waren so erstaunt und erschrocken, dass ich glaubte, sie wären davongelaufen, wenn Mademoiselle la Boissière hätte laufen können. Ich fragte sie, durch welchen glücklichen Zufall ich wohl die zwei mir liebsten Menschen auf der Welt hier träfe. Mademoiselle la Boissière sagte mir, dass ich mich über ihr Erstaunen nicht wundern werde, wenn ich höre, dass Stephano ihnen einen Brief von einem der Edelleute gezeigt hätte, die ich in Rom begleitete, welcher Brief besagte, dass ich im Krieg vor Parma geblieben wäre. Sie fügte bei, wie erfreut sie sei, eine Nachricht unwahr zu finden, die ihr so nahe gegangen wäre. Ich antwortete, der Tod wäre nicht das grösste Unglück, das mir begegnen könnte, und dass ich jetzt nach Venedig ginge, um eben diese verfrühte Nachricht wahr zu machen. Sie wurden über diesen meinen Entschluss traurig, und die Mutter sagte mir so viel Liebes, dessen Ursache ich nicht ergründen konnte. Endlich erfuhr ich den Grund ihrer Freundlichkeit von ihr selbst: ich konnte ihr noch einige Dienste leisten, und ihre Verhältnisse erlaubten ihr nicht mehr, mich zu verachten und mir ein schiefes Gesicht zu machen, wie sie es in Rom getan hatte. Es war ihnen ein grosses Unglück passiert, was sie sehr niederdrückte. Nachdem sie alle ihre schönen Möbel zu Geld gemacht hatten, waren sie mit einer französischen Magd, die schon lange in ihrem Dienste gewesen war, von Rom weggereist, und Signor Stephano hatte ihnen seinen Bedienten mitgegeben, der ebenso wie er aus Flandern war und dahin zurückkehren wollte. Dieser Bediente und die Magd liebten sich und wollten heiraten, ohne dass jemand etwas davon gewusst hatte. Als Mademoiselle la Boissière in Rouen angekommen war, reiste sie zu Wasser weiter und kam nach Nevers, wo sie erkrankte und nicht weiter konnte. Während ihrer Krankheit war sie schlecht zu pflegen und ihre Magd tat dies auch wider Erwarten sehr schlecht. Eines Morgens waren der Bediente und die Magd verschwunden; aber das Schlimmste war, dass auch das Geld der Mademoiselle la Boissière mit ihnen verschwunden war. Der Kummer darüber verschlimmerte noch ihre Krankheit, und sie war genötigt, in Nevers zu bleiben und Nachrichten und Mittel von Paris zu erwarten, die ihr erlaubten, die Reise fortzusetzen. Mit wenig Worten erzählte mir Mademoiselle la Boissière diese schlimme Geschichte. Ich führte sie in ihren Gasthof, der auch der meine war, liess sie dort allein speisen und zog mich auf mein Zimmer zurück. Ich konnte nichts essen; ich fühlte mich vollauf satt, als wäre ich stundenlang bei Tisch gesessen. Ich ging wieder zu den Damen, sobald sie mir sagen liessen, dass ich ihnen angenehm wäre. Ich fand die Mutter im Bett, und die Tochter kam mir mit ebenso trauriger Miene entgegen als sie vorher heiter war; ihre Mutter war möglichst noch trauriger und so wurde ich es auch. Schliesslich zeigten sie mir einen Brief aus Paris, der die beiden ganz unglücklich machte. Sie erzählte mir die Ursache ihrer Traurigkeit unter Tränen und ihre Tochter weinte so heftig mit und rührte mich so stark, dass ich ihnen mein Beileid nicht genug ausdrücken konnte, obwohl ich ihnen alles anbot was ich an Vermögen hatte, und dies auf eine Art, die sie von meiner Aufrichtigkeit überzeugen konnte. »Ich weiss noch nicht, was Sie so sehr betrübt,« sagte ich, »wenn aber mein Leben nötig ist, Ihren Kummer zu lindern, so mögen Sie sich beruhigen. Sagen sie mir also, was ich tun soll, Madame. Ich habe Geld, wenn Sie welches brauchen, und Mut, wenn Sie Feinde haben, und verlange für meine Dienste nichts weiter als die Genugtuung Ihnen geholfen zu haben.« Sie fassten sich ein wenig. Die Mutter las mir darauf einen Brief vor, in welchem eine ihrer Freundinnen ihr berichtete, dass eine Person, die sie mir nicht nannte und die ich als Leonorens Vater vermutete, Befehl erhalten habe, sich von Hof zu entfernen, und dass sie darauf nach Holland gegangen wäre. Die arme Dame war also in einem fremden Lande verlassen, ohne Geld und ohne Hoffnung, welches zu bekommen. Ich bot ihr neuerlich an was ich hatte, und das sich auf fünfhundert Taler belaufen mochte, und sagte ihr, dass ich sie bis Holland, und wenn sie wolle bis ans Ende der Welt begleiten wolle, und dass sie an mir einen Menschen fände, der sie wie ein Diener bedienen und zugleich wie ein Sohn lieben und verehren würde. Ich wurde über und über rot als ich das Wort Sohn aussprach. Und jetzt war ich nicht mehr der lästige Mensch wie damals in Rom, für den Leonore unsichtbar war und dem man die Türe versagte; und Mademoiselle la Boissière war keine strenge Mutter mehr. Auf alle meine Anerbietungen antwortete sie nur, dass Leonore mir sehr verbunden dafür wäre: alles ging nun auf Leonorens Namen, und man hätte glauben können, ihre Mutter wäre bloss eine Magd, die für ihre Herrschaft redet. Es ist eine Wahrheit, dass die meisten Menschen andere nur nach dem Nutzen beurteilen, den sie aus ihnen ziehen können. Ich verliess sie nun sehr beruhigt und ging zufrieden auf mein Zimmer. Ich verbrachte die Nacht, wenn auch wachend, doch sehr vergnügt, und stand spät auf, weil ich erst gegen Morgen eingeschlafen war. Leonore schien mir besser gekleidet zu sein als den Tag zuvor, und sie musste merken, dass auch ich mich nicht vernachlässigt hatte. Ich führte sie allein zur Messe, da ihre Mutter sich wohl zu schwach fühlte. Wir assen zusammen und bildeten von diesem Tage an eine Familie. Mademoiselle la Boissière zeigte mir viel Dankbarkeit für die Dienste, die ich ihr leistete und wiederholte, dass sie nicht undankbar sterben würde. Ich verkaufte mein Pferd, und sobald die Kranke etwas besser war, mieteten wir ein Fahrzeug und fuhren nach Orleans hinunter. Während wir auf dem Wasser waren, genoss ich Leonorens Gesellschaft, ohne dass diese Glückseligkeit durch ihre Mutter gestört wurde. Ich fand bei diesem schönen Mädchen sehr viel Verstand, und auch ihr missfiel der meinige nicht, an dem sie in Rom wohl zweifeln musste. Was soll ich noch mehr sagen? Sie liebte mich endlich ebenso stark wie ich sie, und seit der Zeit unseres Zusammenseins hat sich diese Liebe nicht vermindert, wie ihr bemerken könnt.« – »Wie?« unterbrach ihn Angelique, »Mademoiselle de l'Etoile ist also Leonore?« – »Und wer sonst?« antwortete Destin. Mademoiselle de l'Etoile nahm das Wort und sagte, dass ihre Freundin mit Recht zweifle, ob sie die Leonore wäre, von der Destin ein so schönes Gemälde entworfen hätte. »Nicht deswegen,« antwortete Angelique, »sondern weil man selten ein Glück erreicht, das man so sehr verlangt.« Mademoiselle la Caverne sagte, sie hätte nie daran gezweifelt, und wollte, dass Destin seine Geschichte zu Ende erzähle, was er denn auch folgendermassen tat: »Wir kamen nach Orleans, wo unser Einzug komisch genug war. Ein Haufen Müssiggänger, die immer am Hafen diejenigen erwarten, die zu Wasser ankommen, um ihr Gepäck zu tragen, stürzten sich alle auf einmal in unser Fahrzeug; wenigstens ihrer dreissig wollten zwei bis drei kleine Gepäckstücke tragen, die der Schwächste unter ihnen allein unter dem Arm forttragen konnte. Achte von ihnen nahmen ein Köfferchen, das keine zwanzig Pfund wog, und taten, als wenn es sehr schwer vom Boden aufzuheben wäre; endlich hielten sie es über ihren Köpfen und jeder trug es nur mit einem Finger. Alles was auf der Brücke stand, fing an zu lachen, und wir mussten mitlachen; ich war jedoch rot vor Wut, dass ich in dem Aufzug durch die ganze Stadt sollte. Unser übriges Gepäck, das ein einziger Mann allein hätte tragen können, beschäftigte wenigstens zwanzig; meine Pistolen trugen vier Mann. Wir zogen nun in folgender Ordnung durch die Stadt: Acht besoffene Kerle trugen in ihrer Mitte ein kleines Kästchen, wie ich schon sagte, darauf kamen meine Pistolen, jede von je zwei Mann getragen; unmittelbar darauf folgte Mademoiselle la Boissière, die ebenso ärgerlich war wie ich; sie sass auf einem grossen Strohsessel, der auf zwei Ruderstangen stand, von vier Mann getragen, die sich abwechselten, und die ihr im Gehen tausenderlei Grobheiten sagten. Der Rest unseres Gepäcks folgte nach: es bestand aus einem kleinen Felleisen und einem Paket in Wachstuch, das sechs bis acht dieser Schlingel während des Weges wie beim Ballspielen einander zuwarfen; ich beschloss diesen Triumphzug mit Leonore an der Hand, die so sehr darüber lachte, dass ich auch wider meinen Willen mich an diesem Unfug belustigte. Alle Vorübergehenden blieben auf den Strassen stehen und der Lärm lockte die Menschen an die Fenster. Endlich kamen wir in die Vorstadt, die der Pariser Seite zu liegt, mit einem ganzen Trupp Gesindel an und stiegen im Gasthaus Zum Kaiser ab. Ich liess meine Damen in ein unteres Zimmer treten und drohte darauf den Kerls so energisch, dass sie mit dem Wenigen, das ich ihnen gab, zufrieden waren, um so mehr da auch der Wirt und die Wirtin mit ihnen darüber zankten. Mademoiselle la Boissière hatte die Freude wieder Geld zu haben mehr als alles andere wieder gesund gemacht, und war nun stark genug die Kutsche zu vertragen. Wir mieteten also drei Plätze in der, die andern Tags abging und kamen in zwei Tagen glücklich nach Paris. Als ich an dem Hause, wo die Kutsche hielt, abstieg, machte ich die Bekanntschaft des Rancune, der ebenfalls von Orleans gekommen und in dem Begleitwagen der Kutsche war. Als er hörte, dass ich nach dem Gasthaus fragte, wo die Kutsche von Calais einkehrte, sagte er, dass er eben auch dahin gehen wollte, und dass, wenn wir kein bestelltes Logis hätten, er uns zu einer Frau führen wolle, die er kenne, und die möblierte Zimmer zu vermieten hätte, wo wir bequem wohnen würden. Wir glaubten ihm und fanden es ganz gut. Die Frau war die Witwe eines Mannes, der sein Leben lang bald Türsteher, bald Dekorateur bei einer Theatergesellschaft gewesen war, und der selbst einmal versucht hatte zu spielen, was ihm aber nicht gelang. Da er bei der Komödie sich etwas erspart hatte, fing er an möblierte Zimmer zu vermieten und Kostgänger anzunehmen und lebte so ziemlich behaglich. Wir mieteten zwei bequeme Zimmer. Mademoiselle la Boissière wurden die schlimmen Nachrichten bestätigt, und noch andere, die ich nicht erfahren habe, kamen dazu; davon wurde sie neuerdings krank. Dies verhinderte unsere Abreise nach Holland, wo ich sie hinbringen wollte. La Rancune, welcher zu einer Komödientruppe gehen wollte, war so gut, auf uns zu warten, nachdem ich ihm versprochen hatte, dass ich ihn freihalten wollte. Mademoiselle la Boissière wurde öfters von einer Freundin besucht, die gleichzeitig mit ihr bei der Gemahlin des Gesandten in Rom als Kammerfrau gedient hatte, und die ihre Vertraute war damals als sie von Leonorens Vater geliebt wurde. Von dieser hatte sie die Entfernung des unehelichen Gemahls erfahren und wir bekamen während unseres Aufenthaltes in Paris manche Gefälligkeiten von ihr erwiesen. Ich ging so selten wie möglich aus, aus Furcht ich möchte von meinen Bekannten erkannt werden; es wurde mir auch nicht schwer, das Zimmer zu hüten, weil ich bei Leonore war. Auf Zureden dieser Frau, von der ich eben sprach, gingen wir eines Tages nach Saint-Cloud, um unserer Kranken Bewegung zu verschaffen. Unsere Wirtin und la Rancune begleiteten uns. Wir mieteten einen Kahn und gingen hierauf in dem schönsten Garten spazieren, assen etwas, und la Rancune führte unsere kleine Gesellschaft wieder zum Kahn zurück, während ich mit der Gastwirtin, einer unbescheidenen Person, herumrechnete, was mich etwas länger aufhielt als ich dachte. Ich machte mich endlich los und lief der Gesellschaft nach. Ich war erstaunt als ich diese schon weit draussen im Fluss sah, wie sie ohne mich nach Paris zurückfuhren. Als ich noch ganz verdutzt am Ufer stand und überlegte, hörte ich von einem Fahrzeug her einen Lärm. Als ich mich näherte sah ich zwei Edelleute, die einen Schiffer durchprügelten, weil er unserm Fahrzeug nicht nachrudern wollte. Ich trat in das Fahrzeug im Augenblick als es vom Ufer abstiess, denn der Schiffer gehorchte den Schlägen. Wie ich schon erstaunt darüber war, dass man mich in Saint-Cloud allein zurücklassen wollte, war ich es noch mehr, als ich in dem Menschen, der diese Gewaltsamkeiten beging, Saldagne erkannte, dem ich schon so viel Unglück verdankte. Im selben Augenblick ging ich ans andere Ende des Fahrzeuges, überlegend, was tun. Erst verbarg ich ihm mein Gesicht; da ich aber so nahe war, dass er mich notwendigerweise erkennen musste, ich aber keinen Degen bei mir hatte, so fasste ich einen verzweifelten Entschluss, zu dem ich noch durch die Eifersucht getrieben wurde. In dem Augenblick als er mich erkannte, fasste ich ihn auch schon um den Leib und warf mich mit ihm in den Fluss; er konnte mich nicht fassen, entweder weil seine Handschuhe ihn daran hinderten, oder weil er zu erschrocken war. Er war dem Ertrinken nahe, da kamen auch schon von überall Kähne zur Hilfe herbei, weil sie alle glaubten, dass wir zufällig ins Wasser gefallen wären. Saldagne allein wusste, wie es zugegangen war, er war aber nicht imstande mich anzuklagen oder mir jemanden nachzuschicken. Ich erreichte das Ufer ohne Mühe, weil ich ein kurzes Kleid anhatte, das mich nicht am schwimmen hinderte. Da die Sache die Mühe lohnte, war ich laufend schon weit von Saint-Cloud entfernt ehe Saldagne herausgefischt war. Man wird Mühe gehabt haben ihn zu retten; auch wird man ihm nicht geglaubt haben als er sagte ich hätte den Willen gehabt ihn zu ersäufen; ich wüsste nicht, warum er es geheimhalten hätte sollen. Ich machte einen grossen Umweg nach Paris und kam bei Anbruch der Nacht dort an, ohne meine Kleider vorher getrocknet zu haben; die Sonne und die starke Bewegung hatten es besorgt. Alle hatten grosse Freude, mich wiederzusehen, und Mademoiselle la Boissière spielte die Rolle einer betrübten Mutter sehr gut, um die Wirtin und la Rancune besser glauben zu machen, dass ich ihr Sohn wäre. Sie entschuldigte sich dann allein bei mir, dass man nicht auf mich gewartet hatte und gestand mir, dass die Furcht vor Saldagne sie mich vergessen liess, und übrigens wäre, la Rancune ausgenommen, die Gesellschaft mir nur hinderlich gewesen, wenn ich mit Saldagne Streit bekommen hätte. Ich erfuhr, dass dieser feine Herr ihnen von der Türe des Wirtshauses an gefolgt wäre bis an den Kahn; dass er Leonore ziemlich unhöflich gebeten hatte, sich zu demaskieren und da die Mutter in ihm denselben wiedererkannte, der das gleiche schon in Rom verlangt hatte, so sei sie voller Furcht dem Kahne zugeeilt und hätte ihn in den Fluss treiben lassen. Saldagne hatte sich inzwischen mit zweien seines Schlages am Ufer beratschlagt, darauf wären sie in ebenden Kahn gestiegen wo ich sie getroffen hatte. Dieses Erlebnis machte, dass ich noch seltener ausging. Mademoiselle la Boissière wurde einige Zeit darauf wieder krank, wozu ihre Melancholie viel beitrug; wir mussten einen grossen Teil des Winters in Paris verbringen. Wir erhielten Nachricht, dass ein italienischer Prälat, der aus Spanien kam, über Peronne nach Flandern ging. La Rancune brachte es dahin, dass wir mit auf seinem Pass als Komödianten angegeben wurden. Eines Tages als wir zu diesem Prälaten unterwegs waren, der in der Seinestrasse wohnte, assen wir aus Gefälligkeit mit anderen Komödianten, die la Rancune kannte, in der Vorstadt zu Abend. Als wir nun auf die neue Brücke kamen und es spät war, wurden wir von sechs Spitzbuben angefallen. Ich verteidigte mich so gut ich konnte; zu Ehren von la Rancune muss ich gestehen, dass er sich als ein Mann von Mut zeigte und mein Leben rettete; dies hinderte nicht, dass ich von diesen Kerlen beraubt wurde, da mir mein Degen entfallen war. La Rancune, der sich tapfer durchschlug, verlor nur einen alten schlechten Mantel; ich verlor alles bis auf meinen Rock; was mich am meisten kränkte, war eine Dose, worauf das Porträt von Leonorens Vater emailliert war; Mademoiselle la Boissière hatte mich gebeten, nur die Diamanten daraus zu verkaufen. Ich traf la Rancune wieder am Ende der Brücke mit einer Wunde am Arm und einer im Gesicht; ich hatte nur eine leichte Kopfwunde. Mademoiselle la Boissière war sehr traurig über den Verlust des Porträts, doch die Hoffnung, das Original bald wiederzusehen, tröstete sie. Endlich reisten wir nach Peronne ab; von Peronne gingen wir nach Brüssel, von Brüssel nach Haag; von diesem Ort war Leonorens Vater vierzehn Tage vorher abgereist, um nach England zu gehen und dem König gegen die Parlamentsarmee zu dienen. Leonorens Mutter wurde darüber so krank, dass sie starb. Ich war bei ihrem Tode so traurig als wäre sie meine eigene Mutter gewesen; sie empfahl mir ihre Tochter und nahm mir das Versprechen ab, sie niemals zu verlassen und alles zu unternehmen, um ihren Vater zu finden, dem ich sie übergeben solle. Einige Zeit darauf stahl mir ein Franzose noch alles Geld, was ich hatte, und die Not, in der ich mit Leonore war, wurde so gross, dass ich mich entschloss, unter eure Truppe zu gehen, die uns auch auf la Rancunes Fürsprache aufnahm. Meine übrigen Erlebnisse kennt ihr, denn sie sind mir in Gemeinschaft mit euch passiert, ausgenommen in Tours, wo ich glaubte, den Teufel von Saldagne wiedergesehen zu haben, und wenn ich nicht irre, werde ich ihm in diesem Lande noch bald begegnen. Ich fürchte ihn nicht um meinetwegen, sondern wegen Leonore, wenn ein Unglück mich von ihr trennen sollte.« So endigte Destin seine Geschichte. Nachdem er Mademoiselle de l'Etoile einige Zeit getröstet hatte, die bei der Erinnerung an all ihr Unglück so viel weinte als wenn ihr Unglück jetzt erst anfinge, wünschte er den Schauspielerinnen eine gute Nacht und ging schlafen. * Neunzehntes Kapitel. Einige Anmerkungen, welche hier am rechten Ort stehen. Neuer Unfall Ragotins und andere Sachen, nach Belieben zu lesen Die Liebe, welche die Jugend antreibt, alles zu wagen und das Alter alles zu vergessen, die auch die Ursache des Trojanischen Krieges war und von vielem andern, auf das ich mich gerade nicht besinnen kann, wollte nun in der Stadt Mans ein Beispiel geben, dass sie in einer schlechten Schenke ebenso mächtig ist wie an jedem andern Ort. Sie begnügte sich nicht mit Ragotin allein. Dieser war bis zum Sterben verliebt, und flösste dadurch dem la Rappinière hunderterlei unordentliche Begierden ein, wozu der an und für sich schon geneigt war; ferner verliebte sich Roquebrune in die Frau des Operateurs; er setzte dadurch seiner Eitelkeit, Prahlsucht und Phantasterei noch eine vierte Torheit hinzu, oder liess ihn vielmehr eine doppelte Untreue begehen. Denn vorher hatte er der Etoile und Angelique Liebeserklärungen gemacht, welche beide ihm abgeraten hatten sich die Mühe zu nehmen. Aber selbst das ist noch nichts gegen das was jetzt kommt. Die Liebe triumphierte sogar über die Unempfindlichkeit und die Menschenfeindschaft des la Rancune, der gleichfalls in die Frau des Operateurs sich verliebte, und so ein Nebenbuhler des Dichters Roquebrune wurde, zur Strafe für alle dessen Sünden und Busse für alle die elenden Bücher, die er ans Licht gestellt hatte. Diese Operateursfrau nannte sich Donna Inezilla del Prado, gebürtig von Malaga, und ihr Mann, oder der sich so vorstellte, Herr Ferdinando Fernandi, venezianischer Edelmann, gebürtig von Caen in der Normandie. In der Schenke waren noch verschiedene andere Personen, die an dem gleichen Übel krank waren, und deren Krankheit ebenso gefährlich war als die derer, von denen ich eben gesprochen habe: wir werden sie bei Zeit und Gelegenheit auftreten lassen. La Rappinière verliebte sich in Mademoiselle de l'Etoile, als er sie die Chimene spielen sah, und entschloss sich zugleich, seine Liebe dem la Rancune anzuvertrauen, von dem er für Geld alles zu erhalten hoffte. Der bezauberte Roquebrune hatte sich die Eroberung einer Spanierin vorgenommen, was seines Mutes würdig war. Was den la Rancune betrifft, so weiss ich nicht, durch welche Reize diese Fremde einen Mann einnehmen konnte, dem die ganze Welt verhasst war. Dieser alte, noch kurz vor seinem Tode verliebte Komödiant lag noch im Bett, als Ragotin von seiner Liebe wie von einen Durchfall getrieben zu ihm kam und ihn bat, sich seiner Sache anzunehmen und sich seiner zu erbarmen. La Rancune versprach ihm, dass er ihm noch vor Abend einen wichtigen Dienst bei seiner Geliebten leisten wollte. Zu gleicher Zeit trat la Rappinière in das Zimmer zu la Rancune, der sich eben angekleidet hatte, nahm ihn beiseite, gestand ihm seinen Zustand und sagte ihm gleichzeitig, dass, wenn er ihn bei Mademoiselle de l'Etoile in Gunst setzen wollte, so sollte er alles von ihm erwarten, was nur in seiner Macht stünde: einen Dienst als Gensdarm und seine Nichte, die seine einzige Erbin war, weil er keine Kinder hatte. Der Schelm versprach ihm noch mehr als dem Ragotin, worauf dieser Vorläufer des Henkers keine geringe Hoffnung setzte. Roquebrune kam nun auch um das Orakel zu befragen; er war der eingebildetste Narr, der jemals von den Ufern der Garonne hergekommen war, und bildete sich ein, dass man alles das glaubte, was er von seinem schönen Haus, Reichtum, Vermögen und Tapferkeit sagte; er war deshalb durch die schrecklichen Reden und Beleidigungen des la Rancune niemals beleidigt. Er glaubte, dass er es bloss täte, um die Unterhaltung zu verlängern, ausserdem verstand er Spass besser als jemand und duldete ihn als einen Philosophen, wenn er auch gleich etwas bitter wurde. Er glaubte also, dass alle Komödianten ihn bewunderten, vorzüglich la Rancune, der Erfahrung genug hatte, um gerade gar nichts zu bewundern, und der weit entfernt eine gute Meinung von diesem Schmierer zu haben, sich im Gegenteil genau nach seinen Umständen erkundigt hatte, um zu erfahren, ob die Bischöfe und Grossen eines Landes, die er alle Augenblicke als seine Verwandten aufführte, wirklich zu dem Stammbaum gehörten, welchen dieser Narr auf altes Pergament gekritzelt hatte. Es war ihm sehr unangenehm, Rancune in Gesellschaft anzutreffen, obgleich ihn das weniger in Verlegenheit bringen konnte als jeden andern, da er die üble Gewohnheit hatte, jedem ins Ohr zu flüstern und aus gar nichts ein Geheimnis zu machen. Er nahm also den la Rancune beiseite und sagte ihm schnell, dass er wissen müsse ob die Frau des Operateurs auch Geist hätte, denn bisher hätte er Frauenzimmer von allen Nationen geliebt, nur eine Spanierin nicht, und wenn sie der Mühe wert wäre, so sollte ihn ein Geschenk von hundert Pistolen nicht arm machen. La Rancune sagte ihm, dass er die Donna Inezilla nicht genug kenne, um ihm für ihren Geist Bürge zu leisten; er hätte ihren Mann in den besten Städten Deutschlands getroffen, wo er Mitridat verkaufte; und damit er erführe, was er gerne wissen wollte, brauche er nur mit ihr eine Unterhaltung anzufangen, was desto leichter sei, weil sie ziemlich gut französisch spräche. Roquebrune wollte ihm darauf seinen pergamentenen Stammbaum anvertrauen, dass er damit nach spanischer Art den Glanz seines Hauses anpreise; allein la Rancune meinte, dass es besser wäre, Malteserritter damit zu werden als sich dadurch bei einem Frauenzimmer in Gunst zu setzen. Roquebrune machte darauf die Bewegung eines der Geld in die Hand zählt, und sagte zu la Rancune: »Ihr wisst wohl, was ich für ein Mann bin.« – »Ja, ja,« antwortete la Rancune, »ich weiss wohl, was Ihr für ein Mann seid, und was Ihr Euer ganzes Leben lang für ein Mann bleiben werdet.« Der Poet ging nun wieder seiner Wege, und la Rancune, sein Vertrauter und Nebenbuhler, trat wieder zu la Rappinière und Ragotin, welche ebenfalls, ohne es zu wissen, Nebenbuhler waren. Was den alten la Rancune betrifft (man hasst zudem alle diejenigen gern, welche auf etwas Anspruch machen, das man für sich bestimmt hat), so hatte er eine solche Abneigung gegen den Poeten, dass sie durch dessen Vertrauen nicht vermindert wurde; er entschloss sich sofort, ihm alle erdenklichen Streiche zu spielen, zu welchem Geschäft er wegen seines Affengemütes sehr geschickt war. Um keine Zeit zu verlieren, borgte er noch an demselben Tage Geld von ihm und kleidete sich von Fuss bis zu Kopf ganz neu und legte weisse Wäsche an. Er war sein ganzes Leben lang ein Schwein gewesen; allein die Liebe, welche noch grössere Wunder tut, machte ihn am Ende seiner Tage auf seine Person aufmerksam. Er legte nun öfter weisse Wäsche an als einem alten Provinzkomödianten zukommt und fing an sich den Bart so oft zu färben und rasieren, dass selbst seine Kameraden aufmerksam wurden. An diesem Tage wurden die Komödianten eingeladen bei einem der reichsten Bürger der Stadt zu spielen, der ein grosses Fest mit Ball bei der Hochzeit einer seiner Verwandten gab, deren Vormund er war. Man versammelte sich in einem sehr schönen Hause eine Stunde weit von der Stadt; der Theatermaler und der Tischler waren schon des Morgens früh hinausgegangen um ein Theater aufzuschlagen. Die ganze Truppe fuhr gegen elf Uhr in zwei Kutschen hinaus, damit sie um Mittag dort sein konnte. Die Spanierin Donna Inezilla fuhr auf Bitten der Komödianten und des la Rancune mit. Ragotin, der Nachricht davon erhielt, erwartete die Kutschen in einer Schenke am Ende der Vorstadt, und band ein schönes Pferd, das er gemietet hatte, an das Gitter eines Fensters an, das auf die Strasse ging. Kaum hatte er sich niedergesetzt, als man ihm sagte, dass die Kutschen heran kämen. Er flog mit den Flügeln der Liebe auf sein Pferd, mit einem grossen Degen an der Seite und einem Karabiner im Achselband. Er hat es niemals gestehen wollen, warum er mit so vielen Verteidigungswaffen zu einer Hochzeit ging, und selbst sein Vertrauter la Rancune hat es nie erfahren können. Als er den Zaum seines Pferdes losgemacht hatte, da waren die Kutschen schon so nahe, dass er kaum mehr Zeit hatte, sich ordentlich aufzusetzen. Da er auch kein grosser Reiter war und in der Kunst sich vor andern zu zeigen sich nicht geübt hatte, so stellte er sich sehr ungeschickt dabei an, zudem das Pferd so hoch wie er kurz war. Er stieg jedoch mutig in den Steigbügel und schlug das rechte Bein tapfer über den Sattel, dessen Riemen nicht fest waren; dieses schadete unserm kleinen Mann sehr, denn sobald er niedersitzen wollte, drehte sich der ganze Sattel auf dem Pferd. Bis hierher war noch alles gut gegangen, allein der böse Karabiner, den er in dem Achselband hatte, das ihm wie ein Halsband um den Hals hing, kam, ohne dass er es merkte, unglücklicherweise zwischen seine Beine, so dass er gar nicht auf den Sattel zu sitzen kam, da der Karabiner vom Sattelknopf bis an das Hinterteil des Pferdes reichte. Er hatte also einen üblen Sitz und konnte die Steigbügel kaum mit den Fussspitzen erreichen; die Sporen, die er an seinen kurzen Beinen hatte, stachen das Pferd an einem Ort, wo es nicht gewohnt war den Sporn zu fühlen; es fing an geschwinder zu laufen als es für einen kleinen Menschen gut war, der auf einem Karabiner sass. Er drückte die Beine fest an, das Pferd sprang nach hinten in die Höhe und Ragotin, der den Gesetzen der Bewegung aller Körper folgte, kam auf den Hals des Pferdes zu sitzen und zerstiess sich dort die Nase, weil das Pferd, das er unvorsichtigerweise scharf anzog, den Kopf in die Höhe warf; nun dachte er seinen Fehler zu verbessern und liess es den Zügel fassen, worauf das Pferd einen Sprung tat, der den Reiter über den Sattel weg und wieder auf das Hinterteil warf, immer mit dem Karabiner zwischen den Beinen. Das Pferd war nicht gewohnt hinten etwas zu tragen, schlug hinten aus und warf Ragotin wieder in den Sattel. Der jämmerliche Reiter drückte nun die Beine noch fester an und das Pferd schlug noch höher nach hinten aus, und nun kam der Unglückliche gerade auf den Sattelknopf zu sitzen, wo wir ihn nun wie auf einem Pfahl sitzen lassen wollen, damit ich ein wenig ausruhen kann: denn diese Beschreibung hat mich auf meine Ehre mehr Mühe gekostet als das ganze übrige Buch, und dennoch bin ich nicht recht damit zufrieden. * Zwanzigstes Kapitel. Das kürzeste des gegenwärtigen Buches. Fortsetzung von Ragotins Ritt, und etwas ähnliches, so Roquebrune begegnete Wir haben Ragotin auf dem Sattelknopf sitzend verlassen, in einer sehr kritischen Lage, indem er nicht wusste, was noch aus ihm werden würde. Ich glaube auch nicht, dass Phaeton unglücklichen Andenkens mit den vier wilden Pferden seines Vaters in grösserer Verlegenheit war als jetzt unser kleiner Advokat auf einem Pferd, das so zahm war wie ein Lamm; und wenn er nicht jenem Verwegenen gleich das Leben einbüsste, so ist allein das Glück daran schuld, über dessen Launen ich mich sehr weitläufig auslassen könnte, wenn ich nicht in meinem Gewissen so verbunden mich fühlte, ihn geschwind aus der Gefahr zu retten, in der er war; ausserdem werden wir noch genug davon hören, während unsere Truppe sich zu Mans aufhält. Sobald der arme Ragotin bloss einen Sattelknopf zwischen jenen beiden fleischigen Teilen seines Körpers fühlte, auf welche sich jedes vernünftige Tier zu setzen pflegt, oder besser zu sagen: sobald er merkte, dass er nur noch auf einem kleinsten Fleck sass, verliess er als kluger Mann die Zügel und hielt sich an der Mähne des Pferdes fest, das nun zu laufen anfing. Der Karabiner ging los, Ragotin glaubte, der Schuss hätte ihn getroffen, das Pferd glaubte dasselbe und stolperte so stark, dass der Reiter im Sattelknopf seinen Sitz verlor und also an der Mähne des Pferdes eine Weile hing, mit einem Fuss durch den Sporn am Sattel festhängend und mit dem andern nebst dem übrigen Körper die Befreiung des haltenden Fusses erwartend, um in Gesellschaft des Karabiners, des Degens und des Achselbands auf die Erde zu fallen. Der Fuss ging endlich los, seine Hände liessen die Mähne fahren und er fiel mit weit mehr Anstand als er aufgestiegen war. Alles das war angesichts der Kutschen geschehen, die angehalten hatten, um ihm zu helfen oder sich darüber zu belustigen. Er fluchte über das Pferd, das nun stille stand, und um ihn zu trösten, nahm man ihn an Stelle des Poeten in den Wagen, welcher Herr froh war, auf das Pferd zu kommen, damit er neben dem Schlag mit Inezilla liebäugeln konnte. Ragotin übergab ihm seinen Degen und sein Schiessgewehr, das der mit martialischer Miene umhing. Er verlängerte die Steigbügel, machte den Zügel zurecht und stellte sich wirklich beim Aufstieg besser an als Ragotin. Allein es ruhte ein unglückseliges Schicksal auf dem Pferde. Der Sattel, der nicht fest angeschnürt war, drehte sich wieder wie bei Ragotin und da ihm zugleich das Hosenbein absprang, so schleifte ihn das Pferd eine Weile fort mit einem Fuss im Steigbügel und dem andern auf der Erde und sein Hinterteil den Augen der Zuschauer preisgegeben, weil ihm die Hosen bis auf die Knie heruntergefallen waren. Niemand hatte über Ragotins Erlebnis gelacht, weil man fürchtete, er möchte sich verletzen. Allein Roquebrunes Unfall wurde von den Kutschen mit lautem Lachen begleitet; die Kutscher hielten ihre Pferde an um recht auslachen zu können und alle Zuschauer schlugen Hohngelächter hinter Roquebrune an, der sich in ein Haus flüchtete und das Pferd laufen liess, das nach der Stadt umkehrte. Ragotin, der befürchtete er müsse es bezahlen, stieg aus dem Wagen, und der Poet, der sein Hinterteil wieder bedeckt hatte, stieg sehr verlegen wieder in die eine Kutsche und behinderte die andern sehr mit Ragotins Waffenrüstung, der nun schon das dritte Unglück vor den Augen seiner Schönen erlitten hatte, mit welchem Malheur wir dies Kapitel schliessen wollen. * Einundzwanzigstes Kapitel welches vielleicht nicht sehr unterhaltend vorkommen wird Die Schauspieler wurden von dem Herrn des Hauses, der ein braver Mann war, sehr gut empfangen. Man gab ihnen zwei Zimmer, wo sie ihr Gepäck aufheben und sich ungeniert zu der Komödie vorbereiten konnten, die auf die Nacht angesetzt wurde. Man liess sie auch besonders zu Mittag speisen, und nach Tisch konnten die, die spazieren wollten, entweder ein schönes Wäldchen oder einen hübschen Garten dafür wählen. Ein junger Parlamentsrat von Rennes, ein naher Verwandter des Hausherrn, kam zu den Komödianten und unterhielt sich mit ihnen, da er gefunden hatte, dass Destin Verstand besass, die Schauspielerinnen hübsch waren und auch was anderes reden konnten als bloss ihre auswendig gelernten Verse. Man sprach, was man gewöhnlich mit Komödianten spricht: von Theaterstücken und deren Verfassern. Der Parlamentsrat sagte unter anderem auch, dass die bekannten Lustspielstoffe alle abgebraucht wären, dass die Historie erschöpft sei, dass man bald würde gezwungen sein, die Regel der zeitlichen Einheit aufzugeben, da das Volk und der grösste Teil der Welt nicht wüssten, wozu diese strengen Theaterregeln dienten; dass man mehr Vergnügen dabei hätte, eine Sache agiert zu sehen als sie erzählen zu hören; und da nun alles dies gewiss und ausgemacht wäre, so wäre es auch möglich, sehr gute Stücke zu verfertigen, ohne in die ausschweifende Art der Spanier zu verfallen, und ohne sich nach den Regeln des Aristoteles zu plagen. Von der Komödie kam man auf die Romane zu sprechen. Der Parlamentsrat meinte, einige der neuen Romane wären sehr unterhaltend, und dass die Franzosen allein gute Romane zu machen verstünden. Dass hingegen die Spanier die Kunst verstünden, kleine Geschichten, die sie Novellen nennen, zu verfertigen, die zeitgemässer und natürlicher wären als jene Helden des Altertums, die einen mit ihrer übertriebenen Grösse fast erdrückten; dass auch Beispiele, die man nachahmen, ebenso nützlich wären als solche, die man kaum begreifen kann. Und er zog daraus den Schluss, dass französische Novellen in der Art derer des Michel Cervantes gewiss ebenso gerne gelesen werden würden als die Heldenromane. Roquebrune war aber ganz entgegengesetzter Meinung. Er sagte es geradezu, dass man nur solche Romane mit Vergnügen lesen könne, die Begebenheiten von Prinzen und Fürsten enthielten, und dass ihm der Roman Astrea deshalb auch nur an ein paar Stellen gefallen hätte. »Und in welcher Historie wird man Kaiser und Könige genug finden um Euch neue Romane zu machen?« fragte der Rat. »Man muss welche erfinden,« sagte Roquebrune, »so wie in den fabulösen Romanen, die gar nicht auf die Geschichte gegründet sind.« – »Ich sehe schon,« sagte der Rat, »dass der Don Quichote bei Euch nicht eben beliebt ist.« – »Das elendeste Buch,« versetzte Roquebrune, »das ich jemals gelesen habe, ob es gleich einer Menge Leute von Geist gefällt.« – »Nehmt Euch in acht,« sagte Destin, »dass es Euch nicht viel mehr durch Eure Schuld als die seinige missfällt.« Roquebrune würde gewiss darauf geantwortet haben, hätte er gehört, was Destin sagte; aber er war eben damit beschäftigt, einigen Damen, die sich den Komödianten genähert hatten, seine grossen Talente anzupreisen; er versprach ihnen, einen Roman in fünf Teilen zu schreiben, jeden Teil wenigstens zu zehn Bänden, und der Kassandra, Kleopatra und den Cirus weit übertreffen sollte, obgleich dieser letzte den Zunamen der Grosse führt, gerade so wie Pipins Sohn. Unterdessen erzählte der Rat dem Destin und den Schauspielerinnen von seinem Versuch, einige Novellen nach Art der spanischen zu schreiben und dass er ihnen einige vorlesen wollte. Inezilla nahm darauf das Wort und sagte in einem Französisch, das dem Gascognischen ähnlicher war als dem Spanischen, dass ihr erster Mann am spanischen Hof berühmt gewesen sei und verschiedene Novellen verfertigt hätte, die gut aufgenommen wurden und von denen sie noch einige im Manuskript besitze, die, ins Französische übersetzt, gewiss gefallen würden. Der auf dergleichen Bücher sehr neugierige Rat sagte der Spanierin, dass sie ihm mit der Mitteilung dieser Novellen ein ausnehmendes Vergnügen machen würde, und sie versprach es mit vieler Höflichkeit. Sie fügte noch hinzu, dass sie gewiss so viel zu erzählen wüsste wie irgend jemand, und da einige französische Damen sowohl Novellen als Verse gemacht hätten, so hätte sie es auch versucht und könnte mit einigen von ihrer Arbeit aufwarten. Der wie gewöhnlich sehr verwegene Roquebrune bot sich an sie ins Französische zu übersetzen. Inezilla, eine der feinsten Spanierinnen, die jemals über die Pyrenäen nach Frankreich kamen, antwortete, dass, es nicht genug wäre, Französisch zu verstehen, und dass man das Spanische ebenso gut verstehen müsse, und dass sie sich nicht weigern würde ihm ihre Novellen zum Übersetzen zu geben, sobald sie genug Französisch verstünde, um urteilen zu können, ob er es auch gut imstande wäre. La Rancune, der noch kein Wort gesprochen hatte, sagte, dass daran nicht zu zweifeln sei, weil Herr Roquebrune Korrektor in einer Druckerei gewesen wäre. Aber er hatte dies kaum gesagt, als er sich erinnerte, dass der ihm ja Geld geliehen hatte. Er trieb es also nicht weiter und Roquebrune gestand ganz beschämt, dass er eine Zeitlang in einer Druckerei korrigiert habe, aber es wären bloss seine eigenen Werke gewesen. Mademoiselle de l' Etoile sagte hierauf zu Donna Inezilla, sie würde sie oft bitten von den vielen Geschichten zu erzählen, die sie wüsste. Wozu die Spanierin sogleich bereit war. Man nahm sie beim Wort, die ganze Gesellschaft setzte sich um sie herum und sie fing eine Geschichte an. Nicht zwar ganz so wörtlich, wie sie im folgenden Kapitel zu lesen ist, aber doch hinreichend deutlich, um zu zeigen, dass sie in der spanischen Sprache viel Geist besitzen musste, da sie so viel in der ihr fremden französischen Sprache zeigte, deren Feinheiten sie nicht kannte. * Zweiundzwanzigstes Kapitel. Betrogener Betrüger Eine junge Dame von Toledo, namens Viktoria, aus dem alten Geschlechte der Portocarrero, hatte sich während der Abwesenheit ihres Bruders, der Kavalleriehauptmann in den Niederlanden war, auf ein Landgut zurückgezogen, das am Tajo, etwa eine halbe Stunde von Toledo liegt. Sie war mit siebzehn Jahren Witwe von einem alten Edelmann geworden, der sich sein Vermögen in Indien gemacht hatte, sechs Monate nach seiner Heirat auf der See ertrank und seiner Frau seinen beträchtlichen Reichtum hinterliess. Diese schöne Witwe hatte seit dem Tode ihres Mannes bei ihrem Bruder gelebt, und so sittsam und eingezogen, dass die Mütter sie ihren Töchtern zum Vorbild gaben und die verliebten Herrn sie sich zum würdigen Ziele nahmen, und eine Eroberung, aller Mühe wert. Wenn schon bei ihrem eingezogenen Leben die Liebe verschiedener Anbeter erkaltet war, so hatte auf der andern Seite sich dafür die Achtung der Welt für ihre Person vermehrt. Sie genoss in diesem Landhaus das Vergnügen des Landlebens in aller Freiheit, als eines Morgens ihre Schäfer zwei Menschen vor sie führten, welche sie entkleidet und an Bäume angebunden gefunden, wie sie die Nacht verbracht hatten. Man hatte jedem von ihnen eine schlechte Schäferjacke gegeben, um sie damit zu bedecken, und in diesem Aufzug erschienen sie nun vor der schönen Viktoria. Ihre geringe Kleidung verbarg ihr jedoch nicht die gute Gestalt des Jüngsten, welcher der Viktoria ein höfliches Kompliment machte und sagte, dass er ein Edelmann wäre und Dom Lopez von Gongora hiesse, dass er von Sevilla käme und wegen wichtiger Geschäfte nach Madrid wollte; da er sich aber eine halbe Tagreise von Toledo, wo er zu Mittag gegessen, mit dem Spiel aufgehalten hätte, wäre die Nacht über ihn gekommen, und er wäre in Erwartung seines Maultiertreibers, der zurückgeblieben war, nebst seinem Bedienten eingeschlafen; hierauf hätten Räuber, die ihn und seinen Bedienten schlafend fanden, sie beide an Bäume angebunden und bis aufs Hemd ausgezogen. Viktoria zweifelte gar nicht an der Wahrheit seiner Worte, und sein gutes Ansehen bestärkte sie noch mehr, und so war es doch nur in Ordnung, einem Fremden, der in solche Not geraten war, wieder zu helfen. Von ungefähr fand man unter dem Gepäck, das ihr Bruder zurückgelassen hatte, einige Kleider, aus denen man das beste für den Herrn wählte; auch der Bediente wurde mit dem, was man in der Geschwindigkeit für ihn finden konnte, bekleidet. Als die Mittagstunde gekommen war, liess Viktoria den Herrn mit an ihrem Tisch essen, und er kam ihr so reizend vor, und zeigte so vielen Verstand, dass sie glaubte, dass die Hilfe, die sie ihm leistete, niemals besser könnte angewendet werden. Sie blieben den ganzen Tag beisammen und gefielen einander so sehr, dass sie selbst die Nacht durch weniger schliefen als gewöhnlich, und lange aufblieben. Der Fremde wollte seinen Bedienten nach Madrid schicken, um Geld zu holen und sich Kleider machen zu lassen, oder wenigstens tat er so: die schöne Witwe wollte dies aber nicht zugeben und versprach ihm so viel als er zu seiner Reise nötig hätte. Er erklärte ihr noch denselben Tag seine Liebe, was gut aufgenommen wurde. Nach vierzehn Tagen kam es durch die Anmut des Orts, die gleiche Liebe der beiden, durch eine Menge Schwüre von der einen und zuviel Glauben von der andern Seite zu einem Eheversprechen und einem in Gegenwart eines alten Dieners und einer Magd gehaltenen Verlöbnis, wodurch sie einen Fehler beging, dessen man sie unfähig geglaubt hätte. Sie setzte also diesen glücklichen Fremden in den Besitz der schönsten Dame von Toledo. Acht Tage lang waren die beiden Verliebten nichts als Feuer und Flamme. Endlich musste man sich trennen, und es gab viele Tränen. Viktoria hätte ihn zwar wohl zurückhalten können, aber als der Fremde ihr sagte, dass er ihr zuliebe gern eine wichtige Sache verlieren wollte, und da er einmal ihr Herz gewonnen, so wollte er nun gerne seinen Prozess in Madrid und seine Stellung bei Hof fahren lassen, da war sie die erste, die seine Abreise beschleunigte, weil sie ihn doch nicht so blind liebe, dass sie das Vergnügen, ihn bei sich zu sehen, seinem Nutzen vorziehen wolle. Sie liess in Toledo Kleider für ihn und seinen Bedienten machen, gab ihm so viel Geld als er haben wollte, und die beiden reisten nach Madrid ab: er auf einem Maultiere und sein Bedienter auf einem andern. Die gute Dame war sehr betrübt als sie ihn fortziehen sah, und wenn er es auch nicht war, so wusste er es doch auf das beste zu heucheln. Den Tag, an dem er abreiste, fand eine Magd, die das Zimmer reinigte, das er bewohnt hatte, ein Porträt in einen Brief eingewickelt und trug beides zu ihrer Herrschaft, die in dem Porträt das sehr schöne und sehr junge Gesicht einer Dame fand, in dem Brief aber folgende Worte: »Mein lieber Vetter! Ich übersende Euch das Porträt der schönen Elvire von Silva; wenn Ihr sie aber sehen werdet, so werdet Ihr sie noch schöner finden als sie der Maler gemacht hat. Dom Pedro de Silva, ihr Vater, erwartet Euch mit Ungeduld; die Heiratsbedingungen sind so wie Ihr sie gewünscht habt, und sind, wie mich dünkt, sehr zu Eurem Vorteil. Alles dies verlohnt sich wohl der Mühe, dass Ihr bald hierher kommt. Madrid usw. Dom Antonio von Ribera.« Der Brief war an Ferdinand von Ribera nach Sevilla überschrieben. Man stelle sich nun das Erstaunen der Viktoria vor, als sie diesen Brief las, der aller Wahrscheinlichkeit nach an niemand anders geschrieben war als an ihren Lopez von Gongora, allein sie sah es nun zu spät ein, dass dieser Fremde, dem sie sich so sehr und so bald verbunden gemacht, ihr seinen wahren Namen verborgen hatte, und eben daraus konnte sie sicher auf seine Untreue schliessen. Die Schönheit der porträtierten Dame setzte sie gleichfalls in Unruhe; und diese Heirat, deren Artikel schon beschlossen waren, brachte sie vollends zur Verzweiflung. Niemals war eine Person betrübter; ihre Tränen erstickten sie, und sie weinte so stark, dass sie krank davon wurde. O ich Unglückliche! sagte sie ein über das andre Mal zu sich selbst, und manchmal auch in Gegenwart des alten Bedienten und der alten Magd, die Zeugen ihrer Heirat gewesen waren, warum musste ich so lange besonnen sein, um schliesslich einen solchen Fehler zu begehen? Und warum musste ich so viele vornehme Personen aus meiner Bekanntschaft abweisen, die sich glücklich geschätzt hätten, mich zu besitzen, um mich einem Unbekannten aufzuhängen, der sich vielleicht nun darüber freut, dass er mich für das ganze Leben unglücklich gemacht hat? Was wird man in Toledo, ja in ganz Spanien darüber sagen? Wird ein junger, listiger und betrügerischer Mensch wohl verschwiegen sein? Warum musste ich einem Menschen meine Liebe bekennen, ehe ich noch wusste ob er mich wieder liebte? Würde er mir, wenn er aufrichtig gewesen wäre, seinen Namen verborgen haben? Kann ich wohl nach alledem noch hoffen, dass er sich meiner Gunst nicht rühmen wird? Was wird mein Bruder nicht mit mir anfangen, nach dem was ich selbst wider mich getan habe, und was hilft es ihm, dass er sich in Flandern Ruhm erwirbt, während ich ihn in Spanien entehre? Nein, Viktoria, weil du denn alles vergessen hast, so musst du nun auch alles wagen. Aber ehe ich mich räche und zum Äussersten schreite, muss ich das durch List wieder zu erhalten suchen, was ich aus Unachtsamkeit verloren habe; es wird noch Zeit genug sein, sich ganz zu verderben, wenn nichts mehr wird zu hoffen sein. Viktoria war stark genug, um in einer so schlimmen Sache einen festen Entschluss zu fassen. Ihr alter Diener und ihre Magd wollten mit ihr die Sache besprechen, aber sie sagte, dass sie alles wüsste, was man ihr sagen könnte; und dass man jetzt bloss handeln müsse. Noch denselben Tag wurde ein Wagen und ein Karren mit Möbeln und Stoffen beladen; und Viktoria liess unter ihren Leuten ausstreuen, dass sie wichtiger Geschäfte halber, die ihren Bruder beträfen, an den Hof müsste; sie stieg hierauf mit ihrem alten Diener und ihrer Magd in einen Wagen und nahm den Weg nach Madrid, wohin auch das Gepäck vorausgegangen war. Dort angekommen, erkundigte sie sich nach der Wohnung des Dom Pedro de Silva, und nachdem sie es erfahren, mietete sie sich in demselben Viertel ein. Ihr alter Diener hiess Rodrigo Santillana; er war in seiner Jugend von dem Vater der Viktoria aufgezogen worden und liebte seine Gebieterin wie wenn sie seine Tochter gewesen wäre. Da er viele Bekanntschaften in Madrid hatte, so erfuhr er sehr bald, dass die Tochter des Dom Pedro de Silva an einen Edelmann aus Sevilla namens Fernando von Ribera verheiratet werden sollte, dass einer seiner Verwandten gleichen Namens diese Heirat zustande gebracht hatte, und dass Dom Pedro schon die Leute aussuchte, die er seiner Tochter mitgeben wollte. Den andern Tag gingen Rodrigo Santillana gut gekleidet und Viktoria als eine Witwe aus dem Mittelstand und Beatrix, ihre Magd, welche die Rolle ihrer Schwiegermutter und Frau des Santillana vorstellte, zu Dom Pedro und verlangten ihn zu sprechen. Dom Pedro empfing sie sehr höflich und Rodrigo sagte ihm mit vieler Sicherheit er wäre ein alter Edelmann aus den Toledanischen Bergen, hätte eine einzige Tochter von seiner ersten Frau, dies wäre Viktoria, deren Mann vor kurzem zu Sevilla, wo er gewohnt hätte, gestorben, und da nun seine Tochter Witwe und ohne Vermögen wäre, so hätte er sie zu Hofe gebracht, um ihr eine Stelle zu suchen. Da er nun gehört hätte, dass er seine Tochter verheiraten wollte, so glaubte er ihm einen Gefallen zu tun, wenn er ihm eine junge Witwe als Duenna bei der neu Verheirateten anböte, und setzte noch hinzu, dass die Talente seiner Tochter ihn so kühn machten, sie ihm anzubieten, und dass er gewiss mit ihr ebenso zufrieden sein würde als er es mit ihrem guten Ansehen zu sein scheine. Ehe ich weitergehe, muss ich denjenigen die es nicht wissen sagen, dass die spanischen Damen Duennas bei sich haben, und diese Duennas sind ungefähr ebendas was die Ehrendamen bei Damen vom hohen Stande sind; und noch muss ich sagen, dass diese Duennas gewöhnlich sehr streng und böse sind, und ebenso gefürchtet werden wie die Schwiegermütter. Rodrigo spielte seine Rolle so gut und Viktoria schien in ihrem einfachen Kleid so hübsch und angenehm, dass Dom Pedro sie auf der Stelle annahm, um sie seiner Tochter zur Gesellschaft zu geben. Er bot sogar dem Rodrigo und seiner Frau Stellen in seinem Hause an; Rodrigo aber entschuldigte sich und sagte, dass er gewisse Gründe habe, die ihn nötigten, die Ehre die er ihm zudachte abzulehnen; da er aber in der Nachbarschaft wohne, so wäre er bereit, ihm alle möglichen Dienste zu erweisen so oft er sich seiner bedienen wolle. Viktoria war also in dem Haus des Dom Pedro, wurde von ihm und seiner Tochter sehr geliebt und von allen Bedienten beneidet. Dom Antonio von Ribera, der die Heirat seines untreuen Vetters mit Dom Pedros Tochter veranstaltet hatte, sagte ihr oft, dass sein Vetter unterwegs wäre, und dass er ihm vor seiner Abreise von Sevilla noch geschrieben hätte; und immer noch kam dieser Vetter nicht an, was ihn sehr verlegen machte. Dom Pedro und seine Tochter wussten nicht was sie davon denken sollten und Viktoria nahm noch weit stärkern Anteil daran. Dom Fernando aber konnte nicht so geschwind kommen; denn noch an ebendem Tage als er von Viktoria wegreiste, traf ihn für seinen Meineid die Strafe. Als er zu Illescas ankam, wurde sein Maultier durch einen Hund, der aus einem Hause stürzte, scheu und quetschte ihm das eine Bein gegen eine Mauer und warf ihn auf die Erde. Dom Fernando verrenkte sich den einen Fuss, und befand sich so übel, dass er nicht weiter konnte. Er lag sieben Tage unter den Händen der Ärzte und Wundärzte der Gegend, und da sich sein Übel täglich verschlimmerte, so meldete er es seinem Vetter und bat ihn, ihm eine Sänfte zu schicken. Bei dieser Nachricht bedauerte man ihn sehr und freute sich aber doch, dass man endlich erfahren hatte wo er war. Viktoria, die ihn noch liebte, war sehr beunruhigt. Dom Antonio schickte fort, um den Dom Fernando abzuholen, der also nach Madrid kam, wo ihn die Wundärzte von Madrid, die geschickter waren als die von Illescas, während der Zeit, dass man für ihn und sein Gefolge, das sehr prächtig war, Kleider verfertigte (denn er war der älteste seines Hauses und sehr reich), glücklich wieder kurierten. Dom Pedro und seiner Tochter Elvire wurde der Tag gemeldet, an dem Dom Antonio ihnen seinen Vetter Dom Fernando vorstellen würde. Vermutlich wird sich die junge Elvire an diesem Tag nicht nachlässig angezogen haben und Viktoria war gewiss nicht ganz ruhig. Sie sah ihren Ungetreuen ankommen, geschmückt wie ein Bräutigam, und da er ihr schlecht und unordentlich gekleidet schon gefallen hatte, so fand sie in seinem Hochzeitskleide an ihm den schönsten Mann der Welt. Dom Pedro war sehr zufrieden mit ihm, und seine Tochter müsste sehr eigensinnig gewesen sein, wenn sie etwas an ihm auszusetzen gefunden hätte. Alle Bedienten im Hause sahen den Bräutigam ihrer jungen Herrschaft mit grossen Augen an, und jedermann freute sich über ihn, ausgenommen Viktoria, der es sehr ans Herz ging. Dom Fernando war von der Schönheit Elvirens bezaubert und gestand seinem Vetter, dass sie noch schöner wäre als ihr Bildnis. Er machte ihr und ihrem Vater sein erstes Kompliment sehr artig und hütete sich eine von den Albernheiten vorzubringen, die ein Mann, der sich verheiraten will, gewöhnlich seinem Schwiegervater und seiner Geliebten zu sagen pflegt. Dom Pedro schloss sich mit den zwei Vettern und einem Schreiber in ein Kabinett, um noch einiges fehlendes zu dem Ehevertrag hinzuzusetzen. Unterdessen blieb Elvire auf ihrem Zimmer, von allen ihren Frauen umgeben, die sich über das gute Ansehen ihres Bräutigam entzückten. Viktoria allein blieb bei der Freude der andern ernsthaft und kühl. Elvire bemerkte das, nahm sie auf die Seite und sagte ihr, wie sie erstaunt sei, dass sie ihr kein Kompliment machte über die glückliche Wahl, die ihr Vater in einem Schwiegersohn getroffen hätte, der so viel Verstand zu haben scheine, und fügte noch hinzu, dass sie ihr wenigstens aus Schmeichelei oder aus Höflichkeit etwas angenehmes darüber sagen könnte. Viktoria antwortete, dass das Äussere ihres Bräutigams so vorteilhaft für ihn spräche, dass es unnötig wäre, etwas zu seinem Lobe zu sagen. »Meine Kälte, die Sie bemerkt haben, kommt nicht aus Gleichgültigkeit, und ich wäre Ihrer Güte unwert, wenn ich nicht teil an alledem nähme, was Sie erfreut; ich würde mich also so wie die andern über ihre Heirat gefreut haben, wenn ich denjenigen weniger kennte, der Ihr Gemahl werden soll. Der meinige war von Sevilla und sein Haus war nicht weit von dem Haus des Vaters Ihres Bräutigams entfernt. Er ist von gutem Stand, schön und ich glaube auch, dass er Geist hat; kurz er ist Ihrer nicht unwürdig: allein Sie verdienen die ganze Liebe eines Mannes, und dieser da kann Ihnen das nicht geben, was er nicht mehr hat; ich würde mich wohl hüten, Ihnen Dinge zu sagen, die Ihnen missfallen könnten, aber ich würde wider meine Pflicht handeln, wenn ich Ihnen nicht alles offen sagte, was ich von Dom Fernando weiss, und zwar in einem Augenblicke, von dem das künftige Glück oder Unglück Ihres Lebens abhängt.« Elvire erstaunte sehr über das, was ihr ihre Hofmeisterin sagte und bat, sie nicht länger in Unruhe zu lassen und ihr alles zu sagen, was sie wusste. Viktoria sagte, dass dies nicht so schnell und in Gegenwart aller ihrer Dienstleute geschehen könnte. Elvire tat als wenn sie in ihrem Zimmer zu tun hätte; und sobald Viktoria sich dort mit ihr allein sah, so erzählte sie, dass Dom Fernando in eine gewisse Lukrezia von Monsalva zu Sevilla verliebt sei, die eine sehr schöne Dame, jedoch arm wäre; dass er drei Kinder unter einem Eheversprechen von ihr hätte; dass zu Lebzeiten des Vaters des Ribera die Sache war geheim gehalten worden, und dass, als nach dessen Tod Lukrezia auf die Erfüllung seines Versprechens drang, er gegen sie sehr kalt geworden wäre; sie hätte hierauf die Sache zwei Edelleuten unter ihren Verwandten übergeben, was in Sevilla viel Aufsehen gemacht habe. Dom Fernando hätte sich auf Anraten seiner Freunde eine Zeitlang von Sevilla ferngehalten, um den Verwandten der Lukrezia zu entgehen, die ihn überall aufsuchten, um ihn umzubringen. So, schloss sie, stand die Sache, als sie Sevilla vor einem Monat verliess, und als zugleich das Gerücht sich verbreitete Dom Fernando wolle sich in Madrid verheiraten. Elvire konnte es sich nicht versagen, zu fragen, ob diese Lukrezia so sehr schön sei. Viktoria sagte, dass ihr bloss das Vermögen fehlte, nichts sonst, und liess Elvire traurig und mit dem Entschluss allein, ihrem Vater alles, was sie erfahren hatte, sofort zu entdecken. Man kam gerade, um sie wieder zu ihrem Bräutigam zurückzurufen, der mit ihrem Vater seine Geschäfte erledigt hatte. Elvire ging hin, Viktoria aber blieb im Vorzimmer, wo sie eben den Bedienten ihres Ungetreuen eintreten sah, der ihn damals begleitete, als sie beide so grossmütig in ihrem Haus aufgenommen hatte. Dieser Bediente brachte seinem Herrn ein Paket Briefe, die mit der Post von Sevilla für ihn angekommen waren. Er konnte Viktoria wegen ihres Witwenkopfputzes, der sie sehr verstellte, nicht erkennen. So bat er sie, seinen Herrn herauszurufen, damit er ihm seine Briefe geben könnte. Aber sie sagte ihm, dass er seinen Herrn noch lange nicht würde sprechen können, wenn er ihr aber sein Paket anvertrauen wolle, so würde sie es ihm übergeben, sobald er zu sprechen wäre. Der Bediente bedachte sich nicht lange, übergab ihr sein Paket und ging wieder fort. Viktoria, die sich nun alles zunutze machen musste, ging in ihr Zimmer hinauf, öffnete das Paket und machte es alsbald wieder zu, nachdem sie einen Brief hineingetan, den sie in der grössten Eile geschrieben hatte. Unterdessen endigten die beiden Vettern ihren Besuch. Elvire sah das Paket in den Händen ihrer Hofmeisterin und fragte, was es wäre. Viktoria sagte ganz leichthin, der Bediente des Dom Fernando hätte ihr es gegeben, dass sie es seinem Herrn zustelle und dass sie es ihm nachschicken wolle, weil sie nicht zugegen gewesen als er fortging. Elvire sagte, dass es nichts täte, wenn man es öffnete und dass man vielleicht Nachricht von dieser Sache darin finden würde, die sie ihr vorhin hinterbracht hätte. Viktoria, die dies eben wünschte, öffnete das Paket zum zweitenmal. Elvire besah alle Briefe und hielt sich besonders bei dem auf, der mit einer Damenhand überschrieben und an Fernando von Ribera zu Madrid gerichtet war; sie las darin folgendes: »Eure Abwesenheit und die Neuigkeit, die ich erfahren habe, dass Ihr Euch bei Hofe verheiratet, werden Euch bald eine Person entreissen, die Euch mehr als ihr Leben liebt, wenn Ihr nicht bald kommt und das erfüllt, was Ihr versprochen habt und nun nicht länger aufschieben dürft oder nicht verweigern könnt, ohne zum offenbaren Betrüger an mir zu werden. Wenn das, was man von Euch sagt, wahr ist, und Ihr Euch wirklich weder um mich noch um unsere Kinder mehr viel kümmert, so seid Ihr in Gefahr Euer Leben zu verlieren, das meine Vettern Euch bald nehmen werden, sobald Ihr mich zwingt, sie darum zu bitten; sie haben es Euch bis jetzt nur auf mein Bitten noch gelassen. Sevilla. Lukrezia von Monsalva.« Nun zweifelte Elvire nicht mehr an alledem, was ihr Viktoria gesagt hatte. Sie zeigte den Brief ihrem Vater, der sich nicht genug darüber wundern konnte, dass ein Mann von Ehre so niedrig sein konnte, eine Dame von vornehmer Geburt zu verlassen, nachdem er Kinder mit ihr gehabt hätte. Er ging sogleich, bei einem Edelmann von Sevilla, der ein vertrauter Freund von ihm war und von welchem er früher schon Nachrichten von den Vermögensumständen des Dom Fernando erhalten hatte, Genaues darüber zu erfahren. Kaum war er gegangen, so kam Dom Fernando mit seinem Bedienten, um seine Briefe zu holen, da dieser ihm gesagt hatte, die Hofmeisterin seiner Geliebten hätte es übernommen, ihm das Paket zu geben. Er traf Elvire in dem Saal an und sagte ihr, dass er, obgleich in der Lage, in der er jetzt gegen sie wäre, zwei Besuche verzeihlich wären, er doch nur käme, um seine Briefe abzuholen, die sein Bedienter ihrer Hofmeisterin gegeben hätte. Elvire antwortete, dass sie ihr die Briefe abgenommen und dass sie das Paket geöffnet habe, weil sie sicher war, dass ein Mensch von seinem Alter in einer so grossen Stadt wie Sevilla nicht ganz ohne Liebesgeschichten hätte bleiben können; und obgleich ihre Neugierde eben nicht gar sehr befriedigt worden, so hätte sie doch daraus erfahren, dass diejenigen, die sich verheiraten ohne einander vorher zu kennen, sehr viel wagten – und sie wolle ihn nun nicht länger des Vergnügens berauben, seine Briefe zu lesen. Mit diesen Worten gab sie ihm sein Paket und den gewissen Brief, machte ein Kompliment und liess ihn stehen ohne seine Antwort abzuwarten. Dom Fernando staunte sehr über das was ihm seine Geliebte sagte. Er las den untergeschobenen Brief und sah leicht daraus, dass man seine Heirat durch eine List hintertreiben wollte. Er wandte sich an Viktoria, die wie zufällig in dem Saal war, und sagte ihr, ohne sie genau anzusehen, dass entweder ein Nebenbuhler oder eine andere boshafte Person den Brief geschrieben hätte. Ich soll eine Frau und Kinder in Sevilla haben? Ich will doch sogleich des Todes sein, wenn dies nicht die ärgste Lüge ist, die man sich denken kann! Viktoria sagte, dass er vielleicht unschuldig sei, aber ihre Gebieterin könne in der Sache doch nicht weniger tun als sich darnach erkundigen lassen, und die Heirat würde ganz gewiss nicht früher vor sich gehen, bevor Dom Pedro sich bei einem Edelmann aus Sevilla, zu dem er gerade gegangen wäre, überzeugt hätte, dass dies alles falsche boshafte Gerüchte wären. »Dies wünsche ich von ganzem Herzen«, antwortete Dom Fernando, »und wenn in ganz Sevilla ein Frauenzimmer ist, das sich Lukrezia von Monsalva nennt, so will ich alle meine Ehre verlieren.« »Ich bitte Sie,« fuhr er fort, »wenn Sie etwas über Elvire vermögen, wie ich gar nicht bezweifle, es mir zu sagen, damit ich Sie beschwören kann, mich bei ihr zu verteidigen.« »Ich glaube,« meinte Viktoria, »dass ich ohne Eitelkeit wohl sagen kann, dass sie nicht leicht einem andern das bewilligen wird, was sie mir verweigert; aber ich kenne auch ihren Sinn, – sie ist nicht so leicht zu besänftigen, wenn sie einmal glaubt hintergangen zu sein. Und da die ganze Hoffnung auf mein Fortkommen bloss auf der Neigung beruht, die sie zu mir hat, so werde ich sie gewiss um Euretwillen nicht beleidigen und es wagen, mich bei ihr verhasst zu machen oder ihr zu missfallen, indem ich ihr die Zweifel benehmen wollte, die sie in Eure Aufrichtigkeit setzt. Ich bin arm und nichts gewinnen ist für mich ein wahrer Verlust; wenn also das, was sie mir zu meiner Heirat versprochen hat, mir entginge, so bliebe ich mein ganzes Leben lang Witwe; ob ich gleich noch jung bin und manchem artigen Mann gefallen kann. Allein man sagt mit Recht, dass ohne Geld ...« Hier wollte sie nach Gouvernantenart eine lange Predigt anfangen; denn um diese Rolle gut zu spielen, musste sie viel schwätzen. Aber Dom Fernando unterbrach sie: »Erweist mir nur den Dienst, den ich von Euch verlange, und ich will Euch instand setzen, dass Ihr alle Belohnungen Eurer Gebieterin entbehren könnt; und um Euch zu zeigen, dass ich nicht bloss mit Worten bezahle, so gebt mir Papier und Tinte und ich will Euch ein Gutschreiben aufsetzen, wie Ihr es nur haben wollt.« »Ach!« antwortete die vermeintliche Hofmeisterin, »das Wort eines ehrlichen Mannes ist schon hinreichend, aber um Euch zu gehorchen, will ich alles herbeiholen.« Sie kam nun mit allem zurück was nötig gewesen wäre, um ein Gutschreiben von mehr als hundert Millionen auszufertigen und Dom Fernando war so galant – oder es war ihm an Elvirens Besitz so viel gelegen, – dass er bloss seinen Namen auf einen weissen Bogen Papier setzte, um sie durch dies Vertrauen zu bewegen, sich für ihn zu verwenden. Nun hatte Viktoria gesiegt. Sie versprach dem Dom Fernando alles und versicherte ihm, sie wollte die schlechteste Person von der Welt sein, wenn sie sich in dieser Sache nicht so für ihn verwenden würde als wenn es ihre eigene Person beträfe, – und hierin log sie nicht. Dom Fernando verliess sie voller Hoffnung, und Rodrigo Santillana, der sich für ihren Vater ausgab, kam zu ihr und fragte sie, was sie zum besten ihrer Sache bisher getan hätte. Sie erzählte ihm die ganze Sache und zeigte ihm das Blankett, worüber er sich ausserordentlich freute; nun würde alles nach ihrem Wunsch gehen. Um keine Zeit zu verlieren, ging er sogleich wieder nach Haus, das Viktoria nicht weit von dem des Dom Pedro gemietet hatte, wo er denn oben über die Unterschrift des Dom Fernando ein Eheversprechen schrieb, mit Zeugen unterschreiben liess und von dem Tag an datierte als Viktoria diesen Ungetreuen auf ihrem Landhaus aufnahm. Er schrieb so gut wie einer in Spanien und wusste die Schrift des Dom Fernando so gut nachzumachen, dass Dom Fernando selbst dadurch betrogen wurde. Dom Pedro fand den Edelmann nicht, den er aufgesucht hatte, um sich wegen der Heirat des Dom Fernando bei ihm zu erkundigen; er liess also ein Billett zurück und kam wieder nach Hause, wo Elvire denselben Abend ihr Herz gegen ihre Hofmeisterin ausschüttete und ihr beschwor, dass sie lieber ihrem Vater ungehorsam sein wolle, als dass sie jemals den Dom Fernando heiraten würde. Sie gestand ihr ferner, dass sie einem gewissen Diego von Maradas schon lange sehr gewogen sei, und dass sie nur die Liebe zu ihrem Vater bisher bewogen hätte, ihre Neigung seinem Willen zu unterwerfen; da aber nun das schlechte Betragen des Dom Fernando entdeckt wäre, so glaubte sie durch ihre Weigerung der Stimme des Himmels zu folgen, die ihr einen andern Gemahl zu bestimmen schien. Man kann sich leicht denken, dass Viktoria sie in diesen Meinungen nur bestärkte, und gewiss nicht zum besten des Dom Fernando sprach. Dom Diego von Maradas, sagte Elvire, ist böse mit mir, weil ich ihn verlassen habe, um meinem Vater zu gehorchen; aber sobald ich ihm nur einen Blick schenke, so bin ich sicher, dass er wieder zurückkehrt, sollte er auch so weit fort sein als jetzt Dom Fernando von seiner Lukrezia ist. Schreiben sie ihm, sagte Viktoria, und ich erbiete mich, ihm selbst den Brief zu überbringen. Elvire war entzückt, dass ihre Hofmeisterin so sehr auf ihrer Seite war. Sie liess sogleich den Wagen anspannen, worein sich Viktoria mit einem Liebesbriefchen für den Dom Diego setzte und vor dem Haus ihres Vaters Santillana abstieg; dem Kutscher sagte sie, dass sie da wo sie hin wollte, zu Fuss gehn würde. Der gute Santillana zeigte ihr das Eheversprechen, das er verfertigt hatte, und sie schrieb sogleich zwei Briefe: einen an Dom Diego de Maradas und den andern an Dom Pedro de Silva, den Vater ihrer Gebieterin, in denen sie beide bat, in einer sehr wichtigen Sache sich sogleich zu ihr in ihr Haus zu verfügen, das sie in den Briefen angab, die sie mit Viktoria Portocarrero unterschrieb. Während diese Briefe besorgt wurden, legte Viktoria ihr Witwenkleid ab, kleidete sich sehr prächtig und liess ihr Haar, dass wie man mir versichert hat, sehr schön gewesen sein soll, hochkämmen, was ihr entzückend stand. Dom Diego von Maradas kam bald darauf zu ihr, um zu erfahren, was eine Dame von ihm haben wollte, von der er niemals etwas gehört hätte. Sie empfing ihn sehr freundlich, und kaum hatte er sich niedergesetzt, als man den Dom Pedro de Silva meldete, der sie sprechen wollte. Sie bat den Dom Diego, sich in ihren Alkoven zu verstecken und versicherte ihm, dass es für ihn äusserst wichtig wäre, dass er die Unterredung, die sie mit Dom Pedro haben würde, mit anhöre. Er tat ohne Zögern was eine so schöne Dame von ihm verlangte, und Dom Pedro wurde in das Zimmer der Viktoria geführt, die er aber nicht erkannte, so sehr war ihr Kopfputz von dem verschieden, den sie in seinem Hause trug, und ausserdem hatten die schönen Kleider ihr ein ganz anderes Ansehn gegeben. Sie liess den Dom Pedro an einer Stelle sich niedersetzen wo Diego alles mit anhören konnte was sie mit ihm sprach, und begann alsbald: »Ich glaube, mein Herr, dass ich Euch zuerst sagen muss wer ich bin, um Euch nicht länger in Ungewissheit hierüber zu lassen. Ich bin von Toledo aus dem Hause Portocarrero, ich wurde im sechzehnten Jahr verheiratet und war sechs Monate nach meiner Heirat Witwe. Mein Vater trug das Sankt-Jakobs-Kreuz und mein Bruder ist in dem Orden von Calatrava.« Dom Pedro unterbrach sie und sagte, dass ihr Vater einer seiner vertrautesten Freunde gewesen sei.« – »Das was Sie mir sagen freut mich sehr,« antwortete Viktoria, »denn ich werde in der Sache, von der ich mit Ihnen reden will, sehr viele Freunde nötig haben.« Sie erzählte nun dem Dom Pedro alles was ihr mit Dom Fernando begegnet war, und gab ihm das Eheversprechen, das Santillana gemacht hatte, in die Hände. Sobald er es gelesen hatte, fuhr sie fort und sagte: »Sie wissen, mein Herr, wozu mich die Ehre jetzt verpflichtet. Wenn auch die Gerechtigkeit nicht auf meiner Seite wäre, so habe ich Ansehn und Freunde genug, um diese Sache so weit zu treiben als es nur immer möglich ist. Ich glaubte also, dass ich Sie zuerst von meinen Ansprüchen unterrichten müsste, damit Sie in der Verheiratung Ihrer Tochter nicht weiter gehen mögen. Sie verdient etwas besseres als einen untreuen Menschen, und ich halte Sie für zu vernünftig, als dass Sie darauf bestehen sollten, ihr einen Gemahl zu geben, den man ihr streitig machen könnte.« – »Und wenn er ein Grand von Spanien wäre,« versetzte Dom Pedro, »so möchte ich ihn nicht haben, sobald er ungerecht handelt; er soll nicht allein meine Tochter nicht heiraten, sondern ich werde ihm auch mein Haus verbieten, und Ihnen, Madame biete ich mein Haus und meine Freundschaft an. Ich habe ohnedies bereits erfahren, dass er ein Mann ist, der jedes Vergnügen, wie er es findet, mitnimmt, und sollte es auch auf Kosten seines guten Namens geschehen. Da er nun so ist, so soll er, wenn er auch nicht schon Ihnen zugehörte, gewiss niemals meine Tochter erhalten, die am Hof von Spanien gewiss nicht ohne Gemahl bleiben wird.