Meister Martin. Lebensbild aus dem Böhmerwald von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     I. Das bayrisch-böhmische Grenzgebirge ist ungemein quellenreich und entsendet zahlreiche Gewässer nach allen Richtungen. Dieser anfangs durch Urwildnisse in felsigem Bette hinab brausenden, braunfarbigen Wasser hat sich die Industrie seit langem bemächtigt. Allenthalben klappern lustig die Wasserräder am Rande der rasch dahinflutenden Bäche und verdrängen die einstige feierliche Stille der hehren Waldeseinsamkeit. In ununterbrochener Thätigkeit verarbeiten die Schneidsägen die riesigen Stämme des Waldes und die großen Triften von Bau- und Brennholz bringen eine vielverzweigte Thätigkeit in das ganze Waldgebiet. An einem dieser in steilem Falle über felsiges Bett herabstürzenden Gebirgsbäche, der sich durch ein höchst romantisches Thal seine Bahn bricht, in dessen Nähe sich ein ärmliches Kirchdorf und eine große Glashütte befinden, sind mehrere kleinere Wasserwerke von der einfachsten Konstruktion angebracht. Es sind kleine Glasschleifereien und Polierwerke, deren Besitzer von der nahen Hohlglasfabrik 210 ihre Ware in rohem Zustande beziehen und mittelst ihrer Schleif- und Poliersteine veredeln. Diese Glasschleifer sind ärmlich einfache Leute, obwohl die auf das Glas eingeschliffenen, oft prächtigen Landschafts- und Jagdbilder auf künstlerisch gebildete Arbeiter schließen lassen. Aber hier ist es, wie bei den Holzschnitzern in Berchtesgaden: Durch die fortwährende Uebung in dem Einerlei der Vorwürfe, eignen sie sich jene mechanische Fertigkeit und Schnelligkeit in der Arbeit an, die es ihnen ermöglicht, ihre vom Laien für Kunst gehaltenen Erzeugnisse um billigen Preis wieder an die Niederlagen zu verschleudern, obwohl gerade hier dem kaufenden Publikum gegenüber auf den Kunstwert das Hauptgewicht gelegt wird. Diese Glasschleifer bringen es auch in der Regel zu keinen Ersparnissen. Wie bei den Glasmachern wird der meiste Erlös durch die Gurgel gejagt und geht der Mann mit Tod ab, so beeilt sich die Gemeinde, die hinterlassene Familie so rasch als möglich in ihre ursprüngliche Heimat, welche gewöhnlich das nachbarliche Böhmen ist, zu entfernen. Nach charakteristischen Merkmalen ihrer Besitzer hat der Volkswitz diesen kleinen Quetschen mancherlei Namen gegeben. So giebt es unter anderem eine »Altweiberschleif«, eine »Teufelsschleif« und eine »Gurgelschleif«. Der Besitzer der letzteren zeichnete sich ganz besonders durch die Leistungsfähigkeit seiner Gurgel aus. Er hieß Tieschke. Heißt es in der Bibel: »Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten sollst du ruhen,« so richtete sich Tieschke den Spruch nach seiner Art zurecht: »So lange du Geld hast, sollst du ruhen und trinken, und wenn die Taschen leer sind, magst du arbeiten.« Kein Wunder also, wenn die Gurgelschleife nicht musterhaft dastand, wenn sie 211 vernachlässigt und wie herrenlos aussah. Das Wasserwerkchen litt Schaden, repariert wurde nichts und so kam es, daß eines Tages das Wasserrad samt der Transmission von dem reißenden Gebirgsbache mitgenommen wurde und Tieschke mit gerungenen Händen jammernd den davoneilenden Trümmern nachstarrte. Tieschke war allseitig beliebt. Er that niemand etwas zu leide, als sich selbst, und was bei der Gemeinde den Ausschlag gab, war, daß Tieschke an keinem Sonn- und Feiertag versäumte, während des Gottesdienstes seinen gewohnten Platz in der Kirche einzunehmen. Da saß er, regelmäßig einer der ersten, maltraitierte sein altes Gebetbuch nicht weniger, wie sein Brisilglas und schlief meistens schon, sobald der Pfarrer den ersten Teil seiner Predigt begonnen. Er gab auch in den Klingelbeutel sein Gröschlein und die vielen Betschwestern des Dorfes rechneten ihm dieses Gröschlein hoch an in ihrer Gunst. Aber seine Zeit war hier um. Eines Tages kam ein würdig aussehender und Vertrauen erweckender Mann zu ihm, handelte ihm das defekte Schleifwerk, das heißt, die Ueberreste und den Platz desselben ab, bezahlte ihn bar aus und Tieschke zog ab – aber nicht von dannen, sondern ins Wirtshaus des Dorfes, wo er sich so lange aufzuhalten gedachte, als die paar hundert Gulden ausreichten. Der neue Glasschleifer hieß Martin Ehrmann, war ein großer, starker Mann mit üppigem, blondem Haupthaar und kam aus Nürnberg, wo er seine Familie, eine Frau mit drei Kindern zurückgelassen, bis das neu erstandene Anwesen in gehörigen Stand gebracht war. Der beste Mühlarzt der Gegend mußte eine neue Radstube mit verbesserter Transmission herstellen und ein Maurermeister richtete das 212 kleine Wohngebäude zurecht. Meister Ehrmann zahlte alles richtig und bar, und die Dörfler sowohl, wie die Glasmacher und sonstigen Fabriksleute zeigten zunehmendes Interesse für den Fremdling. Als endlich gegen den Herbst zu das Werk in gehörigen Stand gebracht war, begann dieser seine Thätigkeit. Gegen die Gewohnheit der übrigen Schleifer arbeitete er nicht auf Akkord für den Fabrikherrn, sondern kaufte von diesem das Rohglas nach Bedarf, besorgte infolge einer neuen Einrichtung auch das Vergolden der Gläser und sandte die veredelte Arbeit nach seiner Vaterstadt Nürnberg, woselbst er einen eigenen Laden zum Verkaufe seiner Ware unterhielt. Es war ein großer Freudentag für Martin Ehrmann, als endlich seine Familie angefahren kam, und mit den Worten »Der Herr segne unsern Ein- und Ausgang« von der neuen Heimat Besitz ergriff. Die Frau mochte gleich dem Manne im Anfange der Vierzigerjahre stehen. Der Knabe war neun, die beiden Mädchen