Felicitas Rose Heideschulmeister Uwe Karsten Dem Andenken von Frau Marie Vorwort Das braune Heidekraut hat einhundertfünfzigtausend Blüten getrieben. Ist nun ein köstlicher, rosenroter Strauß geworden. Er steht vor mir auf dem Schreibtisch, und all die lieben Worte, die mir die Stillen im Lande über mein schlichtes Buch schreiben und sagen, liegen wie ein leuchtender Teppich daneben. Habt Dank! Ich fasse eure ausgestreckten Hände und wandre mit euch zum Jubiläumstag noch einmal durch die Heide. Auf weichem, weißem, warmem Sand, oder mitten hinein in die rotsamtene Schönheit lagern wir uns. Da spüren es die Bresthaften, daß sie gesunden, die Wunden, daß sie heil werden, die Traurigen lernen das heilige Lachen, die Verbitterten fühlen die tröstende Liebe der allgütigen Mutter Natur. Alle die Augen, vom Weinen wund, Trinken rasch sich hell und gesund, Bis sie wieder die Wunder sehn, Die in der Heide gebreitet stehn, Tausend Wunder, – vom Herrgottstisch Ausgeschüttet verschwenderisch. Gegen all diese Wunder ist ja meine Sprache arm und matt, ich kann nur mit Menschen-, nicht mit Engelszungen reden. Aber die Liebe, die ja die »Größeste unter ihnen« ist, die Liebe zu meiner Heide trage ich zutiefst in mir, und deshalb ist euch wohl mein Schildern und Erzählen ins Herz gedrungen. Diese Gewißheit ist ein Geschenk für mich von unverlierbarem Wert. Wollt ihr nun weiter mit mir wandern? Aus Heidekraut, Heidesand, goldgelbem Ginster und grünen Birken führt der Weg zum Heidehaus. Schaut es euch heute geruhlich an. Sein Kleid ist neu und schier prunkhaft. Giebel, Wände, Fensterladen und Gartenzaun ganz frisch gestrichen. Aber das Innere, das Herz des Hauses ist schlicht geblieben. Ich bitte euch, wollet weiter auf seinen stillen Schlag lauschen, und bleibet allzeit dem Uwe Karsten treue Weggenossen. Berlin, 1920. Die Verfasserin. Immenhof, den 14. Oktober 19.. Heidehaus. ... und so bin ich fernab vom Weltgetriebe meine Straße gezogen und habe die Brücken hinter mir abgebrochen. »Die Heide ist braun, Einst blühte sie rot. Die Birke ist kahl, Grün war einst ihr Kleid, Weh über den Herbst und die gramvolle Zeit.« Der erste Tag in meiner neuen Welt. – Wunderlich ist mir zu Sinn. Dort verglüht das Abendrot über der braunen Heide, es duftet nach Birkenlaub und Erde. Sechs Uhr abends. – Tiefe, wohlige Stille um mich. Und da die neue, selbstgewählte Heimat mich noch nicht ganz fest an ihrer Brust hält, vermögen es meine Gedanken, nach der alten Heimat zu schweifen. Doch ohne rascheren Herzschlag – losgelöst –, über dem Ganzen stehend, folgt mein »Ich« ihrem Fluge. Ich denke ruhig: »Jetzt zündet in Hamburg, im alten Kaufmannshause Diewen und Heinsius, der Diener Kaspar die Lampen an. – Tante Renate, im knisternden schwarzen Taftkleid, wird, wie jeden Abend, aus ihrem eigenen Zimmer ins gemeinsame Wohnzimmer treten und die Karten zum Ekarté in der Hand halten. Und Onkel Eberhardt wird drei Minuten nach sechs Uhr aus der gegenüberliegenden Tür treten und gemessen fragen: ›Ei, ei, so pünktlich, liebe Renate?‹ So sagt er regelmäßig – seit siebenundzwanzig Jahren. So festgefügt ist das alles, so patriarchalisch, so – langweilig. Das heißt, das sagte ich – damals, als ich noch jung und daheim war. Mich dünkt es wie nebelgraue Vergangenheit, und 's ist doch erst ein Tag. Aber ein Tag in dieser wunderstillen Einsamkeit hat mir mehr gegeben, als Jahre in dem unsteten Treiben der Großstadt. Nun steht der Kreis, den ich verlassen, plötzlich ganz lebendig vor meinem geistigen Auge, daß ich ihn zeichnen muß, als waren es Bilder zu diesen Blättern. Zu allererst meinen Lu-Bruder. Ludwig Diewen, der junge Chef des Handelshauses! Groß und schön, gescheit und gut, sechs Jahre älter und viel mehr im Geleise gehend als ich. Wir sind zwei Unzertrennliche, sind es noch, trotzdem die weite Heide sich zwischen uns legte. Dann sehe ich Frau Sabine, die zweite Gattin meines verstorbenen Vaters, und ihre Söhne Friedrich und Otto, meine Stiefbrüder. Diese sind Schuljungen. Und alle, die sich augenblicklich in Frau Sabinens Zimmer versammelt haben, um zu arbeiten, zu lesen, zu plaudern oder Ekarté zu spielen, sie denken das insgeheim, was der würdige Onkel Eberhard jetzt ausspricht, mit tiefem Seufzer vor sich hinmurmelt, nämlich: ›Unsere arme Ursula ist verrückt geworden.‹ Aber die verrückte Ursula lacht in der Ferne befreit auf und denkt: ›Nur niemals zurück in jenen normalen Geisteszustand unseres Hamburger Patrizierhauses!‹ – – Doch fliegt, ihr Gedanken, fliegt nur hin und wieder in die alte Enge und plaudert denen von mir, sagt ihnen, daß die Ursula das Lachen wieder gelernt hat, das lang vergessene, – gelernt von der braunen, lieben, herbstlichen Heide. Ein herbstliches Lachen freilich, aber um so stillender und heilender. Ich war hinausgelaufen aus dem Hause mit seinem niederen, strohgedeckten Dach, war hingeflogen mit ausgestreckten Armen über die weite Heide. Hin zum weichen, weißen Sandweg, der, birkenumstanden, weit hineinführt in die dunkeln Fichten- und Kiefernwälder. Und hier, unter einer goldglänzenden Birke, hatte ich mich niedergeworfen längelang in Heide und Sand und hatte laut geweint vor Heimweh – vor Heimweh nach der Heide, in der ich lag. Ja, und weil ich doch einmal verrückt war, nach Ausspruch der zärtlichen Verwandten, lachte ich gleich darauf und entdeckte, daß unser Herrgott den ganzen Heideweg hatte für mich Spalier bilden lassen durch lauter patriotische Birkenpilzlein. Rotköpfig, weißstielig, schwarz gesprenkelt. Nahm sie mir alle mit, die kleinen Kerlchen, zum Abendbrot. Das bereitete mir die liebe Mutter Alslev, die Verwalterin meines Heidehauses. Sie wohnt im Altenteil, dicht angebaut an mein Heim, und ist meine Ehrendame. Eine liebenswerte Greisin und alte Vertraute meiner heimgegangenen Eltern. Unter ihrem und meiner Dienerin Minna Schutz will ich in der Einsamkeit ein neues Leben beginnen. Heidehaus, den 17. Oktober. Nun bin ich ganz fertig eingerichtet. Hab' Dank, Bruder Lu! Der von Dir so sorgfältig verpackte Möbelwagen schwankte besorgniserregend auf dem sandigen Pfade daher, aber endlich hielt er doch wohlbehalten hier an. Das Auspacken ging rasch und sicher, Deine geschulten Leute taten ihre Schuldigkeit. Als sie ihr »Adjüs ok« gesagt hatten und das Heidehaus verließen, atmete ich hoch auf. Es war das Letzte aus der »alten« Welt. Adjüs ok! Adjüs. Lu, jetzt bin ich allein. Und doch nicht allein, ich habe eine stille, kleine Welt, habe den weiten Himmel, die weite Heide, habe den lieben Gott viel näher als in der Großstadt, und Dich, Bruder Lu, den ich liebhabe, viel fester in mir, und – ich habe mich selbst wiedergefunden. – Wie hell die hohe, schöne Lampe neben mir brennt! Lu hat das Prachtstück ausgesucht, und in dem Kämmerlein neben der großen Diele steht eine ganze Batterie Spiritusflaschen und Glühstrümpfe, Lu hat an alles gedacht. Dafür hat auch sein liebes Gesicht den Ehrenplatz auf meinem Schreibtisch. »Wohl 'n Schatz?« fragte mich Mutter Alslev bedeutsam. »Nein, nein! Es ist mein geliebter, einziger Bruder.« Darauf nahm sie das Bild in die Hand, und ihre guten, alten Augen tauchten liebevoll in seine Züge. »Wat 'n smucken Keerl«, meinte sie bewundernd. Vor dem Bechsteinflügel stand sie nicht bewundernd, sondern kopfschüttelnd. Wollte mir aber nicht sagen, weshalb. Erst als ich ihr eine perlende Etüde von Rubinstein vorspielte, kopfschüttelte sie nicht mehr, sondern nickte. »Schon recht,« meinte sie, als ich geendet, »de witten Dinger sün wat rostig worn up de lange Reis', äwer nu sün se bannig glatt, – nu spelen Se mir ok wat Schöns. ›Wer nur den lieben Gott läßt walten‹, oder: ›Sleswig-Hols-tein s-tammverwandt‹.« Gute Mutter Alslev! Meine rauschende Etüde war ihr nur als vorbereitendes Geräusch erschienen, um die Tasten »gangbor to maken«. Ich kann im stillen Heidehaus noch viel lernen. Heute habe ich gelernt, einen wichtigen Schritt in ein neues Leben mit einem Choral einzuweihen. Den 18. Oktober. Lange stand ich heute vor dem großen Ölbilde meines verstorbenen Vaters. Guter, herrlicher Vater! Du segnest mich und meinen Schritt, ich weiß es. Dein liebes Auge blickt mich heller an, seit ich wieder Ursula Diewen bin – und mich dünkt, dein ernster Mund lächelt sogar, seit du mich geborgen weißt unter diesem strohgedeckten Heidehaus. Hier hast du die Flitterwochen mit meinem Mütterchen verlebt vor dreiunddreißig Jahren. Manchmal, – wenn die Mittagssonne auf der Heide ruht, und goldige Strahlen durch die Fensterscheiben auf den Fußboden fallen oder auf der getünchten Wand ein zitterndes Spiel treiben, dann ist's mir, als sähe ich lauter Geisterchen, liebe, kleine Gespenster, verlorene, vergessene, zurückgebliebene Heimchen am Herde eures einstigen wonnigen Glücks. Wieviel sie mir zu erzählen wissen! Ach, Herzensvater, was sehe und höre ich überhaupt alles in dieser wunderbaren Heide! Riesen und Zwerge, Nebelfrauen und Alben, die gespenstische Birkenfrau und den Kiefernkönig. Sie alle holen mich ab und geleiten mich durch die weite, weite Heide bis zu dem Hünengrab, darinnen der Recke ruht. Und hier an dieser Riesenruhestatt erzählen sie mir wunderbare Sachen, Märchen, die ich einst von dir hörte, Märchen, wie sie sonst gute, seelisch reiche Mütter und Großmütter erzählen, und welche die Ursache sind, daß es so viele tiefe, leuchtende, lachende Kinderaugen in der Welt gibt – auch bei alten Menschen. Diese Augen alle tranken einst Märchenlicht, und das ist unauslöschlich. Dank dir, mein geliebter Vater, daß du auch in meinem Aug' und Herzen dies ewige Lämpchen angezündet, so vermag ich nun alle die sagenumwobenen Gestalten zu erkennen und bin gut Freund mit ihnen geworden. Ja selbst die ganz winzig kleinen Heidegeisterchen sehe und spüre ich, die im Sommer in der rotleuchtenden Blütenglocke wohnen, und die jetzt im Herbst als fahle Gespensterchen auf den braunen, spinnwebüberzogenen Büschen hocken. O was die alles wispern und flüstern und seufzen und raunen, – heiß weinen kann man beim Zuhören und sich wieder halb totlachen, – zum Närrischwerden ist's. Wollt' ich's weitersagen, – sie hielten mich alle für verrückt, nicht nur der gute, würdige Onkel Eberhardt. Nein, nein, ich behalte es still für mich. Könnte ich aber mein Erlebtes und Geschautes in Noten niederlegen, so würden die größten Musiker erstaunen und sprachlos stehn vor der gewaltigen Symphonie. So wunderbar erhaben tönt's in der Heide. O daß ich hier sein darf! Daß ich die Erbin bin dieses Hauses, dieses Herdes, dieser wonnevollen Einsamkeit! Nie will ich aufhören, dir dafür zu danken, Herzensvater. Heute kamen die ersten Briefe aus der Heimat. Nein, – nicht aus der Heimat, sondern in meine Heimat. Denn ich fühl's, die Stadt und mein Vaterhaus wollen mir fremd werden. Ich sah erstaunt auf die Adressen und auf das verschieden geartete Papier. Alles so recht kennzeichnend für jeden einzelnen Absender. Ludwig schrieb auf den einfachen, matt liniierten Bogen, welche er immer der armen Witwe im Artushof abkauft, – wie eigen berührte mich seine flotte, großzügige Handschrift, die da fest und schön »Fräulein Ursula Diewen« zeigte. Von Otto und Friedrich lagen Karten da mit der gleichen Aufschrift, inhaltlich nichtssagend und oberflächlich – wie die Briefschreiber selber. Von der »Zweiten« – (ich kann nun einmal nicht Mutter sagen, auch nicht hier auf diesen verschwiegenen Blättern) war ein Brief da auf dickstem Büttenpapier, das Bürgerwappen unseres Hauses groß darauf gepreßt und – – – ich weiß genau, daß sie den Brief heimlich in den Kasten gesteckt hat, um mir ein tiefes Weh noch einmal anzutun. Denn Ludwig würde es nimmermehr gelitten haben, daß sie an »Frau Ursula Heinsius-Diewen« adressierte. Da sie den Absender auf der Rückseite vermerkt hatte, so verweigerte ich die Annahme, und Heins, der alte Heidebriefträger, ging kopfschüttelnd mit dem Schreiben zur nächsten Postagentur zurück. Frau Sabine soll mir so schreiben, wie es mir zukommt, sonst werde ich nie eine Zeile von ihr lesen. Wie wild und hart du wieder schlägst, mein Herz! Ich öffne das Fenster. Wie die Birken rauschen! Wie die Föhren sich knisternd biegen im Herbstwind. Der Mond lugt durch zerrissene Wolken. Es ist unruhig in der Natur, ich höre das Herz der Heide schlagen. Herrgott, gib mir Frieden! Meine Hände falten sich. Den 19. Oktober. Gestern abend habe ich noch lange auf meinem Flügel – gerast, glaube ich. Mutter Alslev steckte bei einer besonders wilden Fantasie den weißen Kopf zur Tür herein und rief: »Is he all wedder verrost't?« Der Herbstwind draußen war zum Sturm geworden, und mit ihm um die Wette ging mein Spiel. Beethoven und Bach kamen in mein stilles Heidehaus und legten mir ihre Melodien hin und verschwanden wieder in der Sturmnacht. Als ich den Flügel schloß, hörte ich sacht die Haustür des Altenteils gehen, das an mein Heidehaus angebaut ist; eine Hand schien das kleine Glockenspiel festzuhalten, es schrillte nur leise und heiser. Ich trat rasch ans Fenster. Meine Diele war dunkel, man konnte mich nicht von draußen sehen. Eine Gestalt ging über die mondbeschienene Heide, gespenstisch groß, als sei sie dem Hünengrab entstiegen, das sich in unmittelbarer Nähe meines Hauses erhebt. Ein Mann. Nach wenigen Schritten blieb er stehen, reckte sich noch höher auf und hob die Arme gegen den Himmel, daß seine gewaltige Brust sich wölbte. Dann ließ er die Arme sinken und winkte mit der Hand. Wohin und wem? Heidehaus und Altenteil, darin Mutter Alslev und der alte Knecht Hinrich hausen, liegen einsam, – ich hörte Mutter Alslev im Stall hantieren. Und oben im zweiten Schlafstübchen schlief meine alte Kammerjungfer Minna den Schlaf der Gerechten. Wem galt das Winken des fremden, seltsamen Gastes? Das ist ein Segen der weiten Heide, daß sie so still, so gesammelt, so nachdenklich macht. Und daß sie soviel feine Fäden spinnt und alles und jedes damit verknüpft. Sie kennt keine Gleichgültigkeit, sie kennt nur Stärke und Kraft, und wenn sie träumt, dann träumt sie Liebe. Ich öffnete alle Fenster meines Zimmers weit und ging dann wieder zum Flügel. Beethoven ließ ich singen und sagen und ließ ihn Geleit sein dem fremden Manne über die weite Heide bis ins stille Dorf hinab. Den 20. Oktober. Heute früh lief ich zu Mutter Alslev. Sie ist immer schon vor Tau und Tag auf. Von vier Uhr ab höre ich sie herumwirtschaften. Das werde ich auch wieder können, wenn mein Herz erst gesund ist und mein Körper so stählern wie einst. Einen Maler hätte das Bild entzückt, das sich mir bot. Mutter Alslev in ihrer schlichten Sonntagstracht, die alte, silberbeschlagene Bibel mit den Riesenbuchstaben auf dem Schoße, die Hände gefaltet und das liebe, feinrunzlige Gesicht mit der klugen Stirn tief geneigt über das Gotteswort. Durch das kleine Fenster, das von Kapuzinerkresse rot und grün umrankt war, schien die Herbstsonne, die Heidesonne, die Sonntagsonne. Goldenen Flimmer wob sie um die Greisin im dunkeln Tuchkleid. »Guten Sonntagsmorgen, Mutter Alslev!« »Auch soviel, Fräulein Ursula.« Mutter Alslev spricht ein gutes Hochdeutsch, mit dem herzerquickenden Dialekt des Schleswig-Holsteiners anmutig verbrämt. Sie hat in ihrer Jugend viel in feinen Häusern gedient, es war zu damaliger Zeit noch Sitte, daß die Kantoren und Organisten ihre Töchter dienen ließen. Das Bild ihres Vaters, ein echtes Pestalozzigesicht, hing über dem braunen Ripssofa und daneben sein Nachfolger, der Kantor und Organist Alslev, der verstorbene Gatte der Greisin. Zwischen beiden befand sich ein Kinderbild, ein Bub im Kinderkittel mit Pferdchen und Peitsche. »Wer ist das Kind, Mutter Alslev?« »Mien Jung!« »Ist er klein gestorben?« »Warum schall he dod sin?« Ich schaute ringsum und entdeckte nirgends das Bild eines jungen Mannes. Sie verstand meinen Blick und deutete auf das Kinderbild. »So war he, mien Jung. Nur grad so in dem Kittel. Da hett he mi tohört.« »Und jetzt, Mutter Alslev?« »Jetz nich mihr. Jetz hört he to de annern.« Ich schwieg ein Weilchen, es klang so unverständlich. Dann fiel mir der Abendgast ein und lebhaft fragte ich: »Haben Sie gestern abend Besuch gehabt?« »Besuch? Ne!« »Ich sah jemand aus der Haustür gehen und über die Heide schreiten.« »Das war kein Besuch, das war – mien Jung.« »Wo wohnt Ihr Junge?« »In Immenhof.« »Und was ist er dort?« Mutter Alslev war sparsam mit ihrer Auskunft. »Schulmeister.« Wieder eine kleine Pause. Danach hob die alte Frau langsam ihr Gesicht, klappte die Bibel zu, legte sie in den kleinen Eckschrank und stellte sich mit gefalteten Händen neben mich hin. »Er hat die Musik so viel gern«, hob sie mit ihrer melodischen Stimme an, »und ist ja nun auch Organist, wie alle Alslevs und Karstens seit Menschengedenken. Aber so ein Instrument wie Ihres da drüben, Fräulein, hat er ja wohl noch nie gehört. Von da ab, wie Sie gestern anfingen, bis dahin, wo Sie aufhörten, hat er nur gesessen und vor sich hingestaunt, und getrunken hat er die Musik, geradeweg getrunken,« »So, das freut mich!« O über die nichtssagende Redensart! Ein häßliches Überbleibsel aus der Großstadt. So leid tat es mir, als ich sie ausgesprochen, und obschon Mutter Alslev dieses Gefühl in mir wohl nicht ahnte und kaum verstand, so nahm ich doch plötzlich ihre beiden Hände und drückte sie stark: »Mutter Alslev, ich bin froh, ganz stark innerlich froh, daß ich einem Menschen etwas Gutes geben konnte.« »Se sünd en godes Kind, Frölen, – mien Jung – – –« Sie brach ab. »Wird er mal wiederkommen, Mutter Alslev?« »Wet ik ni. He is was minschenschu. Und dann sin Arbeit und sin Kind, un de Trunkenbold un de Drak – – ne, he kümmt woll ni.« Sie ging an mir vorbei ihrer Arbeit nach, und ich schritt nachdenklich in mein Haus zurück.« »Sin Kind un de Trunkenbold un de Drak« – – – welch tiefen Schatten warf dies Bild plötzlich auf meine sonnige Heide. Meine Hand griff in die Bände meiner reichhaltigen Bücherei, – da hielt ich ihn schon, meinen Liebling: »Meine Heimat«, Heidelieder von Uwe Karsten. An meinem Konfirmationstag hatte mein Vater mir das Buch geschenkt, und zehn Jahre lang war es mein Wandergesell, mein Kamerad, mein Freund und Bruder gewesen: »Du meine rote Heide – – – –! Grenzenlos Ist deine Schönheit, Die leuchtende. Grenzenlos deine Stille, Die träumende. Grenzenlos deine Macht, Die siegende. Grenzenlos, wie meine Liebe, Die sehnende, Zu dir, du meine rote Heide!« Ich sang die Worte laut als Sonntagsmorgenchoral auf meiner großen, hallenden Diele und schrak zusammen, als ein großes Torfstück zu Boden polterte mitten in meine eigene urwüchsige Vertonung des Liedes hinein. Mutter Alslev kniete vor dem großen Kachelofen und polsterte ihn inwendig sorgsam mit den braunen Kissen, die dann ein so warmes, heimliches, trautes Glühen ausströmten. Sie nahm jetzt verlegen das gefallene Torfstück und legte es zu den andern. »Mutter Alslev, warum weinen Sie?« »Mien Jung sin Book, mien Jung sin Leed« – Und sie weinte bitterlich. An diesem Sonntag vormittag erfuhr ich, daß mein Kamerad, mein Wandergesell, mein Freund und Bruder seit zehn Jahren Uwe Karsten Alslev war. Den 21. Oktober. Das Wetter ist plötzlich umgeschlagen. Wo ist die Sonne hin? Tief und schwer breiteten sich am Vormittag die Nebel über der Heide, dann setzte der Regen ein und ein Sturm, der jetzt noch am Abend mein Heidehaus umtobt, als wollte er das ganze traute Strohdach abheben. Im großen Kamin, den mir Bruder Lu an Stelle des alten verräucherten Herdes hat setzen lassen, faucht und heult und stöhnt es. – Als ob alle Spukgeister der Heide dort gefangensäßen und sich um jeden Preis frei machen wollten. Frei, wozu? – Um sich auf mich zu stürzen und mir eine angstvolle, schmerzliche Vergangenheit wieder lebendig vor Augen zu rufen? Oh, ich brauche euch nicht! Das, was mich in die einsame Heide trieb, ist noch lebendig genug in mir. Und der heutige Tag rüttelt es wieder auf mit Allgewalt. Denn heute jährt er sich wieder – mein Hochzeitstag. Und wieder wie damals schüttelt mich das Grauen, und wieder wie damals falten sich meine Hände in tiefstem, tiefstem Danke: »Herrgott, du tatest ein Wunder!« Ein wildes Mädel war ich. Kein Baum zu hoch, kein Graben zu breit, kein Junge zu wild, um mein Kamerad zu sein und gelegentlich Prügel von mir zu bekommen, – »Teufelskerl« nannten mich die Nachbarsbuben, und wie stolz war ich auf diesen Ehrentitel. Aber wenn es schon für jedes Mädchen einigermaßen ungewöhnlich ist, unter der Flagge: »Teufelskerl« zu segeln, so war es für eine Hamburger Patrizierstochter aus dem Hause Diewen und Heinsius geradezu etwas Unerhörtes. Jahrelang trat im Kaufmannshause das Interesse für Hausse und Baisse an der Börse zurück vor der bangen Frage, was wohl aus dem »Teufelskerl« einmal werden würde, diesem Unkraut im zierlichen, wohlgepflegten, tadellos regelmäßig gehaltenen Hausgärtlein Diewen und Heinsius. Nach Gerichtssitzungen über mich saß ich sehr ungerührt auf dem schwarzen Ledersofa in Väterchens Kontor, schmiegte mich an ihn und fragte: »Warum wüten sie so herum, die Philister?« Diesen Sammelnamen für unsere Verwandtschaft hatte Geerd Christiansen aufgebracht, ein Nachbarjunge und einziger Sohn und Erbe des Senators Christiansen. Und wenn Väterchen sich verzweiflungsvoll durch die vollen Haare fuhr, dann fragte ich weiter: »War's denn so schrecklich, daß ich die Straßenkinder ins Haus brachte und sie mal ordentlich wusch und badete und kämmte? 's waren doch nur sieben. Geerd Christiansen und Oluf Jensen und ich konnten doch nicht mit ihnen spielen; es war ja fürchterlich, Väterchen, wie schmutzig und – lebendig sie waren. Und wir brauchten sie doch notwendig, es war doch Krieg, und wir mußten Mannen zur Verteidigung haben.« Nach solch einer, in heller Begeisterung vorgebrachten Beweisführung sah mich auch jedesmal mein Väterchen ganz glücklich an und rief: »Jawoll! Die brauchtet ihr ja denn woll auch! Sünd sie denn auch orrrnlich rain geworden, mien Deern? Und habt ihr fein gespielt?« Hierauf folgte dann eine jubelnd frohe Schilderung unseres Spiels, und Vater wurde ordentlich jung beim Zuhören. Wir waren immer so mit unsern Angelegenheiten beschäftigt, daß wir nie merkten, wenn Tante Renate hereintrat. Aber ich erinnere mich wohl, daß mein Väterchen sofort etwas verlegen wurde, sobald die lange, hagere, ungemütliche Figur auftauchte, und ich höre deutlich ihre scharfe Stimme: »Diewen, Diewen, vergiß nicht, was du vorhattest. Du wolltest Ursula s-treng bes-trafen, jawohl, das hast du dir vorgenommen!« Und dann erfolgte gewöhnlich eine Freiheitsstrafe, – die empfindlichste, die es für mich geben konnte. Freilich saß ich sie in Vaters Kontor ab, in unmittelbarer Nähe des Gütigen, aber nicht ein einziges Mal sprach er dann mit mir, nicht ein einziges Mal sah er auf mich hin. Jetzt weiß ich längst, warum. Ich blickte ihn ja mit den großen Blauaugen meines toten Mütterchens an – da war er machtlos. Wie oft in jener Zeit habe ich ihn unbewußt auf harte Proben gestellt. Dann kam ein Tag, da war ein großes Fest in der Kaufmannschaft. Die ganze Stadt war in freudiger Aufregung, alle namhaften Familien beteiligten sich daran. Ich wurde unter Obhut unserer alten Christiane gestellt, denn Vater und Tante Renate waren schon nachmittags fortgefahren im höchsten Staat, sie konnten vor Mitternacht nicht zurück sein. An diesem Abend geschah es, daß es in unserm uralten Hause, das in drei Jahrhunderten viel zu nüchtern für Gespenster gewesen war, plötzlich umging. Aus jeder Kammer, aus jedem hohen Gemache und aus jeder dunkeln Ecke der riesigen Treppe, welche in die oberen Stockwerke führte, klang ein hohles Stöhnen und Seufzen, Türen öffneten und schlossen sich geheimnisvoll, und als die alte Brigitte den Diener Kaspar, das Faktotum unsres Hauses, im Namen der vor Angst vergehenden Köchin und der vor Gespensterfurcht schlotternden Hausmädchen, beauftragte, dem Spuk zu Leibe zu gehen, zitterte dieser brave Mann am meisten von allen. »O Gottogott,« hatte Brigitte ausgerufen, »wenn der Kaspar dem Gespenst nich kriegt, hol' ich rain die klain Ursula aus dem Bett, die is ims-tande und geht ihm zu Laib.« Leider kam dem Kaspar der glorreiche Gedanke, die Windfangtür, sowie die Extratür, welche an der Treppe angebracht war, abzuschließen und den Schlüssel einzustecken, anstatt die Gespenster zu reizen, und so geschah es, daß, als der Vater um Mitternacht mit Tante Renate heimkehrte, er auf der Hausdiele eine verschlafene, ganz verstörte Dienerschaft versammelt fand, welche die unerhörtesten Dinge von dem ehrbaren Kaufmannshause berichtete. Nach Verlauf einer Viertelstunde aber zog man aus jeder dunkeln Ecke ein frostklapperndes, ziemlich zahmes Gespenst hervor; nur zwei Ausnahmen waren darunter: Geerd Christiansen wurde frech, als Tante Renate ihm eine schallende Ohrfeige verabreichte, und ich schlief fest auf dem gefährlichsten Eckchen am Treppengeländer. »Warum tut ihr so etwas nie bei Senators oder beim Ratsherrn Jensen oder sonstwo, warum immer bei uns?« fragte mich Väterchen andern Tages in heller Empörung, und Tante Renate setzte hinzu: »Unser hochangesehenes Haus kommt in Verruf durch dieses entsetzliche Mädchen.« »Aber, Väterchen,« entgegnete ich harmlos, »das können wir doch einfach nirgend anders tun. Da sind doch überall Mütter !« Noch heute, nach all den langen Jahren, sehe ich den Blick, mit dem damals Tante Renate meinen Vater ansah, noch heute höre ich ihren schrillen Ton, mit dem sie ihm zurief: »Diewen, hörst du's?« Und noch heute wieder beschleicht mich jenes lähmende Angstgefühl, das damals über mein Kinderherz kam, als Vater und Tante Renate, ohne noch ein Wort mit mir zu sprechen, ohne eine Strafe zu verhängen, rasch das Zimmer verließen. Zwei Tage darauf sah ich Vaters »Braut« zum erstenmal, und nach drei Wochen war sie meine Stiefmutter. In diesen drei Wochen, die zwischen der Verlobung und Hochzeit lagen, bin ich wohl wahrhaft ein Teufelsbub gewesen. Einen Tag ungebärdig und wild zum Verzweifeln, dann wieder trostlos vor mich hinweinend. Ich kannte mich selbst nicht mehr. Ich aß und trank nicht, magerte erschreckend ab und setzte jedem Zureden meines Vaters die flehenden, ungestümen Worte entgegen: »Tu es nicht, schick' sie fort, ich will gut werden.« Daß Vater diesen Zustand ertrug, ist mir heute nur dadurch erklärlich, daß eben die Liebe über ihn gekommen war, die Liebe zu der schönen, kalten, viel jüngeren Frau. Sie schickte er nicht fort, wie ich in kindischem Ungestüm erbat, aber mich. Es war ein gewagtes Unternehmen und scheiterte auch demgemäß. Ich wurde schwer krank – vor Zorn, vor Eifersucht und vor Heimweh. Da kam Vater endlich, um mich heimzuholen, und als er mich erblickte, erschrak er so sehr über mein Aussehen, daß er kein Wort hervorbringen konnte, sondern mich nur stumm an sein Herz riß. Von dieser gesegneten Stunde an war alles beim alten. Ich hatte ihn wieder und wußte, er würde sich nicht mehr von mir trennen, wenn ich es nicht selbst wünschte. Ich war so grenzenlos glückselig, als ich unser altes Haus in Hamburg wiedersah und alle die vertrauten Gesichter, daß ich selbst der »Zweiten« die Hand hinstreckte, die aber nicht genommen wurde. »Du hast dich betragen – – –« lautete die liebliche Ansprache, »daß ich erst durch ein Jahr hindurch Besserung spüren muß, ehe ich dir die Hand gebe.« So hatte sie bei mir verspielt. Unmöglich wäre es mir gewesen, ihr je wieder die Hand zu reichen, so jung ich auch war. Dann wurden die beiden Zwillingsbrüder geboren. »Ursula ist nicht kinderlieb, sie darf nie zu den kleinen Engeln hinein«, bestimmte die Frau meines Vaters. Und die Amme stieß mich fort, wenn sie mich um das Kinderzimmer herumlungern sah. Mit verlangenden, hungrigen Augen stand ich sooft davor. Kleine Kinder, hilflose Säuglinge waren ja das Herrlichste für mich, was es auf der Welt gab. Endlich siegte doch meine Beharrlichkeit, stückweise eroberte ich mir das Feld, und schließlich war ich es, die, selbst noch ein kindisches Wesen, die Kleinen betreute und sie nur der Amme überließ, wenn sie hungrig waren. »Kindsmagd,« sagte Lu verächtlich zu mir, »laß doch die fremden Bengels schreien, bis sie schwarz werden.« Aber ich herzte und küßte die beiden Kleinchen so selbstvergessen und war so ganz von meinen neuen Pflichten eingenommen, daß Lu mich achselzuckend gewähren ließ, ja sogar manchmal bei mir saß und mich und die Kleinen unverwandt beobachtete. Denn die Heimlichkeit erhöhte den Reiz und die Amme verriet mich nicht. Wurden die Kleinen nach Tisch offiziell herumgereicht, so sah ich sie mit keinem Blick, rührte sie mit keiner Fingerspitze an, und mit ebenem Gesicht hörte ich die beißenden Reden der »Zweiten«, die mich für abschreckend unweiblich, jeglichen weichen Gefühles bar hinstellte. Dann strich wohl mein Väterchen über mein kurzes Lockenhaar, sah mir liebevoll in die Augen und fragte: »Hat mein' Deern die süßen Jungs kein einmal lieb?« »Nein, Papa.« Nicht um die Welt hätte ich's eingestanden, daß es meine höchste Wonne war, still bei den Bübchen zu sitzen, ihre weichen Händchen zu fühlen und die krähenden Stimmchen zu hören. Und die Amme verriet mich nicht, sie hatte zuviel freie Zeit durch meine Hilfe bekommen, außerdem war sie abergläubisch, und ich hatte ihr einen furchtbaren Eid abverlangt, von Geerd Christiansen und mir selbst entworfen, dessen Schlußformel lautete: »Breche ich je dieses Schweigen, so regne es Ratten, Mäuse, Himmel und Hölle, blutigen Mondschein auf mich herab.« Nein, sie verriet mich nicht. Und mein Vater ahnte wohl mit der Zeit den richtigen Zusammenhang, er bemerkte, wie oft sich die Ärmchen der Zwillinge verlangend nach mir ausstreckten, und wie die kleinen Fingerchen »ei ei« streichelten –« Den 30. Oktober. Es wird Zeit, daß ich einmal einen Vermerk in diese Blätter bringe, wann ich sie schrieb. Es ist so totenstill rings um mich her, daß ich Zeit und Weile vergesse. Wie tut die Ruhe wohl! Wie andächtig stimmt dies tiefe Schweigen. Meiner guten, alten Minna ist die Stille auch recht, und ebenso unser beinahe ganz vegetarisches Essen, das sie schmackhaft zu bereiten weiß. Ich habe Lu gebeten, nicht täglich den Postboten mit Kisten und Körben ins Heidehaus zu jagen, – wir können beim besten Willen den Inhalt nicht vertilgen. Neulich habe ich aber die schönsten Äpfel, Birnen, Trauben und Bananen hinunter ins Schulhaus geschickt, die Kinder sollen gejubelt haben. Vom Lehrer hörte ich nichts mehr. Ich will auch diese Blätter erst ganz mit der Vergangenheit füllen, mir alles Leid völlig von der Seele herunterschreiben, dann einen dicken Strich unter alles setzen, neue Blätter – und ein neues Leben anfangen. Das neue Leben soll »Ruhe« heißen, Ursula Diewens Heideruhe. Unser altes Hamburger Haus umgibt ein großer parkartiger Garten. Darin steht ein geräumiges Gartenhaus, auch eine Art Altenteil. Jahrelang hatte es leer gestanden, dann zog eine Frau Detleffsen mit ihrem Töchterchen herein, die Witwe eines Angestellten unserer Firma, der im Auslande bei einer Geschäftsreise an Malaria gestorben war. Wein Vater und Onkel Eberhardt überwiesen der Witwe das Gartenhaus frei zur Wohnung und sorgten für Mutter und Kind, Martha Detleffsen wurde meine Freundin. Wurde es auf Befehl der »Zweiten«, die mir streng den Umgang mit Knaben untersagte; ich sollte von der sanften Martha Sanftmut lernen. Im Anfang mißglückte dieser Versuch vollständig. Ich tyrannisierte Martha und konnte ganz rabiat werden, wenn sie so träumerisch, aber widerspruchslos blieb. Bis eines Tages das kleine, zarte, fast schwächliche Ding plötzlich den kläglichen Versuch machte, mich gegen drei starke, auf mich einstürmende, mich prügelnde Jungen zu schützen. Arg zerschunden holte ich sie unter den Fäusten der Buben hervor, und nach Beendigung des Kampfes, den ich nun selbst zu bestehen hatte, und den ich mit Verlust sämtlicher Knöpfe an meiner Jacke siegreich ausfocht, schalt ich Martha gründlich aus. »Du Jammerlappen«, schrie ich sie an. »Mische dich nicht in kriegerische Angelegenheiten. Du mich schützen!!« Ihre Tränen wurden zum Geheul, das sich in den überraschenden Worten Luft machte: »Hochachten sollst du mich, Ursula! Oh, oh, oh, hochachten sollst du mich! Und das nächste Mal beschütz' ich dich wieder!« Ich besah sie darauf von oben bis unten, reichte ihr meine Hand, die sie feurig ergriff, und bemerkte nachdrücklich: »Ich werde dich zwar nicht hochachten, aber du darfst mich liebhaben.« Von da ab waren wir Freunde. Alles, was mir in meiner Familie fehlte, und das war vor allen Dingen die Mutterliebe, das fand ich im Gartenhaus. Das hatte die »Zweite« aber nicht gewollt. Sie hielt nur Erziehung für notwendig, aber keine Liebe. Doch Frau Detleffsen gab mir beides in schlichter Weise, – sie gab mir Sonnenschein, und ich konnte immer noch ein paar Strahlen in das düstere Haus hineintragen und meinem Lu davon mitteilen. Nun begann wieder ein Kampf, erbittert geführt von beiden Seiten, – hie Vorderhaus, hie Gartenhaus, und dazwischen sanfte Ermahnungen von Frau Detleffsen, scharfe, höhnische Zurechtweisungen der »Zweiten« und Spionage der Stiefbrüder. Vater war in dieser Zeit ernst, beinahe gedrückt. Sein Herzleiden fing an, sich bemerkbar zu machen. Damit kam die Sorge über mein junges Herz. Ich ging viel mit ihm spazieren, wir schlossen uns immer enger aneinander, und so durfte ich ihn auch auf acht Wochen nach Bad Nauheim begleiten, von wo er sehr erfrischt und verjüngt zurückkehrte. Als mich aber daheim die alten, unerträglichen Zustände erwarteten, bat ich Vater, mich in Pension zu geben. Er sah mich schmerzlich an, begegnete meinem ernsten Blick und stimmte mir zu. Den 3. November. Eben habe ich die letzten Seiten noch einmal durchgelesen. Es klingt beinahe nüchtern geschäftsmäßig, was ich da gebucht habe. Hört jemand mein wildschlagendes Herz? Sieht jemand die Tränenspuren? Liest jemand das tiefe Weh zwischen den Zeilen? Armseliges Papier, armselige Feder! Meine Pensionszeit, sonst für junge Mädchen die seligste Erinnerung, war für mich ein Gemisch von strenger, gewissenhaftester Arbeit und tiefem, grausamem Heimweh. Aber ich hielt aus. Vater besuchte mich, sooft er nur abkommen konnte, und die Briefe von Lu waren etwas Herzerhebendes. Er arbeitete stramm, machte ganz unglaublich rasch sein Abiturium, diente sein Militärjahr ab und ging dann in unser indisches Zweiggeschäft nach Rangoon. Auf einen Tag kam er vorher nach Wiesbaden. Ich hatte die Genugtuung, daß sich alle meine Pensionsgenossinnen in ihn verliebten, er dagegen sagte mir in ehrlicher Bewunderung, daß ich ganz verteufelt hübsch geworden wäre, was ich halb glücklich, halb ungläubig anhörte, dann schieden wir nach einer sehr ernsten Unterredung. Wir wollten nach seiner Rückkehr aus Rangoon zusammenziehen und einen völlig getrennten Haushalt von der »Zweiten« führen. In diesem Ausmalen der Pläne waren wir glücklich. Den 4. November. Ich wollte gestern fortschreiben und vermochte es nicht. Die Vergangenheit, die ich jetzt schildern will, ist so furchtbar, selbst in der Erinnerung, daß ich oft mein Gesicht in brennender Scham in den Händen berge. Rasch, rasch über alles hinweg. – Ich will zu schildern versuchen, als sei ich gar nicht dabei beteiligt, – werde ich's können? Vier Jahre war ich in Wiesbaden, ein zärtlicher, geliebter Vater schloß mich bei der Heimkehr an sein treues Herz; traute, strahlende Wohnräume, ganz mir zu eigen, erwarteten mich und – die kalten, stahlharten Augen der »Zweiten«, um nichts gemildert während der langen Trennung. So ging ich schon am ersten Abend meiner Heimkehr ins Gartenhaus, – fand dort eine sehr kranke, alte Frau, fand die wunderschöne Martha Detleffsen, meine treue Freundin, und sah ihn zum ersten Male: »Heinrich Heinsius.« Er war immer im Ausland als Teilhaber der Firma gewesen, war mir bekannt durch seine Briefe an meinen Vater, die eine weibliche zarte Handschrift zeigten, über welche wir oft gelacht hatten. Er war ein kluger Kaufmann, ein liebenswürdiger Gesellschafter und ein hübscher Mann. Ein hübscher Mann. Wahrhaftig, ich kann schon objektiv über ihn urteilen. Hat sich das Wunder vollzogen? Bin ich gesund geworden? Heinrich Heinsius war nicht mehr jung. Vierzig Jahre. – Ich sah zum ersten Male verehrungsvoll zu einem Manne auf, – meinen Vater hatte ich stürmisch, zärtlich lieb, er war mir der beste Kamerad. Für Heinrich Heinsius »schwärmte« ich. Er war anders als die Herren, die in mein Vaterhaus kamen, ein kluger Kaufmann, aber kein Zahlenmensch. Er liebte die Poesie, versorgte mich mit gutem Lesestoff und warf oberflächlichen Kram aus meiner Bücherei heraus. Jener »gute« Lesestoff behagte mir nicht immer. Heinrich Heinsius war fromm, – aber er hatte nicht die lachende, frohe Frömmigkeit meines Vaters, der auch in Wald und Flur seine Andacht hielt, und eiferte oft mit meinem lieben Pastor Holle, der mich konfirmierte und seitdem ein Freund unseres Hauses ist. Pastor Holles Lieblingstext ist: »Und abermals sage ich euch: Freuet euch.« Auch meine Heidelieder wollte mir Heinrich Heinsius fortnehmen, aber das duldete ich nicht. Die Heidelieder von Uwe Karsten standen als Schatten zwischen uns – und – die Hände von Heinrich Heinsius. Ich konnte seine Hände nicht leiden. Alle schalten mich töricht. Nur er selbst nicht. Als wir vertrauter miteinander geworden waren, sagte ich es ihm einmal in hellem Jähzorn. Da war ein eigenes Flimmern in seinen Augen, – er lächelte dann. »Sie sind originell, Fräulein Ursula.« Das beschämte mich. Ich kam mir sehr ungezogen und unritterlich vor. Aber seine Hände konnte ich doch nicht liebgewinnen. Heinrich Heinsius war reich. Viel reicher noch als mein Vater. Seine Villa, die tief im Parke versteckt am Alsterufer lag, war märchenhaft eingerichtet, mit orientalischem Prunk. Merkwürdig stach gegen die Gesellschaftsräume sein eigenes Wohnzimmer ab. Er führte einmal eine ganze Gesellschaft herum, und da mir die staunende, lobhudelnde Menge langweilig wurde, klinkte ich naseweis eine Tür auf, die immer übergangen war. Ich schrak zurück vor einem überlebensgroßen Christusbild, das über einem düster-prunkvollen Schreibtische hing. Nie sah ich eine grauenhaftere Darstellung des gekreuzigten Heilands, und mein Auge war zu ungeübt, um zu erkennen, daß es eine Meisterhand gemalt hatte. Plötzlich stand Heinrich Heinsius neben mir, – er hatte eine eigentümlich leichte, lautlose Gangart, und seine Augen hatten wieder das Flimmern, als er mich ansah. »So blaß, Fräulein Ursula?« »Welch schreckliches Bild!« Ich schauderte. »Wer wohnt hier?« »Ich selbst! Und es ist ein wunderbar köstliches Bild. Sie werden es liebgewinnen!« »Warum?« fragte ich befremdet, und dann lief ich ungestüm an ihm vorbei auf den Flur zu den andern. Heinrich Heinsius blieb neben mir. »Sie frieren,« sagte er im Flüsterton, »und Ihre lieben, übermütigen Augen sehen scheu und erschrocken aus.« Ich versuchte den Bann abzuschütteln – den seltsamen, der auf mir lag. »Es war so grabeskalt in dem Raum, – wie mögen Sie es darin aushalten!« gab ich erschauernd zur Antwort. »Es soll warm darinnen werden, Fräulein Ursula,« meinte er mit seltsamem Lächeln, »Sie müssen das Bild länger vor Augen haben.« An dem Tage sprach ich nicht mehr mit ihm, – er war mir unverständlich. Heinrich Heinsius! Ich hörte seinen Namen überall. Wo es Elend zu lindern gab, wo die innere oder äußere Mission große Mittel verlangte, da stand der Name des Handelshauses Diewen und Heinsius in den Sammellisten, aber Heinrich Heinsius zeichnete immer noch besonders eine bedeutende Summe. An Sonn- und Festtagen schritt er früh und nachmittags zur Kirche. »Ein prächtiger Mensch! Ein vortrefflicher Mann! Ein kluger Kaufmann. Ein Mann von edler Frömmigkeit.« Das war der Steckbrief, den ihm die Leute ausstellten. Auch Martha Detleffsen verehrte ihn sehr. Er brachte ihrer kranken Mutter Blumen und seltene Früchte, hatte aber Martha gegenüber eine etwas herrische Art, die mich oft verwundert aufhorchen ließ. »Warum läßt du dir das gefallen?« fragte ich einmal ärgerlich. »Du bist viel besser als ich, immer sanft, gut, ohne Widerspruch, und zu mir ist Heinsius so höflich, als sei ich eine Prinzessin.« »Das bist du ja auch«, entgegnete Martha leise. »Du bist das verwöhnte einzige Töchterlein des Hauses Diewen, – ich bin – – – . Wir verdanken Herrn Heinsius alles«, setzte sie rasch hinzu. Den 6. November. Ich fühle, daß ich noch rascher schreiben muß, um zu Ende zu kommen. Ich halte es nicht aus, wenn die Erinnerung mich packt und so grauenhaft festhält in dieser todesstillen Heide. Es kam ein schrecklicher Tag. Heinrich Heinsius gab ein großes Fest. »Die Zweite« machte die Honneurs seines Hauses, es war feenhaft geschmückt, ich saß neben dem Gastgeber. Als er den Trinkspruch auf seine Gäste hielt, – griff mein Vater plötzlich ans Herz und sank um. Ein Schlaganfall. Er war nicht tot. Sie trugen ihn in das Schlafzimmer von Heinrich Heinsius. Da lag er auf der schwarzen, prunkvollen Bettstatt mit armem, verzerrtem Gesicht, – mein Väterchen. – Und ich saß neben ihm, wie versteinert im Schmerz, und hörte und sah nichts von meiner Umgebung. Als aber Väterchens Atemzüge tief und ruhig wurden, und der Arzt versicherte, daß augenblickliche Gefahr nicht vorhanden sei, – erhob ich mich und wankte in das nebenanliegende Wohnzimmer. Mir war schwach und elend zumute, und das grauenvoll düstere Antlitz des sterbenden Christus, das von der Wand auf mich niedersah, erschreckte mich im tiefsten Innern. Als ich mich abwendete und mich in einen der tiefen, niederen Sessel niederlassen wollte, sah ich, daß ich nicht allein im Zimmer war. Lautlos, wie immer, war Heinrich Heinsius hereingekommen und mit raschem Schritt neben mir. – Seine Hände, die kalt und feucht waren, faßten mit eisernem Griff meinen Kopf und drehten ihn nach dem Bilde zurück. Ich schrie leise auf. »Still, still, liebe Ursula«, flüsterte er mit verschleierter Stimme. »Der arme Kranke darf nicht aufwachen.« »Das Bild, – ich kann das schreckliche Bild nicht sehen!« »Das ist unrecht, Fräulein Ursula, ich sagte es Ihnen schon einmal. Jesus Christus! Oh, wie er leidet, wie er leidet! Nur durch Leiden gelangt man zum Lichte, zur Verklärung!« Ich sah scheu zu Heinrich Heinsius auf. Zum ersten Male sah ich ihn erregt, sein Gesicht schaute seltsam aus. »Ihr Leben war Lachen, Fräulein Ursula«, fuhr er fort, und sein Kopf war dicht neben dem meinen. »Gott meint es gut mit Ihnen, da er Ihnen jetzt Leid schickt. Sie sind schön, Fräulein Ursula, berauschend schön, und am schönsten jetzt in Ihren Tränen, Ihrem Jammer, Ihrem Grauen vor dem Kommenden, das da drüben lauert.« Er zeigte nach dem Zimmer, darin mein Vater schlummerte, und ich brach in schmerzliches Weinen aus. »Ursula, ich liebe dich! Ursula, ich liebe dich!« Ich stieß ihn von mir und flüchtete zum Bette meines Vaters. Die leidenschaftlichen Worte, die Blicke von Heinrich Heinsius verstörten mich, erschreckten mich unsäglich. Und doch war es mir, als gehörte ich zu ihm, als hielte er mich an einem unsichtbaren, festen Band. Ich wunderte mich auch nicht, daß er wieder dicht neben mir am Ruhebette meines Vaters stand. Meines sterbenden Vaters. – Niemand sagte mir's, aber ich fühlte das Todeswehen und sah das arme, ganz veränderte Gesicht. Er schlug die Augen auf, sie waren klar und erkannten mich und erkannten die Gestalt neben mir. Er winkte Heinrich Heinsius mit den Augen, dieser gab ihm seine Hand, und mein Vater legte meine Hand hinein. Seine halb gelähmte Zunge lallte: »Ursula! Diewen und Heinsius! Ich – sterbe – ruhig!« Mit eisernem Griff hielt Heinrich Heinsius meine Hand, – ich weinte fassungslos. Dann fing er an zu beten, – laut und leidenschaftlich, ich versuchte mich freizumachen, aber vergeblich. Ein leises Röcheln setzte bei meinem Vater ein, dann wurde es stärker. Meiner aufgeregten Phantasie klang es wie ein Wehren gegen das wilde Gebet. Wie oft hatte mein Väterchen abends meine Kinderhände gefaltet. So still hatten wir zwei dann mit unserm Herrgott gesprochen. Von Tränen erstickt, sprach ich ein Kindergebetchen. »Väterchen! liebes! Hörst du mich?« »Dein Vater ist tot«, sagte Heinrich Heinsius. Dann hörte ich nichts mehr, was um mich her vorging. Am dritten Tage stand ich vom Krankenbette wieder auf. Ich hatte ein schweres, schwarzes Trauergewand an und sah mit müden Augen, daß unser Saal schwarz ausgeschlagen war, und starrte meine linke Hand an. Daran funkelte ein großer Brillant. Ich war Braut, – Braut von Heinrich Heinsius. Nach der Beisetzung kamen alle zu mir, und kaum einer war darunter, der mir nicht versicherte, wie mein Los aufs köstlichste gefallen sei, trotz der düsteren Begleitumstände meines Verlobungstages. Dann kam die Testamentseröffnung. Mein Väterchen hatte sehr liebevoll für uns alle gesorgt, auch die »Zweite« so gutgestellt, daß sie uns etwas günstiger gesinnt wurde. Lu war der Chef des Hauses, und wir beide traten in den Besitz unseres großen mütterlichen Vermögens. Lu erbte unser Gut Diewenhagen, und mir gehörte das Heidehaus. Daß mein Väterchen tot war, begriff ich völlig, – die Lücke war zu groß, die er hinterlassen. Aber daß ich nicht mehr mir selbst gehörte, war mir unfaßlich. Ich hatte Heinrich Heinsius von Herzen gern gehabt, als er mir noch fremd war, jetzt schaute ich mit bangen Augen nach der Tür, wenn ich ihn kommen hörte, und vermied ängstlich jedes Alleinsein mit ihm. Zu Martha Detleffsen hätte ich mich so gern geflüchtet, aber sie war krank. Ich bat herzbeweglich, mich trotzdem zu ihr zu lassen, aber ihre Mutter erlaubte es nicht, und Heinrich Heinsius unterstützte sie darin. »Ursula, ich teile nicht gern,« sagte er, »du sollst dich nach mir sehnen, und ich will immer zu deiner Verfügung sein.« Zum Glück mußte mein Verlobter eine längere Geschäftsreise antreten, und während seiner Abwesenheit vollzog sich eine merkwürdige Wandlung in mir. Ich vermißte ihn. Hatte ich ihn wirklich lieb? Ich kam nicht darüber ins klare. Es mußte aber doch wohl Liebe sein, denn ich erwartete mit Ungeduld seine Briefe und schrieb selbst lange Episteln. Freilich war es mir nicht gegeben, die heißen Zärtlichkeiten auch nur brieflich zu erwidern, mit denen er mich überschüttete. Jedes meiner Schreiben an ihn trug als Überschrift nur »Lieber Heinrich Heinsius!« und als Unterschrift: »Ursula Diewen«, – ich verstand es einfach nicht besser. Aber ich weiß es genau, daß nach einem häßlichen Auftritt mit der »Zweiten«, die längst wieder kalt, schroff und lieblos gegen mich geworden war, ich einen Brief unterschrieb: »Komm bald zurück!« Er unterbrach die Geschäftsreise, – ich war allein in meinem Zimmer und las, als man ihn anmeldete. Rascher, als ich ihm entgegenlaufen konnte, stand er vor mir, zog mich an sich und küßte mich in heftiger Leidenschaft. »So sehr hast du dich nach mir gesehnt, süßes Kind?« flüsterte er, und wieder wollte er mich an sich ziehen. »Laß, laß«, wehrte ich ab, und dann nahm ich hastig ein Gesprächsthema auf, erzählte von der »Zweiten« und dem peinigenden Zusammensein mit ihr. »Wir wollen unsere Hochzeit beschleunigen,« entgegnete er, »ich kann die Zeit nicht erwarten, bis ich dich ganz besitze, – du, du – Ursula, – Ursula –« Den 9. November. Warum quäle ich mich so furchtbar? Gestern abend warf ich die Feder mitten ins Zimmer, dann verschloß ich hastig diese Blätter und lief hinaus in die Heide, ohne Hut, ohne Tuch ... Der Herbststurm peitschte mich vorwärts, und der eisige Regen wusch mir Gesicht und Hände. Es tat wohl. Wir war's, als würde ich wieder ganz rein von jenen Küssen ... Die Hände faltete ich und stammelte wirre Worte, die Verzweiflung hatte mich wieder einmal gepackt, und heißes Sehnen nach dem Vater, nach der toten Mutter. Einmal stürzte ich über Heidegestrüpp, es war ja so dunkel, und der Himmel mit wildjagenden Wolken bedeckt, – ich raffte mich auf und stürzte wieder. Da zog mich eine Hand empor, und jemand leuchtete mir mit einer Laterne ins Gesicht. Eine große Gestalt stand vor mir. »Sind Sie krank?« »Nein.« »Wohin wollen Sie?« »Ins Heidehaus.« »Fräulein Ursula Diewen?« »Ja.