Walter Scott Der Pirat – Zweiter Band Seeroman Erstes Kapitel. Minna, durch diese grause Erzählung, die mancherlei auf Norna bezüglichen Winken aus ihres Vaters oder anderer Mund Deutung gab, in argen Schrecken gesetzt, saß eine Weile wie versteinert, so daß sie nicht einmal die Schwester anzureden vermochte. Als sie sich endlich dazu aufraffte, erhielt sie keine Antwort, und als sie die Hand der Schwester nahm, fühlte sie, daß sie kalt war wie Eis. In schreckliche Angst versetzt, stieß sie Fenster und Fensterläden auf, um der frischen Luft und dem bleichen Schein einer nördlichen Sommernacht Zutritt zu schaffen. Nun sah sie, daß ihre Schwester in Ohnmacht lag. Alle Gedanken an Norna, ihre Erzählung, ihre geheimnisvolle Verbindung mit der unsichtbaren Welt, alles, alles schwand im Nu aus ihrer Seele. Ohne auch nur einen Augenblick zu fürchten, daß ihr auf dem langen dunklen Gange irgend eine Erscheinung in den Weg treten könne, eilte sie ins Hausinnere, die alte Haushälterin zum Beistand zu holen, die auch gleich allerhand Mittel anwandte, das arme Mädchen wieder zu sich zu bringen: aber ihr Nervensystem war so erschüttert worden, daß sie, aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht, trotz aller Anstrengung ruhig zu bleiben, wieder und wieder in krampfhafte Zufälle sank, die eine Zeitlang anhielten. Aber hierüber siegte die Erfahrung der alten Euphan-Fea, die in der einfachen Arzneikunde der Shetländer aufs beste bewandert war und der Kranken einen aus allerhand Kräutern bereiteten Trank reichte, der diese auch bald in Schlummer versenkte. Minna suchte nun auch ihr Lager auf, aber der Schlummer schien ihre Augen zu fliehen; und wenn sie auch hin und wieder in Schlaf zu sinken schien, glaubte sie immer die Stimme der Vatermörderin zu hören und fuhr erschreckt von ihrem Lager in die Höhe. Die frühe Stunde, zu der sie aufzustehen gewohnt waren, fand die beiden Schwestern in einem weit andern Zustande als er sich nach den Erlebnissen der letzten Nacht hätte vermuten lassen. Ein gesunder Schlaf hatte Brenda wieder gekräftigt und ihrer lachenden Wange die Rosenfarbe wiedergegeben; die vorübergehende Unpäßlichkeit hatte in ihren Zügen so wenig eine Spur zurückgelassen, wie die phantastische Erzählung einen tiefen dauernden Eindruck auf ihre Phantasie. – Minnas Blick dagegen war schwermütig, und sie senkte das von Wachen und Angst ermattete Auge. Anfangs sprachen sie nur wenig miteinander, gleich als scheuten sie sich einen Gegenstand zu berühren, der, wie jener in letzter Nacht, Schrecken über Schrecken für sie brachte. Erst als sie ihr gewohntes Morgengebet verrichtet hatten, gewahrte Brenda Minnas Blässe; als sie sich durch einen Blick in den Spiegel überzeugt hatte, daß ihr Gesicht nicht gleiche Spuren der Unruhe zeige, küßte sie Minnas Wange und sprach liebevoll: »Claud Halcro hatte recht, liebe Schwester, als er uns in seiner überschwenglichen Weise Nacht und Tag nannte.« »Und warum fällt Dir das gerade jetzt ein?« fragte Minna. »Weil,« erwiderte Brenda, »eine jede von uns zu der Zeit am regsten und lebensvollsten ist, nach der er uns zu nennen liebte. Habe ich mich doch in der letzten Nacht fast zu Tode geängstigt, über Dinge, die Du mit Festigkeit anhören konntest. Nun aber, beim hellen Tage, kann ich ganz ruhig daran denken, während Du bleich aussiehst, wie ein Geist, der von dem Aufgang der Sonne überrascht wurde.« »Du bist glücklich, Brenda!« antwortete ihre Schwester ernst, »daß Du eine solche Szene des Schreckens und Wundervollen so schnell vergessen kannst.« »Ihre Schrecken,« sagte Brenda, »können nie vergessen werden, man müßte denn annehmen dürfen, dem unglücklichen Weibe habe erregte Phantasie nur eingebildetes Verbrechen angedichtet.« »Du glaubst also,« fragte Minna, nichts von jener Erscheinung am Zwerggestein, jenem wundersamen Orte, von dem man so manche Sagen erzählt, und der seit Jahrhunderten als das Werk eines Dämons und als seine Behausung betrachtet wird?« »Ich halte unsere unglückliche Verwandte,« erwiderte Brenda, »für keine Lügnerin, – und darum glaube ich, daß sie sich während eines Gewitters am Zwerggestein befunden hat, daß sie hineingegangen, um Schutz vor dem Sturm zu suchen, und daß sie, während einer Ohnmacht oder vielleicht auch während eines Schlummers, einen Traum hatte, der mit den Volkssagen zusammenhing, mit denen sie sich rastlos beschäftigte; aber mehr kann ich davon nicht glauben.« »Bloß traf die Begebenheit,« unterbrach sie Minna, »völlig mit dem finstern Spruche der Erscheinung überein.« »Nimm es mir nicht übel, Minna,« erwiderte Brenda, »ich glaube, die Erscheinung hätte gar nicht stattgefunden, oder sie sich ihrer wenigstens nicht erinnert, wäre nicht die Begebenheit eingetroffen, Sie selbst sagte uns ja, daß sie die furchtbare Szene fast vergessen gehabt hätte bis nach dem so schrecklichen Tode ihres Vaters, und wer steht uns dafür, daß das, wessen sie sich zu erinnern glaubte, kein bloßes Werk ihrer Einbildungskraft ist, die durch den schrecklichen Vorfall in Unordnung kommen mußte?« »Brenda,« antwortete Minna, »Du hörtest ja unseren guten Pfarrer in der Kreuzkirche sagen: menschliche Weisheit sei schlimmer als Torheit, wenn sie in Geheimnisse dringen wolle, die über ihre Sphäre hinausgehen, und daß, wenn wir nicht mehr glauben wollten, als wir begreifen könnten, wir die Beweise unserer eigenen Stimme verleugnen müßten, die uns mit jedem Augenblick Gegenstände zeigten, die eben so wirklich vorhanden als unerklärbar wären.« »Du bist zu gelehrt, Schwester,« erwiderte Brenda, »daß Du zu dem Beistande des guten Pfarrers Deine Zuflucht zu nehmen brauchtest; seine Lehre, glaube ich, hatte nur Bezug auf die Geheimnisse unserer Religion, die wir allerdings ohne Zweifel und Einrede zu glauben verpflichtet sind, – aber bei Vorfällen des gewöhnlichen Lebens können wir, da uns Gott Vernunft gegeben hat, unmöglich unrecht tun, wenn wir Gebrauch davon machen. Du aber, meine liebe Minna, hast eine lebhaftere Phantasie als ich und bist geneigt, all diese wundervollen Geschichten für wahr zu halten, weil Du gern an Zauberer, Zwerge und Wassergeister denken magst, und gern selbst einen kleinen dienstbaren Geist mit einem grünen Gewande und glänzenden Flügelpaar, buntfarbig wie das Gefieder des Stars, um Dich hättest. Aber Du holst ja so tief Atem, Minna?« »Ich seufzte nur,« antwortete Minna nicht ohne Verwirrung, »weil ich mich wunderte, wie es Dir möglich sei, mit dem Unglück dieses merkwürdigen weiblichen Wesens Deinen Scherz zu treiben?« »Ich treibe keinen Scherz damit, da sei Gott vor,« erwiderte Brenda nicht ohne Verdruß. »Du bist es Minna, die alles, was ich in Güte und Freundlichkeit zu Dir spreche, zum Strengen und Bösen wandelt. Ich betrachte Norna wie ein mit außerordentlichen Fähigkeiten begabtes Weib, denen sich aber oft ein starker Anflug von Wahnsinn beigesellt; auch halte ich sie für die beste Wetterkundige von ganz Shetland. Aber an eine Macht ihrerseits über die Elemente glaube ich ebensowenig, wie an die Ammenmärchen des Königs Erich, der den Wind dorther wehen ließ, wohin er seine Mütze drehte.« Minna, leicht gereizt durch die Hartnäckigkeit ihrer Schwester, erwiderte mit einiger Herbheit: »Und dennoch, Brenda, – dieses Weib – dieses halb wahnsinnige Weib, diese Erzbetrügerin ist eben dieselbe Person, von der Du in diesem Augenblicke in Deiner vorzüglichsten Herzensangelegenheit Rat begehrst!« »Ich weiß nicht, was Du meinst,« antwortete Brenda, hoch errötend, und versuchte sich den Händen ihrer Schwester zu entziehen, die aber, ohne ihr Zeit zu weiterer Rede zu lassen, mit etwas milderem Tone hinzusetzte: »Ist es nicht seltsam, Brenda, daß Du, trotzdem Dich dieser Fremde, dieser Mordaunt, hintergangen, trotzdem er sich – ohne eingeladen zu sein – wieder hierher gefunden hat, ihm freundlich entgegentrittst, ihn freundlich ansehen, ja freundlich mit ihm reden kannst? ... Sollte Dir nicht gerade das beweisen, daß es wirklich Zauberei gibt und daß Du selbst ihre Macht empfindest? Nicht umsonst trägt Mordaunt jene Zauberkette, – denke daran, Brenda, und nimm Dich in acht!« »Ich habe nichts mit Mordaunt zu schaffen,« erwiderte Brenda kurz. »Auch kümmere ich mich nicht darum, was er oder andere junge Männer um den Hals tragen. Ich könnte alle goldnen Ketten der Beamten in Edinburg sehen, von denen Lady Glowrowrum so viel zu erzählen pflegt, ohne für irgend einen der Träger Neigung zu empfinden.« Und nachdem sie so die allgemeine Frauenregel beobachtet hatte, sich auf solche Anklage nicht schuldig zu bekennen, fuhr sie in einem veränderten Tone fort: »Aber sieh, die Wahrheit zu sagen, Minna, ich glaube, Du und Ihr alle habt diesem jungen Freunde, der so lange Zeit unser vertrauter Gespiele war, zu schnell das Urteil gesprochen. Sei überzeugt, Mordaunt ist mir nicht mehr, als er Dir ist – Du weißt ja selbst am besten, daß er keinen Unterschied zwischen uns beiden machte, daß er mit uns wie ein Bruder mit seinen Schwestern umging; und doch kannst Du Dich sogleich von ihm abwenden, weil ein abenteuerlicher Seemann, von dem wir nichts wissen, und ein herumziehender Krämer, der uns allen als Lügner, Schelm und Betrüger bekannt ist, Nachteiliges über ihn berichten. Nie werde ich glauben, daß er sich gerühmt habe, er brauche nur eine von uns zu wählen, und daß er nur abwarten wolle, wer von uns Burgh-Westra und den Bredneß-See erhalten solle. – Ich kann mir es nicht denken, daß er davon sprach – ja daß er daran dachte, je zwischen uns zu wählen.« »Vielleicht,« entgegnete Minna kalt, »war es Dir bereits bekannt, daß seine Wahl schon getroffen sei?« »Ich will dergleichen nicht hören,« rief Brenda, ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit Raum gebend, »selbst von Dir, Minna, nicht. Du weißt, daß ich mein ganzes Leben hindurch die Wahrheit gesprochen habe, weißt, daß, ich die Wahrheit liebe, und so sage ich Dir denn, daß Mordaunt nie einen Unterschied zwischen uns machte, bis ...« Hier stockte sie, weil ihr etwas einzufallen schien, was nicht im vollen Einklange zu stehen schien mit dem, was sie auf der Zunge hatte, und ihre Schwester fragte mit leisem Lächeln: »Und bis wann denn, Brenda? – Ich glaube, Deine Wahrheitsliebe scheint vor dem, was Du sagen wolltest, zurückzuschrecken?« »Wenn ich es doch einmal sagen soll, Schwester, bis Du – bis Du aufhörtest,« entgegnete Brenda entschlossen, »ihm die Gerechtigkeit, die er verdiente, widerfahren zu lassen; daß er seine Freundschaft gegen Dich, die Du so gering achtest, nicht lange mehr wegwerfen wird, scheint mir freilich nicht zweifelhaft.« »Immerhin,« sagte Minna, »werde ich Deine Nebenbuhlerin weder in seiner Liebe noch in seiner Freundschaft sein. – Aber erinnere Dich, Brenda! – Hier ist von keiner Lästerung Clevelands die Rede – der überhaupt einer solchen unfähig ist – auch von keiner Verleumdung des Hausierers – denn alle unsere Freunde und Bekannte behaupten ja, daß es allgemein auf der Insel heiße, die Töchter von Magnus Troil warteten nur darauf, welche von beiden für sich auszusuchen Mordaunt belieben werde ... Mordaunt Mertoun, der weder was ist in der Welt, noch was hat in der Welt, wenn es seinem Vater einfällt, die Hand von ihm abzuziehen! ... Will es sich geziemen, daß solche Rede über uns, die Abkömmlinge eines norwegischen Jarls, die Töchter des angesehensten Udallers dieser Inseln, gesprochen werde? Wäre es sittig und mädchenhaft, sich solchem Gerede zu unterwerfen, selbst dann, wenn wir nur armselige Mägde wären?« »Solches Geschwätz von Toren schmerzt nicht,« versetzte Brenda mit Wärme, »ich werde nie meine eigene gute Meinung von einem schuldlosen Freunde dafür aufgeben, ist's doch leicht, selbst der unschuldigsten Handlung einen bösen Grund unterzuschieben.« »Aber so höre doch,« unterbrach sie Minna,, »was unsere Freunde sagen; höre nur Lady Glowrowrum; höre nur Maddie und Klara Greatsettars.« »Wenn ich auf Lady Glowrowrum hören sollte,« erwiderte Brenda fest, »so würde ich mir die boshafteste Zunge von ganz Shetland anhören, und Maddie und Klara Greatsettars waren doch überglücklich, Mordaunt vorgestern neben sich bei Tische zu sehen, wie Du es wohl selbst bemerkt hättest, wäre Dein Ohr nicht besser beschäftigt gewesen.« »Dagegen waren Deine Augen um so weniger bei uns, Brenda,« erwiderte die ältere Schwester, »sondern immer nur auf den jungen Mann gerichtet, von dem jedermann, ich ausgenommen, überzeugt ist, daß er uns mit kränkender Anmaßung behandelte. Selbst wenn er unschuldig angeklagt wäre, meinte Lady Glowrowrum, sei Dein Verhalten unschicklich von Dir gewesen, da es solchem Geschwätz, wie Du zu sagen liebst nur Nahrung und Stütze gäbe.« »Ich werde meine Blicke dorthin senden, wohin ich es für gut finde,« erwiderte Brenda mit steigender Wärme. »Lady Glowrowrum soll weder meine Gedanken, meine Worte, noch meine Blicke beherrschen. Ich halte Mordaunt für unschuldig an allem, was ihm schlimme Zungen nachgeredet haben, und wenn ich nicht mit ihm spreche und mich anders wie sonst gegen ihn verhalte, so tue ich es nur aus Gehorsam gegen meinen Vater, nicht aber darum, weil ich irgend welchen Wert auf das Gerede einer Lady Glowrowrum und ihrer Nichten, – und wenn sie deren zwanzig, statt zwei hätte, – lege – denn das ist Gerede über Dinge, die diese Leute nicht angehen und die diese Leute nicht verstehen.« »Ach, Brenda,« sagte Minna ruhig, »Du sprichst mehr, als zur Verteidigung eines Freundes nötig wäre! – Sei auf Deiner Hut! – Auch der, welcher Nornas Lebensfrieden störte, war ein Fremder; auch sie hatte ihm ihre Liebe gegen den Willen ihrer Familie geschenkt.« »Er war ein Fremder,« rief Brenda mit Nachdruck, »nicht bloß der Geburt, sondern auch den Sitten nach. Sie war nicht von Jugend an mit ihm erzogen, – eine Vertraulichkeit von vielen Jahren hatte ihr nicht das Offene und Edle seines Wesens gezeigt. Ein Fremder war er in der Tat, was Charakter, Temperament, Geburt, Sitten und Benehmen angeht – ein herumstreifender Abenteurer vielleicht, den der Zufall oder ein Sturm auf die Insel geworfen hatte, und der ein trugvolles Herz unter einer offnen, freien Stirn zu verbergen verstand. Die Warnung, die Du mir gibst, darf auch Dir gelten, Schwester; denn es gibt auf Burgh-Westra noch andere Fremde als den armen Mordaunt Mertoun.« Minna schien durch diese schnelle Antwort ihrer Schwester momentan außer Fassung zu geraten, aber ihr natürlicher hoher Sinn setzte sie bald instand, ihr die folgende Antwort zu erteilen: »Wenn ich Dir, Brenda, so geringes Zutrauen schenken wollte, wie Du mir, so könnte ich erwidern, daß Cleveland mir nicht mehr sei, als mir Mordaunt war; oder als es mir der junge Swaraster oder Lawrence Erichson, oder sonst jeder gern gesehene Gast unseres Vaters noch jetzt ist. Aber ich verachte jeden Betrug und mag meine Gedanken nicht verbergen, – ich liebe Clement Cleveland.« – »Sprich nicht so, liebe Schwester,« rief Brenda, den Ton der Bitterkeit, den dieses Gespräch anzunehmen begonnen hatte, von sich werfend; und die Arme um ihre Schwester schlingend, fuhr sie mit dem Ausdruck inniger Liebe fort: »sprich nicht so, liebe Schwester, ich beschwöre Dich! aufgeben will ich Mordaunt Mertoun, – schwören will ich, nie wieder ein Wort mit ihm zu sprechen; aber wiederhole mir nur nicht, daß Du Cleveland liebst!« »Und warum sollte ich,« fragte Minna, sich sanft der Umarmung ihrer Schwester entwindend, »ein Gefühl nicht aussprechen, auf welches ich stolz bin? Die Kühnheit und die Kraft seines Charakters, – dem das Gebieten angeboren und die Furcht unbekannt ist, – diese Eigenschaften, welche Dich für mein Glück zittern machen, sind mir gerade die Bürgen desselben. Erinnere Dich, Brenda, daß, wenn Dein Fuß das sanfte, ruhige Ufer der Sommersee liebte, der meinige am liebsten an den Abgründen wandelte, wenn die Wellen sich in ihrer Wut empörten.« »Das ist eben, was mich beben macht,« versetzte Brenda: »eben dieser Hang zum Abenteuerlichen ist es, der Dich jetzt an einen weit fürchterlichern Abgrund führt, als je einer von den brandenden Wogen bespült war. Dieser Mann – runzle die Stirn nicht, – ich will nichts Böses von ihm sagen, aber hältst Du ihn nicht in Deiner eigenen unparteiischen Meinung für stolz und übermütig: des Gebietens gewohnt, wie Du sagst, aber aus eben diesem Grunde auch dort befehlend, wo er kein Recht dazu hat, und anordnend, wo ihm das Befolgen weit besser anstehen würde? sich in Gefahren stürzend, mehr seiner selbst, als um anderer willen? Und magst Du daran denken, mit einem so unsteten und stürmischen Geiste verbunden zu sein, dessen Leben bisher nur dem Tode und den Gefahren geweiht war, und der, selbst wenn er neben Dir weilt, die Ungeduld nicht verbergen kann, sich aufs neue hineinzustürzen? Ein Liebhaber sollte, so denke ich, seine Geliebte mehr als sein eigenes Leben lieben; der Deine aber, liebe Minna, liebt sie weniger als die Freude, andern den Tod zu geben.« »Das ist es eben, warum ich ihn so liebe,« rief Minna lebhaft, »ich bin eine Tochter der alten norwegischen Heldinnen, die ihre Liebhaber mit einem Lächeln in die Schlacht entließen und sie mit ihren eigenen Händen erschlugen, wenn sie entehrt zurückkehrten. Mein Geliebter muß die Armseligkeiten verachten, durch die das jetzige entartete Geschlecht sich auszuzeichnen bestrebt, oder sie wenigstens nur zum Scherz oder in Ermangelung anderer edlerer Gefahr treiben. Walfischjagd und das Ausnahmen von Vogelnestern genügt mir nicht, mein Geliebter muß ein Seekönig oder etwas sein, was die neuere Zeit, diesem erhabenen Charakter ähnlich, darzubieten hat.« »Ach, liebe Schwester,« unterbrach sie Brenda, »jetzt muß ich in allem Ernste an Zauberei glauben. Erinnere Dich des spanischen Geschichtenbuchs, das Du mir vor langer Zeit wegnahmst, weil ich meinte, daß Deine Bewunderung der Vorzeit Skandinaviens mit dem überspannten Wesen des Helden jenes Buchs wetteifere. – Ach, Minna! die Glut auf Deinem Gesichte verrät, daß Dein Gewissen spricht und Dich an das Buch erinnert, das ich meine. – Ist es denn weiser, eine Windmühle für einen Riesen zu halten, als den Häuptling eines armseligen Kaperschiffs für einen Helden oder für einen Seekönig?« Minna errötete in der Tat vor Verdruß über diese Bemerkung, deren Wahrheit sie vielleicht einigermaßen fühlen mochte. »Du hast ein Recht, mich zu beleidigen,« sprach sie, »denn Du bist Mitwisserin meines Geheimnisses.« Brendas sanftes Herz konnte dieser Unfreundlichkeit gegenüber nicht stand halten; sie beschwor die Schwester, ihr zu verzeihen, und Minnas natürliche Gutmütigkeit vermochte dem Flehen ihrer Schwester nicht zu widerstehen. »Wir sind unglücklich,« sprach sie, die Tränen ihrer Schwester trocknend, »daß wir nicht mit den gleichen Augen sehen können, – wir wollen unsere Lage nicht durch gegenseitige Kränkungen verschlimmern. – Du weißt mein Geheimnis – vielleicht wird es bald nicht mehr ein solches sein – denn meinem Vater soll das Vertrauen werden, das er zu fordern berechtigt ist, sobald nur gewisse Umstände mir erlauben, es ihm zu offenbaren. Ich wiederhole Dir, Du hast mein Geheimnis, und es ist mehr als Vermutung, wenn ich glaube, dagegen das Deine zu besitzen, wenn Du mir es auch nicht gestehen willst.« »Wie könnte ich, Minna,« entgegnete Brenda, »Gefühle für irgend jemand eingestehen, wie die, auf die Du anspielst, noch bevor dieser Jemand auch nur ein Wort gesprochen, das ein solches Bekenntnis rechtfertigen könnte?« »Das nicht, aber ein verborgenes Feuer wird ebenso leicht durch die Hitze, die es verbreitet, als durch seine Flamme verraten.« »Du verstehst Dich auf diese Zeichen, liebe Minna,« erwiderte Brenda, indem sie ihr Köpfchen senkte und sich vergeblich Mühe gab, die Versuchung zu einer Antwort auf die Bemerkungen ihrer Schwester zu unterdrücken; »aber nur so viel kann ich Dir sagen, daß, wenn ich überhaupt je lieben werde, es nicht anders geschehen wird, als bis ich wenigstens ein paarmal dazu aufgefordert worden bin, was mir bis jetzt noch nicht begegnet ist. Aber laß uns unsern Streit nicht wieder anknüpfen, sondern lieber drüber nachdenken, warum uns wohl Norna jene schreckenvolle Erzählung mitgeteilt, und was sie darunter beabsichtigt.« »Es wird eine Vorsicht gewesen sein,« erwiderte Minna, – »die ihr in unserer Lage und, ich will es nicht leugnen, zumal in der meinen, ihr vielleicht nötig erscheinen mochte, – aber ich bin gleich stark durch meine eigene Unschuld, wie durch Clevelands Ehre.« Brenda hätte gern geantwortet, daß sie auf Clevelands Ehre nicht so sehr vertraue, als auf Minnas Unschuld; aber sie vermied es, das Thema wieder aufzunehmen und bemerkte nur: »wie es doch seltsam sei, daß Norna nicht mehr von ihrem Liebhaber gesagt habe, der sie doch unfehlbar in dem Elende, in das sie durch ihn gestürzt worden, nicht verlassen haben könne?« »Es mag Angst und Kummer geben,« entgegnete Minna nach einer Pause, »wo die Seele so sehr mit sich im Streite ist, daß sie aufhört, selbst diejenigen Gefühle zu empfinden, die sie am meisten erfüllten; – möglich, daß die Sorge um ihren Geliebten in Schrecken und Verzweiflung unterging.« »Oder er entfloh vielleicht von diesen Inseln aus Furcht vor der Rache unseres Vaters,« bemerkte Brenda. »Wenn er aus Furcht oder aus Schwäche des Herzens,« nahm Minna, zum Himmel aufblickend, das Wort, »fähig war, dem Elend zu entfliehn, das er angerichtet hatte, so wird ihm, dies hoffe ich zu Gott, längst jene Strafe geworden sein, die die Vorsehung für den niedrigsten Verrat und für die allerschändlichste Feigheit aufbewahrt. – Komm, Schwester; man wartet schon auf uns beim Frühstück.« Und Arm in Arm, mit größerm Vertrauen, als seit einiger Zeit unter ihnen geherrscht, gingen sie fort; der kleine Zwist, der soeben zwischen ihnen bestanden, hatte wie ein plötzlicher kurzer Windstoß die kleinen Nebelwolken, die sich zwischen ihnen gelagert, zerstreut und schönes Wetter gebracht. Auf dem Wege zur Frühstücksstube kamen sie überein, daß es unnötig, ja unvorsichtig wäre, ihren Vater mit den Umständen ihres nächtlichen Besuches bekannt zu machen oder ihn überhaupt wissen zu lassen, daß sie jetzt von Nornas schwermütiger Geschichte mehr wußten als bisher. Zweites Kapitel. Als die Schwestern in die Stube traten, um das Frühstück, eben so reichlich wie am vergangenen Morgen, zu nehmen, und wegen ihres späten Erscheinens vom Vater mit scherzhaftem Verweis empfangen wurden, fanden sie die Gesellschaft, die zum Teil schon mit dem Frühstück fertig war, mit einem ähnlichen alten norwegischen Spiel beschäftigt, wie wir ihrer bereits beschrieben haben. Es schien aus jenen Geschichten der Skalden entlehnt zu sein, in denen oft Kämpen und Heldinnen dargestellt wurden, wie sie sich, um ihr künftiges Schicksal zu erfahren, an Zauberer oder Wahrsagerinnen wandten. Eine alte Sibylle, die schon früher erwähnte Haushälterin, Euphane Fea, mußte sich in die Vertiefung eines breiten Fensters begeben, die mit Bärenfellen und andern Decken verhängt war, so daß das Ganze einer lappländischen Hütte nicht unähnlich sah. Eine wie in einem Beichtstuhl angebrachte Oeffnung gestattete der dahinter befindlichen Person jede gestellte Frage zu hören, ohne den Fragenden dabei zu sehen. Hier weilte die Voluspa oder Sibylle, um aus dem Stegreif sogleich Antwort auf jede Frage zu geben. Man nahm an, daß der Vorhang sie verhindere, zu wissen, wer diese oder jene Frage getan, und der absichtliche oder zufällige Bezug, den die Antworten unter solchen Umständen haben mußten, bot oft Stoff zum Gelächter, zuweilen aber auch Ursache zu ernster Betrachtung. Zur Sibylle wählte man gewöhnlich eine Person, die in der altnorwegischen Poesie zu Hause war und zu improvisieren verstand; keine seltene Fähigkeit in einem Lande, wo das Gedächtnis der Bewohner mit alten Versen angefüllt, und wo die Regeln der Metrik nur auf ungemein einfachen Grundsätzen beruhten. Die Fragen wurden gleichfalls in Versen vorgelegt; da aber die Kunst, aus dem Stegreife zu reimen, obwohl ziemlich allgemein, doch nicht jedem geläufig war, war es erlaubt, sich eines Dolmetschers zu bedienen, der den Frager bei der Hand faßte und dem alsdann das Geschäft oblag, den Inhalt der Frage in Verse zu übertragen und sie laut auszusprechen. Bei dieser Gelegenheit hatte man zum Dolmetscher einstimmig Claud Halcro gewählt, der auch nach kurzem Kopfschütteln und einigem Zögern zur Uebernahme des Amtes sich bereit erklärte. Gerade aber als das Spiel beginnen sollte, fand plötzlich eine Rollenveränderung statt. Norna vom Fitful-Head, die jedermann, mit Ausnahme der beiden Schwestern, viele Meilen weit entfernt wähnte, trat plötzlich ein und schritt, ohne jemand zu grüßen, langsam und majestätisch auf das Gezelt von Bärenfellen zu, wo sie der dort sitzenden Sibylle ein Zeichen gab, das Heiligtum zu verlassen. Die alte Euphane kam zum Vorschein, schüttelte ihr Haupt und schien von Angst überwältigt; auch gab es in der Tat nur wenige in der Gesellschaft, die bei der plötzlichen Ankunft der allgemein gefürchteten Norna ihre völlige Fassung behielten. Sie stand einen Augenblick am Eingange des Zeltes still, blickte, indem sie das Bärenfell hob, hinauf nach Norden, gleich als erflehe sie, von dort Beistand und Eingebung, und nachdem sie den überraschten Gästen ein Zeichen gegeben, einer nach dem andern näher zu treten, schritt sie in das Gezelt und war vor aller Augen verschwunden. Jetzt aber schien es eine andere Unterhaltung werden zu wollen, als die Gesellschaft früher beabsichtigt hatte, und da die meisten fürchteten, sie würde mehr als Scherz darbieten, zeigte niemand eine große Bereitwilligkeit das Orakel zu befragen, Nornas Charakter und Wesen waren, so glaubten fast alle Anwesenden, zu ernst für die Rolle, die sie übernommen, die Männer flüsterten miteinander, und die Frauen versinnlichten, wie Claud Halcro meinte, das alte Dichterwort: »Zu einem Haufen nur trieb sie die Schreckensangst.« Diese Pause ward aber durch die laute, männliche Stimme des alten Udallars unterbrochen. »Nun, und warum ist das Spiel gestört, meine Herren?« rief er, »fürchtet ihr euch etwa, weil meine Verwandte gekommen ist, die Voluspa zu spielen? Freundlich ist es von ihr, diese Rolle zu übernehmen, zu der niemand auf den Inseln besser als sie geeignet ist; wir wollen unsern Scherz dadurch nicht stören lassen, sondern ihn um so lustiger fortsetzen.« Noch immer währte das Schweigen der Gesellschaft, und Magnus fuhr fort: »Nimmer soll es heißen, daß meine Verwandte in ihrem Winkel gesessen habe, als sei sie eine unsrer alten Bergriesinnen, und daß man bloß aus Furcht sie nicht befragt hätte. Ich selbst will der Erste sein, – aber der Vers geht mir jetzt schwerer von der Zunge als früher vor einigen zwanzig Jahren; Ihr müßt mir zur Seite stehen, Claud Halcro.« Hand in Hand nahten sie sich darauf dem Gezelt, und nach einer augenblicklichen Beratung miteinander sprach Halcro die Frage seines Gönners aus, der, wie eben die meisten angesehenen Shetländer, sich von Jugend auf mit Fischerei und Handel beschäftigt und jetzt über den Ausgang seiner Walfischjagd durch den Barden eine Frage an die Sibylle richten ließ. »Finstre Mutter, Wohl und Weh Kündest Du von Fitful-Höh. Mutter, deren Auge schauet, Dorthin wo kein Dunkel grauet, – Jetzt nach Grönlands frost'gem Strand Sei Dein Seherblick gesandt; An dem eisumstarrten Riff Jagt den Walfisch dort ein Schiff. Dunkle Mutter, sag uns an, Hat es guten Fang getan?« Das Spiel schien eine ernsthafte Wendung zu nehmen, als alle, ihre Köpfe hinwendend, der Antwort Nornas horchten, die, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, aus ihrem verborgenen Winkel heraus folgendes erwiderte: Stets richtet der Greis den rastlosen Sinn, Auf Fischen und Pflügen und eitlen Gewinn, Doch, glückt ihm auch beides in trefflicher Art, Benetzen doch Tränen den greisigen Bart. – Hier machte sie eine kurze Pause, während welcher Triptolemus Zeit hatte, vor sich hin zu flüstern: »Und wenn auch zehn Hexen und ebensoviel Wahrsagerinnen es beschwören wollten, so würde ich doch nimmermehr glauben, daß ein vernünftiger Mann sich oder seinen Bart in Tränen baden konnte, so lange es gut mit seinem Ackerbau geht.« Aber die Stimme in dem Zelte nahm ihren einförmigen Ton wieder auf, und seine fernern Betrachtungen unterbrechend, fuhr sie fort: Das Schiff, beladen voll und schwer, Gräbt Furchen in das Inlands-Meer. Nach Shetland weht's ein günst'ger Wind, Er regt der Krone Eine künstliche Krone von Bändern, von den Mädchen gewunden, welche Anteil an dem Schiffe oder dessen Mannschaft nehmen, prangt gewöhnlich an dem Takelwerk der Walfischjäger und wird während der Reise sorgsam aufbewahrt Prachtgewind', Es hängen die Barten Die Barten oder Kinnbacken des Walfisches, die den vorzüglichen Tran liefern, werden, um sie auszuleeren, an den Masten aufgehängt allzumal, Auf sieben stieg der Fische Zahl, Für Lerwick zwei, für Kirckwall zwei, Für Westra Burgh die besten drei. »Nun, so sei uns der Himmel gnädig,« rief Bryce Snailsfoot, »mehr als Weiberwitz hat das herausgeklügelt. Ich sprach Leute zu North Ronaldsha, die die Barke »Olav von Lerwick« zu Gesicht bekamen, an der unser werter Patron einen so großen Anteil hat, daß man sie sein Eigentum nennen könnte; die Barke hat ihnen ein Signal gegeben, und sie schwören darauf, daß sie, so gewiß wie Sterne am Himmel sind, sieben Fische am Bord haben, gerade wie es uns Norna in Reimen vorgetragen.« »Wie, gerade sieben Fische?« fragte Cleveland, »und das hörtet Ihr zu North Ronaldsha? vielleicht habt Ihr es als große Neuigkeit ausgeplaudert, als Ihr kamt?« »Es ist kein Wort davon über meine Lippen gekommen,« erwiderte der Hausierer: »habe ich doch, seit ich wieder in Dunroßneß bin, mit keinen drei Menschen davon gesprochen, daß der Olav seine volle Ladung habe.« »Aber wenn auch nur einer von den dreien die Sache weiter gebracht hat, und zwei gegen eins ist zu wetten, daß das geschehen, – so hatte die alte Hexe leicht prophezeien.« Aber Clevelands Worte, an Magnus Troil gerichtet, fanden keinen Beifall, auch bei dem Udaller nicht, dessen Vaterlandsliebe und Teilnahme an seiner unglücklichen Verwandten dazu zu groß waren. ... »Norna, seine Verwandte,« meinte er, indem er Nachdruck auf das letzte Wort legte, »halte keine Gemeinschaft mit Bryce Snailsfoot oder dessen Bekannten; er mache freilich nicht Anspruch, erklären zu wollen, wie sie zu dieser Nachricht gekommen sei, doch habe er immer bemerkt, daß die Shetländer und überhaupt die Fremden, wenn sie nach Shetland kämen, nach wie vor beflissen seien, Dinge, deren Grund allen Eingeborenen seit Jahrhunderte in Dunkel gehüllt sei, als unwahr oder unhaltbar zu erklären.« Cleveland verstand den Wink und verbeugte sich, aber ohne jeden Versuch, seine eigene Ungläubigkeit verteidigen zu wollen. »Und nun vorwärts, Kinder,« fuhr der Udaller fort, »möge Euch allen ein eben so guter Bescheid werden, wie mir; drei Walfische geben – wart' einmal, wieviel Tonnen?« – Nichtsdestoweniger herrschte bei den Gästen noch immer offenbarer Widerwille, das Orakel zu befragen. »Gute Nachrichten sind manchem willkommen, selbst wenn sie vom Gottseibeiuns kämen,« sagte Jungfer Yellowley zu Lady Glowrowrum, mit der sie, da ihre Ansichten in mancher Beziehung übereinstimmten, sich schon mehrfach unterhalten hatte, »aber es ist doch wohl zuviel Zauberkram dabei, als daß christlich gesinnte Frauen, wie Ihr und ich, sich darein finden sollten.« »Es mag allerdings an Euren Worten etwas sein,« erwiderte Lady Glowrowrum; »aber wir Shetländer sind nicht ganz wie andere Leute, und wenn Norna wirklich eine Hexe ist, so ist sie doch auch unseres Vogts und Wirts nahe Verwandte, und da möchte es übel aufgenommen werden, wenn wir uns nicht auch wahrsagen ließen; mögen deshalb auch meine Nichten, wenn die Reihe an sie kommt, kein Aergernis daran nehmen. Ihr Unrecht zu bereuen, wenn anders Böses dabei ist, wird Ihnen ja, menschlicher Voraussicht nach, reichlich Zeit bleiben.« Während manch andere unsrer Gäste von ähnlicher Ungewißheit und Furcht zurückgehalten wurden, erklärte Halcro, dem die Runzeln auf Magnus Troils Stirn nicht entgingen, jetzt in seinem eigenen Namen, und nicht als Dolmetscher für andere, die Sibylle befragen zu wollen. Er besann sich einen Augenblick – ordnete seine Reime, und sprach dann: »Finstre Mutter, Wohl und Weh Kündest Du von Fitful-Höh. Manchen Reim hast Du geseh'n Mit dem Strom der Zeit verweh'n. – Sprich, wird man mein Lied einst singen, Wie noch Hakons Verse klingen? Sag, wird eine Melodie Meines Spiels, die Phantasie Von John Dryden wohl erringen?« Die Stimme der Seherin erwiderte sogleich aus ihrem Heiligtume: »Das Klapperspiel ergötzt das Kind, Der Greis, ein zwiefach Kind, er sinnt Auf Spielwerk auch, nur tönt die Lust Verschieden in der beiden Brust. Der Adler steigt zum Sonnenlicht; Die Embergans, sie fliegt ja nicht. Und muß deshalb zufrieden sein, Kann sie ihr Lied den Robben weihn. Claud Halcro biß sich in die Lippen, zuckte mit den Achseln, gewann aber schnell seine gute Laune wieder und entgegnete, mutig improvisierend, wie es ihm lange Gewohnheit leicht gemacht hatte: »Sei ich der Embergans auch gleich, Nur eine Höhe sei mein Reich; Entgeh' ich dort des Schützen Pfeil, Fall' ich der Kugel nicht zu Teil. – Vergnügt, wenn, was ich prunklos sang, Verschönt durch Thules Wellenrauschen, Den Ohren, die mir freundlich lauschen, Wie Zauberharmonie erklang.« Als der kleine Poet mit kühnem Schritt und zufriedener Miene zurücktrat, folgte ein einstimmiger Beifall der geistreichen Weise, mit der er dem Urteilsspruch, der ihn mit einer Embergans verglichen hatte, begegnet war. Trotzdem aber fühlte kein anderer Gast den Mut, die gefürchtete Norna zu befragen. »Ei, über euch feigherzige Narren!« rief der Udaller, »fürchtet Ihr Euch etwa auch, Kapitän Cleveland, mit einer alten Frau zu sprechen? – So befragt sie doch um etwas – fragt sie, ob das Zwölf-Kanonenschiff zu Kirkwall Euer Gefährt sei oder nicht?« Cleveland blickte auf Minna, und da er zu bemerken glaubte, daß sie seine Antwort auf die Aufforderung ihres Vaters ängstlich erwarte, besann er sich schnell und erwiderte nach kurzem Bedenken: »Ich habe mich nie, weder vor Männern noch vor Weibern gefürchtet. – Ihr habt die Frage gehört, Halcro, die ich nach dem Wunsche unseres Wirtes tun soll, – fragt in meinem Namen auf Eure Weise, denn ich erhebe eben so wenig Anspruch auf Dichtkunst als auf Hexerei.« Halcro ließ sich nicht zweimal dazu auffordern, sondern die Hand des Kapitäns mit der seinigen fassend, wie es die Sitte des Spiels gebot, sprach er die Frage, die der Udaller dem Fremden vorgeschrieben, in folgenden Worten aus: »Finst're Mutter, Wohl und Weh Kündest Du von Fitful-Höh. Eine Barke voll und schwer Liegt zu Kirkwall, ferne her. Viel Geschütz mehrt ihre Fracht, Glänzend ist der Mannschaft Tracht. Gold und Seid' aus fremdem Land Füllen sie bis an den Rand. Mutter, sprich, hat dieser Mann Auch wohl einen Teil daran?« Eine Pause von ungewöhnlicher Länge trat ein, ehe das Orakel eine Antwort gab, und als diese erfolgte, geschah es in einem dumpferen, aber eben so entscheidenden Tone als bisher: »Gold ist herrlich, hell und schön, Blut ist dunkel anzuseh'n, Nach der Bai schaut' ich hinaus, Dort hält ein Falk, nach wildem Strauß Fest seine Beute mit höhnischer Wut; Krallen und Federn, sie triefen von Blut; Schaue der Frager die Hände nur an, Färbte sie Blut, hat teil er daran.« Cleveland, dessen Mund ein verächtliches Lächeln umzog, streckte seine Hand hin. – »Wenige nur,« sprach er, »sind so oft wie ich an der spanisch-amerikanischen Küste gewesen, ohne mehr denn einmal mit Küstenwache in Konflikt zu kommen, aber nie hat es einen Blutflecken an meiner Hand gegeben, den nicht ein nasses Tuch auf der Stelle fortgebracht hätte.« »Ja, ja mit den Spaniern unterhalb der Linie gibt es keinen Frieden,« fügte Magnus Troil bei, »hundertmal haben mir das Seeleute, wie der alte Kommodore Rummelaer, gesagt, der bis in die Honduras-Bai hinunter gekommen ... Ich hasse alle Spanier, seitdem sie 1558 auf der Fair-Insel alle Lebensmittel geraubt haben. Davon hat mir mein Großvater genug erzählt; hier im Hause liegt auch noch irgendwo eine alte holländische Chronik, in der zu lesen steht, wie sie vor langer Zeit in den Niederlanden gehaust haben.« »Recht, recht, mein würdiger Freund,« erwiderte Cleveland, »eifersüchtig sind sie auf ihre indischen Besitzungen wie ein alter Mann auf seine junge Braut, – und wenn sie einem nur ankommen können, heißt es gleich: auf Lebenszeit in die Bergwerke! – Und so bekriegen wir sie auf Leben und Tod, mit festgenagelter Flagge.« »Das ist der rechte Weg,« rief der Udaller, »die alte britische Flagge darf nicht gesenkt werden. Denke ich an die hölzernen Wälle, möchte ich fast selbst ein Engländer sein, wenn ich nicht dann unsern Nachbarn, den Schotten zu ähnlich würde. – Aber genug – niemand soll beleidigt werden, – hier ist jedermann gut Freund und willkommen. – Nun, wir wollen das Spiel fortsetzen. Brenda, an Dir ist die Reihe; Du weißt ja, wie uns allen bekannt ist, nordischer Reime die Menge.« »Aber keine, die sich zu diesem Spiele eignen, Vater,« sagte Brenda, zurücktretend, »Dummes Zeug,« entgegnete ihr Vater, sie vorwärts drängend, während Halcro ihre abwehrende Hand ergriff, – »laß nicht falsche Scham unsere harmlose Freude stören; sprecht Ihr für Brenda, Halcro,– Euer Geschäft ist's ja, die Gedanken der Mädchen auszulegen.« Der Sänger neigte sich zu der liebenswürdigen Jungfrau mit der Ehrfurcht eines Poeten und der Galanterie eines Weltmannes, und nachdem er ihr flüsternd bemerkte, daß sie ja auf keine Weise für das, was er spräche, verantwortlich wäre, blickte er auf, lächelte, als ob ihm plötzlich eine Idee gekommen, und sprach dann: »Finst're Mutter, Wohl und Weh Kündest Du von Fitful-Höh. Sprich jetzt aus, was schüchtern still Nicht die Schönheit fragen will. Tauch' Dein Wort in Milch und Wein, Hüll' es sanft in Seide ein, Sag', wird dieses Herz, so rein, Glücklich in der Liebe sein?« Die Seherin antwortete fast im nämlichen Augenblick aus ihrem Gezelt heraus: »Wer Jungfrau Brust, noch nicht erfüllt Von Liebe, ist das Ebenbild Von jenem glänzend reinen Schnee Auf Ronas fels'ger Wolkenhöh'. – Doch von dem Sonnenstrahl berührt, Wird er dem Späherblick entführt. Und träufelnd in den Talgrund nieder Erweckt er Gras und Kräuter wieder, Tränkt Herden mild, ruft Blumen wach Und schmückt des Schäfers Laubendach.« »Gut gesprochen,« rief der Udaller und hielt die errötende Brenda, die hinwegeilen wollte, bei der Hand, – »schäme Dich nicht, Mädchen, die Hausfrau eines ehrlichen Mannes und Mittel eines alten Norweger Namens zu sein, Nachbarn Glück zu bringen, Armen beizustehen und Fremden Hilfe zu leisten, denn solches ist das ehrenvollste Los, das einem jungen Mädchen werden kann, und ich wünsche es einer jeden, die hier zugegen ist.« »Nun, an wem ist jetzt die Reihe? Hier gilt's gute Männer zu bekommen, – Maddie Greatsettar – und Du, meine hübsche Klara, wollt Ihr nicht auch Euren Teil davon?« Lady Glowrowrum schüttelte mit dem Kopfe und meinte, sie wisse nicht, ob sie einwilligen könne – – – – – »Genug – genug! unterbrach sie Magnus, »keinen Zwang! aber das Spiel soll fortgehen, bis wir dessen überdrüssig werden. Hierher, Minna, Du stehst unter meinem Kommando. Tritt näher, Mädchen; es gibt mancherlei, dessen man sich weit mehr schämen müßte als solches alten, unschuldigen Spieles. Komm, komm, ich selbst will für Dich sprechen – weiß ich freilich nicht, ob mir auch noch Verse genug dazu einfallen werden.« Eine leichte Röte flog über Minnas Wange; schnell aber gewann sie die Fassung wieder, stand ruhig bei dem Vater, wie erhaben über den kleinen Scherz, zu dem sie durch ihre augenblickliche Lage den Anlaß gab, und sah zu, wie der Vater, nachdem er sich die Stirn gerieben und andere Mittel angewandt hatte, seinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen, endlich zu dem die Seherin verhüllenden Gezelte trat ... Auf weniger galante Weise als Halcro sprach nun der Udaller: »Dunkle Mutter, sag' uns an, Hier die Maid will einen Mann, Sag' uns, wird sie zeitig frei'n, Und was wird Ihr Los dann sein?« Ein tiefer Seufzer wurde hinter dem Gezelt gehört, wie wenn der Gegenstand, über den sie das Urteil aussprechen sollte, das Mitleid wecke; dann gab sie wie früher die Antwort: »Des Mädchens Herz, noch unerfüllt Von Liebe, ist ein Ebenbild Von jenem unschuldsgleichen Schnee Auf Ronas riesger Wolkenhöh'; Von jeder Erdenfarbe rein. Scheint er ein Himmelsteil zu sein. – Doch von des Sturmes wilder Kraft Wird schleunig er hinweggerafft, Und nur zerstörend stürzt die Flut, Vom Fels herab mit grimm'ger Wut.« Den Udaller erfüllte diese Antwort mit großem Zorn... »Beim Gebein des Märtyrers,« rief er aus, und sein kräftiges Gesicht färbte sich dunkelrot, »das nenn ich Höflichkeit mißbrauchen, und hätte es irgend wer anders als Ihr gewagt, den Namen Meiner Tochter mit Zerstörung zusammenzubringen, hätte er besser getan, seiner Zunge einen Zaum anzulegen! doch komm nur heraus, Du schwarzgallige Hexe,« fügte er gleich mit gutmütigem Lächeln hinzu, »ich hätte eben bedenken sollen, daß Du nicht lange Freude an einer Sache haben kannst, die nach Fröhlichkeit schmeckt. Nun, Gott helfe Dir.« Seine Aufforderung erhielt aber keine Antwort, und deshalb fuhr er nach einer kurzen Weile fort: – »Sei nicht böse auf mich, gute Norna, wenn ich auch ein barsches Wort gesprochen – Du weißt, ich meine es gut mit jedermann und zumal mit Dir, – komm, komm, wir wollen Frieden machen! – Kein Wort hätt ich verloren und wenn Du mir Schiffsunglück oder schlimmen Fang vorgesagt hättest; aber Minna und Brenda, weißt Du, gehen mich näher an. – Noch einmal, komm heraus, gib mir die Hand und laß die Sache aus sein.« Norna gab indes auf keine seiner Aufforderungen Antwort, und die Gäste blickten einander schon verwundert an; da hob der Udaller den Vorhang und sah plötzlich, daß der Raum leer sei. In das Staunen der Anwesenden mischte sich nun Furcht; denn daß Norna aus ihrem verborgenen Winkel entweichen konnte, ohne von der Gesellschaft gesehen zu werden, schien ein Ding der Unmöglichkeit – und doch war sie fort. Der Udaller ließ nach kurzem Besinnen den Vorhang wieder hinab. »Wir kennen, meine Freunde,« sprach er mit heiterm Gesicht, »meine Muhme ja sämtlich lange genug, um zu wissen, daß ihre Wege nicht die der gewöhnlichen Menschen auf Erden sind. Aber sie meint es gut mit Shetland und liebt mich und mein Haus wie eine Schwester, und keiner von meinen Gästen braucht Böses von ihr zu fürchten, noch sich beleidigt zu glauben! zur Mittagszeit wird sie ohne Zweifel wieder bei uns sein.« »Nun, Gott behüte uns,« rief Jungfer Baby Yellowley, zu Lady Glowrowrum gewandt, »ich mag solche alten Weiber nicht, die da kommen und gehen können wie ein Sonnenstrahl oder wie ein Wirbelwind.« »Sprecht leiser, leiser,« warnte Lady Glowrowrum, »und laßt uns Gott danken, daß die Alte die Wand nicht mit sich fortgenommen hat. Ihresgleichen hat schon tollere Streiche gemacht, und auch sie hat es nicht daran fehlen lassen.« Gemurmel durchflog die Gesellschaft, bis des Udallers Stentorstimme die Gäste aufforderte, ihm zur Bucht zu folgen, wo die Boote bereit lägen, zum Fischfang in hohe See zu gehen. »Den Wind haben sie,« sagte er, seit Sonnenaufgang zurückgehalten; nun aber sei er günstig, und es soll nicht länger mit der Ausfahrt gesäumt werden.« Drittes Kapitel. Lebt wohl, muntre Mädchen, mit Spiel und Gesang, Eure Burschen, sie schiffen das Meer nun entlang, Nur Hunger und Mühe wird Losung uns sein, Eh' wir uns zum fröhlichen Tanz wieder reih'n. Wir tanzen in Booten aus nordischem Baum Jetzt lustig mit Robben auf wogendem Raum: Mag pfeifen das Lüftchen, nur pfeif es gescheit. Die Möwe sie sei unsere Sängerin heut. Sing lustig, mein Vogel, wir jagen voll Mut Die wellen-durchschneidende schwimmende Brut; Und zogen der Fische erst viel wir heraus. Sing lauter, mein Vogel, auch Dein ist der Schmaus. Drum rührt Euch, Gesellen mit mutigem Blick, Wir kehren dann schneller zum Tanz auch zurück, Denn, freudenleer, ist ja das Leben nur Tod, Und Arbeit und Jubel heißt Magnus' Gebot. Unter den Klängen dieses Liedes stachen die Boote in See, und noch lange erklang die rauhe Melodie im Verein mit dem Wehen des Windes und dem Geplätscher der Wogen, und die Boote schwebten, kleiner und kleiner werdend, zuletzt wie schwarze Punkte, noch lange auf der Oberfläche des Ozeans, aber noch immer waren die Stimmen der Fischer zwischen denen der Elemente, wenn auch schwächer und schwächer, zu vernehmen. Die Fischerfrauen blickten noch lange den forteilenden Segeln nach, dann kehrten sie langsam, mit niedergeschlagenen Blicken, in die Hütten zurück, um dort Vorbereitungen zum Trocknen der Beute zu treffen, mit welcher sie ihre Gatten und Freunde bald wohlbeladen heimkehren zu sehen hofften. Die Gäste, die bisher sowohl der Ausrüstung und Einschiffung der kleinen Flotte zugeschaut, als sich mit den zurückgebliebenen Frauen unterhalten hatten, begannen nun in verschiedenen Gruppen nach allen Richtungen hin, und wie es ihnen die Laune eingab, am Strande sich zu zerstreuen, um sich an dem seltsamen Helldunkel eines shetländischen Sommertages zu laben, der, obgleich ihm jener glänzende Sonnenschein abgeht, der während der schönen Jahreszeit andere Gegenden belebt, dennoch ein merkwürdig angenehmes und mildes Gepräge trägt und das Oede, Nackte der einförmigen Landschaft gewissermaßen belebt. An einem der einsamsten Orte am Ufer, wo, wie wir schon früher erwähnt, der Felsen ausgespült war und die Flut in die Höhle von Swartaster ungehindert einströmen konnte, wandelte Minna Troil mit Kapitän Cleveland. Ohne Zweifel hatte sie gerade diesen Weg gewählt, weil hier weniger als anderswo Störung zu befürchten war, denn, abgesehen davon, daß die hier sehr starke Strömung die Boote fernhielt, stand die Gegend im Rufe, daß hier eine jener Seefrauen hause, denen norwegischer Aberglaube zauberhafte und unheilbringende Eigenschaften beilegt. Eine kleine Strecke von milchweißem Sande, die unter einer der die Bucht einschließenden, steilen Felshöhen hinlief, bot Raum für einen vielleicht hundert Schritte langen Spaziergang bis zu einem dunklen Wasserstriche, der, kaum vom Winde bewegt, glatt und eben wie Glas da lag, inmitten von zwei riesigen Felsblöcken, die den Eingang der Bucht bildeten und sich oben gegeneinander neigten, gleich als wollten sie sich über dem schwarzen Strome, der sie von einander schied, zusammen schließen. Am andern Ende fand der Spaziergang seinen Abschluß durch eine riesige, fast unerklimmbare Klippe, auf der Hunderte von Seevögeln nisteten; unter ihr gähnte der Rachen jener Meereshöhle, die sich in einem Abgrund von unermeßlicher Tiefe und Ausdehnung verlor. Der Eingang zu diesem furchtbaren Schlunde bestand nicht, wie gewöhnlich, in einer einzigen, sondern in zwei gewölbten Oeffnungen, getrennt durch eine natürliche Felsensäule, die aus der Tiefe bis ganz oben in die Höhle hinaufsteigend, das gewölbte Dach zu tragen schien und so zu einem doppelten Portal der Höhle wurde, dem die Fischer und Landleute den rauhen Namen: »Satans Naslöcher« beigelegt haben. An diesem wilden, einsamen Orte, dessen Stille nur von dem Geschrei der Seevögel gestört ward, hatte Cleveland Minna Troil schon mehr als einmal getroffen, war es doch ein Lieblingsgang für sie, da er so recht mit ihrem Hange zum Wilden, Schwermütigen und Wundervollen übereinstimmte. Aber die Unterredung, in die sie vertieft waren, zog sowohl ihre Aufmerksamkeit, als auch die ihres Begleiters von dem sie umgebenden Schauplatze ab. »Nicht leugnen läßt sich,« sprach sie, »daß Ihr dem jungen Menschen gegenüber Empfindungen Raum gegeben habt, die von Vorurteil und Heftigkeit nicht frei sind – und während Euer Vorurteil kaum erklärlich ist, läßt Eure Heftigkeit, hauptsächlich Ihres Unbedachts halber, sich in keiner Weise rechtfertigen.« »Ich hätte geglaubt,« erwiderte Cleveland, »daß der Dienst, den ich dem jungen Menschen gestern geleistet, mich von solchen Vorwürfen frei halten sollte; nicht jeder möchte sich wenigstens so nah an das furchtbare Tier gewagt haben, um einer Person willen, die ihn gar nichts angeht.« »Es ist wahr, nicht jeder hätte so gehandelt,« erwiderte Minna ernst, »aber jeder hatte es getan, den Mut und Großmut auszeichnet, ja, auch der unbesonnene Halcro, käme die Kraft bei ihm dem Mute gleich, – und auch mein Vater, obgleich er so gerechte Ursache zum Zorn gegen den jungen Mann hat, der auf so eitle, prahlerische Weise die ihm von uns bewiesene Gastfreundschaft gemißbraucht hat. Rühmt Euch also nicht zu sehr Eurer Tat, Freund, denn ich könnte auf die Vermutung geraten, daß sie Euch gar zu schwer geworden sei. Ich weiß, Ihr haltet nichts auf Mordaunt Mertoun, obgleich Ihr Euer Leben wagtet, das Seine zu retten.« »Wollt Ihr mir es denn für nichts anrechnen,« fragte Cleveland, »daß ich so lange schon den Schmerz ertrug, darüber, daß dieser unbärtige Vogelsteller zwischen mir und Minna Troil gestanden?« Er sprach in einem leidenschaftlichen, schmeichlerischen Tone, mit einer Freiheit in Wesen und Sprache, die zu dem gewöhnlichen Benehmen des schlichten Seemanns in auffallendem Kontrast standen, aber dem Mädchen galt keins von beiden als Entschuldigung. »Vielleicht,« sagte sie, »gewinnt Ihr bald und fest die Überzeugung, wie wenig Ihr zu fürchten hattet – wenn Ihr anders wirklich gefürchtet habt, daß Mordaunt Mertoun oder irgend ein anderer Interesse bei Minna Troil erwecken könnte. Ich will weder Dank noch Beteuerungen; ich würde es als den besten Beweis Eurer Erkenntlichkeit ansehen, wenn Ihr Euch mit diesem Jüngling aussöhnen oder wenigstens jeden Streit mit ihm vermeiden wolltet.« »Daß wir Freunde werden sollten, Minna, ist unmöglich,« erwiderte Cleveland, »selbst meine Liebe zu Euch, die mächtigste Leidenschaft, die je mein Herz erfüllte, kann kein solches Wunder bewirken.« »Und weshalb nicht, bitte?« fragte Minna, »es ist ja nichts Böses zwischen Euch vorgefallen, nur habt Ihr Euch gegenseitig einen wertvollen Dienst geleistet – warum könnt Ihr also nicht Freunde sein? – ich für meine Person habe mehr als einen Grund zu diesem Wunsche.« »Wie? und die Geringschätzung, mit der er von Brenda, von Euch selbst und von dem Hause Eures Vaters gesprochen, könntet Ihr vergessen?« »Ich kann alles verzeihen,« erwiderte Minna; »und Ihr nicht auch? trotzdem Euch im Grunde genommen keine Beleidigung zugefügt worden?« Cleveland blickte vor sich hin und schwieg einen Augenblick; dann sah er auf und entgegnete: »Leicht wäre es mir, Euch zu täuschen, Euch zu versprechen, was, wie mir mein Inneres sagt, ewig Unmöglichkeit bleiben wird; aber ich bin leider zu oft genötigt, andere zu betrügen, und mag solch Unrecht nicht an Euch tun. Ich kann nicht Freund mit diesem jungen Menschen sein; – eine natürliche Abneigung – ein instinktmäßiger Widerwille – ein gewisses Etwas zwischen uns und in uns macht uns einander verhaßt. Fragt ihn nur selbst – er wird Euch sagen, daß ihn die gleiche Antipathie beherrscht. Die Schuld gegen ihn hat meinen Gefühlen gegen ihn einen Zaum angelegt; aber dieser Zwang hat mich so erbittert, daß ich an dem Gebiß genagt hätte, bis mir die Lippen bluteten.« »Ihr habt Eure sogenannte Eisenmaske,« erwiderte Minna, »solange getragen, daß Eure Züge ihre rauhen Spuren auch noch dann zeigen, wenn Ihr sie abgenommen.« »Ihr tut mir unrecht, Minna,« antwortete Cleveland, »und zürnt auf mich, weil ich ehrlich und aufrichtig bin. Aber ehrlich und aufrichtig muß ich dennoch dabei bleiben, daß ich nie Mertouns Freund sein kann, daß es aber nur seine eigene Schuld und nicht die meine sein wird, wenn ich sein Feind werde. Ich trachte nicht danach ihm zu schaden, aber verlangt auch nicht, daß ich ihn lieben soll; und seid überzeugt, daß ein solcher Versuch von meiner Seite auch nur vergebliche Bemühung wäre; denn so wie ich mich seinem Vertrauen nähern wollte, würde ich nur seinen Argwohn und seine Abneigung wecken. Ueberlaßt uns unsern natürlichen Gefühlen, die, da sie uns ohne Zweifel so weit wie möglich voneinander entfernt halten werden, am leichtesten jeden persönlichen Zwist verhindern können. – Genügt Euch das?« »Es muß,« erwiderte Minna, »weil Ihr mir sagt, daß es nicht anders sein kann. – Und nun sprecht, warum saht Ihr so ernst aus, als Ihr die Ankunft Eures zweiten Schiffes vernahmt? denn das zu Kirkwall ist Euer Gefährte, ich zweifle nicht daran.