sieben und vier Jahre alt. Nun war alles begierig, diese Frau am nächsten Feiertag in der Kirche zu sehen. Als sie nämlich in dem Reisewagen angefahren kam, wollten einige Neugierige bemerkt haben, daß die Glasschleiferin einen Hut trage, einen Hut, dessen sich bis jetzt nur die Frau des Fabriksherrn zu rühmen hatte. Auch die Kinder waren ganz städtisch gekleidet und man war nun »gespannt« auf den ersten Kirchgang dieser Familie. Man hatte es schon übel vermerkt, daß der neue Schleifer bis jetzt noch niemals zur Kirche gekommen war; weder da, noch im Wirtshaus ließ er sich blicken. Kost und 213 Getränke hatte er sich aus der Marketenderei der nahen Glasfabrik nach Hause holen lassen. Er mied die Leute, welche ihn ausholen wollten und machte sich immer zu schaffen, wenn er am Feierabend den Besuch Neugieriger erhielt. Man hoffte daher, sobald Frau und Kinder einmal da seien, würde auch der Mann zugänglicher werden. Eines Sonntags also war die ganze Pfarrgemeinde in einer gewissen Aufregung, als zum Frühgottesdienst geläutet wurde. Alles blickte nach dem Wege, auf welchem Martin Ehrmann mit den Seinigen kommen mußte. Ganz besonders neugierig war die »pinkat Urschi«, eine Betschwester, die infolge ihres durch eine Blatternkrankheit entstellten Gesichtes so genannt wurde. Ihre Oberlippe bedeckte ein Haarwuchs, der einem Wachtmeister Freude gemacht hätte, ihre Augen rollten wie Feuerräder. Sie war das lebendige Tageblatt, drängte sich in alle Familien ein, trug hinüber und herüber, hetzte die Leute auf einander, stiftete selbst im Pfarrhofe Unfrieden, da sie jede ihr auffallende Unregelmäßigkeit an die geistliche Oberbehörde denunzierte, plapperte aber dann, teilweise mit ausgespannten Armen ein halbes Dutzend Rosenkränze herunter, worüber die Engel im Himmel sicher nicht in freudige Extase gerieten. Die »pinkat« Urschi hatte sich über den neuen Schleifmeister bereits so viel wie möglich erkundigt. Sie hatte schon einige Male eine Annäherung an ihn gesucht und scheinbar im Vorübergehen, wenn sie ihn gewahr wurde, einen Diskurs mit ihm begonnen, aber Ehrmann schnitt die Unterhaltung jedesmal mit den Worten ab: »Ich habe keine Zeit zum Schwätzen. Gott befohlen!« Darüber konnte die böse Sieben nun gerade keine 214 Randglossen machen. Als aber die Familie des Schleifmeisters ankam und sie mit ihren eigenen rollenden Augen gesehen hatte, daß die noch hübsche Frau gleich der Gattin des Fabrikherrn einen Hut als Kopfbedeckung trug, da sprudelte es von ihren behaarten Lippen und sie hatte Gelegenheit, ihrer Lieblingsbeschäftigung zu fröhnen und hier »ein Kohlenhäufl anzublasen,« daß es bald ganz blau herausrauchte. So hatte sie alle Leute auf der Schleiferin ersten Kirchengang neugierig gemacht und sie blinzelte wohlgefällig zu dem abgehausten Tieschke hinüber, der auf seinen Nachfolger durchaus nicht gut zu sprechen war, denn jetzt, nachdem das Werk nun hergerichtet, stach es ihm auch wieder in die Augen, und nachdem ein Geldstücklein nach dem andern in die Tasche des Wirtes verschwand und das Kapitälchen schon sehr zusammenschmolz, war es ihm hie und da, als früge ihn eine innere Stimme, die Stimme des Gewissens: »Was dann?« Es schauderte ihm vor der Antwort, aber er unterdrückte sie durch den Vorwurf, den er sich machte, indem er sich sagte: »I hon mei' schöne Sach z'wohlfeil hergeben; der Nürnberger hat mi drankriegt.« Und die »pinkat« Urschi gab ihm recht. Sie redete so viel in den fast stets Beduselten hinein, daß er sich bald selbst für das bedauernswerteste Opfer eines eigennützigen Fremdlings betrachtete und Martin Ehrmann geradezu als seinen größten Feind bezeichnete, der ihn um sein Hab und Gut gebracht. Heute konnte er den ersten Trumpf gegen ihn ausspielen. Nachdem die neugierige harrende Menge über das 215 vergebliche Warten bereits ungeduldig geworden und die Glocken jeden Augenblick zum Beginn des Gottesdienstes zusammenläuten mußten, trat Tieschke in seinem schmierigen Kittel herzu. »Auf'n Schleifer wart's umsonst, Leut'ln,« sagte er; »der kimmt nöt in unser Kircha.« »Warum nöt?« fragte man ihn. »Er wird dennast koa' Heid sein?« meinte die »pinkat« Urschi, sich bekreuzend. »No' was viel Aergers!« erwiderte Tieschke heuchlerisch. »Jetzt woaß i, warum's mir mei' Radstuben wegg'schwemmt hat, warum koa' Aufkommens mehr für mi war. Wißt's, warum?« »Warum? Was is's?« fragten die immer neugieriger werdenden Leute durcheinander. »Jetzt woaß i 's, warum koa' Segen in mein' Geld is,« fuhr Tieschke fort, »warum's zamschwindt, wie d' Butter in der Sunn'.« »Weilst es verlumpst!« fiel ein ehrlicher Geradean, der Hüter Wastl, ein. »Bst!« machte Urschi. »Red, Tieschke! Is am End gar a Wolf in unser Schafherd kömma?« Jetzt begannen die Glocken zu läuten und für Tieschke war es hohe Zeit, wenn er seinen Trumpf ausspielen wollte. »Daß 's es wißt's, lutherisch is er, der neu' Schleifer, er und sei' ganze Familie.« »Lutherisch?« schrie alles entsetzt. »Heiliger Gott!« rief Urschi, »verlaß deine unschuldigen Küchlein nöt. Schick uns eine Henne, unter deren Flügel wir Schutz suchen können vor dem bösen Geier.« 216 »O je!« spottete der Hüter Wastl, »die »pinkat« Urschi und a Küchlein! I halt di schon eher für a Nachteulen.« Ein schallendes Gelächter folgte diesem Ergusse. »Mach, daß d' weiterkimmst, du Heid, du!