« Dom Pedro blieb nicht länger bei Viktoria, da er sah, dass sie ihm nichts weiter zu sagen hatte, und Viktoria liess also den Dom Diego aus dem Alkoven heraus, wo er die ganze Unterredung mit angehört hatte. Sie wiederholte ihm also die Geschichte nicht, sondern gab ihm Elvirens Brief, über den er ganz entzückt war, und da er begierig sein konnte zu erfahren, wie er in ihre Hände gekommen war, so entdeckte sie ihm ihre Verkleidung als Duenna, weil sie wohl wusste, dass es sein eigener Vorteil wäre, die Sache geheim zu halten. Dom Diego schrieb noch ehe er Viktoria verliess seiner Geliebten einen Brief, worin die Freude über seine wiedererstandenen Hoffnungen auf den Schmerz schliessen liess, den er gehabt hatte als er diese Hoffnungen verloren glaubte. Er verliess nun die schöne Witwe, die sogleich ihr Kleid als Hofmeisterin wieder anlegte und zu Dom Pedro zurückkehrte. Unterdessen war Dom Fernando von Ribera mit seinem Vetter Dom Antonio zu seiner Geliebten gegangen, um den üblen Eindruck, den der gefälschte Brief der Viktoria hervorgebracht hatte, wieder gut zu machen. Dom Pedro fand die beiden bei seiner Tochter, die ihnen nicht antworten konnte auf das, was sie zur Rechtfertigung des Dom Fernando verlangten, dass man sich nämlich zu Sevilla selbst erkundigen möge, ob jemals eine Lukrezia von Monsalva da gewesen wäre. Sie sagten dem Dom Pedro alles was nur zur Entschuldigung des Dom Fernando dienen konnte. Worauf er antwortete, dass wenn die Neigung zu einer Dame von Sevilla eine blosse Lüge wäre, man sie leicht entdecken könnte und widerlegen, allein er hätte soeben eine Dame mit Namen Viktoria Portocarrero gesprochen, der Dom Fernando ein Eheversprechen gegeben hätte, und der er noch weit mehr verpflichtet wäre, weil sie ihm, ohne ihn zu kennen, allen Beistand geleistet hätte; und dass er dies alles nicht wegleugnen könne, weil er ihr ein eigenhändig geschriebenes Versprechen gegeben hätte, und dass ein Mann von Ehre sich nicht in Madrid verheiraten dürfe, wenn er es schon zu Toledo getan hätte. Bei diesen Worten zeigte er den beiden Vettern das förmliche Eheversprechen. Dom Antonio erkannte die Hand seines Vettern und selbst Dom Fernando betrog sich dabei und wurde ganz verlegen darüber, ob er gleich wusste, dass er es niemals geschrieben hatte. Der Vater und die Tochter verliessen sie hierauf mit einem sehr kalten Kompliment. Dom Antonio zankte mit seinem Vetter, dass er ihn in einer Sache gebrauche, während er eine ganz andere vorgenommen hätte. Sie stiegen wieder in ihren Wagen, wo Dom Antonio das Geständnis von dem schlechten Betragen seines Vettern gegen Viktoria endlich aus ihm herausbrachte, ihm verschiedenemal die Niederträchtigkeit dieser Tat vorwarf und ihm zu überlegen gab, was für schlimme Folgen sie noch haben könnte. Er sagte ihm, dass er nunmehr nicht daran denken dürfe, nicht allein nicht in Madrid, sondern auch in ganz Spanien wieder zu heiraten, dass er von grossem Glück sagen könnte, wenn er noch Viktoria erhielte, ohne dass es ihm Blut, ja sogar das Leben kostete, weil der Bruder der Viktoria ein Mann wäre, der in Ehrensachen nicht so leicht nachgiebig sei. Dom Fernando schwieg als sein Vetter ihm diese Vorwürfe machte; sein Gewissen warf ihm vor, dass er da eine Person hintergangen und verraten habe, die ihm beigestanden war; und dieses Heiratsversprechen machte ihn vollends rasend, weil er gar nicht begreifen konnte, durch welche Zauberei man es von ihm erhalten hatte. Als Viktoria wieder in ihrem Witwenkleid zu Dom Pedro gekommen war, übergab sie den Brief des Dom Diego an Elvire, die erzählte, dass die beiden Vettern da gewesen wären, um sich zu rechtfertigen; dass es aber noch ganz andere Beschuldigungen gegen den Dom Fernando gäbe als bloss seine Liebesaffäre zu Sevilla. Sie erzählte ihr hierauf, was Viktoria besser als sie wusste, worüber die sehr zu staunen schien und die Schlechtigkeit des Dom Fernando in Worten heftig beklagte. An ebendiesem Tage wurde Elvire gebeten, der Vorstellung einer Komödie bei einer ihrer Verwandten beizuwohnen. Viktoria, die immer an ihre Sache dachte, hoffte, dass wenn Elvire auf ihren Vorschlag einginge, diese Komödie gut ihrem Vorhaben dienen könnte. Sie sagte also zu Elvire, wenn sie den Dom Diego sprechen wolle, könne dies sehr leicht in dem Hause ihres Vaters geschehen, das hierzu der bequemste Ort wäre, und da die Komödie ja erst um Mitternacht anfangen sollte, so könne sie früher weggehen und den Dom Diego sprechen und doch zugleich noch zeitig genug bei ihrer Verwandten sein. Elvire, die den Dom Diego sehr liebte, nahm den Vorschlag der Viktoria gerne an. Sobald demnach Dom Pedro zu Bette war, stiegen sie in den Wagen und fuhren in das Haus, das Viktoria gemietet hatte. Santillana als Herr des Hauses empfing sie an der Tür zusammen mit Beatrix, welche die Rolle seiner Frau und Schwiegermutter der Viktoria spielte. Elvire schrieb ein Billett an Dom Diego, das ihm sogleich überbracht wurde, und Viktoria schrieb heimlich im Namen Elvirens an Dom Fernando, worin sie ihm sagte, dass es bloss auf ihn ankäme, wenn er sie heiraten wollte, dass sie durch seine Verdienste dazu bewogen werde und sich aus allzu grosser Gefälligkeit gegen die üble Laune ihres Vaters nicht unglücklich machen wollte. Sie beschrieb in ebendem Billett ihr Haus so genau, dass es unmöglich war es zu verfehlen. Dieses zweite Billett wurde eine Weile später fortgeschickt, nachdem das erste an Dom Diego abgegangen war. Viktoria schrieb nun ein drittes, das Santillana selbst dem Dom Pedro de Silva überbrachte, in welchem Billett sie ihm als eine brave Hofmeisterin Nachricht gab, dass seine Tochter statt in die Komödie zu gehen, sich durchaus in das Haus ihres Vaters hätte führen lassen; dass sie nach Dom Fernando geschickt hätte um ihn zu heiraten, und da sie wisse, dass er nie dazu einwilligen würde, so hätte sie es für ihre Pflicht gehalten, ihn davon zu benachrichtigen, um ihn zu überzeugen, dass er sich in der guten Meinung nicht geirrt habe, die er von ihr hatte, als er sie zu Elvirens Hofmeisterin erwählte. Santillana sagte ferner noch mündlich dem Dom Pedro, dass ihm seine Tochter aufgetragen hätte, ihm zu sagen, dass er nicht ohne einen Alguazil oder Polizeidiener zu ihr kommen möge. Dom Pedro, der schon zu Bette war, liess sich höchst zornig sofort ankleiden; während er sich anzieht und nach einem Alguazil schickt, wollen wir sehen, was bei Viktoria vorging. Die Briefe wurden den beiden Verliebten richtig überbracht. Dom Diego, der den seinigen zuerst erhalten hatte, kam als erster an; Viktoria empfing ihn und brachte ihn nebst Elviren in ein Zimmer; was diese beiden Verliebten einander hier sagten, habe ich jetzt nicht zu erzählen, denn Dom Fernando wartet an der Tür. Viktoria öffnete ihm selbst und strich den Dienst, den sie ihm jetzt leistete, sehr heraus, worüber der verliebte Herr ihr vielmals dankte und noch mehr versprach, als er ihr schon gegeben hatte. Sie führte ihn in ein Zimmer, wo sie ihn bat, Elviren zu erwarten und schloss ihn darin ein ohne ihm ein Licht zu lassen, indem sie ihm sagte, dass seine Geliebte es so haben wollte, und dass sie keinen Augenblick bei Licht zusammen sein würden; er müsste dieses der Schamhaftigkeit einer jungen wohlerzogenen Person zu gut halten, die bei einem so wichtigen Schritt sich nicht sogleich an das Anschauen desjenigen gewöhnen könnte, für den sie diesen Schritt täte. Hierauf zog sich Viktoria so geschwind als es nur die kurze Zeit erlauben wollte an und ging wieder in das Zimmer zu Dom Fernando, der gar nicht zweifelte, dass es wer anders als Elvire wäre, weil sie ebenso jung war und nach spanischer Art prächtige und wohlduftende Kleider anhatte, welche die gemeinste Magd für eine vornehme Dame konnten gelten machen. Hierauf kam Dom Pedro mit dem Alguazil und Santillana an. Sie traten in das Zimmer, wo Elvire mit ihrem Geliebten war. Diese beiden erstaunten sehr darüber und Dom Pedro war so wütend, dass er beinah denjenigen mit seinem Degen durchbohrt hätte, den er für Dom Fernando hielt, aber der Alguazil, der den Dom Diego erkannt hatte, fiel ihm in den Arm und rief ihm zu, dass er überlegen möge, was er täte, es wäre ja nicht Dom Fernando von Ribera, der bei seiner Tochter wäre, sondern Dom Diego von Maradas, ein Mann ebenso hohen Standes und ebenso reich wie er. Dom Pedro kam als ein vernünftiger Mann zu sich und hob selbst seine Tochter auf, die sich ihm zu Füssen geworfen hatte. Er überlegte, dass wenn er sie unglücklich machte, indem er sich ihrer Heirat widersetzte, so würde er es selbst mit sein, und dass er selber ja keine bessere Partie für sie hätte wählen können. Santillana bat hierauf den Dom Pedro, den Alguazil und alle die im Zimmer waren, ihm zu folgen, und führte sie in den Raum, wo Dom Fernando mit Viktoria eingeschlossen war. Man hiess im Namen des Königs öffnen und als Dom Fernando die Türe aufmachte und den Dom Pedro mit einem Polizeidiener erblickte, sagte er, er sei bei seiner Gemahlin Elvire von Silva. Dom Pedro antwortete ihm, dass er sich irre, seine Tochter wäre an einen andern verheiratet, und was ihn selbst beträfe, so könnte er nun wohl nicht länger leugnen, dass Viktoria Portocarrero seine Frau sei. Viktoria gab sich hierauf ihrem Ungetreuen zu erkennen, der in die grösste Verlegenheit darüber geriet. Sie warf ihm seine Undankbarkeit vor, worauf er nichts zu antworten wusste, und noch weniger konnte er dem Polizeidiener antworten, der ihm sagte, dass er ihm ins Gefängnis folgen müsste. Schliesslich brachten ihn sein Gewissen, die Furcht vor dem Gefängnis, die Ermahnungen des Dom Pedro, der ihn als ein rechtschaffener Mann ermahnte, die Tränen der Viktoria, ihre Schönheit, und noch mehr als dies, ein Rest von Grossmut, der ungeachtet seiner jugendlichen Ausschweifungen in der Seele des Dom Fernando noch war, zur Vernunft zurück. Viktoria rührte ihn, er umarmte sie zärtlich und sie wäre vor Freuden in seinen Armen ohnmächtig geworden, wenn seine Küsse sie nicht daran gehindert hätten. Dom Pedro, Dom Diego und Elvire nahmen grossen Anteil an Viktorias Glück und Santillana und Beatrix wollten vor Freuden ganz ausser sich kommen. Dom Pedro lobte den Dom Fernando, dass er seinen Fehler wieder gut gemacht hatte. Die beiden jungen Damen umarmten einander so zärtlich als wenn sie ihre Geliebten umarmt hätten. Dom Diego von Maradas versicherte seinen künftigen Schwiegervater seiner Ergebenheit und seines Gehorsams. Noch ehe Dom Pedro nach Hause ging, liess er sich von allen versprechen, dass sie den andern Tag zu ihm in sein Haus kommen sollten, wo vierzehntägige Lustbarkeiten die vielen Unruhen, die sie gehabt hatten sollten vergessen machen. Sogar der Polizeidiener wurde dazu gebeten, und versprach auch sich einzufinden. Dom Pedro und der Polizist gingen wieder, und Dom Fernando blieb bei Viktoria, die nun ebensoviel Ursache zur Freude als vorher zur Traurigkeit hatte. * Dreiundzwanzigstes Kapitel. Unglücklicher Zufall, der verursachte, dass die Komödie nicht gespielt wurde Inezilla erzählte die Geschichte mit vieler Anmut, und Roquebrune war so entzückt darüber, dass er ihre Hand ergriff und sie mit Gewalt küsste. Sie sagte ihm auf spanisch, dass man von vornehmen Leuten und Narren alles erdulden müsse, wofür ihr la Rancune in seinem Herzen dankte. Das Gesicht dieser Spanierin fing an etwas alt zu werden, allein man sah immer noch schöne Züge, und wenn sie auch nicht so schön gewesen wären, so hätte sie wegen ihres Geistes doch immer den Vorzug vor einer jüngeren erhalten. Alle, die ihre Geschichte mit angehört hatten, erklärten einstimmig, dass sie sie sehr gut erzählt hätte und das in einer Sprache, die sie ja noch gar nicht gut könnte und wo sie gezwungen war manchmal spanische oder italienische Worte zu gebrauchen, um sich verständlich zu machen. Die Etoile sagte zu ihr, statt sich zu entschuldigen, sie so viel reden gemacht zu haben, erwartete sie im Gegenteil noch Dank von ihr dafür, dass sie ihr Gelegenheit verschafft hätte, ihren Geist zu zeigen. Der Rest des Nachmittags ging mit Plaudern hin. Der Garten war bis zur Zeit des Abendessens voller Damen und vornehmer Leute aus der Stadt. Man speiste nach der Sitte von Mans, das heisst sehr gut, und jeder nahm nun Platz, um die Komödie mit anzuhören – aber Mademoiselle la Caverne und ihre Tochter waren verschwunden. Man schickte sie zu suchen, man suchte eine ganze halbe Stunde und konnte sie nicht finden. Endlich hörte man einen grossen Lärm vor dem Saal und zu gleicher Zeit stürzte die arme Caverne mit aufgelöstem Haar und blutigem Gesicht herein und schrie ganz wütend, dass man ihre Tochter entführt hätte. Vor Tränen in der Stimme konnte sie kaum reden und es dauerte lange, bis man von ihr erfuhr, dass fremde Leute, die sie nicht kannte, durch eine Hintertür in den Garten gekommen waren, als sie eben ihre Rolle mit ihrer Tochter probierte, dass der eine davon sie ergriffen hätte, dem sie die Augen auskratzte, und die beiden andern schleppten ihre Tochter fort. Und eben dieser Kerl habe sie in den Zustand gesetzt, in dem sie jetzt wäre und er sei darauf mit seinen Gesellen wieder aufs Pferd gestiegen, wovon der eine ihre Tochter vor sich gesetzt hätte. Sie sei ihnen lange nachgelaufen und hätte geschrien, da sie aber niemand hörte, so wäre sie wieder zurückgelaufen, um Hilfe zu holen. Dann fing sie so heftig zu weinen an, dass jeder sie bedauerte. Destin stieg auf ein Pferd, auf welchem Ragotin eben von Mans gekommen war (ich weiss aber nicht, ob es das nämliche war, das ihn schon einmal herunter geworfen hatte), verschiedene junge Leute aus der Gesellschaft stiegen auf die ersten besten Pferde, die sie bekommen konnten, und jagten Destin nach, der schon weit voraus war. La Rancune und Olive gingen den Reitenden mit ihren Degen zu Fuss nach, und Roquebrune blieb bei l'Etoile und Inezilla, die die Caverne trösteten, so gut sie konnten. Man hat es ihm übelgenommen, dass er nicht mit den andern gegangen war; einige wollten behaupten, dass er es aus Feigheit nicht getan habe, andere aber, die nachsichtsvoller waren, behaupteten, er hätte nicht übel daran getan, dass er bei den Damen geblieben wäre. Die Gesellschaft war unterdessen genötigt nach dem Gesang zu tanzen, weil der Hausherr wegen der Komödie keine Musikanten hatte kommen lassen. Die arme Caverne befand sich so übel, dass sie sich auf ein Bett legen musste, das in dem Zimmer stand, wo ihr Gepäck lag. Die Etoile bediente sie, wie wenn sie ihre Mutter gewesen wäre und auch Inezilla zeigte sich sehr eifrig. Die Kranke bat, man möchte sie allein lassen, und Roquebrune führte die beiden Damen in den Saal, wo die Gesellschaft war. Kaum hatten sie da Platz genommen, als eine Magd vom Hause kam und der Etoile sagte, dass die Caverne sie zu sprechen verlange. Sie sagte dem Poeten und der Spanierin, dass sie bald wieder kommen würde, und ging zu ihrer Freundin. Wenn nun Roquebrune klug gewesen ist, so wird er die Gelegenheit genutzt und seine Bitte bei der angenehmen Inezilla angebracht haben. Sobald indessen die Caverne die Etoile sah, so bat sie sie das Zimmer zu verschliessen und zu ihr ans Bett zu kommen. Alsbald fing sie wieder von neuem an zu weinen, nahm ihre Hände, benetzte sie mit Tränen und war ganz trostlos. Die Etoile wollte sie trösten und ihr Hoffnung machen, dass ihre Tochter bald wieder würde gefunden werden, da ja doch so viele Leute den Räubern nachgesetzt hätten. »O! ich wünsche, dass sie niemals zurückkommen möge!« sagte die Caverne und weinte noch mehr. »Ich wollte, sie käme nie mehr zurück«, wiederholte sie nochmals, »und dass ich sie bloss beklagen dürfte, aber ich muss sie verachten, ich muss sie hassen und es bereuen, dass ich sie je auf die Welt gesetzt habe. Seht nur,« sagte sie zur Etoile, indem sie ihr ein Papier gab, »seht nur, was Ihr für eine artige Freundin habt, und lest in diesem Brief zugleich mein Todesurteil und die Schande meiner Tochter.« Die Caverne fing wieder an zu weinen, und die Etoile las was nun folgt, wenn man sich bemühen will, es zu lesen. »Sie dürfen an dem, was ich Ihnen von meiner anständigen Familie und von meinem Vermögen gesagt habe, nicht zweifeln, weil ich eine Person unmöglich mit Lügen hintergehen kann, bei der ich mich nur durch meine Aufrichtigkeit zu empfehlen weiss. Dadurch allein kann ich Euch, meine schöne Angelique, verdienen. Verschiebt es also nicht länger, mir das zu versprechen, worum ich Euch bitte, weil ich es nicht eher verlangen werde als bis Ihr nicht mehr an mir zweifeln könnt.« Sobald sie den Brief gelesen hatte, fragte sie die Caverne, ob sie die Hand kenne, die ihn geschrieben habe. »Wie meine eigene,« sagte die Etoile; »es ist die von Leander, meines Bruders Bedienten, der alle unsere Rollen abschreibt.« »Dies eben ist der Verräter, der mich umbringt«, sagte die arme Schauspielerin, »seht doch, wie klug er es anzufangen weiss!« und gab der Etoile noch einen andern Brief von ebendem Leander, der Wort für Wort also lautete: »Es soll nun bloss von Ihnen abhängen, mich glücklich zu machen. Dieser Pächter meines Vaters, der mir Geld vorschiesst, hat mir hundert Pistolen und zwei gute Pferde geschickt, mehr als genug um damit nach England zu reisen, wo ein Vater, der seinen einzigen Sohn zärtlich liebt, in alles mögliche willigen wird um ihn wieder zu sich zurückzubringen.« »Nun, was sagen Sie von Ihrer Freundin und von Ihrem Bedienten, von dieser Tochter, die ich so sorgfältig erzogen, und von dem jungen Menschen, dessen Geist und Klugheit wir alle bewunderten? Was mich dabei am meisten erstaunt, ist, dass man sie niemals hat zusammen sprechen sehen und dass man nach dem kindlichen Gemüt meiner Tochter niemals hätte glauben sollen, dass sie sich verlieben könnte. Und doch ist sie es, meine liebe Etoile, und zwar so rasend ist sie verliebt, dass es schon mehr Wahnsinn als Liebe ist. Ich habe sie vor kurzem erst überrascht, wie sie eben ihrem Leander in so zärtlichen Ausdrücken schrieb, dass ich es nicht würde geglaubt haben, wenn ich es nicht selbst gelesen hätte. Sie haben sie niemals ernsthaft reden hören, aber in ihren Briefen spricht sie eine ganz andere Sprache, und wenn ich sie nicht zerrissen hätte, so würden Sie mir zugeben, dass sie für ein Mädchen von sechzehn Jahren mehr weiss als eine, die in der Liebe alt geworden ist. Ich hatte sie mit mir in das Wäldchen genommen, wo sie entführt worden ist, um ihr ohne Zeugen vorzuhalten, dass sie mich für alle Mühe, die ich mit ihr gehabt, schlecht lohnte, – ich will es Ihnen künftig einmal erzählen und Sie sollen sehen, ob jemals eine Tochter ihrer Mutter so vielen Dank schuldig war als die meine mir.« Die Etoile wusste nicht, was sie auf so gerechte Klagen antworten sollte und überdies war es gut, dem Schmerz eine Weile den Lauf zu lassen. »Aber,« begann die Caverne wieder, »wenn er meine Tochter so sehr liebt, warum wollte er denn die Mutter ermorden? Denn derjenige seiner Gesellen, der mich hielt, hat mich auf eine grausame Art geschlagen und mich sogar dann noch grausam behandelt, da ich ihm schon keinen Widerstand mehr leistete. Und wenn dieser elende Kerl so reich ist, warum entführt er denn meine Tochter mit Gewalt?« Die Caverne klagte noch lange, und die Etoile tröstete sie so gut sie konnte. Der Hausherr kam nachzusehn, wie sie sich befände und um ihr zu sagen, dass ein Wagen bereit sei, wenn sie nach Mans zurück wollte. Die Caverne bat ihn aber, dass sie die Nacht über in seinem Hause bleiben dürfte, womit er gerne einverstanden war. Etoile blieb bei ihr um ihr Gesellschaft zu leisten und einige Damen von Mans nahmen Inezilla, die nicht länger von ihrem Mann fern sein wollte, in ihren Wagen. Roquebrune, der höflicherweise die Komödianten nicht verlassen konnte, war darüber sehr verdriesslich, – aber es geht einem eben selten in der Welt nach Wunsch. Ende des ersten Teils Zweiter Teil An die Frau Oberintendantin! Gnädige Frau! Wenn Sie sind wie der Herr Intendant, der es nicht gern hat, wenn man ihn lobt, so mache ich Ihnen schlecht den Hof, indem ich Ihnen mein Buch widme. Denn man widmet nicht ohne zu loben; und auch ohne Ihnen ein Buch zu widmen, kann man von Ihnen nicht anders als lobend sprechen. Wer wie Sie ein gutes Vorbild allen ist, muss das verdiente Lob aller ertragen. Der darf sich sogar selber loben, weil er nur lobenswertes tut. Man muss wie gegen die andern auch gegen sich gerecht sein: man verzeiht oft leichter die Unbescheidenheit als die Unwahrhaftigkeit. Ob ich nun kompetent bin, Richter der Reputation, guter oder schlechter, anderer zu sein, so ist es schon einmal meine Art, zu richten, recht und gerecht, was Lob oder Tadel verdient. Eine Dummheit, eine Gemeinheit haue ich recht grob in Stücke; dafür belohne ich aber auch das Verdienst grossartig, wo ich es finde; werde nicht müde, mit Eifer davon zu sprechen, und halte mich darum auch für einen guten, wenn auch unnützen, für einen grossen, wenn auch wenig zu fürchtenden Freund. Alles was Sie tun können, mit aller Macht, die Sie über mich haben, ist, mich zu hindern, Sie nach Verdienst zu preisen. Sie sind schön, ohne kokett zu sein; jung und doch nicht unerfahren; und haben bei viel Geist nicht die Eitelkeit, ihn zeigen zu wollen. Tugendsam sind Sie ohne Härte, fromm ohne Frömmelei, reich ohne Stolz, wohlgeboren ohne Überhebung. Sie haben einen vortrefflichen angesehenen Mann, den alle schätzen, niemand hasst. Sie sind mit einem Worte glücklich, Madame, und das ist nicht geringes Lob, denn das Glück gibt der Himmel nicht immer jenen, denen er wie Ihnen alles andere gegeben hat. Alles das sagt Ihnen die Welt; ich muss Ihnen aber auch noch besonders für die Ehre Ihres Besuches danken, den ich nie vergessen werde, da ich nie einen lieberen bekam. Ich bin, Madame, Ihr treuester und gehorsamster Diener Scarron Erstes Kapitel das den weiteren bloss zur Einleitung dient Die Sonne brannte unsern Gegenfüsslern gerade auf den Scheitel und borgte ihrer Schwester Luna nur so viel Licht als sie in einer dunkeln Nacht nötig hatte. Alles war still auf der Erde, ausgenommen da wo sich die Eulen, Grillen und Serenadenbringer aufhielten. Kurz, alles schlief in der ganzen Natur oder sollte wenigstens schlafen, ausgenommen einige Poeten, die schwer zu reimende Verse im Kopfe herumwälzten, und einige unglücklich Verliebte und überhaupt alles vernünftige und unvernünftige Tier, das diese Nacht etwas zu tun hatte. Es wäre unnötig zu sagen, dass Destin zu denen gehörte, die nicht schliefen, ebensowenig als die Räuber der Mademoiselle Angelique, die er verfolgte, so viel als ein galoppierendes Pferd vermochte, dem eine kleine Wolke öfters das Mondlicht benahm. Er liebte Mademoiselle la Caverne höchst zärtlich, weil sie wirklich liebenswürdig und er versichert war, dass sie ihn wieder liebte, und ihre Tochter liebte er nicht weniger; ausserdem hätte seine Mademoiselle de l'Etoile, die aus Not Komödiantin war, keine zwei bessern Schauspielerinnen finden können, tugendhafter als diese beiden. Ich will aber damit nicht sagen, dass es gewisse Berufe des Lebens gibt, wo gar keine Tugend zu finden ist; aber nach der allgemeinen Meinung der Welt, die sich vielleicht hierin irrt, sind die Komödianten gewöhnlich mehr mit Schminke und alten Kleidern beladen als mit Sittlichkeit. Unser grossmütiger Komödiant jagte also den Räubern so geschwind und so mutig nach als ehemals die Lapithen den Kentauren nachliefen. Er ritt zuerst durch eine lange Allee, die auf die Gartentür stiess, wo Angelique war entführt worden, und nachdem er einige Zeit so dahingesprengt war, kam er von ungefähr in einen Hohlweg, wie denn die meisten Wege in Maine Hohlwege sind. Dieser Weg war voller Wagenspuren und sehr steinig, und obgleich der Mond schien, war doch die Dunkelheit darin so gross, dass sein Pferd nur im Schritt gehen konnte. Er fluchte auf einen so schlechten Weg, als auf einmal ein Mensch oder ein Teufel ihm hinten auf das Pferd sprang und ihm die Arme um den Hals schlug. Destin packte beträchtliche Angst und sein Pferd war darüber so erschrocken, dass es ihn gewiss würde abgeworfen haben, wenn das Gespenst, das ihn umfasst hatte, ihn nicht im Sattel festgehalten hätte. Sein Pferd sprang aus wie scheu, und Destin gab ihm noch dazu die Sporn, ohne zu wissen was er tat, weil er es sehr lästig fand, zwei nackte Arme um seinen Hals und an seiner Backe ein kaltes Gesicht zu fühlen, das mit dem Pferd um die Wette schnaubte. Der Ritt dauerte lange auf diese Art, denn der Weg war nicht kurz; endlich mässigte das Pferd auf einer Sandebene seinen Galopp und Destin seine Furcht, denn am Ende gewöhnt man sich auch an die allerärgsten Übel. Der Mond schien noch hinreichend, dass er hinter sich einen langen nackten Mann sehen konnte, der ihm ein wüstes Gesicht zeigte. Er fragte ihn nicht wer er wäre – vielleicht aus Bescheidenheit – sondern jagte sein Pferd immer im Galopp fort; und als er sichs am wenigsten vermutete, sprang der Hinterreiter vom Pferd auf die Erde und fing an zu lachen. Destin spornte sein Pferd schärfer an und da er hinter sich sah, sah er das Gespenst eiligst nach dem Ort zurücklaufen, wo es hergekommen war. Er hat nachher gestanden, dass er eine wahre Todesangst ausgestanden hätte. Hundert Schritte weiter kam er auf einen breiten Weg, der nach einem Dorfe zu führte, dessen Hunde alle munter waren, was ihn vermuten machte, dass die er suchte, hier durchgekommen wären. Um hierüber etwas näheres zu erfahren, tat er alles mögliche, um die schlafenden Bauern von drei oder vier Häusern am Wege aufzuwecken, aber er erhielt nicht nur keine Audienz, sondern wurde noch von den Hunden verfolgt. Endlich hörte er in dem letzten Haus, an das er kam, Kinder schreien und bekam auf seine Drohungen geöffnet. Er erfuhr von einer Frau im Hemd, die am ganzen Leibe zitterte, dass vor noch nicht lange einige Reiter durch das Dorf gekommen wären, die ein laut weinendes Frauenzimmer mit sich führten. Er erzählte hierauf der Frau, dass er einem nackenden Mann begegnet sei und sein Erlebnis mit ihm; sie erzählte, es wäre ein verrückter Mensch aus ihrem Dorf, der auf den Feldern herumschweife. Die Nachricht, die ihm diese Frau von den Reitern gab, die durch ihr Dorf gekommen waren, gab ihm den Mut weiter zu reiten und sein Pferd schärfer anzutreiben. Ich will euch nicht damit aufhalten, wie oft es stolperte und sich vor seinem eigenen Schatten fürchtete; kurz und gut: es verlor sich in einem Gehölz und kam bei Tagesanbruch auf eine Wiese, wo der Reiter es für ratsam hielt, sein Pferd, weiden zu lassen und wo wir ihn bis auf weiteres auch lassen wollen. * Zweites Kapitel. Von Stiefeln Während Destin im Dunkeln denen nachsetzte, die Angelique entführt hatten, eilten Olive und la Rancune, denen diese Entführung nicht so nahe ging wie ihm, eben nicht so sehr schnell den Räubern nach; ausserdem waren sie auch zu Fuss. Sie gingen also nicht weit, und da sie im nächsten Dorfe eine Schenke trafen, die noch offen war, verlangten sie ein Nachtquartier. Man führte sie in eine Kammer wo schon ein Mann lag, adelig oder nicht, und der da zu Abend gegessen hatte, und wegen wichtiger Geschäfte, die ich nicht erfahren habe, morgen mit Tagesanbruch weiter reisen wollte. Die Ankunft der Komödianten störte sein Vorhaben zeitig früh wegzureisen; denn er wurde von ihnen aufgeweckt und fluchte auch wohl heimlich über sie, aber die Gegenwart zweier ziemlich gut aussehender Männer war vielleicht die Ursache, dass er schwieg. La Rancune, der sehr höflich war, entschuldigte sich erst, dass sie ihn in seiner Ruhe störten und fragte ihn hierauf woher er käme. Er sagte, er käme von Anjou und ginge wegen wichtiger Geschäfte nach der Normandie. La Rancune fuhr im Auskleiden und während man das Bett wärmte immer mit seinen Fragen fort; da sie aber weder dem einen noch dem andern etwas nützen konnten und der arme Mann, den man aufgeweckt hatte damit unzufrieden war, bat der, dass man ihn möge schlafen lassen. La Rancune entschuldigte sich sehr höflich und zu gleicher Zeit bekam die Eigenliebe bei ihm die Oberhand über die Liebe zum Nächsten und er beschloss, sich ein Paar neue Stiefel zuzueignen, die der Hausknecht eben gut gereinigt in die Kammer brachte. Olive, der schläfrig war, warf sich ins Bett, und la Rancune setzte sich an das Feuer, nicht sowohl um das Scheit ausbrennen zu sehen, das man angezündet hatte, als vielmehr um den edlen Ehrgeiz zu befriedigen, ein Paar neue Stiefel auf Unkosten eines andern zu haben. Als er nun den Mann, den er bestehlen wollte, fest genug eingeschlafen glaubte, nahm er die Stiefel unter dem Bett hervor, zog sie an ohne die Sporn zu vergessen, und legte sich nun so gestiefelt und gespornt zu Bette. Es ist zu vermuten, dass er sich auf den Rand des Bettes gelegt hat, damit seine bewaffneten Füsse nicht an die nackenden des Olive kämen, der zu einer so neuen Art sich ins Bett zu legen nicht würde geschwiegen haben und seine Unternehmung leicht hätte stören können. Der Rest der Nacht verging sehr ruhig. La Rancune schlief oder tat wenigstens so. Die Hähne fingen an zu krähen; der Tag brach an, und der Mann, der in der Kammer mit den Komödianten schlief, liess Feuer anmachen und kleidete sich an. Nun wollte er die Stiefel anziehen; eine Magd gab ihm die alten Stiefel des Rancune, die er aber wegschmiss; man behauptete, sie gehörten sein, worauf er wild wurde und einen Teufelslärm anfing. Der Wirt kam in die Kammer und schwur, dass es gar keine andern Stiefel in dem Wirtshaus und in dem ganzen Dorfe gäbe als die seinigen, weil selbst der Pfarrer niemals ritt. Hierauf wollte er die guten Eigenschaften seines Pfarrers herzählen und ihm sagen, wie lang er die Pfarre hätte und wie er dazu gekommen wäre. Das Gerede des Wirtes brachte den Mann vollends aus der Fassung. La Rancune und Olive, die über dem Lärm erwacht waren, erkundigten sich nach der Ursache des Streites; la Rancune wunderte sich über den schlechten Streich und sagte zu dem Wirt, dass es schändlich sei. »Ich bekümmere mich um ein Paar neue Stiefel ebensowenig als um ein Paar alte Schuh,« sagte der arme Reisende zu la Rancune, »aber es betrifft eine wichtige Sache für einen Mann von Stande, dem ich weniger ungehorsam sein möchte als meinem eigenen Vater, und wenn ich die elendesten Stiefel jetzt bekommen könnte, so wollte ich gern mehr dafür geben als man verlangte.« La Rancune, der mit halbem Leib sich aus dem Bett gelegt hatte, zuckte zuweilen die Achseln und antwortete ihm nichts, sondern belustigte sich an der Magd und dem Wirt, welche die Stiefel vergeblich suchten, und an dem Unglücklichen, der sie verloren hatte und darüber verzweifeln wollte, ja vielleicht hätte er gar noch einen gefährlicheren Entschluss gefasst, als la Rancune in einer unerhörten Grossmut, die ihn nur selten ankam, und indem er sich wie ein Mann, der sehr schläfrig ist, tief in sein Bett wickelte, zu ihm sagte: »Zum Teufel, Herr, machen Sie keinen weitern Lärm mehr wegen Ihrer Stiefel und nehmen Sie die meinigen, aber mit der Bedingung, dass Sie uns schlafen lassen, so wie Sie es gestern von uns auch verlangten.« Der Unglückliche, dem auf einmal geholfen war, weil er wieder Stiefel hatte, konnte kaum glauben, was er hörte; er machte ein grosses Gewäsch von Dank und Schuld und dies in einem so gerührten Ton, so dass la Rancune fürchtete, er möchte kommen und ihn noch im Bett umarmen. Er schrie also ganz zornig und fluchte: »Zum Henker, wie unangenehm sind Sie doch, sowohl wenn Sie Ihre Stiefel verlieren als wenn Sie andere erhalten; nehmen Sie doch schon die meinen, und ich bitte bloss, dass Sie mich dafür schlafen lassen, oder geben Sie mir meine Stiefel wieder und machen Sie so viel Lärm als Sie wollen.« Er wollte eben antworten, als la Rancune zu brüllen anfing: »Entweder meine Stiefel zurück oder lassen Sie mich schlafen!« Der Wirt, dem ein so befehlender Ton hohe Achtung vor la Rancune einflösste, brachte seinen Gast zum Zimmer hinaus, der noch immer nicht geschwiegen hätte, so dankbar war er für die Stiefel, die man ihm grossmütigerweise geschenkt hatte. Er musste also zum Zimmer hinaus und sich in der Küche die Stiefel anziehen. Und la Rancune fing nun an ruhiger zu schlafen, als er die Nacht getan hatte, weil er weder von der Begierde Stiefel zu mausen noch von der Furcht erwischt zu werden beunruhigt war. Olive, der die Nacht besser angewandt hatte, stand sehr früh auf und liess sich, da er nichts anderes zu tun hatte, Wein bringen und fing an zu trinken. La Rancune schlief bis elf Uhr; als er sich eben anzog, trat Ragotin in das Zimmer; er hatte morgens früh die Komödiantinnen besucht, und da Mademoiselle ihm vorgeworfen hatte, dass er ihr Freund nicht sein könne, weil er nicht mit den andern ihrer Freundin nachgegangen sei, so versprach er ihr eher nicht wieder nach Mans zu kommen, als bis er Nachricht von ihr wüsste. Aber da er weder ein Pferd zu mieten noch zu borgen kriegte, so hätte er sein Versprechen gar nicht halten können, wenn sein Müller ihm nicht ein Maultier gegeben hätte, das er ungestiefelt bestieg und so, wie ich gesagt habe, in dem Dorf ankam, wo Olive und la Rancune übernachtet hatten. La Rancune hatte viele Geistesgegenwart: kaum erblickte er Ragotin in Schuhen, als er glaubte das Ohngefähr zeige ihm hierdurch eine gute Gelegenheit, seinen Diebstahl zu verbergen, der ihm doch noch recht Sorgen machte. Er bat ihn also, er möge ihm seine Schuhe borgen und dagegen seine Stiefel anziehen, die ihn am Fuss drückten, weil sie noch neu wären. Ragotin ging darauf gerne ein, denn während dem Reiten hatte ihm der Dorn einer Schnalle den Strumpf zerrissen und er wünschte also sehr, Stiefel anzuhaben. Nun wollte man zu Mittag essen. Ragotin bezahlte für die Komödianten und für sein Maultier. Seit seinem Fall, als der Karabiner zwischen seinen Beinen losging, hatte er es verschworen, niemals anders als mit der grössten Behutsamkeit auf ein Pferd zu steigen. Er setzte sich also in Positur um aufzusteigen, allein bei aller Vorsicht hatte er doch viele Mühe auf das Hinterteil des Maultiers zu kommen, denn sein lebhafter Geist liess ihm nicht Zeit zum Nachdenken, und er hatte unvorsichtigerweise die Stiefel des Rancune heraufgezogen, die ihm so bis an den Gürtel reichten und ihn hinderten, sein kleines Knie zu biegen, das ohnehin nicht sehr stark war. Endlich kam Ragotin auf sein Tier und die Komödianten folgten ihm zu Fuss den ersten besten Weg nach, den sie fanden. Unterwegs eröffnete Ragotin den Komödianten, dass er Lust hätte mit ihnen Theater zu spielen, und versicherte ihnen, dass ob er gleich überzeugt wäre bald einer der besten französischen Komödianten zu werden, er dennoch nichts für seine Arbeit nehmen, sondern es bloss aus Neugierde versuchen wolle, um zu zeigen, dass er imstand wäre alles auszuführen was er unternähme. La Rancune und Olive bestärkten ihn in seinem edlen Entschluss und mit vielen Schmeicheleien und Lobeserhebungen machten sie ihn so munter und guter Laune, dass er auf seinem Maultier anfing Verse aus des Poeten Theophile Piramus und Thisbe herzusagen. Einige Bauern, die auf dem nämlichen Weg neben einem schwer beladenen Karren hergingen, glaubten als er so sehr schrie, dass er predigte, und gingen so lang er deklamierte mit entblösstem Kopf neben ihm her und verehrten ihn wie einen Landstrassenprediger. * Drittes Kapitel. Geschichte der Caverne Die beiden Schauspielerinnen, die wir in dem Hause gelassen haben, aus dem Angelique entführt wurde, hatten eben nicht mehr geschlafen als Destin. Mademoiselle de l'Etoile hatte sich mit der Caverne in ein Bett gelegt, um sie nicht ihrem Schmerz allein zu überlassen und um sie zu bereden, dass sie sich nicht so sehr gräme. Da sie endlich sah, dass ein so gerechter Kummer seinen guten Grund hatte, bestritt sie ihn nicht länger mit Gegengründen, sondern fing an, um die Unterhaltung auf was anders zu lenken, über ihr eigenes Schicksal genau so sehr zu klagen als ihre Freundin das ihrige beklagte, und bewog sie dadurch nach und nach, ihr ihre Geschichte zu erzählen, und dies war um so leichter als die Caverne nicht glauben wollte, dass es noch eine unglücklichere Person als sie gäbe. Sie trocknete also ihre Tränen, die ihr häufig die Backen herunterliefen und nachdem sie einen derben Schneuzer getan hatte, damit sie nicht sobald wieder zu seufzen brauchte, fing sie ihre Geschichte folgendermassen an. Ich bin ein gebornes Theaterkind und Tochter eines Komödianten, dessen Anverwandte alle gleichfalls bei der Komödie gewesen waren. Meine Mutter war die Tochter eines Kaufmanns in Marseille, der sie meinem Vater zur Ehe gab, um ihn dafür zu belohnen, dass er sein Leben gewagt hatte, um das seinige zu retten, als er von einem Offizier der Galeeren angegriffen wurde, der meine Mutter ebenso stark liebte als sie ihn hasste. Dies war ein wahres Glück für meinen Vater, denn er erhielt, ohne dass er es verlangt hatte, eine schöne junge Frau, die reicher war als dass ein fahrender Komödiant sie zu erhalten hätte erwarten dürfen. Sein Schwiegervater wandte alles an, um ihn zu bereden, seinen Stand zu verlassen, und zeigte ihm mehr Ehre und Vorteil in dem Beruf eines Kaufmanns. Aber meine Mutter war nur fürs Theater eingenommen und wollte nicht, dass mein Vater es aufgebe. Der war gar nicht abgeneigt, dem Rat seines Schwiegervaters zu folgen, weil er besser als meine Mutter wusste, dass das Komödiantenleben nur aussen glänzt. Mein Vater ging bald nach seiner Hochzeit von Marseille weg und nahm meine Mutter mit sich, dass sie ihre erste Probe ablege – darauf war sie noch begieriger aufs Theater als er und wurde in kurzer Zeit eine vortreffliche Schauspielerin. Sie wurde gleich im ersten Jahre schwanger und kam hinter den Kulissen mit mir nieder. Ein Jahr nachher erhielt ich einen Bruder, der mich sehr liebte und den ich wieder liebte. Unsere Truppe bestand aus unserer Familie und aus drei Schauspielern, von denen der eine mit einer Schauspielerin verheiratet war, welche die zweiten Rollen spielte. Wir kamen an einem Feiertag einmal durch ein Dorf im Périgord, und meine Mutter, die andere Komödiantin und ich waren auf dem Wagen wo unser Gepäck war, und unsere Mannsleute gingen zu Fuss nebenher, als auf einmal unsere kleine Karawane von sieben bis acht Kerls angegriffen wurde, so betrunken, dass als sie eine Flinte in die Luft abschiessen wollten, um uns in Furcht zu jagen, ich voller Schrot geschossen und meine Mutter am Arm verwundet wurde. Sie griffen meinen Vater und seine beiden Kameraden an, ehe sie sich noch zur Wehre setzen konnten und prügelten sie ganz unbarmherzig durch. Mein Bruder und der jüngste von den Schauspielern liefen fort, und seit der Zeit habe ich nichts mehr von meinem Bruder gehört. Die Bauern des Dorfes gesellten sich zu denen, die uns so grausam begegnet waren, und zwangen unsern Fuhrmann, zurückzukehren wo er hergekommen war. Sie gingen sehr stolz und geschwind nebenher, wie Leute, die eine grosse Beute gemacht haben und sie in Sicherheit bringen wollen; dazu machten sie einen so grossen Lärm, dass sie einander selber nicht verstehen konnten. Endlich nach einer Stunde Wegs führten sie uns in ein Schloss, wo wir kaum angekommen viele Personen auf einmal schreien hörten, dass die Zigeuner gefangen wären. Wir merkten, dass man uns für etwas gehalten hatte was wir nicht waren und dies tröstete uns wieder etwas. Die Stute, die unsern Karren gezogen hatte, fiel aus Müdigkeit tot nieder, weil man sie zu stark getrieben und geschlagen hatte. Die Schauspielerin, der sie gehörte und die sie der Truppe geborgt hatte, erhob darüber ein so klägliches Geschrei, als wenn eben ihr Mann gestorben wäre. Meine Mutter wurde in dem Augenblicke von dem Schmerz, den sie am Arme fühlte, ohnmächtig und das Geschrei, das ich für sie erhob, war noch ärger als das der Komödiantin über ihre Stute. Auf den Lärm, den wir und die besoffenen Kerls machten, die uns hergebracht hatten, kam der Schlossherr mit vier, fünf Burschen in roten Mänteln, die nichts Gutes prophezeiten, aus einem unteren Zimmer heraus. Er fragte sogleich, wo die diebischen Zigeuner wären und jagte uns eine grosse Furcht ein. Aber wie er unter uns lauter blonde Personen sah, fragte er meinen Vater wer er wäre, und kaum hatte er erfahren, dass wir unglückliche Komödianten wären, als er mit einer Heftigkeit, worüber wir erstaunten und mit den stärksten Flüchen, die ich jemals gehört habe, auf diejenigen losging, die uns gefangen hatten und mit dem Degen auf sie zuschlug, dass sie verwundet und erschrocken alle davon liefen. Er liess meinen Vater und seine Kameraden sogleich losbinden und befahl, dass man das Frauenzimmer in eine Stube führen und unser Gepäck in Sicherheit bringen sollte. Es kamen auch Mägde herbei, um uns zu bedienen und schlugen ein Bett für meine Mutter auf, die an ihrem Arm sehr viel litt. Ein Mensch, der der Haushofmeister zu sein schien, kam zu uns und entschuldigte seinen Herrn wegen dem was vorgefallen war. Er sagte, dass die groben Kerle halb lahm und mit vielen Schlägen wären fortgejagt worden, und dass man einen Barbier aus dem nächsten Dorf holen liess, der den Arm meiner Mutter verbinden sollte; er fragte auch noch, ob man uns nichts entwendet hätte und bat uns sehr, nachzusehen, ob uns nichts fehlte. Am Abend brachte man unser Essen in unsere Zimmer; der Barbier kam, meine Mutter wurde verbunden und legte sich mit einem heftigen Fieber nieder. Den folgenden Tag liess der Herr des Schlosses die Komödianten vor sich kommen, fragte nach dem Befinden meiner Mutter und sagte, dass sie nicht aus seinem Hause gehen sollte bevor sie wieder gesund wäre. Er war auch so gütig, meinen Bruder und den jungen Komödianten in der umliegenden Gegend suchen zu lassen, allein man fand sie nicht und dies vermehrte das Fieber meiner Mutter. Man liess aus der nächsten Stadt einen Arzt und einen Barbier kommen, der geschickter war als der erste, und die gute Behandlung machte uns bald die grausame, die wir erlitten hatten, vergessen. Der Edelmann, bei dem wir waren, war sehr reich und im Lande mehr gefürchtet als geliebt und so heftig in allen seinen Handlungen wie der Befehlshaber einer Grenzfestung. Er galt für einen sehr tapfern Mann und nannte sich Baron von Sigognac; zur jetzigen Zeit wäre er wenigstens ein Marquis, damals aber war er ein wahrer Tyrann von Périgord. Ein Trupp Zigeuner, der auf seinem Gut gewesen war, hatte sein Gestüt, das eine Stunde von seinem Schloss lag, bestohlen, und seine nachgeschickten Leute hatten sich, wie ich schon gesagt habe, an uns vergriffen. Meine Mutter wurde wieder vollkommen gesund, und mein Vater und seine Kameraden erboten sich, so viel es armen Komödianten möglich war, sich erkenntlich zu erzeigen, in dem Schloss so lange Komödie zu spielen, als es dem Baron von Sigognac angenehm sein würde. Ein grosser Page von wenigstens vierundzwanzig Jahren, welcher gewiss Erzpage aller Pagen im Königreich sein konnte, nebst einer Art von Kammerjunker, lernten die Rollen meines Bruders und des jungen Komödianten, der mit ihm geflohen war. Das Gerücht verbreitete sich bald in der Gegend, dass bei dem Baron von Sigognac eine Komödie sollte gespielt werden. Es wurde demnach eine Menge Périgordischen Adels zusammengebeten, und als der Page endlich seine Rolle gelernt hatte, die ihm so schwer wurde, dass man genötigt war, sie abzukürzen und in zwei Verse zu bringen, spielten wir das Stück »Roger und Bradamante« des Dichters Garnier. Die Versammlung war sehr glänzend, der Saal schön erleuchtet, das Theater und die Dekoration dem Stück angemessen. Wir gaben uns alle Mühe gut zu spielen und erhielten auch Beifall. Meine Mutter war schön wie ein Engel; sie war als Amazone gekleidet und da sie von der Krankheit noch etwas blass war, leuchtete ihre Haut blendend wie Schnee. Ob ich gleich Ursache habe traurig zu sein, so kann ich doch niemals an jenen Tag denken, ohne zugleich über die komische Art zu lachen, mit welcher der Page seine Rolle hersagte, und meine üble Laune soll Euch nicht um eine so drollige Sache bringen; vielleicht werdet Ihr sie zwar nicht so lächerlich finden, aber ich versichere Euch, dass die ganze Gesellschaft darüber lachte, und ich selbst habe seit der Zeit oft darüber gelacht, es sei nun dass es wirklich lächerlich ist oder dass ich zu denen gehöre, die über alles leicht lachen können. Er machte den Pagen des alten Herzogs von Aymon und hatte in dem ganzen Stück nur zwei Verse zu sprechen. Der Alte ist sehr erzürnt über seine Tochter Bradamante, da sie den Sohn des Kaisers nicht heiraten will, weil sie in Roger verliebt ist; nun sollte der Page sagen: »Herr, lasst uns da hereingehn, ich fürcht' Ihr möchtet fallen, Denn Ihr seid eben nicht sehr sicher auf den Füssen.« Der dumme Page, ob er gleich nur zwei Verse herzusagen hatte, konnte sie doch nicht unverdorben herausbringen und sagte sehr ungeschickt und am ganzen Leibe zitternd: »Herr, lasst uns da hereingehn, ich fürchte Ihr möchtet fallen, Denn Ihr seid eben nicht sehr sicher auf Euren Schenkeln.« Dieser elende Vers fiel allen auf. Der Schauspieler des Aymon fing laut zu lachen an und konnte nun nicht mehr einen zornigen Alten vorstellen. Die ganze Versammlung lachte ebenso stark und ich, die ich den Kopf durch die Kulissen gesteckt hatte, um mich umzusehen und mich sehen zu lassen, glaubte ich sollte vor Lachen hinfallen. Der Herr des Hauses, der ein Melancholicus war und selten lachte, fand doch bei dem Fehler seines Pagen so viel lächerliches, dass er sich die grösste Gewalt antun musste, um noch ein wenig ernsthaft zu bleiben, aber schliesslich musste er so gut wie die anderen lachen, und seine Leute gestanden uns, dass sie ihn nie so sehr hatten lachen gesehen. Da er nun in der Gegend im grössten Ansehn stand, so war niemand in der Gesellschaft, der entweder aus Gefälligkeit oder aus wahrem Ernst nicht mit ihm lachte. Ich befürchte aber, schloss die Caverne, dass ich es hierin mache wie jene die sagen: ›Ich will Euch eine Geschichte erzählen, worüber Ihr Euch tot lachen sollt‹, und die nachher ihr Wort nicht halten, denn ich muss gestehen, dass ich Euch von der Geschichte des Pagens zu viel Aufhebens gemacht habe.« – »Nein,« sagte l'Etoile, »ich habe sie so gefunden wie Ihr mir es vorhergesagt habt; ich gebe wohl zu, dass die Sache denen, die sie mit angesehen haben, lächerlicher geschienen haben mag als andern, die sie erzählen hören, weil die schlechte Aktion des Pagen sie noch vollends lächerlich machen musste, ausserdem kann Zeit, Ort und der Hang den wir haben, mit andern zu lachen, vieles beigetragen haben, um die Sache damals viel lächerlicher zu machen als sie jetzt ist.« La Caverne entschuldigte sich also nicht länger wegen ihrer Erzählung und fuhr in ihrer Geschichte fort. »Nachdem nun Akteure und Zuschauer aus vollem Halse gelacht hatten, befahl der Baron von Sigognac, dass sein Page nochmals auf dem Theater erscheinen solle, entweder um seinen Fehler zu verbessern, oder um die Gesellschaft noch einmal lachen zu machen. Aber der Page, der ein grober ungeschliffener Mensch war, wollte es nicht tun, so sehr es ihm auch sein strenger Herr befahl. Er nahm die Sache so wie er sie nach seinem Charakter nehmen konnte, nämlich sehr übel, und sein Missvergnügen, welches, wenn er vernünftig war, nur kurz sein konnte, verursachte uns nachher das allergrösste Unglück, das uns nur begegnen konnte. Unsere Komödie fand bei allen Zuschauern den grössten Beifall. Das Possenspiel belustigte sie noch mehr als die Tragödie, wie es denn aller Orten so zu geschehen pflegt, ausgenommen zu Paris. Der Baron von Sigognac und andere Edelleute fanden so viel Vergnügen daran, dass sie uns nochmals wollten spielen sehen. Jeder Edelmann unterzeichnete nach seiner Freigebigkeit etwas für die Komödianten, und der Baron unterschrieb sich um den andern ein Beispiel zu geben zu allererst, und die Vorstellung wurde auf den ersten Feiertag festgesetzt. Wir spielten so einen ganzen Monat vor dem Adel von Périgord und wurden wechselweise von den Herren und Damen bewirtet, die Truppe erhielt sogar einige halbgetragene Kleider. Der Baron liess uns an seinem Tisch speisen, und die Leute warteten uns mit Vergnügen auf und sagten uns öfters, dass sie uns die gute Laune ihres Herrn zu danken hätten, den sie, seitdem wir Komödie spielten, ganz verändert fanden. Bloss jener Page betrachtete uns als Leute, die ihm seine Ehre geraubt hätten, und der Vers, den er verhunzt hatte und den ihm alle Bedienten des Hauses bis auf den Küchenjungen stündlich vorsagten, war ihm jedesmal ein Dolchstich, weswegen er an einem von unserer Gesellschaft zu rächen sich vornahm. Als eines Tages der Baron von Sigognac seine Nachbarn und Bauern versammelt hatte, um das Land von einer Menge Wölfe zu säubern, zog auch mein Vater und seine Kameraden, jeder mit einer Flinte wie alle andern Bedienten des Barons hinaus. Der schlechte Page ging auch mit, und da er nun glaubte Gelegenheit gefunden zu haben, sein Vorhaben gegen uns auszuführen, so sah er meinen Vater und seine Kameraden, die sich von den andern abgesondert hatten und einander Pulver und Blei gaben, kaum allein, als er seine Flinte hinter einem Baum losschoss und meinem unglücklichen Vater zwei Kugeln in den Leib jagte. Seine Kameraden, die Mühe hatten, ihn aufrecht zu erhalten, dachten nicht gleich daran, dem Mörder nachzulaufen, der sich fortmachte und aus dem Lande ging. Zwei Tage darauf starb mein Vater an seiner Wunde; meine Mutter glaubte vor Kummer zu vergehen und wurde aufs neue krank, und ich war darüber so traurig wie ein Mädchen von meinem Alter es sein konnte. Da die Krankheit meiner Mutter langwierig wurde, nahmen die Komödianten und die Komödiantinnen unserer Truppe von dem Baron von Sigognac Abschied und gingen weiter, um bei einer andern Gesellschaft anzukommen. Meine Mutter war länger als zwei Monate krank und empfing von dem Baron von Sigognac so viele Beweise der Grossmut und Güte, wie sie mit dem Ruf, den er als einer der grössten Tyrannen im Lande hatte, gar nicht übereinstimmten. Seine Bedienten, die nicht gewohnt waren, ihn höflich und menschlich zu sehen, erstaunten, als sie sahen, dass er uns mit solcher Lebensart begegnete. Man hätte glauben sollen, dass er in meine Mutter verliebt wäre; allein er sprach fast gar nicht mit ihr und kam niemals in unser Zimmer, wo er uns seit meines Vaters Tod immer allein zu essen geben liess. Er schickte zwar oft und liess sich nach dem Befinden meiner Mutter erkundigen, man sprach jedoch im ganzen Lande davon, wie wir es nachher erfahren haben. Da nun meine Mutter bescheidenerweise nicht länger in dem Hause des Barons bleiben konnte, dachte sie an ihre Abreise und war entschlossen, zu ihrem Vater nach Marseille zurückzukehren. Sie meldete es also dem Baron Sigognac, dankte ihm für alle Wohltaten, die er uns erwiesen hatte, und bat ihn, uns noch die Gefälligkeit zu erzeigen, ihr und mir einen Wagen bis zu einer bestimmten Stadt zu verschaffen, nebst einem Karren für unser kleines Gepäck, welches sie dem ersten besten Händler überlassen wolle, so wenig sie auch dafür erhalten möchte. Der Baron erstaunte über den Entschluss meiner Mutter, und sie erstaunte nicht weniger, als sie weder Einwilligung noch Weigerung von ihm erhalten konnte. Den andern Tag kam ein Pfarrer von einer Pfarrei, die dem Baron gehörte, zu uns in das Zimmer. Er war von seiner Nichte begleitet, einer angenehmen und artigen Person, mit der ich bald Bekanntschaft schloss. Wir liessen ihren Onkel und meine Mutter allein, und gingen im Schlossgarten spazieren. Der Pfarrer sprach lange mit meiner Mutter und verliess sie erst zur Zeit des Abendessens. Ich fand sie sehr nachdenklich und fragte sie ein paarmal, was ihr fehle, ohne dass ich Antwort bekam. Ich sah, dass sie weinte, und ich weinte mit. Endlich, nachdem sie mich die Türe verschliessen geheissen, sagte sie mir noch stärker weinend als zuvor, der Pfarrer hätte ihr gesagt, dass der Baron von Sigognac sterblich in sie verliebt sei und ihm versichert hätte, dass er sie so sehr schätze, dass er es niemals gewagt habe, ihr seine Liebe zu entdecken oder durch andere mitteilen zu lassen, wenn er ihr nicht zugleich seine Hand als Gemahl anbieten könnte. Als sie aufhörte zu reden, wollte sie vor Seufzen und Weinen bald ersticken; ich fragte sie noch einmal, was ihr fehle. »Wie?« sagte sie, »hab ich dir nicht genug gesagt, um dich zu überzeugen, dass ich die unglücklichste Person von der Welt bin?« Ich antwortete, dass es eben für eine Schauspielerin kein so grosses Unglück sei, eine Frau Baronin zu werden. »Ach, arme Kleine, du sprichst wohl recht wie ein junges unerfahrenes Ding. Wenn er nun diesen guten Pfarrer hintergeht, damit der mich wieder hintergehen soll? Und wenn es nicht sein Ernst ist, mich zu heiraten, was für Gewalttätigkeiten habe ich nicht alsdann von einem Manne zu erwarten, der ganz ein Sklave seiner Leidenschaften ist? Und wenn er mich wirklich heiraten will, und ich einwillige, was für eine unglückliche Person werde ich alsdann sein, wenn er seinen Sinn ändern sollte? Und wie sehr muss er mich hassen, wenn er einst bereut, mich geliebt zu haben? Nein, meine Tochter, das Glück läuft einem nicht nach, so wie du glaubst, sondern ein schreckliches Unglück, das mich um meinen ersten Mann gebracht hat, den ich liebte und der mich wieder liebte, will mir nun einen mit Gewalt aufdrängen, der mich vielleicht hassen wird und mich zwingen wird, ihn wieder zu hassen.« Ihr Schmerz, der mir damals ganz unvernünftig schien, wurde so, dass ich glaubte, sie würde an ihm ersticken; ich kleidete sie aus und tröstete sie so gut ich konnte, brachte, um ihr ihre Traurigkeit zu nehmen, alle Gründe vor, deren ein Mädchen von meinen Jahren nur fähig war. Ich vergass nicht, ihr zu sagen, dass die Gefälligkeit und die Achtung, die der unhöflichste Mann von der Welt uns zeigte, mir von guter Vorbedeutung schien, besonders aber seine Furchtsamkeit, seine Leidenschaft einer Person nicht zu erklären, deren Stand eben nicht viel Achtung geniesst. Meine Mutter liess mich reden was ich wollte und legte sich sehr traurig zu Bett und weinte die ganze Nacht. Ich wollte dem Schlaf widerstehen, allein ich musste ihm nachgeben und schlief hernach so gut als meine Mutter wenig schlief. Sie stand sehr früh auf und als ich erwachte, fand ich sie angekleidet und ziemlich ruhig. Ich war begierig zu wissen, was sie für einen Entschluss gefasst hätte; denn die Wahrheit zu gestehen, so schmeichelte sich meine Einbildung mit der künftigen Grösse, zu welcher ich meine Mutter erhoben zu sehen hoffte, wenn der Baron von Sigognac aufrichtig redete und meine Mutter ihm das bewilligen wollte, was er verlangte. Der Gedanke, meine Mutter Frau Baronin nennen zu hören, war mir ausserordentlich angenehm, und nach und nach kam der Ehrgeiz in meinen kleinen Kopf.« La Caverne erzählte solchergestalt ihre Geschichte und die Etoile hörte ihr aufmerksam zu, als sie auf einmal in ihrem Zimmer jemanden gehen hörten; dies befremdete sie um so mehr, weil sie gewiss waren, dass sie die Tür verschlossen hatten. Unterdessen hörten sie immerfort gehen. Sie fragten wer da wäre. Man antwortete ihnen nicht, und einige Augenblicke nachher sah die Caverne unten an dem Bett, das keine Vorhänge hatte, die Gestalt eines Menschen, den sie seufzen hörte und der sich auf das Bett stützte und ihr die Füsse etwas drückte. Sie richtete sich auf, um das näher zu besehen, vor dem sie sich nun anfing zu fürchten; und war entschlossen es anzureden; als sie aber den Kopf aufrichtete und im Zimmer herumschaute, sah sie nichts mehr. Öfters vertreibt die geringste Gesellschaft die Furcht, allein manchmal wird sie auch dadurch, dass sie geteilt ist, gar nicht verringert. Die Caverne erschrak, dass sie nichts gesehen hatte und die Etoile erschrak darüber, dass die Caverne erschrocken war. Sie verkrochen sich in das Bett, umfassten einander und fürchteten sich beide so sehr, dass sie kaum zu reden wagten. Endlich sagte die Caverne, es wäre ihre verstorbene Tochter, die gekommen wäre und bei ihr geseufzt hätte. L'Etoile wollte ihr eben antworten, als sie wieder in dem Zimmer gehen hörten. Sie verkroch sich noch tiefer in das Bett und die Caverne, die durch den Gedanken, dass es der Geist ihrer Tochter sei, beherzter geworden war, richtete sich abermals im Bette auf, und da sie dieselbe Gestalt wieder sah und seufzen hörte, stand sie auf, streckte die Hand danach aus und fühlte etwas Haariges – worauf sie einen grossen Schrei tat und rücklings auf das Bett hinfiel. Zu eben der Zeit hörten sie in ihrem Zimmer bellen, so als wenn ein Hund in der Nacht über etwas erschrickt. Die Caverne war wieder so beherzt, um zu sehen, was es wäre, und erblickte einen grossen Windhund, der sie anbellte. Sie drohte ihm mit starker Stimme und er lief bellend in eine Ecke des Zimmers hin, wo er verschwand. Die beherzte Schauspielerin stand aus dem Bett auf und entdeckte beim Mondschein, der durch das Fenster hereinkam, eine kleine Türe in der Ecke des Zimmers, wo das Gespenst verschwunden war; die Türe führte auf eine verborgene Treppe. Sie konnte also leicht begreifen, dass es nichts anderes gewesen war als ein Windhund aus dem Hause, der auf diesem Weg in ihr Zimmer gekommen war. Er war vermutlich willens gewesen, sich auf ihr Bett zu legen, und da er es ohne die Erlaubnis derer, die darin lagen, nicht tun wollte, so hatte er wie eben ein Hund gewinselt und sich mit den Vorderpfoten auf das Bett gestützt; so oft aber die Caverne sich aufrichtete, hatte er sich unter dem Bett versteckt. Die Etoile wollte es lange nicht glauben, dass es kein Geist wäre, und die Caverne hatte Mühe, sie zu überzeugen, dass es ein Windspiel gewesen war. So betrübt sie auch war, so zog sie ihre Freundin doch mit ihrer Furchtsamkeit auf und verschob das Ende ihrer Geschichte auf eine andere Zeit, wo ihnen der Schlaf nicht so nötig sein würde wie jetzt. Der Tag fing schon an zu grauen als sie einschliefen. Sie standen morgens um zehn Uhr auf, wie man eben kam, um ihnen zu sagen, dass der Wagen, der sie nach Mans zurückführen sollte, bereit sei, abzufahren, sobald sie wollten. * Viertes Kapitel. Destin holt den Leander ein Destin ritt unterdessen von Dorf zu Dorf und fragte immer nach denen, die er suchte und konnte nichts erfahren. Er durchritt eine grosse Strecke Landes und hielt erst gegen zwei Uhr, als der Hunger und die Müdigkeit ihn zwangen, in ein grosses Dorf zurückzukehren, durch das er eben gekommen war. Er fand die Schenke sehr gut, weil sie an der Landstrasse lag, und vergass nicht, sogleich zu fragen, ob man nicht einen Trupp Reiter gesehen hätte, die ein Frauenzimmer mit sich führten. »Oben ist ein Edelmann,« sagte der Barbier des Dorfes, der gerade gegenwärtig war, »der Euch Nachricht davon wird geben können, und ich glaube sogar, dass er Streit mit ihnen gehabt hat und von ihnen misshandelt worden ist. Ich habe ihm ein schmerzenstillendes und auflösendes Pflaster auf den Hals legen müssen und ihm eine grosse Wunde verbinden, die er am Kopf hat; ich wollte ihm auch noch zur Ader lassen, weil der ganze Körper voller Beulen ist, aber er wollte es nicht haben, ob es gleich sehr nötig wäre; er muss entweder sehr schlimm gefallen sein oder viele Schläge bekommen haben.« Dieser Dorfbarbier hörte sich so gerne von seiner Kunst reden, dass, obgleich Destin ihn schon längst verlassen hatte, er doch seine Rede noch immer fortsetzte, solang bis man kam und ihn zu seiner Frau rief, die an einem Schlagfluss sterben wollte. Unterdessen ging Destin in das Zimmer desjenigen, von dem ihm der Bader gesagt hatte. Er fand einen jungen wohlgekleideten Menschen, der den Kopf verbunden und um auszuruhen sich auf das Bett gelegt hatte. Destin wollte sich eben entschuldigen, dass er in sein Zimmer gekommen war, ohne vorher zu fragen, ob es ihm angenehm sein würde. Aber er erstaunte sehr, als bei den ersten Worten seines Kompliments der andere vom Bett aufstand und ihm um den Hals fiel und sich ihm als sein Bedienter Leander zu erkennen gab, der ihn seit vier bis fünf Tagen verlassen hatte und den die Caverne für den Räuber ihrer Tochter hielt. Destin wusste nicht wie er mit ihm reden sollte, da er ihn so gut gekleidet sah. Während er ihn so betrachtete, hatte Leander Zeit, sich wieder zu fassen, denn anfangs war er ganz verlegen gewesen. »Ich bin sehr beschämt,« sagte er zu Destin, »dass ich gegen Euch nicht aufrichtig genug war, da ich Euch doch wirklich hochschätze; allein Ihr werdet einem jungen unerfahrenen Menschen verzeihen, der bevor er Euch recht kannte, Euch ebenso beurteilte wie die übrigen Eures Standes gewöhnlich sind und es nicht wagte, Euch ein Geheimnis anzuvertrauen, an dem das Glück seines Lebens hängt.« Destin sagte, er könne es nur von ihm allein erfahren, worin er gegen ihn nicht aufrichtig genug gewesen sei. »Ich habe Euch ganz andere Dinge zu erzählen,« versetzte Leander, »wenn Ihr sie anders nicht schon wisst. Aber sagt mir vorerst, was Euch hieher führt.« Destin erzählte ihm, auf welche Art Angelique entführt worden sei, und sagte ihm, dass er den Räubern nachsetze und dass er unten in der Schenke erfahren habe, dass er sie getroffen habe und ihm Nachricht von ihnen geben könne. »Es ist wahr, dass ich sie getroffen habe,« versetzte Leander seufzend, »und dass ich gegen sie alles getan habe, was ein Mann gegen viele nur immer tun kann; allein da mein Degen auf dem Leib des ersten, den ich verwundete, entzweibrach, so konnte ich weiter nichts mehr für Mademoiselle Angelique tun, noch auch für sie sterben, ob ich mir gleich eines oder das andere vorgenommen hatte. Sie haben mich so zugerichtet wie Sie mich hier sehen. Ich war von dem Säbelhieb, den ich auf den Kopf bekam, ohnmächtig geworden, sie hielten mich also für tot und ritten schnell weiter. Dies ist alles, was ich von Mademoiselle Angelique weiss; ich erwarte hier einen Bedienten, der Euch mehr sagen wird; er ist ihnen von weitem nachgefolgt, nachdem er mir wieder zu meinem Pferd verholfen hatte, das sie mir vielleicht deswegen nur liessen, weil es gar nichts mehr taugt.« Destin fragte ihn, warum er ihn verlassen hätte, ohne ihm zu sagen, wo er herkäme und wer er wäre, weil er nun nicht mehr zweifelte, dass er ihm seinen wahren Namen und Stand verborgen hätte. Leander gestand ihm, dass etwas an der Sache wahr wäre, und da er sich wieder auf das Bett gelegt hatte, weil seine Wunden ihn sehr schmerzten, so setzte sich Destin auf das Fussende und Leander erzählte: * Fünftes Kapitel. Leanders Geschichte Ein Edelmann aus einer in der Provinz sehr bekannten Familie kann ich einmal sicher auf zwölftausend Pfund Einkünfte rechnen, sobald mein Vater stirbt. Doch ob er gleich achtzig Jahr alt ist und alle die um ihn sind und von ihm abhängen beständig quält, so befindet er sich doch so wohl, dass ich eher befürchten muss, er würde niemals sterben, als dass ich hoffen könnte, ihm einst in dem Besitz von drei schönen Landgütern, worin sein Vermögen besteht, nachzufolgen. Er wollte wider meinen Willen einen Parlamentsrat aus mir machen und liess mich auch deswegen so früh studieren. Ich war Schüler zu La Fleche, als Eure Truppe dort ankam, – ich sah Mademoiselle Angelique und verliebte mich so sehr in sie, dass ich von nun an nichts anders tun konnte als sie zu lieben. Ich tat noch mehr und wagte es ihr zu sagen, dass ich sie liebte, und sie fühlte sich dadurch nicht beleidigt. Ich schrieb ihr einen Brief, über den sie mir kein unfreundliches Gesicht machte. Von dieser Zeit an begünstigte eine Krankheit, welche Mademoiselle la Caverne nötigte das Zimmer zu hüten, während dass Ihr zu la Fleche wart, mein Zusammensein mit ihrer Tochter sehr. Sie würde es gewiss verhindert haben, da sie für einen Stand zu streng ist, der ja meist alle, die ihn erwählen, von der tugendhaften Strenge befreit, Von der Zeit an, dass ich ihre Tochter liebte, ging ich nicht mehr in die Schule und verfehlte keinen einzigen Tag die Komödie. Die Jesuiten wollten mich zu meiner Pflicht zurückbringen, aber ich wollte so unangenehmen Lehrern nicht mehr gehorchen, seitdem ich das schönste Mädchen der Welt liebte. Euer Bedienter wurde an der Tür des Theaters von Bretagner Schülern ermordet, die in dem Jahr überhaupt viel Unordnung in la Fleche verübten, weil der Wein billig und sie in grosser Menge beisammen waren. Dies bewog Euch zum Teil, la Fleche zu verlassen und nach Angers zu gehen. Ich konnte von Mademoiselle Angelique nicht Abschied nehmen, weil sie ihre Mutter nicht einen Augenblick verliess. Alles was ich tun konnte war bei ihrer Abreise vor ihr zu erscheinen mit einem Gesicht, worauf Verzweiflung lag, und mit Tränen in den Augen. Ein trauriger Blick, den sie mir gab, hätte mich bald umgebracht. Ich schloss mich in mein Zimmer ein und weinte den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht. Des Morgens früh tauschte ich meine Kleider gegen die meines Bedienten, der von meiner Grösse war, meine Kleider liess ich ihm und trug ihm auf, mein Schulzeug zu verkaufen, gab ihm einen Brief an einen Pächter meines Vaters, der mir Geld schickt, wenn ich welches brauche, und bat ihn, zu mir nach Angers zu kommen. Ich folgte Euch also dahin nach und traf Euch zu Duretail an, wo verschiedene vornehme Personen, die auf einer Hirschjagd waren, Euch sieben bis acht Tage aufhielten. Ich bot Euch meine Dienste an. Es sei nun, dass Ihr einen nötig hattet, oder dass mein Gesicht Euch nicht missfiel – Ihr nahmt mich an. Meine Haare, die ich mir ganz kurz hatte abschneiden lassen, machten mich denen unkenntlich, die mich öfters bei Mademoiselle Angelique gesehen hatten; zudem verstellte mich auch das schlechte Kleid, das ich von meinem Bedienten genommen hatte, sehr; es sah um so schlechter aus, als ich früher reicher gekleidet ging als gewöhnliche Schüler. Ich wurde zuerst von Mademoiselle Angelique erkannt, die mir gestand, dass sie gleich gemerkt hätte, dass meine Leidenschaft für sie sehr gross sein müsste, weil ich um ihretwillen alles verliess. Sie war grossmütig genug, mir abzuraten und mich zur Vernunft zurückzuführen, die ich, wie sie wohl einsah, verloren hatte. Sie war lange Zeit so streng und hart gegen mich, dass ein anderer an meiner Stelle gewiss kalt gegen sie geworden wäre. Allein da ich sie trotzdem beständig liebte, wurde sie endlich bewogen, mich wieder zu lieben. Da Ihr die Denkart einer wohlerzogenen Standesperson habt, erkanntet Ihr bald, dass ich nicht wie ein gewöhnliche! Bedienter dachte. Ihr wurdet mir gewogen und ich setzte mich bei allen Herren Eurer Truppe in Gunst; selbst la Rancune hasste mich nicht, von dem doch bekannt ist, dass er keinen Menschen liebt. Ich will die Zeit nicht damit verlieren, Euch alles das zu erzählen, was zwei Personen, die sich lieben, einander sagen, so oft sie miteinander sprechen – Ihr wisst dies alles von Euch selber. Ich will bloss sagen, dass Mademoiselle la Caverne, die unsere Liebe ahnte oder vielmehr gar nicht daran zweifelte, ihrer Tochter verbot mit mir zu sprechen; dass ihre Tochter ihr aber nicht gehorchte, und da sie diese überraschte, als sie eben an mich schrieb, so behandelte sie sie öffentlich und heimlich so schlecht, dass ich gar nicht viel Mühe hatte, sie zu bereden, sich von mir entführen zu lassen. Ich fürchte mich nicht, Euch dies zu gestehen weil ich Euch als einen grossmütigen Menschen kenne der zudem ebenso verliebt ist wie ich.« Destin wurde bei den letzten Worten Leanders rot; dieser aber fuhr fort und erzählte, dass er die Truppe bloss verlassen habe, um sich in den Stand zu setzen, sein Vorhaben auszuführen. Ein Pächter seines Vaters habe ihm versprochen, ihm Geld zu geben, und in Saint Malo hoffte er noch etwas von dem Sohn eines Kaufmannes zu bekommen, auf dessen Freundschaft er sich verlassen könne, und der seit kurzem durch den Tod seiner Eltern Herr über sein Vermögen geworden war. Mit Hilfe seines Freundes hoffe er leicht nach England hinüberzukommen und von dort aus sich mit seinem Vater zu versöhnen, ohne Mademoiselle und deren Mutter seinem Zorn auszusetzen. Destin stellte dem Leander vor, dass wegen seiner Jugend und seiner Geburt sein Vater sicher die Mademoiselle la Caverne wegen Verführung verklagen würde. Er suchte ihm jedoch seine Liebe nicht auszureden, weil er wohl wusste, dass verliebte Leute nicht imstande sind, anderm Rat zu folgen als dem ihrer Leidenschaft, und so mehr zu bedauern als zu tadeln sind. Doch war er sehr gegen die Flucht nach England und stellte ihm vor, was man in fremdem Lande von zwei einzelnen denken würde, machte ihn auf die Strapazen und Gefahren der Reise und die Schwierigkeit, Geld zu erhalten, aufmerksam, und auch auf die Nachstellungen, welche die Schönheit der Mademoiselle Angelique und ihre beiderseitige Jugend ihnen ganz gewiss erwecken würde. Leander verteidigte seine schlimme Sache nicht weiter und bat den Destin nochmals um Verzeihung, dass er sich ihm nicht eher entdeckt hätte. Destin versprach ihm, ihn mit aller der Macht zu unterstützen, die er über Mademoiselle la Caverne zu haben glaube, um sie ihm günstig zu stimmen. Er sagte ihm auch, dass wenn er entschlossen wäre, keine andere Frau als Mademoiselle Angelique zu heiraten, er die Truppe nicht verlassen dürfe. Er stellte ihm vor, dass sein Vater sterben oder dass seine Leidenschaft abnehmen, oder gar verschwinden könnte. Leander aber sagte, dies würde niemals geschehen. »Gut,« sagte Destin, »damit dies nun Eurer Geliebten nicht widerfahren möge, so lasst sie nie aus den Augen und werdet Komödiant bei uns. Ihr seid nicht der einzige, der es geworden ist und der imstande wäre, etwas besseres zu werden. Schreibt an Euren Vater; schreibt ihm, dass Ihr in den Krieg gezogen wäret und sucht Geld von ihm zu bekommen. Ich werde unterdessen mit Euch wie mit einem Bruder sein und mich bemühen, Euch die harte Begegnung vergessen zu machen, die ich Euch erzeigte, als ich noch nicht wusste, was Ihr wert seid.« Leander hätte sich gerne dem Destin zu Füssen geworfen, wenn ihn der Schmerz, den er an seinen Wunden fühlte, nicht daran verhindert hätte. Er dankte ihm also in den herzlichsten Worten und versicherte ihn seiner ewigen Freundschaft. Sie sprachen dann von Mademoiselle Angelique, aber ein grosser Lärm, den sie hörten, unterbrach ihre Unterhaltung. Destin ging in die Küche des Wirtshauses hinunter, wo das vorging, was man im folgenden Kapitel lesen wird. * Sechstes Kapitel. Schlägerei. Tod des Wirtes und andere merkwürdige Begebenheiten Zwei Männer, wovon einer schwarz wie ein Dorfmagister gekleidet war und der andere grau wie ein Häscher, hatten einander bei Haaren und Bart und traktierten einer den andern von Zeit zu Zeit mit erstaunlichen Rippenstössen. Beide waren das was ihre Kleider anzeigten. Der schwarzgekleidete Magister war der Bruder des Pfarrers im Dorfe und der grau gekleidete Häscher war der Bruder des Wirtes. Dieser Wirt lag gerade in einem Zimmer neben der Küche und wollte seinen Geist aufgeben; ein hitziges Fieber hatte ihm den Verstand so sehr verwirrt, dass er mit dem Kopf gegen eine Wand gerannt war; und diese Wunde nebst dem Fieber hatten ihn so angegriffen, dass seine Raserei zwar aufhörte, aber zugleich auch sein Leben, das er vielleicht mehr liebte als sein unrecht erworbenes Geld. Er war lange Zeit Soldat gewesen und endlich ganz alt wieder in sein Dorf zurückgekommen und mit so wenig Ehrlichkeit, dass man wohl sagen konnte, er hätte weniger davon besessen als er Geld hatte, ob er gleich ausserordentlich arm war. Allein da sich die Weiber öfters dadurch fangen lassen, wodurch sie es am wenigsten tun sollten, so hatten seine langen Haare, seine Soldatenflüche, eine gelbgewordene Feder, die er Sonntags, wenn es nicht regnete, auf den Hut steckte und ein rostiger Degen, der ihm auf die Stulpstiefel schlug (ob er gleich kein Pferd dazu hatte), eine grosse Wirkung auf eine alte Witwe getan, der die Schenke gehörte. Die reichsten Pächter des Landes hatten sich um sie beworben, nicht sowohl um ihrer Schönheit willen, als weil sie einiges Vermögen mit ihrem verstorbenen Mann dadurch zusammengebracht hatte, dass sie den Wein und den Hafer nach falschem Gemäss verkaufte. Sie hatte allen ihren Freiern standhaft widerstanden, aber schliesslich triumphierte ein alter Soldat über ein altes Wirtsweib. Das Gesicht dieser Dame war das allerkleinste und ihr Wanst der allergrösste in ganz Maine, obgleich diese Provinz an dickleibigen Personen keinen Mangel hat. Ich überlasse es den Naturforschern, der Ursache hievon nachzugehen, ebenso wie die Ursache der Fettigkeit der Kapaune dieses Landes herauszubekommen. Um wieder auf diese kleine dicke Person zu kommen, die ich lebendig vor mir stehen sehe, so oft ich an sie denke, so heiratete sie also ihren Soldaten ohne ihre Verwandten darum zu befragen, und als sie mit ihm alt geworden war und viel mit ihm ausgestanden hatte, wurde ihr das Vergnügen, ihn mit einem zerbrochenen Schädel sterben zu sehen, weil er ihr öfters den ihrigen hätte zerbrechen wollen. Als Destin in die Küche kam, waren die Wirtin und ihre Magd damit beschäftigt, dem alten Pfarrer beizustehen, um die Kämpfenden auseinander zu bringen, die einander so fest angepackt hatten wie zwei Schiffe. Aber die Drohungen Destins und der Ton in dem er sprach, brachten auf einmal das zustande, was der alte Herr Pfarrer nicht vermochte – die beiden Todfeinde liessen von einander ab, spuckten ihre eingeschlagenen Zähne aus, bluteten aus der Nase und hatten weder am Kinn noch am Kopf mehr als ein paar Haare übrig. Der Pfarrer war ein braver Mann und hatte Lebensart; er dankte dem Destin sehr höflich, und Destin, um ihm ein Vergnügen zu machen, brachte es dahin, dass die beiden Gegner sich nun als Freunde umarmen mussten, nachdem sie einen Augenblick vorher einander erwürgen wollten. Während der Friedensunterhandlung beschloss der Wirt sein Leben, ohne seine Freunde davon zu benachrichtigen, so dass nach gestiftetem Frieden man ihn in seinem Zimmer in einem Zustand fand, der bloss ein Begräbnis nötig machte. Der Pfarrer sprach ein Gebet über den Toten, das gut war, denn es war kurz. Sein Vikar löste ihn ab, und unterdessen fing seine Witwe, nur weil es sich gehörte, entsetzlich an zu heulen. Der Bruder des Verstorbenen spielte den Traurigen oder war es wirklich, und die Knechte und Mägde machten es beinah ebensogut wie er. Der Pfarrer folgte dem Destin in sein Zimmer und bot ihm wie auch Leander seine Dienste an; sie behielten ihn bei sich zu Tische. Destin, der den ganzen Tag nichts gegessen und viel Bewegung gehabt hatte, ass mit grossem Hunger, Leander sättigte sich mit verliebten Gedanken mehr als mit Speisen und der Pfarrer schwatzte mehr als er ass. Er erzählte hundert närrische Geschichtchen von dem Geiz des Verstorbenen, und unterhielt sie mit den verschiedenen Streitigkeiten, in die er wegen dieser seiner Leidenschaft mit seiner Frau und seinen Nachbarn geraten war. Unter anderm erzählte er ihnen eine Reise, die der Verstorbene mit seiner Frau nach Laval getan hatte, bei deren Rückkehr das Pferd, auf dem er und seine Frau ritten, beide Hufeisen verlor. Da nun die Eisen verloren waren, liess er seine Frau das Pferd beim Zügel halten und unter einem Baum stehen, er selbst aber kehrte bis nach Laval zurück und suchte die Eisen überall den ganzen Weg entlang. Aber seine Mühe war vergebens, und seine Frau wollte schon die Geduld verlieren, denn er war zwei starke Stunden zurückgelaufen, und wurde nun bald ängstlich für ihn, als sie ihn barfuss und mit den Stiefeln und Strümpfen in der Hand daherkommen sah. Sie wunderte sich sehr über diesen sonderbaren Aufzug, aber sie wagte es nicht, ihn um die Ursache zu fragen, so sehr hatte er durch langen Gehorsam im Kriege sich fähig gemacht, in seinem Hause zu befehlen. Sie getraute sich nicht einmal zu antworten, als er ihr befahl, sich ebenso auszuziehen. Sie vermutete bloss, dass es aus Frömmigkeit geschehe. Er liess seine Frau das Pferd beim Zügel führen, und er ging hinten nach, um es anzutreiben, und also kamen der Mann und die Frau barfuss und das Pferd ohne Eisen sehr spät in der Nacht bei ihrem Hause an, alle drei sehr müde und mit so zerschundenen Füssen, dass sie vierzehn Tage lang kaum gehen konnten. Er freute sich über keinen seiner Streiche mehr als über diesen, und wenn er daran dachte, so sagte er lachend zu seiner Frau, dass wenn sie sich auf dem Rückweg von Laval nicht ausgezogen hätten, so hätten sie ausser zwei Hufeisen noch zwei Paar Schuhe verloren. Destin und Leander fanden die Erzählung des Pfarrers eben nicht sehr unterhaltend, entweder weil sie wirklich nicht so lächerlich war wie er glaubte, oder auch weil sie keine grosse Lust zu lachen hatten. Der Pfarrer, ein grosser Schwätzer, hörte damit nicht auf, und sagte zu Destin, dass das was er eben gehört noch lange nicht so arg wäre als die Art wie sich der Verstorbene zum Tod bereitet hätte. »Seit vier oder fünf Tagen wusste er es, dass er nicht würde davon kommen. Niemals ist er so geizig gewesen, wie eben jetzt, und er bereute alle frischen Eier, die er während seiner Krankheit ass. Er wollte voraus wissen, was sein Begräbnis kosten würde und wollte sogar an dem Tage als ich ihm die Beichte abnahm mit mir darum handeln. Endlich, um so zu endigen wie er angefangen hatte, befahl er zwei Stunden vor seinem Tod in meiner Gegenwart seiner Frau, dass sie ihn in ein gewisses altes Tuch einwickeln sollte, das wohl mehr als hundert Löcher hatte. Seine Frau stellte ihm vor, dass man ihn kaum darein würde wickeln können; er bestand aber darauf, und sie auf ihrer Weigerung; und da sie sah, dass er nicht imstande war, sie zu prügeln, so blieb sie fester bei ihrer Meinung als sie sonst getan hätte, ohne jedoch die Achtung zu verletzen, die eine Frau ihrem Manne schuldig ist. Sie fragte ihn endlich, wie er denn in dem Tale Josaphat in einem so zerrissenen Tuch erscheinen wollte und ob er wohl mit einem so zerrissenen Kleid auferstehen wollte. Der Kranke wurde so zornig, dass er noch einmal fluchte, wie er es in seinem Leben gewohnt war, und schrie: ›Zum Teufel, ich will ja gar nicht auferstehn.