Charles Sealsfield Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812 Den Deutschen der unerlösten Gebiete gewidmet Die Herausgeber. Erstes Kapitel. Die Siesta war vorüber; die tiefe Stille, in welche die zweistündige Mittagsruhe die ganze Hauptstadt Neu-Spaniens wie begraben hatte, war auf einmal einem tobenden Gesumse gewichen, das, aus den oberen Vorstädten hereinbrechend und einem nicht minder tobenden Lärm von den unteren her begegnend, bald über der ganzen Hauptstadt in einem so furchtbaren Schwall von Tönen aufstieg, daß ihre unzähligen Aasgeier meilenweit dadurch verscheucht wurden. Mexikos Bewohner erhoben sich von ihren Lagerstätten, den Porticis der Kirchen, Häuser und Paläste, oder tanzten, mit den buntesten Mummereien behangen, aus dem Bazar hervor, um den Karneval in jener rasenden Lust zu feiern, mit der die katholischen Völker sich für die drückenden Entbehrungen des Jahres schadlos zu halten pflegen. Hier sah man einen riesigen Tenatero Ein Erzträger; sie tragen 250 Pfund mit Leichtigkeit und sind gewöhnlich Indianer von sehr starkem Körperbau. im ungeheuern spanischen Generalshute und der Sergeantenjacke, Zepter und Weltkugel in der einen Hand, in der anderen ein Kreuz von Pappe, stolz einherschreiten, den Erlöser von Atolnico vorstellend; dort sah man eine Schar von Indianern, Zambos und Mestizen, in Apostel, Jünger, jüdische Priester und Weiber metamorphosiert, vor dem göttlichen Meister unzüchtige Tänze und Sprünge aufführen; daneben Adam und Eva, vom Engel mit flammendem Schwerte aus dem Paradiese getrieben. An einem dritten Orte lieh sich der Dios Padre , Gott Vater, herab, selbst den Reigen anzuführen, zu dem die heilige Cäcilia eine spanische Laute schlug, während wieder das kleine Jesukindlein auf seiner Flucht nach Ägypten, einen gewaltigen Esel reitend, Ströme Wassers in die offenen Fenster und den Vorübergehenden in die Gesichter spritzte. Dazwischen Scharen von Leperos, Aussätzige, die zu Tausenden in der Stadt und den Vorstädten Mexikos obdachlos hausen. Stutzern und elegant herausgeputzten Mädchen und Weibern, die sich in diesem Schwarm von Indianern wie Sumpflilien im giftig schmutzigen Moraste ausnahmen; dann wieder Hunderte von Raketen, die ungeachtet des hellen Tageslichtes auf allen Seiten und Enden aufschwirrten, zur großen Freude der Indianer, deren Jubel in wahres Toben überging, wenn einer der feurigen Schwärmer unter die geputzten Damen, die von den Balkonen herabwinkten, fuhr. Überall die tollste, wildeste Freude; aber eine Freude eigener Art, so rasend auf einmal ausgebrochen, so grell und plötzlich nach der Totenstille, die noch wenige Minuten zuvor geherrscht, daß Auge und Ohr befremdet und erschrocken diesen Tausenden von Bacchanten und Bacchantinnen zusah und zuhorchte! Eine Gruppe von zwölf Personen, phantastisch in die verschiedenen Kostüme der Indianerstämme des Landes gekleidet, umgaben einen sogenannten Carro Ein zweirädriger Wagen. so malerisch, daß man wohl sah, sie folgten der Leitung eines berechnenden Kopfes. Die Indianer waren in Trauer und bewegten sich als Leidtragende um diesen Wagen, auf dem zwei Gestalten sich befanden, die das Attribut des Gräßlichen und Komischen so seltsam in ihrem Aufzuge vereinigten, daß das Auge neugierig und schaudernd zugleich auf diese sonderbaren Gestalten blickte, von denen die eine ausgestreckt auf dem Wagen lag: ein blutend verstümmelter Torso, aus dessen Brust und abgehauenen Arm- und Schenkelstümpfen das Blut noch immer tröpfelnd herabfiel, welches wieder von einem zweiten Gefolge spanischer Verlarvter mit Gier aufgeleckt wurde. Noch schien Leben in ihm, denn er stöhnte und gab hohle Töne von sich und mühte sich vergebens ab, das Ungeheuer, das gleich einem Vampyr sich auf ihm niedergelassen und seine Tigerklauen in seine Brust eingeschlagen, abzuschütteln. Dieses Ungeheuer war ebenso seltsam anzuschauen. Es hatte das finstere Gesicht eines wohlgenährten Dominikanermönchs, dessen Kutte es auch trug; auf der einen Seite hatte es eine brennende Fackel, auf der anderen einen bellenden Hund; sein Haupt bedeckte eine kupferne Gießkanne, die wahrscheinlich das Helmsubstitut des Ritters der Mancha vorstellen sollte. Der Rücken endigte im Schwanze des mexikanischen Wolfes Coyote, sowie wieder dem Jaguar die Tatzen angehörten, mit denen er den Torso furchtbar zerfleischte. Die Haufen von Indianern, Mestizen und der farbigen Bevölkerung waren allmählich durch Hunderte von Kreolen verstärkt worden, während der stolzere Spanier mißtrauisch aus den Fenstern seines wohlverwahrten Hauses dem sonderbaren Gaukelspiele zusah. Unter den reichsten Mangas, Der Mantel eines Mexikaners. die der Popanz angelockt, war ein junger Mann, dessen Gesicht schwer erraten ließ, welcher Rasse es angehörte. Es hatte alle Farben des Regenbogens, die sich auf der knapp anliegenden Seidenmaske so natürlich darstellten, daß man in Versuchung kam, dieses Farbenspiel für Natur zu halten. Er war aus der Fonda Ein Gasthof ersten Ranges. von Trespanna heraus auf die Straße getanzt, hatte sich einige Male flüchtig vorsichtig umgesehen und sich dann durch die Scharen zu dem Gaukelzuge gedrängt und gewunden. »Närrische Leute! Hirnlose Haufen! Was rennt, was drängt, was lauft Ihr? Was seid Ihr gekommen zu schauen, zu sehen? Wißt Ihr nicht, daß das Sehen verboten ist?« Der Ton des Stutzers, seine plötzliche Erscheinung und das kecke Originelle seines Wesens, im Gegensatze zu dem scheuen Benehmen der übrigen Kreolen, die sich vorsichtig dem Wagen näherten, ihn einige Augenblicke mißtrauisch betrachteten und dann sich schnell zurückzogen, um in sicherer Ferne des Weitern zu harren, hatten nicht verfehlt, die allgemeine Neugierde auf ihn zu lenken. »Wohl denn, Volk von Mexiko oder Anahuac, Der eigentliche Name des einstmaligen Kaisertums. wenn Ihr so Euch lieber nennen hört, das heißt Azteken und Tenochken und Otomiten und Mestizen und Zambos und Altra atras und Blancos, die der Teufel«, flüsterte er leiser, »ganz oder wenigstens zum zwanzigsten Teile holen mag.« Man nahm an, daß die Spanier, die Gebieter des Landes, den zwanzigsten Teil seiner weißen Bevölkerung, das heißt ungefähr 60 000 Seelen, ausmachten. »Bravo!« riefen Hunderte von Mestizen und Zambos, denen die letzten Worte des Stutzers auf einmal über sein politisches Glaubensbekenntnis Licht gegeben hatten. » Bravo, escuchad « Hört! ertönte es wieder und wieder. Während dieses Bravorufens hatte sich der Mann tanzend und wieder windend durch die Haufen zum Popanz hin Platz gemacht, den er aufmerksam betrachtete. Auf einmal hob der Stutzer die Kutte des Ungeheuers und der vom Rumpfe getrennte Kopf des blutigen Torso kam zum Vorschein. Es waren indianische Züge, von einer Meisterhand so natürlich dargestellt, daß Hunderte von Stimmen mit einem Male riefen: »Guauhtomozin!« »Guauhtomozin«! schallte es dumpf von Munde zu Munde, während der Stutzer fortfuhr, den Schleier von dem seltsamen Ungeheuer zu lüften. »Seht, hier hat es seine Klauen am tiefsten eingehackt!« sprach er, und die Menge schauderte wieder. »Es ist Tio Gachupin,« lachte er auf einmal, sich auf dem Absatze herumwendend, »Tio Gachupin, Vetter Gachupin. Gachupin ist ein unübersetzbares Wort. Die Spanier behaupten, es bedeute einen Helden zu Pferde; die Indianer und Kasten – einen Dieb. Es wird allgemein als ein Schimpfname betrachtet. der das Spiel, das er vor nicht ganz dreihundert Jahren mit dem armen Guauhtomozin – – nein, es ist Guauhtomozins Geist!« rief er, »der erschienen, blutend und um Rache schreiend.« Soviel war nun dem Haufen allmählich klar geworden, daß der Spektakelaufzug eine tiefe, ja gefährliche politische Bedeutung habe. Die Menge hatte schnell zugenommen; die flachen Blumendächer, die Balkone der nahen und entfernten Häuser waren mit unzähligen Köpfen angefüllt. Es herrschte eine tiefe Stille, die nur vom Geflüster der Neugierde oder dem Gemurmel des Schauders unterbrochen wurde. Auf einmal rief es: » Vigilancia, Vigilancia !« » Vigilancia Habt Acht! schallte es von Mund zu Mund. » Gracias Señoras y Señores ,« Dank, gnädige Herren und Herrschaften! lachte der Stutzer, duckte sich und verschwand. In wenigen Augenblicken war vom gräßlichen Sinnbilde Mexikos selbst keine Spur mehr vorhanden, und als endlich die beiden Alguazils mit ihren Stäben sich Bahn gebrochen hatten, regnete es Fetzen von Pappendeckeln und Trümmer gebrochenen Holzes auf ihre verhaßten Häupter; die Menge selbst war nach allen Seiten ausgerissen und brach größtenteils in den Gasthof ein, vor dem die Szene selbst stattgefunden hatte. Dieser Gasthof, der erste Mexikos, war der Vereinigungspunkt der hohen und niedrigen Welt der Hauptstadt, das heißt des größten Reichtums und der ekelhaftesten Blöße, die nur gedacht werden können. Die unteren Geschosse nahmen eine Art Basare ein, in denen Waren mexikanischer Fabrikate zum Verkauf ausgeboten wurden; die oberen Säle waren zur Bewirtung der Gäste bestimmt und mit einer Pracht ausmöbliert, die auffallend mit diesen Gästen selbst kontrastierte. Im ersten dieser Säle stand ein großer, langer Tisch, einer Billardtafel ähnlich, auf dem Haufen Silbers lagen, die Tausende von Piastern betragen mochten, während die Garderobe der ringsum sitzenden oder stehenden Spieler um ebenso viele Pfennige zu teuer bezahlt gewesen wäre. Außer den Worten Señor und Señoria war kaum ein Laut zu hören; aber dafür sprachen ihre giftig feurigen Blicke desto vernehmlicher, und ein Grimm war in ihren Augen zu lesen, der jeden Augenblick in Mord und Totschlag ausbrechen zu wollen schien. Der zweite Saal war, wo möglich, von einer noch häßlicheren Klasse von Menschen angefüllt, die liegend, stehend, hockend, auf allen vieren, in Stellungen hingestreckt waren, die nicht beschrieben, viel weniger gesehen werden mögen; zum Teil beschäftigt, ihre und ihrer Kinder Köpfe von jenen Anwohnern zu reinigen, die der ganze Reichtum dieser Klasse zu sein pflegen. Ein dritter Saal war den Schokolade- und Sangaree-Trinkern Ein Getränk, aus Zucker, Zitronen, Wasser, Rum und Gewürz bereitet. gewidmet, die ihre Gläser und Becher mit einer Behaglichkeit leerten, die in der ekelhaften Nacktheit und Armut ihrer Umgebungen noch einen eigenen Reiz zu finden schien; denn zwischen Stühlen, Bänken und Tischen lagen und krümmten sich die Elenden, Leperos genannt, gleichwie ein Bindungsmittel, das sämtliche Klassen Mexikos zusammenhielt; und wieder zogen ein: reich gekleidete Spanier, Spanierinnen und Kreolen, die noch halb schlaftrunken von der Siesta kamen, in einer Kleidung, hell und funkelnd und wieder lose und locker, vor ihnen her eine Schar von Mulatten- oder Negermädchen, die froh und üppig einhertanzten, Körbchen und Kästchen tragend und »Platz für unsere gnädigen Frauen!« schreiend, hinterdrein die Cortejos, die diesem Geschrei mit ihren Säbeln und Stöcken den nötigen Nachdruck gaben. »Verdammt! Welch eine schöne und liebliche Gesellschaft!« rief auf einmal dieselbe Stimme, die wir unten auf der Straße als den Ausleger der gefährlichen Fastnachtsposse gehört haben, und die nun einem Caballero, Caballero, Cavalier. Jeder von spanischem Blute abstammende Mexikaner macht auf diese Benennung Anspruch. seiner Larve nach zu schließen, angehörte, der in einem ganz neuen Anzug in den Saal trat, die Gesellschaft mit jenen flüchtigen Blicken messend, mit denen der hohe Wüstling eine untergeordnete Klasse von Menschen zu mustern gewohnt ist. »Holla! Zum Glück!« rief er, an den langen Tusch tretend und eine Rolle Piaster auf eine Karte werfend, die im nächsten Augenblicke auch schon gewonnen hatte. » Bravo, bravisimo! Doble ,« schrie er. Der Stutzer hatte wieder gewonnen und die Summe, so beträchtlich sie auch war, ohne eine Miene zu verziehen, auf die frische Karte geworfen. » Triple !« schrie er, als er wieder gewonnen: » Quadruple! « ein viertes Mal, und mit diesem letzten Glücksfalle warf ihm der Bankier seine ganze Barschaft mit den Worten: » Maledito gato «, hin und erhob sich von seinem Sitze mit einem Blicke, so grimmig, daß man hätte glauben sollen, es müsse den nächsten Augenblick Mord und Totschlag erfolgen. Wider alles Erwarten jedoch nahm der Mann seine zwei Realen, die er in den Ohren stecken gehabt, rief den Kellner, hielt diesem die beiden Silberstücke vor die Augen und sprach, auf das eine deutend, feierlich: » Cigarros ,« und auf das andere: » Arguadiente de caña «. Rum (aus Zuckerrohr). Und nachdem er so über sein Geld disponiert, schlug er, in Erwartung der beiden Labsale, seine Manga mit soviel Kunstfertigkeit über die Schulter, daß der Zipfel der andern Hälfte zugleich bis zu den Hüften herab verlängert wurde, und es so einiger Aufmerksamkeit bedurfte, zu gewahren, daß einer der beiden Schenkel gänzlich des nötigen Artikels, Beinkleider genannt, ermangelte. »Kommen Sie, Damen und Herren zum Glück!« rief nun der glückliche Eroberer der Schätze seines Vorgängers, indem er gleichermaßen zwei Realen Real, der achte Teil eines Piasters, wird, das Glück festzuhalten, von den Spielern in die Ohren gesteckt. aus einem besonderen Beutelchen herausnahm und einen in jedes Ohr steckte, welche Handlung er mit dem Zeichen des Kreuzes begleitete. »Platz, Pöbel!« rief es auf einmal wieder, und mit diesem Rufe trat ein Zug spanischer Soldaten mit ihren oder anderer Weiber ein. Vor jeder dieser Spanierinnen schritten drei Mulattomädchen mit lose anliegenden Seidenröckchen, die ihnen bis zu den Knien reichten und so locker und lockend anlagen, daß der Busen und der ganze Leib ohne Mühe zu ersehen waren; die Haare in goldfadige Netze gewunden, an den Armen Spangen von gleichem Metalle. Das erste dieser Mädchen trug ein offenes Kästchen mit Zigarren, aus dem wechselweise die Dame und ihr Cortejo sich zuhalfen; das zweite ein Körbchen mit Zuckerwerk, dem gleichfalls häufig zugesprochen wurde, und die dritte die Geldbörse. »Platz!« erschallte es wieder, und die Begleiter der Damen, wohlbestallte Unteroffiziere der spanischen Truppen, schwangen ihre Rohrstöcke und Säbel, daß Indianer und Mestizen und Zambos wie gemäht von Bänken und Stühlen purzelten. »Alle Teufel, was wollen Sie damit sagen?« rief unser neuer Bankier, der sich auf seinen Sitz niedergelassen hatte, auf einmal aufspringend. Er sprach diese Worte so drohend, und seine Gestikulation war so echt mexikanisch, daß drei der Sergeanten mit einem Male auf ihn zusprangen. »Hund, was soll dies bedeuten?« »Hund!« rief der Mexikaner gleichfalls, und dabei fuhr seine Hand unter die Manga, und die Bewegung war so schnell von den sämtlichen weißen, schwarzen, braunen und grünen Physiognomien nachgeahmt worden, daß die drei Sergeanten nebst ihren Damen mit einem Male zurückprallten. Nur die vierte hatte sich in der Nähe des Tisches gehalten und schwang nun die Karten, die Gesellschaft zum Spiele einladend. Diese Einladung hatte auch einen unbegreiflich schnellen Erfolg. Dieselben Menschen, die soeben Partei auf Leben und Tod für ihren Landsmann genommen hatten, – denn dies verriet das mysteriöse Langen unter die Mangas – ersahen kaum, in wessen Hand sich die Zauberblätter befanden, als sie auch wie mit einer Stimme riefen: »Um der Liebe Gottes! Gehen Eure Herrlichkeit mit Gott!« »Gehen Sie mit allen hunderttausend Teufeln, gnädiger Herr!« brüllten die Spanier. Der junge Mann sah abwechselnd seine armen Landsleute, dann wieder die Spanier an; dann, wie ergriffen von der sonderbar originellen Höflichkeit und Grobheit beider, lachte er laut auf, packte pfeifend seine eroberte Beute zusammen und räumte den Saal. Seine Wanderung durch die anstoßenden Säle schien einige Zeit hindurch eine absichtslose zu sein, bis er sich endlich in den letzten leeren Saal verlor, wo er an die Flügeltüre trat, die verschlossen war, und an die er mit den Worten klopfte: »Gegrüßet seist Du, reinste Maria!« Ihm wurde aufgetan. Zweites Kapitel. Die Gesellschaft dieses Saales war von der soeben beschriebenen vorteilhaft verschieden; sie bestand aus beiläufig fünfundzwanzig jungen Männern, die, sämtlich in die reiche Tracht des Landes gekleidet, Mangas verschwenderisch mit Samt, Seide und Gold verbrämt, Jacken mit Otterfellen ausgeschlagen und gleichfalls mit Gold verbrämt, und die übrige Kleidung von entsprechend kostbaren Materialien hatten. Das spitze, feine Hohnlächeln, mit dem sie den Eindringling musterten, und ihre vornehm gleichgültigen Blicke auf die Goldhaufen, die den Tisch bedeckten, verrieten geübte Hasardspieler, oder, was in Mexiko dasselbe sagen will, Edelleute vom höchsten Range. Der Saal war kostbar möbliert, Tische und Sessel vom feinsten Holze und reich vergoldet, Vorhänge, Estraden, Lüster nach der neuesten Fasson. »Sechzehn machen einen Doblón«, Ein spanischer Doblón ist gleich sechzehn Silberpiastern. sprach der junge Mann, der nichts weniger als verschüchtert durch den vornehm geringschätzigen Empfang nun zum Tische trat und eine Rolle von so vielen Piastern auf eine der Karten setzte. » No pueden, « Können nicht. erwiderte der Bankier, der mit seiner hölzernen Hand das Silber geringschätzig zurückwies. » No pueden, « sprachen in demselben einsilbigen Tone die Kavaliere, »eine geschlossene Gesellschaft«. »Eine geschlossene Gesellschaft?« wiederholte der Mann kopfschüttelnd. »Allen Respekt vor Privilegien, nota bene, wenn sie respektiert werden. Wissen Sie aber, Señores, daß unser Privilegium älter ist?« »Dein Privilegium älter, Spitzbube?« sprach einer der Edelleute gedehnt. »Ei, gewiß ist es älter, und gerade so alt, als die Mutterkirche zum Narren geworden ist.« »Die Mutterkirche zum Narren geworden?« »Zum Narren geworden; sie fraß nämlich so viele Narrheit, daß sie ganz zum Narren geworden ist, wie Sie sehen können, wenn Sie auf die Gasse schauen wollen. Just so, wie die Madre Patria Madre Patria nennt der Mexikaner Spanien. – Mutterland. so viel mexikanisches Blut gefressen, daß sie ganz blutdürstig geworden ist.« Die jungen Kavaliere wurden auf einmal aufmerksam. »Ruhe, mein Herr! Gehen Sie mit Gott, und möge Ihnen der Alguazil kein Geleit in die Cordelada Hauptgefängnis. geben«, sprach der Bankier. »Ruhe wollen Sie? Sie werden sie in Mexiko nicht mehr finden! – Sie werden Sie so wenig finden als Pedrillo. Keine Ruh', keine Ruh', keine Ruh' bei Tag und Nacht; nichts, das ihm Vergnügen macht.« Und mit diesen Worten brach er auf einmal in die Arie Pedrillos aus, die er mit einem Feuer und einem Aufschwunge absang, daß die Kavaliere den Mann mit offenen Mäulern anstarrten. Zugleich waren im anstoßenden Saale eine Gitarre und Kastagnetten eingefallen, die den Gesang regelmäßig begleiteten. War es der Reiz der Überraschung oder das Originelle in der Weise des Sängers, der das Bruchstück aus dem Meisterwerke des berühmten und in Mexiko hochbeliebten Tonsetzers so unvergleichlich sang, die Kavaliere sprangen wie von einem elektrischen Funken berührt auf, und zwanzig Dublonen flogen ihm mit einem Male in die Manga. »Señores,« sprach der Bankier, der allein mürrisch gehorcht hatte und nun unserem Aventurier näher trat, »ich warne Sie, Señores ! Ich erkenne in dem Caballero denselben Gentilhombre, Gentleman, aber in einem ironischen Sinne. dem die Alguazils soeben auf den Fersen waren, und der uns diese ungebetenen Herren sehr leicht auf den Hals bringen dürfte!« »Bist du es, der den Alguazils die Nase gedreht?« riefen mehrere. Doch der junge Mann hatte statt aller Antwort mit dem Fuße gestampft, und wie auf einen Zauberschlag öffneten sich zwei Flügeltüren gegenüber denjenigen, durch die er gekommen, und heraus traten vier Gestalten, die, fleischfarben-seidene Masken auf den Gesichtern und ebensolche Kleider auf dem Leibe, zwei herrliche, aber etwas üppige Tänzerpaare bildeten. » Señores ,« warnte, bat, flehte und drohte der Bankier. Die Kavaliere, im Anschauen der üppigen Umrisse der herrlichen zwei Mädchengestalten versunken, sahen und hörten nichts mehr vom Bankier, der hastig und mürrisch seine Geldhaufen zusammenscharrte, sie in einen Kasten packte und den Saal verließ, als wenn der Feind ihm auf den Fersen nachfolgte. Die Gitarren hatten geklungen, die Tänzer sich in Bewegung gesetzt, die Kastagnetten knackten darein, und nun führten die zwei Paare einen Tanz auf, den der stärkste Pinsel vergeblich in seinem rasenden Liebesentzücken zu schildern versuchen würde. Jede Bewegung war reine Natur, Hingebung, hinschmelzende Lust. Sie begannen mit dem Bolero und gingen durch ein rasches Stampfen mit dem Fuße und ein Wirbeln der Arme in den Fandango über. Alles war glühende Wollust, aber nicht jene grobe Wollust, unter der gewöhnliche Fandangotänzer ihre Ungeschicklichkeit zu verbergen pflegen. Die höchste Poesie dieses zugleich üppigen und zarten Tanzes stellte sich in jeder Bewegung so unnachahmlich ergreifend dar, daß die Kavaliere in sprachlosem Entzücken mit lauten Ahs und Ohs! vorsprangen, den aufgeregten Sturm tobender Leidenschaft zu beschwichtigen. – Sie prallten, als wäre der Blitz vor ihnen in den Boden geschlagen, zurück. Ein widrig gestöhntes Brr! tönte aus der hinteren Ecke des Saales. Auf einer Ottomane, die im Hinterteile des Saales sich längs der Wand hinzog, lag halb und saß halb eine Gestalt, deren Anzug einen Moslem bezeichnete, und zwar einen Moslem des höchsten Ranges. Sein Kleid war grün, sein Turban gleichfalls; in diesem letzteren glänzte ein Geschmeide funkelnder Edelsteine, das alles übertraf, was in Mexiko dieser Art bisher noch gesehen worden war. Dafür aber waren die Züge des Moslems wieder die abstoßendsten, die gedacht werden konnten. Eine niedrige zurückfließende Stirne, mit blaugrauen, stieren, gläsernen und doch tückisch lauernden Augen, in denen Treulosigkeit und Grausamkeit ihren Sitz aufgeschlagen zu haben schienen. Zwischen der Stirne und diesen Augen neigte sich eine lange Nase raubtierartig zu einer Oberlippe herab, der Gefräßigkeit angeboren schien, während die Unterlippe in äußerster Erschlaffung niederhing; die Kinnladen dieses häßlichen Gesichtes waren viereckig und lang, der Mund groß. Über das Ganze war ein Kolorit ausgegossen, das ganz den tückisch falschen und widerlichen Zügen des Gesichtes entsprach und keiner Farbe angehörte. »Um Gottes Liebe willen!« schrien unsere Kavaliere nun wirklich erschreckt. »Was soll das?« Sie näherten sich wieder der seltsamen Gestalt und schraken wieder zurück, als wenn in dieser Figur ein böser Zauber läge. Neben ihr knieten zwei andere Moslems, der eine in einem blendend weißen, der andere in einem grünen Turban. Sie hatten ihre Hände auf der Brust gefaltet und ihre Gesichter berührten beinahe den Teppich. »Brr!« stöhnte der Moslem, sich verdrießlich auf der Ottomane dehnend, in einem Tone, der mehr dem Grunzen eines Borstentieres als einer Menschenstimme glich. Beide Moslems prallten auf die Seite und erhoben sich ehrfurchtsvoll, einen Schritt zurücktretend, ohne die Kavaliere auch nur eines Blickes zu würdigen. Die Neuheit dieser sonderbaren Szene schien diese so sehr außer Fassung gebracht zu haben, daß auch kein einziger ein Wort zu sprechen wagte. » Zil ullah ,« Der Herr sei mit uns. sprach der Weißbeturbante. »Seine Hoheit haben wieder gesprochen. Drei Tage haben Ihre Hoheit weder von der Bohne von Mekka gekostet, noch von dem glorreichen Safte, der die Gläubigen schon bei Lebzeiten in das Paradies versetzt –« »Es sind Unverdaulichkeiten«, sprach der Grünbeturbante. »Regierungssorgen«, erwiderte der mit dem weißen Turban, »wir müssen ihn zerstreuen. Es sind frische Almas Türkische Tänzerinnen. und Odalisken angekommen«. Er näherte sich sofort dem Kalifen, denn dies war der hohe Rang, den der sitzende Moslem vorstellen sollte, und nachdem er sich zur Erde geworfen, trug er die Bitte vor. Es folgte wieder ein Grunzen, das für Zustimmung gelten konnte, worauf sich der Vezier freudig erhob, einen Schritt zurücktrat, dreimal mit dem Fuße vernehmlich stampfte, und dann mit seinem Gefährten in die Ecke trat, um der kommenden Dinge zu harren. Zur Verwunderung unserer Kavaliere öffneten sich wieder die Flügeltüren, und vier Tänzerpaare traten ein in so glänzend prachtvollem Kostüm, daß es selbst dasjenige der Moslemin verdunkelte. Ihnen folgten vier rabenschwarze Gestalten, von denen die zwei ersteren die spanisch-maurische Gitarre trugen, die dritte das ostindische Tomtom Die ostindische Trommel. und die vierte die persische Flöte. Eine Weile standen die acht Figuren in ehrfurchtsvollem Harren, als wieder ein Brr! sich hören ließ und der Kopf des Kalifen sich erhob, um das neue Schauspiel seines Blickes zu würdigen. Ein Adagio der Guitarre, in welches das Tomtom wie das entfernte Rollen des Donners einfiel, allmählich stärker und stärker werdend, eröffnete den Tanz. Dann fielen die Kastagnetten ein, und endlich erhob sich der Flöte sanfter Ton, das Ganze zur Harmonie verbindend. Gerade so verschmolzen die Tänzer allmählich in die schönste, üppigste Tänzergruppe, mit ihren bunten Schleiern Regenbogen bildend, hinter denen die schwellenden Gestalten wie Huris hervorlächelten. Bald ging das Adagio in das Allegro über, die Bewegungen der Tänzer wurden rascher, ihre Gebärdenspräche lebendiger, das Spiel ihrer Glieder üppiger, feuriger, verlangender; aller Blicke, aller Bewegungen schienen nur auf den Kalifen gerichtet zu sein. »Brr«, stöhnte der wieder mit derselben kreischend grunzenden Stimme. »Und Ihr nennt das Zeitvertreib, was wir tausend und abermal tausend Male gesehen haben? Beim Barte des Propheten!« rief er heftiger, »Vezier, so wir heute keinen Schlaf und morgen keinen Appetit haben, so hast du die Schnur, und deine Almas stecken auf Pfählen«. Der Vezier stand sprachlos ob dieser Drohung, der Emir mit weit aufgesperrtem Munde, die Tänzer und Tänzerinnen wie angezaubert festgebannt in derselben Stellung, in der sie waren, als die Donnerworte gesprochen wurden; eine der Bajaderen hielt ihr Füßchen in wagerechter Lage, so daß die Zehenspitze in den offenen Mund ihres Tänzers zu ruhen kam; eine zweite hatte in der Verzweiflung den ihrigen in der Falte des Gewandes des Emirs verloren, der, vor Schmerz auf- und abrennend, sie nun auf dem ihr noch gebliebenen Fuße mittanzen ließ; alle drückten Schrecken und Entsetzen so unvergleichlich aus, daß der Kalif auf einmal ins lauteste Gelächter ausbrach. »Beim Barte des Propheten!« rief er mit demselben widerlichen Gelächter, »wir haben große Lust, dir den Kopf, Vezier, wirklich abschlagen zu lassen, um diese Szene nochmals, und womöglich in verstärkter Natürlichkeit, zu genießen.« » Allah Akbar ,« Gott ist groß. riefen Vezier und Emir und Tänzer und Tänzerinnen. Und alle brachen in laute Lobpreisungen der Gnade Allahs aus, der so große Wunder durch seine Sklaven getan und ein Lachen hervorgebracht, das die Hoheit erquickt hatte. »Beim Barte des Propheten, sie sind nützliche Diener des Staates«, sagte der Kalif, »und sie mögen unserer Hulden und Gnaden versichert sein. Lasse ein paar Dutzend aus einem der reichen Basare die Köpfe abschlagen und ihre Zechinen diesen armen Teufeln zur Hälfte zuteil werden«. Ein leises Tappen an der Tür schien bescheiden um Einlaß zu bitten. Der Vezier hatte sie geöffnet und kam mit der Nachricht zurück, daß der Ober-Emir die Gnade einer Audienz begehre. »Wieder Regierungssorgen und nichts als Regierungssorgen«, brummte der Kalif und ließ das Haupt sinken wie zur Überlegung; dann hob er es mürrisch und sprach: »Es sei, wir wollen den geistlichen Oberhirten unseres Reiches empfangen«. Tänzer und Musiker traten nun in den Hintergrund, schoben die Kavaliere gleichfalls in diesen zurück und erwarteten mit gefalteten Händen den Ober-Emir, der gleich darauf gesenkten Hauptes hereinkam und, nachdem er vor den Kalifen getreten, mit seinem Gesichte den Teppich berührte. »Entledige dich rasch deiner Worte, maßen wir soeben in hohen Regierungsangelegenheiten begriffen gewesen; auch der Zustand dieses unseres Leibes –« » Bismallah ,« Im Namen des Herrn. sprach der hohe Priester zum höchsten der Moslemin: »Wir haben Gebete ausrufen lassen von allen Tempelzinnen, befohlen, daß die Gläubigen sich mit Staub bestreuen. Wir haben Männer aufgenommen, die heilige Wallfahrt zu tun und den schwarzen Stein von Ararat zu küssen, um dieses körperliche Übelbefinden deiner Hoheit –« »Du hast wohlgetan, Ober-Emir«, sprach der Kalif. »Licht der Welt, das sie mehr denn die Sonne durch seinen Glanz erhellt«, fuhr der Ober-Emir fort, »wir haben auch in Anbetracht des großen Übels, das dem Reich erwachsen würde durch dieses Übelbefinden deines Leibes –« »Halte ein, Ober-Emir!« donnerte ihm der Kalif zu. »Haben wir nicht Befehl erteilt, zu hängen, zu spießen, zu vertilgen wie schädliches Gewürm alle diejenigen, die da zweifeln, bedenken oder überhaupt denken? Haben wir nicht diesen Befehl überall verkünden lassen zu des Propheten und unseres eigenen Namens größerer Ehre?« Der Ober-Emir, der auf den Knien gelegen, richtete sich nun zur Hälfte auf und sprach: »O du, der du allen Völkern als die Wonne der Seele gegeben bist, wie soll ich meine Bewunderung hinlänglich ausdrücken, um deine hohen Eigenschaften würdig zu preisen – –« »Halt ein, einen Augenblick, Ober-Emir«, fiel ihm der Kalif ein. »Du sollst und mußt wissen, daß uns an deinem Preisen und deiner Erkenntnis unserer guten und hohen Eigenschaften nichts gelegen ist. Du sollst zu uns aufblicken, wie du zur Sonne aufblickst, in der du weder Gutes noch Böses, Schädliches noch Unschädliches siehst, die du nur fühlst in ihren Wirkungen, Segnungen, Zerstörungen.« Schon mehrere Male war an den Flügeltüren des Haupteinganges zum Saale ein Geflüster zu hören gewesen, das die Anwesenheit von Horchern verriet: ein Umstand, der die Hälse der kecken Repräsentanten des Kalifats in Gefahr bringen konnte. Ohne sich jedoch durch diese Anzeichen von Spürhunden stören zu lassen, hatten die Moslemins fortgefahren, ihre Rollen zu spielen, und der Kalif erhob sich mit all der Würde und stoischen Hoheit eines morgenländischen Beherrschers, seinen beistehenden Dienern verkündend, wie er Großes tun und das zwölfte Unterröckchen mit eigener Hand für die Mutter des Propheten fertigen wolle. So war der Zug zur Tür geschritten, als einer der Kavaliere aus dem Erstarren, in welches alle dieser merkwürdige Auftritt versetzt hatte, erwachend, plötzlich aufsprang, dem Kalifen ins Gesicht stierte und mit den Worten »Um Gottes willen! Ferdinand, der König!« wieder zurückprallte, nochmals vorlief und »Halt, Verräter!« schreiend, den Kalifen zu erfassen strebte. Selbst in diesem gefährlichen Momente vergaß dieser die angenommene Würde nicht. Einen Blick hoher Geringschätzung warf er auf den Jüngling und schritt dann zu der Tür hinaus, während der riesige Emir den Kreolen erfaßte, wie eine Feder aufhob und, ihn weit in den Salon zurückschleudernd, die Türe zuwarf. Noch standen die sämtlichen Kavaliere in Schrecken und Staunen versunken, als die andern Flügeltüren krachend aufgerissen wurden und mehrere Alguazils hereinstürzten, wütende Blicke in dem Saale umherwerfend, und als sie die Gegenstände ihres Suchens nicht sahen, unter lauten Flüchen und Verwünschungen durch die zweite Tür rannten, durch welche die seltsamen Akteurs verschwunden waren, und weiter fort von Saal zu Saal. Im wütenden Rundlaufe waren sie wieder in den Saal gekommen, wo die Edelleute, sprachlos und bewegungslos, noch immer standen. »Alle Teufel!« schrie einer der Häscher, der zum Fenster gerannt war: »Sie sind in den Hof hinabgesprungen, acht Varas Mexikanische Elle. hinab; Teufel!« brüllte er mit einer Wut, die ihm den Geifer aus dem Munde trieb. »Und Ihr, Caballeros«, schnaubte er unsere Kavaliere an, denen diese Szene nun erst vollends die Bedeutung der beispiellosen kecken Pasquinade kundgetan, und die atemlos, bleich und zitternd standen, »hat es Euch beliebt, mit dem geheiligten Namen der Majestät Euern Spott zu treiben?« »Don Battista, bei unserer Ehre! Wir wissen nicht,– –« »Bei unserer Ehre«, donnerte ein zweiter Häscher, »Ihr sollt es bezahlen mit Euern Köpfen, Hunde von Kreolen«. »Don Jago!« riefen die empörten Kavaliere drohend. »Auf unsere Ehre –« »Auf unsere Ehre«, überschrie sie der Alguazil, »wären wir Virey –« »Was nicht ist, kann ja werden! Ihr seid ein geborener Gachupin!« schrie einer der Kavaliere mit bitterem Spotte. »Wir sind ein Spanier, und Ihr seid nur elende Kreolen; elende, elende Kreolen; damit basta!« Selbst die Geduld des Schafes hat ihre Grenzen, und so auch die unserer Kreolen. Die Kavaliere sprangen alle auf einmal wie rasend auf den Alguazil los; doch dieser hatte den Ausbruch des Sturmes vorausgesehen und war mit einem Satze zur Türe hinaus. Unsere Kavaliere starrten sich noch eine Weile an und dann, als entsetzten sie sich vor ihren eigenen Gestalten, verschwanden sie hastig durch alle Türen. »Da gehen sie, die glorreichen Sprößlinge des verdorbensten Blutes, das in Mexiko rinnt, fünf oder sechs ausgenommen«, flüsterte zwei Minuten nach diesem Auftritte derselbe Pedrillo, den wir der Rollen so viele spielen gesehen haben, und der, bereits wieder ins Unkenntliche metamorphosiert, vor dem Tore des Hotels stand. »Tut mit diesem adeligen Blute«, fuhr er brummend fort, »was Ihr wollt, kitzelt sie wie Ihr wollt; wenn es nicht eine Tänzerin ist, so hilft alles nicht«. »Bist du des Teufels«, entgegnete ihm sein Gefährte »dich da herzustellen? Bei meiner Seele, ich sehe dich noch, ehe das Jahr um vier Wochen älter ist, auf der Veracruz-Esplanade Der Richtplatz von Mexiko. dem Verdugo zum Kaballito dienen«. Verdugo ist der Henker, Kaballito das Pferdchen. Bei den Hinrichtungen in Mexiko setzt der Scharfrichter sich dem Gehängten auf die Schulter, so ist da» Sprichwort »dem Verdugo zum Kaballito dienen« mit »gehängt werden« gleichbedeutend. »Pah! Eure Alguazils, elende Kerls! Zu Häschern gut genug; aber zur höheren Spionage – ja, wären es Franzosen, das sind dir Kerls! In Kuba kannst du ihrer sehen; aber diese Spanier müssen erst ein Vierteljahrhundert abgerichtet werden. Wollen auf die Plaza. Ist hohe Zeit«. Und mit diesen Worten schritten die beiden recht gemächlich der Plaza Mayor Der Hauptplatz von Mexiko, den der Palast des Vizekönigs und die Kathedrale nebst andern Prachtgebäuden zieren. zu. Drittes Kapitel. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergange als die beiden waghalsigen Abenteurer, schlendernd durch mehrere Straßen, in der oberen San-Agostino-Gasse anlangten, um in die Plaza Mayor einzulenken. Ein gewaltiger Lichtstrom, der die ganze schnurgerade, meilenlange Straße plötzlich aufhellte, blendete ihre Augen, indem er die ganze östliche Reihe der Häuser in tausend phantastischen Gestalten vor ihren Blicken schwirren ließ, während die westliche bereits in die Dämmerung hinübergraute. Die grünen, gelben, blaßroten, lichtblauen und wieder al fresco bemalten oder mit Porzellan überkleideten Häuser schienen in den zitternden Strahlen der Abendsonne ebensowohl zu tanzen als die bunten Haufen, die lärmend und tobend aus den unteren Teilen der Stadt herausschwärmten; Ströme von Wohlgerüchen, die aus den tausend Blumenvasen und den Gärten der Dächer sich in der Abendluft entwickelten, steigerten den Sinnenrausch zur Betäubung. Von dem äußersten Ende der Straße her funkelten in der Abendsonne die glänzenden Porphyrmassen der Gebirge Tenochtitlans herüber und schlossen sich gewissermaßen an die Häuserreihen gleich ungeheuern Wällen glühenden Erzes an, das im Gusse fortschwillt. Ferneher glänzte der Itztaccihuatl, mit seinem schneebedeckten Haupte, einen Strom von Licht über die ungeheuern Porphyrmassen gießend, die zu seinen Füßen liegen. Die beiden Wanderer standen in sprachlosem Anblicke verloren. » Caramba ,« rief Pedrillo endlich, und seine Brust schwoll sichtlich von jenem tiefen Entzücken, mit dem der Südländer die herrlichen Naturszenen seines Landes fühlt. »Wie schön, wie herrlich ist unsere Stadt, das Haupt der ganzen Welt! Mexiko für immer!« »Ach, wie schön und herrlich!« spottete sein Gefährte, indem er auf die zerlumpten Volkshaufen deutete, die, untermengt mit reich gekleideten Männern und Damen, nun stärker und stärker in die Piazza zu strömen anfingen, unter diesen ein zahlreicher Schwarm von Indianern, die vom Veracruztore herabkamen und bei deren Erscheinen unser Pedrillo mit den Zähnen knirschte und dann, gleichsam als wäre er nicht fähig, den ekelhaften Anblick zu ertragen, seinen Gefährten anfaßte und ihn mit sich, der Plaza zu, fortriß. Die Indianer, deren Anblick unseren Pedrillo so sehr aus seinen Träumen geschüttelt, mochten einige Tausend sein, meistens alte Männer, Weiber und Kinder. Ihr trostloses Wesen verriet herbe Drangsale, gänzliche Ermattung und eine lange, mühevolle Wanderung. Die Weiber hatten wenig mehr am Leibe als Fetzen von schwarzen, groben Wolldecken, in deren Löcher sie die Köpfe gesteckt hatten, so daß die Reste flatternd um ihre häßlichen, nackten, verdorrten Leiber hingen. Auf ihren Rücken hockten die Säuglinge, während die erwachseneren Kinder ganz nackt neben den Müttern einherliefen und sich an ihren Lumpen festhielten. Die Männer hatten Fetzen von Magueyleinwand um ihre Lenden, sonst aber keine Kleidung, und ihre straff über die Gesichter herabhängenden Haare gaben ihnen einen ungemein verstört widerlichen Ausdruck. Kaum daß sie mehr aufrecht zu stehen vermochten, stolperten sie der Plaza zu, gleich einer Herde Viehes; nur ihre düster und tückisch umherschielenden Blicke verrieten noch jene Ungebeugtheit und jenen tief versteckten indianischen Grimm, den weder körperliche noch geistige Leiden ganz zu überwältigen vermögen. Als sie auf dem Platze angekommen waren, lagerten sie sich – ein elender und beinahe scheußlicher Knäuel. Ein düsteres Gemurmel ausgenommen, war kein Laut von ihnen zu hören, und die prachtvollen Kirchen und Paläste des herrlichen Platzes waren nicht imstande, ihnen auch nur einen Blick abzugewinnen. Die Haufen Leperos, Mestizen, Mulatten und Kreolen, die schwärmend auf- und niederwogten, hatten sich scheu vor dem unsäglichen Elende der Schar zurückgezogen, die, einem Schwarme Heuschrecken nicht unähnlich, ebenso unerwartet eingefallen und gleich diesem bereits Spuren ihres ekelhaften Daseins in vergiftenden Ausdünstungen und Unrat zurückzulassen begannen. Die Glocken von den Türmen der Domkirche hatten sechs geschlagen; beim letzten Schlage fielen die Ave-Maria-Glocken der ganzen Stadt ein. Tausende entblößten ihre Häupter und murmelten ihr Abendgebet, so daß der ungeheure Lärm plötzlich in eine Grabesstille und ebenso schnell wieder in das lauteste Tosen überging. Der letzte Glockenschlag war noch nicht ganz verklungen, als ein Trupp Ulanen aus dem linken Flügel des vizeköniglichen Palastes hervortrabte. Ohne einen Laut von sich zu geben, brachen die Reiter auf den Knäuel ein, Treibern gleich, die ihre gewichtigen Knüttel auf den Rücken der zögernden Tiere spielen lassen. Erst als die Ulanen in die vordersten Reihen eingedrungen waren, fing der Knäuel an sich zu bewegen, doch so langsam, daß bereits mehrere Weiber und Kinder niedergeritten und von den Hufen der Pferde zertreten waren, ehe sich die übrigen zu regen anfingen. Nur zuweilen entfuhren dem Haufen schneidend heulende Töne, dem Pfeifen des Orkans durch die Taue und Segelwerke vergleichbar. Kläglich war es übrigens anzusehen, wie einzelne Weiber die zuckenden Leichname ihrer Kinder unter den Pferdehufen hervorzerrten, sie mit aufgerissenen Augen anstierten, mehr Orang-Utangs in ihrem höchsten Schmerze als Menschen ähnlich, und dann mit Klagelauten, die wenig von denen dieser Tiere verschieden waren, in die Straßen einbrachen. Das Ganze bot ein seltsames Schauspiel dar. Wie vom Winde hergeblasen, waren die Indianer erschienen, und mit nicht minderer Schnelligkeit hatte die unsichtbare Gewalt ihre Werkzeuge herbeigeführt, sie wieder zu vertreiben. Die übrigen Volkshaufen waren in jener Gefühllosigkeit stehen geblieben, welche Menschen eigentümlich ist, die an derlei Szenen gewohnt sind. Nur wenige hatten sich in die noch immer offene Kathedral- und San-Francisco-Kirche geflüchtet, aus denen sie, nachdem die Ruhe hergestellt, wieder zum Vorschein kamen. »Was Teufel hat das zu bedeuten?« fragte unser Pedrillo, der, seine Zigarre rauchend, ganz gemütlich der unmenschlichen Treibjagd zugesehen hatte. »Eure Gachupins sind doch sonst, was man sagt, väterlich gesinnt gegen die gente irracional ?« Unvernünftiges Volk wurden und werden die Indianer noch immer von den weißen Mexikanern geheißen. »So so«, versetzte Pedro, »doch diese da haben etwas auf der Kreide, wie du soeben hören magst«. Ein Alguazil schrie eine Art Proklamation der Menge vor, die er zur Ruhe aufforderte. »Ruhe, Ruhe! Volk von Mexiko!« rief der Beamte, »Ruhe, welche da ist des Mexikaners erste Pflicht und Eure besonders, die Ihr unter dem Schutze des Auges Sr. katholischen Majestät steht, welches da ist unser allergnädigster Herr, der Virey, der beschützt und sieht und bewacht die Ruheliebenden und verdirbt die Gottlosen und Widerspenstigen mit Feuer und Schwert, so wie Ihr an den Cabecillas von Zitacuaro gesehen habt. Die Gerechtigkeit verfolgt die Ruhestörer, wo sie sich zeigen. Es lebe Se. Majestät Ferdinand VII. und Se. Exzellenz unser gnädiger Vizekönig! Er lebe hoch!« Einige Spanier versuchten das Vivat nachzukreischen, wurden jedoch von einem tobenden »Nieder!« übertäubt, das tausend Kehlen zugleich brüllten. Die öffentliche Stimmung fing an, sich schnell für die unglücklichen Einwohner von Zitacuaro zu erklären. »Arme Teufel!« schrie einer, »ich glaube, diese Gente irracional wären genug bestraft worden als der Obermetzger ihre Stadt niederbrannte, ihre Felder verwüstete, ihre Bäume umhieb, die Männer alle schlachtete und die Weiber und Kinder mit einem Zettel wegschickte. Mit dem können sie sich wärmen statt der Wolldecke«. »Man jagt sie von Zitacuaro«, schrie ein zweiter, »nach Guanaruato, von Guanaruato nach Valladolid, von Valladolid nach Puebla, von Puebla nach Sombrerete. Überall dezimiert man sie, und so bekommt man Ruhe; das ist Eure Amnestie!« »In Guanaxuato«, brüllte ein dritter, »haben sie Ruhe auf einmal gemacht; vierzehntausend Männer, Weiber und Mädchen und Kinder an einem Tage geschlachtet. Das muß ein Fressen für die Geier und Wölfe gewesen sein!« Doch als wollte die unsichtbare Macht, die soeben diesen gräßlichen Beleg ihrer unbegrenzt schrecklichen Gewalt der Menge geliefert, diese keinen Augenblick zu gefährlichem Nachdenken kommen lassen, eröffnete sich sofort eine neue Szene. Die Ulanen hatten sich nämlich kaum an den verschiedenen Zugängen der Plaza und des vizeköniglichen Palastes aufgestellt, als sich die Tore des letzteren öffneten und ein Zug von Männern herausschritt, der die allgemeine Aufmerksamkeit mit einem Male fesselte. Es waren ihrer vierundzwanzig; ihrem Äußern nach zu schließen Zwittergeschöpfe, zwischen Leibgardisten und Hausdienern die Mitte haltend. Sie hatten gewaltige, aufgestülpte Hüte, reich mit Goldtressen besetzt und einem silbernen Schilde versehen. Ihre Uniformen bestanden aus einer roten Jacke, mit einer Menge silberner Knöpfe besetzt, ebensolchen Beinkleidern, gleichfalls mit Goldtressen und silbernen Knöpfen längs den Hüften bis zu den Knien verziert; ihre Gamaschen, von braunem Leder, waren hinten offen. Als Waffen hatten sie einen kurzen Degen und einen langen Spieß oder Hellebarde. Die Uniform ihres Anführers unterschied sich bloß durch größere Feinheit und reichere Verzierung. Statt der Hellebarde trug er einen Kommandostab mit goldenem Knopfe, dem eines Regimentstambours nicht unähnlich; auch sein Marsch glich dem eines solchen Würdenträgers, indem er, den rechten Fuß schnell vorwerfend, die Zehe einen Augenblick balancierte und dann ebenso gravitätisch den linken nachsandte. Diese Bewegung, von der größten Hälfte der Truppe nachgeahmt, verursachte unter der gaffenden Menge ein lautes Gelächter. »Elende Rebellen! Pöbel, den die Hölle bald verschlingen möge!« brummte der Kapitän der vizeköniglichen Leibgarde, der, ohne die Lachenden eines Blickes zu würdigen, so weit vorschritt, bis er sich beinahe der Reiterstatue Karls IV. mitten auf dem Platze genähert hatte. Das Gelächter war immer stärker geworden; vergebens, daß einige Spanier, deren kastilianischer Stolz sich durch den wirklich lächerlichen Aufmarsch gekränkt fühlte, dem einhertrabenden Kapitän zuriefen; er marschierte fort, gefolgt von seinen Truppen, deren eine Hälfte im militärischen Schritte nachkam, während die andern, Truthühnern gleich, die gedrechselten Bewegungen ihres Befehlshabers nachäfften. »Mutter Gottes!« rief er auf einmal, als er, vor der Statue schwenkend, den Marsch der kleinen Truppe in seiner ganzen lächerlichen Gravität übersah. »Hat jemals ein Kapitän der Hellebardiere Sr. Exzellenz des allergnädigsten Vizekönigs von Neuspanien so etwas gesehen? Meine gnädigen Herren, um der Liebe Gottes willen! Wenn Sie nun Se. Exzellenz unser Allergnädigster oder Se. Exzellenz unser allertapferster – – Alle Teufel! Wer hat Euch geheißen, den Parademarsch Eures Kapitäns nachzuahmen? Heilige Jungfrau! Da habt Ihr es, wenn man mit rohen Dragonern den Besamanos Buchstäblich Handkuß, wurden die Hoftage und Soirées des spanisch königlichen und mexikanisch vizeköniglichen Hofes genannt, weil an diesen der hohe Adel, die Geistlichkeit und Beamten zum Handkusse zugelassen wurden. halten soll. Gestern wurden mir die Ordres übergeben und zehn solcher Schlingel, und jetzt sieht Mexiko die Folgen«. »Mexiko kümmert sich einen Teufel um Euch und Eure Trabanten, sehr ehrenfester Herr!« rief eine Stimme aus dem Haufen. »Wünscht Euren Dragonern Glück zu ihrem friedlichen Feldzuge; ihre Kameraden würden viel darum geben, wären sie hier«. Der Kapitän der Leibtrabanten warf einen stolzen, finstern Blick auf den Sprecher, schüttelte das Haupt und marschierte in einem weniger gezierten Schritte dem Portale des Palastes zu, vor welchem er seine Leute zwei Mann hoch aufmarschieren ließ und dann, seinen Kommandostab schwenkend, folgenden Tagesbefehl von sich gab: »Habt acht, Freunde, das ist nun der fünfzehnte Besamanostag, den unser allergnädigster Herr und Gebieter seit achtzehn Monaten hält, und es ist Eure verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, Vigilancia an den Tag zulegen. Vigilancia sage ich! Hört Ihr? Vigilancia ! Denn das Volk ist heute toll. Vigilancia denn! Wenn der Erzbischof kommt, so wißt Ihr, was zu tun; wenn Se. Exzellenz, der Allertapferste, der Sieger von Alculco, von Marfil, von Calderon kommt, wird ihm kein rechtgläubiger Spanier die Ehre versagen. Mit einem Worte, Hochdieselben werden empfangen wie Höchstdieselben der Virey selbst, Paukenschlag und Präsentation. Ist es ein Oidor, Mitglied des höchsten Gerichtshofes von Mexiko. verstehen Sie, meine Herren, so wird präsentiert. Kommt ein Rat der Finanzkammer, so wird gleichfalls präsentiert. Ist es ein Ratsherr oder ein Domkapitular, und ist er ein Spanier, so wird gleichfalls präsentiert. Was nun die adeligen Kreolen betrifft, so will es sich zwar nicht geziemen, daß geborene Spanier derlei Menschen Ehrenbezeugungen offerieren; allein wir haben Winke erhalten, versteht Ihr, Winke, und man hat Ursache sie zu schonen, obwohl sie im Grunde nicht mehr Schonung verdienen als –« Die letzten Worte verschluckte der Capitano auf seiner eilfertigen Retirade in das Palasttor; denn wohl fünfzehn Stilette waren, von unsichtbaren Händen geschleudert, ihm in der einbrechenden Finsternis auf das Haupt, Brust und Schenkel geflogen, und bloß die weite Entfernung selbst hatte sein Leben gerettet. In seiner wütenden Promenade innerhalb des Torweges wurde er plötzlich durch ein lautes Lachen unterbrochen. »Hört, Ihr Männer und Weiber von Mexiko!« schrie eine Stimme, die wieder unserem Pedrillo angehörte. »Hört, vorzüglich Ihr Kreolen, was dieser Kriegsheld in Friedenszeiten für eine Vorschrift gibt. Die Kreolen, sagt er, müsse man noch einstweilen schonen, obwohl –« »Tod den Spaniern!« brüllten zwanzig, hundert und dann tausend Stimmen in furchtbarem Chorus. »Teufelsmenschen!« schrie der Kapitän, dessen panischer Schrecken sich mittlerweile gelegt hatte. »Aufruhr, Rebellion!« schrie er, aus dem Tore springend. »Bei der heiligen Jungfrau, Aufruhr!« – Der grimmige Kapitän, weit entfernt, das Toben durch sein Geschrei zu beschwichtigen, veranlaßte ein um so lauteres Gebrülle von Tod den Spaniern! das häufig von einem schallenden Gelächter begleitet war, in welch letzteres auch der Offizier der vor dem Palasttore stationierten Ulanen einstimmte. Der Zorn unseres Helden wandte sich sofort auf diesen näheren Gegenstand, und mit einer Stimme, halb erstickt vor Wut, sprang er auf ihn los; doch schnell sich wendend stand er stille, und den Offizier vom Kopfe zu den Füßen messend, murmelte er ein »Elender Kreole«, und dann, als halte er es unter seiner Würde, an einen Kreolen ein Wort zu verlieren, zog er sich wieder zurück. Viertes Kapitel »Was meinst du, wird der Misteca-Wind lange anhalten?« fragte eine tiefe Baßstimme, als das Gelächter nachgelassen hatte. »Lange anhalten!« wiederholte der Gefragte, ein Evangelista, das heißt Straßensekretär, nach der Feder zu schließen, die in der Dunkelheit noch hinter seinem Ohr steckend zu ersehen war, und dem offenen Wamse, in dem eine Rolle Papier logierte, »das weiß ich nicht . »So will ich es dir sagen«, fiel Pedrillo ein, »just so lange, bis der Chalco- und Tezcuco-See trocken gelegt und wieder angefüllt sind«. »Der Tezcuco trocken gelegt und wieder angefüllt?« versetzte der Evangelista. »Hör, das geht über meine Vernunft«. »Weißt du nicht, daß der Misteca just so dürr, verdorrt, verdorrend und versengend ankommt wie unsere dürren, hungrigen Gachupinos, wenn sie aus Spanien herüberkommen; daß er aber zur Ader läßt, wie diese das arme Mexiko, mit dessen Blute sie sich mästen? Ei, der Misteca wird sie zur Ader lassen. Möge er bald kommen.« » Bravo, Bravo ,« riefen die Umstehenden: »Er spricht wie ein gestempeltes Buch!« »Was sagt der Hund von einem Zambo?« rief nun ein Mann mit hohem spitzigen Hute, auf dem eine blutrote Kokarde prangte. »Was sagt er?« schrie der Häscher der Polizei, indem er sich dem Haufen zuzudrängen suchte und mit seinem Amtsstabe links und rechts dreinschlug. »Der Misteca ist gut zum Aderlaß«, wiederholte der kühne Pedrillo. »Möge er bald kommen!« »Halt, halt!« rief nun der Alguazil, der aus Leibeskräften sich Bahn zu machen bemühte. Die dichte Volksmasse hatte jedoch schnell eine undurchdringliche Phalanx gebildet, der Sprecher selbst sich geduckt und in der einbrechenden Finsternis unsichtbar gemacht. Die Ulanen, die vor dem Palaste hielten, bildeten mittlerweile eine Angriffskolonne und machten Miene, den Alguazil zu unterstützen. Dieser drang mit aller Gewalt auf den Knäuel ein, wie rasend um sich schlagend. »Kommen Sie, mein gnädiger Herr!« sprach da eine tiefe Stimme. Der Knäuel öffnete sich und ließ den Alguazil ein, schloß sich jedoch, als die Reiter andrangen, gleich der Meereswoge, die ihr Opfer verschlungen. Alle hatten die Stilette gezogen. Einige Augenblicke herrschte eine bange Stille; auf einmal hörte man die Worte: »Jesus, Maria und Joseph!« und dann ein Stöhnen und Röcheln. »Tod den Rebellen!« schrie nun der Offizier, und die Reiter hieben ein; doch der Haufe hatte sich mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit geteilt; mehrere Pferde stürzten, und zur Vergrößerung der allgemeinen Verwirrung brach ein plötzlicher Lichtstrom aus den Toren des Palastes, der für einige Augenblicke Rosse und Reiter blendete. Es waren kurze Augenblicke, aber hinreichend, diesen Teil des Platzes gänzlich von den Haufen zu reinigen. Der Alguazil, zwei Ulanen und ebensoviele Pferde waren als Opfer gefallen; der Haufe hatte sich unter der großen Masse der auf dem Platze auf- und niederwogenden Menge verloren, die nun selbst schnell herandrang und ihre nichts weniger als friedlichen Absichten durch laute »Nieder mit den Spaniern!« kundtat. Ein allgemeiner Aufstand schien auf dem Punkte auszubrechen. Auf einmal wurde der Wirbel von Trommeln gehört, in deren Rollen eine rauschend prachtvolle Janitscharenmusik einfiel; zugleich sprühten sechzig Pechpfannen längs der ungeheuren Front des Palastes ihre grellen Flammen durch die Menge. Der plötzliche Strom von Licht und Tönen hatte eine unbegreiflich schnelle Wirkung auf die Tausende. Alle Gedanken an Aufruhr waren verschwunden. Ein tausendstimmiges »Viva, Viva!« erschallte. Unzählige Tänzergruppen bildeten sich mit einem Male, und die ganze Plaza war ein fröhliches Gewimmel der lebensfrohen Menge geworden. Die tiefe Finsternis im ganzen ungeheuern Vierecke war zugleich wie durch einen Zauberschlag in Tageshelle verwandelt; denn Tausende von Lampen schimmerten von den Blumengärten der Dächer und gossen über die stattlich massiven Tempel, Paläste und Häuser einen Lichtstrom, der die großartigen Bauwerke ins Riesenmäßige erhöhte. Reich gekleidete Spanier und Kreolen, zerlumpte Leperos, Mulattinnen und halbnackte Indianer, Zambos und liederliche Dirnen, alles vereinigte sich im Bolero, Fandango und Charave. Und gleichsam um das Ganze noch charakteristischer darzustellen, hatten sich zahlreiche Reiterscharen von Dragonern und Ulanen mitten durch die Haufen einen Weg gebahnt und schlossen nun die ganze Masse in einen ungeheuern Rahmen ein, so das Bild eines despotisch beherrschten Staates versinnlichend, wo die Massen durch die eiserne Hand der obersten Gewalt in Schranken gehalten werden. »Ihr scheint die allgemeine Freude nicht zu teilen«, wisperte ein ältlicher Indianer unserem Abenteurer zu, dessen außerordentliche Beweglichkeit während der soeben beschriebenen tumultuarischen Auftritte plötzlich einem unverhohlenen Mißmut gewichen war. Der junge Mann drehte sich auf einem Absatze um und kehrte dem Sprecher den Rücken. »Ei, diese Lustigkeit ist ganz einzig«, fuhr der Indianer fort, »so wie wir ein einziges Volk sind. – Meiner Seel! Immer am lustigsten, wenn wir am tüchtigsten gezaust werden«. Der junge Mann warf dem Sprecher einen Blick zu und versank dann in sein voriges Schweigen. »Jeder hat seinen Ahuitzote, Freund« Ein indianisches Sprichwort. Ahuitzote bedeutet so viel als Feind, feindliches Geschick. fuhr der Indianer fort, »und Ihr hattet ihrer viele. Glaub' es gern, daß Euch das Geklingel da konträr gekommen ist; der Faden war aber ein wenig schlecht gesponnen, deshalb ist er so schnell zerrissen«. »Welchen Faden meint Ihr, Vater?« versetzte nun der junge Mann mit einer leisen, hohlen Stimme. »Einen blutroten mit einem weißen und blauen Ende«. »Teufel!« zischelte Pedrillo. »Es hilft aller Wege nichts. Da hatten wir sie am Ansatze zu einem herrlichen Aufruhr, aber da kommen ein Dutzend Oboen und Klarinetten und Pfeifen und alles ist beim Teufel«. »Ja, wenn der Alguazil die königliche Armee gewesen wäre«, brummte der Indianer. »Wie meint Ihr?« fragte Pedrillo, dem Indianer näher an den Leib rückend. Der junge Mann hatte, während er so sprach, den Indianer allmählich dem Sockel der Reiterstatue Karls IV. zugezogen. »Das Losungswort!« zischelte er dem Indianer zu, indem seine rechte Hand zugleich hinter die Manga fiel. »Sachte, Freund«, lächelte dieser, »es war ein Meisterstreich, wie du den Alguazil zum Stillschweigen brachtest; keine Pinte Blut geflossen und der Gachupin so mausetot: du hattest ein dreischneidiges Stilett, vermute ich. Aber wir sind lein Alguazil«. »Noch nicht«, flüsterte der junge Mann, »sollst es aber werden«, und bei diesen Worten saß dem Indianer auch der Dolch am Leibe; doch ebenso schnell sank seine Hand. »Hisht«, sprach der Indianer. »Wenn Maskeraden und ein paar Erdolchungen Mexiko retten könnten, da wäret Ihr die Leute; aber zum Zugreifen – –Komm nun und höre«. Er wisperte ihm einige Worte in die Ohren. »Mutter Gottes!« rief der junge Mann, »General....! Kommt!« Beide eilten schnell durch das Getümmel. Mitten unter dem fröhlichen Gewimmel und der rauschend prachtvollen Musik sah man anfangs einzelne, dann ganze Reihen von zwei-, vier- und sechsspännigen Kutschen herannahen. Die sonderbaren Kopfzieraten der Pferde und Maultiere, denn mit dieser letztern Tiergattung war die Mehrzahl der Kutschen bespannt, und ihr schweres, häufig massiv silbernes Geschirr entsprach ganz den Kutschen selbst, von denen die meisten eine Art lederner, lackierter, glänzender Kasten mit einer Anzahl vergoldeter Schnörkel waren, deren Seiten, mit Bildern in halber und selbst ganzer Lebensgröße bemalt, die Taten der ersten spanischen Eroberer oder irgendeinen Heiligen darstellten. Die meisten der Wagen waren ohne Sprungfedern, ihre Ankunft verursachte ein Gepolter, das die Musik der beiden Regimentsbanden vor dem Palasttore und im Schloßhofe übertäubte. Beinahe alle hatten Vorläufer, nebst einer Suite, die aus farbigen, reich gekleideten männlichen und weiblichen Mulatten und Negern bestand, welche vor und zu beiden Seiten der Wagen einhergingen. In jedem dieser Wagen saßen vier bis sechs Personen, die, je nachdem sie zur herrschenden Klasse der Spanier oder der beherrschten der Kreolen gehörten, in das offene Palasttor einfuhren oder vor diesem abzusteigen genötigt waren. Auf einmal erschallte es von dem äußersten Ende des Platzes »Der Schreckliche!« Don Calleja, später Graf von Calderon. und eine leichte, geschmackvoll gebaute Karosse, von vier stolzen Andalusiern gezogen, rollte durch die aufgestellten Reiterscharen, ihr zur Seite mehrere Adjutanten und Ordonnanzen. Die Bande schlug einen herrlichen Triumphmarsch an, die Reiter senkten ihre Schwerter, während das Volk beinahe schaudernd dem Wagen nachsah, wie er in den Schloßhof rollte, gleich als ob in seinem Innern ein unheilvolles Element verborgen wäre. Ein zweiter Wagen folgte von der entgegengesetzten Seite, von sechs phantastisch geschmückten Maultieren gezogen, langsam und feierlich; voran zwei rotgekleidete Läufer und zu beiden Seiten ein halbes Dutzend schwarze Diener. Der Wagen wurde mit dem Rufe: »Es lebe die Jungfrau von Guadalupe! Nieder mit der Jungfrau der Gnaden!« Siehe Anhang: Note I. empfangen. Der Insasse des Wagens hielt segnend seine Hand zum linken und wieder zum rechten Wagenfenster heraus; aber jede seiner Segnungen veranlaßte nur ein um so lauteres Gebrüll, das wohl zehn Minuten anhielt und erst schwächer wurde, als ein neuer Wagen dem müßigen Pöbel neue Nahrung brachte. Ein eleganter zweispänniger Landauer im neuesten englischen Geschmacke war durch die Ulanen- und Dragonerspaliere herangekommen, mit bloß einem einzigen, aber geschmackvoll gekleideten Diener. Der Wagen hielt unter dem Portale; aber mehrere Domestiken eilten aus dem Tore heraus und führten ihn in den Torweg des Palastes ein. Ein zweiter im gewöhnlichen antiken Stile war gleichfalls herangekommen, dessen Bürde jedoch, eine ältliche Dame und ein blühender Jüngling, vor dem Tore entladen wurde. »Señor Battista!« wandte sich der Kapitän der Hellebardiere an den Alguazil, der an den Toren Posto gefaßt und zugleich die Aufgabe zu haben schien, die Äußerungen des Pöbels über die verschiedenen Ankömmlinge zu notieren – »Señor Battista, was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Grafen von San Jago, der doch, soviel ich weiß, auch nur eine Kreole ist? Möchte doch wissen, aus welchem Holze der geschnitzt ist, daß er die Ehre eines gebornen Spaniers genießt?« »Hören Sie, Señor Capitán?« wisperte der Alguazil. Der Lärm nahm immer mehr zu. »Hoch!« und »Nieder!« rollten wie ein Lauffeuer die Piazza hindurch. Eine rauhe Stimme schrie: »Die gemäßigte Zone ist zum Spanier geworden!« Eine andere brüllte: »Es lebe die gemäßigte Zone!« Und: »Es lebe die gemäßigte Zone!« brüllten Tausende nach. »Hören Sie sie«, murmelte der Alguazil, »dieser verdammte Pöbel! So sind sie: sie treiben nichts, sie tun nichts, sie arbeiten nichts, sie beten nicht, sie kosten uns jeden Tag Tausende, damit wir nur Ruhe haben; und brechen sie los, so brüllt der Jorullo-Vulkan nicht stärker, als sie es tun. Glücklicherweise lassen sie es jedoch beim Brüllen bewenden. Heute aber weht ein schlimmer Wind; gebe die heilige Jungfrau, daß er bald vorübergehe! Auch haben die Hunde ihr Rotwelsch; das ist eine neue Erscheinung, eine gefährliche Erscheinung, sage ich Ihnen. Die gemäßigte Zone ist der Graf. So viel ist richtig, weder warm noch kalt, wie der Aal, der im Chalco gefangen, Salz- und Süßwasser verträgt und sich krümmt und ihnen einen Arm und, mag sein, ein Bein bricht, wenn sie ihn fangen. Wir hatten in Mexiko Ruhe, selbst als der verdammte Hidalgo von Guarimalpa herabkam; heute jedoch ist der Teufel los«. Und mit diesen Worten verlor sich der Häscher im Innern des Palastes. Fünftes Kapitel Der Palast, in dem die Hofkur gehalten wurde, und dem die ehrenvollere Bestimmung zuteil geworden, die obersten Behörden einer freien Republik in seinen Mauern zu vereinigen, war ganz geeignet, den Repräsentanten eines mächtigen Herrschers mit den höchsten Landesstellen und einen glänzenden Adel aufzunehmen. Die Torwege und die Säulenhalle wimmelten von Scharen reich gekleideter Hofdiener, Leibgardisten und Livreebedienten, mit Wachtposten vermischt, die an die Staatstreppen hinanstanden, und an die sich eine zweite Schar noch reicher gekleideter Hausoffiziere anschlossen, die zum Teil einen weiten Vorsaal einnahmen oder vor den Flügeltüren des Audienzsaales gerichtet standen. Gruppen von Adjutanten und Offiziere aller Grade und Waffen bildeten jene malerische Mischung, die vielleicht mehr als der glänzende Hof selbst geeignet war, das Bild höchster Gewalt recht imponierend vor Augen zu bringen. Zwei reich gekleidete Höflinge bewachten den Eingang und überlieferten die zum Eintritt Berechtigten immer dem Zeremonienmeister. Der große und hohe Audienzsaal, mit glänzenden Teppichen belegt, war in jenem altertümlichen Geschmacke verziert, der eine lange bestehende und fest begründete Herrschaft andeutet. An den Wänden glänzten ungeheure Spiegel, abwechselnd mit langen Reihen von Wappenschildern, die die absoluten Ansprüche der verschiedenen Herrscherfamilien Spaniens auf beinahe alle Länder des Erdbodens darstellten. Eine reiche, obwohl etwas verblichene Draperie von Purpur und chinesischem Atlas, mit Gold verbrämt, zog sich oberhalb dieser den Wänden entlang zu einem Thronhimmel, unter dem sechs Stufen hoch ein schwerfälliger vergoldeter Armsessel mit hoher Lehne stand, auf dem die Attribute der königlichen Würde lagen. Zu beiden Seiten dieses Thronsitzes, drei Stufen niedriger, befanden sich zwei andere Sessel auf Estradas, und darüber gleichfalls Baldachine, obwohl um vieles einfacher. Eine dritte Stufe hatte wieder mehrere Sitze, jedoch ohne Baldachine. Alle waren mit kostbaren, aber einigermaßen gealterten Fußteppichen bedeckt; zwei Reihen von Sesseln zu beiden Seiten des Salons vollendeten die Einrichtung. Sowie der Erzbischof eingetreten war, erhoben sich sämtliche Anwesende und verneigten sich. Während der geistliche Würdenträger zu den Stufen des Thrones vorschritt, öffneten sich die oberen Flügeltüren, und ein prachtvoll glänzender Zug trat von dieser Seite ein. An seiner Spitze befand sich der Virey, Vizekönig dem königliche Gunst das Wohl und Wehe des reichsten Königreiches der neuen Welt mit sieben Millionen seiner Bewohner zur unumschränkten Disposition überliefert hatte. Er war ein feingebildeter Mann mittlerer Größe und trug die Feldmarschallsuniform Spaniens mit dem großen Bande des Ordens Karls III. Die Weise, wie er den Erzbischof empfing, verriet jene scheinbar hohe Ehrfurcht, mit der kluge Staatsmänner die geistlichen Stützen zeitlicher Gewalt vor den Augen der Menge zu ehren verstehen, wenn sie gleich von dem lebenden Prinzip der Religion wenig oder gar nicht durchdrungen sind. Seine Verbeugung war beinahe demütig, und der schärfste Beobachter dürfte vergeblich einen Zug von Spott in dem Gesichte des Vizekönigs gesucht haben, der auf mehreren seines Gefolges nicht undeutlich zu lesen war. Andererseits schien der geistliche Würdenträger sich vollkommen seines hohen Ranges bewußt, und es war an ihm nichts von jener affektierten Demut zu spüren, die wir an den Vorstehern dieser Kirche in Ländern zu bemerken Gelegenheit haben, wo ihre Autorität auf unsichern Pfeilern schwankt; eine gewisse Verlegenheit allenfalls ausgenommen, die dem Gesichte einen finstern Ausdruck verlieh, und die vielleicht dem Pereat zuzuschreiben war, das der Schutzpatronin seines Geburtslandes und so ihm selbst von dem Pöbel gebracht worden. Das tiefste Schweigen herrschte während der Unterhaltung der beiden Würdenträger, an der bloß noch eine Person unmittelbaren Anteil nahm: eine starke, hagere Gestalt von muskulösem Körperbau, mit einem finstern, abschreckenden Gesichte und einem Paar kohlschwarzer, verglaster, stierer Augen, die, unter den buschig grauschwarzen Augenwimpern hervorglotzend, dem Manne etwas Gräßliches verliehen. Es war eine Art Satansgesicht, doch ohne dessen Geist, vielmehr eine Mischung von Bigotterie, Dummheit und Grausamkeit, die zugleich Ekel erregte. Als die beiden Würdenträger und der Generalkapitän, denn dies war die hohe Charge des soeben beschriebenen Militärs, die Unterhaltung lange genug ausgedehnt hatten, um den Anwesenden gewissermaßen das innige Verhältnis zwischen Staat, Kirche und dem Schwerte bemerkbar zu machen, traten sie vor die Stufen des Thrones, um einen Zug von Damen zu empfangen, der sich nach einer kurzen Unterhaltung zur Linken des Thronhimmels auf der ersten Stufe aufstellte. In der Art, wie sich jetzt die Spanier dem Virey näherten, lag etwas servil Niederträchtiges und wieder abstoßend Arrogantes. Sie kamen in der ehrfurchtsvollsten Stellung heran; aber in dieser geheuchelten Ehrfurcht lag wieder ein Hohnlächeln, das deutlich verriet, ihre Huldigung gelte dem Abglanz der Majestät nur insoferne, als diese ihre eigenen Pläne unterstützte, und daß sie tief fühlten, sie befänden sich in einem Lande auf dessen unbeschränkte Beherrschung sie einzig und allein Anspruch hätten, obgleich sie in ihrem eigenen Lande Sklaven waren. Ängstlich und beinahe furchtsam, mit einem leeren, nichtssagenden, aristokratischen Lächeln und kriechenden Bücklingen kamen die Kreolen heran, voll süßen Schauers bei ihrer Annäherung zur höchsten Personnage, wagten sie kaum aufzutreten, und die unnennbare Seligkeit, die ihre Gesichter überstrahlte, wenn ein Wort vom Virey ihnen zuteil wurde, war um so widerlicher, als der unverkennbare Hohn ihrer Vorgänger den Kommentar zu dieser Wonne bildete. Nachdem die Vorstellung der Herren auf der rechten Seite des Saales vor sich gegangen, waren sie auf die linke geführt worden, wo sie zum Handkusse der Gemahlin des Stellvertreters des Königs zugelassen, die Damen aber mit einer Umarmung oder einem mehr oder weniger verbindlichen Knickse empfangen wurden, um nach einer kürzeren oder längeren Unterhaltung, die wieder eine größere oder mindere Wohlgewogenheit andeuten sollte, ebenso entlassen zu werden. Derselbe Stolz von Seiten der Spanierinnen; doch schien bei den kreolischen Frauen die Eifersucht gegen ihre Nebenbuhlerinnen weit charakteristischer hervortreten zu wollen, als dies von Seiten ihrer Ehemänner der Fall gewesen war. Auch in ihrem Putze hatten sich die zwei schönen Hälften einander sozusagen feindselig gegenübergestellt, und während die Spanierinnen in die Robe des Landes gekleidet waren, hatten die Kreolinnen die Toilette des Volkes, welches die Regierung Spaniens über den Haufen geworfen, vorgezogen. Unter den jüngeren Damen gab es ungemein herrliche Gestalten, und der zart gebräunte Teint und das liebeglühende Auge verrieten auch unter den mißstaltenden Anzügen die Sprößlinge des glühenden Andalusiens und des stolzen Kastiliens. Die Sonne jedoch, um welche sich der ganze Kreis bewegte, war der Virey, und der Spanier selbst schien die ihm angeborene Galanterie für den Augenblick vergessen zu haben, um dem Repräsentanten königlicher Majestät und so sich selbst die höchst mögliche Huldigung darzubringen. Nichts konnte aber auch der würdevollen Anmut gleichkommen, mit welcher diese Person ihre Regentenrolle spielte. Auch den Zagendsten schien er ermutigen zu wollen durch freundliche Milde, die recht angelegentlich aufzufordern schien, sich behaglich in seiner Nähe zu fühlen. Allen wußte der Mann etwas Verbindliches zu sagen; doch war diese seine Freundlichkeit wieder sehr veränderlich; bei einigen schien sie mehr ins Vertrauliche übergehen zu wollen, während bei andern wieder die Amtsmiene oder gnädige Herablassung vorherrschte. Die Geläufigkeit, mit der er die verschiedenartigsten Fragen gleichsam im Vorbeigehen und doch zugleich so angelegentlich an jeden richtete, war bewundernswert. Einige dieser Fragen bezogen sich auf das gute Aussehen der Befragten und das Vergnügen, das er empfand, einen so getreuen Diener seines Herrn in so vollkommenem Wohlsein zu sehen; andere auf Familienverhältnisse, in welchen der hohe Mann bis zu einem gewissen Punkte bewandert schien; noch andere auf das Fach, dem der Befragte vorstand; alle aber waren in jener oberflächlich gefälligen Manier vorgebracht, die gewissermaßen den Fragenden als über tiefere Kenntnis des von ihm berührten Gegenstandes erhaben darstellen sollten. Mehrere Male fand es die hohe Person auch für dienlich, Worte leiser zu sprechen, die hinlängliche Inhaltsschwere hatten, dem Angeredeten das Blut in das olivenfarbige Gesicht zu jagen, ohne daß sie dem Virey mehr als ein gnädiges Lächeln gekostet hätten. Die Stimme des Oberkammerherrn, der neue Ankömmlinge verkündete, brachte endlich in dem Gesichte des geschmeidigen Hofmannes eine Art Stillstand hervor, und seine Muskeln zuckten zum ersten Male in dem augenblicklichen und, wie es schien, schweren Kampfe, den es ihm kostete, sie in das vorige Lächeln zu glätten. Sechstes Kapitel Es waren die zwei Kreolen, die mit der Dame in den letzten zwei Wagen angekommen waren. Der erste, der unter dem Namen Graf von San Jago angekündigt wurde, war ein Mann mittlerer Größe, von seinem, schmächtigem Gliederbau; sein Alter mochte zwischen vierzig und fünfzig sein, obwohl ein unverkennbarer Zug von Gram ihm das Aussehen von vielleicht fünf Jahren mehr gab; seine Gesichtszüge waren fein und edel, mit den scharf markierten Umrissen, welche die Nachkommen der römischen Nation charakterisieren; sein Auge durchdringend und klar; sein fester Tritt und seine bestimmte Haltung bekundeten Gelassenheit und hohe innere Würde; sein Anzug war nach dem neuesten damals in Europa herrschenden Geschmack; ein einfach schwarzer Tuchrock, ebensolche Beinkleider, seidene Strümpfe und Schuhe. Indem er sich den Stufen des Thrones näherte, glitt sein Blick ruhig und achtungsvoll über die Versammlung hin, von der mehrere, ihren freundlich aufwallenden Gesichtszügen nach zu schließen ebenso angenehm als wohltuend überrascht wurden. Sein Begleiter war noch sehr jung und konnte kaum das achtzehnte Jahr überschritten haben; eine unverkennbare Familienähnlichkeit bezeichnete ihn als einen nahen Verwandten. Ein schwarzer Lockenkopf, eine breite, offene Stirne mit herrlichen Brauen und ein paar Augen, so prachtvoll, so glühend, daß die weibliche Hälfte der Assemblee unwillkürlich in Bewunderung ausbrach. Sanft gebräunte Wangen mit einer fein geformten römischen Nase gaben dem jugendlichen Gesichte einen Ausdruck von anmutiger Männlichkeit, deren sich der stolze Jüngling vollkommen bewußt zu sein schien. Als die beiden von dem Oberkammerherrn vor die Stufen des Thrones geführt waren, verbeugten sie sich und standen einige Sekunden in ehrfurchtsvoller Erwartung. Das Gesicht des Vizekönigs hatte einen Ausdruck von zutraulicher Freundlichkeit angenommen, und sein Auge ruhte wohlgefällig auf beiden. »Der Graf von San Jago ist willkommen!« sprach er mit einer tieferen Verbeugung, als er bisher, den Erzbischof ausgenommen, noch zu machen für gut befunden hatte. »Der Karneval hat endlich bewirkt, worauf wir trotz unsern freundlichen Zumutungen so lange vergebens gehofft haben«. »Eure Exzellenz geruhen, dies einer Ursache zuzuschreiben, die schwerlich für uns Veranlassung werden konnte« erwiderte der Graf. »Wir sind gekommen«, setzte er im bestimmteren Tone hinzu, »um dem erlauchten Repräsentanten der Majestät unsere Ehrfurcht zu bezeigen und uns dem Born der Gnade zu nähern, dem Mexiko so vieles verdankt«. »Und dem Schutze der Mutter der Gnaden«, murmelte der Erzbischof, ohne jedoch in die Rede selbst einzufallen. »Und dem guten spanischen Schwerte«, fügte der Generalkapitän etwas lauter hinzu. »Wir haben den Trost der gerechten Sache und des Beistandes des Allerhöchsten und der Jungfrau, die die Stütze Spaniens ist«, bemerkte der Vizekönig in einem Tone, der einen spöttischen Nachklang hatte. »Und dieser junge Kavalier?« fragte er mit einem fremden Blicke auf den Jüngling, der dem Grafen zur Seite stand. Dieser, im höchsten Grade, wie es schien, überrascht, errötete und geriet dermaßen in Verlegenheit, daß er wirr und scheu um sich und dann zu Boden blickte. »Euer Exzellenz untertänigst aufzuwarten, der Sohn unseres Vetters, Don Sebastian«, sprach der Graf mit einem Blick, der nicht minder befremdet bald auf dem Vizekönige, bald auf dem Jüngling ruhte. Die hohe Person hatte gleichfalls ihre Fassung verloren, die sie erst wieder gewann, als die Stimme des Generalkapitäns hörbar wurde. Dieser hatte sein stieres Auge forschend auf den Jüngling gerichtet, den er mit einem Interesse musterte, das allenfalls ein Werbeoffizier einem wohlgewachsenen Rekruten schenkte, und dann sich zum Vizekönig gewandt, dem er einige Worte zuflüsterte. Aus der Unterhaltung, die zwischen den beiden sich entsponnen, waren bloß die abgebrochenen Sätze zu vernehmen: »Den fünfundzwanzig beigesellen, die sich erfrechten, mit den geheiligten Mußestunden Sr. Majestät ihren Spott zu treiben« und das »Furchtbar! Furchtbar!«, das dem Virey in demselben leisen Tone entfuhr; dann wurden ihre Stimmen abermals zum unverständlichen Gezisch. Der Graf war während des kurzen, aber einigermaßen peinlichen Zwischenspieles ruhig gestanden, sein Auge abwechselnd auf den Vizekönig und den Generalkapitän gerichtet, als der erstere, sich zur Hälfte an ihn, zur andern zum Generalkapitän wendend, sprach: »Wie waren ohnedem gewillt, Sr. Herrlichkeit dem Grafen Jago einen Beweis von Wohlwollen zu geben, der den hohen Privilegien, deren sich seine hohe Familie erfreut, angemessener sein dürfte als Euer Exzellenz gütiger Vorschlag –« Der Generalkapitän erwiderte: »Wir sind so frei, zu bemerken, Exzellenz, daß auf Privilegien in unserer Lage Rücksicht zu nehmen dem Interesse unseres allergnädigsten Herren, den die heilige Jungfrau schützen möge, nicht anders als hinderlich sein könnte. Se. geheiligte Majestät haben sie gegeben und nehmen sie wieder, und zu letzterem sind wir bevollmächtigt, wenn immer der Dienst Sr. Majestät es erheischt«. »Euer Exzellenz Bemerkungen«, versetzte der Vizekönig, »sind ebenso wahr als richtig, und wir würden nicht anstehen, wenn der Dienst Se. Majestät –« »Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen«, fiel der Erzbischof ein. »Es erheischte« fuhr der Virey fort. »Allein Se. Exzellenz werden auch nicht vergessen, daß Gerechtigkeit und Milde zu paaren das angeborene Attribut des Herrschers beider Indien ist und seit Fahrhunderten gewesen ist«. »Euer Exzellenz kennen Ihre Vollmachten«, versetzte der Generalkapitän, »aber meine Meinung ist, zuerst rein Werk und dann Milde, so viel Sie wollen«. »Wir kennen unsere Vollmachten, wie Euer Exzellenz gütig zu bemerken belieben«, fiel der Virey etwas hastig ein, »und die des Obersten Kriegsrats, deren Präsident wir zu sein die Ehre haben; aber wir glauben, auch die Privilegien in ihrem Ansehen erhalten zu müssen, so viel Klugheit und Vorsicht erlauben«, fügte er mit einem bedächtigen, etwas tückischen Lächeln hinzu. »Wir haben einen Weg eingeschlagen, der ebensosehr unsere Achtung für die Privilegien der Familie des Grafen als das Interesse unseres allergnädigsten Herrn und Gebieters vereinen wird«. Und nachdem er diese Worte in einem etwas lauteren, und zwar jenem bestimmten, obwohl immer noch versöhnenden Tone gesprochen, der Widerrede ebenso unnütz als unschicklich machen sollte, verbeugte er sich etwas leichter und kälter gegen den Grafen, als es beim Empfang der Fall gewesen. Letzterer, nachdem er auf diese mysteriöse Weise abgefertigt worden war, wich mit seinem Neffen von den Stufen des Thrones zurück, während der Virey, in Begleitung des Erzbischofs, des Generalkapitäns und seines Gefolges, ihren erhabenen Standpunkt ebenfalls verließen, um gleichsam den verschiedenen Personen eine Art Gegenbesuch abzustatten. So steif und formell der letzte Empfang geendet hatte, so freundlich, gefällig und herablassend wurde nun wieder der Repräsentant der absoluten Gewalt; ja, es schien, als ob dieser mit Verstellungsgabe so sehr ausgerüstete Mann seine höchste Kraft aufböte, um seine Rolle einem glücklichen Ende entgegenzuführen. »Wir haben«, sprach er mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Lächeln zu unserem Grafen, als er endlich in seiner Tour zu diesem herabgelangt war, »uns eine kleine Mühe und selbst einen kleinen Zwist Ihretwegen zugezogen, teurer Graf, die, wie Sie ersehen haben, uns schiefen Bemerkungen ausgesetzt; allein diese sollen uns nicht abhalten, der Stimme unseres Herzens, die für unsere Freunde spricht, zu folgen«. Ein vielsagender Blick, ein freundliches Nicken begleitete diese huldreich geheimnisvolle Zusicherung, und dann schritt der Mann weiter. Der Graf hatte kein Wort gesprochen, und während er sich vor dem weltlichen Gewalthaber verbeugte, trat der Geistliche heran. Das Erscheinen dieses Priesters konnte würdevoll genannt werden; das malerische violettfarbige Seidengewand, welches in weiten Falten seine hohe, dünne Gestalt umfloß, und dessen Schleppe von einem reichgekleideten Pagen getragen, gab seinem Ehrfurcht gebietenden Wesen etwas Antikes, das jedoch, wie gesagt, wieder durch eine gewisse Verlegenheit gestört wurde, die ihn selbst während der langen Aufwartung nicht ganz verlassen hatte. Er trug um seinen Hals eine goldene Kette von der feinsten mexikanischen Arbeit, die in einem mit Juwelen besetzten Kreuze endigte, das auf die Brust zu liegen kam. »Alles mit der heiligen Jungfrau angefangen. Sie verleiht ihren Beistand nicht bloß durch Fürbitte, sondern, wie die allein seligmachende Kirche ausdrücklich lehrt, auch aus eigener Machtvollkommenheit. Ja, ja, Señor ,« sprach der Erzbischof nach dieser gottselig sein sollenden Auseinandersetzung des Schutzverhältnisses seiner Patronin: »Wir selbst wollen das allerheiligste Meßopfer in unserer Kapelle darbringen; es ist zwar eine halbe Stunde früher als wir es gewohnt sind –« »Ich küsse die Hände meines gnädigsten Herrn Erzbischofs«, erwiderte der Graf etwas trocken, »aber Vergebung, erlauchte Herrlichkeit, wenn ich meine Unwissenschaft über die Veranlassung dieser hohen Gnade zu erkennen geben muß«. Die Verlegenheit des geistlichen Würdenträgers stieg um ein Bedeutendes bei diesen Worten. »Señoria«, erwiderte er finster, »werden die Veranlassung unfehlbar seinerzeit kennen lernen, und wir, wie gesagt, ein Gebet für einen Reisenden, für Ihren Neffen nämlich, zu machen uns bewogen finden, der morgen früh um sechs Uhr nach Veracruz und von da nach Spanien abzugehen von Sr. Exzellenz unserem gnädigsten Vizekönig beordert werden wird«. »Eine Reise nach Spanien? Und mein Neffe!