« schrie die Beleidigte mit wahrer Megärenstimme. Wastl trottete lachend der Kirche zu. Die Mehrzahl der Leute folgte ihm. Einige andere aber nickten der alten Jungfer mit besorgten Mienen zu und schüttelten bedenklich die Köpfe. Langsam schritten auch sie dem Gotteshause zu. Noch vor der Kirchenthüre sagte Urschi zu dem neben ihr herschreitenden Tieschke: »'s is mir schon alleweil an dem Menschen was aufg'falln; er hat schon so an' luthrischen Gang. Und daß eam alles so glückt, der Himmel woaß, was da mithilft! I bin froh, daß i koa' Geld von dem z'kriegen hab.« »Und i,« erwiderte Tieschke, eine Priese Schmalzler nehmend, »i mach, daß i's meine so g'schwind als mögli anbring. Sakara! 's gloria in excelsis geht schon an –« »Bst!« machte die Betschwester, sich bekreuzend. Im nächsten Augenblick lag sie auf den Knieen und ihre Augen rollten mit Andacht himmelwärts. – Martin Ehrmann hatte zu eben dieser Stunde Weib und Kind in der Wohnstube um sich versammelt und las ihnen das auf den heutigen Tag treffende Evangelium vor, dann sangen alle aus dem Gebetbuche die für diesen Tag ausgezeichneten Verse und nachdem sie der sonntäglichen Feier möglichst Genüge gethan, begab sich die Frau in die Küche, um den Sonntagsbraten zu bereiten, während der Vater mit den Kindern einen Gang in den nahen Hochwald machte. Die riesigen Stämme der Tannen und Fichten und die glattschäftigen Buchen gemahnten sie an die Säulen in 217 einem gotischen Dome, über welchen sich das blaue Himmelsgewölbe ausbreitete. Ein feierliches Halbdunkel und eine nur durch das Gemurmel eines nahen Quellbaches und durch den Gesang der Walddrossel unterbrochene Stille herrschte hier. Die übrigen gefiederten Sänger hatten sich zur Mittagsruhe aufgesetzt, guckten aber neugierig von den Zweigen herab auf die Besucher. »Ich meine, ich bin in der Lorenzerkirche,« sagte das ältere Töchterchen, und der Vater benutzte diese feierliche Stimmung der Kleinen, um ihnen zu erklären, daß dieser herrliche Dom, den sich Gott selbst aufgebaut, wohl künftig ihr einziges Gotteshaus sein werde, daß aber Gott ihre Andacht, hier dargebracht, ebenso wohlgefällig aufnehme, wie in dem stolzesten, von Menschenhand erbauten Dome. Und hell klangen nun ihre schönen Psalmen durch den herrlichen Wald. Drossel und Amsel lauschten erst betroffen, dann sangen sie emsig mit den Kindern und Meister Martin, und das Tosen des nahen Gebirgsbaches begleitete den feierlichen, weithin hallenden Sonntagschoral. Es war ein echter Gottesdienst. 218 II. In jenen Tagen, in welchen diese Erzählung spielt, war das Volk des bayrischen Waldes noch in großer geistiger Unmündigkeit. Ein Lutheraner in einer stockkatholischen Gemeinde war ein schwarzer Widder unter weißen Lämmlein. Die Leute waren gewohnt, Luther und den Teufel für ganz identisch zu halten. Unter einem »Lutheraner« stellten sie sich konsequenter Weise einen Menschen vor, dessen Aussicht fürs Jenseits unfehlbar die ewige Verdammnis sein mußte, und wir möchten nicht beschwören, daß diese Anschauung schon völlig verdrängt worden ist. Sie datiert jedenfalls noch aus der Schwedenzeit, wo gerade diese Gegenden am härtesten bedrängt wurden. »Schade um die netten Kinder,« sagten barmherzige Leute; »sie können nix dafür, daß sie der ewigen Verdammnis anheimfallen müssen,« setzten sie in ihrem Gedankengange fort. Andere gaben sich sogar die Mühe, wenn sie den Kindern begegneten, dieselben mit Weihwasser zu besprengen, damit das höllische Feuer gedämpft werde, und vermeinten ihnen noch manches andere Gute. Die meisten aber blickten mit Abscheu nach ihnen und riefen ihnen manchen Schimpfnamen nach. Da die beiden älteren Kinder schulpflichtig waren, so mußten sie im nächsten Pfarrdorfe die Schule besuchen. Da gab es denn immer ein großes Gaudium, wenn vor und 219 nach der Schule gebetet wurde. Es kam der übrigen Dorfjugend gar spaßig vor, daß die jungen Ketzer kein Kreuz machten. Sobald es nun dazu kam, wandten sich sämtliche Augen nach ihnen und bei den Schlußworten »Und des heiligen Geistes. Amen!« brach jedesmal ein allseitig Gelächter los. Die Schleiferskinder kehrten sich wenig an dieses sonderbare Vergnügen der anderen und ließen sich nicht irre machen in ihrer Arbeit, so daß sie ihre Plätze in der ersten Bank behaupteten und in Bezug auf Lernen den Uebrigen oft als Muster vorgestellt wurden. Auch die Werkstatt Meister Ehrmanns durfte allen anderen Gewerbetreibenden als Muster dienen. Eine Kiste nach der andern, mit schönen geschliffenen Gläsern gefüllt, wurde durch den Boten nach Nürnberg befördert und der Fabrikherr begab sich selbst oft in die Schleiferei Martins und ließ besonders künstlerische Bestellungen durch ihn zur Ausführung bringen. Das ärgerte manchen der übrigen Glasschleifer und die sichtlich zunehmende Wohlhabenheit auf der »lutherischen Schleif,« wie man die frühere »Gurgelschleif« jetzt nannte, stach vielen in die Augen, besonders aber dem abgehausten Tieschke, der sich mit seinem leeren Geldbeutel bereits die Augen auswischen konnte. »Der lutherische Schleifer hat mi z' Grund g'richt't!« behauptete er, als er dem Wirte sein letztes Geldstück hinwarf. Die Frage »Was jetzt?