‹ Ich hatte ebensoviel Mühe das Lachen zurückzuhalten wie ihm begreiflich zu machen, dass er gesündigt hätte, indem er zornig geworden wäre, und noch mehr durch das, was er zu seiner Frau gesagt hatte, welches gleichsam eine Gottlosigkeit war. Er bereute es so halb und halb, aber doch musste man ihm die Hand darauf geben, dass man ihn in dem löcherigen Tuch begraben wollte. Mein Bruder, der laut gelacht hatte, als der Sterbende so feierlich auf seine Auferstehung Verzicht tat, konnte sich, so oft er nachher daran dachte, des Lachens nicht enthalten. Der Bruder des Verstorbenen ärgerte sich darüber, und da beide gleich unvernünftig sind, so würden sie sich noch totgeschlagen haben, hätte man sie nicht auseinander gebracht.« Der Pfarrer hörte nun endlich auf und nahm Abschied von den Schauspielern, nachdem er ihnen nochmals seine Dienste angeboten hatte. Destin suchte wie zuvor den betrübten Leander zu trösten und brachte vor was er nur wusste. So zerschlagen der arme Mensch auch war, schaute er doch immer von Zeit zu Zeit aus dem Fenster, um zu sehen, ob sein Diener nicht käme, gleich als ob er dadurch geschwinder käme. Aber wenn man jemand mit Ungeduld erwartet, so sind die Klügsten töricht genug, um oft dorthin zu sehen, wo er herkommen soll – und damit will ich dies Kapitel schliessen. * Siebentes Kapitel. Panischer Schrecken des Ragotin und neues Unglück. Geschichte von dem Kadaver. Prügel und andere überraschende Dinge, eines Platzes in diesem Kapitel würdig Leander sah also durch das Fenster immer nach der Seite hin, woher sein Diener kommen sollte, als er auf einmal nach der anderen Seite schauend den kleinen Ragotin erblickte, der bis an die Hüften gestiefelt auf einem kleinen Maultier sass und auf einer Seite den la Rancune, auf der andern den Olive hatte, die gleich zwei Trabanten neben ihm hergingen. Sie hatten sich von Dorf zu Dorf nach Destin durchgefragt und mit vielem Suchen ihn endlich gefunden. Destin ging hinunter ihnen entgegen und liess sie ins Zimmer hinaufkommen. Sie erkannten den jungen Leander, der sein Gesicht sowohl wie seine Kleider verändert hatte, nicht gleich. Damit man ihn nun nicht für das erkennen möge, was er wirklich war, befahl ihm Destin in seinem gewöhnlichen, befehlenden Ton, dass er hinuntergehen und das Abendessen bestellen solle. Die Komödianten erkannten ihn daran wieder und hatten ihn kaum seiner Tapferkeit wegen gelobt, als Destin wieder das Wort nahm und ihnen sagte, dass ein reicher Onkel aus Niedermaine den Burschen, so wie sie ihn sahen, vom Fuss zu Kopf neu gekleidet und ihm sogar Geld gegeben hätte, um ihn zu bewegen, das Theater zu verlassen, was er aber nicht hätte tun wollen. Destin und die andern fragten einander um Neuigkeiten wegen ihres Fanges und konnten sich keine geben. Ragotin versicherte dem Destin, dass er die Schauspielerinnen bei guter Gesundheit verlassen hätte, wenn auch sehr traurig über die Entführung der Mademoiselle Angelique. Die Nacht kam und die Neuangekommenen tranken ebenso viel als die anderen wenig. Ragotin wurde lustig und forderte jedermann zum Trinken auf, machte viele Spässe und sang Lieder. Da man ihm aber darin nicht gleichtat, und der Schwager der Wirtin der Gesellschaft vorstellte, dass es nicht schicklich sei, bei Anwesenheit einer Leiche soviel Lärm zu machen, so schwieg Ragotin zwar, trank aber desto mehr. Man ging zu Bett: Destin und Leander in das Zimmer, das sie schon vor inne hatten, Ragotin, Rancune und Olive aber in eine kleine Kammer neben der Küche, die gerade neben dem Raum war, in dem der Leichnam des Verstorbenen lag, den man noch nicht begraben hatte. Die Wirtin schlief im obern Stockwerk nicht weit von dem Zimmer des Destin und Leander. Sie hatte sich dahin begeben, um nicht ihren toten Mann in der Nähe zu haben und um die Trauerbesuche ihrer Freundinnen zu empfangen, die in grosser Anzahl kamen; denn sie war eine der angesehensten Frauen des Dorfes und immer ebensosehr geliebt als ihr Mann gehasst worden. Alles war still in der Schenke, selbst die Hunde, und die Ruhe dauerte so bis zwischen zwei und drei Uhr des Morgens, als auf einmal Ragotin aus vollem Halse zu schreien anfing, dass Rancune gestorben sei. Zugleich weckte er Olive auf, ging hinauf zu Destin und Leander und brachte sie herunter, in seine Kammer, um, wie er sagte, den Rancune, der eben an seiner Seite verschieden wäre zu beklagen und anzusehen. Destin und Leander gingen mit, und das erste, was ihnen beim Eintritt in das Zimmer in die Augen fiel war Rancune, der so wie jeder andre gesunde Mensch im Zimmer auf und ab spazierte, wenngleich dies nach einem plötzlichen Tod ziemlich schwer sein dürfte. Ragotin, der zuerst hineinging, hatte ihn kaum erblickt, als er zurückfuhr als ob er auf eine Schlange getreten hätte; er tat einen Schrei, wurde totenblass und stiess, als er zur Kammer hinausfuhr, so hart an Destin und Leander, dass er sie beinah umgerannt hätte. Während er bis in den Garten der Schenke floh, wo er beinah erfroren wäre, fragte Destin und Leander den Rancune um einige Nachrichten von seinem Tode. La Rancune sagte, er wüsste ebensowenig davon wie sie, und Ragotin müsste nicht gescheit im Kopf sein. Olive lachte immerzu, aber la Rancune blieb nach seiner Gewohnheit ganz kühl, ohne ein Wort zu reden, und weder er noch Olive erklärten sich deutlicher. Leander ging dem Ragotin nach und fand ihn hinter einem Baum versteckt, wo er mehr vor Furcht als vor Kälte zitterte obschon er im Hemd war. Seine Phantasie war so erfüllt von Rancunes Tod, dass er anfangs den Leander für dessen Geist hielt und fortlaufen wollte als er auf ihn zukam. Dann kam noch Destin dazu, den er für ein zweites Gespenst hielt, – sie konnten, soviel sie ihn fragten, auch nicht ein Wort aus ihm herausbringen, fassten ihn schliesslich unter den Armen und wollten ihn in seine Kammer zurückführen. Als sie gerade zum Garten hinausgehen wollten, erschien la Rancune, der eben hinein wollte. Ragotin machte sich schnell los und lief, mit erschrockenem Gesicht zurückschauend, in eine dicke Rosenhecke hinein, in die er sich mit Händen und Füssen hineinarbeitete und nicht wieder heraus konnte. La Rancune lief nun auf ihn zu und hiess ihn hundertmal einen Narren, den man einsperren müsse. Sie zogen ihn nun zu dritt aus der Rosenhecke heraus und Rancune gab ihm einen Schlag auf den blossen Hintern, um ihm zu beweisen, dass er noch nicht tot sei, – worauf sie den kleinen erschrockenen Mann wieder in seine Kammer führten und ins Bett legten. Kaum aber lag er darin, als sich ein Geschrei von Weiberstimmen in der nächsten Kammer erhob. Destin ging hinein und fand vier oder fünf Weiber, die zugleich mit der Wirtin unter dem Bett herumsuchten, in den Kamin schauten und höchst erschrocken schienen. Er fragte, was ihnen fehlte, und die Wirtin sagte ihm halb heulend, halb redend, dass sie nicht wüsste, wo der Leichnam ihres armen Mannes hingekommen wäre. Und fing gleich wieder an zu heulen und die übrigen stimmten mit ein, und es war ein so erbärmliches Geschrei, dass alle Leute, die in der Schenke waren, in das Zimmer kamen, ja selbst die Nachbarn und die Vorbeigehenden liefen herbei. Während der Zeit hatte sich ein Kater einer Taube bemächtigt, welche die Magd halb gespickt auf dem Küchentisch hatte liegen lassen, und lief mit seinem Raub in Ragotins Zimmer unter das Bett, in dem er mit Rancune geschlafen hatte. Die Magd lief mit einem Stock hinterdrein, und als sie unter das Bett nach ihrer Taube sah, schrie sie auf einmal aus vollem Hals, sie hätte ihren Herrn gefunden und schrie das so oft, dass die Wirtin und die andern Weiber herbeiliefen. Die Magd fiel ihrer Frau um den Hals und sagte ihr so voller Freude, sie hätte ihren Herrn wiedergefunden, dass die arme Witwe beinahe glaubte, ihr Mann sei wieder auferstanden – denn sie wurde totenblass. Endlich liess sie die Magd unter das Bett sehen, wo sie denn den Leichnam fanden, den sie suchten. Es kostete nicht viele Mühe, ihn da wegzubringen, trotzdem er sehr schwer war, – es war nur die Frage, wer ihn dahin gelegt hatte! Man trug ihn wieder in seine Kammer und legte ihn in den Sarg. Die Schauspieler gingen mit Destin in sein Zimmer, der von alledem nichts begreifen konnte. Und Leander war bloss mit seiner geliebten Angelique beschäftigt, was ihn so tiefsinnig wie Ragotin geärgert darüber machte, dass Rancune nicht gestorben war, unter dessen Spott er so viel litt, dass er ganz gegen seine Gewohnheit unaufhörlich zu reden und sich in alles zu mischen, überhaupt nichts mehr sprach. La Rancune und Olive hatten sich über die Wanderung eines Leichnams von einem Zimmer in das andere so wenig gewundert, dass Destin leicht sah, dass sie an diesem Wunder vielen Anteil haben müssten. Inzwischen klärte sich die Sache in der Küche auf. Ein Knecht, der eben vom Feld nach Haus zum Essen kam, und dem die Magd mit grossem Schrecken erzählte, dass der Leichnam ihres Herrn von selbst aufgestanden und herumgegangen wäre, sagte ihr, dass, als er bei Tagesanbruch durch die Küche gegangen wäre, er zwei Männer im blossen Hemde gesehen habe, die den toten Herrn auf ihren Schultern in die Kammer trugen, wo man ihn gefunden hatte. Der Bruder des Verstorbenen hörte mit an was der Knecht sagte und nahm es sehr übel. Die Witwe und ihre Freundinnen erfuhren es gleich wieder und alle ärgerten sich höchlichst darüber und meinten, ein Hexenmeister müsse mit dem toten Körper Unfug treiben. Während man Rancune so schlimm beurteilte, kam er selber in die Küche, um das Frühstück auf das Zimmer zu bestellen. Der Bruder des Verstorbenen fragte ihn, weshalb er den toten Körper in seine Kammer getragen hätte. La Rancune, weit entfernt ihm zu antworten, sah ihn nicht einmal an. Die Witwe fragte ihn das gleiche, und er war ebenso gleichgültig gegen sie, wie die Dame nicht gegen ihn. Sie sprang ihm in die Augen wie eine wütende Löwin, der man die Jungen geraubt hat (der Vergleich ist, fürchte ich, ein bisschen zu grossartig), ihr Schwager gab ihm einen Schlag mit der Faust, und auch die Freundinnen der Wirtin schonten ihn nicht. Schliesslich mischten sich noch die Knechte und Mägde mit hinein. Aber ein einziger Mensch war für so viel Schläge viel zu klein und so hauten sie sich also selber untereinander. La Rancune, allein gegen viele, liess sich durch die Anzahl seiner Feinde nicht abschrecken, machte aus der Not eine Tugend und bediente sich seiner Fäuste und Arme soviel als möglich – das übrige überliess er dem Schicksal. Niemals war ein so ungleicher Streit so heftig geführt worden. La Rancune behielt mitten in der Gefahr alle Gegenwart des Geistes, und gebrauchte sowohl seine List als seine Stärke. Er sparte seine Streiche und brachte sie nur so vorteilhaft als möglich an; wenn er also eine Ohrfeige austeilte, so fiel sie zwar nicht geradezu auf die Backe seines Gegners sondern glitschte gleichsam ab auf eine zweite, ja oft auf eine dritte Backe, weil er die meisten seiner Hiebe im Springen austeilte, so dass eine einzige Backpfeife Töne aus verschiedenen Visagen zog. Auf den Lärm kam Olive in die Küche herunter. Kaum hatte er seinen Kameraden unter allen die ihn prügelten unterschieden, als er sich auch schon geprügelt fühlte und das noch stärker als la Rancune, dessen tapferer Widerstand einige Furcht eingeflösst hatte. Zwei, drei, die von la Rancune am übelsten waren zugerichtet worden, fielen gleich, wie um sich zu rächen, über Olive her. Der Lärm wurde immer ärger. Die Wirtin kriegte einen Schlag aufs Auge, wodurch sie auf einmal tausend Lichterchen zu sehen bekam und zum Kampf unfähig wurde. Sie heulte noch stärker und herzlicher als sie bei dem Tode ihres Mannes getan hatte, was die Nachbarn ins Haus lockte und auch Destin und Leander in die Küche herunterkommen liess. Ob sie nun gleich mit Friedensgesinnungen herunterkamen, fing man doch sofort und ohne Erklärung den Krieg gegen sie an. Die Schläge fielen hageldicht auf sie, und sie gaben sie ebenso wieder. Die Wirtin, ihre Freundinnen und die Mägde schrien Diebe und Mörder. Sie waren nunmehr brüllende Zuschauerinnen des Streites, die eine mit einem eingeschlagenen Auge, die andere mit blutiger Nase, eine dritte mit zerbrochner Kinnlade, alle mit zerrauften Haaren und zerrissenen Kleidern. Die Nachbarn nahmen sich nun der Wirtin an gegen jene, die sie Mörder nannte. Es gehört eine geschicktere Feder als die meine dazu, alle die Schläge zu beschreiben, die da fielen. Schliesslich übermannte Zorn und Wut beide Parteien und man fing an, Bratspiesse und andere solche Gegenstände einander an den Kopf zu schmeissen, – als der Pfarrer in das Zimmer trat und sich bemühte, dem Kampf Einhalt zu tun. So viel Respekt man auch für ihn hatte, es hätte ihm doch viel Mühe gekostet, die Streitenden auseinander zu bringen, wenn sie nicht selber wären müde geworden. Die Prügel hörten von beiden Seiten auf, nicht aber der Lärm; denn jeder wollte zuerst reden, besonders die Weiber mit ihren Fistelstimmen. Der arme Hochwürden musste sich die Ohren zuhalten und lief zur Tür hinaus. Dies brachte die Lautesten zum Schweigen. Er erschien nun wieder auf dem Kampfplatz und der Bruder des Wirts nahm auf seinen Befehl das Wort und brachte seine Klage vor wegen Transportierung des Leichnams aus einem Zimmer in das andere. Er würde die schlechte Tat noch weit mehr übertrieben haben als er wirklich tat, wenn er weniger Blut gespien hätte, ausser dem, das ihm aus der Nase lief und das er nicht stillen konnte. La Rancune und Olive gestanden das ein, dessen man sie beschuldigte und erklärten, dass sie es in keiner bösen Absicht getan hätten, sondern bloss um einen ihrer Kameraden damit zu erschrecken. Der Pfarrer verwies es ihnen sehr und bewies ihnen, dass ein solches Unternehmen für keinen Spass mehr zu halten sei. Und da er ein vernünftiger Mann und in seinem Kirchspiel sehr beliebt war, so stillte er den Aufruhr ohne viele Mühe. Allein die Zwietracht hatte in diesem Hause noch nicht alles getan, was sie tun wollte. Man vernahm aus dem oberen Zimmer ein Geheul, dem eines abgestochnen Schweines nicht unähnlich, und der von dem es herrührte war kein andrer als der kleine Ragotin. Der Pfarrer, die Komödianten und verschiedene andere noch eilten zu ihm, und fanden seinen ganzen Leib, den Kopf ausgenommen, in einem grossen hölzernen Kasten stecken, worin man die Wäsche zu verwahren pflegte und das schlimmste: der feste und schwere Deckel des Kastens war ihm auf die Beine gefallen und drückte sie mächtig. Eine starke Magd die nicht weit von dem Kasten war als man hereinkam und die sehr in Aufregung schien, wurde sogleich als die Täterin erkannt. Sie war es auch und war so stolz darauf, dass sie ruhig weiter das Bett im Zimmer in Ordnung brachte, ohne nur hinzusehen auf welche Art man Ragotin aus dem Kasten zöge, ja sie antwortete nicht einmal auf die Fragen, die man an sie richtete. Der kleine Mann wurde aus seinem Käfig befreit. Kaum war er auf den Beinen, als er nach einem Degen lief. Den nahm man ihm weg, aber man konnte ihn nicht abhalten, auf die starke Magd loszustürzen, die man ebensowenig davon abhalten konnte, ihm eine solche Ohrfeige zu geben, dass der weite Sitz seines engen Verstandes völlig davon erschüttert wurde. Ragotin fuhr drei Schritt zurück; aber bloss um besser vorwärts springen zu können, wenn nicht Olive ihn in dem Augenblick bei den Hosen zurückgehalten hätte. Die Gewalt, die er anwandte um loszukommen, war obgleich vergebens doch so heftig, dass das Hosenband entzwei riss. Und die ganze Gesellschaft fing nun unbändig zu lachen an. Der Pfarrer vergass darüber Ernst und Würde und der Bruder des Wirts, dass er den Leidtragenden zu mimen hatte. Ragotin allein hatte keine Lust zu lachen, kehrte seine Wut gegen Olive, der davon beleidigt, ihn auf das Bett hintrug, das die Magd machte, und ihm dort mit herkulischer Stärke die Hosen völlig herunter zog; und indem er seine Hände aufhob und wechselweise niederfallen liess, machte er ihm sein Hinterteil und die benachbarten Örter in kurzem so rot wie Scharlach. Der tapfere Ragotin warf sich mutig vom Bett herunter, aber diese kühne Tat hatte nicht den Erfolg, den sie verdiente. Sein Fuss stieg in einen Nachttopf, den man zu seinem Unglück unter dem Bett hatte stehen lassen, und da er darin so fest stak, dass er ihn mit Hilfe seines andern Fusses nicht herausziehn konnte, schämte er sich, hinter dem Bette wo er war hervorzukommen, um der Gesellschaft nicht zum Spott zu werden, was er am wenigsten vertragen konnte. So stand er also zwischen Bett und Zimmerwand. Ein jeder wunderte sich, ihn auf einmal so ruhig zu sehen. La Rancune vermutete aber gleich, dass es eine Ursache haben müsste, zog ihn also halb willig, halb mit Gewalt hinter dem Bett hervor, und alsdann sah man die Falle, worin er gefangen war, und niemand konnte sich des Lachens enthalten als man den blechernen Fuss sah, den sich der kleine Mann gemacht hatte. Wir wollen ihn nun mit stolzen Füssen auf Blech einhergehen lassen, um eine andere Gesellschaft zu empfangen, die eben in die Schenke trat. * Achtes Kapitel. Was ferner sich mit Ragotins Fuss zutrug Wenn Ragotin ganz allein und ohne Hilfe seiner Freunde seinen Fuss von dem bösen Nachtgeschirr hätte befreien können, in dem er stak, so hätte seine Wut sich gewiss den ganzen Tag nicht gelegt. So aber war er gezwungen seinen Stolz klein zu machen, gute Worte zu geben und den Destin und Rancune sehr demütig zu bitten, dass sie ihm zur Befreiung seines rechten oder linken Fusses (denn ich weiss nicht genau, welcher es war) behilflich seien. Den Olive bat er nicht darum, wegen dem was zwischen ihnen vorgefallen war, aber der kam ihm, ohne sich bitten zu lassen, zu Hilfe und plagte sich mit seinen beiden Kameraden. Die Gewalt, die der kleine Mann angewandt hatte, um seinen Fuss aus dem Nachttopf zu bringen, hatte ihn aufschwellen machen; und die Gewalt, die Destin und Olive anwandten, liessen ihn noch mehr aufschwellen. La Rancune hatte zuerst Hand angelegt, aber so ungeschickt oder so boshaft, dass Ragotin nicht anders glaubte als er wolle ihm das Bein brechen. Er bat ihn daher inständig, nichts weiter zu tun, und das gleiche bat er die andern. Er legte sich auf ein Bett, während man einen Schlosser holte, der ihm den Nachttopf vom Fuss abfeilen sollte. – Der Rest des Tages wurde in der Schenke ziemlich ruhig und von Destin und Leander ziemlich traurig hingebracht. Der eine war um seinen Diener besorgt, der nicht zurückkam und ihm die versprochenen Nachrichten von seiner Geliebten brachte, und der andere konnte wegen der Abwesenheit seiner geliebten Mademoiselle de l'Etoile nicht vergnügt sein; ausserdem nahm er an der Entführung der Mademoiselle Angelique vielen Anteil und bedauerte den Leander, auf dessen Gesicht man die deutlichen Zeichen tiefen Kummers wahrnahm. La Rancune und Olive gesellten sich bald zu einigen Dörflern, die Kegel spielten, und Ragotin schlief, nachdem er seinen Fuss hatte losmachen lassen, den ganzen Tag durch, sei es, dass er Lust dazu hatte, oder dass er nach allen den Unfällen, die ihm begegnet waren, nicht gerne öffentlich sich zeigen wollte. Der Wirt wurde begraben, und die Wirtin liess, ungeachtet der erbaulichen Vorsätze, die sie bei der Beerdigung genommen hatte, zwei Engländer, die von der Bretagne nach Paris reisten, ganz judenmässig bezahlen. Die Sonne ging eben unter, als Destin und Leander, die das Fenster ihres Zimmers nicht verliessen, vor der Schenke eine Kutsche mit vier Pferden halten sahen, von drei Männern zu Pferd und vier oder fünf Bedienten begleitetet. Eine Magd kam herauf und bat, sie möchten der Gesellschaft, die eben angekommen wäre, ihr Zimmer überlassen. Ragotin war so gezwungen, sich zu zeigen, obgleich er gerne das Zimmer gehütet hätte, und folgte dem Destin und Leander in jene Kammer, wo er den Tag vorher la Rancune sterben zu sehen geglaubt hatte. Destin wurde in der Küche von einem der Herren des Wagens erkannt; es war der nämliche Parlamentsrat von Rennes, mit dem er auf der Hochzeit, die für die arme Caverne so unglücklich ablief, Bekanntschaft gemacht hatte. Der Rat fragte den Destin um Nachrichten von Angelique und zeigte sein Missvergnügen darüber, dass sie sich nicht wiedergefunden hätte. Er nannte sich la Garouffiere und hatte, wie ich schon sagte, Verstand. Er war keineswegs ein Landjunker, sondern verzehrte während der Parlamentsferien sein Geld in Paris, und trauerte, wenn der Hof Trauer anlegte. Alles dieses zusammen würde zwar keinen ganzen Adelsbrief ausmachen, aber doch wenigstens, wenn ich so sagen darf, einen unbürgerlichen Brief. Im übrigen war er ein Schöngeist, weil ja jeder für Geist und Geistesdinge empfänglich zu sein vorgibt, sowohl Kenner als auch Ignoranten, die ganz dreist über Prosa und Verse urteilen, wenn sie auch glauben, dass es eine Schande ist, gut zu schreiben, und im Notfall das Bücherschreiben ebensosehr für ein Verbrechen halten wie die Falschmünzerei. Die Komödianten haben Vorteil davon. Man schmeichelt ihnen in allen Städten, wo sie spielen, denn da sie gleichsam die Papageien der Dichter sind, und einige von ihnen auch selber entweder eigene oder von andern gestohlene Stücke schreiben, so hält man es für eine Art von Ehre, Schauspieler zu kennen und mit ihnen zu verkehren. In unseren Tagen hat man ihrem Beruf Gerechtigkeit widerfahren lassen, und man achtet sie jetzt mehr als früher. Dann hat auch wirklich das Volk im Theater seine unschuldigste Unterhaltung, amüsiert sich und belehrt sich. Die Stücke sind, besonders in Paris, von Zoten heute gesäubert. Man möchte wünschen, sie wären es auch von Bedienten, Pagen und Spitzbuben und anderem Dreck des Menschengeschlechts. Aber zurück zur Sache. Herr de la Garouffiere war sehr erfreut, Destin in der Schenke zu treffen und liess sich von ihm versprechen, dass er mit der Gesellschaft, die mit ihm im Wagen gekommen wäre, zu Abend esse. Diese Gesellschaft bestand aus dem Neuvermählten von Mans und aus seiner jungen Gemahlin, die er in seine Heimat Laval führte, aus seiner Mutter, aus einem Provinzedelmann, einem Parlamentsadvokaten und aus ebendem Herrn la Garouffiere, alle miteinander verwandt; alle hatten Destin bei der Hochzeit gesehen, bei der Angelique entführt worden war. Zählt man zu allen diesen noch eine Art von Kammermädchen, so wird man finden, dass der Wagen, in dem sie fuhren, ziemlich voll gewesen sein muss. Zudem war Madame Bouvillon (dies war die Mutter des Neuvermählten) eine der dicksten Damen im Königreich, wenn auch sehr klein; man hat mir versichert, dass sie durchschnittlich, ob gutes oder schlechtes Jahr, drei Zentner Fleisch auf sich trug, ohne die andern dichten und flüssigen Materien mitzurechnen, die in einen menschlichen Körper hineingehen. Man brachte das Abendessen, und Destin erschien dabei mit seinem wie immer hübschen Gesicht, das auch durch schwarze Wäsche nicht entstellt war, da ihm Leander weisse geborgt hatte. Er sprach nach seiner Gewohnheit sehr wenig; und wenn er auch so viel gesprochen hätte wie die übrigen, die fortwährend sprachen, so hätte er vielleicht nicht so viel Unsinn geredet wie sie sagten. La Garouffiere legte ihm von allem vor, was da war. Madame Bouvillon wetteiferte hierin mit ihm und mit so wenig Vernunft, dass alle Schüsseln, die auf dem Tisch standen, bald leer waren, und Destins Teller hingegen so voller Hühnerflügel und Schenkel, dass man sich wundern musste, wie eine so hohe Fleischpyramide auf einer so kleinen Basis, wie ein Teller, Platz haben konnte. La Garouffiere gab nicht acht darauf, so sehr war er damit beschäftigt, Destin mit Versen zu unterhalten und ihm dadurch eine hohe Meinung von seiner Kennerschaft beizubringen. Madame Bouvillon, die gleichfalls ihre Absichten hatte, fuhr in ihrem Eifer für den Schauspieler fort, und da sie nun keine Hühner mehr zu zerschneiden fand, so fing sie an, ihm Stücke Schöpsenbraten vorzulegen. Er wusste nicht, wo er sie hintun sollte, und hielt verlegen in jeder Hand ein Stück, als der Edelmann, der hungrig war, ihn lächelnd fragte, ob er wohl alles das aufessen wollte, was auf seinem Teller läge. Destin sah vor sich und war sehr erstaunt, eine Hekatombe von zerlegten Hühnern vor sich zu sehen, die ihm bald an das Kinn reichte und mit denen la Garouffiere und Bouvillon seinem Verdienst eine Ehrensäule errichtet hatten. Er errötete und konnte sich nicht enthalten, darüber zu lachen. Frau Bouvillon wurde verlegen, la Garouffiere lachte sehr stark und veranlasste dadurch die ganze Gesellschaft, aus vollem Halse mitzulachen. Als die Herren aufhörten, fingen die Bedienten an, und dies wieder fand die Neuvermählte so lächerlich, dass sie während des Trinkens anfing zu lachen und das ganze Gesicht ihres Gemahls und das ihrer Schwiegermutter mit allem Wein, der im Glas war, beprustete; das übrige kam auf den Tisch und auf die Kleider derer, die neben ihr sassen. Man fing nun aufs neue an zu lachen, nur die Bouvillon lachte nicht, sondern wurde sehr rot, und gab ihrer Schwiegertochter einen zornigen Blick, der ihre Lustigkeit etwas niederschlug. Endlich hörte man zu lachen auf, weil man schliesslich nicht immer lachen kann. Man wischte sich die Augen, die Bouvillon und ihr Sohn trockneten den Wein ab, der ihnen über das Gesicht herunterlief, und die Neuvermählte entschuldigte sich, immer noch mit vieler Mühe das Lachen zurückhaltend. Destin setzte seinen Teller mitten auf den Tisch, und jeder nahm nun davon, was ihm gehörte. Man konnte während dem Essen von nichts anderem mehr sprechen, und der Spass ging sehr weit, obzwar die ernsthafte Miene, welche die Madame Bouvillon unschicklicherweise aufsetzte, einigermassen das Vergnügen der Gesellschaft störte. Sobald man abgetragen hatte, gingen die Damen in ihr Zimmer. Der Advokat und der Edelmann liessen sich Karten geben und spielten Piquet. La Garouffiere und Destin, die nicht unter jene gehörten, denen die Zeit lang wird, wenn sie nicht spielen, unterhielten sich sehr gelehrt und hielten eine der schönsten Unterredungen, die jemals in einer Schenke von Niedermaine war gehalten worden. La Garouffiere sprach mit Fleiss von all dem, was ein Schauspieler gewöhnlich nicht versteht, dessen Geist beschränkter ist als sein Gedächtnis. Destin antwortete darauf als ein Mensch, der die Welt kennt. Unter anderm gab er mit allem möglichen Scharfsinn den Unterschied an, der zwischen den Frauen besteht, die viel Verstand besitzen, ihn aber nur gelegentlich zeigen, und jenen, die ihn nur haben, um ihn bei jeder Gelegenheit zu zeigen; ferner zwischen denen, die den Witzlingen ihre Eigenschaft als Lustigmacher und guter Gesellschafter neiden, über alle zweideutigen Anspielungen und Worte lachen, und jenen, die den liebenswürdigeren Teil dieses Geschlechts ausmachen. Er sprach ferner von den Frauenzimmern, die so gut schrieben wie die Mannspersonen, und aus blosser Bescheidenheit ihre Werke nicht öffentlich in den Druck gegeben. La Garouffiere, der ein braver Mann war und brave Leute herauszukennen wusste, konnte nicht begreifen, wie ein Berufsschauspieler so gute Lebensart so vollkommen besitzen konnte. Er bewunderte ihn bei sich selber. Der Advokat und der Edelmann, die nicht mehr spielten, weil sie sich wegen einer tournierten Karte gezankt hatten, gähnten einander wechselweise an und waren sehr schläfrig. Man machte ihnen drei Betten in das Zimmer, wo sie gegessen hatten, und Destin ging in das seiner Kameraden, wo er bei Leander schlief. * Neuntes Kapitel. Neuer Unfall Ragotins La Rancune und Ragotin schliefen miteinander. Olive brachte einen Teil der Nacht damit zu, dass er sein Wams wieder zusammenflickte, das bei der Balgerei mit Ragotin an verschiedenen Stellen aufgegangen war. Die diesen kleinen Kerl persönlich kannten, haben bemerkt, dass, so oft er sich mit jemandem prügelte (was ihm oft begegnete), er immer die Kleider seines Feindes entweder ganz oder zum Teil zerrissen hatte. Dies war sein Hauptvorteil, und wer sich mit ihm hauen wollte, musste seine Kleider ebenso sorgfältig schützen, als ein anderer sein Gesicht beim Fechten. La Rancune fragte ihn beim Schlafengehen, ob er krank wäre, denn er sähe sehr übel aus. Ragotin antwortete, dass er sich nie besser befunden hätte. Sie schliefen bald ein, und Ragotin musste es der Achtung danken, die la Rancune für die neu angekommene Gesellschaft in der Schenke hatte, sonst würde er die Nacht sehr übel zugebracht haben. Unterdessen flickte Olive immer an seinem Wams, und als er damit fertig war, nahm er Ragotins Kleider und nähte so geschickt wie der beste Schneider dessen Wams und Hosen enger zusammen und legte sie wieder an ihre Stelle. Nachdem er damit die halbe Nacht hingebracht hatte, legte er sich zu Ragotin und la Rancune ins Bett. Man stand, wie es in den Schenken, wo der Lärm mit dem Tag anfängt, der Brauch ist, sehr früh auf. La Rancune sagte Ragotin nochmals, dass er schlecht aussehe und Olive sagte ihm dasselbe. Er fing nun an, es wirklich zu glauben, und da er zu gleicher Zeit seine Kleider um vier Finger breit zu eng fand, so glaubte er, er wäre die Nacht über so stark geschwollen und erschrak mächtig über seine so plötzliche Geschwulst. La Rancune und Olive versicherten ihn immer, dass er krank aussähe, und Destin und Leander, die sie von dem Streich unterrichtet hatten, sagten ihm gleichfalls, er hätte sich sehr verändert. Dem armen Ragotin kamen darüber die Tränen in die Augen, und Destin konnte sich nicht enthalten, über ihn zu lachen, worüber der Kleine sich aber sehr ärgerte. Er ging in die Küche, wo ihm jedermann ebendas sagte, was ihm die Schauspieler gesagt hatten, ja sogar die Leute aus dem Wagen, die diesen Tag einen langen Weg zu machen hatten und sehr früh aufgestanden waren. Sie luden die Komödianten ein mit ihnen zu frühstücken, und jeder trank auf des kranken Ragotin Gesundheit, der statt ihnen dafür zu danken, brummend von ihnen weg zum Dorfbader ging, dem er die Geschichte von seiner Geschwulst erzählte. Der Barbier schwatzte ein Langes und ein Breites von den Ursachen und der Wirkung seines Übels, wovon er ebensoviel verstand als von der Algebra, und sprach eine Viertelstunde mit ihm in Kunstwörtern, die gar nicht auf die Sache passten. Ragotin wurde ungeduldig und fluchte, ob er ihm sonst nichts zu sagen hätte. Der Bader wollte weiterreden, aber Ragotin wollte ihn prügeln und der Barbier würde es gewiss getan haben, wenn er nicht mit diesem zornigen Patienten Mitleid gehabt und ihm Ader gelassen hätte. Dies war eben geschehen, als Leander herzu kam und ihm sagte, dass wenn er nicht böse würde, er ihm einen Streich entdecken wolle, den man ihm gespielt hätte. Er versprach mehr als Leander wollte und schwur auf seine Seligkeit, alles zu halten, was man verlange. Leander erklärte, dass einige Zeugen bei seinem Schwur sein müssten, und führte ihn in die Schenke zurück, wo er ihn in Gegenwart aller Herren und Bedienten aufs neue schwören liess, und ihm dann entdeckte, dass man ihm seine Kleider enger gemacht hatte. Ragotin wurde zuerst rot vor Scham, dann wieder blass vor Zorn, und wollte eben seinen Schwur brechen, als sechs oder sieben Personen auf einmal und zwar so heftig anfingen, ihm Vorstellungen zu machen, dass, ob er gleich aus allen Kräften fluchte, man ihn doch nicht hören konnte. Er hörte schliesslich zu schreien auf, aber die andern brüllten ihm weiter in die Ohren und taten dies so lange, dass der arme Mann beinahe das Gehör darüber verloren hätte. Endlich zog er sich besser aus der Sache als man vermutete, und fing plötzlich an, aus allen Kräften das erste beste Lied zu singen, das ihm in den Mund kam. Das veränderte auf einmal den grossen Lärm in ein ausgelassenes Gelächter, das sich von den Herren auf die Bedienten verbreitete und durch alle Zimmer in der ganzen Schenke. Während nun der Lärm so vieler Lachenden nach und nach abnimmt und sich in der Luft verliert, so wie etwa die Stimme des Echos, also wird der aufrichtige Geschichtsschreiber mit Erlaubnis des wohlwollenden oder übelwollenden Lesers hier schliessen. * Zehntes Kapitel. Madame Bouvillon kann einer Versuchung nicht widerstehen und erhält eine Beule auf die Stirn Die Kutsche, die einen langen Weg zu machen hatte, war bei guter Zeit fertig. Die sieben Personen, die sie füllten, setzten sich hinein. Nun gings dahin und zehn Schritte von der Schenke brach die Achse mitten durch. Der Kutscher fluchte alles was er wusste, und man schimpfte auf ihn, gerade als ob er für die Dauer der Achse gebürgt hätte. Man musste nun eines nach dem andern aus dem Wagen ziehen und man nahm wieder den Weg nach der Schenke zurück. Die Inwohner der zerbrochenen Kutsche wurden sehr verdrossen, als man ihnen sagte, dass in dem ganzen Land kein Stellmacher näher wohne als der in einem grossen Dorf, so drei Meilen entfernt. Sie beratschlagten und beschlossen nichts, weil sie wohl einsahen, dass die Kutsche nicht eher als den andern Tag fertig werden konnte. Madame Bouvillon, die eine grosse Macht über ihren Sohn behalten hatte, da der ganze Reichtum des Hauses von ihr herrührte, befahl ihm, das eine Pferd der Bedienten zu besteigen und seine Frau auf das andere sitzen zu lassen, um einen Besuch bei ihrem alten Onkel zu machen, der in ebendem Dorf Pfarrer war, wo man den Stellmacher abholen wollte. Der Gutsherr dieses Dorfes war ein Verwandter des Rats und kannte den Advokaten und den Edelmann. Sie bekamen also Lust, ihn alle zusammen zu besuchen. Die Wirtin verschaffte ihnen Pferde, die sie sehr teuer vermietete, und Madame Bouvillon blieb von ihrer ganzen Gesellschaft allein in der Schenke zurück, da sie ein wenig müde war, oder es zu sein vorgab; zudem erlaubte es ihre kugelrunde Taille nicht einmal, einen Esel zu besteigen, wenn man auch einen hätte finden können, der stark genug gewesen wäre, sie zu tragen. Sie schickte ihre Magd, um Destin zu Tisch einzuladen, und in Erwartung des Essens setzte sie eine neue Haube auf, frisierte und puderte sich wieder frisch und band einen neuen Spitzenkragen um. Sie nahm des weitern aus einem Koffer eines von den Hochzeitskleidern ihrer Schwägerin und zog es an; kurz, sie verwandelte sich ein eine kleine vollkommene Nymphe. Destin hätte sehr gern ungeniert mit seinen Kameraden gegessen, aber wie konnte er einer so schönen Dame wie Madame Bouvillon absagen, die ihn rufen liess, sobald das Essen auf dem Tische stand. Destin wunderte sich, sie so galant gekleidet zu sehen. Sie empfing ihn mit lachendem Gesicht, nahm ihm beide Hände und drückte sie ihm auf eine Art, die etwas sagen wollte. Er dachte weniger an das Essen als an die Frage, warum er dazu war gebeten worden; doch Madame Bouvillon nötigte ihn so oft zu essen, dass er es nicht ablehnen konnte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wo er ja zudem von Natur sehr wenig sprach. Madame Bouvillon fand nur zuviel Stoff zur Unterhaltung; denn wenn eine sehr gesprächige Person mit einer andern, die wenig spricht, allein ist, so spricht sie nur desto mehr, denn sie beurteilt andere nach sich selbst; wenn sie sieht, dass man ihr nicht antwortet, wie sie in ähnlichem Fall getan haben würde, so glaubt sie, dass das was sie gesagt, ihrem gleichgültigen Zuhörer nicht gefalle, und will also ihren Fehler durch weiteres Reden verbessern, was aber öfters noch schlimmer ist als das was sie schon gesagt hat, – und so hört sie nicht auf zu reden und zu reden solange man ihr zuhört. Was Madame Bouvillon betrifft, so war sie die allergrösste Schwätzerin: sie sprach nicht nur ganz allein, sondern antwortete sich auch selber. Da nun Destins Stillschweigen ihr alle Freiheit gab, so holte sie sehr weit aus, und erzählte ihm alles was in der Stadt Laval, wo sie wohnte, vorging, machte ihn mit deren skandalöser Chronik bekannt, und nannte weder eine einzelne Person noch eine ganze Familie, ohne nicht zugleich Lobsprüche auf sich selber daraus zu ziehen. Ferner beschwor sie auch bei jedem Fehler, den sie bei ihrem Nächsten feststellt, dass ob sie gleich auch viele Fehler hätte, so doch wenigstens diesen nicht, von dem sie redete. Destin ärgerte sich anfangs darüber und antwortete nichts. Aber von Zeit zu Zeit war er zu lächeln gezwungen und manchmal rief er aus: »Das ist hübsch, das ist komisch« und öfters beides sehr zur unpassenden Zeit. Man räumte ab, sobald Destin gegessen hatte. Madame Bouvillon liess ihn neben sich auf ein Bett sitzen und ihre Magd ging endlich hinaus und machte die Türe zu. Madame Bouvillon, die glaubte, dass Destin darauf acht gegeben hätte, sagte: »Die dumme Person hat uns zusammen eingeschlossen.« – »Ich will sogleich die Tür aufmachen, wenn Sie es befehlen«, sagte Destin. – »Das will ich eben nicht sagen,« antwortete Madame Bouvillon, indem sie ihn zurückhielt, »allein Sie wissen wohl, dass man von zwei Personen, die sich zusammen einschliessen, alles mögliche denken kann, weil sie, nun ja, weil sie alles tun können was sie wollen.« – »Von Damen Ihrer Art,« meinte Destin, »urteilt man doch nicht so verwegen.« – »Ich will das auch nicht sagen,« versetzte sie, »aber man kann die üble Nachrede nicht genug vermeiden.« – »Man muss immer einigen Grund dazu haben,« sagte Destin, »und was Sie und mich betrifft, so weiss man ja zu gut, wie weit der Stand eines armen Komödianten wie ich von dem einer Dame von Stand, wie Sie, getrennt ist. Befehlen Sie also, dass ich die Tür öffnen soll?« – »Das meinte ich nicht,« sagte sie, indem sie die Türe ganz verschloss, »denn man wird es vielleicht nicht einmal bemerken, ob sie offen oder verschlossen ist; verschlossen oder nicht, es ist immer besser, dass sie nur mit unserer Einwilligung aufgemacht werden kann.« Und damit kam sie auf Destin zu, ihr dickes Gesicht war feuerrot und ihre kleinen Augen funkelten, und gaben ihm sehr zu überlegen, wie er sich mit Ehren aus dieser Sache ziehen könnte, die sie ihm da anbot. Die dicke wollüstige Dame nahm ihr Halstuch ab und legte den Augen Destins (der aber wenig Vergnügen daran fand) so an die zehn Pfund Brust vor, das heisst, den dritten Teil ihres Busens, denn der Rest war in gleicher Ware und Gewicht unter ihre beiden Schultern verteilt. Ihre bösen Begierden machten sie erröten (was auch solchen Weibern passiert); ihr Busen war ebenso rot wie ihr Gesicht, und beide zusammen hätte man von weitem für ein Stück Scharlach ansehen können. Destin wurde gleichfalls rot, aber aus Scham, während Madame Bouvillon, die keine Scham mehr hatte, aus Begierde errötete. Sie schrie, dass ein kleines Tier auf ihrem Rücken wäre, und zuckte in ihren Kleidern herum, als wenn sie sich gebissen fühlte – endlich bat sie den Destin, die Hand hineinzustecken. Der arme Mensch tat es mit Zittern, und unterdessen fasste ihn Madame Bouvillon bei den Hüften und fragte ihn ob er kitzlich wäre. Er musste nun entweder kämpfen oder nachgeben, wenn nicht Ragotin sich dort, wo die Türe war, hätte hören lassen, gegen die er mit Händen und Füssen pochte, als wenn er sie eindrücken wollte, und Destin zurief, er sollte aufmachen. Destin zog seine Hand aus dem schweissigen Rücken der Madame Bouvillon, um dem Ragotin zu öffnen, der immerfort lärmte; und als er geschickt zwischen ihr und dem Tisch durch wollte, um sie nicht zu berühren, stiess er mit dem Fuss an etwas, stolperte und fiel mit dem Kopf so stark an eine Bank, dass er eine Zeitlang ganz betäubt war. Madame Bouvillon, die unterdessen in der Eile ihr Halstuch wieder umgetan hatte, öffnete dem tollen Ragotin, der zu gleicher Zeit von aussen mit solcher Kraft an die Tür drückte und sie so stark gegen das Gesicht der armen Dame stiess, dass ihr die Nase davon blutete und sie eine faustdicke Beule auf der Stirn bekam. Sie schrie, sie wäre tot. Der kleine Kerl entschuldigte sich nicht einmal, sondern sprang in der Stube herum und rief einmal über das andere: Mademoiselle Angelique ist gefunden! Mademoiselle ist wieder hier! und hätte damit den Destin bald wild gemacht, der die Magd der Madame Bouvillon zu Hilfe rufen wollte, und vor Ragotins Geschrei gar nicht gehört werden konnte. Endlich brachte die Magd eine Serviette und Wasser. Destin und sie korrigierten so gut wie möglich den Schaden, den die allzu stark eingeschlagene Türe der armen Dame verursacht hatte. So neugierig er auch war, zu wissen, ob Ragotin die Wahrheit sagte, so folgte er doch seinem Ungestüm nicht sogleich und verliess Madame Bouvillon nicht eher, bis ihr Gesicht abgewaschen und getrocknet und ihre Beule verbunden war; schalt auch zwischen durch Ragotin einen unbesonnen Menschen, der aber trotzdem immer an ihm zog, um ihn dahin zu bringen, wo er ihn haben wollte. * Elftes Kapitel. Das in diesem Buche am wenigsten unterhaltende Es war wahr: Fräulein Angelique war begleitet von Leanders Bedienten wirklich angekommen. Dieser Bediente war klug genug, nicht zu zeigen, dass Leander sein Herr wäre, und Fräulein Angelique spielte die Erstaunte, ihn so gut gekleidet zu sehen, und tat also aus List das, was Olive und la Rancune aus vollem Ernst taten. Leander fragte nun Angelique und seinen Diener, den er für einen seiner Freunde ausgab, wo und wie er sie gefunden hätte, als eben Ragotin herein kam und Destin gleichsam im Triumph mit sich führte, oder ihn vielmehr mit sich zog, weil er seinem hitzigen Kopfe nach zu langsam ging. Destin und Angelique umarmten sich mit einer Zärtlichkeit, wie sie Leute fühlen, die einander lieben und sich nach einer langen Trennung, wo sie einander niemals wieder zu sehen hofften, auf einmal wieder treffen. Leander und das Fräulein sprachen bloss mit den Augen und sagten sich so sehr vieles. Das übrige versparten sie auf eine gelegenere Zeit. Unterdessen fing Leanders Bedienter seine Geschichte an und erzählte seinem Herrn in dem Ton eines Freundes: nachdem er ihn verlassen hatte, um wie befohlen den Räubern nachzueilen, hätte er sie nicht aus dem Gesicht verloren bis gegen Abend und den andern Tag wieder nicht bis an ein kleines Gehölz, an dessen Eingang er sehr erstaunt war, Fräulein Angelique allein und zu Fuss und weinend anzutreffen. Als er ihr sagte, er wäre ein Freund von Leander und wäre auf seinen Wunsch auf die Suche gegangen, hätte sie sich wieder beruhigt und ihn gebeten, sie nach Mans oder zu Leander zu führen, wenn er wüsste, wo der wäre. »Mademoiselle«, schloss der Bediente, »wird Ihnen nun selbst sagen, warum jene, die sie entführten, sie wieder verlassen haben; denn ich habe mich den ganzen Weg über nicht getraut, mit ihr davon zu reden, weil sie gar so sehr weinte.« Die ganze Gesellschaft war nun höchst neugierig, eine so sonderbare Begebenheit von Fräulein Angelique zu erfahren. Fräulein Angelique bat aber, man möchte sie in ein Bett bringen. Da aber die Schenke ganz voll war, so liess ihr der gute Pfarrer ein Zimmer bei seiner Schwester geben, die in der Nachbarschaft wohnte und die Witwe eines der reichsten Pächter war. Angelique wollte nicht so sehr schlafen als ausruhen. Daher gingen Destin und Leander zu ihr, sobald sie wussten, dass sie zu Bett war. Wenngleich froh, dass Destin von ihrer Liebe wusste, so konnte sie ihn doch nicht ansehen, ohne zu erröten. Destin hatte Mitleid mit ihrer Verlegenheit, und um sie zu zerstreuen, bat er sie, ihnen zu erzählen, was Leanders Bedienter nicht gewusst hatte, was sie folgendermassen tat: »Ihr könnt euch das Erstaunen von mir und meiner Mutter leicht vorstellen, als wir in dem Park des Hauses, wo wir waren, spazierend auf einmal eine kleine Türe sich öffnen sahen, die aufs Feld ging, und fünf bis sechs Männer hereinkamen, die sich meiner bemächtigten, ohne meine Mutter anzusehen, und mich halb tot vor Schrecken zu ihren Pferden trugen. Meine Mutter, wie ihr wisst, eine sehr entschlossene Frau, fiel ganz wütend über den ersten her und richtete ihn mit ihren Händen so zu, dass er seine Kameraden zu Hilfe rufen musste. Der ihm zu Hilfe kam und niederträchtig genug war, meine Mutter zu prügeln, wie ich ihn nachher dessen selber sich rühmen hörte, war der Urheber der ganzen Unternehmung. Er kam mir nicht nahe, so lange die Nacht dauerte, während der wir, gleich Flüchtigen, denen man nachsetzt, weiterzogen. Wären wir durch bewohnte Orte durchgekommen, so hätte mein Schreien sie gewiss anhalten machen, Aber sie vermieden so viel als möglich alle Dörfer, bloss an einer Hütte kamen wir vorbei deren Bewohner ich durch mein Geschrei aufweckte Der Tag brach an. Mein Räuber kam auf mich zu und kaum hatte er mich angesehen, als er aufschrie, seine Kameraden zusammenrief und mit ihnen eine lange Weile beratschlagte. Er schien mir ebenso aufgebracht zu sein als ich traurig war. Er fluchte und zankte mit allen seinen Leuten. Endlich war Ruhe; ich weiss nicht, was sie beschlossen hatten. Man zog nun weiter und begegnete mir nicht mehr so ehrerbietig als vorher. Sie schalten mich aus, so oft ich mich beklagte, und fluchten auf mich, als wenn ich ihnen das grösste Übel zugefügt hätte. Sie hatten mich, wie ihr wisst, in einem Theaterkostüm entführt, und um dies zu verbergen, bedeckten sie mich mit einem Mantel. Auf dem Weg begegnete ihnen ein Mensch, den sie etwas fragten, – ich erstaunte sehr, als ich in ihm den Leander erkannte, und ich glaube, dass er ebenso erstaunt war, mich da zu sehen, denn ich zeigte ihm mein Kostüm, das er sehr wohl kannte. Er wird euch gesagt haben, was er tat. Ich aber fiel, als ich so viele Degen gegen Leander gezogen sah, ohnmächtig in die Arme dessen, der mich auf seinem Pferde hielt. Als ich zu mir kam, sah ich, dass wir weiter waren, aber Leander sah ich nicht mehr. Ich hub wieder zu schreien an. Meine Reiter ritten querfeldein und hielten gestern in einem Dorf, wo sie sich für Soldaten ausgaben. Heute früh begegnete ihnen am Eingang eines Wäldchens ein Mann, der ein Frauenzimmer zu Pferd führte. Sie demaskierten sie und führten sie hocherfreut fort, als wenn sie nun gefunden hätten, was sie suchten; vorher aber gaben sie dem, der sie führte, noch einige Prügel. Das Frauenzimmer schrie ebenso stark wie ich; ihre Stimme kam mir bekannt vor. Wir waren noch nicht fünfzig Schritt im Walde, als der, welcher der Herr der übrigen zu sein schien, sich meinem Führer näherte, und ihm sagte: »Setz die Schreierin ab!« Er gehorchte, und sie verliessen mich, verschwanden und liessen mich allein und zu Fuss zurück. Der Schreck, mich so ganz allein zu sehen, hätte mich gewiss sterben machen, wenn der Herr, der mich hierher gebracht hat, und der uns von weitem nachfolgte, nicht zu mir gekommen wäre. Das übrige wisst ihr. Aber,« fuhr sie zu Destin gewandt fort, »ich muss Euch sagen, dass das Frauenzimmer, das sie mir vorzogen, Eurer Schwester sehr ähnlich war und sogar ihre Stimme hatte; ich weiss nicht, was ich davon denken soll; denn der Mensch, der bei ihr war, glich dem Bedienten, den Ihr seit Leanders Abwesenheit angenommen hattet, und ich glaube fast, dass er es war.« – »Was sagt Ihr mir da?« rief Destin beunruhigt. »Was ich denke«, sagte Angelique. »Man kann sich ja manchmal irren, aber ich befürchte sehr, dass ich mich nicht geirrt habe.« »Ich befürchte es auch,« sagte Destin düster, »ich habe einen Feind in dieser Provinz, von dem ich alles zu befürchten habe. Aber wer nur kann meine Schwester an diesen Wald gebracht haben, da sie doch Ragotin noch gestern zu Mans verlassen hatte? Ich will einen meiner Kameraden bitten, rasch hinzugehen und will ihn hier erwarten, um mich nach seiner Nachricht entschliessen zu können.« Kaum hatte er dies gesprochen, hörte er sich draussen von der Strasse her rufen, und sah den Herrn la Garouffiere, der von seinem Besuch zurückgekommen war, und ihm sagte, er hätte etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen. Er ging zu ihm und liess Leander und Angelique beisammen, die dadurch die Möglichkeit erhielten, nach einer so langen Abwesenheit sich ihrer gegenseitigen Liebe zu versichern. Destin fragte Herrn la Garouffiere, was er wünsche. »Kennen Sie einen gewissen Baron Verville und ist er Ihr Freund?« fragte er. – »Er ist der Mensch,« sagte Destin, »dem ich auf der Welt den grössten Dank schuldig bin. Ich liebe ihn sehr und glaube auch nicht, von ihm gehasst zu werden.« – »Ich glaub es gern,« sagte la Garouffiere, »ich habe ihn heute bei dem Edelmann angetroffen, den ich besuchte. Über Tisch sprach man von Ihnen, und seit der Zeit konnte Verville von nichts anderem mehr sprechen; er gab mir hundert Fragen über Sie, die ich nicht alle beantworten konnte und hätte ich ihm nicht mein Wort gegeben, dass ich Sie zu ihm schicken wollte, so wäre er selbst hierher gekommen, obgleich ihn dort Geschäfte zurückhalten.« Destin dankte für die gute Nachricht, und entschloss sich, sofort zu Verville zu gehen, auch in Hoffnung, bei ihm einige Auskunft über seinen Feind Saldagne zu bekommen, den er durchaus für den Entführer Angeliques hielt. Er war überzeugt, dass Saldagne auch seine liebe Etoile in seiner Gewalt hätte, wenn sie es war, wie Angelique meinte. Er bat seine Kameraden, nach Mans zurückzukehren und die Caverne mit der Nachricht von der Wiederkunft ihrer Tochter zu erfreuen, und liess sich von ihnen versprechen, dass sie ihm entweder einen Boten schicken oder einer von ihnen selbst kommen sollte, um ihm Nachricht von Mademoiselle de l'Etoile zu bringen. Der Pfarrer versprach ihm, dass seine Schwester für Mademoiselle Angelique so lange sorgen würde, bis man sie von Mans aus abholte. Destin nahm hierauf Leanders Pferd und kam gegen Abend in das Dorf, das er suchte. Er hielt es nicht für ratsam, geradeswegs zu Verville zu gehen, aus Furcht, er möchte dem Saldagne, den er noch im Lande vermutete, begegnen. Er stieg also in einer schlechten Schenke ab, von wo aus er einen kleinen Jungen an Verville schickte und ihm sagen liess, dass der Edelmann, den er zu sprechen verlangte, angekommen wäre. Verville kam sogleich zu ihm, warf sich ihm um den Hals, und hielt ihn lange in seinen Armen fest, ohne ein Wort reden zu können. Wir wollen sie einander nun Dinge sagen lassen, wie zwei Leute tun, die sich lieben und die einander nie wieder zu sehen glaubten, und wollen unsrerseits zum folgenden Kapitel gehen. * Zwölftes Kapitel welches vielleicht ebensowenig unterhalten wird wie das vorige Verville und Destin erzählten einander alles, was ihnen seit ihrer Trennung begegnet war. Verville konnte ihm von der Rohheit seines Bruders Saint-Far und der Tugend von dessen Frau nicht genug berichten. Sein eigenes Glück, das er im Besitz seiner Frau genoss, erhob er über alles, und gab ihm noch Nachricht vom Baron d'Arques und dem Herrn von Saint-Sauveur. Destin erzählte ihm alles, was ihm begegnet war, ohne ihm etwas zu verbergen, und Verville vertraute ihm, dass Saldagne noch immer im Lande und als ein schlechter und gefährlicher Mann bekannt wäre; er versprach ihm, dass wenn Mademoiselle de l'Etoile in seiner Gewalt wäre, er alles daranwenden wolle, sie zu entdecken und dem Destin mit seiner Person und allen seinen Freunden behilflich zu sein, sie zu befreien. »Er hat im Lande keinen andern Schutz als bei meinem Vater,« sagte Verville, »und bei einem Edelmann, der nicht viel besser ist als er und der in seinem Hause gar nichts zu befehlen hat, weil er der jüngste unter seinen Brüdern ist. Wenn er sich in der Provinz aufhält, kommt er gewiss zu uns auf Besuch. Mein Vater und ich dulden ihn bloss wegen der Verwandtschaft. Saint-Far kann ihn nicht leiden, so sehr sie auch einander ähnlich sind. Ich bin also der Meinung, dass du morgen mit mir gehst; ich weiss schon, wohin ich dich bringen will, und du wirst von niemandem gesehen werden als von denen, die du sehen willst. Unterdessen werde ich Saldagne genau beobachten lassen, so dass er ohne mein Wissen nichts tun soll.« Destin fand den Rat seines Freundes sehr vernünftig und beschloss, mit ihm zu gehen. Verville kehrte nun zu dem Gutsherrn zum Abendessen zurück; er hatte von ihm eine Erbschaft zu erwarten. Destin ass, was er in der Schenke kriegen konnte, und legte sich früh schlafen, um Verville nicht warten zu lassen, der morgens ganz früh zu seinem Vater zurück wollte. Sie reisten zur bestimmten Stunde ab, und während der drei Meilen, die sie miteinander machten, sagten sie einander noch manches, das sie tags vorher vergessen hatten. Verville wies Destin sein Quartier bei einem Bauern an, der ungefähr fünfhundert Schritte von dem Schlosse des Baron d'Arques ein sehr nettes Haus hatte. Er gab Befehl, alles geheim zu halten und versprach, ihn bald wieder zu besuchen. Verville war kaum zwei Stunden weg, als er wieder kam und Destin sagte, er hätte ihm Wichtiges zu melden. Destin erblasste und wurde zum voraus schon traurig; Verville aber machte ihm gleich Mut, dass er ein Mittel gegen das Unglück bereits wüsste, das er ihm jetzt erzählen müsse. »Als ich nach Hause kam, traf ich Saldagne, den ihrer Viere hergetragen hatten, in einem unteren Zimmer an. Sein Pferd ist eine Stunde von hier unter ihm gestürzt und hat ihn ganz zerquetscht. Er sagte mir, er hätte mit mir zu reden, und ich möchte auf sein Zimmer kommen, sobald der Wundarzt, der eben bei ihm war, sein Bein besichtigt hätte, das fast entzwei war. Als wir allein waren, sagte er mir: ›Ich muss Euch alle meine Fehler bekennen, ob Ihr gleich darin am wenigsten nachsichtig gegen mich seid, und sich meine Torheit immer vor Eurer Weisheit fürchten muss.‹ Er gestand mir also, dass er eine Komödiantin entführt habe, in die er sein ganzes Leben durch verliebt gewesen wäre, und dass er mir Einzelheiten dieser Entführung erzählen wollte, welche mich in Erstaunen setzen würden. Er sagte mir, dass eben der Edelmann, von dem ich dir erzählte, dass er sein Freund sei, ihm in der ganzen Provinz keinen Schutz hätte verschaffen können, und er gezwungen worden wäre, ihn aufzugeben und ihm alle die Leute zu nehmen, die er ihm zu seinem Unternehmen geliehen hatte, weil einer seiner Brüder, der einen Konterbandehandel trieb, von den Zollsoldaten verfolgt würde und er seine Leute zu seiner eigenen Bedeckung nötig hätte. ›Da ich mich nun in keiner Stadt sehen lassen durfte, so bin ich mit meinem Raub hierher gekommen. Ich habe meine Schwester, Eure Frau, gebeten, sie auf ihr Zimmer zu nehmen, damit sie der Baron von Arques nicht sieht, dessen Strenge ich fürchte. Und nun beschwöre ich Euch, da ich das Mädchen einmal nicht hier behalten kann und zwei erzdumme Bediente habe, mir den Eurigen dazu zu leihen, dass er sie nebst meinen zweien auf mein Landgut in die Bretagne bringe, wohin ich folge, sobald ich wieder ein Pferd besteigen kann.‹ Er fragte mich noch, ob ich ihm nicht ausser meinem Bedienten noch einige Leute verschaffen könnte; denn so töricht er auch ist, sieht er doch ein, dass drei Personen ein mit Gewalt entführtes Frauenzimmer schwerlich so weit bringen können. Ich machte ihm die Sache sehr leicht, und er glaubte mir es auch gleich. Seine Bedienten kennen dich nicht, der meinige ist ein geschickter Kerl und mir sehr treu. Ich werde ihn also Saldagne sagen lassen, dass er einen von seinen Freunden, der ein tapferer Bursch wäre, mitnehmen würde. Und dieser sollst du sein. Deine Geliebte soll Nachricht davon erhalten, und diese Nacht, wo sie beim Mondschein einen grossen Weg zurücklegen wollen, wird sie im ersten Dorf eine Übelkeit vorschützen. Man wird anhalten müssen. Mein Bedienter wird die Leute Saldagnes betrunken zu machen suchen, was nicht schwer ist, und dir dadurch die Flucht mit dem Fräulein erleichtern. Nachher wird er ihnen sagen, dass du ihr bereits nachgesetzt wärest, und wird sie einen dem deinigen ganz entgegengesetzten Weg führen.« Destin fand Vervilles Vorschlag sehr wahrscheinlich, als der Bediente, den er hatte holen lassen, eben zur Türe hereintrat. Sie besprachen nun die Sache miteinander und Verville blieb den übrigen Tag mit Destin beisammen. Die Nacht kam, und Destin fand sich nebst Vervilles Bedienten an dem festgesetzten Ort ein, die beiden Bedienten liessen nicht warten und Verville übergab ihnen selber Fräulein Etoile. Man kann sich die Freude dieser beiden jungen Verliebten vorstellen, die sich so liebten und sich doch Gewalt antun mussten, um nicht miteinander zu sprechen! Eine halbe Stunde Wegs fing das Fräulein zu klagen an, und man ermahnte sie, sich bis zu einem Dorf zu gedulden, das zwei Stunden weit entfernt war, wo man sie wolle ausruhen lassen. Sie tat, als wenn sich ihre Übelkeit vermehrte. Vervilles Bedienter und Destin waren sehr geschäftig, um Saldagnes Bedienten begreiflich zu machen, dass man anhalten müsse, obgleich sie noch nah bei dem Ort waren, woher sie gekommen. Endlich erreichte man das Dorf und verlangte Quartier in der Herberge, die glücklicherweise voller Gäste und Trinker war. Mademoiselle de l'Etoile spielte bei Licht die Kranke noch besser als im Dunkeln. Sie legte sich in Kleidern aufs Bett, bat, dass man sie nur eine Stunde möchte ruhen lassen, und sagte, dass sie nachher wohl wieder würde zu Pferde steigen können. Die Bedienten Saldagnes, die grosse Säufer waren, überliessen Vervilles Bedienten alles, der ja die Befehle von ihrem Herrn erhalten hatte, und setzten sich zu einigen Bauern, die ungefähr mit ihnen von einem Schlag waren. Sie fingen zu trinken an, ohne sich um irgendwas mehr zu kümmern. Vervilles Bedienter trank zuweilen ein Glas mit ihnen, um sie sicher zu machen, und unter dem Vorwand, nach der Kranken zu sehen, um sobald als möglich weiterreisen zu können, ging er und liess das Fräulein und Destin zu Pferd steigen und sagte ihm, welchen Weg er nehmen müsste. Er ging nun zu den Trinkern zurück und sagte ihnen, er hätte das Frauenzimmer schlafend angetroffen, was ein gutes Zeichen wäre. Er sagte ihnen noch, dass auch Destin sich zu Bett gelegt hätte, und fing nun an, mit ihnen zu trinken und ihnen Gesundheit zuzubringen, wodurch denn die ihrige vollends kaput wurde. Sie tranken unmässig viel, betranken sich wie Schweine und konnten nicht mehr vom Fleck. Man trug sie schliesslich in eine Scheune, denn sie hätten nur die Betten verdorben, wenn man sie in welche gelegt hätte. Vervilles Bedienter spielte nur den Betrunkenen, und nachdem er bis an den Morgen geschlafen hatte, weckte er plötzlich die Leute Saldagnes auf und sagte ihnen mit bestürztem Gesicht, dass das Frauenzimmer fort wäre, dass er seinen Kameraden nachgeschickt hätte, und dass sie nun zu Pferd steigen und sich trennen müssten, um sie nicht zu verfehlen. Er brauchte wohl eine Stunde dazu, ehe er ihnen das begreiflich machen konnte, und ich glaube, ihr Rausch dauerte acht Tage. Da die ganze Schenke, die Wirtin und die Mägde ausgenommen, vorige Nacht betrunken gewesen war, so dachte man gar nicht daran, sich danach zu erkundigen, wo Destin mit seinem Frauenzimmer hingekommen wäre, – und ich glaube, man erinnerte sich ihrer so wenig, als wenn sie gar nicht dagewesen wären. Während dass so viele Leute ihren Wein austrinken, Vervilles Bedienter den Unruhigen spielt und die von Saldagne zur Abreise treibt, diese beiden Besoffenen aber nicht sehr eilen, fliegt Destin mit seiner lieben Etoile dahin, freut sich, sie wiedergefunden zu haben, und zweifelt nicht, dass Vervilles Bedienter die des Saldagne einen ganz entgegengesetzten Weg geführt habe. Der Mond schien damals sehr hell und sie befanden sich auf einer Landstrasse, die nach einem Dorfe zu führte, in dem wir sie im folgenden Kapitel werden ankommen lassen. * Dreizehntes Kapitel. Schlechter Streich des Herrn la Rappinière Destin war sehr begierig, von seiner lieben Etoile zu erfahren, weshalb sie sich in dem Gehölz befunden hätte, aus dem Saldagne sie entführt hatte; aber er fürchtete sich noch zu sehr, dass man ihm nachsetzen möchte. Daher dachte er bloss darauf, sein Pferd, das eben nicht sehr gut war, anzutreiben, und sowohl mit der Stimme als mit der Peitsche das Pferd der Etoile, das ein guter Hengst war, vor sich her zu jagen. Endlich fassten sich die beiden Liebenden, und nachdem sie sich viel Zärtliches gesagt hatten, erzählte Etoile dem Destin alle die Gefälligkeiten, die sie der Caverne erwiesen hatte. »Und ich fürchte,« setzte sie hinzu, »ihre Traurigkeit wird sie noch krank machen; denn so traurig sah ich noch niemand. Was mich betrifft, lieber Bruder, so kannst du leicht denken, dass ich den Trost ebenso nötig hatte wie sie, seit dein Bedienter mir ein Pferd von dir brachte und die Nachricht, dass du Angeliquens Entführer getroffen und von ihnen verwundet worden wärest.« – »Ich verwundet?« fragte Destin. Ich bin es nicht gewesen, war auch nicht in Gefahr, es zu werden, und habe dir auch kein Pferd geschickt. Hier liegt etwas verborgen, das ich nicht verstehen kann. Ich habe mich auch schon vorhin gewundert, dass du mich so oft fragtest, wie ich mich befände und ob mir das schnelle Reiten nicht schade.« – »Du erfreust mich und machst mich auch zugleich traurig«, sagte Etoile. »Deine Wunden machten mich sehr unruhig, und was du mir jetzt sagst, bringt mich auf die Vermutung, dass dein Bedienter von einem Feinde müsse gedungen sein worden, der einen bösen Anschlag gegen uns im Sinne hat.« – »O,« sagte Destin, »er ist vielmehr von einem gewonnen worden, der ganz und sehr unser Freund ist. Ich habe hier keinen andern Feind als Saldagne; allein dieser kann meinen Bedienten nicht gewonnen haben, weil ich weiss, dass er ihn prügelte, als er dich fand.« – »Und wie weisst du das?« fragte Etoile, »denn ich erinnere mich nicht, es dir gesagt zu haben.« – »Du sollst es erfahren, sobald du mir sagen wirst, auf welche Art man dich aus Mans herauslockte.« – »Ich kann dir nichts weiter davon erzählen, als was ich dir bereits gesagt habe,« sagte Etoile; »andern Tages, nachdem ich mit der Caverne nach Mans zurückgekommen war, brachte mir dein Bedienter ein Pferd von dir und sagte mir, dass du sehr verwundet worden wärest und mich bitten liessest, zu dir zu kommen. Ich setzte mich also sogleich zu Pferd, obgleich es sehr spät war, und schlief die Nacht fünf Stunden von Mans in einem Ort, dessen Namen ich nicht weiss. Den andern Morgen wurde ich beim Eingang in ein Gehölz von einigen mir unbekannten Personen angehalten. Ich sah, dass dein Bedienter geprügelt wurde und bedauerte ihn sehr. Ich sah ferner ein Frauenzimmer sehr unsanft von einem Pferde absetzen und erkannte sie für meine Freundin, allein der Zustand, in dem ich selbst war, und die Unruhe, in der ich deinetwegen war, hinderte mich weiter an sie zu denken. Man setzte mich an ihre Stelle, und wir ritten bis auf den Abend zu. Nachdem wir so einen langen Weg zurückgelegt hatten, kamen wir ganz spät in der Nacht bei einem Edelhof an, wo man uns, wie ich merkte, nicht aufnehmen wollte. Dort erkannte ich den Saldagne und dies brachte mich vollends zur Verzweiflung. Wir ritten nun noch lange fort und endlich brachte man uns in das Haus, aus dem du mich glücklicherweise erlöst hast.« Etoile endigte diese Erzählung als eben der Tag anbrach. Sie waren nun auf der Landstrasse von Mans und trieben ihre Pferde stärker an, um ein Dorf zu erreichen, das gerade vor ihnen lag. Destin wünschte sehr seinen Bedienten zu finden, um zu erfahren, welchen Feind er ausser Saldagne noch zu fürchten hätte; aber es war nicht wahrscheinlich, dass er nach dem schlechten Streich, den er gespielt, ihm wieder vor die Augen kommen würde. Er sagte nun seiner lieben Etoile alles, was er von ihrer Freundin Angelique wusste, als ein Mensch, der der Länge nach mitten im Wege lag, ihre Pferde so sehr erschreckte, dass das des Destin bald mit ausgerissen wäre, und das andere das Fräulein de l'Etoile herunterwarf. Destin erschrak über ihren Fall und hob sie geschwind auf sein Pferd, das immer noch stieg und schnaubte. Das Fräulein war nicht verwundet, die Pferde wurden wieder ruhig, und Destin ging, um zu sehen, ob der liegende Mensch tot oder im Schlafe wäre. Man konnte aber beides von ihm sagen, denn er war so stark betrunken, dass ob er gleich stark schnarchte (was anzeigte, dass er noch lebte), Destin dennoch die grösste Mühe hatte, ihn aufzuwecken. Nach vielem Hin- und Herzerren öffnet er endlich die Augen, und Destin erkannte ihn als seinen eigenen Bedienten, den er so gern anzutreffen wünschte. So betrunken der Schelm auch war, so erkannte er doch gleich seinen Herrn und wurde sehr verwirrt, so dass Destins Vermutung wegen seiner Untreue ihm zur Gewissheit wurde. Er fragte ihn, warum er der Mademoiselle de l'Etoile gesagt hätte, er wäre verwundet? Warum er sie aus Mans geführt hätte? Wo er sie hätte hinführen wollen? Wer ihm das Pferd dazu gegeben hätte? Aber er konnte kein Wort aus dem Burschen herausbringen, sei es nun, dass er wirklich so betrunken war oder sich nur so stellte. Destin geriet in Zorn und gab ihm einige Hiebe, dann band er ihm die Hände zusammen, nahm den Zügel vom Pferd der Etoile und band ihn daran, um ihn so neben sich herlaufen zu lassen. Zugleich brach er sich einen Ast von ansehnlicher Dicke ab, um sich dessen zu bedienen, wenn sein Bedienter nicht gutwillig mitlaufen wollte. Er half dem Fräulein wieder aufs Pferd, stieg auf das seinige und ritt nun weiter, seinen Gefangenen immer wie einen Spürhund an der Leine neben sich hertreibend. Das Dorf war dasselbe, aus dem Destin vor zwei Tagen abgereist war und wo er den Herrn la Garouffiere verlassen hatte. Dieser war mit seiner Gesellschaft noch immer da, weil Madame Bouvillon von einer grimmigen Kolik befallen worden. Als Destin ankam, fand er la Rancune, Olive und Ragotin nicht mehr, die zusammen nach Mans zurückgekehrt waren. Leander aber hatte seine liebe Angelique nicht verlassen wollen. Ich werde hier die Art, wie sie Mademoiselle de l'Etoile empfing, nicht beschreiben, da man sich leicht die Zärtlichkeit zweier solcher Freundinnen vorstellen kann. Destin erzählte Herrn la Garouffiere den Erfolg seiner Reise, und nachdem er leise etwas mit ihm gesprochen hatte, liess man den Bedienten Destins ins Zimmer kommen. Dort fragte man ihn aufs neue. Als er aber weiter den Stummen spielen wollte, liess man eine Flinte bringen und drohte ihm mit der Daumenschraube. Bei diesem Anblick fiel er auf die Knie, fing zu weinen an, bat seinen Herrn um Verzeihung und gestand, dass ihn la Rappinière alles das geheissen hätte was er getan hatte, und ihm zur Belohnung versprochen, ihn in seinen Dienst zu nehmen. Man erfuhr auch von ihm, dass la Rappinière sich in einem Haus zwei Stunden vom Dorf entfernt aufhielt, das er einer armen Witwe abgezwungen hatte. Destin sprach ein Wort mit Herrn la Garouffiere, worauf dieser seinen Bedienten fortschickte und dem la Rappinière sagen liess, er möge wegen einer wichtigen Sache sogleich zu ihm kommen. Der Rat von Rennes hatte alle Autorität über den la Rappinière; zudem hatte er ihn einmal in der Bretagne vom Rad errettet und ihn in allen Kriminalhändeln, die er gehabt, beschützt. Zwar wusste er wohl, dass er ein schlechter Mensch war, aber seine Frau war weitläufig mit ihm verwandt. Der Bediente traf ihn, als er eben zu Pferd steigen und nach Mans zurückkehren wollte. Sobald er hörte, dass Herr la Garouffiere mit ihm sprechen wollte, machte er sich zu ihm auf den Weg. Unterdessen liess la Garouffiere, der ein Schöngeist sein wollte, sein Portefeuille herbeibringen, woraus er allerlei, sowohl gute als schlechte Verse, holte. Er las sie Destin vor und kam schliesslich an eine kleine Geschichte, die er aus dem Spanischen übersetzt hatte, und die man im folgenden Kapitel lesen kann. * Vierzehntes Kapitel. Der Richter in eigener Sache Der Prinz Mulai, Sohn des Königs von Marokko, befand sich einst des Nachts auf der Jagd verirrt, ganz allein zwischen den Felsen, nahe an der felsigen afrikanischen Küste, ungefähr eine Stunde weit von der Stadt Fez. Der Himmel war ganz klar, das Meer still und der Mond und die Sterne spiegelten sich darin; es war eine von den schönen Nächten der heissen Länder, weit angenehmer als die schönsten Tage unserer kälteren Gegend. Der maurische Prinz galoppierte längs dem Ufer hin und belustigte sich mit Mond und Sternen, die sich auf der Oberfläche des Meeres wie in einem Spiegel zeigten, als plötzlich ein erbärmliches Geschrei zu seinen Ohren drang und ihn bewog, nach dem Ort hinzureiten, wo er glaubte, dass es herkäme. Er ritt also darauf zu und fand zwischen den Felsen ein Weib, das sich aus allen Kräften gegen einen Menschen verteidigte, der ihr mit Gewalt die Hände binden wollte, während eine andere Frauensperson sich bemühte, ihr den Mund mit einem Tuch zu verstopfen. Die Ankunft des jungen Prinzen verhinderte sie, ihre Gewaltsamkeit fortzusetzen, und gewährte derjenigen, der sie so übel begegneten, einige Ruhe. Mulai fragte, warum sie so sehr schrie, allein statt der Antwort ging der Mensch mit dem Degen auf ihn los und versetzte ihm einen Hieb, der ihn gefährlich verwundet hätte, wäre er ihm nicht durch die Geschwindigkeit seines Pferdes ausgewichen. »Schuft!« rief Mulai, »unterstehst du dich, den Prinzen von Fez anzugreifen?