« fuhr der Graf heraus im Tone des höchsten Erstaunens und mit einem Blicke, in dem sich ein empörtes Gemüt deutlich verriet. Der Erzbischof schien nicht minder erstaunt über diese Wahrzeichen des gräflichen Unwillens; sein finsterer Blick fiel einen Augenblick durchbohrend auf den Mann. »Se. Exzellenz unser gnädigster Virey«, fuhr er verweisend fort, »haben mit Hochdero eigenem Munde uns eröffnet, wie Don Manuel abgehen werde, und uns zugleich ersucht, Befehle wegen des allerheiligsten Meßopfers, das er noch vor seinem Abgange hören wird, zu erlassen«. Und mit diesen Worten ließ der Priester sein Haupt mit einem plötzlich abgemessenen Rucke sinken, daß das spitze Kinn auf die Brust zu liegen kam und, es mit einem ebenso abgemessenen Rucke zurückwerfend, schritt er mit devot arroganter Gravität weiter. Allmählich war in dem Audienzsaale ein Gemurmel hörbar geworden, das, so viele Mühe man sich auch gab, es zu unterdrücken, auf ebenso inhaltsschwere, wenn nicht unangenehmere Mitteilungen von seiten des Virey schließen ließ als diejenigen waren, die dem Conde zuteil geworden. Das Gemurmel schien immer lauter werden zu wollen, als auch die Stimme des Vizekönigs sich stärker erhob, worauf eine Todesstille eintrat. Seine Worte waren an einen Kreolen gerichtet, dessen Gegenvorstellungen etwas lauter gewesen waren als die spanische Etikette bei solchen Gelegenheiten zu gestatten für gut befunden hatte. »Don Garcia!« sprach er, »es sollte uns leid tun, wenn wir uns getäuscht hätten und, wo wir einen loyalen Verehrer des Willens Sr. geheiligten Majestät unseres allergnädigsten Herrn und Gebieters zu sehen glaubten, der nicht anstehen würde, Gut und Blut für seinen angebeteten Monarchen zu opfern, – einen räsonnierenden Unzufriedenen wahrnehmen sollten –« »Von den Lehren des ketzerischen liberalen Windes, der in diesem unglücklichen Reiche nur zu sehr zu wehen anfängt, umhergetrieben«, fiel der Erzbischof ein. »Nein, nein, Exzellenz«, fuhr der Virey, zum Generalkapitän gewendet, fort, der finster und drohend den armen Kreolen maß, »ich versichere Ihnen, Don Garcia ist ein zu loyales Glied der mexikanischen Nobilitad, um nicht die unangenehmen Folgen zu gewahren, die der leiseste Widerspruch um so mehr in einem Zeitpunkte haben müßte, da wir, Sr. Majestät loyale Diener, fest entschlossen sind, das Ansehen der von Allerhöchstderselben uns allerhuldreichst übertragenen Gewalt in seinem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten und so dieses Königreich wieder in den Zustand zurück zu bringen, ein würdiger Gegenstand der Gnade unseres Herrn zu werden«. Es war bei diesem höfischen Amtstone wieder so viel süß Schmeichelndes oder vielmehr perfid Kokettierendes in den Worten des Satrapen, daß die Augen der meisten Kreolen mit einer Art fieberisch peinlicher Spannung an dem Sprecher hingen. »Exzellentissimo Señor«, sprach der Kreole, an den die Anrede gerichtet, die aber so laut gesprochen worden war, daß alle leicht einsehen konnten, sie gelte ihnen ebensowohl, »Exzellentissimo Señor!« wiederholte der zuckende und bebende Kreole mit halb erstickter Stimme, »nur eine Gnade gewähren Sie dem Vater, dessen Sohn so plötzlich und unverschuldet aus den Armen seiner Familie gerissen wird. Was hat er verbrochen?« »Der getreue Untertan forscht nicht, räsonniert nicht, er gehorcht«, sprach der General mit starker, herrischer Stimme. Eine Todesstille folgte auf diese Worte in dem ganzen Saale; nur ein leises, kaum merkbares Knirschen mit den Zähnen verriet den heißen Ingrimm der gedemütigten Kreolen. Doch wagte es keiner, auch nur ein Wort zu entgegnen. »Wir sind der Hoffnung«, fuhr der Virey fort, »Sr. geheiligten Majestät allergetreueste Untertanen dieses Königreiches werden fortfahren, sich der Allerhöchsten Gnaden würdig zu erhalten. Und es geschieht mit dem größten Vergnügen«, fuhr der Virey mit seinem süßesten Lächeln fort, »daß wir den Großen dieses Königreiches eröffnen, daß die allerhuldreichsten Gnadenbeweise Sr. geheiligten Majestät bereits angelangt und des glücklichen Zeitpunktes harren, wo das Allerhöchste Namensfest unseres angebeteten Monarchen uns gestatten wird, über diese allerhuldreichsten Merkmale Allerhöchstdero Gnade, nach Allerhöchstdero gnädigster Willensmeinung, alleruntertänigst gehorsamst zu verfügen«. Der Virey, nachdem er solchergestalt das nun dem Lande zuteil gewordene Heil verkündet hatte, übersah nochmals mit einem gnädigen Lächeln die glänzende Versammlung und wandte sich dann zu den Damen. Die anwesenden Spanier brachen in ein abgemessenes, mäßig lautes »Es lebe Se. geheiligte Majestät, Ferdinand VII.« aus, in welches Vivat mehrere Kreolen einstimmten, die gleichsam, um dem vizeköniglichen Gedächtnis bei Verleihung der Gnadenbezeigungen nicht zu entschlüpfen, sich in demutsvoller Hast vorgedrängt hatten. Der Satrap lächelte diesen gnädig zu, übersah die übrigen mit etwas stolzerem Blicke, und nachdem der hohe Mann, ebenso formell als gnädig, von den geistlichen und weltlichen Würdenträgern Abschied genommen, entfernte er sich unter dem Vortritte seines Hofpersonales auf dieselbe Weise wie er gekommen war. Eine lange Weile nach der Entfernung des Vizekönigs herrschte noch Todesstille im ganzen großen Saale; die Kreolen sahen sich an wie Menschen, die plötzlich aus dem Schlafe aufwachen und erst allmählich wieder zum Bewußtsein zurückkehren. Als wäre aber jede Äußerung durch eine unsichtbare Gewalt untersagt, so erstarben die Worte auf ihren Zungen. Kein Laut war zu vernehmen, nur ein dumpfes Geflüster, das, als wäre es noch zu gefährlich, schnell abgebrochen wurde, um durch eine Sprache ersetzt zu werden, in der es die südlichen Völker infolge des auf ihnen lastenden Druckes bekanntlich so weit gebracht haben. Wirklich schienen sich die Anwesenden in dieser ebenso bestimmt und deutlich verständigen zu können, als wenn sie sich ihre Ideen durch Worte mitgeteilt hätten. Ihre Blicke waren schnell und sprechend, und so rasch folgten nun die Verständigungen dieser Augen- und Gebärdensprache, daß ein plötzlich Eintretender sich in einer Versammlung aufgeregter Taubstummer geglaubt haben würde. Nicht weniger lebhaft war die Augensprache der Damen, deren Mantillas sich nun mit den heftigeren Gebärden der Männer vereinigten, um ein Schauspiel aufzuführen, das nur in einem spanischen Lande wieder gesehen werden kann. Diese Beweglichkeit der Schleier und Fächer, diese glänzenden, rollenden und wieder Liebe schmachtenden Flammenblicke, die Unmut, Verachtung, Zorn und die heftigsten Leidenschaften zu sprühen schienen, sie wechselten so pfeilschnell auf den Gesichtern mit den sanfteren der Liebe und Annäherung, daß die ganze Assemblee, sichtlich selbst von dieser inneren Kraftäußerung ergriffen, nicht länger imstande war, ihre Empfindungen zu verbergen und wie getrieben aus dem Saale zu drängen begann. Unser Graf allein war ruhig gestanden; die meisten der anwesenden Kreolen hatten sich um ihn gesammelt. Auf einmal jedoch schien auch er seine Haltung zu verlieren, sein Blick, auf einen Punkt gerichtet, begann stier und düster zu werden. Beim Sitze des Erzbischofs auf der ersten Stufe, wo die Gemahlin des Satrapen noch immer Abschied von den Damen nahm, stand eine junge stolze Dame; ihr erhabener Standpunkt verriet einen hohen Rang, das höhnische Lächeln, mit dem sie die herannahenden Kreolinnen begrüßte, verschmolz wieder in den schmachtendsten Blick, sobald ihr Auge auf einen entfernteren Gegenstand im Saale hinabglitt. Auch sie schien den Grafen prüfend zu messen, doch wandte sich ihr Flammenblick unwillkürlich wieder und wieder auf den entfernteren und, wie es schien, begünstigten Gegenstand. Die Vizekönigin hatte nun von sämtlichen Damen Abschied genommen; noch einen Blick warf die stolze Schönheit herüber, und dann wandte auch sie sich. »Teuerster Oheim!« mit diesen Worten stürmte Don Manuel heran. Eine Wolke hatte sich über der Stirn des Grafen gelagert. Er sah den Jüngling mit einem wehmütigen ernsten Lächeln an, ergriff dann seine Hand und verließ den Saal. Noch trat einer der Camarerios vor, zu verkünden, daß Ihre Exzellenzen und Se. erzbischöfliche Gnaden das Theater mit ihrem Besuche beehren würden. Und nachdem alle so den stillschweigenden Befehl empfangen hatten, sich gleichfalls dahin zu begeben, zogen sie sich aus dem Audienzsaale zurück. Siebentes Kapitel Gegen Süden läuft die Hauptstadt Mexikos in einen öffentlichen Spaziergang aus, bestehend in zwei breiten Alleen, die begrenzt sind von einer lachenden Landschaft herrlicher Gärten. Tausende von Pfirsich-, Kirschen- und Apfel- und Orangen- und Zitronenbäumen bilden einen prachtvollen Fruchtwald. Die Stille, die in diesem lachenden Reviere herrscht, bloß abends und morgens von den zu Markt kommenden und wieder zurückkehrenden Indianern unterbrochen, die herrlichen Kontraste der Vegetation und der kahlen Felsenberge, vorzüglich aber die Entfernung von dem Getümmel der großen Stadt und den eifersüchtigen Blicken einer scheelsüchtig gewalttätigen Regierung, haben dazu beigetragen, daß mehrere der angesehensten Familien diesen Punkt zu ihren Stadtwohnungen gewählt hatten. Unter diesen Villen zeichnete sich ein einfach symmetrisches Gebäude mit zwei kleinen Flügeln durch eine ruhig heitere und anmutige Lage unter beschatteten Ulmen und Pappeln aus. Es hatte zwei Stockwerke, die ein flaches Dach bedeckte, von dem bereits die Vorboten des Frühlings, die mexikanische Flora, mit ihrem reichen glänzenden Gefolge Besitz genommen hatte. Das Innere des Hauses entsprach ganz dem geschmackvollen Äußern. Ein Haus- oder vielmehr Hofgarten mit einem plätschernden Springbrunnen, umgeben von der Veranda oder Säulenhalle, aus der man in die Staatszimmer im oberen Stockwerke gelangte. In dem Hause selbst herrschte eine tiefe, beinahe unheimliche Stille, die kaum vermuten ließ, daß eine Schar Diener anwesend war. Sie waren zum Teil aus der kreolischen, zum Teil aus der farbigen Bevölkerung des Landes genommen. Mehrere waren in der Sala mit Vorkehrungen zum Empfang von Gästen beschäftigt. Einige breiteten die Esteras auf dem Marmorfußboden aus, andere ordneten Reihen von Sofas und Sesseln längs den Wänden, ein drittes Paar brachte einen ungeheuern kupfernen Kessel, mehr einem tragbaren Kamine ähnlich und mit glühenden Kohlen angefüllt, den sogenannten Brassero oder Kohlenkessel, wieder andere stellten Tabourets in die Ecke des Saales, auf welche zierliche Glaskästen mit silbernen Standbildern zu stehen kamen, die von einem Blumenstrauße mit silbernen Armleuchtern flankiert wurden. Diese Figuren stellten die Schutzheiligen Mexikos vor. Diese Vorkehrungen wurden unter der Oberleitung eines alten, ehrwürdig aussehenden Mannes getroffen, der ein Sammetbarett auf dem Haupte, ein langes spanisches Rohr mit goldenem Knopfe in der Hand, als Mayordomo oder Oberhofmeister gravitätisch im Saale auf- und abschritt. »So ist's recht«, sprach er. »Zwei frische Wachskerzen, Mattheo«, bedeutete er einem Diener. »Was soll denn das, Itzlan?« brummte er einem kupferfarbigen Oaxaca-Indianer zu, der zwei Stümpfchen Wachslichter vor dem Bilde der Schutzpatronin der Spanier aufgestellt hatte. »Höre«, fuhr er fort, »dein Wille mag gut patriotisch sein, und weder Se. Herrlichkeit, der Conde, noch wir, der Mayordomo seines gräflichen Hauses, haben etwas einzuwenden, wenn du der Jungfrau der Gnaden die Ehren in deiner Stube verweigerst: aber hier, verstehst du, sind wir in der Sala Sr. Herrlichkeit, wo ein Quentchen Klugheit mehr wert ist als ein Pfund guter Wille mit Dummheit versetzt. Stecke frische Wachslichter an, denn sollten Gachupins kommen, ihre Nasen spüren fein in diesem Punkte, und Sr. Herrlichkeit Haus soll ihnen keine Gelegenheit zum Ohrenblasen geben.« Der Jungfrau der Gnaden, als Schutzpatronin der Spanier, schrieben die Spanier alle glücklichen Ereignisse zu, zur offenbaren Zurücksetzung der mexikanischen Madonna von Guadalupe, die, als nur von einem Indianer gefunden und überdies kupferroter Hautfarbe, natürlich in den Augen der rechtgläubigen Spanier als wenig besser denn eine Indianerin selbst angesehen wurde. Die beiden Marias, zugleich die Repräsentantinnen der beiden Parteien, standen sich nun im blutigen Kampfe gegenüber und mußten sich alle die Verwünschungen und Schmähungen, mit denen Parteihäupter von ihren Gegnern beehrt werden, gefallen lassen. Der Indianer hatte unterdessen, obwohl mit sichtlichem Mißmute, zwei frische Wachskerzen aufgesteckt: eine Verrichtung, die er mit dem frommen Wunsche begleitete, daß Mexitli Der Kriegsgott der alten Mexikaner. der Jungfrau der Gnaden recht bald den Kopf zerschmettern möge. »Aber«, brach er endlich aus, »wenn nur die Jungfrau von Guadalupe sich auch ein wenig mehr rühren wollte. Sie scheint jedoch zu schlafen, ärger als eine törichte Schildkröte«. »Das weiß ich wieder nicht, Itztlan«, bemerkte der Mayordomo , eine gewaltige Prise nehmend. »Aber Itztlan weiß es«, versetzte der Indianer. »Er weiß es, daß sie den verdammten Gachupins hilft und geholfen hat, seit der Zeit, wo der tückische Raubmörder Cortez in Mexiko eingedrungen, wo sie den Unsrigen Sand in die Augen gestreut hat«. »Ich fürchte, das tut sie noch immer, Itztlan«, bemerkte der Mayordomo mit einer Miene, die, bei einer reichlichen Dosis Simplizität, eine wenigstens ebenso reiche Mutterwitzes wahrnehmen ließ. »Weiß nicht«, versetzte der Indianer kopfschüttelnd. »So viel weiß Itztlan aber, daß von diesen zwei Madres de Dios , ich wette zehn blanke Taler, die rote sich übertölpeln läßt. Ei, die weiße hat des Schalkes zuviel –« »Du irrst, Itztlan«, versetzte der Mayordomo , eine Prise nehmend; »du irrst, maßen du zwei Mütter Gottes annimmst, da es in der Tat und Wahrheit doch nur eine gibt«. »Alle Teufel! Nur eine Mutter Gottes!« »Itztlan«, sprach der Mayordomo , »hast du nie den – den – den Virey«, stieß er endlich mit einer Art Schauder und Abscheu heraus – »hast du ihn nie gesehen? Nein«, rief er »nein, ich meine nicht den gegenwärtigen, den vorigen meine ich –« »Die Schlange«, stieß der Indianer mit einem Grimme heraus, der seine tiefen Kehltöne im hohen Saale widerhallen machte. »Die Schlange, die die Indianer von Zitacuaro, von Istla, von Sombrerete, von – mit Weibern, Mädchen und Kindern in ihren Häusern einsperren und verbrennen ließ. Verflucht sei sein Name!« Der Indianer rannte zähneknirschend im Saale umher. »Wehe, Wehe!« sprach der Mayordomo . »Der Mann hat mehr Blut vergossen als den Tezcuco-See füllen würde. Nein, ich meine Iturrigaray; den mein' ich«, wiederholte der Mayordomo besänftigend. Der Indianer wurde ruhiger und nickte. »Hab' ihn gesehen«, sprach er, »zweimal; als er von Capultepec herabkam; sah just aus wie unsereiner auch. Und dann sah ihn Itztlan nochmals, als er auf der Plaza mayor mitten unter seinen Dragones und Lanzeros war. Strotzte von Gold und war anzusehen wie unser Erlöser von Atolnico«. »Kurz«, sprach der Mayordomo , »der Virey auf der Plaza war eine ganz verschiedene Person von dem Virey von Capultepec«. Der Indianer nickte. »Und doch wieder nur eine und dieselbe Person! Und wie der Virey von Capultepec von dem auf der Plaza eine verschiedene und doch wieder nur eine und dieselbe Person war, so ist auch die Jungfrau von Guadalupe von der Jungfrau der Gnaden eine verschiedne und doch wieder nur eine und dieselbe Person.« Der Mayordomo war aufgestanden und zur Wanduhr getrippelt, die er bedenklich und ängstlich ansah. Ein leichter Schauer durchzuckte seine halb verwitterte Gestalt; und es war ersichtlich, daß er sich bloß deshalb so tief in die Angelegenheiten des himmlischen Hofstaates verwickelt hatte, um trübe Ahnungen los zu werden. Er fröstelte zusammen. »Ei, wer die frische Luft unseres Cuautla Amilpas hätte! – Jesu Maria! Mir wird so bange – – –« »Don Anselmo!« riefen sämtliche Diener, besorgt an ihn herantretend; »was fehlt Euch?« »Was mir fehlt?« erwiderte der alte Mann. »Ei, was fehlt unserem armen, prächtigen Grafen Carlos? Wißt Ihr es? Armer Narr! Was das für Entwürfe waren vor acht Tagen; wie er vor die ganze Notabilitad hintreten wollte, sie auffordern, zum Virey zu gehen und ihm sein schändliches Betragen gegen Mexiko vorzuhalten. Seht ihn jetzt an, just wie ein Hund, der im Schindersacke gewesen«. »Seht nur einmal Diego an«, fiel ein zweiter Diener ein. »Auf der Hacienda fängt er einen Wolf im Laufe, hier geht er herum, als ob er den gestrigen Tag suchte«. »Weiß nicht«, brummte Itztlan. »Itztlan fürchtet sich nicht; aber alle Leute sind bleich und zittern und wispern«. »Und das bringt auch über deine Eisenseele ein Frösteln?« sprach der Mayordomo . »Glaub' es gerne; man müßte von Granit sein, um das auszuhalten. Hier sind nur der Pöbel und unsere Peiniger froh; alles übrige wie sterbend oder tot. Jesu Maria, und der Graf noch nicht zurück! Und Carlos und Federico auch nicht! Habe ihnen doch aufgetragen, von dem Gange der Besamanos Nachricht zu bringen. Was wird da wieder aus- und angesponnen werden?« Der alte Mann fröstelte wieder zusammen. »Ei, wäre es meinem Willen nach gegangen, so wären wir unten in Cuautla Amilpas geblieben«. »Und wer konnte Graf Jago, den Stolz von Mexiko, zwingen, nach Tenochtitlan zu kommen?« fragte Itztlan. Der Mayordomo schüttelte das Haupt. »Ich habe die Galvez, die Buccarellis, die Revillagigedos, die Asanzas, die Iturrigarays gesehen; harte, stolze Männer, die den Popocatepetl mit einem Fuße flach zu treten sich stark genug dünkten, stolz wie Luzifer; aber doch waren es Spanier von altem Schrot und Korn; aber dieser Virey –« der alte Mann faltete seine Hände. »Dieser Fanegas«, fuhr er stiller fort, »dieser Fanegas, in der französischen Schule aufgewachsen, unter ihren Peitschenhieben, der Schule aller Perfidie und Laster. Sie sagen, er habe selbst die Armeen der Spanier bei Cuenca und Almonacid an die ketzerischen Bonapartisten verkauft. Jesu Maria! Und was der Mann in Mexiko getan hat, das, glaubt mir, Kinder, ist noch nie erhört worden, und alles mit honigsüßer Zunge. Es schreit zum Himmel um Rache. Und doch, wenn diese Schlange zu St. Peter kommt, ich glaube, sie überredet ihn, sie in den Himmel einzulassen. Ein Schurke, wer dann noch darinnen bleibt«. »Jesu Maria«! seufzte der Mann, indem er zugleich das Kreuz schlug und dann seinen Daumen küßte. Achtes Kapitel Der alte Mann wurde in seinen düsteren Ausbrüchen durch das Läuten der Glocke an der Pforte und den darauffolgenden Eintritt eines jungen Mannes im mexikanischen Kostüm unterbrochen, der mehr in den Saal stürzte als trat. In der Hast war ihm ein Teil der Manga und mit diesem ein leichtes Bündel und eine Larve entfallen. Der Jüngling haschte schnell danach, und warf Bündel und Larve ins Feuer. »Wohlgetan, Don Pinto!« sprach der Mayordomo , der dem verstörten Jüngling kopfschüttelnd zugesehen hatte. »Wissen wir nun doch, wozu diese Braseros Metallene Becken mit brennenden Kohlen. die uns der Spanier mit all seinem Trödel gleichfalls auf den Hals gebracht, gut sind; wo hätte sonst Don Pinto einen Feuerherd für seine Narrheitskappen gefunden? Nimm es heraus,« sprach er zu einem der Diener, »es ist Gold daran, und Don Pinto wird dessen nie zu viel haben«. »Laßt es!« rief der Jüngling, einen seiner Sporen auf den knisternden, halb verbrannten Anzug setzend. »Wie es Euch beliebt, Don Pinto«, sprach der Mayordomo . »San Jago noch nicht zurück?« fragte der Jüngling gähnend. »Wer?« fragte der Mayordomo mit allen Zeichen der Verachtung. »Wer? San Jago? Wen meint Don Pinto damit?« »Den Grafen«, versetzte der Jüngling, sich nachlässig auf das Sofa werfend. »Die Herrlichkeit bei unsern Herrschaften wird, sage ich dir, Alter, bald ihr Ende haben. Ei, ich habe Dinge gesehen, Zeichen, von denen sich Mexiko noch vor vierundzwanzig Stunden ebensowenig wie deine Philosophie hätte träumen lassen«. Der alte Mayordomo und seine Mitdiener sahen den jungen Wüstling starr an; denn als solchen bezeichnete ihn das hohle Auge und das bronzefarbige Gesicht, in dem nächtliche Ausschweifungen tiefe Spuren zurückgelassen hatten. »Philosophie, Don Pinto!« versetzte der Mayordomo endlich tiefer Atem holend. »Se. Herrlichkeit Don Jose Graf von San Jago sind ein alter Christ, und wir, Gott sei Dank, sind ein guter Christ und haben keine Philosophie und wollen keine Philosophie haben«. – Der alte Mann faltete die Hände, indem er wechselweise die Madonnen und Standbilder ansah. »Wir vertrauen auf die heilige, unfehlbare Kirche«. »Ei, und auf den König«, versetzte der Jüngling spottend. »Auch auf den König«, fiel der Mayordomo ein. »Aber er ist zweitausend Stunden von seinen Untertanen, oder vielmehr den Untertanen seiner Untertanen«, setzte er leiser hinzu, »den weniger als Untertanen seiner Untertanen. – Mein Gott, was ist aus dem armen Mexiko geworden?« »Was aus Mexiko geworden ist«, erwiderte der Wüstling lachend. »Ein blutig verstümmelter Leichnam, der zerfetzt und zerfressen auf einem Schubkarren fortgezerrt wird. Ah!« lachte er, »Ihr spitzt Eure Ohren, und wohl mögt Ihr; denn während Ihr hier sitzt, gehen draußen Dinge vor – Dinge! – Alle Teufel!« rief er aufspringend und rasch und scheu zum Fenster laufend, »Das war ein Auto scacramental «. »Das ist so ihre Weise«, fiel der Mayordomo mit Verachtung ein, Autos scacramentales , Prozession, Raketen und der Erlöser von Atolnico wie ein Madrider Stutzer herausgeputzt«. »Diesmal gab es andere Dinge zu schauen«, entgegnete ihm der Jüngling etwas ernster. »Einer dieser Majos hatte ein verdammt schlechtes Lager, und zwar auf einem Schubkarren; es war eine Ladung, die für zehntausend Mulos zu schwer gewesen sein dürfte«. »Es war der geröstete Guauhtomozin«, fuhr der Wüstling, unheimlich lachend, fort, »der auf den Schubkarren ausgestreckt lag. Seine rechte verstümmelte Hand stellte Bucatan und Veracruz vor; seine Linke, von zahllosem Gewürm angefressen, Puebla und Oaxaka. Auf dem Leibe, der mit Valladolid und Mexiko bezeichnet war, saß ein Vampir; um die Schenkel, die Guadalaxara, Zacatecas und San Luis de Potosi bildeten, zerrte und riß sich ein wütender Jaguar«. »Und alles das habt Ihr gesehen?« fragte der Mayordomo kopfschüttelnd. »Konntet es lesen, wenn Ihr nämlich Aztekenschrift versteht«. »Don Pinto, hört und seht weniger, wenn es Euch beliebt; denn vieles Sehen und Hören macht Augen- und Ohrenweh, sagt unser Sprichwort. Laßt sie sich abmühen«, sprach er, sich zu den Dienern wendend, »da eine Flamme hervorbringen zu wollen, wo kaum Rauch zu haben ist. Ei, wir kennen Mexiko. Zum Plündern, zum Boleros- und Charavetanzen, zum Pasquillmachen, ja, da sind sie gut; aber der ist ein Narr, der seinen Kopf für dieses Gesindel in die Schlinge bringt. – Federigo, was gibt's?« fragte er auf einmal erschrocken. »Maestro Anselmo! Cosmo, Pablo, Alonso!« schrie Federigo, der atemlos in den Saal gerannt kam. »Wißt Ihr, daß die junge Nobilitad aus Mexiko zur Armee verwiesen ist? Fünfundzwanzig Caballeros sind schneller in die Hülsen von fünfundzwanzig Leutnants gekrochen, als der Seidenwurm aus seinem Kokon sich windet. Se. Exzellenz haben den jungen hohen Adel allergnädigst zu Zielscheiben für die ketzerischen Rebellen zu verwenden beschlossen«. »Jesus, Maria und Josef!« riefen sämtliche Diener. »Es soll eine Art Posse sein, welcher der junge Adel beizuwohnen sich erkühnt hat und die Se. Exzellenz zu diesem plötzlichen gnädigen Entschlusse veranlaßt; ein Hund von einem Mauren-Kalifen soll die Person unseres allergnädigsten Herrn und Königs zum Sprechen nachgeahmt haben«. »Jesus, Maria und Josef!« riefen nun zwanzig Stimmen, denn der größte Teil der zahlreichen Dienerschaft war natürlicherweise herbeigeeilt, um seinen Anteil an den inhaltschweren Neuigkeiten abzuholen. »Aber Mexiko ist auch dafür um eine gewichtige Kenntnis reicher geworden«, fuhr der Berichterstatter fort, »und der letzte Lepero weiß nun, daß Fernando VII. auf dem Schlosse, wo er haust – was denkt Ihr wohl? Je nun – Unterröckchen für die Jungfrau der Gnaden stickt«. »Jesus Maria!« seufzte der Mayordomo , »eine Pasquinade auf Se. Majestät! Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie Don Silva gehängt wurde, weil er sich beifallen ließ, den Kopf auf die linke Seite zu neigen, wie Se. Exzellenz der Virey Gálvez zu tun gewohnt waren«. »Heiliger Name Gottes! Was will denn das bedeuten?« schrie ein neuer Ankömmling, der nicht weniger verwirrt und erschrocken in den Saal stürzte – »Don Manuel –« »Was ist's mit Don Manuel?« riefen alle erschrocken. »Geht morgen um sechs Uhr auf Befehl des Vizekönigs nach Spanien ab«. »Jesus Maria!« riefen wieder sämtliche Diener. »Don Manuel, der Neffe seiner Herrlichkeit?« »Nach Spanien?« wiederholte der Mayordomo kopfschüttelnd. »So sagte mir der Camarerio Sr. Exzellenz«, bekräftigte der Diener, der die Nachricht gebracht hatte. »Gott und die heilige Jungfrau allein wissen, was dahinter steckt –!« Der Alte verstummte plötzlich. »Stille! stille, leise, stille!« rief es von allen Seiten, und die Diener wichen ehrfurchtsvoll zurück, um einer Dame Platz zu machen, die, zur Hälfte verschleiert, in den Saal getreten. Sie war noch jung, mehr Kind als Jungfrau. Ihr schönes kastanienbraunes Haar wallte in langen Locken über einen Teil des Halses, während der andere durch die Mantilla verhüllt war. Sie trug eine prachtvolle Robe von chamoisfarbigem chinesischen Atlas, darüber die wunderliebliche Basquina, die ihr bis zu den Knien reichte, und die Juwelen, die an ihrem Haupte, Halse und Armen schimmerten, würden dem Brautschmucke einer Königin nicht Unehre gemacht haben. »Wer spricht von Don Manuel? Wo ist er, Kinder?« fragte sie mit einer noch kindlichen Silberstimme. »Anselmo, Cosmo, Federigo! Wo ist er? Federigo, du hast ihn gesehen? Sage – Mutter Jesu! Vierundzwanzig Stunden in Mexiko, und ihn noch nicht gesehen! So sprich doch, Federigo!« »Er soll nach Spanien, auf Befehl Sr. Exzellenz«, sprach Federigo. »Dummkopf!« riefen alle; »Wer sagt es?« »Jesus, Maria und Josef! Don Manuel nach Spanien?« schluchzte sie, indem sie auf eine ältliche Frau zurannte und sie heftig bei der Hand faßte; doch sprang sie sogleich wieder zurück und, auf den Bedienten zueilend, erfaßte sie seine beiden Hände. »Federigo! Um der fünf Wunden willen! Federigo! Sprichst du auch wahr? Sprich, ich beschwöre dich!« »Wo ist der Graf?« schrie wieder ein frischer Ankömmling, der stürmisch die Treppen heraufgerannt und in den Saal gestürzt war. »Der Graf? Wo ist er? Wo ist er?« riefen alle. »Die Besamanos ist vorüber!« schrie der Diener, »ich habe ihn am Palasttore verlassen; er ist nicht im Theater«. »Jesus Maria, der Graf!« heulten alle, und mit diesen Worten stürzte der ganze Troß die Treppe hinab, zum Haustore hinaus. Ein wilder, wüster Lärm erschallte aus der Stadt herüber, begleitet von zeitweiligen Flinten- und Kanonenschüssen, die dem Chaos von schrillen, mißtönenden Stimmen zum Refrain dienten. Mexiko lag mit einem lichtroten Nebelflor übersäumt, der sich über die Stadt gleich einem feurigen Schleier hinlagerte; südwestlich brüllte der Donner herauf, und die Blitze fuhren zuckend und schauerlich den Itztaccihuatl herab, dessen schneeige Kuppe aufleuchtete wie ein feuriger Drache; dann entfuhr den finsteren Wolken wieder ein Donnerschlag, so fürchterlich durch das Gebirge hinbrüllend, daß die Erde bebte; die Blitze warfen ihr grelles Licht über die ganzen ungeheuren Felsenmassen des Gürtels von Tenochtitlan, leckten endlich das Tal und erglänzten und erstarben in den Wasserflächen des Tezcuco- und Chalco-Sees. »Jesus Maria!« stöhnte der Mayordomo , »was ist das wieder? Das Gewitter kommt von Puebla und geht über den Itztaccihuatl: das bedeutet Drangsal! Und die Blitze lecken Mexiko, das bedeutet Jammer und Elend!« Der alte Mann starrte in die finstere Nacht hinaus. »Mondsüchtig, Don Anselmo?« fragte eine Stimme, »und ohne Barett und Amtsstab? Fürwahr, da steht Mexiko nicht mehr lange! Wer hat je so etwas gehört?« Der Mayordomo fühlte nach seinem Haupte, nach seinem Stabe und wandte sich dann zu dem Sprecher, den er verdächtig maß. Es war ein junger, starker Mann, der, einen Indianer am Arme, aus der Almenlaube herangeschlichen war. »Der Graf Jago noch nicht zu Hause?« fragte der Fremde. »Ob er es ist oder nicht, Freund«, versetzte der Mayordomo , der auf einmal seine Fassung wieder erlangt hatte, »wird Euch wenig kümmern, hoffe ich«. »Vielleicht doch mehr, als Ihr glaubt, Anselmo!« »Wer bist du? Was willst du? Woher kommst du? Gehe mit deinem heiligen Schutzengel und lebe tausend Jahre, Freund!« rief der Mayordomo der wieder ängstlich wurde und sich schnell zum Tore zurückzog, wohin ihm der verdächtige Nachtwandler mit seinem Gefährten gefolgt war. »Jesu Maria! Das ist Jago, unser gewesener Jago!« kreischte er auf einmal, »unser Arriero, und nun einer der Cavecillas! Niedrigster Pöbel. Fort mit dir! Ob in den Himmel oder die Hölle, ist gleichviel!« rief der alte Mann, der sich so schnell als er vermochte zurückgezogen hatte. Doch der Fremdling war schneller gewesen; mit einem Satze war er zwischen dem alten Manne und dem zufallenden Haustore; mit einem zweiten schob er den alten Mann auf die Seite; dann, den Indianer erfassend, riß er diesen mit sich fort in den Torweg, und beide verschwanden zwischen den Säulen der den Hof umgebenden Halle. »Jesus Maria! Rebellen! Diebe! Räuber! Mörder!« schrie nun der Mann aus Leibeskräften, die Treppen hinaneilend. »Jesu Maria! Wir sind alle des Todes, wenn – Pedro! Pablo! Alonso! Alle Teufel! Gott verzeih mir die schwere Sünde!« betete der Mann wieder, indem er sich bekreuzigte und dann den Daumen küßte. »Was gibt's? Was treibt Ihr?« rief Don Pinto, der über die Treppe herabtanzte und den Mann verwundert ansah. »Aha! Mexiko hat Euch endlich aus Eurem Gleichgewicht gebracht. Höre, Alter! Seit den letzten vierundzwanzig Stunden habe ich eine Arroba Ein Gewicht von 25 Pfund. meines teuern Fleisches verloren. Adiós! Adiós!« rief der Wüstling. Der alte Mann holte tief Atem, wie einer, dem eine schwere Last von der Brust genommen wird. »Gehe du«, murmelte er, »gehe du und halte den alten Anselmo lieber für einen Narren, als daß du deine Nase dahin steckst, wo sie uns allen das Lebenslicht ausblasen könnte. Ei, das wäre Wasser auf seine Mühle, zu wissen, daß zwei Rebellen sich in unserm Hause verborgen haben«. Das Rasseln eines Wagens unterbrach den geängstigten Alten. An zwanzig Diener kamen vor und hinter diesem gesprungen, rissen die Wagentüren auf, hoben den Grafen heraus und trugen ihn im Triumphe auf ihren Armen durch den Torweg über die Treppen in den Saal. »Gott sei gelobt!« schrie der Mayordomo , die Hände des Grafen erfassend. »Anselmo!« sprach dieser, »was gibt es? Ist etwas hier vorgefallen?« »Um Gottes willen! Eilen, laufen Sie aus diesem Hause!« »Anselmo!« rief dieser erstaunt. »Was meinst du? Was ist dir?« Der alte Mann wurde in den Ausbrüchen seiner Angst durch die junge Dame unterbrochen, die nun in den Saal geeilt kam. Neuntes Kapitel »Oheim!« rief das schöne Kind, das nun, den Schleier weit zurückgeworfen, dem Grafen in unsäglichem Schmerze an den Hals flog. Niña ,« bat der Graf mit zärtlicher Stimme, sich liebevoll herabneigend. »Niña, meine Niña, was ist?« »Oheim! Oheim!« rief sie wieder, ungestümer schluchzend, indem sie seine Hände erfaßte. »Ist es wahr? Verloren auf ewig?« stöhnte sie. »Unglückliche Elvira!« Der Conde wandte sein Gesicht in sprachlosem Schmerze weg. »Verloren auf ewig! Auf ewig!« rief sie wild, und mit einem Risse war der Schleier von ihrem Haupte, die Geschmeide vom Hals, Arm und Haupt, das herrliche Geschöpf tobte in seiner lieblich wilden Raserei. »Niña!« rief der Graf im sanft verweisenden Tone, »fasse dich!« Sie warf sich wieder an seinen Hals, sah ihn starr an; dann ließ sie einen Arm sinken, ihr Köpfchen fing an, sich zu neigen, ihre Gestalt senkte sich – Das wunderliebliche Wesen konnte kaum mehr als dreizehn Jahre zählen, aber in diesem zarten, jugendlichen Busen wohnte bereits die süße Empfindung mit aller Stärke südlicher Glut. Ihre Frauen hatten einen Kreis um sie gebildet, der Mayordomo die sämtliche Dienerschaft zurückgeschoben, der Graf sie erfaßt und, unterstützt von ihren Dienerinnen, in eines der anstoßenden Gemächer getragen, wo er sie auf eine Ottomane niederließ. Das holde Geschöpf ließ alles mit sich geschehen; erst als sie auf dem Sofa halb lag, halb saß, rief sie schluchzend, ihre tränenschweren Augen auf den Conde gerichtet: »Oheim!« »Niña!« »Oh, ich wußte es!« lispelte sie in jener süßen, unendlich reizenden Vergessenheit der Töchter ihres Landes: »Niña wußte es! Er liebt sie, sie ist sein Herz, die Morgenröte seiner Hoffnung«. »Wen liebt er?« rief der Graf heftiger. »Niña, um Gottes willen! Sage!« Das Mädchen blickte ihn erschrocken an, und, als wäre sie von einem Fieberschauer ergriffen, rief sie, am ganzen Körper zitternd: »Nein, nein, Elvira will ihn nicht verraten! Er liebt sie! Heilige Jungfrau! Seine Liebe selbst ist Verrat!« murmelte sie leiser. »Ich weiß, wen er liebt. Ich weiß, wer ihn liebt«, sprach der Graf, der wechselweise zur Condessa herangetreten und wieder ungestüm im Kabinette auf- und abgeschritten war. »Ruhig, Niña! Ruhig, Condessa! Tochter meines teuersten Freundes! Tor und Elender!« fuhr er mit unterdrückter Stimme fort, »da seine Hoffnungen dort fußen wollen, wo Mexikos Fluch anhebt und endigt! Nein, Elvira«, sprach er, sich stolz erhebend, »die herrliche Tochter eines der edelsten Mexikaner soll nur einen Mexikaner glücklich machen! Niña, ruhig! Ich bitte dich! So er deiner würdig ist, so soll ihn dir die Macht der Hölle selbst nicht entreißen; hat er aber Mexiko verraten, hat er sich mit den unversöhnlichen Feinden Mexikos zu seinem Verderben ins Bündnis begeben, dann, dann wird«, rief er mit heftiger Stimme »ihn auch Condessa Elvira zu verachten wissen!« Der Graf hatte in der heftigen Bewegung die Hand des Mädchens erfaßt; sie sah ihn mit tränenschweren Augen an. »Verachten?!« sprach sie leise. »So magst du den Popocatepetl verachten, weil er sein Haupt stolz über die Berge Tenochtitlans erhebt? Manuel verachten, den ersten der Söhne Mexikos? Unglückliche Elvira! Wenn du dies könntest, wie müßte dein Herz für alles Edle, Große, Ritterliche erstorben sein! Beweinen will ihn Elvira, beweinen!« schluchzte sie. »Niña!« rief der Graf böse. Sie hörte nicht, sie sah nicht. Sie bemerkte nicht, daß ein Indianer in das Zimmer getreten war. Der Graf, erstaunt über diese Erscheinung, war einen Schritt zurückgetreten. »Gott segne Euch, Graf San Jago, für die Worte, die Ihr soeben gesprochen«, sagte der Indianer mit einer ernsten, feierlichen Stimme. »Wer bist du, Vater?« fragte der überraschte Graf mit einigem Unwillen und in heftigem Tone. Eine zweite Gestalt trat aus demselben verborgenen Gemache. »Jago!« rief der Graf im Tone des höchsten Erstaunens, »Jago, und du wagst es – –« »Nach Mexiko zu kommen, Graf«, sprach Jago mit Würde, »und daß ich es wage, bürgt Euch für den hohen Preis, den wir auf Euch setzen; doch, wir haben keine Minute Zeit«, und mit diesen Worten nahm er von dem Kopfe des Indianers die Perücke von langen, straffen, indianischen Haaren, hob die Larve von seinem Gesichte weg und zeigte dem Grafen in dem Indianer einen alten, aber äußerst würdevollen Mann, dessen feuriger Flammenblick mit dem tiefen, wehmütigen Ernst des Gesichtes eine der schönsten Physiognomien bildete. Der Graf trat zwei Schritte zurück: »Mor –!« »Ja«, sprach der Greis, »der bin ich; gekommen, um Graf Jago im Namen des unglücklichen Mexiko um seinen Beistand, seinen Rat, seine Hilfe zu bitten«. Es wurden draußen Fußtritte hörbar. Der Graf faßte die beiden Männer, riß die Türe des verborgenen Kabinettes auf und schob sie rasch hinein. Zehntes Kapitel Der Vorderste der eintreffenden Gäste war ein schwammiges Männchen mit behäbigem Unterleibe, gepuderten Haaren und zierlichem schwarzseidenen Haarbeutel. Er brachte zuerst keuchend seinen reichgestickten Frack à 1a Louis-Quinze in die gehörige Richtung, glättete die zerknitterten Spitzen der Hemdärmel, richtete den kurzen steifen Kragen und die langen Schöße in Ordnung, adjustierte den kurzen Staatsdegen mit stählernem Griffe und stöhnte dann, sich neugierig umsehend: »Ah, Maestro Anselmo! Se. Herrlichkeit der Graf nicht hier? Ah, Maestro! Brennen vor Verlangen, ihm unsere Attention zu erzeigen. Ah, Maestro Anselmo!« »Eure Herrlichkeit«, versetzte der Mayordomo , sich tief bückend. »Ey, Maestro Anselmo! Ihr seid noch aus der alten Schule; aber diese ewigen Aufstände haben die guten alten Zeiten ganz verdorben«. »Ah«, fiel ein zweiter Marquis ein, der im blutroten Taffetrocke zu Ehren der spanischen Nationalfarbe prangte, »ah, aber Se. Exzellenz der Allergnädigste haben doch mit Hochdero eigenem Munde huldreich versichert, daß diese Aufstände jetzt ihr Ende haben sollen, und Se. Exzellenz der Allertapferste haben gleichfalls bei allen Heiligen zu beteuern geruht, daß in sechs Monaten kein Rebelle mehr den Boden Neuspaniens besudeln solle«. »Bitte um Vergebung, Euer Gnaden«, sprach ein alter Conde, »aber wir erlauben uns eine untertänige Bemerkung um so mehr, als diese von äußerster Importanz ist. Euer Gnaden Herrlichkeit sagten nämlich: Sr. Exzellenz der Allergnädigste, wo doch das Prädikat Allergnädigster bloß der Majestät zukommt«. »So kommen wir von den Federn aufs Stroh«, fiel der Mayordomo ein, der nicht ohne Unwillen den Edelleuten zugehört hatte. »Ah, Señorias, unser Sprichwort sagt: sie haben dem Tiere, das heißt der Rebellion, noch nicht die Haut über den Kopf gezogen, und ich fürchte, sie wird eher uns abgezogen werden«. »Ey, Anselmo ist ein geschickter alter Kauz«, bemerkte der Conde Irun. Ja, ja, Señorias»«, fuhr der Mayordomo in demselben ehrfurchtsvollen Tone fort. Achtundachtzigmal, genau gezählt, sind nun bereits die Rebellen vernichtet, und achtundachtzigmal sind sie immer wieder von den Toten auferstanden«. »Und«, fragte der Conde de Istla, »was glaubt nun Maestro Anselmo?« »Alles, was die Kirche zu glauben gebietet«, sprach der alte Mann mit einem einfältigen und wieder schlauen Blinzeln. Wie sollte der arme Anselmo auch anders, da so viele erlauchte Herrschaften selbst glauben und geschehen lassen müssen, daß ihnen ihre hochgebornen Herren Söhne vor der Nase weggenommen und in die Armee gesteckt und vor den Feind geschickt werden«. »Jesu Maria!« riefen sämtliche Kavaliere, »so ist es denn wahr, was man sich allenthalben zuflüstert?« »Und Señorias wissen das nicht?« rief der Mayordomo erstaunt aus. »Und glaubt Ihr wirklich«, fragte der Marquis Moncada, »daß die Rebellen es wagen werden, auf die Söhne der höchsten mexikanischen Nobilitad zu schießen?« »Was sollten sie anders?« versetzte der Mayordomo Der Marquis und seine Compairs stierten den Mayordomo mit einem geisterartigen Grinsen an. »Aber Anselmo!« rief er, »Aber Anselmo!« Und er trippelte im Saale herum. »Sogleich wollen wir zum Virey – ja, zum Virey – Jesu! Wenn wir noch an die Leiden gedenken, die uns Se. Exzellenz, der Virey Gálvez, verursachte, als es ihm beifiel, das Lager bei Tacubaya zu halten. Señorias wissen, wir waren Obersten in der Miliz. Jesus, Maria und Josef! Wenn wir noch daran denken, rüttelt es uns wie Fieberfrost. Wir waren drei Wochen krank vor Schrecken. Denken Sie sich, Señorias, fünf volle Stunden mußten wir zu Pferde sitzen, und keiner von unseren Dienern durfte sich uns nähern, um über unsere Person den Sonnenschirm zu halten. Und die vielen tausend Gewehre, die alle mit Pulver geladen und mit Bajonetten bespießt waren; jeden Augenblick waren wir in Gefahr, eines möchte zerplatzen.« »Und stechen«, fragte der alte Marquis sehr naiv, »die Rebellen auch mit Bajonetten und schießen sie mit Pulver?« »Und mit Blei«, versetzte der Mayordomo trocken. »Jesu, Jesu!« stöhnte der Marquis wieder und mit ihm die übrigen. »Ja«, kreischte er, »das kommt alles von der Aufklärung. Seit der Zeit, wo Se. Exzellenz der Virey Revillagigedo naseweis genug waren, dem mexikanischen Volke klar und bündig vor Augen zu legen, wie es hundertmal stärker an Zahl sei als seine spanischen Gebieter. Diese Volkszählung wurde im Fahre 1790 unternommen und der Vizekönig, einer der wenigen rechtlichen Männer, die diese hohe Stellung bekleideten, sehr deswegen getadelt. Ei, diese unglückselige Volkszählung!« »Und dann seit der Zeit«, fiel der Mayordomo ein, »wo man das ganze Mexiko zwang, durch spanische Brillen zu sehen. – Ei, Señores, die zweitausend Kisten Brillen, die das Cadixer Consulado von den Holländern erhandelt und weshalb wir Mexikaner und unsere unbehosten und unbeschuhten Indianer auf Anordnung Sr. Exzellenz des Virey Brillen bei hoher Strafe tragen mußten?« Es entstand eine Pause. Die komisch absurde Tatsache, daß ein Volk von mehreren Millionen Menschen gezwungen worden war, fremde Brillen zu tragen, weil ein solcher Artikel, von der privilegierten Kaste der Cadixer Kaufleute erhandelt, sonst zu verliegen gedroht hätte, hatte die Kavaliere in ihren Klagen über die Folgen der Aufklärung ganz aus dem Konzept gebracht. Elftes Kapitel. Ein neuer Ankömmling, der unter dem Namen Señora Doña Sebastiana und dem Zusätze »Kommt von Sr. Exzellenz« angekündigt wurde, gab ihrem Sinnen auf einmal eine andere Richtung. Die Dame war reich, aber nichts weniger als geschmackvoll in eine Menge seidener Röcke von den grellsten Farben gekleidet, die ihrem untern Sein einen Umfang gaben, der mit der platten, bretternen und übel arrangierten Taille nichts weniger als lieblich kontrastierte. Die unmäßig hohen Absätze ihrer Schuhe verliehen ihrem Gang überdies etwas Watschelndes, so daß ihr die Unterstützung des Cortejo, der mit ihr eintrat, wirklich zum Bedürfnis wurde. Dieser Cortejo war ein Mann von starkem Körperbau, aber unangenehmen, ja widrigen Gesichtszügen, mit einem ungemeinen Bestreben, freundlich zu scheinen: eine Mischung von höfischer Abgeschliffenheit und soldatischer Rauheit, in steter greller Beweglichkeit. Man sah es dem Manne beim ersten Blicke an, daß er von einem rastlosen Ehrgeize gepeitscht wurde. Er trug die Uniform eines Stabsoffiziers der königlich mexikanischen Truppen. Seine Schutzbefohlene, indem sie den Saal hinaufschritt, hielt zwei seidene Stricke oder Schnüre, die an ihrem Gürtel befestigt waren, wohlgefällig zwischen ihren Fingern. An diesen waren eine Menge Knoten, die Embleme der verschiedenen Eroberungen, die das schöne Geschlecht von Mexiko, wenn die chronique scandaleuse wahr spricht, auf diese Weise zur Schau zu tragen sich nicht entblödet. Sie war augenscheinlich mit wichtigen Nachrichten beladen, da sie, ohne die etwas umständlichen Eintrittzeremonien zu durchgehen, schon an der Türe den Kavalieren zurief: »Ah, Señores! Señores! So müssen denn wir, die Doña Sebastiana, die Taube sein, die die Freudenbotschaft überbringt«. Die Dame, nachdem sie gesprochen, schien sich auf einmal zu besinnen und trippelte zur jungen Condessa hinauf, die soeben mit ihrem Gefolge weiblicher Dienerinnen eingetreten war, umarmte sie, und entledigte sich dann ihrer wichtigen Botschaft in folgenden Worten: »Ah, Señorias, Señorias! Ah, meine Herrschaften!« flüsterte sie, indem sie die Augen in süßer Entzückung verdrehte. »Wissen Sie nun, was jene gnädig huldreichen Worte, die Se. Exzellenz fallen zu lassen gnädigst geruhten – wissen Sie auch? O! Se. Exzellenz sind ein allerliebster, göttlicher Herr. Stellen Sie sich vor«, rief sie wichtig, »Sie haben die Vorhänge Ihrer Loge beim letzten Akte ganz herabgelassen, und Iturrigaray, der vulgäre, liberale Iturrigaray, wissen Sie noch, er behielt sie immer oben, man konnte keine Zigarre rauchen«. Das schöne Geschlecht Mexikos oblag seiner Lieblingsunterhaltung des Zigarrenrauchens auch im Theater eifrig, sobald die höchste Standesperson gnädig geruhte, die Vorgänge ihrer Loge herabzulassen. »Ah, Señorias!« rief sie, mit ihrem Fächer wedelnd. »Es ist bereits angekommen, das königliche Paket, versiegelt mit dem großen Staatssiegel«. »Mit dem großen Staatssiegel?« fielen die Siebenmänner ein. »Um am Namenstage Sr. geheiligten spanischen Majestät geöffnet zu werden«. »Geöffnet zu werden!« kreischten die Kavaliere. »Se. Exzellenz haben uns ja dieses bereits huldreich zu eröffnen geruht«, bemerkte der Conde Irún wichtig. »Aber wissen auch meine Herrschaften, wissen Sie auch? Fünfundzwanzig!« platzte die Donna heraus, nun nicht länger imstande, die Bürde ihres Geheimnisses zu tragen. »Fünfundzwanzig!« schrien die sieben Edelleute. »Fünfundzwanzig!« überschrie sie die triumphierende Donna, »worunter vier Großkreuze. Die Camareria Ihrer Exzellenz haben es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit geoffenbart«. »Fünfundzwanzig«, schrien und kreischten und schluchzten die sieben Kavaliere, und dann brachen sie in einen Jubel aus, der es wirklich zweifelhaft machte, ob sie nicht alle den Verstand verloren hätten. Sie rauschten in ihren seidenen Röcken aneinander heran, umarmten sich, küßten sich auf die gravitätischste Weise, wünschten sich und Mexiko Glück, trippelten auf die Dame und die junge Condessa zu, umarmten diese und wieder sich untereinander; selbst der Mayordomo wurde umarmt, und einem Pagen, der eingetreten war, um die Armleuchter vor den Schutzpatronen und Schutzpatroninnen anzuzünden, widerfuhr die gleiche Ehre. In ihrem Entzücken hatte die Gesellschaft nicht bemerkt, daß der Graf mit mehreren Kavalieren eingetreten und nicht wenig befremdet über die seltsame Szene, eine Weile sprachlos dagestanden war. Erst als der Mayordomo seinen Herrn ankündete, ermannten sich die Kavaliere, und eilten auf ihn zu: »Fünfundzwanzig, worunter vier Großkreuze«, jauchzend. Die feinen Gesichtszüge des Weltmannes, weit entfernt, Spott oder Hohn blicken zu lassen, schienen wieder ebensowenig die Freude oder Überraschung seiner Gäste zu teilen. Dieses mochte auch der Fall mit mehreren der Edelleute sein, die mit ihm gekommen waren. »Die Ehre«, sprach er, indem er sich ringsumher verneigte, »die unserem armen Hause widerfährt, den hohen Adel ebenso unvermutet als herablassend in dieser späten Stunde in unseren Mauern zu sehen, ist so überraschend – –« »Graf«! sprach der Marquis, der unter dem Titel von Moncada aufgeführt war, »es macht Epoche in der Geschichte Mexikos, fünfundzwanzig, worunter vier Großkreuze – –« »Bei der Mutter des lebendigen Gottes!« sprach einer der Begleiter des Grafen im höchsten Unwillen. »Wirklich macht es Epoche in der Geschichte Mexikos, zu hören, wie sieben Hochadelige Mexikos vor Freuden umherspringen, daß fünfundzwanzig unserer Söhne wie Hunde zusammengefangen und zur Armee abgesandt werden«. »Aber, Mutter Gottes!« riefen unsere Sieben, höchst verblüfft. Es traten mehr und mehr Gäste ein. »Der sehr edle Marquis de Grijalba irren«, sprach der Graf, »insofern Sie glauben, daß unsere Compairs sich über die gewaltsame Entreißung eines unserer wichtigsten Privilegien freuen, vermöge dessen unsere Söhne, und vorzüglich unsere Erstgeborenen, vom spanischen Militärdienste befreit sind. Ihre Überraschung ist mehr loyal, indem sie sich über die Huld Seiner Majestät äußert, die diesem Lande fünfundzwanzig Klein- und Großkreuze des königlichen Ordens Karls III. verliehen hat«. »So mögen sie alle Teufel der siebzehn Höllen holen!« fuhr der Marquis heraus, »Und wissen Sie, Señores, was diese Groß- und Kleinkreuze Mexiko kosten? Ei, sie kosten ihm bereits hundertfünfzigtausend seiner fleißigsten Einwohner und hundert Millionen Piaster. Sie kosten uns unsere Erzlager und Bergwerke. Mexiko ist eine Wüste, Puebla eine Wüste, Valladolid eine Wüste, Queretaro, San Luis Potosi eine Wüste; das ganze Land in Aufruhr. Señores, ich bürge Ihnen nicht dafür«, fuhr der hitzige alte Landedelmann fort, »daß Sie, die so entzückt sind über die königliche Huld, von der übrigens Fernandos geheiligte Majestät ebensowenig wissen mag wie unser Stiefel – –« »Jesus, Maria und Josef! Er lästert, er lästert!« schrien mehrere der Herren. »Den Teufel auch lästert er«, fuhr der hitzige alte Kreole fort. »Se. Majestät sitzen im Schlosse Valençay und wissen den Teufel, was in Mexiko vorgeht, und dann sagen wir, der Marquis von Grijalba sagt es, daß wir sehr im Zweifel sind, ob Sie, Señores, bis zum Namenstage Sr. Majestät auch noch einen ganzen Rock haben werden, um die königlichen Dekorationen in einem gesunden Knopfloche Platz nehmen zu lassen«. Die Heftigkeit des Sprechers hatte die sieben Edelleute mit Schaudern erfüllt. Sie zogen sich insgesamt scheu zurück. »Wir können uns nicht verhehlen«, fiel nun der Graf ein, der inzwischen mit dem Empfange der angekommenen Besucher beschäftigt gewesen war, »daß, so sehr wir die allerhöchste Gnade in bezug auf die fünfundzwanzig Ordensverleihungen zu schätzen wissen, eine werktätigere Hilfe um so notwendiger sein dürfte, als ohne diese der Ruin des Landes unausweichlich ist. Im Tale von Cuernavaca gingen die vorletzte Nacht einundzwanzig Zuckerpflanzungen in Rauch und Flammen auf, und, wie wir leider Ursache haben zu vermuten, auf Geheiß unserer Gebieter«. »Jesu Maria!« rief einer der Sieben, »und uns bringt unser Arriero Nachricht, daß unsere Hazienda de Trigo Landgut, zum Ackerbau eingerichtet, zum unterschiede von Hacienda de beneficio , das zum Bergwerkswesen eingerichtet ist. San Franzisko rein ausgeplündert –« »Und unsere Real bei Sombrerete zerstörte«, – fiel ein zweiter ein – »Und alles Maschinenwerk an unseren Schachten an der Valenciana verbrannt und vernichtet«, klagte ein dritter. »Jeden Tag mehren sich unsere Drangsale«, jammerte der vierte; »und selbst der heutige, sonst nur bestimmt, Jubel zu verbreiten, hat die ganze Stadt mit Schrecken erfüllt. Man hetzt die armen Indianer ärger als die Wölfe«. »Es sind Rebellen, und zwar die Rebellen von Itzcuhar«, bemerkte der Major, der als Cortejo der Donna gekommen war. »Denen man jedoch die Amnestie bei dem dreieinigen Gott zugesichert, von allen Kanzeln verkündet hat«, sprach der Graf mit starker, feierlicher Stimme. »Don Agostino Iturbido! Es war Ihre Eskadron, die sich diese überflüssige Grausamkeit im Angesichte Mexikos zu schulden kommen ließ«. »Hohe Befehle, erlauchter Graf«, erwiderte der Major mit einem tückischen Lächeln. »Wir haben nichts gegen Befehle zu erwidern, wir, deren Schuldigkeit es ist, zu gehorchen«, sprach der Graf. »Aber wenn wir«, und er sah den Major mit seinem durchdringendsten Blicke an, »um von unseren Gebietern ein gnädiges Lächeln zu erlangen, unser Land noch unglücklicher machen wollen, als unsere Gebieter – und wahrlich, wir tun es, – dann dürfte die Zeit bald kommen, wo diese uns selbst statt der erschlagenen Indianer in die Schächte senden werden«. »Das ist wahr!« riefen mehrere Stimmen, von der Wahrheit getroffen. »Der Anfang dazu ist bereits gemacht. Man sendet unsere Erstgeborenen zu der Armee, ohne es auch nur der Mühe wert zu halten, uns zu sagen –« »Das wollen wir«, sprach eine hellklingende, aber harte Stimme, die einem jungen Manne angehörte, der, in der linken Hand ein versiegeltes Paket, in der rechten ein Augenglas, die Gesellschaft gemächlich vornehm musternd in den Saal getreten und sich dem Grafen genähert hatte. Er war von vornehmer Gestalt, leicht und gewandt, hatte jedoch in seinen Blicken etwas vom Basilisken. Als er die Kreolen flüchtig übersehen und vornehm leicht begrüßt hatte, übergab er dem Conde mit einer tieferen Verbeugung und den Worten: »Der Wille Sr. Exzellenz«, das Paket. »Wir wissen nichts im Palaste, daß Se. Herrlichkeit eine Tertulia Abendgesellschaft in Ihrem Hause haben«, bemerkte der Höfling lächelnd während der Totenstille, die sein Eintritt verursacht hatte. »Doch haben sich Se. Herrlichkeit vielleicht nicht der hohen Regierungsentschließung erinnert, derzufolge keine Zusammenkunft ohne die ausdrückliche Genehmigung von Sr. Exzellenz in Mexiko stattfinden solle«. »Wir haben von einem solchen Erlasse gehört«, versetzte der Graf, »und würden nicht ermangelt haben, ihm Folge zu leisten. Doch, wie Don Ruy Gomez sehen, ist es ein bloßer Willkommensbesuch Ihrer Herrlichkeiten, die uns die Ehre angetan haben, uns zu unserer Ankunft in Mexiko Glück zu wünschen.« Der Graf hatte seine Worte mit einer Verbeugung an die Edelleute begleitet. »Sr. Herrlichkeit zu Ihrer Ankunft in Mexiko Glück zu wünschen«, fielen mehrere Kavaliere ein. »Se. Herrlichkeit sind sehr glücklich in der Achtung Ihrer Compairs«, meinte der Höfling, »die jedoch, die Wahrheit zu gestehen, eine seltsame Stunde zu ihren Achtungsbezeigungen gewählt haben«. »Wenn Don Ruy Gómez der Meinung sind« – fielen zehn Edelleute erschrocken ein – »Wir leben in Zeiten, Señor, wo sich seltsamere Dinge zutragen –« bemerkte der Graf, der währenddem das Siegel des Pakets aufgebrochen hatte. »Es ist für Euer Herrlichkeit Privateinsicht«, bedeutete ihm der Höfling mit einiger Hast, und nicht ohne Mißbilligung. »Pardon denn«, versetzte der Graf, »doch finde ich bloß die Reisepässe unseres Neffen Don Manuel und den Befehl, der ihn morgen früh nach Spanien absendet; ob als Gefangener oder Verwiesener, weiß die heilige Jungfrau und Se. Exzellenz allein –« »Was immer die Befehle Sr. Exzellenz sein mögen«, versetzte der Privatsekretär wichtig, »so werden Eure Herrlichkeit wohltun, sich ganz Hochdero Willen zu fügen, der, wie Sie wissen, immer sehr gnädige Rücksichten für das erlauchte Haus Graf Jagos hatte«. Der schneidend bitter hohnlächelnde Ton, in dem die ganze Unterhaltung vom Privatsekretär des Virey geführt worden war, kontrastierte seltsam mit den höfischen, abgemessenen und zierlichen Worten, die er zu stellen wußte. »Wir sind ganz von der Gnade Sr. Exzellenz gegen unser armes Haus durchdrungen«, entgegnete der Graf, »obwohl wir diese Überraschung nicht vermutet hatten. Zwar ist Don Manuel nicht unser Sohn. Wir selbst stehen einsam«, fuhr er mit einer weichen Stimme fort, »aber wir fühlen als Vater. Es scheint jedoch, unser Neffe habe die Aufmerksamkeit und selbst die Gunst Sr. Exzellenz sehr schnell und in hohem Grade zu erwerben das Glück gehabt. Es überrascht uns dieses einigermaßen«. Diese Worte, im verbindlichsten Tone ausgesprochen, schienen nun wieder den Höfling verlegen zu machen, der den Grafen forschend ansah. »Ebenso«, fiel der Marquis Grijalba ein, »als wir für die Aufmerksamkeit Sr. Exzellenz verbunden sind, die so unerwartet geruht, unsere Söhne mit dem Portepee zu beehren. Ist es wirklich Sr. geheiligten Majestät Wille, daß die Erstgeborenen des mexikanischen Adels ihrer Privilegien verlustig gehen sollen? Wir haben ein altes Buch, in dem es gedruckt steht, daß –« Der Sprecher, der, wie er sich nach Landjunkerweise naiv ausdrückte, ein Buch hatte, in dem die alten Privilegien standen, hielt plötzlich inne. Der Geheimsekretär hatte ihn nämlich mit einem Blicke angesehen, so höhnisch und böswillig, daß der alte Gesetzforscher ganz aus der Fassung kam. »Und haben Eure Herrlichkeit«, fragte der Höfling, indem er den Sprecher hohnlachend vom Kopfe zu den Füßen maß, »wirklich ein solches Buch? Wahrscheinlich in Kalbsleder eingebunden?« fuhr er nach einer Pause mit demselben Hohne fort. »Als Antwort auf Ihr Buch wollen wir Euer Gnaden sagen, daß Ihre Söhne ihrer Privilegien verlustig worden sind, weil sie sich deren durch ein disloyales Betragen unwürdig gemacht haben. Danken Sie es der Milde Sr. Exzellenz, daß Hochdieselben das Verbrechen der Söhne nicht schärfer heimgesucht haben, als durch eine Strafe, die« setzte er hinzu, »selbst spanische Hidalgos für eine Belohnung angesehen haben würden. Wahrlich! Kavaliere, die sich erfrechten, Pasquille gegen die geheiligte Person Sr. Majestät anzuhören, sind sehr huldvoll durch ein goldenes Portepee bestraft«. Die Ursache des Gewaltschrittes, der vierundzwanzig Söhne der ersten Familien ihrer Privilegien beraubte und sie zwang, die Waffen wider ihren Willen für Spanien zu ergreifen, war somit an das Tageslicht gekommen. Die Kavaliere, die erst jetzt Aufklärung über die Ursache erhielten, die ihre Söhne, ohne daß sie gehört oder zur Verantwortung gezogen worden wären, verdammte, unter einem blutdürstig rohen Manne zu dienen, wurden so gänzlich durch die Worte des Höflings eingeschüchtert, daß auch kein einziger etwas zu erwidern versuchte. »Ihre Söhne, Señores«, fuhr der Geheimsekretär, fort, »werden unter dem unüberwindlichsten Helden, der die Rebellen bei Alculco, bei Marsil und an der Brücke von Calderón vernichtet, der von Sr. Majestät selbst hochgeehrt ist, unter diesem Helden werden sie die Zucht und die loyalen Gesinnungen lernen, die sie im Verkehr mit rebellischen Cavecillas vergessen zu haben scheinen«. »Wenn«, sprach der Graf, »unsere Söhne sich so weit vergessen haben, Pasquille auf Sr. Majestät geheiligte Person anzuhören, dann können wir sie bloß der bekannten Milde Sr. Exzellenz anempfehlen. Was uns und unsere Compairs betrifft, so stehen unsere Güter, unser Blut Sr. Majestät ganz zu Diensten. Aber Don Ruy Gómez wird bemerken, daß Staatsklugheit ebensosehr erfordert, daß man die Kräfte der Getreuen schone, als die des Feindes vermindere, und daß Sr. Majestät Interesse weit mehr gefördert werden dürfte, wenn diejenigen, deren Grundsätze anerkanntermaßen loyal sind, auch in den Stand gesetzt werden, die Regierung zu unterstützen«. »Die Regierung zu unterstützen?« wiederholte der Geheimsekretär mit dem bittersten Hohne; »die Regierung zu unterstützen?« sprach er mit wegwerfender Verachtung. »Wir haben immer geglaubt und sind immer gelehrt worden, daß Se. Majestät der unumschränkte Gebieter in allen ihren Landen und über alle ihre Untertanen und deren Güter sind, niemand Rechenschaft zu geben schuldig als Gott und ihrem Beichtvater. Wahrlich! Es ist uns sehr befremdend, hier eine ganz neue Lehre aufgestellt zu hören.« »Niemand zweifelt daran,« fiel der Marquis de Grijalba ein, »daß Se. Majestät unumschränkter Gebieter unserer Habe und unseres Lebens sind; aber wo nichts ist, sagt unser Sprichwort, da hat des Königs Majestät selbst das Recht verloren, und wenn unsere gnädigen Gebieter noch eine Weile auf diese Art hausen, dann wird des Königs geheiligte Majestät ihr Recht bald verloren haben.« »Das ist Aufruhr! Rebellion!« schrie der Geheimsekretär, im höchsten Zorne erglühend. »Rebellion!« schrien ihm der Major und zehn Edelleute nach, und im Augenblicke herrschte ein Tumult im Saale, der, bei der außerordentlichen Beweglichkeit der Kavaliere, beinahe in Tätlichkeiten auszubrechen drohte. »Wir haben zu viel von den Gesinnungen Ihrer Herrlichkeiten gehört,« sprach der Geheimsekretär mit lauter, erhobener Stimme, »um uns nicht veranlaßt zu finden, Ihnen im Namen Sr. Exzellenz anzudeuten, augenblicklich die Casa Sr. Herrlichkeit zu räumen und sich sofort nach Hause zu begeben.« Diese sonderbare Weisung, an mehr denn zwanzig Glieder des ersten Adels von Mexiko in seiner eigenen Hauptstadt gegeben, war nicht sobald ausgesprochen, als auch die Mehrzahl schon Anstalten machte, ihr mit aller nur möglichen Hast Folge zu leisten. In unaussprechlicher Angst rannten diese armen Kavaliere nach der Türe und fingen an, nach ihren Hüten und Mangas zu schreien. »Wenn Se. Exzellenz«, sprach der Graf, »Don Ruy Gómez zu diesem Befehle ermächtigt haben, dann müssen die Kavaliere gehorchen, denn der Wille Sr. Exzellenz, ob gerecht oder ungerecht, ist Gesetz im Lande. Wenn jedoch Don Ruy Gómez aus eigener Machtvollkommenheit den unschuldigen Beweis von Achtung, den unser Compairs uns zu geben für gut befunden – –« »Bemühen Sie sich nicht,« unterbrach ihn der Geheimschreiber mit einem schnöden Seitenblicke, »was wir getan, werden wir auch zu verantworten wissen.« Mehr denn zehn Kavaliere hatten sich nun an die Türe gedrängt, wurden jedoch in ihrem Eifer, dem Saale zu entfliehen, durch einen staubbedeckten, schweißtriefenden Mann in brauner Jacke, rotsamtner Weste und braunen Ledergamaschen aufgehalten, der in stürmischer Eile, von mehreren Dienern eingeführt, in den Saal drang und dem Grafen ein versiegeltes Schreiben überreichte. Dieser riß das schmutzige Kuvert weg, überflog das Papier und wandte sich dann mit demselben marmornen Ausdrucke im Gesichte zum Geheimsekretär, dem er einige Zeilen zu lesen gab. Dessen Gesicht nahm einen feierlich ehrfurchtsvollen Ausdruck, sein ganzes Benehmen einen Anstand an, von dem früher auch nicht die leiseste Spur zu vermerken gewesen. »Jesu Maria! Was ist's? Was gibt's?« schrien nun die Kavaliere, die mit atemloser Spannung diese Symptome einer veränderten Gemütsstimmung im Gesichte des Spaniers gelesen hatten. »Sie werden es hören, Señorias,« wandte sich der Graf mit derselben ehrfurchtsvollen Gelassenheit an sie, »wenn Sie sich bis zu unserer Rückkehr gedulden wollen, wogegen nun hoffentlich Don Ruy Gómez nichts ferner einzuwenden haben wird. Señorias!« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »die Nachrichten, die uns unser Kurier soeben gebracht, sind von einer solchen Wichtigkeit, daß wir nicht umhin können, sogleich zu Sr. Exzellenz zu eilen, um sie Hochdemselben zur hohen Einsicht vorzulegen, wobei wir Se. Herrlichkeit den Marquis de Grijalba ersuchen, uns zu begleiten; und wenn es«, wandte er sich zum Geheimschreiber, »von einem spanischen Hidalgo nicht zu viele Herablassung ist, einen Sitz im Wagen eines armen mexikanischen Grafen anzunehmen, so bieten wir diesen Don Ruy Gómez ehrfurchtsvoll an.« Kein Zug von Spott oder Hohn zeigte sich bei diesen Worten in den Mienen des Grafen, und es blieb zweifelhaft, ob seine Einladung nicht mit der überreichlichen Demut eines Kreolen gegenüber seinem spanischen Gebieter ausgesprochen war. Der Geheimsekretär schien sie wenigstens ganz in diesem Sinne zu verstehen. »Wir nehmen«, sprach er stockend, obwohl mit aller spanischen Grandeza, »das Anerbieten Sr. Herrlichkeit an.« Die beiden entfernten sich unter dem Vortritte des Mayordomo und mehrerer Diener, und bald darauf verkündete das Rasseln einer Kutsche ihre Abfahrt. Zwölftes Kapitel. Noch war die Gesellschaft über die plötzliche Verwandlung des Geheimsekretärs und den ebenso unerwarteten als der schuldigen Ehrfurcht zuwiderlaufenden Besuch eines ihrer Glieder bei der höchsten Person des Königreiches in bangen Vermutungen und Zweifeln befangen, die bei den näheren Freunden des Grafen in die ängstlichsten Besorgnisse über das Gewagte des unerhörten Schrittes übergingen, als ein furchtbar gellendes Geheul, das aus tausend Kehlen auf einmal hervorzubrechen schien, so gewaltig an die Fenster des Hauses anschlug, daß die Scheiben klirrten. Ein allgemeines Entsetzen hatte sich der Zurückgebliebenen bemächtigt. »Endlich ergießt sich der Himmel und es regnet Kieselsteine!« sprach der Mayordomo , öffnete die Fenster und sah in die Nacht hinaus. »Die Cavecillas sind hinter Capultepec, und sie brüllen von der Tacubayastraße herüber und ziehen sich gegen Buenvista hinauf. Ja, ja, es sind die Indianer, sie toben, und wenn die anfangen zu toben, dann gnade Gott Mexiko. Ei, sie wittern gut und sie wittern weit. Auf fünfzig Meilen spüren sie was vorgeht.« »Jesus Maria!« riefen die geängstigten Edelleute wieder. »Ei, die Indianer«, fuhr der alte Mayordomo fort. »Sie haben freilich keine Zeitung; aber sie wissen, was vorgeht. Itztlan kann uns über ihr Gebrüll besser Auskunft geben, als es morgen die lügenhafte Zeitung tun wird. Itztlan,« wandte er sich zu dem Indianer, »was bedeutet das Geheul?« »Die Spanier werden es morgen erfahren«, erwiderte der Indianer trocken. »Jesus Maria!« riefen wieder zehn Stimmen. »Still Señorias, und bringen Sie mir den Indianer nicht aus seinem guten Willen.« Dieser hatte abermals aufmerksam gehorcht. Er wandte sich plötzlich und, wie es schien, mißmutig. »Die Patrioten werden Mexiko noch viele Tage nicht sehen«, murmelte er zwischen den Zähnen, und dann entfernte er sich. Das Geheul näherte sich auf einigen Punkten und ging dann in ein wirres Geschrei über, das der Villa immer näher kam. Ein Haufen der Schreier war bis auf tausend Schritte herangekommen und brüllte mit furchtbarem Geheule: »Tod den Spaniern! Es lebe Morellos, unser Befreier!« Gleich darauf rasselte es am Haustore. Die ganze Villa geriet in Aufruhr. »Jesus Maria, die Rebellen!« schrien mehrere Stimmen. Der Major Iturbide hatte sich während des Tumultes aus dem Saale geschlichen, wobei ihm der Mayordomo und sämtliche Diener mit Blicken nachsahen, die für den Mann nicht schmeichelhaft waren. »Wollte Gott, er ginge, und recht weit von Mexiko.« »Anselmo, was ist dir wieder?« fragten mehrere. »Kommt Zeit, kommt Rat« sprach der Mayordomo feierlich. »Unser Sprichwort sagt: Mit einem Schurken sei ein Spitzbube und ein halber drüber, und Don Iturbide ist der Mann danach.« Darauf ordnete er die Dienerschaft, die nun die mannigfaltigsten Erfrischungen und Getränke in silbernen Geschirren auftrug. Der Klang kriegerischer Instrumente, der durch die Fenster drang, unterbrach auf einmal die Stille, die eingetreten war. Es war die herrliche Janitscharenmusik der spanischen Regimenter, die sich nun näherten. Der ergreifende Klang der kriegerischen Musik brachte bei den Kavalieren ganz dieselbe zauberähnliche Wirkung hervor, wie früher beim Pöbel. Der rasche Aufmarsch einer zahlreichen Kavallerie wurde zugleich hörbar, und diese versetzte die Gesellschaft ebenso plötzlich als unerwartet in die entgegengesetzten Extreme. Die atemlose Stille, die bei dem ersten Trompetenstoße geherrscht hatte, wich allmählich Ausrufungen des Entzückens; die Kavaliere begannen regelmäßig den Takt zur Musik mit ihren Händen und Füßen zu schlagen und vergossen wieder Freudentränen, umarmten sich wieder und trippelten im Saale herum gleich Schiffbrüchigen, die dem offenen Wellengrabe durch ein herannahendes Segel entrissen werden. Auf die Kavallerie waren mehrere Infanterieregimenter und ein ziemlich bedeutender Artillerietrain gefolgt, die, im hellen Fackelschein vorbeidefilierend, wirklich ein anziehend kriegerisches Nachtstück darstellten. Als der letzte Pferdehuf verklungen war, wurde das Rasseln eines Wagens gehört, und ehe noch die Entzückten aus ihrem kriegerischen Enthusiasmus erwachten, stand der Graf San Jago wieder unter ihnen. Dreizehntes Kapitel. Auch kein Zug hatte sich im Gesichte des feinen Weltmannes verändert, und mit der Gelassenheit, die den wahren Aristokraten charakterisiert, begrüßte er zuerst seine Gäste und sprach dann: »Perdón, Señorias, daß Notwendigkeit uns zwang, Ihre Herrlichkeiten einen Augenblick zu verlassen und unsern Besuch bei Sr. Exzellenz auf eine Weise zu verlängern, die im gegenwärtigen kritischen Zeitpunkte Sie vielleicht in einige Unruhe versetzt haben dürfte. Señorias dachten wahrscheinlich, Se. Exzellenz dürfte uns vielleicht ein Zimmerchen in dem Hospital de San Salvador Irrenhaus in Mexiko. haben anweisen lassen, weil unsere Zunge in Gegenwart des Geheimsekretärs etwas rauh gewesen.« »Bei meiner Seele!« rief der Marquis, »vor achtzehn Monaten dürfte so etwas arriviert sein! Aber die Zeiten ändern sich, und der alte Grijalba weiß so gut, woher der Wind bläst, wie der beste Wetterhahn. Meiner Seel!« rief er nochmals treuherzig aus, »ich glaube, Se. Exzellenz würde noch vor achtzehn Monaten denjenigen Kavalier in ihre beliebten Infernellos haben einsperren lassen, der es gewagt hätte, nach Mitternacht eine Audienz nachzusuchen; aber so Gott will, so wird die arme Nobilitad Mexikos noch im Preise steigen.« Nach den offenen Mäulern, mit denen die Mehrzahl den Marquis anhörte, schien sie wirklich nicht ungeneigt, diesen nächtlichen Besuch als eine halbe Heldentat anzusehen. »Und Se. Exzellenz?« fragten endlich mehrere in höchster Spannung. »Waren mit dem Generalkapitän, zwanzig Generälen und sämtlichen Oidores noch im Rate, wie es hieß, aber in Wahrheit bei der Tertulia.« »Aber die Etikette verbietet ja Sr. Exzellenz –« fielen mehrere ein. »Ein Diner zu geben«, ergänzte der Marquis. Eben der Umstand, daß Se. Exzellenz gibt, wo sie früher bloß zu nehmen gewohnt waren, bestimmt mich, zu glauben, daß diesem Lande eine große Veränderung bevorsteht. Ah, Señores, Se. Exzellenz machen sich wohlfeiler. Zwar war die Tertulia bei Sr. Exzellenz Schwägerin, der königlichen Isabel, wie sie genannt wird, und Se. Exzellenz waren anfangs geneigt, befremdet vornehm auf uns herabzuschauen; aber es kostete dem Grafen nur ein Wort, und Se. Exzellenz wurden so ergriffen und bewegt, daß sie olivengrün und braunschwarz aussahen und zitterten wie ein Schlagaal, und Se. Exzellenz der Generalkapitän fluchten wie ein Ariero und bekreuzten sich wie ein Padre von San Franzisco; alles in einer und derselben Minute.« Die Schilderung der Gemütsbewegung der beiden Exzellenzen schien den Kavalieren wohlzutun, sie horchten in äußerster Spannung ihren Worten. »Und Se. Exzellenz haben wirklich ihre gewohnte Haltung verloren?« fragten endlich mehrere erstaunt. »Totaliter!« fiel der Marquis Grijalba ein. »Se. Exzellenz liefen dermaßen bewegt in ihrem Kabinette auf und ab, daß die ganze Versammlung in Unordnung geriet und Se. Exzellenz der Generalkapitän ins Kabinett gestürzt kamen, ohne auch nur von einem Camarerio eingeführt zu werden und als sie die Ursache unseres Besuches erfuhren, schworen sie wie der beste Lancero; dafür küßten aber Se. Exzellenz auch wenigstens fünfzigmal ihre Daumen und schlugen bei jedem Fluche zweimal das Kreuz. Seine Exzellenz sind ein sehr guter Christ; aber Gott gnade den armen Patrioten, die Ursache sind, daß Se. Exzellenz von der Xeres-Bouteille wegmußten.« »Ihre Exzellenzen«, bemerkte der Conde, »haben das Interesse der öffentlichen Ordnung und Sr. geheiligten Majestät zu sehr am Herzen, um nicht durch die Kühnheit der Rebellen, die es nun zum zweiten Male wagen, mit Heeresmacht vor die Hauptstadt zu rücken, alteriert zu werden.« »Und wir glauben,« fiel der Marquis wieder ein, »daß Se. Exzellenz sich wegen des Interesses Sr. Majestät ebensowenig den Hals abreißen werden, als sie dieses in Spanien getan, wo sie eine Schlacht nach der andern verloren; aber verstehen Sie, Señores, Se. Exzellenz haben sich anheischig gemacht, zwei Millionen Piaster für die Mühe zu bezahlen, das hartmäulige Mexiko zu regieren, und nebst diesen zwei Millionen dürften Ihre Exzellenz noch während der fünfjährigen Dauer ihres Vizekönigtums gnädigst gesonnen sein, andere zwei Millionen für sich selbst auf die Seite zu legen, und verstehen Sie, Señores, eine so gute Melkkuh auch die Jungfrau von Guadalupe ist, es wird verdammt schwer halten, vier Millionen Piaster aus ihr herauszubringen, zwei nämlich für die allerdurchlauchtigsten Cortés und zwei für die hohe Exzellenz.« Die Art und Weise, in welcher die Verhältnisse des Vizekönigs mit Mexiko in Verbindung gebracht wurden, bewirkte eine ungemein heitere Stimmung, und Bravos über Bravos verrieten, daß der derbe Marquis allgemein Anklang gefunden hatte. »Jetzt kriechen Hochdieselben zu Kreuze, aber zu spät«, fuhr dieser fort. »Wir waren auf einmal die besten Freunde, und Hochdieselben zwangen uns sogar, neben sich und der Generalkapitäns-Exzellenz Platz zu nehmen; eine Gnade, die, soviel wir wissen, noch keinem armen Mexikaner zuteil geworden ist.« »Pardon,« fiel der Marquis de Moncada ein, »aber Eure Herrlichkeit vergessen Anno 87, wo unser hochseliger Herr Vater die hohe Ehre hatten, von Sr. Exzellenz gnädigst eingeladen zu werden, sich auf demselben rotsamtnen Sofa niederzulassen, welches wir bekanntlich nach Sr. Exzellenz Abgang als Denkmal vizeköniglicher Huld in unsern Besitz zu bringen und in unserm Besuchsaale aufzustellen so glücklich waren, wie unsere Familiendokumente ausweisen. Unser hochseliger Herr Vater beliebten dieser hohen Gnade um so häufiger zu erwähnen, als ihm das unbegreifliche Mißgeschick passierte, sich auf den hochbegünstigten Schoßhund Ihrer Exzellenz niederzulassen und von diesem ins Gesäß gebissen zu werden.« »Wahr,« sprach der Marquis, »wobei Se. Exzellenz gnädigst Ihrem hochseligen Herrn Vater zu bedeuten geruhten, sich zu allen Teufeln zu scheren.« Die interessante Aufzählung der dem Hause Moncada widerfahrenen Gnadenbezeigungen drohte mehrere ähnliche nach sich zu ziehen. Der Graf schnitt diese mit seiner Einrede ab. »Señorias!« sprach er. »Unsere Lage ist so kritisch, unsere Stellung ist seit einiger Zeit so unsicher geworden, daß es uns wirklich die höchste Zeit scheint, ihr einige Augenblicke zu schenken, um so mehr, als es vielleicht morgen schon zu spät sein dürfte, uns ruhig zu besprechen.« »Jesu Maria! Was soll das wieder bedeuten?« »Señorias haben ja noch nicht die Ursache gehört, die uns veranlaßte, Sr. Exzellenz in dieser späten Stunde unsern Besuch abzustatten.« »Jesu Maria!« riefen wieder die Edelleute. »Wir können uns nicht verhehlen, daß die Regierung, ja die ganze Existenz des Staates sehr bedroht ist, und mit dieser unsere eigene. Unser Kurier hat uns von Cuautla Amilpas Nachricht gebracht, – die der Regierung wurden sämtlich von den Rebellen aufgefangen und erschossen – daß Bravo mit dreitausend Cavecillas in Cuautla eingerückt, daß General Musitu aufs Haupt geschlagen, Oberst Soto mit seinem Korps vernichtet, daß Morellos, nachdem er eine bedeutende Heeresmacht vor Acapulco zurückgelassen, in der Nähe der Hauptstadt angekommen, um sich mit den übrigen Rebellenhäuptern zu vereinigen, daß Vitoria, Cos und Rainon sich gleichfalls mit ihren Armeekorps gegen die Hauptstadt wenden, kurz, daß sich eine Masse von fünfzehn- bis zwanzigtausend Rebellen kaum zwanzig Stunden von Mexiko konzentriert und fest entschlossen scheint, das Ende der Herrschaft Spaniens herbeizuführen.« »Jesu Maria!« riefen die Kavaliere wieder. »Se. Exzellenz haben willkürlich, grausam eines der ersten Privilegien des hohen Adels vernichtet, indem sie unsere Söhne zwangen, wider ihren Willen die Waffen zu ergreifen; aber, Señorias, nach unserm Ermessen dürfte bei alledem jetzt kaum die Zeit sein, über verletzte Privilegien zu klagen, wo unsere ganze Existenz auf dem Spiele steht, und in dieser Rücksicht haben wir uns bewogen gefunden, vertrauend auf Ihre Weisheit und Ihren Patriotismus, einen vorläufigen Schritt zu tun, der ohne Zweifel von Ihrer Einsicht gebilligt werden wird. Wir haben nämlich auf die dringlichen Vorstellungen Sr. Exzellenz uns bewogen gefunden, ihr ein Darlehen zuzusichern und unsererseits den Anfang mit hunderttausend Piastern gemacht. Sie, Señorias, werden um so mehr wissen, was in dieser Angelegenheit zu tun ist, als die huldreichen Gnadenbeweise Sr. Majestät keinen würdigeren Kavalieren zuteil werden können, als den hohen Männern, die bereits so vieles zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung getan haben.« Das Mienenspiel der Kavaliere wechselte bei jedem Satze. Anfangs war offenbar Verwunderung vorherrschend; dann wurde ihr Blick lauernd, gleich dem des Raubtieres, das sich anschickt, seine Beute im Sprunge zu haschen; – zuweilen leuchteten ihre Augen freudestrahlend auf, und bei der Erwähnung der Ordenskreuze verklärte ein frohes Lächeln ihre Züge; ein leises Geflüster trat an die Stelle dieses stummen Mienenspiels, und es war sichtlich, daß sich alle verständigten. Wie mit einem Akkorde näherten sie sich dem Grafen und nahmen einen ebenso schnellen als ängstlichen Abschied. Drei ältliche Herren waren mit dem Marquis de Grijalba und zwei Jünglingen allein zurückgeblieben; alle sahen den sich Entfernenden im höchsten Erstaunen nach. »Alle Teufel!