Joseph Roth Reportagen aus Wien und Frankreich 1919 – 1939   Reportagen aus Wien   1919   Die Insel der Unseligen Ein Besuch in »Steinhof« Da liegt sie, die Gartenstadt der Irrsinnigen, Zufluchtsort an dem Wahnsinn der Welt Gescheiterter, Heimstätte der Narren und Propheten. Goldregen leuchtet über weißem Kies, Kastanien haben festlich leuchtende Knospen angesteckt, und Lerchengeschmetter prasselt nieder aus blauen Lüften. Friedlich im Frühling und blau gebettet ist die Stadt mit dem lächelnden Antlitz und dem vergrämten Herzen. Die Häuser sind alle gleich gebaut und heißen »Pavillon«, haben römische Ziffern an der Stirnseite und fest verschlossene Pforten. Um manche ist ein Garten gebaut, und dort lustwandeln, sitzen, laufen, stehen die Hausbewohner herum. Es ist gerade die Zeit, da sie an die Luft geführt werden. Eine Frau hält beide Hände waagrecht vor sich hingestreckt, während sie auf und ab geht, rastlos, unermüdlich, immerzu, summt sie ein melancholisch-monotones Lied. Offenbar glaubt sie, ein Kinderwagerl vor sich herzuschieben. Ein Mann hockt auf dem Boden und müht sich vergeblich, deutliche Kreise in die noch harte Erde zu zeichnen. Ein anderer bewegt die Fäuste, dreht eine Faust nach innen, hält die andere waagrecht und still und verfolgt aufmerksam jede seiner eigenen Bewegungen. Aber um andere Häuser ist es still, da ist kein Garten. Das Haus der Tobsüchtigen, der Schwerverbrecher und Breitwieser-Kumpane ist dunkel und dräuend, hat fürsorgliche, feste Eisengitter, durch die von Zeit zu Zeit eine grinsende Menschenfratze heraussieht. Das Haus der Idioten ist dunkel, Trübsinn und Schwermut lagern über dem ganzen Trakt. Innen aber ist es hell, hat viele Glastüren, durch die die Sonne teilnahmsvoll ihre Stiefkinder besucht. Besucher kommen. Frauen, alte, junge, vergrämte, heitere, gleichgültige und bekümmerte. Alle tragen große Taschen, Pakete, Liebesgaben. Erst muß man zum Inspektionsarzt, bekommt einen blauen Zettel, geht in das betreffende Haus und läutet an. Ein Wärter öffnet, nimmt den Zettel ab. Dann kommt das Wiedersehen. Manche Kranke sind erfreut über den Besuch, manche sind verstört, nichts wissen wollend, die einen lachen, die andern weinen. Aber fast alle, die ich sah, durchsuchen zuerst die Taschen, die meisten freuen sich mehr über das Mitgebrachte als über den Besuch. Hunger Jawohl, Hunger. Auch hier hat er seinen Einzug gehalten. Ein schon genesener Patient, der jetzt mit dem Schreiben der Krankengeschichten seine Langeweile totzuschlagen bemüht ist, erzählt mir, daß Hunger und Unterernährung oft Geisteskrankheit hervorrufen und daß gerade in letzter Zeit häufig infolge Hungers tobsüchtig Gewordene eingeliefert werden. Die Nerven haben weniger Blutzufluß, sind nicht genügend »geölt«, und die Räderchen dieser göttlichsten aller Maschinerien geraten in Verwirrung. Der eine verdächtigt seine Hausgenossen, daß sie ihm das ihm gebührende Essen verweigern, um es sich selbst zuzuführen, wird tobsüchtig, schlägt drauflos. Ein anderer verliert die Fähigkeit zu denken überhaupt, starrt trübe vor sich hin: Er ist hungrig. Dem ist in der Anstalt freilich wenig geholfen. In der Früh ein fragwürdiger »Schwarzer«, zu Mittag eine Brühe, Kraut oder Rüben, zum Nachtmahl noch einmal Rüben. Erst in den letzten Tagen ist das Essen wieder etwas besser geworden. Heute ist gerade ein Fleischtag. Es gelingt mir, einen Speisezettel zu bekommen, ich zeige ihn einem Patienten. Er schüttelt den Kopf: »Süßkraut?! Ich weiß, es wird wieder Sauerkraut werden. Und mit dem Fleisch ist es auch nicht weit her!« Aber selbst wenn – es ist nicht alle Tage Fleischtag, es gibt vier Klassen, und auf die Patienten der vierten Klasse kommt Hunger- statt Fleischportion. Ihr Unglück ist im allgemeinen das gleiche – ihre Kost nicht dieselbe. Ich lasse hier den Speisezettel folgen:   Speisenfolge für Sonntag, den 12. April 1919   Mittags: Abends: III. Klasse Graupensuppe Rindfleisch Sauerkraut Gulasch Haferreis IV. Klasse Graupensuppe Gulasch Sauerkraut Süßkraut Militär: Graupensuppe Gulasch Sauerkraut Süßkraut Pflegepersonen: Graupensuppe Gulasch Sauerkraut Gulasch Graupen Traktpfleger: Bröselnudeln     Wien, am 11. April 1919   Interviews Ich habe von einigen interessanten »Fällen« gehört, und ich lasse mich bei ihnen anmelden. Ob der Herr Doktor bereit wäre, mich zu empfangen? Jawohl, sehr gerne. Ein großer blonder Mann, glattrasiert, mit ausdrucksvollen Zügen, sympathischen blauen Augen, empfängt mich. »Dr. Theodosius Regelrecht, Advokaturskandidat.« Seinen Namen hat er abgelegt, er will überhaupt von seiner Familie nichts wissen, er heißt »Regelrecht« und damit basta. Er schreibt an seinen Memoiren, behauptet, viel erlebt zu haben, und ist jedenfalls eine Persönlichkeit. »Sie gehören zur Papierverwertungsbranche?« Seine erste Frage ist etwas verblüffend, ich erwidere mit einem kleinlauten »Ja«. »Ich habe also die zweifelhafte Ehre«, fährt er fort, »in Ihnen einen Teil jener unmaßgeblichen Meinung zu sehen, die man die ›öffentliche‹ nennt? Sie sind einer jener ›freien Berufe‹, die sich infolge eines fatalen Versehens der Natur nicht am Strich anbieten können und es infolgedessen über oder unter dem Strich tun! Nun, stellen Sie Ihre Fragen?« »Wie denken Sie über die politische Lage Deutschösterreichs, Herr Doktor?« »Deutschösterreich ist ein kaiserloses Kaiserreich, aber keine Republik. Reichspräsident, Staatskanzler, oder wie das Oberhaupt heißt, würde sich zum rücksichtslosesten Bolschewismus bekehren um den Preis – einer Königskrone. Sämtliche ehemaligen österreichisch-ungarischen Nationen schließen sofort Frieden und Donauföderation, wenn man ihnen gestattet, noch einmal an einem Kaiserjubiläumsfestzug teilzunehmen. Sämtliche Zeitungen würden den Staatsanwalt – ich glaube, er hieß Dr. Mager – mit einem wahren Grubenhundefreudengeheul begrüßen, wenn ihnen gestattet würde, die Rubrik ›Hof- und Personalnachrichten‹ wiedereinzuführen. Alle Telepathen und Ringkämpfer verlieren sofort ihr ganzes Publikum, wenn irgendeine Hoheit noch einmal geruht, vor einem Grinzinger Kriegsspital wieder vorzufahren, und die Sehnsucht der Wiener nach der Burgmusik ist so unüberwindlich, daß sie aus Mangel an dieser Kommunistenversammlungen abhalten.« »Glauben Sie an den Kommunismus, Herr Doktor?« »Er kann kommen, aber wenn er kommt, wird er ein Kommunismus mit einem ›goldenen Herzen‹ sein. Auch in Budapest ruft man ja ›Eljen Kun!‹ nur deshalb, weil man nicht mehr ›Eljen Kiralyi!‹ rufen kann!« »Glauben Sie an die Wiederkehr der Monarchie?« »Was ist das für eine Frage? Kommunismus oder Monarchie – beides ist deutschösterreichisch, und beide sind nicht. Im übrigen habe ich mich lange genug aufgehalten. Berichten Sie dem Irrenhaus, das sich ›Welt‹ nennt und für das Sie schreiben, daß ich, Dr. Theodosius Regelrecht, keineswegs gesinnt bin zurückzukehren. Ich bin nicht irrsinnig!« Damit ging ich. Mein nächster Besuch galt einem würdigen, graubärtigen Herrn, der eine bunte Papierkrone auf dem Kopf trägt und sich den »letzten Kaiser« nennt. Offenbar liest auch er Zeitung, denn er ruft immer wieder: »Mich werden sie nicht absetzen!« Seine traurige Majestät ist unnahbar, also ging ich weiter. Im Korridor eilt ein kleines, dürres Männchen auf mich zu. »Dr. Regelrecht hat mir von Ihnen erzählt. Ich bin bereit, stehe Ihnen zur Verfügung. Ich habe gehört: Die Monarchie ist aufgelöst, der Reichsrat nach Hause geschickt, und in der Nationalversammlung hat ein Staatssekretär eine Thronrede gehalten in Vertretung des Kaisers, den er zu diesem Zweck in die Schweiz geschickt hat. Oh, das Ende der Welt!« »Sind Sie nicht etwas zu pessimistisch?« »Ich? Im Gegenteil! Ich sehe nur, daß sich die Welt zu neuer Anschauung bekehrt. Seit Jahr und Tag predige ich: ›Die Welt steht auf dem Kopf.‹ Deshalb haben sie mich für verrückt erklärt. Aber jetzt steht sie auf dem Kopf!« »Wie sind Sie hergekommen?« »Oh, ganz einfach! Sieben Kriegsanleihen hatte ich ruhig mitgezeichnet. Als man mich aber aufforderte, noch eine achte mitzumachen, bekam ich einen Lachkrampf und rief: ›Die Welt steht auf dem Kopf!‹ Hätte ich damals, wozu wohl mehr Anlaß gewesen wäre, einen Weinkrampf bekommen, man hätte mich eingesperrt. So kam ich hierher und hatte durch einen monatelangen Verkehr mit Menschen, die reiche und große Ideen haben und die man deshalb ›Idioten‹ nennt, Gelegenheit, meine Weltanschauung zu vertiefen. Ich rate Ihnen: Kommen Sie zu uns! Sie sind Schriftsteller, und es dürfte Ihnen schon gar nicht schwerfallen! Denn die Ärzte glauben einem niemals, daß man vernünftig ist. Ich verzeihe es ihnen: Ihr Studium und ihr Verkehr mit Kollegen berechtigen sie zu diesem Mißtrauen. Aber kommen Sie zu uns, gründen Sie eine Zeitung. Ich will sofort abonnieren. Es soll eine satirische Wochenschrift sein, und Sie brauchen keine Witze zu verfassen! Drucken Sie bloß psychiatrische Gutachten nach und behördliche Erlässe! Und jetzt leben Sie wohl!« ...   Abschied Offen gestanden: Er fällt mir schwer. Abend hüllt die Insel der Unseligen – oder Seligen? – in blauen Dunst. Nur die Kuppel der von Otto Wagner erbauten prachtvollen Kirche glänzt noch herüber. Vielleicht hat er recht, der kleine Professor? Ist die Welt nicht ein Tollhaus? Und ist es nicht praktisch, sich rechtzeitig ein warmes Plätzchen im » Steinhof« zu sichern? Ich werde es vielleicht doch tun. Und – eine Zeitung gründen. Ich suche auf diesem Wege Mitarbeiter ... Der Neue Tag, 20. 4. 1919   Interviews mit Straßentypen Kinder der Straße sind sie. Die Straße ist ihr Heim und ihr Obdach, ihr Ursprung und ihr Ziel. Sie sind es, die der Straße erst die Physiognomie verleihen und die Eigenart, sie gehören zu ihr wie Laternenpfähle, Pflastersteine, Rettungsinseln, Plakatsäulen, Obelisken und Wartehäuschen. Sie sind das Mobiliar der Straße, von der Fabrik: Leben erzeugt und in die Großstadt als Pofel verschleudert. Der Bürger geht täglich an ihnen vorbei, gleichgültig und stumpf, weicht ihnen aus wie einem Baum am Straßenrand oder einem Rinnstein und ist angehalten, wenn so ein Möbelstück den Mund auftut oder die Hand. Und doch sind diese Denkmäler ewig menschlicher Unzulänglichkeit oder breithafter Gesellschaft mit Seelen begnadet, auch die Karikaturen Gottes, mit Herz und Hirn, mit Schicksal und Erlebnis. Es ist lehrreich, sie sprechen zu hören. Bei Interviews dieser Art besteht wenigstens die Gefahr des Hinausgeschmissenwerdens nicht. Zu Nutz und Frommen einer breiteren Öffentlichkeit seien einige hier mitgeteilt: Der wohltätige Bettler Herr Hirsch Garfunkel stammt aus dem Osten. Als 17jähriger Jüngling sollte er wegen seiner »schönen Stimm'« Kantor werden. Er aber glaubte, das Zeug zum Opernsänger zu haben. Deshalb verließ er heimlich, ohne Wissen der Seinigen, die Heimat und fuhr nach Amerika. Hier sang er zuerst in einigen Tempeln und verdiente so seinen Unterhalt. Aber, wie gesagt: Herr Garfunkel wollte durchaus höher hinaus, und eines Tages ging er zur Bühne. Die Theaterverhältnisse waren ihm fremd, Tratsch, Neid, Ränke der Kollegenschaft, Spott und Schabernack vertrieben ihn von der Bühne. Inzwischen hatte er ein ausschweifendes Leben geführt und seine Stimme verloren. »In dem großen Amerika«, sagt Herr Garfunkel, »ist es schwer, so ein Ding wie eine Stimm' wiederzufinden.« Deshalb kehrte er nach Europa zurück. In Amsterdam blieb er stecken, denn das Reisegeld fehlte ihm. Amsterdam ist eine alte Judengemeinde, es gibt viele reiche Glaubensgenossen, und Herr Garfunkel wurde bei ihnen, wie er sagt, »Eingeher«. Das heißt: Er ging dort ein und aus. Er war halb Tempeldiener, halb Lakai. Damals ging's ihm gut. Es gab Tage, an denen er sechs Mittagessen hintereinander verzehrte. Alles durch sein Ein- und Ausgehen. Da starb plötzlich sein Protektor, einer der reichsten Kaufherren der Stadt Amsterdam. Herrn Garfunkel war der Aufenthalt verleidet. Er bettelte sich einiges zusammen und kam nach Wien. »Wien war damals noch eine schöne Stadt«, sagt Herr Garfunkel. Er »verkehrte« in Theaterkreisen. »Die Schratt « zählte er zu seinen »Bekannten«, der Schauspieler Kamineth war »direkt sein Freund«. Von den sogenannten »Kollektenbrüdern« unter den Schauspielern kannte er viele, darunter den Schauspieler Benda . Mit der Zeit hatte er sich eine glänzende Klientel erworben. Künstler von Rang, Grafen, Kammerherrn und Hofräte kannten ihn von der Straße: Jeder entrichtete ihm seinen Zoll. Da erinnerte sich Herr Garfunkel, großherzig, wie er immer war, seiner armen Brüder im Judenviertel. Sein anspruchsloses Leben ermöglichte ihm ein Auskommen mit geringen Mitteln. Den Rest verteilte er an die Armen. So ward er Wohltäter von Beruf, Spender und Bettler in einer Person. Was er tagsüber »eingenommen« hatte, verteilte er am Abend den Armen in der Leopoldstadt. Mit der Zeit erweiterte sich die »Kundschaft«, wuchs auch seine »Klientel«, und Herr Garfunkel legte Bücher an. Doppelte Buchhaltung gehörte nicht dazu: Es waren bloß Notizbücher. Aber genaue Verzeichnisse der Spender und Bedürftigen waren alphabetisch angelegt. Das Geschäft florierte. Heute steht der wohltätige Bettler vormittags am Graben, nachmittags in der Kärntnerstraße und wartet auf die Spender. Er grüßt von Zeit zu Zeit einen alten Herrn, spricht einige an. Aber das Geschäft geht lange nicht mehr so gut, behauptet Herr Garfunkel. »Die Wiener Leut' haben einen Geldsack, wo das Herz sein soll, früher haben sie das Herz im Geldsack gehabt«, sagt er. Ja, einmal, das war eine Zeit. Die vornehmen Herrschaften! Der gottselige Baron Rothschild! Und wie der alte Bösendorfer noch gesund war! Herr Garfunkel weiß nicht, wie alt er ist. Ich schätze ihn auf 80. Sein Bart ist silberweiß. Sommer und Winter trägt er zwei lange Röcke. Herr Garfunkel ist ein Fragment, ein Rest aus dem Trümmerhaufen der alten Monarchie. Wehmütig schleicht er über den Korso ... Der blöde Nazi Oder auch: der Tepp vom Alsergrund. Wer kennt ihn nicht, den überlangen Nazi mit dem allzu kurzen Spazierstöcklein, mit dem er bei jedem Schritt auf das Pflaster klopft, daß es widerhallt! Nazi geht prinzipiell niemals auf dem Trottoir, stets in der Mitte der Straße, unbekümmert von Autos und Elektrischer. Nazi hat zweifellos einen Charakterkopf: Ließe er sich seinen Schnurrbart rasieren, er würde einem Lloyd George zum Verwechseln ähnlich sehen. Nazi heißt eigentlich Ignatz B. und entstammt einer guten bürgerlichen Familie. Nazi erzählte, daß man ihn aus der Schule entfernt habe. Er hat drei Volksschulklassen, er kann auch ein bißchen lesen. In der Früh um 7 Uhr steht Nazi auf. Er macht seine Besuche bei seinen »Stammkunden«: beim Greißler am Eck, beim Fleischhauer, beim Milchhändler, beim Schuster. Er besorgt dem Herrn Doktor vom Zehnerhaus einen Weg, bekommt sein Trinkgeld. Zu Mittag geht er nach Haus. Dann ruht er, geht spazieren. Manchmal unternimmt er Ausflüge in den Prater. Ich sprach mit Nazi an einem sonnendurchfluteten Nachmittag im Park. Der Narr freute sich über die Sonne, über den blauen Himmel. »Schön, Herr Doktor!« rief er. »Kannst du lesen, Nazi?« »Ja, Herr Doktor, bißchen!« Er versuchte, ein Schild zu lesen. »Zu Haus«, sagt er plötzlich. Nazi ist hungrig. Er steht auf, verneigt sich höflich, zieht seinen Hut. Nazi hat Manieren. Ich drückte ihm etwas Kleingeld in die Hand. Nazi sieht mich verwundert an. Ich reiche ihm die Hand. Nazi überlegt. Dann schlägt er ein und lacht fröhlich: »Guter Herr Doktor!« Seinen Stock schlägt er bei jedem Schritt wuchtig auf das Pflaster. Ein paar Buben mit Schulranzen laufen ihm nach und rufen: Nazi! ... Nazi hat das Odium des Alsergrunder Typentums auf seine hageren Schultern genommen. Er trägt seinen Namen wie ein unerbittliches Verhängnis ... Kaspar Feitel Zu einem großen Durchhaus »Am Hof« steht Kaspar Feitel seit Jahr und Tag. Ein blinder Musikant. In der Linken die Geige, in der Rechten den Bogen, zwischen den Lippen die Mundharmonika. Er geigt und bläst: Droben, wo die Sterne stehn ... Kaspar Feitel hat die Sterne nie gesehen. Er ist ein blind Geborener. Aus dem Nordböhmischen ist er vor langen Jahren mit seinem Vater nach Wien gekommen. Der Vater hatte ein Puppentheater. Damit fuhr er durch ganz Mähren, Schlesien, die ungarische Slowakei: Es war eine schöne Zeit. Kaspar spielte, die »Kasperln« trieben Schabernack. Man verdiente viel. Eines Tages fuhren sie mit ihren zwei Wagen über eine Landstraße. Sie kamen an eine Eisenbahnrampe. Im ersten Wagen saß Kaspars Vater mit seinen Puppen. Plötzlich brauste ein Zug heran. Der Vater wurde aus dem Wagen herausgeschleudert, jämmerlich zerquetscht. Die schönen Puppen waren alle hin. Das junge Frauenzimmer, das im Puppentheater als Kassiererin angestellt war, wurde Kaspar Feitels Frau. Früher arbeitete sie in einer Dampfwäscherei. Jetzt ist sie zu alt. Ja, wenn sie auch ein Instrument spielen könnte! Aber sie kann nun einmal nichts. Kaspar Feitel hat nicht viel. Seine Frau bringt ihm eine Suppe mit Haferreiskörnern in einem irdenen Topf. Feitel zieht einen Blechlöffel aus einer Rocktasche. Früher einmal konnte man vom Bäcker in der Willingerstraße zwei schöne Semmeln umsonst bekommen, erzählt Frau Feitel. Jetzt nicht einmal eine Brotrinde. Kaspar Feitel hungert bisweilen. Einmal, es ist gar nicht so lange her, hätte Kaspar fast sein Glück gemacht. Er hörte die Leute vorbeigehen. Plötzlich fiel etwas auf das Pflaster. Es klang wie das Aufklatschen einer Brieftasche. Kaspar Feitel hörte zu spielen auf. Er lauschte angestrengt. Leute gingen vorbei. Hatte einer schon die Brieftasche aufgehoben? Da tritt ein Wachmann auf ihn zu. »Segn's«, sagt er, »da liegt vor Ihna a Brieftasch' mit zweitausend Kronln!« »Ich bin ja blind«, entschuldigte sich Kaspar Feitel. Ich gebe ihm eine Krone und sage adieu! Kaspar nickt nur und spielt: Droben, wo die Sterne stehn ... Der Neue Tag, 19. 5. 1919   Kaffeehausfrühling Er offenbarte sich bisher bloß darin, daß die Kaffeesieder Preise trieben , die tägliche Ausgabe für Frühstück und Jause in die Höhe schoß, im »Schwarzen« lenzlichgeheime Säfte goren , die Ausbeutung des Publikums ungeahnte Blüten trieb und das Geschäft überhaupt florierte . So sieht der Wiener Kaffeehausfrühling aus. In der letzten Woche kam noch ein Neues hinzu: Schani trug den Garten hinaus. Der »Garten« besteht aus ein paar Latten und Dielenbrettern, die wohlverwahrt auf dem Dachboden Winterschlaf hielten, und einem Gitter aus Drahtgeflecht oder Eisen. Ein besonderes Zuvorkommen dem Mai und den Gästen gegenüber bedeuten noch einige Blumentöpfe und jene grünen Zweige, auf die in diesem abnorm kalten Frühjahr nur die Kaffeesieder kamen. Und somit ist alles für die Sonne gerüstet, die leider »infolge Ausbleibens wichtiger meteorologischer Nachrichten« von der Sternwarte nicht angekündigt werden kann und sich ohne zuverlässige Prognose nicht recht aus den Wolken hervortraut ... Sieht man diese gottverlassenen Caféveranden an, so drängt sich einem fast unwillkürlich der Vergleich auf mit nie erfüllten Friedensträumen, verregneten Aussichten und verschnupften Weltlagen. Diese umgekehrten Tische mit den umgestülpten Korbstühlen, die vor Nässe weinen, sehen einer verkehrten Welt verzweifelt ähnlich, in der alles auf dem Kopf stünde, wenn auch nur etwas einen Kopf hätte. Die Luft, die man eigentlich von Rechts wegen hier draußen genießen sollte, ist erfüllt mit Kriegsberichten, die von den Friedenskonferenzen kommen, und das Eis, das in normalen Zeiten hier geschluckt werden würde, hält leider immer noch die Herzen der Menschen krampfhaft umschlossen. So wird, was dereinst Fortsetzung gemächlichen Familienlebens und gemütlicher Tarockpartien auf die Straße war, heute eine recht ungemütliche Verquickung einer ungemütlichen Öffentlichkeit mit privaten Familiensorgen. Die Kaffeehausterrasse ist heute nur mehr ein überflüssiges Requisit aus besseren Zeiten und obendrein noch ein Verkehrshindernis wie Straßenbahn, Post, Telephon und andere »Verbindungsmittel«. Für Kaffeesieder hat sie allerdings einen Vorteil: Sie ermöglicht ihnen, unangenehme Stammgäste, die über die Preiserhöhung schimpfen, auf glatte Weise und im wahrsten Sinne des Wortes –- an die Luft zu setzen ... Josephus Der Neue Tag, 23. 5. 1919   Das erwachte Kunstgewissen Was ist ein Museum? – ein »Inschtitut«. Was ist ein Kunstwerk? – ein G'spaß. Und was ist ein Künstler? – ein »Individium« ... Der Wiener fand vollste Befriedigung seiner Schaulust in der Bühnenkunst. Was ging ihn die Malerei an, wenn sie sich nicht mit Grünzeugwarenschildern befaßte? Ein Bildhauer ist ein Tepp! Die Hausmasterin hot's g'sogt! – Weitab von Ringelspiel, Grottenbahn, Riesenrad, »ich möcht' noch amol in Grinzing sein«, Gschwandiner, Kaisergarten, Hollodrioh und Duliäh liegt das Kühle, Vornehme, Reserviert-Unverständliche. Jenseits der Grenze der Vernunft herrscht eine volksfremde Kunst, eine Kunst ohne Bühnentürl. Irgendein Reifes hat die G'schicht angelegt. Für G'studierte, versteht sich. Und das Wertvollste am Hofmuseum ist der Burgschendarm gewesen ... Soll man weinen oder lachen? Seitdem die Friseure am Sonntag gesperrt haben, geht der Wiener, wenn er sich fern von Krieg und Kriegsgeschrei hält und nicht mit Pflastersteinen vor dem »Wiener Journal« für den Anschluß kämpft, ins kunsthistorische Museum. Er schaut sich die von den Italienern requirierten Bilder an. Um die Bild'l in den Inschtituten scherte sich keiner. Für die geraubten Kunstschätze schlagen die Herzen aller. Die Leute stellten sich an. Denn: Kannte man nicht, was man besessen, so will man wenigstens kennen lernen, was man verliert. Neugier und Empörung beflügeln selbst den Schritt des kunstfremdesten Spießbürgers. Seht jenen Herrn dort mit dem biederen Habig und dem unvermeidlichen Regenschirm! Saß er nicht stets um diese Zeit beim Rockenbauer und unterhielt seine Stammtischgenossen über Wülson? Was scherte er sich um Museen? Genügte ein Panoptikum nicht vollends seinen musealischen Bedürfnissen? Heute ist er Kulturträger, dem der Feind einen Kulturschatz rauben will, der Idealist, dem man das Objekt seines Ideals, der Cornet, dem man seine Fahne, der Priester, dem man seinen Altar, das Volk selbst, dem man sein Nationaleigentum nimmt... Kataloge, unnützes Papier, das in Stößen an der Kasse auflag und das ein Fremder höchstens kaufte – heute sind sie »gangbare Artikel« wie Stärke und Backpulver. Der Greißler vom Eck kauft sich gleich mehrere, erstens um sich über die gefährdeten Bilder zu informieren, zweitens von wegen der Tüten. Die Zimmervermieterin vom zweiten Stock spricht erregt auf ihren »Herrn Doktor« ein: Jessas, dö Bilder! ... Im Angesicht der bedrohten Kunst erwacht der Nationalstolz wie Anno Domini 1914, und irgendwo in einer Ecke der Bildergalerie flattert das Wort auf: Katzlmacher... Soll einer weinen oder lachen? Hat sich »das Volk« besonnen? Ist »Kunst« ihm kein hohler Begriff mehr? Weiß es, was es verliert? Ich höre den Optimisten: »Nur in der Stunde der Gefahr zeigt sich der erfreuliche Zusammenhang zwischen dem Fühler der Nation und der Ewigkeitsschöpfung ihrer Kunst. Freuen wir uns und versuchen wir, das endlich aufgerüttelte Kunstgewissen der Wiener wach zu erhalten!« Und den Pessimisten: »Zu spät! Hätte die Bevölkerung den Wert ihres Besitzes auch nur geahnt, der Schrei der Empörung über den schmachvollen Raub wäre laut durch die Welt geschallt und hätte das schnöde Beginnen vereitelt.« Und der Historiker: »Es ist seit jeher charakteristisch für die Masse, daß ihr Sinn für die geistigen Güter der Nation nur dann erwacht, wenn die fremde Hand sich nach ihnen ausstreckt. Vielleicht ist es nicht einmal zu spät! Auch die Gänse schnatterten erst im letzten Augenblick und retteten doch das Kapitol!« Ich aber, der Zyniker, sage: »Es is' a Hetz'!« ... Der Neue Tag, 25. 5. 1919   Der Marktplatz der Kettenhändler Hier ist der Ursprung des Übels. Hier rundet sich das erste Glied der endlos langen Kette. Hier kauft man die Lebensmittel »aus erster Hand«. Von hier aus ergießt sich der dünne und ach so kostbare Strom von Milch, Eiern und Butter in die Straßen und wenigen Häuser der Stadt. Wo das ist, will ich nicht verraten. Ich möchte mich der Lynchjustiz der Kettenhändler doch nicht ausgesetzt wissen. Nur soviel sei gesagt: Es ist ein Bahnhof, fast im Innern der Stadt, ein idyllischer Bahnhof, der wie eine große gelbe Katze gemächlich im Sonnenschein schlummert, ein Bahnhof, dessen Züge gar nicht allzu weit und natürlich auch nicht allzu pünktlich in die Welt abgehen. Zweimal des Tages, am Nachmittag und am Abend, versammeln sich die Schleichhändler Wiens vor den Toren der Halle. Züge kommen mit ländlichen Reisenden, Kleinbauern, Großbauern, Bauernkindern, Bäuerinnen in bunten Kopftüchern. Jeder Passagier trägt Rucksack, Milchkanne und Eierkiste. Allsogleich kommt Bewegung in die harrende Menge. Einzelne Gestalten lösen sich aus der dunklen Masse, nähern sich dem Ausgang, treten an die Ankömmlinge heran. Oh, die Schleichhändler haben Manieren! Sie grüßen höflich, halten während der Ansprache den Hut in der Linken und betasten mit der Rechten liebevoll den Rucksack der Passagiere. So schüchtern ist kein Gymnasiast, wenn er den angeschmachteten Backfisch anspricht, und ich glaube, die Herren Schleichhändler haben Herzklopfen. Mit Herzklopfen allein gewinnt man allerdings nicht das harte Herz eines Landmanns, und deshalb haben die Schleichhändler wertvolle Dinge in Jacken und Taschen. Tabak kommt zum Vorschein. Da würde der Herr Scheuchenstuhl Augen machen! Tabak in allen Arten und Abarten, in Packungen verschiedenartigster Fasson. Pfeifentabak aus Herzegowina, Türkischer und Persischer, Ägyptischer, Memphis, Diana, Trabucos, Portoricos und alle offiziell längst totgemeldeten Zigarrensorten. Der Handel entwickelt sich, man wird lebhaft. Dort in der Ecke redet ein Mann auf ein Bäuerlein ein, unermüdlich, immerzu, drängt es an die Wand, redet mit Händen und Füßen. Demosthenes ist ein Zwerg dagegen. Während seine nimmermüden Lippen einen Schwall von Redensarten, überzeugenden, drohenden, gebietenden, flehenden Worten hervorsprudeln, sind seine Hände fortwährend damit beschäftigt, Zigarren, Schnupftücher, Seidenborten, Strumpfbänder, Broschen, Halskragen, Manschetten dem eingeschüchterten, verwirrten, betäubten Bäuerlein unter die Nase zu halten. Schließlich »hat er ihn«. Willenlos, schlaff, ganz im Bann des flinken Händlers, läßt er sich von diesem in ein gegenüberliegendes Haustor drängen. Nach fünf Minuten kommen beide zum Vorschein. Das Bäuerlein mit seinem schlaff gewordenen Rucksack, ohne Eierkiste, mit einer leeren, scheppernden Milchkanne. Der Schleichhändler geschäftig, flink, trocken, ohne einen Blick mehr für sein Opfer. Er stürzt sich aufs neue in die Menge, und bald hat er eine junge Bäuerin bei der Schürze erwischt. Sie will sich losreißen, sie will nichts verkaufen, sie hat die Lebensmittel ihrer Schwester gebracht. Es hilft nichts. Mein Schleichhändler ist unerbittlich. Er hält sein zappelndes Opfer fest, da gibt's kein Loskommen. Mit einem Zauberring aus amerikanischem Double mit einem giftgrünen Stein hat er es ihr angetan. Das Haustor verschlingt sie. Seht hin! Dort streiten zwei Händler um die wuchtige Gestalt eines biederen Landmannes. Es kommt sogar zu Faustschlägen, die aber wirkungslos abprallen von der dicken Bauernjoppe des Streitobjekts. »Ich hab' den Herrn vor Ihnen gesehen!« wütet der eine Händler. »Aber ich hab' ihn aufgehalten!« kreischt die sich überschlagende Stimme des zweiten. Sie zerren an der plumpen Massigkeit des Bauern herum, der fest steht, als hätte er Wurzel gefaßt im Straßenpflaster. Es wäre ihm ein leichtes, die zwei hadernden Männchen abzuschütteln, aber die Geschichte macht ihm offenbar Spaß, er hat die Augen eingekniffen und schmunzelt schlau und boshaft. Schließlich haben sich beide Parteien geeinigt. Sie kaufen alles zur Hälfte. Der Bauer kichert: Jetzt wird er sie beide drankriegen. Außer den beruflichen Schleichhändlern haben sich natürlich auch passionierte Liebhaber des Berufes eingefunden, Dilettanten in der Kunst des Kettenhandels oder schüchterne Debütanten, Frauen haben Hemden, Leintücher, die spärliche Tabakfassung ihres Mannes herausgebracht. Manchem gelingt's, ein halbes Dutzend Eier zu ergattern. Nach einer Stunde etwa zerstreut sich die Menge. Die, denen es gelungen, stolz und siegesbewußt. Die andern, müde, verstaubt, eingefallen, sehen aus wie Soldaten auf einem »strategischen« Rückzug. Wo das ist? Wie gesagt, vor einem Bahnhof in nächster Stadtnähe. Mehr mitzuteilen ist gefährlich für den Verräter und überflüssig für den Leser. Wer von den Lesern Schleichhändler ist, weiß es. Wer's nicht ist, braucht's nicht zu wissen. Die Polizei aber, die Polizei glaub' ich – na, red' mer lieber von was anderem! ... Der Neue Tag, 25. 5. 1919   Die Mülli! Plötzlich geschah es, daß eine Frau aus einer Ecke des übervollen Straßenbahnwagens den Ruf ausstieß: »Die Mülli!« Hätte sie: »Es brennt!« gerufen, die Aufregung wäre viel geringer gewesen. Ich sah aus bleichen, bartstoppelübersäten Mannsköpfen gierige Heißhungeraugen hervorquellen, ich sah Frauen aus zermarterten Gesichtern Habichtblicke wie Pfeile abschnellen, Kinder, blasse, semmelblonde, dürr und pergamenten wie Dörrgemüse, erstaunt, erschrocken, bebend wie vor einem Großen, Ungeahnten, Schönen und doch Schauerlichen die Köpfe zusammenstecken und neugierig zwischen Armen und Beinen der Großen hindurch in jene Ecke blicken, allwo ein dünner Strahl, weiß und fettgelblich wie Elfenbein, in einer Ritze des Waggonbodens bedächtig und gemächlich rann. Die Milchkanne der Bäuerin aus Stockerau war über die Füße eines Fahrgastes gestolpert, der an einem Ersatzriemen aus Papierleinwand hart unter dem Waggondach hing, als wollte er demonstrativ die Abschaffung der Todesstrafe leugnen. Der Inhalt der Milchkanne bahnte sich viele Wege durch Ritzen und Spalten des Waggonbodens. Die Leute, die im Waggon saßen, hoben die Füße in die Höhe, aus Angst, in die Milch treten zu müssen. War es die Milch einer Zeus geweihten Kuh, vielleicht Europas? War es Milch aus den Eutern der heiligen Lämmer Mahabharathus? Was war das für eine Milch, in der die Augen aller Passagiere ehrfurchtsvoll ersoffen und vor der die Leute auf die Bänke stiegen, um sie nicht zu beschmutzen? Es war die Milch einer gewöhnlichen sterblichen Kuh aus den irdischen Gefilden von Stockerau. Milch war es, eine halbverklungene Sage aus den Zeiten der Vorvergangenheit für die Großen, ein weißes Silbermärchen von ungeahnten Geheimnissen für die Kleinen. Es war eine Milch wie jene, die per Liter 15 Kreuzer kostete zu einer Zeit, da die Krone noch einen Nährwert hatte und die Milch eine Valuta. Es war Milch, gewöhnliche, außerordentliche, einfache, göttliche Milch ... Es hat wenig gefehlt und ich hätte das erhebende Schauspiel erlebt, daß gestoßene, zerschundene, verhungerte, vom Kriege und seinen Anleihen gezeichnete, durchgehaltene, Schulter an Schulter überstandene, Teisinger und Tode entgangene, von Blockaden gedrosselte und von Ernährungsmaßnahmen rationierte Ebenbilder Gottes auf den Boden einer Elektrischen glatt und bäuchlings ausgestreckt gelegen hätten, um mit jenen Zungen, mit denen sie mit Hurrah Hötzendorf gepriesen, die ausgeronnene Milch zu schlecken ... Josephus Der Neue Tag, 1. 6. 1919   Vom Abbau der Preise Ein sogenannter »letzter energischer Versuch« zum Abbau der Preise wurde vom Zentralverband der deutschösterreichischen Staatsbeamtenvereine beschlossen. Worin eigentlich dieser letzte energische Versuch bestehen soll, ist nicht bekannt. »Scheitert dieser letzte Versuch« – so heißt es in der Resolution –, »dann lehnen wir jede daraus zu ziehende Schlußfolgerung ab.« Es ist so ziemlich das einzige, was den Leuten übrigbleibt: Schlußfolgerungen abzulehnen. Die Folgen des Wuchers und der Preissteigerungen muß man leider auf sich nehmen. Dafür werden sie von den zu ihrer Beseitigung berufenen Faktoren – abgelehnt ... Schon glaubt man, die gelobte neue Zeit hätte dem Kettenhandel die Götterdämmerung gebracht. Man wendete Anzüge zum vierten und fünften Male und entdeckte, daß jedes Ding, wenn man nur will, mehr als zwei Seiten habe. Man wartete mit der Anschaffung der dringendsten Bedarfsgegenstände, und der aus der Blockade wie aus dem Dornröschenschlaf durch den Frieden langsam, ach, nur zu langsam wachgeküßte Mitteleuropäer entdeckte erstaunt und plötzlich, daß seine eigene Lage sich in dem Maße zu heben begann, wie die Preise in den Schaufenstern sanken. Wer so dringend Hosenträger brauchte, daß er jeden Augenblick Gefahr lief, in eine Katastrophe hinabzurutschen, begnügte sich lieber mit einem Papierspagat, mittelst dessen man sich ohnehin nicht gefahrlos aufknüpfen konnte, und wartete auf das »Sinken« der Hosenträger. Zerfetzte Überzieherexistenzen wurden geflickt, und selbst aus den Trümmern einer Krawatte wurde noch eine kunstvolle Schleife geknüpft. Man wartete und wartete. Man hoffte auf den Friedensschluß. Die Behörden taten, was sie sonst zu tun pflegen: Sie versprachen den »Abbau der Preise«. Aber sie versprachen nicht nur, sie taten auch noch, was sie sonst zu tun pflegen – sie hielten nicht. Denn während zwei, drei Wochen hindurch tatsächlich eine Reduktion der Preise zu bemerken war, ein Meter Stoff 40 bis 50 Kronen, Strümpfe 12 bis 15 Kronen, Herrensocken sogar 7 Kronen, ein Paar Lederschuhe schon 120 bis 150 Kronen kosteten, klommen die Preise im Laufe der letzten Woche mit einer ungeahnten Geschwindigkeit die Höhenleiter empor und bleiben nicht nur auf einer der höchsten Sprossen – nein! –, sie bemühen sich, noch immer höher und höher zu steigen, um schließlich in den himmlischen Wolken unerreichbaren Kriegsgewinnertums den sehnsüchtigen Blicken festbesoldeter Alltagsmenschen zu entschwinden. Stoffe kosten heute schon 150 bis 200 Kronen, Herrensocken 20 bis 30 Kronen, Schuhe 250 bis 270 Kronen. Einzig sogenannte Luxuslebensmittel, die leider aus der deutschösterreichischen Verzweiflung einer arg rationierten Gegenwart heraus zu Notwendigkeiten geworden, sind verhältnismäßig billiger. Daß jemand heute Schokolade ißt und an zerrissenen Stiefelsohlen krankt, ist längst nicht mehr paradox. Aber paradox ist die Tatsache, daß jemand im Monat 150 Kronen für Luxusfahrten mit der Elektrischen ausgeben kann und das Doppelte haben müßte, um sich ein Paar Stiefel anzuschaffen und sich überflüssige Reifen zu ersparen. Barfuß und zerschlissen fahren wir mit einem 60-Heller- Fahrschein der Endstation des Unterganges entgegen ... Warum diese urplötzliche Steigerung? Eine Laune der Kettenhändler? Eine göttliche Eingebung der Wucherer? Müssen wir zusehen, wie sie uns aussaugen und untätig bleiben wie die Behörden? Der Zentralverband der deutschösterreichischen Staatsbeamtenvereine hat einen »letzten, energischen Versuch« unternommen. Wann tun es die anderen? Es wird vielleicht nichts übrigbleiben, als die »Schlußfolgerungen abzulehnen«. Aber man wird sich wenigstens gewehrt haben, ehe man dazu verurteilt wird, die Folgen – nicht ablehnen zu können. Der Neue Tag, 6. 7. 1919   Fünfzig Jahre Wiener Sicherheitswache Wien ist wohl eine der ganz wenigen Großstädte, in denen die Polizei einen organischen Bestandteil der Bevölkerung bildet, aus dieser heraus- und mit ihr zusammengewachsen. Die sprichwörtlich gewordene, in der letzten Zeit leider zu den arg rationierten Artikeln zählende Gemütlichkeit hatte selbst dem »Wächter« den Stempel ihres Lächelns aufgedrückt, und eine Wiener Amtshandlung war stets umflossen von Glorienschein einer gutbürgerlichen Behaglichkeit. In Wien zwinkerte manchmal das Auge des Gesetzes gutmütig bei Anlässen, die in Berlin z.B. schon zumindest ein strenges Blicken verursacht hätten. Das ebenso berühmte wie berüchtigte österreichische »Hintertürl« konnte sich infolgedessen häufig leicht und glatt in den Angeln bewegen. Aber weder daraus soll der Polizei ein Vorwurf gemacht werden noch auch aus dem Umstande, daß dieselbe Wiener Polizei gerade in den letzten Wochen, sicherlich gegen ihren Willen, rigoroser, als es ihre Art ist, werden mußte. Beweist doch das erstere, daß »Dienst« nicht Herzlosigkeit bedingt, und das zweite, daß die Strenge zur richtigen Zeit angewendet wird. Und so verdient es unsere Polizei, daß ihrer heute, da sie das fünfzigjährige Jubiläum ihres Bestandes feiert, gedacht werde. Der unter dem Schriftstellernamen U. Tartaruga bekannte Polizei-Oberkommissär Dr. Ehrenfreund hat über Auftrag des Polizeipräsidenten eine Jubiläumsschrift verfaßt, die textlich und bildlich besondere Anerkennung verdient. Interessant und mitunter sogar spannend geschrieben, bildet dieses Buch als Lektüre eine Quelle der Unterhaltung und Belehrung zugleich. In dem Kapitel »Historische Entwicklung des Wiener Sicherheitsdienstes« gibt Tartaruga einen knapp zusammengefaßten und dennoch genauen und übersichtlichen Überblick über das Schicksal der Wiener Polizei von ihren ersten Anfängen. Man erfährt, daß just am 13. Mai Anno Domini 1444 der Stadtrat eine sogenannte »Bürgerpolizei« einführte »über lebhaften Wunsch der von allerlei Gesindel beunruhigten Vorstädte«. Etwa hundert Jahre später, im Jahre 1547, entstand die Wiener »Tag- und Nachtwache«, die sich aus 60, sage und schreibe: sechzig Landsknechten zusammensetzte. Diese Landsknechte mit Säbel, Spieß, Fahne, Hellebarde und den unvermeidlichen überdimensionalen Waffensteinstiefeln bildeten den einzigen Sicherheitsschutz der Stadt. Aus der im Jahre 1776 errichteten Militärwache bildete sich dann die sogenannte »Rumorwache« heraus, deren spaßiger Name symbolische Bedeutung gewinnt, wenn man erfährt, daß besagte Wache mehr Rumor zu erzeugen als zu verhindern imstande war. Die Militärwache aber war lange nicht so gemütlich, wie es unsere heutigen Wachleute sind. Ihre Brutalität war gefürchtet, aber dem Spott der damals noch zu Spott aufgelegten Wiener Bevölkerung entging diese Militärwache denn doch nicht, denn ihre mangelhafte Ausbildung und ihre Unkenntnis der Gesetze brachten sie nicht selten in ebenso unangenehme wie tragikomische Situationen. Auch gehörte es seltsamerweise zu ihren Obliegenheiten – sogar Straßenlaternen zu putzen, und man kann sich vorstellen, daß einem Wiener Bäckergehilfen oder Schusterlehrling aus dem achtzehnten Jahrhundert ein um die Reinhaltung der Straßenbeleuchtungskörper lebhaft, aber ungeschickt bemühter Militärwachmann mit Säbel und Gewehr unmöglich Respekt einflößen konnte. So ging denn das Militärwachkorps einem langsamen, aber sicheren Ende entgegen, und als 1867 der damalige Polizeidirektor Strobach von der Pariser Weltausstellung zurückgekehrt war und auf Grund seiner Studien, die er am Pariser Sicherheitsdienst gemacht hatte, der Regierung die Schaffung einer Art »Sergeante de ville« in Wien beantragte, wurde am 2. Februar 1869 mit »Allerhöchster Entschließung« eine »k.k. Sicherheitswache« geschaffen. Unter den für diese Wache Assentierten befanden sich Studenten, Militärs, Privatbeamte, verarmte Geschäftsleute, Berufsmusiker, allerdings auch halbe Analphabeten mitunter. Dennoch entwickelte sich die »k.k. Sicherheitswache« allmählich zu einem einheitlichen, straff disziplinierten Organisationskörper. Das und noch manches andere erfährt man aus dem Buche Tartarugas. Heute ist der Wachmann eine so selbstverständliche Erscheinung im Wiener Straßenleben, daß er für den Passanten eben nichts anderes ist als ein Bestandteil der Straße, wie eine Plakatsäule, eine Straßenbahnhaltestelle, ein Wartehäuschen, ein Laternenpfahl. Man geht an ihm vorbei und sieht ihn nur, wenn man im Begriffe ist, nach einer mysteriösen Vorstadtstraße zu fragen oder unter die Räder eines italienischen Autos zu geraten. Wer tiefere Ursachen und Zusammenhänge kennenlernen will, möge sich aus der Jubiläumsfestschrift orientieren. Man wird da mit einem guten Stück Alt-Wiener Lokalgeschichte bekannt, hört manches interessante Ereignis und amüsiert sich zwei Stunden lang über die köstliche Naivität alter »wohlweiser Stadtväter«, ärgert sich wohl auch über manche Vorkommnisse, die dem modernen Wiener beweisen, daß seine Verwandtschaft mit den Schildbürgern keineswegs eine neuzeitliche Errungenschaft ist. Die Wiener Sicherheitswache konnte das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestandes nicht besser begehen als durch die Herausgabe dieses Werkes. Es ist in Josef Deublers Verlag erschienen und verhältnismäßig billig zu erstehen. Der Historiker findet darin wertvolles Material, der Liebhaber köstliche Anekdoten, der Bürger eine angenehme Lektüre, und selbst »dar Weana« findet hier, was er stets sucht: a Hetz! ... Josephus Der Neue Tag, 17. 7. 1919   Die Weißgeldwechselstube Mißtrauen steht an der Schwelle und empfängt dich: Du kannst ein Spitzel sein, ein Konfident, ein Zuträger, ein Spion. Ein Fremder bist du jedenfalls: Du hast einen reinen Kragen an, und dein Benehmen riecht verdächtig nach Mitteleuropa. Deine Hände fuchteln nicht durch die Luft, deine Augen zwinkern nicht listig, erkokettieren kein Geschäftchen, deine Brusttasche ist normal an deinen Busen geheftet und steht keine Viertelmeile von der Hülle deines Ich ab. Du hast nichts Verhetztes an dir, nichts Polizeiwidriges, nichts Wildmäßiges, nichts Schlaues. Vor dem Auge des Gesetzes zuckst du mit keiner Wimper, und keiner deiner Finger rührt sich, ein Hintertürl zu öffnen. Was willst du also, Anständiger, gesetzlich Geschützter und Gesetze Schützender unter gesetzlich Schutzlosen und dem Schutz der Gesetze Entronnenen? Was suchst du, Geachteter, unter den Geächteten? Du Vollwertiger unter Minderwertigen? Du Gewaschener unter Schmutzigen? Kulturmensch in Kulturlosigkeit? Du Gewissenhafter im Reiche der Gewissenlosigkeit? Du mit Skrupeln Behafteter im Bezirke der nachkriegerischen moral insanity? Siehst du: Du bist ein Fremder, und deshalb steht das Mißtrauen an der Schwelle des kleinen Kaffeehauses in der Bankgasse und empfängt dich ... Ich weiß eine Zeit, da war dieses Kaffeehaus noch ein harmloses »Tschecherl«, und seine armselige Existenz bestritt es von dem Erfrischungsbedürfnis der Diener der ungarischen Gesandtschaft. Es erweckte den Anschein, als wäre es eigens für die Zwecke der Gesandtschaft eingerichtet und zu nichts anderem fähig, als dem Neuigkeitsbedürfnis der Unterbeamten mittelst Zeitungen und dem zeitweiligen Durste der Stammgäste und Likörstamperln entgegenzukommen. Freilich! Damals kannte die Zeit noch kein Weißgeld, sondern gute österreichisch-ungarische Währung, und die Gesandtschaft in der Bankgasse hatte von dem gemeinsamen Oberhaupte der Monarchie noch nicht die Berechtigung erhalten, durch die Kanäle Wiens den Kommunismus in die Banken einzuführen. Die Gesandtschaft wollte mehr repräsentieren als zweifelhafte Präsente machen, sie hatte keine Pässe zu vidieren, sondern den Dualismus, und ihr Wirkungskreis war noch beschränkter als der Horizont ihrer heutigen Überwacher. Damals war das Kaffeehaus in der Nähe ein beliebter naher Ausflugsort für Hintertürsteher und -öffner, und manches harmlose, ganz harmlose kleine Geschäftchen wickelte sich zur allgemeinen Zufriedenheit der beteiligten vier Augen und der unbeteiligten zwei des Kaffeesieders ab. Aber heute! ... Wie gesagt: Das Mißtrauen steht schon an der Schwelle und empfängt dich: »Suchen Sie wen?« Nein, ich suche niemanden, aber ich hüte mich, es zuzugeben. Natürlich suche ich jemanden. »Haben Sie ›weißes‹?« »Kaufen Sie ›weißes‹?« Der Spekulationsgeist verachtet auch die Erfindungen Bela Kuns nicht und handelt selbst noch mit den Fabrikaten der Hölle. Hier in der Wechselstube in der Bankgasse gibt es wahrhaftig noch Menschen, die Weißgeld kaufen. Ohne Drohungen, ohne Gewaltanwendung, ohne Ukas der Räteregierung. Ihr alle Weißgeldbeladenen, aus Ungarn Kommenden, verzweifelt nicht! Einen blauen Lappen für zehn Kilogramm. Weißpapier kriegt Ihr immer noch! Ihr könnt Euer Weißgeld loswerden, vollkommen loswerden, leichter als jene, die Euch damit begnadet! Oh, gäbe es doch auch eine Wechselstube in der Bankgasse, in der man Volksbeglückungsideen eintauschen könnte gegen Nahrungsmittel und zehn Kilogramm Kun gegen ein Milligramm Vernunft! ... In dem »Tschecherl« sitzen: Slowakische Bäuerinnen mit bunten, ockergelben Blumentüchern; russische Vaganten mit schwarzen hochgeschlossenen Hemden und wilder Anarchie in struppigem Haupthaar; kleine Schieber mit blaukarierten Hemdkrägen und großen Glaskugeln in giftgrünen Krawatten; polnische Juden mit Geschäftsgeist in Augenwinkeln und seidenen Kaftans; ungarische Bauern mit jenem Ausdruck namenloser Stierheit, die menschliche Wesen unbedingt erlangen müssen, wenn sie zehn Jahr lang Paprika fressen und plötzlich keinen Schnaps trinken dürfen; Hausierer mit Briefpapier, in dem Blaugeld steckt; Agenten und Spekulanten; Agitatoren und Makler; kleinere Waffenstillstandsgewinner, die auf einen Krieg hoffen und darauf, nicht ihn, sondern durch ihn zu gewinnen; verzweifelte Kunsegenbeladene, die um einen blauen Pappenstiel ihr hart erworbenes Weißgeld herzugeben bereit sind. Das sind die Besucher. Hie und da, wie zur Entschuldigung vor dem draußenstehenden Wachmann, zeigen sich die Umrisse einer Kellnerin, die eine in einem Glase »Soda-Himbeer« schwimmende spanische Fliege an einem beliebigen Tisch serviert. An der Wand hängt eine Nummer des »Faun«, die, noch vor dem Kriege entstanden, hier Muße findet, sich zu überleben. Ein »Neues Wiener Journal«, das mindestens acht Monate alt und noch so naiv ist, vom »Endsieg« wissen zu wollen, dient dazu, Weißgeld und Blaugeld unberufenen Augen zu entziehen. Das Klosett und die Telephonzelle erfreuen sich des lebhaftesten Zuspruches. Im ersteren werden Geschäfte geheimer abgewickelt als in diplomatischen Salons, und die Telephonzelle dürfte die einzige in ganz Deutschösterreich sein, in der Verbindungen glatt und ohne Hindernisse hergestellt werden. Ein Handtuch, das in der Nähe der Kassa ein ebenso schmutziges wie nutzloses Dasein nicht führt, sondern geradezu hängt, gibt Zeugnis davon, daß hier Hände nicht häufig in Unschuld gebadet werden. Im Dunst und Staub lebt eine Küche in sorgloser Vergessenheit, und ein halbzerbrochener, mühsam gekitteter Topf bildet eine kostbare Reminiszenz ... Aus all dem quirlt der Geist des Kommunismus und des Handelns, sprudelt die Geldgier und frohlockt der Betrug. Hier ist der Ort, an dem der Gegensatz der Rassen und Nationen verschwindet. Hier kann es sein, daß eine slowakische Bäuerin einem polnischen Juden um den Hals fällt. Daß ein Rotgardist einen Wucherer ans Herz drückt. Wer an der Menschheit verzweifelt, gehe in das »Tschecherl« in der Bankgasse und richte sich auf. Wenn die Internationale des proletarischen Gedankens versagt, wenn die Internationale des Geistes in Ohnmacht liegt nun, es lebt immer noch die Internationale des Weißgeldes und der Spekulation! ... Der Neue Tag, 18. 7. 1919   Das Café der elften Muse Das Artistencafé liegt in der Praterstraße, nicht zufällig, sondern schicksalsgemäß, ein Ausläufer des Volkspraters. Stellungslose Artisten und solche mit Engagement verkehren im Artistencafé. Sie ruhen hier aus von den Mühen ihres Berufes. Hier dürfen sie sich den Neigungen, den Temperamenten hingeben. Hier brauchen sie ihre Natur nicht zu verleugnen. Der Clown darf sich auf einen Stuhl setzen, ohne vorher zehnmal herunterzufallen. Dem Schlangenbändiger ist gestattet, seiner natürlichen angeborenen Furcht vor bissigen Hunden freien Lauf zu lassen. Es darf der Seiltänzer auf ebenem Boden ausrutschen und der Bauchredner seine Kehle zum Sprechen benützen. Ich sah, wie ein Jongleur eine Mokkatasse fallen ließ, sah, daß sie zerbrach, aus gewollter Ungeschicklichkeit. Abend für Abend läßt er zehn, zwanzig Teller aus Porzellan durch die Lüfte wirbeln und fängt sie mit zwei Händen auf. Einmal im Leben möchte er gerne ungeschickt sein. Morgens, mittags, abends – immer ist das Artistencafé besucht. Tänzerinnen warten hier auf das Glück, das ein Varietédirektor zu sein pflegt. Tief in die wohltätig schattende Nische gedrückt, harrt eine ältliche Zirkusreiterin ihrer ritterlichen Auferstehung in der Manege entgegen. Und ein Telepath, kurzsichtig, mit doppeltem Augenglas, einen Zwicker vor die Brille haltend, greift zur Zeitung, um den Leitartikel zu erraten. Und ein Dresseur hat seinen Affen mitgebracht, ein kleines Äffchen. Am Abend kann es Mokka trinken aus zierlich mit Daumen und Mittelfinger gehaltenem Täßchen. Hier in diesem Kaffeehaus übt diese Künste der Dresseur aus. Der Affe aber, im Café vom Kaffee beurlaubt, hockt auf dem Boden, jeden Gedanken an kontraktische Zivilisation hat er aufgegeben. Die meisten Besucher sitzen nicht wie gewöhnliche Kaffeehausgäste an Tischen, brav, von ihren Regenschirmen abgelegte Inhaber. Die Gäste dieses Kaffeehauses wandern fast unaufhörlich herum – von Tisch zu Tisch, auf die Straße hinaus und wieder zurück. Sie haben eine Besprechung, sie erwarten einen Freund, die Besprechungen sind Konferenzen in Bewegung, peripathetische Konferenzen, und die Freunde sind unpünktlich. Man wartet einen halben Tag auf sie. Man spielt auch Karten. Sie klatschen auf den Tisch, Pappendeckelohrfeigen. Man verliert, man gewinnt. So ist das Leben. Der Groteskkomiker, erkennbar an Runzelreichtum seines lustig-traurigen Angesichts, wie ist er hier gesucht einfach, wie naiv natürlich die müde Bewegung seines Knies, dessen allabendlich dreifach komplizierte Biegung zu kunstvollem Sprung eine zahlreiche Familie ernährt. Der kühne Feuerschlucker, der von der Flamme in den Mund lebt – wie stellt er hier erschrocken die Schale, an der er kaum genippt hat, auf den Tisch, weil ihm der Tee fast die Lippen verbrannt hätte. Von vielen begrüßt, tritt ein Mann ein, kein Artist, ein Gönner, ein Gott, er kann grausam sein und gütig, er ist ein Unternehmer, er sucht Material. An allen Tischen geht er gleichmütig vorbei. Die hier sitzen, sind vergeblich schweigsam geworden. Auf einen Neger geht der Gewaltige zu, einen glücklichen Schwarzen findet er, einen Neger, der auch im Kaffeehaus Neger ist, seine Hautfarbe ist eine natürliche Attraktion, jederzeit und an jedem Ort wirksam. Wie gern möchte der Liliputaner ebenfalls seine »Stellung verändern«. Groß erscheint ihm die kleine Welt und eng sein gegenwärtiges Tätigkeitsfeld. Seit zehn Jahren lebt er im Prater. Zwanzig Jahre kann er noch gut leben. In diesen zwanzig Jahren könnte man Paris, London, New York sehen, als kleiner Zwerg in einem großen Unternehmen. Andre Zwerge, die glücklicher waren und Weltbummler werden durften, konnten auch nicht mehr als klein sein. Und leben doch besser. Und sehen die Riesenstädte der Erde, die so unermeßlich ist. Manchmal, verlockt von dem beruflichen Lächeln einer wartenden Tänzerin, tritt ein Unbefugter in das Café, ein Bürger, Abenteuer witternd. Oh, der Naive! Er glaubt, das Lächeln, das dem Zuschauer gilt, hätte dem Mann gegolten. Diese Damen leben vom Lächeln. Von der Freundlichkeit ohne Zweck. Sie sind achtbar, keusch und streng gesittet wie deine Töchter, abenteuerlustiger Mann. Niemals erreichst du hier die erwartete Gunst. Hier sitzen (metaphorisch verstanden) Damen ohne Unterleib. Plötzlich ertönt lieblicher Nachtigallenschlag. In welcher Lüsterkrone sitzt der Vogel der Liebe? Es läßt ein Vogelstimmenimitator seine Kunst vernehmen. In Pausen von fünf, sechs, zehn Minuten schlägt er an. Eine Lerche fällt ein mit schmetterndem Jubel. Ich vermute: Er hat einen Vorschuß bekommen, der Zwitschkerer. Also singt er, wie der Vogel singt. Unsereiner trinkt einen Schnaps in solchen Fällen. Der Vogelstimmenmensch läßt einen sommerlichen Waldeschor ertönen. Die Gäste des Cafés schlürfen Sommerfrischenluft. Blau wie der Sommerhimmel breitet sich der Plafond über den Häuptern. Zwischen den Kaffeehaustischen sprießt saftiges Grün. Josephus Neues Acht-Uhr-Blatt, 19. 7. 1923   Die Toten vom Stephansplatz Wer hätte geahnt, daß man in dieser gemütlichen Stadt über Leichen gehen könne? Kaum fünfzig Zentimeter unter dem Holzpflaster liegen Kiefer, Schädeldecken, Wirbelknochen. Oben ist ein Standplatz für Autos und Einspänner. Fünfzig Zentimeter darunter modern die Gebeine der Ahnen, oben klingt das hochdeutsch-kultivierte Duliöh der Frequentanten des »Nachtfalters«. Sie wissen nicht, daß ihr Gesang über einen gepflasterten Friedhof weht ... Die sonderbarsten Dinge geschehen in dieser Stadt: Man reißt ein Pflaster auf und feiert ein Wiedersehen mit seinen Ahnen. Ein paar vergrabene Pfund Gold hätten uns wahrlich mehr genützt. So haben wir Gelegenheit, unser historisches, paläontologisches, anatomisches Wissen zu bereichern. Kein Wiener läßt sich diese Gelegenheit entgehen. Sie kommen in Scharen: Fiakerkutscher, Autotaxichauffeure, Hotelportiers, Herren mit Privatgelehrtenhabitus und Schulkinder. Ein Herr mit Schlapphut und einer überdimensionalen Botanisiertrommel klaubt im Schweiße seines Angesichts die Zähne seines Urgroßvaters zusammen und hält hierauf, von der Schar begeisterter Zuseher umdrängt, einen schon aber sehr freien Vortrag über Vindobona, die römische Gründung. Schon in den Römerzeiten sei hier ein Friedhof gewesen. Schauer rieselt durchs Gebein: Wie, wenn jener Unterkiefer gar nicht der des Schwiegervaters meiner Urgroßmutter ist, sondern einem biederen römischen Legionssoldaten gehört? Die Pflasterer allein haben nicht die geringste Pietät gegenüber diesen wertvollen Funden. Was wollen diese Knochen hier? Sie stören nur. Überreste eines vergangenen Geschlechts, was hindert ihr da magistratlich anbefohlenen Fortschritt der Zivilisation? Wozu die Mahnung an eine alte Vergangenheit, da Wien im Begriffe ist, einer neuen anheimzufallen? ... Oder ist es eine andere Mahnung? Mir scheint: Da die Lebenden sterben, erwachen die Toten. Bei der Belagerung Wiens durch die Türken – erzählt ein Herr, der es wissen muß – hätte man keine Zeit gehabt, die Leichen vorschriftsmäßig zu begraben, sondern hätte sie nur verscharrt. Das also wären die Gebeine jener Kämpfer. Bei der Veranstaltung einer wienerischen Kulturtat melden sich die alten Verteidiger der Stadt. Man sollte die Gebeine fein fürsorglich zusammentragen und ein Mausoleum errichten. Jedenfalls kann jeder, der sich die Mühe nimmt, in Alt-Wiener Chroniken nachzulesen, erfahren, daß der Wiener »Stefans-Freydhoff« noch vor 100 Jahren bestanden hat. Sooft der Stephansplatz eine Umpflasterung erlebte, wurden Knochen gefunden. Josephus Der Neue Tag, 31. 7. 1919   Alte und neue Berufe Auf dem Umweg über die Berufe des Heldentums und des Durchhaltens einer großen Zeit sind manche Überlebende bei der Notwendigkeit angelangt, ihren früheren Beruf aufzugeben und einen neuen, den Um-, Zu-, Miß- und Übelständen der Gegenwart angepaßten zu ergreifen. Die Folge dessen ist, daß die neuen, in den Straßen ausgeübten und also im wahrsten Sinne des Wortes »freien« Berufe das durch Licht- und Hoffnungslosigkeit stark verdüsterte Straßenbild Wiens um ein Beträchtliches verändert haben. Altvertraute, erbeingesessene und -gestandene Straßentypen, Repräsentanten einer gemütlichen Vorvergangenheit, personifizierte Jugenderinnerungen verschwinden vom arg vernachlässigten Pflaster wie das »Gott erhalte« aus dem Lesebuch und beweisen den Radikalismus der deutschösterreichischen Revolution gründlicher, als es sämtliche Übersiedlungen überflüssig gewordener Mit- und Habsbürger in das bessere Diesseits eines blockadefreien Auslandes vermochten. Manche Veränderungen im Wiener Berufsleben vollzogen sich langsam, kamen weniger plötzlich und überraschend. Als die Zeit immer größer und die Maroni immer kleiner wurden, begann sich der Seltenheitswert von Kartoffeln und faulen Äpfeln darin zu äußern, daß diese Volksaushungerungsmittel in den Kesseln der einstigen Maronibrater zu schmoren anfingen und um den Preis einer beträchtlichen Vermögensabgabe zu erstehen waren. Traurige Überreste in verlassenen Straßenecken zeugen heute noch von einer halbvergangenen, halb im Vergehen begriffenen Maronibraterherrlichkeit und muten wie vergessene Kaiserbilder in konservativen Amtskanzleien an. Aber viele andere Berufe sind mit einer Spurlosigkeit und einer Fixigkeit verschwunden, die selbst einem minder widerstandsfähigen Bankkassier Ehre gemacht hätten. Es gab »Krowoten«, die Tonpfeifen, Türschlösser, Streichholzschachtelbehälter, Korallen und Glasperlen feilboten. Heute sind das keine Bedarfsgegenstände mehr: Korallen und Glasperlen bieten mit aktivem und passivem Wahlrecht geschmückten Mitbürgerinnen kein Vergnügen mehr, sie erhöhen nicht den Reiz einer Frauenversammlung und könnten konfiszierungslüsternen Mitmenschen unverzeihliche Enttäuschungen bereiten. Streichholzschachtelbehälter sind inhaltslos wie Safes und Wahlreden und überflüssig wie eine Sozialisierungskommission. Türschlösser sind seit den Requisitionen der Volkswehr unzeitgemäß und Tonpfeifen ungebräuchlich, seitdem wir nach den falschen Pfeifen derer tanzen müssen, die uns vor- und auf uns pfeifen. Die »Krowoten« selbst aber sind Bundesgenossen der Entente geworden und wollen uns keine Waren mehr anbieten ... Auch der sogenannte »Fetzenbauer« ist dahin, seitdem die Städter mit ihren letzten Fetzen sich zum Bauer selbst bemühen und den Rucksackverkehr anstelle des Fremdenverkehrs eingebürgert haben. Der »Rastelbinder« lebt ein poetisches Dasein nur noch selten auf den Brettern, die eine verkehrte Welt bedeuten, der »Salamutschlmann« ist sagenhaft wie seine Ware, der Dudelsackpfeifer ist in seiner böhmischen Heimat vollauf damit beschäftigt, seinen nach frischerworbenem Patriotismus dürstenden Mitbürgern »Kdo domov muj?« vorzuspielen, und auf seinen weissagenden und Lose ziehenden Papagei können wir, angesichts des Überflusses an Telepathen, verzichten ... Und damit sind wir auch schon bei den Berufen unserer neuen Zeit angelangt: Menschen, die die weit weniger wichtigen Ursachen und Zusammenhänge eines Weltkrieges niemals aufzudecken imstande wären, verblüffen heute durch die Fähigkeit, mit ausgesuchter Raffiniertheit verborgene Stecknadeln zu finden, erraten sogar die Gedanken eines gedankenlosen Publikums und verdienen mehr, als sie zum Leben benötigen, durch Massensuggestion und Fernhypnose. Die wie Pilze aus dem Boden der öffentlichen Meinung nach dem Platzregen der Revolution schießenden Tagesblätter und Zeitschriften beschäftigen eine Menge Kolporteure, männliche, weibliche, alte, junge, die in sämtlichen Tonskalen die disharmonischsten Nachrichten posaunen oder flöten. Den Kolporteuren verwandt sind die Zettelverteiler der politischen Parteien, der Versammlungs- und Bauchredner. – Auf einer höheren gesellschaftlichen, aber um so zweifelhafteren moralischen Stufe stehen die politischen Agitatoren, die ihr Gewissen um ein Linsengericht verlauten und dem Volke dann jene politische Überzeugung beizubringen versuchen, die sie selbst nicht besitzen. – Sehr beliebt ist der Schleichhändlerberuf, auch ohne besondere Fähigkeiten leicht zu erfassen: Man sei am besten ein »Mindestbemittelter«, »fasse« in der Bekleidungsstelle Kleidungsstücke, gebe sich den Anschein eines harmlosen Hamsterers und fahre aufs Land. Man tausche dort die »erworbenen« Kleidungsstücke in eßbare Werte um und verkaufe sie in der Stadt zu den vom behördlich autorisierten Kettenhändlerkaffeehaus festgesetzten Preisen. Man betreibe die oben beschriebene Arbeitsweise mit Geduld und Ausdauer, und man ist – Schleichhändler. Noch leichter ist freilich der »Ansteller«-Beruf: Man stehe womöglich schon um 4 Uhr früh auf, gehe vor eine beliebige Paßstelle und stelle sich dort an. Zwei, drei Stunden später kommen Reisende, die nach Kiralyhida oder Lundenburg wollen. Man gehe an die Verzweifelten heran und überlasse ihnen um ein mäßiges, aber angemessenes Entgelt seinen Stehplatz. Es ist das sicherste Mittel, ohne größere Anstrengung seine 50 Kronen täglich zu verdienen ... So wird den veränderten Verhältnissen Rechnung getragen und bleibt der rationierte Brotkartenerwerb auch in der neuen Zeit allen denen gesichert, die mit der Arbeitslosenunterstützung nicht ihr Auskommen finden. Die »Krowoten« sind Kolporteure geworden und hausieren mit der öffentlichen Meinung, die prophezeienden Werkelmänner wurden abgelöst von Telepathen, die bei Ronacher »arbeiten«, die Maronibrater heizen als Agitatoren den Kessel politischer Leidenschaften. Tüchtige Praktiker haben sich den neuen Verhältnissen angepaßt und übersetzen zeitgemäß: Tempora mutantur mit: Konjunkturen ändern sich ... Josephus Der Neue Tag, 31. 7. 1919   Das Märchen vom Sophiensaal Märchen ereignen sich mitten im Getriebe des Werktags der grauen Nüchternheit der simplen Ereignisse. Die Geschichte des Sophiensaals könnte auch ganz gut wie ein Märchen beginnen: Es war einmal ... Also: Es war einmal ein Festsaal, der war wie ein Gedicht oder, noch besser, der Saal der Säle, der Hohefestsaal. Er strahlte im tausendfältigen Glänze der Lichter, und auf seinen Parkettböden wirbelten die zartesten weißen Halbstiefelchen an zartesten weißen Damenfüßchen. Es gab keinen vornehmen Ball, der nicht in jenem herrlichsten aller Säle stattgefunden hätte, und Prinzen und Fürsten und sonstige Märchen- oder Kinodramenpersönlichkeiten waren seine gewohnten Besucher. Und was das Märchenhafteste war: Dieser Festsaal war eigentlich gar kein Festsaal. Nein! Er war – eine Badeanstalt. Eine zwar nicht ganz einfache, aber immerhin: eine Badeanstalt. Natürlich nur im nüchternen Schein des sommerlichen Alltags. Alljährlich aber kam Prinz Karneval dahergeritten, klopfte mit seinem Glockenstäbchen dreimal an das Tor der Sophiensäle, und plötzlich trocknete das Bassin vollkommen aus, wie seinerzeit das selige Rote Meer, und siehe da: Am Grunde des vertrockneten Sees leuchteten und lockten die bestgewichsten Parkettböden. Da ward aus der Badeanstalt plötzlich ein Ballpalast. Die vornehmsten Wiener Bälle wurden dort veranstaltet. Das allerfeinste Publikum – es war noch zu jener Zeit, da es ein feines Publikum gab – bewegte sich in seinen Räumen mit gemessener Grazie und stilvoller Eleganz. Aber einen Schmerz noch konnte der Ballpalast nicht verwinden: Da gab es einen alten Kaiser namens Franz Joseph, dessen Höflinge behaupteten, der Sophiensaal, der herrlichste aller Ballsäle, der Hohefestsaal, das Gedicht von einem Festsaal, besäße nicht die genügende »Feuersicherheit«. Denn Hofmenschen sind böse Leute und trockene Patrone und haben nichts anderes zu tun, als bei einem Ballpalast nach – Feuersicherheit zu fragen. Also ließen sie den alten Kaiser nicht hingehen, und der Sophiensaal war sehr traurig über seine Hofunfähigkeit ... Dennoch geschah einmal ein Wunder, und der alte Kaiser kam. Es geschah aus Anlaß der dritten internationalen Kochkunstausstellung. Da war der gute Sophiensaal getröstet und feierte wieder seine heiteren Feste. Aber da nun einmal das Glück alles Schönen und Guten auf Erden nicht vollkommen sein kann, mußte es sich der Sophiensaal gefallen lassen, daß sich just in seinen Räumen eine tragikomische Geschichte ereignete: Franz Joseph war wieder einmal in den Sophiensaal gekommen, zu einem Fest, das kaufmännische Kreise veranstaltet hatten. Ein Herr vom Komitee hatte die ebenso ehrenvolle wie schwierige Aufgabe, die Anwesenden dem Kaiser vorzustellen. Der gute Mann entledigte sich seiner Arbeit mit so viel Anstand, daß er einem Anstand nicht entgehen konnte. Er stellte nämlich der Reihe nach alle Persönlichkeiten folgendermaßen vor: »Herr Damian Zipfl – Se. Majestät, der Kaiser; Herr Moritz Kohl – Se. Majestät, der Kaiser; Herr Valentin Täuberich – Se. Majestät, der Kaiser« und so fort in nicht enden wollender Folge. Aber selbst ein Kaiser kann ungeduldig werden, und da Franz Joseph zu jener Zeit noch ein gut Stück Humor gehabt haben dürfte, ließ sich die so oft wiedergekaute Majestät etwa folgendermaßen vernehmen: »Es wird schon genug sein! Nennen Sie mir nur die Herren. Ich glaube, mich dürften doch die meisten schon kennen ...« Solche und ähnliche Geschichten erlebte der Sophiensaal in reicher Folge. Bis plötzlich die böse Konkurrenz des Konzerthaussaales auftauchte und den Glanz der Sophiensäle um ein Beträchtliches herabminderte. Da nun aber gar der Krieg ins Land zog, da war es mit aller Pracht vorbei: Der Sophiensaal wurde ein simples Rekonvaleszentenheim. In seinen Räumen roch es nach Kampfer und Jodoform, und statt der Walzerklänge flatterten irre Seufzer kranker Menschen durch alle Winkel des Palastes ... Nun meldet ein trockener Aktiengesellschaftsbericht: Bei der am 30. v.M. abgehaltenen 78. Generalversammlung unter dem Vorsitze des Präsidenten Oberbaurates Ferdinand Dehm waren 479 Aktien und 95 Stimmen vertreten. Das Objekt wird im Herbst dieses Jahres seiner alten Bestimmung zugeführt. Der Verlust von 49 971 Kronen 47 Heller wird auf neue Rechnung vorgetragen. Also schließt das Märchen vom Sophiensaal mit einem schönen Ausblick. Man könnte ganz gut enden: Es wird einmal ... Josephus Der Neue Tag, 3. 8. 1919   Die Grenze Doktor Valentin Langensack, mein Geographieprofessor, pflegte immer zu sagen, es gäbe zwei Arten von Grenzen: natürliche und politische. Und dann folgte mit unfehlbarer Sicherheit die Frage: »Welche sind die natürlichen, welche die politischen?« Berge, Flüsse, Seen, Hügelketten sind die natürlichen. Die politischen sind doppel- oder dreifarbige Holzrampen, Schilderhäuschen, Finanzwächter in natura. Auf der Karte dargestellt als Punkte, Striche, Linien usw. Als Doktor Valentin Langensack – Gott habe ihn selig! noch lebte, gab es nur zwei Arten von Grenzen. Nun, da er tot ist, gibt es zwar immer noch politische Grenzen, aber längst keine natürlichen mehr, sondern unnatürliche . Auch sind die politischen Grenzen nicht mehr Punkte, Striche, Linien usw., sondern Schikanen, Leidenswege, Passionen, Golgathas, Kreuzigungen: mit einem Wort: Visitationen ... Man kann auf verschiedene Weise nach Deutsch-Westungarn gelangen: über Ebenfurt oder durch den Wald, auf Schmugglerpfaden oder über Wiener-Neustadt. Ich wählte Wiener-Neustadt. Am Ringplatz ist die Polizeidirektion, und hier beginnt die unnatürliche Grenze. Denn seltsamerweise genügt ein vorschriftsmäßiger deutschösterreichischer, mit allen Visa versehener und mit allen unleserlichen Unterschriften sämtlicher Polizeiräte und -kommissäre der Welt vollgeschmierter Paß nicht, um die Grenze zu überschreiten. Man muß sich außerdem noch eine Grenzüberschreitungsbewilligung in Wiener-Neustadt holen. Und das ist der Anfang der Grenze. Diese selbst liegt eine halbe Stunde hinter Wiener-Neustadt. Es ist Abend, und da ich leider kein Schleichhändler bin, habe ich die Absicht, am Morgen die Grenze zu überschreiten. Um aber in Wiener-Neustadt übernachten zu können, muß man in Mattersdorf geboren sein. Ausgerechnet in Mattersdorf. Das erfuhr ich im Hotel Central, wo ich demütig fragte, ob ich ein Zimmer haben könne. Darauf erhielt ich keine Antwort. Nichtsdestoweniger wartete ich. An der Grenze gilt das Sprichwort: Keine Antwort ist nächstens eine Antwort. Vor mir stand ein Herr und füllte einen Meldezettel aus. Dann verschwand der Herr, und ich nahm seinen Platz ein. Vor mir lag sein Meldezettel. Ein Stubenmädchen kam, las den Meldezettel und sah mich an. Dann sagte sie mit spontaner Herzlichkeit und Rührung in der Stimme: »Ich gebe Ihnen Nr. 52. Aber nur, weil Sie aus Mattersdorf sind.« Worauf ich schwieg und mit dem Stubenmädchen auf Nummer 52 ging. Als ich meine Sachen abgelegt und den Türschlüssel eingesteckt hatte, zog ich meinen Revolver und sagte sehr liebenswürdig: »Fräulein, ich bin gar nicht aus Mattersdorf. Der Meldezettel ist von einem anderen Herrn.« »So«, sagte sie, »dann hätte ich Ihnen das Zimmer nicht gegeben.« »Sie werden es nicht bereuen«, erwiderte ich, steckte den Revolver ein und gab ihr eine Zehnkronennote. Also kam ich zu einem Zimmer in Wiener-Neustadt, ohne in Mattersdorf geboren zu sein. Glück muß man haben! ... Am Morgen ging ich eine halbe Stunde lang, ehe ich die eigentliche Grenze erreichte. Es führt zwar ein Geleise direkt von Wiener-Neustadt nach Sauerbrunn, aber der Zug verkehrt nicht. Erstens, weil es eine unnatürliche Grenze ist, zweitens, damit die Reisenden ihre Koffer schleppen können. An der Grenze stehen sechs Gendarmen und ein Polizeispitzel. Einer der Gendarmen besieht sich den Paß, ein zweiter tastete mich ab und fragte: »Haben Sie keine Ware?« Wie naiv! Ich bin doch neugierig, ob ihm ein Schmuggler schon je gestanden hat, daß er Ware mithabe. Nichtsdestoweniger sage ich vorschriftsmäßig: »Nein!«, worauf ich passiere. Zwanzig Schritte weiter versucht ein analphabetischer Rotgardist einen Paß zu buchstabieren. Das dauert lange. Ausgerechnet an meinem Paß will der Gute Deutsch lesen lernen. Ich muß ihm zwei Zigaretten geben, worauf er jeden Versuch zu studieren auf- und mir den Paß zurückgibt. Drüben beginnt Neudörfl . Neudörfl ist die Introduktion vom Heanzenland. Dieses Diminutiv »Dörfl« verstehe ich nicht recht. Es sollte Neudorf heißen. Das Dorf besteht aus einer einzigen Straße, die unglaublich lang und zu beiden Seiten von weißen Häuschen bestanden ist. Es ist Sonnabend und großes Reinemachen. Blonde Kinder spielen im Straßendreck. In einem fernen Gehöft grunzt behaglich ein Schwein. Ein Hahn spaziert in der Straßenmitte. Zwei Enten patschen in einem Tümpel. Da Neudörfl gar nicht die leiseste Absicht hat aufzuhören, beschließe ich, es eigenmächtig zu unterbrechen, und betrete ein Gasthaus. Der Wirt ist ein Ungar, die Frau eine Deutsche. Ein Knecht ist ein Deutscher, eine Magd Ungarin. Der Wirt ist sehr gut zur Magd, die Wirtin zum Knecht. Wahl- und Stammesverwandtschaft, Liebesromane und Eheskandale an der Grenze. Nach einem Viertel Rotwein beginnt wieder Neudörfl. Ein Bäuerlein kommt aus der Kirche. Ich frage nach dem Herrn Pfarrer. »Den hat der Schlag troff'n, gestern«, sagt er. »Lebt er noch?« »Jo, oba lang nimma. Auf den Kun Bela wor der so zurnig gwest, und jetzt'n hat ihn der Schlag troff'n!« klagt der Bauer. »Freun Sie sich, daß der Kun weg ist?« »Oba freili. Dös war nimma zum Aushalten gwest.« »Wissen Sie, daß sie jetzt zu Deutschösterreich gehören?« »Noch net! Oba's kummt scho! Kummen Sö von Wean?« »Ja.« »Ah, ah, von Wean«, sagt er schmunzelnd, und seine Äuglein leuchten. Hinter der Kirche hat endlich Neudörfl aufgehört. Links ist Waldheim am Lichtenwerd. Ein Gasthaus. Drin sitzt ein deutschösterreichischer Gendarm in voller Ausrüstung. Was macht der hier? Doch nicht schon Okkupation? Um Gottes willen! Nein! Waldheim am Lichtenwerd ist nämlich – wieder Deutschösterreich! Nun sage mir einer, das wäre keine unnatürliche Grenze. Ein deutschösterreichischer Hemdzipfel liegt zwischen Ungarn und Ungarn. Und auf dem Hemdzipfel ein Gasthaus, und im Gasthaus ein Gendarm! Welch eine seltsame Grenze! Gleich hinter dem Gasthaus beginnt der Wald. Im Walddunkel steht ein Mann mit einem Revolver und ruft: »Hände hoch!« Auf diesen Anruf hin bleiben vier ungarische Rotgardisten stehen, die gerade nach Waldheim wollten. Der Polizeiagent tastet sie ab, kommandiert: »Vorwärts! Marsch!« und führt sie in das Innere des Waldes. Es ist doch ein bißchen unheimlich an einem Orte, an dem ein Land noch nicht aufhört und ein zweites noch nicht beginnt. Wer die Gelegenheit sucht, sich zu ärgern, kann den Rest des Weges neben dem Eisenbahngeleise bis Sauerbrunn zurücklegen. Welch schönes Geleise! Wie leicht könnte da ein Zug verkehren! Und man müßte nicht »Hände hoch!« rufen und brauchte keinen Gendarmen zu sehen, und es wäre überhaupt viel behaglicher! Aber nein! Grenzen sind nun einmal unbehaglich Ja! als mein Geographieprofessor noch lebte und sie nur in politische und natürliche einteilte, war die Sache freilich anders! Nun aber, da er tot ist, gibt es nur noch unnatürliche ... Der Neue Tag, 7. 8. 