« trat gebieterisch an ihn heran. Niemand wollte den Trinkbruder in Arbeit nehmen, selbst wenn er eine solche gesucht hätte, und der Gendarmeriekommandant mahnte ihn bereits, dies letztere bald zu thun, 220 da er ihn sonst als arbeitsscheuen Menschen bei Gericht zur Anzeige bringen müßte. In dieser Not half ihm dann seine Freundin Urschi. Der alte Hüter Wastl, der sie schon öfter dem allgemeinen Spotte ausgesetzt hatte, mußte fallen, und sie bemühte sich, den verkommenen Tieschke an seine Stelle zu bringen. Als Hauptanklagepunkt diente ihr die Behauptung, daß der alte Wastl längst als Heide bekannt sei und daß er es gar auffallend mit dem lutherischen Schleifer halte. Wastl war auch in der That die einzige Person, mit welcher Meister Ehrmann etwas vertraulicher verkehrte. Der alte, aber noch rüstige Mann mit seinem langen, zottigen, schwarz und grau gemischten Haar, dem wettergebräunten Gesichte und den kleinen, frischen Augen hatte für den Meister viel Ansprechendes. Er suchte ihn deshalb an Sonntagen öfters heim auf seinen Weideplätzen hoch oben an den Birkenbergen, von welchen man eine prächtige Aussicht über die Gegend hatte. Hier weilte Wastl wie ein echter Kuhfürst in der Mitte seiner muhenden Gemeinde. Oft Tage lang allein und ohne Ansprache, war doch sein Geist nicht unthätig in Gottes freier Natur und im Kopfe dieses einfachen Hüters entstanden Gedanken, die manchem Philosophen zur Ehre gereicht hätten. Es war am letzten Sonntage seiner Hüterzeit, wenige Tage vor Martini, als ihn Ehrmann wieder besuchte. Dieser setzte sich neben ihn hin auf einen bemoosten Granitfelsen. Im Thale waren soeben die Glocken verklungen, die zur Vesper luden, der herbstliche Himmel war tiefblau, der Horizont begrenzt von tannendunklen Waldmassen, aus welchen nur das graue, kahle, mit Felsentrümmern besäte Haupt des Lusen aufleuchtete. Ein tiefer stiller Friede war 221 über den scheinbar endlosen Wald ausgegossen und erweckte jene Sehnsucht nach der Ferne, wie sie sonst nur der Anblick des weiten Meeres erzeugt. Ehrmann blickte lange schweigend nach den fernen und scheinbar doch so nahe gerückten, waldigen, den Horizont abgrenzenden Bergen. »Ueber der Waldgrenz dort läuft d' Donau,« erklärte Wastl, den Blick und vielleicht auch die Gedanken des Meisters verfolgend. »Wie gern möcht i's sehen; 's muaß a mentisch groß's Wasser sein.« »So seid Ihr noch nie über Eure Berge hinausgekommen?« fragte Ehrmann. »Dös is's ja, was mir oft mei' Hirn ganz rebellisch macht,« antwortete der Alte. »Wenn i oft am Bachl sitz, das dort aus die Felsen laaft und an mein' Stecka schnitz für d' Martinigerten, da wirf i manchmal a Spanl eini und schau eam nach, wie's lusti weiterschwimmt gen Thal, wie's weiter roast und weiter, in d' Ilz, in d' Donau und bis ins Meer und dabei wünsch i mir nacha: kaant i aa mit, furt über d' Berg, weit furt bis hin zum Meer, und furt und furt – in d' Ewigkeit!« »Ja, ja,« meinte der Meister, »ich kenne diesen Trieb. Ich habe die Welt gesehen, sie ist schön. Aber noch schöner ist eine traute Heimat, eine Heimat, in der man sein Brot verdienen und mit den Seinigen in Ruhe und Frieden leben kann.« »Der Wunsch is Enk erfüllt,« meinte Wastl. »Nicht so ganz,« erwiderte der Meister, und wie eine trübe Wolke zog es über sein Gesicht. »Die Leute hier sind mir nicht freundlich gesinnt.« »Die Strohköpf!« fuhr der Alte auf. »Mi halten's 222 aa für an' Heiden, weil i meine extrigen Ansichten hon. I bild mir aber ein, es san schon die rechten, die vom echten Glauben.« Der Meister war von dieser Rede nicht weniger überrascht. »Wer hat sie Euch denn gelehrt?« fragte er. »Wer? Schauts umanand in dera großen Natur, da braucht ma' koan andern Lehrmoasta. Wenn d' Sunn aufgeht und wieder awisteigt, wenn d' Bleameln blüahn, wenn's Laub verwelkt, wenn d' Lercheln singa und wenn's Wildfeuer tobt, da predigt eam die große Natur dös Rechte und dös Wahre. Die sagt mir's, wie großmächti unser Herrgott is, den d' Leut so kloa' machen möchten, daß 's eam zorna thuat. Wer a bißl was anders glaubt, wie sie, glei wird er verdammt!« »Dieser grausamen Ansicht sind leider schon Unzählige zum Opfer gefallen,« versetzte Ehrmann seufzend, »und – Unzählige werden leider noch folgen.« »Ja mein Gott, was willst machen?« meinte Wastl. »Dö Dummheit stirbt nöt aus auf der Welt. Kaannt i's nur an' jeden klar machen, daß's nur an' oanzigen Gott giebt für uns alle und daß ma alle, san ma Christen oder Juden, nur zu dem Oan beten, der oane auf Umwegen, der andere grad, wie's eam halt angeborn und g'lernt is worn. Betracht's nur dös Bachl dort, dös laaft in d' Ilz, über'n Berg drunten laufa die Quellen in Regen, die oa' lauft z' Regensburg, die ander z' Passau in d' Donau, da kömma d' Wasser vom Wald wieder zama und rinna mitanand ins Meer. Grad so is's mit'n Beten, mit'n Glauben. Is der Mensch nur rechtschaffen, so dringt sei' Gebet schon dahin, wo's hinkömma muaß, sollt's aa oft Umweg braucha. Der 223 dort oben woaß schon, was er davon z' halten hat. I moan, der macht koan Schiedunter zwischen an' lutherischen und an' katholischen Vaterunser. Dös is mei' Glauben und dernthalben hoaßens mi an' Heiden drunten im Dorf. So bin i halt a Heid!« Ehrmann reichte dem Alten die Hand und sah ihm lange in die ehrlichen Augen. »Kommt zu mir, wenn Eure Hüterzeit um ist und Ihr Verdienst braucht,« sagte er zu ihm; »Ihr sollt ihn bei mir jede Stunde haben.« »Dös kunnt der Fall wern,« meinte Wastl. »Martini is in etli Tag und i hon was munkeln hör'n, daß 's Kloa'vieh, d' Schaf und d' Schwein, die aufs Winterfeld trieben wern, an' andern soll'n anvertraut wern. I hon 'n Tieschke nenna hör'n, den Kapitallumpen. No', wie Gott will! Aber zum Hüataball mach i schon heut mei' höfliche Einladung; es waar mir a große Freud, wenn's mir die Ehr gebet's.« Meister Ehrmann versprach ihm, seiner Einladung Folge zu leisten und freudig schlug der alte Wastl in die dargereichte Hand des sich von ihm Verabschiedenden. 