August Wilhelm Schlegel Ion Schauspiel in fünf Aufzügen 1803 Personen Ion Kreusa Xuthus Phorbas Pythia Apollo Der Schauplatz ist vor dem Tempel des Apollo zu Delphi Erster Aufzug Erster Auftritt Ion Sich, schon bepurpurt des Parnassus Gipfel Der Frühe Schein, der goldne Sonnenwagen Erhebt sich glorreich in die blaue Bahn; Und kaum doch scheuchte den gesunden Schlaf Des Morgens frischer Hauch mir von den Wimpern: Drum eifrig an mein Werk, den heilgen Dienst! Vor allem aber muß ich dich begrüßen, Apollo, heitrer Gott, der du von droben Das milde Licht herab zur Erde sendest Und hier im Tempel mit der Weisheit Sprüchen Die dunkle Brust den Sterblichen erleuchtest. O küsse meine Stirn mit reinem Strahl, Du, den Gebieter ich und Vater nenne, Weil du im Heiligtum mich auferzogst, Auf daß ich, von der Menschen wüstem Treiben Ganz unberührt, der Jugend regen Trieb, Das frohe Leben deinem Dienste weihte, Hier saug ich deinen Atem in der Luft, Und es umfängt mich dieser Haine Schatten So zärtlich wie dein väterlicher Arm. Mir schweifen irr und unbestimmt die Wünsche Nicht in die Ferne: Laß nur stets mich weilen Bei dir und sei mir wohlgefällig nah, So hast du mir das schönste Los gewährt. Ein jeder Tag erneut mir Lieb und Lust, Wie täglich frisch gepflückte Zweig' und Kränze Von deinem ewig grünen Lorbeerbaum Hier diese Säulen, dieses Tor umwinden. Schon legten sie die Diener mir bereit. Wohlauf! (Er nimmt aus einem vor dem Tempel stehenden Korbe Lorbeerkränze und Girlanden, hängt jene an die Türpfosten und umschlingt mit diesen die Säulen.) So! Nun hat Phöbus' Haus den blühnden Schmuck, Der ihm gebührt: denn, liebt er schon die Pracht Des Goldes und die weißen Marmorwände, An denen weiser Künstler Hand Gestalten Der Götter kühn und groß herausgebildet, Ist Daphnes Haar ihm doch vor allem wert. Nun soll Kastaliens silberklarer Tau, Von priesterlichen Mägden mit der Dämmrung Am Felsenborn geschöpft in diesen Krug, Der Schwelle Zugang reinigend benetzen, Wie der Gebrauch es fordert und mein Amt. (Er sprengt aus einem vor dem Tempel stehenden Gefäß.) Auch das geschah. Jetzt kommt, ihr leichten Waffen, Die nach Apollos Bild ich tragen darf! (Er hängt einen Köcher um und nimmt den Bogen in die Hand.) Mit euch durchwand ich ringsum den Bezirk, Und wo nur freches, lärmendes Gefieder, Sein Nest zu baun an unerlaubter Stelle, Die schönen Zierden zu verschänden, naht, Da trifft sie mein befiedertes Geschoß. Doch wenn Zeus' Adler aus den Wolken fährt, Wenn Phöbus' tönender Genoß, der Schwan, Mit Purpurfüßen durch die Lüfte rudert, Scheuch' ich nur mit Geräusch sie: denn ich mag Des Himmels Abgesandte nicht ermorden, Die vorbedeutend lenken ihren Flug. Zweiter Auftritt Ion, Pythia Pythia Sei mir gegrüßt, mein Ion. Ion Mir noch schöner, Du mütterliches Haupt. So früh schon wach? Pythia Mich weckten die Gedanken, die das Alter Kaum schlummern lassen, wenn der müde Leib Des tiefen ungestörten Schlafs bedürfte. Der Tag, der eben lächelnd aufgegangen, Bewegt für dich mit Rührung mein Gemüt. Ion Was bringt der Tag so Ahnungsvolles mit? Pythia Heut sind es grade sechzehn Jahr, daß dich Dein Schicksal meiner Sorge hat vertraut. Ion Ich werd' es dankbar preisen immerfort. Pythia Ich trat, wie eben jetzt, vor diese Pforte, Frühmorgens in das Heiligtum zu gehn. Da fand ich dich hier auf der Schwelle liegend, Den neugebornen Säugling; zwar in Windeln Gehüllt, in einem Körbchen wohlverwahrt, Doch hatte kalter Nachtwind dich durchschauert, Auch mochtest du wohl manche Stunde lang Schon nach dem süßen Mutterbusen schmachten: Du zittertest und weintest. Ion Ach ich Armer! Pythia Wie? dacht' ich. Hat der Dienerinnen eine Den jungfräulichen Stand entehrt und schiebt Die Frucht des üppgen Betts, geheimer Lust, Dem Gotte zu? Und wollte schon gebieten, Man solle vom geweihten Umkreis dich Entfernen und der Wildnis überlassen. Ion So war' ich, wie ein Traumbild nur vom Leben, Bewußtlos in die Schattenwelt gewandert. Pythia Betrachtend hob ich aus dem Korbe dich, Du zappeltest zu meiner Brust hinan, Die niemals mütterliche Regung kannte, Wir Seherinnen müssen einsam leben, Wir sehn im Alter nicht ein jung Geschlecht Um uns emporblühn: Göttersprüche nur, Durch unser Haupt empfangen und geboren, Sind unsre Söhne, die, wenn wir gestorben, Noch mächtig, unsichtbar, die Welt durchziehn, Eingreifend in der Menschen Tun und Wollen. Wehmut befiel mich, und sie gab mir ein, Vielleicht vergönne mir für meine Treue Apoll die süße Zärtlichkeit zu fühlen, Die eine Mutter an den Säugling knüpft. Ist doch ein leiblich Kind nur auch geschenkt, Und in dem Schoße, der es trägt, entfaltet Geheimnisvoll es eine höhre Macht, Wie du vom Himmel in den Arm mir fielest. So siegte Mitleid über meine Strenge, Und ich beschloß, als Sohn dich zu erziehn. Ion O daß es nimmer dich gereuen möge! Pythia Noch hat es nicht. Als Kind umspieltest du Holdselig, voller Unschuld, die Altäre Und wurdest mit dem Heiligsten vertraut. Nun da du schlank empor zum Jüngling sprossest, Seh' ich in dir ein mutig frei Gemüt, Doch still und klar, nicht ungestüm verworren. So bleib' und wachse fort, daß man einst sage: Zwar keinen Eltern, die zu großer Tat Ihn rühmlich spornten, hau' er nachzueifern, Bei der Geburt schon Waise; doch statt dessen Hat er an kühner Kraft gehaltnem Maß Zum hohen Vorbild sich den Gott erwählt, Als dessen Eigentum er aufgewachsen: Den Gott, der bald mit Pfeil und Bogen spielt, Bald mit der Leier allgewaltig