« lachte der Marquis, »habt Ihr je so etwas gesehen? Ganz Mexiko in Flammen, von ihren Häusern und Haciendas eines nach dem andern ihnen über die Köpfe zusammengebrannt, ihre Bergwerke verdorben, und kaum hören die alten Esel von den Ordenskreuzen, so laufen sie wie besessen, um morgen sich die Beine abzuzappeln und bei irgendeiner Camareria Zutritt zu erhalten und ihre letzten hunderttausend Duros an den Mann zu bringen.« »Sehr möglich«, versetzte der Graf. »Ich finde es sogar natürlich«, versetzte Graf Jsila, »nach dem erleuchteten Beispiele, das ihnen Graf von San Jago gegeben. Fürwahr! Eure Herrlichkeit – er wandte sich mit einiger Empfindlichkeit an den Grafen – »müssen ganz besondere Ursachen gehabt haben, eben jetzt eine Regierung zu unterstützen, die uns ärger als die Cavecillas selbst behandelt.« »Wir haben bloß unsere Pflicht als loyaler Untertan erfüllt.« Graf Jsila war heftig im Saale auf- und abgerannt. »Und besorgen Euer Herrlichkeit nicht, daß unser so dezidiertes Anschließen an die Spanier in dieser Krisis uns vollends den Gnadenstoß geben müsse, falls Morellos und die Patrioten die Oberhand erlangen sollten?« »Unser so dezidiertes Anschließen an die Spanier?« fragte der Graf mit einem Blicke, der verriet, daß beide Grafen ein diplomatisches Spiel trieben. »Bleibt loyalen Untertanen eine andere Wahl übrig, als sich an diejenigen anzuschließen, die Se. Majestät zu Stellvertretern Ihres souveränen Willens, zu Exekutoren Ihrer königlichen Dekrete uns zugesandt haben? Doch, Graf Istla mag sich vollkommen beruhigen. Was wir von den Patrioten gesagt haben, sagen wir zwar noch, und Morellos ist in vieler Hinsicht gefährlicher als Hidalgo; aber der Cura von Dolores, obgleich unfähig, ein Kommando zu führen, war unbestrittener Generalissimus von hundertzehntausend Indianern; Morellos hat mit fünfzig Parteigängern zu tun.« »Die sich ihm jedoch alle unterworfen haben.« »Am sich seinem Oberbefehle ebenso schnell wieder zu entziehen. Graf Istla kennt das mexikanische Volk zu gut, um zu erwarten, daß ein Vincente Guerero und ein Vitoria, ein Bravo und ein Rainon lange an demselben Pfluge ziehen werden. Was den Rektor betrifft, Señores,« wandte er sich zu den übrigen, »so kennen Sie ihn; aber wir zweifeln, daß seine geistliche Gelehrsamkeit hinreichen wird, einen Desesperado, der ebenso leicht die Revolution für Wegelagerung aufgeben dürfte, einen Ariero, der wüste Lieder brüllt, einen ränkesüchtigen Advokaten und einen verschmitzten Schreiber zur Gesetzlichkeit und Ordnung zu führen.« »Wenn jedoch Calleja geschlagen wird?« bemerkte der Graf Istla. »So zieht er sich nach Mexiko zurück, das widerstehen wird, trotzdem es keine Wälle und Tore hat. Und dieselben Leperos, die heute für Morellos brüllten, werden dasselbe gegen ihn tun, wenn ihnen die Regierung Bier und Brot gibt, so wie sie heute getan hat. Ja, Señores,« fuhr er fort, »wir waren heute auf vulkanischem Boden, und wären die Patrioten vier Stunden später ausgebrochen, so dürfte es schlimm um die Spanier und uns gestanden haben. Zwanzigtausend Duros und einige Flinten- und Kartätschensalven haben die Ruhe wieder hergestellt, und wenn Sie sich jetzt in die Tacubastraße bemühen, so werden Sie Morellos ebenso viele Pereats gebracht hören, als Sie ihm vor zwei Stunden Vivats zurufen hören konnten. – Doch, was wollen Sie, Graf,« fuhr er in schärferem Tone fort, »neutral bleiben oder sich zu den Rebellen hinneigen? Glauben Sie, daß selbst der hochgeborne Graf Jsila als Pair behandelt werden würde vom letzten Patriotenchef, der nun an der Spitze von Zweitausend Machetos Das lange Messer, das die Mexikaner durchgängig führen. steht? Die Rebellion hat die Formen zerrissen, Conde, und die gesellschaftliche Ordnung selbst ist bloß eine Form. Die rohen Massen sind allein übrig geblieben, und in diese sollen auch wir geworfen werden – das ist der Wunsch der Rebellenhäupter.« Der bestimmte und abgeschlossene Ton, in welchem diese letzten Worte gesprochen wurden, schien den Wunsch auszudrücken, einer ferneren Erörterung dieses Gegenstandes überhoben zu sein, und die drei Grafen, die diesen Wink verstanden, empfahlen sich und fuhren ab. Der Graf hatte ihnen einen langen Blick nachgeworfen und setzte sich dann, augenscheinlich erschöpft von den Anstrengungen der Nacht, auf ein Sofa. Seine Miene, die bisher ruhig, ja kalt gewesen, hellte sich allmählich auf. Nur drei Personen waren nebst dem Grafen zurückgeblieben; aber in diesen dreien schien das Wesen der mexikanischen Aristokratie gewissermaßen personifiziert zu sein. Nebst dem Marquis Grijalba waren noch zwei junge Männer oder vielmehr Jünglinge anwesend, von denen der jüngere eine jener Physiognomien genannt werden konnte, die man nicht ohne hohes Interesse sehen mag. Es waren die feinsten Züge, die sich je in einem aristokratischen Gesicht spiegelten; ein sanftes und zugleich durchdringendes blaues Auge, das seine Abstammung von leonischem Adel verriet; eine sein geformte griechische Nase mit jener gefälligen Biegung, die dem Gesichte einen Ausdruck von einer mehr als gewöhnlichen Dosis Weltklugheit gab, der aber wieder durch die verführerische Anmut des Mundes und des ganzen Gesichtes gemildert wurde. Die auffallende Ähnlichkeit mit Elvira bezeichnete ihn als ihren Bruder. »Ja, es ist gewiß,« sprach der Graf, »der heutige Tag hätte leicht der letzte der Herrschaft Spaniens sein können.« »Wollte Gott, er wäre es gewesen!« sprach der Marquis. »Pardon! Es wäre auch unser letzter gewesen. Die Cavecillas, wären sie vier Stunden später ausgebrochen, hätten alles über den Haufen geworfen. Nein, Grijalba! Wir kennen nicht die Kunst zu regieren, – eine schwere Kunst, wenn man sie nicht gelernt hat; wir würden auf ebendie Weise in die Hände eines verschmitzten Abenteurers fallen, wie alle die Nationen, die zu frühe losgebrochen sind. Das große Wort: »Lerne dich selbst kennen« gilt Nationen ebensowohl als einzelnen Menschen, und wenn wir es geradezu heraussagen wollen, so sind uns die Spanier notwendig, um unsern Pöbel, unsere halbwilden Indianer und wilderen Kasten im Zaume zu halten.« »Ist das dein Ernst, San Jago?« fragte der Marquis. »Mein vollkommener Ernst«, sprach der Graf. »Wer sollte die Regierung des Landes übernehmen, im Falle die Spanier verjagt würden? Der Priester Morellos? – Vitoria? – Bravo? – Cos? – Wer hat Ansehen genug, um den zügellosen Haufen in Schranken zu halten?« »Wir sollten glauben, Graf von San Jago –« versetzte der Marquis. »Und wo ist die bewaffnete Macht, die Graf von San Jagos Ansehen aufrecht erhalten würde?« fragte der Graf. »Vergiß nicht, Marquis, daß wir auch nicht einmal ein Regiment zu unserer Disposition haben; daß die Regierung uns sorgfältig von der Armee entfernt gehalten hat; daß wir hilflos dastehen, langsam daher vorschreiten, und selbst erst die Waffen schmieden müssen, um unsere Rechte zu verteidigen, und daß, solange wir nicht gerüstet sind, unser Interesse es fordert, uns an Spanien anzuschließen.« »Und wann wird die Zeit kommen, wo wir gerüstet sein werden?« fragten alle. »Der Grundstein ist durch die Dummheit gelegt, die der Vizekönig heute durch die Absendung unserer Söhne gemacht hat. Daß diese gewalttätige Order alle die Früchte trage, die Pflege gedeihen machen kann, dafür müssen wir sorgen. Es sind die Jturbides, die Santa Annas, die Barraris in der Armee; es ist hohe Zeit, daß der hohe Adel in ihr auch seine Wortführer habe.« Der alte Marquis fuhr plötzlich wie aus einem Traume auf. »Also deswegen hörtest du die Insinuation des Virey nicht, als er sich erbot, seine Order zurückzunehmen?« fragte er mit aufleuchtendem Gesichte. »Almagro und Carlos«, entgegnete der Conde ausweichend zu den jungen Kavalieren, »Ihr seid beordert, Euch morgen oder vielmehr schon heute an die königlichen Truppen anzuschließen. Gerne würde ich Euch das Los erspart haben, das edle Kriegshandwerk unter dem blutdürstigen Metzger Calleja zu erlernen; allein –« Die drei Kavaliere sprangen auf, und die gefüllten Gläser hoch emporhebend, riefen sie mit stürmischer Begeisterung: »Viva!« Der Graf war seinerseits aufgestanden und stieß mit ihnen an. Kein Wort wurde bei dieser merkwürdigen Gesundheit gesprochen. Nur ihre Blicke verrieten, daß alle sich verstanden. »Ja,« sprach der Graf, als die drei sich wieder gesetzt hatten, »auf Euch beruht die Hoffnung Mexikos. Das gegenwärtige Geschlecht ist verloren und verdorben. Was diese Nacht gesät hat, müßt Ihr wachsen machen. Stufenweise erhebt sich das Gebäude, das den Menschen zur Wohnung dient; ebenso langsam bildet sich die Form, die wir bürgerliche Gesellschaft nennen. Wer sie bildet, hat das Recht, sie zu lenken. Zerstören wir die alte Form, ehe die neue vollendet ist, so begräbt uns das einstürzende Gebäude unter seinen Trümmern. Einen Schritt haben wir getan, die Waffengewalt in unsere Hände zu bekommen –« Die abgebrochenen Worte des Grafen wurden von den drei vertrauten Freunden mit atemlosem Stillschweigen angehört. Indem die tiefgelegten Pläne, die in der Brust dieses merkwürdigen Mannes schlummerten, sich so allmählich enthüllten, konnte man auch zugleich darin den eigentlichen Keim des Grundrisses bemerken, den seine Partei sich in diesem merkwürdigen Kampfe als Leitstern vorgezeichnet hatte. Der Graf hielt inne und fuhr sich über die Stirn, und wie aus einem Traume erwachend, fragte er: »Manuel noch nicht hier? Und Ihr habt ihn gesehen, Almagro und Carlos?« »Nicht, seit wir die Fonda verließen«, versetzten die beiden Kavaliere. »Das war weder klug noch weise;« drohte der Graf, sanft verweisend. »Und keine Spur von den Urhebern?« »Keine«, sprach Carlos. »Mir schiene es wie ein Traum, wären die Folgen nicht so ganz unversehens gekommen. Ich habe wirklich nie etwas Vollendeteres gesehen! Selbst die Juwelen, die der Quasi -Kalif trug, waren echt. Ich glaubte den großen Rubin der Moncadas und den eirunden Diamanten Ruys zu bemerken. Sie wissen, Oheim, was unser Liebling sagt: Der Mann, des Inneres leer ist von Musik, Gerührt nicht wird vom Einklang süßer Töne. – »Und die Musik war ergreifend, die Wahrheit der Darstellung so unübertrefflich, daß man Barbar hätte sein müssen –« Der Graf schüttelte mehr und mehr das Haupt und zog die Glocke. »Anselmo,« sprach er zum eintretenden Mayordomo , »einige Polizones haben sich mit der Majestät und uns einen groben Scherz erlaubt, der sehr schlimme Folgen haben kann. Was denkst du?« »Daß wir sie ausfindig machen müssen. Morgen abend, so Gott will, wollen wir auch mehr wissen.« Der Mayordomo entfernte sich wieder. »Es ist ein gefährliches Spiel, dieses Spiel mit der Majestät, fuhr der Graf fort, als der Diener den Saal verlassen hatte. »Es ist mit ihr wie mit der Religion, oder vielmehr dem Aberglauben, der da Gott dahinter wähnt, wo bloß Holz und Flitterstaat ist; aber ziehen wir den Schleier weg und zeigen dem Pöbel sein Ideal in seiner Nacktheit, so haben wir ihm mit der Enttäuschung nicht den Wahn allein, sondern den Glauben selbst geraubt; wir geben ihm nicht Freiheit, sondern Zügellosigkeit. Reißen wir den moralischen Schleier weg, der die Person des Regenten dem Pöbel als geheiligt darstellt, ohne zuvor Gesetzlichkeit und Aufklärung substituiert zu haben, so rufen wir einen Haufen Verruchter auf und an, die kein Gesetz achten. Der Regent, was immer seine Fehler sein mögen, ist in monarchischen Staaten eine moralische Person, der Achtung gebührt, selbst wenn das Individuum ihrer einmal unwert sein sollte –« »Und ist die geheiligte Majestät Fernandos wirklich der nichtswürdige Charakter, als welcher er –« »Er ist es –«, sprach der Graf leiser, »die liederlichste Bedientenseele, die je durch niederträchtige, nichtswürdige Kammerdiener und Priester verdorben wurde.« Der Conde sank wieder in seine vorige Düsterheit zurück. Die Glocke schlug zwei, die Kavaliere nahmen Abschied; nur der jüngste war allein zurückgeblieben. Der Graf erfaßte seine Hand und begab sich mit ihm in ein entferntes Gemach. »Für dich, Carlos,« sprach er, als sie in diesem angelangt waren, »haben wir eine Kapitänsstelle im Regimente Callejas selbst zugesichert erhalten. Unser Mayordomo hat bereits für deine Equipierung die nötigen Anweisungen erhalten. Du sollst in drei Stunden nach Puebla und Ialapa, um von da einen Transport nach Veracruz hinabzuführen, der uns selbst einigermaßen interessiert. Sollte dir ein Zufall auf dem Marsche aufstoßen, und ich befürchte, es dürfte der Fall sein, so –« Er übergab dem Jüngling eine kleine ungeschlachte Figur, nicht größer als eine Wallnuß; eine verborgene Springfeder, die er berührte, öffnete die Fratze in zwei Hälften und zeigte ein Blatt, auf dem die Worte: » Securidad, Morellos « geschrieben waren. »Morellos!« rief der junge Conde im höchsten Erstaunen. »Leiser, Carlos!« warnte der Conde. »Er ist ein wackerer Mann, obgleich er unglücklich enden muß. Wollte Gott, Mexiko hätte mehrere seinesgleichen. Bewahre, was du empfangen hast, auf den Fall der äußersten Not. Wenn du zurückkehrst, werde ich noch in Mexiko sein.« Der Mayordomo trat wieder ein. »Alle Vorbereitungen zur Reise Don Manuels getroffen?« fragte der Graf. »Und so geht er denn wirklich?« fragte der alte Diener bekümmert. Der Graf fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sah den Diener einen Augenblick mit einem wehmütigen Blicke an; dann sich erhebend, begab er sich mit dem jungen Grafen unter dem Vortritte des Mayordomo in die anstoßende Hauskapelle, wo die sämtliche Dienerschaft versammelt war. Ein indianischer Priester sprach das Abendgebet, worauf sich der größte Teil der Dienerschaft zur Ruhe begab. In diesem Augenblicke hörte man den raschen Galopp eines Pferdes; bald darauf wurde die Glocke gezogen und rasche Fußtritte näherten sich dem Gemache, wohin sich die beiden Grafen zurückgezogen hatten. Vierzehntes Kapitel. Es war der Neffe des Grafen; er trat in stürmischer Hast ein, sein Anzug noch von dem schnellen Ritte in Unordnung, seine Wangen mit einer Fieberglut übergossen, das Bild eines herrlichen, aber zugleich übermütig adelsstolzen jungen Kreolen, ganz Feuer und Flamme und jugendliche Tollkühnheit. Wie der Jüngling so eindrang und dann plötzlich wie festgewurzelt dastand, ihm gegenüber Carlos, fiel der Blick des Grafen wechselseitig von dem einen auf den andern, und ein schwerer Kampf schien ihn für einige Minuten unfähig zu machen, auch nur ein Wort hervorzubringen. Es waren zwei vollkommene Kontraste, diese beiden Jünglinge: der eine mit seinem unbesiegbaren Stolz im feurigen Auge, das zum Kampfe herauszufordern schien, der andere mit den ruhig zarten und doch wieder männlichen Zügen des intellektuellen Gesichtes, die nur Sanftmut und Wohlwollen verrieten, aber in der edel gewölbten Stirne, der fein gebogenen Nase und den kaum merklich, wie zum Spotte verzogenen Lippen ein gewisses Etwas verkündigten, dem nur der Jahre zehn mehr fehlten, um spielend eine Welt in Wirklichkeit zu gewinnen, die jener im tobenden Kampfe zu erstürmen, aber nicht festzuhalten fähig schien. »Ein schöner Traum!« unterbrach endlich der Graf das Stillschweigen »Wir haben ihn viele Jahre geträumt, diesen Traum, Manuel! – Wird er wohl in Erfüllung gehen?« »Und dieser Traum, teurer Oheim?« fragte Don Manuel. »Mexiko, das wie der Phönix in Flammen auflodert, aus dieser Flamme erstehend, erstehend durch seine innewohnende Kraft, sein eigenes Blut.« »Dann war es ein Traum, Oheim! – Ein bloßer Traum, so wie der Vogel Phönix selbst ein Traum war!« »Ein schöner Dichtertraum,« sprach der Graf, »unter dem aber eine herrliche Wahrheit liegt.« »Wenn es Mexiko gilt,« versetzte der Jüngling bitter, »so schwindet das Herrliche, und nur das Niedrige, Gemeine bleibt.« »Manuel!« sprach der Graf mit einem forschenden Blick. »Dies waren nicht deine Gesinnungen noch vor sechs Monaten, als du unsere Hacienda verließest; das arme Mexiko war damals noch so glücklich, etwas höher in deinen Hoffnungen und deiner Achtung zu stehen. – Was hat es so tief herabgesetzt?« »Und Sie fragen, gnädigster Onkel?« rief der Jüngling bitter. »Sie fragen, nach der Erfahrung der letzten zwölf Monate? O Land der Schande, das tollkühn genug ist, an seinen Ketten zu schütteln, aber zu feige, sie zu zerbrechen, das sich in sie schmieden läßt mit seinen Millionen viehischer Indianer und viehischerer Mestizen, schmieden von wenigen tausend Spaniern –!« »Lästere dein Vaterland nicht!« fuhr der Graf strenge auf. »Schande der Zunge, die die Scham ihrer Mutter aufdeckt. Daß Mexiko ist, was es ist, elend, verachtet, selbst von der verachtetsten, verächtlichsten Nation, wem verdankt es dieses, als eben dieser Nation?« »Sich selbst verdankt es seine Schande«, fiel ihm der Jüngling ebenso heftig ein. »Sich selbst und seiner Niederträchtigkeit, mit welcher der stolzeste Kreole dem letzten der Spanier die Füße leckt; der Niederträchtigkeit, mit welcher der Edelste Mexikos sein Land verrät, wenn er ein Kreuzchen in sein Knopfloch erhält; diese Niederträchtigkeit verdankt Mexiko, was es ist.« »Wirklich?« fragte der Conde. »Und wenn dieser niederträchtige Sklave dennoch endlich seine Ketten zu schwer findet, und wenn er seine blutrünstigen Arme und Schenkel schüttelt, und wenn er diese Ketten bricht und mit ihren Trümmern seine Tyrannen erschlägt und sich lieber wieder erschlagen als fesseln läßt?« »So bleibt er ein Sklave, ein elender, niedriger Sklave, in dessen Körper kein Tropfen edlen Blutes rollt. Sklave bleibt er, weniger als Sklave – Mexikaner«, sprach der Jüngling mit der bittersten Verachtung. »Sklave bleibt er so sehr, daß, wenn er Hunderttausende stark ist, er vor einem Regimente seiner Zuchtmeister zu Paaren kriecht oder auseinanderstäubt wie Spreu vor dem Winde.« »Deine Worte sind bitter«, versetzte der Graf. »Gib acht, Manuel, daß ihr Stachel nicht auf dich zurückprallt. – Aber was ist«, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »derjenige, der, geboren in diesem Sklavenlande, vom Schicksale berufen, dessen Ehre zu wahren, es im grauenvollen Todeskampfe verläßt? Statt das Sklavenvaterland gegen seine Tyrannen zu verteidigen, einem Phantom nachjagt, das ihm eine treulose Phantasie vorgespiegelt?« »Wenn mein gnädiger Onkel Gehorsam gegen die Befehle des erlauchten Repräsentanten der geheiligten Majestät mit einem so schimpflichen Worte als Desertion bezeichnet,« sprach der junge Don stolz, »dann gestehe ich mich ihrer schuldig; aber zugleich gebe ich mein Ehrenwort, daß ich die Schande dieser Desertion nicht für die höchste von Mexiko angebotene Ehre vertauschen würde.« »Neffe,« sprach der Graf in einem Tone, der verriet, daß er übersatt der Ausbrüche dieses ungeregelten Stolzes sei, »wir müssen uns verständigen; denn die Zeit eilt und dein Entschluß muß nun bestimmen, ob wir länger das Vergnügen haben sollen, uns deiner Gegenwart zu erfreuen. Se. Exzellenz«, fuhr er fort, »haben infolge einer kleinen Unvorsichtigkeit, deren sich der junge Adel in dem Gasthofe Traspanna dadurch schuldig gemacht hat, daß er staatsverbrecherische, gegen die geheiligte Person Sr. Majestät gerichtete Pasquille angehört, diesen zur Armee abgesandt; in Betracht jedoch, daß derselbe Adel mehr überrascht und mit dem verruchten Vorhaben des Pasquillanten unbekannt, sich des Verbrechens nicht vorsätzlich schuldig gemacht, ihm Offizierspatente ausfolgen zu lassen geruht und unserm Neffen, Don Manuel, als Beweis besonderer Berücksichtigung, die Erlaubnis erteilt, nach Spanien zu reisen, um daselbst durch loyale Dienste im Heere der Kämpfer zur Wiederherstellung des Thrones Sr. Majestät den Flecken auszuwischen, den er auf seinen Namen geladen, in welcher Hinsicht Sie dir das Kapitänspatent auszuwirken gnädig verheißen haben.« »Eine Strafe«, fiel der Jüngling begeistert ein, »die ich für das höchste Ziel meiner Wünsche erkenne. Oheim! Oheim!« Er trat stürmisch auf den Grafen zu, welcher einen Schritt zurückwich. »Vor noch fünf Jahren«, sprach der letztere, »würde eine solche Berücksichtigung wirklich wünschenswert für einen mexikanischen Edelmann gewesen sein, und dies um so mehr, als die Politik unserer Oberherren es nicht für rätlich fand, daß ein Mexikaner je sehe, daß andere Länder besser regiert werden als sein eigenes; aber die Umstände haben sich geändert, und wir haben alle Ursache, zu glauben, daß das, was Gnade sein soll, irgendeinen unheilschwangeren Plan gegen unser Haus und uns selbst verberge.« »O wüßten Sie, Oheim, wie hoch der Virey die Tugenden Euer Gnaden verehrt.« »Der Virey unsere Tugenden verehren?« entgegnete der Graf kalt. »Und, wie es scheint, im Beisein unseres Neffen,« fuhr er mit einem Blicke auf diesen fort, »den er noch vor wenigen Stunden nicht zu kennen schien.« Er holte einigemal tief Atem und ging im Kabinett auf und ab. »Wir haben Beweise von dieser Verehrung,« fuhr er fort, »als wir aus der Besamanos nach Hause fuhren, Beweise, die uns wahrscheinlich des Vergnügens beraubt haben würden, Don Manuel oder einen der Unsrigen je wiederzusehen, wenn nicht der Eifer unserer Diener und einige Anhänglichkeit des Volkes von Mexiko Sr. Exzellenz gnädiges Wohlwollen vereitelt hätten. Wir haben jedoch«, fuhr er ungemein ruhig fort, »noch nicht geendet. Se. Exzellenz, durch besondere Gründe veranlaßt, haben den etwas gewaltsamen Entschluß, der uns von unserem nächsten Blutsverwandten trennen sollte, aufgegeben und es diesem freigestellt, nach Spanien abzugehen oder im Vaterlande zu verbleiben.« Der Jüngling erbleichte. Eine lange Weile verfloß, ohne daß einer der beiden ein Wort gesprochen hätte; endlich sprang er, im sichtbaren Kampfe und beinahe außer sich, auf den Grafen zu. »Teuerster Oheim!« rief er mit stürmischer Ungeduld. »Ich muß fort! Ich muß! O, die Furien peitschen mich aus diesem Mexiko, diesem entsetzlichen Mexiko! O Spanien!« rief er mit der vollen Begeisterung eines glühend südlichen Gemütes, »du Land der Helden, du Wiege alles Großen und Edlen, du Muster der Loyalität und Ritterlichkeit, das sich erhoben, um im furchtbaren, großen Kampfe das angestammte Land geheiligter Majestät, verräterischerweise vom Feinde gestohlen, aus den Klauen des Kronenräubers zu retten! Er, die Zierde der Könige, in schmählicher Gefangenschaft! Nein! Tausende haben sich erhoben, um die Eindringlinge zu vertilgen; der Donner brüllt über den Atlantischen Ozean herüber; er ruft: Manuel muß seinem Rufe gehorchen!« Der Graf hatte diese pathetischen Worte, die der Jüngling in einer theatralischen Stellung deklamierte, mit ungemeiner Ruhe angehört, nur zuweilen kräuselten sich seine Lippen in jenes sarkastische Lächeln, das derlei Albernheiten dem Aufgeklärten auch wider seinen Willen abzwingen. »Und ist es bloß der Donner der Kanonen, der dich ruft? Keine andere Stimme, die vom Tenochtitlantale dich fortsendet?« fragte der Graf mit demselben ruhigen Lächeln um seine Lippen. Der Jüngling errötete und stockte. »Und wird das Schicksal deine Entwürfe verwirklichen?« fragte der Graf weiter. »Ist das Spanien wirklich deiner Sympathien würdig? Ist es wirklich das glänzende Gebilde, das dir deine Phantasie vormalt? Armer Junge!« brach der Graf ab, hob jedoch wieder nach einer kleinen Weile an: »Das Land ist eine baumlose Wüste geworden, von Landstreichern, Räubern, Bettlern und faulen Mönchen angefüllt und von einem Volke bewohnt, das, statt zu arbeiten, sich seine Nahrung vor den Pforten der Klöster holt, – dieses dein Heldenvolk hat nicht einmal das Verdienst, unter eigenen Fahnen zu fechten; es ist das schmählich bezahlte Gold der Engländer, das diese Bettlernation aufgerüttelt und in ihrem stupiden Enthusiasmus wach erhält.« »Lästern Sie das Vaterland meiner Mutter nicht!« schrie der Jüngling, von Zorn überwältigt. »Bloß deiner Mutter?« fragte der Graf. Der Don errötete. »Und in dieses Land, dieses Paradies von Bettlern und Mönchen willst du gehen? Deinem flehenden, bedrängten Vaterlande den Rücken kehren in der Stunde seiner Not, seiner Todesangst? Was wird dieses Vaterland dazu sagen?« »Manuel verachtet dieses Vaterland«, versetzte rasch der übermütige Jüngling. »Das ist genug«, sprach der Graf, plötzlich aufstehend. »Das Blut deiner Wange ist aufrichtiger als deine Zunge. Behalte jedoch dein Geheimnis für dich; selbst fragen wollen wir dich nicht, wo du in diesen letzten Stunden gewesen, obwohl unsere Freundschaft vielleicht einige Aufmerksamkeit verdient hätte. Wir haben jedoch der Freiheit so wenig übriggelassen, daß es grausam wäre, einander die dürftigen Brosamen, die noch übrig sind, verkümmern zu wollen. Aber Don Manuel!« fuhr er fort, und seine Stimme wurde ungemein ernst, »indem wir dir deine Freiheit hiermit unbeschränkt lassen und uns des süßen Trostes berauben, uns eine freundliche Stütze unserer Entwürfe, einen achtungsvollen Pfleger unserer Pläne, einen gefühlvollen Mitbürger mit offenem Herzen für die Drangsale seines Vaterlandes zu erhalten, steht es unserer Freiheit nicht minder zu, uns vor den Folgen deines Entschlusses zu bewahren. Nicht wir wollen deine Freiheit beschränken, aber ebensowenig wollen wir zugeben, daß du die unsere beschränkst.« Der Jüngling sah den Grafen starr an. »Geh denn mit Gott«, sprach dieser. »Deines Vaters Diener werden dich begleiten und wir für die Mittel sorgen, dich mit dem deiner Familie gebührenden Anstande in Spanien einzuführen. Aber weiter geziemt es sich nicht, daß wir gehen. Derjenige, der, sich über sein Vaterland und seine Blutsverwandten erhaben fühlend, zum Schwager eines Virey sich emporzuschwingen gedenkt, würde sich wahrscheinlich zu stolz fühlen, um von einem armseligen mexikanischen Grafen fürder Unterstützung zu heischen.« Der Jüngling stand wie eine Bildsäule – sein bleiches Gesicht auf den Boden geheftet, war er keines Wortes mächtig. »Du hast nicht bloß mit deinem Onkel,« fuhr dieser fort, »du hast mit dem edelsten Geschöpfe, das innerhalb der Meere Mexikos das Tageslicht erblickt – dem Stolze unseres Landes – dein herzloses Spiel getrieben. Gleich dem verschmitzten Sohne Isaaks verläßt du deine Heimat, um in einem fremden Lande den Phantomen deines selbstsüchtigen Ehrgeizes nachzulaufen.« »Mani!« rief eine schluchzende Stimme, und die liebliche Condessa Elvira schwankte zur Tür herein, ihr tränenschweres Antlitz in die Mantilla verhüllt, bebend und zitternd, ihre verweinten Augen wehmütig auf den Jüngling geheftet. Ihre stockend schluchzende Stimme vermochte bloß abgerissene Laute hervorzubringen. Unschlüssig schwankend, ihre Hände kindlich auf dem Busen gefaltet, schluchzte sie »Mani! Mani!« wie ein nahender Engel aus höheren Sphären. »Mani! So willst du uns und unser armes bedrängtes Mexiko verlassen? Mani, um der fünf Wunden der heiligen Jungfrau willen! Gedenkst du noch jenes feierlichen Schwures, den deine Zunge vor nicht sechs Monden auf der Höhe von Oaxaca im Angesichte Gottes und der beiden Ozeane aussprach, des feierlichen Schwures, du würdest ganz Mexikaner sein? Und du willst Mexiko verlassen? Mani! Mani!« Der Jüngling stand sprachlos. »Mani!« bat sie, ihre Hände ihm bittend entgegenstreckend, »Mani bleibe bei uns! Bleibe in unserem armen bedrängten Mexiko! Bleibe!« Das leichte Rauschen, das ihr seidenes Nachtgewand verursachte, schreckte den Jüngling plötzlich aus seinen Träumen. Er blickte sie einen Augenblick starr an und stürzte dann mit den Worten: »Fort von hier!« aus dem Kabinett. »Einen Neffen haben wir verloren!« sprach der Graf mit schmerzerstickender Stimme. »Einen Sohn und eine Tochter haben wir noch. Das ist der Fluch des Despotismus. Er entzweit uns mit unseren Lieben, mit uns selbst, dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe. Gute Nacht, Kinder!« Er küßte beide, Elvira und Carlos, und entfernte sich dann. Fünfzehntes Kapitel Die Glocken von den Kirchtürmen hatten mittlerweile fünf geschlagen, und der Morgen graute von Osten herüber; die wenigen noch sichtbaren Sterne schienen zu zittern in der Morgenfrische und erbleichten, während hinab gegen den Popocatepetl die roten Streifen seines schneeigen Hauptes gleich feurigen Flaggen sich um seine hehren Krater legten. Dann begann ein mattes blasses Licht über das Tenochtitlangebirge herüber zu brechen; aber die Stadt lag noch in Finsternis und Schlaf begraben, und nichts unterbrach die Totenstille als das Vigilancia der Schildwachen und das Rasseln der Totenkarren, welche die in der Nacht entschlummerten Leperos in ihre enge Wohnung oder die Hauptwachen abführten. Es war eine eigene Stille, diese Stille der Tausende, dieses Totenleben, bewacht von den Wächtern der ertötenden Fremdherrschaft. Am See Chalco und seinem Kanal fing es dann an, sich zu regen, und Hunderte von Kanoes flogen im Schatten der weichenden Nacht über den mehr und mehr erglänzenden Wasserspiegel dem engen Kanal zu, begleitet von dem Morgengesange der Indianerinnen und den Gitarrentönen ihrer Männer. »Jesu Maria und alle Heiligen, halb fünf Uhr!« jammerte der Mayordomo . »Noch eine Stunde – horch, die Glocke von der Kathedralkirche – die Stunde, in der der Erzbischof die Messe ansagte, ist ja noch nicht gekommen. Wird er gehen?« »Er ist schon gegangen, aber nicht zur Messe«, flüsterte Don Pinto dem alten Manne in die Ohren. »Zum Teufel mit deiner Altweiberfrömmigkeit.« »Gespenst der Nacht und der Hölle! Alle guten Geister loben Gott den Herrn«, kreischte der Mayordomo , der, zurückschaudernd, an den Grafen stieß, welcher, in seinen Schlafrock gehüllt, zu den Gemächern der jungen Condessa schritt. Gleich einer Alabasterstatue, von griechischer Hand gemeißelt, lag sie hingegossen, ohne Atem, ohne Bewegung. Erst nach langen Zwischenräumen öffneten sich ihre bleichen Lippen, zitterten einige Sekunden leblos und unwillkürlich, und schlossen sich wieder. »So dauert es jetzt schon geschlagene zwei Stunden«, wisperte Sancheca, das Kammermädchen, indem sie sich über das Engelsgesicht hinbog und den kalten Schweiß von der Stirn küßte. Auch der Graf, eine Träne im Auge, bog sich über die Schlummernde hin. »Niña! Niña! Wollen wir nicht für den Unglücklichen, der uns verläßt, beten?« Sie hörte nicht, sie gab keine Antwort. Ein entfernter Trompetenstoß ließ sich im Kabinette hören. Die Augen der ohnmächtig Schlummernden öffneten sich. »Niña!« bat der Conde wieder im zärtlich väterlichen Tone, »Niña, wollen wir nicht für den Unglücklichen beten, der uns verläßt?« Auf einmal öffnete sie die Augen, blickte stier und starr um sich, schüttelte das Lockenköpfchen, schaute den Grafen wie verwundert an, streckte ihre Arme aus, und ihn um den Hals fassend, lispelte sie: »Nicht für ewig verloren.« Ein zweiter Trompetenstoß schmetterte herüber. Ein starkes Detachement Dragoner mit einem Stabsoffizier an der Spitze hielt, und ein Jüngling in reicher Uniform sprang vom Pferde. Sogleich war eine zweite heftige Stimme, die Don Manuels, zu hören, der wie rasend schrie: »Fort, um's Teufels willen! Fort, oder ich erschieße mich auf dem Platze!« »Jesus Maria!« stöhnte der Mayordomo . »er ist Beelzebubs, ohne Messe, ohne Viatikum, ohne Beichte.« Selbst die rohen Dragoner schauderten ob der Heftigkeit des Jünglings und bekreuzten sich mit einem Entsetzen, das dem jungen Edelmanne vollends seine Besinnung zu rauben schien. Ohne ein Wort weiter zu sagen, warf er sich auf sein Pferd; der Major, der ihm ernst und bedenklich nachgeschaut hatte, gab das Kommandowort, und der Zug setzte sich in Bewegung. Die Maultiere schlossen sich an die hintersten Glieder an, in wenigen Minuten war alles zwischen dem Laubwerke der Bäume verschwunden. Der Graf und Carlos hatten sprachlos den Enteilenden nachgesehen. »Was soll das?« sprach der erstere endlich zum jungen Grafen, der noch immer verstört bald durchs Fenster, bald auf das Bett der Condessa blickte. »Es ist noch eine halbe Stunde vor sechs?« »Wir haben plötzlich Ordre zum schleunigen Aufbruche erhalten. Die Cavecillas zeigen sich vom Malinche herab bis zur Barranca von Juanes und bedrohen unsere Kommunikation mit Puebla; die von Xalapa und Veracruz ist bereits unterbrochen.« »Das ist eine schlimme und wieder eine tröstliche Nachricht«, sprach der Graf in tiefem Nachdenken, »eine sehr schlimme und eine sehr tröstliche Nachricht. Fürchte für die Niña nichts, Carlos!« fuhr er mit bewegter Stimme fort, und sein Blick fiel wieder auf die Leidende. »So sehr sind unsere häuslichen Leiden mit denen unseres Volkes verwoben, daß nur die gänzliche Genesung des letzteren unseren Jammer vollends heben kann. Ja, teurer Carlos, das Leiden deiner Schwester ist mir nun Labsal geworden; denn es wendet meinen wahnsinnigen Blick wenigstens für einige Zeit von dem Elende meines Vaterlandes ab; es ist Zerstreuung.« »Gott, was sind wir für Menschen, die hier noch Zerstreuung suchen müssen. Elvira!« flüsterte er der Schwester zu, auf die er zueilte und ihr einen Kuß auf die Lippen drückte. Das liebliche Kind öffnete wieder die Augen und sah den Bruder mit einem wehmütigen Blicke an. »Wehe mir!« lispelte sie, und schaudernd, wie gerüttelt vom Fieberfroste, schrak sie wieder zusammen und entschlummerte. »Jesu Maria!« rief der junge Graf, »und ich soll gehen und sie verlassen?« »Fürchte nicht für sie«, sprach der Graf. »An ihrer baldigen Genesung zu zweifeln, wäre an ihrem Zartsinn verzweifeln. Das Leiden unseres Volkes ist so groß, daß sie ihr eigenes darüber vergessen wird.« Und mit diesen Worten küßten sich beide. Der junge Graf eilte aus dem Saale dem Detachement der Dragoner nach. Sechzehntes Kapitel. Gesunken unter den wütenden Angriffen eines verzweifelten Abenteurers, seiner Religion, seiner Bildung, seiner Herrscher, seiner edelsten Männer, seiner Tempel, selbst seiner Geschichte beraubt, war ganz Mexiko, nachdem es in die Hände der Spanier zu fallen das Unglück gehabt, aus einem blühend selbständigen Staate eine ungeheure Domäne, seine Bewohner eine disponible Horde geworden, der man noch eine Wohltat zu erweisen glaubte, wenn man sie, zu Hunderten, zu Tausenden wie das Vieh an eine wüste Soldateska verteilte. Ihres Eigentumes, ihrer Äcker, zum Teile selbst ihrer Weiber und Kinder beraubt, herdenweise in die Bergwerke getrieben oder zum Lasttragen über unwegsame Gebirge verdammt, war die Geschichte dieses beispiellos mißhandelten Volkes drei Jahrhunderte hindurch ein fortwährendes Gemälde der unmenschlichsten Bedrückung gewesen, dem selbst die zu seinem Besten gegebenen Gesetze dadurch, daß sie gewissenlosen Beamten zur Vollziehung anvertraut waren, zu unheilbarem Krebsschaden wurden. In ihre Dörfer eingebannt, aus denen sie nur gerissen wurden, um ihren Peinigern zu fronen, hatten sie im stumpfen Dahinbrüten alles verloren, was den Menschen als solchen bezeichnet; nur das Gefühl ihrer Entwürdigung, die Erinnerung an die ausgestandenen Leiden und ein instinktartiges, düsteres Sehnen nach blutiger Rache waren geblieben. Dem schwächsten Verstande war durch die Gewalttaten klar geworden, daß, solange der Spanier herrsche, der Mexikaner unbedingt Sklave bleiben müsse; daß er nie hoffen dürfe, an der Verwaltung seines Landes wieder Anteil zu nehmen. Von diesem Augenblicke an begann der Entschluß zu wurzeln, sich der Spanier auf jede nur mögliche Weise zu entledigen. Damals war eine Verschwörung die unmittelbare Folge gewesen, zu der sich an hundert der angesehensten Mexikaner mit mehreren Hunderten aus den Mittelklassen und dem Militär vereinigt hatten, mit dem festen Vorsatze, das schandbare Joch abzuschütteln, als die Verräterei eines der Verschworenen, der die Verbündeten in der Beichte verriet, ihren Ausbruch zwar nicht vereitelte, aber beschleunigte. Es war um neun Uhr abends am 15. September 1810 gewesen, als Von Ignacio Allende y Unzaga, Kapitän im königlichen Regiments de la reina , von Gueretaro kommend, in die Wohnung des Pfarrers von Dolores, Padre Hidalgo, stürzte, mit der Nachricht, daß die Verschwörung, die Mexiko von der verhaßten Herrschaft der Spanier befreien sollte, entdeckt, und daß der Befehl erlassen sei, die Verschworenen tot oder lebendig einzubringen. Den sicheren Untergang vor Augen, beratschlagten die beiden Verschworenen eine Stunde und traten dann unter ihre Freunde, den festen Entschluß verkündend, ihr Leben an die Freiheit des Vaterlandes zu setzen. Zwei Offiziere, die Leutnants Abasalo y Bellera und Aldama, mit einem Haufen lustiger Musikanten, Tisch- und Hausgenossen des Cura, vereinigten sich mit den Aufrührern, und mit diesen, dreizehn an der Zahl, begann die große mexikanische Revolution. Während Hidalgo, ein Kruzifix in der Linken, ein Pistol in der Rechten, auf das Gefängnis losstürzt und die Verbrecher befreit, dringt Allende mit den übrigen in die Häuser der Spanier, zwingt sie, ihr Silber und bares Geld auszuliefern, und dann mit dem Geschrei: »Es lebe die Freiheit! Nieder mit der Fremdregierung!« stürmten alle in die Straßen von Dolores. Die ganze indianische Bevölkerung schließt sich an den geliebten Cura an; in wenigen Stunden ist der Haufen der Empörer auf einige Tausend gestiegen, wozu auf dem Zuge nach Miguel el Grande achthundert Rekruten vom Regimente des Kapitäns stoßen. Unaufhaltsam vordringend, wirft sich die losgelassene Rotte mit den Worten: »Tod den Spaniern!« auf San Filipe; in drei Tagen steigt sie auf zwanzigtausend; zu Zelaya angelangt, schließt sich ein mexikanisches Infanterieregiment mit einem Teile des Kavallerieregimentes del principe an sie an. Weiter fortschwellend, wirft sie sich, unter dem steten Rufe: »Tod den Spaniern!« auf Guanaxuato, die reichste Stadt Mexikos, wo eine dritte Truppenabteilung sich zu ihr schlägt. Von allen Seiten strömen nun die Indianer herbei, und die Horde wächst auf fünfzigtausend an. In Guanaxuato, wird die feste Alhóndega Alhóndega de granaditas, ein Getreidemagazin. im Sturm genommen, die sämtlichen Spanier und Kreolen, die sich mit ihren Schätzen dahin geflüchtet, niedergemacht; über fünf Millionen harte Piaster fallen den Aufrührern als Beute in die Hände. Der Fall dieser Stadt zieht eine ungeheure Menge Indianer aus allen Teilen des Reiches herbei; die Horde steigt auf achtzigtausend Mann, worunter aber kaum viertausend Gewehre sind. Unaufhaltsam drängt sie über Valladolid nach Mexiko vor, wirft den Obersten Truxillo bei Las Cruces über den Haufen und zieht am 21. Oktober die Hügel von Santa Fé herab, die Hauptstadt des Königreiches im Angesichte, in deren Mauern dreißigtausend Leperos nur des Zeichens zum Angriffe harren, um den Kampf innerhalb der Stadt zu beginnen. Bloß zweitausend Linientruppen sind zur Verteidigung der Hauptstadt vorhanden; Calleja, der Oberfeldherr, ist hundert Stunden von Mexiko; ein anderer Obergeneral der Graf von Cadena, sechzig; der Rücken ist gleichfalls von den Patrioten aufgeregt; auf der Straße von Tlalnepatla rückt ein Patriotenchef zur Unterstützung Hidalgos heran; der Vizekönig trifft bereits Anstalten zum Abzuge nach Veracruz; das Schicksal von Mexiko ist, allem Anscheine nach, seiner Entscheidung nahe; ein rascher Angriff und die Herrschaft der Indianer ist wieder hergestellt. Aber am folgenden Tage zieht sich Hidalgo mit seinem hundertundzehntausend Mann starken Schwärme zurück; Mexiko ist gerettet; aber die Leidensgeschichte der Patrioten fängt nun an. Am 7. November bei Alculco von dem vereinigt spanisch-kreolischen Heere geschlagen, trifft bald darauf Allende bei Marfil ein gleiches Los, und eine dritte Schlacht bei Calderón entscheidet das Schicksal des ersten Feldzuges, dessen Urheber, Hidalgo, mit fünfzig seiner Gefährten bald darauf, verräterischerweise bei Acalito gefangen genommen, mit seinem Leben büßt. Über einen Aufstand erbittert, der ihrem Könige seine Suprematie und ihnen selbst die Ausbeutung des reichsten Landes der Erde zu entreißen gedroht hatte, fingen die Spanier an, darauf hinzuarbeiten, sich nicht nur der Rebellen selbst auf alle mögliche Weise zu entledigen, sondern auch der Möglichkeit einer künftigen Empörung vorzubeugen. Vierundzwanzig große und kleine Städte mit zahllosen Dörfern waren bereits von den Spaniern von Grund und Boden aus zerstört, ihre Bevölkerung ohne Unterschied vertilgt worden, aus keiner anderen Ursache, als weil sie die Insurgenten vorzugsweise begünstigt hatten. Noch nicht zufrieden mit den Hunderttausenden, die Feuer und Schwert gefressen, hatten sich die blinden Legitimitätsdiener nicht entblödet, im Namen des dreieinigen Gottes und der heiligen Jungfrau die feierlichste Amnestie durch den Mund der Kirche zu verkünden, um die leichtgläubigen Elenden, die diesen Versicherungen trauten, ohne Erbarmen zu vertilgen. Eine so entsetzliche Treulosigkeit ließ natürlich keine Möglichkeit einer Wiederaussöhnung mehr zu, und die plötzliche Wendung, die der Gang der Revolution zu gleicher Zeit zu nehmen anfing, schien endlich die ganze Bevölkerung gegen diese elenden Tyrannen vereinigen zu wollen. Unter den Abenteurern, die, Ruhm oder Beute suchend oder von Haß gegen die Unterdrücker angetrieben, sich zu Hidalgo auf seinem Triumphzuge von Guanaxuato nach Mexiko gedrängt hatten, war auch sein Jugendfreund und Schulgefährte Padre Morellos, Rector Cura, Der Pfarrer; weltgeistlichen Standes heißen sie Rectores Curas, die Klostergeistlichen Padres Curas. von Nucupetaro gewesen. Von dem Generalissimus Hidalgo brüderlich aufgenommen, hatte er von diesem den Auftrag erhalten, die südwestlichen Provinzen des Königreiches in Aufstand zu versetzen. Mit diesem gefährlichen Auftrage ausgerüstet, hatte sich der sechzigjährige Priester, bloß von fünf Anhängern begleitet, in die Intendanzen seiner neuen Militärdivision begeben, war in Petalan auf zwanzig Neger gestoßen, die er durch das Versprechen der Freiheit ihm zu folgen bewog, und bald darauf von mehreren Kreolen mit ihrem Anhange verstärkt worden. Ungleich seinem Vorgänger, fing dieser Priester den Krieg im Kleinen, nach Art der Guerrillas an. Allmählich die Sphäre seiner kriegerischen Tätigkeit erweiternd, hatte er mehrere nicht unbedeutende Siege über die spanischen Generale in einem sechzehnmonatlichen kleinen Kriege davongetragen. Das Gerücht schilderte ihn als einen ernsten Mann, ganz das Gegenteil vom leichtsinnig raschen Hidalgo, begabt mit einem durchdringenden Verstande, von tadellosen Sitten und weit liberaleren Ansichten, als man sie von einem mexikanischen Priester und seiner beschränkten Erziehung hätte erwarten sollen; der Einfluß, den er auf die Indianer ausübte, sollte ans Unglaubliche grenzen. Dieser Mann war nun an der Spitze einer kleinen Armee in Mexiko angekommen; die bedeutendsten Chefs des Patriotenkorps, darunter Vitoria, Guerero, Bravo, Ossourno, hatten sich seinen Befehlen unterworfen, und das moralische Übergewicht seines Namens schien endlich bewirken zu wollen, woran es seit dem Tode Hidalgos gefehlt hatte: Übereinstimmung in den Kriegsoperationen der Patrioten und eine Disziplin unter den Truppen, die dem Lande Vertrauen einflößen konnte. Auf diesen Mann nun begann Mexiko die Augen sehnsuchtsvoll zu richten. Er oder keiner, war der allgemeine Glaube, konnte das Land befreien. Tausende von Kreolen hatten sich bereits an ihn angeschlossen, und Tausende waren auf dem Punkte, diesem Beispiele zu folgen. Der Enthusiasmus nahm stündlich zu, und selbst der gewisse Tod, der jeden traf, der auch nur Wünsche für Mexiko laut werden ließ, konnte die Aufregung unter der jüngeren kreolischen Bevölkerung nicht stillen. Die reifere Mehrzahl schwankte jedoch noch immer unentschlossen. Gänzlich in der Gewalt der Spanier, fehlte es ihnen ebensosehr an der Kraft, sich ihren Tyrannen zu entziehen, als am Willen, sich an die neuen Befreier anzuschließen. Der mißlungene Versuch Hidalgos hatte ihr Vertrauen auf die Möglichkeit einer Befreiung erschüttert, die Grausamkeiten der Indianer gegen ihre Brüder ihre Begeisterung eingeschüchtert. Noch gellte ihnen das Wut- und Rachegeschrei der Indianer in die Ohren. Würde Morellos auch imstande sein, Caleja die Spitze zu bieten, gegen den Hidalgo und Allende mit ihren Hunderttausenden das Feld bei jedem Zusammentreffen verloren hatten? Selbst im Falle eines Sieges imstande sein, Kriegszucht und Ordnung unter den zusammengelaufenen Scharen aufrecht zu erhalten? Würden die Abenteurer, von denen die meisten Abteilungen des Patriotenheeres befehligt waren, nicht vielmehr ihren Sieg benützen, um das unglückliche Land mit allen Schrecknissen, die einen zuchtlosen, siegtrunkenen Rebellenhaufen begleiten, heimzusuchen? Solches waren die Fragen, die sich Tausenden der einsichtsvolleren Bürger nicht nur der Hauptstadt, sondern des Landes aufdrängten und ihre Tatkraft in dem Augenblicke hemmten, wo diese zur Vertreibung der Spanier in Wirksamkeit treten sollte. Alle haßten die Spanier bitter und blutig. Alle hatten gelitten und litten noch immer unter den unerträglichen Anmaßungen und der Gesetzlosigkeit dieser bigotten, nimmersatten Eindringlinge; aber diese Eindringlinge hatten trotz ihrer Gesetzlosigkeit Ordnung gehandhabt, deren Wert nun in der allgemeinen Zerrüttung so fühlbar geworden war. Die persönliche Sicherheit und die Rechte des Eigentums, wenn auch häufig verletzt, waren doch nie so en gros über den Haufen geworfen worden. Hatten diese Gründe schon auf die Gesinnungen und das Betragen der Mehrzahl der bemittelten Mittelklassen bedeutenden Einfluß geäußert, so mußten sie es noch weit mehr bei dem hohen Adel, der bei einem Umsturze der Ordnung natürlich am meisten zu verlieren hatte. Wenn jedoch die Vorurteile gegen die Revolution unter der Mehrzahl des hohen Adels herrschend waren, so gab es auf der andern Seite wieder Männer unter dieser hohen Aristokratie, die den Stand der Dinge aus einem weit höheren, für sie und ihr Land ehrenvolleren Gesichtspunkte auffaßten. Eigentum und vorzüglich Grundeigentum ist eine Basis, deren Solidität auch dem schwächsten Verstande einen Halt gibt, den der geistreichere Eigentumslose vergeblich anspricht. Es liegt etwas Zähes, aber zugleich auch etwas Positives im Grundeigentum, das seinen Besitzer gewissermaßen zwingt, unabhängig von seiner persönlichen Vorliebe und seinen Vorurteilen, das Wohl des Landes zu berücksichtigen, in dem sein Eigentum liegt. So wahrhaft absurd daher auch das Benehmen der Mehrzahl dieser Hochadeligen im Anfange der Revolution gewesen, so kindisch lächerlich ihre Vorliebe für die wertlosen Auszeichnungen ihres königlichen Gebieters, so hatte es wieder unter ihnen Männer gegeben, die die Lage ihres Landes richtiger beurteilten und ungeachtet des servilen Kleides, das sie trugen, für die Freiheit ihres Landes größere Opfer gebracht hatten als die glühendsten, lautesten und ungestümsten Freiheitshelden je getan. Unter diesen hatte sich der Graf von San Jago besonders ausgezeichnet. Familienverhältnisse hatten ihm den seltenen Vorzug verschafft, seine Jugend in Spanien und den zivilisierten Ländern der alten Welt zuzubringen, und ihm so Gelegenheit gegeben, jene Erfahrungen zu sammeln, die nötig sind, um eine unabhängig richtige Ansicht der Verhältnisse seines eigenen Landes zu fassen. Von der Natur mit einem durchdringenden Verstande begabt, hatten die Demütigungen, die er sich von dem stolzen Spanier bloß deshalb hatte gefallen lassen müssen, weil er ein geborener Mexikaner war, ihm frühzeitig jenen tiefen Abscheu gegen die Bedrücker eingeflößt, den nur wieder derselbe reife und gebildete Verstand genugsam zu meistern imstande war. Die Eindrücke, die er im geselligen Leben der aufgeklärtesten Völker Europas und der aufgeklärtesten seines eigenen Weltteils empfangen, hatte er tief in seinen Busen niedergelegt und in die Einsamkeit seiner weitläufigen Besitzungen mitgenommen, wo sie ihm Nahrung in seinen trüben Stunden und Leitstern in seinem häuslichen und öffentlichen Leben wurden. So war allmählich ein ebenso fester als umsichtiger Charakter entstanden, der jedoch, ungeachtet seiner Umsichtigkeit und Klugheit, kaum für die Länge dem Argwohn der Beherrscher des Landes entgangen sein dürfte, wenn nicht ein herbes Los, das sein Familienglück kurz nach seiner Rückkehr aus Europa zertrümmerte, dadurch, daß es ihn zum Gegenstand einer allgemeinen Sympathie erhob, wieder beigetragen hätte, dem spanischen Mißtrauen eine andere Richtung zu geben. Er selbst hatte sich seit diesem Schlage gänzlich von der Welt zurückgezogen, ganz und allein in der Beförderung des Wohles seiner nächsten Umgebungen und zahlreichen Angehörigen Trost und Erholung suchend. Aber ungeachtet dieser Zurückgezogenheit hatte sich sein Einfluß zusehends vergrößert. Dieser Einfluß wieder, weit entfernt, in seiner Persönlichkeit hervorzutreten, war vielmehr in der festeren Haltung des Adels und der ihm zunächststehenden bürgerlichen Klassen bemerkbar geworden. Es lag etwas Geheimnisvolles in diesem Einflusse sowie in der Art, wie er ihn geltend machte. Gleich dem besonnenen, ruhig festen Seemanne, der jeden Windhauch kennt, schien sein durchdringender Blick schon lange vor dem Ausbruche der Revolution seine Maßregeln getroffen zu haben, um dem kommenden Sturm zu begegnen. Das Gerücht ging, daß er die Hauptveranlassung gewesen, die mehrere des mexikanischen Adels bewogen, sich an Jturrigaray anzuschließen. Er selbst war bei dieser großen politischen Maßregel nicht besonders hervorgetreten. Als jedoch der Plan sich wirklich zu einem günstigen Resultat neigte, hatte er sich gemäßigt und fest dafür erklärt, als das einzige Mittel, sein Volk und Land aus dem herabwürdigenden Zustande zu reißen und mit der Art und Weise, sich selbst zu beherrschen, stufenweise vertrauter zu machen, so Hand in Hand mit den spanischen Behörden fortzuschreiten, bis günstige Verhältnisse es erlauben würden, den Verband zwischen beiden Ländern gänzlich aufzulösen. Merkwürdig genug erklärte sich jedoch derselbe aufgeklärte Geist gegen eine plötzliche Freiheitserklärung, und zwar so bestimmt, daß eine bedeutende Anzahl ihm wieder ihr Vertrauen zu entziehen anfing. Vielleicht, daß er, die Schwächen dieses Volkes einsehend, die Unmöglichkeit voraussah, die Freiheit, selbst wenn sie erlangt würde, zu bewahren. Unterdessen wollten die Hellersehenden, ungeachtet dieses scheinbaren Rückzuges, deutliche Spuren seiner fortwährenden Tätigkeit bemerkt haben, und wirklich waren Symptome einer solchen im ganzen Lande zu fühlen, die um so auffallender wurden, als die Bedeutsamkeit der Hilfsmittel, die diesem unsichtbaren Agenten zu Gebote standen, und ihre Wirksamkeit alle Versuche der Behörde, sie zu entdecken oder ihnen auf die Spur zu kommen, auf eine Weise vereitelten, die diese in die größte Besorgnis versetzte. Das ganze Land war in der Tat durch diese unsichtbaren Agenten in seinen Gesinnungen und Ansichten revoltiert worden. Die Urheber dieser moralischen Revolution blieben jedoch in geheimnisvolle Dunkelheit gehüllt, und der Graf schloß sich mit dem ganzen Adel offenbar an die königliche Regierung an. Der neue Vizekönig hatte sich beeilt, den Grafen San Jago mit Beweisen von Freundschaft und Vertrauen zu überhäufen, die ebensosehr die Verwunderung der Uneingeweihten als das zufriedene Lächeln der Wissenschaft erregten. Andere Vorfälle hatten sich wieder ereignet, die das gute Verhältnis zwischen den beiden Gewaltigen zu zerstören drohten, und unter diesen der Machtspruch, der den Neffen des Aristokraten neuerdings nach Spanien verwies. Siebzehntes Kapitel Ungefähr eine Tagreise von der Hauptstadt erhebt sich die mächtige Bergkette, Sierra Madre genannt, welche, die Vulkane Mexikos mit denen von Puebla verbindend, sich weiter gegen Norden zu tiefer in das Land hineinwendet und bei Monte Real und Guanaruato jene unermeßlichen Schätze in ihrem Innern birgt, die das Staunen des Naturforschers in so hohem Grade erregen. Die bedeutendsten Berge Mexikos steigen bekanntlich aus dieser Kette empor und geben dem Lande einen Charakter, so neu, so großartig und wild pittoresk und wieder so heiter und lachend, so häuslich und heimisch, daß das Auge des Beschauers abwechselnd mit Staunen und Entzücken von einem Punkte zum andern schweift, vergeblich bemüht, diese wunderbaren Kontraste in einen Rahmen zu fassen. Die Bergrücken sind in ihrer Mitte mit hohen Eichen und Fichten bewachsen, weiter hinauf mit der Zwergeiche und der Mimosa, und von ihren Scheiteln herab starren kahle, aller Vegetation entblößte Basaltfelsen, deren schwarzbraune, düstre Massen, zerrissen durch gräßliche Schlünde, die auf allen Seiten herab gähnen, noch immer in jener furchtbaren Revolution begriffen zu sein scheinen, die diesem Lande seine merkwürdige Gestaltung gegeben hat. In den Niederungen wird das Auge wieder durch die Mannigfaltigkeit der exotischen Gewächse und deren prachtvolle Farbenmischung entzückt; auf den Abhängen der Berge wogen die herrlichsten Weizen- und Maisfelder, und tiefer hinab streckt die steife Agave ihre Riesenblätter gleich so vielen Schwertern empor, – während auf den Seiten dieser prachtvollen Felder Abgründe sich öffnen, die wunderbar schön dem Auge durch den Reichtum der tropischen Fruchtbarkeit erscheinen, welche in ihren Schlünden wuchert, und aus deren schattenreichen Tiefen tosende Waldströme heraufbrüllen, unsichtbar dem Auge, aber herrlich in ihren Wirkungen; denn jedes Fleckchen, wo sie vorbeistürzen, bringt einen Pflanzenreichtum hervor, den die glühendste Phantasie schwerlich schöner malen könnte. Jede Blume, jeder Strauch ist von zahllosen Schlingpflanzen umwoben, deren herrliche Blüten eine fortlaufende Blumengirlande bilden, die, von der Wurzel zur Krone emporsteigend, ihren Ranken zahllose Blüten entsenden und Tausende von Concontlis, Kardinalsvögeln und Madragadoren in ihren Gezelten verbergen. Es war ein kühler, heiterer Nachmittag. Die Schneeregionen des gewaltigen Orizaba und des gewaltigeren Popokatepetl, bisher wie Massen gediegenen Silbers erleuchtet, fingen an ins Rosenrot zu schillern, das, auf der östlichen Seite in Goldgelb und Bronze wechselnd, jeden Augenblick eine andere Farbe zurückstrahlte. – Die Schatten des Malinche und seiner Zweige begannen sich gegen Tlaskala hinzustrecken. Tiefes Schweigen herrschte über der ganzen Gegend, bloß unterbrochen durch das Gekreisch des Ringadlers, der über den Abgründen schwebte, und einen fernher sumsenden Laut, der aus dem Innern des Waldes kam, dem entfernten, dumpf verhallenden Geheule der Wölfe nicht unähnlich. Auf einem der Bergrücken, die sich östlich von San Martin erheben und über die einst Cortés auf seinem Eroberungszuge in das Tal Tenochtitlan drang, standen und lagen zwei Männer, ihre Rücken an einen beinahe senkrecht aufsteigenden Porphyrfelsen gelehnt, der sich zu oberst einer gräßlichen Barranco wie das Bruchstück eines massiven Schloßturmes erhob. Ihre straff herabhängenden Haare mit der rötlich-schwarzen Gesichtsfarbe verrieten Zambos. Sie hatten Schaffelle um ihre Schultern, die mit Riemen befestigt waren; darunter Fetzen eines schwarzwollenen, groben Zeuges, Panos genannt, die sich bis zu den Hüften verlängerten; ihre Kopfbedeckung bestand aus sogenannten Sombreros de petate (Strohhüte); in ihren Gürteln hatten sie Dolche, und lange, gewichtige Keulen lagen zu ihren Füßen. Beide schienen gleich düster und mürrisch zu sein; während der eine stand und in die weite Ferne hinausspähte, hatte sich der andere auf den Rasen niedergelegt und war so liegen geblieben, bis sein träger Gefährte ermüdet von der Wache sich hinstreckte, worauf der andere brummend wieder aufstand, um in derselben Aufgabe fortzufahren. So hatten sie es, ohne ein Wort zu wechseln, eine geraume Weile getrieben; ein Dutzend beschmutzter Karten, die auf dem Rasen lagen, deuteten an, daß sie sich auch in diesem Zeitvertreibe versucht hatten. » Maldita cosa « fing endlich der Stehende an: »Bei der heiligen Jungfrau von Guadalupe! wenn das noch so eine Woche fortdauert: gehetzt und wieder gehetzt wie Jaguare; keine Ruhe, keine Rast. – Mögen mich alle siebzehn Höllen kriegen, – ich –« »Ich?« fragte der andere. »Sage Euch Adíos , und sollte der Teufel die Freiheit Mexikos holen.« »Glück auf die Reise, Euer Gnaden,« meinte der zweite gähnend, »die warten auf Sie.« Er deutete bei diesen Worten auf eine Schar Zepilots oder mexikanischer Raben, wie diese Raubvögel, mit scharfen Klauen und hakenförmigen Schnäbeln, uneigentlich genannt werden, von denen sich eine Unzahl soeben über ihren Häuptern auf dem Felsen niedergelassen. » Caramba ,Calleja würde Sie zum Caballito machen, ehe Sie eine Zigarre anstecken oder eine Pinte Pulque leeren können.« »Larifari,« entgegnete der andere, »mein Unglücksstern ist noch nicht gekommen, und meinethalben mag er noch lange wegbleiben.« »Wenn er aber doch kommt, oder Sie Señor Bustamente in die Klauen zu fallen das Mißgeschick haben sollten, dem Sie, soviel wir uns zu erinnern wissen, zehn seiner besten Maultiere reisen lehrten, ohne ihre Ladung zu vergessen-« »Basta,« rief der erste, der nun an der Unterhaltung satt zu haben schien und zur Abwechslung ein Stück schmutziges Papier aus dem Gürtel nahm, eine winzige Dosis fein geschnittenen Tabaks darein rollte und ihm so die Form einer Zigarre gab. Nachdem er diese auf allen Seiten mit seinem Speichel begeifert, zog er sein Messer, legte dieses auf die Zigarre und entfernte sich gegen das Gestrüppe zu, das unter dem Felsenabhange anfing. Sein Gefährte hatte sehnsüchtig die Vorbereitungen zu einem Mahle angesehen, das dem Mexikaner mehr Bedürfnis als sein tägliches Brot geworden ist, und kaum hatte der erstere den Rücken gewendet, als er zwei Stücke Achiote-Holzes aus seiner Tasche nahm, und diese, mit einer wunderbaren Behendigkeit aneinander reibend, ebenso schnell in Flammen setzte, als dieses auf die gewöhnliche Weise mittelst Feuersteins und Schwamm hätte geschehen können. Die Zigarre anbrennend, fing er eben an, den Rauch mit dem Hautgout eines Kenners einzuschlürfen, als der andere aus dem Dickicht hervortrat. » Maldito perro ! Verdammter Spitzbube!« schrie dieser, der nun, mit zwei Stücken dürren Holzes zurückkehrend, seine letzte Zigarre im Munde seines Gefühlten sah. Der Rauchende hatte jedoch zur Vorsicht den Dolch seines Gegners in Verwahrung genommen und fing an, sich schnell in Bewegung zu setzen, um der Wut seines Kameraden zu entgehen. »Geduld, gnädiger Herr,« rief er, nach Atem schnappend: »Zehn, hundert, tausend Zigarren sollen Ihre sein, sobald wir in deren Besitz gelangen.« Fluchend faßte der Beraubte seinen Knittel und eilte dem Räuber nach. Die beiden waren bereits einige Male um den Porphyrkegel herumgerannt, und es hatte allen Anschein, daß der Zigarrendieb seine Liebhaberei mit seinem Leben werde bezahlen müssen, als ein »Halto!« aus dem Gebüsche donnerte. Die beiden standen bei diesem Rufe wie eingewurzelt. »Was gibt's?« rief die Stimme. »General, nein, Vergebung, Kapitän, er hat meine Zigarre!« »Muchachos,« versetzte die Stimme, und der Kapitän selbst trat gravitätisch aus dem Dickicht auf den Zigarrendieb zu, nahm diesem die halb konsumierte Zigarre aus dem Munde, und nachdem er sie in den seinigen versetzt, trat er vorwärts an den Rand des Abgrundes, horchte einige Augenblicke, und, in die gräßliche Tiefe deutend, zog er sich schnell wieder zurück. Die beiden waren zugleich herbeigesprungen, und, ihre Hälse weit vorstreckend, stierten sie eine Weile in die Wendungen der Barranca hinab, in denen die alte Cortésstraße sich gegen Cholula hinüberzieht, und dann sprangen sie mit dem Ausrufe: »Maulesel und Treiber!« zurück. Durch die erwähnten Windungen der kaum für Maultiere gangbaren Straße und durch Schluchten und über Felsenvorsprünge und grauenvolle Abgründe hörte man einzelne Glocken- oder Schellentöne, deren auf der Bergeshöhe verhallende Klänge wunderbar anheimelnd die Stille der luftigen Höhe unterbrachen, und bald darauf sah man auch die Maultiere, kaum größer als Hunde, langsam den engen Felsenpfad emporklimmen, an den steilen Klippen niedersteigen und sich wieder emporarbeiten; dann ließ sich der rauhe, einfache Gesang der Arrieros mit seinen langen Kadenzen hören, und endlich bekam man auch die leichte Gestalt der Arrieros selbst in ihrem phantastischen Aufzuge, mit ihren fünfhundert Knöpfen und dem bunten, malerischen Kopfschmucke der Maultiere, mit ihren wollenen Federbüschen und Troddeln und ihren vielfarbigen Satteldecken und dem Trabuco Stutzen mit einer weiten Mündung. hinter den Sätteln, zu sehen. Es lag etwas ungemein Pittoreskes in diesem malerischen Zuge, als er sich die himmelhohen Felsen emporwand und der rauhe, kräftige, sonore Gesang, begleitet von dem Glöckchenschalle, im Luftzuge die Bergeshöhe herauf schallte. Zu gleicher Zeit sonderte sich eine Gestalt von dem Zuge ab, die mit außerordentlicher Schnelle und Behendigkeit vorsprang; sie hatte den schon an sich gefährlichen Felsenpfad verlassen und war an dessen Rand fortgeklettert. Von Klippe zu Klippe springend, schien sie Vergnügen an diesem halsbrecherischen Zeitvertreibe zu finden und war auf diese gefährliche Weise an dem zweiten Absatze der Barranca angelangt. Es war ein Jüngling, wie man nun, nachdem er die Manga abgelegt, sehen konnte. Hoch über seinem Haupte schwebte ein riesiger Adler, der königliche genannt, der kreisend ihn umflog, herabschoß, wieder aufflog, gleichsam spielend mit seiner gehofften Beute. Der kühne Felsenkletterer schöpfte einige Sekunden Atem, warf einen Blick auf den gewaltigen Raubvogel, und, seine Manga vor sich hinwerfend, setzte er mit einem kecken Sprunge über den Abgrund. Rasch sich nochmals aufraffend, sprang er von Felsen zu Felsen und langte endlich gegenüber dem Plateau selbst an, von dem er bloß durch einen gewaltigen Felsensprung getrennt wurde. Den Stamm einer Zwergeiche erfassend, schwang er sich auf diesen, kletterte dann behend hinan und sprang vom Baume auf das Plateau selbst. » Diablo! « zischten die beiden Zambos, die mit jener stummen Teilnahme dem kühnen Waghalse zugesehen hatten, die körperliche Stärke oder Behendigkeit immer in dem rohen Naturmenschen zu erwecken pflegt. »Teufel!« brummte der eine, »er hat mehr Leben als eine Katze«, und dann verlor er sich im Dickicht. Es war Don Manuel, der so verwegen und, wie es schien, auch so unnötigerweise seine Fertigkeit im Bergklettern hier zur Schau gestellt hatte, die wirklich einige Anerkennung verdient haben dürfte, da seine reiche und phantastische Reiterkleidung dieser gymnastischen Übung nichts weniger als förderlich gewesen war. Er trug nämlich einen sogenannten Guadalaxara-Hut, mit seinem sechs Zoll breiten und ganz mit Goldtressen besetzten Rande, einer niedrigen Krone, über der die blutrote Kokarde der königlich gesinnten Mexikaner prangte; seine Jacke war gleichfalls mit Goldtressen besetzt; seine Beinkleider von scharlachrotem Tuche, am Knie offen und in zwei Spitzen von gelber und grüner Farbe endigend; das Ganze mit massiven silbernen Knöpfen und dicken Goldschnüren besetzt, und die Knie durch braungelbe, gleichfalls in Guadaxarara verfertigte, lederne Bottinas oder Gamaschen geschützt, die, statt der Knöpfe mit bunten seidenen Bändern befestigt, bis zu den Knien reichten und sich in ein paar seltsam gestalteten Flügelschuhen verloren. Nur die Sporen mangelten zum vollständigen Kavaliersaufzuge, der, mehr reich als geschmackvoll, offenbar noch dem vorletzten Jahrhunderte angehörte. Seine Manga von der Erde aufraffend und sich nachlässig in diese hüllend, übersah er den zurückgelegten halsbrecherischen Weg einen Augenblick und wandte sich dann, um die prachtvolle Fernsicht zu betrachten, die vor seinem Blicke sich aufrollte. Vor ihm lagen die malerischen Fluren von Cholula und weiter hin von Puebla, mit ihren unabsehbaren Weizen-, Mais- und Agavepflanzungen, durch pittoreske Hecken und Alleen von Kaktusstauden getrennt und mit einer Menge malerischer Indianer-Ranchos übersät. Rechts, mitten aus den schroffen, waldbekränzten und wieder nackten Basaltgebirgen, mit ihren in der Nachmittagssonne erglühenden Kuppen, erhob sich der Itztaccihuatl mit seinem schneeigen Haupte, eine solche Flut von Licht und Glanz in seiner isolierten Herrlichkeit ausströmend, daß das Auge den Schimmer nicht auszuhalten vermochte. Weiter links ragte der Riese der mexikanischen Berge, der Popokatepetl, weit über die ganze ihn umgebende Welt empor, einen Wolkenflor um seinen ungeheuren Kegel ziehend, und weiter südöstlich stieg der Stern der mexikanischen Berge, der Orizava, gleich einer Geistergestalt in die Lüfte, die, rein und azurblau, die Riesenberge in ihren zitternd elastischen Vibrationen mit jedem Augenblicke näher zu bringen schienen. Im Rücken endlich verglomm der waldbekränzte Malinche mit seinem hehren Baumwuchse und seinen grandiosen Barrancas in die matte Dunkelheit. Die außerordentlichen Kontraste der herrlichen, nun in der Februarfrische grünenden und blühenden Vegetation, mit den großartigen Bildern der erhabensten Alpenwelt, hatten für einige Minuten den Jüngling in sprachlosem Dahinstarren festgehalten; ein leichtes Geräusch hinter seinem Rücken weckte ihn aus seinen Betrachtungen und er versuchte einen Satz, der weniger halsbrecherische Behendigkeit als seine früheren Sprünge, aber ungleich mehr Geistesgegenwart verriet. » Pícaro! « schrie der Mestize, dessen Messer statt der Brust des Jünglings dessen Manga durchbohrt hatte. » Maldito Cachupín! « fiel der andere ein, der seine Keule gleich vergeblich geschwungen hatte. Der Angriff der beiden Gauner war so unerwartet geschehen, daß unser Don kaum Zeit gehabt hatte, auf die Seite zu springen. Mit bewundernswürdiger Fassung jedoch, seine Manga preisgebend, sprang er auf den Felsen zu und warf seine beiden Hände so schnell und entschlossen vorwärts, daß der erste der Desperados den zweiten beinahe über den Haufen gerannt hätte. Ein Paar gespannte Pistolen, die der Jüngling während seines Sprunges aus der Pelzjacke gezogen, hatten diesen plötzlichen Rückzug bewirkt. Eine Weile sah er den beiden Banditen, die sich lachend im Dickicht verloren, nach, und dann seine Manga aufhebend, näherte er sich dem Rande der Barranca, von dem die Maultiere nicht mehr sehr entfernt waren. Kein Wort war ihm entfallen, und nach der Gleichgültigkeit zu schließen, mit der der Jüngling sich bei dem ganzen Vorfalle benommen hatte, schien er darin eben nichts sehr Außerordentliches zu sehen. Achtzehntes Kapitel Er wurde neuerdings aus seinen Betrachtungen durch ein Halto aufgestört, das aus demselben Gebüsch erschallte, aus welchem wir es früher gehört haben. »Halto,« rief dieselbe Stimme, und der so geheißene Kapitän kam mit schußgerechtem Karabiner auf ihn zu. Er schien jedoch ebensowenig aus seiner Fassung zu kommen wie zuvor; kaum daß er sich etwas spröde wandte und den neuen Gegner ansah. »Setzt ab,« sprach er endlich hingeworfen, »oder ich drücke los.« »In der Tat?« fragte der Kapitän. »Du scheinst mir ein Mann von Mut zu sein.« »Ob ich es bin, wirst du sehen«, versetzte der Jüngling trocken. » Caramba! « Der Mann warf einen zweifelhaften Blick auf den jungen Don und brachte dann sein Gewehr aus der schußgerechten Lage. Die neue Erscheinung des Kapitäns, obgleich sein Äußeres nicht ganz so banditenmäßig war wie das der beiden Zambos, war sicher nicht geeignet, mehr Vertrauen oder Sicherheit einzuflößen. Das Gesicht des Mannes verbarg eine dichte Masse von schwarzen Haaren, die über Stirne, Schläfe und Nacken herabhingen und keinen Teil desselben erkennen ließen, ausgenommen ein Paar rabenschwarze und schief auseinanderstehende lauernde Augen, die gelegentlich durch die im scharfen Luftzuge bewegten Haare hervorblitzten. Ohne von besonders starkem Körperbau zu sein, war er muskulös und augenscheinlich ungemein abgehärtet. Er hatte einen runden Guadalararahut mit hoher Krone, um diese eine breite goldene Tresse in der ein ziemlich großes Miniaturbild der Jungfrau von Guadalupe stak. Ein zweites hing an einem weißblauen Seidenbande von seinem Halse. Seine Manga, mit einer Fülle von Goldtressen verbrämt, war heillos mitgenommen, nicht weniger das Wams von rotem Samt und die Beinkleider; um seine Füße hatte er, statt der gewöhnlichen Bottinas, Schaffelle und Schuhe, durch deren Öffnungen alle Zehen zu sehen waren; an den Absätzen staken sechs Zoll lange Sporen mit Rädern, die wenigstens ebenso viele Zolle im Durchmesser hatten. Seine Bewaffnung bestand, nebst dem erwähnten Karabiner, aus einem Dolch und einem verrosteten Dragonerschwerte. Der Jüngling hatte den Mann mit jener flüchtigen Miene gemessen, mit welcher der Vornehmere den Geringern, Verdächtigen ins Auge zu fassen pflegt. Ein spitzes Lächeln schwebte für einige Augenblicke um seine sich kräuselnd aufwerfenden Lippen; doch als halte er den Gegenstand keiner weitern besondern Aufmerksamkeit wert, ließ er seine schußgerechte Hand sinken und wandte ihm gleichgültig den Rücken. »Kommen Euer Gnaden zu einem großen Kapitän, der die Hände bloß aufzuheben braucht, um die Welt zittern zu machen.« Der Jüngling maß bei diesem, unter obwaltenden Umständen allerdings komischen Ausbruche von Pathos den großen Kapitän von Kopf bis zu den Füßen und wandte ihm dann wieder den Rücken. » Venid! « wiederholte dieser schärfer, »und stehen Sie Rede und Antwort dem, der das Recht zu fragen hat. Vergessen Sie nicht, daß Sie im Bereiche eines großen Helden sind, der die Tyrannen niederschmettert und zu den hunderttausend Teufeln in alle siebzehn Höllen sendet.« Diese letzteren Worte waren wieder in hohem Pathos gesprochen, und der große Kapitän hielt eine Weile inne, offenbar die Wirkung seiner hochtrabenden Aufforderung abwartend. Der junge Don gab noch immer keine Antwort. » A todos los diablos! « schrie der Kapitän ungeduldig. »Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was ist die Absicht deiner Reise?« »Wahrscheinlich einer der Befehlshaber der soidisant Armee der Patrioten?« bemerkte jener im hingeworfenen Tone. »Ebenso, Señor,« versetzte dieser, der nun auf einmal in denselben humoristischen Ton einging. »Kommandant einer Abteilung der patriotischen Armee, die sich im Hauptquartiere von Puebla versammelt.« »Hauptquartier?« wiederholte der Jüngling halb zu sich, und nicht ohne Spott. »Ja, Hauptquartier,« versetzte der Mestize; »und zwar nicht eines, sondern zehn: zu Puebla, zu Veracruz, zu Yukatan, Oaraxa, Valladolid, Zacatecas, Guanaxuato, Guadalaxara.« »Eure Herrschaft erstreckt sich weit, scheint es,« erwiderte der Jüngling, mit einem Blicke auf des Mannes Fußbekleidung. »Ebenso,« versetzte dieser in demselben humoristischen aber etwas tückischen Tone, »und da meine Fußgarderobe, wie Euer Gnaden sehen, im Dienste der rebellischen Majestäten einigermaßen gelitten hat, und da Sie sich einer bessern erfreuen, wahrscheinlich auch Gelegenheit haben, sich in Bälde mit einer noch bessern zu versehen, so wollte ein unwürdiger Diener des Patrioten-Vaterlandes Euer Gnaden freundwillig ersucht haben, sich hier auf diesen Stein niederzulassen und sich ihrer zugunsten eines großen Capitano zu entledigen, wenn Sie nicht Lust haben, auf eine weniger freundliche Weise ihrer entledigt zu werden.« Der Mann sah den Jüngling nach dieser selbstgefällig launig vorgebrachten Zumutung lächelnd an und wartete einige Augenblicke: als jedoch keine Bewegung von seiten dieses erfolgte, die Gewährung hoffen ließ, schrie er in kürzerer, peremtorischer Weise: »Komm' und mach' hurtig; deine Schuhe und deine Botines!« »Meine Schuhe dürften dir wahrscheinlich zu knapp sitzen«, erwiderte der Jüngling, dessen Rechte, mit der gespannten Pistole spielend, sich wieder mechanisch erhob. Sein Gegner hob seinerseits rasch die Muskete. »Bleibe ruhig, Jago«, sprach jener trocken, »oder ich will dich sonst beschuhen, daß du Don Manuel alle Tage deines Lebens gedenken sollst.« Der Mann strich sich das Haar von der Stirn und aus den Augen, starrte den Jüngling einige Augenblicke erstaunt an, und seine Muskete fallen lassend, rannte er mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. » Virgen Santa! « schrie er, indem er ihm voll ins Gesicht schaute. »Beim Erlöser von Atolnico! Möge ich das ewige Leben nimmer sehen, wenn dies nicht der sehr edle Señor Don Manuel, der Neffe Sr. Herrlichkeit Conde Jagos, des ersten Kavaliers von Mexiko, und der Sohn des zwar nicht so edlen, aber immer noch ganz passabel edlen Señor Don Sebastian und der Cachupina Doña Anna, geborenen Villaggio, einer sehr edlen Dame, und der Cortejo des Engels aller Engel Mexikos und folglich der Welt, Elvira, ist!« Wir haben uns bemüht, diese etwas lange und in ihren Einzelheiten nichts weniger als für einen adelsstolzen Don schmeichelhafte, aber echt mexikanische Wiedererkennungsszene nach Möglichkeit getreu zu übertragen; sie jedoch in ihrer ganzen Originalität zu geben, dürfte schwer, wenn nicht unmöglich sein. Jeder Satz war von einer eigenen Mimik begleitet, und Laune, Spott und Reverenz für die hochadeligen Personen und Ironie wechselten so wunderbar in den Gesichtszügen und dem Tone des Sprechers, daß dieser gewissermaßen einen ganz neuen Charakter gewann. Er wurde endlich durch den Jüngling unterbrochen, der ihm barsch in die Rede fiel. »Bist du fertig?« »Noch nicht« versetzte der Kapitän. »Möge mich die Jungfrau von Guadalupe auf ewig vom Labsale mexikanischer Gaumen, einer echten Havannah-Zigarre und einem Glas Aguardiente, trennen, wenn ich errate, woher es kommt, daß ein so hochadeliger Don auf einem so holperigen Wege, wie die alte Marquisstraße ist, heransteigt, statt den Camino real Königsstraße, Heerstraße. über Otumba oder den von San Martin und Cholula über Puebla einzuschlagen.« »Das kann ich dir sagen«, versetzte der Don. »Unsere Freunde haben mir den Auftrag gegeben, dich hängen zu lassen, und das so bald als möglich.« »Und wollt Ihr so gut sein, mir diese Freunde zu nennen, just des Spaßes wegen; vielleicht fände sich bald Gelegenheit, diese Prozedur an und mit ihnen vorzunehmen«, versetzte der Capitán mit einem tückischen Lächeln, indem er zugleich zutraulich einen Schritt näher trat. »Drei Schritte vom Leibe,« sprach der Jüngling. »Keine deiner heuchlerischen Liebeszähren. Wir kennen uns.« »Ihr kennt uns, Señor?« meinte Jago kopfschüttelnd und etwas kühler. »Ihr kennt uns? Glaubt Ihr? Wir zweifeln, sonst sprächet Ihr wahrscheinlich aus einem andern Tone. Ei freilich wäre ich ein ganz guter Jago gewesen, wenn ich alle Tage meines Lebens den Treiber Eurer Mulos und gelegentlich Eurer gente irracional , wie Ihr die armen Teufel von Indianern zu nennen beliebt, gemacht hätte oder zu machen fortgefahren hätte. Ei, Euer gnädiger Herr Onkel ist ein sehr gnädiger, sehr edler und gewaltiger Herr, spricht wenig, aber denkt viel und tut mehr und hat seine Hand über ganz Mexiko und die Madre Patria und ein Stück noch darüber; aber glaubt mir, er würde anders mit Jago sprechen, als sein Neffe, der Sohn des passabel edlen Señor Von Sebastiáno. Ei, der Graf ist ein edler Herr; aber daß er eine seiner schönsten Haciendas Eurem passabel edlen Herrn Vater abgetreten, war ein Bock, der ihn um dreihundert der rührigsten Indianer brachte.« »Schurke,« rief der Jüngling, »so du es wagst!« »Seht Ihr, daß Ihr mich nicht kennt,« sprach Jago, mit demselben unerschütterlichen Gleichmut seinen Hut lüftend und ein bißchen seitwärts setzend. »Ha, ha, die Indianer Eures Herrn Vaters. Ihr könnt es dem armen Jago noch immer nicht verzeihen, daß er, statt ein viertausend Arrobas Eintausend Zentner. Zucker aus Eures Herrn Vaters Pflanzung nach Mexiko zu bringen, dreihundert Eurer Indianer mit sich nahm, die auf einmal die friedliche Hacienda Don Sebastián zu verlassen Lust bekamen, um sich an den großen Hidalgo anzuschließen, nach dem Beispiele Eures gehorsamst untertänigsten Dieners Jago. Aber seht mal, für dreihundert magere Ochsen, die Euer Herr Vater an dreihundert dieser armen Teufel zu überlassen die Gnade und Barmherzigkeit hatte, mußten sie ein ganzes Jahr sauer schwitzen, und – bei der heiligen Jungfrau, – San Christóbal konnte nicht härter geschwitzt haben, als er das kleine Jesuskindlein über den geschwollenen Fluß trug. Ging der armen gente irracional akkurat wie dem armen Don Christóbal. Je länger sie trugen, desto schwerer wurde die Bürde, und da sie nicht die Knochen des heiligen Caballero hatten, so konnten sie jene endlich nicht mehr ertragen. Hat aber jeder Mensch seinen Ahuitzote, und, bei meinem werten Schutzpatron, San Jago! die Indianer hatten ihn auch. Mochten sich Tag und Nacht plagen, half doch nichts, konnten doch nicht aus ihren Schulden kommen, nicht einmal ihre Ochsen bezahlen, die doch, Ihr wißt es, Euren passabel edlen Vater das Stück netto keinen Real mehr noch weniger kosteten als zwanzig Piaster. Und wenn das Jahr herum war, standen sie just um zwanzig Dollars mehr im Schuldbuche, und nach dem dritten Jahre hatten sie sechzig Dollars auf der Kreide stehen, so daß die armen Teufel jedes Jahr umgekehrt reicher wurden. Das wäre nun so schlimm nicht gewesen; da sie aber wohl sahen, so dumm sie auch waren, daß sie für diesen negativen Reichtum ihr ganzes Leben zu arbeiten haben würden, und daß sie dabei selbst die obras pías Milde Beiträge. Siehe Anhang: Note II. nicht hätten bezahlen können, folglich nach ihrem leidigen Leben samt und sonders in die Hölle gewandert wären, so dürft Ihr Euch nicht wundern, wenn sie Schaufel, Hacken und Korb verließen, um dem großen Hidalgo zu folgen, wo es keinen Tributo zu zahlen gab, und Duros die Hülle und Fülle.