224 III. Wastl war recht berichtet worden, daß gegen ihn eine Fehde loszubrechen drohte. Bauernschuhe trappen allezeit laut auf und Wastls Weib konnte die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen leicht in ihre Ohren hören. Es war für die »pinkat« Urschi keine Kleinigkeit, das Vertrauen der Dorfgemeinde in den alten, bewährten Dorfhüter wankend zu machen; aber was wußte der Haß eines bösen Weibes nicht zu überwinden. Der alte Wastl versah seit mehr als zwanzig Jahren seinen Posten stets zur allgemeinen Zufriedenheit der Gemeinde. Er war auch ein Hirte, wie weit und breit keiner zu finden war. Seine Herde hütete er wie seinen Augapfel; wo gutes Gras sproßte, da fand er es für sein Vieh. Er war stolz darauf, daß seine Viehherde stets die schönste und bestgefütterte in der ganzen Gegend sei. Man muß ihn sehen, so einen wetterfesten Hirten, wie er meisterlich auf seinem Bockhorn tutet, mit seiner klafterlangen Peitsche knallt, seinen bleiverschnörkelten Ringelstecken schwingt und mit seinen Untergebenen in schwer verständlicher Hütersprache verkehrt. Leicht hat er dreihundert Stück in seiner Herde; das Stück nur mäßig eingeschätzt auf hundert Mark, ist ihm somit ein Vermögen von dreißigtausend Mark anvertraut. Er fühlt sich auch als ein Fürst unter seiner Herde und sein Einkommen ist durchaus kein zu bespottendes. Er hat 225 seine eigenen Dienstgrundstücke, und wenn er ein achtsamer Mann ist, so mag das übliche Sprichwort zutreffen, das heißt: »So schön kugelrund, wie a Hüaterkuah.« Er hat jahraus, jahrein seine Sporteln, teils in klingender Münze, teils in eßbarer Form und so erspart sich mancher für sein Alter einen nicht unbedeutenden Zehrpfennig. Der wichtigste Tag im Jahr ist für ihn Martini, denn zu dieser Zeit ist für ihn der reiche Fischfang. Am Vorabend steigt er, in seinen Feststaat gekleidet, so viele Wachholdersträuße im Arm, als er Hüterbauern hat, von Haus zu Haus, um seinen Martinivers herzusagen. Dabei schwingt er eine Gerte in der Hand, welche mit Blumen umwunden ist, wie er sie um Ostern beim ersten Austrieb vor die Thüre streute. Sein Vers lautet: »Jetzt kimmt der Hirt mit seiner Girt; Für dieses Jahr is 's Hüten gar. Is 's naß oder kalt, muß der Hüter in'n Wald. Furt treibt er ein Stuck und zwei bringt er z'ruck; Hinein treibt er's dürr und foast gengen's herfür. Viel Bleaml und Halm, viel Küah und Kalm! Viel Kronwittbirl, viel Ochsenstierl! Viel Haarwutzl, viel Kälberstutzl! Und um all sei' Müah hat er schia Zum täglichen Brot nix als d'Not. Schon hör i d'Schlüssel klinga, und d'Bäurin in d'Kammer springa, Sie wird mir an' Laab Brod bringa, Und wern gar zwö draus, hab i aa nix aus!« Nun erhält die Bäurin den blaubeerigen Wachholderbuschen oder die Martinsgert, welche sofort in den Kuhstall wandert, wo sie über der Eingangsthüre aufgesteckt wird, bis der Kuckuck wieder schreit und das Vieh von der Dirn mit der Martinsgerte wieder in die lachenden Frühlingsfluren getrieben wird. Der Bauer zählt dem Hüter so viele 226 »Batzen« auf die Hand, als ihm Stück Großvieh anvertraut waren. Das Weib des Hüters aber sammelt noch eigens Brot und Mehl ein, wie auch das sogenannte Hütkorn, womit er nicht nur den Bedarf seines Familientisches decken, sondern auch noch einen erklecklichen Teil verkaufen kann. Aber der Hirte ist auch erkenntlich. Er veranstaltet auf Grund seiner Einkünfte beim Wirte eine Freimusik mit Freibier und ladet hierzu seine Bauern ein. Ein paar Fiedler geigen und nun wird diesen Abend auf des Hüters Kosten getanzt und getrunken, was sich besonders die Kleinleute des Dorfes zunutze machen und wobei es in der Regel gar lustig hergeht. So war es auch beim Hüterwastl von jeher der Brauch, aber sein heuriger Hüterball war nur von wenig »Angesehenen« beehrt. Einer dieser wenigen war Meister Ehrmann und darüber verschmerzte der alte Hüter die Abwesenheit der übrigen. Wußte er ja bereits, wie viel es geschlagen hatte. Bei der am nächsten Tage im Wirtshaus abgehaltenen »Hüterstift«, wobei sämtliche Bauern zu einer Sitzung versammelt waren, sollte ihm Gewißheit werden. Nach J. Schlicht's bayrisch Land und Volk. Da saßen sie, die stolzen, selbstbewußten Bauern, mit strengen Gesichtern und blickten hochmütig nach dem mit entblößtem Haupte vor ihnen stehenden Hüter Wastl. »Manna, wenn's enk recht is, so hüat enk 's nächst' Jahr wieder,« sprach Wastl zu den Bauern nach alter Gewohnheit, worauf sich der Dorfführer erhob und sagte: »Also, Manna, ös habt's es g'hört, der Wastl möcht wieder hüaten. Hat oana a Klag gegen ihn?« Zwanzig Jahre lang hatte niemand eine solche gehabt, heute aber brach das Wetter über ihn los. Der eine klagte, 227 daß er ihm bloß zur Hälfte in seinen Hof hineingetutet habe, der andere, daß er dessen zu viel gethan. Einer wußte zu erzählen, daß er ihm teilweise seinen Klee abgehütet, ein anderer beschwerte sich, daß Wastl regelmäßig schon kam, ehe das Vieh abgelassen war, und ein dritter behauptete sogar, die auffallende Anhänglichkeit des Dorfhüters an den lutherischen Schleifer sei für das Vieh der streng katholischen Gemeinde von größtem Nachteil, und als der Hüter den Ankläger spöttisch fragte, ob er fürchte, sein Vieh möchte lutherisch werden, da meinte der Bauer: »So viel is g'wiß, daß d' Milli satta der letzten Zeit zickt« (säuerlich ist). Dem lange und treu dienenden Wastl wurde die Hüterstift nicht mehr zugesprochen, sondern dem neuen Bewerber, dem abgehausten Tieschke, zuerteilt. »So muaß i mir halt um an' andere Gmoa' umschaun,« sagte Wastl. »Leicht, daß 's mi selm wieder z'ruck holt's, wenn enk der abg'haust' Tieschke mit sein' katholischen Rausch z'wider worn is.