trifft. Ion Was du ermahnest, wird mir zum Gebet. Doch wirst du zürnen, teure Pythia? Ich kann's nicht bergen, daß mir deine Rede Ein unruhvolles Sehnen hat erregt. Pythia Sie sollte nur dich zur Betrachtung leiten. Ion Mir genügte sonst, in Delphi stets zu wohnen; Nun drängt mein Wunsch mich in die Welt hinaus. Pythia Wie weckt' ich solch Verlangen deinem Sinn? Ion Der Mutter Liebe ließest du mich ahnen, Unnennbar muß es sein, was sie empfindet, Wenn an ihr Herz sie den als Jüngling drückt, Den sie gehegt hat unter ihrem Herzen, Bevor er Luft und Licht des Himmels trank; Unnennbar auch des Sohnes Zug zu ihr, Wenn er der Mutter teuren Leib umfaßt, Der seiner Kindheit süße Heimat war, Der Stamm, auf dem er wuchs als blühnder Zweig Und der mit eignem Leben ihn genährt. Pythia Und diese Freude hast du nie gefühlt. Ion Vergib dem undankbaren Ion, Mutter, Der außer dir noch eine Mutter sucht. Pythia Ich tadle nicht das kindliche Begehren, War' sie nur dessen wert, die dich gebar. Versiegt war ihrer Liebe Quelle, wie Sie dir den Trank aus ihrer Brust versagt, In bittern Tod hat sie dich ausgestoßen. Ion O schilt sie nicht! Wer weiß, welch ein Verhäng Die Widerstrebende mit hartem Zwang Umstrickt, daß sie sich heimlich mir entriß, Und überstandnes Weh mit neuem häufte. Doch streb ich nach der Mutter nicht allein, An meinem Vater möcht' ich auch hinaufsehn. Oft hört' ich Fremden mit Entzücken zu, Die das Orakel zu besuchen kamen, Wenn sie mir rühmend ihr Geschlecht berichtet. Sie sprachen stolz der Väter Namen aus, Beim Angedenken ihrer Taten wallte Das edle Blut, das sie von jenen erbten, In ihren Wangen auf. So führten sie Den Ursprung bis in alte Zeit zurück, Aus deren Nebel nur Heroenbilder Mit wunderbarem Glanz der Nachwelt leuchten. Nicht selten schloß ein Halbgott oder Gott Als erster großer Ahnherr ihres Stamms Sich an die schöne Reihe krönend an. Wie glücklich muß der sein, der sich verwandt Dem Würdigsten mit gleichem Anspruch weiß! Pythia So manches Gut verliehen dir die Götter, Vielleicht dies eine sollst du nicht genießen. Ion Sag, hast du keine Spur von meiner Abkunft? Pythia Nein, keine, die uns näher führen könnte. Nur so viel glaub' ich sicher einzusehn, Du kamst auf Delphis Boden nicht zur Welt. Denn, wenn die Nachbarschaft sie in sich faßte; In sechzehn Jahren hätte deine Eltern Doch irgend wohl ein Zeichen mir verraten. Ion So ward ich aus der Fremde hergebracht. Pythia Von einer Hand, die ganz verborgen blieb. Ion Warum befragen wir Apollen nicht? Pythia Du könntest hören, was dir nicht gefiele. Ion Wem kann's mißfallen, sein Geschlecht zu wissen? Pythia Wenn knechtische Geburt dich nun beschämte? Ion Sehn denn wie ich der Sklaven Kinder aus? Pythia Die Pflege kann des Blutes Art veredeln. Jetzt bis du einzig deiner Taten Sohn Und darfst so mit den Edelsten dich messen. Doch nicht der Eltern Dienstbarkeit besorg' ich Und dein Erröten: Noch weit unwillkommner Könnt' ein Orakel deinen Ursprung melden. Der Sterblichen verworrne Leidenschaften Kennst du noch nicht, mein Sohn; sie trennen und vereinen, Was nicht getrennt, was nicht vereint soll sein: Im Ehbett lagert sich die Buhlerei, Und üppig Blut vermischt sich mit sich selber. Was Wunder, wenn sie solchen Bundes Frucht Und ihrer finstern Heimlichkeit Verräter Gewaltsam, fühllos, auszusetzen eilen? Ion Doch sollte, wer verbrecherisch ein Kind Erzeugt, dem Gott es darzubieten wagen? Pythia Mit dem Verbrechen stirbt die Scham vor Göttern, So wie die Furcht vor Menschen erst erwacht. Ion Weh! Welchen Zweifel wirfst du mir entgegen, Woher vielleicht mein Leben sich entsponnen! Pythia Was deine Tat nicht war, darf dich nicht kümmern, Bewahrst du um so reiner nur dich selbst. Ion Allein bis dieser nachtgewebte Schleier Von meiner Herkunft weggehoben wird, Muß ich als Fremdling fern von Menschen stehn Und kann mich nicht in ihre Kreise traulich Verschlingen: Ich vernahm mit Schaudern wohl, Wie sich Unwissenheit des eignen Stamms In Haß und Liebe schrecklich hat verwirrt. Es kann ein Sohn den nicht erkannten Vater In raschem Zorn erschlagen und als Braut Bei Hymens Fackeln heim die Schwester führen. Was sichert mich, den Findling ohne Namen, Vor unfreiwillgem Frevel gleicher Art? Pythia Apollos Lieb' und seines Tempels Dienst Erwart' in Ruh, bis die bestimmte Zeit Die Knoten deines Schicksals lösen wird, Denn Vorwitz könnte sie noch fester schürzen. Dritter Auftritt Die Vorigen, Phorbas mit Gefolge von Sklaven, die kostbare Gefäße, Teppiche usw. tragen. Phorbas Seh' ich allhier die delphische Prophetin? Pythia So ist es. Was von ihr begehrend kommst du? Phorbas Zuvörderst Heil dem Gott, der dich begeistert, Dann ehrerbietger Gruß dir, große Pythia! Mich sandten die Gebieter mit Geschenken Voraus, ob Phöbus günstig sie empfinge, Denn ihn um Rat zu fragen, machten sie Sich auf den Weg, um Dinge von Gewicht. Pythia Nach dieser Zeug' und edlen Erzes Pracht Muß deine Herrschaft hochbegütert sein. Sag ihre Heimat an und ihren Namen. Phorbas Ihr Wohnsitz prangt im herrlichen Athen. Kreusa, Erichthonius' Enkelin, Ist meine Fürstin; Xuthus, ihr Gemahl, Führt jetzo dort das königliche Zepter. Pythia Nicht unbekannt ist Xuthus' Name mir, Wenn du vom Sohne des thessalschen Hellen Und Äolus' und Dorus' Bruder sprichst. Phorbas Derselbe ist's. Pythia Er kam vor manchen Jahren, Von seinen Brüdern ausgetrieben, her Und trug hier in den pythschen Wettespielen Den Preis davon. Froh des errungnen