« Die Gestalt nahm ihren großen dunkeln Lodenmantel von den Schultern, schlug ihn um mich und zog auch noch mit rascher Hand die Kapuze über mein nasses Haar. Eine wohlige Wärme durchströmte mich. »Kommen Sie!« Ich stolperte auf dem unebenen Heidewege neben dem Manne her bis vor das Heidehaus, niemand sprach ein Wort. Als wir vor meinem erleuchteten Fenster stillstanden, nahm er mir den Mantel wieder ab, ich sah scheu zu ihm auf, aber sein Gesicht war im Dunkeln. Doch meine verweinten Augen, mein ganz verstörtes Wesen mußte er wohl gesehen haben. Eine tiefe, gute Stimme sagte: »Wer Bach und Beethoven so kennt und liebt wie Sie, der sollte niemals verzweifeln. Gute Nacht.« Sechs Wochen nach meiner Verlobung mit Heinrich Heinsius sah ich Martha Detleffsen zum ersten Male wieder, sie hatte den Typhus überwunden, war aber erschreckend elend. Das dünne, ganz ausgefallene Haar fing eben an, sich in kleinen schwachen Löckchen wieder zu ringeln, – wie verändert war sie! Verändert an Leib und Gemüt. Kaum ein Wort sprach sie mit mir, und ihre großen, fieberhaft glänzenden Augen hielten meinen Blicken nicht stand, als ich eindringlich bat, mir zu sagen, ob es nur die schwere Krankheit sei, die sie so verändert habe. »Ja, ja, Ursula, – die schreckliche Krankheit. Und dort – –« Sie wies mit der mageren, blutlosen Hand nach dem Bett, auf dem ihre Mutter schlummerte. Frau Detleffsen starb. Ich bat Martha, ganz zu mir zu ziehen, – wir schienen die Rollen getauscht zu haben, ich klammerte mich jetzt an Martha, wie sie sich als Kind an mich geklammert. Aber Martha wies mich schroff zurück, und wieder war es Heinrich Heinsius, der ihr recht gab. »Es würde uns stören,« sagte er dann, als wir allein waren, – »sehr stören. Ich sagte dir schon einmal, daß ich mein Kleinod für mich haben will.« Sein Kleinod!!! Lu verstand sich nicht mit Heinrich Heinsius. Es war mir entgangen, trotzdem es längst Fremde gemerkt hatten, daß die beiden Geschäftsteilhaber einander aus dem Wege gingen. Ich selbst hatte mich mit meinem Lu auseinandergelebt, war ein scheues, nervöses Mädchen geworden, das sich niemandem erschloß und am liebsten einsame Wege ging. Alle unsere Freunde fragten nach dem Termin unserer Hochzeit – am dringlichsten Heinrich Heinsius selbst –, sein kostbares Schlößchen am Alsterufer war bereit, mich zu empfangen, ebenso die Villa am Gardasee, wohin er mich zuerst führen wollte. Warum gab ich den Zeitpunkt nicht an? Ich weiß es nicht. Einmal war ich mit Bruder Lu allein. Eine lange Pause war in unserm recht oberflächlichen Gespräch eingetreten, – ach, wo waren jene Zeiten hin, da wir so ganz eins waren und in unserer regen Teilnahme füreinander uns im Austausch der Gedanken, Ansichten und Empfindungen förmlich überstürzten! Als ich aus tiefem Sinnen aufsah, traf mich so ein guter Blick aus seinen Augen, und seine großen, ausdrucksvollen Hände – so ganz andere, wie die meines Verlobten (ich muß es immer wieder betonen) – legten sich liebevoll auf die meinen. Da fragte ich: »Lu, warum kannst du ihn nicht leiden?« »Meinst du Heinrich Heinsius?« »Ja.« »Liebst du ihn sehr, Ursula?« »Ja. Ludwig!« Lu war aufgesprungen, ich hatte beide Arme um seinen Hals gelegt und schmiegte mich schutzsuchend an ihn, dabei weinte ich laut und schmerzlich. »So will ich ihn immer besser zu verstehen suchen, kleine Urschel.« »Ach Lu! Lieber, lieber Lu!« Mir war so verworren zumute, und jetzt, wo ich diese Aufzeichnungen mache, kommt es mir so recht zum Bewußtsein, wie unbegreiflich mein ganzer Zustand war. Wäre Lu mein Mütterchen gewesen, vielleicht hätte ich in dieser Stunde den Mut gefunden, ihm mein Innerstes zu offenbaren, den furchtbaren Zwiespalt aufzudecken, in dem ich mich befand. Ich hatte immer gehört, daß eine Mutter alles versteht, alles begreift, alles glaubt, hofft, duldet und nicht das Ihre sucht, hatte gehört, daß eine Mutter die verkörperte Liebe ist. – – Aber Lu war nur mein Bruder, und ich schwieg. Den 10. November. Heute morgen erwachte ich mit wirrem, schwerem Kopf. An meinem Bett saß Mutter Alslev. »So, das is man schön, daß Sie wach sind und auch klare Augen haben. Und so kann es nicht fortgehen, Fräulein Ursula. Da ist jemand gekommen und hat mir gesagt, daß ich besser aufpassen müßt' auf Sie, und daß Sie uns hier bannig krank würden. Nein, lassen Sie die alte Frau man ausreden. Ich habe dem Jemand gesagt, daß Sie von dem vielen Schreiben so elend würden, und er hat gesagt, dann müßt' man es Ihnen fortnehmen, denn man hätte eine Verantwortung für Sie, oder man müßte es dem Herrn Bruder in Hamburg melden, der käme dann sofort her. Und jetzt sind Sie ganz blaß geworden und waren vorher fieberrot, und ich weiß meiner Seele keinen Rat, und habe Sie doch lieb, denn Sie sind seelensgut, und ich bin voll Sorge um Sie.« Also die lange Rede von Mutter Alslev. »Mutter Alslev, warum sitzen Sie hier an meinem Bett?« »Weil Sie die ganze Nacht im hellen Fieber waren und kaum zu halten. Und ›mien Jung, de Scholmeister‹, ist zum Arzt gelaufen, aber der ist selbst über Land gerufen, und vor Nachmittag kann er nicht hier sein.« »Mutter Alslev, ich bin gesund!« »Dat gloiv ik ni.« »Doch, doch, es ist so.« »Se möten in't Bett bliewen, Frölen Ursula! Un de Feder un de Tinte, de nehm ik fort! Un ik schriew sülwst an den Herrn Ludwig Diewen.« »Liebe Mutter Alslev, ich bin gesund! Und noch einen einzigen Tag will ich schreiben und dann ...« »Und dann?« »Dann will ich leben.« Sie schüttelte mit dem Kopf, und meine gute Jungfer Minna kam herein und schüttelte auch den Kopf. Aber ich stand auf, badete den heißen Kopf und die heißen Hände im eisigkalten Heideflußwasser und war gesund. Einen Tag habe ich Zeit, ich will ihn nützen. Warum siehst du mich immer so forschend an, Ursula? Weißt du auch, du närrisches, geliebtes Kind, daß es keine guten Blicke sind, mit denen du mich anschaust? Und ich möchte heute endgültig wissen, warum du meine Hände nicht liebst wie den ganzen Mann?« So fragte mich Heinrich Heinsius. Es war drei Wochen vor unserer endlich festgesetzten Hochzeit. Ich nahm mich zusammen. Mein Herz schlug so heftig, daß ich meinte, er müsse es hören. »Heinrich Heinsius, deine Hände sehen aus, als quälten sie Tiere. Ist es wahr?« Wir waren aufgesprungen und standen uns beide blaß gegenüber. Er sah aus, als wollte er mich schlagen. Dann fiel die Tür hinter ihm zu. An demselben Tage hat er seinen kleinen weißen Hund zu Tode geprügelt. Und sein Reitpferd zeigte wunde Striemen, und Martha Detleffsen hat er geschlagen, – alles, alles Wehrlose ... Aber das habe ich erst viel später erfahren. Drei Tage vor unserer Hochzeit bat ich ihn mit abgewendetem Gesicht, mich freizugeben. Denn wenn er mich ansah, konnte ich ihn nicht darum bitten, ich war dann ganz in seinem Bann. Auch schreiben konnte ich es ihm nicht, – ich fühlte seine Nähe, wenn er fern war, und fürchtete mich vor seinem Zorn. Aber drei Tage vor der Hochzeit war das Grauen vor diesem Tag stärker in mir, als die Furcht vor dem Zorn. »Heinrich Heinsius, gib mich frei!« Eine volle Stunde lang rang er in heftigem Wortwechsel mit mir, betete er mit mir. Dann war ich überwunden. Heinrich Heinsius hatte das Bild meines sterbenden Vaters beschworen, ich sah wieder deutlich das arme, verzerrte Antlitz und hörte die röchelnden Laute: »Ursula – Diewen und Heinsius – ich sterbe ruhig.« Ich lag wieder an der Kette. – Wenn man einst diese Blätter lesen wird, wird man fragen und mutmaßen und auf mich schelten, oder lächeln und die Achseln zucken. Fragt nicht, mutmaßt nicht, lächelt nicht! Es ist alles unnütz. Ich schreibe es nieder, wie es war, nichts als die Wahrheit. Am 21. Oktober unterzeichnete ich mich auf dem Standesamte als Ursula Heinsius geborene Diewen. Dann brachte mich Heinrich Heinsius nach Hause, und er selbst fuhr nach seiner Wohnung, um sich zur Kirche umzukleiden, und – – »sich noch im Gebete zu sammeln«. – Man legte mir das Hochzeitskleid an, ich war so weiß wie die starre Seide, die mich umrauschte. Die »Zweite« reichte mir kühl ihre Fingerspitzen, Tante Renate küßte mich, Onkel Eberhardt sprach einige salbungsvolle Worte, ich ruhte an Lu's treuem Bruderherzen, – dann schickte ich sie alle fort und – lief, so wie ich war, ins Gartenhaus, zu Martha Detleffsen. Sie war aufs neue erkrankt, und ich wollte doch nicht ohne den Segenswunsch der alten Freundin vor den Altar treten. Ich fand Martha Detleffsen ohne Bewußtsein. Allein. – Auf ihrem Bett Briefe, Photographien, – – – Heiße Liebesbriefe von Heinrich Heinsius, – – Das Bild eines kleinen Kindes – – – Es waren keine alten Briefe ... Wie ich wieder in mein Stübchen kam, weiß ich nicht. Aber ich war wieder dort und hörte die Glocken der alten Lutherkirche zu meiner Hochzeit läuten. Und ich hörte mich laut und deutlich sagen: »Mein Herrgott, Hab' Erbarmen! Hab' Erbarmen!« Ich kann nicht weiter, ich habe mir doch zu viel zugemutet. Einen alten Zeitungsbericht lege ich noch zwischen diese Blätter. Hamburg, den 21. Oktober. Ein erschütternder Unglücksfall hat sich heute zugetragen. Der Sozius der Firma Diewen und Heinsius, Herr Heinrich Heinsius, wurde heute aus seinem Wagen geschleudert, als er im Begriff stand, zu seiner Vermählung mit Fräulein Ursula Diewen zu fahren. Seine scheuenden Pferde gingen durch, so geschah das Schreckliche. Herr Heinsius starb auf dem Transport nach dem Landkrankenhause. Fräulein Diewen soll schwer erkrankt sein. Immenhof, den 1. Dezember. Als ob ich berauschenden Wein getrunken hätte! Tausend tanzende, törichte Tollheiten wirbeln in meinem Kopf! Lauter lachende Liebe in meiner Brust. Liebe zu meiner Heide und all ihren Gottesgeschöpfen. Die suchte ich mir, wo ich sie fand; und weil draußen fußhoher Schnee lag, und drinnen die Zimmer vereinsamt waren, so lief ich in den Stall, aus dessen stillem Halbdunkel mir wohlige Wärme entgegenkroch. Liese, die Kuh, wurde gerade von Mutter Alslev gemolken, und Jungfer Minna stand mit gefalteten Händen dabei, ein rührendes Bild. Einige Heidschnuckchen liefen auf mich zu und leckten mir die Hände, die sie nicht noch einmal wieder so leer finden sollen, wie ich mir gelobte. Ich kraute ihnen die kurze Wolle und konnte mich dabei kaum ihrer stürmischen Zärtlichkeiten erwehren, bei denen ihnen Spitz, der Schäferhund, springend, bellend und lockend beistand. Die graue Katze sprang auf meine Schulter und ringelte ihr Schwänzlein um mein Ohr, – an meine Füße stießen Max und Moritz, die beiden feisten Schweinchen, ihre Schnäuzchen. Lauter lebendiges Leben. Aufgewacht bin ich! Ganz hell wach! Und spüre zum ersten Male seit vierundzwanzig Jahren, daß ich jung und gesund bin. – Die Leute sagen: »Schön und reich dazu!« Wie nütze ich das alles?? Lubruder weiß Rat. Da ist ein Brief von ihm: Liebe kleine Urschel! Deine wunderliche Vorliebe für die weite, einsame Heide in allen Ehren. Aber ich gebe Dir nur ein Jahr Frist, dieser selbstsüchtigen Idee zu frönen, – wir leiden zu sehr darunter. Daß unter dem »Wir« weder die »Zweite«, noch Onkel Eberhardt, noch Tante Renate oder die beiden Stiefbrüder zu verstehen sind, ist Dir von selbst klar. Aber da ist denn noch die alte Brigitte, die ich Dir nächstens ins Heidehaus jagen werde, weil ich eine Abneigung gegen vorwurfsvolle, täglich rotgeweinte Augen habe. Da ist ferner der Kaspar, der seit Deiner Abreise ein sehr zerstreutes Faktotum abgibt, und der Brigitte wohl folgen wird. Diese beiden alten Menschen können im Schatten nicht gedeihen, wie es scheint, – wie ich ohne Sonne vegetiere, danach fragt niemand. Nun ist da noch ein Dritter, – Urschelchen, sein Brief liegt neben mir. Der Rittergutsbesitzer von Haldenwanger fragt wieder an. »Wie ist's, lieber Diewen? Die Frau fehlt mehr denn je in meinem großen Hause, meine beiden Mädels wachsen heran und mir über den Kopf und – bei aller wohlüberlegten, nüchternen Umschau unter den Töchtern des Landes gefällt mir keine so – so wirklich außerordentlich, wie Ihre liebe Schwester. Das erstemal kam ich zu rasch, zu stürmisch – die Wunde war wohl noch nicht vernarbt, – aber es ist ja nun über Jahr und Tag, – Diewen, glauben Sie, daß ich einmal nach dem Heidehaus fahren dürfte, oder – wollen Sie mein Brautwerber sein? Fräulein Ursula hätte eine schöne Mission zu erfüllen an meinen mutterlosen Mädchen, und, wie ich Ihre Schwester kenne, fällt dieser Umstand zu meinen Gunsten in die Wagschale.« So, Urschel, nun habe ich Dir das Hauptsächlichste geschrieben aus seinem langen Briefe, geh mit Dir selbst zu Rate, oder willst Du mich haben, – Dein Lu ist jederzeit für Dich da. Urschel, – da ist aber noch einer. – Alte Deern, Du ziehst so geruhig Deinen Heideweg und stiftest doch so viel Unruhe. Der Klaus Bevensen. Urschel, ich weiß, Du lachst nicht über meinen Doktorfreund und wunderlichen Kauz und goldtreuen Gesellen. Er ist nun wieder heimgekehrt von seiner indischen Forschungsreise, und seine wunderbaren Sammlungen erregen das Entzücken der Kenner. Wer den Doktor Klaus sieht, ja selbst einige, die behaupten, ihn sehr gut zu kennen, ahnen nicht, daß es etwas in der Welt gibt, das ihn mehr interessiert als seine Wissenschaft, und was damit zusammenhängt. Mein dummes kleines Urscheli! – – Ach, die Liebe, die Liebe! Diese närrische Weisheit! Dies unheilvolle Glück! Dieser lachende Trübsinn, dies widerspruchsvolle Einverständnis! Also Schwesterlein, mein urgescheiter Doktor Klaus hat keinen Kopf mehr: Schaffe ihn wieder auf seinen alten Platz, und das treue ehrliche Herz dazu, das irgendwo in der Heide umherläuft. Zornig könnte man werden, daß Ihr Frauenzimmerchen solche Macht besitzt, und ahnt es nicht. Oder doch? Urschel, – hast Du gewußt??? Gib bald Nachricht Deinem Treuesten. Ludwig. Antwort: Mein Lu! Ja, ich ahnte! Und mich schmerzt es. Grüße den Doktor Klaus. Hätte ich eine Schwester, ich bäte sie, diesem Prachtmenschen ihr Leben anzuvertrauen, wie wäre sie geborgen! Meine Schwester! Ich nicht. In mir ist's so tot und still – gegen Menschen, Lu. Ich kann nichts mehr liebhaben, als meine Heide. Du, mein Lubruder, stehst über den Parteien. – Aber bei dem Gedanken, noch einmal, wenn auch nur in schattenhafter Ähnlichkeit, das durchzumachen, was ich schon erlebte, – ein Verlöbnis – – Lu, ich werde eiskalt vom Wirbel bis zum Zeh. Das ist vorbei. Vierundzwanzig Jahre bin ich alt in Wirklichkeit, – in meinem Fühlen manchmal achtzehn und manchmal neunzig. Diese schreckhaften Lücken will ich nun ausfüllen. Und dazu brauche ich noch die Einsamkeit. – Nur ein Jahr willst Du mir geben? Lu, ich bin mündig, und nehme mir meine Lebenszeit dafür. Gegen Bruder- und Schwesterheimweh aber gibt es Fernsprecher und Telegraphen und zwei ganze Schnellzüge und einen alten, wackligen Omnibus und ein Rad. Vom Herrn Rittergutsbesitzer von Haldenwanger wollen wir nicht lange sprechen. – Einst hätte mir die »Mission an zwei mutterlosen Kindern« zu denken gegeben, aber zwischen dem Einst und Jetzt liegen meine Verlobung mit Heinrich Heinsius und das Sterben aller meiner Ideale. Ich denke, Mutter Alslev hat recht, die mir erzählte, daß Haldenwangers Gut vollständig durch seine Mißwirtschaft herunter ist, daß mein Geld, und vielleicht auch Deins, Bruder Lu, da wundervoll aushelfen soll, weshalb Herr von Haldenwanger gleichzeitig um drei Erbinnen wirbt, auch mit einem Gesuch in der Zeitung steht. Bruder Lu, wie lieb, wie rein und gut und schön ist meine Heide gegen das alles! Laßt mich in Ruhe. Ja? Mein liebster Bruder, ade! Gott behüt' Dich und den, dem ich weh tun muß. Deine Ursula. Den 2. Dezember. Ich mußte mich erst eine ganze Weile besinnen über Bruder Lu's Brief. Mir war alles so fremd geworden, auch die beiden Namen darinnen, die sich doch so eng mit dem meinen verknüpfen wollten. Mich dünkte jedes Werben Schmach. Und Schmach jeder Blick, der neugierig die »bräutliche Witwe« traf. Nach meiner Genesung damals ging Bruder Lu mit mir auf Reisen. Griechenland, Ägypten! Dort trafen wir Doktor Klaus Bevensen, den guten, klugen, seltenen Menschen! Es waren köstliche Wochen, ich lernte wieder leben, – lernte sehen und schauen. Das danke ich Doktor Klaus von Herzen. – Aber mehr als Dankbarkeit zu fühlen, habe ich verlernt. Den 3. Dezember. Heute ist wieder Schnee gefallen. Wie sieht meine Heide aus! Wunderschön, aber streng und unnahbar. Daß ich gar nicht gewagt habe, sie zu berühren. So habe ich mich selbst eingesperrt, in einem guten, herrlichen Buche gelesen, das – wunderbar genug, denn ich griff es planlos aus meiner Bücherei heraus – mir von meiner Heide erzählte, von der tiefen Harmonie in ihr, wie in der ganzen Natur. Und langsam blühte in mir während des Lesens wieder das heilige Ideal auf, in gleicher Harmonie mein Leben zu gestalten. Langsam, sacht, aber stetig fielen die Flocken. Meine alte Jungfer Minna kam herein und deckte meinen Abendbrot-Tisch, – einfach – wie ich es von Kind an gewohnt bin. Als Zutrunk nur ein Glas Buttermilch. Aus der Küche dagegen drang ein entschieden alkoholischer Geruch, und ich drohte Jungfer Minna mit dem Finger, was sie auch sofort verstand. »'n lütten Kaffeepunsch«, meinte sie entschuldigend, aber doch etwas verlegen. »Es is bannig kalt dor buten.« »Werdet mir nur nicht dun, du und Mutter Alslev«, scherzte ich. Sie wehrte erschrocken ab. »Einen lütten Kaffeepunsch, Fräulein Ursula, und denn ich man allein. Mutter Alslev bringt nie einen Tropfen Wein, Vier oder ›Köhm‹ über ihre Lippen. ›Gift‹, sagt sie. Natürlich übertrieben. Aber«, – setzte Jungfer Minna geheimnisvoll hinzu – »es hat seine Geschichte, Fräulein Ursula, seine Geschichte.« »Schön, Minna«, sagte ich ernst. »Laß dir diese Geschichte recht oft erzählen, falls sie abschreckend wirkt, – du weißt, wie ich darüber denke.« »En lütten Kaffeepunsch«, murmelte Jungfer Minna im Hinausgehen mit wegwerfender und doch überdeutlicher Betonung des schmückenden Beiwortes, um mir die außerordentliche Kleinheit des Punsches ganz besonders zu Gemüte zu führen. Nach dieser Unterbrechung legte ich mich wieder behaglich in den Stuhl zurück, las noch ein wenig, aß mein schlichtes Nachtmahl und stand dann, während Jungfer Minna die Teller hinaustrug, am weit geöffneten Fenster, – hinausstarrend in die weiße Stille, einatmend die herbe Winterluft. – Dann schloß ich die Fenster, bedeckte die Lampe mit rotem Schirm und bereitete so meine köstlichste Stunde vor: die am Flügel. Wie wunderschön er klingt! Er hat auch die Heide lieb, – er tönt anders – – größer, voller auf der niederen Diele des Heidehauses, als in dem hohen prunkenden Saale vom Handelshause Diewen. Das war auch kein wildes Rasen mehr auf den Tasten. Alles Leid und die tiefe, schwere Bitterkeit in mir lösten sich in Harmonien auf. Und da draußen – – Schnee und Eis schmolzen plötzlich dahin, meine Heide war wieder herbstlich braun und vertraut. Und der Föhn brauste rasch über sie hinweg, linde Sommerlüfte kamen, rot leuchtend stand sie da im Purpurgewand und Purpurgeschmeide. Immer selbstvergessener lauschte ich den Melodien in meinem Innern, die purpurne Heide wurde blasser, jünger, zarte mattrosa Knöspchen standen an der Stelle der roten Blüten, die Birke roch betäubend stark und trieb blaßgrüne Blättlein, der Kiefern helle Spitzen durchströmten die Heide mit stärkender Heilkraft ... Frühling draußen und drinnen. Ganz sachte hatte mich Frau Musika bei der Hand genommen und rückwärts geführt durch Schnee und Eis, durch goldenen Herbst und heißes Sommerland bis in den jauchzenden, hoffenden Frühling hinein. Wie aus einem tiefen Traum erwachte ich. – Draußen fielen sacht und still die Flocken. – Ich schloß den Flügel, – ging zu den Fenstern, schloß die Läden mit den schweren Riegeln und wollte nun auch meine Tür verschließen. Aber ein befremdender Laut von draußen her ließ sie mich noch einmal aufklinken, und da sah ich's – eine große Gestalt lehnte an dem Pfosten der Haustür. Im flackernden, trüben Lichte eines schlichten Lämpchens, das Mutter Alslev draußen aufgehängt, sahen mich zwei dunkle, ernste Augen aufmerksam an. Und ich sie. Dann streckte ich rasch meine Hand aus und rief: »Sie sind Uwe Karsten Alslev, und ich bitte Sie, unter mein Dach zu treten.« Da trat er ein. Hoch und groß, urwüchsig und gewaltig, und doch wieder scheu und etwas linkisch. Er sah sich rings um in meinem lieben Reich und atmete tief, als wollte er die Ruhe und traute Behaglichkeit des Raumes in sich hineintrinken. Ich hielt ihn immer noch an der Hand, – seltsam – und so führte ich ihn an den großen roten Sessel, meines Väterchens Arbeitssessel. »Was tun Sie mir, Fräulein Ursula Diewen?« »Uwe Karsten Alslev, ich will Ihnen danken !« Er wehrte nicht ab, er lächelte nicht. Ernst und forschend ruhten seine Augen auf mir. Da ließ ich seine Hand los und setzte mich ihm gegenüber. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es so viel Schönheit gibt«, sagte er, und sein Blick umfaßte die Einrichtung der Diele. – »Urväterhausrat. – Man glaubt, in einem Museum zu sein, und doch ist alles so einheitlich. Sie passen gut hinein, trotz Ihrer Jugend.« Ich sah ihn mir genauer an. So ganz anders war er als alle, die ich bis dahin zu Gesicht bekommen. Wie ein Dorfschulmeister schien er mir nicht, aber was wußte ich von Dorfschulmeistern! Und Dichter hatte ich mir auch anders vorgestellt. Der in die Ferne gerichtete Blick paßte zwar zu einem Dichter, und der widerspenstige Haarschopf, der hineinfiel, und den er immer mit einer raschen Kopfbewegung zurückschnellte, gab ihm etwas Künstlerisches. Aber die derbe Lodenkleidung, die schweren Stiefel kennzeichneten den Bauern, nur die Wäsche war ganz außerordentlich fein und peinlich sauber, und die seidene Halsbinde von gutem Geschmack. Das sah ich alles auf den ersten Blick. Der zweite entdeckte mir gute, kluge Augen von dunkler, unbestimmter Farbe, eine gerade, schöne Nase, einen ausdrucksvollen Mund mit gesunden Zähnen und einen dunkeln Spitzbart. Das war der äußere Uwe Karsten. Aber seine Hände will ich nicht vergessen. Vertrauenerweckende, liebe Hände. Sorgliche Hände, – abgearbeitet und schwielig und doch gepflegt. Riesengroße Hände, wahre Pranken. Wieder mußte ich an das Hünengrab denken da draußen, so lebendig der Mann auch vor mir saß. »Nun haben wir uns wohl genug beschaut,« meinte er ruhig lächelnd, »und ich muß heim.« »Heim, Herr Alslev? Hier ist doch aber Ihre eigentliche Heimat,« wendete ich ein, »Sie sind ja hier geboren.« »Schon recht, Fräulein Diewen. Aber ich habe hier nichts Wichtiges erlebt. Das, was mich zum Manne machte, gab mir das alte Schulhaus, darin ich jetzt wohne. Und jetzt muß ich wirklich fort, – zu meinem Kinde.« – Wie er die letzten Worte aussprach! Arm und tot liest es sich auf dem Papier; man kann das Herz nicht hören und sehen, das hindurchzitterte. »Sie haben ein Kind? Einen Knaben?« »Nein, es ist meine Sörine.« »Und dürfte mich die Kleine besuchen?« »Das geht nicht, sie ist immer krank!« »Wie traurig! Ich habe mir Ihr Heim licht und froh gedacht, Herr Alslev. Ich kenne es seit zehn Jahren aus Ihren Heideliedern.« »Schön und licht ist es auch«, entgegnete er, und in seine Augen trat ein tiefes Leuchten. »Darf ich einmal zu Ihrem Kinde kommen?« Das Leuchten erlosch. »Kommen Sie – Fräulein Diewen! Und jetzt – Gott behüt'!« Er nahm vorsichtig meine Hand in seine beiden Tatzen, als fürchtete er, mir weh zu tun. »Die Hand ist so klein«, sagte er. – »Und kann doch so energisch den Flügel bearbeiten! Ach – so ein Genuß! Sie spielen wahrhaft schön! Ich habe schon viele Abende gehorcht, – und wurde froh dabei. Wenn Sie lange bei uns in der Heide bleiben, Fräulein Ursula, dann kann ich ein alter Mann werden.« »So werde ich bleiben«, entgegnete ich. Dem Manne gegenüber fiel mir keine Redensart ein. »Und morgen komme ich. Ich will Uwe Karstens Heimat sehen.« »Gute Nacht!« – – Den 4. Dezember. Als wenn ich zur Schulprüfung ginge, auf die ich nicht vorbereitet wäre. So ganz beklommen schlägt mein Herz. Hätte ich vorher doch nicht die lieben Heidelieder gelesen! Mich so ganz darein vertieft! Und die »Streifzüge durch mein Haus und um meinen Herd« – – – ach diese Perlen des tiefen, guten Humors mit ihrer feinsinnigen Sprache! Mir ist's, als träte ich in einen Königspalast. – Denn der Geist, der darinnen wohnt, im Schulhüttchen, ist groß und gewaltig, würdig eines Königs, vorbildlich einem ganzen Volke. Ursula, seit wannen schwärmst du? Wer aus deiner Patriziersippe gab dir dies Empfinden? Bist du nicht eine nüchterne Hamburger Kaufmannstochter? Die Heide tut's, – die Heide – – – und die Heidelieder von Uwe Karsten. Bald werde ich seine Heimat schauen... Den 5. Dezember. Ich habe sie gesehen. Diese Blätter sind Erzieher für mich. Erzieher zur inneren Ruhe, zum sachlichen Schauen, zum Zügeln meines Temperamentes, Erzieher zu all dem, was mir fehlt. Gehorsam aber fehlt mir nicht, und so folge ich diesen Erziehern, wenn ich sie gleich nur bitten möchte: Laßt mich, laßt mich! Ich kann nicht schildern, was ich sah. Worte sind zu arm dazu, und kein Lied ist düster genug. Laßt mich nur weinen, unaufhaltsam, bitterlich. An mir selbst könnte ich irre werden, an meiner angeborenen Frohnatur, meiner lachenden Weltfreudigkeit, die sich nicht meistern ließ vom grauen Schicksal. Mein Mütterchen soll ja sonnig gewesen sein, ein lachendes Leuchten sei rings um sie gewesen. – Und mein Vater besaß den tiefen, guten Humor, »besser wärmend, denn ein Kachelofen«. – Lachende, leuchtende Sonne und tiefer, guter Humor; gibt es bessere Eltern? Aber alle Sonne erlischt, und aller Humor versiegt bei dem, was ich sah. – Das Schulhaus liegt langgestreckt, ein kleines Stück vom Dorf entfernt, man kommt an der Kirche vorüber, und der große Obstgarten des Pfarrers grenzt an den Garten des Schulhauses und den Spielplatz der Buben und Mädchen. Rasch mußte ich denken, ob der Pfarrer wohl viele Äpfel erntet? Schulkinder, die mir begegneten, grüßten höflich und wiesen mir mit großer Gefälligkeit in gutem Hochdeutsch den Weg, – dann, als ich mich wendete, tönte ein unterdrücktes Kichern hinter mir her. Es galt wohl meinem Anzug. Ich muß ihn viel einfacher gestalten, – das pelzverbrämte Tuch paßt nicht in das Heidehaus und seine Umgebung. Von weitem schon hörte ich Gesang und lautes Sprechen im Schulhaus, dazwischen das klägliche Weinen eines Kindes. War denn die Schule nicht längst aus? Mittwoch nachmittag drei Uhr? Ich ging schneller und horchte befremdet. Die Schulhaustür stand auf, – ich schritt hinein, unten war alles still, aber von oben tönte der laute Gesang eines Mannes. – War es wirklich Gesang? Dazwischen das Schelten und Keifen einer Frauenstimme, und wieder – stärker, anhaltender – das Weinen des Kindes. Ich stieg die Treppe hinauf, sie knarrte häßlich unter meinen Tritten, Eine Tür öffnete sich, auf die Schwelle trat ein schönes Mädchen. Ja, sehr schön war sie mit ihren dunkeln, sprechenden Augen und dem feinen Gesicht. Ich sah sofort, daß es eine Schwester von Uwe Karsten sein müsse, wenn mir auch die Mutter Alslev nie von einer solchen erzählte. »Sie wünschen?« »Ich, ich – – hätte gern Herrn Alslev gesprochen.« »Mein Bruder mußte plötzlich über Land, – er hat auch wohl nicht geglaubt, daß Sie wirklich so bald schon kämen, – Fräulein Ursula Diewen, nicht wahr?« Ich nickte, dann streckte ich ihr die Hand hin, und sie legte rasch die ihre hinein. »Ich kann Sie nicht bitten, einzutreten«, sagte sie hastig, und eine tiefe Röte stieg in ihr Gesicht. In diesem Augenblick tönte von drinnen ein dumpfer Fall, ein Fluchen und ein Schimpfen, das Mädchen lief ins Zimmer, und ich eilte hinterher. Auf der Diele lag ein alter Mann mit wirrem, grauem Haar und starkgerötetem Gesicht, das Mädchen bemühte sich vergebens, ihm auf die Füße zu helfen. So sprang ich rasch zu. Es war schwer, ihn hochzubekommen. »Uff, uff!« ermunterte sich und uns der alte Mann. »Ist doch wahrhaftig kein Parkett hier wie im Schloß beim Grafen, und doch rutscht man aus und fällt hin as 'n Plumpsack. Uff, uff! Schönsten Dank, geehrte Dame, ich bin nu all wieder so weit.« Der Mann stand, und ich sah erschrocken in sein verkommenes Gesicht. »Bäh!« – Er schnitt eine abscheuliche Grimasse zu dem großen Mädchen hin. »Jawoll, ich stehe wieder, und es tut nicht nötig, daß du es dem Alslev petzt. Da heißt es dann gleich wieder: ,Getrunken hat er, getrunken', – – – freilich hab' ich getrunken, – das Trinken ist überhaupt das einzige – – –« Er fing wieder an zu singen: »Und so nehm' wi noch 'n Lütten« – – Aber das Singen ging unter in einem weinerlichen Greinen, – er schlürfte zu einem abgeschabten, großen Ledersessel, in welchen er sich polternd fallen ließ, und hier brummte er allerhand vor sich hin, bis er schlief. Unterdessen tönte aus dem großen Himmelbett in der Ecke ununterbrochen eine schrille Stimme: »Jochen, sei still! Jochen, hast du dir was getan? O dies Elend, dies Elend!« Eine erschreckend magere Frau lag im Bett und starrte auf mich hin mit bösen Augen. »Wohl ein Spießgeselle von unserm Kerkermeister, der Christiane? – Christiane, geh her. Du mußt mir das Bett aufschütteln, es sticht wie mit Nadeln. Den ganzen Tag hat sie nichts zu tun, aber mal der kranken Verwandtschaft eine Handreichung tun, – das gibt's nicht. 0 das Elend, das Elend!« »Gehen Sie hinaus, Fräulein Diewen«, bat Christiane Alslev. Aber ich blieb, denn nun fiel mein Blick auf ein Kind. Oh, ein so armes, armes Kind! Drei Jahre war es wohl schon alt, nach dem großen Kopf und Gliedern zu urteilen und dem alten Gesichtsausdruck. Aber ganz und gar verblödet. Es sah uns gar nicht an, es weinte kläglich wimmernd wie ein krankes Kätzchen. »Tata, – Tata!« Diese beiden Worte formte manchmal der Mund und stieß sie klagend hervor. »Wie alt ist das Kind?« fragte ich leise. »Neun Jahr'.« Christiane Alslev strich ihm sanft über den großen, beinahe viereckigen Kopf mit dem dünnen Blondhaar: »Tata kommt bald und hat Sörine lieb, – so lieb, ei-ei.« »Tata, Tata!« Der alte Mann äffte es dem Kinde nach. »Tata, Tata, weiter kann er nichts, der erbärmliche Wurm.« Und die Kranke im Bett zeterte: »Tata, Tata, o dies Elend, dies Elend!« Ich war wie betäubt. – Christiane Alslev schritt mit ruhigen Gebärden durch das ziemlich große Zimmer, ordnete das Bett der Kranken, rückte dem alten Mann den Stuhl näher ans Fenster, und dazwischen sprach sie dem blöden Krüppelchen liebreich zu. »Kann ich Ihnen nicht ein klein wenig helfen?« fragte ich leise das gute, große Mädchen. Sie blieb vor mir stehen und faßte meine Hand. »Ich möchte nein sagen, denn dies ist nichts für Sie,« meinte sie flüsternd, »aber da ist die kranke Nachbarin, zu der sollt' ich rasch mal hinüberspringen, der Mann bat mich schon um Gottes willen, und doch kann ich kaum hier fort. Aber ich sehe schon, Sie sind gut, – Sie halten wohl der Sörine ihr Händchen, sie ist das so gewohnt von mir um diese Zeit. Erkennen tut sie niemand, außer ihren Vater. Mit den beiden Alten brauchen Sie nicht zu sprechen, wenn Sie nicht wollen, sie sind oft boshaft, und ihre Reden tun weh. Fürchten Sie sich, Fräulein Diewen?« Ich schüttelte den Kopf, – aber dann legte ich plötzlich den Arm um Christiane Alslev und fragte rasch: »Wo hat Uwe Karsten seine Heidelieder geschrieben?« Sie sah mich groß und ruhig an. »Hier«, sagte sie einfach. »Hier?« Ich rief es laut, ungläubig, schaudernd. Sie nickte ernst. »Am Krankenbett seiner Frau, vor zehn Jahren.« Dann legte sie meine Hand über das welke Händchen des Kindes, das wieder anfing, sehr unruhig zu werden, und ging hinaus. Uwe Karstens Heimat! Herrgott, wie war's möglich! Ich kämpfte mit den Tränen, die mir heiß aufstiegen. Uwe Karsten, mit was für Augen schaust du deine Heimat an! Uwe Karsten, wie hast du dir den Jammer und das Elend zu solchen herrlichen Liedern verklären können! Uwe Karsten, du großer Lebenskünstler, willst du mein Lehrer sein? »Jochen Witt, weißt du, warum die geputzte Dame hier sitzt? Sie ist von unserm Kerkermeister als Spion hergesetzt. O dies Elend, dies Elend!« »Mutter, du redest Dummtüg. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen, und ich rede gern mal mit'n gebüldeten Minschen. Witt ist mein Name.« Meine Blicke flogen scheu vom Bett zum Lehnstuhl hin. Das Kind hatte seinen Kopf auf meine Hand niedersinken lassen und schien einzuschlafen. »Was halten Sie vom Alkohol, Fräulein?« fragte mich plötzlich der alte Mann mit beinahe gemütlichem Tonfall und blinzelte mich aus seinen entzündeten Augen an, während sich die Kranke brummelnd, ächzend und stöhnend gegen die Wand kehrte. »Sehen Sie, ich bin ein alter, kranker Mann für gewöhnlich, aber wenn ich ein paar hinter die Binde gegossen habe und sehe dann einen gebildeten Menschen, dann kann ich mich fürtrefflich unterhalten. Alkohol ist was Fürtreffliches, – Sie haben wohl nichts bei sich?« unterbrach er sich und sah mich lauernd an. Ich schüttelte den Kopf. »Das ist verkehrt. Man soll nie kranke Leute ohne 'ne Stärkung besuchen, und Alkohol ist die beste Stärkung. Der alte Hansohm bringt mir manchmal 'ne Pulle Roten; der Hansohm kann meinen äwerspönigen Schwiegersohn auch nich leiden. Kennen Sie meinen Schwiegersohn?« »Wenn Sie Herrn Alslev meinen...« »Jawohl, den mein' ich. Den äwerspönigen Scholmeester. Gotte doch, was is der Mann überhebend, und was is er so dumm! Denn er verachtet den Alkohol, wo schon unser großer Luther sang: ›Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.‹ Nun, der Gesang vergeht, und die Liebe vergeht, aber der Wein bleibt. Und der Schnabus auch, der gute Korn, das reine Gotteswort, – es soll leben vivat hoooch!« Die Kranke drehte sich ächzend wieder herum. »Jochen Witt, bist du noch nicht nüchtern? O das Elend, das Elend!« »Was red'st du? Ich, und betrunken sein?« Der alte Mann war mit seinem Stuhl, der zwei Rollen unter den vorderen Füßen hatte, immer näher zu mir herangerückt. »Ach so, ich vergess' mich, und die Olsch will schlafen«, meinte er vertraulich. »Fräulein, dieser hungrige Scholmeester verachtet nicht nur den Alkohol, sondern auch – die Schneider. Ich habe Grund, das anzunehmen, Fräulein.« Seine Stimme erhob sich zu zornigem Gekreisch. »So ein verfl... Nichtswisser! Derfflinger war ein Schneider, Rosegger war ein Schneider, Jochen Witt war auch einer. Achtung vor der Zunft, die solche Männer hervorbrachte! – Fräulein, haben Sie wirklich kein Tröpfchen Wein, Bier oder Schnaps bei sich?« fragte er plötzlich ganz angstvoll bittend, und da ich sehr erschrocken wieder verneinte, brach er in kindisches, jammervolles Schluchzen aus, das dann leiser und leiser wurde, bis es in Schnarchen und Pusten überging. Jochen Witt schlief wieder. Aus dem Bett an der Wand sahen mich zwei zornige Augen aus einem gelben, abgezehrten Gesicht an. »Wenn ich nur wüßte, weshalb Sie hier sitzen, Fräulein Prinzessin«, klang die heisere Stimme. »O das Elend, das Elend! Schämen Sie sich nicht, so neugierig zu sein? Und ist's was Schönes, mit dem alten Saufaus zu reden, oder meinen Jammer zu sehen, oder den Krüppel festzuhalten? Pfui T...!« Sie spuckte aus und ächzte dabei herzbrechend, ein Krampf schüttelte sie. Ich sprang auf und eilte zu ihr. Das Kind erwachte und stieß tierische Laute aus. Wie lange blieb mir Christiane Alslev fort! Ich reichte der Kranken Wasser und füllte den Löffel mit der Arznei, die auf dem Tische stand. Da löste sich der beängstigende Anfall, und ich kehrte zur kleinen Sörine zurück. Sobald ihr Händchen in meiner Hand ruhte, schlief sie wieder ein. »So reden Sie doch was«, unterbrach die Kranke die beängstigende Stille. »Dann sind Sie doch zu was nütz, meine Schmerzen sind gräßlich, wenn ich so stilliegen muß.« Ich war gehorsam. »Frau Alslev war Ihre Tochter?« fragte ich. »Gott sei's geklagt, ja«, ächzte die Frau. »Aus unserm guten Brot in Kappeln an der Schlei hat uns der verd... Schulmeister fortgeschleppt und die Sörine, die damals achtzehn Jahr' und ein Engel war. Mit schönen Redensarten natürlich, – die hat er weg. Ach, das Elend, das Elend! Diese gottverdammte, gottverlassene Heide! Sterben hat er sie lassen, die Sörine, wie er uns sterben läßt – – der, der – –, aber wenn's 'n Herrgott gibt, – – ich glaub's zwar nicht, aber wenn's 'n gibt – – das, das ist seine Rache, das da – – –« Sie zeigte mit den Krallenfingern auf das Krüppelchen, und dann stöhnte sie auf, ihr ganzer Körper bäumte sich auf in wütendem Schmerze, der Krampfanfall kam stärker als vorher, dabei erwachte der alte Mann und greinte dazwischen und das Krüppelchen lallte: »Tata, Tata!« Ich lief wieder zum Bett und füllte den Löffel aufs neue, aber sie schlug ihn mir aus der Hand. »Gift«, ächzte sie, – und der Mann griff nach seinem Krückstock und drohte mir. Da weinte ich. Erbärmlich schwach war mir zumute. Dann kam Christiane Alslev, sie brachte die Lampe mit, und das ganze Zimmer veränderte sich, als sie eintrat. »Sie Arme!« sagte sie mitleidig, – ich lehnte den Kopf an ihre Schulter. »Verzeihen Sie mir,« bat sie, »es sah bös aus drüben, die Nachbarin muß sterben. Acht kleine Kinder sind da, – ich habe wieder gelernt, daß mein Kreuz noch längst nicht das schwerste ist. Und nun gehen Sie rasch, unten wartet mein Bruder, er ist eben gekommen und will Sie heimbringen.« Sie schob mich rasch über die Schwelle, ehe ich ihr noch ein liebes Wort sagen konnte, und ein neues Stöhnen und neues Greinen hub drinnen an, herzerschütternd. – – Vor der Haustür unten stand Uwe Karsten Alslev. Er nahm den Hut ab und reichte mir die Hand, aber er sprach kein Wort. So schritten wir schweigend durch das stille, mondbeschienene Dorf. Gespenstisch lag die Heide da. Schon sahen wir das Licht des Heidehauses schimmern, da fragte er ruhig: »Werden Sie nie wiederkommen, Fräulein Ursula? Graut Ihnen vor Uwe Karstens Heimat?« Ich sah ihn an, sah seine tiefen, guten Augen und das blasse, edle Gesicht. »Mir war sehr bang«, gestand ich ehrlich. »Aber Ihre Schwester habe ich lieb, und ich möchte von ihr lernen.« »Wie rasch seid ihr Frauen und trefft doch das Rechte! Meine scheue Christiane empfing mich mit den Worten: ›Uwe, die da oben habe ich lieb!‹ Und ich wußte gleich, daß Sie es waren!« »Ich will auch wiederkommen«, entgegnete ich rasch. »So sind Sie stärker, als meine starke Mutter, die viel Schweres im Leben überwand. Aber mein Heim kann sie nicht überwinden, – arme Mutter. –« Wir standen vor dem Heidehaus. »Gute Nacht, Fräulein Ursula, und auf Wiedersehn, um meiner Schwester willen, – ich danke Ihnen!« Uwe Karsten schritt den mondbeschienenen Heideweg zurück, und ich sah ihm nach, bis er um das erste Haus des Dorfes bog. Dann saß ich lange im Mondlicht am Fenster, und wehrte ab, als mir Minna die Lampe brachte. Um zehn Uhr kam Mutter Alslev leise herein. »Sind Sie krank, Fräulein Ursula? Wie blaß sehen Sie aus, Kindchen!« »Nein, aber tief bedrückt. Ich war bei Christiane Alslev.« Die alte Frau atmete schwer. Dann strich sie lind über mein Haar. »Sie sind gut, Fräulein Ursula, gut und stark!« Mutter Alslev ging hinaus, und ich lief in mein Schlafzimmer. Nicht gut war ich und nicht stark. Ich warf mich über mein Bett, weinte ungestüm und fühlte mit wehem Herzen, daß ich einer Toten die Liebe dieses Mannes neidete. Den 6. Dezember. Heute möchte ich am liebsten den Schlußsatz des gestrigen Blattes durchstreichen, vernichten, ungeschehen machen. Die Heide, die einsame Heide und der Mondschein tragen die Schuld, daß ich so untapfer war. – Aber ich will nichts durchstreichen und nichts vernichten, – solch ein Memento ist heilsam. Aber das Herzbeklemmende ist von mir gewichen, auch das Sentimentale, das mich gestern umspann, wenn ich des Schulhauses gedachte. Ich schaue den seltsamen Mann fester an, klarer, – sein Weg liegt ja so weit ab von meiner ganzen Sphäre. Unglaublich nüchtern komme ich mir heute vor. Und in dieser Nüchternheit stelle ich mir Fragen. – War Uwe Karsten immer so? Schon in seiner Jugendzeit? Schon als Kind? So poetisch, so weltfremd, wie seine Lieder? Vor zehn Jahren hat er sie gesungen, aber vorher? Wie war er als Knabe? Wild, unbändig? Mit nichts verratend, was Tiefes in ihm lebte und später hervorbrechen sollte? Oder war er sinnig und träumerisch? Und wie zeigte sich seine Liebe zu Sörine Witt? Was geht's dich an, Ursula Diewen? Ist das auch noch eine nüchterne Frage? Nein, er kümmert mich, es ist starke, tiefe Anteilnahme an diesem Dichter und Mann und Schulmeister. Wie lächerlich bist du, Ursula! Du hast diese schweigsame Heide um dich, dies stille Zimmer und die verschwiegenen Blätter, und doch suchst du nach Entschuldigungen für deine stummen Fragen? Niemand hört sie als du selbst, du närrisches Ding, und der, der dein heftig klopfendes Herz in deiner Brust erschaffen hat. Ursula, bist du neugierig? Du, die nur ein Zerrbild der Liebe kennengelernt hat, du möchtest wissen... Warum erniedrige ich mich selbst in solcher Zwiesprache mit meinem Herzen? In Uwe Karstens Heideliedern steht nichts von Liebe, nichts von Sehnsucht des einen Menschenherzens zum andern. Nur von Wald und Heide und Heimat singt er. – Aber auch vom Föhn, der urgewaltig über die Heide braust. Man muß den Föhn kennen, wenn man ihn singt... »Heidesturm, hei! Reckst du die riesigen Reckengewaltigen, rauhen Arme? Reiße mich fort! Mich locket dein Lärmen, Sturmwind, ich liebe dich!!!« Wer den Sturmwind so herzgewaltig liebt, der ist nicht zahm, der geht nicht im Geleise, der ist urwüchsig, herb, der ist – – anders wie die andern. Es ist allzeit ein Suchen in meinem Leben gewesen. Ich weiß nicht, ob ich finden werde, und ob ich dann glücklich bin, oder ob gerade das Suchen mein Glück ausmacht. Oft ist's mir auch, als könnte ich nur wachsen, weben und gedeihen im Glücke anderer, als müßte ich auslöschen, käme das Glück zu meinem Selbst geschritten, öder ist das schon das ureigentliche Glück, daß ich die Menschen so liebhabe? Heute spann das Schicksal drei Fäden, ich durfte sie auffangen und an dem alten Mahagoni-Nähtisch aus meiner Mutter Brautzeit zu einem festen Gewebe verknüpfen. Ich saß an dem Nähtischchen und stichelte für die Armen von Immenhof zur Christbescherung, und bei jedem Stiche dachte ich: »Ach, das armselige Tröpfchen Linderung gegen das Meer von Elend!« Da schwebte der erste Faden herab, wenn ich schon an meinem Gleichnis festhalten will. Der alte Heidebriefbote brachte mir ein Schreiben von Lu. Die Ankündigung eines großen Haufen Geldes. Wie, wo, wann ich es anzulegen gedächte? Eine ganze Schwadron Zahlen und Namen ließ er aufmarschieren, eins so unverständlich wie das andere. Aber das ist mir doch verständlich, daß ich reich bin, und nicht nur mit Worten und einem warmen Herzen, sondern mit der Tat helfen kann. Mit einem unendlichen Frohgefühl im Herzen legte ich das Schreiben fort und – nahm den zweiten Herrgottsfaden in die Hand, der sich in Gestalt des sehr langen, dünnen Heidepfarrers in meine Tür schlängelte. Aber der dünne Faden hatte einen runden, festen, gemütlichen Knoten, das war die Frau Pfarrerin, die »achtern« kam. Sind das zwei liebe Menschen! Ehrwürden Pastor Sunneby und Frau Beate sind so verschieden und ergänzen sich so köstlich. Er sieht Natur und Menschen aus der Vogelschau, hat große, leuchtende, wasserblaue, scharfsichtige Augen, wahre Röntgenaugen, die jede der guten und desgleichen versteckten Seelen im Pfarrbezirk Immenhof durchschauten, was ihm die Gemeindepflege sehr erleichtert. Frau »Pastorin« ist klein, rund, dick, mit braunen, kurzsichtigen Beerenaugen, die nichts, aber auch »rein gor nix« erkennen, Augen, welche die Kuh des Bäckers Niebohm für den Herrn Amtmann ansehen, weshalb Frau »Pastörin« eine liebliche Verneigung vor besagter Kuh gemacht hat. – Dies kleine Geschichtchen machte im Dörfchen die Runde. »De Slüngel, de Hinrich, het dat äwerall vertellt, de Näswater.« Ja ja, mehr Respekt hat Immenhof vor dem langen Herrn »Pastur«, aber mehr Liebe und Zutrauen hat es zur »Pastörin«. So nennt die alte Stina ihre Herrschaft. Die »Pastörin« sieht mit dem Herzen , das ist auch was wert, und deshalb braucht sie keine Brille. Pastor Sunnebys haben keine eigenen Kinder. Die Immenhofer Jungs und Deerns sind alle »de Pastörin ehr«. »Von Patentum und von Menschlichkeit wegen«, setzt wieder Stina hinzu. Aber ich Plaudertasche verliere meine zwei Fäden. Nachdem sich Pastor Sunneby und Frau Beate gesetzt hatten, versuchte ich mich zum ersten Male in meinem Leben diplomatisch und steuerte in dem Gespräch unentwegt auf das Schulhaus hin, denn ich hätte gern mehr erfahren, als Mutter Alslev über ihren Sohn und sein Heim zu sagen gewillt war. Der Herr Pastor mit den scharfen Augen merkte aber nichts, der war ganz bei seiner lieben Kirche und ihrem schlechten Glockenspiel und bei seiner lieben Gemeinde und ihren schlechten Angewohnheiten. Er wurde sehr weitläufig in seinen Schilderungen, aber die kurzsichtige Frau Beate, die ohne Brille mit dem Herzen sieht, unterbrach ihn und meinte gütig lächelnd: »Ich glaube fast, Fräulein Ursula Diewen möchte gern vom Lehrer Alslev hören, und das ist ja ein Thema, das auch uns behagt.« Da waren wir mit einem Male mittendrin. »Ein Edelmensch!« Das sagten beide zusammen. »Ein klarer Kopf, ein tiefer Beobachter, ein vorzüglicher, eigenartiger Lehrer.« Das sagte der Herr Pastor allein. »Ein guter Sohn, ein treuer Bruder, ein Vater nach dem Herzen Gottes.« Also die »Pastörin«. Aber sie setzte überlebhaft, beinahe aufgeregt und böse hinzu: »Viel, viel zu schade für Immenhof.« »Aber, Beate!« beschwichtigte der Pfarrer. »Warum soll Alslev zu schade sein? Warum soll nicht gerade aus unserm Immenhof eine Schar ganz besonders gut erzogener junger Deutschen ins Leben treten?« »Aber könnte er draußen nicht noch viel besser wirken? In der Großstadt? Der ist doch allem gewachsen. Und hier hat er ewig die Kette am Fuß, die zwei schrecklichen, alten Leute und das Krüppelchen!« »Diese Kette kennt unser Herrgott und wird sie durchfeilen und von ihm abfallen lassen, wenn es Zeit ist. Und Alslev ist einer, der den Segen des Leides kennt.« »War auch seine Frau immer krank?« fragte ich. »Nicht immer. Er hat sie als blühendes Geschöpf kennengelernt, und an Sanftmut und Güte soll sie ein Engel gewesen sein. Aber sie tat als junge Frau einen schweren Fall, gab dem Krüppelchen das bißchen elende Leben und starb dann. Alslev war nur dreiviertel Jahr verheiratet.« »Und seine Bücher?« »Sie sind ja in jedermanns Hand, wer sollte die Heidelieder nicht kennen? Aber den Verfasser kennen wenige. Doch Alslev hat gut zu leben. – und wenn auch Lieder und Märchen keine Goldquelle sind, so bringen ihm seine wissenschaftlichen Sachen ein hübsches Geld. Sie kennen doch Wohl ›Flora und Fauna der Heide‹, ›Hünengräber‹ und wie sie alle heißen?« »Die Schulbücher meiner Stiefbrüder. Und die hat Alslev geschrieben?« »Freilich! Und die Professoren pilgern nach unserm kleinen Immenhof und holen sich Rat für wichtige Vorträge und anzulegende Sammlungen von unserm Schoolmeester. Wir sind stolz auf ihn.« »Da frage ich aber nun auch, wie Ihre Gattin: Warum geht Herr Alslev nicht in eine Großstadt?« »Das will ich Ihnen sagen, mein Fräulein. Weil er ein Heidekind ist! Weil er sich von seiner Heimat nicht loszureißen vermag und mit dem Besten hier festwurzelt. Dies Beste würde im Heimatboden auch bleiben, und nur als halber Mensch würde er in der Fremde vegetieren. Aber er hängt auch mit allen Fasern an seinem Beruf, an seinen Schulkindern, und – an seinem Kinde.« »Vergiß auch die Alten nicht, mein Pastor, den Trunkenbold und den Drachen!« »Nein nein, das stimmt, – wer sollte die vergessen? Wahrheit ist, daß Alslevs sterbendes Weib ihm gesagt hat: ›Verlaß Vater und Mutter nicht, Awe, sonst sind sie verlassen.‹ So kommt's, daß wir den Schulmeister, diese seltene Edeltanne in unserm dürren Heideboden, weiter behalten. Gott läßt sie dafür wachsen und blühen, vielen zum Segen.« »Pastor Sunneby,« scherzte Frau Beate, »viel darf diese Tanne aber nicht mehr wachsen, sie ist schon länger als du.« »Ei, ei, Pastörin,« entgegnete ebenso der Seelsorger, »wer wird alles so körperlich nehmen!« »Und das Krüppelchen?« fragte ich wieder. »Wäre es nicht viel besser in einer Anstalt aufgehoben?