« »Ich fürchte,« antwortete Cleveland, »daß die Ankunft dieses Schiffes und seiner Mannschaft meine liebsten Hoffnungen zerstören wird. Schon hatte ich die Gunst Eures Vaters gewonnen, und mit der Zeit hätte ich mich sicher darin gefestigt; nun aber langen Allured und Hawkins an, meine Aussichten auf immer zu vernichten. Ich sagte Euch, unter welchen Umständen wir uns verließen. Damals befehligte ich ein Schiff, stärker und besser als das ihre, mit einer Mannschaft, die auf meinen leisesten Wink selbst mit einem Heer von Teufeln angebunden hätte, und wären sie auch mit ihren eigenen feurigen Elementen bewaffnet gewesen; jetzt aber stehe ich allein, ein einzelner, aller Mittel beraubt, sie zu überwältigen oder im Zaum zu halten; und sie werden nun unverzüglich ihren Hang zur Zügellosigkeit dergestalt an den Tag legen, daß ihr und mein Ruin die unausbleiblichen Folgen davon sein werden.« »Seid deswegen unbesorgt,« erwiderte Minna, »mein Vater wird nie so ungerecht sein, Euch für Beleidigungen anderer verantwortlich zu machen.« »Aber was wird Magnus Troil zu einer Kränkung durch mich selbst sagen, schöne Minna?« fragte Cleveland. »Mein Vater,« entgegnete Minna, »ist ein Norweger, ein Mann aus unterdrücktem Stamme; gleichviel wird es ihm sein, ob Ihr gegen die Spanier, die Tyrannen der neuen Welt, oder gegen die Engländer und Holländer fochtet, die ihre usurpierte Herrschaft ererbten. Seine eigenen Vorfahren hielten die Freiheit der See in jenen mutigen Barken aufrecht, deren Wimpel der Schrecken von Europa waren.« »Nichtsdestoweniger fürchte ich,« antwortete Cleveland lächelnd, »daß der Abkömmling eines Seekönigs eben nicht sehr geneigt sein dürfte, den Räuber der neuern Zeit für eine passende Bekanntschaft zu halten. Ich habe Euch nicht verborgen, daß ich Ursache habe, die englischen Gesetze zu fürchten, und Magnus, obgleich er ein großer Feind von Auflagen, Taxen und dergleichen, dehnt doch diese freie Denkweise nicht auf Punkte von allgemeinem Charakter aus; – er würde bereit sein, selbst einen Strick für den unglücklichen Buccaneer zu liefern.« »Glaubt das nicht,« sagte Minna, »er selbst leidet zuviel durch die Unterdrückung unserer stolzen Nachbarn, der Shetländer; bald, hoffe ich, wird er selbst im stande sein, zum Widerstande gegen sie aufzustehen. Die Feinde – so will ich sie nennen – sind unter sich selbst uneins, und jedes Schiff von ihrer Küste bringt Nachrichten von neuen Unruhen, – die Hochländer streiten gegen die Leute im Unterland, – Anhänger Wilhelms gegen die Jakobs, – die Whigs gegen die Tories, mit einem Worte, das Königreich von England gegen das von Shetland. Was verhindert uns, wie es auch Claud Halcro richtig genug bemerkte, die Uneinigkeit dieser Räuber zu benutzen, um die Unabhängigkeit, die man uns stahl, wiederzugewinnen?« »Und die rabenschwarze Standarte auf dem Schlosse von Scalloway aufzupflanzen,« fuhr Cleveland, in ihre Rede einfallend fort, »und Euren Vater als Graf Magnus der Erste zu proklamieren!« »Graf Magnus der Siebente, wenn es Euch gefällt,« erwiderte Minna, »denn schon sechs seines Stammes trugen die Grafenkrone vor ihm. – Ihr lacht über meinen Eifer – aber was könnte alledem entgegentreten?« »Nichts,« erwiderte Cleveland, »weil es nie versucht werden wird! Mancherlei aber könnte es verhindern, was an Macht einem englischen Kriegsschiffe gliche.« »Ihr blickt mit Verachtung auf uns,« antwortete Minna, »doch sollte Euch selbst ja bekannt sein, was einige weniger entschlossene Männer zu tun vermögen.« »Aber sie müssen bewaffnet sein, Minna!« fügte Cleveland, »und auch bereit sein, Ihr Leben in dem ersten besten verzweiflungsvollen Abenteuer aufs Spiel zu setzen. – Denkt nicht an solche Dinge! – Dänemark ist zu einem Königreiche vom zweiten Range herabgesetzt und unfähig gemacht worden, nur eine einzige volle Ladung mit England zu wechseln; auf diesen Inseln ist die Liebe zur Unabhängigkeit durch lange Unterjochung vernichtet worden und zeigt sich nur noch in halblautem Gemurmel bei Bowle oder Flasche. – Und wären ihre Männer ebenso mutige Krieger wie ihre Vorfahren, was vermöchte die unbewaffnete Schar einiger wenigen Fischerboote gegen die britische Seemacht? – Wie gesagt, denkt nicht mehr daran, schöne Minna, – es ist ein Traum, und ich muß es so nennen, obgleich der Gedanke daran Euer Auge belebt und Euren Schritt beflügelt.« »Ja, ja, es ist ein Traum,« erwiderte Minna, die Blicke senkend, »und schlecht nur steht es einer Tochter Hialtlands an, wie ein freies Weib zu denken und zu handeln, – unsere Augen dürfen nur auf dem Boden ruhen, und unsere Schritte müssen nur langsam und zögernd sein, wie die eines Menschen, der einem Zuchtmeister gehorcht.« »Es gibt Länder,« sagte Cleveland, »wo das Auge frei auf Palmen und Kokoswäldern schauen darf, wo sich der Fuß wie eine segelnde Galliote über mit Blumen durchwirkte Fluren und durch aromatisch duftende Auen leicht bewegen kann; wo jede Unterwerfung unbekannt ist, außer der des Tapfersten, und der aller unter die Gewalt der Schönheit.« Minna zögerte einen Augenblick, ehe sie antwortete. »Nein, Cleveland,« versetzte sie dann, »mein rauhes Vaterland hat, so wüst wie Ihr es auch denken mögt und so unterdrückt wie es tatsächlich ist, dennoch Reize für mich, die mir kein anderes Land auf Erden zu bieten vermöchte. Vergebens bemühe ich mich, mir jene Bäume und Wälder vorzustellen, die mein Auge nie gesehen hat, aber meine Phantasie kann sich keinen erhabnern Anblick denken als diese Wellen, wenn der Sturm sie peitscht, und keinen lieblichern, als wenn sie, wie jetzt, in ungetrübter Ruhe, ans Ufer heranrollen. Nicht die herrlichste Szene in einem fremden Lande – nicht der glänzendste Sonnenstrahl, der je die köstlichste Landschaft beschien, könnte meine Gedanken, selbst nur auf einen Augenblick, von den erhabnen Klippen, den nebelumhüllten Felsen und dem weit hinaus wogenden Ozean abziehen. – Hialtland ist das Land meiner Vorfahren, das Land meines noch lebenden Vaters; auf Hialtland will ich leben und sterben.« »Dann will auch ich auf Hialtland leben und sterben,« rief Cleveland. »Ich begebe mich nicht nach Kirkwall, denn meine Gefährten sollen von meinem Dasein nichts erfahren, konnte ich mich ihnen anderwärts doch kaum entziehen. Euer Vater liebt mich, Minna; wer weiß, ob stete Aufmerksamkeit und Fürsorge ihn nicht endlich bestimmen könnten, mich in seine Familie aufzunehmen. Wer möchte wohl die Länge der Reise scheuen, wenn das Ende Glückseligkeit verheißt?« »Träumt nicht von einem solchen Erfolge, er ist unmöglich,« sagte Minna, »so lange Ihr in dem Hause meines Vaters wohnt, – so lange Ihr seinen Beistand empfangt und sein Mahl teilt, werdet Ihr ihn immer als einen großmütigen Freund und herzlichen Wirt erblicken, aber berührt nur etwas, was auf seinen Namen und seine Familie Bezug hat, und der freimütige Udaller wird augenblicklich vor Euch dastehen als der stolze Abkömmling eines norwegischen Jarls. Ein augenblicklicher Verdacht ist auf Mordaunt Mertoun gefallen, und er hat den Jüngling aus seiner Gunst verbannt, den er noch vor kurzem wie einen Sohn liebte. Nur einer wird sich mit seinem Hause verbinden, der von untadelhafter nordischer Abkunft ist.« »Das kann bei mir sehr wohl der Fall sein, wenigstens so weit mir etwas davon bekannt ist,« erwiderte Cleveland. »Wie? Ihr von nordischer Abkunft?« fragte Minna. »Ich habe Euch ja schon gesagt,« antwortete Cleveland, »daß ich von meiner Familie gar nichts weiß; ich verlebte meine früheste Jugend auf einer einsamen Pflanzung auf dem Schildkröteneiland unter Aufsicht meines Vaters, der damals ein ganz anderer Mann war, als er späterhin wurde. Wir wurden von Spaniern beraubt, und gerieten in solche Armut, daß mein Vater in seiner Verzweiflung und seinem Rachedurst die Waffen ergriff und als Häuptling einer kleinen Schar, die sich in demselben Verhältnis befand, Flibustier wurde, wie man diese Aufwiegler gegen spanisches Joch nannte – und mit wechselndem Glück gegen Spanien kreuzte, bis er, als er den Gewalttätigkeiten seiner Gefährten Einhalt tun wollte, unter ihren Händen fiel. Aber woher mein Vater stammte und wie sein Geburtsland hieß, weiß ich nicht, schöne Minna, noch habe ich je mich darum gekümmert.« »Er war also Wohl ein Brite, Euer unglücklicher Vater?« fragte Minna. »Ich zweifle nicht daran,« erwiderte Cleveland; »sein Name, zu furchtbar, um ihn öffentlich zu nennen, lautet englisch; und seine Kenntnis der englischen Sprache und Literatur sowie die Mühe, die er sich in früherer Zeit gab, mich darin zu unterrichten, sind mir Bürgschaft für seine englische Abkunft. Und allein meinem Vater verdanke ich jene besseren Gefühle und Grundsätze, die mich Eurer Aufmerksamkeit und Eures Beifalls einigermaßen würdig machen. Bei dem allen scheint es mir aber oft, als wohnten mir zwei verschiedene Charaktere inne, denn es kommt mir fast unglaublich vor, daß ich ein und derselbe sei, wenn ich mich hier an dem einsamen Strande mit Minna Troil sehe, dem lieblichsten Mädchen, das je mein Auge sah und ihr mein Herz ausschütten darf – mit dem unerschrockenen Anführer jener kühnen Bande, deren Name dem Sturmwind gleich Furcht und Angst verbreitete.« »Solch kühne Sprache gegen die Tochter von Magnus Troil wäre Euch nicht erlaubt, wäret Ihr nicht der tapfere, unerschrockene Anführer, der mit so geringen Mitteln seinen Namen so furchtbar machte. Mein Herz kann, wie bei den Jungfrauen früherer Tage, eben nicht durch schöne Worte, sondern nur durch mutige Taten gewonnen werden.« »Ach, dieses Herz!« rief Cleveland; »was kann ich tun – was kann ein Mann tun, seine Teilnahme zu erwecken?« »Begebt Euch zu Euren Freunden – verfolgt Euer Glück und überlaßt das übrige dem Schicksale,« antwortete Minna; – »wenn Ihr einst wiederkehrt als der Befehlshaber einer mächtigen Flotte, wer weiß, was geschehen kann?« »Und wer steht dafür, daß, wenn ich wiederkehre – überhaupt je zurückkehre – Minna Troil nicht die Braut oder Gattin eines andern ist? – Nein, Minna, nicht der Laune des Schicksals will ich den einzigen Gegenstand anvertrauen, den ich auf meinem stürmischen Lebenspfade erstrebenswert fand.« »Hört mich an, »sagte Minna; »ich will mich, wenn Ihr anders ein solches Verhältnis eingehen könnt, durch das Versprechen Odins, jenen heiligsten der alten nordischen Gebräuche, der noch unter uns aufrecht erhalten wird, an Euch binden und Euch geloben, nie einem andern meine Gunst zu schenken, bis Ihr etwa selbst auf die Ansprüche verzichten solltet, die ich Euch eingeräumt habe. – Wird Euch das genügen? – Mehr kann ich – mehr will ich nicht geben.« »So bin ich,« antwortete Cleveland nach einer Pause, »gezwungen, damit zufrieden zu sein, aber erinnert Euch, daß Ihr selbst mich in ein Leben zurückjagt, das die Gesetze des Königreichs England als Verbrechen brandmarkten – zu einem Gewerbe zurücktreibt, das durch die kühnen Männer, die es ausübten, mit Schimpf und Schande bedeckt ward.« »Ich bin über solche Vorurteile erhaben,« erwiderte Minna, »im Kriege gegen England betrachte ich ihre Gesetze nur, als ob Ihr gegen einen Feind kämpftet, der in der Fülle seines Stolzes und seiner Macht erklärte, seinem Gegner keine Gnade zugestehen zu wollen ... Ein braver Mann wird darum nicht schlechter, und Missetaten Euer Gefährten können Eurem Rufe nicht zum Schaden sein.« Cleveland blickte sie mit staunender Bewunderung an, in die sich aber auch ein Lächeln über ihre Einfalt zu stehlen schien. »Ich hätte nicht geglaubt,« sprach er, »daß ein so hoher Mut mit solcher Unkenntnis der Gegenwart vereint zu finden sei. Und hinsichtlich meines Betragens werden die, die mich am besten kennen, gerne bekennen, daß ich auf Gefahr meines Einflusses, ja meines Lebens hin, stets alles mögliche getan habe, die Wildheit meiner Gefährten im Zaume zu halten; aber wie kann man Menschen Menschlichkeit lehren, die vor Rache gegen eine Welt glühen, die sie ausgestoßen hat? Wie kann man sie zur Mäßigung in den Freuden bewegen, die der Zufall ihnen in den Weg streut zur Abwechslung in einer Lebensbahn, die sonst nur eine fortgesetzte Reihe von Gefahren und Mühseligkeiten wäre? Aber dieses Versprechen, der einzige Lohn meiner treuen Anhänglichkeit – laßt es mich wenigstens ohne Verzug empfangen.« »Nicht hier, nur in Kirkwall kann ich es ablegen. – Wir müssen zum Zeugen unseres Bündnisses den Geist anrufen, der über dem alten Ringe von Stennis schwebt; doch vielleicht fürchtet Ihr Euch, den Namen des greisen Vaters der Erschlagenen, den Namen des Ernsten und Schrecklichen, zu nennen?« Cleveland lächelte,. »Seid wenigstens so gerecht, mir einzuräumen, Minna, daß ich selbst von Furcht vor wirklichen Schrecken so gut wie nichts kenne, und daß Furcht vor Geistern keinen Eindruck auf mich macht.« »Ihr glaubt also nicht daran,« sprach Minna, »und eignet Euch also besser zu einem Liebhaber für Brenda als für mich.« »An alles will ich glauben, woran Ihr selbst nur glaubt,« erwiderte Cleveland; »alle Bewohner Walhallas, von dem Ihr Euch so oft mit dem alten Narren Halcro unterhaltet, – sie alle sollen für mich zu lebendigen und wirklichen Wesen werden. Aber, Minna, verlangt nicht von mir, daß ich mich vor ihnen fürchte!« »Furcht! nein – sie fürchten, nein!« entgegnete die Jungfrau; »denn weder vor Thor noch vor Odin, wenn sie mit all ihren Schrecken naheten, wichen wir zurück. Aber mit solchen prahlerischen Worten bietet Ihr einem Gegner Trotz, wie Euch noch keiner entgegentrat.« »Nicht in dieser nördlichen Breite, wo wir bisher nur Engel begegneten,« antwortete ihr Geliebter mit einem Lächeln, »aber ich habe mit den Dämonen der Linie zu schaffen gehabt, die wir Räuber für eben so mächtig und boshaft halten, wie die des Nordens.« »Habt Ihr denn jene Wunder erblickt, die über der sichtlichen Welt erhaben sind?« fragte Minna mit einem Anflug von Furcht. Cleveland nahm ein ruhiges Gesicht an und erwiderte: – »Kurze Zeit vor dem Tode meines Vaters wurde mir, obgleich ich damals noch sehr jung war, der Befehl über eine Schaluppe anvertraut, mit dreißig der entschlossensten Kerle bemannt, die je die Muskete führten. Wir kreuzten lange mit schlechtem Erfolg, denn wir nahmen nichts als armselige Fahrzeuge, die entweder auf Schildkrötenfang auszogen oder nur mit andern erbärmlichen Dingern beladen waren. Endlich verloren wir die Geduld und beschlossen, bei einem Dorfe ans Land zu gehen, wo wir auf die mit Schätzen beladenen Maultiere eines spanischen Gouverneurs treffen sollten. Wir nahmen den Platz, aber während ich bemüht war, die Bewohner der Wut meiner Gefährten zu entreißen, entflohen die Maultiere mit ihrer köstlichen Ladung in den nahen Wald. Dieser Vorfall nahm mir ganz die Gunst meiner Untergebenen; längst schon mit mir unzufrieden, brachen sie in völligen Aufruhr aus. In einer feierlichen Beratung ward ich meines Amtes entsetzt und, als zu menschlich für unser Gewerbe, verurteilt, an eine jener kleinen, buschigen Inseln ausgesetzt zu werden, die in Westindien unter dem Namen Kays bekannt sind und nur von Schildkröten und Seevögeln bewohnt werden. Auf vielen von ihnen sollen Dämonen Hausen, auf andern Geister von indianischen Häuptlingen, die von den Spaniern, um ihnen das Geständnis ihrer verborgenen Schätze abzupressen, zu Tode gefoltert wurden. Mein Verbannungsort, Coffin-Kay genannt, ungefähr anderthalb Meilen südöstlich von Bermudas gelegen, war als Wohnsitz übernatürlicher Bewohner dergestalt berüchtigt, daß ich überzeugt bin, nicht Mexikos ganzer Reichtum hätte einen einzigen der Bösewichter, die mich ans Land setzten, bewegen können, dort bei hellem Tage auch nur eine einzige Stunde allein zu bleiben. Und hier ließen sie mich nun auf einem dürren, sandigen Flecke zurück, mitten im unbegrenzten atlantischen Meere und, ihrem Wahne nach von schlimmen Dämonen gepeinigt.« »Und was geschah?« fragte Minna lebhaft, »Ich fristete mein Leben,« antwortete der Abenteurer, »von Seevögeln, die dumm genug waren, mich soweit herankommen zu lassen, daß ich sie mit meinem Stecken totschlagen konnte, und von Schildkröteneiern, als die Vögel gescheiter wurden und meine Nähe flohen.« »Und die Dämonen, von denen Ihr spracht?« unterbrach ihn Minna. »Ich hatte eine geheime Furcht vor ihnen,« sagte Cleveland, »bei hellem Tage oder in völliger Dunkelheit zwar nicht, aber in der Nebeldämmerung des Morgens, oder wenn der Abend zu grauen anfing, sah ich in den ersten Wochen viel dunkle undeutliche Gespenster: bald an einen Spanier im weiten Mantel mit dem breiten Hut, bald an einen holländischen Matrosen mit der rauhen Kappe und in den Pluderhosen, bald an einen Indianer mit Federkrone und Rohrlanze erinnernd.« »Und Ihr habt nie versucht, sie anzusprechen?« »Ich trat jedesmal näher,« erwiderte der Seemann; »aber, immer – es tut mir leid, Eure Erwartung täuschen zu müssen, schöne Freundin, – wurde das Gespenst entweder zu einem Busch oder einem Stück Treibholz oder einem Nebelkreis oder irgend einem andern harmlosen Dinge; bis ich mich nicht länger durch solche Gebilde quälen ließ, und mich vor Gespenstern so wenig auf meiner Insel fürchtete, wie in der Kajüte eines Schiffes, im Kreise meiner Gefährten.« »Aber wie lange bliebt Ihr denn auf der Insel?« sagte Minna. »Vier Wochen lang habe ich dort ein elendes Dasein geführt,« antwortete Cleveland, »als ich endlich durch Fischer, die an der Insel anlegten, um Schildkröten, zu fangen, erlöst wurde. Aber die Zeit war mir nicht fruchtlos verstrichen, denn auf dem dürren Sandfleck fand ich die Eisenmaske, die mir seitdem zur Schutzwehr gegen Verräterei und Aufruhr geworden ist. Dort reifte der Entschluß in mir, das Uebergewicht, das mir Erziehung und Kenntnis gaben, das mich aber meinen Kameraden verhaßt machte, auf die roheste Weise in Geltung zu setzen, mir durch gefühllose Härte Einfluß zu sichern. Kurz, ich lernte, daß sich Herrschaft nur behaupten lasse, wenn ich wenigstens dem Aeußern nach denjenigen gleiche, über die ich sie ausüben wollte. Da traf mich die Kunde von dem Schicksal meines Vaters und entflammte mich. zu Zorn und Rache, denn er war als Opfer seines höheren Geistes und seiner bessern Sitten gefallen; bei seinen Leuten hieß er immer nur der vornehme Herr, und nur weil sie meinten, daß er auf eine günstige Gelegenheit warte, um sich auf ihre Kosten mit der besseren Gesellschaft auszusöhnen, gaben sie ihm den Tod. Bald stand ich wieder an der Spitze einer Schar von Abenteurern: doch nicht diejenigen suchte ich, die mich ausgesetzt, sondern die Schurken, die meinen Vater verraten hatten, und meine Rache war so schrecklich, daß alle, die mich früher gekannt, den mit mir vorgegangenen Wandel den Dämonen zuschrieben, die ihrer Meinung nach auf dem Sande vom Coffin-Kay ihr Wesen trieben: ja manche waren abergläubisch genug, zu sagen, daß ich ein Bündnis mit denselben eingegangen sei.« Er hielt inne, fuhr aber, da Minna still blieb, nach einer Pause fort: »Ihr schweigt, Miß Troil, und ich mag mir wohl durch meine Offenherzigkeit bei Euch geschadet haben; in Wahrheit aber kann ich behaupten, daß meine natürlichen Anlagen durch diese unheilvollen Verhältnisse, wenn auch unterdrückt, doch nicht erstickt wurden.« »Ich bin ungewiß,« entgegnete Minna nach kurzem Besinnen, »ob Ihr so offenherzig gewesen wäret, hättet Ihr nicht gewußt, daß ich bald Eure Kameraden sehen und durch sie erfahren würde, was Ihr sonst vielleicht gern verborgen gehalten hättet.« »Ihr tut mir Unrecht, Minna! grausames Unrecht! Von dem Augenblick an, wo Ihr mich als Abenteurer, Flibustier oder, wenn Ihr das rechte Wort verlangt, Seeräuber kanntet, durftet Ihr nicht weniger erwarten, als ich Euch erzählt habe.« »Ihr sprecht nur zu wahr,« versetzte Minna, »als daß ich anderes hätte erwarten sollen, und ich weiß nicht, wie ich es anders erwarten konnte. Aber es schien mir, als schlösse der Krieg gegen die grausamen und abergläubischen Spanier etwas Erhabenes in sich, das dem furchtbaren Gewerbe, dem Ihr soeben seinen rechten Namen beigelegt, einen Hauch von edler Art verleihe – als müßten die Helden der westlichen Meere den Söhnen des Nordens gleichen, die in langen Gallioten an so manchen Küsten die Sünden des entarteten Roms zu rächen wußten. So dachte ich, so träumte ich – schmerzlich fühlte ich, daß ich erwacht und enttäuscht bin. Aber ich lege Euch den Irrtum meiner Phantasie nicht zur Last. Lebt wohl. Wir müssen uns jetzt trennen.« »So sagt mir wenigstens,« antwortete Cleveland, »daß Ihr nicht mit Entsetzen auf mich blickt, weil ich die Wahrheit redete.« »Ich muß Zeit zur Ueberlegung haben,« sagte Minna, »muß wägen können, was Ihr gesprochen, bevor ich meine Gefühle völlig begreifen kann. So viel aber kann ich schon jetzt sagen, daß der Mann, der mit Grausamkeit dem elenden Seeräuberhandwerk obliegt, der seine Gewissensbisse unter einer rohen Außenseite zu verbergen suchen muß, nie der Geliebte sein kann, den Minna Troil in Cleveland zu finden meinte – und daß, wenn sie ihn dennoch liebt, sie ihn nur noch als Büßer, nicht aber als Helden mehr lieben kann.« Nach diesen Worten entwand sie sich ihm, – (denn noch immer suchte er sie zurückzuhalten), – und winkte ihm gebieterisch, ihr nicht zu folgen. – – – »Da geht sie,« sprach Cleveland, ihr nachblickend, »ungestüm und launenvoll, wie sie ist – ha! darauf war ich nicht vorbereitet. Sie erschrak nicht, als ich ihr mein gefährliches Handwerk nannte, aber die schlimmen Seiten desselben überraschten sie; und nun ist mein ganzes Verdienst, einem nordischen Kämpen oder einem Seekönig zu gleichen, auf einmal verloren, weil eine Seeräuberbande keine Aehnlichkeit mit einer Heiligenschar aufweist... Ich wollte, Nackam, Hawkins und alle andern lägen tief unten im Schlunde von Portland ... Ich wollte, das Pentland-Haff hätte sie an den Strand der Hölle gespült statt nach Orkney hinauf... Aber ich will die Jagd auf diesen Engel nicht aufgeben, was auch jene Teufel unternehmen können... Ich will – ich muß nach Orkney, bevor der Udaller dort anlangt; denn unser Zusammentreffen möchte selbst seinen rohen Verstand in Schrecken setzen; obgleich man, Gott sei Dank! in diesem rauhen Lande uns nur von Hörensagen, durch unsre alten Freunde, die ehrlichen Holländer kennt, die sich gar wohl in acht nehmen, schlecht von Leuten zu reden, durch die sie Geld verdienen. – Stände Fortuna mir jetzt bei diesem schwärmerischen Weibe zur Seite, nie wollte ich ihr Glücksrad ferner auf den Wellen verfolgen, sondern hier – hier unter diesen Felsen mich ruhig niederlassen, so glücklich, als wären es eben so viele Bananen- und Palmenhaine.« Unter solchen Betrachtungen kehrte Cleveland, der Seeräuber, nach dem Herrenhause von Burgh-Westra zurück. Viertes Kapitel. Wir wollen nicht bei den Festlichkeiten dieses Tages verweilen, von denen wir nichts zu berichten wüßten, was die besondere Teilnahme unserer Leser erregen könnte. Die Tafel seufzte unter dem gewöhnlichen Ueberfluß – die Punschbowle ward mit dem gewöhnlichen Eifer gefüllt und geleert – die Männer zechten, die Weiber lachten – Claud Halcro reimte und sang, und der Udaller trank und sang, und der Abend endete wie gewöhnlich in dem Tanzraume. Dort war es, wo Cleveland zu dem zwischen seinen Töchtern sitzenden Hausherrn trat und diesem seine Absicht mitteilte, sich nach Kirkwall in einer kleinen Brigg zu begeben, die Bryce Snailsfoot, der mit seinem Warenlager unglaublich schnell aufgeräumt, gedungen hatte, um neuen Vorrat zu holen. Magnus Troil, hierdurch nicht eben angenehm berührt, fragte Cleveland in scharfem Tone, seit wann er die Gesellschaft des Hausierers der seinigen vorzuziehen gelernt habe. Cleveland antwortete mit seiner derben Offenheit: »daß Zeit und Flut auf niemand warte, und daß er seine eigenen Gründe habe, sich früher als der Udaller nach Kirkwall zu begeben, – daß er aber hoffe, ihn mit seinen Töchtern dort zur bevorstehenden Marktzeit zu treffen und dann vielleicht in ihrer Gesellschaft nach Shetland zurückzukehren.« Unterdes hielt Brenda den Blick fest auf ihre Schwester gerichtet und bemerkte, daß deren bleiche Wangen noch bleicher wurden, daß sie die Lippen zusammenpreßte und die Brauen leicht verzog, so sehr sie sich auch bemühte, diese Zeichen einer gewaltsamen innern Bewegung zu unterdrücken. Aber sie sprach nicht, und als Cleveland dem Udaller Lebewohl gesagt und sich, der Sitte gemäß, auch ihr näherte, hörte sie seine Abschiedsworte an, ohne etwas darauf zu erwidern. Aber auch ihrer Schwester stand eine Prüfung bevor, denn Mordaunt Mertoun, einst der besondere Günstling ihres Vaters, nahm jetzt Abschied, ohne auch nur einen einzigen freundlichen Blick von ihm zu erhalten; ja es lag in dem Ton, mit dem Magnus dem Jüngling eine glückliche Reise wünschte und ihm empfahl: »wenn er unterwegs ein hübsches Mädchen treffen sollte, nicht gleich zu denken, sie sei in ihn verliebt, wenn er sie lächeln sähe« – ein solcher Spott, daß Mertouns Wangen erglühten; aber er dachte an Brenda und nahte sich, die Kränkung hinnehmend, den Schwestern, um Abschied von ihnen zu nehmen. Minna, jetzt milder gegen ihn gestimmt, nahm sein Lebewohl nicht ohne Teilnahme auf; Brenda aber verriet ihre freundlichen Gesinnungen gegen ihn durch eine Träne so deutlich, daß es selbst dem alten Udaller nicht entging, der halb verdrießlich ausrief: »Was, soll das heißen, Mädchen? das mag alles gut sein, denn er war ein alter Bekannter; aber Du kennst meinen Willen und weißt, daß er es nicht länger sein soll.« Mordaunt, langsam aus dem Hause tretend, hatte die neue Kränkung zwar nur halb vernommen und wandte sich um, in der Absicht, etwas darauf zu erwidern; gab aber, als er sah, daß Brenda das Gesicht mit dem Schnupftuch bedeckte, um ihre Bewegung zu verbergen, seinen Vorsatz auf – denn der Gedanke, daß sie über seinen Weggang bekümmert sei, tilgte im Nu jeden Groll an die Unfreundlichkeit des Vaters. Er ging, die andern Gäste folgten seinem Beispiel; und viele von ihnen nahmen, wie Cleveland und er, noch an diesem Abend Abschied, um am nächsten Morgen sich nach den heimatlichen Hütten zurück zu begeben. Minna und Brenda, deren Kummer zwar das verschlossene Wesen, das sich zwischen sie eingedrängt hatte, nicht ganz entfernen konnte, aber doch das Eis ihrer Herzen schmolz, hielten sich umschlungen und weinten bitterlich – und wenn auch keine von ihnen sprach, so wurden sie einander doch mit jedem Augenblick teurer; denn sie fühlten, daß die Tropfen, die ihren Augen entquollen, aus einer und derselben Ursache flossen. Und wenn auch Brendas Tränen reichlicher strömten, so war Minnas Gram dennoch tiefer, denn lange nachdem sich die Jüngere an dem Busen ihrer Schwester, einem Kinde gleich, in den Schlaf geseufzt, lag Minna noch wachend, vertieft in die kummervollen Gedanken, die noch immer Tränen aus ihren Augen lockten. Da vernahm sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung plötzlich die Töne einer nahen Musik unter ihrem Fenster. Anfangs hielt sie es für eine Grille von Claud Halcro, dessen Uebermut sich dann und wann in solchen Serenaden äußerte. Aber es war nicht die Geige des alten Sängers, sondern eine Guitarre, deren Töne ihr Ohr berührten, ein Saitenspiel, das auf diesen Inseln niemand als Cleveland zu spielen verstand, der während seines Umganges mit den südamerikanischen Spaniern dieses Instrument mit ungemeiner Fertigkeit zu handhaben gelernt hatte. Vielleicht hatte er dort auch das Lied gelernt, das er jetzt unter dem Fenster eines thulischen Mädchens sang, und das besser in jenen als diesen so nördlichen rauhen Himmelsstrich zu passen schien, denn es sprach von irdischen Freuden, die hier in, diesem wilden Klima unbekannt waren: 1. Deckt Schönheit Schlummer, Wacht Liebeskummer, Und singt sein Klagelied allein. Laß Harmonie, Die Melodie, Sanft wie ihr Ruhelager sein. 2. Durch Palmengebüsche Haucht Balsamfrische, Belebend ringsum die Natur, Her durch die Luft Trägt Zauberduft Der reichen Blumenbeete Spur. 3. Darum erwache, Nur leise, schwache Gebilde ruft ein Traum hervor. Dein Schlaf enteile. Am Fenster weile, Und leih dem Liebesklang Dein Ohr! Clevelands Stimme war weich, voll und männlich und stimmte vortrefflich mit der spanischen Melodie überein, die zu den Worten, vermutlich eine Uebertragung aus derselben Sprache, gesetzt worden war. Seine Aufforderung wäre ohne Zweifel nicht fruchtlos geblieben, hätte Minna ihr Lager verlassen können, ohne ihre Schwester zu erwecken. Aber das war unmöglich; denn Brenda, welche, wie wir bereits erwähnt haben, vor ihrem Entschlummern bitterlich geweint hatte, ruhte jetzt an der Brust ihrer Schwester, und hatte den einen Arm um sie geschlagen, wie ein Kind, welches sich, seine Wärterin umschlingend, in den Schlaf weint. Es war daher Minna unmöglich, sich ihrem Arm zu entwinden, wenn es auch im ersten Augenblick ihre Absicht war, ihr Nachtgewand umzuwerfen und an das Fenster zu eilen, um mit Cleveland zu sprechen, welcher, wie sie nicht zweifelte, zu diesem Mittel gegriffen habe, um eine Unterredung mit ihr herbeizuführen. Dieser Zwang war allerdings ärgerlich; denn es war mehr als wahrscheinlich, daß ihr Geliebter gekommen sei, ihr sein letztes Lebewohl zu sagen; aber daß Brenda, welche jetzt feindselig gegen Cleveland gesinnt schien, erwachen und Zeuge dabei sein sollte, war ein unerträglicher Gedanke. Eine kurze Pause fand statt, in welcher Minna mehr als einmal versuchte, den Arm ihrer Schwester so sanft wie möglich von sich los zu machen, aber jedesmal, wenn sie den Versuch wagte, murmelte die Schlummernde, wie ein Kind, das man in seinem Schlafe stört, ein paar verdrießliche Töne, bis Minna sich überzeugte, daß die Schwester, wenn sie sie nicht in Ruhe ließe, wieder munter werden würde. Zu ihrem größten Verdruß sah Minna sich also genötigt, still und ruhig zu liegen; während ihr Geliebter, dem Anschein nach entschlossen, ihr Ohr durch Musik zu gewinnen, folgendes Bruchstück aus dem Liede eines Seemanns anstimmte: Lebwohl, lebwohl, Dein soll, o Leben! Mein letzter sanfter Ton noch sein, Der nächste stimmt, mit rauhem Streben, Bald in den Lärm des Seevolks ein. Die Stimme, die, Dein Auge schauend, Nur stammelte von Liebesqual, Gibt bald, den Sturmwind überschreiend, Nur roher Mannschaft das Signal. Das Auge, das emporzublicken Kaum wagte, schaut nun kühn bald auf, Und muß, dem Feind den Tod zu schicken, Scharf richten den Kanonenlauf. Das Erdenglück, das mir geboten, Der Lieb' und Hoffnung Sonnenlicht, Ich rechn' es fortan zu den Toten, Nur Deiner, ach, vergeh ich nicht. Wieder schwieg er, und aufs neue versuchte Minna, der die Serenade galt, sich aus den Armen ihrer Schwester zu winden, ohne diese zu erwecken. Es war unmöglich, und ihr blieb jetzt nur noch der traurige Gedanke, daß Cleveland, der trotz seines feurigen Temperaments sich ihrem Willen so unverdrossen fügte, in seiner Verzweiflung forteilen würde, ohne ein einziges Wort von ihr vernommen zu haben. Ach, hätte sie sich doch nur einen Augenblick wegstehlen können, um ihm Lebewohl zu sagen – um ihn vor neuem Streit mit Mordaunt Mertoun zu warnen – um ihn zu beschwören, daß er sich von den furchtbaren Gefährten losmache; – ach, wäre ihr dieses nur möglich gewesen, welche heilsamen Folgen hätten solche Ermahnungen beim Abschied auf seinen Charakter, ja, sein ganzes zukünftiges Leben haben können? Von diesem Gedanken dem Tantalus gleich gefoltert, war Minna eben im Begriff, noch einen entscheidenden Versuch zu ihrer Befreiung zu machen, als sie plötzlich Stimmen unter ihrem Fenster vernahm, die, wie sie zu unterscheiden glaubte, Cleveland und Mertoun angehörten. Es wurde ein heftiger Wortwechsel geführt, gleichsam als fürchteten sie gehört zu werden, in gedämpftem Tone. Schrecken erfaßte sie, und ihr Verlangen, aufzustehen, wurde so heftig, daß es ihr endlich gelang, sich aus Brendas Armen loszumachen, ohne die Schläferin zu wecken. Schnell und still warf sie einen Teil ihrer Kleidung über, in der Absicht, sich ans Fenster zu schleichen. Aber ehe sie dies Vorhaben noch zu Ende führen konnte, verstummten die Stimmen, und Minna vernahm nur ein heftiges Ringen und Schlagen; gleich darauf war alles still, und nur ein tiefer Seufzer drang zu ihr herauf. Hierdurch aufs höchste erschreckt, flog Minna zum Fenster und versuchte es zu öffnen, denn der Kampf hatte so dicht an der Mauer stattgefunden, daß sie nichts hätte sehen können, ohne den Kopf hinauszustecken. Der eiserne Riegel war verrostet und wollte nicht weichen, und die Eile, mit der sie ihn fortschieben wollte, erschwerte, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, die Arbeit; als es ihr endlich gelang und sie fast mit dem halben Körper zum Fenster hinaus lag, war in dem hellen Mondschein von Männern, die den Lärm bewirkt hatten, nichts als der Schatten eines um eine Ecke biegenden Körpers in langsamer Fortbewegung zu sehen: dem Anscheine nach der eines Mannes, welcher einen andern auf seinen Schultern trug: ein Umstand, der Minnas Herzensangst aufs höchste steigerte. Das Fenster war nicht über acht Fuß vom Boden entfernt; nicht einen Augenblick besann sie sich, hinabzuspringen und dem Schatten, der sie in solchen Schrecken gesetzt hatte, zu folgen. Aber als sie die Ecke erreichte, um die sie den Schatten hatte biegen sehen, zeigte sich keine Spur, welchen Weg die beiden Gestalten genommen, und nach kurzer Ueberlegung mußte sie sich sagen, daß jeder Versuch, die Verfolgung fortzusetzen, ebenso ungewiß wie fruchtlos sein müsse. Außer den zahlreichen Vorsprüngen und Vertiefungen des winkelreichen Herrenhauses und seiner vielen Nebengebäude, – außer den verschiedenen Kellern, Vorratskammern, Ställen und ähnlichen Gegenständen, die sich ihr in den Weg stellten, zog sich auch noch bis zu dem kleinen Hafen eine niedere Bergreihe hin, die eigentliche Fortsetzung der Felskette, die die Schutzwehr des Hafens bildete. In diesen Klippen waren mannigfache Höhlen, Schluchten und Vertiefungen, in denen sich der Körper, dem der Schatten angehörte, mit seiner Unglückslast leicht verbergen konnte; denn ein Unglück, davon war sie überzeugt, mußte vorgefallen sein. Minnas nächster Gedanke war, die Ihrigen wach zu rufen; aber was konnte sie ihnen mitteilen, und über wen? – Anderseits aber war dem Verwundeten, dem, ach vielleicht gar tödlich Verwundeten! – Hilfe und Beistand nötig, und von diesem Gedanken mächtig erfaßt, wollte sie eben ihre Stimme erheben, als sie diejenige Claud Halcros vernahm, der dem Anschein nach auf dem Rückweg vom Hafen begriffen war und ein Bruchstück eines alten norwegischen Liedes sang Einst sollst Du, was von mir Dir blieb, Verteilen, Mutter mein, Dem Hungrigen und Durst'gen gib, Das Weißbrot und den Wein. Und meiner Rosse große Zahl Verteil sie, Mutter mein, Und meine Güter allzumal Und meiner Schlosse neun. Doch teile meine Rache nicht, Laß ruhen jede Schuld; Den Körper laß der Erdenschicht, Die Seel' in Gottes Huld. – Der seltsame Anklang dieser Zeilen auf die Lage, in der sie sich befand, erschien Minna wie eine Warnung vom Himmel. Unsere Erzählung spielt in einem Lande des Aberglaubens und der Ahnungen; wir werden daher von Lesern kaum verstanden werden, deren nüchterne Einbildungskraft nicht fassen kann, wie mächtig solche Vorstellungen auf den menschlichen Geist einwirken; im siebzehnten Jahrhundert, und am Hofe von England, wurde eine zufällig in einem Dichter aufgeschlagene Verszeile als Verkünderin künftiger Begebenheiten betrachtet; es ist daher wohl kein Wunder, daß ein Mädchen auf den entlegenen, rauhen Shetland-Inseln Verse als eine Eingebung vom Himmel ansah, die zufälligerweise einen auf ihre Lage bezüglichen Sinn trugen. »Den Körper laß der Erdenschicht, Die Seel' in Gottes Huld« wiederholte sie leise vor sich hin, »aber,« schloß sie, »ich will schweigen und meine Lippen verschließen.« – »Wer spricht hier?« rief Claud Halcro, nicht ganz ohne Furcht; denn selbst sein langer Aufenthalt in fremden Ländern hatte seinen Aberglauben nicht völlig vertilgen können. Von Schrecken und Angst ergriffen, war Minna unfähig, auch nur eine Silbe zu antworten, und Halcro, seine Augen fest auf die große weibliche Gestalt gerichtet, die er nur undeutlich sah, denn sie stand im Schatten des Hauses, und der Morgen war trübe und nebelig, begann sie in altnorwegischen Versen zu beschwören, die ihm als gerade passend für die Gelegenheit einfielen, und die in ihrer Ursprache etwas Wildes und Ueberirdisches hatten... Sankt Magnus gebeut Dir zu weichen sofort, Sankt Ronald befiehlt Dir's mit Weisheit und Wort. Bei der Messe Sankt Martins, bei Mariens Gewalt, Verlaß diesen Ort, Du Unglücksgestalt. Willst Du Gutes, heilige Dich; Willst Böses, verschlinge die Erde Dich; Entstiegst Du der Luft, umwölke Dich, Gebar Dich die Erde, begrabe Dich. Den Zauberkreis suche als Fee, Als Nixe die See; – Doch warst Du auf Erden hier Kummersklave einst wie wir. Hast vielleicht auch Du getragen, Einst des Lebens herbe Plagen, Kehr in die Gruft, denn Dein Sarg harrt auf Dich, Dein Gespiele, der Wurm, erwartet Dich; – Fort, unsteter Geist, die Erde berge Dich! – Nur der Posaune Schall erwecke Dich! – Hinweg von hier, des Kreuzes Zeichen Gebeut Dir, eilig zu entweichen! – »Ich bin es, Halcro,« erwiderte Minna, aber in einem so leisen Tone, daß es für die Antwort eines Geistes hätte gelten können. »Du, Du?«, fragte Halcro, dessen Furcht plötzlich in das größte Staunen überging, »bei bleichem Mondschein, – wer hätte denken können, Dich, meine liebenswürdige Nacht, so in ihrem eigenen Elemente herumwandern zu sehen? – Aber Du sähest sie gewiß so gut als ich – kühn genug von Dir, daß Du ihnen folgtest.« »Wem? – Wem? –« rief Minna, in der Hoffnung, über den Gegenstand ihrer Furcht und ihrer Angst Näheres zu erfahren. »Die Totenlichter, die um den Hafen tanzten, bedeuten nichts Gutes; ich stehe dafür. Weißt Du nicht, was das alte Lied sagt:– Wenn Lichterkranz Verbreitet Glanz, – Ob's helles Tageslicht, Ob Nacht die Welt umflicht – Fehlt's auch an Leichen nicht. Ich bin schon halb bis zum Hafen gewesen, aber sie waren verschwunden; doch schien es mir, als ob ein Boot abstieße, ein Fischerboot vielleicht. –Wollte ich doch, wir hätten erst gute Nachrichten von der Fischerei – Norna verließ uns im Zorn – und jetzt diese Totenlichter! – Nun, Gott helf uns! ich bin ein alter Mann und kann nur wünschen, daß alles glücklich vorüber wäre. – Aber wie, meine schöne Minna, Tränen in Deinen Augen? Und, wie ich beim hellen Mondenschein sehe, barfuß? Gab's denn, beim heiligen Magnus, keine shetländische Wolle, weich genug für diese allerliebsten Füßchen, die so lieblich in Lunas Strahlen glänzen? Wie, Du schweigst? vielleicht böse über mein Geplauder?« fügte er mit ernstem Tone hinzu, »schäme Dich, albernes Mädchen! Bedenke, ich bin alt genug, Dein Vater sein zu können, und stets habe ich Dich wie mein Kind geliebt.« »Ich bin nicht böse,« sagte Minna, sich zum Reden zwingend, – »aber hörtet Ihr denn nichts? sie müssen an Euch vorüber gekommen, sein.« »Sie, sie? von wem sprichst Du denn?« fragte Claud Halcro, »meinst Du etwa die Totenlichter? – Nein, bei mir sind sie nicht vorüber gekommen, aber, wie ich fast vermute, bei Dir, denn Du siehst ja bleich aus wie der Tod. – Komm, komm, Minna,« fügte er hinzu, indem er eine Seitentür des Gebäudes öffnete, »solche Spaziergänge im Mondenschein taugen besser für alte Poeten als für junge Mädchen, – Und wie leicht Du gekleidet bist, Mädchen, Mädchen! Du solltest sorgsamer sein in einer shetländischen Nacht, sie ist reicher an Rasse als an Düften. – Hinein mit Dir, Mädchen, denn wie John Dryden, der ruhmgekrönte Dichter sagt, – oder, wie er nicht sagt – denn ich kann mich nicht recht erinnern, wie seine Verse klingen – wie ich vielmehr in einem niederländischen Liede sagte, als meine Muse noch in ihrer Kindheit war: Sittsame Maid sich dann erst erhebt, Wenn vom Frühstrahl die Erde belebt; Bis er den Kuß der Rose geschenkt, Bleibe die seidene Wimper gesenkt. Mägdleins Füßchen, zart und fein, Darf vom Tau benetzt nicht sein. Bis der Tag die Blumen erschlossen Und sie den Balsamduft ergossen. »Halt, was kommt doch jetzt? laßt sehen.« – Wenn der Geist des Rezitierens sich auf Claud Halcro herabsenkte, vergaß er Zeit und Ort, und hätte recht wohl seine Gefährtin eine halbe Stunde lang in der Nachtluft zurückhalten können, um ihr dichterisch zu beweisen, weshalb sie eigentlich um diese Zeit schon zu Bett sein müsse. Aber sie unterbrach ihn, indem sie sich, wie um sich vorm Hinfallen zu schützen, zitternd an ihn hielt und mit kaum hörbarer Stimme fragte: »Seht Ihr denn niemand in dem Boote, das soeben in See stieß?« »Wie hätte ich denn etwas unterscheiden können?« antwortete Halcro, »da die Entfernung und das Dämmerlicht mir kaum zu erkennen erlaubten, daß es ein Boot und kein Raubfisch war.« »Aber es muß doch jemand in dem Boote gewesen sein,« fuhr Minna fort, kaum sich dessen bewußt, was sie sprach. »Ohne Zweifel,« antwortete der Poet, »Boote gehen nicht von selbst gegen den Wind an: aber komm, komm, hier länger zu bleiben ist Torheit, und also – wie die Königin in einem alten, von dem wackern Will D'Aoenant wieder auf die Bühne gebrachten Trauerspiele sagt: »Zu Bett – zu Bett – zu Bett.« Sie trennten sich. Minna schleppte sich mühsam über mehrere weitläufige Gänge in ihr Zimmer zurück, wo sie vorsichtig ihren Platz neben der noch immer sanft schlummernden Schwester wieder einnahm. – Ihre Seele war von unendlicher Angst gefoltert. Daß sie Cleveland gehört hatte, davon war sie überzeugt, – die Tenorstimme ließ in dieser Hinsicht keinen Zweifel. War sie auch nicht ebenso fest überzeugt, die Stimme des jungen Mordaunt Mertoun, im heftigen Streit mit ihrem Geliebten begriffen, erkannt zu haben, so machte doch diese Vermutung einen gewaltigen Eindruck auf ihre Seele. Der schwere Seufzer, mit dem der Streit zu endigen schien, – die furchtbare Vorstellung, daß der Sieger den leblosen Körper seines Opfers fortgeschleppt habe, – alles dieses schien ihr zu beweisen, daß der Kampf ein schreckliches Ende genommen. Wer aber von den beiden unglücklichen Männern war gefallen? – wer hatte den unheilvollen blutigen Sieg erfochten? Das waren Fragen, auf die die leise Stimme ihrer innern Ueberzeugung erwiderte, daß, Charakter, Temperament und Gewandtheit recht erwogen, aller Wahrscheinlichkeit nach Cleveland den Zwist überlebt habe. Zwar flößte ihr diese Zuversicht einen unwillkürlichen Trost ein,; fast mit Abscheu aber wies sie ihn ebenso schnell von sich, als sie an Brenda dachte, die durch Clevelands Schuld vielleicht auf alle Zeit unglücklich geworden sei! »Arme unglückliche Schwester!« sprach sie zu sich selbst, »bist Du doch zehnfach besser als ich, und so anspruchslos und schuldlos! Wie kann ich je von Schmerz erlöst werden, den doch nur ich in Deine Brust gepflanzt!« Unter dem Eindruck dieser martervollen Gedanken konnte sie sich nicht erwehren, die Schwester so fest an sich zu drücken, daß sie mit einem tiefen Seufzer erwachte. »Bist Du es, Minna?« fragte sie. – »Mir träumte, ich läge an einer der Denksäulen, von denen uns Claud Halcro erzählte; solche Marmorgestalt, träumte ich, läge mir zur Seite und bekäme plötzlich Leben und Beweglichkeit, mich an ihre kalte Brust zu drücken. – Du bist es, Minna, und wirklich so kalt! – Du bist krank, Schwester? um Gottes willen, laß mich aufstehen und Euphane Fea rufen. – Was fehlt Dir? Ist etwa Norna wieder hier gewesen?« »Rufe niemand her,« erwiderte Minna, sie zurückhaltend, »mir fehlt nichts, das sich durch Hausmittel bessern ließe – nichts quält mich als die Ahnung eines Unheils, schrecklicher als Norna prophezeien könnte. Aber Gott wacht über uns alle, liebe Brenda; ihn laß uns anflehen, daß Er, der es allein vermag, das Böse zum Guten wende.« Vereint wiederholten sie nun ihr gewöhnliches Gebet um Kraft und Schutz von oben her und suchten dann, als ihre Andachtsverrichtung zu Ende war, den Schlummer wieder, ohne daß andere Worte, als der fromme Zuruf »Gott sei mit Dir!« unter ihnen ausgetauscht wurde. Brenda schlief bald ein, und auch Minna gelang es, die schrecklichen Vorstellungen zu bekämpfen und endlich den Schlummer zu finden ... Der Sturm, auf den Halcros Worte hingedeutet hatten – ein Unwetter, mit Regen und Wind gemischt; wie es in diesen Gegenden, selbst in der besten Jahreszeit häufig eintritt, begann sich mit Tagesanbruch zu erheben. Rund um das Herrenhaus von Burgh-Westra heulten die Schornsteine und klapperten die Fenster; die Stützen und Balken an den obern Teilen des Gebäudes, fast sämtlich Ueberreste gestrandeter Schiffe, seufzten und stöhnten, gleich als fürchteten sie, aufs neue eine Beute des Sturms zu werden. Weiber und Kinder lagen in den Hütten auf den Knieen und beteten für die auf dem Meere befindlichen Männer und Väter. Aber Magnus Troils Töchter schlummerten sanft und ruhig fort, und erwachten erst, als das Wetter ausgetobt hatte und die Sonnenstrahlen durch das vom Winde verjagte Gewölk brachen und hell durch die Fensterläden schienen. Minna ließ die Begebenheiten der Nacht wieder an ihrer Seele vorüberziehen, im Zweifel, ob nicht alles, was sie erlebt zu haben glaubte, nicht doch nur Eingebung eines Traumes, der vielleicht von Klängen und Tönen von außen her erregt, gewesen wäre, »Ich will sogleich Claud Halcro aufsuchen,« sprach sie bei sich selbst; »vielleicht weiß auch er etwas von dem seltsamen Lärm, da er doch um dieselbe Zeit draußen war.« Sie sprang vom Lager auf, hatte aber kaum den Boden berührt, als Brenda ängstlich rief: »Um Gottes willen, Minna, was hast Du an den Füßen?« Minna blickte hin und sah nun zu ihrem nicht geringen Schrecken, daß ihre beiden Füße dunkelrot aussahen, gleich als hafte getrocknetes Blut daran. Ohne Brenda eine Silbe zu erwidern, flog sie an das Fenster und warf einen verzweiflungsvollen Blick auf den Rasen unten, in der Meinung, daß dort die verhängnisvolle Stelle sein müsse, wo sie ihre Füße mit Blut befleckt habe. Aber von dem Regen, der nachts sowohl vom Himmel, wie von den Dachrinnen niedergeströmt war, war, wenn ein solcher Schuldzeuge dort vorhanden gewesen, jegliche Spur davon weggewaschen worden. Alles war dort frisch und schön, und die Grashalme, mit Regentropfen übersäet, glänzten in den Strahlen der Morgensonne wie Diamanten. Während Minna mit ihren schönen schwarzen Augen hinunterstarrte, hing Brenda sich an sie und fragte sie eindringlich und flehentlich, wo und wann sie sich solchen Leibesschaden zugefügt habe. »Ich muß in Glas getreten sein, ohne es zu fühlen,« erwiderte Minna, die Notwendigkeit einer Ausrede einsehend. »Sieh doch nur, wie es geblutet hat,« fuhr ihre Schwester fort, ein nasses Tuch erfassend; »laß mich das Blut abwaschen, Minna, die Wunde ist vielleicht schlimmer, als Du glaubst.« Aber als sie Hand anlegen wollte, wehrte ihr Minna freundlich, aber heftig, und Brenda, die sich keiner Kränkung der Schwester bewußt war, trat ein Paar Schritte zurück und sah auf Minna mit Blicken, aus denen mehr Staunen und gekränkte Liebe, als Unmut über die Abweisung ihrer Dienste sprachen. »Schwester,« sprach sie, »ich glaubte, wir hätten uns noch in der letzten Nacht versprochen, daß, was uns auch begegnen möchte, wir nimmer aufhören wollen, einander zu lieben.« »Viel kann sich zwischen Nacht und Morgen begeben,« versetzte Minna – eine Antwort, mehr durch ihre Lage aus ihr herausgepreßt, als daß sie willkürliche Dolmetscherin ihrer Gedanken gewesen wäre. »Viel mag sich allerdings in einer so stürmischen Nacht begeben haben,« entgegnete Brenda; »sieh einmal, wie die Schutzwehr um Euphanens Küchengarten umgeweht wurde; unsere Liebe aber, Minna, soll weder Wind, Regen, noch irgend sonst etwas umstürzen.« »Aber der Zufall kann es,« erwiderte Minna, »er kann sie dennoch wandeln, – wandeln in« ... Den übrigen Teil ihrer Rede sprach sie so leise, daß er ihrer Schwester unverständlich blieb, wobei sie zugleich sich das Blut von den Füßen wusch, Brenda, die sie aus knapper Entfernung nach wie vor im Auge behielt, bemühte sich vergebens einen Ton anzuschlagen, der Vertrauen und Freundlichkeit in ihre Mitte zurückführen könne. »Du hattest recht, Minna,« sprach sie »keine andere Hand die kleine Wunde reinigen Zu lassen, – von hier aus ist sie kaum zu sehen.« »Die gefährlichsten Wunden sind die, die man von außen nicht sehen kann,« erwiderte Minna; »meinst Du wirklich, eine Wunde an meinem Fuße zu sehen?« »Allerdings,« entgegnete Brenda, ihre Antwort so einrichtend, wie solche ihrer Meinung nach der Schwester am besten gefallen mußte, »aber es scheint nur eine kleine Verletzung zu sein. Zieh den Strumpf darüber; ich sehe nichts mehr.« »Nein, Du siehst nichts,« fügte Minna in verstörter Weise; »aber ach, bald wird die Zeit kommen, wo man alles sehen und wissen wird.« So sprechend, zog sie sich schnell an, und eilte ihrer Schwester voran in das Frühstückszimmer, wo sie ihren Platz unter den Gästen einnahm, wo aber ihr bleiches, verstörtes Gesicht, ihre schwankende Stimme und ihr erschüttertes Wesen die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft und die ängstliche Sorge ihres Vaters, Magnus Troil, augenblicklich erregten. Mannigfach waren die Vermutungen der Anwesenden über das, dem Anschein nach mehr seelische als körperliche Unwohlsein. Einige meinten: Minna sei von einem bösen Blick getroffen worden und murmelten etwas von Norna vom Fitful-Head, andere spielten auf die Abreise des Kapitäns Cleveland an und flüsterten: »Es sei doch eine Schande für ein junges Mädchen, sich an solchen Landstreicher zu hängen, von dem niemand etwas wisse!« in diese Meinung stimmte Jungfer Jellowley ein, während sie gerade den »schönsten Mantel« (wie sie ihn nannte), den ihr der Kapitän geschenkt, um ihren welken Hals schlug. Die alte Lady Glowrowrum hatte ihre eigenen Gedanken, die sie der Jungfer Yellowley, – mit der sie sich inzwischen angefreundet hatte – ausführlich mitteilte, nachdem sie dem lieben Gott herzinnig dafür gedankt, daß ihre Verwandtschaft mit der Familie auf Burgh-Westra von der Mutter der Mädchen herstammte, die wie sie selbst eine ehrliche Shetländerin gewesen sei. »Denn diese Troils, Jungfer Yellowley,« sprach sie, »so hoch sie auch die Nasen tragen, sollen dennoch, wie Leute sagen, die es wissen können, nicht so ganz richtig unter ihren Mützen sein; und diese Norna, wie sie sie nennen, denn es soll nicht ihr rechter Name sein, ist ganz sicher oftmals nicht ganz recht bei Sinnen – die die Ursache wissen, meinen, der Voigt habe dabei mit die Hand im Spiele gehabt, denn er duldet ja heute noch nicht, daß man ihr nur ein böses Wort nachsagt. Ich war damals nicht in Shetland, sonst würde ich den wahren Grund wissen, so gut wie andere. Es soll aber niemand sagen können, daß ich Böses von einem Hause rede, dem ich so nahe verwandt bin. Aber was ich, Jungfer Yellowley, Euch gesagt, daß unsere Verwandtschaft nur von den Sinclairs, und nicht von den Troils herstammt, das vergeßt nicht, bitte; denn die Sinclairs sind weit und breit als gescheite Leute bekannt. – Aber da, sehe ich, geht der Abschiedsbecher herum.« »Was das übermütige Frauenzimmer nur mit ihrer hinten Jungfer, vorne Jungfer will,« sagte Baby Yellowley zu ihrem Bruder, sobald Lady Glowrowrum ihr den Rücken gewandt hatte; »ist das Blut der Clinkscale etwa nicht eben so edel wie daß der Glowrowrum?« Unterdessen nahmen die Gäste Abschied, und so endigte unter Angst und Sorgen das Fest des heiligen Johannis, das man um diese Zeit auf Burgh-Westra zu feiern pflegte. Fünftes Kapitel. Tag für Tag verstrich und von Mordaunt Mertoun war noch immer nichts in Sumburgh-Head zu hören. Zu jeder andern Zeit hätte solches Ausbleiben über die vermutete Frist hinaus vielleicht Neugier, aber keine Besorgnis herbeigeführt; denn die alte Swertha, die es auf sich genommen, über den kleinen Haushalt von Mordaunts Vater zu wachen, hätte nicht anders gemeint, als daß der Jüngling sich bei einer Lustpartie länger als die übrigen Gäste aufgehalten habe. Aber sie wußte, daß Mordaunt seit kurzem nicht mehr in Gunst bei Magnus Troil stehe, sie wußte, daß er sich vorgenommen, wegen der Gesundheit seines Vaters, nur kurze Zeit auf Burgh-Westra zu bleiben, und das alles machte sie ängstlich, zumal Mordaunts gutmütiges, freundliches Wesen auf ihr welkes, von Eigennutz beherrschtes Herz einen gewissen Eindruck nicht verfehlt hatte. Die Situation verschärfte sich für sie insofern, als Mordaunts Vater, wie schon mehrfach bemerkt, bei seinem verschlossnen und, ungeselligen Wesen durchaus nicht leiden konnte, außer in besonders dringenden Fällen angesprochen zu werden, und daß sie es deshalb so einzurichten suchen mußte, daß nicht sie, sondern er selbst die Rede auf den Fall mit seinem Sohne brächte ... Um dieses Ziel zu erreichen, legte sie eines Tages, als sie den Tisch für Herrn Mertouns einfaches und einsames Mahl bereitete, zwei Gedecke auf und traf allerhand andere kleine Vorbereitungen, als ob ein Gast oder Teilnehmer bei der Mahlzeit zu erwarten sei. Diese List gelang; denn kaum sah Mertoun, als er aus seinem Arbeitszimmer trat, den für zwei Personen gedeckten Tisch, als er auch sogleich Swertha fragte: ob Mordaunt von Burgh-Westra zurück sei? »O nein, gnädiger Herr,« versetzte sie mit vielleicht nicht ganz aufrichtiger Angst, »noch ist an unserer Pforte nicht geklopft worden, und noch ist Herr Mordaunt, das liebe, gute Kind, nicht glücklich, wieder heimgekehrt.