1919   Der Anschluß Deutsch-Westungarns Odenburg, am 7. August Solange Bela Kun regierte, stand es zweifellos fest, daß eine eventuelle Abstimmung über den Anschluß Westungarns an Deutschösterreich zugunsten Deutschösterreichs ausfallen würde. Der Kommunismus fand gerade in Deutsch-Westungarn am spätesten Eingang, und der zähe Konservativismus der westungarischen Bauernschädel machte der Budapester Räteregierung mehr zu schaffen als die politischen Umtriebe der gestürzten Magnaten und Junker. Bald bewaffneten sich deutsche und kroatische Bauern in der Umgebung Ödenburgs , fest entschlossen, die Rotgardisten nicht nur nicht in die Dörfer zu lassen, sondern auch die Stadt Ödenburg zu überfallen und zu erobern. Die Bauern legten Schützengräben an und verteidigten sich vierzehn Tage lang gegen die Rotgardisten. Erst vor der Artillerie mußten sie weichen. Die einziehenden Rotgardisten hielten strenges Gericht: Ein Pfarrer wurde standrechtlich erschossen, ein paar Bauern aufgehängt, einige zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Die am Leben und in der Freiheit blieben, verbargen ihren Haß auch weiterhin nicht und warfen die kommunistischen Agitatoren zum Dorfe hinaus. Der Terror der in der Gegend herumvagabundierenden Räuber, die die Organisation der »Leninbuben« bildeten, die ewigen Requisitionen, Alkohol- und Tanzverbote der Räteregierung, nicht zum geringsten Teil auch ihre Geldmißwirtschaft erweckten in den Bauern das Verlangen, Ungarn Lebewohl zu sagen und den Anschluß an das sprach- und stammverwandte Deutschösterreich zu suchen. Selbst die magyarischen Bauern Westungarns antworteten, als man ihnen vorhielt, daß sie der deutsch-österreichischen Regierung die gesamten Viehbestände würden ausliefern müssen, daß sie lieber den Deutschösterreichern ihre Kühe als an Bela Kun ihren ganzen Besitz geben wollten. In Kapuvar, einem rein magyarischen Dorfe, sagte mir ein Deutsch radebrechender Bauer, mit dem ich über den Anschluß sprach, daß alle Magyaren im Falle eines Anschlusses nach zwei Monaten Deutsch gelernt haben würden. Mit dem Sturze der Räteregierung zog neue Hoffnung in die Gemüter der Deutsch-Westungarn ein. Zwar ist im Lande noch herzlich wenig von einer Änderung der Situation zu spüren. Die elenden Eisenbahn- und Postverbindungen in Ungarn verhindern eine rasche Durchführung der neuen Regierungserlässe, und während zum Beispiel in Budapest das Alkoholverbot längst aufgehoben ist, kann es passieren, daß ein Schankwirt in Wieselburg vor das Revolutionsgericht gestellt wird, weil er einem Reisenden ein Stamperl Schnaps verkauft hat. Die Organe der Räteregierung halten sich immer noch in den Amtsstuben Deutsch-Westungarn fest. Sie hoffen, ihre Dienste würden auch von einem anderen Regierungssystem geschätzt werden, und auf eine Gesinnungsänderung mehr kommt es ja gar nicht an. Das ganze Geschmeiß der Detektive und Lockspitzel lungert immer noch auf allen Bahnhöfen herum und verhaftet mir einer unnachahmlich geschickten Anpassungsfähigkeit den Verhältnissen entsprechend sowohl jene, die für , als auch jene, die gegen die Räteregierung sich laut äußern. Die Rotgardisten überfallen immer noch wehrlose Juden auf offener Straße, um Blaugeld zu requirieren – auch Taschenuhren sind unter Umständen Blaugeld – temporamutantur -Spitzel, Rotgardisten und Macher in Volksbeglückung bleiben ... Trotz alledem ist die Stimmung: Warten wir ab! Man weiß ganz gut, daß die rein sozialistische Regelung nicht von Dauer ist, und hofft. Der Glaube: Extra Hungariam non est vita hält jeden ungarischen Bürger ohne Unterschied der Nationalität in seinem starken Bann. Extra Hungariam non est vita – in Deutschösterreich werden wir krepieren! Also: Warten wir ab! ... Denn der westungarische Bauer hat kein Nationalgefühl. Es ist höchstens ein Stammesgefühl und nicht einmal das ganz. Der verachtet den Fremden, ob dieser ein Budapester oder ein Wiener ist. Er begreift, daß er kulturell höher steht als sein Nachbar, der Magyare oder der Krowot. Er will seinen Erlaß in deutscher Sprache haben. Nicht so sehr, weil er die deutsche Sprache liebt, sondern justament, weil man in Budapest mit ihm Ungarisch sprechen will. Er will seinen deutschen Lehrer haben: Der Bub soll Deutsch lernen, wie er es selbst gelernt hat. Instinktmäßig, triebhaft, ganz, ganz dunkel fühlt er sich vielleicht eins mit dem ganzen Deutschtum der Welt. Bewußt kommt es nie zum Ausdruck. Das Schicksal des großen Deutschen Reiches kränkt ihn nicht. Was ist ihm Berlin?! Einen Norddeutschen haßt er, weil er ihn nicht versteht. Er weiß nicht einmal, ob er selbst Deutscher ist. Ich habe etwa fünfzig Bauern gefragt: »Sie sind Deutsche?« Zwanzig von ihnen sagten: »Na, mir san Ungarn.« Die anderen dachten angestrengt nach, um schließlich zaghaft zu stottern in der Angst, vielleicht doch nicht richtig verstanden zu haben: »Ja, mir reden deutsch!« Das ist es: Sie sprechen mehr deutsch, als sie es sind ... Nationalehre? Volkszugehörigkeit? Das gilt den wenigsten etwas. Braucht der Bauer von Deutsch-Kreuz seinen Goethe? Er braucht sein Geld, seinen Boden. Wenn Goethe morgen zu ihm käme und ihn um ein Nachtquartier bäte, er wiese ihn ab. Die Vorteile für Deutschösterreich liegen auf der Hand. Was aber können wir den Westungarn bieten? Das ist der springende Punkt: Wir können ihnen wenig geben und doch unendlich viel! Eben das, was ihnen fehlt: den Zusammenhang mit der deutschen Kultur. Was sie vom Deutschtum haben, ist nicht viel mehr als Abstammung, Sprache und Sitte. Aber es fehlt der Zusammenhang mit der großen deutschen Geistesgemeinschaft. Von deutscher Kultur kann in diesen Gegenden keine Rede sein. Es ist bloß deutsche Ordnung , deutsches Gemüt und deutsche Sitte . Aber das ist gerade nicht wenig. Wir könnten den Deutsch-Westungarn noch dazu den Glauben geben, daß extra Hungariam nicht nur vita ist, sondern sogar höheres Leben. Nicht nur Korn und Weizen und guter Wein und Gulasch und Paprika. Extra Hungariam gibt es noch ganz andere Dinge ... Nur dürfen wir nicht gewaltsam bekehren. Es wird sicherlich zur Volksabstimmung kommen. Es ist schwer anzunehmen, daß die Ungarn nicht Gewalt oder List anwenden würden. Schon Ende April dieses Jahres wurden neunhundert stockmagyarische Studenten in das Komitat Odenburg gebracht, damit sie die Abstimmung beeinflussen. Ohne eine militärische Besetzung des Landes durch eine neutrale Macht wird die Abstimmung kaum vor sich gehen können. In Budapest werden von der augenblicklich bestehenden Regierung eventuelle Investitionen in Deutsch-Westungarn lebhaft abgelehnt. Man rechnet nicht mehr ganz mit diesen Komitaten. Es liegt also vieles an der Bevölkerung, manches an uns. Sie mögen für uns stimmen. Wir werden sie herzlich aufnehmen! Der Neue Tag, 8. 8. 1919   Sauerbrunn Sauerbrunns charakteristischste Eigenschaft ist die Finsternis. Die Einheimischen und die Kurgäste haben ein Sehvermögen wie Eulen, denn sie wandern mit einer erstaunlichen, erfreulichen Sicherheit durch die verschlungensten, finstersten Pfade des Kurparks und wissen die Lage der gerade nicht seltenen Tümpel und Dreckhaufen so genau auswendig, daß sie trockenen Lackstiefels nach Hause gelangen. Sauerbrunn hat kein Benzin und kein Petroleum, und die Elektrizitätswerke stehen still. Von Zeit zu Zeit siehst du den fernen Schimmer einer Taschenlampe, die ein beneidenswerter Wanderer aus einer zivilisierten Gegend mitgebracht hat, und wehmütig denkst du an die Segnungen einer fernen Kultur. In Wiener-Neustadt hat man mir gesagt, ich würde in Sauerbrunn schon ein Zimmer finden. Ich fand nicht einmal ein Hotel. Also suchte ich nach einer Sauerbrunner Persönlichkeit. Man wies mich an den Herrn Apotheker. Der Apotheker saß im Kreise seiner Familie friedlich beim Abendkaffee. Mein Klopfen scheuchte die ganze Gesellschaft aus der Ruhe. Ich stellte mich vor und bat um ein Nachtquartier. Ja, sagte die Frau Apotheker, sie hätte schon vier Zimmer, aber keine Bedienung. »Ich brauche bloß eines«, sagte ich, »und bediene mich selbst.« Darauf könne sie nicht eingehen, sagte sie. Ich merkte, wie sich die Guten vor mir fürchteten. Einen Tag vorher hätte der Apotheker erschossen werden sollen, weil ihn Szamuely einer reaktionären Gesinnung beschuldigte. Es gelang dem Apotheker zu flüchten. Nach dem Sturz Kuns kehrte er zurück. Nun konnte ich – wer weiß – ein Spitzel, ein Spion, gar ein Bruder Szamuelys sein. Ich suchte also nach einer anderen Persönlichkeit und fand den Leiter des Sanatoriums, Dr. K. Dieser geleitete mich ins Direktorium und ließ mir, indes zwei Rotgardisten, »Bajonett auf«, mich bewachten, eine Anweisung ausstellen. Ein dritter Rotgardist schrieb auf ein Zigarettenpapier: »Ujvidek-Villa, 10 K«. Dann ging ich ins Kaffeehaus. Das Kaffeehaus besteht aus einem Garten mit Drahthindernissen. Wenn man diese überwunden hat, gelangt man auf eine Terrasse, auf der ein paar Tische und Stühle stehen. An einigen Tischen sitzt die »Gesellschaft« und spricht über die Politik. In großen dunkelgrünen Flaschen stecken kleine, armselige Kerzenstümpfchen. Es sieht aus wie in einer Offiziersmesse, drei Kilometer hinter der Front. Man bestellt einen weißen Kaffee, muß sogleich eine Krone fünfzig bezahlen. Da ich Zigaretten wünsche, nimmt mir der Ober gleich zehn Kronen ab und bringt mir keine. Statt dessen löscht er nach fünf Minuten den Kerzenstumpf aus und schickt mich nach Hause. Ich tappe durch dichte Finsternis, halte das Zigarettenpapier mit der Quartieranweisung krampfhaft in der Hand und zerschlage mir den Schädel an sämtlichen Bäumen des Kurparks. Plötzlich fühle ich etwas Weiches und überzeuge mich durch vorsichtiges Tasten, daß ich auf einen weiblichen Körper gestoßen bin. Endlich eine Abwechslung. Die faden Bäume! Ich frage nach der Ujvidek-Villa. Ja, Ujvidek-Villa: geradeaus, dann rechts zweihundert Schritte, und links ist die Villa. In der Finsternis kann ich meine Rechte von der Linken und beide nicht von meiner Nase unterscheiden. Ich weiß nicht, was geradeaus, was rechts und was links ist. Schließlich höre ich Männerstimmen. Es wird deutsch gesprochen. Ein Mann bietet sich als Führer an. Er bekommt meine letzte Zigarette. Vor der Ujvidek-Villa bleiben wir stehen, und mein Mann ruft irgendein Zauberwort. Darauf wird ein Kerzenstumpf sichtbar, dahinter ein Mensch in Hemd und Unterhosen, der mich in Empfang nimmt. Ich erlege 10 Kronen und bekomme in einem Zimmer, in dem vier Rotgardisten schlafen, ein Militärbett. Da ich keine Streichhölzer hatte, konnte ich nicht feststellen, ob es Wanzen oder Läuse waren. Flöhe waren es nicht ... Um 4 Uhr morgens stand ich auf und ging durch das schlafende Sauerbrunn. Es ist sehr dreckig und ungepflegt. Die Villen sind traurig und niedergeschlagen. Sauerbrunn war früher nur ein Kurort. Jetzt ist es historisch: Szamuely liegt hier begraben, der große Mörder Tibor Szamuely. Da ich zum Bahnhof komme, bemerke ich, daß Sauerbrunn gar nicht Sauerbrunn ist, sondern »Savanya-Kur«. So sieht es aus ... Der Neue Tag, 8. 8. 1919   Ödenburg Ich würde ein großes Tor errichten als Eingangspforte und mit riesigen, weithin sichtbaren Lettern darüberschreiben: Nomen est omen! Denn nie sah ich eine Stadt, zu der der Name besser paßte. In Ödenburg stehen alle Uhren. Ich glaube: Die Uhren streiken. Denn Ungarn wollte der europäischen Zeit um eine ganze Stunde vorauseilen, und die Räteregierung führte, um die konservativen Bauern zu ärgern, die Sommerzeit ein. Die westdeutschen Komitate kümmerten sich nicht darum: In allen deutschen Dörfern zeigen die Turmuhren die mitteleuropäische Zeit. Auch die Ödenburger Uhren sahen ein, daß Ungarn, statt der Zeit um eine Stunde vorauszueilen, um ein paar Jahrhunderte zurückgeblieben war. Da sie aber die kommunistischen Machthaber der Stadt fürchteten, gingen sie nicht mitteleuropäisch, sondern blieben stehen. So weiß man in Ödenburg nie, wieviel es geschlagen hat: auch politisch nicht. Denn Budapest ist weit, und die neuesten Nachrichten nehmen den kleinen Umweg über Wien, um nach Ödenburg zu gelangen. Ödenburg hat 50 000 Einwohner und hält sich also für berechtigt, eine elektrische Straßenbahn vom Südbahnhof zum Raaber Bahnhof und zurück pendeln zu lassen. Die Elektrische trägt keine Nummer, keine Tafel, sondern die Aufschrift: »Kauft Milka-Suchard!« Aber die Aufforderung vermag keinen darüber zu belehren, ob der Wagen zum Raaber oder zum Südbahnhof fährt. Das wissen nur die Einheimischen, und die gehen infolgedessen zu Fuß. Bis zehn Uhr vormittags sind die Kaffeehäuser offen. Man bekommt eine Portion »Vörös Ujsag« und dazu einen Fingerhut Schwarzen. Wenn man Blaugeld hat, kann man sich den Sport, will sagen: die Sport um eine Krone achtzig leisten. Als Rest bekommt man ein paar Papierschnitzel mit buntem Aufdruck. Es sind keine Briefmarken, sondern Geld. Ungarisches Geld. Im »Deutschen Haus« kann man eine Anweisung auf Quartier und Essen bekommen. Da die Amtsstunden um neun Uhr beginnen, kommt der kommunistische Beamte schon um halb elf. Er hat einen glänzend pomadisierten Schädel und tadellose Bügelfalten. Er sagt dem Türsteher »Genosse« und »Ala solgaja!«, worauf der an der Tür stehende Genosse zusammenklappt wie ein Patent-Taschenmesser. Denn in Ödenburg sind alle Menschen gleich. Die Quartieranweisungen werden hier zur Abwechslung nicht auf weißem, sondern auf rotem Zigarettenpapier ausgestellt. Wenn man aber speisen will, so geht man nicht dorthin, wohin man gewiesen wurde, sondern in einen kleinen nicht-sozialisierten Betrieb. Die kleinen Betriebe wurden bekanntlich nicht sozialisiert und bekommen infolgedessen so viel Zuspruch, daß sie beim besten Willen nicht klein bleiben konnten. Dagegen wurden die großen, sozialisierten Betriebe kleine Tohuwabohus. In den nichtsozialisierten Betrieb kommt auch der Herr Stadtkommandant, von Beruf Buchdruckergehilfe und im Kriege zum Stabsfeldwebel avanciert. Jetzt trägt er Offizierskappe und -bluse, weiße Hose, Sporen und eine Reitgerte. Wenn er das Gasthaus betritt, springt das ganze speisende Ödenburg auf. Denn in Ödenburg sind alle Menschen gleich ... »Der Ödenburger Proletarier« enthält vier Seiten amtlicher Kundmachungen in miserabelstem Deutsch und hat vierundzwanzig Redakteure, von denen nur einer Journalist von Beruf ist. Die anderen sind Setzergehilfen. In der Zeitungsdruckerei wird das Ödenburger Stadtgeld gedruckt. Der frühere Herausgeber und Chefredakteur ist in keiner Gewerkschaft organisiert und verhungert langsam, aber sicher. Er hat eine Monatsgage von 450 Kronen, die »Redakteure« bekommen 4000 Kronen monatlich. Der Obmann des Deutschen Gaus residierte in Odenburg. Er hieß Geza Zsombor und gab sich für einen Deutschen aus. Er paktierte mit den Anschlußfreunden, verriet diese bei der Räteregierung, und es gelang ihm, nach Paris zur Friedenskonferenz zu kommen, wo er bald den Anschluß betrieb, bald zu verhindern suchte. Geza Zsombor wohnt jetzt in Wien und wartet auf weitere Konjunkturen ... Von 10 bis 6 Uhr täglich kannst du in Ödenburg verhungern, ohne daß sich jemand um dich kümmert, wenn du nicht organisiert bist. Ich ging in ein beliebiges Privathaus und bat um Essen. Ich bekam Brot und saure Milch und sprach mit einer ungarischen Dichterin, die über den Sturz Bela Kuns klagte. Es gibt auch ehrliche Kommunisten in Ödenburg. Sie sind entweder Dichter oder Narren oder beides. Ödenburg hat auch etwas Schildamäßiges wie jede Kleinstadt. Ein junges Mädchen aus Ödenburg – so ging die Sage – sei in Wiener-Neustadt verhaftet und eingesperrt gewesen. Das Mädchen kam in ihre Heimatstadt und wurde von allen ehrlichen Ödenburgern boykottiert. Sie mußte nach Wien flüchten. Jetzt wird sie wahrscheinlich ausgewiesen und den Schildbürgern von Ödenburg erbarmungslos ausgeliefert. Denn Schildbürger und Schildbürger halten fest zusammen: die von Wien und die von Ödenburg ... Unheimlich ist Ödenburg in den Abendstunden, wenn die Rotgardisten spazierengehen. Sie haben das Recht, Passanten anzuhalten und zu visitieren. Und unter »Blaugeld« versteht man: Uhren, Ringe, Zigarettendosen usw. Am Abend verließ ich Ödenburg und wanderte in die Umgebung; denn ich hatte bloß eine Taschenuhr ... Der Neue Tag, 8. 8. 1919   Zinkendorf oder Nagy-Zenk Wenn man nach Zinkendorf gelangen will, kommt man nach Nagy-Zenk. Aber wenn man Glück hat in Nagy-Zenk, kann man hie und da auch Zinkendorf zu sehen kriegen: Wenn du eine große Kotlache siehst und darin wälzt sich mit behaglichem Grunzen ein fettes Schwein; wenn du an schwarzen Kindern vorbeikommst, die mit süßer Wollust Gesicht und Nacken mit Pferdemist bestreichen; wenn in einem offenen Pferdestall eine Bäuerin ihre Notdurft verrichtet; wenn in einem Gasthaus ein Schweinehändler mit gerötetem Gesicht seinen Tischnachbarn anspeit; usw. usw., dann bist du in Nagy-Zenk ... Aber wenn du ein weißes Häuschen mit einem Gartenbeet davor siehst und hinter den Fenstern weiße Gardinen; wenn du einen Bauern siehst, der seine Pfeife raucht und ein Hausgerät blank putzt; eine Frau, die einen trampelnden, schreienden blonden Jungen in einen Wasserkübel zwängt; blütenweiße Gänse in einem kleinen, abgegrenzten Teiche plätschern; usw. usw., dann bist du in Zinkendorf. Zinkendorf ist stockmagyarisch und hat eine Zuckerfabrik, die für Deutschösterreich von großem Nutzen wäre und natürlich von Deutschen verwaltet wird. Die deutschen Arbeiter – 14 oder 15 Familien – wohnen in Nagy-Zenk und bilden Zinkendorf. Am Sonntagabend kommen der Bürgermeister und die Gemeinderäte ins Wirtshaus und sprechen über den Sturz der Räteregierung. Alle trinken zehn- und zwanzigmal Brüderschaft. Zum Schluß küssen sie sich, indem sie sachte unter den Stammtisch gleiten. Der Wirt hat schneeweiße Hemdsärmel und lächelt überlegen. Er wischt sich den Schweiß und gurgelt jedesmal, sooft er einschenkt, einen Viertel Rotwein hinunter. Nach fünfzig Vierteln wirft er die Gäste hinaus. Das ganze männliche Nagy-Zenk torkelt die breite Landstraße entlang. Und findet erst Montag früh nach Hause. Als ich am Gemeindeamt vorbeiging, sah ich draußen einen Ochsen stehen. Ich nahm das für einen harmlosen Zufall und ging hinein, mit dem Bürgermeister zu sprechen. Aber nur der Schreiber, der beim Militär gedient hatte, konnte Deutsch und sprach mit mir. Wie er sich den Anschluß vorstelle? Anschluß? Ja, wenn Deutschösterreich an Ungarn eine Entschädigung zahle, könne man von Anschluß reden. Denn Deutschösterreich sei schuld am Kommunismus, denn alle Juden kämen aus Deutschösterreich ... Der Neue Tag, 9. 8. 1919   Deutsch-Kreuz In Deutsch-Kreuz war Tanz- und Polterabend. Die weiten Gehöfte leer, und nur die Alten waren zu Hause geblieben. Von Zeit zu Zeit kamen ein Kind oder ein Großvater des Weges daher und erzählten, daß »Marie-T'res« ein Sacktuch wünsche. In Deutsch-Kreuz ist die Institution der Parkettböden nicht bekannt. Man tanzt vielmehr im Hofe, und eine Ziehharmonika liefert die nötige greuliche Musik. Die Mädchen, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern, stehen in dichten drei Reihen hintereinander im Hofe, die Burschen stehen auf der anderen Seite, aber eher in Gruppen, viel zwangloser und freier. Manche sitzen drin in der Schenke und tun einen anständigen Zug. Auf einmal geht der Spektakel los: Aus der mißgestimmten Ziehharmonika flattert ein tiefer Ton auf, wie ein schwerer, plumper Vogel versucht er, eine Weile in der Luft zu bleiben, und fällt dann schwer und plumpsend zu Boden. Diesem Ton folgt ein heller, junger, es klingt wie ein Hahnenschrei, und auf dieses Zeichen stürzen Burschen ohne Hüte und in Hemdsärmeln aus der Schenke. Im Nu sind die Weiber vergriffen. Der Bursche hält das Mädchen nicht etwa an sich gepreßt, sondern hat beide Arme um ihre Hüfte geschwungen. Der Oberarm bleibt hölzern, steif und fest, so daß das Mädchen in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern von seinem Körper entfernt bleibt. Der Tanz ist vollkommen kunstlos und besteht aus monotonen Drehbewegungen. Man dreht sich so lange, als der Ziehharmonikamensch will, denn es gilt als Schimpf, früher aufhören zu müssen. Man dreht sich in dem engen Hofe, in dem es zum Ersticken heiß ist, bis man im eigenen Schweiße ertrinkt. Der Boden ist naß wie nach einem Platzregen. Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute gerade ein heanzerisches französisches Gstanzel: Von da Nah und von da Fean Lod' ma olli ein, an jedn gseg ma gean. Ochzig Hella is Eintrittsgöld Des wegn is a nit gfölt. Denn wou spült d'Neuhausa Musi Dou is a Hetz, a Gschpusi. Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator, und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: »I kenn' Ihna gar nicht!« »Das macht nichts! Sie sollen mich kennenlernen!« »Was wollen S' denn?« »Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht' ich hier!« »Z' essen hob i selber nix, und schlofn können S' net. An Wein können S' habn, wenn Sö Blaugeld han.« Ich han Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache. Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist. Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so haßt man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notar irgendwo beim Tarock sitzen. Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen. Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum. In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, läßt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern. Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter. Aber über die Juden in Deutsch-Kreuz muß ich noch erzählen. Der Neue Tag, 9. 8. 1919   Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt. Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Getto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern, und führen ein eigenes Leben. In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben. Ich will mit dem Rabbi über die Gemeinde sprechen. Er drückt mir die Hand und bittet mich um Verzeihung: Er habe leider keine Zeit. Ich möchte zum Kultusvorsteher Herrn Lipschütz gehen. Herr Lipschütz ist ein Mann um die Fünfziger. Ist auch schon in Budapest und, als er noch jung war, sogar in Wien gewesen und hat Manieren. Er bittet mich in den »Salon«. Ein dunkelrot gehaltenes Zimmer, lauter Plüsch und Samt und verstaubte Nippessachen, Tintenfässer, Vögel, Hunde aus Bronze auf der Konsole. Der Stuhl, den er mir anbietet, ist leider durchgedrückt, und ich rutsche in eine Versenkung, aus der ich mich mit vieler Mühe wieder hinausrette, um fortab am Stuhlrand sitzen zu bleiben. Herr Lipschütz erzählt mir: Vor vielen Jahren seien die Juden aus Österreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten »Schweh-Khilles«, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung. Die deutschen Bauern machen einen strengen Unterschied zwischen »Budapester« und »unseren« Juden. Das Haus des Herrn Lipschütz ist einstöckig, mit einem großen Hof. Er ist der reichste Jude in der Gemeinde, und sein Name ist weit und breit bekannt. Der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang, hieß Goldmark . Sein Sohn war der berühmte Komponist Goldmark , der aus einem Deutsch-Kreuzer Judenjungen ein Mann von Weltruf ward. Die Gemeinde zählt auch den ungarischen Romanschriftsteller und späteren Sektionschef Alexander Doczi recte Dux mit Stolz zu ihren Söhnen. Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten, und aus ihren Gesichtern klagte das jahrtausendealte Leid Ahasvers. Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Woche und beten den halben Tag lang. Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tür, klopft mit einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet. Ich besah mir den Hammer: Er ist schon ganz klein, schwarz, fertig und »abgeklopft«. Er mag so alt sein wie die Gemeinde. Manchmal wächst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Glück und wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal. Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind. Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der »Schweh-Khilles«. Der Neue Tag, 9. 8. 1919   Joseph Roth Eine Kaffeehausterrasse und noch eine An einem schönen Sommerabend hat ein Ringstraßencafé nächst der Oper zwei Terrassen: In der ersteren sitzen erwachsene Kriegsgewinner und schlürfen Eis und spielen Buki oder Tarock. Das ist die legale, anerkannte, gesetzlich geschützte Terrasse. Eine Terrasse mit gesellschaftsfähigen und bügelfaltengezierten Besuchern. Vor dieser Terrasse eine etwas elementare, improvisierte: deren Besucher ohne Bügelfalten, noch nicht erwachsene Kriegsgewinner, sitzen nicht auf Korbstühlen, sondern teils auf dem Pflaster, teils auf dem sehr schwindsüchtigen Rasen unter dem Schatten eines Ringstraßenbaumes. Und spielen Tarock. Es sind Kolporteure der öffentlichen Meinung, und es scheint mir notwendig, diese auf das Vergnügen ihrer Verkäufer aufmerksam machen zu müssen. Denn die Öffentlichkeit flaniert achtlos an den zigarettenrauchenden tarockierenden Knaben vorbei, und nur, wenn sie im Auto sitzt, läßt sie ein Hupensignal vernehmen oder weicht dem spielenden Rudel halbwüchsiger Kolporteure aus. Man darf die Kleinen in ihrem Vergnügen nicht stören. Es ist ja sozusagen das Jahrhundert des Kindes. Ein Wachmann steht in der Nähe und wartet aus Berufsgründen auf eine Gelegenheit, einschreiten zu können. Da heute ausnahmsweise nicht eine einzige Kriegswitwe einen Demonstrationszug über den Ring veranstaltet, läßt der Wachmann die Kriegswaisen ungeschoren. Vielleicht auch, weil er meint, das sei der Anfang der angekündigten Schulreformen: Um den Tüchtigen unter den Knaben freie Bahn zu schaffen, läßt man sie vorläufig, in den Ferien, die Fahrbahn der Ringstraße besetzen. Der Aufstieg der Begabten beginnt damit, daß diese vorderhand auf dem Pflaster sitzen bleiben. Wer die Partie gewinnt, hat seine Begabung erwiesen und darf aufsteigen. Wie soll man das nennen? Im Zentrum einer Kulturstadt, auf der Straße tarockierende Knaben: eine »Kulturschande«? Nun: Schande hätten wir seit eh und je genug gehabt! Aber – das erstere? ... Josephus Der Neue Tag, 10. 8. 1919   Wiener Hoffnungslichter Die Nachtbeleuchtung der Wiener Cafes Sie brannten gestern zum erstenmal und offenbarten eine gewisse Eigenschaft, von der man in guter Gesellschaft nicht gern spricht. Um deutlicher zu werden: Sie dufteten nicht... Also, die Sache begann so: Um 10 Uhr stellte ein Mann ein Gefäß auf einen Tisch. Ein Gefäß, das man ebensogut für eine Handgranate wie für eine vorsintflutliche Lampe aus dem Tempel der Astarte von Sidon aus dem Jahre 700 v.Chr. halten konnte. Dazu kam eine Leiter, wie sie Zimmermaler zu benützen pflegen. Die Musik brach ab. Eistassen blieben unausgelöffelt. Schwarze wurden kalt. Unter allgemeiner andächtiger Aufmerksamkeit bestieg der Mann die Leiter. Ein Kellner reichte ihm die Lampe. Nach fünf Minuten erschien am oberen Lochrand des Gefäßes ein Etwas. Der Ober sagte, das wäre ein Docht. Und alle glaubten es. Der Mann auf der Leiter brannte ein Streichholz an. Es verlosch. Ein zweites. Ein drittes. Ein viertes. Ein fünftes. Eine ganze Schachtel. Der Ober brachte ihm eine neue. Ich zählte: Beim zweihundertzweiunddreißigsten fing jenes Etwas, von dem ein offenbar phantasiebegabter Kellner gesagt hatte, es wäre ein Docht, zu brennen an. Ein blaues Flämmchen flackerte. Es war kein Zweifel: Die Azetylenlampe war da. Wiens neueste Kaffeehauserrungenschaft. Wiens Nacht- und Hoffnungslicht... Es drohte jedesmal auszulöschen. Es war beleidigt. Konnte die noch brennenden protzigen elektrischen Lichter nicht vertragen. Weshalb das Fräulein an der Kasse »Auslöschen!« kommandierte. Und eh' man sich's versah, war's finster. Nur die blauen Flämmchen brannten an einigen Tischen und zwei an der Decke. Es war wie im Bergwerk. Eine undefinierbare Gestalt ging von Tisch zu Tisch. Es war der Herr Direktor. Er sagte nicht: Ergebenster! Auch nicht: Habe die Ehre! Und nicht: Küss' die Hand! ... Er rief: Glück auf! Die Musik intonierte: In der Nacht, in der Nacht... An meinem linken Nachbartisch erwachte die Liebe. Es war wie im Kino. Einfach zum Küssen ... Nur der Mond störte. Ausgerechnet Vollmond! Durch keinerlei Kohlennot gedrosselter Vollmond. Infolgedessen begann die Musik: Droben, wo die Sternlein stehn ... Als ich zahlen wollte, fand ich im Lichte der Azetylenlampen den Ober nicht. Er war seinerseits damit beschäftigt, Gäste zu suchen, deren Verschwinden der erste Segen der neuen Lichtquellen war... Auf meinem Rundgang durch die Stadt beobachtete ich die herrlichste Silvesterstimmung. Diese neuen Lampen! Irgendwo hörte ich Champagnerpfropfen knallen. Man begrüßte das neue Licht. Am Ring saß Goethe und zitierte: Mehr Licht! ... Im Café Zentral leuchteten die Geistesblitze zur Genüge ... Im Scheine dieser schrieb ich das Obige ... Josephus Der Neue Tag, 13. 8. 1919   Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen Ein Besuch in den Katakomben bei St. Stephan Es sind zwei Möglichkeiten: Entweder man geht in die Katakomben nach vorheriger Vorbereitung, d. h. Lektüre unterschiedlicher wissenschaftlicher, kulturhistorischer Schriften. Oder aber man macht sich unvorbereitet auf den Weg, ohne Kulturgeschichte betrieben zu haben, und kommt dabei auf die Rechnung seiner Phantasie. Denn alle jene wissenschaftlichen Broschüren sind nur geeignet, dem unbefangenen, d. h. befangenen Wiener die Freude am Gruseln zu verderben. Sie erzählen z.B. mit einer unglaublichen Kühnheit, die Pestgrube sei keine Pestgrube und der liebe Augustin läge auf dem Zentralfriedhofe. Der Sarg, der aus sozialer Fürsorge für die Angestellten und Führer von St. Stephan eigens im Katakombengang stehengelassen wurde, behaupten die Schriften, wäre gar nicht der Sarg des S.R.J. Principis Celsissimi Emerici und in jener halbzerbrochenen, verrosteten Urne läge gar nicht das Eingeweide der letzten Meßnerin, sondern irgendeine ganz vulgäre Menschenleber. Die Katakomben hätten gar keine Untergeschosse, gar keine Geheimnisse, sondern seien ganz einfache steinerne Cafés für Menschenleichen, die längst ausgeräumt worden seien. Kurz, diese Wissenschaft leuchte mit der allerletzten, modernsten Quarzlampenkonstruktion in die dunkelsten Winkel schauerlicher Volksphantasie, und der Spuk flieht vor ihr wie der Gottseibeiuns vor einem dreimal wiederholten Paternoster. Ich rate keinem, derlei Bücher zu lesen. Sie nehmen einem die Freude an der »Hetz« und versetzen dem Lokalpatriotismus einen Tritt auf dessen empfindliche Hühneraugen. Was soll man mit Büchern anfangen, die den heute noch deutlich am Boden der Katakomben zutage tretenden Kalk – ich schwöre, daß es Kalk ist, echter, weißer Kalk! – nicht als Beweis für die Existenz der Pestgruben ansehen und die selbst dem lieben Augustin nicht seine selige Ruhe lassen! Selbst dem lieben Augustin nicht! Nein, man gehe lieber mit ein bißchen Herzklopfen in den ersten Stock der Sakristei, an Monumenten, Steinsplittern, Heiligenköpfen, Büsten, Steinkreuzen vorbei, in jene Kanzlei, wo ein Mann in blauer Schürze und Hemdsärmeln mit einem bedrohlichen Zirkelzeug herumhantiert, und lasse sich, unwissenschaftlich, unbelesen, laienhaft, in jenes Buch eintragen, wo alle Besucher sorgfältig registriert werden. Man wird hierauf für den nächsten Tag bestimmt. Punkt 5 Uhr früh muß man sich einfinden. Wenn man wirklich einmal pünktlich gewesen ist, ist der Mann, richtig, noch nicht da. Er heißt Franz Lube und führt seit zwölf Jahren die Besucher durch die Katakombengänge. Er ist es gewohnt, daß die Leute auf ihn warten. Nach einer Viertelstunde kommt er mit einer vierdochtigen Meßkerze, die in einem riesigen Leuchter steckt und den Auftakt zur Schauerlichkeit bedeutet. Von Rechts wegen sollte jetzt das Gruseln beginnen. Ade, blauer Himmel und Sonnenschein! Wir steigen zu den Toten in die Unterwelt. Wir werden uns angrinsen lassen von Totenschädeln und mit Mönchsskeletten per du sein. Und wenn – was immerhin möglich ist – mich unten ein zufälliger Schlag trifft, so sehe ich die Erde nimmermehr. Es muß ja auch gar nicht ein Schlag sein. Das Gewölbe kann einstürzen, ein Pfeiler in Trümmer gehen, oder gar schrecklichster aller Schrecken! – der liebe Augustin springt aus seiner Pestgrube und fängt an, mit mir herumzuwirbeln, und wir tanzen schnurstracks ins Jenseits hinein. Also: Es tut mir leid, daß ich mein Testament nicht gemacht habe. Links die kleine Nische mit dem steinernen Heiligenbild. Da ist ein Gitter, dessen Tor in den Angeln kreischt, ein verrostetes Schloß, in dem sich der mächtige Schlüssel nur ächzend bewegen kann. Dann wird die Eichplatte aufgehoben, und der Abstieg beginnt. Franz Lube mahnt zur Vorsicht. Das gehört somit zum Geschäft. Die Stufen sind ordentlich, man kann gar nicht ausrutschen, selbst wenn man wollte. Aber Lube mahnt zur Vorsicht. Vorsicht ist hier die Mutter des Gruselns ... Die Meßkerze wirft unsteten Schein, als wollte sie sagen: Gruselt's dich? Da steht ein schwerer uralter Sarg mit der Inschrift »In hac tumbu iacet cadaver Celsissimi S. R. I. Principis; Emericus obiit Pie Die XXV. Februarii Anno M. D. CLXXXV.« Und ein zweiter Sarg, in dem, wie Herr Lube aus ganz bestimmter Quelle weiß, zwei Kinder des Gesandten von Brasilien ruhen sollen. In der Ecke ein Haufen von Schädeln und Totengerippen. Alle neben-, über-, untereinander. Feinde, Freunde. Gleichgültige, Fremde. Vergänglichkeit alles Irdischen! An der sogenannten »Rutschen« vorbei kommst du zur Pestgrube. Die »Rutschen« ist ein Loch, durch das außer dem Tageslicht auch Staub und Lärm und Abfälle der Straße in die Stille der Katakomben dringen. Die »Rutschen« soll einstmals dazu gedient haben, minderbemittelte Leichen, wie man heute sagen würde, auf eine billige Art zu bestatten. Sie wurden einfach hinuntergeschupft wie beim Kegelspiel. Herr Lube sagte mir, daß der Wiener Ausdruck »der is auf der Rutschen« von daher stamme. »Der ist auf der Rutschen« sagt man von einem, mit dem es schon stark abwärts geht. Das wichtigste ist natürlich die Pestgrube. Michael Unkner, der Totengräber vom St. Stephansfreithoff, wurde bestochen. Roger Acacia, der Prinz von Dachem, und die anderen Lanzettenritter stiegen in das dritte Stockwerk der Katakomben, und zwar durch den Keller eines Nachbarhauses. Dort verteilten sie die Lanzetten und den Peststoff an die Verschwörer, und so wurde die Pest nach Wien eingeschleppt. Die Pestgrube soll nun mehrere Stockwerke tief gewesen sein und viele viele Tausende Opfer in ihrem Schoße bewahren. Heute ist natürlich vom unteren Stockwerke nichts mehr zu sehen. Vielleicht hat jene Mistreß Trollope recht, wenn sie behauptet, der Zugang zu dem unteren Stockwerke sei unter keinen Umständen gestattet, mit drei Schlössern verschlossen, und die drei Schlüssel befänden sich: der eine beim erzbischöflichen Ordinariat, der zweite bei Hofe, der dritte beim Wiener Magistrat. Wer's glaubt, wird selig. Wissenschaftlich festgestellt ist nur, daß die Katakomben in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden sind. Die Halle unter der Sakristei der Stephanskirche soll erst im Jahre 1718 erbaut worden sein. Auch die sogenannten »neuen Gruften« existieren erst seit späterer Zeit, und die Wissenschaft beweist klar und unwiderleglich, daß die Pestgrube keine Pestgrube ist, weil die Pestkrankheit 1679 und 1713 gewütet hat, also lange vor dem Entstehen der »Pestgrube«. Vielmehr weiß ein Schriftstück aus dem Jahre 1768 zu berichten, daß in diesem Jahre die Notwendigkeit es erheischte, daß der k. Hof- und gem. Stall-Maurermeister Christian Alexander Oerdtl dem Wiener Bischof den Vorschlag »wegen machung Einer ganz neuen Krufften unter dem alldort herumbgehenden Freythoff« unterbreitete. Denn der Särge und Gebeine lagen viel in den alten Räumen herum. So wurde denn die Schaffung einer neuen Krufften bewilligt. Daß aber diese Gruft heute noch Kalkspuren aufzuweisen hat, ist dadurch erklärlich, daß ein Aktenstück vom 28. April 1732 die Leichen mit Kalk zu bestreuen anordnet. Dennoch hielt sich der Glaube an die Pestgrube bis tief in das 19. Jahrhundert hinein aufrecht. Der bekannte Wiener Arzt Johann Wilhelm Managetta lehrt, daß »von etlichen Hexen und Zauberinnen, erst wann sie gestorben und begraben seyn, die Pestilenz erregt werde«. Als 1873 die Wiener Hochquelleitung vollendet worden war, stieg, da die Hausbrunnen außer Gebrauch blieben, der Grundwasserspiegel so, daß die Stephansgrüfte eine starke Feuchtigkeit aufzuweisen hatten und der Modergeruch ein unhaltbarer wurde. So wurde denn die Räumung der Katakomben vorgenommen. Heute sind sie vollkommen leer. Nein! Beim besten Willen! Ich kann nicht das Gruseln erlernen. Das kommt vielleicht davon, daß ich so belesen bin und ein bißchen Latein entziffern kann und daß mich der liebe Augustin so belustigt. Fast hätte ich vergessen, von dem zu erzählen: Kam er da trotz Seuche und Pestilenz ganz besoffen am Stephansfreithoff vorbei, stolperte und fiel in die Pestgrube. Ob er dort eine oder drei Nächte geschlafen habe, ist nicht festgestellt. Jedenfalls: Das Wunder geschah, und der liebe Augustin stand eines Tages frisch und nüchtern von den Toten auf, um sich in die nächste – Schenke zu begeben ... In dreiviertel Stunden ist die Wanderung zu Ende. Wenn man wieder einmal oben steht, löscht Herr Lube die Meßkerze mit Daumen und Zeigefinger aus, legt die schwere Eisenplatte über die Öffnung und läßt den schweren Schlüssel wieder im Türschloß ächzen. Draußen bin ich wieder. Während ich durch die einbrechende Dämmerung über den Stephansplatz gehe, rempelt mich jemand an. Es ist ein lustiger Patron. Er hat eine Schellenkappe auf, ein kurzes Höschen und rote Seidenstrümpfe an. Ein Narrenzepter schwingt er in der Hand. Kein Zweifel: Es ist der liebe Augustin. So, als ob er eben von der Pestgrube aufgestanden wäre. Und da er seine alte, gute Schenke »Zum krumben Esel« nicht wiederfindet, summt er melancholisch: Alles ist hin! ... Josephus Der Neue Tag, 15. 8. 1919   Die Zukunftslosigkeit der ehemaligen Hofbühnen Die »Mächtigen der Erde«, die Staat, Kirche und den lieben Gott okkupiert hatten, erstreckten ihre Expansionsbestrebungen auch auf die Gebiete der Kunst. Unter dem Regenschirm ihres Protektorats blieben Kunst und Wissenschaft trocken. Was sie draußen vor dem Tore hörten, ließen sie im Saale widerhallen, auch wenn sie nicht immer so billig davonkamen wie bei Goethe. Der König sprach, und zehntausend Schmarotzer liefen. Gottbegnadete Sängerinnen schlossen Herzens- und Börsenbündnisse mit Herren von Gottes Gnaden. In den letzten Jahrzehnten hatte keines Medizäers Güte mehr der deutschen Kunst gelächelt. Aber Vertreter der deutschen Kunst und die sich dafür hielten, lächelten der Güte ihrer Medizäer zu. Künstler entfalteten Knopfloch- und Redeblumen am Strahl von Fürstengunst. Dennoch wäre es Unrecht, denjenigen, die bisher geherrscht hatten, ihre Verdienste um die Kunst abzustreiten. In Zeiten, in denen die Fürsten noch Herrscher waren, waren die Höfe Zufluchtsort und Obdachlosenheim für das von der Spießbürgermoral mit Kettenhunden gehetzte »fahrende Volk«. So entwickelten sich Protektorat und Mäzenatentum, das sich mit der Zeit auswuchs zu drückender Hofzensur, Aufzucht des Dilettantismus und Tartüfferie. Jetzt aber, da die gewissen »Mauern gefallen« sein sollen und das befreite Volk die bis nun für Offiziere bestimmt gewesenen Galerien der »Burg« stürmen darf, steht man plötzlich vor der traurigen Tatsache, daß die Wiener Hoftheater eine – Vergangenheit haben. Denn ihre Zukunft ist durch den Mangel an – Geld gefährdet. Mit jener Leichtigkeit, die den Wiener stets gekennzeichnet – nicht ausgezeichnet – hat, wird heute von der Schließung der Hoftheater gesprochen, als handelte es sich um die Liquidierung des Kriegsministeriums oder einer Spirituszentrale. Der Schrei nach erhöhter Brotration ist gewiß berechtigt. Aber daß in einer Stadt der Laube, Sonnenthal, Kainz die große Masse des Publikums zwischen Schleichhandel mit telepathischen Séancen und der Thronrede eines Staatssekretärs, zwischen Rucksackverkehr und Fremdenverkehr taumelt und darüber vergessen hat, daß Wien einmal die größte deutsche Bühne besessen, beweist nur, daß die deutsche Bühnenkunst nur durch eine fatale Tragik des Zufalls ihre Blütezeit ausgerechnet in einer Stadt erleben mußte, die seit jeher mehr Glück als Verstand hatte. Man begreift langsam, aber sicher die Hohlheit der Feuilletonphrase vom »Wiener Theaterblut«, und man müßte eigentlich staunen über die Gleichgültigkeit, mit der Kriegsgewinner und Hausierer, Mäzen und geistiger Proletarier die Kunde von der Zukunftslosigkeit der Wiener Bühnen entgegennehmen, hätte man sich das Staunen in dieser Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und der nicht nur vom Kahlenberg begrenzten Horizonte nicht schon längst abgewöhnt. In einer Stadt, in der ein Gemeinderat den Antrag auf Schließung der Theater damit begründet, daß die Bevölkerung »in solchen Zeiten kein Theater brauche«, und dafür dem Wehrmann im Eifer einen Ehrenposten im Neuen Rathause als sichtbares Zeichen für die Vernageltheit künftiger Sitzungen zusichert, darf einen nichts mehr überraschen. Die Hoftheater sind eben ein Luxus, einer demokratischen Republik unwürdig, und wer trotz Sozialisierung und Gleichberechtigung noch immer künstlerische Bedürfnisse hat, kann sich eine Fahrt auf dem Riesenrad erlauben oder dem Watschenmann im Prater eine »abihau'n« ... Wenn aus den ehemaligen Hoftheatern wirkliche Nationaltheater werden sollen, so muß eben die ganze Nation, so man die »theaterfreudige« heißt, mitsteuern. Die Kriegsgewinner dieses Landes dürfen nicht umsonst gelebt haben! Von der allgemeinen Vermögensabgabe muß eben das Notwendige für die Erhaltung der Kunst abfallen. Die Behörden müssen sich klar werden, daß der Sperrung der Safes nicht die Sperre der Theater folgen dürfe. Wenn Wien ein »Kulturzentrum« werden soll, so genügt die schönste Bürgermeisterrede nicht. Pflege der Bühnenkunst muß erste und oberste Pflicht der gesamten Bevölkerung werden! Praterbuden und Wiener Straßenbahn werden die Fremden schwerlich anlocken. Heute, da die Kunst nicht mehr unter dem Protektorate der Herrscher steht, darf sie unter dem Protektorate der Freiheit nicht nach gekürzten Brotkartenrationen gehen ... Und das Volk ist dafür verantwortlich. Der Neue Tag, 17. 8. 1919   In und außer Dienst Das war schon in der Monarchie ein Unterschied: Im Dienst konnte man z.B. ein Auge zudrücken. Außer Dienst durfte man sogar beide offenhalten. Im Dienst sagte man: Sie und Schweinehund. Außer Dienst war man selbst einer und per du. In der Republik gibt es auch: in und außer Dienst. Sowohl punkto : Schweinehund als auch punkto : Auge zudrücken. Böse Zungen sagen, in der Republik würde man sogar beide Augen zudrücken. Aber sicher ist nur, daß wenige beide offenhalten ... Dennoch hielt ein Arbeiterrat auf der Westbahn beide Augen, während er die Reisenden revidierte, offen, und zwar in dem Übermaß, daß ein anderer Arbeiterrat, der außer Dienst war und im Vertrauen auf seinen Titel Butter hereinbringen wollte, von dem ersteren angehalten wurde. Zwischen beiden entspann sich folgender Dialog: »Sö, dös geht net.« »Oba, was willst?« »Nix du', jetz'n bin i im Dienst.« »Wannst mir d'Butter wegnimmst, kriagst deine fünf Kilo bei der Mutter net mehr!« »Na, dann geh zua!« Es hatte sich herausgestellt, daß der schmuggelnde Arbeiter eine Greißlerin zur Mutter hatte, die dem revidierenden Arbeiterrat fünf Kilo Butter in regelmäßigen Zeiträumen so hintenherum abzugeben pflegte. Ein böser Zufall fügte es, daß just dieser Arbeiterrat jene Butter konfiszieren sollte, die ihm selbst hätte zugute kommen sollen. Seine eigene Strenge strafte ihn. Sein Ich in Dienst nahm Stellung gegen sein Ich außer Dienst. Der tragische Konflikt war gegeben. Die Katastrophe unterblieb, weil der Anlaß aus Butter bestand. Denn mit der Butter ist das so eine heikle Sache: Man darf sie nicht im Rucksack führen, man muß sie aber doch haben – außer Dienst. Man soll sie konfiszieren – im Dienst. Man darf sie nicht fünfkiloweis bei einer Greißlerin beziehen. Man soll sie ihrem Sohn aber wegnehmen. Denn dieser führte sie im Rucksack. Sie wäre ihm wirklich abgenommen worden, wenn jener sie nicht – am Kopf gehabt hätte. – Josephus Der Neue Tag, 17. 8. 1919   Ein paar Worte Nehmen wir einmal an, einer hieße Hubermayer und wäre aus Wien und Lebensmitteldiktator in Amerika. Und käme nach New York. Er würde sich vornehmen, drei Tage zu bleiben. Am ersten Tage schaut er sich die City an. Und am Abend schreibt er darüber seiner Frau. Am zweiten Tag beginnt er an den Zweck seines New Yorker Aufenthaltes zu denken. Und am dritten reist er ab, weil er weder Gulyas noch Pilsner vorfand. Gestern war Hoover in Wien. Er fuhr vom Bahnhof in das Gebäude des Verkehrsamtes in der Giselastraße, und er stieg, baß verwundert und zornig über den Zeitverlust, mühsam das vierte Stockwerk hinauf. Symbolisch für das Verkehrsamt: Es verkehrt kein Lift. Zum Glück hatte Hoover ein Auto für die Fahrt nach dem Hotel Bristol. Sonst wäre er mittelst Straßenbahn in jenem Zustande zum Mittagessen angelangt, in dem ein solches überflüssig wird. Um 4 Uhr nachmittags war Hoover wieder in der Giselastraße und arbeitete bis sieben. Die Wiener Herren waren sehr ungehalten. Um halb acht fängt die Vorstellung im »Apollo« an. Währenddessen antichambrierten Journalisten. Hoover gewährte sogar Interviews. Um sieben Uhr war Hoover fort. Ohne im »Apollo« gewesen zu sein. Er hatte die Kärntnerstraße nicht gesehen und seiner Frau nicht geschrieben. Er hatte gar nicht angefangen, an den Zweck seines Wiener Aufenthaltes zu denken. Aber er hat ihn sichtlich erfüllt. Allerdings: Er heißt nicht Hubermayer und ist nicht aus Wien. Er heißt Hoover und ist aus Amerika. Aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten kam er in eine Stadt der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Josephus Der Neue Tag, 19. 8. 1919   Sauerkraut St. Marx, am 19. August 1919   Ihrem ganz besonders schmackhaften Sauerkraut hat die Stadt Magdeburg ihren Ruf zu verdanken. Dort und in Krefeld wird es fabrikmäßig erzeugt und merkwürdigerweise gegessen, noch ehe es faul ist. Aussagen glaubwürdiger Reisenden zufolge riecht man in der ganzen Umgebung von Magdeburg auch nicht ein Atömchen Sauerkraut. Magdeburg steht trotzdem in dem Rufe, die erste Sauerkrautstadt Europas zu sein. Wien wollte es der Stadt Magdeburg gleichtun und kam irrtümlicherweise statt in den Ruf eines guten Sauerkrauts in den Geruch eines schlechten. Zu den mannigfachen Sehenswürdigkeiten Wiens ist auch noch eine Riechenswürdigkeit gekommen: das Sauerkraut der Gemeinde. In St. Marx stinkt es zum Himmel. Es ist das einzige in Wien und Umgebung, das, wenn man es sich zum Ziele erwählt hat, auf geradem Wege zu erreichen ist. Als ich einen Markthelfer fragte, wo das schlechte Sauerkraut liege, gab er mir den guten Rat, nur immer der Nase nach zu gehen. Ich würde es schon bestimmt finden. Dennoch ist es nicht leicht, zum Sauerkraut zu gelangen. Es wird bewacht wie alles, was bei uns nicht gut riecht, und das ist viel. Erst als ich mich für einen Schweinehändler ausgab, ließ man mich in den Keller. Das ist sozusagen die Magenhöhle von Wien. Und das Sauerkraut gehört zu unseren – Innereien. An der Kellertür empfängt mich mörderischer Gestank. Mein Begleiter tröstet mich zwar, daß auch gutes Sauerkraut stinke. Aber an diesem Gestank rieche ich deutlich mehr als gutes Sauerkraut: auch gute Verwaltung ... Wie wird das Sauerkraut hergestellt? Ein Kenner erklärt mir den Vorgang: Das Kraut (Weißkohl) wird gehobelt, mit sehr viel Salz gemengt und in ein Faß gedrückt. Das Faß wird hermetisch verschlossen und das darin verwahrte Kraut der Gärung überlassen. So entsteht Sauerkraut. Wie läßt man Sauerkraut faul werden? Indem man Juristen mit Lebensmittelressorts beteilt nach dem Grundsatz: Wem Gott Sauerkraut gibt, dem schenkt er auch noch die Nase dazu. Und indem man der Anschauung huldigt, daß Lebensmittel, die von einer Gemeinde angekauft werden, von dieser nicht früher ausgegeben werden dürfen als zu dem Zeitpunkte, da sie selbst in den Geruch kommen, von der Gemeinde angekauft worden zu sein ... Dieser Vorgang ist die patentierte Erfindung der Wiener Gemeindeverwaltung und wird selbst von der Magdeburger Sauerkrautfabrikation nicht übertroffen. Sachverständige in Kriegsausrüstung behaupten, daß sich, nun eine günstige Gelegenheit biete, die vielen zwecklos herumliegenden Gasmasken zu verwenden: Jene Schweine, denen das Sauerkraut als Speise zugedacht ward, sollen vor Antritt der Mahlzeit mit Gasmasken beteilt werden. Eine große Sorge bleibt nur noch bestehen und ist ebensowenig aus der Welt zu schaffen wie das Sauerkraut: Soviel Schweine hat ganz Deutschösterreich gar nicht... Josephus Der Neue Tag, 20. 8. 1919   Seifenblasen Ich habe Kinder gesehen, die Seifenblasen aufsteigen ließen. Nicht im Jahre neunzehnhundertunddreizehn, sondern gestern. Es waren richtige Seifenblasen. Ein Fläschchen voll Seifenschaum, ein Strohhalm, zwei Kinder und eine stille Gasse im Sonnenglanze eines Sommervormittags. Die Seifenblasen waren große, wunderschöne, regenbogenfarbige Kugeln und schwammen leicht und sanft durch die blaue Luft. Kein Zweifel: Es waren richtige Seifenblasen. Nicht aus den Tümpeln der Kriegsleitartikel, der Vaterlandspartei, der Pressequartiere aufgestiegene Seifenblasen patriotischer Phraseologie, sondern wunderschöne, regenbogenfarbige Seifenblasen. Ich denke an die vielen Seifenblasen, die wir platzen sahen, während der ganzen langen Zeit, da Kartensystem und Kettenhandel sich der Seife bemächtigt hatten und die Fabrikation der Seifenblasen aus den Mündern der Kinder in die Mäuler der Siegfriedler und Politiker übergegangen war. Da war die Seifenblase des ukrainischen Brotfriedens, die Seifenblase von Brest-Litowsk, vom »verjüngten Österreich« und schließlich die vierzehn großen Seifenblasen Wilsons, die in Versailles an Clemenceau anstießen und zerplatzten. Wir hatten inzwischen die gnädige Erlaubnis erhalten, uns an jene Strohhalme zu klammern, mittelst derer die Seifenblasen hergestellt wurden. Oh, es war eine traurige Zeit! Ich weiß, es werden immer noch Seifenblasen dieser Art aufsteigen. Seifenblasen der Weltrevolution, der Proletarierdiktaturen. Aber seitdem ich die echten, die wunderschönen regenbogenfarbigen Seifenblasen gesehen habe, blicke ich spöttisch und überlegen auf jene. Denn die Zeit ist wieder gekommen, da aus Kulturbedürfnissen Kinderspielzeug werden. Die logische Konsequenz, die daraus zu ziehen ist: daß sich die Politiker nicht mehr mit Kulturbedürfnissen befassen sollen. Vielmehr mit dem Dreschen der Strohhalme, die nötig sind, damit Kinder Seifenblasen erzeugen. Nicht Politiker. Der Neue Tag, 10. 9. 1919   Es wird eingestiegen In die Züge nämlich. In die Züge der Südbahn, wenn zufällig kein Streik ist. Und zwar wird durch die Wartesäle eingestiegen. In welche Züge? In die Züge Nummer 31 und 35. In der Südbahnhalle prangt die schöne Stilblüte: »In die Züge 31 und 35 wird durch die Wartesäle eingestiegen.« Man kann gerade nicht behaupten, daß diese Tafel an Deutlichkeit etwas zu wünschen übrigließe. Wann und wohin die Züge 31 und 35 abgehen? Natürlich, wann und wohin sie wollen. Hauptsache ist: das Durch-die-Wartesäle-Eingestiegen-werden. Wie prächtig sich doch die deutsche Grammatik auf Wiener Verhältnisse anwenden läßt! Wo erscheint die leidende Form mehr angebracht als in der Südbahnhalle? In Wien streikt man nicht. Es wird gestreikt. In Wien verkehrt man nicht. Es wird verkehrt. In Wien fährt man nicht. Es wird gefahren. Hier steigt man nicht ein. Das ist eine physische Unmöglichkeit. Es wird in der Menge Tausender Passagiere eingekeilt, erstickt, erdrückt, geohnmachtet, gewartet: schließlich aufgemacht, geschoben, getragen, gehoben; und zum Schluß eingestiegen. In Anbetracht des betrübenden Umstandes, daß es nur wenigen gelingt, alle die leidenden Formen der deutschösterreichischen Grammatik bis zur letzten, das heißt: eingestiegen werden, durchzuhalten, schlage ich folgende Tafel vor: »Vor dem Eingestiegen-werden in die Züge 31,35 wird durch die Wartesäle des Südbahnhofes gestorben.« Josephus Der Neue Tag, 10. 9. 1919   Moderne Vehikel Der Fortschritt der Wiener Kultur, der nur deshalb so langsam ist, weil er wegen der Kohlennot die Elektrische nicht benützen kann und also zu Fuß gehen muß, ist schließlich müde geworden und hat den Krebsgang angetreten. Die Erfolge seiner neuen Gangart erscheinen deutlich sichtbar im Rahmen des Wiener Straßenbildes anno neunzehnhundertneunzehn. Selbigen Jahres ward nämlich die Elektrizität als Beförderungsmittel für untauglich befunden, und allerlei Vehikel aus vorvorigen Jahrhunderten sind aus den Schatten der Vergangenheit in das gedrosselte Tageslicht der heiteren Gegenwart hineingerollt. Auf der Wiener Ringstraße sind zum Beispiel folgende Fahr un gelegenheiten zu sehen: ein Stellwagen aus dem Jahre siebzehnhundertundeins, der bis nun in den Archiven der Gesellschaft für Altertumsforschung von seinen weiten Fahrten geruht hatte; eine »Wagenburg« aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der nach durchaus verläßlichen historischen Dokumenten der gottselige Wallenstein selbst gesessen ist, als er im Jahre 1634 eine Zusammenkunft mit seinen Offizieren im Pilsner Hauptquartier hatte; ein zweirädriges Kabriolett, das Marie Antoinette bei gewissen Ausfahrten höchstpersönlich gelenkt haben soll; eine Diligence , in der Metternich eine Reise nach Karlsbad unternommen hatte. Außerdem noch: Zeiserlwagenruinen aus der Zeit Bauernfelds und Schwinds; zertrümmerte Postkutschen; Streifwagen mit improvisierten Sitzgelegenheiten aus Papierersatz. Schubkarren und Sänften fehlen noch. Eine praktische Neuerung wären Pendelleichenwagen vom Schottentor zum Zentralfriedhof. Die Passanten würden um den Preis von sechzig Hellern – gewiß nicht zu teuer – auf den Friedhof hinausbefördert und könnten sich dort alsogleich halblebendig begraben lassen, um dem Wiener Winter leicht und schmerzlos zu entgehen. Die Behörden seien hiermit darauf nachdrücklich aufmerksam gemacht! Der Neue Tag, 23. 9. 1919   Die Folgen Ein Kellner trug eine Tasse Tee über die Straße. Ein dreimal gewendet aussehender, herabgekommener Fixbesoldeter kam dem Frühstück in den Weg und war so überrascht von dem langentbehrten Anblick, daß er, offenbar aus dem Wunsche heraus, von der Teetasse getrunken zu werden, an diese anstieß und sie dem Kellner aus der Hand schlug, so daß sie aufs Pflaster fiel und klirrend zerschellte. Darob Streit zwischen dem Kellner und dem Fixbesoldeten. Der Kellner behauptete, der dreimal gewendete Herr müsse zahlen. Dieser, daß eine über die Straße lustwandelnde Teetasse öffentliches Ärgernis errege, insbesondere, wenn die Gefahr besteht, daß ein Fixbesoldeter ihr begegnen könnte. Unter den Wienern, die zur Stunde, da dies geschah, sozusagen zur Arbeit eilten, bildeten sich zwei Gruppen, die den Fall der Teetasse lebhaft diskutierten. Die einen schrien, der Herr müsse das ruinierte Frühstück bezahlen. Die andern hielten dawider, daß einem ruinierten Herrn viel eher ein Frühstück bezahlt werden müßte. Der Streit tobte mit unausgesetzter Heftigkeit etwa fünf Minuten. Plötzlich fiel das Wort »Tepp, blöda« mit dumpfem Knall in das Tosen des Streits. Der also Getroffene wich nicht, sondern erhob die Rechte, wog sich ein paarmal hin und her und schleuderte schließlich ein kräftiges »Rotzbua!« zurück. Unter den Wienern, die zu jener Stunde sozusagen zur Arbeit eilten, bildeten sich zwei Gruppen: die eine für den Teppen, die andere für den Rotzbua. Der Fall komplizierte sich zu einem gordischen Knoten. Da kam seltsamerweise ein Wachmann und erklärte beide Schützen für verhaftet. Die Teetasse, deren Scherben noch auf dem Pflaster lagen, hieß er zurückbleiben. Der Fixbesoldete und der Kellner waren verschwunden. Verhaftet wurden zwei Wiener, die sozusagen zur Arbeit geeilt waren. Denn so ist der Lauf jedes Wiener Geschehens: Die Ursachen verschwinden, und die Folgen ziehen sich in die Länge. Scherben hinterläßt jedes Ereignis. Einer zerschlug eine Tasse, und der andere wollte sie bezahlt bekommen. Zwischen beiden entspann sich ein Streit. Aber die Logik der Wiener Lokalchronik fügt es, daß zwei andere verhaftet werden. Die Folge der Existenz eines Fixangestellten und einer Teetasse war ihr Fall, die Folge des Falles ein Rechtsstreit, die Folge des Rechtsstreites das Verschwinden seiner Urheber, und da diese nicht mehr waren – mußten natürlich zwei andere streiten. Überflüssig war nur der Wachmann. Aber sollte er etwa dort erscheinen, wo er notwendig ist? ... Nein! Denn ein Wachmann ist, wie schon sein Titel besagt, ein Mann, der bewachen soll. Nun wäre z.B. das Friedrichspalais an der Albrechtsrampe zu bewachen. Es enthält zahlreiche wertvolle Gemälde und andere Kostbarkeiten. Und solange die Monarchie war und der Erzherzog Friedrich, machte der Wachmann seinem Titel Ehre und stand vor dem Friedrichspalais. Ich dachte, das wäre eine Ehrenwache. Denn der Wachmann vor dem Friedrichspalais schien mir noch – sagen wir: wachmännischer – als seine Kollegen. Seine weißen Handschuhe hauchten Festlichkeit. Seine Metallknöpfe glänzten Würde. Seine Haltung war die eines Kandelabers. Er war gewiß eine Ehrenwache. Aber einmal war der Erzherzog Friedrich weg, und der Wachmann stand dennoch vor dem Palais. Aha! dachte ich, er bewacht also doch die Schätze! Seit der Einführung der Republik ist der Wachmann verschwunden. Zwar sind ja wertvolle Gemälde und Kostbarkeiten geblieben. Aber Friedrich ist fort! Der Wachmann war doch eine Ehrenwache. Warum war er aber auch in Friedrichs Abwesenheit auf seinem Posten gestanden? Eben nicht als Ehrenwache, sondern als Bewachungsposten. Denn solange Friedrich Erzherzog war und die Monarchie eine Monarchie, mußte man Schätze bewachen. Jetzt, denkt die Behörde, da der Erzherzog – Friedrich ist und die Monarchie Republik heißt, können sie uns gestohlen werden. Um sich republikanisch zu erweisen, schaffte sie den Ehren- und Bewachungsposten vor dem Friedrichspalais ab. Den Friedrich konnte man noch zur Not bewachen. Die Schätze nicht. Würde man diese bewachen, so würden die Leute glauben, man bewache jenen. Mit Recht: Denn wann hätte man schon in Wien etwas Wertvolleres als einen Friedrich bewacht? Doch nur, nachdem es gestohlen worden war! ... Josephus Der Neue Tag, 28. 9. 1919   Der neue Hofpark Zwischen dem Staatsamt für Äußeres und der Rückfront des Modena-Palais, in dem der Staatskanzler residiert, gegenüber dem seitlichen Burgeingang in der Schauflergasse befindet sich eine weite Rasenfläche. Lange Zeit war sie unbenutzt. Die monarchische Regierung nahm selbstverständlich keine Rücksicht auf die nachrevolutionäre Wohnungsnot. Man hielt den Rasen für einen dringenden Staatsakt und ließ infolgedessen – Gras darüber wachsen. Freilich gab es der Hofparks genug. Hätte man etwa noch einen schaffen sollen? Aber die Republik braucht einen neuen Hofpark. Schönbrunn gehört den Invaliden. Und die neue Dynastie war sozusagen heimatlos. Freilich, ein Büro hatte der Staatskanzler noch. Aber konnte man etwa in einem Büro wie in einem Schönbrunnerpark als alter Herr sorgenschwer sitzen? Nicht nur das alte Lied verlangte nach einer sinngemäßen Textänderung. Auch die Autorität forderte ihren Rahmen. Eine Majestät ohne Park aber ist ein Unsinn. Ein Staatskanzler, der in einem Büro arbeitet – wodurch unterscheidet er sich von einem simplen Diener des Staates? Aber ein Staatskanzler in einem Park – den nenn' ich einen Staatskanzler. Dr. Renner, der wie eine Version besagt, aus St. Germain eine unüberwindliche Vorliebe für Eisengitter mitgebracht hat, ließ also einen großen Teil der Rasenfläche einzäunen. Das soll 160 000 Kronen gekostet haben, aber das ist nicht viel, denn es ist sozusagen der Wiederaufbau Deutschösterreichs, der mit der Durchschneidung des Rasens vor der Staatskanzlei einen verheißenden Anfang genommen hat und sich in Gestalt eines Eisengitters auf gemauerter Grundlage präsentiert. Innerhalb des Rasens soll ein schmucker Pavillon erbaut werden, in dem Dr. Renner fern vom Lärm des Tages arbeiten wird. »Der Staatskanzler als Einsiedler« dürfte dann ein Feuilleton der »Arbeiter-Zeitung« heißen. Ob die künftige Politik ihre Weltfremdheit etwa dem Milieu ihres Geburtsortes zu verdanken haben wird oder nur ihrer Abstammung, wird allerdings schwer festzustellen sein. Ein passender republikanischer Leitspruch als Torinschrift über dem Parkeingang ist noch nicht gefunden. Ich schlage vor: Odi profanum vulgus . Ein weiser Spruch, der etwaige unbesonnene Demonstranten von der Abfassung untertäniger Dank- und Ergebenheitsadressen an den Staatskanzler sicherlich abhalten dürfte. Im Sommer wird sich der Staatskanzler der nützlichen Beschäftigung hingeben können, Kohl zu bauen, wenn er etwa an dessen Hervorbringung durch Reden noch nicht genug haben dürfte. Der Umstand, daß gegenwärtig das alte Gras innerhalb des Eisengitters abgemäht wird, läßt darauf schließen, daß die Autorität des Staatskanzlers den Wunsch geäußert habe, im Frühjahr wenigstens das neue wachsen zu hören. Außerdem wird der Staatskanzler Gelegenheit finden, sich an heißen Sommertagen der Ruhe hinzugeben. Somit wird dann das abgeschaffte Wörtchen »geruhen« wieder in den deutsch-österreichischen Sprachschatz mit Hilfe eines Leitartikels der »Arbeiter-Zeitung« eingeführt werden können. Mit dem Fortschreiten der Wiederaufbauarbeiten dürften auch die anderen Staatsämter und Behörden dem Beispiel der Staatskanzlei folgen. So wird die Aufstellung von spanischen Reitern vor dem Staatsamte für Volksernährung geplant, die Ausführung von Hindernisgräben vor dem Staatsamte für Äußeres, die Aufstellung von Abwehrkanonen vor dem Staatsamte für Unterricht und die Pflasterung mit Stinkbomben vor dem Gebäude der Tabakregie. Als einziges Staatsamt mit freiem Zutritt dürfte das Staatsamt für Finanzen übrigbleiben. Die Tage, an denen Staatskanzler und Staatssekretäre im Freien arbeiten werden, werden besonders bekanntgegeben, damit rührende Einzelporträts und Familienbilder rechtzeitig in die »Woche« kommen. Der Neue Tag, 12. 10. 1919   Abschied von der Schaffnerin Am 1. November wird sie von der Plattform der eingeschränkten Wiener Öffentlichkeit verschwunden sein. Die Schaffnerin, eine Improvisation der großen Zeit, wird Zange und Diensttasche abtun und reuig heimkehren zu Küchenschürze und Kochlöffel. Eigentlich tut es mir leid um die Schaffnerin. Von allen Neuerungen der letzten Jahre war sie zweifellos die sympathischste. Sie repräsentierte die angenehmste Erscheinungsform der Frauenbewegung, die seit der Diensteinstellung der Frauen auf der Straßenbahn fortab ihre Fortschritte nicht mehr zu Fuß, sondern mit der Elektrischen machte. Es gab verschiedene Arten von Schaffnerinnen. Ältere, mütterliche, deren Gestalt und Antlitz von Kinderhaben erzählten, von einem Mann in Kriegsgefangenschaft, von Witwentum, von Nahrungssorgen. Sie versah ihren Dienst mit einer automatischen Sicherheit, und ihr »Vorgehn bitte!« war dienstlich, ganz unpersönlich, sie prüfte die Fahrkarte mit der Gewissenhaftigkeit einer Hausfrau, die etwa den Wäschezettel durchsieht, und ihre Art, einen Fahrschein zu lochen, war bestimmt, unfehlbar, sicher, so etwa, wie wenn sie einen Nagel in die Wand geschlagen hätte, um die Bratpfanne aufzuhängen. Sie sprach nicht viel und kannte weder Protektionen noch Konzessionen. Ihre Amtskappe saß ehrbar und gerade auf ihrem zu einem einfachen Knoten geschürzten Haar, und die Tasche hing vorschriftsmäßig vorne, nicht ein bißchen rechts oder links verschoben. Hinter dem Ohr, von einem Haarbüschel etwas überschattet, steckte ein Tintenstift. Amtskappe, Diensttasche, Tintenstift sagten: Ich kenne meine Pflicht! Wenn der Revisor kam, grüßte die Schaffnerin zuerst. Dienst ist Dienst. Sie war der lebendige, fahrende Beweis für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Den Gegenbeweis lieferte die »Flotte«. Sie war gewöhnlich blond, was durchaus nicht nach den Dienstvorschriften war, sondern im Gegenteil – nach irgendwelchen geheimen, göttlichen Dienstvorschriften. Auch wenn sie schwarz war, spielte ein Schimmer von Blondheit um ihre Persönlichkeit. Sie war ganz einfach »blond«. Ihre Kappe war ein Käppi und saß schief auf dem Hinterhaupt, weil ein paar frivole Löckchen gerade Lust hatten, sich die Fahrscheine anzusehen. Sie hatte keinen Tintenstift hinterm Ohr. Ihre Tasche saß auf der linken Hüfte und machte sich ganz unscheinbar, nebensächlich, als wollte sie sagen: Ich bin ihr kein Hindernis! Irgendein Blümchen, blau, weiß oder rosa, steckte in der Kappenrosette und lächelte und nickte ermutigend: Ja, bitte schön! Irgendeine Halskrause, weiß oder blau, negierte entschieden jeden Dienstcharakter. Sie sah sich die Fahrscheine nur so, von oben herab, an, als wollte sie sagen: Ach, wie lästig! Ihre Zange setzte die »Flotte« mit einer Schalkhaftigkeit an die Fahrkarte, als zwickte sie neckisch irgend jemanden am Ohrläppchen. Ihr Trompetensignal war niemals scharf, dienstlich. Es war persönliche Liebenswürdigkeit drin. So eine Art Hornruf. Es war ein hellblondes Trompetensignal ... Sie rief: »Vorgehn bitte!«, und es war nicht Aufforderung, sondern Einladung. Sie zwängte ihre reizende Schlankheit anmutig durch die Menschenleiberlabyrinthe, und trat sie einem auf die Zehen, so sagte sie nichts, sondern sah ihm nur in die Augen. Man war beseligt. Sie machte keine »Anstände«, woraus Moralische den Schluß ableiteten, daß ihr mehr Anstand not täte. Sie lachte manchmal falsch, eine Stunde zu früh oder zu spät, und wenn man sich darüber aufregte, weinte sie. Ihr gegenüber war selbst der Herr Revisor ein Schwächling. Wenn sie gerade in einer »Blauen« Dienst machte und ich Fahrgast war, so wünschte ich, daß sich die Strecke in die Unendlichkeit dehnen möge. Ich fuhr bis zur Remise und ging dann zu Fuß zurück. Und nicht immer allein. Ihre Fußbekleidung war ganz anders als die ihrer älteren Kolleginnen. Diese hatten »Knöpfelschuhe« oder gar »Ziehstiefeletten« mit Gummieinsatz. Die Absätze waren flach und breit. Die Spitzen sahen ein bißchen gekrümmt zur Wagendecke empor. Dagegen trug die »Flotte« Halbstiefelchen mit hohen Absätzen und eine schwarze Masche an der Schnalle. Ästhetik auf Kosten der Hygiene. In einem Fach ihrer Diensttasche, dort, wo sonst Zehnkronenscheine zu liegen pflegen, lagen – Taschenspiegel und ein kleiner Kamm. Und aus der rechten Tasche des Jäckchens lugte neugierig der Zipfel einer Zuckerltüte hervor... Die »flotte« Schaffnerin war keine Amtsperson. Eher ein Verkehrshindernis für gewisse Naturen. Ihre holde Weiblichkeit wirkte besänftigend auf reisende Choleriker. Man empfand das Stehenbleiben eines Wagens weniger lästig und stieg nicht aus, selbst wenn man zur Pünktlichkeit neigte. Und wenn man aufsprang, so zog uns ihr ewig Weibliches helfend auf die Plattform der Seligkeit hinan. Sie war das einzig liebliche Produkt des Krieges. Sie versöhnte mich sogar mit der Frauenemanzipation. Denn sie widerlegte die These von der Gleichberechtigung der Geschlechter so nachdrücklich, wie es nur – eine Frau kann. Eine schöne Frau allerdings. Am 1. November werde ich vergeblich nach ihr suchen. Meine Straßenbahnfahrten werden nüchterne Alltagsgeschäfte sein. Der Glanz einer stillen Festlichkeit ist dahin. Ich beantrage: Einstellung der Elektrischen ab 1. November. Josephus Der Neue Tag, 19. 10. 1919   Der kleine Sacher Vor einem Jahre noch zog ihn ein Karren durch die Straßen. Heute schleppt er einen Wagen. Ehemals hatte er überhaupt keinen Namen. Keine Firma. – Er war zwar kein Niemand. Aber ein Irgendwer. Ein Würstelverkäufer. Ein Gattungsexemplar. Heute hat er sogar einen Titel. Mehr: eine Schutzmarke. Noch mehr: Popularität. Er übersprang jene Stufe auf der Leiter eines Würstelverkäuferlebens, auf der man seinen Namen auf ein Schild malt. Aus einem Würstelverkäufer wurde er – aus Hochachtung möchte ich sagen: ward er, also ward er ein Sacher. Ein kleiner zwar, aber ein Sacher. Das nenn' ich Karriere. Ein Sacher hat es nicht notwendig, durch die Straßen Würstel spazierenzuführen. Den Leuten nachzulaufen. Zu einem Sacher müssen die Leute selbst kommen. Deshalb schleppt er seinen Wagen bloß einmal täglich zu seinem »Stand«. In der Praterstraße. Da sieht es aus wie bei einer ältlichen Chansonsängerin aus einem Varieté zweiter Güte. So ein bißchen puderbestaubte, billige Romantik. Überschminkte – Vorvergangenheit. Erlebnisse, die weit zurückreichen. Ein Alter, in dem man's »billiger gibt«. Ein vor zehn Jahren lebendig gewesenes, seit zehn Jahren steril gewordenes Lächeln um den Mund, das im Begriff ist, aus einer Maske eine Fratze zu werden. Tagsüber ist die Praterstraße eine sogenannte »Verkehrsader«. Lastfuhrwerke stampfen roh und ungelenk über ihren Boden wie Möbelpacker. Autoräder stolpern über seine Unebenheiten, und Pneumatiks platzen mit scharfem Knall vor Wut über die spitzen Steine. Für den Tag hat sich nämlich die Praterstraße den Nordbahnhof sozusagen als Nebenbeschäftigung genommen. Am Abend ist die Praterstraße zwar nicht gewaschen, aber geschminkt. Ihre Besucher sind: Mädchen für alles, die »Ausgang« haben, in Hüten vom vorletzten Herbst; kleine Kommis mit fabelhaft schillernden Selbstbindern und hartem Hut auf dem linken Ohrwaschel; Gymnasiasten, die Geburtstag feiern und ausziehn, die Liebe zu lernen; kleine, ganz kleine Kettenhändler, Kategorie: »Rucksack«; Pikkolos, die angeblich zum Zahnarzt mußten und einen halben freien Tag haben. Und überhaupt alles, was dereinst Haken werden will und sich beizeiten in der nächtlichen Praterstraße krümmt. Hier hat der kleine Sacher seinen Stand. Wo denn sonst? Wenn ich nicht wüßte, wo er herkommt, ich würde glauben, der kleine Sacher sei eine patentierte Erfindung der Praterstraße.   Der kleine Sacher besteht aus drei Hauptteilen: Da ist zuerst ein Wagen, dann eine Frau, dann er selbst. Der Wagen hat die Höhe eines Wächterhäuschens und steht auf einem Rädergestell. Man sieht es dem Wagen an, daß er sich aus einem Karren emporentwickelt hat. Im Anfang waren die Räder. Jetzt sind sie immer noch da. Die Frau ist groß, stark, blondhaarig, blauäugig. Eine etwas billige Germaniakopie. Ein viereckiger Ausschnitt in der Wagenwand – das Fenster – faßt ihre Blondheit ein. Sie nimmt die Bestellungen der angestellten Kundschaft entgegen und erteilt ihrem Mann Aufträge. Der kleine Sacher selbst schielt. Das ist wichtig. Andere Wurstzeughändler schauen gradeaus und gehen dabei zugrunde. Oder bleiben bestenfalls Karrenzugtiere. Der kleine Sacher aber vermochte sich alle Vorteile zu erschielen. Ich hätte die ganze Geschichte nicht erzählt, wenn nicht folgendes passiert wäre: Zwischen jugendlichen Schieberaspiranten stand ein Mädchen vor der Bude und biß in eine saure Gurke. Sie kostete zwei Kronen. Als sie bezahlen sollte, ergaben sich Komplikationen. Sie kramte in ihrem Täschchen. Etwas lange. Es war nur ein Fragment eines Einkronenscheines darin, mühsam zusammengepickt. Und achtundneunzig Heller in Barem. Ich sah nicht recht, aber ich glaube, es schimmerte eine Träne in ihrer Stimme, als sie sagte: »Zwei Heller gebe ich Ihnen morgen.« Worauf der kleine Sacher zwei große, prachtvolle saure Gurkenexemplare in die »Kronenzeitung« steckte und sie dem Mädchen gab. »Sie zahlen mir morgen!« sagte er. Nichts weiter. Das Mädchen ging. Und ich wußte: Der kleine Sacher schielt sozusagen mit dem Herzen ...   »Der kleine Sacher«. Das klingt originell und bescheiden. Anspruchsvoll und zurückhaltend! Nicht – Gott behüte! der große Sacher! Aber ich, der kleine Sacher, wäre wohl der Große geworden, wenn jener eben mir nicht zuvorgekommen wäre. Und wenn ich nicht – schielen würde. So bin ich zwar ein Sacher geworden. Aber ein kleiner geblieben. Josephus Der Neue Tag, 26. 10. 1919   Schönbrunn Die Besichtigung der Gemächer freigegeben Ein Schloßhauptmann und ein Zeremoniendirektorstellvertreter und ein Diener mit einer altösterreichischen Amtskappe und ebensolchem, d.h. böhmischem Dialekt sind geblieben. Das sind die Reste des Märchens von Schönbrunn. Die Bäume fröstelt's im naßkalten Herbstregen. Sie stehen da wie Menschen, die man im Regen zurückläßt und warten heißt und die sich nicht wegrühren können und patschnaß werden müssen. Die Zimmer, Kabinette, die Vorzimmer, die Stiegen heißen noch so, wie man's von Zimmern und Stiegen aus Märchenbüchern erwartet. Die »Trabantenstube«, das »chinesische Rundkabinett«, das »Vieuxlac-Zimmer«, das »Millionenzimmer«. Und das Imperfektum in den Erklärungen des Dieners und des Schloßhauptmanns: hier pflegte ... hier stand ... hier starb ... dort wurde ... Wie seltsam glimmert das Wunder durch die Kruste von Staub und Geschichte! Eine Stiege. Steinfliesen, blauer Plafond. Breit, herrisch. Man schämt sich vor dieser Stiege, wie man so dasteht in einem bürgerlichen Winterrock, mit aufgekrempelter und kotbespritzter Hose. Es ist die – oh, wie wunderbar! –, die »blaue Stiege«. Wohin anders kann sie führen als in die »Trabantenstube«? Da ist eine braune zierliche Fußbodentäfelung. Ein falbes Braun, wie das der Lindenblätter im Spätherbst. Soll man darauf treten? Auf die Diele eines echten »Nußbaumzimmers«? In einem großen, kahlen Zimmer steht ein Schreibtisch am Fenster, ein alter, sehr kleinbürgerlicher Toilettespiegel drückt sich schüchtern in einen Winkel. Und in der anderen Ecke steht das Bett, das eiserne Bett. Puritanisches Eisen. Hier starb ein alter Kaiser. Deshalb heißt es das »Sterbezimmer«. Kaiser Karl hat die angrenzenden Appartements neu herrichten lassen. Die Kaiserin Zita sollte dort wohnen. Die Geschichte, die zu machen sie sich einbildeten, ist ihnen zuvorgekommen. Kaiserin Zita hat nie dort gewohnt. Hat nie gewohnt in diesem großen Rosar-Zimmer. Ein großes Gemälde, die alte Habsburg im Aargau, hängt an der Wand. Bilder des Malers Rosar. Sie sind geschmeichelte Landschaftsporträts. Als hätte der Maler der gnädigen Frau Natur beim Porträtieren zugerufen: Bitte recht freundlich! Und die Natur hätte gelächelt ... Was ist das? Ein Kabinett wie ein Tempelchen aus dem Osten. So rund, so zierlich, so wunderbar wie ein Kapitelchen aus der Geschichte von Li-Hu-Tsang und Tai-Pe-To. Pastellbildchen an den Wänden, wie hingehaucht von einem fernen, wunderbaren Ostwind, der Teeblüten im Haar trägt und kleine silberne Glöckchen um die Schultern. Das »chinesische Rundkabinett«. Dort rieche ich den Moder der Jahrhunderte. Ein paar Kapitel Weltgeschichte liegen aufgeschichtet auf dem Bett, auf dem Napoleon schlief und der Herzog von Reichstadt starb. Der Diener, ein Interpret der Ereignisse mit böhmischer Färbung, weiß genau das Datum. Wißt ihr, wie chinesisches Rosenholz ist? Schüchterne Röte kleiner Mädchenbrüste. Es ist eine Farbe, die Duft hat. Dazwischen indische Zeichnungen, wie mit einer Nadel, die man in Farbe getaucht, ausgeführt. Und die Zeichnungen kommen aus Konstantinopel, der Stadt am Goldenen Horn, dorther, wo das Horn am goldensten ist. Über eine Million hat die Kaiserin Maria Theresia dafür ausgegeben, für dieses seltsamfremde »Millionenzimmer«. Ein Besen lehnt in einer Ecke und ein »Bartwisch«. Sie repräsentieren die Gegenwart. Sie spielen Realität. »Weißt du«, sagt der »Bartwisch« zum Besen, »oben, im zweiten Stock, werden hundertsieben Proletarierkinder amerikanisch gespeist!« »So, so, amerikanisch!« meint der Besen und schielt in das chinesische Rundkabinett ... Josephus Der Neue Tag, 4. 11. 