« »Besser? Ich glaube nicht. Christiane Alslev gibt ihm die beste Körperpflege, und das winzige Flämmchen, das auch in diesem armen Seelchen brennt, wird gespeist von – ›Tata‹, vom täglichen Sehen des Vaters. Aber dies schwache, erbärmliche Dasein entzieht uns auch ein großes Werk, an dem Alslev arbeiten würde, wäre das Krüppelchen nicht. Nur hält Alslev das Leben seines Kindes für wichtiger, als sein Werk, auf das jetzt schon im Entstehen die ganze Gelehrtenwelt schaut.« Eine lange Pause entstand, und in dieser Pause lief mir der dritte Faden in die Hand. Ich hielt ihn fest. »Herr Pastor, heute morgen trug der Wind zarte Klänge, wie Gesang, an mein Heidehaus, was kann das gewesen sein?« »Ei, ei, so weit führt sie der lose Geselle, der Heidewind? Das ist recht von ihm. Ein Ständchen war's, – ein wundervolles Morgenständchen, dargebracht von allen Kindern des Ortes und Umkreises Immenhof, – Uwe Karsten Alslev hat heute Geburtstag.« Da waren die drei Fäden zu einem Gewebe verknüpft. Ein eigenes Freuen kam in mein Herz. – Und dann fiel mir der Kuchen ein, den Mutter Alslev schon in aller Frühe gebacken, und den ich selbst gekostet, ohne zu ahnen, daß er für den Sohn bestimmt war, und ich erinnerte mich an ein Heidekränzlein, das über dem Kinderbildchen hing, heute morgen, als ich in Mutter Alslevs Stübchen trat. »Ahh! Lupus in fabula «, rief Pastor Sunneby, und er stand rasch auf und ging dem Herrn Lehrer entgegen, der leise angeklopft und die Tür aufgeklinkt hatte. »Ich war bei der Mutter«, sagte Herr Alslev, »und hörte, daß Sie hier wären, – darf meine Laterne Ihnen heimleuchten? Es ist ungewöhnlich finster heut.« Mich sah er kaum. Denn nun nahm er beide Hände der Pastorin und schüttelte sie. »Dank! Dank! Wie eine Mutter haben Sie des heutigen Tages gedacht! Wie haben Sie für Christiane und Sörine gesorgt! Und nirgends konnte ich Sie erwischen, Frau Pastorin, um Ihnen zu danken!« »Ist auch nicht nötig, Herr Alslev, und das schönste war doch das Ständchen!« »Das war es! Meine lieben Jungs und Deerns!!!« Seine Augen leuchteten auf. Da trat ich auf ihn zu, und so bekam ich etwas von dem Leuchten ab. »Herr Alslev! Glückauf zum neuen Lebensjahr!« Meine Hand lag in der seinen, – er sah mich gut und ruhig an und nickte ernst. So scheu war ich und verlegen, wie sein dümmstes Schulkind, und wollte ihm doch so viel sagen. Da nahm ich mich ordentlich zusammen. »Herr Alslev,« – erst sprach ich stockend, dann überstürzten sich meine Worte, – »ich, ich möchte Ihnen auch etwas schenken, – drei Fäden, – ein Gewebe, – nein, nicht doch – – – mein Bruder Ludwig hat mich heute morgen gefragt, was ich mit einer großen Summe Geldes anfangen wolle, die er da für mich liegen hat. Vorhin habe ich die Antwort gefunden, und diese Antwort soll mein liebes Geburtstagsgeschenk für Sie sein. Ein Heim für kranke Kinderchen möchte ich bauen, – hier in Immenhof, – und – und Ihre Sörine, – wollen Sie Ihr Kindchen dort ein paar lieben Diakonissinnen anvertrauen – – – –? Es ist mir selbst alles noch nicht ganz klar, aber ich meine, auch ein hoher Wunsch von Fräulein Christiane könnte damit seine Erfüllung finden...« »Fräulein Ursula!!!« Ein schluchzender, jubelnder Aufschrei – – nichts weiter. Die Tür öffnete sich und fiel ins Schloß, – der Mann war fortgestürmt, Pastor Sunneby und Frau Beate hielten sich bei den Händen, wortlos – glücklich, bis der Pastor ruhig sagte: »So müssen wir wohl ohne Laterne heimgehen, – aber dies Licht leuchtet heller. Fräulein Ursula, – niemals den da droben vergessen, der Ihnen die Kraft verlieh, solches zu entzünden.« Den 10. Dezember. Wie habe ich diese Blätter vernachlässigt! Es ist so, wie ich es Mutter Alslev versprach. Früher schrieb ich angestrengt und war krank und elend im Herzen, jetzt lebe ich und alles Schreiben ist nur Notbehelf. Es soll nur ein Bindeglied sein zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – ich will als altes Mütterchen mich einst in diese Blätter vertiefen und die Endsumme meines Daseins ziehen. Als altes Mütterchen? Jedenfalls als altes Jüngferchen. Und warum schrieb ich vier lange Tage nicht? Ludwig war bei mir, – mein alter Lu. Wer konnte da an Feder und Papier denken! Hand in Hand saßen wir und schwatzten und waren glücklich. Mit aller Tatkraft und wahrer Begeisterung hat Ludwig den Plan für das Krüppelheim aufgegriffen. Wir haben beraten, überlegt und beschlossen, ein namhafter Architekt ist mit der Zeichnung betraut – Pastor Sunneby geht fröhlich händereibend umher. Und Lehrer Alslev? Ich habe ihn noch nicht wiedergesehen. Und ich selbst mag nicht hingehen in sein Haus, wenn er sich vor mir aus irgendeinem Grunde verbirgt. Aber Christiane könnte doch einmal kommen, – könnte und müßte meinen Besuch erwidern. Aber das sind dumme Gedanken. Wir leben hier nicht in den starren Gebräuchen der Gesellschaft, wir leben in der Heide und sind Bauern. Und Christiane Alslevs schwere Samariterpflichten stehen über den Vorschriften der vornehmen Welt. In mir ist's wie Heimweh. Dumme Urschel! Heimweh, wonach? Wie selbstsüchtig war ich gewesen! Ohne es zu wissen und zu wollen. Mir kam's zum Bewußtsein, als ich Ludwig sah. Wie war mein Lu so blaß! Tief lagen die guten, schönen Augen in ihren Höhlen, und nur selten war das alte Leuchten in ihnen zu schauen, das übermütige, aus ferner, schöner Jugendzeit. »Meine alte Urschel, – du wirst immer schöner,« sagte er zärtlich zu mir, »die richtige Heiderose!« »Oje, Lu! Wenn ein Bruder seiner Schwester Schmeicheleien sagt, ist irgend etwas nicht im Lot bei ihm.« »Wenn es aber keine Schmeicheleien sind, sondern Wahrheiten?« »So kann ich sie weder annehmen, noch dir zurückgeben, alter Lu. Denn ich bin eine ›alte‹ Urschel und du, – Lu, du gefällst mir gar nicht. « »Nun, dieses Lob teilen viele Brüder mit mir, daß sie ihren Schwestern nicht gefallen.« »Spotte nicht. Du weißt recht gut, was ich meine. – Ludwig, ich habe Sorge um dich!« Dabei setzte ich mich auf die Armlehne seines Sessels und schlang den rechten Arm um seinen Hals. Er schwieg, und das bestärkte mich in meiner Sorge. »Ich glaube nicht, daß du, körperlich krank bist, du alter Recke, aber irgend etwas frißt dir am Herzen.« Er war noch um einen Schein blasser geworden, und doch versuchte er zu scherzen: »Die Sehnsucht nach dir. Urschel ...« Jetzt sprang ich auf, stellte mich vor ihn hin und sah ihm gerade in die Augen. Und erschrak vor dem wehevollen Ausdruck seines Gesichtes. »Ludwig – – darf ich nicht wissen, was dich drückt? Ich hab' dich so lieb!« Da zog er mich zu sich, ich kniete neben ihm, er umfaßte mich, und so, in enger Umarmung mit meinem einzigen, geliebten Bruder hörte ich, – – o du lieber Herrgott, was hörte ich? Also nicht nur mein Leben war düster geworden durch den Menschen, dessen Namen mir einst vom Gesetze gegeben, und auf unsere Eingaben hin vom Gesetze wieder genommen war, – – auch er, mein Lu, hatte schwer gelitten und litt noch. Um Martha Detleffsen. War ich denn mit Blindheit geschlagen gewesen? Mit tonloser Stimme hat Bruder Ludwig mir nun alles erzählt, – sein stilles Werben, seine Kämpfe mit der »Zweiten«, die es »entwürdigend« fand, daß der Chef des Hauses die Tochter eines ehemaligen »obskuren« Angestellten heiraten wolle, die scheue Zurückhaltung Marthas, ihr Abwehren – – und dann die Erkenntnis, daß sie längst, – längst gebunden war, und wie gebunden. Dann sprang Ludwig auf und drückte meine Hände so stark, daß sie schmerzten: »Ursula, das ist noch nicht das Schlimmste, Aber ich suche sie und kann sie nicht finden.« »Was willst du noch von ihr?« fragte ich hart, denn mein Stolz bäumte sich auf gegen jene beiden, die uns so freudlos gemacht hatten. »Nichts, Ursula! Das ist vorbei!« Er atmete schwer. »Aber sie ist ein armes, krankes, verlassenes Weib, und seit dem Tode deines – – jenes Menschen gänzlich mittellos. Er hat ja in keiner Weise für sie – und das Kind gesorgt. Alles fiel an seine Verwandten zurück, welche ›die Dirne‹ verleugneten, so ging sie in die Fremde, ohne ein Wort zu hinterlassen, und all meine Nachforschungen sind umsonst.« »Lu, du bist viel besser als ich. Ich habe nur an Haß gedacht in der ganzen langen Zeit und werde Sturm ernten, – du hast nur Liebe gesäet – guter, lieber, einziger Bruder.« Er schüttelte abwehrend den Kopf, – – dann saßen wir noch lange schweigend beisammen, aber wir verstanden uns ohne Worte und gingen im Geiste Hand in Hand einen öden, entsagungsvollen Weg. – An demselben Abend lernte Lu noch Uwe Karsten Alslev kennen. Wir hörten Schritte vor dem Heidehaus, die sich näherten, als wollten sie hereinkommen, und sich dann doch immer wieder entfernten, – dies wiederholte sich wohl zehn Minuten lang, bis Ludwig das Fenster öffnete und fragte: »Ist jemand hier?« Da tauchte die hohe Gestalt aus dem Dunkel und trat in meine Zimmertür, so unbeholfen und linkisch wie ein unbequemer Bittsteller. Das dauerte jedoch nicht lange. Wir waren bald im angeregtesten Gespräch, aber jetzt war ich die Stillere, die mit tieferer Freude lauschte und gern hörte, »wenn kluge Männer reden«. Ich holte Mutter Alslev als Ehrendame herüber, sie band sich eine schwarzseidene Schürze vor und saß in meinem altmodischen Lehnsessel wie ein Bild von Vautier. Aus meiner Urväterkredenz holte ich vier prächtige, geschliffene Römer, und Lu entkorkte eine staubige Flasche, – mein Weinschrank war gut versehen, das war Gepflogenheit von je im Handelshause Diewen. Mutter Alslev nippte nur wie ein Vogel, als es galt, auf ein »gutes, freudiges, gesundes Leben« im Heidehause anzustoßen. Lu trank sein Glas bis auf die Neige aus. Uwe Karsten betrachtete mit künstlerischem Genuß den Kelch und sog tiefatmend die Blume des Weines ein, dann drückte er uns die Hände und setzte den Römer fort. Wir aber fragten nicht, warum er den köstlichen Trank verschmähe. Ludwig schien zu staunen, je tiefer und anregender das Gespräch mit unserm Gaste wurde, auch Mutter Alslev warf ab und zu einige Brocken herein, schlichte, ernste Lebensweisheiten, die oft durch ihre knappe Form verblüfften. »Urschel, ich weiß dich gut aufgehoben.« Er lachte froh. »Wer hätte gedacht, daß du hier nicht in der Verbannung, sondern unter lieben, gebildeten Menschen leben würdest!« Er trank Herrn Alslev zu, und dieser nickte gelassen. »Das ist Ihre liebenswürdige Auffassung, Herr Diewen. Es gibt auch andere. So sagte gestern Frau von Hinrichsen auf Kornhagen, deren Sohn ich zum Einjährigen vorbereite: ›Wie unbegreiflich von einer Ursula Diewen, sich unter ungebildeten Menschen zu begraben!‹ Ich gebe es wörtlich wieder.« »Und zu wem sagte sie das?« fragten Lu und ich zusammen. »Nun zu mir .« Wir lachten alle laut und herzlich. Man fühlte, solch eine Frau konnte ihn nicht beleidigen. »Sie stirbt mal sicher nicht an Alpdrücken«, bemerkte Mutter Alzlev trocken. »Aber,« fragte Lu, »wenn Sie wörtlich wiederholt haben, warum sagte sie wohl ›einer‹ Ursula Diewen? Ist mein Schwesterchen etwas so Besonderes, daß sie nicht auch ihre Eigenheiten haben könnte?« Uwe Karsten sah mich so forschend an, als wollte er zur Minute ergründen, ob ich etwas Besonderes sei. »Es ist das Geld «, meinte ich verächtlich. »Schelten Sie es nicht,« bat Alslev, »Sie dürfen das nicht. O das Krüppelheim und mein kleines Sörinchen!« Ganz unvermittelt kam sein Ausruf. Er streckte mir wieder die Hand hin. »Ich habe Ihnen noch mit keinem Worte gedankt, Fräulein Ursula, aber mit jedem Atemzuge.« Mutter Alslev stand auf und trat ebenfalls auf mich zu; ihre alten, treuen Augen glänzten feucht. »Mien Jung denkt as ik, und ik denk' as mien Jung, – Se sünd brav, Frölen.« Das hochdeutsch war ihr zu gering für das, was sie fühlte. »Nun fehlt noch Fräulein Christiane«, rief ich etwas unvermittelt, um den leichten Bann abzuschütteln, der auf uns allen lag. »Könnte man nicht den Knecht hinschicken und sie holen lassen?« »Sie ist ganz und gar unabkömmlich«, entgegnete Alslev ernst. »Freilich schläft mein Haus zu dieser Stunde, aber Christiane lernt noch, – – sie will nun wirklich Diakonissin werden – – es war ja so lange ihr heißester Wunsch, – Sie hatten es erraten, Fräulein Ursula. Denn in meinem Hause tritt ja doch vielleicht bald schon eine Änderung ein, ich darf dann Christianens schaffenden, sorgenden Geist nicht in meine Enge spannen.« – Eine Änderung? Ich dachte an den Ausspruch des Arztes, daß Jochen Witt und sein Weib sehr alt werden könnten und ebenso das Krüppelchen. Welches Leben für Christiane Alslev. And nach diesem Leben – Diakonissin. Klein kam ich mir vor, – eine Drohne im Immenhof. – »Und was wird dann aus Ihnen, Herr Alslev, wenn Sie die Schwester einmal nicht mehr haben?« fragte Ludwig. »Man sagte mir, Sie hingen so sehr aneinander.« »Was aus mir wird? Nicht viel. Ein noch etwas einsamerer Mensch als jetzt.« »Aber Sie brauchen sich ja nicht zu trennen!« Ich wurde ganz lebhaft und aufgeregt. »Bis dahin ist, will's Gott, unser Heim längst fertig und Fräulein Christiane kann in Immenhof Diakonissin werden.« Alslev sah mich seltsam strahlend an. Er hat so gute Augen und ein so liebes Lächeln. Ludwig klopfte mir derb auf die Schulter. »Unserer Ursula ist unbehaglich zu Sinn, wenn sie keine ›Ideen‹ haben kann, sie entspringen ihrem Kopfe wie Pallas Athene aus dem ihres Vaters. Schnell fertig ist die –« »Alte Jungfer mit dem Wort«, ergänzte ich lachend, und sie stimmten alle ein. »Aber ich will's auch halten. O ihr sollt mich kennenlernen.« »Das wollen wir, – immer mehr«, erwiderte Alslev warm. »Sie sind ein Buch, in dem man gerne blättert.« Das machte mich stolz und froh. Uwe Karsten stand auf. »Ich muß jetzt heim und kann Sie nicht bitten, mich zu besuchen«, sagte er zu Ludwig, und das Sonnige in seinem Gesicht war völlig fortgewischt. »Ich komme doch«, entgegnete mein Lu fest und schüttelte ihm die Hand. Die Mutter begleitete den Sohn hinaus, Lu und ich standen am Fenster und sahen ihm nach. Dann nahm mich mein Bruder an den Schultern und drehte mich zu sich herum. Ernsthaft sah er mir in die Augen, nur zögernd ließ er mich los. – »Gute Nacht. Urschel!« »Gute Nacht, Lu.« Am andern Tage ist Ludwig zu Alslev gegangen. Mir schlug das Herz bis zum Halse, als ich ihn wieder heimkommen sah. Und während ich ihn erwartete, dachte ich darüber nach, wie eigen sich doch mein Leben gestaltet habe. – Wie dies enge, niedere Heidehaus eine ganze Welt für mich umschlösse. Wie die Liebe meines Herzens groß und gewaltig über die weite Heide hinjauchzte, dann still und innig durch das kleine Dörfchen zog, um dort schüchtern um Einlaß zu bitten in Pfarrhaus und – Schule. Eine neue Welt war es, grundverschieden von meinem bisherigen Leben. Ja – Ursula Diewens Hand, die begehrt wurde von so vielen, sie klopfte zaghaft an die einfachen Türen der Heidebewohner: »Laßt mich ein! Laßt mich euch liebhaben!« Ludwig stand erst lange Zeit am Fenster und sah auf den Weg, den er eben gekommen, dann schritt er im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen. Als er endlich vor mir stehenblieb, ruhten seine Augen ernst, schmerzlich fragend auf mir. Ich sah ihn ruhig an. »Ursula!« Er legte seine Arme um mich. – »Kehr' mit mir heim nach Hamburg. Ursula, ich habe Angst um dich! Mich dünkt, du bist deiner selbst nicht mehr sicher.« Ich schüttelte abwehrend den Kopf, dann lachte ich bitter. »Ich bleibe hier! Und Lu, – wenn meine Augen auch trübe sind vom vielen Weinen, – sie sind doch klar genug, um eine ›Kluft‹ zu sehen, – die unüberbrückbare Kluft, Hab' keine Sorge!« Den 12. Dezember. Wie einsam ist's ohne meinen Lu. Fort ist er. Und alle lachende Wintersonne hat er mitgenommen und uns laue Luft, Sturm und Regen geschickt. Und mir ist's, als hätte ich Lu noch einmal zurückrufen müssen, als sei ich zum ersten Male in meinem Leben nicht ganz wahr und aufrichtig zu ihm gewesen. Zu ihm, oder zu mir selbst? Wo ist denn die Kluft, von der ich sprach, von der ich so siegesgewiß behauptete, ich sähe sie? Es ist wahr, ich sah sie einmal. – Menschenhände, Menschengedanken und Vorurteile hatten sie aufgerissen, und ich war gedankenlos, wie viele andere, am Rande stehengeblieben, hatte leicht erschauernd die Tiefe mit meinen Augen gemessen. Wer hat sie plötzlich geheimnisvoll überbrückt? Zarte Fäden sind es nur, die sich darüberlegen, spinnwebenfein, aber mein Fuß, der sich tastend der schwanken Brücke anvertraut, fühlt, daß sie sich strafft unter ihm, – daß mein eigenes Vertrauen sie festigt. – Ursula, wer spann die Fäden, und wie nennst du sie? »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter.« Mir soll's recht sein, – ich gehe nicht aus. Ich habe mich eingesponnen in mein Heidehaus, in tiefe, stille Einsamkeit und – in weiche, weiße Leinwand. Die bauscht sich um mich, und auf meinem Tisch, und auf dem Sofa, und allen Stühlen. Mutter Alslev schneidet zu und heftet zusammen, und Ursula Diewen näht, – für die Armen des Dorfes. Eine ungewohnte Arbeit für meine verwöhnten Hände. Aber Mutter Alslev erzählt Geschichten dabei, – wunderbare uralte Heidegeschichten, und ich nähe sie mit in das Gewebe. Armes Immenhofer Weiblein, um dessen Körper sich einst dies Hemd schmiegen wird, du wirst schreckhaft träumen von Heidehexen und geheimnisvollen Hünengräbern und wirst erschaudernd die »rote, verzauberte Heiderose« sehen. Mutter Alslev schloß ihre Geschichte: »Und weil die schöne Tochter des Heidekönigs ihren ersten Buhlen, den ihr der Vater bestimmt, durch den Tod verlor, und weil sie ihren zweiten Liebsten nicht minnen konnte, weil er zu gering war, so gedachte sie einsam zu leben und zu sterben. Viel Gutes tat sie an Mensch und Tier, die weite Heide war ihr Revier; sie dachte nicht an eignen Sinn, sie gab sich allen Wesen hin. Und als sie tot lag im Heidekraut, da läuteten alle Glocken laut, – die roten Heideblumenglocken. Und durch die Luft zog's wie Frohlocken, als käm' eine Engelsschar im Lauf und holte die fromme Seele herauf: den Leib legt man ins Hünengrab, schwer senkt sich ein Riesenstein herab, und zur Stunde blüht aus seinem Knauf eine rote, seltsame Rose auf. Sie blühet und duftet und welket nie, und in Vollmondnächten da wandelt sie, wandelt leuchtend durch weite Heide, Tautropfen schmücken sie als Geschmeide. Und leise singt die rote Rose von Erdenleid und Erdenlose, unsichtbar allen, die im Glück, doch herrlich leuchtend jedem Paar, des Los so trüb wie ihres war. Ganz rein muß dessen Liebe sein, und selbstlos, Mutterliebe gleich, – gibt's solch ein Paar, so geht es reich und glückvereint zur Zukunft ein. – So tönt die alte Wundermär geheimnisvoll über die Heide her – –« »Das ist eine tiefe, schöne Geschichte, Mutter Alslev.« »Und sie ist wahr«, nickte die alte Frau ernsthaft. Ich lächelte, – wie so ein modernes Mädchen lächelt, das wohl die Märchen als Märchen liebt, aber an alles »Wahre« mit scharfer Sonde herangeht, ob es auch durch und durch »wirklich« ist. »Nicht lächeln, Frölen Ursula!« Beinahe ängstlich klang es. »Ich hab' sie selbst gesehen, die rote, leuchtende Heiderose, und mein seliger Mann auch. Das war an unserm Hochzeitstage, als wir von den lärmenden Gästen heimgingen, in unser stilles Schulhaus. – Mein Kränzlein war frisch und grün, das war mein hoher Stolz, und auch mein Schatz war ein Junggesell nach Gottes Herzen. Singen hörten wir die Rose ganz leise, und es war, als ob der Heidewind dazu harfte. Aber als wir näher kamen, zerrann das Gebilde. Niemand darf und kann sie pflücken, das wäre schreckhafte Sünde, und davor bewahren uns die Heidegeister.« Rührend ernsthaft sah Mutter Alslev aus. Ich lächelte nicht mehr. Den 14. Dezember. »Das Krüppelchen ist krank.« Das ganze Dorf kehrt sich nicht daran, denn in seinem Sinne ist 's Krüppelchen am besten sechs Fuß tief unter der Erde aufgehoben. Sie lieben und verehren ihren Lehrer, aber sein Inneres ist ihnen fremd. Sein Herz, sein armes zuckendes Herz verstehen sie nicht, das Herz, das sich aufbäumt gegen die finstere Macht, die ihm sein Kind entreißen will. »Die finstere Macht« nennt es Uwe Karsten Alslev, der Pfarrer sagt: »der Allmächtige«. Und ich weiß, es ist nur die unsägliche Liebe des armen Vaterherzens zu seinem Krüppelchen, daß es diese Allmacht eine finstere nennt. Wie war doch sein Leben bisher so dunkel! Wer ihm Pfadgeselle sein dürfte – zum Licht! Ich hielt es nicht aus in dem einsamen Heidehaus. Nach dem Schulhaus lief ich, und am Arm trug ich den Korb mit stärkendem Wein, mit feinem Obst und Backwerk, planlos hatte ich eingepackt und immer aufs neue alles mögliche dazugelegt, von dem ich meinte, es könnte dem Kinde wohltun. Ursula Diewen, sei ehrlich! Nicht dem Kinde, – Krüppelchen fühlt ja nichts, – dem Vater sollte es wohltun. – Ich fand ihn, – rastlos auf dem langen, engen Flur hin und her schreitend. Die Hände hinter dem Rücken verschlungen, den Kopf hoch erhoben, und mit den Augen hinschauend – wohin? In jene unbekannte Ferne, die sein Einziges aufnehmen wollte? Ich bot ihm leise Gruß und Hand, aber er erwiderte nichts davon, und in sein Gesicht trat ein hilfloser Zug, – beinahe war's mir, als wollte er mir den Eingang in das Zimmer wehren. Aber ich schritt über die Schwelle. Schrecklich war die Stube wieder, – schrecklich! Das einzig Lichte darin Christiane Alslev. Sie saß beim Krüppelchen, das diesmal im Bettchen lag, – in einer großen, uralten Wiege, mit roten und blauen Blumen grell bemalt, mit der Jahreszahl 1762, und dem Spruch: »Unse HErrgott schall dat Kind wohren.« Fieberrot und heiß war das Krüppelchen, blaß und matt seine Pflegerin. Die Augen des Kindes waren halb geschlossen, pfeifend kam der Atem aus der kleinen Brust. Als ich eintrat, empfing man mich mit heiserem Gelächter. Ich sah erstaunt auf die kranke Frau, denn das Lachen galt augenscheinlich mir, und Jochen Witt stimmte mit ein, wenn auch gutmütiger, und schlug sich auf die Knie in augenscheinlichem Vergnügen. Auf Christiane AIslevs Gesicht aber trat derselbe hilflose Zug, wie beim Bruder vorhin. Ich setzte meine Gaben neben Christiane hin und begann mit zitternden Händen den Korb auszupacken, – lauernd beobachteten mich die kleinen, verschmitzten Augen von Jochen Witt. »Die Prinzessin!« kicherte heiser die kranke Frau. »Sie schämt sich also kein bißchen, und die Leut' haben recht.« Christiane Alslev trat mit raschen Schritten zum Bett der Alten. »Du bist still, Mutter Witt«, sagte sie heftig. »I, das wäre ja neu,« schrie zornig Jochen Witt, »will diese große Standarte meiner kranken Schneiderin das Maul verbieten!« Die Kranke weinte winselnd. »Wahrheit und Recht muß immer bleiben,« fuhr er krächzend fort, »aber ich denke human über die Sache. Gegen die Liebe kein Kraut gewachsen ist.« Wir war alles unverständlich. Ich schob mir einen Stuhl an die Wiege und schaute unverwandt auf das Kind. »HM,« kicherte der Alte, »eine angenehme Zugabe ist's nicht, mein Fräulein, aber, – der Storch sorgt schon mal für Ersatz.« Christiane stand plötzlich neben mir, legte den Arm rasch und kraftvoll um mich und zog mich zum Zimmer hinaus, – heiseres Lachen, greinendes Winseln tönten uns nach. Draußen war der Gang leer. Ich sah befremdet in Christianens völlig entfärbtes Gesicht. »Was ist denn nur geschehen?« fragte ich mit seltsamem Angstgefühl. »Ich verstehe nichts von alledem, was die Kranken da drinnen sprechen.« Christiane sah an mir vorbei und suchte nach Worten, dann faßte sie plötzlich meine Hand. Auf der schmalen Treppe erschien eine Magd, ihr grinsendes Gesicht verbreiterte sich noch bei meinem Anblick, sie wollte sich wohl irgendeines Auftrages entledigen, doch hinderte sie ihr Lachen daran, das sie nur mühsam unterdrückte, hastig lief sie die Treppe wieder hinunter, und unten hörte man sie kichernd, prustend, atemlos etwas berichten. »Nicht wiederkommen!« tönte plötzlich Christianes Stimme leise und flehend an mein Ohr, »fortgehen – gleich! Schlecht sind sie alle, – Fräulein Diewen, – Sie stehen so hoch, – es kann Sie wohl nicht berühren, – aber – – –« Sie weinte. Ich begriff immer noch nicht, – wahr und wahrhaftig, ich verstand sie nicht. Aber ich ging gehorsam die Treppe hinunter, und Christiane lief in das Zimmer zurück, aus dem es krächzte und schrie. Unten stand die eine Stubentür halb offen, ich sah des Lehrers hohe Gestalt auf und ab schreiten. Meinte, es sei das Schulzimmer. Ich legte die Hand auf die Klinke. Warum sollte ich mir nicht Aufklärung von dem ernsten Manne da drinnen holen? »Ne, so wat Schamloses,« – tönte eine grobe Stimme aus dem Dunkel hinter mir, »kiek, Stina, dor löppt se em nah. In sin eigen Slapstuv löppt se em nah.« Die Klinke ließ ich los und taumelte hinaus. Galt das mir? Das war ja gar nicht möglich! Ich wollte lachen, aber der Laut erstarb mir. Ich schritt den schmalen Pfad entlang, der zum Pfarrhause führte, und zog dort die Klingel. Die alte Magd öffnete und sah mich verlegen freundlich an. »Das wird die Pastörin was leid tun, aber sie is zu 'ne Taufe nach Buschenhof, und de Herr Pastur is mit.« »Das ist ja sehr schade!« Es war keine oberflächliche Redensart. Heute hätte ich einen Zuspruch nötig gehabt, – eigen war mir zu Sinn, etwas wie Sehnsucht kam über mich nach meinem Lubruder, an dessen Hand ich lange Jahre so geborgen geschritten war. »Fräulein wollen wohl Abschied nehmen?« »Abschied? Warum?« »Ich meinte man. Fräulein sünd ja das all viel vornehmer gewöhnt in der Stadt, und wir sind nur Bauern, da sollten Sie doch lieber heimgehen.« Die alte Stina sah mir mütterlich vertraulich in die Augen und nahm meine Hand. »Sehn Sie, Fräulein, die Langeweile, die ist Gift für so 'n junges Blut. Das hab' ich auch zu die Dorfweiber gesagt, die der Herr Pastur aus seiner Amtsstube 'rausgeschmissen hatten. Fuchsteufelswild waren der Herr Pastur, weil sich 's gar nicht schickt für so einen frommen Hirten, und mich hat er eine Klatschbase und alte Unke geheißen, und er wollte die Hand ins Feuer legen für Fräulein Ursula Diewen und unsern Scholmeester. Sagt' ich aber: ›Tun Sie's lieber nich, Herr Pastur Ehrwürden, die Hand könnt' ansengern.‹ Denn es is eine alte Geschichte, – wenn man sein Lebtag Feinbrot gegessen hat, dann schmeckt so 'n däftiges Schwarzbrot bannig gut – und auch umgekehrt, de Scholmeester – – –Gott schall mi wohren«, schrie sie plötzlich auf, denn ich hatte sie heftig zurückgestoßen und war ohne ein Wort davongestürmt. »Gott schall mi wohren«, sagte ich auch zu mir. So sieht meine Heide aus, meine geträumte, reine, stille Heide? Ich kam zurück in mein einsames Heidehaus und ging zu Mutter Alslev hinüber. »Wissen Sie auch schon, was das ganze Dorf spricht?« Sie sah mich an mit ihren ernsten Augen aus blassem Gesicht. »Sagt es, daß mein Enkelkind sterben wird?« fragte sie tonlos. »O mien armen Jungt« Nein, sie wußte nichts. Ich schüttelte den Kopf, strich ihr liebkosend über das weiße Haar und verließ rasch das Zimmer. Allein mußte ich sein. Drinnen auf meinem Schreibtisch lagen zwei Briefe, von Tante Renate und von Ludwig. Ersterer war etwas Ungewöhnliches, deshalb öffnete ich ihn zuerst. Liebes Kind! Frau Sabine könnte härter an Dich schreiben, deshalb nehme ich ihr den Brief vorweg. Es sind Gerüchte zu uns gedrungen, eine Frau von Hinrichsen soll die Urheberin sein, – dumme, falsche Gerüchte natürlich, denn ich traue Dir – und Deinem Geschmack. Aber erschrocken war ich doch recht, – habe ja jahrelang Mutterstelle an Dir vertreten, – und weiß leider, daß Du anders geartet bist, als wir Hamburger Bürgertöchter sonst. Versteh' mich recht und sei jetzt nicht beleidigt. Am besten ist es doch immer, wenn man schön im Geleise geht, und alles ließ sich ja auch so gut an, als Du mit Heinrich Heinsius verlobt warst. Dann kam sein schrecklicher Tod, und Deine kopflose Flucht in die Heide, – wie oft haben wir die alte Baracke darin schon verwünscht. Sie war ein wunderlicher Einfall Deiner seligen Mutter und ist, Gott sei's geklagt, auf Dich übergegangen. In solch gottverlassener Einsamkeit kann man ja gewiß mancherlei Anfechtung erdulden, – mich hat der Herr – ihm sei Dank, – immer vor dergleichen bewahrt. Liebe Ursula, – ich bitte Dich inständig, kehre heim! Du bist viel zu jung, um ohne Hausdame allein zu leben, – Mutter Alslev kann ja gar nicht in Betracht kommen, zumal sie die Mutter jenes – – Liebe Ursula, ich bin wirklich in aufrichtiger Sorge, und will Dir deshalb nichts verschweigen. Wir waren gestern bei Senator Jensen zum großen Abendessen, da hörte ich unfreiwillig hinter einer mich verdeckenden Palme das Gespräch zweier Herren. Du wirst entsetzt sein, wie ich es war: »Schöne Witwen haben zu allen Zeiten ihre Tröster gehabt, – daß aber so ein Prolet die reizende Diewen – – – –« Ursula, kehre heim! Deine aufrichtige Tante Renate. Ich zerpflückte den Brief in kleine Fetzen. Heiß brannte mein Kopf, Hände und Füße waren wie Eis, und laut und hart schlug mein Herz. – Ludwig schrieb: So stehn die Sachen, meine alte, geliebte Urschel! Ich meine, den Erguß der verschrobenen – guten Tante Renate durch den dicken Briefumschlag zu sehen. Es ist ja natürlich alles Unsinn, was sie schreibt, Altjungferntratsch und Altweibergewäsch. (Unter den »alten Weibern« verstehe ich etliche hiesige Handelsherrn.) Aber wenn Du jetzt Deinen Kopf an meine Schulter lehnst, kann ich Dir auch nur brüderlich treu raten: »Komm heim!« Deine Zimmer stehen bereit, jeden Tag habe ich einen frischen Veilchenstrauß auf Deinen Schreibtisch gestellt, immer meinend, ihr Duft müsse Dich plötzlich hertreiben. – »Die Dornen und die Disteln, die stechen also sehr. Die bösen, bösen Zungen, die stechen noch viel mehr.« Wenn sie Dich aber zu mir zurückführen, so will ich sie segnen. Und gar heimlich und traut soll's bei uns werden. Schwesterlein, – weit geöffnet für Dich sind Herz und Arme Deines Ludwig. »Ich komme!« rief ich laut, und die Tränen rannen über mein Gesicht. Spät am Abend. Eben hat mich Lehrer Alslev verlassen. Man sinnt und grübelt und legt sich alles fein sauber zurecht, aber der Heidewind kommt und fegt dazwischen. Ich wollte den ernsten Mann vor der Abreise gar nicht wiedersehen, – meinte, es sei peinvoll für uns beide. Nun hat das Dorf wohl Ursache zu sticheln, aber es tut nicht schlimm weh. Mutter Alslev war nicht wohl und hatte sich bald zur Ruhe begeben, auch ich wollte mich schlafen legen, denn ich hatte in fieberhafter Eile meine Koffer gepackt und war seelisch und körperlich müde. Jungfer Minna war bei mir, – traurig, daß es nach Hamburg zurückging, denn sie hat das Heidehaus lieb. Da kam Alslev, – ohne Hut, atemlos, schweißbedeckt, das todkranke Krüppelchen im Arm. Seiner Mutter wollte er's bringen, die arme, gefährdete Kleine. Ach, nicht nur durch Krankheit gefährdet. Ich war wieder schuld, – ich selbst, Ursula Diewen, unbewußt, ahnungslos. Ich bringe niemandem Glück. Kurz und rasch will ich's niederschreiben. Lehrer Alslev hatte von seiner Schwester erfahren, welche häßliche Andeutungen mir seine Schwiegereltern gemacht, außer sich sei er darüber geraten. – Heftige Worte hat er den beiden Alten ins Gesicht geschleudert – – und Jochen Witt in sinnloser Trunkenheit (er hatte sich des Portweins bemächtigt, den ich mitgebracht, während Christiane und ich das Zimmer verließen), vergriff sich rachedürstend nicht an ihm, dem Hünen, sondern – an Krüppelchen. O das Arme! Das Arme! Hierher hat es der Vater gerettet, und als er vor seiner Mutter verschlossene Tür kam, trug er es zu mir herein. Jungfer Minna und ich hatten rasch ein Lager auf meinem bequemen Ruhebett bereitet, erst als es sorglich darauf gebettet war und ein kühler Umschlag auf dem heißen Köpfchen lag, gaben Uwe Karsten Alslev und ich uns die Hand, wortlos. Erst nach langer, langer Pause brach er das Schweigen. »Sie wollen fort von uns«, sagte er ruhig, und sein Blick streifte die Koffer und Kasten in meinem Zimmer. »Ja. Herr Alslev.« Er nickte ernst vor sich hin. »Es ist recht so – ganz recht. Aber wir – die Mutter – und ich – ja, ich werde sehr einsam sein.« Ich schwieg, aber in mir war eine Stimme, die bat: »Uwe Karsten, sprich weiter!« Uwe Karsten hörte sie nicht. Noch einmal drückte er meine Hand, so fest, daß meines Väterchens Ring sich mir tief in das Fleisch preßte. Mit diesem körperlichen Schmerze schied ich von Uwe Karsten Alslev. Und morgen bin ich fern von ihm. Tue ich recht? Wo liegt die Wahrheit? Soll man dem Gerede der Menschheit so viel Macht einräumen? Soll man ein Sklave ihrer häßlichen Gedanken sein? Aber Vater- und Mutterwort lehrte mich: »Sei nicht nur rein, meid' auch den Schein.« Und diese schlichten Sprichwörter, sie haben solch große Macht, besonders, wenn der Mund auf ewig verstummt ist, der sie uns lehrte, und den wir so sehr geliebt. Auch ich beuge mich der Macht meiner einstigen guten Kinderstube, ich räume das Feld. Heidehaus, den 24. Dezember. Weihnachtsheiligabend! Und ich noch hier. Man sagt, es gehe nur in Romanen toll und wunderlich her. Oh, das wirkliche Leben ist viel toller, viel wunderlicher! Und so viel Schmerzen und Angst und Sorgen kann sich die reichste Einbildungskraft nicht ausdenken, wie sie ein Mensch lebt. Draußen läuten die Weihnachtsglocken. Sie bitten so rührend. »Komm, komm!« bitten sie. »Komm und nimm das Christkindchen an dein Herz, dann wird es gesund und froh. Christ ist geboren, – komm!« So tröstend klingen die Glocken der Heidekirche. Aber ich kann nicht fort zur Kirche, mein Gottesdienst liegt hier im Heidehaus. Mir zu Füßen spielt ein dreijähriger Knabe, – drüben in meinem Schlafzimmer liegt ein schwerkrankes Weib, Martha Detleffsen, – und meine Hände binden einen Kranz für – Krüppelchen. Krüppelchen ist tot. Glaubt ihr noch, daß der Roman bunter sei als das Leben? An dem Morgen, der auf meinen Abschied von Uwe Karsten Alslev folgte, – kauerte Martha Detleffsen vor meiner Tür im Schnee. Sie selbst beinahe erstarrt, denn sie war die Nacht hindurch gewandert, aber das Kind, das sie in ein großes Tuch gewickelt, an ihrer Brust gebettet hielt, war warm. Mutterliebe ist warm, – auch der eisigste Schnee tut ihr nichts. »Martha Detleffsen, was suchst du hier? Was willst du?« fragte ich. »Nur dich, Ursula. Sterben will ich bei dir.« Ich führte sie ins Haus, – legte sie in mein Bett, und seitdem ist sie ohne Bewußtsein. In derselben Nacht starb das Krüppelchen. Ich sah Uwe Karsten Alslev wieder, – vom Heidehaus aus wurde sein Kind zur letzten Ruhe geleitet; denn der Friedhof liegt nicht an der Kirche, er liegt in der Heide. Ach du rote Heide! Auch ich möchte in dir schlafen! Ein gutes Ruhen muß da sein ... Ich habe nicht mit dem tiefgebeugten Vater gesprochen. Wir hatten ja schon Abschied genommen ... Der kleine Heinrich Detleffsen ist ein schönes Kind. Aber er scheint die Schönheit nicht zu lieben, denn das hübsche Pferdchen, das ich ihm heute zum Christfest schenkte, liegt schon zerbrochen auf der Erde. Häßlich zerbrochen. Alle vier Beine sind nacheinander abgeschlagen, – die Augen mit meiner Schere ausgestoßen – – – Und ein Zug liegt auf dem regelmäßigen Gesichtchen des Knaben ... Ich kann das Kind nicht liebhaben. Und bin doch so kinderlieb! Ich habe vor Krüppelchens Bett gekniet, und immer wieder gefleht: »Geh nicht von mir, Sorinchen.« Vor seinem kleinen Grab im tiefen Schnee hab' ich gestanden und schmerzlich gefragt: »Warum gingst du von mir?« Aber dies Kind, – nein! Es sieht mich an mit Augen der Vergangenheit – häßlich sind sie, diese Augen. – Stirb nicht, Martha Detlefssen! Laß mir nicht dies Kind zurück! Ich will dich reich machen, aber geh fort mit deinem Kinde. Eine Stunde später. Eben habe ich den Knaben mit Jungfer Minna zur Ruhe gebracht. Die Kranke schläft. Das Fieber ist noch hoch, aber ich kann den alten Arzt nicht noch einmal durch Schnee und Eis holen lassen. Zwei Stunden war er heute schon im Heidehaus, und es ist Weihnachtsabend. Ich habe die Umschläge erneuert, nun will ich mir ein Buch holen und die Nachtwache antreten. Allgemach spinnt mich der Weihnachtszauber ein. Das Glöckchen der Haustür schrillt leise, als würde es angehalten, – es raschelt draußen, wieder schrillt das Glöckchen, dann alles still. – Kommt das Christkind noch so spät? Ich gehe hinaus, und meine Lampe leuchtet mir. Sachte Schritte gehen draußen, sie verhallen in der Heide. – Vor meiner Tür liegt ein Päckchen, mit weißem Band umschlungen, mit Tannenzweigen dicht besteckt. Christkindlein! Ich hebe es auf, – öffne das Band, – zwei Bücher halte ich in der Hand. Uwe Karstens neuestes Werk: – »Die Heide«. So hat er es doch schreiben können! In all der grenzenlosen Trübsal. – And niemand hat etwas davon geahnt, – niemand. Mit fieberhaftem Fleiß muß er in den letzten Wochen gearbeitet haben, um es rechtzeitig herauszubringen. Ich verstehe nicht alles davon, – es ist ein gelehrtes Werk, aber ich fühle die Macht der schönen Sprache, der ernsten Arbeit. Eine Widmung steht darin: »In welche Worte kleide Ich ein Gedenken ein? Die einsame, stille Heide Soll Gott befohlen sein!« Nun nehme ich den zweiten Band. Er ist keine Fortsetzung, wie ich meinte, er ist die neue Auflage der Heidelieder. Meine Lieblinge! Grüß' Gott zum Weihnachtsfest! Nun ist Ursula nicht mehr allein. Auch in diesem Buche eine Widmung – nur ein Wort: »Dank!« Ich lese und lebe und vergesse die Welt um mich her. Draußen hat sich der Heidesturm erhoben, – er wirft Schnee an meine Fenster: Es ist die Melodie zu den Worten, die ich aus dem lieben Buche hole: »Hei, wie die Winterstürme sausen In wildem Drang, Es mahnt ihr wunderbares Brausen Wie Orgelklang: O Mensch! Gleichwie Natur jetzt fegt die Erde Mit rascher Hand, Auf daß, wenn's Frühling wieder werde, Rein sei das Land, So feg' mit rauhem Reis die eigne Seele Vom Staube rein. Und laß in sie, die klar von Schuld und Fehle, Den Frühling ein. – –« Den 25. Dezember. Sie wird doch von mir gehen, meine alte Jugendfreundin Martha Detleffsen. Und ich hatte es ihr so gut vermeint. Das Fieber hat nachgelassen, ich hoffte, sie könne genesen, aber der Arzt hat mir die Hoffnung genommen. »Völlige Entkräftung, Unterernährung, und das Herz – das Herz will nicht mehr.« So der alte erfahrene Arzt. »Aber das Kind«, – warf ich töricht ein. Als sei noch nie eine Mutter von ihrem Kinde gegangen. Er zuckte die Achseln, sah mich aufmerksam an und ging. Aber noch lebt ja Martha Detleffsen, und wo Leben ist, ist Hoffnung. So lautet ja wohl der Gemeinplatz. Mutter Alslev war heute zum ersten Male aufgestanden und recht matt. Sie kam zu mir herüber, aber der kleine Heinrich schlug nach ihr. Er will keine fremden Gesichter sehen, nur ich soll bei ihm sein. Aber die Puppe, die Mutter Alslev ihm brachte, hat er angenommen, – ihr trauriges Wrack liegt dort in der Ecke. Als er den hübschen Porzellankopf gegen die Wand schlug, gab ich ihm einen Klaps, – da biß er mich in den Finger. Stirb nicht, Martha Detleffsen! Du darfst jetzt nicht sterben. Alle meine inneren Kräfte versagen. Du kamst zur rechten Zeit, Martha. Glaube nicht, daß du nur nimmst von mir. Nein, du bist die Gebende. Du sollst mich ja lehren, die Menschen weiter zu lieben, – dein Kind zu lieben. Das ist das schwerste für mich. – – –– – Silvester. Heute haben wir sie begraben. »Arme Ursula!« sagte Pastor Sunneby zu mir, und seine gute kleine Frau weinte fassungslos. »So viel Särge,« schluchzte sie, »und in so kurzer Zeit!« Ich lächelte bitter. Ach, der Tod ist ein Freund, ein lieber, guter, – man kennt ihn nur nicht. Viel schrecklicher ist das Leben, das blühende Leben. Ich starre auf den kleinen Heinrich Detleffsen, und der Haß streckt seine Krallenfinger nach mir aus. Herrgott, welch fremdes, seltsames Gefühl! Wie es krampst und schmerzt! Tragen deine Lehren solch entsetzliche Frucht, Martha Detleffsen? Ich bat dich, mich Liebe zu lehren. Liebe zu deinem Kinde. – Besaßest du solche selbst nicht? Seltsam waren oft deine Blicke, die du auf den Knaben richtetest, – als verschmölze das schöne Kindergesicht vor dir in ein anderes, in eins, das dich zu tausendmal liebevoll angeschaut und das dich schmachvoll betrog ... Silvester! Was hatte das Wort sonst für geheimnisvoll-trauten Klang! Als Väterchen noch lebte! Als Lu und ich noch Kinder waren, – glückselige Kinder! Als Väterchen selbst zum Kinde wurde und mit uns um die geheimnisvolle Mitternachtsstunde »Kartenorakel« spielte, Pfannkuchen aß und wir Kinder gefärbtes, heißes Zuckerwasser tranken, welches den verwegenen Namen »Punsch« trug. O ihr lieben unvergeßlichen Silvesterabende! Von euch aus schaute ich in ein leuchtendes Neujahr voll Vater- und Bruderliebe, voll guter Wünsche, voll Reichtum und Behagen. Heute locken mich nicht Reichtum und Behagen – ich hungere nach Liebe, nach etwas Glück, nach etwas Sonnenschein. Mein Silvester heute ist sonnenlos. Kein geheimnisvoller Weihnachts- und Silvesterduft geht durch das Heidehaus. Streng riecht es nach Zypressen, nach herben Totenkränzen. Niemand verlangt nach meiner Liebe, nach meinem Zuspruch, nach meinem herzen, nur die zwei Kinderhände strecken sich aus, und vergebens ringe ich danach, sie zu füllen. – Weh, ich bin einsam und glücklos. Hamburg, den 5. Januar. Bin wieder in der alten Hansestadt. Ich lasse mich treiben. Vielleicht ist's nicht ganz der rechte Ausdruck für mein Empfinden. Aber ich fühlte, daß ich allzusehr auf eigene Kraft vertraut hatte. Mein Arm schien mir gestählt genug, die Ruder meines Lebensschiffleins zu führen, bis die Arme erlahmten, die Ruder zerbrachen. Der Kompaß versagte. Da schloß ich die Augen – und in tiefer Besinnlichkeit kam mir das Rechte. Jetzt – – »Denk' ich wie das Fischerkind: ›Mein Vater sitzt am Steuer.‹« Ein Sonnenstrahl fiel damals doch noch in den öden Silvestertag, – mein Lu kam. Mit umsichtigen Gedanken und kraftvollen Händen ordnete er alles. Und ruhig war er, – beinah frohgemut. Martha Detleffsen war ja gefunden und gut aufgehoben – o so gut. Mit Mutter Alslev hatte Lu eine lange Unterredung, und deren Ergebnis war, daß ich ins Bett gepackt wurde. Widerstandslos streckte ich meine Glieder und schlief stundenlang traumlos und fest. Inzwischen war Lu ein rechter, echter Verschwörer gewesen, Pastor Sunneby und Lehrer Alslev hatten ihm dabei Vorschub geleistet. Einen ganzen Tag lang brachte Lu in der Kreisstadt C. zu, und abends rechnete und schrieb er bis in die Nacht hinein. Dann war alles geordnet, klipp und klar. Lu war Vormund von Heinrich Detleffsen, und als solcher übergab er ihn unserm Pastor Sunneby und seiner treuen Beate. Es war ein Herzenswunsch des lieben Paares, – meine Einwendungen stießen auf eisenharten Widerstand. Da gab ich es auf, weiter einzuwirken. Warum sollte ich dem Kinde eine Heimat rauben, und warum konnte seine häßliche Veranlagung nicht umgemodelt werden in der reinen, strengen, liebevollen Zucht des Pfarrhauses? – – Vom Abschied spreche ich nur kurz. Christiane Alslev kam zum ersten Male in mein Heidehaus, und wir hielten uns wortlos umfaßt. Mutter Alslev weinte wie ein Kind. Uwe Karsten habe ich nicht wiedergesehen. Hamburg, den 14. Januar. An mich selbst kann ich nicht mehr denken. Ich habe hier ein vollgerüttelt Maß Arbeit. Hätte ich es nicht, – ich würde krank. – – Die Vorsitzende der Volksküche ist gestorben, und man hat mich zu ihrer Nachfolgerin erwählt. Es soll eine hohe Ehre sein für ein vierundzwanzigjähriges Mädchen. Ich spüre die Ehre nicht, aber wohltuend fühle ich die verantwortungsvolle Arbeit. – Auch im Nähverein bin ich, und Mutter Alslevs Anleitung im Heidehause trägt ihre Früchte. Zu einer Wohltätigkeitsvorstellung habe ich gesungen. Bruder Lu bat mich darum, und so tat ich es. Ich zähle beinahe mechanisch auf, was ich alles hier ergriff, mit beiden Händen erraffte, um die Gedanken zu verscheuchen, die, ungerufen, immer wiederkehrten, zähle die Bollwerke auf, die ich meinem Heimweh baute, – ach – Heideheimweh, – gibt es eins, das heftiger wäre? Und doch war alles töricht und vergebens, was ich tat. Gerade im Strudel der Geselligkeit sah ich eine Schutzwehr nach der andern wanken und mich rettungslos der Sehnsucht nach meiner Heide preisgegeben. – Böse Zungen haben gestichelt, – wie wunderbar es sei, daß ich nicht ein ganzes Jahr um – Heinrich Heinsius getrauert, und daß ich auch jetzt mich in schneeiges Weiß, anstatt in Farbe der Halbtrauer hülle. Sie wissen nicht, was mich die Lüge gekostet hat, auch nur einen Tag das schwarze Gewand für jenen zu tragen, – um der Leute willen, und wie wohlig ich mich jetzt in den lichten Farben strecke. Ja, ich habe gesungen – für die Hinterbliebenen der untergegangenen Besatzung eines Hamburger Handelsschiffes, und mein alter, weißhaariger Gesanglehrer, der zugegen war, weinte Freudentränen über meine Stimme und pries die Heide, deren reine Luft er für die »Fülle und Kraft und den Schmelz« verantwortlich machte. Aber ich meine, es ist ein tiefes Leid, das meine Stimme so tönend macht. Ein alter Freund meines Väterchens, Senator Vanlos, bat mich um die Zugabe eines schlichten Liedes »Aus der Jugendzeit«. Ich hab' es ihm gesungen. »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, War das Herz mir voll so sehr. Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer.« Beinahe war's mir, als könnt' ich es nicht zu Ende singen, – irgend etwas drückte auf meine Kehle und lag schwer auf meiner Brust. Aber gerade das fanden sie – »eigenartig«, die vielen fremden Menschen, und der Beifall war brausend. »›Nüdlich‹ haben Sie gesungen,« sagte mir die junge Frau Bankier Hersen, die Veranstalterin des Wohltätigkeitszaubers, »und der alte Herr Vanlos hat allein für die ›Jugendzeit‹ dreitausend Mark gegeben.« An diesem Abend – seltsam genug – hörte ich von Uwe Karsten Alslev. Es war wie ein Sonnenblick, – kurz, aber wärmend und leuchtend. Ein alter Kieler Professor war durch Zufall und Verwandtschaft zu dem Feste gekommen, und hatte sich wohl seiner im Vergleich zu den reichen Handelsherren nur schmalen Börse halber zwischen den Palmengruppen aufgehalten, um den unzähligen jungen Mädchen zu entgehen, die mit Losen, Eßwaren und unnützen Gegenständen brandschatzend durch den Saal zogen. Da fand der Professor mich an meinem Tischchen mit Lubruder. – Ich stärkte mich etwas, und der Professor sagte mir lebhafte Lobsprüche über mein Singen. Ein Wort gab das andere, – der Name »Immenhof« fiel. »Da wohnt ja unser Heideschulmeister Alslev, der Dichter Uwe Karsten.« »Sie kennen ihn?« »Ob ich ihn kenne! Hab' ich mich doch noch gestern mit ihm herumgestritten, mit dem Trotzkopf! Er will mir nicht heraus aus seiner Heide, – vergräbt sein Pfund, wie der Ungerechte in der Bibel.« »Taugt sein neuestes Werk etwas?« So unbefangen formte ich meine Frage, damit dem lebhaften Professor mit den klugen, durchdringenden Augen nicht die Blässe meines Gesichts, das Beben meiner Lippen auffallen sollte. »Taugen? Das Buch ist bahnbrechend! Eine köstliche, ernste Arbeit. Fräulein, – ich gäbe Jahre meines Lebens, hätte ich es geschrieben. Botanik ist mein Fach. Aber dies ist mehr als ein botanisches Buch, – es ist eine Offenbarung. – Und schon beginnt die Holzhackerarbeit der Kritik, – die Späne fliegen. Wo Könige bauen, haben die Kärrner zu tun.« Er war ganz aufgeregt, der kleine Herr, und ganz glücklich über mein reges Interesse. Lu hielt einen vorübergehenden Diener an, und dieser brachte uns perlenden Sekt. »Auf Uwe Karstens Schaffen!« Die Gläser klangen zusammen. »Wir sind Landsleute,« erzählte der alte Herr weiter, »aber ich vermag unserer Heide nicht solchen Glanz abzugewinnen; diese Verklärungskraft besitzt nur der Uwe Karsten. Freilich hatte ich auch eine öde Jugend und ein trübes Heim – der Alslev muß ganz in Sonne gelebt haben.