Siegs Befragt' er den Apoll um sein Geschlecht. Ihm ward zur Antwort: wie sein Vater Hellen Auf das gesamte Volk der Griechen und Auf einen Stamm der Brüder jeder künftig Den eignen Namen übertragen werde, So sei für sein verlornes Erbteil ihm Beschieden zum Ersatz, in zweien Söhnen Als Ahnherr zweier Stämme fortzuleben. Phorbas Oft ward der Götterspruch von ihm gerühmt, Allein bis jetzt blieb die Erfüllung fern. Pythia Wie kam es, daß der Pallas heilig Volk Den Fremdling sich zum Oberhaupt erkor? Phorbas Weil uns im schweren Kriege mit Euböa Sein Arm und seine Scharen beigestanden, Ward er gewürdigt, mit Kreusens Hand Des alten Cekrops Zepter zu empfangen. Pythia Grünt außer ihr denn sonst kein andrer Zweig Von Erichthonius' erdentsproßnem Stamm? Phorbas Sie ist allein noch übrig in Athen. Ach, deine Worte mahnen, Priesterin, Mich an die Unglücksfälle dieses Hauses, Dem ich ein langes Leben treulich diente. Voll Hoffnung fängt die Jugend strebend an, Und der Bemühung Früchte winken ihr In goldnem Glanz; doch immer weicht das Ziel: So schleicht das Alter unerfreulich näher, Und ganz zum Nachteil wenden sich die Zeiten, Daß wir, je mehr sich die Erfahrung häuft, Je minder stets erlebt zu haben wünschen. In bessern rüstgen Tagen pflegt' ich einst Die Kindheit des Erechtheus, dessen Vater Minervas vielgeliebter Zögling war. Er wuchs heran zu reifer Männlichkeit, Und wie in Heldenkämpfen seine Kraft, So blühte seine Lust in vielen Kindern, Der Thrazier Eumolpus überzog Furchtbar Athen mit Krieg; mein frommer König, Nicht der Gewalt des Arms allein vertrauend, Begehrte Rat der Seher, wie er sicher Des Sieges könnte sein. Ein streng Orakel Ward ihm, das seine erstgeborne Tochter Als Opfer für die Unterirdschen forderte. Da offenbarte sich der freie Mut, Dem mehr das Vaterland als alles gilt: Nicht die Erwählte bloß verschmähte Zwang, Die Schwestern wollten sie nicht überleben Und gaben sich freiwillgem Tode hin. Unmündig noch blieb nur Kreusa übrig Und ward durch ihrer Mutter Tod, die Trauer Dahinriß, bald verwaist. Erechtheus schlug Im Kampf den riesenhaften Sohn Neptuns; Allein Eumolpus' Vater, ihn zu rächen, Stieß mit dem Dreizack an die Felsenküste, Und nächtlich grause Tiefe, gähnend, schlang Den Sieger ein. O war' ich ihm gefolgt! Denn seine Söhne konnten um die Herrschaft Nicht einig werden, daß die Ältsten und Das Volk, aus Furcht, es möchte die Parteiung Ausbrechen in der Bürger Wechselmord, Sie sämtlich bannten aus Athens Gebiet. Als nun der Krieg von den Euböern drohte, Verhießen sie dem, der den Feind zu dämpfen Durch List und Tapferkeit am meisten hülfe, Kreusen zur Gemahlin und das Zepter, Was Xuthus, wie du schon vernahmst, erwarb. Pythia Und segnet Fruchtbarkeit und Friede nicht Das Land bei dieser Eh' und seinem Reich? Phorbas Schon mancher Ernten reiche Frucht gedieh, Seit ein gemeinsam Lager unsre Fürstin Mit dem erwählten König hat verbunden, Und immer sahn wir keine schöne Saat Von Kindern noch aus seinem Boden keimen. Das Volk verlangt mit trüber Ungeduld Nach einem Erben seines Königshauses, In dessen wunderbarem Ursprung es Sein uranfänglich Recht an Attika Und seiner heimischen Erzeugung Bild Erblickt und darum auch in dessen Fall Den eignen Untergang voraus sich deutet. Die öde Kinderlosigkeit erscheint Den Murrenden ein Fluch der Pallas, weil Die hohe Stadtbeschirmerin unwillig Auf Cekrops' Stuhl den Fremdling sitzen sehe. Voll Zuversicht bot Xuthus oft schon an, In Delphis Gott zu dringen, wie sich ihm Der herrlichen Nachkommenschaft Verheißung Erfüllen möchte, die der längst erteilt. Mit ungestümem Eifer stimmte dann Kreusa bei und trieb auf das Vollbringen. Doch, wenn es nahte, schien ein seltsam Zagen Sie zu befallen, und es unterblieb. Nun hat sie endlich den Entschluß behauptet, Und beide nahn verlangend dem Orakel. Mir folget auf dem Fuß die Königin, Und Xuthus weilt nur unterwegs noch eben Bei des Trophonius Höhle, jenem dunkeln Wahrsager Lösungen und Gegenmittel Der unfruchtbaren Abgestorbenheit, Wie hier dem lichten Phöbus, abzufragen. Du weißt nun alles. Pythia Mein Gemüt bewahrt es. Sie mögen kommen; denn es ist der Tag Der unbegabten keiner, wo ich nicht Mich auf den weißen Dreifuß setzen darf: Ich gehe, seine Bräuche zu bereiten. Du, guter Greis, wirst nach der Reise Ruh Bedürfen und Erquickung: Tritt herein. Dich, Ion, laß ich hier, mit reinem Gruß Die königlichen Gäste zu empfangen. Vierter Auftritt Ion Willkommen ist der Dienst mir. Schon befreundet Ein wunderbarer Zug mich mit dem Lose Der Unbekannten, gleicht es meinem doch: Sie suchen Kinder und die Eltern ich. O möchte diese tief im Menschenbusen Gebornen, ewgen, liebevollen Wünsche Bald ohne Täuschung uns Apoll gewähren, Daß ich mich in die Quelle meines Lebens Mit freudiger Umarmung, tauchen möge, Und ihnen blüh ein würdiges Geschlecht! Fünfter Auftritt Ion, Kreusa mit Gefolge, das sich nachher in den Hintergrund verliert. Kreusa Wir sind am Ziel der Reise. Ja, ich sehe Die hochberühmte Wohnung des Apoll. Wenn mich der stolze Bau noch zweifeln ließe, So geben sie die Lorbeerzweige kund, Das schone Denkmal jener spröden Nymphe, Die seine Lieb' in starren Tod gejagt. Ist's doch, als schlänge sie – ach, nun zu spät! – Um den Verfolger liebevoll die Arme. Was klopfst du, ungeduldig banges Herz, Und deutest mir beim Eintritt Übles vor? Wir wollen das Orakel ruhig hören, Was es auch offenbar' und was verschweige. Ion Schon wartet drinnen dein die