1919   Proletarisierung der Häuser Ich kenne eine alte kleine Gasse in der Inneren Stadt. Sie ist nicht sonderlich rein. In der Ecke lagert sogar ein Misthaufen. Die Häuser sind alt, solide und bescheiden, zweistöckig, aber nicht hochmütig, wie Menschen aus guter bürgerlicher Familie. Nur ein Haus ist just in der Mitte, das stolzer, adeliger als die anderen aus der schnurgeraden Häuserlinie etwas bauchig hervortritt, als ziemte ihm nicht, ganz in derselben Reihe mit den anderen zu stehen. Es ist irgendein Amtsgebäude mit Sockeln und Sockelchen, pausbackigen Engeln unter dem Dachfirst und einem mächtigen, doppelflügeligen braunen Haustor, das weit offensteht, um seinen Portier, einen Menschen aus Bauch, Goldtressen und blondem Schnurrbart, zu zeigen. Dieses Haus präsentiert nicht aufdringlich, sondern vornehm zurückhaltend eine Visitenkarte aus Marmor mit schwarzen Buchstaben, die besagen, daß das Haus aus dem Jahre 1700 stammt. Wenn es dunkelt, rücken die anderen Häuser alle ein bißchen zusammen; nur das eine stolze, schöne Haus bleibt weiß, stark und leuchtend allein. Es fürchtet sich nicht vor dem Abend. Es zündet seine mächtige alte Laterne vor dem Eingang an und wird nur noch stolzer und stärker. Seine Kanten werfen schwere Schatten, und ich ermesse daran, wie dick seine Mauern sind. Die Fenster sind tief eingebaut, zwei Menschen könnten gemütlich in jeder Fensternische sitzen. Der Schatten eines Pausback-Engels zeichnet sich am Dachfirst ab, und ich sehe, wie groß er ist. Auf dem Gesicht dieses Engels könnte man ein Gartenbeet aufschütten. Vierzehn Tage lang muß ein Mann an einem solchen Engel gearbeitet haben. Ich liebe dieses Haus um seiner Schönheit willen und die Gasse dieses Hauses wegen, und ich wäre unendlich traurig, wenn eines Tages an einen Umbau gegangen würde und die Schädelplatte eines Engels zertrümmert am Boden läge.   Diese jungen Häuser sind alle Schwindelbauten. Der Herr Baumeister hat in drei Tagen seinen Plan fertig, und vierhundert Arbeiter sind mit der Errichtung des neuen Hauses beschäftigt. In vierzehn Tagen kann man einziehen. Ein halbwegs ehrgeiziger Windstoß könnte dieses Gebilde aus zentimeterdünnen Wänden umblasen wie ein Kartenhaus. Es ist aus Papiermaché. Ein paar armselige Blumenornamente unter dem First, auf denen nicht einmal ein Spatz ordentlich stehen kann, sollen eine Physiognomie vortäuschen. In Wirklichkeit haben diese Häuser alle dasselbe Gesicht. Keine Physiognomien, nur Nummern. Die Namen der Straßen sind ohne innere Berechtigung, man könnte sie miteinander verwechseln, wenn sie nicht verschiedene Straßenbahnwagen durchfahren würden. Kein Haus tritt vor, keines zurück, sondern alle stehen schnurgerade ausgerichtet in einer Reihe. Es ist der Militarismus der Häuser. Jahre-, jahrzehntelang wohnen wir in diesen Phantomen von Häusern. Sie sind keine Wohnhäuser, nur Schutzhütten vor den Stürmen des Tages, in denen wir nächtigen, essen und trinken, aber nicht wohnen. »Wohnen«, »Häuser«, »Wände«, »Stuben« sind neue Begriffe geworden. Der Arme wohnt in einem Zimmer, der Wohlhabende in fünf, der Reiche in zehn. Aber alle Zimmer sind aus Papiermaché. Dennoch konnte man Kleinigkeiten, Zierrate anbringen, Teppiche, Bilder, wenn man Geld hatte. Bis die allgemeine Militarisierung und Mechanisierung des Lebens den Krieg brachte.   Als ich aus dem Felde heimkehrte, bemerkte ich schon im Hausflur eine peinliche Änderung. Die zwei Stangen aus Messing entlang der Stiege waren durch hölzerne, wurmstichige Stöcke ersetzt. Ich weiß nicht, hatte man jene »abgeliefert« oder gestohlen, sie waren nicht da. Die Proletarisierung der Häuser hatte begonnen. Alle, alle Häuser sind schäbig geworden. Sie tragen gewendete Anzüge und zerbeulte, vom Wetter hergenommene Hüte. Ihre Schornsteine sind rissig, gelb und grau, der Rauch dringt aus Ritzen und Spalten. Die Fensterscheiben sind mit braunen Papierstreifen beklebt und aus billigem grünlichem Glas mit häßlichen Blasen und Warzen. Hier und dort wird die Türe eines Hauses neu angestrichen. Das täuscht nicht über die Armut hinweg. Die Häuser lassen sich nur ihre alten Anzüge sozusagen chemisch putzen. An den arm gewordenen Häusern werden Wohnungskommissionen Pfändungen vornehmen. Und die reichen, alten und stolzen Häuser werden mit Gewalt arm gemacht. Auch mein Haus in der stillen, alten Gasse. Eines Tages werde ich hinkommen, und das Tor wird zu sein, und ein Volkswehrmann wird davorstehen. Den Portier aus Bauch, Goldtressen und Schnurrbart wird man mit den Kunstschätzen nach dem Ausland verkauft haben. Hinter eisernen Gittern mit blaßgoldenen Spitzen werden Windeln hängen und Nachtgeschirre trocknen. Das Gegenteil von dem geschieht, was die Gegenwart erstrebt: Keine Proletarierbehausung wird würdige Wohnstätte, sondern umgekehrt – alle, alle Häuser sind proletarisiert.   Schlimmer aber ist die Fähigkeit der Menschen, in Buden zu wohnen. Der Krieg hat die Baracken gebracht und die Erdhöhlen. Mit ihnen hatte die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht: die Barbarei. Gestern war ich am Nordbahnhof. Es war eine stille Nachmittagsstunde. Der Bahnhof ruhte aus. Es schneite, und die rostigen Schienenstränge drückten sich enge zusammen vor Kälte. Vor einem plombierten Wagen stand ein Volkswehrmann; die Hände in den Taschen, das Gewehr baumelte auf der rechten Schulter. Es war ein entmilitarisierter Wachtposten. In einem Tümpel zwischen zwei Schienen plätscherte eine schmutzige Ente. Sie gehörte einem jener Eisenbahner, die drüben in den Baracken wohnen. Wie diese Baracken sich brüsten. Wie sie Häuser sein wollen! Sie sehen aus wie kleine Moritze, die Erwachsene spielen. Diese Waggons, die ihre Herkunft verleugnen, die sich einbilden, Wohnstuben zu sein, weil die Zwischenwände ausgehoben wurden und die Menschen verfaulte Matratzen in ihnen liegen haben. Und sind doch nur elende Waggons ältester Marke, die nicht mehr fahren können, weil man ihnen die Räder amputiert hat! Das ist die vorletzte Etappe auf dem Wege zur Proletarisierung der Häuser. Ziegel um Ziegel, Stein um Stein werden wir verpfänden, verkaufen, ins Versatzamt tragen. Und werden uns eingraben in Erdhöhlen. Und jene stolzen, großen, alten Häuser, in denen man Schützengrabensysteme erfand und zeichnete, werden längst nicht mehr sein. Sondern eine Welt aus Schützengräben. Unerbittlicher Kreislauf des Geschehens: Von der Erdhöhle zur Kultur, verflacht durch Zivilisation, zum Militarismus der Technik. Von da durch Krieg Sozialisierung, Proletarisierung bis zur Erdhöhle – nur ein Schritt. Der Neue Tag, 8. 11. 1919   Divergenzen Ohne die Uhr am Stephansplatz wäre ich kein Schriftsteller. Die Stephansturmuhr ist eines meiner unumgänglich notwendigen Schriftstellerrequisiten. Wenn ich schon gar keinen Stoff habe, so gehe ich zu meiner Stephansturmuhr. Sie hat immer irgendeine Liebenswürdigkeit für mich parat in ihrem Uhrgehäuse. Ich besuche sie regelmäßig, ungefähr wie man eine alte Tante besucht, von der man weiß, daß es nicht ganz richtig mit ihr ist, daß sie aber dennoch irgendwelche Leckerbissen im Schrankfach hat. Es ist immer irgendwas kaputt an der Stephansuhr. Sehr oft steht sie, manchmal geht sie falsch, fast immer zurück, als sehnte sie sich nach vergangenen, guten alten Zeiten. Seit einigen Wochen hat sie eine gar wunderliche Laune: Ihre linke Gesichtshälfte, dort, wo die Ziffern immer so wundervoll springen, kümmert sich einen Schmarrn um die rechte, auf der das Ziffernblatt mit den Zeigern angebracht ist. Künden die Zeiger rechts halb zehn, so sagen die Ziffern links dreiviertel neun. Ich glaube, die gute Tante Stephansuhr weiß ganz gut, was sie will. Als ein Wiener Symbol fühlt sie die Verpflichtung, ein Wiener Symptom zu werden. Sie kündet nicht die Zeiten der Stunde, sondern gleich die der ganzen Zeit. Sie spielt Verordnung und Erfolglosigkeit, Erlaß und Widerruf, Nachricht und Dementi. Sie sagt: Nur nicht alles gleich ernst nehmen in Wien! Es kommt immer ganz anders ... Josephus Der Neue Tag, 8. 11. 1919   Herbstrevue Wie arm dieser Herbst geworden ist! Reich und herrlich pflegte er einzuziehen, wie ein Kaiser. Der Sommer hielt einen Moment stille, stellte sich am Straßenrand auf und ließ die Symphonie von Gold und Purpur an sich vorüberrauschen. Der Herbst hatte Fülle und trächtige Pracht. Er schüttete Früchte in strotzende Marktkörbe. Äpfel, braunrot von der Sonne des Südens geküßt, mit glänzender Glasur, als ob sie mit feinstem Flanell geputzt worden wären. Birnen, gelb, mit harter, glänzender Schale, aus deren Poren der Saft des Lebens sickerte. Und Trauben, schwer, von mystischem Dunkel, wie formgewordene bacchanalische Wollust. Ihr Saft war Sünde. Auf der Ringstraße, zwischen Parlament und Oper, lustwandelte Kaiser Herbst an Oktobernachmittagen. Diese Nachmittage waren wie schwere venezianische Kelche; braun, mit Sonnengold bis zum Rande gefüllt. Manchmal fiel eine Kastanienfrucht mit gedämpftem Laut in die goldene Fülle, wenn der Herbst mit seinem Zepter einen Zweig streifte. Er ließ Notizen in den Zeitungen drucken: Seht! Ich bin gekommen! Ich eröffne die Saison! Er zündete hunderttausend Bogenlampen in den Straßen an und schüttete Millionen Glühbirnen aus seinen purpurnen Ärmeln. Ein Troß von schweren, ächzenden Kohlenfuhrwerken, mit grobhufigen, großen Gäulen bespannt, hielt vor jedem Haustor. Der Herbst tat nackte, weiße Frauenschultern in kostbare Pelze, Sealskin und Blaufuchs, wie man Edelsteine in samtene Etuis schlägt. Die Fiaker standen vor den Konzertsälen und fragten: »Fahr' ma, Euer Gnaden?« Sie waren eingehüllt in Demut und Lakaientum und beugten ihre feisten Säufernacken unter das kaudinische Joch des Trinkgeldes. Kaiser Herbst ist entthront und arm und elend geworden.   Wie ist er eingezogen? Der Sommer wollte nicht einen Schritt beiseite treten, sondern wuchtete schwer und träge bis zum letzten Moment auf dem glühenden Asphalt. Er wich erst, als der feuchte Nebel durch die Ritzen der Pflastersteine drang und ein hartnäckiger Proletarierregen schweißig herabtropfte. Wenige, wenige Früchte sind gekommen. Die glasurnen Äpfel und strotzenden Birnen und sündigen Trauben sind ängstlich in knisterndes Seidenpapier gehüllt und frösteln hinter Fensterscheiben. Auf den Märkten aber, von schmutzig-grauen Täfelchen überwacht, ist schmutziges Obst bettlägerig, das an Tuberkulose stirbt und die Ruhr hat. Es gibt keine Nachmittage mehr, an denen die Luft sich anfühlt wie warmes Gold. Es ist ein Ersatz aus Blech und Schwindel, und die Luft ist eine ganz gemeine Schiebung. Aus den welken Kastanienblättern werden die Zwanzighellerscheine der Gemeinde Wien hergestellt. Der arme Herbst hat vom Stadtrat das Verbot erhalten, Bogenlampen anzuzünden. Seine Glühbirnen sind der Kunstkommission unter dem Vorsitz des Herrn Enderes verfallen. Die kostbaren Pelze hat er den Spekulanten verkauft. Rote Fleischhauergattinnen mit speckigen Rindsnacken tragen Blaufuchs. Es sieht aus, wie wenn auf rohen Holzklötzen plötzlich Edelweiß blühte. Und die Abende sind erfüllt vom Gestank des Karbids. An einer Straßenecke wird Pferdewurst verkauft. Schieber und Dirnen sammeln sich wie dunkle Moskitos um die bläuliche Stichflamme. Von der blau-roten Nasenspitze des Verkäufers plätschern blinkende Tropfen in den Kessel. Seine schmierigen Hände wühlen in Haufen von blauen Banknoten wie Mäuse in einem Speckmagazin. Auf den Straßen schleichen vermummte Gestalten und suchen mit Blendlaternen das Pflaster ab. Sie suchen Zigarrenstummel und Dreck. Aus Pferdemist werden Ägyptische verarbeitet. Nur im kleinen Park, in der Wollzeile, der so hilflos daliegt zwischen wiehernden Fiakerkutschern und besoffenen Pferden wie ein junges Mädchen in einem Soldatenlager, blühen Rosen. Rote und weiße Rosen. Verspätete Wunder. Blühende Anachronismen. Sie blühen für die sterbenden Kinder in den Kliniken. Und auch kein Laub sehe ich fallen. Die Menschen steigen vielleicht des Nachts auf die Bäume und pflücken Blätter zum Heizen ... Der Neue Tag, 15. 11. 1919   Verwirrung Der Gasautomat ist ein bescheidenes Möbelstück. Er birgt sich im Vorzimmer, hinter der Tür, schwarzlackiert und unscheinbar und nur mit einem Messingstreifen als schüchterner Verzierung auf der Stirn. Der Gasautomat hat einen Mund. Eine schmale Ritze. Mit diesem Werkzeug pflegte der Automat Sechserln aus Nickel oder Eisen zu verschlingen. Die Köchin machte sich immer im Dunkel des Vorzimmers zu schaffen. Sie suchte den Mund des Gasautomaten. Es war ein zärtliches Verhältnis zwischen der Köchin und dem Gasautomaten. Wenn der Automat hungrig war, verdunkelte sich plötzlich das Zimmer. Die Gaslampe begann grünlich-gelb zu schimmern wie einer, dem es schlecht wird. Das feinkarierte Netz im Zylinder wurde mit allen Fäserchen sichtbar wie die Kulisse in der Oper, wenn Gretchens Bild am Spinnrad dahinter erscheint. Die Gesichter der Menschen waren wie von einem überirdischen, seltsam mystisch-grünen Scheinwerfer übertüncht. Selbst der Kanarienvogel zwischen dem Rhododendron und der Fensternische begann angsterfüllt zu zwitschern, schlug mit den Flügeln und machte einen Wind. Es war ganz wie bei der Sonnenfinsternis. Die Damen begannen in den Täschchen zu kramen, die Herren steckten sämtliche greifbaren Daumen und Zeigefinger in die Westentaschen. Irgendwo erschien auf dem Tische ein Sechserl. Die Tochter des Hauses verschwand im Dunkel des Vorzimmers. Ein klapperndes Geräusch zeigte die Vollendung ihres Sündenfalles an. Die Köchin barst vor Eifersucht. Alles das hat sich nun seit einiger Zeit geändert. Der Mangel an Sechserln veranlaßte die Direktion der städtischen Wasserwerke, die Gaspreise zu erhöhen. Man müßte nun eigentlich eine Papierkrone in den Mund des Automaten stecken. Der aber will von einer Krone nichts wissen. Er kann die Valuta nicht verdauen. Er will immer noch nur ein Sechserl, das mehr wert ist als eine Krone. Früher pflegte ein Mann mit einem rätselhaften Schlüssel und einer großen Bierträgertasche zu kommen. Er kniete vor dem Gasautomaten und pumpte ihm den Magen leer. Alle Sechserln wanderten in die Tasche. Die Verdauung des Gasautomaten war geregelt. Nun ist die Kasse offen. Der Gasautomat läßt sich betrügen. Es ist eine Schmach. Man wirft ein Sechserl hinein, der Automat glaubt daran und funktioniert gewissenhaft. Aber dann holt man unten das Sechserl wieder heraus und steckt es wieder in den Mund des Automaten. Nach einem Monat kommt ein Mann mit einem Bleistift und einer Rechnung. Er zählt am Bauch des Automaten ab, wie oft dieser getäuscht wurde, und kassiert die Zahl der illusorischen Sechserln in Kronenwährung ein. Ein Kubikmeter Gas kostet eine Krone, der Automat gibt ihn aber nur für ein Sechserl her. Aus Dankbarkeit entlockt man diesem immer wieder sein Geld und zahlt es dafür in Kronen einem Dritten. Ein Kubikmeter Gas kostet also in Wirklichkeit ein Sechserl, das heißt weniger als eine Krone. Eine Krone will der Automat nicht, weil ein Sechserl mehr ist als eine Krone. Oh, welche Verwirrung! ... Josephus Der Neue Tag, 27. 11. 1919   Die Frühstückssuppe Der Wintermorgen blinzelt kurzsichtig durch dünne Wolkenbrillen auf Schottergeröll und schmutzige Erdschollen. Sogenannte Gebrauchsgegenstände liegen »am Spitz«. Eine Blechschüssel mit einer offenen Rißwunde, wie von einer Granate zerfetzt. Ein weißer Henkel aus Porzellan zwischen rotbraunem Blättergemisch, gekrümmt wie ein poliertes Fragezeichen. Mit einem Zipfel zwischen Wand und Deckel einer rostflecksommersprossigen Konservenbüchse eingeklemmt, weht der Leitartikel der vorigen Sonntagsnummer im Morgenwinde. Es ist eine Fragmentsammlung zerschlissener Häuslichkeit, so ein schmutziger Patzen Wiese. Ein Pinselklecks auf der Palette des lieben Gottes. Ein Wägelchen knirscht über dem Schotter. Zwei kleine galizische Ponys voran üben »Kopfnicken«! Von dem Gefährt steigt Dampf in kleinen, zarten Säulchen empor. Das ist die Fahrküche mit der Frühstückssuppe. Das neueste Kapitel von »Wien im Elend«. »Am Spitz« in der Goldschlagstraße macht die Fahrküche halt. Gott- und staatsamtgewollter Rahmen für die Frühstückssuppe. Die Fahrküche ist eine militärische. Vielleicht aus der Sachdemobilisierungsanstalt. Sie macht den behäbig-brummigen Eindruck einer Längerdienenden. Drei Volkswehrmänner hantieren an den Kesseln herum. Der eine hat einen Schöpflöffel aus Blech. Wenn er ihn in den Schlund des Kessels hinabtaucht, entsteht drinnen ein geheimnisvolles Gezisch. Es ist, wie wenn die Moleküle der Suppe anfangen würden zu schwatzen. Wenn der Schöpflöffel an die Oberfläche kommt, sieht man eine gold-glühende Flüssigkeit, von Dämpfen umwallt wie im » Rheingold«. Auf dem Grunde des Schöpflöffels ruht ein Körper in unleugbarem Aggregatzustand. Offenbar ein Riff. Während die Flüssigkeit in das Reindl der Frau Dworzak hinüberrinnt, offenbart sich das Riff als Kartoffel, Möhre oder so. Um vierzig Heller kann man das »Rheingold« genießen.   Die Frühstückssuppe hat sich noch nicht eingelebt. Von Zeit zu Zeit kommt eine Frau mit einem Napf. Ein Schulmädchen mit einer Menageschale. Ein Arbeiter mit einem Topf. Der Volkswehrmann bläst vor Kälte einen tonlosen, unhörbaren Militärmarsch in die roten Fäuste und schlägt den Takt mit den Füßen dazu. Die Ponys stehen geduldig wie angestellte Wiener. Manchmal hebt eines den Huf und klopft an die Deichsel. Nur um die beruhigende Gewißheit zu erlangen, daß es immer noch angespannt ist. Die Suppe ist heiß. Ihre Hitze stumpft die Geschmacksnerven ab, und man braucht sie nicht zu schmecken. Sie rinnt, eine flüssige Wohltat, wie ein kleiner Golfstrom durch den morgenkalten Körper. Morgen, übermorgen, vielleicht in einer Woche ist sie eingelebt, anerkannt, heimisch, die Frühstückssuppe. Sie wird die allmorgendliche Ausflüssigkeit der volksfreundlichen Gesinnung im Staatsamt für Ernährungswesen sein. Unter Umständen wird eine schmackhafte Brühe aus den sonderbarsten Elementen: aus Anspruchslosigkeit, gutem Willen und Zubußen. Josephus Der Neue Tag, 10. 12. 1919   Das Waldmännlein vom Stephansplatz Wer kauft Weidenruten? Heutzutage! Kann man Weidenruten schieben? Sind Weidenruten ein »Artikel«? Oder Vogelbeeren! Wie lächerlich! Korallenrote, winzige Kügelchen auf armselig-schmächtigen Zweiglein. Was macht man mit Vogelbeeren? Oder ziegelrote und weiße Papierblüten aus Serviettenpapier! Ich bitte! Was ist schon so eine schwindsüchtige Papierblüte? Man kann sie nicht ins Knopfloch stecken. Wie lächerlich! Hat man schon je einen eleganten Winterrock mit einer Serviettenpapierblüte geschmückt gesehen? Oder feingedrehte, komplizierte gewickelte Fränschen und Zipfelchen aus Kanzleipapier! Köchinnen schneiden zuweilen altes Zeitungspapier in solche Fränschen, drehen sie mit einer Haarnadel so lange, bis sie eine Art verwickelter Stalaktiten werden, und bringen sie an schrecklich weißen Küchenschränken an, wo Schubladen mit stolzen Aufschriften: Pfeffer, Zimt, Salz, Schmirgel in die öde Kachelweiße des Küchenraumes schwarz hineinstieren. Aber wer kauft diese fertiggewickelten Fränschen und Zipfelchen? Lauter, lauter Nichtigkeiten! Gegenstandsloses Zeug. Alberne Nichtsnutze. Törichte Sächelchen, vom Wegrand der Zeit aufgeklaubt. Das Leben hat sie fallen gelassen oder gar, wer weiß, weggeworfen. Nein! Nicht weggeworfen! Solche Dinge sind zu wertlos, um weggeworfen zu werden. Man läßt sie fallen, achtlos! Sie gleiten aus den Taschen, zwischen den Fingern durch. Alle diese Torheiten, die das kleine Männchen am Stephansplatz zu verkaufen sich einbildet, die sind, weiß Gott! nichts, nichts, gar nichts wert. Impotenzierte Wertlosigkeit. Ich habe nie gesehen, daß jemand etwas dem Männchen abgekauft hätte. Sein Mäntelchen ist abgeschabt-papageigrün. Die Nähte sind offen wie die scharfen, spitzen Zähnchen der Not. Auf der sanften Rundung seines winzigen Rückens wuchten viele Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht. Sein Gesicht mit dem Vollbärtchen klebt in einer Wollhaube. Dieses Gesichtchen birgt sich in der Wolle wie ein Vogel in einem Nest. Wie aschgraue Mäuschen huschen verschüchterte, scheue Blicke aus den Augen. Ich habe lange Zeit nicht begriffen, wozu das Männlein dort steht. Eines Tages sah ich es. Ich ging um die Mittagsstunde über den Stephansplatz. Das Männchen stand nicht auf dem Bürgersteig – sondern, o wie merkwürdig! –, das Männchen stand in der Straßenmitte. Und um ihn rauschte ein Gezwitscher und ein Gejubel von hunderttausend Spatzen. Das Männchen fütterte sie. An seiner Nasenspitze blinkte ein hartnäckiger wasserheller Tropfen. Es hatte keine Zeit, ihn wegzuwischen. Mit beiden Händen streute das Männchen Brotkrümchen. Ein sehr stilles Lächeln kollerte wohlig und rundlich über sein Gesicht. Seine kleinwinzige Gestalt verschwamm, ertrank, tauchte unter in den Wellen eines brandenden Gezwitschermeeres. Und das Männchen hatte nur einen Wunsch: Oh, hätt' ich doch ein Dutzend Hände! ...   Seitdem weiß ich, wozu das Männchen dasteht. Ja, ich sehe, es ist gar kein Bettler. Es ist irgendwoher aus dem sterbenden Wald mit seinen Vögeln geflüchtet. Ist sein Bärtchen nicht aus den Flaumfedern kleiner Vögel? Sein Wollhäubchen ist ein über den Kopf gestülptes Vogelnest. Und sein Mantel ist so grün, weil er aus Waldmoos gesponnen. Ich stelle mir vor, daß es in der Seele dieses Männchens aussieht wie in einer kleinwinzigen, verlorenen Kapelle, irgendwo am Wegrand. So wohlig und heimlich. Und eine dunkelrote Ampel brennt ewig darin unter einem Jesusbild. Und ich weiß, wie dieses Männchen sterben wird: Eines Morgens wird sein Kopf auf dem Körbchen mit den winzigen Nichtigkeiten ruhen. In der Nische vor der Stephanskirche. Und von hunderttausend zwitschernden Spatzen getragen, wird seine Seele emporschweben. Und auf seinem verschämten Holzkreuz in der Friedhofsecke wird Tag und Nacht ein Spatz sitzen und Wache halten und zwitschern. »Requiescat in pace!« wird er zwitschern. Fast so schön wie ein Kanarienvogel. Josephus Der Neue Tag, 14. 12. 1919   Volkscafé Die Häuser sind wie schmutzige Kinder in der Fremde, die sich ihrer schlechten Kleidung schämen und scheu zusammenrücken. Sie wagen sich nicht auf die Hauptstraße, sondern drücken sich in Seitengäßchen. An einem solchen Haus – es steht just an der Ecke – klebt, ein bißchen zu sichtbar vorgeschoben, wie ein Schwalbennest an einem Dachfirst ein kleines Kaffeehaus. Wenn man hineinkommt, sieht man an den Wänden Kleiderregale mit Nickelhaken. Die Nickelglasur ist abgesprungen, und die Haken haben matte Flecke. Sie sehen aus wie erblindete Augen. An den Haken ringsum hängen Zeitungen und illustrierte Blätter. Zerschlissen und schief, machen sie den Eindruck von totgehängten Lebewesen. Das Kaffeehaus ist schmal und engbrüstig, und die Tischchen mit den Eisenplatten stehen dicht gedrängt nebeneinander und wirken atembeklemmend. Es ist wie eine Volksversammlung von Kaffeehausmöbeln. Alle drängen sich um den eisernen Ofen in der Ecke, der auf einem steinernen Postament steht, wie um eine Rede zu halten. Sein Mund glüht vor Begeisterung. Der Kaffeesieder hat gute Verbindungen mit Bahnkohledieben – hat einmal jemand am Nebentisch gesagt. Wie löblich ist das vom Kaffeesieder! ... In diesem Kaffeehaus bekommt man um billiges Geld, um sehr billiges Geld, einen weißen Kaffee. Er ist nicht genauso weiß wie im Frieden. Er ist überhaupt nicht weiß, sondern braun. Aber er heißt »weißer Kaffee«, und also ist er es auch. Es geht den Dingen genauso wie den Menschen. Sie sind, was sie heißen. Den Kaffee trinkt man aus dickbäuchigen Porzellantassen, die mit ihren vielen vernarbten Rissen und Sprüngen geradezu aussehen wie Korpsstudentengesichter. Es gibt bestimmte Tassen, über deren Rand hängt eine braune Milchhaut wie ein goldenes Vlies. Aber das sind nur bestimmte Tassen, und die gelangen an bestimmte Gäste. Denn im Volkscafé verkehren bestimmte und unbestimmte Gäste. Es ist wie mit den Artikeln in der deutschen Grammatik. Die bestimmten haben vor den unbestimmten außer den gewissen Tassen noch andere Bezüge. Vor allem haben sie Namen, die bestimmten. Der eine ist der Herr Franz, der andere der »Sepp«, der dritte der Herr Wawlicka. Jeder hat einen Namen, und der Kaffeesieder sagt: Guten Morgen, Herr Franz! Oder: Servas, Pepi! Oder: Ergebenster habe die Ehre, guten Morgen zu wünschen, Herr Wawlicka! Denn der Herr Wawlicka ist, wie schon sein Name sagt, Schuldiener. Interessanter aber sind die unbestimmten Gäste. Denen sagt der Kaffeesieder nichts. Höchstens, daß er ihnen herabfallend zunickt. Worauf die unbestimmten, die zum Unterschied von den bestimmten etwas weiter entfernt vom Ofen sitzen, im Chorus: Guten Morgen, Herr Hassenberger! dröhnen. Denn unbestimmte Menschen sind gewöhnlich demütig und für ein Kopfnicken dankbar. Ich muß schon sagen, mich interessieren die Unbestimmten mehr. Sie sind interessant wie alles, was noch nicht entdeckt ist. Sie haben keine Bezeichnung, und ich kann mir vorstellen, wie sie heißen: Herr Taglöhner, Herr Pechvogel, Herr Arbeitslos, Herr Schwindsüchtig. Solange ich sie nicht kenne, heißen die Menschen so, wie sie sind. Ich weiß, daß jener Mann dort, dessen langer, dünner Hals in einem weiten schmutzigen Hemdkragen herumstochert wie ein Federhalter in einem weiten Tintenfaß und vergeblich nach einem Halt sucht, im »Logierhaus« genächtigt hat und nun auf dem Weg ist in die Schulerstraße, wo der »Kleine Anzeiger« offene Stellen zu vergeben hat. Ich weiß genau, daß er ein schmutziges Kuvert aus der Tasche zieht und auf der Rückseite mit einem lächerlich schlecht gespitzten, will sagen: gestumpften Bleistift die Adressen vermerkt. Er schreibt eckig, unbeholfene, gelähmte Buchstaben und drückt dabei das unterste Glied des rechten Zeigefingers so fest auf den Bleistift, daß sein Nagel ganz weiß wird. Dann geht er von Stelle zu Stelle, von einem Bezirk in den anderen, und überall ist schon jemand dagewesen. Der Mann heißt sicher »Pechvogel«. Und so hat jeder von den »Unbestimmten« eine interessante Geschichte. Und alle Geschichten sind mehr oder weniger traurig. Außer mir weiß noch jemand im Kaffeehaus alle Geschichten: Das ist nämlich der Pudel Lux, der als Kassier im Volkscafé mit Kost und Quartier engagiert ist und den ganzen Tag zwischen Schnapsgläschen und Saccharin und Backwerken auf dem Kassatisch sitzt. Der Pudel ist ein Philosoph und ein großer Menschenkenner. Wenn jemand von den »Unbestimmten« sich dem Kassatisch nähert, hebt Lux das rechte Augenlid ein wenig. Dann läßt er es wieder zuklappen, oder er stellt sich plötzlich auf alle vier Beine und beginnt zu schnuppern. Lux ist ein sehr gescheiter Mensch. Die junge Kellnerin, die Resi, die eine große schwarzlederne Tasche an der Hüfte hat, kann sich auf ihn verlassen. Auch die Resi teilt die Gäste in bestimmte und unbestimmte. Die Unbestimmten müssen sofort den »Weißen« bezahlen. Die Bestimmten rufen selbst: zahlen! und geben ein Trinkgeld. Das größte Trinkgeld gibt Herr Wawlicka, der Schuldiener. Da kam eines Tages einer, der gab ein noch größeres Trinkgeld. Er trug eine lederne Aktentasche und einen Regenschirm. Sein Kragen war nicht sehr blendend, aber immerhin nicht älter als zwei Tage. Und sein Hut konnte ganz gut als Schlapphut gelten. Im übrigen war er noch jung und hatte ein blondes Schnurrbärtchen. Und seine Hose war gebügelt. Nur die Schnürschuhe waren geflickt. Der kam täglich und gehörte vorderhand zu den »Unbestimmten«: Der Kaffeesieder aber behandelte ihn zuvorkommend, und da er den Namen nicht wußte, verbeugte er sich extra und tief. Der junge Mann sagte freundlich: guten Morgen! Eines Tages, es war der Erste, ging der neue Unbestimmte zum Kassatisch, um sich eine Bäckerei zu holen. Lux zog ein Augenlid auf, erkannte in dem Unbestimmten einen Gymnasialprofessor und ließ es sofort wieder zuklappen. Seitdem sagte der Kaffeesieder: Aller ergebenster Diener, ich habe die Ehre, guten Morgen gewünscht zu haben! Lux muß es ihm mitgeteilt haben, daß der Neue ein Gymnasiallehrer ist. Der Herr Professor bekommt von Resi, der Kellnerin, Backwerk auf den Tisch, er sitzt in der nächsten Nähe des Ofens und zahlt später als alle andern. Herr Wawlicka, der Schuldiener, hat ein Gefühl wie einem etwas besser gestellten Kollegen gegenüber. Die Resi bemüht sich sehr, nett zu erscheinen. Vorgestern und gestern hatte sie statt der großen, schwarzen eine kleine, sehr zierliche Spitzenschürze um. Auch der Herr Professor trägt eine neue Krawatte. Ich weiß genau, wie die Geschichte sein wird. Im April, wenn der Holler am Gürtel blühen wird, wird der Herr Professor mit Resi sitzen. Er wird ihr aus Rainer Maria Rilke vorlesen. »Die Geschichten vom lieben Gott«. Und vielleicht eigene Gedichte. Der Mann sieht so ganz danach aus, als würde er Verse schreiben. Und die Resi wird eines Tages einen blonden Buben kriegen. Und dann wird es vielleicht aus sein? Ich fragte Lux, ob ich recht hätte mit meiner Geschichte. »Ja, c'est la vie! « blinzelte der kluge Pudel. – Der Neue Tag, 25. 12. 1919   1920 Die Bar des Volkes In einer Seitengasse der Schulerstraße, in der Annoncenexpedition und Zeitungsbüros wie Schwalbennester an Dachfirsten hart aneinanderkleben, ist die Erste Wiener Suppen- und Teeanstalt. Abseits von der Dampffabrik der Gegenwart birgt sich die Bar der Armen. Kaum hundert Schritte weiter, in einer der nächsten Straßen, duliöht ein Varieté. Bogenlampen spielen Sonne. Das Varieté hat seine Auslagen: Holzbretter mit Photographien von Menschenfleisch. Auf einem Bild klimmt ein feiner, durchbrochener Seidenstrumpf eine schlanke Beinform hinauf, bis ihn eine ungewisse Wolke aus Spitzen und Unterrock verschluckt. Und auf einem andern atmet eine weiße Frauenbrust Geheimnisse hinter dem zarten Duft eines dunklen, unendlich weichen Tüllkleides. Und gegenüber ist eine Bar. Eine richtige Bar. Ein leicht beschwipster Klavierklang taumelt auf die Straße, die Häuserfassade entlang. Und die Drehtür ist unaufhörlich in Bewegung. Und hinter der Drehtür ist ein goldbetreßter Götze von Portier ersichtlich. Seine weißen Handschuhe atmen den Duft von unzähligen Parfüms. Seine blonden aufgezwirbelten Schnurrbartenden knicken gleichsam fortwährend zusammen vor Sealskin und Blaufuchs. Ein leiser, unendlich leiser Gläserklang schlüpft durch den Türspalt. Und manchmal fällt auf die Straße ein helles, klirrendes Fragment von einem Frauenlachen, daß es sich anhört, wie wenn eine kleine, dünne Silbermünze auf das Pflaster rollen würde. Aber ich will ja gar nicht von dieser Bar erzählen, sondern von der anderen in der Seitengasse der Schulerstraße. Die Tür ist offen. Blechgeschirre klappern. Links vom Eingang ist der Hahn einer Wasserleitung. Er schließt nicht recht. In gleichen Zeiträumen spuckt der Mund der Wasserleitung Tropfen in den Kessel. Klink! Klink! Wenn man eine Weile zuhört, nimmt es sich aus wie eine Musik. Sehr armselig, primitiv, aber doch eine Musik. Man lernt die Tropfen unterscheiden. Oh, sie sind durchaus nicht alle einander gleich. Der eine ist stark, plötzlich, und er fällt nicht, sondern stürzt sich geradezu mit einem Kopfsprung in den Kessel. Und ein anderer ist jung und zart und schüchtern und traut sich nicht recht in die Mitte, sondern klinkt leise auf den Rand. Und alle zusammen bilden dann eine sehr naive, kindliche Musik, und es klingt, wie wenn man in kleinen Zeitabschnitten auf die sieben Tasten eines Kinderklavierspielzeugs tippt. Das ist die Tafelmusik der Armen. Langgestreckt, wie gewaltsam ausgedehnt und schmalbrüstig ist der Raum. Die Decke ist hoch und erscheint noch höher, in unendliche Himmelsferne gerückt durch die schwere Schicht von Dunst, der wie ein Volkshaufen von Wolkenschleiern in der Luft wallt. Es ist wie eine Küchenwolkenmassendemonstration. In einer Dampfwäscherei sieht man nur noch solche Wolkenschwärme. Und irgendwo oben, mitten zwischen Nebelfetzen, von Dunstzipfeln umflattert, schweben drei, vier Glühbirnen, todmatte Glühbirnen, wie Sterne, die am Erlöschen sind. Manchmal bringt ein Luftzug oder die überhitzte Atmosphäre die unsichtbaren Stangen, an denen die Lichtlein hängen, in Bewegung. Und dann sehen die Lampen aus wie irrende Meteore, die einen Weg suchen, um hinunterzufallen. Gehobelte Holztische wie in einem Zeichensaal. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Holztische in einer Reihe. An den Holztischen kleben dumpfe Menschenklumpen wie Fliegen, große, wuchtige Feldfliegen auf Fliegenpapier. Und irgendwo, weit vorne, in Dünsten gebadet, schwankt eine Bude aus Holzlatten wie ein Strandwächterhäuschen, das durch eine Überschwemmung ins Meer hinausgespült wurde. Das ist die Kassa, wo man um ein paar Papierfetzen andere Papierfetzen löst. Und dann schwankt man zur Küche, wo ein schwerer, großer Schöpflöffel rastlos pendelt zwischen Kessel und Blechgeschirren. Irgendwo an einem Eck plumpst man hin und stellt seine Schale vorsichtig, vorsichtig, daß nur ja kein Tropfen in die Luft springt, auf die Tischplatte. Und in der Hosentasche, zwischen dem blauen Schnupftuch und dem Türschlüssel, liegt, steif und unnachgiebig, ein Blechlöffel, ein Zinnlöffel, mit Sommersprossen aus Rost. Mit diesem Löffel schlürft man Suppe und Gemüse. Und wenn man den Löffel vergessen hat, dann trinkt man aus der Schale. Der Löffel ist nur ein von der Kultur der Armut angeflogenes Suffix. Wenn man seine Augen an den dampfgeschwängerten Dämmer gewöhnt hat, kann man sogar die Menschen sehen, die hierherkommen. Auf kragenlosen, nackten, ausgemergelten Hälsen stecken Köpfe wie zufällig aufgespießt: nicht gewachsen. Die Ohrmuscheln sind knorpelig und durchsichtig; fast wie aus Pauspapier. Ich weiß nicht, warum Menschen immer so dünne Ohrmuscheln haben. Und die Augen entweder so weit vor, als steckten sie an Stielen und wollten fort aus dem Kopf, um irgendwo in einer Suppenschüssel zu ertrinken. Oder sie liegen so tief in den Augenhöhlen vergraben, als schämten sie sich vor der Öffentlichkeit. Augen, die an Platzfurcht kranken. Kennt Ihr solche Augen? Und die Nasen sind plump wie formlose Klumpen aus Knetgummi. Da hat sich niemand Mühe genommen. Und das Kinn ist bei den Männern viereckig und groß wie eine Schiefertafel und bei den Frauen ausgezehrt-spitz und abschüssig wie eine schiefe Ebene. Und die großen Hände, über deren Rücken dicke blaue Stränge gespannt sind wie Stricke zum Wäschetrocknen. Mit den Fingern, die knorpelig sind und knorrig-gichtisch wie Waldwurzeln. Kennt Ihr solche Hände? Ein kleines Mädchen sah ich in der Suppen- und Teeanstalt. Ihre Haare waren in unsagbar dünne Mäuseschwänzchen gedreht und um den Kopf gelegt. Es war ein wasserhelles Haar, von jener Färbung, die auch nur Haare der Armen haben können. Nur die Augen waren von einem tiefvioletten Blau, einem reichen, satten Blau. Das Mädchen aß aus einem Topf. Dann ging es fort und trippelte durch jene Straße, in der sich die Bar befindet. Sie sah nicht einmal hinein. Sie lauschte nur eine Weile dem leichtbeschwipsten Klavierklang, der die Häuserfassade entlang taumelte. Und als dann durch eine Fensterritze das Fragment eines Frauenlachens fiel, hörte das Mädchen den Silberklang und bückte sich wie nach einer Münze. Dieses kleine Mädchen kann sicherlich auch so schön lachen. So hell, daß es klingt, wie wenn eine dünne Silbermünze auf Steinfliesen kollert. Warum lacht es nicht? Josephus Der Neue Tag, 6. 1. 1920   Der Schleier So. Jetzt wissen wir, wieviel es geschlagen hat: Die Stephansturmuhr ist verpackt. Ein Zeitungspapier, offenbar ein Leitartikel, verhüllt jenes Uhrblatt, auf dem die Ziffern so lustig zu springen pflegten. Schrups! war eine Minute vorbei: Die Zeit hüpft wie ein Eichhörnchen. Jetzt kann man nur noch den langweiligen Zeiger sehen, wie er unermüdlich immer wieder den gleichen Kreislauf zurücklegt. Es ist eine Qual. Die Zeit hüpft nicht mehr lustig wie ein Eichhörnchen, sondern schleicht wie eine Schnecke. Ja, ja, es ist vorbei! Ein Zeitungspapier, offenbar ein Leitartikel, zeigt an, wieviel es geschlagen hat. Er klebt zu hoch, man kann ihn nicht lesen. Aber ich stelle mir vor, was drin steht: Es ist ein Leitartikel aus den kürzlich verflossenen Tagen, an denen die Elektrische eingestellt war. Da wußten wir, wieviel es geschlagen hat. Die folgende Zeit brauchen wir nicht mehr zu sehen. Was brauchen wir auch noch die Zeit, wenn wir Zeitung haben. Es muß auch nicht täglich ein neues Blatt sein. Es genügt immer derselbe Leitartikel, aus dem man ersieht, wieviel es geschlagen hat. Das Antlitz der Zeitung ist verschleiert. Maskiert. Die Faschingsmaske unserer Zeit ist ein Zeitungsblatt mit erfreulichen Nachrichten, die man nicht einmal mehr zu lesen braucht, um sie zu kennen. Der Neue Tag, 11. 1. 1920   Artisten Manchmal ist die Welt kleinwinzig wie ein Ameisenhaufen, so daß man ordentlich den Respekt vor ihr verliert, und die Schatten vergangener Dinge so groß, daß man ihnen nicht entrinnt und sich stets von ihnen verfolgt weiß. Und oft glaubt man, auf dem Vorwärtsmarsche etwas liegengelassen und vergessen zu haben, und dann, urplötzlich, an einer beliebigen Stelle deiner Landstraße, siehst du es wieder vor dir, als wärest du rückwärts geschritten, nicht vorwärts, oder als hätten verflossene Dinge längere Beine und liefen dir voraus, um sich wie ahnungslose Meilensteine an den Wegen der Zukunft aufzustellen. Ja, die Meilensteine, denen du begegnest, sind gar nicht neu, sind immer wieder die alten, die dich auf Umwegen überholen und vor dir Posto fassen. Haben sie nicht alle das gleiche Gesicht? Lauter Bekannte sind alle Meilensteine. So geschah es mir, als ich in das Grand-Café in der Praterstraße trat, studienhalber. Alle die Gesichter hatte ich schon irgendwo gesehen. Dieses Kaffeehaus, dessen Decke mit Zigarrenqualm geradezu bestrichen ist wie eine Brotschnitte mit Gänsefett und das vom Eingang nach links und geradeaus sich dehnt und zwei Katheten bildet, eine steckengebliebene Beweisführung für den Pythagoräischen Lehrsatz. Menschen, die an den Wänden und auf dem Fußboden picken wie Insekten auf Fliegenleim und mit den flatternden, zappelnden Händen wirklich den Eindruck machen, als möchten sie loskommen und könnten es nicht. Glühbirnen, die wie festgenagelte Leuchtkäfer rötlich durch den Qualm blinzeln, als täte ihnen ihr eigenes Leuchten weh. Ein Mann in einer grünen Weste, so grün wie Moorland auf einer geographischen Wandkarte, mit baumelnden, silbernen Haselnußknöpfen und einem Elfenbeinsächelchen an silberner Uhrkette. Offenbar ein Impresario. Eine Kartengesellschaft an der Wand rechts von der Kassa. Klitsch, klatsch schlagen die Karten auf das grüne Tuch wie wattierte Ohrfeigen. Die Männer in Hüten, offenbar zur Beruhigung ihres Gewissens. Denn was ein tüchtiger Artist ist, der versitzt nicht seine Stunde im Kaffeehaus, sondern kommt immer nur auf einen Sprung, einen Kunstsprung sozusagen, und braucht den Hut gar nicht erst abzunehmen. Bleibt aber dennoch, um seine Zeit im Kaffeehaus zu versitzen, aber den Hut auf dem Kopf, denn er ist, wie gesagt, »auf dem Sprung«. Die Frauen, meist schon in »Bühnentoilette«, aus Schminkdosen zusammengekleistertes Temperament in den Zügen und Atropinimitation von Leben in den puppenfaden Glasaugen. Hier traf ich sie wieder, die Gesellschaft aus dem ostgalizischen Kriegsnest, das »Wiener Varieté«, das »erstklassigste Ensemble«, das ich auf meinem Weg liegengelassen hatte und längst verloren glaubte, wie man etwa, von einem Feste heimkehrend, bunte Papierfetzen und herabgerissene Lampions hinter sich läßt, die dann der Wind einem Misthaufen zuführt oder der Regen durchweicht und vernichtet. Ja, denkt euch, hier traf ich sie alle wieder: Den kleinen Cohn, der sich »Tiberius« nannte und wie ein Nero aussah, den »Direktor« des Ensembles, der nach jeder Nummer im Kaffeehaus der Etappe absammeln ging und das Geld nach seinem Gutdünken unter seinen Leuten verteilte, oder auch nicht. Claire Clairon, genannt »die Nachtigall von Hernals und Ottakring«, die rührend-falsch die Ballade vom Zigeuner sang. Hertha-Hertha, mit einer Vergangenheit, derer sie sich nicht zu schämen brauchte: Zirkusreiterin, Dompteuse, und jetzt sang sie jeden Abend »Weine nicht, Hertha, Mädel vom Chantant«, ein Lied, das mit einem hochdramatischen Aufschrei und Hinfall zu enden hatte und das Hertha-Hertha wie ein billiges Feuerwerk in ein knacksendes Dis explodieren ließ. Mia Martison, die »Riesenboa«, die in einem leuchtend roten Schwimmkostüm überlange Glieder auf den nie gesäuberten Dielenbrettern des Podiums verzweifelt räkelte und sich wand und krümmte, nicht wie eine Schlange, sondern wie ein personifiziertes langes Gähnen. Das »tanzende Zwillingspaar«, zwei kleine Frauenzimmer mit unpersönlichen Puppengesichtern, die ihre Beine in die Luft schleuderten, so hoch, daß sie fast Löcher in den Plafond geschlagen hätten und weiß Gott auf welchen Stern geflogen wären, wenn sie nicht durch zierlich-seidene Trikothöschen an den Rumpf genäht wären. Und natürlich auch »der kleine Diabolo«, eine achtundzwanzigjährige, aber kontraktlich zum Backfischalter verpflichtete Person, mit wirren Superoxydblondlöckchen, die »Tiberius« in die Luft schmiß, daß sie wirbelte wie eine Zigarettenhülse im Sturm. Und den »Conférencier« Herrn Lund, der einen roten Frack trug, einen Frack, ich sage euch, vor dem man sich gewiß würde bekreuzigen müssen, wenn ihm seine Zirkusmanegevergangenheit nicht den Anstrich des Irdischen gegeben hätte. Herr Lund verkaufte Ansichtskarten an Etappenoffiziere, Ansichtskarten voll kostbarer Schweinereien, das Stück zu einer Krone. Nur jene Karten, auf denen er selbst, Herr Lund, photographiert war, kosteten zwei Kronen. Oh, er wußte sich zu werten! Sein Repertoire war seltsam, wie aus einer Antiquitätengalerie zusammengestellt, sein historischer Wert unschätzbar. Und Herr Lund pflegte sich gar nicht anzustrengen! Er machte Witze mit einer Selbstverständlichkeit, als ob sie neu wären, und er war interessant trotzdem, wie ein altes Räderwerk aus Nürnberg. Alle, alle traf ich sie wieder im Artistencafé in der Praterstraße. Mia Martison, die Riesenboa, erkannte mich zuerst nicht, um später, wenn sie mich erkennen würde, ein theatralisches »Ach Gott, wie komisch!« mit Erfolg an den Mann bringen zu können. Nur Hertha-Hertha fühlte sich verpflichtet, über die schlimmen Zeiten zu klagen, in denen selbst Grafen in die Schweiz reisten, die zu ihr in inniger Beziehung standen. Alle waren sie gewerkschaftlich organisiert und suchten ihren Obmann, einen »Arbeiterrat«, ja, denkt euch, einen Arbeiterrat! Geschminkt, parfümiert wie Drogerien, mit Halsbindchen, Kettchen, Ringen, Ohrgehängen verdächtig-gläserner Abstammung, suchten sie einen »Obmann«, waren gewerkschaftlich organisiert. Es geht ihnen schlecht, die Vergnügungsstätten sind zu, man kann nicht »arbeiten«. Und Cohn-Tiberius gibt nichts her. Er hat Geld, der Hund, aber man sieht nichts. So seltsam nahmen sie sich aus im Kaffeehaus: Rampenlicht entbehrend, Boheme mit Spießerhunger, Zauber in Gulaschtunke, Kunst in Wochentagsmisere. Ihr Reden ist falsch, weil sie keine alten Witze sagen, sondern neue Trauerspiele, und der ganze Aufwand an Schminke, Parfüm, Glasgeglitzer, Goldzahnplomben, Superoxydblond, Pathetik, Pelzimitationen und Halbseide ist überflüssig, wenn man einen Obmann sucht und gewerkschaftlich organisiert und arbeitslos ist. Es ist wie ein Faschingszug nach Aschermittwoch. Josephus Der Neue Tag, 25. 1. 1920   »Plakate« Nun bin ich krank und sitze im Lehnstuhl am Fenster meines Zimmers, das im ersten Stock liegt. Ich darf mich nicht erheben, darf keine Zeitung lesen, keinen fremden Menschen sehen. Ich darf nur gradaus durchs Fenster blicken. Die Welt ist hinter mir versunken wie etwa ein Bahnhof, aus dessen Halle ein Zug mich mit rapid wachsender Schnelligkeit entfährt. Ich bin froh. Ich werde vielleicht wieder Landschaften sehen. Nein, ich werde keine Landschaften sehen. Ich muß zum Fenster meiner Wohnung hinausblicken, und gegenüber ist hoch oben ein Fenster, und darunter ein Stück nackter Wand, von der sich der Mörtel in kleinen Brocken ablöst. Das gelbbraune Ziegelwerk, das darunter hervorsieht, bildet groteske Fratzen. Und tiefer unten, just in gleicher Höhe mit meinem Fenster, beginnt eine seltsame, lustige, bunte Welt. Ein Wäschermädel mit roten Backen und einer prallen Büste, die von Bierbaum-Lyrik strotzt, über einen Waschtrog zierlich gebeugt. Mit schlanken Fingerspitzen faßt sie ein Wäschestück und hält es hoch. Das macht mich krank. Wie kann man nur so zimperlich mit Unterhosen umgehen? Unterhosen sind kein Schmetterling, mein Fräulein! Greifen Sie nur zu! Seltsamerweise weht irgendwoher ein Wind. Unerklärlich! Wie kommt ein Wind in diese Waschküche! Sie ist ordentlich gehalten, weiße, schwarzgestreifte Kacheln sind an den Wänden sichtbar. Ich wette, daß die Tür gut schließt. Nun aber bläht so ein rätselhafter Wind die Röcke dieses Mädchens hoch und ach! man sieht Waden und Strumpfbänder. Und ein wenig Spitzenzeug. Blütenweiße Dessous! Oh, wie nahe verwandt sind Seife und Erotik! Ganz ohne innigere Beziehung zu diesem netten Wäschermädel ist, wie ich vermute, jener Mann linker Hand nicht! Ich wüßte nicht, aus welchen Gründen sonst er seine braunen Backen so bläht und mit seinen alkoholglühenden Augen besoffene Pfauenräder schlägt. Er ist groß und fett und macht den Eindruck eines vorsintflutlichen Ungeheuers, eines Ichthyosaurus etwa, der, ohne Rücksicht auf Darwin zu nehmen, mit einem kühnen und plumpen Satz über Tausende von Lebensformen hinweg direkt zum Menschen hinüberleitet. Wo in aller Welt leben Wesen dieser Art, mit menschenähnlichen Fratzen und Elefantenhabitus? »Urwiener Musik-Gesang« steht auf dem Plakat. Das Ungeheuer hat einen winzigen Schädel, auf dem eine schwarze Haarglasur klebt. Im Verhältnis zu seinem Bauch ist der Kopf so lächerlich gering wie ein Holztiegelchen, mit dem Kinder spielen. Über dem ungeheuren Leib ein Instrument, Mandoline oder so. Die Farbe der großen, behaarten Pratzen und der Backen ist dunkelrot wie rohes Büffelfleisch, das drei Tage unterm Sattel gelegen hat. Dieses Übergangswesen vom Ichthyosaurus zum Menschen ist ein Urwiener Heurigensänger bei Johannes-Stube. Ich bin neugierig, was sich da zwischen dem dummen Wäschermädel und diesem seltsamen Naturexperiment entspinnen wird. Rechts von dem Wäschermädel eine Gesellschaft, die mir gefällt. In einem geradezu ausländisch erleuchteten Lokal steht ein Herr auf Lackschuhspitzen. Seine weiß behandschuhten Hände schweben waagrecht in der Luft, Daumen und Zeigefinger berühren sich zärtlich. Der Mann ist Tanzlehrer. Nicht übel. Damen und Herren, süßlich wie Zuckerwerk, schlingen einen Reigen. Wie gut es den Leuten geht! Und hier muß man im Lehnstuhl sitzen und krank sein! ... Von einem entsetzlichen Geball aus Ultramarin und Schwarzblau überwölbt, schmettert ein messingner Kitsch, sozusagen »Lichtermeer«, eitel Jubel und Seligkeit. Ein einziger golden glühender Schrei. Ein gelbrotes Fanfarenjuchhe. Damen in hellen Kleidern, die silbern leuchten. Glühende Weinkelche wie Heiligtümer. Opferschalen auf Dionysosaltären. Wie? Ich habe schon so lange keine Zeitung gelesen! Wien hat Licht und Kohle im Überfluß. Ah! Wie gräßlich! Da ist eine Nacht, blau, sag' ich euch, so schrecklich finsterblau wie violettes Sturmgewölk. Einer Lokomotive gefräßige Augen bohren sich durch das Farbendickicht. Auf Schienensträngen liegt ein armes Frauenzimmer. Waden wie das Wäschermädel. Nur ist es hier natürlich, daß ihre Röcke nicht in Ordnung sind. Erotik und Lokomotive passen doch besser zueinander. Nun, ja! Warum liegt sie denn schon drei Tage und Nächte? Und der Zug, der so nahe ist, braust und braust fortwährend heran und überfährt sie doch nicht! Ich lechze nach Blut, Kleiderfetzen, zerschlissenem Menschenfleisch. Ich will diesen interessanten Frauenkopf mit dem wirren Haar endlich selbständig den Hang hinunterrollen sehen! Nein! Diese Lokomotive rührt sich nicht vom Fleck. Ich werde vielleicht sterben, und dieses Frauenzimmer wird immer noch über den Schienen liegen und sich anglotzen lassen von der stupiden Lokomotive. Es ist anders gekommen. Heute früh kam ein Mann mit Leiter, Kleistertopf und Pinsel. Die Nacht mit Lokomotive und Schienensträngen und Frauenkörper ist verschwunden. Ah! endlich. In der Bar ist Musik. Ein Kapellmeister schießt weiße Strahlenbündel von seiner Hemdbrust in das Lokal. Alle Damen haben die Waden des Wäschermädels. Es kommt immer logischer: Bar und Erotik, das hat denn doch vernünftige Beziehungen! Ich will krank bleiben. Diese lustige, bunte Welt vor den Augen haben. Ich lese keine Zeitungen. Es geht uns ja so gut, oh, so gut! Josephus Der Neue Tag, 1. 2. 1920   Tiere Im Schönbrunner Park kann man wieder die Tiere sehen. In den Käfigen sind nur noch sehr wenige. Der Wolf läuft rasend das Gitter entlang, auf und ab, verzweifelt, daß er kein Stückchen Brot hat, um es den hungrigen Leuten zuzuwerfen, die ihn besichtigen. Der Bär, ein sehr gemütlicher Mensch mit schwarzpolierten Fingernägeln, trägt trotz Sonnenschein und Himmelbläue noch seinen Pelz und macht sich nichts daraus. Er sitzt mit Pose und Bitte-recht-freundlich-Miene. Erhält den Käfig für ein photographisches Atelier. Augenblicklich beschäftigt er sich damit, einen Leckerbissen, der außerhalb des Käfigs liegt, in sein Bereich zu kriegen. Plötzlich senkt er rasch entschlossen den Kopf und zieht den Brocken mit der langen, schlüpfrigen, sehr beweglichen Zunge herein. Ein räudiges Kamel sieht aus, als hätte es seine Garderobe zum Hofschneider gegeben und liefe vorderhand in sehr blamablem Negligé herum. Ein anderes trägt seine Buckel mit hochwichtigem Ernst und ist krampfhaft bemüht, seinen Kopf recht hoch zu behalten. Manchmal bleibt es stehen, denkt ein wenig nach und sagt: langweiliges Leben. Der Bison ist gutmütig, hat eine Schnauze wie ein preußischer Wachtmeister, fühlt sich aber sehr wohl in der Republik und macht einen durchaus demokratischen Eindruck. Nur manchmal rollt er ein blutunterlaufenes Auge nach rechts, wo ein weißgekleideter Knabe steht. Der Bison möchte ein bißchen Kinder zerfleischen. Das Affenhaus ist geschlossen. »Kein Eintritt« steht darauf. Parlamentsferien ... Die meisten Käfige sind leer. Die Herrschaften haben die Monarchie nicht überleben wollen und mit einer aristokratischen Geste ihre Behausungen Staatssekretären freigegeben. Ihre hochvornehmen lateinischen Visitenkarten haben sie mitgenommen. Die Beuteltiere wissen noch immer nichts von dem Systemwechsel. Sie haben immer noch Beutel für eventuelle Nachkommenschaft bereit, obwohl sie eigentlich wissen müßten, daß eine Republik etwas auf Kinderheime und dergleichen gibt. Die Beuteltiere sind sehr lustig. Sie hüpfen auf den Hinterbeinen und gebrauchen den Schwanz wie einen Spazierstock, der an ihrer rückwärtigen Hosennaht befestigt ist. Ihre Vorderpfötchen führen sie von Zeit zu Zeit zum Munde, um sich die Nägel mit den Zähnen zu maniküren. Der Strauß hat lange nicht so schöne Federn wie jene Dame, der ich beim Eingang begegnet bin. Ich bin enttäuscht, Herr Strauß! Der Schwan sieht aus, als ob er soeben aus der »Lohengrin«-Vorstellung käme, und schwimmt leicht im Teich umher, glücklich, daß er den Schmedes losgeworden ist. Der Oberlehrer hat ein Geiergesicht. Er geht hier studienhalber herum. Sein Fach ist Naturlehre. Ein Menschenpaar in mittlerem Lebensalter hat sich auf einer Bank niedergelassen. Es trägt seine Jungen nicht in Beuteln, sondern läßt sie mit Kieselsteinen nach den Schwänen werfen. Gouvernantenpapageien führen kleine Säugetiere mit Spitzenhäubchen in grünlackierten Kinderwagerln spazieren. Eine Ameisenbärfamilie mit Uhrketten, Spazierstöcken, Regenschirmen begibt sich ins Kaffeehaus im Vollgefühl ihrer durch den zoologischen Besuch erheblich gesteigerten Menschenwürde. Ein herabgekommener Habicht mit grünem Plüschhütchen, kariertem Kragen und sonstigem Polizeiagentenzivilfell späht nach Beutemenschen. Sonst sind keine Tiere in Schönbrunn zu sehen. Der Neue Tag, 7. 3. 1920   »A Jour« Die Lebensmittelkarte kennt ihr doch? Es ist ein Karton mit Buchstaben und Ziffern. Die Buchstaben haben nicht etwa didaktische Zwecke, sondern werden bei verschiedenen Gelegenheiten mit der Schere ausgeschnitten. Zum Beispiel: wenn man städtische Marmelade oder andere Lebensmittel ausgibt. Die Wiener Lebensmittelkarte erkennt man nicht nur daran, daß sie den Aufdruck »Wien« in der Mitte trägt, sondern an ihren Löchern. Diese Löcher entstehen, wenn man Buchstaben ausschneidet. Und aus den Wiener Lebensmittelkarten werden die Buchstaben in einer ganz merkwürdigen Reihenfolge geschnitten. Man hat z.B. soeben eine neue Lebensmittelkarte »gefaßt«. Sie hat noch alle Buchstaben und kein einziges Loch. Aber da wird städtische Marmelade angekündigt. Und zwar »gegen Abgabe des Buchstabens: M«. Der Buchstabe M ist in der Mitte. Und nächstens wird ein anderes »städtisches« Lebensmittel ausgegeben. Und zwar »gegen Abgabe des Buchstabens: R«. Ausgerechnet. Man beginnt immer in der Mitte. Den Leitspruch des Wiener Magistrats: In medias res. So eine Lebensmittelkarte muß man sich dann anschauen. Brüssler Spitzen sind nichts gegen diese Ajourmuster. Ich wollte nämlich nur sagen, wie man Wiener Lebensmittelkarten agnosziert. Josephus Der Neue Tag, 14. 3. 1920   Die Metamorphose des »Sperrsechserls« Von vornherein sei die Aussichtslosigkeit eines Kampfes gegen eine durch Wurschtigkeit und Wahlzettelfangpolitik der österreichischen Parteien geheiligte Institution zugegeben. Eine Institution, deren Vormärztum sich dauerhafter erwiesen hat als die so oft beschworene Ewigkeit von Kronen, Dynastien, Vaterländern. Eine Institution, so österreichisch, daß sie die Wahrheit des Sprichwortes »Austria erit...« hausmeisterlaternenklar beweist, und durch ihre geheimnisvolle Stabilität so irritierend, daß der Gegenwartsmensch, der von dem Unglück betroffen wird, zufällig nach 8 Uhr abends aus Mitteleuropa nach Wien verschlagen zu werden, seinen Taschenkalender von 1920 für einen faulen Zauber hält. Eine Institution, die über Revolutionen und soziale Erdbeben triumphierend ihren Haustorschlüssel schwingt und eher bereit ist, ihn auf die demütigen Häupter von Mietern und Nationalversammlungskandidaten niedersausen zu lassen, als ihn aus der Hand zu geben. Gegen eine solche Institution anzukämpfen ist vergebens. Dennoch sei hier der Versuch gewagt, ernste Bedenken gegen den Beschluß des Reichsvereines der Hausbesorger und Portiere Österreichs zu erheben, der das Sperrgeld mit 2 Kronen festsetzen will. Wenn ein solcher Versuch weder originell noch aussichtsreich genannt werden kann, so doch immerhin mutig. Vielleicht waren die bis nun seit jeher mit Hausmeistern geführten Auseinandersetzungen zu wenig ernst, um besser wirken zu können. Man kann mit bloßen Spötteleien nicht darüber hinweg, daß der österreichische »Hausmeister« und das »Sperrsechserl« am schlagendsten beweisen, wie sehr uns der Torschlüssel zu unserer persönlichen Freiheit fehlt. Es gibt ernstere Sorgen, gewiß! Aber unter den vielen herabwürdigenden Spezialitäten, unter denen der österreichische Mensch leidet, gibt es vielleicht keine mehr demütigende als dieses Strafporto für die Beförderung seines eigenen Ichs in die eigene Wohnung. An dem Sonntag der Märzfeier – sehr sinnreich – hielt der Reichsverein der Hausbesorger und Portiere Österreichs im Alten Rathause eine Versammlung ab, die sich zu einer –Vormärzfeier gestaltete. »Das Sperrgeld für ein einmaliges Aufsperren wird mit zwei Kronen bestimmt.« Warum nicht? Auch die Straßenbahn hat einmal ein Sechserl gekostet! Sollte der Hausmeister just billig bleiben? »Sperr- und Reinigungsgeld seien das Haupteinkommen eines Hausbesorgers, und nach der heutigen Kaufkraft des Geldes sollte man eigentlich zwanzig Kronen Sperrgeld fordern.« Der Reichsverein der Hausbesorger und Portiere Österreichs scheint nicht im geringsten daran zu zweifeln, daß ein Hausmeister österreichischen Stils ebenso notwendig ist wie etwa die Straßenbahn. Ganz abgesehen davon, daß das »Sperr- und Reinigungsgeld« vielleicht in keinem einzigen Fall »das Haupteinkommen des Hausbesorgers« bildet (kennt jemand einen Hausmeister, der keinen anderen Beruf hat?), ist das Beharren auf der Institution des Sperrgeldes seitens des Reichsvereines durchaus nicht so »proletarisch« und dem sozialistischen Zeitgeist entsprechend, wie es sich dieser Verein vielleicht denkt. Der Ursprung dieses Sperrgeldes ist doch eigentlich dem des Trinkgeldes verdächtig ähnlich. Während Straßenbahnschaffner und andere ehrlich arbeitende Proletarier das Trinkgeld als die Proletarierehre beeinträchtigend abgewiesen haben, während sich die Kellner und Friseurgehilfen vom Trinkgeld zu emanzipieren suchen, will der Reichsverein der Portiere und Hausmeister das erhöhte Trinkgeld. Das Entwürdigende des Trinkgeldes fühlt der einzelne Hausmeister sicherlich. Er macht es wett dadurch, daß er den Mieter einer noch schlimmeren Entwürdigung teil werden läßt. Denn nur so, unter gegenseitigen Entwürdigungen, wickelt sich der österreichische Verkehr ab. Zwei Kronen Sperrgeld, das sind im Jahr siebenhundertzwanzig Kronen. Die Mietzinsabgabe beträgt bei einer Mietzinshöhe von 900 Kronen und darüber nur fünfundvierzig Kronen. Zu den 720 K. Sperrgeld kommen noch 100 Prozent Reinigungsgeld. Die Steuerschraube des Hausmeisters ist schlimmer als die des Staates. Selbst wenn man annimmt, daß die Tätigkeit des Aufsperrens die Möglichkeit eines eventuellen Einbruchs verhindert, so ist zu bedenken, was kostspieliger ist: hie und da ein Einbruch oder allabendliches Sperrgeld ... Aber nicht einmal ein Einbruch wird durch die Institution des Sperrgeldes verhindert. In den größten Städten Europas geschehen weniger Einbrüche als in Wien. Ein Einbrecher nimmt sich eben selbst in Wien nicht die Mühe, beim Hausmeister anzuläuten, wenn das Kanalgitter zufällig schwer zu öffnen ist. Der Reichsverein der Hausbesorger und Portiere müßte eigentlich auch die Einbrecher zur Entrichtung eines den jeweiligen Einnahmen entsprechenden Sperrgeldes anhalten ... Ach! So einfach ist die Sache eben nicht. Es ist nicht genug daran, daß der Hausmeister meine Verhältnisse aus dem Meldezettel kennt. Er muß auch über meinen nächtlichen Lebenswandel orientiert sein. Er muß wissen, ob, wann und wie ich nach Hause komme. Deshalb werden wir nie das Sperrgeld loswerden. Und noch eines: Den Kampf, der seit Jahren zwischen den Parteien tobt, den Kampf um den Hausmeister nicht zu vergessen. Der Herr Landeshauptmann wird gewiß eine »Zweikronensperrgeldzahlendmachung« erlassen! Der Neue Tag, 17. 3. 1920   Stadtfrühling In den Auslagen der inneren Stadtteile erblühen im März plötzlich wunderbare kostbar-durchsichtige, weiche Blusenstoffe, die Preise schießen in die Höhe, und die Kaufleute schlagen aus. Am Vormittag sind die Kaufläden halb geöffnet, und ein Auslagearrangeur setzt Frühlingswaren in die Schaufensterbeete. Der Herr Direktor steht in der Tür, leutselig neben dem goldknöpfeknospenden Portier, wie ein hold erblühter Blumenstock. Die Sonne, die seinen Scheitel trifft, löst einen warmen Dunststrom duftender Brillantine aus. Seine Lackschuhspitzen schießen Strahlenbündel in die Höhe, leuchten in flüssiger Weißglut. Er könnte sich an seinen Stiefeln eine Zigarette anzünden. An den Straßenecken sind die Blumenfrauen über Nacht aufgegangen mit hängenden Frühlingsgärten von Primeln, Veilchen, Leberblumen, Schneeglöckchen. Schieber in frühjahrsmäßigen Gürteltierüberzieherfellen lassen blaue Papierfetzen für ein Veilchensträußchen in die Körbe der Frauen flattern. Die Maronimänner lassen immer noch Maroni-Anachronismen braten, deren Duft wie eine aufgewärmte Winterreminiszenz in die Luft steigt. Auf den Köpfen der Damen erblühen schüchterne Strohhüte in blassen Farben, und den kurzen Rockschößen entsprießen schlanke Seidenstrümpfe. An blonden und braunen Zöpfen baumeln Schulmädchen mit Notenmappen durch die Straßen. Aus einem plötzlich gähnenden Schultor strömt eine Wolke kleiner Kinder wie loser Dampf aus einem geöffneten Maschinenventil. Die Bettler wachsen an besonnten Mauern und nützen für ihr Gebrechen die sonnige Konjunktur aus, als hätten sie eigens zu diesem Zweck einen Vertrag mit dem Himmel geschlossen. Die Spritzwagen fahren mit breiten Wasserstrahlkämmen über das Pflaster, und ein Mann mit einer Uniformkappe stäubt Wasser aus einem Gummischlauch auf die Köpfe der Passanten. Es ist wie im Kino. In den Gärten und Parks knospen Kinder im Gummiwägelchen und Blätter an dünnen Zweigen. Es ist Frühling. Es ist noch ein Frühling da. Er beginnt am Gürtel. Die Straßen sind aufgerissen, mit Geschwür und häßlichen Wunden bedeckt. In der Sonne sind die Fenster mit Scheibengroßen Pappendeckelpflastern und schmutzigen Fetzenverbänden doppelt, dreifach, tausendfach traurig. Es sind die Straßen der hohen Löhne und der weiten Armut. Die Häuser sind so unerhört groß, übermächtig, wie Schicksale, erdrückend mit ihrer steinernen Wucht; sie lasten auf der Welt wie ein unabwendbares Unglück. Sie haben unzählige Fensteraugen, wie böse Gottheiten; man fühlt ihren schmerzenden Blick im Rücken, wenn man auf der Straße steht. Alle Menschen kommen aus diesen Häusern. Hier sind keine anderen Menschen als solche, die aus diesen Häusern kommen. Sie tragen den dumpf-feuchten Mauergeruch auf den Schultern. In einem Misthaufen stochern fünf, sechs Kinder herum. Staub hüllt sie ein. Sie klauben alles auf: Tramwayfahrscheine und alte Postbüchel und Knochen und Blechdosen. Die Kinder sind selbständige Sammelbüchsen mit Gliedmaßen. Es ist Frühling. Am Abend traben berittene Holzbündel durch die Straßen. Sie reiten auf Menschenrücken. Und ein Mädchen in der Straßenecke wartet auf eine Gelegenheit zu einem neuen Kostüm. Es ist Frühling. Die Bäume in den kleinen Gartenanlagen haben tabes dorsalis . Ihre Knospen sind nur symbolisch gemeint. Diese kleinen Spielgärten sehen aus wie Versorgungshäuser für kranke Sträucher. Der Frühling ist ein ganz, ganz anderer ... Der Neue Tag, 21. 3. 1920   Ringelspiel Im März lockt eine vielversprechende Sonne hier und dort ein »Ringelspiel« aus dem Vorstadtboden. Man fährt eine endlose Straße entlang, an grauen Zinshäusern vorbei, die Kaufläden werden immer spärlicher, die Kinder schmutziger. Knapp vor dem Viadukt gähnt die Straße plötzlich, ihre Kinnbacken sind sperrangelweit offen und lassen einen freien Platz sehen, eine Wiese oder so. Man weiß nicht recht, was das sein mag. Die Stadt hat sich noch nicht entschieden, ob sie sich hier fortsetzen oder enden soll, es ist überhaupt soviel Zaghaft-Ungewisses in dem Bretterzaun, der am liebsten schon ganz auf dem Boden liegen möchte und nur noch aus Repräsentationspflichten sich mühsam-gebeugt hält; in dem Gras, das zwischen dem Grau der Straße und dem Grün des Frühlings unentschlossen aus dem Boden sprießt; in den Menschen, die am Hals eine städtische Krawatte haben und ländliche Stiefel an den Füßen. Hier beginnen die Ringelspiele. Der Platz badet, schwimmt im Frühlingslicht. Als hätte man aus Kübeln Sonne auf den Boden geschüttet. Kinder buddeln in aufgewühlten Erdhaufen. Ein philosophischer Pudel wundert sich über den Mangel an Fliegen bei dem Sonnenwetter. Ein paar Eisenbahner, Pfeifen im Mund, stehen wie blaue Pinselstriche in der Landschaft. Sie duften nach Steinkohle und Sehnsucht. An der Wiesenböschung rastet ein Rudel junger Menschen. Und in der Mitte, von einem Draht abgesperrt, ist das Karussell. Ein dicker Stamm verzweigt sich an seinem oberen Ende. Er sieht aus wie ein tausendfach vergrößertes Skelett eines Regenschirms. An langen Ketten schwanken Sitzbretter. Und zehn Burschen stehen oben auf einer Art Karussell-Dachboden und zerren an den Ketten, immer rundherum, rundherum. Wer einen halben Tag gezogen hat, darf zehnmal hintereinander umsonst Ringelspiel fahren. Herr Rambousek, Ringelspieldirektor, ist imposant. An seiner silbernen Uhrkette baumelt ein Elefantenzahn. Herr Rambousek hat einen Anzug aus blauem geripptem Samt. Eine Reitpeitsche schwingt er – schwups! Knall! Hast du nicht gesehn? – in der Rechten. Und nach jeder Runde läßt er einen schrillen kleinen Schrei seiner Pfeife entfahren. Die Buben auf dem Dachboden hören auf, sich zu drehen. Die Kreisbewegungen der Sitzbretter verebben auf Befehl der Pfeife. Dann geht Herr Rambousek – schwups! Knall! Reitpeitsche in der Rechten, Sportkappe in der Linken – von seinen Passagieren das Reisegeld absammeln. Zwanzig Heller für die Runde. Drüben poltert ein Spielkasten, Polonaisen im Galopp. Rasende Baßtöne stürzen sich schnaubend auf junge Quetschlaute. Balgerei unter den Klängen. Im Bauch des Kastens muß Fürchterliches vorgehen. Die Molltöne unterliegen. Natürlich. War vorauszusehen. Wenn Herr Rambousek pfeift, liegt alles, Dur und Moll, tiefes G und hohes Cis, durcheinander auf dem Boden. Herr Rambousek hat Familie. Alle wohnen in einem Waggon auf Rädern. Herr Rambousek kommt weit herum und ist jederzeit reisefertig. Er braucht nur zwei Pferde vorzuspannen. Und dann sitzt er auf dem Kutschbock – schwups! Knall! Hast du nicht gesehn? – Fort ist er! Ich wüßte gern, wie Herr Rambousek das mit seinem Paß macht und mit den Grenzen. Aus dem Waggonhaus hörst du einen Säugling jammern. Frau Rambousek ist im Negligé – es ist erst vier Uhr nachmittags. Sie gießt mit theatralischem Schwung schmutziges Spülwasser aus einer Schüssel über den Platz. Der Pudel ist aufgeschreckt aus seinen Grübeleien. Seine Gedankenkette ist patschnaß geworden. Er zittert, triefend vor Nervosität und Nässe. Auf weitgespannten Schnüren hängt Wäsche. Der Wind bläht die Intimitäten der Familie Rambousek. Der Platz sieht aus wie ein Segelschiff. Über dem Ganzen leiser Hauch einer halbvergessenen Romantik. Landstreicherluft. Drei Zigeuner sah ich einmal, lieblich war die Maiennacht ... Vom Boden steigt warmer Märzduft empor, man riecht Blühen irgendwo. Der Säugling jammert noch immer, der Spielkasten tobt. Und Herr Rambousek, immer obenauf, leichtbeschwingter Tänzer über der Beschwer des Alltags – schwups! Knall! Hast du nicht gesehn? – ruft: Eine Runde! Eine Runde! Josephus Der Neue Tag, 25. 3. 1920   Ausflug Im Schottentor riecht man den Heurigen, der 38er ist beschwipst und taumelt menschenleiberbehangen davon. Im Sonnenglanz perlt Schweißtau auf Rasenrücken. Der Motorführer ist eingekeilt und prustet Sauerstoff wie eine Maschine, HP76. Rucksäcke, noch schlaff, aber leise schwellend in Erwartung ländlicher Eroberungen. Siebenfach genagelte Bergsteigersohlen auf Mitmenschenhühneraugen basierend. Von der hinteren Plattform dampft Menschenfleisch, Rädertempo beschleunigend. Vorüber an grünbehangenen Gartenzäunen, die fast die Wagenfenster streifen. Hundegeheul in einem Gehöft. Die sausende Straßenbahn macht einen eingesperrten Pudel rasend. Er glaubt, daß ihn das lärmende rotgelbe Ungeheuer frozzelt. Junges Bohnengewächs kollert frühreif dünne Stangen hinan, will schaun, was oben sein mag. Naseweise Erker ziehen grüne Wildweinlaubschleier vors Angesicht, angstvoll vor Sommersprossen. Ein Gartengitter macht weiße Farbentoilette. Die Ölfarbe dunstet in der Sonnenwärme. Endstation. Grünes Bedürfnishäuschen mit erhöhten Eintrittspreisen, Schaffner mit Zeitungsblättern, Weltgeschichte zwickend, auf von Hosenböden gescheuerten Holzbänken. Der offene Wagen spuckt Menschen aus. Erster Naturhauch wirkt aufmunternd auf Liebespärchen. Irgendwo fällt ein Kuß wie einzelner Regentropfen in die Stille. »Café-Restaurant«. Cottage-Kellner, hemdbrustblank, scheitelglänzend, Haarsträhne sorgfältig gezählt, rechts und links mit Pomade, fett wie Schlagobers. Lautlose Handbewegungen. Ihre Finger gehn auf Gummiabsätzen. Der Pikkolo, Baby im Frack, hat blanke rotbraune Backen mit leichtem Pfirsichflaum. Er riecht nach Milch wie ein Säugling. Eine Fensterecke war von einem Schieberrudel erobert. Überzieher und Röcke mit Gürteln, in denen seltsamerweise keine Handgranaten stecken. Breite Fingernägel schimmern, heute morgen noch vom Friseur poliert, wie Glassplitter herüber. Die Manieren frisch gekauft, knisternd noch und neu; der Ladenpreis baumelt sichtbar daran. Es sind sechs, sieben. Ihre grünschillernden Krawatten machen Gepolter. Man bestellt Tschoklad. Sieben Tassen Tschoklad. »Was dazu?!« neigt sich flüsternd der Kellner. »Sieben Sacher-Torten!« einer sprach's. Er zahlt. Valutabeherrschend, Hand im Hosensack, darin sich die Finger hurtig bewegen wie gefangene Kaninchen. Möbelpackerbeine, auswärts gekrümmt. Wimpernlose Äuglein, die Augenbrauen kaum angedeutet, wie mit schüchternem Kohlestrich. »Sieben Sacher-Torten!« Der Kellner lächelt, glattgeölte Überlegenheit. »Schani, bring den Herren Kuchen !« Die Herren sind paff. Wollten sie nicht Sacher-Torten? Ihr Benehmen ist gedämpft. Ihre Krawatten sind auffallend still geworden. Der mit den Händen im Sack überlegt: Ist Kuchen Sacher-Torte? Schani bringt Kuchen. Siebzig Finger zerbröckeln ihn. Tauchen Kuchen in Tschoklad wie Schwämme in Wasser. Endlich gurgelndes Geschlürf. Es klingt wie röchelnde Wassertropfen in einer kaputten Wasserleitungsröhre. Auf der Landstraße Gesang. »Die Vöglein im Walde.« Gewaltsam konstruierte Harmlosigkeit. Touristenkostüme, wie gemalt. Aus den Frauengeschichten hat der Wind Puder weggeweht. Stadtmenschen in »Feld und Flur«. Auf grünender Wiese erheben sich plötzlich fünfundzwanzig braune Papiertüten. Durch anbrechende Dunkelheit glimmt rötlich eine Zigarette. Heimkehrer schwanken, Lodenhütchen im Nacken, lustig um jeden Preis, schwer wie beladene Heuwagen zur Scheune, der Haltestelle zu. Sturm auf Straßenbahn. Geht-net-unter-Dialekt herrscht übermächtig vor. Wiedergurgler schlucken immer noch Heurigen. Die ersten Straßen sind still, ducken sich aus Angst vor den heimkehrenden Bewohnern. Wie ein toller Schrecken durchfährt die Elektrische eine reservierte Straße. Und der Halbmond lacht hämisch über leberkranke, gelbsüchtige Gaskandelaber. Josephus Der Neue Tag, 28. 3. 1920   Praterkino Vor dem Eingang sprudelt der Herr Portier. Breitgoldene Borte um das Kappenrund leuchtet ihn empor in Amtsregionen. Wäre er barhäuptig nur, erschiene er mir und den andern sehr zu seinem Schaden als personifizierte Dienstfertigkeit. Denn kleingewachsen und Untertan ist sein Wesen zahlenden Mächten der Umwelt gegenüber und lichterloh entzündbar an leisem Banknotenknistern. So aber, breitrandige Chargengloriole ums Haupt, erweckt er demütigende Ideenassoziationen wie: »Amt und Würden«, »Zucht und Ordnung«, »Hintertürl und Bestechung«. Dank dieser Amtskappe erhält er auch äußere Berechtigung, zwischen Nur-Jugendlichen und Schon-Sechzehnjährigen zu unterscheiden und der Bartlosigkeit verdächtige Besucher je nach der Höhe des Trinkgeldes in diese oder jene Kategorie mit beamteter Unerbittlichkeit einzureihen. Man kann der Minderjährigkeit entgehen, wenn man aus Rücksichten auf seinen Nebenverdienst zehn »Sporteln« verlangt und also durch Nikotinismus Kinoreife beweist. Sein: »Prrrogrrrammm« ist ein kurzheftiger Trommelwirbel, den er jedem Besucher entgegenpoliert, und verspricht schon Spannung, Sensation, Aufgeregtheit, täte er selbst nichts mehr dazu. Aber auf den Trommelwirbel folgen Fanfarenstöße, gesprochenes Feuerwerk: »Das rote Aß«, und »Aß« fällt wie zischender Funken aus Loderbrand, daß man glauben muß, ein Loch im Rock bekommen zu haben. »Das rote Aß« ist das unerhörteste Filmzauberwerk sämtlicher Kontinente, in Amerika herausgepulvert mit einem Aufwand an Munition, wie ihn der letzte Weltkrieg gebraucht hat, und enthält in komprimierter Form zweimal hunderttausend Kriminalromanserien; ein Extrakt aus allen Greueltaten der Verbrechergeschichte. Von der Stirn des Herrn Portiers rinnt Begeisterung in Schweißströmen, wenn er die Vorzüge des »roten Aß« mit polternden Zungenlauten vor den staunenden Zuhörern preist. »Das rote Aß« wird im Praterkino von den Zuschauern gegeben. Slowakische Arbeiter, kleiner Goldreif im linken Ohrläppchen, rotgeblümtes Halstuch, Soldatenhemd, grauweiß geschecktes Gesicht und heraushängende Augenkugeln, gleichsam ohne Zusammenhang mit dem Hirn. Dirnen und Zuhälter, lärmende Schminke auf Backenknochenpolen, bandagierte Hände, verkommene Krüppel. Alle Menschen hier kommen von der Filmleinwand, kommen aus den berüchtigtsten Slums, aus dem Wilden Westen. »Das rote Aß« beginnt vor der Vorstellung. Glöckchenbimmel, Türen auf, Kommandorufe: Rechts gehn, Fohtöhl links, Menschenfleischdunst krallt sich qualmend um Brust und Hals, Dunkel überrumpelt dich wie übermächtiges Raubtier. Hinter deinem Rücken bereitet sich surrend Unheil vor, bleiches Lichtbündel zuckt aus quadratischer Augenöffnung, fährt scharf und pfeilschnell, Finsternis spaltend, über systematisiertes Gewirr von Köpfen, zeugt mit fahler Leinwand verruchtes Geschlecht verzerrter Schattenteufel. Unerklärliches geschieht, meine Nachbarin von links hält einen rauchenden Revolver, schießt besinnungslos, ist Kellnerin in einer Wildwestschenke, ihr Chef ist der Kinoportier, ja, dieselbe Tellermütze mit dem breiten Goldstreifen – steht er nicht mehr draußen? Nein, Schankwirt ist er in der Nähe der Goldgruben, er verkauft keine »Sport«, sondern lehnt an einem Bierfaß; ha! jetzt habe ich ihn erkannt: So ist er, seine Augen gefielen mir nicht, noch als ich eintrat, sie hatten so eine zwinkernde Bestialität in Stellung und Ausdruck. Natürlich, jetzt weiß ich's: Einen geheimnisvollen Menschen hat er in seinem Oberstüberl verborgen, einen Doktor Diaz, der um jeden Preis das Geheimnis der fabelhaften Munitionserzeugung wissen muß und nun den Detektiv beseitigen will, jenen glattrasierten Menschen mit der zynischen Mundfalte und dem Aha-weiß-schon-Blick, der sich vorhin bei der Kassa einen Fohtöhlsitz kaufte. Sein Freund aber ist der »kleine Bär«, ein ungemein geschickter Mensch, der soeben noch, bürgerlich solide in Haltung und Winterrock, Plätze angewiesen hat und dem ich nie zugetraut hätte, daß er von dem Rücken eines galoppierenden Rappen auf den höchsten Zweig eines Baumes springen kann, um den Detektiv zu retten. Die Freundin aber, ich weiß schon, jetzt entspinnt sich ein Liebesverhältnis, jene Blondine, blaß, Lockenkopf, rührend-weiblich und männlich-mutig, die – sitzt sie nicht zwei Reihen hinter mir? Ach, die Arme hockt in einer Felsenhöhle, sie wird wohl erst bestenfalls im vierten Akt herauskommen können, und bis dahin ist ihre Munition längst verpfeffert. Und das alles wegen des Schankwirts! Der Teufel hole den Kinoportier! Ein blutlüsterner Indianer, braunglänzend, ich rieche seinen Juchtendunst, kriecht gewandt auf allen vieren, duckt sich, lugt aus, seine Augen, Gott! wo hab' ich die schon gesehn? Das ist der slowakische Arbeiter mit dem Goldring im Ohrläppchen; wo der nur so schnell die Indianermontur herhat, möcht' ich wissen. So ein Vieh, von dem elenden Diaz gekauft! Ha! jetzt hat sie ihn getroffen. Dieser Slowake stirbt wirklich wie ein Indianer. Ein wuchtiger Hieb auf ein Trommelkalbfell begräbt die restlichen Töne der Musik. Im Hintergrund zischt es, giftige Schlange oder so. Licht bricht aus zehn Birnen in die Welt, neben mir die Kellnerin, vor mir der Detektiv, der »kleine Bär« ruft: »Nächste Vorstellung acht Uhr abends«, sein Winterrock ist gar nicht beschädigt von der selbstmörderischen Kletterei. Aus aufgeplatzten Türen strömt Masse in zweitem Aggregatzustand, und draußen steht immer noch der heimtückische Schankwirt als Kinoportier verkleidet und trommelt Prrrogrrrammmwirbel... Der slowakische Arbeiter verliert sich irgendwo im Pratergebüsch, wo er herumspionieren will. Heute Nacht noch stirbt er einen Indianertod. Josephus Der Neue Tag, 4. 