« – – Ich dachte still an das Krüppelchen, an den Trunkenbold und die keifende Alte, – das war die Sonne, in der der Dichter gelebt. Aber als ich dem Professor abschiednehmend die Hand gab, sahen wir beiden Fremden uns frohbekannt in die Augen, – wir wollten uns nicht wieder verlieren, wir dachten beide an Uwe Karsten. Wenn es möglich wäre! Wenn man ihn herausholen könnte aus seiner Enge! – Aber wie, wenn er unsere Lebensbedingungen nun klein und unsern Horizont eng findet, wenn er die Heide und die Einsamkeit als Weite erkennt? – Und was soll er bei uns, in der Großstadt? Vorträge halten? Die Heidelieder vorlesen? Meine Heidelieder?, die so zart-kraftvoll, so keusch-sinnenhaft, so ernst-sonnig im andächtigen Herzen widerhallen? Sie würden ja zu einem verzerrten Spiegelbilde im Vortragssaal, darin so viel Gleichgültigkeit und so wenig echte Begeisterung wohnen. Und der Heideschulmeister selbst? Soll sich der schlichte, hünenhafte, urwüchsige Mensch erst einmal ummodeln lassen, um dem Zeitgeist entgegenzukommen, der nur den Kellnerfrack kennt? Oder Stadtlehrer werden? Uwe Karsten und Landflucht? Er, der Freiherr von der Heide, deren strahlender Himmel so hell und blau aus den reinen Kinderaugen seiner blonden Buben und Mädchen lacht, – er, dem »Ringen und Kämpfen, Entsagen und Dienen als das einzig Richtige für die besondere Kulturmission des Volksschullehrers« erscheint? Hab' keine Sorge, du liebe rote Heide, – Uwe Karsten bleibt dir treu. In der Zeit zwischen all den Veranstaltungen der Stadt Hamburg fuhr ich mit Bruder Lu in der Welt umher. Mein geplantes Krüppelheim hat andere Gestalt angenommen. Der Bau in Immenhof selbst machte große Schwierigkeiten, so habe ich die Summe verdoppelt und das Herrenhaus der Frau von Hinrichsen auf Kornhagen gekauft mit allem Drum und Dran. Sie will ins Ausland ziehen, und ihr Besitz in der nächsten Nähe Immenhofs paßt uns wie bestellt. Kinderkrüppelchen haben wir gottlob nicht viele, aber alte gebrechliche Weiblein und arbeitsunfähige Männer sehnen sich nach einem behaglichen Altenteil, – ich will es ihnen geben. Es reist sich köstlich mit Lu. Er ist so ritterlich besorgt um mich, – die Leute unterwegs halten uns für ein junges Ehepaar auf der Hochzeitsreise; ich bin schon manchmal fast ärgerlich darüber gewesen, aber Ludwig macht es einen Hauptspaß, und er verlängert noch absichtlich solche kleinen Auftritte. Vorgestern habe ich Kornhagen übernommen mit allen amtlichen Vertragsförmlichkeiten. Der Landrat war da, der Bürgermeister von K., Bruder Lu und ich. Es wickelte sich alles rasch ab, Frau von Hinrichsen war schon fort und hatte ihrem langjährigen Sachwalter Vollmacht gegeben. Herrenhaus und Nebengebäude sind in gutem Zustande, alles ist einfach gehalten, aber die Zimmer sind groß und luftig, sie werden einen märchenhaften Eindruck auf die unverwöhnten Weiblein machen. Der Saal wird zum Andachtsraum hergerichtet. Ich lasse hübsche Bänke mit bequemen Lehnen für die Altchen hineinbauen, ein schlichter Altar wird gezimmert, ein wunderbar schönes Christusbild, das eigenartig-herrliche Werk eines Münchener Malers, hat mir Senator Vanlos geschenkt, wie freue ich mich darüber! Noch steht es verhüllt in meinem Hamburger Arbeitszimmer, aber manchmal, – in der Dämmerung schaue ich mir's an und kann mich nicht satt sehen an diesem reinen Antlitz. Etwas sehr Schönes und Kostbares will ich noch für den Betsaal stiften, – so kostbar, daß ich Lubruder gebeten habe, mitzusteuern, – der Einzige, Gute hat es mir freudig lachend zugesagt. »Urschel, was mein ist, ist dein.« Eine Orgel. Sie war im vorigen Jahre auf der Gewerbeausstellung in K. ausgestellt. Uwe Karsten Alslev hat darauf gespielt und in seiner Begeisterung über das Werk damals einen Bericht an die Zeitung geschrieben. Diesen Bericht habe ich zufällig gelesen. Nun soll Uwe Karsten seinen Liebling plötzlich wiederfinden, wenn er die Orgel spielt zum Gottesdienst im Altersheim. Ach, so viel Freude möcht' ich geben, Freude ist etwas Köstliches! Und das reine Gold meines tiefen Leides will ich einwechseln in kleine Freudenmünzen und sie sorglich verteilen. Ein uraltes Kirchenlied las ich neulich. Gar nicht frömmelnd oder schwülstig, wie sie manchmal sind, sondern menschlich schön und lieb empfunden. Das könnte als Inschrift dienen für das Haus, das ich meinen armen Mitschwestern und -brüdern bereite: »Gut seyn will ich und will glücklich machen. Will wohl wandeln Leyd in Dank und Lachen; Möchte Sonnenscheyn vielen Menschen seyn, Und im Strahlenkleyde steh« wie Thau der Heyde.« Du mein lieber Gott, gib mir Kraft! – Sie wollten das Haus »Ursulaheim« nennen, aber ich litt es nicht. Den reichen Grund, aus dem es geschaffen wurde, hat die liebe, unermüdliche Hand meines Väterchens einst verdient, Friedrich Karl Ernst Diewen. So habe ich bestimmt, daß das Altersheim »Ernst-Diewen-Stiftung« heißt. Hamburg, den 25. Januar. Der Schnitter mäht unbarmherzig in Immenhof. Er soll nur eine Weile verziehen mit seiner Arbeitswut, denn was jetzt noch steht in meiner Heide an Pflänzlein, die sind mein Herzenstrost. – Jochen Witt und sein Weib sind an einem Tage gestorben. – Frau Beate Sunneby hat es mir geschrieben. Gar so ungern soll die alte Frau von dieser Erde gegangen sein. Mit aller Zähigkeit hat sich die Seele an die gebrechliche Hülle geklammert, und mitten in den atemraubenden Schmerzensanfällen hat sie »nein« gerufen. »Nein, ich will nicht!« Und Jochen Witt hat aus seinem Lehnstuhl gemurmelt: »Schrei nich so, Olsch, es tut dich niemand was, und warum solltest du wohl sterben? Ich kann dein Schimpfen ja gar nicht entbehren.« Mit einem Male ist der Tod an ihr Lager getreten, Christiane Alslev ist die einzige außer den beiden Alten im Zimmer gewesen, denn den Beistand des Pastors Sunneby hatte die Kranke verschmäht. Als Christiane der Toten die Augen schloß, hat Jochen Witt mißtrauisch gefragt: »Warum is sie mit eins so ruhig, meine Schneiderin, warum krakeelt sie »ich? Sie kriegt zu wenig Alkohol, das arme Weib, dabei kann kein ehrlicher Mensch bestehen.« Und wie Christiane es ihm gesagt hat, daß sein Weib gestorben, ist er in rasende Wut verfallen. Aber Christiane hat bei ihm ausgeharrt, ihn beruhigt, hat den Arm um den Alten gelegt, und an ihrer Schulter ist er schluchzend eingeschlafen, – um nicht wieder zu erwachen. Ich will einen weißen Rosenkranz aus unserm Treibhaus in die Heide schicken, – Christiane Alslev und Uwe Karsten wissen dann, daß ich an sie dachte. – Frau Pastor Sunneby schreibt, daß Lehrer Alslev sehr elend aussähe. – – – Christiane werde ich bald wiedersehen, sie tritt nun als Probeschwester in das hiesige Diakonissenhaus. Wie herzensfroh mich das macht! Ein Wiedersehen mit Christiane Alslev ! Ich hätte das große, gute, schöne Mädchen am liebsten immer um mich. Aber ich kann ihr in meinem Drohnenleben nichts bieten, dieser unermüdlich tätigen Bienenkönigin aus Immenhof. Sie braucht andere Arbeit, als was wir verwöhnten Großstadtkinder so nennen. – Aber einen lebhaften Wunsch hat sie in mir geweckt; ich möchte einen Johanniterkursus durchmachen und mich verpflichten, alljährlich zu Pflegen, wohin ich auch immer geschickt werde. Lu ist noch nicht damit einverstanden, er möchte mich ausschließlich für sich haben. Geradezu glückselig ist er, daß ich bei ihm bin. Aber ich glaube – – ich werde bald seine Liebe zu mir teilen müssen. Ach, mein Lu, du großer Junge, du meinst wohl, ich merkte nichts? Weil du selbst beinahe noch nichts merkst, oder wenigstens eine ganz köstliche Vogelstraußpolitik betreibst. Aber, Lu, ich bin arg hellhörig in bezug auf dich. Da ist ein kleines, rosiges, blondes Mädchen. So jung und so hinreißend niedlich, – sie hat dem ernsthaften, jungen Chef des Handelshauses Diewen den Kopf verdreht. Noch leugnest du es, Lu, aber du wurdest rot dabei. »Urschel, wir bleiben immer zusammen!« sagtest du liebevoll, aber es klang nicht ganz glaubwürdig. Wir werden nicht immer zusammenbleiben, Lu. Du wirst mir eines Tages deine kleine, rosige Braut bringen – – und – ich werde meinen Weg allein weitergehen. Nur glücklich sollst du werden, Lu, – recht von Herzen glücklich! Den 2. Februar. Heute kam ich vom Eislauf zurück. Ich liebe diese Bewegung, besonders zu früher Morgenstunde und – bei Mondschein, alles beides »unschickliche Gelüste«, wie Tante Renate sich ausdrückt, die mich am liebsten nur zur »fashionabeln« Zeit mit einem Diener hinterher, und ihr selbst zur Seite, auf die Eisbahn ließe. Der würdige Onkel Eberhardt unterstützt sie darin, – o es geht überhaupt unbeschreiblich würdig bei uns zu. – »Bei uns« ist nicht mein liebes Heim, – ich führe jetzt gemeinsamen Hausstand mit den beiden Altchen, denn die »Zweite« ist im Ausland, in Italien und Griechenland, sie hat sich einer befreundeten Familie angeschlossen, um mir zu entgehen. Nun mache ich es den alten Leutchen ein wenig behaglich und lasse ab und zu einen naseweisen Wind durch die verstaubte, dickköpfige, engherzige Patrizierherrlichkeit wehen, – habe Kotzebue und Henriette Paalzow aus der Bücherei hinausgeworfen, und Raabe und Rosegger eingeschmuggelt, – Lubruder lacht fröhlich über meine ketzerischen Versuche, und Onkel Eberhardt und Tante Renate nennen mich wieder oft ein »schreckliches Mädchen«. Aber es klingt nicht mehr schroff, sondern beinahe humoristisch milde, denn Onkel Eberhardt darf mit meiner Erlaubnis überall rauchen, was die »Zweite« ihm nie gestattete, und er findet bei mir immer sein sauber mit Varinas-Mischung Nr. I gestopftes Seemannspfeifchen vor. – Für Tante Renate aber stricke ich schwarze Pulswärmer, mit Perlen besetzt, und putze ihre weißen Häubchen auf, was ihr bis jetzt keine Putzmacherin vom Fach zu Dank tat. So führen wir vier eine friedliche Ehe, nicht gerade kurzweilig, aber ganz behaglich. Lubruder, du strebst aus dieser Gemeinschaft fort. Du warst heute ganz vertieft in ein schönes, junges Gesichtchen und sahst mich gar nicht, als ich in kühnen Bogen um dich und »sie« herumfuhr. »Sie« saß im Stuhlschlitten unter pelzverbrämter Decke, und der alte herrschaftliche Diener, den Senator Vanlos seinem Töchterchen mitgegeben, betrachtete euch ernsthaft. Als ich allein nach Hause kam, – denn du, Bruder Lu, geleitetest heute Fräulein Ellen Vanlos, – wartete meiner eine große, liebe Überraschung. Christiane Alslev saß in meinem Zimmer, – im schlichten Gewand der Probeschwestern. Und wie ich ihre Hand hielt und in ihr gutes, reines Gesicht sah, aus dem ehrlich und hell die Freude des Wiedersehens lachte, – da versank die Gegenwart samt der Stadt Hamburg und meinem Zimmer, ich sah das liebe Heidehaus, die Schule, – sah die »Heimat« von Uwe Karsten, sah sie mit seinen Augen. – Das ist wohl die rechte Liebe, mit den Augen des anderen zu sehen. – Christiane mußte mir von allem erzählen, und sie tat es lebhafter, als ich sie sonst gekannt. Ein Alp schien von ihr abgefallen, – all ihre Bewegungen waren freier und frischer. Aber wahrhaft leuchtend wurden ihre Augen, als sie von ihrem jetzigen und zukünftigen Berufe sprach. »Es ist manches noch recht schwer für mich,« gestand sie ehrlich, – »ich war so ganz und gar selbständig, da fällt das Einfügen in das – Uhrwerk noch etwas sauer. Ich kann mich noch nicht ganz daran gewöhnen, nur ein Maschinenteilchen zu sein. Aber wenn ich daran denke, Fräulein Ursula, daß ich durch Ihre Güte einmal in Kornhagen wirken darf, – immer in der Nähe von Immenhof und Uwe, das ist ein Glück, nicht auszudenken.« Ein warmes Rot war in ihr feines Gesicht gestiegen, sie drückte fest meine Hand, und wieder zog durch mein Herz ein Frohgefühl, wie es mir sonst nur die Heide gegeben hatte. Nur einmal legte sich ein Schatten über Christianens Antlitz, – als sie von dem kleinen Heinrich Detleffsen sprach. »Ich wollte, Sie hätten mich nicht gefragt«, versetzte sie leise. »Er ist ein so kleines Kind – drei Jahre –, und doch so unheimlich klug und – so unheimlich böse. Pastor Sunneby und Bruder Uwe lachen mich oft aus, – aber ich habe immer ein Angstgefühl, wenn ich den Jung' sehe. Er – das Kind, – ich weiß nicht, wie ich mich recht ausdrücken soll, – es schafft so viel Tränen, das kann doch nicht gut ausgehen.« Ich nickte ernst, – auch ich spürte wieder tief die Abneigung gegen den kleinen Eindringling. »Frau Pastor Sunneby weint soviel,« fuhr Christiane fort, »sie fühlt jetzt schon eine so große Enttäuschung, weil er gar kein Tier leiden mag. Alles Gefiederte und alles Vierfüßige flieht vor dem ›Heini‹. Die alte Stina verzieht ihn, sie zeigt ihn allen Nachbarsfrauen und -kindern als gutes Beispiel, denn er kann so merkwürdig die Augen aufschlagen und lange Gebete hersagen. ›Er gibt mal 'n guten Pastor‹, meint sie. Meinen Bruder Uwe kann Heini nicht leiden, seine Augen werden ganz schwarz, wenn er ihn kommen sieht. Auch das wird viel belacht; – mir macht es Angst. Uwe ist streng mit ihm, weil der Pastor Sunneby kein Pädagoge ist, – aber, Fräulein Ursula, – drei böse Bißwunden hat Uwe an der Hand und eine im Arm, durch den Winterrock durch –« »Christiane!« schrie ich auf. »Doch, doch, es ist so«, nickte sie traurig. »Uwe lacht ja drüber und meint, er käme sich vor wie auf dem Seminar, da hätte er des Direktors Papagei gezähmt, und habe den ganzen Tag bluten müssen, – aber, Fräulein Ursula, – Heini soll doch auch kein Tier werden.« Wir schwiegen eine ganze Weile, dann versuchte ich das Gespräch allein auf Lehrer Alslev, seine Stimmung und sein Schaffen zu lenken, aber es mißlang mir. Christiane wich mir aus und sah an mir vorbei. »Er arbeitet tüchtig, und das ist gut«, antwortete sie hastig. »Wer besorgt ihm sein Heim?« fragte ich voll Teilnahme. »Zur Mutter ist er gezogen.« Sie verabschiedete sich rasch, – ich hielt sie ein Weilchen umfaßt, dann war sie gegangen. Auf ein baldiges Wiedersehen konnten wir beide nicht hoffen, denn sie hatte mir erzählt, daß ihre Mußestunden knapp bemessen seien. Tief nachdenklich ließ sie mich zurück. Uwe Karsten wohnt in meinem Heidehause! Das ist ein lieber Gedanke für mich. Das Altenteil ist geräumig und traut eingerichtet, auch für Mutter Alslev beginnt ein Leben voll tiefen, stillen Glückes. Sie hat »ehren Jung« wieder. Ich will ihm den Schlüssel zu meiner Bücherei schicken, – er soll sie benutzen. Ich kann ihm das anbieten, denn ich habe wahre Schätze darin aufgespeichert, – Bücher und Folianten, die es gar nicht mehr im Handel gibt, und bei deren Anblick sein Gelehrtenherz rascher schlagen wird – – Wie meines jetzt, da ich an seine Freude denke – Den 6. Februar. »Lubruder – warum sagst du mir nicht, daß du Ellen Vanlos liebhast?« So fragte ich meinen großen Herzensjungen heute ganz rasch und ehrlich. Er war so erschrocken, mein Lu, ganz entfärbt schaute er mich an. Ich ließ ihm aber keine Zeit, verlegen zu sein, ließ ihm auch keine Zeit, dem törichten Gedanken nachzuhängen, daß er mein Schwesterherz kränke, – – ich nahm seinen Kopf in meine Hände, guckte ihm in die lieben Augen und fragte: »Macht deine Liebe dich glücklich, Lu?« Da war er mit einem Male, wo ich ihn haben wollte. » Ja «, rief er, so laut und freudig und reckte und streckte seine große Gestalt, daß ich zu ihm aufschauen mußte. »Bis obenhin und durch und durch bin ich voll Glück, und jetzt – da ich weiß, meine alte Urschel fühlt mit mir, wie ein treuer Kamerad, – jetzt ist mein Glück strahlend, grenzenlos.« – – »Hast du es ihr schon gesagt, Lu?« »Heute«, gestand er mir. »Ich hätte es dir schon lange mitgeteilt, Urschel, aber – – –« »Aber du glaubtest, ich würde dir mit altjungferlichen Bedenken kommen.« »Du und altjungferlich! Ach nein, Ursula. Nicht mit mehr Bedenken, als ich sie selbst habe. Ich bitte dich, Urschel, – sie ist siebzehn Jahr, das halbe Kind, und ich – – –« »Nun, und du? Greis von achtundzwanzig?« Er wurde ernst. »Das ist's nicht. Aber was habe ich erlebt! – Ich kann ihr wenig davon erzählen, – sie würde es kaum verstehen.« – »Aber sonst versteht sie dich, Lu??« – – – »Sie hat mich lieb ! Mit einer süßen, reinen, ersten Mädchenliebe. Und dich hat sie lieb. Urschel, und unser altes Haus.« »Das ist genug!« rief ich. »Bring' sie mir, Lu!« Den 8. Februar. Heute feierten wir Ludwigs Verlobung im engsten Kreise. Nur Onkel Eberhardt, Tante Renate, Senator Vanlos, seine Hausdame, das Brautpaar und ich. – Ellen Vanlos ist ein ganz liebes Kind. Verwöhnt und reich, – aber mit warmem Herzen. Sie »schwärmt« für mich, hat sie mir gesagt. Das ist doch ein ganz guter Anfang, wie ihn nicht alle Schwägerinnen von der Braut des einzigen, geliebten Bruders erfahren. Eine Freundin werde ich wohl nicht an ihr gewinnen, – mehr ein Töchterchen, scheint mir. Wahrhaftig, ich komme mir uralt vor gegen Ellen Vanlos. Der Senator gibt mit frohem, stolzem Herzen seinen Segen. Er hat mein Väterchen sehr verehrt, und verehrt meinen Bruder. Das sind schon gute Grundlagen zu einer verwandtschaftlichen Freundschaft. Seine Gattin starb bei Ellens Geburt. Fräulein Holden, die alte Hausdame, und er haben das Kind wie ihren Augapfel behütet, wie das seltenste Pflänzlein. Nun glauben sie, es wird köstlich weiterblühen am Herzen meines Bruders, und sie sehen ihren eigenen Lebensabend licht in der Erfüllung ihrer liebsten Wünsche. Gott möge es walten! Lange, lange habe ich an diesem Abend Zwiesprache gehalten mit unserm Herrgott. Lu hat nur meine lachenden Augen gesehen. Aber dem Allweisen, Allwissenden konnte ich meine Tränen zeigen. Ursula, du bist allein! Den 10. Februar. Und wieder preise ich Arbeit und Unrast. Unser Haus ist ein Taubenschlag. Die Gratulanten stürmen es förmlich. Die Verlobung hat ungeheures Aufsehen verursacht, – freudiges Aufsehen. Zwei bekannte große Häuser verbinden sich, – das erfordert auch äußeren Pomp, – ich muß täglich Honneurs machen, im Empfangszimmer oder in unsern Gesellschaftsräumen, wir haben beständig Gäste. Ich komme kaum zu mir selbst und wenig zu diesen Blättern. Dabei nagt geheime Sorge an mir. Ich habe an Frau Pastor Sunneby geschrieben und um Aufklärung über Heinrich Detleffsen gebeten. Wenn das Kind tiefe Störungen im lieben Pfarrhaus verursacht, so soll es fort. Nie soll es Not leiden. In die beste, teuerste Anstalt will ich es tun, unter fester Hand kann aus dem jungen Geschöpf noch etwas Gutes werden. Seine Mutter war gut. Martha Detleffsen, dein Kind soll auch gut werden. Warum muß ich immer an den schrecklichen Spruch denken: »Ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied«? Schlafe ruhig, Martha Detleffsen! – Frau Pastor Sunneby schreibt: Teures Fräulein Ursula! Eine Frau bin ich von vierzig und darüber, und diese alte Frau kommt zur jungen Ursula Diewen, – verzagt, arg verstört, wie es sich gar nicht schickt für eine Pastorin, – eine Hirtin. – Ach, – meine lieben Schafe in der Gemeinde machen mir mein Hirtinnenamt verhältnismäßig leicht, – aber das Böcklein, das ich in unsern stillen Pfarrgarten gesperrt, gibt mir bös zu schaffen. Jeden Tag, jede Stunde beinahe holen seine kleinen Hände Steine herbei, und er hebt die Händchen und zielt mit seinen merkwürdigen kalten Augen und trifft mit jedem Stein das Herz seiner Pflegemutter. Was 'n Jung! Was 'n Jung! Hat die Eierschale noch am Buckel und tyrannisiert das ganze Haus. Und denkt sich Sachen aus, auf die kein Christenmensch sonst verfällt. Lachen könnte man über den Dreikäshoch, wenn sie nicht so häßlich wären, die Sachen. Mein Pastor und ich verlernen allmählich das Lachen. Und das ist eben das Lächerliche. Drei Jahre ist der Junge nach dem Taufschein alt. Ich glaub's nicht. Er hat oft etwas Greisenhaftes. – Wie ein böser Kobold sitzt er dann da, und naht sich ihm etwas Wehrloses, so muß es gezwickt, geschlagen oder vernichtet werden. Fräulein Ursula, – heute bin ich schon einmal am Herz ausschütten. An diesem Buben haben wir uns nichts Gutes aufgeladen; mir schwant, daß er keine Stütze unseres Alters werden wird. – Warum war ich nicht zufrieden mit meinem Pastor und seinem treuen Herzen? Warum wollt' ich mit Gewalt mir Mutterglück ertrotzen? Der kleine Unhold, den ich jetzt hab', schaut mir nicht nach einem Glücksboten aus. Jeden Tag eine andere Magd, jeden Tag ein anderes Spielzeug. Die Dorfbuben und Mädel machen »ks, ks«, wenn sie vorbeigehen, und reißen aus, wenn der Däumling kommt. Mein Pastor ist auch zerkratzt und zerschunden, – von mir selbst gar nicht zu reden, denn ich hab's mir ja eingebrockt, – der einzige, vor dem er sich verkriecht, ist Lehrer Alslev, – der hat ihn neulich verhauen, daß Heini nicht sitzen konnte auf seiner kleinen Erziehungsfläche. O du lieber Herrgott, – Grund hatte der Schulmeister wohl dazu und einen ehrlichen Zorn. An einem halb erstarrten, hungrigen Sperling hatte sich der Jung vergriffen! ... Es gibt ein greuliches Sprichwort: »Pfarrers Kind und Lehrers Küh', Wenn's gedeiht, gibt's gutes Vieh!« Muß oft dran denken. Wenn's gedeiht! – Liebste, Sie müssen mir mehr von der Mutter erzählen. – Und den Vater, – kannten Sie den Vater? Nach nichts haben wir uns erkundigt, blind hereingetappt sind wir. Das ist eine traurige Epistel. Klagelied Jeremiae, Vers 1, bis ins Unendliche. Wären Sie doch hier! Wie Sie uns allen fehlen! Mutter Alslev ist ganz klein und gebückt geworden, trotz der Freude über ihren Jungen. Sie hängt sehr an Ihnen. Und mein Pastor und ich desgleichen. Und unser Heideschulmeister und Dichter vor dem Herrn?? – – Nein, nein, ich bin schon still. Es genügt, daß Sie einmal solch ein dummer Schnack aus der lieben Heide gejagt hat. – – – Aber wunderlich ist's doch, daß Sie gegangen sind, – so ein tapferes Mädchen, das doch wahrlich schon mehr um die Ohren gehabt hat, als einen Mückenschwarm verrückter Dorfweiber. Die Leute sind hier nicht schlimmer als anderswo, – sie sind sogar besser. Die Liebe zwischen zwei jungen schönen Menschen dünkt ihnen etwas Natürliches, – von sogenannter Freundschaft verstehen sie nichts. Nun tut es ihnen längst leid, daß dumme Reden Sie vertrieben haben, die so viel Gutes tat an Dorf und Umkreis, aber ich lasse die Klatschbasen zappeln. Und, daß ich's nur sage, die prachtvollen Weihnachtsgeschenke habe ich noch nicht unter sie verteilt, – – das fehlte noch, unartigen Gören auch noch Zuckerwerk zu geben. An jedem Nähvereinsabend bekommen sie die Leviten gelesen, was wir an Fräulein Diewen verloren haben; das wirkt mächtig, es sind moralische Nähstunden. – Aber nun habe ich geredet und geredet, ein halbes Tintenfaß ausgeschwatzt. Es tat so wohl, Fräulein Ursula, ich habe neue Kraft aus Ihrem ruhigen Zuhören geschöpft. Und werde sie auch brauchen. Denn draußen zetert Stina, und Heinis häßliches Geschrei vermischt sich mit dem kläglichen Miauen unserer Mieze. Das arme Tier führt jetzt ein jämmerliches Dasein. Wie ist es nur möglich, daß einem die unvernünftige Kreatur, die schweigsame, nicht ans Herz wächst, – sie ist mir vielfach lieber, als die sogenannte »vernünftige«. Aber ich will nicht noch ins Philosophieren kommen. Alles Gute für Sie, verehrtes, liebes Fräulein! Sollte das Herz Sie einmal hertreiben, – nur nicht zögern, wir brauchen Sie arg, – alle miteinander. Ihre getreue Beate Sunneby. »Man braucht mich in der Heide! Alle miteinander brauchen sie mich!« Das ist ein köstliches Wort, und ich sage es mir täglich und stündlich vor. Es ist wie ein alter Wein, den man schluckweise zu sich nimmt, – er belebt, stärkt, ja er berauscht sogar. »Sie brauchen mich in der Heide!« Nun könnte ich sogar die »Zweite« vertragen. Ich fürchte, sie kommt heim, wenn sie von Bruder Lu's Verlobung erfährt. So ein großes Familienfest mit »Repräsentation«, das ist etwas für Frau Sabine. – Wie oft habe ich schon über das Rätsel nachgedacht, was eigentlich mein Väterchen, das doch so ganz mit mir verwachsen war, zu dieser Zweiten hinzog. Dieses Etwas müßte doch ein Bindeglied zwischen ihr und mir sein, – aber ich finde nichts. Meine Stiefbrüder habe ich noch gar nicht erwähnt. So fremd sind sie mir geworden und waren doch einst meine ganze heimliche Wonne. Jetzt sind es hochaufgeschossene Burschen, aber keiner von ihnen gleicht Lu. Friedrich und Otto sind in Pension in Hannover bei ihrem Klassenlehrer, Tante Renate hat mir einiges von ihnen erzählt, ich kann mir aber nur ein farbloses Bild machen. Die »Zweite« hat ihre eigenen Kinder so geflissentlich von mir ferngehalten, daß ich gar keine Beziehungen zu ihnen habe, – wie eigentümlich weh tut mir das manchmal! Sie heißen doch Diewen, – sind Zweige von unserm Stamm. Es ist nur ein schwacher Trost, daß es Lu ebenso geht mit ihnen wie mir. Ich kenne kaum ihren Entwicklungsgang. Friedrich soll klug und ein umsichtiger Kopf sein, die Lehrer berichten günstig über ihn. Er scheint auch das Zielbewußte von unserm Vater geerbt zu haben, und sein Lebensplan schwebt ihm vollständig fertig vor. Anders Otto. Er war schon immer körperlich der Schwächere, aber auch sonst ist er haltlos, und die »Zweite« soll schon viel Sorge mit ihm gehabt haben. Dabei ist er ihr Liebling, denn er hat die wenigste Ähnlichkeit mit uns allen. Wären die beiden Schüler doch hier! Ich könnte mit ihnen arbeiten, mit ihnen lesen. Früher hatte ich ja immer Buben als Spielgefährten, ich verstehe also ganz gut, was in so einer Jungenseele vorgeht. Viel zu wenig Pflichten habe ich noch. Das sind alles so viel Scheinpflichten, die ich ausübe, und aus denen dann so unendlich viel Wesens gemacht wird. Nie konnte ich so arg große Achtung vor einer Hausfrau haben, die aus dem vollen schöpft und mit diesem Reichtum dann etwas Gutes zustande bringt. Doch beneide ich manchmal unsere alte Brigitte, wenn sie so »mit Liebe« kocht – alle unsere Leibspeisen. Ich möchte auch für jemand so ganz sorgen, so alles für ihn tun. – Aus jedem Runzelchen von Brigittens gutem Gesicht strahlt befriedigter Ehrgeiz und – noch etwas anderes. Eben Liebe. Die doch die »Größeste unter ihnen« sein soll. Ich finde diese Liebe so dünn gesäet im Hausgarten Diewen, – aber sie blüht und leuchtet unten im Küchengarten. – Brigitte, der alte Kaspar, Jungfer Minna, – alle haben mich lieb, warm und herzlich lieb. Spreche ich so etwas aus, dann fährt Tante Renate beinahe aus der Haut. Sie nennt es »moderne demokratische Gesinnung«. So hole ich mir oft heimlich das Trüppchen aus dem Erdgeschoß in mein Zimmer herauf. Onkel Eberhardt und Tante Renate gehen Schlag zehn Uhr zu Bett, dann beginnt meine Erholungszeit. Die teile ich gern bisweilen mit Brigitte, Kaspar und Jungfer Minna. – Sie sitzen dann um meinen Tisch, die Frauen mit einer Handarbeit, Kaspar andächtig die Hände ineinandergefaltet, – und ich lese ihnen vor. Rosegger, Reuter und Raabe sind meine Schriftsteller für sie. Zum Schlusse – zur Belohnung dann irgendein schönes Heidelied von – Uwe Karsten. Aber wir lassen nicht nur fremde Zungen reden, wir reden auch schlicht miteinander von dem, was uns selbst betrifft. Die Leute haben gutes Vertrauen zu mir und bringen ihre kleinen Leiden und Freuden in mein Zimmer. Vieles davon bleibt bei mir zurück, auf daß ich es tragen helfe. Gestern stand Brigitte noch ein Weilchen in der Tür, als Kaspar und Minna schon gegangen waren. »Willst du noch etwas?« fragte ich. »Für mein Leben gern möcht' ich wissen, wie's dem Fräulein Ursulachen ums Herz ist. Ob der Herr Heinrich Heinsius alle Freude in sein dunkles Erbbegräbnis mitgenommen haben, und ob wir nie eine fröhliche Hochzeit hier erleben werden.« »Alte Brigitte!« – – – ich legte den Arm um sie – »der Herr Ludwig heiratet ja nun bald, da gibt's eine frohe Hochzeit.« Sie schüttelte den Kopf. »Dein Sohn bleibt dein Sohn, bis ein Weib er gefreit, Deine Tochter dein eigen in Ewigkeit«, versetzte sie vortragend. »So ist es, Fräulein Ursulachen. Sie sind und bleiben das echte Kind vom Hause Diewen, – der Herr Ludwig marschiert jetzt schon nach der Vanlos-Sippe 'rüber, – so ist das bei die Mannsleute.« Und über dem Ärger ob dieser unbestreitbaren Tatsache vergaß das alte Weiblein völlig seine brennende Frage an mich. Ich war ihm dankbar. Den 15. Februar. Die Leute sagen, einen so schlechten Vorfrühling hätten sie noch nie gehabt, Regen und Schnee und Schnee und Regen, und zur Abwechslung orkanartiger Sturm, – einen Himmel grau in Grau. So sagen die Leute. Warum befinde ich mich nur immer im Widerspruch mit dem, was die Leute sagen? Warum trotte ich nicht alleweil im Geleise »hü hott, hü hott«, wie die andern? Ich finde den Himmel blau und sonnig, und die Luft ist voller Frühling. Eben wirft der Sturm mein Fenster auf, und einen ganzen Regenschwall jagt er zu mir herein. Ein paar Blumentöpfe hat er umgeworfen, aber nicht geknickt sind meine Narzissen und Krokusse, sie sehen nur ein wenig erschrocken aus. Und die Topfscherben, was kümmern sie mich? Es ist Frühlingsfeier von Lu's Polterabend. Ich bade mein Gesicht, meine Hände im Frühlingsregen, – – in mir ist ein großes Freuen. Einen Brief habe ich!! Da liegt er in Väterchens großer Schreibmappe, die nun mein eigen ist, liegt da eingehüllt in einen selbstgefertigten großen Briefumschlag aus gelbem Papier, und mit einer großen, schönen, klaren Handschrift ist die Adresse darauf geschrieben. Wie oft habe ich sie mir schon betrachtet, und den Brief – den kenne ich auswendig. Und wenn Lehrer Alslev verlangte, ich sollte mich auf ein Schulbänkchen vor ihn setzen und den Brief tadellos, fehlerfrei hersagen, so würde ich es ohne Bedenken tun! Mein liebes Fräulein Ursula! Das ist ein rechtes Ausruhen, daß ich an Sie schreiben darf. Frau »Pastörin« hat mir die Nachricht gebracht, daß Sie von mir Auskunft wünschen. Dank dafür. Mit Heinrich Detleffsen kann vielleicht noch alles gut werden, – hoffe ich. Nur im Pfarrhause nicht, wo alles vor ihm duckt und ausreißt, – Ehrwürden Sunneby mitgerechnet. In ganz feste Hand muß das Jungchen kommen. Glauben Sie, daß die meine fest genug ist? Denn im Altenteil Ihres Heidehauses sitzt jetzt das kleine Ungetüm, das schon mehr Kopfzerbrechen nach Immenhof getragen hat, als die ganzen Geschlechter Schulmeister Alslevs mit ihren schwierigsten Rechenaufgaben. Ich konnte die Furcht und Angst der verehrten Frau Beate gar nicht mehr mit ansehen und machte den Vorschlag der Übersiedlung, seit dieser Zeit strahlt das pfarrherrliche Paar völlig hochzeitlich durch unser Heidedörflein. Mutter will Heini gerne »warten«. Ein etwas mißglückter Ausdruck, denn sie kann unmöglich hinter dem Quirl her sein, dazu ist sie zu alt. Aber ich bin's nicht und werde auf dem Posten sein, – Heini ist für mich ein sogenannter »interessanter Fall«. Denn erstmal ist es der wunderlichste Heilige, der mir je im Kinderkittel vor die Füße trudelte, und zweitens – haben Sie das Kind lieb. Vergessen Sie das nie, Fräulein Diewen. Auch wenn wir uns nie wiedersehen sollten, wird dieses Kind mir heilig sein. Ihr Uwe Karsten Alslev. Sollte ich ihm schreiben, daß er im Irrtum sei? Daß dieses Kind mir nichts bedeute? Daß es mir nicht Liebe, sondern Grauen erwecke? Lange habe ich gesorgt und überlegt. Ich habe nichts davon geschrieben. Aber nicht ganz selbstlos war dieser Entschluß. Ich dachte nicht nur daran, das Kind in der besten Obhut zu lassen, ich dachte auch an mich. So öde ist mein Leben, wenn ich mich nicht auf einen Brief freuen kann. Dieses Kind verhilft mir dazu, – zu einem Brief von Uwe Karsten Alslev. – »Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.« Nicht immer spricht das Wort wahr. Meine Antwort war kurz und karg: »Lieber Herr Alslev, ich danke Ihnen. Aber wenn die Last zu schwer wird, müssen Sie zugeben, daß man sie Ihnen abnimmt. Die einsame, stille Heide soll Gott befohlen sein! Ihre Ursula Diewen.« Den 20. Februar. Es fehlt nie an Überraschungen. – Heute kam »die Zweite« an. Sie wollte monatelang fortbleiben, und es scheint nicht, als ob Ludwigs Verlobung die treibende Ursache ihrer Rückkehr ist. Recht verändert fand ich sie, blaß und nervös, weniger scharf als sonst, als ob ein tieferes Leiden sie quäle. Aber als ich sie ruhig unter vier Augen fragte, wurde sie ganz und gar Eiszapfen und verbat sich jede Teilnahme meinerseits. Es tat weh, und doch kann ich es nie lassen, den Menschen helfen zu wollen, die mich gar nicht rufen. In der Begleitung der »Zweiten« befand sich Doktor Klaus Bevensen. Er war früher Ottos Klassenlehrer, ehe er vom Gymnasium abging, um sich ganz seinen Forschungen zu widmen. Später hat er meinem Vater zuliebe den Jungen manchmal in den Ferien vorgenommen, bis die Zwillinge nach Hannover kamen; jetzt hatte er die »Zweite« zufällig auf der Reise getroffen und war mit ihr heimgekehrt. Unsere Begegnung auf dem Bahnhof war sehr herzlich. Doktor Bevensen ist nicht der Mann, dem »Menschen« entgelten zu lassen, was die »Frau« ihm tat. Wir freuten uns beide über das Wiedersehen, und er nahm unbedenklich in unserm Wagen Platz, als ich es ihm anbot. Seine Wohnung ist nicht weit von der unsrigen, und während wir dahin fuhren, plauderten wir von allem möglichen, nur nicht von dem, was möglicherweise jedem von uns am Herzen lag, bis er plötzlich lebhaft sagte: »Ich soll Sie grüßen.« »Von wem?« fragte ich erstaunt. »Vom Dichter Alslev, vom Heideschulmeister.« Ich sah auf die »Zweite«, die ein hochmütiges, abweisendes Gesicht aufsetzte. Das veranlaßte mich zu sagen: »Der Gruß ehrt mich.« »Das tut er«, meinte Doktor Bevensen unbefangen. »Sie haben den Sonderling kennengelernt, und Ihnen traue ich's zu, Fräulein Diewen, daß Sie es ernst mit Ihrer Bemerkung meinen.« »Ganz ernst, Herr Doktor.« »Seine ›Heide‹ werden Sie kaum gelesen haben, es ist kein Werk für Frauen, verzeihen Sie, meine Damen, sondern für Gelehrte. Aber wenn Sie erlauben, lese ich Ihnen später einmal etwas daraus vor. Himmel nochmal.« Er rieb sich aufgeregt die Hände. »Man weiß nicht, ob Uwe Karsten als Botaniker oder als Mensch größer ist. Ich habe ihn auch als Lehrer kennengelernt, denn ich durfte in seiner Klasse zuhören und – ich müßte umlernen, – wahrhaftig, völlig neu anfangen, wollt' ich noch mal Schulmeister spielen. Auch als Menschen habe ich ihn beobachtet, einem dreijährigen kleinen Scheusal gegenüber, das er sich als Pflegekind angenommen. Dieser Alslev ist die verkörperte Güte, – und kann doch in so heiligen Zorn geraten ...« Ich mußte meine Hände fest in meinem Muff zusammenhalten, denn sie wollten herausfliegen und sich dem biederen Manne entgegenstrecken, der so warm, so herzlich von dem Einsamen in der Heide sprach. »Und sein Buch macht den Siegeslauf durch die Welt«, schloß Doktor Klaus. – »An allen Universitäten ist es das Tagesgespräch. Sie beraten über den Doktor honoris causa . – So ein Heideschulmeister! Donnerw...« Der Wagen hielt. Es war die höchste Zeit. Die »Zweite« war der äußersten Erschöpfung nahe, soweit ich das beurteilen konnte, und ich selbst – war ganz närrisch vor Glück. Aber das hat niemand gemerkt. Vielleicht haben meine Augen gestrahlt, ich kann sie nicht immer im Zaume halten, aber der gute Doktor Klaus ist kurzsichtig. Als wir ausstiegen, und Doktor Klaus uns dabei half, sagte er zu mir: »Auf Wiedersehn«, und zu Frau Sabine: »Kopf hoch, gnädige Frau, ich werde wachsam sein.« Sollte ich mich getäuscht haben? Den 1. März. Heute ist mein neuer Bechstein angekommen. »Du Verschwender,« sagte Lu, »ich werde dich unter Vormundschaft stellen müssen.« Aber er lachte dabei. Meine Freude ist seine Freude. Ich will den andern Flügel nicht aus der Heide holen. Den Schlüssel dazu habe ich an den Schlüssel gebunden, der zu meiner Bücherei gehört. Ich weiß, daß Uwe Karsten ihn kopfschüttelnd anschauen wird, der Schlüssel ist lang und schmal und fein vernickelt. Dann wird es verstehend über sein ernstes Gesicht huschen, er wird das Schloß am Flügel probieren und wird ihn öffnen. Und spielen? Ich glaube nicht. Nicht gleich. Vielleicht erst nach Wochen. Denn er hat Scheu vor allem, was einem andern etwas Liebes ist, eine heilige Scheu. Aber er wird über die Tasten streichen und daran denken, daß ich Beethoven darauf spielte. Das sehe ich so vor mir. Wenn er doch auch schon wüßte, daß die Orgel nach Kornhagen kommt, das Meisterwerk, sein Liebling. Wie da sein stilles Auge leuchten wird! So viele Freuden möcht' ich ihm geben, – kann ihm ja sonst gar nicht danken für die neue Welt, die er mir erschloß durch sein Wort und seine Schriften. Ach, und ich kann ihm ja nur so karg danken, mit Väterchens Geld. Aber es ist doch ein liebes, gutes Geld, eben weil Väterchen es verdient hat. Ganz leise habe ich einen Choral auf meinem neuen Flügel gespielt, zur Einweihung. Mutter Alslev hat es mich ja so gelehrt. Ein wunderbares Instrument, ich habe es schon lieb und will sehr fleißig sein. Nach dem stillen Choral habe ich es aber gleich geschlossen, denn Frau Sabine ist krank. Sie will niemand sehen, nur ruhebedürftig und reisemüde sei sie, ließ sie mir durch ihre Jungfer und Vertraute mitteilen. Aber Jungfer Anna, die schon in Frau Sabines Elternhause gedient hat und sehr anhänglich an ihre Herrin ist, hatte rotgeweinte Augen. Vorhin bin ich doch einmal im Krankenzimmer gewesen. Frau Sabine schlief, erschreckend elend sah sie aus. Einmal schrie sie bange auf. »Otto!« kam es schluchzend, bebend von ihren Lippen. »Sie bangt sich so nach dem jungen Herrn«, erklärte Jungfer Anna weinend. Frau Sabine war von ihrem eigenen Schrei erwacht. Sie sah mich klar, aber erschreckt und abweisend an. »Soll Otto kommen?« fragte ich besorgt. »Es ist ja nicht mehr lange bis zu den Ferien.« »Ich muß dich bitten, nicht zu spionieren«, entgegnete sie hart. Da ging ich aus dem Zimmer. Aber ich habe an meinen jungen Stiefbruder ein paar Zeilen geschrieben: Lieber Otto, vielleicht kannst Du Dich einmal über Sonntag und Montag freimachen, um zu Deiner Mama zu kommen, die plötzlich krank geworden ist. Du weißt, wie sie an Dir hängt, und Jungfer Anna behauptet auch, die Krankheit sei Sehnsucht nach Dir. – Hoffentlich warst Du brav, damit Dein Hausvater keine Schwierigkeiten macht. Grüße Friedrich und gib bald Nachricht Deiner alten Schwester Ursula. Den 7. März. Ich habe keine Antwort von Otto bekommen. Jungs sind Jungs. – Er hat nicht viel äußere Formen und nimmt die Sache wohl nicht tragisch. Frau Sabine ist überdies wieder auf, wenn auch für mich nicht sichtbar. Lu ist beinahe nur im Hause Vanlos, wie die alte Brigitte schon sehr richtig bemerkte, und Onkel Eberhardt und Tante Renate leben ihr gemeinsames Ekartédasein. Ich bin recht einsam. Vor einigen Tagen kam Doktor Klaus Bevensen aus dem Empfangszimmer von Frau Sabine, gerade als ich die Treppe hinunterging. Er sah ärgerlich aus, als er mir freundschaftlich die Hand hinstreckte. »Zu dumm, daß man Sie nicht ins Vertrauen zieht oder Herrn Ludwig«, bemerkte er. »Da hat man zwei grundvernünftige Lebewesen in seiner nächsten Nähe und...« »Aber doch wohl nicht so vertrauenerweckend wie der ›unvernünftige‹ Doktor Klaus«, ergänzte ich lachend. Er sah mich ernst an und ging dann rasch fort. Den 20. März. Heute ist Lu's Hochzeitstag. Es ist eigentlich unverzeihlich, daß ich mich zu diesen Blättern niedersetze, da ich heute dem Hause Diewen vorzustehen habe. Frau Sabine hat mir das Amt stillschweigend überlassen. Sie liebt Lu nicht besonders, und Ellen Vanlos scheint ihr auch innerlich fremd bleiben zu wollen, wenngleich der märchenhafte Reichtum des Mädchens ihr großen Eindruck macht. Senator Vanlos hat diesen Reichtum am Hochzeitstage seines einzigen Kindes verschwenderisch leuchten lassen. Sein Haus, darinnen die Trauung stattfindet, sieht aus wie ein Palast in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Und mitten darin mein schlichter Lubruder, – glücklich, o so glücklich! Ja wahrhaftig, so glücklich, daß ich das wehe Gefühl des Unbeachtetseins tapfer hinunterkämpfte. Er sah nur sein junges, blondrosiges Bräutlein. Jetzt sind sie auf dem Standesamt, – guter Gott, segne den Bund! Und mich laß nicht ganz einsam bleiben, – laß mir Lu's Liebe, ich habe sie so lange allein besessen. Drei Stunden später. Wieder ein Augenblick der Sammlung. Das war ein Treiben und Hasten, ein Kommen und Gehen, – nun sind wir eben vom Frühstück aufgestanden. Ich will mich nachher in das Festgewand werfen und mit Bruder Lu nach Haus Vanlos fahren, wo die Trauung und das Mahl stattfinden sollen. Ich wollte, es wäre erst alles vorbei. Die Erinnerung kommt wieder so stark über mich, die beklemmende häßliche Erinnerung an meinen eigenen Hochzeitstag. Es ängstigt mich heut so vieles ... Es ist so, als sei nicht das Brautpaar, sondern Ursula Diewen der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Woran liegt das? Senator Vanlos ist doch ein alter Mann – – – ich habe wie eine Tochter mit ihm verkehrt in den letzten Wochen, unbefangen und herzlich, denn ich verehre ihn sehr. Auch wollte ich ihn vergessen machen, daß sein Augapfel Ellen so vollständig in ihrem Glücke aufgeht, in einem fröhlich lachenden Glücke, – das Kind sieht weder den Vater, noch die weinende Hausdame, welcher der Abschied namenlos schwer wird, – Ellen sieht nur Lu. Und so soll es ja wohl sein. – Aber mich ängstigt der »alte« Senator Vanlos. Wir hatten noch gescherzt zusammen, – er nannte mir gute »Firmen«, von denen er behauptete, daß sie um mich würben, und bat, daß ich mich doch für eine entschließen sollte. Und als ich lachend meinte, ich würde wohl bei der Firma Diewen bleiben, – da – – – Ursula, ich glaube, du bist nervös. Gesteh es nur ein, es ist ehrlicher. – Aber die Tatsachen geben mir Recht. – Abends. Ich habe wirklich richtig geklügelt. – Wie wunderlich ist die Welt! Ein rechter Gemeinplatz, – und von solchem wollte ich so gern diese Blätter freihalten. Aber man kann nicht immer nur Gold in die Hand nehmen, für das tägliche Leben braucht man kleine Münze. Ich hatte mich fortgestohlen aus dem Hause Vanlos, – gestohlen ist der rechte Ausdruck. Der Abschied von Lubruder griff mich an. Kaum konnte ich der Tränen Herr werden, als ich in seine lieben Augen sah, die so durchleuchtet waren von vergangenen und kommenden Glücksstunden. Es waren aber selbstsüchtige Tränen, und als ich das erkannte, schämte ich mich. Herrgott, halte deine Hand über meinen Lu und sein junges Weib! Zwei Stunden später als ich kamen Frau Sabine, Tante Renate und Onkel Eberhardt heim. Erstere rauschte gleich darauf in mein Zimmer. Sie hatte zwischen den Brauen eine böse Falte, – die ich schon als Kind fürchten gelernt hatte. Diese Falte war stets der Vorbote von Gewittern gewesen, die aber nicht wohltuend, befreiend und reinigend wirkten, sondern hart einschlugen und dann brannten – tagelang. »Warum hast du den Antrag des Senators Vanlos abgewiesen?« fragte sie kurz und bündig. »Ich bin mündig und Herrin meiner Entschlüsse,« »Deine Entschlüsse waren bis jetzt recht töricht, ich denke, du läßt dir nun auch einmal von andern Menschen raten, die es gut mit dir meinen.« »Meinst du es gut mit mir?« Frau Sabine wurde rot und sehr ärgerlich. Sie haßt meine rasche, offene Art, die Leute zu fragen. Weil sie nicht antwortete, fragte ich gleich noch einmal: »Wußtest du denn, daß – daß sich Senator Vanlos um mich bewarb?« Frau Sabine wurde ordentlich lebhaft. »Herr Senator deutete mir zart seine Absicht an, sich wieder zu verheiraten, und ich konnte ihm nur zustimmen. Er ist so liebenswürdig, so frisch, noch nicht alt –« »Zweiundsechzig Jahre«, schaltete ich ein. »Und märchenhaft reich! Ursula; sei nicht töricht! Dir läuft das Glück buchstäblich nach.« »Mir??« Ich lachte bitter. »Ja, dir! Und ich hoffte wirklich, du würdest es diesmal ergreifen. Du saßest gestern so nachdenklich, – Doktor Bevensen meinte, ›traurig-verträumt‹, neben dem Hochzeitsvater, daß ich glaubte, du überdächtest die ungeheuern Vorteile dieser Verbindung.« »Nein, das tat ich nicht. Doktor Klaus Bevensen sah recht, – traurig war ich. Ich hatte Senator Vanlos lieb, – er war immer wie ein gütiger Vater zu mir. Nun habe ich ihn verloren, und – auch meine kindliche Liebe zu ihm.« »Auf derartige empfindsame Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht.« Frau Sabine war ernstlich böse. »Nun, der Geschmack ist verschieden. Dir behagt es, die Turandot weiterzuspielen, wie dich die hiesige Jeunesse dorée , und ich würde an deiner Stelle froh sein, nach der unseligen Sache mit Heinsius nun in den Hafen einzulaufen als Frau Senator Vanlos. Wie ein König ist er angesehen!« Ich blieb stumm. Wird die Schmach meines Verlöbnisses mit Heinrich Heinsius immer lebendig bleiben? Frau Sabine verließ mich im höchsten Zorn, soweit ihre korrekte Natur zornig werden kann. Und ich blieb zurück, müde und traurig, ärmer als je zuvor. Väterchen, du fehlst mir wieder einmal sehr! Auch der, den ich an deine Stelle setzte, dein alter, guter Vanlos, versagt – Väterchen – die Welt ist wunderlich. – Den 21. März. Frühlingsanfang! Aber in den hohen Mauern der alten Hansestadt merkt man nicht so den drängenden Frühlingssturm, und nicht das Treiben und Blühen, wie in der weiten, weiten Heide. Mich schüttelt das Heimweh buchstäblich. Ach, jetzt hinfliegen dürfen über die endlose Fläche und den weißen Heideweg entlang bis zu dem dunkeln Kiefernwalde! O der Duft, der wonnige Duft! Und jetzt stiegen gewiß die Lerchen auf und tirilierten in der Luft, und aus dem Schornstein des Heidehauses zogen Kräuselwolken, denn Mutter Alslev kochte ihren guten Nachmittagskaffee – über allem aber lag der Heidefriede. O die Sehnsucht nach diesem Frieden! Noch einmal war Frau Sabine bei mir gewesen. »Ursula, – um sechs Uhr will Senator Vanlos kommen, – er meint, er habe dich gestern erschreckt, – noch einmal will er alles ruhig mit dir besprechen.« Ich atmete schwer. »Laßt mich doch in Ruhe«, bat ich. »Ursula, du bist nie im Geleise«, klagte Frau Sabine. »Alle Freundinnen und Bekannten in deinem Alter sind längst Frauen und Mütter, und du – mit deinem großen Vermögen, deiner Klugheit, deiner Schönheit – – –« Es war, als zähle sie irgendwelche gleichgültigen Haushaltungsgegenstände auf. »Laßt mich in Ruhe«, bat ich noch einmal. Aber ich bat vergebens, denn eben schlägt es sechs Uhr, und unten wird mit der bekannten Pünktlichkeit des Herrn Senators Vanlos die Glocke gezogen. Freilich klingt sie heute etwas stürmischer als sonst – Zwei Stunden später. Es war nicht Senator Vanlos, der die Glocke zog. Es war Christiane Alslev, die in fieberhafter Angst in mein Zimmer kam und fassungslos weinte, Seit diesem Augenblicke höre ich nichts als das Wort: »Uwe Karsten ist verunglückt!« Ob er tot ist, – ich weiß es nicht, ob er schwer verwundet jetzt im letzten Kampfe ringt, ich weiß es nicht. Ein verworrener Brief der alten Stina ist durch eine Reisende an Christiane gelangt. Uwe Karsten hat den kleinen Heinrich aus dem Feuer retten wollen und sich dabei schwer verletzt. Wie das Feuer entstanden und wo, das ist alles aus dem unverständlichen Schreiben nicht zu ersehen. Christiane kann nicht fort. Schwerkranke sind in ihrer Behandlung, und das eiserne Muß ihres Berufes hält sie hier fest. Aber ich kann hinfahren und will hin – ins Heidehaus. Um neun Uhr geht der Zug, um zehn bin ich in Immenhof, und ich weiß, der Vorsteher des Bahnhofs hat einen kleinen Einspänner, der führt mich auf dem Heideweg hin zu ihm, – ich meine, zu dem Bruder der armen Christiane. Ich will einen Trost für das liebe Mädchen holen oder eine schreckliche Gewißheit. Dies Hangen und Bangen ist unerträglich. Meine brave Jungfer Minna wird mich begleiten, sie packt nebenan die notwendigsten Sachen. Senator Vanlos ist krank geworden, ich habe ihm ein paar freundliche Zeilen geschickt. Möchte nicht, daß er ungut an mich dächte. Ich bin allen Menschen gut, auch denen, die mich quälen. Denn ich gehe in meine Heide. Ich spüre keine Müdigkeit mehr, sondern Riesenkräfte. Vielleicht muß ich ja mit dem Tode ringen, – der Uwe Karsten an sich reißen will. Und ich will ringen und siegen. Tief in der roten Heide wohnt das Glück ... Ich hab's gespürt zu tausendmal, Da man mich um mein Glück bestahl, Da eingepfercht in Stadt und Gassen, Rings Menschen nur und Menschenhassen; Ein Heimweh ohne Maß und Ziel Mich nach der beide überfiel. Ich meint', ich müsse schier verzagen ... Im Herzen drin ein flatternd Schlagen, Als wenn ein Vogel – wandermatt – Sein Heimatnest verloren hat. Ich raffte mir den Wanderstecken, Und ob sie höhnen auch und necken, Ich hab' mein Bündel fest geschnürt Und bin gegangen – ungerührt. Die Sehnsucht gab mir Tröstung ein, Saß ich zur Rast am Meilenstein, Und Wegeweiser vielgestalt Schuf mir des Heimwehs Allgewalt. Bis endlich an der Böschung Rande Die Birke ihre Zweige spannte, Darin in eines Herzens Mitten Sein und mein Name eingeschnitten. Die rauhe Rinde küßt' ich sacht ... Birkpilzchen hat dazu gelacht. Auf weichem Sand, auf raschen Sohlen Hab' ich mich weiter fortgestohlen, Des Föhrenwaldes harz'ger Duft Umgab mich voller Heimatluft. – Da sah ich durch der Lichtung Flimmern Des Heidehauses Strohdach schimmern. Und mit ersticktem Jubellaut Warf ich mich hin ins Heidekraut, – Laßt mich, – ich lehre nie zurück, Tief in der roten Heide wohnt das Glück. Heidehaus, den 22. März. Das werden wohl närrische Aufzeichnungen werden, bin ich denn noch ich? Ein paarmal am Tage fasse ich meine eigenen Hände und taste an meinen Kopf und rufe laut meinen Namen. Es könnte ja sein, daß ich plötzlich aufwachte. Denn ich pflege immer lebhaft zu träumen; so könnte auch alles dies ein Traum sein. Aber ich will »alles dies« schildern. Denn ich habe nichts zu tun, – Uwe Karsten schläft. Gestern abend zehn Uhr hielt der Zug in Immenhof. Und es war wohl hingesprochen worden, daß das einzige Abteil erster Klasse, welches die Kleinbahn führt, besetzt sei, denn der Einspänner des Vorstehers stand schon für alle Fälle wartend bereit. Ich stieg rasch auf den schmalen Sitz zum Kutscher Peder hinauf, und wir fuhren in die stille Heide. Jungfer Minna sollte morgen mit dem ersten Zuge nachkommen. »Ist alles wohl im Heidehaus und Immenhof?