Pythia. Allein wie kommt es, Fürstin von Athen, Daß du vom heitern Anblick dieses Tempels, Der sonst die Sterblichen mit Freude füllt, Hinweg dich wendest und mit innrer Wehmut Zu kämpfen scheinst? Ich kenne nichts als Delphi, Doch Fremde hört' ich jubelnd oft beteuern, Daß sie auf Erden Schönres nie gesehn. Kreusa Wer bist du, Jüngling, der so freundlich fragt? Ion Man heißt mich Ion; keinen Vater weiß ich Zu nennen, als den Gott, der rings hier waltet. Kreusa Ein Sohn Apolls? O ja, du wärst es wert. Ion Sein Zögling bin ich mindstens und sein Diener, Von Kindheit sein geweihtes Eigentum. Kreusa Bot jemand dich dem Gott zur Gabe dar? Ion Man fand als Säugling mich auf dieser Schwelle. Kreusa Vielleicht von deiner Mutter ausgesetzt? Ion So muß es sein; sie blieb noch unentdeckt. Kreusa Wie konnte sie solch lieblich Kind verstoßen? Ion Du weißt wohl: Scham bedrängt die Frauen oft. Kreusa Ich weiß es, ja – und macht die Sanften hart Ion Wenn sie nur endlich mir sich zeigen wollte, Um die versäumte Liebe nachzuholen! Kreusa Ach, welche Liebe bringt das zarte Pflegen Am Mutterbusen ein, das du verlorst? Ion Wie sie, die mich gebar, auch gegen mich Gesinnt war, hat sie doch glückselge Tage Mir zubereitet; denn ich führe hier Ein stilles Leben zwischen heilgen Bäumen, Bildsäulen und Altären, schmücke täglich Das herrliche Gesäul mit frischen Kränzen, Und sorge, daß Gerät und goldner Zierat In unverletzter Reinheit immer glänze. So wird mir, was ich treu bewahr' und ordne, Zwar göttlich Eigentum, doch wie mein eigen, Mein Werk, mein Leben und mein ewig Fest. Sieh, darum staunt' ich, edle Königin, Wie diese schöne Welt dich traurig machte. Kreusa Es waren Wolkenbilder ferner Zeiten Die meine Augen feuchtend überzogen: Dein Blick und dein Gespräch hat sie zerteilt. Ion Von dem vorausgesandten Greis erfuhr ich, Dir fehl' ein großes Gut bei großen Gütern, So, daß dich Wehmut leicht ergreifen kann. Je reicher dich dein Könighaus umgibt, Je öder scheint es wohl der Kinderlosen. Kreusa Apollo weiß, wie kinderlos ich bin. Ion Du solltest Mutter edler Söhne sein. Gewiß, gewiß, du wirst es noch erleben! Denn wie ich eben Wunders voll vernahm, Bist du des großen Erichthonius Enkelin, Und Pallas, die Beschirmerin Athens, Hat deines Stammes Ursprung selbst gepflegt; Wie ließe sie so bald ihn untergehn? Kreusa Doch meine Opfer und Gebete haben Bis jetzo nichts gefruchtet, und ich sorge, Daß unfreiwillge Schuld mich ihrer Gunst Verlustig machte. Ernst ist das Gebot Der Göttin, streng der Übertretung Strafe; Das haben Cekrops' Töchter wohl erfahren. Ion Sag, wie verdienten sie Minervas Zorn? Kreusa Die hohe Jungfrau hatte ihren Liebling, Das erdgeborne Kind, in einer Kiste Vor allen Menschen und dem Tag verschlossen, Den Schwestern zur Bewahrung anvertraut, Mit dem Befehl, bevor sie wiederkäme, Den Deckel nicht zu öffnen; denn geheim Und wunderbar, wie er zuerst entsproß, Sollt' er in dunkler Enge sich entfalten. Doch Neugier lockt sie zum Verbotnen, und es reißt Vorwitzig ihre Hand das Kästchen auf. Sie sehn den Knaben lächelnd drinnen liegen, Den zarten Leib umwunden von zwei Schlangen, Die ihm als Hüter beigegeben sind Und ihnen in ihr frevelnd Auge starren. Der Anblick scheucht sie mit Entsetzen auf, Das Grausen wird zur wildverwirrten Wut, So, Arm in Arm, die Haare flatternd, stürzen Sie sich vom schroffen Fels hinab ins Meer. Seitdem befolgt des Erichthonius Stamm Die Sitte, jedem Säugling in die Wiege, Zum Angedenken jenes furchtbarn Schutzes, Ein goldgeringelt Schlangenpaar zu legen. Ion Der Pallas Rache, deutest du sie recht, Zeigt ja, wie sehr für dein Geschlecht sie eifert Und dessen Feinden selbst feindselig ist. Doch hätte sie sich eine Zeitlang auch Dir abgewendet: Hilfreich ist der Himmel, Und ein andrer Gott gewährt, was einer weigert. Kreusa So heißest du mich auf Apollen hoffen? Ion Und kamst du nicht mit dieser Hoffnung her? Kreusa Es hegt sie mein Gemahl mehr als ich selbst. Ion Du nahst dich hier dem freundlichsten der Götter. Kreusa Du rühmst ihn billig: Dir erwies er Gutes. Ion Du hast nur seine Liebe nicht erprobt. Kreusa So war 's mein Glück; ein Mensch erprobt die Liebe Der Himmlischen doch niemals ungestraft. Ion Erkläre mir dies rätselhafte Wort. Kreusa Vernahmst du nie, wie in des Donnrers Armen Einst Semele zu Asche niedersank. Wohltaten kommen uns von höhern Wesen, Doch Liebe kann das Gleiche nur gesellen. Hör an, was mich auf den Gedanken leitet; Dein offner Blick flößt Zuversicht mir ein. Ich bringe außer meinem und des Gatten Anliegen einer Freundin Auftrag mit Zu des Orakels vielbesuchtem Sitz: Ist kein geheimer Ausspruch zu erlangen? Du, der du stets beim Heiligtum verkehrst, Kannst etwa mir mit Rat behilflich sein. Ion Zu schweigen wie zu reden weiß die Pythia, Ich lernte nur zu schweigen, wo ich soll. Nicht weisem Sinn, doch einer treuen Brust Wirst du vertraun, was dich zu drücken scheint. Kreusa Hör an. Vergib mein Zögern, denn der Ruf Der Fraun ist ein zerbrechlich kostbar Gut. Ein Weib, das ich als schuldlos kenn' und edel, Doch deren Namen ich nicht nennen darf, Beteuert, daß Apoll ihr einst genaht Und ihr der Jugend jungfräuliche Blüte, Ein Gott der schwachen Sterblichen, entwandt. Ion Sag keine Frevel, fremde Königin. Kreusa Die Wahrheit ist zu sagen stets erlaubt. Ion Daß Götter Zucht und Sitte so zertreten? Kreusa Es muß der Mensch die Übermacht wohl dulden. Ion Weißt du, ob jene nicht mit schönen Namen Des unerlaubten