« »Warum legst Du albernes Geschöpf dann ein Gedeck für ihn auf den Tisch?« fragte Mertoun in einem Tone, der berechnet schien, jedem fernern Worte der Alten Einhalt zu tun. Aber sie erwiderte mutig: »daß es ihrer Meinung nach doch anderer Leute Sache wäre, sich um Herrn Mordaunt zu bekümmern, und sie doch eben nichts weiter tun könne, als Stuhl und Teller für den jungen Herrn bereit zu halten, wenn er eintreffen solle; aber das arme gute Kind bleibe ihrer Meinung nach zu lange aus, als daß man nicht befürchten müsse, er käme überhaupt nicht wieder.« »Furcht, Furcht, Altweiber-Furcht!« rief Mertoun, während seine Augen flammten, wie immer, wenn sein heftiges Temperament loszubrechen drohte, »was geht mich Deine alberne Furcht an, alte Hexe!« Swertha aber hielt stand und versetzte mit einer Kühnheit, über die sie sich später selbst oft wunderte: »jeder andere Vater, als der gestrenge Herr, hätte sicher schon Nachforschungen nach dem armen Jungen angestellt, der nun schon seit acht Tagen von Burgh-Westra fort sei, ohne daß jemand wisse, was aus ihm geworden.« Mertoun stutzte, verwies die Alte aber im andern Augenblick durch finsteres Stirnrunzeln zur Ruhe; Swertha aber blieb dabei, »daß der gestrenge Herr ein bitter Unrecht tue, wenn er sich nicht um den besten jungen Herrn der ganzen Insel kümmere, dem doch unbedingt Schlimmes zugestoßen sein müsse.« »Was kann ihm denn Schlimmes passiert sein, alte Törin?« versetzte Mertoun; »wer seine Zeit, wie er, mit Tändeleien verschwendet, hat auf viel Ernst von keiner Seite zu rechnen!« »Ja doch, ich bin eine alte Törin,« rief sie, – »aber wenn nun Herr Mordaunt in den Roost geraten wäre, wo bei dem Sturm vor mehreren Morgen ja mehr als ein Boot den Untergang gefunden? Oder wenn er auf seinem Heimweg in einem der Landseen seinen Tod gefunden hätte, – oder wenn nun sein Fuß auf irgend einer Klippe ausgeglitten wäre, – alle Inseln kennen ihn als einen Wagehals – wer,« fragte Swertha, »wäre dann töricht? ich, oder er, oder Ihr? – Gott mag das arme, mutterlose Kind beschützen! denn wenn er eine Mutter hätte, so hätte man sich um ihn schon lange gekümmert!« Die letzten Worte der Alten ergriffen Mertoun gewaltig, – seine Lippen bebten, Totenblässe überzog sein Gesicht, und murmelnd gebot er Swertha, in sein Arbeitszimmer zu gehen – das sie fast nie betreten durfte – um ihm eine von den Flaschen zu holen, die dort ständen. »Ho, ho,« dachte Swertha, den erhaltenen Befehl eilig ausführend, »der Herr hat seine geheime Trostquelle?« In der Tat stand im Arbeitszimmer eine Kiste mit Flaschen, wie man sie gemeinhin zur Aufbewahrung geistiger Getränke zu gebrauchen pflegt, aber die sie umhüllenden Spinnengewebe bewiesen, daß sie jahrelang nicht berührt worden. Mit einer Gabel, denn Korkzieher gab es damals noch nicht, zog Swertha nicht ohne Schwierigkeit, den Stöpsel aus einer Flasche, und, nachdem sie sich erst durch den Geruch – dann, um sicher zu gehen, noch durch einen tüchtigen Schluck überzeugt hatte, daß in der Flasche gutes Barbadoes-Wasser enthalten sei, brachte sie es ihrem Herrn, der noch immer gegen eine Ohnmacht anzukämpfen schien. Besorgt, daß jemand, der an starke Getränke nicht gewöhnt sei, sich durch eine größere Portion leicht schaden könne, goß sie nur wenig in das ihr zunächst stehende Glas; aber Mertoun, gab ihr ungeduldig zu verstehen, daß er das Glas gefüllt haben wolle, und stürzte es mit einem Zuge hinunter. »Nun, Gott und die Heiligen mögen uns schützen!« dachte Swertha, »nun wird er doch gewiß trunken und toll zugleich – und wer wird ihn dann im Zaume halten?« Aber Mertoun fand nicht bloß den Atem wieder, auch sein Gesicht belebte sich – und von Trunkenheit zeigte sich keine Spur – ja, Swertha versicherte späterhin oft, daß sie von einem Schluck Branntwein zwar immer die beste Meinung gehegt habe, daß ihr aber noch keiner vorgekommen sei, der ein solches Wunder bewirkt hätte; denn der gnädige Herr hätte weit vernünftiger gesprochen, als es, seit sie in seinen Diensten gestanden, der Fall gewesen sei. »Swertha,« sagte er, »dieses Mal hast Du recht, und ich habe unrecht. – Geh' hinunter zum Gemeindevorstand und sage ihm, er solle augenblicklich heraufkommen; ich hätte mit ihm zu sprechen; er solle mir genauen Bescheid bringen, wieviel Boote und Mannschaft er aufbringen könne; sie sollen alle auf Kundschaft ausfahren und reichlich dafür abgelohnt werden.« Swertha eilte, so schnell es ihre sechzig Jahre ihr gestatteten, in das Dörfchen, richtete dort ihren Auftrag aus, unterließ aber nicht, sich an dem Verdienst, der der Bewohnerschaft auf solche Weise zuteil wurde, sich ihren Anteil zu sichern, und eilte dann nach dem Herrenhause zurück, von Neil Ronaldson begleitet, den sie unterwegs so gut wie möglich mit den Sonderbarkeiten ihres Herrn bekannt machte. »Vor allen Dingen,« sagte sie, »laßt ihn nie auf Antwort warten, und sprecht laut und verständlich, so, als wenn Ihr ein Boot anruft, denn er mag nicht zweimal über eine Sache sprechen, wenn er nach den Entfernungen fragt, so mögt Ihr aus halben Stunden immerhin Stunden machen, denn er weiß nichts von dem Grund und Boden, auf dem er wohnt; wenn er aber vom Lohne spricht, so könnt Ihr dreist Taler statt Schillinge fordern, denn er achtet Geld nicht höher als Kiesel.« Unter dem Eindruck solcher Belehrung wurde Neil Ronaldson vor Mertoun geführt, war aber nicht wenig betroffen, recht bald inne zu werden, daß sich dem Herrn von Sumburgh auch nicht das kleinste X für ein U machen ließe, weder über den Lohn für die Boote und Leute, noch über die Entfernung von einem Ort zum andern, noch über die Schiffahrtsbedingungen dieser Inselflur. Ueber alles sprach er mit einer Sachkunde, die um so mehr in Erstaunen setzte, als man ihn bisher nie darüber hatte sprechen hören. Dagegen schnitt er alle Besorgnis, die Neil Ronaldson infolgedessen gekommen, daß es mit dem Lohne wohl nicht weither sein werde, dadurch ab, daß er freiwillig weit mehr zu zahlen versprach, als Neil zu fordern gewagt hätte, ja auch noch eine Prämie aussetzte, wenn sie mit der freudigen Nachricht, daß sein Sohn wohl und gesund sei, zurückkehren sollten. Neil Ronaldson begann hierauf als gewissenhafter Mann, ernstlich über die verschiedenen Orte Erwägungen anzustellen, wo sich Nachsuchungen über den Verbleib des jungen Mannes anstellen ließen, und erklärte, »daß, wenn der gestrenge Herr es nicht übel nehmen wollte, er daran erinnern möchte, daß, sofern sich jemand fände, eine gewisse Person zu befragen, und diese Person Lust haben sollte Antwort zu geben, wohl niemand als sie, bessere Auskunft über Herrn Mordaunt Mertoun werde erteilen können. Wen ich meine, Swertha, wißt Ihr – die Person, die noch heute früh unten am Hafen war.« – So schloß er mit einem geheimnisvollen Blick auf Swertha, die seine Frage mit einem vielsagenden Nicken erwiderte. »Wen meint Ihr?« fragte Mertoun, »sagt es frei heraus – von wem sprecht Ihr?« »Er meint Norna vom Fitful-Head,« antwortete Swertha, »sie ist heute früh nach der St. Ringans-Kirche gegangen und, wie sie sagte, in eigenen Geschäften.« »Was könnte dieses Weib von meinem Sohne wissen?« entgegnete Mertoun, »sie ist doch meines Wissens nicht recht bei Sinnen und streift als Betrügerin durch diese Inselflur.« »Wenn sie umherstreift,« erwiderte Swertha, »so tut sie es nicht, weil ihr eine Heimat fehlt; denn es ist bekannt genug, daß sie Hab und Gut genug besitzt, ganz abgesehen davon, daß der Vogt ihr es an nichts fehlen ließe.« »Aber was hat mein Sohn mit all diesen Dingen zu schaffen?« fragte Mertoun ungeduldig, »Ei, ich weiß nur, daß sie, seitdem sie den jungen Herrn zum erstenmal gesehen, auch viel von ihm gehalten und ihm mancherlei schöne Sachen geschenkt hat, wie z. B, die güldene Kette, die er um den Hals trägt und von der die Leute sagen, sie sei von Zaubergold, – Ich verstehe mich nicht darauf, aber Bryce Snailsfoot der Hausierer meint, sie sei an hundert Pfund englisch wert, und das ist doch, mein Seel', keine taube Nuß.« »Geht, Ronaldson,« sagte Mertoun, »oder laßt das Weib von jemand herholen, wenn Ihr glaubt, wir können durch sie etwas über das Schicksal meines Sohnes erfahren.« »Sie weiß,« antwortete Ronaldson, »alles was auf den Inseln vorgeht, früher und besser, als sonst irgend ein anderer, das ist wahr und gewiß. Aber in die Kirche gehen oder sie auf dem Kirchhof aufzusuchen, dazu wäre kein Mensch in Shetland weder aus Not noch durch Geld zu bewegen, – und das ist eben so wahr und gewiß wie das andere.« »Furchtsame, abergläubische Toren,« rief Mertoun; »gib mir meinen Mantel, Swertha, dieses Weib war auf Burgh-Westra, sie ist mit der Troilschen Familie verwandt, vielleicht kann sie mir etwas über Mordaunts Ausbleiben sagen. Ich will sie aufsuchen: in der Kreuzkirche, meint Ihr, werde ich sie finden?« »Nein, nein, nicht in der Kreuzkirche,« rief Swertha, »in der alten St. Ringans-Kirche; ein verdächtiger Ort ist's und gar nicht geheuer; wenn der gestrenge Herr meinen Rat hören wollte, so bliebe er hier, bis sie zurückkäme, und unternähme es nicht, sie dort zu stören, wo sie, nach allem was man davon weiß, mehr mit den Toten als mit den Lebenden zu schaffen hat.« Mertoun gab keine Antwort, sondern nahm den Mantel um; denn es war neblig, und Regenschauer stürzten dann und wann herab. Das öde Herrenhaus von Jartshof verlassend, schlug er, schneller ausschreitend als gewöhnlich, den Weg nach der Kirchenruine ein, die, wie ihm wohl bekannt war, etwa anderthalb Stunden von seiner Wohnung entfernt lag. Swertha und Neil Ronaldson blickten ihm schweigend nach, bis er sich außer dem Bereich ihrer Stimmen befand; dann sahen sie einander ernsthaft an, schüttelten bedenklich die Köpfe und gaben den Empfindungen, die sie erfüllten, gemeinsam in einem und demselben Augenblicke Ausdruck: »Narren sind immer gleich bei der Hand,« rief Swertha, und Neil Ronaldson fügte hinzu: »Der entgeht seinem Schicksal nicht! Solche dem Tode geweihten Menschen kann man nicht aufhalten.« Swertha erinnerte ihn, daß er nach dem Hafen gehen müsse, die Boote zu besorgen: »Einmal halte ich viel von dem guten Jungen, und dann fürchte ich auch, er möchte auf eigne Hand zurückkehren, noch bevor Ihr in See wäret; auch ist der Herr, wie ich Euch schon oft gesagt habe, nur mit Güte zu leiten, duldet gar keinen Ungehorsam, und wenn Ihr seine Befehle nicht erfüllt und nicht in See stecht, werdet Ihr nun und nimmermehr den ausbedungenen Lohn von ihm bekommen.« »Ja, ja, Ihr habt recht,« antwortete Neil, »wir wollen hinaus, so schnell wie möglich. Zum Glück liegen Elawson und Peter Grots Boote noch im Hafen; denn als sie heute früh an Bord wollten, sprang ihnen ein Kaninchen vorüber, und da kamen sie als kluge Leute sogleich zurück, weil sie wohl denken konnten, daß ihnen anderes Tagwerk winken werde.« Sechstes Kapitel. Die verfallene Kirche von St. Rinian oder – wie der gemeine Mann sie nannte – St. Ringan, hatte sich zu jener Zeit des Aberglaubens einer großen Berühmtheit zu erfreuen; und Shetland besaß in den katholischen Zeiten seine Heiligen. Die Kirche war dicht am Meeresufer gelegen, und von allen Richtungen aus sichtbar, so daß sie gewissermaßen als Wahrzeichen für die Inselflur galt. Sie war jedoch auch im Laufe der Jahrhunderte zu einer solchen Stätte des Irrglaubens geworden, daß die Kirchenbehörde es für ratsam erachtet hatte, sie als eine entheiligte Stätte zu erklären und die öffentlichen Andachtsübungen nach einer andern Kirche zu verlegen; daraufhin war das Bleidach von dem kleinen alten Gebäude abgenommen und das Gemäuer den Elementen zum Spiel überlassen worden. Die Stürme, die vom Meere her über lange Dünen heranheulten – (denn die Gegend glich durchaus derjenigen in Jarlshof) – zerstörte gar bald Schiff und Gänge und häufte an der Nordwestseite, die den Stürmen am meisten ausgesetzt war, Wälle von Treibsand, die die Mauer bis zur Hälfte überdeckten. So verfallen aber auch das Kirchlein sein mochte, so haftete ihm noch immer kein geringer Rest von jener Ehrfurcht an, die sie ehedem eingeflößt hatte – und die rauhen, unwissenden Fischer von Dunroßneß verabsäumten noch immer nicht, wenn ihre Boote in Gefahr schwebten, dem St. Ringan eine Gabe zu geloben und, wenn die Gefahr vorüber war, einzeln und im geheimen nach dem alten Gebäude zu wandern, ihr Gelübde zu lösen. Zu diesem in Trümmern liegenden Andachtsorte lenkte Herr Mertoun die Schritte, wenn auch in keiner frommen oder durch Aberglauben bestimmten Absicht. Immerhin konnte er, als er sich dem Strande nahte, wo die Ruine gelegen war, nicht umhin, einen Augenblick die Schritte hemmend, sich zu sagen, daß kaum ein Ort besser zu einem Gotteshause passen könne als der hier dazu gewählte. Vor ihm lag die See, zu der hinaus zwei Vorgebirge die äußersten Punkte der Bai bildend, ihre gigantischen, finsteren Felsmassen streckten, von deren Höhen die Möwen und andere Seevögel wie Schneeflocken herabglänzten, während weiter unten ganze Reihen von Wasserraben sich wie Soldaten nebeneinander aufgestellt hatten. Sonst aber war hier kein lebendes Wesen zu schauen. Hier hatte sich an dem Tage, an welchem Mertoun die Schritte herlenkte, eine tiefe dichte Wolkenschicht gebildet, durch die kein menschliches Auge dringen konnte, so daß der Blick über den weiten Ozean unmöglich war; da der Weg steil hinauf führte, ließ er auch keine Aussicht nach dem Innern des Landes, und so schien die Gegend eine völlige Oedenei zu sein, wo dürres Heidekraut und schilfartiges Gras die einzigen Vertreter des Pflanzenreichs waren, die sich den Blicken zeigten. Auf einer von der Natur geschaffenen kleinen Anhöhe, gerade in der Mitte der Bucht, und ein wenig von der See entfernt, so daß sie sich außer dem Bereich der Wellen befand, erhob sich die halb begrabene Ruine, von einer wüsten, halb in Schutt liegenden Mauer umgeben, die, obgleich an mehreren Stellen durchbrochen, doch noch immer den Bereich des Kirchhofs bezeichnete. Die Seefahrer, die der Zufall in diese einsame Bai geführt hatte, behaupteten: daß die Kirche dann und wann hell erleuchtet sei, und meinten, daß dieser Umstand Schiffbruch und Untergang auf der See verkünde. Als Mertoun sich der Kapelle näherte, traf er, vielleicht durchaus ohne Vorbedacht, Maßregeln, um ungesehen zu bleiben, und gelangte so zufälligerweise zuerst an die Seite der Mauer, wo sich der Begräbnisplatz befand, von dem, wie früher schon erwähnt, der Wind den Sand stellenweise fortgetragen hatte. Als er nun durch eine von der Zeit geschaffne Oeffnung auf diese Stätte schaute, sah er diejenige Person, die er hier suchte, neben einem rauhen Grabmal knien, an dessen einer Seite der rohe Umriß eines Ritters sichtbar war, während sich an der andern ein dem neuern Brauche zuwider schräg aufgehängtes Schild zeigte, dessen Wappen selbst aber nicht mehr kenntlich war. An dem Fuße des Grabmals ruhten, wie Mertoun früher schon gehört hatte, die Gebeine von Ribolt Troil, einem durch allerhand Heldentaten berühmten Vorfahren von Magnus Troil, der im fünfzehnten Jahrhundert gelebt hatte. Norna räumte von dem Grabe des Kriegers den Sand weg: ein leichtes Stück Arbeit, da der Sand nur lose und locker dalag. Sie sang dazu, und zwar ein Zauberlied, denn ohne Runen ging es nun einmal beim nordischen Aberglauben nicht ab: Kämpe, hochberühmt im Norden, Ribolt, bist Du stumm geworden? Sand und Staub und Kieselstein, Räum ich jetzt von dem Gebein. Als Du lebtest, war's verwegen, An Dein Lager Hand zu legen. Jetzt vermag selbst Kindesstreben, Deine Decke aufzuheben. Störe, was ich hier beginne, Nicht durch Blendwerk meiner Sinne. Nicht will ich Dein Grab entehren, Frevelnd Deinen Schlummer stören. Deine Leiche ruhe still, Leicht gewählt ist, was ich will. Nur von der Umhüllung Dein, Sei ein einz'ges Stückchen mein. Noch genug bleibt, vor den Stürmen Rauhen Wetters Dich zu schirmen. Meine Klinge nahet schon! – Hast, o mut'ger Heldensohn, Lebend nicht so still gelegen, Trat die Schärfe Dir entgegen, Schau, die Hülle trenn ich nun, Magst erwachen oder ruh'n. – So, nun ist die Tat erfüllt; Mein der Preis, mein Wunsch gestillt. Habe Dank, die Wellen sollen Reichen Lohn dafür Dir zollen; Und wenn fern sie schäumend streiten, Sanft an Deinem Grabe gleiten. – Habe Dank, wenn Stürme wüten, Sollen sie auf mein Gebieten, – Ob sie heulend hierher dringen – Nur ein Schlummerlied Dir singen. Sie, das Weib von Wohl und Wehe! Norna von der Fitful-Höhe, Mächtig, ob es Tag ob Nacht, Elend doch in ihrer Macht. Ob Verzweiflung auch ihr Los, Dennoch immer hehr und groß. Was gelobend sie verspricht, Daran, Ribolt, zweifle nicht. Während Norna die ersten Strophen dieses Liedes sang, befreite sie den bleiernen Sarg des alten Kämpen vom Sande und löste behutsam, mit sichtlicher Ehrfurcht, ein Stück Metall davon. Dann warf sie so, daß nichts mehr verriet, daß sie den Sarg berührt, den Sand wieder darüber. Mertoun blickte ihr, ohne seine Gegenwart zu verraten, nicht etwa aus Achtung vor ihr oder der Arbeit, die sie vorhatte, sondern weil er sich sagte, daß man eine Irre, wenn man Auskunft erhalten wolle, in ihrem Vorhaben nicht stören dürfe. Inzwischen hatte er Zeit genug, ihre Gestalt zu betrachten; denn ihr Gesicht wurde durch ihr aufgelöstes Haar und die Kapuze ihres dunklen Mantels verdeckt. Mertoun hatte schon früher von Norna gehört, ja sie wohl auch schon dann und wann gesehen, war sie doch, seit er in Jarlshof weilte, mehr denn einmal in dieser Gegend umhergewandert. Die abergläubischen Geschichten aber, die über sie im Umlaufe waren, hatten sie ihm in keinem andern Lichte als dem einer Betrügerin oder Wahnsinnigen oder als beides erscheinen lassen. Jetzt aber, da die Umstände ihn unwillkürlich auf sie hinführten, konnte er nicht als sich sagen: daß sie entweder eine echte Schwärmerin sein, oder wenigstens ihre Rolle mit so bewunderungswürdigem Geschick spielen müsse, daß keine Pythia der alten Zeit sie hätte übertreffen können. Kaum aber war ihre seltsame Arbeit verrichtet, als er auch, freilich nicht ohne mancherlei Beschwerde und Mühe, über die zertrümmerte Mauer stieg und in das Innere des Kirchhofs trat. Ohne irgendwelche Bestürzung zu zeigen oder über sein Erscheinen an der einsamen Stätte das geringste Erstaunen zu bezeigen, fragte sie ihn in einem Tone, der zu beweisen schien, daß sie ihn erwartet habe: »Also habt Ihr mich doch endlich aufgesucht?« – »Und auch gefunden,« erwiderte Mertoun, in der Meinung, die Frage, die er zu stellen habe, am besten dadurch einzuleiten, daß er in einem mit dem ihrigen übereinstimmenden Tone spräche. »Ja!« antwortete sie, »Ihr habt mich gefunden, und zwar da, wo sich alle Menschen begegnen müssen, in der Behausung der Toten.« »Wohl finden wir uns hier alle endlich zusammen,« entgegnete Mertoun, einen Blick auf den wüsten Schauplatz um sich her werfend, wo kaum etwas anders als halb mit Sand bedeckte, teils noch mit Inschriften und Sinnbildern der Sterblichkeit geschmückte Denksteine sichtbar waren: »hier in dem Haufe der Toten, wo glücklich diejenigen, die bald in den ruhigen Hafen gelangten.« »Wer es wagt, nach diesem Hafen zu verlangen,« antwortete Norna, »der muß auf der Fahrt durchs Leben einen geraden Kurs gesteuert haben. Ich darf auf solch ruhigen Ankerplatz nicht hoffen; Du aber, der Du ihn begehrst, darfst Du ihn erwarten? und hat der Lauf, den Du steuertest, ihn verdient?« »Nicht darauf zu antworten, bin ich hier,« erwiderte Mertoun, »sondern um Euch zu fragen, ob Ihr Nachricht über das Schicksal meines Sohnes, Mordaunt Mertoun, habt?« »Ein Vater,« entgegnete Norna, »befragt eine Fremde über Nachrichten von seinem Sohne! Wie könnte ich etwas von ihm wissen? Der Wasserrabe fragt nimmer den wilden Enterich, wo weilt meine Brut?« »Deckt Euch nicht vor mir mit dieser Geheimniskrämerei,« sagte Mertoun, »sie mag beim gemeinen Volk ihre Wirkung tun, bei mir bleibt sie fruchtlos. Die Leute von Jarlshof haben mir gesagt, daß Ihr etwas von Mordaunt wißt oder wissen könnt, der von den Johannis-Festlichkeiten im Hause Eures Verwandten Magnus Troil nicht zurückgekehrt ist. Gebt mir Auskunft über ihn, wenn Ihr es könnt, und Ihr sollt belohnt werden.« »Das weite Rund der Erde,« antwortete Norna, »hat nichts aufzubieten, was ich als eine Belohnung für ein einziges, an ein sterbliches Ohr weggeworfenes Wort betrachten könnte... Willst Du aber Deinen Sohn lebendig wiedersehen, dann finde Dich auf dem nächsten Markt zu Kirkwall auf Orkney ein.« »Und warum gerade da?« fragte Mertoun, »ich weiß, er hatte dort nichts zu schaffen.« »Wir alle treiben auf dem Strome des Schicksals, obgleich ohne Steuer und Ruder,« erwiderte Norna, »auch Du hattest heute früh noch nichts mit der Kirche St. Ringans zu schaffen und bist doch hier; – noch vor einem Augenblick hattest Du nichts in Kirkwall zu tun, und dennoch wirst Du Dich dorthin begeben.« »Nicht ohne über den Grund bessere Aufklärung zu haben. Ich bin keiner von den Toren, die Euch übernatürliche Kräfte zugestehen.« »Du sollst an sie glauben, noch ehe wir scheiden,« antwortete Norna. »Nur wenig weißt Du bis jetzt von mir, auch sollst Du über mich nicht mehr erfahren. Ich aber kenne Dich, und daß ich Dich kenne, vermag Dir ein einziges Wort aus meinem Munde zu beweisen.« »Nun, so überzeuge mich,« rief Mertoun, »denn ohne solchen Beweis bestünde nur geringe Hoffnung, daß ich Deinen Rat befolge.« »Gib wohl acht, was ich Dir über Deinen Sohn zu sagen habe. Was Dich selbst angeht, bleibe für später, denn es möchte Dir jeden andern Gedanken vertreiben. Begieb Dich nach Kirkwall und warte am fünften Marktage mittags im äußeren Flügel der Kirche von Magnus; dort wirst Du jemand finden, der Dir Nachricht von Deinem Sohne geben soll.« »Du mußt deutlicher sein, Weib!« entgegnete Mertoun verächtlich, »wenn Du willst, daß ich Deinem Rate folgen soll. Oft schon bin ich von Weibern hintergangen worden, nie aber noch auf so gröbliche Weise, wie Du mich zu betrügen willens scheinst.« »Nun, so gib acht!« unterbrach ihn die Alte, »das Wort, das ich jetzt sprechen werde, wird das tiefste Geheimnis Deines Herzens enthüllen und Dir durch Mark und Bein dringen.« – Und nun flüsterte sie Mertoun ein Wort ins Ohr, – ein einziges – das aber wie ein Zauberschlag auf ihn zu wirken schien. Bewegungslos und starr vor Staunen, blieb er stehen, während Norna, die Arme wie im Triumph erhebend, von ihm hinweg schritt und um eine Ecke der Ruine herum schnell aus seinen Augen verschwand. Mertoun machte keinen Versuch, ihrer Spur zu folgen: »Vergebens bemühen wir uns, unserm Schicksal zu entfliehen!« sprach er zu sich selbst, als er seine Besinnung wiedergewann; und schnell wandte er der wüsten Ruine und dem Kirchhof den Rücken. Als er von dem letzten Punkte, von wo aus die Kirche noch sichtbar war, zurückblickte, sah er Nornas Gestalt, in ihren weiten Mantel gehüllt, auf der höchsten Spitze der Ruine stehen, und mit einem weißen Wimpel aufs Meer hinauswehen. Ein Gefühl von Schrecken, demjenigen vergleichbar, das bei ihrem letzten Worte durch seine Nerven zuckte, befiel von neuem seine Seele, und schnellen Schrittes eilte er vorwärts, bis er die Kirche von St. Ringan mit ihrer sandigen Bucht weit hinter sich gelassen hatte. Als er den Fuß wieder nach Jarlshof setzte, zeigte sein Gesicht eine so auffallende Veränderung, daß Swertha ernstlich die Rückkehr eines seiner melancholischen Zufälle fürchtete. Diese Befürchtung erfüllte sich aber nicht; Mertoun machte sie nur mit seinem Entschlüsse, sich nach Kirkwall zu begeben, bekannt, – was eine solche Abweichung von seiner gewöhnlichen Lebensweise bedeutete, daß die Haushälterin ihren Ohren nicht trauen wollte. Bald darauf kamen die Leute wieder, die er zur See und zu Lande auf Kundschaft nach seinem Sohne gesandt, sämtlich unverrichteter Sache, aber er hörte, sie ruhig, fast gleichmütig an; was aber Swertha in ihrer Ueberzeugung, daß ihm von Norna solcher Ausgang prophezeit worden, nur bestärkte. Noch mehr aber erstaunten die Bewohner des Dörfchens, als Herr Mertoun plötzlich Anstalten traf, sich zum Markt nach Kirkwall zu begeben, da er doch bisher alle öffentlichen Versammlungen sorgfältig gemieden hatte. Swertha zerbrach sich den Kopf nicht wenig, ohne jedoch den Schlüssel des Rätsels finden zu können; aber ihr Kummer fand erhebliche Linderung durch eine Summe Geldes, die Mertoun in ihre Hände legte, und die ihr ein Schatz dünkte. Siebentes Kapitel. Kein Gram wirkt so schwer auf das Gemüt wie der, den wir in unser Herz verschließen, über den wir Aussprache weder suchen noch wünschen. Bedrückt nun gar das Geheimnis einer fremden Schuld eine schuldlose Brust, dann ist es kein Wunder, wenn die Gesundheit leidet. Den Freunden und Bekannten kam Minnas Wesen und Temperament so gänzlich verändert vor, daß manche sich versucht fühlten, an den Einfluß eines bösen Zaubers zu glauben, während andere einen Anfall von Wahnsinn darin zu erkennen meinten. Die Einsamkeit, in welcher sie früher gelebt, war ihr jetzt unerträglich; aber wenn sie Gesellschaft aufsuchte, so bezeigte sie weder Teilnahme, noch gab sie acht auf das, was um sie her vorging. Fast immer erschien sie in traurigem, selbst trübsinnigem Hinbrüten, aus dem sie nur dann plötzlich aufschreckte, wenn etwa zufällig die Namen Cleveland und Mordaunt Mertoun genannt wurden. Ihr Benehmen gegen die Schwester war noch immer so garstig oder doch unfreundlich, daß man sie allgemein für krankhaft hielt. Oft fühlte Minna den Trieb, die Gesellschaft der Schwester aufzusuchen; wenn ihr dann aber einfiel, wie schwer Brenda, ihrer Meinung nach, durch Cleveland gelitten, war es ihr nicht möglich, in ihrer Nähe zu bleiben oder Trost aus ihrem Munde zu hören. Dann rannte sie, wie von einem Dämon gejagt, aus der Stube und flüchtete in die Einsamkeit der Felsen. Die Wirkungen dieser schweren Gemütserschütterung wurden bald an ihrer Gestalt und ihrem Antlitz sichtbar; sie wurde bleich und welkte hin; ihr Auge verlor den festen, ruhigen Blick, den Glück und Unschuld leihen; ihre Gesichtszüge veränderten sich und ihre Stimme, sonst sanft und ruhig, verlor entweder allen Ausdruck ober nahm einen heftigen, schneidenden Klang an. In Gesellschaft mit andern sank sie in trübsinnige Stimmung; wenn sie allein war, hörte man sie viel mit sich selbst reden. Umsonst nahm Minnas besorgter Vater die Heilkundigen der Insel in Anspruch, umsonst suchte er Hilfe bei der ihm verwandten Norna vom Fitful-Head, die jetzt am Strande nahe bei dem Vorgebirge weilte, dessen Namen man dem ihrigen anzuhängen pflegte, und, obgleich Erik Scambester selbst die Botschaft übernahm, es rundweg ablehnte, nach dem Herrenhaus zu kommen oder auch nur Bescheid zu geben. Magnus geriet hierüber wohl in Zorn, aber seine Angst um Minna bestimmte ihn, denselben niederzukämpfen und Norna selbst aufzusuchen. Aber er hielt seinen Plan geheim, sagte seinen Kindern nur, daß er eine Reise zu Verwandten vorhabe, die er seit langer Zeit nicht gesehen habe, und zu der sie ihn begleiten sollten. Nicht gewohnt, nach der Ursache seines Willens zu fragen, auch von der Hoffnung erfüllt, daß Bewegung und Ortsveränderung günstig auf die Schwester wirken würden, traf Brenda, auf der jetzt allein die Sorge für den Haushalt ruhte, alle Anstalten, und am nächsten Morgen schon trabten sie über das öde Meer zwischen Burgh-Westra und dem nordwestlichen Ende der Insel Mainland, die, wie gegen Südosten in dem Vorgebirge von Sumburgh, gegen Nordwesten hin in dem von Fitful endigt. Der Udaller saß auf einem starken, vierschrötigen Klepper von norwegischer Rasse, während Minna und Brenda, als treffliche Reiterinnen bekannt, zwei mutige Shetlandsklepper ritten. Unterwegs wurde wenig gesprochen; gegen Mittag wurde die erste Rast gemacht; und nachdem der Vater sich durch ein Paar kräftige Schlucke gestärkt hatte, wurde er redseliger. »Wohlan, Kinder!« rief er, »wir haben jetzt nur noch etwa zwei Stunden bis zu Nornas Wohnung, und werden bald sehen, wie uns die alte Zaubermutter empfangen wird.« Minna unterbrach ihren Vater mit einem schwachen Ausruf, während Brenda im höchsten Grade des Erstaunens fragte: »Also Norna wollen wir einen Besuch machen.? – Nun, der Himmel bewahre uns!« »Und wovor?« entgegnete der Udaller, die Stirn runzelnd, »Du bist nicht recht klug, Brenda, wer soll Deiner Schwester besser helfen können als sie? Da ist Deine Schwester doch klüger ... Sieh mich an, Minna! Du hast ihre Geschichten und Lieder immer gern gehört, hast Dich zu ihr gesetzt und sie geliebkost, wenn die kleine Brenda schrie und von ihr floh, wie ein spanischer Kauffahrer vor einem holländischen Kaper.« »Möchte sie mich heute nicht auch in Furcht und Flucht jagen, Vater!« erwiderte Brenda, bemüht, ihrer Schwester das Schweigen zu erleichtern dadurch, daß sie den Vater beschäftigte; »ich habe soviel von ihrer Behausung gehört, daß mir vor dem Gedanken graust, sie uneingeladen zu besuchen.« »Du bist nicht gescheit,« entgegnete Magnus, »wenn Du glaubst, daß ein Besuch von Verwandten je einem wackern Shetländer-Herzen unwillkommen sein könnte. – Und nun wahrlich, jetzt fällt's mir ein, ja, ja, ja, deshalb hat sie Erik Scambester nicht sprechen wollen. Lange Zeit ist's her, seitdem ich ihren Schornstein rauchen gesehen, und noch nie habe ich Euch dorthin geführt, – sie hat wirklich recht, mich unfreundlich zu nennen. Aber ich will ihr die Wahrheit gestehen – und die ist: daß ich es nicht für hübsch und anständig halte, einer in der Einsamkeit lebenden Frau schwer oder lästig zu fallen.« »Wir brauchen uns doch davor nicht zu fürchten, Vater,« erwiderte Brenda, »denn ich habe von allem, was uns not tun kann, reichlichen Vorrat mitgenommen: Fische und Speck, gesalzenes Hammelfleisch und geräucherte Gänse, mehr als wir in einer Woche verzehren können – und überdem auch stärkende Getränke für Dich, Vater.« »Recht, recht, meine Tochter!« unterbrach sie der Udaller, »ein wohl ausgerüstetes Schiff macht auch eine muntere Reise. Und so brauchen wir nur Nornas gastfreies Dach und ein wenig Bettzeug für Euch, denn was mich betrifft, so sind mir mein Seemantel und ein Paar gute norwegische Bretter lieber, als Eure Kissen und Eiderdaunen und Matratzen. Norna wird die Freude haben, uns bei sich zu sehen, ohne auch nur für einen Stüber Wert durch uns in Kosten versetzt zu werden.« »Hoffentlich nennt sie es eine Freude,« antwortete Brenda. »Nun, beim heiligen Märtyrer! was heißt das wieder, Mädchen!« rief der Udaller, »glaubst Du etwa, meine Verwandte sei eine Heidin und würde sich nicht freuen, ihr eignes Fleisch und Blut zu sehen? – Wäre ich doch einer guten Fischerei eben so gewiß! – Nein, nein, nur daß wir sie nicht zu Hause finden möchten, fürchte ich; denn sie wandert oft umher, in Gedanken über Dinge, die nun doch nicht abzuändern sind.« Minna seufzte tief, als ihr Vater diese Worte sprach, und dieser fuhr fort: »Du seufzest, Mädchen? – Ja, ja, daran krankt die halbe Welt – möge es nicht auch Deine Krankheit sein oder werden!« Ein zweiter Seufzer verriet, daß diese Warnung schon zu spät kam. »Ich glaube, Du fürchtest Dich vor meiner Verwandten ebenso, wie Brenda?« sprach der Udaller, ihr bleiches Gesicht musternd; »ist dem so, dann sprich nur ein Wort, und wir kehren zurück, als ob wir günstigen Wind hätten und fünfzehn Meilen in einer Stunde machten.« »Um Gottes willen, laß uns zurückkehren, Schwester!« rief Brenda flehend; »Du weißt ja – Du wirst Dich erinnern – Du mußt überzeugt sein, daß Norna Dir nicht helfen kann.« »Das ist nur zu wahr,« erwiderte Minna mit gedämpfter Stimme; »aber vielleicht kann sie mir eine Frage beantworten, die nur von einer, die im Elend ist, an eine andere solche getan werden kann.« »Meine Verwandte ist weder arm noch elend,« antwortete der Udaller, der Minnas leise Rede nur halb gehört hatte. »Sie hat gute Einkünfte, sowohl auf Orkney als hier und manches Lispfund Butter muß ihr entrichtet werden. Aber die Armen erhalten den größten Teil davon, und Schande dem Shetländer, der sie darum beneidet; das übrige gibt sie, ich weiß selbst nicht wie, auf ihren Wanderungen durch die Inseln aus. Aber Ihr werdet lachen, wenn Ihr ihr Haus und Nick Strumpher sehen werdet, den sie Pacolet nennt, – Viele glauben, Nick sei der Teufel, aber er hat Fleisch und Blut, wie einer von uns – sein Vater lebt in Graemsay – freuen werde ich, mich, den Nick wiederzusehen.« Als der Udaller so sprach, überlegte Brenda, die zum Ersatz für eine lebhafte Phantasie, wie sie ihrer Schwester eigen war, eine reiche Dosis gesunden Menschenverstandes hatte, bei sich hin und her, welchen Einfluß dieser Besuch auf den Gesundheitszustand ihrer Schwester haben könne. Endlich gelangte sie zu dem Entschluß, bei der ersten Gelegenheit, die sich dazu auf der Reise darbieten würde, mit ihrem Vater heimlich zu sprechen und ihm alle Umstände von Nornas nächtlichem Besuch mitzuteilen, dem sie, im Verein mit andern gemütbewegenden Ursachen, Minnas Gemütskrankheit vorzüglich zuschrieb; und es ihm dann zu überlassen, ob er auf dem Besuch bei einem so seltsamen Wesen bestehen wolle oder es für ratsam halte, Minna keiner weitern Erschütterung auszusetzen. Während die Klepper wieder gesattelt wurden, gelang es Brenda, nicht ohne Schwierigkeit, ihrem Vater ihre Absicht begreiflich zu machen, dessen Erstaunen darüber, wie man denken kann, nicht gering war, aber noch größer wurde, als er, nachdem er absichtlich mit Brenda ein Stück zurückgeblieben, von dieser die ganze Geschichte von Nornas Besuch auf Burgh-Westra und von dieser Mitteilung erfuhr, durch die sie damals seine Töchter in Schrecken gesetzt hatte. Eine Weile konnte er nichts hervorbringen als einzelne Worte; dann aber verwünschte er seine Verwandte tausendmal, daß sie seinen Töchtern eine solche Schreckensmär erzählt habe. »Oft hab ich schon gehört,« rief er aus, »daß sie, trotz all ihrer Weisheit und Wetterkunde, wahnsinnig sein solle, und, bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Magnus, ich glaube es wirklich selbst. Nicht mehr zu steuern weiß ich, gleichsam als wäre mir der Kompaß verloren gegangen. Hätte ich das früher gewußt, so wären wir zu Hause geblieben; nun aber, da wir so weit gekommen sind, und da uns Norna erwartet –« »Uns erwartet, Vater!« unterbrach ihn Brenda, »wie wäre das möglich?« »Wie, weiß ich nicht, –« erwiderte der Udaller, »da sie aber vorhersagen kann, woher der Wind weht, wird sie auch wissen, welchen Weg wir reiten. Wir dürfen sie nicht erzürnen. Vielleicht hat sie meiner Familie dies Unheil zugefügt, wegen des Wortwechsels, den ich mit ihr über den Burschen hatte; wenn dem so ist, kann sie es wieder gut machen; – und das soll sie, oder ich will wissen, warum nicht. – Aber zuvor will ich es mit guten Worten versuchen.« Hierauf bemühte sich Brenda, zunächst von ihrem Vater zu erfahren, ob Nornas Erzählung auf Wahrheit gegründet sei oder nicht. Dieser schüttelte sein Haupt, seufzte tief und bestätigte mit wenigen Worten den ganzen Vorgang, soweit er auf ihr Verständnis mit dem Fremden Bezug hatte; auch der Tod ihres Vaters, dessen zufällige und gewiß unschuldige Ursache sie geworden, war eine traurige, doch nicht abzuleugnende Wahrheit... »Was aber ihr Kind anbelange,« sagte er, »so habe er nie erfahren können, was aus demselben geworden.« »Ihr Kind!« unterbrach ihn Brenda, »sie sprach ja kein Wort von einem Kinde!« »So wollte ich, meine Zunge hätte geschwiegen!« rief der Udaller. – »Jung oder alt, seh ich, kann der Mann ein Geheimnis vor Euch Weibern nicht besser bergen, als ein Aal in seinem Hinterhalt zu bleiben vermag, wenn ihn die Schlange von Pferdehaaren gefangen hält; früh oder spät zieht ihn doch der Fischer heraus!« »Aber das Kind, mein Vater!« fuhr Brenda fort, begierig die nähern Umstände dieser außerordentlichen Geschichte zu erfahren; »was ist aus dem Kinde geworden?« »Fortgeführt ward es, wie ich glaube, von dem elenden Vaughan,« antwortete der Udaller in verdrießlichem Tone, der deutlich bewies, wie sehr es ihm zuwider war, von der Sache zu reden. »Von Vaughan?« fragte Brenda, »von dem Liebhaber Nornas, ohne Zweifel? was war dies für ein Mann, Vater?« »Ein Mann, wie ein anderer, denk ich,« erwiderte der Udaller; »ich meinerseits habe ihn nie gesehen. – Er hielt sich zu den schottischen Familien in Kirkwall, ich aber blieb bei den guten alten Norwegern. – Ja, ja, wenn Norna sich nur immer an ihre eigenen Verwandten gehalten und nicht mit den Schottländern Bekanntschaft gemacht hätte, so hätte sie auch nicht von dem Vaughan gewußt, und manches wäre anders gekommen. – Dann aber hätte ich auch nichts von Deiner guten seligen Mutter gewußt, und das, Brenda,« – hier zeigte sich eine Träne in seinem großen blauen Auge, »hätte mir eine kurze Freude geraubt und einen langen Kummer erspart.« »Norna hätte als Gefährtin und Freundin, Vater, Dir die Stelle meiner Mutter nicht ersetzen können, so viel ich nämlich davon weiß,« entgegnete Brenda mit einigem Zögern. Magnus aber, durch die Erinnerung an seine entschlafene Gattin weicher gestimmt, antwortete ihr milder, als sie erwartet hatte. »Mir wär's recht gewesen,« sagte er, »wenn ich damals Norna hätte heiraten können. Ein alter Familienzwist wäre beseitigt – eine alte Wunde geheilt worden. Alle unsere Verwandten wünschten es, und da ich damals Deine gute Mutter noch nicht kannte, war ich wohl geneigt, ihren Wunsch zu erfüllen. – Du mußt von Norna und mir nicht nach unserm jetzigen Aussehen urteilen. Sie war jung und schön, ich gewandt wie ein Hirsch; und nur wenig kümmerte ich mich darum, auf welchen Hafen ich lossteuerte, denn mehr als einen glaubte ich unter meinem Winde zu haben. Norna aber zog jenen Vaughan vor, und das war, wie bereits gesagt, vielleicht der beste Dienst, den sie mir leisten konnte.« »Arme Verwandte,« klagte Brenda; »aber, Vater, glaubst Du denn auch an die hohe Macht, deren sie sich rühmt, – an die geheimnisvolle Erscheinung des Zwerges – an die – – –« »Ich glaube, Brenda,« versetzte Magnus, sichtlich verdrossen, »was meine Vorfahren glaubten, – ich begehre nicht weiser zu sein, als sie es ihrer Zeit waren – und sie alle waren überzeugt, daß bei tiefem irdischen Kummer die Vorsehung das Auge der Seele eröffne und dem Dulder den Blick in die Zukunft gestatte. Nornas Boot hält, mit Erlaubnis zu reden, nur kein Gleichgewicht,« hier berührte er seinen Hut ehrfurchtsvoll; »trotz dem Wechsel ihres Ballastes aber ist sie dennoch so schwer beladen, als es je die Jolle eines Orkneyfischers war, der auf Seehundfang auszog – sie hat des Schmerzes noch mehr als genug an Bord, die Gaben aufzuwiegen, die sie in ihrem Unglück empfing. Sie sind ihrer armen Seele so qualvoll, wie eine Dornenkrone es ihrem Haupte wäre. – Suche Du, Brenda, also auch nicht weiser zu sein als Deine Väter.« »Arme Norna!« wiederholte Brenda; »und ihr Kind – ist es nie wiedergefunden worden?« »Was weiß ich von ihrem Kinde,« entgegnete der Udaller, mürrischer denn zuvor; »sie war sehr krank vor und nach der Geburt, obgleich wir sie so gut wie möglich aufzuheitern suchten. – Das Kind war vor der Zeit in die so geräuschvolle Welt gekommen, und so ist es wahrscheinlicherweise längst schon tot. – Das alles aber geht Dich nichts an, Brenda, und so laß mich gehen, närrisches Mädchen, und lege mir nicht ferner Fragen vor, die sich für Dich nicht schicken.« So sprechend, gab der Udaller seinem munteren Klepper die Sporen, und rasch befand er sich wieder an der Seite der schwermütigen Minna. Brenda, auf diese Weise verhindert, ihre Unterredung mit ihm fortzusetzen, behielt nur noch den einen Trost, daß Norna bei ihrem übersinnlichen Wesen vielleicht Mittel gegen Minnas Krankheit, die ihren Sitz in der Einbildung zu haben schien, finden werde. Ihr Weg hatte sie bis jetzt nur durch Sumpf und Moor geführt und oft genötigt, Umwege um die zahlreichen Salzwasserseen zu machen, die in das Land in Menge hineinströmten. Nun aber nahten sie sich dem nordwestlichen Ende der Insel und ritten an einer ungeheuren Felsenkette entlang, die seit Jahrhunderten der Wut des nördlichen Ozeans und allen Stürmen Trotz bot. Endlich rief der Udaller seinen Töchtern zu: »Dort liegt Nornas Wohnung! – Blicke auf, Minna! wenn dieser Anblick hier Dich nicht zum Lachen bringt, so vermag es nichts auf der Welt. – Sahst Du wohl je ein Geschöpf, den Seeadler ausgenommen, das sich ein solches Nest baute? – Bei den Gebeinen meines heiligen Namensvetters! in einem ähnlichen Dinge hat noch kein lebendes Wesen gehaust!« Achtes Kapitel. Nornas Behausung war von Magnus Troil nicht unpassenderweise mit dem Horst eines Seeadlers verglichen worden. Sie war sehr klein und aus einem jener Gebäude ausgebaut, die auf Shetland Burgen und Piktenhäuser, in Schottland und auf den Hebriden Duns heißen und die ersten Versuche der Baukunst zu sein schienen – jene Uebergänge von Fuchsbauten im losen Steinhaufen zur menschlichen Wohnung aus dem gleichen Material ohne Verwendung weder von Kalk noch von Lehm oder Bauholz. Die vielen Ueberreste dieser Wohnungen, von denen man Ruinen auf jedem Vorgebirge, auf jedem Inselchen und an jedem Punkte findet, der den Einwohnern Mittel zu ihrer Verteidigung darbieten konnte, liefern den Beweis, daß jenes uralte Inselvolk, das diese Burgen erbaute, eine weit größere Seelenzahl aufgewiesen hat, als nach andern Umständen zu schließen sein dürfte. Die Burg, von der wir hier erzählen, war in späteren Zeiten ausgebaut worden, vermutlich von irgend einem kleinen Despoten oder Seeräuber, der die Sicherheit ihrer Lage auf einer vorspringenden Felsenspitze, von dem Hauptlande durch eine Spalte oder Kluft getrennt, erkannte und würdigte. Das Innere zeigte Kalk und Lehmbewurf, auch Fensteröffnungen, um Licht und Luft Einlaß zu gewähren; vermittels Balken von gestrandeten Schiffen war sie in Stockwerke eingeteilt worden, so daß das Ganze einem pyramidenförmigen Taubenschlage nicht unähnlich sah, dessen dicke Mauer immer noch jene Galerie enthielt, die allen festen Schlössern dieser frühern Bauart eigen ist, und ihre eigentliche Schutzwehr gebildet zu haben scheint. Diese seltsame Behausung seit Menschenalter der Gewalt der Elemente ausgesetzt, war grau und hatte vom Wetter gelitten, wie der Felsen, auf dem sie gegründet war, und von dem man sie kaum zu unterscheiden vermochte. Minnas bisherige Gleichgültigkeit gegen alles, was seit kurzem um sie her vorging, wurde auf einen Augenblick durch den Anblick dieser menschlichen Wohnung aufgehoben, die zu einer andern und glücklichern Zeit ihres Lebens bei ihr Neugierde und Staunen rege gemacht hätte, jetzt aber nur vorübergehendes Mitleid in ihrem Herzen wachrief. Brenda aber überrieselte ein Schauer, wenn sie auf die Felswohnung blickte, zu der sie jetzt auf einem schwierigen, gefahrvollen Pfade hinanritten, der sie zu ihrem Schrecken oft so nahe an den Rand des jähen Abgrunds führte, daß sie, obgleich Shetländerin, und von der Zuverlässigkeit ihres Kleppers überzeugt, doch kaum einen Anfall von Schwindel unterdrücken konnte, besonders als sie, den Blick zurücklenkend, sah, wie Minna, den Zügel fallen lassend, die Arme, sogar den Körper über den Abgrund hinausbeugte, an den Wildschwan erinnernd, der, seine Schwingen auseinander breitend, sich von der Klippe hinabsenkt. In diesem Augenblick fühlte Brenda sich von unaussprechlichem Entsetzen erfaßt, das selbst dann noch ihre Nerven schwer bedrohte, als der Klepper der Schwester die scharfe Felsenecke gleichfalls umschritt und die Versuchung, wenn eine solche vorhanden gewesen, von ihr nahm. Jetzt erreichten sie einen ebnern und offnern Pfad, den flachen Gipfel eines hervorspringenden Felsens, der aber auf einem Punkte wieder schmaler ward und in der Schlucht endigte, die den Felsen, auf dem Nornas Behausung lag, von der übrigen Klippenreihe trennte. Diese von der Natur gebildete Kluft, offenbar das Werk irgend einer Erschütterung derselben, war tief, dunkel und unregelmäßig, enger gegen die Tiefe hin, die der Blick nicht zu ergründen vermochte, und am weitesten nach oben zu, wo der Teil der Klippe, auf dem Nornas Behausung lag, sich von dem Hauptfelsen losgerissen zu haben schien, denn er neigte sich von diesem ab, wie wenn er sich samt dem Bau auf ihm jeden Augenblick ins Meer stürzen wolle. Ohne sich um solche Schrecken zu bekümmern, ritt der Udaller auf den Turm zu, schwang sich von seinem Pferde, half seinen Töchtern von ihren Kleppern und schritt auf die Pforte zu, vor der sich ehedem eine rohe Zugbrücke, von der noch Ueberreste vorhanden waren, befunden hatte. Jetzt bildete sie nur noch einen Weg für Fußgänger, schmal und ohne Geländer, von einer Art Bogen aus Walfischbarten getragen. Ueber diese Schreckensbrücke ging nun der Udaller festen Schrittes, gefolgt von seinen Töchtern, und bald standen die Reisenden vor dem niedrigen, unförmlichen Eingang zu Nornas Behausung. »Wenn sie doch vielleicht nicht zu Hause wäre?« sagte der Udaller, wiederholt an die Tür aus schwarzem Eichenholz schlagend – »gleichviel; dann wollen wir wenigstens einen Tag auf ihre Rückkehr warten und uns an Hausbier und Branntwein bei Nick Strumpher schadlos halten.« Aber schon öffnete sich die Tür; ein vierschrötiger Zwerg, vier Fuß fünf Zoll hoch, mit einem Kopfe von beträchtlichem Umfange und häßlichem Gesicht, mit ungeheurem Munde, großen aufwärts geschlitzten Naslöchern, plumpen dicken Lippen und großen Walfischaugen, glotzte ihnen, ohne ein Wort zu sprechen, entgegen, zu Brendas Schreck und Minnas Staunen, die beide kaum reden konnten vor Angst, jener Troild, dessen Norna in ihrer Erzählung erwähnte, stände leibhaftig vor ihnen. Magnus Troil aber redete die wunderliche Gestalt mit jener herablassenden Freundlichkeit an, die Leute höheren Ranges gegen solche niedrigern Standes anzunehmen pflegen, wenn sie augenblicklichen Grund zur Höflichkeit gegen sie zu haben meinen. »Ei, sieh da, Nick!« rief er, »noch immer munter und wohl wie St. Nicolas, Dein Namensvetter, wenn er, mit Axt oder Beil ausgehauen, an einem holländischen Schiffe prangt. Wie geht es Dir, Nick, oder Pacolet, wenn Du Dich so lieber nennen hörst; sieh, Nicolas! da sind meine beiden Töchter, fast so hübsch wie Du, wie Du siehst.« Nick grinste sie an und machte eine plumpe Verbeugung, wich aber mit seiner klumpenförmigen Gestalt um keinen Schritt von der Tür. »Kinder,« fuhr der Udaller fort, der seine Gründe haben mochte, den Cerberus freundlich zu stimmen, – »seht, Mädchen, das ist Nick Strumpher, von seiner Herrin Pacolet genannt; ein schmucker Zwerg, wie Ihr seht, geheimer Rat von seiner Herrin, der aber noch nie im Leben ein Geheimnis von ihr ausgeschwatzt hat.« Der garstige Zwerg grinste noch ärger als zuvor, warf, wie um die Aussage des Udallers zu bekräftigen, den Kopf zurück und zeigte, als er seine ungeheuren Kinnbacken voneinander riß, daß sich in der unermeßlichen Tiefe seines Schlundes nur noch die eingeschrumpften Ueberreste einer Zunge befanden, vielleicht noch ausreichend zum Verschlingen von Nahrung, nicht aber, um menschliche Töne hervorzubringen. Ob dieses Organ durch Krankheit verstümmelt oder gewalttätig verkürzt worden, ließ sich nicht erraten; daß aber das unglückliche Wesen nicht von Geburt stumm war, ging aus seinem Gehör hervor. Nachdem er diesen schrecklichen Anblick gezeigt, vergalt er den Scherz des Udallers mit lautem, mißtönendem Gelächter; um so gräßlicher anzuhören, als es das eigene Elend zu höhnen schien. Die Schwestern blickten sich einander furchtsam an, und selbst der Udaller schien etwas außer Fassung gebracht, fuhr aber fort: »Und wann hast Du Deinen Schlund, der an Weite dem Pentland-Haff nichts nachgibt, zuletzt mit einem Glas Branntwein gewaschen? Ich führe solches Zeug bei mir, Nick, vortreffliches Zeug!« Der Zwerg zog die dicken Brauen zusammen, schüttelte den mißgestalteten Kopf und zeigte mit dem Daumen seiner rechten Hand über die Schulter rückwärts. »Wie! meine Muhme sollte darüber verdrießlich werden?« sagte der Udaller, das Zeichen verstehend: »nun, nun, Alter, Du sollst eine Flasche davon hier behalten, um Dir ein Gütchen damit anzutun, wenn sie fern ist.« Der Zwerg fletschte schmunzelnd die Zähne. »Und nun, Pacolet!« rief der Udaller, »aus dem Wege, und laß mich meine Töchter zu meiner Muhme führen. Bei den Gebeinen des heiligen Magnus! es soll Dein Schaden nicht sein, – Nun, schüttele nur Deinen Kopf nicht, Alter; wenn meine Muhme zu Hause ist, wollen und müssen wir sie sehen.« Der Zwerg gab durch seine Winke von neuem zu verstehen, daß das unmöglich sei, worauf der Udaller zornig zu werden anfing. »Was da, was da!« rief er, »quäle mich nicht mit Deinem Kauderwelsch und geh aus dem Wege! Ich nehme alle Schuld auf mich.« Mit diesen Worten legte Magnus Troll seine kräftige Hand an den Wamskragen des Zwerges, schob ihn mit einem derben Stoß beiseite und trat ein, von seinen beiden Töchtern gefolgt, die sich, von allem was sie rings um sich sahen, entsetzt, dicht an ihn anschlossen. Ein krummer, dunkler Gang, durch den jetzt Magnus voranschritt, wurde durch eine Schießscharte, die mit dem Innern des Gebäudes in Verbindung stand, und ursprünglich dazu bestimmt sein mochte, den Eingang zu verteidigen, nur matt erhellt. Je weiter sie gingen, desto dunkler wurde es um sie her, und als Brenda jetzt aufblickte, den Grund hiervon zu erforschen, bebte sie zusammen vor dem bleichen, nur im Halbdunkel sichtbaren Antlitz Nornas, die, ohne ein Wort zu sprechen, auf sie niedersah, mit einem so starren, schrecklichen Ernst, daß jeder freundliche Empfang ausgeschlossen zu sein schien. Vater und Schwester kamen langsam hinter ihr her und hatten die Erscheinung ihrer seltsamen Wirtin nicht bemerkt. Neuntes Kapitel. »Hier muß die Treppe sein,« rief der Udaller, als er in der Dunkelheit gegen ein paar unregelmäßige Stufen stieß, »sofern mich nicht mein Gedächtnis trügt! Ei, und da sitzt sie ja schon,« fuhr er fort, als er vor einer halboffenen Tür still stand, »mit ihrer ganzen Takelage um sich, und beschäftigt, ohne Zweifel wie der Teufel beim Sturm.« Mit solch unehrbietigem Vergleiche trat er, von seinen Töchtern gefolgt, über die Schwelle des halbdunklen Zimmers, worin Norna saß, von wirr umher liegenden Büchern aus verschiedenen Sprachen, Pergamentrollen, Tafeln und Steinen mit den eckigen Zeichen der Runenschrift umgeben, wie mancherlei anderen Dingen, die der gemeine Mann mit Ausübung verbotener Künste in Verbindung zu bringen liebt. Ueber dem rohen, nachlässig angelegten Kamin hing ein altes Panzerhemd nebst zugehörigem Kopfstück, Streitaxt und Lanze; auf einem Gesimse lagen in großer Ordnung mehrere jener seltsamen, aus grünem Granit geformten Streitäxte, die sich häufig auf diesen Inseln finden, und vom gemeinen Mann »Donnerkeile« genannt und als Schutzwehr gegen Blitzstrahl betrachtet werden. Daneben ein Opfermesser, an dem vielleicht einst Menschenblut klebte, sowie ein paar jener ehernen Werkzeuge, »Celts« genannt, über deren Zweck sich schon mancher Altertumsforscher den Kopf zerbrochen hat. In einem Winkel auf einem Haufen von welkem Seegrase, ruhte ein Ungetüm, das man auf den ersten Blick für einen großen mißgestalteten Hund halten konnte, dann aber als einen zahmen Seehund erkannte, und der jetzt, als er die fremden Leute sah, wachsam wie ein gewöhnlicher Haushund aufsprang – während Norna, ohne sich zu rühren, hinter einem Tisch aus rohem Granit sitzen blieb, den plumpe, aus dem gleichen Gestein roh gefügte Füße trugen. Außer dem Buche, worin sie zu lesen schien, lag neben einem mit Wasser gefüllten Kruge ein Stück von jenem groben, ungesäuerten Brote, das der arme norwegische Bauer zu essen pflegt. Magnus Troil stand einen Augenblick da, den Blick schweigend auf seine Muhme gerichtet; Brenda war von maßloser Furcht erfüllt, und Minna schien für den Augenblick gar nicht zu fassen, wo sie weilte. Endlich wurde das Schweigen von dem Udaller unterbrochen, der einerseits seine Muhme nicht beleidigen mochte, anderseits ihr aber zeigen wollte, daß ihn dieser seltsame Empfang nicht in Verwirrung setzte ... »Guten Abend, Muhme Norna!