« fragte ich, und mein Herz klopfte schnell und hörbar in meiner Brust. »Allens wohl und allens unverändert, gnä' Frölen, es passiert je ok wohl rein gar nix bei uns, blot daß de Lütt, de Hinrich, de narrsche Patron, ja nun dod blewen is.« Peder sprach voll Seelenruhe. Mich aber überlief es eisig. Heinrich Detleffsen tot! Ausgelöscht das kleine Menschendasein, das vom ersten Atemzuge an niemand zur Freude und jedermann zum Leide gelebt hatte. »Wie kam es?« fragte ich heiser. Peder steckte sich erst umständlich ein neues Priemchen in die Backe. »Das kam so!« antwortete er endlich. »De lütt Hinrich war 'n gräsigen Slüngel, en richtgen SIeef un Driwer. Veer Johr, seggen jo de Lüd, ik glöw dat ni. Ne, gnä' Frölen, ik heww to min Fru seggt: ›Stina‹ segg ik, ›dat 's gor keen Kind, dat 's 'n Vampir.‹ Glöwen Se an Vampirs, gnä' Frölen?« Ich schüttelte den Kopf. »Kein ein' mocht den Hinrich leiden«, fuhr Peder auf hochdeutsch fort, er nahm vielleicht an, daß ich Platt nicht verstünde, weil ich so schweigsam neben ihm saß, und er ahnte nicht, daß ich nur mit der einen Frage rang: »Lebt Uwe Karsten Alslev?« und sie doch nicht zu formen vermochte. »Ne, – kein Mensch in ganzen Dörp mocht' ihm leiden,« fuhr Peder fort, »und allens güng ihm aus 'n Wege, dem lütten Vampir. Denn er konnt' plötzlich ein' auf 'n Rücken sitzen un in' Hals beißen, wie wenn nix wär'. Aber uns' Schoolmeester, dat 's 'n Echten. De dollsten Slüngels bringt der auf 'n rechten Weg, allens mit Güte un Gerechtigkeit. Wenn ich denk', was ich mein' klein' Peder die vier Buchstaben verhaun hab' und wenn ich müde war, mit meine Ohlsch abwechselte un doch nix nützte mit den verd... SIeef, und denn kam er zum Schoolmeester un is mit eins en Keerl, an den man sein' Freud' hat, un allens mit Güte und Gerechtigkeit – – –« Peder wischte sich die Augen. »Woran ist der Kleine gestorben?« fragte ich rasch. »Man sachtgen! Da bün ik all bei to vertellen. Also de Schoolmeester konnt' das wohl ab mit de lütten Vampir: De hatt' bannig Angst vor Herrn Alslev, aber man sah's an die kleinen, falschen, graugrünen Augens, daß er ümmer drüber nachsann, wie er seinen Pflegevater könnt' Böses antun. Mutter Alslev is gor nich ut de Angst rutekamen. Un neulich, da hatt' sik de Lütt in Ehr Zimmer 'reingeschlichen, gnä' Frölen, was jo sonst ümmer as 'n Heiligtum verschlossen is, und hat 'n Musikkasten abbrennen wollen.« »Meinen Flügel!« stammelte ich. »So heet dat Dings ja woll. Dor is nich veel 'an passiert, de Poletur hat 'n Loch, sonst nix. Aber de Schoolmeester is jo rein ut de Tür kamen und hett den lütt Vampir hochnamen. Un da löppt das Diert fort un nimmt den jungen, wunnerschönen, dühren Hund mit, den Herr Alslev in de Erziehung hat, und den he verschenken wull. Un de lütt Vampir holt sik noch sin Fründ, dat swarte Schaap in Herrn Alslevs School, den Jehann Hansohm, un de beiden begießen in der Scheune allens mit Petroleum, un denn sticken sie dat Dings an, äwer de Lütt halt sik sülwen mitbegossen un bratet as 'n jungen Hahn un de Hund ok. Un de Schoolmeester will beide retten, – da saust ihm en Balken up 'n Kopp – – – prrr, Lischen – nu sün wi all dor!« Das Pferd stand – zitternd kletterte ich vom Wagen, denn aus dem Heidehause schimmerte Licht, ich war am Ziel. Rasch reichte ich Peder ein Goldstück, und als er's im Scheine der Laterne betrachtete, leuchtete sein gutes, ehrliches Gesicht. »Gnä' Frölen sollten man öfters kommen«, meinte er. »Es is immer besser, das Herrschaftsaug' guckt auf allens mal drauf. Und adschüs ok.« Er fuhr sacht davon auf dem weichen Heideweg. Ich stand vor meinem Hause. In jedem Fenster des Altenteils schimmerte Licht, und auch aus meinem Zimmer drang ein Schein durch die geschlossenen Laden. Mein Herz schlug so heftig, daß ich mich gegen die niedere Tür lehnen mußte. In diesem Hause waren schwere Krankheit und Tod; die Sitte wollte es, daß in solchen Fällen alles erleuchtet war ... Ich klinkte die Haustür auf, das Glöckchen schrillte, aber niemand kam mir entgegen. Da öffnete ich rasch meine Zimmertür. Das große Gemach war von meiner Lampe erhellt, sie stand auf dem Flügel, und vor diesem saß – Uwe Karsten Alslev. Leise, ganz leise strich seine linke Hand über die Tasten, sein rechter Arm lag in einer schwarzen Binde. Ruhig drehte er sich um. »Mutter?« fragte er leise. Wieder mußte ich mich an die Tür lehnen, denn meine Füße trugen mich nicht weiter. Da schlug ein Laut an mein Ohr, fragend, jubelnd, scheu, glückselig: »Ursula!« Und ich ging nicht, nein, ich flog zu ihm hin und stammelte: »Du lebst, Uwe Karsten!« Diese Worte wiederholte ich immer wieder, und dann erst sah ich die Blässe seines Gesichtes und den fest verbundenen Arm. »Du lebst, Uwe, aber du leidest.« »Jetzt nicht mehr, Ursula, – du bist bei mir!« »Uwe – meine liebe, liebe Heimat!« Da küßte er mich. Draußen brauste der Frühlingssturm über die Heide und wirbelte um das stille Haus. Aber er war nicht stärker als der Sturm in meinem Innern. »Wie sehr hab' ich ihn immer geliebt, den Gesellen da draußen,« sagte mein Uwe leise, – »du weißt es, mein Mädchen. Durch all meine Lieder fegt der Heidewind. Aber von heute ab soll er mein liebster Freund sein, denn er hat dich hergetragen zu mir, du Einzige!« »Von heute ab bin ich dein liebster Freund«, entgegnete ich ernst, »Nicht einmal dem Heidewind gönne ich diese Bezeichnung. Er ist auch ein viel zu leichter, lockerer Geselle für dich, Uwe Karsten, – ich aber bin ein treuer Kamerad!« »Wie hab' ich mich nach solch einem gesehnt«, rief Uwe schmerzlich. »Ursula, – ›ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit‹ – vor vielen, vielen Jahren. ›Felix‹ hieß er, – ›der Glückliche‹. Sein schöner, verheißungsvoller Name deckte uns beide. ›Die Felixe‹ nannte man uns, die Unzertrennlichen. Aber ich konnte nach der Seminarzeit auch weiterhin im Geleise gehen, in den strengen Überlieferungen einer ehrenhaften Kantoren- und Organistenreihe. Ihn, meinen Felix, der eine Waise war, nahm das Leben und verdarb ihn, – den hochgemuten Jungen, verdarb ihn schändlich. Einmal, nach vielen Jahren, blieb plötzlich mit hartem Ruck meine Uhr stehen, die gleiche, die auch Felix zur Konfirmation erhielt von meinem Vater, der sein Pate war. Die Feder der Uhr war zersprungen und – sein Herz. Zur selben Stunde ist er gestorben – häßlich –, wie sein Leben war. Aber alle meine lieben, reinen Jugenderinnerungen sind mit ihm verknüpft, – requiescat in pace . Ich bin seitdem einsam gewesen.« »Dein Weib?« fragte ich leise. »Sie war mein Weib, ein gutes, treues, reines, mein Kamerad aber war sie nicht.« »Hast du sie sehr geliebt, Uwe?« Er zog mich rasch und kraftvoll mit der gesunden Linken an sich und sah mir tief in die Augen. »Zittert mein starkes Mädchen? Dann weiß ich nicht, ob es stark und groß genug ist, mir die Vergangenheit zu lassen, oder ob ich ihm alles sagen kann.« »Ich will stark und groß sein, Uwe!« » Sehr lieb habe ich Sörine Witt gehabt. Wie man heiß und wild liebt mit dreiundzwanzig Jahren. So alt war ich, als ich mir mein Weib nahm. Ich war ein Schwärmer. Ich wollte nicht in dem Buche lesen, das mir meine Amtsgenossen zeigten, und in dem sie oft mit unreinen Fingern blätterten, – ich hatte mir eine Idealwelt aufgebaut. Und in diese Welt führte ich Sörine Witt. Sie lachte darüber, – so herzig konnte sie lachen über meine närrische Welt. Sie lachte auch über meine ersten Lieder. Aber dann war sie sehr stolz. ›Es reimt sich ordentlich‹, meinte sie glücklich. Und dann starb sie. Aber ich war nicht so allein wie damals, als Felix mich verließ, mein Kamerad. Ich hatte ihr Vermächtnis, das kranke Kindchen, hatte die stumpfen Alten, hatte mein Lied und meinen Beruf.« »Liebst du ihn sehr , diesen Beruf?« »Nun zittert mein Mädchen noch stärker als vorhin. Komm du, komm! Ich will dich ganz fest an meiner Brust halten, damit du nicht umsinkst. Ja, Ursula, ich liebe meinen Beruf – über alles !« Und das sagte Uwe Karsten Alslev, nachdem er mich geküßt, daß ich meinte, unter seinem Kusse vergehen zu müssen. Ich sah in sein Antlitz, sein leuchtendes, sah seine hohe, reine Stirn, seine edeln Züge. Aber seine Augen, die tiefen, unergründlichen Augen sahen mich nicht an, sondern schauten durch die Wände des Heidehauses hindurch in Fernen. »Sechzig Knaben und Mädchen, Ursula,« sprach er leise, »sechzig Menschenseelen! Und in jeder ein heiliger Gottesfunken, in jeder ein Durst, ein Verlangen nach Licht. In jeder eine rührende Bitte, daß man diesen Funken anblase, wachsen lasse, unermüdlich schüre, bis er zur reinen Flamme werde. Und mir gilt diese Bitte, Ursula, ich darf der Erfüller sein. Gibt es etwas Köstlicheres? Schulmeister! Man spricht es so gedankenlos hin, und doch sollte niemand so vermessen sein, sich so zu nennen. – Des großen einzigen Schulmeisters Handlanger. Das bin ich.« »Und wer bin ich, Uwe Karsten Alslev?« Er atmete tief auf, als käme er jetzt erst auf Mutter Erde zurück. »Was sagte meine Ursula?« »Ich fragte dich, wer ich bin?« »Wer du bist, Ursula, das weiß das ganze stolze Hamburg. Aber was du sein willst, das weiß nur ich.« »Sag' es mir, mein lieber Uwe.« »Du willst mein Kamerad sein! Ein fester Friesenkamerad für den Uwe und up ewig ungedeelt mit dem Holsteiner Karsten . Habe ich recht, Kamerad?« »Mehr will ich, – viel mehr!« Er küßte mich sacht und zart auf die Stirn. »Ein Mehr gibt es nicht, es ist das Höchste und umfaßt alles .« »So laß mich dein Alles sein, Uwe Karsten Alslev.« Wie es heimlich im Heidehüttchen war! Draußen das Singen des Windes, drinnen im Herzen das Singen des Glückes, das Jubeln und Stammeln und Beten. »Meine Heiderose, wie schön du bist! Wie du leuchtest!« »Ich stand so lange im Schatten, mein Uwe, nun blühe ich auf an deiner Brust.« »Mädchen! Lieb! Einziges! Warum liebst du mich?« »Weil du gut, klug und herrlich bist, mein Uwe!« »Still, Ursula!« »Still soll ich sein? Ei, so frage mich auch nicht.« »Küssend will ich dich fragen, und mit Küssen sollst du mir Antwort geben.« »Ursula, ich liebe dich unsäglich. Weißt du das?« »Ja, mein Uwe!« »Ursula, weißt du auch, daß du schön bist?« »Ja, mein Uwe.« »So schön, daß du einen König beglücken und einen Königsthron zieren könntest?« »Ja, mein Uwe.« »Ei sieh! So überzeugt bist du? Und woher weißt du es?« »Weil es mir deine Augen sagen, und weil du der König bist, den ich beglücke, und die weite Heide mein Königsthron.« »Weißt du aber auch, daß du klug bist, meine Ursula? Sehr, sehr , fast unheimlich klug für ein kleines Mädchen?« »Ja. Uwe.« »Köstlich und närrisch zugleich klingt dein ›Ja‹. Und woher kam dir diese Wahrheit?« »Weil mich der kluge Uwe Karsten sonst nicht liebte.« »Kurz und bündig, aber nicht arg verblüffend. Und wie, wenn meine Liebste sich irrte? Wenn ich nun dächte, schon genug Klugheit zu besitzen, und mir just – – ein Dummerchen aussuchte? – –« »Oh! So dumm bin ich aber nicht, um das zu glauben!« Wie er lachte! O wie herzlich mein Uwe lachen kann! Das habe ich so noch nie von ihm gehört, es klingt köstlich. Ich stimmte mit ein, es war ein klingendes Duett. »Weiß meine Ursula, daß sie ein wonnesames Lachen hat?« »Ja, mein Uwe!« »Oh, du weißt aber schier alles! Warum nimmst du dir denn einen Schulmeister, wenn er dich nichts mehr lehren kann?« »Du sollst mich lehren, in solch unfaßbarem Glücke weiterzuleben, ihm standzuhalten. Ich meine, man müßte darinnen vergehen – –« »Meine Ursula!« »O du traute Stunde unseres Sichfindens!« Ich küsse selbst die Blätter, denen ich das Heilige anvertraue. Ernst und etwas bange schaute ich meinen Uwe an. »Die Lichtchen in deinen Märchenaugen sind verdunkelt«, flüsterte er zärtlich. »Was bewegt meine Herzliebste?« »Man darf nicht lachen im Totenhause«, raunte ich leise. Er stand auf. »Es gibt ein heiliges Lachen«, sagte er ruhig. Dann winkte er mir: »Komm, mein Tapferes!« Der Heidewind brauste stärker. Er rüttelte am Heidehaus, fuhr durch ein offenes Fenster im Altenteil und löschte die Lichter, die zu Häupten des toten Kindes brannten. Schier schauerlich klang das Fauchen in der dunklen Totenkammer. Ich folgte dir, Uwe, als du hinübergingst, um sie wieder zu erleuchten. Tiefer Friede lag auf dem Gesichtchen des Knaben. Der Tod war als großer Menschenfreund gekommen. Und seine starke Hand hatte alles Häßliche fortgewischt. Ich konnte zum erstenmal erlösend weinen über die trübe Vergangenheit. Und konnte dir sagen, Uwe, daß der Tote mir nichts bedeutet hatte, und konnte dir danken für alle Güte und Liebe, die du dem Kinde erwiesen – um meinetwillen. Deine Mutter war ins Dorf gegangen, – ins Pfarrhaus. Hamburg, 25. April. Gleich anderen Tages riß ich mich los aus unserm süßen Glück. O hätte ich es doch nicht getan! Wie groß und gewaltig ist meine Sehnsucht nach dir, Uwe Karsten Alslev. – Dieses Warten ist unerträglich und auch unser unwürdig. – Dies untätige Harren auf die Zustimmung meiner Sippe beschämt dich und mich. Uwe, mein Herzliebster, ich sagte dir so siegesgewiß, daß alle die Meinen dich mit Freuden in unsere Familie aufnehmen würden. Diese Siegesgewißheit war töricht, denn ich hatte ja selbst viel zu lange Zeit im Banne des Vorurteils gelegen. – Aber ich hatte meine Umgebung höher eingeschätzt, als mich selbst. Dein leises, zweifelndes Lächeln hatte mich damals beinahe verstimmt. Und gleich, ohne lange zu zögern und zu prüfen, wollte ich dir den Beweis erbringen. O wie arm stehe ich nun vor dir. Mit so leeren Händen. Vergib ihnen, Uwe! Wer bin ich denn? Ein unwissendes Mädchen. Und wer bist du, Uwe? Ein König im Reiche des Wissens, – und ein Mensch, so voll Güte, voll Wärme, voll Liebe – Uwe Karsten Alslev, warum liebst du mich? Ich bin so klein gegen dich, und doch sagen die Menschen hier, – die Krämer – – »Schulmeister« sagen sie. Aber häßlich klingt das Wort in ihrem Munde. Nicht so hehr und gewaltig, wie du es aussprachst. O du mein lieber, geliebter Schulmeister! Weißt du noch, mein Uwe, als ich zu dir kam? Weißt du noch, wie du mich küßtest? Weißt du, wie die ganze Welt um uns versank und nur eine Insel übrigblieb? Die Insel der Seligen. Darauf waren wir beide. Dann schrillte des Heidehausglöckchen wieder und deine Mutter kam herein. Sie sah mich an, und ihre Knie zitterten so, daß sie sich setzen mußte. Da saß sie in meines Väterchens rotem Ledersessel, und ich kniete vor ihr und sagte leise: »Mutter Alslev, ich bin dein Kind!« Sie weinte nicht, deine Mutter, sie sah mich an mit grenzenloser Liebe, und zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich nicht mehr den Schmerz, eine Waise zu sein. Dann sprach sie: »Mien Jung is de Best. Un wi drei sün nu eins. Das war unsere Verlobung. Am andern Tag begrubst du den kleinen Heinrich Detleffsen, und Pastor Sunneby und Frau Beate kamen nach dem Begräbnis und gaben mir viel Liebe und Herzlichkeit. Und der kluge »Pastur« sprach lange und viel von der Sünde der Väter, die an den Kindern heimgesucht wird, aber die ..Pastörin«, die ohne Brille bis ins Herz sieht, redete von der Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet. And als sie gehen wollten, hielt Frau Beate noch eine Weile meine Hände fest und sagte leise: »Ich sehe es mit meinem Herzen, daß Sie zu unserm Lehrer Alslev gehören. Gott segne Sie beide! Ein großes Glück schreitet zu unserm kleinen Dorf.« Gute Frau Beate! Dann saßen wir beide, mein Uwe, wieder still Hand in Hand in meinem Zimmer, und deine Mutter hatte sich die alte, silberbeschlagene Bibel geholt und las darin; ein tiefer, glücklicher Friede lag auf ihrem feinen, altehrwürdigen Gesicht. Da, in der Stille und Heimlichkeit des friedvollen Heidehauses erzählte ich dir von Heinrich Heinsius, – ich verschwieg dir nichts. Ich fühlte wohl das Zittern deiner Hände und hörte dein Herz rasch klopfen, als du meinen Kopf an deine Schulter bettetest. O hätte ich dir und mir die Beichte ersparen können! »Mein armes Lieb!« Tiefes, herzliches Erbarmen klang aus deiner Stimme. Dann war es lange still zwischen uns. Aber du zogst mich fester an dich, und ich fühlte, daß ich in deiner Liebe geborgen sein würde in Zeit und Ewigkeit. Hochgemut und froh fuhr ich nach Hamburg zurück, um alles für unsere öffentliche Verlobung vorzubereiten. Jetzt weiß ich, warum du so düster und ernst gewesen warst, mein Uwe, warum du mich nicht von dir lassen wolltest aus dem Heidehaus. Und ich törichtes Mädchen rannte von meinem Glücke fort in diese Hamburger Öde hinein. Krank bist du auch noch, mein Uwe, – ach all die Aufregungen waren ja Gift für dich und deine böse Armwunde. War' ich bei dir! Könnte ich dich pflegen! Ich glaubte ja, Frau Sabine oder Tante Renate würden gleich andern Tages mit mir ins Heidehaus fahren – – – ich war so stolz auf dich. Aber ich habe hier noch kein frohes Gesicht gesehen in all den Wochen. Christiane Alslev lachte und weinte vor Seligkeit, als ich ihr mitteilte, daß ihr Bruder lebe. Ich mußte ihr alles erzählen von der bösen Wunde am Arm, den der herabstürzende Balken gestreift. Sie hielt meine Hand und küßte mich dann scheu und innig aus tiefer Dankbarkeit, daß ich selbst nach dem Heidehaus gefahren war. Als ich dann aber erzählte, daß sie nun meine Schwester sei, wurde sie traurig und ängstlich. »Ich sah diese Liebe kommen,« weinte sie, – »bei Uwe sah ich sie, – und ich hoffte, ich würde mich täuschen.« »Hast du mich nicht lieb, Christiane?« Sie schluchzte weh auf. »Von ganzem Herzen. Aber Uwe ist so stolz – und Sie alle hier, Ihre ganze Familie und alle die vielen Bekannten und Freunde von Ihnen, sie stehen so hoch über meinem Uwe Karsten und – reichen doch nicht an ihn heran. Es wird endloses Leid geben, und mein Uwe hat schon so viel gelitten.« Das besitzergreifende Fürwort tat mir weh. »Er ist jetzt mein Uwe«, erwiderte ich fest. »Und ich will ihm Glück geben, so wahr mir Gott helfe.« Sie nickte ernst, und ich ging mit tiefen Gedanken nach Hause. – Ich habe an Lubruder meine Verlobung telegraphiert, und Uwe hat an ihn geschrieben. Eine törichte Antwort traf telegraphisch ein. »Bitte dringend, mit jedem entscheidenden Schritt zu warten, bis wir zurück sind.« Wir ! Was soll die kleine Ellen dabei tun? Gedenkt sie mitzusprechen, die siebzehnjährige Weisheit, wenn ich mein heiliges Lebensglück aufbauen will? Lubruder! Komm rasch zurück. Ich bin sehr einsam hier in unserer hochmütigen Sippe, und ich möchte doch nicht so wieder vor Uwe Karsten hintreten – mit leeren Händen. Ich müßte mich schämen, so arm zu sein an Geschwister- und Verwandtenliebe, dem unermeßlich Reichen gegenüber. Denn er hat eine Mutter. Mutter Alslev, wie liebe ich dich und deinen Sohn! Kommt, umfangt mich mit euern treuen Armen! Euer Kind hat sich müde gesehnt und geweint. Gute Nacht, Mutter Alslev! Gute Nacht, Uwe Karsten, mein Liebster! Hamburg, den 19. Mai. Ich bin des Treibens müde. Wenn es noch ein Kampf wäre! Ein ehrliches Ringen und Fechten gegen einen ehrlichen Feind! Was ich durchleide, ist häßlich und unwürdig. Lubruder ist zurückgekehrt. Lubruder! Ist er es denn noch? Wie soll ich ihn aber sonst nennen? Ludwig Diewen ist er auch nicht mehr. Der war gut, klug, liebenswürdig, ehrlich und groß. Der jetzige Chef des Handelshauses Diewen ist der Sklave seiner jungen, hübschen, reichen, törichten Frau. »Wie konntest du uns das antun?« klagte Ellen Diewen, geborene Vanlos. »Was tat ich euch an?« fragte ich ernst zurück. Sie setzte ein tief beleidigtes Gesicht auf, – das Kind, das kleine, dumme Mädchen. »Schone Ellen«, bat Ludwig, als wir allein waren. Er sah gequält und nervös aus, aber schon, wenn er den Namen seines jungen Weibes aussprach, flog es hell über sein Gesicht. Wie hat ihn die Liebe gewandelt! Aber nur seine Liebe versteht er, die meine schafft ihm Unbehagen. »Lubruder, du warst doch erstaunt damals über Alslevs tiefe und vielseitige Bildung, du kennst ihn als Lehrer, als Mensch, – begreifst du nicht, daß ich ihn lieben muß?« » Muß ? Nein , Ursula. Du selbst sprachst von der Kluft, – der unüberbrückbaren.« »Ja, Ludwig, ich tat es, und ich schäme mich jetzt dessen unsäglich. Noch ahnt es Uwe Karsten nicht, wie klein seine Braut war.« »Seine Braut? Ursula, – besinne dich! Willst du im Ernst? – – –Allerdings, mündig bist du – – « »Ludwig!« Er war ganz bleich vor innerer Erregung, ich sah ihn an und suchte angstvoll nach einem Strahl der alten Liebe in seinen guten Augen. Und schon leuchtete es in ihnen auf, wie einst, als noch nichts uns trennte, da tönte von den andern Zimmern her Ellens kindisches Weinen, und Ludwig sprang erschrocken auf und lief eilends hinaus. Ich aber saß allein, wohl eine Stunde lang in schweren, bitteren Gedanken. Endlich kam Ludwig wieder. Ein freierer Zug lag jetzt auf seinem ernsten Gesicht. »Ellen schläft«, begann er sichtlich beruhigt, »Sie darf jetzt durchaus nicht aufgeregt werden, meint der Arzt.« Wieder flog so ein Glückschein über sein Gesicht. Er zog einen Stuhl dicht zu mir heran. »Ursula. – Gott weiß, daß ich dich glücklich sehen möchte, aber – –« »Es gibt kein ›Aber‹, Lu!« »Was willst du tun, Ursula?« »Was kann ich tun?« rief ich schmerzlich. »Ich kann zu ihm hinlaufen, denn ich bin mündig; du erinnertest mich vorhin selbst daran – – –« »Vergib, Urschel!« Es war die alte, treue Stimme, und Lubruder nahm meine Hand und drückte sie fest. »Sage mir, wie ich dir helfen kann!« Ich sprang auf. »Ja, Ludwig, hilf mir! Schreibe ihm, daß du ihn erwartest, – er wird kommen und bei dir, dem älteren, einzigen Bruder, um mich werben. Uwe Karsten hat dich lieb, – vom eigenen Urteil aus und durch meine Schilderungen von dir, – Lubruder. – Gib ihm die Hand und gib mich ihm!!! So allein ist es unser und seiner würdig.« »Ursula, du willst Frau Dorfschullehrer Alslev werden?« Ludwig sagte es beinahe tonlos. Ich fühlte, daß ich rot wurde. Ein häßliches Erröten. Und meine Worte waren noch häßlicher. »Nein.« rief ich, »das will ich nicht. – Ich will die Gefährtin des Dichters Uwe Karsten sein, und die Gattin des herrlichen Menschen Alslev. Wir können uns unser Nest bauen, wo wir wollen, im Süden, im Norden, im Osten, überall kennt und achtet man seinen Namen. Wir werden reisen – –« »Das ist etwas anderes!« entgegnete Ludwig ruhig. »Ich will ihm schreiben.« Er ging rasch hinaus, viel zu rasch für mich. Und ich stand da, mit wildschlagendem Herzen. Jähes Angstgefühl überflog mich. – Ich sah mich sitzen in stürmischer Heidenacht mit Uwe Karsten Hand in Hand. Ich sah sein edles Gesicht mit den leuchtenden Augen und hörte mich fragen: »Liebst du deinen Beruf, Uwe Karsten?« Und hörte ihn antworten, laut und feierlich: »Aber alles !« Was hatte ich eben getan? War ich denn noch wert, daß er mich zur Gefährtin begehrte? »Nein,« hatte ich ausgerufen, »ich will nicht Frau Dorfschullehrer werden!« Hinter Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien hatte ich mich versteckt, ich – die aufrechte, stolze Ursula Diewen. Seinen Beruf hatte ich geschmäht und hatte mich doch seinen treuen Kameraden genannt. An Petrus mußte ich denken, der seinen Herrn verleugnete. Und auch ich wandte mich ab und weinte bitterlich. Auf wen soll Uwe sich verlassen, wenn nicht auf mich? Hamburg, den 23. Mai. Heute trat Ludwig rasch zu mir ins Zimmer. Wir hatten uns kaum gesehen in den letzten Tagen. Es ist eine Art Acht über mich verhängt; Onkel Eberhardt und Tante Renate machen unglückliche Gesichter, wagen aber nicht, den Bann zu brechen durch freimütige Aussprache. – Frau Sabine spricht kaum das Nötigste mit mir, und selbst die Hausdame des Senators Vanlos, die sich zu einer Art Pflegerin von Frau Ellen anläßt, setzt eine schier beleidigte Miene auf, – ich habe bei ihr verspielt, seit ich ihrem verwöhnten Pflegekinde einige Kopfschmerzen bereite. »Lies, Ursula«, sagte Ludwig nur, reichte mir ein Schreiben und verließ mich wieder. Ich fühlte, ich hielt mein Schicksal in der Hand. Immenhof, den 22. Mai. Sehr geehrter Herr Diewen! Von vornherein muß ich um Entschuldigung bitten. Ich hatte mich in den Gedanken hineingelebt, in Ihnen den lieben Bruder und Freund zu sehen, – nun müssen Sie Nachsicht haben, wenn ich gegen den Chef des weltbekannten Handelshauses Diewen nicht gleich den rechten Ton finde. Als solcher haben Sie mir geschrieben. Ich weiß nicht, ob Ihre Schwester, wenigstens in Gedanken, Ihren Brief unterschrieben hat, – nach Ihren Worten muß ich es annehmen. Deshalb nehme ich Sie beide als eine Person und antworte Ihnen beiden zusammen. Sie fragen mich, wie ich – dazukam, Ihrer Schwester meine Liebe zu gestehen? Nun eben weil ich sie liebe und zu meiner Gattin machen will. Und weil ich wohl eine Kluft zwischen den Anschauungen des Hauses Diewen und denen des Lehrers Alslev anerkenne, niemals aber zwischen unserer Stellung von Mensch zu Mensch. Ihre Schwester hat mir in freiem Wort ihre Liebe, ihre köstliche reine Mädchenliebe gestanden und mir ohne Zwang das Recht gegeben, um ihre Hand zu bitten. Daß Ihre Schwester reich ist an irdischen Gütern, weiß ich, doch kümmert es mich nicht. Sie kann schalten und walten damit, wie sie es will, denn ich habe genug für uns beide und wollte sie in mein Haus führen, nicht in das ihre. Ob das Vermessenheit von mir ist, darüber hat niemand zu entscheiden, als Ursula Diewen selbst. Sie bitten mich, meinen Beruf aufzugeben, eine der vielen Ehrungen oder Titel anzunehmen, die man mir hochherzig anbot, – als freier Schriftsteller auf einem Ihrer Güter zu leben, oder mit Ursula zu reisen: kurz, Sie wollen mich auf eine feine, liebenswürdige Art sozusagen »hoffähig« machen, und ich muß alles ablehnen, Herr Diewen. Denn ich bin nicht durch äußerliche Verhältnisse in meinen Beruf gedrängt worden, sondern ich habe ihn mir aus vollster Überzeugung selbst gewählt, und er ist mir heilig. Auch gibt mir meine Heideschule nebenbei die Stille und etliche Muße, meinen schriftstellerischen Arbeiten zu leben, viel mehr, als es die große Welt mir geben konnte. Alles dies weiß Ihre Schwester. Und ich selbst weiß, daß Ursula fest mit dem Boden Ihres Hauses verwachsen ist. Deshalb möchte ich sie nicht heraus reißen . Denn es könnte etwas Köstliches im Mutterboden zurückbleiben, vielleicht gerade das, was mir an Ihrer Schwester so heilig dünkt, – das Vertrauen, das sie mir, dem fremden Manne, schenkte. In Ursulas Hand allein lege ich die Entscheidung. – Nicht über meinen Beruf, oder was damit zusammenhängt, sondern über unser beider Glück. Ich grüße Sie und Ihre Schwester von ganzem Herzen, Uwe Karsten Alslev Hamburg, den 10. Juli. Schicksal, nimm deinen Lauf! Seltsam schwer waren mir Arme und Hände, als ich das Schriftstück zusammenlegte. Vor sechs Wochen war das. Ich weiß das noch alles ganz genau, oder vielmehr, in meinen dämmerigen Erinnerungen nehmen jetzt jene Ereignisse feste Gestalt an. »Ich lege die Entscheidung allein in Ursulas Hand.« Das waren die Worte, die mich nicht losließen. Meine Entscheidung war gefallen, und sie war so festgefügt, daß es mir vorkam, als gehöre ich gar nicht mehr in das alte Hamburger Patrizierhaus, darinnen Vorurteile und engherzige Anschauungen sich breitmachten. – Ich bestellte mir unsern Wagen, um zu der zu fahren, die ein Stück meiner künftigen Heimat bedeutete, zu Christiane Alslev. An Ludwig schritt ich vorbei, fremd und kalt. Ihm mußte mein blasses, entschlossenes Gesicht auffallen. »Wohin, Ursula?« »Zu meiner Schwester.« Er nahm mich in seinen Arm, und ein so warmer Strahl der alten Bruderzärtlichkeit traf mich, daß ich mich einige Augenblicke an ihn schmiegte.– »Bin ich abgesetzt, Urschel?« fragte er in scherzhaft sein sollendem Ernst. Nun wollte ich ohne Antwort weitergehen. Er aber hielt mich zurück. »Urschel, du bist krank! Ganz krank und abgespannt.« Er nahm meine Hände in die seinen. »Du frierst und zitterst, – ich rufe Jungfer Minna, die bringt dich zur Ruhe.« »Bin ich ein Kind, Ludwig?« »Ja, und ein Schmerzenskind dazu, ein krankes, Aber du wirst sie überwinden, diese – – –« »Kinderkrankheit? Meinst du, Ludwig?« Spöttisch und doch tief gekränkt, schmerzdurchzittert fragte ich es. »Ja, Ursula!« Ich schritt an meinem Bruder vorbei die Treppe hinunter. Unten hielt mein Wagen, der mich nach dem Diakonissenhause führte. Ich hatte mir so bis ins einzelne das Wiedersehen mit Christiane Alslev ausgemalt, daß ich in schmerzhafter Enttäuschung vernahm, Christiane sei nicht zu sprechen. Die Masern seien ungewöhnlich heftig in der Anstalt wie in der ganzen Stadt ausgebrochen, und Christiane habe sich beim Pflegen angesteckt.« Als ich todmüde zu Hause ankam, mußte ich mich gleich hinlegen, und das Schicksal nahm Bruder Ludwig beim Wort. »Kinderkrankheit« hatte er gemeint, und die Masern brachten mich beinahe dicht vor jenes dunkle Tor, hinter dem ein frommer Glaube eitel Licht vermutet. Vier Wochen war es dunkel um mich, das Fieber war hoch, und meine Augen schmerzten unerträglich. Aber nicht mein Herz. Das schlug seltsam rasch und froh. Denn die Fieberträume waren barmherziger als das gesunde Leben, sie führten mich in meine Heimat, an Uwe Karstens Herz. Ich sah seine tiefen, wunderschönen Augen über mich geneigt und hörte seine herzgewinnende Stimme. Wir waren wieder auf unserer Glücksinsel und tauschten Zärtlichkeiten. Dann wieder war's mir, als hörte ich weinen, schmerzhaft, stöhnend, aber ich konnte nichts erkennen in dem verdunkelten Zimmer und beruhigte mich, wenn Jungfer Minna leise sagte: »Da ist nichts, liebes Fräulein Ursula.« Einmal meinte ich sogar, Frau Sabinens Hand streichelte mich, – Frau Sabine neige sich über mich und küsse mich mütterlich zärtlich. Da lachte ich, – wirklich, ich lachte – und das war schon die Genesung. Eines Morgens erwachte ich aus erquickendem Schlaf, und da saß Ludwig an meinem Bett. Ich unterschied deutlich seine Züge in dem helleren Lichte, das mit Erlaubnis des Arztes jetzt in mein Zimmer drang. Ludwig sah blaß und erschöpft aus, er hatte sich sehr um mich gesorgt. »Urschel, – bald bist du ganz gesund«, sagte er weich. »Die Kinderkrankheit, Lubruder«, nickte ich ernst mit bedeutsamer Betonung. »Aber nun habe ich sie überwunden!« Er sah mich gespannt an. »Wirklich?« fragte er und holte tief und erleichtert Atem. »Ich glaube es, Ludwig. Noch ein paar Tage volle Ruhe, – dann kann ich zu meinem Uwe gehen!« – Mit hartem Schritt verließ Ludwig das Zimmer. Den 20. Juli. Morgen darf ich reisen. Heiß und warm liegt der Sommer über der Welt. Auch über mir, denn ich gehe zu Uwe. Aber manchmal fröstelt es mich doch, – das ist, wenn ich daran denke, wie allein ich zu ihm komme. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Bruder. Uwe, mein Uwe, die Hamburger Patriziertochter ist gar arm. Gib ihr von deinem Reichtum ab, – sie hungert und dürstet. Alles mußt du mir sein, mein Uwe, wie ich dein Alles sein will. Sie haben dir nicht geschrieben von meiner Krankheit, und Christiane ist nicht bei mir gewesen. Als ich heute den Diener ins Diakonissenhaus schickte, brachte er mir die Nachricht zurück, daß Schwester Christiane nach Immenhof zu einer Pflege abgereist sei. Zu einer Pflege? Mir stand einen Augenblick das Herz still. Mein Leben ist ja ein Schwanken zwischen Krankheit und Tod, beinahe verliere ich ganz meine Frohmütigkeit und alle Hoffnung auf eine lichte Zukunft. Doch es muß ja nicht gleich mein Liebster sein, der krank liegt. Starkes Gottvertrauen habe ich. Er wird das Rechte für mich wissen. Vielleicht ist jemand im Dorfe erkrankt, Frau »Pastörin« ist auch nicht die stärkste und – Christiane Alslev ist besonders vorgemerkt für Immenhof und Kornhagen, wo sie einst Oberin sein soll. Hin und her reißen mich meine Gedanken. Was schaffen Liebe und Sehnsucht für Unrast! Nachts. Herrgott, deine Wege sind wunderbar! Alles schläft im alten Hause, – nur ich kann es nicht. Es stürmt zu viel auf mich ein, mein Herz kann noch gar nicht an Licht denken, wo bis jetzt nur Schatten war. Und wieder falten sich meine Hände: »Herrgott, wie führst du mich!« Zwei Uhr nachts. – Ich will die schleichenden Stunden benützen, um vieles in diese Blätter niederzulegen, viel Seltsames, viel Gewaltiges. Die Feder kann den Gedanken kaum folgen, – Ruhe. Ruhe. Ursula !! Ludwig kam heute zu mir am frühen Nachmittage. Er sah meine Koffer und mein verändertes Zimmer. »Du willst wirklich fort, Ursula?« »Hast du daran gezweifelt, Ludwig? Für was hältst du mich?« »Ich hielt dich für einen starken, selbstbewußten Sproß des Hauses Diewen, ich glaubte bestimmt, daß du diese Liebe überwinden würdest.« »Ludwig, du sprichst, als seist du Ellen Vanlos, Spanne den Bogen nicht zu straff! Ich gab dir wahrhaftig keinen Unwürdigen zum Bruder, Warum achtest du meine Wahl nicht?« Ludwig sah sehr blaß aus. Plötzlich nahm er meine beiden Hände. »Urschel, – liebe Urschel! Ich fühle, daß etwas sehr Gutes mit dir aus meinem Leben fortgeht, – –Urschel, und ich leide um dich. Deine Zukunft scheint dir rosig in deiner Liebe zu Alslev, die, wie ich jetzt weiß, tief und gewaltig ist, aber ich sehe tausend Nadelstiche, an denen meine stolze Schwester sich verbluten wird. Du kennst ja die Welt nicht, meine alte, geliebte Urschel !« »Uwe ist meine Welt!« Ludwig seufzte tief auf. »Sag' mir ein gutes Wort, Ludwig! Du bist ja doch zuerst von mir gegangen, und Ellen – – « »Nichts gegen Ellen«, bat Ludwig. »Sie hat ein seelengutes Herz, wenn sie auch kindisch und vertrotzt scheint, dir gegenüber. Und die Frauenwürde – und angehende Mutterwürde, – Urschel, sie ist kaum achtzehn Jahr' und kann noch nicht alles überwältigen. Ach und nach all dem Schmutz und den Häßlichkeiten der vergangenen Jahre ist mir ihre verkörperte Reinheit etwas Köstliches!« Ludwig sprach rasch und aufgeregt. Er hatte längst meine Hände losgelassen und schritt im Zimmer auf und ab. Dann blieb er hart vor mir stehen. »Auch daß meine Ellen aus so tadellosem, angesehenem Hause stammt, ist mir von Nutzen – – wenn auch – –« Ludwigs Stimme bebte. Ich sah ihn verständnislos an. »Von Nutzen? Sind Haus Diewen und unser Name nicht allein der größte Nutzen für dich?« Ludwig ballte die Hand, ich erschrak bis ins Innerste. »Urschel! – Otto, unser Stiefbruder, hat unsern reinen Namen geschändet. Ein Diewen ist schimpflich vom Gymnasium gewiesen. Ein Diewen hat die Unterschriften der Lehrer gefälscht, er hat – einem Kameraden Geld entwendet.« »Ludwig!!« »Ja, du hast wohl alle Ursache zu erschrecken.« »Es war während deiner Krankheit,« fuhr Ludwig hastig fort, »ich reiste gleich nach Hannover, Doktor Bevensen begleitete mich. Der Direktor war unerbittlich, ich nahm die Zwillinge gleich beide mit, tat Friedrich nach Lüneburg, und den verstockten, trotzigen Buben nahm ich mit nach Hamburg. Was ich mit ihm tun wollte in meinem Zorn, wußte ich noch nicht, – am andern Morgen war er fort. Fort! Ursula und ich weiß nicht, in welchem Sumpf er etwa den Namen Diewen herumzerrt.« Die ganze Gewalt eines jähen Zornes hatte Ludwig gepackt. »Er ist ein Knabe«, wagte ich begütigend einzuwerfen. »Ein Knabe,« rief Ludwig bitter, – »mit einem Sündenregister wie ein Strolch. Und, Urschel, – du kennst Frau Sabine, – sie ist wie von Sinnen. Ich fürchte für ihren Verstand. Sie hat sich eingeschlossen, nur Jungfer Anna darf zu ihr – –« »Und ich!« rief ich rasch entschlossen, »Frau Sabine war bei mir während meiner Krankheit, – ich weiß es jetzt genau.« »Unmöglich. Urschel. du mußt dich irren!« »Nein, Ludwig, ich weiß es gewiß. Und sie ist für mich jetzt nicht mehr bloß ›Frau Sabine‹, sie ist eine schwer leidende Mutter, – sie leidet um unseres Vaters eigen Fleisch und Blut, Ludwig.« Er starrte finster vor sich hin. »Frau Sabine trägt die Schuld. Ihre Affenliebe hat ihn verdorben.« Ich mußte den Kopf schütteln. »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, – Ludwig, dich haben das Leben und unser herrlicher Vater erzogen. Er starb zu früh für Otto.« Ich wollte nun zu Frau Sabine eilen, aber Ludwig hielt mich zurück. »Urschel,« sagte er schwer atmend und gepreßt, »hast du bedacht, – daß – Alslev – du – bringst ihm nun keinen reinen Namen – – –« Ich sah ihn verstört an. »Ein Knabe, ein törichter, fünfzehnjähriger Knabe sollte mein Glück vernichten können mit einem häßlichen Bubenstreich, der nichts mit mir zu tun hatte??« War das nicht ein Aufdiespitzetreiben? Ludwig sah erbarmungswürdig aus. »Besinne dich doch.« bat ich, und ich fühlte, daß ich ganz ruhig wurde, »du machst dich krank. – Wie viele hochangesehene Familien haben ihr Gespenst – du siehst zu schwarz. Otto ist ein Kind, unser Name ist rein seit Jahrhunderten – –« In dieses Wirrsal hinein meldete man mir – Senator Vanlos. Ich hatte ihn seit Ludwigs Hochzeitstag nicht wiedergesehen, er war ja gleich darauf so schwer erkrankt, und meine unbefangenen Zeilen, die ich ihm daraufhin schrieb, hatte er unbeantwortet gelassen. Ludwig raffte sich zusammen, als sein Schwiegervater eintrat. Der stolze Kaufherr sollte ja nichts ahnen von dem, was bei uns vorging. Und da sagte Senator Vanlos ruhig: »Diewen – wir haben ihn – euern Otto!« Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Unsere raschen Fragen, die ruhigen Antworten, – – alles, was nun folgte, war so überwältigend, daß ich es nur kurz, nur rasch und trocken niederschreiben kann. »Wo – um Gottes willen! – wo ist er?« »Bei Uwe Karsten Alslev in Immenhof. Ludwig, ich bitte dich, uns allein zu lassen, ich habe mit deiner Schwester zu sprechen.« Senator Vanlos händigte Ludwig einen Brief ein, der Uwe Karstens Schriftzüge trug. – Dann war ich mit ihm allein. – – Nichts, nichts erinnerte an den für mich so schrecklichen Tag im März. Die klugen Augen in dem feingeschnittenen, bartlosen Gesicht des Senators waren würdig, gütig, freundlich und etwas forschend auf mich gerichtet. »Ich kann Ihnen heute erst für Ihren Brief danken, kleine Ursula, den Sie mir während meiner Krankheit schrieben« – Sie sind ein tapferes, gutes Kind.« Er räusperte sich, und seine Stimme schwankte bedenklich. »Können und wollen Sie nochmal zu dem alten Vanlos aus Herzensgrund Vertrauen fassen? – Ich habe viel an meinen treuen alten Jugendfreund denken müssen in den letzten Wochen und möchte – hm – einiges gutmachen, Ursula, – ich wollte Sie vor allen Dingen zu Ihrer Wahl beglückwünschen – hm, erkundigt habe ich mich bei Pontius und Pilatus, bei Hinz und Kunz nach dem Alslev, als ich hörte, das Kind meines alten Freundes habe diesem Heideschulmeister das brave, kleine Herz geschenkt. Also gratulor ! Sie ist gut ausgefallen, die Erkundigung. Und, Ursula – ich höre, Sie wollen ins Heidehaus, aber Ludwig – hm – streikt? So nehmen wir an, er kann jetzt nicht fort von meiner, seiner kleinen Ellen, und statt dessen nehmen Sie mich zum Reisemarschall – hm – und Brautvater.« Er streckte mir beide Hände hin, und ich legte in tiefer Bewegung die meinen hinein. – »Onkel Vanlos! Ich danke Ihnen!« »Onkel! Hm ! Na, es klingt ganz schön«, sagte er mit Humor. »Und nun zu Frau Sabine, wenn Ludwig nicht schon bei ihr ist. Morgen bringe ich alles in Ordnung mit dem vertrackten Bengel, dem Otto. 's ist mein Patenkind, – aber ich war früher korrekter. Ludwig hat sich viel zu viel erregt, – die Schulmonarchen haben die Sache bis zur Unkenntlichkeit aufgebauscht, – na, Sie werden ja nun selber einer.« Er lachte spitzbübisch. – »Gute Nacht, Schulmeisterlein Ursula – morgen früh zehn Uhr steht mein Wagen vor Ihrer Tür.« Er ging rasch fort, und ich lief zu Frau Sabine. Frau Sabine soll sie auch weiter in diesen Blättern heißen, aber ich habe sie vorhin in stiller, tiefernster Zwiesprache schon leise »Mutter« genannt. Sie begleitet mich morgen nach Immenhof zu ihrem armen Kinde. Es hat sich – sinnlos vor Angst – ins Heidehaus flüchten wollen, weil es glaubte, ich sei dort, die große Stiefschwester, zu der er Vertrauen hatte. Uwe hat ihn gefunden – sehr krank, aber Christiane pflegt ihn zu neuem Leben gesund. Gute Nacht, mein herrlicher Uwe! Ich komme! Nicht mehr ganz arm, – du Reicher! Gott behüte uns beide! Heidehaus, den 31. Juli. Still, still! Nicht sprechen! Ein lautes Wort könnte das Glück verscheuchen, das heilige Glück, das auf dieser gesegneten Schwelle wohnt. Es ist Herrgottsfrühe! Alles schläft noch ringsumher, nur das Tierleben drinnen im Stall und draußen auf der Heide ist schon lebendig, und die Sonne, die ewige, leuchtende, ist aufgegangen. Glutrot strahlt ihr Schein über meine Heide, und jeder Heidebusch sieht in seiner Tautropfenpracht aus wie eine juwelengeschmückte Braut, die zur Hochzeit schreitet. Meine Unrast läßt mich nicht schlafen. Ich bin zu glücklich. So lange habe ich im Schatten gestanden, daß die Sonne mich beinahe weinen macht. Uwe, mein Uwe, macht auch dich das Glück schlaflos? Denn schon bei Sonnenaufgang lag ein Heideblumenstrauß vor meinem Fenster, mit einem buntseltenen Bande umschlungen, wie du es so liebst. Schläft du jetzt wieder? Um die liebe Mutter nicht zu erschrecken? Und den langsam genesenden Bruder Otto? Du weißt ja doch, ich habe den lieben Strauß gefunden und träume in seinem zarten Duft die Morgenstunde hindurch, – von dir, mein Uwe! Wann träumte ich je etwas anderes? Zehn Tage bin ich nun schon bei dir! Zehn Tage deine Braut vor Gott und den Menschen. Und nun in dieser heilig stillen Morgenfrühe soll mir die Feder dazu verhelfen, daß ich aus dem Himmel ein wenig herniedersteige zur Erde und in diese Blätter, und sein sorgsam alles berichte, was sich in diesen zehn Tagen zugetragen. Gar feierlich führten mich Senator Vanlos und Frau Sabine ins Heidehaus. Uwe hatte uns beinahe völlig schweigsam vom Bahnhof über die Heide gefahren. Im Hause fanden wir den schwerkranken Otto, an seinem Bette Mutter Alslev und Schwester Christiane, beide sich ablösend in aufopfernder Pflege. Wir brachten Frau Sabine zu ihrem Knaben, ein ernstes Wiedersehen! Mutter und Kind blieben allein, während Senator Vanlos nun an meines Väterchens Stelle mit meinem Verlobten sprach. Nüchterne, geschäftsmäßige Sachen. Aber er hatte einen warmen Klang in der Stimme, und das fesselte meinen Uwe, ich merkte es wohl. Manchmal nickte Uwe ernst zustimmend und manchmal unbehaglich, – dann lachte ich und hielt seine Hand an meine Wange. Viel Gutes soll aus all den Zahlen kommen, die Senator Vanlos vor uns aufmarschieren ließ, das geloben wir uns beide. Uwe Karsten ist reich, – wie lachte er herzlich, als ich es ihm sagte. Er baut ein Haus für sich und mich, – drunten am Waldesrand, – oh, solch ein liebes Stellchen! Eine große Diele nach alter Bauernart, rechts davon mein Wohnzimmer mit meinem Flügel, links Uwes Arbeitszimmer und die Küche. Eine schöne Treppe führt in den Oberbau. Ein sonniges Schlafzimmer rechts, ein sonniges Schlafzimmer links und in der Mitte ein »Morgenstübchen«, wo wir früh unsern Kaffee trinken wollen. »O brich nicht, Steg, du zitterst sehr, Erde, laß dein Beben, Himmel, fall nicht ein. Eh ich nicht mag bei meinem Liebsten sein.« Wie soll das Haus heißen? »Hüttchen« soll es heißen, unser Hüttchen! Nach den Beratungen mit meinem Verlobten ordnete Senator Vanlos Ottos Angelegenheit. Der Junge ist tiefgebeugt und zerknirscht, an meinem Uwe hängt er mit einer an Schwärmerei grenzenden Dankbarkeit. Otto soll zum Bruder von Senator Vanlos nach Rangoon. Dort kommt er in liebevoll strenge Zucht; macht er uns Ehre, so soll er in das Vanlossche Zweiggeschäft dauernd eintreten. Frau Sabine weint, aber sie ist mit allem zufrieden. Während der Senator mit ihr und Otto alles besprach, war das halbe Dorf bei mir und Uwe zum »Grattlieren«. »Was 'n Glückt« rufen sie alle, – Ich will treu zu ihnen halten, ich will mir meinen Uwe und die Heide verdienen. Der Senator reiste noch am Abend zurück. Uwe und ich gaben ihm das Geleit zum Bahnhof. Dankbar bis ins tiefste Herz hinein. And als das letzte Kräuselwölkchen der Lokomotive verweht, gingen wir Hand in Hand in die blühende Heide hinein, mein Uwe und ich. Immer rascher gingen wir; – je näher der stille, verschwiegene Wald kam, desto schneller ward unser Lauf. Hochatmend blieben wir stehen, sogen den köstlichen Kiefernduft ein und sahen uns selig – selig in die Augen. Ins weiche Heidekraut setzten wir uns, Hand in Hand, Herz an Herz, Mund an Mund. Nur manchmal ein Flüstern: »Ursula, – Uwe! Uwe! Ursula!« – Still, still! – – Nicht fortscheuchen das heilige Glück! Weiß gar nicht, welches Datum wir schreiben, – so lächerlich sorglos lebe ich hier meine Tage dahin. Ich weiß nur einen Tag. Am 22. August soll unsere Hochzeit sein. Dann wollen wir reisen. Ei freilich wollen wir. Uwe Karsten und ich erzählen es überall. Italien, Griechenland, Ägypten, um die halbe Welt, oder die ganze, es kommt uns nicht darauf an. Reisen wollen wir. Die Trauung soll in Immenhof beim Ortsschulzen sein, und im Immenhofer Kirchlein gibt uns Pastor Sunneby dann zusammen. Keine starre Seide wird mich umrauschen wie damals in Hamburg, ein schlichtes weißes Wollkleid habe ich mir ausgesucht, einen schlichten grünen Myrtenkranz windet mir Schwester Christiane, von einem alten Myrtenbaum meiner lieben Mutter, und in einen schneeigen Schleier hüllt sie mich ein. – O Glück über alles Denken! Daß mein Lubruder schweigt, tut mir nicht weh in meinem heiligen Glück, das ist eine Sünde, die auf ihm lastet. Ganz still wird unsere Hochzeit sein, nur Mutter Alslev, Frau Sabine, Christiane und Senator Vanlos, sowie Pastor Sunnebys. Nach einem einfachen Imbiß reisen die Gäste fort und nehmen Frau Sabine und Otto mit. Mit einem etwas späteren Zuge fahren dann Uwe und ich. So sagt der Reiseplan. Heide, du meine Heide, – du weißt es besser. Wir werden dir nicht untreu, wir wollen nicht in die Fremde, wir wandern still an dem heiligsten Tage unseres Lebens über deine herrliche Weite und gehen dann sacht ins Heidehaus. Senator Vanlos hat fürs Immendorf-Kirchlein eine neue Orgel gestiftet. Alle Menschen meinen es gut mit uns. Das Heidehaus gleicht einem Museum seltenster Kostbarkeiten, – die alten Freunde meines Vaters können sich an Aufmerksamkeiten nicht genug tun. Aber die Ehrungen, die mein Uwe erfährt, will ich schweigen, er könnte einst diese Blätter lesen und meinen, mein Herz hinge an Dingen, die seiner Seele fremd sind. Nein, nichts soll ihn betrüben, kein Hauch. Ich bin nur auf dieser Welt, um seinem Glücke zu leben. Unser Hüttchen wird vor dem Winter nicht fertig, Vielleicht zünden wir die Weihnachtstanne darin an. O nicht so weit denken! Sacht kommt das Glück, – schrittweis. Den 22. August. Ursula Alslev! Jetzt müßten diese Blätter still verschwinden. Aber ich kann mein Glück nicht allein tragen, es wird zu mächtig für mich. Und Uwe ist nicht bei mir, er bringt unsere Gäste zum Bahnhof. – Mutter Alslev macht gleich noch einige Besuche, sie vergißt ihre Kranken nicht, selbst am Ehrentage des Sohnes ist sie tätig. Die Dämmerung schreitet über die Heide, und neben ihr – die Sehnsucht. Ich bin noch in Schleier und Myrtenkranz. Stille Zwiesprache möchte ich halten mit Vater und Mutter, denn mein Kinderglaube sagt mir, daß sie jetzt, gerade jetzt bei mir sind. Mich segnend und ihn. Bewußten Abschied möchte ich nehmen von meiner Mädchenzeit, an das alte Haus in Hamburg denken, an Lu – o an so vieles. An die neuen Pflichten, die ernsten, die mir in Dorf und Heideland bevorstehen als schlichter Lehrersfrau. Die Heidebauern sind streng darin, und wer weiß, ob sie mir nicht starke Vorurteile entgegenbringen? Stärker noch, als das Vertrauen zu ihrem Lehrer ist? Aber wie kommt es, daß alle diese ernsten Gedanken, die so wundergut zu dem ernsten Tage passen, nur flüchtig an mein Herz klopfen und rasch wieder verschwinden? Und nur eine süße Bangigkeit mich gefesselt hält, daneben tiefes Heimweh nach ihm, dessen Namen ich trage? Der meine Heimat ist? Uwe! Meine Sehnsucht ruft dich! Aber die lieben wohlbekannten Schritte sind noch fern. Noch einmal, zum wievielten Male schritt ich durch unser Reich. Wie es traut ist! Wie schön, wie reich! Dann stand ich auf der Schwelle seines Arbeitszimmers, und meine Augen durchflogen den ernsten Raum und blieben schließlich haften auf dem dunkeln, schweren Schreibtisch mit dem roten Ledersessel davor. Wirst du arbeiten, schaffen und fabulieren können, Uwe Karsten, in unserm atembeklemmenden Glück? Ich weiß es schon jetzt, du Liebster, – deine Augen werden mich mitten in der Arbeit suchen, und deine Stimme wird mich rufen, und deine kleine Urschel wird mit dir auf dem roten Sessel sitzen – – – Die Heidesonne! Liebe Heidesonne! Glutrot strahlt sie in das Fenster und legt sich verklärend auf die ernsten, dunkeln Möbel. Umleuchtet auch die hohe, liebe Gestalt, die jetzt kraftvoll und rasch über die Heide schreitet. Näher und näher kommt sie, und meine Hand legt sich zitternd auf mein klopfendes Herz. – Uwe Karsten tritt ins Haus, sacht schließt er die Tür, und ich höre, wie er noch den schweren Riegel vorschiebt zwischen die Welt da draußen und – unser Glück. Zwei, drei Stufen auf einmal nimmt Uwe Karsten, der Sturmwind ... Ursula! Uwe! Den 23. August. Heute machten mein Uwe und ich einen langen Spaziergang. Die Sonne war untergegangen, – mich fröstelte etwas. »Fehlt dir etwas, mein Liebling?