Lagers Schmach bemäntelt? Kreusa Das braucht sie nicht, denn keine Spur, kein Zeuge, Hat an das Licht gebracht, was sie erlitt. Die Mutterliebe trieb sie einzig an, Was ich erzähle, mir zu offenbaren. Das Kind, das von der heimlichen Umarmung Ihr Schoß gebar, hat sie, von Angst gedrängt, Zu einer dunkeln Höhle hingetragen, Es brünstig seinem Vater anbefehlend. Doch als sie wieder hinkam, nachzusehn, Was draus geworden, ach, da war es fort, Und sie zerraufte schreiend sich das Haar. Ion Und fand sie keinen Gang von Menschen oder Raubtieren, nach dem Orte hin bezeichnet? Den Boden nicht betaut von blutgen Spuren? Kreusa Von allem nichts; verschwunden war das Kind. Nun wünscht sie hier in Delphi zu erforschen, Ob es gerettet ward und, schaut es noch Das Licht der Sonne, wie und wo es lebt. Ion Die arme Mutter! Aber ihr Beginnen Dünkt mir gewagt und dennoch unersprießlich. Wird Phöbus selbst, was er mit Fleiß verhehlt, Verkünden? Kannst du hoffen, einen Spruch Ihm abzuzwingen, der ihn tief beschämt? Wird sich sein Zorn nicht auf den Frager lenken? Nein, nein! Verschließe still in deinem Busen, Was, offenbart, nur Unheil bringen kann, Was mitzuwissen schon gefährlich ist. Beruhge deine Freundin mit dem Trost, Wenn sie nicht eitler Täuschung sich ergeben, Daß Götter ihre Kinder nicht verlassen Und daß Apoll gewiß den Säugling schirmte, Ihn nicht verschlingen oder rauben ließ Und irgendwo zu seiner Lust ihn pflegt. Kreusa Das Kind ist ihr, sie will es auch besitzen. Ion Wohl hat sie recht; was soll ich dir erwidern? Den Gott zu schelten, scheut sich meine Zunge, Nicht, weil ich knechtisch fürchten ihn gelernt, Nein, weil des Vorwurfs Widerhaken schmerzlich Zurück sich wenden in mein eignes Herz. Wie kann bei Menschen Recht und Tugend blühn, Wenn selbstvergeßne Götter, Lüsten frönend, Die hohe Macht, den weisen Seherblick Mißbrauchen, reine Sitte zu bewältgen, Dann ihre Schmach ins Dunkel zu entziehn? O wie ein unentfliehbar Netz umstrickt Mich der Gedanke! Laß mich, laß mich fort, Wo einsam ich in meine tiefste Brust Einladen will den vielgeliebten Gott, Ihn leise mahnen, kindlich mit ihm rechten, Ob er mir 's löst, ob ich es lösen kann. Denn vielverschlungen sind des Schicksals Wege, Kurz unser Blick und für die Zukunft blind. Sechster Auftritt Kreusa Welch schuldlos rein Gemüt des blühnden Knab Ihm könnt' ich ohn' Erröten mich vertraun. In diesem Alter wäre jetzt mein Sohn, Wenn die Harpyien nicht vom Angesicht Der Erd' ihn grausam weggerissen hätten. Doch, wenn er unverhofft sich wieder fände Und gliche diesem hier an holdem Wesen, An schöner Leibsgestalt und freiem Mut: Gern wollt' ich ihn vor aller Welt erkennen Und kühnlich sagen: »Seht den Sohn Apolls! Wer kann das Götterblut in ihm bezweifeln?« Aus meiner lange heimlich glühnden Scham Würd' er hervorgehn, wie die Sonne herrlich Des Morgens Purpurwolken überstrahlt, Die stolze neidenswerte Schuld zu segnen. Heut sind es sechzehn Jahr seit jener Nacht, Als ich von ihm wie von mir selbst mich trennte, Und heut muß unser Schicksal sich entscheiden. Wozu bedarf 's Umschweife noch, geheimes Befragen des Orakels? Wenn Apoll Auf mein und des Gemahls gemeinsam Wort Mir keine Spur gibt von dem Schmerzenskinde, So ist es längst dahin; und ich verleugnet 's, Wie er es ließ verderben: Und dann hab' ich Nichts zu verlieren mehr und nichts zu hoffen. Siebenter Auftritt Kreusa, Xuthus mit Gefolge Xuthus Ich komme, teure Gattin, eilig nach, Damit dich mein Verweilen nicht bekümmre. Kreusa Was bringst du von dem unterirdschen Seher, Bei dem ich ungern dich zurückgelassen? Xuthus Kehr mit mir heim: Noch ist kein Schritt getan, Noch lockten wir aus unsrer Zukunft Höhle, Indem wir da nach Segensschätzen forschen, Des grausen Unheils Drachen nicht hervor, Der drinnen schläft und uns den Zugang wehrt. Kreusa Versteh' ich recht? Wir sollten Delphi wieder So unverrichteten Geschäfts verlassen? Wie hat sich plötzlich dein Entschluß verändert? Xuthus Glaub mir, uns frommt am besten, gleich zu gehn. Kreusa Wie soll ich's bis du mich belehrt, warum? Xuthus Noch bin ich ganz verstört und sammle kaum Die schweifenden Gedanken zum Bericht. Nicht daß mir die Erinnerung war' entschwunden: Denn als ich aus dem Schoß des Abgrunds kam, Hat mich der Stuhl Mnemosynes empfangen, Und was mir erst vorschwebte, steht unwandelbar In düstrer Deutlichkeit vor meiner Seele. Nachdem ich in der felsgehaunen Grotte Der Weihung letzte Bräuche noch vollbracht, Streckt' ich die Füße durch den dumpfen Eingang, Woraus die Unterwelt zu atmen scheint. Abhängig wie ein jäher Wassersturz Riß es hinab mich, auf dem Rücken liegend, In rascher Eil und unermeßlich weit. Bewegungslos erwartend lag ich drunten, Ich sah noch nichts, ich hörte nur Gezisch Und wunderbare Stimmen aus der Tiefe. Die Klagetöne schienen bald in Wirbeln Zu steigen, sich zu sondern und gestalten, So bebten mir Erscheinungen vorüber, Angstvoll, doch unbegriffen. Kinder winselnd, Dann fliehnde Weiber mit zerstreuten Haaren, Ein Jüngling, wild nach ihrem Busen zielend, Und, was am meisten mich mit Schauder füllte, Ein Schattenpaar, das zärtlich sich umarmte, Umstrickten Furien ungesehn mit Schlangen. Dazwischen starrten mich Gorgonenhäupter Hohnlachend an, aus allen Sinnen scheuchend. Ich wollt' an Heil und Leben schon verzweifeln, Als zu mir trat ein Mann von ernstem Anblick, Fast wie der Helfer Äskulap gebildet, Von Bart ehrwürdig und von hoher Stirn, Auf seinen Zauberstab die Rechte lehnend, Trophonius war es, und er sprach also: »Nicht vorgreif ich dem delphischen Sitz und dem Seher Apollo; Aber hüte dich, Xuthus, daß, deinem Geschlecht nachstrebend, Nicht du den Fall des Geschlechtes erwirbst und des Hauses Zerrüttung.