« Der Patrioten-Kapitän hatte sich in eine Laune hineingeredet, die, so beißend sie für den jungen Edelmann sein mochte, der Wahrheit zu viel in sich hatte, um diesen nicht zu einigem Nachdenken zu bringen. »Glaubt Ihr, Señor,« fuhr Jago auf gleiche Weise fort, »wir sind Hunde? Ach, Ihr seid einer der Weißen, zwar keiner unserer Gebieter, aber ein Edelmann von so reinem Blute, als je einer im kastilianischen Phlegma steckte; Phlegma nämlich, wenn es darauf ankommt, unserem Elende aufzuhelfen. Mein Vater selig war ein so guter Vater als einer; und meine Mutter eine so gute Mutter als eine andere. Was half es? Weil sie dem Cura keine zwanzig Piaster bezahlen konnte, so sollte Jago zeit seines Lebens ein Balg sein, und seine Kinder und Kindeskinder sollten es nach ihm sein.« Der Mann hatte in gedrängter Sprache einige der Leiden des mexikanischen Volkes dargestellt, und seine Worte schienen auch nicht ganz ohne Wirkung auf den Jüngling geblieben zu sein, der nun etwas weniger barsch erwiderte: »Wenn Mexiko durch dich und solche wie du gerettet werden soll, dann ist es wahrlich verloren.« Der Kapitän horchte hoch auf. »Durch solche wie ich – gerettet werden soll?« wiederholte er mit einem sarkastischen Lächeln. »Also doch gerettet? Also fühlt Ihr doch schon etwas in Eurem hochadeligen Blute, Señor Don Manuel? Ei, die Welt sagt, daß Ihr seit sechs Monaten ein so arger Gachupin seid wie der vertrocknetste Spanier; ja sie sagt noch ein bißchen mehr.« Der Jüngling zuckte zusammen und fuhr wütend auf den Kapitän zu. »Ei, das juckt«, fuhr der Mann fort, »Ho, armer Don Manuel! Haben sie Euch auch eine Nase gedreht, und ihr glaubt nun klüger zu sein als die alten Spatzen? Euer Onkel – ei Respekt für Euren Onkel – hätten wir nur zwanzig solcher Grafen! Aber Eure liebe Nobilitad verträgt, wie ein vom Sonnenstich getroffenes Maultier, das Licht des Tages nicht mehr und verkriecht sich vor der aufgehenden Sonne der Freiheit, oder, was noch schlimmer ist, wendet ihrem Vaterlande den Rücken, um seinem Tyrannen zu helfen gegen die Mutter, die sie großgezogen. Dann muß sich freilich die Cavilla regen, und geregt hat sie sich, wie Ihr wohl wißt.« »Seid aber verdammt schlecht dafür bezahlt worden«, versetzte der Jüngling mit erkünsteltem Stolze; denn die letzten Worte des Kapitäns hatten ihn wie ein vom Frost gerütteltes Laub erzittern gemacht. »Schlecht sagt Ihr«, erwiderte der Capitán, dessen Falkenblick den Jüngling zu durchbohren schien. »Sagt hündisch, teuflisch. Wird aber auch kommen der Züchtigungstag. Hat jeder seinen Ahuitzote. Ei, Ihr seid Caballeros,« fuhr er launig fort; »warm und kalt, zu Hofmännern geboren; wir bloße Cavillas, und deshalb haben sie uns wie das liebe Vieh gehängt, erschossen und verbrannt, niedergestoßen und zertreten, ärger als Wölfe; wenn nicht alle, doch so ziemlich alle. Armer Hidalgo,« rief er mit weicherer Stimme, »vor zwölf Monaten hättest du dir auch noch nicht träumen lassen, daß du so gepfeffert werden würdest. Rieben ihm die verdammten Spitzköpfe die Hände und den Glatzkopf mit Ziegelstaub und sandten ihn brühheiß ins Paradies, wo er jetzt mit seinen Musikanten und der heiligen Cäcilia Konzerte gibt, wenn ihn nämlich St. Peter eingelassen hat. Und Don Allende sollte eigentlich auch da sein; aber der ist Soldat, und ich zweifle, ob sie ihn unter die elftausend Jungfern ließen. Würde eine saubere Wirtschaft angefangen haben. Haben ja nichts als alte Kaiser und Könige und ausgemergelte Mönche und lederne Eremiten und feiste Prälaten im Himmelreich, und die sind, Ihr wißt, schlechter Zeitvertreib für fromme Jungfern.« »Der Spitzbube ist witzig geworden«, bemerkte der junge Edelmann. »Ei, so etwas lernt sich bald. Unsere Padres, seitdem sie die Kutten ausgezogen, sind die witzigsten. Solltet sie mal hören. Sind auf einmal aufgeklärt geworden. Haben aber genug plärren müssen. Doch basta.« Er hielt eine Weile inne und sah den Jüngling forschend an. »Aber dürfen wir Don Manuel gehorsamst fragen, was ihn eigentlich auf diesen von allen mexikanischen Menschenkindern verlassenen Marquisweg gebracht? Hat Ihre junge Herrlichkeit etwa Lust, sich an die glorreiche Sache Mexikos anzuschließen?« »Bei der heiligen Jungfrau! Jago, du bist ein unverschämter Geselle, und beinahe sollte ich dich züchtigen für die Frechheit, einem Caballero eine solche niederträchtige Zumutung zu stellen!« Der Mann sah den Jüngling mit einem sardonischen Lächeln an. »Ihr habt die andere Seite gewählt, Señor,« sprach er, »statt, was vernünftiger gewesen wäre, neutral zu bleiben. – Ah, Strahlen aus feurigen Augen? –Aha!« »Teufel und Hölle, Schurke!« rief der Jüngling auf ihn losspringend. »So deine Zunge – –« »Ausspricht,« ergänzte Jago, »was in Mexiko jeder Guachindango zu seinem Pulque singt. Señor!« sprach er mit ernster Stimme. »Habt Ihr in Eurem Leben nichts vom Wetterhahn gehört, nie hinauf geschaut, wie er sich dreht? Selbst gescheite Leute tun es, just um zu wissen, ob das Wetter schön bleibt. Ei, Ihr habt den besten Wetterhahn vor der Nase; aber Liebe, sagt unser Sprichwort, macht blind, sonst müßtet Ihr Euren Onkel stärker ins Auge gefaßt haben.« »Was hat der Arriero Jago mit dem Grafen San Jago zu tun?« sprach der Don im wegwerfenden Tone. »Just so viel, als Jago und dem Grafen von San Jago beliebt, Señor, und, meiner Treue! Jago glaubt fest und sicherlich, daß, wäre Jago nicht, Graf von San Jago nicht der zehnte Teil sein würde, was er ist. – Doch basta, und Scherz beiseite – mag ich wissen, wie es kommt, daß Ihr diesen Weg eingeschlagen?« »Bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!« rief ihm der Jüngling entrüstet zu, und mit diesen Worten wandte er ihm den Rücken. »Bei meiner armen Seele!« murmelte der Kapitän; »das ist eine Quantität Stolz, die, wenn verteilt in eine Million Dosen, noch für jeden Kreolen eine hinreichende Portion gäbe. Hört aber, junger Señor, alles hat seine Zeit, sagt das Sprichwort. Und noch vor zwei Fahren hätte Euer Stolz gegen den Arriero Jago hingehen mögen; aber die Zeiten haben sich geändert, seit ein gewisser Cura und Rektor namens Hidalgo losbrach. Gelt, Eure Herrlichkeiten dachten damals nicht, daß der sechzigjährige Padre noch eine solche Hetze machen und, ohne Se. Exzellenz, den Virey, oder die großmächtige Audienzia zu fragen, losbrechen würde? Ei, die Nobilitad, allezeit der sehr edle Graf von San Jago ausgenommen – sie hat wohl Mut in ihren Tertuliasalons und zu Intrigen und Kamarillaverschwörungen, aber zum ernsten Losbrechen, da zieht sie ihre Köpfe aus der Schlinge und läßt den armen Cura von Dolores anrennen; der verstand aber den Spatz unrecht und fing im Ernst an. Ja,« fuhr er lebhaft fort, »es ist nun gerade achtzehn Monate, daß der Tanz losging. Hättet Ihr ihn gesehen, den kleinen und wieder großen Hidalgo, Ihr würdet es nimmer geglaubt haben, daß er der Mann dazu sein könnte. Ein dickes, kleines, rundes Körperchen, mit einem sanguinischen Lächeln und lebhaften Augen, gerade so olivengrün wie eine Madeiraflasche; er liebte diese Flaschen und baute seinen Wein – inkognito, versteht sich, denn die Spanier hätten ihm die Reben ausgerissen und ihn noch obendrein ins Loch gesetzt; – hatte wenig Haare auf dem Scheitel, aber trotz seinem Glatzkopf und seinen sechzig Jahren war er Euch so rührig und von einer wahren Riesenstärke; beinahe immer zu Pferde, der beste Reiter, hätte zum Lancero getaugt und es mit den Teufeln der Cumanchees aufnehmen können. Und witzig war er Euch! Wie Pfeffer und Salz floß es von seiner Zunge; Tag und Nacht hatte er seine Musikanten bei sich. Er nannte sie harmonische Gesellschaft; und eine Harmonie herrschte unter ihnen, das muß wahr sein. Sie schliefen alle in einem Zimmer und legten sich, wie es kam, untereinander, und der erste, der aufstand, nahm die Hosen, die ihm zunächst lagen, und wenn einer die des dicken, runden Cura in die Hände bekam, lachte sich der Pader halb zu Tode. Brauchten sie Geld, so liefen sie wieder zum Cura und wühlten in seinen Säcken, bis der letzte Real heraus war. Wenn er am Sonntage nach Hause kam, er las immer eine Stunde von Dolores Messe in der Kapelle der Beata, bestürmten ihn alle um Duros, so daß er oft ausrief: ›Nehmt, aber nehmt geschwind; denn bei San Jago! Ihr werdet mich dieser Tage noch einmal erwürgen.‹ Ah, Hidalgo!« – Er hielt nicht ohne tiefe Rührung inne. Der Jüngling hatte gleichfalls mit etwas mehr Teilnahme die ebenso interessante als wahre Charakterskizze des merkwürdigen Mannes angehört, der zuerst mit so beispielloser Kühnheit die Fahne der Freiheit in seinem Lande entfaltet und, ebenso ausgezeichnet durch die Originalität seines Privatlebens, als durch seine politischen Tugenden und Fehler, Gegenstand der abgöttischen Verehrung der einen wie des unversöhnlichen Hasses der andern Partei geworden war. Während der interessanten Schilderung waren die Maultiertreiber mit der Dienerschaft auf dem Plateau angekommen. Neunzehntes Kapitel »Willkommen Alonso und Pedro und Cosmo im Quartiere der Freiheit!« rief der Kapitän den Dienern entgegen, indem er zugleich mit wahrer Kapitänsgrandezza einige Schritte vortrat und ihnen seine Hand entgegenstreckte. »Willkommen, willkommen!« »Verdammter Ketzer!« schrie ihm Alonso zu, seinen Karabiner anlegend: »Hund! so du es wagst!« Die übrigen Diener streckten jedoch ihre Hände freudig dem Patriotenkapitän entgegen, und die Arieros verneigten sich vor ihrem ehemaligen Gewerbsbruder. »Noch immer der alte werte Don Alonso,« lachte der Kapitän verächtlich. »Höre, lieber Alonso, wenn meine Leute, verstehst du, Soldaten der Patriotenarmee, dich so mit ihrem Capitán sprechen hören, bei der heiligen Jungfrau, ich stehe dir nicht dafür, daß du nicht in den nächsten fünf Minuten baumelst; doch mit Hunden ist schlecht reden«, fuhr er, zum Edelmann sich wendend, fort. »Ja, Señor! Hidalgo, das war ein ganzer Mann; hat mich die Bedientenseele da ganz aus meinem guten Humor gebracht; ja, Señor; morgen sind's gerade siebzehn Monate und drei Wochen, daß es losging. Don Hidalgo saß mit seinen Musikanten bei der Tertulia, war just neun Uhr abends, da stürzte Don Ignacio Allende y Unzaga totenbleich in den Saal, war auf Leben und Tod von Valladolid geritten, wo Don Iturriaga, um in den Himmel zu gelangen, seine verschworenen Gebrüder in die Hölle lieferte. Hatte Don Gil gebeichtet und dieser die Beichte getreulich der Audienzia wieder gebeichtet. In der Verwirrung ward der Corregidor von Valladolid als das Haupt der Verschwörung ergriffen, und der Lärm, den dies verursachte, drang glücklich zu den Ohren Allendes und Aldamas, die sofort Fersengeld gaben und, so viel ihre Pferde rennen wollten, zu dem einzigen Mann eilten, der in dieser Teufelei Rat schaffen konnte. Und Rat schaffte er. Eine Stunde überlegte er mit dem Capitano, und dann sprang er lustig auf und erklärte sich zum Losschlagen bereit. Don Hidalgo war ein tüchtiger Cura, aber ein erzschlechter General, der in seiner Armee nicht einmal Ordnung halten konnte. Er hatte in seinem Zorn auf die Criollos, die ihn sitzen ließen, »Tod den Spaniern!« geschrien, und nun schrien es ihm die achtzigtausend Indianer nach und mordeten und sengten und brannten, wo sie hinkamen, wie eingefleischte Teufel. So hatte er es mit den Criollos verdorben, und meine Mutter selig hatte immer die Gewohnheit, wenn sie nach Guadalupe wallfahrtete, zwei Lichter einzustecken, ein weißes und ein schwarzes, der allerseligsten Jungfrau das eine und dem Teufel das andere. Man wisse nicht, wo man hinkomme, pflegte sie zu sagen.« Don Manuel und seine Leute waren immer aufmerksamer geworden. »Als wir von Guanaxuato auszogen,« fuhr Jago fort, »waren wir über achtzigtausend Mann stark; aber noch nicht mehr als dreitausend und vierhundert Gewehre. Die gente irracional hatten in ihrer blinden Wut selbst die Musketen der Spanier nicht geschont. Noch immer stieg unsere Anzahl. Hidalgo zog im Triumph auf der Straße von Marabatio, Tepetengo, Jordana, Istlahuaca und Indaparapea auf Mexiko los. Am siebenundzwanzigsten Oktober waren wir zu Toluca. Am achtundzwanzigsten trafen wir auf Truxillo bei Las Cruces, der mit seinen fünfzehnhundert Mann über den Haufen gerannt wurde wie eine Herde Schafe. Zwei Tage darauf hatten wir Mexiko vor uns – –« Der Kapitän hielt inne. Seine Stimme hatte während des letzteren Teiles der Erzählung öfters gestockt, und er hatte die Worte häufig mehr herausgestoßen als ausgesprochen. Man sah, daß es ihm Anstrengung kostete, fortzufahren. Seine Zuhörer waren jedoch immer gespannter geworden, und er sprach weiter: »Ah Mexiko, du Stern der Welt! Wohl konnte dein Glanz den Verstand eines schwachen Cura blenden. Armer Hidalgo! Er hatte den seinigen rein verloren. Statt gerade auf die Stadt los zu marschieren, ließ er sie vom General Ximénez auffordern, dem furchtsamsten Wichte, der ihm und der ganzen Armee die Köpfe mit den übertriebensten Schilderungen von den verzweifelten Vorbereitungen warm machte, die der Hasenfuß gesehen haben wollte. Dann schickte ihm Vanegas noch ein ganzes Regiment von Glatzköpfen, die dem armen Cura die Hölle so heiß machten, daß er schwor, es wäre die größte Gottlosigkeit, Mexiko, diesen Sitz der Frömmigkeit und der heiligen Religion, der gente irracional zu überliefern. Und unser Sánchez war bei Queretaro von Calleja geschlagen worden, dieser selbst hatte sich mit dem Conde de Cadena vereinigt. Hidalgo rannte wie besessen umher. Heilige Jungfrau!« stöhnte Jago, »statt Mexiko mit seinen hundertundzehntausend Indianern und viertausend Linientruppen anzugreifen, wo sich Vanegas bereits zum Abzuge nach Veracruz anschickte, seine zweitausend Mann schon in den Alamedas Vuccarelli und Piedad aufgestellt hatte; statt Mexiko anzugreifen, retirierte er, nachdem wir es wie Narren den ganzen Tag angeschaut; retiriert und läuft Calleja und Cadena gerade in den Rachen. Don Allende, wir alle baten, beschworen, vergebens; wir liefen über Hals und Kopf nach Aculco.« – Jago hielt wieder inne; er sammelte sich wie zu einem gewaltigen Ansätze, seine Brust hob sich, der Jüngling und seine Diener waren nun im höchsten Grade gespannt geworden. Kein Atemzug war zu vernehmen. »Ich war«, fuhr der Erzähler fort, »in der Division des Señor Allende, der mich mit General Ximénez an die Exzellenz mit Depeschen absandte. Die Exzellenz, das war Hidalgo, und sie war auf dem Hügel von Aculco stationiert, um sie herum ihr Generalstab und die vierzehn Kanonen, die wir hatten. – Ihr wißt, es war am siebenten November. Als wir von Señor Allende und seinem Generalstab weg waren, wandte sich Don Ximénez zu mir und händigte mir die Depesche, die auf ein Agave-Blatt geschrieben war, mit den Worten ein: – ›Eilen Sie, und übergeben Sie dieses Don Hidalgo.‹ Ich sah den Mann mit großen Augen an. – ›Don Hidalgo?‹ fragte ich. ›General – aber – –‹ ›Kein Aber, habe zehn Jahre unter den Truppen Sr. Majestät gedient und nie geabert. Fort in alle siebzehn Höllen, oder alle hunderttausend Teufel –‹ Der General hielt es für gut, rückwärts zu gehen; die Wahrheit zu gestehen, so sah er schläfrig aus. Vielleicht wollte er auch seine Person nicht ohne Not den Kugeln der Spanier bloßlegen, die nun wie polierte stählerne Mauern von Aculco her angezogen kamen. An die hundertunddreißigtausend Mann, und eine Stille auf der weiten Fläche. – Ihr konntet an dem Morgen jede Stimme einzeln hören und jeden Mann sehen, und das Staunen und die kindische Freude und die Neugier unserer Indianer, die zum ersten Male in ihrem Leben eine Armee in Reih und Glied mit Artillerie und Kavallerie schauten, der Jubel war wie toll. Wie Kinder frohlockten sie und tanzten und sprangen, und wie Kinder fing der Übermut an sie zu jucken, und sie warfen ihre Steine und schleuderten und freuten sich wie Kinder. Die feindliche Armee stand, ohne sich zu rühren. Man sah, es war ihr bange vor unserer Menge; aber Pfeile und Steine flogen, und so mußte sie, da der Anfang gemacht war, die Fortsetzung liefern. Als ich so im gestreckten Galopp hinritt, kamen ihre Scharfschützen heraus aus den Kaktushecken und Aloefeldern wie Heuschrecken und pufften und knackten. Mir wurde wärmer und wärmer; denn das Feuern begann nun in gutem Ernste. Aus den Gräben, hinter den Hecken, aus den Hütten kamen die Kugeln herausgeflogen, in so pfeifender Harmonie, daß es eine Herzenslust wurde. In kurzen Zwischenräumen blitzten aus dem Hintergründe ein Dutzend blaßrote Feuerströme in die Tageshelle hinein, just zur Not mit einem lichtgrauen Dampfe schattiert, und nieder purzelten einige Schock Indianer, um das Aufstehen für alle Tage ihres Lebens zu vergessen. Die verteufelte Musik wurde immer ärger. Meinerseits war der Weg nicht schwer zu finden; ich hatte nur dem dicksten Rauche und dem mörderischsten Feuer nachzugehen; denn an die Hügel gelehnt standen unsere Regimenter Zelaya und Valladolid, und die Kavallerieregimenter Reina und Principe deckten den Rücken. Als ich dem Hügel näher kam, brachen ein zehntausend Indianer, ungeduldig über das mörderische Kanonenfeuer, in einem ungeheuren Klumpen an die feindlichen Batterien heran, wie eine Herde wilder Büffel, und wie eine solche würden sie den Feind bloß durch die Gewalt ihrer Leiber über den Haufen gerannt haben. Die vordern hatten sich bereits auf die Feuerschlünde geworfen, und da sie in ihrem Leben keine derlei Dinge Feuer speien gesehen hatten, so rissen die armen Teufel ihre Strohhüte von den Häuptern und versuchten damit die Kanonen zu verstopfen. Ich betete zu allen Heiligen. Da kommt ein Regiment feindlicher Reiter auf sie angaloppiert, bricht in sie ein und zerstreut sie wie Spreu. Die Konfusion hatte auf dieser Seite begonnen; auf dem Hügel hielten sich noch unsere Regimenter. ›Wo ist er?‹ fragte mich bereits das zweitemal ein spanischer Major, der sich vorwärts in seinem Sattel lehnte, seine Füße fest in den Steigbügeln, mit seiner Hand die Mähne seines Rosses festhaltend; der Pulverdampf und der Kanonendonner machte einem Hören und Sehen vergehen; ich wußte nicht mehr, wo ich war, er aber auch nicht, denn er fiel sanft vom Gaule; der Major hatte ausgemajort; denn eine Kugel hatte ihm während seiner Frage das Lebenslicht ausgeblasen. Mein Tier war zu Schanden geritten; ich sprang ab, warf mich auf des Toten Pferd, und hatte kaum den Tausch getroffen, als eine neue Eskadron Flanqueadores im vollen Galopp auf mich herankam und mich mit sich fortnahm, wie Wirbelwind eine Feder; wohin, wußte die heilige Jungfrau allein. ›Vorwärts! Vorwärts!‹ krächzte eine schrille, heisere Stimme, inmitten blutiger Leichen aus einer Rauchwolke heraus. Ich kannte die Stimme; es war die des Würgengels Mexikos. Nun denn oder nimmer, dachte ich, und gab meinem Rosse die Sporen; aber die Eskadron tat es auch, und statt links gegen den Hügel, brachte uns der Sturm rechts, mitten durch ein Regiment Lanceros. Einige hunderttausend Flüche begleiteten uns und einige Dutzend Pistolenschüsse, denn wir waren mitten durch das Regiment gebrochen. ›Vorwärts!‹ kreischte die gellend zänkische Stimme. ›Vorwärts! Tod den Rebellen, zur Ehre Sr. Majestät und der allerheiligsten Jungfrau und des Erlösers von Atolnico!‹ Bei einem wahren Spanier kommt immer die geheiligte Majestät seines Königs zuerst, dann die heiligste Jungfrau und zuletzt der liebe Herrgott, und Calleja war ein Spanier, wie er leibt und lebt; aber er war totenbleich und hing mehr tot als lebendig im Sattel; in der einen Hand hing sein Degen und von der andern der Rosenkranz herab, und eine Reliquie, die er küßte und wieder küßte, und dann verzog er sein Gesicht so greulich; der Mensch stand Höllenqualen aus. Und ungeduldig, zänkisch keifend, schrie er wieder: ›Vorwärts! Vorwärts!‹ Unsre Regimenter Zelaya und Valladolid hielten wie Mauern; wo ein Mann fiel, sprang einer der Offiziere aus dem Karree in die Linie. ›Vorwärts, Soldaten!‹ kreischte der in ohnmächtiger Wut in seinem Sattel sich krümmende Calleja. Alles vergebens: da kommt ein Schwarm von frischen zehntausend Indianern vom linken Flügel, um hinter unsern Leuten Schutz vor dem mörderischen Feuer der Kanonen zu finden. Das Regiment Lanceros schwenkt, nimmt die Indianer in die Mitte, treibt sie an unsere Regimenter an; die Karrees sind gebrochen. Adiós Mexiko! Noch gellt mir das Wutgeschrei der Unsrigen, der höllische Jubel unserer Feinde in die Ohren. Ich brach durch die Mörder und Metzger und fand mich auf dem Wege nach Guanaruato wieder mit Allende zusammen, dem einzigen, der den Kopf nicht verloren hatte. Aber es war der vorige Allende nicht mehr; ein Geist, ein Gerippe war es; die letzten acht Tage hatten seine Haare weiß gefärbt. Er wollte das unglückliche Guanaxuato retten, nochmals dem Feinde die Spitze bieten. Wir boten sie mit fünftausend Indianern und achthundert Rekruten. Wir fochten wie Löwen um ihre Jungen, – vergebens! Wir mußten der Überzahl weichen. Hidalgo in seiner Angst war bereits nach Guadalaxara aufgebrochen und hatte uns im Stich gelassen. Wir folgten. Vier Tage nach der Schlacht von Marfil sprach Allende zu mir: ›Jago, um Gottes und aller Heiligen willen! gehe zurück nach Guanaxuato. Sieh', wie es mit dem unglücklichen Guanaxuato steht! Jago! um Gottes und aller Heiligen willen!‹ Ich verstand ihn; denn seine Haare standen zu Berge, seine Augen drehten sich im Kreise, der Schweiß drang aus allen Poren; er fiel bewußtlos in meine Arme. Ich ging und nahm fünfzig meiner Indianer mit; wir waren alle beritten. Ei, ich hätte ebenso gern den Befehl vernommen, in die Hölle zu gehen! Aber Allende war ein edler, ein großer Mann, ein wahrer Mexikaner. Guanaxuato hatte uns mit offenen Armen empfangen; vierzehnhundert Spanier waren bei Erstürmung der Alhóndiga geblieben. Ich schauderte bei dem Gedanken an Guanaxuato, stellte mir es aber nicht so schlimm vor. Es waren zwei Tage, seit ich den Leutnant Mexikos verlassen hatte. Don Allende hatte mir befohlen, zu eilen, und ich eilte; zwei Tage waren noch nicht ganz vorüber, und wir ritten in Burras ein. ›Alles ist ruhig, gnädige Herren Patrioten!‹ sagte mir die Zamba, die wie ein Gespenst in der Tür stand, die einzige Lebende im ganzen Dorf; ›alles ist ruhig!‹ sprach sie schaudernd, indem sie mit der verdorrten Hand hinauf gegen die Schlucht von Marfil deutete. Sie war das erste lebendige Wesen, das wir auf unserm Wege seit zwei Tagen gesehen hatten. Ich sah in die Schlucht hinein. Heiliger Gott! sie war blutrot, der Schlamm roter, gefärbter Lehm, – es war geronnenes Blut. ›Schon seit drei Tagen‹, grinste die Zamba, ›läuft es so.‹ Ich warf das Glas Aguardiente weg, das sie mir gereicht; denn es roch nach Blut. Tausend, Hunderttausende von Geiern, Wölfen, Zepilots liefen und flogen zu und ab von der unglücklichen Stadt. Guanaxuato genommen! Ich schauderte. Es war ein kühler Novembermorgen, der Himmel so blau, die Lüfte so rein, so durchsichtig; über der Schlucht schwankte eine Schicht lichten, bläulichen Qualmes, der wohl eine Stunde lang sich über ihr hinanzog; hie und da war der bläuliche Qualm rötlich und wieder an Stellen so chaotisch, so schweflig, als ob die Teufel aller siebzehn Höllen da ihre Seelen geröstet hätten. Dann und wann leckte noch eine Flamme aus dem Qualme heraus; es war ein höllisch unheimlicher Anblick. Ja, diese lange Schicht bedeutete Guanaxuatos Vorstadt, Marfil genannt, und Guanaxuato selbst, mit seinen siebzigtausend Einwohnern; was es aber bei unserm Eintritte war, kann ich jetzt noch nicht sagen; denn Calleja war darin gewesen und hatte Strafgericht gehalten. Aber es war Todesstille überall in der Stadt und den Bergwerken und den Algamierwerken und den Schmelzöfen; kein Hammer, kein Rad, kein Fußtritt, keine Stimme war zu hören. Wir betraten nun die Vorstadt, und die Vorboten der blutigen Hochzeit fingen an, sich zu zeigen; die Leichname fingen an, häufiger zu werden; die Schlucht war schon hie und da halb mit ihnen angefüllt, und zur Abwechslung lagen gebrochene Munitionswagen, tote Maultiere und Pferde in pittoresken Schichten untereinander. An den Wolldecken der armen Patrioten zerrten Geier und Wölfe. An einer Hacienda nahe an der Straße hingen an der Mauer, gleichsam als Vorgeschmack, hundert Indianer; ebenso viele waren zur Abwechslung wie Erz gestampft worden, und ihre Köpfe und Schenkel lagen so zerrissen umher, daß selbst die Wölfe auf die Seite wichen. Ei, das mußte ein wahrer Festtag für Calleja gewesen sein! dachte ich;– sollte aber noch ärger kommen. Die Brücke über die Schlucht war niedergerissen; aber eine neue war aufgerichtet: die Pfeiler bestanden aus Leichen, über die Bretter gelegt waren. Und jetzt sollte Guanaxuato anfangen, das heißt ein paar tausend Häuser und Hütten, so schön und wieder so erbärmlich, wie sie je in einer reichen Stadt zu schauen waren, wo es Menschen gab, die Millionen zu Dutzenden besaßen, und andere, die nicht ein Dutzend Duros ihr Eigentum nennen konnten. Calleja hatte reine Wirtschaft gemacht. Von den Häusern, die sich so schön an den Rand des Schlundes hingenistet hatten – es waren ihrer einige Tausend gewesen – war nichts zu sehen, als die bläuliche Schicht und darunter die schwarz geräucherten Mauern und die noch rauchenden Trümmer der niedergebrannten Hütten, aber es waren noch andere Dinge darunter, fettige, stinkende Dinge, und Klötze und Klumpen, die einzeln und aufgeschichtet auf den Trümmern umher lagen. Wir hielten sie anfangs für angeräucherte Steine und Felsstücke; es waren aber die Einwohner Guanaxuatos – scheußliche Massen! die Füße, Hände und Köpfe weggebrannt und die Klötze geröstet. In vielen Hütten, oder wo wenigstens Hütten gestanden waren, hatten sich diese Rümpfe in eine Masse zusammengebraten, – ein scheußlicher Gestank. Kein lebendiges menschliches Wesen; aber Tausende von Wölfen und Zepilots und Geiern, und diese so scheu, so ängstlich! Die Tiere kreischten nicht, man sah es ihnen an, sie fühlten den Greuel. Meine Indianer hatten kein Wort gesprochen; unsere Maultiere schauderten vor ihrem eigenen Hufschlage; sie richteten die Ohren auf, ihre Mähnen sträubten sich, sie zitterten mehr und mehr, sie wollten nicht vorwärts, sie schraken, – viele fielen zusammen. Kein Wunder! Ihr Weg ging über Leichen. Wir waren an der Plaza-Mayor angekommen. Da hatte Calleja seinen Hauptschmaus gefeiert und seine Spanier sich im mexikanischen Blute besoffen. Wir wateten durch einen roten Schlamm, der sechs Zoll hoch sich über die ganze Plaza hingelagert hatte; die Leichen lagen aufgeschichtet wie Maissäcke. Als wir zur Alhóndiga kamen – die Mauern standen noch schwarz und rot gebrannt – fanden wir so tausend Mädchen da, in Lagen und Stellungen – Gott gnade unserer armen Seele! Jesus, Maria und Josef! Möchte doch wissen, ob der Spanier auch vom Weibe geboren ist, Señores!« sprach der Kapitän ernst. »Auf dem Marktplatze allein waren vierzehntausend Mexikanern, Mädchen, Weibern, Kindern, Männern und Greisen die Hälse und andere Glieder abgeschnitten und abgerissen worden – Das hatte Calleja so tun lassen, weil sie zu erschießen zu viel Pulver gekostet haben würden und die Cavilla einen solchen Aufwand nicht wert war.« Tränen liefen bei diesen Worten über des Mannes Wangen; seine Stimme war von Wut erstickt. Eine Weile hielt er inne; dann fuhr er fort: »Wir hatten genug gesehen. Unsere Mägen konnten etwas ertragen; aber das war zu viel. Wir kehrten um nach Guadalaxara, mehr tot als lebendig. Das übrige ist kaum mehr der Mühe wert zu sagen. Wir wollten vor Guadalaxara nochmals standhalten, brachten dreiundvierzig Kanonen von San Blas herauf, verschanzten uns an der Brücke von Calderón – aber alles umsonst! Der Engel des Todes hatte uns gezeichnet; Guanaxuato hatte unsern Mut verwittert; wir waren die vorigen Menschen nicht mehr. Vielleicht hätten wir aber Guanaxuato doch noch gerächt. Unsere Indianer schlugen sich wie rasend; aber ohne Ordnung, ohne Befehl stürzten sie sich Rache schnaubend auf die Armee Callejas. Alles wich; die Schlacht war für uns gewonnen. Da geht inmitten des rasenden Kampfes ein Pulverwagen in die Luft; die Indianer glauben festiglich, der leibhaftige Satan sei unter sie gefahren, nehmen auf einmal Reißaus; die Spanier fassen Mut; ein letztes Regiment, das Calleja als Reserve in petto gehalten, bricht nun auf uns ein. Alles war vorbei. Mit Hidalgo war es aus, das sahen wir alle. Armer Teufel! Er floh. Aber von seinen eigenen Landsleuten verraten und ausgeliefert zu werden, das war hart. Doch basta! Die Rechnung war für Anno Tausendachthundertundelf geschlossen.« Zwanzigstes Kapitel. Der Patriot, den sein Gegenstand allmählich erwärmt und dann im Innersten aufgeregt, hatte die empfangenen Eindrücke mit einer Wahrheit und Natur wiedergegeben, die seinem ganzen wilden Wesen einen neuen Charakter verliehen. Der widrige Ausdruck des schwarz gebräunten Gesichtes, das kleinlich Gemeine seiner Züge war verschwunden, seine Stirn hatte sich gewölbt, die listigen Runzeln waren von einem edeln Feuer geschwellt, ein sardonisch verächtliches Lächeln, das von Zeit zu Zeit um seinen Mund spielte, gab ihm zugleich einen entschiedenen Ausdruck von Übergewicht über seine Zuhörer; er war ein ganz anderer Mensch geworden. – Mit jener außerordentlichen Biegsamkeit des Organs, die man an den Südländern, selbst der untersten Klassen, bemerkt, und die nicht selten die Herzen und den Verstand ihrer Zuhörer unwiderstehlich fortreißt, hatte er bald humoristisch launig, bald melancholisch bitter, nun halb singend, dann wieder in der kräftig gediegenen Kriegersprache die mannigfaltigen Schicksale der Patrioten vorgetragen. Der Umstand, daß seine Erzählung, in all ihren Bestandteilen geschichtlich wahr, seinen Zuhörern Tatsachen enthüllten, die ihnen bisher gänzlich verborgen geblieben waren, da die spanische Regierung alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriffen hatte, den eigentlichen Charakter der sogenannten Rebellen und des Krieges selbst dem Lande vorzuenthalten, hatte nicht wenig dazu beigetragen, das Interesse seiner Zuhörer und so sein eigenes im höchsten Grade aufzuregen. Die grause Wahrheit, mit der er das Schicksal des unglücklichen Guanaruato, der reichsten Stadt Mexikos in wenigen Meisterzügen hinwarf, hatte seine Zuhörer mit einem Schauder erfüllt, der sie in atemloser Stille noch starren machte, als der Erzähler schon lange geendigt hatte. »Und Eure Aussichten?« fragte nun der junge Edelmann in einer Bewegung, die seine Stimme zittern machte. Jago sah den Fragenden mit Hoheit an. »Die Henne, die das Ei der Revolution gelegt hat, ist geschlachtet,« sprach er hingeworfen; »bürge Euch aber dafür, das Ei wird den Spaniern doch noch den Magen abdrücken. Hidalgo ist in der Ewigkeit, aber andere leben noch! Ist noch ein Padre da. Wollte, er wäre ein guter Soldat! Aber immerhin, das Kleid macht den Mann nicht, und bisher war er unser Mann; spricht wenig, denkt aber viel; kurz und scharf angebunden. Hidalgo gab ihm eine kärgliche Ausstattung, als er ihn mit nicht mehr als fünf Offizieren, solchen nämlich, wie Ihr dort seht, nach Valladolid sandte«; er deutete auf die zwei Wichte, die sich in einiger Entfernung auf den Nasen hingestreckt hatten. – »Zu Petalan machte er Bekanntschaft mit zwanzig Negern, denen er die Freiheit versprach, wenn sie fechten wollten. Zwanzig Feuergewehre, die sich vorfanden, dienten, sie zu bewaffnen. Acht Tage nachher schlossen sich die Gebrüder Galeana mit ihren Leuten an ihn an; bald darauf kamen die beiden Bravos, auch Vincente Guerrero, und sofort ging es frisch los.« »Kennst du Don Vincente Guerrero?« fragte der Jüngling. »Vom Sehen«, erwiderte der Mestize. »Der Cura von Nucupetaro ist Euch gar kein übler Mann; er zäumt das Maultier da, wo es gezäumt werden soll, und legt ihm nicht wie Hidalgo die Trabuco zuerst und das Gebiß zuletzt an. Er exerziert seine Leute trefflich, und die Disziplin ist so gut wie bei Euren Gachupins. Ei, Disziplin und Munition und Kriegsvorräte! Hätte ich nur zehntausend Musketen, Mexiko sollte bald sehen! – –« Der junge Don wurde einigermaßen ungeduldig, faßte sich jedoch bald wieder, und mit einer Menschenkenntnis, die weit über seine Jahre ging, ließ er der Zunge des Patrioten freien Lauf, die wirklich bald wieder auf den Gegenstand zurückkam, der für ihn das meiste Interesse hatte. »Ja, Morellos,« fuhr er fort, »wißt Ihr,« sprach er geheimnisvoll leise, »daß er dem Oberst Paris bereits den Rückweg nach Mexiko gezeigt, daß er ihm siebenhundert Gefangene abgenommen, daß sich diese alle wie ein Mann an Morellos angeschlossen, daß er vierzehn Tage darauf die Brigade Llanos und Fuentes aufs Haupt geschlagen?« »Alte Geschichten!« erwiderte Don Manuel. »Wo ist er gegenwärtig?« »Ah, Señor! Überall und nirgends: in Oaxaca, glaube ich, vor Acapulco.« »Erbärmlicher Lügner! Ich komme von Mexiko; in Cuautla Amilpas ist er.« »Wenn Ihr es besser wißt, warum fragt Ihr?« versetzte der Patriot. »Bei San Jago! ich habe nun geplaudert, daß ich darüber ganz meine Leute vergessen, die da hinten im Walde ihre Siesta halten. Wenn sie wissen, daß jemand für sie wacht, so schlafen sie wie Schildkröten, ohne Empfindung, und alle wollte ich sie, wenn ich San Christóbal wäre, in den Sack stecken. Einstweilen Adiós, Señor! In zehn Minuten sehen wir uns wieder; auf alle Fälle jedoch, ehe Ihr Euch auf Euern Weg hinüber nach Cholula macht.« Er wandte sich mit einem leichten Rucke an seinem Hute, und war im Begriffe, auf den Wald zuzugehen, der in einiger Entfernung begann, als ein Schuß aus diesem herauskrachte, der ihn auf einmal festbannte. Einen Augenblick horchte er mit blitzenden Augen, als ein zweiter und dritter folgte. »Die Spanier!« schrie er, indem er auf ein Felsenstück sprang und wild seine Augen umherrollte: »Sie sind uns auf dem Nacken! Lauf, Mateo! Lauf, Hipólito! Wollt ihr fort? Ist ja gerade, als ob ihr Blei oder sonst etwas zwischen den Beinen hättet! Lauft, um der heiligen Jungfrau willen! Und schießen sie euch tot, so kommt ihr lebendig ins Himmelreich!« Die beiden Leutnants des Capitán, unsere beiden Zambos, hatten sich eine Strecke in Bewegung gesetzt, dann aber wieder innegehalten. Jago zog nun eine kleine silberne Pfeife aus seinem Gürtel, mit der er aus Leibeskräften zu pfeifen begann. »Mögen uns alle Heiligen beistehen, und besonders du, San Martin!« rief er, in verzweifelnder Angst hin und her springend. »Ich hoffe, sie kommen nicht von Tesmelucos, sonst sind wir gepfeffert und gesalzen. Bei San Jago!« schrie er, sich auf die Stirne schlagend »heute ist Freitag nach Lichtmeß! – Zehn Zoll dicke Wachskerzen mit einem silbernen Armleuchter, heilige Jungfrau von Guadalupe! Mit einem funkelnagelneuen silbernen Armleuchter, sobald ich seiner habhaft werde, wenn du mich diesmal aus der Klemme errettest!« »Fürwahr, Jago,« fiel Don Manuel ein, »wenn dies eine Probe deines Heldenmutes sein soll, dann glaube ich, du hättest wahrlich besser getan, bei deinen Maultieren zu bleiben.« Der Arriero warf dem Sprecher einen bittern Blick zu, erwiderte jedoch kein Wort: denn der Jüngling hatte kaum gesprochen, als wieder eine Salve von kleinem Gewehrfeuer aus dem Walde herauskrachte. Zugleich stürzte ein Trupp halbnackter Indianer und Mestizen und Zambos aus dem Walde heraus, mit kaum einer andern Bekleidung als Schaffellen um ihre Schultern; dicht hinter ihnen drein die königlichen Dragoner, die, an den Rand des Plateaus herangaloppierend, den baumlosen Vordergrund von allen Seiten zu umzingeln anfingen. Die während ihrer Siesta überfallenen Patrioten kamen nun in größerer Anzahl aus dem Walde. Als sie den Ausweg die Barranca hinab gesperrt fanden, erhoben sie ein furchtbares Geheul, und zur Linken und Rechten ausbrechend, rannten sie wie verzweifelt in allen Richtungen umher, vergeblich bemüht, den Dragonern, die sich in einen Halbmond geformt hatten, zu entgehen. Gleich einer Herde Schafe trieben diese sie vor sich her, indem sie zugleich wütend auf die wehrlosen Indianer einhieben. Der junge Edelmann hatte anfangs mehr neugierig als teilnehmend der unnatürlichen Jagd zugesehen; aber als die Dragoner auf die unbewaffneten Indianer einzuhauen anfingen, schien ihm die Szene peinvoll zu werden. Allmählich begannen die Symptome von Ungeduld stärker bei ihm hervorzutreten, seine Augen funkelten, und Zorn und Entrüstung malten sich in seinen Zügen. Die Indianer waren gänzlich verwirrt geworden. Sie liefen scharenweise dem Rande der Barranca zu, prallten wieder zurück, kamen wieder, aber so wie sie sich dem Schlunde näherten, sprengten die hinter dem Eichengebüsche haltenden Dragoner an sie an und drängten sie mehr und mehr dem Felsen zu. Einzelne Reiter kamen noch immer aus dem Walde heraus, die wehrlosen Schlachtopfer vor sich hertreibend. Als sie die Indianer in einen dichten Knäuel zusammengedrängt hatten, preßten diese letzteren auf einmal in instinktmäßiger Übereinstimmung mit aller Gewalt ihre Leiber gegen die Schlucht zu. Beinahe waren sie an dieser angelangt; doch die Dragoner hatten ihre Absicht erraten, und rasch sich auf dieser Seite verstärkend, nahmen sie den ganzen Knäuel in die Witte und fingen nun ein furchtbar scheußliches Morden an. Je dichter der Haufen sich zusammendrängte, desto gräßlicher wurde das Gemetzel. Es mochten der Patrioten zwischen fünf- und sechshundert sein. Auf einmal hielt der Knäuel der wehrlosen Schlachtopfer, und unter herzzerreißendem Geheule sich auf die Knie werfend, hoben alle ihre Hände und schrien mit herzzerreißender Stimme: »Schonung! Um der Liebe Gottes willen, Schonung!« »Glückliche Reise zur Hölle!« gaben die Dragoner zur Antwort, und Köpfe und Hände fielen in allen Richtungen. »Verwünschte Hunde!« schrie der Jüngling, übermannt vom Zorn und nun im höchsten Grade empört über die unmenschliche Grausamkeit der Soldaten. Und kaum hatte er die Worte gesprochen, als er auch beide Pistolen zugleich abschoß, zurück zu den Maultieren stürzte und zwei andere Pistolen aus den Halftern der Packsättel riß. »Um der Liebe Gottes willen! Gedenkt Eurer Mutter! Gedenkt des Grafen! Gedenkt Elviras!« flehte Alonso, ihm in die Arme fallend. »Nimm,« schrie der Jüngling. »Nimm,« schäumte er in höchster Wut, »oder beim lebendigen Gotte! ich schieße dich selbst nieder, ehe ich diesen unmenschlichen Schergen länger zusehe.« Und den Diener mit Gewalt von sich schüttelnd, sprang er wieder wie rasend vorwärts und schoß beide Pistolen ab. Zwei Dragoner hatten bereits die Sättel geräumt. »Virgen Santa!« jammerte der alte Diener. »Er wird sich, die Familie und uns alle unglücklich machen. Zielt wohl, Pedro, Cosmo! An Pardon ist nicht mehr zu denken.« Und mit diesen Worten schossen die drei Diener ihre Gewehre gegen die Dragoner ab. Jago und die Arrieros, rasch diesem Beispiel folgend, hoben ihre Trabucos, und ein halbes Dutzend Dragoner leerten nach einander die Sättel. Es erfolgte eine kurze Pause. Das Schießen aus dem Hinterhalte hatte gleich so vielen Blitzschlägen auf die unmenschlichen Dragoner und ihre Schlachtopfer gewirkt. Die letztern schauten einige Sekunden verwildert und starr umher, ungewiß, woher die unerwartete Hilfe komme, als Jago mit einer Donnerstimme schrie: »Nieder mit den Hunden! Nieder, nieder!« Die Indianer horchten einige Sekunden, und dann, als wären sie auf einmal rasend geworden, stürzten sie sich über die getöteten und verwundeten Dragoner, rissen, trotz den mörderischen Hieben der Reiter, die Waffen der Gefallenen an sich und begannen nun ihrerseits den Angriff. Dem jungen Edelmann begann warm im heißen Kampfe zu werden. Jeder Schuß, der auf den zehntausend Fuß über der Meeresfläche erhobenen Bergesrücken fiel, rollte mit dem Gebrülle eines Zweiundvierzigpfünders über die Gebirge hin, die das Echo mit einem zehnfachen Donner wiedergaben. »Habt ihr geladen?« schrie er, indem er auf einen Trupp Dragoner anlegte, der auf den Felsenabsatz zugesprengt kam und von welchem er den vordersten wieder aus dem Sattel schoß. Ihm folgten die Diener und Arrieros, und wieder leerten fünf Dragoner die Sättel, und wieder stürzten sich die Patrioten über die Gefallenen und, keiner Wunden achtend, entrissen sie ihnen die Waffen. Der Kampf wurde wütender, indem er gleicher wurde. »Dank sei Gott und Ihren Gnaden. Unsere Zeit ist gekommen« murmelte Jago. Und mit dem Donnerrufe: »Nieder! Tod den Spaniern!« sprang er über den zehn Fuß hohen Absatz mitten unter die Kämpfenden und stürmte dann mit seinen Indianern auf die Dragoner los. Diese fingen an, schnell Grund zu verlieren, denn während zwanzig Patrioten, nun wohl bewaffnet, sie von vorne angriffen, hatten sich Hunderte in ihre Flanken geworfen, waren auf die Rücken der Pferde gesprungen, hatten sich an die Reiter angeklammert und diese aus ihren Sätteln gerissen, die Verwundeten sich mit den verstümmelten Armen und Füßen um die Schenkel der Pferde gewunden und mit ihren Zähnen in diese eingebissen. Das Schmerzensstöhnen der Tiere übertäubte bei weitem das Geheul der Kämpfenden. Es war ein grausenerregender Knäuel; die Indianer waren eingefleischte Teufel geworden. Die Dragoner konnten sich nicht mehr regen, kaum mehr bewegen; Mann und Roß waren von den Indianern umwunden. Keine zehn Minuten waren verflossen, und keine dreißig Reiter waren mehr auf ihren Pferden zu sehen. Der Edelmann hatte mit Entsetzen diesem Ausbruche indianischer Wut zugesehen. Auf einmal sprang er über den Felsen hinab und rief mit lauter Stimme: »Halt! Halt!« »Tod dem Verräter!« entgegnete der Major der Eskadron, der bisher verzweifelt gekämpft und sich mit dem kleinen Überreste seiner Leute an die Felsenwand zurückgezogen hatte. »Tod!« schrie er nochmals, indem er seine letzte Pistole abschoß und dann sein Schwert erhob, um den Fehlschuß zu verbessern; doch ein Kolbenschlag stürzte Roß und Reiter zu Boden. »Halt!« rief der Jüngling nun stärker: »Halt!« »Die Zeit der Barmherzigkeit ist vorüber!« brummte Jago, und ihm nach seine Indianer. »Beim lebendigen Gott, ich spalte dir den Schädel, wenn du nicht Einhalt tust!« schrie ihm der Jüngling zu. Vergebens; das Wutgeschrei der Indianer übertäubte seine Stimme. Indem tönten die Ave-Maria-Glocken von Cholula herüber, und die Glocken aus den Dörfern der Ebene fielen in unbeschreiblich wohltuender Harmonie ein. »Ave Maria!« schrien hundert Indianer; »Ave Maria!« wiederholten die Mestizen und Zambos; und alle, Freunde und Feinde, ließen ihre bluttriefenden Hände sinken, und ihre wilden, verstörten Blicke senkten sich gleichfalls, und indem sie mechanisch die Medaillen der Jungfrau von Guadalupe erfaßten, die an ihren Hälsen hingen, und diese küßten, fingen sie laut und kadenzartig an zu beten: » Ave María, audi nos peccatores. « Und als wären die Glockentöne höherer Befehl, neigten diese wütenden Menschen die Häupter, erhoben und falteten die Hände, knieten auf den Körpern ihrer getöteten Feinde nieder und begannen in demütigen Formeln Vergebung für sich und diese Feinde zu erflehen. Über die Täler und Ebenen hin hatten sich bereits die Schatten der Dämmerung, über die Barranca die der Nacht gelagert; aber die Berge der Sierra Madre funkelten noch immer in glühenden Flammen, und die majestätischen Schneeberge erglänzten erst jetzt in ihrer ganzen Glorie und Pracht gleich Ungeheuern, in Flammen stehenden Leuchttürmen. Zugleich erhob und nahten sich Tausende von Geiern und Adlern, deren krächzendes Geschrei sich mit dem Stöhnen der Sterbenden und dem Geheul der Verwundeten vereinigte, um die ganze Szene zu einer der gräßlichst erhabenen zu machen. Sowie der letzte Glockenschlag verklungen war, erhoben sich die Indianer, sahen einen Augenblick sich schweigend und lauernd an, dann die übrig gebliebenen Spanier, und ohne einen Laut von sich zu geben, stürzten sie über diese mit einer Schnelligkeit und Wut her, die kaum mehr menschlich schien. In wenigen Sekunden war keiner der Dragoner mehr am Leben. Sie waren zu Tode gewürgt worden. Einundzwanzigstes Kapitel »Gott!« seufzte Don Manuel. »Was hab' ich getan!« »Jesu Maria! Was haben Sie getan, Señor!« stöhnte Alonso mit tränenschweren Augen. »Leib und Seele verloren, Landesverräter und Ketzer geworden in einer und derselben Stunde. Jesu! Was wird aus uns werden!« Dem Jüngling wurde es düster vor Augen, sein Blick wurde wirr, seine Gestalt fing an zu zittern, seine Füße schienen ihm den Dienst versagen zu wollen, seine Knie schlotterten. Die Szene hatte nun auf einmal einen Charakter angenommen, der, hätte ihn der Jüngling früher auch nur träumen können, ihn wahrscheinlich zu einer andern Handlungsweise bestimmt haben würde. Die Indianer, Mestizen und Zambos, denn aus diesen drei Menschenklassen bestand die ganze Abteilung der zusammengerafften Patrioten, waren nämlich kaum Meister des Schlachtfeldes geworden, als sie mit einer Gier über ihre toten und im Todeskampfe begriffenen Feinde herstürzten, die sie von Hunger verzehrten Raubtieren ähnlicher als Menschen darstellte. Einer der Halbmenschen riß die Beinkleider eines Dragoners an sich, die er statt einer Jacke anzog, ein zweiter hatte eine Jacke als Beinkleid anzuziehen sich bemüht; ein dritter sprang gleich einem Rasenden mit einem erbeuteten dreieckigen Hute und Stiefeln umher, und dazwischen erschallte ein Gelächter, so gellend, so unnatürlich, so höllisch, und ward wieder so grausig von den nahen Bergen zurückgeworfen, daß es wirklich den Anschein hatte, als ob die Geister der Hölle sich zu einem gräßlichen Rendezvous eingefunden hätten. Jago lehnte mittlerweile mit ungemeiner Ruhe und Behaglichkeit an der Felsenwand und trocknete sich die Stirn vom Blut und Schweiße, während zugleich ein Zambo den gebliebenen Major ausbeutete und ihm jedes Stück seiner Kleidung zur vorläufigen Untersuchung hinhielt. Der Capitán untersuchte die Garderobe des Majors mit augenscheinlicher Aufmerksamkeit, und erst nachdem er jedes Stück der Kleidung genau befühlte, gab er diese dem Zambo zurück. »Ah, Gojo!« rief er, indem er den Rock anfühlte und aus der Tasche ein Portefeuille zog, das seine Gesichtszüge mit einem angenehmern Freudenblicke erfüllte, als es von einer anscheinend so rohen Natur zu erwarten gewesen wäre. Er hatte das Portefeuille geöffnet und begann, die Papiere, die darinnen enthalten waren, mit ungemeiner Aufmerksamkeit zu lesen. Er hatte sich alsbald so tief in das Lesen dieser Papiere, von denen die meisten versiegelt waren, vergessen, daß er weder Augen noch Ohren mehr für das Treiben seiner Leute zu haben schien, das nun immer rasender wurde. Die Zambos waren, gleich den übrigen über die gefallenen Feinde hergestürzt; aber jeder Leichnam, den sie angefaßt hatten, war auch in demselben Augenblicke ein Zankapfel der Zwietracht geworden, ganz das Gegenteil von den Indianern, die ihre Wut nur an den lebenden Dragonern ausgelassen hatten und sich nun friedlich miteinander über die zurückgelassene Beute verständigten. Die Zambos, indem zwei und mehrere zugleich einen Körper anfaßten, schossen zuerst grimmige Blicke aufeinander und brachen dann in laute Drohungen aus, was ihnen, bei ihrer ungemeinen Zungenfertigkeit und ihren lebhaften Sprüngen, wieder das Aussehen von Affen gab, welche ihren Zeitvertreib mit einem toten Alligator haben. Einer der Zambos hatte jetzt seinen Gegner mit dem rechten Arme umschlungen, und während sich seine Zähne giftig in dessen Nacken einbissen, stemmte er das Machetto gegen sein Knie und rannte es seinem Gegner in den Leib. »Der hat mehr denn genug«, riefen zehn Stimmen mit voller Zufriedenheit, ohne daß sich auch nur einer geregt hätte, um dem grausamen Kampfe Einhalt zu tun. Der Kapitän las ruhig fort, von Zeit zu Zeit hinüberschielend; der junge Kavalier war in düstere Verzweiflung versunken, und nach den Mienen der Diener und Arrieros zu schließen, ward dies eine Affäre, in die sich zu mengen ganz unter ihrer Würde lag. Von den Indianern standen zwanzig bis dreißig herum, wechselweise ihre neue Garderobe und die erbitterten Zambos anstierend; die übrigen trieben sich noch umher, ihren Anteil an der Beute zu suchen oder diesen zu vermehren. » Déxalo! « brüllten wieder zwei, die sich auf Leben und Tod erfaßt hatten. » Y basta! « herrschte ihnen Jago zu. »Hipólito,« rief er einen seiner Leutnants, »schaff Ruhe!« Der Leutnant hatte sich mittlerweile, obwohl sichtlich ungern, in Bewegung gesetzt, um dem Befehle seines Chefs gemäß die Kämpfenden zu trennen, und als sein Aufruf kein Gehör fand, den Kolben seines Karabiners mit den Zambos in Berührung gebracht, ohne jedoch mehr als zwei gleichzeitige Ausfälle der beiden Negro-Indianer auf sich selbst zu bewirken. »Hölle und Tod!« schrie der Kapitän, der nun die Papiere auf den Boden warf und wie der Blitz unter die Kämpfenden sprang, den einen mit der Muskete in den Leib stieß, daß er wie tot zur Erde sank, und den andern bei den Haaren ergriff und weit aus dem Kreise schleuderte. Die Zeugen des Kampfes zuckten jedoch schnell ihre Messer auf ihn, die ihnen aber ebenso schnell wieder entsanken. Einen Augenblick starrten sie ihn wie verwundert an, und dann, als sie ihn erkannten, liefen sie grinsend und zähnefletschend mit lautem Gelächter auseinander, ohne sich um die Beute auch nur im mindesten mehr zu bekümmern. »Und nun Ruhe!« befahl Jago mit Donnerstimme. Sein Machtwort bewirkte eine Stille, daß auch kein Atemzug mehr zu hören war. Der Mann trat an den Rand des dunkel werdenden Abgrundes, sandte einen Blick in diesen hinab, horchte aufmerksamer und zog sich dann schnell in den dichtesten Haufen seiner Leute zurück. Eine Minute war ein leises Geflüster zu hören, und dann stoben die Indianer auseinander, wie Hunde, die der Ruf ihres Herrn auf eine neue Fährte sendet. Jago selbst war wieder ganz gleichgültig an seinen früheren Posten getreten, hatte die Papiere aufgehoben, sie in seinen Busen gesteckt und war dann mit verschränkten Armen an den Rand der Barranca getreten. Von den Indianern schlichen sich an vierzig nun wohlbewaffnet dem Schlünde der Barranca zu, die sie eilig hinabstiegen. Gleich Schlangen, die sich die steilsten Felsen hinan und wieder hinabwinden, trieben sich diese Menschen die beinahe senkrecht abfallenden Klippen hinab und verschwanden bald gänzlich in der Nacht des Abgrundes. Die Zurückgebliebenen hatten eine Weile gleichgültig ihren Gefährten nachgesehen, und dann gingen sie, ohne Befehle zu erhalten oder abzuwarten, jeder seinen eigenen Weg. Die Hälfte der Rotte sammelte sich gleichsam wie gelegentlich am Rande des Hohlweges, und die übrigen zogen sich längs dem Dickicht hin, wo die Leute im Hinterhalte gelegen waren. So tückisch und hinterlistig geschahen diese Vorbereitungen, mit so wenig Geräusch und Anschein eines verborgenen Planes, daß die Diener des jungen Edelmannes, die kaum zwanzig Schritte von dem Schauplatze standen, in gänzlicher Unwissenheit über die unter den Patrioten eingetretenen Bewegungen blieben. Ein fernes Gemurmel, das der Südwind die Bergesschlucht heraufbrachte, untermischt mit einem dröhnenden Gerassel, ähnlich dem Klang der Waffen, rüttelte sie endlich aus ihren Träumen. Zugleich wurden die Fußtritte von sich nahenden Bewaffneten hörbar. »Jesu Maria! Das ist Graf Carlos«, stöhnte Alonso, der nun plötzlich aufmerksam wurde. Der junge Edelmann war gleich einem Verzweifelten gesessen; keines Wortes mächtig, seinen stieren Blick in die schwarze Nacht der weiten Ferne gerichtet, schien er Empfindung und Bewußtsein verloren zu haben. Das Wort ›Carlos‹ weckte ihn auf einmal aus seiner Bewußtlosigkeit. »Carlos? – Wo ist er?« »Señor, um Gotteswillen!« flüsterte ihm Alonso zu, ihn aus Leibeskräften rüttelnd und in den Abgrund hinabdeutend. »Graf Carlos – habt Ihr ihn ganz vergessen? Er kommt Señor Ulloa zu Hilfe. Er ist bereits nahe, seine Leute sind abgestiegen. Er ist verloren.« Die Fußtritte schwer bewaffneter Dragoner waren nun so deutlich zu hören, daß an ihrer baldigen Annäherung und unausweichlichen Vernichtung gar nicht zu zweifeln war. Ihre schattenähnlichen Gestalten waren in dem Zwielichte des obersten Bergabsatzes, wenn sie auf den Felsenvorsprüngen von einem zaudernden Lichtstrahle erleuchtet wurden, deutlich zu sehen. Von den Indianern, die sich den steilen Abgrund hinab gestohlen hatten, offenbar um ihnen den Rückzug abzuschneiden, war auch keine Spur bemerkbar. »Ladet alle Gewehre«, flüsterte der junge Edelmann seinen Dienern zu, und dann rasch vorspringend, schrie er mit der ganzen Kraft seiner Lunge: »Vigilancia Carlos! Vigilancia!« »Bei allen Teufeln!« schnaubte ihn Jago an, der wie toll herangesprungen kam. »Seid Ihr närrisch geworden, Caballero?« »Vigilancia Carlos!« schrie der Jüngling wieder. »Bei der Mutter Gottes!« schrie Jago mit furchtbar bitterem Lachen. »Das heißt das liebe Mexiko und sein Volk recht kavaliermäßig behandeln. Beinahe sollte man glauben, Ihr seid selbst die geheiligte Majestät, die in allmächtiger Willkür heut Mexiko verschenkt und morgen Befehl gibt, alle diejenigen zu spießen, die seinen gestrigen Befehl in Ausübung zubringen suchten. Bei meinem Schutzpatron, Eure unberufene Mittlersrolle wird Euch niemand lohnen.« »Silencio!« befahl der Jüngling, der wieder Vigilancia schrie. »Der Hahn krähte auch Don Pedro dreimal, aber es war zu spät«, sprach Jago. Und so war es. Die aus vier Mann bestehende Avantgarde der Eskadron des Grafen, die, wie zu erwarten stand, durch den gräßlichen Donner des im ganzen Gebirge widerhallenden Gewehrfeuers herbeigerufen, die Barranca bereits zur Hälfte erklommen hatte, als das Gefecht schon sein unglückliches Ende erreicht, war bereits am obersten Abhange des Plateaus angekommen, aber in einem Zustande, der sie zum Kampfe gänzlich unfähig machte. Sie hatten ihre Stiefel auf dem Rücken und schnappten nach Atem. Bald darauf wurde der junge Graf selbst sichtbar, der, leichter bewaffnet und gekleidet, an der Spitze seiner Mannschaft nachkam. Die Indianer hatten sich, gleich Tigern, die sich zum Sprunge rüsten, mit halbem Leibe aufgerichtet, und ihre Karabiner schußfertig haltend, stierten sie nun heißhungrigen Blickes in die Tiefe hinab. »Señoria,« flüsterte Jago mit einem eigenen Lächeln, »es wäre grausam, Eurem gewesenen Busenfreunde und dem Lieblinge meines verehrten Grafen José so mitzuspielen wie diesem Hund von Gachupin,« er deutete bei diesen Worten auf den spanischen Major, »der die Unsrigen schlachtete wie die Cumanchees die wilden Büffel. Seid unbesorgt. Wir wissen mehr, als Ihr denkt, und wollen Euch dieses bald beweisen.« Und einige Schritte vortretend, rief er mit einer Stimme, die dem Gebrülle eines Büffelstieres wenig nachgab: »Habt Acht! Quartier! Es sind Freunde und Creolen!« Der Aufruf des Mannes hatte zur Folge, daß sämtliche Patrioten ihre Gewehre absetzten und wie Hunde, denen der Herr das »Nieder mit euch!« zuruft, sich wieder in ihre vorige lauernde Lage warfen. Zweiundzwanzigstes Kapitel »Willkommen!« rief Jago lachend dem Grafen zu, den nur noch ein dreißig Fuß hoher Felsenvorsprung von dem Plateau selbst trennte: »Euer Gnaden, wohl bekomm's im Quartier der Freiheit!« Seine Worte waren kaum gesprochen, als ein Schrei des wildesten Jubels aus der Barranca herauf erschallte und die Indianer zugleich von der Erde aufsprangen, während die längs dem Dickicht aufgestellten Mestizen und Zambos mit einem gellenden Gelächter hervor tanzten und die Dragoner so von allen Seiten einschlossen. Der junge Graf zuckte betroffen bei dem unerwarteten Anblicke der mordgierigen Bande zurück, die, nach Blut lechzend, nur mit Ungeduld das Losungswort abzuwarten schien. Noch war er mit seinen Leuten in der Schlucht, und auf allen Seiten Feinde. Einen Augenblick schwankte er unentschlossen, und dann rasch vorspringend, rief er: »Es lebe der König!« Keiner seiner Dragoner antwortete jedoch; bloß die zwei Offiziere wiederholten den Ausruf mit leiser, gedämpfter Stimme. »Herr Graf tun Ihre Schuldigkeit«, sprach Jago mit vieler Ruhe; »jeder Widerstand ist aber vergeblich. Meine Leute können alle die Ihrigen in fünf Minuten mit Steinen tot werfen; ergeben Sie sich, oder Sie haben in der nächsten Minute aufgehört, zu sein.« »Hund von einem Mestizen!« schrie Don Manuel vorspringend. »Wagst du es, so mit einem mexikanischen Kavalier zu sprechen?« und seinen Worten Nachdruck gebend, hob er rasch die Hand mit einer gespannten Pistole. Der Ausbruch der Wut der Indianer, Mestizen und Zambos, der dieser Drohung folgte, war entsetzlich. Mehr denn hundert der Wütendsten waren wie Tiger auf den Jüngling zugesprungen, und es bedurfte all der Gewalt, die unser Arriero so augenscheinlich über diesen Haufen hatte, um sie zurückzuhalten, Don Manuel und seine Diener, die sich ihm angeschlossen hatten, nicht augenblicklich zu zerreißen. »Alle tausend Teufel in allen siebzehn Höllen!« brüllte Jago dem rasenden Haufen zu, indem er mit beiden Füßen die Erde stampfte. »Habt ihr vergessen, wen ihr vor euch habt?« schrie er, auf die Dragoner deutend; dann wandte er sich gelassen und nicht ohne Würde ruhig zu dem Jünglinge, der sprachlos diesem seltsamen Auftritte zugesehen hatte. »Don Manuel,« sprach er, »Ihr seid eigentlich die Ursache, daß wir in eine Klemme geraten, die, die heilige Jungfrau von Guadalupe weiß es, mir zum ersten Male in meinem Leben meinen Verstand zu kurz machte. Beinahe sollte ich schlimm von Euch denken; aber Ihr habt uns in der Stunde unserer größten Not einen Stein aus unserem Garten genommen, und so ist alles ausgeglichen. Ja, wir danken Euch für Euern Beistand; nicht aber wir so sehr als Mexiko, dem unser Leben zu Diensten steht, das in einer Stunde leicht wieder in derselben Klemme sein dürfte. Aber erlaubt mir, Euch zu sagen, daß wir Eure Befehle ebensowenig wie Eure Mittlerrolle anerkennen. Merkt es Euch wohl, wir erkennen weder die Befehle des Königs noch des Virey an, und es wäre wider den gesunden Menschenverstand, uns denen eines passabel edlen siebzehnjährigen Caballero zu fügen. Wir handeln einstweilen als Capitán unserer Truppen und als von der Regierung von Mexiko angestellter Offizier; als solcher unterhandeln wir mit Don Carlos, ohne einer Mittelsperson zu bedürfen. Wir bieten ihm und seinen Leuten Sicherheit für ihre Personen, ihr Gepäck und ehrliche Kriegsgefangenschaft gegen Auswechselung.« Die Würde, mit der diese Worte gesprochen wurden, kontrastierte so seltsam mit dem Aufzuge des Sprechers selbst und seiner Umgebung, daß der junge Kapitän den Mann mit unverhohlenem Erstaunen ansah; aber indem seine Blicke beinahe spottend auf dem Capitán und seiner Bande ruhten, wurde unter seinen Leuten ein Gemurmel vernehmbar, das ihre Unwilligkeit, sich in den ungleichen Kampf einzulassen, nur zu deutlich bekündete. »Herr Graf,« fuhr Jago fort, »von der Eskadron Major Ulloas haben Sie keinen Sukkurs mehr zu hoffen; denn sie ist ganz, wie sie leibte und lebte, in der Ewigkeit.« »Señor Ulloa?« rief der Conde, ungläubig den Kopf schüttelnd. »Würde Ihnen sonst wahrscheinlich das Viva el Rey! zugerufen haben, wenn Don Manuel sich nicht herabgelassen hätte, die Partei der Cavecillas just im entscheidenden Augenblicke zu ergreifen. Sein ritterlicher Sinn«, fügte er ironisch hinzu, »hat ihn freilich zu einer Art Caballerostückchen verleitet; aber die Nachwehen scheinen sich bereits einzufinden. Der Señor hat vergessen, daß der künftige Schwager des Virey ebensowenig Caballerolaunen wie ein Herz haben dürfe, sondern nur Gehorsam. Apropos, Graf! Seht Euch einmal die Garderobe meiner Rekruten etwas genauer an; schade nur, daß es so verdammt finster wird.« Es lag wieder etwas so Boshaftes, eine so maliziöse Negerlaune in der Art, wie der Mann die letzteren Worte gesprochen, daß unsere beiden Edelleute ihn mit unverhohlenem Abscheu und wieder einem Interesse ansahen, das ihnen wechselseitig Fieberglut und Totenblässe auf die Wangen trieb. Jago selbst stand mit verschränkten Armen ganz gleichmütig, ohne das Schicksal seiner Gegner besonders drängen zu wollen; die Bestürzung unter den Dragonern war jedoch nun sichtlich allgemein geworden. » Y basta! « rief er auf einmal. »Nehmen Sie die Ihnen angebotenen Bedingungen an?« »Und wessen Wort«, fragte Carlos, »haben wir als Garantie für deren Erfüllung?« Jago stieg die dreißig Stufen, die in den Felsen gehauen waren, hinab und flüsterte dem Kapitän einige Worte in die Ohren, die diesen nicht ohne Verwunderung zurückprallen machten. Einige Augenblicke sah der Graf den Arriero zweifelhaft an, und dann die dargereichte Hand ergreifend, salutierte er ihn auf eine achtungsvollere Weise, als man von einem jungen, hochstrebenden Aristokraten gegenüber einem Maultiertreiber hätte erwarten sollen. Während dieser wieder auf das Plateau zurückgekehrt war, hatte der Kapitän mit seinen Offizieren gesprochen, einige Worte mit seinen Leuten gewechselt, deren Gemurre eine schnelle Entscheidung mehr als rätlich zu machen schien, und sich dann an den Befehlshaber der Patrioten gewandt. »Wir nehmen Ihre Bedingungen an, Kapitän, fügen jedoch hinzu, daß wir unsere Karabiner abliefern, aber Pistolen, Pferde und Seitengewehre behalten und beisammen bleiben. »Die Pferde sind zu dieser Zeit nicht mehr die Ihrigen; das übrige gehen wir ein«, erwiderte Jago, der nun seinen Patrioten ein Zeichen gab, auf welches diese zurückwichen, um die Dragoner den letzten Felsenabsatz ersteigen zu lassen. Sie kamen einzeln heran, und so wie sie Mann für Mann auf das Plateau traten, so mußten sie auch ihre Karabiner abliefern, worauf sie längs dem Rande des Dickichts aufgestellt wurden. Als die Eskadron auf dem Plateau angelangt und die Karabiner abgeliefert waren, verbeugte sich Jago artig gegen den Kapitän, ihm bedeutend, er bitte um Entschuldigung, daß er ihn für einige Zeit sich selbst überlassen müsse; doch wolle er ihm die Unterhaltung mit Don Manuel um keinen Preis länger vorenthalten. Der junge Militär war wie im Traum gestanden; er sah dem merkwürdigen Arriero nach, er blickte Don Manuel an, schaute dann hinüber auf das Schlachtfeld, wo die Leichen in der einbrechenden Finsternis in grausiger Nacktheit herüberstarrten, endlich trat er rasch auf den Jugendfreund zu. »Und so ist es denn wahr?« fragte er mit zitternder Stimme, »und was meine Augen sehen, ist nicht ein Traumbild? Und Don Manuel – –« er hielt inne, als erschreckte er, die Worte auszusprechen, »und Don Manuel hat sich verblenden lassen, die Partei der Rebellen gegen seinen König zu nehmen?« Der Jüngling war abgewandt gestanden, seinen stieren Blick zur Erde geheftet. »Wer sagt das?« fuhr er empor. »Wer wagt dies zu behaupten? Teufel und Hölle! Wer?« »Jesu Maria!« jammerte Alonso. »Und was haben Sie anders getan, Señor? Mit einem Streiche, in einer Minute Gott, Vaterland, Heimat, Leib und Seele verloren und verdorben. Gott verzeih' mir meine schwere Sünde! Was gingen Sie die Cavecillas an? Warum ließen Sie sie vom Major Ulloa nicht alle totschlagen, die Hunde? – Jesu Maria! Was soll aus uns werden? Heilige Jungfrau. Just als Major Ulloa am besten daran war, sie alle tot zu machen, riet der Teufel, Gott verzeih' mir meine schwere Sünde, unserem jungen Herrn, seine Pistole auf den Major abzuschießen; und wir – was konnten Diener anders tun?« »Isabel!« rief der junge Don, mit geballter Faust sich vor die Stirne schlagend. »Isabel?« fragte Graf Carlos befremdet. »Nicht wahr, der Name, der jetzt angerufen wird, als wenn es die Jungfrau von Guadalupe wäre, befremdet Sie, Graf?« schaltete Jago ein, der wieder herbeigeschlichen war und den Don mit einer Mischung von Hohn und Verachtung anschaute. »Ja, Graf Carlos, da liegt eben der Haken, der Ihren passabel edlen Freund von Ihrer sehr edlen Schwester und von unserm armen Mexiko gerissen. Aber wir wollen Ihnen aus dem Wahne helfen, Don Manuel«, und mit diesen Worten nahm er einige Papiere aus dem Portefeuille und hielt sie ihm ernst vor die Augen. »Nehmt, Señor!« sprach er in demselben kurz barschen Tone, »und laßt Euch helfen; und wenn Ihr glaubtet, die Schwägerin Sr. Exzellenz würde sich herablassen, sich einem passabel edlen Criollo hinzugeben – sie nennt Euch in ihrer Epistel an ihre Freundin noch mit ganz andern Namen – so wird Euch dieser Brief hoffentlich enttäuschen. Ihr seid ein so rüstiger Caballero als irgendeiner; aber der Oberst Ildefonso ist es auch, und noch dazu Bruder eines Herzogs. Und was die gütige Gesinnung des Virey für Euch betrifft, so werden diese Briefe an Barraxi, Castaños und Ballesteros Euch gleichfalls die Augen öffnen. Merkt es Euch: aus dem Wege wollten sie Euch haben, weil Ihr den Dublonsäcken Euers Onkels zu nahe standet; deshalb solltet Ihr nach Spanien. Leset einmal den Brief an Barraxi; er ist erbaulich und so herrlich durchgespickt mit Betrachtungen über die Notwendigkeit, außerordentliche Hilfsmittel bei der gänzlichen Erschöpfung der königl. Kasse herbeizuschaffen, daß Euer loyales Herz eigentlich vor Freuden hüpfen sollte, zu so großen Zwecken beiträglich geworden zu sein. Seht Ihr, Eure Interzessionen zugunsten der Cavecilla gegen den Henkersknecht Ulloa, den ich schon lange auf dem Korne hatte, tragen auch ihre Früchte. Es hat Euch vor einem Logis in Ceuta oder Mallorca bewahrt, oder vor einem noch weniger kostspieligen Grabe auf einem der zwanzig Schlachtfelder Spaniens.« Graf Carlos erholte sich zuerst von dem starren Erstaunen, in das ihn die Worte des Arriero versetzt hatten, und indem sein Auge auf den jungen Don fiel, nahmen seine Züge einen Ausdruck von so unaussprechlicher Bitterkeit, von Schmerz und Hohn an, daß selbst Jago zurückschrak. Seine Brust hob sich, als wollte sie zerspringen; er versuchte zu sprechen, konnte es jedoch nicht. Noch einmal warf er auf den Jüngling einen solchen Blick, dann wandte er sich und eilte zu seinen Dragonern. Don Manuel hatte wieder die Papiere mechanisch zur Hand genommen und sie konvulsivisch zusammengepreßt; dann riß er sie auseinander und stierte in sie hinein wie ein Wahnsinniger. Auf einmal sprang er in die Höhe, warf die Papiere zu Boden, und gebärdete sich wie ein Rasender, daß seine erschrockenen Diener meinten, er habe den Verstand verloren. »Vermaledeite Esel!« rief Jago diesen zu, deren trostlose Gebärden und Hilfsleistungen den jungen Don nur noch in höhere Wut zu versetzen schienen. »Vermaledeite Esel! Was jammert Ihr, als wenn Euch Eure Bräute verloren und verdorben wären?« »Don Manuell« sprach er rauher zum Jüngling, den er bei der Schulter anfaßte und kräftig rüttelte: »Erlaubt Eurem alten Freunde Jago eine Frage: Wollt Ihr hier bleiben, mit uns gehen oder nach Veracruz hinab? Wir brechen in einer Viertelstunde auf.« Der Jüngling stierte ihm in das Gesicht, gab jedoch keine Antwort. »Noch einmal, Don Manuell« sprach Fago. »Wollt Ihr nach Veracruz, so gebe ich Euch sicheres Geleit; selbst an Bord eines Schiffes der großen Republik oder der Engländer vermag Euch mein geringer Einfluß zu bringen. Wählt jedoch schnell; denn was Spanien betrifft, so werdet Ihr wohl selbst einsehen, daß Ihr Euch diesen Gedanken aus dem Kopfe schlagen müßt, außer Ihr wolltet in Ceuta Quartier nehmen; in Mexiko dürfte es gleichfalls für Euch zu heiß geworden sein.« Der Jüngling gab noch immer keine Antwort, und der Arriero wandte sich mit dem Worten: » Y basta! « zu seinen Leuten. Die Nacht war unterdessen völlig hereingebrochen, und auf mehreren Punkten des Schlachtfeldes waren Feuer angezündet worden. Eine Horde Indianer und Indianerinnen war gekommen, die wie Kobolde mit ihren Feuerbränden umherrannten, die Leichen beleuchteten und bei jeder in ein gräßliches Geheul oder ein ebenso gräßliches Gelächter ausbrachen, je nachdem der Gebliebene einer der Gachupins, wie sie ihre Feinde nannten, oder der Ihrigen war. Als sie diese Art Todestanz beendigt hatten, denn diese Sprünge sollten für eine solche Feier gelten, stellten sich die halbnackten Megären in eine lange Reihe auf und traten dann eine nach der andern vor, um jene Verwundeten zu empfangen, die die Indianer für sie bestimmt hatten und die sie sofort auf den Rücken luden und mit bewunderungswürdiger Sorgfalt und Geschicklichkeit die Barranca hinabtrugen. Wie Gespenster waren sie gekommen und wie solche schlichen sie sich fort; ein bloßer Wink des seltsamen Mannes, den wir als Arriero kennen gelernt haben, war hinreichend gewesen, die Gruppe der Indianerinnen zum Schweigen und zu einer Tätigkeit zu vermögen, die bei ihren ausgemergelten, kraftlosen Gestalten weit über ihre Kräfte zu gehen schien. Der Arriero selbst war nach seinem Siege ein ganz anderer Mann geworden. Zwar war bei all seiner anscheinenden Gemeinheit und Roheit schon früher etwas an dem Manne sichtbar geworden, das in hohem Grade zu interessieren fähig gewesen sein dürfte; seit der letzten Stunde jedoch stellte er wirklich mehr den Chef eines fliegenden Truppenkorps als den rohen Arriero vor. Seine Tätigkeit inmitten der absolutesten Anarchie war ebenso bewundernswert wie seine Ruhe und die gänzliche Gewalt, die er offenbar über alle Indianer, Mestizen und Zambos und über sich selbst hatte. Wohl fünfzig verschiedene Befehle und Berichte hatte er zu gleicher Zeit gegeben und empfangen. Keine der Indianerinnen war angekommen, mit der er nicht Worte oder Zeichen gewechselt hätte, und ein Wink war wieder hinreichend gewesen, sie verschwinden zu machen. – Ebenso groß war die Bewegung unter den Patrioten selbst geworden; mehrere Abteilungen hatten sich in Marsch gesetzt oder vielmehr in einen Trab, der sie schnell vom Schlachtfelde wegführte, ohne daß man gesehen oder gehört hätte, wo sie hingekommen waren. Auch hatte sich die Tätigkeit Jagos nicht auf die Patrioten allein beschränkt, jeden Dragoner hatte er seiner Aufmerksamkeit wert erachtet, und die Weise, wie diese aufgenommen wurde, verriet eine baldige gänzliche Hinneigung der Reiter zur Partei der Patrioten. Der junge Graf hatte nicht ohne Unruhe der nimmer ruhenden Beweglichkeit des seltsamen Mannes zugesehen; als jedoch die Eskadron sich teilte und der größere Teil sich in Bewegung setzte, während der andere noch ruhig stand, trat der junge Kriegsgefangene rasch auf seinen Besieger zu. »Señor,« sprach er in einem festen, jedoch achtungsvollen Tone, »dies ist gegen die Bedingungen. – Wir bleiben beisammen.« In diesem Augenblicke erschallte von der Barranca herauf ein langer gellender Schrei, den Jago, rasch an den Rand der Barranca vortretend, in einem ebenso gellenden Ton erwiderte; dann, zum Kapitän zurückkehrend, sprach er zu diesem: »Nun sind wir marschfertig. Meine Leute haben soeben Ihre Pferde in Beschlag genommen. Der Nachtritt dürfte indes ermüdend werden.« »Wir bleiben jedoch beisammen«, wiederholte der Graf, sich die Lippen beißend. »Vorausgesetzt, die Dragoner wünschen es«, fiel Jago scherzend ein. »Wir fechten für die Freiheit, Graf, und es wäre hart, unsere neuen Freunde derselben zu berauben.« Und mit einem vielsagenden Lächeln erhob er seine Stimme und begann in rauhem, aber prachtvollem Aufschwünge: »Freunde, die Freiheit....« »Großer Gott!« rief der Conde. »Diese Stimme! Pedrillo – –!« Doch Pedrillo ließ ihm keine Zeit zu weiteren Fragen. Die Patrioten hatten sich in Bewegung gesetzt, die Dragoner in die Mitte genommen, und alle begannen nun den majestätischen Chor: Freunde, die Freiheit Ruft uns ins Feld; Wir schwören ihr zu leben Zu sterben wie Cid, der Held. Die Weise, einfach und rauh, aber melodisch und ergreifend, hatte die ganze Truppe in Begeisterung versetzt, welcher der junge Kapitän vergebens entgegenzuwirken bemüht war. In der raschen Bewegung war er mit Don Manuel fortgerissen worden, und so wohl berechnet war diese Bewegung gewesen, daß beide auf verschiedenen Wegen abgeführt oder vielmehr von dem Schwalle mit fortgezogen wurden, ohne daß sie auch nur eine Ahnung von ihrer Trennung gehabt hätten. Dreiundzwanzigstes Kapitel. So wie sich der Gesang erhoben hatte, plötzlich und wild, ebenso verklang er wieder, unerwartet und unheimlich, als der Zug den Wald betrat, dessen Schluchten und Labyrinthe nun die Aufmerksamkeit der Führer in Anspruch zu nehmen begannen. Es blieben nicht mehr Fackeln angezündet, als gerade unumgänglich notwendig waren, um den Weg über die gefährlichsten Schlünde zu finden, die auch auf dieser Seite in jeder Richtung hinabgähnen. Hie und da zeigten sich noch Spuren des mit so unsäglicher Mühe in die Felsen gehauenen Pfades, auf dem Cortes seine wenigen Pferde und Kanonen über das Gebirge gebracht, und der nun auch den Major zu seinem weniger glücklich ausgeführten Handstreich geleitet hatte. Stunden waren verflossen in stetem Hinabklettern, Emporklimmen, und Hinabkriechen. Kein Laut war mehr unter der Truppe zu hören; erst als sie in der Tiefe angelangt, erschallten einzelne Pfiffe und wieder ein Geheul, wie das des Jaguars, worauf der Zug eine Weile hielt und sich dann wieder in rasche Bewegung setzte. Der Weg ging nun durch mit ungeheurem Schlingkraut durchwachsene Hochwälder und wilde Dickichte, die sich so ineinander wirrten, daß auch die verwegensten Jäger vom weitern Vordringen abgeschreckt worden wären. Die verbutteten Bergeichen und Fichten waren der Königspalme und Tamarinde, die empfindliche Kälte einer mäßigen Wärme gewichen. Teilweise lagen über den Tiefen ganze Schichten Nebel, die, wenn ein Luftstrom sich erhob, gleich Nachtgestalten sich über die Bergesabhänge hinzogen, rabenschwarze Nacht über den Zug verbreitend. Von Zeit zu Zeit kamen Indianer wie Gespenster im flüchtigsten Trabe aus den Bergklüften und schlossen sich an den Zug an; andere entfernten sich auf dieselbe maschinenartige Weise; der blindeste Gehorsam – eine ungeheure Kraftanstrengung, und nirgends eine Stimme zu hören, kein Befehl, auch nicht das mindeste Abzeichen eines sichtbaren Oberhauptes. Unser junger Don hatte noch immer kein Zeichen seines Daseins gegeben. Mechanisch war er dem Impulse gefolgt, über Schluchten und Abgründe, Täler und Berge, als das prachtvolle Schauspiel von fünfzig Pechfakeln, die längs eines Felsenrückens in einen furchtbaren Abgrund hinabflackerten, ihn endlich aus seiner starren Bewußtlosigkeit weckte. Er stieß ein donnerndes »Halt!« aus, das jedoch kaum aus seinem Munde war, als ein Pfiff gehört und er zugleich mit Riesenarmen ergriffen und auf den Rücken eines gewaltigen Indianers gehoben wurde, der sich den Jüngling wie eine Feder auf den Nacken setzte, seine Schenkel zwischen die beiden Arme nahm und mit dieser Last ebenso leicht forttrabte, als wäre sie sein Bündel mit Proviant gewesen. »Vigilancia!« brüllte eine Stimme auf einmal, und der ganze Zug hielt für einen Augenblick. In der Stille wurde das Tosen eines Waldstromes hörbar, das aus den tiefsten Eingeweiden der Erde herauf zu kommen schien. Die Temperatur, die abwechselnd gemäßigt und wieder kalt gewesen, je nachdem der Zug über Höhen oder durch Klüfte und Abhänge fortgeeilt war, war auf einmal zur tropischen Hitze geworden. »Wo sind wir?« fragte der Jüngling seinen Träger, der ihn über einen Felsen hinabhob und gleich darauf sich selbst hinabwurmte. »Schweig«, bedeutete ihm der Indianer, in die Tiefe hinabdeutend, aus der eine Stimme heraufbrüllte, die aber das Tosen des Waldstromes überrauschte. »Still«, brummte der Indianer nochmals, indem er dem Don seinen Lasso unter die Schultern warf, ihn dann über einen zweiten Felsen hob und mittelst des Lassos dreißig Fuß hinabließ. »Still«, brummte der Indianer abermals, der sich den Jüngling auf dieselbe unzeremoniöse Weise wieder auf den Nacken setzte und in die entsetzliche Tiefe hinabstieg. »Vigilancia!« schrie es nun zum dritten Male. Die Warnung galt einem rohen Baumstämme, der, über den grausigen Abgrund gelegt, den Übergang über den Schlund der Barranca bildete. Der Befehl war kaum gehört worden, als sich unser Don auch schon in den Riesenarmen eines zweiten Indianers fand, der ihn erfaßt und ihn sich auf den Rücken geworfen hatte, als wäre er seine Muskete gewesen, und dann, ohne links noch rechts zuschauen, über die entsetzliche Brücke mehr trabte als schritt. Aus dem Abgrunde herauf tobten und brüllten die Gewässer, dem Auge durch die herrlichsten Baumgruppen und Schlingpflanzen verborgen, auf der andern Seite standen bereits mehrere Indianer, im Rücken schrie eine rauhe Stimme: »Bist du ein Kreole?« und das Schwanken des Baumes verriet, daß ein zweiter Caballito die gefährliche Brücke mit der Mannslast betreten hatte. Ein zweites Mal wurde die Frage gehört; aber die Antwort war noch nicht aus dem Munde des unglücklichen Spaniers, als ein rollendes »Verfluchter!« herüberbrüllte und der Angstruf »Jesus Maria und Josef!« zu hören war, begleitet von einem schweren Falle und Gerassel in den Zweigen. Der Jüngling, der am jenseitigen Ufer angelangt war, sah sich schaudernd nach dem unglücklichen Spanier um, dessen Todesruf soeben aus dem gräßlichen Schlunde herauf verhallte; ehe er aber Zeit hatte, auch nur ein Wort zu sagen, ward er wieder auf den Rücken eines Indianers gehoben und fortgetragen, mit derselben Leichtigkeit und Rücksichtslosigkeit, als wenn er ein zweijähriger Knabe gewesen wäre. Der Zug hatte sich wieder in rasche Bewegung gesetzt. Keiner fragte, keiner gab Antwort. Jeder schien nur auf sich selbst bedacht zu sein. Noch waren einige Angstrufe gehört worden, ohne jedoch auch nur im entferntesten beachtet zu werden. Die Hitze, die sie soeben empfunden hatten, fing wieder an in die Kälte überzugehen, und ein lichter Nebelflor, der um die Gipfel eines ungeheueren Bergrückens zu spielen begann, verkündete die Morgendämmerung. In den Schlünden jedoch war es noch finstere Nacht. Hie und da glänzten den Emporklimmenden Schneeschichten entgegen, die häufiger wurden je höher sie emporklommen, bis endlich der ganze Bergrücken ein Eisfeld geworden war. »Wo ist Graf Carlos?