« Der Hüter Wastl wurde von der Nachbargemeinde sofort mit Freuden für das nächste Jahr gewonnen. Die »pinkat« Urschi aber triumphierte laut über den gewonnenen Sieg. »Oan Aussätzigen hätten ma draußen aus der Gmoa',« pflegte sie zu sagen. »Jetzt geht's auf 'n andern los, denn es kann koa' bessers Werk geben, als so an' Ketzer z' Grund z' richten.« Und sie glaubte im Geiste schon die Fanfaren zu hören, welche die Engel des Himmels ihrem Triumphe zu Ehren mit vollen Backen durch die Welt bliesen. 228 IV. Weihnachten kam heran. Groß war die Sehnsucht und die Freude auf dieses heilige Fest in Meister Ehrmanns Hause. Von Nürnberg her hatte der Bote bereits einige Kisten mit geheimnisvollem Inhalt gebracht. Frau Ehrmann fertigte, wie es in ihrer Heimat der Brauch, Marzipan und Honiglebkuchen, sowie die in Franken beliebten »Stollen« mit großer Geschicklichkeit. Der Meister blies kleine Kugeln aus farbigem Glas und schliff prismatische Glasstücke, in welchen sich, auf dem Christbaum hängend, die Lichter feenhaft brechen sollten. Es war das erste Weihnachtsfest in der Fremde, und die Kinder sollten nichts vermissen, was sie in der Heimat gewohnt waren. Hell, wie in den Vorjahren, sollte der Christbaum auch heuer strahlen und ihre Geschenke sollten noch schöner und reichhaltiger sein, als es sonst an diesem schönsten aller Familienfeste der Fall gewesen. Von dieser Christbaumfreude hatten nun freilich die Dörfler des bayerischen Waldes weder Kenntnis, noch Begriff. Deren ganzer häuslicher Weihnachtsjubel bestand in dem Schwein, welches herkömmlicher Weise in jedem Bauernhause geschlachtet und welches die Mettenwürste und den Braten für die Feiertage für Bauern und Ehehalten liefert. Nur in wenigen Häusern war es üblich, daß die Kinder vor dem Schlafengehen leere Teller vor die Fenster 229 stellten, welche sie dann am andern Morgen mit Obst und Lebzelten, vom Christkind'l angefüllt, wiederfanden. Doch wurde diese Weihnachtsfreude durch eine beigelegte Rute oder durch verdächtiges Kettengerassel bedeutend beeinträchtigt, wie es auch schon bei den Gaben am St. Nikolaustage der Fall gewesen, wo der Heilige selbst mit seinem Knecht Rupert oder die Frau Percht den Kindern mehr Schrecken als Freude machten. Die helle Freude einer Christbescheerung mit dem schönen strahlenden Weihnachtsbaum kannten die Wäldler anfangs der Vierzigerjahre noch nicht. Was Wunder also, wenn die Dorfjugend große Augen machte, als sie in der Schule durch Ehrmanns Kinder erfuhr, am heiligen Abend werde bei ihnen ein schöner Tannenbaum angezündet, auf welchem das Christkindlein hänge. Bis diese Neuigkeit zu der »pinkaten« Urschi kam und durch deren geläufiges Mundwerk weiter kolportiert wurde, lautete sie wörtlich: »In der lutherischen Schleif wird am heiligen Abend das liebe Christkindlein zum Aergernis aller christkatholischen Leute gehenkt und nachher elendiglich verbrannt.« »Dös leiden wir nöt!« schrieen die erhitzten Köpfe. »Eher stürmen wir d' Schleif und schlagen alles zam.« »Dös is 's Wahre!« rief Tieschke, jetzt Schaf- und Schweinehirt, der aber infolge eines fortgesetzten Schnapsrausches seinen Dienst in nachlässiger Weise betrieb und von der Gemeinde schon ernstlich vermahnt wurde. »Z' Grund richten muaß ma' so an' herzlosen Menschen ohne Religion, der andern z' Sach wegschnappt und 's Geld zamscharrt von unserm Thal.« Kurz, es wurde beschlossen, sobald es am Christabend 230 dunkle, das Rachehandwerk gegen den lutherischen Schleifer zur Ausführung zu bringen. »Es is a Gotteswerk!« Mit diesen Worten ermutigte die alte Betschwester diejenigen, welche Zweifel hegten. Als man im Laufe des Tages bemerkte, daß der alte Wastl, der bis zum Anfang seiner neuen Hüterzeit im Hause Ehrmanns thätig war, einen kleinen, schön beasteten Tannenbaum aus dem Walde holte, ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf, daß der »Galgen für das Christkindl«, wie Urschi das Bäumchen nannte, schon in die Schleif verbracht sei. Man ballte die Faust, man konnte den Abend kaum erwarten. »Z' Grund richten!« Das war Tieschkes Parole. Er gönnte seinem Nachfolger den sichtlichen Wohlstand nicht, dieser sollte ein Bettler werden, wie er es wäre, wenn ihm nicht Urschi geholfen hätte. Dazu, so glaubte er, bedürfe es nur einer Vernichtung des Wasserwerkes und diese setzte er sich zur Aufgabe am Christabend. Wastls Weib hatte, freilich erst spät, von diesem Anschlage munkeln hören. Schnell entschlossen eilte sie nach dem nahen Marktflecken und setzte die Gendarmerie davon in Kenntnis. Dann nahm sie ihren Weg zum Pfarrer des Dorfes, einem alten würdigen Geistlichen und erzählte ihm, was sie wußte, ihn um Gotteswillen bittend, den Meister vor dem ihm drohenden Unglück zu retten. Es war spät Abend geworden, bis sie dies alles zuwege gebracht, und nun eilte sie der Schleife zu, um auch ihren dort beschäftigten Mann in Kenntnis zu setzen. Diesem begegnete sie aber schon unterwegs, soeben im Begriffe, sie zu holen, damit sie Zeuge der prächtigen Christbescherung sein möge. 231 Der Alte war nicht wenig überrascht von dem, was ihm sein Weib erzählte, ja, er wollte anfangs gar nicht an die Wahrheit dieser Erzählung glauben. Aber die Frau deutete nach dem vom Dorfe herführenden Weg, auf welchem man beim hellen Schein des Vollmondes einen dunklen Haufen näher kommen sah, der dem Lärm nach auf eine größere Anzahl von Leuten schließen ließ. »Laß's nur kömma,« sagte Wastl, »wenn's die Herrlichkeit dort sehgn, wern's schnell umsatteln, und sollt was passiern, so stell i mein Mann.