4. 1920   Das Frühlingsschiff Vielleicht, daß ein Schlafloser, dessen Fenster auf den Kanal hinaussieht, in der Nacht ein kurzatmiges Taktprusten der rastlosen Schiffslunge gehört hat und das leise Geklirr ausgeworfener Ketten, als das Schiff haltmachte. Das weiß man nicht. Morgens sieht man plötzlich ein weißes Dampfschiff. Es schmiegt seine Wange ans Ufer, schlingt getreulich lange Kettenarme um die Pfosten, die aus der Böschung herauswachsen, und hackt spitze Eisenklauen in die weiche Ufererde. Das ist weit draußen, im Donaukanal. Es ist ein Frühlingsschiff und sicherlich – wer weiß – über Nacht aus Tiefen emporgetaucht, die bis jetzt vereist waren. Es ist ein laubweißes Haus mit unzähligen winzigen Fensterscheiben. Es raucht blaue Wölkchen aus einer langen Schornsteinzigarre. Taue und Rollen und seltsames Gestänge, Räderwerk und rätselhaftes Gerät aller Art ist auf Deck zu sehen. Windeln und Kinderwäsche spielen Segel auf ausgespannten Schnüren. Um Kiel und Bug plätschert silbriges Schaumwellengekräuse. In einem Wächterhäuschen an Bord wohnt der Bootsmann mit seiner Familie. Er hat ein unbestimmbares Alter und stammt aus der Stormschen Novellensammlung. Nordseewind hat sich in seinem Backenbart verfangen, und an seinen Händen klebt sicher salziger Heringsgeruch. Natürlich raucht er auch eine kurze Holzpfeife, sie hängt ihm im rechten Mundwinkel wie ein eingehaktes Fragezeichen. Er spaltet Holz mit langsamen Gebärden. Seine Frau sieht ihm zu, mit einem Säugling im Arm. Kinder werden hier geboren, wachsen auf und werden alte Bootsmänner mit Backenbart, salzigem Heringsgeruch und kurzen Holzpfeifen. Ganze Generationen von Schiffsmenschen kommen und verschwinden. Gewiß werden die Toten nicht am Zentralfriedhof begraben, sondern in weiße Segel gehüllt und an Ankertauen in die Fluten gesenkt, wo schuppengeschwänzte Nixen sie mit kühl-silbernen Armen aufnehmen. Der Bootsmann ist, wenn ich ihn frage, aus Neutitschein und bei der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft engagiert. Er ist ein simpler Neutitscheiner, er kennt nur die Donau und keine Nordsee. Und Heringe kauft er im Delikatessengeschäft. Wozu fragen? Kinder spielen am Donaukanalufer. Auf der schmalen wippenden Landungsbrücke, die wie eine hölzerne Zunge des Schiffes das Land bedeckt, rennen sie hin und her, dieweil der Bootsmann schilt und dräut. Wenn man näher hinhört, merkt man ein bißchen Böhmakelndes. Wozu hinhören? Ich denke, der Bootsmann ruft ungefähr: Lüpp de Lüpp nit upp! Oder so. Auf den alten Ufersteinen, die mit blaugrünem Moos austapeziert sind, zwischen denen grünsamtene Grasbüschel steilgekämmt und justament den Wolken ins Angesicht schauen, ist Wäsche aus der Nachbarschaft gebreitet. Die Fenster der Häuser am Kanalufer stehen weit offen. Alles ist der Sonne preisgegeben. Das Schiff aber beherrscht, leuchtend und stolz, Fluß und Land, die Häuser und die Menschen. Am Abend, wenn sie aus den Fabriken kommen, holen sie wacklige Stühle vor die Haustüre, setzen sich in Gruppen und reden vom Schiff. In den Nächten träumen alle Kinder von weißen schwimmenden Häusern und schimpfenden Bootsmännern. Und die kleinen Mädchen von Matrosen und fliegenden Holländern. Über Nacht ist es dann plötzlich verschwunden. Und ich glaube nicht, daß der alte Bootsmann ein paar Kilometer weiter seine Taue ans Land geworfen hat. Sondern daß er jetzt weiß Gott in welchen Meeren mit seinem weißen Haus herumschwimmt, um an fremden Ufern plötzlich aufzutauchen. Vielleicht hört ein Schlafloser, dessen Fenster über dem Ufer liegen, in der Nacht ein kurzatmiges Taktprusten der rastlosen Schiffslunge und silbernes Klirren ausgeworfener Ketten. Aber so bestimmt kann man das nicht sagen. Josephus Der Neue Tag, 18. 4. 1920   100 Jahre Bei der ältesten Wienerin   Sie kann nur in der Kalvarienberggasse wohnen. Kennt Ihr die Kalvarienberggasse? Links vom Elterleinplatz in Hernals steigt sie gelinde empor. Man sieht ihr Ende kaum. Man darf sich einbilden, daß sie sacht und sorgfältig in die Ewigkeit hinanführt. Und wie es sich für einen Weg gehört, der zur Ewigkeit führt: Rechts steht ein Kirchlein mit einer rohen Steinmauer, es sieht so lieb aus wie ein Wetterhäuschen oder ein Spielzeug. Diese Kirche scheint gar nicht gemauert, sondern zusammengepickt. Ich glaube bestimmt, die Kirche ist eigens für die Kinder von Hernals gebaut. Erwachsene dürfen nur mit einer besonderen Erlaubnis hinein. Und links, im Zehner-Haus, wohnt Frau Katharina Fischer, die am 4. Jänner 1920 rund hundert Jahre alt geworden ist. Wenn man hundert Jahre alt ist, wohnt man selbstverständlich in der Gasse, die zur Ewigkeit führt. Geradewegs in die ausgebreiteten Arme des lieben Gottes hinein, der hoch droben steht und wartet; auf die Menschen, die mühselig den Kalvarienweg hinaufkeuchen. Steigen wir nicht alle diese Kalvarienberggasse empor? Oh, sie liegt gar nicht im siebzehnten Bezirk allein. Alle Gassen, durch die wir wandern, sind Kalvarienberggassen. Und wenn du mitten am Weg einen Hundertjährigen triffst, so kehre bei ihm ein. Frau Katharina Fischer wohnt bei ihrer Tochter, die Anna Schimek heißt und die Frau eines Eisenbahnarbeiters ist. Die Frau Schimek war einmal eine stattliche Person – oh, bitte, eine sehr stattliche Frau! Im Frieden. Da konnte sie noch ausgehen, ins Geschäft, Geld verdienen. Die alte Mutter konnte noch herumgehen. Aber heute geht Frau Schimek nicht mehr ins Geschäft, sie kann die Hundertjährige nicht allein lassen. Wenn man hundert Jahre alt ist, muß man doch essen. Eine von den wenigen Eigenschaften, die man sich in einem noch so langen Leben nicht abgewöhnen kann. Und Frau Schimek spart und spart, um die Mutter zu ernähren. Und wird täglich dünner. Oh, sie ist längst keine stattliche Frau mehr wie auf der Photographie in dem braunen Album mit gepreßtem Lederimitationsumschlag, dessen Spange vom vielen Auf- und Zuklappen an Sonntagen ein bißchen locker geworden ist. Frau Schimek und ihr Mann sind sehr stolz auf die hundertjährige Mutter. Wie man stolz ist auf ein sehr kostbares Erbstück etwa. Oder einen echten Harzer, der herrlich schmetternde Tiraden auswendig kann. Wenn man hundert Jahre alt ist, wird man so ein bißchen Gegenstand. Frau Kathi Fischer schläft auf dem Sofa im Zimmer des Ehepaares Schimek. Das heißt, sie schläft gar nicht, sondern liegt nur so. »Nach dem Essen«, sagt sie zur Entschuldigung. Wie sie so daliegt, kleinwinzig, nimmt sie kaum die Hälfte des Sofas ein. Wie eine Puppe, die ein Kind »schlafen gelegt« hat. Frau Schimek zeigt, was ihre Mutter kann. Sie produziert sich. Die Hundertjährige sitzt auf. Sie freut sich sehr über einen Plausch. Sie darf reden. Und sie spricht. Spricht ohne Unterlaß. Ihre hundertjährigen Hände mit den Knoten an den Fingern und den vielen, vielen tausendblauen Äderchen schießen wie Schwalben hart über der Tischplatte. Ihr zahnloser Mund sieht aus wie eine kleine Höhle, aus der ein Quell von Geschichtchen unermüdlich sprudelt. Die Gegebenheiten verhaspeln sich, verwirren sich, Ereignisse, die jahrzehntelang auseinanderliegen, rücken plötzlich zusammen, verwachsen wie Zwillinge bei Barnum. Die Hundertjährige sieht die weit voneinander entlegenen Geschichten so nahe, weil sie so fern sind. Etwa wie wir zwei Sterne Schulter an Schulter leuchten sehen, Sterne, die Millionen Meilen voneinander entfernt sind. Kleine Alltäglichkeiten und nicht der Rede wert. Das alte, kleine Mütterchen aus dem Volke sieht mit dem hundertjährigen Auge der Geschichte. Revolutionen, Kaiser, Kriege, Festlichkeiten. Hie und dort guckt nur ihr eigener, kleiner Alltag der Historie über die Schulter. Etwa wie ihr Mann – Gott habe ihn selig, den guten Tempeldiener – eingesperrt war. Am Jom Kipur, ja wahrhaftig, am Versöhnungstag, und wie sie ihm danach Essen brachte und seine Befreiung durchsetzte. Ja, Essen brachte sie ihm, es war Suppe mit Bohnen. Es war eine gute Suppe mit großen Bohnen. Und den Latour haben sie die Stiegen hinuntergezerrt, ja, man denke, vier Stockwerke haben sie ihn geschleppt. Das Schicksal Latours geht ihr so nahe. Ach Gott! Und wie man geschossen hat! Es waren Fensterläden noch am Haus, und die sperrte Frau Katharina Fischer ganz einfach zu. Ja, zugesperrt waren die Fensterläden, und nun sollten sie nur schießen. Bum, bum! Die Hundertjährige berührt mit der Faust den Tisch. Offenbar bildet sie sich ein, das wäre ein Klopfen. Und richtig! Ja, sie hat vergessen, vergessen, das Wichtigste zu erzählen! Wie Latour aufgehängt wurde. An einem Laternenpfahl. Gottes Himmels willen! Am Ende wäre ich gar fortgegangen und im ungewissen geblieben über das endgültige Schicksal dieses Latour! Ich Tepp! Und Sechsundsechzig! Die Deutschen waren feine Leut' und sagten »Mutterl« zu ihr und bezahlten den Kaffee. Alles ist wahr! versichert Frau Katharina Fischer. Ich kann alles glauben. Sie weiß, was sie weiß. Und ich kann mich darauf verlassen. Sie hat sich wirklich Mühe gegeben, mich genau zu informieren. Ich soll doch wiederkommen. Sie besuchen! Das junge Madel! meint Herr Schimek verlegen-ironisch. Oh, sie bildet sich nicht ein, jung zu sein, die Frau Fischer. Sie ist die erste Frau in meinem Leben, die auf ihr hohes Alter stolz ist. Frauen müssen hundert Jahre alt werden, um ihr Alter offen einzugestehen. Ich werde wiederkommen, gewiß. In der Kalvarienberggasse, die ich mein Leben lang hinanklimme, wohnt sie ja, die Hundertjährige. Ein Spielzeug aus dem Hauch der Ewigkeit. Josephus Der Neue Tag, 11. 5. 1920   1923   Bilder aus dem Schlachthaus zu St. Marx Breit gelagert, über einen Umkreis von 59 000 Quadratmetern, ist das Schlachthaus St. Marx , die blutige Wallstatt, der Ochsen und Kälber auenumfriedetes, von der Außenwelt abgeschlossenes Feld der Ehre, auf dem sie geopfert werden für Mensch und Magen. Um fünf Uhr morgens herrscht im St. Marxer Schlachthaus sozusagen bewegtes Sterben, in der Schlachthausgasse frühes Leben. Vom Viehmarkt her schallt das Blöken der Rinder, der gewaltigen Kehle eines Todgeweihten entgrollt von Zeit zu Zeit ein kurzer dumpfer Aufschrei. Aus der Straßenbahn eilen Schlächter herbei, in trügerisches Unschuldsweiß gekleidet, und das Messer schlenkert an ihrer Hüfte. Aus fünf großen Objekten besteht das Schlachthaus: Es sind fünf große Schlachthallen mit kleineren Schlachtkammern, von denen die meisten mit Aufzügen ausgestattet sind, mit bequemen Kühlräumen , die wie große Banksafes aussehen, mit eisernen, dichtgeflochtenen Türen versehen, mit Ställen , unterirdischen und ebenerdigen, in denen die frommen Schafe demütig und menschergeben vor den Krippen stehen, mit eisernen Ketten an ihr Schicksal gebunden. In diese Stallungen (Vorhöfe des viehischen Jenseits) gelangen die Tiere aus dem Viehhof durch ein breites Doppelflügeltor. Sie schreiten, dumpf, ohne Widerstand – die Ahnung des kommenden Todes überschattet ihre breiten weißen Stirnen, macht ihren Trott leichenfeierlich und langsamer – eine breite, sanft ansteigende Straße empor, den Golgathaweg der Tiere. Begleitet von ihren Treibern, die keinen Zwang mehr anzuwenden brauchen. Es ist ungesund, die Tiere unmittelbar nach dem Auftrieb zu schlachten, solange die Erregung in ihren Gemütern noch nachzittert. Sie ruhen im Stall aus, mit breiten, mahlenden Kiefern ihre vorletzte und letzte Mahlzeit kauend. Die Ställe sind groß und durch Wände in Kammern geteilt – eine Vorsichtsmaßregel, die das leichtere Absperren verseuchter Tiere ermöglicht. Nur einige unterirdische Stallungen, dumpf und ohne Licht, die »Stallkatakomben«, müssen vorläufig noch benützt werden, bis (im September dieses Jahres) die Neubauten fertig geworden sind. Diese Keller sind schaurig und mittelalterlich und erinnern an die »Verließe«, in denen zum Tod Verurteilte ihre letzten Tage zubringen müssen. In den Ställen finden 2 300 Rinder Platz. Der Auftrieb der Tiere Von den Ställen führt der Todesweg des Tieres zur – metaphorischen – »Schlachtbank«. Es ist keine »Bank« da – in der großen Halle sind nur Pfosten vorhanden, an welche die Tiere angebunden werden. Hoch oben sind die Fenster angebracht, aus unerreichbarer Höhe dringt das letzte Licht einer grausamen Welt sparsam und traurig herein. Es riecht nach geronnenem Blut, seit 80 Jahren rinnt hier Blut, zum Wohle der Menschheit. Tag für Tag von 6 Uhr früh an vergossenes. Den Boden deckt gleichgültiges Steinpflaster, glattes, glitschiges, in der Mitte gewölbtes. Jeden Tag flutet kaltes, reinigendes Wasser über diese Steine, und sie sind sauber und in Unschuld gewaschen und sehen aus wie am ersten Tag. Hoch oben, vielfach gewölbt, ein steinerner Plafond, hinter dem sich Gott, unsichtbar und taub, verbirgt. Die Schlachthallen in Betrieb In diesen Schlachthallen können täglich in Intervallen 1400 Rinder »geschlagen« werden – zu gleicher Zeit aber nur 350. Hier lassen die Großlieferanten ihr Vieh schlachten, dazu verwenden sie die »Lohnschlächter«, Mitglieder und Gehilfen der »Arbeitsgenossenschaft für Schlachtungen«, geprüfte Schlächter, die das Messer sicher führen. Die kleinen Fleischhauer arbeiten mit eigenem Personal. Die heißesten Tage sind jene der Großmärkte. Montag und Freitag. An 140 Schlachtständen rinnt das Blut unaufhörlich. An 140 Ständen sinken die wehrlosen Tiere in die Knie, vom betäubenden Gnadenschlag bewußtlos geworden. Aus 140 gutgetroffenen Kehlen schießt der Strahl des roten Lebens. Die Luft des Schlachthofes macht die kraftstrotzenden prächtigen Tiere willig und ergeben. Ein sanfter Mahnruf des humanen Todesengels genügt, eine leise Berührung des Opfers, und es gibt den nutzlosen Versuch auf und widersteht nicht mehr. Ein sanftes Wedeln mit dem nervösen Schweif wie ein letzter Gruß an die versinkende Welt. Der fromme gute Blick schweift an den Menschen vorbei – in eine kaum erahnte Ferne dringt er durch Körper und Wände. Noch einmal sträuben sich die weichen Pelzhaare, ein kleiner Schauer streicht die Wirbelsäule entlang. Aber die Augen bleiben offen und traumverloren, das Lid zuckt nicht, das Tier scheint den Arm, der sich eben zum vernichtenden Schlag erhebt, gar nicht zu sehen. Es steht einsam inmitten seiner Todesgefährten und der tötenden Menschen, nicht mehr von dieser Welt, bereit für die Ewigkeit. Der mächtige Schlag gegen eine bestimmte Stelle des Hirns tötet schonungsvoll jede Empfindung, ehe das Messer angesetzt wird und das Tier, durch den ersten Schmerz zum halben Bewußtsein wiedergelangt, die Augen noch einmal aufschlägt, zum letzten Mal. Es ist einer der wenigen Augenblicke, in denen jedes Tier vollkommen menschlich wird durch die Macht des Todes. Dann hängen sie nebeneinander, die Leiber, aus denen die wühlende Hand des Schlächters Eingeweide und irdischen Schmutz entfernt; die sauberen Tierleichen mit den friedlichen Köpfen, mit totem Gehirn, erstorbenen Nerven. Sie kamen einst weit her, aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien , und nur wenige waren in dem Land geboren, in dem sie starben. Viele Tagereisen lagen hinter ihnen, Tage in engen, finsteren Waggons, in denen sie furchtsam und erschreckt durch fremdes rollendes Geräusch ihre warmen Leiber aneinander rieben, weite Fahrten unternahmen sie nach dem unerforschlichen Willen einer höheren Gewalt, um am Ziele ihr Leben zu lassen – wie dereinst die Marschkompanien. In die sauberen 233 Kühlzellen gelangen sie, wo das Eis vom 158pferdekräftigen Elektromotor erzeugt wird. Teile, die leicht verderben könnten, dürfen hier nicht eingelagert werden. In diesen Kühlräumen, die sich etwa auf 1540 Quadratmeter erstrecken, ist man sorgsam auf Appetitlichkeit bedacht. Das Blut gelangt in die Fattingersche Blutverwertungsanstalt, und die Menschen gewinnen auch daraus allerlei chemische Stoffe. Der Dünger wird in Eisenbahnwagen geschüttet und zu guten Preisen verkauft. Der Mensch versteht die Tiere großartig auszubeuten. Wie viele ihm auf Erden anheimfallen müssen, kann man sich vorstellen, wenn man erfährt, daß im St. Marxer Schlachthaus allein vom Jänner bis Ende Juni 1923 – 64 423 Rinder, 11 518 Kälber geschlachtet wurden. Dazu kommen noch Schafe, Lämmer, Ziegen, Kitze und Pferde. Im Laboratorium , in das mich der liebenswürdige Schlachthofleiter Dr. Moser geleitet, leben idyllisch Kaninchen und Hasen: Versuchstiere. Auch sie dürfen sich nicht eines ungestörten Lebens erfreuen. Dr. Hennenberg nimmt ihnen Blut ab, um jenes Serum zu gewinnen, durch das die Zusammensetzung der Würste geprüft werden kann. Die Rinder tötet man, die Kaninchen läßt man leben, und der Mensch bleibt ein schlachtender Herr der Schöpfung – Sinn und Zweck alles tierischen Lebens. Josephus Wiener Sonn- und Montagszeitung, 9. 7. 1923   Riviera in Kagran Am Ufer der Alten Donau, jenseits der Reichsbrücke , halten die unbemittelten Menschen ihren Rivierasommer ab. Ihr bescheidener Blick ignoriert das andere Ufer des Flusses und ruht auf den nächstplätschernden Wellen. Wenn man das phantasiebegabte Auge ein wenig zusammenkneift und die Geographie vergißt, kann man den ewigen Wogenschlag des Meeres beobachten. Manchmal kommt unserer Illusion ein Dampfer zu Hilfe und den Fluß hinunter, mit rauchendem Schlot und abenteuerlichem Mast und winkenden Insassen. Gewiß fahren sie jetzund hinaus in die See, die Kontinent mit Kontinent verbindet. Man darf nur keine übermäßigen Forderungen an die Rivieragäste stellen. Im Badeanzug sind alle Menschen gleich, es trägt kein Milliardär sichtbare Abzeichen seiner Größe am Schwimmkostüm. Das macht die ausgleichende Gerechtigkeit des Wassers. Jener dort mag in Zivil ein Arbeitsloser sein. Ohne Zivil ist er ein Badegast in besten Verhältnissen. Erst wenn er den Strand betritt, offenbart sich sein sozialer Grad. Unsere Gesellschaftsordnung ist eine festländische. Am Ufer beginnt sie bereits. Promenadenkonzert An diesem Strande kampieren nämlich Hunderte Proletarierfamilien mit Kindern, Hunden, Wagen, Wiegen, Säuglingsflaschen, Regen- und Sonnenschirmen, großen und kleinen. Es fehlt nicht an Musik. Das obligate Strandkonzert besorgen Grammophone . Ich stelle mir vor, daß einmal, vor Jahren, diese Melodien den Instrumenten einer Rivierakapelle entströmt sind, eingefangen wurden in den Mechanismus aus Blech und Hartgummi, um jetzt über den Badestrand der Mittellosigkeit zu tönen. Es rasselt ein Wagner-Marsch aus blinkendem Trichter, mit jener flotten Fixigkeit gespielt, die das untrügliche Kennzeichen einer Strandpromenadenkapelle ist. Noch weht Salzluft des Originals in der tausendsten Grammophonkopie. Kinder, Hunde, Greise Die Kinder, mit übermäßigen Bäuchlein behaftet und krummen Beinchen, sind nackt. Auf ihre kranken, weichen Knochen scheint gütig die liebe Sonne herab. Die Mutter säugt das Jüngste unter dem löcherigen Regenschirm. Die Regenschirme sind die Strandkörbe dieser Riviera. Den Hunden geht es hier besser als den Menschen. Befreit vom polizeilichen Leinenzwang, rasen sie in wilden Sprüngen kreuz und quer, graben sie mit eifrigen Pfoten Knochen aus, schießen sie weitgeschleuderten Papierknäueln nach, kostbaren Objekten hündischer Spiel- und Sehnsucht. An dieser Riviera leben die ungezogenen Hunde. Ihre Rasse ist niemals zu konstatieren, Pudel, Dackel, Wolf sind in einem vertreten. An der wirklichen Riviera trotten adelige Seidenpinscher hinter Damen an rosafarbenen Schnüren. Brave Pinscher, besteuerte Luxustiere. Nie würde ein Hund von Kagran mit ihnen tauschen. Ein altes Ehepaar, Großvater und Großmutter, lagert halbnackt, und ein Regenschirm eint sie und die Gemeinsamkeit eines langen Lebens und die Erwartung eines nahen Todes. Auf der warmen atmenden Erde liegen sie. Harmloses Getier kriecht über sie. Bald werden sie unten liegen, und die Tiere werden nicht mehr harmlos sein. Durch das Loch im Dach des Regenschirmes sieht der alte Mann ein kreisrundes blaues Stück Himmel. Mehr braucht er nicht. Als er noch jung wahr, wölbte sich über ihn der ganze, grenzenlos blaue Horizont wie jetzt über die anderen, Jungen. Wo wohnen die Strandmenschen? Kaum fünf Minuten vom Ufer entfernt ist eine neue Stadt entstanden. Primitive Hütten aus Lehm, Holz und Pappe, regellos nebeneinandergereiht, von Grün umsäumt, von Kohl- und Krautköpfen, von kläffenden Kettenhunden bewacht. Das große Volk der Wiener Obdachlosen wohnt hier. Jeder Tag sieht neue Hütten entstehen; Hütten aus Holz, Pappe, Lehm; mit gutgemeinten Aufschriften: »Klein, aber mein«; »Eigener Herd«; »Villa am Strande«; »Häuslein am Rain«. Schüchtern wächst ein Obstbaum am Gartenzaun. Auf schwanker Leiter steht der Hüttenbesitzer und verleiht seinem Besitz die letzte malerische Vollendung. Aus der Mitte des Daches ragt der Schornstein aus Blech empor. Am Giebel bemüht sich ein kleines Wetterfähnchen, die Richtung des Windes zu erkunden. Findige Schwalben, gar nicht prätentiöse, nicht auf Prachtfassaden versessene, haben hier Nester angebracht. Im nächsten Frühjahr werden die Störche hierherkommen – die naturhistorischen. Die legendarischen haben hier das ganze Jahr über zu tun. Ich sah es – am Strande. Heute und morgen und solange es warm bleibt, sind die Kochherde leer, und die Kurgäste essen kalt, draußen, am Ufer. Dort wird ihr Appetit größer, aber sie vergessen es leichter. Wenn es kalt ist und regnet, ist es schwer, in diesen Hütten den Hunger, die Arbeitslosigkeit und die schlechten Kleider zu vergessen. Außerdem heißt dieses ganze Gebiet: » Inundationsgebiet «. Es ist ein Fremdwort, und die Bewohner dieser Riviera verstehen seine grausame Bedeutung vielleicht nicht. Wie, wenn eines Tages die friedliche Donau ihnen dieses furchtbare Latein erklärt? Josephus Wiener Sonn- und Montagszeitung, 16. 7. 1923   Reportagen aus Frankreich Amerika über Paris Über den Dächern der Häuser von Paris lächelt ein fürchterlicher Riesensäugling von kolossaler Gesundheit. Er macht Reklame, er ist Reklame für eine Seife, deren entsetzliche Wirkungen er selbst übertreibend repräsentiert. Dieser aufgestockte Säugling ohne Unterleib, dessen Mund 15 Meter breit ist, dessen runde Tieraugen einen Durchmesser von drei Metern haben, nistet an den Mauersimsen und Bretterzäunen, ein robustes Ungeheuer, das heute noch lächelt, morgen schon grinsen wird, ein Sportsäugling, dessen Antlitz ein bunter Fußball ist und der den kommenden Menschen ankündigt. Es wird der Idealtyp des amerikanischen Mannes sein, der immer schon so große Kinderschuhe getragen hat, daß er sie niemals abzulegen braucht; der naive und brutale, sentimentale und eiserne, hundertprozentige und Kinderwagen schiebende Rekordläufer. – Es ist zwar eine französische Seifenfirma, die diesen Säugling über Paris schwingt. Aber es ist mehr als eine Reklame, es ist ein Symbol, es ist Amerika: Amerika über Paris. Ich fühle den schwarzen Schatten der Wolkenkratzer und ahne sein Dunkel im Anblick der bunten, tanzenden Lichter, die Schuhe, Kinos, Füllfedern und Frauen versprechen. Ein internationales Publikum, das nicht international ist, sondern nur so genannt wird, weil es mit verschiedenen Währungen zahlt, verlangt für sein Geld die allerletzten Revuen mit elektrischem Scheinwerferlicht und Heißluftbädern und die mit modernstem Komfort ausgestatteten Hofman-Girls; aber auch echtes Pariser Apachentum und lokale Sensationen mit garantiert vorübergehendem Nervenschock. Willig fügen sich die Boulevards und Amüsements den Forderungen des Fremdenverkehrs. Nichts ist ihnen für die Gäste zu billig. Alles wird ihnen teuer gemacht. Manchmal degradiert sich die ganze wunderbare Stadt zu einer Saison für Fremde; und ist intimer noch eine wunderbare Stadt. Die langweilige Buntheit der Lichtreklame wird hier eine lebendige Buntheit. Dennoch kämpft die ewig formende Atmosphäre von Paris auf die Dauer vergebens gegen den brutalen Inhalt, der ihr unaufhörlich geliefert wird. Sie kann kaum noch die Fremden verdauen, die gekommen sind, um an anderen Fremden zu verdienen: Da tummelt sich eine große Schicht wesenloser und hurtiger Konjunkturgeschöpfe; Sumpfgeborene in steter Amüsierbereitschaft und im »Fieber der Eröffnungen«. Da leben die Balalaika-Russen, die ihre Heimat aufgegeben haben und vor Sehnsucht nach der guten, alten Zarenzeit sie durch Seide und Flitter im Varieté zu rekonstruieren suchen. Arme Menschen, blind geworden vom Blitz der Revolution, vom Schicksal verflucht, aus ihrem Heimweh Profit zu schlagen, ohne Zusammenhang mit der Erde, die ihre Talente genährt hat, und nur von Erinnerungen zehrend und Historie gewordenen Begriffen, deren Verwendbarkeit gerade noch für die Wahrheit einer Operette reicht. Da kommen aus England die Sänger, die nicht singen können, aus Amerika die Tänzer, die nicht tanzen können, und aus allen Teilen der Welt die schönen, nackten Frauen, die nicht schön und nicht nackt sind. Da kommen die Steptänzer, deren Sohlen so klappern, als liefen Totengerippe auf Holzpantoffeln, und die Saxophonetiker, deren Instrumente so tönen, wie wenn sich eine ungeölte Höllentür in den Angeln bewegte. Da kommen die Schneider, die Bühnenrevuen erdichten, und die Dichter, die Frauenkleider zuschneiden, die Beleuchtungskünstler mit den Lichteffekten und die Semi-Spanier mit den Kastagnetten. Und nur da und dort, zwischen so viel Blendwerk und Dilettantismus, der sich lächelnd zu erkennen gibt, die schöne Weiblichkeit der Spanierin Raquel Meiler, das Temperament der Mistinguette, die große Bosheit des großen Krüppels Little Titch, der schöne Körper einer spanischen Tänzerin und der tragische Humor einiger Clowns aus der Welt Shakespeares. Sie gehen nicht unter, aber sie kommen zur Geltung in diesem Gewimmel der Dummheit – und das ist noch trauriger. Man geht ebenso ihretwegen hin, wie um die Frauen zu sehen, die (als hätten sich Pfaue von Straußen Federn ausgeliehen) große Räder schlagen in den modernen Straußenkostümen; um die Chansons zu hören, die ein heiserer Frack ableiert; um sechsunddreißig zur Anregung bestimmte und dennoch den guten Ruf wahrende Girl-Beinchen zu sehen, die aus der keuschen Gymnastik ein erotisches Geschäft machen. In der Pause aber, die keine Pause ist, lädt ein fetter Halborientale zu orientalischen Bauchtänzen ein und läßt alltägliche, allnächtliche Frauen aus Smyrna und Czernowitz törichte Drehungen auf Kunstgewerbeteppichen vollführen. In den engen Gassen des Montmartre tönen die Hupen der Autos mit hundertfachem Echo wider, grelle Lästerungen gegen die Ehrwürdigkeit der Mauern und gegen die Echtheit, die sich hier verbirgt, um sich, wenn der Abend kommt, vom zahlenden Publikum doch herauslocken zu lassen. Flink legt die echte Schminke noch eine falsche Schminkschicht auf. Das Elend der Blumenhändlerin wird unwahrscheinliches Elend. Das Gebrest des Bettlers ein übertriebenes Gebrest. Weil dieses Auditorium dem echten Sänger lauscht, wird sein Lied falsch. Eine Welt von Snobismus bricht aus den Automobilen. Ihre schmerzenden Scheinwerfer schälen das schöne Dunkel von den schönen Häusern. Die Wagen warten in den engen Winkeln, bis die Gäste vom Lokalkolorit genug haben, das man ihnen gegen Eintrittskarten serviert, und sausen dann abwärts in die modernen Garagen nüchterner Welthotels. Es dauert lange, nächtliche Stunden, ehe die Schönheit der Gassen wieder zu sich kommt. Aber sie kommt immer wieder. Keiner der vielen Panoramasucher von Geburt und Bankdepot kann die Schönheit dieser Welt banal machen, der Stadt mit tausend bewegten Türmen in einer Luft von Glanz, Wind, Himmel und Abend. Millionen unruhiger, nervöser Schornsteine auf Millionen Dächern, ein Ozean von Häusern mit kaum geahntem Ufer, ein zu Harfenlauten erstillter Tumult, eine bewegte Erhabenheit, die jeden in die Tiefe lockt wie ein Wasser ... Da flammt, die ganze Höhe des Eiffelturms entlang, der Name einer berühmten Firma auf, die es sich leisten kann, die Wahrzeichen der Welt zu kaufen – und Amerika ist wieder über Paris ...   Der Schluß dieses Aufsatzes wird durch einen Brief , der uns heute aus Paris zugeht, nur allzusehr bestätigt. Er lautet: Dieser Sommer in Paris ist nicht heiß, nicht kalt, nicht regnerisch, er ist amerikanisch. Überall hört man das amerikanischnasale Englisch sprechen, überall begegnet man hageren Gestalten mit absatzlosen Schuhen, mit großen Hornbrillen – auch bei den Frauen –, überlebensbreiten Herrenanzügen, rote Baedeker in den Händen und viele Stöcke und Schirme. Auf allen Boulevards vor den großen Vitrinen wird laut diskutiert, ob die ausgestellten Gegenstände teuer oder billig seien. Über alle Avenues fahren »Gesellschaftsautos«, vollgestopft mit 50 bis 60 Amerikanern, die artig und fromm, wie in einer Schule, auf den Bänken sitzen. Ein »Guide« läßt das Auto ab und zu halten und belehrt seine Opfer, die ihm mit einem »Ouhh!« im Chorus antworten. In allen Restaurants sind alle Kellner auf amerikanisches Publikum hin trainiert; auch ein Tschechoslowake, ein Russe oder ein Deutscher, wenn er nur sein Essen in gebrochenem Französisch bestellt, wird von mindestens fünf Kellnern bedient. Die Rechnungen werden gleichfalls speziell zu diesem Zweck fabriziert. Die Franzosen selbst sind wirklich zu bedauern: Sie werden überhaupt nicht bedient; stundenlang sitzen sie da und verlangen hungrig und verzweifelt nach dem Essen, das die feschen und jonglierenden Kellner vor ihren Nasen den »amerikanischen« Herrschaften servieren. Nur im Sommer sieht man so viele mit Gold und Silber bestickte Kleider in den Schaufenstern. Die elegante und geistreiche Linie der Pariser Schneider und Modisten wird im Sommer üppig und reich: amerikanisch. In den Schuhgeschäften sieht man seltsame Schuhe ohne Absätze, ein Mittelding zwischen Sandale und Sportschuh, aus farbigen Brokaten, aus Gold, Silber und Perlmutter; so etwas würde eine Pariserin nie sich anzuziehen trauen ... In der Kunstgewerbeausstellung gibt es in der italienischen Abteilung einen Pavillon der mit Gold und Silber bemalten Stoffe der Signora Gallenga. Prächtige Mäntel und Kleider, mit Renaissance-Ornamenten verziert. Hier geben sich die amerikanischen Damen ein Rendezvous. Sie betasten diese Stoffe stundenlang und probieren alle an. Die jüngeren, mit kurzen Näschen und schlanken, schönen Beinen, wickeln sich wollüstig in diese »Borgia«-Mäntel und sehen darin aus wie Varieté-Girls. Auch die älteren, üppigen Matronen mit großen Hornaugengläsern können der Versuchung nicht widerstehen, und auch sie hüllen sich in eine rote oder violette Renaissance-Samtrobe – – – »Ouhh!« Auch im Louvre vor der Venus von Milo, vor der Mona Lisa und vor den Sklaven des »Maikel-Engil« singen sie ihr »Ouhh!« Nach dem Diner residieren sie in den großen Musikhallen. Alle billigen Plätze sind leer, aber die Logen und das Parkett sind überfüllt. Auf der Bühne Tänze, englisch sprechende Exzentriks und Akrobaten, die unvermeidlichen Girls in fabelhaften Toiletten dort, wo es mit Nacktheit schlechthin nicht mehr geht ... Dafür im Zuschauerraum trotz der Hitze keine Dekolletés, denn alle Amerikanerinnen haben ihre ... Pelzmäntel an. Hermelin- und Chinchilla-Mäntel, Füchse und Hermeline ... Frankfurter Zeitung; 26. 8. 1925   Lyon Acht Stunden dauert die Fahrt von Paris nach Lyon. Unterwegs verändert sich die Landschaft sehr plötzlich. Nachdem man einen Tunnel passiert hat, ist man in einer südlicheren Welt. Steile Abhänge, gespaltene Felsen, die ihre steinerne Struktur enthüllen, tieferes Grün, weicher, blaßblauer Rauch von stärkerem, entschiedenem Himmelblau. Ein paar Wolken stehen träge und massiv am Horizont, als wären sie nicht Dunst, sondern dunkles Gestein. Die Konturen aller Dinge sind schärfer, die Luft ist unbeweglich, ihre Wellen umschmeicheln die festen Körper nicht mehr. Jeder hat seine unverrückbaren Grenzen. Nichts schwebt mehr zwischen hier und dort. Es ist unbedingte Sicherheit in allem, als wüßten die Gegenstände mehr von sich und ihrer Stellung in der Welt. Hier zweifelt man nicht mehr. Hier ahnt man nicht. Man weiß. In Lyon zeigt das Thermometer 35 Grad. Es ist sehr heiß. Dennoch sind Straßen und Menschen nicht träge und müde, sondern heiter und bewegt. Jeder Mensch bemerkt: »Diese Hitze!« und beweist also, daß er sie noch frohgemut erträgt. Der Gepäckträger sagt es, der Chauffeur und der Liftboy. Nur der Zimmerkellner glaubt, es wäre eine unerlaubte Intimität, von der Temperatur zu sprechen. Er kämpft einen schweren Kampf mit sich. Da sage ich: »Diese Hitze!«, und er ist befreit, als hätte ich ihm Kühlung verschafft. Dieser Kellner ist höflich wie alle seine Lyoner Kollegen. Sie haben nicht die subalterne Höflichkeit des Bedienens, sondern die selbstbewußte des Bewirtens. Ich bin ihr »Gast« nicht nur im fachtechnischen Sinn. Wenn sie so beschäftigt sind, daß sie mich nicht anhören können, lächeln sie wenigstens. Ich weiß, daß sie mich nicht vergessen, daß sie wiederkommen. Sie erklären mir, wie die Speisen aussehen, die sie mir empfehlen, ohne Übertreibung, aber mit überzeugender Rhetorik. Sie unterscheiden sich sehr vorteilhaft von ihren Pariser Kollegen, die hastig sind und Geschäftsleute mit Bravour. Die Lyoner sind höflicher als die Pariser, nicht nur, weil sie ruhiger sind und mehr Zeit haben, sondern auch, weil sie vornehmer sind. Lyon ist eine alte Stadt, es ist 43 Jahre vor Christi Geburt gegründet worden. Der Führer berichtet, daß Augustus in Lyon einen Palast, mehrere Monumente und einen Aquädukt von 84 Kilometern hat aufführen lassen. Dieses alte Lyon liegt am rechten, ziemlich jähen Ufer der Saône. Steinerne Treppen verbinden die übereinanderliegenden Gassen. Die Häuser steigen steil an, ihre Dächer bilden Stufen. Eine Zahnradbahn führt zur Höhe und zur Kathedrale, die ihre stolze Front wie ein herrschendes und wachendes breites Angesicht der Stadt zugewendet hat – der alten, der späteren zwischen Rhône und Saône und der jüngsten, am linken Ufer der Rhône entstandenen und immer noch wachsenden. Es sind drei durch die Flüsse Saône und Rhône voneinander getrennte Städte. Dank den Flüssen drei Städte von verschiedenem Charakter. Es ist an diesem Beispiel zu sehen, wie sehr Wasser scheiden kann. Im ältesten Teil mischt sich Heidnisches mit frühem Mittelalter und mit der Gegenwart in einer lebendigen und intimen Weise. Steine, Töpfe, Brunnen, Scherben, Tiergestalten überall. Das Steinbild eines Hundes vor einem Garten, in dem Rosen blühen, trägt die Inschrift »Cave canem« ; und es ist beruhigend zu sehen, daß die Schulgrammatik wirklich recht hatte. In diesem ältesten Teil der Stadt ist kein historisches Andenken tot. Die alten Gegenstände liegen an den Wegen. Das neue Leben blüht nicht aus den Ruinen. Die Ruinen blühen im neuen Leben. In einem Museum wären sie Gegenstände der Bildung gewesen. Hier aber entdeckt jeder Vorübergehende jeden Stein aufs neue, und jeder fühlt die Wonnen des ersten Entdeckers. In dieser Stadt wird die französische Seide erzeugt, die in alle Länder der Welt geht. Hier leben Chinesen, Levantiner, Spanier, Tunesier, Araber. Man arbeitet, wie man nur in einer deutschen Stadt zu arbeiten versteht. Aber man freut sich, ißt und lebt, wie man nur in einer französischen sich freuen, essen und leben kann. Ein Fremder ist hier weniger fremd als in Paris. Niemand wundert sich über ihn. Viele Welten stoßen hier zusammen. Griechische, polnische, spagniolische Juden machen hier Geschäfte. Die Seide ist ein edles Produkt. Ich glaube, daß es ein großes Vergnügen ist, an der Seide zu arbeiten. Aber ein größeres, an ihr zu verdienen. Die Fabrikanten haben Villen jenseits der Rhône. Hier wohnen auch die Arbeiter – aber nicht in Villen, sondern in Mietskasernen. Am Abend gehe ich hierher. Nur bei den Armen fühlt man den Abend. Den andern ist er die Fortsetzung des Tages. Den Armen ist der Abend die Ruhe. Sie sitzen vor den Türen, sie stehen vor den Fenstern, sie wandeln langsam zu den Ufern und sehen ins Wasser. Aus ihren harten Händen rinnt die große Müdigkeit des Tages. – Frankfurter Zeitung, 8. 9. 1925   Kino in der Arena In der Arena von Nîmes, wo die famosen Stierkämpfe an manchen Nachmittagen stattfinden, hat sich für die Abende ein Kino installiert, das immerhin kultivierter ist als ein Stierkampf. Man gibt die »Zehn Gebote«, den großen amerikanischen Film, den man in Deutschland schon kennt. Am Abend gehe ich in die Arena. Man rechnet damit, daß es nicht regnet, und man hat's leicht in Nîmes. Es regnet hier sehr selten und sehr kurz. Die Steine werden am Abend kühl. Ein paar Bogenlampen beleuchten die eine Hälfte der Arena. Die andere bleibt im Schatten. Aus ihm wachsen gespenstig und weiß die Konturen der rissigen großen Steinblöcke. Sie haben schon so viel erlebt, diese Steine. Im Mittelalter wohnten 200 Familien in den Mauern der Arena und errichteten (in einem der geräumigen Torbögen) eine Kirche. Im Krieg diente die Arena als Festung. Sie machte den Wandel der Zeiten durch und ist immer wieder das Wahrzeichen jeder Epoche. Im Jahre 1925 ist sie keine Kirche mehr, sondern ein Kino, in dem man allerdings die »Zehn Gebote« spielt. In einer Zeit, in der man sie nicht befolgt, ist das auch schon viel. In der Mitte der Arena steht die Leinwand wie eine weiße Schultafel. Im gegenüberliegenden Torbogen surrt der Apparat. Die Musik sitzt vor der Leinwand. Die Zuschauer wandeln (für 50 Centimes) auf den höchsten und etwas tieferen Steinsitzen. Manche, die es kühl und frei haben wollen, stehen auf dem oberen Rand der Mauer, schwarz gegen den blauen Himmel. Es ist ein herrliches Kino, hygienisch, kühl, ohne jede Feuergefahr und erhabener, als es ein Kino nötig hat. Wenn ein Amerikaner zufällig daraufkommt, dann baut man im nächsten Jahr in den Vereinigten Staaten für Filmabende die größte Arena der Welt aus Beton mit Plüschüberzug, Wasserleitung, Klosett und Glasdach. Ehe die Vorstellung beginnt, tummeln sich die Kinder hinter der Leinwand und spielen Fangen, Vater, leih mir die Scher' und Verstecken. Alle Kinder von Nîmes – das Volk ist hier fruchtbar – gehen ins Kino. Die Mütter vergessen nicht, die Säuglinge mitzunehmen. Die jüngsten Kinobesucher zahlen nichts, sehen allerdings auch nichts, sondern liegen mit offenen Mündern gegen den nächtlichen Himmel, als würden sie Sterne schlucken wollen. Beinahe könnte man's. In dieser Gegend treibt der Himmel einen überraschenden Luxus mit Sternschnuppen. Sie fallen nicht im Bogen abwärts wie im Norden, sondern seitwärts, so als wechselten Sterne ihre Lage. Es gibt viele Arten von Sternschnuppen. Während auf der Leinwand eine sentimentale, mit Ozean verwässerte Bibel gefilmt wird, betrachtet man am besten die Sternschnuppen. Manche sind rot, groß und klobig. Sie wischen langsam über den Himmel, als gingen sie spazieren, und hinterlassen eine dünne, blutige Spur. Andere sind silbern, klein und hurtig. Sie fliegen wie abgeschossene Kugeln. Andere sind strahlend wie kleine laufende Sonnen, sie erhellen den Horizont beträchtlich für eine lange Weile. Manchmal ist es, als öffnete sich der Himmel und ließe ein Stück rotgoldenen Unterfutters sehen. Dann schließt sich schnell der Spalt, und die Herrlichkeit ist wieder für ewig verborgen. Von Zeit zu Zeit fällt eine große, nahe Sternschnuppe. Dann ist es wie ein silberner Regen. Alle verschwinden in derselben Richtung. Dann ist wieder diese scheinbare Ruhe am tiefen Blau, dieses ewige Stehen der Sterne, von denen man doch fühlt, daß sie wandern, auch wenn man es nicht gelernt hätte. Da sind wieder die alten, vertrauten Sternbilder, die jeden Menschen an die Kindheit erinnern, weil man sie nur als Kind mit Inbrunst betrachtet. Sie sind überall. Da ist man so weit von seiner Kindheit fortgefahren und trifft sie doch wieder. So klein ist die Erde. Und wenn man einen Fleck auf ihr für die Fremde hält, so ist es ein Irrtum. Es ist überall Heimat. Der Große Bär steht ein bißchen näher – das ist alles. Es war ein guter Gedanke, in der alten römischen Arena einen Film aufzuführen. In diesem Kino gelangt man zu tröstlichen Resultaten, wenn man nicht auf die Leinwand sieht, sondern auf den Himmel. Frankfurter Zeitung, 12. 9. 1925   Nichts ereignet sich – in Vienne Aus dieser Stadt gibt es nichts zu berichten. In dieser Stadt geschieht nichts mehr. Es ist alles schon geschehn. Es ist eine Stadt der großen Ereignislosigkeit. In den Straßen schläft die endgültige Ruhe, aus der nichts mehr geboren werden kann. Es ist nicht die heitere Stille eines sommerlichen Kirchhofs. Es ist die wuchtende Schweigsamkeit aufgedeckter Katakomben: die Stille des Steins, der toter ist als Stein: verstorbener Stein. Drei Tage lebe ich in Vienne, einer der ältesten, vielleicht der ältesten Stadt Frankreichs. Ich warte nicht mehr auf Ereignisse. Mir ist, als könnte in der ganzen großen Welt nichts mehr passieren. So überzeugend ist ein Tod, mit dem man sich längst abgefunden hat: ein historischer Tod; mit Sarkophagen, die sich längst geschlossen haben: ein großer Untergang, den man schon vergessen hat. Vienne hat 24 887 Einwohner. Aber unter ihnen sind vielleicht tausend jung. Zweitausend sind arbeitende Männer und Frauen, die man nicht sieht. Der Rest besteht aus Kindern und Greisen. Wenn die Kinder alt sind, daß sie die Stadt verlassen, liegen die Greise auf den Totenbetten. Dann gibt es keine Menschen mehr in Vienne. Welch ein Wunder, daß es längst nicht mehr so ist! Vielleicht kommen diejenigen, die in Vienne geboren sind, wieder zurück, wenn sie den Tod nahen fühlen. Denn der Tod ruft den Tod herbei, das Gestorbene lockt die Sterbenden – und es gibt eine Vorfreude der endlichen Seligkeit. Ich höre seit drei Tagen kein Lachen. Ich sehe kein Antlitz, das Sorgen von heute und morgen und Freuden von heute und morgen verraten könnte. Ich sehe nicht den Schmerz eines Hungrigen. Ich sehe nicht die Bewegung eines Geschäftigen. Ich höre keinen Gesang und keine Musik. Nur Glocken schlagen von Türmen aus alter Gewohnheit, nicht um die Zeit zu künden. Die Zeiger der Uhren drehn sich ohne Zweck. Diese Stadt rechnet nach Jahrhunderten, nicht nach Stunden. Sie müßte Uhren von jener Beschaffenheit haben, wie es sie vielleicht im Jenseits gibt. Ich habe noch keinen Hund bellen hören. Es gibt hier Hunde. Sie liegen in der Mitte der kleinen Gassen und schlafen. Nichts kann sie wecken. Die Katzen hocken an den Schwellen und in den Fenstern und sind von einer unendlichen Weisheit. Die Türen aller Häuser sind offen. Alle Fenster sind offen. Es weht kein Wind, der den Scheiben oder den Menschen gefährlich werden könnte. Und gäbe es einen Wind, weder die Gegenstände noch die Menschen würden ihn fühlen. Am Abend zwitschern zaghaft ein paar Vögel. Sie machen immer wieder einen Versuch. Man hört sie nicht! Sie verstummen und fliegen fort. Die alten Frauen, von den Katzen genährt und erhalten, sind taub und so schwachsichtig, daß sie geradeaus in die Sonne sehen können wie in eine kleine Glühbirne. Und die Sonne ist hier stark, eine zehnfach leuchtende Sonne. Auf dünnen Schnüren hängt trocknende Wäsche, die kein Luftzug bewegt. Es ist ein Rätsel, wer sie gewaschen hat. Ich traue keiner dieser Frauen die Kraft zu, Hemden zu waschen. Mir scheint, die Hemden hängen da seit undenklichen Zeiten. Die Wohnungen sind in den dicken Festungsmauern wie offene Safes in den Kellern großer Banken. Die Menschen liegen drin wie Gegenstände ohne Wert, die man nicht mehr verschließt. Ich sehe durch die Fenster in die Stuben. Da sitzt ein lahmer Mann unbeweglich am Tisch vor einer Schüssel, die er nicht anrührt. Seine Augen sind aus grünem Glas und ohne Blick, sein Antlitz ist wächsern, sein gelber Bart aus Flachs. Vielleicht hat er nur Kopf und Hände wie die Puppen im Panoptikum – und wenn man ihn auszöge, würde man sehen, daß sein Inneres aus Sägemehl besteht. Es gibt einen Schutzmann, meinen Konkurrenten. Nur wir beide sind lebendig. Wir kennen einander, wir hören unsere Schritte, welche die einzigen sind, die ein Echo gebären. Am Abend aber besteigt der Schutzmann ein Rad und gleitet auf sanften Gummireifen durch die Welt, um die Ruhe nicht zu stören. Dann schäme ich mich, allein einen blasphemischen Lärm zu machen – als ginge ich auf hallenden Sohlen durch eine Kirche voll Betender. Dennoch hört mich niemand. Wünsche ich einer der alten Frauen einen guten Abend, sieht sie mich an wie einen, der die dümmsten und überflüssigsten Dinge macht. Wie kann ihr Abend gut oder schlecht sein? Um sie ist immer Abend. In der Nacht brennen die kleinen Lichter in allen Stuben, in jeder Stube nur ein gelbes Licht, nicht um Helligkeit zu verbreiten, sondern um die Schatten aus den Möbeln hervorzulocken. Die alten Frauen beten manchmal in der Kathedrale. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Die alten Frauen sitzen unbeweglich, auf Stühlen aus geflochtenem Stroh, mit fortwährend zitternden Lippen, die nicht von Worten bewegt werden, sondern von einem fremden, leisen Wind. Die Kirche ist langgestreckt und schmal, und ihre Decke ist ein dunkelblauer Himmel mit silbernen Sternen. An ihrem Portal sind zehn Reihen von Kronen aus Stein angebracht. In den Kronen wohnen silbergraue Tauben, die stillen, christlichen Vögel. Zwei Gassen weiter ist der römische Tempel des Augustus, flach, weit, offen, mit korinthischen Säulen, er läßt den Wind einströmen und die Sonne, den Regen und die Zeit: Es ist ein heidnischer Tempel. Er war im Lauf der Zeiten Tribunal, Museum, Bibliothek. Heute ist er von einem Gitter umgeben. Man kann ihn nicht betreten wie noch zur Zeit der Burgunderkönige, deren Schloß gegenüberliegt und deren Kinder noch im Tempel gespielt haben. Es ist eine enge Burg, mit einem winzigen Türmchen, mit schmalen Erkern. Ich verstehe nicht, wie man, das Beispiel römischer Freiheit vor sich, im Anblick korinthischer Säulen eines Tempels, der von drei Seiten offen ist, sich mit einer engen und schiefen Burg zufriedengeben konnte. Heute ist diese Burg, was sie immer war: ein Gefängnis. Aber in Vienne gibt es keine Verbrecher und nicht einmal Trunkenbolde. Es gibt nur einen Gefängniswärter, der sein eigener Gefangener ist. Er führt eine sinnlose Existenz – wie ein Schlüssel, der zu keinem Schloß paßt, oder wie eine Tür ohne Haus. Er wandelt durch die Gänge und gibt acht, daß er nicht entfliehe. In einem Hof, der einmal ein Forum Romanum war, leben zwei greise Frauen. Sie kommen niemals aus diesem Hof. Sie kümmern sich nicht darum, ob ihn jemand betritt. Sie sitzen vor den Türen und nicken einander zu und verlieren manchmal ein leises Wort, das in den Hof hinunterfällt wie ein kleiner Kieselstein in einen tiefen Brunnen: Man hört keinen Laut. Grün wuchert zwischen den Fugen der Steine. Es sind dieselben Steine, die auf Befehl Julius Cäsars zu Festungsmauern aufgeschichtet wurden. Sie sind tot wie Julius Cäsar. Es ist nicht wahr, daß Steine reden. Steine schweigen. Frankfurter Zeitung, 15. 9. 1925   Tournon Tournon war im 16. Jahrhundert eine berühmte, von Gelehrten und Dichtern besuchte und bewohnte Stadt. Der Kardinal von Tournon begründete hier im Jahre 1542 das Lyzeum, das lange Zeit von den Jesuiten geführt wurde und in dem heute noch unterrichtet wird. Der Kardinal hatte eine der glänzendsten Karrieren seiner Zeit gemacht. Sein Monument steht vor dem Eingang zum Lyzeum. Sein Angesicht hat die Züge eines diplomatischen Klerikers und den eleganten Skeptizismus des Mannes von Welt. Sein Mund ist schmal, seine Nase zart, und sein Blick, scheinbar versonnen, wie es sich für einen Denker geziemt, reicht keineswegs in jene Fernen, die der praktischen Klugheit ewig verschlossen sind und erst der Weisheit sich öffnen, die nicht von dieser Welt ist. Der Kardinal hätte trotz seiner Berühmtheit wahrscheinlich kein Monument bekommen, wenn er nicht dieses Lyzeum, begründet hätte, aus dem viele begabte und einige berühmte Franzosen hervorgegangen sind. In der Schule ist das Andenken des Kardinals sehr lebendig. Man kann für die Dauer seines Namens nichts Besseres tun als Schulen gründen, Häuser, in denen junge Menschen leben. Viele Generationen tragen den Namen des Kardinals, in dessen Schule sie gegangen sind, wenn nicht im Herzen, so doch im Kopf. Jetzt im Juli sind Ferien, das Lyzeum ist geschlossen und von einer Pförtnerin bewacht, die, alt und beredt, ihre eigene Geschichte des immerhin älteren Lyzeums erzählt. Sie zählt 62 Jahre, ist verheiratet und kinderlos, ihr Mann ist ein Gärtner und sehr schweigsam, still geworden an der Seite dieser Frau, die ihm seit 40 Jahren jedes Wort aus dem Mund nimmt und das lästige Reden erspart. Mit welcher Freude empfängt sie einen seltenen Gast, dem der Mann schon bekümmert entgegengesehen hatte! Vor 30 Jahren war sie in Paris, und schon damals war der Lärm in den Straßen zu arg. Ob ich ihn ertragen könnte? Ich wäre wohl jung und glücklich? Ich führe in einem Auto durch die Welt und hätte nichts zu tun? Ich bin doch höchstens 25 und mache meinen Eltern Freude? Und dieses Lyzeum ist alt! Sie sagt »alt« mit so lange gedehnter Bewunderung, daß man große Ehrfurcht vor den Mauern bekommt und daß man fühlt, was » Geschichte« bedeutet. In den Sommerferien, wenn die Sonne schräg durch die Fenster der Schulen scheint und silberne Vierecke in stillen Gängen malt, wenn die Klassentüren offen sind und man leere Bänke sieht, die nichts mehr und noch nichts zu tun haben, die alten Bänke mit den eingeritzten Namen der Insassen, die sich gelangweilt haben – in dieser Zeit sind alle Schulen so schön, daß man selbst durch die Tür treten möchte, über der » Sekretariat« geschrieben ist, um sofort wieder ein Schüler zu werden. Alle Schulen sind im Sommer schön; und ein Lyzeum aus dem 16. Jahrhundert am schönsten. Im Park rauschen die Bäume über dem Schwimmbassin, das jetzt trocken ist und auf dessen Grund Papierschnitzel, Bindfaden und Blechschachteln liegen; in den alten weißen Gängen herrscht die peinliche Sauberkeit eines Raums, der Gäste erwartet. Jeder Schritt hallt wider, zweimal, dreimal, jeder Laut entlockt den Mauern eine ernste, tiefe Antwort, und das Gehen ist wie ein Zwiegespräch zwischen Fuß und Stein. An den Wänden der Kapelle, die von den Jesuiten gebaut wurde, lese ich die Inschriften der Schüler. Neben die Beichtstühle haben sie ihre Namen geschrieben und die Namen der Mädchen, die sie lieben, während der Beichtvater, unsichtbar, aber auch nichts sehend, viel gleichgültigere Geständnisse entgegennahm als die Wand. Alte Gobelins von unschätzbarem Wert in den Gängen. Die jüngsten stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie stellen biblische Vorgänge dar, in einer frommen Demut, mit einer geraden und kindlichen Einfachheit, die aus einfachem Herzen kommt, aber auch zu verschlossenen spricht. »Alles mit der Hand gemacht«, sagt die alte Pförtnerin. Es wird Abend, die Vögel zwitschern, es ist ganz still im Lyzeum. Die alte Frau ist schweigsam geworden. Wir gehn nebeneinander her wie alte Freunde, die schweigen. Sie hat niemals meine Heimat gesehn, sie ahnt nicht, wo sie liegt, sie weiß nichts von mir, aber wir beide kennen jetzt das alte Lyzeum, und ich kenne das Leben meiner Begleiterin. Es ist nichts Merkwürdiges daran, daß ich in einer Stunde der Freund dieser Alten geworden bin. Hier ist nichts merkwürdig.   Hier ist nur die Stadt merkwürdig. Es ist die unbequemste Lage für eine Stadt. Tournon liegt nicht eingebettet, sondern eingeklemmt zwischen felsigen Hügeln. Man könnte glauben, alle die kleinen Häuser waren einmal auf einer Flucht begriffen gewesen und hätten sich in einer schluchtenreichen Welt verfangen, ohne die Aussicht, je wieder herauszukommen. Die Felsen erdrücken die Häuser, diese rücken zusammen und erdrücken die Gassen, diese wieder krümmen sich fortwährend, um endlich einen Ausweg zu haben, bilden Knäuel, verwirren sich ängstlich, klimmen zitternd empor und fallen plötzlich wieder hinunter. Dem Spaziergänger preßt es den Atem zusammen. Nirgends öffnet sich ein Platz. Es gibt keinen Markt. Es sei denn, man würde den Hof, von der Größe eines kleinen Weihers etwa, als Markt ansehen, der vor der Burg liegt. Die Burg birgt sich in der Festungsmauer, als hätte sie Angst, eine Burg zu sein. Sie sieht immer verschlossen aus. Sie könnte alle ihre Türen und Fenster öffnen – es wären doch Gitter davor. Im dieser Burg ist das Gefängnis untergebracht, die Präfektur, das Bürgermeisteramt. Aber es ist schwer, die drei Institutionen voneinander zu unterscheiden. Der Herr Bürgermeister und der Herr Polizeipräfekt sitzen hinter Gittern, genauso wie die Gefangenen. Alle Einwohner von Tournon sind eingesperrt. Sie leben zwischen schiefen Mauern, in flüchtigen, krummen Gassen, unter Dächern, die sich biegen, alle ihre Tage sind wie wüste Träume, spitz und scharf ragen die Giebel in ihr Leben. Wer nicht in Tournon geboren ist, kann sich in dieser Stadt nicht zurechtfinden. Man verirrt sich hier, obwohl es nur 5000 Einwohner gibt. Aber auch wenn man sich nicht verirrt, ist jeder Schritt ein irrender, die Häuser, die auf ihrem Platz zu stehen scheinen, sind in fortwährender Bewegung, in ängstlicher Hast, furchtsam gekrümmt, und jeder runde Türbogen drückt wie ein Joch den Rücken des Eintretenden. Welch ein Glück, daß man sich in zwei Minuten zur Rhône retten kann und auf die große Hängebrücke (die erste Frankreichs), die leicht und schaukelnd ist, als wären die Ketten am Himmel befestigt, und auf der man nicht fühlt, daß man geht. Es ist, als hinge man selbst an einem Strick und pendelte an das andere Ufer, ein Spaziergänger und ein Wunder der Technik zugleich. Drüben liegt Tain , flach, klein und jünger und ohne die furchtsame Wirrnis des Auf und Ab. Tain hat einen winzigen Ringplatz, auf dem ein Marionettentheater steht. Man gibt heute das alte Spiel vom Schuster und den Zwergen, und der dritte Platz ist ausverkauft. Der erste kostet 1 F. 50 C. Frankfurter Zeitung, 23. 9. 1925   Stierkampf am Sonntag Am Sonntag fahre ich nach Nîmes . In der großen Arena, die noch sehr gut erhalten ist, obwohl sie aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt stammt, finden am Nachmittag Stierkämpfe statt. Die provenzalischen Stierkämpfer halten einen Vergleich mit den berühmten spanischen nicht aus. Es gibt weniger Farben, weniger Kostüme, die Aufregung ist kleiner, und von Blutfließen kann keine Rede sein. Diese Stierkämpfe, scheint es, hat das internationale Völkerrecht geregelt. Die jungen Männer vom Lande begnügen sich damit, den Stier zu reizen, ein wenig mit eisernen Kämmen zu kratzen und mit Pfeilen zu kitzeln. Der Stier stirbt nicht, der Mensch verendet nicht. Das ist noch keineswegs ein Trost und eine Entschuldigung. Aber was soll man in einer so gut erhaltenen Arena machen? Schließlich ist es für die Ordnung des Staates gut, wenn die Regierten ihren Groll gegen Tiere auslassen. Dazu ist ja die kostspielige Arena gebaut worden. Die Römer wußten, daß sie immer noch billiger ist als eine Revolution. Und die Nachfolger der Römer wissen es auch. Das denke ich auf der Fahrt und später im Gasthaus, wo neben mir die Bauern sitzen, denen die Stiere gehören und deren Söhne heute kämpfen werden. Die Bauern schneiden das Fleisch mit ihren großen, geschliffenen Taschenmessern vom Knochen, essen zierliche, kleine Stückchen, trinken den guten roten Wein der Päpste, von dem eine halbe Flasche soviel kostet wie eine ganze Mahlzeit, haben lange, faltige Hälse, durch die man jeden Bissen gleiten sieht, und große knöcherne und bedächtige Hände. Sie sprechen wenig, mit Ausnahme eines einzigen, städtisch gekleideten, mit Kragen und Krawatte ausgerüsteten, halb bäuerlich aussehenden Mannes, den man »Herr Direktor« nennt und der Präsident des Komitees für Stierkämpfe ist. Heute nachmittag wird er in einer Loge sitzen und Preise verteilen. Jetzt ist er aufgeräumt, ein kleiner, dicker Schäker, witzig und herablassend. Die Hunde von Nîmes riechen die guten Knochen und schleichen um den Tisch herum. Die gutherzigen Bauern legen die Knochen, an denen für hündische Begriffe noch sehr viel Fleisch klebt, seitwärts auf einen Teller und geben nicht zu, daß die Kellnerin die Speisereste abräume. Es sind gute Seelen. Sie freuen sich am Appetit der Hunde und klopfen die Tiere wohlwollend ab. Sie sitzen sehr lange, trinken noch eine Flasche und noch eine und amüsieren sich auf ihre Art. Langsam füllt sich die Arena. Die Erwachsenen, die Kinder und die Soldaten sitzen vom ersten, tiefsten Rang bis zum höchsten, und selbst am obersten Rande der Mauer hocken und stehen noch Zuschauer. Die Arena ist ungefähr drei Stockwerke hoch. Die steinernen Galerien sind mit Menschen gespickt, die ganz klein sind in diesem weißen runden Ungeheuer. Die vielen Köpfe neben- und übereinander wachsen aus dem Stein wie Rüben aus einem Feld. Es ist, als hätten die Menschen sich nicht gesetzt, sondern als hätte man sie gesät und sie wären aufgegangen. Die Sonne liegt weiß schmelzend auf dem kahlen Rund in der Mitte. Ringsum ein Zaun mit vielen Toren und mehreren verborgenen Ein- und Ausgängen. Aus einem dieser Tore stürzt nach einem feierlichen Trompetenstoß der erste Stier, empfangen vom Geheul der Zuschauer und geblendet von der schmerzenden Sonne. Der Stier kommt aus dem guten dunklen und kühlen Stall. Ihm ist diese Arena eine wüste Hölle aus weißgelbem Brand und Geschrei. Die Hörner gesenkt, die Vorderbeine geknickt, setzt er zum ersten Sprung an, der ihn retten soll. Nach einer Sekunde hat er bereits gesehn, daß aus diesem Ring kein Ausweg ist. Er läuft den runden Zaun entlang und säubert ihn von den Zuschauern, den Männern, die alle mit flinken Sprüngen über die Planken setzen. Sie schreien dabei, beschimpfen das Tier, werfen ihm Mützen in den Weg. Der Stier stößt gegen den Zaun. Indessen sind die jungen Leute wieder in der Mitte der Arena. Sie locken den Stier, schreien, schrecken ihn. Einer läuft dem Tier entgegen, streckt die Hand aus, der Stier stößt gegen den Mann vor, der Mann entweicht. Er ist flinker, er ist zweibeinig, er hat Genossen, die ihm helfen und den wütenden Stier ablenken, er ist in einer unvergleichlich besseren Situation, der tapfere Mensch. Er darf alle Waffen benützen: die List, die Feigheit, die Zweibeinigkeit, den Zaun, die Ausgänge, den eisernen Kamm. Der Stier hat nichts, man hat ihm über die Hörner Schläuche aus Leinwand gestülpt, um seine Stoßkraft zu mindern. Der Stier ist schwarz, kräftig, um seinen Nacken kräuselt sich das Fell, sein guter, breiter Schädel glänzt bläulich in der Sonne, seine Augen sind groß, ratlos, dunkelgrün und in aller Wildheit noch fromm. Die Menschen, die ihn reizen, sind jung, braunhäutig, dumm. Unter ihnen sind zwei, die ich nie vergessen werde: der eine dick, schwer, mit einem würfelförmigen Schädel, den linken Unterarm bandagiert, die Hände klotzig, die Finger aus primitiv geschnitztem Holz, die Nase kurz und stumpf, eine Stirn, die aus zwei Querfalten besteht und zwei Wülsten, die Augen groß unter ganz kleinen Lidern. Das ist der flinkste Jäger, trotz seiner Körperschwere. Er setzt mit einem hohen Sprung über den Zaun. Erläßt sich im richtigen Moment fallen. Er vollführt fünf Drehungen in einer Sekunde. Er ritzt die Stirn des Stiers mit dem eisernen, scharfen Kamm und ist im nächsten Augenblick verschwunden. Er wird zwanzigmal beklatscht, ein paarmal von der Präsidentenloge geehrt, die Musik bläst ihm zu Ehren einen Tusch. Nichts kann seinem Ehrgeiz genügen. Das ist kein Spiel mehr. Dieser Mann haßt den Stier mit der ganzen Kraft seiner Seele. Das Tier ist sein Feind. Dieser Mann will den Stier bluten sehn. Sein Kollege ist dünn, groß, schwarz, mit langen Gliedmaßen, die ihn hindern. Seine schmale Nase ragt wie ein Messer aus dem Gesicht. Dieser Mann haßt das Tier ebenfalls. Er greift zu Mitteln, die noch hinterhältiger sind als die üblichen. Er rächt sich am Stier für sein eigenes Ungeschick. Er spannt einen violetten Damenschirm auf und hält ihn dem Stier vors Gesicht. Verfolgt und vom Schirm geschützt, kriecht er über den Zaun und stößt aus seiner feigen Sicherheit die Spitze des Schirms gegen das Geschlecht des Stieres. Großes Gelächter in der Arena. Die Zuschauer halten sich die Bäuche. Das häßlichste Requisit, das der Menschengeist erfunden hat, wird zur Waffe gegen das kräftigste der Tiere. Der Mann konnte kein besseres Symbol für die Würde der Menschheit finden. Ratlos, erschöpft, mit fließendem Schaum steht der Stier, den Blick gegen das Tor gerichtet, hinter dem der gute, warme, riechende Stall ist, die bergende Heimat. Ach! das Tor ist geschlossen und öffnet sich vielleicht nicht wieder! Die Menschen schreien und lachen, und es scheint, daß der Stier jetzt schon zu unterscheiden weiß zwischen den reizenden Rufen und dem billigen Spott. Eine ungeheure Verachtung, größer als diese Arena, erfüllt die Seele des Stiers. Jetzt weiß er, daß man ihn auslacht. Jetzt ist er zu schwach, um wütend zu sein. Jetzt erkennt er seine Ohnmacht. Jetzt ist er kein Tier mehr. Jetzt ist er, in einem, die Verkörperung aller Märtyrer der Weltgeschichte. Jetzt sieht er aus wie ein verspotteter, geschlagener Jude aus dem Osten, jetzt wie ein Opfer der heiligen Inquisition, jetzt wie ein zerrissener Gladiator, jetzt wie ein gemartertes Mädchen vor dem mittelalterlichen Rat, und in seinem Blick liegt ein Schimmer von dem leuchtenden Schmerz, der im Auge des Gekreuzigten gebrannt hat. Der Stier steht und hofft nicht mehr. Da erscheint hinter dem Zaun mein Tischgenosse, der Bauer, der so freundlich den Hund gefüttert hat, die gute Seele, mit einer langen Mistgabel und stößt zwei spitze Zinken in den Rücken des Tieres, um es aufzumuntern. Der Stier springt auf, schlägt aus, scharrt den Sand zu einer Wolke auf, rennt gegen den ersten Schreier, stößt mit dumpfem Laut gegen den Zaun, springt über das Geländer, rast im engen Raum zwischen Zaun und Zuschauern. Der Jubel ist schauderhaft und betäubend. Man hört ihn gewiß eine Meile in der Runde. Oh, jetzt werden noch die schönsten Dinge kommen! Noch wartet man auf den stolzen und rotgoldenen Reiter, die funkelnden Springer, die Träger der roten Tücher, die Pfeilewerfer. Alles, was sich bis jetzt ereignet hat, war nur ein Vorspiel. Die gutherzigen, wohlerzogenen, höflichen Bürger, die sich mit tapferen Zurufen und heroischen Taschentüchern am Spiel aus gesicherter Entfernung beteiligen, die Schneider und Friseure im Sonntagsanzug, sie sind schon aufgeregt. Der Schaum genügt ihnen nicht. Sie wollen Blut sehen, die Braven! Ich werde die rotgoldenen Helden nicht mehr sehen. Wenn ich das Aussehen eines Tieres hätte unter diesen Menschen – ich bliebe vielleicht. Aber ein Stier könnte mich Unglücklichen für einen Menschen halten. Mein einziger Genosse ist ein kleiner weißer Hund, den eine Frau mitgebracht hat. Der Hund bellt immer aufgeregt, wenn ein Mensch dem Stier entflohen ist. Der Hund möchte dem Stier beispringen. Ich auch. Aber, ach! Was können zwei arme Hunde gegen fünftausend Menschen?! Frankfurter Zeitung, 1. 10. 1925   Marseille Ich sehe vor lauter Mastbäumen nicht das Meer. Es riecht im Hafen nicht nach Salz und Wind, sondern nach Terpentin. Öl schwimmt an der Oberfläche der See. Boote, Barken, Flöße, Fußböden sind so eng nebeneinandergepflastert, daß man trockenen Fußes durch den Hafen spazieren könnte, wäre nicht die Gefahr, in Essig, Öl und Seifenwasser zu ertrinken. Ist hier das unermeßliche Tor zu den unermeßlichen Meeren der Welt? Das ist vielmehr das unermeßliche Magazin für die Bedarfsartikel des europäischen Kontinents. Da sind Fässer, Kisten, Balken, Räder, Hebel, Bottiche, Leitern, Zangen, Hämmer, Säcke, Tücher, Zelte, Wagen, Pferde, Motoren, Autos, Gummischläuche. Da ist der berauschende kosmopolitische Gestank, der entsteht, wenn tausend Hektoliter Terpentin neben tausend Zentnern Heringen lagern; wenn Petroleum, Pfeffer, Tomaten, Essig, Sardinen, Juchten, Gutapercha, Zwiebeln, Salpeter, Spiritus, Säcke, Stiefelsohlen, Leinwand, Königstiger, Hyänen, Ziegen, Angorakatzen, Ochsen und Smyrnateppiche ihre warmen Dünste ausatmen; und wenn schließlich der klebrige, fette und lastende Rauch der Steinkohle alles Tote und Lebende umhüllt, alle Gerüche eint, alle Poren tränkt, die Luft sättigt, die Steine umflort und endlich so stark wird, daß er die Geräusche dämpfen kann, wie er längst schon das Licht gedämpft hat. Ich habe hier die Grenzenlosigkeit des Horizonts erwartet, die blaueste Bläue des Meeres und Salz und Sonne. Aber das Meer des Hafens besteht aus Spülwasser und riesenhaften graugrünen Fettaugen. Ich besteige einen der großen Passagierdampfer und hoffe, hier einen leisen Duft jener Fernen zu erhaschen, die das Schiff durchfahren hat. Aber hier riecht es wie zu Hause vor Ostern: nach Staub und gelüfteten Matratzen; nach Lack für die Türen; nach feuchter Wäsche und Stärke; nach angebrannten Speisen; nach geschlachtetem Schwein; nach gesäubertem Hühnersteig; nach Schmirgelpapier; nach einer gelben Pasta für Messing; nach einem Mittel für Ungeziefer; nach Naftalin; nach Bohnerwachs; nach Eingemachtem. In dieser Stunde stehen mehr als siebenhundert Schiffe im Hafen. Das ist eine Stadt aus Schiffen . Die Bürgersteige bestehen aus Booten, und die Straßenmitten aus Flößen. Die Einwohner dieser Stadt tragen blaue Kittel, braune Gesichter und harte, große schwarzgraue Hände. Sie stehen auf Leitern, streichen die Rümpfe der Schiffe mit frischem braunem Lack an, tragen schwere Eimer, wälzen Fässer, sortieren Säcke, werfen eiserne Haken aus und angeln Kisten, drehen an Kurbeln und ziehen auf eisernen Rollen Waren in die Höhe, polieren, hobeln, säubern und verursachen neuen Mist. Ich möchte zurück in den alten Hafen, wo die romantischen Segelschiffe stehen und die knatternden Motorboote und wo man die frischen, triefenden Muscheln verkauft, das Stück zu dreißig Centimes. Ich habe ein Boot gemietet, aber wir können uns nicht bewegen. Unsere Ruder sind eingeklemmt wie die Arme eines Passagiers in einer überfüllten Straßenbahn. Wo immer wir uns auch hinwenden, wir stoßen an Holz, an Barken, an Fässer, an Ketten, an diese großen, klirrenden und rostigen Ketten, die in den modernen Meeren wachsen. Es ist keine Gefahr. Wir können nicht ertrinken. Auf diese dicke Ölschicht können wir uns auch ohne ein Boot wagen. Aber wir können erdrückt werden zwischen zwei hölzernen Bürgersteigen, die einander langsam, aber unerbittlich nahe kommen, um sich zu einem großen Holzplateau zusammenzuschließen. Also winken wir, obwohl uns niemand sieht, rufen wir, obwohl uns niemand hört, entgleiten wir diesem Chaos einer großartigen Ordnung und retten wir uns zu den Gefahren der offenen See und der wilden Wogen.   Ich habe hinter mir den eintönigen Gesang des Wassers, vor mir schon den bunten der Stadt und über mir eine große Wolke aus Lärm. Ich liebe den Lärm von Marseille, voran reiten die schweren Glocken der Türme, stürmen die heiseren Pfiffe der Dampfer, aus blauen Höhen tropft die Melodie der Vögel. Dann kommt der ganze Heerbann der Alltagsstimmen, die Rufe der Menschen, das Tuten der Gefährte, das Klirren der Geschirre, der Schall der Schritte, das Klopfen der Hufe, das Gebell der Hunde. Es ist ein Festzug der Geräusche. Langsam lösen sich aus dem Weiß des Stadtbilds die grauen Streifen der Gassen, das Zickzack gekrümmter und hastiger Treppen, die Gestalten der Menschen, die bunten Wäschefahnen über der Straßenmitte, die braunen Bottiche vor den Türen, die schmalen Bänder rinnenden Schmutzes, die grauen Zelte der Straßenhändler, die dunklen Berge der Muscheln, die bunten Schilder der Läden, die goldenen Fenster, in denen die Sonne schwimmt und das samtene Grün der Bäume. Ich liebe die schöne, bewegte, müßige und zwecklose Geschäftigkeit in den Straßen. Die meisten Menschen gehen nicht ihren Pflichten nach, sondern neben den Pflichten. Der exotisch gekleidete Fremdling, von fernen Küsten hergetrieben, reiht sich in den Gewändern seiner Heimat dem bewegten Zug der Straße ein und fühlt sich wie zu Hause. Er ändert weder Tracht noch Schritt, noch Bewegung. Er schreitet wie auf eigenem Boden, er trägt die Heimat an den Sohlen. Nichts kann so exotisch sein, daß es Aufsehen erregte. Der Bürgersteig gehört der ganzen Welt, den Passagieren von siebenhundert Schiffen aus allen Ländern. Hier kommen die Reiter aus Turkestan, in den breiten, an den Knöcheln gebündelten Hosen, welche die gekrümmten Beine verhüllen. Dann die kleinen chinesischen Matrosen in den schneeweißen Uniformen wie Knaben im Sonntagsanzug; die großen Kaufleute aus Smyrna und Konstantinopel, die so mächtig sind, als handelten sie nicht mit Teppichen, sondern mit Königreichen; die griechischen Händler, die ein Geschäft nicht zwischen vier Wänden abschließen können, sondern nur unter freiem Himmel, wie um Gott noch mehr herauszufordern; die kleinen Schiffsköche aus Indochina, auf leichten Füßen durch den Abend huschen sie, schnell und lautlos wie Nachttiere; die griechischen Priester mit den langen Bärten aus Hanf; die heimischen Mönche, die eigene Fülle vor sich hertragend wie eine fremde Last; die schwarzen Nonnen im bunten Gewühl, jede ein kleiner, versprengter Leichenzug; die weißen Zuckerbäcker, die kandierte Nüsse verkaufen, freundliche Gespenster des Mittags; die Bettler mit dem Brotsack und Wanderstab, die nicht Requisiten des Elends, sondern Insignien der Würde sind; die weisen algerischen Juden, groß, hager, stolz, wie schwankende Türme; die wandernden Schuhputzer, Knaben und erwachsene Männer, Vertreter eines blühenden Gewerbes und einer Kunst. Ich glaube, man muß lange lernen, ehe man mit dieser mütterlichen Zärtlichkeit einen grünen Plüschlappen über die Stiefelkappe gleiten läßt und dem Leder alle Nuancen entlockt, vom tristen-feuchten Matt bis zur strahlendsten, schwärzesten Trockenheit. Mit leichtem Knall fliegt die Bürste aus der Rechten in die Linke. Die Blechdose mit der Pasta wirbelt wie ein Ball durch die Luft. Ihr Deckel springt automatisch ab und springt mit sanftem Klirren in die Utensilienkiste. Und der Gast sitzt indessen hoch auf einem breiten, hölzernen Thron; und wenn nichts an ihm königlich ist, so werden es bald wenigstens die Stiefel sein ... Frankfurter Zeitung, 15. 10. 1925   Ein Bootsmann Der Bootsmann ist alt. Seine Arme hängen schlaff wie Flossen von seinen krummen und schiefen Schultern. Seine Augen sind klein und haben den weißen Schleier, den das hohe Alter über menschliche Augen zieht. Sie haben schon genug gesehn. Aus den harten Ohrmuscheln wächst graues Moos. Die Hände sind wie zwei sehr alte Gesichter. Die Handrücken sind braungelb, und ihre dünne Haut bis zum äußersten gespannt. Die Stimme des Alten aber ist jung geblieben und männlich. Er spricht sehr kurze, sehr einfache Sätze, wie sie in Lesebüchern für Kinder stehn. Ihre Melodie ist immer ein bißchen fragend, das letzte Wort fällt jäh ab, von einer beträchtlichen Höhe – und kommt dennoch heil an: »Ich bin aus Korsika, Herr. Korsika ist der Garten von Frankreich. Ich bin Landsmann Napoleons. Und hier ist sein Bild. Diese Münze habe ich aus dem Krieg. Von 1870. Ich war bei der Marine. Ich kenne alle diese Schiffe. Auf vielen bin ich gefahren. Ich war in vielen Ländern. In Rußland auch. In England, in Deutschland, in Spanien, in Syrien, in Konstantinopel. Ich war niemals in Paris. Nach Paris kommt man nicht mit dem Schiff. Ich bin nur einmal mit der Bahn gefahren. In der zweiten Klasse. Da fährt man gut. Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, bliebe ich nicht hier. Ich habe fünf Franken täglich Pension. Seit sechs Tagen sind Sie mein erster Gast. Dieses Boot hat dreihundert Franken gekostet, da hab' ich das Segeltuch selbst geflickt. Diese Stricke hab' ich selbst gedreht. Die Ruder kosten sechzig Franken das Stück. Dann hab' ich das Boot getauft. Auf den Namen meines Vaters. Er hieß Jacques. Da steht ›Jacques‹. Mit weißer Farbe. Mein Vater war ein Kapitän. Auf der ›Sphinx‹. Da drüben steht sie. Wir sind zwei Brüder. Mein Bruder war auch Kapitän. Jetzt ist er in Pension. Er bekommt eine große Pension. Ich schlafe bei ihm. Ich wollte nicht in die Marineschule. Ich wollte gleich in die Welt. Deshalb bin ich heute arm. Meine Schwägerin ist gut. Um acht Uhr essen wir Nachtmahl. Dann lese ich Romane. Ich lese den ›Grafen von Monte Christo‹. Ich glaube diese Geschichte nicht. Es ist Phantasie. Da sehen Sie unsere Kathedrale. Ein schönes Haus. Ich war zweimal dort. Ich geh' nicht oft in die Kirche. Alle Religionen sagen dasselbe. Ich bin ein Katholik. Aber ich war in einer Synagoge. Ich war in einer Moschee. Die Mohammedaner sagen Allah. Die Juden sagen Jehova. Wir sagen lieber Gott. Es ist immer dasselbe. Mein Freund ist ein Jude. Er war im Gefängnis. Seine Frau hat ihn betrogen. Er hat ihren Liebhaber beinahe erschlagen. Jetzt leben beide. Die Frau ist gestorben. Da fahren die Fischer. Sie kommen erst morgen mittag zurück. Sie haben viele Netze mit. Ein guter Tag zum Fischen. Bei uns sind mehr Angler als Fische. Probieren Sie einmal zu angeln. Vielleicht haben Sie Glück. Weil Sie ein Fremder sind. Für tausend Franken könnte ich mir einen Motor in meinen »Jacques« bauen. Dann könnt' ich nach Korsika fahren. Unten ist es um die Hälfte billiger als in Marseille. Das ist eine teure Stadt. Aber ich zahle keine Miete. Hier haben Sie meine Visitkarte. Ich heiße Bouscia Pascal. Ein korsischer Name. Wir sprechen so ähnlich wie Italiener. Wir verstehn auch die Spanier. Alle Sprachen stammen aus dem Lateinischen. Englisch stammt aber aus dem Deutschen. Latein ist die älteste Sprache. Aber mein Freund sagt: Chinesisch ist älter. Ich werde Sie im alten Hafen absetzen. Da können Sie abends spazierengehn. Lassen Sie das Geld zu Hause. Wenn Sie Geld haben ... Ich fahre jetzt nach Hause. Wir haben heute marinierte Heringe und junge Bohnen. Dann werde ich lesen. Um zehn werde ich schlafen gehn. Mit meinem Bruder werde ich nichts reden. Ich lebe schon fünf Jahre bei ihm. Das letzte Mal habe ich vor zwei Jahren gesprochen. Damals bekam er den vierten Enkel. Im Dezember kommt sein fünfter. Am Sonntag kommt meine Schwester aus Ajaccio. Sie bringt mir Tabak. Ich aber brauche eine Pfeife. Leben Sie wohl, Herr. Steigen Sie vorsichtig aus. Springen Sie nicht! Lassen Sie das Geld zu Hause!