« schrie Don Manuel. »Wo mein Alonso Cosmo?« »Weiter!« befahl eine andere Stimme den Indianern. »Ich sage, wo ist Graf Carlos, Alonso und Cosmo?« schrie der junge Don wieder, der nun mit Schaudern bemerkte, daß der Haufe, der weit über vierhundert stark ausgezogen, keine hundert mehr zählte, darunter siebzig Indianer, die übrigen Dragoner. »Weiter!« schrie der Mann stärker, und ohne daß die Frage einer Antwort gewürdigt worden wäre, setzte er im befehlenden Tone hinzu: » Como por los pozos «; und diese Andeutung war wieder hinreichend, den ganzen Zug in die regste Tätigkeit zu setzen. Die meisten der Indianer waren mit Lassos versehen. Einer derselben nahm einen der Riemen, warf sich die Schlinge um den Leib und indem er das andere Ende, an welchem der Ring befestigt war, einem zweiten Indianer in die Hände gab, ließ er sich über den beinahe senkrechten Felsensattel hinab. Der Ring wurde in einen zweiten Lasso geworfen, in einen dritten, vierten und fünften und so fort, bis der Indianer dem Auge in dem Nebel entschwunden war und sein Ruf verkündete, daß er festen Fuß gefaßt habe. Ein zweiter folgte, ein dritter, und zwar mit einer Schnelligkeit und Sicherheit, als wenn ebenso viele Baumwollenballen aus dem obersten Stockwerke eines Warenmagazins herabgelassen worden wären. »Eure Herrlichkeit«, sprach eine Stimme aus dem Haufen heraus unsern Don an, auf die sonderbare Strickleiter deutend und zugleich einem Indianer winkend, der ihn schnell erfaßte, an den Rand des Felsensattels hob und ihm den Lasso in die Hand drückte. Bald verschwand auch er im Nebel. Mann folgte nun auf Mann; der letzte, der hinabstieg, gab jedem der fünf Führer eine Zigarre, legte die Finger auf den Mund und folgte der Schar, die er vorausgesandt. – Dicht an dem nordöstlichen Abhange senkte sich, gleichsam das Bild dieser mexikanischen Landschaft ganz zu vollenden, eine mäßige Barranca in die Tiefe hinab. Längs dieser Barranca zog sich eine Anzahl indianischer Hütten hinab, aus unbehauenen Baumstämmen ausgeführt und mit Palmblättern gedeckt, aber weder mit Türen noch Fenstern versehen, alle jedoch durch Kaktuseinfriedigungen geschützt, die innerhalb dieser Einfriedigungen einen Blumenreichtum darboten, der seltsam mit der Ärmlichkeit und selbst dem Schmutze der Umgebung kontrastierte. Diesem Rancho hatte sich die Abteilung der Patrioten ebenso rasch als vorsichtig genähert, als die Sonne bereits über die Berge heraufgestiegen war. Sowie sie die Berghöhe hinabstiegen, wurden in den Windungen allmählich eine Kapelle mit schneeweißen Mauern, unter hundertjährigen Zypressen gleichsam begraben, mehrere andere größere und kleinere Gebäude, die Bestandteile einer Hacienda zu sein schienen, und endlich ein schloßartiges Wohnhaus mit flachem Dache und einer Balustrade, umgeben von einer starken und hohen Mauer, sichtbar. Don Manuel hatte in dem raschen Zuge, in welchem sich die unheimlich, ja beinahe gräßlich aussehende Schar fortbewegte, erst jetzt Gelegenheit, seine Umgebung zu betrachten. Die Dragoner ausgenommen, denen man ihre Waffen abgenommen hatte, war keines der Gesichter unter ihnen zu sehen, die ihm früher auf jener fatalen Berghöhe vorgekommen waren; aber mehrere junge Männer verrieten ebensowohl durch ihr Äußeres als ihre stolze Haltung, daß sie zu den höheren Klassen der bürgerlichen Gesellschaft gehörten. Unter diesen schien ein junger Kreole, dem er zur Seite gekommen war, Ansprüche auf Bedeutsamkeit zu machen. Der junge Don war eine Weile schweigend nebenher gegangen. Auf einmal wandte er sich zu dem jungen Kreolen. »Señor«, sprach er etwas barsch und nicht ohne Symptome eines tief verbissenen Ingrimms. »Wollen Sie mir gefälligst sagen, wo wir uns befinden?« »Señor werden es zu seiner Zeit erfahren«, erwiderte der junge Mann. »Wenigstens, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen.« Der junge Mann besann sich einige Augenblicke; dann ließ er die blaue Uniform mit weißen Aufschlägen eines Patriotenmajors sehen, wandte sich, ohne ein Wort zu sagen, und erteilte Befehle an die Umgebung und die Indianer, die im flüchtigsten Trabe dem Rancho zueilten. »Señor«, hob Don Manuel etwas ernster und mit einem Nachgefühle beleidigten Stolzes an. »Wollen sie mir sagen, wie s kommt, daß ich über Barrancas und Berge gleich einem Gefangenen geschleppt werde?« Er stand stille, als erwartete er eine Antwort. »Kann nicht dienen«, erwiderte lakonisch der Patriotenoffizier, der fortgeschritten war. »Señor sind mir übergeben worden mit dem gemessensten Befehle, für Ihre Sicherheit zu haften; wenn Señor mehr beliebt,« fuhr der junge Offizier in demselben trockenen Tone fort, »mit meinem Kopfe zu haften; aber wir haben auch zugleich den Auftrag, Ihrer Freiheit nicht das mindeste in den Weg zu legen und Sie abreisen zu lassen, wann und wohin es beliebt, in welchem Falle wir bloß angewiesen sind, uns eine Bescheinigung zu erbitten und eine Angabe des Ortes, wohin wir Ihre Dienerschaft und Gepäck zu senden haben.« Der Jüngling sah den Sprecher mit großen Augen an. »Und wer hat diese Befehle erlassen?« »Mein General, Don Vincente Guerrero, dessen Adjutant zu sein ich die Ehre habe.« Der Name dieses damals bereits in Mexiko hochgeachteten Mannes brachte den Jüngling zu einer kurzen Pause. »Ist er in der Nähe?« fragte er nach einer Weile. »Ich hoffe, in einigen Stunden meine Vereinigung mit ihm bewerkstelligen zu können«, erwiderte der Offizier. Die Abteilung war nun am zweiten Abhange angekommen, von dem man die Hacienda ganz übersah, und aus den Bewegungen der Indianer war zu entnehmen, daß ein Überfall der Hacienda im Werke war. Während sich mehrere Indianer, geschützt durch die Hecken von Kaktus, an das Rancho heranschlichen, waren andere in derselben Richtung, durch das dichte Gebüsch dem Auge verborgen, von der andern Seite bis in die Hacienda selbst gedrungen. Das Hauptgeschäft schien jedoch den ersteren zuteil geworden zu sein, die, kaum im Rancho angelangt, in die Hütten eintraten, als wenn sie auf Besuch kämen oder hineingehörten. Auch nicht die mindeste Bewegung war im Rancho zu spüren, und die Bewohner des Dörfchens schienen ihre Gäste ebenso bereitwillig, unbekümmert aufgenommen zu haben, wie diese gekommen waren. Die Männer und Weiber kamen und gingen aus den Hütten und schienen bloß auf ihre häuslichen Verrichtungen bedacht. »Bei meiner Ehre!« rief der Jüngling, der sich endlich in der Gegend orientiert hatte. »Wir sind in der Hacienda von Don Basilio Pintos und in der Nähe von Chalco und Mexiko.« »Sehr leicht möglich«, erwiderte der Major trocken. »Und Sie wagen es!« rief der Jüngling, der rasch der Hacienda zuzueilen im Begriffe stand. »Halt, Señor!« rief der Militär scharf, während zwanzig Indianer und ebenso viele Dragoner von ihren Lagerplätzen aufgesprungen waren, um ihm den Weg zu vertreten. »Wir wagen es, der Hacienda Von Basilio Pintos einen Besuch abzustatten, ohne übrigens Ihrer Anmeldung zu bedürfen. Leider«, fuhr der junge Major fort, »haben wir seit den vierzehn Monaten unseres Kriegslebens einigermaßen die spanische Etikette vergessen.« Diese Worte, mehr an die Umherliegenden gerichtet, verursachten ein lautes Gelächter. »Señor,« fuhr der Offizier ernster fort, »Sie haben, wie gesagt, Freiheit, zu gehen oder zu bleiben, jedoch müssen wir uns noch auf alle Fälle für eine halbe Stunde das Vergnügen Ihrer Gesellschaft erbitten, während welcher Sie als ein guter Christ die Messe hören können.« Wirklich ertönte in demselben Augenblicke die Glocke aus dem Türmchen der Kapelle, und bald darauf kamen auch die Bewohner des Rancho und der Hacienda aus ihren Hütten und Türen und zogen der Kapelle zu. »Es geht recht gut«, lachte der junge Militär, der mit Falkenblicken umhergespürt hatte, den Seinigen zu; »und wir werden einige Stunden der Ruhe pflegen können. Sehen Sie doch einmal, Señores,« lachte er wieder, »unsere braven roten Alliierten im Rancho haben die Unsern mit ihrer Sonntagsrobe ausgestattet, und die Kerls wandeln nun so bußfertig zur Kirche, als ob sie Ablaß für alle ihre Sünden zu erlangen hofften.« Die Kreolen erhoben sich, um dem Kirchgange der Ihrigen zuzusehen, die Indianer blieben jedoch liegen. Das Glöckchen vom Turme erschallte wieder, und auf dieses Zeichen warfen sich alle auf die Knie, schlugen sich auf die Brust und murmelten: Mea, culpa . In derselben Stellung verharrten sie, bis die Glocke ein zweites Mal geläutet. »Bei der heiligen Jungfrau, der Padre weiß, daß unser Appetit groß und unsere Andacht klein ist!« lachte einer der Offiziere. Diese Worte wurden auf einmal durch den Ausruf: » A todos los diablos – Caramba! maldita cosa! « und so fort unterbrochen. Es hatten sich nämlich die Tore der Hacienda geöffnet, nicht, wie die Offiziere es erwartet hatten, um die Ihrigen, vermengt mit den Insassen des Rancho, einzulassen, sondern um einen Zug von Reitern in voller Bewaffnung von sich zu geben, an dessen Spitze mehrere Offiziere von hohem Range ritten. Der Reiter waren zehn. Der junge Major knirschte mit den Zähnen. »Das ist San Ildefonso, der junge Oberst, und Major Arios und der alte und junge Pintos! Und die uns entgangen! Stille, stille, Jungens!« rief er, »es ist zu spät! Unsere Muchachos haben keine Waffen als ihre Messer, und die sind ein ärmliches Zeug gegen zwanzig Pistolen und zehn gute Schwerter. Alle Teufel! Sie ziehen hinab gegen Mexiko!« Die Reiter schienen auch nicht im mindesten die Gegenwart der gefährlichen Gäste zu ahnen und hatten sich in schnelle Bewegung gesetzt, rasch auf dem breiten Wege forttrabend, der aus dem Tale der erwähnten Hügelkette zuführt. »Nur zehn unserer Dragoner auf jenem Vorsprunge, und alle wären unser!« rief der Major wieder, der in der Spannung, in die ihn das Entkommen der wichtigen Feinde versetzt, ganz die Hacienda vergessen hatte, deren Tore mittlerweile geöffnet worden waren, um die Indianer zum Ankaufe ihrer Bedürfnisse in der Krambude zuzulassen. Beinahe in demselben Augenblicke wehte auch ein weißblaues Tuch vom Dache des Gebäudes, als Zeichen, daß die Hacienda in der Gewalt der Patrioten sei. Alsbald trat der Major mit Don Manuel in die Hacienda ein, in welcher die jubelnden Indianer Vorkehrungen zur Bewirtung und Verpflegung der Patrioten trafen. Ballen von Tüchern, Schläuche mit Pulque lagen neben Tonnen voll Chili und Bergen von Salzfleisch und Mais in Körnern, und daneben die Requisiten einer indianischen Garderobe; denn nach mexikanischer Sitte hatte es der Eigentümer nicht unter seiner Würde gehalten, eine sogenannte Tienda oder Kramladen in seiner Villa zu halten. Ungeheure Kisten, mit Zigarren gefüllt, lagen offen für jedermanns Gebrauch, und Offiziere und Patrioten, und Männer, Weiber und Kinder strömten mit gleicher Hast heran, sich mit diesem, einem Mexikaner unentbehrlichen Bedürfnisse zu versehen. Bald war der ganze Vordergrund in eine dichte Rauchwolke eingehüllt, unter der Hunderte von Indianerinnen rasch die Lieblings-Tortillas buken, die beinahe ebenso schnell unter der Hand der Bäckerinnen verschwanden, wie sie aus der Pfanne gekommen waren. Mitten unter diesem Drängen und Treiben ließ sich ein Gewirr von Stimmen von der nördlichen Seite des Tales her hören, und die Avantgarde eines zahlreichen Korps Patrioten wurde sichtbar; hinter diesen mehrere reich uniformierte und durch Haltung ebensowohl als durch Anstand ausgezeichnete Militärs in der Uniform mexikanischer Stabsoffiziere, unter ihnen Graf Carlos; dann folgte die Mannschaft, die, durchgängig wohl bewaffnet, beiläufig fünfhundert Köpfe betragen mochte. Es waren meistenteils Indianer, Mestizen und Zambos aus den südlichen Teilen des Reiches, kräftige, wohlgebildete Gestalten. Von Zeit zu Zeit ertönte der Ruf: »Es lebe unser General Vincent Guerrero!« Merkwürdig genug war Capitan Jago in dem Zuge reich gekleideter Stabsoffiziere, von denen einer Brigadiergenerals-Uniform trug, noch immer in seiner schmählich mitgenommenen Manga, obwohl seine Fußbekleidung renoviert war. Er trat rasch auf den Jüngling zu. »Ah, Don Manuel!« lächelte der Mann etwas boshaft, die zerrissenen Schuhe und Manga des jungen Kavaliers fixierend. »Sie werden ohne Zweifel mit Ihren letzten Nachtmärschen nur wenig zufrieden gewesen sein; aber wir konnten nicht anders, und Ihr Freund Graf Carlos dürfte kaum besser gefahren sein. Wir hoffen jedoch, unsere Befehle sind respektiert worden, und Major Galeana hat Sorge getragen?« »Don Galeana Sorge getragen?« rief der Jüngling, dem die Erinnerung an die rücksichtslose Behandlung in der letzten Nacht Schamröte und Wut auf die Wangen trieb. »Major Don Galeana, hoffen wir, wird unsere Befehle –« »Don Galeana deine Befehle?« fiel der Jüngling erbittert ein, ohne den Mann ausreden zu lassen. »Mexiko nennt mich Vicente Guerrero,« sprach der gewesene Arriero trocken, aber mit Würde, »und künftighin muß ich Eure junge Herrlichkeit bitten, mich bei diesem Namen zu nennen.« Und mit diesen Worten wandte der angebliche Maultiertreiber, der nun plötzlich einer der ersten Generale Mexikos geworden war, dem beinahe vernichteten Jüngling unter dem lauten Gelächter der Umstehenden den Rücken. »Lassen Sie,« befahl er dem Major, »die Mannschaft schnell abfüttern, daß sie wenigstens drei Stunden zur Siesta hat. Ersuche Sie um eine Zigarre«, bat er einen zweiten. »Ah, da gibt es ja Tortillas«, lachte er, indem er an eine Gruppe Indianerinnen heranschritt, die, mit dem Backen dieser beliebten Maiskuchen beschäftigt, ihm entgegengekrochen waren, um den Saum seiner Kleider zu küssen. »Die ist gut, Mata«, lachte er einem Mädchen zu, in eine Pfanne greifend und eine der Tortillas herauslangend. – »Apropos! Don Galeana,« wandte er sich wieder an den Major, »lassen Sie die zwei Spanier aufknüpfen, die auf der Flucht eingeholt worden sind. Graf Carlos!« wandte er sich an den kriegsgefangenen Kapitän, »Sie sind unser Gast bei der Tafel, und wenn Ihrem Freunde unsere Einladung nicht zu gering ist – Doch, wo ist er? Wo ist Don Manuel?« Vierundzwanzigstes Kapitel. War es der prachtvolle Morgen oder ein anderer Umstand, der die schöne Welt Mexikos zu dieser ungewöhnlichen Zeit aus der Stadt gelockt hatte, – die zehnte Vormittagsstunde fand den Paseo nuevo mit Hunderten von Reitenden und Fahrenden angefüllt, die Herren zu Pferde in ihren Mangas mit kostbarem Pelzwerke verbrämt, die Damen in ihren Mantillas und der reizenden Basquina. Die ganze lange Allee war von altmodischen, überfirnißten, aber durch ihre Anzahl und seltsamen Verzierungen imponierenden Wagen bis zum Erdrücken angefüllt; dazwischen zahlreiche Fußgänger und Reiter, letztere in dem vollständigen Aufzuge mexikanischer Caballeros. Dieser Aufzug bestand noch in der Rüstung des Pferdes, die, obwohl nichts weniger als bequem oder zweckmäßig, ungemein malerisch erschien. Ein gewaltig hoher Sattel, der vorne in dem weit hervorragenden Sattelknopfe, hinten in der sogenannten Anquerra endigte; eine Decke von gepreßtem, vergoldetem Leder, von welcher zwei Taschen herabhingen, das Ganze mit Kettchen am Sattel befestigt. Über diese schwere Decke, die nicht mit Unrecht Cortezschild genannt wurde, hatten die meisten Reiter noch ein schwarzes Bärenfell gebreitet, das mit der übrigen schweren Rüstung und dem arabischen Gebisse, den Pferden eine kriegerische Stattlichkeit verlieh, die lebhaft in die Zeiten der ersten Eroberer zurückversetzte. In den Wagen saßen wieder durchgehends Damen, alle in die schwarze Mantilla verschleiert, so daß bloß die Umrisse der Gestalten zu ersehen waren. Was jedoch am meisten auffiel, so herrschte unter den Tausenden von Fußgängern, Reitenden und Fahrenden eine merkwürdige Stille; bloß Blicke wurden zwischen den sich Begegnenden gewechselt; kein Laut, kein Wort war zu hören, und das Gerassel der Wagen und die Hufschläge der Pferde waren das einzige Geräusch, das zu vernehmen war. Alles eilte dem Ausgange des Paseo und der Straße von Tacubaya zu, auf deren Anhöhen die Augen aller gerichtet waren. »Bei meiner Ehre, Señoria,« hob Don Lopez Pinto an, »das hat etwas zu bedeuten.« »Und was soll es zu bedeuten haben?« fragte der Oberst Ildefonso. »Und Sie sehen es nicht; Sie sehen nicht, wie alle Tacubaya zurennen? Es sind lauter Kreolen-Mangas, keine zehn blauen oder braunen Mäntel. Glauben Sie, sie laufen nach Tacubaya, um den Palast des Erzbischofs zu sehen oder seine Olivenbäume zu zählen? Mutter Gottes! Sie wissen doch, wohin die Straße von Tacubaya führt?« »Nach Agostin de las Cuevas«, versetzte der Oberst. »Sie scherzen, Señoria«, brummte der Spanier unwillig. »Mir ist aber gar nicht so spaßhaft zumute, und Eurer Herrlichkeit wäre es vielleicht auch nicht, wenn Sie eine Hacienda und liegende Gründe im Werte von einigen hunderttausend Duros hätten. Sehen Sie doch nur einmal diese Kreolinnen an!« stieß er auf einmal im verächtlichen Tone aus. »Haben Sie derlei geschaut? Sie fahren zu, ohne auch nur einem einzigen unserer Offiziere einen Blick zu schenken, gerade als ob es keine spanischen Offiziere gäbe. Sie erwidern selbst die Salutation derselben nicht; sie regen weder Mantillas noch Fächer.« Der Oberst begann aufmerksam die Gruppen zu beobachten. »So sehen Sie doch nur einmal«, fuhr der Spanier fort, »diese Weiber, sie grüßen Ihre Offiziere nicht.« »Wahrscheinlich, weil sie sie nicht kennen.« »Nicht kennen!« schrie der Spanier giftig: »Nicht kennen! Sehen sie nicht und wissen sie nicht, daß sie spanische Caballeros sind und daß der geringste Spanier hier mehr ist als der erste Criollo, und wenn es der Graf Regla oder San Jago wäre. Da sieht man wohl, daß Eure Herrlichkeit noch nicht warm bei uns geworden sind. – Ich küsse Euer Gnaden die Füße!« begrüßte er eine Gruppe Offiziere, die herangesprengt kamen, um dem Stabsoffizier ihre Ehrfurcht zu bezeugen. »Ah, Señoria,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »ich sage Ihnen, daß bis zum Jahre unsers Herrn gnadenreicher Geburt tausendachthundertundacht die erste Condesa Mexikos sich geehrt gefühlt haben würde, wenn ihr – was sage ich, ein kastilianischer Hidalgo die Ehre angetan, um ihre Hand anzuhalten, in welchem Falle es stets Sitte war, daß sie zum Haupterben erklärt und zwei Drittel des väterlichen Vermögens erhielt, wenn nicht alle drei. Wir selbst – –« das Männchen hielt inne – »ah, das waren die guten alten Zeiten; seit achtzehn Monaten haben die neueren bösen angefangen; aber es muß wieder zurückkommen auf die guten alten Zeiten; denn worin bestände sonst der Vorzug der Spanier vor allen Völkern der Welt –« »Wenn sie nicht die Weiber und Töchter Sr. Majestät getreuen Untertanen von Mexiko zu ihrem Zeitvertreibe hätten?« ergänzte der Oberst lachend. »Señores!« versicherte er den umstehenden Offizieren. »Die Verez und Alicante Señor Pintos sind vortrefflich, und wir sind Ihnen«, fuhr er zum Hidalgo gewendet fort, »für das prachtvolle Frühstück sehr verbunden. Aber vergeben Sie – Ihre Ansichten –« »... sind die Ansichten, die Mexiko dem Mutterlande dreihundert Jahre erhalten haben«, sprach der Spanier stolz. Ein Kopfnicken der Mehrzahl der Offiziere schien zu verraten, daß auch sie die Ansichten des ausgedorrten Spaniers vorzugsweise vor denen des Oberst teilten. »Dies wäre auch keine so üble Partie«, meinte ein Kapitän, auf einen Wagen deutend, der, ganz schwarz bemalt, im feierlichen Trabe herabgerollt kam. »Beiläufig hunderttausend Duros«, bemerkte der Angeredete. »Das wäre eine Partie für dich.« »Der Stern von Mexiko ist jedoch unsichtbar,« sprach ein dritter, »und für lange Zeit unsichtbar. Señor Pinto! Sie gehen zum Grafen San Jago?« fragte der Sprecher den alten Hidalgo. »In sehr wichtigen Angelegenheiten, Señor Parodi«, bedeutete ihm dieser. »Wir versammeln uns bei Sr. Herrlichkeit in Cuerpo. Ah, Señores! Dieser Graf San Jago hat eine Nichte, und diese Nichte hat wieder Duros! Ja, Señores, diese Condessa Elvira! –« »Pah, eine Kreolin!« fiel der Leutnant ein. »Aber vom reinsten alten leonischen Adel, mit mehreren der ersten Familien verwandt, und dann – Duros! Man sagt, selbst der Graf werde ihr einen bedeutenden Teil seines Vermögens hinterlassen.« »Wollen Sie die Gefälligkeit haben, Se. Herrlichkeit unserer Ergebenheit zu versichern, und demselben zu eröffnen, daß wir uns die Freiheit nehmen werden, ihm und seiner Condessa unsere persönliche Aufwartung zu machen?« »Dem Grafen San Jago?« sprach der Hidalgo, der den alten verdorrten kleinen Leutnant kopfschüttelnd maß. »Wir hoffen doch, daß wir, Don Pedro Parodi, deren Vorfahren unter dem großen Ruy die Schlacht von Ronceval –« »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht«, wisperte der alte Spanier, der mit seiner Hochachtung für altspanisches Blut doch in einige Verlegenheit zu geraten schien. »Nur jetzt nicht«, bat er. »In zwei, vier Wochen, sowie wir von Cuautla Amilpas herauf gute Nachrichten haben.« »Und warum jetzt nicht?« fragte der kleine alte klapperdürre Leutnant ungeduldig. »Señor!« erwiderte der alte Spanier. »Nicht jetzt. Se. Herrlichkeit haben eine lange Hand bei den Cortes, sind gefürchtet.« Nur ungern ließ sich der Leutnant bewegen, seine plötzlich aufgeflammte Liebe zu der schönen Condessa Elvira und ihren schönern Duros zu vertagen. Einstweilen jedoch schloß er sich wieder an die übrigen Offiziere an, deren sehr lebhafte Unterhaltung sich durch ein lautes Gelächter ankündigte. Man hörte bloß die Schlagwörter, die in spanischer Manier fielen, kurz, trocken, und voll kaustischen Salzes. »Carracco!« rief ein Fähnrich. »Diese ledernen Kasten könnten alle Ayuntamientos des alten Kastiliens mit dem ganzen Hofstaate des alten Don Carlos und der sehr liebenswürdigen Marie Luise und des Gardisten beherbergen.« »Nur sind die verdammten Fenster so hoch, daß man die Señoritas nicht sehen kann«, lachte ein zweiter. »Was braucht es viel zu sehen, wo man greifen kann?« spottete ein dritter. »Oder rufen, oder pfeifen«, höhnte ein vierter. »Versuchen Sie es, Amalgro, und sehen Sie, ob Sie nicht zwanzig – sechzig – hundert auf einmal am Halse haben! Abderahman konnte nicht schneller bedient worden sein.« »Carracco!« rief der erste Würdenträger dieser schwarzbärtigen Schar, ein kleiner feuriger Fähnrich, indem er seinem Pferde die Sporen gab und im raschesten Galopp einer Kutsche zusprengte, in der zwei Damen saßen, von denen die eine, nach den edlen Umrissen ihrer verhüllten Gestalt zu schließen, eine sehr anziehende Erscheinung sein mochte. Die plötzliche Bewegung des jungen Offiziers hatte nicht nur die Aufmerksamkeit der sämtlichen auf ihren Pferden haltenden Offiziere, sondern des Publikums überhaupt in hohem Grade erregt, und sie begann, obwohl auf verschiedene Weise, sich ebenso schnell zu äußern. »Teufel!« riefen die Offiziere. »Nieder!« schallte es im dumpfen Gemurmel aus der wogenden Menge herüber. »Vorwärts, Señor López!« riefen mehrere Offiziere wieder. »Es lebe der Eroberer!« schrie ihm eine dritte Abteilung zu. »Meiner Seele, keck wie ein Navarese«, hob der kleine Leutnant wieder an. »Sagen Sie vielmehr: kühn wie ein Andalusier«, verbesserte ihn ein zweiter; »denn Señor López Matanza hat die Ehre, ein geborener Andalusier zu sein.« »Des Landes, das der Erzengel Gabriel selbst besucht«, spottete ein Nachbar. Die witzige Unterhaltung wurde auf einmal durch einen Schrei des Unwillens oder Entsetzens, der aus dem Wagen, in welchem die beiden Damen sahen, gehört ward, unterbrochen. Der Fähnrich war auf diesen mit all der äußern Galanterie eines Spaniers und all dem Übermuts eines privilegierten Wüstlings zugesprengt. Einen Augenblick herrschte Totenstille im ganzen unübersehbaren Paseo ob dieser frechen Herausforderung; aber zugleich wandten sich tausend Köpfe, und tausend Hälse streckten sich in der Richtung hin, wo der Schrei erschallt war, und als sie die Ursache allmählich errieten, hielten die Wagen auf einmal, und Reiter und Fußgänger galoppierten und preßten zu Hunderten an die Kutsche, in der die beiden Damen sich befanden, heran, und bald war der kecke Offizier von einer zahllosen Menge umgeben, und Reiter und Fußgänger hatten sich in eine dichte Masse um den Wagen und den übermütigen Fähnrich herumgedrängt und einen kompakten Kreis um ihn gebildet. Zugleich erhob sich ein Gemurmel, das anfangs wie furchtsam klang, das aber mit jeder Sekunde lauter und drohender wurde. Noch war keine Hand gegen den vermessenen Verächter mexikanischer Weiblichkeit erhoben; aber nun ertönten die furchtbaren Worte: »Nieder mit dem Tyrannen!« Hundert Hände erhoben sich zugleich, und der unselige Fähnrich verschwand von seinem Rosse. Die sämtlichen Offiziere waren im Fluge herangesprengt und suchten mit gezücktem Degen sich den Weg zu ihrem Gefährten zu bahnen. »Señoria, um Gottes willen!« kreischte der alte Hidalgo dem Oberst zu, der mit einem der Offiziere einige Schritte abwärts im Gespräche begriffen gewesen. »Stellen Sie sich nur die Keckheit vor, einer Ihrer Offiziere, der sehr achtbare Fähnrich Señor López Matanza, vom Regiments Zaragoza, wie wir glauben, würdigt die Señorita Zúñiga seiner Aufmerksamkeit und serviert ihr eine Salutacione, deren sich keine Condessa schämen dürfte, und die unverschämte – –« »Bei meiner Seele, Don Pinto sind ein Narr!« rief ihm der Oberst zu, der seinem Gaule den Sporn gab und dem Haufen zusprengte, der in demselben Augenblick sich teilte, um einen glänzenden, von vier stolzen Andalusiern gezogenen Phaeton durchzulassen, und zugleich den Schwertern der sechs königlichen Leibgardisten, die ihm vorsprengten und Bahn machten, zu entgehen. Der Haufe hatte sich, sonderbar genug, lautlos und in wenigen Sekunden mit einer bewundernswerten Ordnung in die zweite Allee gezogen, und die vizekönigliche Equipage war ungehindert an den Wagen in dem die beiden Damen saßen, vorgefahren »Was ist?« fragte eine der beiden Damen, die im Phaeton saßen. »Eine zu weit getriebene Galanterie,« antwortete der Oberst, »soviel wir gehört haben, deren sich unser Fähnrich Señor López Matanza schuldig gemacht hat.« »Wir bedauern unendlich, liebe Señoras«, sprach die Dame mit einer volltönend melodischen, aber etwas gebieterischen Stimme, »und bitten Sie, einstweilen unsern Wagen als den Ihrigen anzusehen.« Und indem sie mit bezaubernder Grazie sich zu den Damen hinüberneigte, hoben zwei reich gekleidete Diener die vor Schrecken über diese Auszeichnung halbtote Kreolin aus ihrem Wagen und versetzten sie in den Phaeton an die Seite der hohen Dame, die sich nun gegen die Offiziere huldvoll verbeugte und mit dem gnädigen Lächeln einer Königin die Allee herabrollte. Des Obersts Auge war einen Augenblick der stolzen Schönen nachgefolgt; dann fiel sein Blick auf die Kreolen, die nun wieder wie zuvor dem Ausgange des Paseo zufuhren, ritten und wogten, gleichsam als ob auch nicht das mindeste vorgefallen wäre. »Das ist seltsam, auf Ehre«, sprach er endlich zu seinem Nachbar. »Wo ist aber Fähnrich Señor López Matanza? Señor Martinez, fordern Sie ihm für drei Tage seinen Degen ab. Wo ist Fähnrich Señor López Matanza?« fragte der Oberst heftiger. Er war verschwunden; sein Pferd mit ihm. »Wo ist Don López Matanza?« riefen sämtliche Offiziere. »Sucht hinter dem Springbrunnen«, schrien entfernte Stimmen herüber. »Jesús Maria! A todos los diablos! Virgen Santa!« schrien und riefen sämtliche Offiziere. Der unglückliche Spanier lag hinter dem Brunnen, seine Brust von mehreren Stilettstichen durchbohrt, er selbst ohne Leben. Blaue Flecken am Halse verrieten, daß er zuerst erwürgt und dann erdolcht worden war. »Señores« sprach der Oberst leise und ungemein ernst, »unser Bruder hat sein Schicksal gesucht. Diese verachteten Kreolen fangen an, ihre Schande zu gewahren. Hüten Sie sich, diese Erkenntnis zu beschleunigen.« »Mutter Gottes!« murmelte ein Capitan. »Bei hellichtem Tage, im Angesichte von Tausenden, haben sie ihn wie einen Hund erwürgt.« »Ich fürchte solche Taten; es sind Funken, die leicht zu Bränden werden können«, mahnte der Oberst. »Nochmal, Señores, Klugheit!« Ein Pikett Truppen, das beiläufig tausend Schritte davon an der Brücke des Chalco-Kanals aufgestellt gewesen, war mittlerweile herbeigeeilt; der Oberst erteilte die nötigen Befehle und sprengte, nachdem die Soldaten den Gemordeten auf eine Tragbahre, aus ihren Gewehren zusammengesetzt, gelegt, den Paseo hinab; die andern folgten der Leiche. Übrigens schien das Ereignis, als ein so furchtbares Symptom der Volksgesinnung gegen die Unterdrücker es auch gelten konnte, zehn Minuten nachdem es vorgefallen war, rein vergessen zu sein; kaum, daß man auf die Soldaten, die den Leichnam dem vizeköniglichen Schlosse zutrugen, achtete. In derselben bangen, brütenden Stimmung und mit der beflügelten Eile ängstlicher Erwartung strömte die Menge dem Ausgange der Allee und den Anhöhen von Tacubaya zu, ohne weder links noch rechts zu sehen. Es war etwas Unnatürliches in dieser Hast und Angst, mit der Tausende und abermals Tausende den Anhöhen von Tacubaya zufuhren und -ritten und -liefen, und als sie auf diesen angekommen waren, in das Tal und die sich hinter diesem Tale auftürmenden Berge von Marqués de la Cruz hineinstierten, als wollten sie mit ihren Blicken durch und durch schauen und weiter dringen in eine Ferne, die für sie etwas Namenloses zu haben schien; denn keine Zunge wagte es, dieser Sehnsucht Worte zu geben. Was aber diese Sehnsucht, dieses Etwas war, war leicht zu ermessen. Die Straße, die nach Tacubaya führt, zog über Agostin de las Cuevas, Axusco, Guxilaque und Cuernavaca nach Cuautla Amilpas, dem Punkte, auf dem sich die Hoffnungen und Besorgnisse von Tausenden, ja Millionen konzentrierten. Dort stand das Heer der Insurgenten unter dem Manne, dessen unerschütterliche Ausdauer neuerdings die Waagschale der Freiheit Mexikos sinken gemacht hatte. Dieses Heer der Insurgenten, soviel wurde nun dem Volke allmählich klar, hatte auf der Straße von Mexiko nach Acapulco eine feste Stellung eingenommen; aber mit welchen Absichten und Streitkräften, das war noch unbekannt; denn, wie leicht zu erachten, so hatte die Regierung über die Bewegungen der Patrioten sowohl, als die ihrer eigenen Armeen, das tiefste Stillschweigen beobachtet; die vizekönigliche Hofzeitung, die einzige, die im ganzen mexikanischen Reiche existierte, hatte bloß unter den endlosen Ankündigungen von Prozessionen und Kirchenfeierlichkeiten, mit denen sie jederzeit ausgefüllt war, die kurze Nachricht eingeschaltet, daß Se. Exzellenz der General-Kapitän mit den Tapfern von Mexiko ausgezogen sei, um die schwachen Überreste der Rebellen, die es vermessentlicherweise wieder gewagt hätten, sich zu zeigen, vollends zu vertilgen, und ganz am Ende stand der verlorene Nachsatz, daß Major Ulloa beordert worden sei, einen Banditenhaufen, der die Straße von Puebla unsicher mache, der gerechten Strafe zu überliefern; die gewöhnliche Art und Weise, in der die spanischen Behörden von den Führern der Revolution und ihren Bewegungen sprachen, die aber, weit entfernt, die gehoffte Verblendung des Volles zu bewirken, dieses der Wahrheit nur um so näher gebracht hatte. So gedrückt und in Unwissenheit versunken auch die große Mehrzahl der Mexikaner sein mochte, so konnte die Anwesenheit bedeutender Streitkräfte der Insurgenten in der Nähe der Hauptstadt und an einer ihrer wichtigsten Verbindungslinien unmöglich lange verborgen bleiben. Nicht nur die Zufuhr von dem Punkte, wo sich die Armee der Insurgenten festgesetzt, hatte aufgehört, auch die Verbindung mit den westlichen und südlichen Provinzen des Reiches war unterbrochen, und die Hauptstadt hatte das Ansehen einer blockierten Festung angenommen. Auch dem blödesten Verstande mußte es so allmählich begreiflich werden, daß nur ein starkes und an die Regeln der Kriegszucht gewohntes Heer einen solchen Zustand der Dinge herbeiführen konnte, einen Zustand, der wieder, weit entfernt, Mißmut oder Trostlosigkeit zu verbreiten, vielmehr die ganze Bevölkerung in eine Art freudigen Wahnsinns versetzte, der wieder etwas folternd Peinliches dadurch hatte, daß alle ihren Freudenrausch in die tiefste Brust zu verbergen gezwungen waren. Verzögerte Hoffnung macht das Herz krank, und Mexiko war wirklich krank. Gezwungen, den verhaßten fremden Gewalthabern eine Ehrerbietung zu heucheln, die ihnen zur Pein wurde, und die Hoffnung baldiger Erlösung von ihrer Tyrannei in die Tiefe ihres Herzens zu begraben, waren nun Tausende und abermals Tausende den Mauern Mexikos entflohen und ausgezogen, um ihrem innern Drange zu gehorchen und sich wenigstens soviel als möglich dem Punkte zu nähern, wo ihre Freunde und Landsleute für die Freiheit des gemeinsamen Vaterlandes fochten und bluteten; die einzige Willensäußerung, die diesem Volke erlaubt war. Aber, gleichsam um dem allgemeinen Abscheu gegen die gesetzlosen Tyrannen wenigstens in etwas Luft zu machen, waren Hunderte von Kutschen an der Villa des Grafen von San Jago vorgefahren, um dem edlen Landsmanne und seiner Pflegetochter die allgemeine Sympathie auf eine recht deutliche Weise darzutun. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Condessa Elvira saß in ihrem Schlafgemache, das innige Zärtlichkeit zum süß duftenden Tempel reiner Unschuld mit einer seltenen Delikatesse ausgeschmückt hatte. Die Wände, nach Landessitte al fresco gemalt, zeigten gelungene Kopien der Raffaelischen Kartons, von einem der ersten Schüler der Akademie der schönen Künste ausgeführt. Zwei Marmorstatuen, Amor und Psyche vorstellend, lächelten aus ihren Nischen schalkhaft und heiter verschämt dem holden Kinde zu. Im Hintergrunde eines Alkovens stand das mit durchsichtigem Flor umhangene jungfräuliche Bett von duftendem Rosenholz, auf Säulen von getriebenem Silber ruhend. Das Gemach selbst war in einen Garten verwandelt, von den herrlichsten Wohlgerüchen der mexikanischen Flora duftend, der Herz- und Tigerblume und den Abarten der vielfarbigen Kamelien, während durch die purpurnen Vorhänge des offenen Fensters die blaßroten Strahlen der Morgensonne das Ganze in das lieblichste Helldunkel kleideten, alles bezeugend, wie die Bewohner des Hauses vereint beigetragen hatten, den gemeinsamen Liebling zu entzücken. Zu den Füßen des holden Kindes kauerten zwei wunderschöne Oaxaca-Indianerinnen, deren glänzende Kupferfarbe nur da zu sein schien, um die ungemeine Lieblichkeit der Hauptperson recht strahlend hervorzuheben. In einem anstoßenden größeren Zimmer, das als Besuchsaal diente, saßen mehrere Damen in der schwarzen Morgenkleidung des hohen Adels Mexikos. Sie schienen ungemein ernst, ja niedergeschlagen. Mehrere schwiegen ganz, andere waren in einer abgebrochenen Unterhaltung begriffen oder horchten den Stimmen, die aus dem anstoßenden Gemache, nun mehr oder minder vernehmbar herüberschallten. Es waren Männerstimmen, die, obwohl sie leise zu sprechen sich Mühe gaben, häufig wieder in die leidenschaftliche Hitze ausbrachen, in die niemand leichter als Kreolen aufwallen. »Und wann hat unsere teuere Condessa zuerst das Lager verlassen?« fragte eine würdig aussehende, ganz schwarz gekleidete Dame, auf deren Gesicht die Spuren einstmaliger Schönheit noch nicht ganz verwischt waren. »Küsse Eurer Herrlichkeit die Hände«, versetzte die Camareria. »Gestern erhob sie sich auf einmal, und zwar gerade als Se. Herrlichkeit der Graf recht betrübt und traurig in ihr Kabinett traten. Sie schaute ihn lange an, als wollte sie ihn mit ihren lieben holden Äuglein durchschauen. Sie sagte aber kein Wort. Aber als er gegangen, fragte sie mich, was dem Oheim fehle, ob Nachrichten von der Armee eingelaufen. Sie fühlte wohl, daß der Schmerz des Grafen nicht ihr gegolten, und stundenlang sprach sie zu sich selbst und machte sich Vorwürfe, daß sie die Traurigkeit des Grafen erhöhe und durch ihren Schmerz ihm das Herz noch mehr beenge. Sie klagte sich selbst an, der liebe Engel.« »Das ist wirklich sonderbar«, sprach die Gräfin. »Wir mußten«, fuhr die Kammerfrau fort, »ihr alles erzählen, was sich seit der Abreise des unglücklichen Neffen zugetragen, die zahlreichen Verhaftungen, das Verschwinden so vieler teurer und werter Häupter aus der Mitte ihrer Familien, die schreckliche Angst, die auf einmal über das Volk gekommen, die Gerüchte von der Annäherung der Rebellen, und wie bereits seit zwei Tagen alle und alle hinausziehen gegen die Anhöhen von Tacubaya.« »Mutter der Gnaden! Wie konntet Ihr nur das sagen?« »Küsse Euer Gnaden und Herrlichkeit die Hände«, versetzte die Kammerfrau. »Eben dies hat sie genesen gemacht. Es scheint wirklich, als ob die Größe unserer Trauer und unseres Schmerzes den ihrigen ertötet hätte.« Die Damen sahen sich verwundert an. »So helfen unsere Leiden wenigstens einer, die wir lieben«, sprach die Gräfin. »Aber Señoria,« fuhr sie fort, und ihre Stimme zitterte, »mir ist wirklich zumute, als wenn mir das Herz jeden Augenblick springen sollte.« »Und mir, als ob das meinige durch Marterwerkzeuge zusammengepreßt würde«, seufzte eine zweite. »Sehen Sie nur hinab in den Paseo – Jesu Maria, die Angst dieser Leute!« bemerkte eine dritte. »Und hinauf die Straße von Ajotla«, fiel eine vierte ein. »Es soll alles voll von Leperos sein.« »Mein Gott!« jammerte eine fünfte, und ihre Stimme zitterte, als würde sie von einem Fieberschauer gerüttelt. »Was will denn das unvernünftige Volk? Nicht genug, daß wir bedroht und bedrängt sind, nicht wissen, wohin vor Angst, daß unsere Angehörigen verschwinden vor unsern Augen und die Nacht des Kerkers sie ewig unsern Blicken verbirgt, um des geringsten Verdachtes willen, so müssen auch noch diese – Und doch ist ihr Auszug ganz sonderbar, wunderbar!« Sie schüttelte das Haupt zweifelhaft. »Jawohl, wunderbar, liebe Condessa«, fiel die Gräfin Istla ein. »Erinnern Sie sich noch ihres Auszuges vor siebzehn Monaten, der uns allen zu einer so gräßlichen Vorbedeutung wurde?« »Wir hatten eine kleine Tertulia,« fiel ihr die Gräfin Regla ein, »als es auf einmal hieß, die Guachinangos rühren sich, und Sie werden sich unsern Schrecken leicht vorstellen können; denn so harmlos dieses Volk auch ist, so ist es doch nur ein unvernünftiges Volk, und unser alter Mayordomo erzählt, wie einst ein Virey mit seinem ganzen Hofstaate und seinen Garden so in Schrecken gesetzt wurde, daß er ins San-Franzisko-Kloster flüchten mußte, wo er ohne die Padres zerrissen worden wäre. Ja, wir saßen soeben bei Tische, wie Ihre Herrlichkeit, Condessa Istla, wissen –« »Als es hieß,« fiel ihr die Condessa Istla ein, »daß die Guachinangos aufgestanden seien, liefen wir alle vor Schrecken und Entsetzen auseinander, und es war gräßlich anzusehen, diese Tausende und abermals Tausende – die Dame hielt ihren Fächer vor – »wie sie aus ihren Höhlen krochen. Und dann zogen sie der Alameda Buccarelli zu und von da weiter nach der Hacienda von Guaximalpa und die Anhöhen von Santa Fe hinauf, wo sie sich lagerten.« »Und es wurde wieder Abend,« fuhr eine andere Dame fort, »und sie kamen zur Verwunderung Mexikos nicht zurück, und es kam der Morgen und wieder Abend und wieder Morgen. Sie blieben noch immer. Anfangs lachte man über sie, dann wünschte man sich Glück, sie los geworden zu sein, aber zuletzt fing es allen an, unheimlich zu werden. Nach drei Tagen kehrten sie zurück, und an demselben Tage kam die Nachricht, daß die Rebellion in Dolores ausgebrochen sei, und sechs Wochen darauf sahen wir den gräßlichen Hidalgo mit seiner wüsten Horde auf eben den Anhöhen gelagert, die die Leperos inne gehabt hatten.« Es entstand nun eine lange Pause, wie bei Menschen, die gerne ihrem gepreßten, geängsteten Herzen Luft machen möchten, die aber fürchten, irgendeinen Gegenstand zu berühren, der einen wunden Fleck dieses ihres Herzens treffen konnte. »Ich weiß nicht,« hob endlich die Condessa Istla seufzend wieder an, »was ich von diesem Hidalgo halten soll, und dem schlimmeren Morellos. Die Spanier schildern sie als die ärgsten Ketzer, und Padre Domingo behauptet fest und heilig, daß Hidalgo während seiner Gefangenschaft die Klauen und Hörner des Gottseibeiuns gewachsen seien.« Bei diesen letzteren Worten bekreuzte sich die Dame, rief den Namen Jesu dreimal und küßte dann ihre Daumen. Dasselbe taten die übrigen. »Heilige Jungfrau!« sprach die Marquisin Grijalba. »Wir sind so gänzlich in den Händen dieser Todfeinde alles dessen, was mexikanisch ist, außer seines Goldes und Silbers, die uns schmähen und höhnen, und dann die Rebellen vor den Toren, die von Ketzern angeführt werden!« »Sie wissen, was gestern mit der Doña Matilde geschehen? Der Capitan Figueras vom Regimente Navarra hatte sie gesehen, hatte gehört, daß sie bedeutendes Vermögen besitze, und noch gestern ist dem Vater der hohe Wunsch durch den General Pincha eröffnet worden, der Vermählung seiner Tochter mit dem Spanier kein Hindernis in den Weg zu legen. Er mußte seine zwei Söhne zugunsten des spanischen Schwiegersohnes enterben. Beide machten sich noch gestern auf den Weg nach Cuautla Amilpas, wurden ergriffen –« »... und haben zu leben aufgehört«, flüsterten die andern Damen mit dumpfer Stimme. »Don Alaman«, fuhr die Condessa Irún nach einer Pause fort, »starb, wie sie wissen, eines plötzlichen Todes auf seiner Hacienda. Er hatte, da das Jahr soeben begonnen, den vollkommenen Ablaß Indulgencia plenaria. Siehe Anhang: Note III. nicht gelöst von des Vireys Exzellenz; deswegen wurde sein Testament ungültig erklärt, sein Vermögen vom Fiskal der hohen Audiencia eingezogen, und die Kinder – –« »... sind Bettler!« seufzten die Damen wieder in demselben dumpfen Tone. »Señorias,« sprach die Condessa Regla, »ich rang meine Hände, ich erhob sie flehend zur heiligen Jungfrau und betete und beschwor sie, mir zu offenbaren im Traume oder durch ein sonstiges Zeichen, welches der rechte Weg in diesen Trübsalen sei.« Sie sah sich nach allen Seiten scheu um und fuhr dann fort: »Die Gachupins wüten ärger unter uns als die Heiden, Türken und Mauren, und gerade, als ob wir gente irracional wären, behandeln sie uns. Und doch wieder sind sie unsere Obrigkeit, und alle Obrigkeit ist von Gott eingesetzt; zudem sind die Cavecillas von Sr. Gnaden dem Erzbischof exkommuniziert. Allerseligste Jungfrau! Man weiß nicht mehr, was man denken, glauben oder tun soll!« »Heilige Jungfrau!« jammerte eine zweite, eine dritte, eine vierte, bis endlich alle ihre Seelenleiden dahin geäußert hatten, daß ihre Herzen bereits ziemlich für die Rebellen schlugen, daß aber Furcht vor den gräßlichen Gachupins und mehr noch vor der schrecklichen Exkommunikation sie abhalte, diesen Gefühlen eine werktätigere Richtung zu geben. Diese Furcht war übrigens nicht unbegründet, und selbst stärkere Seelen als die unserer Damen waren durch diesen schrecklichen Kirchenfluch eingeschüchtert worden, und nur der Umstand, daß das exkommunizierende Haupt der mexikanischen Kirche, der Erzbischof, ein Gachupin, und die Anführer des Insurgentenheeres großenteils kreolische Priester waren, hatte wieder ein heilsames Gegengewicht hervorgebracht. Die Stimmen im anstoßenden Gemache waren inzwischen sehr laut und heftig geworden. »Und Eure Herrlichkeit rechnen diese Tausende, die hinauf gegen Tacubaya strömen, als wenn das gelbe Fieber in Mexiko wütete, für keine Zeichen der Zeit?« schrie eine Stimme. »Und die zehntausend Abschriften der Deklaration der Junta von Zultepec, die wie Schnee vom Himmel gefallen und in allen Straßen zu finden waren?« »Prachtvolle Deklaration!« rief ein dritter. »Hören Sie nur!« »Stille!« war die Antwort des Grafen. »In unserm Hause soll keine solche Deklaration verlesen werden.« »Graf!« schrien mehrere. »Sie wollen sie nicht hören, die Sprache freier Männer, die kühne Sprache der unerschrockenen Wortführer und Verfechter der Freiheit Mexikos, Sie wollen nicht? Ein Wort von Ihnen, und die Garnison von ganz Mexiko schüttelt das Joch ab, das Freiheitsfeuer lodert, der göttliche Funke entzündet aller Herzen.« »Um ebenso schnell wieder zu verlöschen«, war wieder des Grafen Antwort. »Ich ehre«, fuhr er fort, »Ihre Ansichten, rauben Sie mir aber die meinigen nicht, und diese sind, daß unser Volk für die Freiheit noch nicht reif, daß wir die Stützen des Staatsgebäudes nicht zertrümmern können, ohne uns einer sicher ärgern Tyrannei auszusetzen, und daß wir noch durch eine lange Wüste von Leiden und Entbehrungen zu wandern haben, ehe wir in das Land der Erkenntnis kommen, das einzige, wo Freiheit wohnen kann. Ich sage Ihnen, Señorias,« schloß er, »die Spanier sind nicht das schlechteste, das wir in Mexiko haben.« Ein lautes Geschrei brach auf diese Erklärung aus, und die Heftigkeit der Schreienden schien alle Rücksichten des Anstandes und der Klugheit vergessen zu haben. Es waren zum Teil dieselben Edelleute, die wenige Tage zuvor so ängstlich-kindisch nach der Auszeichnung eines königlichen Ordens haschten. »Heilige Mutter der Gnaden!« fuhr die Condessa auf, die wie die übrigen Damen nicht wenig über die Heftigkeit ihres Mannes erschrocken war: »Unsere Männer führen sonderbare Reden.« »Jesu! Jesu!« seufzte eine andere. »Wir sind gekommen, um beim Grafen von San Jago Ruhe und Trost zu finden und nur wenigstens sein Gesicht zu schauen. Er ist sonst so gleichmütig, so ruhig.« »Und doch wieder der Barometer unserer Zeit«, bemerkte die geistreiche Condessa Regla. Eine Stimme schrie nun im Gemache, wo die Kavaliere sich befanden. »Bei meiner Ehre, Graf San Jago, da kommt die Belohnung für Eurer Herrlichkeit echt spanische Grundsätze.« »Es ist die vizekönigliche Equipage«, riefen alle. Die Damen waren verwundert und erschrocken aufgesprungen. »Es ist die Condessa Isabel mit Señora Zúñiga und ihrer Camareria«, riefen mehrere im Tone höchster Verwunderung. »Madre de Dios! Die Doña Flora Zúñiga, wie kommt diese in den vizeköniglichen Wagen?« Die Doña Isabel mit ihrer Camareria stiegen aus, und die vizekönigliche Equipage mit der Doña Flora rollte der Stadt zu. Der Graf selbst war der hohen Besuchenden entgegengekommen, und die Ehrfurcht, mit welcher er sie empfing, dürfte kaum größer gewesen sein, wenn die Königin beider Indien selbst ihren hohen Fuß in sein Haus gesetzt hätte. Donna Isabel war eine volle Gestalt von mittlerer Größe, und obgleich noch jugendlich, mehr Weib als Mädchen, ein herrliches Bild spanischer Schönheit, ganz Leidenschaft und Flamme; kein Spielen, kein Tändeln – rasches Hingeben oder vielmehr Ergreifen, kräftiges Festhalten lag in ihren stolzen, begehrenden Zügen. Viele Versuchungen und manche genossene Freuden schimmerten durch den leichten Anflug tropischer Ermattung, der wie der rötlich erglühende Dunstkreis beim Anbruch eines heiß werdenden Tages die Sonne bei ihrem Aufgange umschleiert, und die blutroten Streifen, die auf diesem feurig-brünetten Gesichte gleichsam wie zur Warnung hingezogen waren, sie verrieten Flammen und Liebe, und doch schien es, als ob sie selbst stärker als Liebe sein könnte. Sie war etwas phantastisch in die Basquina ihres Landes gekleidet, die bis zu den Knien herab ging und zur Unterlage eine dunkelblaue Robe hatte, die wieder bis zu den Knöcheln reichte und ein Paar sehr kleine Füße sehen ließ. Ein kostbarer Kaschmir war malerisch um ihren Kopf gewunden, eine Fülle schwarzer Locken hervordrängend, die auf den üppigen Nacken herabfielen. Der Busen war züchtig verhüllt. Arme, Taille, alles war verführerisch, schwellend, elastisch, und in den schwarzen, feurigen Augen glühte eine Flamme. Sie erschien wie ein prachtvolles Meteor am unheilschwangern Himmel. Sechsundzwanzigstes Kapitel. »Der herrliche Morgen,« sprach sie, rasch und anmutig in das Zimmer eintretend, wo die Damen versammelt waren, mit einem flüchtig-huldvollen Lächeln, das jedoch einen höhnischen Nachzug hatte, »der herrliche Morgen hat uns herausgelockt. Wir sehen jedoch, die schöne Welt ist uns zuvor gekommen. Wir grüßen Sie, Señorias! Ah, siehe da, die Condessa Regla und Istla und unsere liebe Marquisin Grijalba und – –« Mit diesen Worten begrüßte sie die Damen, die sich sämtlich erhoben und mit den tiefsten Knicksen ihr ihre Ehrfurcht zu bezeigen fortfuhren. »Ihre Herrlichkeit«, sprach der Graf, »haben uns und unser Haus auf eine so schmeichelhafte Weise überrascht, die uns diesen Morgen in jeder Hinsicht unvergeßlich machen wird.« Die stolze Schöne schien das Kompliment nicht gehört zu haben. Sie hatte einen flüchtigen Blick umhergeworfen, und hob nun frappiert, wie es schien, das Augenglas, um eine der beiden Marmorstatuen, die durch die offene Flügeltüre des Kabinettes zu sehen war und die Meisterhand eines ausgezeichneten Künstlers verriet, näher zu betrachten. »Man sagt,« sprach sie im hingeworfenen leichten Tone, einen Schritt der Türe des Kabinetts zutretend, »daß die Edlen Mexikos die edelste aller Künste nur wenig begünstigen, und wirklich, unsere Academia scheint die Beschuldigung zu bestätigen; um so mehr Ruhm gebührt dem Grafen von San Jago.« Die Donna war nach diesen Worten wieder einen Schritt vorgetreten und stand bereits auf der Schwelle des Kabinetts, ohne daß jedoch der Graf gefolgt wäre. »Wir sind wirklich sehr angenehm überrascht. Sehr gut«, bemerkte sie, indem sie in das Kabinett und der Statue Amors näher trat. »Das Gesicht allerliebst mokant, die Biegung der Arme vorzüglich. Ein Canova?« »Der Scharfblick Ihrer Herrlichkeit ist nahe gekommen«, versetzte der Graf. »Einer seiner Lieblingsschüler.« »Ah«, rief sie aus dem Kabinett heraus. »Sie haben die Roma gesehen, die herrliche, die antike, geschaut die Wunderwerke ihrer Vergangenheit? Ah, wie geht es doch unserer Condessa? Wir haben im Palaste gehört, sie sei sehr leidend. Sind wir doch immer so unglücklich, von unsern Teuren zuletzt zu hören. Ist sie wirtlich so leidend?« »Ihre Herrlichkeit befinden sich im Kabinett der Condessa Elvira«, sprach der Graf, ohne sich von der Stelle zu bewegen; »sie war wirklich sehr leidend.« Der Oberst, der als Begleiter der Donna Isabel mitgekommen war, hatte sich unterdessen gleichfalls den beiden Flügeltüren genähert, zog sich jedoch bei diesen Worten wieder zurück. »Graf San Ildefonso,« sprach die Dame zum jungen Oberst, die Worte des Grafen wieder überhörend, »Sie werden das seltene Glück haben, eine sprossende Schönheit zu bewundern, die in den herrlichen Tälern unseres Oaxaca aufgeblüht, kaum drei Tage unser Mexiko mit ihrer Gegenwart entzückt und auch bereits aller Herzen in eine stürmische Bewegung versetzt hat.« »Ihro Herrlichkeit«, erwiderte der Graf artig, aber etwas trocken und mit Nachdruck, »erweisen der Condessa eine Ehre, durch welche sie sich kaum geschmeichelt finden dürfte, da sie der Meinung ist, daß Mexiko an ganz andere Dinge zu denken hat.« »Sie tun Ihrem holden Schützling unrecht, Graf«, fiel die Donna ein, noch immer die Statue fixierend. »Was unsere Wenigkeit betrifft, so gestehen wir gerne, daß wir so egoistisch sind, für unser Vergnügen und Interesse vorzugsweise zu sorgen, auch da wir wieder so spießbürgerlich denken, die öffentlichen Angelegenheiten denjenigen ganz und gar zu überlassen, die sie eigentlich angehen. Wir sind eine gute Untertanin Sr. allerkatholischsten Majestät und kümmern uns um Staatsangelegenheiten nur insofern, als sie unsere Wenigkeit betreffen, das heißt, die Ankunft neuer Moden beschleunigen oder verspäten.« Unterdessen war die leidende Condessa den vornehm zudringlichen Besuch im Kabinett gewahr geworden. Langsam, mit einem lauschenden, halb neugierigen, halb verwunderten Blicke erhob sich das liebliche Kind, eine so heitere, reizend idealische Erscheinung, wie sie innerhalb der Meere Mexikos nicht mehr gesehen werden konnte! Ihr regelmäßig schönes Gesicht, von einer leichten Röte angeflogen, in dem dunkelblauen Auge eine gewisse Neugierde, die wunderlieblichen Lippen halb geöffnet, wie um zu fragen, über die ganze Gestalt der unbeschreibliche Zauber reiner Unschuld und hohen Seelenadels ausgegossen, mit jenem leichten Anfluge von Wehe, der die Unschuld erst recht interessant macht. Auch sie trug die reizende Basquina und war, obgleich einfacher als die brillante Señora, doch ungleich geschmackvoller gekleidet; der einzige Schmuck, den sie trug, war eine Schnur kostbarer Perlen. Sie trat mit der Würde einer Herrin des Hauses ihrem Gast entgegen, der das Erstaunen kaum verbergen konnte. »Dies ist also das liebliche Kind, Graf von San Jago? sprach die Señora, vornehm nickend und mit dem huldvollen Lächeln die Condessa musternd, mit welchem Prinzessinnen allenfalls ein neues Kammermädchen beaugenscheinigen. »Doña Elvira, die erlauchte Gebieterin dieses Hauses« sprach der Graf zur Señora, an die Schwelle des Kabinetts vortretend, »Doña Isabel, die nicht minder erlauchte Schwester der Gemahlin Sr. Exzellenz des regierenden Virey.« Die Lippen der Doña verzogen sich bei dieser wechselseitigen Aufführung einen Augenblick auf eine schneidend höhnische Weise, doch im nächsten hatte sie ihre vorige freundliche Miene wieder angenommen. Das zufriedene Nicken der Damen und der heitere Anflug im Gesichte des Obersten zeugten, daß diese kleine Demütigung den Damen nicht nur, sondern auch ihm erwünscht gekommen war. Im Gesichte des Grafen selbst war kein Zug verändert, sein Auge hing mit demselben Ausdrucke von Dienstbeflissenheit an der Donna. »Doña Isabel«, wiederholte sinnend die junge Gräfin. »Welchem Umstand verdanken wir den Besuch der Hohen?« Sie sprach diese Worte laut, aber mit einer sanften, wohlklingenden Silberstimme. Der Oberst, in den Anblick des holdseligen Kindes versunken, kam erst durch ihre rasche Bewegung zum Bewußtsein. Sie hatte nämlich kaum seinen starren Blick gewahrt, als sie errötend einen Schritt zurücktrat und einem der beiden Mädchen einen Wink gab, das sofort die Mantilla an ihrem Scheitel befestigte, welche sie über einen Teil des Gesichtes und die Schulter zog, so daß ersteres den Blicken des Obersten entzogen wurde. Hatte die Sprache der Condessa die an die Unterwürfigkeit der Kreolinnen gewöhnte Señora in Verwunderung gesetzt, so schien diese Mißbilligung der Kühnheit ihres Begleiters sie in Erstaunen zu setzen, was zu verhehlen sie wieder nicht nötig zu finden glauben mochte. Ein höhnisches Lächeln überflog ihr Gesicht, als sie sprach: »Graf von San Ildefonso ist bestraft dafür, daß seine Augen unbescheidener sind als seine Zunge.« Des Obersten Lippen zuckten; er schien eine Antwort zu suchen, ohne daß er imstande war, ein Wort hervorzubringen. »Wo sind Sie, Graf?« fragte sie ihn scharf fixierend. »Wir sind gekommen, einem teuren Glieds der hohen Nobilitad von Mexiko unsere Achtung zu bezeugen, und zwar infolge des Wunsches Sr. Exzellenz unseres Schwagers; und beinahe scheint es, daß Sie der Kranke sind, als den man die holde Condessa geschildert. Ist es Geistesverwandtschaft?« fragte sie spöttisch leiser. Die Condessa hatte die Señora mit ruhig klaren Augen angesehen; der Ausdruck ihrer Züge, anfangs neugierig, schien nun schmerzlich werden zu wollen. »Wir sind Sr. Exzellenz und Ihnen, Señora, unendlich für die hohe Gnade verbunden«, sprach sie, sich ehrfurchtsvoll verneigend. »Auch müssen wir Ihnen gestehen, Condessa, daß Neugierde einigen Anteil an diesem unserem Besuche hatte«, bemerkte die Donna. »Neugierde?« fragte die Condessa, und ihr Auge fiel fragend auf die überstolze Spanierin und wieder durch das Fenster in den Paseo, wo die Menge gegen Tacubaya hinwogte. »Neugierde,« fiel ihr die Señora ein, »diejenige zu sehen, deren Erscheinen die hohe Welt Mexikos so sehr bezaubern konnte.« Von Befangenheit war an der Condessa keine Spur zu bemerken; im Gegenteile, in ihrem Wesen lag eine Hoheit, die nicht weniger dadurch auffiel, daß sie kindlich natürlich und wie angeboren erschien. Die frivole Weise, in welcher die Fremde die sämtlichen Damen, die ersten des Landes, behandelte, sie keiner Rede würdigte, höchstens gelegentlich eine beißende Bemerkung, an den Oberst gerichtet, fallen ließ, schien die junge Gräfin geradeso wie die Nachäffung souveräner Herablassung zu ignorieren, und, seltsam genug, war es ihr richtiger Takt, der die anwesenden Gäste gleichfalls zu größerem Bewußtsein ihrer Würde zu bringen schien. Sie erfaßte jetzt mit Grazie die Hand der Doña Isabel und führte sie aus dem Kabinett in das Besuchzimmer, wo sie mit ihr auf einer Ottomane Platz nahm. »Wo sind Sie, Graf?« fragte die Doña den Oberst zum zweitenmal. »Im Lande meiner Jugend, in jener Zeit – der holden, der fröhlichen – wo die Barke meines Lebens noch schwankend umherglitt. Eine glückliche Zeit, Señora!« »Träumer!« sprach die Donna, »finden Sie ihn nicht so, Condessa Elvira? Man sagt, auch eine gewisse holde Condessa sei zu Träumen aufgelegt.« »Ich träumte!« sprach diese mit einem leisen Seufzer, »träumte den schönsten Traum meines Lebens! Er dauerte seit meinem ersten Erwachen aus dem Schlafe der Kindheit. Es war ein Traum. Armer Mani!« seufzte sie leise und kaum hörbar. »Oh, es ist schön, zu träumen!« brach der jugendliche Oberst begeistert aus, und eine hohe Röte überflog das wirklich schöne Gesicht des Jünglings; denn so konnte er noch immer genannt werden, ungeachtet seines hohen militärischen Ranges. Die junge Condessa schaute nun den Sprecher zum erstenmal verwundert scheu an. »Unsere Condessa«, wandte sich die Donna wieder herablassend an die junge Gräfin, »ist sehr leidend gewesen? Es wäre schade, wenn die heiteren Geister, die in diesem klaren, fröhlichen Gesichtchen spielen, der traurigen Wirklichkeit weichen sollten. Doch sie ziehen, diese heiteren Geister, liebes Kind, nicht wahr, sie ziehen in die Ferne, mit den Wolken, die den Ozean hinübersegeln?« Die Lippen Elviras zuckten bei dieser Anspielung, ihr Busen hob sich, und sie sah die Fragende einen Augenblick an; doch nur einen Augenblick, der höhnende Zug, der um deren Mund spielte, trieb die Röte des Unwillens auf ihre Wangen. »Und ziehen die Geister der Doña Isabel nicht auch hinüber? Und begleiten ihre Wünsche und Gebete nicht auch –?« Sie stockte; die letzten Worte hatte sie leise gesprochen. »Das ist fürwahr eine kühne Frage, kleine Condessa«, versetzte die Dame, in deren Gesicht nun die blutroten Streifen auf eine Weise schwollen, die den stolzen, aber schönen Zügen für einen Augenblick etwas Furienartiges verliehen. Selbst der Oberst war erschrocken über die unverhohlene Wut der Dame, und sein Blick fiel fragend wechselweise auf den Grafen und die Condessa, Aufklärung über diese sonderbare Verwandlung heischend. Bei der Señora verzogen sich die Symptome der Entrüstung aber wieder sehr schnell; nur ein sprödes Hohnlächeln war zurückgeblieben. »Sind wir unbescheiden gewesen,« versetzte die Condessa, »so sollte uns dieses leid tun. Sind wir wirtlich unbescheiden gewesen, teure Mama?« wandte sie sich an die Condessa Regla und die übrigen Damen, denen man es ansah, wie schwer es ihnen wurde, die gesuchten Beleidigungen der Spanierin länger zu ertragen. »Wir haben immer gehört,« fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, »wir seien die Gebieterin dieses Hauses. Sagten Sie nicht, Oheim, daß unsere Väter Granden von Spanien waren, daß unsere Oheime es noch sind, und ist die Tochter von Granden wirklich kühn gewesen, meine Herrschaften?« fragte sie die Damen. »Nein, Condessa!« riefen alle, mit Tränen in den Augen »nein, teure Niña,« nahm die Condessa Regla das Wort, indem sie aufstand und das herrliche Kind in die Arme schloß, »nein, Sie sind nicht kühn gewesen; aber dulden Sie, leiden Sie, unser armes Mexiko duldet ja so viel.« »Duldet es wirtlich?« fiel die Señora mit einem höhnischen Lachen ein. »Vielleicht duldet es sogar uns Spanier? Bleiben Sie doch sitzen,« fuhr sie hohnlachend und in demselben kalt spottenden Tone fort, »wir sehen Sie gerne so. Sie werden doch nicht die Cavecillas nachahmen wollen, oder doch? Wie, auch Sie Rebellen geworden?« Sie sah die beiden Gräfinnen boshaft lächelnd an. Selbst des Obersten Lippen zuckten vor Unwillen über diesen unweiblichen Ausbruch leidenschaftlich tödlichen Hasses. Die Damen erblaßten und bemühten sich, ihr Schluchzen zu verhalten; nur der Graf schien seine Ruhe beibehalten zu haben. »Wir sind Sr. Exzellenz«, sprach er mit einer leichten Verbeugung, »unendlich für die hohe Gnade verbunden, Antrieb zu dem herablassenden Besuche Ihrer Herrlichkeit geworden zu sein. Haben aber Se. Exzellenz –« Er hielt inne, sah aber die Señora fragend an. Dieses Kompliment, scheinbar so ganz zufällig und selbst zwecklos eingeschaltet, und die nicht vollendete Frage machten, mit der vielsagenden Pause, die Señora den Grafen starr anblicken. Sie schien auf einmal gewahr zu werden, daß sie in ihrem Bemühen, recht hohe, niederschmetternde Airs anzunehmen, ganz das Ziel ihrer Sendung selbst verfehlt habe. Auch bei den Damen schien derselbe Gedanke aufzudämmern, und in dem Maße, in dem die Verlegenheit der Donna wuchs, lehrte auch die Unbefangenheit der Kreolinnen wieder zurück. Die lange Pause, die infolge dieser wechselseitigen Gemütsbewegungen eingetreten war, wurde auf einmal durch ein furchtbares Aufruhrgeschrei unterbrochen. Dieses Geschrei schallte aus weiter Ferne herüber und hatte einen eigenen Charakter. Es glich einem Freudengeschrei. Merkwürdig jedoch erfüllte es die Tausende von Kreolen, die den Paseo hinabwogten, mit Schrecken. Sie starrten entsetzt in der Richtung hin, wo der gräßliche Lärm herkam, der einigemal in langen Stößen wiederholt wurde und dann jedesmal in einen wütenden, lange nachhallenden Jubel überging, der wie Sturmesheulen die ganze Straße, die sich von dem Damme gegen Ajotla hinzieht, hinabpfiff. Die Damen hatten das wütende Geschrei und den wütenderen Jubel mit mehr Fassung gehört, als zu erwarten stand; der Conde jedoch schien die Fassung mehr verloren zu haben. Er eilte rasch aus dem Saale auf die Terrasse des Hauses; ihm nach der Oberst. »San Jago,« nahm dieser das Wort, »eine Frage beantworte mir, ich bitte, ich beschwöre dich.« »Ein andermal«, erwiderte dieser, der gleichfalls die Treppen hinaneilte. »Jetzt, ich bitte dich darum! Welche Bewandtnis hat es mit Isabel und deinem Hause?« »Und welche Bewandtnis hat es mit San Ildefonso, dem Bruderssohn meines besten Freundes?« Der junge Graf stockte. »Und wie kommt es,« fragte der Graf, »daß wir dich erst jetzt sehen, den deines Vaters und Onkels Briefe uns schon seit Monaten angekündigt haben? Auch du gefangen? Ildefonso! Ildefonso!« Beide waren mit diesen Worten auf der Terrasse des Hauses angekommen. Das Angstgeschrei der Menge im Paseo vereinigte sich nun mit dem wilden Jubel, der in meilenweiter Entfernung vom Damme und der Straße herüberschallte. Mitten aus diesem Angstgeschrei waren die Namen Vincente Guerrero zu hören; aber als wenn die Pest oder der Tod in diesen Namen lägen, so stürzten alle, von panischem Schrecken ergriffen, der Stadt zu, »Jesu Maria! Vincente Guerrero!« heulend. Wagen, Fußgänger und Reiter, alle kehrten um und drängten, rannten und trieben in seelenzerreißender Angst den Straßen zu und in einer Verwirrung, die die Tausende bald in einen unauflöslichen Knäuel von Wagen, Pferden und Maultieren zusammenrollte und preßte, der weder vor- noch rückwärts konnte. Der Oberst schien nur wenig von diesem schrecklichen Tumulte zu sehen und zu hören. Sinnend stand er mit zur Erde geheftetem Blicke. Auf einmal fuhr er auf und den Grafen bei der Hand fassend, drehte er ihn um und brachte ihn in die Richtung des Felsens und Schlosses von Capultepec, aus dessen Fenstern, Terrassen und Miradores die Soldaten träge lagen. Der Graf schaute und schaute; auf einmal klärte sich sein Gesicht auf. »Danke dir!« sprach er zum Oberst. »Der Virey wird mir wenig Dank wissen«, erwiderte dieser; »es ist eines der vielen Kabinettsgeheimnisse. Ich verachte aber diese elenden Kunstgriffe. Wenn du drei Kanonenschüsse von Capultepec hörst, dann ist es der Feind; das übrige ist falscher Lärm. Und nun adios ! Meine Pflicht ruft mich auf meinen Posten. Du wirst sogleich zwei Kanonenschüsse hören.« Der Graf sah dem Sprecher in das jugendlich offene Gesicht und ergriff seine Hand. Der junge Mann flüsterte ihm einige Worte in die Ohren und eilte dann die Treppe hinab und den Anhöhen von Capultepec zu. Noch war der Graf in der Mitteilung der soeben erhaltenen Aufschlüsse an seine Freunde begriffen, als zwei Kanonenschüsse aus der Stadt herüberbrüllten und zugleich das Rollen der Trommeln, die den Generalmarsch schlugen, hörbar wurde. Mit diesen vereinigte sich das Wehgeschrei der Tausende im Paseo und das Jubelgeheul der näherkommenden Leperos, um ein Chaos von Tönen hervorzubringen, wie es nur in Mexiko wieder gehört werden kann. Die Garnison von Capultepec blieb jedoch ruhig. Auf einmal schrie eine gellend durchdringende Stimme: »Capultepec!« – »Capultepec!« riefen sogleich zwei, zehn, hundert und Tausende von Stimmen, und die ganze Menge wandte sich unwillkürlich Capultepec zu. Der Knäuel von Wagen, Reitern und Fußgängern, der in den beiden Alleen bis zur Villa des Grafen zurückgedrängt worden war, so daß es kaum möglich schien, ihn ohne zahlreiche Opfer von Menschenleben auseinanderzuwirren, hielt auf diesen Ruf stille, und Tausende wandten sich dem Schlosse von Capultepec zu, das sie anstarrten, als ob sie es nie gesehen hätten. Das Faulleben der Garnison schien allmählich die Wahrheit im Haufen aufdämmern zu machen; von allen Seiten waren die Worte »Capultepec, Capultepec!« zu hören, und indem der allgemeine Ruf nun aller Blicke dahin zog, wurde auch der allgemeinen Verwirrung unmerklich, aber wirksam Einhalt getan. Mehrere hundert Personen retteten sich aus der sturmbewegten Mitte in die Nähe der Villa. Wagen löste sich auf Wagen, Reiter auf Reiter aus dem Knäuel; das Geschrei wurde allmählich minder grell, der Jubel der Leperos hielt zwar noch immer an, aber die Massen des Volkes gewöhnten sich daran, sie wurden ruhiger, dünner; das Ganze kehrte wieder in seine Ordnung zurück. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Volkssturm war schon seit einiger Zeit beschwichtigt, und der Haufe, der sich auf den freien Platz vor der Villa des Grafen geflüchtet, machte noch immer keine Anstalt, seinen Zufluchtsort, in den er sich wie in einen Hafen gerettet, zu verlassen. Einige starrten hinüber auf die Ebene von Capultepec, andere waren beschäftigt, ihre in Unordnung geratene Garderobe in einen geziemenden Zustand zu bringen, wieder andere nahmen die neuen Umgebungen in näheren Augenschein. Diese letzteren warfen verstohlene, mißtrauisch neugierige Blicke in die Fenster und auf den Mirador und dann wieder auf die Wagen, die vor dem Hause hielten und von denen der Phaeton mit der vizeköniglichen Livree das meiste Befremden erregte. Dieses Befremden schien schmerzlicher Art zu sein, nach dem Gemurmel zu schließen, das entstanden war, und den scheuen Blicken, mit denen sie sich allmählich aus der Nähe des Wagens zurückzogen, gleich als ob dieser verpestet gewesen wäre. Immerhin schien der Haufe jedoch durch etwas festgehalten zu werden, obwohl ihn der Anblick dieses Phaetons sichtlich recht schmerzlich verletzte. Auf den Gesichtern der meisten war etwas von Enttäuschung zu lesen; aber diese Enttäuschung schien bitter zu sein. » Vigilancia !« brüllte es auf einmal und der Haufe stob auseinander, um ein Dutzend Wagen hindurchzulassen, die den ängstlichen Gesichtern aller auf einmal den Ausdruck der höchsten Neugierde einprägten. Ein langer Zug von Vehikeln und Fuhrwerken aller Art folgte dieser Avantgarde. Stattliche Nobilitas-Karossen, untermengt mit Kutschen und leichten zweirädrigen Kabrioletts. Alle kamen auf die Villa zugefahren, und zwar so eilig, als ob das Wohl Mexikos von dieser Eile abhinge. An den Insassen dieser verschiedenen Fuhrwerke war unterdessen keine Spur von jener Verstörtheit zu bemerken, die noch immer die Gesichter des Haufens verzogen hielt; im Gegenteile, alle schienen sich recht behaglich zu fühlen, obwohl ihre gerunzelten Stirnen auch von Sorgen zeugten; doch schienen diese Sorgen wieder ganz eigentümlicher Art zu sein: weder Revolutions-, noch Mord-, noch Brotsorgen. Es waren, man hätte schwören mögen, ruhige, friedliebende Bürger, denen Raub und Revolution gleich verhakt waren, die keine Ansprüche auf Eleganz machten, die aber dessen ungeachtet ihre Wichtigkeit trotz einem fühlten. Die Ankunft dieser Kalessinen vor der Villa des Grafen erregte eine solche Verwunderung, daß, wie gesagt, Beschäftigte sowohl als Beschauende ihre bisherigen Verrichtungen aufgaben, um die neuen Erscheinungen zu beaugenscheinigen und womöglich auch der Ursache dieses Erscheinens auf die Spur zu kommen. Die Gesellschaft, die alsbald in den Saal der Villa eintrat, war sehr gemischter Art. Hoher Adel mit Kleinkreuzen des Karls- oder eines sonstigen Ordens, im alten Kostüm des Hofes Ludwigs XV., schlichter gekleidete Caballeros in der mexikanischen Manga, und wieder andere in blauen Mänteln, aus denen sie sich zum Teil im Vorsaale herausgeschält hatten, aber nicht zum sehr großen Vorteile ihres noch übrigen äußeren Menschen. Ihre Kleidung war weniger abgenutzt als nachlässig und unbeachtet, gerade als ob dieser Artikel ihrer besonderen Aufmerksamkeit nicht wert wäre, kurze und lange Beinkleider mit der spanischen Capote, die ihren kleinen Figuren, die auf schafbeinigen Schenkeln ruhten, nicht sonderlich wohl anstand, indem sie einen etwas mageren Begriff von spanischer Manneskraft gaben. Aber nichtsdestoweniger sahen sie mit einer gewissen Geringschätzung auf die reich gekleideten Caballeros herab. Einige waren eingetreten, mit den Händen nachlässig in den Taschen ihrer Beinkleider klimpernd, andere plaudernd oder dem Gefährten, mit dem sie eintraten, nachlässig zunickend; wieder andere waren gekommen, ohne eine Muskel zu bewegen, offenbar über Gegenstände brütend, die von zu großer Wichtigkeit waren, als daß sie sich mit Grüßen und Komplimenten der Anwesenden beschäftigen konnten; kaum, daß sie dem Herrn des Hauses mit einer familiären Behaglichkeit zunickten oder ihm vertraulich die Hand drückten und dann in derselben unzeremoniösen Manier auf einen ihrer Bekannten zustiegen, um noch weniger Komplimente mit ihm zu machen. Auf unsere hohen Kavaliere hatte dieses sans gêne insofern einen besonderen Einfluß, als sie, das Benehmen dieser seltsamen Menschen sehr aufmerksam beobachtend, bei dem angekündigten Eintritt Sr. Herrlichkeit des Präsidenten der obersten Finanzstelle und Sr. Herrlichkeit des Oidor von der hochherrlichen Audiencia und des illustren Señor Ruy Gómez de Urna wahrhaft untertänig tiefe Bücklinge zu machen bemüht waren. Die drei hohen Ankömmlinge hatten mittlerweile ihre Plätze am oberen Ende der langen Tafel genommen und sich in den hohen Armsesseln niedergelassen. Einen Augenblick legte sich das Gesumse, hob jedoch sogleich wieder an. »Möchte doch wissen,« bemerkte ein wahrhaft konfisziertes Mohrengesicht, mit einer Stumpfnase, in deren zwei Öffnungen, die mehr Kanonenbooten als Nasenlöchern glichen, ihr Besitzer fortwährend Ladungen Españoles zu stopfen bemüht war, »möchte doch wissen, warum man uns diesen Einfaltspinsel Ruy Gómez hersendet?« »Diesen nil habemus Ruy Gómez«, versetzte sein Nachbar so laut, daß das Prädikat die Ohren des Subjektes erreichte. »Er sieht sich um,« lachte der Panegyrist, »und wir erhalten eine schwarze Note in dem Bureau der geheimen Polizei, deren Referendar er nun geworden, wie Sie wissen.« »Meiner Seele!« beteuerte ein anderer, »der ganze Kontinent gesperrt! Wir hätten jetzt einen herrlichen Stapelplatz in Spanien für unsere Cochenille und Vanillas und Indigos. Man könnte sie durch die Biskayer See über ganz Europa bringen. Aber was hilft es?« »Wahr!« seufzte sein Nachbar, »aber unsere Cochenille und Vanille und Indigos, wo sind sie? frage ich. Beim Teufel! antwortete ich, das heißt, in den Händen der Cavecillas.« Diese auffallenden Demonstrationen von Sprechfreiheit schienen den drei hohen Amtspersonen nicht so sehr aufzufallen, als sie vielmehr zu belästigen und in Ungeduld zu versetzen, die sie durch ein mehrmaliges Hem! Hem! äußerten, begleitet von unzufrieden warnenden Blicken. »Señores!« hob endlich der Oidor an, ein Männchen im schwarzseidenen Mantel, mit dem Kommandeurkreuze irgendeines der königlichen Orden, »Señores, maßen die königliche Regierung – – « »Ich versichere Ihnen, Señor Zebediah,« ließ sich eine gellende Stimme am oberen Ende des Saales hören, »der Zucker ist seit zwei Tagen hundert Prozent hinauf. Wir haben sichere Nachrichten, daß von allen Zuckerpflanzungen im Tale von Cuautla noch zwei ganz sind.« Ein ominöser Ausruf ertönte. »Das kommt von den Stockfischen, den Generalen, Offizieren und Soldaten, die statt der Rebellen die Zuckerpflanzungen verbrennen. Die Unsrigen wüten ja ärger als die Cavecillas.« »Und was die Zufuhr von Kuba betrifft,« bemerkte ein anderer, »so werden sie sich brennen, wenn sie von dorther etwas erwarten. Die große Republik hat rein aufgekauft.« »Wer spricht hier von der großen Republik?« donnerte der Geheimsekretär. »Ja, sie werden sie nicht klein machen, Señor Ruy Gómez!« versetzte der Berichterstatter. »Wollten Sie wohl gefällig sich erinnern, daß Ihr Endorsement von zweitausend Piastern fällig ist?« Ein lautes Gelächter brach auf diese unhöfliche Mahnung aus. »Señores!« redete nun der Präsident des Finanzkollegiums die Versammelten an, und zwar mit einer Miene, voll des Gewichtes seiner Präsidentenwürde. »Wir ersuchen um freundwillig günstiges Gehör, um so mehr, als die hohe königliche Regierung uns beauftragt hat, in Allerhöchstem Namen mit dem sehr hochpreislichen Consulado zu unterhandeln, welches Consulado das schmeichelhafte Vertrauen, das von seiten der hohen königlichen Regierung demselben bewiesen wird, um so mehr zu schätzen wissen wird, als das besagte Consulado bereits – – « »Machen Sie es kurz, Señor!« fiel dem Präsidenten ein alter grämlicher Mann ein, dessen Bart die Wohltat der Seife und des Schermessers seit geraumer Zeit entbehrt haben mochte: »Zur Sache, wenn es gefällig ist; Sie sehen hier Mitglieder des Consulado vor sich, denen eine runde Zahl mehr gilt als zwanzig Bogen Waschwasser und eitel Wortgepränge.« Die Kavaliere hatten die kecken Menschen wie erstarrt angeschaut, die zum Teil in abgeschabten Röcken, langen Westen und kurzen Unaussprechlichen gegenüber so omnipotenten Personen einen Ton angenommen hatten, der alles an Kühnheit überstieg, was sie in der Art gehört hatten. »Señores!« hob endlich der Präsident wieder an. »Maßen die königliche Regierung durch die ketzerische Malice der Cavecillas – – « »Señorias und wieder Señorias!« fiel ihm einer der hochpreislichen Consulado abermals ein. »Wir kommen nun zum zweitenmal heraus, verlieren unsere Zeit für nichts und wieder nichts, so wie durch das miserable Benehmen gewisser Herren unsere Kapitalien und Güter verloren gehen. Schreiten Sie zur Sache, wenn's beliebt.« Der Staatsdiener, der sich angeschickt hatte, den Vortrag zu beginnen, war bei diesem rohen Ausfalle wieder in seiner Anrede stecken geblieben, und seine blauen Lippen und grünen Wangen beurkundeten, wie sauer ihm das Geschäft wurde, mit den gnädigen Herren wie er sie nannte, zu verhandeln. »Señores!« hob nun der Geheimsekretär seinerseits wieder an, »die außerordentlichen Nachrichten, welche die hohe Regierung erhalten – – « »Sind recht gute Nachrichten für gewisse Leute,« versetzte einer trocken, »die Geld und immer nur Geld brauchen. Was nun uns betrifft, Señores, so sind wir gekommen, um Geschäfte zumachen; wohlverstanden, vorausgesetzt, daß sich ein Geschäft machen läßt, das heißt, gegen gehörige Sicherheit und Interessen, wo wir dann sehen wollen, was sich machen läßt, um der Regierung unter die Arme zu greifen.« »Señores!« sprach der nun beinahe um seinen Verstand gebrachte Präsident, »wir, José Trueba, Präsident der obersten Hacienda-Real, und Señor Don Pablo Pinto, Oidor der hohen Audiencia, wie auch Señor Ruy Gómez – – « »Und so weiter!« fielen ihm mehrere ein. »Sind von Sr. Exzellenz, dem gnädigsten Virey des Königreiches Nueva-España, beauftragt und ermächtigt worden, mit dem sehr achtbaren Consulado der sehr adeligen Stadt Mexiko und der sehr hochherrlichen edlen Nobilitad eine Anleihe abzuschließen, die die Summe von drei Millionen Duros oder Piastern nicht übersteige.« »Drei Millionen Duros? Wir glaubten, es würden bloß zwei gefordert! Drei Millionen Duros aus dem Handel gezogen zu dieser Zeit, wo er ohnedem bereits ganz daniederliegt! Drei Millionen Duros sind eine schöne Summe!« Solches waren die verschiedenen Ausrufungen. »Eine Summe,« fiel der Oidor ein, »die unter den gegenwärtigen Umständen unerläßlich ist zur Dämpfung der Rebellion, und für welche die hohe Regierung alle diejenige Sicherheit zu geben gewillet –« »Ei, Sicherheit! Sicherheit!« riefen an die fünfzig Stimmen in wunderbarem Einklänge. »Und als Beweis der aufrichtigen Gesinnung Sr. Exzellenz haben uns Hochdieselben ermächtigt, das Kronmonopol des Quecksilbers für vier Jahre gnädig den Teilnehmern an dieser Anleihe zu überlassen; versteht sich, für Kapital und Interessen zu überlassen.« Ein lautes Gelächter unterbrach diesen gnädigen Antrag. »Das Monopol des Quecksilbers als Sicherheit und Bezahlung für Kapital und Interessen zu überlassen, für drei Millionen Duros, sage drei Millionen Duros, zu überlassen? Wissen denn Se. Exzellenz, wieviel dieses Monopol in den günstigsten Zeiten abgeworfen? Ei, Señores, netto siebenmal hunderttausend Duros!