« Kaum hatt' er seine Weissagung gesprochen, So ward ich wiederum emporgerückt, In gleicher Bahn und Weise, nur das Haupt Noch rückwärts nach den frostgen Schatten hangend, Bis sieh des Himmels Wölbung wieder auftat. Nun weißt du 's: Folge meinem Rat, Kreusa! Es bleibe das Orakel unbefragt. Kreusa Und wir in unserm kinderlosen Stand. Xuthus Weit besser, als von Grund aus untergehn. Kreusa Ein unerfreulich Leben gleicht dem Tode. Xuthus Doch selbst den Tod kann Unglück bitter machen. Kreusa Wir haben an den Göttern nicht gefrevelt, Laß uns doch prüfen, wie sie 's mit uns meinen. Ein großes Gut steht uns vielleicht bevor, Was nur der unterirdschen Mächte Neid Durch leere Schrecknis zu verlarven strebt, Damit wir der verhängnisvollen Urne Mißtrauisch nimmer nahen sollen oder Mit banger Hand fehlgreifen unser Los. Ja, laß uns wagen, glücklich sein zu wollen. Entfernt noch, zagt' ich oft vor dem Versuch, Doch jetzt umfängt mich hell die Gegenwart. Der Tempel, diese Pforte, diese Säulen, Sie scheinen gastfrei uns hereinzuladen, Ein flüsternd Säuseln regt sich durch den Hain Als Vorgesang beseligender Sprüche. Der Tag ist heiter und die Zeichen günstig: Auf zu dem heilgen Dreifuß! Komm, o komm! Xuthus Du überredest mich beinah, zerstreust Durch deines Muts Begeistrung mir das Grausen, Womit der nächtliche Prophet mich schreckte. Kreusa Es war nur die Betäubung von den Dünsten, Die Blendung von den Schatten jener Gruft: Hier scheucht sie von der Stirn der Lüfte Schmeicheln, Der Gruß des Lichtes von dem klaren Auge. Was wagen wir? Und alles zu gewinnen, War' alles dranzuwagen, nicht zu viel. Wir wollen mutig hoffen, brünstig beten: Ich will Latonen noch ein Opfer bringen, Daß bei dem Sohn die Mutter für mich spreche; Geh du indes zur Pythia hinein. Zweiter Aufzug Erster Auftritt Ion singt zur Leier Strophe Du hochragendes Haupt des Lorbeers, Zeus' himmlischem Blitze nie verwundbar, Noch wildstürmenden Wintern Je hinstreuend den grünen Schmuck! Gesangliebenden Schatten beut mir, Kühl wehend, damit ich Der viersaitigen Leier Wohllaut Anstimme dem Widerhall, Daß auf melodischen Wellen die Seele mir, Aus banger Zweifel Wirbeln, Sanft hingleitend im Hafen ausruhe, wo Die geliebten Wünsche wohnen, Wo Zutrauen den Anker auswirft. Gegenstrophe Dein lichtstrahlendes Götterantlitz, O du, der im reinsten Taue badet Die goldlockige Scheitel Am Felsborne Kastalias, Apoll! Dürft' ich es schaun nur einmal; Anredens gewürdigt Mich hinwerfen zu deinen Füßen, Inbrünstiger Liebe voll! Was die olympischen Säle verherrlichet, Der selgen Inseln Wonne, Schwellt nie sehnend den Busen an, nie mit Neid Ganymedes ewge Becher, Dem inwohnet dein hohes Bildnis. Nachsatz Wer darf göttliche Tat Richten nach Schein? Warte das End' ab. Oft bricht Sonn' aus dem Gewölk. Zügeln den Mund lehrt, Wie der Niobe Söhnen, Zornblickend, todsendend, du erschienest. Mir offenbare milder dich. Wie wenn du huldreich der Musen Chor führst. Rings her leuchte der Hain, bebe der Talgrund, Beflügelt weh' auch des Tempels Tor auf, Ahnungsvoll wie beseelt schwanke der Baum hier Bei der gewaltigen Götternäh: Nicht soll zagen mein junges Herz, Dir frohlockend entgegen. Zweiter Auftritt Ion, Xuthus Xuthus Mit Ungeduld erwart' ich, wem ich jetzt Zuerst begegnen soll. Seh' ich hier niemand? O holder Jüngling, laß mich dich umarmen! Ion Du unterbrichst die schöne Hymne mir: Die Leier ist aus meiner Hand gefallen. Xuthus Zum Jubel wollen wir sie neu besaiten, Denn uns zum großen Glücke treff ich dich. Kind, reiß dich nicht aus meinen Armen los! Ion Was willst du, Fremdling? Es geziemt mir nicht, Dem Jüngling, der ein heilig Amt verwaltet, Sich der Vertraulichkeit so hinzugeben. Xuthus Niemand ist minder fremd sich als wir beide: Du bist mein Sohn, sieh deinen Vater hier. Ion Tratst du vielleicht zu nah des Schlundes Mündung, Der wahrhaft nur die Priesterin begeistert, Und hat der Dunst, der aufsteigt, dir das Haupt verwirrt? Wie, oder schwärmst du in des Bacchus Taumel? Xuthus Der Freude Taumel reißt allein mich hin; Begeistert hat mich, doch nicht lügenhaft, Das Wort der hohen Pythia vom Dreifuß. Ion Wie lautet es? Sag an! Xuthus Sie gab dich mir. Ion Zu welchem Ende? Xuthus Um mein Sohn zu sein. Ion So hat sie dir mit Namen mich genannt? Xuthus Das nicht, und dennoch kann ich hier nicht irren. Vernimm den Hergang, daß du überzeugt, Vom ersten Staunen wieder zu dir kommend, Dich meiner Freude willig überlassest. Ich nahte dem Orakel, um zu fragen, Wie die Verheißung sich erfüllen möchte, Die es vor manchen Jahren mir gewährt: Daß mein Geschlecht in zweien Söhnen blühen Und großen Völkern Namen geben solle. Ich hört' als Antwort aus dem Mund der Pythia: »Tritt, Anführer Athens, hinaus vor die Hallen des Tempels: Wem du zuerst da begegnest, den heiß ich als Sohn dich erkennen, Dankbar ehren fortan, von wem dir das holde Geschenk ward.