« Frankfurter Zeitung, 17. 10. 1925   Nizza Nizza sieht so aus, als wäre es von den Autoren der Gesellschaftsromane begründet und von ihren Helden belebt worden. Die meisten Gestalten auf der Kurpromenade und am Strand kommen aus der Leihbibliothek und aus den Träumen kleiner Provinzmädchen. Diese Menschen kann Gott nicht erschaffen haben. Sie sind nicht aus gemeiner Erde gemacht, sondern aus mondänem Papierstaub. Schriftsteller haben sie so lange beschrieben, bis sie lebendig wurden. Ihre Bewegungen, ihr Gang, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihre Gedanken, ihre Ziele, ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihre Erlebnisse sind wie literarisch gefiltert, außerordentlich und gesucht. Hier vollzog sich zum ersten Male ein umgekehrter Prozeß: Autoren erschufen Menschen nach origineller Konzeption, und die Schöpfung machte es ihnen nach. Ein Verfasser diktierte eine Welt in die Schreibmaschine – und siehe da! – sie war, sie ist, sie geht spazieren, spielt Roulette, tanzt Java und nimmt Seebäder. Eine ganze Saison in einer Romanwelt würde wahrscheinlich langweilig. Aber drei Tage sind beruhigend. Man erholt sich von den Strapazen gewöhnlichen Erdenlebens, von den Berührungen mit den gemeinen Alltagssorgen und von dem Waffengeklirr, den der Kampf ums tägliche Brot verursacht. In der Gesellschaft der echten, von Adam abstammenden Menschen umfängt uns der gewöhnliche Geruch gewöhnlicher Tragik. Hier aber, in Nizza, breitet sich der Weihrauch der romanhaften Tragik aus. Hier gibt es nur Luxusschicksale. Hier siehst du lauter Edelgeschöpfe. An ihren goldenen Wiegen standen gutbezahlte Domestiken. Ihre ganze Jugend war eine einzige gute Kinderstube, von Hausärzten persönlich gelüftet. Ihre Ehe ist eine außerordentlich günstige Kapitalanlage. Ihr Tod selbst wird keine Lücke, sondern eine Erbschaft hinterlassen. Denn sie sind nicht notwendig im gemeinen Sinn, sondern im höhern. Sie sollen nur die Romanautoren bestätigen. Sie tun es in Nizza. Um die Aufregung kennenzulernen, geben sie viel Geld in Monte Carlo aus. Zu uns anderen kommt Monte Carlo jeden Tag, und unser Leben ist ein Roulettespiel. Hier aber ist kein Mensch aufgeregt, wenn er nicht auf Schwarz oder Rot gesetzt hat. Alle strömen selige Sicherheit aus. Auch den Unsichern begnadet sie. Den ganzen Tag liegt man im blauen Wasser. Die Sonne macht sich eine Ehre daraus, unaufhörlich, wolkenlos, in so guter Gesellschaft zu scheinen. Die Nächte bleiben so warm wie möglich und geben acht, daß sich die Kurgäste nicht erkälten. Die alten Herren aus England und Amerika gehen mit gemessenen Schritten, die so abgezählt sind wie Medizintropfen, vor dem Schlaf spazieren. Ihre Söhne und Töchter tanzen indes, lieben, leiden und heiraten nach den Vorschriften der Autoren. Die alten Damen, durch Gesichtsmassagen und Diät zehn Jahre jünger, auf achtzehnjährigen Beinen, in kurzen Röckchen, von riesigen Brillanten gefolgt und unwahrscheinlich kleinen Schoßhündchen geziert, sprechen von der Zukunft, nicht wie andere Alte von der Vergangenheit. Alle paar Minuten gleitet ein Herr im Zylinder nach Monte Carlo auf der breiten, schönen Straße, auf der kein Staub entsteht und die eigentlich ein vornehmer Korridor des vornehmen Volkes ist. Nichts Schlimmes kann passieren: Die Schwachen werden stark, die Kranken gesund, die Gesunden glücklich, die Glücklichen erleben hier die ersehnte Tragik und sind noch glücklicher als im Glück – und wenn einer Selbstmord begeht, so ist sein Tod durch einen romantischen Schleier dem gemeinen Bedauern und in die Sphäre der Bewunderung für die große Welt entrückt. Es ist wunderbar, in so guter Gesellschaft zu leben, die bei Tag nackt und abends im Smoking ist, abgebrannt und hygienisch, sauber und gut erzogen, aus Papier und dennoch aus Fleisch und Blut, ohne die Laster, welche eine Folge der Arbeit sind und so tugendhaft, daß sie vom Herrn selbst genährt werden, obwohl er sie nicht nach seinem Angesicht erschaffen hat... Frankfurter Zeitung, 26. 10. 1925   Ein Kino im Hafen Das Kino liegt gegenüber den Schiffen. Von der See aus kann der Mensch, der die Freuden des Kontinents lange entbehrt hat, die großen, bunten Plakate mit dem Feldstecher sehen. Das Kino heißt bescheiden »Kosmos-Theater«. Man gibt den Film von den »Roten Wölfen«. Die »Roten Wölfe« sind eine Räuberbande in den Abruzzen. Sie haben Margot geraubt, ein schönes Mädchen, und haben es in einem unerreichbaren, hohen Turm verborgen. Aber was ist unerreichbar, was ist hoch? Ein tapferer junger Mann, Cesare mit Namen, wird Mitglied der »Roten Wölfe«, aber nur zum Schein, und befreit Margot. Sie glauben wohl, es wäre eine Kleinigkeit, Mitglied einer Räuberbande zu werden? Sie irren sich! Es ist unendlich schwierig. Man muß eine Aufnahmeprüfung bestehen: im Ringen, im Messerstechen und im Armbiegen. Diese Aufnahmeprüfung ist der wichtigste Teil des Films. Cesare besteht sie und erobert nicht nur den Beifall der »Roten Wölfe«, sondern auch den der Zuschauer, deren sehnsüchtigster Traum es ist, Räuber in den Abruzzen zu sein. Von zehn Uhr vormittags bis zwölf Uhr nachts wird im Kino der Film von den »Roten Wölfen« achtmal gegeben. Achtmal im Tag besteht Cesare die Aufnahmeprüfung, achtmal begeistern sich die Zuschauer, von denen ein Drittel den ganzen Tag im Kino sitzt. Dieses Drittel sind Frauen und Kinder. Bei Tag ist es im dunklen Kino kühler als in der engen Wohnung und in der noch engeren Gasse. Die Frauen gehen also zur Abkühlung ins Kino. Die Kinder zahlen nichts. Jede Besucherin hat mindestens vier Kinder. Sie zahlt für einen Platz und nimmt fünf ein. Am Abend kommen die Männer, Arbeiter aus dem Hafen, essen, waschen sich und gehen ins Kino. Sie haben gestern und vorgestern die Taten Cesares gesehen und bejubelt. Aber derlei Helden kann man nicht oft genug sehen, wenn man nichts mehr als ein Hafenarbeiter ist – mit der Sehnsucht im Herzen, Räuber in den Abruzzen zu sein. Noch romantischer als ein Hafen ist eine Räuberhöhle in den Abruzzen. Dem Taglöhner, der heute ein Fischer ist, morgen angeheuert wird, übermorgen in einem anderen, fernen Hafen zu dem Film von den »Roten Wölfen« geht, ist sein eigenes Leben nicht romantisch genug. Ich möchte wissen, ob die Räuber aus den Abruzzen in ein Kino gehen, in dem ein Film von den Seelöwen von Marseille gespielt wird. Die Räuber aus den Bergen beneiden die Männer aus dem Hafen. Der Räuber verrichtet sein romantisches Geschäft wie ein nüchternes Handwerk und träumt von einer fremden Romantik. Davon lebt die Filmindustrie. Dabei haben die Männer aus dem Hafen ungefähr die gleichen Sitten wie die von den Bergen. Auch die Hafenleute stechen mit korsischen Messern, biegen mit Leidenschaft die Arme der Kollegen und ringen mit den besten Freunden. Sie freuen sich, daß in den Abruzzen dieselben Freuden üblich sind. Während sie im Kino sitzen, ziehen sie die Messer, und das Auge noch auf die Leinwand geheftet, strecken sie schon die Hände gegen den Nachbarn aus, um ihm einen kleinen, spielerisch leichten Stich zu versetzen. Der Nachbar, der sich nicht alles gefallen läßt, fordert den Freund auf, vor die Leinwand zu treten und es dem Helden Cesare gleichzutun. Man sieht also im Kino nicht nur die Taten der Männer aus den Abruzzen, sondern auch die der Männer aus Marseille. Indessen hämmert der Klavierspieler immer wieder »Die Tochter des Regiments«. Kein Wunder, daß sich die Zuschauer langweilen. Sie verlangen ein anderes Lied. Der Klavierspieler erhebt sich, geht hinaus, und der Film läuft ohne Musik weiter. Nach einer Weile sieht man einen großen, ergrimmten Mann. Er läßt sich diese Frechheit eines Klavierspielers nicht gefallen. Man weiß, was es bedeutet, wenn ein sehr großer, sehr breiter Mann, mit einem breiten roten Gürtel um die Hüften, mit einer zwei Zentimeter kurzen Stirn und mit Händen wie eiserne Schaufeln, sich die Frechheit eines winzigen Klavierspielers mit Regenschirm und Cutaway nicht gefallen läßt. Nach fünf Minuten zappelt der Klavierspieler in der eisernen Faust des erbitterten Besuchers, es wird hell, und die Gäste lachen. Der Riese winkt mit der Linken zum Publikum, setzt den Klavierspieler vor das Instrument und befiehlt das von der Mehrheit gewünschte Lied. Dann läuft der Film weiter. Ich sitze zwischen zwei Kindern, die auf meinen Knien mit Glaskugeln spielen. Es sind zwei schöne, schmutzige Kinder. Ich möchte sie streicheln. Die Kinder stehlen einander die Kugeln und verbergen sie in meinen Rocktaschen. Ihr Vater zündet ein Streichholz an und leuchtet mir ins Gesicht. Er will wissen, ob seine Kleinen gut aufgehoben sind. »Schöne Kinder!« sage ich. »Geben Sie acht!« sagt er, »daß sie sich nicht schlagen.« Ich glaube, ich bin ihm sympathisch. Er hat gefunden, daß ich Kinder sehr gut bewachen kann, und er wendet sich jetzt sorglos den Ereignissen zu, die sich teils auf der Leinwand, teils im Saal abspielen. Frankfurter Zeitung, 4. 11. 1925   Die weißen Städte Ich wurde eines Tages Journalist aus Verzweiflung über die vollkommene Unfähigkeit aller Berufe, mich auszufüllen. Ich gehörte nicht der Generation der Leute an, die ihre Pubertät mit Versen eröffnen und abschließen. Ich gehörte noch nicht der allerneuesten Generation an, die durch Fußball, Skilauf und Boxen geschlechtsreif wird. Ich konnte nur auf einem bescheidenen Rad ohne Freilauf fahren, und mein dichterisches Talent beschränkte sich auf präzise Formulierungen in einem Tagebuch. Seit jeher mangelte es mir an Herz. Seitdem ich denken kann, denke ich mitleidslos. Als Knabe fütterte ich Spinnen mit Fliegen. Spinnen sind meine Lieblingstiere geblieben. Von allen Insekten haben sie, neben den Wanzen, am meisten Verstand. Sie ruhen als Mittelpunkt selbstgeschaffener Kreise und verlassen sich auf den Zufall, der sie nährt. Alle Tiere jagen der Beute nach. Von der Spinne aber könnte man sagen, sie sei vernünftig, sie sei in dem Maß weise, daß sie das verzweifelte Jagen aller Lebewesen als nutzlos und nur das Warten als fruchtbar erkannt hat. Geschichten von Spinnen, von Sträflingen, die sich in der finsteren Einsamkeit ihrer Zelle mit Spinnen unterhalten, las ich mit Eifer. Sie regten meine Phantasie an, an der es mir übrigens keineswegs fehlt. Ich habe immer leidenschaftlich, aber mit wachen Sinnen geträumt. Mein Traum konnte mir niemals eine Wirklichkeit erscheinen. Dennoch vermag ich mich so tief in den Traum zu begeben, daß ich eine zweite, eine andere Wirklichkeit lebe. Als ich dreißig Jahre alt war, durfte ich endlich die weißen Städte sehen, die ich als Knabe geträumt hatte. Meine Kindheit verlief grau in grauen Städten. Meine Jugend war ein grauer und roter Militärdienst, eine Kaserne, ein Schützengraben, ein Lazarett. Ich machte Reisen in fremde Länder – aber es waren feindliche Länder. Nie hätte ich früher gedacht, daß ich so rapid, so unbarmherzig, so gewaltsam einen Teil der Welt durchreisen würde, mit dem Ziel zu schießen, nicht mit dem Wunsch zu sehen. Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. Die Kinder der andern, der früheren und der späteren Generationen, dürfen einen ständigen Zusammenhang zwischen Kindheit, Mannestum und Greisenalter finden. Auch sie erleben Überraschungen. Aber keine, die nicht in irgendeine Beziehung zu ihren Erwartungen zu bringen wäre. Keine, die man ihnen nicht hätte prophezeien können. Nur wir, nur unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte. Uns allen war es wie einem, der sich in den Zug setzt, den Fahrplan in der Hand, um in die Welt zu reisen. Aber ein Sturm blies unser Gefährt in die Weite, und wir waren in einem Augenblick dort, wohin wir in gemächlichen und bunten, erschütternden und zauberhaften zehn Jahren hatten kommen wollen. Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren wir's. Wir waren fürs Leben gerüstet, und schon begrüßte uns der Tod. Noch standen wir verwundert vor einem Leichenzug, und schon lagen wir in einem Massengrab. Wir wußten mehr als die Greise, wir waren die unglücklichen Enkel, die ihre Großväter auf den Schoß nahmen, um ihnen Geschichten zu erzählen. Seitdem glaube ich nicht, daß wir, Fahrpläne in der Hand, in einen Zug steigen können. Ich glaube nicht, daß wir mit der Sicherheit eines für alle Fälle ausgerüsteten Touristen wandern dürfen. Die Fahrpläne stimmen nicht, die Führer berichten falsche Tatsachen. Alle Reisebücher sind von einem stupiden Geist diktiert, der nicht an die Veränderlichkeit der Welt glaubt. Innerhalb einer Sekunde aber ist jedes Ding durch tausend Gesichter verwandelt, entstellt, unkenntlich geworden. Man berichtet über Gegenwart mit historischer Sicherheit. Man spricht über ein fremdes Volk, das lebt, wie über eines, das in der Steinzeit gestorben ist. Ich habe Reisebücher über einige Länder gelesen, in denen ich gelebt habe (und die ich so gut kenne wie meine Heimat und die alle vielleicht meine Heimat sind). Wie viele falsche Berichte sogenannter »guter Beobachter«! Der »gute Beobachter« ist der traurigste Berichterstatter. Alles Wandelbare begreift er mit offenem, aber starrem Aug'. Er lauscht nicht in sich selbst. Das aber müßte er. Er könnte dann wenigstens von seinen Stimmen berichten. Er verzeichnet die Stimme einer Sekunde in seiner Umgebung. Aber wer weiß nicht, daß andere Stimmen ertönen, sobald er seine Horcherstellung verlassen hat. Und ehe er's niederschreibt, ist die Welt, die er kennt, nicht mehr dieselbe. Und ehe wir ein Wort niederschreiben, hat es nicht mehr dieselbe Bedeutung. Die Begriffe, die wir kennen, decken nicht mehr die Dinge. Die Dinge sind aus den engen Kleidern herausgewachsen, die wir ihnen angepaßt haben. Seitdem ich in feindlichen Ländern gewesen bin, fühle ich mich in keinem einzigen mehr fremd. Ich fahre niemals mehr in die »Fremde«. Welcher Begriff aus einer Zeit der Postkutsche! Ich fahre höchstens ins »Neue«. Und sehe, daß ich es bereits geahnt habe. Und kann nicht darüber »berichten«. Ich kann nur erzählen, was in mir vorging und wie ich es erlebte. Ich war neugierig, zu erfahren, wie es hinter dem Zaun aussieht, der uns umgibt. Denn uns umgibt ein Zaun, uns Menschen, die wir zur deutschen Welt sprechen. In Deutschland ist der »Begriff« heilig und unwandelbar. Wir glauben an die Nomenklatur. In Deutschland erscheinen die »zuverlässigsten« Führer, die »gründlichsten« Beobachtungen und Forschungen. Alles Niedergeschriebene wird Gesetz. Man glaubt einem Buch aus dem Jahre 1880. Man dürfte nicht einmal einem aus dem Jahre 1925 glauben. Man glaubt, wie vor dem Krieg, heute an die Bedeutung der alten Begriffe. Jenseits, hinter dem Zaun, war die Nomenklatur niemals so heilig. Die Namen flossen immer weit um die Dinge, die Kleider waren lose. Man war nicht bestrebt, alles unverrückbar zu fixieren. Man wandelt sich jeden Augenblick, drüben, hinter dem Zaun. Wir nennen das immer »Treulosigkeit«, und Anpassung ist halber »Verrat«. Hinter dem Zaun gewann ich mich selbst wieder. Ich gewann die Freiheit, die Hände in den Hosentaschen, eine Garderobemarke an den Hut geheftet, einen zerbrochenen Regenschirm in der Hand, zwischen Damen und Herren, Straßensängern und Bettlern zu wandeln. Ich sehe in den Straßen und in der Gesellschaft genauso aus wie zu Hause. Ja, ich bin draußen zu Hause. Ich kenne die süße Freiheit, nichts mehr darzustellen als mich selbst. Ich repräsentiere nicht, ich übertreibe nicht, ich verleugne nicht. Ich falle trotzdem nicht auf. Es ist in Deutschland fast unmöglich, nicht aufzufallen, wenn ich nichts spiele, wenn ich nichts verleugne und nichts übertreibe. Zwischen diesen zwei Arten zu erscheinen, habe ich die traurige Wahl. Denn ich muß auch, wenn ich keinen Typus, keine Gattung, kein Geschlecht, keine Nation, keinen Stamm, keine Rasse repräsentiere, dennoch etwas zu repräsentieren suchen. Wir sind gezwungen, »Farbe zu bekennen«, und nicht etwa eine beliebige, sondern eine aus der offiziellen Farbenskala: sonst sind wir »ohne Gesinnung«. Es ist das Kennzeichen der engen Welt, daß sie das Undefinierbare verdächtigt. Es ist das Kennzeichen der weiten, daß sie mich gewähren läßt. Auch sie hat für mich noch keine Bezeichnung gefunden. Aber nennt sie mich so oder anders, so ist immer noch ein freier Raum zwischen der Bezeichnung und dem Begriff, den sie deckt, denn die Welt nimmt nicht alles wörtlich. Wir aber nehmen sie beim Wort und nicht »bei der Sache«, weil wir die Namen mit den Dingen verwechseln.   Deshalb verstehn wir sie nicht, deshalb versteht sie uns nicht. Hinter dem Zaun sind Ferien. Süße, lange Sommerferien. Was ich sage, nimmt man nicht wörtlich. Was ich verschweige, ist gehört worden. Mein Wort ist noch lange kein Bekenntnis. Meine Lüge noch lange keine Charakterlosigkeit. Mein Schweigen ist nicht rätselhaft. Jeder versteht es. Es ist, als zweifelte man an meiner Pünktlichkeit nicht, obwohl meine Uhr falsch geht. Man schließt nicht aus der Eigenschaft eines meiner Attribute auf meine Eigenschaften. Niemand reguliert meinen Tag. Wenn ich ihn verliere, so ist es mein Tag gewesen. (Ein »Tagedieb«! Wie deutsch ist dieses Wort! Wem gehören die Tage, die einer sich selbst gestohlen hat?)   Ich habe die weißen Städte so wiedergefunden, wie ich sie in den Träumen gesehn hatte. Wenn man nur die Träume seiner Kindheit findet, ist man wieder ein Kind. Das zu hoffen, hatte ich nicht gewagt. Denn unwiederbringlich weit lag die Kindheit hinter mir, durch einen Weltbrand getrennt, durch eine brennende Welt. Sie war selbst nicht mehr als ein Traum. Sie war ausgelöscht aus dem Leben; verstorbene und begrabene, nicht entschwundene Jahre. Was dann kam, war wie ein Sommer ohne Frühling. Ich fuhr mit der Skepsis in dieses Land, welche die Folge eines Lebens ohne Kindheit ist. Alle Menschen meiner Generation sind in diesem Sinne »skeptisch«. Und während uns die Älteren Tag für Tag mit ihrer Mahnung zu »Aufbau« und »Positivsein« in den Ohren liegen, lächeln wir das wissende Lächeln derjenigen, die Ursache, Werkzeug und Opfer einer großartigen Zerstörung gewesen sind. Oh, wenn sie uns nicht so stumm gemacht hätte, wir könnten ihnen sagen, was »Aufbau« ist! Wir glauben so wenig an ihn, daß wir nicht einmal imstande sind, seine Unmöglichkeit darzulegen. Der Vater, der seinen Sohn verloren hat, weiß von der Zerstörung weniger als sein toter Sohn. Wer im Hinterland gewesen ist, hat den Weltuntergang doch nur aus historischer Perspektive erlebt, den großen Weltkrieg unserer Jahre wie die Kriege Karthagos und Roms. Er lernte den Krieg seiner Zeit aus den Berichten, wie er die der Vergangenheit aus den Lehrbüchern gelernt hatte. Es ist immer noch ein Unterschied, ob man etwas am eigenen Leib oder an dem seiner Söhne erlebt hat. Wir sind die Söhne. Wir haben die Relativität der Nomenklatur und selbst die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewußtsein. In einer einzigen Minute wußten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die Skepsis der metaphysischen Weisheit. Alles, was sich bei uns, im Norden und im Osten, seit unserer Wiederauferstehung zugetragen hat, konnte unsere Skepsis nur bestärken. Immer wieder entfernten wir uns von unserer Kindheit. Es war, als wären wir zurückgekehrt, um noch einmal alle Vernichtungen mitzumachen. Und uns, die wir geradezu unmittelbar vom Studium des Dreißigjährigen Krieges weg in den Weltkrieg gezogen wurden, ist es heute, als hätte in Deutschland der Dreißigjährige Krieg noch nicht aufgehört. Wir können nicht glauben, daß irgendwo noch die Kontinuität des Friedens vorhanden ist und die große und mächtige Kulturtradition des antiken und mittelalterlichen Europas lebendig. Seit unserer Wiederauferstehung erleben wir das Werden einer ganz neuen Kultur, erleben wir die Revolution des Nahen Ostens und das leise Erdbeben des Fernen und gleichzeitig Amerikas technischen Zauber. Gefangen in einem Land, in dem ein kindischer Hang zur verstorbenen letzten Vergangenheit in denselben Menschen vorhanden ist, die eine Umwandlung des Menschen aus Fleisch und Blut in ein Wesen aus Stahl und Eisen wünschen, gefangen in einem sonderbaren Land, in dem die Hälfte der Nation gleichzeitig zwei so verschiedene und gegensätzliche Erscheinungen bewundern kann wie eine Militärparade und einen Luftballon, gefangen in einem Land, in dem die Empfindsamkeit ebenso groß ist wie das technische Bewußtsein erleben wir stündlich die kleinen Kämpfe und großen Kriege zwischen Vergangenheit und Zukunft, den klassischen, katholischen, europäischen Einflüssen des Westens ebenso ausgeliefert wie den revolutionären des Ostens und den kapitalistischen Amerikas. Das wird mehr als ein Dreißigjähriger Krieg sein. Denn es ist Krieg, wir wissen es, wir, die beeideten Sachverständigen für Schlachtfelder, wir haben sofort erkannt, daß wir aus einem kleinen Schlachtfeld in ein großes heimgekehrt sind. Wenn wir dieses Land verlassen, ist es, als führen wir in Urlaub. Wie friedlich und ahnungslos ist unten noch alles! Wie wenig weiß diese Welt von den Lawinen, die langsam heranrollen! Werden sie nicht bis hierher gelangen? Wird ihre Macht hier schon gebrochen sein? Wird die neue Kultur, der die Zerstörung vorangeht, aus Respekt, wie schon einmal, vor den lebendigen Denkmälern der alten stehnbleiben, um einen Kompromiß zu schließen? Glückliches Land meiner Kindheit, das so vor den Stürmen geborgen liegt und Zeit hat zur Besinnung und zu Friedenskonferenzen, während wir oben preisgegeben sind dem ersten, verständnislosen und noch nicht verhandlungsbereiten Wüten der Elemente. Glückliches Land, in dem man wieder träumen kann und glauben lernt an die Mächte der Vergangenheit, von denen wir dachten, sie wären, wie so vieles, ein Irrtum und eine Lüge des Lesebuches! Die Sonne ist jung und stark, der Himmel hoch und tiefblau, die Bäume dunkelgrün, versonnen, uralt. Und weiße breite Straßen, die seit Jahrhunderten Sonne getrunken haben und widerstrahlen, führen zu den weißen Städten mit den flachen Dächern, die so eben sind, als wollten sie zeigen, daß hier nicht einmal die Höhe gefährlich werden kann und daß man niemals, niemals hinunterfällt in schwarze Tiefen. Lyon An einem Sonntagnachmittag kam ich nach Lyon. Diese Stadt liegt an der Grenze zwischen dem Norden und dem Süden Europas. Es ist eine Stadt der Mitte. Dem nördlichen Ernst und dem nördlichen Zielbewußtsein ebenso hingegeben wie der Ungezwungenheit des Südens, lächelt sie und arbeitet. Ihr Wochentag ist hart und ihr Sonntag voll bewegter Festlichkeit. Alle Menschen sind eifrig beflissen, gar nichts zu tun. Sie feiern mit unermüdlichem Fleiß. Man fabriziert in dieser Stadt Seide. Das Geschäftsviertel erinnert überall an dieses Produkt. Alle Schilder sprechen von Seide. In allen Schaufenstern sieht man Seide. Alle Frauen tragen Seide, auch die arbeitenden und unbemittelten. Sind arme Menschen, die zehn Stunden und länger täglich an der Seide weben, glücklicher als ihre Kameraden, die nur gewöhnliche Leinensäcke erzeugen? Sie verdienen ebensowenig. Seide kann man nicht essen. Die Sozialwissenschaft rechnet nicht mit der Kostbarkeit der Produkte als einem Faktor für das Wohl oder Weh der Arbeiter. Ich glaube dennoch, daß es irgendeinen Unterschied bedeutet, ob man Seidenkleider produziert oder Leinensäcke. Ein Schimmer von dem festlichen Produkt fällt auf die Menschen, die es beschäftigt. Und wie die Grubenarbeiter die traurigsten der Welt sind, so scheinen mir die Seidenweber die fröhlichsten, nach den Zuckerbäckern. Wenn jemand zwanzig Jahre leuchtende, schimmernde, bunte Regenbogenfäden knüpft, ist seine Seele heiter, seine Hand zärtlich, und sein Hirn denkt tröstliche Gedanken. Zwar wohnt auch er jenseits der Rhône, in einer Mietskaserne, in einer trostlos langen und breiten Straße, in einer jener Straßen, die gestern noch neu, billig und hygienisch waren und heute nur noch billig sind. Es ist merkwürdig, wie schnell die modernen proletarischen Straßen aller Städte alt werden. Man erfindet immer besseres Material, man pflanzt gesunde, grüne Bäume an die Ränder der Bürgersteige, man kanalisiert, legt Wasserleitungen an, Abflußrohre, Porzellanbecken und Gitter, die nicht rosten. Nach zwei Jahren ist das Porzellan gesprungen und mit einer schmutzigen gelben Masse verklebt, die Bäume sind grau und können unter ihrer dicken Staubschicht nicht atmen, die Kanäle sind verstopft, die Wasserleitungsrohre platzen, von den Zimmerdecken tropft es, und die Eisengitter rosten aus dem einfachen Grund nicht, weil sie längst nicht mehr vorhanden sind. Die Mauern werden schwarz, der Mörtel fällt ab, und die Häuser stehen da wie in einer häßlichen Krankheit, bei der sich die Haut schält. Es ist kein ehrwürdiges Altern, sondern ein hastiges Verbrauchtwerden. Auch die Seidenfabriken sind ebenso nackt, wuchtig, trostlos wie alle anderen Fabriken der Welt. Aber die Arbeiter sind heiter. Sie sehen am Abend aus den Fenstern wie Menschen, die noch ein paar freie Tage vor sich haben und Zeit, sich mit fremden Vorgängen zu befassen. Die jungen Arbeitermädchen sind schlanke braune Prinzessinnen, die aus Laune, nicht aus Not, in den schwarzen Kasernen wohnen. Jeden Augenblick tritt eine kleine Königin aus einem dunklen Tor. Die Männer trinken gern und sind selten betrunken. Man hört keinen Streit aus den Wirtshäusern. Die Frauen sitzen in Gruppen an den Ufern der Rhône. Man angelt und liest beim verlöschenden Tageslicht die Zeitung. Man sieht auf den großen, schönen Fluß, der eine der wichtigsten Straßen der Römer war. So sind hier schon vor beinahe zweitausend Jahren die römischen Männer und Frauen gesessen, die Krieger und die Frauen der Krieger und die jungen Bräute. Ich gehe gern am Abend in dieses Viertel. Da sind die kleinen Läden mit den verstaubten Schaufenstern und den rührenden, einfachen Gegenständen, die nur arme Menschen kaufen: Tabaksbeutel und dicke Uhrketten und große Elefantenzähne und kleine Hunde und Katzen aus grünem Porzellan und Kaffeetassen mit nur einem Sprung und hölzerne Serviettenringe und Glasperlen in allen Farben und ein Behälter aus Nickel für Zahnstocher. Da sind die kleinen Delikateßgeschäfte mit den verstaubten und ein wenig zerdrückten Früchten, mit den Zwiebeln, den Kartoffeln, dem Zeitungspapier für Tüten und den Katzen, die auf den Lebensmitteln hocken, und den kleinen Kindern, die vor dem Laden spielen. Alles ist langsam und ohne Aufregung. Die Stunden gehen stiller und gemächlicher. Die Überraschungen selbst künden sich an. Die Freuden sind inniger und leiser. Der Tod wird hingenommen wie ein Geschenk. Das Leben hat keinen übermäßig hohen Wert. Das Leben ist soviel wert wie der karge Wochenlohn, ein billiger Wein, ein Kino am Sonntag. In diesem Teil von Lyon fühle ich auch am innigsten seine alte Geschichte, obwohl es hier keine Denkmäler gibt und alle Häuser neu sind. Denn die armen Menschen scheinen den wärmsten Zusammenhang mit der Entwicklung und der Vergangenheit zu haben, am spätesten bekommen sie Verbindung mit den hastigen Neuigkeiten der Gegenwart, am frömmsten ist ihr Verhältnis zur Überlieferung – sie sind »Volk«, und in den Zügen ihrer Gesichter erkenne ich die römischen Physiognomien, die vor 1800 Jahren in dieser Stadt zum erstenmal erschienen sind, um nie wieder aus ihr zu verschwinden. Die armen Leute können nicht reisen, sie bleiben seßhaft, sie haben einen geographisch engen Horizont, sie heiraten Frauen aus den nächsten Gassen, und sie schreiben ihre Genealogien zwar nicht, aber es ist ohne Dokumente ersichtlich für jeden, der in Gesichtern lesen kann, daß sie aus der »Antike« stammen und daß historisches Blut in ihren Adern rollt. Einfache Männer, sie sitzen plaudernd an den Ufern, und die Schatten des Abends und ein rötlicher Strahl der untergehenden Sonne meißeln ihr Profil scharf heraus und heben es aus der Gewöhnlichkeit des Alltags in eine fast symbolische Bedeutung: Ich sehe in dem und jenem einen römischen Hauptmann, setze dem armen Mann einen funkelnden Helm mit geschwungenem Vorsprung aus blankem Messing auf, ich lege um seine Brust ein rotes Hemd und darüber einen Panzer aus stählernen Schuppen, und ich drücke in seine ahnungslose, biedere, friedliche Faust ein kurzes zweischneidiges Schwert, in der Mitte gebuchtet, mit zwei gerundeten Schärfen, glatt, spitz und leckend wie eine Zunge: Siehe da – es ist ein Römer. Und ich liebe die Wäscherinnen an der Rhône. Auch sie sind arm und über die erste und zweite Jugend schon hinaus, aber fröhlich wie junge Mädchen. Seit sechs Uhr früh stehen sie da bis spät am Abend, und den letzten, schwachen Sonnenschein wollen sie noch ausnützen, und es ist, als wären sie sparsam mit der kostbaren Sonne und imstande, einen einzigen Tag in drei auszudehnen. An ihnen vorbei rinnt das Wasser, fortwährend neues silbernes Wasser, Millionen Wellen sehen sie am Tag, und in jede tauchen sie ein Wäschestück, mit der Gebärde von Priesterinnen waschen sie den Schmutz, und das Profane wird heilig. Sie sind bunt und lustig wie das Wasser, sie singen unermüdlich und rufen einander Grüße zu, diesseits und jenseits des Flusses erklingen die Stimmen, mit dem Geräusch des plätschernden Wassers vermischt, durch das Echo der steilen Böschung verstärkt und geklärt, silberne Brücken, unsichtbar und nur mit dem Ohr zu vernehmen, Brücken für Grüße. Die Wäsche der ganzen Stadt wird in der Rhône sauber. Es ist, als würde aller Unrat von den Menschen weggespült; als stünden diese Frauen hier, um den ganzen Tag die Seelen der Einwohner von Lyon sauber zu erhalten. Und ich denke, daß eine Stadt, die an zwei Flüssen liegt, von einer anständigen Bevölkerung bewohnt wird. Das Wasser ist ein heiliges Element. Morgen vormittag werde ich über die große Wilsonbrücke in den mittleren Teil der Stadt gehen, dorthin, wo man die Seide verkauft. Dieser Teil ist um elf Uhr vormittags am schönsten. Da öffnen sich die großen alten patrizischen Bürohäuser, und die jungen Mädchen eilen in die Mittagspausen wie in ein großes Glück. Eine halbe Stunde lang eilen alle Einwohner der Stadt ins Glück, und es ist ein großes Gewimmel in den Straßen und ein Tuten der Gefährte, in denen die Kaufherren und die Fabrikanten der Seide sitzen, und die ganze Stadt ist wie ein großer Jahrmarkt, die Gasthäuser füllen sich, und die Musikanten stellen sich in den Ecken und in den alten Gäßchen auf und spielen Geige, Ziehharmonika und Zimbeln, und die kleinen Mädchen kaufen die Noten und gehn mit schwarz auf weiß fixierter, ewiger, unverlierbarer Musik ins Mittagessen. Man hört auch das Tuten der Automobile, das Klappern der Geschirre und das Rasseln der Rollbalken vor den Läden, und eine Stunde lang bereitet man diesen großen, erhabenen Feiertag vor, der in den weißen Städten Südfrankreichs »Essen« heißt. Und dann ist der Feiertag da: die Mittagspause. Man kann in den Straßen das Ticken der Uhren aus dem Innern der Häuser hören, die leisen Stimmen der plaudernden Menschen, und die Stille ist weiß, groß, voll von Sonne, Licht ohne Schatten, eine Pause voll Erhabenheit. Ich sehe die ruhenden Schreibmaschinen in den Kontoren unter ihren schwarzen Decken aus Wachstuch und die zugeklappten Tintenfässer und ahne die schmalen grünen Geschäftsbücher in den Schubladen, die Sammler des Reichtums und die Seidenfäden, Millionen Seidenfäden in den großen Maschinen, harrend der Vollendung zum schimmernden Gewebe. An diesem Abend will ich die gnadenreiche »Fourvière« besuchen. Längst schon habe ich zu ihr emporgeblickt wie ein demütiger, naiver Frühmensch zum Symbol einer übersinnlichen Macht. Denn so steht die Kathedrale oben, das breite Angesicht der Stadt zugewendet, vier Säulen, drei Tore, darüber ein Giebel, auf dem ein Kreuz wie eine Blume blüht, von zwei runden Türmen flankiert wie von Wächtern, und unten die Stufen, flach, zahlreich, breit, nicht Stufen, auf denen man hinansteigt, eine Treppe vielmehr, auf der man sich hinaufkniet. Hier stand einmal das römische Forum, es ist haargenau derselbe Platz, Sinnbild einer andern Macht, es gab den Platz her und selbst einige seiner Steine zum Bau der kleinen Kapelle, es ist noch steinernes Fleisch und Blut vom Forum, ein Symbol hat sich selbst in ein neues gewandelt, derselbe Stein diente mit derselben Treue einer verschwundenen Macht, mit der er einer neuen ergeben ist, und beide können auf seine Festigkeit trauen. Aus allen Teilen Westeuropas pilgern die Frommen einmal im Jahr zu diesen Steinen. Im 9. Jahrhundert erstand die erste Kapelle, wuchs an Ruhm und Ansehn, bekam reiche Geschenke von Ludwig XI., Ludwig XII., Ludwig XIII. Aber erst, als die Pest 1642 mit Grausamkeit die Stadt zu vernichten drohte, bewies der Hügel mit der Kapelle seine besondere Wunderkraft, die Menschen retteten sich zu ihm empor, und seit damals wandern die Prozessionen jedes Jahr am 8. September zur Fourvière, und der Erzbischof segnet die Stadt. Erst seit 1896 steht die neue Kathedrale. Sie hat 15 Millionen Francs gekostet – das Geld der frommen kleinen Leute. Die Kathedrale ist zu dem Zweck angelegt worden, ein Wahrzeichen zu sein und zu repräsentieren. Und niemals habe ich ein Monument aus unseren Tagen gesehn, dessen Größe sich so innig verband mit Zartheit, dessen Wucht so bescheiden zurücktrat hinter die sanfte Wirkung des Details. Die Heiligen tragen den Giebel und stützen ihn mit den Häuptern, die Heiligen säumen die Wölbungen der Torbogen, und so lebendig ist die Wirkung menschlicher Gestalten, die technische Funktionen ausüben, daß jeder Stein zu atmen beginnt, denn nahe ist seine Beziehung zum Lebendigen, und der ganze fertige kolossale Bau ist immer noch im Werden begriffen. Und obwohl diese Statuen ewig diese Steine stützen werden, ist es, als wäre ihre Stellung nur ein Augenblick aus ihrer fortwährenden Tätigkeit. Im nächsten Augenblick werden sie sich bewegen, und die Kirche wird wandern, zu den Menschen hinunter, schon steht sie hart am Rand, sie kommt den Pilgern entgegen am 8. September, dem heiligen Tag. Der ganze Hügel ist mit steinernen Stufen besät, und jede Gasse ist eine Treppe, und die alten Häuser aus großen Festungsquadern mit bunten Dächern aus einem schimmernden Schiefer, der wie Perlmutter aussieht, stehn, eines immer um einen Kopf größer als das andere, zu beiden Seiten der Treppen, immer geschlossen, immer still, wie in einem Gelübde der Schweigsamkeit für ein ganzes Jahr, bis zur Ankunft der Pilger. Dann werden sich die Türen öffnen, Wasser und Wein in Krügen wird man den frommen Wanderern entgegentragen, auf jeder Stufe wird einer gelabt werden. An jeder kleinen Schwelle wird ein Gast stehen. Heute zwitschern nur die bunten Stieglitze und die gelben Kanarienvögel in idyllischen grünen Käfigen vor den Türen, neben den säubern Postkästen, deren es vier und fünf an jedem Haus gibt, um dem Postboten die steilen Stiegen in den Häusern zu ersparen. Gleich hinter der Kathedrale fängt Rom an, ein lebendiges Rom. Alle ausgegrabenen Erinnerungen hat man stehnlassen, statt sie in ein Museum zu tragen. Jeder Wanderer fühlt die Wonne des ersten Entdeckers. Wie vor 1800 Jahren steht heute die römische Vase im lebendigen Blumenbeet, und der lebendige Gärtner bedient sich einer antiken steinernen Spritzkanne, und vor dem Eingang zum Garten steht der römische Hund mit der Aufschrift: Cave Canem!, ein primitiver Hund aus Sandstein, ein bißchen Löwe, ein wenig Wolf, ein bißchen Bär, um so schrecklicher in dieser Mischung furchtbarer Tierhaftigkeit und harmlos heiter wie die Erinnerung an meine lateinischen Grammatikstunden. Wie gut müssen es die Gymnasiasten von Lyon haben. Nicht einmal die Grammatik ist abstrakt. Jede Regel können sie mit den Händen greifen. Alle Ausnahmen stehn an den Rändern der Spazierwege. Alle Steine halten historische Vorträge. Da ist eine Straße, die geradewegs nach Rom führt, hinein in die Antike, auf diesem Wege sind sie gekommen, hier überschritten sie die Saône, auf diesen Hügel stiegen sie, um das Land zu übersehn, hinter dem Fluß begannen sie, die Steine aufzuschichten, und sie hißten eine Festung, wie man heute eine Fahne hißt. Von hier aus sehe ich das ganze Ausmaß meiner ersten weißen Stadt. Ja, so habe ich sie geträumt. Also stehn sie alle noch da: die schimmernden Häuser, die weißen Wände, mit Sonne getüncht, die flachen, schillernden Dächer aus Regenbogen, die hüpfenden Rauchfänge, die kleine blaue Wölkchen ausstoßen wie zartes Baumaterial für den blauen Himmel. Straßen aus weißer Kreide, fliehende breite Bänder, mündend im Grün der Felder, hineilend zu den dunkelgrünen Wäldern und den blauen Felsen am Horizont, hinter denen Rom liegt, die Erbin Griechenlands und unsere erste Lehrmeisterin. Es lebt noch, es lebt noch. Da läuten schon die schweren Glocken von den Türmen des Mittelalters, da reiten die Stimmen von der Kathedrale St. Jean hinein in die blühenden Steine des Altertums, da kommen schon die spitzen und scharfen Türmchen von St. Nizier, die kleinen Dächer, mit spitzen Buckeln und Stacheln bewehrt und oben vom versöhnlichen Kreuz geziert. Die Abendschatten legen sich über die Welt, die Stimmen der Straßen werden stiller, das Rauschen der Rhone ist stärker. Noch kann ich das Rathaus erkennen, die Bibliothek der Stadt, die Kirche St. Martin mit den festungsartigen Mauern. Der Mond taucht hinter den Felsen empor, und die weiße Stadt ist noch weißer, die Steine strahlen um die Wette mit dem Mond, und in holder Eintracht fließen Rhône und Saône, die eine hurtig, die andere bedachtsam, demselben Ziel entgegen, der langersehnten Vereinigung, und umklammern die weiße Stadt wie einen kostbaren Besitz, um ihn nie wieder zu lassen. Vienne In einem Lyoner Museum sah ich ein Bild vom rekonstruierten römischen Vienne: Es lag, zwischen Hügel gebettet, auf einer Seite mählich ansteigend, auf der anderen eben, an beiden Ufern der Rhône und hatte in all seiner Lieblichkeit noch etwas von der römischen Monumentalität, von deren Ewigkeitsgepräge, das Rom allen seinen Bauten, Denkmälern und Niederlassungen zu verleihen verstand. Die Hügel umschlossen die Stadt, ohne sie einzuzwängen. Immer noch war Platz genug, um zu wachsen und sich auszubreiten. Immer noch war Grün zwischen den Steinen. Die Stadt wuchs in das Land hinein, und das Land schmiegte sich an die Stadt. Natur und Kunst waren einander ebenbürtig. Des Menschen Hand schuf aus dem Material der Erde. Nirgends war das Material vergewaltigt. Es unterwarf sich freudig dem Willen des Menschen. In zwölf großen Hauptgebäuden konzentrierte sich das Leben der Stadt. Und es war dennoch eine große Stadt. Sie hatte keine Straßen, nur Plätze, sie hatte fast keine Häuser, nur Paläste. Und dennoch ging von diesem Bild ein großstädtischer Atem aus, wie ihn niemals die Gesamtansicht einer modernen Weltstadt ausströmen kann. Ich hatte das Gefühl, daß der Mensch einer kolossalen Arena gegenüber immer noch Mensch ist, aber im Augenblick eines Wolkenkratzers zur Ameise herabsinkt. Wie kommt es, daß man auf dem weiten römischen Platz nicht verloren ist wie auf einem modernen Boulevard? Die römische Größe ist nicht gigantisch, sondern menschlich. Rom mißt nach irdischen Maßen. Die Größe und Monumentalität haben einen »humanen« Charakter. Mit diesem Bild im Herzen kam ich nach Vienne. Wie verwandelt ist es! Immer, fast seit seiner Entstehung, war es Hauptstadt, Sitz der Fürsten und Könige. Es hat mehreren Nationen angehört, es hat sich im Laufe der Zeiten gewandelt, aber keiner seiner Herren haue gewagt, es zu einer Stadt zweiten Ranges zu degradieren. Es war ewig jung, stolz, schön und weit. Es durfte furchtlos in die Zukunft sehn, wie eine Göttin, der die Zeit nichts anhaben kann. Die Stadt Vienne ist mitten in ihrer Schönheit gestorben, und sie gleicht darin wirklich einer abgesetzten Göttin. Sie ist nicht verbraucht und nicht herabgesunken. Sie hörte plötzlich auf, eine große, schöne, stolze, angebetete Stadt zu sein. Sie bequemte sich nicht, nach anderen Zwecken zu suchen. Sie blieb in ihrer Vergessenheit und in dem Zustand, in dem sie gewesen war, als man sich von ihr abwandte. Nichts von den Neuerungen der Zeit drang in ihre tauben Mauern. Sie schloß sich zu, hörte nichts mehr, sah nichts mehr und ließ nichts mehr ein. Nachdem ich drei Tage in Vienne gelebt hatte, erschien es mir merkwürdig, daß ich hierher mit der Eisenbahn gekommen war. Seltsam, seltsam, daß hier ein Bahnhof stand, daß man manchmal den Pfiff einer Lokomotive hörte. Was wollte hier ein Zug? Was kündete hier eine Stimme? Hier lebten ja die Toten! In diesen Gassen hatte ja niemand mehr was mit der Welt zu tun! Hier lebten die Menschen wie Denkmäler. Den ganzen Tag saßen die Frauen am Fenster, und unbeweglich wie sie hockten neben ihnen die Katzen. Die Hunde schliefen in der Mitte, und kein Fuhrwerk störte ihren Schlaf. Und ich war der Fußgänger. Hinter den bunten Vorhängen aus Glasperlen, die hier statt der Türen an den Häusern angebracht waren, rührte sich nichts. Ich blieb dreizehn Tage in Vienne. Als ich ankam, sahen mich die Frauen aus den Fenstern an wie ein Gespenst. Als ich wegfuhr, wunderten sie sich immer noch über mich. Noch schliefen die Hunde in der Straßenmitte, wie am Tag meiner Ankunft. Schliefen sie wirklich? Waren sie nicht tot? Saßen die alten Frauen wirklich an den Fenstern? Sahen sie mich an? Oder hatten sie die Fähigkeit der Toten, durch lebendige Körper hindurchzusehn wie durch Luft und Glas? Hatten mich wirklich die Einwohner von Vienne bemerkt? Oder war ich durch diese Stadt hindurchgeweht worden wie ein Windhauch, den alte Menschen kaum fühlen und Tote überhaupt nicht? Man schloß mir ein Hotelzimmer auf, ließ mich eintreten, verkaufte mir Brot, Wurst und Käse in einem Laden und antwortete mir mit leisem Kopfnicken auf meine Grüße. Überall erschrak ich vor meiner eigenen Stimme. Meine eigenen Schritte vernahm ich wie ferne Geräusche. Und wenn ich vor eines der Denkmäler kam, die der Führer ausdrücklich den Besuchern verordnet, war es mir nicht, als ob ich den Zeugen einer entschwundenen Zeit sähe, sondern einen Zeitgenossen. Und obwohl Denkmäler aus verschiedenen historischen Epochen stammen, hatten sie die Gemeinsamkeit des Jenseits, so wie in einem andern Leben die Altersunterschiede zwischen Vätern, Söhnen, Enkeln aufgehoben sind und alle Verstorbenen gleichaltrig. Die gotische Kirche war eine Schwester des römischen Tempels. In andern, in lebendigen Städten merkt man am lebendigen Heute, das ein Morgen und Übermorgen gebärt, wie sehr sich das Gestern vom Vorgestern unterscheidet. In Vienne aber war die Gegenwart eine Vergangenheit. Was alt, was älter war, konnte ich an keinem Neuen messen. Und auf einmal verstand ich, wie wenig Namen, Bauart, Stile besagen. Alles Vergangene begriff ich mit einem gleichmäßig liebenden Aug'. Waren die verschiedenen Formen noch Zeugnisse für die Gegensätzlichkeit der Völker und Geschlechter? Im wesentlichen glichen sich alle Baudenkmäler: in ihrer reinen Ziellosigkeit, welche das höchste Ziel ersehnt: empor zu Gott. Empor sogar das flache römische Dach, wie eine aufwärtsgestreckte Handfläche, empor der gotische Bogen, wie ein gekrümmter Finger, aus ewigem Stein der Tempel, aus ewigem Stein die Kirche. Nur Spielarten waren die »Stile«. Wie Kinder immer Spiele ersinnen, so ersannen die Geschlechter immer neue Bauten. Und wie ein Kind von einem Spielzeug zum andern geht, so ging ich von einem Bauwerk zum andern: stand zuerst vor dem Tempel des Augustus; stand vor den flachen zehn Stufen und schickte meinen Blick auf ihnen empor; kam zu den Säulen, die keine Wände sind, aber wie Pfeiler für Wände aus Luft und Sonne; sah, wie das Tageslicht die Schatten der Säulen auf die Fliesen bedachtsam legte, vorsichtig, als wäre auch der Schatten einer Säule zerbrechlich; sah das Dreieck an der Front unter dem Giebel, das wie eine Stirn und wie ein geschlossenes großes Auge ist. Sechs Säulen warfen sechs Schatten. Also waren es zwölf Säulen. Und jede der wenigen Säulen verdoppelte sich. Bald war's ein kleiner gleichmäßiger Wald. Im Hintergrund erst war die Tür, die das Heiligtum verschloß. Sollte ich sie aufschließen lassen? Es gab keinen Wärter. Wer weiß, ob es einen Schlüssel gab. Vielleicht war überhaupt kein Schlüssel vorhanden. Als der göttliche Augustus den Tempel verließ, schloß er ihn ab und nahm den Schlüssel mit. In anderen Städten erbrach man die Türen. In Vienne tut man so was nicht. Niemals werde ich den Tempel betreten. Stünde ich drinnen, ich würde sehen, daß er leer ist und daß die verschlossene Tür gar nichts verborgen hat, keine Statue, keine Gottheit, keine Beter. Die Tür verschloß das Leere, das Vergangene. Der Tempel enthält dasjenige, das ich draußen fühlen kann und drinnen nicht entdecken würde. Er enthält das Warten. Ich fühle das Warten hinter der verschlossenen Tür. Nur hier noch wartet etwas. Der Tempel ist das einzige ganz erhaltene römische Monument in Vienne. Vom alten Theater ist nur noch eine Mauer vorhanden. Dann gibt es Reste einer alten Treppe, die das Forum mit dem Palast verband. Und die Reste des Forums bilden einen Teil eines mittelalterlichen Hofes, in dem heute noch ein paar uralte Menschen leben. Die Steine der alten Form gingen über in eine jüngere Form, so wie eine Epoche übergeht in eine andere. Hier fühle ich die Entwicklung ohne Abschnitt, ohne Grenze. Der Stein fließt wie die Stunde. Achtundfünfzig Jahre vor Christi Geburt hat Julius Cäsar den riesigen Aquädukt anlegen lassen. Ungefähr fünfhundert Jahre später drang Gondebaud, der König der Burgunder, durch diesen Aquädukt in die Stadt und eroberte sie. Das Denkmal half der Geschichte. Wie früher das Wasser drang jetzt eine neue Epoche in die Stadt. Nur die Denkmäler der Gottheiten stehen ganz. Wie der Tempel des Augustus blieb, unberührt vom Lauf der Zeiten, noch die Kathedrale. Auch zu ihr empor führen flache Stufen. Ihre Türme liegen tief eingebettet hinter drei Bogen wie Augen unter dichten, vorgebauten Augenbrauen. An jedem Bogen kleben sechzehn hohle Kronen aus silberweißem Stein. In jeder Krone wohnt ein Taubenpaar. Die Vögel kommen und gehn, fliegen auf und kehren wieder, wie flatternde Gebete. Über dem Portal wölbt sich der Bogen über sechs Säulen eines zweiten, hohen, unerreichbaren Portals. Hier gehn keine irdischen Beter ein. Hier ist das Tor der Engel. Drinnen ruhn der Kardinal de Montmorin und der Kardinal de la Tour d'Auvergne, der Erzbischof von Vienne. Alte Frauen sitzen in den tiefen Stühlen und beten. Die Decke ist dunkelblauer, gestirnter Himmel. Er ist so lebendig, so sehr Wirklichkeit, daß man glauben könnte, er wäre das Urbild des echten und nicht umgekehrt. Glücklich die Frommen, die hier beten! Sie sehn, wie ihre Gebete geradewegs hinaufsteigen und die Sterne erreichen. Nichts bleibt unerhört in dieser Kirche. Der Himmel ist so nah, daß er das leiseste Flehn vernehmen muß. Nur leben hier keine Lebendigen. Dieser Menschen Gebete sind frei von irdischer Qual. Ihre Wünsche sind schon jenseitig. Über ihnen ist der Himmel so tief, weil sie dem Himmel so nah sind. Hoch auf dem Hügel liegen die endgültig Toten unter steinernen Kreuzen. Manchmal wandert eine uralte, kleine Frau hinaus, eine Kerze, eine Blume, einen Stock in der Hand. Es scheint nicht, daß sie einen Toten besuchen geht. Es sieht eher aus, als ginge sie sich selbst in ein Grab legen. Ihre zweite Wohnung auf dem Hügel ist längst bereit. Unten in der Stadt ist nur eine alte Katze geblieben, eine Pendeluhr, ein paar Stricknadeln und ein Jesus aus Gips. Dreizehn Tage blieb ich in Vienne. Ich ging in das Postbüro, um einen lebendigen Menschen zu sehn. Ich ging am Abend den Arbeitern entgegen, um laute Stimmen zu hören. Aber die Arbeiter schwiegen. Sie wohnten meist draußen. Im Postbüro schliefen die Schalter. Ein paar Kinder spielten am Abend in den engen Gassen. Aber auch sie waren nicht wie Kinder in andern Städten. Kein Hund bellte. Die Glocken klangen von den Türmen, aber nicht wie Glocken aus Erz, sondern wie himmlische Signale. Ein Polizist fuhr auf einem gespenstischen Rad durch die Gassen. Ein Gefangenenwärter lebte im Gefängnis ohne Arrestanten. Alle Türen bestanden aus bunten Glasperlen. Alle Fenster waren offen. Fremde Touristen kamen in Automobilen, jagten wild durch die Stadt, brachen ein in die Stille der Kathedrale, peitschten ihre Blicke durch den Tempel des Augustus und verschwanden wieder. Zweimal in der Nacht pfiff eine Lokomotive wie ein heulender Mensch. Tournon Ich bin nicht mit der Bahn nach Tournon gekommen, sondern zu Fuß. Drei Tage war ich unterwegs. Ich bin die Rhône entlanggegangen, ohne Plan, ohne Führer und ohne länger als eine Nacht zu rasten. Ich sah die dunklen Schiffer auf den breiten Flößen und auf den hochbeladenen Kähnen, und die Angler, die stumm sind wie die Fische, die sich so selten fangen lassen. Immer hatte ich das leise Rauschen des Flusses im Ohr. Je weiter er fließt und je näher er seinem Ziel kommt, desto näher, desto lauter, desto gefährlicher ist er. Er verträgt keine Kähne mehr, und er mag keine Schiffer. Dennoch hat er eine liebliche Melodie, wenn man neben ihm hergeht, und seine Sprache ist sanfter als sein Charakter. An seinen Ufern sind viele französische Dichter geboren worden. Flüsse befruchten nicht nur die Erde. Der Wein wächst auf den Hügeln, und die Dichter blühen. Im Mittelalter haben hier die Troubadours gesungen. Ein paar Meilen weiter, Avignon schon nahe, liegt das Zauberschloß Les Beaux, das weiße Schloß der Poesie. Wäre hier nicht die Stadt Tournon, ich ginge weiter, Tag und Nacht, um Avignon zu erreichen, die weißeste der Städte. Aber da erheben sich schon die Festungsmauern einer mittelalterlichen, einer romantischen, beinahe einer deutschen Stadt. Das ist Tournon. War ich soeben nicht in Vienne, das niemals aufgehört hat, römisch zu sein, obwohl die Burgunder es eroberten und obwohl es eine Stadt der deutschen Kaiser wurde? Es sind kaum drei Tage her, und mir ist, als wäre ich durch die großen, brausenden, mit wilder Geschichte gefüllten Jahrhunderte gewandert, die zwischen römischer Weltherrschaft und der Weltherrschaft der lateinischen Sprache liegen. Der Siegeszug der Sprache war glänzender, dauernder, wichtiger als der des Volks. Längst war die Erde verwandelt, und noch einmal und immer noch sprach man Latein. Es begann zu regnen, als ich in Tournon ankam. Vor mir erhoben sich die scharfen Mauern der Festungsreste, und mir war, als gäbe es keinen andern Weg, in diese Stadt zu gelangen, als den, vorsichtig die gefährlichen Mauern hinaufzusteigen. Nirgends war ein Tor, nirgends ein Weg. Hoch oben sah ich die nassen Gitter vor den trüben Fensterscheiben. Ein paar Stufen führten zu einer schmalen Gasse, deren Ende man schon von weitem sehen konnte. Es war eine blinde Gasse, sie lief, ohne zu wissen, wohin, geradeaus gegen eine Mauer, die noch glatter und steiler schien als die Mauern der Festung. Niemand wohnte hier. Wie sollten auch Menschen in einer Gasse wohnen, in der man nicht weiß, wozu sie da ist? Gassen sollten verbinden. Sie führen das Lebendige zu Lebendigem. Diese aber führte den Stein zu den Steinen. Aus der Ferne hörte ich, durch das Rauschen des Regens gedämpft, Menschenstimmen, Pferdewiehern und den hellen, singenden und tröstlichen Klang von geschlagenem Eisen aus einer Schmiede. Nur wenige Geräusche noch können einen Einsamen und Abgeschiedenen so plötzlich mit dem Leben verbinden und mit der Gemeinschaft der Menschen. Der Klang eines Hammers auf Eisen ist wie die Stimme der Tat, und wie eine Glocke ruft auch er zur Gemeinsamkeit. Als hätten die Hammerschläge mir einen Weg mitgeteilt, sah ich auf einmal einen andern kleinen Pfad, eine Gasse, schmal, eng wie ein Flaschenhals. Sie führte zur Stadt. Ich liebe es, in den Städten die breiten Mitten zu finden, jene Plätze, von denen die Gassen nach verschiedenen Richtungen ausstrahlen und die nicht nur Mittelpunkte sind, sondern auch Anfänge zugleich. Von diesen Mittelpunkten aus erkennt man ebenso den Charakter wie die Anlage der Stadt. Sie sind still, stiller als andere Teile, oder laut, lauter als alle Gassen. Sie sind entweder wie geweiht und geborgen, herrschaftlich und stolz oder Brennpunkte des Lebens, von allen Geräuschen erfüllt, dienstbar und zweckbewußt. Tournon aber hatte keinen Mittelpunkt. Tournon bestand aus Gassen, die unentwirrbar ineinander verflochten waren. Eine grausame Angst ergriff mich. Ich bin nicht in eine fremde Stadt gekommen. Ich bin in ein fremdes Jahrhundert geraten. Ich will in meine Gegenwart zurück. Und wie manchmal eine billige Allerweltsmeinung, die der kritische Sinn des wachen Bewußtseins negiert und weit von sich weist, in einem wüsten Traum von drohender, substantieller Wirklichkeit erfüllt werden und uns bedrängen kann, so bekam auf einmal die Phrase vom »finstern Mittelalter« gefährliches Leben und begann, mich wahrhaft zu ängstigen. Ich will zurück in meine Zeit! Verziehen sei ihr das tote Wissen, das sie ausmacht, und die stupide Mechanik, die sie bewegt! Ich bin ihr Kind, Teil von ihr, ich bin selbst Gegenwart. Und niemals fühlte ich mich so mit meinem Jahrhundert verbunden, niemals war ich so bewegt vom Gedanken an eine breite Straße, ein Automobil, eine Wasserleitung und ein Flugzeug. Man kann in einem einzigen Augenblick ein unermeßliches Zeitbewußtsein fühlen. Man kann mit wachen Sinnen, am lichten Tag, aus seiner eigenen Zeit hinausfallen und zwischen den Jahrhunderten der Geschichte herumirren, als wäre die Zeit ein Raum, als wäre eine Epoche ein Land. So ist es in Tournon. Auf der einen Seite Hügel, auf der andern der Fluß. Es ist kein Platz zu atmen. Die Häuser haben sich hier verfangen. Sie können nicht mehr hinaus. Eine ganze Stadt ist gefangen. Sie findet Schutz vor dem Feinde, aber sie ist geschützt wie ein Mensch, der nur deshalb niemanden mehr zu fürchten hat, weil er lebenslänglich eingesperrt ist. Mühsam bricht sich eine Gasse ihre Gasse. Ach, sie stößt an eine Mauer, engt sich noch mehr ein, drückt sich zusammen, zwängt sich durch und trifft eine Schwester, der es ebenso geht. Wie gekrümmte Würmer liegen die Gassen zwischen den Häusern. Diese drängen gegen den Fluß und würden ertrinken, wenn sie nicht die schroffe Festungsmauer aufhielte. Ich gehe rechts, links, vor und zurück. Ich höre Menschen reden und sehe ihre Bewegungen, aber alles ist weit von mir, wie durch Glaswände getrennt. Ein Kind lacht, aber es ist nicht das Gelächter, nicht das Kind meiner Zeit. Ich kann in fremden Ländern zu Hause und heimisch sein, aber nicht in fremden Zeiten. Unsere wahre Heimat ist die Gegenwart. Das Jahrhundert ist unser Vaterland. Unsere Stammesgenossen und Landsleute sind unsere Zeitgenossen. Gäbe es hier nicht das berühmte Lyzeum, dessen Gründer der berühmte Kardinal von Tournon gewesen ist, ich würde fortstürzen, zum Fluß, die Hängebrücke hinüber, die nach Tain führt. Dort ist der Bahnhof. Dort gehn die Züge ab, die mich zurück in die Gegenwart führen. Das Monument des Kardinals, eine kleine Büste, steht sehr bescheiden vor dem Lyzeum, in der linken Ecke, nicht im Hof, nicht vor dem Eingang. Als hätte der kluge Kardinal selbst diesen Platz bestimmt! Oh, welch eine weise Zurückhaltung! Wie würdig jesuitischer Tradition! Welch ein Gesicht! Was bist du? Kardinal, Höfling, Mönch, Gelehrter, Frauenliebling, Gläubiger, Skeptiker, Menschenkenner, Verächter? Wenn ich deine kleinen Augen sehe, deinen schmalen, langen und etwas eingefallenen Mund, dein kleines, aber plötzlich vorspringendes Kinn, deine schmale und noch im Stein vibrierende Nase, glaube ich, daß du entschlossen warst, alles zu scheinen und nur etwas zu sein, was man nicht wissen darf. Ein Gelehrter warst du nicht, denn du hast Karriere gemacht. Ideale hattest du nicht, denn du hast Ehrgeiz gehabt. Die himmlische Unsterblichkeit genügte dir nicht, du hast die irdische gewünscht. Ob du jene erreicht hast, weiß ich nicht genau. Diese aber ist dir gewiß. Dein Lyzeum ist heute noch eine Schule, von mehr als hundert jungen Leuten besucht, und jeder nimmt deinen Namen mit ins Leben und vererbt ihn seinen Kindern. Man halte sich an die Jugend und gründe Erziehungsanstalten und nicht Altersheime und Krankenhäuser! ... Es sind Ferien im Lyzeum. Die Abendsonne liegt in den Korridoren, die Fenster sind offen, die Pförtnerin wischt den Staub von den Pulten, nur der Herr Sekretär sitzt noch in seinem Büro und nimmt Inskriptionen entgegen. Ich möchte hineingehn und mich anmelden. Ach! Ich bin dreißig Jahre alt! In dieser krummen und mittelalterlichen, aber weißen, weißen Stadt möchte ich jung sein, ein Knabe, und auf den Festungsmauern spielen und auf der Rhône das Lyzeum des Kardinals schwänzen. Aus diesem Mittelalter dann mitten in die Gegenwart hineinkommen – das ist ein Schritt ins Leben. Wie anders würde ich es fühlen! In wie vielen Jahrhunderten wäre ich zu Hause! Und wie lebendig wäre in meinem Blut das Bewußtsein von der unbedingten Kontinuität der menschlichen Entwicklung und wie verknüpft in meiner Seele ein Jahrhundert mit dem nächsten, und wie stolz wäre ich, ein Mensch zu sein! Die Kinder dieses Landes fühlen, daß wir Fortsetzung sein müssen der Vordern, um uns nicht zu verlieren. Sie haben die ganze Jugend in Geschichte getaucht. Getränkt mit dem Kulturbewußtsein vergangener Zeiten, stehen sie kritisch und gewaffnet den neuen Entwicklungen gegenüber. Nichts kann sie so erschrecken wie uns. Uns wirft jede Zeitungsnachricht aus dem Gleichgewicht. An diesem Land ist selbst der Weltkrieg vorbeigegangen, ohne mehr zu hinterlassen als Trauer und Tränen. Uns aber bereitete er das Chaos. Weit gestreckt, eine kleine, abgesonderte Stadt, das Lyzeum. Die kleine Kapelle hat die ganze Traulichkeit eines schmalen Klassenzimmers, und noch liegen überall die jungen Stimmen, und an der Wand, vor der ein Beichtstuhl steht, haben hundert Bleistifte törichte junge Zeichen gekritzelt und Namen von Mädchen, und jeder Strich bedeutet eine geheime Regung, die man zwar keinem Beichtvater, wohl aber einer Wand mitteilt. Wie vortrefflich kann ich diese Zeichen lesen, und wie klar ist mir diese Geheimschrift! Längst hat der Regen aufgehört. Die Abendröte eines klargewaschenen Himmels färbt die Fenster und die Wände der Kapelle und das Gesicht der alten Pförtnerin. Das ist eine fromme, himmlische Schminke für alte Frauen. Die Stadt schläft am Abend, die krummen und ängstlichen Gassen ruhen von ihrer unermüdlichen Flucht aus. Jetzt gehe ich an den Fluß. Jetzt sehe ich den weißen halbrunden Turm der Bastei, mit den schwarzen schmalen Scharten im Leib und den winzigen vergitterten Fenstern, die ganz willkürlich und ohne Plan über die ganze Mauer verstreut sind und hinter denen jetzt die Arrestanten von Tournon sitzen. Aber auch der Bürgermeister, der Unterpräfekt und der Gefangenenwärter leben hinter denselben Mauern. An den Turm drängen sich kleinere, jüngere Gehäuse, aus der Ferne sieht man ein Bündel von Dächern, ein ungeordnetes, gleichsam frisch gepflücktes Häuserbukett. So weiß wie dieser einzelne Turm werden alle Türme von Avignon sein. In der Nacht gehe ich nach Avignon. In Avignon muß man bei Tag ankommen. Morgen werde ich dort sein. Avignon Das Antlitz der Landschaft verändert sich oft und plötzlich. Nur die drei Grundfarben bleiben immer: weißer Stein, blauer Himmel, dunkles Grün der Gärten. Die Gestalt der Erde aber ist wechselreich. Die Hügel sind bald schroff und bald spitz, bald sanft und bald rund. Hier starrt der rissige Fels, dort lächelt schon die leis geschwellte Ebene zwischen zarten Erhebungen. Daudet, der große Erzähler der Provence, hat die sehr treffende Beobachtung gemacht, daß die starke Sonne die Dimensionen vergrößert. Scharfes Licht erzeugt scharfe Schatten und stärkeren Gegensatz zwischen belichtetem und beschattetem Teil. Die Sonne läßt die Details wachsen und vermehrt sie. In sonnenschwachen und nebelreichen Ländern verlieren sich die Einzelheiten, und es ist, als drückte der tiefe und lastende Himmel das Ragende nieder. Ich bin immer nur durch nebelreiche Länder gewandert. Meine Wanderung war ein Kampf gegen die unerforschten Verborgenheiten der Landschaft. Ich fühlte durch alle ihre Güte hindurch die Unverläßlichkeit der Natur, das, was man im vermenschlichten Jargon »Tücke des Elements« nennt. Hier wanderte ich zum erstenmal mit Behagen. Ich konnte das Glück der Menschen verstehen, die sich sorglos einem Weg überlassen dürfen. Nichts Schreckliches konnte sie unterwegs treffen. Ihnen fehlte nur eines: der Wald. Ja, es fehlte hier der Wald. Es fehlte die süße Feuchtigkeit und der geheime Gesang der Wälder. Wälder sind die Geheimnisse einer Landschaft. Diese Landschaft hat keine Geheimnisse. Ach, ich verstehe, daß hier die Rationalisten wachsen und anderswo die Mystiker blühn. Der Wind, der berühmte, besungene und gefürchtete Mistral, ist voll Vehemenz und ohne Widerstand. Die Wälder halten anderswo die Winde auf, hüllen sie ein, besänftigen sie, wie es Mütter mit großen, starken und wilden Kindern tun. Hier gibt es keine Wälder. Hier gibt es nur Gärten. Die Hälfte der Natur ist Privateigentum. Welch ein reiches Land! Jeder zweite Einwohner hat eine riesige, glatte Festungsmauer um seinen Besitz errichtet und ihren oberen Rand mit häßlichen Glasscherben bestreut. Hier darf kein Wanderer müde werden. Er müßte sich in den weißen, dichten, schweren Kreidestaub der Landstraße legen. Alle Seitenwege führen zu verschlossenen Häusern, zu umzäunten Äckern. Ach, ich begreife: Wo die Natur so liebenswürdig ist, können die Gärten verschlossen und hart sein. Die Sonne zündet die spärlichen Wälder an, sie brennen ab, einer nach dem anderen. Die Wälder sterben, der Sonne ist es noch immer nicht klar, übersichtlich, scharf genug in diesem Land. Wie rücksichtslos kann das gepriesene Licht sein und wie gütig der gescholtene Nebel! ... Avignon aber könnte nicht zwischen Wäldern stehn. Avignon braucht Licht. Avignon ist die weißeste aller Städte. Sie braucht keinen Wald. Sie ist ein steinerner Garten voll steinerner Blüten. Ihre Häuser, Kirchen und Paläste sind gewachsen und nicht gebaut. Noch um ihre klaren Formen webt ein Geheimnis. In ihren Mauern rauscht es wie in Wäldern. Ihr Stein ist weiß und grenzenlos tragisch wie alles Unermeßliche. Einfältige Legendenbücher enthalten manchmal Bilder von solchen Städten. Töricht-fromme Menschen stellten sich so die himmlische Stadt vor, in der die Seligen wohnen. Knaben träumen von solchen Städten mit weißen breiten Mauern, hundert Glocken, flachen Dächern, auf denen Königinnen spazierengehn. Mit dem Begriff Festung verbinden wir das Bild einer drohend gezackten Burg hinter einer grauen, bemoosten und schroffen Mauer. Siehe da: Hier ist eine freundliche, beinahe einladende Festung. Sie zu belagern, wäre ein Genuß. Vor Bewunderung würde man vergessen, sie zu bekämpfen. Um sie zu erobern, müßte man sie umwerben. Hier flösse kein Blut. Hier gäbe es keinen grausamen Tod. Vor dem starken Klang der Glocken erstürbe jedes Getümmel. Als ich vor einem der großen Tore stand, die in die weißen Mauern der Festung eingefaßt sind wie graue Steine in einem silbernen Ring, als ich die flachgezackten Türme und die edle Stärke, die adlige Festigkeit, die unerschrockene Schönheit dieser Steine sah, begriff ich, daß eine himmlische Macht wohl ihren irdischen Ausdruck finden kann und daß sie keinen Kompromiß zu schließen braucht, wenn sie sich selbst den irdischen Bedingungen anpaßt. Ich verstand, daß eine geistige Macht die Möglichkeit hat, ohne ihr Niveau zu verlassen, sich militärisch zu sichern, und daß es einen himmlischen Militarismus gibt, der nicht einmal die Art der Bewaffnung mit dem irdischen gemein hat. Diese Festungen haben Päpste angelegt. Es sind religiöse Festungen. Es sind geweihte Kräfte. Ich verstehe, daß sie den Frieden sichern konnten. Es gibt pazifistische Festungen und Waffen, die dem Frieden dienen und den Krieg verhindern. Ist das eine mittelalterliche, ist das eine römische Stadt? Ist sie orientalisch oder europäisch? Sie ist nichts von alledem und alles zusammen. Sie ist eine katholische Stadt. Und wie diese Religion alle Völker umfaßt und wie diese Religion kosmopolitisch ist, so ist Avignon die Festung der katholischen Kirche, kosmopolitische, organische Verschmelzung aller Traditionen und Stile. Es ist Jerusalem und Rom, und es ist Altertum und Mittelalter. Fünf Jahrhunderte lang regierte hier der vornehmste Geschmack. Fünf Jahrhunderte lang sammelten sich hier alle künstlerischen, politischen, literarischen Traditionen. Durch fünf Jahrhunderte lebte hier der geistige und der gesellschaftliche Adel Europas. Die Urbevölkerung dieser Stadt gehörte dem intelligenten, flinken und harten Volk der Kelten an. Aber Phönizier aus Marseille, Orientalen, die durch griechische Bildung gegangen waren, hatten Avignon begründet. Viele phönizische Familien blieben hier. Es waren Händler. Aber Händler einer Zeit, in der Handel noch Heldentum bedeutete und jedes Geschäft neben dem materiellen Zweck noch einen völkerverbindenden, Horizont erweiternden, historischen Sinn hatte! Welch eine Zeit, in der die Kaufleute die Aristokratie an wirklicher Bildung, Weltkenntnis und Weitblick um ein Beträchtliches übertrafen und in der zum Abschluß eines Vertrages mehr Mut gehörte als zu einem Krieg. In so einer Zeit, von einem Volk solch heldenhafter Kaufleute wurde Avignon begründet. Phönizisches Blut mischte sich mit keltischem, römischem, gallischem und germanischem. Aber es ging nicht unter. Im Mittelalter noch behielt diese Bevölkerung den heitern und offenen Sinn, der ein Erbgut der orientalischen und griechisch gebildeten Seefahrer ist, und in der Hauptstadt der Kirche regierte ein fröhlicher Katholizismus, der Dionysos leben ließ, ohne daß es dem Glauben und der Macht geschadet hätte. Heute noch sind die Bewohner von Avignon halbe Phönizier: laut, unternehmungsfroh, schnelldenkend, gute Rechner und Kosmopoliten. Die eigentliche Geschichte Avignons beginnt im 12. Jahrhundert. Die frühesten Bauten, die wir heute in Avignon sehen, stammen aus diesem Jahrhundert: die Kathedrale und die noch ältere Brücke von Avignon, deren Bau 1177 begonnen wurde. Sie war nur für Fußgänger und Reiter bestimmt. Denn sie ist zwar 900 Meter lang, aber nur 4 Meter breit. Im 13. Jahrhundert wurde sie abgebrochen. Heute sieht man nur noch eine halbe Brücke. Ihr letzter Pfeiler ruht in der kleinen Insel in der Mitte des Flusses. Ich habe einen alten farbigen Stich gesehen. Er stellt den traditionellen Tanz des Volkes auf dieser Brücke dar. Obwohl sie so schmal war, daß eine unvorsichtige Drehung gefährlich werden konnte, war sie doch der Tanzboden des Volkes von Avignon. Es rührt mich, daß die Leute hierher tanzen gingen, wo es am schmälsten und gefährlichsten war. Sie taten es sicherlich nicht bewußt, und es kam ihnen wahrscheinlich nicht in den Sinn, daß sie buchstäblich hart über dem Abgrund tanzten. Sie narrten den Tod. Sie hüpften über dem Wasser. Ihre Heiterkeit spiegelte sich in den heitern Wellen des Flusses, und vom Wasser entliehen sie die Fröhlichkeit. Auf dem alten Stich ist zu sehen, wie Kinder, Bürger, Frauen, Bettler und Mönche sich bei den Händen halten. Welch ein Trubel unter dem Protektorat der Kirche! Welch ein Fest unter den Augen des Papstes! Man kennt die schöne Geschichte Daudets vom »Esel des Papstes« und weiß, wie populär das Oberhaupt der Kirche in Avignons Straßen war. Hier, am Fluß, ging der Vater der Christenheit spazieren und lächelte. Es hätte wenig gefehlt, und er hätte mitgetanzt. Denn die Päpste hatten Ferien. Die Geschichte nennt ihren Aufenthalt in Avignon sehr feierlich: das babylonische Exil der Päpste – aber es war das lustigste Exil, das die Welt je gesehn hat. »Rom«, schreibt Renan, »war in Wirklichkeit die turbulenteste italienische Republik. – Seine Umgebung war eine Wüste, jedem Wanderer gefährlich. – Der Aufenthalt in Rom war für die Päpste eine der unerträglichsten Gefangenschaften.« Clemens V. wanderte nach Avignon aus. Sein Nachfolger Johann XXII. begann zu bauen, er legte die Festungen an, die unter der Herrschaft Benedikts XII. verbessert und beinahe vollendet wurden. Drei große Kirchen haben die Päpste überdies in Avignon errichtet: Saint Agricol, St. Pierre und St. Didier. Die imposanteste und dauerndste historische Erinnerung bleibt der Palast. Er ist im Innern durch die Ereignisse der Revolution fast vollständig vernichtet worden. Später war er lange Zeit und bis kurz vor dem Krieg eine Kaserne. Die Militärbehörde weigerte sich, den Palast zu räumen. Sein Inneres ist wüst, graue, rissige Kalktünche klebt an den Wänden. Die Restaurierung, vor einigen Jahren begonnen, schreitet sehr langsam fort. Zweimal täglich ist er das Ziel neugieriger Touristen und das Objekt falscher Erläuterungen, die ein Führer gegen Trinkgeld den Amerikanern erteilt. Aber nichts kann vollkommen untergehn, was die Frömmigkeit gebaut hat und was in der Hoffnung auf eine ganz andere Unsterblichkeit, als es die irdische sein kann, entstanden ist. Hört nicht auf den Führer! Sondert euch ein wenig vom Troß der Touristen ab, und ihr werdet ein Fenster sehn, »Fenêtre de l'Indulgence«, das wie ein Tor zum Reich der Sonne ist, von vier Säulen gestützt und fünf schmale Portale bildend unter einem halbgeschwungenen und überraschend spitz endenden Bogen, in dem ein großes, kreisrundes Ornament über zwei kleinen eingefaßt ist wie eine himmlische Blume; ein Rad mit lebendigen Speichen, geschwungene Kreuze aus Licht und Glas; eine runde Ruhestatt für das Licht des Tages; die Sonne eingefangen in einem kunstvollen Netz. Ich bleibe einen Augenblick am Anfang der großen Galerie stehn, die schmal und lang ist, deren Decke hundert Bogen gebärt, alle paar Sekunden einen Bogen, wie ein Vorhang aus gerafftem Stein, lebendig und wechselreich wie aus weichem Stoff und eine Unendlichkeit vortäuschend wie durch raffinierte Spiegelungen. Am Ende des Korridors ein schmaler Streifen einbrechender Sonne, und hinter dieser rechteckigen Insel aus Licht, Gold, Silber und flimmerndem Staub eine Treppe, die wer weiß wo hinaufführt, zum Himmel vielleicht, unzählige, kleine, schmale, steile Stufen, ohne Pause, ohne Rast, eine unermüdlich eilende Leiter. Dann stehe ich im Hof. Er ist von vier Seiten eingeschlossen wie ein Kleinod. Er hat viele schwarze Tore in den Wänden, aber man glaubt nicht, daß sie hinausführen. In diesem Hof müßte ein Gefangener seine Ohnmacht stärker fühlen als in einer kleinen und finstern Zelle. Er könnte in Fenster hineinsehn, aber niemals durch Fenster hinaus. Da ist ein Brunnen, da liegt meterhoch der Sand, da lagern Holzklötze, und hier sind Bretter und alte Pfosten. Und dennoch ist es immer noch der Hof eines Palastes. Wunderbare Fenster sehen in diesen Hof hinaus. Hier haben Soldaten Schießübungen veranstaltet, und hier hat man exerziert. In diesen Torbögen lehnten die Gewehre. Und doch hat der Hof der Kaserne, in der ich »abgerichtet« wurde, ganz anders ausgesehn. Ob es nicht eine Weihe gibt, die von einem Stein, einem Glas, einer Wölbung ausstrahlt und einen Hof vor der endgültigen Vernichtung schützen kann? Die Militärbehörde wußte nicht, was sie tat, als sie die zarten Wandbilder übertünchen ließ. Unter dem schwachen, aber dauernden Schutz des Kalks haben sie lange Jahre ausgehalten. Sie hatte recht, die Militärbehörde. Das ist kein Anblick für exerzierende Menschen. Solche Bilder könnten die Disziplin einschläfern. Gebt weißen Kalk darüber, Kalk darüber, Kalk darüber! Verdeckt die Fresken von Matteo Giovanetti de Viterbo, den Christus am Kreuz. Er hat die armseligsten, hagersten Arme, sein Körper ist schmal wie ein Bein, seine durchstoßenen Hände sind halb gewölbt, noch offen, dem Betrachter zugekehrt, als schenkten sie noch im Tod, die Augen sind geschlossen wie bei einem Schlafenden, es ist die erste Sekunde nach dem Tod, im Gesicht ist kein Schmerz mehr, sondern eine stille Zufriedenheit, die spitzen, armen Knie ragen, beinahe starrend, und die Zehen sind schmal, stolz, lang wie Finger. Weder das ist ein Bild für Soldaten noch der schöne Kopf des Johannes, mit wallendem Haupt- und Barthaar, mit naiv gefurchter Stirn und klugen, bittern und guten Augen, ein Großvater, der die Welt kennt, mehr als ein Heiliger, ein Evangelist für fromme Kinder. Und auch die Jagdszenen, erst vor kurzer Zeit entdeckt und vom Kalk befreit, waren nichts für Krieger, obwohl die Jagd ja ein männliches Gewerbe ist. Nach diesen Bildern ist es allerdings keine Jagd, die eine Militärbehörde anerkennen könnte. Denn die Wälder, die Jäger, die Tiere sind nicht von dieser Welt, man hat die Überzeugung, daß diese Tiere noch leben, auch wenn sie erlegt sind. Sie sind flach, sie kleben an der Wand, es sind nur zweidimensionale Geschöpfe, sie werfen keine Schatten, sie kommen aus dem Traum und bleiben ewig ein Traum, und man weiß nie recht, ob sie wirklich mit irdischen Farben von irdischen Händen gemalt sind. Blätter, flach, schmal, immer unbeweglich, wie aus Gold gegossen; edle, schmale Hunde mit ornamental geringeltem, zartem Schweif und flachem, schmalem Kopf, hagere, langgestreckte Körper auf dünnen, laufenden Beinen. Es ist unwirklich und von der tiefsten Wahrheit, die nur im Traum offenbar wird. Die Mauern der Festung sind unregelmäßig. Sie folgen den Launen des Felsens. Es ist eine fast demütige Nachgiebigkeit der Natur gegenüber. Das waren wirklich fromme Baumeister. Sie wollten nichts mehr, als die Stadt befestigen. Es kam ihnen auf eine schöne Wirkung gar nicht an. Aber die Schönheit erblühte aus der Zweckmäßigkeit. Sie entsproß dem frommen Sinn des Baumeisters. Er baute gegen feindliche Menschen und zur Ehre Gottes. Niemals ist eine Festung so sehr religiöser Lobgesang geworden. Gott ließ den weißen Stein wachsen. Niemals wird er seine Farbe verändern. Er wird mit den Jahren immer weißer, immer festlicher, immer jünger. So wie jemand, der unaufhörlich lange Jahre betet, immer verzückter, immer strahlender und himmlischer werden kann. Kathedrale und Palast schließen sich an die Festungsmauern. Sie sind Anfang und Ziel. Und so bleibt auch die Mauer noch Teil des Palasts und der Kathedrale, Fortsetzung des Herrschaftlichen und des Heiligen. Jenseits der Rhône liegt die Sommerresidenz der Päpste mitten im Grün. Dieselben Mauern, eine kleine Tochterfestung, sommerlich, ein Ferienschloß. Villeneuve ist ein kleiner Ort, Filiale von Avignon, ebenfalls mit alten Schätzen beladen. Dort sah ich die marmorne Muttergottes mit den zwei Gesichtern, eine römische Reminiszenz, versprengt in die christliche Legende, und die Muttergottes aus Elfenbein, das Jesuskind auf dem linken Arm, mit einem römischen Gesicht, auch das Kind wie ein kleiner Römer, mit rundem Kopf und welligem Haar. Die Augen der Jungfrau sind gesenkt, aus Scham, vor den Betrachtern. In der Chapelle de l'Hospice ist das Grab Innozenz' VI., eine kleine eigene Kirche für sich. Der Sarg steht zwischen eckigen Pfeilern, die oben in spitze Türme auslaufen. Das ganze Grabmal sieht aus wie eine hohe Krone aus Stein. Der Sarg noch ist gekrönt. Er steckt in der Krone und füllt ihren unteren Teil ganz aus.   