« – »Ich habe dich wohl dafür erkannt,« antwortete der Maure; »aber eben deswegen, weil du mein Fürst bist und mich strafen kannst, muss ich dir entweder dein Leben nehmen oder das meinige verlieren«, und ging mit solcher Wut auf Mulai los, dass der Prinz, so tapfer er auch war, mehr darauf denken musste, sich gegen einen so bösen Feind zu verteidigen, als ihn selbst anzugreifen. Die beiden Frauenzimmer wurden unterdessen mit einander handgemein und diejenige, die sich einen Augenblick vorher für verloren glaubte, hielt die andere nun fest, als wenn sie gar nicht zweifelte, dass ihr Verteidiger den Sieg erhalten würde. Verzweiflung stärkt den Mut und flösst oft denjenigen welchen ein, die am wenigsten haben. Obgleich der Prinz weit tapferer war als sein Gegner und eine nicht gemeine Stärke und Geschicklichkeit besass, machte doch die Furcht vor der Strafe den Mauren alles wagen und gab ihm so viele Stärke als Mut, dass der Sieg zwischen ihm und dem Prinzen lange zweifelhaft blieb. Allein der Himmel, welcher immer die beschützt, die er über andere erhoben hat, führte glücklicherweise die Leute des Prinzen noch früh genug nahe, dass sie den Lärm der Streitenden und das Geschrei der Weiber hören konnten. Sie liefen also herbei und erkannten ihren Herrn in dem Augenblick, als er den, der mit dem Schwert gegen ihn stand, mit einem Stoss zur Erde warf, weil er ihn nicht töten, sondern einer exemplarischen Strafe aufbewahren wollte. Er befahl seinen Leuten, ihm nichts weiter zu tun, als ihn an den Schweif eines Pferdes zu binden, so dass er weder gegen sich selbst noch gegen andere etwas vornehmen konnte. Zwei Reiter nahmen die beiden Frauenzimmer vor sich auf die Pferde, und in diesem Aufzug kam Mulai mit seinem Gefolge bei Taganbruch nach Fez. Dieser junge Prinz hatte in seiner Hauptstadt ebensoviel zu befehlen, als wenn er schon König gewesen wäre. Er liess den Mauren, der sich Achmet nannte und ein Sohn eines der reichsten Kaufleute in Fez war, vor sich bringen. Die beiden Frauen kannte niemand, weil die Mauren, eifersüchtiger als andere Männer, ihre Weiber und Sklaven vor der ganzen Welt verbergen. Das Weib, das der Prinz gerettet hatte, erregte bei ihm selbst sowohl, als auch bei seinem ganzen Hofe durch ihre ausserordentliche Schönheit und ihr majestätisches Ansehen, das ein schlechtes Sklavenkleid nicht verbergen konnte, allgemeines Erstaunen. Die andere Frau war wie eine Standesperson des Landes gekleidet und konnte für schön gelten, ob sie es gleich weniger war als die erste. Aber wenn sie auch so schön gewesen wäre, so verdunkelte doch die Blässe der Furcht alle ihre Schönheit, da hingegen das Gesicht der andern von einer bescheidenen Scham errötete. Der Maure erschien vor dem Prinzen mit der Fassung eines Übeltäters und hielt beständig seine Augen auf die Erde geheftet. Mulai befahl ihm, sein Verbrechen selbst zu bekennen, wenn er anders nicht in der äussersten Qual sterben wollte. »Ich weiss wohl, was auf mich wartet,« antwortete der stolz, »und was ich verdient habe; und wenn es mein Nutzen wäre, nichts einzugestehen, so sollte mich keine Qual dazu bewegen; allein ich kann dem Tod nun nicht mehr entgehen, weil ich dir selbst das Leben rauben wollte, und ich muss dir also sagen, dass die Wut darüber, dich nicht getötet zu haben, mich mehr quält, als alles was deine Henker mir antun können. Diese Spanierinnen«, sagte er, »waren meine Sklaven; die eine hat ein gutes Teil erwählt und sich nach den Umständen gerichtet und hat meinen Bruder Zaid geheiratet, die andere wollte niemals ihre Religion ändern, noch meiner Liebe Gehör geben.« Weiter wollte er nichts mehr sagen, was man ihm auch androhte. Mulai liess ihn gefesselt in einen Turm werfen, die Renegatin und Frau des Zaid wurde in ein besonderes Gefängnis gebracht, und die schöne Sklavin einem vornehmen Mauren namens Zulema übergeben, der zwar ein geborener Spanier war, allein Spanien längst verlassen hatte, weil er sich nicht entschliessen konnte, ein Christ zu werden. Er war aus dem in Granada so berühmten Hause Zegris, und seine Frau Zoraide, die aus eben dem Hause war, wurde für die schönste und auch klügste Dame in ganz Fez gehalten. Sie war anfangs über die Schönheit der christlichen Sklavin ganz entzückt, wurde es aber nachher noch mehr über ihren Geist, sobald sie mit ihr einige Unterredung gehalten hatte. Wenn diese schöne Christin einigem Troste zugänglich gewesen wäre, so hätte sie in der Zärtlichkeit Zoraidens gewiss solchen gefunden, aber gleich als wenn sie sich ganz in ihrem Schmerz versenken wollte, blieb sie immer für sich allein, um sich desto ärger zu grämen, und sobald sie bei Zoraiden war, tat sie sich die äusserste Gewalt an, um ihre Tränen und Seufzer zu verbergen. Der Prinz Mulai war sehr begierig, ihre Geschichte zu erfahren. Er gestand dies dem Zulema, und da er ihm überhaupt nichts verhehlte, so gestand er ihm auch, dass er eine Neigung für diese schöne Christin fühle, und dass er es ihm schon längst würde gesagt haben, wenn ihre grosse Traurigkeit ihn nicht befürchten liesse, er möchte einen unbekannten Nebenbuhler in Spanien haben, der, so entfernt er auch wäre, ihn dennoch hindern könnte, in seinem eigenen Lande, wo er Herr über alles war, glücklich zu sein. Zulema trug also seiner Frau auf, dass sie sich von der Christin ihre Lebensgeschichte möchte erzählen lassen, und sie zu fragen, durch welchen Zufall sie Achmets Sklavin geworden wäre. Zoraide war ebenso neugierig darauf als der Prinz, und hatte nicht viele Mühe, die spanische Sklavin dazu zu bewegen, die einer Person alles schuldig zu sein glaubte, die so viele Freundschaft für sie zeigte. Sie sagte Zoraiden, dass sie ihre Neugierde, sobald sie es nur wünschte, befriedigen wollte, aber da sie ihr bloss Unglück zu erzählen hätte, befürchtete sie, ihr Langeweile zu machen. »Ihr werdet sehen, dass dies nicht so ist,« antwortete Zoraide, »denn ich werde Euch mit aller möglichen Aufmerksamkeit zuhören und aus meiner Teilnahme werdet Ihr erkennen, dass Ihr Euere Geschichte niemandem anvertrauen könnt, der Euch mehr liebt als ich.« Dabei umarmte sie sie und bat, sie nicht länger warten zu lassen. Sie waren allein, und die schöne Sklavin trocknete ihre Tränen und fing folgendermassen an: »Ich heisse Sophie, bin als eine Spanierin in Valencia geboren, und wurde mit aller Sorgfalt erzogen, welche reiche und vornehme Personen, wie mein Vater und meine Mutter waren, für ihre Tochter haben konnten, welche die erste Frucht ihrer Ehe war, und die von ihren ersten Jahren an ihrer Liebe wert zu sein schien. Ich hatte einen Bruder, jünger als ich. Er war so lieb als man es nur sein kann und wir liebten einander so sehr, dass, wenn wir nicht beisammen waren, man auf unseren Gesichtern eine Traurigkeit oder Unruhe bemerken konnte, welche die angenehmsten Zerstreuungen nicht zu vertreiben vermochten. Man trennte uns deshalb auch nicht mehr und wir lernten zusammen alles das, was man Kinder aus gutem Hause beiderlei Geschlechtes zu lehren pflegt; und daher kam es, dass ich zu jedermanns Erstaunen in allen ritterlichen Übungen ebenso geschickt war wie er, und dass er alles das wusste, was sonst Mädchen von Stande zu wissen pflegen. Eine so besondere Erziehung flösste einem Edelmann, der ein Freund meines Vaters war, den Wunsch ein, dass seine Kinder mit uns möchten erzogen werden. Er schlug es unseren Eltern vor, die dareinwilligten und die Nachbarschaft unserer Häuser erleichterte die Sache von beiden Seiten. Er hatte auch nur einen Sohn und eine Tochter, beide so alt wie wir, und man vermutete in Valencia, dass die beiden Häuser sich einst durch uns miteinander verbinden würden. Karlos und Lucie – dies waren die Namen des Bruders und der Schwester – waren beide gleich liebenswert; mein Bruder liebte Lucie und wurde von ihr geliebt, Karlos liebte mich und ich liebte ihn wieder. Unsere Eltern wussten es wohl und weit entfernt, es zu verhindern, würden sie uns wohl miteinander verheiratet haben, wenn wir nicht noch zu jung gewesen wären. Allein der glückliche Tag unserer unschuldigen Liebe wurde durch den Tod meines Bruders gestört, den ein hitziges Fieber in acht Tagen wegraffte; und dies war mein erstes Unglück. Lucie wurde darüber so sehr betrübt, dass sie niemand mehr vom Kloster zurückhalten konnte. Ich wurde todkrank darüber und auch Karlos war so krank, dass sein Vater befürchtete, ohne Erben zu bleiben, so sehr hatte ihn der Tod meines Bruders, meine eigene Gefahr und der Entschluss Luciens angegriffen. Endlich half uns unsere Jugend durch, und unsere Traurigkeit mässigte sich. Bald hernach starb Karlos' Vater und hinterliess seinem Sohne ein sehr grosses Vermögen. Sein Reichtum gewährte ihm die Mittel, seine Liebe zur Pracht sehen zu lassen. Die Galanterien, die er mir zu Gefallen erfand, schmeichelten meiner Eitelkeit, machten seine Liebe öffentlich bekannt und vermehrten die meinige. Karlos lag oft zu den Füssen meiner Eltern, um sie zu bitten, sein Glück nicht länger zu verzögern und mich ihm zu geben. Er fuhr unterdessen in seinen Galanterien und Ausgaben fort. Mein Vater befürchtete endlich, er möchte sein Vermögen vergeuden und entschloss sich also, mich ihm zu verheiraten. Er machte also dem Dom Karlos Hoffnung, dass er bald sein Schwiegersohn werden würde, und Karlos bezeigte darüber eine so ausserordentliche Freude, dass wenn ich auch noch nicht gewusst hätte, wie sehr er mich liebte, ich dadurch gewiss wäre überzeugt worden. Er gab mir zu Ehren einen Ball, wozu die ganze Stadt eingeladen wurde. Zu seinem und meinem Unglücke fand sich ein neapolitanischer Graf dabei ein, der Geschäfte halber nach Spanien gekommen war. Ich gefiel ihm so sehr, dass er sich in mich verliebte und mich von meinem Vater zur Ehe verlangte, nachdem er sich nach dem Range, den der Graf in Valencia bekleidete, erkundigt hatte. Mein Vater liess sich von der Stellung und dem Vermögen dieses Fremden blenden. Er versprach ihm, was er verlangte und noch an eben dem Tage erklärte er dem Dom Karlos, dass er keine Ansprüche mehr auf mich hätte, verbot mir zugleich, seine ferneren Besuche anzunehmen und befahl, dass ich den italienischen Grafen künftig als den Mann betrachten sollte, der nach seiner Rückkehr von Madrid mich heiraten würde. Ich verbarg mein Missvergnügen vor meinem Vater, aber wenn ich allein war, dachte ich nur an Karlos. Ich suchte alles das Unangenehme auf, das der italienische Graf an sich hatte, und fühlte, dass ich Karlos stärker liebte als ich jemals geglaubt hätte, und dass es mir ebenso unmöglich war, ohne ihn zu leben, als mit seinem Nebenbuhler glücklich zu sein. Ich nahm meine Zuflucht zu Tränen, doch das war ein schwaches Mittel gegen mein Unglück. Dom Karlos kam hinauf in mein Zimmer, ohne mich, wie er gewohnt war, um Erlaubnis zu bitten. Er fand mich in Tränen und konnte die seinigen nicht zurückhalten, so sehr er sich auch Mühe gab, seine Empfindung solange zu verbergen, bis er meine wahre Gesinnung erforscht hätte. Er warf sich mir zu Füssen, nahm meine Hände, die er mit seinen Tränen benetzte. ›Sophie,‹ sagte er, ›ich soll dich also verlieren, und ein Fremder, den du kaum kennst, soll glücklicher sein als ich, weil er reicher ist? Er soll dich haben, Sophie, und du willigst ein? Du, die ich so sehr geliebt habe, und die mich sonst immer überreden wollte, dass sie mich wieder liebte, die mir von einem Vater, ach von einem ungerechten und eigennützigen Vater versprochen war, der mir nun sein Wort bricht! Wärest du ein Gut, dessen Wert sich bestimmen liesse, so könnte meine Treue allein dich mir schon erwerben, und wenn du dich derer noch erinnerst, die du mir versprochen hast, so müsstest du vor allen andern die Meinige werden. Aber, glaubst du denn, dass ein Mensch, der Mut genug hatte, seine Wünsche bis zu dir zu erheben, nicht genug mehr haben werde, sich an dem zu rächen, den du ihm vorziehst? Und kannst du es einem Unglücklichen, der alles verloren hat, verdenken, wenn er alles wagt? Willst du aber, dass ich allein sterben soll, so mag dieser glückliche Nebenbuhler leben, weil er dir einmal gefallen hat, und weil du ihn beschützest, aber Karlos, den du hassest, und den du seiner Verzweiflung überlässt, wird gewiss eines so grausamen Todes sterben, dass deine Rache an ihm davon befriedigt sein wird.‹ ›Karlos,‹ antwortete ich, ›willst du dich mit einem ungerechten Vater und mit einem Menschen, den ich nicht lieben kann, vereinigen, um mich zu quälen? Und wie kannst du mir ein Unglück zu meinem Verbrechen machen, das uns beide trifft? Bedaure mich, statt mich zu verdammen, und denke vielmehr auf Mittel, mich dir zu erhalten, als mir Vorwürfe zu machen. Ich könnte dir mit Recht welche machen, weil du mich niemals geliebt und mich niemals recht gekannt hast. Allein wir haben jetzt keine Zeit mit unnützen Worten zu verlieren. Ich will mit dir gehen wohin du willst, und will alles wagen, um mich nur nicht mehr von dir zu trennen.‹ Karlos war über meine Rede so entzückt, dass seine Freude nun so gross wurde wie vorher sein Schmerz gewesen war. Er bat mich um Verzeihung, dass er mich der Ungerechtigkeit beschuldigt hätte, die man ihm antat, und machte mir begreiflich, dass kein anderes Mittel wäre, als dass ich mich von ihm entführen liesse. Ich willigte also zu allem ein und versprach ihm, dass ich die Nacht des andern Tages mich fertig halten wollte, ihm überall zu folgen, wohin er mich führen werde. Einem Verliebten ist alles leicht. Dom Karlos brachte in einem Tage seine Sachen in Ordnung, versah sich mit Geld und mietete eine Bark von Barcelona, die unter Segel gehen konnte, sobald er es befehlen würde. Unterdessen nahm ich alle meine Kostbarkeiten und alles was ich an Geld auftreiben konnte zu mir, und wusste meine Absicht so geschickt zu verbergen, dass man gar nichts davon ahnte. Ich wurde also gar nicht beobachtet und ging die Nacht durch eine kleine Gartentür hinaus, fand Claudio, einen von Karlos Pagen, den er sehr liebte, weil er schön sang und in seinen Reden und Handlungen mehr Verstand zeigte als gewöhnlich ein Page von seinem Alter zu haben pflegt. Er sagte mir, sein Herr hätte ihn vorausgeschickt, um mich nach der Bark zu führen, und ich würde die Ursache warum er nicht selbst hätte kommen können, von ihm erfahren. Auch kam noch ein Sklave des Karlos hin, den ich gut kannte. Wir gingen ohne Müh zur Stadt hinaus, so gute Anstalten hatte man getroffen, und kamen bald an den Hafen, wo wir ein Schiff vor Anker fanden und eine Schaluppe am Land, die uns erwartete. Man sagte mir, Dom Karlos würde gleich nachkommen, ich sollte unterdessen nur aufs Schiff gehen. Der Sklave trug mich in die Schaluppe und verschiedene andere Männer, die ich für Matrosen gehalten hatte, nötigten auch den Claudio hinein, und es schien mir, als wenn er sich dagegen wehren und nicht gerne hinein wollte. Dies vermehrte meine Unruhe wegen der Abwesenheit Dom Karlos. Ich fragte den Sklaven, der mir aber ganz frech antwortete, es gäbe jetzt keinen Dom Karlos mehr für mich. Zu gleicher Zeit hörte ich den Claudio sehr stark schreiend und weinend zu dem Sklaven Achmet sagen: ›Ah! Verräter Achmet, ist dies dein Versprechen, dass du mich wolltest von einer Nebenbuhlerin befreien und mich mit meinem Geliebten allein lassen?‹ ›Unvorsichtige Claudia,‹ rief der Sklave, ›man braucht einem Verräter sein Wort nicht zu halten; und konnte ich hoffen, dass eine Person, die ihrem Herrn untreu ist, mir so treu sein würde, um nicht die Wachen an der Küste zu benachrichtigen, damit sie mir nachsetzen und Sophien rauben möchten, die ich mehr als alles liebe?‹ Diese Worte gegen ein Frauenzimmer gesprochen, das ich für eine Mannsperson hielt und von denen ich nichts verstand, erschreckten mich so sehr, dass ich wie tot in die Arme des verräterischen Mauren fiel, der mich nicht verlassen hatte. Meine Ohnmacht dauerte lange und als ich zu mir selbst kam, befand ich mich in einem Zimmer auf dem Schiffe, das schon weit in die See hinein war. Ihr könnt Euch meine Verzweiflung vorstellen, als ich mich ohne Dom Karlos und unter den Feinden meines Glaubens sah; denn ich sah nun, dass ich in der Gewalt der Mauren war; dass der Sklave Achmet alle Gewalt über sie hatte und dass sein Bruder Zaid der Herr des Schiffes war. Dieser Unverschämte sah mich nicht sobald imstande, das zu verstehen, was er mir sagen würde, als er mir mit kurzen Worten erklärte, dass er mich schon längst liebte und dass ihn seine Leidenschaft bewogen habe, mich zu entführen und mich nach Fez zu führen, wo es bloss von mir abhängen sollte, ebenso glücklich zu sein wie in Spanien, so wie er seinerseits alles anwenden würde, mich den Dom Karlos vergessen zu machen. Ich warf mich, ungeachtet meiner Schwäche und mit einer Kraft, die er nicht erwartet hatte und die eine Folge meiner Erziehung war, über ihn her, riss ihm das Schwert aus der Scheide und wollte mich eben wegen seiner Treulosigkeit an ihm rächen, wenn nicht sein Bruder Zaid mir den Arm zurückgehalten und ihm dadurch das Leben gerettet hätte. Man entwaffnete mich leicht; denn da ich einmal meinen Streich verfehlt hatte, tat ich keinen Widerstand mehr. Achmet, den mein Entschluss erschreckt hatte, hiess alle aus dem Zimmer gehen, worin ich lag, und überliess mich nun meiner Verzweiflung. Ich brachte die Nacht mit Klagen und Tränen zu, und den folgenden Tag war meine Traurigkeit um nichts geringer. Die Zeit, die oft den grössten Schmerz mildert, hatte gar keine Wirkung auf mich, und den zweiten Tag unserer Fahrt war ich noch trauriger als in der schrecklichen Nacht, wo ich zugleich mit meiner Freiheit auch die Hoffnung verlor, den Dom Karlos wiederzusehen und jemals wieder ruhig zu werden. Achmet hatte mich, so oft er sich mir zeigte, so grausam gegen ihn gefunden, dass er mir nicht mehr vor Augen kam. Man brachte mir zur Zeit zu essen, ich schlug es aber standhaft aus, und der Maure fing an, zu befürchten, er möchte mich umsonst entführt haben. Unterdessen hatte das Schiff die Meerenge passiert und war nicht weit mehr von der Küste von Fez, als Claudio in mein Zimmer trat. ›Verräter!‹ rief ich, sobald ich ihn sah. ›Was hatte ich dir getan, dass du mich zur unglücklichsten Person machst und mich von Dom Karlos trennst?‹ – ›Ihr wurdet zu sehr von ihm geliebt,‹ antwortete er, ›und da ich ihn ebenso liebte wie Ihr, so habe ich eben kein grosses Verbrechen begangen dadurch, dass ich eine Nebenbuhlerin von ihm entfernte. Aber, wenn ich Euch hintergangen habe, so hat mich Achmet wieder hintergangen, und ich würde vielleicht ebenso traurig sein wie Dir, wenn ich nicht darin einigen Trost fände, dass ich nicht allein unglücklich bin.‹ – ›Erkläre mir diese Rätsel‹, sagte ich ihm, ›und sag mir, wer du bist, und ob ich in dir einen Freund oder einen Feind habe.‹ – ›Sophie,‹ sagte er nun, ›ich bin von deinem Geschlechte und war so wie du in Dom Karlos verliebt. Aber, ob wir gleich einerlei Leidenschaft fühlten, so war es doch nicht mit einerlei Glück. Dom Karlos hat Euch immer geliebt und geglaubt, dass Ihr ihn wieder liebtet, mich aber hat er nie geliebt und hat auch nie glauben können, dass ich ihn liebte, weil er nicht wusste, wer ich war. Ich bin aus Valencia, so wie Ihr, und mein Stand und Vermögen ist ansehnlich genug, dass Dom Karlos, wenn er mich geheiratet hätte, sich den Vorwurf einer Missheirat gewiss nicht würde zugezogen haben. Allein die Liebe zu Euch beschäftigte ihn ganz allein, und er hatte bloss Augen für Euch. Zwar taten meine Augen alles mögliche, um meinem Munde das beschämende Geständnis meiner Schwachheit zu ersparen. Ich ging überall hin, wo ich ihn anzutreffen glaubte, und setzte mich so, dass er mich sehen konnte; kurz, ich hatte für ihn alle Aufmerksamkeit, die er eigentlich für mich haben sollte, wenn er mich so liebte wie ich ihn. Ich war Herr meiner Person und meines Vermögens, weil meine Eltern in meiner frühen Jugend gestorben waren, und man schlug mir verschiedene gute Heiraten vor, allein die Hoffnung, dass ich endlich Dom Karlos noch zur Liebe bewegen würde, hinderte mich darauf zu hören. Statt mich von dem schlimmen Schicksal meiner Liebe abschrecken zu lassen, wie jede andere getan haben würde, die liebenswerte Eigenschaften genug gehabt hätte, um nicht verachtet zu werden, so wuchs meine Liebe mit den Schwierigkeiten, die sich mir entgegensetzten. Kurz, um alles anzuwenden, was zu meinem Vorhaben dienen konnte, liess ich mir die Haare abschneiden, kleidete mich als Mannsperson und liess mich so dem Dom Karlos durch einen alten Bedienten meines Hauses vorstellen, der sich für meinen Vater und für einen armen Edelmann aus den Gebirgen von Toledo ausgab. Mein Gesicht und meine Gestalt missfielen Eurem Geliebten nicht und er nahm mich in seinen Dienst. Er erkannte mich nicht, ob er mich gleich so oft gesehen hatte, und wurde ebensobald von meinem Verstande überzeugt, als von der Schönheit meiner Stimme und meiner Geschicklichkeit, alle Instrumente zu spielen, die ein Frauenzimmer mit Bescheidenheit spielen kann, entzückt. Er glaubte in mir Fähigkeiten wahrzunehmen, die sich gewöhnlich nicht in einem Pagen finden, und ich gab ihm so viele Beweise meiner Treue und meiner Verschwiegenheit, dass er mich mehr zu seinem Vertrauten als zu seinem Bedienten brauchte. Ihr wisst am besten, ob ich mich hierin zu sehr lobe, und habt mich selbst hundertmal in meiner Gegenwart gegen Dom Karlos gerühmt und mir gute Dienste bei ihm getan, allein ich war ausser mir, dass ich alles dies einer Nebenbuhlerin danken musste, und während sie mich bei Dom Karlos noch angenehmer machten, machten sie Euch der unglücklichen Claudia (dies ist mein Name) immer verhasster. Eure Heirat sollte unterdessen bald vor sich gehen, und damit schwanden meine Hoffnungen. Sie wurde endlich beschlossen, und ich verlor sie gänzlich. Der italienische Graf, der zu der Zeit sich in Euch verliebte, und dessen Rang und Geld Eurem Vater ebensosehr in die Augen stachen, als seine Hässlichkeit und seine Fehler Euch Abneigung gegen ihn einflössten, verschaffte mir wenigstens das Vergnügen, Euch in Eurer Heirat gestört zu sehen, und mein Herz schmeichelte sich damals mit jenen leeren Hoffnungen, womit sich die Unglücklichen so oft betrügen. Endlich gab Euer Vater dem Fremden, den Ihr nicht liebtet, den Vorzug vor Dom Karlos, den Ihr liebtet. Ich sah nun den, der mich unglücklich machte, selbst unglücklich, und eine Nebenbuhlerin, die ich hasste, noch unglücklicher als ich selber, weil ich an einem Manne, der mir niemals gehört hatte, nichts verlor; Ihr hingegen verlort ihn der ganz Euer war, und vielleicht war dieser Verlust, so gross er auch war, Euch doch nicht so empfindlich, als einen Menschen zu Eurem ewigen Tyrannen zu haben, den Ihr nicht lieben konntet. Allein mein Glück oder vielmehr meine Hoffnung dauerte nicht lange. Ich erfuhr von Dom Karlos, dass Ihr willens wäret, ihm zu folgen und ich wurde sogar dazu gebraucht, um alle Anstalten zu dem Vorhaben zu treffen, dass er Euch nach Barcelona und von da nach Frankreich oder Italien bringen wollte. Alle Standhaftigkeit, mit der ich bisher so viel Unglück ertragen hatte, verliess mich nun auf einmal, und es kam mir desto unerwarteter, da ich ein solches Unglück gar nicht vermutet hatte. Ich wurde aus Traurigkeit darüber krank, und zwar so krank, dass ich zu Bett lag. Eines Tages, als ich mich selbst über mein trauriges Schicksal beklagte, und in der Vermutung, dass mich niemand hören würde, laut genug sprach, als wenn ich mit dem Vertrauten meiner Liebe spräche, stand der Maure Achmet vor mir, der mir zugehört hatte und der mir folgendes sagte: Ich kenne dich Claudia, und zwar von der Zeit her, da du dich noch nicht verkleidet hattest, um Page bei Dom Karlos zu werden, und wenn ich es dich nicht merken liess, dass ich dich kannte, so geschah es deswegen, weil ich ebenso wie du einen Plan hatte. Ich höre hier, dass du einen verzweifelten Entschluss fassen willst. Dass du dich deinem Herrn als ein junges Frauenzimmer entdecken willst, das aus Liebe zu ihm stirbt und das keine Hoffnung hat, wieder von ihm geliebt zu werden; ferner willst du dich vor seinen Augen töten, um wenigstens die Tränen dessen zu verdienen, dessen Liebe du nicht erwerben konntest. Armes Mädchen, was tust du, wenn du dich tötest, anderes, als Sophien den Besitz von Dom Karlos zu sichern? Ich wollte dir wohl einen besseren Rat geben, wenn du imstande bist, dich dazu zu entschliessen. Nimm deiner Nebenbuhlerin ihren Geliebten. Das Mittel dazu ist leicht und kostet nicht mehr Entschliessung, als es dich kostete, da du dein Geschlecht verbargst und deine Ehre auf das Spiel setztest, deiner Liebe willen. Ich will dir ein Geheimnis eröffnen, das ich noch niemandem entdeckt habe, und wenn der Vorschlag, den ich dir machen will, dir missfällt, so kannst du immer noch tun was du willst. Ich bin aus Fez und in meinem Lande ein vornehmer Mann. Das Unglück machte mich zu Dom Karlos Sklaven und die Schönheit Sophiens zu dem ihrigen. Ich habe dir hier in wenig Worten viel gesagt. Für dich ist keine Rettung mehr übrig, weil dein Geliebter seine Geliebte entführt und mit ihr nach Barcelona geht. Weisst du dich nun der Gelegenheit zu bedienen, so ist es dein und mein Glück. Ich habe wegen meiner Ranzion unterhandelt und habe sie bezahlt. Eine afrikanische Galiotte wartet meiner auf der Reede, nicht weit von dem Ort, wo Dom Karlos zur Ausführung seines Unternehmens gleichfalls eine liegen hat. Er hat seine Reise einen Tag aufgeschoben, und wir müssen ihm nun mit List und Geschwindigkeit zuvorkommen. Geh zu Sophien und sage ihr im Namen deines Herrn, dass sie sich diese Nacht zu einer gewissen Stunde, wo du sie abholen wolltest, bereit halten sollte abzureisen. Führ sie alsdann auf mein Schiff, ich werde sie nach Afrika führen, und du wirst also mit deinem Geliebten allein zu Valencia bleiben, der dich vielleicht so gut wie Sophien geliebt haben würde, wenn er gewusst hätte, dass du ihn liebst.‹ Bei diesen letzten Worten der Claudia überwältigte mich der Schmerz so sehr, dass ich noch einmal ohnmächtig hinfiel, ohne ein Lebenszeichen von mir zu geben. Das Geschrei der Claudia, die es nun vielleicht bereute, mich unglücklich gemacht zu haben, ohne sich selbst dadurch zu helfen, brachte Achmet und seinen Bruder in das Zimmer wo ich war. Man wandte alle Mittel an, und ich kam wieder zu mir selbst und hörte, dass Claudia dem Mauren abermals seine Treulosigkeit vorwarf. ›Ungläubiger Hund,‹ sagte sie zu ihm, ›warum hast du mir geraten, dies schöne Mädchen so elend zu machen, wenn du mich nicht bei meinem Geliebten lassen wolltest? Und warum bewogst du mich, an einem Mann, der mir so teuer war, eine Treulosigkeit zu begehen, die mir jetzt ebensoviel schadet als ihm? Wie kannst du dich für einen vornehmen Mann deines Landes ausgeben, da du der ärgste Verräter und der niederträchtigste unter allen Menschen bist?‹ – ›Schweig‹ sagte Achmet, ›und wirf mir nicht ein Verbrechen vor, dessen Gehilfin du warst. Ich habe dir schon gesagt, dass einer der seinen Herrn verrät wie du, nichts besseres verdient, und indem ich dich mitnahm, sicherte ich mein Leben und vielleicht auch das Leben Sophiens, weil sie leicht aus Schmerz sterben könnte, wenn sie erführe, dass du allein bei Dom Karlos geblieben wärst.‹ Der Lärm, den nun die Matrosen machten, die eben in den Hafen von Sale einlaufen wollten, und das Salutschiessen des Schiffes, das vom Land aus beantwortet wurde, unterbrach die Vorwürfe, welche Achmet und Claudia einander machten, und befreiten mich auf einige Zeit von dem Anblick dieser beiden Menschen. Man stieg ans Land, bedeckte mir und Claudia das Gesicht mit einem Schleier, und wir wurden nebst dem treulosen Achmet bei einem Mauren seiner Verwandtschaft einquartiert. Gleich den andern Tag liess man uns in einen bedeckten Wagen steigen und nach Fez bringen, wo zwar Achmet von seinem Vater mit der grössten Freude empfangen wurde, ich aber voll Traurigkeit und Verzweiflung sein Haus betrat. Claudia wusste sich bald zu trösten. Sie schwur das Christentum ab und heiratete Zaid, den Bruder des treulosen Achmet. Diese schlechte Person sparte seit dieser Zeit keine List, um mich zu bewegen, gleichfalls meine Religion abzuschwören und Achmet zu heiraten, und wurde endlich mein ärgster Peiniger, nachdem Achmet umsonst alle gute Behandlung verschwendet hatte, um mich zu gewinnen, und nun anfing, mit all den Seinigen mich auf die grausamste Art zu quälen. Ich musste täglich meine Standhaftigkeit gegen so viele Feinde üben, und konnte meine Leiden stärker ertragen als ich es wünschte, als ich endlich zu bemerken glaubte, dass Claudia ihr schlechtes Betragen bereute, öffentlich verfolgte sie mich dem Scheine nach mehr als die andern, heimlich aber erwies sie mir öfters gute Dienste wodurch ich sie für eine Person hielt, die wohl tugendhaft hätte werden können, wenn sie zur Tugend wäre erzogen worden. Eines Tages, als alle übrigen Frauen, wie es unter euch Mohammedanern üblich, in die öffentlichen Bäder gegangen waren, kam sie mit einem anscheinend traurigen Gesichte zu mir und sagte: ›Schöne Sophie, so sehr ich ehemals Ursache hatte, Euch zu hassen, so ist doch mein Hass verschwunden, da ich einmal die Hoffnung verloren habe, den zu besitzen, der mich deswegen nicht liebte, weil er Euch zu sehr liebte. Ich werfe es mir immer vor, dass ich Euch unglücklich gemacht habe und meinen Gott aus Furcht vor den Menschen verlassen habe. Die geringste Empfindung dieser Reue könnte mich Dinge wagen machen, die unserem Geschlechte beinahe unmöglich scheinen. Ich kann nicht mehr ausser Spanien mit Ungläubigen leben, unter denen ich, wie ich wohl weiss, weder mein zeitliches noch ewiges Wohl finden kann. Ihr könnt auf die Aufrichtigkeit meiner Reue daraus schliessen, dass ich Euch ein Geheimnis nun offenbaren will, das Euch mein Leben in die Hände und Euch das Mittel gibt, Euch an mir wegen all dem Übel zu rächen, das ich Euch zufügen habe müssen. Ich habe fünfzig Christensklaven, meistenteils Spanier, gewonnen, die alle Mut genug haben, ein grosses Wagnis auszuführen. Mit dem Gelde, das ich ihnen heimlich gegeben, haben sie sich einer Bark versichert, die uns nach Spanien bringen kann, wenn Gott anders unser Vorhaben begünstigt. Es liegt nun bloss an Euch, mein Glück zu machen und Euch mit mir zu retten, wenn ich mich rette, oder mit mir zu sterben, wenn ich Euch nicht von Eueren grausamen Feinden erlösen kann. Entschliesst Euch also, Sophie, und während man uns nicht beobachtet, wollen wir uns über die wichtigste Angelegenheit Eures und meines Lebens beratschlagen.‹ Ich warf mich der Claudia zu Füssen und indem ich sie nach mir beurteilte, zweifelte ich gar nicht an der Aufrichtigkeit ihrer Worte. Ich dankte ihr von ganzem Herzen und fühlte die Gnade, die sie, wie ich glaubte, mir erweisen wollte sehr tief. Wir bestimmten einen Tag zu unserer Flucht an das Seeufer, wo, wie sie sagte, unser kleines Schiff hinter Felsen verborgen lag. Dieser Tag, den ich so sehnlich erwartete, war endlich da. Wir kamen glücklich aus dem Haus und aus der Stadt. Ich bewunderte die Güte des Himmels, der uns unser Vorhaben so sehr erleichterte und dankte Gott unaufhörlich. Allein das Ende meines Unglücks war nicht so nahe wie ich dachte. Claudia handelte bloss auf Befehl des noch schlechteren Achmet; sie führte mich des Nachts an einen entlegenen Ort, bloss um mich der Gewalt des Mauren zu überlassen, der in dem Hause seines Vaters, der ein rechtschaffener Mann war, nichts gegen meine Ehre zu unternehmen wagte. Ich folgte der, die mich so unglücklich machen wollte, ganz arglos nach und glaubte, dass ich ihr niemals genug dafür würde danken können, dass ich durch ihre Hilfe nun die Freiheit erlangen sollte. Ich dankte ihr beständig und lief auf den rauhen Wegen und Felsen so geschwind wie möglich dem Ort zu, wo, wie sie sagte, ihre Leute uns erwarteten, als ich auf einmal hinter uns gehen hörte und als ich zurücksah, Achmet mit dem Schwert in der Hand uns folgen sah. ›Niederträchtige Sklaven,‹ rief er, ›ihr wollt also eurem Herrn entfliehen?‹ Ich hatte nicht Zeit, ihm zu antworten. Claudia fasste mir von hintenher die Hände zusammen, und Achmet liess sein Schwert fallen und vereinigte sich mit ihr, und beide wandten alles mögliche an, mir die Hände mit Stricken zusammen zu binden, die sie zu dem Zwecke mitgebracht hatten. Da ich mehr Stärke und Geschicklichkeit besass als gewöhnliche Frauenzimmer, so widerstand ich lange den Bemühungen dieser beiden schlechten Menschen. Aber ich fühlte mich ermatten, meine Kräfte verliessen mich und ich nahm nur noch meine Zuflucht zu dem Schreien, das ungefähr jemand an dem Orte vorbeiführen könnte, oder vielmehr, ich hoffte gar nichts mehr, als der Prinz Mulai dazu kam, eben als ich es am wenigsten erwartete. Ihr wisst, auf welche Art er mir die Ehre, ja auch das Leben erhalten hat; denn ich würde gewiss vor Schmerz gestorben sein, wenn der treulose Achmet seinen Willen erhalten hätte.« Sophie beschloss hier die Erzählung ihrer Begebenheiten, und die liebenswürdige Zoraide ermahnte sie, von der Grossmut des Prinzen die Mittel zu erwarten, in ihr Vaterland zurückzukehren. Sie erzählte noch an ebendem Tag alles was sie von Sophien gehört hatte, ihrem Manne, der es dem Mulai hinterbrachte. Obgleich alles, was man ihm von der schönen Christin sagte, seiner Leidenschaft für sie nicht günstig war, so war er als ein guter Mann doch froh, erfahren zu haben, dass sie in ihrem Lande schon jemanden liebte, und er in Hoffnung, leicht zu siegen, nicht eine schlimme Handlung begehen durfte. Er verehrte Sophiens Tugend, und die seinige flösste ihm den Gedanken ein, ihr Unglück zu mildern. Er liess ihr also durch Zoraiden sagen, dass er sie nach Spanien zurückschicken wollte, wenn sie es verlangte, und sobald er hörte, dass sie dazu entschlossen war, vermied er es, sie zu sehen, weil er seiner eigenen Tugend nicht ganz traute und ihre grosse Schönheit fürchtete. Sie war nicht wenig um die Sicherheit ihrer Rückreise verlegen. Die Fahrt nach Spanien war lang, und die spanischen Kaufleute handelten nicht nach Fez. Wenn sie aber auch ein christliches Schiff gefunden hätte, so konnte sie bei ihrer grossen Schönheit und Jugend unter ihren eigenen Glaubensgenossen leicht das nämliche finden, was sie von den Mauren befürchtete. Rechtschaffenheit ist auf einem Schiffe etwas Seltenes, und die Aufrichtigkeit wird dort so wenig beobachtet als im Krieg, und überall, wo Tugend und Unschuld ohne Hilfe sind, wacht die Bosheit schlechter Menschen am ehesten auf und ist geneigt, alles zu ihrem Vorteil zu unternehmen. Zoraide riet Sophien, sich als Mannsperson zu verkleiden, weil ihr vorteilhafter Wuchs sie zu dieser Kleidung mehr als andere Frauen begünstigte. Sie sagte ihr, dass Mulai selbst ihr diesen Rat gäbe, weil er in Fez niemand fände, dem er sie sicher anvertrauen könnte. Ferner sagte sie auch, dass er für den Wohlstand ihres Geschlechts gesorgt hätte und ihr eine Reisegesellschafterin ihres Glaubens mitgeben wollte, die ebenso verkleidet sein sollte, und dass sie dadurch von der Furcht befreit würde, die sie haben könnte, wenn sie sich unter lauter Matrosen und Soldaten allein befände. Dieser maurische Prinz hatte von einem Korsaren eine Prise gekauft; es war ein Schiff von dem Gouverneur von Oran, auf dem die ganze Familie eines spanischen Edelmannes war, welchen dieser Gouverneur aus Hass als Gefangenen nach Spanien schickte. Mulai erfuhr, dass dieser Christ einer der geschicktesten Jäger wäre, und da die Jagd seine Lieblingsleidenschaft war, wollte er ihn zu seinem Sklaven haben. Damit er ihn aber desto besser erhalten möchte, trennte er ihn nicht von seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohne. Während zwei Jahren, die er zu Fez in Mulais Dienste zubrachte, lehrte er diesen Prinzen, mit der grössten Fertigkeit alles Wild, das auf der Erde läuft oder in der Luft fliegt, mit der Flinte zu schiessen und noch andere Arten von Jagden, welche die Mauren nicht kennen. Er hatte sich dadurch bei dem Prinzen so beliebt gemacht und war zu seinem Vergnügen so unentbehrlich geworden, dass er niemals eine Ranzion von ihm annehmen wollte, sondern durch Wohltaten aller Art ihm Spanien vergessen zu machen suchte. Aber die Betrübnis, nicht in seinem Vaterlande zu sein und keine Hoffnung zu haben, dahin zu kommen, brachte ihn in eine Melancholie, die mit seinem Tode endigte, und seine Frau überlebte ihn nicht lange. Mulai bereute es nun, dass er ihm nicht seine Freiheit gegeben hatte als er sie von ihm verlangte, und wollte so gut als möglich, das Unrecht, das er ihm seiner Meinung nach angetan hatte, an seinen Kindern wieder gut machen. Die Tochter nannte sich Dorothea und war mit Sophien eines Alters; sie war hübsch und hatte viel Verstand. Ihr Bruder war erst fünfzehn Jahre alt und nannte sich Sancho. Mulai wählte sie also beide, um Sophien Gesellschaft zu leisten, und bediente sich dieser Gelegenheit, sie zusammen nach Spanien zurückzuschicken. Man hielt die Sache geheim, und liess Mannskleider nach spanischer Art für beide Frauenzimmer und für den kleinen Sancho verfertigen. Mulai zeigte seine Freigebigkeit durch eine Menge Edelsteine, die er Sophien schenkte; er machte auch Dorothea sehr schöne Geschenke, welche mit denen, die er ihrem Vater ehemals gegeben, sie für ihre übrige Lebenszeit reich machten. Karl der Fünfte führte zu der Zeit Krieg in Afrika und belagerte die Stadt Tunis. Er hatte einen Abgesandten an Mulai gesandt, um wegen der Ranzion einiger vornehmer Spanier zu unterhandeln, die an der Küste von Marokko Schiffbruch gelitten hatten. Diesem Gesandten empfahl Mulai Sophien unter dem Titel eines vornehmen Edelmannes namens Dom Fernand, der unter seinem wahren Namen nicht bekannt sein wollte, und Dorothea und ihr Bruder passierten, die erste unter dem Titel eines Edelmannes und letzterer unter dem eines Pagen. Sophie und Zoraide konnten nicht ohne Betrübnis von einander scheiden, und es kostete von beiden Seiten viele Tränen. Zoraide gab der schönen Christin eine Reihe so kostbarer Perlen, dass sie diese nicht würde angenommen haben, wenn die liebenswürdige Maurin und ihr Mann Zulema, der Sophien ebensosehr liebte, ihr nicht erklärt hätten, dass sie sich durch die Verweigerung dieses Geschenkes äusserst beleidigt halten würden. Zoraide liess Sophien versprechen, dass sie ihr von Zeit zu Zeit über Tanger, Oran oder andere Handelsstädte des Kaisers in Afrika, Nachricht von sich geben wollte. Der christliche Gesandte schiffte sich zu Sale ein und nahm Sophien mit sich, die von nun an Dom Fernand heissen wird. Er kam zur Armee des Kaisers, die noch vor Tunis stand. Unsere verkleidete Spanierin wurde ihm als ein Edelmann aus Andalusien vorgestellt, der lange Zeit ein Sklave des Prinzen gewesen wäre. Sie hatte eben nicht viel Ursache, ihr Leben zu schonen und den Krieg zu fürchten, und da sie einmal für einen Kavalier gehalten wurde, so konnte sie mit Ehren nicht aus den öfteren Treffen wegbleiben, welche so viele brave und tapfere Ritter mitmachten. Sie ging also unter die Freiwilligen und liess keine Gelegenheit vorbei, sich auszuzeichnen, und zwar so sehr, dass endlich der Ruhm des falschen Fernand bis zum Kaiser drang. Sie war so glücklich, neben ihm zu stehen, als er in der Hitze eines Gefechts, das für die Christen unglücklich ausfiel, in einen Hinterhalt von Mauren geriet, von den Seinigen verlassen und von den Ungläubigen umringt wurde. Und vermutlich wäre er getötet worden, denn sein Pferd war schon unter ihm gefallen, wenn ihm nicht unsere Amazone das ihrige gegeben, ihn mit einer unglaublichen Tapferkeit unterstützt, und dadurch den Christen Zeit gegeben hätte, sich wieder zu sammeln und ihren tapfern Kaiser zu retten. Eine so schöne Handlung blieb nicht unbelohnt. Der Kaiser gab dem unbekannten Dom Fernand eine Komende von grossem Einkommen und das Reiterregiment eines spanischen Edelmanns, der im letzten Treffen geblieben war. Er liess ihr auch die völlige Equipage einer Standesperson machen, und von der Zeit an war dies tapfere Frauenzimmer von der ganzen Armee am meisten geschätzt. Alle Handlungen eines Mannes waren ihr so natürlich, ihr Gesicht war so schön und gab ihr ein so jugendliches Ansehen, ihre Tapferkeit war bei ihrer Jugend so ausserordentlich und ihr Geist so ausgebildet, dass kein Edelmann in der Armee war, der sich nicht um ihre Freundschaft bemühte. Man darf sich also gar nicht wundern, dass, da jedermann von ihr und für sie beim Kaiser sprach, sie bald der Liebling ihres Herrn wurde. Unterdessen kamen auf den Schiffen, die der Armee Geld und Munition brachten, neue Soldaten aus Spanien mit an. Der Kaiser wollte sie unter dem Gewehr sehen und ging mit seinen vornehmsten Generalen, unter welchen auch unsere Heldin war, hin, sie zu mustern. Unter diesen neuangekommenen Soldaten glaubte sie Dom Karlos zu erkennen, und sie irrte sich auch nicht. Sie war den ganzen übrigen Tag unruhig, liess ihn in allen Quartieren der neuen Truppen aufsuchen, aber man fand ihn nicht, weil er seinen Namen verändert hatte. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen, stand mit Aufgang der Sonne auf und ging, den teuren Geliebten, der sie so viele Tränen gekostet hatte, nun selbst aufzusuchen. Sie fand ihn, aber er erkannte sie nicht, weil ihr Wuchs unterdessen verändert war, denn sie war grösser geworden; auch hatte die afrikanische Luft die Farbe ihres Gesichts gebräunt. Sie tat, als ob sie ihn für einen ihrer Bekannten hielte, und fragte ihn nach Neuigkeiten aus Sevilla und nach einer Person, deren Namen ihr zuerst in den Mund kam. Dom Karlos antwortete ihr, dass sie sich irre, er wäre nie zu Sevilla gewesen, sondern er wäre aus Valencia. »Ihr gleicht sehr einer Person, die mir sehr wert war«, sagte sie, »und wegen dieser Ähnlichkeit will ich Euer Freund werden, wenn Ihr anders mich dafür annehmen wollt.« »Die nämliche Ursache, die Euch bewegt, mir Eure Freundschaft anzubieten, hätte Euch schon die meinige erworben, wenn sie mit der Eurigen in Vergleichung käme. Ihr gleichet einer Person, die ich lange geliebt habe, Ihr habt ihr Gesicht und ihre Stimme, allein Ihr seid nicht von ihrem Geschlecht, und vermutlich«, setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, »seid Ihr auch nicht ihres Sinnes.« Sophie konnte sich bei diesen letzten Worten nicht enthalten zu erröten, was Karlos aber nicht bemerkte, weil seine Augen voll Tränen standen. Sie war sehr bewegt, und da sie sich nicht mehr verbergen konnte, so bat sie den Dom Karlos, sie in ihrem Zelt zu besuchen, und verliess ihn, nachdem sie ihm ihr Quartier gesagt hatte und dass er nur nach dem General Dom Fernand fragen sollte. Bei diesem Namen befürchtete Dom Karlos, ihm nicht genug Ehre erwiesen zu haben. Er hatte schon erfahren, wie sehr der General vom Kaiser geliebt wurde, und dass er mit den Ersten des Hofes bei ihm in gleicher Gunst stünde. Er fand sein Quartier und sein Zelt sehr leicht, denn jedermann wusste es und er wurde für einen gemeinen Offizier, der einen der vornehmsten Stabsoffiziere besuchte, sehr höflich empfangen. Er erkannte abermals das Gesicht Sophiens in dem des Dom Fernand und erstaunte darüber mehr als das erstemal, und noch mehr über den Ton ihrer Stimme, der ihm durch die Seele ging und das Andenken der geliebtesten Frau in ihm erneute. Sophie, die ihrem Geliebten noch immer unbekannt war, liess ihn bei sich essen. Nach Tisch, als die Diener fort waren, und sie Befehl gegeben hatte, keinen Besuch einzulassen, liess sie sich nochmals von ihm sagen, dass er von Valencia wäre, ferner musste er ihre gemeinschaftlichen Begebenheiten erzählen bis zu jenem Tag, wo sie war entführt worden. »Solltet Ihr wohl glauben,« sagte Dom Karlos, »dass eine Frau von Stande, die so viele Beweise meiner Liebe erhalten, die mir so viele der ihrigen gegeben, weder auf Ehre noch auf Treue hielt? Mir so grosse Fehler verbergen und in ihrer Wahl so blind sein konnte, dass sie mir einen jungen Pagen vorzog, den ich hatte und der sie tags vorher entführte, als ich sie dem andern entführen wollte?« – »Aber wisst Ihr denn dies so gewiss?« fragte Sophie. »Der Zufall regiert alles und macht öfters unsere Entschlüsse durch die unerwartetsten Begebenheiten zuschanden. Eure Geliebte kann gezwungen worden sein, sich von Euch zu trennen, und vielleicht ist sie mehr unglücklich als schuldig.« – »Wollte Gott!« sagte Dom Karlos, »ich könnte ihr Vergehen noch bezweifeln! Allen Verlust und Unglück, das sie mir zugefügt hat, würde ich leicht ertragen, ja ich würde mich gar nicht für unglücklich halten, wenn ich glauben könnte, dass sie mir noch treu wäre. Allein sie ist es bloss gegen den treulosen Claudio, und hat Dom Karlos bloss mit ihrer Liebe geschmeichelt, um ihn nicht unglücklich zu machen.« – »Nach dem, was Ihr von ihr sagt,« antwortete Sophie, »scheint es, als wenn Ihr sie nicht sehr geliebt hättet, weil Ihr sie so geradewegs verdammt, ohne sie zu hören, und sie lieber für niederträchtig als für leichtsinnig halten wollt.« – »Und kann man es denn mehr sein,« versetzte Dom Karlos, »als diese unbesonnene Frau es war, als sie, um ihre Flucht mit meinem Pagen zu verbergen, in der Nacht, wo sie entführt wurde, einen Brief in ihrem Zimmer zurückliess, der mit der äussersten Bosheit abgefasst war und der mich viel zu unglücklich gemacht hat, als dass ich ihn je vergessen sollte. Ich will ihn Euch hersagen und Ihr sollt alsdann urteilen, welcher Verstellung dieses junge Mädchen fähig war. Der Brief war so: Sie hätten mir nicht verbieten sollen, den Dom Karlos zu lieben, nachdem Sie mir es einmal befohlen hatten. So grosse Verdienste wie die seinigen mussten mir viele Liebe einflössen, und wenn das Herz einer jungen Person einmal eingenommen ist, so findet der Eigennutz keinen Platz mehr darin. Ich entfliehe also mit dem, den ich mit Eurer Billigung von Jugend auf geliebt habe, und ohne welchen es mir ebenso unmöglich wäre, zu leben, als bei einem Fremden zu sterben, den ich nicht lieben kann, wenn er auch noch so reich wäre. Unser Vergehen, wenn es so genannt werden kann, verdient Eure Verzeihung. Werdet Ihr sie uns erteilen, so werden wir, um sie zu erhalten, geschwinder zurückkommen, als wir vor der ungerechten Gewalt geflohen sind, die Ihr mir antun wolltet. Sophie. Ihr könnt Euch den Schmerz, den Sophiens Eltern bei diesem Brief empfanden, leicht vorstellen. Sie glaubten, ich wäre noch mit ihrer Tochter heimlich in Valencia geblieben, oder wenigstens wären wir noch nicht weit davon. Sie verschwiegen ihren Verlust gegen jedermann, ausgenommen gegen den Vizekönig, ihren Verwandten, und kaum war der Tag angebrochen, so kamen die Gerichtsdiener in mein Zimmer und fanden mich eingeschlafen. Ich erstaunte über diesen Besuch um so mehr, als ich wirklich Ursache hatte, darüber zu erstaunen, und als ich, nachdem man mich nach Sophien gefragt hatte, selbst fragte, wo sie wäre, wurden meine Gegner davon aufgebracht, und schickten mich mit der äussersten Härte ins Gefängnis. Ich wurde verhört und konnte gegen den Brief Sophiens nichts Gültiges vorbringen. Es schien daher, dass ich sie hatte entführen wollen, allein noch deutlicher schien es, als wenn mein Page mit ihr verschwunden wäre. Sophiens Eltern liessen sie suchen, und meine Freunde gaben sich alle ersinnliche Mühe, zu erfahren, wo sie der Page hingeführt haben möchte. Dies war das einzige Mittel, meine Unschuld zu beweisen, allein es war nicht möglich, einige Nachricht von den flüchtigen Verliebten einzuziehen, und meine Feinde klagten mich nun für den Tod beider an. Kurz, die Ungerechtigkeit siegte hier über die Unschuld. Man benachrichtigte mich, dass man mir bald das Urteil sprechen würde, und ich wollte meine Freiheit durch einen verzweifelten Streich wieder zu erhalten suchen. Ich machte also mit andern Übeltätern, die zugleich mit mir gefangen und Leute von verwegenem Mut waren, ein Komplott. Wir erbrachen mit Hilfe unserer Freunde unser Gefängnis und hatten schon die nächsten Gebirge von Valencia erreicht, ehe der Vizekönig Nachricht erhielt. Wir waren lange Zeit Herren der ganzen Gegend. Sophiens Untreue, die Verfolgung ihrer Eltern, die Ungerechtigkeit, die, wie ich glaubte, der Vizekönig gegen mich begangen hatte, und endlich der Verlust meines Vermögens brachten mich in eine solche Verzweiflung, dass ich mein Leben bei jeder Gelegenheit, wo ich und meine Kameraden Widerstand fanden, aufs Spiel setzte. Dadurch erwarb ich mir eine so grosse Achtung unter ihnen, dass sie mich zu ihrem Oberhaupt erwählten. Ich war es mit so gutem Erfolg, dass unsere Truppe den Königreichen Aragonien und Valencia furchtbar wurde, und wir dies Land gleichsam in Kontribution setzten. Ich vertraue Euch hier ein wichtiges Geheimnis,« sagte Dom Karlos, »allein die Ehre, die Ihr mir erweist, und meine eigene Neigung zieht mich so sehr zu Euch hin, dass ich mein Leben damit, dass ich Euch mir so gefährliche Geheimnisse entdecke, in Eure Hände geben will. Endlich wurde ich müde, ein Verbrecher zu sein; ich stahl mich von meinen Kameraden weg, da sie es gar nicht vermuteten, und ging nach Barcelona, wo ich als gemeiner Reiter unter den Rekruten, die nach Afrika bestimmt waren, angenommen wurde, und mit diesen Truppen bin ich nun hier angekommen. Ich habe keine Ursache mein Leben zu lieben, und nachdem ich es so übel angewendet, kann ich mich dessen nicht besser als gegen die Feinde unseres Glaubens bedienen und zu Eurem Dienst, weil die Güte, die Ihr mir erzeigt, der einzige Trost ist, den mein Herz erhalten hat, seitdem die undankbarste der Frauen mich zum unglücklichsten Menschen gemacht hat.« Die unerkannte Sophie verteidigte die mit Unrecht beschuldigte Sophie, und bemühte sich, ihren Geliebten zu bereden, seine Geliebte nicht so leicht zu verdammen, bis er besser unterrichtet wäre. Sie sagte ihm, dass sie grossen Anteil an seinem Unglück nehme, dass sie es sehr gerne lindern möchte, und um ihm tätige Beweise davon zu geben, bat sie ihn, bei ihr zu bleiben, und versprach, dass sie bei erster Gelegenheit ihren eigenen Kredit und den ihrer Freunde bei dem Kaiser anwenden wollte, um ihn von der Verfolgung ihrer Eltern und des Vizekönigs von Valencia zu befreien. Dom Karlos hörte auf nichts, was Dom Fernand ihm zur Entschuldigung Sophiens sagte, allein das Anerbieten seiner Wohnung und seines Tisches nahm er an. Noch an dem Tag sprach diese treue Geliebte mit dem General des Dom Karlos, und erhielt von ihm seine Einwilligung, dass dieser Reiter, den sie für ihren Verwandten ausgab, bei ihr wohnen dürfte. Nun ist also unser unglücklicher Verliebter in Diensten bei seiner Geliebten. Er sah gleich anfangs, dass sein Herr sehr viel auf ihn hielt und konnte selbst nicht begreifen, wie er ihn so lieb gewinnen konnte. Er war zugleich sein Haushofmeister, sein Sekretär, sein Kammerjunker und sein Vertrauter. Die andern Bedienten hatten ebenso viele Achtung für ihn als für Dom Fernand selbst, und er würde gewiss bei der Liebe seines Herrn, den er durch einen geheimen Zug ebensosehr liebte, glücklich gewesen sein, wenn die verlorene und ungetreue Sophie nicht beständig in seinen Gedanken gewesen und ihn in eine Traurigkeit gestürzt hätte, die weder die Gunst seines Herrn noch seine verbesserten Glücksumstände heben konnten. So sehr ihn Sophie auch liebte, so sah sie ihn doch gerne traurig und zweifelte nicht, dass sie die Ursache davon wäre. Sie sprach so oft mit ihm von Sophien, verteidigte sie öfters so hitzig, ja mit Zorn und Bitterkeit, dass Dom Karlos endlich auf den Gedanken kam, dieser Dom Fernand, der ihn immer auf diese Sache brächte, wäre ehemals vielleicht selbst in Sophien verliebt gewesen, und wäre es vielleicht noch. Der afrikanische Krieg wurde endlich auf die Art, wie man in der Geschichte liest, beendigt. Der Kaiser führte ihn nun in Deutschland, Italien, Flandern und anderen Gegenden. Unsere Heldin vermehrte ihren Ruf eines tapfern und erfahrenen Offiziers durch viele ausgezeichnete Handlungen. Der Kaiser sah sich genötigt, nach Flandern zu gehen, und den König von Frankreich um freien Durchzug durch seine Staaten zu bitten. Der grosse König, der damals regierte, wollte seinen Todfeind, der immer glücklicher gewesen war als er, nur öfter sein Glück nicht ausnützte, an Grossmut übertreffen. Karl der Fünfte wurde in Paris empfangen, als wenn er König von Frankreich gewesen wäre. Der schöne Dom Fernand war unter der kleinen Anzahl von Standespersonen, die ihn begleiteten, und wenn er sich länger an diesem galanten Hof aufgehalten hätte, würde diese schöne Spanierin, die man für einen Mann hielt, vielen französischen Damen Liebe eingeflösst und bei unseren verliebten Herren Eifersucht erregt haben. Unterdes starb der Vizekönig von Valencia. Dom Fernand wagte es im Vertrauen auf seine Verdienste und auf die Gnade seines Herrn um diese Stelle zu bitten und erhielt sie ohne weiteres. Er gab also Dom Karlos so schnell als möglich Nachricht von seinem Glück und versprach ihm, dass, sobald er seine Stelle als Vizekönig von Valencia antreten würde, er ihn mit Sophiens Eltern aussöhnen, und bei dem Kaiser Gnade für ihn dafür auswirken wolle, dass er Oberhaupt einer Räuberbande gewesen; auch dies wolle er versuchen, ihn wieder in sein früheres Vermögen einzusetzen. Dom Karlos hätte aus allen diesen schönen Versprechungen Trost schöpfen können, wenn seine unglückliche Liebe ihm einigen Trost erlaubt hätte. Der Kaiser kam nun nach Spanien zurück und ging nach Madrid. Dom Fernand nahm von seinem Gouvernement Besitz. Gleich den andern Tag nach seinem Einzug in Valencia gaben Sophiens Eltern eine Klage gegen Dom Karlos bei ihm ein, der bei ihm die Stelle eines Haushofmeisters und Sekretärs bekleidete. Der Vizekönig versprach ihnen Genugtuung und dem Dom Karlos, dass er seine Unschuld beschützen wollte. Man fing also aufs neue an, gegen ihn zu verfahren; man hörte zum andernmal Zeugen ab, und endlich wurden Sophiens Eltern aus Rachbegier, die sie jedoch für gerecht hielten, soweit getrieben, und brachten die Sache dahin, dass in sechs oder sieben Tagen das Urteil gesprochen werden konnte. Sie verlangten von dem Vizekönig, dass der Angeklagte ins Gefängnis sollte, er gab ihnen aber sein Wort, dass er nicht aus seinem Palast herausgehen sollte und setzte einen Tag für den Urteilspruch fest. Den Tag vor diesem Termin verlangte Dom Karlos noch eine besondere Audienz beim Vizekönig und erhielt sie. Er warf sich ihm zu Füssen und sprach folgendes: »Morgen also, mein Herr, werdet Ihr meine Unschuld vor der ganzen Welt öffentlich beweisen. Obgleich die Zeugen, die Ihr habt abhören lassen, mich gänzlich von dem Verbrechen lossprechen, dessen man mich beschuldigt, so schwöre ich doch noch einmal vor denselben als vor Gott, dass ich nicht allein Sophien nicht entführt, sondern sie auch den Tag als sie entführt worden ist, nicht gesehen habe, nichts von ihr gehört und seit der Zeit auch nichts mehr von ihr erfahren habe. Zwar muss ich gestehen, dass ich sie entführen wollte, allein ein Zufall, mir bis jetzt verborgen, raubte sie mir entweder zu meinem oder zu ihrem Unglück.« – »Es ist genug, Dom Karlos«, sagte der Vizekönig. »Geh und schlafe ruhig; ich bin dein Herr und dein Freund und besser von deiner Unschuld überzeugt als du glaubst. Und wenn ich auch noch daran zweifeln könnte, so würde ich doch die Sache nicht so genau nehmen, weil du in meinem Hause bist und zu meinem Hausstand gehörst und weil du bloss unter dem Versprechen meines Schutzes hierher gekommen bist.« Dom Karlos dankte einem so gütigen Herrn. Er ging nun zu Bett, aber die Ungeduld, sich freigesprochen zu sehen, liess ihn nicht schlafen. Er stand mit Tagesanbruch auf, kleidete sich reicher als gewöhnlich und ging zu seinem Herrn. Aber ich irre mich; er kam erst vor ihn, als der schon angekleidet war; denn seit der Zeit, dass Sophie ihr Geschlecht verborgen hatte, schlief die einzige Dorothea, die ebenso gekleidet war wie sie, allein in ihrem Zimmer und erwies ihr alle Dienste, die, wenn sie durch einen andern besorgt worden wären, leicht das, was sie verbergen wollte, verraten konnte. Dom Karlos trat also in das Zimmer des Vizekönigs als Dorothea dasselbe für jedermann geöffnet hatte. Der Vizekönig sah ihn nicht sobald, als er ihm den Vorwurf machte, dass er für einen Mann, der für unschuldig erkannt sein wollte, zu früh aufgestanden wäre, und dass nur diejenigen nicht gut schlafen könnten, die kein gutes Gewissen hätten. Dom Karlos antwortete etwas verwirrt, dass nicht sowohl die Furcht, überwiesen zu werden, ihn vom Schlaf abgehalten hätte, als vielmehr die Hoffnung nun bald vor den Verfolgungen seiner Feinde durch das gütige Urteil, das Seine Durchlaucht sprechen würden, gesichert zu sein. »Allein Ihr seid sehr geputzt und sehr galant«, sagte der Vizekönig, »und ich finde Euch an dem Tag, da über Euer Leben oder Tod soll entschieden werden, sehr ruhig. Ich weiss nicht mehr was ich von dem Verbrechen, dessen man Euch beschuldigt, denken soll. So oft wir uns von Sophien unterhalten, sprecht Ihr weit gleichgültiger und kälter von ihr als ich, und dennoch mutmasst man von Euch, dass Ihr sie geliebt und getötet habt, und vielleicht auch noch den jungen Claudio, auf den Ihr die Schuld der Entführung gern bringen mögt. Ihr sagt, dass Ihr sie geliebt habt, und lebt noch, nachdem Ihr sie verloren habt, ja Ihr wendet sogar alles an, um Euch lossprechen zu lassen und in Ruhe zu leben, Ihr, der Ihr eigentlich dem Leben und allem was es Euch angenehm machen kann gram sein solltet. O unbeständiger Dom Karlos! Ganz gewiss hat eine andere Liebe Euch die vergessen machen, die ihr Sophien schuldig wart, und die Ihr Sophien erhalten musstet, wenn Ihr sie wahr geliebt hättet, als sie noch ganz Euer war und alles für Euch tat.« Dom Karlos wollte diesen Worten des Vizekönigs antworten, allein der erlaubte es ihm nicht. »Schweigt,« sagte er zu ihm, »und spart Euere Beredsamkeit für Euere Richter; denn ich nehme keinen Anteil daran, und will dem Kaiser aus Liebe zu einem meiner Bedienten keine üble Meinung von meiner Gerechtigkeit geben. Unterdes – indem er sich zu dem Hauptmann der Leibwache wandte – versichere man sich seiner; denn wer sein Gefängnis erbrochen, kann auch wohl das Wort brechen, das er mir gegeben hat, sein Heil nicht in der Flucht zu suchen.« Man nahm sogleich dem Dom Karlos den Degen ab, der von allen, die ihn mit Wache umringt und totenblass sahen, wie er kaum seine Tränen zurückhalten konnte, sehr bedauert wurde. Unterdessen der arme Mann es bereute, sich zuviel auf den veränderlichen Sinn der Grossen verlassen zu haben, traten die Richter, die ihm das Urteil sprechen sollten, in den Saal und nahmen ihre Plätze ein, nachdem der Vizekönig sich gesetzt hatte. Der italienische Graf, der noch zu Valencia war und die Eltern von Sophie erschienen und brachten die Zeugen gegen den Beklagten vor, der nun an seinem Prozess so sehr verzweifelte, dass er kaum antworten konnte. Man zeigte ihm die Briefe vor, die er ehemals an Sophien geschrieben hatte, man stellte ihn den Nachbarn und den Bedienten von Sophiens Haus gegenüber, endlich zeigte man auch den Brief vor, den sie in ihrem Zimmer zurückgelassen hatte, den Tag als er sie entführt hätte. Der Beklagte liess seine Bedienten verhören, welche bezeugten, dass sie ihren Herrn hatten zu Bett gehen sehen; allein, er konnte ja nur so getan haben als wenn er schlafen wollte, und nachher wieder aufgestanden sein. Er schwur, dass er Sophien nicht entführt habe, und gab den Richtern zu überlegen, dass er sie nicht würde entführt haben, um sich von ihr zu trennen. Allein man gab ihm sogar schuld, er hätte sie und den Pagen, den Vertrauten seiner Liebe, getötet. Nun sollte also das Urteil gesprochen und er sollte eben einstimmig zum Tode verdammt werden, als der Vizekönig ihm befahl, näher zu treten, und ihm sagte: »Unglücklicher Dom Karlos, du kannst nach allen Beweisen meiner Gewogenheit gegen dich leicht denken, dass ich dich niemals nach Valencia geführt haben würde, wenn ich dich des Verbrechens schuldig geglaubt hätte, dessen man dich beschuldigte. Es ist mir unmöglich, dich nicht zu verdammen, wenn nicht mein Dienst mit einer Ungerechtigkeit anfangen will, und du kannst leicht sehen, wie nah mir dein Unglück zu Herzen geht, da mir die Tränen in den Augen stehen. Man könnte zwar deine Parteien vergleichen, wenn sie weniger vornehm und weniger auf deinen Untergang erpicht wären. Kurz, wenn Sophie nicht selbst erscheint, dich zu rechtfertigen, so magst du dich immer zu deinem Tod bereiten.« Karlos, der an seiner Rettung verzweifelte, warf sich dem Vizekönig zu Füssen und sagte zu ihm: »Ihr werdet Euch erinnern, edler Herr, dass in Afrika, seit der Zeit, dass ich die Ehre hatte, in Eure Dienste zu treten, und jedesmal, so oft Ihr mich zur traurigen Erzählung meines Unglücks auffordertet, ich sie immer auf die nämliche Art erzählt habe und Ihr könnt glauben, dass ich in meinem Lande meinem Herrn das nicht würde eingestanden haben, was ich jetzt vor meinen Richtern verneine. Ich habe Euch immer die Wahrheit gesagt, so wahr mir Gott helfe, und ich sage nochmals, dass ich Sophien liebte, dass ich sie anbetete.« – »Undankbarer,« sagte der Vizekönig zu jedermanns Erstaunen, »sag dass du sie noch anbetest!«– »Ja, ich bete sie noch an«, sagte Karlos erstaunt über das was der Vizekönig gesagt hatte. »Ich versprach ihr, sie zu heiraten und wurde mit ihr einig, sie nach Barcelona zu führen. Aber wenn ich sie entführt habe, wenn ich jetzt weiss, wo sie ist, so will ich des grausamsten Todes sterben. Ich kann dem Tod nicht mehr entgehen, aber ich sterbe unschuldig, ich müsste denn den Tod dadurch verdient haben, dass ich eine untreue und unbeständige Frau mehr als mein Leben geliebt habe.« – »Allein,« rief der Vizekönig mit zornigem Gesicht, »wo ist denn dieses Frauenzimmer und dein Page hingekommen, sind sie im Himmel oder unter der Erde?« – »Der Page war galant,« versetzte Dom Karlos, »und sie war schön, er war ein Mann, sie eine Frau.« – »Ha! Verräter, wie sehr entdeckst du hier deine schlechten Meinungen und die wenige Achtung, die du für die unglückliche Sophie hegst! Verflucht sei das Weib, das sich auf das Versprechen des Mannes verlässt und sich nachher wegen ihrer Leichtgläubigkeit verachten lässt! Deine Sophie war weder eine Frau von gemeinem Schlag, noch war dein Page Claudio ein Mann. Sophie war treu und beständig, dein Page aber war ein verdorbenes Mädchen, das in dich verliebt war und das dir Sophien gestohlen hat, weil sie ihre Nebenbuhlerin war. Ungerechter! Undankbarer Geliebter! Ich bin Sophie, die unsägliches Unglück ertragen hat, einem Mann zu gefallen, der nicht verdiente, geliebt zu werden, und der mich der grössten Niederträchtigkeit fähig hielt!« – Sophie konnte nicht mehr sagen; ihr Vater, der sie erkannte, nahm sie in seine Arme. Ihre Mutter fiel auf der einen Seite und Dom Karlos auf der andern Seite in Ohnmacht. Sophie riss sich aus den Armen ihres Vaters, um den beiden Ohnmächtigen zu Hilfe zu eilen, die wieder zu sich kamen, während sie in Zweifel war, zu welchem von beiden sie zuerst gehen sollte. Sie umarmte mit aller Zärtlichkeit ihren lieben Dom Karlos, den beinah nochmals die Sinne verliessen. Da er Sophien noch nicht von ganzem Herzen zu küssen sich traute, entschädigte er sich an ihren Händen, die er immer eine nach der andern tausendfältig küsste. Sophie konnte kaum mit allen Küssen und Umarmungen fertig werden. Der italienische Graf wollte etwas von seinen Ansprüchen auf sie sagen, da sie ihm ja doch versprochen worden war; Dom Karlos aber, der es hörte, griff an seinen Degen, den man ihm eben wieder gegeben hatte, und tat den Schwur, dass alle menschliche Gewalt ihm Sophien nicht rauben sollte, wenn anders sie selber es ihm nicht verböte, ferner an sie zu denken. Aber sie erklärte, dass sie niemals sich mit jemand andern als mit ihrem Karlos verheiraten würde, und beschwor ihre Eltern, dies zu genehmigen, widrigenfalls sie sich für den Rest ihres Lebens in ein Kloster einsperren würde. Ihre Eltern liessen ihr also die Freiheit, ihren Gemahl selbst zu wählen, und der italienische Graf reiste noch denselben Tag ab. Ein Kurier brachte die Neuigkeiten dem Kaiser, welcher dem Dom Karlos, nachdem er Sophien würde geheiratet haben, die Vizekönigsstelle und alle anderen Benefizien, die diese tapfere Frau unter dem Namen Dom Fernando verdient hätte, übertrug, und ihm ausserdem ein Fürstentum schenkte, das seine Nachkommen noch jetzt besitzen. Die Stadt Valencia wollte die Hochzeit ausrichten, und Dorothea, die zugleich mit Sophien ihre Mannskleider abgelegt hatte, wurde zu gleicher Zeit wie sie mit einem Edelmann verheiratet, der ein naher Verwandter des Dom Karlos war. * Fünfzehntes Kapitel. Unverschämtheit des Herrn de la Rappinière Der Rat von Rennes hatte eben seine Geschichte beendigt, als la Rappinière in der Schenke ankam; er ging ganz ungeniert auf das Zimmer zu, worin man ihm sagte, dass Herr la Garouffiere wäre, aber sein Gesicht veränderte sich plötzlich als er Destin in der einen Ecke erblickte und dessen Bedienten in der andern, der erschrocken war wie einer dem man das Todesurteil spricht. La Garouffiere verschloss sogleich die Türe von innen und fragte den tapfern la Rappinière, ob er nicht erriete, warum er ihn hätte holen lassen. »Gewiss wegen der Komödiantin, an der ich auch meinen Teil haben wollte«, antwortete der Lump lachend. »Wie? Euer Teil?« versetzte la Garouffiere mit höchst ernsthaftem Gesicht; »ist das die Rede eines Richters der Ihr seid, und habt Ihr jemals einen schlechtern Kerl hängen lassen als Ihr selbst seid?« La Rappinière wollte noch immer aus der ganzen Sache einen Scherz machen, aber der Ratsherr nahm dies so übel auf, dass er endlich seine schlechte Absicht eingestand und Destin recht ungeschickt um Verzeihung bat, der alle seine Geduld zusammen nehmen musste, um sich nicht an einem Menschen zu rächen, der ihn so grausam beleidigt hatte und der ihm doch das Leben danken musste, wie wir im Anfang dieser Geschichte gesehen haben. Er hatte aber mit diesem Kerl noch eine andere Sache auszumachen, die ihm sehr wichtig war und die er auch dem Herrn la Garouffiere mitgeteilt hatte, der ihm auch versprach, ihm Genugtuung dafür zu verschaffen. So sehr ich auch la Rappinières Charakter studiert habe, so habe ich doch nie herausbekommen können, ob er gegen Gott oder gegen die Menschen am schlimmern handelte und ob er mehr niederträchtig in seiner Person als ungerecht gegen seinen Nächsten war; nur dies weiss ich mit ziemlicher Gewissheit, dass nicht leicht jemand so viele und so grosse Laster und Fehler zugleich besitzen kann wie er besass. Er gestand, dass er Mademoiselle de l'Etoile hätte entführen wollen und tat dies so dreist als ob er sich damit einer guten Handlung zu rühmen gewusst hätte, denn er sagte frech zu dem Schauspieler, dass er nie an dem guten Ausgang dieser Sache gezweifelt hätte, »denn«, sagte er, »ich hatte Euren Bedienten gewonnen, Eure Schwester liess sich überreden und in der Meinung, dass Ihr verwundet wärt, war sie keine zwei Stunden mehr von dem Hause, wo ich sie erwartete, als ich weiss nicht welcher Teufel sie dem Eselskopf abnahm, der sie zu mir bringen sollte, und der mir obendrein ein gutes Pferd damit verloren und viele Prügel bekommen hat.« Destin wurde manchmal blass vor Zorn, manchmal errötete er aber auch vor Scham, als er sah mit welcher Unverschämtheit der Schurke ihm alles sagte, womit er ihn beleidigt hatte, gerade als wenn er ihm eine gleichgültige Sache erzählte. La Garouffiere ärgerte sich auch darüber und empfand den grössten Abscheu gegen einen so schlechten Menschen. »Ich weiss nicht«, sagte er ihm, »wie es möglich ist, uns die Umstände einer schlechten Handlung so dreist zu bekennen, für welche Euch Herr Destin hundert Stockprügel geben wollte, wenn ich ihn nicht verhindert hätte. Allein ich sage Euch, dass es noch geschehen kann, wenn Ihr ihm nicht eine Dose mit Diamanten wiedergebt, die Ihr ihm einstmals in Paris gestohlen habt. Doguin, Euer damaliger Helfershelfer und nachmaliger Diener hat ihm sterbend bekannt, dass Ihr sie noch hättet, und ich erkläre Euch hiermit, dass wofern Ihr die geringste Schwierigkeit macht sie herauszugeben, ich von nun an ebenso Euer unversöhnlicher Feind sein werde als ich bisher Euer Beschützer war.