« Die drei Kommissarien, die wohl Kreolen und Indianer zu regieren, aber nicht mit erbitterten spanischen Handelsleuten eine Anleihe abzuschließen verstanden, hatten sich bei diesen Stürmen, die von allen Seiten auf sie einbrachen, die Ohren zugehalten und sahen einander mit trostlosen Blicken an. »Wir sagen Ihnen, Señorias,« fielen mehrere Glieder des Consulado ein, »Se. Exzellenz werden auf diese Sicherheit keine drei Millionen Maravedíes erhalten.« »Vielleicht nicht vom Consulado« bemerkte der Geheimsekretär etwas spröde, »aber die hohe Nobilitad, deren loyale Gesinnungen bereits der Proben so viele geliefert, und namentlich der edle Graf von San Jago.« Aller Blicke wandten sich nun an diese, die bisher schweigend gesessen waren, nun aber sich wie auf ein gegebenes Kommandowort erhoben, und zwar mit so heftigen Symptomen des Unwillens, daß der feinhöhnische Zug, der während der ausgesprochenen Schmeichelei um den Mund des Geheimsekretärs gespielt, plötzlich einem ernstern Ausdrucke wich. Aller Augen waren neugierig auf den Grafen geheftet. »Perdon!« sprach dieser, »wenn wir die Zumutung Señor Ruy Gómez', der in uns ein Vorbild des hohen Adels sehen will, ablehnen. Weit entfernt, dieser erlauchten und erleuchteten Körperschaft durch unsere Handlungsweise Vorbild werden zu wollen, erklären wir uns vielmehr als in dessen Gefolge, und können nicht umhin, uns dahin zu äußern, daß wir, weit entfernt, uns von dem sehr hochpreislichen Handelsstande abzusondern, vielmehr nur im Vereine mit ihm, dessen Privilegien wir teilhaftig geworden und dessen loyale Gesinnungen so sehr bekannt sind, kontrahieren wollen. Was übrigens unfern Patriotismus betrifft, so haben wir erst vor drei Tagen nicht undeutliche Beweise dadurch gegeben, daß wir für unsere eigene Person hunderttausend Duros auf den Altar des Vaterlandes hinlegten; eine Summe, die der hohe Adel noch durch einen Betrag von einer halben Million sehr erhöhte.« Ein einstimmiges Bravo, das alle ihm zuriefen, mit Ausnahme der drei Kommissarien, die wütende Blicke auf ihn schossen, lohnte dem Redner für diese unter den damaligen Verhältnissen sehr männliche Erklärung. »Señores,« fuhr der Graf fort, der nicht geneigt schien, sich durch diese Blicke im mindesten irre machen zu lassen, »wir sind sehr geneigt, die Regierung zu unterstützen« er betonte dieses Wort; »aber, wie gesagt, nach Grundsätzen, die unsere Eigentumsrechte, die heiligsten der bürgerlichen Gesellschaft, nicht verletzen. Wir würden Ihnen unmaßgeblich vorschlagen, andere Sicherheiten und Bürgschaften von dem hohen Chef unserer Regierung einzuholen, und Ihnen,« mit diesen Worten wandte er sich nun an das Consulado, »zu verweilen, bis die Señores solche eingeholt haben.« »Gehen Sie in Gottes Namen nach Hause,« sprach eines der Glieder des Consulado; »der Rat des sehr hochpreislichen Grafen San Jago ist ein guter Rat, ein sehr heilsamer Rat, und er ist ein Herr, der sehr viele Einsicht, und was die Hauptsache – Duros hat, und daher viele Weisheit; und Sie mögen von ihm etwas lernen, und vor allem mögen Sie lernen, das Consulado nicht vergebens um die kostbare Zeit zu bringen.« »Tun Sie, wie der Graf gesagt,« riefen nun alle, »und wir wollen Ihre Rückkunft erwarten.« Wohl nie, solange die spanische Monarchie Mexiko zu ihren Kronländern zählte, war die Regierung dieses mächtigen Königreiches auf eine so brutale und rücksichtslose Weise abgefertigt worden. Es kontrastierte diese Abfertigung so grell mit allem, was die Kreolen über freien Ton gegen ebendiese königliche Regierung geträumt hatten, daß sie sich kaum von ihrem Erstaunen erholen zu können schienen und wie Starblinde waren, an denen die Operation glücklich vollbracht und von deren Augen soeben die grüne Binde zum ersten Male genommen wird. Sie waren ganz und gar außer Fassung gebracht, und der einzige, der seinen Gleichmut nicht verlor, war der Graf. Mit gewohnter Gewandtheit hatte er die Pause, die durch die Entfernung der königlichen Kommissarien entstanden war, auf eine Art ausgefüllt, die die Mitglieder des Consulado, großenteils geborne Spanier, nicht mehr zum Bewußtsein kommen ließ. Er brachte die Notwendigkeit, die Regierung zu unterstützen, mit scheinbar so vieler Wärme in Vorschlag, unterstützte diesen zugleich mit so vielen patriotischen Gründen und sprach sich so unverhohlen zugunsten der Regierung aus, daß die Spanier ihn erstaunt anstarrten, die Kreolen in ein lautes Murren ausbrachen und die ersteren sich wie notgedrungen anschickten, seine Ansichten durch Gegengründe zu bekämpfen. Die Debatten hatten den ganzen Saal mit Zuhörern angefüllt, die in Todesstille den Debattierenden zuhörten oder Notizen machten. Der aus dem vizeköniglichen Palaste zurückgekehrte Geheimschreiber war wieder eingetreten, ohne in der Hitze der Diskussionen bemerkt zu werden. Der Conde beschloß endlich diese verhängnisvoll wichtige Stunde mit einer kurzen Anrede, in welcher er nichtsdestoweniger wieder auf die Notwendigkeit zurückkam, die Regierung zu unterstützen: eine Notwendigkeit, die er so klar darzustellen wußte, daß der Geheimsekretär sowohl als die Glieder des Consulado in den lautesten Jubel eines unverwüstlichen Patriotismus um so feuriger ausbrachen, je mehr letztern ihr Gewissen zu sagen begann, wie sehr sie selbst dieser Tugend nahegetreten waren. Aber auch die übrigen Caballeros hatten im Verlauf dieser wichtigen Stunde ihre Rollen mit nicht viel geringerer Gewandtheit einzulernen angefangen und, in den Ton ihres Führers eingehend, zu der glücklichen Ausbeute des Tages beigetragen. Nun offen und herzlich, dann wieder verblüfft, bald nach Belehrung wie Kinder dürstend, bald naiv und verwundert, hatten unsere hochadeligen Grafen und Marquise wechselweise durch ihre naive Unwissenheit dem Stolze der Handelsherren geschmeichelt und wieder durch ihre diplomatischen Wendungen jene Fakta herausgebracht, die der zähe Spanier bisher ganz und allein in seinem Gewahrsam behalten hatte und die begreiflicherweise nicht nur für unsere Kavaliere, sondern das ganze Reich überhaupt von der größten Wichtigkeit waren; denn obgleich es unter dem hohen Adel Mexikos allerdings Männer gab, die tiefere Blicke in die Staatsverhältnisse des Landes getan hatten, so war doch die Gefahr des Wissens so groß und Mitteilung so furchtbar verpönt gewesen, daß es auch der Kühnste nicht gewagt hatte, derlei Aufschlüsse auch nur in vertrauten Zirkeln von sich zu geben. Aus dem Munde der Unterdrücker und ihrer Teilnehmer selbst kam jetzt die Evidenz der schamlosen Erpressungen, die an Mexiko seit Jahrhunderten verübt worden waren, um den Kampf für Unabhängigkeit in den Augen des Volkes und der Welt zu rechtfertigen. Als daher der Geheimsekretär und mit ihm die Glieder des Consulado den Saal wieder verlassen hatten, brach auch der Jubel der Kavaliere in seiner vollen Stärke aus. Es war vergeblich, daß der Mayordomo hereinrannte und bat und flehte und auf den Phaeton und den vizeköniglichen Staatswagen deutete, die nun beide von ihren respektiven Besitzern bestiegen wurden; der Jubel unter den Anwesenden wurde immer größer. »Schweig, alter Kumpan«, frohlockte der Graf Istla. »Was wir heute gehört haben, ist mehr wert als alle Vorstellungen der Vegas und Martinez. Jetzt wollen wir einmal unsere Duros für uns selbst behalten, statt sie dem gichtbrüchigen Fernando hinüber zu senden.« »Eselstrab dauert nicht lange«, sprach der Mayordomo . »Warten Sie um der Jungfrau willen mit Ihrem Jubel wenigstens so lange, bis die Kalessinen abgefahren sind.« »Ah, diese Kalessinen! Göttliche Kerls, diese doppelt destillierten Hebräer!« rief der Graf von Irun. »Um dreißig Duros verkauften sie das ganze Mexiko.« »Und der alte Jesajah hat noch dazu sein großes Buch vergessen, aus dem er uns vorlas«, fiel ihm der Graf Regla ein. »Sehen Sie einmal, Herrschaften, es hat den Titel: Estado del reino de nueva España por Mons. de Humboldt . Das ist die wahre Deklaration mexikanischer Rechte. Sagen Sie unsern Indianern und Kasten und Kreolen tausendmal, daß Mexiko souverän ist, sie werden Sie anstarren wie einen neuen Heiligen.« »Sagen Sie ihnen aber,« fiel der Conde Istla ein, »daß die verdammten Gachupins jedes Fahr sechs Millionen an barem Gelde aus dem Lande schleppen,–« »Das ist nicht alles«, hob wieder der Besitzer des Buches an. »Drei und eine halbe Million gehen nebst den sechs für den König noch nach Kuba, Portorico, Florida und Südamerika.« »Alle Teufel!« »Elf Millionen«, las er weiter, »fressen unsere hohen Gebieter allein. Deshalb also kann keiner von uns zu einer Stelle gelangen.« »Jesu Maria!« jammerten alle. »Und wir wundern uns, daß Mexiko von Tag zu Tag ärmer wird, daß kaum mehr ein Dublon zu sehen – und das Land voll Leperos ist? In Mexiko dreißigtausend, in Puebla zehntausend, in Guanaxuato fünftausend –« Diese Ausbrüche des versteckten Ingrimmes wurden durch die Rückkehr des Grafen unterbrochen, der sich unterdessen seiner vielen und hohen Besuche am Haustore entledigt hatte. Seine Erscheinung brachte die Kavaliere wieder in jene feierlich-ernste Stimmung, die Schüler in Gegenwart ihres Meisters anzunehmen pflegen. Er sah gleichgültig nach dem Wetter und ging dann in den gewöhnlichen Konversationston über, in welchen alle so bereitwillig einfielen, daß der scharfsinnigste Beobachter sich vergeblich abgemüht haben würde, irgendeine Spur des soeben über die Bureaukratie des Landes davongetragenen Sieges aus den aristokratischen Gesichtern herauszufinden. »Wo ist Señor Pinto?« fragte der Graf wie gelegentlich. Der lustige Bruder, der in dem Hause des Grafen eine Art Tischfreund war, hatte sich in der Hitze der Debatten nicht wenig geschäftig gezeigt. Er hatte Sorge getragen, die ermattenden Geister der Debattierenden durch den beliebten Sangaree und die edeln Alicantes und Xeres aufzufrischen, die seine Betriebsamkeit aus dem hochgräflichen Keller heraufbeschworen, zur großen Zufriedenheit des Consulado. Hierbei hatte es seine Gutherzigkeit noch nicht bewenden lassen: er war die zwei letzten Stunden hindurch der liberalste und liebenswürdigste Vermittler aller Parteien, der Nothelfer aller Leidenden geworden und hatte sich nun mit der Schar, die er sich so wesentlich verbunden; weggestohlen. »Sein Pferd«, berichtete Federigo, der abgeschickt war, ihn aufzusuchen, »ist im Stalle; er aber über alle Berge.« »Der Camareria Mayor«, kam ein anderer, »hat er zwei Basquinas und drei Robas und Mantillas entlockt.« »Der Doncella Sanchica zwei«, meldete ein dritter. »Er ist doch nicht Kleiderhändler geworden?« bemerkte lachend der Marquis Grijalba. »Und aus dem Keller«, sprach nun zornig und kopfschüttelnd der Mayordomo , »ließ er fünfzig Flaschen des besten Alicante und Xeres holen, des Sangaree gar nicht zu erwähnen.« »Närrischer Kauz!« bemerkte der Graf ruhig. »Und sein Pferd hat er zurückgelassen?« Achtundzwanzigstes Kapitel. Es war ein herrlicher Tag zu einer Fußwanderung, einer jener entzückenden Februartage, in denen die Frische eines mexikanischen Winters gleichsam kosend in die tropische Sommerglut verschmilzt, um nach einigen Stunden lieblicher Vereinigung sich wieder zu trennen. Ein wunderbarer Wechsel in diesen wenigen Stunden! Das Tal und die grandiosen Berge und Felsenmassen, die es in eirunder Form umschließen, werden in diesen Stunden glänzend licht, was man in der südwestlichen Zone licht nennt, mit einem Himmel, so rein und durchsichtig und tief! Das Auge dringt unwillkürlich tiefer und tiefer in dieses goldige Blau, als wollte es eindringen in die fernen Himmel. Und die sinkende Sonne erglänzt so strahlend in diesem blauen Firmamente! Und die Lüftchen wehen so leicht, so kosend! Alles ladet zum Lebensgenüsse in diesen Stunden ein. Die großartigen Basalt- und Porphyrgebirge des Tales glänzen am hellsten, die weiße Frau Itztaccihuatl. erscheint verjüngt zur Feier des neuen Jahres, und jugendlich prachtvoll zieht die ganze Natur herauf vom üppigen Süden. Es sind wonnevolle Stunden, diese erste, zweite und dritte Nachmittagsstunde, für jeden, der nicht Mexikaner ist; denn dieser schläft seine Siesta. An diesem Tage jedoch war keine Siesta in Mexiko, und die Volksschar, mit der unser junger Stutzer Don Pinto die Tacubastraße herauf kam, war nicht die einzige, die in den sonst öden Straßen von Mexiko schwärmte. »Ein ganz eigenes Leben, dieses Leben in Mexiko!« »Gerade, als ob kein Morelos in Cuautla Amilpas wäre«, erwiderte Don Pinto. »Du siehst, das spanische Phlegma bleibt sich getreu; drei rendezvous in einer Straße. Welche hat dir ein Stelldichein gegeben?« »Das Stumpfnäschen«, bemerkte der Kreole. »Das geht nicht; sie wohnt zu weit die Adlergasse hinab aus unserem Wege. Nimm die meinige; es ist Isidra, ein allerliebstes Dingelchen.« »Meinethalben,« erwiderte der Gefährte gleichmütig, »wenn –«; aber er endigte seinen Satz nicht, sondern verschluckte die letzten Worte. Mit der sie begleitenden Schar würdiger Männer war auf einmal eine seltsame Veränderung vorgegangen. Sie waren schlendernd in der besten Laune die Tacubastraße hinaufgezogen, und der Xerez und Sangaree des Grafen hatten offenbar vieles zu dieser guten Laune beigetragen. Von dem Schmerze, den bittern Täuschungen, die auf den Gesichtern der meisten früher zu sehen gewesen, war auch keine Spur übrig geblieben; dafür war etwas einer Schadenfreude Ähnliches in ihren Zügen hervorgetreten; man sah es ihnen an, daß sie etwas wußten. Jetzt hatte sich auf einmal dieser Zug von Schadenfreude auf allen Gesichtern in Schrecken und Angst umgewandelt, und dieses so auffallend, daß der Begleiter unseres jungen Stutzers verwundert um sich sah. Eine Totenstille war eingetreten unter den hundert Leuten; sie sahen sich eine Weile erschrocken an und schlichen sich dann auseinander, ohne Adios zu sagen, ohne ein Wort mehr zu sprechen. »Was ist das?« fragte der Begleiter Don Pinto. »Siehst du nicht, wir sind auf der Plaza-Mayor.« »Und was weiter?« »Wir sind vor dem Palaste.« »Welchem Palaste?« »Mein Gott, welche Frage! Des großen Zauberers, der Mexiko umstrickt hält, so wie die Spinne den armen Kolibri; vor dem Palaste des Virey. Meiner Seele! In seinem Kabinette regt es sich. Bleibe ruhig!« flüsterte er seinem Begleiter zu, »so ruhig als möglich. Lege deinen Arm recht breit in den meinigen; weniger militärische Haltung; bewege den Mund, als ob du mit mir sprächest.« Der junge Kreole tat, wie ihm vorgeschrieben. »Bist du und Mexiko zu Narren geworden?« fragte er. »Was Teufel soll alles dies?« »Bei meiner Seele, er war es selbst!« »Wer?« fragte der Kreole. »Der Virey«, flüsterte Don Pinto leise und schaudernd »Pah«, erwiderte der junge Mann, den Kopf schüttelnd. »Ist aber bei alledem merkwürdig; diese Leute kommen den Paseo herauf, lustig und fröhlicher Dinge. Kaum sehen sie die Höhle dieses Tigers, so sind sie, als wenn das gelbe Fieber sie berührt hätte.« »Hast du bemerkt« fragte Don Pinto, tiefer Atem holend, »wie sie die ganze Stunde ihre Sinne zusammennahmen, um recht betrunken zu scheinen und ja die eigentliche Ursache ihrer Lustigkeit den Spürhunden nicht zu verraten. Ein einziger Blick auf den Palast hat sie alle nüchtern gemacht.« »Möchte doch wirklich den Mann sehen; ist er denn gar so furchtbar?« »Im Gegenteil, das angenehmste Gesicht, das du sehen kannst, der beste Plauderer, der beste Ehemann, der beste Vater. Du wirst ihn nie ausfahren sehen, ohne daß ihm eines seiner jüngsten Kinder zwischen oder auf den Knien säße – –« Der Fremde schüttelte den Kopf stärker. »Siehe,« fuhr Don Pinto fort, »wäre er die blutige Hyäne, Calleja, Mexiko wäre schon frei; aber er ist die Katze, und solange er Virey ist, bleibt Mexiko gefangen. Alle Mühe ist vergebens. Es traut einer dem andern nicht. Wir hatten es schon dreimal darauf angelegt. Jedesmal verdorben.« Beide schwiegen einen Augenblick. »Also der Unglückliche ist verschwunden?« fragte Don Pinto. »Don Manuel muß in Mexiko sein«, erwiderte der andere. »Einige unserer Indianer sahen ihn auf dem Weg von Ajotla. Der General sandte mich mit dem Auftrage, du mögest alles aufbieten.« »Danke schönstens für das Zutrauen. Bei meiner Seele! Dieser Mestize weiß schon recht artig zu befehlen. Sag' ihm, er möge derlei Kommissionen nicht oft wiederholen.« »Er war schrecklich mitgenommen«, bemerkte der Fremde. »Verdammte Raserei, unsinnige Raserei! Kann zehntausend Mädchen haben, hat wirklich das schönste Mädchen Mexikos, und wirft sich einer solchen Blutsaugerin an den Hals.« »Sie soll schön sein, diese Isa –« »Still!« sprach Don Pinto und trat in einen Laden, dessen Besitzer auf eine Falltür wies. Diese führte in ein oberes Gemach, das mit Mangas, Röcken, Beinkleidern angefüllt war. »Bleibe du hier bis ich zurückkomme. Du nennst dich Santa Ana, verstehst du mich. Es haben dich drei unserer verschmitztesten Polizeispione ins Auge gefaßt; diese müssen zuerst beschwichtigt werden, sonst bist du verloren! Adios! In einer, höchstens zwei Stunden bin ich zurück.« Er drückte dem Fremden, der niemand anderer als unser Major Galeana war, die Hand, verließ das Gemach und verschwand in den Windungen des Basar. Bald darauf flogen die Hauptpforten des Palasttores auf, zum Zeichen, daß der vizekönigliche Hof von seinem Nachmittagsschlafe erwacht sei. Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Siestastunde war vorüber. Im Appartement der Vizekönigin fing es an, lebendig zu werden; denn die hohen Herrschaften hatten beschlossen, im kleinen Gartenpavillon den Nachmittag zu arbeiten. Alsbald trabten und trippelten Kammermädchen und Diener und Dienerinnen mit Kissen und Schemelchen und Stickrahmen und Fauteuils in den Gartenpavillon. Ihnen nach zuerst ein einfach gekleidetes Mädchen, das tanzend in das reich verzierte Kabinett hüpfte; darauf zwei ältere Mädchen, zwischen vierzehn und fünfzehn Fahren, mehr anziehend als schön, die, mit einem recht lieblichen Ausdrucke von Hoheit, den verstummenden Dienern einige Befehle gaben, und endlich zwei Damen, von denen die jüngere unsere Doña Isabel, die ältere, ihre um zehn Jahre gereiftere Schwester, den Kranz vollendeten; das Ganze eine recht liebliche Stufenleiter weiblicher Anmut, vom zehnjährigen Kinde bis zur fünfunddreißigjährigen, aber noch immer anziehenden Mutter Donna Isabella und die ältere Dame hatten sich, nach einigen Gängen durch das Gemach, vor zwei Stickrahmen niedergelassen, auf welchen breite Bänder aufgespannt waren, die zu kriegerischen Abzeichen bestimmt zu sein schienen. Die Mädchen hatten die Zeichenstifte ergriffen, die Jüngste klimperte auf einer Gitarre, und als Zugabe fand sich ein Knabe mit einem Steckenpferde und einem hölzernen Schwerte ein, der sogleich eine Kavalkade durch das Kabinett begann: ein recht liebliches Gegenstück zu den emsigen hohen Arbeiterinnen. Das Ganze war recht heiter zuschauen. »Mama«, rief endlich die jüngere der Señoras, eine glühende Brünette, die aufhüpfend ihre Hand um den Nacken der Mama schlang; »Mama, es ist ein diviner Einfall.« »Ein diviner Einfall«, wiederholte die rabenlockige Inez, die, nachdem sie ihre Arbeit gleicherweise zurückgeschoben, wieder Doña Isabel mit einem Kusse lohnte. »Er ist nicht übel, Kinderchen,« sprach die Doña selbstgefällig, »und er schoß in unserm Köpfchen auf, als wir uns eines solchen Schwunges gar nicht versahen, gerade als wir von dem fatalen Grafen San Jago nach Hause fuhren, das angenehme Konterfei Don Roy Gómez uns gegenüber, zähneklappernd vor Wut, und noch immer nicht begreifend, wie dieses Konsulado und diese Nobilitad«, sie sprach diese Worte in einem spitzig wegwerfenden Tone, »es wagen konnten, sich der Ungnade Seiner Exzellenz bloßzustellen.« »Heilige Jungfrau! Schwester, wie du nur scherzen kannst,« versetzte die ältliche Dame, »Señor Vanegas war sehr böse.« »War er es wirklich, Schwesterchen?« lachte Doña Isabel. »Mein Gott, er bildet sich ja immer so viel auf seine Diplomatie und sein Menagieren ein, und in einer Affäre, die doch gewiß ein vorläufiges Menagement verdiente, hat er auf einmal den geraden Weg einzuschlagen für gut befunden, und nun wundert es ihn, daß dieses Konsulado und diese Nobilitad den ledernen Trueba und trockenen Pinto abgefertigt haben, die zähesten Patrone, die wir in unserm lieben hochadeligen Mexiko haben. Seine Exzellenz pflegten sonst vorläufig uns zu fragen; Sie haben diesmal der Audiencia den Vorrang gegeben,« fuhr sie spottend fort, »und ich glaube, Schwesterchen, die Frage, wäre sie an uns geschehen, wäre nicht ganz überflüssig gewesen. Wenigstens was die Nobilitad und vorzüglich den Grafen betrifft, so bin ich ganz gewiß, daß wir reüssiert hätten.« Sie legte bei diesen Worten die Hand an den Hals, um den die Perlenschnur geschlungen war, die früher die Condessa getragen. »Sie sind sehr schön,« bemerkte die Vizekönigin, »die schönsten, die wir in Mexiko gesehen haben.« »Die kleine Gräfin konnte uns doch nicht ihre Schönheit bewundern hören, ohne sie der quasi Prinzessin zu Füßen zu legen«, lachte Doña Isabel. »Es ist eine kleine Entschädigung für die fatale Gesellschaft, in der wir uns langweilten. »Man spricht sehr viel Gutes von dieser Condessa.« »Sie ist nicht übel,« versetzte die Doña, »und die Art, wie sie uns dieses kleine Geschenk darbrachte, war recht allerliebst, und zeigt, daß sie Takt besitzt. Wir haben uns vorgenommen, sie in unsere Nähe zu ziehen und ihr die Entrée zu gestatten.« »Und wie hast du den Grafen gefunden?« »Recht liebenswürdig, ja interessant. Er ist schweigsam und verschlossen, und wieder so beredt, der personifizierte Verstand; und zudem diese romantische Treue diese zärtliche Liebe, die aus dem dunkeln, schwärmerischen Auge leuchtet. Auch ihn müssen wir näher an uns ziehen. Es hängt dies mit meinen Plänen zusammen.« Sie hielt inne und stützte das Haupt einige Augenblicke gedankenschwer in die Hand; dann hob sie wieder an: »Es wäre gewiß ein großer, ein herrlicher Gedanke bei der gegenwärtigen Zerrissenheit der Gemüter. Es wäre etwas Edles, diese Zerrissenheit durch eine symbolische Vereinigung in ein harmonisches Ganze umzuwandeln. Großes würde geleistet durch diesen Ball.« Die Vizekönigin hatte die Schwester erwartungsvoll angesehen. Das Wort Ball bewirkte jedoch eine plötzliche Abspannung. »Aber mein Gott! Wie du wieder die Unterlippe hängen läßt«, schmollte Doña Isabel. Die Vireyna hatte ihren Fehler schnell dadurch verbessert, daß sie fragte: »Aber einen Ball, Isabel, ums Himmelswillen! Wie gedenkst du dieses anzufangen?« »Einen Ball, das ist es eben, Mama, es ist ein ganz sublimer Einfall«, meinte Doña Inés. »Ein Ball,« bemerkte die Vizekönigin kopfschüttelnd, »während die Rebellen kaum vierundzwanzig Stunden von Mexiko stehen.« »Aber doch nicht ewig stehen bleiben werden?« spottete die Doña. »Und selbst wenn es der Fall wäre, so gäbe es uns ein Air von Selbstvertrauen.« »Nein, nein; es wäre Leichtsinn, Indelikatesse«, versetzte die Vizekönigin. »Je nach der Weise, Schwesterchen«, sprach die stolze Doña. »Nach unserm Plane soll er eine große, eine herrliche Erscheinung werden.« »Ist es erlaubt?« fragte im lispelnd weibischen Tone eine Stimme durch die halb geöffnete Flügeltüre, und ein Kopf streckte sich dazwischen, der kaum sichtbar geworden, als der Knabe, das hölzerne Schwert in der Hand und das Steckenpferd zwischen den Beinen, jubelnd dem Eintretenden entgegen galoppierte, dem er auch sofort mit seinem hölzernen Schwerte so tüchtig zusetzte, daß dieser sich über Hals und Kopf in die Fensterecke retirieren mußte, wo er endlich einer Papierrolle habhaft wurde, mit welcher er sich des jungen Wildfangs bestmöglichst erwehrte. »Bravo, Carlos!« rief der Vizekönig; denn keine geringere Person war es, die der junge Mutwille so tapfer herausgefordert hatte. »Bravo, Bravo!« wiederholte er. »Vorwärts!« Und damit galoppierte er halb, halb tanzte er dem Knaben frisch zu Leibe und begann ein Gefecht, in welchem es Hiebe auf Hiebe regnete. Das zehnjährige Mädchen hatte sich gleichfalls auf die Seite des Brüderchens geschlagen, und beide trieben wieder vereint den lieben Papa so in die Enge, daß er zum zweiten Male in die Fensterecke retirieren und endlich froh sein mußte, sich unter dem lauten Gelächter der Familie auf Gnade und Ungnade ergeben zu dürfen. Dafür küßte der Vater den Knaben so freudig und das Mädchen fiel ihm anmutig um den Hals. Dreißigstes Kapitel. Die beiden älteren Töchter, die sich von ihren Zeichnungstafeln erhoben und halb tot gekichert hatten, waren nun an den Papa herangeschwebt und hatten ihn mit sich auf die Ottomane mitten zwischen die Vizekönigin und die Donna gezogen. »Väterchen!« rief die ältere Emanuele. »Papachen!« die jüngere Inez. »Kinderchen!« erwiderte der zärtliche Papa. »Wissen Sie schon, Papachen?« begann die erstere. »Tante Isabella hat den sublimsten Einfall.« »Der je ihrem sentimentalen Köpfchen entglitt«, lächelte der Vater. »Und der, hoffen wir, von Seiner Exzellenz, dem regierenden Virey von Neuspanien, mit der Aufmerksamkeit vernommen werden wird –« » ... die der Abglanz der Majestät, und die Krone alles dessen, was edel in Mexiko ist, der sehr edeln Doña Isabel schuldig ist«, fiel lachend der Virey ein. »Nein, diese Zärtlichkeiten!« schmollte die Gattin. »Sind seine gewöhnlichen Hofformeln, die er nur wiederholt, um sie geläufig auf der Zunge zu behalten«, spottete die Doña. »Sieh nur einmal, Schwesterchen, diese Runzel, die gleich einer Gewitterwolke sich zwischen die Brauen hingelagert.« »Ihr Scharfsinn, Schwägerin –« versetzte der Virey schon mit einem weniger heitern Gesichte. »Schon wieder Verdruß, Lieber?« jammerte die Vizekönigin. »Es ist nun schon einmal nicht anders«, tröstete sie der zärtliche Gatte; »auf unserer Höhe müssen wir es uns gefallen lassen, unsern Anteil an den rauhen Winden, die in den Tiefen kaum gefühlt werden, doppelt und dreifach zu erhalten.« »Aber warum denn auf diesen Höhen leben?« fragte die Doña, nicht ohne sanften Vorwurf. Beide, der Vizekönig und ihre Schwester, warfen auf die Sprecherin einen jener Blicke, die eine glückliche Mitte zwischen Mitleid und Geringschätzung ausdrücken sollen. »Ach, warum?« versetzte der erstere. »Dieser Verdruß, diese Sorgen, Liebe! Sie sind die Würze des Lebens, sie sind die frischen Brisen, die unsere ermattenden Segel wieder voll spannen, die uns rascher dem Ziele entgegenführen, dem hohen, dem großen, die uns über die feindlichen Kräfte zu triumphieren Gelegenheit geben. Ah, wir sind doch so ganz Güte und Gnade gegen dieses Mexiko. Aber Ordnung, ja Ordnung, die muß sein, diese ist uns Lebensprinzip. Dürfte jedoch noch einige Opfer kosten. Wir haben Köpfe gesehen, die von Norden herabkamen, und von Süden heraufkamen, so kalt, so sprudelheiß, so ungestüm, daß sie uns mit einem einzigen Fußtritte nach dem lieben Spanien zurückzustoßen meinten; aber nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren sie so stille, so mäuschenstille! Und wir taten ihnen doch nichts, polterten sie nicht an, sprachen sie nicht einmal. Wir lächelten bloß huldreich, und – sonderbar! – Unser Lächeln, und die Ordnung und Stille, die um uns herum herrschen, hatte den magischen Einfluß auf sie. Ah, Ordnung und Ruhe inmitten des Gedränges und Getriebes, das ist der Probestein des politischen Genies. Wir haben einiges in diesem Fache geleistet. Ordnung und Ruhe, und doch wieder lärmendes Getöse und rauschende Musik. Wollt ihr Gehorsam – gebt ihnen Musik und wieder Musik, und ihre Gemüter werden weich. So in Musik, mitten in fröhlicher Musik, schreitet unsere Gewalt einher im Aufschwunge der Töne, und in den Pausen, da überkriecht ein wohltätiger Schauer die lustigen Gemüter, und erfaßt sie, und siehe da! sie werden stille – todesstille. Es ist ein unbeschreibliches Etwas, das über sie kommt und ihnen alle Stärke nimmt, diesen Helden. Ei, wir wollen Mexiko zur Ruhe verhelfen.« Der Mann hielt nach dieser langen Ergießung auf einmal inne, sah sich scheu um, und schaute die Gesichter seiner Familie einen Augenblick mißtrauisch an; erst als er den unbekümmert harmlosen Ausdruck derselben gelesen, wurde er wieder heiter. Er wandte sich zu seiner Gattin. »Ah, Laura, nicht wahr, Liebe! Sind ja auch wir miteinander d'accord geworden, obwohl die Holde anfangs ungestüm war.« Er küßte die Hand der Gattin, die wieder die seinige erfaßte und den Kuß erwiderte; aber mit diesem Kusse fiel eine Träne auf die Hand, die den Mann boshaft lächeln machte. Doña Isabel hatte diese Träne bemerkt. Seine Hand erfassend, deutete sie schweigend auf die Träne, und warf dann die Hand mit Verachtung hinweg. Sie war zornglühend aufgestanden. »Tantchen!« rief der zärtliche Familienvater mit süßer Stimme, obgleich die Farbe wechselnd: »Tantchen! Was fällt Ihnen ein? Was ficht Sie an?« Die Doña wandte ihm den Rücken und trat zum Fenster. »Geduld, Arbeit und Zeit«, hob der Mann wieder an, »machen aus dem Maulbeerblatt ein Seidenkleid. Unser Prinzip ist Ordnung, und wir schmeicheln uns, dieses Prinzip etablieren zu können. Aber meine Lieben, Teuren, Holden!« wandte er sich auf einmal zu den Damen: »Vergebung, tausendmal Vergebung! In unserer Zerstreuung haben wir, teures Tantchen,« er wandte sich an die Doña, die sich wieder gesetzt, und deren Hand er ergriff und küßte, »ganz vergessen. Ja, Tantchen, Ihr heutiges Impromptu war wirklich sublim. Es hat Sensation gemacht. Auch sind wir Ihnen sehr obligiert für die Mühe Ihres Besuches bei diesem fatalen Grafen, den wir jedoch gegenwärtig zu schonen Ursache haben. Aber die Resultate Ihres Besuches, ma belle-sœur ?« Die Dame, obwohl ihre Lippen noch immer in Verachtung zusammengedrückt waren, schien für die Anerkennung ihrer gespielten Rolle nicht unempfindlich zu sein. »Nur«, bemerkte sie etwas spröde, »würden wir wünschen, daß Sie Ihre Corregidores, Alcalden, Alguaziles und Familiares ein wenig mehr in Bewegung setzten. Wie waren wirklich ganz chokiert über die Anmaßung des Volkes; man fuhr uns vor; viele schienen uns sogar nicht zu bemerken.« »Ist es möglich?« rief der Vizekönig. »Abscheulich!« die Vizekönigin. »Sehr unartig!« die Töchter. »Auf Ehre!« versicherte die Doña. »Es ist erstaunlich,« fiel der Vizekönig ein, »wie weit die undankbare Vermessenheit dieses Volkes geht. Je humaner, leutseliger wir mit ihm sind, desto unverschämter benimmt es sich. Wir wollen jedoch Sorge tragen, daß die Verordnungen, kraft deren nicht nur jeder Wagen vor unserer Livree stille halten, sondern –« er hielt inne. Der Mann begann wieder, mit sich selbst zu reden. »Ah, Papa!« unterbrach ihn Doña Inez. »Unsere letzten Moden von Cadix, als wir sie erhielten, stellen Sie sich nur vor, wir trafen sie bereits im Paseo an.« »Wir wollen unserer lieben Inez Abhilfe schaffen, obwohl der Handelsstand dadurch einigermaßen beeinträchtigt werden dürfte.« »Und dann die abscheulichen Leperos«, hob nun Emanuele ihrerseits an. »Ah, Papa, wissen Sie, daß es uns sehr ennuyiert, jedesmal, so oft wir wünschen, aus dem Theater nach Hause zu promenieren, statt zu fahren – –« »Und was könnte es sein, das meine liebe Emanuele ennuyiert?« fragte der zärtliche Papa. »Ach, Papa, diese abscheulichen Leperos, die auf den Straßen herumliegen!« »Das ist ein schwerer Punkt, ma chére fille! Entre nous – – ganz Mexiko steht zu euren Diensten; aber die Leperos – seht, Kinderchen, es sind diese seit undenklichen Zeiten eine Art Alliierte, die wir recht gut gegen die Kreolenkanaille gebrauchen können, und die uns zum Beispiel heute vortreffliche Dienste geleistet haben würden, wenn –« »Die Leperos?« fragte die Tochter verwundert. »Sind gar nicht so abscheulich, Kinderchen, um nicht zu etwas zu dienen. Apropos. Was war es doch mit dem sublimen Einfalle, der – –« »Ein Einfall, den Sie eigentlich zur Strafe noch nicht hören sollten, den wir Ihnen jedoch nicht länger vorzuenthalten gesonnen sind, da die Vorbereitungen schleunig getroffen werden müssen, und das Ganze mit Ihren Plänen selbst in Zusammenhang gebracht werden kann.« » Ma charmante belle-sœur machen mich im höchsten Grade neugierig.« »Ein Ball«, versetzte die Doña. »Ein Ball, Papa! Ein Ball!« riefen die Töchter, während ihn die Gattin zweifelnd ängstlich ansah. »Ein Ball?« fragte der Virey erstaunt: »Jetzt? Doña Isabel!« »Jetzt, Señor Vanegas, oder vielmehr sobald die Nachricht von der Niederlage der Rebellen eintrifft, an demselben Tage, an dem das Tedeum gefeiert wird.« »Ja, das ginge«, erwiderte der Virey. »Mit dieser Siegesfeier würde eine Art Versöhnungsfest verbunden, ein allegorisches Versöhnungsfest«, flüsterte lächelnd die Doña. »Noch immer sehe ich aber nicht ein – –« bemerkte der Virey. »Das wundert uns von der superfeinen Exzellenz«, spottete die Doña; »doch werden Dieselben begreiflich finden, daß die Partien eines Balles so arrangiert werden können, daß vorbereitende Entrevues notwendig werden. Es gibt interessante Verwicklungen; diese Verwicklungen bringen den Grafen in unmittelbare Berührung – –« »Sublim!« brach nun der Virey aus: »Ja, ja, das wäre eine ganz charmante Entreprise, ma belle-sœur! Immerhin muß jedoch der Sieg abgewartet werden; denn wir haben kein Beispiel in der Hofgeschichte Mexikos, daß, während der Feind die Hauptstadt blockierte – – –« »Und nennt Señor Vanegas diese Rebellen einen Feind?« fragte die Doña stolz. »Freunde sind sie wahrlich nicht«, versetzte der Virey kopfschüttelnd; »auch fängt unsere Lage an, bedenklich zu werden. Señor Calleja besorgt – sie kämpfen wie Verzweifelte –« Er stützte sein Haupt in seine Hand und versank in Nachdenken. »Pah!« tröstete er sich. »Müssen viele fallen, ehe die Reihe an uns kommt.« »Diese abscheulichen Rebellen!« jammerten die Töchter. »Mein Gott!« wehklagte die Mutter. »Lieber! Wie Sie auf einmal alteriert werden; sind Sie leidend, Teurer?« »Es ist nichts, gar nichts«, erwiderte der Virey schwach. »Nichts, sagen Sie? Nichts? Sehe ich denn nicht mit eigenen Augen? Juan! Pablo! Ximénez! Antonio!« »Stille!« sprach der Gatte. »Eine kleine Spazierfahrt in den Paseo nuevo wird uns wieder aufheitern bis zur Kamarillastunde. Zuvor müssen wir jedoch noch einen Augenblick in die Staatskanzlei.« »Und wieder in die Staatskanzlei, und wieder Geschäfte, und nichts als Geschäfte; Sie werden sich doch gewiß noch töten!« seufzte die Gattin, indem sie zugleich den Gatten mit so bekümmerten Blicken ansah, daß dieser, um die Liebenden zu beruhigen, notwendig wieder ganz heiter werden musste, was ihm denn auch zum Erstaunen wohl gelang. »Adios, meine Holden!« versetzte er zärtlich, sich erhebend »und Ihnen, Schwägerin, einstweilen unsern Dank für den ganz divinen Einfall. Ja, Großes kann bewirkt werden; wir selbst wollen uns mit der Angelegenheit sehr ernst beschäftigen. Adios!« wiederholte er nochmals, den Lieben Handküsse aus der Türe zuwerfend. In dem sogenannten kleinern Appartement, bewohnt von der Doña Isabel, fand sich nach einer Stunde das holde Kränzchen, mit Ausnahme der zwei jüngsten Kinder, wieder zusammen. Die Damen hatten sich in den mäßig großen Salon, der in den Garten des Palastes die Aussicht hatte, um einen runden Tisch im Halbzirkel niedergelassen. Der erste der glücklichen Geladenen, der ankam, war der Oberst. » Ah, le deserteur; le voila! « rief ihm die Doña entgegen, der sich mit Ehrfurcht und zugleich mit jener vornehmen Bequemlichkeit gegen die Damen verbeugte, die zwischen auf gleicher Rangstufe stehenden Personen üblich ist. »Auf Ehre, Mesdames!« rief der Oberst lachend, »ihre Leperos haben gute Lungen; ich versichere Ihnen, meine Gnädigsten, sie haben mir während einer halben Stunde den Kopf so heiß gemacht, daß ich mein ganzes Regiment bereits in ihren kannibalischen Mägen glaubte.« Die Damen lachten recht herzlich; aber die Doña Isabella schien doch noch zum Schmollen aufgelegt und versicherte, daß seine Flucht aus dem Hause des Grafen ganz und gar nicht entschuldigt sei; eine Behauptung, die der junge Oberst wieder mit dem Generalmarsche, der ihn an die Spitze seines Regimentes gerufen, und seinem zufälligen Zusammentreffen mit der Doña niederzuschlagen bemüht war, welches alles einen recht angenehmen Wortwechsel veranlaßte, bei welchem sich der Oberst zugleich mit so vieler Wärme und so eminentem feinem Welttone verteidigte, daß die Doña ihm endlich die Hand darbot, die er entzückt, oder wenigstens so scheinend, an die Lippen drückte, worauf der trauliche Kreis sich bald so froh fühlte, daß alle laut jammerten, als der diensttuende Page die Ankunft Seiner erzbischöflichen Gnaden verkündete. Der hohe geistliche Würdenträger trat auch bald, nachdem seine langen Titel alle aufgezählt worden waren, ein, und zwar in einem purpurfarbigen Seidenrocke mit einem langen gefältelten fächerartigen Schweif, der ihm vom Kragen über den Rücken hinab bis zu den Knien reichte, ein Käppchen von demselben Stoffe auf dem Haupt, und auf der Brust ein mit Solitärs und Rubinen besetztes Kreuz, das an einer goldenen Kette hing. Er verbeugte sich vor den Damen mit einer Zierlichkeit, die bewies, daß er in hoher weiblicher Gesellschaft gelebt hatte, und erwiderte die tiefen Knickse, die ihm alle darbrachten mit einem Schwalle von Komplimenten, die sehr gegen seine, während des Besamanos an Tag gelegte Steifheit und Trockenheit abstachen. Er hatte kaum auf der Ottomane den Ehrenplatz neben der Vireyna eingenommen, als der Präsident des Finanzdepartements angemeldet wurde, dem der Fiskal der hohen Audiencia, die Oidors desselben höchsten Gerichtshofes und zugleich Staatsrates, und mehrere Generale und Intendanten folgten: eine bekreuzte und sternbesäte glänzende Gesellschaft im kleinen Kostüme und von kleinern Gestalten. Nochmals flogen die Türen auf, ohne daß jedoch der Eintretende angekündigt worden wäre. Es war der Vizekönig selbst. Er trat ganz in der leichten, gefälligen und sich bei jedem Schritte wiegenden Manier des hohen Hauswirtes ein, der seine Gäste bereits seiner harrend findet, mit einem Lächeln für alle, das wieder in dem Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht überging, als er des geistlichen Oberhirten des Reiches auf dem Sofa ansichtig wurde. Die ganze Gesellschaft hatte sich natürlich wieder mit allen Zeichen der tiefsten Ehrfurcht wie aufs Kommandowort erhoben und sich tief verneigt. Darauf geruhte der hohe Hausherr seine Überraschung dem hohen Priester auszudrücken, welche Überraschung er mit mehreren Verbeugungen begleitete, und dann fing er an, sich in Bewegung zu setzen, um auch den übrigen zu versichern, wie so ganz scharmiert er durch ihren Besuch, und wie wohl ihm in der Nähe so geprüfter Freunde und Diener des allergnädigsten Herrn sei. Die vier Pagen hatten unterdessen den Tee mit den übrigen Erfrischungen herumgereicht und der Direktor der schönen Künste ein Gemälde, das er mit sich gebracht, im Vorsaale aufgestellt, aus dem es nun, so wie die Pagen den Saal verließen, in diesen übersetzt wurde, um es dem hohen Beschützer der schönen Künste vorzustellen. Der Vizekönig hatte sich erhoben, mit einer gewissen Andacht im Blicke, und sich mit halb vorgebogenem Leibe dem Gemälde, einer Madonna, genähert, sich auf die Seite gebogen, vorgebogen, zurückgebogen, es von mehreren Seiten beleuchtet, es mit eigener hoher Hand bald mehr in Schatten gestellt, bald wieder ins Licht vorgeschoben, und erst nach diesen mannigfaltigen Bewegungen, die durch enthusiastische Ausrufungen als: »Sublim! Großartig! Ah, dieses Inkarnat!« noch bedeutsamer wurden, hatte er endlich aus tiefer Brust Atem geholt, um auf eine recht eklatante Weise seine Bewunderung über die vorzügliche, ja großartige Leistung zu erkennen zu geben, die sein Mund nicht hinlänglich preisen könne. Natürlich hatte die ganze Gesellschaft zurückgehalten, bis der hohe Mann seine Meinung zu erkennen gegeben hatte. Als der Vizekönig endlich beteuerte, daß die Hand, die diesen Pinsel geführt, bereits die Klinke an der Pforte des Tempels des Ruhmes selbst erfaßt habe, waren alle Anwesenden in einen wahren Enthusiasmus ausgebrochen. Nur der Künstler selbst schüttelte das Haupt, worüber die Exzellenz befremdet und die hohen Gäste gewissermaßen verwundert schienen, welche Verwunderung wieder stieg, als der Direktor zwar seine Zufriedenheit mit dem Gemälde äußerte, aber auch wieder versicherte, daß in gegenwärtigen Zeiten kaum auf eine besondere Anerkennung zu hoffen sei. »Ja,« beschloß er seine etwas trostlosen Äußerungen, »es ist im Reiche der Künste, gnädigste Exzellenz, ein sehr trauriger Stillstand eingetreten.« »Inter arma musae silent«, fiel ihm der Erzbischof ein. »Vergebung, Erzbischöfliche Gnaden!« erwiderte der Künstler demütig, »es ist ein ganz anderer Stillstand, den wir alleruntertänigst meinen. Es ist ein Stillstand, der von einer veränderten Richtung der Nation herrührt und solange dauern wird, befürchte ich, als diese selbst nicht aufhört. Nicht nur ist die Academia de bellas artes von ihren Zöglingen verlassen, die Kunst scheint auch ihren Einfluß auf die Nation verloren zu haben, sie scheint von ihr aufgegeben zu sein.« »Bemerkungen, die ebenso richtig als tief wahrgenommen sind«, fiel der Oberst ein, den die aus dem Leben gegriffenen Erfahrungen des Künstlers angesprochen hatten. »Die Ursache dürfte doch vielleicht an den Künstlern selbst liegen«, bemerkte Doña Isabel. »Perdon!« fiel ihr der Oberst ein. »Die Künstler sind noch immer dieselben; aber die Grundpfeiler der alten Einrichtungen sind an vielen Punkten morsch geworden.« Bei diesen Worten fuhren viele Anwesende auf und sahen den Obersten befremdet an. »Es ist leider nur zu wahr«, hob endlich der Vizekönig an, der sich nun von dem Bilde und seinem Urheber auf eine Weise wandte, die zugleich andeuten sollte, daß die Begeisterung für Kunst zu Ende sei. »Ja, nur zu wahr,« bekräftigte er, »daß die Völker und Nationen aus ihren Fugen gerissen sind; aber wer, meine hohen Herrschaften, ist wohl Ursache? Bitte Sie ums Himmels willen! Wer ist Ursache? Alle Gewalt kommt von oben, spricht der Herr durch den Mund des –« er sah bei diesen Worten den Erzbischof an, der nickte, »aber wenn wir, denen die Gewalt von oben gegeben wurde, diese selbst mißbrauchen, wenn wir verblendeterweise selbst frevelhafte Hand an die Dämme legen, die eine weise Vorzeit und unsere Vorfahren mit so vieler Mühe und Vorsicht für die kommenden Geschlechter errichtet haben, und in welche eingeschlossen die Menschheit sich gehorsam gegen weltliche und geistliche Oberhirten bewegte?« »Was uns betrifft,« fuhr der hohe Mann fort, »so wollen wir, mit dem Beistande der weisen und loyalen Herrschaften, die bereits bei so vielen Gelegenheiten und namentlich bei dieser Veranlassung ihre Anhänglichkeit an die allerhöchste Person unseres angebeteten Monarchen so wirksam beurkundet haben, rastlos arbeiteten, die vorige Ordnung wieder herzustellen.« Es war ein Abruptes, das der Mann auf einmal angenommen hatte, und das die Aufmerksamkeit aller im entsprechenden Grade erregte. »Es ist nicht der offene Krieg, den der Pöbel gegen die geheiligten Rechte Seiner Majestät wagt,« fuhr er fort, »der uns erschreckt. Daß unsere eigenen Freunde den Thron untergraben, für den wir so rastlos arbeiten, das betrübt uns. Längst würde die Brut der Empörer vertilgt worden sein, wären nicht von geheiligten Interessen abgefallen oder lau geworden diejenigen, auf die der Thron zu zählen das Recht zu haben glaubte, suchten sie nicht selbst, aus unserer Verlegenheit schnöden Gewinn zu ziehen. Ah, Graf von San Jago!« seufzte er, wie sich vergessend. »Graf San Jago!« riefen mehrere wie erstaunt, »der Grande von Mexiko, dessen Loyalität bisher so glänzend erschienen?« »Entsetzlich!« stöhnten andere. »Werden Sie es glauben, Señorias,« fuhr der Virey fort, »daß wir auf unser Ansuchen um drei Millionen Escudos an das Consulado und die Nobilitad, auf dieses unser Ansuchen durch unsere Kommissarien, auf das schnödeste verhöhnt, und die Kommission selbst zurückgesandt wurde, von dem Grafen San Jago zurückgesandt wurde?« »Perdón Excelentísimo Señor!« fiel ihm der Chef des Consulado ein, »der Graf San Jago, weit entfernt – –« »Ah, wo sind jene Zeiten,« unterbrach ihn der Vizekönig, »jene Zeiten, wo ein Graf Regla Millionen seinem allergnädigsten Herrn zu Füßen legte, wo ein Marquis de Jaral seine ganze Habe willig darbot.« Der Mann sprach wirklich so meisterhaft, repräsentierte den gekränkten loyalen Diener und Stellvertreter seines Königs auf eine so unübertreffliche Weise, wußte seinem Gesichte einen so schmerzhaften Ausdruck zu geben, daß, während er sprach, die Blicke aller mit Unwillen auf den Chef des Consulado sich hefteten. Übrigens schien der Staatsmann nicht so sehr das Fehlschlagen seines Anschlages auf die Silberbarren des Consulado und der Nobilitad, als die Blöße, die er sich gegeben, und das verletzte Ansehen der Majestät und ihres Statthalters zu bedauern. Jedoch weit entfernt, nach dieser eindringlichen Vorstellung seinen ernst gewordenen Ton beizubehalten, wandte er sich wieder mit einer so süßen Miene an denselben Chef des Consulado, und überschüttete ihn wieder mit so vielen Komplimenten, und hoffte so zuversichtlich, daß der aufgeklärte und patriotische Körper, dem er vorstände, seinen Mißgriff, und das böse Beispiel, das er den Kreolen gegeben, verbessern würde, daß die Gesellschaft in kurzem wieder in eine heitere und gefälligere Stimmung versetzt wurde. Die Ankunft eines Flügeladjutanten, der nun eintrat, unterbrach ihn. Die Botschaft, die er brachte, mußte von hoher Wichtigkeit sein; denn der Gebieter erhob sich ungemein schnell, und verließ mit der kurzen Entschuldigung den Salon, daß der Dienst Seiner Majestät dringlich seine Gegenwart erheische. Einunddreißigstes Kapitel. Das Kabinett, in das sich die drei jungen Damen mit dem Oberst zurückgezogen hatten, war im neuesten französischen Geschmacke eingerichtet, so wie überhaupt in der Familie des Vizekönigs viel Französierendes, vielleicht aus eben dem Grunde vorherrschte, aus dem der Besiegte die Sitten und Gewohnheiten des Siegers dem seiner Landsleute vorzieht. Das einzige Spanische, das die stolze Bewohnerin des Appartements beibehalten hatte, war die Estrada, der erhöhte Hintergrund des Kabinetts, auf dessen einer Seite eine Ottomane sich herzog, hinter welcher reiche Gardinen ein üppig schwellendes Bett durchglänzen ließen. Vor den vergoldeten Löwentatzen des Bettes war ein mit breiten goldenen Tressen eingesäumter Teppich von Jaguarfellen ausgebreitet; sanfte Wohlgerüche durchdufteten das Zimmer, in dem eine pittoreske und zugleich gesuchte Anordnung durchschimmerte – hier eine Halskette, die ihr Lager auf einer Handzeichnung gefunden hatte, dort über einem Schirm ein kostbarer Cachemir; prachtvolle, in Gold gearbeitete, mexikanische Götzenbilder und Sträuße, aus dem glänzenden Gefieder der Vögel des Landes zusammengesetzt, künstliche Blumen und kostbare Vasen, mit den tausend Erfordernissen einer Damentoilette, lagen in reicher Verwirrung umher, den Geschmack ihrer Besitzerin, und vielleicht – die Zahl ihrer Verehrer gleich sehr beurkundend. Sie selbst, ganz Grazie, ganz Anmut, war malerisch auf die Ottomane hingegossen, einen ihrer Arme um den Leib der Doña Inés, den andern um den Emanuelens geschlungen. Vor ihr, auf der Stufe der Estrade, lag auf einem Kissen der Oberst, im Anschauen und, wie es schien, in Entzücken verloren. »Es hat uns sonach gefallen, meine gnädigen und hohen Herrschaften,« lispelte Doña Isabel, »in diesem Monate einen Ball zur Feier des Sieges, den wir«, sie richtete einen anmutig lächelnden Blick auf den Obersten, »durch unsere Tapfern zu erringen hoffen, zu beschließen.« Es erfolgte eine Pause. »Und auf diesem Ball,« fuhr sie fort, »zum Nutzen und Frommen des guten Geschmacks der sehr adeligen Stadt Mexiko, eine Quadrille, die, glänzend und auserwählt, in den Hofannalen der mexikanischen Terpsichore einige Anerkennung finden soll – –« »Nicht zu zweifeln«, fiel ihr der Oberst ein. Die Donna lächelte ihm graziös zu und winkte Stille. »Eine Quadrille also soll diesen Ball verherrlichen, deren glückliche Auserwählte wir nun sofort bezeichnen wollen.« »Ihre Herrlichkeit, Doña Emanuele Florentine Stephanie Vanegas de – –« »Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen zu Füßen werfe«, lachte die Bezeichnete. »Unsere liebe Inez. –« »Ich küsse Ihnen die Hände« frohlockte Doña Inés. »Isabel«, sprach die Doña stolz lachend. »Wofür wir alle die Hände küssen«, riefen alle drei, und der Oberst hatte bereits die ihrige erfaßt. »Doña Elvira Condessa –« Sie hielt inne. Der Oberst, den Mund auf ihre Hand gepreßt, hatte das Haupt gesenkt. »Condessa de Fogoa«, rief sie plötzlich, indem sie sich zugleich rasch herabbog und ihre Hand vom Gesichte des Obersten wegriß. Dieses war mit einer Flammenglut übergossen. Sie warf einen durchbohrenden Blick auf ihn. »Sie wissen doch, Graf,« fuhr sie nach einer Weile halb spöttisch fort, »daß die sehr adelige Stadt Mexiko diese Blume von Oaxaca seit drei Tagen in ihren Mauern besitzt, und daß die Condessa Elvira von einer Familie stammt, mit der allerdings auch wir in Berührung treten dürfen.« »Zweifelsohne,« versetzte der Oberst, »und es wundert mich nur, wie Doña Isabel sich herablassen kann, Gründe da anzugeben, wo ihr bloßer Wille hinreicht.« »Für welche loyale Submission Sie, Graf, sogleich belohnt werden sollen«, lächelte die Doña; »denn da die Quadrille«, fuhr sie mit lispelnder Stimme fort, »nun wohl nicht bloß von Damen allein aufgeführt werden kann, und Caballeros uns zur Vollendung des Rahmens einigermaßen notwendig sind, so haben wir in Huld und Gnaden beschlossen, vier Kavaliere insofern zu beglücken, als ihnen das beneidenswerte Los zuteil werden soll –« »Oh, wie doch dieser schöne Mund so folternd sein kann!« seufzte der ungeduldige Oberst. »Zuteil werden soll,« wiederholte Doña Isabel, »uns diese Quadrille mit aufführen zu helfen. Und zwar –« sie sah den Grafen lächelnd an. »Graf Canegui.« »Glücklicher Canegui!« rief der Oberst. »Den General Grafen Cabeza.« »Überseliger Cabeza!« seufzte er wieder. »Graf Carlos de Fogoa.« »O Schmerz, das ist ja ein Kreole!« riefen alle. »Graf San Ildefonso.« »Bravo! Bravo!« Der letzte Name entzückte wieder alle. »Señorias!« sprach die Doña. »Ich glaube kaum bemerken zu müssen, daß diese Quadrille eine Überraschung sein soll für die sehr adelige Stadt Mexiko. Wir haben daher kaum nötig, zu erwähnen, daß alles mit einer gewissen Verschwiegenheit behandelt werden muß, die dem Ganzen ebensosehr Reiz verleiht, als die Spannung erhält.« Sie hielt inne. »O fahren Sie doch fort!« riefen alle. »Wir dürfen zugleich auch nicht vergessen,« bemerkte sie, »daß wir in einer verhängnisvollen Zeit leben –« sie hielt wieder inne, »und daß der Ball an eine Bedingung geknüpft ist –« »An deren Erfüllung doch Señora Isabel nicht zweifeln wird?« sprach der Oberst mit dem stolzen Selbstgefühle eines jungen Kriegers. »Gewiß nicht,« lächelte die Dame. »Immerhin jedoch hängen wir von der Erfüllung einer Bedingung ab.« Gegen diese Behauptung protestierte der Oberst hitzig, indem er versicherte, daß an dem Siege über die Rebellen zu zweifeln ein Majestätsverbrechen gegen die spanische Ehre sei: eine Versicherung, die sich die Dame um so lieber gefallen ließ, als sie von dem Obersten mit einem Feuer ausgesprochen wurde, die ihm eine recht liebliche Nöte ins schöne Gesicht jagte. »Da nun dieses glückliche Land« fuhr die Dame fort, »trotz der eminenten Wohltaten, die ihm unsere glorreichen Könige durch die Hand ihrer illustren Vireys zugewandt,« – ihr Gesicht verzog sich bei diesen Worten in ein unwillkürliches Hohnlächeln, »in demselben Zustande sich befindet, in dem unser Vaterland bald nach der Eroberung von Granada durch die hochherrliche Isabel war; wir meinen den zweiten Aufstand der Mauren, gedämpft von dem herrlichen Aquilar, dessen Nachkomme mütterlicherseits« – ihr Blick fiel mit einem Ausdrucke von Hoheit auf den Obersten – »sich unter uns befindet, so dürfte es allerdings genehm sein, Isabellen als Typus aufzustellen, und jenen berühmten Reigen zu wiederholen, in dem die siegenden Spanier und besiegten Mauren ihr, der Großen, der Erhabenen, vereint ihre Huldigungen darbrachten. Wir schlagen daher vor,« fuhr sie im positiven Tone fort, »den großen Triumphzug Isabellens nach der zweiten Mauren-Rebellion vorzustellen, und zwar auf eine möglichst brillante Weise vorzustellen, so, daß unserem Aufzuge ein Train von Pagen und reich gekleideten Gefangenen folgen soll, die dann am Tanze teilnehmen und überhaupt in ein Ganzes verschmelzen.« »Die Idee ist wirklich herrlich!« rief der Oberst überrascht. »Wohl denn«, lächelte die Doña. »Wir sind sehr verbunden für dieses Kompliment, wo Komplimente so selten sind.« »Aber die Ausführung, wenn Geheimnis die Bedingung sein soll?« fragte der Oberst. »Woher die Kostüme? Wir haben zwar auf einem unserer Familienschlösser der Sierra Nevada die Kostümes unserer Ahnen herab bis auf unsern leiblichen Vater; aber in diesem armseligen Mexiko, mit seinem neugebackenen Zwiebeladel, ohne Geschichte, ohne Erinnerung –« »Wir,« lächelte die Doña schmachtend, »die wir den Knoten geschürzt haben, werden ihn auch zu lösen wissen. Zudem ist der Unterschied zwischen den heutigen Kostümen der mexikanischen Nobilitad und dem Adel Spaniens zur Zeit Isabellens nur geringe. Mit der gehörigen Rücksicht auf unsere Toilette wird es Ihnen schon jetzt leicht werden, die Ihrige anzugeben. Wir haben jedoch zum Überflusse Don – Dings – wie heißt er nur wieder? – den Direktor unserer Academia zu unserem Kamarillchen geladen, und ihm unsere Wünsche eröffnet, und er wird nicht säumen,« fügte sie etwas preziös hinzu, »Ihnen morgen die Zeichnungen einiger recht malerischen Kostümes zu liefern.« »O schmähliche Egoistin!« scherzte der Oberst; »die schönen Künste auf diese Weise ihren Zwecken dienstbar zu machen.« »Wozu sind sie sonst,« fiel ihm die Doña spitzig ein »als uns das Leben zu verschönern und allenfalls die müßigen Geister zu beschäftigen, und vom insidiösen Anschauen unserer selbst abzuhalten? Unsere Coiffüre« wandte sie sich wieder an die beiden Doñas in einem Tone, der, obwohl weniger preziös, doch wieder verriet, daß jene mit den schönen Künsten auf gleicher, wenn nicht höherer Rangstufe stand – »unsere Coiffüre wird recht artig ausfallen.« »So herrlich!« versicherte der Oberst, ihre Hand erfassend, »daß wir, in demütiger Ferne folgend, unsere eigenen Kostüme bereits im Spiegel erblickt haben.« »Ah, Graf, haben Sie, haben Sie – und wo waren Sie, als wir gezeichnet haben?« rief die Donna aufspringend. »Bei meiner Ehre, Señora!« erwiderte der Jüngling mit einem Anfluge von Ernst. »Es fiel mir soeben bei, welche großartigen Wesen wir sind, und wie wir einst in der Geschichte glänzen werden, die wir uns über einen Ball so ruhig besprechen, in einem Zeitpunkte, wo ganz Neuspanien in Flammen auflodert.« Die Dame schien frappiert über diese Bemerkung und sah ihm forschend ins Gesicht. »Lassen Sie das gut sein, Graf. Ja, um so besser; ist Mexiko in Flammen, so brauchen wir keine Brasseros auf unserm siebentausend Fuß hohen Tale. Lassen Sie sie heranbrechen, diese Flammen!« rief sie stolz. Der Oberst sah sie befremdet an. »Wunderbares Wesen!« rief er, wie vergessend seinen Arm um sie schlingend. Sie stieß ihn zurück, sah ihn einen Augenblick mit blitzenden Augen an; dann warf sie ihren Arm in den seinigen und zog ihn mit sich fort durch die Gemächer, den Vorauseilenden Nichten nach. »Sie sind ein Verräter, Graf!« flüsterte sie ihm zu. »Ein Verräter!« Sie hielt ihn zurück und deutete auf die beiden Doñas, die in sorgloser Fröhlichkeit dem Saale zuhüpften und sich nur zuweilen mit jener naiven Schlauheit umsahen, mit der die jüngern Sprößlinge des schönen Geschlechtes die Herzensergießungen der ältern aufzuhaschen geneigt sind. »Ich sollte schweigen«, flüsterte sie kaum vernehmbar; »aber Isabella ist zu stolz. Hören Sie,« murmelte sie dem Jüngling zu. »Man nennt das, was Sie geäußert haben, liberale Gesinnungen, die jetzt in Spanien in der Mode sein mögen, hier aber –« Der Oberst schüttelte unwillig den Kopf. »Die Stützen des Staates und der Kirche sind morsch, fuhr sie fort – aber in ihrer Morschheit gefährlicher als je; merken Sie sich dies wohl. Kommen Sie nun und bewundern Sie meinen Mut, mit einem Liberalen Arm in Arm in die Gesellschaft Serviler zu treten.« »Pah! Wir sind liberal, weil uns just die Lust kommt«, lachte der Jüngling; »wir sind geborener Aristokrat«, setzte er stolzer hinzu. Arm in Arm traten sie von der einen Seite in den Saal, in den von der andern der Virey geeilt kam. Sie warf einen Blick auf ihn, und ihre Miene verzog sich zum bittersten Hohne; doch ebenso schnell erstarrten die Züge dieses schönen Gesichtes wie zum leblosen Marmor. Mit dem Vizekönig war etwas Außerordentliches vorgegangen, das war klar; etwas, das selbst er, der Meister in der Verstellungskunst, nicht zu verbergen imstande war; etwas Furchtbares; denn die Adern auf der Stirne und den Schläfen waren geschwollen, seine Augen blitzten, und seine Züge kämpften sichtbar in der Anstrengung, die es ihm kostete, sie in einige Ruhe zu bringen und den innern Kampf zu verheimlichen. Es blitzte etwas wie höllischer Triumph und wieder eine gewisse Verlegenheit aus diesem Mienenspiele hervor, das ihn lange nicht zum Worte kommen ließ. Er schritt, eine Depesche in der Hand, einige Male im Salon auf und ab, zum Schrecken aller Anwesenden. »Señor Vanegas!« jammerte die Gattin, die aufsprang. »Liebe«, erwiderte der Gatte, sie zärtlich wehmutsvoll bei der Hand erfassend, und sie sanft zu ihrem Sitze führend. »Exzelencia, Exzelentissimo Señor!« rief der Erzbischof. »Exzelentissima, Graciosissima Señoria!« schrien die Präsidenten, Intendanten, Oidores und Generale. »Und so ist denn,« hub nun der Mann an, dem es endlich gelungen war, sein Gesicht in die Falten zu legen, die eben so hohen Unwillen, als anständigen Schmerz ausdrücken sollten, – »so ist denn alle Loyalität, alle Treue, aller Glaube in diesem Lande verschwunden, und so hat sich denn das Verderben – das gräßliche – so tief eingenistet, daß selbst die harmlos scheinende Jugend ihn, den giftigen Wurm, im Busen trägt, unserer Milde, unserer Gnade, ja selbst unserer Erfahrung spottend! Es ist unglaublich, Señores,« rief der große Mann, die Depesche auf den Tisch mehr werfend, als legend, »und wenn nicht der offizielle Bericht eines der getreuesten Diener Sr. Majestät –« »Exzelencia!« riefen die sämtlichen Anwesenden. »Sie kennen, Señores, den Neffen desselben Grafen San Jago, über den zu klagen wir bereits der Ursachen so viele haben, und von dem besseres zu hoffen wir in der Milde unseres Herzens noch immer bewogen werden –« »Mutter Gottes!« riefen alle. »Nicht wiegend das Verbrechen, dessen sich der junge Mann gegen die geheiligte Person Sr. Majestät in einem so hohen Grade schuldig gemacht hat, daß er Pasquille und satirische Vorstellungen gegen die allerhöchste Person unseres angebeteten Monarchen angehört, haben wir, die Milde unseres allergnädigsten Herrn uns zu Gemüte führend, und die Jugend und Unerfahrenheit des Kulpaten in Anbetracht ziehend, die gerechte Strafe, der er anheimfallen sollte, gewissermaßen in eine Belohnung umzuwandeln uns bewegen gefühlt und ihn nach Spanien gewiesen, um durch würdige Taten in den Reihen der heiligen Kampfer für die erhabenen Rechte unseres Souveräns seine Schuld zu büßen.« Der Mann hielt inne und holte tiefen Atem. Aller Blicke waren starr auf ihn gerichtet. »Betrogener, der wir waren!« hob er aus voller Brust wieder an. »Nicht volle achtundvierzig Stunden hatte der junge Bösewicht der Hauptstadt den Rücken gekehrt, als er seinem verräterischen Triebe nicht mehr widerstehen konnte. Sie wissen, Señores!« er wandte sich zu den Generalen, »wir sandten ihn in der Begleitung des braven Major Ulloa ab, der einiges Raubgesindel unter der Anführung des berüchtigten Vincente Guerrero gefänglich einbringen sollte. Wir können noch immer nicht begreifen, wie es ihm gelang, die Wachsamkeit dieses braven Offiziers zu täuschen, und mit seiner Dienerschaft sich vom Korps des Majors zu trennen. Auf den Höhen der Kordillera, nördlich von der Barranca von Juanes, vereinigte er, ein mexikanischer Caballero, sich mit dem Räuber Vincente Guerrero; beide mit ihren Banden überfallen verräterischerweise die Eskadron während der Siesta und ermorden diese, samt allen Offizieren, und der Liebling unseres edlen Grafen San Jago, der unfern dieser gräßlichen Mordszene mit der ihm kurz zuvor anvertrauten Eskadron hält, kommt nun, um sich an den Raubmörder anzuschließen, nachdem der brave Ulloa mit all den Seinigen gefallen ist; und derselbe Graf Carlos zieht dann mit seinen Mordgefährten über die Kordillera herab gegen Mexiko, wo sie zwischen Rio Frio und Chalco die Hacienda eines achtbaren Gliedes des Consulado, des Bruders unseres sehr achtbaren Señor Pinto, plündern. Wirklich, wäre es nicht offizieller Bericht – und doch,« sprach der Mann stockend, »kaum, daß wir unsern eigenen Augen trauen mögen!« Einige wenige schüttelten die Köpfe, die Mehrzahl schien jedoch entsetzt ob dieser Treulosigkeit, besonders war die Doña ergriffen, doch äußerte sich in diesen stolzen Zügen weniger Schrecken oder Entsetzen als bitterer Hohn. Sie warf dem Virey einen durchbohrenden Blick zu, und zog sich in die Fenstervertiefung zurück. »Ah, Señores,« fuhr der Virey fort, »dieser Graf Jago, den wir so hoch gehalten, dem wir so vielfältige Beweise unseres Wohlwollens gegeben – sehen Sie die Früchte der Grundsätze dieses Mannes.« »Was den Grafen San Jago betrifft,« nahm der Fiskal der Audiencia das Wort, »so scheint dieser den frevelhaften, ungestümen Geist seines Neffen gekannt und richtig beurteilt zu haben, indem er sowohl seine stillschweigende Teilnahme an der hochverräterisch satirischen Pasquinade, wie die allzu gnädige Bestrafung, die ihm Euer Exzellenz zuerkannt, gewissermaßen in sofern gemißbilligt hat, als er eine Protestation oder Erklärung bei der hohen Audiencia niedergelegt, infolge welcher er sich gänzlich von dem jungen Caballero lossagt –« »Und wer sagt dies?« fuhr die Exzellenz auf, und zwar mit einem Ungestüme, der mit dem sonst so gehaltenen Wesen des Mannes sehr wenig im Einklang stand. »Wir, der Fiskal der höchsten Audiencia von Neuspanien, Euer Exzellenz untertänigst aufzuwarten«, erwiderte dieser mit einer Festigkeit, die wenigstens die tröstliche Versicherung gab, daß das höchste Gerichtstribunal einen festen Charakter zähle. Die Exzellenz schritt rasch im Saale auf und ab. »Eine Kopie dieser Erklärung«, sprach der Präsident des Consulado, »hat der Graf auch bei unserem Cuerpo niedergelegt. Sie ist in sehr ehrfurchtsvoll loyalem, aber zugleich auch in zuversichtlich starkem Tone abgefaßt. Auch bitten wir Euer Exzellenz, nicht zu vergessen, daß die Anklage zwei der mächtigsten Familien des Landes zugleich trifft, und daß der Graf ein ebenso geachtetes als einflußreiches Glied des Consulado ist.« »Und der durch sein Benehmen bei der heutigen Anleihe nur zu sehr bewiesen hat, wieviel ihm am Wohlgefallen Seiner Majestät gelegen sei.« Selbst mehrere der trocknen Spanier konnten das Lächeln über diese Substituierung des Wohlgefallens der Majestät, für das des Repräsentanten, nicht ganz unterdrücken. »Wir bitten um Vergebung, Exzelenzia,« fuhr der Präsident des Consulado fort, »wenn wir die Eurer Exzellenz beigebrachten Vorstellungen über die heute stattgehabten Vorfälle im Hause des Grafen von San Jago dahin berichtigen, daß wir versichern, der edle Graf habe wirklich nicht das mindeste getan oder gesprochen, was Seiner Majestät hohen Regierung in diesem Reiche präjudizierlich sein könnte; im Gegenteile, er habe alles versucht, um günstigere Resultate zu erlangen, die jedoch bei dem Umstände, daß die Sicherheiten für Kapital und Interessen die letztern nicht einmal hinlänglich deckten, absolut unmöglich wurden.« »Es ist doch merkwürdig,« rief die Exzellenz, »und beinahe sollten wir glauben, daß der Graf San Jago, ein Kreole,« er betonte dieses Wort scharf, »und seine beiden kreolischen Neffen, wohl getan, und wir übel im Dienste Seiner Majestät. Kaum, daß wir unsern Ohren trauen können! Und wir können uns kaum überreden, daß Don Estevan der Chef des nämlichen Consulado ist, das noch erst vor zwei Jahren die ebenso patriotische, als in gegenwärtigen Zeitverhältnissen weise Deklaration erließ, über dieselben Kreolen erließ, die nun uns gleichgestellt werden sollen. Merken Sie aber wohl, Señores! Der innigen Vereinigung aller rechtgläubigen Spanier unter der Ägide Seiner Majestät Regierung verdanken wir es, daß wir Mexiko noch immer unser nennen. Wir wollen es behaupten für Seine Majestät den König, unser Vaterland, und für uns und unsere Kinder. Ob wir es vermögen werden, wird von Ihnen abhängen. Merken Sie ferner wohl! Ein zweiter Fehltritt der Art, wie er heute geschehen, dürfte gefährlichere Folgen haben.« Als er so gesprochen, ging er einige Male im Saale rasch auf und nieder. Alle waren betroffen; denn so groß die Macht der drei Interessen – des Handelsstandes, der Priesterschaft und der Beamtenwelt – die gewissermaßen in den Anwesenden repräsentiert waren, auch sein mochte, unbedingter Gehorsam unter den Willen der Exzellenz war die Hauptbedingung, das Lebensprinzip, das jedem Spanier zur heiligsten Pflicht gemacht worden. Und so konnte, ja durfte die Wendung, durch welche der Hofmann die beiden Kavaliere nun in jenes tief begründete Interesse verflocht, und an den – Jahrhunderte hindurch gewurzelten, und so gewissermaßen legitim gewordenen Haß der Spanier gegen die Eingeborenen appellierte, nicht ihre Wirkung verfehlen. Alle schwiegen, und es herrschte für einige Minuten eine Todesstille. Die Kamarilla, die sich unter so fröhlichgeistreichen Auspizien eröffnet, hatte auf einmal einen ernst feierlichen Ton angenommen, den der Hofmann mit seiner wirtlich bewundernswerten Gewandtheit noch höher zu spannen nicht säumte. Fest und rasch begann er allen die Notwendigkeit unveränderlichen Zusammenwirkens recht dringlich ans Herz zu legen. Einige Winke von Opfern, die fallen müßten, um die Ruhe des Landes wiederherzustellen, wurden hingeworfen, und vom Erzbischof fromm, bereitwillig, mit biblischen Sentenzen belegt: »Wenn dein Auge dich schmerzt, so reiße es aus«, und »So hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn dahingab, auf daß keiner, der an ihn glaubt, verloren gehe«, wobei er seufzend bemerkte, daß ja der Sohn Gottes selbst um hoher Interessen willen sich geopfert habe, wofür ihm der Vizekönig wieder in huldreicher Demut dankte. Dann suchte der Mann sich von dem Vorwurfe zu reinigen, als wenn er, der Repräsentant der Majestät, aus persönlichen Rücksichten handelte; er, der nur für den Dienst der Majestät und der Kirche lebe und bereits so viele Beweise von Milde und Versöhnlichkeit gegeben, die aber alle verkannt worden. Als Zwischenspiel wandte er sich wieder an die einzelnen anwesenden Generale, denen er seine Zufriedenheit für die bei dem heutigen Tumulte getroffenen kräftigen Vorkehrungen zu erkennen gab, dann wieder an die Glieder der Audiencia, versicherte ihnen, wie er nur Gerechtigkeit und nichts als Gerechtigkeit wünsche, daß aber – in der gegenwärtigen außerordentlichen Lage auch außerordentliche Maßregeln und Rücksichten genommen werden müßten, und stimmte so allmählich die ganze Gesellschaft dahin, daß ihm alle den absolutesten Gehorsam gegen seine hohen Winke und Gebote zusicherten, zugleich beteuernd, daß nur durch diesen blinden Gehorsam gegen die Exzellenz das Land vom Untergange gerettet werden könne. Und nachdem der hohe Mann seine Gäste in so weit bearbeitet, daß sie ihm alle unbedingte Folgeleistung zugesichert hatten, und der Endzweck der Kamarilla so erreicht war, ließ er die schmeichelhafte Hoffnung fallen, daß seine liebe, teure Schwägerin ihm bald wieder das Vergnügen, das seltene, das herrliche, verschaffen werde, sich ihrer Gegenwart zu erfreuen, ein Wink, den alle benutzten, um sich unter vielfältigen Bücklingen aus dem Saale zu entfernen. Bloß der Oberst war zurückgeblieben. Die jüngere der beiden Töchter, mit der er bisher getändelt hatte, kam nun in harmlosem Entzücken auf den Papa zugehüpft. »Der Jungfrau sei gedankt,« frohlockte sie, »daß unsere lieben Gäste gegangen! Bald hätten sie uns, die wir zuvor eine so deliziöse Stunde hatten, doch so ernst gestimmt. Wissen Sie aber, Papa, daß Sie gar nicht aimable sind – welch ein finsteres Gesicht!« »Ach, teures Kind!« sprach der zärtliche Vater mit einem schmerzlichen Lächeln. »Ich bin schon glücklich, wenn ich nur euch froh und in so lieber Gesellschaft weiß wie die unseres teuren Grafen und Obersten. Ach, Sie sind doch«, er wandte sich vertraulich an diesen, »einer der wenigen Freunde, die treu aushalten. Wie glücklich sind wir in Ihrer Freundschaft. Auch ich habe eine Bitte,« sprach er im süßen Tone, »und da Sie gegen die Meinigen so freigebig gewesen sind, so hoffe ich nicht minder glücklich zu sein.« »Euer Exzellenz haben zu befehlen«, sprach der Oberst. »Ohne Komplimente, Lieber! Seien Sie ganz zu Hause bei uns; wir müssen Sie für ein halbes Stündchen in Anspruch nehmen. Ja, ja, wir tun es nicht anders. Wir wollen nur zuvor ein kleines halbes Stündchen mit unserer Familie verschwinden, und dann wieder zurück sein. Es ist ein drückender Zwang, in dem wir leben«, klagte er mit seufzender Stimme. »Keinen unserer Lieben an unserem häuslichen Tische bewirten zu dürfen. Es ist jedoch seit Jahrhunderten geheiligte Sitte, und wohl sollten alle Sitten geehrt werden. Nicht durch uns soll das erste Beispiel leichtsinniger Hintansetzung statuiert werden, so drückend uns auch diese Sitte sein mag.« Diese Worte waren wieder in einem ungemein gerührten und beinahe salbungsvollen Tone gesprochen. »Sie bleiben demnach, Guter! Unsere liebe, liebe Schwägerin lassen wir zurück, und geben ihr einen halbstündigen Hausarrest. Fürwahr, wir beneiden unsere belle-sœur um diese kleine Tertullia, diesen Genuß. Ja, so, in einer kleinen halben Stunde sind wir wieder bei ihnen. Wüßten Sie nur, lieber Graf und Oberster, wie gut wir Ihnen alle sind. – Es ist uns Staatsmännern so selten vergönnt, ein vertrautes Wort in einen freundlichen Busen fallen zu lassen. Ach, mein Gott! Sie haben sie ja gesehen, diese Stützen des Staates, diesen Chef unseres Consulado, diesen Fiskal unserer Audiencia; und doch leben wir in einer Zeit, wo Zusammenwirken zum Großen, zum Guten, zum Herrlichen nur, wenn mit Festigkeit gepaart, hoffen darf, die Saat des Bösen zu meistern.« Alles dies war mit einer ungemeinen Geläufigkeit, aber wieder mit einer so bewundernswerten Modulation der Stimme gesprochen, daß der Oberst, trotz dem aristokratischen Hohn, der um seinen Mund spielte, den Mann mit einiger Verwunderung ansah. »Ja, Conde und Oberster! Wir müssen ein halbes Stündchen zusammen plaudern, uns verständigen zum gemeinsamen, hohen Interesse; ganz ohne Scheu, ohne Zurückhaltung wollen wir uns einander aufschließen. Zurückhaltung, Lieber, würde da ganz am unrechten Orte sein, wo die Interessen dieselben sind, und haben wir nicht ganz dieselben Interessen? Ihre Familie ist eine der ersten Spaniens, im Besitze bedeutender Domänen in Mexiko. Muß Ihnen nicht alles daran gelegen sein, diese edelste Perle Spaniens, diese kostbarere Perle als Spanien selbst, in der Treue und dem Gehorsam gegen den legitimen Beherrscher zu erhalten, durch welche Allerhöchstderselbe allein in den Stand gesetzt wird, die große Rolle unter den Monarchen der Welt zu spielen, wozu er seit Jahrhunderten berufen ist? Ah, Graf, Sie selbst, den seine hohen Verbindungen dazu bestimmen – vielleicht sehr bald unser Nachfolger.« »Exzellenz scherzen«, fiel ihm der Oberst etwas trocken und in höherer Betonung ein. »Eben weil unsere Familie eine der ersten, dürfen wir nie hoffen, daß die Politik unseres Hofes sich bis zu uns versteige, da sie sich mit geringern Materialien zu ihren Bauten befriedigen kann –« Er hielt inne, denn des Vizekönigs Freundlichkeit war einigermaßen lauernd geworden. »Wir Granden«, beschloß er, »sind nun schon einmal bestimmt, bloße Camareros der Majestäten zu sein.« »Wir werden mehr über diesen Punkt sprechen«, fiel ihm der Vizekönig etwas hastig ein; »aber glauben Sie, mein Lieber, die Cortes werden aufräumen, die durchlauchtige Majestät der Cortes wird ihre Gewalt zu benutzen wissen, und auch in dieser Hinsicht viel Gutes bewirten. Ha, ha! Ja, ja! – Nun wollen wir Sie einstweilen unserer lieben belle-sœur zur Disposition überlassen, Ihre Unterhaltung wird zweifelsohne – doch adios, lieber Graf und Oberster!« Und mit dem bezauberndsten Lächeln und einem Händedrucke, der so lange dauerte, daß der hohe Mann sich gewissermaßen nicht mehr trennen zu können schien, und mit dem süßest gelispelten Adios, glitt er halb schwebend, halb sich bei jedem Schritte wiegend, aus dem Salon, um unter dem Vortritte des diensttuenden Camarero und Pagen sich in sein Appartement zu begeben. Zweiunddreißigstes Kapitel. Das spitze Lächeln, das sich um den Mund unseres Obersten während der letzten Ergießungen des Vizekönigs gelegt, war verflogen, und ein ungemeiner Ernst hatte sich über die aristokratischen Züge des Jünglings hingelagert, als er kopfschüttelnd dem Manne nachsah, der die furchtbarsten Leidenschaften mit gefälliger Leichtigkeit aus ihren untersten Tiefen heraufbeschwören konnte, ohne auch nur im leisesten von denselben berührt zu werden. »Hinkender Teufel« murmelte er zwischen den Zähnen, »dieser Schatten von einem König.« Die letzten Worte verschluckte er halb, indem er sich rasch umsah. Seltsam, die Doña war gleichfalls verschwunden. Die Türen, die durch die Reihe von Zimmern in ihr Boudoir führten, waren offen, und aus denselben her laute Stimmen, Ausrufungen und Verwünschungen zu hören. Der Stabsoffizier schüttelte mehr und mehr das Haupt. Auf einmal kam die Doña durch die Gemächer gerannt, bleich und verstört; sie stürzte in den Salon, ihr Busen hatte zum Teil die Fesseln gesprengt und wogte halb entblößt in stürmischen Schlägen. Sie schaute sich wild um, stampfte mit dem Fuße; wieder rannte sie durch den Saal, als wäre sie von Furien gepeitscht. Ihre Stimme stockte. Sie versuchte zu reden, sie konnte es nicht; aber sie stieß einen gellend unnatürlichen Wutschrei aus, der ihre Pagen und Kammerfrauen erschrocken hereinstürzen machte. Sie trieb sie fort. »Fort, fort!« schrie sie dem Obersten zu, der, außer sich über die unbegreifliche Verwandlung, auf das prächtige Weib zugesprungen und sie wie eine Rasende fest in seine Arme gefaßt hatte. Sie riß sich mit Gewalt von ihm los. »Fort, fort!« schrie sie ihm zu. »Fort, ich bitte, ich beschwöre Sie!« Sie lief wieder zur Türe; sie horchte; ihr Gesicht glühte; die roten Streifen waren zu flammenden Zungen, sie selbst zur unheilschwangern Herodias geworden. Der junge Grande stand entsetzt. »Was ist dies? Um Gottes willen, Doña! Was ist es, das Sie in diesen außerordentlichen Zustand –« Sie ließ ihn nicht ausreden. »Fort, fort!« schrie sie mit erstickter Stimme. »Unglücklicher!« murmelte sie, sich wie vergessend und schmerzlich die Hände ringend. »Scheusal!« stieß sie wieder mit Heftigkeit aus und stampfte mit dem Fuße. »Warum soll ich fort, Doña?« rief der Oberst, sie wieder erfassend. »Fort von Ihnen? In diesem Zustande, fort aus dem Himmel, wo die Göttin thront, in die fade, kalte Nacht Mexikos?« Sie stieß ihn mit Heftigkeit, beinahe mit Abscheu zurück. »Was wollen Sie, Oberst?« Im anstoßenden Zimmer waren Fußtritte zu hören. Eine Kammerfrau huschte zur Türe herein, ein Page folgte ihr. Beide flüsterten der Herrin Worte in die Ohren, die ihr wechselsweise Totenbleiche und Fieberglut auf die Wangen brachten. Einen Augenblick warf sie sich gedankenschwer auf das Sofa, dann sprang sie auf, befahl den beiden, ihr zu folgen, und verschwand in der Türe. Nach einer halben Viertelstunde kam sie zurück gerannt, einen dreieckigen Generalshut auf dem Kopfe, einen blauen goldbordierten Mantel um die Schultern, ein junger Mann in derselben Verkleidung, den Hut ausgenommen, ihr zur Seite. Sie war rasch auf den Obersten zugetreten. »Graf«, redete sie ihn an. »Haben Sie Mut zu einer edeln Tat?« Der Oberst sah sie zweifelhaft an. »Mut,« sprach sie eindringlicher, »einen edlen Jüngling retten zu helfen, den – den – den«, murmelte sie vor sich hin, »ein schwarzer Bösewicht zu verderben auf dem Punkte steht.« »Doña,« erwiderte der Oberst, »ich bin im Palast Seiner Exzellenz des Virey von Neuspanien.« »Von Juan, Ihr Vorfahr würde einer Dame nicht diese Antwort erteilt haben. Gehen Sie mit Gott und der heiligen Jungfrau, und leben Sie tausend Jahre!« sprach sie mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke von Bitterkeit und Hohn. »Um Gottes willen! Doña, eilen Sie; jede Minute, jede Sekunde mag die letzte sein«, flüsterte der Blaumantel der Doña zu. In demselben Augenblicke huschte eine Kammerfrau durch die Türe herein, warf dem Obersten einen weißen Mantel um die Schultern, drückte ihm den Hut in die Stirne, flüsterte der Doña einige Worte in die Ohren und schob dann Doña, Blaumantel und Obersten zur Türe hinaus. »Isabel! Isabel!