Keine einzige Kirche in Avignon, auch nicht die schöne St.-Peters-Kirche, ist an Pracht und weihevoller Größe der Kathedrale zu vergleichen. Ihre runden, weiten Wölbungen haben himmlische Maße, das Tageslicht fällt reich und doch gemildert und milchig ein, es sind viele Fenster da, der Altar liegt in vollem Licht, und eine unvergleichliche Atmosphäre entstand durch die Verbindung von Tag und Wölbung, durch die Sättigung des Schattens mit Licht und durch die gleichzeitige Dämpfung der starken südlichen Sonne mit Hilfe des Schattens: eine gleichmäßige Helle, aber auch ein gleichmäßiges Dunkel. Ein bescheidenes Portal führt in die Kirche, verhältnismäßig niedrig, von zwei Säulen flankiert, die sich beinahe furchtsam in die Ecken drücken. Ein glattes Tor, ein altes, verblaßtes Bild darüber. Durch solche unscheinbare Tore führt der Weg zur Seligkeit, wie hier so im ganzen Schloß, in allen Gemächern. Überall bergen sich die Türen. Sie wollen die Wände nicht stören. Der Raum, seine Eintracht sind das wichtigste.   In den Buchhandlungen von Avignon verkauft man das Bild Petrarcas, dessen Wahlheimat die Provence war, der 20jährig sich in Avignon ansiedelte, dem Geburtsort Lauras, der dann in Vaucluse lebte und sang und nach dem Tode der Geliebten nach Venedig zog, wo er die Stadtbibliothek anlegte. Aus Dankbarkeit überwies man ihm als Wohnstätte ein Schloß. Ich glaube nicht an Zufälle. Daß in Avignon die berühmteste Frau aller Zeiten gelebt hat, das hätte ich dieser Stadt auf den ersten Blick zugetraut. Den Anspruch, von großen Dichtern besungen, aber auch geliebt zu werden, könnten heute noch die Frauen dieser Stadt mit Recht erheben. Ich habe beobachtet, daß in den Gegenden, in denen häufige und günstige Rassenmischungen vorgekommen sind, die weiblichen Nachkommen am meisten gewinnen. Die Frauen von Avignon sind mit Unrecht weniger berühmt als die Arleserinnen. Ich habe in Arles einen Frauentyp am häufigsten getroffen: den römisch-provenzalischen, etwas herben, strengen mit der schmalen, langen Nase und dem schmalen Mund, mit großen Augen und einem spitzen Kinn, herzförmige Frauengesichter, geeignet, leidenschaftlich besungen, aber nur mit Bedacht geküßt zu werden und mit dem Bewußtsein, daß der Kuß eine Bindung ist. Andere Frauen leben in Avignon. Hier gibt es keinen einheitlichen Typus. Aber alle Mädchen gehn zart und flink auf hohen Beinen, alle, auch die blonden, haben die sanfte, olivfarbene Haut, die niemals braun, niemals rot wird und an welcher die Sonne, der Wind, der Regen und selbst das Alter machtlos vorübergleiten. Ja, auch das Alter! Denn obwohl das sagenhafte Vorurteil von Männermund zu Männermund geht, daß die südlichen Frauen schneller alt werden als die nördlichen, sind in Avignon noch die Fünfzigjährigen mit jenem Liebreiz begabt, der die Treue der Männer erhält und ein temperamentvolles Altern verbürgt, das ich einem sanften Absterben vorziehe. Übrigens ist es kein Wunder. Die Liebe erhält jung, und eine Lebensfreude, bei der das Wohlergehn nur eine angenehme Begleiterscheinung und bei der die Hauptsache ein geistiges Genießen ist, verbürgt eine späte Beweglichkeit. In Avignon freuen sich alle Mädchen. In den engen Gassen, in denen alle Familien am Abend sitzen, mit Kindern, Hunden, Katzen, Papageien, Schwiegersöhnen und Großmüttern habe ich immer nur Lachen gehört, und mir, einem fremden Spaziergänger, dem man seine Fremdheit ansehen mußte, rief man freundliche Grüße zu, und wenn einer gerade mehr Wein getrunken hatte, als er gewöhnt war, wäre er bereit gewesen, mich in seinem Hause zu bewirten. Sein Haus war allerdings die Gasse. Ich habe in den Lettres historiques galantes den Abschnitt über Avignon gelesen. Der Autor dieses Buches ist die kluge Frau Dunoyer, in der Literaturgeschichte besser bekannt durch eine Art schwiegermütterlicher Beziehung zum jungen Voltaire als durch ihre Werke. Sie ist die Mutter jener Pimpette, welche die erste Geliebte Arouets war. Frau Dunoyer, eine Journalistin mit Beziehungen, hatte es verstanden, das Verhältnis Voltaires zu ihrer Tochter durch List und Gewalt zu lösen. Bei den Voltaireforschern kommt sie schlecht weg, Brandes urteilt über sie am schärfsten. Aber sie war schließlich eine Schriftstellerin. Als ich sie las, erfuhr ich wieder einmal, daß bei schreibenden Menschen, sogar bei schreibenden Frauen, Talent und Stil beurteilt werden sollen, nicht Charakter und Handlungen. Nie hätte ich, nach dem, was von ihr bekannt war, Frau Dunoyer eine so begabte Hand zugetraut. Sie schildert das Leben im Avignon des 17. Jahrhunderts so lebendig, daß ich es ganz gegenwärtig fühlte. Wenn man der Autorin glauben soll, war Avignon galanter als Paris. Da kamen die reichsten Lebemänner der Welt zusammen, es war ein Gedränge vornehmer Karossen, ein Korso der verschiedensten Stämme, Länder, Stände und Uniformen, man sah Diplomaten, Kardinäle, Edelmänner in bunten Kleidern. Am meisten imponieren der Madame Dunoyer die goldbestickten Schweizer, die Garde der Legaten. Frau Dunoyer war schließlich doch eine Frau. Und sie wird nicht die einzige gewesen sein, der diese Schweizer gefallen. Sooft ich eine breitschultrige, starke Tellgestalt unter den schmächtigen, schlanken, knabenhaften Männern sah, dachte ich an die segensreiche Wirkung der päpstlichen Schweizer. Sie sind nicht umsonst so lange noch nach der Rückkehr der Päpste nach Rom in Avignon geblieben. Wäre ich ein Papst, ich säße heute noch dort. Ich säße, was bestimmt keine Sünde wäre, vor dem Porträt von Delorme Eine Avignonerin in Gala-Toilette im Musée Calvet und müßte lange, lange dieses Angesicht bewundern, ein kindlich spöttisches Gesicht mit vorgeschobener Unterlippe, den Blick erhoben, wie gegen einen Balkon gerichtet oder auch gegen den blauen Himmel von Avignon, die zarten, aber festen Bogen der schwarzen Brauen in sicherem Schwung emporgezogen, ohne daß ein Fältchen auf der glatten, freien, runden Stirn entstanden wäre. Ein hochmütiger Augenaufschlag, ein bißchen skeptisch, ein bißchen spöttisch, und dennoch von kindlicher Erwartung. Diese kurze, aber sehr bestimmte Nase liebte ich und diese lange Oberlippe mit dem zarten Kanal in der Mitte. Eine galante Frau, eine aus den besten Ständen: Sie ist dennoch volkstümlich, ein Kind vom Lande, sie könnte in einer anderen Tracht eine Bäuerin sein. Denn dieses »Land« macht seine Töchter nicht grob, und ich habe Mägde mit den zartesten Händen von der Welt gesehn. Es ist ein sehr kultivierter Boden, ein Land ohne Mais, ohne Kartoffeln und ohne Schwarzbrot. Es erzeugt gesunde, aber nervöse Menschen. Ich habe gesehn, mit welcher eleganten Sicherheit sich alte Bäuerinnen in ihrer ländlichen Tracht in den Luxuslokalen der Stadt benahmen. Es gibt in der Provence überhaupt nicht den Unterschied zwischen städtischer Dame und ländlicher Frau. Einer alten Führerin in Les Beaux sagte ich, als sie mir ihre zwei Photographien zur Wahl vorlegte – jeder alte Mensch in Les Beaux verkauft seine eigene Ansichtskartenphotographie –, daß ich nicht entschlossen wäre, weil sie auf beiden Bildern so verschieden schön sei. Sie antwortete sofort: »Oh, mein Herr, wenn Sie mir das vor 30 Jahren gesagt hätten!«   Wenn ich der Papst wäre, ich lebte in Avignon. Mich würde es freuen zu sehen, was dieser europäische Katholizismus zustande gebracht hat, welche großartige Rassenmischung, welch einen farbigen Wirrwarr der verschiedenen Lebenssäfte, und wie trotz dieser Vermengung kein langweiliges Einerlei entstanden ist. Jeder Mensch trägt in seinem Blut fünf Rassen, alte und junge, und jedes Individuum ist eine Welt von fünf Erdteilen. Jeder versteht jeden, und die Gemeinschaft ist frei, sie zwängt niemanden in eine bestimmte Haltung. Der höchste Grad von Assimilation: gerade so fremd, wie einer ist, soll er bleiben, um heimisch zu werden. Wird die Welt einmal so aussehn wie Avignon? Welch eine lächerliche Furcht der Nationen, und sogar der europäisch gesinnten unter den Nationen, diese und jene »Eigenart« könnte verlorengehn und aus der farbigen Menschheit ein grauer Brei werden! Aber Menschen sind keine Farben, und die Welt ist keine Palette! Je mehr Mischung, desto mehr Eigenart! Ich werde diese schöne Welt nicht erleben, in der jeder einzelne das Ganze repräsentieren wird, aber ich fühle diese Zukunft schon heute, wenn ich auf dem »Platz der Turmuhr« in Avignon sitze und alle Rassen der Erde im Gesicht eines Polizisten, eines Bettlers, eines Kellners leuchten sehe. Das ist die höchste Stufe der »Humanität«. Und »Humanität« ist die Kultur der Provence, deren großer Dichter Mistral auf die Frage eines Gelehrten, welche Rassen in diesem Teil des Lands leben, verwundert sagte: »Rassen? Aber es gibt ja nur eine Sonne!« Les Beaux Die verzauberte Welt der kleinen mittelalterlichen Epen romanisch-orientalischen Charakters ist verwüstet, aber noch nicht spurlos verschwunden. Ihre Heimat ist das »Herz der Provence«, die Gegend von Maillane und Les Beaux. Ich kenne noch die Abenteuer der fahrenden Ritter. Sie reisen, von einem kleinen, bunten Vogel geführt, durch einen dichten Wald, kaum ein paar Meilen weit, und befinden sich plötzlich in einem andern Land, in dem achtzig Burgen ragen, in der Mitte die höchste, und alles ist aus weißem Stein. Sie reiten über gläserne Brücken, an Felsen vorbei, die versteinerte Könige sind, versteinerte Bäume, versteinerte Seen. In der Burg lebt die schöne Königin, eine junge Witwe, die auf einen tapferen Mann wartet, oder die schöne, sanfte Tochter eines grimmigen Königs. Ich erinnere mich, daß das Glasmotiv immer wiederkehrt. Entweder bricht ein gläserner See und der stürzende Reiter ist im verzauberten Land, oder er schläft ein und träumt, daß er durch eine gläserne Mauer schreitet, hinter der die unbekannte, überraschend weiße Welt sich auftut. Als ich nach Les Beaux kam, begriff ich die Häufigkeit des Glasmotivs in den Rittersagen des Mittelalters. Die Luft ist hier ganz klar und gläsern und ganz verschieden von der Wärme, in die ich noch vor einer halben Stunde wohlig eingehüllt war. Auf diesen Höhen bläst scharf der Mistral an manchen Tagen, er verfängt sich in den Höhlen des Kreidefelsens und in den hohlen Ruinen der Türme und weiten, fensterlosen Gemächer, er vertreibt die dichte Luft und putzt die Atmosphäre blank, so daß man glaubt, den Felsen hinter Glas zu sehn, und sich wundert, ihn mit der Hand greifen zu können. Alles Nahe rückt in die Ferne. Vielleicht, weil man sich wundern muß, ein so Fernes so nahe zu sehn. Weil man seinen Augen nicht traut, wenn mitten aus grünem Blühen eine weiße Kreidewüste dem Wanderer entgegenspringt. Man muß nicht der naive Ritter des frühen Mittelalters sein, um zu glauben, daß man im Traum durch eine gläserne Mauer gestoßen sei. Diese Berge sind aggressiv, und man gelangt nicht zu ihnen, sondern sie überfallen den ahnungslosen Wanderer. Die breite Landstraße wird immer steiler. Schon rücken die Felsen ganz nahe heran, schon säumen sie den Wegrand, auf einmal reißt ein Berg sein grünes Kleid von seinem kreidigen, zerklüfteten Leib, dann noch einer und ein dritter. Jetzt sind sie ganz nackt. Jetzt ist weit und breit kein Baum, kein Strauch zu sehen, nur ein gefrorenes Kreidemeer, mit stehengebliebenen Wogen und Wellen, mit versteinerten Schiffen und seltsamen erfrorenen Tiergestalten. Kein Ufer, kein Rand, kein Land! Der tiefblaue Himmel säumt das unerbittliche Weiß von allen Seiten, und die Sonne brennt schwer auf die Kreide. Aber das ist kein Eis, das schmelzen könnte. Das ist Glas, Glas, Glas. Hier also liegen die Ruinen von Les Beaux. Es sind keine Ruinen in der üblichen Bedeutung. Sondern es ist die Rückkehr des Steins zum Stein. Kreide war einmal ein Schloß und ist wieder Kreide. Die ganze Burg lag im Felsen. Der Fels hatte sie geboren und einige Jahrhunderte in seinem Schoß gehalten. Jetzt ist der Fels wieder Fels. Erwächst wieder. Er erneuert sich und überwuchert die Formen der Burg. Und immer noch leben in seinen Eingeweiden Menschen. Die Bevölkerung von Les Beaux zählt 300 Seelen. Von ihnen wohnen 100 in den Ruinen. Kinder werden geboren und wachsen auf zwischen wüstem Stein und historischen Monumenten. Verliebte junge Menschen wandern am Abend durch Kavernen. Sie umarmen sich auf Kreide. Sie zeugen in leeren Gräbern. Alle Alten werden hier »Fremdenführer«. An jeder zweiten Tür steht ein Mann, der ein Trinkgeld verdienen möchte. Es ist traurig zu sehn, wie die Unproduktivität der Wüste die Menschen unproduktiv macht. Wie alle davon leben, daß sie einen Stein zeigen, den man ohnehin sieht. Und niemand weiß, wie hier in das großartige Schweigen toter Geschichte der Lärm von sechzig Führern sechzig schreckliche Löcher schlägt. Ach, man müßte hier schweigsam sein wie der Stein und daran denken, daß dieses Schloß einmal das Symbol einer Epoche der Menschheit war. Die Herren des Schlosses – man sagt, es wären die von Hugues – waren die mächtigsten Fürsten im Land. Sie besaßen achtzig Schlösser, und sie hatten tagsüber viel zu tun mit Kriegen, Belagerungen und kleinen Überfällen auf Kaufleute, aber ihre schönen Frauen saßen zu Hause, und es war jene großartige Zeit, in der die »Holdheit« noch keine kitschige Bedeutung hatte und eine ehrliche Eigenschaft der Frauen war. Die Troubadoure kamen von allen Seiten zur Burg Les Beaux gezogen, die Kollegen unserer Minnesänger, wahrscheinlich ein wenig galanter als diese und wahrscheinlich auch weniger innig. Aber alle schönen Worte von Liebe und der ganze Troß der Begriffe, die in den amourösen Diensten stehn, waren noch funkelnagelneu, eben aus dem Volksmund gekommen und noch nicht zersungen. Noch im 15. Jahrhundert regierte hier eine Frau, die Königin Jeanne, und verspätete Troubadours, in anderen Kleidern mit neuen Sitten, aber dem alten Gesang, pilgerten immer in dieses gläserne, verwunschene Schloß, das unwahrscheinlich und furchtbar weiß und trotzig war und in dessen Innern die Zartheit wohnte. An die Königin Jeanne erinnert hier nur noch der kleine, nach ihr benannte Renaissance-Pavillon, den Mistral so gut besang, daß man ihn zum Lohn in einem getreu nachgebildeten Pavillon begrub. Es ist ein kleines Schlößchen zwischen zwei Wänden mit einer kleinen moosbewachsenen, aus Quadern zusammengewölbten Kuppel, die an den Panzer einer Schildkröte erinnert, mit vier kleinen Säulchen und einem Miniaturtörchen, ein bißchen zernagt vom Zahn der Zeit, von Touristen zu häufig besucht und ganz rührend in einer Bescheidenheit, die warm ist und beinahe menschlich. Viel imponierender ist das berühmte »Höllental«, eine 300 Meter lange Schlucht, von den Eingeborenen mit Scheu betrachtet. Höllengeister sollen hier wohnen. Noch zackiger ist der Stein, noch wüster die Kreide, es könnte der Rachen eines 300 Meter langen teuflischen Krokodils sein. In einigen Büchern steht es schwarz auf weiß, mit jener Sicherheit, die eine zweifelhafte Tugend der Historiker ist, daß Dantes Höllengesang durch dieses Tal verursacht wurde. Sicher ist nur, daß Dante sein großes Lied zuerst in der provenzalischen Sprache schreiben wollte. Man zeigte mir auch die »Feengrotte«, die in Mistrals Mireille besungen ist. Aber in der Nähe dieser Schloßruinen und in einer Welt, die so ungewöhnliche Formen aufweist, ist eine Feengrotte eine Kleinigkeit. Nicht aber die Kirche St. Vincent aus dem 12., 13., 14., 15., 16. und 17. Jahrhundert. Es scheint, daß Menschen, die in einer Steinwüste leben, in dem Hause Gottes Erholung suchen wie andere auf einer Wiese. Strenge, Schärfe, Unerbittlichkeit waren ringsum, so weit das Auge sehn konnte. In der Kirche aber blüht die Heiterkeit. Es ist eine wunderbare, helle Kirche mit frischen, gesunden und lebensfreudigen Heiligen, mit viel hölzernem Zierat, das noch Waldgeruch auszuströmen scheint, mit niederen Bänken, wie für Kinder, und einem menschlichen, nahen Altar. Als ich in die Kirche trat, rüstete man gerade zu einem lokalen Fest, der Pfarrer hatte die Soutane aufgeschürzt und die Ärmel hochgerückt, Kinder trugen Reisig, Frauen säuberten Teppiche, Säuglinge lagen in Wiegen neben Opferstöcken, das ganze Dorf war da, die Türen standen offen, die eigene Helligkeit der Kirche mischte sich mit der des Tags, und es war wie ein Lichtaustausch zwischen zwei befreundeten und verwandelten Welten. Ich glaube, die Leute könnten unter den Steinen niemals froh werden, wenn es diese Kirche nicht gäbe. Die Kinder, die in den Höhlen geboren werden, erblicken erst bei der Taufe das Licht der Welt. Ich habe dann in St. Rémy das berühmte Mausoleum und den Arc de Triomphe betrachtet, zwei kolossale Monumente der römischen Herrschaft, berühmt und oft beschrieben, imposante Zeugen einer imposanten Größe, Stein, der so dauerhaft war wie der Geist und der sich nichts aus den Jahrhunderten macht. Diese Monumente haben es allerdings leichter als Bauten in anderen Ländern. Denn es regnet hier selten, der freie Himmel ist wie ein schützendes Zelt, er selbst sendet keine vernichtenden Kräfte aus, sondern eher erhaltende. Hier haben die Steine ein gutes und langes Leben. Diese Betrachtung allein aber war es nicht, die mich zwang, auch im Anblick eines alten Triumphbogens, eines Mausoleums, eines wunderbar erhaltenen römischen Theaters in Orange, fortwährend an das Mittelalter und Les Beaux zu denken. Was also war es? Ist es nicht erhebend, die Ewigkeit Roms zu erleben, noch einmal die blühende Jugend Europas, unwiderleglich das Leben des längst Vergessenen zu sehn und zu erfahren, daß irgendwo noch die Steine beweisen können, was die Stumpfen nicht glauben wollen? Waren es nicht steinerne Seelen? Fühlte ich hier nicht noch den Weg nach Rom? Hier hinunter führte er über die Alpinen, schnurgerade, wie nur ein Weg, auf dem unverrückbare und ewige Ziele wandern. Felder und Städte verdecken ihn, aber sie schaffen ihn nicht aus der Welt. Auch die verdeckten Wege führen nach Rom. Wie hier, so stehen noch einige Triumphbogen in einigen Ländern, und selbst wo sie verfallen sind, weht noch immer ihr riesiger steinerner, kühler Schatten allen, die Geschichte fühlen. Und dennoch kann ich Les Beaux nicht vergessen. Hier, scheint es mir, siegten zum erstenmal Trümmer über Monumente. Die Monumente sind erhaben. Aber die Trümmer sind tragisch. In aller Größe des Triumphbogens ist noch die Heiterkeit einer singend siegenden Welt. In aller Kolossalität lauter Harmonie und nichts von Konflikten. Wie schlossen sie die heidnischen Augen vor dem Problem, und wie kühn und licht überwölbten sie mit den schönen Bogen die Häßlichkeit und die Trauer! Aber Les Beaux ist zerklüftet. Das Mittelalter ist tragisch. Nicht weil es zerstört wurde. Ganz erhalten, wäre es noch tragischer. Tragisch selbst der Troubadour, dessen Ankunft Frohsinn verbreitete. Tragisch die schöne Königin im sehr schroffen Gemäuer. Tragisch der Tod, die Geburt, das Fest, die Hochzeit, das Mahl. Die Welt noch naiv, aber schon problematisch. Schon liegt der Schatten des Gekreuzigten, Stillen, Traurigen über den Jahrhunderten. Noch ist Pans Flöte nicht verklungen, und schon erhebt sich die Stimme der Orgel. Ein paar Kilometer liegen zwischen dem Triumphbogen und den weißen Ruinen. Schmal sind die Grenzen der Epochen. Ein Schritt trennt die Zeiten. Trennt er sie? Ist das eine Grenze? Ist das nicht ein Übergang? Liegen sie nicht heute friedlich nebeneinander, heute, da beides ausgekämpft hat? Lag nicht beides kindlich nebeneinander im Land meiner Kindheit? Floß nicht eins ins andere in meinen Träumen? Ist es heute nicht wieder eine Welt, zusammengeschweißt von der Macht der Erinnerung? Lebt nicht der Orient im römischen Bogen, lebt nicht der Orient im mittelalterlichen Epos? Gibt es wirklich verschiedene Welten? Gibt es nicht eine einzige? Was uns trennend erscheint, ist es nicht einigend? Kein Führer gibt Antwort. Wir sind da, um zu fragen. Wir sind da, um zu glauben. Nîmes und Arles Im kleinen Stadtpark von Nîmes ist Alphonse Daudet in Marmor verewigt, in der Mitte eines kleinen Bassins, von zwei weißen Schwänen ständig umkreist, die sich hintereinander mit der schweigsamen und präzisen Stetigkeit von Uhrzeigern drehn. Daudet sitzt in den etwas lockeren Kleidern, die damals noch die Gewänder der Dichter waren, für unsern Geschmack zu betont künstlerisch und das Gesicht in einer zu realistischen Lebendigkeit festgehalten, in der überlieferten Pose des Dichtens, worunter sich die Bildhauer um die Wende des Jahrhunderts eine Art zielbewußter Geistesabwesenheit vorzustellen liebten. Daudet »sinnt« – wenn man dem Bildhauer Falgnière glauben soll. Dennoch ist es ein rührendes Denkmal für einen so stillen, feinen und empfindsamen Dichter, der die Grenzen der Bürgerlichkeit niemals verließ, auch nicht, wenn er die Bürgerlichkeit ironisierte. Er konnte sich und uns sehr gut über die Welt lustig machen, von deren Art er selbst war, und diese Welt hat ihm deshalb nichts übelgenommen, obwohl gerade sie es ist, die den Spott am wenigstens verträgt. Daudet ist vielleicht der einzige seiner Art, der eine westeuropäisch begrenzte Unsterblichkeit errang. Im schönen kultivierten Ziergarten der Provence ist er eine gepflegte Blüte, die über ihr heimatliches Beet hinauswächst, aber es niemals verläßt. Maupassant, der nördliche Franzose, spottete so gründlich, daß die französischen Bürger sich heute noch getroffen fühlen. Maupassant hat erst 1925 ein Denkmal in seiner Heimatstadt bekommen. Er hätte selbst darauf verzichtet. Daudet lebte schon seit 1900 in Marmor und in Nîmes, und er ist gewiß bescheidenstolz auf sein Denkmal. Denn der Süden konserviert. Im Süden kann man vielleicht ein echter Dichter und »reaktionär« sein und die traditionellen Lügen der Gesellschaft für heilige Traditionen halten. Der Süden konserviert die Steine, die Fragmente, die Weltanschauungen. Im Norden ist es anders. Wem die Augen im Norden nicht aufgehen, der kann vielleicht ein »Dichter« im engsten Sinn des Wortes sein, aber er bleibt als Schriftsteller – das heißt zur Hälfte ein Wissender und zur Hälfte ein Weiser – unbeholfen. Er kann uns was zu singen haben. Er hat uns nichts zu sagen. Wer in Nîmes geboren wird und noch 14 Jahre vor dem großen Krieg sein Denkmal erhält, kann leicht mit der Welt zufrieden sein. Nichts stört den bürgerlichen Frieden von Nîmes. Hier hat man sogar verstanden, die großen Monumente der wahrhaft unbürgerlichen Römerzeit der Stadt, auch ihren neuen Teilen, einzuverleiben und in der großen römischen Arena ein Freiluftkino zu errichten. Den Einwohnern von Nîmes kommt es gar nicht in den Sinn, daß den Kinematographen von der Arena nicht nur die Jahrhunderte scheiden. Sie leben sorglos, und mit vergnügter, beharrlicher Ahnungslosigkeit flechten sie die Epochen der Geschichte ineinander, wie Blinde Körbe flechten, die sie niemals sehen werden. Sie wissen nicht, was sie tun, aber vielleicht erfüllen sie eine große Aufgabe. Das ist die Unschuld der Menschen, die im Schatten der Geschichte wachsen. Sie sind wie Kinder am Fuße eines Vulkans. Sie halten die steinernen historischen Feiertage für gewöhnliche Wochentage. Den Kaiser Augustus behandeln sie wie einen toten guten Bekannten der Familie, mit dem der Großvater noch Domino gespielt hat. Ich könnte, mit einer Gesinnung beladen, die den Braven, Guten im höchsten Grade gefährlich erscheinen müßte, unter ihnen leben. Ich käme mir um zwei Jahrzehnte jünger vor. Ich könnte mit ihnen die Arena vor jedem Sturm verteidigen, von dessen geschichtlicher Notwendigkeit ich selbst überzeugt wäre. Denn es täten mir alle Schätze der Vergangenheit leid, und ich wünschte, daß der neue, der nächste und der übernächste Mensch, der Mensch aller Formen, durch die wir noch zu wandeln und uns noch zu wandeln haben, den Zusammenhang mit der Kindheit Europas behalte und mit seiner eigenen oder daß er sie so wiederfinde wie ich. Es muß, glaube ich, irgendwo einen geschützten Bezirk geben, in den das Neue ohne die vorangehende Zerstörung dringen soll, mit gesenkten Waffen und mit gehißter weißer Friedensfahne. Diese Bezirke sind nicht alle geographische, aber manche sind auf der Landkarte genau abzuzeichnen. Zu ihnen gehört der Süden Europas. Ich habe hier gelernt, daß nichts beständig ist, was nicht Fortsetzung ist, überraschende Fortsetzung vielleicht, aber doch eine. Die Kette reißt nicht ab, und man darf sie nicht zerreißen. Intellekte und Kulturen gehn nicht unter. Rassen gehn nicht unter. Mitten unter uns, vielleicht in jedem von uns, leben die Völker, die scheinbar von der Erdoberfläche, aber eben nur von der Oberfläche verschwunden sind. Uns oben, uns den Stürmen unmittelbar Ausgesetzten, mag es manchmal vorkommen, daß irgendwo ein Volk, eine Rasse, eine Epoche ihr Leben ausgehaucht hat und daß anderswo ein neues Leben, eine neue Rasse, ein neuer Kampf, ein neuer Sieg beginnt. Welch eine Kurzsichtigkeit! In den allerersten Kulturwehen einer längst unsichtbar gewordenen Rasse, ja eines vom Meer verschlungenen Erdteils lag unsere letzte, endgültige Kulturform schon beschlossen. Es gibt kein unbeschränkt und allein »Kommendes«, kein endgültig »Verlorenes«. Im Kommenden ist das Vergangene. Wir können die Antike aus unsern Augen, aber nicht aus unserm Blut verlieren. Wer eine römische Arena, einen griechischen Tempel, die ägyptischen Pyramiden und ein hilfloses Werkzeug aus der Steinzeit gesehn hat, muß es wissen.   In Nîmes sind, wie gesagt, alle römischen Denkmäler durch eine Art Einverleibung bürgerlich gemacht. Aus dem Tempel der Diana hätten sie beinahe ein Magistratsbüro gemacht, im »Maison Carrée«, der einmal ein Tempel Jupiters war, statt des kleinen Museums ein Standesamt, im mächtigen Amphitheater ein Schiedsgericht. In dieser furchtbaren Nähe des Kleinbürgers wird, obwohl es ohne Zweifel Kultur hat, jede Größe niedlich. Und obwohl das Amphitheater zu grausamen Zwecken errichtet worden ist und obwohl die blutigen Spiele der Römerzeit eine (klassische) Bestialität waren, füllt sich eine Arena als Schauplatz eines provenzalischen Stierkampfs, besonders wenn dieser ein Spektakel des Kleinbürgertums ist, mit der Atmosphäre eines bürgerlichen Kasinos. Das ist das Furchtbarste an den Stierkämpfen: daß der Barbiergehilfe, der Schneider, der Feldwebel im Anblick eines Tieres Heroen werden. Der berufliche Stierkämpfer ist es nicht einmal. Im Zivil ist er ein Spießer. Aber heute, am Sonntagnachmittag, hat er wenigstens ein Kostüm, und es mag sein, daß ein buntes Tuch, das den Stier mit Recht reizt, einen geizigen Bauer, der vor seiner Frau Angst hat, mit wirklichem Mut erfüllt. Er setzt sich ja schließlich auch der Gefahr aus. Aber rings um den Zaun, der sie schützt, stehn die kleinen Männer in den Sonntagsanzügen, Männer mit Bäuchen und Schwächlinge mit dem Kummer im Angesicht, den nur ein ganz kleinlicher Alltag und ein winziger Ehrgeiz zeichnen. Und diese Leute werfen dem Stier Mützen und Schimpfrufe in den Weg, sie reizen ihn, und wenn er gegen den Zaun stößt, verschwinden sie schnell. Alle sind sachverständig. Alle tun so, als könnten sie den Stier bei den Hörnern packen. Und ich sehe ihre kleinen, kümmerlichen Tage, die sauer sind wie ihre Gesichter, ihre Unterwürfigkeit gegen alles, was »reich« und »vorgesetzt« sein könnte, ihren Hochmut im Anblick eines Wehrlosen, ihre Demut im Anblick der Stärke. Ein Bauer stößt eine Lanze in den Rücken des Stiers, ein Bauer, der morgen feilschen wird, beim Schweinehandel: ein Held! Besungen in den Heldenliedern des Landes, Erbe verwegener Sitten, Träger alter Traditionen, geboren auf historischer Erde und ein Kleinbürger vor allem. Ein furchtsamer, scheuer, kühner, heldenmütiger Kleinbürger. Ich kann dieses sagenhaft weiße, unermeßliche Oval der Arena nicht vergessen. Auf den alten Steinen, vor denen ich Achtung hätte, wenn sie leer wären, befinden sich die Repräsentanten des sonntäglichen Familienlebens im Süden. Die Erhabenheit des Stiers aber ist jener der Steine verwandt. Ich weiß: Es ist auch damals so gewesen, als die Gladiatoren einem Mörder unter der Krone Ave Caesar! zuriefen. Aber das Geschlecht, dessen Blutdurst so unstillbar war, hat eben diese mächtigen Quader aufgeschichtet. Und sie lebten vor zwei Jahrtausenden! Dagegen hat eine Generation, die durch Grammophon und Zeitung, Kasino und Bakkarat gekennzeichnet ist, kein Recht auf Blut. Keiner von den Dichtern dieses Landes hat gegen die Stierkämpfe etwas einzuwenden. Viele verherrlichen sie. Ich kann weder einen Patriotismus noch ein Genie begreifen, welche die Bestialität nicht sehn. Man hat über die Stierkämpfe viel Wissenschaftliches, Historisches, Dichterisches geschrieben. Jedes Jahr im Mai veranstaltet man in Paris provenzalische Stierkämpfe. Und weshalb wundert sich noch jemand über die Nutzlosigkeit des Völkerbundes und der Schiedsgerichte? Die Arena von Arles konnte ich zum Glück an einem Tag sehn, an dem man keine Stiere reizt. Es war ein stiller Wochentag. In Arles liegen die Denkmäler außerhalb der bürgerlichen Sphäre. Sie sind im mittelalterlichen und späteren Arles heimisch geworden. In den »Alyscamps« haben sich die ersten Christen verborgen, und die mittelalterlichen Arlesier haben sich da begraben lassen. In der Arena haben sie sich eine Zeitlang gegen Stürme feindlicher Belagerer verteidigt. Aber weder die Lebenden noch die Toten haben den römischen Bauten etwas von ihrer fernen Unberührtheit genommen. Sie stehn eigentlich außerhalb der Stadt: die Arena, die noch größer ist als die von Nîmes, nicht besser erhalten, aber weißer, stolzer, sonnenreicher; die Reste des alten Theaters mit den zwei steinernen, dünnen Säulen vor dem Halbrund, die wie durch einen heiligen Zufall noch stehengeblieben sind, während rings um sie alles versank und Erde wurde; das kleine, runde, ein wenig orientalische Palais Constantin, zu ebener Erde, hart am Straßenrand, wie ein Privathaus, mit drei dichtvergitterten Fenstern, an denen die Eisenstäbe wie ein zartes Gewebe sind; und die »Alyscamps«, von denen nur noch wenig geblieben ist; ein breites Tor, mit weiten, stubengroßen Nischen in den Seitenwänden; Steine, Büsten, Köpfe; und Särge, Särge, Särge. In Arles sind die Gassen so eng, daß die Wagen, Autos und Lastfuhrwerke aneinander nicht vorbeikönnen und daß immer einer von zwei einander begegnenden Wagen in einer Seitengasse warten muß. Aber es ist keine planlose Enge wie in Tournon, sondern eine vorsorglich berechnete. Es gibt auch einen kleinen, stillen, viereckigen Ringplatz. Der ist ganz grün vom Sonnenlicht, das durch die Bäume gefiltert wird, und vom Moos, das an allen Seiten wächst. Auf diesem Platz steht Mistral, der große provenzalische Dichter, mit Schlapphut, Spazierstock und Bratenrock, mit einem Spitzbart und einer dünnen, zartflügeligen Nase, ein guter Mann und ein Patriot. Er hat hier in Arles das berühmte provenzalische Museum angelegt: mit wenig Gelehrsamkeit und viel dichterischer Lebendigkeit, manchmal nach panoptikalen Grundsätzen und mit einer naiven Freude an einer naiven Wirksamkeit und an kindlichen Lichteffekten. In einem Fenster, hinter bläulich schimmerndem Glas, sieht man eine alte provenzalische Stube, die Menschen aus Wachs, mit historischer und physiognomischer Treue nachgebildet, eine Wiederauferstehung im toten Material. Man sieht Waffen, Wiegen, schlechte und gute Bilder, Briefe, Werkzeuge, Bedarfsgegenstände großer provenzalischer Männer, es ist ein sehr herzliches Haus- und ein Familienalbum für die Provence. Es gibt noch ganz andere Monumente, antike, in den Museen von Arles: die berühmte Nachbildung der berühmten Venus, Köpfe aus frührömischer Zeit, Köpfe aus christlich-römischer Zeit. Die Kunsthistoriker haben große Bände darüber verfaßt. Ich wundere mich, daß die Arlesier nichts von der antiken Größe ihrer Denkmäler, bei denen sie aufgewachsen sind, aufgenommen haben. Sie sind stille, feine, bescheidene Menschen. Sie sitzen auch in den Gassen, wie die Leute von Avignon, aber sie sprechen mit leisen Stimmen, und nur zweimal in der Woche lassen sie sich im Kino einen Film vorführen. In keiner der kleinen provenzalischen Städte habe ich solche verhaltene, stille Dämmerungen, solche Abende, an denen kein Geräusch die Glocken störte, erlebt. Die Klänge hatten freie Bahn, sie lustwandelten noch lange in der Luft, ehe sie schlafen gingen. Diese Glocken kamen von der reichen Kirche St. Trophime, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Sie hat ein prächtiges Tor, vor dem ich lange stehn konnte. Es ist immer geschlossen, als wäre es ganz unmöglich, daß dieser unwahrscheinliche Eingang für gewöhnliche Menschen bestimmt wäre. Sieben weiße Stufen führen empor. Da ist ein Giebel, von Köpfen gehalten, darunter ein tiefer Bogen wie aus vielfach gefaltetem Stein, zu beiden Seiten starke Säulen, in der Mitte hohl und von kleinen, schlanken, runden Säulen unterbrochen, hinter denen je vier Heilige stehn. Sie stehen unter steinernen Baldachinen, die Köpfe gesenkt und halb im Schatten, sie laden ein, die Kirche zu betreten, demütig, wie Heilige es tun. Aber durch dieses zweiflügelige, in der Mitte durch eine runde Säule mehr zusammengehaltene als getrennte Tor geht niemand. Es ist geschlossen und vielleicht nur an hohen Feiertagen offen. Durch den Hof gelangt man in einen der berühmtesten Klostergänge der Welt, eine Galerie aus dem 13. Jahrhundert. Die Galerie umrahmt, viereckig, den viereckigen grünen, überwucherten und bemoosten Hof. Aus Stein, Sonne, Laub und Feuchtigkeit entsteht das merkwürdige Tageslicht, das wir manchmal träumen. Aus vielen breiten, langen Wölbungen besteht die Decke. An den vielen Doppelsäulen, die den Hof vom Gang trennen, lehnen Heilige. Jeder Heilige hat einen Winkel einem Schwalbenpaar geschenkt. Jeder hat ein paar Vögel zu versorgen. Es ist grün, feucht und dennoch heiter. Es ist ein Hof für Greise, die vor dem Tod keine Furcht haben und sich nach dem Himmel sehnen, weil sie in diesem Wandelgang schon eine Ahnung finden von den schattigen, grünen und dennoch lichtgetränkten Wandelgängen des Himmels. Die ganze Stadt hat etwas von der kühlen, alten Heiterkeit eines Klostergangs und viel von vegetativem Stein und lebendigem Marmor. Wände, Mauern, Denkmäler und Fragmente werden erst nach Jahrhunderten lebendig und mit jedem vergehenden Jahrhundert lebendiger. Alte Mauern werden klangreicher mit jedem Jahr, wie alte Geigen. Arles hat solche lebendigen Steine. Seine alte Größe – es wurde einmal das »gallische Rom« genannt – sieht man ihm nicht mehr an. Ich muß immer daran denken, daß es eine Kolonie von römischen Veteranen war, die Julius Caesar hier angesiedelt hat. Veteranen könnten heute noch in Arles leben. Hier ließen sich die Fürsten des Landes, später die deutschen Kaiser krönen. Von der Pracht einer Krönungsstadt ist wenig geblieben. Arles ist nicht, wie Vienne, mitten in der Blüte erloschen. Es ist langsam erstorben. Es hat viele Erinnerungen bewahrt, aber sie blieben eigentlich fremd in dieser Stadt. Es ist, als hätte ihr die Geschichte hier eine Arena, dort einen Palast, hier eine Kirche und dort ein Museum zur Aufbewahrung, aber nicht als Eigentum übergeben. Arles ist auch eine weiße Stadt. Aber sie hat das weiße Silber des Alters, nicht die weiße Festlichkeit der ewigen Freude. Sie liegt in der Sonne wie ein Abend, bewachsen vom grünen Moos der Erinnerungen. Tarascon und Beaucaire Das großartige Fest der Tarasque beschreibt Frédéric Mistral sehr genau. Es wird von den »Chevaliers de la Tarasque« gefeiert. Diesen Orden hat der gute König René am 14. April 1474 gegründet. Seine Statuten lauten: 1. Ehrerbietigste Wahrung der Tarasque -Spiele, die mindestens siebenmal in einem jeden Jahrhundert gefeiert werden müssen. 2. Der große Jubel, die Feste und die Farandolen sollen 50 Tage dauern. Es darf nichts gespart werden, um die Spiele so bunt wie möglich zu gestalten. 3. Die Fremden sind gut aufzunehmen und während der ganzen Dauer der Fest so zu behandeln, daß sie sich wohlbefinden und nichts von ihrer Laune und Freiheit einbüßen. Die Ritter von der Tarasque marschieren zu den Klängen des provenzalischen Marsches durch die Stadt, trinken, essen dabei eine Tortilade . Am Sonntag vor Himmelfahrt gehn die Ordensritter die alte Statue der Muttergottes aus der Schloßkapelle holen, an der Spitze einer ebenso langen wie festlichen Prozession. Das ganze Volk von Tarascon, Beaucaire, St.-Rémy, Maillane und der anderen Städte und Ortschaften ist anwesend. Die Schiffer von der Rhône erwarten die Muttergottes mit Pfeifen und Tamburins vor der Stadt. Am Himmelfahrtstag, vor Sonnenaufgang, sieht man zum erstenmal die Tarasque . Sie hat einen Löwenkopf und den Panzer einer Schildkröte, den Bauch eines Fisches, und im Innern dieses Ungeheuers sitzen sechs Männer. Am Pfingstfeiertag findet wieder ein großes Mahl statt, das alle Ritter an einer langen Tafel vereinigt. In der Kirche Ste. Marthe befinden sich die Bewohner aller näheren und ferneren Ortschaften. Dort werden das Banner und die Lanze geweiht. Am Pfingstmontag beginnt erst das eigentliche Fest. Nach der feierlichen Messe ein Paradezug des Volkes, die Ritter an der Spitze, durch die Straßen der Stadt. Die Rhône-Fischer marschieren hinter der Fahne des heiligen Peter. Dann kommt die Tarasque . Ihr gegenüber stehen die Ritter in Kampfstellung. Die Tarasque sprüht Feuer aus den Nüstern. Der Kampf beginnt. Sie unterliegt. Und die Ritter marschieren ab, um noch einmal einen tiefen Trunk zu tun. Dieses sagenhafte Untier, die Tarasque , ist in Tarascon zu Hause. Sie ist in der ganzen Provence sehr populär, oft abgebildet, in vielen Museen aufgestellt und ein dankbares Objekt der Ansichtskartenindustrie. Die Bewohner von Tarascon nennen sie »Großmutter«. Man sieht daraus, wie harmlos sie ist. Sie ist der durch die Sonne des Südens gemilderte, durch den Witz des Südens karikierte Drache der germanischen, slawischen und skandinavischen Welt. Sie wird nur zum Spaß bekämpft und eigentlich geliebt und verehrt. Die mythologischen Ungeheuer täten gut daran, im Norden zu bleiben, wo der Nebel sie isoliert und ihre Schrecklichkeit vergrößert. Wenn sie nach dem Süden kommen, verlieren die Leute die Distanz und den Respekt. Die blutigsten, mörderischsten Tiere werden nicht nur zahm, sondern auch komisch. Und das Heldentum der Menschen ist nicht mehr furchtbar und tragisch, sondern ein weinseliger, grotesker Traum. Aus der Blut- ist eine Alkoholrünstigkeit geworden. Seitdem ich in Tarascon war und die Geschichte von der Tarasque kenne, wundere ich mich nicht mehr über Tartarin. In dieser Stadt, in der mindestens siebenmal in einem Jahrhundert ein Drache bekämpft wird, der eine Großmutter ist, kommt mindestens einmal in einem Jahrhundert ein Tartarin zur Welt, der gegen die zahmen Löwen zu Felde zieht und der ganz Afrika in ein großes Tarascon verwandelt. Hier lebt das einzige Heldentum, das noch erträglich ist unter allen schauerlichen Heldentümern, die durch ihre Häufigkeit in der letzten Zeit in Mißkredit geraten sind. Tartarin ist die Negierung des Heldentums überhaupt. Lange noch bevor alle Begriffe ihre Inhalte geändert haben, hat Tartarin den Begriff des Helden verwandelt. Jeder Held geht ein bißchen nach Afrika, zahme Löwen jagen. Die Größe dieses Buches beruht nicht darin, daß ein ewiger Typus geschaffen wird, ein »komischer Held«. Sondern daß der Typus »Held« komisch wird. Tartarin ist die Fortsetzung der Tarasque -Spiele. Die Tarasque -Spiele sind die Folge dieser Sonne, die so strahlend ist, daß sie die Phrase schmelzen läßt, bis ihr wahrer, ihr Kerninhalt zum Vorschein kommt. Es spricht für die Größe des Buches, daß es der Stadt eine eigene Physiognomie verleiht. Ich sehe immer nur das Tarascon Daudets, das Tarascon Tartarins. Es ist eine helle, kleine, freundliche, gutmütige, ein bißchen kümmerliche, ein bißchen komische Stadt. Ihre angesehenen Bürger träumen heute noch von Löwenjagden. Ihr Bahnhof schon ist außerordentlich, wie eigens für Tarascon erfunden. Der Eingang zur Halle ist im ersten Stock. Wenn man unten vor dem Portal steht, weiß man nicht, ob man schon im Bahnhof angelangt ist. Die Straße, die zur Stadt führt und aus der eigentlich die Stadt besteht, ist breit, behaglich, voll Sonne, aber auch nicht ohne Schatten. Einfache, weiße, einstöckige Häuser stehen friedlich nebeneinander, bescheidenes Bürgertum bergen sie. Hier ist auch schon das Eckhaus, das Daudet Tartarin zuschreibt. Lauter wohlbeleibte und selbstbewußte Männer gehen durch die Straßen, die gelungenen Nachkommen des großen Helden. Auf einigen hundert Ansichtskarten vor allen Papier- und Buchläden sieht man das Bild Tartarins. Das große Schaufenster der einzigen großen Buchhandlung enthält die Werke Daudets in verschiedenen Ausgaben. Wie ist diese Stadt dankbar, daß man sie berühmt gemacht hat! Schon drohte ihr der dunkle Schatten der bedeutungslosen Jahrhunderte, der auf einigen Städten von großer Vergangenheit ruht. Ach, auch Tarascon hat eine Vergangenheit, die älter ist als Tartarin. Es war im Mittelalter die Hauptstadt eines Rhône-Arrondissements. Im Schloß an der Rhône wohnten die noblen und tapferen Herren. Das Schloß ist heute ein Gefängnis. Aber die Kirche Ste. Marthe ist heute noch schön wie ehemals. Sie stammt aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, und man baute an ihrer Vervollkommnung noch durch das halbe 14. Jahrhundert. Sie enthält schöne, sanfte Bilder, darunter Szenen aus dem Leben der heiligen Martha von Vien, Pierre Parrocel, C. Vanloo und anderen Malern. In dieser Kirche ruht der Seneschall des guten Königs René, in einem herrlichen Sarg, eine italienische Renaissancearbeit, die man Franz Laurana zuschreibt. Und auch die heilige Martha, die Schutzpatronin der Stadt, deren Leichnam nach der Legende in Tarascon gefunden wurde, ruht in dieser Kirche. Sonst haben die bescheidenen Tarasconer keine Sehenswürdigkeiten. Ganz Tarascon ist eine Sehenswürdigkeit. Es liegt wie ein gelungener, freundlicher, behaglicher Scherz zwischen den erhabenen Kapiteln der Weltgeschichte, ein verlorenes Lächeln zwischen pathosgefüllten Begriffen. Es hat keine Denkmäler. Es hat keine Arena. Es hat nur Tartarin.   Die Brücke ist noch immer da, die Tartarin zu überschreiten fürchtete. Sie führt nach Beaucaire. Das war einmal der größte Jahrmarkt des Orients und des Okzidents. Beaucaire war die lauteste europäische Messestadt, jedes Jahr, zwischen dem 21. und dem 28. Juli. Hierher kamen die Griechen, die Phönizier, die Spanier, die Türken, die Franzosen, die Italiener und die Deutschen. Hier lebten reiche jüdische Kaufleute. Hier flossen die verschiedensten Blutströme zusammen, und hier bildete sich die großartige kosmopolitische Rassenmischung, die den europäischen Süden kennzeichnet. Ja, Beaucaire war eine große und wichtige Stadt. Sie ist heute düster, verbittert, säuerlich, erfüllt von kleinmütigem Mißtrauen gegen Fremde, das man oft bei heruntergekommenen Händlern findet. Hier wohnen die kleinen Nachkommen großer Kaufleute. Nichts lastet so schwer auf den Menschen wie eine berühmte Ahnenschaft, derer man nicht mehr würdig sein kann. Wäre es eine Stadt der Fürsten, der Dichter, der Denkmäler und der Wissenschaft gewesen – es hätte heute die stolze Trauer verlorenen Adels. Aber es war nur eine Stadt des Geldes. Und es hat heute die kümmerliche Trauer, die ein verlorenes Vermögen ausmacht.   Zurück nach Tarascon, obwohl dort wenig zu sehn ist! Die Schildastädte des Nordens, der Schweiz, der deutschen und slawischen Länder (es gibt viele slawisch-jüdische Schildas) haben außer ihrem literarischen Leben noch ein anderes, nüchternes Geschäftsleben. Aber in diesem südfranzösischen Land kann sich Schilda erlauben, nur Tarascon zu sein und nichts mehr. Hier führt man nicht nur siebenmal im Jahrhundert, sondern siebenmal in der Woche den fröhlichen Krieg gegen den großmütterlichen Drachen. Tarascon ist ein gesteigertes Schilda. Denn alle Tarasconer haben genug Selbstironie, um zu wissen, daß sie Tarasconer sind. Jeder Tartarin ist sein eigener Daudet. Jeder Händler verkauft die Karikatur Tartarins, dem er wie ein Bruder ähnlich sieht. Wo noch sonst kann diese Behaglichkeit wuchern, friedlich an der Seite der Ironie? Wo noch sonst findet der Mensch das nötige Gleichgewicht, um Objekt und Autor eines und desselben Witzes zu sein? Hier ist die bürgerliche Seele wie eine Schaukel, an deren einem Ende die Lächerlichkeit, an deren anderm der Spott sitzt. Das ist das lustigste Auf und Ab der alten Schalksnarrenseelen, die nirgends mehr zu finden sind. Welch profunde Sicherheit des gesellschaftlichen Grundes gehört dazu! Wie wenig muß man hier von den Erschütterungen Europas fühlen! Wie selig das Behagen einer Welt, die sich so gelungen vorkommt, daß sie witzig wird vor Sicherheit, statt, wie wir es zu sehen gewohnt sind, platt zu werden! Es gibt in Tarascon keine großen römischen Denkmäler. Ich glaube aber, daß hier noch der helle, schalkhafte, mit den heidnischen Augen zwinkernde Geist der spätrömischen Humoristen lebt. Nur ist seine Epigrammatik epischer geworden, breiter, gemächlicher. Das kommt von Spanien und Frankreich. Tartarin ist die lustigste, die andere Seite der ernsten, mit Historie gefüllten Welt. Er ist das private Gesicht des Offiziösen. Er ist der Held in Pantoffeln. Er gibt mir die tröstliche Gewißheit, daß der Mensch auch im Panzer nicht stirbt. Gesegnet sei Tartarin! Marseille Tartarin war in Marseille ratloser als später in Afrika. Zwischen Tarascon und den Ländern der wilden Abenteuer ist der Unterschied nicht erschreckend. Aber Marseille ist eine Welt, in der das Abenteuerliche alltäglich und der Alltag abenteuerlich ist. Hier kann man ratlos sein. Marseille ist das Tor der Welt, Marseille ist die Schwelle der Völker. Marseille ist Orient und Okzident. Von hier schwammen die Kreuzritter ins Heilige Land. Durch diesen Hafen strömen viele Märchen von Tausendundeiner Nacht nach Europa. Hier landeten orientalische Motive, hier warfen sie die Anker aus, hier betraten sie den Boden europäischer Literatur und Kunst. Von hier aus drangen, einige Jahrhunderte vor Christi Geburt, die Forscher Pytheas und Euthymenes bis zum Baltischen Meer, von hier aus entdeckten sie Island. Das ist die Erbin und die alte Feindin Karthagos, die schöne Freundin Roms, die griechische Stadt, das »gallische Athen«. Hier versanken Visigoten, Lombarden, Sarazenen und Normannen, besiegte Eroberer, in lateinisch-griechisch-phönizischer Kultur. Hier wurde die große Revolution mit Jubel begrüßt, hier fand sie ihre zweite Heimat, ihre eigentliche, ihren Text und ihre Melodie. Marseille ist die Heimat von Pierre Puget und Thiers und – Edmond Rostand.   Marseille ist New York und Singapur, Hamburg und Kalkutta, Alexandria und Port Arthur, San Francisco und Odessa. In Marseille erzeugt man Zucker, Stearin, Seife, Chemikalien, Essig, Schnäpse, Keramik, Zement, Farben. In acht Stunden macht der Schneider einen Anzug fertig. In 24 Stunden ist das Gesicht der Straße verändert. In den Straßenecken, in hölzernen Buden hausen die Winkelschreiber. In einer halben Stunde haben sie Testamente und Heiratsurkunden verfaßt und Prozesse erledigt. Vom Reichtum zur Armut ist weniger als ein Schritt. Der Obdachlose schläft auf der Schwelle des Palastes. Die Lebensmittel verkauft man in einem, die Liebe im andern offenen Laden. Das Boot der armen Schiffer schwimmt hart neben dem großen Ozeandampfer. Muscheln liegen neben den Auslagen der Brillantenhändler. Der Flickschuster verkauft korsische Messer. Der Ansichtskartenhändler bietet Schlangengift feil. Den ganzen Tag spielen die Kinos im alten Hafen. Jede Stunde läuft ein Schiff ein. Jede zehnte Welle spült Fremde an Land wie Fische. Der algerische Jude macht im Kaffeehaus Geschäfte mit dem Chinesen. Der »Dollarkönig« amüsiert sich in der Spelunke. Jede zweite Nacht ereignet sich ein Totschlag, ein Mord, ein Überfall, ein Familiendrama. Das Leben tanzt auf der Klinge eines Rasiermessers, das im Hafen als Waffe beliebt ist. Das Elend ist tief wie das Meer, das Laster ist frei wie die Wolke. Alle Geräusche haben einen und denselben Takt. In allen Geräuschen ist etwas vom Lärm einer Schiffsmaschine. Der Stiefelputzer kündet sich an, indem er mit dem Bürstengriff auf den Deckel seines Utensilienkastens trommelt. Auch das Ende seiner Arbeit begleitet ein Trommeln. Die Straßenbahn und alle Wagen tuten wie Automobile. Jeder macht Geräusch. Jeder schlägt den Takt der Stadt. Jeder übersetzt die Musik der Welle in seine eigene Sprache. Der Kolporteur ruft mahnend seine Zeitung wie eine Kirchenglocke. Und die Glocken der Türme vermengen sich populär mit den profanen Geräuschen von unten. Greifbar, sichtbar, körperlich und nahe ereignet sich in jeder Stunde die große unaufhörliche Blutmischung der Völker und Rassen. Schon wachsen Palmen, noch rauschen die Kastanien. Nach Norden und Westen führt der Rhônekanal, nach Süden und Osten das Meer. Da pfeift die Lokomotive, da heult die Sirene. Wasser bespült Land, und Land streckt sich vor in Wasser. Die schmälste, dunkelste Gasse mündet in den breiten, leuchtenden Boulevard. Man sieht den riesengroßen Zeiger der historischen Uhr wandern. Die »Entwicklung« und das »Werden« sind keine abstrakten Begriffe mehr. Man sieht den Fuß der Geschichte und zählt ihre Schritte. Das ist nicht mehr Frankreich. Das ist Europa, Asien, Afrika, Amerika. Das ist weiß, schwarz, rot und gelb. Jeder trägt seine Heimat an der Sohle und führt an seinem Fuß die Heimat nach Marseille. Alle Erden aber segnet dieselbe nahe, sehr heiße, sehr helle Sonne, und über alle Völker wölbt sich dasselbe blaue Porzellan des Himmels. Alle trug das Meer auf seinem breiten, schwankenden Rücken hierher, jeder hatte ein anderes Vaterland, jetzt haben alle ein einziges Vatermeer. Die Geschichte läßt hier keine steinernen Zeugen stehen. Sie spült sie schnell hinweg. Nur der Atem ihrer Vergangenheit bleibt in ihrem Wehn. Vor einer Woche waren hier Phönizier, vorgestern die Römer, gestern die Germanen, heute die Franzosen. Wie alle Riesenmeilen der Erde auf einigen Quadratkilometern Platz finden, so drängen sich hier die Zeiten zusammen, als gäbe es keinen Platz in den weiten Räumen der Ewigkeit. Wer nicht an Gott glaubt, spürt hier irgendeinen gewaltigen Treiber der Jahrhunderte und ahnt einen tiefen Sinn in der Regellosigkeit der Wanderungen. In einem zweiten ebenso elementaren, ebenso unerklärlichen Wechsel von Ebbe und Flut rauschen die Völker heran und rauschen wieder zurück. Wie schwarze Fäden gegen den blauen Himmel spannen sich die Taue an den wartenden Segelschiffen. Der neue Hafen ist eine Stadt aus Schiffen. Auf dem Meer schwimmt Öl. Ich sehe vor lauter Mastbäumen nicht das Meer. Es riecht im Hafen nicht nach Salz und Wind, sondern nach Terpentin, Öl schwimmt an der Oberfläche der See. Boote, Barken, Flöße, Fußböden sind so eng nebeneinandergepflastert, daß man trockenen Fußes durch den Hafen spazieren könnte, wäre nicht in Gefahr, in Essig, Öl und Seifenwasser zu ertrinken. Ist hier das unermeßliche Tor zu den unermeßlichen Meeren der Welt? Das ist vielmehr das unermeßliche Magazin für die Bedarfsartikel des europäischen Kontinents. Da sind Fässer, Kisten, Balken, Räder, Hebel, Bottiche, Leitern, Zangen, Hämmer, Säcke, Tücher, Zelte, Wagen, Pferde, Motoren, Autos, Gummischläuche. Da ist der berauschende kosmopolitische Gestank, der entsteht, wenn tausend Hektoliter Terpentin neben tausend Zentnern Heringen lagern; wenn Petroleum, Pfeffer, Tomaten, Essig, Sardinen, Juchten, Guttapercha, Zwiebeln, Salpeter, Spiritus, Säcke, Stiefelsohlen, Leinwand, Königstiger, Hyänen, Ziegen, Angorakatzen, Ochsen und Smyrnateppiche ihre warmen Dünste ausatmen; und wenn schließlich der klebrige, fette und lastende Rauch der Steinkohle alles Tote und Lebende umhüllt, alle Gerüche eint, alle Poren tränkt, die Luft sättigt, die Steine umflort und endlich so stark wird, daß er die Geräusche dämpfen kann, wie er längst schon das Licht gedämpft hat. Ich habe hier die Grenzenlosigkeit des Horizonts erwartet, die blaueste Bläue des Meers und Salz und Sonne. Aber das Meer des Hafens besteht aus Spülwasser mit riesenhaften graugrünen Fettaugen. Ich besteige einen der großen Passagierdampfer und hoffe, hier einen leisen Duft jener Ferne zu erhaschen, die das Schiff durchfahren hat. Aber hier riecht es wie zu Hause vor Ostern: nach Staub und gelüfteten Matratzen; nach Lack für die Türen; nach feuchter Wäsche und Stärke; nach angebrannten Speisen; nach geschlachtetem Schwein; nach gesäubertem Hühnersteig; nach Schmirgelpapier; nach einer gelben Pasta für Messing; nach einem Mittel gegen Ungeziefer; nach Naftalin; nach Bohnerwachs; nach Eingemachtem. In dieser Stunde stehen mehr als siebenhundert Schiffe im Hafen. Das ist eine Stadt aus Schiffen. Die Bürgersteige bestehen aus Booten, und die Straßenmitten aus Flößen. Die Einwohner dieser Stadt tragen blaue Kittel, braune Gesichter und harte, große schwarzgraue Hände. Sie stehen auf Leitern, streichen die Rümpfe der Schiffe mit frischem braunem Lack an, tragen schwere Eimer, wälzen Fässer, sortieren Säcke, werfen eiserne Haken aus und nageln Kisten, drehn an Kurbeln und ziehn auf eisernen Rollen Waren in die Höhe, polieren, hobeln, säubern und verursachen neuen Mist. Ich möchte zurück in den alten Hafen, wo die romantischen Segelschiffe stehen und die knatternden Motorboote und wo man die frischen, triefenden Muscheln verkauft, das Stück zu dreißig Centimes. Weiß leuchtet die Stadt, sie ist aus demselben Stein wie das Schloß der Troubadours in Les Beaux und der Palast der Päpste in Avignon. Aber sie ist nicht festlich. Sie ist betriebsam. Millionen zertrümmerter Existenzen birgt sie. In Avignon waren noch die Bettler stolz. Im alten Hafen von Marseille ist die Armut mehr als eine Not. Sie ist eine unausweichliche Hölle. Aufgeschichtet in höllischer Unordnung lagern die menschlichen Wracks aufeinander. Die Krankheit blüht gelb und giftig aus den verstopften Kanälen. Räudige Hunde spielen mit Kindern in den Pfützen. Die Zerlumpten kämpfen mit den Tieren um weggeworfene Knochen, Tausende Frauen und Männer sammeln Zigarettenstummel, der Hund belauert den Menschen, die Katze den Hund, die Ratte die Katze, und alle lauern auf dasselbe Stück faules Fleisch im Misthaufen. Die Gasse der Liebe hat ihren bürgerlichen Namen abgelegt und trägt keine Schilder. Man kennt und findet sie. Wer von der großen Kathedrale nach dem alten Hafen geht, hört die metallene Musik von fünfzig unaufhörlich spielenden Automaten aus fünfzig kleinen und schmalen Läden. Vor den Läden sitzen die Frauen, die ältesten und dicksten der Welt. Sie verkaufen Leiber den ganzen Tag, die ganze Nacht. Männer, von den Schiffen kommend, durchziehen die Gasse in losen Trupps zu zehn und fünfzehn. Sie verlieren sich unterwegs in den Läden. Dann verstummt ein Automat, ein Vorhang aus Glasperlen fällt vor ein graues, düsteres Kanapee, und in der geraden Reihe der Verkäuferinnen vor den Türen entsteht eine Lücke. Nichts mehr ereignet sich als Liebe und Musik. Manche Frauen halten ihre Kinder auf dem Schoß. In dieser Gasse wachsen viele Kinder heran, die traurigsten Kinder der traurigsten Mütter. An ihrer Wiege spielt ein Musikautomat. Seit dem Augenblick, in dem sie die Finsternis der Welt erblickten, kennen sie das Lager der billigen Liebe. Die Rätsel der Welt werden ihnen mit der banalen Auflösung zugleich geliefert. Das Leben beschenkt sie verschwenderisch mit Erfahrungen. Die Spielgefährten ihrer ersten Jahre sind kranke Katzen, die Glück bringen, und das Spielzeug der Rinnstein, eine Muschel oder ein Kiesel. Der Morgen, der Mittag, der Vorabend, der Abend, die Nacht, alle Tageszeiten sind hier gleich. Vom Himmel sieht man nur einen Streifen, von der Sonne nichts. Auch diese Liebe ist zeitlos. Auch ihre Trägerinnen haben kein Alter. Vor vierzig Jahren waren sie schon alt und häßlich. Vierzig Jahre noch könnten sie jung und schön sein. Vor vierzig Jahren rasselte der Automat schon dieselben Melodien. Vierzig Jahre noch treibt er göttliche Musik für die Ohren betäubter Menschen. Vor vierzig Jahren schon trieb er Lauscher in die Flucht. Und noch vierzig Jahre wird er Hörer anlocken. Was ist alt, was ist jung, was häßlich, was schön, was ein Lärm und was Musik? – Wenn der Tag aus lauter Liebesnächten besteht und ein Moment eine Liebesnacht ist? Wenn die Ware aus einer Verkäuferin besteht, die Liebe einen Groschen wert ist und ein Groschen die Liebe enthält? Wenn die Nacht ein betriebsamer Tag ist und der Schlaf ein Geschäft? * In dieser Gasse gelten nicht die Gesetze der Welt. Mit stieren Atropinaugen, die Brauen bis zu den Schläfen gemalt, mit falschem Haar, das niemals grau wird, mit einem geschminkten Alter, das von der ewigen Jugend nur die Stupidität besitzt, starren die Frauen, alle wie Zwillingsschwestern und also ohne Konkurrenzneid, immer auf denselben Rinnstein, dieselbe Katze, dasselbe Pflaster – und denselben Mann, den der Zufall in zehntausend Exemplaren durch die Gasse treibt. Wenn eine ihre Arme ausbreitet, verstummt der Automat, denn durch einen Mechanismus voller Kunst ist die Maschine mit der Maschine verbunden. Hier löst sich alles scheinbar Bleibende auf. Hier schließt es sich zusammen. Hier ist fortwährender Aufbau und Zerstörung. Keine Zeit, keine Macht, kein Glaube, kein Begriff ist hier ewig. Was nenn' ich Fremde? Die Fremde ist nah. Was nenn' ich Nähe? Die Welle trägt es fort. Was ist das Jetzt? Schon ist es vergangen. Was ist das Tote? Schon schwimmt es wieder heran. Während ich dies schreibe, sieht Marseille schon anders aus. Und was ich in tausend Worten berichte, ist ein kleiner Tropfen aus dem Meer des Geschehens, mit dem freien Aug' nicht zu sehn, zitternd auf der dünnen Spitze meiner Feder. Die Menschen Das, was ich in einer Stadt zu beobachten liebe, sind ihre Menschen. Stendhal   Zuerst wohnten hier Ligurier. Rot war ihre Lieblingsfarbe. Die rote Farbe blieb, als die Phönizier kamen, die Griechen, die Langobarden, die Sarazenen und die Visigoten. Rot ist die Freude. Man hat niemals in diesem Land aufgehört, sich zu freuen. Alle geschichtlichen Schrecken wurden gemildert. Die Barbaren blieben nicht lange Barbaren, als sie einfielen. Wer in dieses Land mit dem Willen kam, es zu erobern, wurde erobert. Die Völker sanken linde in den Boden ein wie eine Saat. Immer wieder kam eine Zeit der Ernte. Immer wieder erntete man Freude. Ehe ich zu den weißen Städten fuhr, sah ich an einem Abend in Paris die provenzalischen Festspiele, die jedes Jahr im Sommer die alte Volkskultur des Südens den Heimischen und den Fremden beweisen sollen. Die Hirten der Provence kamen mit ihren Frauen, zogen im Kreis um die Arena, die Pfeifer und Trommler an der Spitze. Es war eine sehr einfache, sehr helle, sehr heitere Marschmelodie. Sie hatte sanfte Töne, die an Mondlicht erinnerten, aber einen schnellen Rhythmus, der ein Ausdruck jener Art von Eile war, die nichts mit Geschäftigkeit zu tun hat. Es war die Eile, die Kinder erfüllt, wenn sie zu einem Fest gehn. Dazwischen schlugen die kleinen Trommeln, die zarten, die nicht mit Kalbsfellen, sondern mit dünnen Silberhäuten bespannt zu sein schienen. Die Menschen marschierten mit kurzen, leichten, beinahe weiblichen Schritten. Es waren dennoch männliche Erscheinungen. Es war eine gesunde Rasse. Die Männer in Hirtenkostümen, mit weißen Hosen, bunten Westen, schwarzen, bunten Röcken und schwarzen Hüten, bunte Bänder um den Leib. Die Frauen in weiten Kleidern, ein kleines weißes Spitzenkrönchen auf den hohen Frisuren, bunte Mieder, hohe Schuhe. Es war eine echte Landbevölkerung. Es war echtes Bauernblut. Es waren Menschen, die zu Hause harte Arbeit verrichteten. Aber sie hatten die Bewegungen, die das Erbteil einer langen, reichen, wohlgebildeten Ahnenreihe sind. Die Frauen warteten, rote Rosensträuße in den Händen, auf die Männer. Einer nach dem andern sprengte heran und nahm von seiner Dame einen Strauß entgegen, den er vor den Angriffen aller seiner Genossen zu verteidigen hatte. Zwölf Ritter umringten ihn, er entfloh ihnen immer, in der erhobenen Hand jubelte sein Strauß. Er hielt ihn fest, er brachte ihn bis zur geschützten Stelle. Er sprengte noch einmal zu seiner Dame, schwenkte den Hut, ritt zurück. Der nächste kam. Zwölfmal wiederholte sich das Spiel. Es scheint, daß das Galante eine gesunde Reaktion gegen das gleichzeitig Rohe ist und daß die Troubadours ihre Existenz den Raubrittern zu verdanken haben. Der ritterliche Kampf um einen Blumenstrauß ist ebenso entzückend, wie ein Stierkampf abstoßend ist. Dennoch mußte ich diesen in Kauf nehmen, um jenen zu sehn. Die Ritterlichkeit ist in der Provence zum Glück häufiger als die Stierkämpfe. Alle Menschen leben wohlgeordnet, die Sitte ist alt, begründet und ohne Widerspruch und mit Freude ertragen. Man hat Ruhe genug, ritterlich zu sein. Jeden Tag guterhaltene Monumente aus einer sagenhaft weiten Zeit zu sehn, gibt ein ganz merkwürdiges Gefühl von Sicherheit. Man glaubt nicht an Änderungen und Wechsel. In Wirklichkeit vollziehen sich Wechsel und Änderungen sehr linde. Hierher kommen keine Stürme. Natur und Geschichte arbeiten nicht mit Überraschungen. Jeder hat sein Leben gesichert. Alle Bauern sind Großgrundbesitzer. Um jeden Besitz erhebt sich eine Mauer. Zwar sind alle Tore offen. Man kann in einen fremden Garten gehn und schlafen. Niemand stiehlt, niemand verwehrt, niemand verwahrt. Jeder baut Mauern, nicht um sich abzusperren, aber um die Größe seines Eigentum zu kennzeichnen. Seine Mauer symbolisiert seine Macht. Aber Mauern sind herzlose Gegenstände. Auch der schöne weiße Stein verhärtet das Herz. Wer hinter den Mauern sitzt, sieht den hungernden Bettler auf der Landstraße nicht. Und ehe man ein offenes Tor erreicht, ist man am Rande der Mauer vor Hunger gestorben. Es gibt wenig Elend in diesem Land und infolgedessen mehr freundliche Gesichter als offene Herzen. Alles ist ererbt, das Haus, der Schmuck und die Sitte. Kinder wachsen auf, die niemals gesehn haben, wie Hunger weh tut. Sie werden es niemals sehn. Jeder hat sein Boot. Es ist nicht schwarz, sondern schneeweiß. Man kennt die Kartoffel zu wenig, welche das Manna der Armen ist. Alles ist billig. Aber wer hier das Geld nicht besitzt, das einen so geringen und so hohen Wert hat, kann auf Brot nicht rechnen. Die heiteren Menschen lieben die Heiterkeit. Und die Trauer ist ihnen so fremd, daß die Not ihnen verdächtig erscheinen muß. Die Menschen sind gut. Aber die Güte ruht tief und unverbraucht in ihnen, wie Wasser in einem vergessenen Brunnen. Niemand schöpft aus ihnen. Die Natur richtet kein Unheil an. Durch plötzliche Schläge ist niemand um sein tägliches Brot beraubt. Der Nachbar ist ein Freund. Aber er wird niemals ein Bruder. Alle Hunde und Katzen finden Nahrung an fremden Tischen. Man tötet überzählige Tiere nicht. Aber es gibt viel herrenlosen Hunde und Katzen. Jedermann jagt und fischt. Man schießt auf Singvögel. Man rodet Wälder. Es gibt keine Wälder und fast keinen Vogelgesang. Die Sonne zündet die Wälder an. Die Menschen trauern zu wenig um sie. Gute Geister wohnen in den Felsen. Aber das Volk glaubt kaum noch an sie. Seinen alten Sitten ist es treu. Es trägt die alten Trachten und spricht die schöne, alte, melodische provenzalische Sprache. Jeder liebt sein Land. Aber es fällt niemandem schwer, dieses Land zu lieben. Es fällt überhaupt nicht schwer, hier zu lieben. Man pflückt die Liebe am Wegrand. Sie wächst reich wie die kostbarsten Früchte. Voll Kraft und Saft ist die Erde. Jeden nährt der Strauch. Man kann unter freiem Himmel schlafen. Aber vielleicht sehnt sich mancher nach einem Dach? Jeder hat Sonne. Aber vielleicht weint einer um den Schatten? Weißer Stein, weißer Stein, weißer Stein! Oliven zwischen weißem Stein. Aber einer möchte Brot. Seht! das Brot ist hinter hohen Mauern! Kirchen, Kirchen, Kirchen! Reiche Portale, reiche Gemälde, goldene Altäre. Jeder betet ums tägliche Brot und weiß nicht, was sein Fehlen bedeutet. Jeder hat seinen Sitz mit Namen und Datum. Sein Verhältnis zu Gott ist verbürgerlicht. Sein Glauben wurde selten auf die Probe gestellt. Seine Sünden? Er hat keine Sünden, der hinter der Mauer starb. Denn wer kann durch diese Mauern sehn? Ist es eine Sünde, sein Eigentum zu umgrenzen? Ist es eine Sünde, nicht durch Mauern zu sehn? Aber wie liebt man die Hilflosen, die Kinder und die Schwachen! Kein Schrei, kein Schlag, kein Weinen. Kein harter Vater. Katzen in jedem Haus. Weiche, leise Tiere mit großen, klugen und ewig zielenden Augen. Gute Winkel, warme Winkel, stille Winkel. Hohe Fenster, tiefe Brüstungen, Sonne, Sonne, Sonne. Alte Paläste, warm im linden Winter, kühl im heißen Sommer. Steinerne Fußböden, ohne Fäulnis, leicht zu säubern. Aber wenig Kanäle, Schmalheit und Enge, Drang der Armen in die Gasse. Mächtige Arena, heilige Tempel, Museen voll steinerner Andenken, Tradition, Treue. Aber langsam ist der Blick in die Zukunft. Wie heiter ist das Leben! Aber wie leicht ist die Heiterkeit! Wie weit ist der Tod, obwohl überall Gräber sind, obwohl man täglich überall Menschenknochen findet und Monumente bloßlegt. Weites Land ist noch zu vergeben. Es fehlt an Volk. Der Boden ist hungrig nach neuer Saat. Er hat soviel Verschiedenes verschlungen, soviel Verschiedenes geboren, und heute sind alle gleich. Er hat sie gleichgemacht. Man wird Fremde kommen lassen. Auf meinem Weg, der nach Norden führt, in den Herbst, in den Nebel, in die Wälder, sehe ich sie wandern. Sie kommen ohne Schwerter. Aber selbst wenn sie Waffen hätten, werden sie alles Tödliche ablegen. Hier ist das Leben stärker. Hier ist man nicht leicht bereit, sein Blut zu vergießen. Hier findet man eine Kindheit, seine eigene und die Kindheit Europas. Nirgends wird man so leicht heimisch. Und selbst wer das Land verläßt, nimmt das Beste mit, das eine Heimat mitgeben kann: das Heimweh. Brief aus Paris Lieber Freund! Es ist in Frankreich Frühling geworden, und der Wetterprophet dieses Landes, der Abbé Gabriel, soll schöne Ostern prophezeit haben. Kommen Sie her, und es soll uns an Ausflügen nicht fehlen! Wir könnten mit dem Dampfboot nach Sèvres fahren, an den Rieselfeldern von Aspières vorbei, über Sèvres-Ville d'Avray, wo Gambetta gestorben ist, Balzac gelebt hat. Wir könnten den großen, berühmten, jetzt schon grünen Park von St. Cloud besuchen, der eigentlich ein aristokratischer Wald ist, auf dem Plateau stehn, von dem aus man Paris sehn kann, das heitere Gewimmel seiner Schornsteine und den stehenden, erhaben-fröhlichen Tanz seiner Türme. Wollen Sie nach Versailles, Malmaison, St. Germain? Wollen Sie die alte Kathedrale von St. Denis sehn? Sie werden überall einen historie-gesättigten Boden finden, überall eine kultivierte Natur, die sich mit stolzer Anmut dem menschlichen Willen gefügt hat; überall humane Landschaften, mit Vernunft begabt; überall Wege, die selbst wissen, wohin sie führen; überall Hügel, die ihre eigene Höhe zu kennen scheinen; überall Täler, die mit Ihnen kokettieren werden. Der Menschen werden viele sein. Die Autocars führen wissensdurstige Engländer in die nähere Umgebung, die Reisenden, die man kennt, die genossen haben, wenn sie erfahren haben, und die ohne Kamera nicht genießen können. Es wäre daher gut, wen wir über Rouen nach der Normandie fahren würden. Sie ist durchaus nicht weit! Wenn wir am ersten Osterfeiertag um zehn Uhr vormittags auf den Bahnhof St. Lazare kommen, können wir Mittag in Rouen essen, die Kathedrale vor uns, den schlanken, singenden Mittelturm der Kathedrale von Rouen, der mittelalterlichen Stadt, deren Glocken ganz mächtig und ganz fern sind, deren Straßen und Gassen von einer hellen und fröhlichen Enge sind, wie man sie nur in französischen Städten findet. Zwei Stunden später wären wir in Le Havre , dem zweitgrößten Hafen Frankreichs. Wir gingen dann zusammen ins alte Hafenviertel, wo die kleinen Kneipen stehn: die Karussells sich drehen, die Tanzdielen gefüllt sind, und wo man viel Geld gewinnen und verlieren kann. Wir wollen dann zu Fuß durch die Normandie gehn. Wir werden Aufsehn erregen. Denn hierzulande geht niemand zu Fuß, obwohl die Straßen schön und glatt sind wie Dielen. Das Vieh weidet frei auf den Wiesen. Von den Kirchen von Lisieux, Honfleur, Pont-l'Évêque spielen jede Stunde die Glocken. Die Scheinwerfer von Le Havre streicheln in der Nacht das dunkle Land wie silberne Hände. Und fortwährend hört man den Gesang des Meers. Wir gehn nach Deauville, dem sehr vornehmen, heute noch leeren, auf jeden Fall langweiligen Kurort. Von dort haben wir einen direkten Expreß nach Paris. Er fährt 4 Stunden. Lockt Sie das alles nicht? Kommen Sie und kommen Sie bald! Frankfurter Zeitung, 4. 4. 