« fragte Uwe zärtlich. »Ich glaube, Uwe Karsten Alslev, ich habe dich zu lieb«, entgegnete ich träumerisch. »Du bist ein Närrchen, Ursula Alslev, geborene Diewen«, scherzte er. »Uwe Karsten, ich muß an die Heiderose denken. Wir haben sie nicht gesehen, die verzauberte Rose. Ganz rein muß ihre Liebe sein Und selbstlos, Mutterliebe gleich. Gibt's solch ein Paar, so geht es reich Und glückvereint zur Zukunft ein: So tönt die alte Wundermär Geheimnisvoll über die Heide her – – –.« »Wir waren doch rein, mein Uwe, warum sahen wir sie nicht?« »Du liebe Träumerin!« »Vielleicht denke ich weniger an Gott, seit du mein Glück und mein Heil bist, Uwe, – und doch ist mir, als lebe Gott jetzt viel tiefer und heiliger in mir –« »Ich sehe es«, entgegnete er leuchtenden Blickes, »Du bist so ganz mein liebes, inniges Weib, und doch umgibt dich heute etwas, was mich so scheu, andächtig und ehrerbietig macht. Weißt du, wie ich still dich nenne?« »Sag' es mir, Uwe.« »Meine Königin.« »Du Liebster! – Aber Pastor Sunneby predigte gestern: ›Er soll dein Herr sein‹, wie reimen wir das zusammen?« »Wir wollen die Liebe fragen, Ursula, sie weiß alles.« »Wo ist die Liebe?« »In dir und in mir, und um uns, in der Heide und in unserm Hüttchen; allgegenwärtig ist sie.« »Wie unser Herrgott?« »Gott ist die Liebe und wohnt in ihr, und sie lebt in dir, und das ist's, was dich heute so verklärt und durchleuchtet, meine Ursula, daß ich ganz andächtig vor dir stehen muß.« »Mein Uwe, du verwöhnst mich. Und du bist ein Dichter und kannst alles viel schöner singen und sagen als ich. Ich bin nur ein armseliger Lehrbub, du bist in allem mein Meister.« »Ei, wer verwöhnt denn jetzt ? Aber du hast ganz recht, ich bin auch dein Meister, – dein Schulmeister. ›Herr Meister und Frau Meisterin, laßt mich in Frieden weiterziehn und wandern, und wandern'«, sang Uwe schier übermütig und zog mich mit sich. Aber er wanderte nicht, – er lief ganz rasch mit mir ins Haus und dort umfing uns neues Glück mit altem Zauber. – Heidehaus, 5. September. Was ist alle Scheinarbeit, die ich in Hamburg hatte, gegen die wirkliche, die meiner hier gewartet hat, und die ich mit Herzensfreude tue? Heute ging ich wieder beladen dem Dorfe zu. Mein lieber Herr und Gebieter begleitete mich. Plötzlich lachte Uwe Karsten: »Meine Urschel, wir müßten eigentlich in Venedig sein. Komm, wir wandern jetzt nach dem Lido hinaus, und wenn wir wieder heimgekehrt sind, empfängt uns eine Gondel, und wir schwelgen in den Wonnen einer italienischen Nacht auf dem Canale grande.« »Nicht jetzt, mein Uwe. Die alte Häuslerin Barfoot wird grausam von Gicht geplagt, und ich muß ihr notwendig mit gutem Tee und warmen Sachen zu helfen suchen. Dann kommen noch verschiedene Sendungen aus Hamburg, junge Tauben für die Wöchnerin Hansohm, Bananen und Apfelsinen für die arme schwindsüchtige Dorette als letzte Labung, und endlich feste Stiefel für die drei Reißteufelchen bei unserm Gärtner. Wenn ich alles verteilt habe, dann will ich gern mit dir – – nach dem Lido wandern.« Jeden Tag denkt mein Uwe sich etwas anderes aus, wohin wir reisen wollen. Eine wahrhaft üppige Erfindungskraft entfaltet er dabei. Und bei mir kommt er gerade an die Rechte, Wie die Kinder denken wir uns das tollste Zeug aus und verklären alles mit lachender Liebe. So wird die Dorfpfütze zum Canale grande, und das Spritzenhaus zum Dogenpalast. Auf diese Weise besuchen wir berühmte Stätten in Hülle und Fülle und bilden uns auf einsamer Heide zu Weltenbummlern aus. Unser Ziegenstall war schon einmal die Arena von Verona, und der Düngerhaufen vor Instmann Juhls Wohnung stellte gestern Johann Maria Farinas Eau-de-Cologne-Fabrik in Köln dar, die mir Uwe gern mal zeigen wollte. Er hat Humor, mein Uwe. Tief versteckt lag dies köstliche Etwas unter tausend Bitterkeiten, aber wer weiß, ob er das alles hätte überwinden können, wenn nicht ein Gegengewicht da wäre. »Schön, meine Urschel!« Uwe sah mich zärtlich an. »Ich sehe schon, daß ich deine Liebe und Fürsorge mit dem Dorfe teilen muß, – weißt du auch, daß die Immenhofer für ihre ,Landgräfin Elisabeth' durchs Feuer gehen?« Ich lachte. »Genau so, wie deine Jungens für dich durchs Wasser, mein Uwe.« Und ich zeigte auf fünf muntere Bengels, die durch eine mächtige Pfütze auf uns zuwateten. In großen Bogen spritzte es um sie her. »Slüngels, wullt jt woll!« schalt Uwe, »Krischan Drews, wie süht din Büx ut?« »Och, dat is man min ole«, rief der fröhliche kleine Kerl und sah uns strahlend an. »De Fru hat mi jo 'en nigen Antog gewn.« Sein schmutziges Fingerchen zeigte dabei auf mich. »Un mi 'ne nige Mütz', un mi 'ne nige Mütz'!« schrie der zweite barfüßige Junge und warf so fidel seine Beinchen, daß das trübe Wasser fröhlich aufspritzte über die Kameraden hin. »An ik dank' ok velmals für die Hemden,« Ein lieber Junge mit ernstem Gesichtchen reichte mir seine Hand hin. »Un ik ok.« »Un ik ok.« Sie brachten mich wahrhaftig in Verlegenheit, die Kerlchen – – – Aber all das sollten sie ja nicht sprechen, meine rechte Hand hatte tun wollen, daß es die linke nicht sah. Mein Uwe drohte mir lächelnd mit dem Finger, und ich sah ihn schuldbewußt an. Darüber kicherten die Buben. »Kommt mal her, Jungs!« sagte Uwe ruhig. Sie gehorchten augenblicklich, stellten sich stramm hin und sahen uns erwartungsvoll an. »Könnt ihr ein Lied singen?« »Ja, Herr Lehrer.« »Na, denn man los.« Der Kleinste stellte sich obenan, die andern verständigten sich rasch und kaum, daß ich's vermutete, klang es dreistimmig so silberhell, so glockenrein mir entgegen: »In meiner Heide ist's gut sein Zu früher Morgenstunde, Wenn alle Blütenglocken fein Aufläuten in der Runde. Und mittags, wenn im Sonnenbrand Der Kiefern Düfte wehen, – So träumerisch liegt mein Heideland, So weltfremd anzusehen. Doch wenn die Abendglocke hallt Durch Wiesen, Wald und Weide, Still dankbar ich die Hände falt': Gott – schütze meine Heide!« So lieb, so innig und fromm klang es, aber gleich darauf jubelndes Lachen, und fort stoben sie, wie die wilde Jagd. Uwe sah ihnen glücklich nach. »Da spricht man: Holsatia non cantat «, meinte er. »Es ist nicht wahr. Frau Musika wohnt ja selbst in unserer Heide. Und meine Jungens sind alle miteinander geborene Musikanten.« Er zog ein schmales Buch aus der Tasche. »Hör', liebes Weib, was unser Luther sagt: ›Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes eine ist die Musika; der ist der Satan sehr feind, damit man viele Anfechtung und böse Gedanken vertreibt. Musika ist das beste Labsal der betrübten Menschen, sie ist eine Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht.‹« Ich blieb stehen. »Mein Uwe, nun hör' mich an. Ei meinst du, ich kennte meinen Luther nicht?« Und scherzend fuhr ich fort: »›Musikam hab' ich allzeit liebgehabt. Wer diese Kunst kann, der ist guter Art und zu allem geschickt. Ein Schulmeister muß singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.‹ Uwe Karsten, nun guck' mir tief in die Augen. Denn wer sang denn gestern abend noch so wunderherrlich, als ich mich schon zur Ruhe begeben? Wer sang mir das Herz aus der Brust?« Er lachte glücklich. »Ei, wo lief denn das Herzlein hin von meiner Urschel? Doch hoffentlich zu mir!« »Ach, mein Uwe, du warst ja so versunken, – hättest mein Herz am Ende gar nicht gewahrt. So lief es hinaus auf die weite Heide und tanzte im Mondschein und sang: ›Herrgott, ich danke dir, daß ich einem Spielmann zu eigen bin.‹« »Mein kleiner Poet! Mein liebes Weib!« »Mein Schulmeisterlein!« Dann nahmen wir erst einmal Abschied voneinander im Dorfe. Das glaubt wohl niemand, wie schwer der immer wird. Eine ganze Stunde oder mehr muß ich von meinem Uwe getrennt sein außer der langen Zeit, da sein Beruf ihn mir fernhält. Aber die alte Telse Barfoot hält streng darauf, daß »de Schoolmeestern« ihr vorliest. Früher hat es mein Uwe getan, aber sie hat kein Vertrauen mehr zu ihm. Das sagt sie aber lachend, die alte Telse. Denn auch sie hat Humor. Nur dünkt ihr mein Lesen sicherer. Denn Schelm Uwe hat ihr neulich aus der Zeitung berichtet, daß Bülow – »wat 'n Minsch mit grote Gewalt is«, – »Sleswig-Holstein wedder ton selbstännigen Hertogtum makt harr, un dat Telse Barfoot ehr Enkeljung, de ümmer de Irst in de School west wir un nu Schriwer bi 'n Rechtsanwalt in Kiel is, ton Hertog von Sleswig-Holstein 'wählt worrn is.« – »Ne so wat! Ne so wat!« Nun lese ich ihr vor, und ihre welke Hand liegt in meiner lebenswarmen, und ihre halbblinden Augen schauen mich an. Denn ihr Geist ist rege, wie bei einer Zwanzigjährigen. Sie glaubt an das gedruckte Papier wie an das Evangelium – nur wenn ich lese, daß die »Deerns« jetzt studieren, und »de Mannslüd in de Stadt« nicht mehr heiraten wollen, daß es für eine Schande gilt, zu dienen, und daß alles in die Fabriken läuft oder Ladnerin und Schneiderin werden will, dann entzieht sie mir ihre Hände und ruft: »Dat lesen Se gliks noch mal. Dat kann jo rein nich angehn. Se warn doch nich up de Schliche von Ehr Mann kommen un mi Lägen vertellen?« – – – In der Dämmerung holte mich mein Uwe ab, nicht von Telse Barfoots Heim, sondern aus dem Pastorat, das gewöhnlich den Abschluß meiner Gänge bildet. Denn Frau Beate ist meine wahre Herzensfreundin, und mir, der gänzlich Unerfahrenen, eine treue Beraterin geworden. Ich lege ihr Rechenschaft ab von dem, was ich tat und gab, was ich tun und geben will. Frau Beatens Augen sehen noch schärfer als die meinen, und ihr Herz, das gute, behauptet immer seinen Platz und geht nicht mit dem Verstand durch. Darin bin ich ein unmündiges Kind mit vielen Fehlern und Schwächen. Aber die Pastörin hat mich jetzt gut im Zaum, Sie verteilt das Geld und gibt mir Rechenschaft; nur bei Verteilung von Lebensmitteln läßt sie mir völlig freie Hand; es ist gar zu köstlich, hungrige Münder und Mündchen befriedigen zu können aus Herzenslust. Und ich kenne meine Pappenheimer ja jetzt auch schon besser und lasse mich nicht mehr so um den Finger wickeln wie ganz zu Anfang. Da hatte Frau Beate einmal bekümmert vor mir gestanden und gefragt: »Liebste, Liebste, warum haben Sie dem faulen, allzeit ›dunen‹ Hinrich Flaßhar sein Haus ganz und gar streichen lassen?« Warum? Ja, warum? Faul war er freilich stets und nüchtern selten, aber er hatte treuherzig meine Rechte gehalten und so ehrlich gemeint: »Junge Fru, – unser Schoolmeester, dat 's 'n Schoolmeester!« Seitdem nehme ich Unterricht in Volkswirtschaftslehre bei Frau Beate Sunneby. Als ich Arm in Arm mit Uwe von ihr fortging, führte er mich gleich – nach dem Lido. Soviel ich ihm auch von Immenhof zu erzählen hatte, er bestand auf seinem Pakt mit mir und – »er soll dein Herr sein«. – Wunderbar schön erzählt mein Uwe. Wahrhaftig, ich hörte das Mittelländische Meer rauschen und wanderte muschelsuchend am Strande, Und dann waren wir am Canale grande , auf dem die blumen- und lampengeschmückten Gondeln schaukelten. Mein Uwe hob mich in eine solche hinein, und der Führer tauchte die Riemen ins Wasser und sang träumerisch – oder war es mein Uwe?: »Vien quà Dorina bella, Vien quà ti vol abbraciar, Non far la smorfio sella, La Mama non chiamar.« Dann sprach mein Uwe über den unbeschreiblichen Zauber italienischer Nächte, über den Zauber, der über der Lagunenstadt liegt, und stieg mit mir aus der Gondel und schritt nach dem Markusplatz. Der lag diesmal dem Pastorat Immenhofs schräg gegenüber, und eine alte Stange stand in seiner Mitte, woran ein Zettel prangte: »Morgen werr'n die Sprütten probeert!« – – »Sagtest du etwas, Ursuleini?« »Nein, mein Uwe, ich prägte mir nur den Markusplatz ein.« Und so führte mich mein lieber Mann nach der Markuskirche und dem Dogenpalast, und wir schritten über die Seufzerbrücke – – ich seufzte dabei so tief, daß er lachte, und dann waren wir auf der Heide. »Mein Uwe!« Ich schaute im Mondlicht in seine begeisterten Augen. »Mein Uwe, du hast so köstlich geschildert, daß ich gleich hinein will in jene Märchenherrlichkeit, und daß mir die – armselige Heide ganz matt dagegen erscheint. Dir doch auch, mein Uwe? ›O bella Italia‹ «, lachte ich. »Komm, Liebster, laß uns der öden Heide ein Pereat bringen, – sieh, dort geht der Mond auf und macht ein lustig Gesicht dazu.« Und fest umschlungen von Uwes Arm wanderte ich durch unsere liebe, liebe Heide, ein Duften und Blühen war in ihr wie in einem weiten, unendlichen Blumenfelde. Unsere Stimmen aber schmolzen zusammen zu einem Jubellied: »Stehet der Mond hell über der Heide, Schauet lachend her auf uns beide. Spinnet vom Himmel feine Seide, Seide für unsern Hochzeitstag. Will in Seide mein Liebchen legen, Will sein seidenfein Herzlein hegen, Will es in stiller Heide pflegen, Wie es kein anderer kann und mag.« Kaum hatten wir das letzte so recht herausgejubelt und ich es dann still noch einmal wiederholt: »wie es kein anderer kann und mag«, – da schauderte ich etwas zusammen. »Friert Liebling?« »Nein, Uwe, – ich fürchte mich.« – Meine Stimme wurde zum Flüstern. »Man soll ja nicht laut auf der Heide singen, – man soll sein stille im Mondschein gehen, sonst kommen die Heidegeister. Siehst du nicht dort die große Gestalt, Uwe? Sie geht immer mit uns. Sie wächst ins Übermächtige und duckt sich wieder wie ein scheuer Zwerg; ich sah sie schon lange!« »Es wird ein Torfstecher sein«, meinte Uwe ruhig. »Und wenn es ein Geist wäre?« »So lauf hin und sieh ihn mit deinen herzlieben Augen an. Ist's ein vernünftiger Geist, so wird er sich um den Finger wickeln lassen, – wie dein Uwe.« »Du Spötter«, rief ich, aber der Geist folgte uns und kam beängstigend näher, ja er flog an uns vorbei und machte halt am Heidehause. Ich klammerte mich fest an meinen Uwe, dann sah ich dem Geist mutig in die Augen und – lag an seinem Herzen. »Lubruder!« rief ich, »Lubruder!« Ich zog den Geist ins Haus, den guten Geist, – er wird sich köstlich vertragen mit den andern guten Geistern unseres Hauses. Lubruder reichte Uwe die Hand, und dieser schlug ein. Sprechen konnte Lu nicht, es arbeitete mächtig in seinem Gesicht. Da nahm Uwe das Wort, scherzend, spielend, um den seltsamen Bann zu lösen. »Ursula ist eine gelehrige Schülerin. Ich sagte ihr nur, sie solle dem Geist, der ihr Angst einflößte, mutig in die Augen schauen, – und sie legte sich ihm gleich ans Herz. Ruht es sich gut da, Urschel?« »O so gut, so gut«, rief ich und schmiegte mich fester an meines Lubruders Brust. »Ihr lieben Menschen, ihr macht es mir leicht.« Aber dann schüttelte Lubruder rasch seine tiefe Bewegung ab: »Kinder, das war ein Tag! Ich hielt's nicht mehr aus vor Heimweh, ich mußte zu euch. Aber inwendig, da war noch etwas, das wollte noch nicht gehorchen, – – und deshalb ging ich nicht gleich zum Heidehause, sondern in die Umgegend und dann im Dorfe beinahe Haus bei Haus. Vor euch her und hinter euch her, und die gute Nachrede der Immenhofer über Uwe Karstens Ehe wurde zum Licht auf dem dunkeln Heidewege.« Lu zog Uwe an sein Herz. »Schwager Uwe, du bist ja der Poet, – ich kann nur ungereimtes Zeug reden. Uwe – hab' Dank! Und du, Schwesterlein...« Er hob mein Kinn in die Höhe und sah mir tief in die Augen. »Was ich heut über dich gehört habe – von jedem alten Mund und aus jedem Aufleuchten junger Augen –« »Lubruder,« lachte ich, während die heißen Tränen über mein Gesicht rannen, »ich bin jetzt eine würdige, alte Frau, und als solche sage ich dir: Red' nich so dumm Tüg. Sage mir lieber, mein einziger Lubruder: Hast du meinen Uwe lieb?« Heidehaus, den 7. September. Ordentlich zusammennehmen muß ich mich, um heute in diese Blätter zu schreiben, einzutragen, was die letzten Tage gebracht; wie tot werden mir alle Worte vorkommen! O ihr herrlichen Stunden, wie wart ihr lebensvoll! Nun ist mein Lubruder fort und die andern auch, und still ist's rings in der weiten Heide. Sieht man nicht schon an diesen wenigen Zeilen, wie das geschriebene Wort das wirkliche Fühlen nicht wiedergeben kann? Klingt es nicht, als ob ich leise – leise die Einsamkeit beklage und wünsche, jene erhebenden Stunden des Gedankenaustausches mit lieben Freunden kämen wieder? O mein Uwe, du weißt es am besten, wie wonnevoll heut unser Erwachen war, – als wir uns im Morgenstübchen beim Mokka trafen, der seine herb-geheimnisvollen Düfte mit den Rosen mischte, die Lu verschwenderisch umhergestreut. Du jubeltest: »Ich habe meine Urschel wieder!« Und ich lachte und tollte wie ein Kind, »Mein Uwe, ich hab' dich so lange nicht gesehen, – wie groß bist du geworden, Magister Alslev!« Dann küßten wir uns, – waren's Minuten oder Stunden? Die Liebe rechnet nicht. Und dann hielten wir uns bei den Händen und erzählten uns gegenseitig, wie wunderwunderschön es gewesen, als Lubruder und die andern unsere Gäste waren. Die andern? Ei freilich, die Welt ist klein. Und so kam's, daß ich meinen guten Bekannten von dem großen Hamburger Wohltätigkeitsfest wiedersah, den Kieler Professor Geheimrat Dr. Teschely. In seiner Begleitung befand sich ein ganz junger Dr. Herbart, der für meinen Uwe schwärmt. Dieser Umstand gewann ihm gleich mein ganzes Herz, – so fröhlich, o so fröhlich war unsere Tafelrunde. Aber der alte Professor! »Ei, ei; ei, ei!« Weiter rief er erst mal gar nichts, als er mich sah. Und dann nach einer Weile: »Lassen Sie uns umdrehen, Famulus, – wir haben verspielt. Dieser Heideschulmeister und Poet hat jetzt an nichts zu denken als an Schönheit und Liebe. Dies Heidehaus ist der Sitz von Musen und Grazien.« Aber als er erst einmal unserm guten Weinchen alle Ehre angetan hatte und sozusagen warm geworden war, da schlug er in die Hände, wie ein fröhliches Kind. »Auf Bundesgenossenschaft !« rief er hell. »Meine liebe, gnädige Frau, für so viel Schönheit ist der Heideboden zu arm, – ich verpflanze Sie kraft meines Amtes als Abgeordneter in die Großstadt. Wetter noch mal, was wird die Kollegenschaft für Augen machen, wenn ich nicht nur den Dichtergelehrten bringe, sondern noch sein besseres und schöneres Ich.« Und nun kam des Pudels Kern; sie lassen nicht locker, sie wollen den Uwe. Mit Haut und Haar. Ich war wie betäubt von all den schwirrenden Worten, von den vielen Beweisgründen, von den wahrhaft großartigen Bedingungen, die man meinem Liebsten stellte. Ich ließ den Redestrom über mich hinbrausen und war still, ganz still. Aber ob ich gleich die Augen gesenkt hielt, ich fühlte Uwes Blicke fest, so fest, als wolle er mich zwingen, aufzuschauen und ihn anzublicken. Da sah ich ihn an, groß, offen, klar – geheime Fäden spannen sich von ihm zu mir, wir waren allein auf unserm Inselchen trotz der drei anderen. »Nun – Frau Ursula Alslev – helfen Sie uns!« bat der alte Professor. Ich suchte scheu und tastend nach den rechten Worten, aber dann wurde meine Stimme beherzt: »Ich meine – die Dankbarkeit ist die größte Tugend, und nur mit ihr hat man das Recht, ganz und gar verschwenderisch umzugehen. Der Heideboden hat meinen Uwe Karsten geboren und großgezogen, seine Kraft, seine Gesundheit, seine Poesie und seinen Beruf als Menschengärtner hat er aus ihr gesogen – – –« »Sie sollten uns helfen «, unterbrach mich der Geheimrat und sah kläglich drein. Ich ließ mich nicht beirren. »Und nun sollten wir undankbar sein und die Heide und die liebe vertrauende Gemeinde verlassen? Nun sie auch mich in ihr Herz schloß und vertrauend auf mich blickt, daß ich mein Bestes mit in den Mutterboden pflanze, der meinem Uwe so viel Reichtum gab? »Famulus, wir müssen unverrichtetersache abreisen,« klagte der alte Herr entsagungsvoll, »unser Freund Alslev hat wenigstens verblümte Körbe ausgeteilt, mit Heidekraut so duftig umstanden, daß man das derbe Strohgeflecht nicht bemerkte, – aber Frau Ursula packt uns fester an. Also Dankbarkeit, Heimatkunst, Rückkehr zur Natur, – alles Schlagworte, meine verehrte Freundin, die – – –« »Für Uwe sind es nie Schlagworte gewesen«, entgegnete ich fest. »Verwachsen sind sie mit ihm, die drei Dinge, sie sind er selbst . Und ich bin sein Kamerad!« setzte ich einfach hinzu, »Nun machen Sie ein halb gütiges, halb ärgerliches Gesicht, lieber Herr Professor! Mulier taceat in ecclesia , das dachten Sie eben, nicht wahr? Aber Sie wünschten selbst meine Anteilnahme.« »Als Bundesgenossin, jawohl,« polterte er, »aber nicht als Widersacher, der noch dazu mit so leuchtenden, wunderschönen Augen zu Felde zieht. Ungleicher Kampf, meine liebe, junge Freundin, – ich strecke als Mensch die Waffen, und mein Famulus tut schon seit einer Weile dasselbe.« »Und als Gelehrter sehen Sie sich jetzt Uwes Baumschule an, Herr Professor, sie ist sein Augentrost und Herzgespiel.« »Sind Sie das nicht, Frau Ursula?« Ich lachte fröhlich. »Erst kommen die Menschenblumen, seine Jungens, dann die Bäumchen, die er gepflanzt, dann die weite Heide, über allem steht noch seine Mutter, und dann – – –« Uwes Blick gebot mir Einhalt, Ein so seltsamer Blick. Mahnend, ernsthaft, lächelnd, stolz, umfangend, grenzenlos zärtlich. »Vergib,« sagte ich leise und zog seine Hand an meine Lippen, »ich weiß, daß dein Kamerad zuerst kommt.« Wir schritten allein. Die andern waren schon vorausgegangen. Das war herrlich, als Awe die Baumschule zeigte. Im Nu waren seine Jungens zusammengerufen, und die erste Klasse übernahm selbst Führung und Erklärung. Dann führten sie uns in jedes Dorfgärtlein und jeder zeigte das Bäumchen, das er selbst gepflanzt, die Rosen, die er veredelt, die Blumen, die unter seiner Aufsicht gewachsen. Die klugen Augen des Professors bekamen einen warmen Schimmer, – sie sahen ja mehr, viel mehr. Sie spürten den Sonnenschein, der von meines Uwe Persönlichkeit ausging, und nur in diesem Sonnenschein war selbst im düstersten Heidewinkel alles so herrlich aufgeblüht. Merkwürdig still schritt er an meiner Seite zurück ins Heidehaus. Uwe ging mit Lu und Dr. Herbart, und ich hörte letzteren sagen, daß eigentlich Dr. Klaus Bevensen mit zur Abordnung gewählt sei, aber abgelehnt hätte. – Die Abendsonne glühte zwischen den Kiefernstämmen. Flüssiges Gold streute sie aus. Bis vor unsere Füße rieselte es, und als wir es fassen wollten, hielten wir duftiges Heidekraut in der Hand. »Und davon wollen Sie uns trennen?« fragte ich vorwurfsvoll und zeigte auf die Pracht, die uns umgab. »Es ist gut, daß Sie darauf zurückkommen«, entgegnete lebhaft der alte Herr. »Das da« – sein Arm umschrieb in großem Bogen rasch die ganze Gottesherrlichkeit, – »können Sie sich alljährlich anschauen. Liebe Freundin, ich bleibe dabei, Ihr Gatte kann einen umfassenderen Platz ausfüllen als den eines Dorfschulmeisters.« – Mein Herz schlug rasch. »So dachte ich früher auch einmal, Herr Professor, aber ich habe umgelernt, seit ich Uwes Weib bin. Er weiß, wo er steht und warum er da steht, das macht ihn fest und entschieden. In urkräftigen Menschen, die sich bewußt sind, nur das Rechte und Wahre zu wollen, steigert jedes Hindernis die Kraft. So sagt unser Diesterweg.« »Unser Diesterweg!!! Sie rechnet sich zur Pädagogik mit Haut und Haar!!! Wer lehrte die feudale Hamburger Patriziertochter also sprechen?« »Die Liebe , Herr Professor.« Er neigte das Haupt: »Sie ist die größeste,« sprach er ernst, »aber sie darf und soll die ›Klugheit ‹ als liebe Freundin neben sich hergehen lassen. Uwe Karsten Alslev ist der Besten einer, darum wollen wir ihn an solch eine Stelle setzen, wo das rückhaltlos anerkannt wird. Im kleinen Heidedorfe Immenhof kann auch ein anderer wirken; solche Köpfe, wie Alslev, gehören in größere Verhältnisse, in weitere Umgebung.« »In größere, als die weite, weite Heide?« fragte ich. Aber gleich darauf wurde ich ernst. »Die Bedienung einer wichtigen Maschine erfordert die besten Arbeiter, heißt es. Der Volksschullehrer hat die Aufgabe, diese guten Arbeiter heranzubilden, – ist das ein geringer Lebenszweck? Und die Macht des Reiches beruht doch nicht nur auf Pulver und Blei – sie liegt doch zur Hauptsache in den geistigen Fähigkeiten unseres Volkes. Und wenn Sie dort oben meinen Uwe Karsten Alslev so schätzen, – ei so lassen Sie ihn hier seine liebe tiefe Weisheit den gläubigen Naturkindern einimpfen. Die Besten unter seinen Jungen wollen immer wieder ›Lehrer‹ werden, die Früchte davon werden sich später schon zeigen, ›Ohne gute Volksschule kein tüchtiges Heer!‹« »Hilfe, Hilfe, Herr Alslev,« stöhnte der Professor, »Frau Ursula hat alle Schlagworte der gesamten Schulmeisterei auf Lager, – ich bin ein toter Mann.« Wir schafften den »toten Mann« ins Heidehaus, und er kam dort bei einem Imbiß und einem Rüdesheimer wieder zu sich. Wir stießen auf dauernde, liebe Freundschaft an. Aber immer wieder schüttelte er im Laufe des Abends den Kopf. »Freund Alslev, ich kann's nicht verwinden, die kleine Frau ist ein zu tapferer Kämpe. Besiegt, besiegt auf jeder Linie, – einen schmachvollen Rückzug trete ich an.« Uwe schüttelte ihm begütigend die Hand, ich aber lachte froh und hob mein Glas: »Die Österreicher haben einst gesagt: ›Nicht das preußische Zündnadelgewehr, sondern der preußische Schulmeister hat den österreichischen 1866 besiegt.‹ Hoch allen ehrlichen Schulmeistersiegen!« »Deern, mien Deern,« lachte Uwe, »ich kenne dich gar nicht wieder.« Der liebe alte Professor küßte mir die Hand, hell klang sein Glas an das meine. »Der Schulmeisterin!« rief er mit leuchtenden Augen: »Ihr fällt dabei die herrlichste Mission zu.« Den ganzen Abend über blieben wir beisammen bis in die stille Heidenacht hinein. Es geht jetzt ein Schnellzug durch unser kleines Dorf, der uns erlaubt, in einer halben Minute hineinzuspringen und fortzusausen in die große Welt. Diesen Zug benutzten unsere Gäste. Vorher aber lauschten sie Uwes Spiel und Sang, Und auch ich durfte in Tönen zu ihnen sprechen, nie hat mein Flügel herrlicher geklungen, nie war meine Stimme mächtiger. Ich sang zum Schlusse das Schwanenlied: »Und sterbend taucht er nieder, sein Herz vor Lust zersprang.« Sie waren alle still, ganz still. Mein Uwe sprang plötzlich auf und legte seinen Arm um mich. »Nicht so singen, mien Deern, nicht so!« flüsterte er zärtlich in mein Ohr. »Wie singe ich denn, mein Uwe?« »Wie aus einer anderen Welt. Und bist doch bei mir, – bei mir! Mein starkes, gesundes Weib!« Dann war der schöne Abend zu Ende. Ein köstlich Viertelstündchen hatte ich noch mit Lubruder allein verplaudert. Als es Zeit war, sich zu verabschieden, hielt er mich an seinem Herzen und fragte: »Also das Glück wohnt bei dir, Ursula?« »Mehr als Glück, Lubruder, Es ist der Frieden. Aus diesem gibt es nur ein einziges Heimverlangen, – aber das liegt, will's Gott, noch weit – weit.« Lange lag ich an diesem Abend wach in meinem Zimmer. hatte ich recht getan? Nicht im Kleinsten und Geringsten wider bessere Überzeugung gesprochen? War meines Uwe Platz in der Heide? In alle geheimen Fältchen und Winkelchen meines eigenen Herzens kroch ich wie ein Späher, damit mir kein feiger Gedanke, kein beschämendes Gefühl entging. Nein, gottlob, es war klar in mir, mit einem tiefen, befreienden Atemzug konnte ich die Summe des Tages ziehen und dann die Hände zum Abendgebet falten. Gute Nacht, mein Uwe! Wir haben wohl recht getan! Auch hier war unser alter Luther der Gewährsmann: »Wer was weiß, der schweig, Wem wohl ist, der bleib, Wer was hat, der behalte; Unglück kömmt balde.« Heidehaus, im Oktober. Ja, der Friede! – Er schreitet sichtbar neben uns her und wohnt bei uns. Manchmal sieht er aus wie ein silberhaariger Greis, ich möchte ihn anrufen und Zwiesprach' mit ihm halten. Wie oft haben meine Lippen schon das Wort: »Väterchen« geformt, – aber dann zerfloß die Gestalt wie ein Schemen. Doch tiefer, heiliger Friede blieb immer zurück. Manchmal wieder sitzt er in Gestalt eines rüstigen Mütterchens im roten Lehnsessel, und die Herbstsonne wirft wunderbare Lichter auf den grauen Scheitel, beinahe wie einen Heiligenschein. Und wenn ich dann rufe: »Mutter Alslev!«, dann zerfließt die Gestalt nicht, sondern ein feinrunzeliges Gesicht schaut mich an, und zwei kluge Augen darin – Uwes Augen – lächeln. »Mien Kind! Mien Döchting, mien Uwe sien Urschell« Es ist ein wonnig Leben mit Uwes Mutter. Jeden Tag blicke ich verehrungsvoller zu ihr auf, zu ihr, die alle Bitternisse der Welt ausgekostet und sie sich verklärt hat zu einer großen Menschenliebe, die aus tiefem Menschenmitleid, hervorging. Sie muß Furchtbares in ihrer Ehe durchgemacht haben, und dieses Miterleben hat den beiden Kindern Uwe und Christiane den tiefen Ernst der Lebensführung gegeben. – Ich bin nicht in alles hineingedrungen. »Laß, laß«, wehrte sie still ab. Tu's nicht durcheinanderschütteln, mien Deern. Es ist schon alles längst klar und rein in meinem Herzen, – den häßlichen Bodensatz behalt' ich für mich, bis unser Herrgott auch ihn in lauter klare Tropfen wandelt.« Solch eine Mutter zur Freundin zu haben, das ist doch etwas Köstliches. Uwes Mutter wird jung an mir, und ich wiederum reife an ihrer ernstschlichten Mütterlichkeit. Es wird aber Zeit, daß unser Hüttchen bezogen wird. Das Heidehaus wird zu klein. Brigitte und Kaspar sind unsere Hausgenossen geworden, sie hielten es vor Sehnsucht nach mir nicht aus. So behauptet Lubruder, und mein Uwe spricht es ihm nach, und in allen Tönen höre ich diese Auslegung, wenn ich mich ärgerlich verwahre: »Schickt es sich wohl für eine ehrsame Heideschulmeistersfrau, eine Kammerjungfer, eine ›perfekte Hamburger Köksch‹ und einen Diener zu haben?« »Ei so will ich eine Magd sein«, brummt Brigitte. »Und ich ein Stallknecht«, steht ihr Kaspar bei. Denn über beide Alte ist auch plötzlich der Humor gekommen, der im alten Kaufmannshause keine Heimat hatte. So sieht es nun bei uns aus. Stallknecht und Magd darf auch eine Lehrersfrau haben, und Jungfer Minna kennzeichnet sich: »Ik bün 'n oles Husinventar.« Aber sie verwöhnen mich natürlich dadurch, – Uwe an der Spitze. Ich darf in Wahrheit sein Famulus sein, sein reiches Wissen hilft meinen lahmen Töchterschulkenntnissen auf, und in der Musik, da schmelzen wir in eins zusammen. Welch köstlich Leben! Ich brauche nicht unterzugehen im Kleinkram des täglichen Lebens und lerne doch allgemach die Kunst des Kochens, die Kunst des Erhaltens . In welch herrliche Schule schickt mich unser Herrgott! Welch einzig lieben Lehrer gibt er mir! Aber so dumm, so töricht sitzt das vornehme Großstadtkind oft da, all der schlicht-tiefen Weisheit gegenüber. O mein Uwe, nimm mich rasch an dein Herz und küsse mir die vielen unbeantworteten Fragen von den Lippen« – Hüttchen, im Dezember. Wir wohnen im Hüttchenl Das ist freilich zum Närrischwerden und Aufjauchzen. Man sieht es ja an den großen Zwischenräumen in diesen Blättern, kaum habe ich noch das Bedürfnis, zu schreiben. Ich kann ja alles, was mich bewegt, hinplaudern an meinen Uwe, kann's auch hinaussingen in die weite Heide, überall finde ich Widerhall, und wenn auch der lose Heidewind es vielleicht weit, weit fortträgt, das unnütze Zeug, das Frau Ursula schwatzt; mein Schulmeister, mein kluger, bewegt alles in seinem Herzen, und ich finde es plötzlich in so köstlicher Fassung wieder, daß ich meinen könnte, es sei lauter Gold und seltener Stein gewesen, was ich geredet. Unser Hüttchen ist einzig, seine Wonnen sind tausendfach. Schildern kann ich sie nicht, nur leben. Alles ist so warm, so traut und behaglich, alles schlicht und doch von erlesenstem Geschmack. Wie ein Kind freut sich mein Uwe darüber, wie ein Kind freue ich mich mit ihm. Mutter Alslev ist mit unsern reichen Gaben ins Dorf gewandert, Kaspar, Brigitte und Minna begleiten sie. So sind wir allein in Weihnachtsduft und Weihnachtsfreude, allein mit knisternden, schimmernden Weihnachtslichtchen. Vor uns liegen Briefe aus der alten Heimat von Ludwig und – Ellen, Auch Frau Sabine hat geschrieben, ebenso Tante Renate und Onkel Eberhardt. So viel Liebe allüberall. Lubruder hat mir als Weihnachtsgeschenk ein großes, herrliches Buntfenster für das Immenhofer Kirchlein gestiftet. Aber das Schönste fand ich in einem besonderen Bogen. Im alten Hamburger Patrizierhause hat ein kleines Mädchen seine klaren Augen aufgeschlagen, Lubruder schreibt es in schier närrischem Stolz und Vaterglück. Ellen hat ein winziges Zettelchen beigefügt und mit zitternder Hand darauf geschrieben: »Es soll Ursula heißen, Ursula Diewen.« Hab' Dank, kleine Ellen! – – –– – –– – –– – – Hüttchen, im Januar. Wir sind in die Alltäglichkeit zurückgekehrt. Wenn es auch bei mir tausendmal nicht zutrifft, wenn mich auch unser Leben ein einziger Festtag dünkt. Ich will mich besser ausdrücken: Die Arbeit ist wieder in ihr volles Recht getreten. Liebe Arbeit! »Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.« Wir haben sie beide gut überstanden. In den ersten Tagen des Januar trat die Frage an uns heran, nach Hamburg zur Taufe meines Patenkindes zu reisen. Lubruder und Ellen schrieben sehr herzlich und bittend, sie versprachen sich wohl besonders viel von einem solchen Beisammensein. Ich legte den lieben Brief vor Uwe hin und harrte seines Entscheides. Er blickte mich forschend an, und ich errötete etwas unter seinem Blicke. Seine Augen lesen auf dem Grunde meiner Seele. »Reise hin«, meinte er ruhig. »Ich erlaube es dir gern.« »Und du, Uwe?« »Mien Deern, ich kann nicht fort von hier, ich habe keine Ferien, das weißt du ja.« »Aber, Uwe, du kannst doch jederzeit Urlaub bekommen, das betonte doch der Schulrat neulich ausdrücklich.« »Gewiß. Weil er ein humaner Mann ist und – weil er genau, aber auch ganz genau weiß, daß ich keinen unnützen Gebrauch von dieser Erlaubnis machen werde.« »Unnütz, Uwe?« »Ja, mien Deern. Mit dieser Vergnügungsreise zu der feudalen Patriziertaufe würde ich meinen Kollegen öffentlich bekennen: ›Ich bin etwas anderes, Bevorzugteres als ihr, ich darf mir das erlauben.‹« »Bist du nicht auch etwas anderes, mein lieber Dichter?« fragte ich zaghaft. »So sagst du, mien Deern, und betonst liebevoll das, was ich aus mir selbst bin, die andern würden das weglassen und nur mein Weib, die Patriziertochter, ins Feld führen.« »Still, still, Uwe. So etwas will ich nicht hören, ich bin keine Patriziertochter mehr, sie ist ganz untergegangen im Schulmeister Alslev.« »Du Liebes, das verhüte Gott. Ich will immer meine stolze Ursula Diewen spüren. Denn dein Stolz ist niemals klein .« Er küßte meine Stirn, meine Augen. – Das habe ich so gern. »Und was soll ich meinem Lubruder schreiben, Uwe?« »Schreibe ihm, daß du über die Maßen vernünftig seist und allein kommen wollest.« »O nein, – so vernünftig bin ich denn doch nicht. Laß mich schreiben, daß wir beide ›up ewig ungedeelt‹ sind, daß ich hingehe, wo Uwe hingeht, und bleibe, wo Uwe bleibt.« »Ich danke dir, Urschel,« O wie sich das so kahl und kalt ausnimmt hier auf dem Papier. Man sieht nicht den stolzen, frohen Blick meines Einzigen dabei. Ich aber sehe und spüre ihn noch, und bin so froh, so glücklich. Und wie haben wir Klein-Ursula Diewens Taufe hier begangen! »Mit'n richtigen Hochzeitsmahl,« meinte Mutter Alslev, »mit'n Hamburger Patrizierdiner.« Gutes Mutterchen, was weißt du wohl von üppigen Gelagen? Eine Tasse Fleischbrühe und kleine leckere Pasteten gab es. Dann Karpfen mit Schlagsahne und Meerrettich, das ist Uwes Lieblingsgericht. Weiter nichts; war ja auch übergenug für verliebte Leut'. Denn das sind wir alle drei, Mutter Alslev ist verliebt in ehren groten Jung un ok in mi, und ich wiederum in die herzliebe Greisin mit dem jungen warmen Herzen« Als ich nach Tisch noch etwas Brot und Käse reichen ließ, meinte sie, das wäre »narrsch, dat wier jo all Abendbrot«, und den Pumpernickel wies sie energisch zurück, weil ihr jemand im Dorfe erzählt hatte, der als Soldat in Westfalen war, »der Teig von dat ole swarte Tüg würd mit de Fäut pedd't«« Wenn wir herzlich über solche Weisheit lachen und von neumodischen Maschinen sprechen, die längst an Stelle der »Fäut« getreten sind, dann kümmert sie sich nicht viel um den Einwand, sondern ruft: »Lach' düchtig, mien Jung, lach' düchtig, mien Deern, Lachen is Himmelsgold.« Herzig ist Mütterchen Alslev. Lubruder hat es mir nicht übelgenommen, daß ich daheim blieb. Er steht mir innerlich näher denn je, versteht durchaus mein Bestreben, eine brave Lehrersfrau zu sein, und ich glaube fast, ihm möchte ein Zwitterding, das halb die vornehme Hamburgerin, halb die schlichte Heiderose betonen wollte, höchst unsympathisch sein.– Und wie gut war es, daß wir gerade jetzt daheim blieben. Auch ich war ganz unabkömmlich, konnte mich weder auf lange Ferien, noch kurzen Urlaub einlassen, – o ich bin ganz stolz geworden und meines Wertes wohl bewußt, – – ich durfte Schulmeister sein« Pastor Sunneby erkrankte plötzlich an einem bösartigen Hexenschuß. Er lag kläglich und hilflos dahin und konnte kein Glied bewegen, als er dem sofort gerufenen Uwe seine Meinungen und Wünsche kundgab. Da war der alte »Inlegger« Jochen Snur, der bis in sein neunzigstes Jahr gekränkelt und doch nie den Humor verloren hatte, der schickte sich nun zum Sterben an. »Awer nich ohne den Herrn Pastor«, hatte er mit matter Stimme gerufen. »›Jung,‹ säd mien Moder schon vor achtzig Johren, ›Jung, du büst man fien, du wardst nich olt, hal di ans Gottswurt.‹ Ne, ik will nich ohne den Paster starwen.« Aber Pastor Sunneby konnte nicht aufstehen, und zu einem fremden Seelsorger hatte Jochen Snur kein Vertrauen. »Wo is uns' Scholmeester? Ik will dat Jüngschen, den Uwe Karsten Alslev hebben, de is braver Lüd Kind, un ok so 'ne Ort Gottswurt.« Als Uwe an Jochens Bett trat, nickte der Alte ihm freundlich zu. »Ik bün bi dat Starwegeschäft, Scholmeester, un du schallst mi Heipen dorbi.« Und er bat Uwe, einen »hübschen« Text für ihn zu suchen zum letzten Gebet, aber beileibe nicht den vom Reichen, der nicht in den Himmel komme, denn er hinterlasse eine blanke Mark, die ihm vor Jahren Frau Pastor Sunneby geschenkt hätte. Unter diesen launigen Worten kam schon langsam der Tod zu dem Neunzigjährigen geschritten, und als mein Uwe mit seiner lieben, klangvollen Stimme las: »Ei du frommer und getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Frieden«, da taten sich noch einmal die müden Augen auf, und der Greis entschlief, lächelnd wie ein Kind. – – Und während all dieser Vorkommnisse machten die Immenhofer Buben einen schrecklichen Lärm in ihrer Klasse, und die Mädchen standen herum und wußten nicht, ob sie weinen oder mitprügeln sollten, denn zwei der ärgsten Störenfriede, Fite Groth und Jochen Hansohm, lagen sich in den Haaren in des Wortes verwegenster Bedeutung. Ganze Büschel des braunen Gelockes seines Gegners hielt der kurzgeschorene blonde Fite Groth in der Hand, als eine helle Stimme: »Hallo halt!« rief. Diese helle Stimme gehörte der Scholmeestern an, die gerade vor dem Schulhause vorbeiging. Alle Augen sahen mich an, und wahrhaftig, – es wurde mit einem Schlage ruhig. – Ein paar Sekunden maß ich die Störenfriede schweigend und verächtlich – das war gefehlt bei diesen Männern der Tat. »Och, es is man blot de Scholmeestern«, rief Fite Groth und kümmerte sich nicht weiter um mich, wohl aber um seinen Feind, den er wieder um ein gut Teil seiner Locken beraubte. – Sums! – Da hatte er eine. Und zwar von mir. Sie saß nicht schlecht. Eine liebe Erinnerung an eine vergangene, streitbare, mutige Jugendzeit, an fröhliche, lärmende, boxende, ehrliche Kameraden, an Faustrecht und Räuberpolitik nahm mich plötzlich gefangen, und meine Augen blitzten dräuend und kampfesmutig die aufrührerische Bande an. Keiner rührte sich. Sie kannten mich ja nur »as de Fru von em«, als etwas Vornehmes, Zurückhaltendes, das nur beglückend, Segen und Röcke spendend durchs Dorf gewandert war. Daß ich boxen konnte und Ohrfeigen zur rechten Zeit austeilen, war ihnen neu und brachte mich ihnen um ein Riesenstück näher. Fite Groth rieb sich die Backe, zog seine Joppe glatt und war so verblüfft über mich, daß er ruhig, als sei nichts vorgefallen, an mich herantrat und fragte: »Is he dod?« »Du meinst den alten Jochen Snur? Ja, er ist tot.« »Setzt euch,« fuhr ich gleich darauf fort mit etwas erhobener Stimme, »setzt euch still hin und nehmt eure Bücher vor. Ich werde die Aufgaben mit euch durchgehen. Seid ihr nach einer Stunde brav geblieben, erzähle ich euch eine Geschichte.« »Geschichten sünn Lägens,« brummte Hansohm, »ik glöw all lang nix.« Schwapp! hatte er auch eine mitten im Gesicht, diesmal von Fite Groth. Wieder mußte ich die beiden trennen. »De Kirl is'n Stänker,« bemerkte Fite seelenruhig, »ik hau' em jeden Dag, äwer he gibt kein' Fried.« In mir kochte und wühlte die Pädagogik. Sie verdichtete sich nahe bis zu einem langatmigen Vortrage über das Wort: »Siehe, wie sein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.« Ich glühte vor Tatendurst. Aber Fite schnitt mir wieder das Wort bei den ersten Andeutungen ab. »Brüder sünn wi nich, Gott sei Dank,« meinte er gelassen, »un nu man to, Fru, – los mit de Geschicht'.« Da saßen nun die Kerle vor mir, erwartungsvoll, gespannt. »Ihr dürft euch wählen, was ihr haben wollt; die Großen, die Mittleren, die Kleinen, ich erzähle drei Geschichten, aber erst die Aufgaben!« »Dat duert so lang,« gab Fite Groth zu bedenken, »nahsten kümmt de Herr Lehrer, un denn ward da nix ut.« »Mein Mann kommt heute wahrscheinlich gar nicht«, bemerkte ich unvorsichtig, denn nun brach wieder ein Lärm los, aber ein fröhlicher. »Och denn man fix to Hus«, riefen drei, sechs, neun Stimmen, und ein zehnter rief »Fierabend!« mit Stentorstimme, alle aber machten Miene, das Lokal schleunigst zu verlassen. Nur ein paar von den Kleinen brachen in Weinen aus. Sie wollten sich durchaus nichts abknapsen lassen. »Ans' Geschicht'! Ans' Geschicht'! De Scholmeestern ehr Geschicht'!« heulten sie. »Rrrruhe«, donnerte ich in den tosenden Lärm hinein, und als das nicht gleich half, nahm ich den ersten Ausreißer, ehe er noch die Freiheit der Dorfstraße erlangen konnte, beim Kragen, schüttelte ihn tüchtig, stellte ihn nicht sehr sanft auf den Boden und mich selbst vor die Innentür. »Ihr setzt euch! Sofort! Ihr seht, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Schwatz' nicht mehr, Hanne Klähn! Was sagtest du eben zu deinem Nachbar?« Ein treuherziger kleiner Blondkopf wandte sein frisches Gesichtchen mir zu. »Och – ik harr segg' to em, as he to mi segg' harr, wat mien Vadder neulichs segg' harr, mien Vadder hadd segg': ›de Scholmeestern hedd de Büx an.‹« O hätte ich doch nicht gefragt! Dann rechneten wir. Unseres alten, lieben Fritz Reuters Wort kam zu Ehren. In der Fixigkeit waren sie mir über, aber in der Richtigkeit stellte ich meinen Mann, und das flößte ihnen Achtung ein. »Se kann dat«, raunte man sich zu. – Im Deutschen ging es gleichfalls tadellos. Wir nahmen das liebe, kleine Gedicht von Brentano vor, das im alten Schleswig auf dem Friedrichsberg spielt, und darin das greise Mütterlein betet: »Eine Mauer um uns baue«. Plötzlich fuhr ein Finger in die Höhe. »Was willst du, Krischan Kassen?« Das kluge Gesichtchen mit den guten Augen unter einer Fülle dunkler Locken sah mich strahlend an. »Dat wier min Ururöllernhus«, betonte er wichtig. »Sieh, sieh, Krischan, da kannst du stolz darauf sein,« Die andern beugten sich ein wenig vor, um Krischan Kassen, den sie alle Tage sahen, noch einmal ganz deutlich zu betrachten, ob man ihm jetzt wohl die wunderbare Urahne ansähe. »Gedichten sün ok Lägens«, warf der ungläubige Hansohm ein. »Oho, mein Sohn!« rief ich. »Ist das auch erlogen, wenn euer Herr Lehrer dichtet: ›In meiner Heide ist's gut sein, Zu früher Morgenstunde, Wenn alle Blumenglocken fein Aufläuten in der Runde‹?« Sie schüttelten die Köpfe, auch Hansohm, denn gerade das war ihr Leiblied. »Ne. dat's eklig wohrl« betonten sie. »Na also. Und wenn ich jetzt dichte: Den schlimmsten Lärm, die meiste Not Macht Jochen Hansohm und Fite Groth, denn ist das auch wahr,« Ein brausendes, herzliches Lachen brach los, so kinderfroh, so urwüchsig, selbst die beiden Angegriffenen lachten mit, und ich auch – tüchtig. Krischan Kassen aber blickte sieghaft im Kreise seiner Kameraden umher und sah dankbar auf mich hin, weil ich festgestellt, daß der Dichter nicht geflunkert hatte. Dann schrieben wir noch, und wieder hatten sie große Achtung vor meiner Handschrift, die mein Väterchen durch einen Fachlehrer hatte ausbilden lassen. »Es ist ja eine Lust, Schulmeister zu sein«, dachte ich, und die Zeit verging mir im Fluge und, wie es schien, den Jungens auch. »Awer nu de Geschichtens!« Das wurde so energisch gerufen, baß kein Veto mehr möglich war. »Also, die Kleinsten zuerst. Was möchtet ihr hören?« »Vun Hasen un Swinegel.« »Och ne, kenn' wi jo all.« »Wollt ihr was aus der Heide, aus den Bergen oder von der See?« »Jo, jo, vun de See. Veel Water muß dabi sin.« »Schön.« Es war aber gar nicht schön für mich, denn ich hatte gerade keine Wassergeschichte auf Lager und kannte doch meine hartnäckigen Pappenheimer. »Ihr alle kennt den kleinen See vor unserm Dorfe, nicht wahr?« fing ich an und sah schon gleich an den Gesichtern, daß die Geschichte verfehlt war, denn der Prophet gilt nichts im Vaterlande. Der Teich lag zu nahe, und es war auch zu wenig Wasser. »Och ja«, gähnte Fite Groth, »Ik bin schon binah mol drin versupen.« »Un, un, un ik ok«, stammerte ein kleines, sechsjähriges Gör. »Du, Stina? Wann denn?« »Mudder seggt, as de Adebor mi bröcht har, da hett he mi nich gliks funnen.« Schallendes Gelächter der Großen. Stina fing an zu weinen. Aber da ich wußte, daß mein Uwe nicht für gewaltsame Aufklärung in den Schulen ist, so tröstete ich Klein-Stina. »Wein' man nicht. Der Storch hat dich ja doch noch gefunden und geholt.« Diesmal lachten nur Fite Groth und Jochen Hansohm. »Is jo ni wohr«, rief Fite, und Jochen setzte hinzu: »Bi uns in Immenhof warden se vun Olsch-Dürten bröcht.« »Ruhig jetzt. Also es lebte in diesem Teich eine Meerjungfer – – –« »Och – och – uchhh –« schrien alle, »de sülwige hat der Herr Lehrer all vertellt – – ne annere, ne annere.« Oh, Uwe! Mußtest du mir das antun? »Kinder, ich will euch etwas sagen. Es geht schon auf dreiviertel elf, da will ich lieber eine allgemeine Geschichte für euch erzählen. Ihr werdet sie schon alle begreifen, hoffe ich.« »Man fix to.