« La Rappinière wurde durch diese unerwartete Rede aus aller Fassung gebracht. Seine Dreistigkeit, eine begangene Schlechtigkeit zu leugnen, verliess ihn hier gänzlich. Er bekannte stotternd, dass er diese Dose zu Mans hätte, und versprach unter den fürchterlichsten Schwüren, die man gar nicht von ihm verlangte, dass er sie herausgeben wollte. Dies war vielleicht eine der aufrichtigsten Handlungen, die er in seinem Leben beging, und doch war sie es nicht ganz so, denn er gab zwar seinem Versprechen gemäss die Dose wieder, aber es war nicht wahr, dass sie in Mans war; denn er hatte sie bei sich in der Tasche, weil er der Mademoiselle de l'Etoile, im Fall sie sich ihm nicht umsonst überlassen würde, ein Geschenk damit machen wollte. Dies gestand er dem Herrn la Garouffiere insgeheim, dessen Gunst er dadurch wieder zu erlangen hoffte, wobei er ihm die Dose in die Hände gab, um damit zu machen, was er wollte. Sie war mit fünf Diamanten von grossem Wert besetzt. Der Vater der Etoile war in Email darauf gemalt, und das Gesicht dieses schönen Mädchens hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit diesem Porträt. Destin wusste dem Herrn la Garouffiere nicht genug zu danken, als der ihm die Dose wieder gab. Er sah sich dadurch der Mühe überhoben, sie mit Gewalt von einem Profoss zurückzufordern, der das Wiedergeben gar nicht verstand, und der ausserdem seine Profossgewalt gegen einen armen Komödianten hätte anwenden können, die in den Händen eines schlechten Mannes immer eine gefährliche Sache ist. Als diese Dose dem Destin war entwendet worden, war er sehr traurig darüber gewesen und sein Missvergnügen wurde noch durch das der Mutter der Etoile vermehrt, welche diese Dose als ein Pfand der Liebe ihres Mannes ansah. Man kann sich also leicht vorstellen, dass er hocherfreut war, sie wieder zu erhalten. Er ging, um es der Etoile zu sagen, die er in Gesellschaft von Leander und Angelique im Haus der Schwester des Dorfpfarrers antraf. Sie besprachen ihre Rückkehr nach Mans und beschlossen den andern Tag dahin zu reisen. Herr la Garouffiere bot ihnen eine Kutsche an, die sie aber nicht annehmen wollten. Die Komödianten und Komödiantinnen speisten hierauf mit ihm zu Abend. Man legte sich in der Schenke bald nieder und mit Anbruch des Tags nahmen Destin und Leander, jeder seine Geliebte vor sich auf dem Pferd, den Weg nach Mans, wohin Ragotin, la Rancune und Olive schon vorausgegangen waren. Herr la Garouffiere erbot sich nochmals gegen Destin zu allen Diensten bereit; was aber Madame Bouvillon betrifft, so stellte sie sich kränker als sie war, damit sie von dem Komödianten, der ihre Wünsche so unbefriedigt gelassen hatte, keinen Abschied nehmen brauchte. * Sechzehntes Kapitel. Ragotins Unglück Die beiden Schauspieler, die mit Ragotin nach Mans zurückgehen wollten, wurden von dem kleinen Mann vom geraden Weg ab nach einem kleinen Landhaus geführt, wo er sie bewirten wollte, und das der Kleinheit seines Herrn angemessen war. Obgleich ein treuer und genauer Geschichtsschreiber alle einzelnen Vorfälle nebst den Örtern, wo sie sich zugetragen haben, beschreiben muss, so werde ich für diesmal doch nicht genau anzeigen, auf welcher Seite Ragotins Häuschen lag, wohin er seine künftigen Kameraden führen wollte; denn bis jetzt war er noch nicht in den Orden der herumziehenden Komödien aufgenommen worden. Ich sage also bloss soviel, dass dies Häuschen diesseits der Gange und nicht weit von Sille le Guillaume lag. Als er dort ankam, fand er das Haus mit einer Kompagnie Zigeuner angefüllt, die zu grossem Verdruss seines Pächters sich dort unter dem Vorwand aufgehalten hatten, die Frau ihres Hauptmannes wolle niederkommen; eigentlich aber geschah es deswegen, damit sie das Geflügel von einem nahen Meierhof, der von der Landstrasse ablag, desto leichter erobern konnten. Ragotin war anfangs sehr hitzig und bös, drohte auch den Zigeunern mit dem Profoss von Mans, für dessen Verwandten er sich ausgab, weil er eine Portail geheiratet hätte, und nun fing er eine lange Rede an, in welcher er zeigen wollte, wie die Portails mit den Ragotins verwandt wären; jedoch mässigte diese lange Rede seine Hitze gar nicht und er fluchte immer dazwischen hinein; ferner bedrohte er sie mit dem Unterprofoss la Rappinière, allein der Zigeunerhauptmann wollte ihn durch Höflichkeit ganz zu Tode ärgern, lobte sein gutes Aussehen, und dass er etwas Vornehmes in seinem Wesen hätte, und bezeigte seine Reue darüber, dass er aus Unachtsamkeit in seinem Schloss eingekehrt wäre: so nannte er das Häuschen, welches bloss mit wilden Hecken umgeben war. Er setzte noch hinzu, dass die Dame bald würde entbunden werden, und dass alsdann sein kleiner Haufen fortziehen würde und er seinem Pächter alles, was sie und ihre Pferde verzehrt hätten, bezahlen wollte. Ragotin war ganz toll, dass er mit einem Menschen nicht zanken konnte, der ihn ins Gesicht hinein auslachte und immer Komplimente schnitt, aber schliesslich hätte das Phlegma des Hauptmanns doch noch Ragotins Galle erregt, wenn nicht la Rancune den Bruder des Hauptmanns als einen ehemaligen Kameraden erkannt hätte; und diese Bekanntschaft war Ragotins Glück, denn sonst hätte er sich durch sein Schimpfen und Schelten eine schlimme Sache zuziehen können. La Rancune bat ihn also ruhig zu sein, was er gerne schon längst getan haben würde, wenn es sein törichter Stolz erlaubt hätte. Zu ebender Zeit kam die Zigeunerin mit einem Knaben nieder; die kleine Truppe hatte grosse Freude hierüber, und der Hauptmann bat den Ragotin und die Komödianten zu Tisch, die schon einige Hühner hatten schlachten lassen. Man setzte sich. Die Zigeuner hatten Rebhühner, Hasen, zwei welsche Hühner und ebenso viele Spanferkel, die sie gestohlen hatten. Sie hatten ferner einen Schinken und zwei geräucherte Zungen; alldem wurde noch eine Hasenpastete beigefügt, von deren Überbleibseln sich noch die jungen Zigeunerchen sättigten, die bei Tisch aufwarteten. Ferner kamen noch die sechs frikassierten Hühner des Ragotin hinzu, und man wird nun gestehen müssen, dass das Traktament eben nicht schlecht war. Die Gäste waren, ohne die Komödianten, neun Mann stark, alle sehr gute Tänzer und noch bessere Schelme. Man fing mit der Gesundheit des Königs und der Prinzen an, und trank überhaupt auf das Wohl aller guten Herren, welche den Zigeunern den Einzug in ihre Dörfer erlauben. Der Hauptmann bat die Komödianten auf die Gesundheit des verstorbenen Karl Dodo, des Onkels seiner Frau, zu trinken, der während der Belagerung von la Rochelle durch Verräterei des Hauptmanns la Grave war gehangen worden. Man fluchte auf diesen untreuen Hauptmann und verwünschte alle Häscher; dabei vergass man Ragotins Wein nicht und der hatte eine so gute Wirkung, dass alle betrunken wurden. Und jeder Gast, selbst der menschenfeindliche Rancune nicht ausgenommen, fing an, seinem Nachbarn die Versicherung seiner ewigen Freundschaft zu geben; dabei küsste man sich und heulte vor lauter überfliessender Zärtlichkeit. Ragotin spielte seine Rolle als Hausherr sehr gut und trank wie ein Schwamm. Da sie nun die ganze Nacht durchgezecht hatten, schien es als wenn sie mit Aufgang der Sonne zu Bett gehen würden, allein eben dieser Wein, welcher so verträgliche Saufbrüder aus ihnen gemacht hatte, flösste ihnen gleichsam auf einmal die Lust der Trennung ein. Die Karawane packte zusammen, vergass jedoch nicht einiges Gerät von Ragotins Pächter miteinzupacken. Unser Herr Ragotin stieg auf sein Maultier und so aufgebracht er vor Tisch gewesen war, so ruhig und ernsthaft machte er sich nun auf den Weg nach Mans, ohne sich darum zu bekümmern, ob ihm Rancune und Olive folgten; seine ganze Aufmerksamkeit ging vielmehr dahin, eine leere Pfeife auszurauchen, die schon vor einer Stunde war ausgeraucht worden. Er hatte kaum eine halbe Stunde zurückgelegt und rauchte noch immer an der Pfeife, die gar keinen Rauch von sich geben wollte, als ihm auf einmal der Dampf des Weins in den Kopf stieg. Er fiel von seinem Maultier herunter, das so klug war nach der nächsten Wiese, wo es herkam, zurückzutrotten. Ragotin selber aber schlief, nachdem sich sein Magen seiner Schuldigkeit gemäss einigemal erleichtert hatte, nun ganz sanft mitten auf der Landstrasse ein. Er schlief noch nicht lange und schnarchte wie eine Orgelpfeife, als ein ganz nackter Mensch, der aber über und über voll Kot und Schmutz war, sich ihm näherte und anfing, ihn auszukleiden. Dieser wilde Mensch strengte alle Kräfte an, um dem Ragotin die neuen Stiefel auszuziehen, die sich Rancune in der Schenke angeeignet hatte; und wäre Ragotin nicht ganz tot besoffen gewesen, so müsste ihn dies Zerren gewiss aufgeweckt und er würde geglaubt haben, man wollte ihn mit vier Pferden zerreissen lassen, so aber tat dies keine andere Wirkung, als dass er sechs oder acht Schritt weit mit dem Hintern auf den Steinen herumgeschleift wurde. Endlich fiel ein Messer aus der Tasche unseres schönen Schläfers; der wilde Mensch nahm es und gerade als wenn er den Ragotin hätte schinden wollen, schnitt er ihm sein Hemd, seine Stiefel, und alles was nicht gleich gutwillig abgehen wollte, vom Leib herunter, machte ein Paket daraus und lief damit so geschwind er konnte wieder fort. Wir wollen diesen Mann mit seiner Beute laufen lassen, der ebenderselbe Narr war, der damals dem Destin so viele Furcht einjagte, als er auf die Eroberung der Mademoiselle Angelique ausgeritten war, und bei unserm Herrn Ragotin bleiben, der noch nicht erwachte, aber das Aufwachen doch sehr nötig hatte. Sein nackter Körper lag in der Sonne und war sehr bald von Fliegen bedeckt und gestochen. Dennoch wachte er nicht auf. Aber bald nachher wurde er es durch einen Haufen Bauern, die einen Karren mit sich führten. Ragotins nackter Körper fiel ihnen kaum in die Augen, als sie riefen: Da ist er! Sie näherten sich ihm hierauf so leise wie möglich, gleich als wenn sie sich fürchteten ihn aufzuwecken; ergriffen ihn bei den Füssen und Händen, banden ihn mit starken Stricken zusammen und trugen ihn so gebunden auf ihren Karren, mit dem sie nun ebenso eilfertig fortjagten wie ein Liebhaber, der ein Frauenzimmer wider deren Willen entführt. Ragotin war noch immer so besoffen, dass alle Gewalt, die man ihm antat, ihn ebensowenig erwecken konnte als die unsanften Stösse des Karrens, den die Bauern so geschwind und so eilfertig forttrieben, dass er in einem Loch, das voller Wasser und Kot war, umschmiss, und Ragotin also herausfiel. Die Kühle des Orts, in den er gefallen und dessen Grund voller Steine war, sowie auch der heftige Fall aus dem Karren erweckten ihn endlich und er staunte nicht wenig sich in dem Zustand zu sehen. Er fühlte sich an Händen und Füssen gebunden, lag mitten im Kot, der Kopf war ihm von dem Rausch und dem Fall ganz wüst, und er wusste nicht, was er davon denken sollte, als er drei Bauern sah, die ihn aufheben wollten und drei andere, die einen Karren wieder in die Höhe hoben. Er erschrak selbst so sehr über diesen Zufall, dass er trotz der so schönen Gelegenheit, viel zu reden, nicht ein Wort hervorbringen konnte, ob er doch gleich ein grosser Redner von Natur war; aber wenn er es auch schon gewollt hätte, so hätte er es einen Augenblick darauf doch nicht mehr tun können; denn nachdem die Bauern einen geheimen Rat untereinander gehalten hatten, lösten sie ihm bloss seine Füsse los, und statt ihm die Ursache davon zu sagen oder sich zu entschuldigen, drehten sie, ohne ein Wort zu reden, den Karren wieder nach dem Ort zu, wo sie herkamen, und kehrten so eilig zurück wie sie gekommen waren. Der geneigte Leser wird schwerlich erraten können, was die Bauern mit Ragotin anfangen wollten und warum sie ihm nichts taten. Die Sache ist auch wirklich schwer zu erraten und kann ohne besondere Offenbarung nicht begriffen werden. Ich selbst, so sehr ich mich auch darum bemühte und alle meine Freunde darum befragte, habe es erst vor kurzem durch ein Ungefähr und als ich es am wenigsten vermutete, erfahren, und zwar auf nachfolgende Art. Ein Priester aus Unter-Maine, der etwas melancholisch war, und den ein Prozess nach Paris zu kommen genötigt hatte, wollte unter der Zeit, dass sein Prozess untersucht wurde, einige Träume, die er über die Offenbarung gehabt hatte, drucken lassen. Er war so fruchtbar an Schimären und so verliebt in seine letzten Geistesprodukte, dass er die alten darüber vergass, und seinen Buchdrucker bald toll machte, der einen Bogen wohl zwanzigmal umsetzen musste. Er war daher genötigt, öfters einen andern Drucker aufzusuchen, und kam endlich auch zu dem, der gegenwärtiges Buch druckt, und der las ihm einige Seiten dieser Begebenheit, die ich eben jetzt erzähle, vor. Dieser gute Pfarrer wusste die Geschichte besser als ich, denn er hatte von den Bauern selbst, die den Ragotin entführt hatten, den Beweggrund ihres Unternehmens erfahren. Er sah also gleich ein, dass hier in der Geschichte eine Lücke wäre, und sagte dies meinem Buchdrucker, der sich darüber sehr wunderte, denn er hatte bisher geglaubt, dass ich die ganze Geschichte nur erdacht hätte. Auf Bitten des Buchdruckers besuchte mich dieser Priester. Ich erfuhr nun aus seinem Mund, dass die Bauern, die den schlafenden Ragotin gebunden hatten, die nächsten Verwandten des tollen Bettlers gewesen, der im Feld wild herumlief, den Destin bei Nacht angetroffen und den Ragotin am hellen Tage ausgezogen hatte. Sie waren willens, ihn einzusperren, hatten es auch oft versucht und waren oft von dem Tollen derb ausgeprügelt worden, denn er war ein sehr starker Mensch. Einige Leute aus dem Dorfe hatten von weitem den Körper des Ragotin in der Sonne liegen sehen, hielten ihn für den eingeschlafenen Narren, und weil sie sich nicht selbst an ihn herantrauten, so hatten sie es diesen Bauern gemeldet. Diese kamen nun mit der vorhin erzählten Vorsicht herbei, nahmen Ragotin ohne ihn zu erkennen, und als sie endlich erkannten, dass er der nicht wäre, den sie suchten, verliessen sie ihn mit gebundenen Händen, damit er nichts gegen sie unternehmen könnte. Diese Nachrichten, die mir der Priester gab, machten mir viel Freude, und er leistete mir wirklich einen grossen Dienst damit; allein ich leistete ihm noch einen grössern, indem ich ihm riet, sein Buch voll närrischer Visionen nicht drucken zu lassen. Wir wollen aber nun zu unserm Ragotin zurückkehren, den wir mit beschmutztem Leib, trocknem Mund, schwerem Kopf und auf den Rücken gebundenen Händen verlassen haben. Er stand auf, so gut er konnte, und da er sich aller Orten umgesehen hatte, ohne weder Häuser noch Menschen zu erblicken, so ging er dem ersten besten Weg nach und spannte sein Gehirn auf die Folter, um sich diese Begebenheit zu erklären. Da seine Hände gebunden waren, so musste er viel Ungemach von einigen hartnäckigen Fliegen ausstehen, die sich an die Teile setzten, wo seine Hände nicht hinkonnten, und ihn daher manchmal nötigten, sich auf die Erde zu legen, um sie zu zerdrücken oder sie zu verjagen. Endlich kam er in einen Hohlweg, der mit Hecken umgeben und voller Wasser war, und dieser Weg führte auf den Steg über einen kleinen Fluss. Sehr erfreut fing er an, sich den ganzen Körper abzuwaschen, der voller Kot war, aber als er wieder an den Steg kam, erblickte er eine umgeworfene Kutsche, aus welcher der Kutscher und ein Bauer auf das Zureden eines sehr ehrwürdigen Dieners der Kirche fünf bis sechs ganz durchnässte Nonnen herauszogen. Es war die alte Äbtissin von Etival, welche von Mans kam, und die hier durch die Unachtsamkeit ihres Kutschers Schiffbruch gelitten hatte. Die Äbtissin und die Nonnen erblickten von weitem den nackten Ragotin, der gerade auf sie zu kam und nahmen ein grosses Ärgernis daran, noch mehr aber als sie nahm dies Ärgernis der Pater Giflot, der verschwiegene Beichtvater der Abtei. Er liess die Damen sich gleich umdrehen, damit sie sich nicht versehen möchten und schrie aus allen Kräften dem Ragotin zu, dass er nicht näher kommen sollte. Ragotin aber ging immer weiter und betrat eben eine lange Diele, die da zur Bequemlichkeit der Fussgänger hingelegt war, als ihm Pater Giflot mit dem Kutscher und dem Bauern entgegenkam, unentschlossen ob er ihn nicht beschwören sollte, so teuflisch kam ihm die ganze Figur vor. Er fragte ihn, wer er wäre und warum er die Hände gebunden hätte; alle diese Fragen tat er mit vieler Beredsamkeit und begleitete seine Worte mit dem lebhaften Ausdruck seiner Hände. Ragotin antwortete ihm ziemlich unhöflich was es ihn anginge? Und da er auf der Diele weiter vorgehen wollte, so gab er dem Pater Giflot einen so unsanften Stoss, dass er ins Wasser fiel. Der gute Pater nahm den Bauern und den Kutscher in seinem Fall mit und Ragotin fand ihre Art zu fallen so belustigend, dass er laut anfing zu lachen. Er setzte nun seinen Weg gegen die Nonnen zu fort, die mit heruntergelassenem Schleier ihm in einer Reihe den Rücken zukehrten. Ragotin bekümmerte sich wenig um die Gesichter der Nonnen, ging weiter und dachte nun so durchzukommen; aber Pater Giflot dachte ganz anders. Er, der Bauer und der Kutscher setzten dem Ragotin nach, und der Kutscher, der am zornigsten unter ihnen und ohnehin schon übler Laune war, weil die Frau Äbtissin mit ihm gezankt hatte, lief voran, holte Ragotin ein und rächte sich durch einige starke Peitschenhiebe auf die Haut eines andern für das Wasser, das die seinige nass gemacht hatte. Ragotin wartete die folgenden Hiebe nicht ab und lief davon wie ein geprügelter Hund; der Kutscher aber, mit einem Hieb nicht zufrieden, versetzte ihm noch einige mehr, die ihm alle die Haut zerfetzten. Giflot, ob er gleich vom Laufen ganz ausser Atem war, hörte nicht auf, aus vollem Halse zu schreien: Schlag zu! Schlag zu! Der Kutscher verdoppelte jedesmal seine Hiebe auf Ragotin und fand nun ein Vergnügen daran, als sich endlich dem armen Menschen eine Mühle als eine Freistatt anbot. Er lief, immer von seinem Feind verfolgt, darauf zu, und da er die Türe des Hofs offen fand, stürzte er hinein, und wurde von einem Spitzhund empfangen, der ihn bei den Hinterbacken fasste. Er schrie laut vor Schmerz und lief auf einen offenen Garten so eilig zu, dass er fünf bis sechs Bienenkörbe umschmiss, die am Eingang standen, und dies war nun der höchste Grad seines Unglücks. Die kleinen stachlichten Tiere fielen über den kleinen nackten Körper her, der sich mit seinen Händen nicht verteidigen konnte, und verwundeten ihn auf das grausamste. Er schrie so sehr, dass der Hund, der ihn angefasst hatte, aus Furcht fortlief, oder vielleicht aus Furcht vor den Bienen. Der unbarmherzige Kutscher tat eben das, was der Hund tat, und Pater Giflot, der es nun bereute, seine Rache so weit getrieben zu haben, lief selbst hin zu dem Müller und seinen Leuten, die nach seiner Meinung zu langsam einem Menschen zu Hilfe kamen, der in ihrem Garten ermordet würde. Der Müller erlöste Ragotin von den Stichen der Bienen, und obgleich er über das Umschmeissen seiner Stöcke aufgebracht war, so hatte er dennoch Mitleid mit ihm. Er fragte ihn nur, warum er sich nackt und mit gebundenen Händen unter Bienenstöcke gewagt hätte? Allein wenn auch Ragotin ihm darauf hätte antworten wollen, so hätte er es vor grossem Schmerz doch nicht vermocht. Ein neugeborner ungeleckter Bär ist in seiner bärichten Gestalt gewiss schöner und proportionierter als Ragotin es jetzt in seiner menschlichen Gestalt war, nachdem die Stiche der Bienen ihm vom Kopf bis auf die Füsse Beulen gemacht hatten. Die Frau des Müllers, mitleidig wie alle Weiber, liess ihm ein Bett zurecht machen und ihn hinein legen. Pater Giflot, der Kutscher und der Bauer kehrten zu der Äbtissin und den Nonnen zurück, die sich wieder in ihren Wagen einpackten und von dem ehrwürdigen Pater Giflot begleitet, der auf einer Stute neben herritt, ihren Weg fortsetzten. Es fand sich nun, dass die Mühle einem gewissen Rignon oder seinem Schwiegersohn Bagottiere gehörte. Ich weiss aber nicht mehr gewiss welchem. Dieser Rignon war Ragotins Verwandter, der, nachdem er sich dem Müller und seiner Frau zu erkennen gegeben hatte, mit vieler Sorgfalt von ihnen gewartet und glücklicherweise von einem Barbier des nächsten Dorfes gänzlich kuriert wurde. Sobald er wieder gehen konnte, kehrte er nach Mans zurück, wo die Freude über die Nachricht, dass Rancune und Olive sein Maultier aufgehalten und mit zurückgebracht hätten, ihn den Fall vom Karren, die Hiebe des Kutschers, den Biss des Hundes und die Stiche der Bienen vergessen machte. * Siebzehntes Kapitel. Was zwischen dem kleinen Ragotin und dem grossen Baguenodière vorfiel Destin und die Etoile, Leander und Angelique, zwei der schönsten Liebespaare, kamen glücklich in Mans an. Destin söhnte Angelique wieder mit ihrer Mutter aus, der er Leanders Verdienst, Stellung und Liebe so gut zu schildern wusste, dass die gute Caverne die Liebe dieses jungen Menschen zu ihrer Tochter jetzt ebensosehr billigte als sie vorher dagegen gewesen war. Die armen Schauspieler hatten zu Mans noch wenig verdient, aber ein vornehmer Mann, der die Komödie sehr liebte, ersetzte ihnen den Geiz der Manser Bürger. Der grösste Teil seiner Güter lag in Maine; er hatte zu Mans ein eigenes Haus und lud öfters seine vornehmen Freunde dahin, sowohl Hof- als Landedelleute, ja selbst einige Pariser Schöngeister, unter denen sich Poeten von Rang befanden; kurz er war ein Mäcenas. Er liebte das Theater und alle, die sich damit beschäftigten ausserordentlich und dies lockte jährlich die besten Truppen des Königreichs nach Mans. Dieser Herr kam eben zu Mans an, als die Komödianten unzufrieden mit ihrem Publikum wieder abreisen wollten. Er bat sie ihm zu Gefallen noch vierzehn Tage zu bleiben und um sie dazu zu bewegen, gab er ihnen hundert Pistolen und versprach ihnen ebensoviel zu ihrer Abreise. Es war ihm sehr angenehm, dass er den vielen vornehmen Herrschaften, die mit ihm gekommen waren, ein Theater bieten konnte. Dieser Herr, den ich den Marquis d'Orsé nennen will, war auch ein grosser Nimrod und hatte seine Jagdequipage nach Mans bringen lassen, die eine der schönsten der Art im Königreich war. Die sandigen Ebenen und die Wälder der Provinz Maine machen sie zu dem angenehmsten Jagdrevier im ganzen Reich, und zu eben der Zeit war die Stadt Mans ganz voll Jägern, die der Ruf dieser Jagdlustbarkeit dahin gezogen hatte; die meisten hatten ihre Weiber mitgebracht, die begierig waren, Damen von Hof zu sehen, damit sie nachher ihr ganzes Leben durch zu Hause von ihnen erzählen könnten. Es ist kein geringer Ehrgeiz für Landjunker, wenn sie sagen können, dass sie an dem und jenem Ort Leute vom Hof gesehen haben, deren Namen sie nachher zitieren, etwa so: Ich verlor mein Geld an Roquelaure; Crequi hat soundso viel gewonnen; Coaquin ist auf der Hirschjagd in Touraine. Bringt man sie vollends auf einen politischen oder kriegerischen Diskurs, so hören sie so lange nicht auf zu schwatzen, bis sie überhaupt nichts mehr vorzubringen wissen. Doch wieder zur Sache! Mans war also von kleinem und grossem Adel angefüllt. Die Schenken waren voller Gäste und der grösste Teil der wohlhabenden Bürger, die Standespersonen im Quartier hatten, hatten ihre feine Wäsche schon schmutzig und ihren ganzen Waschvorrat verbraucht. Die Komödianten eröffneten ihr Theater wieder mit den besten Absichten, denn sie waren ja im voraus bezahlt worden. Die Bürger von Mans fanden wieder Geschmack an der Komödie; die Stadt- und Landdamen freuten sich, dass sie dort Damen vom Hof zu sehen bekamen, denen sie eine neue Art sich zu kleiden absehen konnten, die besser war als die ihrige, zum grossen Vorteil ihres Schneiders, der so eine Menge alter Kleider zu ändern bekam. Täglich gab es Ball, wo schlechte Tänzer noch schlechtere Tänze aufführten, da die jungen Leute der Stadt in wollenen Strümpfen und gewichsten Schuhen tanzten. Die Komödianten mussten öfters in geschlossenen Gesellschaften spielen. Etoile und Angelique wurden von einigen Herren courtoisiert und die Damen beneideten sie darum. Inezilla, die auf Bitten der Komödianten eine Sarabande tanzte, wurde von allen bewundert. Roquebrune wollte auf der Stelle vor Liebe den Geist aufgeben, so sehr war sie auf einmal dadurch bei ihm gestiegen, und Ragotin gestand dem Rancune offenherzig, dass wenn er ihm nicht bald die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile verschaffte, so würde Frankreich seinen grossen Ragotin nicht lange mehr besitzen. Rancune machte ihm Hoffnung und um ihr seine besondere Zuneigung deutlicher machen zu können, bat er ihn, dass er ihm mit fünfundzwanzig bis dreissig Pfund Kleingeld aushelfen möchte; Ragotin erblasste über diese unhöfliche Forderung, bereute was er ihm gesagt hatte und gab seine Liebe gleichsam auf. Allein schliesslich geriet er in Wut, brachte die Summe aus verschiedenen Beuteln zusammen und gab sie ganz traurig dem Rancune, der ihm dafür versprach, dass er noch heute etwas von ihm erfahren sollte. Diesen Tag wurde Don Japhet gespielt, ein Stück, ebenso ausgelassen lustig geschrieben, als sein Verfasser wenig Ursache dazu hatte. Das Publikum war zahlreich, das Stück wurde gut gespielt und alles war vergnügt, der unglückliche Ragotin allein ausgenommen. Er kam spät in die Komödie, und zur Strafe dafür kam er hinter einen dicken Edelmann zu sitzen, der einen grossen Mantel um hatte, der seine Figur noch breiter machte. Er war von so ausserordentlicher Grösse, dass ob er gleich sass, Ragotin, der nur um eine Reihe Stühle hinter ihm war, doch glaubte, dass er aufrecht stehen müsste, und schrie ihm daher immerfort zu, dass er sich doch wie die andern niedersetzen solle, so wenig konnte er begreifen, dass ein sitzender Mensch mit seinem Kopf über alle andern wegragen könnte. Dieser Edelmann, der sich la Baguenodière nannte, glaubte lange nicht, dass Ragotin mit ihm redete. Endlich rief ihn Ragotin und nannte ihn Herr mit der grossen Feder! Und da er wirklich ein solch schmutziges Ding auf dem Hut hatte, so sah er sich nach ihm um und erblickte den kleinen ungeduldigen Herrn, der ihm ziemlich unhöflich gebot, sich doch niederzusetzen. La Baguenodière liess sich dadurch so wenig rühren, dass er sich wieder der Bühne zukehrte, als wenn er gar nichts gehört hätte. Ragotin schrie ihm abermal zu, dass er sich setzen sollte. Der sah sich wieder nach ihm um und drehte sich wieder nach der Bühne. Ragotin schrie wieder, Baguenodière sah sich zum drittenmal um und drehte sich zum drittenmal nach dem Theater. So lange die Komödie dauerte, schrie ihm Ragotin immer das nämliche zu, und der sah ihn jedesmal mit so vieler Gleichgültigkeit an, dass auch der Geduldigste sich darüber hätte ärgern müssen. Man konnte den la Baguenodière füglich einer Dogge und den Ragotin einem Mops vergleichen, der ihn anbellte, ohne dass die Dogge was anderes dabei tut, als ganz ruhig an die nächste Wand pissen. Endlich wurde jedermann auf das aufmerksam, was zwischen dem Grössten und dem Kleinsten in der Gesellschaft vorging, und man lachte darüber, als Ragotin anfing, vor Ungeduld zu fluchen und la Baguenodière ihn noch immer ganz gleichgültig ansah. Dieser Baguenodière war der grösste, aber auch der gröbste Mensch von der Welt. Er fragte zwei Edelleute, die neben ihm sassen, mit der grössten Ruhe, worüber sie lachten. Sie sagten geradezu über ihn und über Ragotin und glaubten ihm dadurch mehr zu gefallen als ihn zu beleidigen. Allein er nahm es übel, und die Worte: »Ihr seid ein paar dumme Kerls« überzeugten sie, dass er es übel genommen hatte, und bewogen jeden von ihnen ihm mit einer derben Ohrfeige darauf zu antworten. La Baguenodière konnte anfangs bloss rechts und links mit seinen Ellenbogen um sich stossen, weil seine Hände in dem Mantel verwickelt waren, und ehe er sie frei machte, konnten die beiden Edelleute, die ein paar Brüder und sehr flink waren, ihm ein halbes Dutzend Ohrfeigen zuzählen und beobachteten dabei die Pausen so sehr, dass diejenigen, die sie hörten aber nicht geben sahen, glauben mussten, dass jemand sechsmal nacheinander in die Hände geklatscht hätte. Endlich machte Baguenodière seine dicken Hände aus dem Mantel los, aber da er von den beiden Brüdern sehr eng eingeschlossen wurde, konnte er sich seiner langen Arme nicht bedienen. Er wollte zurücktreten und fiel rücklings auf einen Mann, der hinter ihm sass, schmiss ihn nebst seinem Stuhl auf den unglücklichen Ragotin, der wieder auf einen andern fiel; dieser fiel wieder auf seinen Nachbar und so gings fort durch die ganze Reihe Stühle, welche im Fallen noch ein Mädchen wie einen Kegel umwarfen. Der Lärm der Fallenden und der zerdrückten Damen, die Angst der Schönen und das Geschrei der Kinder, das Reden, das Lachen der einen und das Jammern der andern und das Händeklatschen verschiedener verursachte einen abscheulichen Lärm. Niemals hat wohl eine so kleine Ursache eine so grosse Wirkung hervorgebracht, und das sonderbarste dabei war noch, dass kein einziger Degen gezogen wurde, obgleich der Zank unter Leuten vorging, die welche bei sich hatten. Allein am allersonderbarsten war dies, dass la Baguenodière sich herumprügelte und wieder geprügelt wurde und dabei so gelassen blieb, als wenn es die gleichgültigste Sache von der Welt gewesen wäre; auch hatte man festgestellt, dass er den ganzen Nachmittag nicht eine Silbe mehr als obige paar Worte gesprochen hatte, die ihm so viele Ohrfeigen zugezogen, und dass er auch nachher kein Wort mehr sprach, so sehr stimmte sein Phlegma und sein Stillschweigen mit seiner grossen Statur überein. Das Chaos von Menschen und Stühlen untereinander brauchte lange Zeit um wieder auseinander zu kommen. Während man damit beschäftigt war, und die Friedfertigsten sich zwischen Baguenodière und seine Feinde stellten, hörte man auf einmal ein schreckliches Geheul gleichsam aus der Erde aufsteigen. Wer konnte das wohl anders sein als Ragotin? Wirklich, wenn das Glück einmal einen Menschen verfolgt, so lässt es nicht von ihm ab. Der Stuhl des kleinen Mannes stand gerade auf dem Deckel der Gosse der Schenke; diese Gosse ist immer in der Mitte, und dient dazu das Regenwasser aufzufangen; der Deckel aber, der darauf liegt, kann wie ein Dosendeckel auf- und zugeklappt werden. Da nun der Zahn der Zeit alles verzehrt, so war dieser Deckel ganz morsch geworden, und brach unter Ragotin entzwei als ein Mann von gehörigem Gewicht auf ihn fiel. Dieser Mann fiel mit dem einen Bein in das Loch, wo Ragotin ganz hineingefallen war; das Bein war gestiefelt und gespornt, und den Sporn spürte Ragotin an der Kehle; daher stiess er ein jämmerliches Geschrei aus, das niemand sich erklären konnte. Jemand reichte dem Mann die Hand, und indem sein eingeklemmtes Bein den Platz veränderte, biss ihn Ragotin so stark in die Waden, dass er glaubte von einer Schlange gebissen zu sein, und daher einen so lauten Schrei tat, dass der, der ihn hielt, erschrak und ihn wieder fallen liess. Endlich fasste er sich wieder, gab dem Mann wieder die Hand, der nun nicht mehr schrie, weil ihn Ragotin nicht mehr biss, und beide zugleich gruben endlich unsern kleinen Mann heraus, der, sobald er das Tageslicht wieder sah, mit dem Kopf und mit den Augen allen denen fürchterlich drohte, die er lachen sah, und so mischte er sich unter die Menge der Hinausgehenden, und sann nun auf etwas sehr rühmliches für ihn und sehr nachteiliges für la Baguenodière. Ich habe nicht erfahren können, was noch zwischen den beiden Brüdern und la Baguenodière vorfiel und ob sie sich wieder versöhnt haben, wenigstens habe ich nicht erfahren, dass sie einander etwas getan hätten. Dieser Zufall störte einigermassen die erste Vorstellung der Komödianten vor der vornehmen Gesellschaft, die sich damals zu Mans befand. * Achtzehntes Kapitel welches keinen Titel nötig hat Den folgenden Tag wurde der Nicomedes des unnachahmlichen Corneille aufgeführt. Die Vorstellung wurde nicht gestört und dies vielleicht bloss deswegen weil Ragotin nicht zugegen war; denn es ging bald kein Tag vorbei, dass er sich nicht durch seine Prahlerei oder durch seine Hitze und seinen Stolz etwas zuzog, wozu noch sein unglückliches Schicksal kam, das ihn bis zu diesem Tag noch nicht verschont hatte. Der kleine Mann hatte den Nachmittag in dem Zimmer des Mannes der Inezilla, dem Feldscherer Ferdinando Ferdinandi zugebracht, eines gebornen Normannen, der sich aber für einen Venezianer ausgab, wie ich schon gesagt habe, und einen spagyrischen Arzt vorstellen wollte, im Grund aber ein grosser Marktschreier und noch grösserer Schelm war. La Rancune, um sich einige Ruhe vor Ragotin zu verschaffen, weil der ihm versprochen hatte, ihm die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile zu verschaffen, hatte ihm weis gemacht, dass der Operateur ein grosser Zauberer wäre, der machen könnte, dass die züchtigste Frau einem Mann im blossen Hemde nachlaufen müsse; allein er verrichte dergleichen Wunder nur seinen besten Freunden zu Gefallen, deren Verschwiegenheit er kenne, weil es ihm einmal übel bekommen war, dass er seine Kunst an einem der grössten Herrn in Europa probiert hatte. Er riet also dem Ragotin alles anzuwenden um seine Gunst zu gewinnen und versicherte ihm, dass dies eben nicht so schwer wäre, denn der Operateur wäre ein sehr kluger Kopf, der diejenigen leicht liebte, die wenig Geist besässen, und der für seine Freunde keine Geheimnisse hätte. La Rancune machte dem Ragotin alles weis, was er nur wollte und Ragotin ging sofort zu dem Knochenflicker und überzeugte ihn, dass er ein grosser Zauberer wäre. Ich weiss gerade nicht, was dieser ihm antwortete; soviel ist gewiss, dass der Operateur, den la Rancune schon vorbereitet hatte, seine Rolle sehr gut spielte und es so geschickt von sich abzulehnen wusste, er sei ein Zauberer, dass jeder hätte glauben sollen, er wäre wirklich einer. La Rancune blieb den Nachmittag bei ihm; er hatte eben ein Glas zu irgend einer chemischen Operation auf dem Feuer, aber er konnte diesmal nichts Zustimmendes aus ihm herausbringen, worüber der ungeduldige Ragotin eine sehr unruhige Nacht verbrachte. Den andern Morgen trat er ganz früh in des Feldscherers Zimmer, der noch im Bette lag. Inezilla nahm dies sehr übel, denn sie war nicht mehr in dem Alter, wo man wie eine blühende Rose aufsteht, und musste alle Morgen einige Stunden eingesperrt bleiben, ehe sie öffentlich erscheinen konnte. Sie verbarg sich also in ein kleines Kabinett, wohin ihr ihre Magd, eine Mohrin, nachfolgte und alle ihre Liebesmunition nachtrug. Ragotin brachte unterdessen den Operateur wieder auf die Magie; und dieser war diesmal offenherziger als je, aber versprechen wollte er ihm noch immer nichts. Ragotin wollte ihn Zeichen seiner Freigebigkeit sehen lassen, und liess daher ein gutes Mittagessen zurechtmachen, wozu er die Komödianten und die Komödiantinnen einlud. Von dem Essen will ich nichts erzählen, genug, man lachte dabei sehr stark und ass noch stärker. Nach Tisch wurde Inezilla von Destin und der Etoile gebeten, ihnen eine von den kleinen spanischen Geschichten vorzulesen, die sie täglich entweder selbst verfertigte, oder mit Hilfe des göttlichen Roquebrune übersetzte, der ihr bei Apollo und den neun Musen geschworen hatte, dass er sie in sechs Monaten alle Schönheiten unserer Sprache lehren wollte. Inezilla liess sich nicht bitten, und während Ragotin dem Zauberer Ferdinandi hofierte, las sie im angenehmsten Ton die Novelle, welche im folgenden Kapitel zu finden ist. * Neunzehntes Kapitel. Die feindlichen Brüder Dorothea und Feliciana von Monsalva waren die beiden liebenswürdigsten Mädchen von Sevilla, und wenn sie dies auch nicht gewesen wären, so hätte ihr Vermögen und ihr Stand ihnen dennoch die Aufwartung aller artigen jungen Leute erworben, die sich verheiraten wollten. Dom Manuel, ihr Vater, hatte sich noch für keinen erklärt, und Dorothea, die als die älteste von ihren Schwestern zuerst verheiratet werden musste, hatte ihr Tun und ihre Blicke so sehr in ihrer Gewalt, dass auch der eingebildetste ihrer Anbeter nicht sicher war, ob seine Liebeserklärungen gut oder schlimm aufgenommen würden. Unterdessen konnten sie niemals in die Messe gehen, ohne dass ein Gefolge geputzter Herren ihnen nachging; sie nahmen auch deswegen kein Weihwasser, weil sie befürchteten, dass viele schöne und hässliche Hände ihnen welches anbieten möchten. Ihre schönen Augen durften sich von dem Gebetbuch nicht erheben, ohne dass sie nicht eine Menge auf sie gerichteter Blicke auffingen, und sie konnten keinen Schritt in der Kirche gehen, ohne für eine Reverenz danken zu müssen. Aber wennschon ihre Schönheit ihnen an öffentlichen Orten so viele Beschwerlichkeit verursachte, so verschaffte sie ihnen auch öfters unter ihren Fenstern einige Lustbarkeiten, die sie für die strenge Einschränkung, in welcher sie in Rücksicht ihres Geschlechts und der Gewohnheit des Landes leben mussten, entschädigten. Selten verging eine Nacht, ohne dass sie nicht mit einem Ständchen beehrt wurden, und öfters wurden auch auf dem öffentlichen Platz, worauf ihre Fenster gingen, Ringelrennen gehalten. Eines Tages zeichnete sich ein Fremder vor allen andern Rittern darin aus, und die beiden Schwestern erkannten in ihm den schönsten und wohlgebildetsten Mann. Einige Edelleute von Sevilla, die ihn in Flandern gekannt hatten, wo er ein Reiterregiment kommandierte, hatten ihn zu diesem Ringelrennen eingeladen. Einige Tage nachher fiel eine Bischofsweihe zu Sevilla vor. Der Fremde, der sich Dom Sancho de Sylva nannte, war mit den galantesten Herren von Sevilla in der Kirche, wo die Zeremonie vollzogen wurde; und die schönen Schwestern von Monsalva befanden sich auch da unter vielen andren Damen, die so wie sie nach Sevillaner Art verkleidet waren: mit einem Mantel aus grobem Zeug und einem kleinen Hut mit Federn. Dom Sancho befand sich zufällig zwischen den beiden Schwestern und einer andern Dame, mit der er sprechen wollte; diese Dame bat ihn aber sehr höflich nicht mit ihr zu reden und den Platz, den er einnahm, einer andern Dame zu überlassen, die sie erwartete. Dom Sancho gehorchte und näherte sich Dorothea von Monsalva, welche näher bei ihm sass als ihre Schwester und alles mit angesehen hatte, was zwischen ihm und der Dame vorgefallen war, und sagte ihr folgendes: »Ich schmeichelte mir, dass die Dame, mit der ich gesprochen habe, die Unterhaltung mit einem Fremden nicht abweisen würde, aber sie hat mich für die Verwegenheit gestraft, dass ich glauben konnte, meine Unterhaltung wäre nicht zu verachten. Ich bitte Sie also nicht so streng gegen einen Fremden zu sein, wie jene Dame, und ihm zur Ehre der Sevillaner Damen Gelegenheit zu geben, ihre Güte kennen zu lernen.« – »Ihr gebt mir gleiche Ursache, Euch ebenso zu begegnen wie diese Dame,« antwortete Dorothea, »weil Ihr jetzt erst zu mir kommt, nachdem sie Euch schon abgewiesen hat. Aber damit Ihr nicht über die Damen meines Landes klagen könnt, so will ich, solange die Zeremonie dauert, bloss mit Euch reden, und daraus werdet Ihr erkennen, dass ich niemanden hierher bestellt habe.« – »Darüber muss ich mich billig verwundern,« sagte Dom Sancho, »denn bei Eurer Schönheit muss man sich entweder sehr vor Euch fürchten, oder aber die jungen Herren dieser Stadt müssen sehr blöde sein. Oder vielleicht ist derjenige, dessen Stelle ich jetzt vertrete, verreist?« – »Und glaubt Ihr denn,« sagte Dorothea, »dass ich so wenig zu lieben weiss, dass ich in Abwesenheit meines Geliebten in eine Gesellschaft gehen würde, um andere Männer zu sprechen? Urteilt künftig nicht so übereilt von einer Frau, die Ihr nicht kennt.« – »Ihr würdet leicht einsehen,« versetzte Dom Sancho, »dass ich vorteilhafter von Euch denke als Ihr wohl glaubt, wenn Ihr mir erlauben wolltet Euch ganz nach meiner Neigung zu dienen.« – »Es ist nicht immer gut, unsern ersten Regungen zu folgen,« sagte Dorothea, »und überdem sehe ich in dem, was Ihr mir vorschlagt, eine grosse Schwierigkeit.« – »Es gibt keine Schwierigkeit,« versetzte Dom Sancho, »die ich aus Liebe zu Euch nicht überwinden könnte.« – »Dies ist keine Sache von einigen Tagen,« antwortete Dorothea, »Ihr überlegt nicht, dass Ihr bloss durch Sevilla durchreist, und wisst vielleicht nicht, dass ich mich nicht gerne nur im Vorübergehen geliebt sehe.« – »Erlaubt mir doch das, worum ich bitte«, versetzte Dom Sancho, »und ich verspreche Euch, dass ich mein ganzes Leben durch in Sevilla bleiben will.« – »Dies ist sehr galant«, sagte Dorothea, »und ich wundere mich, dass ein Mann, der so artig zu sprechen weiss, hier noch keine Dame gewählt hat, die er mit seiner Galanterie unterhalten kann; hält er sie vielleicht nicht der Mühe wert?« – »Im Gegenteil,« versetzte Dom Sancho, »er hat zu wenig Vertrauen zu sich selbst.« – »Antwortet mir auf das, was ich Euch frage«, sagte Dorothea, »und nennt mir die Person, welche die Gewalt hatte, Euch in Sevilla zurückzuhalten.« – »Ich habe es schon gesagt,« versetzte Dom Sancho, »Ihr könnt mich darin zurückhalten, wenn Ihr nur wolltet.« – »Mich habt Ihr nie gesehen,« antwortete Dorothea, »nennt also eine andere.« – »Weil Ihr es denn so befehlt,« sagte Dom Sancho, »so muss ich Euch gestehen, dass, wenn Dorothea von Monsalva ebensoviel Geist hat wie Ihr, so würde ich den Menschen glücklich schätzen, dessen Verdienste sie schätzte und dessen Liebe sie annehmen wollte.« – »Es gibt in Sevilla sehr viele Damen«, sagte sie, »die ihr gleichkommen, ja viele, die sie übertreffen; aber,« setzte sie hinzu, »habt Ihr nicht gehört, ob sie unter ihren Anbetern einen vor dem andern begünstigt?« – »Da ich zu wenig Hoffnung sah, ihre Gunst zu verdienen, so habe ich mich auch niemals nach dem erkundigt, was Ihr mich hier fragt.« – »Warum solltet Ihr ihre Gunst nicht ebensogut gewinnen können wie ein anderer?« fragte Dorothea. »Der Eigensinn der Damen ist sonderbar, und öfters kommt ein Fremder beim ersten Schritt weiter in ihrer Gunst, als alle ihre übrigen Anbeter, die ihr ständig vor Augen sind, in einigen Jahren.« – »Ihr weist mich sehr geschickt ab,« sagte Dom Sancho, »indem Ihr mich ermuntert, eine andere zu lieben als Euch, und ich sehe wohl daraus, dass Ihr eben nicht geneigt seid, einen neuen Anbeter mehr zu begünstigen als den, mit dem Ihr seit einigen Jahren verbunden seid.« – »Glaubt das nicht,« sagte Dorothea, »und seid versichert, dass ich nicht so leichtsinnig bin, mich durch eine Schmeichelei überreden zu lassen, und ich die Eurige für die Wirkung einer plötzlichen Leidenschaft halten sollte, besonders da Ihr mich noch nicht einmal gesehen habt.« – »Wenn nur dies noch zur Liebeserklärung nötig ist, die ich Euch hiermit ablege,« versetzte Dom Sancho, »so verbergt Euch nicht länger vor einem Fremden, der schon durch Euren Geist bezaubert ist.« – »Der Eurige würde es aber schwerlich durch mein Gesicht werden«, antwortete Dorothea. – »O! Ihr könnt nicht anders als sehr schön sein,« erwiderte Dom Sancho, »weil Ihr es so geradezu gesteht, dass Ihr es nicht seid, und ich sehe nun wohl, dass Ihr Euch von mir losmachen wollt, entweder weil ich Euch missfalle, oder weil alle Plätze Eures Herzens bereits besetzt sind. Es ist also nicht billig, dass ich die Güte, die Ihr bisher mich anzuhören hattet, noch länger missbrauche, und ich will Euch nicht auf den Argwohn bringen, als wenn ich bloss zum Zeitvertreib mich mit Euch unterhalten hätte, indem ich Euch mein Leben anbot.« – »Um Euch zu überzeugen,« sagte Dorothea, »dass ich die Zeit, die ich mich mit Euch unterhalten habe, nicht für verloren achte, so will ich Euch gerne gestehen, dass ich ehe wir uns trennen, zu erfahren wünschte, wer Ihr seid.« – »Ich will Euch gerne gehorchen«, sagte Dom Sancho. »Wisst also, liebenswürdige Unbekannte, dass ich mich Dom Sylva nenne, welcher Name von meiner Mutter stammt; mein Vater ist Statthalter von Quito in Peru, und ich halte mich jetzt auf seinen Wunsch in Sevilla auf. Ich habe den grössten Teil meines Lebens in Flandern zugebracht, wo ich in der Armee und im Komtur des St.-Jakobs-Ordens mit Auszeichnung diente. Hier habt Ihr in wenigen Worten wer ich bin, und es wird bloss von Euch abhängen, an einem weniger öffentlichen Ort von mir zu erfahren, was ich gerne mein ganzes Leben über zu sein wünsche.« – »Dies soll sobald wie möglich geschehen«, antwortete Dorothea. »Gebt Euch unterdessen keine weitere Mühe, zu erfahren, wer ich bin, wenn Ihr nicht Gefahr laufen wollt, mich niemals kennen zu lernen; begnügt Euch einstweilen damit, zu wissen, dass ich von Adel bin und dass mein Gesicht eben nicht hässlich ist.« Dom Sancho machte ihr hierauf ein tiefes Kompliment und ging zu einer Gruppe junger Herren. Zu Hause erzählte Dorothea ihrer Schwester Feliciana die Unterredung, die sie mit Dom Sancho gehabt hatte, und gestand ihr, dass dieser Fremde ihr besser gefiel als alle jungen Herren von Sevilla. Die Schwestern moralisierten lange über den Vorteil des männlichen Geschlechts vor dem weiblichen, welches letztere immer nach der Wahl der Eltern und öfters wider seine Neigung heiraten müsste, da hingegen den Männern die Wahl freistünde. »Ich für mein Teil«, sagte Dorothea, »bin gewiss, dass mich die Liebe niemals gegen meine Pflicht wird handeln lassen, allein ich bin auch fest entschlossen, niemals jemand zu heiraten, der nicht in seiner Person alles das vereinigt, was mir an vielen anderen Männern einzeln gefallen hat; und ich will lieber mein Leben in einem Kloster beschliessen als es mit einem Mann zubringen, den ich nicht lieben kann.« Feliciana gestand ihrer Schwester, dass sie ebenso dächte. Dorothea wusste nicht, wie sie dem Dom Sancho ihr Versprechen, sich ihm zu zeigen, halten wollte, und fragte ihre Schwester in Unruhe darüber. Doch Feliciana, sehr glücklich im Erfinden, erinnerte ihre Schwester, dass eine Dame ihrer Verwandtschaft und noch dazu ihre beste Freundin, ihr sehr gern in dieser Sache behilflich sein würde. »Du weisst doch,« sagte diese vortreffliche Schwester, »dass Marine, die uns so lange bedient hat, mit einem Wundarzt verheiratet ist, der in einem kleinen Haus unserer Verwandten zur Miete wohnt, und dass beide Häuser eine gemeinschaftliche Türe haben. Sie wohnen in einem entlegenen Viertel der Stadt, und wenn man es auch bemerkte, dass wir unsere Verwandte jetzt öfter besuchen als sonst, so würde man doch nie darauf achten, ob Dom Sancho bei einem Wundarzt ein- und ausgeht; ausserdem kann er ja des Nachts und verkleidet kommen.« Unterdessen Dorothea mit Hilfe ihrer Schwester den Plan zu ihrer Unternehmung entwirft, ihre Verwandte beredet, ihr behilflich zu sein, und Marine in der Rolle unterrichtet, die sie spielen soll, dachte Dom Sancho immer an seine Unbekannte und wusste nicht recht, ob sie ihn nicht mit ihrem Versprechen zum besten gehabt hätte. Er sah sie täglich ohne sie zu kennen entweder in der Kirche oder auf dem Balkon, wo sie die Komplimente ihrer Anbeter empfing, die alle mit Dom Sancho bekannt, ja sogar seine besten Freunde in Sevilla waren. Eines Morgens kleidete er sich eben an und dachte an seine Unbekannte, als man ihm meldete, dass ein verschleiertes Frauenzimmer ihn sprechen wollte. Er liess sie hereinkommen und erhielt von ihr folgenden Brief: »Es war mir nicht möglich, Euch früher Nachricht von mir zu geben. Habt Ihr also noch Lust, mich kennen zu lernen, so findet Euch beim Einbruch der Nacht an dem Ort ein, den Euch die Überbringerin dieses Briefes anzeigen wird, die Euch nachher von dort zu mir führen soll.« Man kann sich seine Freude darüber leicht vorstellen. Er küsste in der Übereilung die glückliche Botschafterin und schenkte ihr eine goldene Kette, die sie nach einigem Weigern annahm. Sie bestimmte ihm eine Stunde, zu welcher er beim Einbruch der Nacht sich ohne Gefolge an einem entlegenen Ort einfinden sollte, ging wieder fort und liess ihn als den glücklichsten und frohesten Menschen zurück. Endlich kam die Nacht. Er fand sich an dem bestimmten Ort ein, wo ihn die Botschafterin erwartete. Sie führte ihn in ein kleines Haus von schlechtem Ansehen und schliesslich in ein hübsches Zimmer, wo er drei Frauen mit verschleiertem Gesicht antraf. Er erkannte seine Unbekannte an dem schlanken Wuchs, und bat gleich, sie möchte doch ihren Schleier aufheben. Sie liess sich auch nicht lange bitten und nahm zugleich mit ihrer Schwester den Schleier ab: und der glückliche Dom Sancho erkannte in ihnen die schönen Mädchen von Monsalva. »Ihr seht nun,« sagte Dorothea, »dass ich damals die Wahrheit sagte, als ich Euch versicherte, dass ein Fremder öfters in einem Augenblick mehr erhalte als andere Anbeter, die man täglich sieht, in mehreren Jahren, und Ihr würdet sehr undankbar sein, wenn Ihr diese Gunst, die ich Euch schenke, nicht gehörig schätzen oder gar zu meinem Nachteil auslegen wolltet.« – »Ich werde immer alles was von Eurer Hand kommt ebenso hoch schätzen wie wenn es aus dem Himmel käme,« sagte der entzückte Dom Sancho, »und Ihr sollt aus der Sorgfalt, mit der ich das, was Ihr mir jetzt schenkt, zu erhalten suche, erkennen dass, wenn ich es jemals verliere, es gewiss nicht aus eigener Schuld, sondern durch einen unglücklichen Zufall nur geschehen kann.« Sie sagten sich nun alles was ihnen die Liebe eingab. Die Besitzerin des Hauses und Feliciana, welche das Leben kannten, hatten sich etwas von unsern Verliebten entfernt, die daher alle Freiheit hatten einander ihre Liebe zu gestehen und einen Tag festsetzten, wo sie es einander womöglich noch besser sagen wollten. Dorothea versprach dem Dom Sancho alles zu tun, um ihn öfter sehen und sprechen zu können. Marine erinnerte sie endlich, dass es Zeit wäre, zu gehen. Dorothea wurde traurig, Sancho wurde blass, aber sie mussten sich trennen. Der verliebte Dom Sancho schrieb gleich den andern Tag an seine Geliebte und erhielt eine Antwort wie er sie nur wünschen konnte. Sie sahen sich oft an demselben Ort und auf dieselbe Art wie das erstemal, und liebten sich jedesmal noch stärker. Man sagt gewöhnlich, dass die Liebe, das Feuer und das Geld sich nicht lange verbergen lassen. Dorothea, die immerfort ihren lieben Fremden im Sinne hatte, konnte nicht gleichgültig von ihm reden. Sie erhob ihn so sehr über alle Edelleute von Sevilla, dass einige Damen, die auch ihre geheimen Angelegenheiten hatten, darauf aufmerksam wurden und sich beleidigt fanden, dass Dorothea ihren Fremden über ihre Kavaliere stelle. Feliciana hatte sie öfters gewarnt, nicht so öffentlich von ihm zu reden, und in Gesellschaft, wenn sie sich von dem Vergnügen, von ihrem Geliebten zu sprechen, hinreissen liess, ihr oft ziemlich derb auf die Füsse getreten. Ein Edelmann, der in Dorothea verliebt war, wurde von einer Dame, seiner vertrauten Freundin, davon unterrichtet, und er konnte desto leichter glauben, dass Dorothea den Dom Sancho liebte, da er sich erinnerte, dass seit der Zeit, dass dieser Fremde in Sevilla war, sie keinen ihrer seufzenden Anbeter eines Blickes gewürdigt hatte. Dieser Nebenbuhler des Dom Sancho war reich, adelig, und bei Dom Manuel sehr gut angeschrieben, doch trieb letzterer seine Tochter nicht, ihn zu heiraten, weil, so oft er ihr davon sprach, sie ihn immer gebeten hatte, sie doch nicht so früh einem Mann zu geben. Dieser Edelmann, der sich Dom Diego nannte, wollte sich von dem, was er nur vermutete, überzeugen. Er hatte einen sehr verschlagenen Bedienten, der ebenso schöne Wäsche trug wie sein Herr, oder vielmehr seines Herrn eigene; er machte unter den andern Bedienten die Mode, und wurde von ihnen ebenso beneidet wie ihn die Mädchen liebten. Dieser Bediente hiess Gusman, und da er eine poetische Ader hatte, so machte er die meisten Sevillaner Romanzen und sang sie in seine Gitarre mit vielen Verzierungen, tanzte die Sarabande, hatte einst wollen Komödiant werden, und wollte die Tapferkeit mit unter seine Verdienste zählen, aber die Wahrheit zu sagen, war sie nichts weiter als ein bisschen Schelmerei. Alle diese schönen Talente mit etwas von seinem Herrn abgelernter Suada hatten ihn zum Ziel des verliebten Verlangens aller Sevillaner Kammermädchen gemacht. Dom Diego befahl ihm, gegen Isabella, ein junges Mädchen, das die Damen von Monsalva bediente, freundlicher und nachgebender zu sein. Er gehorchte seinem Herrn. Isabella bemerkte es und schätzte sich glücklich, von Gusman geliebt zu werden, den sie in kurzer Zeit wieder liebte, und der seinerseits nun wirklich sich in sie verliebte und also ganz im Ernst tat, was ihm sein Herr zum Schein zu tun befohlen hatte. Gusman wurde zwar von den stolzesten Mädchen von Sevilla geliebt, aber Isabella war auch für ihn die beste Partie, die er in Spanien machen konnte. Sie wurde von ihren Gebieterinnen geliebt, die sehr freigebig gegen sie waren, und hatte auch einiges Vermögen von ihrem Vater zu erwarten, der ein ehrlicher Bürger war. Gusman dachte also im Ernst daran, ihr Mann zu werden, und auch sie war einverstanden; sie hielten Verlöbnis und lebten von dieser Zeit an als wenn sie miteinander getraut wären. Isabella sah sehr ungern, dass Marine, die Frau des Wundarztes, bei der sich Dorothea und Dom Sancho heimlich sprachen und die ihrer Gebieterin vor ihr gedient hatte, noch ihre Vertraute in einer Sache war, wo sich die Freigebigkeit einer Verliebten immer sehr zu zeigen pflegt. Sie hatte erfahren, dass Marine von Dom Sancho eine goldene Kette und noch andere Geschenke erhalten hatte, und schloss daraus, dass sie weit mehr müsste erhalten haben. Sie hasste daher Marine sehr, und dies macht mich glauben, dass das schöne Kind ein bisschen habgierig muss gewesen sein. Man darf sich also nicht wundern, dass sie gleich auf die erste Bitte Gusmans, ihm zu gestehen, ob es wahr wäre, dass Dorothea jemand liebte, sie das Geheimnis ihrer Herrschaft einem Menschen verriet, dem sie sich ganz ergeben hatte. Sie erzählte ihm alles, was sie von unsern beiden Liebenden wusste, übertrieb das Glück der Marine, die Dom Sancho so bereicherte, und fluchte auf sie, dass sie der rechtmässigen Magd des Hauses ihren Nutzen wegnähme. Gusman bat sie, ihm den Tag anzuzeigen, wo ihre Herrschaft mit ihrem Liebhaber zusammenkommen würde. Sie tat es, und er hinterbrachte es gleich seinem Herrn, und erzählte ihm alles, was ihm die untreue Isabella verraten hatte. Dom Diego verkleidete sich als Bettler, stellte sich an die Türe vor Marinens Haus und sah seinen Nebenbuhler hineingehen; einige Zeit hernach hielt ein Wagen vor dem Haus, aus dem die beiden schönen Schwestern stiegen und den Dom Diego seiner Wut und Verzweiflung überliessen. Er entschloss sich sogleich, sich eines so gefährlichen Nebenbuhlers zu entledigen und ihn aus der Welt zu schaffen: er mietete einige Banditen und passte dem Dom Sancho einige Nächte nacheinander auf; endlich traf er ihn an und griff ihn mit zwei Kerlen an, die ebensogut bewaffnet waren wie er. Dom Sancho hatte ausser seinem Dolch und den Degen noch zwei Pistolen an seinem Gürtel. Er verteidigte sich wie ein Löwe und sah wohl ein, dass seine Feinde ihm ans Leben wollten. Dom Diego ging stärker auf ihn ein als die andern, die bloss als Mietlinge fochten. Er wich eine Weile vor seinen Feinden zurück, um den Lärm des Kampfes von dem Hause zu entfernen, in dem Dorothea war. Doch da er schliesslich befürchten musste, getötet zu werden, und Dom Diego immer wütender wurde, so schoss er eine Pistole nach ihm und streckte ihn halbtot auf die Erde, sodass er alsogleich einen Priester verlangte. Auf den Lärm des Schusses liefen die Banditen davon. Dom Sancho rettete sich nach Hause und die Nachbarn kamen in die Gasse und fanden Dom Diego, der noch Dom Sancho als seinen Mörder anklagte, in den letzten Zügen. Dom Sancho wurde von seinen Freunden davon benachrichtigt, die ihm sagten, dass wenn ihn auch die Obrigkeit nicht aufsuchte, so würden doch die Verwandten des Dom Diego seinen Tod nicht ungerochen lassen und ihn zu töten suchen, an welchem Ort sie ihn fänden. Er flüchtete also in ein Kloster, aus dem er Dorotheen Nachricht von sich gab, und seine Sachen unterdessen in Ordnung brachte, um nachher Sevilla verlassen zu können, sobald er es mit Sicherheit tun könnte. Die Obrigkeit liess unterdessen den Dom Sancho scharf suchen, fand ihn aber nicht. Nachdem die erste Hitze der Verfolgung vorüber war und jedermann glaubte, er wäre schon in Sicherheit, liessen sich Dorothea und ihre Schwester unter dem Vorwand ihre Andacht zu verrichten, durch ihre Verwandte in das Kloster bringen, worin sich Dom Sancho aufhielt; und dort konnten sich durch Vermittlung eines Paters unsere beiden Verliebten in einer Kapelle sprechen, versprachen sich ewige Treue und sagten sich so herzbewegliche Dinge, dass ihre Schwester, die Verwandte und der Geistliche, die Zeugen davon waren, weinten und noch jetzt immer darüber weinen, so oft sie daran denken. Er ging verkleidet aus Sevilla und hinterliess vor seiner Abreise dem Verwalter seines Vaters Briefe, die er ihm nach Peru schicken sollte. In diesen Briefen benachrichtigte er ihn von dem Zufall, der ihn nötigte Sevilla zu verlassen und dass er nach Neapel gehen wollte. Er kam glücklich daselbst an und wurde von dem Vizekönig, mit dem er verwandt war, sehr gütig empfangen. Ob er gleich alle Gunst bei ihm genoss, so wurde ihm ein ganzes Jahr durch in Neapel die Zeit lang, weil er keine Nachricht von Dorotheen erhielt. Der Vizekönig liess sechs Galeeren ausrüsten, die er gegen die Türken schickte. Der Mut des Dom Sancho liess eine so schöne Gelegenheit nicht vorbeigehen, und der die Galeeren kommandierte, nahm ihn in die seinige auf, wies ihm eine Kajüte zu seiner Wohnung an und war sehr erfreut, einen Mann von seinem Stand und von seinen Verdiensten bei sich zu haben. Die sechs Galeeren trafen vor Messina acht türkische und wagten es, sie anzugreifen. Nach einem harten Kampf eroberten die Christen drei Galeeren und versenkten zwei andere. Die christliche Hauptgaleere hatte sich an die Hauptgaleere der Türken gehängt, die, weil besser bewaffnet, auch grösseren Widerstand leistete. Das Meer wurde unterdessen stürmisch und der Sturm wurde so heftig, dass endlich Christen und Türken mehr darauf dachten, sich zu retten als sich zu töten. Man machte also von beiden Seiten die Enterhaken los, welche die beiden Schiffe zusammenhielten, und die türkische Galeere entfernte sich von der christlichen gerade in der Zeit als der allzu verwegene Dom Sancho hineingesprungen war, ohne dass ihm jemand der Seinigen nachgefolgt wäre. Als er sich mitten unter den Feinden allein sah, zog er den Tod der Sklaverei vor und warf sich aufs Geratewohl in die See, indem er sich auf sein Schwimmen verliess und noch Hoffnung hatte, die christlichen Galeeren erreichen zu können; allein der Sturm verhinderte, dass man ihn sehen konnte, obgleich der christliche General, der die tapfere Tat des Dom Sancho mitangesehen hatte und über seinen Untergang, den er für unvermeidlich hielt, untröstlich war, seine Galeere nach der Seite zu steuern liess, wo er in die See gesprungen war. Dom Sancho durchbrach indessen die Wellen mit seinen starken Armen, und nachdem er einige Zeit dem Lande zugeschwommen war, wohin ihn Wind und See trieben, fand er zum Glück ein Brett von einer türkischen Galeere, das eine Kanonenkugel abgerissen hatte, und bediente sich desselben mit grossem Nutzen. Es war von dem Ort des Treffens nicht weiter als anderthalb Stunden bis an die Küste von Sizilien, und Dom Sancho kam geschwinder dort an als er vermutete, weil ihm Wind und Meer günstig waren. Er kam ans Land, und nachdem er Gott für die Rettung aus dieser grossen Gefahr gedankt hatte, ging er soviel es ihm seine Müdigkeit erlaubte weiter und erblickte auf einem kleinen Hügel, den er bestieg, eine Fischerhütte, deren Bewohner ihn gastlich aufnahmen. Der Kampf und die Anstrengung und die Kälte zogen ihm ein heftiges Fieber zu, das ihn lange bettlägerig machte, von dem er aber doch wieder genas. Während seiner Krankheit beschloss er, jedermann an seinen Tod glauben zu lassen, um der Rache seiner Feinde, der Verwandten des Dom Diego, zu entgehen und die Treue der Dorothea auf die Probe zu stellen. Er hatte in Flandern eine gute Freundschaft mit einem sizilianischen Edelmann aus dem Hause Montalto, der sich Fabio nannte. Er befahl einem der Fischer, sich zu erkundigen, ob Fabio in Messina wäre, wo er gewöhnlich wohnte, und nachdem er erfahren, dass er dort wäre, ging er in einem Fischerkleid dahin, und kam des Nachts in das Haus des Edelmanns, der ihn mit allen denen sein Verlust naheging, beweint hatte. Fabio war entzückt, seinen verlorenen Freund wieder zu sehen. Dom Sancho erzählte ihm, wie er sich gerettet hatte, ferner auch seine Sache zu Sevilla, ohne ihm seine heftige Liebe zu Dorotheen zu verschweigen. Der sizilianische Edelmann erbot sich, nach Spanien zu gehen und selbst Dorotheen zu entführen, wenn sie dazu einwilligte, und sie nach Sizilien zu bringen. Dom Sancho wollte aber von seinem Freunde keine so gefährlichen Beweise der Freundschaft annehmen, aber er freute sich sehr, dass er ihn nach Spanien begleiten wollte. Sanchez, der Bediente des Dom Sancho, war über den Verlust seines Herrn so sehr traurig, dass er, als die neapolitanischen Galeeren zu Messina ankamen, in ein Kloster ging. Der Marquis Fabio schickte sogleich zu dem Priester desselben, der ihn auf seine Empfehlung angenommen, ihm aber noch nicht die Mönchskleidung angelegt hatte. Sanchez war ausser sich vor Freuden, als er seinen lieben Herrn wieder sah und dachte nicht mehr ans Kloster. Dom Sancho schickte ihn nach Spanien, um sich durch ihn den Weg zu bahnen, und um Nachrichten von Dorotheen zu erhalten, welche so wie jedermann glaubte, er wäre gestorben. Das Gerücht kam bis nach Peru, und der Vater des Dom Sancho starb aus Kummer, und hinterliess einem anderen Sohn, den er hatte, viermalhunderttausend Taler, jedoch mit der Bedingung, dass er seinem Bruder die Hälfte davon geben sollte, wenn die Nachricht von seinem Tode falsch wäre. Der Bruder des Dom Sancho nannte sich Dom Juan de Peraldo nach seinem Vater. Er schiffte sich mit seinem ganzen Vermögen nach Spanien ein und kam ein Jahr nach dem Unglück, das dem Dom Sancho begegnet war, nach Sevilla. Da er einen fremden Namen führte, so war es ihm leicht zu verbergen, dass er sein Bruder wäre, und dies war nötig wegen des langen Aufenthalts, den er seiner Geschäfte wegen in einer Stadt machen musste, in welcher sein Bruder so viele Feinde hatte. Er sah Dorotheen und verliebte sich in sie, so wie sein Bruder, aber er wurde nicht wiedergeliebt. Dieses trauernde schöne Mädchen konnte keinen andern als Dom Sancho lieben. Ihr war alles, was Dom Juan ihr zu Gefallen tat, zur Last, und sie schlug täglich die besten Heiraten aus, die ihr Dom Manuel, ihr Vater, vorschlug. Unterdessen kam Sanchez nach Sevilla und wollte sich den Befehlen seines Herrn gemäss nach Dorotheen erkundigen. Er hörte das Gerücht, dass ein reicher Kavalier, der vor kurzem aus West-Indien gekommen, sie liebte und sich öffentlich als ihren Liebhaber zeigte. Er schrieb dies seinem Herrn und übertrieb die Sache in seinem Brief, sein Herr aber stellte sich das Übel noch grösser vor als es ihm sein Bedienter geschildert hatte. Er schiffte sich mit dem Marquis Fabio auf einer spanischen Galeere ein, und sie kamen glücklich nach San Lukar, wo sie Post nach Sevilla nahmen. Sie kamen des Nachts dort an und stiegen in dem Quartier ab, das Sanchez für sie gemietet hatte. Den andern Tag blieben sie auf ihrem Zimmer, als aber die Nacht kam, gingen beide um das Haus des Dom Manuel herum. Sie hörten unter Dorotheens Fenster ein Instrument stimmen, worauf eine schöne Musik folgte, endlich liess sich eine Stimme, die bloss von einer Theorbe begleitet wurde, hören und beklagte sich lange über die unerbittliche Härte einer Geliebten. Dom Sancho wollte die Ständchenbringer schon angreifen, doch Fabio verhinderte ihn und stellte ihm vor, dass, wenn Dorothea auf dem Balkon erschienen wäre, um seinem Nebenbuhler zu danken, oder wenn die Worte der Arie mehr eine Danksagung für erhaltene Gunstbezeigungen als Klagen über unerhörte Liebe enthielten, er alsdann erst das Recht hätte, dies zu tun. Die Serenade ging nun vermutlich sehr unzufrieden weg, und Dom Sancho und Fabio gingen nach Haus. Unterdessen fing Dorothea an, wegen der Liebe des indischen Kavaliers besorgt zu werden. Ihr Vater, Dom Manuel, wünschte sehr, sie verheiratet zu sehen, und sie zweifelte nicht, dass, wenn der reiche Dom Juan de Peraldo sich zu seinem Schwiegersohn anböte, er gewiss allen andern würde vorgezogen und sie deswegen mehr als je von ihrem Vater bestürmt werden. Den Tag nach der Serenade, von der Fabio und Dom Sancho Zuhörer gewesen waren, sprach Dorothea davon mit ihrer Schwester und sagte ihr, dass sie die Galanterien des Westindiers nicht mehr ausstehen könnte und dass sie sich wundere, dass er sie so öffentlich mache, noch ehe er mit ihrem Vater ein Wort davon geredet hätte. »Ich kann sein Vorgehen keineswegs billigen,« sagte Feliciana, »und wäre ich an deiner Stelle, so würde ich ihm bei erster Gelegenheit so hart begegnen, dass er ein für allemal die Hoffnung, dir zu gefallen, verlieren sollte. Mir«, setzte sie hinzu, »hat er nie gefallen, er hat nicht jenen artigen Ton, den man bloss bei Hofe lernt, und der grosse Aufwand, den er in Sevilla macht, zeugt nicht von jenem Geschmacke, den man gewöhnlich an Fremden bemerkt.« Sie machte nun eine recht hässliche Schilderung von Dom Juan, und vergass, dass als er zu Sevilla angekommen, sie ihrer Schwester gestanden hatte, dass er ihr nicht missfiele und dass, so oft sie von ihm redete, sie ihn mit einer gewissen Art von Entzücken gelobt hatte. Dorothea, welche die Veränderung ihrer Schwester bemerkte, die sich wenigstens stellte, als wenn sie nicht mehr so günstig von ihrem Westindier dächte wie ehemals, schloss daraus, dass sie ihm heimlich geneigt sei, so sehr sie auch äusserlich das Gegenteil zeigte. Um es nun zu erfahren, sagte sie ihr, dass sie sich durch die Galanterien des Dom Juan zwar beleidigt fände, nicht aber Abscheu vor seiner Person selbst habe, sondern dass sie im Gegenteil einige Ähnlichkeit mit Dom Sancho bemerkte, und dass er ihr deswegen vor allen andern jungen Leuten in Sevilla gefallen könnte, da sie ohnehin wüsste, dass sein Reichtum und sein Stand ihm die Einwilligung ihres Vaters leicht verschaffen würden. »Aber,« setzte sie hinzu, »ich kann nach Dom Sancho niemand mehr lieben, und da ich nicht seine Gemahlin werden konnte, so will ich auch niemals die eines andern sein, und werde den Rest meines Lebens in einem Kloster zubringen.« – »Wenn du auch diesen sonderbaren Entschluss nicht gefasst hättest,« sagte Feliciana, »so könntest du mich nicht stärker betrüben als dadurch, dass du mir es sagst.« – »Zweifle nicht an meinem Entschluss,« sagte Dorothea. »Du wirst bald die reichste Partie in Sevilla sein, und eben darum wünschte ich, den Dom Juan zu sprechen, um ihn zu bewegen, für dich dieselben Gesinnungen zu hegen, die er für mich gezeigt hat, und ihm die Hoffnung zu benehmen, dass ich ihn je heiraten werde; doch jetzt werde ich ihn bloss sprechen, um ihm zu sagen, dass mir seine Galanterien unangenehm sind, weil ich sehe, dass du so viele Abneigung gegen ihn hast. Und dies«, fuhr sie fort, »seh ich wirklich nicht gerne, denn ich kenne niemand in Sevilla, mit dem du glücklicher könntest verheiratet werden als mit ihm.« – »Er ist mir mehr gleichgültig als unangenehm,« sagte Feliciana »und wenn ich vorhin sagte, dass er mir missfiel, so geschah dies mehr aus Gefälligkeit für dich als aus wirklicher Abneigung gegen ihn.« – »Gesteh mir doch, liebe Schwester,« sagte Dorothea, »dass du nicht aufrichtig bist und dass, als du mir sagtest, du hättest wenig Neigung zu Dom Juan, du vermutlich vergessen hast, dass du mir ihn ehemals sehr lobtest; oder fürchtest du, er möchte mir zu sehr gefallen, dass du wirklich einige Abneigung gegen ihn empfinden solltest?« Bei diesen Worten errötete Feliciana, und wurde sehr verlegen. Sie sagte in der Verwirrung unzusammenhängende Sachen, welche ihre Schwester noch mehr in ihrer Meinung bestärkten, und endlich gestand sie ihr, dass sie Dom Juan liebte. Dorothea billigte ihre Liebe und versprach, ihr darin nach allen Kräften zu helfen. Noch denselbigen Tag erhielt Isabella, die seit der Begebenheit mit Dom Sancho allen Umgang mit Gusman aufgehoben hatte, von Dorotheen Befehl, zu Dom Juan zu gehen, ihm den Schlüssel zu einer Türe von Dom Manuels Garten zu bringen und ihm zu sagen, dass Dorothea und ihre Schwester ihn dort erwarten wollten, und dass er sich also um Mitternacht, wenn ihr Vater schliefe, dort einfinden sollte. Isabella, die von Dom Juan bestochen war, und alles, jedoch vergebens angewandt hatte, um ihm bei ihrer Gebieterin zu dienen, wunderte sich sehr, sie so plötzlich verändert zu sehen, und war sehr froh, einmal einer Person eine gute Nachricht bringen zu können, der sie bisher nur schlimme gebracht und die sie demungeachtet mit Geschenken überhäuft hatte. Sie eilte zu ihm und er konnte sein Glück kaum glauben, wenn sie ihm nicht den Gartenschlüssel zugleich übergeben hätte. Er gab ihr dafür einen kleinen Beutel mit 50 Pistolen, worüber sie sich gewiss ebensosehr freute als er über ihre Nachricht. Der Zufall fügte es, dass in ebender Nacht als Dom Juan in Dom Manuels Garten kommen sollte, Dom Sancho mit seinem Freund Fabio die Runde um das Haus seiner Geliebten machte, um die Absichten seines Nebenbuhlers besser zu erfahren. Er war mit seinem Freund Fabio um elf Uhr in der Strasse Dorotheens, als vier bewaffnete Männer zu ihnen kamen. Der eifersüchtige Liebhaber glaubte, es wäre sein Nebenbuhler. Er näherte sich den Leuten und sagte ihnen, dass er den Posten, den sie stünden, lieber stünde und bat sie daher, ihm denselben zu überlassen und fortzugehen. Sie antworteten, dass sie es aus Höflichkeit gerne tun würden, wenn nicht ebendieser Posten ihnen zu einem anderen Vorhaben durchaus notwendig wäre; sobald sie es aber ausgeführt hätten, wollten sie sogleich fortgehen, um ihn nicht weiter in dem seinigen zu stören. Der Zorn des Dom Sancho stieg hierdurch aufs Höchste. Er griff sogleich zum Degen und ging auf diese Leute, welche ihm unhöflich zu sein schienen, los. Dieser unvermutete Angriff des Dom Sancho verwunderte sie und brachte sie zum Weichen, und da ihnen der Marquis ebenso hart zusetzte, so verteidigten sie sich schlecht und wurden sehr schnell bis an das Ende der Strasse getrieben. Dort empfing Dom Sancho eine leichte Wunde in den Arm und brachte demjenigen, der ihn verwundet hatte, einen so heftigen Stoss bei, dass er lange brauchte, bis er seinen Degen wieder aus dem Leib seines Feindes, den er getötet zu haben glaubte, herausziehen konnte. Der Marquis verfolgte indessen die andern sehr scharf, die, sobald sie ihren Kameraden fallen sahen, sehr eilig flohen. Dom Sancho erblickte an dem einen Ende der Strasse einige Leute mit Licht, welche auf den Lärm herbeikamen. Er befürchtete, es möchte die Polizei sein und sie war es auch wirklich. Er lief also geschwind wieder in die Strasse, wo der Lärm angefangen hatte, und von da wieder in eine andere, in welcher er gerade vor sich einen alten Edelmann mit einer Laterne antraf, der auf den Lärm, den Dom Sancho machte, als er auf ihn zulief, den Degen gezogen hatte. Dieser alte Edelmann war Dom Manuel, der von einem seiner Nachbarn nach seiner Gewohnheit vom Spiel zurückkam und durch die Gartentüre, die nahe an dem Ort war, wo sich Dom Sancho befand, in sein Haus gehen wollte. Er rief unserem Verliebten zu: »Wer da?« – »Ein Mann«, antwortete Dom Sancho, »welcher eilig von hier fort muss, wenn Ihr ihn nicht daran verhindert.« – »Vielleicht«, sagte Dom Manuel, »ist Euch etwas begegnet, wodurch Ihr genötigt seid, die Flucht zu suchen; mein Haus, das nicht weit von hier ist, soll Euch zur Freistatt dienen.« – »Es ist wahr,« antwortete Dom Sancho, »dass ich einen Ort suche, wo ich mich vor der Justiz verbergen kann, und da Ihr so grossmütig seid, einem Fremden Euer Haus anzubieten, so verlässt er sich gerne auf Euer Wort und wird die Gefälligkeit, die Ihr ihm dadurch erweist, nie vergessen, und sich derselben auch nur solange bedienen, als es nötig ist, um diejenigen vorbei zu lassen, die ihn suchen.« Dom Manuel schloss hierauf die Türe auf, liess Dom Sancho hineingehen und versteckte ihn solange bis er ihn besser verbergen könnte, unter einigen Lorbeerbäumen. Dom Sancho war noch nicht lange da, als ein Frauenzimmer auf ihn zukam und ihm sagte: »Kommen Sie! Meine Gebieterin erwartet Sie.« Bei diesem Namen vermutete Dom Sancho, dass er in dem Haus seiner Geliebten wäre, und dass der alte Edelmann niemand anders als Dom Manuel sein konnte. Er argwöhnte, dass Dorothea an ebendiesem Ort seinen Nebenbuhler erwartet hätte und folgte Isabellen mehr aus Eifersucht als aus Furcht vor der Justiz. Unterdessen kam Dom Juan zur bestimmten Zeit auf dem Platze an, öffnete die Gartentüre mit dem Schlüssel, den ihm Isabella gebracht hatte, und versteckte sich unter ebenden Lorbeerbäumen, welche Dom Sancho soeben verlassen hatte. Einen Augenblick darauf sah er einen Menschen gerade auf sich zukommen und setzte sich also in den Stand, sich zu verteidigen, wenn er sollte angegriffen werden; allein er erstaunte als er sah, dass es Dom Manuel war, der ihm sagte, er möge ihm folgen, er wollte ihn an einen Ort bringen, wo er vor aller Verfolgung sicher wäre. Dom Juan schloss aus diesen Worten, dass Dom Manuel einen Menschen in seinen Garten eingelassen hätte, den die Gerechtigkeit verfolgte. Es blieb ihm also nichts weiter übrig als ihm zu folgen. Er dankte für die Gefälligkeit, die er ihm erwies, und man kann leicht vermuten, dass er ebensosehr wegen der Gefahr besorgt war, in der er war, als verdriesslich über die Hindernisse, die sich seinem verliebten Vorhaben entgegenstellten. Dom Manuel führte ihn in sein Zimmer und liess ihn da, um in einem andern ein Bett für ihn zurechtmachen zu lassen. Wir wollen ihn in seiner Angst lassen und zu seinem Bruder Dom Sancho de Sylva zurückkehren. Isabella führte ihn in ein unteres Zimmer, das auf den Garten stiess, wo Dorothea und Feliciana den Dom Juan de Peraldo erwarteten, die eine mit dem Verlangen, ihm zu gefallen, die andere, um ihm zu sagen, dass sie ihn nicht lieben könnte und dass er besser täte, wenn er sich an ihre Schwester hielte. Dom Sancho trat also hinein zu den beiden schönen Schwestern, welche über seine Erscheinung nicht wenig erstaunten. Dorothea wurde ohnmächtig, und wenn ihre Schwester sie nicht aufgefangen und auf einen Stuhl gebracht hätte, so wäre sie gerade hingefallen. Dom Sancho blieb versteinert; Isabella war halbtot vor Schrecken und glaubte, der verstorbene Dom Sancho erschiene ihnen, um das Unrecht zu rächen, das ihm seine Geliebte getan hatte. Feliciana, die über die Wiederauferstehung des Dom Sancho sehr erschrocken war, war jedoch noch mehr um ihre Schwester besorgt, die endlich wieder zu sich kam. Nun nahm Dom Sancho das Wort und sagte: »Ungetreue Dorothea! Wenn die Nachricht von meinem Tode Eure Unbeständigkeit nicht einigermassen entschuldigte, so würde doch die Verzweiflung, die sie mir verursacht, mir nicht mehr Kräfte genug lassen, Euch deswegen Vorwürfe zu machen. Ich wollte alle Menschen glauben lassen, dass ich tot sei, damit mich meine Feinde vergessen möchten, nicht aber Ihr, die Ihr mir verspracht, niemals jemand andern als mich zu lieben, welches Versprechen Ihr so bald vergessen habt! Ich könnte mich rächen und durch mein Geschrei und meine Klagen so viel Lärm machen, dass Euer Vater erwachen sollte und den Geliebten fände, den Ihr in Eurem Hause versteckt habt; allein ich Unbesonnener fürchte noch jetzt, Euch zu missfallen, und bin trauriger darüber, dass ich Euch nicht mehr lieben kann, als darüber, dass Ihr einen andern liebt. Erfreut Euch nun mit Eurem neuen Geliebten und fürchtet keine Hindernisse in Eurer neuen Liebe von mir. Ich werde Euch bald von einem Menschen befreien, der Euch Euer ganzes Leben durch vorwerfen könnte, dass Ihr ihn zu einer Zeit hintergangen habt, wo er sein Leben wagte, um Euch wieder zu sehen.« Nach diesen Worten wollte Dom Sancho fortgehen; allein Dorothea hielt ihn zurück und suchte sich zu verteidigen, als Isabella ganz erschrocken kam und sagte, dass Dom Manuel ihr auf dem Fusse nachfolgte. Dom Sancho hatte kaum so viel Zeit, sich hinter die Türe zu stellen. Der Alte zankte mit seinen Töchtern, dass sie noch nicht zu Bett wären, und während er den Rücken gegen die Tür kehrte, schlich sich Dom Sancho hinaus in den Garten, verbarg sich in den Lorbeerbäumen und bereitete sich auf alles vor, was ihm begegnen könnte und erwartete eine bequeme Gelegenheit, fortzukommen. Dom Manuel war in das Zimmer seiner Töchter gekommen, um Licht zu holen, und hernach seine Gartentüre den Gerichtsdienern zu öffnen, die draussen pochten, weil man ihnen gesagt hatte, dass er einen von den Leuten, die sich in der Strasse geschlagen, in sein Haus aufgenommen hätte. Dom Manuel liess sie in seinem ganzen Hause suchen, weil er wohl wusste, dass sie sein Zimmer nicht öffnen würden und gewiss glaubte, dass derjenige, den sie suchten, darin eingeschlossen wäre. Da nun Dom Sancho sah, dass er von der grossen Menge Gerichtsdiener, die im Garten waren, gewiss entdeckt werden würde, so kam er unter den Lorbeerbäumen hervor, näherte sich dem Dom Manuel, der sehr erstaunte, ihn zu sehen, und sagte ihm ins Ohr: »Ein rechtschaffener Kavalier hält Wort und verlässt nicht einen Menschen, den er in Schutz genommen hat.