« »Und i den mein!« sprach das Weib entschlossen. »Aber schau dorthin. Lauft da nöt oana von der Schleif her auffa? Jetzt halt er am Einlaßkanal.« »Der hat nix Guat's vor!« rief Wastl. »Schwant mir recht, so is's der Lumpazi, der Tieschke. Mit dem mach i mir a Weihnachtsfreud.« »Um Gotteswillen, fang nix an!« rief das Weib dem rasch Davoneilenden nach. Wastl kam gerade hinzu, als Tieschke im Begriffe war, die Schütze des Einlaßkanals aufzudrehen. Es durchzuckte ihn sofort der Gedanke, dieser habe hier ein Schelmenchen vor. Rasch sprang er hinzu, packte den soeben die Schütze Hebenden nicht in der sanftesten Weise am Kragen und rief: »Kerl, was thuast du?« Tieschke erschrak darüber so heftig, daß er das Gleichgewicht verlor und rücklings in das Stauwasser des Baches fiel. Aus Leibeskräften schreiend, klammerte er sich an den sogenannten Fangbaum vor dem Einlaßkanal und rettete sich so vor dem Ertrinken. 232 Inzwischen war auch Wastls Weib herangekommen. Tieschke zappelte im Wasser und bat, man möge ihm um Gotteswillen heraushelfen, da ihn vor Kälte die Kräfte verließen. Aber Wastl winkte seinem Weibe verständnisvoll zu und versicherte dem unfreiwillig Badenden, sie würden ihn nur dann retten, wenn er sofort eingestände, was er in der Schleife gemacht. Der in Todesängsten Schwebende gestand denn auch, daß er die Vernichtung des Räderwerkes geplant und zu diesem Zwecke eine eiserne Stange in dasselbe eingetrieben habe. Sein Plan wäre ihm wohl gelungen, wenn ihn Wastl nicht gestört hätte. Das war das Christgeschenk, das er dem lutherischen 233 Schleifer zugedacht. Er versicherte aber, jetzt seine That zu bereuen; man solle ihn nur laufen lassen. Das erstere geschah, zu dem letzteren aber hatte Wastl keine Lust. Er band ihm mit seinem Schnupftuch die Hände fest zusammen, bewaffnete sein Weib mit einem Prügel und beauftragte sie, auf den Verbrecher wohl achtzuhaben, bis er selbst aus der Radstube zurück käme. Es schien ihm vor allem nötig, die Eisenstange aus dem Räderwerke zu entfernen, um ein Unglück zu verhüten. Tieschke warf sich, als er mit Wastls Frau allein war, vor dieser auf die Kniee nieder und bat sie, ihn über die nahe Grenze entwischen zu lassen. Er hatte nicht Kraft genug, sich ohne ihre Genehmigung durch die Flucht zu retten. Aber sie war ein unerbittlicher und unbestechlicher Posten und antwortete dem vor Frost und Nässe Schnatternden mit innerer Genugthuung: »Iß dei' Christkindlsuppen nur aus, die 's d' dir eingebrockt hast. Deiner pinkaten Nachteulen wern sie 's aa schon zoagn, wo der Bartlmä 'n Most her hat. Irr i mi nöt, kimmt dort unser Herr Pfarrer. Dös wird a schöne Absolution geben. I hätt a gute Lust, i werfet di wieder ins Wasser eini, daß i aa dabei sein könnt.« Tieschke schrie erschrocken auf, denn er sah sich schon wieder im Wasser zappeln. Wastls Weib aber konnte die Neugierde nicht mehr länger bezähmen. »Vorwärts marsch, Lumpazi!« kommandierte sie und schlug mit ihrem Gefangenen die Richtung nach der Schleife zu ein. V. Während dieser Vorgänge hatte sich ein toller Haufe, von Urschi angeeifert und mit Stöcken und Tremmeln bewaffnet, der Schleife genähert. Dort hatte niemand eine Ahnung von der drohenden Gefahr. In der Mitte der Wohnung stand auf einem weiß gedeckten Tische der hell im Lichterglanz erstrahlende, prächtig geschmückte Weihnachtsbaum, dessen Spitze ein liebliches Christuskind in goldenem Gewande schmückte. Vergoldete und versilberte Nüsse, zierliches Konfekt, bunte Glaskugeln und Rauschgold hingen und zitterten an dem duftenden Tannenbaum, auf dessen Zweigen zahllose Lichtlein brannten. Rings um den Baum und auf nebenanstehenden Tischen lagen die Geschenke, womit die Kinder von ihren Eltern sowohl, wie von entfernten Verwandten reichlich bedacht worden waren. Es fehlte nicht an den verschiedensten Spielwaren und an den bekannten und beliebten Nürnberger Süßigkeiten. Auf Meister Ehrmanns Arm saß sein jüngstes Töchterlein, welches, in einer Hand die neue Puppe, in der andern ein Stück Marzipan haltend, sprachlos vor Erstaunen nach den glitzernden Lichtern schaute, während die beiden älteren Kinder, an der Mutter Arm hängend, die schönen Geschenke bejubelten. Eltern und Kinder fühlten sich gleich glücklich. So hell, wie die Lichter am grünen 235 Baume, leuchtete die Freude aus aller Augen. Ein wahrer Himmelssegen lag über diesem Hause. Da plötzlich wird die Thür aufgerissen; zehn, zwanzig und mehr Köpfe zeigen sich vor derselben. Aber der drohende Fluch, der auf den Lippen der Eindringlinge lag und sich soeben Luft machen wollte, verstummte. Wie mit einem Zauberschlage verwandelten sich die finsteren Mienen in solche der höchsten Ueberraschung, was sich durch ein allgemeines gedehntes »Aaah!« bemerkbar machte, dem ein mächtiges, starres Augen- und Mundaufreißen folgte. Martin Ehrmann und die Seinigen sahen nichts Schlimmes in der Sache. Sie glaubten nicht anders, als Wastl hätte den Leuten von der hier zu Lande noch nie gesehenen Christbescherung erzählt und die Neugierde hätte sie hergetrieben. »Tretet nur herein!« sagte der Meister freundlich zu den Leuten, »und seht euch unsern Christbaum an.« Alle waren verblüfft. Fragend starrten sie bald nach dem geputzten Baume, bald sich selbst in die dummen Gesichter. Sie schienen die Ursache ihres Kommens ganz vergessen zu haben. Wiederholt luden Ehrmann und seine Frau die Staunenden zum Eintreten ein und nun leisteten sie der Aufforderung auch Folge. Leise und auf den Zehen schlichen sie näher, ja viele von ihnen legten sogar die derben Holzschuhe ab, um den blankgescheuerten Boden nicht zu beschmutzen und bald drückten die zum Revoltieren Gekommenen ihre Bewunderung in Worten aus. »Ui Gottes, ui Gottes!