« Ja, das war eine andere Sache! – Die schwedische Legende der Lagerlöf vom Eremiten erzählte ich, der, von bösen Menschen gepeinigt und verfolgt, sich in die ödeste Heide zurückzog, niemand zum Genossen als seinen Hatz, den er in die Einöde mitnahm. Den Haß gegen seine Peiniger und Verfolger, den Haß gegen die ganze Menschheit. Und sein Abendgebet war: »Vertilge sie, Herr, vernichte sie, Gott!« Und sein Morgengebet: »Höre mich, Gott, schicke die Sintflut, laß die Erde erbeben und über sie fallen.« Als aber die Tage und Wochen vergingen, ohne daß die Vernichtung gekommen wäre, wollte der Einsiedler ein Gott wohlgefälliges Opfer bringen und beschloß, den ganzen langen Tag mit emporgestreckten Armen zu stehen, damit Gott sehe, wie heilig ernst es ihm sei. So tat er und betete und flehte und raste in wildem Zorn gegen die Sünder und flehte den Allmächtigen um ihre Vertilgung. Und nur des Nachts schlich er sich todmüde in seine erbärmliche, selbstgezimmerte Hütte und warf sich auf das Stroh. Aber schon die aufgehende Sonne sah ihn wieder mit gen Himmel gerichteten Armen, und immer dringender, immer wilder wurde sein Schreien: »Vernichte sie, vernichte mich! Niemand, der den Namen Mensch trägt, ist wert zu leben!« Da geschah es, daß der Sturm eines Nachts die uralte, knorrige Eiche fällte, in der ein Vogelpärchen gerade sein Nestchen bauen wollte. Und Vogelvater und Vogelmutter hielten traurig Umschau nach einer sicheren Stätte, und da sahen sie den unbeweglich dastehenden Einsiedler und hielten ihn wohl auch für einen knorrigen, alten Baum, denn sein Haar war verfilzt und lang und flatterte wild um ihn, wie Baumblätter beben, und sein Rücken war krumm wie ein alter Holzstamm, und die Arme braun wie zwei starke Zweige. Da flog das Pärchen davon und holte Flöckchen und Stroh und Reiser und legte sie in die ausgestreckte rechte Hand des Betenden. Manchmal entführte der Wind wieder die Flöckchen und das Stroh, aber da sah das Pärchen, daß sich ein brauner Daumen schützend über alles breitete und so eine traute Höhlung entstand. In diese bauten und klebten die Vögelchen ein behagliches Nest und dann legte Vogelmütterchen kleine, gesprenkelte Eier hinein. Der Einsiedler sah es mit seltsamen Gefühlen. Er hatte sich in all der Zeit beinahe den Schlaf abgewöhnt aus Sorge, das Nestchen zu beschädigen, und auch in seinem Innern ging eine wunderliche Wandlung vor. Er, der vor den Menschen geflohen war und sie haßte wie die Sünde, er litt es, daß sie sich ihm wieder nahten und ihm Speise und Trank reichten, daß sie ihn fütterten, wie man kleine Hilflose füttert. Er litt es, um des Mütterchens willen, das brütend auf dem Neste saß, und seine wilden Gebete wurden allmählich sanfter. Dann lagen die kleinen nackten Bachstelzchen im Nest und streckten die gelben Schnäbel verlangend und schreiend über den Rand seiner braunen Hand. Und sacht und langsam zog in das Herz des Eremiten die Liebe. Die Liebe zu den sechs Hilflosen, die seiner Obhut anvertraut waren. Und mit der Liebe kam die warme Teilnahme an dem weiteren Schicksal der Kleinen und die zage Bitte an den Allmächtigen: »Schütze sie, o Herr, laß meine wilden Flüche nicht gesprochen sein, schütze die Erde, bis die Kleinen flügge sind, laß sie nicht so hilflos umkommen.« Der Tag kam, da sie ausflogen, aber kein Erdbeben kam und die Heide lag schöner als je im Frühlingsglanz. Und leuchtend warm war es im Herzen des alten Einsiedlers, und er fragte sich: »Hat Gott wohl die Menschen zu lieb, daß er sie nicht verderben will, so lieb wie du die sechs kleinen Bachstelzchen?« – Da weinte er bitterlich. – – –– – – Ohh! Was war das? Meine Buben und Mädels weinten auch, ja die Kleinen schluchzten jämmerlich, und Fite Groth schnaubte sich unnatürlich laut die Nase und war wie der Wind zur Schultür hinaus, trotzdem er das eigentlich nicht durfte. Ich stand ziemlich verlegen unter der lieben kleinen Bande, die Wirkung der Legende kam mir überraschend. »Un is de Welt denn nu unnergahn?« forschte weinend eine »lürlütte« Deern, deren erstauntes, fragendes Gesichtchen mich schon während der ganzen Erzählung still belustigt hatte. Sie bekam von ihrer Nachbarin einen kleinen, verächtlichen Stoß. »Dumme Deern! Denn wier doch keen School, denn harr wi doch Ferien!« Krischan Kassen mit der berühmten Schleswiger Urahne ging zuletzt aus der Schultür, denn es hatte nun laut und schallend vom Dorfkirchlein elf Uhr geschlagen, und wir hatten nach kurzem Schlußgebet beschlossen, uns zu trennen. »Dar wier so schön!« meinte er, bewundernd mit seinen klaren Kinderaugen zu mir aufschauend, »ik wull, de Herr Pastor wier all Dag krank«, setzte er treuherzig hinzu. Ich winkte ihm erschrocken und reichte ihm einen schönen, rotbackigen Apfel. »So, und nun adjüs und sei nur immer so fromm und brav wie deine Ururgroßmutter.« »Bün ik ok«, rief er mir fröhlich zu und biß in den Apfel. Nachdenklich und recht innerlich froh kam ich nach Hause; von Uwe war noch nichts zu sehen und zu hören. Wir essen jetzt gut bürgerlich um zwölf Uhr zu Mittag, und meine Leutchen haben sich in die von unserer Hamburger so grundverschiedene Hausordnung nett eingewöhnt. Die Hauptsache ist ihnen, daß sie bei »Fräulein Diewen« geblieben sind, vor Uwe haben sie großen Respekt, aber leider – leider ist er ihnen noch Nummer zwei. Das muß ganz, ganz anders werden. »Er soll dein Herr sein!« Ich will's mit goldenen Buchstaben überall anbringen, daß sie es allzeit vor Augen haben, dann wird es ihnen schon auch in die Herzen kommen. Bei uns selbst ist's nicht nötig. »Mein Herr, mein Meister, mein Schulmeister, mein Liebster, mein alles«, so klingt's und tönt's und raunt es um mich her. »Uwe! Uwe Karsten, ich liebe dich, ich liebe dich!!!« Endlich, Schlag zwölf Uhr (wann wäre er je unpünktlich gewesen?), trat er ins Haus. Gleich war alles licht im Zimmer. Er ist doch wahrlich meine Sonne. Und um des stürmischen, süßen, lieben Wiedersehens willen ist ja auch die Trennung schön, es ist alles schön, was nur irgendwie mit meinem Uwe zusammenhängt – – närrische Urschel! Ich hatte nämlich etwas laut gedacht, und der letzte Ausdruck stammt von Uwe. Gleich darauf sagte er mir allerhand ungeheuer Närrisches selbst ins Ohr, o wie kann mein urgescheiter Mann und Herr und Gebieter »dumm Tüg« reden! Von meinen »kleinen Ohren« und meinen »unergründlichen Augen«, von meiner Stimme, »die auch beim Sprechen wie eine Glocke töne«, und ihm, gerade ihm mitten ins Herz hinein, deshalb sei er allzeit in andächtiger Stimmung. Es ist beschämend, wie gern ich ihm zuhöre. »Aber die Suppe wird kalt«, rief Jungfer Minna, und da waren wir wieder auf Mutter Erde. – O es ist ja gewiß alles nicht neu und nicht ursprünglich, was ich hier von meinem Uwe erzähle, aber die wirklich originellen, nie dagewesenen Namen, die er mir sonst noch gibt und die den alten Ben Aliba schmählich zuschanden machen, die schreibe ich ja gar nicht hin, die sind mir viel zu heilig, die behalte ich ganz tief verschwiegen in meines Herzens innerstem Schrein. Kann ja auch Uwes Küsse nicht schildern, die innigen, zarten, die wie einer Mutter Kuß anmuten, ebensowenig die wilden, heißen, stürmischen Küsse, die mir auch zurufen: »Er soll dein Herr sein!« Ihr lieben, verschwiegenen Blätter! Gelt, ihr plaudert nichts aus? Nicht einmal meinem Uwe sollt ihr sagen, wie ich dürste nach seiner Zärtlichkeit, wie ich selig bin, wenn ich an seinem Herzen ruhe. Uwe und ich sind beide scheue Naturen, – wir denken allzeit an der Ehe »immergrünen Myrtenkranz«, denken an »die Liebe, die sich selbst bewacht«, und dennoch ist unsere Liebe gewaltig – gewaltig! Wenn ich einmal sterbe – lange, lange vor meinem Uwe – – (närrische Urschel!), dann verbrenne ich diese Blätter. Bei einem so starken, gesunden Menschenkinde, wie ich eins bin, mit der ungeheuren Lebensbejahung in sich, muß der Tod sich anmelden. Er darf mich nicht auf einmal fällen, wie einen Baum. Täglich bitte ich Gott darum, daß er mich mit klarem Bewußtsein sterben läßt, und ich habe ein tiefes, unerschütterliches Vertrauen, daß er seinem Kinde diese Bitte erfüllt. Der Tod soll mich fragen: »Bist du bereit, Ursula?« Und ich will ihm antworten: »Verziehe nur eine Stunde oder zwei, bis ich ganz mein Haus bestellt habe, denn alles, alles soll meinem Uwe gehören, weil er mein alles war.« Und wenn das geschehen, dann verbrenne ich diese Blätter. Ich sehe sie im Kamin liegen und mich selbst auf dem Ruhelager davor, – ich sehe, wie die humorvollen Stellen darin fröhlich aufflackern, und die tränensatten Blätter nur langsam glimmen, wie die heißen Liebesbogen in strahlender Flamme auflodern, bis alles, alles zu Ende ist. Dann leuchten und zittern noch die kleinen Fünkchen auf der Asche wie lichte Sternlein und fliegen durch den dunkeln Schornstein hinauf in Gottes blauen Himmel. Aber ich weiß, jedes Aschenstäubchen verkörpert sich wieder und kommt als Gruß zu meinem Uwe geflogen. O die Millionen Grüße! Du wirst nie allein sein, Uwe! Närrische Urschel! Nach Tisch erzählte ich meinem Uwe, daß ich Schulmeister gewesen war, und er rief einmal über das andere Mal: »Das kommt in den Reichstag, Urschel, oder mindestens in den Landtag, – wenn nicht der Kultusminister selbst nach Immenhof reist.« Dann wollte er sich halbtotlachen über mein verdutztes Gesicht und schwenkte mich wie der übermütigste Bursch in der Stube herum und erstickte mich beinahe mit seinen Küssen. »Büst ja eine Mordsdeern! Un ümmer feste plattdütsch hest du snakt mit de Jungs?« fragte er lachend. »Weißt du nicht, Schoolmeestern, daß das ausdrücklich verboten ist?« Wort für Wort mußte ich ihm alles erzählen, und ich durchlebte noch einmal die lieben Stunden meiner Schultätigkeit. – »Uwe, hab' ich meine Sache gut gemacht? Sprich doch ein vernünftiges Wort!« »Urschel, ich muß dich anzeigen.« »Weshalb, mein Uwe?« »Wegen unbefugter Ausübung der Lehrtätigkeit.« »Uwe, die Kinder waren glückselig.« »Das glaube ich, Urschel, das ist der Herr Lehrer auch, – wenn er bei dir ist.« »Uwe, und pass' auf, wenn die Nachwirkung kommt! Wie werden sich die Eltern alle freuen, daß die Schule nicht ausfiel.« »Hm!« »Uwe, sie brachten alle etwas mit nach Hause.« »Jawohl! Krischan Kassen einen Apfel. Wenn er ihn nicht schon auf dem Wege gefuttert hat.« »O Uwe, ich meinte es geistig.« – – – »Du unverbesserlicher Idealist! Warte bis morgen! Hat deine verbotene, schulordnungswidrige Tätigkeit überall ein wohlklingendes Echo, eine durchaus wohlwollende Beurteilung bei unsern Dörflern gefunden, dann lasse ich mich pensionieren und beantrage selbst, daß Frau Ursula Alslev, geborene Diewen, Heideschulmeister wird.« – »Spötter!« Er küßte mir die Falten von der Stirn. – – Ach, ich brauchte nicht bis zum andern Tage zu warten. Das »Echo« kam schon am selben Abend. Krischan Kassens Mutter erschien sehr eilig und sehr erregt im Hüttchen. Sie nahm gar nicht erst die Zeit, sich hinzusetzen, stehend sprudelte sie in höchster Erregung die Worte hervor und gestikulierte dabei mit den Händen, daß einem angst und bange werden konnte. Der kleine, stille, sinnige Krischan! Ich hatte ihm gar nicht so eine rabiate Mutter zugetraut. »Herr Lehrer, Herr Lehrer, o Gottogott, oha! Was hat Ehr Fru einmal angestellt in die Schulstundens?« fragte sie, ängstlich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. »Ik möt glik wedder nach Hus. Ohaoha! Zu Haus, da s–teht mien Jung und hat die Arme in die Höchte gestreckt un tut sie nich runner, un wenn mien Mann seggt un ik segg ok: ›Jung, gah to Bedd‹, denn is er ja wohl rein irre in Kopp und sagt, er wollt so stehn bleiben, bis die Vögels sich 'n Nest in seine Hand baun täten, de Schoolmeestern hätt' dat seggt. Ohaoha! Un die Stine Flaßhaar ehr Mudder kommt gliks ok, wegen ehr Kind, das is jo wohl rein ut de Tüt. Un Fru Lehrer, – ik würd' doch lewer nich de Schaul besorgen, da is jo de Herr Lehrer vor da, un es gibt ja man blot Upregung. Un adjüs ok, ik möt seihn, ob mien Jung noch dor steiht as wie verrückt.« Uwe krümmte sich vor Lachen, – mir aber war gar nicht lächerlich. Und kaum war Frau Kassen fort, da segelte schon Frau Flaßhaar herein, noch weit erbitterter als ihre Vorgängerin. »Da is mien ol Mudder to hus,« keuchte sie, ohne erst Guten Abend zu bieten, »siewunsäbentig Johr olt, un hat ihr Lebtag nich singen künnt un jetzt irst recht nich, äwer lütt Stina drückt ihr hüt den ganzen Dag en Singbook in 'ne Hand und schreit: ›Sing, Grußmodder, sing: »Eine Mauer um uns baue!« Krischan hat 'n Appel 'kriegt wegen sin' Großmutter, ik will ok 'n Appel.‹« Frau Flaßhaar fing an zu weinen. – Sie hielt ihr Kind seit dem Vormittag für geistig gestört, und ihr vorwurfsvoller Blick klagte mich an. »Was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz«, mußte ich mir noch von ihr sagen lassen, aber meinem Uwe drückte sie freundschaftlich die Hand und beschwor ihn, ja immer selbst de School zu halten, oder de Gören lopen to laten, wenn he nich dor wier. »Adjüs ok.« Da saß ich mit meinen Kenntnissen und meiner Begeisterung, und selbst Uwes lachende Zärtlichkeit konnte meine Enttäuschung nicht geringer machen. Und so ging es noch mehrere Tage. Die Klagen über mich rissen gar nicht ab. »Mein Uwe, du erzählst doch den Kindern auch Geschichten. Warum fassen sie deine anders auf?« »Weil du der Dichter bist, meine Urschel, nicht ich. Du reißt die Kinder mit fort, sie müssen alles nachmachen, was du in der Lebendigkeit der Darstellung ihnen gibst, – ich bin viel trockener in meinen Stunden, oder ich wirke langweiliger.« »Du, mein Uwe? Das ist ja gar nicht möglich.« »Du siehst den Beweis. In dem einen Vormittag hast du aufregender gewirkt, als ich in den ganzen Jahren meiner Tätigkeit.« »Mein Uwe, ich will nicht mehr schulmeistern. Nicht eher, als bis du mich es recht gelehrt.« Da küßte er mich wieder. – – Auch darin ist er mein Meister und ich – seine glückselige, gelehrige Schülerin. – – Aber wenn auch die Eltern nichts von meiner Erziehungskunst wissen wollen, die Kinder sind mir treue Freunde geworden. Wir haben ein festes Bündnis miteinander geschlossen. Sie mußten mir ihre nicht ganz einwandfreien Patschhändchen reichen und mir geloben, nichts und gar nichts nachmachen zu wollen von dem, was ich ihnen erzählen würde, und so kann ich sie nun auf ihr Wort hin einmal wöchentlich um mich versammeln und die schönsten Sagen und Märchen vor ihrem geistigen Auge erstehen lassen, Brüder Grimm und Robert Reinick und ganz besonders meinen Christian Andersen, – o wie ist das alles so lebendig! Eine Spinnstube der Kleinen, wenngleich sie nicht spinnen, sondern stricken, und die Jungs nicht qualmen, wie die großen Burschen, sondern Laubsäge- und Papparbeiten verfertigen. O es ist immer so gemütlich! Heute kam eine Riesenfrachtkiste an. Fünfzig Märchenbücher, die mir mein Lubruder für meine jungen Freunde schickt. Der Gute! Er hat noch immer seine lieben Ideen. Was wohl mein Uwe sagen wird? O er wird sich freuen, – für seine Schüler ist ihm ja immer das Beste gerade gut genug. Natürlich wollte ich jedem Kind so ein Märchenbuch mit nach Hause geben, aber Uwe lehnte ab, – ich mußte ihm ja auch zustimmen, – bin ein rechtes Dummerchen gegen meinen Uwe, der alles schön vorher bedenkt und allzeit das Richtige trifft. »Meinst du nicht, daß sich jedes sehr über ein eigenes Buch freuen würde, Uwe?« »Je nachdem, Urschel. Wenn Fite Groth ein kleineres bekäme als Jochem Hansohm, hätte dieser dafür ein Loch im Kopf, darauf kannst du dich verlassen. Und einzelne Eltern würden erst recht ihre Kinder für übervorteilt halten, – Urschel, die Immenhofer sind Menschen, du hältst sie immer noch für Engel.« Ich lachte. »Ach nein, – nur dich, Uwe, nur dich.« Er sah mir tief in die Augen. »Der Seligsten einer bin ich, – aber doch nur ein Mensch.« Nun haben wir mit den fünfzig hübschen, stattlichen Bänden den Stamm zu einer Schulbücherei gebildet, haben sie mit Nummern versehen, und sie werden allwöchentlich getauscht. »So machen sie auch meinem Nachfolger Freude,« meinte Uwe, – »dein Bruder und alle Gönner unserer Schule dürfen fleißig dazu schenken, der Wohltätigkeit wollen wir keine Schranken setzen; was würde aber mein Nachfolger sagen, wenn die Bauern ihm bedeuteten, er solle jedem Schüler ein dickes Geschichtenbuch verehren, sie seien das vom Vorgänger gewöhnt?« »O Uwe, sie würden doch nicht – – –? Aber du redest immer von Nachfolger und Vorgänger, Uwe, – willst du fort von Immenhof?« »Das wußte ich doch, daß die Gedanken meiner Liebsten hier einhaken und haltmachen würden. – Nein, nein, meine Urschel, ich bleibe mit meinem Willen Heideschulmeister, aber – – ich könnte doch abberufen werden.« »Abberufen? Von wem?« »So heftig, Urschel? Ich dachte gar nicht an Menschen. Närrchen, – wenn nun unser Herrgott befiehlt, diesen Platz zu räumen?« »Uwe!« Er hielt mich mit beiden Armen umfaßt. »Du Närrchen, du kleines dummes, – wie erschreckend blaß du bist! Aber, Ursula! Kann mein starkes Weib so erschrecken? Vor nichts? So sprich doch! Ursula, mein Liebstes, so kenne ich dich ja gar nicht...« Ich bebte am ganzen Körper. Kaum kannte ich mich selbst in solcher Verfassung. Endlich konnten meine Lippen wieder Worte formen, – es war, als wiche eine Erstarrung von mir. »Was sagt mein geliebtes Weib?« »Uwe – – nie wieder von Fortgehen sprechen! Du nicht, Uwe! Du nicht.« Und ich küßte ihn, heiß und innig, und hielt ihn fest an meinem Herzen. Lieber, lieber Herrgott, nicht wahr, den Uwe, meinen Uwe, meinen Mann, – den nimmst du mir nie, – nie!« Seitdem, – – – ach, ich möchte es gar nicht niederschreiben, es soll gar keine feste Gestalt bekommen, was sich da zwischen uns schob, – ich schreibe es nicht nieder... Im Mai. Wieder der lachende Frühling in der Heide und dies Wonnegefühl in der Brust und das jungjunge Leben und die immer wachsende Liebe zu meinem Schulmeister Uwe – – – wo soll all diese Herrlichkeit noch hin? Immer schöner wird die Welt, oft dünkt's mich, ich bin gar nicht mehr darinnen, bin schon auf einem andern Stern, auf dem nur jubiliert und musiziert wird, – Beethoven und Bach, Grieg und Schubert. Wie heißt das Lied, wie heißen die Worte?: » Uwe, ich liebe dich! « Als ich gestern meinen Uwe aus der Schule abholte, – ich mußte einen Krankenbesuch mit ihm machen, – da stand an der Wandtafel geschrieben: »Es ist gut, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.« An dies Wort dachte ich, als mir Frau Pastörin Sunneby heute eine närrische Mitteilung machte. Ich faßte mich erst einmal an den Kopf und setzte mich hin und fragte noch einmal, ob ich recht verstanden hätte, ob dies meine einsame Heide sei und ich die Ursula Alslev, die aus dem städtischen Lärm und Plunder und Krimskrams und Oberflächlichkeit in ebendiese einsame Heide geflohen sei, und Frau Pastörin lachte spitzbübisch und wiederholte ihre, – beinahe hätte ich gesagt: schnöden Worte. Ich soll eine Kaffeegesellschaft geben. O ihr lieben Blätter! Ich erlaube euch zu erröten, als wäret ihr Löschblätter. Könntet ihr nur auch gleich alles wieder auslöschen. – Ich soll? Nein, ich muß, – behauptet Frau Beate Sunneby, – sie, sonst der Gerechtesten eine. Und weshalb? Wer kann mich zwingen? Die Sitte! Die mündliche Überlieferung von mindestens sechs bis zehn Immendorfer Menschenaltern. – Aber ich habe ja nirgends Besuche gemacht! Und wen soll ich denn einladen? Und wenn ich noch rasch die Besuche erledigen wollte, dann müßte man mich doch zuerst einladen. – – – Frau Pastorin lachte Tränen. »Sehen Sie, liebe Frau Alslev, das, was Sie da vorbringen, ist der städtische, oberflächliche Quark, der Plunder und das Äußerliche. Aber Ihre Immendorfer Kaffeegesellschaft, das ist etwas fest Gegründetes, etwas, das weder Sie, noch ich, noch irgendein Mensch zum Wanken bringt, – diese Kaffeegesellschaft ist vis major. « So, nun wußte ich doch, was vis major sei, – bis jetzt hatte ich mir ganz etwas anderes darunter vorgestellt. Ich erzählte es Uwe, und er lächelte, ein Lächeln, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. Und dann strich er mir mit seiner großen, lieben, kräftigen Hand über das Gesicht, als wollte er etwas fortwischen, und bei sich tat er es ebenso und hieb dann mit der flachen Hand ein paarmal rasch durch die Luft. Da wußte ich's. Es war etwas Unbedeutendes, etwas, was unsere eigentliche Welt nicht berührte, und ob ich mich damit belasten wollte oder nicht, das überließ Uwe mir. Und nun habe ich's getan, hab' mich damit belastet, und alles liegt schon wieder hinter mir. – Ich frage mich bei allem: »Fördert es dich?« und »Tut es andern weh?« Und diese Fragen beantworte ich nach zwei Seiten. So hieß denn hier die Antwort: »Es fördert mich nicht, wenn ich im althergebrachten Geleise gehe, aber es tut gewiß den andern weh, wenn es nicht geschieht.« So meinte auch Frau Pastörin Sunneby, die ja mit dem Herzen sieht. Wer waren nun die andern? Ich werde ihre Namen sobald nicht wieder vergessen. Drei Lehrerfrauen aus zwei Dörfern und einem Flecken um Immenhof herum und drei Pastorinnen, von denen Frau Beate Sunneby die eine war, die aber bei ihrem leidenden Manne zu Hause blieb. In Urväterzeiten sollen die acht »geistlichen Frawen«, nämlich die vier Pastorfrauen und die vier Lehrerfrauen aus Immenhof, Vogebüll, Emsken und Nehmty, geradezu vorbildlich gelebt und gewirkt haben, und der damalige Propst hat sie ermahnt, immer einig zu bleiben, dem ganzen Lande als leuchtendes Beispiel: »Sünd im Herzen und Geyst Einig Pfarrfrawen und Lehrerfrawen Von Nehmty, Emsken, Immenhof, Vogebüll, Also du weyßt Hat der [?] verloren sein Spüll.« Wer den Reim verbrochen, ob der Volksmund oder der Propst höchstselbst, ob überhaupt die Sage auf Wahrheit beruht, – es ist nichts darüber vorhanden. Man munkelt geheimnisvoll von einem großen Brande, der so gefällig gewesen sein soll, alle Urkunden darüber zu vernichten. Jedenfalls ist von dem vorbildlichen Leben und Wirken der acht Frawen und von ihrer schönen Einigkeit nichts übriggeblieben, als die alljährliche Kaffeegesellschaft, die diesmal nur sechs Frauen aufwies, da Frau Beate fehlte, und der Pastor von Nehmty unverheiratet ist. Meine Einladung erfolgte brieflich acht Tage vorher und wurde nicht beantwortet, weshalb ich nicht wußte, ob die vorgeschriebenen Berge Kuchen, die meine dienstbaren Geister (eigentlich ich) selbst backen mußten, auch verzehrt würden. Aber um Abnehmer war mir nicht bange, ich kenne meine liebe Immendorfer Schuljugend, meine Prachtjungen und Prachtmädel und ihren unversiegbaren Appetit. Schlag drei Uhr nachmittags an dem denkwürdigen Tage wurde es auf der Dorfstraße lebendig, – überall waren Wachen ausgestellt von Jung-Immenhof, und es war wie ein Telegraphieren: »Se kamen! Se kamen! Nu kamt se! Nu sün se dor!« Meine Kaffeegesellschaft war Sache des Dorfes. In einer ganz jämmerlichen Verfassung war ich selbst. Lampenfieber beherrschte mich, wie das größte Hamburger Senatorenmahl es nie bei mir ausgelöst hätte, und dazu hatte mich mein Halt und Trost, mein Stab und Schirm, mein Uwe verlassen müssen, um in Vormundschaftsangelegenheiten über Land zu fahren. »Es ist eine Schmach«, bemerkte Frau Pastor Nieten, während sie aus dem hohen Gestellwagen kletterte, und das war das erste Begrüßungswort, das ich von den geistlichen Frawen erfuhr. – Was sie mit der Schmach meinte, hörte ich erst bei ihrer vierten Tasse Kaffee. Vorerst gingen, stelzten und liefen die fünf Frauen mir voraus in mein Haus, wo Jungfer Minna sehr gravitätisch und vornehm, aber doch zierlich und freundlich in blütenweißer Schürze und Haube an der Tür stand und dann den Damen beim Ablegen half. Darauf stellten sie sich alle in eine Reihe, und wir gaben uns die Hand. Frau Pastor Nieten-Vogebüll, Frau Lehrer Reymers-Vogebüll, Frau Pastor Bosau-Emsken, Frau Lehrer Swart-Emsken und Frau Lehrer Jochen-Nehmty. And die Frau Lehrer Alslev benahm sich dümmer und linkischer, als ihres Mannes Schulmädels es getan haben würden. And wenn die Damen sich nicht selbst gesetzt hätten, so ständen sie wohl heute noch, denn ich vergaß das Nötigen. Frau Pastor Nieten mit langem, verkniffenem Gesicht und Madonnenscheitel saß auf dem Sofa, und daneben die quirlige, runde, seelenvergnügte Pastorin Bosau, zu beiden Seiten auf Sesseln die Lehrerfrauen Reymers und Swart. Erstere sehr schüchtern und jung; letztere arg fromm und demütig mit gefalteten Händen auf die Pastorin Nieten schauend, wie auf eine Offenbarung. Und neben mir auf dem Stuhl Frau Lehrer Jochen, eine derbknochige, wohlhabende Bauernfigur mit offenen, gewinnenden Zügen. Also nach der vierten Tasse Kaffee tat Frau Pastor Nieten zum zweitenmal den Mund auf. »Es ist eine Schmach!« Ich sah sie hilflos an. »Es war sonst Sitte,« bemerkte sie weiter und sprach unendlich langsam, gedehnt und salbungsvoll, »daß die neu Ankommenden der vier berühmten Orte Vogebüll, Nehmty, Emsken und Immenhof den andern einen Antrittsbesuch machten.« »Wie gern hätte ich das getan,« rief ich rasch, »wenn man – –« Frau Nieten erhob ihre Hand, auf daß ich schweigen sollte, und zwar augenblicklich schweigen, und sah mich so strafend, so verweisend und durchbohrend an, daß ich glühendrot wurde. »Wenn man aus anderen, nicht immer besseren, wenn auch reicheren, üppigeren Kreisen in schlichte, fromme Umgebung vom Herrn gestellt wird,« fuhr sie noch um fünf Prozent langsamer fort, »dann erkundigt man sich fleißig vorher nach den alten, edeln Sitten und Gebräuchen. Zu diesen gehört zum Beis–piel auch, daß man seine Gäste im einfachsten, schwarzen Kirchenkleid empfängt.« Und ihre kalten, hellblauen, strengen Augen bohrten sich förmlich in meine schlichte, helle, seidene Bluse. »Ach, du lieber Gott«, fiel jetzt Frau Pastor Bosau mit einer unglaublich hellen Trompetenstimme ein. »Das ist doch gehupft wie gesprungen, ob swart oder witt, die Hauptsach' ist 's Gemütt.« Und sie nickte mir munter zu. »Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen«, rügte Frau Pastor Nieten. »Tu' ich auch nicht«, verteidigte sich die Kollegin, »Aber der liebe Gott ist mein bester Freund, und wenn mir's ab und an zu bunt wird mit der lieben Geistlichkeit, dann ruf' ich ihn.« Nun wurde auch ich mutiger. »Mein Kirchenkleid war mir zu schade für eine weltliche Kaffeegesellschaft«, bemerkte ich kühn. »Ihre Bluse ist sehr fein,« wandte sich nun meine wohlhabende, derbe Nachbarin an mich und befühlte ungezwungen den Stoff, »die hat ihre zwanzig Mark gekostet, da wett' ich drauf. Mein Kleid ist auch aus Hamburg, vier Mark der Meter, Vater sagt, wir hätten's ja, und das ist auch wahr. Mein Mann braucht keinen Pfennig für meine Kleidung auszugeben, er hat's ja auch nicht dazu als Lehrer.« Inzwischen schenkte Minna neuen Kaffee ein, und es entstand eine Gesprächspause. Dann räusperte sich die Pastorin Nieten wieder zu langatmiger Rede und ließ sie vom Stapel, als Jungfer Minna aus dem Zimmer ging. »Kleider und Mammon sind Fallstricke des Teufels. Eine Pfarrfrau sollte immer an das Kamel und das Nadelöhr denken...« »Tu' ich ja auch,« lachte Frau Pastor Bosau, »das Nadelöhr habe ich eigentlich immer vor mir, weil meine Rangen so unglaubliche Reißerchen sind, und wie oft, wie oft muß ich ans Kamel denken – –«, dabei schaute sie die Kollegin mit unglaublicher Keckheit an. »Sie scherzen ruchlos, Frau Bosau«, bemerkte die Gegnerin strafend. »Ach, ich finde Mammon sehr hübsch«, meinte Frau Lehrer Jochen, »Der Lehrerstand kann's brauchen. Bloß so mit Idealen kommt kein Mensch mehr durch. Mein Vater wollte ja erst nicht 'ran, daß ich meinen Mann heiratete, weil ich auf 'n paar reiche Marschhöfe kommen konnte, aber ich wollte doch nun mal Jochen, und bin Vaters Einzige. Und nun können wir auch viel Gutes tun im Dorfe und uns selbst schöne Bücher anschaffen, – ohaoha, was lese ich gern! Aber Jochen sagt, ich hätte bis jetzt lauter Schund verschlungen, und nun bildet er mich. Er ist schrecklich gut, und wir haben uns sehr lieb.« Es klang alles unglaublich derb, aber frisch und natürlich, und ich drückte rasch ihre Hand. »Das letzte ist die Hauptsache, nicht wahr?« rief ich, und sie nickte mir strahlend zu. »Zu viel Bücherweisheit ist dem Herrn auch nicht immer angenehm«, nahm jetzt endlich Frau Lehrer Swart das Wort mit einer höchst unangenehmen Stockschnupfenstimme. »In ein Lehrerhaus gehören die Bibel, das Gesangbuch, der Katechismus und etwelche Missionsschriften, weiter nichts.« »Ach, du Grundgütiger!« rief Frau Pastor Bosau, »vergessen Sie doch wenigstens noch das eine nicht.« »Nun?« »Na, 'n Kochbuch müssen Sie doch wenigstens haben, damit der arme Gatte was auf die Rippen bekommt.« Die Angeredete zuckte zusammen. Erst später erfuhr ich, daß sie den bedauernswerten Herrn Swart in der Tat nur mit der obengenannten Lesekost ernährt, aber nicht aus heiliger Begeisterung für das Gotteswort, sondern aus Geiz. – Frau Jochen schmunzelte über das ganze wohlgenährte Gesicht. »Och ne, 'n richtigen Teller voll muß mein Mann jetzt immer haben,« berichtete sie wichtig, »das tat uns ja zu leid, wenn er erzählte, wie er als Präparand gehungert hat. So 'ne greuliche Pensionsmutter hat er gehabt und ausgesehen soll er haben, daß man ihm das Vat ...« Frau Jochen wollte sagen: »das Vaterunser durch die Backen blasen konnte«, aber ein Blick auf die drohenden Mienen der Pastorin Nieten und der Swart ließ sie sehr geschickt fortfahren: »das fat–ale Essen auf zehn Schritte weit ansah.« Frau Vosau lachte schallend. »Da hat mal der richtige Topp seinen richtigen Deckel gekriegt,« rief sie anerkennend, »ich sah Herrn Jochen gestern zufällig, Sie haben ihn ordentlich 'rausgefuttert.« »Nicht wahr?« Frau Jochen strahlte. »Wie 'n Ausrufungszeichen war er damals, und jetzt kriegt er schon 'n Bäuchlein.« »Kind Gottes, Sie reden ja gar nichts«, wendete sich Frau Pastor Vosau an die junge, schüchterne Frau Lehrer Reymers. Diese saß ganz in sich zusammengesunken da, warf dann und wann einen scheuen Blick auf Frau Nieten, und man reimte es sich unschwer zusammen, daß diese wohl in Vogebüll das unumschränkte Regiment führte. »Was lesen Sie denn Gutes mit Ihrem Jugenderzieher zusammen? He?« Die Pastorin Bosau nickte der Schüchternen aufmunternd zu. Doch diese schwieg und errötete beinahe schuldbewußt. »Frau Lehrer Reymers fühlte die Hand des Herrn schwer auf sich,« nahm Frau Nieten für sie das Wort, – »sie hatte Anfechtungen zu bestehen, Versuchungen in Glaubenssachen, – ja, sie unterlag verwerflichen Zweifeln...« Das wurde so erbarmungslos offen und doch so teilnahmlos hingesagt vor uns allen, als verurteile ein Staatsanwalt einen hartgesottenen, unverbesserlichen Verbrecher. Mir tat das arme Ding unbeschreiblich leid. – »Wer von uns hat wohl keinen Zweifel gehabt?« warf ich rasch ein und sah voll aufrichtiger Teilnahme in das verhärmte Gesicht der jungen Vogebüller Kollegin, deren Augen sich mit Tränen füllten. »Ich!« entgegnete Frau Pastor Nieten hart. »Nun, da sind Sie eben besonders gnädig geführt worden, Frau Pastorin... Das kann nicht jedes Menschenkind von sich sagen...« »Oder haben blind nachgekaut, was Ihnen vorgegessen wurde«, unterbrach mich Frau Pastor Bosau laut und streitbar, so daß ich rasch die Schlagsahne anbot, deren Genuß immer besänftigend wirkt. Hier tat sie es aber nicht. Frau Pastor Nieten setzte sich bolzgerade in die Höhe, und ihr Predigtton nahm Messerschärfe an. »Eine blinde Nachfolge Christi ist meines Erachtens für uns sündige Menschen mehr am Platze als das sogenannte: Suchen der Zeit.« »So? Da bin ich anderer Meinung.« Frau Pastor Bosau löffelte rasch die Schlagsahne, aber ohne Verstand und Gemüt, weshalb auch die Wirkung ausblieb. »Das Suchen nach Wahrheit schärft den Geist, hält das Herz frisch und fördert. Rast' ich, so rost' ich. Und dabei haben Sie mir immer noch nicht meine Frage beantwortet, liebe Frau Reymers, was Sie mit Ihrem Manne lesen, – es interessiert mich, – er soll ja ein außergewöhnlich strenges Regiment in der Schule führen.« Frau Reymers erblaßte jäh, ihre Augen weiteten sich schreckhaft. »Wenn mich Frau Alslev nicht unterbrochen hätte,« begann Frau Pastor Nieten wieder mit hartem Tonfall, »so hätten Sie gehört, daß ich es übernommen habe, unsere verirrte Schwester auf den rechten Pfad zu leiten, sie liest Erbauungsschriften unter meiner Anleitung, lernt sie dann zu Hause auswendig, und ihr Gatte, ein eifriger Streiter des Herrn, überhört dann die wichtigsten Stücke und – sorgt dafür, daß sie sich einprägen.« – Wieder zuckte Frau Reymers zusammen, und ihre Hände verschlangen sich nervös. Frau Pastor Bosau stieß einen langgezogenen Pfiff aus, wie ein alter Stadtsoldat, die andern schauten mehr oder weniger neugierig auf das verirrte Schaf, und mir schwoll das Herz vor Zorn und Mitleid. Aber die unerschrockene Frau Pastor Bosau faßte sich zuerst. »Ich bin Mitglied vom Tierschutzverein,« erklärte sie, »und jedwede Schinderei ist mir verhaßt.« – – »Soll ich hier beleidigt werden?« fragte Frau Pastorin Nieten und erhob sich halb. »I wo doch.« Frau Pastor Bosau drückte sie wieder auf ihren Sofasitz. »Es ist doch sehr nützlich, daß wir uns mal katzbalgen und ordentlich die Meinung sagen, – vielleicht kommt jetzt ein frischerer Zug in unsere etwas muffigen Stuben, und ich bin jedem dankbar, der mal einen Stein in den dörflich-pastörlich-stagnierenden Teich wirft.« »Ich habe bis jetzt nichts von muffigen Stuben, noch von stagnierenden Teichen gemerkt«, entgegnete Frau Pastor Nieten spitz. »Dann danken Sie Gott für Ihre Nase«, war die rasche Antwort. »Aber Scherz in den Tischkasten! Jedenfalls wird Frau Lehrer Reymers nicht mehr mit dem Soxhlet ernährt und kann sich ihr Lesefutter selbst vorschneiden. Was meinen Sie, kleine Frau?« Wir sahen alle mehr oder weniger erschrocken die Redende an. Wir fühlten, hier wurde zwischen zwei tief erbitterten Frauen ein jahrelanger Groll ausgetragen, und mein sonst so stilles Stübchen mußte den Kampfplatz abgeben. »Möchten Sie nicht mir überlassen, als der Älteren und mit Frau Reymers im gleichen Orte Ansässigen, was für das Seelenheil unserer Schwester das beste ist?« »Nein, das möchte ich nicht, Frau Amtsschwester. Hier kommt nicht das Alter, sondern die christliche Nächstenliebe in Betracht. Und ich habe Frau Reymers lieb, schon seit Jahren, als sie die beste Konfirmandin meines lieben Mannes war.« Hier erhob sich Frau Reymers, unfähig einen heftigen Tränenstrom länger zurückzuhalten, und ich führte sie sanft in meines Uwe Arbeitszimmer. »O nur ein wenig weinen,« bat sie, »o nur einmal diese grausame Stimme nicht hören! Sie sind gut, Frau Alslev.« Sie weinte fassungslos. »Hier ist's still,« sagte ich und drückte sie in Uwes großen Lehnsessel, »bleiben Sie hier und fassen Sie sich, – ich kenne solche Stunden, da ist man am besten allein.« Einen raschen, scheuen Kuß fühlte ich auf meiner Hand, beinahe erschrocken darüber kehrte ich zu meinen Gästen zurück. Sie waren wohl alle verblüfft über unser Verschwinden gewesen, denn der Kampf wurde jetzt erst wieder aufgenommen. »Ist mir lieb, daß die kleine Frau draußen ist«, meinte Frau Pastor Bosau mit tiefem Ernst. – »Sehr lieb! Ich frage Sie, was ist aus dem sonnigen Ding geworden, die mein Mann und ich nicht anders als mit strahlendem Lachen kennen? Die nicht ging, sondern allzeit hüpfte? Die immer wie ein heller Frühlingstag in das düsterste Krankenzimmer hineinleuchtete?« »Sie werden poetisch, meine Liebe«, unterbrach sie Frau Pastorin Nieten. »Ja, damals konnte man zum Dichter werden, wenn man Lieschen Eriksen sah, und alle jungen Burschen wurden es, doch das junge, frohe Ding lachte sie alle aus; als aber der fromme, sittenstrenge, ernste, düstere Schullehrer Reymers ein feierliches Gedicht ihrer Schönheit zu Ehren verbrach, – da war sie besiegt, die Ärmste!« »Die Ärmste?? Ich sehe das nicht ein. In dem Hause und im Herzen eines glaubensstarken Mannes ist so ein Flederwisch am besten aufgehoben.« Das gute runde Gesicht der Pastorin Bosau rötete sich im hellen Zorn. »Ein Flederwisch in dem Sinne, wie Ihre Betonung es andeutet, war Lieschen Eriksen nie, sie war frohmütig und lachend, und wir hofften, sie würde Sonne in das vermuckerte Gemüt des Lehrers Reymers bringen. Statt dessen« (sie dämpfte die Stimme etwas) »haben wir uns sagen lassen, daß er sein junges Weib – schlägt, wenn sie einmal weltlich-lustige Lieder gesungen und die Bibelsprüche nicht sicher genug gelernt hat, die er ihr aufgibt wie einem Schulbuben. Ist das wahr, Frau Pastorin Nieten??« Wir waren alle erschüttert, und die derbe kleine Frau Jochen weinte ganz laut hinaus, nur Frau Pastor Nieten saß unbewegt da. »Er soll dein Herr sein, ist ein vornehmes Ehegebot und kann unbotmäßigen jungen Frauen nicht scharf genug eingeprägt werden. Mein Mann und ich werden es jedenfalls dem Lehrer Reymers nie verdenken, wenn er des Satans Macht unterdrückt, der mit Versuchungen an das junge Weib herantritt.« Frau Pastor Bosau lachte erbittert. »Lachen Sie nur,« fuhr die langsame Predigtstimme fort, »Sie tragen auch mit die Verantwortung, denn ich habe ja heute gehört, wie Sie Frau Reymers zum ›Suchen‹ aufforderten, ›das den Geist fördere‹. Eben dieses ›Suchen‹ verdammt aber der strenggläubige Lehrer Reymers, weil es der Nährboden für die Zweifelsucht ist.« Ich saß mit wehem Herzen unter meinen seltsamen Gästen. In der stillen äußeren Friedlichkeit der Heidedörfer hatte ich gar nicht diese inneren Stürme vermutet, hatte mir auch die Pastorenfrauen bäuerlicher und die Lehrerfrauen gleichgültiger gedacht. »Warum denn rastlos nach Aufklärung suchen und warum blind nachplappern?« fragte ich, mit einem redlichen Bemühen, Frieden zu stiften, »Wenn jeder einzelne die guten Lehren lebt, die Christus uns gab, ich meine, dann braucht es nichts weiter.« »Das Ei des Kolumbus! Bravo, Frau Alslev, Sie haben das Herz auf dem rechten Fleck!« Also Frau Pastor Bosau. Aber Frau Nieten gab sich mit meiner einfachen Philosophie nicht zufrieden. »Ei, ei, meine Liebe!« Sie wiegte mißbilligend den Kopf und wendete sich an mich. »Da kommen wir ja auf das Glaubensbekenntnis des Alten Fritz, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen, das ist doch wohl kein richtiger Standpunkt für eine christliche Lehrersfrau.« Sie betonte die Lehrersfrau besonders hämisch, aber ich tat ihr nicht den Gefallen, darüber ärgerlich zu werden, sondern zuckte nur die Achseln. »Ich kann Sie nur bitten, Frau Alslev, diese Ansichten ganz für sich zu behalten und nicht etwa Frau Reymers damit zu beeinflussen«, fuhr sie schärfer fort. »Es klingt ganz schön, was Sie da vorhin gesagt haben, aber – nun jedenfalls würde Ihnen Herr Lehrer Reymers diese Philosophie nicht danken – er hält es vorläufig mit dem Krückstock Friedrichs des Großen.« Wie erbarmungslos sie das sagte, wie hart ihr Gesicht war! Frau Bosau vergaß sich so weit, auf den Tisch zu schlagen, aber da geschah etwas Unerwartetes. Die Tür zum Nebenzimmer, die ich wahrscheinlich nur angelehnt hatte, öffnete sich, und Frau Reymers stand sehr blaß, aber sonst ruhig auf der Schwelle. »Sie irren sich, Frau Pastor Nieten,« sagte sie fest, »mein Mann hat mich nie geschlagen. – Und jetzt muß ich heim,« wendete sie sich an mich und sah mich mit seltsam erloschenen Augen an, »ich glaub', ich werde krank.« »Bleiben Sie heut nacht bei mir!« bat ich rasch, aber sie schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich will zu meinem Manne!« Frau Pastor Nieten, welche die junge Frau auf ihrem Vogebüller Gefährt mitgenommen hatte, rührte sich nicht aus ihrer Sofaecke. Aber nun sprang die kleine Frau Jochen heftig auf. »Ich fahre mit«, rief sie, und es leuchtete etwas in ihren frischen Augen, was ich mir wie Sehnsucht ausdeutete, von diesen schweren, unbehaglichen Auseinandersetzungen fortzukommen zu ihrem jungen Ehemann. »Es ist ja einerlei, ob ich den Umweg über Vogebüll mache, ich gebe dem Kutscher einen Taler mehr.« Dann wendete sie sich an mich. »Zu Ihnen komme ich bald mal allein, Frau Alslev, es ist so hübsch bei Ihnen. Sie müssen mir sagen, was so 'n dicker, großer Teppich kostet und so 'n alter Schrank. Das kriegt man jetzt neu auf alt gemacht, sogar mit'n künstlichen Holzwurm. Bei mir ist alles so hell, es war vor 'n paar Jahren so Mode, aber wenn ich mir nun eine dunkle Ausstattung wünsche, wie Sie sie haben, dann freut sich Vater.« Man konnte ihr nicht böse sein; ehe ich's mich versah, hatte ich einen schmatzenden Kuß, und dann gab sie artig die Hand ringsum mit einem regelrechten Tanzstundenknicks, der ungeheuer humoristisch bei dem derben Persönchen wirkte. Frau Reymers stand indessen wie weltverloren an der Stubentür, grüßte uns alle nur mit scheuen Augen und ließ sich dann von Frau Jochen hinausziehen. Ich wollte ihnen folgen, wollte der armen kleinen Frau noch ein paar liebe Worte sagen, aber die laute Frage von Frau Pastor Nieten: »Nun, Frau Alslev, bei wem sind wir eigentlich heute zu Gast?«, ließ mich wieder auf meinen Platz gehen. Da rasselte auch schon der kleine Wagen davon, und ich sah durch das Fenster, wie die behäbige Frau Jochen den Arm um die schmächtige Frau Reymers gelegt hatte. Jungfer Minna räumte die Tassen ab und brachte Torte und Wein. Es war Liebfrauenmilch und funkelte köstlich in meinen Römern. »Wir trinken sonst Limonade bei unsern Zusammenkünften«, bemerkte Frau Pastor Nieten eisig. »Jawohl,« meinte die Pastorin Bosau, »und zwar gab das wabbelige Zeug unserem Kreis auch ein wabbeliges Gepräge. Heut zum erstenmal waren wir streitbar und mannhaft, dieser edle Tropfen warf seinen Schatten voraus.« Sie trank begeistert. »Donnerkiel, Frau Alslev, das ist ein Weinchen. Da muß mein Alter mal her. And alle meine Gören bringe ich mit, die aber nur zur Limonade. Acht Stück, ohne die ganz Kleinen. Jawohl, wir sind ein gesegnetes Pfarrhaus.« Sie lachte herzerquickend. Ich stieß mit allen an, aber Frau Pastor Nieten tat mir nicht Bescheid. »Dürfte ich nicht doch um Limonade bitten?« fragte sie beharrlich, und ich holte rasch das Verlangte. »Es verstößt gegen die Statuten,« meinte Frau Pastor Bosau, verächtlich auf meinen Himbeersaft schauend, »der selige Propst vor dreihundert Jahren soll gesagt haben, daß die geistlichen Pfarr- und Lehrfrawen sich bei einem 'gutten Glasse Wyn' verständigen sollten.« Die Pastorin Nieten trank Limonade, schaute Frau Swart streng an, und diese ließ ebenfalls den Wein stehen und sich von mir Saft eingießen. »Und was sagt Herr Lehrer Alslev zu Ihren Gelüsten?« fragte Frau Nieten scharf. »Wir wissen alle, daß er – aus verschiedenen Gründen den Alkohol meidet.« »Nicht aus verschiedenen Gründen«, entgegnete ich, kühn den Stier bei den Hörnern fassend. »Nur aus dem einzigen, weil der Alkohol in seiner Familie schweren Schaden getan hat, – der Alkohol im Übermaß , Frau Pastor Nieten.« »Ist ja ganz schön,« murmele Frau Pastor Bosau, die schon lange mit einer kleinen Bosheit kämpfte, »aber manchen, der nie einen Tropfen trinkt, hat der Deubel doch beim Kanthaken.« Frau Nieten warf ihr einen vernichtenden Blick zu, und dann stand sie auf, – endlich, endlich! Sie streckte mir ihre froschfeuchte, eisigkalte Hand hin: »Wir erwarten Ihren Gegenbesuch.« Weiter nichts. Keinen Dank für den Nachmittag, keinen Gruß für Uwe, ich ließ sie nun auch allein mit Frau Swart abfahren, mir war elend zumute. Frau Pastor Bosau blieb noch ein paar Minuten bei mir, nachdem sie in der Luft drei Kreuze hinter ihrer Amtsschwester her gemacht hatte. Oh, wie liebe ich diese streitbare Frau. »Aufgeschaut, Frau Alslev! Jetzt erst müssen Sie zeigen, was in Ihnen steckt, nachdem Sie uns geschmeckt haben. Jaja, da gehört eine gute Verdauung dazu. Ich glaube, die haben Sie. Wetter noch mal, ich bin Ihnen gut. Mit dem festen Entschluß war ich hergekommen, mir von der Hamburger Patriziertochter nicht imponieren zu lassen, – aber die Frau Lehrer Alslev hat mir imponiert.« »Womit denn?« fragte ich kläglich. »Ich kam mit so viel Idealen in meine Heide – an solche Art Kollegenfrauen habe ich gar nicht gedacht, wie diese Frau Pastor Nieten – – –« »Vermessene! Wie können Sie so ohne weiteres uns Pastersch als Ihre ›Kolleginnen‹ ausgeben? Wollen Sie mutwillig in ein Wespennest trampeln? Warten Sie ab, bis der Herr Kreisschulinspektor Nieten Sie mores lehrt. Und wenn Sie so klug sind, wie Sie lieb sind, dann verstecken Sie die senatorlichen Gedanken und Ansichten tief, tief in Ihren Busen und Ihre Ideale verzapfen Sie nur Ihrem Dichter – Uwe im stillsten Kämmerlein. Sie finden ringsum bei uns keinen Widerhall.« Was war das? Frau Pastor Bosaus Augen glänzten feucht. »Menschenkind,« raunte sie leise, »mein Mann und ich sind Ihres großen Gatten treueste Verehrer. Aber ich weiß auch, was Ursula Alslev, geborene Diewen, für einen Dornenweg vor sich haben würde, wenn sie mit uns ›Kollegen‹ verkehrte. Bleiben Sie für sich, – Sie brauchen uns nicht.« Sie schnäuzte sich heftig die Nase. »Und nun denken Sie gar nicht mehr an meine Amtsschwester Nieten, das ist kein Durchschnitt, das ist eine Extraausgabe des Homo sapiens Linné.« »War sie immer so?« fragte ich schaudernd. »Immer! Ich kenne sie fünfzehn Jahre. Sie soll nie jung gewesen, sondern mit den Madonnenscheiteln auf die Welt gekommen sein. Und vor fünfzehn Jahren verekelte sie mir mein erstes Glas Schaumwein. Na, es hat ihr nichts genützt. Damals schreckte sie mich, die ich drei Wochen verheiratet war, mit dem Hinweis, daß ich nie ein ›Kindlein wiegen würde, wenn ich dem Trunke frönte‹. Du lieber Gott, damals feierten wir meines Mütterchens Geburtstag, zu der ich unserer knappen Pfründe wegen nicht reisen konnte, und es war mein erstes Glas Sekt aus der Flasche, die ein Korpsbruder meinem Manne in unsere erste Pfarrstelle schickte. Ich habe dann jedes Jahr ein Kindlein gewiegt, vierzehnmal, rein aus Trotz gegen meine Amtsschwester Kassandra, und sie selbst hat nur zwölf.« »Zwölf??« rief ich verblüfft. »Ja, zwölf Limonadenkinder, alle sauertöpfisch und salbaderig wie Vater und Mutter. Und nun habe ich genug geschwatzt, mit dem schnöden Hintergedanken, noch ein Manneswort mit Herrn Uwe Karsten sprechen zu können, aber er lauert wohl schon lange hinter einer Tür und wartet sehnsüchtig schimpfend, daß ich mich trolle.« Ich sperrte lachend sämtliche Türen weit auf. »Mein Mann kommt erst spät zurück von seiner Reise, Sie können es mir schon glauben.« »Ich glaub' es Ihnen, und nun – nichts für ungut.« Sie sah mir eindringlich in die Augen, drückte meine Hand und – war hinaus. Als ich ihr folgen wollte, merkte ich, daß sie sich von außen gegen die Tür drückte. »Drinbleibenl« rief sie barsch, und nach einer Weile fuhr ihr Wagen vor, sie stieg zum Kutscher auf den Bock, nahm ihm rasch die Zügel aus der Hand, ein Peitschenknall, und sie fuhr davon, ohne unser Hüttchen noch mit einem Blick gestreift zu haben. Eine Weile stand ich im tiefsten Sinnen, bis sich eine arbeitsrauhe Hand auf meinen Arm legte, die von Jungfer Minna. »Was willst du, Minna?« »Frau Alslev ist so still und blaß. Es war so ein merkwürdiger Tag heute, – und da denken wir...« »Ihr guten alten Seelen in der Küche denkt viel zu viel, – laßt das doch! Es war doch früher nicht.« »Früher dachte der Herr Diewen selig für Frau Alslev, aber jetzt« – »Jetzt tut es Herr Alslev.« Ich betonte den Satz wohl unnötig scharf. Minna sah mich bekümmert an. Da drückte ich die Hand des treuen Dienstboten. »Gute Minna, hab' Dank für deine Sorge! Sieh – heute – das waren alles törichte Äußerlichkeiten. Ich bin tief, tief glücklich, viel glücklicher , als ich jemals in Hamburg war.« Da strahlte sie über das ganze Gesicht und lief rasch zu den andern. Dann kam mein Uwe, und ich flog ihm um den Hals, als wäre er Jahrzehnte fort gewesen. »So sehr hast du mich vermißt?« fragte Uwe zärtlich. »So sehr?« »Ja, ja,« stieß ich heftig hervor, »o Uwe, wenn die Welt uns allein ließe, wie wir sie lassen möchten!« »War es so schrecklich heute? Hat man dich gekränkt? Fühlst du, daß du nicht zu ihnen gehörst, mit denen doch ich zusammen wirken soll? Sprich, du Liebes, mein Liebstes!« Seine guten Augen sahen mich voll unsäglicher Liebe an. Ich schmiegte mich still an ihn und kostete die ganze beglückende Gewißheit des Geborgenseins aus. »Meine Ursula, du kannst ganz still für dich bleiben – und für mich, – ich werde nie darauf bestehen, daß mein feinfühliges Weib ...