« rief er, »ich bin mit meinen Töchtern weit hergekommen, um Euch zu besuchen.« Norna hob die Augen von dem Buche, blickte starr auf ihre Besucher, dann wieder ruhig auf das Blatt. »Nun, laßt Euch nicht stören, Muhme,« fuhr der Udaller fort, – »wir können ja warten, bis Ihr Zeit für uns findet! Schau her, Minna, die herrliche Aussicht auf das Vorgebirge, kaum eine Viertelmeile von hier; sieh, wie sich die Wellen mastlos daran brechen. Ach, und den niedlichen Seehund, den unsere Muhme hat! ... Komm her, Tierchen, komm, komm!« Der Seehund erwiderte aber diesen Versuch, Bekanntschaft mit ihm anzuknüpfen, mit dumpfem Gebrumm. »So gut gezogen,« fuhr Magnus in leichtem, scheinbar gleichgültigem Tone fort, »wie der vom alten Peter Mac Raws, dem Pfeifer von Storneway, der mit dem Schwanze den Takt zu einem Liede schlug, ist er nun freilich nicht; aber, Base,« fuhr er fort, als er sah, daß Norna das Buch zuklappte, »wollt Ihr uns denn nun willkommen heißen, oder müssen wir uns in einem andern Hause, als dem unserer Blutsverwandten, um Nachtquartier umsehen, jetzt, wo der Abend mit starken Schritten naht?« »Ihr trägen, hartherzigen Seelen!« erwiderte Norna, »die Ihr taub seid wie die Natter für die Stimme des Zauberers, – was führt Euch zu mir? – Jede Warnung, die ich Euch gab, habt Ihr von Euch gestoßen, und nun, da das Unglück über Euch hereingebrochen, sucht Ihr meinen Rat, der Euch jetzt nichts mehr helfen kann?« »Hört einmal, Muhme,« entgegnete der Udaller in seinem gewöhnlichen, derben und offenen Wesen; »ich muß Euch gestehen, daß Euer Empfang ziemlich unhöflich und kalt ist. Zwar habe ich noch nie eine Natter gesehen, weil es hier zu Lande keine gibt, nach meinen Begriffen von einem solchen Tiere aber taugt es zu keinem passenden Vergleich mit mir oder mit meinen Töchtern; und das mögt Ihr in der Folge bedenken. Aus alter Bekanntschaft, und auch aus gewissen andern Gründen nur, verlaß ich Euer Haus nicht auf der Stelle; da ich aber höflich und in aller Freundschaft zu Euch gekommen, bitte ich Euch uns auch auf gleiche Weise aufzunehmen, oder wir ziehen wieder von dannen und lassen Eure ungastliche Schwelle schmachbeladen hinter uns.« »Wie dürft Ihr, fragte Norna, »eine so kühne Sprache in einem Hause wagen, von dessen Besitzerin jedermann, wie jetzt auch Ihr, Rat und Hilfe begehrt? Wer mit der Reimkundigen spricht, muß seine Stimme vor ihr beugen, vor ihr, deren Gebot Wind und Wellen gehorchen.« »Wind und Wellen mögen das immerhin tun, wenn sie wollen,« antwortete der Udaller, »ich aber will's nicht. In den Häusern meiner Freunde bin ich gewöhnt, wie bei mir zu Hause zu reden und streiche vor niemand meine Segel.« »Und hofft Ihr, mich auf solche Weise zur Antwort auf Eure Fragen zu zwingen?« fragte Norna. »Hört einmal, Muhme,« entgegnete Magnus Troil, »ich weiß zwar nicht so viel wie Ihr von den alten nordischen Sagen, aber soviel weiß ich, daß, wenn vor Zeiten die wackern Kämpen Sibyllen und Wahrsagerinnen aufsuchten, sie mit der Axt auf der Schulter und mit gezogenem Schwerte anlangten, die Antwort zu erzwingen, die sie begehrten.« »Vetter!« erwiderte Norna, indem sie von ihrem Sitze sich erhob und auf ihn zuschritt: »Du hast wohl gesprochen, und zu rechter Zeit für Dich und Deine Töchter; nie hätte Euch die Morgensonne wieder beschienen. Die Geister, die mir dienen, sind argwöhnisch und wollen zu nichts gebraucht sein, was der Menschheit nützen kann, bis sie von unerschrockenem Mut dazu gezwungen werden. Und nun sprich, was begehrst Du von mir?« »Die Gesundheit meiner Tochter,« antwortete Magnus, »die kein Heilmittel wieder herzustellen vermochte.« »Die Gesundheit Deiner Tochter,« fragte Norna; »und was fehlt dem Mädchen?« »Der Arzt muß ihre Krankheit nennen,« entgegnete Troil; »alles was ich darüber sagen kann, ist –« »Genug,« rief Norna, ihn unterbrechend, »ich weiß alles, was Du von mir sagen kannst, und mehr noch weiß ich als Du selbst. Setzt euch nieder, ihr alle – Du aber, Minna, setz Dich hier auf diesen Stuhl;« – sie zeigte auf den Stuhl, den sie eben verlassen hatte – »einst war er der Sitz der Giervada, auf deren Gebot die Sterne ihre Strahlen einzogen und der Mond verblich.« Langsamen Schrittes begab sich Minna zu dem rohen Steinsessel, der von der ungeschickten Hand irgend eines gotischen Künstlers die ungefähre Gestalt eines Stuhles erhalten hatte. Brenda, die sich so nah wie möglich an ihren Vater schmiegte, setzte sich mit ihm auf eine Bank, in kurzem Abstande von Minna, und hielt ihre Blicke, aus denen ein Gemisch von Furcht, Mitleid und Angst sprach, unbeweglich auf die Schwester gerichtet. Die Gefühle, von denen dieses liebenswürdige Mädchen in diesem Moment bestürmt war, zu enträtseln, würde wohl seine Schwierigkeit haben. Mit schwächerer Einbildungskraft begabt, als Minna, infolgedessen für übernatürliche Dinge weniger empfänglich, konnte sie sich doch einer gewissen Furcht vor der Szene, die jetzt statthaben sollte, nicht verschließen; diese Regung ging aber bald in der Sorge für Minna unter, die mit ihrem geschwächten Körper und einer erschöpften, für die Dinge um sie her nur zu empfänglichen Seele jetzt in Sinnen vertieft saß, der Behandlung eines Wesens preisgegeben, das durch seine Rücksichtslosigkeit leicht von den schädlichsten Folgen für sie sein konnte. Brenda blickte auf Minna, die in dem dunklen Steinsessel saß, zu dessen mächtigen und unregelmäßigen Winkeln ihre liebliche zarte Gestalt den seltsamsten Kontrast bildete; ihre Wangen und Lippen waren bleich wie der Tod, und aus ihren emporgehobenen Augen sprach Ergebung und Begeisterung, beide ihrem Charakter und ihrer Krankheit eigentümlich. Dann sah die jüngere Schwester auf Norna, die, leise und eintönige Worte vor sich hinmurmelnd, von einem Winkel des Gemachs zum andern schritt und allerhand Dinge herbeiholte, die sie dann nebeneinander auf den Tisch legte. Endlich beobachtete Brenda auch noch ihren Vater, um womöglich aus seinen Gesichtszügen zu erraten, ob auch er einiges von ihrer Furcht empfinde. Aber er schien dergleichen nicht zu fühlen, sondern blickte mit ernster Ruhe auf Nornas Vorbereitungen, und schien das Ergebnis derselben mit der Fassung eines Mannes abzuwarten, der im Vertrauen auf die Geschicklichkeit des Arztes dessen Vorbereitungen zu einer ernsten, schmerzvollen Operation mit Ruhe zusieht. Norna fuhr unterdes in ihrer Arbeit fort, bis sie auf den Tisch verschiedene Dinge gelegt und gestellt hatte, unter denen sich auch eine kleine, mit Holzkohlen gefüllte Kohlenpfanne, ein Schmelztiegel und ein dünnes Stückchen Blei befanden. Dann sprach sie laut: »Es ist gut, daß ich Euren Besuch vorher wußte, – lange vorher, eh' er von Euch selbst beschlossen ward, – wie könnte ich sonst auf dasjenige, was jetzt geschehen muß, vorbereitet sein? – Mädchen!« fuhr sie dann zu Minna gewendet fort, »wo liegt Dein Nebel?« Die Kranke legte als Antwort ihre Hand auf die linke Brust. »Ja, ja,« entgegnete Norna, »das ist der Platz von Wohl und Weh. – Du aber, ihr Vater und Du, ihre Schwester, glaubt nicht, daß ich nur aufs Geratewohl spreche – kann ich das Uebel nennen, so bin ich vielleicht im stande, es zu mildern; es ganz zu heilen aber nicht. Das Herz – ja, wenn das Herz getroffen wird, verdunkelt sich das Auge, der Puls beginnt wirr zu klopfen, der Blutumlauf wird gestört, die Glieder welken hin, wie das Seegras in der Sommersonne, unsere frohen Lebensansichten schwinden; und was zurückbleibt, ist nur der Traum eines verlorenen Glücks, die Furcht vor einem unvermeidlichen Elend. – Aber die Heilkundige muß an ihr Geschäft – wohl mir, daß ich Anstalt dazu traf!« Sie warf ihren dunkelfarbigen Mantel von sich und stand nun vor ihnen, in ihrem lichtblauen Wams, mit einer ähnlichen, mit schwarzem Samt phantastisch geschmückten Schürze, die mit einer Kette, oder vielmehr einem mit seltsamen Zeichen gezierten Gürtel an ihrer Jacke befestigt war. Norna löste nun zunächst das Netz, das ihr graues Haar zusammenhielt, und ihr Haupt heftig hin und her bewegend, warf sie es in unordentlicher Fülle über Antlitz und Schultern, so daß ihre Gesichtszüge fast gänzlich verhüllt wurden. Dann stellte sie den kleinen Schmelztiegel auf die kleine Kohlenpfanne, – ließ aus einer Phiole ein paar Tropfen auf die Holzkohlen fallen, deutete auf sie mit dem welken Zeigefinger, den sie ebenfalls, doch aus anderem Fläschchen, benetzt hatte, und sprach mit tiefer Stimme: »Feuer, tue deine Pflicht!« Kaum waren diese Worte gesprochen, als plötzlich, vermutlich durch irgend eine chemische, von den Zuschauern nicht bemerkte Ursache, die Holzkohlen unter dem Schmelztiegel sich langsam zu entzünden begannen, während Norna, gleichsam wie über den Verzug ungeduldig, eilig das um ihr Haupt flatternde Haar aus dem Gesichte strich, und stark in die Flamme blies, deren Glut sich auf ihren Wangen spielte, während ihre Augen unter ihrem Haar hervorfunkelten, wie die eines wilden Tieres aus seiner Höhle. Jetzt hielt sie einen Augenblick inne, und nachdem sie vor sich hingemurmelt hatte, daß jetzt dem Geiste des Elements gedankt werden müsse, rezitierte sie in ihrer gewöhnlichen, monotonen und dennoch wilden Weise die folgenden Verse: »Du, der Furcht und Segen bringt, Der die roten Flügel schwingt, Dessen geist'ges Zauberweh'n Heißt den Nord vom Schlaf ersteh'n, Der da wärmt der Hütte Herd Und Paläste wild zerstört; Glanzumstrahlter, dessen Macht Wohl und Weh oft angefacht; Auf der Runenreime Schwingen Mög mein Danklied zu Dir dringen. Dann nahm sie ein Stückchen von dem Blei, das auf dem Tische lag, warf es in den Schmelztiegel und sang, indem es schmolz: Jetzt gibt auch der Kunst zum Heil Mutter Herta ihren Teil; Sie, die spendend uns erfreut, Nahrung allem Leben beut ... Aus der tiefen Grub' im Norden st das Blei gehoben worden, Einst bestimmt, um unter Stein Eines Helden Sarg zu sein. – Meinem Zauber hilft es hier; Mutter Herta, Dank dafür! Nun goß sie aus ihrem Kruge Wasser in einen großen Becher, und während sie es langsam mit dem Ende ihres Stabes rührte, sang sie: Gürtel, der sein Silberband Schlingt um unser Vaterland, Deiner Woge Sturmgewühl Treibt mit Belgiens Küste Spiel. Aber unsere Klippenschanze Trotzet Deinem Wellentanze. – Gürtel, tu jetzt Deine Pflicht, Norna ist's, die zu Dir spricht. Als sie diesen Vers geendet, hob sie mit einer Zange den Schmelztiegel von der Kohlenpfanne und goß das nun völlig geschmolzene Blei in das Wasser, wobei sie langsam sprach: »Elemente, die sich einen, Lassen Kraft und Macht erscheinen.« Das geschmolzene Blei zischte, als es das Wasser berührte, und formte sich in mannigfache Gestalten, wie allen denen bekannt sein wird, die sich in ihrer Kindheit mit dem Spiele beschäftigten. Norna untersuchte das Blei jetzt mit großer Aufmerksamkeit und löste es voneinander, ohne dem Anschein nach dasjenige zu finden, was sie suchte. Endlich murmelte sie, mehr vor sich hin, als an ihre Gäste gerichtet: »Erm, der Unsichtbare, will nicht übergangen sein, – seinen Tribut will er, selbst in einem Werke, zu dem er nichts tut. – Wolkenbezwinger, auch Dir soll die Stimme der Reimkundigen ertönen.« So sprechend, warf Norna das Blei noch einmal in den Schmelztiegel, wo es, siedend und zischend, so wie das Metall die glühenden Seiten des Gefäßes berührte, schnell wieder flüssig wurde. Die Sibylle hatte sich unterdessen in einen Winkel des Gemachs begeben; dort öffnete sie ein Fenster, das nach Nordwesten hinausging, und ließ den Glanz der Sonne hereinschimmern, die jetzt über einer großen Masse roten Gewölks schwebte, das, nahen Sturm kündend, den Rand des Horizonts umzogen hielt und gleichsam über den Wellen des grenzenlosen Ozeans zu brüten schien. Sich gegen jene Seite wendend, woher ein hohler, klagender Windhauch blies, redete Norna jetzt den Geist des Windes mit Tönen an, die den seinigen nicht unähnlich klangen: Du, der über Wellenbreite Gibst dem Schiffer das Geleite: Du, der ihn durch Meereswüste Führest an die sich're Küste; Der, ob hoch die Woge strebt, Leicht ihn über Klippen hebt. Mächtiger! Du zürnst, weil ich Meine Brüder pries, nicht Dich? Sieh' die Handvoll graues Haar Bring ich Dir als Sühne dar. Oft schon hat Dein Sturmestoben Meine Locken wild gehoben. Magst sie jetzt auf Deinen Schwingen Hin zu fernen Wolken bringen; Deinen Teil nimm, zürne nicht, Norna ist's, die zu Dir spricht. Norna begleitete diese Worte mit der Handlung, die sie beschrieben, indem sie eine Locke von ihrem Haupte riß und in den Wind streute. Dann schloß sie das Fenster und versetzte den Raum wieder in jenes Dämmerlicht, das für ihren Charakter und ihre Rolle so trefflich geeignet war. Das geschmolzene Blei wurde noch einmal in das Wasser geworfen, und die wunderlichen Figuren, die es bildete, wurden aufs neue sorgfältig von der Sibylle untersucht, die endlich durch Worte und Gebärde zu verkünden schien, daß ihr Zauber gelungen sei. Sie nahm nun von dem Metall ein Stückchen, von der Größe einer Nuß, das ganz wie ein menschliches Herz gestaltet war, näherte sich Minna und sprach: Wer oft am Zauberbrunnen wacht, Wird untertan der Nixe Macht; Und der Sirene Allgewalt Fühlt, wer am Ufer einsam wallt. Wer zu dem Zauberkreis tritt hin, Dem droht die Feenkönigin, Und wer dem Zwerggestein sich naht, Der ladet auf sich schwere Tat. Zum Brunnen, zum Kreise, zum einsamen Strand Hat Minna die zagenden Schritte gewandt; Und doch stieg das Leiden, das jüngst sie erkor Zum Opfer, aus tieferer Quelle hervor. Minna, deren Aufmerksamkeit von der Ursache ihres Kummers einigermaßen geweckt worden war, erinnerte sich jetzt ihrer plötzlich wieder und blickte eifrig zu Norna auf, ganz so, wie wenn sie aus ihren Reimen etwas zu erfahren erwarte, was für sie von großem Interesse sein müsse. Die nordische Sibylle fuhr indessen fort, das wie ein Herz geformte Blei zu durchbohren, und einen Golddraht hindurchzuziehen, mit dem es sich an einer Kette oder einem Halsband befestigen ließ. Als dies geschehen war, sprach sie weiter: Dich bindet eines Dämons Macht, Der Größeres als Trolld vollbracht. Sirenengleich weiß er zu singen, Mit Feenzauber zu umschlingen. Kein Elfe kann des Herzens Pochen, Wie er, nach Willkür unterjochen; Wie er, die Rosenwange bleichen, Den Glanz des Augenlichts verscheuchen, – Doch sprich, noch eh' wir weiter geh'n, Kannst Du der Rede Sinn versteh'n?« Minna erwiderte auf die rhythmische Weise, die von den alten Skandinaviern oft im Scherz oder Ernst in Anwendung gebracht wurde. – »Dein Zeichen versteh' ich, Deine Blicke, Dein Wort, Fahr in Deinem Rätsel, o Mutter, nur fort.« »Und die letzten sind's, die sie in Monaten sprechen wird,« entgegnete Norna, über die Unterbrechung erzürnt, »wenn Du ferner die Wirkung meines Zaubers störst. Wendet Euer Gesicht der Wand zu und schaut nicht her, bei der Strafe meines Zornes; Du, Magnus, wegen Deines harten Sinnes; und Du, Brenda, wegen Deines eitlen Unglaubens; ihr beide seid nicht wert, dem geheimnisvollen Werke zuzuschauen; die Blicke eurer Augen schwächen die Kraft des Zaubers; denn die Mächte dulden keinen Argwohn.« Ungewohnt, auf solch entschiedene Weise angesprochen zu werden, hätte Magnus fast eine heftige Antwort gegeben, aber in Rücksicht auf Minnas Gesundheit und Nornas schweres Leid bekämpfte er seinen Unmut, neigte sein Haupt, zuckte mit den Schultern und nahm, sein Gesicht gegen die Wand kehrend, die Stellung an, die ihm Norna befohlen. Auf seinen Wink folgte Brenda seinem Beispiel, und so saßen beide in tiefem Schweigen da. Norna wandte sich wieder zu Minna mit folgenden Worten: Merk auf mein Wort, und länger nicht Deck Totenblässe Dein Gesicht. Dies Herz von Blei, nur klein an Wert, Als Sinnbild sei es Dir beschert. Trag es in tröstender Ruh und Frieden, Hoffend, daß dann Deine Krankheit geschieden. Wenn blutroter Fuß die blutrote Hand Auf Orkney im Flügel des Märtyrers fand. Hohe Röte färbte Minnas Wangen bei den letzten Worten, denn diese schienen ihr deutlich zu verkünden, daß Norna mit der Ursache ihres Kummers völlig bekannt sei; dieselbe Ueberzeugung bewog das arme Mädchen auch, auf den glücklichen Erfolg zu hoffen, auf den die Wahrsagerin hindeutete; und da sie nicht wagte, ihre Gefühle auf eine verständlichere Weise an den Tag zu legen, drückte sie mit Wärme und Innigkeit Nornas welke Hand an ihre Brust und benetzte sie mit Tränen. Menschlicher fühlend, als sonst ihre Art war, zog Norna die Hand weg, und nun flossen Minnas Tränen unaufhaltsam. Freundlicher denn zuvor befestigte Norna das bleierne Herz an einer goldenen Kette, hing sie Minna um den Hals und sang dazu den letzten Teil ihres Zauberliedes: Geduld, nur Geduld; denn Geduld schirmt mit Kraft, Wie der Mantel, der Schutz uns beim Unwetter schafft. Nichts Besseres vermag ich Dir, Mädchen, zu spenden Als hier diese Gabe aus Zauberers Händen. Das Herz und die Kette, sie sollen Dir beide Verbürgen, was Norna Dir gab zum Bescheide. Doch soll sie nicht schauen, was lieb Dir und nah, Bis das, was ich kündete, wirklich geschah.« Während sie diese Verse sprach, hatte sie der Kranken die Kette sorgfältig um den Hals gewunden, und die Kranke konnte sie in ihrem Busen bergen; und so endete diese Zauberhandlung – die übrigens wohl noch heute auf Shetland geübt wird, wo jede Erkrankung, deren Ursache nicht klar am Tage liegt, von der niedern Klasse dem Einfluß eines bösen Geistes zugeschrieben wird, der dem leidenden Leibe das Herz gestohlen: der Gebrauch, dem Kranken statt dieses aus dem Leibe gestohlenen Herzens ein bleiernes umzuhängen, ist auch heute noch nicht erloschen. Nochmals mahnte Norna die Kranke, nicht von der Zaubergabe zu sprechen, da sonst die Kraft derselben sogleich verloren wäre. Dann löste sie noch einmal Minnas Halskrause und zeigte ihr ein Glied der goldnen Kette, das Minna auf der Stelle überzeugte, daß es dieselbe sei, die Norna einst Mordaunt Mertoun geschenkt. Dieses schien ihr zu beweisen, daß er noch am Leben und unter Nornas Schutz sei, und mit lebhafter Neugier blickte sie nun auf die seltsame Greisin, die aber, als gebiete sie Schweigen, den Finger auf die Lippen legte, dann noch einmal die Kette unter jene Falten barg, die sittsam und züchtig einen der schönsten und sanftesten Busen des Erdenrunds verhüllten. Norna löschte sodann die brennenden Kohlen aus und gebot, als das Wasser zischend die Glut berührte, Magnus und Brenda, ihnen sich wieder zuzukehren, da ihr Geschäft nun vollendet sei. Zehntes Kapitel. Norna schien wirklich vollen Anspruch auf die Dankbarkeit des Udallers zu haben, denn der Gesundheitszustand seiner Tochter hatte sich im Handumdrehen gebessert. Die Sibylle öffnete noch einmal das Fenster, Minna näherte sich mit liebevollem Zutrauen dem Vater, umschlang ihn und bat ihn um Verzeihung wegen der vielen Sorge, die sie ihm seit kurzem verursacht. Auch in die Arme der Schwester warf sie sich, gab aber ihr gegenüber der Reue, die sie fühlte, wegen des seltsamen Benehmens, das sie seit kurzem ihr gegenüber gezeigt, mehr durch Tränen und Küsse, als durch Worte Ausdruck. Der Udaller hingegen hielt es für höflich, seiner Wirtin, deren Geschicklichkeit sich so ungemein bewährt hatte, für die geleisteten Dienste zu danken. Kaum aber hatte er begonnen: »Liebwerte Muhme, seht, ich bin nur ein alter gerader Normann,« – als sie ihn auch schnell unterbrach, indem sie die Finger auf die Lippen legte. »Wesen gibt es um uns,« sprach sie, »die keine sterbliche Stimme hören, und die nicht Zeugen von einem, dem menschlichen Gefühle dargebrachten Opfer sein dürfen. – Auch Augenblicke gibt es, wo sie sich selbst gegen mich, ihre mächtige Gebieterin, empören, weil mich noch die menschliche Hülle umgibt. Fürchte sie daher und schweige! Ich – nur ich, die durch Taten sich aus dem niedrigen Tale des Lebens und über Deine galligen Gebrechen emporhob; – ich, die dem Spender ihres Lebens die Gabe raubte, die er ihr verlieh, und die nun einsam und allein dasteht auf einer Klippe von unermeßlicher Höhe, losgerissen von der ganzen Erde außer dem unbedeutenden Punkte, den ihr armseliger Fuß betritt – ich allein bin bestimmt, mit diesen finstern Genossen zu unterhandeln. Fürchte Dich deshalb nicht, sei aber auch nicht zu kühn. Verbringe diesen Fasten mit Deinen Töchtern im Gebet!« Der Udaller, schon vorher nicht willens, dem Gebot der Sibylle zuwider zu handeln, hatte jetzt, nachdem sie ihm solchen Dienst geleistet, hierzu noch weniger Lust, sondern setzte sich schweigend und griff nach einem neben ihm liegenden Buche in einem verzweifelten Versuche, die Langeweile zu vertreiben, denn noch nie hatte er in einer andern Absicht seine Zuflucht zu einem Buche genommen. Der Zufall spielte ihm eins in die Hände, das für ihn, wäre es nicht in lateinischer Sprache abgefaßt gewesen, recht viel Interesse hätte haben können, denn es stammte von Olaus Magnus und handelte von den Sitten der alten Nationen des Nordens. So mußte er sich begnügen, die Belehrung, die er im Text nicht fand, in den beigegebenen schönen Kupfern zu suchen. Die beiden Schwestern sahen unterdessen wie zwei Blumen am selben Stengel, und hielten sich innig umschlungen, als fürchteten sie, daß eine neue Veranlassung zur Kälte sich wieder zwischen sie drängen möchte, um das kaum wiederhergestellte harmonische Verhältnis zu trüben. Norna saß ihnen gegenüber, in dem großen Pergamentbande blätternd, vor dem sie sie bei ihrem Eintritt getroffen hatte; und dann wieder auf die Schwestern mit Blicken schauend, deren freundlicher und ungewöhnlich gütiger Ausdruck die strenge und ernste Feierlichkeit ihrer Gesichtszüge milderte. Alles war still und stumm wie der Tod, und selbst Brenda hatte in ihrer Gemütsbewegung noch nicht Zeit gewonnen, zu überlegen, ob es recht sei, die übrige Tageszeit auf gleiche Weise hinzubringen; da wurde die tiefe Stille plötzlich durch den Eintritt des Zwerges unterbrochen. Norna warf einen verdrießlichen Blick auf den Störenfried, der, dem Anschein nach, um seine Zudringlichkeit zu entschuldigen, die Hände emporhielt und einen klagenden Ton hervorstieß; dann aber schnell wieder zu seiner gewöhnlichen Ausdrucksweise zurückkehrte und eine Menge Zeichen mit seinen Fingern beschrieb, die von seiner Gebieterin mit eben so großer Gewandtheit wie Schnelligkeit erwidert wurden, so daß die beiden jungen Mädchen, die nie etwas von einer solchen Kunst gesehen oder gehört hatten, solche Verständigung unter zwei Menschen fast für Zauberei zu halten geneigt waren. Als die wunderliche Zwiesprach zu Ende war, wandte Norna sich wieder, und zwar nicht ohne Stolz, an Magnus Troil und sprach: »Wie, Vetter, konntet Ihr Euch so vergessen, irdische Nahrung in die Behausung der Reimkundigen zu bringen und Anstalten zu Lustbarkeiten und Tafelfreuden darin zu treffen? – So redet nicht – antwortet mir nicht; der Erfolg meines Heilungsversuchs hängt von Eurem Schweigen und Gehorsam ab – wechselt Ihr nur ein Wort, ja auch nur einen einzigen Blick mit mir, so wird es um das arme Mädchen bald noch schlimmer stehen als zuvor.« Diese Drohung war ein wirksamer Zauber auf die Zunge des Udallers, den es nicht wenig danach verlangte, sie zu seiner Rechtfertigung in Bewegung Zu sehen. »Folgt mir, ihr alle!« fuhr Norna fort, zu der Tür des Zimmers schreitend, »und keiner schaue hinter sich – wir lassen dieses Gemach nicht leer zurück, obgleich wir, die Kinder der Sterblichkeit, uns daraus hinweg begeben.« Sie schritt hinaus, und der Udaller winkte seinen Töchtern, ihrem Gebete zu gehorchen. Schneller als ihre Gäste eilte die Sibylle die rauhe Stiege hinab, die zu dem unteren Raume führte. Dort waren die beiden Dienstboten, die Magnus Troil mitgebracht, gerade dabei, den Mundvorrat aus den Mantelsäcken zu packen und aufzutischen, und standen nun, starr vor Furcht und Erstaunen, als Norna mit dem Zwerge ein Stück von den Lebensmitteln nach dem andern nahm und zu der Oeffnung, die das Fenster ersetzte, über die hohe Klippe hinweg, auf der sich die Burg erhob, hinab in den Ozean, der tief unten wogte und schäumte, schleuderte – mit solcher Geschwindigkeit, daß der alte Udaller kaum noch seinen alten silbernen Becher retten konnte, denn schon flog die große lederne Branntweinflasche, die sein Lieblingsgetränk enthielt, den Speisen hinterher, begleitet von einem boshaften Grinsen des Zwerges, der damit Magnus Troil zu verstehen geben wollte, daß ihm an seinem Aerger doch noch mehr gelegen sei als an dem ganzen Inhalt der Flasche, Darüber riß aber dem Udaller der Geduldsfaden ... »Ei, was, Muhme,« rief er grimmig, »das ist ja tolle Verschwendung; wo und was sollen wir dann zu Nacht essen?« »Wo ihr wollt,« antwortete Norna, »und was ihr wollt; aber weder sollt ihr essen in meiner Behausung, noch sollt ihr das essen, womit ihr meine Behausung entheiligt habt. Reizt ihn, den Unsichtbaren, nicht länger, sondern fort mit euch allen, – zu lange schon habt ihr hier geweilt, als daß es mir und wohl auch euch gut sein könnte.« »Wie, Muhme,« entgegnete Magnus, »Ihr wollt uns doch hinauswerfen in dieser späten Stunde? – Bedenkt, daß es eine Schande wäre für unsern Stamm, wenn Ihr uns zwänget, unser Tau zu kappen und ohne Proviant in See zu stechen.« »Schweigt, und macht, daß ihr fortkommt,« erwiderte Norna, »seid zufrieden, daß euch dasjenige ward, weshalb ihr zu mir kamt. Ich habe keine Herberge für sterbliche Gäste, keinen Vorrat, menschlichen Bedürfnissen abzuhelfen. Tief unten an der Klippe ist ein Ufer von feinstem Sande, ein Strom, rein und klar wie die Quelle von Kildingui, und die Felsen tragen Löffelkraut, gesund und heilsam wie das von Guiydin. Wohl wißt ihr, daß der Quell von Kildingui und das Kraut von Guiydin vor jeder Krankheit außer vor dem schwarzen Tode schützen.« »Und das weiß ich auch,« sagte der Udaller, »daß ich lieber verdorbenes Seegras, wie ein Eisbock, oder gesalzenes Seehundfleisch, wie die geringen Leute von Burraforth, oder Muscheln aller Art, wie die armen Schelme von Stroma, zu mir nehmen wollte, als weißes Brot zu brechen und roten Wein zu trinken, in einem Hause, wo man scheel dazu sieht. Und doch,« fuhr er sich besinnend fort, »tue ich unrecht, Muhme, schweres Unrecht, so zu Euch zu sprechen, denn weit eher sollte ich Euch danken für das, was Ihr getan, als Euch Vorwürfe machen, daß Ihr Euren eigenen Weg geht. Aber Ihr werdet ungeduldig – wie ich sehe, – nun, nun, wir wollen uns gleich aufmachen. – Und Ihr, Bursche,« fuhr er, zu seinem Diener gewandt, fort, »habt's ein andermal nicht so eilig, Speisen aufzutischen, sondern wartet, bis Euch was aufgetragen wird. Hinaus mit Euch, die Klepper zu holen; denn ich sehe schon, wir müssen für die Nacht auf einen andern Hafen lossteuern, wollen wir nicht mit leerem Magen und auf einem harten Lager schlafen.« Schon war der Udaller mit seinen Töchtern am Arm, hinter seinen beiden Dienstboten her, bis zur Tür gelangt, als Norna ihnen plötzlich mit einem emphatischen Tone: »Halt!« zurief; sie gehorchten und wandten sich wieder zu ihr. Sie hielt Magnus ihre Hand entgegen, die der gutmütige Mann ohne Zögern erfaßte. »Magnus,« sagte sie, »wir trennen uns aus Notwendigkeit; aber, wie ich hoffe, nicht im Zorn!« »Nein, nein, gewiß nicht,« antwortete der Udaller mit Wärme, »ganz gewiß nicht; ich will keinem Menschen Böses, am wenigsten aber einer Verwandten, deren Rat mich schon durch manche böse Flut gesteuert hat.« »Genug!« erwiderte Norna, »und nun lebt wohl! aller Segen, den ich spenden kann, begleite Euch! – Kein Wort mehr! – Kommt näher, Ihr Mädchen,« fuhr sie dann fort, »und laßt mich Eure Stirnen küssen.« Minna gehorchte mit Ehrerbietung, Brenda mit Bangen; die eine überwältigt von der Wärme ihrer Einbildungskraft, die andere unter dem Druck der natürlichen Aengstlichkeit ihres Temperaments, Norna wandte sich nun von ihnen, und nach wenigen Minuten schon befanden sich Vater und Töchter jenseits der Brücke, auf dem platten Gipfel des Felsens, vor der Burg, die von diesem seltsamen Weibe bewohnt wurde. Die Nacht, denn sie war jetzt hereingebrochen, war ungewöhnlich heiter; ein helles Zwielicht, das weit über die Oberfläche des Sees hinschimmerte, ersetzte die kurze Abwesenheit der Sommersonne, und die Wellen schienen unter seinem Einflusse zu schlummern, so schwach und leise war der Ton, mit dem eine nach der andern sich gegen den Fuß der Klippe bewegte, auf deren Gipfel sie standen. Hinter ihnen erhob sich die rauhe Burg, in dem einförmig grauen Ton der Atmosphäre, alt und formlos, wie der Felsen, auf dem sie erbaut war. Nichts verriet dem Auge und Ohr, daß hier die Wohnung eines Menschen sei, als der aus einer unförmlichen Schießscharte dringende Schimmer einer schwachen Lampe, der in das herrschende Zwielicht nur einen einzigen dünnen Lichtstrahl warf. Nornas Gäste, auf so jähe, unvermutete Weise von dem Obdache gewiesen, das ihnen für die Nacht Unterstand währen sollte, standen ein paar Augenblicke schweigend da, jeder in seine eigenen Gedanken versunken und noch immer von Staunen über das Verhalten des seltsamen Weibes beherrscht. Brenda war die erste, welche Worte fand und die Frage aufwarf, wohin man nun die Schritte lenken und wo die Nacht zubringen solle. Hatte aus Brendas Worten Schmerz und Bangen geklungen, so behielt für den Udaller die Situation nur eine komische Seite; er lachte, daß ihm die Augen übergingen, die Felsen rund um ihn widerhallten und die schlummernden Seevögel aufgeschreckt wurden, bis die armen Mädchen endlich besorgt wurden, es möchte mit ihm nicht mehr ganz richtig sein. Endlich aber erschöpfte sich die Lachlust des alten Normannen, und nachdem er tief Atem geschöpft und die Augen getrocknet, sprach er, nicht ohne Neigung zur Wiederholung seines Fröhlichkeitsausbruches zu bekunden: »Nun, bei den Gebeinen St. Magnus, meines Ahnherrn und Namensvetters! Wer sollte denken, daß man lachen könnte, wenn man nächtlicherweile aus dem Hause geworfen wird, worin man Zuflucht erhoffte? – Meiner Sixen! und dabei scheint's fast, als ob kaum was anderes übrig bliebe, als durch das Zwielicht gerade auf Burgh-Westra zu steuern. Nur Euretwegen tut's mir leid, Mädchen! ich meinerseits habe schon manchen ganz anderen Kreuzzug mitgemacht. Hätten wir nur einen Bissen für Euch und einen Schluck für mich, dann wollten wir uns über nichts beklagen.« Aber die beiden Schwestern versicherten ihrem Vater, daß sie gar keinen Hunger spürten. »Nun, – ein Glück, ein wahres Glück!« entgegnete Magnus, »und so will ich mich auch über meinen eigenen Appetit nicht beschweren, obgleich er stärker ist als sonst... Ha! wie der Schurke, der Niklas Strumpher, höhnisch grinste, als er den guten Schnaps in die salzige Flut schleuderte! Wäre es nicht um meiner Muhme, um Nornas willen gewesen, so hätte ich den mißgestalteten Dickkopf meiner guten Flasche nachgeschickt, so wahr als St. Magnus' Gebeine zu Kirkwall ruhen.« Unterdes waren die beiden Diener mit den Kleppern zurückgekehrt, die sich leicht hatten einfangen lassen, zumal sie wenig Weide gefunden hatten. Die Aussichten besserten sich für die obdachlosen Leute erheblich durch die Nachricht, daß ein kleiner Korb Nornas Grimm und Pacolets Eifer glücklich entgangen und von einem der Diener beiseite gebracht worden war, der auch in kaum zweistündiger Entfernung, am Strande, eine verlassene Fischerhütte bemerkt hatte, in der sich bequem übernachten ließ. Wer Udaller, froh, für seine Töchter solche Zuflucht zu wissen, gab seinem Gaule die Sporen und sang nun, lustig und guter Dinge, als habe er die nächtliche Reise ganz aus freier Wahl unternommen, von Brenda begleitet, kräftige Normannenlieder; Minna war zwar solcher Anstrengung noch unfähig, gab sich aber alle Mühe, Anteil an dem Gesange zu nehmen, und schien ganz im Gegensatz zu der Stimmung, die sie seit jenem schrecklichen Morgen, der den Festlichkeiten von Burgh-Westra folgte, beherrscht hatte, für alles was um sie her vorging, empfänglich zu sein, ja gab bereitwillig und freundlich auf die Fragen Antwort, die ihr Vater über ihre Gesundheit an sie richtete. Bei weitem glücklicher und zufriedener, als am vergangenen Morgen, ritten sie nun in die Nacht hinein, Schutz und Obdach für die Nacht in der Fischerhütte erhoffend, die sie öde und verlassen wähnten. Aber Magnus Troil war es heute beschieden, mehr denn einmal in seinen Erwartungen getäuscht zu werden. »Wo liegt denn nun Deine Kajüte, Laurie?« fragte der Udaller denjenigen seiner beiden Diener, welcher die Hütte ausgekundschaftet hatte, »Dort muß sie liegen,« antwortete Laurence Scholen, »dort am See; aber meiner Sixen! wenn ich recht sehe, sind Leute darin ... Gebe Gott und St. Ronan, daß es gute Gesellschaft sei!« Und wirklich! durch die Ritzen und Spalten der Schindeln, aus denen die Hütte erbaut war, schimmerte Licht! und abergläubische Gedanken erfüllten im Nu die Gemüter der auf die Hütte zutretenden Leute. »Das sind Zwerge!« – »Nein, nein, Hexen!« – »Oder Seejungfrauen,« so riefen Herrschaft und Diener .... »Hört doch nur ihre wilden Gesänge!« Man lauschte gespannt – und wirklich, von der Hütte her erschallte Musik, die Brenda mit zitternder Stimme für Geigentöne erklärte. »Geige oder Satan!« rief der Udaller, der, wenn er auch vielleicht an nächtliche Erscheinungen glaubte, sich doch nicht vor ihnen fürchtete, »mich soll der Henker holen, wenn ich mich von einer Hexe noch einmal um mein Abendbrot prellen lasse!« Im Nu war er aus dem Sattel, faßte seinen treuen Reiseknüttel und schritt auf die Hütte zu, nur von Laurie gefolgt, denn die beiden andern Diener blieben am Strande bei seinen Töchtern und den Pferden zurück. Elftes Kapitel. Je näher sie der Hütte kamen, desto deutlicher schallte ihnen Geigenklang entgegen, und Laurie Schoten, der sich dicht hinter seinem Herrn hielt, flüsterte jetzt: »Helfe mir der und jener, Herr, wenn der Geist, der so wacker die Geige streicht, ein anderer ist als Claud Halcro; denn noch nie hat jemand dieses Lied gespielt außer ihm.« Der Udaller, der gleichen Meinung, winkte nun den Seinigen näher zu kommen und rief ein lustiges Hallo; das kleine Dichtermännchen trat nun auch auf die Schwelle, und der Udaller fragte ihn nach freundlicher Begrüßung: »wie er dazu käme, seine Lieder hier, an einem so wüsten Orte, zu singen, der Eule vergleichbar, die zu dem Mond hinaufschriee?« »Sagt Ihr mir, lieber Vogt!« entgegnete Elaud Halcro, »wie Ihr daher kommt in den Bereich meiner Töne? – und noch dazu mit Euren lieblichen Töchtern? – Schöne Minna und Brenda, willkommen hier auf diesem gelben Sande, – wie kamet Ihr hierher, zweien Schwänen gleich, das Dämmerlicht in Tag, und alles, was Eure Füße betreten, in Silber verwandelnd?« »Ihr sollt alles erfahren,« antwortete Magnus, »wen aber habt Ihr da bei Euch in der Hütte? mir deucht, ich höre jemand sprechen?« »Niemand,« erwiderte Elaud Halcro, »als den armen Kerl, den Verwalter, und meinen kleinen Teufel von Jungen, den Giles. – Aber kommt doch herein – kommt herein, wir hungern hier ganz nach Bequemlichkeit – kein Mundvoll saurer Sillochs ist weder für Geld noch gute Worte zu haben.« »Dem kann halbwegs abgeholfen werden,« versetzte der Udaller, »denn obgleich das Beste von unserm Abendbrot über die Fitful-Klippe zu den Seehunden und Haifischen gesteuert ist, haben wir doch noch einiges vom Untergang gerettet. – Her mit dem Rauchfleisch, Laurie!« » Jokul , Jokul! rief der Diener freudig, und lief, den Korb zu holen, während die übrigen in die Hütte traten. In ihrem vom Rauche geschwärzten Innern, wo es gewaltig nach getrockneten Fischen roch, fanden sie, neben einem spärlichen Feuer, Triptolemus Yellowley, den Substituten des Lords-Kämmerlings, in Gesellschaft eines barfüßigen, flachshaarigen Burschen, der dann und wann Claud Halcro die Geige trug, den Klepper sattelte oder ähnliche Dienste leistete. Auf den armen Ackerbauer, dessen Gesicht die hellste Verzweiflung kündete, schien die Ankunft des Udallers und seiner Gesellschaft erst Eindruck zu machen, als alles sich um das Feuer geschart hatte und der Korb geöffnet wurde, dessen Inhalt aus Gerstenbrot und gedörrtem Rindfleisch, auch einer Flasche Branntwein bestand, und mithin Aussicht auf eine leidliche Mahlzeit eröffnete; da erst fing Triptolemus an, aufzutauen, zu grinsen, zu kichern und sich die Hände zu reiben und sich nach allen Freunden und Bekannten auf Burgh-Westra zu erkundigen. Nachdem man sich – was allen gut tat – einigermaßen gestärkt und erfrischt hatte, richtete der Udaller wiederholt die Frage an Halcro und den Verwalter, wie es käme, daß er sie zu solch nächtlicher Stunde in solch entlegenem Winkel träfe. »Ich möchte nicht, Herr Magnus,« entgegnete Triptolemus, als ein zweiter Trunk ihm Mut gegeben, seine Leidensgeschichte zu erzählen, »ich möchte nicht, daß Ihr von mir glaubtet, unbedeutende Dinge konnten mich außer Fassung bringen. Ich bin von derbem Schrot und Korn, und so leicht schüttelt mich der Wind nicht. Schon oft habe ich Martini und Pfingsten erlebt, die gefährlichen Tage für Leute meines Gewerbes, und habe sie immer gut überstanden; aber in diesem Euren verwünschten Lande – Gott verzeihe mir, daß ich fluche; aber böse Gesellschaft verdirbt gute Sitten – soll ich, scheint's mir, elendiglich zu Grunde gehen.« »Nun, Gott sei uns gnädig!« rief Magnus Troil, »was ist Euch denn widerfahren? Wollt Ihr mit Eurem Pfluge ein neues Land ackern, so müßt Ihr darauf gefaßt sein, dann und wann auf einen Stein zu stoßen – Ihr müßt uns mit Geduld vorangehen, nachdem Ihr hierher gekommen, alles zu meliorieren, wie Ihr zu sagen liebt.« »Der Teufel hat mir die Füße gelenkt, als ich dies unternahm,« entgegnete der Verwalter. »Aber was ist Euch denn begegnet,« fragte der Udaller, »und worüber beklagt Ihr Euch?« »Ueber alles,« antwortete Yellowley, »was mir zugestoßen, seit dem Augenblick, wo ich den Fuß an diese Insel setzte, die, wie ich glaube, vom Beginn der Schöpfung an verflucht und Spitzbuben, Gaunern, Landstreichern, liederlichem Weibsvolk – (mit Erlaubnis der jungen Damen) – und Hexen und bösen Geistern zur Wohnstätte bestimmt worden.« »Nun, ein treffliches Wortregister,« meinte der Udaller, »zu jeder andern Zeit hätte ich nur bei der Hälfte mich nötigen lassen, selbst die Rolle des Reformers zu übernehmen, und Euch mit meinem Knüttel gute Sitte beizubringen.« »Habt Geduld, Herr Voigt oder Herr Udaller, oder wie man Euch sonst nennen mag,« versetzte Triptolemus; »da Ihr die Gewalt habt, so laßt's auch an Gnade nicht fehlen, sondern nehmt Rücksicht auf das unglückliche Los, das jeden armen Teufel erwartet, der sich auf diesem Euren Erdenparadiese niederläßt. Wenn er trinken will, bringt man ihm saure Molken, – Euren Schnaps, Udaller, ausgenommen, der alles Lob verdient – wenn er essen will, gibt's saure Fische, an denen sich der Satan die Zähne zerbeißen mag. – Ruft man die Leute zur Arbeit, so heißt's: heute ist St. Magnus- oder St. Ronans-Tag, oder eines Heiligen der Hölle – Tag – – Der eine ist mit dem verkehrten Fuß zuerst aus dem Bette gekommen, der andere hat eine Eule gesehen, dem dritten ist ein Kaninchen über den Weg gelaufen, oder er hat von einem gerösteten Pferde geträumt – kurz, es wird keine Hand gerührt; wenn's aber heißt: es geht zum Tanze, dann fliegen die Beine nur so!« »Und warum sollte es auch anders sein,« fiel Claud Halero ein, »solange es Geiger gibt, ihnen aufzuspielen.« »Ja, ja,« entgegnete Triptolemus, seinen Kopf schüttelnd, »Ihr seid gerade der Rechte, die Leute in solchem Unfug zu bestärken.« »Aber das ist doch keine Antwort auf meine Frage,« erwiderte der Udaller, »wie, zum Teufel, kommt es, daß ich Euch hier vor Anker finde?« »Geduld, werter Herr, Geduld,« entgegnete der bekümmerte Verwalter, »und hört, was ich zu sagen habe, denn ich denke, es wird am besten sein, Euch das Ganze zu erzählen.... Ihr sollt also wissen, daß ich glaubte, es sei mir so eine kleine Gottesgabe gesandt worden, die mich hier alles leichter ertragen ließe.« »Wie, eine Gottesgabe? Meint Ihr ein Wrack, Herr Verwalter? « rief Magnus, »Pfui, schämt Euch, Ihr solltet doch andern ein besseres Beispiel geben!« »Es war kein Wrack,« antwortete der Verwalter, »aber da Ihr es doch einmal wissen müßt, so hört: Als ich aus einem Kamin in einem der alten Räume zu Stourburgh einen Stein ausheben wollte, den ich brauchte, um Gerste zu stampfen, stieß ich auf ein Horn voll alter Münzen, meistens von Silber, doch auch hier und da mit einer goldenen untermischt. Ein willkommener Glücksfall! dachte ich, und so auch meine Schwester, und, froh des Ortes, wo es solche Nesteier gibt – legten wir sorgsam den Stein wieder über dies Horn des Ueberflusses, und die Schwester wie auch ich betraten den Raum nun wohl zwanzigmal, um uns zu vergewissern, daß kein anderer den Schatz höbe.« »Eine amüsante Beschäftigung,« bemerkte Claud Halcro, »nach der eigenen Barschaft so oft zu sehen! Mir ist solch Glück noch nie beschert gewesen!« »Aber Ihr vergeßt, lieber Claud,« fiel der Udaller ein, »daß der Verwalter das Geld nur für seinen Herrn den Lord Kämmerling überzählte. Da er so streng auf die Rechte seines Herrn beim Walfischfange und bei den Strandungsfällen hält, wird er seiner beim Auffinden solches Schatzes gewiß nicht vergessen haben.« »Ei – ei – ei nun!« entgegnete Triptolemus, wie von einem plötzlichen Husten befallen, – »ohne Zweifel wären Mylords Rechte aufs strengste beobachtet worden, liegen sie doch in den ehrlichsten Händen! Aber hört nur, was geschah! Als ich eines Tages wiederum hinaufging, um nachzusehen, ob alles noch sicher und wohlverwahrt sei, sah ich einen garstigen, mißgestalteten Zwerg, dem nur der Pferdefuß und die Hörner fehlten, um ein vollkommener Satan zu sein, neben dem Horne kauern und den Schatz zählen. Ich bin kein Hasenfuß, Vogt, aber der Argwohn, daß Teufelsspuk im Spiele sei, wäre auch andern gekommen als mir – und so redete ich den Zwerg auf lateinisch an und beschwor ihn in nomine usw. in Worten, wie sie mir der Augenblick eingab... Nun, der Zwerg war anfangs bestürzt, wie jemand, der etwas hört, was er nicht erwartet, sammelte sich aber schnell, glotzte auf mich mit seinen grauen Augen wie eine wilde Katze, riß seinen an Größe einem Backofen ähnlichen Mund auf und zeigte mir ein mißgestaltetes Ding von Zunge – kurz, spielte sich dermaßen als Bullenbeißer auf, daß ich zurückfuhr, die Schwester zu rufen, die weder Hund noch Satan fürchtet, wenn von Geld die Rede ist. Und wirklich sprang sie auch kampfbereit auf, wie die Lindsays und Ogilvies, wenn Donald Mac Donnoch oder seinesgleichen vom Hochlande kamen, die Gefilde von Islay zu verwüsten, aber ein altes, unnützes Geschöpf, Tronda Drons Tochter genannt, vertrat meiner Schwester den Weg, und heulte und schrie wie eine ganze Generation von Hunden; als wir ihrer endlich Herr geworden und die Treppe hinauf eilten, dem Gelaß zu, wo ich den Zwerg oder Satan gesehen, waren Zwerg, Horn und Schatz – verschwunden, und der Raum so leer, als habe die Katze ihn rein geleckt. Hier hielt Triptolemus in seiner seltsamen Erzählung inne, während die übrigen sich einander voll Erstaunen anblickten, und der Udaller murmelte: »Allem Anschein nach ist das entweder der Satan selbst, oder Nicolas Strumpher gewesen, und wenn er es wirklich war, so hat er mehr von einem Kobold, als ich glaubte. Habt Ihr denn nicht gesehen, wie der Zwerg verschwand?« »Nein,« erwiderte Triptolemus, scheu um sich blickend, »weder ich noch Baby, die doch mehr Herr ihrer Sinne war, denn sie hatte ja die fürchterliche Erscheinung nicht gesehen – haben irgend eine Spur von ihm entdecken können. Nur Tronda behauptete steif und fest, sie habe ihn auf einem Drachen durch die Luft fliegen sehen. Da aber der Drache ein fabelhaftes Tier ist, muß ich glauben, daß ihre Aussage nur auf Gesichtstäuschung beruhe.« »Aber erkundigen dürfen wir uns wohl,« fragte Brenda, begierig, so viel wie möglich von dem Zwerg ihrer Muhme zu erfahren, »wie das alles auf Herrn Yellowley dergestalt einwirkte, daß wir ihn hier zu dieser unpassenden Stunde treffen?« »Passend war sie sehr, Jungfer Brenda, denn, sie brachte uns in Eure angenehme Gesellschaft.« meinte Claud Halcro, dessen Quecksilbergehirn der Fassungskraft des Verwalters weit voraus eilte und der schon vor Ungeduld, so lange schweigen zu müssen, verging: »Die Wahrheit zu sagen, so führte mich der Zufall in das Haus unseres Freundes Yellowley, gerade als der Unfall sich dort zugetragen, und da habe ich ihm nun geraten, unserer Freundin auf Fitful-Head einen Besuch zu machen. Und so seht Ihr uns hier, wenn auch nicht zu Lande, denn Herr Jellowley mag von unseren Kleppern nichts mehr wissen.« »Teufel sind's und keine Klepper,« unterbrach ihn Triptolemus, und murmelte vor sich hin: »wie jedes lebende Wesen, das ich hier in Shetland gefunden.« Halcro aber fuhr fort: »Wenn auch, wie gesagt, nicht zu Lande, so doch in einem kleinen Boote, und Herr Triptolemus selbst wird Euch erzählen, wie echt seemännisch ich ihn in den kleinen, nur eine Viertelmeile von Nornas Wohnung gelegenen Hafen brachte.« »Wollte der Himmel, Ihr hättet mich so wohlbehalten wieder zurückgeführt.« rief der Verwalter. »Ja, ja,« entgegnete der Minnesänger, »ich bin, wie der ruhmgekrönte John Dryden sagt: Ein kühner Seemann, bei des Meeres Wut, Wenn himmelan die Riesenwellen steigen; Doch steur' ich leicht, wenn ruhig nur die Flut, Dem Sand zu nur um meine Kunst zu zeigen.« »Ich aber zeigte keine Klugheit, als ich mich Eurer Führung anvertraute,« unterbrach ihn Triptolemus, »und auch Ihr legtet keine an den Tag, als Ihr das Boot am Schlunde des Seearms, wie Ihr es nennt, umkipptet, obgleich der arme Junge da, der schon mehr als halb ertrunken war, Euch aufmerksam machte, daß zuviel Segel aufgezogen wären; aber Ihr hattet das Segeltau an die Bank festgebunden, damit Ihr Eure Hände frei hattet, Eure Geige zu streichen.« »Nie!« rief der Udallar, »das Segeltau festgebunden an die Bank? Eine ganz unseemännische Weise ist's, Claud Halcro!« »Und der Erfolg war,« fuhr der Landbebauer fort, »daß der nächste Windstoß, – und die Pflegen hier zu Lande nicht lange auf sich warten zu lassen, – uns in die See tauchte. Herr Halcro bekümmerte sich um nichts als um die Rettung seiner Geige. Der arme Junge da schwamm wie ein Pudel, und ich kämpfte hart um mein Leben, so gut ich konnte, mit Hilfe eines Ruders; und – nun, da wurden wir – auf einen Mund groben Schiffszwiebacks angewiesen, der mehr nach Terpentin als sonst was schmeckte.« »Mag Euch freilich schlimm angekommen sein und schlimm ankommen,« nahm jetzt Magnus Troil das Wort, »aber lieber wäre mir schon, Ihr sagtet, was Norna zu Eurem Geschäft bei ihr meinte?« »Ja, das war eine andere saubere Geschichte,« antwortete Triptolemus, »sie wollte nichts von uns sehen noch hören: unsern Bekannten hier, Herrn Halcro, plagte sie mit einer Menge Fragen über Euch, Herr Magnus Troil, und Eure Familie; und als sie ihn ganz ausgeholt hatte, schien sie nicht wenig Lust zu haben, ihn wie eine leere Hülse über die Klippe zu werfen.« »Und wie erging es Euch?« fragte der Udaller. »Sie wollte nichts von meiner Geschichte hören, noch mich zu Worte kommen lassen,« erwiderte der Verwalter, »und das mögen sich diejenigen zur Lehre dienen lassen, die Hexen und Geisterbeschwörer befragen wollen.« »Ihr hättet nicht nötig gehabt, Eure Zuflucht zu Nornas Weisheit zu nehmen, Herr Verwalter!« sagte Minna, vielleicht in der Absicht, den auf die Freundin, die ihr eben einen so großen Dienst geleistet, gemünzten Worten die Spitze abzubrechen, »das kleinste Kind auf Orkney hätte Euch sagen können, daß Zauberschätze, wenn sie nicht weise zum Besten anderer oder zum eigenen Nutzen verwendet werden, nicht lange in den Händen ihrer Besitzer weilen.« »Ei, schönen Dank, Jungfer Minna, schönen Dank für den Wink,« entgegnete Triptolemus, – »und herzlich freut es mich, daß sich Euer Verstand – wollte sagen, Eure Gesundheit, wiedergefunden hat, – Was aber den Schatz betrifft, so habe ich ihn weder gebraucht, noch gemißbraucht, was auch, wie es jedem, der im Hause meiner Schwester bekannt ist, einleuchten wird, schwer gewesen wäre.« »Der Verwalter,« sagte Halcro, vielleicht nicht abgeneigt, sich an Triptolemus wegen der abfälligen Reden über seine Seemannskunst zu rächen, »war so gewissenhaft, den Schatz selbst vor seinem Herrn, dem Lord-Kämmerer, geheim zu halten; jetzt aber, da die Sache laut geworden, kann er von diesem leicht zur Rechenschaft gezogen werden um dessen willen, was sich nicht mehr in seinen Händen befindet; denn der Lord-Kämmerer wird sich wohl kaum sehr beeilen, dieser Mär von einem Zwerge Glauben beizumessen. Auch meine ich –« (hier winkte er dem Udaller) – »Norna hat ihr ebensowenig geglaubt; und das ist auch ohne Zweifel der Grund gewesen zu dem kalten Empfange, den sie uns bereitete. Vielleicht hat sie gar gewußt, daß unser Freund, Herr Triptolem, für seinen Schatz einen andern heimlichen Winkel gefunden und die Mär mit dem Zwerge nur erfunden hat? Ich wenigstens verschließe mich dem Glauben, daß es einen Zwerg gibt, wie ihn Herr Yellowley beschrieben, solange bis ich mich mit meinen eigenen Augen von seiner Existenz überzeugt habe.« »Das könnt Ihr auf der Stelle,« rief Triptolem, »denn beim« – (hier murmelte er eine kurze Beschwörungsformel, indem er voll Schrecken aufsprang) »dort steht er leibhaftig vor uns!« Alle richteten die Augen auf die Stelle, wohin er zeigte, und erblickten Pacolets greuliche Gestalt, dessen Augen sie durch den Rauch hindurch anglotzen. Unbemerkt war er während ihrer Unterhaltung herzugeschlichen, bis ihn Triptolemus' Augen mit Entsetzen gewahrt hatten. In seiner jähen und unvermuteten Erscheinung lag etwas so geisterartiges, daß selbst Magnus Troil, dem doch seine Gestalt nicht fremd war, einige Bestürzung nicht unterdrücken konnte. – Aergerlich, sich solche, wenn auch nur geringe Blöße gegeben zu haben, und ergrimmt auf den Zwerg, die Veranlassung dazu gewesen zu sein, fragte Magnus denselben ernst, welches Geschäft ihn hierher führe? Pacolet gab Antwort auf diese Frage, indem er mit ein paar unverständlichen Tönen dem Udaller einen Brief zu lesen gab. »Keine leichte Arbeit hier bei solch düsterer Flamme,« sagte Magnus, »aber es kann Minna betreffen, und so muß ich es schon versuchen.« Brenda bot ihren Beistand an, aber der Udaller entgegnete: »Nein, nein, Mädchen! Nornas Briefe dürfen nur von denen gelesen werden, an die sie gerichtet sind. – Gebt unterdes dem Niklas Strumpher einen Schluck, obgleich er ihn heute eben nicht um mich verdient hat.« »Wollt Ihr dem Herrn den Becher kredenzen, oder soll ich Ganymed sein, Freund Yellowley?« fragte Halcro leise den Verwalter, während Magnus die Brille aus dem großen Futteral zog und auf die Nase setzte, um Nornas Brief zu lesen. »Ich möchte ihn weder berühren, noch nahe an ihn herantreten,« erwiderte der Ackerbauer, dessen Furcht keineswegs verschwunden war, obgleich er sah, daß die übrigen den Zwerg wie ein Wesen von Fleisch und Blut behandelten; »aber tut mir die Liebe und fragt, was er mit meinem Horn voll Münzen angefangen?« Der Zwerg, der die Frage hörte, warf den dicken Kopf zurück, riß den ungeheuren Schlund von Mund auf und zeigte mit dem Finger hinein. »Ja, wenn er es verschlungen hat, bleibt freilich nichts zu sagen,« meinte der Verwalter; »nur soll es ihm dann so gut bekommen, wie den Kühen der nasse Klee. Er steht in Nornas Diensten – nun ja, wie der Herr, so das Gescherr! Wenn aber Diebe und Hexen hierzulande ungestraft ihr Wesen treiben können, da mag sich der Lord Kämmerer einen anderen Verwalter suchen; ich bin gewohnt, in einem Lande zu leben, wo eines Mannes irdisches Gut vor Diebstahl, und seine unsterbliche Seele vor den Klauen des Satans geschützt sind.« – Herr Yellowley ließ seinen Beschwerden vielleicht darum freien Lauf, weil Magnus Troil, der inzwischen Claud Halcro in einen andern Winkel der Hütte gezogen hatte, sie nicht hören konnte. »Sagt mir aufrichtig, Freund Halcro!« fragte er, »was hat Euch nach Fitful-Head geführt? Das bloße Vergnügen, mit dem närrischen Kerle von Substitut zu reisen, ist doch der Grund nicht gewesen?« »Nun denn, Vogt! wenn Ihr die Wahrheit wissen wollt,« erwiderte Halcro, »ich wollte mit Norna über Eure Angelegenheiten reden.« »Ueber meine Angelegenheiten?« fragte der Udaller, »und über welche?« »Ei nun, über den Gesundheitszustand Eurer Tochter. Ich hörte, daß Norna Euren Boten abgewiesen habe, und in der Hoffnung, mehr bei Norna auszurichten – sind doch Skalden und weise Frauen von jeher gewissermaßen verwandt – unternahm ich die Reise.