« Kaum daß mein Fuß die Schwelle nun berührt Und rings umher mein Blick verlangend spähte, So fielen mir die Weisen deiner Leier Wie einer guten Vorbedeutung Laut Ins Ohr und deine liebliche Gestalt Ins Auge, daß ich froh entzückt hinzulief, Die erste Vaterfreude zu genießen. Ion Verzeih, daß ich die Liebkosung mißkannt, Die du so gütig mir entgegentrugst. Noch kann ich nicht mein neues Los begreifen, Es ist zu herrlich und zu wunderbar; Hier übt ich eben Hymnen auf der Leier, Ob sie des Musenführers Ohr gewönnen, Und sehnte mich, statt aller Erdengüter, Ihn einmal nur von Angesicht zu schaun, Indes gedacht er mein im Heiligtum Und sendet dich, den reichbegabten Herrscher, Den ruhmgepriesnen königlichen Helden, Zu väterlicher Sorge mir heraus. Wie bin ich unbemerkter Knab' es wert? Xuthus Auch mich hat er zu stetem Dank verpflichtet Und sich freigebig wie ein Gott bewährt. Nicht Aussicht in die Zukunft gab er mir, Wie man des Mahners Ungestüm vertröstet: Nein, die Erfüllung stand vor seinen Toren Und kam mir rasch entgegen. Kinderlos War ich und habe jetzo dich zum Sohn, Der, blühend schon zur Jugend aufgewachsen, Nicht der mühselgen Pflege mehr bedarf, Die an der schwachen, zweifelhaften Kindheit Oft nicht gedeiht. Gleich einem schönen Traum, Der sich verkörpert hätte, stehst du vor mir. Verdienst so ganz an Bildung, holdem Wesen Und edlem Mut, Urenkel Zeus' zu sein, Daß Könge mich um dich beneiden werden. Ion Du siehst mich schon mit Vateraugen an. Doch sag, wie legst du das Orakel aus? Meint es, du mögest nur den Elternlosen An Sohnes Statt aufnehmen, oder soll Dein wahres Blut in meinen Adern fließen? Xuthus Kennst du nicht deine Herkunft, teurer Knabe? Ion Man fand mich hier am Tempel ausgesetzt, Seitdem hat niemand sich zu mir bekannt. Xuthus So bist du sicher meines Leibes Sohn. Ion Ich hörte doch Kreusen erst beteuern, Daß ihr bisher ohne Kinder bliebt. Xuthus Kreusa freilich. Welches ist dein Alter? Ion Mir wurden heute sechzehn Jahre voll. Xuthus Die Zeit trifft überein. Es fehlen noch Drei Monden ungefähr an siebzehn Jahren, Seit ich zum ersten diesen Sitz besucht, Da bei den pythschen Spielen Cirrhas Ebne Laut widerhallend mich als Sieger ausrief. Was soll ich jugendlichem Übermuts Mich schämen, nun er einen Lohn mir schafft, Den Maß und Weisheit und ein stolzes Ehbett, Erworben durch Verdienst, mich ließ entbehren? Beim Schmaus, der festlich meinen Sieg beging (Jetzt lebt es wieder im Gedächtnis mir), Hat mich der Freude Taumel und des Weins Mit einer der Bacchanten hier verbunden, Die des Parnassus Klüfte wild durchstreifen Und hochgeschwungen, weinumrankt, ein Thyrsus, Statt Hochzeitsfackel uns vorangewinkt. Aus diesem Rausch mußt du entsprungen sein. Mich kümmerte, nach rascher Jugend Art, Das Weib nicht ferner, noch der Tat Erfolg, Und bald verließ ich diese Fluren. Jene, Da sich in ihr des Gottes Glut ernüchtert Und mit der Tage Lauf, der Monden Wechsel, Ihr Schoß ein vaterloses Kind gebar, Hat sie, so läßt es leichtlich sich erraten, Die ihr allein zurückgelaßne Sorge Abwerfend, hier den Göttern dich vertraut, Die durch des Festes übermächtge Lust Ins Leben dich gerufen. Und so hast du Durch meine Schuld die reiche Pfleg' entbehrt, Da Mitleid nur den Findling auferzogen. Jetzt aber will ich dir 's vergelten, Sohn, Es soll mein stetes Sinnen einzig sein, Dir Glück und frohe Tage zu bereiten. Ion Ich kann nicht länger zweifeln: Ja, du bist's, Du bist mein Vater. Laß es mich umschlingen, Dein würdges Haupt, das teure, längstbegehrte; Laß meine Lippen sich auf deine Stirn Und beide Augen drücken. Dank, ihr Götter! Apollo, du vor allen, habe Dank! Mein unsichtbarer und olympscher Vater, Das bleibst du dennoch, ob du schon mir sichtbar Den sterblichen Erzeuger zugewiesen. Du Schöpfer meiner Sohnespflicht und Freuden, Wie sollt' ich dein darüber je vergessen? O teurer Vater, ich gelobe dir, Ich will durch all mein Streben und mein Tun Dem Geber und Empfänger Ehre bringen. Umarme denn mich wieder! Segne mich! Sieh, meine Wonne fließt in milden Tränen: Zu glücklich bin ich, aber eins doch fehlt. Xuthus Was ist es? Steht's in meiner Macht zu schaffen? Ion Daß meine Mutter uns nicht umarmt; So schlängen dreifach sich der Liebe Ketten. Xuthus Mit Recht bedenkst du sie, mein Sohn. Die dich Geboren, ist ein wertzuachtend Weib. Ich war ihr unbekannt, so wie sie mir, Und viel geschehner Dinge Spur verlöscht Die lange Zeit: Doch wollen wir nicht ruhn, Bis wir sie wiederfinden und auf Kundschaft Von ihrem Aufenthalt und Namen senden, Erst hier umher, dann in ganz Griechenland. Mir angehören gnüge dir indes. Ion Wer weiß, ob sie der Tod nicht schon entraffte Und alles Forschens Mühe stumm betrügt! Xuthus Vermeide Worte schlimmer Vorbedeutung. Du blühst so frisch: Wie sollte sie nicht leben, Die mit gesunder Kraft dich ausgestattet? Allein, wenn sie uns auch verborgen bliebe: Mein Haus nimmt dich als Eingebornen auf, Was es vermag, das wird auch dein; Kreusa Wird deiner Mutter Stelle dir vertreten. Ion Ach! Andre Kümmernis berührst du da: Ich sorge, deiner Gattin zu mißfallen. Xuthus So fürchtest du stiefmütterlichen Haß? Ion Es möchte mir das Härtste doch begegnen, Wenn sie nur glücklich und zufrieden war'. Ich sah dein edles Weib hier bei der Ankunft, Und wie ihr Herz, beklemmt von Mutterliebe, Die keinen Ausweg weiß noch Gegenstand, Wehmütig hoffte, stolz verzweifelte, Hat sie mir innig das Gemüt bewegt. Xuthus Bald wird sie nun, was uns gewährt ist, sehn Und ruhiger daran sich gnügen lassen. Ion Ungleich hat das Orakel euch bedacht. Dir gab es heimzuführen deinen Sohn, Der nicht der ihre ist, und nötigt sie, Den Fremden, Unbekannten, Erzeugten Aus einem Bett, von keinem Recht geweiht, In ihrer Väter Hallen aufzunehmen. Es wird sie immerfort mein Anblick