« rief ein Weib, das noch vor wenigen Minuten wie eine Megäre in das Haus gestürzt 236 war, »is dös a Pracht! Und dös schö' Christkindl im gulden G'wand!« Und eine andere meinte: »Wenn i jetzt nur meine Kinder da hätt', daß 's so was sehgn kaannten. Schüner kann's ja dennast im Paradies nöt sein!« »So bringt eure Kinder!« sagte der Meister. »Morgen um diese Zeit zünden wir die Lichter wieder an. Wer Lust hat, den Christbaum zu sehen, ist eingeladen, zu kommen.« »So san ma halt so grob!« versprach ein Bäuerlein, das vor Vergnügen seinen zahnlosen Mund nicht mehr zubrachte. Frau Ehrmann hatte inzwischen einige Teller mit Süßigkeiten herbeigeholt und unter die Anwesenden verteilt. »Ja, dös waar ja dennast aus!« riefen die Leute. »Aufs betteln san ma ja nöt kömma.« Aber sie nahmen das Dargereichte doch und kauten lustig drauf los, während sie immer und immer wieder den Baum betrachteten. Als einer der Beschenkten bald darauf aus dem Hause trat, rief ihm hier die des Ausganges harrende Urschi zu: »Geht 's Losschlagen bald an?« »Ja,« entgegnete der Bauer, »aber bei dir fang ma an. Wie kannst uns denn so an' Bär'n aufbinden und d' Leut a so aufwiegeln?« »Wo ist die Aufwieglerin?« fragte jetzt ein herzukommender Gendarm, der dem Haufen nachgeeilt war, um Ruhe zu schaffen. »Da steht's!« versetzte der Bauer. »Dö hat uns 'n Tuifi weiß g'macht und uns zu ara G'waltthat verleiten 237 woll'n. Alle san's Zeugen, die da san. Es is gottlob no' nix passiert. Wir wissen jetzt, wie ma mit dem Laster d'ran san.« »Heiliger Gott!« rief Urschi. »Was muaß i hör'n? Verlaß dei' arme Dienerin nöt. I geh, um mi für d' Christmetten vorzubereiten.« »Vorerst seid Ihr arretiert!« sagte der Gendarm streng, »'s Landg'richt wird 's weitere über Euch verhängen.« »Hochwürdiger Herr!« schrie die Entsetzte dem ankommenden Pfarrer entgegen, »helfen Sie mir! Ich hab ja alles nur zur größern Ehre Gottes gethan.« »So laßt Euch zur größern Ehre Gottes nur auch einsperren,« sagte der Pfarrer. »Ihr verdient es nicht besser, als daß Ihr bestraft werdet für Eure Bosheit und Scheinheiligkeit. Gott bewahre uns recht lange vor Euch!« Dann erkundigte er sich, ob schon Schaden geschehen. »Na', nix is passiert,« berichtete das Bäuerlein. »Geht's nur eini in d' Stuben, Hochwürden; da moanst ja fredi, du bist im Himmi.« »Dann hab ich hier nichts mehr zu thun,« sagte der Gendarm. »Gute Feiertage, Herr Pfarrer!« Letzterer grüßte. »Und jetzt marsch in Arrest!« kommandierte der Gendarm die alte Megäre. »Halt!« rief Wastl, der seinem Weibe das Kommando wieder abgenommen und Tieschke eben heranführte. »Wir ham aa r an' Arrestanten g'macht.« Er berichtete in Kürze, was vorgefallen. »Du bist an mein' Unglück schuld, du Lump, du!« 238 schrie jetzt Urschi ihren Genossen an, der pudelnaß und schnatternd vor Kälte vor ihr stand. »I wollt, i hätt' an' Schnaps!« seufzte dieser. Aber der Gendarm machte ihrer Unterhaltung rasch ein Ende und bald verschwanden beide mit ihrem aufgedrungenen Begleiter im Dunkel der Nacht. Der Pfarrer aber trat mit Wastl und dessen Weib in die Stube. »Ah, da schau her, d' Leckerln ham Wunder g'wirkt,« meinte Wastl, als er seine kauenden Landsleute erblickte. »Ich kam in der Furcht hierher, Ihr schönes Fest möchte gestört werden,« sagte der Geistliche zu dem über diesen neuen Besuch sichtlich überraschten Meister. »Ich sehe aber zu meiner Freude, daß der Friede, den die Heerscharen des Himmels in der heiligen Nacht einst gesungen, auch hier in schönster Blüte ist.« Jetzt erst erfuhr die Familie Ehrmann die wahre Ursache des Massenbesuches. Aber die Dörfler reichten dem Meister die Hand und baten ihn um Verzeihung, welche derselbe auch gern gewährte. Dann betrachtete sich auch der Pfarrer den Christbaum. In gehobener Stimmung sprach er: »Der Christbaum, welcher heute durch seinen freundlichen Anblick die tief bethörten Leute wieder in friedliche Menschen umwandelte, soll von nun an auch in den Häusern unserer Thalbewohner jedes Jahr ebenso schön erstrahlen, wie hier. Kein Streit soll mehr in diesem Thale sein in Sachen des Glaubens. Jeder soll den Glauben ehren, in dem er geboren, rechtschaffen handeln und thun, wie es einem tugendhaften Menschen geziemt, denn wer an die Tugend glaubt, der glaubt an Gott!« 239 Mit diesen Worten verließ der würdige Mann, begleitet von den Dörflern diese Stätte des Friedens. »D' Nürnberger Leckerln ham's rogla (weich) g'macht,« behauptete Wastl wiederholt und er bekundete dadurch einen ziemlichen Scharfblick in Bezug auf seine Landsleute. Doch Meister Ehrmann war anderer Ansicht. Er meinte: »Dieses Mal war es die Macht des Christbaumes und das versöhnende Wort aus dem Munde eines würdigen Priesters.« Der Friede hatte auch Bestand. Meister Ehrmann kam zu bedeutendem Vermögen, erwarb später sogar die nahe Glasfabrik als Eigentum und wurde als Wohlthäter der ganzen Gegend allgemein verehrt, während Wastl aufs neue und noch lange Jahre als allgemein beliebter »Kuhfürst« verblieb. Wie es der Pfarrer vorausgesagt, ward alle Weihnachten in diesem Gebirgsthale der Christbaum als die schönste Zierde dieses heiligen Festes der Liebe betrachtet und strahlte in jeder, selbst der kleinsten Hütte als ein leuchtendes Zeichen des Friedens. –