« »Recht freundlich von Dir, gutherziger Claud,« sagte der Udaller, dem Sänger die Hand kräftig schüttelnd, – »Hab ich doch immer gesagt, daß Du Dein altnorwegisches Herz bei allem Geklimper und aller Torheit noch immer auf dem rechten Flecke behalten. Oho, zucke nicht die Achsel, sondern freue Dich vielmehr, daß Dein Herz besser ist als Dein Kopf. – Nun, und nicht wahr! Dir ward von Norna keine Antwort?« »Nein, wenigstens keine rechte,« antwortete Halcro, »aber sie fragte mich über Minnas Krankheit aus; ich erzählte ihr, wie ich sie am frühen Morgen nach dem St. Johannisfeste bei eben nicht gutem Wetter im Freien getroffen, und wie ihre Schwester Brenda mir erzählt habe, daß sie sich den Fuß verletzt; – kurz, ich sagte ihr alles, was ich wußte.« »Und etwas mehr noch, wie es scheint,« bemerkte der Udaller; »denn ich wenigstens habe noch mit keinem Worte gehört, daß Minna sich verletzte.« »Bloß eine Schmarre,« erwiderte der kleine Mann; »ich fürchtete, es möchte sie ein giftiges Tier gebissen haben.« »Und was sagte Norna?« fragte der Udaller. »Sie hieß mich gehen und sagte, auf dem Markt in Kirkwall würde ich Näheres erfahren; und gleiches sagte sie auch zu dem Einfaltspinsel von Verwalter – das war alles, was wir von unserer Mühe und Arbeit hatten.« »Seltsam!« entgegnete Magnus, »in diesem Briefe schreibt mir meine Muhme, daß ich mich mit meinen Töchtern ebenfalls dorthin begeben solle. Der Markt geht ihr arg im Kopfe herum, – man sollte meinen, sie wollte dort selbst Markt halten, und doch hat sie, so viel ich weiß, weder etwas zu kaufen noch zu verkaufen. Ihr ginget also nicht klüger fort, als Ihr hinkamt, und schluget bei der Mündung des Seearms mit dem Boote um?« »Ja, dem war nicht abzuhelfen,« antwortete der Poet, »ich hatte den Jungen ans Steuer gesetzt, und da der Windstoß plötzlich vom Lande kam, blieb mir nicht Zeit, das Tau zu lösen, denn ich strich die Geige. Aber was tut's? Salzwasser schadet keinem Shetländer, wenn er nur wieder herauskommt. Gottlob! das Wasser war kaum mannshoch, und da wir die Hütte fanden, ward uns Schutz und Feuer, jetzt aber sind wir weit besser daran, da wir uns Eurer Gesellschaft und Eures Proviants erfreuen. – Aber es wird spät, und wir werden gut tun, uns zur Ruhe zu begeben; in der Kammer riecht's zwar etwas nach Fischen, aber der Geruch ist gesund.« Am andern Morgen, nach einem ruhigen gesunden Schlafe, zog jeder seines Weges; aber Magnus Troil nahm Claud Halcros Versprechen mit, ihn nach Kirkwall zu begleiten. Zwölftes Kapitel. Jetzt müssen wir die Szene von Shetland nach Orkney verlegen, in die Ruinen eines vornehmen, wenngleich alten Gebäudes, der Grafenpalast genannt, das drei Seiten eines länglichen Vierecks bildet und noch immer das treue Bild eines vornehmen, massiven Gebäudes darstellt mit dem Charakter eines alten Feudalschlosses. Eine große Banketthalle, die mit mehreren weitläufigen Gemächern oder vorspringenden runden Türmchen in Verbindung stand, mit ungeheuren Kaminen rechts und links, legte Zeugnis ab von der altnordischen Gastfreiheit der Grafen von Orkney, Ihr Licht erhielt die stolze Halle durch ein schönes gotisches, aus Steinen geformtes Fenster; zu ihr hinauf führte eine geräumige Treppe, die sich aus steinernen Stufen in drei Absätzen zusammensetzte. Mit übereinandergeschlagenen Armen und niedergesenkten Blicken schritt in der vom Zahne der Zeit verwüsteten, von uns eben beschriebenen Halle der Pirat Cleveland langsam auf und ab in einer Tracht, die sehr verschieden war von der, die er auf Shetland getragen; es schien eine Art Uniform zu sein, reich mit Tressen und Stickereien besetzt, ein Federhut und ein kleiner zierlich ausgelegter Degen, damals die beständigen Begleiter aller Männer von Range, verrieten, daß er nicht den gewöhnlichen Ständen angehörte. Dagegen schien sein Gesundheitszustand gelitten zu haben. Er war bleich, seine Augen hatten ihr Feuer, seine Schritte ihre Festigkeit verloren, und sein ganzes Wesen verriet Schwermut und körperliches Leid, wenn nicht eine Mischung von beidem. Während Cleveland in der alten Ruine auf und ab schritt, sprang ein junger, wohlgebauter Mann in einem Gewande, das wohl stattlich und elegant, trotz allem aber geschmacklos war, und dessen Gesicht mit den kecken Zügen den Wüstling jener Zeit verriet, die Stiege hinauf, trat in die Halle und begrüßte Cleveland, der ihm zunickte, aber den Hut noch tiefer ins Gesicht zog und sich in seinem verdrossenen Spaziergange nicht stören ließ. Der fremde Ankömmling setzte seinen Hut wieder auf, nickte abermals, nahm aus einer kostbaren goldenen Dose eine Prise, bot auch Cleveland eine an und schob, als dieser kalt mit dem Kopfe schüttelte, die Dose wieder zu sich, schlug die Arme übereinander, und stand da, aufmerksam die Bewegungen des Mannes verfolgend, dessen Einsamkeit er gestört hatte. Endlich stand Cleveland still, wie wenn es ihn verdrösse, der Gegenstand solcher dauernden Beobachtung zu sein, und fragte kurz: »Kann man nicht eine halbe Stunde allein sein? Was, Teufel, gibt es schon wieder?« »Schön, sehr schön, daß Ihr sprecht!« antwortete der Fremde, »weiß man nun doch, ob Ihr wirklich Clement Cleveland seid, oder bloß Clements Geist; Geister aber sollen, wie man sagt, niemals zuerst reden – und so weiß ich nun, daß Ihr es selbst leibhaftig seid. Aber was habt Ihr Euch hier für ein Domizil gewählt? Das taugt ja für Eulen zum Tagesversteck.« »Gut, gut,« entgegnete Cleveland, »sagt ernstlich, was Ihr von mir wollt.« »Kapitän Cleveland,« erwiderte der andere, »Ihr haltet mich hoffentlich für Euren Freund.« »Ich lasse mir an der Vermutung genügen,« sagte Cleveland, »Ich dächte, über Vermutungen wären wir beide hinaus.« antwortete der junge Mann; »daß ich Euer Freund bin, habe ich, dächt ich, bewiesen, hier und anderswo.« »Nun ja, lassen wir's gelten, Du bist immer ein freundlicher Bursch gewesen, – und was nun?« »Und was nun – was nun?« wiederholte der andere, »ein kurzer Weg sich zu bedenken! Seht, Kapitän, Benson, Barlowe, Dick Fletcher und noch ein paar von uns, die Euch wohl wollen, haben Euren alten Kameraden, Kapitän Goffe, in diesen Gewässern hier zurückgehalten, um uns nach Euch umzuschauen, obgleich er und Hawkins, und der größte Teil der Mannschaft, lieber zur spanisch-amerikanischen Küste gesegelt wäre, um dort unser Handwerk wieder zu beginnen.« »Wünschte ich doch, ihr alle wäret wieder an euer Geschäft gegangen, und hättet mich meinem Schicksal überlassen,« antwortete Cleveland. »Das hätte geheißen, prozessiert und gehängt zu werden, Kapitän, sowie einer von jenen holländischen oder englischen Schurken, denen Ihr die Ladung abnahmt, Euch erkannt hätte, und nirgend können Seefahrer leichter zusammentreffen als auf diesen Inseln. Um Euch vor solcher Gefahr zu schützen, haben wir unsere kostbare Zeit hier verschwendet; bis die Leute argwöhnisch geworden sind, – und wenn wir weder Güter noch Geld mehr zu verschenken haben, werden sie unser Schiff anhalten wollen.« »Nun, und warum geht Ihr denn nicht in See ohne mich?« fragte Cleveland. – »Wir haben richtig geteilt und jeder hat das Seinige empfangen, – mag nun auch jeder tun, was er will. Ich habe mein Schiff verloren, und da ich einmal Kapitän war, will ich weder unter Goffes noch irgend eines andern Befehl in See gehen, Ueberdem weißt Du, daß er sowohl wie Hawkins scheel auf mich sieht, weil ich sie anhielt, die spanische Brigg mit den armen Teufeln von Negern an Bord zu versenken.« »Was zum Henker! ist mit Dir vorgegangen?« unterbrach ihn sein Gefährte. »Bist Du Clement Cleveland, unser alter treuherziger Clem von Cleugh? und sprichst von Furcht vor Hawkins, Goffe und zwanzig andern, wenn Du mich selbst, und Barlowe, und Dick Fletcher hast als Rückendeckung? Haben wir Dich je, wenn es auf Rat oder Tat ankam, verlassen, daß Du jetzt an unserer Treue zweifelst? Und was den Dienst unter Goffe betrifft, so ist es doch nichts Neues, wenn Glücksritter hin und wieder ihre Anführer wechseln. Laß das nur unsere Sorge sein; Kapitän sollst Du schon werden; denn der Tod lulle mich in Schlaf, wenn ich länger unter diesem Goffe diene, der ein Bluthund ist, wie je einer war – nein, nein, gehorsamer Diener! Mein Kapitän muß wenigstens den Anstrich von einem Kavalier haben. Ueberdem wart Ihr es ja, der zuerst meine Hände in das schmutzige Wasser tauchte, und aus einem herumziehenden Schauspieler auf dem Lande einen Räuber zur See machte« »Ach, armer Bunce,« entgegnete Cleveland, »Du bist mir dafür wenig Dank schuldig!« »Ei nun, wie man es nimmt,« meinte der andere, »ich meinerseits sehe kein Unrecht darin, wenn man vorm Publikum so oder so Kontributionen erhebt. Aber vergeßt doch bloß den Namen Bunce, und nennt mich Altamont, wie ich Euch oft gebeten habe. Ein Ritter vom Seeräuberhandwerk hat, denk ich, wohl eben so viel Recht, seinen Namen zu verändern als ein Schauspieler, und nie habe ich die Bühne betreten, ohne mich wenigstens Altamont zu nennen.« »Nun also, Jack Altamont, weil es denn einmal Altamont sein soll,« erwiderte Cleveland. »Ja, ja, Altamont ist das Wort,« unterbrach ihn sein Gefährte, »aber Jack Altamont? – das ist ein Samtrock mit papierner Tresse. – Laßt es Federigo sein – das paßt zu Altamont. »Nun gut denn, Federigo, mir auch recht,« erwiderte Cleveland; »welcher von Euren Namen wird wohl am besten klingen vor der letzten Rede, der Beichte, den Sterbeworten usw., wenn Du wegen Räuberei auf offener See an die Raa geknüpft wirst?« »Die Frage kann ich wirklich nicht beantworten, Kapitän, ohne einen Becher Grog zu leeren; wenn Ihr also mit mir hinunter gehen wollt zu Betahldanas am Strande, will ich die Sache mit einer Pfeife von echtem Trinidado überlegen. Wir wollen die große Bowle mit den besten Dingen füllen, die Ihr je geschmeckt habt, und ein Paar hübsche Dirnen sollen uns helfen sie zu leeren. Wie, Ihr schüttelt den Kopf? Ihr seid nicht bei Laune. – Nun gut, ich will bei Euch bleiben, denn, meine Hand darauf, Clem, Du wirst mich nicht los. Ich will Dich aus dieser Steinhöhle heraus in die freie Luft und in den Sonnenschein treiben. – Wohin wollen wir?« »Wohin Du willst,« antwortete Cleveland, »nur unsern Schurken von Gefährten und andern aus dem, Wege.« »Gut denn,« entgegnete Bunce; »wir wollen hinauf auf den Berg von Whiteford, von wo aus man die Stadt überschauen kann, und ruhig und ernst dahinschreiten wie ein paar ehrliche Advokaten.« Als sie das verfallene Schloß verließen, blickte Bunce noch einmal zurück und sprach, zu seinen Gefährten gewandt: »Hört einmal, Kapitän, wißt Ihr, wer diesen alten Hühnerstall zuletzt bewohnte?« »Ein Graf von Orkney, sagt man,« erwiderte Cleveland. »Und wißt Ihr, woran er starb?« fragte Bunce; – »an einer zu engen Halskrause, an einem sogenannten Galgenfieber oder dergleichen, hörte ich sagen.« »Die Leute hier behaupten,« entgegnete Cleveland, »daß Seine Herrlichkeit vor einigen hundert Jahren das Unglück hatten, mit einer Schlinge und einem Luftsprunge Bekanntschaft zu machen.« »Ja so,« sagte Bunce, »zu jener Zeit war es noch eine Ehre, in so würdiger Gesellschaft gehängt zu werden.« »Und was mögen denn Seine Herrlichkeit verbrochen haben, um solche Beförderung zu verdienen?« »Er soll die Lehnsleute geplündert, sie getötet und verwundet, auf die Flagge Seiner Majestät gefeuert haben usw.« erwiderte Cleveland, »Nah also mit einem Herrn vom Raube verwandt,« sagte Bunce, indem er eine theatralische Verbeugung gegen das alte Gebäude machte, »und deshalb bitte ich Euch, mein mächtiger, stolzer, ehrenwerter Herr Graf, um Erlaubnis, Euch meinen lieben Vetter zu nennen, und ein recht herzliches Lebewohl zuzurufen. Ich lasse Euch in einer guten Gesellschaft von Ratten, Mäusen usw. zurück und nehme einen wackern Kavalier mit mir, der, seit kurzem nicht herzhafter als eine Maus, jetzt wie eine Ratte seinen Freunden und seinem Handwerk entlaufen will, also ein ganz schicklicher Bewohner von dem Palast Eurer Herrlichkeit wäre.« »Ich möchte Dir raten, nicht so laut zu sprechen, Federigo Altamont oder John Bunce,« erwiderte Cleveland; »als Du noch auf der Bühne warst, mochtest Du immerhin deklamieren nach Herzenslust; in Deinem jetzigen Gewerbe aber, von dem Du soviel hältst, spricht einer nur immer unter Furcht vor dem Quermast und der Schlinge.« Die beiden Gefährten verließen nun schweigend die kleine Stadt Kirkwall und erstiegen den Berg von Whiteford, der seine braune, mit Heidekraut umkränzte Stirn nördlich von der alten Burg von St. Magnus emporhebt. Die Ebene am Fuße des Berges war bereits zahlreich mit Menschen angefüllt, die ihre Vorbereitungen zu dem St. Olavs Markt trafen, der am andern Tag abgehalten werden sollte und als ein Zielpunkt der Bewohnerschaft aller benachbarten Inseln galt, ja auch noch von weiter entlegenen Inseln besucht ward. Er stammt von früherer Zeit her und führt seinen Namen von Olaus, Olave, Ollaw, dem berühmten Beherrscher Norwegens, der durch die Schärfe seines Schwertes statt anderer Gründe das Christentum auf dieser nordischen Inselflur einführte. Es lag aber nicht in Clevelands Absicht, sich unter die Menschenschar zu mischen, die sich hier sammelte. Er wandte sich links und stieg mit seinem Kameraden in ungestörte Einsamkeit hinauf, wo nur Scharen von Haselhühnern, vielleicht zahlreicher auf Orkney als auf irgend einer andern britischen Besitzung, vor ihnen aufstiegen und fortflogen. Als sie fast den Gipfel des kegelförmigen Hügels erreicht hatten, wandten sich beide, wie auf einen Wink, um sich an der Aussicht zu ihren Füßen zu ergötzen. Das bunte Gewühl zwischen dem Fuße des Berges und der Stadt gab diesem Teil der Szene Leben und Bewegung; nicht minder auch die Stadt selbst, ans der sich die alte Kirche von St. Magnus erhob, erbaut im schwerfälligsten arabischen Baustil, dabei aber erhaben, feierlich und stattlich anzuschauen, das Werk einer längst verflossenen Zeit und eines mächtigen Armes. Auch der Strand mit seinen Schiffen belebte die Szene, und nicht nur die ganze schöne Bucht, die die Vorgebirge von Inganeß und Quanterneß trennt, und in deren Hintergrund Kirkwall gelegen ist, sondern das ganze Meer, so weit man es überblicken konnte, und vorzüglich die ganze Straße zwischen der Insel Shapinscha und Pomona oder Mainland, war mit einer Menge von Fahrzeugen aller Gattung bedeckt, die von fernen Inseln her befrachtet Waren, um Menschen oder Waren nach dem Kirkwaller Markte zu führen. Jeder dieser beiden Fremden zog hier auf Seemannsweise sein Fernglas hervor; aber ihre Aufmerksamkeit schien auf verschiedenen Gegenständen zu ruhen, Bunce oder Altamont, wie er sich lieber nennen hörte, blickte unverwandt auf die bewaffnete Schaluppe, die mit ihren hohen Masten und ihrem breiten Tauwerk wie der Flagge Britanniens, die sie aus Vorsicht aufgezogen, und wehendem Wimpel unter den handeltreibenden Schiffen dalag, sich durch ihr schmuckes Aeußere von ihnen unterscheidend, wie ein Soldat unter Bauern. »Da liegt sie nun,« sagte Bunce, »wünschte ich doch,, sie läge in der Bai von Honduras! – Ihr unser Kapitän, ich Euer Leutnant, Fletcher Euer Quartiermeister, und fünfzig rüstige Burschen unter uns – nichts gäbe ich dann darum, diese verwünschten Heiden und Felsen je wiederzusehen! – Kapitän sollt Ihr bald sein! Das alte Vieh, der Goffe, trinkt sich alle Tage toll und voll, poltert, pocht und schilt mit der Mannschaft; hat auch schon mit den Leuten hier einen so verdammten Lärm angefangen, daß sie bald kaum Lebensmittel und Wasser an Bord lassen werden und daß täglich ein offener Bruch mit ihnen zu erwarten steht.« Als Bunce keine Antwort erhielt, wandte er sich schnell, und da er die Augen seines Gefährten anderswohin gerichtet sah, rief er aus: – »Was zum Henker ist denn das mit Euch, und was könnt Ihr da an dem Plunder von Kähnen schauen, die nur mit Stockfisch und Kabeljau, mit geräucherten Gänsen und Butter beladen sind, die ärger noch als Talg schmeckt? – Ist der ganze Lumpenkram dort doch keinen Pistolenschuß wert. – Da lob ich mir ein Wild, wie wir es von der Insel St. Trinidad kommen sahen: Euren Don, die Wellen durchschneidend wie ein Nordkaper, schwer beladen mit Rum, Zucker und Tabak, Barren, Münzen und Goldstaub; – dann setzt alle Segel bei – die Luken auf – auf die Posten! – hinauf mit der schwarzen Flagge . Wir nahen – wir finden ihn gut bemannt und bewaffnet.« »Zwanzig Kanonen im untern Deck,« fiel Cleveland ein. »Vierzig, wenn Ihr wollt,«, entgegnete Bunce, »wir haben nur zehn im Gange, – aber tut nichts. – Der Don gibt eine Salve, – schadet auch noch nichts, ihr Jungen! – zur Seite hin an Bord, – An die Arbeit mit Euren Granaten, Enterbeilen, Säbeln und Pistolen. – Der Don schreit Miserikordia, und wir teilen die Ladung ohne licencio Seignior .« »Mein Seel',« rief Cleveland, »Du sprichst mit einer Lust von dem Gewerbe, daß es jedermann einleuchten muß, wie an Dir kein ehrlicher Kerl verloren ging, als Du Seeräuber wurdest. Aber Du sollst mich dennoch nicht dazu bewegen, ferner mit Dir des Teufels Schlund zu befahren; Du weißt, was er verleiht, verschwindet, wie es kam – in einer Woche oder höchstens einem Monat geht es mit unserm Rum und Zucker zu Ende, der Tabak ist in Rauch aufgegangen, Münzen, Barren und Goldstaub sind aus unsern Händen in die der ehrlichen, ruhigen und gewissenhaften Leute von Port-Royal. oder anderer Orte gewandert, – die unserm Gewerbe durch die Finger sehen, so lange wir Geld haben, aber keinen Augenblick länger. Nur kalt sieht man noch auf uns, und vielleicht hat gar der Oberrichter schon einen Wink bekommen; denn wenn unsere Taschen leer sind, mühen sich unsere ehrlichen Freunde, Nutzen aus unsern Köpfen zu ziehen. Dann erscheint der hohe Galgen, der kurze Strick, und die Geschichte des Seeräubers ist aus. Ich sage Dir, ich will diesem Gewerbe entsagen, und wenn ich so mit meinem Glase jene Barken mustere, gibt es keine noch so elende darunter, die ich nicht lieber auf Lebenslang rudern, als meine bisherige Lebensweise fortsetzen wollte.« »Und wo wird Eure Ehrlichkeit ihren Wohnsitz aufschlagen?« fragte Bunce. »Ihr habt die Gesetze aller Länder verletzt, und die Hand der Gerechtigkeit wird Euch finden und zermalmen, wo immer Ihr weilt, – Cleveland, ich spreche zu Euch ernster, als ich's gewohnt bin. Auch ich habe meine Betrachtungen angestellt, sie waren trübe und bitter genug; obgleich sie nur Minuten währten, raubten sie mir doch meinen Frohsinn auf Wochen! Aber was bleibt uns anders übrig, als den Weg fortzusetzen, den wir einschlugen, wenn wir nicht anders geradezu den Galgen schmücken wollen?« »Wir können die Begnadigung für diejenigen in Anspruch nehmen,« erwiderte Cleveland, »die zurückkehren und sich selbst überliefern.« »Hm!« antwortete sein Gefährte trocken, »jene Gnadenzeit ist längst vorüber, und die Gerichte können jetzt nach Willkür strafen oder verzeihen. Wäre ich an Eurer Stelle, ich würde meinen Hals nicht so aufs Spiel setzen.« »Andere sind noch vor kurzem zu Gnaden wieder aufgenommen worden,« meinte Cleveland; »warum sollte man sie mir nicht angedeihen lassen?« »Ei nun ja,« erwiderte sein Gefährte, »Harry Glasby und ein paar andere sind allerdings begnadigt worden; aber Glasby leistete, wie man zu sagen pflegt, gute Dienste, denn er verriet seinen Kameraden, und dazu wäret, wie ich glaube, Ihr nicht der Mann, selbst Euch an dem rohen Goffe zu rächen.« »Lieber wollt ich tausendmal sterben,« antwortete Cleveland. »Darauf wollte ich schwören,« rief Bunce; »und die andern waren nur gemeine Matrosen – Diebe und erbärmliches Gesindel, kaum des Galgens wert. Euer Name aber steht in der Liste der Glücksritter zu hoch, als daß Ihr so leichten Kaufs davon kämet. Ihr seid der Leithirsch der Herde und werdet auch demgemäß ausgezeichnet werden.« »Und weshalb?« sagte Cleveland, »Jack!« »Federigo, wenn es beliebt,« verbesserte ihn Bunce. »Der Teufel hole Deine Torheit,« rief Cleveland, »laß allen Scherz beiseite und sei einen Augenblick lang ernsthaft.« »Einen Augenblick – nun ja!« antwortete Bunce, »aber ich fühl's, wie der Geist Altamonts über mich kommt, – länger als zehn Minuten schon bin ich ernst gewesen.« »Nun, so sei es auch noch etwas länger,« entgegnete Cleveland; »ich weiß, Jack, daß Du mich wirklich liebst; und da wir uns einmal in diese Sache so weit vertieft haben, will ich mich Dir ganz vertrauen.– Sprich, weshalb sollte man mir die Begnadigung verweigern? Ich habe, wie Du weißt, ein wildes Leben geführt, kann aber nötigenfalls eine Anzahl Leben aufweisen, die ich rette, eine, Menge von Eigentum nennen, das ich seinen rechtmäßigen Eignern, denen es ohne mein Zutun verloren gegangen wäre, zurückgab.« »Daß Ihr ein edler Dieb wäret, wie Robin Hood selbst, könnt Ihr freilich beweisen,« unterbrach Bunce, »und ich, Fletcher und die Bessern von uns lieben Euch deshalb als einen Mann, der unser Handwerk vor gänzlicher Verworfenheit schützte. – Nun, angenommen, man begnadigte Euch, was wollt Ihr beginnen? Welche Klasse der menschlichen Gesellschaft würde Euch aufnehmen? Wer sich mit Euch verbinden? Der alte Drake, zu Elisabeths Zeit, konnte Peru und Mexiko plündern, ohne auch nur durch eine Zeile dazu ermächtigt zu sein, und doch ward er, Ehre sei ihrem Angedenken, bei seiner Heimkehr dafür zum Ritter geschlagen. Aber damit ist's jetzt vorbei, – einmal Pirat, und ausgestoßen für immer! Kein ehrlicher Mann spricht mit ihm, – kein rechtliches Mädchen reicht ihm die Hand.« »Du siehst zu schwarz, Jack!« fiel ihm Cleveland ins Wort; »es gibt Mädchen – eine wenigstens gibt es, die ihrem Geliebten treu bliebe, selbst wenn es mit ihm so bestellt wäre, wie Du sagst.« Bunce schwieg einen Augenblick und blickte, starr auf seinen Freund: »Mein Seel'!« rief er endlich, »ich fange an, mich für einen Zauberer zu halten. Dachte ich doch gleich, daß hier ein Mädchen im Spiele sein müsse ... Ha, ha, ha!« »Lache, soviel Du willst,« entgegnete Cleveland, »es bleibt dennoch wahr; – ein Mädchen gibt es hier, die mich liebt, ob ich gleich ein Seeräuber bin; und offen will ich Dir gestehen, daß, wenn ich auch schon oft unser Räuberleben verabscheute, ich es dennoch ohne dieses Mädchen kaum aufgegeben hätte – was jetzt, um ihretwillen, unwiderruflich bei mir feststeht.« »Nun, so sei Gott gnädig!« rief Bunce, »einem Wahnsinnigen kann man nicht Vernunft predigen, und Liebe bei einem von unserm Gewerbe, Kapitän, ist wenig besser als Tollheit, Die Dirne muß ein rarer Bissen sein, da ein gescheiter Kerl ihretwegen den Kopf wagen will. Aber hört, spukt es nicht ebenfalls bei ihr ein wenig wie bei Euch? – Und war hier nicht vielleicht Sympathie im Spiel? Sie ist, wie ich vermute, ein Mädchen von Erziehung und Charakter.« »Beides liegt ebenso außer Zweifel, als daß sie das schönste, bezauberndste Geschöpf ist, das je menschliche Augen sahen,« erwiderte Cleveland. »Und sie liebt Euch, und weiß, daß Ihr der Befehlshaber einer Schar jener Glücksritter seid, die der gemeine Haufen Seeräuber nennt?« »So ist es,« antwortete Cleveland. »Nun denn,« entgegnete Bunce, »so ist sie, wie ich zuvor sagte, nicht recht bei Troste, oder sie weiß noch nicht, was das Wort Seeräuber sagen will.« »Im letzten Punkt hast Du recht,« versetzte Cleveland. »Sie ist in einer solchen Einfalt und einer so gänzlichen Unbekanntschaft mit dem, was böse heißt, erzogen worden, daß sie unser Tun mit dem der alten Normänner vergleicht, die See und Häfen mit ihren siegreichen Flaggen füllten, Kolonien anlegten, Länder eroberten und sich Seekönige nannten.« »Das ist wahrlich nicht viel besser als Seeräuberei und läuft mit dieser fast auf eins hinaus,« bemerkte Bunce, »Es muß aber eine mutige Dirne sein! – Warum brachtet Ihr sie nicht an Bord?« »Meinst Du,« entgegnete Cleveland, »ich hätte einen Engel an Schönheit und Tugend mit jener Hölle bekannt machen sollen, die dort aus der satanischen Barke uns entgegengähnt? – Freund, durch diese Tat allein hätte ich das Maß meiner Sünden verdoppelt; solch eine Schändlichkeit hätte sie alle überwogen.« »Nun, und warum denn, Kapitän?« entgegnete sein Vertrauter; »eine Torheit war's überhaupt,, hierher zu kommen. Die Nachricht wäre doch einmal bekannt geworden, daß der berühmte Pirat, Kapitän Cleveland, mit seiner Schaluppe »die Rache« an der Küste von Mainland strandete und mit Mann und Maus unterging. Dann wäret Ihr hier vor Freund und Feind verborgen geblieben, und hättet Eure hübsche Shetländerin heiraten, Eure Schärpe in ein Fischernetz, Euren Säbel in eine Harpune verwandeln können, und statt nach Gulden hattet Ihr fortan auf dem Meere nur nach Fischen gejagt.« »Das war auch mein Wille,« erwiderte der Kapitän; »aber da kam ein Kerl von Hausierer nach Shetland und brachte Nachricht von Eurer Ankunft, und da war ich genötigt, mich hierher zu begeben, um zu erfahren, ob Ihr jene Gefährten wäret, von denen ich erzählt hatte, lange bevor ich den Entschluß faßte, dem Seeräuberhandwerk zu entsagen.« »Ja, so weit hattet ihr recht,« antwortete Bunce: »denn so wie Euch unsere Ankunft zu Kirkwall zu Ohren kam, hätten auch wir Euren Aufenthalt auf Shetland erfahren; und manche von uns aus Freundschaft, andere aus Haß, noch andere aber vielleicht aus Furcht, Ihr möchtet es machen wie Glasby, hätten ohne Zweifel Euch aufgesucht, um Euch wieder in unsern Kreis zu ziehen.« »Das fürchtete ich,« entgegnete Cleveland, »und mußte das höfliche Anerbieten eines Freundes, der mich hierher begleiten wollte, zurückweisen. Ueberdem fiel mir ein, daß, wie Du auch früher selbst bemerktest, Begnadigungen nicht ohne Geld zu erlangen, und bei meiner Börse schien Ebbe eintreten zu wollen; – kein Wunder, weißt Du doch, daß ich nie zu geizen verstand. Und so ....« »Nun, und so kamt Ihr, um Euren Anteil an den Piastern zu holen,« fiel sein Gefährte ein; »das war gescheit und wir teilten ehrlich – insoweit hat Goffe unsere Gesetze allerdings beobachtet. Aber haltet den Entschluß, ihn zu verlassen, ja geheim; denn ich fürchte, er möchte Euch einen Schelmenstreich spielen. Ohne Zweifel sah er Euren Anteil schon als den seinigen an, und wird es Euch schwerlich verzeihen, daß Ihr wieder lebendig wurdet.« »Ich fürchte ihn nicht,« erwiderte Cleveland, »und das ist ihm bekannt; wollte ich doch, ich wäre eben so sicher vor den Folgen der Kameradschaft, als ich mich vor denen seines bösen Willens geschützt glaube. – Ein andrer unangenehmer Schlag aber kann mich treffen, – ich habe einen jungen Burschen, der mich eine Zeitlang schikaniert hat, in einem Streit an eben dem Morgen, an dem ich Shetland verließ, verwundet.« »Ist er tot?« fragte Bunce; »hier ist es mit so etwas ernster bestellt als auf den Bahama-Inseln, wo man ein Paar solcher Kerle alle Morgen totschießen kann, ohne daß man sich dabei mehr als um Holztauben bekümmerte; hier aber ist es anders, und so hoff' ich, daß Ihr Euren Freund nicht unsterblich gemacht habt?« »Hoffentlich nicht!« antwortete Cleveland, »obgleich mein Zorn schon bei geringerem Anlaß bösere Folgen hatte. Aber die Wahrheit zu sagen, es tat mir nichtsdestoweniger um den Burschen leid, zumal ich ihn der Aufsicht einer Wahnsinnigen, überlassen mußte.« »Einer Wahnsinnigen?« fragte Bunce; »wie meint Ihr das?« »Zuerst mußt Du wissen,« erwiderte sein Freund: »daß der junge Bursche zu mir trat, als ich gerade bemüht war, Minna zu einer geheimen Unterredung zu bestimmen, in der ich ihr noch vor meiner Abreise meine ferneren Pläne mitteilen wollte. Nun so in diesem Augenblicke gestört Zu werden von dem wilden Burschen« – – – – »– verdiente nach allen Gesetzen der Ehre und Liebe den Tod,« unterbrach ihn Bunce. »Zum Henker mit Deinem Spaß, Jack, gib acht auf meine Worte! – Der mutige Bursche hielt es für gut, zu bleiben, als ich ihm zu gehen gebot. Ich bin, Du weißt es, nicht sehr geduldig und gab ihm einen derben Puff, den er mir nicht schuldig blieb. Nun rangen wir miteinander, bis ich endlich, um seiner um jeden Preis los zu werden, mit meinem Dolche nach ihm stieß, den ich, wie Du weißt, aus alter Gewohnheit, immer bei mir trage. Kaum aber war dieses geschehen, als ich meine Tat auch sogleich bereute; aber es war jetzt nicht Zeit, an etwas anders zu denken als an Flucht und Geheimhaltung; denn wenn Lärm im Hause entstand, so war ich verloren; der feurige alte Mann, das Haupt der Familie, hätte an mir Gerechtigkeit geübt und wäre ich sein Bruder gewesen. Schnell lud ich also den Körper auf meine Schultern und eilte damit dem Seeufer zu, um ihn in eine Riva oder tiefe Kluft zu werfen, wo er lange hätte liegen können, ehe man ihn gefunden. Dann dachte ich in ein bereit liegendes Boot zu springen und nach Kirkwall zu steuern. Aber als ich mit meiner Last am Strande ankam, seufzte der arme Bursche und ich erkannte, daß mein Dolchstoß nicht tödlich gewesen. Der Gedanke, mein Verbrechen zu vollenden, kam mir kein einziges Mal; ich legte vielmehr den jungen Mann auf den Boden und tat, was ich konnte, sein Blut zu stillen, als plötzlich ein altes Weib vor mir stand. Ich hatte sie schon oft auf Shetland gesehen, wo man sie für eine Zauberin hält. Sie begehrte, ich solle ihr den Verwundeten lassen, und mich drängte die Zeit Zu sehr, um ihrem Verlangen zu widerstehen. Noch mehr wollte sie mir sagen, als wir die Stimme eines albernen, zu der Familie gehörigen alten Mannes vernahmen, der in einiger Entfernung von uns sang. Schnell legte sie nun den Finger auf den Mund, als geböte sie Schweigen, pfiff leise, und als darauf plötzlich ein mißgestalteter Zwerg erschien, trugen sie den Verwundeten in eine jener dort so zahlreichen Höhlen, und ich stach so schnell wie möglich in See. Mir aber gab die alte Hexe einen recht intimen Beweis ihrer Kunst, denn selbst die westindischen Tornados, die wir zusammen erlebt haben, machten kein größeres Gerassel als der Sturm, der jetzt losbrauste und mich so weit aus meinem Fahrwasser trieb, daß ich, ohne Hilfe meines Taschenkompasses, die Fair-Insel nie wiedergefunden hätte, von wo aus mich eine Brigg hierher brachte ... Aber ob es das alte Weib nun schlimm öder gut mit mir meinte, genug, wir kamen endlich glücklich hier an, und hier bin ich nun, von mannigfacher Angst und Pein gefoltert.« »Hol' der Teufel Sumburgh-Head, oder wie sie sonst die Klippe nennen, an der Ihr unsre liebe kleine »Rache« auf den Strand warft!« rief Bunce. »Rede nicht solchen Unsinn,« erwiderte Cleveland; »habe ich Dir nicht schon fünfzigmal gesagt, daß, wenn die Kerle nicht trotz meiner Vorstellungen in die Boote gesprungen wären, das Schiff noch jetzt auf den Wellen schwämme? Wären sie bei mir geblieben, so wäre ihr Leben gerettet gewesen wie das meine; wäre ich ihrem Beispiel gefolgt, so hätte ich den Tod gefunden wie sie. Wer fügt mir, was für mich das Wünschenswertere gewesen wäre?« »Nun gut!« antwortete sein Freund, »ich weiß jetzt alles und kann nun um so besser helfen und raten. Ich will treu sein, Cleveland, wie die Klinge dem Griff; aber ich mag nicht daran denken, daß Ihr uns verlassen wollt. Kommt! heut müßt Ihr auf jeden Fall mit uns an Bord!« »Ich habe keinen andern Zufluchtsort,« antwortete Cleveland mit schwerem Seufzer; dann richtete er die Blicke noch einmal auf die Bucht, blickte noch einmal mit seinem Fernglase hinaus auf das Meer, ohne Zweifel in der Hoffnung, Magnus Troils Fahrzeug zu entdecken, und folgte dann schweigend seinem Gefährten den Berg hinab. Dreizehntes Kapitel. Ihr habt die Verwundung des jungen Burschen Euch mehr zu Herzen genommen, als nötig wäre, Kapitän!« sagte Bunce, als er mit Cleveland den Fuß des Berges erreicht hatte; »ich merkte schon, wie Ihr darüber nachsannet.« »Je nun, Jack,« antwortete Cleveland; »der Bursche hatte mir das Leben gerettet, und wenn ich ihm auch den Dienst vergalt, so hätten wir uns doch nicht auf solche Weise begegnen sollen. Aber hoffentlich ist ihm Hilfe geworden von dem alten Weibe, das ohne Zweifel gar wohl mit der Arzneikunst umzugehen weiß.« »Und mit leichtgläubigen Menschen,« fiel Bunce ein, »zu dieser Klasse muß ich auch Euch rechnen, wenn Ihr noch lange an diese Sache denkt. Daß Euch ein junges Ding den Kopf verwirrt machte, ei nun! solch ein Unglück erlebt mancher ehrliche Mann; aber Euch nun gar den Kopf über die Mummereien einer Alten zu zerbrechen, ist doch zu große Torheit. Sprecht mir von Eurer Minna, so viel Ihr wollt, aber mit Eurer zahnlosen Zauberin laßt Euren treuen Diener ungeschoren. – Hier sind wir nun wieder unter den Buden und Zelten. Laßt uns sehen, ob wir hier nicht einigen Zeitvertreib finden.« Als Bunce so sprach, fielen Clevelands Blicke auf ein Paar prächtige Kleidungsstücke, die nebst andern Dingen zum Verkauf in einer Bude ausgekramt waren. Davor prangte ein Zettel, auf welchem die verschiedenen Waren verzeichnet standen, die der Eigentümer, Bryce Snailsfoot, zu billigen Preisen feilbot. Aber kaum hatte derselbe einen Blick auf den Kapitän geworfen, als er mit zitternder Hand ein paar andere Kleidungsstücke beiseite schob, die er, da der Verkauf erst mit dem nächsten Tage anfing, vermutlich nur ausgekramt hatte, um sie zu lüften oder um die Bewunderung der Zuschauer darauf zu lenken. »Mein Seel!« flüsterte Bunce seinem Gefährten zu, »Ihr müßt den Kerl da schon einmal unter Euren Klauen gehabt haben, und er fürchtet sich jetzt vor einem neuen Griff Eurer Kralle. Seht einmal, wie schnell er seine Ware beiseite packte, als er Euch erblickte.« »Seine Ware?« fragte Cleveland, genauer hinblickend; »beim Himmel! meine Kleider sind's, die ich in jener Kiste in Jarlshof zurückließ, als mein Schiff dort verloren ging. – Heda, Bryce Snailsfoot, Du Schelm und Dieb, was soll das heißen? Hast Du durch wohlfeilen Kauf und teuren Verkauf nicht schon genug von mir verdient, daß Du noch Hand an meine Kiste und meine Kleidungsstücke legtest?« Bryce Snailsfoot, der sich nach einer Unterredung mit dem Kapitän eben nicht sehr gesehnt hatte, war jetzt durch die Lebhaftigkeit des Angriffs genötigt, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu richten. Schnell und leise hieß er den kleinen Burschen, der ihn, wie wir bereits erwähnten, zu begleiten pflegte, auf das Rathaus eilen und dort melden, daß es bei seinem Verkaufsstande Lärm zu geben drohe, und daß er deshalb um ein paar Mann Hilfe bäte. Kaum war der Junge weg, so wandte sich Bryce Snailsfoot zu seinem alten Bekannten ... »Gott sei Dank,« rief er aus, »unser würdiger Kapitän Cleveland, um den wir alle in so großer Sorge waren, ist wieder da zu unserer Herzensfreude. Wie habe ich mich doch um Euch geängstigt,« – (hier wischte sich Bryce die Augen) – »und wie freue ich mich, Euch jetzt Euren bekümmerten Freunden wiedergegeben zu sehen.« »Meine bekümmerten Freunden, Du Schurke!« rief Cleveland; »im Nu will ich Dir Ursache zu ernsterem Kummer geben, als Du je meinetwegen empfunden haben dürftest – wenn Du mir nicht auf der Stelle gestehst, wie und wo Du diese meine Kleider gestohlen hast.« »Gestohlen?« wiederholte Bryce, zum Himmel aufblickend: »nun, Gott helf uns! der arme Herr hat bei jenem furchtbaren Sturm seinen Verstand verloren.« »Unverschämter Wicht,« rief Cleveland, seinen Stock aufhebend, »meinst Du mich mit Deiner Frechheit zu übertölpeln? Noch einmal also, willst Du heile Knochen unter Deiner Haut behalten, so bekenne augenblicklich, wie und wo Du meine Sachen gestohlen?« Bryce Snailsfoot rief aufs neue: »Gestohlen? Nun, Gott steh uns bei!« richtete aber zugleich, besorgt, der Kapitän mochte seine Drohung ohne Verzug in Ausführung bringen, einen ängstlichen Blick auf die Stadt, in der Erwartung, den erbetenen Sukkurs heranrücken zu sehen. »Ich will eine augenblickliche Antwort,« fuhr der Kapitän mit gehobener Waffe fort, »oder ich prügle Dich tot und werfe Deinen ganzen Trödelkram aufs Feld.« Inzwischen hielt John Bunce, der die Sache nur als einen Spaß und keinen schlechten ansah, Cleveland am Arme fest, weniger jedoch in der Absicht, ihn an der Ausführung seiner Drohung zu verhindern, als um eine unterhaltsame Sache möglichst zu verlängern. »Ei, so hört doch den ehrlichen Mann an, Kamerad!« sagte er; »hat er doch eine so schelmische Fratze, als je eine auf den Schultern eines Schurken saß; er versteht's sich durch Schwatzen die Zeit zu verschaffen, die er braucht, den Läufer um ein paar Zoll zu begaunern. Bedenkt doch, daß Ihr beide ein und dasselbe Gewerbe treibt, er mißt die Ballen mit der Elle, Ihr mit dem Schwerte, und daher will ich ihn nicht in Stücke gehauen wissen, bis ihm freies Spiel geworden.« »Du bist ein Narr!« entgegnete Cleveland, bemüht, sich von seinem Freunde loszumachen. – »Beim Himmel, ich will ihm zu Leibe.« »Haltet ihn fest,« rief der Hausierer, »bester Herr, um Gottes willen, haltet ja fest!« »Nun, so sprich etwas zu Deiner Verteidigung,« entgegnete Bunce; »aber kein großes Gerede! sonst, beim Henker! laß ich ihn auf Dich los.« »Er behauptet, ich habe die Sachen gestohlen,« erwiderte Bryce, der nun einsah, daß er um die Antwort auf die Anschuldigung nicht herumkam... »Sagt selbst: wie hätte ich die Ware stehlen können, da ich sie doch durch ehrlichen Kauf an mich brachte?« »Kauf? Kauf? Du diebischer Landstreicher!« rief Cleveland; »von wem hast Du meine Kleider kaufen können? wer konnte frech genug sein, sie zu verkaufen?« »Die würdige Frau Swertha, Haushälterin auf Jarlshof, die Euren Nachlaß verwaltete und um Euch sehr bekümmert war,« entgegnete der Hausierer. »Und die sich, zum Trost für ihren Kummer, die Taschen füllen wollte,« fiel ihm der Kapitän ins Wort; »wie konnte sie Dinge zu verkaufen wagen, die ihr zur Aufbewahrung übergeben worden? »Ei, sie hat gemeint, zu Eurem Besten so zu handeln, die gute Frau!« sagte der Hausierer, bemüht, den Streit hinzuziehen, bis sein Sukkurs heranrückte; »und wenn Ihr Vernunft annehmen wollt, bin ich gern bereit, mich mit Euch über die Kiste und den Inhalt zu verständigen.« »Nun, so sprich!« rief Cleveland, »aber ohne alle Umschweife; zeigst Du mir nur einigermaßen guten Willen, ehrlich zu sein, so sollst Du von meinen Schlägen verschont bleiben.« »Nun, so seht, weiter Herr Kapitän!« begann der Hausierer – und murmelte dann vor sich hin: »Hol' der Henker Petersons lahmes Bein! sie werden mit dem unnützen Kerl nicht fortkommen können. – Seht! – das Land ist in großer Bestürzung. Ihr wurdet vermißt, ein Mann, den groß und klein liebte! – keine Spur war von Euch zu wittern – Ihr wart verloren – tot – verschwunden.« »Du sollst mich wieder lebendig gefunden haben, zu Deinem Unheil, Du Schurke,« fiel ihm Cleveland ins Wort. »Nun, so gebt doch Geduld! Ihr laßt einen ja nicht zu Worte kommen,« entgegnete der Hausierer, »von einer Klippe, wie man vermutet, ins Meer gestürzt – er, war ja immer ein Wagehals! – Manches Geschäft habe ich mit ihm gemacht in Fellen und Federn, die er bei mir gegen Pulver, Schrot und dergleichen tauschte, – nun ist er dahin – verschwunden wie das letzte Wölkchen aus der Tabakspfeife eines alten Weibes.« »Aber was hat das alles mit den Kleidern des Kapitäns, zu schaffen, Freundchen!« unterbrach ihn Bunce; »ich werde Euch wohl selbst noch ein paar Püffe versetzen mögen, um Euch in das rechte Fahrwasser zu bringen?« »Nun, nun! – Geduld, Geduld!« fuhr Bryce fort, mit der Hand abwehrend; »Ihr sollt alles schon früh genug erfahren. Nun, wie gesagt, zwei Menschen waren verschwunden, und überdem Jungfer Minnas Kränklichkeit ....« »Bringe ihren Namen nicht mit in Dein Geschwätz, Bursche!« rief Cleveland in einem Tone, zwar leiser, aber tiefer zusammengepreßt, als er ihn bisher angeschlagen ... »wenn Du nicht Deine Ohren einbüßen willst.« »Hä, hä, hä!« grinste der Hausierer, »das könnte schlimm für mich werden; aber ich sehe. Ihr habt Lust, zu scherzen. Nun, wenn ich nichts von Burgh-Westra sagen soll, so wollen wir uns vom Jarlshofer Alten erzählen, von Mordaunts Vater, dem Herrn Mertoun, von dem kein Mensch geglaubt, daß er den Fuß von seinem Sumburgh-Head setzen werde – nun, auch der ist weg, – weg, wie der Bursche, von dem ich vorhin sprach ... Und nun sah man Magnus Troil, den ehrsamen Vogt, Pferde, und Claud Halcro, den schlechtesten Steuermann auf ganz Shetland, ein Boot nehmen ... und auch der Lord-Kämmerlings-Substitut hat sich in Bewegung gesetzt, der doch sonst immer nur von Deichen, Gräben und ähnlichem dummen Zeuge schwatzt ... und so kann man mit Recht sagen, die eine Hälfte der Einwohner von Shetland ist futsch, und die andere unterwegs, nach ihr zu suchen... Schreckliche Zeit das! Schreckliche Zeit!« Cleveland hatte seinen Grimm bezwungen und den vielen Worten des Hausierers zwar mit Ungeduld, aber nicht ohne Hoffnung, etwas über sich selbst zu erfahren, zugehört; sein Gefährte aber fing jetzt an, seine Ruhe zu verlieren ... »Nun aber die Kleider, die Kleider!« rief er aus, sein Rohr dabei schwingend, daß die Spitze desselben das Ohr des Hausierers streifte, der darüber bis in das Mark seiner Knochen erbebte und fortwährend rief: »Nick, Geduld – Geduld – so hört doch, werter Herr! – ja, ja, die Kleider? – ja seht, – da fand ich die gute alte Frau in großer Angst um ihren alten Herrn und ihren jungen Herrn; um den würdigen Kapitän Cleveland; um das Schicksal der Leute von Burgh-Westra und um den Vogt selbst und den Verwalter und um Claud Halcro und um noch mancherlei anderes. Nun, da haben wir uns zusammengesetzt und unsere Herzen ausgeschüttet und haben Ronaldson, den Gemeindevorsteher, holen lassen, um mit ihm zu beraten. – Ein würdiger Mann, der Ronaldson, der in gar gutem Rufe steht.« Hier streifte Bunces Rohr das Ohr des Hausierers um ein paar Linien dichter, daß es schon leicht zu wackeln anfing. Da fuhr her Hausierer mit einem einzigen Sprunge zwei Ellen weit von seinem Stande zurück – und nun troff ihm die Wahrheit, oder was er dafür auszugeben geneigt war, vom Munde wie der Inhalt einer endlich vom Kork befreiten sprudelnden Flasche. »Aber, werter Herr Kapitän!« erwiderte der ehrliche Hausierer, »was sollten wir armen Leute denn anders tun? Ihr wart fort, als Eigentümer der Sachen, und Herr Mordaunt, der sie in Verwahrung hatte, war auch fort, und die Sachen waren so fest gepackt und wären doch verdorben und –« »Und darum verkaufte sie dies spitzbübische Weib, und Ihr habt Euch ihrer erbarmt, um sie vor Schaden zu bewahren,« unterbrach ihn Cleveland. »So ist's,« erwiderte der Handelsmann, »so und nicht anders! und ich denke, mein werter Herr Kapitän ...« »Nun laß Dir sagen, frecher Schurke,« rief der Kapitän; »ich mag meine Hände nicht mit Dir besudeln, auch hier keinen Lärm verursachen.« »Eure guten Gründe dazu mögt Ihr wohl haben,« antwortete der Hausierer mit schlauem Lächeln. »Die Knochen zerschlage ich Dir, wenn Du mich noch einmal unterbrichst,« rief Cleveland. »Gib acht! ich mache billige Bedingungen, – gib mir die schwarzlederne Brieftasche und den Beutel mit den Dublonen, und ein paar von den Kleidungsstücken, die ich brauche, zurück, und das übrige sollst Du behalten in Teufels Namen.« »Dublonen!« wiederholte der Hausierer mit einer Stimme, so laut, als sei ihm darum zu tun, seines Staunens auch andere teilhaftig zu machen. »Was weiß ich von Dublonen? ich hab Wämser eingehandelt, aber nicht Dublonen – waren welche dabei, so wird sie Swertha ohne Zweifel für Euch aufbewahrt haben, denn Staub und Zeit tun ja, wie Ihr wißt, dem Gelde keinen Schaden.« »Gib mir meine Brieftasche und mein Geld, schurkischer Dieb!« rief Cleveland, »oder ich schlage Dich auf der Stelle nieder!« Der schlaue Hausierer sah sich um und sah den erbetenen Sukkurs heranziehen, der aus sechs Beamten bestand; denn mancherlei Streitigkeiten zwischen den Bewohnern des Städtchens und der Mannschaft des Piraten hatten den Magistrat von Kirkwall bestimmt, die Zahl der Polizisten zu vermehren. »Ihr hättet das Wort Dieb für Euch selbst behalten können, würdiger Herr Kapitän,« entgegnete der Hausierer, jetzt mutig gemacht; »denn wer weiß, wie Ihr zu den schönen Dingen und Kostbarkeiten gekommen seid.« Er sprach's mit einem so herausfordernden Ton im Blick und Wesen, daß Cleveland ihn ohne weiteres beim Kragen packte, über seinen Verkaufsstand zog, der mit allen daraufliegenden Waren unter der Last, für die er nicht berechnet war, zusammenbrach, und mit seinem Stock derb auf ihn losprügelte. Das ging alles so schnell vor sich, daß der Hausierer, ein sonst ziemlich rüstiger Mann, so überrumpelt wurde, daß er keinen Versuch zu seiner Rettung machte, sondern nur laut wie ein Kalb um Hilfe blökte. Inzwischen war der Sukkurs herangerückt, und den vereinten Kräften der Büttel gelang es bald, den Hausierer aus den Fäusten seines Angreifers zu befreien. Da es nun zwischen den Stadtleuten und der Mannschaft des Piraten schon wiederholt zu Streitigkeiten gekommen war, ließen sich die Büttel nicht nötigen, Händel mit Cleveland zu suchen, der, trotzdem ihm sein Kamerad kräftig beistand, und trotzdem er sich tapfer wehrte, der Uebermacht erlag und zu Boden geworfen wurde. Seinem Kameraden dagegen glückte es, sich durch die Flucht zu retten, weil er, sobald er sah, daß die Sache schlecht für sie ausfallen müßte, sich nicht besann, den Strand zu gewinnen; Cleveland dagegen wurde, so sehr er sich auch sträubte, als Gefangener in die Stadt geschleppt und unter dem Geschrei des Volks, auf das Rathaus geführt, wo die hohe Obrigkeit eben versammelt saß. Jetzt verwünschte er es, daß er zu der Schelmerei des Krämers nicht geschwiegen, sondern sich durch sein heftiges Temperament in solche gefährliche Lage versetzt hatte. Als sie sich aber dem Tore des in der Mitte des Städtchens gelegenen Rathauses näherten, wurde die Lage durch einen unerwarteten Zufall jäh geändert. Clevelands Kamerad Bunce, dem es nicht bloß darum zu tun war, sich durch seinen Rückzug selbst in Sicherheit zu bringen, sondern mehr noch, seinem Freunde zu nützen, war zum Hafen geeilt, wo das Schiff des Räubers lag, und hatte Bootsmann und Mannschaft zu Hilfe gerufen. Jetzt erschienen sie, desperate Kerle, ganz wie es ihr Gewerbe mit sich brachte, mit wilden, von der tropischen Sonne tiefgebräunten Gesichtern, stürzten sich mitten durch die Volksmenge bis zu Cleveland vor, entrissen ihn mit Blitzesschnelle den Händen der auf solchen Ueberfall nicht vorbereiteten Büttel und führten ihn im Triumph dem Strande zu. Da sie bis an die Zähne bewaffnet waren, wichen die Stadtleute scheu vor ihnen zurück, und selbst die Büttel wagten keine Gegenwehr. Also geschah es, daß Cleveland der Seeräuber wieder unter seine Kameraden geriet, von denen er sich für immer zu trennen so fest entschlossen gewesen war. Vierzehntes Kapitel. Wir hatten Mordaunt Mertoun schwer verwundet verlassen und finden ihn jetzt als Genesenden wieder, zwar noch bleich und schwach, infolge von bedeutendem Blutverlust und starkem Wundfieber; da die Waffe aber, an der Rippe abgleitend, keine edlen Teile berührt hatte, war die Wunde unter der Hand der weisen Norna vom Fitful-Head so gut wie ganz geheilt. Die weise Frau hatte ihren Kranken auf eine entlegene Insel gebracht, wo er jetzt, in einem ziemlich gut eingerichteten Raume, ein Buch in der Hand haltend, in welches er von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Ungeduld und Langeweile blickte, vor dem Kamin saß. Jetzt nahm die unangenehme Stimmung, die ihn beherrschte, so überhand, daß er das Buch auf den Tisch schleuderte. Norna, die ihm gegenüber saß, mit Zubereitung von Heilmitteln und Salben beschäftigt, sprang ängstlich auf, eilte zu ihm, faßte seinen Puls und fragte besorgt: ob er etwa Schmerzen fühle und wo? Mordaunt antwortete auf ihre Frage mit Worten, die von der Dankbarkeit, die er gegen seine Pflegerin fühlte deutlichen Beweis ablegte; und versicherte ihr, daß er sich durchaus wohl fühle; seine Antworten schienen indes der Wahrsagerin nicht zu genügen. »Undankbarer Knabe,« rief sie aus, »bist Du meiner schon so müde, daß Du die Sehnsucht nicht zurückhalten kannst, schon die ersten, Dir durch mich wiedergeschenkten Lebenstage fern von mir zu verschwenden?« »Ihr tut mir unrecht, teure Frau!« antwortete Mordaunt, »ich bin Eurer Gesellschaft durchaus nicht müde, aber es rufen mich Pflichten in die Welt zurück.« »Pflichten!« wiederholte Norna; »und welche Pflichten können der Dankbarkeit Eintrag tun, die Du mir schuldig bist? – Pflichten! Deine Gedanken verlangen nach Deiner Jagdflinte, Du möchtest die Klippen wieder nach Seevögeln absuchen. Dazu sind Deine Kräfte aber noch nicht stark genug.« »Und meine Sohnespflicht rechnest Du für nichts?« »Was hat Dein Vater an Dir getan,« rief Norna, »daß er solche Rücksicht von Dir verdiente? War er es nicht, der Dich jahrelang fremden Händen überließ, ohne zu fragen, ob Du noch am Leben seiest oder nicht? Der Dir von Zeit zu Zeit Unterstützung sandte, wie man einem Bettler aus der Entfernung ein Almosen zuwirft? Der Dich in den letzten Jahren zum Gefährten seines Elends machte? bald Dein Schulmeister, bald Dein Tyrann, nie aber, Mordaunt, Dir ein Vater war?« »In Euren Worten liegt allerdings manches Wahre,« erwiderte Mordaunt, »mein Vater ist nicht zärtlich, aber gütig war er stets gegen mich. Der Mensch hat sein Temperament nicht in seiner Gewalt, und es ist Kindespflicht, für die empfangene Wohltat sich dankbar zu beweisen, auch wenn sie ihm kalt erwiesen worden. Mein Vater hat meinen Geist gebildet, und liebt mich, davon bin ich überzeugt; er ist unglücklich, und selbst wenn er mich nicht liebte.« »Er liebt Dich nicht,« unterbrach ihn Norna rasch, »nie hat er jemand in dieser Welt außer sich selbst geliebt. – Er ist unglücklich, doch ist sein Elend verdient – aber Deine Mutter, Mordaunt – Deine Mutter – sie liebt Dich wie ihr Herzblut!« »Ich habe keine Mutter mehr,« erwiderte Mordaunt, »längst schon starb sie; – Eure Worte, Norna, verlieren an Klarheit.« »O nein, nein!« rief Norna in einem Ausbruch tiefster Gefühle. »Du hast eine Mutter! – die Unglückliche ist nicht tot – wollte Gott, sie wäre es! aber sie ist es nicht. Deine Mutter allein liebt Dich, und – ich – ich – Mordaunt,« hier warf sie sich an seinen Hals, »bin diese unglückliche, und doch so glückliche Mutter!« Sie preßte ihn fest und krampfhaft an ihre Brust, und Tränen, die ersten, die sie seit vielen Jahren vergossen, entströmten ihren Augen, als sie an seinem Halse schluchzte. Erstaunt über solche Kunde, gerührt durch ihre starke Gemütserschütterung, aber den leidenschaftlichen Erguß für einen Ausbruch von Wahnsinn haltend, bemühte sich Mordaunt vergebens, die Seele dieser außerordentlichen Frau zu beruhigen. »Undankbarer Knabe!« rief sie aus; »wer anders wie eine Mutter hätte so über Dich gewacht? Von dem Moment an, als ich Deinen Vater wiedersah, der keine Ahnung hatte, von wem er erkannt worden, – Jahre sind seitdem dahin geschwunden – aber nur allzu gut kannte ich ihn; und unter seiner Obhut sah ich Dich, damals ein Kind, und laut sprach die Natur in meiner Brust: das ist Blut von Deinem Blut, und Bein von Deinem Bein, Erinnere Dich, wie oft Du mich mit Staunen, und wenn Du am wenigsten darauf rechnetest, an Deinen Vergnügungsorten und Spielplätzen erblicktest! Bedenke, wie oft mein Auge über Dir wachte an schwindelerregenden Abgründen. Gab ich Dir nicht zur Sicherheit jene goldne Kette um den Hals, die ein Elfenkönig unserm Stammvater schenkte? Hätte ich diese teure Gabe Wohl jemand anders als dem Sohn meines Herzens verliehen? – Mordaunt, ich beschwor mitternachts die Meerfrau, daß sie Deine Barke auf der tiefen See unter ihren Schutz nähme! ich gebot dem Winde Schweigen, damit Du Deiner Jagd auf den Klippen gefahrlos nachhängen konntest!« Mordaunt entging es nicht, daß ihre Rede stürmischer zu werden anfing, und war auf eine Antwort bedacht, welche ihre Phantasie zu besänftigen vermöchte. »Gute Norna,« sprach er, »ich habe freilich Ursache genug, Euch Mutter zu nennen, denn Ihr habt Wohltat über Wohltat auf mein Haupt gehäuft, und nimmer will ich es an Beweisen der Liebe und Dankbarkeit fehlen lassen. Aber die Kette, von der Ihr spracht, ist von meinem Halse verschwunden – ich sah sie nicht wieder, seitdem mich jener Raufbold niederstieß.« »Wie magst Du in diesem Augenblick daran denken?« fragte Norna in einem kummervollen Ton, – »so wisse denn; ich war es, die sie von Deinem Halse nahm und derjenigen um den Hals hing, die Dir am teuersten ist, zum Zeichen dafür, daß Eure Verbindung, – der einzige, irdische Wunsch, den ich noch hegen darf – in Erfüllung gehen wird – und wenn die Hölle dazwischen träte!« »Ach,« rief Mordaunt, tief aufseufzend, »Ihr vergeßt die Ungleichheit unserer Verhältnisse, – ihr Vater ist reich und aus altem Stamm.« »Nicht reicher, als es einst Nornas Erbe sein wird,« antwortete die Wahrsagerin, – »und nicht von besserem oder älterem Blute, als dasjenige, welches in Deinen Adern rollt und von Deiner Mutter herstammt, der Sprossin eben derselben Grafen und Seekönige, von denen Magnus zu stammen sich rühmt. – Oder glaubst Du, wie jene pedantischen und fanatischen Fremden wie jene pedantischen, dünkelhaften Fremdlinge, Dein Blut sei schlechter, weil meine Ehe mit Deinem Vater nicht durch Priesterhand gesegnet wurde?