« schrie der Oberst – doch sie hörte nicht. Sie flog mehr als sie rannte durch die Gemächer dem Boudoir zu, durch eine Tür an der Seite des Bettes in eine Garderobe, aus dieser in ein Badezimmer, wieder in ein kostbar möbliertes Schlafgemach, und durch eine verborgene Türe in einen schmalen Gang, an dessen Ende sich eine Wendeltreppe befand. Sie führte in eine bedeutende Tiefe. An jedem Absatze stand eine Schildwache, welcher der Begleiter der Doña das Losungswort zuflüsterte. Nach einem Hinabsteigen, das mehrere Minuten gedauert hatte, waren sie in einer Halle angelangt, deren schwarze Mauern, ungeheure Mittel- und Strebepfeiler von gehauenen Steinen, augenscheinlich die Fundamente des ungeheuren Palastes trugen. Die kühle Grabesluft, das Wasser, das an den Wänden herabträufelte, in Rinnen im steinernen Fußboden gesammelt, alles verriet, daß sie sich unter der Erde befanden. Zwei Schildwachen schritten zähneklappernd in der weiten Halle auf und ab. Diese war zum Teil erleuchtet, zum Teil finster, einer ungeheuern Gruft gleich, aus deren Tiefe Töne hervordrangen, die unsere Nachtwandler in ein leichtes Frösteln versetzten. Sie standen eine Weile unschlüssig, als eine verhüllte Gestalt heranschlich, sie mit den Worten: »Gelobt sei der Name der allerheiligsten Jungfrau!« begrüßte und dann eine starke eiserne Tür öffnete, durch welche sie die drei zog, rasch den ungeheueren Riegel vorschob, eine Blendlaterne hervorzog und dann schnell ihren Weg durch die Labyrinthe dieses schaudervollen unterirdischen Gewölbes nahm. Durch Gänge und Windungen, die wieder mit ebenso vielen Eisenpforten und Gittern verwahrt waren, kamen sie endlich in einen länglichen bogenartigen Korridor, dessen eine Wand aus den massiven Grundmauern des Palastes und die andere aus getäfeltem Holzwerke mit Fenstern bestand, durch welche Lichtstrahlen auf die feuchten tropfenden Mauern fielen. Die Fenster waren vergittert und mit Vorhängen versehen, durch deren Öffnungen man in die verschiedenen Gemächer sehen und die Stimme von Redenden hören konnte. Als sie tiefer einschritten, kam ein Chaos von Tönen aus der Tiefe heraufgestiegen, das den Jammertönen und dem Winseln und wieder dem Hohnlachen der Verdammten und ihrer Peiniger angehören mußte. Alle drei blieben einen Augenblick eingewurzelt ob dieser grausen Töne, die in dem dumpfen eingeschlossenen Raum gleichsam zusammengepreßt, so unnatürlich an das Ohr anschlugen. Dann zog sie ihre Führerin mit sich vor eine verhängte und vergitterte Glastüre, deutete in ein Gemach und zog sich eilig zurück. Dreiunddreißigstes Kapitel. Das düstere Gewölbe, in welches die Doña mit ihren Begleitern durch die Öffnungen des Drahtgitters nun schaute, ruhte auf einem ungeheuern Pfeiler, der aus der Mitte emporstieg. Die Seiten desselben waren, sowie die Wände des Gemaches, mit Holz getäfelt, das ursprünglich rot gewesen, aber durch Zeit und Feuchtigkeit ganz schwarz gefärbt war. Es hatte mehrere Türen, aber kein Fenster, und war mit Teppichen belegt; am Pfeiler war ein Brasero mit glühenden Kohlen angebracht; längs der einen Seite der Wand zog sich ein mit grünem Tuch behangener Tisch hin, worauf ein Kruzifix mit zwei Armleuchtern; vor dem Tische standen vier Sessel mit gewaltig hohen Lehnen; auf einem Seitentische ein Waschbecken mit Gießkanne und einer Bouteille Wasser, auf einem zweiten Zitronen, Rum und eine Schachtel mit Zigarren. Vor dem Brasero lehnte ein kleiner Mann, mit einem weiten blauen Mantel Der blaue Mantel wurde von den Adeligen, der braune von den unteren und Mittelklassen in Mexiko getragen. um die Schultern, der abwechselnd den linken und dann wieder den rechten Fuß über die glühenden Kohlen hielt, und mit der einen Hand sich an den Pfeiler stützte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während er mit der andern seine Zigarre anzuzünden im Begriffe stand, zu welchem Behufe ihm ein zweiter den Armleuchter hielt. Dieser zweite hatte den Hut abgenommen, während das kleine Männchen ihn fest auf die Stirn gedrückt behielt. »Danke, danke, Señoria! Bitte um ein Röllchen Papier; sind kein Raucher; Zigarren dürfen nie an Wachs oder Spermacetti oder noch viel weniger an Unschlitt angezündet werden. Merken sich Señoria das – verlieren den ganzen Geschmack – Kohlen oder Papier – Kohlen oder Holz oder Papier.« Diese Worte waren mit einer gellend kreischenden, aber freundlichen Stimme gesprochen, und der Sprecher, der während der Pause seine Zigarre in Rauch gebracht und die Füße hinlänglich gewärmt hatte, wandte sich nun gegen den gefälligen jungen Mann, und ließ, auf kastanienbraunem Grunde, die olivengrünen Züge Señor Pintos, des Oidors, mit den kleinen feurigen Rattenaugen schauen, die Señor Ruy Gomez, den Geheimsekretär, allmählich weniger freundlich anzublitzen geneigt schienen. »Ja, ja, wir werden Sr. Exzellenz Befehlen nachzukommen trachten, Señor Ruy Gomez, obwohl, obwohl – – –« »Se. Exzellenz, weit entfernt, zu befehlen,« erwiderte der Geheimsekretär mit vieler Geschmeidigkeit, »haben vielmehr bloß hohe Wünsche geäußert und uns ausdrücklich aufgetragen, dieselben mit Höchstdero Wünschen bekannt zu machen: sagen Sie Sr. Herrlichkeit, bedeuteten uns Höchstdieselben, es sei unser Wunsch, durch dessen Erfüllung uns Señor Pinto um so mehr verbinden wird, als – – –« »Als Se. Exzellenz geruhen, Hochdero eigenen Kopf so viel als möglich aus der Schlinge zu halten«, ergänzte der Oidor im trockenen Tone, mit welchem trockenen Tone das ganze Wesen des Männchens auf eine so auffallende Weise harmonierte, daß auch kein Zug von der Ehrfurcht oder Geschmeidigkeit zu sehen war, die er während der Kamarilla an den Tag zu legen sich so sehr beflissen hatte. Es war nicht bloß das mürrische Wesen eines alten Mannes, der sich aus seiner Nachtruhe aufgestört findet und, Rheumatismen im Hintergrunde sehend, den Ruhestörer seinen Unwillen entgelten läßt; es lag eine schwere Wolke über die niedrige Stirne hingebreitet, die das Männchen auch nicht im mindesten zu verhehlen trachtete. »Euer Herrlichkeit sind gänzlich im Irrtume,« bemerkte Don Ruy Gómez, einen Schritt vor- und wieder zurücktretend, »wenn Dieselben glauben, daß Se. Exzellenz – da doch Se. Exzellenz – Höchstdieselben wünschen nur – daß – weil, nach Höchstdero Ermessen, Gefahr im Verzuge haftet – und es allerdings rätlich ist, daß in solchen delikaten Fällen in aller Stille vorgeschritten werde – – –« »Mein lieber Señor Ruy Gomez,« erwiderte Don Pinto mit einem mitleidigen Achselzucken, »bemühen Sie sich nicht, uns die weisen Absichten Sr. Exzellenz eines weitern auseinander zu setzen; wir kennen dieselben und bedauern, daß in aller Stille vorgeschritten sein muß. Wir dienten bereits unter Graf Gálvez; der schritt nicht in aller Stille vor, der tat seine Sachen öffentlich, begnadigte öffentlich, ließ aber auch Köpfe abschlagen, wenn er wollte. Freilich war Don Gálvez einigermaßen – aber basta –« »Es ist sehr bedauerlich – sehr bedauerlich,« fiel ihm der Geheimschreiber ein, »um so mehr, als die öffentliche Volksstimmung sich sehr laut gegen öffentliche Hinrichtungen äußert; der Zartsinn Seiner Exzellenz hat daher in diesem Punkte –« Der Mann hielt in sichtlicher Verlegenheit inne. »Señor Ruy Gómez, verstehen Sie mich wohl? Wir haben gar nichts gegen den Zartsinn Seiner Exzellenz einzuwenden, nichts gegen die Art und Weise einzuwenden, wie Seine Exzellenz ihre weisen Pläne in Vollführung bringen. – Seine Exzellenz sind Virey von Neuspanien; Virey, mit sehr ausgedehnten Vollmachten, sehr – sehr ausgedehnten Vollmachten. – Wir haben keinen Herrn, Señor Ruy Gomez, keinen Herrn, verstehen Sie; denn der Herr, unser König, ist vom gottlosen Napoleon in Gefangenschaft gehalten; aber wir haben zweihundert Majestäten in Kadix und die Majestäten haben der Exzellenz sehr ausgedehnte Vollmachten erteilt; verstehen Sie; und was sie nicht erteilt, das wissen Seine Exzellenz, sich erteilen zu lassen. Aber dessenungeachtet, Señor, dessenungeachtet haben wir vieles hin und wieder einzuwenden, und zwar, weil wir als Oidor uns des Rechts erfreuen, Einwendungen machen zu können.« »Ohne jedoch den Gehorsam verweigern zu dürfen«, bemerkte der Geheimsekretär etwas spitzig. »Das ist der Punkt, Señor!« sprach der Oidor. »Seine Exzellenz haben in ihrer Machtvollkommenheit eine Kommission niedergesetzt, die bestimmt ist, Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates zu richten, eine Kommission, von welcher sie uns zum Referenten und Präsidenten ernannt.« »Und von der General Concha und Major –« »Mitglieder sind«, fiel ihm der Oidor ein. »So ist es; nun diese Kommission, die bereits den Ehrennamen der blutigen erhalten –« »Aber Seine Exzellenz wünschen ja nur für diesesmal, daß Sie Ihren Namen –« der Geheimsekretär behielt das letzte Wort für sich. »Und dann ist ja das Verbrechen des Rebellen durch das Verhör des Alkalden so ganz außer allem Zweifel –« »Ei, Don Penafil – ja, Don Penafil – das Verhör des Alkalden, der die Ehre hatte, Livreebedienter des Camarero des Mayordomo Seiner gewesenen Hoheit des Principe de Paz zu sein. Ei, Don Ruy Gómez – dieser Alkalde – nun, er ist noch nicht der schlechteste Alkalde; aber nichtsdestoweniger scheint es uns doch nicht so ganz geraten, unsern Namen in seine Verwahrung dadurch zu geben, daß wir ungesehen ein Urteil unterschreiben, das er gefällt –« »Aber es hat ja Don Ferro, der Escribano –« »Ja, ja, Don Ferro, der Escribano. Sehen Sie, Señor! Nach dem, was Sie gesagt, gehört der Fall eigentlich vor das Militärgericht, und dies wäre der beste und kürzeste Weg, um so mehr, als unsere Jurisdiktion sich nur auf Zivilfälle innerhalb des Sprengels von Mexiko beschränkt; aber Seine Exzellenz sind Herr, und haben viel Zartsinn, und wollen ohne Zweifel ihre gewohnte Delikatesse«, bemerkte der Oidor einlenkend. »Wir wollen Seiner Exzellenz Befehlen nachkommen, und – – –« »Auch werden Eure Herrlichkeit beliebig in Erinnerung bringen, daß Seine Exzellenz als der Alter ego der Majestät –« »Als der Born und die Quelle aller Hulden und Gnaden erscheinen muß, und deshalb nicht anstehen darf, ihre Mitbeamten in Ungnade zu bringen«, versetzte der Oidor in demutsvoller Bitterkeit. »Wir wissen, wir wissen, und bedauern, ja bedauern, daß unser allergnädigster Herr, Fernando VII. – verstehen Sie, Señoria? – Wir fürchten nicht die Ungnade irgend jemandes, aber wir fürchten die Ungnade der Majestät, hoffen jedoch, daß dieser Kasus nicht einer der Kasus sein wird – wir hoffen –« Der Geheimsekretär schwieg. Don Pinto sah den jungen Mann forschend an. »Wir hoffen, der Kasus wird keiner dieser Fälle sein, verstehen Sie, Señor.« Seine kleinen funkelnden Rattenaugen schienen dem Geheimsekretär in die Seele bohren zu wollen. »Verstehen Sie, Señor, wir tun und erfüllen gerne unsere Pflicht gegen Seine Exzellenz; aber es dürfte Fälle geben, wo selbst Seine Exzellenz es bedauern dürften, sich eines Mitgliedes der hohen Audiencia als Werkzeug bedient zu haben.« »Allerdings«, bemerkte der Geheimsekretär. »Eure Herrlichkeit können sich jedoch darauf verlassen, daß der gegenwärtige Fall um so weniger Besorgnisse einzuflößen geeignet ist als der Gegenstand ein Criollo.« »Ein Kreole sagen Sie, namens Cosmo Blanco; kennen den Namen nicht, aber nichtsdestoweniger hielten wir es für unsere Schuldigkeit, zu sehen – zu sehen – – –« »Seine Exzellenz werden gewiß diese Pünktlichkeit und Unermüdlichkeit, –« bemerkte der Geheimsekretär, der ein Blatt auf den Tisch legte und sich verbeugte. »Adios, Señor. Wir wollen Seiner Exzellenz Befehlen nachkommen«, bedeutete der Oidor dem sich Entfernenden. »Mutter Gottes!« brummte der Mann, der nun im Gemache hastig auf- und abschritt. »Diese Exzellenz verdirbt uns so sicherlich, als Amen im Vater Unser steht. Alles verwirren und in der Verwirrung obenauf schwimmen. – Da sind wir nun eine Kommission von dreien niedergesetzt, Casus und Crimina laesae Majestatis zu richten, in letzter Instanz zu richten, und, einige Hunderte gente irrationale ausgenommen, waren noch nicht drei Urteile zur Bestätigung uns vorgelegt, deren Schicksale nicht bestimmt gewesen wären, ehe wir sie noch sahen oder einen Buchstaben ihres Verhöres. Mich sollte es wundern, wenn der arme Teufel nicht bereits erdrosselt ist – aber dann!« – Das Männchen zuckte die Achseln, zog den Rauch seiner Zigarre stärker, und blies einige gewaltige Rauchwolken. Nachdem er einige Minuten geraucht, warf er die Zigarre in die Kohlen, zog die Klingel und brannte eine frische an. »Ober-Alguazil Giro!« sprach er sichtlich erheitert, als er des Eintretenden ansichtig ward. »Habt Ihr den Dienst?« Dieser, einen Stab in der Hand, näherte sich ehrfurchtsvoll dem Oidor, neigte den Stab, und antwortete: »Aufzuwarten, Euer Herrlichkeit. Wollte die Jungfrau, wir wären verschont geblieben! Aber zwei unserer Leute sind vor einer halben Stunde eingebracht worden.« »Wie soll ich dies verstehen?« »Antonio wurde bei dem Palaste der Bergwerksgesellschaft niedergestoßen, dafür, daß er den Herrn einbrachte; Pablo, dicht an der Münze, weil er den Diener eingefangen.« »Wie, was?« fragte der Oidor, der wechselweise den Sprecher und wieder das Blatt ansah, das der Geheimsekretär auf dem Tische zurückgelassen hatte. »Was habt ihr denn eigentlich für Gefangene, wegen dieses da sind doch nicht zwei Alguazils erdolcht worden?« Er deutete bei diesen Worten auf das Papier. »Dies ist nicht die Person,« versetzte der Alguazil, der einen Blick in das Papier geworfen hatte, »obwohl er uns wirklich den Pablo kostet.« »Und?« fragte der Oidor. Der Alguazil zuckte die Achseln. »Euer Herrlichkeit scheinen nicht zu wissen. Dieser da ist bloß der Diener.« »Der Diener?« fragte der Oidor. »Von wem?« Der Alguazil schüttelte den Kopf. »Er ist vor einer halben Stunde eingebracht worden, und liegt in Nummer 9, ohne daß er bisher ins Protokoll gekommen wäre; aber sein Herr ist von Don Penafil und Don Ferro verhört worden, und zwar im geheimen verhört worden, hier verhört worden in diesem Gemache.« Der Oidor sah den Alguazil sprachlos an. Dieser fuhr leise fort. »Die Verhaftung dieses Cosmo Blanco gab bloß die Veranlassung, daß der junge Kaballero den Namen erhielt. Sein Name ist übrigens bekannt genug.« »Es ist?« fragte der Oidor. Der Ober-Alguazil flüsterte ihm diesen in die Ohren. Der Oidor sprang zurück. »Teufel! Was sagt Ihr?« rief er, die Zigarre in den Brassero schleudernd. Der Alguazil zuckte die Achseln. Der Staatsrat rannte hastig ein paarmal durch das Gemach, und sah den Alguazil starr an. Dieser stand wie eine bronzene Statue, ohne eine Miene zu verziehen. »Mann!« sprach er mit einer Donnerstimme, »hast du dich nicht geirrt?« Der Alguazil schüttelte den Kopf. Der Oidor raffte das Papier vom Tische, und begann zu lesen. »Wegen offenbarer Rebellion – geständig derselben – und die Waffen gegen Major Ulloa ergriffen zu haben. – Sprecht, Alguazil«, wandte er sich an diesen. »Ihr seid vor Oidor Pinto.« »Er hat mehr gestanden, als zehn Leben nehmen würde,« versetzte der Alguazil, »tausend Leben. Und doch, Señoria! Es war kein Geständnis, es war Wahnsinn, Raserei. Er bat, er beschwor Señor Penafil, ihm das Leben zu nehmen. Er war selbst gekommen – zur Hinterpforte, um –« »Um?« fragte der Oidor. »Sein Strich«, wisperte der Alguazil, mit kaum vernehmlicher Stimme, »führte ihn diesen Weg zur –« »Zur?« »Königin des Palastes, wie sie sich gerne nennen hört.« »Silencio!« bedeutete ihm der Oidor. »Solche Reden sind gefährlich, weil sie nicht zur Sache gehören.« »Señoria«, sprach der Ober-Alguazil. »Es ist dieses eine furchtbare Geschichte in gegenwärtiger Krisis, die, wenn sie in Mexiko bekannt würde –« »Teufel!« rief der Oidor. »Teufel!« Er rannte wie rasend im Gemache auf und ab. »Das wäre ein Fall, der Señor Pinto, ja die ganze Audiencia, um ihren Kredit bringen könnte.« »Und tausend Dolche für sie spitzen würde«, fügte der Alguazil bei. »Habt ein Auge auf den Gefangenen«, sprach der Oidor mit leiser Stimme. »Ich besorge nicht, daß sie, ehe wir das Urteil unterschreiben, etwas tun. Habt jedoch ein Auge auf ihn – und stille.« Er warf wieder einen Blick auf das Papier. »Wie kommt es aber, daß General Concha bereits unterfertigt?« »Das können wir nicht sagen«, entgegnete der Alguazil. »Wahrscheinlich hat ihn Don Ruy Gómez zu Hause besucht.« »So wie er es bei uns getan«, murmelte der Oidor. »Ja, ja, so ist es. Und Don –« »Ist nirgends zu finden, war jedoch vor zwei Stunden hier und klagte über schlaflose Nächte. Seine Herrlichkeit, der Major Don Agostin Iturbide, waren sehr erbittert, und meinten, das Rebellengeschmeiß könnte nicht schnell genug aus dem Weg geräumt werden.« »Und haben sich doch unsichtbar gemacht«, bemerkte der Oidor. »Seine Herrlichkeit sind ein Kreole«. »Vor dem sich die Exzellenz wohl in acht nehmen mag«, versetzte Von Pinto. »Señoria«, hob der Alguazil wieder an. »Um der Mutter Gottes willen! Señoria, tun Sie etwas in dieser Angelegenheit. Seit vierzehn Tagen sind siebzehn Alguazils erdolcht worden. Wir machen uns kein Gewissen, ja, sicherlich, kein Gewissen. Wir sind ein geborener Spanier, der seinen Kopf gerne für des Königs Majestät, ja, sein Gewissen in die Schanze schlägt, – aber sechs Zoll kalten Stahl für –« »Ihr seid ein getreuer Diener«, sprach der Oidor; »aber stille.« »Es ist dies eine Familienaffäre,« sprach der Alguazil, »die, so wahr wir Abasalo Giro heißen, mit der Rebellion nichts gemein hat.« »Stille!« mahnte der Oidor wieder. »Was gibt es weiter?« »Nichts Besonderes«, rapportierte der Ober-Alguazil, der nun wieder den ehrfurchtsvollen Subalternenton annahm. »Fünf Criollos, zwei davon, signalisiert von der Hand Seiner Exzellenz, sind wegen aufrührerischer Reden eingebracht, neun ditto Italiener. Señor Penafil sind am dritten Kreolen.« Er überreichte mit diesen Worten dem Staatsrate einen beschriebenen Bogen. »Sie sind also verhört bis auf drei?« fragte der Oidor. »Würden bereits alle fertig sein, wenn uns der Kaballero nicht so viele Mühe gemacht hätte.« »Also der Diener ist nicht verhört?« »Diesen hat man vergessen.« »Weiß Don Ruy Gómez, daß er eingebracht ist?« »Nein, Señoria. Er kam erst später, als sein armer Herr bereits in Nummer 9 deponiert war.« »Geht und tut, wie gesagt«, bedeutete ihm der Oidor. Der Alguazil hatte kaum die eine Türe hinter sich, als es an einer andern leise klopfte, und die Worte: »Gutfreund« zu hören waren. Der Oidor öffnete. »Hochherrlicher Kollega,« redete der Eintretende unsern Oidor an, dessen Stirne sich bei dieser Erscheinung gewaltig gerunzelt hatte, »Hochherrlicher Kollega vergeben unsere Zudringlichkeit; aber da Gefahr im Verzug obwaltet, konnten wir nicht anstehen, uns selbst in dieser Stunde zu denselben zu verfügen, hoffend, wir würden nicht zu spät kommen. Wirklich, Señoria, wir hoffen –« Der Oidor war seinem Kollegen entgegengekommen und führte ihn mit echt spanischer Grandezza zu einem Sessel. »Ganz Mexiko ist wieder auf,« fuhr dieser halb atemlos fort, »und zwar auf, wie wir es nie gesehen haben. Diese Aufläufe nehmen alle Farben des Regenbogens an, aber der gegenwärtige ist einer der stillen, tiefen, lauernden, und er gefällt mir gar nicht.« »Wir hoffen, ein Auflauf wird doch Euer Herrlichkeit nicht aus –« »Dem Bette gebracht haben, Señoria«, ergänzte der Kollega. »Nein, das hat er nicht; aber unsere Dienerschaft hat uns aufgescheucht. Es heißt, daß ein junger Kaballero vom höchsten Range, ein viejo Christiano –«. »Wir wissen von keinem, ausgenommen fünf Criollos und einem Sechsten, dessen Verhör hier vorliegt, und Eurer Herrlichkeit zur Einsicht offen steht. Der junge Mann, von dem die Rede, ist von Don Penafil verhört worden, und geständig offenbarer Rebellion. Señoria mögen lesen.«– Der Kollega nahm das Papier zur Hand und las eine Weile, schüttelte jedoch stärker und stärker den Kopf. »Selbstgeständig der Rebellion; – bittet um der Jungfrauen und aller Heiligen willen, das Urteil möge so schnell als möglich vollzogen werden, fühlte tief das entsetzliche Vergehen, gegen die allerhöchste Majestät die Waffen ergriffen zu haben. – Señoria!« sprach er, das Papier auf den Tisch fallen lassend. »Seine Exzellenz haben derlei Märchen in die Zeitung setzen lassen von Hidalgo und seinen Cavecillas, obwohl wir des Gegenteiles versichert waren. Cosmo Blanco also ist der Name des jungen Kaballero. Fürwahr, wir sind seit zwei Fahren Oidor, und wir kennen, oder glauben doch alle spanischen Familien dem Namen nach zu kennen, um derentwillen die Dienerschaft der Hauptstadt sich in Bewegung setzen würde, aber von einem Cosmo Blanco haben wir wahrlich in unserem Leben nicht gehört.« »Wir haben den jungen Mann nicht selbst examiniert, und Seine Exzellenz haben besonders wichtige Gründe –« »Woran wir nicht zweifeln, Señoria!« bemerkte der Kollega. »Seine Exzellenz haben immer sehr wichtige Gründe; Seine Exzellenz haben auch die Macht, ihren Gründen Wirkung zu geben, aber als Kollega und Oidor hoher Audiencia erklären wir hiermit, daß wir gegen das Verfahren Seiner Exzellenz protestieren, aber um so mehr protestieren, als dadurch das Ansehen eines Mitgliedes der Audiencia –« »Señoria!« fiel ihm Don Pinto ein. »Kompromittiert wird«, beschloß der Kollega. »Wir legen hiermit unsere Protestation ein.« »Mit welcher Protestation wir vollkommen einverstanden sind, Señoria!« bemerkte Don Pinto. »Nur bitten wir zu bemerken, daß wir als Präsident dieser Kommission nicht protestieren dürfen, sondern richten müssen, und daß unser Vorrecht uns zwar erlaubt, zu protestieren, nicht aber den Beschluß zu verhindern oder außer Kraft zu setzen.« »Kennen Euer Herrlichkeit die Familie des jungen Menschen?« fragte nach einer langen Pause der Kollega. »Wir kennen sie«, erwiderte Don Pinto. »Es ist eine Kreolenfamilie.« »Kreolen!« versetzte der Kollega. »Kreolen!« wiederholte er im Tone der wegwerfendsten Verachtung. »Kreolen«, versicherte Don Pinto. »Dann«, grinste der Wann, »nehmen wir unsere Protestation zurück. Seine Exzellenz mögen ihn hängen oder spießen, wie bestgefällig. Carramba! Welche Narrheit, uns wegen eines Kreolen herzusprengen. Eigentlich jedoch hätte er vor das Kriegsgericht gehört.« Zwei Personen waren wieder nacheinander in das Gewölbe getreten, und zwar in außerordentlicher Hast und Eile. »Ist es noch Zeit?« fragte der erste der Eintretenden, der Fiskal der Audiencia. »Haben Sie unterschrieben, Don Pinto? Ist es noch Zeit?« fragte er heftiger, an den Oidor herantretend. Dieser wies auf das Blatt, das auf dem Tische lag. »Also unter dem Namen Cosmo Blanco aufgeführt«, lachte der Fiskal. »Fürwahr, nicht übel. Das ist gut. Seine Exzellenz wissen sich zu helfen. Wissen Sie etwas Neues, Don Pinto? Soeben ist uns von sicherer Hand zugekommen, daß die Partei der Engländer in Cádiz durchgedrungen, daß der Fürst von –« »Welches Gerücht wir hiermit zu bekräftigen die Ehre haben«, fiel ein vierter Ankömmling ein. »Seine Erzbischöfliche Gnaden lassen Sie ersuchen, Sie sogleich mit Ihrer Gegenwart zu beehren.« »Seine Erzbischöfliche Gnaden sind für Don Calleja«, bemerkte Don Pinto. »Und wir hoffen, Señor Pinto wird es auch sein«, fiel der Fiskal ein; »er ist allein der Mann, der Mexiko retten kann, weil er allein den Mut hat, das zu tun, was nötig ist. – Señorias!« sprach er mit stärkerer Stimme. »Mit Intrigen und Süßigkeiten und kleinen Handstreichen, wie der Afrancesado ) So wurden die Französischgesinnten genannt: Anhänger Joseph Bonapartes. es nennen, ist uns nichts geholfen. Wir brauchen achtzigtausend Köpfe, und Calleja hat versprochen, sie in vier Wochen zu liefern. Und er wird sein Versprechen halten, so wie er es in Guanaxuato, Guadalaxara getan, und deshalb ist er mein Mann; Mexiko kann nur durch ihn ruhig werden.« »Wahr, wahr«, bekräftigten alle mit so ruhiger gelassener Stimme, als ob von der Lieferung von achtzigtausend Schweinsköpfen die Rede gewesen wäre. »Deshalb sind auch wir gekommen; es ist ganz prächtig mit diesem jungen Menschen. Don Pinto dürfen aber auf keine Weise das Urteil kontrasignieren«, hob der Fiskal wieder an. »Auf keine Weise«, sprach ein fünfter, der eingetreten war; »der Alte hat Wind von dem, was geschieht oder geschehen ist; verlassen Sie sich darauf, Señores; ehe eine Stunde vergeht, weiß er alles, denn er bezahlt seine Familiares gut und kann es tun.« »Wir sind aber Präsident der Kommission«, bemerkte Don Pinto kopfschüttelnd. »Und fügen Sie hinzu: unabsetzbarer Oidor«, sprach der Präsident des Consulado. – »Wir haben soeben Briefe erhalten; Barraxi ist gefallen, mit ihm die übrigen Minister; der Busenfreund des Onkels des jungen Menschen ist an der Spitze. Eine kräftige Vorstellung, von den drei Interessen des Landes abgesandt, durch die Audiencia und den Erzbischof unterstützt, und wir haben in sechs Monaten unsern Calleja, in sieben unsere achtzigtausend Köpfe, und in acht Ruhe.« »Die heilige Jungfrau stehe uns bei!« riefen alle. »Um aber Calleja zu erlangen, brauchen wir den Grafen; und deshalb, Señoria, muß vor die Türe der Exzellenz gelegt werden – – –« »Was dahin gehört«, fielen die Verschworenen ein. Eine Weile standen die fünf Spanier sinnend. Auf einmal fragte der Fiskal, der nicht ohne Verwunderung die fünf in Schlafröcken und Pantoffeln erschienenen Señorias angeschaut hatte: »Wie kommt es nur, Señorias, daß wir, die Repräsentanten der drei Interessen Mexikos, die dazu bestimmt sind, dieses Land ein zweitesmal zu erhalten – wie kommt es, daß wir uns so glücklich hier zusammengefunden haben, in dieser späten Stunde, um zehn Uhr nachts, während eines ausbrechenden Aufruhrs zusammengefunden haben? Was nun uns betrifft, so sind wir durch den Mayordomo des Grafen von Fagoa auf die Verhaftung des jungen Menschen aufmerksam gemacht, und geradezu in das Staatsgefängnis gesandt worden.« Alle sahen sich bedeutsam an. »Und wir, durch den Camarero des Marquis de Moncada,« sprach der Priester – »wir waren gerade bei des Erzbischofs Gnaden.« »Bei meiner Seele!« rief der Fiskal. – »Wir sind bereits die Spielzeuge einer unsichtbaren, über uns schwebenden Macht.« »Und diese Macht?« fragten zwei oder drei etwas beklommen. »Ist der große Zauberer, der unsichtbar über Mexiko waltet, und die Nobilitad leitet und lenkt«, erwiderte der Fiskal nicht ohne Bewegung. »Wohlan, jetzt brauchen wir ihn. Señor Pinto, wenn Sie uns nicht verlassen, so vermögen wir Ihnen mit seinem Kopfe in acht Monaten aufzuwarten. Wir gehen zum Erzbischof.« »Wohin wir Ihnen in kurzem zu folgen gedenken« sprach Don Pinto. Die Verschwornen nickten, winkten sich zufrieden lächelnd zu und entfernten sich dann. »Hier ist«, sprach der Präsident des Blutgerichtes zum eintretenden Oberalguazil, »das Protokoll. Ohne Seiner Exzellenz gnädigen Willensmeinung im mindesten vorgreifen zu wollen, glauben wir unsere Namens-Unterschrift um so weniger vonnöten, als dieser Cosmo Blanco nicht der Privilegien teilhaftig, der Audiencia daher nicht in letzter Instanz unterliegt, und daher ohne Anstand vom Alkalden gerichtet, und das Urteil vollzogen werden kann, sobald Ihre Exzellenz Ihre Unterschrift beizusetzen geruhen. Sagen Sie dies Don Ruy Gómez und dem Alkalden.« »Würden Euere Herrlichkeit nicht so gnädig sein, Ihre hohe Entschließung dem Alkalden selbst mitzuteilen?« erwiderte der Alguazil in flehendem Tone. »Wohlan denn, machen Sie ihm bemerklich zu eilen.« Der Oberalguazil entfernte sich in großer Hast. Vierunddreißigstes Kapitel. Don Penafil, Alkalde des hochpreislichen Cabildo Stadtrat in Mexiko, hat die Kriminalgerichtsbarkeit. von Mexiko hatte soeben ein Glas mit Sangaree gefüllt zur Hand genommen, als der hastig eintretende Oberalguazil den Wunsch des Staatsrates verkündete. Er stellte sofort den Sangaree auf die Seite und sah den Botschafter forschend an. »Also Seine Herrlichkeit wollen uns sprechen? Sie wollen uns sprechen? Werden zu Diensten sein, sobald wir mit der Cabuilla fertig sind. Wollen's kurz machen, Don Ferro,« wandte er sich zum Beisitzer, der emsig schrieb, »woran sind wir?« »Nummer vier«, antwortete der Escribano mürrisch. »Nummer vier herauf!« brüllte es aus der Tiefe des Gewölbes hervor, und ein rohes Gelächter wurde hörbar, ohne daß jedoch die Lachenden selbst zu sehen gewesen wären; denn der untere Teil des Gewölbes war dunkel und bloß durch Lampen erleuchtet, die an der entgegengesetzten Seite eines Pfeilers hingen und ein trübes, düsteres Licht über eine Gruppe von Menschen ausgossen, die, als scheuten sie jede nähere Beleuchtung, sich in die verschiedenen Vertiefungen des Gewölbes zurückgezogen hatten. Diese waren zahlreich und mit steinernen Bänken versehen, auf denen Schlafende wahrzunehmen waren, die, in Schafpelze gehüllt, laut schnarchten. Hie und da ragten eiserne Haken aus den massiven Mauern, von denen das Wasser in dicken Tropfen herabfiel; alles war trostlos, furchtbar! Auf den obern Teil des Gewölbes war mehr Sorgfalt verwendet. Er war durch Schranken von dem untern getrennt, und zwei Stufen über diesen erhöht; auch hatte diese Abteilung getäfelte Wände und Esteras mit gepolsterten Stühlen. Immerhin war der Gerichtssaal einer Höhle ähnlicher als dem Sitzungszimmer einer Magistratsperson; obwohl er, der spanischen Konsequenz Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, für die beiden Richter nicht übel paßte, deren mürrisch-verdrossene Gesichter die Höllenrichter der Alten recht füglich vorstellen konnten. Während der Pause, die auf das ausgesprochene ›Vier‹ gefolgt war, hatte sich der Alguazil in eine kurze Unterhaltung mit dem Oberalkalden eingelassen, die seine Ungeduld um ein Bedeutendes vermehrte. »Hölle und Tod!« schrie er heftig. »Komme, komme!« antwortete eine Stimme herauf, und dann ließ sich Kettengerassel hören, und in Mitte zweier Henkersknechte schwankte eine Gestalt vor, die mehr tot als lebendig, sich nicht aufrecht zu halten vermochte, und nur durch die vereinten Bemühungen der Kerkerknechte bis vor die Schranke geschleppt werden konnte. »Andrea Pachuca ist Ihr Name?« fragte der Alkalde verdrießlich. Der Gefangene, ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren, gab keine Antwort. »Wird's werden, oder haben Sie etwa keine Zunge?« fragte der Alkalde rauh und mürrisch. »Hatte Zunge genug in der Fonda de Traspaña,« lachte eine Stimme von hinten, »als er die Gesundheit des verfluchten Morelos ausbrachte.« »Sie hören Ihre Anklage«, bemerkte der Alkalde, der, zu verdrossen, sie selbst zu stellen, die Worte des Polizeispions zur formellen Anklage erhob. »Señor, um der Mutter Gottes willen, Barmherzigkeit!« flehte der junge Mann. »Bin verführt worden«. »So sind es achtzigtausend und mehr«, versetzte der Alguazil mürrisch. »Nehmen Sie, Señor Ferro, sein Bekenntnis ad protocollum . Und ihr,« befahl er einem der Henkersknechte, »fort mit ihm in die Acordada.« Eines der drei Hauptgefängnisse. »Aber oder unter der Erde?« fragte der Escribano. »Wo Platz ist«, war die Antwort. – »Nummer fünf.« Des jungen Mannes Knie schlotterten, und er fiel, wie ein vom Beil getroffenes Rind, zusammen. »Seid kein Narr!« raunte ihm der Henkersknecht lachend in die Ohren. »Ihr habt die Gesundheit Morelos in Xerez und Sangaree getrunken, zur Abwechslung werdet Ihr sie nun in frischem Tezcuco-Wasser trinken. Es ist, wie Ihr wißt, ein wenig salzig; aber es liegt sich weich in diesem Wasser, wenn Euch die Krebse und Axelotes, die Euch ihren Besuch abstatten werden, ruhen lassen. Das heißt, wenn Ihr in eines der untersten Kabinette kommt, wo mancher es ein halbes Jahr ausgehalten. Wenn Ihr aber dem Maestro ein gutes Wort gebt, versteht Ihr mich, ein gutes goldenes oder silbernes Wort, so legt er Euch bloß die fünfzigpfündigen Ketten an, und die schneiden Euch erst die zweite Woche ein wenig ins Fleisch.« Mit diesem Troste ward der Unglückliche aus dem Gewölbe gezerrt, und ein anderer, der mit Nummer fünf bezeichnet worden, trat an seine Stelle. Er war ebenfalls noch sehr jung und mochte das zwanzigste Jahr noch nicht lange zurückgelegt haben. »Elmo Hernández,« hob der Alkalde wieder an, »Sie sind beschuldigt, Seine Exzellenz, unseren Hochgebietenden Virey, verwünscht und verfluchter Fremdling! wie auch Tod den Spaniern! in dem Quartier Traspanna geschrien zu haben; ferner nieder mit der Jungfrau der Gnaden!, Verbrechen, die sowohl die Sicherheit des Staates als die der alleinseligmachenden Kirche verletzen. Was haben Sie gegen diese Anklagen zu erwidern?« »Señor!« sprach der gefaßtere junge Mann, »ich mußte zusehen, wie meine einzige liebliche Schwester zur Heirat mit einem Leutnant Garcia gezwungen wurde, wie mein Erbteil mir entrissen, wie diese Schwester durch diesen Fremdling um ihre Gesundheit –« »Leutnant Garcia ist ein viejo cristiano , und wenn Ihre Schwester – Sie sind ein Unzufriedener, ein Criollo, y basta.« Der junge Mann knirschte mit den Zähnen, schwieg aber. »Sie sind ein Unzufriedener«, donnerte der Alkalde. »Ein Unzufriedener aber hat ein unzufriedenes Gemüt, und ein unzufriedenes Gemüt ist ein rebellisches Gemüt, und ein rebellisches Gemüt ist ein Rebell. Folglich sind Sie ein Rebell und basta. Señor Ferro, nehmen Sie es ad protocollum .« Nachdem der Alkalde diese richtige Schlußfolge gezogen, nahm er einen Schluck Sangaree und wandte sich zum Escribano. »In die Cordelada, und zwar unter die Erde – Fesseln des zweiten Grades.« »Ihr habt dreißig Pfund schwerer zu tragen«, raunte ein Scherge dem Schlachtopfer zu; »das heißt wenigstens achtzig Pfunde. Macht Euer Gewissen rein, Ihr kommt in eine Hölle.« Der Unglückliche knirschte nochmals mit den Zähnen, schüttelte seine Kette und ging dann ab. »Verdammter Rebell«, brummte ihm der Alkalde nach. »Die übrigen sind alle gente irrazionale «, bemerkte Don Ferro, der Schreiber. »Um so besser, Nummer zwölf bis Nummer einundzwanzig«, schrie der Alkalde. Eine Minute hindurch herrschte eine tiefe Stille, die bloß durch das Gekritzel des Schreibenden und das Schnarchen der Schlafenden unterbrochen wurde; dann nahte Kettengerassel, begleitet von einem dumpfen Gemurmel, das unheimlich im großen Gewölbe widerhallte, und aus der Tiefe der Höhle traten dunkle Gestalten hervor, deren feurige, rabenschwarze Augen in der Dunkelheit glühten. Es waren zehn verzweifelt aussehende Menschen, die jetzt vor die Schranken kamen, ebensowenig gebeugt durch die bereits ausgestandenen Leiden, als sie wegen ihres künftigen Schicksals besorgt schienen. Einige waren von riesigem Körperbau, und die Fragmente ihrer Kleidung verrieten Indianer aus dem Baxio. Sie traten vor, mit unbezwingbarem Trotz im Gesichte und tief versteckter Tücke in den schief auseinanderstehenden Augen. »Wegen Aufruhrgeschrei und Aufwiegelung der Leperos verhaftet und einer derselben der Zerreißung der Banda der hohen Audiencia angeklagt«, bemerkte der Escribano. »Welcher ist es?« fragte der Alkalde. »Dieser da«, sprach eine Stimme, und der Zambo trat vor und deutete auf einen alten Indianer, den Vater Ixtla. »Also die Gachupins sind die Piques, die ihre Eier in das Fleisch von Mexiko gelegt haben?« fragte der Richter, der die Angabe des Polizeispions aus dem Papiere las. »Ixtla hat das nicht gesagt«, sprach der alte Indianer; »dieser Hund von einem Negro hat es gesagt.« »Du lügst«, schrie der Zambo giftig. »Und die Spanier, die da sind die Söhne Jagos, haben die Söhne Esaus, die da sind die gente irrazional , um ihr Erbteil gebracht?« fragte der Alkalde wieder. Der Indianer schwieg. Der Richter hielt einen Augenblick inne, dann rief er: »Verdugo!« Es trat ein riesiger Mann mit einem gräßlichen, eisgrauen Barte vor, und in einer Kleidung, die, sonderbar genug, ganz aus blauen und weißen Weiß und blau die Farbe der Patrioten und der alten Mexikaner. – Die Spanier hatten ihre Henker in diese Farben gekleidet. Flecken zusammengesetzt war. Der Mann sah einen Augenblick den Richter erwartend an, und auf einen Wink von diesem warf er dem Indianer eine Schlinge um den Hals und zog ihn durch das Gewölbe fort, so wie der Jäger den im Lasso gefangenen wilden Stier mit sich fortschleift. »Nummer dreizehn bis einundzwanzig,« hob wieder der Alkalde an, »wegen Aufruhr beschuldigt, und Anstiftung der Leperos, und Auszugs aus der Hauptstadt, und Einverständnisses mit den Cavecillas. Sind von Zitacuaro und Guanaxuata, das heißt Rebellen.« Die neun Indianer wurden nun in einer Reihe vor den Schranken aufgestellt. Es waren junge und alte Leute. »So ruft einmal des Spaßes wegen: »Tod dem Verräter Vincente Guerrero!« redete sie der Alkalde an. Die Elenden sahen den Mann starren Blickes an. »Habt die Stimme verloren?« sprach der Richter. »Wollen es umkehren; ruft: »Tod dem Verräter Morelos!« Vielleicht geht das besser.« Keiner der Indianer gab einen Laut von sich. »Vielleicht könnt ihr Es lebe der König! schreien?« meinte lächelnd der Richter. »Noch immer keine Antwort«, sprach er kopfschüttelnd »Nehmt sie denn alle hin.« Und kaum waren die Worte ausgesprochen, als von den Steinbänken und aus den Vertiefungen ein halbes Dutzend Henkersknechte hervorsprangen, Lassos durch die Halsringe der Indianer zogen und diese nun mit sich fortrissen, wie Kälber, die, bereits von Hunden zerfleischt, vom wilden Metzgerknechte mit fortgerissen und auf die Schlachtbank gezerrt werden. »Machen Sie es kurz, Señor Ferro«, bemerkte Don Penafil verdrossen. »Je kürzer desto besser, Seine Herrlichkeit warten auf uns. Sie wissen, daß man oben kein langes Federlesen macht, sehen es schon daraus, daß die Sentenzen vollzogen sein müssen, ehe noch die Unterschrift beigesetzt ist.« Der Escribano hatte den Rat befolgt und gab dem Alkalden das Verhör zur Unterschrift. Dieser unterfertigte es mit dem Oberalguazil. »Carracco!« dehnte und streckte er sich. »Wieder etwas vorüber, um morgen dasselbe Spiel wieder von vorn anzufangen. Wohl, beten wir, Señores.« Und mit diesen Worten erhob sich der Mann und trat zu einem Seitentische, auf welchem ein Waschbecken mit Gießkanne sich befand, und nachdem alle drei sich die Hände gewaschen, traten sie zum Tische, nahmen das Kruzifix und das Standbild der Jungfrau der Gnaden samt den Lichtern, stellten es auf einen Betschemel, der an der Wand stand, knieten nieder und beteten mit lauter Stimme: » Ave Maria, Regina Coeli, audi nos peccatores. « Alle noch im Gewölbe Zurückgebliebenen stimmten in das Gebet mit jenem feierlichen Ernste ein, mit dem der Spanier jede seiner Andachtsübungen verrichtet. Nachdem das Gebet vorüber war, erhob sich der Alkalde, nahm die Papiere und schritt, begleitet vom Escribano und dem Oberalguazil, zur Türe hinaus. Die wenigen, die noch zurückgeblieben waren, folgten den Magistratspersonen, bis auf einen, dessen weiß und blau gestreifte Kleidung gleichfalls einen Verdugo verriet. Diesem hatte der Oberalguazil bei seinem Austritte etwas in die Ohren geflüstert, das den Mann stutzen machte. Er löschte die Lichter auf dem Tische aus, hüllte sich in einen Schafspelz und streckte sich auf eine der Steinbänke nieder. Fünfunddreißigstes Kapitel Jetzt ward es still im weiten Gewölbe bis auf ein fernes Kettengerassel und ein Geheul von Stimmen, die, als wären sie durch eine metallene Röhre geleitet, grell und schneidend und wieder dumpf und unnatürlich an die Felsenwände anschlugen und verhallten, wie das Rauschen der an dem Riffe zerrissenen Wogen in der Ferne verhallt. Auf einmal wurden eilig-vorsichtige Schritte gehört, und zwei Gestalten traten in Begleitung des Oberalguazils ein, sahen sich sorgfältig nach allen Seiten um und winkten dem Manne, der sich von seiner harten Lagerstätte erhoben und auf sie zugetreten war. Nach einem kurzen Geflüster folgten die drei dem Verdugo durch einen finstern Gang in ein drittes Gewölbe. Es war gleichfalls durch eine Lampe erleuchtet, deren Licht aber so bleich und düster über die Wände hinfiel, als wollte es den Eintretenden erst allmählich mit den furchtbaren Dingen, die da zu sehen waren, bekannt machen. Mehrere ungeheuer dicke Pfeiler erhoben sich aus diesem Gewölbe. Längs den Wänden waren Tische und Bänke von verschiedenartigen Konstruktionen aufgestellt; einige sahen wie Koffer aus, andere wie Roste, wieder andere wie Wagen, aber alle waren von Eisen. An den triefenden Mauern und Pfeilern hingen armdicke Ketten, und Ringe und Haken standen hervor, in denen die Umrisse menschlicher Gestalten stehend, sitzend und kniend zu bemerken waren; ob aber tot oder lebendig, ließ sich im düstern Lampenscheine nicht entnehmen. Sie gaben aber kein Lebenszeichen von sich. Niedrige Türen oder vielmehr Löcher mit eisernen Gittern waren gleichfalls zu schauen. Das Ganze sah aus wie eine unterirdische Schlachtbank mit Behältern für die wilden Tiere. In dieses Gewölbe nun waren die drei in Begleitung des wilden Handlangers der Gerechtigkeit eingetreten und beim Scheine einer Blendlaterne bis zu einem der Pfeiler vorgeschritten, hinter welchem zwei hielten und die andern sich eilig einem der in der Mauer angebrachten Löcher näherten, in das sie hineinkrochen. Es war eines jener Kabinette, wie sie die vizekönigliche Phantasie recht anschaulich gezeichnet, und die, von der erfinderischen Grausamkeit giftiger Herrendiener erfunden, um ihre Wut an den Schlachtopfern ihres Hasses zu kühlen, die passende Benennung infiernillos erhalten haben. Sechs Fuß Länge, sechs Fuß Breite und fünf Fuß Höhe. Kein überflüssiges Geräte. Ein Steinsitz, Ketten und Ringe. Auf einem solchen Sitze saß oder hing eine jugendliche Gestalt, den Hals in einem armsdicken Eisenringe, die Hände ausgestreckt wie ein Gekreuzigter, gleichfalls in Ketten hängend, das Haupt über den dicken Ring herabfallend. Dem Unglücklichen entstiegen hohle, aus tiefster Brust herauf gestöhnte Seufzer, die wie das letzte Wutröcheln des im rasenden Kampfe erliegenden Löwen zu hören waren und für einige Augenblicke die beiden zurückschaudern machten. Eine Kappe war so über Kopf und Gesicht gezogen, daß bloß der Mund und die Nase sichtbar waren. Der Oberalguazil, denn er war es, der mit eingetreten, hatte sich dem Gefesselten genähert und versuchte, das Halseisen zu öffnen, sein Begleiter faßte ihn jedoch bei der Hand und hielt ihn zurück. »Halt, Señor!« raunte er ihm in die Ohren; »denn wenn Sie die unrechte Feder erwischen, so knicken Sie ihm den Hals ebenso leicht zusammen, als wenn es ein Strohhalm wäre, und, bei San Lorenzo! ich glaube, dem Caballero geschähe eine Wohltat; ist der erste, den ich um Gottes und aller Teufel willen um den Tod brüllen hörte. Aber möge mich die unterste Hölle empfangen, wenn ich mir nicht gleich einbildete, daß diese Manga nicht in den Sack des alten Lorenzo wandern würde.« Unter diesen Worten hatte er den Gefangenen entfesselt. »Silencio!« bedeutete ihm der Oberalguazil. »Sie soll dir nicht entgehen.« »Also Kleider soll er wechseln? Wollen Señor ihm behilflich sein? Denn vor einer Stunde dürfte er kaum den Gebrauch seiner Glieder erlangen. Es ist ein verdammtes Sturzbad, diese infiernillo , und so sind sie alle«. Es war mit nicht geringer Mühe, daß der Oberalguazil dem Gefangenen das erste Kleidungsstück auszog, denn er war mehr tot als lebendig; ohne Regung, ohne Bewegung ließ er alles mit sich geschehen, sich die Manga vom Leibe reißen, die mit Seeotterfellen besetzte Jacke, die Beinkleider; er schien nichts zu fühlen; nur zuweilen stieg ein schmerzlicher Seufzer aus der tiefsten Brust herauf, und dann zuckte es durch den ganzen Leib. Der Jüngling mußte furchtbar gelitten haben. »Die Unterkleider wollen wir ihm lassen«, sprach der Alguazil, der, beim Versuche ihm auch diese auszuziehen, den unwillkürlichen Widerstand fühlte, den auch der Bewußtlose instinktmäßig leistet, wenn seinem Schamgefühle zu nahe getreten wird. »Das ist noch frisches, unverdorbenes Junggesellenblut«, murmelte der Verdugo, während der Oberalguazil seinen Mantel über den Gefangenen warf, ihn mit beiden Armen erfaßte und halb aus der Höhle schleppte, halb trug. »Ist er es auch?« fragte eine der beiden Gestalten, die vor der infiernillo geblieben waren, die Kappe lüftend. »Er ist es«, murmelte der andere. »Er ist es«, fiel der Oberalguazil ein. » De pregonero á verdugo , sagt das Sprichwort«, brummte der Henker. »Hier aber geht's umgekehrt. Folgen Sie mir, Señorias, ich will Sie dahin führen, wo er so sicher schlafen soll wie die Ratten, die er zu seiner Gesellschaft haben wird.« Der Verdugo führte nun die drei in einen Gang, aus dem er nach einer Weile in Begleitung des Oberalguazils und eines jungen Menschen zurückkam, dessen Gestalt und Haare dem soeben Entkleideten vollkommen glichen. »Das ist einmal ein qui pro quo , das mir selten unter die Hände gekommen«, grinste der Henker. Der unglückliche Gefangene hatte gleichfalls die Kappe vor dem Gesichte, schien jedoch weit weniger angegriffen. »Jesu Maria! Wo bin ich, Señores? Um der Mutter Gottes willen!« »Silencio!« bedeutete ihm der Verdugo, der ihn an die Mauer lehnte und seine Kleidung Stück für Stück abzureißen begann. Er hatte dies mit der Manga getan, und die Jacke war gefolgt. »Heben Sie den Fuß,« sprach der Scharfrichter, »daß ich Ihnen die Beinkleider abziehen kann, den andern«, mahnte er, indem er sie abstreifte. »Das Hemd ist zwar nicht viel wert, mögen es jedoch mitnehmen. Die Botines und Schuhe passabel. Fürchten Sie nichts, Señoria! Sie sollen bloß die Robe wechseln.« »Jesu Maria! Gnade, gnädiger Herr«, jammerte der Arme. »Ach, wenn meine arme Mutter, die in der Plateria wohnt, an der zehnten Ecke, da wo –« »Wir wollen's ihr sagen, Señoria,« sprach der Verdugo in einem Anfalle von Rührung, »und sie kann vielleicht eine I ndulgencia plenaria Vollständiger Ablaß. lösen; denn mit Beichtvätern haben wir hier nichts zu tun. Bei uns geht es kurz, besonders seit die Folter abgeschafft ist. Für zwanzig Duros mögen sie jedoch die beste Indulgencia plenaria haben; sind wohlfeil, seit die Cavecillas aufgeklärt worden.« Der arme Mensch horchte, und hielt die Ohren dem Sprecher hin, schien ihn aber nicht zu verstehen. Er zitterte wie Espenlaub, denn er stand nun nackt auf den kalten, nassen Pflastersteinen. »Jesu Maria!« flehte der arme Junge wieder. »Was wollen Sie denn? Ich ging ja bloß, meinen jungen Herrn zu suchen. Was konnte der arme Cosmo anders tun? Wir haben gebeten, fußfällig, Maestro Alonzo, Pedro, ich, eben als Señor Ulloa so wütend auf die g ente irrazional einhieb. Jesu Maria, es ist so kalt.« »Wird Ihnen schon warm werden, Señor. Unter unsern Händen wird es dem Kältesten warm. Da, nehmen Sie!« Und nun reichte er ihm Stück für Stück dieselbe Kleidung, die der Oberalguazil zuvor dem Gefangenen in Nummer 3 abgezogen hatte. Der Unglückliche haschte danach und schlüpfte mit einer Hast hinein, die etwas Grausenhaftes hatte. Auf einmal hielt er inne, befühlte die Jacke, die Felle, die Goldborten und schrie dann mit einer erschütternden Stimme: »Jesu Maria! Das ist die Robe meines gnädigen Herrn.« Einen Augenblick stand er zitternd, das Kleid an seinen Körper gepreßt. »Machen Sie hurtig, Señor!« mahnte der Verdugo. »Wir haben nicht Zeit.« »Jesu Maria! stöhnte der Arme nochmals, und dann steckte er die Hand mechanisch in die Jacke. Der Verdugo überwarf ihm den Mantel und zog ihn in Nummer 3. Es ließen sich die Töne einer Glocke aus dem Gerichtsgewölbe hören. Die beiden horchten einen Augenblick und huschten dann durch das Gewölbe in den Gang hinein, aus dem die Töne herausschallten. Nicht lange, so wurden neuerdings Fußtritte gehört, und es kamen der Verdugo, der Oberalguazil, der Alkalde und ein Blaumantel. Die letzteren hatten Blendlaternen. »Verdugo!« sprach der Alkalde, »tut Eure Schuldigkeit. Nummer 3.« Der Verdugo verschwand in der infiernillo . Es war Kettengeklirr zu hören, und dann kam er mit dem unglücklichen Jungen. »Um der Liebe Gottes willen!« bat dieser. »Cosmo will ja gerne alles tun, alles bekennen.« »Er spricht irre«, bemerkte der Alkalde. »Jesu Maria!« stöhnte Cosmo wieder. »Wir haben gebeten, ihn beschworen, nicht zu schießen auf Major Ulloa. In meinem Leben will ich keine Flinte mehr in die Hand nehmen.« »Diese Stimme –« bemerkte der Blaumantel. »Ist verändert«, fiel ihm der Alkalde ein. »Der arme Junge hat Stimme, Mut und Verstand verloren. Ist aber immer so.« »Na«, brummte der Verdugo. »Diese Armspange wird sich gerade für Eure Herrlichkeit schicken, zu dem Seeotterpelze«, und mit diesen Worten preßte er den Unglücklichen an die Mauer und legte ihm beide Arme in Ringe. »Mutter Gottes, bitte für uns!« betete der arme Cosmo zwischen den Zähnen; dann erhob sich seine Stimme, und er brach in den wunderschönen Gesang aus: Madre dolorosa, dulcísima y hermosa , den er in den Schauern der Todesahnung so ergreifend schön absang, daß selbst der Verdugo für einen Augenblick innehielt und mit sichtbarer Rührung horchte. Ein Wink vom Oberalguazil machte jedoch dieser Pause ein Ende. »Ein wenig weiter zurück, Señoria« mahnte der Verdugo. »Die Beine auseinander, so daß Sie den Stein in die Mitte nehmen. Wollen Ihnen einen recht bequemen Sitz verschaffen.« »Es ist kalt, grimmig kalt«, jammerte der Unglückliche. »O meine arme Mutter!« »Den Kopf höher hinauf,« mahnte der Verdugo wieder, »sonst könnte Sie die zusammenschlagende Feder auf den Schädel treffen. So, jetzt sind Sie recht. Fürchten Sie sich nicht. Tun Ihnen nichts.« Der Unglückliche stand nun mit ausgespreizten Beinen zwischen einem aus der Mauer vorragenden Steine, den Hals in einem ungeheuren Halseisen, die Arme ausgebreitet und in Ringen hängend. »Bleiben Sie stehen, Señoria, bis wir Ihnen die Halskette befestigt. Zittern Sie nicht. Wir tun Ihnen ja nichts; ein paar Minuten, und Sie sind, wie Sie sein sollen.« Unter diesen Trostworten hatte der Verdugo eine dünnere, am Steine befestigte Kette ergriffen und sie um den Hals des Schlachtopfers geschlungen, das zitternd und bebend stand und wie ein Lamm alles mit sich geschehen ließ. Der Arme hatte zu schluchzen aufgehört und betete leise und schnell Ave Maria in jener Todesangst, die in diesen gräßlichen letzten Momenten nachholen will, was sie früher versäumt. »Wollen Eure Herrlichkeit das Urteil verlesen haben?« fragte der Alkalde den Blaumantel leise. Dieser war gestanden ohne ein Wort zu sprechen. »Wollen Don Ruy Gomez das Urteil verlesen haben? zischte der Alkalde nochmals. Wieder keine Antwort. Der Oberalguazil winkte dem Verdugo. Dieser drückte den Unglücklichen mit einer Hand auf den Stein nieder, das Knacken einer Feder ließ sich hören, der Stein fiel aus der Mauer. »Jesus Maria und alle sieben Heiligen!« betete Cosmo. »Meine Mutter« stammelte er, aber die letzte Silbe war nicht mehr zu hören; dafür ließ sich das Knacken eines brechenden Gliedes vernehmen, und dann fiel die gestreckte Zunge aus dem Munde, die Augen traten aus den Höhlen, das Schlachtopfer hing, halb sitzend, halb stehend, in den Ringen – tot. »Der letzte Seufzer«, sprach der Verdugo mit ungemein feierlicher Stimme. Der Blaumantel war zusammengeschaudert und sah starr und sprachlos auf den Leichnam. »Das war der schönste Jüngling in Mexiko«, murmelte er. Dann eilte er, wie vom bösen Gewissen getrieben, der Türe zu. »Leuchte Sr. Herrlichkeit«, sprach der Oberalguazil ernst. »Und möge seine Todesstunde so sanft sein, wie es die des Unglücklichen hier ward. Bei meiner Seele!« sprach er zum Alkalden, der noch immer sinnend stand. »Diese großen Herren glauben, unsereins sei eine Art Feuerzange, mit der sich Kastanien aus der Asche holen lassen.« »An seiner schwachen Stelle getroffen«, versetzte der Alkalde. »Vergessen Sie den Gefangenen von Nummer 3 nicht, Adios!« Er rannte hastig fort. »Kommen Sie, und zwar geschwind,« rief der Oberalguazil ängstlich, »in einer Viertelstunde dürfte es sonst zu spät sein. Nicht immer dürfen ein Oberalguazil und ein Alkalde blind sein.« »Wo bin ich?« fragte der erste Gefangene aus Nummer 3, der, geführt von den beiden Blaumänteln, aus dem Gange in das Gewölbe trat. »Wo selten einer mehr das Tageslicht erblickt; aber wer den Papst zum Vetter hat, sagt unser Sprichwort, darf das Fegefeuer nicht fürchten. Hüten sich Euer Gnaden jedoch vor der Hölle. Ein zweites Mal dürfte sie ihr Opfer nicht so leicht von sich geben.« Und mit diesen Worten führte er die drei aus dem Gewölbe durch den Gang, das Verhörgewölbe, einen zweiten Gang, in die Loge. Von da wurde der Gerettete rasch durch Gänge und Hallen mit fortgezogen. Am Ausgange dieses furchtbaren Labyrintes wurde ihm Kappe und Mantel abgenommen, ein anderer umgeworfen und ein Offiziershut in die Stirne gedrückt. Die Strahlen des Mondes ließen einen weiten Hof schauen, von ungeheuern Mauern umfangen; sie schritten rasch einem Pförtchen zu, vor dem mehrere Personen standen. Der Gefangene sah umher, stierte seinen Begleitern in das Gesicht, erkannte aber keinen. Auf einmal fühlte er seine Hand erfaßt, ein sanfter Druck preßte sie, ein tränendes Auge blickte in das seinige, und eine weiche Stimme flüsterte ihm »Adios!« zu. Er schnappte nach Luft. »Jesu Maria! Isabel!« »Still, Unglücklicher!« rief die Donna. »Isabel!« rief der Jüngling, auf sie zustürzend und sie mit beiden Armen erfassend. Sie litt es, ohne Widerstand zu leisten. Ihr stolzes Auge war gebrochen, Tränen perlten ihre Wangen herab, sie sah wehmütig in das seinige. Er hielt sie umschlungen, alles um sich her vergessend; aber indem er ihr in die Augen stierte, seine Lippen an die ihrigen gepreßt, wurde sein Blick plötzlich leuchtend, eine wilde Flamme schoß aus seinem Auge, der Geifer trat ihm aus dem Munde, seine Glieder zuckten. Es rüttelte ihn wie Fieberfrost. »Verräterin«, murmelte er, sie fester mit einer Hand umschlingend, während die andere unter dem Mantel suchte. »Verräterin!« wiederholte er mit hohler, dumpfer Stimme. Aber eine gewaltige Hand erfaßte ihn und riß ihn mit Riesenkraft von der Donna. »Unsinniger!« schrie der Oberst. »Don Manuel!« kreischte die halbohnmächtige Donna. »Um Gottes willen fort von hier«, rief, die Pforte öffnend, der Blaumantel. Der Oberst hatte den Geretteten durch das Pförtchen, der Blaumantel die Dame in den Hof zurückgezogen. »Lassen Sie ab, junger Mann!« sprach diese stolz, sich von ihm losmachend. »Wir haben einen Kreolen begünstigt. Er war der erste, er wird der letzte sein.« »Wo ist der Oberst?« »Fort mit ihm.« »So kommen Sie!« Und festen Schrittes ging sie denselben Weg zurück, den sie gekommen war. Als sie im ersten Schlafgemach angelangt, zuckte sie zusammen und huschte hindurch wie eine flüchtige Verbrecherin. In ihrem Boudoir angekommen, warf sie sich auf eine Ottomane, hüllte das Gesicht in den Mantel und sah einige Minuten ohne ein Wort zu sprechen. Auf einmal sprang sie auf, warf den Mantel von sich und sprach: »Wir sind Ihnen ein Andenken an diese Nacht schuldig. Sie haben uns eine Treulosigkeit verhüten geholfen. Nehmen Sie dies und denken Sie nicht geringer von uns, weil wir stark genug waren, unsere Liebe nicht morden zu lassen.« Indem sie so mit dem Anstand einer Königin sprach, überreichte sie dem Kreolen einen kostbaren Brillantring, den dieser kniend empfing. »Bei meiner Seele Seeligkeit! Sie verdienten Königin zu sein«, entfuhr dem Jüngling unwillkürlich. »Wäre Isabel ein Mann, Mexiko sollte –« »Frei – und das Ihrige sein«, ergänzte der Blaumantel. »Und mein sein«, flüsterte sie. »Adios, fürchten Sie nichts. Sie haben um unser Haus Dank verdient.« Sie schellte. Eine Dienerin kam, begleitete den Jüngling durch die Gemächer. Die Donna warf sich auf das Sofa. Sechsunddreißigstes Kapitel. Señor Vanegas, Virey von Mexiko, saß, in der Ausübung seiner Oberherrlichkeit begriffen, in seiner Staatskanzlei, gerade sechzig Fuß über den furchtbaren Gewölben, die, bildlich und buchstäblich, die eigentlichen Stützen seiner Gewalt waren. Der Schreibtisch war sehr zierlich, weder mit Akten noch Büchern überladen, wohl aber mit Riechfläschchen und eaux de Cologne und de Rose und Etuis und Kameen. Eine sehr schöne Alabasterbüste Fernando VII. stand auf einer Seite, ein Standbild der Jungfrau der Gnaden auf der anderen. Durch eine der drei offenen Türen des geräumigen Kabinetts konnte man in ein zweites, drittes, viertes und fünftes Zimmer sehen, die alle an Größe und Bevölkerung im Verhältnisse ihres Abstandes vom vizeköniglichen Bureau zunahmen und durch eine Menge von Wachskerzen erleuchtet waren, die zu acht, sechs, vier und auch bloß zwei vor jedem Schreibtisch aufgestellt, zugleich den höheren oder niedrigeren Rang des Schreibenden selbst andeuten sollten. Eine Stille eigener Art herrschte in diesen Zimmern, bloß von den Fußtritten eines Familiars oder dem Geknarre der Federn oder dem Läuten einer Handglocke unterbrochen. Durch eine zweite angelehnte Tür war der diensttuende Page und Kämmerer zu sehen; zuweilen öffneten sich die Flügeltüren dieses Zimmers in einen anstoßenden Saal, aus dem verhuschte Stimmen zu hören waren. Unmittelbar am Schreibtische vor dem Vizekönig stand ein ältlicher Mann in der schwarzen Kleidung eines Staatsdieners von höherem Range; unter dem Arme ein Bündel Schriften, von denen er eine nach der anderen dem Chef vorlegte. Diese Schriften waren auf der Innenseite bloß zur Halbscheide beschrieben, auf der Außenseite standen unter den langen Titeln der Behörden, an welche sie gerichtet waren, immer einige Zeilen, auf die der Geheimsekretär ehrfurchtsvoll hinwies und die wieder der Machthaber unterschrieb oder mit einigen Bemerkungen begleitete. Das letztere war soeben der Fall gewesen. »Wir haben Ihnen bereits geäußert, Señor Fanez, wie wir wünschen, daß Dekretierungen abgefaßt würden; in der Sprache der Staatskanzlei nämlich.« Das Männchen, an das der Verweis gerichtet war, zuckte zusammen. »Wir hoffen, Señor Fanez wird sich diesen Wink zunutze machen«, bemerkte der Vizekönig, der die Akte zurückschob. »Sie dekretieren, statt des Befehles, die Weinberge von Oaxaca auszurotten, nichts mehr noch weniger als daß nach der Ordonnanz 55 Buch 5 zu verfahren sei; ein Stil, dessen Sie sich um so mehr befleißigen müssen, als es unser Wunsch ist, in unsere Verwaltung alle die Milde und Gnade zu legen, die –« Und während der Mann so sprach, lächelte er sanft und wohlwollend! »Überhaupt bemerken wir,« fuhr er fort, »daß auch in dieser Hinsicht Unordnungen eingerissen sind, die wir nicht länger mehr dulden zu können überzeugt sind, indem sie Folgen nach sich ziehen, die den weise festgesetzten Bestimmungen, nach welchem dieses Land regiert wird, ganz entgegengesetzt sind. Es ist wirklich nicht mehr zu ertragen; selbst Spanier vereinigen sich nun mit Kreolen, um die Gesetze bei jeder Gelegenheit zu umgehen.« Diese Worte machten den Geheimsekretär, der eine Akte auf den Schreibtisch zu legen im Begriffe stand, abermals zucken. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Gebietenden und zog sie zurück. »Was ist dies, Señor Fanez?« fragte dieser. »Wir würden untertänigst –« stockte Señor Fanez, so gewissermaßen andeutend, daß ihm etwas am Herzen liege, das er gegenwärtig anzubringen für mißlich halte. »Ah, die Tabakspflanzungen in Nueva Galicia«, bemerkte der Virey, der die Akte genommen und einen Blick darauf geworfen hatte. »Es muß uns wirklich mißfallen, wie unsere Gouverneure es wagen können, so bestimmt ausgesprochene Gesetze zu übertreten.« »Bei dem Umstände jedoch – der großen Entfernung dieser Provinz von Veracruz und Orizaba – und daß wirklich mehrere hundert Familien« – bemerkte der Geheimsekretär schüchtern. Die Exzellenz hatte wieder einen Blick in die Papiere getan. »Wie?« sprach sie. »Auch die Häuser Ortiz, Cabra und Minaya sind dabei interessiert?« Die Stirn des Gewaltigen runzelte sich. »Eurer Exzellenz untertänigst aufzuwarten«; versetzte der Geheimsekretär, der, indem er eine frische Akte zu den vorigen legte, bemerkte: »Hochdieselben werden ersehen, daß die Hacienda Real –« »Seltsam, die Hacienda Real trägt auf die Beibehaltung der Pflanzungen an. Mit ihr einverstanden ist die Audiencia. Seltsam, seltsam!« »Wir haben, nach Eurer Exzellenz hocheigenem Befehl, das Gesuch samt der Einbegleitung des Intendanten der Audiencia zur Begutachtung übergeben, die es wieder der Hacienda Real zugewiesen.« »Das war ganz in Ordnung«, bemerkte der Virey; »und Ihre Meinung?« Der Geheimsekretär hielt inne, denn die Frage war sonderbar betont, der Blick lauernd, die Miene lächelnd. »Ihre Meinung?« wiederholte die Exzellenz. »Bei dem Umstände der großen Entfernung Nueva Galicias,« bemerkte der Geheimsekretär sehr schüchtern, »wie auch, daß mehrere Häuser des Consulado in diesem Geschäft bedeutende Kapitalien – diese drei Häuser würden einmal hunderttausend Duros – im Falle die Bewilligung auf drei Jahre ausgedehnt würde –« »Kann nicht sein«, bemerkte der Virey. »Die Hacienda Real hat vergessen, daß die Artikel zu sehr im Preise fallen würden.« Der Geheimsekretär zog eine andere Schrift hervor, die er mit gekrümmtem Rücken überreichte. »Don Ortiz bietet hunderttausend Duros,« fuhr er stockend fort, »und wenn mit den siebenhundert Kreolenpflanzungen gemäß königlicher Ordonnanz verfahren wird, dreimal hunderttausend – im Vereine mit seinen Associes, welcher Umstand allerdings um so mehr zu beachten, als dadurch die Preise des Artikels hochgehalten würden.« Der Virey hatte den Sprecher scharf angesehen. »Das heißt, Don Ortiz und Kompanie wollen dreimal hunderttausend Duros bezahlen, wenn mit den siebenhundert Pflanzungen der Kreolen gemäß königlichem Dekrete verfahren würde«, lächelte der Virey; »kein übler Vorschlag.« Er hielt inne. »Aber dieses Nueva Galicia hat uns zwei der besten Regimenter gestellt, worunter die Hälfte Freiwillige. Diesen Umstand hat sowohl unsere Audiencia als Hacienda Real vergessen.« Der Geheimsekretär hielt inne und sprach dann: »Dürften wir unmaßgeblichst, – bei dem Umstände, daß das Consulado so große Verluste erlitten und der Engländer –« »Ja, ja«, fiel der Virey hastig ein. »Wir wollen dem Consulado diesen Beweis unserer Bereitwilligkeit, ihren Interessen förderlich zu sein, geben, obwohl es den Kreolen einigermaßen auffallen dürfte, –« »Die Bewilligung zu diesen Pflanzungen, wie Euer Exzellenz sich zu erinnern belieben, wurde von –« »Von unserm Vorgänger gegeben,« fiel der Virey wieder hastig ein, »und dies ist auch einer der Gründe, der uns bestimmt, sie zurückzunehmen. Dekretieren sie an den Intendanten, mit den siebenhundert Pflanzungen, die Ihnen von der Hacienda Real bezeichnet worden, nach Ordonanza 55 zu verfahren. Wir werden den Kriegsrat beauftragen, die nötigen Truppen zu seiner Verfügung zu stellen.« »Oh, die Kreolen werden sich dem hohen Befehle um so williger unterwerfen«, bemerkte der Geheimsekretär mit einem Gesicht, das verriet, daß auch für ihn von den dreimal hunderttausend Duros einige Abfälle zu erwarten standen. »Wir hoffen,« sprach der Virey ungemein ernst, »wir hoffen es, Señor Fanez, obwohl wir uns kaum wundern würden, wenn das Gegenteil stattfände. Wir hoffen auch, unsere Bereitwilligkeit, die Ansichten des Consulado mit denen der Hacienda Real und der Audiencia sowie Señor Fanez in Übereinstimmung zu bringen, werde uns für einige Zeit Ruhe verschaffen. Sie verstehen uns, Señor Fanez. Was gibt es weiter?« Der Geheimsekretär überreichte ihm eine frische Akte. »Der Intendant von Valladolid, um Aufhebung der Getreidesperre aus dem Barrio Guanaxuato-Anteil, um so mehr, als die Intendanz außerordentlich gelitten.« »Die Begutachtung der Audiencia lautet auf Abweisung,« bemerkte der Geheimsekretär, eine andere Akte auf den Schreibtisch legend, »um so mehr, als es gerade diese Intendanz Valladolid ist, in welcher die Rebellion die tiefsten Wurzeln geschlagen, so zwar, daß die meisten Städte und Forts sich in den Händen der Rebellen befinden.« »Es will uns jedoch bedünken,« versetzte der Vizekönig, »daß die Audiencia zu schnell gewesen.« Der Geheimsekretär sah ihn lauernd an. »Dieser Teil von Valladolid hat, wie Euer Exzellenz zu wissen belieben, keine Bergwerke.« »Aber doch Städte und Dörfer, deren Bewohner infolge des letztjährigen verwüstenden Krieges nun Hungers umkommen.« Er hatte unter diesen Worten unterschrieben. »Sonst nichts mehr?« »Kurrente Geschäfte«, bemerkte der Geheimsekretär. »Die morgen vorgelegt werden mögen«, sprach der Virey mit einem leichten Winke, der als Zeichen der Entlassung galt. Die drei Unterschriften schienen den Gewaltigen in einiges Nachdenken versetzt zu haben. Er hielt inne und murmelte lächelnd: »Wie sie so lieblich harmonieren, wenn es darauf ankommt! Ah –!« Er sah sich scheu um. »Es war ein Meisterstück,« fuhr er wieder in spanischer Sprache fort, »ein Meisterstück, wie wir die Criollos zu unsern Zwecken benutzt haben. Aber diese viejos cristianos –« Er klingelte. »Sekretär der Justiz und der Gnaden.« Die Worte waren kaum ausgestoßen, als der Bezeichnete auch schon eintrat. »Etwas Besonderes eingelaufen?« fragte der Virey. »Die Intendanten von Puebla, von Oaxaca und Veracruz senden die Cabildowahlen ein, haben hunderttausend Duros eingetragen, bitten um Bestätigung.« »«Dekretieren Sie«, sprach der Vizekönig zum Kabinettssekretär des Departements der Justiz und der Gnaden, »an die Intendanten die Bestallung der von uns bezeichneten Individuen, die sogleich ihr Amt antreten mögen; die Diplome werden nachfolgen. Die Summen, die von den nicht genehmigten erlegt worden, sind mit fünf Prozent zu verzinsen, die Kapitale werden der Hacienda Real zugewiesen.« Der Geheimsekretär antwortete mit einer Verbeugung. »Oberst Villasante als Kurier«, meldete der Camarero, der aus dem Nebensaale eintrat. Die Exzellenz nickte, worauf der zweite Kabinettssekretär ab- und ein dritter eintrat, hinter ihm ein Stabsoffizier, dessen bestaubte und etwas derangierte Uniform einen scharfen Ritt ausgehalten haben mochte. Er hatte ein mäßiges Paket unter dem Arme. »Sie bringen uns Nachricht von unseren Tapfern?« sprach der Virey mit ganz veränderter Stimme und einem vollen Organe, begleitet von einem freundlichen Blick auf den Stabsoffizier und einem zweiten auf den Generaladjutanten, der infolge des erhaltenen Winkes dem Obersten das Paket abnahm. »Die alle von Begierde brennen, die Kühnheit der Rebellen zu bestrafen und sich mit unvergänglichen Lorbeeren zu bedecken«, erwiderte dieser. »Die Tapferkeit und Treue unserer Truppen ist so sehr über alles Lob erhaben«, sprach der Virey, »daß wir nur bedauern, ihren Mut nicht auf würdigere Gegenstände gerichtet zu sehen.« »Die übrigens, wir haben die Ehre, Eurer Exzellenz untertänigst zu versichern, eine Achtung gebietende Position eingenommen haben. Sie fechten brav, diese Rebellen; freilich sind es keine Franzosen.« Diese letztere Äußerung, obwohl berechnet, das soeben ausgesprochene Lob der Rebellen und so den Ruhm ihres mehrmaligen Besiegers, des gegen sie kommandierenden Generals, zu mäßigen, schien wieder nicht die Zufriedenheit des hohen Mannes erregt zu haben, der jedoch, weit entfernt, dieses zu äußern, die vom Generaladjutanten mittlerweile überreichten Depeschen zu lesen angefangen hatte. Es legte sich eine neue Wolke um die Stirn der Exzellenz. »Se. Herrlichkeit, der kommandierende General, scheinen einen längeren Widerstand zu besorgen,« bemerkte er, nachdem er die eine Depesche flüchtig durchgesehen hatte – »bitten um Belagerungsgeschütz. Um Belagerungsgeschütz?« Er wandte sich bei diesen Worten fragend an den Obersten. »Die Rebellen«, erwiderte dieser, »haben wirklich Cuautla Amilpas auf eine Weise befestigt, die dieses nötig machen wird.« »Und das Regiment Fernando VII.?« fuhr Exzellenz fort. »Wir zweifeln, ob wir diesen Wunsch erfüllen können. Wieder einunddreißig Ranchos und Pueblos verbrannt?« bemerkte sie weiter, etwas unwillig. »Unser Consulado hat uns soeben ein Gesuch überreicht um Einhaltleistung unnötiger Strenge, und in diesem Falle scheint sie uns wirklich um so unnötiger, als unser Consulado selbst in den meisten der Pflanzungen interessiert ist. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir uns selbst nicht bestrafen müssen.« Der Kurier sprach kein Wort. »Was hatte es mit diesen Haciendas für eine Bewandtnis?« »Sind so frei, Eurer Exzellenz zu versichern,« sprach der Oberst, »daß bloß im Exkutionswege verfahren worden; freilich, bei dem Umstände, daß die Exkutionstruppen von Aguardiente de caña erhitzt und von löblichem Eifer und Haß gegen die Rebellen beseelt waren, sind einige Exzesse vorgefallen; aber wir bitten untertänigst bemerken zu dürfen, daß in mehreren dieser Haciendas wirklich Schulen etabliert gewesen, wo Kinder sowohl als Erwachsene im Lesen und Schreiben Unterricht erhielten.« Siehe Anhang: Note IV. »Sollte«, meinte die Exzellenz lächelnd, »beinahe zweifeln, daß ein solcher Unfug in der Nähe der Hauptstadt – da wir doch alle möglichen Maßregeln genommen – – –« »Habe die Ehre, untertänigst und auf Parole zu versichern, daß bloß die Schuldigen bestraft wurden; bloß diejenigen, die lesen konnten, ließ man über die Klinge springen. Es war freilich die Mehrzahl, und in der Hitze wurden vielleicht einige hundert Kinder und Mädchen mitgenommen; aber Eure Exzellenz belieben auch am besten zu wissen, wie der Soldat für seine Mühe entschädigt sein will.« Der Virey hatte während der vorgebrachten Entschuldigung einige Worte auf die Depesche geschrieben. Er sprach nun: »Wir sind stolz, der Obergeneral von Truppen zu sein, die so getreu die Befehle unseres gnädigsten Herrn exequieren. Harren Sie, Oberst, der Erledigung der Depeschen. Wir hoffen, der nächste Kurier wird uns die erfreuliche Nachricht bringen, daß das verräterische Cuautla Amilpas – existiert habe.« Und nachdem der hohe Mann seinen Wunsch auf diese großartige Weise zu erkennen gegeben, winkte er dem Kurier gnädig seine Entlassung zu; dann wandte er sich an den Generaladjutanten: »Es werden zwanzig Stück Belagerungsgeschütze noch diese Nacht abgehen – in aller Stille abgehen. Zugleich bemerken Sie in der Erledigung, daß künftighin zu Exekutionen Kreolen sowohl als Spanier verwendet werden sollen. Man muß billig sein und beiden etwas gönnen. Der Bericht des Generals kommt in die Zeitung, so wie die Exekutionen an den Haciendas. Das erste Bataillon der Compañias Esbeltas erhält gleichfalls Befehle, nach Cuautla aufzubrechen. In zwei Stunden müssen sie auf dem Wege sein.« Alle diese verschiedenen Befehle wurden mit derselben zierlich kaltblütigen Miene gegeben. Ein leises Tappen an der Wand ließ sich vernehmen. Der Virey stutzte und horchte. »Capitán San Gregorio, von Valladolid kommend«, sprach der Camarero. »Mag eintreten.« »Capitán San Gregorio,« redete er den Eintretenden an, »derselbe, der für seine glänzende Waffentat an der Puente de Cuenfuges Kapitänsrang erhielt.« »Eurer Exzellenz aufzuwarten«, sprach der Capitano. »Wir erinnern uns der Tapfern,« fuhr der Virey fort, »die uns in unseren Feldzügen zur Seite gestanden, mit Vergnügen.« »Sie haben eine Niederlage erlitten?« bemerkte er nach einer Weile, während er die Depeschen durchflogen hatte. »Wir hatten wirklich das Unglück«, bemerkte der Capitáno. »Und General Llanos hat sich herab gegen Cuautla gezogen, um sich mit dem Kommandierenden zu vereinigen?« fuhr er fort. Der Kapitän bejahte es. »Achthundert Tote, Verwundete und Gefangene – bedeutender Verlust. – Ah, siehe da, Ihre Eskadron Flanqueadores – sich sehr brav gehalten – sehr brav. – Also zweihundert Gefangene gemacht, Capitán Blanco? Sehr schön, und diese zweihundert Gefangenen über die Klinge springen lassen –? Major Blanco! – Es freut mich, Sie also zur Belohnung Ihres Eifers im Dienste der Majestät begrüßen zu können.« Der überraschte neue Major verbeugte sich, und der Virey winkte ihm seine Entlassung zu. »Senden Sie dem Obersten Soto«, wandte er sich an den Generaladjutanten, »die Order, sich sogleich mit Llanos zu vereinigen – fertigen Sie –«, er hielt inne und zuckte wieder zusammen, denn ein zweites Mal wurde wieder ein leises, aber vernehmliches Tappen an der getäfelten Wand gehört – »für Major Blanco das Majorpatent aus – Major Minto gleichfalls, für den eminenten Eifer, den er im Dienste Sr. Majestät dadurch bewiesen hat, daß er die Hacienda von San Francisko zerstört – den Sergeanten Bravo zum Fähnrich, dafür, daß er seinen eigenen Bruder, der zu den Rebellen übergegangen, niedergestoßen.« Das Klopfen wurde ein drittes Mal gehört, der Virey zuckte wieder zusammen. Auf einmal warf er einen scharfen Blick auf den Geheimsekretär. »Was zaudern Sie, Señor Murviedro? Im Dienste Sr. Majestät darf kein Zaudern sein, merken Sie sich dieses. – Den Leutnant Balesteros zum Kapitän befördert, dafür, daß er die Hacienda San Mateo zerstört und die Einwohner vertilgte, wegen rebellischer Gesinnungen und vorzüglich unbefugten Schulbesuchens. Setzen Sie dieses in sein Offizierspatent. Es ist unser ausdrücklicher Wille, daß unsere Offiziere auch die Bedingungen ihres Steigens, die Untertanen Sr. Majestät die ihrer Existenz kennen. – Nichts unpolitischer als diese Prüderie mit der öffentlichen Meinung. – Und in der Erledigung der Depesche geben Sie dem Kommandeur en chef unsern hohen Dank für seine Bemühungen, die Rebellion nicht nur durch die siegreiche Gewalt unserer Waffen, sondern auch ihre Keime dadurch zu ersticken, daß alle schädlichen Materiale aus dem Wege geräumt werden.« Diese verschiedenen hohen Entschließungen hatte er mit vielem Anstande dem Geheimsekretär mehr in die Feder diktiert als vorgesprochen, während er zugleich mehrere Punkte auf den Depeschen selbst notiert hatte. Er legte nun einige auf die Seite und gab die anderen dem Generaladjutanten, der, nachdem er sie zusammengepackt, die Kanzlei unter einer tiefen Verbeugung verließ. Ein viertes Mal wurde das Tappen gehört. Der Virey trat zu den Flügeltüren, durch welche der Generaladjutant gegangen, verschloß sie, bedeutete dem diensttuenden Camarero, daß niemand vorgelassen werde und schlüpfte dann durch eine in der getäfelten Wand angebrachte Tür in ein Nebenkabinett. Siebenunddreißigstes Kapitel. Es war ein kleines Kabinett von etwa vierzehn Fuß Länge und Breite; ohne alle Verzierung, mit einem Tische, zwei Sesseln und drei hölzernen, sänftenartigen Kästen, jenen Behältern in englischen Speisezimmern ähnlich, in denen John Bull seinen Verdauungswerkzeugen am liebsten, ungesehen und unbeneidet, Beschäftigung gibt. Doch schienen im gegenwärtigen Falle diese Behälter, die aus starkem Mahagoniholze gearbeitet waren, ganz anderen Bestimmungen gewidmet, denn aus zweien war das Knarren von Schreibfedern zu hören, und dumpfe, unangenehme Laute, die weder Kehlen- noch Zungenlaute schienen, sondern mehr ein unartikuliertes tierisches Geächze. In diesem Gemache stand, an einen Tisch, auf welchem mehrere Briefe lagen, gelehnt, ein Mann, der mit den bisher beschriebenen Physiognomien und Gestalten auch nicht die mindeste Ähnlichkeit hatte. Er war groß, stark und breitschultrig, mit einem roten, vollen Gesichte. Zwei Reihen gesunde Zähne schienen weder mit der spanischen Knoblauchsuppe noch mexikanischen Weißfischen in genauere Bekanntschaft getreten zu sein, vielmehr dem Roastbeef gehuldigt zu haben. Das eine der graublauen Augen war recht angenehm zu schauen; es spiegelte sich darin etwas, das wie Zuversicht, männlicher Trotz oder auch ruhige Behaglichkeit aussah, was tröstlich in diesen furchtbaren Umgebungen auffiel; aber das zweite war um ein Merkbares kleiner und hatte eine fatale Schiefheit, die, durch eine ungeheure Warze am Augenlide verursacht, dem Manne den Ausdruck einer gewissen Bereitwilligkeit gab, dieses Auge nach Gefallen zuzudrücken, wenn es sein Vorteil erheischte. Sein ganzes Wesen verriet beim ersten Anblick britische Abstammung. Kleidung und Benehmen waren die eines Gentleman, aber nicht des geborenen Gentleman. Er hatte etwas vom Weltmanne, aber nicht von jenem Weltmanne, der, in der Gesellschaft von Aristokraten gebildet und durch Unabhängigkeit begünstigt, diese durch ein leichtes und doch vornehmes Benehmen kundgibt, das vor jeder niedrigen Berührung zurückscheucht; das gegenwärtige Individuum hatte etwas von jener Klasse seiner Landsleute, die durch das Dick und Dünn der Hefen der menschlichen Gesellschaft gewatet und geschritten, alle feineren Nuancen als überflüssig und hindernd verwischen lassen und nur die gröbsten Züge ihres Nationalcharakters beibehalten. Es war eine der Physiognomien, die wir häufig an den untergeordneten diplomatischen Werkzeugen dieser Regierung bemerken, die gleich einer ungeheuren Spinne ihr endloses Netz über die ganze Welt ausgebreitet. Als der Vizekönig eintrat, legte er das Schreiben, das er in der Hand hielt, weg und trat ihm mit einer nichts weniger als ehrfurchtsvollen Verbeugung entgegen. »Guten Abend, Exzellenz«, sprach er mit einer, wie es schien, berechneten Derbheit; denn John Bull liebt es, sich diese vor den Großen fremder Nationen beizulegen, obwohl er vor denen seines eigenen Landes wieder ungemein bescheiden wird. »Wie befinden sich Euer Exzellenz, wenn ich zu fragen so frei sein darf.« »Wir danken Ihrer Nachfrage, Sir George. Ziemlich wohl«, erwiderte der Gefragte. Er war tänzelnd und sich wiegend eingetreten; sowie er aber den Briten erblickt, zuckte er zusammen, trat jedoch wieder vor und schien sich eine nachlässige Vornehmheit beilegen zu wollen. Alle diese Symptome von Verlegenheit hatte der Brite mit jenem intuitiven Blicke aufgefaßt, der dem kaufmännisch diplomatischen Charakter seiner Nation eigen ist, und den er auch keineswegs zu verhehlen strebte; denn ein leichtes höhnisches Lächeln überflog seinen Mund, als er sprach: »Euer Exzellenz schrecken zurück? Vor mir doch nicht? Bin ich denn seit meiner Exkursion so furchtbar geworden?