« Dom Manuel bat den Gerichtsdiener, den er kannte, ihm den Dom Sancho in seiner Verwahrung zu lassen, und dies wurde ihm wegen seines Standes, und weil der Verwundete nicht tödlich verwundet war, sogleich gestattet. Die Gerichtsdiener gingen nun fort, und als Dom Manuel nun an den Reden, die er mit dem Fremden gehalten hatte, und die dieser ihm wieder sagte, erkannte, dass er eben derselbe sei, den er in seinen Garten eingelassen hatte, so zweifelte er nicht mehr, dass der andere ein Liebhaber sei, den seine Töchter in sein Haus aufgenommen hätten. Um sich davon zu überzeugen, liess er Dom Sancho in ein Zimmer gehen, und bat ihn, daselbst zu bleiben, bis er ihn wieder rufen würde. Er ging in das, worin er den Dom Juan gelassen hatte, und gab vor, sein Bedienter wäre zugleich mit den Gerichtsdienern ins Haus gekommen und verlangte ihn zu sprechen. Dom Juan wusste wohl, dass sein Bedienter sehr krank und nicht imstande war, ihm nachzufolgen, ausserdem er es auch ohne seinen Befehl nicht getan haben würde. Er erschrak also über das, was ihm Dom Manuel sagte, und antwortete von ungefähr, sein Bedienter solle ihn nur in seiner Wohnung erwarten. Nun erkannte ihn Dom Manuel als den peruanischen Edelmann, der so vielen Aufwand in Sevilla machte, und da er von seinem Stand und Vermögen gut unterrichtet war, so beschloss er, ihn nicht eher aus dem Hause zu lassen, bis er diejenige von seinen Töchtern, mit welcher er nur den geringsten Umgang gehabt, geheiratet hätte. Er unterhielt sich noch eine Weile mit ihm, um sich verschiedene Zweifel zu erklären, die ihn noch beunruhigten. Isabella ging zufällig an der Türe vorbei, und da sie die beiden miteinander reden sah, so ging sie, ihre Gebieterin davon zu benachrichtigen. Dom Manuel erblickte Isabella und glaubte, sie hätte dem Dom Juan eine Botschaft von seiner Tochter zu überbringen. Er verliess ihn also und lief ihr nach in dem Augenblick, als das Licht, das in dem Zimmer stand, ausbrannte und verlöschte. Unterdessen der Alte Isabella suchte und sie nicht finden konnte, brachte sie Dorotheen und Felicianen die Nachricht, dass Dom Sancho in ihres Vaters Zimmer wäre und dass sie beide zusammen reden gesehen hätte. Die beiden Schwestern liefen auf ihr Wort dahin, denn Dorothea fürchtete sich nicht, den Dom Sancho bei ihrem Vater anzutreffen, weil sie entschlossen war, ihm zu gestehen, dass sie ihn liebte und von ihm wieder geliebt würde, und ihm auch die Ursache zu sagen, warum sie den Dom Juan zu sich beschieden hätte. Sie ging also in das dunkle Zimmer und traf Dom Juan unter der Türe an, sie hielt ihn für Dom Sancho, fasste ihn beim Arm und sagte ihm: »Warum fliehst du mich, grausamer Dom Sancho, und warum wolltest du meine Verteidigung auf die ungerechten Vorwürfe, die du mir machtest, nicht anhören? Du hättest zwar das grösste Recht, mir Vorwürfe zu machen, wenn ich wirklich so schuldig wäre als ich es zu sein scheine, allein du weisst doch wohl, dass es falsche Dinge gibt, die öfters mehr Wahrscheinlichkeit haben als die Wahrheit selbst, welche sich aber doch am Ende immer zeigt. Gib mir also Zeit, dich zu überzeugen, indem ich dir die Verwirrung erkläre, worin dein Unglück, das meinige und vielleicht dasjenige verschiedener anderer uns gestürzt hat. Hilf mir, mich rechtfertigen, und handle nicht ungerecht, indem du mich durch ein übereiltes Urteil verdammst, ehe du mich überführt hast. Du kannst wohl gehört haben, dass mich jemand liebt, allein woher weisst du, dass ich ihn wieder liebe? Du kannst ihn auch hier angetroffen haben, denn es ist wahr, dass ich ihn hieher beschieden habe, allein wenn du erst erfahren wirst, warum ich ihn habe kommen lassen, so bin ich überzeugt, dass du es sehr bereuen wirst, mich zu einer Zeit beleidigt zu haben, da ich dir die grösste Probe meiner Treue geben wollte, die ich nur geben kann. O! wäre derjenige, dessen Liebe mir so lästig ist, hier gegenwärtig, du würdest aus dem, was ich ihm sagen wollte erkennen, ob ich ihm jemals etwas von Liebe gestanden oder ob ich jemals die Briefe gelesen habe, die er mir geschrieben hat. Allerdings: mein Unglück, das ihn immer zu mir führte, wenn ich ihn nicht gerne sah, hält ihn jetzt, da er mir nützen könnte, von mir fern.« Dom Juan hatte die Geduld, Dorotheen reden zu lassen, ohne sie zu unterbrechen, um noch mehr von ihr zu erfahren als sie ihm bereits gesagt hatte. Endlich hätte er wohl noch mit ihr gezankt, als Dom Sancho, der durch alle Zimmer durch den Weg nach dem Garten suchte und Dom Juan sprechen hörte, sich ihnen so leise als möglich näherte, die ihn jedoch kommen hörten. In ebendiesem Augenblick trat Dom Manuel mit zwei Bedienten, welche Lichter vor ihm hertrugen, ins Zimmer. Die beiden Brüder und Nebenbuhler erblickten sich, und man sah, wie sie einander stolz und die Hand auf das Degengefäss gelegt massen. Dom Manuel trat zwischen sie und befahl seiner Tochter, einen davon zum Gemahl zu wählen, damit er sich hernach mit dem andern schlagen könnte. Dom Juan nahm das Wort und sagte, dass er dem Edelmann, den er vor sich sähe, alle seine Ansprüche abtreten wollte. Dom Sancho sagte das selbe und setzte hinzu, dass weil Dom Juan von Dom Manuels Tochter selbst hierher beschieden wäre, so schien es als wenn sie ihn liebte, und wieder von ihm geliebt würde, und dass er lieber sterben als sich mit Unrecht verheiraten wollte. Dorothea warf sich ihrem Vater zu Füssen und bat ihn, sie anzuhören, Sie erzählte ihm alles, was zwischen ihr und Dom Sancho vorgefallen war, ehe er den Dom Diego aus Liebe zu ihr getötet hätte. Ferner erzählte sie ihm, dass Dom Juan von Peraldo sich in sie verliebt hätte, und ihren Vorsatz, ihm dieses aus dem Sinn zu reden und ihm vorzuschlagen, dass er um ihre Schwester anhalten möchte, und schloss damit, dass, wenn sie Dom Sancho nicht von ihrer Unschuld überzeugen könnte, so wollte sie gleich den folgenden Tag sich auf immer in ein Kloster begeben. Nun erkannten sich die beiden Brüder. Dom Sancho küsste Dorothee und verlangte sie von Dom Manuel zur Ehe. Dom Juan hielt um Felicianen an, und Dom Manuel nahm beide Schwiegersöhne mit dem grössten Vergnügen an. Sobald der Tag anbrach, schickte Dom Sancho nach dem Marquis Fabio, welcher kam und Teil an der Freude seines Freundes nahm. Man hielt die Sache solange geheim, bis Dom Manuel und der Marquis einen Vetter und Erben des Dom Diego besänftigt und mit Dom Sancho wieder versöhnt hatten. Während dieser Unterhandlung verliebte sich der Marquis Fabio in die Schwester dieses Edelmannes und verlangte sie zur Ehe. Der nahm ein für seine Schwester so vorteilhaftes Anerbieten mit Vergnügen an und billigte von dem Augenblick an alles, was man für Dom Sancho von ihm verlangte. Die drei Heiraten wurden an einem Tage gehalten und so ging alles sehr glücklich von statten. * Zwanzigstes Kapitel. Auf welche Weise Ragotins Schlaf unterbrochen wurde So endigte die liebliche Inezilla ihre Geschichte, und jedermann bedauerte, dass sie nicht länger war. Während sie vorlas, hatte Ragotin, statt zuzuhören, sich mit ihrem Mann von der Magie unterhalten, schliesslich aber schlief er auf seinem Stuhl ein, worin ihm der Chirurgus Gesellschaft leistete. Sein Schlaf war zwar nicht ganz freiwillig, denn wenn es ihm nur die Vapeurs von dem vielen Essen, das er geleistet, erlaubt hätten, so würde er schon aus Höflichkeit auf die Vorlesung der Inezilla aufmerksam gewesen sein. Er schlief also nicht sehr fest, liess öfters seinen Kopf auf die Knie herunterfallen, richtete sich wieder halb schlafend in die Höhe und fuhr öfters aus dem Schlaf auf, so wie es einem meist in der Kirche zu gehen pflegt. In der Schenke war ein Bock, dem die Leute, die in dem Hause aus- und eingingen, immer den Kopf mit vorgehaltenen Händen entgegen hielten, gegen die nachher der Bock anrannte. Dieses Tier ging in der Schenke frei herum, ja sogar in die Zimmer, wo man ihm öfters zu fressen gab. Er war eben in dem Zimmer des Feldscherers, als Inezilla ihre Geschichte vorlas, und erblickte Ragotin, dem der Hut vom Kopfe gefallen war, der, wie ich schon gesagt habe, immer auf- und abschwankte. Er glaubte daher, es wäre jemand der mit ihm kämpfen wollte, ging also vier bis fünf Schritte zurück, lief mit der grössten Heftigkeit vor und stiess mit seinem gehörnten Kopf gegen Ragotin seinen, der oben ganz kahl war. Er hätte ihm den Schädel gewiss entzwei gestossen, doch zu Ragotins Glück traf er ihn als er eben in die Höhe ging, und ritzte ihm so nur das Gesicht. Der Bock der gewohnt war mehr als einmal zu stossen, wurde nicht gehindert, zum zweitenmal anzulaufen, und stiess Ragotin in die Knie zu ebender Zeit, als er noch ganz erschrocken über den ersten Stoss, sein geschundenes und blutiges Gesicht mit den Händen zuhielt, um seine Augen zu bedecken, die von den Hörnern des Bocks waren getroffen worden. Dieser zweite Stoss machte ihn die Augen öffnen, und kaum hatte er den Stifter dieses Unglücks erkannt, so schlug er in der grössten Wut mit der Faust auf den Schädel des Bockes und tat sich an den Händen sehr weh. Er wurde dadurch und durch das Lachen der Gesellschaft noch wütender, schimpfte auf alle und ging rasend zur Türe hinaus. Er wollte gleich auf und davon gehen, aber der Wirt sagte ihm, er müsste vorher bezahlen; und dies war ihm vielleicht noch unangenehmer als die Stösse des Bockes. – – – Ende des zweiten Teils An den Leser! Hier endigt Scarrons eigene Arbeit an diesem Roman, den er gewiss würde vollendet haben, hätte der Tod ihn nicht daran verhindert. Der Beifall, den die beiden ersten Teile fanden, bewog einen andern, nicht minder geschickten Schriftsteller, dieses Buch fortzusetzen und die Geschichte des Destin, der Caverne und anderer zu Ende zu erzählen. Wie weit es ihm gelungen ist, Scarrons Ton zu treffen, wird man aus den folgenden Kapiteln ersehen. * Dritter Teil Erstes Kapitel. Als Einleitung zum dritten Teil In dem vorigen Kapitel haben wir den kleinen Ragotin mit einem blutigen Gesicht verlassen, das ihm der Bock mit seinen Hörnern verursacht hatte, als er auf seinem Stuhle schlief; worauf er so zornig fortging, dass man hätte glauben sollen, er würde nie wieder kommen. Aber Mademoiselle de 1' Etoile hatte ihn zu tief verwundet, und er war auf den Erfolg der Magie des Chirurgus zu sehr begierig. Er wusch sich also und kehrte wieder um, um die Wirkung des Versprechens des Signor Ferdinando zu erfahren, den er in der Person eines Advokaten, der eben auf das Rathaus ging, zu finden glaubte. Er war von den Stössen des Bockes noch so verwirrt und sein Gemüt war von denen, welche die Etoile seinem Herzen gegeben hatte, so beunruhigt, dass er diesen Advokaten für den Chirurgen ansah. Er ging also sehr höflich auf ihn zu und sagte: »Mein Herr, ich bin über diese glückliche Zusammenkunft sehr entzückt; ich suchte Sie und war eben im Begriff zu Ihnen zu gehen, um aus Ihrem Mund mein Lebens- oder mein Todesurteil zu hören. Ich zweifle nicht, dass Sie Ihre ganze magische Kunst werden aufgeboten haben, um mich zum glücklichsten Menschen zu machen; auch werde ich gewiss nicht undankbar dafür sein. Sagen Sie mir also, ob dieser bewundernswürdige Stern mir nie etwas von seinen wohltätigen Einflüssen wird zukommen lassen?« Der Advokat, der von der ganzen Rede nichts verstand und eben nicht zu Spass aufgelegt war, unterbrach ihn und sagte ihm unwirsch: »Wenn es ein bisschen später wäre, so würde ich glauben, dass Sie, Herr Ragotin, betrunken sind, so aber müssen Sie wohl nicht richtig im Kopfe sein. Was reden Sie mir da von Sternen und Einflüssen vor? Ich bin weder ein Zauberer noch ein Sterndeuter. Kennen Sie mich denn nicht?« – »Ach!« versetzte Ragotin, »Sie sind sehr grausam, Sie kennen mein Übel und versagen mir die Heilmittel. Ach! Ich ...« Er wollte fortfahren, als der Advokat ihn stehen liess, indem er noch sagte: »Sie sind wahrhaftig für einen so kleinen Mann ein sehr grosser Narr! Leben Sie wohl!« Ragotin wollte ihm folgen, aber nun erkannte er seinen Irrtum und schämte sich; auch sagte er es keinem Menschen, und man würde diesen Zwischenfall hier nicht gefunden haben, wenn ich ihn nicht von dem Advokaten selber erfahren hätte, der sich mit seinen Freunden sehr lustig darüber machte. Der kleine Mann ging nun wieder zu den Komödianten, wo er bei seinem Eintritt hören musste, dass die Caverne und Destin der Gesellschaft vorschlugen, Mans zu verlassen und nach einem andern Ort zu gehen. Dies brachte ihn ganz ausser sich, und sein Unglück stieg noch höher, als er hörte, dass man beschlossen hatte, schon den andern Tag von der Stadt Mans und ihren Einwohnern Abschied zu nehmen, vorzüglich aber von denen, die fleissige Zuhörer gewesen waren, und dann wie gewöhnlich nach Alençon zu gehen, woselbst die Pest nur ein falsches Gerücht wäre. Ich sagte oben wie gewöhnlich, denn die wandernden Komödianten haben ihren bestimmten Kreis, in dem sie sich herumdrehen, wie die Sonne im Tierkreis. Sie gehen von Tours nach Angers, von Angers nach La Fleche, von La Fleche nach Argentan oder nach Laval, je nachdem sie von Paris oder durch die Bretagne kommen; doch dies gehört nicht in unseren Roman. Nachdem nun alle Komödianten und Komödiantinnen den Entschluss gebilligt hatten, beschlossen sie, den andern Tag eines ihrer besten Stücke aufzuführen, um denen von Mans ein gutes Andenken zu hinterlassen. Ich habe nicht erfahren können, welches Stück sie aufführten, die Ursache aber, warum sie so geschwind abreisen wollten, war, weil der Marquis d'Orsé, der die Truppe bewogen hatte, länger zu spielen, nunmehr an den Hof zurück musste. Da sie also weiter keinen Wohltäter mehr hatten, und das Publikum von Mans täglich geringer wurde, so entschlossen sie sich, weiter zu ziehen. Ragotin wollte zwar Einwürfe machen und brachte eine Menge seichter Gründe vor, mit denen er immer versehen war, allein sie wurden nicht geachtet, was den kleinen Mann nicht wenig verdross. Endlich bat er sie, wenigstens in der Provinz Maine zu bleiben, was sehr leicht wäre, wenn sie das Ballhaus in der Vorstadt von Montfort für ihre Vorstellungen wählten, welches Städtchen sowohl im Geistlichen als Weltlichen zu Maine gehört; von da könnten sie nach Laval gehen, das ebenfalls zu Maine gehört und nachher um so leichter nach der Bretagne kommen, wie sie es dem Herrn la Garouffiere versprochen hätten. Allein Destin widersprach ihm geradezu und sagte, dass sie da ihr Glück nicht machen würden, denn da dieses elende Haus weit von der Stadt und jenseits des Flusses läge, so würden sich die meisten Leute vor dem langen Weg scheuen. Wohingegen das grosse Ballhaus auf dem Schöpsenmarkt mitten unter den vornehmsten Häusern von Alençon, mitten in der Stadt stünde. Man müsste sich also dahin wenden und lieber etwas mehr bezahlen als in jener elenden Schenke von Montfort, die Ragotin bloss wegen des wohlfeilem Preises vorgeschlagen hatte. Dies wurde also einstimmig angenommen und sogleich nach einem Wagen für das Gepäck und Pferden für die Damen geschickt. Diesen Auftrag erhielt Leander, weil er in Mans viele Bekanntschaften hatte, was einem Fremden eben nicht schwer fällt. Den andern Tag wurde die Komödie oder was es sonst war, denn ich weiss es nicht mehr, gespielt und fand allgemeinen Beifall. Die Schauspielerinnen wurden von allen Leuten bestaunt Destin zeigte sich vorzüglich, besonders aber in der Abschiedsrede: denn er bezeigte so viele Dankbarkeit, drückte sich so gut und so rührend aus, und dankte so lebhaft, dass die ganze Gesellschaft davon entzückt war. Man will sogar behaupten, dass viele Personen weinten, hauptsächlich aber junge Mädchen, die ein zärtliches Herz haben. Ragotin war so hingerissen, dass er ganz versteinert auf seinem Stuhl sitzen blieb, obgleich jedermann schon fortgegangen war, und vielleicht sässe er noch da, wenn der Hausknecht der Schenke ihm nicht gesagt hätte, dass niemand mehr da wäre. Er stand nun auf und ging nach Haus, wo er den Entschluss fasste, morgens ganz früh zu den Komödianten zu gehen, und ihnen sein Vorhaben, welches er auf dem Herzen hatte und das er schon dem Rancune und Olive anvertraut hatte, zu entdecken. * Zweites Kapitel. Ragotins Entschluss Die Schnapsverkäufer hatten durch ihr Schreien die Schläfer noch nicht aus dem Schlaf gestört, als Ragotin schon ganz angekleidet war, um zu der Truppe zu gehen und ihnen seinen Wunsch zu entdecken: dass er bei ihnen aufgenommen werden möchte. Er ging also zu den Schauspielern, die aber noch nicht aufgestanden waren; jedoch war er so höflich, sie noch schlafen zu lassen und ging in das Zimmer, in dem Olive und Rancune schliefen, bat sie aufzustehen und einen Spaziergang nach der sehr schönen Abtei Cousture mit ihm zu machen, die in der Vorstadt lag; und nachher wollten sie in dem Gasthof zum goldenen Stern frühstücken. La Rancune, der gerne ass, war sogleich angezogen, worüber man sich eben nicht wundern darf, wenn man bedenkt, dass diese Leute gewohnt sind, sich hinter dem Theater beständig aus- und anzukleiden, besonders, wenn ein Akteur zwei Personen darstellt. Ragotin und la Rancune gingen also miteinander nach der Abtei Cousture, und vermutlich gingen sie auch in die Kirche, um ein Stossgebet zu verrichten, ein ganz kleines, denn Ragotin hatte andere Dinge im Kopf als dass er lange beten konnte. Er sagte jedoch auf dem ganzen Weg dem Rancune nichts davon, weil er wohl merkte, dass dadurch das Frühstück aufgehalten würde, an welchem Rancune mehr gelegen war als an allen seinen Komplimenten. Sie gingen also in den Gasthof, wo der kleine Mann anfing zu lärmen, dass man die kleinen Pastetchen noch nicht aufgetragen hatte, die er hätte bestellen lassen, worauf die Wirtin, ohne von ihrem Stuhl aufzustehen, antwortete: »Ich kann unmöglich wahrsagen, Herr Ragotin, und die Stunde erraten, wann Sie hierher kommen wollen; da Sie nun aber hier sind, so sollen die Pastetchen gleich folgen. Gehen Sie unterdes in den Saal, wo man gedeckt hat, bedienen Sie sich einstweilen, bis das übrige kommt, mit dem Schinken, der dort steht.« Sie sagte alles dies mit einer so ernsthaften Schenkwirtsmiene, dass Rancune ihr recht gab und zu Ragotin sagte: »Lassen Sie es gut sein; wir wollen unterdessen eins trinken, bis alles fertig wird.« Sie setzten sich also zu Tisch, der sogleich gedeckt wurde, und frühstückten nach Manser Art d. h. sehr gut, tranken sehr viel und auf das Wohl verschiedener Personen; man kann also leicht denken, dass Etoile nicht vergessen wurde. Ragotin trank auf sie wohl ein dutzendmal, bald sitzend, bald stehend, bald mit entblösstem Kopf. Allein das letztemal trank er auf ihre Gesundheit kniend und mit abgezogenem Hut, als wenn er Kirchenbusse tun müsste. Nun fing er an, den Rancune sehr ernstlich zu bitten, ihm sein Wort zu halten und in einer so wichtigen Sache als die Eroberung der Mademoiselle de l'Etoile sein Beschützer und sein Freund zu sein, worauf Rancune halb im Zorn, oder indem er sich nur so stellte, antwortete: »Sie sollten wissen, dass ich niemals eine Sache unternehme, die ich nicht ausführen kann; begnügen Sie sich unterdessen mit meinem guten Willen Ihnen zu dienen. Ich wiederhole es nochmals, ich weiss die Mittel dazu und werde sie zu seiner Zeit anwenden, allein für jetzund setzt unsere Abreise Ihrem Vorhaben ein grosses Hindernis entgegen, und ich sehe kein anderes Mittel dafür, als wenn Sie dasjenige tun, was ich Ihnen schon einmal vorgeschlagen habe, und sich entschliessen, Komödie mit uns zu spielen. Sie haben ja dazu alle erforderlichen Anlagen: gutes Ansehen, angenehme Stimme, reine Aussprache und ein gutes Gedächtnis. Man sieht Ihnen gar nichts Ländliches an und sollte glauben, Sie wären Ihr ganzes Leben durch bei Hofe gewesen. Sie haben so sehr den Hofton an sich, dass man es schon eine Viertelstunde weit an Ihnen merkt und werden das Theater nicht zwölfmal betreten, ohne unsere jungen, vielwissenden Herren zu verdunkeln, welche gezwungen sein werden, Ihnen die ersten Rollen zu überlassen; und alsdann lassen Sie mich nur sorgen; denn für jetzt haben wir es mit einer eigensinnigen Person zu tun. Man muss sehr behutsam mit ihr umgehen. Zwar weiss ich wohl, dass es Ihnen an Klugheit nicht fehlt, allein ein guter Rat kann nicht schaden. Denn überlegen Sie selbst; wenn Sie Ihre verliebte Absicht zugleich mit dem Vorhaben, unter die Truppe zu gehen, entdeckten, so würde man Sie dieserwegen gewiss abweisen, also müssen Sie behutsam zu Werk gehen.« Der kleine Kerl war auf Rancunes Rede so hoffnungslos gespannt gewesen, dass er nun darüber ganz entzückt wurde und glaubte, er hätte nun schon alles gewonnen, als er gleichsam wie aus dem Schlaf erwachte, aufstand und den Rancune umarmte, und ihm zugleich dankte und um seine fernere Freundschaft bat. Er gestand ihm nun, dass er ihn bloss deswegen zum Frühstück gebeten hätte, um ihm seinen Entschluss bekannt zu machen, unter die Truppe zu gehen, von welchem ihn nun kein Mensch mehr abbringen könnte; er möchte es daher der Gesellschaft anzeigen und ein günstiges Wort für ihn einlegen, denn er wünschte, dass es jetzt gleich geschähe. Sie machten ihre Zeche, Ragotin bezahlte und beide machten sich nun auf den Weg zu den Komödianten, die nicht weit von ihrem Frühstücksort entfernt waren. Sie fanden die Damen angekleidet; als aber Rancune anfing den Vortrag wegen Ragotins Aufnahme zu tun, wurde er durch die Ankunft eines Pächters von Leanders Vater unterbrochen, der zu ihm schickte, um ihn zu benachrichtigen, dass er todkrank wäre und ihn gern noch vor seinem Ende zu sehen wünschte. Dies verursachte unter der ganzen Gesellschaft eine Beratschlagung über den unvermuteten Zwischenfall. Leander nahm Angelique beiseite und sagte ihr, dass nunmehr die Zeit gekommen wäre, wo sie glücklich leben könnten, wenn sie anders dazu einwilligte, worauf sie antwortete, dass es nicht an ihr liegen sollte. Das übrige wird man aus folgendem Kapitel ersehen. * Drittes Kapitel. Leanders Vorhaben. Rede und Aufnahme Ragotins in die Komödiantentruppe Als die Jesuiten von La Fleche sahen, dass sie Leander nicht bewegen konnten, seine Studien bei ihnen fortzusetzen, und seinen Hang zum Theater bemerkten, mutmassten sie gleich, dass er in eine Komödiantin verliebt sein müsste, worin sie auch bestärkt wurden, als sie erfuhren, dass er der Truppe nach Angers gefolgt sei. Sie schickten also einen Boten mit dieser Nachricht an seinen Vater, der gerade ankam, als Leanders Brief ihm überbracht wurde, worin er ihm meldete, dass er zu den Soldaten gehe und ihn bat, ihm Geld zu schicken. Sein Vater, der nun die Betrügerei einsah, ärgerte sich so sehr darüber, dass er, da er ohnehin alt und schwach war, in eine langwierige Krankheit verfiel, die schliesslich mit dem Tode endigte. Als er sich seinem Ende nahe fühlte, befahl er einem seiner Pächter, seinen Sohn aufzusuchen und ihn zu bereden, dass er zu ihm zurückkäme; er sagte ihm noch, er brauche sich nur zu erkundigen, wo Komödianten wären, da würde er ihn gewiss antreffen. Dies wusste der Pächter sehr wohl, denn es war ebender, der ihn immer mit Geld versah. Da er nun erfuhr, dass die Truppe zu Mans wäre, ging er dahin und kam zu Leander, wie man im vorigen Kapitel gesehen hat. Ragotin wurde nun von der ganzen Truppe ersucht, sie einen Augenblick wegen der Ankunft des Pächters beratschlagen zu lassen; er tat es und ging in ein anderes Zimmer, nicht ohne grosse Ungeduld, sein Schicksal bald zu wissen. Sobald er weg war, liess Leander den Pächter hereinkommen, der ihm denn den Zustand seines Vaters und den Wunsch, den er hatte, ihn vor seinem Ende noch zu sehen, vorstellte. Leander nahm also Urlaub und nun entdeckte Destin das Geheimnis, das er bisher verborgen hatte: Leanders wahren Stand, den er nach Angeliquens Entführung von ihm erfahren hatte. Nun sei alle Verheimlichung überflüssig, sowohl um Fräulein La Caverne zu überzeugen, dass Leander weder der Urheber der Entführung ihrer Tochter, noch der Entführer selbst gewesen wäre, als auch um sie von seiner aufrichtigen Liebe zu ihrer Tochter zu überzeugen, um derentwillen er sich entschlossen hätte, ihm zu dienen und noch dienen würde, wenn er nicht in jener Schenke wäre gezwungen worden, sich ihm zu entdecken. Und, setzte er hinzu, er war so wenig in die Entführung verwickelt, dass, als er ihre Räuber angetroffen, er sein Leben für sie gewagt habe, allein er hätte so vielen Leuten nicht widerstehen können und wäre halbtot auf dem Platze geblieben. Die ganze Truppe entschuldigte sich nun bei ihm, dass man ihm nicht seinem Stand entsprechend begegnet wäre. Fräulein Etoile sagte, dass sie immer viel Verstand und Talente an ihm bemerkt und daher schon lange etwas vermutet hätte, worin sie auch seit ihrer Rückkunft wäre bestärkt worden. Nun nahm auch die Caverne das Wort und sagte zu Leander: »Nachdem ich Ihren Stand aus dem Inhalt der Briefe vermutete, die Sie an meine Tochter schrieben, hatte ich gerechte Ursache, Misstrauen in Sie zu setzen, weil es unwahrscheinlich war, dass Ihre Liebe zu ihr aufrichtig sein konnte, wie dies denn auch Ihr Vorhaben, sie nach England zu bringen, hinlänglich beweist. Wie sollte ein so vornehmer Herr, wie Sie nach dem Tode Ihres Vaters einer zu werden hoffen, sich in den Sinn kommen lassen, eine arme Komödiantin zu heiraten? Ich danke also dem Himmel, dass die Zeit gekommen ist, wo Sie die schönen Güter, die er Ihnen hinterlässt, in Ruhe besitzen können, und dass ich für mein Teil der Unruhe überhoben bin, dass Sie mir noch einen schlimmeren Streich spielen möchten.« Leander antwortete ungeduldig: »Alles, was Sie da sagen, dass ich besitzen werde, kann mich ohne den Besitz Ihrer Tochter nicht glücklich machen, und ohne sie tue ich auf alles Verzicht, was mir durch den Tod meines Vaters zufallen kann. Ich erkläre hiemit, dass ich sein Erbe bloss antreten will, um damit wieder hierher zurückzukommen und das Versprechen zu erfüllen, das ich vor dieser ehrbaren Gesellschaft ablege: niemand anders als Ihre Tochter Angelique zu meiner Frau zu machen, vorausgesetzt, dass Sie mir sie geben, und sie dazu einwilligen wird, worum ich Sie beide recht inständig bitte. Glauben Sie auch nicht, dass ich sie nachher mit mir fortführen will. Daran denke ich gar nicht, sondern ich habe an dem Theaterleben so viel Reiz gefunden, dass ich mich nicht davon trennen kann, ebensowenig wie von den braven Leuten dieser Truppe.« Nach dieser freimütigen Erklärung dankten ihm alle einstimmig für die Ehre, die er ihnen erwies, und sagten, die Caverne und ihre Tochter würden gewiss seine Wünsche erfüllen. Angelique antwortete ihm als eine Tochter, die ganz von dem Willen ihrer Mutter abhängt, welche letztere damit schloss, dass wenn er bei seiner Rückkunft noch gleiche Gesinnung hegte, er alles hoffen könnte. Nun folgten viele Umarmungen und Tränen, wovon einige aus Freude, andere aus Zärtlichkeit flössen. Nach allen diesen schönen Komplimenten wurde beschlossen, dass Leander den andern Tag abreisen und eines von den Pferden dazu nehmen sollte, die man gemietet hatte; aber er sagte, er wollte sich seines Pächters Pferd bedienen, und dieser könnte ihm auf seinem eigenen sehr gut folgen. »Wir hätten aber bald vergessen,« sagte nun Destin, »dass Herrn Ragotin die Zeit lange werden wird; wir wollen ihn also hereinrufen lassen. Aber weiss denn niemand etwas von seinem Vorhaben?« Rancune, der bisher noch nicht gesprochen hatte, tat nun den Mund auf und sagte, dass er es wüsste, und dass er ihn diesen Morgen zum Frühstück gebeten und ihm erklärt hätte, dass er gesonnen sei, unter die Truppe zu gehen und Komödie zu spielen, ohne jedoch der Gesellschaft zur Last zu fallen, weil er ohnehin vermögend und es ihm gleichgültig wäre, ob er sein Geld auf Reisen oder zu Mans verzehre. Nach diesem trat Roquebrune auf und sagte, dass er nicht raten wollte, ihn anzunehmen, weil es mit Dichtern gerade so ginge wie mit Frauenzimmern: wenn zwei in einem Hause beisammen sind, sei immer eine zuviel, und zwei Dichter unter einer Truppe würden Stürme erregen, aus der Verschiedenheit des Parnasses entsprungen; und dass übrigens Ragotins Wuchs so mangelhaft wäre, dass anstatt das Theater damit zu zieren, es dadurch vielmehr verunehrt würde. Und welche Rollen wollte er denn spielen? Die ersten? Dem würde sich Herr Destin entgegensetzen. Die zweiten? Dies würde Herr Olive nicht zugeben; kurz, er kann weder einen König, noch eine Amme, noch eine Vertraute darstellen, denn er würde unter der Maske ebenso hässlich aussehen wie mit seinem natürlichen Gesicht, daher ich denn der Meinung bin, dass man ihn abweise.« – »Und ich«, versetzte Rancune, »behaupte, dass man ihn aufnehmen soll, und dass er sehr geschickt ist, um im Notfall Zwerge oder andere Monstra vorzustellen, z. B. das in der Andromeda, und dies würde alsdann viel natürlicher sein als die künstlichen. Und was die Deklamation anbetrifft, so kann ich versichern, dass er ein zweiter Orpheus werden und das Publikum bezaubern wird. Als Olive und ich Fräulein Angelique aufsuchten, trafen wir ihn auf einem Maultier reitend. Da wir nun so neben ihm hergingen, fing er an Verse aus Piramus und Thisbe zu deklamieren und zwar mit solchem Pathos, dass einige vorübergehende Leute, die Esel vor sich hertrieben, sich seinem Maultier näherten und ihm aufmerksam zuhörten, ja sogar den Hut abzogen, um desto besser zu hören, und uns bis an eine Schenke nachfolgten, wo wir hielten, um eins zu trinken. Wenn er also imstand war Eseltreiber anzulocken, um wieviel mehr wird er nicht andere Personen reizen, die imstande sind, gute Sachen zu beurteilen?« Dieser Witz machte alle Zuhörer lachen und man beschloss also, Ragotin hereinzurufen um ihn selbst anzuhören. Er kam. Und nach einem Dutzend Bücklingen hielt er seine Anrede folgendermassen: »Hochberühmte Personen, Hochweisester Senat des Parnasses! (Vermutlich glaubte er hier vor dem Rat von Mans zu stehen, den er aber, seitdem er Advokat war, nur selten zu sehen bekam.) Man sagt zwar im gemeinen Sprichwort, böse Gesellschaft verderbe gute Sitten, und ebendaher kann man auch sagen, dass gute Gesellschaften böse Sitten bessern und die Personen nach denjenigen umschaffen, mit denen sie umgehen.« Dieser artige Empfang liess die Komödianten vermuten, dass er eine Predigt halten wollte, denn sie drehten den Kopf herum und hatten Mühe, das Lachen zurückzuhalten. Vielleicht wird sich mancher Kritiker über das Wort Predigt aufhalten, allein warum sollte Ragotin eines solchen Streichs nicht fähig sein, da er doch Kirchengesänge statt eines Ständchens auf der Strasse absingen liess? – Er fuhr nun fort: »Mich haben alle Tugenden so sehr verlassen, dass ich wünsche, mit in Ihre berühmte Gesellschaft aufgenommen zu werden, um sie von Ihnen zu lernen und mich nach Ihrem Beispiel zu richten, denn Sie sind die Dolmetscher der Musen, das lebendige Echo Ihrer liebsten Zöglinge, und Ihre Verdienste sind in ganz Frankreich so sehr bekannt, dass man Sie unter beiden Polen bewundert. Sie aber, unvergleichliche Damen, welche jeden entzücken, der Sie nur sieht, und deren schöne Stimmen man nicht anhören kann, ohne vor Verwunderung ausser sich selbst zu geraten, die Sie an Ihrem Fleische sowohl als an Ihren Knochen den Engeln gleichen, Ihr Lob ist von den grössten Dichtern besungen worden. Alexander und Cäsar kamen dem Mut des Herrn Destin und der andern Herrn dieser Gesellschaft nie bei. Sie dürfen sich daher nicht wundern, wenn ich so begierig wünsche, Ihre Zahl zu vermehren, welches Ihnen sehr leicht werden wird sobald Sie mir die Ehre erweisen, mich aufzunehmen. Übrigens erkläre ich, dass ich niemandem zur Last fallen, noch irgendeinen Anspruch auf die Einnahme des Theaters machen will, sondern ich werde beständig Ihr gehorsamster und ergebenster Diener sein.« Man bat ihn nun hinauszugehen, damit man über den Inhalt seiner Rede ordentlich die Stimmen sammeln könne. Er ging hinaus und man fing schon an zu stimmen, als der Poet aufstand, um eine zweite Opposition zu machen; aber er wurde von Rancune zurückgewiesen, der ihn noch lieber zurückgestossen hätte, allein er sah sein neues Kleid an, das er mit seinem Geld sich angeschafft hatte, und dies besänftigte ihn. Endlich wurde beschlossen, dass er zum Spass der Gesellschaft sollte angenommen werden. Man rief ihn, und sobald er eintrat, kündigte Destin ihm sein Glück an; man verrichtete die gewöhnlichen Zeremonien, er wurde in die Register eingeschrieben, legte den Eid der Treue ab, und man gab ihm das Wort, an welchem alle Komödianten einander erkennen, und er ass diesen Abend mit der ganzen Gesellschaft. * Viertes Kapitel. Abreise Leanders und der Truppe nach Alençon. Ragotins Unglücksfall Nach Tische bekomplimentierte jeder Herrn Ragotin wegen der Ehre, die ihm widerfahren, dass er nun Mitglied der Gesellschaft geworden, und er blies sich vor Stolz darüber so sehr auf, dass sein Kamisol an zwei Enden aufplatzte. Unterdessen nahm Leander Gelegenheit, seine schöne Angelique zu unterhalten, der er sein Versprechen, sie zu heiraten, nochmals wiederholte. Allein er sagte ihr dies so zärtlich, dass sie ihm bloss mit den Augen antwortete, woraus ihr einige Tränen fielen. Ich weiss aber nicht, ob vor Freude über die schönen Versprechungen Leanders oder aus Traurigkeit über seine Abreise. Dem sei wie ihm wolle; sie machten einander viele kleine Zärtlichkeiten, weil sich die Caverne nun nicht mehr widersetzte. Und da es endlich spät wurde, so ging man auseinander. Leander nahm Abschied von der ganzen Gesellschaft und legte sich schlafen. Den andern Tag stand er früh auf, reiste mit dem Pächter ab und kam sehr bald bei seinem kranken Vater an, welcher über seine Ankunft grosse Freude hatte, und ihm, soviel es seine Kräfte erlaubten, den Schmerz beschrieb, den er über seine Flucht gefühlt hätte. Er wolle ihm seinen letzten Segen und mit ihm sein ganzes Vermögen geben, unerachtet des Verdrusses, den ihm seine schlimme Aufführung verursacht hätte, aber er hoffe, dass er in Zukunft sich bessern würde. Das übrige werden wir bei seiner Rückkunft erfahren. Als nun die Komödianten und Komödiantinnen angekleidet waren, machte jeder sein Pack zusammen und bereitete alles zur Abreise. Nun fehlte aber ein Pferd für eine Dame, denn der eine Pferdevermieter hatte das seinige wieder abgesagt. Man bat daher den Olive, ein anderes aufzutreiben, als eben Ragotin kam, der, sobald er den Vorschlag hörte, gleich sagte, es wäre nicht nötig, weil er eines hätte, wo sich Fräulein de 1' Etoile oder Angelique hinten aufsetzen könnte; und da man ohnehin zwei Tage auf der Reise zubringen müsste, weil Alençon zehn gute Stunden von Mans entfernt ist, so würde es seinem Pferde nicht zu schwer werden, zwei Personen zu tragen. Allein die Etoile unterbrach ihn und sagte, dass sie sich nicht gut hinten anhalten könnte; dies schlug den armen Mann ganz nieder. Doch erhielt er dadurch einigen Trost, dass Angelique sein Anerbieten annahm. Sie frühstückten alle und der Chirurgus und seine Frau waren mit in der Gesellschaft. Während das Frühstück bereitet wurde, nahm Ragotin Gelegenheit, mit dem Magier zu reden, dem er dieselbe Anrede hielt wie dem Advokaten, worauf ihm dieser aber antwortete, dass er alle Geheimnisse der ganzen Magie probiert hätte, jedoch gänzlich ohne Wirkung, und er müsste daher glauben, dass die Etoile eine noch grössere Zauberin wäre als er und dass ihre Macht in der Zauberei die seinige überträfe. Sie wäre daher eine gefährliche Person, vor der man sich hüten müsste. Nach dem Frühstück bezeigte Inezilla der ganzen Truppe, vorzüglich aber den Damen das Missvergnügen, das sie und ihr Mann über ihre geschwinde Abreise empfänden und versicherte, dass sie ihnen gerne nach Alençon gefolgt wären, um noch länger die Ehre ihrer Gesellschaft zu geniessen; allein sie wären genötigt, nunmehr auch das Theater zu besteigen, um ihre Arzneien zu verkaufen, und müssten also Possenspiele aufführen. Da nun dies öffentlich und umsonst geschähe, so würden wenige in die Komödie gehen, welche sie ja bezahlen müssten, und sie würden daher, statt ihnen zu dienen, ihnen wirklich schaden; und um dies zu verhindern, hätten sie beschlossen zu Mans zu bleiben. Man umarmte sich von beiden Seiten und sagte sich viel Zärtliches, die Frauenzimmer weinten und alle machten sich untereinander Komplimente, ausgenommen der Poet, der in einem andern Falle für vier gesprochen hätte. Hier blieb er aber ganz stumm, denn die Trennung von Inezilla war ihm ein so unverhoffter Schlag, dass er sich noch nicht recht besinnen konnte. Da nun der Karren beladen und zur Abreise fertig war, setzte sich die Caverne darauf und zwar auf die gleiche Stelle, wo wir sie am Anfang dieses Romans gesehen haben. Die Etoile ritt auf einem Pferd, welches Destin führte, und Angelique setzte sich hinter Ragotin auf, der sich nun beim Aufsitzen besser in acht nahm, um nicht wieder ein zweites Unglück mit seinem Karabiner zu erleben, den er nicht vergessen hatte, denn er hing wieder an seinem Achselband. Alle übrigen gingen in ebender Ordnung, wie sie nach Mans gekommen waren, zu Fuss. Als sie in ein kleines Gehölz kamen, das ungefähr eine Stunde vor der Stadt lag, lief ein Hirsch, der von den Jägern des Herrn von Lavardin verfolgt wurde, quer über den Weg, wodurch Ragotins Pferd, das voranging, scheu wurde. Er liess also gleich die Steigbügel fahren und griff nach seinem Karabiner. Allein da dies in der Eile geschah, so befand sich just der Kolben seines Karabiners unter seiner Schulter, und da er mit der Hand an den Hahn fasste, so ging der Schuss los. Das Gewehr war scharf geladen und gab daher im Losgehen einen solchen Stoss, dass er auf die Erde fiel. Im Fallen stiess er noch das Ende des Karabiners Angeliquen in die Seite, die gleichfalls hinfiel, doch ohne Schaden, denn sie kam auf die Beine zu stehen. Ragotin aber fiel mit seinem Kopf gegen die Wurzel eines alten verfaulten Baumes, wodurch er denn eine starke Beule an der Schläfe erhielt. Man legte ein Geldstück darauf und verband ihm dem Kopf mit einem Schnupftuch; dies brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen, wodurch der kleine Mann sehr ungehalten wurde, der nun wieder auf sein Pferd stieg und Angelique mit ihm; aber sie erlaubte ihm nicht, seinen Karabiner wieder zu laden, wie er es willens war, und man setzte nun die Reise bis nach einem Dorf fort, wo die Pferde abgefüttert wurden. Alle Komödianten liessen sich etwas zu essen geben. Die Damen aber legten sich auf ein Bett, teils um auszuruhen, teils um den Mannspersonen zuzusehen, welche tapfer darauf los tranken, besonders aber Rancune und Ragotin, welch letzterem man den Kopf wieder aufgebunden hatte; sie tranken einander auf eine gewisse Dame zu und glaubten, dass sie kein Mensch hörte. Angelique rief daher dem Ragotin zu: »Nehmen Sie sich in acht und bedenken Sie, dass Sie jemanden führen müssen.« Dies brachte den kleinen Mann etwas aus der Fassung, der sogleich die Waffen, nämlich die Gläser, mit la Rancune niederlegte. Man bezahlte, setzte sich wieder auf, und der Zug ging aufs neue weiter. Es war schön Wetter und guter Weg, man kam daher bei guter Zeit in dem Dorf Vivain an. Sie stiegen vor der Schenke zum Hahn ab, welche die beste ist, allein die Wirtin, die eben nicht die höflichste war, wollte sie nicht aufnehmen und entschuldigte sich, dass sie schon zu viele Gäste hätte, unter andern einen Akziseinnehmer, einen Fruchteintreiber von Mans, nebst vier oder fünf Tuchhändlern. La Rancune, der gleich auf ein Stückchen seiner Art dachte, sagte ihr, sie verlangten bloss ein Zimmer für die Damen, die Mannspersonen wollten schon sehen unterzukommen, eine Nacht wäre ja bald vorüber. Dies besänftigte die stolze Wirtin etwas. Sie gingen also ins Haus und der Wagen wurde nicht abgeladen, sondern in einen verschlossenen Schuppen gestellt. Die Komödiantinnen erhielten ein Zimmer, worin die ganze Gesellschaft zu Abend speiste, und einige Zeit nachher legten sich die Frauen in zwei Betten, die da standen, schlafen und vergassen nicht, ihre Türe zuzuschliessen, ebenso wie die beiden Einnehmer, die in ihr Zimmer gingen und ihre Mantelsäcke, die voller Geld waren, dahin bringen Hessen. Rancune konnte hier keine Hand anlegen, denn sie nahmen sich zu sehr in acht, doch die Kaufleute mussten für sie büssen. Der listige Kopf wusste es so gut einzurichten, dass er mit ihnen in einer Kammer schlief, wo sie auch ihre Tücherballen liegen hatten. Es waren darin drei Betten, wovon die Kaufleute zwei besetzt hatten, und Olive und Rancune schliefen im dritten, das heisst Rancune schlief nicht. Als er merkte, dass die andern schliefen, stand er leise auf, um sein Stückchen auszuführen; er wurde aber von einem der Kaufleute gestört, der aufstehen musste, weil ihm nicht wohl war. Dies nötigte Rancune wieder in sein Bett zu kriechen. Der Kaufmann, der gewöhnlich in diesem Hause einkehrte und alle Wege wusste, ging durch eine Türe, die nach einer kleinen Galerie führte, an deren Ende die Abtritte lagen. Als er wieder kam, ging er wieder über die Galerie, allein anstatt den Weg zu nehmen, der in sein Zimmer führte, ging er auf die andere Seite und kam in das Zimmer, worin die beiden Einnehmer schliefen. Er näherte sich dem ersten Bett, das er fand, und glaubte, es wäre das seinige, allein eine unbekannte Stimme fragte: Wer da? Er ging ohne zu antworten an das andere Bett, wo man ihn mit stärkerer Stimme dasselbe fragte und zugleich dem Wirt rief, er möge Licht bringen, denn es wäre jemand in ihrem Zimmer. Der Wirt liess eine Magd aufstehen, aber ehe diese Licht brachte, hatte der Kaufmann Zeit, wieder fortzugehen und in sein Zimmer zu gelangen. Rancune, der den Lärm mit anhörte, verlor keine Zeit, machte in der Geschwindigkeit die Stricke von zwei Ballen los und nahm aus jedem zwei Stück Tuch heraus, und schnürte sie wieder geschickt zusammen. Er wollte sich eben an den dritten Ballen machen, als der Kaufmann hereinkam und da er gehen hörte, fragte er, wer da wäre. Rancune, der die vier Stück Tuch in seinem Bett versteckt und immer eine Antwort fertig hatte, sagte, man hätte vergessen, einen Nachttopf hereinzubringen und er suche also das Fenster. Der Kaufmann, der sich noch nicht wieder hingelegt hatte, sagte: »Warten Sie, ich will es Ihnen aufmachen, denn ich weiss, wo es ist.« Er machte es also auf und legte sich nieder. Rancune stellte sich ans Fenster, verrichtete seine Sache und legte sich nachher in sein Bett, ohne das Fenster zu schliessen. Der Kaufmann rief ihm laut zu, er solle doch das Fenster nicht offen lassen, Rancune aber schrie noch stärker, er könnte es ja zumachen, wenn er wollte, denn er wüsste, wenn es nicht offen wäre, sein Bett nicht zu finden. Der Kaufmann, der einem unnötigen Zank ausweichen wollte, stand auf, machte das Fenster zu und legte sich wieder hin, schlief aber nicht und zwar zu seinem Besten, denn sonst wäre es seinem Ballen gewiss ebenso ergangen wie den beiden andern. Unterdessen schrien der Wirt und die Wirtin der Magd zu, dass sie geschwind Licht bringen sollte, sie wollte auch sogleich Feuer machen, allein wie es gemeiniglich geht, wenn man zu sehr eilt, so ging es auch hier: die Magd blies wohl eine ganze Stunde die Kohlen an, dass sie Feuer fingen. Der Wirt und die Wirtin fluchten, die Einnehmer schrien immer stärker nach Licht, endlich nachdem es angebrannt war, gingen der Wirt und die Wirtin und die Magd in ihr Zimmer. Da sie nun niemand sahen, sagten sie ihnen, sie hätten sehr unrecht gehabt, solchen Lärm zu machen und das ganze Haus aufzuwecken. Sie aber behaupteten steif und fest, dass sie jemand gehört, gesehen und mit jemand gesprochen hätten. Der Wirt ging ins andere Zimmer und fragte, ob jemand von ihnen hinausgegangen wäre? Sie sagten alle nein, ausgenommen dieser Herr, sagte einer von den Kaufleuten, indem er auf Rancune wies, welcher aufgestanden ist und zum Fenster hinausgepisst hat, weil man den Nachttopf vergessen hatte. Der Wirt zankte deswegen mit der Magd, ging wieder zu den Einnehmern und sagte ihnen, sie müssten geträumt haben, denn es wäre niemand aufgestanden. Und sagte ihnen noch, sie möchten ruhig fortschlafen, denn es wäre noch nicht Tag. Sobald es aber Tag wurde, stand Rancune auf, forderte den Schuppenschlüssel, ging hinein und versteckte die vier Stücke Tuch, die er gestohlen hatte, in einem von den Ballen, die auf dem Karren lagen. * Fünftes Kapitel. Was den Komödianten zwischen Vivain und Alençon begegnete. Ragotins neuer Unglücksfall Die Helden und Heldinnen der Komödiantentruppe machten sich früh auf den Weg und kamen auf der grossen Strasse von Alençon glücklich nach Bourg-le-Roy, wo sie zu Mittag assen und einige Zeit ausruhten, während man überlegte, ob man durch Arsonnay, einem Dorf, das eine Stunde von Alençon liegt, gehen, oder den andern Weg nehmen wollte, um Barrée auszuweichen, ein Weg, der in der grössten Sonnenhitze beständig mit Morast angefüllt ist, in dem die Pferde bis an den Bauch einsinken. Man fragte also den Fuhrmann um seine Meinung, der versicherte, dass er mit seinen vier Pferden, welche das beste Geschirr in Mans wären, überall durchkommen wollte. Übrigens wäre die schlimmste Stelle höchstens vier- oder fünfhundert Schritt lang, und der andere Weg über Sankt Peter wäre länger und eben nicht viel besser; auch kämen bloss die Pferde und der Wagen in den Morast, denn die Fussgänger könnten den Feldweg gehen, wo sie bloss einige Hecken zu übersteigen hätten, dahin gepflanzt, um den Pferden den Durchgang zu wehren. Sie nahmen also diesen Weg. Die Etoile bat, dass man es ihr sagen sollte, wenn man an die schlimme Stelle käme; sie wollte lieber im guten Weg zu Fuss gehen als im schlimmen reiten. Angelique und die Caverne erbaten das gleiche, welch letztere befürchtete, der Wagen möchte umwerfen. Als sie nun an die Stelle kamen, stieg Angelique von Ragotins Pferd, Destin half der Etoile absteigen, und man half der Caverne vom Wagen. Roquebrune stieg auf das Pferd der Etoile und folgte Ragotin, der gerade hinter dem Wagen ritt. Als sie nun mitten in dem Morast an eine Stelle kamen, wo bloss soviel Platz war, dass der Wagen durchkommen konnte, obgleich der Weg sehr breit war, trafen sie auf einige zwanzig Fuhrpferde, welche von fünf bis sechs Bauern geführt wurden. Die Bauern schrien dem Fuhrmann zu, er sollte mit dem Wagen zurückfahren, der Fuhrmann aber schrie ihnen noch stärker entgegen, sie sollten selbst zurückgehen, weil sie es leichter tun könnten als er; auf die rechte oder linke Seite auszuweichen war nicht möglich, weil auf beiden Seiten unergründliche Sümpfe waren. Die Bauern, die grob wurden, schrien so stark und stiessen so heftig gegen den Wagen, dass die Pferde wild wurden, die Stränge entzweirissen und in die Sümpfe fielen; die Deichsel bog sich ein wenig links, wodurch das Rad auch nach dieser Seite hingedreht wurde; da es aber daselbst keinen festen Boden fand, so schlug der ganze Karren um. Ragotin, der voller Stolz und Zorn war, schrie wie ein Besessener den Fuhrleuten zu und glaubte auf der rechten Seite durchzukommen, wo Platz leer zu sein schien, denn er wollte zu den Bauern hin, denen er mit seinem Karabiner drohte. Er ritt also vor, doch sein Pferd kam so tief in den Morast, dass alles was er tun konnte, war, geschwind die Steigbügel zu verlassen und abzusteigen. Er fiel aber hinein bis unter die Achseln, und hätte er nicht die Hände ausgestreckt, so wäre er gewiss bis an das Kinn eingesunken. Dieser Zufall machte alle die auf dem Feldweg gingen, stillstehen, um ihm zu helfen. Der Poet, welcher immer gross tat, hielt an und trieb sein Pferd wieder aufs Trockene zurück. Die Bauern, die nun so viele Leute mit Gewehren vor sich sahen, wichen aus Furcht vor Schlägen stillschweigend zurück und nahmen einen andern Weg. Nun musste man suchen, alles wieder in Ordnung zu bringen, und vorzüglich an Herrn Ragotin anfangen, der mit samt seinem Pferd wirklich in Gefahr zu sein schien. Olive und Rancune legten zuerst Hand an, allein als sie sich ihm näherten, fielen sie bis an die Schenkel hinein und wären noch tiefer eingesunken, wenn sie weiter vorgegangen wären. Nachdem sie nun verschiedene Stellen untersucht hatten, ohne festen Grund zu finden, sagte Rancune, der immer Ausflüchte wusste, ganz ernsthaft, es wäre kein ander Mittel, um Ragotin aus der Gefahr zu retten, als dass man ihm einen Strick vom Wagen um den Hals bände und ihn von einem von den Pferden herausziehen liesse, die nun wieder auf gutem Weg standen. Dieser Vorschlag erregte allgemeines Gelächter bei der Gesellschaft, allein Ragotin fürchtete sich ebensosehr davor als damals, als er ihm mit dem Messer den Hut auf dem Gesicht entzweischneiden wollte. Der Fuhrmann aber, der sich schon für seine Pferde gewagt hatte, wagte sich noch einmal um Ragotin; er näherte sich ihm und zog ihn nach und nach heraus und führte ihn auf das Feld, wo die Komödiantinnen standen, die das Lachen kaum zurückhalten konnten. Nun machte sich der Fuhrmann auch an sein Pferd, welches, da es sehr stark war, mit Müh und Not herausgebracht wurde. Hierauf packten Rancune, Olive und der Fuhrmann, die alle drei ganz voller Morast waren, den Wagen ab, hoben ihn in die Höhe und packten ihn wieder auf. Es wurde sogleich wieder angespannt und die Pferde zogen ihn aus der bösen Stelle heraus. Ragotin stieg mit vieler Mühe wieder auf sein Pferd, denn das Geschirr war entzwei gegangen, allein Angelique wollte sich nicht wieder hinten aufsetzen, aus Furcht, ihre Kleider zu verderben. Die Caverne sagte, sie wollte lieber zu Fuss gehen, Fräulein de l'Etoile sagte das gleiche und Destin führte sie bis an die Grüne Eiche, das erste Wirtshaus, das man auf dem Wege von Mans nach der Vorstadt von Montfort antrifft. Hier hielten sie an, weil sie in einem solchen Aufzug nicht gerne in die Stadt wollten. Nachdem diejenigen, die gearbeitet hatten, getrunken, wendeten sie den noch übrigen Teil des Tages daran, ihre Kleider zu trocknen, nachdem sie andere aus dem Koffer herausgenommen hatten; denn die Noblesse von Mans hatte jedem ein Kleid zum Geschenk gemacht. Die Komödiantinnen waren viel zu müde, um viel zu essen, daher sie denn bald zu Bett gingen. Die Komödianten aber assen erst noch tüchtig, ehe sie sich hinlegten. Alle waren noch im ersten Schlaf, als ein Haufen Reiter an das Tor der Schenke anpochte. Der Wirt antwortete, sein Haus wäre voll und es wäre schon zu spät. Sie pochten aber noch stärker und drohten, die Türe einzuschlagen. Destin, der immer an Saldagne dachte, glaubte er wäre es, der jetzt mit Gewalt seine Etoile entführen wollte; doch als er aus dem Fenster sah, entdeckte er im Mondschein einen Menschen, dem die Hände auf den Rücken gebunden waren. Er sagte es seinen Kameraden, die so wie er bereit waren, jeden zu empfangen; doch Ragotin sagte, es wäre gewiss niemand anders als la Rappinière, der vermutlich einen Dieb gefangen, denn er wäre darauf ausgeritten. Sie wurden in dieser Meinung bestärkt, als sie dem Wirt im Namen des Königs befehlen hörten, aufzumachen. »Aber«, sagte Rancune, »warum führt er ihn nicht nach Mans oder nach Beaumont-le-Vicomte oder nach Fresnay? Denn wenn schon dieser Flecken zu Maine gehört, so ist ja kein Gefängnis da, es muss da was dahinter stecken.« Der Wirt war gezwungen aufzumachen, und la Rappinière trat mit zehn Häschern herein, die einen gebundenen Menschen führten, der aber nur dazu lachte, besonders wenn er den Rappinière ansah. Dies tat er, wider die Gewohnheit seinesgleichen, sehr dreist und das war vermutlich die Hauptursache, warum der ihn nicht nach Mans führte. Nun aber muss man wissen, dass verschiedene Diebstähle vorgefallen und einige Bauernhöfe waren ausgeräumt worden, daher denn la Rappinière sich auf den Weg machte, um die Täter aufzusuchen. Da er nun mit seinen Häschern an den Wald von Persaine kam, sahen sie einen Menschen herauskommen; als dieser aber den Haufen Reiter sah, ging er wieder in den Wald hinein, woraus denn la Rappinière schloss, dass es einer der Räuber sein müsste. Er jagte ihm mit seinen Leuten so geschwind nach, dass sie ihn einholten. Der antwortete aber ganz verwirrt auf alle Fragen, die la Rappinière an ihn tat. Jedoch der Täter schien er nicht zu sein, da er sogar lachte und dem Rappinière dreist ins Gesicht sah, welcher je länger er ihn betrachtete, desto mehr überzeugt wurde, ihn einmal wo gesehen zu haben, worin er sich auch nicht irrte; denn zu der Zeit, als sie einander gekannt hatten, trug man noch kurze Haare und gar keinen Bart und auch andere Kleider. Alles dies machte ihn unkenntlich. Er liess ihn jedoch an eine Bank in der Küche anbinden und gab ihm zwei Häscher zur Wache und ging nach einer kleinen Mahlzeit zu Bette. Den andern Morgen stand Destin zuerst auf, und da er durch die Küche ging, sah er zwei Häscher auf einem Strohsack eingeschlafen, und einen Menschen an einer Bank angebunden, der ihm winkte näher zu kommen. Er tat es, verwunderte sich aber sehr, als der Gefangene ihm sagte: »Erinnert Ihr Euch noch, als Ihr auf der Neuen Brücke zu Paris angegriffen und bestohlen wurdet, hauptsächlich aber eine Dose mit einem Porträt verloret? Ich war damals mit la Rappinière, unserm Hauptmann, dabei, und er befahl mir Euch zuerst anzugreifen. Das übrige wisst Ihr alles. Ich habe erfahren, dass Doguin Euch vor seinem Ende alles bekannt und dass la Rappinière Euch die Dose wiedergegeben hat. Nunmehr zeigt sich eine schöne Gelegenheit, Euch zu rächen, denn führt er mich nach Mans, wie es vielleicht sein kann, so werde ich unfehlbar gehangen werden, allein es steht bloss bei Euch, dass er mit mir gehangen wird. Ihr braucht bloss meine Aussage mit der Eurigen zu bekräftigen. Und dann wisst Ihr, wie streng die Gerichte zu Mans sind.« Destin verliess ihn und wartete bis la Rappinière aufgestanden war. Nunmehr gab er ihm einen deutlichen Beweis, wie wenig rachgierig er war, denn er entdeckte ihm das Vorhaben des Gefangenen, und sagte ihm alles, was er gesagt hatte, und riet ihm, zurückzugehen und diesen Kerl freizulassen. Er wollte warten, bis die Schauspielerinnen aufgestanden wären, um ihnen vorher einen guten Morgen zu wünschen, allein Destin sagte ihm gerade heraus, dass die Etoile ihn nicht würde ansehen können, ohne aufs äusserste, und zwar mit Recht, gegen ihn aufgebracht zu sein. Er sagte ihm ferner, dass, wenn der Unteramtmann von Alençon die Sache erführe, so würde er ihn gefangen nehmen lassen. Er glaubte es, liess den Gefangenen laufen, stieg mit seinen Häschern wieder zu Pferd und ritt fort, ohne den Wirt zu bezahlen – was bei ihm etwas gewöhnliches war – und ohne dem Destin zu danken, so sehr verwirrt war er. Nach seiner Abreise rief Destin den Olive, Roquebrune und den Theatermaler, und führte sie in die Stadt; sie gingen geradezu auf das Ballhaus, wo sie sechs Edelleute beim Spiel fanden. Er fragte nach dem Wirt, und als die, die auf der Galerie standen, sahen, dass es Komödianten waren, sagten sie es den Spielern. Diese endeten ihr Spiel und gingen auf ein Zimmer. Während Destin sich mit dem Wirt unterhielt, kamen sie wieder halb angekleidet herunter, grüssten den Destin und fragten ihn um alle Umstände der Truppe, aus wie viel Personen sie bestünde, ob gute Akteure darunter wären, ob sie schöne Kleider hätten und ob die Weiber schön wären? Destin beantwortete ihnen alles, worauf sie ihm ihre Dienste anboten und den Wirt baten, sie anzukleiden; auch sagten sie ihm noch, dass wenn er sich gedulden wollte, bis sie angezogen wären, so wollten sie eins zusammen trinken, was Destin annahm, um sich Freunde zu machen, im Fall Saldagne, den er noch immer fürchtete, ihn aufsuchte. Unterdessen wurde er wegen der Miete mit dem Wirt einig, und der Maler ging, um einen Tischler zu holen, der das Theater nach dem Riss, den er ihm gab, aufbauen sollte. Da nun die Spieler angekleidet waren, kam Destin mit so gutem Anstand wieder zu ihnen, dass sie ihn für einen verständigen Mann hielten und Freundschaft mit ihm schliessen wollten. Sie fragten ihn, wo die Truppe sich einquartiert hätte, und da er ihnen antwortete, in der Grünen Eiche des Vororts Montfort, so sagten sie: »Wir wollen miteinander in ein anderes Wirtshaus gehen, das Euch besser ansteht, und dort trinken und den Handel schliessen helfen.« Sie gingen dahin, mieteten drei Zimmer und frühstückten ziemlich stark; ihre Unterhaltung aber betraf grösstenteils Verse und Komödien. Sie wurden bald gute Freunde und gingen mit ihm zu den Theaterdamen, die eben zu Mittag essen wollten, weswegen sie sich auch nicht lange bei ihnen aufhielten; sie unterhielten sich jedoch in dieser kurzen Zeit sehr artig mit ihnen und boten ihnen ihre Freundschaft und ihren Schutz an, denn sie waren die Vornehmsten der Stadt. Nach Tische wurde das Gepäck nach dem Goldenen Kelch getragen, der Wohnung, die Destin gemietet hatte; und als das Theater aufgerichtet war, begann das Spiel. * Sechstes Kapitel. Saldagnes Tod Wir haben in dem vorigen Teil dieses Romans Saldagne verlassen, wie er von seinem Fall noch krank in dem Haus des Baron d'Arques in Vervilles Zimmer lag. Und seine Bedienten verliessen wir in einer Dorfschenke zwei Meilen weit davon ganz betrunken, wo Vervilles Bedienter grosse Mühe hatte, ihnen verständlich zu machen, dass das Frauenzimmer entwischt sei, und dass der andere Mann, den ihnen ihr Herr zugegeben hatte, ihr mit dem andern Pferd nachgesetzt sei. Nachdem sie sich die Augen ausgerieben und zwei- bis dreimal gegähnt und sich ausgestreckt hatten, wollten sie ihr nun auch nachsetzen. Der Bediente aber führte sie einen falschen Weg. Sie ritten drei Tage vergebens und kehrten endlich wieder zu Saldagne zurück, der von seinem Fall noch nicht kuriert war und noch nicht aus dem Bett konnte. Sie brachten ihm die Nachricht, dass die Person ihnen entwischt sei, dass aber der Mensch, den ihnen Herr von Verville mitgegeben hatte, ihr nachsetzte. Saldagne wollte bei dieser Nachricht ganz rasend werden, und es war ein Glück für seine Bedienten, dass er im Bett lag, anders würde es gewiss nicht bei dem blossen Schimpfen geblieben sein. Er ärgerte sich so sehr, dass sein Übel sich verschlimmerte und er das Fieber wieder bekam; als der Wundarzt eintraf, um ihn zu verbinden, fand er das Bein so entzündet, dass er den Brand befürchtete. Er ging daher zu Verville, dem er den Zustand erzählte. Verville begab sich selbst zu Saldagne, um ihn nach seinem Befinden zu fragen. Er bedauerte ihn sehr und sagte, dass er dies alles angestellt hätte, um ihn aus den allerschlimmsten Sachen zu ziehen, in die er je wäre verwickelt gewesen. »Denn«, sagte er, »Ihr sagt wohl, dass niemand das Mädchen aufnehmen wollte; und ich muss es Euch gestehen, dass ich es bloss deswegen getan habe, um sie wieder in die Hände ihres Bruders und ihrer Freunde zu geben. Bedenkt selbst, was aus Euch geworden wäre, wenn man eine Untersuchung wegen Entführung gegen Euch angestellt hätte, ein Hauptverbrechen bei uns, das niemals vergeben wird! Ihr glaubt vielleicht, dass ihre geringe Herkunft und der Stand, den sie erwählt hat, Euern Handel würde entschuldigt haben, aber hierin betrügt Ihr Euch; denn sie ist die Tochter eines Edelmannes, und es wäre gewiss schlimm für Euch ausgegangen, wenn auch die Gerechtigkeit geschwiegen hätte. Sie hat einen Bruder, der sich gewiss würde an Euch gerächt haben, denn er ist ein Mann von Mut, Ihr habt es bei verschiedenen Gelegenheiten selbst erfahren, und dies sollte Euch bewegen, ihn vielmehr zu schätzen als so zu verfolgen. Es ist Zeit, diese vergeblichen Anschläge aufzugeben, die Euch am Ende unglücklich machen könnten. Ihr wisst, dass Verzweiflung alles wagt, es ist also besser, Ihr lasst ihn in Ruhe.« Aber diese Worte, die Saldagne zur Besinnung bringen sollten, vermehrten nur seine Wut, und er sann auf neue Anschläge, die er in Gegenwart Vervilles verbarg und nachher auszuführen suchte. Er machte, dass er gesund wurde, und sobald er wieder das Pferd besteigen konnte, nahm er Abschied von Verville und machte sich sogleich auf den Weg nach Mans, wo er die Gesellschaft anzutreffen glaubte. Als er erfuhr, dass sie nach Alençon gegangen wäre, beschloss er, ihr dahin zu folgen. Er kam durch Vivain, wo er seine Leute und drei Spitzbuben, die er mit sich genommen hatte, ausruhen liess. Als er in die Schenke Zum Hahn eintrat, hörte er einen grossen Lärm. Es waren die Tuchhändler, die auf den Markt zu Beaumont gegangen waren und dort erst den Diebstahl Rancunes entdeckt hatten. Sie kehrten also zurück und beklagten sich bei der Wirtin, die ihnen aber antwortete: sie wäre nicht verbunden, dafür zu stehen, weil sie ihr die Ballen nicht in Verwahrung gegeben, sondern in ihr Zimmer hätten bringen lassen. Die Kaufleute antworteten, dies wäre wohl wahr, allein warum sie die Komödianten hätte in ihrer Stube schlafen lassen? »Habt Ihr denn«, fragte sie, »Euere Ballen aufgemacht und Euere Stricke versehrt gefunden?« – »Nein«, sagten die Kaufleute, »und dies wundert uns eben am meisten, denn sie waren so zugeschnürt, als wenn wir es selbst getan hätten.« – »Nun, so lasst mich ungeschoren«, sagte die Wirtin. Die Kaufleute wollten antworten, allein Saldagne schwur, dass er sie alle prügeln wollte, wenn sie mit ihrem Lärm fortführen. Die armen Leute wurden durch den Anblick so vieler und so böser Leute gezwungen, zu schweigen, und bis nach deren Abreise zu warten, um aufs neue ihren Streit mit der Wirtin anzufangen. Nachdem nun Saldagne, seine Leute und seine Pferde ausgeruht hatten, nahm er den Weg nach Alençon, wo er spät ankam. Er schlief die ganze Nacht nicht und sann bloss auf Mittel, sich an Destin zu rächen, der ihm seine Beute geraubt hatte, und da er ein grausamer Mann war, so wählte er auch grausame Mittel dazu. Den andern Tag ging er mit seiner Gesellschaft in die Komödie und bezahlte für sie. Da sie niemand kannte, hielt man sie für Fremde, Saldagne selbst aber bedeckte sich mit seinem Mantel und drückte den Hut tief ins Gesicht, wie jemand, der nicht erkannt sein will. Er setzte sich und sah die Komödie mit an, die ihm aber ebensoviel Langweile als andern Vergnügen machte, denn alle bewunderten die Etoile, die an diesem Tag die Kleopatra in dem Trauerspiel Pompejus des Herrn Corneille spielte. Als die Vorstellung zu Ende war, blieb Saldagne mit seinen Leuten im Ballhaus, um den Destin dort anzugreifen. Allein die Gesellschaft hatte sich bei dem Adel und den vornehmsten Bürgern so sehr in Gunst gesetzt, dass die Mitglieder niemals ohne grosses Gefolge vom Theater nach Hause gingen. Diesen Tag hatte eine junge, sehr schöne Witwe, namens Frau von Villefleur, die Theaterdamen zu Tisch gebeten, was Saldagne mit anhörte; sie lehnten es sehr höflich ab, allein da sie so sehr darauf bestand, so versprachen sie zu kommen. Hierauf gingen sie mit starker Begleitung nach Haus, besonders waren es die Edelleute, mit denen Destin im Ballhaus Bekanntschaft gemacht hatte, und dies hinderte Saldagne, den bösen Anschlag auszuführen, weil er mit so vielen Leuten nicht anbinden wollte. Aber er fasste den Entschluss, die Etoile, wenn sie von Frau von Villefleur zurückkäme, mit Gewalt zu entführen, und alle zu ermorden, die sich ihm widersetzen würden. Die drei Schauspielerinnen gingen also zu der gastlichen Dame. Diese war, wie schon gesagt, sehr schön und galant, was beides immer die Gesellschaft in ihr Haus zog, die diesen Abend noch durch die Gegenwart der Schauspielerinnen vermehrt wurde. Saldagne dachte sich, dass er die Etoile ebenso leicht würde entführen können wie damals, da Destins Bedienter sie dem Rappinière zuführen wollte. Er nahm also ein starkes Pferd und gab es einem seiner Bedienten zu halten, den er an die Haustüre der Frau von Villefleur stellte, einer kleinen Gasse zu, nicht weit vom Rathaus; er glaubte, es würde ihm leicht werden, die Etoile unter einem Vorwand herauszurufen und sie mit Hilfe seiner drei Kerle, welche auf dem grossen Platz herumschlenderten, auf das Pferd zu setzen und sie nach seinem Gefallen fortzuführen. Er schmeichelte sich mit diesen Gedanken und glaubte schon den Raub in Händen zu haben, allein es traf sich, dass ein Geistlicher, einer von der Art, der die artige Gesellschaft liebt und dem Theater sehr ergeben ist, diesen Abend bei Frau von Villefleur zubringen wollte. Da er nun einen fremden Bedienten, den er gar nicht kannte, mit einem Pferd an der Hand antraf, und auf die Fragen, wer er wäre, was er da wolle, und ob sein Herr im Hause wäre, nur halbe Antworten bekam, so ging er zu der Gesellschaft in den Saal und erzählte alles, was er gesehen hatte und sagte auch, dass er verschiedene Personen in dem kleinen Gässchen hätte gehen hören. Destin, der den Mann, der sich das Gesicht mit dem Mantel bedeckte, genau beobachtet hatte, und dem Saldagne immer im Gedanken war, zweifelte nicht mehr, dass er es wäre; aber er hatte noch niemandem etwas davon gesagt, sondern nur alle seine Freunde zu Frau von Villefleur genommen, um die Damen zu begleiten. Als er den Geistlichen angehört hatte, wurde er in seiner Meinung bestärkt, dass es Saldagne wäre, der nun eine zweite Entführung seiner geliebten Etoile versuchen wollte. Man beratschlagte nun, was zu tun wäre und beschloss, die Sache abzuwarten, und, wenn vor der Zeit des Nachhausegehens niemand erschiene, so wollte man mit aller der nötigen Behutsamkeit, die eine solche Sache erforderte, hinausgehen. Allein es dauerte nicht lange, so kam ein fremder Mensch herein und verlangte Mademoiselle de l'Etoile zu sprechen; eine ihrer Freundinnen hätte ihr unten auf der Strasse etwas zu sagen, und liesse sie bitten, hinunter zu kommen. Man meinte, dass Saldagne durch dieses Mittel seinen Zweck erreichen wollte, und jeder in der Gesellschaft machte sich bereit, ihn gehörig zu empfangen. Man beschloss, keine von den Schauspielerinnen hinuntergehen zu lassen, dagegen schickte man ein Kammermädchen der Frau von Villefleur ab, die Saldagne sogleich ergriff, weil er glaubte, es wäre die Etoile. Er erstaunte sehr, als er sich alsbald von einer Menge bewaffneter Leute umringt sah; ein Teil war durch die kleine Türe und ein anderer durch die auf den grossen Platz herausgekommen. Da er nun wie alle Leute seiner Art der Vernunft kein Gehör gab und nicht bedachte, dass seine Leute nicht bei ihm wären, so schoss er unbesonnenerweise eine Pistole ab, wodurch einer von den Komödianten leicht an der Hand verwundet wurde. Ein Dutzend Schüsse antworteten darauf. Saldagnes Leute, die den Lärm hörten, liefen davon, wie es gemeiniglich diese gedungenen Kerls zu machen pflegen. Saldagne war hingestürzt, denn er hatte einen Schuss in den Kopf und zwei in den Leib bekommen. Man brachte Licht, aber niemand sonst kannte ihn, nur die Komödianten, die versicherten, es wäre Saldagne. Man hielt ihn für tot, ob er es gleich noch nicht war, und half daher seinem Bedienten, ihn quer über sein Pferd zu legen. Er führte ihn in seinen Gasthof, wo man noch einiges Leben bei ihm bemerkte, weshalb ihn der Wirt verbinden liess. Aber er starb den andern Tag. Sein Leichnam wurde nach Hause gebracht, wo ihn seine Schwester und seine Schwäger empfingen. Sie beweinten ihn, ob sie gleich im Grunde über seinen Tod erfreut waren. Ich vermute, dass Frau von Saint-Far heimlich wünschte, dass ihrem Mann ein Gleiches begegnen möchte, und dies hätte er wegen seiner Sympathie für Saldagne wohl verdient; doch will ich kein vorschnelles Urteil fällen. Die Gerechtigkeit fing an, einige Schwierigkeiten zu machen, aber da sich niemand fand und auch kein Kläger auftrat, so wurde die Sache unterdrückt. Die Schauspielerinnen wurden nach Haus begleitet, wo sie den andern Tag den Tod des Saldagne erfuhren, worüber sie sich billigerweise sehr freuten, denn sie hatten überall nur Freunde, und keinen sonst als diesen Feind gehabt. * Siebentes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte der Caverne Destin und Olive gingen andern Tags zu dem Geistlichen, den man den Prior von Saint-Louis nannte, um ihm dafür zu danken, dass sie durch seine Vermittlung dem grössten Unglück entgangen wären, weil sie nun nach dem Tod des elenden Saldagne, der sie immer verfolgt hatte, nichts mehr zu fürchten hätten. Man darf sich eben nicht wundern, dass diese Gesellschaft von einem Geistlichen unterstützt wurde, da man in diesem Roman schon verschiedene Beispiele von guten Diensten gefunden, welche ihnen von Geistlichen geleistet wurden, sowohl in der Schenke, als man sich in der Nacht herumprügelte, als auch in der Sorgfalt, Angeliquen nach ihrer Wiederkunft zu schützen. Dieser Prior, der bisher bloss ein Bekannter von ihnen war, schloss nun gute Freundschaft mit ihnen, sie besuchten einander und assen öfters zusammen. Eines Tages nun, als der Prior bei den Komödianten war und man diesen Tag eben nicht spielte, bat Destin und Etoile die Caverne um die Fortsetzung ihrer Geschichte. Sie wollte sich zwar anfangs nicht dazu entschliessen, allein nach einigem Husten und Räuspern wollte sie zu reden anfangen, als der Prior fortgehen wollte, weil er glaubte, sie hätten etwas Geheimes zu reden, das er nicht anhören dürfe. Aber die ganze Gesellschaft hielt ihn zurück und bezeugte ihm, dass sie es gerne sähe, wenn er ihre Begebenheiten mit anhörte. »Und ich«, sagte die Etoile, »vermute, dass Sie selber Ihr jetziges Alter nicht erreicht haben, ohne Abenteuer zu erleben, denn Sie sehen mir nicht so aus als wenn Sie immer den Priesterrock getragen hätten.« Diese Worte machten den Prior etwas verlegen, und er gestand ihnen, dass seine Begebenheiten in einem Roman eben nicht schlechtere Figur machen würden als jene fabelhaften Geschichten, die man gemeiniglich da hineinbringt. Die Etoile antwortete, dass sie gerne glaubte, seine Erlebnisse verdienten angehört zu werden, und bat ihn, sie ihnen bei nächster Gelegenheit zu erzählen, was er auch gefällig versprach. Nun nahm die Caverne das Wort und fuhr in ihrer Geschichte folgendermassen fort: »Wir sind bei dem Hasen, der uns so fürchten machte, stehen geblieben. Der Vorschlag, den der Baron von Sigognac meiner Mutter durch den guten Priester tun liess, betrübte sie ebensosehr als ich mich darüber freute, und was sie noch trauriger machte war, dass sie nicht wusste, wie sie aus diesem Schloss herauskommen sollte. Allein wären wir nicht weit gekommen, ohne dass er uns nachschicken und uns einholen lassen konnte; und vielleicht hätte er uns nachher übel begegnet. Ausserdem mussten wir auch unsere Kleider zurücklassen, welches noch das einzige war, womit wir uns zu erhalten hofften; allein das Glück gab uns ein besseres Mittel in die Hand. Dieser Edelmann, der sonst immer sehr wild und unmenschlich gewesen war, war auf einmal von der grössten Unempfindlichkeit zu der sanften Leidenschaft der Liebe übergegangen, die er noch nie gekannt hatte; und zwar wirkte sie so stark auf ihn, dass er todkrank darüber wurde. Im Anfang seiner Krankheit nahm es meine Mutter auf sich, ihn zu warten, aber sein Übel verschlimmerte sich, so oft sie sich seinem Bette näherte. Da sie nun dies bemerkte, und auch sonst eine kluge Frau war, so sagte sie zu seinen Bedienten, dass sie und ihre Tochter ihnen hier nur hinderlich wären, und sie daher bäte, ihr Pferde für sie und einen Karren für ihr Gepäck zu verschaffen. Sie wollten sich anfangs nicht dazu entschliessen; aber als der Pfarrer dazu kam und den Zustand des Barons sah, half er selbst mit, uns welche zu verschaffen. Wir liessen sogleich unser Gepäck aufladen, und nachdem wir von allen Leuten, hauptsächlich aber von dem freundlichen Pfarrer Abschied genommen hatten, schliefen wir die erste Nacht in einer kleinen Stadt von Périgord, deren Namen ich vergessen habe. Soviel weiss ich nur noch, dass es ebendie Stadt war, aus der man einen Wundarzt geholt hatte, als meine Mutter von den Leuten des Barons von Sigognac verwundet wurde, die uns für Zigeuner hielten. Wir stiegen in dem Gasthof ab, und man erkannte uns gleich für das was wir waren, denn eine Magd sagte ziemlich laut: »Nun werden wir hier Komödie haben, denn hier kommt der andere Teil der Truppe an.