– Wisse, daß wir vermählt waren nach der alten Sitte der Norweger, – wir reichten uns die Hände im Kreise Odins mit so innigen Schwüren ewiger Treue, daß selbst die unsere Inseln erobernden Schotten sie dem Segen vor dem Altare gleichgestellt hätten. Gegen den Sprößling solcher Verbindung kann Magnus nichts einwenden. Ich war schwach – aber die Geburt meines Sohnes wurde dadurch nicht entehrt.« »Und glaubt Ihr wirklich, Mutter – »so wollt Ihr ja, daß ich Euch nennen soll,« sagte Mordaunt, dem ihre Worte, wenn er ihr auch noch keine Sohnesliebe zollen konnte, doch von neuem zu Herzen geführt hatten, daß er in ihr seine größte Wohltäterin erblickte – »daß der stolze Magnus sich bewegen lassen könnte, die Abneigung, die er seit kurzem gegen mich an den Tag legt, aufzugeben und meiner Bewerbung um Brenda sein Ohr zu leihen?« »Brenda!« wiederholte Norna, – wer spricht von Brenda?« – von Minna war die Rede.« »Ich aber dachte nur an Brenda,« erwiderte Mordaunt; »nur an sie denke ich, und nur an sie allein werde ich ewig denken.« »Unmöglich, mein Sohn,« entgegnete Norna! »Du kannst nicht so engherzig, nicht so arm an Geist sein, daß Du das lachende Wesen und die hausmütterliche Einfalt der jüngern Schwester dem tiefen Gefühl und der erhabnen Seele der ältern vorziehen solltest. Wer möchte sich nach dem niedern Veilchen bücken, wenn er die herrliche Rose pflücken kann?« »Manche meinen: die niedrigsten Blumen duften am lieblichsten, und in diesem Glauben will ich leben und sterben.« »Solche Worte ziemen Dir nicht,« entgegnete Norna stolz; schnell aber den Ton wieder ändernd, fuhr sie liebevoll fort: – »Du mußt nicht, Du sollst nicht so sprechen, mein teurer Sohn! – Du wirft nicht das Herz einer Mutter in der ersten Stunde brechen wollen, wo sie ihr Kind umarmte! – Antworte mir nicht, aber höre mich, Minna muß Deine Gattin werden – ich habe ihren Hals mit einem Amulett geschmückt, von dem Euer beiderseitiges Glück abhängt, Minna muß die Braut meines Sohnes werden!« »Aber ist Euch denn Brenda nicht gleich lieb und teuer?« rief Mordaunt. »Eben so nahe verwandt,« antwortete Norna, »doch nicht so teuer, nein, nein! nicht halb so teuer. Minnas sanftes und doch so erhabenes, sinniges Gemüt macht sie zu der Gefährtin eines Wesens geeignet, dessen Wege, wie die meinigen, nicht die gewöhnlichen dieser Welt sind. Brenda gehört dem gemeinen Leben an, ist eine lachende Spötterin, die alles dasjenige ins Lächerliche zieht, was außer dem Bereich ihrer seichten Begriffe liegt.« »Sie ist freilich weder abergläubisch, noch schwärmerisch,« entgegnete Mordaunt, »und deshalb liebe ich sie um so mehr. Zudem bedenkt, Mutter, daß Brenda mich wieder liebt, während Minna jenem Menschen aus der Fremde, Cleveland, ihr Herz geschenkt hat.« »Nein, nein! das darf sie nicht, das kann sie nicht,« rief Norna, »auch darf er ihr nicht weiter nachstellen. Als er zuerst nach Burgh-Westra kam, sagte ich ihm, daß ich sie für Dich bestimmte.« »Und dieser allzu raschen Kunde,« unterbrach sie Mordaunt, »verdanke ich seine Feindschaft, – meine Wunde – und fast den Verlust meines Lebens. Seht, Mutter, wohin Euer Zwischenspiel uns schon gefühlt hat.... um des Himmels willen, setzt es nicht weiter fort!« Es schien, als ob dieser Vorwurf Norna mit der Gewalt und Schnelligkeit des Blitzes träfe; denn sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn und schien nahe daran, zu Boden zu sinken. Mordaunt, heftig erschrocken, eilte, sie aufzufangen, und stammelte, da er nicht wußte, was er sagen sollte, nur ein Paar unverständliche Worte, »Schone meiner, o Himmel, schone meiner!« waren die ersten Worte, die das arme Weib wieder hervorbrachte; »laß mein Verbrechen nicht durch ihn gerächt werden! – Ja, junger Mann!« begann sie nach einer Pause, »Du wagtest jetzt Worte, die ich mir selbst nicht zu sagen wagte; Worte, die, wenn sie zutreffen, das Ende meines Lebens bedeuten.« Mordaunt bemühte sich vergebens, sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß er nicht wisse, wie er sie beleidigt oder gekränkt habe, Und daß es ihn unendlich schmerze, wenn solches unwillkürlich geschehen. Sie fuhr mit wilder, zitternder Stimme fort: »Du hast den finstern Argwohn berührt, der das Gefühl meiner Macht vergiftet – die einzige Gabe, die ich zum Ersatz für Unschuld und Seelenfrieden empfing! Deine Stimme vereint sich mit der des Dämons, der selbst in dem Moment, wenn mich die Elemente als ihre Gebieterin anerkennen, mir zuflüstert: »Norna, nur Täuschung ist's – Deine Macht beruht nur auf dem Aberglauben der einfältigen, durch Kunstgriffe von Dir getäuschten Menge.« – So spricht Brenda, so möchtest auch Du sprechen; schone wenigstens Du meiner, mein Sohn!« fuhr sie in flehendem Tone fort; »die Herrschaft, der mich Deine Worte berauben wollen, ist kein beneidenswertes Gut. Wenigen nur möchte es gelüsten, über Geister und Stürme zu gebieten. Mein Thron ist eine Wolke, mein Zepter ein Meteor, mein Reich nur mit Phantasiegebilden bevölkert; aber ich muß entweder aufhören zu sein oder das mächtigste und doch elendeste Wesen dieser Inselflur bleiben!« »Sprecht nicht so finstere Worte, meine teure unglückliche Wohltäterin,« unterbrach sie Mordaunt, tiefbewegt. »Ich will von Eurer Macht glauben, was Ihr wollt; aber um Eurer selbst willen schlagt einen andern Weg ein. Wendet Eure Gedanken von solchen gemütsbewegenden Dingen ab und richtet sie auf andere, bessere; dann wird das Leben wieder Reiz für Euch haben und die Religion Euch Trost gewähren.« Sie aber schüttelte das Haupt und erwiderte: »Es kann nicht sein – ich muß die Gefürchtete – die Geheimnisvolle – die Reimkundige, die Beherrscherin der Elemente bleiben, oder ich muß aufhören zu sein. Ich habe keine andere Wahl, keinen Mittelweg! Meine Stätte ist dort oben auf jener riesigen Klippe, wo nie ein anderer Menschenfuß als der meinige stand, – oder tief auf dem Grunde des unermeßlichen Ozeans, dessen weiße Wellen dann über meinem fühllosen Körper schäumen. Die Vatermörderin soll nicht noch zur Betrügerin werden!« »Die Vatermörderin!« rief Mordaunt, schreckenvoll zurückbebend. »So ist's, mein Sohn!« entgegnete Norna mit finsterer Ruhe, die noch schrecklicher war als ihre frühere Heftigkeit, »in diesen Schreckensmauern fand mein Vater seinen Tod – durch mich! Dort in jenem Zimmer wurde sein Leichnam gefunden. – Drum hüte Dich vor kindlichem Ungehorsam, denn also reifen seine Früchte.« Sie stand auf und verließ das Gemach, Mordaunt allein zurücklassend, in Gedanken über die außerordentlichen Mitteilung gen, die ihm geworden waren. Er selbst hatte von seinem Vater gelernt, den Aberglauben der Shetländer zu verachten, aber jetzt sah er, daß Norna, wie geschickt sie auch andern Respekt einzuflößen verstand, über Selbsttäuschung nicht erhaben war: ein starker Beweis dafür, daß sie nicht wahnsinnig sei; anderseits aber schien die Selbstanklage des Vatermordes so furchtbar und unwahrscheinlich, daß Mordaunt zu ihren andern Behauptungen kein großes Vertrauen gewinnen konnte. Er hatte Muße genug, über seine letzten Erlebnisse nachzusinnen, denn niemand nahte sich diesem einsamen Eilande, das außer Adlern und andern Raubvögeln, die auf seinen Klippen horsteten, nur von Norna, ihrem Zwerge und ihm bewohnt wurde und einen wüsten und öden Anblick bot, die wenigen Stellen ausgenommen, wo Zwergbirken, Haselnußstauden und wilde Johannisbeerbüsche wuchsen, kümmerlich zwar, aber doch einiges Leben in die Landschaft bringend. Die Aussicht vom Strande, Mordaunts Lieblingsweg, seit er so weit genesen war, daß er wieder gehen konnte, bot hingegen Reize, die den wilden Charakter des Innern sattsam wett machten. Eine breite, schöne Wasserstraße trennte das Eiland von der großen Insel Pomona, und in der Mitte dieses Sundes lag, wie ein Täfelchen von Smaragd, das liebliche grüne Eiland von Graemsay. Auf dem fernen Mainland sah man das Dörfchen Stromneß, in dessen trefflichem Hafen stets Schiffe in Menge ankerten. Hier konnte Mordaunt stundenlang wandern, und hier reifte der Entschluß in ihm, die Insel zu verlassen, sobald es ihm seine Gesundheit erlaubte. Da es ihm aber widerstrebte, die Dankbarkeit zu verletzen, die er Norna schuldete, für deren Pflegesohn er sich hielt, wenn er sich auch nicht überzeugen konnte, ihr wirklicher Sohn zu sein, so drang er in sie, ihn zum bevorstehenden St. Olavsmarkte nach der Hauptstadt von Orkney mitzunehmen, was sie ihm unter der Bedingung versprach, daß er sich streng nach ihrem Willen verhalte. Fünfzehntes Kapitel. Als Cleveland sich wieder an Bord seines Piratenschiffes befand, dessen Mannschaft ihm halb mit Hallo, halb mit dumpfem Schweigen entgegentrat, während manche nicht unterließen, ihm die Hand zu drücken und zu seiner Rettung Glück zu wünschen, sollte er schneller, als er gerechnet hatte, herbe Ursache finden, den Verlust seines Schiffes »Die Rache« von neuem zu beklagen. Finster und verdrossen auf den Jubel horchend, mit welchem die jüngere Schiffsmannschaft, mit Bunce an der Spitze, Cleveland begrüßte, saß auf dem Achterdeck, rittlings auf einem Geschütz, Kapitän Goffe, von welchem Bunce seinem Kameraden auf dem Wege nach Kirkwall manches erzählte. Es war ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren, kaum von Mittelgröße, aber robust und stark, daß ihn seine Mannschaft mit einem abgedeckten Linienschiff von 64 Kanonen zu vergleichen pflegte. Sein schwarzes Haar, sein kurzer, dicker, plumper Nacken und seine buschigen Augenbrauen, seine plumpe Kraft und wilden Gesichtszüge standen in krassem Gegensatze zu der männlichen Gestalt und dem offenen Antlitz Clevelands, aus welchem das rohe Gewerbe, dem er oblag, eine gewissen Anmut und Großmut nicht hatte verwischen können. Die beiden Seeräuber blickten einander eine Weile schweigend an, während ihre Parteigänger – die ältern um Goffe, die jüngern um Cleveland – Aufstellung nahmen. Endlich brach Goffe das Schweigen. – »Willkommen am Bord, Kapitän Cleveland! – All mein Takelwerk soll brechen, wenn ich nicht glaube, daß Ihr Euch noch als Commodore dünkt; aber damit ist's vorbei, beim Teufel, seit Euer Schiff zum Satan fuhr.« Cleveland erwiderte, daß es ihn nicht nach solcher Würde gelüste, aber auch nicht danach, unter ihm zu dienen, daß er Goffe vielmehr nur um ein Boot ersuche, das ihn an eine andere Insel hinüberbringe. »Und weshalb wollt Ihr nicht unter meinem Befehl dienen, Kamerad?« fragte Goffe streng; »haltet Ihr Euch etwa zu gut dafür mit Eurem Käseröster und Eurer naseweisen Manier? ich dächte, es ständen genug ältere und bessere Seeleute unter meinem Befehl!« »Ich möchte wissen,« antwortete Cleveland kaltblütig, »welcher von Eurem tüchtigen Seevolk so gescheit war, das Schiff hier unter die sechs Kanonen Batterie zu legen, die es in Grund bohren kann, noch bevor Ihr das Ankertau kappen oder fahren lassen könntet? Aeltere und bessere Seeleute als ich, mögen immerhin unter einem solchen Grobian und Tolpatsch dienen; ich aber danke dafür – weiter hab' ich Euch nichts zu sagen.« »Beim Satan! ich glaube, Ihr seid beide toll!« fiel Hawkins der Bootsmann ein; »ein Rekontre mit Pistolen und Säbeln mag zuweilen ein rechter Teufelsspaß sein, wenn es gerade nichts Besseres zu tun gibt; aber wer von uns wird, wenn er anders seine fünf Sinne beisammen hat, Streit mit Kameraden anfangen, und diesem schwimmfüßigen Insulanerpack Gelegenheit geben, uns sämtlich auf den Kopf zu klopfen?« »Gut gesprochen, Hawkins!« rief Derrick, der Quartiermeister, unter diesen Räubern ein Offizier von bedeutendem Einflusse; »wie gesagt, wollen die beiden Hauptleute nicht friedlich beisammen leben, und Kopf und Herz verbinden, um das Schiff zu verteidigen, ei, zum Teufel! da setzt sie beide ab und wählt einen dritten an ihrer Stelle!« »Euch vielleicht, nicht wahr, Quartiermeister?« unterbrach ihn Bunce, »aber daraus wird nichts, – wer Kavalieren gebieten will, muß, denke ich, selbst ein Kavalier sein; und so gebe ich meine Stimme ab für Kapitän Cleveland, einen so mutigen und wohlgezogenen Mann, wie nur je einer der Welt eine Nase gedreht hat.« »Was? Ihr nennt Euch Kavalier?« rief Derrick; »aus dem ersten besten Fetzen Eurer Theaterlumpen flickt jeder Schneider einen besseren zurecht – eine Schande ist's für mutige Burschen, solch naseweise Vogelscheuche an Bord zu haben!« Jack Bunce griff nach seinem Säbel, aber Zimmermann und Bootsmann traten dazwischen; der erstere schwang die breite Axt und schwor, er wolle dem ersten, der die Hand zum Streit höbe, die Hirnschale zerschmettern; der letztere erinnerte daran, daß ihre Schiffsgesetze allen Zwist, zumal an Bord, streng verböten. »Ich suche mit niemandem Streit,« rief Goffe finster, »Kapitän Cleveland hat auf den Inseln gelungert und seinem Vergnügen nachgelebt! Wir aber haben Zeit und Eigentum verschwendet, auf ihn zu lauern, während wir zwanzig bis dreißigtausend spanische Taler zu unserer Kasse hätten schlagen können.... Ist das aber den übrigen Herrn recht, nun, so will auch ich nicht darüber murren!« »Ich schlage vor,« nahm der Bootsmann wieder das Wort, »in der Kajüte, wie unsere Gesetze es wollen, darüber zu beraten, welchen Kurs wir in dieser Sache zu steuern haben.« Der Vorschlag wurde mit Beifall aufgenommen; denn bei solchem Rate kam jeder auf seine Rechnung, da jeder stimmberechtigt war und der Schnaps dabei in unbeschränkten Portionen getrunken werden durfte. Cleveland nahm zuerst das Wort und wiederholte, daß er nur um ein Boot bitte, um auf irgend eine Insel in einigem Abstande von Kirkwall ans Land zu gehen, wo man ihn seinem Schicksal überlassen möge. Der Bootsmann lehnte sich heftig hiergegen auf. »Jeder Bursche,« sprach er, »kennt unsern Cleveland und baut auf seine Seemannskunst und seinen Mut; zudem läßt er den Grog nie die Oberhand gewinnen und hält immer alles in solcher Ordnung, daß es keinem Schiffe so leicht beikommt, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Unser wackerer Kapitän Goffe aber,« fuhr der Bootsmann fort, »ist ja ein so rüstiger Seemann als je einer Zwieback aß, aber vor jedermann halt ich's aufrecht – hat er zuviel Grog an Bord genommen – seht, ich sag's ihm geradezu ins Gesicht – da treibt er so verdammte Späße, daß fast kein Auskommen mit ihm ist.« »Soll heißen, Ihr möchtet den wackern Kapitän Goffe auf die Weide jagen, nicht wahr?« nahm ein alter, in Sturm und Wetter ergrauter einäugiger Pirat das Wort, »hat er gleich so seine eigenen Launen und putzte er mir auch in seinem Spaß das eine Auge aus, bleibt er doch bei alledem ein so wackerer Seemann, als je einer das Deck beschritt; und so bleibe ich ihm denn, Gott verdamme mich! zur Seite, so lange noch meine andere Laterne leuchtet,« »Ihr laßt mich ja nicht aussprechen,« entgegnete Hawkins, »hört nur meinen Vorschlag: Cleveland soll Befehlshaber sein von ein Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens, denn in dieser Zeit ist Goffe stets betrunken.« Der Kapitän, von dem er sprach, legte den klarsten Beweis von der Wahrheit dieser Worte an den Tag, denn er stieß ein unverständliches Gebrüll hervor und versuchte, sein Pistol gegen den Vermittler Hawkins aufzuheben. »Nun, seht Ihr wohl,« rief Derrick, »da liegt er während der Beratung trunken da, wie einer der gemeinsten unserer Mannschaft!« – »Ja, ja!« rief Bunce, »wie Davids Sau auf freiem Felde, im Gesicht des Heers und des Senats!« »Aber dennoch,« fuhr Derrick fort, »wird es nimmer gut tun, zwei Hauptleute zugleich an einem Tage zu haben. Ich meine, wenn sie wöchentlich wechselten, wäre es besser – denn Cleveland könnte dann den Anfang machen.« »Hier gibt es noch manche, die so gut sind als beide,« sagte Hawkins, »doch ich habe nichts gegen Kapitän Cleveland, und glaube, er kann uns wieder auf das Fahrwasser helfen so gut wie ein anderer.« »Ja, ja!« rief Bunce, »und besser als irgend ein anderer wird er es verstehen, die Kirckwaller dort in Ordnung zu bringen, besser als sein nüchterner Vorgänger! – Hoch also, Kapitän Cleveland!« »Halt, ihr Herren,« rief Cleveland, der bis jetzt geschwiegen hatte, »Ich hoffe doch, ihr werdet mich nicht ohne meine Einwilligung zum Anführer wählen?« »Beim blauen Gewölbe des Himmels, das wollen wir; denn es ist pro bono publico !« entgegnete Bunce. »So hört mich wenigstens an!« sagte Cleveland – »ich willige ein, den Befehl des Schiffes zu übernehmen, weil Ihr es wünscht, und weil ich sehe, daß Ihr ohne mich hier nicht herauskommen werdet!« »Hoch also Cleveland für immer!« jubelte Bunce. »Ruhe! guter Bunce, ehrlicher Altamont,« gebot der Kapitän, – »ich übernehme den Befehl unter der Bedingung, daß, wenn ich das Schiff zu seiner Reise mit Proviant usw. versorgt habe, Ihr den Kapitän Goffe wieder in sein Amt ein- und mich irgendwo ans Land setzt, wie ich zuvor begehrte. – Ihr werdet dann überzeugt sein, daß ich Euch nicht hinter das Licht führen kann, denn ich werde bis zum Moment der Landung bei Euch bleiben.« »Ei, und noch länger als bis zum letzten Augenblick, beim blauen Himmelsgewölbe! oder ich verstehe mich schlecht darauf!« murmelte Bunce vor sich hin. Die Stimmen wurden jetzt gesammelt, und ein solches Vertrauen hatte die Mannschaft in Cleveland, daß die einstweilige Absetzung Goffes selbst unter seinen Anhängern nur geringen Widerspruch fand, die vernünftig genug waren, zu bemerken, daß er doch wenigstens hatte nüchtern bleiben sollen, um auf seine eigenen Angelegenheiten acht zu haben. Als aber der nächste Morgen kam und der trunkene Teil des Schiffsvolkes erfuhr, was man im Rate beschlossen hatte, von dem sie als Teilnehmer angesehen wurden, legten sie eine solche Ueberzeugung von Clevelands Verdiensten an den Tag, daß Goffe, so mürrisch und unzufrieden er auch war, es für ratsam hielt, für den Augenblick seine zornigen Gefühle zu unterdrücken, bis sich eine passendere Gelegenheit böte, sie laut werden zu lassen. Cleveland dagegen übernahm mutig, und ohne Zeit zu verlieren, das Geschäft, seine Gefährten aus der gefährlichen Lage zu ziehen, in der sie sich befanden. Zu diesem Ende ließ er ein Boot aussetzen, um ihn selbst, nebst zwölf der rüstigsten Burschen der Mannschaft, ans Land zu bringen. Sie waren sehr stattlich gekleidet, denn ihr schändliches Gewerbe setzte sie dazu vollauf in stand, auch waren sie mit Säbel und Pistolen, einige sogar mit Enterbeilen und Dolchen bewaffnet. Cleveland selbst trug ein blaues, mit karmesinroter Seide gefüttertes und mit Tressen besetztes Kleid, eine rote Damastweste und ebensolche Unterkleider, eine reich gestickte Sammetmütze mit weißer Feder; Schuhe mit roten Absätzen und weißseidene Strümpfe vollendeten seinen Anzug; dazu eine goldene Kette, an der, als Zeichen der Oberherrschaft, eine Pfeife von gleichem Metall hing. Außer einigen Pistolen im Gürtel trug er noch ein paar kleinere von feinster Arbeit in einer über die Schultern hängenden karmesinroten Schlinge oder Schärpe, Sein Säbel stimmte an Pracht mit seiner übrigen Kleidung überein, und seine schöne Gestalt paßte so vortrefflich zu dem Ganzen, daß er, als er auf dem Verdeck erschien, mit lautem Jubel von der Mannschaft empfangen wurde. Cleveland nahm in seinem Boote auch seinen Vorgänger Goffe mit, der ebenfalls reich gekleidet, aber mit einem weniger vorteilhaften Aeußern als Cleveland, wie ein bäurischer Tölpel in der Tracht eines Hofmannes oder fast mehr noch wie ein gemeiner Straßenräuber aussah, der sich mit dem Gewande des von ihm Ermordeten behängt hat. Das Kommando des Schiffes war unterdessen dem John Bunce übertragen worden, auf dessen Treue Cleveland, wie er wußte, bauen konnte, und dem er geheime Instruktionen für etwaige unerwartete Vorfälle gegeben hatte. Hierauf stieß das Boot ab. Als sie dem Hafen nahe waren, zog Cleveland eine weiße Flagge auf und sah nun deutlich, daß ihre Ankunft großen Lärm am Strande verursachte. Die Leute, fast sämtlich bewaffnet, liefen hin und her. Die Strandgeschütze wurden eilig bemannt und die englische Flagge entfaltet. Das waren höchst beunruhigende Zeichen, um so mehr, als Cleveland wußte, daß es in Kirkwall nicht an Matrosen fehlte, die sicher im Notfall auch den Dienst bei den Kanonen versehen konnten. All diese Dinge und Vorgänge scharf im Auge behaltend, steuerte Cleveland dem Ufer zu; vermutlich waren aber die dort versammelten Leute noch nicht recht über die Maßregeln einig, die sie ergreifen wollten; denn als das Boot den Strand erreicht hatte, traten diejenigen, die ihm gerade gegenüber standen, zurück und ließen ihn mit seinen Gefährten landen, ohne ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Die Mannschaft ließ Cleveland am Strande Aufstellung nehmen bis auf zwei, die in dem Boote blieben. Die Kirkwaller aber, ihrem altnordischen Sinn treu, standen am Kai mit geschulter Waffe, den Räubern den Weg zur Stadt abschneidend. »Was bedeutet das, Bürger von Orkney?« rief Cleveland, »seid ihr Hochländer geworden, daß ihr so früh am Morgen schon sämtlich bewaffnet seid? Oder seid ihr am Strande postiert, mir zu salutieren, weil ich das Kommando über das Schiff übernommen?« Die Bürger sahen einander an, und einer entgegnete: »Wer Ihr seid, wissen wir nicht, der andere dort,« – dabei zeigte er auf Goffe – »war sonst als Kapitän am Lande.« »Mein Steuermann ist's; er führt das Kommando in meiner Abwesenheit,« antwortete Cleveland; – »aber wozu die Auseinandersetzung? Ich habe mit Eurem Stadtoberhaupt, oder wie Ihr ihn sonst nennt, zu reden.« »Das Stadtkollegium ist im Rathause versammelt,« erwiderte der Wortführer. »Um so besser.« rief Cleveland; »Platz gemacht, ihr Herren; ich will mit meinen Leuten dorthin.« Die Kirkwaller steckten flüsternd die Kopfe zusammen, manche unschlüssig, ob sie sich mit wilden Männern in einen vielleicht nutzlosen Kampf einlassen sollten, andere wohl dazu geneigt, doch der Einsicht nicht verschlossen, daß die Fremden viel leichter im Rathause oder in den engen Gassen, durch die der Weg führte, zu überwältigen seien als hier am Ufer, wo sie volle Bewegungsfreiheit hätten. Sie kamen also überein, ihrem Marsche zum Rathause nichts in den Weg zu legen. Dort aber drängten sie sich vorwärts, um sich unter die Piraten zu mischen und möglichst viele abzuschneiden und einzeln gefangen zu nehmen. Cleveland hatte solche Absicht aber vorausgesehen, und bevor er durch das Tor eintrat, ließ er vier von seinen Leuten, zur Straße hin, zu beiden Seiten desselben Posten fassen und die doppelte Anzahl unter die Bürgerschaft treten, um Ruhe unter ihr zu halten. Vor den wilden, sonnverbrannten Gesichtern und den gezückten Waffen der furchtbaren Gesellen wichen die Bürger zurück, und Cleveland trat mit dem Reste seiner Mannschaft in die Ratsstube, wo die Stadtobrigkeit, nur von wenigen Fronen umgeben, versammelt war. So jäh von der Bürgerschaft getrennt, die ihrer Befehle harrten, befanden sie sich eigentlich mehr in Clevelands Gewalt als dieser in der ihrigen. Die Stadtobrigkeit schien die Fährlichkeit ihrer Situation auch zu fühlen, denn in einiger Verwirrung steckten die ihr angehörigen Männer die Köpfe zusammen, als Cleveland sie wie folgt, anredete: »Guten Morgen, ihr Herren, – ich darf Wohl auf Friede und Freundschaft rechnen? Ich komme nur, um mit euch über den Proviant für mein Schiff zu sprechen, – ohne Mundvorrat können wir doch nicht in See stechen!« »Euer Schiff?« fragte der königliche Unterrichter, ein mutiger und verständiger Mann, »wie können wir wissen, ob Ihr der Kapitän seid?« »Seht mich an,« versetzte Cleveland, »und wenn Ihr noch Zweifel habt, so dürften sie zerstieben.« Der Richter musterte ihn, gelangte aber zu dem Ergebnis, daß es doch nötig sei, weitere Fragen zu stellen, und so fuhr er fort: »Nun, wenn Ihr wirklich der Kapitän seid, woher kommt Euer Schiff, und wohin geht es? Ihr habt zuviel von einem kriegerischen Seemann, als daß Ihr Kapitän eines Kauffahrers sein könntet, und doch wissen wir, daß Ihr nicht der britischen Marine angehört.« »Auch andere als britische Kriegsschiffe durchschneiden die See,« erwiderte Cleveland; »als Freifahrer aber bereit, Tabak, Branntwein, Wacholder und dergleichen gegen Salzfische und Felle einzutauschen, verspüre ich keinerlei Verlangen, mich so behandeln und mir für mein Geld Proviant verweigern zu lassen, wie es den Kirkwallern beliebt.« »In solchen Dingen allzu gewissenhaft zu sein,« sagte der Stadtschreiber, »ist unsre Sache nicht; denn wenn Leute unseres Schlages uns besuchen, machen wir es am besten wie der Köhler, als er auf den Teufel stieß – nämlich – lassen sie in Ruhe, solange sie uns in Ruhe lassen; – dort der Herr,« – hier zeigte er auf Goffe – »der vor Euch Kapitän war und es vielleicht nach Euch sein wird,« – (der Hasenfuß mag recht haben, murmelte Goffe) – »er weiß, wie freundlich wir uns benahmen, bis er und seine Leute wie eine Teufelsbande die Stadt zu durchstreifen begannen. – Dort steht einer! – Derselbe ist's, der meine Magd auf der Straße anhielt, als sie auf dem Heimwege die Laterne vor mir hertrug, und sie vor meinen Augen schlug.« – »Wenn es Euer Ehren beliebt,« sagte Derrick, auf den der Stadtschreiber gezeigt hatte; »ich war's nicht, der die Laterne beidrehte – das war ein andrer.« »Nun wer?« fragte der Richter. »Je nun,« entgegnete Derrick, indem er durch ein paar seemännische Verbeugungen den würdigen Stadtschreiber zu kopieren suchte – »ein ältlicher Mann war's – von holländischem Schnitt – wohlbeleibt – mit einer weißen Perücke und roten Nase, – Euer Gnaden ungemein ähnlich,« und zu einem seiner Kameraden gewandt, fuhr er fort: »Nicht wahr, Jack, der Bursche, der das hübsche Mädchen mit der Laterne küssen wollte, sah ganz aus wie der gestrenge Herr dort?« »Mein Seel', Tom Derrick, ich glaube, es ist ein und derselbe,« antwortete der Befragte. »Solche Unverschämtheit,« rief der Richter empört, »kann Euch teuer zu stehen kommen, Mann! Ihr habt Euch hier betragen, als befändet Ihr Euch auf Madagaskar oder in irgend einem Dorfe von Hinterindien. Ihr selbst, Kapitän, wenn Ihr anders Kapitän seid, habt noch gestern einen Auflauf veranlaßt. Proviant werdet Ihr nicht von uns empfangen, bis wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Hofft nicht, uns in Furcht zu setzen; wenn ich mit dem Schnupftuch zu dem Fenster neben mir hinauswinke, wird Euer Schiff in den Grund geschossen; vergeßt nicht, daß es unter den Kanonen unserer Batterie liegt!« »Und wie viele von Euren Kanonen sind in gutem Stande?« versetzte Cleveland aufs Geratewohl, überzeugte sich aber schnell von der betroffenen Miene des Richters, daß sich die Artillerie von Kirkwall tatsächlich nicht im besten Zustande befinden müsse. »Bitte, bitte, Herr Richter! wir lassen uns so wenig in Furcht jagen wie Ihr. Eure Kanonen möchten den armen Matrosen, die sie bedienen, mehr Schaden zufügen als unserer Schaluppe; wenn aber wir Eurer Stadt eine volle Ladung geben sollten, dann könnte das Küchengerät Eurer Weiber leicht in Gefahr geraten. Und was nun Eure Beschwerde betrifft, daß unsere Leute etwas lustig am Lande waren, ei nun! wann ist das je anders? Man hat mir gesagt, Ihr wäret ein verständiger Mann, und darum bin ich überzeugt, daß wir beide die Sache in fünf Minuten abmachen könnten, wenn wir uns allein besprächen.« »Nun gut denn,« erwiderte der Richter, »ich will hören, was Ihr zu sagen habt.« Cleveland folgte ihm in ein kleineres, inneres Gemach und redete ihn dort folgendermaßen an: »Ich will meine Pistolen beiseite legen, wenn Ihr Euch fürchtet.« »Verschont mich mit solchem Gerede,« entgegnete der Richter, »ich habe meinem Könige gedient und fürchte Pulverdampf so wenig wie Ihr.« »Dann um so besser,« sagte Cleveland, »denn Ihr werdet mich – um so kaltblütiger anhören, – Also angenommen, wir wären wirklich, was Ihr argwöhnt, oder sonst etwas Aehnliches, was anders als Schläge und Blutvergießen, um des Himmels willen, könnt Ihr dabei gewinnen, wenn Ihr uns zurückhaltet? Glaubt mir, in dieser Hinsicht sind wir besser verproviantiert als Ihr. Unser Verhältnis ist ja einfach genug. Ihr wollt uns los sein – wir wollen fort von hier, also gebt uns die Mittel dazu, und wir verlassen Euch auf der Stelle.« »Hört, Kapitän!« antwortete der Richter, »mich dürstet nach keines Menschen Blut. Ihr seid ein wackerer Gesell, wie ich zu meiner Zeit schon manchen Bukkanier gefunden, – aber deswegen wünschte ich Euch ein besseres Gewerbe. Unsere Magazine sollten Euch für Euer Geld offen stehen, wenn Ihr Euch aus diesen Gewässern entfernen wolltet; aber da steckt der Knoten. Die Fregatte Halkyon wird unverzüglich hier erwartet: wenn sie von Euch hört, wird sie Euch auf den Hals kommen. Denn auf nichts machen die Weißen Rabatten lieber Jagd als auf Piraten. Träfen sie nun aber unsere gute Stadt Kirkwall im Einklang mit den Feinden des Königs, dann könnten wir uns auf eine tüchtige Buße gefaßt machen, und mir als dem Stadtoberhaupte ginge es unbedingt an den Kragen.« »Haha, ich sehe, wo Euch der Schuh drückt,« versetzte Cleveland; »wenn ich nun aber herum nach Stromneß lenkte? Da könnten wir alles, was wir gebrauchen, an Bord nehmen, ohne daß jemand was davon wüßte; und käme je etwas heraus, würde Eure Schwäche unserer überlegenen Macht gegenüber wohl Entschuldigungsgrund genug sein.« »Möglich!« antwortete der Richter, »wenn ich Euch aber anderswohin fahren lasse, so muß ich Sicherheit haben, daß Ihr dort kein Unheil anrichtet.« »Und wir,« versetzte Cleveland, »müßten Bürgschaft haben, daß Ihr uns nicht etwa hinhalten wollt, bis die Fregatte anlangt. Ich meinerseits bin bereit, als Geißel am Lande zu bleiben, wenn Ihr mir Euer Wort gebt, mich nicht zu verraten, und wenn Ihr dagegen eine Magistratsperson oder sonst einen Mann von Bedeutung an Bord sendet als eine Bürgschaft für uns.« Der Richter schüttelte den Kopf und meinte: es würde schwierig sein, jemanden zu finden, der sich in solche gefährliche Lage begeben wolle, er wolle aber mit denjenigen seiner Amtskollegen, denen sich ein so wichtiger Fall anvertrauen lasse, in Beratung treten. Sechzehntes Kapitel. Als Cleveland mit dem Unterrichter in die Ratsstube zurückkehrte, erblickte er zu seiner nicht geringen Verwunderung unter den dort anwesenden Personen Triptolemus Yellowley, der, eben in Kirkwall anwesend, als Substitut des Lord-Kämmerers vom Rate aufgefordert worden war, der Sitzung beizuwohnen. Ohne sich aber dadurch in Verwirrung setzen zu lassen, erneuerte er sogleich die in Burgh-Westra mit ihm geschlossene Bekanntschaft, und fragte ihn, was ihn nach Orkney führe. »Meine eigenen kleinen Projekte, Kapitän. Ich mag mich mit den Wilden zu Ephesus nicht länger herumschlagen und wollte einmal sehen, wie es mit dem Acker steht, den ich ein paar Stunden von hier vor etwa Jahresfrist angelegt habe, und ob die Bienen fortkommen, von denen ich neun Körbe eingeführt habe, um Heidekraut in Wachs und Honig umsetzen zu lassen. »Aber,« fügte er, einen Blick um sich werfend, hinzu, »was ist's mit dem Gerede von Piratenvolk hier in der Stadt?« Die Wiederkehr des Richters enthob Cleveland der Antwort. »Wir haben beschlossen, Kapitän,« begann er, daß Euer Schiff nach Stromneß oder Scalpafleu herumlegen soll, um Proviant einzunehmen, damit kein weiterer Lärm zwischen den Marktleuten und der Mannschaft entstehe. Und da Ihr am Lande zu bleiben wünscht, um den Markt zu sehen, so wollen wir eine achtungswerte Person an Bord senden, die Euer Schiff durch das schwierige Fahrwasser steuern soll.« »Gesprochen wie ein verständiger Mann, und wie ich erwartet habe,« erwiderte Cleveland. – »Und welcher Ehrenmann wird sich statt meiner an Bord meines Schiffes begeben?« »Auch darüber sind wir einig,« sagte der Richter, »Ihr werdet leicht begreifen, daß schließlich manchem von uns, nach einer so angenehmen Reise in so guter Gesellschaft verlangt; aber zur Marktzeit hat jeder von uns vollauf zu tun – ich selbst kann mein Amt nicht im Stiche lassen – die Frau meines ältesten Kollegen liegt im Kindbett – der zweitälteste kann die See nicht vertragen, – zwei andere leiden an Podagra, – zwei sind abwesend, – und die übrigen fünfzehn Ratsmitglieder sind so dringend beschäftigt, daß sie unter keinen Umständen abkommen können.« »Ich habe darauf nichts zu erwidern, Herr Stadthauptmann,« sagte Cleveland, »als daß ich erwarte – –« »Einen Augenblick Geduld, Kapitän, mit Verlaub,« fiel ihm der Richter ins Wort – »aus all den Gründen, die ich nannte, sind wir zu dem Beschlusse gelangt, daß der würdige Herr Triptolemus Yellowley, Verwalter des Lord-Kämmerers dieser Inseln, als offizielle Person die Ehre und das Vergnügen Eurer Begleitung haben soll.« »Ich!« rief Triptolemus verblüfft, »was Teufel habe ich mit Euren Seeaffären zu schaffen, – mein Beruf hält mich auf trockenem Lande!« »Die Herren brauchen einen Steuermann,« flüsterte der Richter, »und solchen dürfen wir ihnen nicht verweigern.« »Still, still!« sagte der Richter, »Pate Sinclair soll Euch begleiten und zur Hand gehen; Ihr selbst sollt nichts weiter zu tun haben, als essen, trinken und guter Dinge sein.« »Essen und Trinken, das ist ganz schön und gut,« erwiderte Yellowley, außerstande zu begreifen, weshalb ihm dieses Amt so eifrig aufgedrungen wurde, aber auch nicht im stande, sich der ihm von den klügeren Richtern gelegten Schlinge zu entwinden ... »aber ich bin nicht seefester als Euer Kollege und habe zu Lande immer bessern Appetit.« »Still, still,« gebot der Richter aufs neue, »wollt Ihr Euer Ansehen ganz vernichten? ein Substitut des hochedlen Lord-Kämmerers von Orkney und Shetland, der die See nicht vertragen kann, wäre dasselbe wie ein Hochländer, der keinen Branntwein schlucken kann.« »Ihr müßt zum Schlusse kommen, ihr Herren,« fiel Kapitän Cleveland ein, »die Zeit drängt. – »Wollt ihr uns mit Eurer Gegenwart beehren, Herr Triptolemus Yellowley?« »Ich würde mich recht wohl dazu bereit erklären,« begann Yellowley – – – – – »bloß ...« »Er erklärte sich bereit, meine Herren,« schnitt ihm der Richter das Wort ab – und der gesamte Magistrat wiederholte dieselben Worte... Erstaunt und verwirrt, und noch immer außer stande zu begreifen, was um ihn her vorging und wie er zu solcher Rolle käme, blieb dem Lord-Kämmerlings-Substituten doch nichts weiter übrig, als sich zu fügen; und so wurde er von Cleveland der Schiffsmannschaft mit dem strengen Befehl übergeben, ihn mit aller Auszeichnung und Ehrerbietung zu behandeln. Goffe und die übrigen führten ihn unter allgemeinem Jubel ab; an der Tür aber versuchte der arme Kerl, als er sah, daß Cleveland, zu dem er noch immer das meiste Vertrauen hatte, zurückblieb, noch einmal Einspruch zu tun: – »Nicht doch, Herr Richter!« rief er aus, »nicht doch, ihr Herren; wenn Kapitän Cleveland nicht mit an Bord geht, so gilt der Handel nicht, und ich gehe nicht an Bord, wenn man mich nicht mit Stricken hinzieht.« Sein Einspruch ging aber in dem Chorus der Ratspersonen unter, die ihm für seinen Gemeingeist dankten, glückliche Reise wünschten und um seine baldige Rückkehr zum Himmel flehten; und auf solche Weise zum Schweigen gebracht, zudem einsehend, daß Fremde und Bekannte gewillt zu sein schienen, gemeinschaftliche Sache gegen ihn zu machen, ließ sich Triptolemus ohne weiteren Widerstand auf die Straße führen, wo die Mannschaft des Bootes einen Kreis um ihn schloß und langsam dem Strande zu sich in Bewegung setzte. Triptolemus fand nun Zeit, seine Begleiter zu mustern, deren Gesichter ihm nicht nur wilde Roheit, sondern finstere Rachsucht zu verraten schienen. Vor allem der alte Goffe, der seinen Arm wie in einem Schraubstock hielt und ihn von der Seite anschielte, wie der Adler seine Beute, wenn er sie mit dem Schnabel zerfleischen will, flößte ihm schreckliche Angst ein; endlich aber gewann seine Furcht so sehr die Oberhand, daß er seinem greulichen Führer in weinerlichem Tone zuflüsterte: »Wollt Ihr mich morden gegen alle göttlichen und menschlichen Gesetze?« »Verhaltet Euch still, wenn Ihr klug seid,« versetzte Goffe, der guten Grund hatte, die Angst seines Gefangenen zu steigern ... »ein ganzes Vierteljahr sind wir keinem Menschen zu Leibe gegangen ... weshalb erinnert Ihr uns daran?« . »Ihr spaßt hoffentlich nur, werter Herr Kapitän,« sagte Triptolemus, am ganzen Leibe zitternd; »das ist ja weit schlimmer noch als die Affäre mit der Hexe, dem Zwerge und den Dublonen; was um Himmels willen hattet. Ihr davon, mich zu morden?« »Ei nun, Spaß doch wenigstens,« antwortete Goffe. – »Da schaut einmal die Burschen an und sagt, ob einer darunter ist, der nicht danach aussähe, als schlüge er lieber einen Menschen tot, als daß er ihn laufen ließe? Doch mehr davon, wenn Ihr in unserm spanischen Bocke steckt, dem Ihr nicht anders entgehen werdet als durch Loskauf mit einer Handvoll spanischer Taler.« »Ach, gestrenger Herr Kapitän,« sagte Triptolemus bebend, »der mißgestaltete Zwerg hat mein ganzes Horn voll Silber mitgenommen.« »Die neunschwänzige Katze wird's Euch schon finden lehren,« brummte Goffe. »Kapitän,« erwiderte Triptolemus kräftig, »ich habe kein Geld – Erfindern und Reformern fehlt es gewöhnlich daran. – – Wir wandeln Weide in Acker um, Gerste in Weizen, Heideboden in Gartenland und Torfmoor in Grasland, selten aber ziehen wir Vorteil für unsere eigenen Tasche heraus.« »Gut, gut,« erwiderte Goffe. »Wenn Ihr wirklich so ein armer Teufel seid, als Ihr vorgebt, so will ich Euer Freund sein,« und das Haupt neigend, so daß Triptolemus' Ohr erreichen konnte, der angstvoll seiner Worte harrte, flüsterte er ihm zu: »Besteigt nicht das Boot mit uns, wenn Euch Euer Leben lieb ist.« »Wie aber soll ich fortkommen? Ihr haltet mich ja gepackt, so daß ich mich nicht losmachen konnte, selbst wenn die ganze Ernte von Schottland auf dem Spiele stände.« »Nun, dann hört, Ihr Simpel,« fuhr Goffe fort, »sind wir am Ufer und springen dann die Burschen ins Boot, um ihre Ruder zu nehmen, dann schleicht Euch herum, – ich lasse Euren Arm los – und Ihr rennt hinweg, als hättet Ihr Feuer unter den Sohlen.« Triptolemus tat, wie ihm geraten wurde; Goffe lockerte, wie versprochen, den Griff seiner Faust, und wie ein von einem Spieler mit Wucht geschleuderter Ball sauste der Lord-Kämmerlings-Substitut dem Städtchen zu, mit einer Geschwindigkeit, die ihn selbst und alle Zuschauer in Staunen setzte, die treue Versinnbildlichung des alten Sprichwortes: »Furcht macht Beine.« Er wurde auch nicht verfolgt; und wenn auch ein Paar Musketen angelegt wurden, ihm einen bleiernen Boten nachzusenden, so stellte doch Goffe, hier zum erstenmal in seinem Leben Friedensstifter, die Gefahren, die solcher Friedensbruch hervorbringen könne, so eindringlich vor, daß sich die Bootsmannschaft dazu verstand, von aller Gewalttätigkeit abzustehen und so schnell als möglich dem Schiffe zuzurudern. Die Bürger, die Triptolemus' Flucht als einen Triumph ihrer Sache ansahen, riefen dem Boote ein spöttisches Halloh nach, während der Magistrat über die augenscheinlichen Folgen dieses Bruchs der Uebereinkunft in große Besorgnis geriet; Cleveland aber, den der Magistrat in scharfer Haft hielt, um sich für jeden Schaden, den die Piraten anstiften möchten, schadlos zu halten, durchschaute leicht, daß Goffe keinen andern Grund, die Geißel laufen zu lassen, hatte, als ihm die volle Verantwortung für alle Folgen zuzuschieben; nicht im Irrtum darüber, daß er sich allein noch auf die Anhänglichkeit und Klugheit seines Freundes Jack Bunce oder Altamont verlassen durfte, sah er den kommenden Dingen nicht ohne Besorgnis entgegen. Siebzehntes Kapitel. Magnus Troils stattliche Brigg hatte, außer ihrem Eigentümer, dessen liebenswürdiges Töchterpaar und den munteren Claud Halcro an Bord, der aus Freundschaft, und aus der, seinem poetischen Berufe eigentümlichen Liebe zur Schönheit, sie nach der Hauptstadt von Orkney begleitete, wohin sie Norna, um ihnen die volle Deutung ihrer Orakelsprüche zu geben, beschieden hatte. In knapper Entfernung von dem einsamen Endpunkt, die Fair-Insel genannt, die gleich fern von jeder Inselgruppe in dem Orkney von Shetland scheidenden Gewässer liegt, gelangten sie nach kurzem Aufenthalt durch widrige Winde bis zu dem Vorgebirge von Sanda, wo sie eine starke Strömung ziemlich weit von ihrem Kurs drängte, so daß sie sich genötigt sahen, sich an der Ostseite der Insel Stronsa zu halten und nachts im Papa-Sund beizulegen. Erst am andern Morgen setzten sie die Fahrt unter günstigern Aussichten fort und segelten um das Vorgebirge Lambhead auf Kirkwall zu. Eben hatte sich ihnen die herrliche Bai zwischen Pomona und Shavinsha eröffnet, und die Schwestern bewunderten die massive Kirche St. Magnus, die sich hoch über die andern Gebäude der Stadt erhob, als Magnus und Claud Halcros Blicke plötzlich von einem Gegenstand angezogen wurden, der größeres Interesse für sie hatte: einer bewaffneten Schaluppe, die mit vollen Segeln den Ankerplatz verlassen hatte und mit vollem Winde herantrieb, »Ein derbes Ding, bei den Gebeinen meiner Vorfahren!« rief der Udaller, »aber was für ein Landsmann es ist, darüber bin ich mir noch nicht klar, denn er zeigt keine Flagge. Spanische Bauart ist's, wie mich dünkt.« »Ja, ja,« entgegnete Claud Halcro, »so scheint's; die Schaluppe segelt mit dem Winde, gegen den wir kämpfen müssen; der gewöhnliche Lauf der Dinge!« Von der Schaluppe fielen, statt daß sie die Flagge gezogen oder angerufen hätten, zwei Schüsse, von denen der eine am Vorderteil des shetländischen Schiffes vorbeistrich, während der andere das große Segel traf. Magnus griff nach dem Sprachrohr und rief die Schaluppe an, wer sie sei, und was solcher Angriff zu bedeuten habe ... Als Antwort kam der ernste Befehl herüber: »Nieder mit dem Bramsegel – und mit Eurem großen Segel zum Mast. – Wer wir sind, sollt Ihr bald erfahren.« Gehorsam zu weigern, den eine volle Ladung im Nu erzwungen hätte, lag außer dem Bereich der Möglichkeit, und unter banger Furcht der Schwestern und des Sängers, unter Zorn und Staunen hingegen des Udallers, legte die Brigg bei, dem Gebote des Kapers gehorchend. Die Schaluppe setzte ein Boot aus, das mit sechs bewaffneten Männern, Bunce an der Spitze, auf die Prise losruderte. Als sie näher kamen, flüsterte Claud Halcro dem Udaller zu: »Wenn es wahr ist, was man von Bukkaniern gehört, so sehen jene Burschen mit den seidenen Westen und Schärpen ihnen ganz ähnlich.« »Meine Töchter! Ach, meine Töchter!« jammerte Magnus Troil mit aller Angst, die ein Vater zu empfinden vermag. – »Hinab mit euch, ihr Mädchen und verbergt euch, während ich...« Er schleuderte sein Sprachrohr fort und griff nach einer Pike, seine Töchter aber; mehr um ihn als um sich besorgt, hingen sich an ihn und flehten, bloß keinen Widerstand zu leisten. Claud Halcro vereinte seine Bitten mit den ihrigen und fügte hinzu: »daß es besser sei, die Bursche mit guten Worten zu besänftigen. Es könnten ja,« meinte er, »Dünkirchner oder sonst eine freche Kriegsbande sein, die sich einen lustigen Tag mache.« »Nein, nein!« entgegnete Magnus, »die Schaluppe ist's, von der der Hausierer gesprochen ...« Es blieb ihm nicht Zeit, zu sagen, was er sonst vorhabe, denn schon sprang Bunce, von seinen Leuten gefolgt, an Bord, schlug mit dem Säbel auf die Kajütenleiter und erklärte das Schiff für seine Prise. »Und mit welchem Rechte haltet Ihr uns auf offener See an?« fragte Magnus. »Mit dem Recht unserer Pistolen,« entgegnete Bunce, auf seinen Gürtel zeigend – »sucht Euch eine davon aus, alter Herr, und sie wird Euch sogleich unser Recht demonstrieren.« »Das heißt, Ihr überfallt uns räuberisch,« erwiderte Magnus; »nun, mag es sein; wir haben keine Mittel, es zu verhindern; betragt Euch wenigstens manierlich gegen die Frauen und nehmt von dem Schiffe, was Euch beliebt. – Viel an Wert ist nicht vorhanden, aber wenn Ihr uns gut behandelt, so kann und will ich ihn mehren.« »Höflich mit den Frauen?« fiel Fletcher ein, der sich unter der Schar befand; »versteht sich! und freundlich dazu – da schau mal her, Jack Bunce, was für ein kleines nettes Ding das ist! Beim Satan! sie soll einen Kreuzzug mit uns machen, mag aus dem Alten werden, was wolle.« Mit diesen Worten nahm er Brenda bei der einen Hand und schob frech mit der andern die Kappe des Mantels zurück, in den sie sich gehüllt hatte. »Hilf, Vater! – hilf, Minna!« rief das Mädchen, im Augenblick völlig vergessend, daß beide unfähig waren, ihr Beistand zu leisten, Magnus hob noch einmal die Pike, aber Bunce faßte seine Hand: »Ruhig, Alter!« gebot er, »oder Ihr brockt Euch eine schlechte Suppe ein. – Und Du, Fletcher, laß das Mädchen los!« »Und warum, beim Teufel, soll ich sie laufen lassen?« fragte Fletcher. »Weil Du es mit mir zu tun hast, wenn Du Dich weigerst,« antwortete Bunce. »Und nun, ihr schönen Mädchen, sagt mir, ist etwa eine unter euch, die den heidnischen Namen Minna trägt, für den ich eine gewisse Achtung hege? Zieht eure Kappen von den Gesichtern, ihr Schönen; niemand soll euch hier Leid zufügen. – Mein Seel', zwei herrliche Dirnen! – Hört ihr, Mädchen, welche von euch möchte sich wohl in der Hängematte eines Piraten schaukeln?« Die erschrockenen Schwestern klammerten sich fest aneinander und wurden blaß ob der frechen Worte des Wüstlings. »Nun, nun, fürchtet euch nicht,« fuhr Bunce fort, »keine soll unter Altamont dienen, wenn nicht aus freier Wahl. Bei uns Glücksrittern gilt kein Zwang. Schaut mich nicht so scheu an, als spräche ich von Dingen, an die ihr früher nie gedacht hättet. Eine von Euch wenigstens kennt Kapitän Cleveland den Piraten!« Brenda wurde noch bleicher, der armen Minna aber stieg das Blut in die Wangen, als sie den Namen ihres Geliebten so plötzlich nennen hörte. »Ich sehe, wie die Sachen stehen,« sagte Bunce mit vertraulichem Kopfnicken; »und werde demgemäß steuern. Ihr braucht nichts zu fürchten, Alter!« fuhr er, zu Magnus gewandt, fort, »habe ich mir gleich von manchem hübschen Mädchen schon Tribut zahlen lassen, so sollen die Euren doch ans Land kommen, ohne Kränkung oder Lösegeld.« »Wenn Ihr mir das versprecht,« sagte Magnus, »so heiße ich Euch zu dieser Brigg und ihrer Ladung ebenso willkommen, als es mir je ein Mann zu einer Bowle Punsch war.« »Eine Bowle Punsch ist nicht zu verachten,« rief Bunce, »hätten wir hier nur jemand, ihn zu bereiten.« »Ich will es in dieser Kunst,« rief Claud Halcro, »mit jedem aufnehmen, der Zitronen quetschte – Erik Scambester, den Punschbrauer von Burgh-Westra, allein ausgenommen.« »Den könnt ihr herumreichen, Mädchen,« sagte der Udaller, »steigt hinab und schickt uns den Alten mit der Punschbowle.« »Mit der Punschbowle?« wiederholte Fletcher; »mit dem Punscheimer, wollt Ihr sagen. Von Bowlen sprecht in der Kajüte eines armseligen Kauffahrers, nicht aber zu Piraten.« »Die Mädchen sollen auf dem Verdeck bleiben und mir die Kanne füllen,« sagte Bunce; »solche Dienstleistung soll mir wenigstens für meine Großmut werden.« »Und auch mir sollen sie den Krug füllen,« sagte Fletcher, »bis an den Rand, und einen Kuß will ich für jeden Tropfen, den sie verschütten.« »Daraus wird nichts, soviel sage ich Dir,« entgegnete Bunce, »verdammt will ich sein, wenn irgend jemand Minna küssen soll als ein einziger, – aber von uns beiden ist's keiner, und ihre kleine Gefährtin da soll, der Gesellschaft wegen, auch frei mit durchkommen, bereitwillige Dirnen auf Orkney gibt's doch genug' drum meine ich, wird es besser sein, wenn sich die Mädchen in die Kajüte begeben und einriegeln, während wir den Punsch auf Deck trinken al fresco , wie der alte Herr den Vorschlag machte.« »Hört, Jack,« fiel Fletcher ein, »seit zwei Jahren bin ich nun Euer Kamerad und habe immer zu Euch gehalten! aber Launen habt Ihr doch wie ein Affe. Womit, zum Henker, sollen wir uns die Zeit vertreiben, wenn Ihr die Dirnen wegschickt?« »Ei, der Punschbrauer,« antwortete Bunce, »soll Toaste ausbringen und Lieder singen. – An die Segel und Taue jetzt, ihr andern! die Brigg umgelegt – und Du, Steuermann hältst sie unter dem Hinterteil der Schaluppe! Versuchst Du es, uns einen Streich zu spielen, Kerl, so spalte ich Dir den Kopf wie einen Kürbis.« Das Schiff wurde demgemäß umgelegt und strich langsam hinter der Schaluppe her, die, wie man leicht begreifen wird, nicht zurück nach Kirkwall, sondern zu einem durch ein Vorgebirge einige Stunden östlich von Kirkwall gebildeten trefflichen Ankerplätze, Inganeß-Bai genannt, steuerte, wo die Schiffe sicher vor Anker liegen konnten, während die Räuber mit der Stadtobrigkeit neuerdings unterhandelten. Unterdes hatte Claud Halcro sein möglichstes getan, einen Eimer voll Punsch für die Piraten zu bereiten, den sie aus großen Kannen tranken, die sowohl das gemeine Volk, als auch Bunce und Fletcher, zurzeit die Seeoffiziere, ohne weitere Umstände in den Eimer tauchten, wenn sie wieder gefüllt werden sollten. Magnus war über die Mengen, die diese Desperados von dem Punsche zu sich nahmen, ohne daß es sie irgendwie zu stören schien, dermaßen erstaunt, daß er nicht umhin konnte, seiner Verwunderung darüber gegen Jack Bunce Ausdruck zu geben, der bei aller Verwegenheit und Wildheit doch am bescheidensten von allen zu sein schien. »Bei den Gebeinen St. Magnus!« rief er, »ich glaubte, bisher auch meine Kanne leeren zu können, wie ein tüchtiger Kerl; gegen euch alle aber komme ich mir vor wie ein Waisenknabe.« »Doch nun Euer Toast, Freund!« rief Bunce zu Halcro gewandt, »oder vielmehr Euer Lied ohne Toast, – ich habe so meinen eigenen; gut Glück allen Räuberklingen, und Trotz allen ehrlichen Leuten!« »Ich würde, wenn ich es verweigern könnte, solchen Toast um keinen Preis mittrinken,« sagte Magnus Troil. »Wie? Ihr rechnet Euch wohl gar zu den ehrlichen Leuten,« rief Bunce – »nennt mir Euer Gewerbe, und ich will Euch sagen, was ich davon denke. In Eurem Punschbrauer habe ich auf den ersten Blick einen Schneider erkannt, der also keine Ansprüche darauf hat, als ehrlich zu gelten; Euch aber halte ich für einen holländischen Schiffer, der in Japan das Kreuz mit Füßen tritt und seine Religion für ein Tagelohn verleugnet.« »Ihr irrt,« antwortete der Udaller, »ich bin ein alter Edelmann aus Shetland.« »Ei,« rief Bunce, »so seid Ihr aus dem gelobten Lande, wo die Flasche Wacholder nur vier Heller kostet und wo es nimmer Nacht wird.« »Zu Diensten, Kapitän,« entgegnete der Udaller, die Lust, den gegen sein Vaterland gerichteten Spott zu ahnden, mühsam bekämpfend. »Zu meinen Diensten!« wiederholte Bunce, »ja, liefe von einem Wrack ein Tau ans Land, da würdet Ihr zu meinen Diensten sein und es kappen, um das Strandrecht geltend zu machen, wenn Ihr mir nicht vielleicht gar den Schädel mit einer Axt einschlüget ... und das nennt Ihr ehrlich? Aber macht nichts, hier gilt mein Toast! – und Ihr, Meister Zwirn, singt mir ein Lied, doch sorgt, daß es an Güte Eurem Punsch gleiche.« »Mädchen, schön wie Sommerrose, Lausche meinem Versgekose,« stimmte Halcro an, zu seinem Genossen Arion flehend, daß er ihm helfe, das Gemüt des Piraten zu besänftigen. »Ich will weder von Mädchen noch von Rosen hören,« unterbrach ihn Bunee, »denn das erinnert mich an die Ladung, die wir an Bord haben, und ich will, beim Gottseibeiuns! Kameraden und Kapitän treu bleiben, so lange ich es kann, – drum will ich auch heut nicht mehr Punsch trinken – die letzte Kanne stieg mir schon zu Kopf, und ich habe nicht Lust, heute nacht den Cassio zu spielen, – trinke ich aber nicht mehr, so soll auch sonst niemand mehr trinken.« Mit diesen Worten stieß er den noch halbvollen Punscheimer um, sprang von seinem Sitze auf, schüttelte sich, rückte den Hut aufs Ohr und gab, gravitätisch auf und ab schreitend, durch Worte und Zeichen den Befehl, die Schiffe vor Anker zu legen. Der Udaller besprach sich unterdessen mit Claud Halcro über ihre Lage. »Die Sache steht schlimm genug,« begann der alte Normann, »das sind heillose Gesellen, aber ich würde sie dennoch nicht fürchten, wäre es nicht der Mädchen wegen. Der junge Luftikus, der das Kommando führt, scheint mir aber kein eingefleischter Teufel zusein.« »Er hat seltsame Launen,« meinte Claud Halcro, »und ich wollte, wir wären erst wieder aus seinen Händen. Einen Eimer halbvoll des besten Punsches, der je gebraut wurde, umzustoßen und mich in dem besten Liede zu unterbrechen, das je gedichtet wurde; – wahrlich, ich kann mir nicht denken, was er jetzt noch beginnen wird – ein solches Benehmen grenzt ja an Wahnsinn.