« »Sie waren schnell zurück, Sir George!« erwiderte die Exzellenz in einem Tone, dessen verbindliche Artigkeit sehr gegen die gemeinen rücksichtslosen Manieren des Briten abstach. »Ihre verdammten Cavecillas trieben mich«, entgegnete dieser lachend. »Sie regen sich ja wieder ganz erstaunlich. Haben Sie Nachrichten von Calleja?« »Meinen Sir George Seine Exzellenz den General en chef unserer Armee vor Cuautla?« »Nun ja, wollte, Seine Exzellenz wäre beim Teufel oder bekäme tüchtig Schläge. Ist ein gewaltiges Gerede von ihm in Kadix.« Bei diesen Worten fixierte er die Exzellenz, die abermals zuckte, sich jedoch schnell wieder faßte und in einem fein ironischen Tone sprach: »Sir George hat der Kommunikationswege so viele.« »Nicht so viele, als notwendig wäre für unser beiderseitiges Interesse, und als wir haben könnten, wenn Mexiko ein zivilisiertes Land wäre.« Diese Worte, die unter obwaltenden Umständen als eine Grobheit gelten konnten, machten den Virey lächeln. »Fürwahr, Sir George nehmen einen Anteil an unserem Gedeihen –« Der Brite jedoch schien das Kompliment nicht verstehen zu wollen. Er erwiderte: »Der recht aufrichtig und, was die Hauptsache, solid ist; denn, wie gesagt, er gründet sich auf unser wohlverstandenes beiderseitiges Interesse.« »Sehr viel Ehre für uns, Sir George, uns so gütig in Ihr Interesse aufzunehmen.« »Können versichert sein, Exzellenz, daß wir dieses tun«, fuhr der Brite mit britischer Rücksichtslosigkeit fort. »Unser Haus hat für eine Million Piaster gut gesagt und Wechsel ausgestellt für eine zweite. Es braucht eine Weile Zeit, diese zwei runden Sümmchen zusammenzuscharren. Die Wahrheit zu gestehen, so habe ich mir von der Öffnung der beiden Häfen, und hauptsächlich Tampicos, weit mehr versprochen.« »Diese Art Selbsttäuschung ist übrigens nicht ungewöhnlich, auch bei den günstigsten Unternehmungen«, bemerkte der Virey; »so ganz ungünstig aber scheint Sir George et Compagnie denn doch nicht spekuliert zu haben; denn wir ersehen aus den Berichten der Intendanten, daß Sie die Erlaubnis, Waren einzuführen, bereits um eine Million überschritten.« »Wofür wir wahrlich nicht können. Aber sehen Euer Exzellenz, da haben Sie wieder Ihren verdammten Zoll, wo von jeder Elle Tuch Eingangszoll in Tampico, in Satillo und erst dann wieder in der Stadt genommen wird, wo die Ware en détail verkauft wird. Dann müssen Euer Exzellenz bedenken, daß die Kaufleute an diesen Weg noch nicht gewöhnt, daß Ihre Straßen heillos, Ihre Kommunikationsmittel detestabel – mein Gott, im ganzen Lande sind ja nichts als Maultiere, das heißt Packesel, zu finden – daß wir endlich den Vorteil mit dem Consulado von Mexiko teilen, kurz, daß die Bilanz noch sehr zu unserem Nachteile steht.« »Aber«, versetzte die Exzellenz, »dies alles sollte Sir George früher bedacht haben, als er uns so dringend anlag, die beiden Häfen zu öffnen. Zudem ist dieses Sorge der spanischen Kaufleute. Sie haben fünf Millionen für Waren eingenommen, die nach dem Originalschätzungswerte bloß zwei wert sind.« Die Reihe, verlegen zu werden, kam nun an den Briten. Er wurde blutrot, murmelte ein Damn ye , faßte sich jedoch wieder. »Euer Exzellenz sind da im Irrtume«, versetzte der Mann; »in einem für einen Ausländer sehr verzeihlichen Irrtume. Unsere Zollhäuser in London und Liverpool –« Der Virey lächelte. »Gar nicht übel, Sir George! Ich sehe, Sie machen sich hier bereits zu Hause. Also wir sind der Ausländer und Sie sind der Inländer.« »Sprach vom Auslande in bezug auf unsere Zollhäuser in London und Liverpool, wo Euer Exzellenz wissen müssen, daß die Ausfuhrwaren immer fünfzig Prozent unter ihrem Wert angegeben werden. Genug, unsere Bilanz zeigt netto achtmalhunderttausend Dollars, die wir noch bei Euer Exzellenz zugute haben.« »Wirklich?« fragte die Exzellenz. »Sehr leicht auszurechnen«, sprach der Brite trocken, indem er sein Portefeuille aus der Brusttasche nahm und eine Note heraussuchte, die er dem Virey hinhielt. »Eine Million für Ihren großen Pachtschilling von Mexiko bezahlt; dito eine Million in Wechseln ausgestellt, teils nach Madrid, teils nach Frankreich; dito zweimalhunderttausend Duros oder Dollars, wie die Yankees sagen, zu Ihrer Ausrüstung, – Summa Summarum, mit Interessen, Gebühren usw., einen Rückstand von achtmalhunderttausend Duros.« »Sehr gnädig, und wenn wir diesen Rückstand bezahlt, dürfte Sir George sehr leicht belieben, uns noch ein Item von einer halben Million Duros vorzulegen. Sir George, die Sache kurz zu machen. Sie sind bezahlt; das Monopol, das wir Ihnen für ein Jahr verliehen, geht mit dem 1. März zu Ende, und als Landeschef müssen wir dafür sorgen, daß der Handel wieder in neue oder vielmehr die legitimen Kanäle komme, die den nationalen Interessen angemessen sind.« »Das heißt, Sie wollen eine neue Bahn einschlagen«, bemerkte der Brite ganz ruhig. »Tun Euer Exzellenz, wie beliebt. Was jedoch die achtmalhunderttausend Duros betrifft –« »So werden wir die Rechnungen genau untersuchen, und haben Sie wirklich eine Forderung, Ihnen Wechsel ausstellen.« »Die wir kaum annehmen dürften«, bemerkte Mister George trocken. Der Virey fuhr drohend auf: »Sir George!« »Die wir nicht annehmen«, wiederholte der Brite noch bestimmter. »Sir George, wie soll ich diese Sprache verstehen?« »Als die Sprache eines ehrlichen Mannes, der keine Ursache hat, Euer Exzellenz zu schmeicheln oder zu scheuen oder die Wahrheit zu verhehlen. Ich habe Ihnen gesagt, unsere Interessen gehen Hand in Hand, das heißt, wenn Sie wollen. Wollen Sie nicht, je nun, so gehen wir verschiedene Wege.« Diese Worte waren so trocken, so grob gesprochen, die zart besaitete Exzellenz begann ihre Fassung mehr und mehr zu verlieren. »Und warum wollen Sie unsere Wechsel nicht akzeptieren?« »Weil auf den Fall Ihrer Trennung von uns Sie in sechs Monaten nicht mehr Virey sind.« »Sir George!« fuhr der Virey wütend heraus. »Verstehen Sie mich recht, Señor Vanegas!« fuhr der Brite kaltblütig fort. »Sie sind jetzt Virey von Neuspanien, das will sagen König von Mexiko, wie es keiner der Könige Europas in seinem angestammten Lande ist. Wie Sie dies geworden sind, gehört nicht zur Sache; doch erinnern Sie sich vielleicht noch, daß wir, oder vielmehr unsere guten, vollwichtigen Guineen, bei der ganzen Affäre eine gerade nicht ganz unwichtige Rolle spielten, daß wir eigentlich das Medium waren, durch welches Sie auf und in diesen glänzenden Pachthof versetzt worden, daß wir mit einer Million Duros herbeikamen, die dazu diente, die ehrenwerten Glieder der obersten Junta ein wenig freundwilliger zu stimmen, daß wir eine zweite Million uns entlocken ließen, die zu einem ähnlichen Gebrauche verwendet worden, daß wir endlich noch zweihunderttausend Dollars hergaben, um Sie auch vizeköniglich auszurüsten; denn Euer Exzellenz erinnern sich gefällig, daß Sie ein sehr braver, ein sehr tapferer und geschickter, aber bei alledem, was man sagt, kein reicher General, ja im Gegenteile, so was man sagt ein armer Teufel von General waren. Wohl, Euer Exzellenz haben nun die zwei Millionen abbezahlt und auch die zweimalhunderttausend Dollars; aber Sie wissen doch, daß Anleihen dieser Art auch wieder ihre Bewandtnis haben und daß die Interessen, zu den Gebühren geschlagen, uns eine Summe von achtmalhunderttausend Duros zugute stellen. Nun will ich annehmen,« fuhr der Mann in demselben buchhalterischen Tone fort, »Sie mögen sich immerhin viermalhunderttausend Duros gemacht haben, will's gerne glauben. Ein schönes Sümmchen! Zwei Millionen sechsmalhunderttausend Dollars aus einem Lande gezogen zu haben! Verdammt schönes Sümmchen! – Das ist aber auch alles.« Der Virey ließ ihn ausreden, aber sein Gesicht wechselte alle Farben. Es hob sich seine Brust, und er tat sich sichtlich Zwang an, ruhig zu bleiben. »Fürwahr, Sir George führt eine Sprache,« hob er endlich an, »die alles übertrifft, was wir je gehört haben, und zu welcher Sprache«, fuhr er mit stärkerer Stimme fort, »ihn weder seine Stellung noch sein Verhältnis zu uns ermächtigen. Oder ist diese Sprache in der Instruktion, die Sir George von Lord Castlereagh –?« »Das nicht, Exzellenz!« erwiderte der Brite trocken, »obwohl ich überzeugt bin, daß Mylord Castlereagh meine Sprache ganz billigen wird, um so mehr billigen wird, als sie die Sprache des gesunden Menschenverstandes ist. – Wir haben Ihnen zum Besitze eines Königreiches verholfen.« »Um drei Fünftel seiner Einkünfte in echt britischer Manier als Ihren Anteil zu nehmen.« »No, das nicht, liebe Exzellenz,« meinte der Brite lachend; »die direkten Einkünfte, um die kümmern wir uns nicht, die gehören Ihnen; aber die indirekten, ja, Exzellenz, das ist eine andere Sache. Eine Hand wäscht die andere; und wenn Sie glauben, daß die Ehre, einen Virey gemacht zu haben, uns als Entschädigung für unsere Mühen und das Risiko dienen sollte – das Risiko, zwei Millionen zum Teufel gehen zu sehen, Exzellenz, da irren Sie sich gewaltig. – No, Sir.« Für einen britischen Diplomaten oder Unterdiplomaten war der Mann wirklich etwas zu grob, so grob diese Gattung von Leuten auch zuweilen sein kann. »Und glauben Sie, mit Ihrem Gelde auch dieses Land zu beherrschen und in Ihr Netz zu ziehen?« brach der Virey los. »Das würde uns wenig nützen, Exzellenz! Und wenn wir es wollten, glauben Sie, wir fragten Sie viel? Es kostete nur ein paar Zeilen nach unserer Jamaika-Station. Nur ein Vierteldutzend Linienschiffe und ein Dutzend britischer Kompanien, die den armen Teufeln von Rebellen unter die Arme griffen. Nur zweitausend Briten, – und sie blasen Ihre zehntausend spanischen Grenadiere und Flanqueadores und Cazadores, und wie sie alle heißen mögen, zum Teufel, das heißt, aus Mexiko hinaus. – Seien Sie aber ruhig, wir sind ihre Alliierten«, sprach der sackgrobe Brite. »Gott behüte uns vor dieser Allianz!« versetzte der Virey, kaum mehr seiner mächtig. »Sie mögen sie in dieser Stunde lösen. Zwar sind wir bei Ihnen akkreditiert, von unserem Staatssekretär als Agent der britischen Interessen akkreditiert; aber Sie brauchen um unsere Abberufung nicht erst zu schreiben. Ein kurzes Ja oder Nein; Sie bezahlen die achtmalhunderttausend Dollars durch das Monopol, das Sie uns in den Häfen von Tampico und Tuspan für ein folgendes Jahr verleihen – ein halbes Jahr meine ich – Ja oder nein – und wir bleiben oder ziehen ab.« Der Virey zitterte vor Wut, indem er sprach: »Und seit wann ist Sir George so bereitwillig geworden, das Land zu verlassen, in das er zu kommen sich so sehr gedrängt hat?« »Seit wir gesehen, daß wir dem Manne nicht trauen dürfen, dem wir zwei Millionen anvertraut haben.« »Und wollen unsere Wechsel nicht akzeptieren?« »Nein.« »Und wie wollen Sie sich bezahlt machen?« »Sie haben sich viermalhunderttausend Duros gemacht, fünfmalhunderttausend machen Sie sich in den laufenden vier Monaten, macht neunmalhunderttausend Duros. Von diesen werden wir uns bezahlt machen.« »Sehr positiv. Sir George rechnet also darauf, daß wir noch vier Monate dieses Land regieren?« »Wenn Sie mit uns brechen, ja, und keinen Tag länger.« »Wirklich? Und woher wissen Sie das, Sir George? Zwar sind Sir George einer der Hebel des großen Castlereagh, zudem der Associé eines großen Hauses, zudem ein Brite.« »Wie Sie wollen, Exzellenz!« sprach der Brite trocken. »Lesen Sie und Sie werden sehen. Es mag ein Glück sein und ein Unglück, wie Sie es nehmen wollen, daß ich so zur rechten Zeit gekommen bin. Das Ministerium zu Cádiz ist verändert. Unser Einfluß hat gesiegt, Ihre Freunde sind vom Ruder entfernt, und ihrem Feinde, der am Ruder sitzen will, bietet unser Haus die nötigen Summen an, um Mexiko, wenn er will, heute zu kaufen.« Der Virey hatte gelächelt, während der Brite sprach; aber es war ein schmerzhaft bitteres Lächeln; er griff nachlässig und doch wieder zitternd hastig nach dem Papiere, warf einen oberflächlichen Blick darauf und wurde auf einmal erdfahl. Indem er weiterlas, wurden seine Züge seltsam, ja grausig entstellt, so beispiellos entstellt, daß der Brite den Mann am Arme ergriff und ihm mitleidsvoll zurief: »Fassen Sie sich, schonen Sie sich, Señor Vanegas!« Der Mann sah ihn stier an. »Ah, Sir George! Sind Sie es? Lieber, teurer Sir George! – Unser teurer Sir George!« »Dachte es«, sprach Mister George; »also hören Sie, Señor Vanegas! Bleibt es dabei, die Häfen von Tampico und Tuspan noch für ein Jahr?« »Sie sagten ein halbes Jahr, teurer Sir George!« »Ah bah, sagen Sie ein Jahr; dafür streichen wir die achtmalhunderttausend Duros, zahlen Ihnen ein reines Gratuit von fünfmalhunderttausend Duros binnen Jahr und Tag; Sie bleiben noch drei Jahre Virey. machen sich, nebst dem, noch ein und das andere Milliönchen und kommen mit einem runden Sümmchen von zwei bis drei Millionen Piastern nach Hause, leben wie ein Fürst, und dafür, Exzellenz, fordern wir nichts als Ihr eigenes Bestes, für Ihre erbärmlichen Woll- und Baumwollstoffe unsere prächtigen Leeds- und Manchesterfabrikate zu substituieren; alles zum Besten Mexikos.« »Dann sind die Fabriken in Mexiko ganz ruiniert.« »Schofles Zeug, kein Schaden, wenn es zugrunde geht. Dafür regieren Sie.« »Und Sie versprechen?« »Sogleich nach Spanien zu schreiben, und nach London gleichfalls; dann mögen Sie zehn Fernandos und tausend Cortes verlachen, wenn Sie wollen.« »Sie wollen es also?« fragte der Virey mit einer halb zitternden Stimme. Es trat nun eine lange Pause ein, während welcher die Exzellenz allmählich ihre Fassung wieder zu erlangen bemüht war. »Und jetzt zu etwas anderem«, hob der Brite nach einer Weile an. »Haben Eure Exzellenz Nachrichten aus dem Lager der Rebellen?« »Nicht sehr günstige.« »So habe ich gehört«, sprach er, indem er einen andern Brief hervorzog. »Dieses Schreiben ist viel wert. Wissen Sie von wem?« Der Virey verneinte es. »Von unserem Agenten bei Ihrer Armee. Die drei Navarresen, die wir Ihnen aus Spanien verschrieben, es sind die durchtriebensten Spitzbuben, halb Franzosen, halb Spanier, oder vielmehr ganze Franzosen; sie reden gut französisch und liberal, sind aber eingefleischte Bourbonisten. Sie sind zu Morellos desertiert.« »Demonio!« rief der Virey. »Calleja«, fuhr der Brite fort, »hat einen Preis von fünfhundert Dollars auf ihre Köpfe gesetzt. Sie lachen aber nur darüber, und was dieses Rindvieh von blutigem Metzgerknecht in gutem Ernste getan, kommt uns trefflich zustatten. Morellos hat sie ganz liebgewonnen; der eine exerziert seine Indianer und Mestizen, den andern hat er als Leutnant bei der Artillerie angestellt, der dritte ist um seine Person.« Des Vizekönigs Gesicht begann wieder seinen gewöhnlichen Ausdruck anzunehmen. »Das ist wirklich ein Meisterstück.« »Gelt, Exzellenz!« sprach der Brite. »Wir wollen die Rebellen zusammenhetzen. Jetzt lesen Sie; aber wir brauchen glühende Kohlen, denn der Brief ist mit sympathetischer Tinte geschrieben.« Der Virey nahm das Papier und eilte mit dem Briten in die Staatskanzlei zurück, wo er das Blatt über den Brassero hielt. »Zweitausend Infanterie – viertausend Lanzenträger – dreihundert Reiter und fünfzehn Kanonen. Die Junta mit Morellos zerfallen. Viele Köche verderben die Olla.« »Das ist die genaue Angabe der Stärke der Armee der Patrioten. Die Maulaffen haben auch eine Art Kongreß nach dem Exempel der Yankees aufstellen wollen, haben aber vergessen, was das Sprichwort sagt: ›Mach' den brummigen Bären immer zum großen Herrn, hast doch nur einen Brummbären.‹ Machen Sie einem Spanier oder Kreolen hundert Konstitutionen, er bleibt immer nur Sklave.« »Ohne Komplimente, Sir George!« bemerkte der Virey, der nun seine Fassung ganz wieder erlangt hatte. »Was soll alles das eigentlich heißen?« »Daß die Kongreßmänner, statt einen Kongreß zu bilden, Ihren Kriegsrat nachäffen und Morellos seine Operationen vorschreiben. Cos will auf Mexiko los – lesen sie nur. Rainon will hinab nach Valladolid, Vincente Guerrero will Oaxaca und Acapulco, Vitoria Veracruz. Jeder etwas anderes. Die beiden letzteren sind noch die gescheitesten.« »Die Nachrichten sind allerdings wichtig«, bemerkte der Virey. »Unschätzbar«, fügte der Brite bei. »Lesen Euer Exzellenz weiter, und Sie werden auch die Namen derjenigen Kreolen finden, die Neigung verraten, sich wieder von der Sache der Insurgenten zu trennen.« Der Virey las weiter. »Und wie haben Sie, Sir,« er betonte das Wort Sie, »die Nachrichten erhalten? Wir erinnern uns, daß wir die drei Menschen durch Ruy Gomez in unsere Dienste nehmen ließen.« »Dem sie auch recht getreulich rapportiert, der aber, statt die Rapporte zu bezahlen, das Geld in seine eigene Tasche gesteckt. Deshalb haben sie sich an mich gewandt. Die Menschen müssen leben.« Der Virey sah den Briten forschend an. »Bei meiner Ehre, Sir George! Sie sind ein furchtbarer Mann. Ich glaube, die drei Spanier sind im Interesse der Bourbonen.« »Fernando ist doch auch ein Bourbon. Was weiter?« »Offen wenigstens«, bemerkte der Virey. »Sie werden die bestimmtesten Nachrichten erhalten durch diese drei,« fuhr Mister George fort, »aber Sie lassen sie durch meine Hand gehen.« »Und uns so ganz in Ihre Gewalt geben.« »Besser, als wenn Sie sich der Ihrer Landsleute überlassen, die soeben beim Erzbischofe gegen Sie konspirieren.« Der Virey lächelte ungläubig. »So, wie ich sage. – Doch auf die Spione zurückzukommen. Was sind Sie willens zu tun?« »Mich zuerst von der Richtigkeit der Daten zu überzeugen.« »Und den Zeitpunkt verstreichen lassen, die Rebellen zu vernichten? Tun Sie, wie Sie wollen; daß wir es aufrichtig meinen, mögen Sie glauben. Sie haben ein paar hundert Spione im Lager Morellos; aber diese drei wiegen sie alle auf, und wenn sie Ihnen nicht Morellos binnen Jahr und Tag in die Hände liefern, so heißen Sie mich etwas.« Noch schien sich die Exzellenz zu besinnen. »Was ist da zu besinnen, Señor Vanegas?« sprach der Brite. »Sehen Sie die Sache an, wie sie ist. Sie wollen Morellos, das Haupt der Rebellen, in Ihre Gewalt bekommen, womöglich ohne Zutun Fallejas in Ihre Gewalt bekommen. Wohlan, dann müssen Sie entweder selbst mit den Spionen korrespondieren oder mir es überlassen. Ihren Spaniern dürfen Sie nicht trauen; die verraten Sie an Calleja, den sie als Virey haben wollen. Was nun mich betrifft, so ist unser Interesse an das von Eurer Exzellenz geknüpft, und wir haben Ursache, Sie am Ruder zu erhalten, solange Sie Ihr Wort nicht brechen. Für hunderttausend Dollars liefern wir Ihnen Morellos und seine Armee binnen Jahr und Tag aus.« »Sie wollen,« sprach die Exzellenz lächelnd, »Sie wollen, und dies mit Ihren eigenen Hilfsmitteln?« »Mit unseren eigenen Hilfsmitteln,« sprach der Brite. »Das heißt, wir wollen Ihnen bloß die Mittel und Wege anzeigen. Ja, ja, Exzellenz, wir wissen die Sachen einzufädeln. Mit Eurem Spionenwesen, wie Ihr es hier habt, ist alles Lappalie. Unser Spionensystem ist ein bißchen anders; weder französisch, noch spanisch, noch russisch, noch deutsch; aber wir treffen den Nagel auf den Kopf. Ihr System des Einsteckens in der Nacht, des Verschwindenmachens geht für einige Zeit, taugt aber für die Länge nichts. Das heißt mit Pulverfässern spielen. Da lesen Sie, Señor Vanegas!« Der Virey hatte einige Briefe vom Tische aufgenommen, legte sie aber wieder weg. »Was sollen diese Korrespondenzen, Sir George? Mir bekräftigen, was wir leider nur zu gut wissen, daß Sie während Ihres zwölfmonatlichen Aufenthaltes in Mexiko bereits das ganze Land in Ihr unsichtbares Netz gezogen, ausspioniert?« – »Ja, ja, so sind sie alle, diese großen Staatsmänner,« fuhr der Brite fort. »Wenn ich nun im Vertrauen gewispert hätte, daß irgendein Graf: Nieder mit der Regierung! geschrien, so wäre diese Nachricht unfehlbar weit erwünschter gekommen.« »Sir George, aber wozu diese Umschweife?« bemerkte der Virey ungeduldig. »Sie sind so unsere Art,« erwiderte der Brite; »unsere Manier wissen Sie. Jede Nation hat ihre Eigentümlichkeiten, und John Bull, – Gott sei Dank! –« »Nun bei Gott! Sir George, Sie spannen unsere Geduld aufs Höchste.« »Das wollen wir nicht« fuhr der Brite in demselben trockenen, langweiligen Tone fort. »Sehen Sie, diese Briefe sind nicht ganz so unwichtig, wie Sie wähnen mögen. Dieser hier von Oaxaca zeigt, daß die Cochenilleernte zwar recht gut ausgefallen, daß sie aber um einige tausend Servons weniger gegeben als Anno acht, neun und zehn, wegen Abgangs der Pflanzer; mit anderen Worten, weil Tausende dieser Pflanzer sich an die Rebellen angeschlossen haben; – das steht zwar nicht im Briefe, aber das gibt der gesunde Menschenverstand. Sehen Sie, das ist die wahre Spionage. Hören Sie weiter: Die Baumwollen- und Porzellanfabriken haben dieses Jahr um beinahe eine Million weniger Fabrikate geliefert; warum? Weil so etwa fünftausend Arbeiter das Messer statt der Spindel zur Hand genommen haben.« Er nahm einen dritten Brief. »Von Zacatecas schreibt unser Agent, daß die dortigen Fabriken zum Teile ganz still stehen, weil an die sechstausend Arbeiter ein gleiches getan.« Der Virey war sehr aufmerksam geworden. »Bis morgen früh sollen Euer Exzellenz eine Übersicht des Zustandes des Landes haben, die Ihnen eine halbe Million Piaster für Spione ersparen wird,« fuhr der Brite fort, »und in zwei Tagen will ich Ihnen über Mexiko nähere Auskunft geben.« Die Augen des Virey funkelten; aber sein Triumph war gemischter Art. Er sah den Mann mit einer Art Entsetzen an, das wieder in Furcht und Verachtung übergehen zu wollen schien, je nach seinen verschiedenen Äußerungen. »Wissen Sie das Neueste? – Alt-England hat den Yankees den Krieg erklärt. Wir wollen diese Zwiebelkrämer und Mehlhändler züchtigen.« »Wir haben das Gegenteil vernommen«, bemerkte der Virey gedehnt. »Nach den offiziellen Mitteilungen, die uns gemacht worden, haben die Vereinigten Staaten Ihnen den Krieg erklärt.« »Sei dem, wie ihm wolle,« sprach der Brite; »genug, wir wollen sie züchtigen. Und für Sie ist es gut; denn von dieser Seite haben die Rebellen nun keine Unterstützung zu hoffen.« »Wir waren von dieser Seite sicher,« bemerkte die Exzellenz, »die Regierung von Washington hat ihre Neutralität strenge beobachtet, strenger als unsere Alliierten.« »Pah, und doch sind einige hundert Yankees auf Ihren Grund und Boden mit bewaffneter Hand eingedrungen.« »Sie sind zurück, und die übrigen gefangen oder tot.« »Was glauben Sie mit ihnen anzufangen?« »Sie sind in San Juán de Ulloa.« »Brr,« murmelte der Brite, »lassen Sie sie los; es ist britisches Blut, tut mir leid um die armen Teufel.« »Kann nicht sein«, bemerkte der Virey. »Je nun, wie Euer Exzellenz wollen.« Die Exzellenz gab Symptome steigender Ungeduld von sich. »Noch etwas. Was haben Sie mit dem Grafen von San Jago?« Der Virey fuhr auf. »Sir George! Wir gaben Ihnen bedeutende Befugnisse – sehr bedeutende – aber verstehen Sie, innerhalb der Grenzen unserer Gewalt – Der Graf ist mexikanischer Untertan.« »Den Teufel ist er's, Exzellenz, so wenig als ich es bin. – Der Graf ist mehr König als Fernando VII.« »Das ist wieder eines Ihrer beliebten Paradoxen.« »In Mexiko ist der Graf keine zweimalhunderttausend Duros wert; denn für seine Ländereien gäbe ich sie nicht, weil sie unter einer despotischen Regierung nichts wert sind; aber in London und Newyork ist er drei Millionen wert, und deshalb mag er Ihrer lachen.« »Wissen Sie es für bestimmt, daß er seine Kapitalien außer Landes gesandt?« »Nicht nur er, sondern auch noch die zwei andern Großen.« »Dann wollen wir ihm kurzen Prozeß machen.« »Hüten Sie sich; der Graf ist der Mann, diesen Ihnen zu machen.« »Y basta!« sprach die Exzellenz, die Miene machte sich zu entfernen. »Exzellenz!« sprach der Brite. »Sir George! Wollen Sie mir gefällig Ihre Notizen morgen übergeben.« »Wir wollen es tun. Wir sind kein Spion; was wir tun, ist der Ordnung willen, bei der der Handel allein gedeiht, und Rebellen müssen vertilgt werden.« »Das ist wie ein braver Mann gesprochen«, erwiderte der Virey. »Exzellenz, noch ein Wort!« »Und dieses Wort?« »Was zum Teufel haben Sie mit dem Grafen? An sein Vermögen wollen Sie? Dieses ist in Sicherheit, und wenn Sie der leibhafte Teufel Bonaparte selbst wären, Sie könnten ihm keinen Maravedi abnehmen. Hören Sie, er ist für Sie zu stark; sein Busenfreund ist Minister, haben Sie das übersehen?« »Teufel!« rief der Virey. »Castlereagh ist sein Freund gleichfalls,« fuhr der Brite fort. »Ich bin gebunden, ausdrücklich gebunden. Hören Sie mehr. Er hat in unserer Bank über viermalhunderttausend Pfund, bei den Yankees eine Million. Wenn er nun diese Million springen läßt, so sprengt er Sie in die Luft.« Der Virey lächelte. »Dafür kauft er zwanzig Kanonen bei den Yankees, zehntausend Gewehre und findet zehntausend Yankees, die durch Texas eindringen und Sie wegblasen. Verderben Sie es mit dem Manne nicht; er ist beliebt, selbst in Valençay.« Der Virey schüttelte das Haupt. »Auch weiß er von unserem Verkehr.« »Verdammt!« rief der Vizekönig wieder. »Wie kann es anders sein? Er steht mit dem Consulado, Veracruz, der Haban und Cádiz in Verbindung.« Der Brite, nachdem er so gesprochen, verbeugte sich gemächlich und verließ mit einem » Good evening to your Excellency « das Kabinett. Die Türe schloß er von außen. Der Virey war wie erstarrt gestanden. – Endlich schwankte er in die Staatskanzlei zurück und warf sich erschöpft in das Sofa. Einige Minuten hielt er das Haupt in beide Hände gestützt. Dann entschlüpften ihm abgebrochene Seufzer, zwischen denen die Worte: »Wie ein Vampir – das Land auszubeuten – grob, selbstsüchtig – hinabzieht ins Verderben« – zu hören waren. Nach einer Weile erhob er sich langsam und besah sich im Spiegel; »muß aber sein«, meinte er, die Halskrause ordnend. Die große Glocke am Hauptportale des Palastes läutete. »Ein so später Besuch. Seltsam! Wer mag es sein?« Er besah sich nochmals im Spiegel, goß einige Tropfen eau de Cologne in das Taschentuch, wischte sich die Stirn und trat wieder als Virey in den nächsten Salon, von welchem er in sein Appartement zurückkehrte. Die armen Geschöpfe, die in den Mahagonibehältern eingeschlossen waren, wurden nun gleichfalls entlassen. Aus ihrem Geächze war zu entnehmen, daß sie Taubstumme waren. Achtunddreißigstes Kapitel. »Ah, unser Graf von San Jago, unser treuester Freund, mehr als Freund, Bruder!« rief der Virey entzückt, dem Grafen entgegeneilend, der neben der Gattin des Virey Platz genommen hatte und sich nun erhob, um dem Vizekönig seine Ehrfurcht zu bezeugen. »Bleiben Sie doch sitzen, teurer Graf, keine Komplimente; tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären. Ah, Sie sind doch nie gewohnt, etwas schuldig zu bleiben. Kaum, daß wir Sie durch eines unserer Familienglieder überraschen, so sind Sie auch bereits auf dem Wege, unsere Aufmerksamkeit auf das schmeichelhafteste zu erwidern.« »Und wie befindet sich unsere teuerste Condessa Elvira? Noch immer leidend?« fragte die Vizekönigin. »Ach, Inez und Emanuele! Ihr freut Euch bereits auf die Gesellschaft der lieben, edlen Elvira! Ja, Graf, die beiden, mit Doña Isabel, haben bereits eine allerliebste kleine Verschwörung gegen Sie angezettelt, in die Sie und Ihre liebe Mündel gezogen werden sollen. Sie sehen, wir beschäftigen uns in Ihrer Abwesenheit viel mit Ihnen.« Der Virey sprach so feurig, schien so ganz scharmiert von dem überraschenden Besuche, daß die Familie, die anfangs etwas lauernd den Papa beobachtet, nun gleichfalls in hohem Grade entzückt war, und Töchter und Mutter dem Grafen auf ihre eigene Weise zu verstehen gaben, wie sie sich nach der holden Condessa gesehnt. »Gerade diesen Abend«, fiel der Virey wieder ein, »hatten wir eine kleine Kamarilla von wenigen guten Freunden, die uns oder vielmehr unserer lieben Schwägerin das Vergnügen verschafften, sie auf ein Stündchen abends zu besuchen; und wir haben ihr ausdrücklich aufgetragen, unsern lieben Grafen für die nächste Soiree zu laden, dessen Einsichten zu benutzen wir uns bisher so sehr, obgleich vergeblich, bemüht haben. Ah, Graf! Nur zehn, nur fünf solche Männer wie Sie, und Mexiko würde bald wieder in seiner vorigen Ordnung sein.« Dagegen äußerte der Graf, mit einer entsprechend tiefen Verbeugung, daß ein so erleuchteter Staatsmann, der bereits in zwei Weltteilen auf eine so ausgezeichnete Weise in das Rad der Weltereignisse eingegriffen, schwerlich viel durch die Aufklärung eines auf seine Besitzungen beschränkten Edelmannes gewinnen dürfte. »Da hört man wieder einmal die liebe Bescheidenheit«, entgegnete lächelnd und mit dem Finger drohend der Vizekönig. »Ah, Graf! Es war ganz überflüssig von seiten Ihrer Majestät der Cortes, Ihnen ihre Achtung dadurch zu beweisen, daß sie Ihnen die Erlaubnis erteilten, mit auswärtigen Großen zu korrespondieren, oder Bücher und Zeitungen ohne unser Vista zu erhalten. Wir würden uns gewiß das größte Vergnügen gemacht haben, einem so ausgezeichneten Edelmanns, an dessen Freundschaft uns so sehr gelegen – nein, Graf! Sie verkennen uns wirklich, lieber, teurer Freund!« Der Mann, indem er so seinen Gast mit Versicherungen seiner unbegrenzten Freundschaft wie betäubte, war immer wieder in der Mitte dieser Versicherungen auf eine ominöse Weise stecken geblieben. »Uns tut es wirtlich sehr leid um Sie, teurer Freund, daß der skandalöse Auftritt wegen der elenden drei Millionen Piaster in Ihrem Hause vorgefallen. Wie muß Ihr patriotisches Herz geblutet haben bei solcher Gemeinheit! Aber es sind gemeine, gemeine Menschen diese Consuladoleute; keine Ehre, keine edle Empfindung, keine Erziehung, kein loyaler, großartiger Gedanke! Sie benehmen sich im Hause des ersten Edelmannes gerade wie in der Bude eines ihrer Genossen.« Der Graf bedauerte das Fehlschlagen; verhehlte jedoch nicht, daß, im Falle Se. Exzellenz zuverlässigere Hypotheken angeboten hätte, der Skandal vermieden und die Anleihe zustande gekommen wäre. »Zuverlässigere Hypotheken?« erwiderte der Virey, wie erstaunt. »Heilige Jungfrau! Zuverlässigere Hypotheken! Dieses Monopol des Quecksilbers wirft reine –« »Hat bis zum Jahre 1810 siebenmal hunderttausend Duros abgeworfen,« bemerkte der Graf, »aber beim gegenwärtigen Stocken der Bergwerksgeschäfte, behauptet das Consulado, werfe es keine hunderttausend ab. Und wirklich,« setzte der Graf hinzu, »wir wissen aus eigener Erfahrung, daß unser Bedarf für die acht Anteile, die wir an unserer Mine haben, jährlich auf die zehntausend Duros stieg, wogegen wir gegenwärtig nicht für tausend brauchen.« »Ah, Graf! Sie waren so weise, sich noch beizeiten zurückzuziehen. Aber sei dem wie ihm wolle, ist der Dienst Sr. Majestät – sollen Untertanen Sr. Majestät wegen elender drei Millionen –?« Der Graf schüttelte das Haupt. »Kaufleute, Exzellenz«, sind nur halbe Untertanen; ihr Vaterland ist wo ihr Geld ist, und dieses, wissen Euer Exzellenz, haben nun die meisten bereits außer Landes in Sicherheit gebracht.« Diese Worte waren ernst und nachdrücklich gesprochen. Überhaupt hatte der Graf etwas Düsteres, das selbst die freundlichen Blicke der Damen, die unverwandt an ihm hingen, nicht aufheben konnten. Es lag etwas Seltsames, Unerklärliches in diesen aristokratischen und wieder antiken, edlen Zügen, etwas, das unwillkürlich Teilnahme erregte. Man sah, daß ein unheilbringender Stern Wolken über Stirne und Gesicht hingelagert hatte, die schwer auf die ursprüngliche Elastizität dieses Geistes drückten. Aber wieder war das Auge so fest, der Blick so ruhig, so zuversichtlich, als ob sie recht deutlich zu sagen schienen, daß, wenn das Schicksal ihm diese unheilschwangern Wolken auf die Stirn lagern konnte, er Kraft habe, sie zu ertragen und selbst zu brechen. Indem der Virey in dieses Auge blickte, schien ein solcher Gedanke in ihm aufzusteigen, denn er war auf einmal nachdenkend geworden, und während die Damen mit wachsender Teilnahme in dieses Gesicht schauten, hatte des Vireys Miene einen Ausdruck von Verlegenheit und Unsicherheit angenommen, die er vergeblich zu bemeistern strebte. »Wir müßten uns sehr irren, wenn der Besuch des sehr edlen Grafen San Jago nicht mit irgendeinem Geschäfte verbunden sein sollte?« sprach er auf einmal in strengerem Tone und mit einer stolzeren Haltung, die vielleicht die inneren Regungen zu verschleiern, vielleicht seinen Gast in etwas aus seiner Fassung zu bringen berechnet waren. »Wenn Euer Exzellenz Muße haben?« erwiderte der Graf. »Für den Grafen von San Jago stets«, erwiderte der Virey mit gespannter Artigkeit, zugleich auf die Flügeltüren deutend. Die Damen sahen etwas betroffen den beiden nach, wie sie in den anstoßenden Gemächern verschwanden. »Wir können nicht umhin, Ihnen zu gestehen, lieber Graf,« hob der Virey plötzlich in einem strengen und beinahe verweisenden Tone an, und einer Wendung, die grell mit der soeben beteuerten, unbegrenzten Freundschaft kontrastierte, »wir können wirklich nicht umhin, Ihnen unser Mißfallen über den Vorfall zu erkennen zu geben, der in Ihrem Hause und unter Ihren Augen und im Beisein der Nobilitad stattgefunden hat, von der wir ein ganz anderes Benehmen erwartet hätten.« »Die hohe Nobilitad ist noch immer in unserem Hause versammelt«, erwiderte der Graf. »Übrigens werden sich Euer Exzellenz erinnern, daß nicht wir das Consulado einluden, sondern daß im Gegenteil Euer Exzellenz selbst sowohl als der Handelsstand uns hierüber ihre Wünsche eröffneten. Wie wir bereits bemerkt, so mußten Euer Exzellenz in Ihren Verhandlungen mit dem Consulado ganz auf kaufmännische Weise verfahren, da dieses sich natürlich weniger durch Rücksichten als durch das Äquivalent bestimmt, das ihm für sein Kapital wird. Euer Exzellenz Mißfallen kann weder das Consulado noch die Nobilitad treffen.« Diese unter den damaligen Verhältnissen sehr kühne Äußerung schien den Virey in Erstaunen zu setzen. »Dann werden wir uns wohl selbst die Schuld beimessen müssen«, versetzte er lauernd. »Allerdings«, bemerkte der Graf ruhig. Der Virey öffnete die Augen weit, sein Erstaunen, wahr oder erkünstelt, wurde immer größer. »Und«, fragte er wieder in demselben lauernden Tone, »und ist das Wort eines Virey von Mexiko –?« »Vergebung, Señor!« erwiderte nach einer Pause der Graf. »So gewichtig das Wort eines Virey in Mexiko ist, so souverän, so ist doch sehr zu bezweifeln, ob die Cortes Majestät –« Der Virey schüttelte wie getäuscht das Haupt. »Haben Euer Herrlichkeit Nachrichten aus Spanien erhalten?« fragte er gleichgültig. Der Graf hielt einen Augenblick inne. »Wir haben Nachrichten erhalten. Sie sind wichtig für Ihro Exzellenz, und wir glauben Ihnen einen Gefallen zu tun, wenn wir Ihnen eröffnen, daß wirklich der Gedanke rege ist, Ihnen einen Nachfolger zu geben.« »Uns einen Nachfolger zu geben?« lächelte der Virey so ungläubig, daß man hätte schwören sollen, es sei das erste Wort, das er soeben von der seiner Herrschaft drohenden Gefahr vernommen. Ganz war er jedoch nicht imstande, seine Verlegenheit zu verbergen. Er sah den Grafen lauernd an. »Es ist wirklich so«, sprach der Graf gelassen. »Es gehört jedoch dies nicht zum Geschäfte, mit dem wir untertänig Euer Exzellenz zu behelligen uns notgedrungen sehen. Euer Exzellenz werden zweifelsohne über diesen Punkt bereits richtigere und zuverlässigere Nachrichten haben. Was eigentlich die Veranlassung war, die uns bewog, Euer Exzellenz in dieser späten Stunde mit unserem Besuche zu belästigen, werden selbe wissen. Es ist der unglückliche verblendete Jüngling, den wir noch vor vier Tagen unsern Neffen nannten, von dem wir uns jedoch innerhalb dieser vier Tage loszusagen bemüßigt worden.« Der Graf konnte nicht endigen, denn der Virey war mit allen Symptomen des heftigsten Unwillens auf ihn zugeschritten. Einen durchbohrenden Blick warf er auf den Edelmann, dann überflog sein Gesicht eine höhnisch lächelnde Schadenfreude, die zu sagen schien: also deshalb die lange Einleitung! Dann wurde sein Auge finster und seine Stimme erhob sich drohend. »Nein, Graf!« sprach er heftig. »Ich bitte Sie, kein Wort mehr von diesem Elenden, bei unserer Ungnade! Ah, dieser Ihr Neffe! Wie wir ihn geliebt! Wie wir für seine Karriere bedacht, ungeachtet seines gräßlichen Leichtsinnes, für seine Karriere bedacht gewesen. Graf, kein Wort weiter. Ich bitte, ich befehle.« »Wir würden einen größeren Beweis von Wohlwollen darin gesehen haben,« erwiderte der Graf sehr ruhig, »wenn Euer Exzellenz den Leichtsinn des Jünglings bestraft, aber zugleich seine künftige Laufbahn denjenigen überlassen hätten, denen die Sorge für diese obliegt.« »Und wem obliegt diese Fürsorge, wenn nicht dem Repräsentanten geheiligter Majestät? Fürwahr, Graf! Ihre Grundsätze – beinahe sollten wir – Aber wie gesagt, fürder bei unserer Ungnade –« »Vergebung, Excelencia!« fuhr der unerschütterliche Graf fort, »wenn wir diesmal Ihren hohen Befehlen weniger Gehorsam leisten, selbst auf die Gefahr hin, uns Ihrer Ungnade auszusetzen. Ihr eigenes Interesse, Exzellenz, erheischt noch weit mehr als unser persönliches Interesse, daß Sie mich anhören. Die unglückliche Verblendung des jungen Menschen hat zu Resultaten geführt, die um so trauriger sind, um so gefahrbringender Ihren Interessen werden müssen, als ein Glied Ihrer Familie, in sein unheilbringendes Geschick verflochten, an diesem eigentlich schuld ist.« »Graf! Was sagen Sie?« schrie der Virey, der stolz und rasch zur Klingel trat und mit der Hand eine Bewegung danach machte. »Wir bemerken Euer Exzellenz bloß,« fuhr der Graf fort, »daß Mexiko über diese sonderbare Huld oder Strafe, wir wissen eigentlich nicht, welches die passendere Benennung ist, sehr befremdet ist, und daß diese Befremdung in einem Zeitpunkte, wo die allerhöchsten Interessen so ganz auf der kreolischen Bevölkerung beruhen, allerdings um so mehr beachtenswert sein dürfte, als sie in dem Schicksal des jungen Menschen ihr eigenes erblickt. Es ist wirklich eine sonderbare Strafe für ein sehr problematisches Vergehen.« »Problematisches Vergehen!« fuhr der Virey erstaunt auf, »und sonderbare Strafe! So nennen Sie unsere Gnade, wenn wir aus huldreicher Rücksicht für Ihre Familie da geschont haben, wo wir verdammen sollten. Wir sind Virey, Señor Graf!« sprach er, sich emporrichtend, mit einer stolzen Betonung, »und als solcher der Stellvertreter geheiligter Majestät, die da ist unumschränkter Gebieter. Wir werden unsere Handlungen zu verantworten wissen. Aber was wollen Sie?« fuhr der Gewaltige wieder in sanfterem Tone fort. »Wir haben, aus besonderen Rücksichten, wie gesagt, für Ihr hohes Haus und Ihre Freunde in Spanien, uns bewegen gefunden, Ihren Neffen, statt ihn zur Armee abzusenden, wie er es verdient hätte, nach Spanien abgehen zu lassen; und dieser Neffe, statt sich der erwiesenen Gnade würdig zu bezeigen, überfällt mit dem Banditen, den sie Vincente Guerrero getauft haben, den braven Major Ulloa, so Hochverrat an König und Vaterland begehend.« »Im Falle er sich dieses Verbrechens schuldig gemacht hat, so ist es unser Wunsch, daß er vor die Schranken eines kompetenten Gerichtes, ja selbst einer Militärkommission, gestellt werde. Auf alle Fälle müssen wir für ihn, als einen kastilianischen Edelmann, die Privilegien seines Standes in Anspruch nehmen, und zwar um so mehr, als er in seiner Verzweiflung sich freiwillig gestellt hat.« »Wie, was?« rief der Virey erstaunt. »Er hat sich gestellt, freiwillig gestellt? Wo? Wie? Wann?« rief er überrascht. »Doch nicht im Heere von Cuautla Amilpas? Ich hoffe, er wird nicht! Der Unglückliche! Sie kennen Señor Calleja? Selbst als Verbrecher liegt er uns noch Ihretwegen, Graf, sehr am Herzen.« »Euer Exzellenz werden wissen, daß er bei seinem Eintritte, Schlag halb sieben Uhr, an der Hinterpforte des Palastes vom Alguazil Antonio Ruffo verhaftet und in das Staatsgefängnis geschleppt ward.« Diese Worte waren so bestimmt gesprochen, das Auge des Sprechenden hatte so ruhig und durchdringend am Virey gehangen, daß dieser den Blick nicht auszuhalten vermochte. »Beinahe sollten wir glauben,« versetzte er höhnisch, »der Graf San Jago«, er betonte das San Jago, »sei Herr geworden in diesem Palaste und in Neuspanien. So genau weiß er alles, was vorgeht, daß wir beinahe Lust hätten –« er trat wieder zur Klingel. »Euer Exzellenz«, fuhr der Graf in demselben unbewegten Tone fort, »sind ohne Zweifel Herr der Schicksale dieses Jünglings; aber obwohl wir innig überzeugt sind, daß er Strafe, und zwar Todesstrafe verdient, so sind wir doch wieder ebenso gewiß, daß Mexiko nicht nur sondern auch die Cortes Euer Exzellenz der Verfolgung von Privatabsichten anklagen werden, wo Sie nur höhere im Auge haben sollten, daß wir nicht umhin können, Euer Exzellenz freundlich zu warnen. Wir verbergen Euer Exzellenz nicht, daß die Verschickung Don Manuels bereits sehr viel Aufsehen erregt, welches Aufsehen kaum vermindert werden dürfte, wenn die Originale von dieser Kopie bekannt würden.« Er überreichte unter diesen Worten dem Virey einige beschriebene Blätter. Dieser verlor die Farbe, als er sie flüchtig übersah, faßte sich jedoch schnell wieder. »Und wenn uns höhere Rücksichten für das Staatswohl, der Dienst unseres allergnädigsten Herrn veranlaßten?« sprach er stotternd. »Das können Sie nicht; keine Rücksichten können Euer Exzellenz ermächtigen, den Neffen unter dem Vorwande von Strafe und Gnade zu töten, oder um getötet zu werden, nach Spanien abzusenden und so das Hindernis aus dem Wege zu räumen, das Ihnen zum Besitze des Vermögens seines Onkels im Wege steht.« In dem Gesicht des Virey war während dieser letzten Minute wieder eine außerordentliche Veränderung vorgegangen. Des Mannes Wangen, bisher gerundet, waren ganz aus ihren Verhältnissen gewichen, höhlten sich und fielen schwer grob herab, das Auge, scharf und geistreich, war gläsern und stier geworden. Die Lippen, die bisher zusammengepreßt oder vornehm sich öffnend, dem Gesichte einen eigenen Reiz verliehen, preßten sich trotzig zusammen. Es war ein gräßlich lasterhaftes Gesicht geworden. »Wenn wir es aber doch zu tun Lust hätten, den Versuch doch wagen wollten? Schätzchen Graf!« lachte er mit heiserer, grober Stimme. »Ja, Sie selbst, Lieber, Guter, hier behalten wollten, auf die Gefahr hin hier behalten wollten?« lachte er wieder. »Liebes Schätzchen! Was sagen Sie dazu?« Und wieder entfuhr ihm ein Lachen, das aber mehr Roßgewieher als Lachen war, und dann trat er wieder zur Klingel. »Sie sind eine Art Staatsmann,« fuhr er fort, »und wissen nicht, daß in der Politik die Mittel, die am schnellsten, am sichersten zum Zweck führen, immer die besten sind. Schätzchen! Sie haben drei Millionen im Auslande?« Er legte die Hand an die Schnur und lachte wieder. »So wollen wir Euer Exzellenz vorläufig noch einige Papiere zur Unterhaltung geben«, sprach der Graf mit demselben Marmorgesichte. »Wie, was ist das?« rief der erbleichende Virey. »Woher haben Sie diese Quittungen?« »Die beglaubigten Originale sind in unseren Händen,« erwiderte der Graf ruhig, »und wieder nicht in unsern Händen, das heißt, sie sind außer Mexiko in der Verwahrung von Personen, die angewiesen sind, für einen gewissen Fall sogleich davon Gebrauch zu machen. Wie Sie sehen, so sind es Quittungen über zwei Millionen Duros, ausbezahlt als Pachtgeld für das Vireynato von Mexiko, das Euer Exzellenz für diesen Vorschuß in die Hände Englands, was nämlich den Handel betrifft, für ein Jahr zu liefern sich anheischig gemacht haben.« Der Virey hatte während dieser kalt, aber eindringlich gesprochenen Worte seine Fassung wieder erkünstelt; denn so hochverräterisch und verdammend diese Papiere für jeden Staatsbeamten in einer wohlgeordneten Verfassung gewesen wären, im Mexiko Spaniens bedeuteten sie nicht allzuviel. Indem der Virey dies flüchtig zu überdenken schien, hatte er sich wieder gesammelt. »Ihr Neffe«, sprach er hohnlächelnd, »muß doch sterben, und der Graf San Jago vielleicht –« »Auch, wollen Euer Exzellenz sagen«, fügte der Graf ruhig hinzu. »Wollen Sie gefällig noch etwas ansehen?« Er überreichte ihm abermals zwei Papiere, die er aus seiner Rocktasche gezogen hatte. »Noch etwas?« meinte die Exzellenz mit demselben gräßlichen Hohnlächeln. »Wird aber doch nichts helfen; denn bei dieser Zeit – ist Ihr Neffe – wahrscheinlich schon – im Paradies.« »Würden es bedauern«, sprach der Graf kalt; »denn wenn er es ist, so werden Euer Exzellenz ihm sehr bald folgen.« Diese dritte und letzte Dosis war zu stark für den bisher so impassablen Virey; denn er hatte kaum einen Blick in die Papiere geworfen, als er entsetzt »Teufel!« und wieder »Teufel!« schrie und dann halb ohnmächtig dem Grafen in die Arme taumelte. »Die Originale sind gleichfalls außer Landes, aber zur stündlichen Verfügung bereit«, sprach dieser unbewegt, indem er den Virey zu einem Sofa führte. »Euer Exzellenz dürften es vielleicht nicht gern sehen, daß die Cortes oder Fernandos geheiligte Majestät oder die Audienzia erführen, daß Sie wirklich mit Josef Bonaparte in Unterhandlung stehen und sich bereitwillig erklären, ihm dieses Reich zu überliefern, sobald Cádiz sich ihm unterworfen.« »Still, still, um Gottes willen still!« stöhnte der Virey, der schwach die Hand emporstreckte und ihm den Mund zuhielt. Plötzlich schien er sich zu besinnen; er sprang auf, haschte nach der Klingel, die er so heftig riß; daß mehrere Pagen und Kämmerer zugleich ins Kabinett gerannt kamen. Er flüsterte einem etwas ins Ohr und stieß ihn dann zur Tür hinaus. »Lauft, eilt, bei unserer Ungnade, fort mit Euch!« schrie er ihm und den übrigen zu; dann sank er wieder wie erschöpft in das Sofa. Es trat nun eine Pause ein, während welcher die beiden gewaltigen Repräsentanten des demokratisch-despotischen und aristokratisch-monarchischen Interesses auch keine Silbe sprachen. Nach zehn furchtbar langen Minuten waren rasche Fußtritte zu hören, und Don Ruy Gomez trat ein; sein Gesicht war totenbleich und gräßlich verzerrt. Der Virey warf einen Blick auf den Mandatar seines Willens, dann sank er ächzend und stöhnend ins Sofa zurück. »Euer Exzellenz haben mir die Antwort gegeben«, sprach der Graf mit tödlicher Kälte; »ich empfehle mich zu Gnaden.« »Und warum«, flüsterte Ruy Gomez, »ihn nicht gleichfalls festhalten? Señor Calleja würde es tun; in einer Stunde wäre alles abgetan.« Die Exzellenz hob die Hand zur Klingel, ließ sie aber wieder sinken. »Geht nicht!« stöhnte sie, »geht nicht! Er ist der Teufel.« Es entstand wieder eine Pause; der Graf warf einen Blick auf den. halb Ohnmächtigen, der, die Papiere krampfhaft zusammenpressend, sich auf dem Sofa krümmte, und verbeugte sich dann, im Begriffe, das Kabinett zu verlassen. Neununddreißigstes Kapitel. In diesem Augenblick gingen die Flügeltüren auf, und die Doña trat stolzen Schrittes ein. Sie winkte dem Geheimsekretär, sich zu entfernen, sah einen Augenblick den Virey, dann wieder den Grafen an, und dann auf letzteren zutretend, sprach sie mit leiser, aber fester Stimme. »Ihr Neffe, Graf, ist gerettet; er ist in Sicherheit. Bei der Mutter der Gnaden! Er ist gerettet.« Der Virey sah sie regungs-, bewegungslos an, sein stieres Auge begegnete dem ihrigen. Sie schritt rasch auf ihn zu und sprach mit flammenden Blicken: »Ja, er ist gerettet, Señor Vanegas! Nicht sterben soll er wie ein Negro, nicht wie ein Cavecilla.« Ihre Brust hob sich. »Nicht hingeschlachtet werden soll die Liebe Isabellas«, flüsterte sie kaum vernehmlich. »Doña Isabel!« ächzte der Vizekönig. »Nicht sterben durch meuchelmörderische Henkershand, verstehen Sie, Señor Vanegas!« sprach sie drohend. Das entrüstete Weib war ungemein schön zu schauen, wie sie vor dem Gewaltigen stand. »Doña Isabel!« sprach der Graf, der in Gedanken versunken gestanden war, »Doña Isabel kann groß sein, wenn sie will.« Er faßte, während er so sprach, ihre Hand und sah ihr erwartungsvoll in die Augen. Auch sie schaute ihn mit einem seelenvollen Blick an. Der Graf ließ ihre Hand fahren. Ein schmerzliches Hohnlächeln zog sich um die Lippen der Doña. Sie stand, ohne ein Wort zu sagen. »Und Sie haben ihn gerettet?« ächzte der Virey vom Sofa herüber. »Das haben wir, Señor Vanegas! Ihn und Sie gerettet!« Sie sprach die letzteren Worte leise, sinnend, in Nachdenken verloren. »Das hat Doña Isabel wirklich, Ihro Exzellenz! Auch machen wir Sie darauf aufmerksam, schnell Maßregeln zu nehmen, um den Schritten vorzubeugen, die in des Erzbischofs Palaste soeben genommen werden.« »Sie wissen, Graf?« sprach die Dame erstaunt. »Daß mehrere Señores vom Consulado, der Armee und selbst der Audiencia daselbst versammelt sind, um bei den Cortes Beschwerden gegen Euer Exzellenz einzubringen und einen Nachfolger vorzuschlagen, ja vielleicht Ihnen dasselbe Schicksal widerfahren zu lassen, das Iturrigaray betroffen. Wir haben eine indirekte Einladung erhalten.« Der Virey stöhnte. »Euer Exzellenz!« fuhr der Graf artig, aber mit Nachdruck fort, »wir wünschen, Sie als Landeschef zu behalten. Wir gaben Ihnen von der Aufrichtigkeit dieses unseres Wunsches soeben einen vollgültigen Beweis. Wir wünschen auch dem erhabenen Königshause in Spanien getreu zu verbleiben. Aber, Exzellenz!« seine Stimme wurde leiser und doch nachdrücklich gespannter: »Indem wir Sie unserer Ergebenheit gegen Ihre Person und Ihr angestammtes Königshaus versichern, müssen wir Sie zugleich ersuchen, uns Ihre Gewalt künftighin weniger furchtbar zeigen zu wollen.« Diese letzteren Worte waren wieder in einem beinahe spöttischen Ton gesprochen. Die Donna sah den Sprecher erstaunt an. Ihr Mund öffnete sich, der Virey fiel ihr jedoch in die Rede: »Alles, alles, teurer Graf!« »Was ist, was soll das?« fragte die Doña. »Wir sind weit entfernt, Euer Exzellenz Bedingungen zu stellen und so Ihre kritische Lage noch kritischer machen zu wollen; doch werden Euer Exzellenz gütig zu bemerken belieben, daß irgendeine Äußerung von Ihrer Seite allerdings nötig ist, für Ihr eigenes Interesse nötig ist, um die zwischen uns bestehende Harmonie anzudeuten.« »Die zwischen uns bestehende Harmonie anzudeuten« wiederholte mechanisch der Virey. »Und da gerade die Kommandeurstellen der Compañias-Esbeltas-Bataillone von Mexiko erledigt sind«, fuhr der Graf fort, »so nehmen wir uns die Freiheit, um diese für unsere Verwandten Don Carlos und Almagro anzusuchen, auf daß uns so in ihnen eine Ehrenerklärung gegeben werde, die Euer Exzellenz hoher Stellung angemessen ist.« »Morgen, morgen sollen die Patente ausgefertigt werden.« »Ersuchen jedoch, das Patent für Graf Carlos nicht zu publizieren, da er noch in Gefangenschaft sich befindet.« »In Gefangenschaft sich befindet«, wiederholte der Virey stieren Blickes. »Dem unglücklichen jungen Menschen bitten wir Pässe in die Vereinigten Staaten zu geben. Wir wünschen nicht, daß er in Mexiko bleibe.« »Alles, alles!« stöhnte die Exzellenz wieder. »Wir sind nochmals so frei, Exzellenz auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, so schnell als möglich Vorkehrungen zu treffen, um den beim Erzbischofe gefaßten Beschlüssen entgegenzuwirken und empfehlen uns einstweilen zu Gnaden.« Und nachdem er so gesprochen, verbeugte er sich ruhig gemächlich und verließ das Kabinett. »Was ist das, was war das?« fragte die Doña im Tone des höchsten Erstaunens. »Wer ist denn eigentlich hier Herr? Sind Sie es, Señor Vanegas, oder ist es des Grafen San Jago Herrlichkeit?« Sie hielt inne. »Armer Señor Vanegas!« fuhr sie mit schneidendem Hohn fort. »Das also sind die Folgen Ihrer Diplomatie, Ihrer Quintessenz-Politik, daß Sie von einem Kreolen-Grafen Verhaltungsbefehle –? Mutter Gottes! Ein Kreole wagt es – Es ist empörend.« »Er ist ein Teufel!« ächzte der Virey. »Das ist er, und Sie – ein armer Teufel!« zischte sie höhnisch und verächtlich. »Wie oft habe ich Sie auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, zu repräsentieren, stark zu sein, zu scheinen wenigstens, wenn Sie es nicht sind. Und wie erbärmlich benehmen Sie sich neben diesem großartigen Aristokraten. Mutter Gottes! In Ohnmacht gesunken vor einem mexikanischen Grande! Ein Virey von Mexiko in Ohnmacht gesunken vor einem Kreolen! Es ist unglaublich!« Lautes wildes Lachen begleitete diese Worte. »Und er steht«, fuhr sie in demselben schneidenden Tone fort, »ruhig wie ein Gott, auf den Wurm herabblickend, den er zertreten kann mit einem Fußtritte, ihn aber verschont, wegstößt, weil er es nicht der Mühe wert achtet. Ach«, seufzte sie, »man sieht wohl, daß er von Granden abstammt, und Sie –« Der Virey zuckte zusammen, antwortete aber nicht. Die Señora rannte ungestüm im Saale auf und ab – »Er ist ein Teufel«, murmelte der Virey. »Was reden Sie, Señor Vanegas?« »Er ist ein Teufel«, sprach der Virey abermals, die Señora mit gläsernen Augen anstierend. Der furchtbare Schlag hatte auf ihn wie der letzte Grad der Folter gewirkt. »Er ist ein Teufel!« murmelte er, und immer zerknitterte er noch die Papiere, die er in den Händen hielt. Die Donna entriß sie ihm, faltete sie auseinander und warf einen hastigen Blick hinein. Auch sie zuckte zusammen, erbleichte und biß sich in die Lippen, daß das Blut entquoll; dann fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn und versank in tiefes Nachdenken. »Señor Vanegas,« sprach sie leiser, ihre Augen auf die goldenen Arabesken des Plafond gerichtet, »dieser Graf ist wirklich ein Teufel.« »Ach!« stöhnte der Virey. »Wissen Sie, warum er Sie schont, Ihnen das Vireynat läßt?« ».. das Vireynat läßt«, wiederholte der Mann mechanisch. »Weil er«, flüsterte sie ihm in die Ohren, »Mexiko von Spanien losreißen will – Mexiko, verstehen Sie es, von Spanien losreißen will.« »Mexiko von Spanien losreißen will«, wiederholte der Virey mit einem leeren, nichtssagenden Blicke. »Losreißen will«, wiederholte sie. »Sie fürchtet er nicht; denn«, murmelte sie, indem sie sich von ihm wandte, »Sie verachtet er, braucht er, benützt er, wie er die Zitrone benützt, deren Saft er braucht und deren Schale er wegwirft. Ihre Schwäche kennt er, und darum will er Sie in Mexiko behalten. Der rohe, gewalttätige Calleja paßt nicht in seine Pläne, und deshalb will er ihn nicht. Señor Vanegas! Er wird keinen Gebrauch von den Papieren machen. Aber«, flüsterte sie mit kaum vernehmlicher Stimme, indem sie sich zu ihm herabbog, »Sie können Mexiko der Krone Spaniens erhalten, wenn Sie dem Vireynat zugunsten Callejas entsagen. Mutter Gottes! Was sage ich? Sie entsagen! Der Gedanke ist zu groß, um in dieses kleine Gehirn einzugehen.« Sonderbar! Die Lebensgeister des Virey waren unter den letzten Worten zurückgekehrt. Er schaute auf, wie einer, der aus einem Traume aufwacht. Dann erhob er sich langsam vom Sofa, sah sich nach allen Seiten um, wischte sich den Schweiß von der Stirne. Allmählich war er zu sich gekommen. »Sie haben recht, teure belle-sœur ! Sie haben recht – wir sind für Mexiko notwendig! Notwendig; ein – was man ein notwendiges Übel nennt, nicht wahr?« Er lächelte. »Glauben Sie nicht, Doña Isabel?« »Fort zum Erzbischof!« sprach die Doña. »Wir wollen, wir wollen«, wisperte der Mann unheimlich lächelnd, und wieder begannen seine Augen zu funkeln. »Wir wollen regieren, ei, wir wollen – ah, regieren, – Sie haben recht, er wird von den Papieren keinen Gebrauch machen; aber doch –« »Was?« »Ja, aber doch –« Des Virey Augen zuckten wieder wie Schlangenstacheln. Ein satanisches Lächeln überflog sein Gesicht, als er murmelte: »Er ist der Teufel, aber er muß doch fallen.« Die Doña warf ihm einen mitleidig verächtlichen Blick zu. »Armer Señor Vanegas!« murmelte sie. »Er ist bereits mehr Virey als Sie, er steht an der Spitze der Nobilitad und der Kreolen, einer Million Kreolen. – Pah«, rief sie, wie eine, die sich unangenehmer Gedanken entschlagen will. »Der Kampf mit ihm wird um so interessanter, großartiger – Virey, wir wollen in diesen Kampf eingehen.« Vierzigstes Kapitel. Auf dem Glockenturme der Kathedrale schlug es zehn. Alles war ruhig und still vor dem Palast. Von den Ecken des Platzes herüber ließ sich zeitweilig ein dumpfes Gemurmel hören, wie das der aufgerüttelten Meereswogen, die hohl heranströmen – der Nachklang eines vorübergegangenen oder der Vorläufer eines beginnenden Sturmes, und von Santa Fe herab pfiff ein leichter Nordwind in einzelnen Stößen, daß die Wetterhähne der hundert Türme seltsam unheimlich knarrten. Es war eine prachtvolle Mondnacht. Die zartweiße Floripundio, Sie hat bloß ein einziges Blatt, das aber acht Zoll lang und drei bis vier breit ist; die Tigerblume hat drei spitzige Blätter; die Herzblume hat geschlossen die Gestalt eines Herzens, offen die eines Sterns. die glänzendrote Tigerblume, die rotweiße Herzblume, die duftenden Zitronenblüten auf den Balkonen, die Bäume in den Gärten, die Felsen der Gebirge, die grandiosen Paläste, Kirchen und Dome, die Säulen, Karyatiden und Knäufe schienen sich zu strecken im Glanze des Mondlichtes, das nun ruhig und silbern gegen die Gebirge von Marquis de la Cruz hinabsank, und die weiße Frau, die über diese hervorragte, schien näher zu rücken und sich zu neigen über das ewige Tenochtitlan. Alles war zauberisch feenartig, mit jenem grünlichen Silberlichte überstrahlt, das den mondhellen Nächten der tropischen Länder einen so unbeschreiblich ideal geisterhaften Anstrich verleiht. Als die Glocken ein Viertel nach zehn geschlagen, öffneten sich die Hinterpforten im linken Flügel des Palastes, und es blitzten Gewehre heraus; Mann kam auf Mann, Zug auf Zug. Sie stellten sich auf der Plaza auf, düster und finster, schweigsam wie Nachtschatten und wie Gespenster, die auf das Geheiß eines Zauberers aus ihren unterirdischen Klüften und Verstecken zur Feier der Geisterstunde hervorbrechen. Es war Poesie in dieser Nachtszene – furchtbare Poesie. Als das Regiment aufgestellt war, traten die Offiziere aus der Linie und sammelten sich in Gruppen, die Blicke auf den vizeköniglichen Palast geheftet. Die Degen unter dem Arme standen sie eine geraume Weile, ohne ein Wort zu sagen. »Muß doch eine eigene Zauberkraft haben, dieser Vicente Guerrero, wenn schon sein Name so viel vermag,« bemerkte endlich einer. »Señor Saldanha! Wissen Sie, mich erinnert das Ganze an die Posada, zwei Stunden oberhalb Almonacid.« Kneipe oberhalb Almonacid – bekannt wegen der von Vanegas gegen Joseph Napoleon verlorenen Schlacht. »Diese berühmte Posada«, versetzte der Angeredete mit unterdrücktem Gelächter, in das mehrere der Umstehenden einstimmten, »mußten wir mit tausend Mann besetzen und uns daselbst einschanzen.« »Und die Gavachos erwarten, von denen auch kein einziger weit und breit zu sehen war, während unter uns die Schlacht donnerte.« »Wir waren zwei verlorene Posten«, fiel ein anderer ein. »Sie oben mit tausend Mann, wir unten mit zweitausend, zwei volle Wegstunden vom Schlachtfelde.« »Carracco! Wie kommt es, daß ein Befehl von einem solchen Muchacho so auf uns einwirkt, daß wir eilen, just wann und wo und wie es ihm gefällig ist!« Plötzlich hielten sie inne. »Was soll das?« fragten auf einmal zwanzig Stimmen leise. Eine Kompagnie Cazadores war vor und um den erzbischöflichen Palast herum aufgestellt worden, und zwar in solcher Stille, daß sie erst jetzt von den Offizieren bemerkt wurden. Alle schauten sich kopfschüttelnd an. »Haben die erzbischöfliche Gnaden das Aufruhrfieber bekommen?« »Es ist doch alles ruhig in seinem Palaste.« »Kein Licht zu sehen.« Eine Gestalt kam aus der vom Kanal heraufführenden Querstraße, mitten durch das aufgestellte Pikett. Das ›Gutfreund‹, das sie den Lanzeros zur Antwort gab, war so laut gesprochen, daß es herüber zu hören war. Die Offiziere gingen dem Herannahenden entgegen. Es war der Oberst. »Conde! – Señoria! – Was soll das?« fragten alle. »Se. Exzellenz spielen bloß Variationen über das Thema von Augustus – kennen Sie es nicht?« Die Offiziere sahen ihren Chef verwundert an. Providus imperator praeferendus temerario «, wisperte der Oberst lächelnd. »Oberst und Generaladjutant Fiesco hat zweimal bereits nach Eurer Herrlichkeit gefragt«, meldete ihm der Major Arias. »Verstehe«, sprach der Oberst, der sich gegen die Offiziere leicht verbeugte und dann dem Palasttore zuging. »Hast du gesehen, Núñez?« sprach einer. »Er hat statt seines Mantels einen Blaumantel und statt seines Hutes einen Generalshut.« »Einen General-Kapitänshut.« »Pah! er ist der Sohn eines Grande.« Auf einmal wandten sich die Offiziere gegen das Palasttor, die Wachen präsentierten, und es kamen drei Personen aus der Halle und dem Tore herausgeschritten. »Der Virey«, murmelten alle im höchsten Erstaunen. »Und kein Trommelschlag, kein Fahnesenken?« fragten sie sich wieder, indem sie hastig in die Linie eintraten. Der Virey schien das Regiment nicht zu bemerken. Er ging mit seinen Begleitern, mit denen er sehr angelegentlich sprach, gerade auf den erzbischöflichen Palast zu. Ein Page folgte. Als er vor dem Palaste angekommen, deutete er auf die verschlossenen Pforten und schüttelte den Kopf. Der Page zog die Klingel, und der Virey trat ein, nachdem er seinen Begleiter umarmt hatte. »Besetzen Sie alle Zugänge!« befahl der Oberst dem Kapitän der Cazadores. »Niemand wird weder aus- noch eingelassen.« Dann schob er seinen Arm unter den des Grafen, der zu ihm trat, und beide nahmen die Richtung nach der Tacubastraße. Einundvierzigstes Kapitel. »Ich habe dir vieles zu sagen, San Jago!« hob der Oberst an. Er warf den Kopf rückwärts auf das Tor deutend, innerhalb dessen der Vizekönig verschwunden war. »Mich wundert es nicht, daß Mexiko müde ist, ihm nach seiner Pfeife zu tanzen. Der Hund entehrt die Grandezza. Vorgestern redete er mich »du« an, erwartend, ich würde es erwidern.« »Und du?« »Pah, schnitt eine sehr tiefe Verbeugung und gab ihm bei jedem anderen Worte die Exzellenz.« »Das hast du brav gemacht.« »Ich habe gar keine Vorurteile, bin anerkannt liberal aber –« »Nichts weniger als der Diderotschen Meinung«, meinte lächelnd der Graf. »Welcher Meinung Diderot wahrscheinlich nicht gewesen wäre, wäre er etwas gewesen.« Siehe Anhang: Note V. »Bravo,« sprach der Graf. Die beiden gingen eine Weile schweigend nebeneinander. »Alle Teufel!« hob endlich der Oberst wieder an. »Mich ekelt dieses Leben in Mexiko. Abschlachten und wieder Abschlachten, und nichts als Abschlachten, wo man hinsieht, geht und steht. Ein ewiges Zusammentreiben, Schänden, Niederwerfenlassen, Abtun, Totschlagen, Stechen, Schießen, Stampfen, Treten. Wollte, es wäre vorüber.« »Es wird noch lange nicht vorüber sein.« »Pah, wollte dem Dinge in sechs Wochen ein Ende machen. Morellos gefangen, eine Amnestie, diese ehrlich gehalten, und Mexiko ist in einem halben Jahre ruhig.« »Schon deshalb nicht, weil niemand mehr der Amnestie trauen würde. Wer das erstemal betrogen worden, läßt sich nicht das zweitemal betrügen, sagt unser Sprichwort. Mexiko will Euch Fremdlinge los sein, auf alle Weise los sein.« »Es ist wahr, es ist ein heilloses Gesindel, alle diese meine Landsleute, geistlich und weltlich, der Abschaum des ganzen Spaniens.« Der Conde schwieg. »Die Silberbarren Mexikos haben uns unser bißchen Freiheit gekostet. Unsere Grandezza, Teufel! es ist eine Schande!« »Wahr!« sprach der Graf. »Was glaubst du, daß Mexiko tun wird?« »Sich frei machen.« »Pah, ums Wollen ist's nicht, aber ums Vollbringen«. »Es wird wollen, und sobald es ernstlich will, kommt das Vollbringen von selbst.« »Glaubst du?« fragte der Oberst. »Ich glaube es nicht nur, ich bin überzeugt.« »Du bist überzeugt!« wiederholte der Offizier sinnend. »Du mußt es am besten wissen.« »Wir brauchen einen König, geradeso wie die Wölbung einen Schlußstein braucht« sagte der Graf. »Nur einen König will Mexiko. Es seufzt nach einem König. Gibt man ihm nicht den König, kann er sich nicht beizeiten festsetzen, Wurzel schlagen, so muß eine Republik kommen. Jeder Augenblick Zögerns untergräbt das monarchische System mehr und mehr.« »Sehr wahr; aber was ist zu tun?« »Für uns vorläufig nichts anderes, als zu trachten, daß wir, die die großen Interessen des Landes am meisten angehen, die Fäden der Gewalt in die Hände bekommen, die den Eurigen mehr und mehr entschlüpfen; denn gelangen sie in die der Demokraten, so sind wir verloren.« »Sehr wahr; aber wir können doch nicht, dürfen uns nicht zu den Rebellen schlagen, nicht einmal in Verbindung mit ihnen treten?« »Es ist etwas ganz anderes, in Verbindung mit ihnen zu treten und sie benützen, zu höheren Zwecken zu lenken.« »Und tut ihr dies? Pardon meiner albernen Frage, obwohl sie nicht übel gemeint war.« Der Graf schien sie überhört zu haben. »Du irrst,« sprach er nach einer Weile, »wenn du glaubst, ich würde dir etwas verhehlen. Deine Interessen sind auch die unsrigen, und wir müssen ihren Stand genau kennen. Macht beruht auf Erkenntnis.« »Ich bin angewiesen, mit dir in Übereinstimmung zu handeln.« »Unsere Aufgabe muß sein, eine dritte Partei zu bilden,« bemerkte der Graf, »eine Partei, die unabhängig, gleich einer neutralen Macht, inmitten der beiden erbitterten Kämpfer, und doch über ihnen stehend, den Ausschlag zu geben imstande ist, die Zügel der Regierung selbst im Notfalle einstweilen zu übernehmen fähig wäre; denn die Grundpfeiler eurer Gewalt sind so morsch, so erstorben und verwittert, daß sie wahrscheinlich, treffen nicht ganz besonders günstige Umstände zusammen, ineinander stürzen beim ersten Windstoße.« »Ich dächte doch, dieser Windstoß wäre gekommen« entgegnete der Oberst. »Die Rebellion währt jetzt beinahe zwei Jahre, und die Rebellenheere erstehen wie die Pilze auf allen Seiten.« »Indianer und Mestizen,« entgegnete der Graf, »aber keine Kreolen. Du vergißt, daß eine Million Kreolen nicht nur neutral ist, sondern wirklich gegen die Rebellen dient und ficht. Dies wird nicht ewig dauern. Und sobald diese wanken und sich von euch wenden, ist Mexiko verloren. Jetzt will es noch einen König. Erlangt es diesen nicht, so haben wir eine Republik zu gewärtigen.« »Hol sie der Teufel mit ihrer Republik! War nur ein paar Wochen in der sogenannten großen Republik, bekam sie satt. Ist ein prosaisch gemeines Leben in einer solchen Republik, kein Licht, kein Schatten, alles flach. Nichts Großartiges, San Jago!« »Deine Bemerkungen sind ganz richtig; ich fürchte keine Republik für Mexiko, ausgenommen wir begehen den Fehler, daß wir uns, wie gesagt, die Fäden entwinden lassen.« »Und du glaubst, eine Republik sei für Mexiko nicht zu fürchten?« »Für die Dauer nicht, für einige Jahre vielleicht, aber nicht für lange.« »Und warum?« »Weil eine Republik, ich meine eine wahre Republik, nicht ohne Selbstherrschaft jedes einzelnen Bürgers bestehen kann, und diese Selbstherrschaft wieder nicht ohne einen hohen Grad politischer Aufklärung, die über die ganze Nation verbreitet sein muß. Denn fehlt sie auch nur einer Kaste, einer Klasse, gibt sich auch nur eine als Mittel her, statt als Zweck aufzutreten, so ist das Gleichgewicht schon gestört, und diese Kaste wird früher oder später das Mittel zur Unterdrückung der Freiheit der übrigen. Wir, die wir unter unseren sieben Millionen Seelen sechs Millionen Material haben, ermangeln wie du siehst, der Hauptbedingung einer wahren Republik.« Der Oberst hatte aufmerksam zugehört; denn die Worte waren in einem gefällig leichten, eindringlichen, aber nichts weniger als belehrenden oder pedantischen Tone gesprochen, so wie die ganze Unterhaltung ungemein leicht war und mehr den Anstrich des Zufälligen hatte. Der Graf fuhr auf dieselbe Weise fort. »Aber das Glück, die Größe einer Nation, besteht so wenig in ihrer Regierungsform, als das Glück des Bürgers in der Fassade des Hauses beruht, das er bewohnt; wenn dieses nur seinen Umständen angemessen und bequem ist. Wir aber sind für eine Monarchie geschaffen.« »Also!« sprach der Oberst. »Wir haben eine Grandezza, eine reiche Grandezza, vielleicht die reichste der Welt. Wir haben eine wohlhabende Nobilitad. Wir haben Zünfte, unsere Bauern, unsere Cavecillas und endlich unsere Leperos. Wir habe eine Hierarchie aller Stände, und so Materialien zu einem tausendjährigen Reiche.« »Bei meiner Seele!« lachte der Oberst. »Verdammt schlechte Materialien.« »Vielleicht nicht so schlecht, wenn du die Sache genauer betrachtest. Analysiere einmal die großen Nationen in ihre Bestandteile, und du wirft sie nichts weniger als grandios finden. Wo alle aufgeklärt sind, ist die Regierung immer schwach. Wo ganze Massen in Unwissenheit vergraben sind, da kann durch Aufgeklärtere Großes bewirkt werden. Der heutige Vormittag hat Mexikos Schicksal übrigens entschieden. Bisher wußten wir nur dunkel, was uns fehlte, wo uns das Übel drückte, Señores! Es war ein edles, aber undeutliches Ideal, das uns vorschwebte, für das wir kämpften und nicht kämpften. Für Ideale erglüht man, kämpft aber nicht leicht, und nie lange. Es müssen materielle Interessen dazu kommen, grob materielle Interessen. Diese, und zwar die stärksten, die es geben kann, kamen heute, die Interessen der Selbstsucht, des Eigentumes. Sklaven haben keinen Begriff vom Eigentumsrechte; wir waren Sklaven bis heute, wo uns die Consulado-Männer lehrten, was Eigentum vermag. – Derselbe Dämon des Egoismus, der Selbstsucht, der uns blutig, vampyrartig aussog, muß uns auch endlich befreien.« »Das wird aber lange dauern«, warf der Oberst ein. »Wir spielen ein hohes Spiel; gewinnen wir, so hat Mexiko gewonnen.« »Ah,« hob der Graf nach einer Weile wieder an, »es war ein furchtbarer Kampf, den wir heute gekämpft haben. Zuweilen kamen wir uns vor wie das Verhängnis, das aus den untersten Tiefen heraufsteigt, um gegen ein feindliches Urprinzip zu kämpfen; dann wieder wie ein Rasender, der seinem Todfeinde in der Hitze des Sturmes entgegenrennt, ihn ergreift und mit sich fortreißt in den Wirbelwind des Verderbens. In dem Augenblicke, als er am härtesten auf der Folter lag, stand mir jener Mexikaner vor Augen, wie er den verzweifelnden Spanier mit sich an den Rand des Teocalli schleift, um ihn hinabzuschleudern. Er war der leibhafte Spanier, wie er sich aufraffte und mit der letzten Kraft der Verzweiflung ankämpfte gegen mich, den Mexikaner. Ich hatte ihn erfaßt, den mir in diesem Augenblicke entsetzlichen Virey, mit der Kraft der Verzweiflung erfaßt; aber ich besann mich, daß nicht er es war, gegen den ich kämpfte, daß er bloß das Werkzeug des Prinzips war, gegen das ich stritt, das Ungeheuer, das mit seinen Polypenarmen Mexiko umschlungen hat, und das durch seine Vertilgung uns nur riesiger, grausiger in Calleja umfassen würde. – Ich schonte den Menschen und erfaßte das Prinzip.« »Und stieß ihm den Dolch –« »Nein,« sprach der Conde, »Prinzipe lassen sich nicht durch Stahl bekämpfen; sie müssen durch Gegenprinzipe, so wie Feuer in unseren Wäldern durch Gegenfeuer bekämpft werden.« Es erfolgte wieder eine lange Pause. »Siehst du!« fuhr er fort, – »hier liegt der Unterschied zwischen dem Plebejer und dem Aristokraten. Der erstere erfaßt das Körperliche, das Sinnliche am Menschen, das Materielle, weil er selbst sinnlich und materiell ist; wir erfassen das Geistige. Glaube mir: als Reich gehen wir einer großartigeren Bestimmung entgegen, als die stolzeste Phantasie zu träumen vermag. Wir besitzen die Materialien zu der prachtvollsten Monarchie der Welt; aber wenn wir den Zeitpunkt versäumen, die Krisis vorübergehen lassen – –« »Was tun? Ich bin ein geborener Spanier, mein Eid, meine Pflicht – –« »Binden dich an König und Vaterland. Bleibe du beiden getreu. Unsere Wege gehen zum Teil gemeinschaftlich, unser Interesse ist dasselbe, und dies kannst du auch in deiner gegenwärtigen Lage fördern; Mittel und Wege wollen wir dir bei Zeit und Gelegenheit offenbaren.« »Aufrichtig gesagt, ich liebe diese neuen Throne nicht.« »Auch ich nicht,« versetzte der Graf; »aber etwas ganz anderes ist es um eure neugebackenen Miniaturthrone, etwas anderes um den tausendjährigen Thron unseres Vaterlandes.« »Du siehst die Lage der Dinge großartig an,« sprach der Oberst, »sehr großartig. Ich bewundere dich. – Wohl sehe ich, daß dieses Land einem neuen Geschicke entgegengeht ...« Jetzt standen sie am Ausgange der Plaza; herüber schaute der Itztaccihuatl in seinem schneeweißen Gewande, so hehr, so keusch, so rosig, die Schneefelder erglänzten so prachtvoll! Die beiden Männer standen im Anschauen der hehren Nachtszene verloren. »Die Werke der Natur bleiben ewig, die der Menschen zerstören sich selbst im Radlaufe der Zeit. Vor weniger denn dreihundert Jahren stand dort die Tempelpyramide Mexikos, der Palast Montezumas.« Graf Jago deutete bei diesen Worten auf die Kathedralkirche und den Palast des Vizekönigs. – »In zehn Jahren wird auf den Trümmern jener beiden dort ein neuer gewaltiger Bau erstanden sein.« Anhang. Noten. I. Es lebe die Jungfrau von Guadalupe! Nieder mit der Jungfrau der Gnaden! Das Bild der Jungfrau von Guadalupe ist in ihrer prachtvollen Kirche, zwei Stunden von Mexiko, aufgestellt. Es ist ein auf grobem Agave-Bast gemaltes schlechtes Bild, das bald nach der Eroberung erschien, und zwar auf einem benachbarten öden Hügel, wo es zuerst einen Indianer durch eine himmlische Musik entzückte, die die Engel um dasselbe herum aufführten. Der Indianer erzählte dieses Wunder dem Erzbischof, der es aber nicht glauben wollte. Ein zweites Mal ging der Indianer bei dem musizierenden Bilde vorüber, und da fand er es mitten unter einem Haufen Rosen; wieder befahl es ihm, zum Erzbischof zu gehen. Der Erzbischof wurde durch dieses zweite Wunder auf einmal gläubig und begrüßte das Bild mit dem Titel: Unsere Dame von Guadalupe. Eine Kapelle wurde errichtet, und da der Wunder immer mehr wurden, so wurde es endlich zur Schutzpatronin von Mexiko erhoben, und zwar, da die Gesichtsfarbe der Madonna von gebräuntem Kolorit ist, zur Patronin der Eingeborenen. Die Jungfrau der Gnaden , Virgen de los remedios . Ihre Kirche liegt nordwestlich von Mexiko, und das Bild wurde von einem Soldaten des Cortes gefunden und zeigte sich leidenschaftlich für die Spanier eingenommen. So schwebte es während der Schlacht von Otumba vor den Soldaten von Cortes her und streute den Indianern Sand in die Augen. Bei andern Schlachten wurde es sogar handgemein mit den Indianern. Zur Dankbarkeit wurde ihm eine Kapelle errichtet. Aber auf einmal verschwand das Bild zum unsäglichen Leidwesen der Spanier. Nach einem halben Jahre entdeckte endlich ein Indianer, der, um zu den Corazón einer Agave zu gelangen, die Blätter wegschnitt, das Bild mitten zwischen dem Stamm und den Blättern. Es wurde sofort im Triumph herbeigeholt, und so dankbar bewies es sich für die ihm bewiesene Aufmerksamkeit, daß es sogleich nach einer langen Dürre einen starken Regen sandte. Für die unzähligen Wunder, die sie zum Vorteile der Spanier verrichtete, erhoben diese sie zu ihrer Schutzpatronin und übergaben ihr den Befehl ihrer Heere. Sie stritt sehr tapfer gegen die Jungfrau von Guadalupe, die wieder von den Mexikanern zu ihrer Kriegsoberstin erhoben ward. Als nämlich Hidalgo, nachdem er die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt, von dem Erzbischof exkommuniziert wurde und in Gefahr stand, von allen seinen Indianern und Anhängern auf einmal verlassen zu werden, fiel es ihm glücklicherweise bei, sich und die Seinigen unter den Schutz der Jungfrau von Guadalupe zu stellen. Eine ungeheure Fahne wurde sofort verfertigt mit dem Bilde der Jungfrau; diese wurde als Generalfeldmarschallin proklamiert, ihr ein Gehalt angewiesen und ihr Gehorsam versprochen. Sie bezog ihren Gehalt wirklich volle vierzehn Jahre, bis 1824. II. Obras pias, fromme Beiträge , wurden die erzwungenen Gaben genannt, die die Indianer, Mestizen, Kreolen, kurz jedermann an gewissen Tagen des Monats dem Pfarrer oder Klostergeistlichen seines Distriktes auf Rechnung künftiger Begräbniskosten und Seelenmessen darbringen mußte. Es war eine Art Assekuranz, die den armen Mexikanern ungeheure Summen kostete und sie nie zu etwas kommen ließ. Nebstdem waren die Gebühren für Trauungen, Taufen usw. ungeheuer; zwanzig Piaster mußte der ärmste Indianer für eine Einsegnung bezahlen. III. Die Indulgencia plenaria , spielte in der spanisch-amerikanischen Geschichte keine geringe Rolle. Bekanntlich kaufte Se. katholische Majestät alle Ablaßbullen vom Papste für eine gewisse Summe en bloc , die sie durch ihre Regierung en detail wieder verkaufte, so den größten Vorteil von diesem sehr einträglichen Handel einerntend; denn jeder Untertan mußte alljährlich gewisse Indulgencias-Ablässe erkaufen und sich damit ausweisen, wollte er nicht der bürgerlichen Rechte verlustig gehen. Wer es unterließ, dessen Testament war nicht gültig, sein Zeugnis nicht gültig usw. IV. Wo Kinder sowohl als Erwachsene im Lesen und Schreiben Unterricht erhielten . Der Grundsatz, daß im Lesen und Schreiben Unterrichtete gefährliche Untertanen seien, war so gang und gäbe unter den spanischen Generalen und Behörden, daß vorzugsweise ihr Racheschwert immer solche traf, selbst wenn sie nichts verschuldet hatten. Eine der Depeschen, die General Morillo aus Bogota erließ (Juni 1816), erwähnt unter andern Maßregeln, die er genommen, um die Rebellion in der Wurzel auszurotten, auch, daß er alle Personen, die lesen und schreiben konnten, als Rebellen behandelte und daß er durch ihre Vertilgung der Rebellion Einhalt zu tun hoffe. Wirklich wurden sechshundert der angesehensten Personen von Bogota, Männer, Weiber und Töchter, denen auch nicht das mindeste zur Last gelegt werden konnte, erdrosselt und ihre Körper nackt an die Galgen gehängt. Nur die Ermüdung der Henkersknechte verhinderte, daß alle Bewohner der Stadt umkamen. V. Welcher Diderot nicht gewesen wäre . Die witzige Äußerung des Enzyklopädisten ist bekannt: Etikette ist der Katechismus der Kindervölker und der alten Kinder.