1926   Bericht aus dem Pariser Paradies Das Paradies liegt im Keller, in der Tiefe. Aber es ist so günstig plaziert, daß es beinahe meiner Vorstellung vom siebten Himmel entspricht. Es ist ein unterirdisches Paradies. Aber die Richtung, die man einschlagen muß, um zu ihm zu gelangen, spielt gar keine Rolle. So glaube ich manchmal, wenn ich einen geschmeidigen Sturz unternehme, im kühnen Flug emporzufallen ... Den Eingang zum Paradies beleuchten blaue Buchstaben, aus kleinen Lämpchen zusammengesetzt. Ihr Blau nähert sich ein wenig dem Violett. Es ist das Blau des blauen Stiefmütterchens und der ersten Morgenschleier, die über einem Acker liegen. Es ist ein Blau starker eindrücklicher Träume und rauchender Zigaretten. Es ist nicht das Blau des Himmels und nicht die Farbe des südlichen Meers. Sie sehen, wie schwer es ist, eine Farbe deutlich zu beschreiben. Zu beiden Seiten der Treppe, die zum Paradies hinunterführt, mit glatten Sünden gepflastert, aber auch mit einem Geländer versehen, befinden sich Spiegelwände, die das Blau kleiner Glühlampen etwas heller widerstrahlen. Es entsteht eine Atmosphäre aus Rauch, Morgen und Traum. Es entsteht eine ganz fremde Farbe, sehr verschieden von allen bekannten. Infolgedessen erlischt das Bewußtsein von der Zeit. Man erinnert sich nur, daß es Mitternacht war, als das Tor des Paradieses aufging und ehe man seiner Verdammnis anheimfiel. Auch die Erinnerung an die geographische Lage erlischt: an den ganzen Montmartre-Himmel mit seinen bunten Reklamesonnen; an die irdischen Hupensignale irdischer Automobile in der Rue Pigalle. Blau und umdämmert ist das Gehirn. Die Zeit rinnt nicht, sondern wallt, in Schleier aufgelöst ... Der Treppe gegenüber sitzt die Musikkapelle. Sie hat Klavier, Geige, Saxophon, Flöte, Ziehharmonika, Trommel. Der Geiger hat fast gar nichts zu tun. Deshalb ist er Kapellmeister. Er steht vor der Musik, aber mit dem Rücken zu ihr, zugewandt den Ankommenden, der Treppe, dem Publikum. Er dirigiert nicht die Musik, sondern den Raum, die Farbe, den Tanz. Er dirigiert das Paradies. Manchmal singt er. Seine Stimme hat er mit der des Saxophons vertauscht. Er hat ein breites weißes Gesicht aus Schlämmkreide. Er pumpt mit Armen und Beinen Räusche aus seiner Nüchternheit. Denn er ist sehr nüchtern. Er allein weiß hier Bescheid um die Stunde und um die geographische Lage. Er ist ein irdischer, rationalistischer Kapellmeister. Seine Tage verbringt er mit der Zeitung im Bett. Er gehört nicht zum Paradies, wie zum Beispiel ich. Er hat nur einen Kontrakt mit dem Paradies. Ich aber trinke Calvados. Das ist ein Schnaps, gebraut aus Apfelsaft, je nach seinem Alter goldbraun wie herbstliche Blätter oder zartgelb wie Bernstein. Manchmal schmeckt er wie Cognac und manchmal wie Blüten unbekannter Früchte. Im Paradies kostet er auf jeden Fall fünf Franken ... Tische und Stühle stehen eng beieinander, in zwei langen Reihen, in deren Mitte man tanzt. Ich sitze gern am Rand. Manchmal kommt ein Engel vorbei und streicht mir die Haare. Denn es leben Engel im Paradies, selbstverständlich ... Sie entstammen allen Rassen der Erde, sie sind weiß, gelb, schwarz, braun, schattiert, gemischt, nuanciert, mit schwarzen Augen und hellen, mit dicken Lippen und schmalen, mit schweren und zarten Brüsten, mit breiten und schlanken Hüften, mit Knien aus kühler Seide, sie sind braun geschminkt und weiß gepudert; kurz: sie sind Engel ... Ins Paradies kommen sie – weiß man woher? –, um zu tanzen. Sie lassen sich von Männern umarmen, die von Engeln keine Ahnung haben. Sie lassen sich eine Limonade bezahlen und müßten Champagner trinken. Sie verdienen sehr wenig Geld, und dennoch geben sie ihre Nächte her. Ich gönne sie nicht allen Tänzern. Ich gönne sie nicht den Handlungsreisenden mit den breiten Schultern aus Watteline, den Reisenden, die ohne Musterkoffer einen Abstecher ins Paradies machen und trotzdem erkenntlich sind. Ich gönne sie nicht den schmiegsamen Krawattenverkäufern, den Knochenweichen, Rückgratlosen, aus denen man einen modernen Knoten flechten könnte. Ich gönne sie nicht den bürgerlichen Ehrenmännern aus Boston, Liverpool und Amsterdam, die, befreit von ehelicher Aufsicht, eine Mädchenbrust an eine wollüstige Brieftasche drücken. Ich gönne sie den Matrosen, den ewigen Knaben mit dem schwankenden Gang, mit den blauen Augen und den kindlichen Kragen, die auch im Paradies ein ewiger Seewind bauscht; den Negern, den Halbnegern, den javanischen Schiffsköchen, den mongolischen Boys, den abessinischen Prinzen und den schweren Fuhrwerkern aus den Markthallen. Sie kommen alle ins Paradies. Sie kommen aus den Kolonien, sie kommen aus den Kriegen, sie kommen aus Tunis, Algier, Marokko, aus den Häfen von Marseille, Bordeaux und Le Havre ... Manchmal ist das Paradies wie der tiefe Bauch eines Schiffes. Der ganze Raum schwankt gelind und unaufhörlich, und ohne Pause spielt die Kapelle das Konzert der Maschinen. Das Gefühl des Geborgenseins und gleichzeitig der Verlorenheit hält mich für ewig hier. Niemals wird es Tag werden, niemals irdische, von Sonne, Arbeit, Mittagspause, Turmglocken bestätigte Wirklichkeit. Dieses Gemach segelt mit mir durch den Ozean der Welten. Wenn die unaufhörliche Musik eine halbe Minute aufhört, ist es wie der unendlich stumme Augenblick, der während eines Gewitters zwischen Blitz und Donner geklemmt ist, furchtsam, atemlos, ohne Herzschlag. Auf einmal wechselt die Beleuchtung. Sie fällt in das tiefe Grünblau nächtlicher Wiesen, dann in ein dunkles Rot von Rubinen. Die Lippen der Menschen werden blau, und die Zigarette in meiner Hand ein kleiner Stab mit einem silbernen Brandköpfchen, auf dem ein Netz zarter Filigranasche geflochten ist. Dann wird es orangegelb im Paradies. Die Ziehharmonika allein spielt mit menschlichen Seufzern beim Atemholen ein Lied, das zwischen Europa und Afrika gelegen ist wie eine Insel, eine orangegelbe Melodie. Die erinnert an die Volkslieder aller Nationen und besonders an slawische Sommernächte. Es ist, als erhielte die Ziehharmonika allein die goldgelbe Beleuchtung. Es ist ein abendliches Instrument. Es gebärt und nährt diesen übertriebenen Sonnenuntergang ohne Sonne: den Weltuntergang. Alle Menschen wissen schon, daß sie verloren sind. Die Mädchen werden noch verlorener. Selbst die Handlungsreisenden möchten weinen. Aber dazu kommt es nicht. Es darf nicht sein. Der letzte Seufzer der Ziehharmonika bläst das orangene Licht aus, und die Flöte entzündet wieder das Silber an der Decke. Neue Ankommende, zum Paradies Verdammte, schüttet die Straße hinunter. Ein neuer Engel kommt: blaßgelb, dritte Generation Mischung; im zarten Gesicht ein breiter, immer offener Mund. Er enthüllt ein starkes weißes Gebiß, eine zärtliche Drohung. Es ist eines der unerforschlichen Rätsel der Natur, daß diese Frau mit den starken, großen Zähnen so demütige, so gebrechliche Fußknöchel hat; und einen Fuß, der die Stufen der Treppe nicht tritt, sondern küßt. Frankfurter Zeitung, 14. 4. 1926   St-Quentin, Péronne, die Maisonnette Immer noch fahren Autocars zu den Schlachtfeldern , große, bequeme, komfortabel gepolsterte Autocars. Die Firma Cook ist bemüht, körperliche Erschütterungen von ihren Passagieren fernzuhalten. Sie handelt nur mit seelischen. Hundertundzwanzig Francs kostet die Besichtigung pro Person und Tag. Acht Friedensjahre liegen schon über den Feldern der Ehre, der Weltkrieg ist etwas abgetragen, aber für hundertundzwanzig Francs immer noch preiswert zu besichtigen. Große, bequeme, komfortabel gepolsterte Autocars fahren zu den Schlachtfeldern ... Ich fahre nicht im Autocar der Firma Cook. Ich fahre mit dem Zug nach St-Quentin. Ich fahre am Abend mit dem Zug, der von Paris über Berlin nach Warschau geht, nur Wagen erster und zweiter Klasse führt und Passagiere, die sich just zu der Stunde in die Betten des Schlafwagens begeben, wenn sie die Schlachtfelder passieren. Manche bleiben schlaflos. Plagt sie die Erinnerung? Plagt sie das Gewissen? Ach, es ist nur das unbequeme Lager. Es ist nichts mehr als das Poltern der Räder! Wissen sie, daß sie an den Schlachtfeldern vorbeifahren? In St-Quentin sieht niemand aus den Fenstern. Der Zug streut nur einige Menschen und ein großes Postpaket auf den nächtlichen Bahnsteig. Dann fährt er weiter, nach Berlin und nach Warschau. Die Straßen der Stadt St-Quentin beleuchten der Mond und ein paar hilfreiche Laternen. Es ist kühl, es ist Vorfrühling, die Wolken haben silberne Zacken, und morgen wird es regnen. Die Straße, die vom Bahnhof in die Stadt führt, ist sanft abfallend und sacht gewunden. Es ist eine traurige Straße. Keine Bäume säumen sie. Häuser stehen da, Wohnkasten mit Schubladen für Menschen. Und es riecht nach Krieg. Was ist das noch für ein Geruch, acht Jahre nach dem großen Feuer, ein Geruch aus altem Brand und zerpulvertem Mörtel, ein herbsüßer Moder, der uns immer empfing, wenn wir in eine zerschossene Stadt einzogen. Die Gerüche leben länger als die Ereignisse und länger als die Erinnerungen. Länger als die Verwüstung einer Granate dauert der Pestgestank, den sie ausströmte. Das Leben ist lauter als der Tod, und dem Auge verbergen Blumen das Grab. Aber die Nase wittert die ältesten Verwüstungen, unter allen Organen hat sie das stärkste Gedächtnis. Ich rieche das Kriegsgebiet, noch ehe ich es betrete. Jetzt beginnen auch schon die sichtbaren Reminiszenzen. Da sind zu beiden Seiten der Straße Häuserleichen, die ihr kennt, und die plötzlichen, häßlichen, blankgetünchten, mit einem geschäftigen Gedränge von Schildern versehenen neuen Häuser, die sich nirgends anlehnen, übermorgen erst Nachbarschaft bekommen werden, die kein Vorbild hatten und keine Fortsetzung sind und nicht einmal ein Anfang, sondern nur ein Provisorium. Zwischen einem wüsten Gehöft, auf dem Ziegelhaufen und Planken liegen, und einer leeren braunen Mauer mit nackten, nur vom Himmel ausgefüllten Fensterlöchern steht so ein weißes, dünnes, steiles Haus wie ein einsamer, falscher, übertrieben weißer Zahn. Diese Stadt könnte im tiefen wilden Westen Amerikas stehen. Sie war einmal ein alte europäische Stadt mit alter europäischer Geschichte. Granaten haben sie ausgelöscht. Hier war einmal ein Haus oder ein Magazin oder eine Fabrik. Hier ist noch das mannshohe, etwa zehn Meter breite Stück einer Mauer, deren Ränder zersägt sind, zernagt wie von Bissen überirdisch großer Nagetiere, schroff und hundertfach gezackt. Neben diesem Mauerrest liegen, kunstlos aufgeschichtet, ein paar Ziegelhaufen, ehemals Bestandteile des Hauses. Hinten dehnt sich ein wüster, grauer, bestaubter Platz, uneben, mit einem einzigen kleinen Hügel in der Mitte. Auf dem Hügel blüht eine einzige kleine gelbe, leuchtende Feldblume. Welch ein winziges, armes Totenlicht für eine so große, starke Leiche! Im Hintergrund erhebt sich eine trostlose, taube Mauer. An ihr ist ein Stück Vergangenheit zu lesen: deutliche Abdrücke von Zimmern, Gängen und Türen. Der treue Kalk hat sie aufbewahrt: Quadrate, Rechtecke, Linien. Sie sind wie Spuren großer symmetrischer Nester, die dereinst an der Mauer geklebt hatten. Ich stelle mir vor, daß eines Tages die Nester abfielen und die Vögel zerschellten mit gebrochenem Genick ... Da steht ein verstorbener Brunnen, der nie mehr Wasser geben wird, mit einem steil ausgestreckten Schwengel, der in die Luft ragt wie ein verdorrter Arm. Da klebt, unentwirrbar, ein Knäuel dürrer Stacheldraht an einem kleinen Pfosten, Unkraut, das der Mensch gesät hat, ein Gemisch aus Dornen, Schlingpflanzen, Dörrgemüse und Kriegslorbeerkranz. Da stehen Baracken, halbrund, mit Wellblech gedeckt, und kleinen, sparsamen Fensterquadraten. Sie sehen romantisch aus wie Zelte fahrender Komödianten. Aber es sind Wohnhäuser alteingesessener Bürger und Arbeiter. Sie wohnen wie in Tanks. Das Blech des Krieges ist ihr schützendes Dach. Wenn der Regen darauf fällt, klingt es wie das alte, wohlbekannte, grenzenlose Trommelfeuer, das dereinst den Horizont umsäumte. Die Stadt liegt groß, dunkel und in tiefem Schlaf. Sie ist nur stellenweise Stadt. Alle paar Meter ist sie reduziert zu einem Dorf, einem Lager, einem Kampierungsort. Kaffeehäuser und Likörstuben sind in Baracken wie Marketendereien. Der Marktplatz ist wüst, und mein Schatten liegt lang und ungestört auf seinen holprigen Steinen. Aus dem einzigen großen Kaffeehaus dringt goldenes Licht. Das Kaffeehaus ist hoch, hell erleuchtet und leer. Seine Drehtür bewegt sich nicht. Ihre vier gläsernen Flügel sind starr wie die Flügel eines vertikal aufgespießten Falters. Die Kellner lesen Zeitung, und die Büfettfrau sitzt wie ein Wachtposten in einem bombensichern Unterstand, von Flaschen gedeckt. Der traurigste Platz liegt vor dem Fenster meines Hotels. Es ist ein sinnloser kleiner Platz, der sein Dasein nur dem Zufall zu verdanken hat, daß die Straße hier eine Biegung macht. Nachträglich, und um ihn zu trösten, hat man ein kleines Bassin in der Mitte angebracht; mit einem Springbrunnen, dem Sinnbild ewiger Heiterkeit. Der Springbrunnen aber hat nicht Auftrieb genug, er schießt nicht ordentlich in die Höhe, er ist mißgestaltet, kurz geraten, ein Zwerg von einem Wasserstrahl, er fällt schnell zurück und plätschert lauter, plumper, als er soll. Sein Geräusch ist das einzige im Umkreis. Nur vom Bahnhof her kommen die Pfiffe der ewig sehnsüchtigen Lokomotiven. Am Morgen regnet es. Ich möchte im Auto von St-Quentin nach Péronne fahren, dem Schauplatz der großen Sommeschlacht. Die Landstraße ist gut, breit und einladend. Ich werde trotz dem Regen in Bovincourt aussteigen. Hier muß man zu Fuß gehn. Fährt man in Autos zwischen Gräbern? Fährt man in Autos durch Friedhöfe? Denn es sind Friedhöfe, auch wo keine Kreuze ragen. Die Leichen nähren den Boden. Noch ist er zerrissen, aufgeschürft, mit dicken Geschwüren überdeckt, auf denen schon dünnes Gras wächst wie spärlicher Bart auf einem verwüsteten Gesicht. Langsam vernarben die Schützengräben. Langsam zerfallen die verrosteten Hülsen der Geschosse. Aber tief in der Erde liegen noch wohlverwahrt die Granaten. Manchmal kommen sie an die Oberfläche. An den Rändern der Wege liegen Kriegsgeräte aus Metall, Schalen, Eimer, Reste von Kugeln und Kugeln. Splitter stecken in den verbrannten Bäumen. Es gibt keine schauerlicheren Monumente als diese verbrannten Bäume , diese schwarzen, zerfurchten, oben angesengten Stümpfe, die noch in der Erde wurzeln und längst kein Ziel mehr haben, faul und zersplitternd, jeder eine vernichtete Welt, jeder Baumstumpf das Gegenteil von Baum, jeder wie sein eigener Galgen, jeder durchlöchert von Geschossen und gespickt mit steckengebliebenen Geschossen, jeder mit hängenden alten Fetzen von Rinde, Asyle für Gewürm und Blei, immer noch riechend nach Brand und Gas. Weit über das Land gesät sind die Stümpfe. Schon tragen einige neues Grün. Tief unten, hart an der Wurzel, setzen sie kleine grüne Zweige an, Blüten und Blätter. Schon kleiden sie sich in Frieden! Schon haben sie vergessen! Wie stark ist das Leben! Da steht der Friedhof, voll von eisernen Kreuzen, nicht jenen, die an Brüsten hängen, sondern den richtigen, die auf Leichenhügeln stehn. Das ist der deutsche Friedhof vor Bovincourt. Da liegen 40 000 unbekannte Soldaten. Da kommen jedesmal Hinterbliebene, die Ausgebliebene suchen. Da geht der französische Wächter herum und drückt jedem Deutschen, der herkommt, die Hand und fragt jeden Deutschen: »Kamerad, wozu haben wir gekämpft?« – Ewige Frage aller Kriegsgräberwächter. Man wird pazifistisch zwischen 40 000 unbekannten toten Soldaten.   Die alte Kathedrale von Péronne ist vernichtet. Wo ihre Tore waren, hat man graue Latten hingenagelt. Steinerne Heiligenbilder, dereinst dem Schutz überwölbter Portale, Nischen, Ecken anvertraut, sind ohne Obdach. Die Kirche hat kein Dach und hundert Granatlöcher. Man hätte sie frei stehen lassen sollen, die alte Kathedrale, ein doppeltes Monument. Aber weil das Leben stärker ist, verlieren die Menschen den Respekt und sogar das Grauen, und sie rücken dicht an die Mauerreste der Kirche, die auch in der Zerstörung noch erhaben sind, neue, nackte, ziegelrote Wohnhäuser, sie lehnen das Leben an die Ruinen, die noch das Wohnhaus stützen müssen. Überall baut man in Péronne. Gerüste klettern luftig und schlank in die Höhe. Das neue Rathaus steht schon fertig da. Auf allen Wegen arbeiten Männer. Ja, selbst die berühmte Maisonnette , das furchtbarste Schlachtfeld an der Somme, ist bedeckt von neuer Saat und Grün und üppig wucherndem Kleingehölz. Hier war die Erde aufgewühlt, mit kalkigen Haufen bedeckt, mit Schlamm, der aus der durchweichten Tiefe drang. Hier war kein Halm, kein Strauch. Es regnete Millionen Geschosse. Eine Division lag monatelang auf dem kleinen Hügel. Es war die Hölle der Division. Und man sah in der Ferne das silberne Wasser der Somme, dahinter die leuchtenden roten Dächer von Péronne und links das grüne, blühende, fremde Land, das fremde Land, das feindliche Land, nach dem man sich sehnte wie nach einer Frau. Jetzt schwirren Lerchen durch die Luft, der Regen hat aufgehört, der Wind hat die Wolken zerstreut. Wer den Krieg nicht gesehen hat, mag glauben, daß hier Friede ist. Aber ich fühle rotes Blut durch die Adern der noch lebenden Bäume rinnen, durch die Krumen der Erde, durch die zarten Fasern der Blätter. Der Frühling riecht nach Pulver und Blei. Schwalben sind irrende Geschosse. Der Himmel ist schwer. Nicht Wolken trägt er, sondern Unheil. Milliarden Granatenatome sät der Wind. Bäume stöhnen wie Sterbende. Zweige knacken wie Gewehrverschlüsse. Über das Schlachtfeld gebeugt, wie ein General über einer Landkarte, ist Gott. Unnahbar wie ein General; und fern wie ein General ... Frankfurter Zeitung, 2. 5. 1926   Der Herr Minnesänger So habe ich mir immer den »Sieger« vorgestellt, der die Feder nicht verachtet, obwohl er den Säbel verehrt. Im »Feindesland« angekommen und im Quartier untergebracht, schnallt er diesen ab, nimmt jene zur Hand (»ergreift« sie beziehungsweise) und durchforscht alle Schubläden nach erotischen Requisiten. Er beschäftigt sich mit der feindlichen Nachtkasten-Literatur. In Mußestunden zeichnet er auf, was ihm so durch sein angebliches Gehirn geht. Im Kasino gilt er als Belehrter und Belesener. Er ist einer, von dem die Kameraden sagen: »Major Delmar? Kennen Se nich?! Der schriftstellert ja!« Vielleicht macht er auch Gelegenheitsgedichte zu Regimentsfeiern. So wird er ein Grenzfall. Zwischen Mars und Apoll ist er gelegen. Welche Schriften aber stellert er zumeist? – Tagebücher, Memoiren und sogenannte Splitter. Ein so langer Feldzug in Frankreich (man kann auch Welschland sagen), wie ihn uns Gott zwischen vierzehn und achtzehn beschert hat, verursacht ein ganzes Buch des Herrn Majors. Er hat es in freien Stunden verfaßt, so unterwegs, zwischen Stahl- und Wannenbad, wenn das Schlachtroß in den Stall einkehrte, um den Pegasus hinauszuschicken. Das Buch heißt » Französische Frauen , Erlebnisse und Beobachtungen, Reflexionen, Paradoxen«. Maximilian Delmar ist der Urheber, Ernst Günther in Freiburg der Verleger. Ich gebe Zitate . »Eros ist ein Schalk, der seinen Spott so lange treibt, bis das Unheil geschehen ist. Wesenheit der Liebe des Weibes ist Spiel. Somit erkläre ich den Scherz für die wahrhafte Methode, wie sie einzig unserer Abhandlung gemäß ist.« Da haben wir's! Das Schlimmste, was mir im Leben zustoßen konnte, ist ein scherzender Herr aus dem Kasino. Die Folgen seiner witzigen Veranlagung sind unbeschreiblich und nur zitierbar: »Wir haben es (in Frankreich) mit einem Erdstrich zu tun, wo weder friesische Geschlechtskühle noch die vernichtende Passion der Liebesnächte von Neapel oder Sevilla zu finden sein werden.« »In Frankreich haben wir vornehmlich in den für die menschliche Brunst entscheidenden Frühjahrsmonaten den allen verliebten Frauen so angenehmen Wechsel zwischen lauen Tagen und abkühlenden Nächten zu beobachten.« »Die Französin glaubt erst an die Maturität eines Mannes, wenn er sich mit Erfolg ihrer eigenen Prüfung unterworfen hat. Sie erkennt den Geist des Mannes in dem Organ, das ihr huldigt.« »Die Geschichte von Fifis Brautnacht liegt im Dunkel und Schweigen eines Hotelzimmers von Nizza.« Wenn dieser Herr Major ein paar Seiten über die Erotik der Großstadt geschrieben hat, setzt er an den Schluß folgenden Satz: »Mit diesen wenigen Strichen ist die Eigenart der großstädtischen Erotik gezeichnet.« (Punkt. Basta. Widersprechen Sie nicht!) »Die französische Jungfrau wartet auf den Bräutigam und nicht auf den Liebhaber –«. (Er hat also Pech.) Ein Gedicht: »Köstlich hielt der Künstler zwischen zwei Gebärden, deren Triebe wichtig sind auf Erden: Amor spielt der Psyche an den Beinen. Denn die Liebe muß im Leib erscheinen.« »Der Hochzeitstag bringt immer die Entscheidung für die endgültige Daseinsform im Leben des französischen Weibes.« – »Wer diese Tränen noch nicht geküßt hat, ahnt nichts von der Lust, die eine ehebrecherische Französin zu schenken vermag.« (Er hat also kein Pech gehabt.) Er hat Erfahrungen gesammelt, dieser Herr Major, kein Zweifel! Er hat Balzac, die Goncourts, Flaubert, Maupassant gelesen und mit beträchtlichen Abschnitten klassischer Werke sein Buch gefüllt. Er ist ein Meister der pornographischen Ideenassoziation. Kein Gürtel, kein Kamm, keine Schublade, keine Ansichtskarte – kein Gegenstand im feindlichen Quartier ist vor seiner willkürlichen pornographischen Auslegung sicher. Dieser Major unterscheidet sich nicht von den Schulknaben, die in Lesebüchern Worte wie Gier, Mieder, Busen mit rotem Bleistift anstreichen und in den Zehn Geboten nach der Phrase vom »Weib des Nächsten« suchen. Das wäre eine Privatsache, die uns nichts anginge, wenn dieser Major nicht vor die Öffentlichkeit getreten wäre: ein Ehrenmann, der Vorhänge wegreißt, in Schlafzimmern schnüffelt, Geheimnisse enthüllt, die ihn selbst verraten. Er ist schon längst entkleidet, nackt steht er vor uns. Das wäre nicht unsympathisch. Aber er hat den Säbel nicht abgeschnallt, und das Rasseln ist unappetitlich. Auf seinem Nachthemd glänzen die Tressen. Hier ist einer, von dem man nicht sprechen würde, wenn er nicht so unverschämt wäre, nach dem verlorensten aller Kriege aus einem Land, das mit Friedhöfen zum Bersten gefüllt ist, seine Erinnerungen an Nachtkästchen und Kasinoanekdoten mitzubringen. Er ist nicht auf dem großen Totenacker geblieben, der für ihn ja ein Feld der Ehre ist. Aber statt seinem Schöpfer für die unverdiente Gnade zu danken, geht er hin und erzählt schmunzelnd vor aller Welt, er habe sich im Boudoir aufgehalten. Und nichts rührt sich. Keine Hand erhebt sich, kein Invalide streckt seine Krücke. Die Toten schweigen wie die ehebrecherischen Frauen. Frankfurter Zeitung, 9.5.1926   La Renaissance latine Ich bin durch Zufall in die »Grande Salle des Sociétés Savantes« gekommen. Der Universitätsprofessor Achille Mestre , der Professor am Institut Catholique, der Abbé Yves de la Brière , und einige andere Autoritäten saßen auf der Bühne. Im Saal standen und saßen dicht gedrängt die Studenten. Den Vorsitz führte Herr Henri Massis , Chefredakteur der »Revue Universelle«, welche die Zeitschrift der Lateinischen Renaissance ist. Aus den Reden der Autoritäten, aber auch aus den gedruckten Ankündigungen erfuhr ich, daß die »Renaissance latine« den Zweck verfolgt, den »schädlichen Wirkungen des Germanentums und des Bolschewismus« wirksam zu begegnen. Wie macht man so was? Man versammelt die Studenten aller lateinischen Staaten, die Studenten von Belgien, Kanada, Spanien, Italien, Portugal, der lateinischen Schweiz und des lateinischen Orients, ja, auch die Mexikaner, Argentinier, Brasilianer, sofern sie aufzutreiben sind, und nimmt auch von den Rumänen nicht Abstand, die an den Pariser Hochschulen zwar stark vertreten, aber ganz gewiß nicht rein lateinischen Blutes und rein lateinischer Kultur sind. Man erzählt ihnen allen, daß sie mehr oder weniger direkt von Rom abstammen, mit Julius Caesar ebenso verwandt sind wie mit dem ius romanum , mit Horaz ebenso wie mit dem Papst, mit der lateinischen Logik ebenso wie mit der katholischen Kirche. Hierauf können die im Saal versammelten Faschisten nicht an sich halten. Sie haben – als ob man sie nicht ohnehin erkennen würde – Photographien von Mussolini mitgebracht, billige, in Millionen Exemplaren hergestellte Abdrucke jenes heroischen Mussolini, der die erhobene Hand vor den Betrachter hält, wie um einen Widerspruch von vornherein zu begegnen. Es ist, wie man weiß, der bekannte Gruß der Faschisten. Die mit diesem Bild versehenen Studenten stimmen einen Gesang an – es ist wahrscheinlich die Faschistenhymne, die ich nicht kenne. Sie sehen, wenn sie singen, den deutschen Hakenkreuzlern zum Verwechseln ähnlich. Es scheint, daß Nationalhymnen, die doch den Zweck haben, die Nationen gegeneinander aufzubringen, den ganz entgegengesetzten Erfolg haben: Sie machen alle Völker, die singenden Teile wenigstens, einander verwandt. Der Universitätsprofessor Achille Mestre sagte, Rom hätte Logik und Ordnung, Organisation und Autoritätsbegriff in die Welt gebracht. Ei seht! Und ich hatte gedacht, »Organisation« wäre eine echt germanische Sache, eine Erfindung der Deutschen! Das Mittelalter, sagt der Herr Professor, wäre eine glänzende Epoche gewesen, eine Zeit der Vorherrschaft der »Autorität«. Freiheit, meint der Herr Professor, wäre überflüssig. Man sehe ja gerade, daß die Völker, höchst unzufrieden mit der »Freiheit«, nach der »starken Faust« verlangten. Welch ein Unglück die Revolution! Und nichts täte uns so sehr not wie »Autorität«. »Katholizismus« – so meinten alle Redner – wäre eine spezifisch lateinische Sache. Die katholische Kirche garantiere die lateinische Kultur, und die lateinischen Völker wären es, welche den Bestand der katholischen Kirche garantierten. Und dabei saß der Abbé de la Brière und klatschte. Er applaudierte den Rednern, die die katholische Kirche zu einer Stammeskirche degradierten. Er selbst sprach noch von den Polen, dem »slawischen Volk, das, zwischen Bolschewismus und Germanentum gedrängt, lateinische Zivilisation beschütze und dessen hervorragende Vertreter die lateinische Sprache beherrschen«. Es ist nicht anzunehmen, daß der Professor de la Brière, der Lehrer am Institut Catholique, der noble französische Schriftsteller, der außerordentlich kultivierte Redner, etwa nicht weiß, daß die hervorragenden Vertreter der Deutschen, Engländer, Skandinavier – also der » Germanen« –, aber auch der Russen – also der »Bolschewisten« – auch lateinische Zivilisation haben und daß es wahrscheinlich unter Deutschen mindestens ebensoviel Kenner des römischen Rechts und des Horaz, des Tacitus und des Julius Caesar gibt wie unter Franzosen und Italienern. Ich nehme nicht an, daß der Diener der katholischen Kirche de la Brière den Einfluß seiner Kirche auf die sogenannten »lateinischen Völker« beschränken will. Der Herr de la Brière weiß, daß wir alle , wir Völker der Neuzeit, die Erben Roms sind, und er weiß, daß zum Beispiel die Deutschen mehr lateinische Kultur geerbt haben als – noch einmal: zum Beispiel – die Rumänen. Weshalb klatscht er Beifall? Weshalb gründet er Lateinische Renaissancen mit singenden Faschisten? Wo ist die Gemeinschaft zwischen Portugiesen und den slawischen Rumänen? Ist nicht stärkere Gemeinschaft zwischen Franzosen lateinischer Kultur und Deutschen lateinischer Kultur? Ist das neue Europa nicht ein gesünderer Begriff als die »Renaissance latine«? Weshalb? Weshalb? Frankfurter Zeitung, 15. 5. 1926   20 Minuten vor dem Krieg In einem Pariser Kino zeigt man Aktualitäten der tausendfach vergangenen, weil durch den Krieg von uns geschiedenen Wochen, die Aufnahmen der altgewordenen Neuigkeiten, der Moden, der Tänze, der Fünf-Uhr-Tees einer Epoche, die aus ihrer läppischen Lächerlichkeit unmittelbar in ein blutiges Grauen hineintänzelte – einer Epoche, die so verlogen war, daß sie die Wahrheit ihres eigenen Untergangs gar nicht mehr erlebte. Sie war vor ihrem Tode schon tot. Ihre Kinder waren zu Lebzeiten schon Gespenster, in Gartenlauben aus Pappe gezeugt. Die regelmäßig bei jedem Programmwechsel sich erneuernden alten Filme laufen unter dem ständigen Titel: »20 Minuten vor dem Krieg«. Ihretwegen ist das Kino täglich ausverkauft, manchmal überfüllt. Alle Söhne gehen hin, ihre Väter auszulachen. Das große Familienalbum der Vergangenheit wird vor ihnen aufgeblättert. Es besteht aus Gräbern, die kein Grauen ausströmen, sondern unwiderstehliche Komik. Die Wirkung der Bilder gleicht ungefähr jener, die durch zwanzig Zylinder bei einer Leichenfeier hervorgerufen wird: Über der Lächerlichkeit der Hüte verliert man den Schauer vor dem Sarg. Es entsteht eine sehr merkwürdige Art von Grauen, das nicht die Seele, sondern das Zwerchfell tangiert. Wir sitzen vor der Leinwand und sehen eine jener alten preußischen Militärparaden, den Stechschritt der Regimenter zu Ehren des Kaisers, die wedelnden Pferdeschwänze an ihren natürlichen Orten und auf den Helmen, die fetten, dienstbeflissenen Gesichter, aus steifen Kragen hervorgepreßt und um künstliche Doppelkinne bereichert, Lakaien in Bratröcken, Bärte aus blondem Zwirn. Von Stolz und Eifer gezeugter Schweiß tropft auf knarrende Hemdbrüste, glänzende Manschetten aus leinwandähnlichem Blech rutschen über verlegen geschäftige, Hüte abreißende, Fähnchen schwenkende Hände. – Wir sehen die Pariser Menge von 1910, die den französischen Präsidenten erblicken möchte, Männer mit zusammengerollten Würsten aus schwarzer Seide, die Regenschirme im Ruhestand sind, mit Zwickern an breiten Halsbändern, die im Winde schaukeln wie Hängematten für Sommerfliegen, mit Krawatten, die wie Matratzen über Brüste gebettet sind. Wir sehen Frauen in langen Schleppen, die wie unabsichtlich mitgezogene Teppiche sind, in Überziehern, die an den Hüften plötzlich Glocken werden, in kleinen Kapotthütchen, vielfach gestalteten, auf hohen Haartürmen sitzenden, mit Bratspießen befestigten. Alle Frauen haben die Form runder Türme, unten breit, oben schmal, wenn sie stehen, verdeckt das Kleid ihre Füße, es ist im Straßenpflaster eingepflanzt, im Innern von einem Drahtgerüst gehalten. Auf der Spitze des Turms wimmern drei Kirschen aus Glas ... Man sieht den allerneuesten Pariser Tanz von 1908, vom berühmtesten Tanzprofessor jener Zeit vorgetrippelt. Der Professor trägt einen Cutaway mit blonder Weste, einen geschlossenen Stehkragen, der den Hals umgibt wie eine geschliffene Festungsmauer, ein kleines, schwarzes, gezwirbeltes Schnurrbärtchen. Er hat winzige Füßchen, er tanzt auf den Füßchenspitzen, mit Daumen und Mittelfinger hält er Daumen und Mittelfinger seiner Dame. Er trippelt zwei Schrittchen vor, eines zurück, dreht sich um seine Achse, legt das Köpfchen kokett auf die Schulter, betrachtet seine Füßchen und klappert mit schamhaften Augenlidern den Takt zu seinen Bewegungen. Man sieht die Modeschöpfungen eines alten großen Ateliers: Vom Hals bis zu den Hüften sind Mannequins Atlaspanzer, von den Hüften bis zum falschen persischen Teppich sind sie Vorhänge von Provinzbühnen. Manchmal, wenn es hoch und schamlos hergeht, entblößen sie unzüchtig einen Ellenbogen, die Verworfenen! Und wenn sie sich setzen, heben sie mit zwei Fingern das Kleid und locken mit sittlich verderbten Knöcheln. Oh, wie kupplerisch sind die Moden! Große, aus Draht geflochtene, mit Samt und Tüll überzogene Teller wackeln auf den Köpfen, Straußfedern schaukeln auf den Tellern, fallen als Fliegenwedel ins Gesicht. Über die Kleider gehängt sind Bettvorleger, dreieckige, die in einer Troddel endigen. Alle Frauen legen, wenn sie lächeln, den Kopf auf eine Schulter. Und wann lächeln sie nicht, die Neckischen? Sie schlagen die Augen auf und zu, wie kostbare Schreine, in denen Versprechungen liegen ... Man sieht Filme, die vor dem Kriege gedreht wurden, zum Beispiel den von den Banknotenfälschern. Der junge Mann verbreitet das falsche Geld, um die Ansprüche seiner verworfenen, bis zum Hals zuchtlos zugeknöpften Geliebten zu befriedigen. Er wird entdeckt, seine Mutter kommt, er stand verborgen hinter einem Paravent. Jetzt stürzt er hervor, vom moralischen Impetus seiner Wandlung fällt die chinesische Wand um, er selbst folgt ihr und legt sich, mit steifem Oberkörper, in einem Winkel von 90 Grad auf die Knie, erhebt sich, von einer göttlichen, unsichtbaren Schnur hochgezogen, fällt mit hebelartig ausgestreckten Armen seiner Mutter um die Federboa, die ihr Hals ist. Vor solch erschütternden Ereignissen sitzen wir da, die Kinder der Gegenwart, die Überwinder Darwins und Ibsens, der unverstandenen Frau mit der »Pleureuse«, der Suffragette sogar, der Paradeuniform, des Regenschirms, des Vollmannes und des Suderbarts, der Schleppe und der Turmfrisur aus Zopf und Spießen; wir, die Betrachter der Neger-Revuen, der nackten Mädchen, wir im Trommelfeuer Gehärteten und Gezeugten, Verächter der schönen Lüge, Bekenner der sozusagen häßlichen Wahrheit. Vor dem ganzen verlogenen Jammer unserer Väter, die den Film erfunden zu haben scheinen, um uns ihre Lächerlichkeit zu überliefern, lachen wir, lachen wir. Wir haben Boxer und Sportidioten, Amerika und Dauerläufer, Girls, die von Pastoren gezüchtet werden, eine Internationale sonntäglich wehender Windjacken. Aber wir haben keine Mieder statt der Brüste, keine Federboas statt der Hälse, keine Vorhänge statt der Beine und statt der Tragik keine Zylinder! Wo der Stechschritt noch ertönt, ist er bewußt verstorben, die Paraden dieser Zeit weihen schlimmstenfalls lebende Denkmäler ein (und nicht tote). Wir sind keine Optimisten, aber wir erwarten das Selbstverständliche. Wir wissen, daß die »Pleureusen« zum Stahlhelm führen mußten, daß ein gerader Weg sich zieht vom züchtigen Schleier zur Gasmaske und von der Gartenlaube zum Schützengraben. Und jenen Landsturm ohne Waffe, der die Felder der Ehre gepflügt hat, um uns dann hinzusäen mit weinerlichem Segen – diesen verlogenen Vorabend des Krieges verlachen wir jeden Abend zwanzig Minuten lang, nicht länger, aus voller Brust. – Frankfurter Zeitung, 11. 6. 1926   Ein paar Tage Deauville Ich liebe die Gare St. Lazare und die Züge, die hier abgehn. Es ist ein lebhafter Bahnhof, mit vielen überflüssigen Läden und vielen überflüssigen Dingen, die für Reisende unentbehrlich sein sollen: zum Beispiel leicht zerbrechlichen Flakons und Spiegeln, schweren Lederköfferchen für Manikürgeräte, die man besser in der Tasche trägt, patentierten Etuis für Tintenfässer, die man in der Hand halten muß, damit sie nicht aufgehen. Für wen sind diese lästigen und blinkenden Angelegenheiten? – Für die reichen Leute. Wohin fahren die reichen Leute? In die »Saison« nach Deauville . Ja, es ist Saison in Deauville. Von New York gehen in diesen Wochen besondere Dampfer nach Le Havre-Deauville ab, 6 Tage sind die Schiffe unterwegs, ein Katzensprung über den Ozean. Von London kann man um 9 Uhr abends wegfahren und ist gegen 7 Uhr früh in Deauville. Von Paris dauert die Fahrt knappe drei Stunden – Deauville ist 184 Kilometer von hier entfernt. Der Zug, in den ich steige, führt nur Wagen erster und zweiter Klasse und ist entschlossen, unterwegs überhaupt nicht zu halten. Es ist ein nobler Zug, es scheint mir, daß er die Gegend verachtet, die er durchfahren muß. Mit höhnischem Gepolter rast er durch Stationen, die keine mondänen Seebäder sind, und den Gruß der signalisierenden Beamten nimmt er kaum zur Kenntnis. Wir sind reiche Leute, wir Passagiere. Wir dürfen uns auf keinen Fall in der Eisenbahn langweilen, wir sollen es erst am Strand. Fiele es dem Zug ein, irgendwo unterwegs stehenzubleiben, so können wir es uns leisten, ihn zu verlassen und einen Aeroplan zu besteigen. Wir wollen zu einem bestimmten Ziel und fahren zu einem bestimmten Ziel – ohne Aufenthalt. Wir sitzen in großen, breiten und hellen Wagen, die Fenster dieses Zuges sind ausnahmsweise mit zwei Fingern aufzumachen und zu schließen, die Türen sperren von selbst, so daß keiner von uns hinausfällt, auch wenn er sich entgegen dem Verbot anlehnt, kein Passagier dritter Klasse stört uns, keiner von jenen, die aus Städten ohne Saison dazusteigen, keiner von jenen, die sogar in der Zeit zwischen dem Grand-Prix und der ersten Herbstmodeschau ekelhaften Beschäftigungen nachgehen müssen – wir sind ganz unter uns. Wir sind ganz unter uns, das heißt: Wir sind nicht krank, sondern mondän. Auch Ärzte empfehlen uns Deauville zuweilen, sie verordnen es sogar, aber nicht, weil sie die Krankheit, sondern weil sie die Gesundheit ihres Patienten festgestellt haben. Deauville ist das typische mondäne Seebad. Es besteht aus Strand, Horizont, sauberen, weißen, stillen Häusern, einem lauten Kasino, Sportrasen, einer Rennbahn, Kaffeeterrassen, Restaurants. Es ist kein Produkt der Natur, obwohl es alle Annehmlichkeiten, welche die Natur gelegentlich auch vergeben kann, mit Sorgfalt und wählerischem Sinn einkalkuliert. In dem Maße, in dem die Natur bereit ist, etwas von ihrem Reichtum den oberen Schichten der Menschheit abzugeben, und in dem Maße, in dem diese es mit ihrer Würde vereinen können, etwas vom Reichtum der Natur unentgeltlich anzunehmen – nur in dem Maße ist Deauville natürlich. Im übrigen scheint es von einem Architekten, der Sanatorien baut, erschaffen zu sein. Seine Sportrasenflächen sind doppelt und dreifach grün, die Wellen des Meeres rauschen dreifach stark. Wenn ich einen Gärtner sehe, der Blumen in Deauville besprengt, so zweifle ich daran, daß Wasser aus seiner Kanne fließt; ich glaube, es ist Parfüm, Gartenparfüm von Houbigant. Hier wachsen Rosen, Veilchen, Stiefmütterchen in privaten Gärten, Blumen aus Modesalons, jene künstlichen Floraprodukte, welche die schönen Frauen in der ganzen Welt – die unverwelkbaren Frauen – an ihre mondänen Kleider heften. Man kommt natürlich nicht direkt in Deauville an – wie sollte man! Man kommt in Trouville an, der Schwesterstadt, der etwas vernachlässigten, die es übernommen hat, den Bahnhof zu beherbergen. Denn schon ein Bahnhof ist ungesund. Ein Bahnhof verbreitet Steinkohlendunst, und in Deauville soll es keine Art von Dunst geben. Trouville ist eine liebe, alte normannische Stadt mit Giebelhäusern, mit Läden, mit Droschken und Automobilen. Ohne Trouville könnte Deauville nicht Deauville sein. Trouville versorgt Deauville mit den nüchternen Notwendigkeiten. Es gibt in Trouville allerdings auch Hotels und einen Strand. Aber es sind kleinbürgerliche Hotels und ein bürgerlicher Strand. Außenseiter wie ich wohnen in Trouville, baden in Trouville. Sie zahlen während der Saison immerhin 30 bis 50 Francs täglich für ein Zimmer. Hätten sie aber den Mut – zu dem allerdings Geld gehört –, sich nach Deauville hinüberzuwagen, sie würden 200 Francs täglich für ein Zimmer zahlen. Aber sie haben nicht den Mut, sie haben nicht das Geld. (Man weiß nie, wo die Feigheit aufhört und wo die Armut beginnt.) Was mich betrifft, so kenne ich mich nicht mehr aus. Ich wandere nur der Pflicht halber am Nachmittag nach Deauville. Ich halte mich selbst für einen Reichen. Ich lese in einer mondänen Schneiderzeitung einen Artikel mit dem Titel: »Conseils à Jean Jacques avant son départ pour Deauville.« Ach, was sind das für Ratschläge! »Ich sehe Dich«, so schreibt der Ratgeber, »mein lieber Freund, am Morgen nach Deiner Ankunft aus dem Bett steigen, in einem Pyjama von ernstem Muster, das Deinem Charakter widerspricht; in einem Farbenton, der Deiner Jugend entspricht – also trotz des Ernstes hell ist, aber keineswegs schreiend. Es ist einer von jenen englischen Pyjamas aus Crêpe de Chine, die so angenehm zu tragen sind. – Es klopft an Deiner Tür! Du rufst herein! Und mit der Schnelligkeit, die Dir Deine Jugend gestattet, vertauschest Du Deinen Pyjama mit einem Zimmer –, mit einem Frühstücksanzug von jungem und lebendigem Farbton, sehr zart und sehr weich, ein angenehmer Kontrast zu Deinem Pyjama, dennoch ebenfalls aus Crêpe de Chine, aber an den Rändern mit zarten Mustern ausgestattet. Du rauchst die zwei Zigaretten, die Dir erlauben, ohne sonderliche Langeweile Dein Morgenbad zu erwarten. Nachdem du gebadet hast, suchst Du in Deinem Koffer nach der passenden Vormittagskleidung. Was findest Du? – Schuhe aus weißem Hirschleder, von gelbem Ziegenlederrand eingefaßt – gelb, nicht rot! – Daß Du es nicht vergissest! – ohne jedes Muster, ohne Löcher, ohne Schnallen, zarte Schuhe und dennoch starke Sohlen, Schuhe, die zu Deinem hellgelben Rock passen und Deiner weißen Hose mit punktierten blauen Streifen.« – Ach, ich trage nur einen dunkelgrauen Sommeranzug. Mein Gewissen ist auch etwas beschwert, weil ich, als es an meiner Tür klopfte, in meinem Pyjama blieb, ihn nicht gegen einen Morgenanzug vertauschte, und dieser Pyjama war überdies weiß, mit dunkelblauen Streifen. Auch sind meine Schuhe nicht aus weißem Hirschleder, sondern aus ganz gemeinem, beinahe ekelhaftem gelbem Chevreaux. Werde ich überhaupt ins Kasino können? In dieses Kasino – in dem man Roulette spielt (im großen Saal) und Bakkarat (im kleinen) – kann ich ungehindert eintreten. Nur Männern ist der Eintritt gestattet. Vor einem Jahr hatte die Pariser Schauspielerin Yvonne Printemps gewettet, daß sie auch hineinkommen würde. Sie gewann 10 000 Dollar und kam hinein. Sie hatte Männerkleidung angelegt. Offenbar jene Schuhe aus weißem Hirschleder, wie sie oben beschrieben sind. Herr Citroën, der Pariser Autokönig, ist ständiger Gast in diesem Kasino. Er lebt in Deauville von Juli bis Ende August, verliert im Spiel, und es geht das Gerücht, daß er jedes Jahr vor der Abfahrt jedem Croupier ein Citroën-Auto als Abschiedsgeschenk überreicht. Der Herr Citroën hat in Deauville eine Villa. Sie steht weiß, leuchtend, ein Edelstein unter den Häusern, in einer Seitenstraße, in einer stillen Seitenstraße, in der nicht einmal ein Citroën-Auto tuten darf. Neben der Citroën-Villa befindet sich das Haus des Pariser Herrn Rothschild. Es ist heute geschlossen, Herr Rothschild ist noch nicht da, sein Gärtner geht mit einer Spritzkanne umher, der Lakai hat keine Livree, die Pferde wiehern im Stall, die Blumenbeete warten bunt auf Herrn Rothschild. Man erwartet ihn nächste Woche. Villen, Villen, lauter Villen! Es gibt da einen Boulevard Eugene Corniché, in dem kein Mietshaus zu stehen wagt. Alle Villen haben normannische Fassaden, trauliche Giebel, kleine Balkons, steile Dächer, weinlaubüberhangene Veranden. Aber es ist ein Baustil, der nicht aus der Tradition kommt, sondern der sich die Tradition ausgeliehen hat, um wenigstens nicht vergessen zu lassen, daß Deauville in der Normandie liegt. Es könnte vielleicht einem der reichen Amerikaner, die hierherkommen, einfallen, eine Photographie von dem Boulevard Corniché mitzunehmen, um zu wissen, was eigentlich »normannisch« ist. Wenn der Paddock von Deauville einen normannischen Giebel hat, mit braunen Querbalken, die wie das zartgestreifte Muster einer Vormittagshose aussehen, so bedeutet dieser »Stil« eine Konzession der Badeverwaltung an das ethnologische Interesse der Kurgäste, denen die Erinnerung an zementierte Badekabinen nicht genügt. Denn es gibt zementierte Badekabinen in Deauville, in denen man sich nicht erkälten kann, einen hölzernen Steg, der das Meer mit der Badedirektion verbindet, Kaffeeterrassen, auf denen man im Trikot Orangeade trinken darf, ohne zu zahlen, weil man im Wasser Kredite hat und keine Brieftasche, drei Terrains für Polospiele, 200 Pferde zum Verleihen, »pompejanische Bäder« mit Bassins von antiker Rundheit mit echten Negerjazzbandkapellen, Hotelvestibüls, in denen man Fünf-Uhr-Tees tanzt, einen theatralischen Mondschein für romantische Milliardäre, die vom Wetterbericht unabhängig sind, und Ebbe und Flut, die von der Kurverwaltung reguliert werden. Nur einmal im Jahr, an einem Sonntag im August, ist das volkstümliche Element zugelassen: Da gibt es so eine Art normannisches Kostümfest, an dem alle Menschen in allen Volkstrachten erscheinen. Aber bei näherer Betrachtung erweist es sich, daß viele Trägerinnen der Kostüme aus der Park-Avenue in New York stammen und aus den Champs-Élysées in Paris. Man sagt, daß der Badesand von Deauville von Coty alljährlich ausgestreut wird – zur Reklame für den »Figaro«, den er gekauft hat. Aber das ist eine Übertreibung. Frankfurter Zeitung, 28. 8. 1927   Juden auf Wanderschaft (1927) Paris   1 Die Ostjuden haben nicht leicht den Weg nach Paris gefunden. Sie kamen viel leichter nach Brüssel und Amsterdam. Der direkte Weg des jüdischen Juwelenhandels führt nach Amsterdam. Einige arm gewordene und einige reich werdende jüdische Juwelenhändler bleiben aus Zwang im französischen Sprachgebiet. Der kleine Ostjude hat eine übertriebene Furcht vor einer ganz fremden Sprache. Deutsch ist beinahe seine Muttersprache. Er wandert viel lieber nach Deutschland als nach Frankreich. Der Ostjude lernt leicht fremde Sprachen verstehen, aber seine Aussprache wird niemals rein. Er wird immer erkannt. Es ist sein gesunder Instinkt, der ihn vor den romanischen Ländern warnt. Auch gesunde Instinkte irren. Die Ostjuden leben in Paris fast wie Gott in Frankreich. Niemand hindert sie hier, Geschäfte und sogar Gettos aufzumachen. Es gibt einige jüdische Viertel in Paris, in der Nähe des Montmartre und in der Nähe der Bastille. Es sind die ältesten Pariser Stadtteile. Es sind die ältesten Pariser Häuser mit der billigsten Miete. Juden geben nicht gerne Geld für »unnützen« Komfort aus, solange sie nicht sehr reich sind. Sie haben es schon aus äußeren Gründen in Paris leicht. Ihre Physiognomie verrät sie nicht. Ihre Lebhaftigkeit fällt nicht auf. Ihr Witz begegnet dem französischen auf halbem Weg. Paris ist eine wirkliche Weltstadt. Wien ist einmal eine gewesen. Berlin wird erst einmal eine sein. Die wirkliche Weltstadt ist objektiv. Sie hat Vorurteile wie die anderen, aber keine Zeit, sie anzuwenden. Im Wiener Prater gibt es beinah keine antisemitische Äußerung, obwohl nicht alle Besucher Judenfreunde sind und obwohl neben ihnen, zwischen ihnen die östlichsten der Ostjuden wandeln. Weshalb? Weil man sich im Prater freut. In der Taborstraße, die zum Prater führt, fängt der Antisemit an, antisemitisch zu sein. In der Taborstraße freut man sich nicht mehr. In Berlin freut man sich nicht. Aber in Paris herrscht die Freude. In Paris beschränkt sich der grobe Antisemitismus auf die freudlosen Franzosen. Das sind die Royalisten, die Gruppe um die Action française. Es wundert mich nicht, daß sie in Frankreich ohnmächtig sind und immer bleiben werden. Sie sind zu wenig französisch. Sie sind zu pathetisch und zu wenig ironisch. Paris ist sachlich, obwohl Sachlichkeit eine deutsche Tugend sein mag. Paris ist demokratisch. Der Deutsche ist menschlich. Aber in Paris hat die praktische Humanität eine große, starke Tradition. In Paris erst fangen die Ostjuden an, Westeuropäer zu werden. Sie werden Franzosen. Sie werden sogar Patrioten.   2 Der bittere Lebenskampf der Ostjuden, der gegen »die Papiere«, wird in Paris gemildert. Die Polizei ist von einer humanen Nachlässigkeit. Sie ist zugänglicher der Individualität und dem Persönlichen. Die deutsche Polizei hat Kategorien. Die Pariser Polizei läßt sich leicht überreden. In Paris kann man sich anmelden, ohne viermal zurückgeschickt zu werden. Die Pariser Ostjuden dürfen leben, wie sie wollen. Sie können ihre Kinder in rein jüdische Schulen schicken oder in französische. Die in Paris geborenen Kinder der Ostjuden können französische Staatsbürger werden. Frankreich braucht Menschen. Ja, es ist geradezu seine Aufgabe, schwach bevölkert zu sein und immer wieder Menschen zu brauchen, Fremde französisch zu machen. Es ist seine Stärke und seine Schwäche. Freilich lebt ein französischer Antisemitismus auch in den Nicht-Royalisten. Aber kein hundertgrädiger. Die an einen viel stärkeren, rüderen, brutaleren Antisemitismus gewohnten Ostjuden geben sich mit dem französischen zufrieden. Sie dürfen sich zufriedengeben. Sie haben religiöse, kulturelle, nationale Freiheiten. Sie dürfen Jiddisch reden, soviel und so laut sie wollen. Sie dürfen sogar schlecht Französisch sprechen, ohne daß man sie verdächtigt. Die Folge dieses Entgegenkommens ist, daß sie Französisch lernen, daß ihre Kinder kein Jiddisch mehr sprechen. Sie verstehen es gerade noch. Es hat mich belustigt, in den Straßen des Pariser Judenviertels die Eltern Jiddisch, die Kinder Französisch sprechen zu hören. Auf jiddische Fragen erfolgen französische Antworten. Diese Kinder sind begabt. Sie werden es in Frankreich zu etwas bringen, wenn Gott will. Und Gott will es, wie mir scheint. Die Berliner jüdischen Schenken in der Hirtenstraße sind traurig, kühl und still. Die Pariser jüdischen Gasthäuser sind lustig, warm und laut. Sie machen alle gute Geschäfte. Ich habe manchmal bei Herrn Weingrod gegessen. Er führt ausgezeichnete Bratgänse. Er braut einen guten, starken Schnaps. Er amüsiert die Gäste. Er sagt zu seiner Frau: »Gib mir das Soll und Haben, s'il vous plaît.« Und die Frau sagt: »Nehmen Sie sich vom Büfett, si vous voulez!« Sie sprechen ein wirklich heiteres Kauderwelsch. Ich habe Herrn Weingrod gefragt: »Wie sind Sie nach Paris gekommen?« Da sagt Herr Weingrod: »Excusez, monsieur, pourquoi nicht nach Paris? Aus Rußland schmeißt man mich hinaus, in Polen sperrt man mich ein, nach Deutschland gibt man mir kein Visum. Pourquoi soll ich nicht kommen nach Paris?« Herr Weingrod ist ein tapferer Mann, er hat ein Bein verloren, er hat eine Prothese und ist immer guter Laune. Er hat sich in Frankreich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Viele Ostjuden haben freiwillig und aus Dankbarkeit im französischen Heer gedient. Aber das Bein hat Weingrod nicht im Krieg verloren. Er kam gesund zurück, mit heilen Knochen. Da sieht man, wie das Schicksal lauert, wenn es will. Weingrod verläßt den Laden, will über die Straßenmitte. Niemals, einmal in der Woche vielleicht, fährt ein Auto durch diese Gasse. Gerade jetzt kommt es, da Weingrod hinüberwill. Fährt ihn nieder. So verlor er ein Bein.   3 Ich habe ein jiddisches Theater in Paris besucht. In der Garderobe wurden Kinderwagen abgegeben. Regenschirme nahm man in den Saal. Im Parkett saßen Mütter mit Säuglingen. Die Stuhlreihen waren lose, man konnte die Sessel herausnehmen. An den Seitenwänden lustwandelten Zuschauer. Der eine verließ seinen Platz, der andere setzte sich. Man aß Orangen. Es spritzte und roch. Man sprach laut, sang mit, klatschte den Darstellern auf offener Szene. Die jungen jüdischen Frauen sprachen nur Französisch. Sie waren pariserisch elegant. Sie waren schön. Sie sahen aus wie Frauen aus Marseille. Sie sind pariserisch begabt. Sie sind kokett und kühl. Sie sind leicht und sachlich. Sie sind treu wie die Pariserinnen. Die Assimilation eines Volkes beginnt immer bei den Frauen. Man gab einen Schwank in drei Akten. Im ersten Akt will die jüdische Familie eines kleinen russischen Dorfes auswandern. Im zweiten kriegt sie die Pässe. Im dritten ist die Familie in Amerika, reich geworden und protzig, und im Begriff, ihre alte Heimat zu vergessen und die alten Freunde aus der Heimat, die nach Amerika kommen. Dieses Stück gibt reichlich Gelegenheit, amerikanische Schlager zu singen und alte russisch-jiddische Lieder. Als die russischen Lieder und Tänze kamen, weinten die Darsteller und die Zuschauer. Hätten nur jene geweint, es wäre kitschig gewesen. Aber als diese weinten, wurde es schmerzlich. Juden sind leicht gerührt – das wußte ich. Aber ich wußte nicht, daß ein Heimweh sie rühren könnte. Es war eine so innige, beinahe private Beziehung von der Bühne zum Zuschauer. Für dieses Volk Schauspieler sein ist schön. Der Regisseur trat vor und kündigte die nächsten Programmwechsel an. Nicht durch Zeitung, nicht durch Plakate. Mündlich. Von Mensch zu Mensch. Er sprach: »Ihr werdet Mittwoch den Herrn X. aus Amerika sehen.« Er sprach wie ein Führer zu seinen Getreuen. Er sprach unmittelbar und witzig. Seinen Witz verstand man. Ahnte beinahe voraus. Erwitterte die Pointe.   4 Ich sprach in Frankreich mit einem jüdischen Artisten aus Radziwillow, dem alten russisch-österreichischen Grenzort. Er war ein musikalischer Clown und verdiente viel. Er war ein Clown aus Überzeugung und nicht von Geburt. Er entstammte einer Musikantenfamilie. Sein Urgroßvater, sein Großvater, sein Vater, seine Brüder waren jüdische Hochzeitsmusikanten. Er, der einzige, konnte seine Heimat verlassen und im Westen Musik studieren. Ein reicher Jude unterstützte ihn. Er kam in eine Musikhochschule in Wien. Er komponierte. Er gab Konzerte. »Aber«, sagte er, »was soll ein Jude der Welt ernste Musik machen? Ich bin immer ein Clown in dieser Welt, auch wenn man ernste Referate über mich bringt und Herren von den Zeitungen mit Brillen in den ersten Reihen sitzen. Soll ich Beethoven spielen? Soll ich Kol Nidre spielen? Eines Abends, als ich auf der Bühne stand, begann ich, mich vor Lachen zu schütteln. Was machte ich der Welt vor, ich, ein Musikant aus Radziwillow? Soll ich nach Radziwillow zurückkehren und bei jüdischen Hochzeiten aufspielen? Werde ich dort nicht noch lächerlicher sein? An jenem Abend sah ich ein, daß mir nichts anderes übrigblieb, als in den Zirkus zu gehen, nicht, um ein Herrenreiter zu sein oder ein Seiltänzer! Das ist nichts für Juden. Ich bin ein Clown. Und seit meinem ersten Auftreten im Zirkus ist es mir ganz klar, daß ich die Tradition meiner Väter gar nicht verleugnet habe und daß ich bin, was sie hätten sein sollen. Zwar würden sie erschrecken, wenn sie mich sehen würden. Ich spiele Zieh- und Mundharmonika und Saxophon, und es freut mich, daß die Leute gar nicht wissen, daß ich Beethoven spielen kann. Ich bin ein Jud aus Radziwillow. Ich habe Frankreich gern. Für alle Artisten ist die Welt vielleicht überall gleich. Aber für mich nicht. Ich gehe in jeder großen Stadt Juden aus Radziwillow suchen, in jeder großen Stadt treff' ich zwei oder drei. Wir reden miteinander. In Paris leben auch einige. Sind sie nicht aus Radziwillow, so sind sie aus Dubno. Und sind sie nicht aus Dubno, so sind sie aus Kischinew. Und in Paris geht es ihnen gut. Es geht ihnen gut. Es können doch nicht alle Juden beim Zirkus sein? Wenn sie nicht beim Zirkus sind, müssen sie mit allen fremden und gleichgültigen Menschen gut sein, und mit niemandem dürfen sie es sich verderben. Ich brauche nur in der Artistenliga eingeschrieben zu sein. Das ist ein großer Vorteil. In Paris leben die Juden frei. Ich bin ein Patriot, ich hab' ein jüdisches Herz.«   5 In dem großen Hafen von Marseille kommen jährlich ein paar Juden aus dem Osten an. Sie wollen ein Schiff besteigen. Oder sie kommen gerade von Bord. Sie haben irgendwo hinfahren wollen. Das Geld ist ihnen ausgegangen. Sie mußten an Land gehen. Sie schleppen alles Gepäck zum Postamt, geben ein Telegramm auf und warten auf Antwort. Aber Telegramme werden nicht schnell beantwortet, und solche überhaupt nicht, in denen um Geld gebeten wird. Ganze Familien nächtigen unter freiem Himmel. Manche, einzelne bleiben in Marseille. Sie werden Dolmetscher. Dolmetscher sein ist ein jüdischer Beruf. Es handelt sich nicht darum zu übersetzen, ins Französische aus dem Englischen, ins Französische aus dem Russischen, ins Französische aus dem Deutschen. Es handelt sich darum, den Fremden zu übersetzen, auch, wenn er nichts gesprochen hat. Er braucht den Mund nicht aufzumachen. Christliche Dolmetscher übersetzen vielleicht. Jüdische erraten. Sie verdienen Geld. Sie führen die Fremden in gute Wirtsstuben, aber auch auf die Dörfer. Die Dolmetscher beteiligen sich am Geschäft. Sie verdienen Geld. Sie gehen zum Hafen, besteigen ein Schiff und fahren nach Südamerika. Nach den Vereinigten Staaten kommen die Ostjuden schwer. Die erlaubte Zahl ist längst und oft überschritten. Panoptikum am Sonntag Eines Tages – es war ein Sonntag – wich die Scheu, mit der ich oft an dem Musée Grévin vorbeigegangen war. Es regnete in Abständen. Die Wolken, die aus Schwefel zu sein schienen, strömten ein gelbes Licht aus. Am Nachmittag bekamen die sonntäglich gekleideten Menschen den Ausdruck abgekämpfter, feierlicher und vergeblich auferstandener Schatten. Es war, als ob der Sonntag, zu dem sie ausgezogen waren, ausgefallen sei. An seiner Stelle befand sich eine Art verregneter und trüber Lücke, die den verflossenen Samstag vom künftigen Montag trennte und in der die verlorenen Spaziergänger umherschwankten, geisterhaft und körperlich zugleich und alle wie aus Wachs. Mit ihnen verglichen waren die wächsernen Puppen im Musée Grévin aufrichtigere Imitationen. Das gelbe Licht der Lampen in den fensterlosen Räumen, die niemals den Tag gekannt hatten, vermischte sich so innig mit dem Dämmer, der aus den Winkeln kam, daß beide aus dem gleichen Stoff zu sein schienen und Hell und Dunkel Geschwister. Die Gestalten der Geschichte und die bescheinigte Authentizität ihrer Gesichter, Bratenröcke, Kostüme, Zylinder; die Schatten, die sie wie zum Beweis ihrer Lebendigkeit auf den Fußboden warfen; die wächserne Starrheit ihrer Stellungen; und schließlich die unheimliche Stummheit, die lebende Zeitgenossen und längst Verstorbene gleichmäßig ausströmten: Das alles kam mir wie eine angenehmere Fortsetzung und Bestätigung jenes gelben Sonntags vor, den ich eben verlassen hatte. Manche Persönlichkeiten hielten den einen Fuß vorgestreckt, die Hose warf unter dem Knie ebenso lebenswahr unbeabsichtigte Falten wie über dem Hals das Kinn ein Doppelkinn, und hundert kleine Nachlässigkeiten des Schneiders und der Natur waren bemüht, selbst dem verstockten Zweifler die wahre Existenz der Figuren zu beweisen. Ja, der Zuschauer kam oft dazu, mit dem eigenen Wunsch die Absicht des Panoptikums zu unterstützen. Auf den Gesichtern der lebendigen Besucher wieder lagerte ebenfalls eine Stummheit, die aus Ehrfurcht, Schrecken und Staunen bestand, wie ein matter Widerschein jener Figuren. Niemand wagte laut zu sprechen. Alle flüsterten oder murmelten, als befänden sie sich wirklich in der Nähe der bedeutenden oder furchtbaren Persönlichkeiten und als könnten sie durch einen stärkeren Laut die Puppen zu einem unwilligen Fluch veranlassen. Ein Geruch von lange ungelüfteten Kleidern schwebte um alle Denkmäler und machte sie noch realer. Gleichzeitig aber mit der Furcht, die sie einflößten, fühlte man eine Art Mitleid mit ihnen, den ewig eingeschlossenen, und empfand es fast als ein Unrecht, daß ihre Vorbilder, die noch lebten, in der schönen freien Luft und an den grünen Tischen der Weltgeschichte atmen und handeln durften. Es war, als stünde hier im Panoptikum der wahre Poincaré zum Beispiel und draußen führe irgendwo in einem Auto zu einem offiziellen Ereignis der nachgemachte. Denn alles Wesentliche und Kennzeichnende schien die wächserne Puppe dem lebendigen Vorbild abgelauscht und weggenommen zu haben, so daß dieses ohne seine stabilen Züge in der Welt herumlief. Und ebenso wie die Zeitgenossen der Erde, so schienen die toten Heroen dem Jenseits entwendet worden zu sein; und für die Dauer meines Aufenthalts im Panoptikum war es mir klar, daß sich in der Unterwelt nur die billigen Durchschnittsschatten aufhalten konnten, die für die Geschichte wie für das Musée Grévin überhaupt nicht von Bedeutung waren. Im Sterbezimmer Napoleons auf St. Helena roch man das schwelende Licht, obwohl es von einer elektrischen Birne kam, und man erstarrte in Ehrfurcht vor dem doppelten Schweigen des Todes: dem metaphysischen und dem imitierten. Für die Ewigkeit festgehalten war die Ewigkeit selbst, und das Flügelrauschen des Todesengels hatte seine Flüchtigkeit verloren und war beständig geworden, eingefangen im Sterbezimmer. Die authentischen Gegenstände aus Napoleons Besitz, seine Taschenuhr zum Beispiel, die auf dem Nachttisch lag, strömten eine überzeugende Echtheit aus, wie Gewürze Düfte verbreiten. Jede kleinste Lücke zwischen den nachgemachten Tatsachen, in die etwa die Phantasie des Betrachters hätte schlüpfen können, war ausgefüllt mit einer nachgemachten Wahrscheinlichkeit zumindest. Also war die Wirklichkeit nicht nur imitiert, sondern sogar übertroffen. Es war eine Welt, in der jede körperliche Erscheinung der menschlichen Phantasie vorgriff, um sie überflüssig zu machen, und in der alles plastisch vorhanden zu sein schien, was man sich sonst mit geschlossenen Augen kaum in verschwimmenden Umrissen ausmalen darf. Die Schatten waren eben Körper geworden und warfen eigene Schatten. Über allem lag eine makabre Stimmung. Aber sie entströmte nicht so sehr den dargestellten Katastrophen (wie etwa der Christenverfolgung in Rom und der unterirdischen Welt der Katakomben), sondern viel eher der unerbittlichen Körperlichkeit, in die alle Ausgeburten der Phantasie hineingesprungen waren, dieser wächsernen Härte, umgeben von historisch unanfechtbaren Requisiten und diesem legitimen Geschichtsunterricht, an dem nicht mehr gezweifelt werden konnte, einfach, weil er aus Wachs war und gar nicht vom Fleck zu rühren. Es war wie eine Begegnung mit okkulten Erscheinungen, obwohl alles Okkulte und der Vernunft schwer Zugängliche rationalistisch präpariert allen irdischen Sinnen aufgedrängt wurde. Man konnte Wunder mit körperlichen Augen sehen und war infolgedessen ein bißchen niedergedrückt und in Sorge, die liebe Erde zu verlieren, auf der man so gerne glaubend und zweifelnd herumwandert. Nur in einer einzigen Abteilung – Palais de Mirages, im Märchenpalast also – war die Begegnung mit dem Wunderbaren nicht schrecklich, sondern heiter. In diesem Palast sind alle Wände und die Decke aus Spiegeln. In der Mitte stehen ein paar Säulen, deren Aufgabe es ist, nicht die Decke zu stützen, sondern sich selbst zu vervielfältigen. Es ist ein besonderes System drehbarer Spiegel, die ein unwahrscheinliches Getöse verursachen, sobald man sie in Bewegung bringt. Um das Getöse zu übertönen, veranstaltet ein Orgelmechanismus eine Opernmusik, die aus Porzellanhimmeln, Messingsphären und Stanniolplaneten zu kommen scheint. Eine Zeitlang ist es stockfinster. Eine Pause, die dazu dient, die erregten Sinne auf ein neues Märchen vorzubereiten, und allen Besuchern Gelegenheit gibt, die Körper ihrer vertrauten Begleiterinnen wie fremde Wunder im Finstern zu fühlen. Dann leuchtet es langsam auf, von hunderttausend Lampen und Ampeln, violett, gelb, grün, blau, rot, und man befindet sich im orientalischen Palast, der von durchsichtigen Säulen getragen wird. Vor einigen Minuten waren es noch dichtbelaubte Eichen und Ahornbäume, und man befand sich in einem deutsch-französischen Märchenwald mit Orgelgezwitscher. Bald dröhnt es wieder, und flugs stehen wir unter einem blauen Sternen- und Kometenzelt. Erst in diesem Palast gelangten die Besucher aus der flüsternden Furcht in ihre natürliche Spektakelfreude. Denn sosehr auch hier das Unwahrscheinlichste wirklich geworden war, so blieb doch diese von vornherein zugestandene Märchenhaftigkeit ein Kinderspiel, verglichen mit den Wahrscheinlichkeiten und Wirklichkeiten der menschlichen Geschichte. Es war keineswegs merkwürdig, aus dem Wald in die Alhambra mit einem Schlag versetzt zu werden. Aber unmöglich schien die Kreuzigung Christi, der Tod Napoleons, die Ermordung Marats, das Zirkusspiel der Römer. Ja, selbst die zeitgenössischen Politiker, deren Leistungen erst in hundert Jahren die panoptikale Reife erlangt haben werden, wirkten schon so, wie sie dastanden, im Bratenrock und Zylinder, unmöglich und gespenstisch. Wie wenige von all den Besuchern wußten, daß sie vor sich selbst erschrocken waren und eigentlich noch in den Straßen hätten erschrecken müssen vor ihrem eigenen Spiegelbild in einem Schaufenster! Da gingen sie wieder herum, aus Wachs und aus Gips, mit allen Schrecknissen des Panoptikums in der eigenen Brust, und eines jeden Seele war eine Folterkammer. Es regnete immer noch, schief und strichweise, die gelben Wolken galoppierten über den Dächern, und tausend Regenschirme schwankten unheimlich über den Köpfen der Unheimlichen ... Frankfurter Zeitung, 10. 6. 1928   Das Kind in Paris In allen Gärten spielen Kinder. Das Betreten der Rasen ist in einem Maß erlaubt, das den deutschen Besuchern beinahe schon sündhaft vorkommt. Und wenn etwas in einem der großen Parks und der kleinen Anlagen den Erwachsenen verboten ist, den Kindern ist es immer gestattet. Kinder dürfen in Paris auf Bänken stehen, durch Gitter kriechen, über Zäune klettern, Bälle in Blumenbeete werfen und Blumen pflücken. Spartanische Grundsätze in der Kindererziehung liebt der Franzose nicht anzuwenden. Dieses Volk, das so wenig Kinder zeugt und gebiert, achtet nicht nur im Kind die Zukunft des Landes, der Nation, der Welt – es liebt auch, ohne jede Überlegung, das Kind als Geschöpf, den werdenden Menschen, der noch halbes Tier ist. Im Jardin du Luxembourg, in den Champs-Élysées, im Louvre – überall sind die kleinen bunten Zelte zu sehen, in denen Marionettentheater gespielt wird. Auf niedrigen Bänken sitzen die kleinen Zuschauer, kleine Mädchen, wie Damen, mit Handschuhen, Hüten, kleine ritterliche Jungen. Kavaliere mit eleganten Bewegungen, die ihre Damen mit vollendeter Höflichkeit und tadellosen Manieren behandeln. Es ist ein getreues Abbild der großen französischen Gesellschaft. Die Kultur der äußeren Bewegung, der Grazie im Gang, im Stehen, im Sitzen haben alle diese kleinen Mädchen genau so wie ihre jungen Mütter. Die französischen Kinder benehmen sich mit der freien Selbstverständlichkeit der Erwachsenen. Das ist weniger eine Blut- und Rassen-Angelegenheit als Folge der liebevollen, warmen, hegenden Nachgiebigkeit der Erzieher. Das pädagogische Prinzip in Frankreich ist nicht: spartanische Strenge, sondern: romanische Freiheit der individuellen Anlagen – es ist nicht: Zucht, sondern: Sitte. In allen Gärten, auf allen Jahrmärkten, an besonderen Feiertagen auf allen freien Plätzen gibt es Karussells für Kinder . Mit diesem Spiel ist in sehr geschickter Weise die Erziehung des Kindes zur Geistesgegenwart verbunden: Der Karussellbesitzer hält kleine, an einem Stock locker hängende und leicht abzulösende kleine Ringe in der Hand. Alle Kinder auf den kleinen Schaukelpferdchen, in den winzigen Wagen sind mit Stäbchen ausgerüstet. Während sie an den Ringen vorbeifahren, versuchen sie sie abzulösen, gleichsam auf das Stäbchen zu spießen. Wer eine bestimmte Anzahl von Ringen hat, erhält einen Preis. Schon die Kleinsten, die Drei- und die Vierjährigen, nehmen an diesem Spiel teil. Sie lernen das schnelle Zugreifen, den Wert des Augenblicks, das geschwinde Sichbesinnen, das treffsichere Zielen. Es gibt schwerlich in Paris einen öffentlichen Park, in dem etwa das »Befahren der Wege mit Kinderwagen« verboten wäre. Kinder dürfen alles: in Museen, Paläste vordringen, Schwäne füttern und kleine Segelboote in den Zierteichen der Gärten schwimmen lassen. Diese weißen Segelschiffchen kauft man in allen Spielzeugläden, sie sind solide und ordentlich gebaut, mit allen Details der großen Schiffe ausgestattet, Fahrzeuge für Liliputaner. Man läßt sie schwimmen in den großen marmornen Bassins, steht stundenlang am Ufer und sieht zu, wie der Wind die Segelchen bläht, die kleine sanfte Strömung die Schiffchen zieht, wie zwei zusammenstoßen, wie jedes immer wieder zum Ufer heimkehrt. Dann stößt man sie mit langen Stangen wieder hinaus, auf das weite, glitzernde Rund des Wassers. Frankfurter Zeitung, 17. 3. 1929   Ehre den Dächern von Paris! Seit einigen Wochen läuft in Frankfurt der französische Tonfilm: »Unter den Dächern von Paris«, und obwohl an dieser Stelle, anläßlich der Uraufführung in Berlin, unser Berichterstatter in besonders auszeichnender Ausführlichkeit das außergewöhnliche Werk bereits gewürdigt hat, erscheint es uns dennoch notwendig, noch einmal darauf hinzuweisen. Uns ist, als müßte man durch wiederholtes Lob die noble Diskretion dieses Tonfilms all jenen liebenswert zu machen versuchen, die seit der Erfindung der tönenden Schatten in den Kinos der europäischen und amerikanischen Städte gezwungen werden, zu vergessen, wie edel heute noch die Stille sein kann und wie golden das Schweigen. Aber es bedürfte auch dieser propagandistischen Nebenabsicht nicht, damit wir die Stimme erheben, um den Preis der Stille zu verkünden; allein schon, um ihr zu danken, müßten wir sprechen. Die Handlung dieses Tonfilms entsteht ebenso aus der Atmosphäre der Stadt Paris, wie etwa ein Volkslied entsteht aus der Seele einer bestimmten Landschaft. Es ist, als gebäre der zitternde, ewig bewegte Nebel über den Dächern von Paris die Geschehnisse, die sich unter ihnen abspielen. Der leichte, graue Dunst über dem tänzelnden Gewirr der Schornsteine, der das erste Bild des Films überschwebt, gleicht einem Vorhang, der sich auflöst und in das Spiel verwandelt, das er in sich geborgen hat. Ist das Spiel dann zu Ende, so hat es nicht etwa aufgehört, sondern es ist wieder eingekehrt in den fruchtbaren Nebel, der sein Ursprung ist und seine Heimat. Ähnlich entstehen im Kosmos die Wellen und gehen wieder unter. Ähnlich entstehen Lieder und tauchen zurück in die ewigen Gründe der Melodien der Welt. Die Mustergültigkeit dieses Tonfilms beruht denn auch auf der Parallelität und der gesetzmäßigen Gleichnamigkeit des Films und des Gassenhauers, der die Handlung durchwirkt, begleitet und umsäumt. Die Bilder erheben sich aus dem Fluß der Melodie, und sacht und ohne Aufhören umschmeichelt sie die Konturen der Bilder. Alle alte, verfallene, ewig verfallende Süße des Pariser Volkslebens entströmt ihnen: der heitere Moder der kleinbürgerlichen Wohnungen hinter den langen Fenstern von schlanker, fürstlicher Noblesse; der Kaffee- und Schnapsgeruch der engen Bistros, der anmutigsten Sündenpfuhle der Welt, dieser Schenken, die keine Lasterhöhlen sind, sondern Lastergrotten aus dem Märchen. Die lächelnde Anmut der kleinen Mädchen überstrahlt die Gefährlichkeit ihrer kleinen Apachen, aus der Baufälligkeit der Mauern, die allein durch die Gnade des Wunders erhalten werden, glüht das alte neue Leben, und über dem hitzigen Zorn der Kämpfer leuchtet schon die Sonne der Versöhnung. Im lauschigen Rund der kleinen Plätze des Montmartre erklingt die Ziehharmonika, das Instrument der Armen. Ein Bettler, hockend im Winkel, handhabt es. Die langgedehnten Seufzer der Verlorenheit entlockt er ihm nicht, sie scheinen dem vielgefältelten Leib der Harmonika von selbst zu entweichen, und der Musikant ist eher bemüht, sie zu dämmen als sie hervorzurufen. Sie aber, die melodischen Stimmen der Armut, können gleichsam den Lauschern nicht widerstehen, die den Sänger und Verkäufer des Gassenhauers umringen, für alle Herzen im Rund, in denen die echten, aber stummen Seufzer verborgen sind, erklingen sie als Echo. Und die falschen Stimmen, die das Lied singen, und der kreischende Wohllaut des Instruments, der die Sänger ebenso begleitet, wie er den bewegten Tanz der Schornsteine auf den Dächern von Paris zu kommandieren scheint, ergeben zusammen den heiligen Choral der kleinen, heiteren Armut. Gereinigt durch den Gesang, die Ziehharmonika, die lauschende Andacht sind sie alle, und eingeschlossen im Ring des kleinen Platzes, der die Strophen des Gassenhauers ebenso zärtlich umrandet wie das Rund der Zuhörer. Auch den Taschendieb noch, der die Versunkenheit der fetten Portiersfrau schmählich, aber auch schelmisch mißbraucht, um ihr Handtäschchen zu leeren, bindet die Musik an sein Opfer. Um so mehr noch sein Verrat an der Kameradschaft der Lauscher als sein Diebstahl beleidigt unser Gewissen. Er macht sich weniger eines Verbrechens schuldig als gleichsam eines Sakrilegs: Er stört die Andacht, er unterbricht die Weihe des Orts und der Begebenheit; er schändet die Religiosität dieses »Milieus«. Sieh, wie sie die letzte Zigarette teilen, um gleich darauf in Streit zu geraten, um wiederum gleich darauf einander in die Arme zu fallen! Welch zärtlicher Pomp der Pantoffeln, die der Verliebte seinem Mädchen kauft! Wie viele Jahre des Ekels und der Gleichgültigkeit im Ehebett der alten Portiersleute und wieviel sinnliche Süße in jener ersten Liebesnacht zwischen den jungen Leuten, die aus Keuschheit das Bett verachten, um beide am Boden zu schlafen! Wieviel rührende Treulosigkeit in dem kleinen Herzchen des kleinen Mädchens, das aus Verzweiflung über die Verhaftung des Freundes unmittelbar in die Flitterwochen mit dessen Kameraden fällt; ja, fällt! Denn es ist ein schönes, sachtes Fallen in ihrem Leben, sie gehorcht den Gesetzen von der Schwerkraft, die sie lächelnd befehlen, ein reizendes Geschöpf der Torheit, die vollkommenste Personifikation der weiblichen Schwäche. Es ist, als hörte man das sündige, dünne Stimmchen ihres roten Blutes. Sie fällt, sie fällt! Sie liebt, sie tanzt, man würfelt um sie, den lieben Gegenstand! Heute läßt sie sich erobern und morgen lediglich gewinnen. In ihrer schönen kleinen Brust sind ihres Zufalls Sterne. Die ganze Anmut der Verlorenheit ist in diesem Tonfilm. Keiner von allen, die hier spielen, wird diese Welt verlassen. Immer tiefer werden sie hinabsinken, eintauchen in den Berg der Jahre, die anrollen, unaufhörlich, lächelnd, im Gesang der Ziehharmonika. Die Wehmut wird immerdar die Schwester ihrer Freuden sein. Sie werden immer trinken, lieben, würfeln, stehlen. Ihr Schicksal ist unerbittlich. Das gibt dem Film die Trauer. Aber die Unerbittlichkeit ist eingetaucht in Milde, sie ist gleichsam geradezu erbittlich. Deshalb ist der Film so heiter. Frankfurter Zeitung, 28. 10. 1930   Man tauscht Kinder aus Seit vielen Jahren findet – wie man allgemein weiß – zwischen Frankreich und Deutschland der sogenannte »Kinder-Austausch« statt. Vor der Ankunft Hitlers bestand sogar der Plan, eine »deutsch-französische Einjahres-Schule« zu errichten, die im Oktober 1933 (in Berlin und in Paris) eröffnet worden wäre. Die maßgebliche Stelle, die sich mit dem Schüler-Austausch beschäftigte, hieß in Berlin bis nun: »Gesellschaft für konationale Erziehung«. Nunmehr, das heißt, im Dritten Reich, lautet der Name der Stelle:» Gesellschaft für Schüler-Austausch«. An die Spitze dieser also umgetauften Gesellschaft tritt freilich, soviel man hört, nicht etwa eine ganz neue »nationale« Persönlichkeit, sondern eine frühere Mitarbeiterin der »Gesellschaft für konationale Erziehung«, eine Mitarbeiterin, die selbstverständlich der nationalsozialistischen Partei beigetreten ist. Das Dritte Reich wünscht nachdrücklich, den deutsch-französischen Schüler-Austausch fortzusetzen . Die Berliner Gesellschaft für Schüler-Austausch »verspricht, keine Politik zu machen«. (Es kämen statt dreier sogenannter »Ferienlager« in jedem Land nur je eines in Frage.) Von den deutschen Lehrkräften, die bis jetzt in den deutsch-französischen Ferienschulen beschäftigt waren, sind die meisten hinausgeworfen. (Kein Zweifel, daß es Juden sind, »Juden« zumindest im Sinne der Rassenlehre.) Kein Zweifel auch, daß just diese Ausgeschalteten die eifrigsten Kämpfer der »konationalen Erziehung« jahrelang gewesen sind. Man kennt sie in Frankreich. Man weiß, was sie geleistet haben. Man weiß es auch in Deutschland. Aber gerade deshalb wirft man sie hinaus. Nun, die leitenden Persönlichkeiten der Schüler-Austausch-Gesellschaft in Frankreich sind selbstverständlich nicht abgesetzt. Und die französischen Männer, die bis nun mit den wahren Freunden Frankreichs über den Austausch der Kinder zu verhandeln hatten, werden nunmehr mit den Feinden des französischen Volkes und der französischen Kinder verhandeln müssen. Sie werden mit den bestialischen Gläubigen des Dritten Reiches und Hitlers verhandeln, der da geschrieben hat, die französische Rasse sei negroid, verjudet und minderwertig. Die ahnungslosen Nachkommen dieser selben Rasse aber werden höflichst eingeladen, in die Pestbaracken und Konzentrationslager des Dritten Reiches zu kommen. Was sollen sie dort lernen? Die deutsche Sprache? – Vom »Völkischen Beobachter« etwa? – Von Hitler vielleicht? – Von Goebbels oder Göring?! – Von den Dichtern des Nationalsozialismus?! – Wehe der Generation, die dieses borussische Deutsch als die Sprache Goethes gelernt hat! Was die französischen Kinder im Dritten Reich lernen können, ist dies: Handgranaten werfen, Juden anspucken, die lateinischen Völker verachten (also die eigene Nation), die Brutalität achten, den Verrat, die Ungerechtigkeit und die Rechtlosigkeit. Wenn man Deutschland liebt, so wünscht man nicht, es möge von französischen Kindern gesehen werden in den Stunden der Schmach und der Finsternis. Wenn man Frankreich liebt, möchte man dessen Kinder bewahren vor der Gefahr, das Horst-Wessel-Lied zu singen, Mörder und den Mord zu ehren, das Kreuz zu verachten und es zu einem Hakenkreuz zu verkrümmen, im Stechschritt zu marschieren, Gott und die Menschheit zu lästern! ... In Pestbaracken schickt man keine Kinder! ... Die Generosität des französischen Volkes ist so groß, sein Glaube an die unzerstörbare Ewigkeit des Menschlichen so stark, daß man sich nicht wundert, wenn man sieht, daß es, voller Vertrauen auf die endgültig siegreiche Kraft des Humanen, arglos scheinbar, einen Kinderaustausch weiter betreibt, so, als wäre Deutschland noch Deutschland, wie Frankreich Frankreich ist, als wäre die Sprache im Dritten Reich noch eine deutsche Sprache, die man lernen könnte und müßte – und nicht das barbarische Gestammel und Gemauschel, gemischt aus borussischem Kauderwelsch, Deutschem Reichspatent-Jargon der Inserate für Kölnisch-Wasser und Jagdpatronen in den illustrierten Zeitungen und dem finsteren Geplauder der älteren und der neuerdings bekehrten Rasse- und Revolutionsmystiker. Was nun die deutschen »ausgetauschten« Kinder betrifft, die ein paar Wochen mit ihren rührenden, ahnungslosen Augen ein Land sehen werden, in dem kein Kreuz verkrümmt, kein Jude bespuckt und erschlagen, kein Sozialist oder Pazifist in ein Konzentrationslager gebracht wird; ein Land, in dem man gehen darf, wie man will, und nicht marschieren muß; ein Land, in dem der einzelne Mensch geachtet wird und das einzelne Kind beinahe ehrfürchtig verehrt: Diese deutschen »ausgetauschten« Kinder werden ein paar Wochen später, heimgekehrt und in »Stoßtrupps« eingereiht, von ihren Lehrern und Erziehern erfahren, daß Frankreich ein verruchtes, verjudetes und vernegertes Land sei: wie es in Adolf Hitlers Buch geschrieben steht, nie mehr abzuleugnen; schwarz auf weiß. Wenn die französischen Kinder Deutsch lernen sollen: Es gibt ein Land, in dem man seit Walther von der Vogelweide gutes Deutsch spricht; und dieses Land ist Österreich . Ein Land, das deutsch war, als man in der Mark Brandenburg noch jenes Kaschubisch sprach, das die Preußen von heute verlernt haben, ohne das Deutsch zu kennen, dessen patente Vertreter sie sein wollen: Keine Kaschuben mehr und noch keine Deutsche! Man organisiere einen französisch-österreichischen Kinder- Austausch! In Österreich werden die Kinder Frankreichs ein wahres, freies Deutsch lernen! Und auf ihren jungen Seelen wird nicht die unselige Last ruhen: ein Land gesehen zu haben, in dem es nach Mord und Brand riecht: ein undeutsches Land. Das Neue Tage-Buch (Paris), 29. 