« Aber auch Bunce und Fletcher bereiten über die Botschaft, die sie den Philistern zu Kirkwall senden wollten, und sie kamen über den folgenden Wortlaut überein: »Dem Stadtoberhaupt und der übrigen Obrigkeit von Kirkwall! Da ihr Herren, eurem gegebenen Versprechen entgegen, uns die Geißel nicht gesandt habt, die für die Sicherheit unseres am Lande zurückgebliebenen Kapitäns bürgen sollte, diene euch zur Nachricht, daß wir so nicht mit uns spielen lassen. Wir haben bereits eine Brigg in Besitz genommen, auf der sich als Eigentümer und Passagiere eine vornehme Familie von eurer Insel befindet; und so wie ihr mit unserm Kapitän verfahrt, werden auch wir in allen Hinsichten diese Familie behandeln. Doch soll dies nicht der letzte Tort sein, den wir eurer Stadt und eurem Handel spielen, sofern ihr nicht unverzüglich unsern Kapitän uns an Bord sendet und der Uebereinkunft gemäß uns mit Proviant versorgt. Gegeben am Bord der Brigg »Die Meergans« von Burgh-Westra, vor Anker in der Inganeßbai, und mit unserer Handschrift unterzeichnet.« Er unterschrieb Federigo Altamont und reichte den Brief dem Kameraden, der Bunces Unterschrift mühsam entzifferte und, von Bewunderung erfüllt für den wohllautenden Namen darauf schwor, daß er fortan auch einen andern Namen führen wolle, denn Fletcher klinge ganz abscheulich. Er unterschrieb demnach »Timotheus Tugmutton.« »Wollt Ihr nicht ein paar Zeilen hinzufügen für die Philister?« fragte Bunce, zu Magnus gewandt. »Nein!« antwortete der Udaller, selbst in so dringender Not unwandelbar in seinen Begriffen von Recht und Unrecht. »Der Stadthauptmann von Kirkwall wird seine Pflicht kennen, und wäre ich an seiner Stelle –« aber die Erinnerung, daß seine Töchter sich in der Gewalt der Räuber befänden, milderte den Trotz in seinen Blicken wie seinen Redefluß. »Hört, alter Herr,« rief Bunce, leicht begreifend, was in der Seele seines Gefangenen vorging, »Ihr habt da eine Halsstarrigkeit an Euch, für die manch anderer von meinem Gewerbe Euch die Ohren abschnitte und mit Paprika zum Mittagfraße röstete. Aber so grausam mag ich nicht sein. Widerfährt Euch aber oder den Mädchen schlechte Behandlung, so trifft die Schuld die Kirkwaller und nicht mich. Deshalb wär's gescheit von Euch, sie von Eurer Lage und Euren Verhältnissen zu unterrichten.« Magnus griff nun zur Feder, versuchte auch zu schreiben, aber die Hand versagte ihm den Dienst. »Ich kann's nicht,« rief er, »ich kann keinen Brief zustande bringen, und wenn unser aller Leben davon abhinge.« Zum Glück war Claud Halcro imstande, das Geschäft zu verrichten, zu dem sein Patron unfähig war. Er nahm die Feder und stellte mit wenigen Worten die Lage dar, in der sie sich befanden. Bunce überlas das Schreiben, das zum Glück seinen Beifall fand; als er aber den Namen Claud Halcro las, rief er voll Erstaunen: »Wie, Ihr wärt der kleine Kerl, der bei der Truppe des alten Gadabout zu Hogs-Norton die Geige strich? Ist mir doch Eure Redensart vom alten ruhmgekrönten John noch immer im Gedächtnis.« Augenblicklich erinnerte sich Claud Halcro, den die Entdeckung einer Goldmine nicht mehr beglückt hätte als dieses Wiedererkennen des jungen hoffnungsvollen Schauspielers, der als Don Sebastian in dem Stücke auftrat, worin er als erster (und, wie er hätte beifügen sollen, einziger) Geiger gewirkt hatte. »Ja, ja,« entgegnete Bunce, »ich hätte mich auf der Bühne wohl auch ausgezeichnet; aber ich war« (hier stampfte er mit dem Fuße auf das Verdeck) »vom Schicksal ersehen, andere Bretter zu betreten... Nun, alter Freund, ich will etwas für Euch tun – kommt her zu mir, ich will Euch solo haben.« – Sie lehnten sich über das Geländer, und Bunce sprach leise, mit mehr Ernst aber als gewöhnlich, zu dem Poeten: »Ich bin besorgt um die alte ehrliche norwegische Tanne, und nicht minder um seine Töchter, vornehmlich um das Schicksal der einen; und wenn ich auch ein wilder Geselle bin bereitwilligen Dirnen gegenüber, so spiele ich doch bei tugendhaften und unschuldigen Geschöpfen gern immer den Scipio in Numantia oder den Alexander im Zelte des Darius« Er zitierte die Namen mit solcher Salbung, daß Claud Halcro nachgerade fürchtete, er möge dem Punsche zu stark zugesprochen haben – und den Händedruck seines alten Bekannten deshalb nur sentimental erwiderte, ein nicht minder sentimentales »Ach!« dazu hervorstoßend. »Ihr habt recht, Freund,« fuhr Bunce fort, »das alles sind nur eitle Phantasiegebilde, und dem unglücklichen Altamont bleibt nichts übrig, als einem alten Bekannten jetzt Lebewohl zu sagen. Aber ich will Euch und die beiden Mädchen unter Fletchers Schutz ans Land setzen lassen: also ruft sie, und macht, daß sie fortkommen, eh' bei mir oder einem andern unserer Leute der Teufel an Bord steigt. Ihr selbst sollt dem Stadtoberhaupte mein Schreiben behändigen, seinen Inhalt mit Eurer Beredsamkeit unterstützen und die wohllöbliche Kirkwaller Obrigkeit zu versichern, daß, wenn sie Cleveland auch nur ein Haar krümmen, der Satan los gehen soll.« Mit stark erleichtertem Herzen stieg Halcro, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Kajütentreppe hinab, und an die Tür klopfend, konnte er vor Freude kaum Worte finden, seinen Auftrag auszurichten. Die Schwestern vernahmen mit unsäglicher Freude, daß sie ans Land gesetzt werden sollten, hüllten sich in ihre Mäntel und eilten, als sie hörten, daß das Boot bereit liege, auf das Verdeck, wo sie nun, aber zu ihrem großen Schrecken, vernahmen, daß ihr Vater in der Gewalt der Piraten an Bord zurückbleiben sollte. »Wir wollen auf alle Gefahr hin bei ihm aushalten,« sagte Minna, – »wir können ihm doch einigen Beistand leisten, wenn auch nur auf Augenblicke – leben wollen wir und sterben mit ihm,« – »Wir werden ihm nützlicher sein,« bemerkte Brenda, ihre Lage besser als ihre Schwester begreifend, »wenn wir die Leute in Kirkwall dazu bestimmen, in die Forderungen dieser Herrn zu willigen.« »Gesprochen wie ein verständiger und schöner Engel,« fiel Bunce ein; »und nun fort mit Euch, denn Gott verdamm mich, das hier ist ein ärgeres Ding als eine brennende Lunte in der Pulverkammer. Sprecht Ihr noch ein einziges Wort, weiß ich mein Seel' nicht, wie ich es anfangen soll, Euch fortzulassen.« »Geht in Gottes Namen, meine Töchter,« tröstete Magnus, »ich stehe in Gottes Hand, und wenn ich nur euch in Sicherheit weiß, werde ich meiner selbst wegen nur wenig besorgt sein. – So lange ich aber lebe und denken kann, werde ich sagen, der Herr da sei eines besseren Gewerbes wert! Geht nun, geht, macht, daß ihr fortkommt.« »Haltet euch nicht lange mit Küssen auf,« rief Bunce, »sonst mochte ich auch meinen Teil fordern. Hinein ins Boot mit euch – doch halt, noch einen Augenblick.« Er zog die drei Gefangenen beiseite – »Welcher wird für die übrigen einstehen; wer aber bürgt uns für ihn? wahrlich ich weiß kein anderes Mittel, als Herrn Halcro hier diese kleine Sicherheitsmaßregel anzuvertrauen.« Damit reichte er dem Poeten ein kleines doppelläufiges Pistol hin, das, wie er sagte, mit zwei Kugeln geladen sei: Minna bemerkte, wie Halcros Hand zitterte. »Mir gebt sie, Herr!« rief sie, die Hand nach der Waffe ausstreckend, »überlaßt es mir, mich und meine Schwester zu verteidigen.« »Bravo, bravo!« jubelte Bunce, »das ist eine Dirne, wert Clevelands, des Königs der Räuber!« »Cleveland!« wiederholte Minna, »kennt Ihr denn Cleveland, dessen Namen Ihr schon zweimal nanntet?« »Ob ich ihn kenne?« fragte Bunce; »lebt wohl ein Mensch, der den rüstigsten Seemann, der je das Verdeck betrat, besser kennte als ich? Wenn er erst wieder frei sein wird, so hoffe ich Euch bald am Bord als die Königin aller Meere zu sehen, die wir durchschneiden werden. – Ohne Zweifel versteht Ihr den kleinen Sicherheitsbürgen zu gebrauchen? Beträgt sich welcher schlecht gegen Euch, dann zieht mit dem Daumen das kleine eiserne Ding da auf, so! – und läßt er trotzdem nicht ab, so braucht Ihr nur mit Eurem hübschen Zeigefinger so zu machen, ... und ich bin um einen meiner besten Gefährten ärmer; aber er verdient auch, beim Teufel! den Tod, wenn er meinen Befehlen nicht Gehorsam leistet. Und nun ins Boot – doch halt, einen Kuß um Clevelands willen!« Brenda ertrug diese Galanterie mit Todesangst; aber Minna trat mit stolzem Blick zurück und reichte ihm die Hand. Bunce lachte, drückte mit theatralischem Anstände einen Kuß darauf . , . und nun gelangten die Schwestern hinter Halcro her endlich in das Boot, das unter Fletchers Kommando mit ihnen davon ruderte. Bunce sah ihnen eine Weile schweigend nach, sich an dem Gedanken werdend, daß es doch recht gut sei, auch einmal eine gute Tat ausgeübt zu haben, wäre es auch nur der Seltenheit wegen. Dann, sich zu Magnus wendend, fuhr er fort: »Meiner Sixen, schmücke Dinger sind's, Eure Töchter; die älteste machte selbst auf den Londoner Brettern ihr Glück! Mit welcher Verve sie das Pistol erfaßte! – und dann wieder das andere kleine, scheue, zitternde Wesen! fürwahr, ein treffliches Schauspiel hätten die beiden, Claud Halcro und ich, aufführen können ... ein Tor, daß ich nicht früher daran dachte!« Inzwischen verfolgte der Udaller, der Worte des Seeräubers nicht achtend, mit dem Fernrohr die Fahrt seiner Töchter zum Strande. Er sah sie landen und, von Halcro und einem andern Manne (vermutlich Fletcher) begleitet, die Höhe hinan die Straße nach Kirkwall einschlagen, ja er bemerkte sogar, daß Minna, die sich ohne Zweifel als Beschützerin ihrer Schwester betrachtete, von den andern sich ein Stück entfernt hielt, vermutlich um ihr wachsames Auge überall zu haben. Endlich, als der Udaller sie schon langsam aus dem Gesichte verlor, nahm er noch zu seiner Freude wahr, wie der Pirat sie nach kurzem Abschiede verließ und langsam zum Strande zurückkehrte. Der Vorsehung hierfür dankend, ergab sich der würdige Udaller demütig in sein Schicksal. Achtzehntes Kapitel. Aber Fletcher hatte sich von Magnus Trolls Töchtern und ihrem Begleiter nicht sowohl freiwillig als vielmehr darum verabschiedet, weil von Kirkwall her ein Trupp Bewaffneter auf sie zuschritt. Das hatte Magnus Troil von seinem Standorte nicht sehen können, weil eine Anhöhe dazwischen lag: daraufhin aber hatte sich die von ihm bemerkte kurze Abschiedsszene abgespielt. »Halt!« rief sie, »ich befehle es Euch! – Sagt Eurem Anführer von mir, daß, wie auch immer die Antwort von Kirkwall lauten möge, er sein Schiff nach Stromneß segeln solle; und dort vor Anker soll er ein Boot nach Kapitän Cleveland ans Land senden, sobald er von der Brücke von Breisgar eine Rauchsäule emporsteigen sieht.« Fletcher hatte, wie sein Gefährte Bunce, wenigstens einen Kuß für seine Mühe begehren wollen, und vielleicht hätte weder die Annäherung der bewaffneten Kirkwaller noch Minnas Waffe seine Unverschämtheit im Zaum gehalten. Aber der Name seines Kapitäns, noch mehr aber Minnas gebieterisches Wesen hielten ihn in Schranken, und mit einer linkischen seemännischen Verbeugung kehrte er an Bord seines Bootes zurück. Halcro aber eilte mit den Schwestern den bewaffneten Männern entgegen, die ihrerseits, vermutlich um sie zu beobachten, auch stehen geblieben waren. Brenda, von Fletchers Gegenwart bisher in Schrecken gehalten, rief jetzt: »Barmherziger Gott, Minna, in welchen Händen haben wir unsern teuren Vater zurückgelassen!« »In den Händen tapferer Männer,« entgegnete Minna, »ich fürchte nichts für ihn.« »Tapfer immerhin,« fiel Claud Halcro ein, »aber darum nicht weniger gefährlich. – Ich kenne diesen Altamont, wie er sich nennt, als einen so ausschweifenden Wüstling, wie je einer die Bretter betrat.« Gleichviel!« entgegnete Minna, »je wilder die Wellen, desto mächtiger die Stimme, die ihnen gebietet. Der Name Cleveland allein reicht hin, den Kühnsten unter ihnen zu zähmen.« »Es tut mir leid um Cleveland, daß er solche Gefährten hat,« meinte Brenda, – »aber er kümmert mich wenig, wenn ich für meinen Vater besorgt sein muß.« »Spare Dein Mitleid für die, die seiner bedürfen,« erwiderte Minna, »und fürchte nicht für unsern Vater! – Gott weiß es, jedes Silberhaar auf seinem Haupte ist mir teurer als eine Goldmine; aber ich bin überzeugt, daß er auf jenem Schiffe in Sicherheit ist, und bald wieder wohlbehalten am Lande sein wird.« »Wollte Gott, wir wären erst so weit,« entgegnete Claud Halcro, »aber ich fürchte, die Kirkwaller werden Cleveland für dasjenige halten, was er ist, und es nicht wagen, ihn gegen den Udaller auszuwechseln. Die Shetländer haben auch gegen Hehler strenge Gesetze.« »Aber wer sind denn die dort auf der Landstraße?« fragte Brenda, »und warum mögen sie Halt gemacht haben?« »Eine Miliz-Patrouille ist's,« antwortete Halcro; »halten wohl, weil sie uns aus der Ferne für Männer aus der Schaluppe ansehen – aber jetzt – da sie Eure Weiberkittel erkannt haben, schreiten sie wieder vorwärts.« Die Patrouille kam heran. Wie Claud Halcro vermutet, sollte sie die Landung der Piraten verhindern. Nach kurzer herzlicher Begrüßung gab sie Halero und Magnus Troils Töchtern Geleit nach Kirkwall. Dort erfuhren sie, daß eine Fregatte, Halkyon mit Namen, vor der Duncansbai gesichtet worden sei. Das Schwesternpaar begab sich auf der Stelle zur Stadtobrigkeit, die Befreiung ihres Vaters zu fordern. »Herr Magnus Troil von Burgh-Westra,« antwortete das Stadtoberhaupt, »besitzt gewiß unser aller Wertschätzung in hohem Maße – und doch,« setzte er hinzu, »würde ich den Gesetzen verfallen, wenn ich dem Kapitän solches verdächtigen Schiffes deshalb die Freiheit gäbe, weil ein einzelnes Individuum durch Gefangenhaltung gefährdet wird. Wir wissen jetzt, daß dieser Mann Herz und Seele dieser Piraten ist, wie kann ich ihn also frei an Bord senden, damit er das Land plündere, oder wohl gar des Königs Schiffe bekriege? Frechheit genug besitzt er zu allem.« »Mut genug, Herr Richter, wollen Sie sagen,« erwiderte Minna, außerstande, ihren Unmut über solche Rede zu verschließen. »Nennt es, wie Ihr wollt, Jungfer Troil,« antwortete der Unterrichter, »nach meiner Meinung ist solcher Mut um nichts besser als Freiheit.« »Aber unser Vater?« rief Brenda, »unser Vater – der Freund, ja, ich kann sagen, der Vater seines Landes – wollt Ihr tatsächlich ihm die Hilfe versagen, indem Ihr einen unglücklichen Mann in Gefangenschaft haltet, statt ihn seinem Geschick zu überlassen, das ihn doch einmal ereilt?« Der Richter beschränkte sich auf den gleichen Bescheid wie vorher, »daß er keinem Individuum zuliebe, so ehrenwert es auch sei, seine Pflicht gegen den Staat verletzen könne.« »Du vergißt, Brenda,« sagte hierauf Minna sarkastisch, »daß Du Dich über die Sicherheit eines armen shetländischen Udallers mit keiner geringern als der ersten Magistratsperson der Hauptstadt von Orkney unterhältst. – Kannst Du verlangen, daß ein so wichtiger Mann sich herablassen solle, an solche Kleinigkeit zu denken? Der Herr wird reiflich in Erwägung ziehen, ob er die ihm vorgelegten Bedingungen anzunehmen habe oder nicht, und dazu gehört soviel Zeit, bis die Kirche von St. Magnus zusammengeschossen sein wird.« »Ihr mögt uns immerhin zürnen, schönes Mädchen!« entgegnete der gutmütige Mann, »aber die Kirche von St. Magnus hat schon manchen Tag gestanden und wird, so denk ich, Euch und mich, und gewiß auch jene Schar von Galgenvögeln überleben, die sich in so maßloser Weise erfrechen, unsere Inselflur zu bedrohen. Da Euer Vater so halb und halb zu Orkney gehört und hier Besitzungen und Verwandte hat, würde ich, mein Wort darauf, für ihn alles tun, was irgendwie in meinen Kräften stünde; aber meinem guten Willen sind Grenzen gesteckt, über die ich nicht hinaus darf. Wollt Ihr Eure Wohnung in meinem Hause aufschlagen, so werde ich mit meiner Frau Euch zeigen, daß Ihr in Kirkwall so willkommen seid, wie nur irgendwer in Lerwick oder Scalloway.« Minna würdigte die Einladung keiner Antwort, Brenda aber wies sie höflich zurück, da sie bei einer ihrer Verwandten, die sie bereits erwartete, absteigen müßten. Halcro machte noch einen Versuch, des Richters Sinn zu bewegen, dieser aber erklärte kurz und bündig, sich mit der Sache nicht weiter befassen zu können, da ein anderer Fall seine Aufmerksamkeit in Anspruch nähme. Ein gewisser Mertoun auf Jarlshof habe gegen den Hausierer Bryce Snailsfoot Klage erhoben, weil er einer Dienstmagd von ihm behilflich gewesen sei, Dinge von Wert zu unterschlagen, die ihm vom wirklichen Eigentümer anvertraut worden seien. Bis auf den Namen Mertoun hatte der Bericht für die Schwestern nicht das geringste Interesse; dieser aber traf Minnas Herz, als sie der Umstände gedachte, unter denen Mordaunt Mertoun verschwunden war, wie ein Dolchstich, während er in Brendas Seele tiefe Trauer weckte. Aber es erhellte bald, daß das Stadtoberhaupt nur von dem Vater des Jünglings sprach, und da Minna und Brenda an ihm nur geringen Anteil nahmen, verabschiedeten sie sich, um sich zu ihrer Verwandten zu begeben. Dort angelangt, bemühte sich Minna, so weit es, ohne Argwohn zu erregen, geschehen konnte, Erkundigungen über Clevelands Schicksals einzuziehen, dessen Lage, wie sie bald erfuhr, sehr bedenklich war. Zwar hatte ihn die Obrigkeit nicht, wie Claud Halcro anfangs vermutete, in engen Gewahrsam bringen lassen, aber er wurde unter scharfer Bewachung im sogenannten Königskastell gehalten, und durfte sich nur auf dem äußern Flügel der Kirche von St. Magnus, deren Ostseite jetzt allein noch für den Gottesdienst geeignet war, täglich eine Stunde ergehen. Unter trüben Gedanken, seiner Lage wie seinem Leben gewidmet, schritt Cleveland hier auf und ab; hatte sich seine Lage durch die Heftigkeit seines Temperaments doch so schlimm gestaltet, daß seinem Leben allem Anschein nach, obgleich es noch in seiner Blüte stand, ein gewaltsames, schmachvolles Ende drohte ... »Zu diesen Toten,« sprach er, auf die Gräber zu seinen Füßen blickend, »werde auch ich bald zählen – aber kein geweihter Priester wird seinen Segen über mich sprechen, – keine freundliche Hand eine Grabschrift fertigen, – kein stolzer Nachkömmling wird das Grab des Piraten Cleveland mit Wappenschildern schmücken. Meine modernden Gebeine werden in dem Galgeneisen, an irgend einem Strande oder auf einem einsamen Vorgebirge baumeln, und Strand und Vorgebirge werden meinethalben gefürchtet, gemieden, verflucht sein. Der alte Seemann wird, wenn er vorüberfährt, das Haupt schüttelnd, seine jüngern Gefährten warnend, von meinen Taten erzählen... Minna aber, Minna! was wirst Du denken, wenn Du dieses alles vernimmst? – Wollte Gott, die Nachricht davon sänke unter im tiefsten Strudel zwischen Kirkwall und Burgh-Westra, ehe sie Dein Ohr erreichte! – Hätten wir uns doch nicht erst noch begegnet, da wir uns nie mehr begegnen sollen!« Er erhob seine Augen, als er so sprach, und Minna Troil stand vor ihm. Ihr Gesicht war bleich, und ihr Haar hing in losen Locken herab; aber ihr Blick war ruhig und fest, und trug wie gewöhnlich das Gepräge erhabner Schwermut. Noch immer war sie in den weiten Mantel gehüllt, wie damals, als sie das Schiff verließ. Clevelands erste Empfindung war Erstaunen, sein nächstes ein von Angst nicht freies Entzücken. Er wollte aufschreien, sich ihr zu Füßen werfen; sie aber gebot ihm Schweigen und Ruhe. »Seid vorsichtig,« sprach sie, »denn wir werden beobachtet – draußen sind Menschen. – nicht ohne Mühe erhielt ich Einlaß. Ich darf hier nicht lange verweilen – man würde denken, – sie könnten glauben – ach, Cleveland! ich habe alles gewagt, Euch zu retten!« »Mich zu retten?« entgegnete Cleveland, »ach, arme Minna! unmöglich ist's, – Wohl mir, daß ich Euch noch einmal sah, wäre es auch nur, Euch auf immer Lebewohl zu sagen!« »So ist es; wir müssen uns Lebewohl sagen,« rief Minna; »das Schicksal und Eure Schuld haben uns auf immer getrennt. – Cleveland, ich sah Eure Genossen – brauche ich Euch mehr zu sagen, – muß ich Euch noch sagen, daß ich jetzt die Piraten kenne?« »Wie? Ihr wäret in der Gewalt jener Wüstlinge?« rief Cleveland, von Todesangst geschüttelt, – »wagten sie es etwa –« »Sie wagten nichts,« antwortete Minna, – »Euer Name wirkte auf sie wie ein Zauberspruch, seine Macht allein erinnerte mich an jene Eigenschaften, die ich einst an Cleveland schätzte.« »Ja,« rief Cleveland, »mein Name hat Gewalt über sie und soll sie auch ferner behalten. Hätten sie Euch auch nur durch ein einziges böses Wort gekränkt, sie sollten – aber was träume ich denn – ich bin ja Gefangener!« »Ihr sollt es nicht mehr lange sein,« entgegnete Minna; »Eure Sicherheit, meines Vater Sicherheit – alles, alles verlangt Eure augenblickliche Freiheit. Ich habe Pläne zu Eurer Rettung gemacht, die nicht fehlschlagen können. Der Tag beginnt sich zu neigen – hüllt Euch in meinen Mantel, und Ihr werdet ungehindert durch die Wachen schreiten, – ich habe ihnen die Mittel verschafft, beim Becher lustig zu sein, und jetzt eben sind sie fleißig dabei. Eilt zu dem See von Stennis, und verbergt Euch dort, bis der Tag anbricht; dann laßt eine Rauchsäule aufsteigen auf dem Punkte, wo das Land sich aus beiden Seiten in den See hineinstreckt und ihn bei der Brücke von Breisgar in zwei Hälften scheidet. Euer Schiff liegt nicht fern und wird ein Boot ans Land senden, – aber zögert keinen Augenblick.« »Aber Ihr, Minna! – wenn auch dieser kühne Plan gelänge, was wird dann aus Euch werden?« »Meinen Anteil an Eurer Flucht,« antwortete das Mädchen, »wird die Redlichkeit meiner Absicht vor den Augen des Himmels, die Befreiung meines Vaters aber, dessen Schicksal vom Eurigen abhängt, vor den Augen der Menschen rechtfertigen.« Sie erzählte ihm nun kurz die Geschichte ihrer Gefangennahme. Cleveland schlug die Augen empor und hob die Hände zum Himmel, für die Rettung der Schwestern aus den Händen seiner furchtbaren Genossen dankend; Ihr habt recht, Minna! fliehen muß ich um jeden Preis, um Eures Vaters willen. Hier also trennen wir uns, doch hoffe ich, nicht auf immer.« »Auf immer!« erklang da eine Stimme, dumpf wie aus einem Grabgewölbe hervor, Ihr Blut gerann, sie blickten sich um und starrten einander an. Es schien, als hätten die Echos des alten Gebäudes Clevelands Worte wiedergegeben, ein so feierlicher Klang wohnte ihnen inne, »Ja, auf immer!« wiederholte Norna vom Fitful-Head, hinter einer der alten Säulen vortretend, die das Gewölbe der Kathedrale trugen. »Der blutrote Fuß begegnete der blutroten Hand, – Wohl euch beiden, daß die Wunde geheilt ward, aus der jenes Blut floß – wohl für euch beide, doch am besten für den, der es vergoß! – Hier also sähet ihr euch wieder, und zum letztenmal!« »Nein, nein!« rief Cleveland, im Begriff, Minnas Hand zu erfassen, »mich von Minna zu trennen, so lange ich noch unter den Lebenden weile, vermag nur ihr Wille allein!« »Fort!« unterbrach ihn Norna, zwischen sie tretend, »fort mit solch törichtem Beginnen! – gebt keinen eitlen Träumereien von fernerem Wiedersehen Raum, – Ihr trennt Euch hier, und auf immer, – Der Habicht darf sich nicht mit der Taube paaren, – die Unschuld sich nicht mit der Schuld verbinden, Minna Troil, Du siehst diesen kühnen Verbrecher zum letztenmal, – Cleveland, nie erblickst Du Minna wieder!« »Und bildet Ihr Euch ein,« rief Cleveland empört, »daß Eure Mummerei mich zu täuschen imstande wäre, und daß ich zu jenen Toren gehöre, die Eure vorgebliche Kunst für mehr als Betrug halten?« »Haltet ein, Cleveland, haltet ein,« rief Minna, deren angeborene Ehrfurcht vor Norna durch das plötzliche Erscheinen derselben noch erhöht worden war. »Sie ist mächtig – allzu mächtig. – Und Ihr, Norna, bedenkt, daß meines Vaters Wohl von Clevelands Rettung abhängt.« »Ein Glück für Cleveland, daß ich daran denke,« entgegnete Norna – »und daß ich, zum Wohl des einen, hier bin, beide zu retten. Du aber, die Du kindisch meintest, seinen mächtigen Körper unter Deinem Mantel zu verbergen, sprich, welchen anderen Erfolg hätte solches Unternehmen haben können, als augenblickliche Kettenlast? Ich will ihn retten, will ihn sicher an Bord seiner Barke bringen. Aber diese Ufer muß er meiden und die Schrecken seiner finstern Flagge und seines noch schwärzeren Namens in andere Gegenden tragen; denn steigt die Sonne zum zweitenmal am Himmel auf und findet ihn noch vor Anker, so komme sein Blut über sein Haupt. – Blickt Euch noch einmal an und sagt Euch dann, wenn Ihr es könnt, Lebewohl auf immer.« »Gehorcht ihr,« stammelte Minna, »widersprecht nicht, – gehorcht ihr!« Cleveland faßte heftig Minnas Hand, und sie inbrünstig küssend, sprach er, aber so leise, daß nur sie es hören konnte: »Leb Wohl, Minna, aber nicht auf immer.« »Und nun fort, Mädchen!« rief Norna, »das übrige bleibe der Reimkundigen überlassen!« »Nur ein Wort noch,« sagte Minna, »und ich gehorche Eurem Gebote – sagt mir, habe ich den Sinn Eurer Worte recht verstanden? ist Mordaunt Mertoun gerettet und wiederhergestellt?« »Gerettet und wiederhergestellt; wehe sonst der Hand, die sein Blut vergoß,« sagte Norna. Minna schritt langsam zur Kirchenpforte, dann und wann hinter sich schauend auf die schattenähnlichen Umrisse Nornas und die stattliche soldatisch-seemännische Gestalt Clevelands, Als sie sich zum andernmal umsah, folgte Cleveland der Greisin, die langsam und feierlich auf einen Seitenflügel zuschritt. Als sie zum drittenmal sich umsah, waren ihre Gestalten verschwunden. Der Pforte an der Ostseite zueilend, durch die sie eingetreten war, horchte sie einen Augenblick und hörte, daß die Wachen außen miteinander schwatzten. »Das shetländische Mädchen,« sprach einer, »bleibt lange drinnen bei dem räuberischen Burschen. Hoffentlich haben sie sich über nichts anders zu besprechen als über ihres Vaters Auslösung.« »Ja, ja,« fiel ein zweiter ein, »hübsche Dirnen haben mehr Mitleid mit einem jungen behenden Piraten als mit einem sichern Bürger.« Hier wurde das Gespräch durch die Person unterbrochen, um die es sich drehte, und wie auf schlimmer Tat ertappt, rissen sie die Hüte vom Kopfe und verneigten sich ehrfurchtsvoll, sichtlich nicht ohne Verwirrung. Minna kehrte in ihre Wohnung zurück, zwar tief bewegt, aber im ganzen doch mit dem Erfolg ihres Ganges zufrieden, der, wie sie jetzt hoffen durfte, ihren Vater außer Gefahr setzte, sie selbst aber über Clevelands und Mordaunts Rettung beruhigt hatte. Sie eilte, Brenda von allem Nachricht zu geben, die sich mit ihr zu einem Dankgebet vereinigte. Spät abends kam Claud Halcro zu ihnen, um ihnen mit wichtiger, aber auch ängstlicher Miene zu berichten, daß der Pirat Cleveland aus der Sankt-Magnus-Kirche verschwunden sei und daß der Stadthauptmann wohl bald bei ihnen sein werde, um Minna zu befragen, was sie mit ihrem Besuche bei dem gefangenen Piraten bezweckt habe, und ob es auf Wahrheit beruhe, daß sie ihm zur Flucht verholfen. Minna hielt dem würdigen Herrn gegenüber damit hinter dem Berge, daß sie sich über Clevelands Flucht freue, weil sie darin das einzige Mittel sähe, ihren Vater zu retten, stellte aber mit aller Entschiedenheit in Abrede, daß sie irgend welchen unmittelbaren Anteil an seiner Flucht habe, sondern räumte nur ein, daß sie Cleveland in der Kirche vor mehr als drei Stunden in Gesellschaft einer dritten Person verlassen habe, deren Namen bekannt zu geben sie aber kein Recht habe. »Es liegt kein Anlaß für uns vor, Fräulein Minna, erwiderte der Richter, »auf einer genaueren Antwort zu bestehen, »denn obgleich wir heute niemand als Euch und den Kapitän Cleveland in die Sankt-Magnus Kirche haben gehen sehen, wissen wir doch recht gut, daß Eure Base, die alte Ulla Troil, von Euch Shetländern Norna vom Fitful-Head genannt, See und Land und Luft durchkreuzt hat, zu Boot, zu Pferde, und wer weiß, ob nicht vielleicht auch auf dem Besenstiel; auch ihren stummen Zwerg hat man umherschleichen sehen. Daraus schließe ich ohne weiteres, daß es die alte Norna war, die Ihr in der Kirche bei dem rebellischen Haudegen zurückließt; und ist dem so, dann mag ihn einfangen, wer Lust hat. Das wenigste, was Ihr, Eure Base und Vater jetzt noch tun könnt, besteht darin, Euren Einfluß auf den wilden Burschen geltend zu machen, daß er sich so bald wie möglich entferne, ohne der Stadt und unserm Handel Schaden zuzufügen. Gott weiß, ich will dem armen Jungen nicht ans Leben, und wenn seine Gefangenschaft den würdigen Magnus Troil von Burgh-Westra ins Unglück brächte, gäbe es wohl kaum jemand, der das tiefer bedauerte als ich.« »Ich merke, worum es Euch am meisten zu tun ist, Herr,« fiel Claud Halcro ein, »und ich kann für meinen Freund Troil wie für mich selbst einstehen, daß wir alles tun wollen, was in unsern Kräften steht, diesen Cleveland unverzüglich von der Küste weg zu bringen.« »Und ich,« sagte Minna, »will, wenn uns Halcro begleitet, morgen früh mit meiner Schwester nach Stennis hinüber, um meinen Vater, so wie er ans Land kommt, mit Euren Wünschen bekannt zu machen und mit ihm zusammen jenen Unglücklichen zum sofortigen Aufbruch zu bewegen.« Der Richter betrachtete sie mit einiger Verwunderung ... »Nicht jedes junge Mädchen,« sagte er, »möchte sich einer Piratenbande auf acht Stunden nähern.« »Wir laufen keine Gefahr,« fiel Claud Halcro ein, »das Haus von Stennis ist stark, und meine Base, der es gehört, hält Diener und Waffen drinnen – die jungen Mädchen sind dort ebenso sicher wie in Kirkwall; viel Gutes aber kann aus dieser baldigen Zusammenkunft des Udallers mit seinen Töchtern erwachsen. Und so freut es mich denn, auch hier die Worte des ruhmgekrönten John bewährt zu sehen: Nach hartem Kampf hat doch der Mensch den Richter überwunden.« Der Stadthauptmann lächelte, nickte und versicherte, daß er sich sehr glücklich schätzen werde, wenn der Glücksritter mit seinem wilden Haufen Orkney ohne weitere Gewalttätigkeit verließe; ihre Verproviantierung, sagte er, dürfe er nicht anordnen, aber zu Stromneß würde man ihnen, sei es aus Furcht oder weil man ihnen unter die Arme greifen wolle, gewiß mit Vorräten aufwarten. Darauf verabschiedete er sich von Halcro und den Mädchen, die sich am nächsten Morgen nach Stennis, das am gleichnamigen Seearme, etwa vier Stunden von der Rhede von Stromneß, wo das Piratenschiff ankerte, gelegen war, begaben. Neunzehntes Kapitel. Norna war nach dem Wahrsagespiel zu Burgh-Westra durch eine geheime Wandtür entwichen, die außer ihr nur Magnus kannte, und auch Cleveland fand jetzt Gelegenheit, ihre Klugheit, Umsicht und Beschlagenheit zu bewundern. Auf einen starken Druck ihrer Hand tat sich unter dem reichen hölzernen Schnitzwerk in der Wand, die den östlichen Flügel von dem übrigen Teil der Kathedrale trennt, eine Tür auf, die in einen engen, gewundenen Gang führte. Sie winkte Cleveland ihr zu folgen und die Tür hinter sich zufallen zu lassen. Er gehorchte und schritt in der Dunkelheit schweigend hinter ihr her, bald ein paar Stufen hinab, deren Zahl ihm Norna zuvor nannte, bald wieder Stufen hinauf und um zahlreiche Ecken herum. Die Luft war frischer, als sich hätte erwarten lassen, infolge zahlreicher unsichtbarer Luftlöcher, die in die Wände des Ganzen geschlagen waren. Endlich schob Norna eine Bretterwand beiseite, und nun traten sie in ein altes, armseliges Gelaß, das nur ein Gitterfenster und eine hölzerne Sparrendecke hatte. Was von Gerät darin vorhanden gewesen, war völlig zerstört; ein paar verblichene Bänder, wie sie zum Aufputz für Schiffe von Walfischjägern benutzt werden, auf der einen und ein Schild mit Wappen und Grafenkrone auf der andern Seite bildeten den einzigen Schmuck. Hacke und Grabscheit in einer Ecke, und ein alter Mann in ärmlicher schwarzer Tracht, der an einem Tische saß und in einer alten Scharteke las, ließen darauf schließen, daß sie sich in der Wohnung des Totengräbers befanden. Der alte Mann stand auf, als er Norna und Cleveland eintreten sah, und zog ehrfurchtsvoll, doch nicht verwundert, den Hut von den dünnen, grauen Locken. Unbedeckten Hauptes, mit einem Ausdruck tiefer Demut, stand er vor Norna da. »Sei treu,« sprach diese zu ihm, »und hüte Dich, irgend einem Sterblichen diesen geheimen Pfad zu zeigen.« Der Greis verbeugte sich zum Zeichen des Gehorsams; mit zitternder Stimme gab er der Bitte Ausdruck, Norna möge seines Sohnes gedenken, der sich auf einer Fahrt nach Grönland befinde, damit er glücklich und wohlbehalten zurückkehre wie im vorigen Jahr. »Mein Kessel soll sieden, und meine Reime für ihn ertönen,« antwortete Norna, »ist Pacolet mit den Pferden draußen?« Der Alte nickte. Darauf schritt Norna, Cleveland winkend, durch eine Hintertür des Gelasses in ein Gärtchen, das die gleiche Zerstörung aufwies wie das Gelaß, das sie eben verlassen hatten. Durch eine niedrige, zerfallene Mauer gelangten sie in einen größern, aber ebenfalls wüsten Garten, von wo eine Pforte in eine enge, lange Gasse führte, die sie, nachdem Norna ihrem Gefährten zugeflüstert, daß hier allein Gefahr drohen könne, passierten. Es war inzwischen dunkel geworden, und die Bewohner der an beiden Seiten gelegenen armseligen Hütten hatten schon das Innere aufgesucht. Nur ein Weib sahen sie in einer Tür stehen; aber es schlug ein Kreuz und verschwand eilig, als es Nornas ansichtig wurde. Der Gang führte auf freies Feld, wo Nornas Zwerg hinter der Mauer einer verlassenen Hütte mit drei Pferden auf sie wartete. Norna schwang sich auf das eine, Cleveland auf das zweite, während Pacolet auf dem dritten folgte. Nach einstündigem Nachtritt unter Nornas Führung hielten sie vor einer Hütte, die aber so verfallen war, daß sie eher wie ein Stall als wie eine menschliche Wohnung aussah. »Hier müßt Ihr bis zum Morgen warten, damit Euer Signal vom Schiffe gesehen werden kann,« sagte Norna, die Pferde dem Zwerge in Obhut gebend, und trat in die armselige Hütte, steckte die kleine Eisenlampe an, die sie gewöhnlich bei sich führte, und sagte: »Ein elender, aber sicherer Zufluchtsort. Falls man uns bis hierher verfolgen sollte, würde die Erde sich öffnen und uns in ihrem Schlunde aufnehmen, noch bevor man Hand an Euch legen könnte. Wißt, daß dieser Boden hier den Göttern von Alt-Walhalla geweiht ist! Und nun sprich, Mensch des Unheils und des Blutvergießens, bist Du Freund oder Feind von Norna vom Fitful-Head, der einzigen Priesterin dieser jetzt verachteten Gottheiten?« »Wie könnte ich Euer Feind sein?« entgegnete Cleveland, – »Dankbarkeit –« »Dankbarkeit,« unterbrach ihn Norna, »ist nur ein Wort und Worte sind Münzen, mit der sich Toren von Schurken bezahlen lassen; Norna aber fordert Taten – Norna begehrt Opfer –« »Sagt, was Ihr fordert, Mutter!« »Ich fordere das Versprechen von Euch,« antwortete Norna, »nie einen Versuch zum Wiedersehen mit Minna Troil zu machen, sondern diese Küste in vierundzwanzig Stunden zu verlassen.« »Das ist unmöglich,« versetzte Cleveland, »die Schaluppe läßt sich so schnell nicht verproviantieren.« »Und doch ist dies der Fall! Ich werde Euch selbst mit allem versorgen; Caithneß und die Hebriden liegen nicht fern von hier – und so könnt Ihr fort, sobald Ihr wollt.« »Und weshalb muß ich, wenn ich nicht will?« fragte der Kapitän. »Weil,« antwortete Norna, »längerer Aufenthalt anderen Gefahren bringt und Euch selbst zu Grunde richten würde. Von dem ersten Augenblick an, da ich Euch leblos am Strande unter der Klippe vom Sumburgh-Head liegen sah, las ich in Eurem Antlitz Zeichen, die Euch mit mir und denen, die mir teuer, verband; ob aber zum Guten oder zum Bösen, lag meinem Auge verborgen. Ich half Euer Leben retten – Euer Eigentum bewahren, – Ich half auf diese Weise demselben Jüngling, dessen heiligsten Empfindungen Ihr durch Klatsch und Verleumdung zu nahe tratet.« »Wie? ich hätte Mordaunt verleumdet,« rief der Kapitän. »Beim Himmel, sein Name ist auf Burgh-Westra, wenn Ihr anders dahin zielt, kaum über meine Lippen gekommen. Der Landstreicher Bryce Snailsfoot hat, wohl um sich bei mir einzuschmeicheln, dem alten Udaller Dinge hinterbracht, die dann von der ganzen Insel Bestätigung fanden. Ich aber habe in ihm kaum einen Nebenbuhler erblickt, sonst hätte ich einen ehrenvollern Weg eingeschlagen, seiner los zu werden.« »Suchtet Ihr den ehrenvollem Weg vielleicht mit Eurem Dolche?« fragte Norna mit tiefem Ernste. Cleveland schlug das Gewissen; bestürzt schwieg er einen Augenblick, ehe er erwiderte: »Damals tat ich unrecht, aber er ist, Gott sei Dank, hergestellt und soll eine ehrenvolle Genugtuung erhalten.« »Cleveland!« unterbrach ihn die Wahrsagerin, »der Böse, der Euch zu seinem Werkzeuge gebraucht, ist mächtig; aber vor mir soll er sich hüten. Ihr besitzt jenes finstere Temperament, das den dunklen Gewalten von nöten, jenen grenzenlosen Hochmut, den Euresgleichen Ehre nennen. Und wie Ihr selbst, so war Euer Lebenslauf: unaufhaltsam, unbändig, blutig und stürmisch. Von mir aber soll er in andere Bahn gelenkt werden,« fuhr sie fort, ihren Stab gebieterisch ausstreckend; »selbst wenn der Dämon, der über ihn herrscht, sich in diesem Augenblick in all seinen Schrecken zeigt.« Cleveland lachte verächtlich ... »Gute Mutter,« sprach er, »bewahrt solche Worte für die Matrosen auf, die von Euch günstigen Wind begehren, oder für den armen Fischer, der um guten Fischfang fleht. Furcht und Aberglauben bin ich unzugänglich; ruft Euren Dämonen hervor, wenn Ihr einem solchen gebietet, und stellt ihn mir gegenüber. Der Mann, der jahrelang mit eingefleischten Teufeln lebte, kriecht vor keinem körperlichen Satan ins Mauseloch.« Mit hohler, zitternder Stimme fragte sie erschüttert: »Und wofür haltet Ihr mich, wenn Ihr die Macht bestreitet, die ich so teuer erkaufte?« »Ich glaube, daß Ihr auf dem Strome der Begebenheiten zu steuern versteht, aber ich leugne Eure Macht, seinem Laufe zu gebieten. Verliert darum keine Worte, Schrecken auszumalen, gegen die ich fühllos bin, sondern sagt mir lieber, weshalb Ihr meine Entfernung verlangt?« »Weil ich nicht will, daß Ihr Minna wiedersehen sollt,« antwortete Norna trotzig, – »weil Minna dem Jüngling als Braut bestimmt ist, der vor den Menschen den Namen Mordaunt Mertoun führt .. und weil Euch, wenn Ihr nicht binnen vierundzwanzig Stunden von hinnen seid, Verderben erfassen wird. In diesen schlichten Worten liegt keine übernatürliche Täuschung – doch eben so schlicht sei Eure Antwort.« »In schlichten Worten also gesagt,« versetzte Cleveland, »lautet mein Bescheid: ich will diese Inseln nicht verlassen, wenigstens nicht, bis ich Minna Troil wiedergesehen habe; und nie, so lange ich lebe, soll Euer Mordaunt sie besitzen.« »Höre ihn an, Mächtiger,« rief Norna; »höre, wie ein Sterblicher die Mittel zur Lebensrettung verwirft – höre, wie ein sündhaftes, verbrecherisches Wesen sich weigert, die Zeit zu nützen, die ihm das Schicksal zu Reue und Rettung bietet!« »Mutter,« antwortete Cleveland fest, aber nicht ohne einen Schimmer von Rührung, »zum Teil verstehe ich Eure Drohungen. Mehr als ich wißt Ihr von dem Kurs der Fregatte Halkyon; vielleicht habt Ihr die Mittel, ihren Lauf hierher zu leiten; und doch will ich selbst auf diese Gefahr hin auf meinem Vorsatz beharren. Kommt die Fregatte her, so haben wir noch Untiefen genug, auf die wir uns verlassen können, und ich denke, mit Booten werden sie uns nicht angreifen, als ob wir eine spanische Schebecke wären. Deshalb bin ich entschlossen, noch einmal die Flagge aufzuziehen, unter der ich kreuzte; noch einmal die tausend Zufälle zu benutzen, die uns schon aus größerer Not retteten, das Schiff zu verteidigen bis auf den letzten Mann und, wenn dennoch alles verloren, das Pistol in die Pulverkammer zu feuern, um so zu sterben, wie wir gelebt haben.« Totenstille herrschte in der Pause, die Cleveland jetzt machte; dann fuhr er in sanfterem Tone fort: »Ihr habt meine Antwort gehört, Mutter; laßt uns nicht weiter streiten, sondern in Frieden scheiden. Gern möchte ich Euch ein Andenken zurücklassen, damit Ihr des armen Jungen nicht vergäßet, dem Eure Dienste von Nutzen waren und der, wie feindlich Ihr auch gegen ihn gestimmt seid, nicht unfreundlich von Euch scheidet. Schlagt es mir nicht ab, die Kleinigkeit hier anzunehmen,« – mit diesen Worten versuchte er, Norna jene kleine silberne Dose aufzudringen, die einst Anlaß zum Streit zwischen ihm und Mordaunt gegeben; »das bißchen Metall hat keinen Wert, nur eine Erinnerung soll sie Euch sein an den, dessen Fahrten und Züge in manchem Seemannsgarn versponnen werden dürften, wenn wir beide längst nicht mehr auf Erden wandeln.« »Ich nehme Eure Gabe an als einen Beweis, daß, wenn ich in Euer Schicksal eingriff, ich es nur als willenlose Handlangerin anderer Mächte tat. Wohl hattet Ihr recht, dem Strom der Begebenheiten, der uns vorwärts treibt, steuern wir nimmer; gleich wie die Wogen und Wellen, trotz Steuer und Ruder, mit dem mächtigsten Schiffe nur gewaltsames Spiel treiben! – Pacolet,« rief sie lauter, »halloh, Pacolet!« Ein großer Stein, der neben der Wand der Hütte lag, hob sich, und zu Clevelands Erstaunen wand sich der mißgestaltete Zwerg wie ein ungeheurer Wurm aus einem unterirdischen Gange hervor, dessen Eingang der Stein bedeckt gehalten hatte. »Solcher unterirdischen Pfade,« sprach Norna, »finden sich viele auf unserer Inselflur, – sie waren die Zufluchtsorte der einstigen Bewohner vor den Normannen, den Piraten jener Tage. Sollten Eure Verfolger bis hierher dringen, so könnt Ihr Euch entweder im Innern der Erde verbergen, bis die Gefahr vorüber ist, oder durch den Eingang am See entfliehen, durch den Pacolet zu uns kam. – Und nun, lebt wohl, gedenkt dessen, was ich zu Euch sprach! So gewiß Ihr noch jetzt atmet, so gewiß ist Euch das Ziel gesteckt, wenn Ihr nicht binnen vierundzwanzig Stunden die Klippe von Burgh-Westra umschifft habt.« »Lebt Wohl, Mutter!« antwortete Cleveland, während sie ihn mit einem Blick verließ, der im Schein der Lampe ein Gemisch von Kummer und Unwillen zeigte. Diese Zwiesprach hinterließ selbst bei Clem Cleveland, an so schreckliche Gefahren und furchtbare Szenen er auch gewöhnt war, einen mächtigen Eindruck und vergebens bemühte er sich, ihn von sich zu schütteln. Tausendmal beklagte er, daß er die Ausführung des oft gefaßten Entschlusses, sein furchtbares Gewerbe zu verlassen, bis jetzt verschoben habe, und fest stand nun bei ihm, sobald er Minna Troil noch einmal gesehen, wäre es auch nur, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen, der Vorsatz, die Schaluppe zu verlassen, so bald seine Gefährten aus ihrer gefahrvollen Lage befreit wären, und beim König Begnadigung nachzusuchen, um sich auf einer ehrenvolleren Laufbahn auszuzeichnen. Dieser Entschluß wirkte beruhigend auf sein wilderregtes Gemüt; und in seinen Mantel gehüllt, genoß er endlich eine Zeitlang jenen unvollkommenen Schlummer, den die erschöpfte Natur als ihren Tribut selbst von denjenigen fordert, die sich auf dem Gipfel der furchtbarsten Gefahr befinden. Als Cleveland erwachte, war die graue Morgendämmerung in das Zwielicht einer orkadischen Sommernacht übergegangen. Er stand am Rande einer herrlichen Wasserfläche, die nicht fern von dem Orte, wo er geruht, fast in zwei gleiche Hälften durch zwei Erdzungen getrennt wurde, die sich von beiden Seiten in die See hineinstreckten und gewissermaßen durch die Brücke von Breisgar vereint wurden. Der Brücke gegenüber erhob sich jener merkwürdige Halbkreis von mächtigen, aufrecht stehenden Steinen, der bis auf jenes unvergleichliche Monument zu Stonehenge, selbst in Britannien keinen Nebenbuhler hat, viele aber der mächtigen Blöcke, von denen ein jeder wenigstens zwölf, viele vierzehn bis fünfzehn Fuß hoch waren, standen in grauer Morgendämmerung rund um den Piraten her, gleich Geistergestalten von Riesen, die vor der Sündflut gelebt und jetzt bei dem bleichen Lichte die Erde wieder aufsuchten, über die sie durch schwere Sünden endlich die Rache des langmütigen Himmels herbeigezogen hatten. Cleveland wurde so weniger von diesem Denkmal grauen Altertums, als von dem fernen Anblick von Stromneß angezogen. Er verlor keine Zeit, mit seinem Pistol Feuer zu schlagen und nasses Farnkraut in Brand zu setzen, um das verabredete Zeichen zu geben. Auf der Schaluppe hatte man desselben mit Sehnsucht gewartet; denn Goffes Unfähigkeit trat mehr und mehr zu Tage, und selbst seine eifrigsten Anhänger hielten es für geraten, sich unter Clevelands Befehl zu stellen. Bunce, der mit dem Boote kam, den Freund abzuholen, sang, sprang und jubelte vor Freude; »mit Verproviantierung,« rief er, »sei schon der Anfang gemacht, und man wäre schon weiter damit, wenn nicht der alte Trunkenbold Goffe immer nur für seinen Grog Sinn gehabt hätte.« Clevelands erste Handlung an Bord war, dem greisen Udaller durch Bunce zu verkünden, daß er mit seiner Brigg frei sei, – ja, daß ihm für die Störung und den Aufenthalt jeder Schadenersatz gewährt werden solle, der in der Macht der Piraten stände. Der Udaller entließ Bunce mit der Antwort: »Sagt Eurem Kameraden, daß es mir lieb sein solle, wenn jedermann, den er auf offener See anhielte, nicht schlechter behandelt werde als ich; sagt ihm auch, daß wir, wenn wir Freunde bleiben wollen, es nur von ferne sein können; denn ich liebe den Schall seiner Kanone zur See ebensowenig, wie er zu Lande den Pfiff einer Kugel aus meiner Büchse; kurz, sagt ihm, daß es mir leid täte, mich in ihm geirrt zu haben, und daß er besser getan hätte, den Spaniern zur Last zu fallen als seinen Landsleuten.« »Und das ist Eure ganze Antwort, alter Hitzkopf?« fragte Bunce, – »hol mich der Teufel, wenn ich nicht große Lust habe, Euch einen Denkzettel zu geben und Respekt für uns Glücksritter beizubringen; – aber ich will es unterlassen, und zwar um Eurer hübschen Töchter willen, auch um meines alten Freundes Claud Halcro willen, dessen Gesicht mich wieder ganz an die Kulissen und Lampenlicht erinnerte. Und so lebt wohl, Gevatter Seehundsmütze! alles zwischen uns ist nun im reinen.« Kaum war das Boot fort, als Magnus seine Brigg unter Segel brachte, und da der Wind mit dem Aufsteigen der Sonne günstiger und stärker wurde, ließ er alle Segel nach Scalpaflow aufziehen, in der Absicht, sich von dort zu Lande nach Kirkwall zu begeben, wo er seine Töchter und Claud Halcro zu finden hoffte. Zwanzigstes Kapitel. Die Sonne stand hoch am Himmel, und die Boote waren emsig beschäftigt, vom Ufer den versprochenen Proviant herbeizuschaffen; alles arbeitete mit gutem Willen, denn alle, Cleveland ausgenommen, sehnten sich, von einer Küste wegzukommen, wo die Gefahr für sie mit jedem Augenblick wuchs und wo, was sie noch für ein größeres Unglück ansahen, keine Beute mehr zu gewinnen war. Bunce und Derrick hatten die Sorge für alles übernommen, während Cleveland, in sich verschlossen, auf dem Verdeck auf und ab schritt, nur dann und wann ein paar unbedingt nötige Befehle erteilend. Er gehörte zu jenen unglücklichen Menschen, die zu bösen Handlungen mehr durch äußere Umstände als eigene Neigung verleitet werden. Seine Seele war jetzt von Reue und Erinnerung an Minna erfüllt. Aber als sein Blick auf seine Kameraden fiel, so kam ihm doch, so verworfen und roh sie auch waren, nicht eine Sekunde der Gedanke, sie ihrem Schicksal zu überlassen. »Nein!« rief er, »wir werden mit eintretender Ebbe unter Segel gehen; weshalb soll ich sie ins Unglück stürzen? weshalb sie zurückhalten, bis die Stunde der Gefahr naht, die das seltsame Weib verkündet hat? – Ihre Berichte, woher sie sie auch haben mochte, trafen immer ein – und sie warnte mich, wie eine Mutter ihrem verirrten Sohne Vorwürfe über seine Vergehen macht und ihm die nahe Strafe verkündet! – Welche Hoffnungen habe ich denn auch, Minna wiederzusehen? Sicher weilt sie noch in Kirkwall, und dorthin meinen Kurs zu nehmen, hieße geradezu auf eine Klippe lossteuern. Nein, nein! ich will die armen Burschen nicht in Gefahr stürzen, – sondern will mit der Ebbe unter Segel gehen. An den öden Hebriden oder an der nordwestlichen Küste von Irland will ich das Schiff verlassen und in Verkleidung hierher zurückkehren, – aber,« hielt er plötzlich inne, »warum zurückkehren? um Minna als Mordaunts Braut wiederzusehen? Nein, nein! möge das Schiff unter Segel gehen ohne mich; ich will hier bleiben und mein Schicksal erwarten.« An dieser Stelle wurde er in seinen Betrachtungen durch Jack Bunce unterbrochen, der mit der Meldung kam, daß man, sobald es ihm gefiele, unter Segel gehen könne. »Sobald es Dir gefallen wird, Bunce,« versetzte er, »Dir will ich das Kommando übergeben und dann zu Stromneß ans Land gehen.« »Beim Himmel! das soll nicht sein,« rief Bunce; »wie zum Teufel könnte ich unser Volk in Gehorsam halten? Ihr wißt recht gut, daß wir uns ohne Euch in einer halben Stunde sämtlich bei den Gurgeln hätten. Zudem gibt's schwarze Dirnenaugen überall und fernerhin habe ich Euch seltsame Nachrichten mitzuteilen.« »Und die wären?« fragte Cleveland. »Die Stromneßer Fischer,« antwortete Bunce, »wollen sich weder ihre Mühe noch ihren Vorrat bezahlen lassen.« »Und weshalb nicht?« fragte Cleveland, »das wäre das erste Mal in meinem Leben, daß ich Geld in einem Seehafen zurückweisen sähe.« »Der Eigentümer der Brigg, die wir schon im Schlepptau hatten,« erwiderte Bunce, »der Vater Eurer schönen Imanda, hat den Zahlmeister gemacht, zum Dank für die höfliche Behandlung, die wir seinen Töchtern haben angedeihen lassen.« »Das sieht dem biedern Udaller ähnlich,« antwortete Cleveland; »aber weilt er denn noch zu Stromneß? ich glaubte ihn schon nach Kirkwall unterwegs.« »Seine Absicht war's,« entgegnete Bunce, »aber kaum war er ans Land getreten, als sich auch eine alte Hexe bei ihm einfand, die sich auf diesen Inseln in jedermanns Brei mischen soll; auf ihren Rat änderte er seinen Plan, ließ Kirkwall links und liegt jetzt vor Anker bei jenem weißen Hause, das Ihr dort den See hinauf durch Euer Fernrohr sehen könnt. Die Alte, hörte ich, hat auch Anteil an der Bezahlung unseres Proviants; wie sie dazu kommt, kann ich nicht begreifen, sie müßte denn als Hexe wie die Teufel zu unsern guten Freunden gehören.« »Von wem hast Du das alles erfahren?« fragte Cleveland, ohne weder zum Fernrohr zu greifen, noch durch die Nachrichten so in Anspruch genommen zu werden, wie sein Kamerad erwartete. »Je nun,« erklärte Bunce, »ich habe heute früh einen Abstecher ans Land gemacht und war im muntersten Geplauder mit einem alten guten Bekannten, den Herr Troil an mich gesandt mit dem Auftrage, nach dem Nötigsten zu sehen.« »Und wer ist Eure Auskunftsquelle?« fragte Cleveland; »hat er denn keinen Namen?« »Ein alter Geiger ist's, Claud Halcro mit Namen, den Ihr kennen müßt,« antwortete Bunce. »Halcro,« wiederholte Cleveland, und seine Augen funkelten vor Staunen. – »Claud Halcro? – der ist ja mit Minna und ihrer Schwester zu Inganeß ans Land gegangen; was ist aus ihnen geworden?« »Darüber eben hielt ich Auskunft für unnötig,« erwiderte sein Vertrauter. »Aber hol' mich der Teufel, unterlassen kann ich es doch nicht! He? das hat gewirkt? – Ja, ja, – dort stecken sie – ich will es nur gestehen, – und unter leichter Bedeckung. Die alte Hexe hat ein paar Leute von ihrer Berginsel, Hoy genannt, geschickt und der alte Herr ein paar Burschen unter Waffen gestellt! – Aber das macht alles nichts, Kapitän! Befehlt nur, und wir holen heute nacht die Dirnen weg – bergen sie unter den Luken – und mit Tagesanbruch Segel auf und vorwärts!« »Schweig von solch schändlichem Plane,« unterbrach ihn Cleveland, sich von ihm wendend. Nachdem er aber in tiefem Sinnen ein paarmal auf und abgeschritten, trat er zu Bunce zurück, faßte ihn bei der Hand und sagte: »Jack! Ich muß sie noch einmal sehen, noch einmal, um zu ihren Füßen mein unheilbringendes Gewerbe abzuschwören und meine Vergehen.« »Am Galgen zu büßen, nicht wahr?« fiel ihm Bunce ins Wort. »Nun, in Gottes Namen! – beichten und gehängt werden, ist ja ein ganz frommes Sprichwort.« »Aber, Jack! –« sagte Cleveland. »Ei was,« antwortete dieser, »steuert immerhin Euren eigenen Kurs – ich hab's satt, für Euch zu denken und zu handeln. Aber,« lenkte er ein, »was hat im Grunde eine Flut mehr oder weniger zu bedeuten? Wir können morgen ebensogut unter Segel gehen wie heute.« Cleveland seufzte, denn Nornas Warnung stieg in seiner Seele auf; die Gelegenheit aber, Minna noch einmal zu sehen, war zu verführerisch. »Ich will sogleich ans Land, wo sie alle beisammen sind,« rief Bunce; »die Zahlung für den Proviant soll mir als Vorwand dienen, und einen Brief von Euch oder eine Botschaft an Minna werde ich dabei mit der Gewandtheit eines Kammerdieners überbringen.« »Doch sie haben bewaffnete Männer um sich! Du könntest in Gefahr kommen,« bemerkte Cleveland. »Ist nicht zu fürchten,« entgegnete Bunce; »ich schützte die Dirnen, als sie in meiner Gewalt waren; ihr Vater, ich steh' Euch dafür, wird nicht zugeben, daß man mir ein Leid zufüge.« »Du hast recht,« erwiderte Cleveland, »ich will sogleich schreiben und um eine letzte Zusammenkunft bitten.