« Ich küßte ihm die Worte vom Munde. »Still, still, mein Uwe! Ich bin nicht besser als die andern und nicht feinfühliger. Ich bin nur viel, viel törichter. Aber nun du bei mir bist, und ich meinen lieben Halt spüre, ist alles schon lichter. Ganz liebe, prächtige Menschen habe ich heute kennengelernt, glaub' nur, sie waren viel reizvoller als die sogenannten Freundinnen meines Hamburger Kreises. Weit mehr noch will ich sie kennenlernen.« Und dann erzählte ich, schilderte den ganzen Nachmittag, und mein Uwe machte große, erstaunte, erschrockene Augen, je nachdem. Und zum Ende meiner Schilderung schloß er mich wieder in seine Arme. »Oh, über deine starke Verklärungskraft, Ursula«, rief er glücklich. »Da erzählt mir mein Lieb so begeistert, daß ich wahrhaftig glauben könnte, gerade unter den Pfarrer- und Lehrerfrauen sei meiner stolzen Ursula Diewen angestammter Platz.« » Das ist er auch , mein Uwe Karsten.« Ich sagte es mit heiligem Ernst. »Und wo sie mir 235 diesen Platz noch nicht anweisen wollen, da will ich ihn mit Liebe erobern.« »Ursula!« Uwe sprang auf und lief im Stübchen umher, wie er es immer tut, wenn er heftig erregt ist. Immer einmal blieb er vor mir stehen und wollte etwas sagen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. – Da setzte ich mich still in den roten Arbeitssessel und faltete die Hände im Schoß. Mit einemmal kniete er vor mir, der große, starke Mann bebte. »Mein Glück!« stammelte er, »du mein liebes, heiliges Glück!« Einige Tage später. Ich muß doch das Wunderliche in diese Blätter eintragen. Wer hätte denn auch geglaubt, daß ich so rasch auf klapperndem Stellwagen über Felder und Wiesen durch Heideland und birkenumstandene Wege hinsausen würde, denselben Weg, den erst vor ein paar Tagen die fremden geistlichen und Lehrfrawen fuhren? – Ein Blatt Papier war daran schuld, mit zitternder Hand geschrieben: »Ich rufe ein Menschenherz. Wird Frau Ursula Alslev gleich zu mir kommen? Elisabeth Reymers, geb. Eriksen.« Uwe las den Zettel mit tief gerunzelter Stirn, aber ich packte schon ein paar Sachen währenddessen zusammen. »Fühlst du es auch, Uwe, daß ich gehen muß, gleich gehen?« »Ja, Ursula.« »Ich wußte es. Gott behüt' dich, mein Uwe! Müller Sagebiel gibt mir seinen Wagen, und ich schicke dir noch heute Nachricht durch ihn, oder komme selbst wieder mit.« Uwe seufzte tief, und ich sah, der Gedanke, mich allein zu Lehrer Reymers zu lassen, von dessen glaubenswütigem Eifern die ganze Umgegend sich erzählte, war ihm schrecklich. Aber nach kaum einer halben Stunde befand ich mich schon auf dem Wege nach Vogebüll. – Müller Sagebiels Wagen fuhr leer wieder zurück, nur die abertausend sehnsüchtigen Grüße für meinen Uwe nahm er als Fracht mit, für Uwe und Mutter Alslev, die Teure, die nie ein Wörtlein hineinredet, und der alles recht ist, was ihre Kinder beschließen. – Fünf lange, bange Tage war ich in Vogebüll, aber noch einmal alles niederschreiben, was ich dort erlebte, – nein, ich bin zu müde dazu. Körperlich und seelisch. Aber ich habe die paar Episteln, die ich in bangen Nachtstunden an Mutter Alslev und meinen Uwe schrieb, mir von beiden wiedergeben lassen und hefte sie hier ein: 1. Mein Uwe, mein Schulmeisterlein! Ganz fröhlich möchte ich an Dich schreiben, damit mir die Sehnsucht nach Dir nicht über Kopf und Kragen schlägt, zum Übermut und Lachen möcht' ich mich zwingen, wie es Kinder tun, wenn sie sich im dunkeln Zimmer fürchten und plötzlich anfangen zu pfeifen. Du, – Uwe, – hier gibt's überhaupt nur dunkle Zimmer. Draußen der lachende Juni, und hier drinnen im Vogebüller Schulhause Gruftkälte und Grabesstille. Mich friert, Uwe. Kennst Du das alte Musäus-Märchen »Der unheimliche Barbier«? Ich sehe noch das Bild im alten Märchenbuche vor mir, mit dem man mich meilenweit einst jagen konnte, trotzdem ich doch von Natur ein gesundes Mädel war. Dies Bild war aus dem Buch getreten und stand heute morgen vor mir: Lehrer Reymers. Du kennst ihn nur als Seminaristen, bartlos und jung und doch gewiß ein klein wenig rotbackig, aber ich erschrak ungeheuerlich vor diesem geisterbleichen, kohlschwarzen Herrn mit dem Bartwald im Gesicht; an dem ganzen Menschen sind überhaupt nur zwei Farben, schwarz und weiß. Seine Begrüßung mit mir war so eisig, dabei so grabesdüster, als käme ich wirklich zu einem Begräbnis, o wie gern wär' ich gleich wieder heimgekehrt. Und kein Dank, kein warmes Wort, nur: »Elisabeth verlangte nach ihrer Schwester im Herrn.« O Uwe! Und die Einrichtung im Schulhause so nüchtern, so ärmlich, so unglaublich streng. Alles Trauliche verbannt, schwarze Tischdecken mit weißen Servietten bedeckt, und überall, an jeder Wand, Christus mit der Dornenkrone. Mich fror, Uwe, – mich friert noch. Und als ich ins Reymersche Schlafzimmer trat, da stand das Bett der jungen Frau mit leuchtend weißen Kissen, und sie selbst lag darin, so weiß im armen, verhärmten Gesicht, wie das Linnen. Sein Bett aber war schwarz verhängt, wie ein großer Sarg. – O Uwe! Und in dieser Umgebung liegt ein sonnedürstendes Menschenkind krank, und mein Herz vergeht vor Mitleid mit Elisabeth Reymers. Nur ihre Augen sprachen, wie sehr sie sich freute, daß ich kam, und ihre heißen Hände streichelten mich. Und ihre Augen wiesen den Mann aus ihrem Zimmer, und er gehorchte, so zwingend war der Blick. Dann rief sie matt: »Zuschließen«, und zeigte nach der Tür, und auch ich gehorchte mechanisch. Dann setzte ich mich an ihr Bett, und sie atmete tief auf. »Nun ist es gut«, sagte sie und schloß die Augen. Uwe, mein Uwe, Frau Reymers ist schwer krank, und sie hat niemand zu ihrer Bedienung als die Magd von Frau Pastor Nieten, das Ebenbild ihrer Herrin. Aber auch diese Magd kommt nur ganz selten und tut nur das Allernötigste. Deshalb bitte ich Dich, sofort Brigitte oder Jungfer Minna herzuschicken, – ich schäme mich, o ich schäme mich, wenn ich sehe, wie diese arme, kranke Frau Reymers gearbeitet hat ohne Hilfe. Mein Uwe, gleich hinter dem Schämen kommt die Freude, ein liebes Gesicht aus dem Hüttchen hier zu sehen. Schicke rasch eine von den guten Seelen. – Nun mußt Du Dich ganz nahe zu mir setzen, Uwe, und Deinen starken Arm mußt du um mich legen, denn ich brauche Kraft zu dem, was ich Dir jetzt erzählen will. Laß mich Deine liebe Nähe spüren, Du mein Herzliebster. Ich habe vorhin bei sorgfältig verschlossenen Türen die junge Frau gewaschen. Dazu hat sie mich rufen lassen. Uwe, weil sie zu kraftlos ist. Uwe, ich habe Furchtbares gesehen. Rote, blutunterlaufene Striemen über den ganzen armen Leib! Verstehst Du nun, warum ich mich fürchte? Warum ich zittre und mich an Dich schmiege, und warum doch wieder ein Zorn in mir lodert, der mir Riesenkräfte verleiht, die ich an dem elenden Menschen auslassen möchte, unter dessen Dach ich notgedrungen wohne? Vergib das häßliche, unweibliche Wort! Uwe, ich bin aus allen Fugen! Ich habe in das Martyrium eines Weibes Einblick getan. Oh, eine so arme, liebe Mitschwester. Und wie mich ihr Vertrauen rührt, dies kindliche Vertrauen zu der Fremden, die sie mich einen Tag nur sah in unserm harmonischen, glückseligen Heim. Was hat sie mir alles gesagt an scheuen Worten der Dankbarkeit und Zuneigung, sie kennt auch alle Deine Werke, Uwe, und liebt sie, aber Reymers hat sie ihr verbrannt. – Er und ich gehen aneinander vorüber, ohne kaum je ein Wort zu wechseln. Das Essen kommt aus dem Gasthaus, und ich esse für mich allein, – Frau Reymers genießt kaum etwas vor großer Schwäche. Über ihren Mann spricht sie mit keinem Wort. Ich kann nicht viel tun, ich sorge nur für Ruhe, wasche und kühle die wehen Stellen, (o Uwe, Uwe!) und lasse Frau Reymers schlafen, während ich die Tür bewache, um Frau Pastor Nieten, vor welcher die junge Frau eine fieberhafte Angst hat, unter jeder Bedingung abzuweisen. Ich habe an Lubruder geschrieben, er soll Früchte und Wein schicken. Sobald Hilfe aus dem Hüttchen kommt, erhältst Du wieder Nachricht. Mein Uwe, gute Nacht! Herzlichster, – ich wollte ja fröhlich schreiben, Gott behüt' Dich, mein Einziger, und Deine Ursula. 2. Liebes, liebes Mutterchen Alslev! Mutter, ich flüchte mich zu Dir! Ich kann es nicht an Uwe schreiben, was ich hier erlebe. – Mutter, lies meinen Brief an meinen Uwe, lies, wie ich Frau Reymers gefunden. Mutter, so etwas ist möglich! Und Dir sage ich, daß die Ärmste ein Kind unter dem Herzen trägt, und in diesem Zustande hat der Mann sie geschlagen, Mutter, Mutter, mir ist so bang! – Heute sah ich, wie der Lehrer Reymers den Hofhund fütterte, sorgsam, ja beinahe liebevoll, wie er den Tauben und Hühnern Futter streute und dann einem vorübergehenden Blondkopf über den Scheitel strich. Alles, ohne einen Zug in seinem Gesicht zu verändern, das immer gleich streng ist. Sobald er die Hausarbeit getan, zieht er sich wieder den schwarzen Rock an und schreibt und liest, und hierbei tritt etwas in seine Augen, was ich Begeisterung nennen könnte, – wenn es nicht Lehrer Reymers wäre. Gottlob, liebes Mütterchen, – Brigitte ist da! Wie gut, daß Uwe mir diese erfahrene Seele schickte; sie hat gleich alles in die ordnende Hand genommen. Blitzblank und ordentlich ist alles und – der Sarg aus dem Schlafzimmer entfernt, Brigitte hat eigenmächtig den Herrn des Hauses ausquartiert. Mütterchen, küsse meinen Uwe! Streiche mit Deiner linden Hand über seine Stirn, seine braunen, welligen Haare, schau' ihm in die lieben, großen Augen und küsse das Plätzchen auf seiner linken Wange, dicht unter dem linken Auge und sage beileibe nicht, daß ich eine närrische Urschel sei, – 's ist ja unser Uwe! Ich befehle Euch in Gottes Schutz, Euch geliebte Beiden! Gute Nacht, gute Nacht! Träumt von Eurer fernen treuen Ursula. 3. Geliebte Mutter Alslev, Du mußt heute nur meinem Uwe einen Gruß von mir bringen, – schreiben will ich an Dich. Mütterchen, wie schwer war die Nacht! Der Fiebermesser zeigte einundvierzig Grad, Schwere Krämpfe schüttelten die arme Elisabeth. O wie sie leidet! Heute immer noch. Nun war eben der Kreisarzt hier, ein älterer Mann, erfahren und ernst. Mütterchen, eine Fehlgeburt bereitet sich vor bei meiner armen Kranken. Wie ist das furchtbar! Wie kann man so etwas ertragen! Ich meine ja nicht die körperlichen Schmerzen, ich meine die seelische Enttäuschung, die Herzenswunde. Mutter, ach liebe Mutter! Ich bin arg verzagt. Aber nur, während ich Dir schreibe und mein Herz ausschütte. Hier stützt sich ja alles auf mich, selbst der Arzt wendet sich immer an mich, und Elisabeth Reymers' angstvolle Augen suchen mich immerfort, trotzdem die weise Frau schon ganz bei uns Quartier genommen hat. Das ist sonst recht etwas für Deine Urschel, Kranke pflegen und ihnen Frohsinn bringen, – rote und grüne Brillen auf die armen Augen setzen und so die graue Einförmigkeit des Schmerzenlagers liebevoll verklären. Aber das, was ich hier durchmache, ist mir so völlig neu und – greift an mein innerstes Herz. Ich schreite durch Höhen und Tiefen, wenn ich diese arme, gequälte Mitschwester ansehe. So kann das Leben aussehen?? Mütterchen, ich wollte, ich könnte bald heimkommen. Schilt mich nicht! Ich habe Heimweh. Gute Nacht, Muttchen, gute Nacht, Du! Mein Uwe! Ursula. Mütterchen, ich bin wie zerschlagen. O diese Nacht! Immer gellt mir noch das entsetzliche Schreien der jungen Frau in die Ohren. Und wie mit Schrauben hielt sie meine Hand umklammert, nur ich durfte ihr Wasser und zeitweise ein paar Tropfen Wein einflößen, nur mich wollte sie bei sich haben »auf jenem dunkeln Weg«, den sie zu schreiten wähnte. Erst in der Nacht, als noch ein Arzt aus I. eintraf, und beide an ihrem Lager waren, schickten sie mich auf ein Weilchen mit dem Befehl hinaus, ein Glas Rotwein zu trinken. Brigitte hatte sich aufs Sofa gelegt und war ganz fest eingeschlafen. Lehrer Reymers, der seinen Dienst versehen hatte und den geschlagenen Tag auf den Füßen gewesen war, hatte eben den zweiten Arzt vom Vogebüller Bahnhof geholt, jetzt stand er im Wohnzimmer und starrte vor sich hin. Als ich eintrat, kam er zögernd, schleppend auf mich zu, und auf einmal wankte er und hielt sich am Tisch fest. »Wird sie sterben?« fragte er mich mit fast unkenntlicher Stimme. Und als ich nicht gleich eine Antwort fand, ließ er sich mühsam auf einen Stuhl nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte schwer. Und drüben kämpfte sein junges Weib. Mütterchen Alslev, ich werde Dich viel fragen, wenn ich heimkomme. Ich habe ja gewußt, daß das Leben des Weibes ein steter Kampf wider kleine und große körperliche Leiden ist, habe auch gewußt, daß man sich höchstes Glück mit dem Einsatz seines Lebens erringen muß, aber daß man so grausam gemartert wird um nichts, um nichts, das ist hart eingesetzt von unserm Herrgott. Gute Nacht, Mütterchen. Grüße Deinen Sohn. Ursula. Im Hüttchen. Das waren meine Briefe, und nun bin ich wieder daheim. Um nichts? hatte ich gefragt, als ich wiederkam, und das kluge, feine Antlitz der Greisin hatte mild gelächelt und ihr Mund leise wiederholt: »Um nichts?« Und hinzugesetzt: »O doch, Ursula, um der Krone willen, die auf dem Haupte eines jeden liebenden, duldenden Weibes ruht.« Elisabeth Reymers und ich sind wohl Freundinnen fürs Leben geworden, trotzdem wir beide in grundverschiedenen Kinderstuben und Lebensbedingungen aufgewachsen sind. Ich werde nie vergessen, was sie durchlebte und wie sie es trug. Meine Brigitte ist vorläufig bei Frau Reymers geblieben. Unter ihrer Obhut ließ ich die dankbare, unendlich matte, aber aus klaren Augen schauende Kranke. Ihre linke Hand umschloß beim Abschied die meine mit schwachem Druck, die rechte ruhte in der – ihres Gatten. Und wieder stand ich vor etwas Unfaßlichem. Wenn ich heute Elisabeth Reymers gesagt hätte: Du hast um nichts diese grausamen Schmerzen gelitten, dann würde sie gelächelt haben: »Aus diesen Schmerzen wurde neu die Liebe meines Mannes geboren, wiegt das nicht alles Leid der Welt auf?« Wunderliches, schwaches, starkes Frauenherz! Verletzt und gepeinigt, zertreten und mißhandelt, liebst du trotzalledem. Ich habe einmal gelesen: »Kein Versuch ist zu schwer, kein Leiden zu groß, um eine eheliche Liebe zu retten.« Daran mußte ich denken, als ich in der Nacht vor meiner Abreise, da sich Lehrer Reymers einen Augenblick niedergelegt, allein bei Elisabeth saß. So elend, verfallen und siech sah sie aus, und hatte doch ein Leuchten in ihren Augen. Kaum gehorchte ihr die Stimme, aber ich verstand doch den leisen Hauch an meinem Ohr: »Frau Ursula, Sie verlassen eine Glückliche.« Mein Mund blieb stumm. »Frau Ursula, Sie sind älter als ich und doch noch ein Kind gegen mich, weil ich all das durchleben durfte.« »Sie sind stark, Elisabeth, – daß Sie so klaglos Ihr Kindchen hergaben und nicht haderten mit Gott. Ich glaube nicht, daß ich es könnte.« Sie sah mich prüfend an, und der Leidenszug auf ihrem Gesicht verschärfte sich. »Vielleicht nicht«, flüsterte sie sinnend, »Aber für uns ist es gut, daß wir wieder ganz allein sind, – mein Mann braucht mich und meine Liebe, und ich habe jetzt keine Zeit, etwas anderes zu lieben als ihn.« Da trat Lehrer Reymers schon wieder ins Zimmer und nahm die Hand seiner Frau und schaute selbstvergessen in das blasse Gesicht, Und das junge Weib sah nichts als ihn. Da schlich ich mich sacht hinaus. – Hüttchen, im Juli. Manchmal ist's mir, als müßte ich die Blätter jetzt schon verbrennen. Herzlichster Uwe, warum nehme ich das Plaudern mit diesem Buche immer wieder auf? Und wie kommt es, daß du es nicht brauchst, dies Plaudern, du Liebster, daß du so ruhig und bewußt deinen Weg gehst, mich und die Mutter und deinen Beruf liebst und all das beinahe schweigend? Ich könnte doch dasselbe tun. Und dennoch seid ihr beide und die wunderweite Heide mir nicht einmal genug, ich brauche noch all die weißen Seiten, um nicht viel weiter darauf zu schreiben, als meine Liebe. Die möcht' ich allen künden. Neben meiner Liebe aber schreitet immer die Sehnsucht, schreitet immer. Auch wenn Uwe bei mir ist, – immer. Früher glaubte ich, es sei die Sehnsucht nach Uwe, nach der Heide, jetzt meine ich, ich sehe in stillen Stunden durch meinen Uwe und meine Heide hindurch in ein Land, da meine Sehnsucht stille wird. Hüttchen, im August. All das, was früher war, löscht immer mehr aus. Die Briefe aus Hamburg kommen mir wie Zeitungen und Zeitschriften vor, die man seit Jahrzehnten vorausbestellt hat. Würden die Zeitschriften eingehen, täte es nicht sonderlich weh. Lubruder steht natürlich immer noch über den Parteien, aber er besitzt einen besonders stark ausgeprägten Familiensinn und geht ganz auf in dem eigenen Glück und in Ellens Verwandtschaft, die viel Harmonisches haben soll. Davon höre ich und freue mich, aber es berührt nicht mein Inneres, und wenn mein Uwe mich fragend anschaut nach beendeten Berichten aus meiner früheren Welt, dann darf ich bekennen: »Das liegt alles fern, ich gehöre dir!« Mein Uwe und – die Sehnsucht. So laß uns weiter miteinander wandern. – – Hüttchen, im September. In Vogebüll ist ein ganz neues Leben erblüht, Elisabeth Reymers sendet Berichte, die so durchweht sind vom tiefsten Glück, daß mir oft die Tränen kommen. Dabei scheint ihr Gatte noch gar nicht zu, ahnen, wie sehr sie ihn liebt, denn die kleine Frau hat viel gelernt aus dem Unglück ihrer ersten Ehezeit und ist nun klug wie ein Schlänglein geworden bei all ihrer Taubeninnigkeit. Sie hält ihn kurz, den ehemals so strengen Gebieter, dessen wohl mehr anerzogener als angeborener Fanatismus sich mehr und mehr wandelt in ernste, vertiefte Religiosität. Daraus ergaben sich nun aber Reibungen zwischen ihm und Frau Pastor Nieten, deren Zepter er sich nicht mehr beugen will, seit Frau Elisabeth einen weit weniger harten Pantoffel schwingt. Und so hat sich Lehrer Reymers aus Vogebüll fortgemeldet, aber nicht als Landflüchtiger, – sie setzen sich wieder in einem Heidedörfchen fest, wo sie sich ein sonnigeres Nestchen bauen wollen, als in der düsteren Vogebüller Kasematte. Das sind alles Zeitungen, die mir wohltun, und sie riechen nicht nach Druckerschwärze, sondern sind durchduftet von jenem seltenen Kräutlein, das man Dankbarkeit nennt. Auch an Frau Pastor Bosau habe ich geschrieben in aufrichtiger Zuneigung und aus warmem Interesse für die streitbare prächtige Frau. Aber sie lehnt mich ab. Umgehend erfolgte die Antwort, kurz und bündig: »Alleinbleiben! An den Dornenweg denken! Dem Dichter Uwe Karsten Sonne geben! Gott befohlen!« Später. Heute kam ein junger Unterlehrer an, Uwe soll entlastet werden. Du lieber Gott, so jung, so jung, frisch vom Seminar. Klaus Sundewitt heißt er und ist Schleswig-Holsteiner. »Seine Ideale gehen nicht auf eine Kuhhaut,« berichtete Uwe von ihm, »schon vom Bahnhof bis hierher hat er Reden geschmettert, daß ich alter Schulmann ganz klein wurde. Ich sage dir, Urschel, Deutschland geht großen Zeiten entgegen, die jungen Seminaristen und Unterlehrer sind die Pfadfinder.« Uwe lachte herzlich dabei. Er liebt junge, frische Kerle mit hellen Augen und überschüssiger Kraft, die die Welt erobern wollen. Und dabei ist Klaus Sundewitt in denkbar engen, ärmlichen Verhältnissen als das achte Kind eines kleinen Handwerkers aufgewachsen und ausgehungert, daß man auch ihm das Vaterunser durch die Backen blasen kann. Aber unterzukriegen ist er nicht und eine glückliche Gemütsanlage und eine strahlende Weltfreudigkeit besitzt er, er könnte Ursula Alslevs Zwillingsbruder sein, behauptet Uwe. Es ist etwas sehr Fröhliches mit ihm nach Immenhof gekommen, und ich bin der Ansicht, Verklärungskraft kann's gar nicht genug geben in all unserer heutigen Verdüsterung. – Hüttchen, im September. Mein Uwe ist sehr glücklich über den kleinen Unterlehrer, ich bin froh, daß sie beide so ein passendes Gespann sind. Klaus Sundewitt sollte erst bei uns wohnen, aber er ist im Altenteil untergebracht worden, der Glückliche, er darf im Heidehaus bei Mutter Alslev hausen. Die hat nun wieder recht etwas zum Lieben und zum Betreuen, nachdem ich ihr beides so von Grund aus für Uwe abgenommen habe. Aber der junge Lehrer ißt öfter mit uns, und besonders des Sonntags ist er ständiger Gast im Hüttchen. Wir plaudern gern mit ihm. Seine Ausdrucksweise ist bezeichnend für seine hellen, freundlichen Gedanken. Er sagt nicht: »Wein Vater ist Schuster«, sondern »Hans Sachs ist mein Ahn«. Brennt die Sonne heiß, daß man verschmachten möchte, so meint er: »Der Winter ist lang, laßt uns Sonne aufspeichern, soviel wir nur können.« Setzt ein Landregen ein und unsere alte Brigitte klagt dem fröhlichen Gesellen lang und breit über ihre Gicht, dann fabuliert er ihr etliches über die »trockene« Gicht vor, die eine gar schreckliche Krankheit sei, wogegen die »nasse« Gicht den Menschen verjünge, – man würde alt bei ihr. Und da Brigitte bei trocknem Wetter niemals Gicht empfindet, so erträgt sie jetzt lächelnd die »verjüngenden« Schmerzen der »nassen«. Alles freut sich im Hüttchen, wenn Klaus Sundewitts lange, schmale, etwas schlenkrige Gestalt am Gartensteg auftaucht. Häßlich ist er zum Erbarmen, aber – ein »lieber Kerl«. »Der Bengel sticht mich ganz aus,« lachte heute Uwe, »niemand reckt so den Hals, wenn ich komme, nein niemand .« Und das kann gut möglich sein, denn ich bin ja nie zu Haus, wenn mein Uwe heimkehrt, ich laufe ihm ja immer den ganzen Heideweg entgegen. Später. Heute war ein ernster, schöner Abend. Zum erstenmal spielte ich wieder auf meinem Flügel – – stundenlang. Wich stimmt die Musik jetzt immer so ernst, das war früher nicht, da löste sie Lachen in mir aus und wirkte befreiend. »Das waren heute lauter verhaltene Tränen«, meinte Uwe leise, während er mich an sich zog, und er küßte meine Augen, die sich bemühten, ihn ganz hell anzusehen. Als wir uns umsahen, saß nur Mutter Alslev mit dem Strickstrumpf, ganz bedächtig vor sich hinnickend. »Dat Jüngschen hett dat äwernamen«, meinte sie. Ich spielte weiter, und zeitweilig sang Uwe. Das ist mir doch das liebste auf der Welt. Seine Stimme! Sie löst alles Gute in mir aus. O wie meine Sehnsucht wächst! Singe weiter, Uwe, singe mich bis in den Himmel hinein. – – Dann kam Klaus Sundewitt wieder herein, – etwas blaß und verstört. Er stellte sich ungeschickt neben meinen Bechsteinflügel und strich verlegen liebkosend über das blanke Holz. »Sind Sie musikalisch?« fragte ich, um doch etwas zu sagen. »Ich weiß es nicht. Ich habe so etwas nie gehört, wie heute abend, Frau Alslev. Und ich möchte es auch gar nie wieder hören. Das ist nichts für mich.« Ich sah betroffen in sein erregtes Gesicht, und Uwe klopfte ihm auf die Schulter. »Zügel straffhalten, junger Kollege, es geht noch alles mit Ihnen durch.« – Wir aßen ziemlich schweigsam zu Abend. Klaus Sundewitt sprach in etwas gereizter Stimmung, was wir sonst gar nicht an ihm kennen. Er führte auch mehrmals das Messer zum Mund, was ich ihm schon so hübsch abgewöhnt hatte, und als er es merkte, polterte das Messer auf meinen schönen Porzellanteller und schlug ein Stück davon heraus. Das verwirrte ihn noch mehr, und er rührte keine Speise mehr an. Dagegen trank er hastig (und ist doch nichts gewohnt), und nun brachte er bald eine Menge ungegorener Seminaristenweisheit vor, hielt eine Rede, in welcher er alle bestehenden Schulmeisterbestimmungen als blödsinnig verwarf, eine ganz neue Schulmonarchie gründete und sich als Sundewitt I. auf den Thron setzte. »Gute Nacht!« sagte Uwe ruhig und stand auf, Mutter Alslev tat desgleichen, und der junge Lehrer stürzte einfach zur Tür hinaus, ohne uns die Hand zu reichen. Draußen soll er aber doch getreu auf Mütterchen Alslev gewartet und sie sorglich, wenn auch schweigend und zähneknirschend, nach Hause geleitet haben. – Später. Wir haben solch gute Nachrichten von Schwester Christiane. Sie ist nun Oberin in Kornhagen, in der Ernst-Diewen-Stiftung. Ganz feierlich teilte es mir mein Uwe mit. Er war so bewegt, daß es mich ordentlich verlegen machte. »Wieviel Glück gibst du mir und den Meinen«, sagte er ernst. Der arme' Schulmeister kann es dir nur mit seiner Liebe danken.« »Nur, mein Uwe? – Du liebe Liebe! Du reicher Uwe! Du glückselige Urschel!« Kornhagen, im September. Wir haben das Altersheim eingeweiht. Herrlich war die Feier, – beinahe zu angreifend für mich. Aber ich wollte die Freude des ganzen Ortes, den Jubel meiner lieben Immenhofer, welche natürlich alle hergepilgert waren, nicht stören. Es war ein echtes, rechtes Fest für die Alten, wie für die Jungen. Gewaltig tönte im Saale die neue Orgel, meine Orgel, die ich Uwe gab. Wie ein Kind freute er sich. »O du!« Das war alles, was er sagte. Mir war's genug. Ich liebe seine herbe Verschwiegenheit in dem, was ihn zutiefst bewegt. Was liebte ich nicht an ihm?! Und unsere Christiane, die Oberin! Schön sah das Mädchen aus, als sei es gewachsen in seinem herrlichen Beruf. Wie ich in dem meinen. Wir übernachten heute in Kornhagen, denn die Altchen wollen uns nicht fortlassen. Unsere Pflegebefohlenen hängen sehr an ihrem »Herrn Lehrer«, aber »ok an sien Fru«. Das tut wohl! Gott segne dich, Ernst-Diewen-Stiftung! Hüttchen, im September. Als Wir heimkamen, hatten sie Girlanden geflochten, die närrischen Menschen, worunter auch Muttchen Alslev und Klaus Sundewitt zu verstehen sind. Wie sie uns alle verwöhnen! Es ist nicht recht, es gebührt nur Uwe, dem unermüdlich Fleißigen, Schaffenden, Sorgenden. Ich darf es eigentlich gar nicht annehmen, bin nur eine arme Drohne, die nichts tut, als sich lieben läßt. Klaus Sundewitt ist nicht mehr der alte. Seit jenem Abend voll lieber, ernster Musik ist er verändert. Schwermütig, wortkarg und immer etwas gereizt. »Der Junge ist verliebt«, sagte heute Uwe und schlug sich gleich darauf selbst auf den Mund, weil er weiß, daß ich das Wort nicht leiden mag. »O Uwe, in wen wohl? Er kommt beinahe nie fort, und unsere Immenhofer Mädchen werden ihm kaum genügen.« Uwe sah mich spitzbübisch an. »Nein, – seine Seele nimmt höheren Flug. Hier, Ursula! Lies und ermiß, wie meine Seele leidet.« In Uwes Augen lachten tausend Spotteufelchen. »Diesen Zettel fand ich heut im neuen deutschen Kinderfreund.« Es war ein sauber zurechtgeschnittenes Stück Papier. Am Kopfende stand: »An U.!« »Wie bist du meine Königin – – – –« Und dann kreuz und quer über das Papier hin Schriftzeichen: »U.« »U. A.« »U. A.-D.« Ich war ganz bestürzt. »Wie ist das nur möglich, Uwe, ich komme mir vor wie seine Großmutter?« »Das ist immer so, Ursuleini. Die erste Liebe so ganz junger Dachse wirft sich häufig auf Großmütter, Vielleicht ist's auch nicht schlimm mit ihm, er hat ja nicht selbst gedichtet, sondern nur zitiert, aber sein verändertes schwermütiges Wesen deutet doch auf einen besonders verzwickten Fall hin. Und dann seine Gefühle in das Lehrbuch zu legen! Als Lesezeichen bei der ›Wüste Sahara‹. Das zeigt doch zu deutlich, wie er nach einer Oase dürstet.« »Ach, Uwe, sprich doch mal im Ernst.« »Tue ich das nicht? Beobachte ihn doch! Dann wirst du sehen, daß er alles liebt, was mit dir zusammenhängt, von dir selbst an bis zu deinen Tauben und Hühnern, nur gegen mich wird er aufsässig, – ich fürchte, ich fürchte, wenn er das neue Königreich mit den neuen Ideen aufmacht, bin ich der erste, der zurückgewiesen wird.« »Was soll ich tun. Uwe?« »Gar nichts, mein Lieb. Ich werde Mütterchen sagen, daß sie ihm öfter Fliedertee kocht, – das beste Mittel gegen Kinderkrankheiten.« Das ist so Männerklugheit. Aber ich weiß doch nicht, ob man so alles mit Fliedertee vertreibt. Wenigstens soll ihn Klaus Sundewitt mit Abscheu zurückgewiesen haben, als Mutter Alslev damit anrückte. Hüttchen, im Oktober. Heute kam die liebe Frau Pastorin Sunneby zu mir, und wir hielten, da Uwe über Land fahren mußte, einen richtigen Schwatzabend ab. Über die gute Ernte und die schlechten Arbeitskräfte, über Kranke und Gesunde in Immenhof, über Pastor Sunnebys erfreulich zunehmende Gesundheit und sein warmes Lob meines Gatten, der in allen schweren Fällen sein Vertreter gewesen war. »Die schweren Fälle sind nicht das sonntägliche Predigen, liebste Frau Ursula, sind nicht das Trauen, Taufen und Begraben, – aber einen Unbotmäßigen auf den rechten Weg führen, einem Sterbenden das Scheiden leichter machen, und verzweifelten Hinterbliebenen zur rechten Zeit helfen und ihnen wieder Lebenswerte zuführen, das versteht Ihr lieber Dichtersmann, der zugleich ein echter Mann der Tat ist.« Solch ein Lob macht mich immer übermütig stolz. Uwe selbst spricht ja nie von seinen Taten. Wer ihn nicht kennt, der könnte meinen, er lehrte nur das Abc und versohlte die Heidebuben. Siehst du wohl, Magisterlein, – es gibt noch andere Türen, durch die dein Ruhm und Lob zu mir hereinschlüpfen, auch wenn dein eigener Mund geschlossen bleibt.– Ganz wie von ungefähr kam Frau Beate auf den neuen Unterlehrer. Vielleicht auch, weil er gerade vorüberging und einen Augenblick am Gartenzaun stehenblieb, um eine welke Rose abzuschneiden. Er ist ein leidenschaftlicher Gärtner und kann nichts Unordentliches an Bäumen und Sträuchern sehen. »Na, wie ist er denn, Frau Ursula, hm?« »Ein ›lieber Kerl‹, Frau Pastorin.« »So so! Wenn die Häßlichkeit wehe tät', dann schrie er Tag und Nacht. Er hat's wohl mehr inwendig?« »Das hat er, Frau Pastor.« »Und so was kriegt nun schon Gefühle«, meinte sie mit trockenem Humor und sah dem langen Klaus nach, der reichlich ungeschickt davonstelzte. Ich schaute sie etwas unsicher an. Sollte er noch einen »Kinderfreund« mit Zitaten etwa in der Nähe der Kirche verloren haben? »Da war gestern die Witwe Bendemann aus Segeberg bei mir. Sie wissen ja, Frau Ursula; ich beziehe mein schwarzweißes Hühnervolk von ihr, das so schwer zu behandeln ist und so leicht den Pips bekommt. Witwe Bendemann bereist schon seit Jahren die ganze Umgegend und gilt als Hühnermutter, Hühnerdoktor und Eiersachverständige. Na, das nur nebenbei. Bei der hat unser neuer Unterlehrer in seiner Seminarzeit gewohnt, und sie lobte ihn ja über den Schellenkönig. Aber denken Sie sich, Frau Ursula, dieses Grünzeug hat sich heimlich mit Witwe Bendemanns einzigem Kinde verlobt. Neunzehn sie, zwanzig er. Na, das wäre ja nicht so schlimm, denn Frau Bendemann meint, er wäre 'n fixer Kerl und Dorettchen Bendemann hat Moses und die Propheten, aber – ist es die Möglichkeit! – dieser lange Unterlehrer schweigt sich aus, seit er in Immenhof ist. Hat der kleinen, heimlichen Braut noch keine Zeile zukommen lassen, und durch ihren großen Jammer darüber hat die Mutter überhaupt erst Wind gekriegt von der ganzen Sache. Die arme Frau sah aus, als hätte sie den Pips, und nicht meine Hühner.« Ich war erschrocken. »So ein dummer Junge!« fuhr es mir heraus. »Na, ich denke, er ist so ein lieber Kerl?« – »Freilich! Eins schließt doch das andere nicht aus«, entgegnete ich ärgerlich. »Das arme Mädelchen! Und es grämt sich?« »Ja, um dieses lange Gestell, sogar nur Untergestell grämt sich ein bildhübsches, wohlhabendes Mädel, und ich habe Mutter Bendemann versprochen, zu erforschen, was dahintersteckt. Sie wissen wohl nichts, Frau Ursula?« »Bei Herrn Klaus Sundewitt kann nur irgendein idealer Unsinn dahinterstecken«, entgegnete ich ausweichend. »So jung er ist, einer unehrenhaften Handlungsweise halte ich ihn nicht für fähig.« »Nun, Ihr Urteil beruhigt mich schon; Frau Ursulas klare Augen sehen scharf.« Und Frau Beate küßte mich herzlich. Hüttchen, im Oktober. Herbstferien! Mein Uwe und ich hatten uns mehr darauf gefreut, als alle Schulkinder zusammengenommen. Denn wir wollten wandern! In trauter Zweisamkeit durch unsere geliebte Heide, immer weiter, immer weiter, bis irgendwo ein strohumdecktes Hüttchen winkte, darin zwei selige Menschenkinder Obdach fänden bis zum andern Tag, um dann mit frischen Kräften weiter zu wandern. Unsere Rucksäcke standen schon gepackt, und Uwe lachte mich strahlend an, sobald wir aneinander vorbeigingen. Aber heute kam er aus dem Heidehause, wo er Mutter Alslev Ade gesagt hatte, etwas – ganz leicht ärgerlich, heim. »Meine Urschel, der lange Klaus hat de- und wehmütig gebeten, ob er mitwandern könnte. Gleich wird er hier sein, um auch dich darum zu bitten.« »O Uwe, sag' doch nicht so etwas Schreckliches!« Da lachte Uwe. »Ja, – schön ist anders. Aber ich hab' doch versprochen, mich des jungen, einsamen Gesellen anzunehmen, und du mochtest ihn doch immer gern. Da ist er schon, Ursuleini, – o unser schönes, stilles Wandern Arm in Arm ...« Uwe küßte mich so stürmisch, daß ich wohl fühlte, wie seelengern er mich für sich gehabt hätte in diesen sonnigen, wonnevollen Herbstferien. »Laß mich fix mit dem Unterlehrer allein«, bat ich mit raschem Entschluß, und Uwe sah mich zwar erstaunt an, schlüpfte aber ins Nebenzimmer, und von dort mußte der liebe Junge aus dem Fenster geklettert sein, denn ich sah ihn seelenruhig mit langer Pfeife im Garten herumspazieren, während ich Klaus Sundewitt die Leviten las. Ich hatte gar nicht in mir das Zeug zu einer Diplomatin vermutet, aber die Liebe und die Angst um den Verlust von vierzehn köstlichen Tagen nahmen mich rasch in eine gute Schule. »Sie wollen gewiß Abschied nehmen, Herr Sundewitt?« rief ich, und mein dummes Herz klopfte dabei ganz unvernünftig stark. »Sie wollen doch gewiß nach Segeberg?« »Nach Segeberg? Weshalb?« Er sah plötzlich sehr blaß aus, der gute, dumme Junge, und mir stiegen ganz unvernünftige Tränen auf. Am liebsten hätte ich nur gerufen: »O sehen Sie denn nicht, lieber guter Klaus Sundewitt, wie furchtbar überflüssig Sie sind?« Aber da sagte er schon sehr energisch: »Ich habe in Segeberg nichts verloren.« Das gab mir die nötige Strenge. »O doch, Herr Unterlehrer. Mindestens Ihr Herz. Ob das nichts ist, oder ob es Wert hat, müssen Sie am besten wissen.« Wie war ich mit einem Male streitbar geworden! Er sah mir so erschrocken ins Gesicht, daß er mir beinahe leid tat, recht wie ein armer Sünder stand er vor mir. »Herr Klaus Sundewitt, – ich habe mich in Ihnen getäuscht – und – und das tut mir weh.« Er zitterte heftig, sah mich ganz ratlos an, und seine Augen, gute, helle Kinderaugen, füllten sich mit Tränen. Er fragte gar nicht, woher ich Kunde von Segeberg hätte, es war ganz merkwürdig, daß er ohne jeden Zweifel meine Allwissenheit annahm, er stöhnte auf: »O nur das nicht, nur das nicht. Sie dürfen mich nicht für schlecht halten, Sie nicht! Das könnte ich nicht ertragen!« Und dann erzählte er mir ungefragt alles, alles, ohne mir auch nur einmal eine Unterbrechung zu gestatten. Es war wie ein rauschender Sturzbach, und zwar eine jubelnde Darstellung seiner jungen Liebe, seines Kennenlernens des lieben, schönen Mädchens in Segeberg, die aber doch nur eine Torheit, ein Verkennen des eigenen Herzens gewesen sei. Erst jetzt fühle er, was er doch eigentlich für hohe Ansprüche an seine zukünftige Frau stelle, erst jetzt erkenne er, wie die Liebe...« »Alles, was jetzt kommt, wird dummes Zeug!« unterbrach ich ihn rasch und laut. »Ein junges, reines, gutes Mädchen, das Sie liebhat, erfüllt schon die höchsten Ansprüche, Herr Sundewitt. Wenn Dorette Bendemann auch noch schön und wohlhabend außerdem ist, so geht das eigentlich über Ihren Etat.« Er knickte zusammen. »Ich hielt Sie für einen aufrichtigen, lieben, frischen, frohmütigen Gesellen, Klaus Sundewitt, – das waren Sie auch, als Sie herkamen, ich täusche mich nicht so leicht in einem Menschen. Ich glaube nicht, daß es etwas Gutes ist, das Sie plötzlich so umgewandelt hat.« Eine Weile stand er noch, den Kopf tief gesenkt. Dann richtete er sich plötzlich straff auf und sah mich freimütig an. »Doch! Es war etwas sehr Gutes, das fühle ich jetzt erst richtig. Aber ich hatte es falsch verstanden. – Frau Alslev, wollen Sie versuchen, wieder gut von mir zu denken?« Gerade als mein Uwe zur Tür hereintrat, standen Klaus Sundewitt und ich so recht einig Hand in Hand, und Uwe machte ein köstlich-verblüfftes Gesicht, besonders, als der junge Kollege Hals über Kopf bei ihm vorbeifuhr, als brenne ihm plötzlich der Boden unter den Füßen. »Glückliche Reise«, rief ich ihm nach, und zu Uwe gewendet: »Er muß rasch mit dem nächsten Zug nach Segeberg.« Mein Uwe setzte sich erst einmal. »Es geschehen Zeichen und Wunder,« staunte er, »ich wußte es zwar immer, daß eine Zauberin mein eigen sei, aber – – –« »Aber du wußtest nicht, was eine Frau vermag, die mit ihrem Liebsten allein sein will.« »Ursula, deine Küsse sind Zaubertrank.« »Liebster – morgen wandern wir in die Heide.« Hüttchen, im November. Etwas, wofür ich Mutter Alzlev gar nicht genug danken kann, ist, daß sie mir langsam, kaum merklich und doch fest – den Jähzorn abgewöhnt hat. Ein böses Erbteil unserer Familie. In meiner Kindheit war er erschreckend an mir aufgetreten, später empfand ich ihn als etwas Unvornehmes, erdrückend häßliches. Und vermochte ihn doch nicht ganz zu bannen. Mein Uwe meint, – er hätte ihn noch nie an mir gewahrt. Gott sei Dank! Ich würde mich auch zu Tode geschämt haben. Aber Uwe dankt das Gleichmaß meiner Gefühle nicht mir, sondern seiner Mutter. Mit ihr bin ich ja die vielen, vielen Vormittage zusammen, sie lernt mich kennen, wie kaum sonst jemand, und hat manchen »Anfall« mit erlebt, der irgendeine Kleinigkeit oder auch einen wichtigeren Vorfall betraf, der gewöhnlich mit meinem Uwe zusammenhing. Aber jetzt bin ich schon ganz zahm geworden und nehme mich immer mehr zusammen. Nur bei Kleinigkeiten braust noch sekundenlang mein heißes Blut auf und kann mein Antlitz jäh röten und meine Augen funkeln machen. So auch heute! Weiß kaum die Ursache und brach hinterher in kindische Tränen aus. »Mien Döchting!« So ernst und so eindringlich sprach Mutter Alslev. Ein seltsames Zucken, wie Humor und wie tiefe Rührung, flog über ihr altes Gesicht. »Mien Döchting, weetst wat? De lütte Uwe mellt sik, – äwer nu darfst du ok nie mehr unverstännig sien.« Und doch war sie selbst so unverständig, in Tränen auszubrechen. Dann zog sie mich auf ihren Schoß und gab mir unbeholfen tausend Schmeichelnamen. De lütte Uwe? – Ich errötete heiß und barg mein Gesicht an ihrer Brust. – Lief dann hinaus in die spätherbstliche Heide und achtete nicht des Sturmes. Denn der Sturm in meinem Innern war stärker. Ich schlang den Arm um eine der knorrigen Föhren und lehnte mein heißes Gesicht an die kühle Rinde. O allgewaltige Natur! Wie bist du wunderbar groß und heilig! Was gelobte ich alles unter der stillen Föhre! Ein ganz anderer Mensch wollte ich werden! In mir drängte und jubelte es, und über allem wogte eine jauchzende Sehnsucht nach meinem Uwe. Still, mit gefalteten Händen stand ich da. Da kam er aus dem Hüttchen geschritten. Und ob er noch weit von mir war, ich las es aus seinen Augen, aus seinem federnden Gang, aus dem Recken seiner hochragenden Gestalt: »Die Mutter hatte mit ihm gesprochen!« Jetzt stand er vor mir und küßte meine Hand, was er sonst nie getan, denn er hatte diese Sitte der großen Welt nicht gekannt und nicht geübt. Sorgfältig, beinahe scheu und demütig legte er seinen Arm um mich, und so schritten wir langsam nach dem Hüttchen. Aber plötzlich umfaßte er mich stark und gewaltig, ein jauchzender Schrei entrang sich seiner Brust, und so trug er mich, ein seliger Mann, über die Schwelle seines Hauses. Hüttchen, am Heiligabend. Zum zweitenmal schon duftet und leuchtet die Tanne, aber diesmal ist's ein ganz besonderes Leuchten. Weil ich ja selbst aus ganz anderen Augen schaue, ein ganz anderer Mensch bin. O ihr Lichtchen, ihr gelben, duftenden Wachslichtchen, wie macht ihr unser Stübchen so hell! Aber zwei Lichtchen werden aufwachen – – die leuchten heller als ihr, die werden wie Gottes Sterne sein. – – – Das sind die Augen meines Kindes. Wo bist du, Kindlein? Ich habe Heimweh nach dir. Mein kluger Uwe kann auch närrisch sein. Er hat an diesem heiligen Weihnachtsabend die alte Urväterwiege frisch angemalt, – mit herrlichen blauen und roten Rosen, und der schöne Spruch leuchtet und glänzt: »Unse HErrgott schall dat Kind wohren.« Und während ich geschäftig und rasch die Lichter anzündete und die Gaben ordnete für ihn und Mutter Alslev und für unsere Leute, saß der närrische, kluge Mann und schaukelte sacht die leere Wiege. Ursula, – dein Glück wird zu groß! – – Herrgott, wer soll es mir hüten? Immenhof, Hüttchen, im Mai. Heute schaukelte mein närrischer Mann ein Paket im Arm, als sei es ein Kind. – Es war sein neuestes Werk, das der Verleger eben gesandt: »Ei, Uwe,« schmollte ich, »nun werde ich immer mehr eine Dichter- und Gelehrtenfrau, und du versprachst mir doch, daß ich nichts als ›de Schoolmeestern‹ sein sollte. Warum wirst du so berühmt?« »Weil – weil – weil – – – « Er küßte mich, – wieder und wieder. »Weil ich dich so liebhabe, Urschel.« Dies die Logik des berühmten und gelehrten Uwe Karsten. Zum Schreiben komme ich kaum noch. Es ist schwer, diese Blätter vor Uwe zu verbergen. Warum verberge ich sie ihm überhaupt? Ich weiß es nicht, es ist nur Scheu von mir. Unser Hüttchen wird immer herrlicher. Das Morgenstübchen wird zum Kinderstübchen – – ich bin den ganzen Tag beinahe darin, alles liegt geordnet und wartet – – – Gestern saß mein Uwe darin, er ahnte es nicht, daß ich ihn sah, seine Hand strich liebkosend über all die Sächelchen. – – – Es war der Wunsch von Mutter Alslev, alles so früh wie möglich vorzubereiten für das kleinwinzige Bürgerlein von Immenhof. Uwe verbessert mich und meint, es würde ja gar kein Bürgerlein, es würde ein »Heidebuer«. So ist's mir auch recht. Alles ist gut und schön und recht, was mein Herzliebster tut. Ich will ihm in nichts mehr widersprechen, dem Klugen, Gütigen, der mich so zart umsorgt und umhegt wie eine Mutter, der mich behütet und bewacht wie ein treuer Bruder, der mir jeden Wunsch an den Augen absieht, wie eine sorgende Schwester, und der mich liebt – – wie eben mein Liebster. In jedem leisen Gedanken will ich ihn jetzt als meinen Herrn erkennen, – – o ihr verschwiegenen Blätter, warum ist Ursula so sanft? – Weil das kleinwinzige Büblein schon jetzt Ehrerbietung vor Herrn Lehrer Alslev lernen s«Il. Närrische Urschel! Hüttchen, am 22. August. Mein Uwe, ich habe heute die verzauberte Heiderose gesehen! Wenn ich es dir sagte, würdest du wieder lächeln, aber das tut mir weh ... Ein seltsames Schauen war es. Ich schritt den kurzen Heideweg von unserm Hüttchen nach dem Hünengrab. So wundergut war mir zumut. Da sah ich die Heiderose kommen, sie schwebte auf mich zu, – ernst und doch lächelnd – ein leuchtendes Lächeln – ich mußte an meine tote Mutter denken, an der man solch ein Lächeln pries. Und die leuchtende Gestalt legte etwas in meine geöffneten Arme – und verschwand. Uwe, mein Uwe, nun möchte ich doch, daß du, lachtest, denn mir ist seltsam bang. Wenn es ein Traum war, wie kann er so lebendig sein? Wie kann er mein Herz so belasten, das doch dem heiligsten Glück entgegenschlägt? Ei so lache doch, mein Herzensschatz, lach' mir mein Herze leicht. Ich höre den Schritt von Mutter Alslev im »Kinderstübchen«. Jeden Tag kommt die Eifrige, Gütige und sieht nach, ob die alte Wiege noch leer ist. Vielleicht, Mutter Alslev – heut nacht – – – Guter Gott, mir ist so eigen – – – Müde bin ich zum Umsinken, und doch fühle ich eine ungeahnte Kraft in mir. So seltsame Widersprüche! Aber ich stehe ja auch an einem Markstein und Wendepunkt meines Daseins. »Lebe rein dies kurze Leben«, soll einst mein Mütterchen zu der kleinen Ursula Diewen gesagt haben, die in der Wiege schlummerte. Und hat mich geküßt und ist dann von mir gegangen zur ewigen Ruhe. Habe ich diesem Worte unverbrüchlich nachgelebt? Müde bin ich, – aber ich habe noch einen Brief zu schreiben, einen Brief an Lubruder: »Alles, alles soll dem Uwe gehören, versprich es mir, Lubruder. Nicht dem Kinde allein, nein, seinem herrlichen Vater. All den Reichtum des Hauses Diewen lege in meines geliebten Schulmeisters Hände, es ist wenig, es ist arm gegen den Schatz seiner gewaltigen Liebe und gegen das Glück, das er mir gab.« Mein Uwe, nun habe ich mein Haus bestellt. Wie wird mein Blick mit einmal so weit und hell! Heideschulmeister! Uwe Karsten Alslev! Wie groß und berühmt ist mein stiller Einsiedler geworden! Hier hast du meine Gabe, du Lieber! Die lächelnde Zauberrose legt etwas Herrliches in meinen Arm, an meine Brust. Ein Kindchen ist es, unser Kindchen, Uwe Karsten! Wie wirst du deinen Sohn nennen? Uwe Karsten, oder Ernst, wie mein Väterchen? Einen Uwe Karsten Alslev kann es nur einmal auf der Welt geben. Ernst Alslev, habe deinen Vater lieb! Mein Uwe! Hab' Dank! Hab' Dank! Hüttchen, am 26. August. Zürnt mir nicht, ihr weißen Blätter. Mein Glück wird zu groß, – – ich kann es nur noch singen, – so schwer noch sagen und kaum noch schreiben. Ihr seht ja auch selbst, ihr Blätter, daß es mit euch zu Ende geht. Nur wenige sind noch unbeschrieben, und was dann? Da kommt sie wieder, diese seltsame Sehnsucht und mahnt und winkt und ruft. Bin ich zu glücklich gewesen? Oder habe ich es zu stark immer betont? Darf man es nicht sein auf dieser kalten, wunderlichen Welt? Ach, für mich ist sie ja nicht kalt, – in Uwes Armen, an Uwes Herzen, in Uwes Hüttchen ist's warm, ist sonniger Sonnenschein. Jetzt erst werde ich gut, jetzt erst bin ich fromm. Du lieber Herrgott, ich soll Mutter werden! Durch deine Güte und Uwes große Liebe soll ich ein Kindchen haben. O so ein liebes, süßes, kluges Kindchen! Das weiß ich alles! Und ich werde durch ein dunkles Tor voller Schmerzen gehen, o wie hart sind diese Schmerzen – – aber dahinter ist alles licht, o so licht! Denn mein Kindchen wird wachsen und groß werden, groß und herzensgut wie sein Vater, mein herrlicher Uwe! Und wird ihm alles geben an Liebe, Vertrauen, Ehrfurcht und Treue, was mir noch übrigblieb zu geben. Du lieber Herrgott, nimm meinen Dank! Täglich und stündlich will ich ihn stammeln, weil ich so glücklich bin. Vergib, daß ich dem Herrn der Welt Vorschriften machen wollte, – früher einmal, als ich noch nicht so darüber nachgedacht, wie völlig mein armes Leben in deiner Hand liegt. Du lieber Herrgott, noch immer schreitet die Sehnsucht neben mir, aber ich frage sie nicht mehr, wohin sie mich führt. Du weißt es, und dir vertraue ich. Aber du willst ja, daß wir bitten sollen, unablässig bitten – und so bitte ich dich, daß du mir eines gewährest: »Laß mich mein Kind sehen , lege es mir noch ans warme Mutterherz, und dann will ich sagen: ›Herr, dein Wille geschehe!‹« Nachschrift des Heideschulmeisters Uwe Karsten Alslev Ursula, Ursula, warum hast du mich verlassen? War das die Sehnsucht, die neben dir schritt, all die Jahre hindurch ...? Drüben weint dein Kind. Weine, kleiner Ernst Alslev, dein Vater hat keine Tränen. Deine Mutter starb dir, und mir mein Weib, mein Glück, mein Alles! Ursula, Ursula! Aber du sitzest doch neben mir, und ich spreche mit dir. Denn ich schlage Blatt für Blatt um und blicke in dein treues, selbstloses Herz. Ursula, wie hast du mich geliebt! Herrgott, ich hadere mit dir in ohnmächtigem Zorn! Denn du schlägst mich zu Boden. Was tat ich? Und warum ließest du sie verbluten? Warum schicktest du nicht alle deine himmlischen Heerscharen, um dieses teure, unersetzliche Leben zu behüten, bis ich menschliche Hilfe holte? Warum? Und was bin ich nun? Ach, sie war das Weib all meiner Sinne, meiner Seele und meines ganzen Herzens, und all meine Kraft kam von ihr. Und eine wunderbare Kraft gehet aus von diesen Blättern, von diesem Vermächtnis meiner Ursula, das sie mit ihrem Herzblut schrieb. Ich werde stille. Aus dieser Stille heraus will ich meinen Sohn erziehen. Er soll dich sehen, Mutter Ursula, wie ich dich sah, und wie diese Blätter es künden. Er soll die Menschen lieben, wie du sie liebtest. Kind und Kindeskinder sollen dein Andenken segnen. – Den sie den Allweisen nennen, ich danke dir, daß du die letzte Bitte meines Weibes erhörtest. Meine Ursula sah ihr Kind, es trank aus ihrer Brust, die so voll Güte war. – Meine Ursula, du schriebst mit großen, kraftvollen Zügen über diese Blätter: »Heideschulmeister Uwe Karsten.« Laß sie mich auslöschen, laß mich Ursula darüber setzen. Sie sind Geist von deinem Geiste. Mein Lieb, es gibt kein schönres und würdigeres Denkmal für dich. Ende.