7. 1933   Der Mythos von der deutschen Seele I In den Mythos von der »deutschen Seele« haben sich die ratlosen okzidentalen Intellektuellen geflüchtet. Sie haben sich vor den verwirrenden Spektakeln geflüchtet, die ihnen die deutsche Geschichte bietet. Aber verworrener noch als der Aspekt dieser Geschichte ist die Flucht ihrer Beobachter. Es gibt, wie jedermann weiß, ganz bestimmte, den Geographen wohlbekannte Gegenden, in denen die Magnetnadel selbst sozusagen ihre eigene Richtung verliert. Trotzdem wird die Bussole noch kein sinnloses Instrument. Denn es gibt nichts Ungesetzliches in dieser Welt; lediglich Überraschendes. Was aber hätte man von jenen Forschern und Weltfahrern gesagt, die, verblüfft von dem angeblichen Versagen der Magnetnadel, nicht getrachtet hätten, die natürlichen Ursachen dieses Versagens zu ergründen? Wenn sie sich dem Wahn hingegeben hätten, die Bussole sei »unergründlich mystisch« geworden? Es ist nichts Mystisches darin, daß in bestimmten Gegenden die Magnetnadel von ihrer Richtung abweicht. Und es ist nichts Mystisches darin, daß in bestimmten nationalen Regionen der Intellekt irregeführt wird. Es ist, wie gesagt, eine bequeme Ausflucht, zu behaupten, daß hier eine außernatürliche Gesetzlosigkeit vorliege. Diese Ausflucht ist gefährlich, wie jede Flucht. Aber gefährlicher noch ist es, daß sie eine Legende gebiert, nämlich die von der faktischen Unergründlichkeit eines Problems und jene »Da-ist-nichts- zu-machen«-Stimmung, in der man eben dem »Unergründlichen« entgegentritt. Es gibt bereits – besonders in Frankreich, dem klassischen Lande der Vernunft, das eine unglückliche Liebe zum Wahn hat und das sich einbildet, in jedem deutschen Nebelfetzen die wahrhafte Walpurgisnacht zu greifen – die unselige Legende von der »germanischen Seele«. Keine geistige Verwirrung ist schwieriger zu korrigieren als ein geistiger Kollektiv- Snobismus. Die »germanische Seele« ist endgültig definiert als etwas Undefinierbares, und damit basta! Auf die historischen Tatsachen kommt es ebensowenig mehr an wie auf die täglichen, stündlichen, aktuellen. Man hat sich daran gewöhnt, die schändlichen Theaterszenen, die Deutschland von Zeit zu Zeit aufführt, durch jenes Lorgnon zu betrachten, das man in die Wagner-Opern mitnimmt. Der okzidentale Diplomat und Journalist sogar fährt nach Deutschland in der Stimmung etwa, in der ein Theaterbesucher in das Taxi steigt, um sich den »Ring des Nibelungen« anzuschauen. Dieser äußerst bequeme, ja lässige Snobismus nährt sich von der Mythologie. Die okzidentalen Politiker, Diplomaten, Journalisten treiben Germanistik, nicht Politik – und in der Tat sind nicht wenige von ihnen Germanisten von Beruf. Im Grunde sind sie herzlich gern geneigt, die Edda zu interpretieren, während sie dafür bezahlt werden, die Aktualität zu betrachten und zu erklären. Sie bringen das Kunststück fertig, in einem vulgären Hausmeister, der ein Gestapo-Beamter geworden ist und also gegen Bezahlung morden kann, tatsächlich einen Fasolt, einen Fafnir oder Gott weiß wen zu sehen, in einem gescheiterten Tapezierer zum Beispiel den Siegfried, in einem miserablen Literaten, gegen dessen Hand sich die Feder, die sie hielt, so gewaltsam sträubte, daß er gezwungen war, sich dem wehrlosen Lautsprecher zuzuwenden, womöglich den Loki. Sie sehen in braven Briefträgern, die zum »Arbeitsdienst« gezwungen werden, lauter Nibelungen, Kriemhild in jeder törichten Delikatessenhändlerstochter, die in der Hitler-Jugend tiefe Kniebeugen machen muß, und sobald das deutsche Radio ertönt, glauben sie, die Posaunen Richard Wagners zu vernehmen. Die – ebenfalls verkehrte oder zumindest verquerte, vor einigen Jahren noch gültig gewesene – Auffassung vom »faustischen Drang« des »deutschen Menschen« tritt immer mehr in den Hintergrund zugunsten jener anderen, vom »nordischen«, den man zeitgemäß allerdings mit dem Wort »Dynamik« bezeichnet. Ein Wunder, daß man die braunen Hemden der SA-Leute nicht einfach Bärenfelle nennt. Diese Art, die deutsche Welt zu betrachten, kennen die heute regierenden Deutschen selbst genau, und sie wissen sie auszunützen: nach innen und nach außen – was bedeutend gefährlicher ist. Sie arrangieren eine Wagnersche Szenerie und machen also eine den Ausländern genehme Oper aus der vulgären Nutz-Politik. Sie kommen dem romantischen Bedürfnis jener törichten Beobachter aus fremden Ländern entgegen, die eine barbarische, simple, gemeine Hinrichtung eines Arbeiters oder einer Frau »durch das Beil« am liebsten vom Standpunkt des Theaterbesuchers betrachten möchten. Denn es ist bequemer, und es liegt in der menschlichen Natur, das allzu Grausame für ein Spiel zu halten. Entweder man schließt die Augen davor, oder man hält ein Opernglas vor die Augen. Man möchte lieber deuten als sehen, schauen, beobachten. Es gibt in der deutschen Geschichte – und besonders in der Literaturgeschichte – Anhaltspunkte genug für eine poetische Auslegung und Auffassung der grausamen deutschen Wirklichkeit. (Auch die Kunst kann unmenschliche Folgen zeitigen.) Nicht umsonst liebt Hitler Wagners Opern oder gibt es vor, sie zu lieben. Ich glaube nicht, daß er ihren musikalischen Wert schätzt. Er liebt ihre Symbolik – eine falsche Symbolik, nebenbei gesagt – und ihren plakat-politischen Charakter. Vielleicht liebt er Wagner gar nicht. Er ist vielleicht nur von diesem genialen Laut-Sprecher ebenso abhängig wie von jenem minderwertigen, den er zu seinem Propaganda-Wagner ernannt hat. II Es ist kein Zweifel, daß ein großer Teil der Gleichgültigkeit, welche die Welt den erschreckenden deutschen Symptomen entgegenbringt, zurückzuführen ist auf den Wagner-Snobismus Europas. Man sieht den gemeinen Mord in einem bengalischen Licht. Das Blut, das rot aus der Wunde strömt, bekommt also eine distanzierende violette Tönung gleichsam, und das Opfer wie der Mörder sehen beide so aus, als warteten sie nur auf das Niedergehen des Vorhangs, um sich hinter den Kulissen gegenseitig freundschaftlich den Schmerz, die Wunde und den Hals abzuschminken. Die Deutschen haben die Fähigkeit, seit jeher, mit Musikbegleitung zu töten. Aber deshalb sind sie noch lange keine »nordischen Barbaren«. Unter Friedrich dem Großen vollzog sich das berüchtigte Spießrutenlaufen so, daß die zwei Reihen prügelnder Soldaten, zwischen denen der Delinquent durchlaufen mußte, laute Lieder zum Takt ihrer Schläge sangen, damit sie selbst, die Henker, das Geschrei ihres Opfers nicht hörten. Diese Art Barbarei hat mit der nordischen Grausamkeit ebensowenig zu tun wie mit der nordischen List. Sie stammt keineswegs aus der Edda, sondern aus dem preußischen Dienstreglement. Und die »Stimmung«, die aus dem architektonischen Dekor Nürnbergs über die ausländischen Gäste der Nürnberger Parteitage strömt, hat ebensowenig mit Hans Sachs zu tun – dem echten, meine ich, nicht jenem aus den »Meistersingern« – wie der Berliner Kurfürstendamm mit Wodan und wie Baldur von Schirach, der in Paris eingeladen wird, Vorträge über Goethe zu halten, mit dem mythologischen Baldur, mit Goethe und mit Paris. Ja, der politische Terror, den Hitler gegen seine europäischen Kollegen ausübt, ist noch begründet in dem unbewußten oder unterbewußten romantischen Irrtum der Welt, daß der Herr Gustav Schulze aus Magdeburg, der sich von Haferflocken nährt, wenn er Bauchweh hat, und von Leberwurst, wenn er gesund ist, ein Ritter und Gefolgsmann der Wikinger zumindest sei. Ja, noch die Uniform aus »Ersatzstoff«, in die Schulze gezwängt wird, sieht bei Fackelbeleuchtung aus wie eine Rüstung aus Stahl, und der arme Journalist, der weder die Edda noch das Nibelungenlied, noch die Gudrun gelesen hat, dafür aber alle die Ammenmärchen von der »germanischen Seele« kennt, kommt nach Deutschland endgültig präpariert, um in dem Deutsch aus Papiermaché, in dem die deutschen Führer sprechen und schreiben, den althochdeutschen Stabreim zu entdecken. Ein lächerlicher Theaterschimmer, den die Menschen für die »deutsche Wirklichkeit« halten, verdeckt die wahre deutsche Wirklichkeit – nämlich die »Pleite« – dermaßen, daß man angefangen hat, die deutsch-jüdische Metapher »Pleitegeier« für den berühmten Raben von Wodan zu halten. Die Gefahr besteht eben darin, daß die jüdischen Bankiers von London dem Raben Wodans mehr Kredit geben als dem »Pleitegeier« jenes berüchtigten Schacht, der nicht umsonst den nordischen Vornamen Hjalmar trägt ... Die deutsche Wagner-Maskerade ist, wie man sieht, vollkommen: Die Täuschungen »Baldur« und »Hjalmar« sind bezeichnend. (Es sind keine Vornamen.) Die preußische Symbolik ist genauso billig, wie die romantische Leichtgläubigkeit der okzidentalen Europäer groß ist. Der mechanisierte Geist, der preußische »Drill«, hat sich mit der germanischen Mythologie drapiert. Und das, was man die »europäische Welt« nennt, ist ihm, wie man nicht nordisch, aber richtig sagt: »hereingefallen«. Das Neue Tage-Buch (Paris), 12. 3. 1938   Rast angesichts der Zerstörung Gegenüber dem Bistro, in dem ich den ganzen Tag sitze, wird jetzt ein altes Haus abgerissen, ein Hotel, in dem ich sechzehn Jahre gewohnt habe – die Zeit meiner Reisen ausgenommen. Vorgestern abend stand noch eine Mauer da, die rückwärtige, und erwartete ihre letzte Nacht. Die drei anderen Mauern lagen schon, in Schutt verwandelt, auf dem halb umzäunten Platz. Wie merkwürdig klein schien mir heute dieser Platz im Verhältnis zu dem großen Hotel, das einst auf ihm gestanden hatte! Man müßte glauben, ein leerer Platz sei weiter als ein bebauter. Aber wahrscheinlich kommen mir die sechzehn Jahre, nun sie vergangen sind, so köstlich vor, ja, von Kostbarem erfüllt, daß ich nicht begreifen kann, wie sie auf einem so kargen Platz abrollen konnten. Und weil das Hotel jetzt ebenso zerschmettert ist wie die Jahre, die ich darin verlebt habe, verronnen sind, erscheint mir in der Erinnerung auch das Hotel weit größer, als es gewesen sein mochte. An der einzigen Wand erkannte ich noch die Tapete meines Zimmers, eine himmelblaue, zart goldgeäderte. Gestern schon zog man ein Gerüst, auf dem zwei Arbeiter standen, vor der Wand hoch. Mit Pickel und Steinhammer schlug man auf die Tapete ein, auf meine Wand; und dann, da sie schon betäubt und brüchig war, banden die Männer Stricke um die Mauer – die Mauer am Schafott. Das Gerüst ging mit den Arbeitern nieder. An beiden Rändern der Mauer hingen die Strickenden herunter. Jeder der beiden Männer zog an je einem Strickende. Und mit Gepolter stürzte die Mauer ein. Eine weiße, dichte Wolke aus Kalk und Mörtel verhüllte das Ganze. Aus ihr traten jetzt weißbestaubt, gewaltigen Müllern ähnlich, die Steine mahlen, die zwei Männer. Sie kamen mir geradewegs entgegen, wie jeden Tag, ein paarmal am Tage. Sie kennen mich, seitdem ich hier sitze. Der jüngere deutete mit dem Daumen über die Schulter rückwärts und sagte: »Jetzt ist sie weg, Ihre Tapete!« – Ich lud beide ein, mit mir zu trinken, als hätten sie mir eine Wand aufgebaut. Wir scherzten über die Tapete, die Mauern, meine teuren Jahre. Die Arbeiter waren Demoliseure; Niederreißen war ihr Beruf, für Aufbauen kamen sie niemals in Betracht. »Und das ist recht so«, sagten sie. »Jedem sein Beruf und jedem sein Verdienst! Dies ist der König der Demolierer«, sagte der jüngere. Der ältere lächelte. So heiteren Sinnes waren die Zerstörer; und ich mit ihnen. Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Hier sitze ich am Wanderstab. Die Füße sind wund, das Herz ist müde, die Augen sind trocken. Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und gütig, der Schrecken schmettert heran und kann nicht mehr schrecken. Und dies ist eben das Trostlose. Unfaßbares geschieht, die Hand bleibt ruhig und greift nicht an den Kopf. Rechts neben mir liegt das kleine Postamt, der Briefträger tritt heraus und legt mir Briefe auf den Tisch, böse Briefe meist; als das Hotel noch stand, pflegte er mir gute zu bringen. Eine Frau kommt – geliebt, und ich lächle, Abglanz eines alten Lächelns, nach dem ich mich auch nicht mehr sehne. Ein Greis in Hauspantoffeln schlurft vorbei, und ich beneide ihn um sein Recht, Greis zu sein und zu schlurfen. Lärmfrohe Gäste stehen um den Schanktisch, sie streiten sich munter. Sie tragen unvereinbare, freilich eng miteinander verwandte Meinungsverschiedenheiten aus: Feuerzeuge, Radioapparate, Rennpferde, Gattinnen, Automobilmarken, Aperitifs und manch anderes, was Gemüter ernstlich beschwert. Ein Chauffeur tritt ein. Der Kellner gibt ihm Rotwein. Das Taxi wartet. Der Chauffeur trinkt. Bald steht er allein, der Wirtin gegenüber an der Theke. Der Kellner hängt eine leere Blechbüchse an ein Autorad. Die Gäste lachen. Sie fordern von mir, daß ich mitlache. Warum nicht? Ich stehe auf und lache. Wer lacht denn da aus mir? An meinem Tisch wartet das sanfte, große Elend. Wart, ich lache nur ein bißchen! Schräg gegenüber steht der Friseur, weiß wie eine Kerze, vor der Tür. Bald werden Kunden kommen, nach des Tages Arbeit werden sie kommen, wenn mir der Händler die Abendzeitungen bringt, jene, in denen von heißen Gefechten und kaltem Blut die Rede ist und die sich – man sollte es nicht glauben – dennoch wie riesengroße, abendmüde Friedenstauben raschelnd auf die Tische der Terrasse heimretten. Den ganzen Schrecken der Welt enthalten sie, den Schrecken des ganzen grausigen Tages, davon sind sie so müde. Wenn die ersten silbernen Laternen glimmen, kommt gelegentlich ein Vertriebener, ohne Wanderstab, ganz, als wäre er zu Hause, und so, als wollte er in einem Atem zu erkennen geben, daß er zu Hause sei, wie daheim, aber auch durchaus in der Fremde heimisch, sagt er: »Ich weiß, wo man hier gut und billig essen kann.« Und es ist gut so, daß er es glaubt. Es ist gut, daß er unter der silbernen Lichterschnur der Laternen dahingeht und nicht den jetzt, in der anbrechenden Nacht, immer gespenstischer bleichenden Kalk auf dem Platz gegenüber sieht. Nicht alle müssen sich an Schutt gewöhnen und an zerpulverte Mauern. Der Heimatlose hat die Zeitungen mitgenommen. Er will sie im guten, billigen Restaurant lesen. Vor mir der Tisch ist leer. Das Neue Tage-Buch (Paris), 25. 6. 1938   Die Kinder der Verbannten I In dieser Zeit, in der Tiere über Menschen herrschen und diese, offenbar, um sich bei jenen einzuschmeicheln, sich in Tierschutzvereinen zusammenschließen, hat es vielleicht nur wenig Sinn, von Kindern zu sprechen; besonders von den Kindern der Emigranten. Aber immerhin scheint mir noch eine vage Aussicht vorhanden, daß ein paar Menschen, selbst wenn es ihnen lieber wäre, von Papageien und Schäferhunden zu hören als von Flüchtlingen, noch nicht imstande sind, eine Gleichgültigkeit gegenüber Kindern aufzubringen, die geradezu aus ihren Wiegen vertrieben worden sind wie die Älteren aus den Häusern. Vielleicht ist es nicht ohne Nutzen, einmal zu zeigen, daß eine gewisse Kategorie von Kindern den altbekannten sogenannten »unschuldigen Kinderblick« nicht mehr hat; die Meduse, der sie begegnet sind, hat eben den Ausdruck ihrer Augen verändert. Ich habe (allzuoft) Gelegenheit, mit Emigrantenkindern zusammenzusein. Manchmal treffe ich sie im Wartezimmer der Polizei-Präfektur, wo sie, die so lange gewandert sind, endlich einmal warten dürfen: auf Anweisungen, Ausweisungen, Zuweisungen, Abweisungen, Rückweisungen. Ich gestehe, daß ich mich gern in derlei Wartezimmern aufhalte. Der Kinder wegen, aber auch des Leides wegen, das sich hier versammelt. Der gehäufte Schmerz erst wird erträglich. Zuerst, als ich anfing, mich mit dem Leid vertraut zu machen, das die Gastfreundschaft beschert, hatte ich allen Anlaß zu glauben, daß die Kinder nichts oder nur sehr wenig von dem Unglück wissen, das ihren Eltern beschert ist. Und gerade wegen ihrer Unwissenheit liebte und beklagte ich sie alle mehr als ihre Eltern. Man ist leicht geneigt zu glauben, daß ein unwissendes menschliches Wesen, ein Kind mit dem »unschuldigen Kinderblick« eben, mehr leidet als ein Erwachsener, der sieht und weiß. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich die bittere Erfahrung machte, daß die Kinder mehr wußten als ihre Eltern! Und um wieviel stärker wurde da mein Schmerz um sie! Denn – gibt es Schmerzlicheres, als wissende Kinder zu sehen? Sie wissen mehr als ihre Eltern. Sie sehen so scharf und unerbittlich, daß mir vielmehr die Eltern einen unschuldigen Kinderblick zu haben scheinen. Man ermesse daran, in welch einer Zeit wir leben! Die Kinder wissen – und die sie gezeugt haben, scheinen ahnungslos neben ihnen. Ahnungslos, wie sie in ihr fürchterlich von ihnen selbst vorbereitetes Geschick gefallen sind, stehen sie neben ihren wissenden Kindern, deren unerbittliches Auge beinahe nicht mehr die Klage gegen die Vergehungen ihres Erzeugers ausdrückt, sondern bereits die Verzeihung. Im folgenden gebe ich zum Beweis ein Gespräch wieder, das ich mit dem achtjährigen Sohn eines österreichischen Schusters im Wartezimmer der Polizei-Präfektur führen durfte. Der Vater wurde ins Büro gerufen, um angewiesen, ausgewiesen, eingewiesen oder hergewiesen zu werden. Er bat mich, den Kleinen zu bewachen. II »Kannst du schon Französisch?« fragte ich. »Bald«, sagte er, »ich bin schon 3 Monate hier.« »Willst du hierbleiben?« »Ich weiß nicht. Ich bin zu klein, um zu entscheiden.« »Warum seid ihr denn weg aus Wien?« »Wegen der Rassengesetze. Meine Mutter ist Jüdin.« »Und warum hat sich dein Vater nicht scheiden lassen?« »Er liebt meine Mutter. Ich auch.« (Lange Pause, dann:) »So was gibt's!« »Hast du den Führer gesehen?« »Ja!« »Wie gefällt er dir?« »Sie sind vielleicht ein Spitzel?« »Nein! Ich bin ja hier mit deinem Vater.« »Spitzel können alles!« »Ich bin aber kein Spitzel.« »Das sagen alle in Wien, sogar in Ottakring, wo wir gewohnt haben.« »Was willst du machen?« »Schießen am liebsten.« »Auf wen?« »Auf die Schießhunde.« »Wo findest du sie?« »Überall! Vielleicht sind Sie auch einer.« »Möchtest du mit mir in den Zirkus?« »Nein! Wer denkt jetzt an Zirkus?« In diesem Augenblick kam der Vater, der Schuster, der – o Wunder! – seine Frau liebte, aus dem Büro des Polizeibeamten. Er hatte nur eine Anweisung bekommen, keine Rückweisung. Er war heiter. Seine Augen hatten den »unschuldigen Kinderblick«, jenen Kinderblick eben, der, sobald er in die Augen von Erwachsenen eintritt, diese zur Torheit nicht nur verpflichtet, sondern auch verdammt. Er gab mir die Hand und dankte mir dafür, daß ich ihn in die Polizei begleitet hatte. Auf einmal hatte ich die Empfindung, daß ich ihm sagen müsse: »Paß auf! Laß dich von deinem Sohn an der Hand führen!« Aber ich sagte nur zu dem Kleinen: »Lassen Sie Ihren Vater nicht einen Augenblick allein!« »Ich weiß, ich weiß!« antwortete er. Und er winkte mir zu, klein, schmächtig, ein Bürschchen – und ein Greis. III Eben sehe ich in einigen Zeitungen folgendes Photo: Ein englisches Kind, das angeblich seit zehn Uhr auf Chamberlain und dessen Gattin gewartet hatte, kommt endlich am Nachmittag dazu, dieses Ehepaar zu begrüßen und dem Premierminister seinen Dank im Namen der englischen Kinder für seine Friedensreisen nach Deutschland zu überbringen. Es ist ein reizendes, kleines englisches Mädchen. Gott bewahre es vor dem Wissen, das den achtjährigen Sohn meines österreichischen Schusters getroffen hat. Die Zukunft (Paris), 12. 10. 1938   Im Bistro nach Mitternacht In dem Bistro, in dem ich jeden Tag nach Mitternacht zu sitzen pflege, verkehren die sogenannten kleinen Leute aus dem Quartier: Briefträger, die den ganzen Tag gearbeitet haben, Polizisten, die im Begriff sind, den Nachtdienst anzutreten, und vorher noch einen schwarzen Kaffee mit Kirsch trinken (denn es handelt sich darum, nicht nur wach zu bleiben, sondern auch in der Laune, wach zu bleiben). Kellner, die vom Dienst heimkehren, Schauspieler, deren Theater eben geschlossen worden ist, auch die Kulissenschieber dieses Theaters, Chauffeure, deren Halteplatz sich just vor meinem Bistro befindet und zufällige Passanten, die eigentlich nur ein harmloses Paket Zigaretten zu kaufen eingetreten waren, aber, verführt von dem verwirrenden, um nicht zu sagen: bunten Anblick der Gäste vor der Theke und den mehrfarbigen Getränken, die vor ihnen stehen, bleiben auch sie, die um harmlose Zigaretten gekommen sind, vor der Theke stehen, trinken und mischen sich ins Gespräch. Wir Einheimische betrachten sie mißtrauisch. Seit vielen Jahren treffen wir uns jede Nacht vor dieser Theke, und es ist ungefähr so, als wären wir vertraute Reisegenossen in einem Kupee geworden, in dem wir seit vielen Jahren dahinrollen und plötzlich stiegen wildfremde Reisende ein. Dennoch gelingt es dem und jenem, unsere Sympathie zu gewinnen, dermaßen, daß nach einer feindseligen Stille das Gespräch wieder anfängt, aufklingt, könnte man sagen. Denn nichts kann uns mehr ermuntern als die plötzliche Einsicht, daß der Eindringling, aus einem fremden Bezirk eingebrochen, lediglich um Zigaretten zu kaufen, eigentlich auch in unserem Quartier zu leben wohl geeignet wäre. Hierauf, nachdem wir durch Blick-Einhelligkeit festgestellt haben, daß er an der Theke bleiben dürfe, setzen wir unseren Gedankenaustausch fort. Ich gebe hier, ungefähr wörtlich, einen Ausschnitt aus einer unserer nächtlichen Konferenzen wieder: Der Briefträger, ein schmächtiger Mann auf hurtigen Beinen, wie es sich für seinen Beruf gehört, sagte zuerst: »Ich sage euch, es wird ein böses Ende nehmen, wenn die Welt so weitergeht. Sehen Sie hier, wir stehen hier, wir trinken; ob wir es noch in einem Jahr werden tun können?« »Ganz gewiß«, sagte ein Mann, der wie ein Buchhalter aussah; das heißt: ruhig, seiner Pension gewiß, seines bescheidenen Bankkontos sicher und dennoch von einer ganz vagen Angst geplagt, es könnte sich plötzlich verflüchtigen. Sein Optimismus war gewissermaßen nicht die Folge seiner Sicherheit, sondern eine Beschwörung seiner Befürchtungen. »Jetzt wird man Ruhe haben. Ich fürchte mich nicht.« »Ich fürchte mich wohl«, erwiderte der Kulissenschieber. »Ich fürchte mich vor dem Tod. Man wird nicht mehr hier vor der Theke stehen und trinken können. Ich fürchte mich aber noch viel mehr vor dem Leben. Ja, ich fürchte mich selbst vor dieser Stunde, jetzt, da wir so heiter an der Theke stehen. Es ist mir so, als wäre es nicht wahr, daß wir heiter sind. Wenn Sie ein Kulissenarbeiter wären wie ich, hätten Sie wahrscheinlich genau die gleiche Empfindung. Es ist etwas vom Theater in unserem Leben. Dritter Akt vielleicht. Herr B. wird es bestätigen.« B., ein Schauspieler desselben Theaters, in dem der Kulissenschieber arbeitete, sagte: »Ja«, ohne Überzeugung. Er hatte gar nicht zugehört. Er bildete sich ein, ein Liebling des Publikums zu sein. Er glaubt also, ein einziges »Ja« aus seinem Munde, ohne Überzeugung ausgesprochen, um nicht zu sagen, ausgetönt, hätte bedeutend mehr Gewicht als sämtliche erregten Reden der anderen. Vielleicht war er auch deshalb ein wenig gekränkt, weil die anderen zu ausführlich gesprochen hatten. Denn er war lediglich seiner eigenen, inneren Hohlheit hingegeben, und er horchte nur auf deren taube Stimmen. »Ja«, sagte der Nachtkellner, »was nennt ihr die Welt eigentlich? Die Welt, von der ihr redet, besteht aus einer Handvoll Menschen. Sie lenken die Geschicke der Welt. Die Welt ist ihnen ausgeliefert. Wer weiß, welche privaten Interessen jeder einzelne hat? Ein Minister ist doch nicht nur ein Minister? Er ist ja auch ein Mensch. Er hat eine Frau, eine Geliebte, einen Sohn. Was hat ihn zu diesem oder jenem Entschluß bewogen?« Die zwei Polizisten, kräftig, prall, fast schienen sie ihre Uniformen zu sprengen, sagten gleichzeitig: »So ist die Welt. Aber man darf es nicht sagen.« Hierauf bestellten sie noch zwei Cafés mit Kirsch. (Sie haben ermäßigte Preise, einigermaßen.) »Keine Politik«, sagte der Herr, der wie ein Buchhalter aussah. Er zahlte und wollte gehen. Aber er stieß an der Schwelle mit unserem alten Chauffeur zusammen, den er haßte. Und um nicht zu verraten, daß er ihn haßte, kehrte der Buchhalter um. Dieser Chauffeur kommt jede Nacht in unser Bistro. Wenn er nicht so bejahrt wäre, könnte man sagen, er sei lieb Kind im Hause. Er ist nicht mehr »bejahrt«, man darf wohl von ihm sagen, daß er bereits »betagt« ist. Er war sein Lebtag Droschkenkutscher gewesen. Als aber die menschliche Periode, die Menschheitsperiode der Pferde aufgehört hatte, war er Chauffeur geworden. Und es ist ein Wunder, daß er es bleiben kann. Denn so, wie er einst gewohnt sein mochte, seine Pferde an jedem Brunnen Wasser trinken zu lassen, so hatte er selbst jetzt, vielleicht in heimwehmütiger Erinnerung an seine längst geschlachteten Tiere, die Gewohnheit angenommen, in allen Bistros einzukehren, an denen ihn seine Kreuz- und Querwege vorbeiführten. Er war geradezu ein Wunder, daß er so spät in der Nacht vermocht hatte, zu uns zu stoßen. Aber es war ein gewohntes, bereits ein alltägliches Wunder. Er nahm, wie gewöhnlich, sofort das Wort und sagte: »Verliert euch ja nicht alle in Kleinigkeiten! Redet mir nicht von Politik. Ich weiß, worin das Unheil der Welt besteht, weil ich ein Kutscher war. Das Gewissen nämlich, meine Herren, das Gewissen ist ausgelöscht. Es ist durch die Genehmigung ersetzt worden. Früher einmal hatte jeder lebendige Mensch sein eigenes Gewissen. Dem war er verantwortlich. Meine Pferde selbst noch hatten ihr Gewissen. Heute, sehen Sie, um Ihnen ein kleines Beispiel aus unserem Beruf zu geben: Außerhalb jener Nägel, die man über die Straßen gelegt hat, darf man einen Menschen überfahren. Wenn ein Zollbeamter einen gelähmten oder blinden Passagier an der Grenze aus dem Kupee herauszerrt, um ihn im Amtszimmer zu untersuchen, so spricht keine Spur von Gewissen aus dem Zollbeamten. Er hat nicht nur die Genehmigung; er hat sogar die Befugnis. Und dabei ist ja auch der Zollbeamte ein Mensch. Der Minister hat die Genehmigung, für sein Volk zu verhandeln. Die Genehmigung tötet sein Gewissen. Was gar die Diktatoren betrifft, so besteht das angebliche Rätsel ihrer Existenz darin, daß sie sich die Genehmigung selbst genehmigt haben. Sie wollen das Gewissen nicht nur betäuben, sondern auch töten. Haben sie auch! Die demokratischen Herren wollen es nur betäuben. Haben sie auch getan! Mit nachträglicher Genehmigung. Ich kenne die Pferde, meine Herren! Jedes Pferd hat gezögert, wenn ein Mensch über die Straße gelaufen kam. Mein Taxi zögert nicht. Meine Pferde hatten Gewissen. Mein Motor hat die Genehmigung. So sehe ich den Unterschied in allen Dingen. Zu meinen Zeiten, als ich noch Kutscher war, hatte sogar ein Diplomat Gewissen. Heute, da ich Chauffeur bin, hat sogar ein Abgeordneter nichts mehr als Befugnisse. Kein Gewissen mehr in der Welt! Kein Pferd!« So beendete er seine Rede – und alle lachten. Denn sie hielten ihn für angetrunken, und er war es auch. Und es entspricht außerdem den Menschen dieser Zeit, der Wahrheit unter anderem dadurch zu entgehen, daß sie, die selbst trunken sind, aus der Tatsache, daß ein Trunkener diese Wahrheit sagt, die Hoffnung schöpfen, er rede nur irre. Die beiden prallen Polizisten gingen. Zwei Uhr schlug es vom Senat. Und die Wirtin sagte: »Jetzt geht man schlafen.« Und sie begann, die Tische umzustülpen und die Stühle. Es sah aus, als ritten die Stühle nachtsüber auf den Tischen. Die Zukunft (Paris), 11. 11. 1938   Alte Kosaken Vor zwanzig Jahren kam die Truppe eben aus Rußland, singende Kosaken. Ich kannte sie. Sie machten halt in Berlin zuerst. Dann spielten sie ein paar Wochen in Wien. Dann sah ich sie in Zürich wieder, später in Belgrad, in Bukarest. Ihr Schicksal, das Schicksal fahrender Sänger, das in Konzertagenturen gesponnen wird, trieb sie nordwärts, nach Prag, dann nach Kopenhagen. Von hier kamen sie nach London. Von London nach Paris. Junge, gesunde Kosaken waren sie, in weiß-seidenen Rubaschkas, mit kaukasischen Gürteln und in hohen Stiefeln. Jeder spielte ein anderes Instrument, und jeder konnte jedes Instrument spielen. Sie waren freilich Musikanten und Sänger von Beruf, aber ihr Geschäft verlangte es, daß sie sich Kosaken nannten. Nur einige unter ihnen stammten von authentischen Kosakenfamilien ab. Aber wenn Kleider auch nicht Leute machen, so machen Lieder Kosaken, und meine Sänger sangen und musizierten so, wie es die Originale am Don auch nicht besser konnten. Sie hatten freilich das Heimweh in den Herzen und in den Kehlen und in den obligaten Balalaikas. Aber sie gehörten noch zu den ersten Opfern einer Welt, die damals gerade anfing, Heimatlose zu schaffen, und noch lange nicht, sie zu jagen. Auch konnten meine Kosaken noch hoffen, daß sich die »Verhältnisse ändern« würden. Also lebten sie von der Vergangenheit in den Tag hinein, aber in der Hoffnung, daß gerade er die Zukunft sei. Von der Politik hatten sie keine Ahnung. Sie waren die beruflichen Sänger eines vertriebenen Publikums gewesen und einfach ihren Zuhörern in die Fremde gefolgt. Auch Frauen gab es unter ihnen, junge, kräftige. Am Vormittag sahen sie vergrämten Mädchen aus dem russischen Volke ähnlich; immerhin waren ihre Gesichter breit und schön, ganze Landschaften. Der Blick spazierte darin umher. Aber am Abend waren sie Prinzessinnen in blauen Kleidern, silberne Krönchen im Haar und silberne Schuhe an den Füßen, die wie Kleinodien unter langen Schleppen hervorlugten. Von einer Stadt zur anderen fuhren sie zwar in reservierten Kupees, aber dritter Klasse. Eigentlich reisten sie gar nicht: Sie wurden befördert. Vor einigen Tagen traf ich sie wieder. Noch einmal hatte sie die Konzertagentur nach Paris geschickt, sie und die Balalaikas und die blauen Kleider, die silbernen Krönchen, die silbernen Schuhe, die weißen Rubaschkas und die kaukasischen Gürtel. Die Frauen trugen mehr Schminke, mehr Puder, mehr »Intimes«, und die Stiefel der Männer glänzten wie eh und je. Aber wie müde waren die Füße in diesen Stiefeln, weitgewanderte Füße in sorgfältig geschonten Stiefeln! Und die Kosakengesichter waren schwammig geworden. Und zwanzig Jahre sind eine lange Zeit! Das Heimweh altert, und die Hoffnung ist schon tot ... Neue Emigranten sind gekommen. Du und ich zum Beispiel, mit einem Weh, das zwanzig Jahre jünger ist. Und unsere Schicksale werden eher in Ministerien gesponnen als in Konzertagenturen. Aber viele »Tourneen« werden wir noch antreten; und man müßte schon ein echter Kosak sein, um sie zu überstehen. Pariser Tageszeitung, 20. 1. 1939   Rezensionen »Schwarzes Land« Von Alphonse de Chateaubriand. Übersetzt von Rolf Schottländer. Berlin, Verlag Die Schmiede, 407 Seiten Chateaubriand schreibt den »Heimatsroman«, der seinesgleichen bis jetzt nicht in der europäischen Literatur gehabt hat: es ist eine »Heimatskunst«, die der »Scholle« entstammt, aber weiter reicht als nur in die Welt. Denn diese Kunst reicht in die Überwelt. In der bisher größten »Heimatskunst« gab es viel Heimatskunde. Man sah Rasse, Sitten, Gebräuche, Stammeseigenschaften. Diese Literatur war manchmal beschränkt, nicht nur geographisch, und immer begrenzt, wenn auch nur geographisch. Über die Grenze, die geographische, heimatliche, landsmännische, greift Chateaubriand hinaus. Die Menschen dieses Romans haben nicht den bekannten »Duft der Scholle«. Nicht nur aus dem einfachen Grunde, weil das Land Chateaubriands aus Torf und Sumpf besteht und nicht aus »Schollen«; sondern weil die Menschen ebensowenig greifbare Realität besitzen wie Nebel, die aus den Mooren steigen. Sie sind zu Gestalten, Trägern von Handlungen und Ideen verdichtete Moornebel. In Frankreich unter Generationen von »rationalistischen« Autoren ist Chateaubriand der einzige nicht zivilisatorische Autor. Das Land, das er beschreibt, ist so rätselhaft, daß es beinahe nicht in Frankreich liegt. Ein ganzes Volk, das vom Torfstechen lebt, wehrt sich gegen die Trockenlegung des Landes. Es ist der Kampf der Elemente: Wasser gegen Feuer. Die zwischen diesen Elementen stehen (von der Liebe in die Mitte gezwängt), gehn unter. Die Repräsentanten der Elemente siegen im Untergang. Wenn hier ein Mensch die Waffe streckt, ist er trotzdem nicht unterlegen. Wenn endlich die Maschine über den Sumpf siegen wird, ist der Sumpf dennoch gewaltig. So ist es, wenn Elemente kämpfen. Sie besiegen einander nicht. Sie verfließen ineinander. Chateaubriand beschreibt das rätselhafteste Land Europas. Es liegt an der Nordküste Frankreichs. Seine Menschen leben heute noch wie vor 300 Jahren. Ein durchschnittlich »interessanter« Schriftsteller hätte eben die Merkwürdigkeit des Landes herausgeholt. Das wäre auch viel. Chateaubriand holt mehr heraus als Ethnographie: nämlich Metaphysik. Frankfurter Zeitung, 1. 11. 1925   »Das Fest« und »Den Teufel im Leib«. Zwei Romane von Raymond Radiguet Beide übersetzt von Hans Jacob. Berlin. Verlag: Die Schmiede   Vom frühverstorbenen, in Frankreich und von einigen deutschen Kennern sehr beklagten Raymond Radiguet sind nur diese zwei Romane erschienen. Beide sind vollendet. Im »Fest« wird eine Liebesgeschichte erzählt, die keine Liebesgeschichte ist. Thematisch ereignet sich nichts. Es ist ein Frühling ohne Sommer. Oder ein Vorfrühling ohne Frühling. Es blüht und kommt nicht zur Frucht. Es keimt und kommt nicht zum Blühen. Zwischen einem jungen Mann und einer jungen verheirateten Frau spielt etwas und wird nicht ernst. Alle Phasen dieses keimenden Verhältnisses sind sehr genau, wie mit der Zeitlupe aufgenommen. Aber die Nichthandlung wächst durch solche Präzision zur stärksten Handlung. Die Relativität des »Geschehens« wird fühlbar. Das »Ereignis« ist schon da, ehe es sich ereignet hat. Das Abenteuer, das nicht stattfindet, ist so spannend wie nur einer der abenteuerreichsten Kriminalromane. »Den Teufel im Leib« heißt der Roman einer wirklichen, will sagen: einer materiellen Liebe zwischen einem jungen, beinahe halbwüchsigen Menschen und der Frau eines im Felde stehenden Soldaten. Nicht oft ist in der europäischen Literatur die erste Leidenschaft eines Jünglings so unerbittlich dargestellt worden. Immer umrankten die Dichter das nackte Feuer mit raschelndem, frommem Laub. Immer war »Innigkeit« ein Bestandteil der Brunst. Hier ist es nur Leidenschaft, ist nur Blut, ist nur Leben. Dieser eine Band löscht tausend Bände überflüssiger und verlogener Liebesgedichte aus. Es ist ein brennendes Idyll. Ringsum ist Weltkrieg. Sein mörderisches Geräusch reicht bis ins verschlossene Zimmer der Liebenden und erfüllt jede Stunde, in der das Blut spricht. In diesem Sinn ist dieses Buch ein Kriegsroman, obwohl er im Hinterland spielt. Denn der echte Dichter kann, auch wenn er Entlegenes erzählt, nicht los von dem Dröhnen seiner Zeit. Den Takt seines Schrittes bestimmt sie, hemmt sie, beflügelt sie. Frankfurter Zeitung, 21. 2. 1926   Bücher von Soldaten Frankreich – Tschechoslowakei – Deutschland Joseph Delteil , der berühmte Verfasser der »Jeanne d'Arc«, hat versucht, ein Epos über den Weltkrieg zu schreiben; die »Poilus« – so heißt sein in der Edition du Loup (Paris) erschienenes Buch – zu besingen; nicht die historischen Tatsachen zu behandeln, sondern den Atem der historischen Tatsachen; nicht das Faktum, sondern den Spiritus. Delteil versucht, die Menschlichkeit von dem Schauder und aus dem Historisch-Offiziösen zu lösen, das Private (Tragische und Schöne) von dem Monumentalen – den »poilu« also wiederzugeben und nicht den Soldaten. Dieses Buch, das in Frankreich eine Zeitlang umstrittene Sensation war, konnte nur in Frankreich geschrieben werden. Es ist ein gut angelegter Versuch geblieben. Die zeitliche Nähe verhindert die epische Objektivität. Aber selbst aus einer zeitlichen Ferne ist der Weltkrieg 1914 bis 1918 nicht etwa wie ein Trojanischer zu behandeln; und auch wenn Delteil Homer wäre, er könnte über die Belagerung von Paris keine Ilias schreiben. Ein Krieg, den man so überwunden hat, den man so durchschaut hat, dessen unermeßliche Tragik aus so kleinlichem Diplomaten-, Kaiser- und Phrasenspiel erwuchs, ist nicht mehr (auch in Frankreich nicht) ekstatisch- episch, sondern satirisch zu behandeln. Delteil hat subjektiv geschrieben, ein lyrisches Dokument geliefert, die atmosphärischen Schwankungen der »Großen Zeit« aufgezeichnet.   Die »Große Zeit« erweist ihre grausame Wahrhaftigkeit nur in der Karikatur. Der tschechische Dichter Jaroslav Hašek hat sie gezeichnet. Sein Buch heißt »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges« (Prag, Adolf Synek, 334 Seiten. Geb. M 5.20). Der brave Soldat Schwejk ist ein kleiner tschechischer Hundehändler, ein österreichischer »Tepp«, dumm und harmlos, ahnungslos gegenüber den großen Dingen dieser Welt und ihnen in all seiner Ohnmacht dennoch überlegen. Der Trottel Schwejk entlarvt das heroische Zeitalter als eine grauenhaft gehäufte Dummheit, die ihm nicht, nicht einmal ihm gewachsen ist. Gegenüber dem gesunden Menschenverstand eines notorischen Schwachkopfes hält das großartige Gebäude nicht stand, das Historiker, Gelehrte, Politiker, Kaiser, Könige, Präsidenten, Industrielle und Dichter aufgerichtet haben. Von Gott sag man, er spreche durch den Mund der Narren. Im Buch Jaroslav Hašeks spricht der Ewige sogar durch den Mund eines wegen ärztlich bescheinigten Schwachsinns aus dem Militär Entlassenen. Das verlogene Pathos enthüllt der Idiot besser und nachhaltiger als der Satiriker. Der brave Soldat Schwejk ist bereits in dem Grade dumm, daß er weise wird. Es gibt auch noch etwas Dümmeres als Dummheit: Das ist Torheit. Der Weltkrieg war eine. Schwejk beweist es. Das Buch Hašeks ist aus gesammelten Feuilletons entstanden, die der Autor in Rußland während des Krieges in einer für die tschechischen Legionäre herausgegebenen Zeitung täglich erscheinen ließ. Hašek ist später Kommunist geworden. Wäre er nicht allzufrüh gestorben, wer weiß, er hätte noch ein Buch geschrieben, in dem sein neues tschechoslowakisches Vaterland eine ebenso ironische Spiegelung erfahren hätte wie sein altes österreichisches. Er hat jedenfalls sein Buch von Schwejk nicht mehr redigieren können. Es ist manchmal weitschweifig, es bedürfte einer Kürzung. Die deutsche Übersetzung hätte jedenfalls besser sein müssen. Ein paar Kapitel dieses Buches waren einmal in einer deutschen Zeitschrift in glänzender Übersetzung erschienen. Warum blieb die Übersetzung nicht? Es ist so schwer, diesen Prager Vorstadt- und Hundehändler-Dialekt lebendig im Deutschen wiederzugeben, daß der Verlag sich die Mühe hätte nehmen müssen, nach einem Übersetzer von Rang, nach einem Kenner Prags und der deutschen Sprache zu suchen (etwa Meyrink oder E. E. Kisch).   Hašek liefert die bewußte Karikatur des Soldaten. Der selige Philipp Mainländer , ein ehrenwerter, gut angeschriebener, wenn auch nicht sehr origineller Philosoph (1876 durch Selbstmord geendet) schreibt die unbewußte Karikatur. Walter Rauschenberger hat dem Gedächtnis des braven Philosophen keinen guten Dienst durch die Herausgabe der hinterlassenen Schrift »Meine Soldatengeschichte« (Berlin, Georg Stilke, 144 Seiten. M 6 ) erwiesen. Ich wünschte dem toten Mainländer, er hätte einen klügeren Verwalter für seinen Nachlaß gefunden und einen besseren Stilisten. Wenn Rauschenberger in der Einleitung schreibt: »In anthropologischer Richtung ist zu bemerken, daß Mainländer mittelgroß und brünett war« – so ahne ich schon, was Mainländer selbst in militärischer Richtung zu bemerken haben wird. Und ich erfahre wirklich, daß der arme Mainländer 1866 vergeblich um Aufnahme in das Heer gebeten hat. »Im Herbst 1868«, so schreibt Mainländer, »stand ich vollkommen frei da, und mein erster Gedanke war natürlich, in die Armee einzutreten, damit ich bei Ausbruch eines Krieges gleich mitmarschieren könnte.« Es gelingt ihm nicht. Schließlich (aber erst nach dem Krieg 1870/71) gelingt es dem Philosophen, Soldat zu werden. Bevor er einrückt, bereitet er sich folgendermaßen vor: »Auch verfehlte ich nicht, immer eine halbe Stunde lang mich auf meinen neuen Beruf vorzubereiten. Ich machte ›langsamen Schritt‹ (die blauen Glockenblumen und der gelbe Ginster kicherten leise, und die dicken Hummeln verspotteten mich schadenfroh) und übte Griffe: Gewehr auf! Präsentiert das Gewehr! Gewehr ein! und Hiebe: Rechts- Hieb! Links-Hieb! Stich! Dieses Ineinandergreifen zweier diametral entgegengesetzter Tätigkeiten, der reinen Sensibilität und reinen Irritabilität, brachte den seltsamen Zustand in mir hervor!« Der arme Mainländer! Er ist kurzsichtig – frisch, fromm, fröhlich, frei, aber kurzsichtig. Deshalb begibt er sich einen Tag vor der offiziellen Musterung angstvoll zum Oberstabsarzt, versetzt diesen in große Verwunderung, erhält schließlich die Zusicherung, daß er auf jeden Fall Soldat würde, und wird es. Er wird Soldat und beschreibt naiv, kindlich, sentimental das Soldatenleben. Und Rauschenberger gibt es heraus. Und entblößt den Mainländer, der eine brave, stille Rubrik in einem philosophischen Nachschlage-Lexikon ausgefüllt hätte, als einen »Dreijährig-Freiwilligen«. Und ein Verlag druckt es. Und eine Papierfabrik liefert das Papier. Und Setzer setzen es. Und Buchhändler vertreiben es. Und ich – bespreche es. Ich bespreche es als ein kleines, winziges Zeichen der deutschen Gegenwart. Frankfurter Zeitung, 15. 8. 1926   Emile Zola (Antwort auf eine Umfrage zum 25. Todestag) Lieber Gerhart Pohl! Ihre freundliche Aufforderung, mich an Ihrer Enquete über Zola und die Möglichkeiten seiner Wirkung auf die heutige deutsche Generation zu beteiligen, erreicht mich erst heute – und gerade in der Stunde, in der ich von der Hinrichtung Saccos und Vanzettis aus den Zeitungen erfahre. Vielleicht wird zu der Zeit, in der diese Zeilen Ihren Lesern vor die Augen kommen, der Zusammenhang zwischen dem Mord in Amerika und dem größten Diener der Gerechtigkeit in Frankreich nicht mehr so natürlich wie mir in diesem Augenblick und etwas willkürlich konstruiert erscheinen. Erlauben Sie mir dennoch, von dem Gedanken auszugehen, der mich während der ganzen qualvollen Lektüre der Berichte verfolgt: Es gibt keinen Zola mehr in der Welt! ... Ich weiß nicht, ob er heute (nach dem Krieg) und in Amerika (dem Land der unbegrenzten Unmenschlichkeiten) den Mord verhindert hätte. Aber daß kein einziger Schriftsteller »von Weltruhm« sich gerührt hat, ist für uns, Genossen dieser Zeit, mehr als beschämend: Es könnte fast unsere Hoffnungen vernichten. Die Überzeugung, daß die Gerechtigkeit tot ist – in Amerika und in Europa –, muß alle Herzen kalt und starr gemacht haben. Zola aber hätte auch den Mut gehabt, für eine aussichtslose Sache zu kämpfen. Denn es war sein Glaube, daß die Zukunft die Sünden der Gegenwart rächt – um sie auszulöschen; und daß diese Zukunft den Armen von heute gehört, den Elenden. Nur Blinde können glauben, daß mit der »rein literarischen« Wirkung eines Mannes nicht eng zusammenhängen: seine Leidenschaft, an der sogenannten »Aktualität« teilzunehmen; seine Liebe zum Tag und alles, was zu ihr gehört: das Volk, die Bitterkeit der Armut und die Härte des Reichtums und seiner Gesetze. Niemand kann sich über die Erde erheben, auf der er lebt. Es gibt keine Grenze zwischen einer Stellungnahme zu den öffentlichen Gemeinheiten und einer tapferen, »zur Ewigkeit hingewendeten« Arbeit. Ein Mensch, den ein Zeitungsbericht über eine Schändung der Menschlichkeit nicht unmittelbar zur Tat ruft, kann nicht mehr das Recht haben, über Gesichter und Handlungen von Menschen zu schreiben. Zola hat aus leidenschaftlicher Achtung für die Wirklichkeit die Grenze zwischen dem »Profanen« und dem »Edlen« aufgehoben. Jene verlogene Grenze, von den ewigen Reaktionären errichtet. Denn es ist ihre Eigenschaft, »Heiligtümer« zu errichten, um Eintrittskarten zu verkaufen. Zola war der erste europäische Schriftsteller ohne Schreibtisch als Instrument der Eingebung, der erste Romancier mit dem Notizbuch. Der erste Dichter auf der Lokomotive. Ich glaube, daß er dadurch gerade Deutschland ein Beispiel sein kann. Denn unsere Autoren sind die Dichter am Schreibtisch. Wir haben die Fabel von den blinden Sehern und dem Fluch der professionellen Ästhetiker. Wer von den deutschen berühmten Schriftstellern hat sich um schwarze Reichswehr, massakrierte Arbeiter, bayrische Justiz, Pommern und die Herren von Kähne gekümmert? Wie viele Dreyfus-Affären hatten wir seit 1918? Wer von den berühmten Männern hat schon einen Lokomotivführer angeschaut? Konstruiert haben sie sich manchmal einen. Nicht sie haben das Recht, den Zolaschen »Naturalismus« »flach« zu nennen. Er war die literarische Form eines starken Glaubens an die Kraft der Wirklichkeit. Nur durch eine minutiöse Beobachtung der Wirklichkeit kommt man zur Wahrheit. Ich bitte Sie und Ihre Leser um Entschuldigung für diese hastigen Sätze und bin mit kameradschaftlichem Gruß Ihr Joseph Roth Die Neue Bücherschau, 1927   »Der lebende Buddha«   Paul Morand, bekanntlich aufgewachsen beim Buddhismus, hat einen Roman geschrieben: »Der lebende Buddha«, der jetzt in deutscher Übersetzung im Insel Verlag erscheint. Morand erzählt die Geschichte des buddhistischen Kronprinzen Djali von Karastra, der in Gesellschaft eines französischen Freundes seine Heimat verläßt, sich nach Europa begibt, es in- und auswendig kennenlernt, es zum Anlaß nimmt, zwischen seiner eigenen Biographie und jener Buddhas Analogien zu finden, und schließlich nach einer aussichtslosen und durch die bekannten Rasse-Vorurteile mißlungenen Liebe zu einem amerikanischen Fräulein in die Heimat zurückkehrt, um den Thron der Väter wiedereinzunehmen, schlicht und einfach ein König zu werden, nachdem es ihm mißlungen war, ein Weißer zu sein. Was mich betrifft, so habe ich zwischen der Geschichte Morands und der von »Alt-Heidelberg« mehr Verwandtschaftliches gefunden als zwischen Djali und Buddha. Das harte Schicksal eines Thronerben, der auf Lust und Liebe verzichten muß, weil sozusagen eine Damokles-Krone ständig über seinem jugendlichen Haupte schwebt, kennen wir in Deutschland aus unserer eigenen Geschichte. Wenn in Karastra ähnliche Sachen passieren, so fühlen wir uns im Fernen Osten angenehm heimisch. Und ich sehe in der Tatsache, daß Morand in die deutsche Sprache übersetzt wird, das Walten eines Schicksals ebenso wie das eines sicheren Instinkts für den kleinbürgerlichen Geschmack der Leser. Seit den ersten Zeilen, die ich von Morand gelesen habe, weiß ich, daß jeder Buddha, den er anrührt, sofort auf die Dimension eines kleinen deutschen Provinzprinzen herunterkommt, und ich kann mir infolgedessen keinen idealeren Vermittler ferner Exotik für Deutschlands gute Stuben denken. Die Tatsache, daß Morand französisch dichtet, ist nur ein angenehmer Beweis dafür, wie leicht wir uns eigentlich mit den Nachbarn verständigen könnten. Nur deshalb – und weil Morands außergewöhnlich hohe französische Auflagen ein Beweis für die Existenz der guten Stuben auch in Frankreich sind – beschäftigen wir uns mit diesem Autor ausführlicher, als wir es etwa mit einem deutschen seiner Art täten. Dieser Weltreisende, der das Kunststück versteht, noch zwischen zwei Expreßzügen am Autovolant der Zeit ein Weltbild zu entwerfen, und der jeden Augenblick den Globus aus der Westentasche ziehen kann – er hat uns gerade noch gefehlt! Wir besaßen nur unsere biederen Kolonialreisenden, die wenigstens die Details falsch sahen und den großen Vorzug besaßen, nicht schreiben zu können. Morand aber kann schreiben – das heißt: Er besitzt die Fertigkeit, Beobachtungen so hinzuschreiben, als ob er sie gemacht hätte, und aus der engen, modernen und amerikanisch geschnittenen Manschette Behauptungen so fallenzulassen, als schüttele er sie aus einem Röllchen. Morand begnügt sich nicht mit Details. Er bezieht aus ihnen apodiktisch vorgebrachte Verallgemeinerungen. Ein Schotte steckt bei ihm im Nationalkostüm und hat rote Haare. Die Inhaberin eines snobistischen Salons ist eine »Zigeunerin«, die bereit ist, »überall Weihrauch zu streuen«. Der Agent Sowjetrußlands ist natürlich ein dicker Geschäftsjude mit Propagandaflugblättern in der Aktentasche. Dessen Sohn in Paris ein katholischer Klerikaler. Denn es können bei Morand nicht zwei Juden auftreten, ohne daß sie die Gegensätze der ganzen Rasse darstellten. Und so auf jeder Seite. Morands Menschen sind immer Repräsentanten von Rassen, Nationen, Religionen, Ständen, Typen, und man schlägt die Bücher dieses fixen Kosmopoliten auf wie die bekannten farbigen Blätter in einem großen Atlas, in dem die Menschen so sauber klassifiziert sind wie die Hunde im Lehrbuch der Naturgeschichte. Es geht den Gegenständen nicht anders. In Amerika zum Beispiel »steigen die Häuser steil in die Luft wie ein gellender Schrei«. Die Schornsteine von London bilden selbstverständlich »ein Meer«. Und sogar »die Toten« fallen »in die Versenkung« – damit man nicht sage, sie würden begraben. Die Beine eines Straßenmädchens sind »wie eine Schere, die den Asphalt schneidet«. Die Kühnheit der Morandschen Metaphern entspricht vollkommen der seiner Weltanschauung. Es gibt eine Solidarität – außer jener der guten Stuben. Und in ihrem Namen bedauern wir, daß statt der Morands nicht andere französische Autoren übersetzt werden. Es ist die Solidarität, die uns veranlaßt, Frankreich selbst vor seinen Morands in Schutz zu nehmen. Frankfurter Zeitung, 6.5.1928   Der Franzose auf der Wodanseiche Georges Bernanos, französischer Schriftsteller von Rang, veröffentlicht ein Buch über den im Krieg verstorbenen antisemitischen Publizisten Edouard Drumont, den die literarische Welt bereits vergessen hatte; zu Unrecht vergessen. Denn der Polemiker Drumont war ein bedeutender Schriftsteller, seine Leidenschaft war edel, seine Sprache kräftig, sein Witz tödlich, seine Ironie blank, sein Haß der Haß eines Starken, seine Liebe warm und groß, sein persönlicher Mut (in vielen Duellen bewiesen) war die Quelle seines literarischen Mutes, sein privates Leben entsprach vollkommen seinem öffentlichen, er war in der Tat ein Ritter ohne Furcht und Tadel, und das Ziel, das er mit Leib und Leben, Geist und Feuer, Degen und Pistole verfolgte, war leider außerordentlich dumm: denn er wollte die Juden ausrotten. So viel Genie für eine Torheit! So viel Tapferkeit für eine Schwäche! So viel Edelmut für eine Idee von Menschenfressern! So viel Eifer für eine Banalität! So viel katholische Überzeugung für den Teufel und so viel Glauben für die Katz! So viel Heroismus für eine Feigheit! So viel Einsicht für eine Ahnungslosigkeit: fürwahr, ein verpfuschtes Leben! Immerhin: Es hat nicht viele Antisemiten von menschlichem und literarischem Wert gegeben, und Drumont ist sicher in den Himmel gekommen, in jene Abteilung, in der die wertvollen Kannibalen sitzen, die seltenen Besessenen, deren Lauterkeit belohnt wird, damit ihre Dummheit nicht bemerkt werde. Bernanos, der den toten großen Antisemiten auch der Nachwelt erhalten will, scheint die Meinungen seines Gegenstandes und seines Meisters teilen zu wollen. Aber Bernanos ist kein Polemiker, sondern ein Epiker. Deshalb nimmt er eine pietätvolle Haltung ein, wenn er eine rein kriegerische einnehmen wollte. Er macht den Eindruck eines Mannes, der mit gezücktem Degen einem Leichenwagen folgt – statt mit einem gesenkten. Er macht einen schlechten Eindruck, der Epiker Bernanos: Er jammert und fuchtelt. Eine Haltung, die, nach der Meinung der Antisemiten, eher einem Juden anstehen sollte. Bernanos' Intentionen sind nicht weniger edel als die des toten Drumont. Aber wenn ein Polemiker naiv ist, vergißt man über der Technik des Kampfes die Dummheit des Ziels. Wenn aber ein Epiker naiv ist, der gerne fechten möchte, sieht man lediglich, wie er sich hinter jenem verbirgt, hinter dem »großen Bruder«. Sicherlich fehlt es Bernanos ebensowenig an Mut wie Drumont. Aber Bernanos kann die Waffe nicht führen, die er sich von Drumont ausgeliehen hat. Also gerät er in eine Stellung, die beinahe so lächerlich ist wie die eines Schwächlings: Er klagt und schlägt. Gewiß ist seine Klage edel. Seine Sprache hat ihren eigenen Glanz und einen lang nicht mehr gehörten Klang. Er ist ein bedeutender Schriftsteller. Man kennt seine (in Deutschland übersetzten) Romane: Sie überragen die französische Durchschnittsliteratur der letzten zehn Jahre. Sie verraten Erkenntnis, Gewissen, Tradition und die himmlische Gnade (im religiösen und literarischen Sinn). In dem Buch nun, das er dem Andenken Drumonts widmet, versucht er vergeblich, den Nachruf mit einem Kampfruf zu verbinden, und es gelingt ihm nicht, ein Bild des Toten der Nachwelt zu vermitteln, sondern nur einen starken Eindruck von dem Toten. Dieser erscheint gerade noch der Vergessenheit entrissen; keineswegs aber dem dauernden Gedächtnis erhalten. Das Buch kündet seinen polemischen Charakter im Titel an. Es heißt: »La Grande Peur des bien-pensants« (zu deutsch: »Die große Angst der Ewig-Braven« etwa) und trägt in Klammern, erst auf der zweiten Titelseite, den dünn gedruckten Namen Edouard Drumonts. Mit der Linken wird die Fahne gesenkt, mit der Rechten das Schwert erhoben. Eine angemessene Art, einen toten Kämpfer zu ehren – wenn man sie beherrscht. Wenn man's nicht kann, sollte man's lieber bleibenlassen. Es wäre des Epikers Bernanos würdiger gewesen, den Namen seines Helden fett gedruckt auf das erste Titelblatt zu setzen. (Wahrscheinlich aber ist er der Eingebung seines Verlegers gefolgt, der Frankreichs lautester ist: Grasset.) Dieses Werk wäre, auch wenn es einigermaßen Aufsehen erregt, eine rein französische Angelegenheit, und wir hätten keinen Anlaß, uns damit zu beschäftigen, wäre es nicht in einer Zeit erschienen, in der der deutsche Antisemitismus Triumphe feiert, die ihn allmählich aus dem Stadium des Kannibalismus in das des Parlamentarismus zu führen scheinen. In dieser Zeit ist es von Bedeutung zu hören: daß ein guter Franzose und ein guter Katholik die Juden (besonders die Juden deutscher Herkunft) für bestimmte französische Mißstände haftbar macht; daß auch Franzosen für eine garantierte Blondheit schwärmen können und manchmal in die Lage geraten, einen »Normannen« einem »Kelten« vorzuziehen und diesen wieder einem »Mediterraneer«; daß man imstande sein kann, den Katholizismus zu einer Angelegenheit der »französischen Rasse« zu machen, und daß also eine alte katholische Tradition gewisse Franzosen nicht hindert, sich einen Gott nach dem Ebenbild Wodans zu schaffen; daß auch unter den »Welschen« die Blauäugigkeit geschätzt wird und daß sie keineswegs ein deutsches Reichspatent ist. Wir haben allen Anlaß, die Franzosen zu beneiden, weil ihre Antisemiten bedeutend begabter sind als die unsrigen. Aber welch ein Vergnügen zu hören, daß jene ebenso töricht sind! Welch eine Genugtuung zu vernehmen, daß ein von dem Katholiken Bernanos geschätzter katholischer Antisemit die Tatsache bedauert, daß Jesus Christus der Sohn einer Jüdin war! Der Beweis dafür, daß die barbarische Geschmacklosigkeit kein ausschließliches Kennzeichen bestimmter europäischer Länder ist, wird geradezu eine Garantie für das kommende geeinigte Europa! Laßt uns nur hoffen! Auch der französische Romancier, nicht nur der slowakische und rumänische Bauer, glaubt an den Ritualmord. (Bernanos glaubt heute noch an Dreyfus' Schuld.) Bernanos ist überzeugt, daß die einzige Rasse, die geeignet wäre, den katholischen Glauben fruchtbar zu machen, die französische sei. Ein französischer Katholik von Genie als nationalsozialistischer Pfarrer von Borkum ist eine recht interessante Erscheinung. Die historische Ahnungslosigkeit, die Rom nach der Normandie verlegt, unterscheidet sich um ein Haar von der Monstrosität jenes deutschen Gelehrten und Rasseforschers, der das biblische Paradies in Ostpreußen gesucht hat. Wir haben einander nichts mehr vorzuwerfen. Wir sind quitt. Auch Frankreich hat sein Thüringen!...   Diese harmlose Provinz-Kasino-Fröhlichkeit, mit der hier der Mut eines Juden, der sich duelliert, geringgeschätzt wird, während zum Beispiel die heilige Überzeugung antisemitischer Straßenbanden (»Sturmkolonnen« heißen sie in Deutschland), daß man Juden die Köpfe oder zumindest die Hüte einschlagen müsse, einen literarischen Preisgesang davonträgt; diese sture Burschikosität, die »Saujud!« brüllen kann, ohne die klassische Haltung aufzugeben; diese wütende Blindheit, die den Prügelstock schwingt und dabei in würdiger Sprache über das Unglück jammert, das die Geprügelten angerichtet haben; diese Treue gegenüber dem Glauben, dem Adel, dem Heroismus, der Tradition, der Noblesse, Schulter an Schulter mit der kindischen Lust am Straßenkrawall; diese Hand, die nicht aufhört, mit der Knute zu drohen, und dabei gleichzeitig das Zeichen des Kreuzes machen möchte: und kurz und gut: Diese ganze Mischung aus Kreuz, Krone und Hakenkreuz ist eine Mißgeburt, würdig dieser Zeit, gegen die Bernanos zu Felde zu ziehen glaubt. Wie sehr er selbst eines ihrer Zeichen geworden ist, wird ihm ewig unbekannt bleiben.   Es handelt sich aber keineswegs um diese billige nationale Schadenfreude über die primitive Tatsache, daß jeder »seinen Juden schlägt«. Ich zögere nicht, das Buch von Bernanos eine Gefahr zu nennen, nicht nur, weil es eine Dummheit ist, sondern weil es eine Dummheit sanktioniert. Es ist ein Unterschied, ob man seine antisemitische Haltung mit Argumenten aus germanischen Urwäldern belegt oder ob man den heiligen Augustinus zu ihrem Zeugen degradiert. Was einem Heiden ansteht, der »nicht dertauft« werden konnte (ein Scherzwort, das zu Unrecht auf jüdische Konvertiten angewandt wird und das haargenau auf jene Christen paßt, die es seit Jahrhunderten nicht werden können), wird eine Gottlosigkeit unter der Feder eines Mannes, an dessen Christentum nicht gezweifelt werden kann, auch wenn er aus ahnungslosen Provinzen kommt. Was man gewohnt ist, aus dem Munde eines gottesleugnerischen »Osaf« zu vernehmen, der bewußt die Haltung eines Keulenschlägers annimmt und auch dessen stammelndes Kauderwelsch nachahmt, kann nicht von einer Stelle verkündet werden, die sich berufen glaubt, Rom vor den Juden zu schützen und den Erlöser vor seiner jüdischen Abstammung. Wer sich auf die Edda beruft, um den Juden »ihr Geld« abzunehmen, mag vielleicht recht haben. Wer aber die Bibel in der Hand hält, um aus ihr die Superiorität der »französischen Rasse« abzuleiten, begeht ein Sakrileg . Kein Zweifel, daß sich Bernanos dessen bewußt ist, denn er tritt mit der Ambition eines Reformators auf, eines »Protestanten« (im wörtlichen Sinn). Er weist die Kardinäle zurecht und erteilt dem Papst unerbetene Ratschläge. Er hat keine Vorstellung von der Weltkenntnis, von der Vorsicht, ja von der Weisheit, die den Vatikan auch dort noch auszeichnen, wo er offensichtliche Fehler begeht, und von den alten, überlieferten, von der Institution selbst, automatisch beinahe, an ihre Diener vermittelten Fälligkeiten, dank denen noch der subalterne Angestellte Roms einem französischen Romancier aus geographischer und geistiger Provinz bei weitem überlegen ist. Der gute geniale Bernanos ist aus dem harten, biederen Holz geschnitzt, das offenbar aus den alten nordischen Wodanseichen herstammt und aus dem seit Jahrhunderten alle Gründer aller »nationalen Kirchen« hergestellt werden. Er ist ein Sektierer. Und fehlt es ihm nicht an Sinn für den Humor seines Helden Drumont, so doch zweifellos an eigenem. Er kämpft gegen die Kirche mit der Sicherheit, die ihm das Bewußtsein gibt, ihr treuer Sohn zu sein. Er ist überzeugt, sich dies und jenes »herausnehmen« zu dürfen. Und er hätte bestimmt bereitwilliges Gehör zu erwarten und vielleicht sogar auch hie und da ein verborgenes wohlgefälliges Lächeln, wenn seine Ahnungslosigkeit nicht so hartnäckig zu einem nur verzeihenden herausforderte. Man muß es ihm lassen, dem Bernanos: Für Porzellanläden bedeutet er eine immense Gefahr; auf dem Fechtboden ist er vermutlich besser zu verwenden. Er gehört zu den Typ der eifrigen Katholiken, die es besser wissen als die Kirche und die gerade scharfäugig genug sind, deren plumpste Irrtümer mit ausgestrecktem Zeigefinger zu agnoszieren. Da sind Banalitäten, die bei Dramont erträglich werden, weil er ein polemisches Temperament ist – die einzige literarische Qualität, die das Banale entschuldigt. Was aber fängt man mit den Banalitäten eines Romanciers an? Was soll man gar mit Torheiten anfangen, die in einer klassischen Form dargebracht werden und in einer glänzenden Sprache, in der die Leidenschaft für das Wort den Leser ebenso erfreut wie ihn die Selbstsicherheit ärgert, mit der ihm der Autor seine gleichgültigen Erkenntnisse mitteilt?! Aus Respekt vor der schriftstellerischen Persönlichkeit des Autors unterdrückt man noch ein Gelächter. Aber ein Lächeln läßt sich nicht mehr hintanhalten. Es ist nicht lächerlich, durchaus nicht lächerlich! Es ist ein tragischer Anblick! Ein edler Mann, ein Kämpfer »für Recht und Glauben«, zieht aus, um diese Plattheit zu bekämpfen, diesen Absud der Aufklärung, dieses schäbige Gemisch aus Gottlosigkeit und Kollektivismus, diese ganze plebejische Gesinnung, die sich bald »demokratisch«, bald »proletarisch« nennt, die Literatur, Wissenschaft und Kunst mit ihrem vulgären Zentnergewicht erfüllt und herabzieht. In welch einer Rüstung tritt er auf, der Kämpfer? In der nationalsozialistischen. Mit dem naiven Kinderglauben, er trüge das Kreuz auf dem ritterlichen Schild, und mit der Blindheit geschlagen, die nicht sehen kann, daß dieses Kreuz an allen vier Ecken verdächtige Auswüchse zeigt, Haken, die sich beizeiten krümmen; unter dem Zeichen des Hakenkreuzes will Bernanos kämpfen. Er weiß nicht, daß die Idee von der »Rasse« und daß die Idee des »Antisemitismus« Schwestern sind, Schwestern des »Materialismus« des 19. Jahrhunderts, Zeit- und Wiegengenossinnen jener Plattheit, die den heroischen Menschen stürzt, um den kleinbürgerlichen einzusetzen, den aufgeklärten anstatt des gläubigen, den Vetter des Affen anstatt des göttlichen Ebenbilds, den hochmütigen Bürger an Stelle der demütigen Noblesse und der noblen Demut. Er hat, blondgläubig und blind, ein »Idealist«, den Sündenbock gefunden: den Juden, der handelt, den Typ des Geldmenschen, der kaufen kann, wo andere kämpfen müssen. Diese haarsträubende Ignoranz, der die Schwarzhaarigkeit mit der Börse identisch erscheint und die aus der Tatsache, daß es »Levantiner« gibt, das Recht zu dem Sakrileg ableitet, Gottes Ratschluß zu korrigieren und Christus wegen seiner Herkunft zu bedauern, diese Ignoranz ist das deutlichste Kennzeichen des »Heidentums«, der mißlungenen Taufe, der Stimme des Urgroßvaters aus der Eisbärhöhle, auf den Bernanos so stolz ist. In diesem Beifall, den er prügelnden Straßenräubern klatscht, meldet sich der Ahne mit der Keule. Wie kann jemand, der an die göttliche Gnade glaubt, eine Gemeinschaft verurteilen? Und wie kann jemand, der eine Gemeinschaft verurteilt, nicht einsehen, daß er ein intimer Bruder der »kollektivistischen« Gesinnung wird? Wie kann einer, der höchstens die Bekanntschaft des Herrn Arthur Meyer gemacht hat, das westliche Produkt einer barbarischen Glaubensverfolgung und eines echt europäischen zweckhaften Denkens, den Anspruch erheben, die Juden zu kennen? Dieses Volk, dessen geheimnisvolle östliche Massen, weit entfernt von jeder okzidentalen, bequemen Sparkassen-Bürgerlichkeit, jeden Tag aufs neue gekreuzigt werden, Wunder erleben, Hungers sterben, für den Gott, den der Antisemit anzubeten vorgibt? Hat dieser französische Katholik keine Ahnung davon, daß ihm, wenn er nur katholisch ist, der weißrussische Chassid näher ist als sein eigener Verleger aus Paris? Er weiß es nicht. Ihn aufzuklären ist wahrscheinlich zwecklos. Aber es galt, einmal festzustellen, daß unter den anständigen Kämpfern für die Wiederaufrichtung der menschlichen Würde sich zu Unrecht Antisemiten befinden. Die Antisemiten gehören auf die andere Seite. Kleinbürgerlich, materialistisch, niedrig, wie sie sind, haben sie gar nichts zu tun mit Gläubigkeit, Heroismus und Gnade. Nur ein Schwerhöriger verwechselt das, was er die »Stimme seiner Rasse« nennt, mit der Stimme des Himmels. Es gibt, ohne Zweifel, auch taube Katholiken. Der Morgen, August 1931   »Französische Menschen« Hermann Wendels jüngstes Buch » Französische Menschen « (erschienen im Rowohlt-Verlag, Berlin ) erhebt, wie der Verfasser im Vorwort betont, nicht den Anspruch, den Leser zu »belehren«. »Diese Porträtskizzen wollen und sollen nichts, sie sind einfach da.« Wir glauben dem Verfasser seine bescheidene Absicht, obwohl wir nicht die literarische Höflichkeit verkennen, die sich gleichzeitig in ihr ausspricht. Eine leicht »altmodische« Haltung, diese Galanterie gegenüber einem Publikum, das sie leider nicht mehr verstehen dürfte. Wir loben uns diese Haltung. In einer Zeit, in der die »Biographen« so begehrte Autoren sind und sich meist von der Substanz ihrer Gegenstände oder gar von der Verfälschung dieser Substanz allein nähren, scheint es schon auf den ersten Blick ein Verdienst, in einem einzigen Bande zweiunddreißig Porträts interessanter Persönlichkeiten zu vereinigen, statt, wie so mancher Biograph von heute es wohl versucht hätte, zweiunddreißig Bände herzustellen, um zweiunddreißig Jahre von ihnen zu leben. Freilich sind unter diesen Porträts einige, (die durch häufige Behandlung bereits allgemein bekannt – um nicht zu sagen: populär – geworden sind. Und äußert der Verfasser im Vorwort Bescheidenheit, so verrät er Mut, wenn er eine vielbehandelte Gestalt wie Jeanne d'Arc nicht nur noch einmal porträtiert, sondern auch mit diesem Porträt sogar seinen Band eröffnet. Nun offenbart es uns zwar keine neuen wesentlichen Züge: Allein, in dem Zusammenhang betrachtet, in dem es der Autor zeichnet, ist es selbst und der Platz, den es einnimmt, nicht unwichtig. Wie überhaupt im Verlauf der Lektüre dieses Buches allmählich den Leser die Erkenntnis überkommt – fast hätten wir gesagt: der Verdacht –, daß die augenscheinliche Anspruchslosigkeit des Verfassers einen immerhin ansehnlichen Anspruch verdeckt, ja: sozusagen enthält. Und die scheinbare Harmlosigkeit des Titels »Französische Menschen« erhält unversehens beinah einen didaktischen Sinn. Der Titel erscheint gleichsam abgetrennt von dem Satz: »Seht, so sind französische Menschen!« oder: »So können französische Menschen sein!« Und somit erhält das ganze Buch einen anderen, will sagen: einen beinahe aktuell-politischen Sinn. Das heißt, bei einem Buch, das ein Deutscher, der die Franzosen liebt, heutzutage für deutsche Leser schreibt: einen humanen Sinn . Und das ist also das Verdienst dieses bescheiden auftretenden Autors. Ob er die Publizistin Severine behandelt, die geistige Urenkelin Voltaires, oder den blutbespritzten Fanatiker der revolutionären Sauberkeit Marc Guillaume Vadier oder Antoine de Lassalle, den »Haudegen«, einen der anständigsten Typen unter jenen Franzosen, in denen das kriegerische Gallien so sichtbar wird, oder den armseligen Ludwig XVIII., oder Louise Contat, die klassische Mätresse einer Epochenwende: Überall bestrebt sich der Verfasser, »zwischen den Zeilen«, das heißt: hinter den Gestalten der moralischen Leitgedanken seines Buches sichtbar werden zu lassen: deutlich zu machen, daß in manchen von ihm zitierten Repräsentanten der französischen Nation die sogenannten »männlichen Eigenschaften« wie Tapferkeit, Stille, Bescheidenheit, Opferfreudigkeit ebenso vorhanden sind wie in anderen die Anmut, die Leichtigkeit, die Grazie, in dritten alle diese Eigenschaften vereint. In der Tat scheinen uns die zweiunddreißig, von Wendel aus der französischen Geschichte hervorgeklaubten Gestalten für den »französischen Nationalcharakter« repräsentativ zu sein, in dem Maße, daß wir behaupten zu dürfen glauben, man lerne an ihnen sehr viel von Frankreich kennen und seiner humanen Anmut. Über all diesen Gestalten schwebt Melancholie. Der Tod, mit dem jede der Geschichten naturgemäß endet, beschattet das Leben dieses Buches. Dadurch (weil nämlich der Schatten des Todes schwerer wiegt als das Gewicht des Lebendigen) erhält das Buch die metaphysische Gravität , die mit seiner historischen Leichtigkeit kontrastiert. Ja, das scheint uns der Reiz des Buches: Es beschreibt den Tod. Sein Wert ist ein praktischer: Es lehrt Frankreich kennen, durch seine Individuen . Denn nur durch ihre repräsentativen Individuen wird eine Nation erkennbar. Frankfurter Zeitung, 31. 7. 1932   Der Dichter Paul Claudel Unter den wenigen europäischen Schriftstellern der Gegenwart, denen man mehr als Begabung, Talent, Kenntnisse und Fertigkeiten zusprechen darf, nämlich: Gewissen, steht ohne Zweifel Paul Claudel. Erst das Gewissen macht den bedeutenden Schriftsteller, das heißt jenen, der nicht nur darzustellen und auszusprechen und zu formen weiß, sondern auch auszusagen und zu verändern. Das Gewissen des Autors verleiht seinem Wort die Magie, und allein das magische Wort ist imstande, die Welt zu verändern beziehungsweise zu erneuern. Gewissen ist aber ohne Gläubigkeit nicht möglich. Das Gewissen eines europäischen Schriftstellers hat einen religiösen Grund. Das Gewissen gibt dem Wort die Magie, der Glaube gibt ihm die Weihe. Paul Claudel ist ein religiöser Schriftsteller. Indem er sich zu Gott bekennt, erneuert er mit den Gestalten, die er schafft, das Wunder der Schöpfung im doppelten Sinne: im literarischen und im religiösen. Es gibt in der ganzen, wirklich bedeutenden europäischen Literatur keine wirklich lebendige Gestalt, über die nicht ein Widerschein des großen Wunders von der Erschaffung des ersten Menschen gebreitet wäre. Jedes einzige Werkzeug des Schriftstellers und der wirklich lebendigen literarischen Gestalt hat den feierlichen Glanz dieses allerersten irdischen Wunders. Und da das Wort erst den Menschen ausmacht, das Wort, der göttliche Atem, der einzige Stoff, der ihm zur Verfügung steht, um zu gestalten, trägt auch das Wort den feierlichen Glanz des ersten Wunders. Es gibt ein Charakteristikum Claudels: das feierliche Wort. Er gebietet ihm (und er liebt es) mit erstaunlicher Sicherheit. Er liebt das volle tönende Gefüge der »Wendung«. Von seinen Sätzen könnte man sagen, sie schrillen und klängen zugleich, wandelnde Glocken. Es kann bei einem Schriftsteller von der Art Claudels nicht ausbleiben, daß er, verliebt in den vielfarbigen Tiefsinn des Wortes, begeistert und ergriffen von seiner Magie, dem Wort manchmal sozusagen erliegt. Er gehorcht also und dient dem Gebilde, das er selber erschaffen hat. Dies ist aber gerade ein Kennzeichen der echten Schriftsteller: Sie befehlen dem Wort, und sie sind ihm zugleich hörig. Die Form der Rede und Antwort ist dem Dichter Claudel die bequemste. Der Reichtum und die Vielfalt seines schriftstellerischen Wesens finden in dieser Form ihren gemäßen und gerechten Ausdruck. Das in deutscher Sprache erschienene, soeben vom Dritten Reich verbotene Werk »Gedanken und Gespräche« gehört zu den kennzeichnendsten Werken Claudels. Man findet in diesem (übrigens ausgezeichnet übersetzten) Buch alle bedeutenden Gegenstände, d.h. alle ewigen dieser Erde. »Moderne« Menschen würden sagen: »alle Probleme der Gegenwart«. Politik, Architektur, Privatleben, Kunst, Literatur, Soziologisches. Die Weisheit ist demütig, das feierliche Wort selbst hat immer den Anschein, es wolle sich gleichsam entschuldigen, und die Verpflichtung, die das Gewissen schafft: Der Behauptung die Gegenbehauptung folgen zu lassen, hat die Form auch dieses Werkes bestimmt. »Für einen Schriftsteller« – sagt Claudel – »hat der Gedanke etwas Erschreckendes, daß er in alle Ewigkeit in der Gesellschaft seiner Gesammelten Werke auftreten muß, daß er in alle Ewigkeit einen Druckfehler, den er zu korrigieren vergessen hat, wie eine Laus im Pelz spürt ...« Man ermesse an dieser sachlichen, handwerklichen Gewissenhaftigkeit des Dichters, wie groß seine menschliche Verantwortung ist und seine Furcht vor Gott. Denn gewiß ist in seinem Munde das Wort »Ewigkeit« kein Synonym für die »Nachwelt«, die der Himmel der profanen Autoren ist, sondern die wirkliche Ewigkeit: die des Jenseits und der Gnade ohne Grenzen. Der deutsche Weg (Oldenzaal), 6. 2. 1938