« Während er in die Kajüte eilte, diese Absicht auszuführen, begab sich Bunce zu seinem Satelliten Fletcher, auf den er bei jeder Gelegenheit rechnen durfte, und trat mit ihm zu Hawkins dem Bootsmann, der sich mit Derrick dem Zimmermann nach den Mühen des Tages bei einer Kanne Grog gütlich tat. »Der da wird es uns sagen können,« rief Derrick ihm entgegen. – »Sprecht, Herr Leutnant, denn so müssen wir Euch jetzt nennen; wann wird es heißen: Anker auf!« »Wenn es dem Himmel gefallen wird, Quartiermeister,« antwortete Bunce; »ich weiß nicht mehr davon als ein Schiffsbalken.« »Nun, geht's denn, beim Satan, nicht fort mit der heutigen Ebbe?« fragte Derrick. »Oder doch wenigstens mit der morgigen?« fiel der Bootsmann ein, – »warum hätten wir sonst die Leute geplagt, den Proviant so schnell an Bord zu schaffen?« »Ihr sollt wissen, ihr Herren,« antwortete Bunce, »daß Cupido bei unserm Kapitän an Bord gestiegen und seinen Verstand unter die Luken gesteckt hat.« »Was das alles für Schauspielertratsch ist,« sagte der Bootsmann mürrisch; »wenn Ihr uns etwas zu sagen habt, so braucht Worte, die jeder vernünftige Mann versteht.« »Nun, nur Geduld,« entgegnete Bunce, »Kapitän Cleveland ist verliebt, hofft sein Mädchen morgen noch einmal zu sprechen, und das führt, wie wir alle wissen, zu einer zweiten Zusammenkunft, und die zu einer dritten und so fort, bis uns die Fregatte Halkyon auf den Hals kommt.« »Beim dreibeinigen Teufel!« rief der Bootsmann, »wir meutern und lassen ihn nicht ans Land, nicht wahr, Derrick?« »Ja, ja, das würde am besten zum Ziele führen,« stimmte dieser bei. »Was meint Ihr dazu, Jack Bunce?« fragte Fletcher, in dessen Ohren dieser Rat hochweise klang, dessen Blicke aber nichtsdestoweniger scharf auf seinen Gefährten gerichtet waren, »Nun denn, ihr Herren,« nahm Bunce das Wort, »von Meuterei kein Wort, aber Tod dem, der solche anzettelt.« »Nun, so will ich auch keine,« stimmte Fletcher bei;»aber was ist sonst anzufangen?« »Maul zu halten,« fuhr Bunce ihn an. »Seht, Bootsmann, halb und halb bin ich ja Eurer Meinung, daß der Kapitän durch eine gewisse heilsame Gewalt zur Räson gebracht werden müsse. Aber ihr alle wißt, daß ihn der Mut eines Löwen beseelt, und daß er nichts unternimmt, als wenn er seinen eigenen Kurs steuern kann. Ich will also ans Land und alles folgendermaßen einrichten. Das Mädchen erscheint morgen beim Stelldichein, der Kapitän geht ans Land – eine gute Bootsmannschaft nehmen wir mit, um gegen den Strom anzurudern; heißt das: um bereit zu sein, auf ein Signal ans Land zu springen und Kapitän und Mädchen wegzuführen, mag's ihnen recht sein oder nicht ... dann lichten wir die Anker, ohne Befehl von ihm abzuwarten, und sorgen dafür, daß er zur Vernunft kommt und seine Freunde kennen lernt.« »Das läßt sich hören, Derrick,« fiel Hawkins ein. »Jack Bunce hat immer recht,« bemerkte Fletcher, »der Kapitän aber wird bei der Gelegenheit ein paar von uns niederknallen, so viel ist sicher.« »Halt's Maul, Dick,« gebot Bunce, »kann's uns nicht gleich sein, niedergeschossen oder aufgehängt zu werden? – Aber wir wollen unversehens über ihn herfallen, so daß er nicht Zeit haben soll, zu Pistolen oder Säbel zu greifen; und aus Liebe zu ihm will ich der erste sein, der zupackt ... Mit dem Schiffchen, auf das der Kapitän Jagd macht, segelt eine kleine niedliche Pinasse – und ist die Gelegenheit günstig, schnapp ich die für meine eigene Rechnung weg. Ans Land will ich also, um alles einzurichten; stempelt Ihr unterdes einige von unsern Gesellen, die noch nüchtern genug sind, zur Teilnahme.« Bald darauf landete das Boot, kaum ein paar hundert Yards vom alten Herrenhause von Stennis entfernt. Bunce sah sofort, daß man Verteidigungsmaßregeln getroffen hatte. Die niedern Fenster waren verrammelt, doch waren Schießlöcher offen gelassen; eine Schiffskanone deckte den Eingang, der überdies von zwei Schildwachen bewacht wurde. Bunce begehrte Einlaß, der ihm aber rundweg verweigert wurde, mit dem Bedeuten, sich fortzuscheren, bevor ihm Schlimmes begegne. Da er aber auf dem Verlangen bestand, es handelte sich um eine dringende Angelegenheit, erschien endlich Claud Halcro, der, verdrießlicher als es sonst seine Art war, seinen alten Bekannten ob seiner Halsstarrigkeit zu Rede stellte. »Nehmt eines Narren Rat an,« sagte Halcro, »geht auf der Stelle oder sagt mir kurz und bündig, was Ihr wollt, denn hier kann Euch kein anderer Willkommen entgegenschallen, als der aus einer Kugelbüchse. Wir sind hier zahlreich genug. Auch Mordaunt Mertoun kam zu uns von Hoy herüber, derselbe, den Euer Kapitän fast um die Ecke gebracht hätte.« »Ruhig, Alter,« fiel Bunce ein, »er hat ihm bloß etwas naseweises Blut abgezapft.« »Wir brauchen hier keinen solchen Aderlaß,« erwiderte Claud Halcro; »überhaupt wird der Genesende uns bald näher verwandt sein, als man hätte glauben sollen, und so werdet Ihr leicht begreifen, wie wenig willkommen hier Euer Kapitän oder einer von seinen Leuten sein kann.« »Gut, gut,« antwortete Bunce, »wenn ich aber nun Geld für den an Bord gesandten Proviant brächte?« »Behaltet es, bis man es von Euch begehrt,« versetzte Halcro; »zwei schlechte Zahler gibt's, der eine, der zu früh, der andere, der gar nicht zahlt.« »Nun, so laßt mich wenigstens dem Geber danken,« fuhr Bunce fort. »Behaltet Euren Dank ebenfalls, bis er verlangt wird,« antwortete der Poet. »Ist das die Art, wie Ihr Euren alten Bekannten willkommen heißt?« fragte Bunce. »Was könnte ich denn für Euch tun,« entgegnete Halcro, – »wäre es nach dem Willen des jungen Mordaunt gegangen, hätte er Euch mit seiner Büchse begrüßt. Um Gottes willen also macht, daß Ihr fortkommt; sonst heißt's in der Rolle: die Wache tritt auf und nimmt Altamont gefangen.« »Ich will Euch hier keine solche Mühe machen, sondern sogleich abtreten. – Aber wartet, fast hätte ich vergessen, daß ich da ein Briefchen für eins von Euren Dirnen habe, für Minna – ja, ganz recht, Minna heißt sie. – Ein Lebewohl ist's von Kapitän Cleveland; Ihr dürft Euch nicht weigern, es zu übergeben.« »Ach, armer Bursche!« sagte Halcro, »ja, ja, ich versteh ... Nun, Minna soll das Schreiben erhalten, aus alter Bekanntschaft, Herr Altamont ... Ein Abschiedsbrief kann ja keinen Schaden stiften.« »Lebt wohl denn, Alter, auf ewig und immer!« rief Bunce, und des Poeten Hand erfassend, drückte er sie so kräftig, daß Halcro noch lange nachher die Faust schüttelte wie ein Hund die Pfote, wenn zufällig eine glühende Kohle darauf fiel. Während Bunce zu seinem Schiff zurückkehrte, hielt die Familie von Burgh-Westra drinnen im Stenniser Herrenhause Rat... Mordaunt Mertoun war von Magnus Troil mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, als er zu seinem Beistande mit einer kleinen Schar von Nornas Anhängern, erschien. Der Udaller ward jetzt leicht zu überzeugen, daß Mordaunt vom Hausierer und von Cleveland nur boshaft verleumdet worden, und nahm ihn wieder völlig in Gnaden auf, und war nicht wenig erstaunt über die Ansprüche, die Norna auf ihn erhob, und daß sie gewillt sei, auf ihn das beträchtliche, von ihrem Vater ererbte Vermögen zu übertragen. Einundzwanzigstes Kapitel. Mordaunt hatte die Schildwachen, die seit Mitternacht auf dem Posten standen, noch vor der Morgendämmerung ablösen lassen, und sich in ein kleines Vorzimmer zurückgezogen, wo er sich, mit den Waffen neben sich, einem kurzen Schlummer überlassen wollte. Da fühlte er sich plötzlich am Mantel gezogen, in den er sich gehüllt hatte, »Wie? schon Sonnenaufgang?« rief er, sich rasch erhebend, und sah die ersten Strahlen flach am Horizonte. »Mordaunt,« sprach eine Stimme, deren Ton sein Herz durchdrang. Er schlug die Augen auf ... und siehe, Brenda Troil stand vor ihm; aber er erschrak heftig über den Ausdruck von Kummer und Angst, den ihre blassen Wangen, ihre bebenden Lippen und tränenschweren Augen zeigten, und die Worte erstarben ihm auf der Zunge... »Mordaunt,« sprach sie, »Du mußt mir und Minna einen Dienst erweisen, – mußt uns erlauben, das Haus zu verlassen, ohne daß es jemand gewahr werde; denn wir müssen uns zu den aufrechten Steinen von Stennis begeben.« »Welche Grille, Brenda?« rief Mordaunt, über ihr Verlangen höchlich erstaunt, – »Zeit und Stunde sind zu gefährlich und Eures Vaters Gebot zu strenge, als daß ich Euch ohne seine Einwilligung hinauslassen könnte. Bedenke, liebe Brenda! ich bin Soldat, bin auf dem Posten, und meiner Ordre muß ich gehorchen.« »Mordaunt,« entgegnete Brenda, »es ist jetzt nicht Zeit zu scherzen, Minnas Verstand, ja ihr Leben hängt davon ab, daß Du uns diese Erlaubnis erteilst.« »Und in welcher Absicht will sie dorthin?« fragte Mordaunt. »Sie will sich dort mit Cleveland treffen,« antwortete Brenda kurz und bündig. »Mit Cleveland?« rief Mordaunt, nach seiner Büchse greifend, »wagt sich der Elende ans Land, so soll er mit einem Kugelregen begrüßt werden.« »Sein Tod brächte Minna zum Wahnsinn,« entgegnete Brenda, »und auf den, der Minna kränkt, wird Brenda nie mehr mit freundlichen Blicken schauen.« »Aber es ist ja Tollheit!« rief Mordaunt, – »bedenkt doch Eure Ehre, Eure Pflicht!« »Nichts kann ich bedenken, als die Gefahr, in der Minna schwebt,« antwortete Brenda, in eine Flut von Tränen ausbrechend; »ihr früherer Zustand ist nichts im Vergleich zu dem, was sie diese Nacht gelitten. In ihrer Hand hält sie seinen Brief, mit flammenden Worten geschrieben, worin er sie um eine letzte Zusammenkunft beschwört, wenn sie anders wünsche, einen sterblichen Körper und eine unsterbliche Seele zu retten, – er bürge für ihre Sicherheit, würde aber unter keiner Bedingung die Küste verlassen, bis er sie noch einmal gesehen. – Du mußt uns hinaus lassen.« »Unmöglich,« erwiderte Mordaunt in maßloser Verlegenheit, »an Schwüren fehlt's dem Raufbold wohl nie, aber welche Bürgschaft hat er sonst zu bieten? – Ich kann Euch nicht hinauslassen.« »Ich vermute fast,« entgegnete Brenda vorwurfsvoll, »daß was Norna über Dich und Minna äußerte, auf Wahrheit beruht, und daß Du auf den Elenden zu eifersüchtig bist, um ihm vor seiner Abreise noch eine Zusammenkunft mit Minna zu gestatten.« »Du bist ungerecht,« sprach Mordaunt, den ihr Argwohn kränkte, ihm aber auch wieder schmeichelte, »Du weißt, daß Minna mir nur als Deine Schwester teuer ist. Sprich, aber aufrichtig, Brenda, wenn ich Euch hinauslasse – traust Du der Versicherung des Piraten?« »Allerdings habe ich Mißtrauen gehegt,« antwortete Brenda, »ist er doch wild und unglücklich; aber in dieser Rücksicht, glaube ich, können wir ihm vertrauen.« »Soll die Zusammenkunft bei den Steinen bei Tagesanbruch stattfinden?« fragte Mordaunt weiter. »So ist es, und die Zeit ist da,« entgegnete Brenda; »um des Himmels willen, laßt uns hinaus!« »Ich selbst,« fuhr Mordaunt fort, »will die Schildwache an der Vordertür auf einige Minuten ablösen und Euch den Ausgang gestatten. – Hoffentlich werdet Ihr diese schlimme Zusammenkunft tunlichst abkürzen?« »Das wollen wir allerdings,« sagte Brenda, »und Du Deinerseits wirst gewiß den Umstand, daß sich der Unglückliche hierher wagte, nicht benutzen wollen, ihm zu schaden oder ihn zu ergreifen?« »Niemand soll ihm etwas anhaben, auf Ehre!« entgegnete Mordaunt, »sofern er sich ruhig verhält.« »Ich rufe also meine Schwester!« rief Brenda und eilte hinaus. Mordaunt überdachte einen Augenblick lang die Lage; dann trat er zu der Schildwache an der Vordertür und schickte sie auf die Hauptwache mit der Weisung an den dortigen Führer, seine ganze Mannschaft unter Waffen treten zu lassen. Kaum hatte sich die Schildwache entfernt, als die Vordertür leise geöffnet wurde, und Minna und Brenda in ihre Mäntel gehüllt erschienen. Schweigend, Minna mit gesenkten Augen, schritten sie vorüber... Die Schwestern waren ihm bald aus dem Gesicht gekommen; Minna, deren Schritte bisher schwach und schwankend gewesen, richtete sich jetzt auf und eilte so schnell vorwärts, daß Brenda kaum zu folgen vermochte, aber umsonst die Bitte an sie richtete, ihre Kräfte nicht zur Unzeit zu erschöpfen. »Keine Bange, Schwester,« versetzte Minna: »nur niedergesenkten Hauptes und schwankenden Schrittes konnte ich einhergehen, so lange noch ein Mann mich sehen konnte, der nur mit Mitleid oder Verachtung auf mich blicken kann. Aber Du weißt es, Brenda, und auch Cleveland soll es wissen, daß meine Liebe zu dem Unglücklichen rein war wie die Strahlen der Sonne, die ich zu Zeugen rufe, daß ich ihm, winkte mir nicht die Hoffnung, ihn von seinem furchtbaren Gewerbe abzubringen, um keinen Preis der Welt diese Zusammenkunft bewilligt hätte.« Sie waren jetzt auf der Höhe angelangt, die den Blick auf die hohe See eröffnet, und sahen nun, jenseits des staunenerregenden Denkmals der aufrechten Steine aus grauer Vorzeit, zu ihren Füßen, unfern der sogenannten Brücke von Breisgar, ein wohlbemanntes Boot, und am Strande eine in einen Seemantel gehüllte Mannsfigur... »Es sind ihrer viele, und alle sind bewaffnet,« flüsterte Brenda, »Fürchte keine Verräterei von ihm,« sagte Minna, »einer solchen ist er nicht fähig.« Bald erreichten sie nun die Mitte des Kreises, der von hohen Säulen aus rund umher aufrecht stehenden Steinen gebildet wurde. Brenda, von unaussprechlicher Furcht und Angst überwältigt, blieb ein Paar Schritte zurück, hielt ängstlich Clevelands Bewegungen im Auge, hatte aber für nichts rings umher Augen, als für ihn und ihre Schwester. Cleveland trat bis auf zwei Schritte zu Minna heran, den Blick auf den Boden gesenkt haltend. Totenstille herrschte, bis Minna in einem festen, aber schwermütigen Tone begann: »Unglücklicher, weshalb diese neuen Schmerzen? Ziehe hin in Frieden! möge Dich der Himmel fortan einen bessern Pfad führen, als Du bisher wandeltest.« »Der Himmel wird mich nicht leiten, außer durch Deine Stimme,« entgegnete Cleveland, – »wild und roh kam ich her, kaum ahnend, daß mein Gewerbe, so gefürchtet es ist, in den Augen von Gott und Menschen verbrecherischer sei, als das Eure durch Gesetz geschützten Kaper, Ich war in dem Gewerbe geboren, und wäre wohl auch ohne Dich darin gestorben, kühn und entschlossen, wie es meinem Temperament entspricht. Darum stoße mich nicht von Dir! Denn ich will gut machen, was ich verbrach – laß Dein gutes Werk mich ganz vollenden!« »Cleveland,« rief Minna, »ich will Euch nicht vorenthalten, daß Ihr meine Unerfahrenheit mißbrauchtet, die Euer schändliches Gewerbe in Einklang setzte mit den Taten unserer alten Helden. Ach, als ich Eure Genossen sah, da zerstiebte dieser Wahn wie Spreu! – Geht, Cleveland, macht Euch los von Euren elenden Gefährten; seid überzeugt, daß, wenn der Himmel Euch die Gnade verleihen sollte, das gutzumachen, was Ihr gesündigt habt, auf diesen einsamen Inseln Augen, die jetzt nur Kummerzähren vergießen, Freudentränen weinen werden.« »Und wäre das alles?« fragte Cleveland; »darf ich nicht hoffen, wenn ich mich von meinen Kameraden trenne – wenn ich um meine Begnadigung gekämpft, mich rühmen kann, meine Sünden gut gemacht zu haben, – darf ich dann nicht hoffen, daß Minna vergeben wird, was mir Gott und Vaterland verziehen?« »Nie, Cleveland, nie,« entgegnete Minna fest und bestimmt; »auf dieser Stelle trennen wir uns – und zwar auf immer und ohne Zögern. Gedenkt meiner wie einer Toten, wenn Ihr bleibt, was Ihr seid; schlagt Ihr aber, wozu Euch Gott seine Gnade verleihen möge, einen andern Lebensweg ein, dann gedenkt meiner wie einer Freundin, deren Morgen- und Abendgebete für Euer Glück Zum Himmel emporsteigen, ob sie gleich das Ihrige für immer verlor, – Lebt Wohl, Cleveland, lebt wohl!« Er kniete nieder, von seinen eigenen bittern Gefühlen überwältigt, um die Hand zu ergreifen, die sie ihm entgegenhielt; da sprang plötzlich sein Kamerad Bunce mit nassen Augen hinter einer der Steinsäulen hervor ... »Nie,« rief er, »sah ich auf der Bühne eine so rührende Abschiedsszene; aber mich soll der Teufel holen, wenn Ihr abtretet, wie Ihr es Euch vorgenommen!« Und noch ehe Cleveland Widerstand leisten, ja ehe er sich aus seiner knieenden Stellung erheben konnte, warf ihn Bunce rücklings zu Boden, während ihn zwei andere bei Armen und Beinen packten und zum Strande hin schleppten. Minna und Brenda schrien laut auf und wollten entfliehen; Derrick aber packte Minna, wie ein Habicht die Taube, während Bunce mit einem Fluche, der seiner Meinung nach beruhigend wirken sollte, Brenda auf die Arme hob, und nun eilten sie, von den übrigen Piraten gefolgt, dem Boote zu––– sie sollten aber ihr schändliches Vorhaben nicht glücklich zu Ende führen; denn Mordaunt hatte die Wache nicht zwecklos unter Gewehr treten lassen, sondern in der Absicht, die Schwestern zu beschützen. Die Bewegungen der Piraten waren ihm nicht entgangen, und als er sie in so großer Zahl ihr Boot verlassen und zu dem Orte der Zusammenkunft hinschleichen sahen, witterte er Verrat und warf sich unbemerkt durch einen Hohlweg zwischen Piraten und Strand. Mit der Wut eines Tigers stürzte er jetzt auf Bunce, der seine Beute nicht lassen mochte, aber unfähig, sich mit seiner Last zu verteidigen, sich so wandte, daß Brenda den Hieben ausgesetzt war, mit denen Mordaunt ihn bedrohte. Nach kurzer Weile lag er aber, von Mordaunts Gewehrkolben getroffen, bewußtlos auf dem Boden. Die Piraten, die Cleveland hielten, ließen ihn los, um sich selbst zu verteidigen oder zurückzuziehen. Dadurch aber vermehrten sie die Zahl ihrer Feinde, denn Cleveland, Minna in Derricks Armen erblickend, entriß sie dem Raufbold mit der einen Hand, während er mit der andern sein Pistol auf ihn abdrückte. Noch andere Piraten fielen oder gerieten in Gefangenschaft, die übrigen eilten zu dem Boote und stießen ab. Mordaunt aber traf, sowie er die Mädchen dem Hause zueilen sah, mit gezogenem Säbel auf Cleveland zu. Der Pirat hielt ihm sein Pistol entgegen ... »Mordaunt,« rief er, »nie noch fehlte ich mein Ziel!« dann schoß er es in die Luft ab und schleuderte es in die See, zog seinen Säbel, schwang ihn um sein Haupt und schleuderte ihn der Pistole nach. Mordaunt, auf ihn zutretend, stellte ihm die Frage, ob er sich gefangen geben wolle. »Ich ergebe mich nicht,« antwortete der Piratenkapitän; »aber Ihr seht, ich habe meine Waffen von mir geworfen.« Auf der Stelle ward er nun von einigen Orkadiern ergriffen, ohne daß er irgendwie Widerstand leistete. Mordaunts Dazwischenkunft aber verhinderte, daß er rauh behandelt oder gebunden wurde. Man brachte ihn in eine sichre Oberstube des Stenniser Hauses und stellte eine Schildwache vor die Tür; Bunce und Fletcher wurden ebenfalls dorthin gebracht, die beiden Gemeinen aber in den Keller gesteckt. Magnus Troil war über die Rettung seiner Töchter und die Gefangennahme der Feinde so außer sich vor Freude, daß er ganz vergaß, nach den Umständen zu fragen, die seine Kinder in diese neuerliche Gefahr gesetzt hatten, sondern nur Mordaunt innig und wiederholt an sein Herz drückte und bei den Gebeinen des heiligen Magnus schwor, daß, wenn er auch tausend Töchter hätte, ein so mutiger Bursche und treuer Freund die Wahl unter ihnen allen haben solle, möchten die alte Glowrowrum und die ganze Insel schwätzen, was sie wollten. Eine Szene ganz anderer Art fand unterdes in dem Gemach des unglücklichen Cleveland und seiner Kameraden statt. Cleveland saß am Fenster, den Blick auf die See gerichtet. Jack Bunce begann zu begreifen, daß die Rolle, die er gegen seinen Kapitän gespielt habe, so gut auch die Absicht war, weder gut ausgefallen sei, noch Beifall finden werde; Fletcher dagegen lag, dem Anschein nach in halbem Schlummer, auf einem Rollbett und verzichtete auf jegliche Teilnahme an der Unterredung, die jetzt stattfand. Aber so sprecht doch mit mir, Cleveland,« begann der reuige Leutnant, »wäre es auch nur, um mich über meine Dummheit zu schelten.« »Ich bitte Dich, schweig und laß mich in Ruh,« entgegnete Cleveland, »ist's nicht genug, daß Du mich durch Deine Verräterei zu Grunde richtest? willst Du mich auch noch mit Deinem Geschwätz stören? Nie hätte ich geglaubt, Jack, daß Du auch nur einen Finger gegen mich aufheben konntest; Dir traute ich allein von allen Männern und Teufeln in jener Hölle dort.« »Ich einen Finger gegen Euch aufheben?« sagte Bunce. »Wenn ich es tat, geschah es aus Liebe zu Euch, und um Euch zu dem glücklichsten Kerl zu machen, der je das Verdeck beschritt. Euer Herzliebchen neben Euch und fünfzig rüstige Burschen unter Eurem Befehl! Da, Dick Fletcher könnte bezeugen, daß alles in guter Absicht geschah, wenn er nicht daläge wie ein holländisches Kuff, das auf den Strand gezogen worden, repariert zu werden. Auf, Dick, und führe das Wort für mich! Nun, willst Du nicht?« »Je nun, Jack Bunce,« antwortete Fletcher mit matter Stimme und erhob sich mit großer Schwierigkeit; »ich möchte Wohl, wenn ich nur könnte – ich weiß, Du sprachst und handeltest immer für das Beste – jetzt aber ist es für mich recht schlimm ausgefallen – denn sieh her, ich verblute mich.« »Du wirst doch kein solcher Esel sein,« rief Jack Bunce, ihm zu Hilfe eilend, und Cleveland folgte seinem Beispiel, aber menschliche Hilfe kam zu spät, – Fletcher sank auf sein Lager zurück, wandte sein Gesicht ab und verschied, ohne noch einen Seufzer hören zu lassen. »Ich hielt ihn immer für einen verdammten Narren,« sagte Bunce, aus seinen Augen eine Träne wischend, »aber nicht für einen so ausgemachten Dummkopf, sich so leicht auf die Leimrute locken zu lassen... Nun, mein bester Kamerad ist hin!« Cleveland sah nieder auf den Toten, dessen rauhe Gesichtszüge von der Todesangst keine Veränderung erlitten... »Ein Bullenbeißer,« sprach er, »von der besten Rasse; besser geraten, hätt's einen bessern Kerl gegeben.« »Das könnt Ihr auch von andern Leuten sagen,« rief Bunce, »wenn Ihr ihnen sonst Gerechtigkeit widerfahren lassen wollt.« »Das könnte ich allerdings, und zumal in Bezug auf Dich, entgegnete Cleveland. »Nun, so sprecht: Jack, ich verzeihe Dir,« fuhr Bunce fort, »ein kleines Wort nur ist's, und leicht gesprochen.« »Ich vergebe Dir von ganzem Herzen,« sagte Cleveland, der wieder seine Stellung am Fenster eingenommen hatte; »um so mehr, da Deine Torheit nur wenig zu sagen hatte, – der Morgen ist gekommen, der uns allen Verderben bringen muß.« »Wie? gedenkt Ihr etwa noch der Prophezeiung des alten Weibes, von der Ihr spracht?« fragte Bunce. »Sie wird bald in Erfüllung gehen,« antwortete Cleveland. »Tritt hierher! Wofür hältst Du jenes große, breit aufgetakelte Schiff, das dort im Osten das Vorgebirge umschifft und in die Bai von Stromneß steuert?« »Ich weiß nicht so recht, was ich davon zu halten habe,« sagte Bunce, »der alte Goffe drüben scheint zu glauben, es sei ein Westindienfahrer mit Rum und Zucker beladen; schaut hin, er kappt, Gott verdamm mich! das Ankertau und macht Jagd darauf.« »Statt die Untiefen zu suchen, seine einzige Schutzwehr,« fiel Cleveland ein. – »Der Narr, der trunkene Dummkopf! ihm wird heiß genug eingeschenkt werden, denn da drüben ist die Halkyons-Fregatte. – Schau hin, sie zieht die Flagge auf und gibt ihm eine volle Ladung. Bald wird's mit dem Piratenschiff zu Ende sein! – Hoffentlich werden sie es bis auf die letzte Planke verteidigen; der Bootsmann ist ein tüchtiger Kerl, und das ist auch Goffe, wenn auch sonst ein eingefleischter Teufel. – Nun rennen sie auf und davon mit allen Segeln. Das ist vernünftig.« »Sie ziehen die schwarze Flagge auf, mit dem Totenkopf und Stundenglas. Das zeugt von Mut.« »Auch unser Stundenglas ist gestellt, Jack, auch unser Sand verrinnt! – Frisch zugefeuert jetzt, ihr rüstigen Burschen; lieber tiefe See und blaue Luft als Strick und Galgen!« Eine kurze Totenstille trat ein; die Schaluppe, obgleich hart bedrängt, hielt noch immer stand, endlich kamen die beiden Schiffe dicht aneinander, und man sah deutlich, daß das königliche Schiff die Schaluppe entern, nicht aber in den Grund bohren wollte, vermutlich um das geraubte Gut, das sich im Piratenschiff befinden könne, vor Untergang zu retten. »Jetzt dran, Goffe und Bootsmann!« rief Cleveland, so als ob seine Befehle auf seinem Schiffe hörbar seien ... »jeder Mann an seinen Posten – gebt volle Ladung, so wie ihr unter ihrem Bauche liegt; auf und davon dann, wie eine Wildgans! – Dummköpfe ihr, – die Segel flattern, sie sind aus dem Winde gekommen, und die Mannschaft der Fregatte entert!« Und so war es; in überwältigender Ueberzahl sah Cleveland die Mannschaft der Fregatte an Bord der Schaluppe springen, sah ihre blanken Säbel in der Sonne blitzen ... da hüllte plötzlich eine dichte schwarze Rauchwolke, die vom Bord des genommenen Schiffes aufstieg, alles in Finsternis. » Exeunt omnes ,« sprach Bunce mit gefalteten Händen. »Und dahin ist Schiff und Mannschaft!« setzte Cleveland hinzu. Doch der Rauch verteilte sich, und es trat zu Tage, daß das Werk nur halb vollbracht war, daß Mangel an Pulver das verzweiflungsvolle Unternehmen der Piraten, Schaluppe und Fregatte in die Luft zu sprengen, vereitelt hatte. Der Kampf war vorüber. Fregatt-Kapitan Weatherport sandte einen Offizier mit ein paar Mann nach Stennis hinüber, die Auslieferung der dort gefangenen Piraten, insonderheit Clevelands und Bunces, des Kapitäns und des Leutnants, fordernd. Gegen solche Forderung gab es keinen Widerspruch, so sehr auch Magnus Troil vielleicht wünschen mochte, daß das Dach, unter dem er weilte, wenigstens Cleveland eine Freistatt gewährte. Aber der Offizier hatte gemessene Befehle, Kapitän Weatherports Absicht sei, auch die übrigen Gefangenen ans Land zu setzen und sämtlich nach Kirckwall zu transportieren, wo sie von der Zivilobrigkeit, bevor man sie nach London vor das Admiralitätsgericht brächte, verhört werden sollten. Magnus blieb nur übrig, um gute Behandlung für Cleveland zu bitten, was ihm der Offizier versprach. Gern hätte der redliche Udaller Cleveland ein paar trostreiche Worte gesagt, aber er konnte keine Worte finden .... »Alter Freund,« sagte Cleveland, »Ihr mögt über manches Klage zu führen haben, – aber Ihr habt Mitleid mit mir, statt mir zu grollen; um der Euren und um Euretwillen werde ich keinem menschlichen Wesen mehr ein Leid antun, auch mir nicht! Nehmt meine letzte Hoffnung, meine letzte Versuchung!« – Bei diesen Worten zog er ein Taschenpistol aus seinem Busen und reichte es dem Udaller hin ... »Gedenkt meiner bis – aber nein – vergeßt mich alle! alle! – Ich bin Euer Gefangener, Herr!« sprach er dann, zu dem Offizier gewandt. »Ich auch,« fügte Bunce hinzu; »und ein theatralisches Wesen annehmend, deklamierte er mit freilich unsichrer Stimme: Benehmt Euch, Hauptmann, wie ein Mann von Ehre, Entfernt den Pöbel, daß ich Raum gewinne Zu sterben, wie es einem Helden ziemt. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Nachricht von der Gefangennahme der Räuber langte um die Mittagszeit zu Kirkwall an und erfüllte alles mit Staunen und Freude. Im Nu war der Markt leer, denn alles, jung und alt, strömte den Gefangenen entgegen. Im Sonnenschein blinkten bald aus der Ferne die Bajonette, und näher und näher kam der finstere Zug der Gefangenen, die paarweis zusammengebunden waren. Viele davon waren verwundet und mit Blut bedeckt, andere vom Pulver geschwärzt und versengt. Die meisten schienen mürrisch und verstockt, einige beklommen und zaghaft, andere aber brüllten freche Lieder. Der Bootsmann und Goffe, die zusammengebunden waren, machten sich einander nach Noten schlecht: der Bootsmann warf Goffe Mangel an Seemannskunst vor, und Goffe schalt den andern, daß er ihn verhindert habe, Feuer an das im Vorderteil des Schiffes befindliche Pulver zu legen. Zuletzt kamen Cleveland und Bunce, denen es gestattet worden war, fessellos nach Kirkwall zu marschieren. Clevelands taktvolles, wenn auch schwermütiges so doch mannhaftes Wesen stand in seltsamem Gegensatz zu dem großtuerischen Benehmen des armen Jack. Während man Cleveland mit Teilnahme begegnete, blickte man auf Jack verächtlich, auf alle übrigen aber voll Schrecken und Abscheu. Ein Mensch aber lebte noch in Kirkwall, der von dem Schauspiel, das alle Blicke auf sich zog, nicht allein nichts sah, sondern von der Begebenheit, die die ganze Stadt in Bewegung setzte, nicht einmal etwas wußte: das war der ältere Mertoun, der sich nun schon ein paar Tage zu Kirkwall aufhielt, um seine Klage gegen Bryce Snailsfoot in Gang zu bringen. Clevelands Kiste nebst den darin befindlichen Papieren und andern Dingen war nach einigen Verhandlungen Mertoun als dem einstweiligen Besitzer zugestellt worden, bis der wirkliche Eigentümer seine Rechte darauf geltend machen könnte. Mertoun hatte die Sorge hierfür den Gerichten überlassen wollen; nachdem er aber einiges von den Papieren gelesen, hatte er plötzlich seinen Entschluß geändert und die Stadtobrigkeit ersucht, die Kiste nach seiner Wohnung bringen zu lassen. Kaum zu Hause angelangt, hatte er sich eingeriegelt, um die seltsamen Berichte, die ihm der Zufall in die Hände geführt, ungestört zu lesen und zu überdenken. Unsere Leser werden sich erinnern, daß Norna in der Zwiesprache mit ihm auf dem Kirchhofe zu St. Rinian ihn auf den fünften Markttag mittags nach dem äußeren Flügel der St. Magnus-Kirche befohlen hatte, wo ihm über Mordaunts Schicksal Kunde werden sollte. – »Sie hat sich selbst damit gemeint,« sprach er vor sich hin; »wie ich sie aber früher auffinden soll, weih ich nicht; geratener ist's jetzt, wo ich ihrer so dringend bedarf, lieber einige Stunden zu warten, als sie zu kränken dadurch, daß ich mich ihr früher aufdränge.« Lange noch vor Mittag, – um vieles früher als die Stadt durch die Nachricht des Kampfes in Alarm gesetzt wurde, schritt Mertoun in dem einsamen Flügel der Kirche auf und ab, Nornas Mitteilungen angstvoll harrend. Die Glocke schlug zwölf – keine Tür tat sich auf – kein Fuß betrat die Kirche; kaum aber hatte der letzte Schlag in dem Gewölbe ausgetönt, als auch Norna, aus einem Seitenflügel herschreitend, vor ihm stand. Mertoun, ohne sich mit der geheimnisvollen Art ihres Erscheinens zu befassen, eilte auf sie zu .... – »Ulla – Ulla Troil,« rief er, »sei mir behilflich, unsern unglücklichen Sohn zu retten!« »Den Namen Ulla Troil kenne ich nicht,« sagte Norna; »ich übergab ihn den Winden in jener Nacht, die mich um meinen Vater brachte.« »Sprich nicht von jener Nacht des Schreckens,« sagte Mertoun; »wir bedürfen jetzt unserer ganzen Vernunft. – Laß uns nicht Erinnerungen wecken, die uns die Vernunft rauben könnten; hilf mir lieber, wenn Du es vermagst, unsern unglücklichen Sohn zu retten!« »Baughan,« entgegnete Norna, »er ist bereits gerettet, – längst schon gerettet. – Meinst Du, eine Mutter – und zumal eine Mutter, wie ich – würde auf Deinen zögernden Beistand warten? Nein, Baughan – der Triumph über Dich, das ist die einzige Rache, welche Norna für das an Ulla Troil verübte Unrecht suchte und jetzt gefunden hat.« »Hast Du ihn wirklich gerettet – gerettet von der mörderischen Schar? – Sprich! – Sprich die Wahrheit! – Ich will alles glauben, – alles, was Du verlangst! – nur beweise mir, daß er entkommen und gerettet ist!« »Entkommen und gerettet,« erwiderte Norna, – »gerettet und glücklich in der Hoffnung einer freudvollen Verbindung. Ja, Du Ungläubiger! – Du überkluger Treuloser voll Eigendünkel! Sieh, das ist Nornas Werk! Seit Jahren so schon hatte ich Dich erkannt; nie aber hätte ich mich Dir zu erkennen gegeben außer mit dem sieghaften Bewußtsein, das Schicksal beherrscht zu haben, das meinem Sohne drohend entgegentrat .... Welcher Ungläubige unter den Sterblichen oder welcher verstockte Dämon wird fortan meine Macht leugnen?« »Wären Deine Ansprüche weniger erhaben und Deine Rede einfacher, würde ich über die Sicherheit meines Sohnes ruhiger sein,« antwortete Mertoun, auf den die wilde Schwärmerei, die aus den Worten der Seherin klang, den Eindruck von wirklichem Wahnsinn machte. »Zweifle immerhin, eitler Skeptiker,« entgegnete Norna. – »Wisse denn, daß nicht nur unser Sohn gerettet ist, sondern daß mir auch Rache ward, obgleich ich sie nicht suchte – Rache an dem Werkzeuge der finstern Gewalten, das oft meine Pläne durchkreuzte und das Leben meines Sohnes in Gefahr brachte. – Ja, nimm es als eine Bürgschaft für die Wahrheit meiner Worte, daß Cleveland – der Pirat Cleveland – eben jetzt als Gefangener in Kirkwall eingeführt und bald mit seinem Leben büßen wird, daß er Blut vergoß, das von Norna stammte.« »Wer, sagst Du, sei gefangen?« fragte Mertoun mit donnernder Stimme, – »wer, meinst Du, Weib, soll seine Verbrechen mit dem Tode büßen?« »Cleveland – der Pirat Cleveland!« antwortete Norna, »durch mich, deren Rat er verachtet, ward er seinem Schicksal entgegengeführt.« »Elendes Weib!« knirschte Mertoun zwischen den Zähnen, – »Du hast Deinen Sohn gemordet, wie einst Deinen Vater!« – »Meinen Sohn! – welchen Sohn – wen meinst Du? Mordaunt ist Dein Sohn – Dein einziger Sohn!« – rief Norna, »ist dem nicht also, dann sprich – sprich – ohne Zaudern!« »Mordaunt ist allerdings mein Sohn,« entgegnete Mertoun, – »die Gesetze wenigstens erkennen ihn als solchen, – aber Cleveland, o unglückliche Ulla – Cleveland ist Dein Sohn wie der meine – Blut von unserm Blut, Bein von unserm Bein! – und hast Du ihn dem Tode übergeben, so will auch ich mein elendes Dasein mit ihm enden.« »Halt ein, Vaughan,« rief Norna, »noch bin ich nicht überzeugt; beweise mir die Wahrheit von dem, was Du sprachst, und ich werde Hilfe finden, selbst wenn ich die Hölle in Anspruch nehmen müßte! – Aber Beweise will ich, sonst vermag ich Deinen Worten nicht zu glauben.« »Hilfe, Du armes, eingebildetes Weib! – Wohin haben nicht schon Deine Berechnungen – Deine eitlen Gebilde des Wahnsinns Dich geführt? – Aber dennoch will ich Dich für vernünftig, ja für mächtig halten. – Vernimm denn die Beweise, die Du forderst, und leiste Hilfe, wenn Du kannst.« »Als ich aus Orkney entfloh,« – fuhr er nach einer Pause fort, »fünfundzwanzig Jahre schwanden seitdem dahin – nahm ich das unglückliche Kind, dem Du das Leben gabst, mit mir. Eine Deiner Verwandten sandte es mir mit dem Bericht von Deiner Krankheit, dem bald darauf die Nachricht von Deinem Tode folgte. Es ist unnütz, von dem elenden Zustande zu sprechen, in dem ich Europa verließ. Ich fand Zuflucht in Hispaniola, wo eine schöne junge Spanierin, Luisa, meine Trösterin ward. Sie ward mein Weib und Mutter jenes Jünglings Mordaunt Mertoun.« »Sie ward Dein Weib?« fragte Norna mit vorwurfsvollem Tone. »So ist es, Ulla,« antwortete Mertoun, »aber Du wurdest gerächt. Sie ward treulos, aber ihre Untreue ließ mich im Zweifel, ob das Kind, das sie gebar, ein Recht hatte, mich Vater zu nennen. – Aber auch mir ward Rache!« »Wie? Du ermordetest sie?« rief Norna, furchtbar aufschreiend. »Ich beging,« entgegnete Mertoun, ohne eine bestimmtere Antwort zu geben, »eine Tat, die meine augenblickliche Flucht von Hispaniola nötig machte. Deinen Sohn nahm ich mit mir nach Tortuga, wo wir eine kleine Besitzung hatten; ich hatte Mordaunt Mertoun, ungefähr drei bis vier Jahre jünger als unser Kind, in Port-Royal seiner Erziehung wegen zurückgelassen. Ich wollte ihn nie wiedersehen, doch nach wie vor unterstützen. – Unsere Besitzung wurde von den Spaniern geplündert, als Cleveland kaum fünfzehn Jahre zählte; – Mangel gesellte sich zur Verzweiflung, und beides zu einem bösen Gewissen. Ich wurde Korsar und führte Cleveland in das schreckliche Gewerbe ein. Gewandtheit und Mut verschafften ihm sehr früh ein eigenes Kommando; und als wir nach ein paar Jahren in verschiedenen Gegenden kreuzten, empörte sich meine Mannschaft gegen mich und ließ mich als tot am Strande auf einer der bermudischen Inseln zurück. Ich erholte mich indes wieder, und als ich nach einer langen Krankheit genas, war meine erste Frage nach Clement. Auch gegen ihn hatte sich, wie ich vernahm, sein Schiffsvolk empört und ihn an einer wüsten Insel ausgesetzt, wo er, wie ich glaubte, den Tod gefunden.« »Und was berechtigt Dich zu glauben, daß dem nicht so sei?« fragte Norna; »und was beweist, daß Cleveland und Vaughan ein und derselbe sei?« »Solche Veränderung der Namen ist bei den Piraten nicht ungewöhnlich,« antwortete Mertoun, »und Cleveland hatte vermutlich gefunden, daß der Name Vaughan zu bekannt geworden – dieser Umstand aber hinderte mich, irgend eine Kunde über ihn zu erhalten. Nun erfaßte mich Reue, und alle Menschen hassend, zumal das Geschlecht, zu dem Luisa gehörte, beschloß ich, für den Rest meines Lebens auf den wilden shetländischen Inseln Buße zu tun. Eine schwerere aber leibliche Buße legte ich mir auf, indem ich beschloß, den unglücklichen Mordaunt mit mir zu nehmen, als lebendige Erinnerung an mein Elend und meine Schuld. Und nun – um mich zum völligen Wahnsinn zu treiben, – erstand mein Cleveland – mein unbestreitbarer Sohn von den Toten wieder auf, um durch die Ränke seiner leiblichen Mutter ein schmachvolles Ende zu nehmen!« »Hinweg, hinweg!« rief Norna, laut auflachend, als sie die Geschichte zu Ende gehört hatte; »ein Märchen ist's, geschmiedet von dem alten Piraten, um meine Teilnahme für seinen schuldigen Kameraden zu wecken. Wie hätte ich Mordaunt für meinen Sohn halten können, da beider Alter so verschieden ist?« »Seine dunkle Gesichtsfarbe und seine männliche Gestalt mögen an dieser Täuschung schuld sein,« sagte Basil Mertoun, »lebhafte Phantasie hat das ihrige getan.« »Aber Beweise, Beweise! – Gib mir Beweise, daß Cleveland mein Sohn ist, und glaube mir, diese Sonne soll eher im Osten untergehen, eh' sie ein Haar auf seinem Haupte krümmen.« »Diese Papiere, dieses Tagebuch,« entgegnete Mertoun, ihr eine Brieftasche hinreichend. »Ich kann jetzt nicht lesen,« sprach Norna, »der Kopf schwindelt mir.« »Clement besaß auch noch Dinge, deren Du Dich erinnern wirst,« fuhr Mertoun fort, »sie aber sind wohl eine Beute seiner Sieger geworden. Eine silberne Dose war es, mit einer Runenschrift, die ich einst von Dir erhielt, – ein goldener Kranz –« »Eine Dose,« unterbrach ihn Norna, »vor kurzem noch gab mir Cleveland eine solche – noch habe ich sie nicht angesehen.« Eilig zog sie sie jetzt hervor, – eifrig untersuchte sie die Schrift, und dann rief sie: – »Mit Recht heiße ich hinfort die Reimkundige, denn aus diesem Reime wird mir kund, daß ich meinen Sohn mordete, wie meinen Vater!« Die Ueberzeugung von der Täuschung, der sie sich hingegeben, wirkte so gewaltsam, daß sie am Fuße einer der Säulen niedersank. – Mertoun schrie um Hilfe, obgleich er an einer solchen fast verzweifelte; der Totengräber erschien indes, und auf keinen Beistand von Nornas Seite hoffend, eilte der unglückliche Mann von dannen, um womöglich das Schicksal seines Sohnes zu erfahren. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Kapitän Weatherport war inzwischen selbst zu Kirkwall angelangt, wo er mit großer Freude von der Stadtobrigkeit aufgenommen wurde, die sich zu diesem Zwecke versammelt hatte. Der Stadthauptmann gab seiner Freude Ausdruck, wie sehr man der Vorsehung zu danken habe, daß die Fregatte in dem Augenblick erschienen sei, wo das Piratenschiff nicht mehr habe entfliehen können. Hierüber schien der Kapitän etwas erstaunt: »Dafür,« sprach er, »mögt Ihr den Berichten danken, die ich von Euch selbst empfing.« »Von mir?« fragte der Richter verwundert. »Allerdings,« entgegnete der Kapitän, »wenn ich anders mit Gurge Torfe rede, dem Stadthauptmann von Kirkwall, der diesen Brief hier sandte.« In äußerster Bestürzung nahm der Stadthauptmann das an Kapitän Weatherport, Fregatte Halkyon, adressierte Schreiben, worin von der Ankunft des Piratenschiffes, seiner Größe, Mannschaft usw. Bericht erstattet wurde; mit dem Beifügen, daß die Piraten die Ankunft der Fregatte erfahren und beschlossen hätten, sich in die Untiefen zu flüchten, wohin die Fregatte ihnen nicht folgen könnte; ja daß im schlimmsten Falle die Piraten die Schaluppe auf den Strand setzen und in die Luft sprengen wollten, wodurch für die Sieger reiche Beute verloren gehen würde. In dem Briefe wurde deshalb geraten, mit der Fregatte zwischen Duncansbai-Head und Kap-Wrath ein paar Tage lang zu kreuzen, um die Piraten in Sicherheit zu wiegen, zumal dem Schreiber dieses Briefes bekannt sei, daß die Piraten, sobald die Fregatte die Küste verlassen hätte, in die Stromneß-Bai einlaufen wollten, um dort, einer notwendigen Reparatur wegen, ihre Kanonen ans Land zu bringen. Das Schreiben schloß mit der Versicherung, daß Kapitän Weatherport, wenn er die Fregatte am Morgen des 24. Augusts in die Stromneß-Bai bringen könne, gegen die Piraten gutes Spiel haben werde – geschähe es aber früher, so würden sie ihm wahrscheinlich entgehen. »Dieser Brief ist nicht von mir, auch ist das nicht meine Unterschrift, Kapitän Weatherport,« nahm der Richter das Wort; »ich hätte nun und nimmer den Rat gewagt, Eure Herkunft zu verschieben.« Jetzt war die Reihe des Staunens am Kapitän. »Ich kann nur sagen, daß ich den Brief in der Bai von Thurse erhielt und der Bootsmannschaft, die ihn brachte, fünf Taler zahlte, weil sie das Pentland-Haff bei gar stürmischem Wetter durchschifft hatte. Ein stummer Zwerg war dabei als Bootsmann, der garstigste, den je meine Augen erblickten.« »Gut, daß es so gekommen ist,« entgegnete der Richter; »aber es ist die Frage, ob die Person, die das Schreiben sandte, nicht vielleicht doch wünschte, Ihr hättet das Nest leer und den Vogel ausgeflogen gefunden.« Dabei reichte er Magnus den Brief, der ihn mit Lächeln, aber ohne Bemerkung zurückgab, vermutlich mit unsern Lesern überzeugt, daß Norna ihre eigenen Gründe gehabt, die Fregatte auf den bestimmten Tag einlaufen zu lassen. Ohne sich weiter über einen Umstand den Kopf zu zerbrechen, der ihm unerklärlich schien, drang der Kapitän auf den Beginn des Verhörs, und Cleveland und Bunce wurden demgemäß zuerst vorgeführt. Kaum aber hatte es angefangen, als nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Beamten an der Tür Basil Mertoun hineingestürzt kam mit dem Rufe: »Nehmt das alte Opfer für das junge! – Ich bin Basil Vaughan, allzu bekannt auf den westindischen Gewässern, – nehmt mein Leben und schont meines Sohnes!« Alle waren erstaunt, niemand aber mehr als Magnus Troil, der dem Stadthauptmann nun erklärte, daß dieser Mann schon seit Jahren friedlich auf Shetland gelebt habe. »Dann habe ich nichts weiter hiermit zu tun,« sagte der Kapitän, »denn zwei Begnadigungen lauten zu seinen Gunsten; und, bei meiner Seel'! wenn ich da beide in solcher Umarmung sehe, wünschte ich, ich könnte gleiches von dem Sohne sagen.« »Aber wie kann das sein?« fragte der Stadthauptmann, »wir haben den Alten ja immer Mertoun und Jungen Cleveland genannt. Jetzt aber scheint es, als hießen sie beide Vaughan.« »Vaughan,« sagte Magnus, »ist ein Name, der mir in mancherlei Erinnerung steht, und nach Mitteilungen, die ich kürzlich von meiner Muhme Norna erfuhr, hat der alte Mann hier das Recht, ihn zu tragen.« »Und der junge Mann ebenfalls, wie ich glaube,« fiel der Kapitän ein, nachdem er einige Papiere durchblättert hatte. »Hört einen Augenblick,« fügte er hinzu, zu dem jungen Vaughan gewandt, den wir bisher Cleveland nannten. »Euer Name ist Clement Vaughan – seid Ihr derselbe, der, ein Knabe noch, eine Schar Räuber befehligte, die vor acht oder neun Jahren das an der spanisch-amerikanischen Küste gelegene Dorf Quempoa plünderte, in der Absicht, dort Schätze zu finden?« »Wozu es leugnen?« antwortete der Gefangene. »Euer Geständnis kann Euch nützlich sein,« entgegnete Kapitän Weatherport. »Die Maultiere kamen mit den Schätzen davon, während Ihr, auf Gefahr Eures eigenen Lebens hin, die Ehre zweier spanischen Frauen gegen Eure wilden Genossen in Schutz nahmt. Erinnert Ihr Euch dessen?« »Genau weiß ich es,« nahm Jack Bunce das Wort, »setzten wir doch unsern Kapitän drum auf einer Insel aus, und wurde mir doch, weil ich ihm Beistand geleistet, der Rücken verbläut und gepökelt.« »Werden diese Umstände erwiesen,« fügte Kapitän Weatherport, »dann ist Vaughans Leben gerettet – die Frauen, die er beschützte, waren die Töchter des Gouverneurs der Provinz, und längst schon hat der dankbare Spanier bei unserer Regierung ein Fürwort für ihren Retter eingelegt. Als ich vor sechs Jahren in den westindischen Gewässern gegen die Piraten kreuzte, geschah es mit besonderen Instruktionen betreffs Clement Vaughans. Aber der Name war dort verschwunden, und ich hörte statt seiner von Cleveland reden. Ob aber Cleveland oder Vaughan, genug, Kapitän, ich glaube Euch Euren Pardon in London zusichern zu können.« Cleveland verbeugte sich, und das Blut stieg ihm in die Wangen. Mertoun fiel auf die Knie und hob dankend die Hände zum Himmel. Unter allgemeiner Teilnahme der Anwesenden wurden sie beide abgeführt. »Und nun, Leutnant, was habt Ihr Zu Eurer Entschuldigung vorzubringen?« fragte Kapitän Weatherport, sich an den vormaligen Jünger Thaliens wendend. »Ach, wenig oder nichts, werter Herr!« antwortete dieser, »außer daß ich wünschte, Ihr fändet noch meinen Namen unter denen, die auf Pardon zu rechnen haben; denn ich stand zu Quempoa dem Kapitän wacker bei.« »Federigo Altamont heißt Ihr,« fragte Kapitän Weatherport, »einen solchen Namen finde ich nicht; aber einen Jack Bonne oder Bunce hat die dankbare Spanierin aufgezeichnet.« »Ei, das bin ich – in Person, Kapitän, und kann es beweisen – und bin jetzt entschlossen, obgleich der Name gemeiner klingt, fortan lieber als Jack Bunce zu leben, denn als Federigo Altamont am Galgen zu hängen.« »So kann ich Euch einige Hoffnung geben,« sprach der Kapitän, mit der Hand winkend. Bunce Altamont dankte und wurde abgeführt. – Gegen Goffe und die übrigen Piraten aber gab es keine Milderungsumstände. Die Fregatte segelte darauf schon nach zwei Tagen mit den Gefangenen nach London ab. Während seiner Haft in Kirkwall wurde Cleveland von dem Kapitän der Fregatte gut behandelt, und sein alter Bekannter, Magnus Troil, der insgeheim erfahren hatte, wie nah er seinem Blute verwandt sei, überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten aller erdenklichen Art. Norna, deren Teilnahme an dem unglücklichen Gefangenen begreiflicherweise die aller andern übertraf, war von dem Totengräber ohnmächtig auf dem Boden gefunden worden; als sie sich wieder erholte, war aber ihr Geist völlig zerstört, so daß sie unter wachsamer Pflege gehalten werden mußte. Von den Schwestern von Burgh-Westra hörte Cleveland nur, daß sie infolge des ausgestandenen Schreckens erkrankt wären, bis ihm am Abend, ehe die Fregatte unter Segel ging, ein Briefchen folgenden Inhalts zugesteckt wurde: – »Lebt wohl, Cleveland, wir trennen uns auf immer, es muß so sein – seid tugendhaft, seid glücklich! Gedenket meiner, als weilte ich nicht mehr unter den Lebenden, Ihr müßtet denn Ehren im gleichen Maße auf Euch häufen, wie bisher Unehre; in diesem Falle gedenkt meiner dann wie eines Mädchens, das sich Eurer freuen wird, wenn sie Euch auch nie wiedersehen darf!« – Das Schreiben war M. T. unterzeichnet, und Cleveland las es mit tiefer Bewegung, die sogar Tränen in seine Augen führte, wieder und wieder. Auch Mordaunt Mertoun empfing ein Schreiben und zwar von seinem Vater, das aber ganz anderer Art war. Sein Vater sagte ihm auf immer Lebewohl und entband ihn aller Kindespflicht, da er ihm, wie er sagte, trotz langjährigen Mühens, sein Herz zu wandeln, Vaterliebe doch nie habe schenken können. Der Brief bezeichnete auch einen verborgenen Winkel in Jarlshof, wo sich eine beträchtliche Summe verwahrt fände, mit der sein Sohn wie mit seinem Eigentum schalten und walten dürfe. »Du brauchst nicht zu befürchten,« so hieß es in dem Briefe, »Dir dadurch eine Verpflichtung gegen mich aufzulegen, oder teil an geraubtem Gute zu nehmen. Was ich Dir jetzt übergebe, ist das Eigentum Deiner verstorbenen Mutter, Luisa Gonzago, und kommt Dir also mit allem Rechte zu. Verzeihen wir uns beide einander,« lautete der Schluß, »wie Menschen, die sich nie wieder treffen sollen.« – Und so geschah es auch; sie trafen einander nie wieder; denn der Vater, der überhaupt nicht unter Anklage gestellt wurde, verschwand, gleich nachdem über Clevelands Schicksal die Entscheidung gefällt worden, und zog sich, wie man allgemein vermutete, in ein fernes Kloster zurück. Clevelands Schicksal geht aus nachstehendem Briefe deutlich hervor, den Minna acht Wochen nach Abfahrt der Fregatte Hakyon von Kirkwall bekam. Die Familie saß gerade auf Burgh-Westra beisammen, mit Mordaunt, der ihr jetzt als Mitglied angehörte, wie auch mit Norna, die sich zufolge der unermüdlichen Pflege, die ihr Minna angedeihen ließ, von ihrer Geistesabwesenheit nach und nach zu erholen anfing. »Minna,« so lautete der Brief, »lebe wohl auf immer! Glaube mir, nie wollte ich Dich kränken. – Von dem Augenblick an, da ich Dich kennen lernte, beschloß ich, mich von den mir verhaßten Gefährten zu trennen, und entwarf tausend Pläne, die nach Verdienst vereitelt wurden; – denn wie hätte auch das Schicksal einer liebenswürdigen, reinen, unschuldsvollen Seele mit dem eines Schuldbefleckten vereint werden können? – Von diesen Träumen aber will ich nicht mehr sprechen. – Die ernste Wirklichkeit meines Geschicks ist milder, als ich erwarten durfte; das wenige Gute, das ich vollbracht, hat in den Augen ehrenwerter und barmherziger Richter meine vielen bösen und verbrecherischen Taten aufgewogen. Nicht nur bin ich dem schmachvollen Tode entgangen zu dem mehrere meiner Genossen verurteilt wurden; sondern Kapitän Weatherport, den neue Kriegswirren an die spanisch-amerikanische Küste rufen, hat für mich und einige meiner Kameraden die Erlaubnis erwirkt, ihn auf dieser Expedition zu begleiten wegen unserer genauen Kenntnis dieser Küsten. Wir dürfen also hoffen, all unsere Kraft jetzt dem Vaterlande zu weihen .... Minna, Du wirst meinen Namen ehrenvoll, oder nie mehr, nennen hören. – Kann Tugend Glückseligkeit verleihen, so brauche ich sie Dir nicht zu wünschen, denn Du besitzest sie dann schon im vollen Maße. Minna – lebe wohl!« Minna weinte über den Brief so bitterlich, daß Nornas Aufmerksamkeit rege wurde. Sie entriß das Schreiben den Händen ihrer Nichte und überlas es anfangs mit wirren Blicken, als sei ihr nichts darin verständlich – dann schien ihr der Inhalt gewissermaßen aufzudämmern, – und endlich ließ sie den Brief, mit einem Ausdruck von Freude und Kummer, ihren Händen entsinken. Von diesem Augenblick an schien Nornas Charakter sich zu wandeln; ihre Tracht wurde schlichter, und ihr Zwerg wurde, für alle Zukunft reichlich versorgt, entlassen. Sie sehnte sich nicht mehr nach ihrer herumschweifenden Lebensweise, sondern ließ ihr Heim auf Fitful-Head niederreißen, legte den Namen Norna ab und wollte fortan nur Ulla Troil heißen. Aber die wichtigste Veränderung mit ihr ging erst später vor sich. Seit dem durch sie herbeigeführten Tode ihres Vaters hatte sie sich wie ein von der göttlichen Gnade ausgeschlossenes Wesen betrachtet und sich nur wenig mit der Bibel beschäftigt. Jetzt wurde das heilige Buch nur selten von ihr beiseite gelegt, und wenn arme Leute zu ihr kamen, um wie früher ihre Macht über die Elemente in Anspruch zu nehmen, gab sie ihnen den Bescheid: »Er hält den Wind in seinen Händen.« Gegen Mordaunt zeigte sie nach wie vor rege Teilnahme; vielleicht hauptsächlich aus Gewohnheit; auch ließ sich nicht leicht ermitteln, inwieweit sie sich noch der verwickelten Begebenheiten erinnerte, bei denen sie eine so große Rolle gespielt hatte. Als sie ungefähr vier Jahre nach den letzterzählten Vorfällen starb, stellte sich heraus, daß sie über ihr sehr beträchtliches Vermögen zugunsten Brendas verfügt hatte. Ungefähr zwei Jahre vor Nornas Tode wurde Brenda Mordaunts Gattin; es hatte einige Zeit gewährt, bevor der alte Magnus, trotz aller Liebe für seine Tochter und aller Zuneigung für Mordaunt, sich zur Einwilligung zu diesem Ehebund entschließen konnte. Mordaunts Wesen aber war so ganz nach des Udallers Sinne, daß sein altnorwegisches Blut den Empfindungen seines Herzens endlich nachgab. Der joviale alte Mann lebte bis an das äußerste Ziel irdischer Laufbahn, mit der glücklichen Aussicht auf eine zahlreiche Nachkommenschaft seiner jüngern Tochter; seine Tafelfreuden mehrte er abwechselnd durch Claud Halcros Melodien und Triptolemus Yellowleys gelehrte Abhandlungen, der, nachdem er seine hohen Ansprüche beiseite gelegt, nun besser mit der Insel bekannt und, eingedenk seiner frühern unglücklichen Melioriationsversuche, ein rechtschaffener nützlicher Substitut seines Herrn geworden und froh war, wenn er sich dann und wann der sparsamen Küche seiner Schwester Barbara entziehen und zur gastfreien Tafel des Udallers eilen konnte. Minna fand das Glück des Lebens nicht, wohl aber verfolgte sie Clevelands weitere Laufbahn mit frommer Ergebung und vernahm nach Jahren, nicht ohne eine Empfindung wehmütigen Trostes, durch seinen treuen Kameraden Bunce, daß er bei einem ruhmvollen Unternehmen den Ehrentod gefunden habe. Ende