« Dies brachte uns auf den Gedanken, dass einige Überreste unserer Truppe da sein könnten, worüber wir sehr froh waren, weil wir uns nun vereinigen und unser Brot verdienen konnten. Wir irrten uns auch nicht; denn den andern Tag, als wir unsern Karren zurückgeschickt hatten, kamen zwei Komödianten, uns zu besuchen und sagten uns, dass einer ihrer Kameraden sie mit seiner Frau verlassen hätte, und dass, wenn wir uns mit ihnen vereinigen wollten, wir gut fortkommen könnten. Meine Mutter, die noch immer sehr schön war, nahm den Vorschlag an und man gab ihr die ersten Rollen; das andere Frauenzimmer, das noch da war, nahm die zweiten, und ich sollte machen, was man wollte, denn ich war noch nicht vierzehn Jahre alt. Wir spielten ungefähr zwei Wochen, denn diese Stadt war nicht imstande, uns länger zu erhalten. Ausserdem trieb auch meine Mutter, dass wir uns aus dieser Gegend entfernen sollten, aus Furcht, der Baron von Sigognac möchte wieder gesund werden, uns aufsuchen und schlimm begegnen. Wir machten ungefähr vierzig Meilen ohne Aufenthalt und in der ersten Stadt, wo wir wieder spielten, erklärte der Herr der Truppe, der sich Bellefleur nannte, meiner Mutter seine Liebe; aber sie dankte ihm und bat ihn, sich nicht zu bemühen, weil sie zu alt wäre und gesonnen, sich nicht wieder zu verheiraten. Als Bellefleur ihren festen Entschluss sah, sprach er von der Zeit an nicht weiter davon. Wir hatten drei, vier Jahre durch ziemlichen Erfolg; ich wuchs heran, meine Mutter aber wurde so kränklich, dass sie nicht mehr spielen konnte, und da ich unter dem Beifall der Truppe und der Zuschauer gespielt hatte, so gab man mir ihre Rollen. Bellefleur, der sie nicht zur Frau hatte erhalten können, hielt nun bei ihr um mich an, aber sie antwortete ihm nicht nach Wunsch, denn sie suchte Gelegenheit, wieder nach Marseille zu kommen. Da sie aber zu Troyes in der Champagne krank wurde, so eröffnete sie mir Bellefleurs Wünsche. Die Not zwang mich, ihn anzunehmen; übrigens war er auch ein recht braver Mensch. Freilich hätte er mein Vater sein können. Meine Mutter, die mich nun zu ihrer Beruhigung verheiratet sah, starb einige Tage nachher. Ich war so traurig darüber wie eine zärtliche Tochter es nur sein konnte, doch da die Zeit alle Wunden heilt, so fingen wir bald wieder an, zu spielen; einige Zeit nachher ward ich schwanger. Da meine Zeit herannahte, brachte ich dies Kind zur Welt, das Sie hier vor sich sehen, diese Angelique, die mich so viele Tränen gekostet hat, und vielleicht noch kosten wird, wenn ich länger lebe.« Destin unterbrach sie und sagte, dass sie in Zukunft nichts als Freude an ihr erleben würde, weil ein so vornehmer Herr wie Leander sie heiraten wollte. Das Sprichwort sagt: Lupus in fabula und dies traf hier ein, denn kaum hatte die Caverne aufgehört zu erzählen, als Leander eintrat. Er war schwarz gekleidet und hatte drei Bediente, auch schwarz gekleidet, bei sich, woraus man denn sah, dass sein Vater gestorben war. Der Prior von Saint-Louis ging nun fort und damit wollen wir dieses Kapitel beschliessen. * Achtes Kapitel. Ende von la Cavernes Geschichte Nachdem Leander die Gesellschaft begrüsst hatte, sagte Destin, dass man ihn wegen seines Vaters Tod trösten und zu dem grossen Vermögen, das er dadurch erhalten, Glück wünschen müsse. Leander dankte ihm für das letztere und gestand, dass er den Tod seines Vaters schon längst mit Ungeduld erwartet hätte. Indessen würde es sich nicht schicken, sogleich die Bühne zu betreten, besonders da er so nahe bei seiner Heimat wäre; welchen Entschluss alle billigten. Worauf ihn Fräulein de l'Etoile fragte, welchen Titel er künftig führen würde und wie sie ihn nennen sollten, worauf Leander antwortete: »Mein Vater war Baron Rochepierre, und diesen Titel könnte ich führen, aber ich will, dass man mich nicht anders als Leander nennt, denn unter diesem Namen war ich so glücklich, meiner geliebten Angelique zu gefallen. Diesen Namen will ich also bis an meinen Tod behalten, teils um dieser Ursache willen, teils auch, Euch zu überzeugen, dass ich das vor meiner Abreise gegebene Versprechen halten will.« Leander erzählte noch, dass er alle seine Sachen in Ordnung gebracht, Pächter über seine Güter gesetzt und von jedem sechs Monate vorausbezahlt bekommen hätte und daher etwa 6000 Pfund mitgebracht habe, damit die Truppe keinen Mangel litte. Auf diese Mitteilung folgte wie billig grosser Beifall. Hierauf nahm Ragotin das Wort und meinte, da Herr Leander in dieser Gegend nicht auftreten wollte, bäte er um dessen Rollen, er würde sie gewiss mit Beifall spielen. Aber Roquebrune, wie immer sein Gegner, sagte, dass ihm diese Rollen eher zukämen als einem so kleinen Stumpf wie er wäre, worüber die ganze Gesellschaft lachte. Destin erklärte, dass man es überlegen wolle, unterdessen möchte die Caverne nur in ihrer Geschichte fortfahren, was sie also tat: »Ich blieb bei meiner Niederkunft mit Angelique stehen. Auch habe ich Euch gesagt, dass uns zwei Komödianten besuchten und uns vorschlugen, unter ihre Truppe zu gehen, allein ich vergass zu sagen, dass der eine davon Olive war; der andere verliess uns später wieder und wir setzten an seine Stelle unseren Poeten ein. Hier aber fängt das grösste Malheur meines Lebens an. Eines Tages, als wir den Lügner des Corneille in einer flandrischen Stadt, wo wir uns gerade aufhielten, spielten, verliess ein Bedienter, der den Stuhl seiner Dame belegen sollte, seinen Posten und ging ins Wirtshaus. Sogleich nahm eine andere Dame Besitz davon. Als die, der der Stuhl gehörte, kam und ihn besetzt fand, sagte sie der, die ihn eingenommen hatte, sehr höflich, dies sei ihr Platz, und bat, dass sie ihn ihr überlassen möchte. Die andere sagte, wenn der Stuhl ihr gehörte, so möchte sie ihn nehmen, sie jedenfalls würde aber nicht von dem Platz weggehen. Hierauf folgte ein Wortwechsel; von den Worten kam man zum Streiten, die Mannspersonen mischten sich darein und die Verwandten von beiden Seiten bildeten Parteien, man schrie und stiess sich, und wir sahen dem Spiel durch die Löcher des Vorhanges zu. Mein Mann, der die Rolle des Dorante darstellen sollte, hatte seinen Degen an der Seite. Er sah kaum, dass einige zwanzig Degen gezogen wurden, als er von der Bühne hinunter sprang und sich mit dem Degen in der Hand in den Streit mischte. Aber einer von den beiden Parteien, der ihn vermutlich für seinen Gegner ansah, versetzte ihm hinterrücks einen Stich, dem er nicht ausweichen konnte, sonst würde er ihm gewiss nichts schuldig geblieben sein, da er ein guter Fechter war. Der Stoss ging ihm durchs Herz, er fiel, und alles lief auseinander. Ich stürzte von der Bühne herunter auf meinen Mann zu, den ich ohne Leben fand. Angelique, die damals ungefähr zwölf Jahre alt war, kam mit der übrigen Gesellschaft zu mir. Unsere Tränen waren vergebens. Ich liess meinen Mann begraben, nachdem die Obrigkeit ihn vorher besichtigt hatte und mich fragen liess, ob ich eine Klage stellen wollte. Ich antwortete aber, dass ich das Geld dazu nicht hätte. Wir verliessen also die Stadt, und die Not zwang uns zu spielen, obgleich unsere Truppe nicht sehr gut war, da uns ja der beste Akteur fehlte. Ausserdem war ich auch so traurig, dass ich nicht imstande war, meine Rolle auswendig zu lernen; indessen ersetzte Angelique, die heranwuchs, meine Stelle. Endlich kamen wir in eine holländische Stadt, wo wir Euch, Herr Destin, Euere Schwester und Rancune trafen. Ihr botet uns an, mit Euch zu spielen, und wir nahmen es mit Vergnügen an. Den Rest meiner Begebenheiten habe ich, wie ihr alle wisst, mit euch zusammen erlebt, wenigstens von Tours an, wo unser Türsteher einen Wachsoldaten tötete, bis hieher nach Alençon.« Die Caverne beendete hier ihre Geschichte und vergoss viele Tränen. Ein gleiches tat die Etoile, welche sie umarmte und so gut sie konnte zu trösten suchte. Sie sagte ihr, sie hätte nun Ursache ruhig zu sein, da ihre Tochter sich mit Leander vermählte, aber sie schluchzte so stark, dass sie ihr nicht antworten konnte, und auch wir daher diese Kapitel nicht fortsetzen können. * Neuntes Kapitel. Rancune foppt den Ragotin wegen Mademoiselle de l'Etoile. Ankunft einer Kutsche voll Adeliger, und anderweitige Abenteuer Ragotins Die Komödie nahm unterdes ihren Fortgang, und man spielte täglich zum grossen Vergnügen des glänzenden und zahlreichen Auditorium. Es ging auch alles ohne Unordnung ab, weil Ragotin immer hinter der Szene bleiben musste, wo er jedoch sehr unzufrieden darüber war, dass man ihm keine Rolle gab; aber man machte ihm Hoffnung, dass man ihn zur gehörigen Zeit schon auf die Bühne bringen würde. Beinahe täglich beklagte er sich darüber gegen Rancune, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, obgleich gerade ihm am allerwenigsten zu trauen war. Als er ihm aber einmal mehr als gewöhnlich deswegen zusetzte, sagte ihm Rancune: »Lassen Sie sich die Zeit nicht lange werden, Herr Ragotin, und merken Sie sich, dass zwischen dem Gerichtshof und dem Theater ein grosser Unterschied ist; denn ist man auf letzterem nicht sehr dreist und gefasst, so wird man leicht unterbrochen und bleibt stecken; ausserdem ist die Deklamation der Verse schwerer als Sie glauben. Man muss die Cäsuren genau beachten, und doch nicht merken lassen, dass man Poesie deklamiert, sondern so sprechen als wenn es Prosa wäre. Man darf sie auch nicht im singenden Ton vortragen, weder in der Mitte noch am Ende der Verse innehalten, wie die meisten tun, denn dies ist ein grosses Übel. In allem diesem muss man sehr sicher sein und dann seine Rede durch die Aktion beleben. Folgen Sie mir also und haben Sie noch eine Weile Geduld, oder begnügen Sie sich einstweilen in der Posse unter der Maske zu spielen. Sie können darin den zweiten Zani vorstellen, und wir haben einen Anzug, der Ihnen gut passen wird (es war der Anzug eines kleinen Jungen, der zuweilen diese Rolle spielte und Godenot hiess) – hierüber wollen wir mit Herrn Destin und Mademoiselle de l'Etoile sprechen.« Dies geschah noch an ebendem Tag und es wurde beschlossen, dass Ragotin den andern Abend diese Rolle spielen sollte. Rancune, der wie wir im ersten Teil gesehen haben, in der Posse sehr stark zu sein vorgab, brachte ihm bei, was er zu sagen hatte. Der Gegenstand des Stückes, das sie spielten, war eine Liebesintrigue, die Rancune zu Gunsten Destins abwickelt. Als er sich nun anschickte, dies ins Werk zu richten, erschien Ragotin auf der Bühne und Rancune redete ihn folgendermassen an: »Kleiner Junge, mein kleiner Godenot, wo läufst du so geschwind hin?« Hierauf wandte er sich gegen die Zuschauer und sagte, nachdem er Ragotin mit der Hand unters Kinn gefasst, um den Bart zu fühlen: »Meine Herren, bisher habe ich immer geglaubt, dass die Geschichte von der Verwandlung der Ameisen in Zwerge beim Ovid eine Fabel wäre; allein nun bin ich eines andern belehrt, denn unstreitig ist dieser kleine Mann von demselben Geschlecht, oder jener andere Kleine wieder auferstanden, auf den man vor ungefähr sieben- oder achthundert Jahren ein Liedchen gemacht hat, das ich Ihnen nun vorsingen will. Hören Sie einmal an: Mein Vater gab mir einen Mann einen kleinen, sehr kleinen Mann, so klein wie eine Ameise. Was soll, was soll, was soll ich damit? Was soll ich mit einem Mann, der doch so gar ist kein rechter Mann? Was soll mir ein so kleiner Mann?« Bei jedem Wort drehte Rancune den armen Ragotin bald auf diese, bald auf jene Seite und machte solche drollige Gebärden dazu, dass die ganze Gesellschaft laut lachte. Als nun Rancune das Liedchen geendigt hatte, wies er auf Ragotin und sagte: »Ja, er ist wieder auferstanden!« und indem er dies sagte, machte er das Band los, womit die Larve angebunden war, so dass Ragotin mit blossem Gesicht dastand und bald vor Scham, bald vor Zorn einmal über das andere rot wurde. Indessen machte er aus der Not eine Tugend, und um sich dafür zu rächen, sagte er zu Rancune, er wäre ein unwissender Mensch, da er alle Verse seines Liedes falsch gereimt hätte. La Rancune antwortete ihm aber: »Sie besitzen für einen so kleinen Mann eine grosse Unwissenheit, und haben nicht verstanden, als ich sagte, es sei ein altes Lied vor Zeiten in Frankreich verfertigt, und der Sprachgebrauch der Normandie, wo es verfertigt worden ist, bringe die Reime so mit sich.« Ragotin wollte eben antworten, als Destin auf der Bühne erschien, und sich über das lange Ausbleiben seines Bedienten Rancune beklagte, und da er ihn mit Ragotin in Wortwechsel fand, sie um die Ursache ihres Streites fragte. Aber er konnte sie nicht erfahren, denn sie sprachen immer alle beide zugleich und schrien dabei so sehr, dass er darüber ungeduldig wurde und den Ragotin gegen Rancune stiess; dieser schickte ihm ihn wieder zurück, und so warfen sie ihn von einem Ende der Bühne zum andern einander zu, bis endlich Ragotin der Länge nach hinfiel und auf allen Vieren unter dem hintern Vorhang der Bühne hinauskroch. Alle Zuschauer standen auf, um diesen Spass mit anzusehen, verliessen ihre Plätze und versicherten den Komödianten, dass dieser Spass mehr wert wäre als das Possenspiel selbst, das sie ohnehin nicht hätten weiterspielen können, denn die übrigen Aktricen und Akteurs schauten durch die Kulissen des Theaters zu, und lachten so sehr, dass es ihnen unmöglich gewesen wäre, zu spielen. Unerachtet dieses Stückchens verfolgte Ragotin den Rancune unaufhörlich, ihm die Gunst der Mademoiselle de l'Etoile zu verschaffen und traktierte ihn daher recht fleissig, was dem Rancune eben nicht missfiel, und er daher dem Ragotin immer noch mehr Hoffnung machte; da er aber selbst in sie verliebt war, so wagte er es nicht weder für sich selber noch für Ragotin mit ihr zu reden. Letzterer aber drang einmal so sehr in ihn, dass er gezwungen wurde, ihm folgendes zu sagen: »Mein lieber Ragotin, dieser Stern ist unstreitig einer von denen, so von den Astrologen Irrsterne genannt werden, denn so oft ich mit ihr von Ihrer Liebe reden will, lässt sie mich ohne Antwort. Und wie sollte sie mir antworten, da sie mich nicht einmal anhört? Ich glaube indessen die Ursache ihrer Sprödigkeit entdeckt zu haben und dies wird Ihnen zwar etwas unerwartet kommen, allein man muss auf alles gefasst sein. Dieser Destin, den sie für ihren Bruder ausgibt, ist nichts weniger als dies. Ich habe sie vor ein paar Tagen in einer Unterhaltung überrascht, worin man selten einen Bruder mit seiner Schwester sieht, und bin daher auf den Gedanken gekommen, er sei vielmehr ihr Liebhaber, und ich setze alles daran, dass wenn Leander und Angelique einander heiraten, sie ihnen alsbald nachfolgen. Wäre dies nicht, so würde sie gewiss Ihr Anerbieten nicht zurückweisen, da Sie doch ungerechnet Ihrer guten Manieren ein Mann von Stand und Verdiensten sind. Ich sage Ihnen dies, damit Sie diese Leidenschaft aus Ihrem Herzen ausrotten, die Ihnen nur vergebliche Qualen macht.« Der kleine Advokat war von dieser Rede so ergriffen, dass er Rancune mit einem Kopfschütteln verliess und sieben bis achtmal nach seiner Gewohnheit sagte: »Ihr Diener, Ihr Diener«. Nunmehr entschloss er sich, eine Reise nach Beaumont-le-Vicomte, einer kleinen Stadt ungefähr 5 Stunden weit von Alençon, zu machen, wo alle Montag ein grosser Markt gehalten wird. Er wählte also diesen Tag, um dahin zu reisen und gab der Truppe Nachricht davon, indem er sagte, er hätte eine Summe Geldes bei einem Kaufmann dieser Stadt zu beheben, und alle waren damit zufrieden. Rancune aber fragte ihn: »Wie wollen Sie denn dahin kommen? Ihr Pferd hat sich ja einen Nagel eingetreten und kann Sie also nicht tragen.« – »Tut nichts!« antwortete Ragotin. »Ich will ein Mietpferd nehmen, und finde ich keines, so gehe ich zu Fuss. Es ist ja nicht weit, und ich werde unterwegs Gesellschaft von Handelsleuten antreffen, die auch zu Fuss hingehen.« Er suchte also ein Pferd zu mieten, konnte aber keines bekommen. Daher schickte er zu einem Tuchhändler, der in der Nachbarschaft wohnte, und liess ihn fragen, ob er künftigen Montag nach dem Markt von Beaumont gehen würde, und als dieser es bejahte, so bat er ihn, dass er ihm dürfe Gesellschaft leisten, und der Kaufmann nahm es unter der Bedingung an, dass sie sogleich mit Aufgang des Mondes abreisen wollten, und dies war ungefähr um ein Uhr nach Mitternacht. Sie machten sich also zur bestimmten Stunde auf den Weg; noch ehe sie aber fortgegangen waren, hatte sich ein armer Nagelschmied dahin auf den Weg gemacht, der gewohnt war, mit seiner Ware die Märkte zu beziehen, um seine Nägel und Hufeisen zu verkaufen, die er in einem Sack auf dem Rücken trug. Als dieser nun auf die Landstrasse kam und weder hinter sich noch vor sich jemand sah, glaubte er, er sei zu früh abgereist. Ausserdem ergriff ihn auch ein Schrecken, als er daran dachte, dass er an dem Galgen vorbei müsste, woran damals eine ziemliche Menge hingen. Dies bewog ihn, von der Landstrasse abzugehen, und sich seitwärts auf einem kleinen Hügel unter eine Hecke zu legen, wo er einschlief. Kurz nachher kam der Kaufmann mit Ragotin. Sie gingen in kleinen Schritten und keiner von ihnen sprach, weil Ragotin der Kopf noch ganz voll von dem war, was Rancune ihm gesagt hatte. Als sie nun an den Galgen kamen, sagte Ragotin, sie wollten die Gehenkten zählen, und der Kaufmann liess es sich aus Höflichkeit gefallen. Sie traten also unter den Galgen, um sie zu zählen, und erblickten in dem Augenblick einen, der heruntergefallen und schon ganz vertrocknet war. Ragotin, der immer einen witzigen Einfall bei der Hand hatte, sagte zum Kaufmann, er möchte ihm helfen, den Gehenkten aufrichten, und sie wollten ihn an einen der Pfeiler anlehnen; und dies war um so leichter, da er ganz steif und trocken war. Als dies geschehen und sie vierzehn ohne den Heruntergefallenen an dem Galgen gezählt hatten, setzten sie ihren Weg fort. Sie waren noch nicht zwanzig Schritte weg, als Ragotin dem Kaufmann vorschlug, sie wollten dem Toten rufen, um zu sehen, ob er ihnen nachfolgen würde, und aus vollem Halse anfing zu schreien. »He da? Willst du mit uns gehen?« Der Nagelschmied, der eben nicht sehr fest schlief, stand sogleich auf und schrie ebenso stark wieder: »Ich komme, ich komme!« und lief ihnen nach. Nun fingen der Kaufmann und Ragotin an, auszureissen; je stärker sie aber liefen, desto geschwinder folgte ihnen der Nagelschmied, während er ihnen immerzu schrie: »Wartet doch!« Während dem Laufen machten die Nägel und Hufeisen, die er trug, ein Gerassel, was die Furcht der beiden andern vermehrte, denn nun glaubten sie, es wäre wirklich der Tote, den sie aufgerichtet hatten oder ein anderes Gespenst, das Ketten nachschleppte. (Denn der gemeine Mann glaubt noch immer, dass Gespenster mit Ketten erscheinen.) Sie konnten vor Schrecken und Zittern nun nicht weiter laufen, ihre Füsse konnten sie nicht mehr tragen, und so legten sie sich beide hin auf die Erde, wo sie der Nagelschmied fand, der ihnen ihre Furcht durch einen guten Morgen benahm und ihnen sagte, sie hätten ihn brav laufen machen. Sie konnten sich kaum erholen; als sie ihn aber als den Nagelschmied erkannt hatten, standen sie auf und setzten ihren Weg glücklich bis nach Beaumont fort, wo Ragotin seine Geschäfte besorgte und den andern Tag wieder nach Alençon zurückkehrte, wo er eben ankam, als die von der Truppe vom Tische aufstanden; er erzählte sein Abenteuer, worüber alle aus vollem Halse lachten. Die Frauenzimmer aber lachten so laut, dass man sie von einem Ende der Strasse bis zum andern hören konnte, bis endlich der Lärm durch die Ankunft einer Kutsche voll Landadel unterbrochen wurde. Es war ein gewisser Herr de la Fresnaye, der seine einzige Tochter verheiraten wollte und kam, um die Komödianten zu ersuchen, dass sie an dem Hochzeitstage bei ihm spielen möchten. Seine Tochter, die eben nicht viel Witz hatte, sagte, sie wünschte, dass die Silvia des Mairet aufgeführt würde. Die Komödianten hatten viel Mühe, das Lachen zu verhalten und sagten, man möchte ihnen das Stück verschaffen, weil sie es nicht mehr hätten. Das Frauenzimmer sagte hierauf, sie wollte es ihnen borgen, und setzte hinzu, sie besässe alle Schäferspiele und nannte ihnen eine Menge Titel her, deren Namen ich vergessen habe. Sie sagte noch, dergleichen Stücke wären für Leute, die wie sie auf dem Lande lebten, sehr gut, und überdies brauchte man keine so kostbaren Kleider dazu, als wenn man den Tod des Pompejus, Cinna, Heraklius oder Rodogune aufführen wollte. Ausserdem wären die Verse des Schäferspiels nicht so schwülstig wie die der Gedichte, und überhaupt wäre diese ganze Gedichtart der Einfalt unserer ersten Eltern, die sich selbst nach dem Sündenfalle bloss mit Feigenblättern bedeckten, am besten angemessen. Ihre Eltern hörten diese Rede mit Bewunderung an, und glaubten, der beste Redner des Königreichs wäre nicht imstande, so erhabene Gedanken und Ausdrücke hervorzubringen. Die Komödianten verlangten Zeit, um sich darauf vorzubereiten, und man bewilligte ihnen acht Tage. Die Gesellschaft ging nach Tische weg, als eben der Prior von Saint-Louis hereintrat. Die Etoile sagte ihm, er käme eben wie gerufen, und ersparte dadurch Olive die Mühe, ihn zu holen, damit er sein Versprechen erfüllen sollte. Und hiezu brauchte es keiner grossen Überredung, denn er kam eben um deswillen. Die Damen setzten sich auf ein Bett und die Komödianten auf Stühle, man verschloss die Tür und befahl, jedermann abzuweisen. Es wurde still und der Prior begann folgendermassen: * Zehntes Kapitel. Geschichte des Prior von Saint-Louis und Ankunft des Herrn von Verville Der Anfang dieser Geschichte wird Ihnen nur Langweile machen, weil er ganz genealogisch ist, aber dieser Eingang ist zum besseren Verständnis dessen, was Sie hören werden, nötig. Ich will meinen Stand nicht verbergen, weil ich hier in meiner Heimat bin. Vielleicht hätte ich anderswo für einen andern gelten können als ich wirklich bin, ob ich es gleich nie getan habe. In diesem Punkte bin ich immer sehr aufrichtig gewesen. Ich bin also in dieser Stadt geboren, die Frauen meiner beiden Grossväter waren vom Adel. Nun wissen Sie ja, dass die beiden ältesten Söhne beinahe das ganze Vermögen erhalten, die übrigen aber ziemlich leer ausgehen, und was die Mädchen betrifft, so bringt man sie (nach dem Gebrauch dieser Provinz) so gut unter wie man kann, und steckt sie entweder in ein Kloster, oder verheiratet sie an Personen von geringem Stande, vorausgesetzt, dass es ehrliche Leute sind und Vermögen haben, nach dem alten Sprüchwort dieses Landes: »Mehr Nutzen, weniger Ehre.« Demzufolge wurden meine beiden Grossmütter an zwei reiche Kaufleute verheiratet, wovon der eine mit Kattun und der andere mit Tuch handelte. Der Vater meines Vaters hatte vier Söhne, worunter mein Vater nicht der älteste war. Der meiner Mutter hatte zwei Söhne und zwei Töchter, wovon sie die eine war. Sie wurde mit dem zweiten Sohne des Kattunhändlers verheiratet, der das Geschäft aufgegeben hatte, um sich mit der Juristerei und Schikane zu nähren, und dies ist der Grund, warum ich nicht so vermögend bin wie ich sein könnte. Mein Vater hatte bei dem Handel viel gewonnen und hatte zur ersten Ehe eine Frau, die ohne Kinder starb. Er war schon ziemlich bei Jahren als er meine Mutter heiratete, und diese willigte in diese Heirat mehr aus Zwang als aus Neigung, auch hatte sie wirklich mehr Abneigung als Liebe für ihn. Und das war die Ursache, dass sie dreizehn Jahre miteinander lebten ohne Hoffnung, Kinder zu bekommen. Endlich aber wurde meine Mutter schwanger. Ihre Entbindung ging sehr schwer von statten, und sie musste vier Tage in Schmerzen zubringen. Endlich brachte sie mich am Abend des vierten Tages zur Welt. Mein Vater, der während dieser Zeit beschäftigt war, einen Mann, der seinen Bruder ermordet hatte, an den Galgen zu bringen, und vierzehn falsche Zeugen an den Staupbesen zu liefern, war vor Freuden ganz ausser sich als die Weiber, die er bei meiner Mutter im Hause zurückgelassen hatte, ihm die Geburt eines Sohnes verkündeten. Er traktierte sie aufs beste und machte, wie er mir selbst erzählt hat, einige davon betrunken, indem er ihnen weissen Wein statt Cyder zu trinken gab. Zwei Tage nach meiner Geburt wurde ich getauft, und der Name, den ich erhielt, tut nichts zu dieser Geschichte. Mein Pate war ein vornehmer und sehr reicher Mann, ein Nachbar meines Vaters, der von seiner Gemahlin die Entbindung meiner Mutter nach einem so unfruchtbaren Ehestande erfahren hatte, und also sich selbst zum Paten anbot, was auch sehr gern angenommen wurde. Da ich das einzige Kind meiner Mutter war, so wurde ich sehr sorgfältig und beinahe für ein Kind von meinem Stande zu sorgfältig erzogen. Als ich ein wenig grösser war, bemerkte man an mir einen lebhaften Verstand, und dies erwarb mir die Liebe aller derer, die mich kannten, und vorzüglich die meines Paten, der nur eine einzige Tochter hatte, die an einen Edelmann, den Paten meiner Mutter, verheiratet war. Sie hatte zwei Söhne, wovon der eine ein Jahr älter war als ich, und der andere ein Jahr jünger. Beide aber waren ebenso dumm und hartköpfig wie ich witzig und lebhaft. Daher liess mich mein Pate öfters holen, wenn Gesellschaft bei ihm war; denn er lebte sehr prächtig und bewirtete alle Prinzen und Adeligen, welche durch diese Stadt kamen. Ich musste sie durch Singen, Tanzen und Plaudern unterhalten, und war immer sehr gut gekleidet, um anständig erscheinen zu können. Vermutlich würde ich mein Glück durch ihn gemacht haben, wenn ihn nicht der Tod auf einer Reise nach Paris ereilt hätte. Damals fühlte ich diesen Todesfall nicht so wie seither. Meine Mutter liess mich studieren, und ich war recht fleissig. Als sie aber meine Neigung zum geistlichen Stande bemerkte, nahm sie mich von der Schule weg und brachte mich in die Welt, wo ich beinahe meiner Untergang gefunden hätte, ob sie gleich Gott ein Gelübde getan hatte, die Frucht, die er ihr geben würde, der Kirche zu weihen. Sie war gerade das Gegenteil von allen andern Müttern, die ihren Kindern alle Gelegenheiten zu Ausschweifungen nehmen, denn sie gab mir alle Sonn- und Festtage Geld zum Spiel und um mich in den Wirtshäusern lustig zu machen. Da ich aber ein gutes Gemüt hatte, so lief alles glücklich ab; ich schweifte nicht aus und begnügte mich, mich mit meinen Nachbarn zu unterhalten. Ich hatte einen jungen Knaben zum Freund, der einige Jahre älter als ich und der Sohn eines Offiziers der Königin-Mutter Ludwig XIII. war, und dieser hatte auch zwei Schwestern. Er bewohnte ein Haus in jenem schönen Parke, der, wie Sie wissen werden, vor Zeiten der Lustort der alten Herzoge von Alençon war. Dieses Haus hatte er von der Königin erhalten, der damals dieses Herzogtum als Appanage zugehörte, und wir brachten unsere Zeit in diesem Parke sehr vergnügt als Kinder zu, die weiter an keine Zukunft dachten. Dieser Offizier, Namens Dufresne, hatte einen Bruder, der Offizier beim König war, und dieser verlangte von ihm seinen Sohn, was ersterer nicht zu verweigern wagte. Bevor er abreiste, kam er zu mir, um Abschied zu nehmen, und dies war der erste schmerzhafte Augenblick meines Lebens. Wir weinten sehr bei unserer Trennung, aber noch mehr weinte ich, als drei Monate nachher seine Mutter mir seinen Tod hinterbrachte. Ich fühlte diesen Verlust so tief ich nur konnte, und weinte über ihn mit seinen Schwestern, die sehr traurig darüber waren. Die Zeit aber mässigte nach und nach unsern Schmerz. Eines Tages kam Mademoiselle Dufresne und bat meine Mutter, sie möchte erlauben, dass ich ihrer jüngeren Schwester, die man Mademoiselle du Lys nannte, um sie von der älteren zu unterscheiden, einigen Unterricht im Schreiben gebe, weil ihr Schreibmeister fortgegangen wäre und man keinen andern annehmen wollte, um der Stadt nicht bekannt zu machen, dass ihre Tochter noch so weit zurück wäre. Sie entschuldigte sich wegen dieser Freiheit mit unserer Freundschaft und sagte, es könne noch einen anderen Ausgang nehmen, und verstand darunter unsere Verheiratung, die nachher heimlich unter ihnen beschlossen wurde. Meine Mutter hatte mir kaum diesen Auftrag gegeben, so ging ich sogleich nach Tische hin und fühlte in mir schon einen geheimen Trieb, den ich mir aber damals nicht erklären konnte. Ich hatte kaum acht Tage lang mein Amt versehen, als die du Lys, welche die schönere der beiden Töchter war, sehr vertraulich mit mir wurde und mich öfters im Spass ihren kleinen Meister nannte. Damals fühlte ich zuerst eine Regung in meinem Herzen, die ich bisher noch nicht gekannt hatte, und ebenso ging es der du Lys. Wir waren unzertrennlich und kannten kein grösseres Vergnügen, als wenn man uns allein liess, was sehr oft geschah. Dies dauerte sechs Monate, ohne dass wir uns gegenseitig erklärten; allein unsere Augen sagten sich alles. Eines Tages versuchte ich ein Gedicht zu ihrem Lobe zu machen, um zu sehen, ob sie es gut aufnehmen würde; aber da dies der erste Versuch war, konnte ich nichts zustande bringen. Ich fing an, gute Romane und die Dichter zu lesen und gab die schöne Melusine, die Vier Haymons-Kinder, Robert den Teufel, die schöne Magellone und andere Kinderromane auf. Als ich nun einst die Werke des Marot las, fand ich darin ein Triolet, das ganz zu meinem Vorhaben passte. Ich schrieb es ab und gab es ihr und sah auf ihrem Gesichte, dass sie es mit Vergnügen las; nachher steckte sie es in ihren Busen, wo es später herausfiel und von ihrer älteren Schwester aufgehoben wurde, ohne dass sie es bemerkte. Allein ein Bedienter verriet es ihr, sie verlangte es also von ihrer Schwester zurück, und da diese Schwierigkeiten zu machen schien, so geriet sie in Zorn und klagte es ihrer Mutter, die ihrer Tochter befahl, es ihr sogleich wieder zu geben, was sie auch tat. Dieser Vorfall machte mir gute Hoffnung, obgleich auf der andern Seite mein geringer Stand mir den Mut ziemlich benahm. Während ich meine Zeit auf eine so angenehme Art hinbrachte, beschlossen meine Eltern, die schon ziemlich betagt waren, mich zu verheiraten und machten mir ihren Entschluss bekannt. Meine Mutter entdeckte meinem Vater ihre Absichten, die sie mit mir und Mademoiselle Dufresne hatte, wie ich schon vorhin erwähnte. Allein mein Vater, ein sehr geiziger Mann, antwortete ihr, dass dieses Fräulein zu vornehm für mich wäre, und dass, ob sie gleich die vornehme Dame spielen wollte, sie dennoch zu wenig Vermögen hätte. Da ich nun der einzige Sohn und mein Vater gewissermassen reich war, ich auch überdies einen Onkel zu beerben hatte, dessen Vermögen mir nicht entgehen konnte, so betrachteten mich mehrere Familien als eine gute Partie, und man bat mich sogar drei oder viermal mit Mädchen aus den besten Häusern zu Gevatter, was gewöhnlich der Vorbote der Heirat zu sein pflegt. Aber mein Herz gehörte ganz allein meiner geliebten du Lys. Meine Eltern verfolgten mich indes so sehr mit ihren Vorschlägen, dass ich mich entschloss, Kriegsdienste zu nehmen, ob ich gleich erst siebzehn Jahre alt war. Man warb damals in dieser Stadt Volk an, das unter den Befehlen des Herrn von Montgommery nach Dänemark marschieren sollte. Ich liess mich nebst drei meiner benachbarten Kameraden heimlich anwerben, und wir reisten miteinander fort. Meine Eltern waren darüber sehr betrübt, besonders ging es meiner Mutter sehr nahe. Damals wusste ich nicht, welche Wirkung diese plötzliche Abreise auf Fräulein du Lys hervorbrachte, denn ich hatte ihr nichts davon gesagt, aber nachher erfuhr ich es von ihr selbst. Wir schifften uns zu Havre-de-Grace ein, und unsere Seefahrt war glücklich bis in den Sund. Da aber erhob sich einer der fürchterlichsten Stürme, unsere Schiffe wurden hin und her geworfen, und das des Herrn von Montgommery, worin ich war, landete endlich glücklich am Ausfluss der Themse, auf der wir mit Hilfe der Flut nach London kamen. In dieser Hauptstadt von England blieben wir ungefähr sechs Wochen, und ich hatte unterdessen Gelegenheit, einen Teil der Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt und den königlichen Hof zu sehen, wo damals Karl Stuart der Erste regierte. Herr von Montgommery kehrte nach seinem Gute Pontorson in der Nieder-Normandie zurück, wohin ich ihm nicht folgen wollte, und ihn dagegen bat, mir zu erlauben, dass ich nach Paris gehen dürfte, worein er auch willigte. Ich verdung mich also auf ein Schiff, das nach Rouen ging, wo ich glücklich ankam und von dort mich nach Paris begab, wo ich einen nahen Anverwandten in Diensten des Königs antraf. Diesen bat ich, mir durch seine Vermittlung eine Stelle bei der Garde zu verschaffen. Er verwendete sich auch für mich und wurde mein Bürge – denn zur damaligen Zeit musste jeder, der unter der Garde diente, einen stellen – und ich kam zur Kompagnie des Herrn de la Rauderie. Mein Verwandter gab mir auch Geld, um mich wieder aufs neue zu equipieren – auf der Seereise hatte ich alles verdorben – und so konnte ich es einigen dreissig jungen vornehmen Adeligen gleichtun, die alle so wie ich die Muskete trugen. Zu der Zeit empörten sich die Prinzen und grossen Herren, darunter selbst der Herzog von Orleans, der Bruder des Königs, wider den König, doch die Klugheit und Geschicklichkeit des Kardinals Richelieu vereitelte ihren Plan und der König marschierte demzufolge mit einer starken Armee nach der Bretagne. Wir kamen nach Nantes, wo die erste Exekution der Rebellen an der Person des Grafen von Chalais vorgenommen wurde, dem man den Kopf abschlug. Dies jagte die übrigen so in Schrecken, dass sie mit dem König Frieden schlossen, der nun nach Paris zurückkehrte. Er kam durch Mans, wo mein Vater ungeachtet seines Alters mich besuchte; denn er hatte von meinem Verwandten in Paris gehört, dass ich unter der Garde wäre. Er bat mich von meinem Kapitän los und ich erhielt von ihm meinen Abschied. Nun kamen wir in meine Vaterstadt zurück und meine Eltern beschlossen, mich durch eine Heirat da festzuhalten. Die Frau eines Wundarztes, eine Nachbarin eines meiner Verwandten, liess während der Fasten die Tochter eines Polizei-Inspektors eines benachbarten Ortes kommen und lud mich zu sich ein, um sie mir zu zeigen. Nach einer Unterredung von einer Stunde, die ich in dem Hause meiner Verwandten mit ihr hatte, begab sie sich weg, und alsdann eröffnete man mir, dass man sie zu meiner Frau bestimmt hätte, worauf ich aber ganz kalt antwortete, sie gefiele mir nicht. Sie war im Grunde reich und schön genug, allein mir waren alle Frauen in Vergleich mit der Mademoiselle du Lys hässlich, und sie allein besass mich ganz. Ein Onkel von der Mutter Seite, den ich sehr fürchtete, kam hierauf eines Abends in unser Haus und nachdem er mich wegen der Verachtung, die ich gegen das Fräulein bezeigt hatte, derb ausgeschimpft, sagte er mir, ich müsste mich nun entschliessen, sie künftige Ostern zu besuchen, und es gäbe Personen, die weit mehr wert wären als ich, und die sich eine solche Verbindung zur Ehre rechnen würden. Ich sagte weder ja noch nein dazu, doch als Ostern kam, musste ich mich entschliessen, mit meiner Muhme und ihrem Sohne dahin zu gehen. Wir wurden sehr höflich empfangen und drei Tage daselbst bewirtet. Man führte uns nach allen Meierhöfen und Gütern des Polizei-Inspektors, und überall war ein kleines Fest. Wir besuchten auch noch den Pfarrer eines grossen, eine Stunde abgelegenen Dorfes, der des Fräuleins Onkel war, und wo wir sehr gut empfangen wurden. Endlich kehrten wir wieder heim; ich noch ebenso unverliebt wie vorher. Es wurde dessenungeachtet beschlossen, dass man in Zeit von vierzehn Tagen diese Heirat mit Ernst vornehmen wollte, und als die Zeit gekommen war, kehrte ich mit drei meiner Vettern, zwei Advokaten und einem Prokurator dahin zurück. Zum Glücke aber kam nichts zustande und die Sache wurde bis auf künftigen Mai verschoben. Allein hier traf das Sprüchwort ein: »Der Mensch denkt und Gott lenkt.« Meine Mutter wurde einige Tage vor diesem Feste krank und mein Vater legte sich vier Tage hernach auch. Beider Krankheit endigte mit dem Tode. Meine Mutter starb Mittwoch und mein Vater den Donnerstag derselben Woche. Ich selbst war krank, stand aber dennoch auf, um meinen strengen Onkel zu besuchen, der auch daniederlag und vierzehn Tage darauf starb. Einige Zeit nachher sprach man mir wieder von der Tochter des Polizei-Inspektors, die ich besucht hatte, aber da mich nun niemand mehr zwingen konnte, wollte ich nichts mehr davon hören. Mein Herz und meine Gedanken waren noch immer in jenem Park, wo ich oft spazieren ging, noch öfter aber mich hindachte. Eines Morgens, als ich noch niemanden in dem Hause des Herrn Dufresne aufgestanden vermutete, ging ich daran vorbei und erstaunte nicht wenig, als ich die du Lys auf einem Balkone jenes alte Lied singen hörte, das mit den Worten anfängt: »Warum ist er nicht bei mir, der den mein Herze liebt?« Ich näherte mich ihr, machte ihr ein tiefes Kompliment und sagte ihr ungefähr: ich wünschte von ganzem Herzen, dass ihr Wunsch möchte erfüllt werden, und wenn ich etwas dazu beitragen könnte, so sollte es mit ebendem Eifer geschehen, mit dem ich ihr immer ergeben gewesen wäre. Sie erwiderte freundlich meinen Gruss, antwortete aber nicht, sondern fuhr fort zu singen und veränderte die Worte des Liedchens folgendermassen: »Nun ist er wieder bei mir, der den mein Herze liebt!« Ich kam nicht aus meiner Fassung, denn ich war im Kriege und bei Hofe etwas kühner geworden, und obgleich dieses Verfahren mich in Verlegenheit setzen konnte, so antwortete ich ihr doch, ich wollte es ihr glauben, was sie sagte, wenn sie mir die Türe öffnete. Sogleich rief sie den Bedienten und liess mir aufmachen; ich ging hinein und wurde von ihren Eltern und von ihrer ältern Schwester, am meisten aber von ihr selbst, aufs herzlichste empfangen. Ihre Mutter fragte mich, warum ich so unfreundlich wäre und sie so selten besuchte; ich sollte mich durch meine Trauer nicht davon abhalten lassen, ich sollte mich vergnügen wie vorher, und ihr Haus würde mir immer offen stehen. Meine Antwort zeigte meine Verlegenheit, denn ich brachte nur einige Worte ohne Zusammenhang vor. Endlich kam es zu einem Frühstück mit Milch, welches hierzulande der Brauch ist, wie Sie wissen.« – »Und der keineswegs unangenehm ist«, antwortete die Etoile; »aber erzählen Sie weiter.« – »Als ich wegging, fragte mich die Mutter, ob ich wohl sie und die Töchter zu einem Besuch bei einem alten Edelmann, der zwei Stunden davon wohnte, begleiten wollte? Ich antwortete, sie hätte unrecht, mich darüber zu fragen, und ein Befehl von ihr würde mir angenehmer gewesen sein. Die Reise wurde auf den andern Tag festgesetzt. Die Mutter ritt ein kleines Maultier, die älteste Tochter bestieg das Pferd ihres Vaters, und ich hatte meine du Lys auf dem meinigen, und ich überlasse es Ihnen, sich mein Vergnügen und unsere Unterhaltung vorzustellen, denn ich selbst weiss nichts mehr davon. So viel weiss ich nur, dass wir sehr verliebt von einander gingen. Ich besuchte sie von der Zeit an häufiger, und dies dauerte den ganzen Sommer und den darauffolgenden Herbst. Ich würde Ihnen aber Langeweile machen, wenn ich alles erzählte, was vorfiel, nur dies setze ich noch hinzu, dass wir uns öfters von der Gesellschaft wegstahlen und in dem Schatten der Bäume am Ufer des kleinen Baches miteinander spazierten, und uns an dem Gesang der Vögel ergötzten, der sich mit dem sanften Murmeln des Baches vereinigte. Wir sagten uns dabei tausend süsse Dinge und machten einander viele unschuldige Liebkosungen. Da fassten wir auch den Entschluss, uns den künftigen Karneval über recht zu vergnügen. Eines Tages, da ich eben beschäftigt war, in der Vorstadt la Barre, die nicht weit vom Park entfernt ist, Cyderwein zu pressen, kam die du Lys dahin und ich bemerkte sogleich, dass sie etwas auf dem Herzen haben müsse, worin ich mich auch nicht irrte; denn, nachdem sie über meinen Anzug, in dem sie mich fand, gescherzt hatte, zog sie mich beiseite und sagte mir, dass der Edelmann, dessen Tochter sich bei Herrn de la Planche-Panete, seinem Schwager aufhielte, einen anderen Edelmann in ihr Haus eingeführt hätte und sie für ihn zur Frau zu erhalten suchte. Sie wären eben jetzt zusammen in ihrem Hause, und sie wäre entwischt, um es mir zu hinterbringen. »Ich werde«, setzte sie hinzu, »weder ihm noch einem andern je Gehör geben; aber besser wäre es, wenn du ein Mittel fändest, ihn abzuweisen, als wenn ich es tun müsste.« Ich sagte hierauf zu ihr: »Geh nur hin und begegne ihm höflich, um nichts zu verderben, und sei versichert, dass er morgen Mittag nicht mehr hier sein soll.« Sie ging hierauf ganz freudig fort, ich aber überliess das Cydermachen meinen Leuten und ging nach Hause, wo ich mich anders anzog und ging, um meine Kameraden aufzusuchen. Wir waren damals unserer fünfzehn junge Leute, wovon jeder sein Mädchen hatte, und so waren wir entschlossen, wenn irgend ein Fremder käme, sie uns wegzunehmen, ihm auf immer die Lust dazu zu benehmen. Ich brachte also das, was ich gehört hatte, vor, und alle waren der Meinung, dass man diesen neuen Liebhaber aufsuchen und ihn dahin bringen müsse, dass er wieder hinginge, wo er hergekommen war. Er war von dem kleinsten Adel in Nieder-Maine. Wir gingen in seine Wohnung, wo er eben mit dem andern Edelmanne, seinem Führer, zu Abend speiste, und zögerten nicht lange, ihm zu sagen, dass er nur wieder fortreisen könnte, es wäre in diesem Lande nichts für ihn zu erobern. Sein Führer antwortete hierauf, dass wir sein Vorhaben nicht wüssten, und dass, wenn wir es wüssten, es uns ganz gleichgültig sein könnte. Nun trat ich vor und sagte, indem ich die Hand auf den Degen legte: »Ich bin nicht so ganz gleichgültig dabei, und wenn Sie nicht bald ablassen, so werde ich Sie ausserstand setzen, Ihr Vorhaben auszuführen.« Der eine von ihnen antwortete, die Partie wäre nicht gleich, und wenn ich allein wäre, würde ich nicht so reden. Ich erwiderte hierauf: »Ihr seid eurer zwei und ich nehme diesen mit,« indem ich auf einen meiner Kameraden wies; »kommt heraus!« Sie wollten uns folgen, allein der Wirt und sein Sohn traten dazwischen und bedeuteten ihnen, es wäre besser für sie, wenn sie sich zurückzögen, denn sie würden mit uns nicht gut fahren. Sie folgten diesem Rat und seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Den andern Tag besuchte ich die du Lys und erzählte ihr den Verlauf der ganzen Sache, worüber sie sehr zufrieden war und mir sehr herzlich dafür dankte. Der Winter nahte und die Abende waren sehr lang. Wir brachten sie mit kleinen Witzspielen zu; allein bei deren öfterer Wiederholung hatte man Langweile. Dies brachte mich auf den Gedanken, einen Ball zu geben. Ich fragte sie darüber um Rat und sie willigte ein, auch erhielt ich die Erlaubnis ihres Vaters dazu. Den folgenden Sonntag wurde also Ball gehalten und so verschiedenemal fortgefahren. Aber das Gedränge war dabei immer so gross, dass die du Lys mir endlich davon abriet und mich bat, auf andere Zerstreuungen zu denken. Wir beschlossen also, eine Komödie einzustudieren.« Hier unterbrach die Etoile den Prior und sagte: »Weil wir eben an der Komödie sind, so sagen Sie mir doch, ob diese Geschichte noch lange dauert, denn es ist schon spät und bald Zeit zum Abendessen«. Der Prior sagte hierauf: »Ich bin noch nicht zur Hälfte damit fertig«, und so wurde denn das übrige auf ein andermal verschoben, um den Akteurs Zeit zu lassen, ihre Rollen zu studieren. Wäre aber auch dies nicht gewesen, so hätte man doch die Erzählung unterbrechen müssen, weil soeben der Herr von Verville ankam und eintrat, da der Türhüter eingeschlafen war. Seine Ankunft setzte die ganze Gesellschaft in Verwunderung. Er begrüsste die Gesellschaft sehr freundlich und besonders den Destin, den er wiederholt umarmte; und hierauf sagte er ihnen die Ursache seiner Reise, die wir im folgenden kurzen Kapitel hören werden. * Elftes Kapitel. Doppelheirat von Destin und Etoile, Leander und Angelique Der Prior von Saint-Louis wollte Abschied nehmen, allein Destin hielt ihn zurück und sagte ihm, dass, da es bald zum Abendessen ginge, er doch dem Herrn von Verville Gesellschaft leisten möchte, den er zugleich mit zum Essen einlud. Man fragte die Wirtin, ob sie etwas besonderes hätte, was sie bejahte. Der Tisch wurde also gedeckt und aufgetragen; man liess sichs wohl schmecken, trank verschiedene Gesundheiten und redete sehr viel. Beim Nachtisch fragte Destin den Herrn von Verville nach der Ursache seiner Reise in diese Gegend. Er antwortete ihm, es wäre keineswegs wegen seines Schwagers Saldagnes Tod, den seine Schwestern ebenso wenig bedauerten als er, sondern er hätte ein wichtiges Geschäft in Rennes, und hätte also mit Absicht einen kleinen Umweg gemacht, um das Vergnügen zu haben, sie zu sehen, wofür man ihm sehr höflich dankte. Hierauf erzählte man ihm den schlechten Anschlag Saldagnes und dessen Ausgang, und alles, was wir in dem vorigen Kapitel bereits gehört haben. Verville zuckte nur die Achseln und sagte, Saldagne habe endlich das gefunden, was er so eifrig gesucht hatte. Nach Tisch machte er Bekanntschaft mit dem Prior, von dem ihm die ganze Gesellschaft viel Gutes sagte, und nachdem er noch eine Weile dageblieben, ging er nach Hause. Nun nahm Verville den Destin beiseite und fragte ihn, warum Leander und so viele Bediente in Trauer gekleidet wären. Destin erklärte es ihm und sagte ihm zugleich, dass Leander willens wäre, Angelique zu heiraten. »Und Sie?« fragte Verville, »wann werden Sie sich denn verheiraten? Es ist doch, denk ich, einmal Zeit, der Welt zu zeigen, wer Sie sind; und dies kann nur durch eine Heirat geschehen.« Er setzte hinzu, dass, wenn er nicht so eilen müsste, wollte er beide Hochzeiten noch abwarten. Destin antwortete, er müsse hierüber die Meinung der Etoile vernehmen. Sie wurde also gerufen und der Heiratsvorschlag getan, worauf sie antwortete, dass sie immer dem Rat ihrer Freunde folgen würde. Es wurde demnach beschlossen, dass wenn Verville seine Geschäfte zu Rennes beendigt hätte, was höchstens in Zeit von vierzehn Tagen sein würde, so sollte er nach Alençon zurückkommen, und dann wollte man das Verabredete ins Werk setzen. Das Gleiche wurde auch für Leander und Angelique beschlossen. Verville wünschte ihnen hierauf eine gute Nacht und ging nach seinem Quartier. Des andern Tages reiste er nach der Bretagne ab und kam nach Rennes. Da besuchte er den Herrn de la Garouffiere, der ihm nach den ersten üblichen Komplimenten sagte, dass eine Truppe Komödianten in der Stadt wäre, worunter einer sehr viel Ähnlichkeit mit der Caverne hätte. Er ging daher den andern Tag in die Komödie, und als er die Person sah, war er überzeugt, dass es ein Verwandter der Caverne sein müsste. Nach dem Stück ging er zu ihm, fragte ihn, wo er her wäre, wie lange er schon unter der Truppe wäre, und auf welche Art er dazu gekommen sei. Er beantwortete alles dieses so, dass Verville leicht sah, dass er der Bruder der Caverne wäre, der sich damals verloren hatte, als sein Vater zu Périgord von dem Pagen des Baron von Sigognac erschossen wurde; welches er auch zugab und hinzusetzte, dass er niemals hätte erfahren können, wo seine Schwester hingekommen sei. Nun erzählte ihm Verville, dass sie bei einer Truppe zu Alençon sei, dass sie viel Unglück auszustehen gehabt hätte, nun aber darüber getröstet würde, indem ein Herr von zwölftausend Pfund Renten im Begriff wäre, ihre sehr schöne Tochter zu heiraten; dass dieser Herr in der Komödie mitspielte, dass er bei seiner Rückkunft der Hochzeit beiwohnen würde, und dass es nur von ihm abhängen sollte, mit dabei zu sein und seine Schwester mit seiner Gegenwart zu erfreuen, die noch immer in Sorgen wegen ihm wäre. Der Komödiant nahm nicht nur dies Anerbieten an, sondern bat Herrn von Verville inständig um die Erlaubnis, ihn begleiten zu dürfen, worein er auch einwilligte. Indessen erledigte er seine Geschäfte, und wir wollen ihn dabei lassen und nach Alençon zurückkehren. Der Prior von Saint-Louis kam denselben Tag, als Verville abgereist war, zu den Komödianten, um ihnen zu sagen, dass ihn der Bischof von Sens hätte rufen lassen, um ihm eine wichtige Sache mitzuteilen, und dass es ihm also leid tue, sein Versprechen für jetzt nicht halten zu können, allein es sollte deswegen nicht verloren sein. Während er nach Sens reiste, würden sie nach la Fresnaye reisen, um bei der Hochzeit der Tochter des Gutsherrn die Silvia zu spielen und nach ihrer beiderseitigen Zurückkunft wollte er seine Geschichte zu Ende erzählen. Er ging hierauf, und die Komödianten machten sich zur Abreise fertig. * Zwölftes Kapitel. Was auf der Reise nach la Fresnaye passierte. Ragotins neues Unglück Den Tag vor der Hochzeit schickte man den Komödianten eine Kutsche und einige Reitpferde. Die Damen nebst Destin, Leander und Olive setzten sich hinein, die übrigen ritten und Ragotin bestieg seinen Gaul, den er noch nicht hatte verkaufen können und der wieder geheilt war. Er wollte Etoile oder Angelique bereden, sich hinter ihm aufzusetzen, indem er sagte, sie würden bequemer sitzen als im Wagen, der sehr schütterte, allein keine von beiden wollte sich dazu verstehen. Um von Alençon nach la Fresnaye zu kommen, muss man den Wald von Persaine passieren. Sie waren noch nicht tausend Schritte hinein, als Ragotin dem Kutscher zurief, er solle halten, denn es käme ein Trupp Reiter auf sie zu. Man fand es nicht für gut, anzuhalten, sondern hielt sich vielmehr in Bereitschaft, auf alles gefasst. Als man sich nun den Reitern genähert hatte, sagte Ragotin, es wäre Rappinière mit seinen Leuten. Die Etoile erblasste bei diesen Worten, allein Destin, der es bemerkte, beruhigte sie, Rappinière würde es nicht wagen, in Gegenwart seiner Häscher und der Leute des Herrn de la Fresnay und so nah an seinem Gute sie zu beleidigen. La Rappinière holte unsere Truppe ein, näherte sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit der Kutsche, grüsste die Damen und machte ihnen ziemlich schiefe Komplimente, die sie so kalt beantworteten, dass ein anderer als dieser Helfer des Scharfrichters gewiss darüber aus der Fassung gekommen wäre. Er sagte ihnen, er setze Räubern nach, die in der Gegend von Balon einige Kaufleute bestohlen hätten und die diesen Weg genommen haben sollten. Während er mit der Gesellschaft sprach, sprang das Pferd eines seiner Häscher, das sehr wild war, dem Pferd Ragotins auf den Hals, so dass dieses zurückfuhr und zwischen einige nah aneinander stehende Bäume geriet, an deren Zweigen Ragotin mit dem Kamisol hängen blieb; und weil er sich aus den Bäumen herausarbeiten wollte, gab er seinem Pferde beide Sporen: das lief unter ihm weg und liess ihn in der Luft schweben. In dieser Stellung schrie er einmal über das andere: »Ach! Ich bin tot, man hat mich mit dem Degen durch den Rücken gestossen!« Alles lachte so sehr über diesen Auftritt, dass niemand daran dachte, ihm zu Hilfe zu kommen, ob man gleich den Bedienten zurief, ihn herunter zu nehmen, denn die liefen einen andern Weg und lachten aus vollem Halse. Sein Pferd lief unterdessen querfeldein, ohne sich aufhalten zu lassen. Endlich stieg der Kutscher, nachdem er sich satt gelacht hatte, vom Bocke herunter, ging zu Ragotin und nahm ihn herunter. Man untersuchte ihn und machte ihm weis, er sei stark verwundet, man könne ihn aber nicht eher verbinden, als bis man ins nächste Dorf käme, wo ein geschickter Barbier wohnen sollte; unterdessen legte man ihm einige Blätter zur Linderung auf. Olive machte ihm im Wagen Platz, während die Bedienten in das Gehölz dem Pferde nachliefen, das man endlich wieder kriegte, worauf Olive es bestieg. La Rappinière nahm wieder seinen Weg auf, und die Truppe kam vor dem Schlosse an. Man liess sogleich den Barbier holen und steckte ihm die Sache; man brachte Ragotin ins Bett, und der Barbier tat, als wenn er die Wunde untersuchte, verband ihn auch und sagte ihm, der Stich sei zwar nicht gefährlich, wäre er aber zwei Finger breit weiter eingedrungen, so hätte die Welt keinen Ragotin mehr. Er verordnete ihm hierauf die gewöhnliche Diät und liess ihn ausruhen. Dem kleinen Mann war der Kopf von alledem, was man ihm gesagt hatte, so verwirrt worden, dass er wirklich glaubte, schwer verwundet zu sein. Er stand nicht einmal auf, um den Ball mit anzusehen, der denselben Abend nach Tische gegeben wurde, wozu man die Musikanten von Mans hatte kommen lassen, weil die von Alençon auf einer anderen Hochzeit waren. Man tanzte nach der Landesart, aber die Komödianten und Komödiantinnen nach Art des Hofes: Destin tanzte die Sarabande mit der Etoile zur Bewunderung der ganzen Gesellschaft, die aus dem Landadel und den reichen Bauern des Dorfes bestand. Den andern Tag wurde das von der Braut verlangte Schäferspiel aufgeführt. Ragotin liess sich in einem Sessel mit der Nachtmütze auf dem Kopf hintragen, man ass und trank sehr gut, und den andern Tag wurde nach einem guten Frühstück die Truppe bezahlt und mit vielen Lobsprüchen entlassen. Der Wagen und die Pferde waren bereit, und man suchte Ragotin seinen Irrtum wegen der Wunde zu benehmen, allein man konnte es nicht dahin bringen, und er behauptete steif und fest, dass er sie genau fühlte. Man setzte ihn also in den Wagen, und die Truppe kam glücklich wieder nach Alençon zurück. Den andern Tag wurde nicht gespielt, denn die Damen wollten ausruhen; unterdessen kam auch der Prior von Saint-Louis von seiner Reise nach Sens wieder zurück. Er besuchte die Gesellschaft, und die Etoile sagte ihm, er würde keine bessere Gelegenheit finden, seine Geschichte zu endigen, als jetzt, worauf er sich nicht länger bitten liess, sondern folgendermassen fortfuhr. * Dreizehntes Kapitel. Fortsetzung und Beschluss der Geschichte des Priors von Saint-Louis Wenn der Anfang dieser Geschichte, der nur Lust und Vergnügen enthielt, Ihnen Langweile gemacht hat; so wird Ihnen die Fortsetzung noch weniger genügen, denn nun kommen lauter widrige Dinge, Unfälle und unangenehme Begebenheiten aller Art, die jedesmal auf die wenigen vergnügten Augenblicke, worin Sie mich noch sehen werden, folgten. Um also den Faden der Geschichte wieder zu ergreifen, so hatten wir sämtlich unsere Rollen gut gelernt und verschiedene Male probiert. Einen Sonntagsabend spielten wir in dem Hause des Herrn Dufresne. Dies machte in der Nachbarschaft sehr vielen Lärm, und ob wir gleich die Vorsicht gebraucht hatten, die Türe des Hofes verschlossen zu halten, so kamen doch so viele Menschen durch das Schloss oder über die Mauer herein, so dass wir Mühe hatten, die Bühne zu erreichen, die wir in einem ziemlich grossen Saal aufgeschlagen hatten. Demungeachtet mussten zwei Drittel von den Leuten draussen bleiben, und um sie zum Fortgehen zu bewegen, versprachen wir ihnen, das Stück künftigen Sonntag in der Stadt und in einem grösseren Saale noch einmal aufzuführen. Für Anfänger machten wir unsere Sache ziemlich gut, einen unserer Akteure ausgenommen, der den Sekretär des Königs Darius vorstellte – denn unser Stück handelte von dem Sterben dieses Königs – er hatte nur acht Verse herzusagen, was er unter uns auch ziemlich gut machte; als er aber wirklich auftreten sollte, musste man ihn mit Gewalt auf die Bühne hinausstossen, und so war er nun gezwungen zu reden, aber er machte es so schlecht, dass wir das Gelächter kaum verhalten konnten. Nach geendigtem Trauerspiel eröffnete ich den Ball mit der du Lys, der bis Mitternacht dauerte; und wir fanden an diesem Zeitvertreib so viel Vergnügen, dass wir ohne jemand etwas davon zu sagen ein anderes Stück einstudierten. Ich setzte unterdessen meine Besuche wie gewöhnlich fort. Als wir einen Abend miteinander beim Kamin sassen, kam ein junger Mensch herein, dem man gleichfalls einen Stuhl anbot, und nach einer viertelstündigen Unterhaltung brachte er eine Dose aus der Tasche, auf welcher ein sehr gut verfertigtes Porträt in Wachs poussiert war, und sagte dabei, es wäre das Bildnis seiner Geliebten. Nachdem nun die Frauen es betrachtet und sehr gelobt hatten, kam es auch an mich, und indem ich es aufmerksam betrachtete, glaubte ich einige Ähnlichkeit mit der du Lys darin zu erkennen, und vermutete, dass dieser Mensch einige Neigung zu ihr haben könnte. Ich schmiss sogleich die Dose ins Feuer, so dass das Porträt sehr bald zerschmolz, und als er Miene machte, sie herauszuholen, hielt ich ihn auf und drohte ihm, dass ich ihn zum Fenster hinausschmeissen würde. Herr Dufresne, der mich damals noch ebensosehr liebte als er mich nachher hasste, schwur, er wolle ihn zur Treppe hinunterwerfen, wodurch der arme Mensch gezwungen wurde, sich ganz verwirrt zu entfernen. Ich folgte ihm nach, ohne dass ich mich von jemand aufhalten liess, und sagte ihm, dass wenn er etwas auf dem Herzen hätte, er es sagen möchte. Jeder von uns habe einen Degen, und der Ort wäre bequem, um ihm Genugtuung zu geben. Aber er hatte keinen Mut. Den Sonntag darauf spielten wir dasselbe Trauerspiel zum zweitenmal in dem Saal eines unserer Nachbarn, der gross genug war, und hiedurch gewannen wir vierzehn Tage Zeit, um das andere Stück einzustudieren. Ich zierte es mit einigen Balletten, und wählte sechs gute Tänzer aus meinen Kameraden dazu, und ich war der siebente. Der Stoff unseres Balletts war die Macht der Liebe über Schäfer und Schäferinnen, denn bei der ersten Entrée erschien Kupido, und in den anderen Schäfer und Schäferinnen, alle weiss gekleidet und ihre Kleider mit Schleifen von blauem Band geziert, der Lieblingsfarbe der du Lys, die ich auch seitdem immer getragen habe. Aus Ursachen, die in dem Verfolg dieser Geschichte erzählt werden, setzte ich noch dunkelgelb hinzu, die Farbe dürrer Blätter. Die Schäfer und Schäferinnen tanzten zu zwei und zwei eine Entrée, und wenn sie zusammen tanzten, formierten sie die Namensbuchstaben der du Lys, Kupido drückte auf jeden Schäfer einen Pfeil ab und warf den Schäferinnen Flammen zu, und alle machten gegen ihn, zum Zeichen ihrer Unterwürfigkeit, eine Kniebeugung. Ich hatte über den Inhalt des Balletts einige Verse aufgesetzt, die wir hersagten, allein ich habe sie vergessen, und wenn ich sie gleich noch wüsste, so würde ich mich hüten, sie herzusagen, denn sie würden jetzt, da die französische Poesie auf einen so hohen Grad der Vollkommenheit gestiegen ist, gewiss nicht gefallen. Da wir die Sache sehr geheim gehalten hatten, so spielten wir bloss vor guten Freunden, die nach und nach ohne bemerkt zu werden durch den Park hereinkamen, und so stellten wir ungestört die Liebe des zirkassischen Königs Sacripant zur Angelika dar, wozu der Stoff aus dem Ariost genommen war. Hierauf tanzten wir unser Ballett. Ich wollte, wie gewöhnlich, den Ball eröffnen, allein Herr Dufresne gab es nicht zu, weil, wie er sagte, wir durch die Komödie und das Ballett ermüdet genug wären. Er entliess uns also, wir gingen fort und beschlossen, diese Komödie öffentlich in der Stadt aufzuführen, was auch den Sonntag vor Fastnacht am hellen Tag in dem Saal meines Paten geschah. Die du Lys sagte mir, dass, wenn ich den Ball eröffnete, ich ein Mädchen von unserer Nachbarschaft, die gerade wie sie in blauer Seide gekleidet war, dazu wählen möchte. Dies tat ich. Es entstand hierauf ein Gemurmel in der Gesellschaft, und einige sagten ziemlich laut: »Er irrt sich, er kommt an die Unrechte,« wodurch die du Lys und ich zum Lachen gebracht wurden. Das Mädchen, das dies bemerkte, sagte zu mir: »Diese Leute haben recht, denn Sie haben sich in der Person geirrt.« Ich versetzte aber: »Verzeihen Sie, ich weiss wohl, was ich tue.« Den Abend maskierte ich mich mit drei meiner Kameraden und trug, um nicht erkannt zu werden, die Fackel und so kamen wir in den Park. Als wir in das Haus traten, betrachtete die du Lys meine drei Kameraden sehr aufmerksam, da sie mich aber nicht darunter erkannte, kam sie zu mir an die Türe, wo ich mit der Fackel stehen geblieben war. Sie fasste meine Hand und sagte: »Verbirg dich wie du willst, ich werde dich immer leicht erkennen.« Ich näherte mich nun dem Tische und löschte meine Fackel aus. Wir setzten unser Zuckerwerk auf den Tisch und fingen an, zu würfeln. Die du Lys fragte mich, mit wem ich spielen wollte, und ich sagte mit ihr; sie fragte hierauf, was sie setzen sollte, und ich zeigte auf eine Bandschleife und auf ein Armband von Korallen, das sie trug. Ihre Mutter wollte zwar nicht haben, dass sie es aufs Spiel setzen sollte, allein sie fing an zu lachen und sagte, sie hoffe es nicht zu verlieren. Wir spielten, ich gewann und machte ihr mein Zuckerwerk zum Präsent. Ebenso machten es meine Kameraden mit der älteren Tochter und mit den übrigen Damen, die den Abend daselbst zubrachten. Wir nahmen nun Abschied; als wir aber fortgehen wollten, kam die du Lys zu mir, machte die Schleife, womit meine Maske angebunden war, los, und riss mir sie mit den Worten ab: »So geht es einem, wenn man so eilig fortläuft.« Ich schämte mich ein wenig, war aber doch sehr froh, noch einen Vorwand zu haben, länger zu bleiben. Die übrigen demaskierten sich gleichfalls, und wir brachten den Abend sehr vergnügt zu. Den letzten Abend des Karnevals gab ich ihr noch einen Ball. Während der Fasten wurden alle Lustbarkeiten eingestellt, und die du Lys und ich versäumten keine einzige Predigt; die übrige Zeit brachten wir mit Visiten hin, oder wir hörten dem Gesang der Mädchen hinter der Mauer des Schlosses zu, wo ein schönes Echo war. Ostern kam nun bald heran, als eines Tages die Mademoiselle Dufresne mich fragte: »Nun wirst du uns wohl nach Sankt Peter führen?« Dies war eine kleine Kirche, eine Viertelstunde weit von der Vorstadt gelegen, wo man den Ostermontag nach Tische hingeht, um seine Andacht zu verrichten, und wo sich gemeiniglich die galante Welt versammelte. Ich antwortete auf diese Frage, dass es ganz von ihnen abhinge, ob ich sie begleiten sollte. Den Ostermontag nun, als ich eben aus dem Haus trat, um sie abzuholen, begegnete mir einer meiner Nachbarn, ein junger reicher Mensch, und fragte mich, wohin ich so eilig wollte. Ich antwortete ihm, ich ginge nach dem Park, um die beiden Mademoiselles Dufresne nach Sankt Peter zu begleiten. »Wenn das ist,« erwiderte er, »so mögen Sie immer wieder nach Hause gehen, denn ich weiss von sicherer Hand, dass ihre Mutter nicht haben will, dass ihre Töchter mit Ihnen gehen sollen.« Diese Rede fiel mir so sehr auf, dass ich ihm nichts antworten konnte. Ich ging zurück in mein Haus und dachte nach, woher eine so plötzliche Veränderung kommen könnte, und fand nach vieler Überlegung keine weitere Ursache als mein weniges Verdienst und meinen niedrigen Stand. Indessen war ich doch über ihr Verfahren ärgerlich, dass sie mich nur gelitten hätten, so lange ich sie durch Bälle, Komödien und Serenaden belustigte, und dass man mich jetzt zurückwies. Der Zorn brachte mich zu dem Entschluss, mit einigen meiner Nachbarn dahin zu gehen, und ich tat es. Unterdessen hatte man mich in dem Park erwartet, und als die Zeit vorüber war, ging die du Lys mit ihrer Schwester und einigen anderen Mädchen dahin. Als sie aus der Kirche herauskamen, setzten sie sich unter eine Linde bei dem Kirchhof in den Schatten. Ich ging in der Entfernung vor ihnen vorbei, die Dufresne winkte mir, näherzukommen, allein ich tat nicht, als wenn ich sie sähe. Meine Gesellschaft machte mich aufmerksam darauf, ich tat aber, als wenn ich sie nicht verstünde und ging weiter, indem ich sagte, wir wollen in dem Wirtshaus etwas essen, was auch geschah. Ich war kaum wieder nach Hause zurückgekehrt, als eine alte Witwe, unsere Vertraute, zu mir kam und mich ziemlich hart fragte, was ich für Ursachen müsste gehabt haben, um die beiden Mademoiselles Dufresne nicht nach Sankt Peter begleiten zu wollen. Sie sagte mir, dass die du Lys äusserst aufgebracht sei, und dass ich meinen Fehler zu verbessern suchen müsste. Ich war nicht wenig über diese Werte erstaunt, und nachdem ich ihr erzählt hatte, was mir begegnet war, begleitete ich sie an die Türe des Parks, wo die beiden Damen waren. Anfangs liess ich sie ganz allein meine Entschuldung vorbringen, weil ich so verwirrt war, dass ich nicht reden konnte. Die Mutter wandte sich hierauf zu mir und sagte, ich müsste nicht so leichtgläubig sein, und dass ich in ihrem Hause immer gern gesehen würde. Wir gingen dahin, und ich hatte die Ehre, die du Lys zu führen, die mir versicherte, dass sie sehr unruhig darüber geworden wäre, als ich tat, als bemerkte ich das Zeichen nicht, welches ihre Schwester mir gemacht hatte. Ich bat um Verzeihung und stammelte einige schlechte Entschuldigungen, so sehr war ich von Liebe und Zorn erregt. Ich wollte Genugtuung von diesem jungen Menschen fordern, allein sie verbot mir, nur davon zu reden und sagte, ich sollte zufrieden sein, dass ich nun von dem Gegenteil dessen, was er mir gesagt hätte, überzeugt wäre. Ich gehorchte ihr darin, wie ich immer getan habe. Wir brachten unsere Zeit auf die angenehmste Art zu, und erfuhren in der Tat, dass die Sprache der Augen die eigentliche Sprache der Verliebten sei, denn wir waren darin so weit gekommen, dass wir einander dadurch alles sagen konnten, was wir nur wollten. Einen Sonntag Abend sagten wir uns beim Hinausgehen aus der Vesper in dieser stummen Sprache, dass wir nach Tische auf dem Fluss fahren, und nur die und die Personen, die wir anzeigten, mit dazu nehmen wollten. Ich schickte sogleich fort, um einen Kahn zu bestellen, und begab mich mit denen, die mitfahren sollten, an die Türe des Parks, wo die Damen uns erwarteten. Allein wir trafen bei ihnen drei junge Leute, die nicht dazu gehörten und sie aufhielten. Sie wendeten alles an, um von ihnen loszukommen, da diese es aber merkten, so blieben sie mit Fleiss da, daher wir denn, als wir an die Türe des Parks kamen, weiter gingen, ohne uns aufzuhalten, und uns begnügten, ihnen ein Zeichen zu machen, dass wir sie mit dem Kahn erwarten würden. Als wir sie aber mit dieser unangenehmen Gesellschaft ankommen sahen, ruderten wir weiter und landeten an einem andern Ort, nahe bei einem Tor der Stadt. Daselbst begegnete uns Herr Dufresne und fragte mich, wo ich seine Töchter gelassen hätte. Ich wusste nicht recht, was ich ihm antworten sollte, sagte ihm aber endlich ganz frech heraus, ich hätte sie diesen Abend noch nicht gesehen. Er nahm Abschied und ging nach dem Park, an dessen Türe er seine Töchter antraf und sie fragte, wo sie herkämen und mit wem sie in Gesellschaft gewesen wären. Die du Lys antwortete, sie wären mit mir spazieren gefahren. Auf diese Worte sagte er: »Das ist eine Lüge«, und zugleich gab er ihr eine derbe Maulschelle, indem er hinzusetzte, dass er gar nichts danach gefragt hätte, wenn sie in meiner Gesellschaft gewesen wären. Andern Tages kam die Witwe, von der ich schon sprach und meldete mir, dass die du Lys sehr unwillig wäre, nicht sowohl wegen der Ohrfeige, sondern weil ich sie nicht erwartet hätte, indem sie willens war, ihre zudringliche Gesellschaft am Kahn zu verabschieden. Ich entschuldigte mich so gut ich konnte, und ging vier Tage nicht zu ihr. Eines Tages aber, als sie mit ihrer Schwester und einigen anderen Mädchen vor einem Laden nicht weit vom Stadttor sass, wo ich vorbei musste, um nach der Vorstadt zu kommen, ging ich bei ihnen vorbei und zog den Hut ein wenig ab, jedoch ohne sie anzusehen, noch mit ihnen zu reden. Die anderen Mädchen erkundigten sich nach der Ursache dieses so unhöflichen Betragens. Die du Lys schwieg, ihre Schwester aber sagte, sie wüsste es nicht, sie wollte mich selbst darum fragen. Sogleich stellten sie sich näher an das Tor an das Ende der Strasse, die ich vorbei musste. Als ich nun vorbei kam, stand die Schwester auf, ergriff mich beim Mantel und sagte: »Seit wann fliehen Sie die Gegenwart Ihrer Geliebten, mein stolzer Herr?« und zog mich neben sie nieder. Als ich aber anfing, mit ihr zu reden und sie zu schmeicheln, blieb sie stumm und wies mich standhaft zurück. Ich blieb also noch eine kleine Weile ziemlich verlegen da, begleitete sie hierauf bis an die Türe des Parks und verliess sie mit dem Entschluss, sie nie wiederzusehen. Ich liess also wieder einige Tage vorbeigehen, ohne sie zu besuchen, und diese wenigen Tage schienen mir so viele Jahrhunderte zu sein, als ich eines Morgens früh der Madame Dufresne, der Mutter meiner Geliebten, begegnete. Sie rief mich an und fragte, warum man mich nicht mehr sähe? Ich antwortete, es geschehe wegen der üblen Begegnung ihrer jüngsten Tochter, worauf sie versprach, uns wieder miteinander zu versöhnen, und mir sagte, ich sollte sie zu Hause erwarten. Meine Ungeduld war eben aufs äusserste gestiegen, und dies Geständnis kam mir also ganz erwünscht. Ich ging demnach nach ihrem Hause, und als ich eben die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer gehen wollte, lief die du Lys so hastig neben mir herunter, dass ich sie nicht aufhalten konnte. Ich fand ihre Schwester in dem Zimmer, welche lächelte. Als ich ihr aber das Betragen ihrer Schwester erzählte, versicherte sie mir, es wäre alles blosse Maske, sie hätte mit vieler Unruhe hundertmal nach dem Fenster gesehen, ob ich käme, und wäre vermutlich jetzt im Garten, wo ich sie antreffen würde. Ich ging also hinunter an die Gartentüre, fand sie aber von innen verschlossen. Ich bat verschiedenemale, die Türe zu öffnen, aber vergebens, bis endlich ihre Schwester herunterkam und mir öffnete. Nun trat ich hinein, und die du Lys fing an zu fliehen, allein ich war so hurtig hinter ihr drein, dass ich sie bald einholte und auf eine Rasenbank niederzog, wo ich mich neben sie setzte. Ich suchte mich nun aufs beste zu entschuldigen, allein sie blieb immer streng und unerbittlich. Nach vielem Hin- und Herstreiten sagte ich ihr endlich, dass meine Leidenschaft weder Mass noch Ziel kennte, und dass sie mich noch zu einem Schritt zwingen würde, den sie nachher bereuen könnte. Allein auch dieses half nichts. Nunmehr zog ich den Degen und bat sie, mir denselben in die Brust zu stossen, indem ich sagte, es sei mir unmöglich, ohne ihre Liebe länger zu leben. Sie stand auf, um fortzulaufen und sagte, sie hätte noch nie jemanden getötet, und sei nicht gesonnen, an mir den Anfang zu machen. Ich hielt sie auf und bat sie um Erlaubnis, es selbst tun zu dürfen, worauf sie mir ganz kalt erwiderte, sie wolle mich nicht daran hindern. Nun setzte ich die Spitze meines Degens auf die Brust und stellte mich an, als wenn ich mich hineinrennen wollte. Bei diesem Anblick wurde sie blass vor Schrecken, stiess den Degen mit dem Fusse um, und versicherte mir, diese Handlung hätte sie ganz in Verwirrung gesetzt, und bat, sie nie wieder so etwas sehen zu lassen. Ich versprach es unter der Bedingung, dass sie nie wieder so hart mit mir verfahren würde, und sie sagte es mir zu. Nunmehr sagten wir uns so viel Schönes und waren so glücklich miteinander, dass ich wünschte, täglich einen Zank mit ihr zu haben, um mich auf eine so angenehme Art wieder versöhnen zu können. Als wir noch in unserer Entzückung waren, trat ihre Mutter in den Garten und sagte, sie wäre früher gekommen, allein sie hätte wohl eingesehen, dass wir ihrer nicht nötig hätten, um uns wieder zu versöhnen. Als wir nun eines Tages mit Herrn Dufresne und seiner Frau in der Allee des Parkes spazieren gingen, und ich nebst der du Lys hinter drein ging, wandte sich die Mutter zu uns, die wir bloss mit unserer Liebe beschäftigt waren, um, und sagte, dass sie jetzt eben sehr für uns beide spräche. Dies konnte sie sagen, weil ihr Mann sehr harthörig war, und wir dankten ihr mehr durch Zeichen als durch Worte. Bald nachher zog mich Herr Dufresne beiseite und entdeckte mir seinen Entschluss, dass er nebst seiner Frau willens wäre, mich mit ihrer jüngsten Tochter zu verheiraten, bevor er noch nach Hofe reiste, und dass ich mir weiter keine Unkosten wegen Serenaden und andern Dingen machen sollte. Ich dankte ihm ganz verwirrt, denn ich war über das unerwartete Glück so ausser mir vor Freude, dass ich nicht recht wusste, was ich sagen sollte. Nur soviel weiss ich noch, dass er mich zum Abendessen einlud. Und nun wurde beschlossen, dass wir künftigen Sonntag in Gegenwart unserer Verwandten unsere Verlobung feiern sollten. Er sagte mir auch, wieviel er seiner Tochter mitgeben könnte, worauf ich aber erwiderte, ich verlange nichts, als nur den Besitz der Person, und dass mein Vermögen für sie und für mich hinreichend wäre. Ich war nun der glücklichste Mensch auf der Welt, und die du Lys bezeigte mir diesen Abend, dass sie sich nicht weniger glücklich schätzte. Allein unsere Freude dauerte nicht lange. Den Tag vor unserer Verlobung, als ich eben mit der du Lys im Garten war, sahen wir einen königlichen Rat und nahen Verwandten des Herrn Dufresne ankommen, der ihn besuchen wollte. Wir hatten beide in dem Augenblick einen Gedanken hierüber und wurden traurig, ohne recht zu wissen weswegen, bis es der Ausgang uns endlich lehrte. Denn als ich den andern Tag wie gewöhnlich meinen Besuch abstatten wollte, fand ich wider Vermuten die du Lys unten im Hof in Tränen. Ich fragte sie um die Ursache, erhielt aber keine Antwort. Ich ging weiter und fand ihre Schwester in demselben Zustand. Ich fragte auch sie, was diese Tränen zu bedeuten hätten, aber sie antwortete, ich würde es nur zu bald erfahren. Ich ging also auf das Zimmer der Mutter, die eben herauskam, aber auch sie ging weiter, ohne ein Wort zu reden, denn die Tränen und Seufzer erstickten ihre Stimme so sehr, dass sie mir nur einen mitleidigen Blick zuwarf und in die Worte ausbrach: Armer Junge! Ob ich nun gleich nichts Gewisses von meinem Unglück wusste, so ahnte ich es doch nur zu sehr, und die Folge hat nachher diese Ahnung gerechtfertigt. Ich entschloss mich also, die wahre Ursache davon zu erfahren, und ging gerade in das Zimmer des Herrn Dufresne. Er empfing mich sitzend und sagte ziemlich hastig, dass er seine Gesinnungen geändert hätte, und seine jüngere Tochter nicht vor der älteren verheiraten wollte, und dass, wenn er sie auch verheiratete, dies nicht eher als nach seiner Rückkunft von Hofe geschehen sollte. Auf diese zwei Punkte antwortete ich, dass was den ersteren beträfe, seine älteste Tochter nichts dawider hätte, ihre Schwester verheiratet zu sehen, vorausgesetzt, dass es mit mir geschehe, weil sie mich wie einen Bruder liebte, und bei jedem andern sich widersetzen würde. Auf den zweiten Punkt sagte ich, dass ich gerne zehn Jahre und nicht bloss drei Monate warten wollte, bis er wieder vom Hof zurückkäme. Hierauf erklärte er mir aber ganz kurz, dass ich nicht weiter an seine Tochter denken sollte. Diese unerwartete Erklärung und der Ton, mit dem er sie tat, brachte mich so sehr ausser mir, dass ich wegging, ohne weder ihm noch seinen Töchtern ein Wort zu sagen. Ich ging nach Hause und war fest entschlossen, meinem Leben ein Ende zu machen. Als ich aber eben den Degen zog, trat die alte Vertraute zu mir herein und verhinderte mein Vorhaben, indem sie mir von Seiten der du Lys sagte, ich sollte mich nicht so betrüben, sondern Geduld haben; es gäbe in solchen Sachen immer Hindernisse, und ich hätte doch einen grossen Vorteil voraus, indem ihre Mutter, ihre ältere Schwester, und was das Wichtigste wäre, sie selbst ganz auf meiner Seite wären. Sie sagte mir ferner, dass, sobald ihr Vater abgereist wäre, ich meine Besuche wie vorher fortsetzen könnte, und dass die Zeit das Beste wirken würde. So gut diese Trostgründe auch waren, so konnte ich mich doch nicht damit beruhigen. Ich überliess mich der tiefsten Melancholie und geriet endlich auf den verzweifelten Entschluss, die bösen Geister um Rat zu fragen. Einige Tage vor der Abreise des Herrn Dufresne begab ich mich eine halbe Stunde von der Stadt in einen Wald, der im Ruf stand, dass böse Geister darin umgingen. Ich ging immer tiefer hinein und rief die Geister an, mir in meinem Elend zu Hilfe zu kommen, aber vergebens. Ich schrie lang und laut, ohne etwas weiteres als den Gesang der Vögel zu vernehmen. Ich kehrte also wieder nach Hause zurück und wurde von einer Art von Wut befallen, so dass ich mich zu Bette legen musste und wenig Hoffnung für mein Leben blieb. Die du Lys wurde zu gleicher Zeit krank und zwar an derselben Krankheit, daher ich bewogen wurde, an die Sympathie zu glauben, weil unser Übel von derselben Ursache herrührte und dieselben Wirkungen hervorbrachte. Ich erholte mich etwas früher als sie und kroch gleichsam nach ihrem Hause, wo ich sie noch bettlägerig fand. Ihre Freude war unbeschreiblich, wie ich aus den Folgen erkannte, denn nachdem ich eine halbe Stunde bei ihr gewesen, befand sie sich etwas besser, so dass ich sie bat, aufzustehen, was sie auch tat. Sie war aber kaum aus dem Bett, als sie in Ohnmacht fiel, so dass wir sie gleich wieder ins Bett bringen mussten, damit sie sich wieder erholen konnte. Endlich wurden wir beide wieder gesund und brachten die Zeit, dass ihr Vater bei Hof war, sehr vergnügt zu. Nach seiner Rückkunft aber wurde es ihm von einigen unserer Feinde gesteckt, dass ich in seinem Hause auf einem so vertrauten Fuss gestanden und seine Tochter oft besucht hätte. Er verbot ihr also sehr streng, mich ferner zu sehen, und schalt seine Frau und seine älteste Tochter, dass sie unseren Umgang befördert hätten. Dies alles erfuhr ich von der Alten, welche mir zugleich den Entschluss hinterbrachte, dass sie mich immer sprechen wollten, und zugleich die Mittel dazu anzeigte. Ich gab nämlich acht, wenn der Vater in die Stadt ging; sogleich ging ich in sein Haus und blieb daselbst bis zu seiner Rückkunft. Diese konnten wir an seinem Klopfen an der Türe leicht erkennen. So wie er hereintrat, verbarg ich mich und entschlüpfte nachher mit Hilfe der Bedienten, ohne dass er mich gewahr wurde. Allein auch dies wurde verraten, und wir wählten nun den Garten unserer alten Vertrauten zu unseren Zusammenkünften, in welchen ich durch einen anderen Garten kommen konnte. Doch auch dies wurde entdeckt. Wir nahmen unsere Zuflucht zu den Kirchen und wählten bald die eine, bald die andere, aber alles wurde vereitelt, so dass uns nichts weiter übrig blieb als das Ungefähr, wenn wir uns etwa in einer Allee des Parkes antrafen; und doch mussten wir dabei äusserst vorsichtig sein. Eines Tages, als ich mich da lange mit ihr unterhalten hatte, wollte ich sie durchaus bis an die Türe des Hofes begleiten. Als wir aber dahin kamen, sahen wir ihren Vater von weitem aus der Stadt kommen. Zu fliehen war es zu spät, denn er hatte uns schon gesehen. Sie sagte mir, ich möchte doch auf eine Entschuldigung denken, ich erwiderte aber, sie hätte mehr Klugheit und Gegenwart des Geistes als ich, und möchte also selbst darauf sinnen. Unterdessen kam er zu uns, und da er sehr zornig war, sagte sie ihm, ich hätte erfahren, dass er Ringe und andere Galanteriewaren erhalten hätte, und wollte zusehen, ob er mir etwas davon überlassen wollte, weil ich sie für ein Mädchen aus Mans bestimmt hätte, mit der ich mich verheiraten wollte. Dies wirkte, denn er war sehr geizig und handelte mit dergleichen Dingen, um etwas dabei zu gewinnen; er glaubte es also. Wir gingen ins Haus, er zeigte mir seine Ringe, und ich kaufte zwei, die ich sogleich bezahlte. Dies Mittel erleichterte eine Zeit lang unsere Besuche, als er aber sah, dass ich nicht eilte, nach Mans zu reisen, so vermutete er eine List dahinter und sprach darüber mit seiner Tochter, und diese riet mir, dahin zu reisen, was ich auch tat. Mans ist eine der hübschesten Städte des Königreichs, wo man die beste Gesellschaft und die feinste Lebensart antrifft; auch machte ich in kurzer Zeit viele Bekanntschaften. Ich wohnte in dem Gasthof zum grünen Baum, woselbst auch ein Marktschreier wohnte, der unterdessen, dass er eine Truppe Komödianten zusammenbrächte, seine Arzneien öffentlich verkaufte. Er hatte bereits verschiedene Standespersonen bei sich, unter andern einen jungen Grafen, einen jungen Advokaten aus Mans, der bereits unter einer Truppe gewesen war, einen seiner Brüder und einen alten Komödianten zum Possenspiel. Auch erwartete er ein junges Frauenzimmer aus Laval, die ihm versprochen hatte, aus ihrem Hause zu entfliehen und zu ihm zu kommen. Ich machte also Bekanntschaft mit ihm, und als wir eines Tages nichts weiter zu reden wussten, erzählte ich ihm meine Begebenheiten, und er beredete mich, unter seine Truppe zu gehen. Dies sagte er, wäre das beste Mittel, all mein Unglück zu vergessen. Ich willigte ein, und wenn das Frauenzimmer angekommen wäre, so hätte ich gewiss den Entschluss ausgeführt. Ihre Eltern aber kamen dahinter und beobachteten sie so genau, dass sie nicht entwischen konnte. Dies gab auch mir Gelegenheit, meine Gesinnung zu ändern. Die Liebe gab mir aber ein anderes Mittel ein, um die du Lys besuchen zu können, ohne verraten zu werden. Ich nahm nämlich den Advokaten und einen andern jungen Menschen von meiner Bekanntschaft mit und entdeckte ihnen mein Vorhaben, wozu sich beide bereit finden liessen. Sie erschienen also in meiner Vaterstadt, der eine als Bruder, der andere als Vetter von meiner erdichteten Braut. Ich führte sie bei dem Herrn Dufresne ein, den ich gebeten hatte, mich als einen Verwandten zu betrachten, was er auch tat. Er sagte ihnen viel Gutes von mir und versicherte ihnen, dass ihre Verwandte in keine besseren Hände kommen könnte. Hierauf behielt er uns zum Abendessen. Man trank auch die Gesundheit meiner Braut, und die du Lys erwiderte es. Nach einigen Tagen kehrten sie wieder nach Mans zurück, und ich hatte immer noch freien Zutritt bei Herrn Dufresne, doch sagte er mir, dass ich zu lange säumte, nach Mans zu gehen und meine Heirat zu vollziehen, daher ich befürchtete, die List möchte entdeckt werden, und er mich noch einmal mit Schimpf und Schande aus seinem Hause jagen. Dies brachte mich auf den verzweifeltsten Entschluss, den ein Mensch nur fassen kann, nämlich die du Lys zu ermorden, damit wenigstens kein anderer sie besitzen möge. Ich steckte also einen Dolch zu mir, ging hin und bat sie, mit mir spazieren zu gehen, wozu sie auch einwilligte. Ich führte sie unbemerkt ins Dickicht hinein, und da entdeckte ich ihr das grausame Vorhaben, das mir die Verzweiflung, sie zu verlieren, eingegeben hätte; zugleich zog ich den Dolch aus der Tasche. Sie sah mich aber so zärtlich an und sagte mir so viel Liebes, dass sie mich leicht wieder entwaffnete. Sie ergriff meinen Dolch, den ich nicht mehr halten konnte, warf ihn weit ins Gebüsch hinein und sagte, sie wolle fortgehen und nie wieder mit mir allein bleiben. Sie wollte mir eben mein Unrecht vorstellen, als ich sie unterbrach und sagte, dass sie sich morgen bei unserer alten Vertrauten einfinden möchte, und dort wollten wir unseren letzten Entschluss verabreden. Wir kamen zur bestimmten Zeit dort an, wir beweinten unser beiderseitiges Unglück, und nach vielem Hin- und Widerreden riet sie mir, nach Paris zu reisen. Dabei beteuerte sie mir, dass sie nie zu einer andern Heirat ihre Einwilligung geben, und mich, wenn es nötig wäre, noch zehn Jahre erwarten wollte. Ich machte ihr die gleichen Versicherungen, die ich besser gehalten habe als sie die ihrigen. Als ich Abschied nehmen wollte, riet sie mir, ihre Mutter und ihre Schwester mit in das Vertrauen zu ziehen, und die Alte ging fort, um sie zu holen. Nun war ich mit ihr allein und hier sprachen unsere Herzen deutlicher als jemals. Sie sagte mir sogar, dass, wenn ich sie entführen wollte, so würde sie mir überall gern folgen und wenn man uns entdeckte, so wollte sie vorgeben, sie sei schwanger. Allein meine Liebe war so rein, dass ich mich nicht entschliessen konnte, ihre Ehre in Gefahr zu bringen, und mich lieber auf das Schicksal verliess. Ihre Mutter und Schwester kamen nun herbei und wir sagten ihnen unseren Entschluss, wodurch die Tränen wieder von allen Seiten aufs neue flossen. Endlich nahm ich Abschied, um nach Paris zu reisen, und schrieb vor meiner Abreise noch einen Brief an die du Lys, worin ich ihr alles sagte, was mir mein Herz nur eingeben konnte. Unsere Vertraute, welche den Brief überbrachte, sagte mir nachher, dass die Mutter und Schwester sehr traurig durch den Brief geworden wären und dass die du Lys nicht imstande gewesen sei, mir darauf zu antworten. Ich übergehe manches andere, was mir während meiner Liebe mit ihr begegnete, und komme zur Hauptsache. Ich kam glücklich in Paris an und blieb daselbst ungefähr ein Jahr. Da ich aber da teils wegen der Teuerung der Lebensmittel, als auch, weil ich mein Vermögen wegen der du Lys sehr vermindert hatte, nicht so gut leben konnte als zu Hause, so ging ich bei einem Sekretär des Königs in Diensten, der eine Witwe eines andern königlichen Sekretärs geheiratet hatte. Ich war kaum acht Tage im Hause, als die Dame anfing, mir ausserordentlich freundlich zu begegnen, worauf ich anfänglich wenig acht gab, allein sie erklärte sich bald so deutlich, dass sogar die Bedienten es bemerkten. Eines Tages trug sie mir ein Geschäft in der Stadt auf und sagte mir, ich sollte ihren Wagen dazu nehmen. Ich stieg allein hinein und befahl dem Kutscher, nach Marais du Temple zu fahren, während ihr Mann, von einem einzigen Bedienten begleitet, ausgeritten war, um seine Geschäfte zu besorgen. Ich kam in eine lange Strasse, wo man bloss grosse Torfahrten und wenig Menschen erblickte. Der Kutscher hielt an und stieg herunter. Ich fragte ihn, warum er hielte; er näherte sich hierauf dem Schlag und bat mich, ihn anzuhören. Nun fragte er mich, ob ich das Betragen der Dame gegen mich nicht bemerkt hätte? Ich antwortete nein und fragte, was er damit sagen wollte. Er sagte mir hierauf, ich verkenne mein Glück und es gäbe viele Leute in Paris, die sich an meine Stelle wünschten. Allein ich hörte ihn nicht weiter an, sondern befahl ihm, aufzusteigen und nach der Saint-Honoréstrasse zu fahren. Als ich nach Hause kam, machte ich meine Betrachtungen über das, was er mir gesagt hatte, und beobachtete das Verfahren der Dame genauer, wodurch ich in dem, was mir der Kutscher gesagt hatte, bestärkt wurde. Eines Tages, als ich Leinwand und Spitzen zu Hemden gekauft hatte und sie ihrem Dienstmädchen zu machen gab, fragte sie, als sie daran arbeitete, für wen diese Hemden wären. Sie antwortete, sie wären für mich. Hierauf sagte sie, sie sollte sie fertig machen, die Spitzen wollte sie aber selbst ansetzen. Als sie eben damit fertig war, kam ich zufällig in ihr Zimmer und sie sagte mir, dass sie für mich arbeitete, wodurch ich in der Verwirrung ein schlechtes Kompliment herstammelte. Eines Tages aber, als ich in meinem Zimmer schrieb, das nicht weit von dem ihrigen war, liess sie mich durch einen Bedienten rufen und als ich hinging, hörte ich, dass sie mit ihrer Kammerfrau entsetzlich lärmte und zankte. Sie schimpfte auf sie und sagte, sie könne ihr nie etwas recht machen und befahl ihr, aus dem Zimmer zu gehen. Ich ging eben hinein als sie herausging. Sie fuhr fort zu schimpfen und sagte, dass ich die Türe zumachen sollte und ihr helfen möchte, sich auszukleiden. Zugleich befahl sie mir, ein Hemd von der Toilette zu nehmen und es ihr zu reichen, indem sie zugleich dasjenige, welches sie anhatte, auszog und sich ganz nackend vor mich hinstellte. Ich war darüber so sehr beschämt, dass ich sagte, ich würde noch ungeschickter sein als ihre Kammerfrau; sie möchte sie also hereinrufen; und hierzu wurde sie durch die Ankunft ihres Mannes genötigt. Nun konnte ich an ihren Gesinnungen nicht weiter zweifeln. Da ich aber jung und furchtsam war, so befürchtete ich noch was schlimmeres; denn ob sie gleich bei Jahren war, so war sie immer noch ziemlich schön, daher ich mich denn entschloss, meinen Abschied zu fordern, welches ich auch einen Abend vor Tische tat, als wir uns eben setzen wollten. Ihr Mann ging ohne zu antworten in sein Zimmer, und sie drehte den Stuhl nach dem Feuer zu und befahl dem Bedienten, das Essen wegzutragen. Ich ging also hinunter, um mit ihm zu essen; als wir aber eben bei Tische sassen, kam ein kleines Mädchen, ihre Nichte, herunter und sagte, ihre Tante schickte sie, um mich zu fragen, ob ich wohl essen könnte, da sie nicht ässe. Ich weiss nicht genau mehr, was ich ihr antwortete. Allein die Dame legte sich hierauf zu Bett und wurde sehr krank. Den andern Tag liess sie mich ganz früh rufen um nach Ärzten zu schicken. Als ich mich ihrem Bette näherte, reichte sie mir die Hand und gestand mir geradezu, dass ich die Ursache ihrer Krankheit wäre. Dies vermehrte meine Angst so sehr, dass ich mich noch denselben Tag unter die Truppen des Herzogs von Mantua anwerben liess, und fortreiste ohne jemand etwas zu sagen. Unser Hauptmann kam nicht mit uns, sondern überliess die Kompagnie seinem Leutnant, der so wie die beiden Unteroffiziere ein echter Spitzbube war, denn sie verheerten unterwegs alles was sie vorfanden, und behandelten uns sehr übel. Zu Troyes in der Champagne liess sie der Gouverneur wegen ihrer schlechten Taten greifen und aufhängen, ausgenommen den einen Unteroffizier, der einen Verwandten in Diensten des Herzogs von Orleans hatte, welcher ihm das Leben rettete. Wir waren also ohne Oberhaupt und die Soldaten übertrugen mir einstimmig das Kommando der Kompagnie, welche aus achtzig Mann bestand. Ich setzte mich gleich anfangs in ein solches Ansehen bei ihnen, als wenn ich ihr wirklicher Hauptmann wäre, hielt Revue, zahlte die Löhnung aus, und teilte die Gewehre, die ich in Burgund gekauft hatte, unter sie aus. So kamen wir endlich bis nach Embrun in der Dauphiné, wo unser Hauptmann zu uns stiess und nichts anderes erwartete, als dass er keinen einzigen Mann von seiner Kompagnie mehr finden würde. Als ich ihm aber achtundsechzig Mann vorstellte, denn zwölf hatte ich unterwegs verloren, war er sehr freundlich gegen mich, gab mir die Fahne und liess mich an seinem Tisch essen. Die Armee, welche eine der schönsten war, die je aus Frankreich ausmarschiert ist, erfuhr das widrige Schicksal, das euch bekannt sein wird, und zwar ganz allein wegen der Uneinigkeit der Generäle. Nachdem sie zerstreut war, hielt ich mich zu Grenoble auf, um der Wut der burgundischen Bauern zu entgehen, die alle Flüchtlinge niedermachten. Als ich nun eine Zeitlang hier war und viele Bekanntschaften gemacht hatte, entschloss ich mich, wieder nach meinem Vaterlande zurückzukehren. Auf dem Wege dahin kam ich in das kleine Dorf Saint-Patrice, wo der jüngere Sohn der Dame des Ortes viele Leute zur Belagerung von Montaubar anwarb. Ich liess mich also mit ihm ein, und er musste nichts Widriges an mir finden, denn er fragte mich, woher ich wäre, und als ich ihm die Wahrheit gesagt hatte, bot er mir an, seinen jungem Bruder, einen Malteserritter, der sein Fahnenjunker war, zu begleiten, worein ich auch gleich willigte. Wir reisten also nach Noues in der Provence, wo sich das Regiment versammeln sollte; aber kaum waren wir drei Tage da angekommen, als der Haushofmeister den Kapitän bestahl und flüchtete. Er übergab mir hierauf die Schlüssel zu seinen Effekten, die ich aber nicht lange behielt, denn er wurde von dem Regiment an den Kardinal Richelieu abgesandt, der die Armee gegen Montaubar und andere rebellische Städte kommandierte. Er nahm mich mit sich, und wir trafen den Kardinal in der Stadt Albi an und begleiteten ihn bis nach Montaubar, wo sogleich die Empörung gestillt wurde, denn die Stadt ergab sich. Unterwegs hatten wir mancherlei Abenteuer, die ich aber nicht alle erzählen will, um nicht länger Ihre Geduld zu missbrauchen.« Die Etoile sagte hierauf, er würde sie einer sehr angenehmen Unterhaltung berauben, wenn er seine Geschichte nicht zu Ende brächte, und er fuhr folgendermassen fort: »Ich machte in dem Haus dieses berühmten Kardinals viele vornehme Bekanntschaften, vorzüglich aber hielt ich mich zu seinen Pagen, worunter achtzehn aus der Normandie waren, und diese sowohl als die übrigen Bedienten des Hauses schmeichelten mir sehr. Als sich die Stadt ergeben hatte, wurde unser Regiment aufgehoben und wir kehrten nach Saint Patrice zurück. Die Dame des Ortes war im Prozess mit ihrem ältesten Sohne begriffen, und wollte eben deswegen nach Grenoble reisen. Als wir nun ankamen, wurde ich gebeten, sie zu begleiten, was ich anfänglich ungern tat, denn ich wollte mich ausruhen; allein ich liess mich dennoch bereden, und fand nachher nicht Ursache, es zu bereuen. Als wir zu Grenoble angekommen waren, wo ich den Prozess aufs eifrigste betrieb, kam eben der König Ludwig der XIII. durch nach Italien, und ich hatte daselbst Gelegenheit, die vornehmsten Herren seines Gefolges und unter andern den Gouverneur dieser Stadt kennen zu lernen, der den Herrn von Saint-Patrice sehr gut kannte. Diesem empfahl er mich, sagte ihm, wer ich wäre, und brachte es dahin, dass er mir mit noch grösserer Achtung begegnete als vorher, ob ich mich gleich nicht über ihn beklagen konnte. Ich lernte auch noch einige junge Leute aus Grenoble kennen, die unter der Garde dienten, mit einigen derselben war ich verwandt und bewirtete sie so gut es mir möglich war. Als wir eines Tages in der Vorstadt Saint Laurent gefrühstückt hatten und auf die Brücke gingen, um die Schiffe zu sehen, sagte mir einer von ihnen, sie wunderten sich sehr, dass ich mich noch nicht bei ihnen wegen der du Lys erkundigt hätte. Ich antwortete, ich hätte es nicht wagen wollen, aus Furcht, mehr zu erfahren als ich wünschte. Sie antworteten mir, ich hätte recht daran getan. Ich müsste sie vergessen, weil sie mir ihr Wort nicht gehalten hätte. Ich war bald des Todes bei dieser Rede, allein einmal musste ich doch alles erfahren. Sie sagten mir also, dass sobald man von meiner Abreise nach Italien gehört hätte, so hätte man sie an einen jungen Menschen von meiner Bekanntschaft verheiratet, den ich unter allen ihren Liebhabern am wenigsten ausstehen mochte. Ich hielt mich nicht mehr zurück, und erlaubte mir gegen sie alles, was mir der Zorn nur eingab, nannte sie eine Meineidige, eine Verräterin und sagte, sie würde gewiss nicht gewagt haben, sich zu verheiraten, solange ich in der Nähe gewesen wäre, weil ich sie ganz gewiss nebst ihrem Manne bis ins Bett würde verfolgt und ermordet haben. Hierauf zog ich einen Geldbeutel von blauer Seide, den sie mir gegeben hatte, aus der Tasche, in welchem das Armband und das andere Band war, das ich ihr abgenommen hatte. Ich knüpfte einen Stein hinein, warf ihn mit aller Wut in den Fluss und sagte: So möge diejenige, die mir dieses gegeben hat, aus meinem Gedächtnis verwischt werden, wie diese Dinge jetzt im Spiel der Wellen. Die Herren erschraken über meine Heftigkeit und bezeigten mir ihre Reue, dass sie es mir gesagt hätten, allein sie hätten nicht anders geglaubt, als dass ich es bereits gewusst hätte. Auch setzten sie mir zum Trost hinzu, dass sie wäre gezwungen worden, zu heiraten, und dass man die Abneigung gegen ihren Mann deutlich genug bemerkt hätte. Denn sie wäre nach ihrer Heirat immer kränklich gewesen und bald nachher gestorben. Diese Reden vermehrten zwar mein Unglück, gaben mir aber doch wieder einigen Trost. Ich verliess diese Herren und ging nach Hause; allein ich war so versonnen und verändert, dass Mademoiselle de Saint-Patrice es mir anmerkte. Sie fragte mich, was mir fehle; ich antwortete ihr nicht. Sie drang aber so sehr in mich, dass ich ihr meine Begebenheiten erzählte, und ihr die Nachricht sagte, die ich eben erhalten hatte. Sie war durch mein Unglück sehr gerührt, was ich an den Tränen erkannte, die sie vergoss. Sie erzählte es auch ihrer Mutter und ihren Brüdern, die mir ihre Teilnahme bezeigten und mich zur Gelassenheit mahnten. Der Prozess zwischen der Mutter und dem Sohne wurde durch einen Vergleich geschlichtet, und wir kehrten wieder zurück nach Hause. Nunmehr dachte ich im Ernst darauf, mich in Ruhe zu setzen. Das Haus, in dem ich war, hatte Ansehen genug, um mir eine gute Partie zu verschaffen, und man schlug mir verschiedene vor, allein ich konnte mich nie zur Heirat entschliessen. Ich kam also auf einen schon früher gehabten Gedanken zurück: Kapuziner zu werden, und verlangte von dem Prior die Einkleidung. Allein es kamen so viele Hindernisse dazwischen, dass ich dies Vorhaben aufgab. Um diese Zeit befahl der König dem Adel von Dauphiné gegen Casal zu marschieren. Der Herr von Saint-Patrice schlug mir vor, auch diese Reise mit ihm zu machen, und ich konnte es nicht gut ausschlagen. Wir reisten also ab und kamen da an. Was da vorging, ist Ihnen bekannt. Die Belagerung wurde aufgehoben, und der Friede durch Vermittlung Mazarins geschlossen. Dies war sein erster Schritt zum Kardinalat und zu jenem ungeheuren Glück, wodurch er nachher gleichsam der Regent von ganz Frankreich wurde. Wir kehrten wieder nach Saint-Patrice zurück, und ich bestand wie zuvor auf meinem Entschluss, Mönch zu werden. Allein die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Der Herr von Saint-Patrice, dem mein Vorhaben bekannt war, schlug mir eines Tages vor, Weltgeistlicher zu werden; ich versetzte aber, ich hätte zu wenig Fähigkeiten dazu, worauf er aber erwiderte, es gäbe andere, noch weit geringere, die dennoch in diesen Stand träten. Ich entschloss mich also dazu, und seine Mutter schenkte mir ein Kapital von hundert Pfund Einkünften, um die Kosten zu bestreiten. Ich las meine erste Messe in der Pfarrkirche, und die gute Dame behandelte mich wie ihre eigenen Kinder und stellte ein grosses Traktament an, wobei einige dreissig Geistliche und viele Edelleute aus der Nachbarschaft gegenwärtig waren. Das Ansehen, worin das Haus stand, war zu gross, als dass ich lange ohne Benefizien bleiben konnte, und ich erhielt bald nachher ein ziemlich beträchtliches Priorat nebst zwei andern kleinen Benefizien. Einige Jahre nachher erhielt ich eines der besten Priorate und eine sehr gute Pfarrei. Ich hatte fleissig studiert und brachte es so weit, dass ich mit vielem Beifall vor angesehenen Personen, und selbst in Gegenwart der Prälaten predigte. Ich hielt meine Einkünfte zu Rat, und machte mir eine ziemliche Summe Geldes, mit welcher ich mich in diese Stadt zur Ruhe begab, wo ich mich glücklich schätze, eine so angenehme Gesellschaft angetroffen zu haben, um ihr einige kleine Gefälligkeiten erweisen zu können.« Die Etoile nahm hierauf das Wort und sagte: »Der wichtigste Dienst, den Sie uns je erweisen könnten ...« Hier wurde sie durch Ragotin unterbrochen, der aufstand und sagte, er wolle diese Geschichte in eine Komödie bringen, und die Dekoration sollte alles übertreffen, was man je von dergleichen gesehen hätte. Einen schönen Park, einen Fluss für die Verliebten und eine Messe. Alles fing hierüber an zu lachen, und Roquebrune widersprach ihm ohne Aufhören und sagte: »Ihr versteht nichts davon. Ihr werdet ein solches Stück nie nach den Regeln bearbeiten können, um so mehr, weil man die Szene verändern und drei bis vier Jahre darauf bleiben müsste.« Der Prior besänftigte sie und sagte: »Meine Herren, zanken Sie nicht darüber, ich habe dies schon längst besorgt. Sie wissen, dass Herr du Hardi die Regel von vierundzwanzig Stunden nie genau beobachtet hat, ebensowenig wie mancher andere unserer neuern Dichter. Selbst Corneille würde sich, ohne die Kritik des Herrn von Scudery über den Cid, nicht daran gekehrt haben, und alle Leute von Geschmack nennen die Überschreitung dieser Regel schöne Fehler. Ich habe also selbst eine Komödie daraus verfertigt, die den Titel führt: »Treue nach verlorener Hoffnung«. Und zur Devise habe ich mir einen Baum mit einigen dürren Blättern, unten an demselben einen Schosshund, und die Worte erwählt: »Hoffnungslos bin ich treu.« Dies Stück wird seit langer Zeit auf allen Theatern gespielt. »Der Titel«, sagte die Etoile, »ist ebenso passend wie die Devise, denn Ihre Geliebte hat Sie hintergangen, und Sie sind ihr immer treu geblieben, weil Sie nie eine andere heiraten wollten.« Die Unterredung wurde hier durch die Ankunft der Herren von Verville und la Garouffiere unterbrochen, und hier schliessen wir dies lange und vielleicht etwas ermüdende Kapitel. * Vierzehntes Kapitel. Rückkehr Vervilles und la Garouffieres. Schauspielerheiraten und fernere Abenteuer Ragotins Die ganze Truppe erstaunte, den Herrn la Garouffiere zu sehen; denn was Verville anlangt, so wurde er schon lange mit Ungeduld erwartet, besonders von denen, welche sich verheiraten wollten. Sie fragten den erstem, was für Geschäfte er in dieser Stadt hätte, und er antwortete: gar keine. Der Herr von Verville hätte ihm aber etwas wichtiges entdeckt, und er hätte daher sehr gerne die günstige Gelegenheit ergriffen, sie noch einmal zu sehen und ihnen seine Dienste anzubieten. Verville gab ihm ein Zeichen, dass er schweigen sollte, und stellte ihm, um ihn zu unterbrechen, den Prior von Saint-Louis vor, zu welchem er eine grosse Freundschaft gefasst hatte. Etoile sagte hierauf, dass er ihnen soeben seine eigene Geschichte auf die angenehmste Art erzählt hätte, und die beiden Herren bedauerten es, dass sie zu spät gekommen wären, um noch etwas davon hören zu können. Hierauf verfügte sich Verville in ein anderes Zimmer, wohin ihm Destin folgte. Eine Zeit nachher riefen sie Etoile und Angelique und endlich auch den Leander und die Caverne hinein, worauf Herr de la Garouffiere folgte. Als sie nun versammelt waren, sagte ihnen Verville, dass er zu Rennes dem Herrn de la Garouffiere ihren Vorsatz, sich zu verheiraten, entdeckt, und dass dieser gewünscht hätte, die Hochzeit mitzufeiern. Man dankte ihm hiefür auf das verbindlichste. Verville nahm hierauf das Wort und sagte: »Wir müssen doch den braven Mann heraufkommen lassen, der noch unten ist«, und dies geschah. So wie er hereintrat, betrachtete ihn die Caverne sehr aufmerksam und die Natur wirkte so stark, dass sie anfing zu weinen, ohne zu wissen warum. Man fragte sie, ob sie diesen Mann kenne, und sie antwortete, sie erinnere sich nicht, ihn je gesehen zu haben. Man sagte ihr, ihn nochmals scharf anzusehen, und nun fand sie in seinem Gesicht so viel ähnliche Züge mit den ihrigen, dass sie ausrief: »Sollte es wohl mein Bruder sein?« Nun umarmte er sie und versicherte ihr, dass er es sei, den das Schicksal so lange von ihr getrennt hätte. Er grüsste seine Nichte und die ganze Gesellschaft und blieb bei der geheimen Unterredung gegenwärtig, worin beschlossen wurde, dass die beiden Heiraten Destins mit Etoile und Leanders mit Angelique an einem Tag sollten vollzogen werden. Die einzige Schwierigkeit war, einen Priester zu finden, der sie traute, und diese hob der Prior von Saint-Louis, indem er es übernahm, mit den beiden Pfarrern der Stadt und mit dem der Vorstadt davon zu reden; im Falle sie aber Schwierigkeiten machen sollten, so wolle er selbst nach Sens reisen, um die Erlaubnis vom Bischofe zu holen. Sollte es ihm aber auch hier fehlschlagen, so wolle er an den Bischof von Mans selbst gehen, den er kenne, weil seine Kirche unter seiner geistlichen Regierung stünde, und hier hoffte er keine abschlägige Antwort zu erhalten. Er wurde also gebeten, dies Geschäft auf sich zu nehmen. Unterdessen liess man einen Notarius kommen, um die Ehekontrakte aufzusetzen, deren Inhalt ich aber nicht erfahren habe; nur soviel weiss ich, dass die Herren von Verville, la Garouffiere und Saint-Louis Zeugen dabei waren. Der letztere sprach mit den beiden Pfarrern der Stadt, allein keiner wollte es unternehmen, sie zu trauen, unter allerlei Vorwand, welchen der Prior nicht heben konnte. Er entschloss sich also, nach Sens zu reisen, nahm das Pferd Leanders und einen seiner Bedienten, und ging bei seiner Ankunft geradewegs zum Bischof. Dieser machte anfänglich einige Schwierigkeiten, aber der Prior sagte ihm, dass diese Leute eigentlich zu keinem eigenen Kirchsprengel gehörten, indem sie heute hier und morgen dort wären. Man könnte sie indessen doch nicht als Landstreicher betrachten (wie die Pfarrer es getan hatten), weil sie mit Erlaubnis des Königs spielten, ihre ordentliche Wirtschaft führten, und also in jedem Kirchsprengel, wo sie sich aufhielten, Untertanen der Bischöfe wären. Die Personen, für die er die Dispensation verlangte, gehörten zu dem Kirchsprengel von Alençon, welches ganz unter seiner geistlichen Gerichtsbarkeit stünde. Er könnte sie also sehr leicht dispensieren, um so mehr, da er ihm versichern könnte, dass es sehr rechtschaffene Leute wären. Endlich gab der Bischof dem Prior die Vollmacht, sie zu trauen, in welcher Kirche er wollte, und wollte die Dispensation durch seinen Sekretär aufsetzen lassen, der Prior aber erwiderte, dass ein Wort von seiner Hand hinreichend sei, und dies tat der Bischof auf die gefälligste Art, und behielt ihn bei sich zu Tische. Den andern Tag kehrte er nach Alençon zurück, wo er die Verlobten mit den Hochzeitsanstalten beschäftigt fand. Die übrigen Komödianten, die nichts von der Sache wussten, wussten nicht, was sie von den Anstalten denken sollten, und Ragotin war besonders darüber beunruhigt. Die Ursache, warum die Sache so geheim gehalten wurde, war bloss wegen Destin; denn was Leander und Angelique betraf, so war ihre Verlobung allen Komödianten bekannt; auch trug die Furcht, dass sie die Dispensation nicht erhalten möchten, vieles dazu bei. Sobald sie aber diese bekommen hatten, wurde es öffentlich bekannt gemacht. Man las die Heiratskontrakte der ganzen Gesellschaft vor und setzte einen Tag für die Hochzeit an. Dies war ein Donnerschlag für den armen Ragotin, dem nun Rancune ins Ohr raunte: »Hab' ich's Euch nicht immer gesagt, dass es noch so kommen würde? Ich habe beiden nie getraut.« Der kleine Mann verfiel nun in tiefste Melancholie und endlich gar in Verzweiflung, wie man im letzten Kapitel vernehmen wird. Er war von dem Augenblick an so verstört, dass, als er an einem Sonntag vor einer Kirche vorbeiging, wo man eben läutete, er auf die sonderbare Meinung geriet, dass die Glocken alles dasjenige sagen, was man sich denkt. Er blieb also stehen, um das Geläute zu hören und wurde immer überzeugter, sie sagten nichts anderes als: Ragotin hat zu viel getrunken, er taumelt, er taumelt. Er geriet hierüber in solchen Zorn gegen den Glöckner, dass er laut ausrief: »Es ist nicht wahr, ich habe heute noch wenig getrunken, ich würde nicht so böse werden, wenn du die Glocken sagen liessest: Der Kujon Destin hat dem armen Ragotin die Etoile weggeschnappt, weggeschnappt. Denn so würde ich doch den Trost gehabt haben, dass sogar unbelebte Dinge meinen Schmerz teilen; aber mich einen Säufer zu nennen, wart! Du sollst es mir bezahlen!« Damit drückte er den Hut tiefer ins Gesicht und ging durch eine Türe dort in die Kirche hinein, wo man auf die Orgel kommen konnte. Als er nun sah, dass diese Treppe nicht auf den Glockenturm führte, ging er weiter und fand eine sehr niedrige Türe, durch welche er ging und unter das Dach der Kirche geriet, wo jeder sonst gut gewachsene Mensch nur gebückt gehen kann; allein für ihn war das Dach hoch genug. Er ging immer weiter, bis er an eine Türe kam, die auf den Glockenturm führte. Er stieg hinauf. Als er nun zu den Glocken gekommen war, fand er den Glöckner, der immer läutete, ohne hinter sich zu sehen. Hier fing er an, mit lauter Stimme auf ihn zu schimpfen und zu schelten, nannte ihn einen Esel, Flegel, groben Kerl usw., allein das Lärmen der Glocken machte, dass er nichts davon hörte. Ragotin, der nun glaubte, er schätzte ihn zu gering, um ihm zu antworten, verlor hierüber alle Geduld, näherte sich ihm und versetzte ihm einen derben Schlag auf den Rücken. Der Glöckner, der es nun fühlte, drehte sich um und sagte, indem er Ragotins ansichtig wurde: »Zum Teufel! wer hat dich kleinen Regenwurm hergeführt, um mich zu hauen?« Ragotin wollte ihm nun seine Klage vorbringen; aber der Glöckner verstand keinen Spass, drehte ihn um und gab ihm einen Tritt in den Hintern, dass er eine kleine hölzerne Treppe bis auf den nächsten Boden hinunterfiel. Er fiel mit dem Kopf gegen einen der Verschläge, durch welche die Stricke gehen, und zerschlug sich das ganze Gesicht. Er fing an, heftig zu fluchen, und lief durch die Kirche durch zu dem Polizeikommissär, um sich gegen den Glöckner zu beklagen. Dieser, der ihn so zugerichtet ankommen sah, glaubte anfangs alles, was er sagte, als er aber die Ursache davon erfahren hatte, merkte er wohl, dass es im Kopf des kleinen Mannes nicht ganz richtig stehen müsse. Um ihn jedoch zu beruhigen, versprach er ihm Genugtuung und schickte einen Diener an den Glöckner, um ihn zu rufen. Als der nun gekommen war, fragte er ihn, warum er diesen Mann durch seine Glocken so beleidigt hätte. Dieser antwortete darauf, er kenne ihn gar nicht, und er läute wie gewöhnlich, nämlich: Orleans, Boisgenci, Notre Dame de Cléri, Vendosme; allein er wäre von ihm beschimpft und geschlagen worden, hätte ihm daher einen Stoss gegeben, und da er gerade oben an der kleinen Treppe stand, wäre er gefallen. Der Polizeikommissär sagte den beiden, dass sie ein andermal klüger sein möchten, und riet vorzüglich dem Ragotin, in Zukunft, wenn die Glocken läuteten, nicht so leichtgläubig zu sein. Er ging also nach Hause, ohne etwas von dem Vorfall zu erwähnen. Die Komödianten aber, die sein Gesicht zerschunden sahen, fragten um die Ursache, er aber blieb hartnäckig beim Schweigen, bis sie es bald darauf durch das allgemeine Gerede erfuhren, worüber sie sowohl wie die anwesenden Fremden herzlich lachten. Als nun der Tag der Hochzeit gekommen war, sagte ihnen der Prior von Saint-Louis, dass er seine eigene Kirche dazu bestimmt hätte, um sie zu kopulieren. Sie gingen also ohne alles Geräusch dahin, und er hielt eine sehr schöne Ermahnung, worauf er sie einsegnete. Hierauf begaben sie sich nach Hause und setzten sich zu Tische. Nun war die Frage, womit man die Zeit bis zum Abendessen zubringen wollte, denn die Komödien, Ballette und das Tanzen war ihnen etwas so alltägliches, dass sie vorschlugen, eine kleine Geschichte zu erzählen. Verville sagte, er wüsste keine, und wenn Ragotin nicht so melancholisch gewesen wäre, würde er vermutlich sich aufgeworfen haben, eine zu erzählen, so aber war er stumm wie ein Fisch. Man bat daher den Rancune, die Geschichte des Poeten Roquebrune zu erzählen, die er bei Gelegenheit versprochen hatte, und da nun die Gesellschaft ansehnlicher wäre als damals, möchte er sein Wort halten. Allein er antwortete, es läge ihm etwas Unangenehmes im Sinne; und wenn auch gleich sein Kopf frei wäre, so möchte er dem Poeten diesen schlimmen Dienst nicht gerne erweisen und seine Lobrede halten, in welcher seine ganze Familie müsste aufgeführt werden; und er wäre jetzt überhaupt zu sehr sein Freund, um eine gerechte Satire auf ihn zu machen. Roquebrune nahm dies so übel, dass er beinahe die Freude des Tages gestört hätte; doch hielt ihn die Achtung für die anwesenden Fremden noch zurück, und er liess sich besänftigen. Hierauf sagte Herr la Garouffiere, dass er verschiedene Geschichten wisse, wovon er Augenzeuge gewesen wäre. Man bat ihn also, eine zu erzählen, und dies tat er folgendermassen. * Fünfzehntes Kapitel. Geschichte der beiden eifersüchtigen Frauen Die Uneinigkeiten, wodurch die Stadt Rom ihrem Untergang nahe kam, streute den Samen der Zwietracht eben zu einer Zeit in die Welt aus, wo die Menschen gleichsam nur eine Seele haben sollten, nämlich im Anfang der christlichen Kirche, deren Mitglieder sie waren. Demungeachtet entstand die Partei der Guelfen und Gibellinen, und einige Jahre nachher die der Capelets und Monteschi. Diese Zwistigkeiten, welche eigentlich in Italien ihren Ursprung hatten, erstreckten sich jedoch weiter und selbst Frankreich blieb nicht davon verschont, es scheint sogar der Apfel der Göttin Zwietracht in diesem Reich die grösste Wirkung gehabt zu haben. Dies geschieht auch noch jetzt, und es ist keine Stadt, kein Flecken, kein Dorf, worin nicht verschiedene Parteien herrschen, woraus täglich schlimme Geschichten entstehen. Mein Vater, der Parlamentsrat zu Rennes war, und mich zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, schickte mich ins Kollegium, um mich dazu tüchtig zu machen. Da ich aber in meinem Vaterstadt war, so merkte er wohl, dass ich nichts lernte, und entschloss sich also, mich nach la Fleche, als dem berühmtesten Jesuitenkollegium, zu schicken. In dieser kleinen Stadt nun ereignete sich das, was ich hier erzählen will, zu ebender Zeit, als ich daselbst studierte. Es waren da zwei der vornehmsten Edelleute, die schon ziemlich bei Jahren und noch unverheiratet waren, wie es bei vornehmen Leuten gewöhnlich zu geschehen pflegt, weil sie nicht dürfen, wenn sie wollen, und nicht wollen, wenn sie sollen. Doch endlich verheirateten sich beide. Der eine, der sich Herr von Fondsblanche nannte, heiratete ein Fräulein von Châteaudun von geringem Adel, aber vielem Vermögen. Der andere nannte sich Herr du Lac und heiratete ein Mädchen aus der Stadt Chartres, die zwar nicht reich, aber sehr schön und aus einem so vornehmen Hause war, dass sie Herzoge, Pairs und Marschälle von Frankreich unter ihre Verwandte zählte. Diese beiden Herren, die in der Stadt alles galten, lebten immer in sehr gutem Vernehmen, was aber durch ihre Heirat sehr gestört wurde; denn ihre beiden Frauen beneideten einander unaufhörlich, indem die eine auf ihre Geburt, die andere aber auf ihren Reichtum stolz war. Die Frau von Fondsblanche war nicht sehr schön, allein sie hatte ein vornehmes Ansehen, putzte sich sehr, und war sehr freundlich und gefällig gegen jedermann. Frau du Lac war zwar sehr schön, jedoch ohne allen Reiz. Sie hatte viel Verstand, missbrauchte ihn aber so sehr, dass sie eine intrigante und gefährliche Person war. Diese beiden Damen hatten die gewöhnliche Schwäche ihres Geschlechtes, und glaubten nicht vornehm zu sein, wenn nicht jede wenigstens ein Dutzend Liebhaber hätte. Daher wendeten sie alles an, Eroberungen zu machen. Die du Lac war hierin glücklicher als die Fondsblanche und hatte die Jugend der ganzen Stadt und der Nachbarschaft in ihren Fesseln. Diese Eitelkeit verursachte anfänglich ein heimliches Murren, welches bald nachher in offene Médisance ausartete; allein sie änderte deswegen in ihrem Betragen nichts, vielmehr verdoppelte sie ihr Bestreben, neue und mehr Liebhaber noch an sich zu ziehen. Die Fondsblanche war hierin nicht so sehr eifrig, sondern hatte einige um sich, die sie sehr geschickt zu halten wusste; unter diesen war ein junger wohlgewachsener Edelmann, dessen Charakter ganz mit dem ihrigen übereinstimmte, und der einer der berühmtesten Schläger seiner Zeit war. Dieser war ihr Liebling, und seine öfteren Besuche erregten Verdacht, so dass das Gerede laut wurde. Dies aber war der Anlass des Zwistes unter den beiden Damen, denn vorher hatten sie einander, obwohl sie einander neidisch waren, doch noch Höflichkeit halber besucht. Die du Lac fing nun an, von der Fondsblanche ganz öffentlich schlecht zu reden, liess ihre Gänge und Schritte beobachten, und bediente sich tausenderlei Kniffe, um ihren guten Namen zu untergraben. Vorzüglich betraf dies jenen jungen Edelmann, der sich du Val-Rocher nannte. Die Fondsblanche, welche davon erfuhr, blieb dabei nicht stumm, sondern sagte, sie hätte zwar Anbeter, doch nicht dutzendweise, wie die intrigante du Lac. Die andere rächte sich dagegen wieder durch ähnliche Reden, und so lebten sie wie Hund und Katze. Einige gutgesinnte Leute wollten sie versöhnen, aber es war alles umsonst, und man konnte keine bereden, mit der andern zu sprechen. Die du Lac, welche bloss darauf sann, ihrer Gegnerin Missvergnügen zu machen, glaubte sie nicht stärker beleidigen zu können, als wenn sie ihr ihren Liebling, diesen Val-Rocher, abspenstig machte. Sie liess also dem Herrn von Fondsblanche durch bestochene Leute hinterbringen, dass sobald er aus dem Hause wäre, was wegen seiner Liebe zur Jagd und seinen häufigen Besuchen bei dem benachbarten Adel öfters geschah, dieser Val-Rocher seine Stelle im Ehebett ersetzte, und dass glaubwürdige Leute ihn aus seiner Frauen Schlafzimmer hätten kommen sehen. Der Herr von Fondsblanche, der nicht im geringsten misstrauisch war, wurde auf diese Reden doch etwas aufmerksam und sagte seiner Gemahlin, dass er es gerne sehen würde, wenn Val-Rocher seine Besuche einstellte. Sie verteidigte sich aber so gut und brachte ihm so viele Gründe vor, dass er nicht weiter darauf bestand, und ihr wie vorher die Freiheit liess, zu tun, was sie wollte. Als die du Lac sah, dass dies Mittel nicht die gewünschte Wirkung hervorbrachte, fand sie Gelegenheit, mit Val-Rocher selbst zu reden. Sie war schön und nachgebend, zwei Eigenschaften, welche auch das stärkste Herz bezwingen, und ob er gleich noch sehr an der Fondsblanche hing, so wusste sie dennoch diese Fesseln zu zerreissen und ihm stärkere anzulegen. Dies ärgerte die Fondsblanche aufs äusserste, besonders da sie hörte, dass du Val sehr geringschätzig von ihr spräche, und ihr Schmerz wurde einige Monate später durch den Tod ihres Mannes noch vermehrt. Sie betrauerte ihn sehr streng; allein die Eifersucht überwand bei ihr alles Gefühl der Trauer, so dass sie vierzehn Tage nach seinem Tode eine geheime Zusammenkunft mit du Val hatte. Was sie da besprachen habe ich nicht erfahren können, allein die Folge sagte es bald, denn zwölf Tage nachher wurde ihre Heirat bekannt gemacht, so dass sie also in der Zeit von einem Monat zwei Männer hatte, wovon der eine in dieser Zeit gestorben war, und der andere lebte. Dies war unstreitig eine Wirkung der Eifersucht, denn sie vergass darüber nicht nur die Gebote des Witwenstandes, sondern auch alle schlechten Reden, welche du Val auf Anstiften der du Lac gegen sie geführt hatte. Hier traf das Sprichwort ein, dass eine Frau alles vergisst, wenn es darauf ankommt, sich zu rächen, was aus dem Folgenden noch deutlicher werden wird. Die du Lac war über diese Nachricht ganz ausser sich, suchte jedoch ihre Rachlust so gut als möglich zu verbergen; doch verriet sie diese deutlich genug, indem sie du Val auf einer Reise nach der Bretagne wollte ermorden lassen, wovon er aber noch beizeiten Kunde erhielt und sich besser vorsah. Sie sah nun auch ein, dass sie dadurch ihre Anbeter in die grösste Gefahr setzen würde, und verfiel daher auf ein anderes Mittel, nämlich durch allerhand schändliche Intrigen du Val mit ihrem eigenen Manne zu entzweien. Die beiden zankten sich verschiedenemal heftig und kamen endlich so weit, dass sie einander forderten. Die du Lac hetzte sogar ihren Mann dazu, obgleich er nicht der geschickteste Fechter war, denn sie dachte, dass er dem du Val als einem der besten Fechter nicht würde standhalten können, und nach seinem Tode hoffte, du Val noch der Fondsblanche zu entreissen. Aber es kam ganz anders als sie vermutet hatte, denn du Val, der sich auf seine Geschicklichkeit verliess, nahm du Lac nicht ernst, der sich anfänglich bloss verteidigte, weil er glaubte, der andere würde es nicht wagen, ihm einen Stoss zu geben. Dabei gab er sich eine solche Blösse, dass du Lac ihm den Degen mitten durch den Leib stiess und ihn tot auf den Platz hinstreckte. Er ging sogleich nach Hause und erzählte den Ausgang seiner Frau, die nicht wenig verblüfft und äusserst verstimmt darüber war. Er nahm die Flucht und verbarg sich in dem Haus eines Verwandten seiner Frau, die wie gesagt hohe und vornehme Personen waren, welche sich beim König für ihn verwandten. Die Fondsblanche war äusserst bestürzt, als sie die Nachricht von dem Tode ihres Mannes hörte; man sagte ihr, dass sie die Zeit nicht mit vergeblichen Tränen verlieren, sondern ihn heimlich beerdigen lassen sollte, damit sich die Justiz nicht in die Sache mischte. Sie musste es also geschehen lassen; und so wurde sie wieder Witwe in weniger als sechs Wochen. Du Lac wurde unterdessen begnadigt und von dem Pariser Parlament für unschuldig erklärt, ungeachtet aller Vorstellungen der Witwe des Verstorbenen, welche die Sache als einen Mord behandelt wissen wollte. Da ihr nun auch dieses fehlschlug, so geriet sie auf einen verzweifelten Entschluss. Sie steckte einen Dolch zu sich, und als sie auf dem Spaziergang an du Lac vorbei ging, überfiel sie ihn unvermutet und mit solcher Wut, dass er sich nicht verteidigen konnte, und gab ihm zwei Stiche in den Leib, woran er drei Tage darauf starb. Seine Frau liess sie hierauf ergreifen und festsetzen. Man machte ihr den Prozess, und die meisten Stimmen waren für Bestrafung: man verurteilte sie zum Tode. Aber die Vollziehung des Urteils wurde durch ihre Erklärung, dass sie schwanger sei, aufgehalten, ob sie gleich nicht sagen konnte, von welchem ihrer beiden Männer. Sie blieb also im Gefängnis. Da sie aber von zarter Leibesbeschaffenheit war, so setzten ihr die schlechte Luft und alle anderen Unbequemlichkeiten des Gefängnisses so sehr zu, dass sie in eine Krankheit verfiel, wodurch sie vor der Zeit entbunden wurde und kurz darauf starb. Das Kind folgte ihr in einigen Stunden nach. Das Gewissen der du Lac regte sich nun und sie begann über so viele traurige Vorfälle, deren sie Ursache gewesen war, nachzudenken. Sie brachte ihr Hauswesen in Ordnung und fasste den Entschluss in ein Benediktiner-Nonnenkloster zu Sées zu gehen. In diesem Kloster ist sie noch und lebt da in der strengsten Eingezogenheit.« Die Komödianten und Komödiantinnen hörten noch immer zu, obgleich Herr la Garouffiere lange schon schwieg, als Roquebrune aufstand, um nach seiner Gewohnheit zu sagen, dass es einen schönen Stoff zu einem ernsthaften Gedicht abgäbe, und er entschlossen sei, ein Trauerspiel nach allen Regeln daraus zu verfertigen. Er erhielt aber auf seine Rede keine Antwort. Alle bewunderten den Eigensinn und die Launen der Frauen, welche, wenn sie von der Eifersucht beherrscht werden, leicht zu den äussersten und gefährlichsten Mitteln greifen. Man stritt darüber, ob die Eifersucht eine Leidenschaft sei, aber die Klügsten unter der Gesellschaft behaupteten, sie sei die grösste Störerin der schönsten unter allen Leidenschaften, nämlich der Liebe. Es blieb nun noch genug Zeit bis zum Abendessen übrig, und man fand es für gut, in dem Park spazieren zu gehen und sich dort auf den Rasen zu setzen. Destin sagte, man könne die Zeit nicht angenehmer hinbringen als durch Erzählen hübscher Geschichten, worauf Leander, der bisher noch nie mitgeredet, sondern immer die Rolle des Bedienten gespielt hatte, das Wort nahm und sagte, dass er von dem Eigensinn einer Frau erzählen wolle, die nicht weit von einem seiner Güter wohnte; wenn es nämlich der Gesellschaft angenehm wäre. Alle baten ihn darum, und nachdem er einigemal gehustet hatte, fing er folgendermassen an. * Sechzehntes Kapitel. Geschichte der eigensinnigen Geliebten In der kleinen Stadt Vitré in der Bretagne lebte ein alter Edelmann, der lange Zeit mit einer braven Frau verheiratet war, ohne Erben zu erhalten. Unter den Bedienten ihres Haushalts war ein Haushofmeister und eine Aufseherin, durch deren beide Hände alle Einkünfte des Hauses gingen. Diese beiden Personen standen, wie die meisten ihres Standes, in einem Liebesverhältnis, versprachen sich die Ehe, und scharrten jedes von seiner Seite so viel zusammen, dass der alte Edelmann und seine Frau ziemlich arm starben. Die beiden Bedienten waren nun reich geworden, und heirateten einander ein paar Jahre darauf. Aber der Haushofmeister geriet in einen so schlimmen Handel, dass er die Flucht ergreifen musste; er ging seiner Sicherheit wegen unter ein Reiterregiment und liess seine Frau allein und ohne Kinder zurück. Als sie nun zwei Jahre gewartet hatte, ohne Nachricht von ihm zu erhalten, dachte sie, er sei tot, und legte Trauer um ihn an. Als die Trauerzeit vorbei war, meldeten sich verschiedene Partien, unter andern auch ein reicher Kaufmann, der sie heiratete; und nach einem Jahre kam sie mit einer Tochter nieder, die ungefähr vier Jahre alt sein mochte, als der erste Ehemann wieder nach Hause kam. Wie gross das Erstaunen der beiden Ehemänner und der Frau gewesen sein muss, kann man sich leicht denken. Da aber der schlimme Handel des erstem noch nicht erledigt war, weswegen er sich immer noch verborgen halten musste, und er zudem ein Kind von dem andern Mann vorfand, so begnügte er sich mit einer Summe Geldes, und trat seine Frau dem zweiten Manne ab, ohne ihn weiter zu beunruhigen. Von Zeit zu Zeit kam er dann wieder und holte sich etwas zu seiner Unterstützung, die man ihm auch nicht versagte. Das Mädchen, das Margareta hiess, wuchs indessen auf, und hatte mehr Lieblichkeit als wirkliche Schönheit, dabei Verstand genug für eine Person ihres Standes. Da das Geld aber von jeher bei allen Heiraten den Ausschlag gibt, so fehlte es ihr nicht an Anbetern, und unter diesen befand sich der Sohn eines reichen Kaufmannes, der aber nicht nach seinem Stand, sondern wie ein Edelmann lebte, denn er besuchte die vornehmsten Gesellschaften, und fand da immer seine Margareta, die man wegen ihres Reichtums da aufnahm. Dieser junge Mann, der sich Saint-Germain nannte, war sehr hübsch und so tapfer, dass er oft Duelle hatte, die zu dieser Zeit sehr häufig waren. Zudem tanzte er schön, spielte und kleidete sich prächtig. Bei allen Gelegenheiten, wo er dieses Mädchen antraf, bot er ihr seine Dienste an, erklärte ihr seine Liebe und den Wunsch, sie zu heiraten. Sie war nicht abgeneigt und erlaubte ihm, sie zu besuchen, was er mit Erlaubnis ihrer Eltern, die sein Anliegen zu fördern suchten, tat. Doch als er sie zur Ehe von ihnen begehren wollte, wünschte er zuerst ihre eigene Einwilligung zu erhalten, weil er nicht glaubte, Hindernisse bei ihr zu finden; er staunte aber nicht wenig, als sie ihn sowohl mit Worten als Gebärden so sehr zurückwies, dass er in der grössten Verwirrung wieder nach Hause ging. Er blieb einige Tage, ohne sie zu sehen und suchte seine Leidenschaft zu unterdrücken, aber er war zu sehr in sie verliebt, und so kehrte er wieder zu ihr zurück. Kaum war er ins Haus getreten, so ging sie fort in eine Gesellschaft von Mädchen aus der Nachbarschaft, wohin er ihr folgte, nachdem er sich vorher gegen ihre Eltern beklagt hatte, die ihm versprachen, ihr zuzureden; da sie aber das einzige Kind war, so wollten sie ihr nicht geradezu befehlen und stark in sie dringen, sondern stellten ihr ganz sanft vor, wie unrecht sie täte, diesen Menschen so zu behandeln, nachdem sie ihm doch einige Liebe gezeigt hätte. Auf alles dieses antwortete sie aber nichts, und wurde nicht anders; denn sobald er sich ihr näherte, veränderte sie ihren Platz und wich ihm überall aus; und eines Tages, als er sie beim Kleid fasste, schrie sie laut, er hätte ihr den Ärmel zerrissen, und wenn er dies noch einmal täte, so würde sie ihm eine Ohrfeige geben, er würde daher besser tun, sie in Ruhe zu lassen. Kurz, je mehr er sich um sie bewarb, desto eifriger suchte sie ihn zu vermeiden und ging auf Spaziergängen lieber allein, als dass sie seinen Arm annahm. War sie auf einem Balle, und er forderte sie zum Tanze, so beleidigte sie ihn öffentlich, schützte eine Übelkeit vor, und ging gerade hin und tanzte mit einem andern. Sie ging sogar so weit ihm Händel auf den Hals zu ziehen, und war Ursache, dass er sich viermal schlagen musste, wobei er immer glücklich davon kam, worüber sie, wenigstens dem Scheine nach, vielen Ärger bezeigte. Alle diese schlimme Behandlung war aber Öl ins Feuer, denn er wurde immer verliebter und stellte seine Besuche nicht ein. Eines Tages glaubte er sie durch seine Beständigkeit erweicht zu haben, weil sie ihn nahe kommen Hess und ziemlich aufmerksam die Klagen anhörte: »Warum fliehen Sie den, der ohne Sie nicht leben kann? Wenn ich nicht Verdienst genug habe, um gelitten zu weiden, so sehen Sie wenigstens auf meine Liebe und auf die Geduld, mit der ich alle Ihre Grausamkeit ertragen habe; ich, der ich bloss lebe um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen ergeben bin!« »Nun,« antwortete sie, »Sie können mir dies nicht besser beweisen, als indem Sie sich von mir entfernen, und da dies nicht geschehen kann, so lange Sie in dieser Stadt bleiben, und Sie mich doch überreden wollen, dass ich einige Gewalt über Sie hätte, so befehle ich Ihnen, unter den Truppen, die jetzt angeworben werden, Dienste zu nehmen. Sobald Sie einige Schlachten werden mitgemacht haben, sollen Sie mich vielleicht etwas nachgiebiger finden. Diese geringe Hoffnung, die ich Euch gebe, muss Euch dazu antreiben, wo nicht, so lasst sie gänzlich fahren.« Bei diesen Worten zog sie einen Ring vom Finger, gab ihm den und sagte: »Dieser Ring soll Sie an mich erinnern; behalten Sie ihn, und ich verbiete Ihnen zugleich, Abschied von mir zu nehmen. Mit einem Wort, kommen Sie nicht wieder, mich zu besuchen.« Sie erlaubte ihm hierauf einen Kuss zum Abschied, ging in ein anderes Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Der arme Liebhaber nahm nun Abschied von ihren Eltern, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnten und ihm versprachen, unterdessen alles zur Förderung seiner Wünsche zu tun. Den andern Tag ging er unter ein Regiment, das man zur Belagerung von Rochelle anwarb. Die Nacht vor seiner Abreise brachte er ihr ein Ständchen und sang dabei ein sehr rührendes Lied, worin er sich über ihre Härte in den zärtlichsten Versen beklagte. Das eigensinnige Mädchen stand auf, öffnete einen Fensterladen und lachte so laut hinaus, dass er ganz in Verzweiflung darüber geriet. Er wollte ihr noch etwas zurufen, aber sie machte den Laden wieder zu und rief: »Haltet Euer Wort, und es wird Euch nicht gereuen!« womit er sich denn wieder wegbegab. Einige Tage nachher reiste er mit seiner Kompanie ab und kam vor la Rochelle im Lager an. Nach einer langen Verteidigung musste sich die Stadt dem König ergeben. Man dankte einige Truppen ab, worunter auch die Kompanie des Saint-Germain war. Dieser kehrte also nach Vitré zurück und ging gleich bei seiner Ankunft zu seiner strengen Schönen, die ihm diesmal erlaubte, sie zu grüssen; aber gleich darauf sagte sie ihm, er wäre zu früh zurückgekommen, und sie konnte sich nicht entschliessen, ihn um sich zu dulden, daher sie ihn bäte, sie nicht zu besuchen. Er antwortete ihr sehr traurig: »Man muss gestehen, dass Sie eine sehr gefährliche Person sind, und nichts als den Tod des treuesten Liebhabers auf der Welt verlangen, denn viermal haben Sie mir bereits dazu Gelegenheit verschafft, ob ich mich gleich noch gut herauszog. Jetzt bin ich hingegangen, ihn da zu suchen, wo weit Unglücklichere als ich ihn gefunden haben, ohne dass er mich traf. Allein weil Sie so sehr darauf bestehen, so will ich ihn an so vielen Orten aufsuchen, dass er mir endlich zuteil werden muss, und dann werden Sie befriedigt sein. Vielleicht aber werden Sie nachher einige Reue darüber empfinden, denn ich werde eine Todesart wählen, die Sie gewiss zum Mitleid bewegen wird. Leben Sie also wohl, Grausamste unter allen Mädchen!« Mit diesen Worten stand er auf und wollte sie verlassen, sie hielt ihn aber zurück und sagte ihm, dass sie keineswegs seinen Tod wünsche, und dass, wenn sie ihm Gelegenheit zum Zweikampf verschafft hätte, es bloss geschehen wäre, um seine Tapferkeit zu prüfen, damit er desto würdiger sei, sie zu besitzen. Jetzt aber könne sie seine Anträge noch nicht erhören. Vielleicht aber würde die Zeit es dazu bringen. Mit diesen Worten liess sie ihn allein. Diese geringe Hoffnung gab ihm ein Mittel ein, das beinahe die ganze Sache verdorben hätte, nämlich: sie eifersüchtig zu machen. Er dachte, dass wenn sie einige Neigung zu ihm hätte, sich diese bei einer solchen Gelegenheit gewiss äussern würde. Einer seiner Freunde hatte ein Mädchen, das ihn ebensosehr liebte wie er von dem seinen misshandelt wurde. Er bat ihn also um die Erlaubnis, sein Mädchen besuchen zu dürfen, und dass er die seine besuchen möchte, um zu sehen, was sie dabei täte. Sein Freund wollte ihm dies nicht eher erlauben, bis er seine Geliebte darüber gesprochen hätte, und diese willigte ein. Diese beiden Mädchen waren viel beisammen. Bei der ersten Zusammenkunft tauschten die beiden Liebhaber: Saint-Germain hielt sich zu der Geliebten seines Freundes, und dieser unterhielt sich mit der strengen Margareta, welche ihn sehr freundlich aufnahm. Als sie aber sah, dass die andern beiden lachten und lustig waren, glaubte sie, dass dieser Tausch verabredet sei, und wurde darüber so zornig, dass sie alles sagte, was die Wut einer beleidigten Geliebten nur eingeben kann. Ihre Freundin stellte ihr vor, wie unrecht sie täte, ihren Anbeter so zu behandeln, dass sie nie glücklicher werden könnte als durch einen so guten Mann, der sie so sehr liebte, und dass ihre Politik ganz ungewöhnlich und unter Verliebten äusserst sonderbar sei. Sie möchte doch einmal sehen, wie sie den ihrigen behandelte, dem sie noch nie Ursache zum Verdruss gegeben hätte. Alles dieses aber tat keine Wirkung auf den sonderbaren Charakter der Margareta, worüber Saint-Germain in eine solche Verzweiflung geriet, dass er von der Zeit an bloss Gelegenheit suchte, ihr die Heftigkeit seiner Liebe durch einen schrecklichen Tod zu beweisen, den er auch beinahe gefunden hätte. Er kam nämlich eines Abends mit sieben seiner Kameraden, die alle Degen hatten, aus einem Wirtshaus. Unterwegs begegneten sie vier Edelleuten, die ihnen in einer engen Gasse das Pflaster streitig machten. Sie wurden gezwungen nachzugeben, sagten aber die Zahl sollte auf beiden Seiten bald gleich sein. Und so gingen sie fort und holten noch vier bis fünf andere junge Leute, die mit ihnen denen nachliefen, die ihnen das Pflaster streitig gemacht hatten. Sie holten sie in der grossen Strasse wieder ein, und da Saint-Germain bei dem Wortwechsel der erste gewesen war, so erkannte ihn einer, ein Reiterkapitän, an seinem silbernen Tressenhut sogleich wieder, und gab ihm einen Hieb auf den Kopf, der durch den Hut ging und ihm den Schädel spaltete. Sie hielten ihn für tot, glaubten sich genug gerächt zu haben und gingen fort, während seine Freunde beschäftigt waren, ihn aufzuheben und nach Hause zu tragen. Zu Hause fand der Wundarzt noch Leben in ihm und legte einen Verband an. Der erste Wortwechsel der Streitenden hatte die ganze Nachbarschaft aufgeweckt; man sprach davon und alle glaubten, Saint-Germain sei tot. Das Gerede kam auch seiner grausamen Margareta zu Ohren, die sogleich aufstand und im Nachtkleid zu ihm hinging, wo sie ihn denn in dem oben beschriebenen Zustande fand. Als sie ihn so totenblass liegen sah, fiel sie in Ohnmacht, und man hatte viele Mühe, sie wieder zu sich zu bringen. Als sie aber wieder zu sich gekommen war, warfen alle Nachbarn die Schuld dieses Unglücks auf sie und sagten es würde nicht geschehen sein, wenn sie ihn nicht so schlecht behandelt hätte. Sie fing an, sich die Haare auszuraufen und sich wie eine von Schmerz und Traurigkeit ganz verstörte Person zu betragen. Hierauf wartete sie ihn Tag und Nacht, ohne sich auszukleiden, mit unermüdetem Eifer, und erlaubte sogar seinen Schwestern nicht, ihr zu helfen. Als er nun nach und nach wieder zu sich kam, hielt man am besten, sie zu entfernen, weil ihr Anblick ihm in dem Zustand eher gefährlich als nützlich werden konnte. Endlich wurde er wieder ganz gesund, und nun verheiratete er sich mit seiner Margareta zur grossen Zufriedenheit der Eltern.« Nachdem Leander diese Geschichte geendigt hatte, kehrte die Gesellschaft nach der Stadt zurück, zu einem kleinen Abendessen. Nachher brachte man die Neuverheirateten zu Bette. Da die Hochzeiten ganz in der Stille waren vollzogen worden, so erhielten sie weder diesen noch den folgenden Tag Visiten. Aber zwei Tage nachher wurden sie so sehr überlaufen, dass sie kaum so viel Zeit behielten, ihre Rollen zu studieren und diese Besuche dauerten acht Tage lang fort. Nachdem diese Feierlichkeiten vorüber waren, setzten sie ihr Geschäft mit mehr Ruhe fort, ausgenommen Ragotin; denn dieser fiel, wie man aus folgendem Kapitel ersehen wird, in die äusserste Verzweiflung. * Siebzehntes Kapital. Ragotins Verzweiflung und Schluss des Komödiantenromans La Rancune, der nun alle Hoffnung vereitelt sah, in seiner Liebe zur Etoile glücklich zu werden, stand früh auf und ging zu dem kleinen Ragotin, den er auch schon aufgestanden und schreibend antraf. Er sagte ihm, er wäre eben mit seiner Grabschrift beschäftigt. »Was?« sagte Rancune, »Grabschriften macht man nur für Verstorbene, und Ihr seid ja noch am Leben, und was noch das sonderbarste ist, Ihr macht selbst die Eurige!«– »Ja,« sagte Ragotin, »Ihr sollt sie sehen.« Zugleich nahm er das Papier und las ihm folgende Grabschrift vor: Hier liegt der arme Ragotin, der sehr verliebt war in Etoile, die ihm wegschnappte der Destin, drum segelt' er mit einemmal hinüber in die andre Welt; woselbst er bleiben wird solang man ihn behält. Ihr zuliebe wurde er Komödiant, und beschloss so seines Lebens Tand. »Das ist höchst vortrefflich,« rief Rancune aus, »aber Dir werdet nicht das Vergnügen haben, sie auf Eurem Grabe zu lesen, denn man sagt, dass die Toten weder sehen noch hören sollen.« – »Ach!« sagte Ragotin, »Dir seid viel schuld an meinem Unglück! Denn Ihr machtet mir immer grosse Hoffnung, diesen Engel noch zu erweichen, und wusstet doch, dass es nicht möglich war.« Rancune schwor ihm hierauf hoch und teuer, dass er nicht gewusst, wohl es aber geargwöhnt hätte, und deswegen habe er ihm auch geraten, diese Leidenschaft zu unterdrücken, weil sie eines der sprödesten Frauenzimmer auf der Welt sei. »Dennoch«, fuhr er fort, »sollte man glauben, dass der Stand, in dem sie ist, sie dieser Sprödigkeit, welche von andern Frauenzimmern mit Recht gefordert wird, überhöbe; allein ich glaube, dass man unter allen Komödiantentruppen nicht eine einzige wird auffinden können, die so zurückhaltend und keusch lebt wie sie. Sogar Angelique hat sie zu dieser Lebensart bekehrt, denn von Natur aus hat diese ganz andere Neigungen, wie aus ihrem munteren Temperament hinlänglich erhellt. Allein ich will Euch jetzt ein Geheimnis entdecken, welches ich bis diese Stunde keinem Menschen anvertraut habe. Ich selbst war nämlich ebenso verliebt in sie wie Ihr, und ich glaube nicht, dass irgendein Mensch, der so lange wie ich mit ihr verkehrte, sich der Liebe zu ihr erwehren könnte. Da ich nun aber so wie Ihr alle Hoffnung verloren habe, so bin ich entschlossen, die Truppe zu verlassen, und dies um so mehr, da man den Bruder der Caverne engagiert hat. Dieser Mensch kann keine andern Rollen spielen als die meinigen, und ich werde also ohne allen Zweifel meinen Abschied erhalten. Diesem will ich aber zuvorkommen und ihn lieber selbst fordern, und nachher zu der Truppe nach Rennes gehen, die mich sicher aufnehmen wird, weil ihr ein Akteur fehlt.« – »Ha!« schrie Ragotin, »weil Ihr also selbst in sie verliebt wart, so habt Ihr Euch wohl gehütet, mit ihr von mir zu sprechen!« Aber Rancune vermass sich hoch und teuer, dass er ein rechtschaffener Kerl sei, und öfters mit ihr deswegen gesprochen hätte, doch hätte sie ihn nie anhören wollen. »Nun denn,« sagte Ragotin, »Ihr seid willens, die Truppe zu verlassen, und ich auch, allein ich will noch mehr verlassen als dies, denn ich will ganz und gar aus der Welt gehen.« Rancune dachte eben nicht an die Grabschrift, die Ragotin ihm gegeben hatte, sondern glaubte, er wolle bloss in ein Kloster gehen, daher gab er auch nicht weiter acht auf ihn, und sagte niemand etwas davon, ausser dem Poeten, dem er eine Abschrift gab. Als nun Ragotin allein war, sann er auf Mittel, um aus der Welt zu kommen. Er nahm eine Pistole, lud sie mit zwei Kugeln, und wollte sich vor den Kopf schiessen; bald aber besann er sich anders, weil es zu viel Lärm machen würde. Er setzte sich also die Spitze seines Degens auf die Brust, da ihn aber die Spitze kitzelte, so wagte er es nicht, tiefer zu stossen. Endlich lief er hinunter in den Stall, während die Knechte frühstückten, machte die Stränge von einem Fuhrpferd los, band einen davon an die Raufe fest und machte sich ihn um den Hals. Allein als er sich sollte schweben lassen, wollte er lieber warten, bis jemand dazu käme. Bald darauf kam ein Fremder zu Pferd an, und nun liess er sich schweben, wobei er jedoch noch einen Fuss auf der Krippe behielt; indessen hätte er sich doch erwürgt, wenn er lange in diesem Zustand geblieben wäre. Bald darauf aber kam der Stallknecht herunter, um dem Fremden das Pferd abzunehmen. Als dieser den Ragotin hängend erblickte, hielt er ihn für tot und machte einen so grossen Lärm, dass alles aus dem ganzen Hause heruntergelaufen kam. Man machte ihm den Strick vom Halse und brachte ihn ohne viele Mühe wieder zu sich. Auf die Frage, was ihn zu diesem verzweifelten Entschluss gebracht hätte, konnte man aber keine Antwort von ihm herausbringen. Nunmehr zog Rancune die Mademoiselle de Etoile beiseite und entdeckte ihr die ganze Sache, worüber diese nicht wenig erstaunte. Noch mehr aber erstaunte sie, als der unverschämte Mensch ihr gestand, dass er selbst in derselben Lage wäre, aber keinen so verzweifelten Entschluss fassen, sondern sich damit begnügen wolle, seinen Abschied zu fordern. Auf alles dies antwortete sie ihm gar nichts und liess ihn stehen. Einige Tage darauf erklärte Ragotin der Gesellschaft, dass er gesonnen sei, mit Herrn von Verville abzureisen und nach Mans zurückzukehren. Den folgenden Tag reisten sie also bei guter Zeit ab, nachdem Verville die Komödianten und Komödiantinnen seiner fortdauernden Freundschaft versichert und den Destin umarmt hatte. Ragotin hielt statt des Kompliments eine kleine Rede, die aber so verworren war, dass wir sie nicht hersetzen können. Als sie aber aufstiegen, fragte Herr von Verville, ob die Pferde getrunken hätten; der Stallknecht aber antwortete, es wäre noch zu früh, und sie könnten sie in dem Fluss tränken, über den sie müssten. Sie nahmen also Abschied von Herrn la Garouffiere, der auch im Begriff war, abzureisen, und dem die Komödianten vielfach für die Höflichkeit dankten, dass er ihre Hochzeit mit seiner Gegenwart beehrt hatte. Nun stieg alles zu Pferd; Rancune folgte dem Herrn la Garouffiere und konnte trotz seiner Fühllosigkeit sich beim Abschied doch nicht der Tränen enthalten, und auch Destin weinte, indem er sich ungeachtet seines ungeselligen Charakters doch der treuen Dienste erinnerte, die er ihm besonders in Paris geleistet hatte, als er auf der neuen Brücke von Rappinière bestohlen wurde. Als nun Verville und Ragotin über die Brücke weg waren, ritten sie hinunter an das Wasser, um die Pferde zu tränken. Ragotin näherte sich einer sehr steinigen Stelle, wo sein Pferd so sehr stolperte, dass er darüber aus den Steigbügeln kam und über den Kopf des Pferdes weg in den Fluss fiel, der gerade an dieser Stelle sehr tief war. Schwimmen konnte er nicht, und wenn er es gekonnt hätte, so würde ihn dennoch sein Karabiner, sein Degen und sein Mantel auf den Grund gezogen haben, wie es auch wirklich geschah. Einer von Vervilles Bedienten fing sein Pferd auf, das wieder aus dem Wasser herausgesprungen war, und der andere zog sich aus und warf sich in den Fluss, um Ragotin herauszuziehen; er fand ihn auch, aber er war tot. Man rief Leute herbei und zog ihn vollends aufs Trockene. Unterdessen schickte Verville sein Pferd und einen Boten mit dieser traurigen Nachricht an die Komödianten. Sie kamen alle herbei und beklagten das Schicksal des kleinen Mannes, worauf sie ihn auf dem Hof der Sankt-Katharinen-Kapelle, die nicht weit von dem Fluss lag, begraben liessen. Hier traf also das Sprichwort ein: »Wer ersaufen soll, wird nicht gehangen«, denn das erste war ihm bestimmt, also gelang ihm das letztere nicht. Dies war das Ende dieses kleinen und komischen Advokaten, dessen lustige Abenteuer und trauriger Tod den Einwohnern von Mans in beständiger Erinnerung bleiben werden, ebensowohl als die Heldentaten derer, die diese berühmte Schauspielertruppe ausmachten. Als Roquebrune den Leichnam erblickte, sagte er, es müssten zwei Verse an der Grabschrift, von der ihm Rancune eine Abschrift gegeben hatte, geändert werden, und zwar folgendermassen: Hier liegt der arme Ragotin, gar sehr verliebt in die Etoile; die ihm wegschnappte der Destin, daher segelt' er mit einem Mal in die andere Welt ohne Schiff und Kahn, und kam dennoch zu Wasser an. Ihr zuliebe ward er Komödiant, und beschloss so seines Lebens Tand. Die Komödianten kehrten nun nach Hause zurück und trieben ihren Beruf mit dem gewohnten Beifall weiter.   Ende