mahnen, Beglückter sei ein andres Weib gewesen, Die dir ein rascher Augenblick verband, Als sie, die seit so vielen Jahren dir Der Gattin Liebe, Sorg' und Treu gewidmet. Nun wird sie erst sich doppelt einsam fühlen, Da du fortan die Kinderlosigkeit Nicht mit ihr teilest, wie bisher. Mich jammert's, Daß sie so arm an Freuden altern soll. Xuthus Noch bleibt ihr mit der Jugend Hoffnung übrig. Den frühern Ausspruch des Apoll, der mir Verhieß, zwiefacher Ahnherr griechscher Stämme Durch zweier Söhne Füll' und Kraft zu werden, Hat nach so vielen Jahren der Erfolg Nur halb noch eingeholt. Du bist der eine; Den andern Sohn erwart' ich bald von ihr. Der unfruchtbare Fluch wird sich jetzt lösen: Denn oftmals zögert die beginnende Erfüllung, eh sie durch die dichten Wolken Der Hindernisse bricht; allein sobald sie Erscheint, zieht ihre Schwester, die Vollendung, Ihr durch das lichte Tor frohlockend nach. Doch dieses können ferner wir besprechen Zu andrer Zeit. Sag an, wie heißest du? Ion Die Pythia hat Ion mich benannt. Xuthus Ion, mein teurer Sohn! O schöner Name, Wie wirst du in der Nachwelt Ohren tönen, Wenn Städte, Völkerschaften, Reiche blühn Auf lebensvollen Fluren, Küsten, Inseln, Wenn Helden kämpfen, Dichter sie besingen, Und, nach der Sprach' und Sitten Eigenschaft, Jonisch alles preisend wird genannt! Gewöhne denn dich nun, stets zu bedenken, Wie du den Namen glorreich führen willst, Dem das bestimmt ward; sieh von heute dich Als einen Fürstensohn und Herrscher an. Mein königliches Zepter erbt auf dich, Du mußt dich zeitig es zu führen üben. Ion Wie anders doch von fern die Ding' erscheinen, Als wenn sie gegenwärtig vor uns stehn! Ich konnte mir so Herrliches nicht träumen. Als mir begegnet, und nun füllt mich Ahnung Mit Bangigkeit vor dem schon, was bevorsteht. Der schnellen Glückserhöhung geht zur Seite Der Übermut, und Neid folgt hintennach. Zu der Athener auserkornem Volk Komm' ich an zwei Gebrechen krankend: erst Ausländisch und dann unecht von Geburt. Mit welchem Auge werden über sich Sie den gestellt sehn, der zum Dienen aufwuchs? Wen Menschen gern gebieten lassen sollen, Muß von Beginn vor ihnen ausgesondert sein; Mich achten sie nicht einmal gleich geboren. Auf ihr feindselig und verachtend Streben Wird Argwohn lauren müssen, und so drängt Mich fremde Tücke, die Umstricker selbst Mit gleicher Schling' und Listen zu verstricken, Wo nicht, mit trotzender Gewalt zugleich Das Recht und ihr Gewebe zu durchreißen, Daß Tyrannei den Purpur blutig färbt. Hier war ein mäßig Teil und Ruh' und Stille Mein süßes Los, und die willkommnen Schranken Der Lehre, der Gewöhnung und des Orts Bewahrten mich vor ungerechtem Tun. Viel Fremde kamen wechselnd hier und gingen, Die ich willkommen heißend und geleitend Stets neu den Neuen wohlgefällig blieb. Nicht dem Erwerb vergänglichen Besitzes Galt mein Verkehr mit ihnen: immer nur Zu festlicher Bereitung, Heiligung, Behilflich war ich ihnen, und mein Dienst Hob über den Verkehr mit Menschen mich. O warum kann ich nicht, jetzt da wir uns Erkannt, als Sohn dir gnügen und dabei Fortwandeln die geliebte Lebensbahn! Xuthus Das sind nicht fürstliche Gedanken, Sohn! Bewähre mir dein königliches Blut Und zage nicht vor deines Glückes Glanz. Bedenke, daß dein Vater als ein Fremdling, Von seiner Heimat ein Verbannter, auch Sich auf den Thron der Erechthiden schwang Durch kühne Tat. Ist dies dein Delphi doch, Der Mittelpunkt der Erde, wie sie sagen, Der einzge Ort nicht, noch die weite Welt. Nicht Opfer, weiße Binden, Reinigungen, Gebete, Weihrauch, Lorbeer, Festgesänge Sind dein Geschäft mehr; all dein Trachten muß Nun Tag und Nacht auf nichts gerichtet sein Als Krieg und Waffenübung, Roß und Mann, Die vierbespannten Wagen, Türme, Mauern, Dann auf Gesetz und Rechte, die Versammlungen Des Volks und des Rates und der Häupter Schmaus In ihres Königs immer offnen Sälen. Du mußt zum herrlichen Athen mir folgen, Noch heut, wann wir das Fest, das ich bei deiner Geburt versäumt, zuvor gefeiert haben. Ion So will ich denn zum Abschied mich bereiten. Lebt wohl, geliebte Bäume, heimsche Luft, Ergiebger Boden, der mich mild genährt! Doch du vor allen, hohes Tempeldach, Worunter oft, auf der Altäre Stufen, Bald am Gestell der Säulen meines Gottes Mich süßer Schlaf umarmt, wie wohl der Landmann Der einen weit entlegnen Acker baut, Aus Zweigen sich ein Hüttchen wölbt, da ruhiger Des Mittags Glut verschläft als wie zu Haus Im weichen Bett, indem in seine Träume Der weite blaue Himmel niedersteigt. Quellsprudelnder Parnassus, goldnes Delphi! Ich gehe, doch es bleibt bei euch mein Herz. Ja eines, Vater, mußt du mir geloben, Daß ich die Heimat jährlich darf besuchen. Als Mutter hat mich Pythia gepflegt, Sie weiß noch nicht mein neues Glück und wird Mich ungern von sich lassen. Oft, recht oft Muß ich sie kindlich wiedergrüßen: Sie Vergessen könnt' ich nimmer, härmte mich Nur ab nach ihr, wenn du 's nicht zugestündest. Xuthus Gern alles, lieber Sohn, was du begehrst. Dritter Auftritt Die Vorigen, Kreusa, Phorbas Kreusa Verweilst du hier noch, Xuthus, mein Gemahl? Xuthus Du siehst mich, Teure, deiner Rückkunft wartend. Kreusa Den Ausspruch hört' ich von den Priestern schon. Xuthus Und eilst herbei nun, den Erfolg zu sehn. Kreusa Ja, wer zuerst sich deinen Blicken nahte. Xuthus Sich diesen Jüngling an. Kreusa Ich kenn' ihn wohl. Xuthus Der ist es. Kreusa Dieser? Xuthus Warum sollt' er nicht? Kreusa (beiseit) Weh' mir, Apoll! Wie tatest du mir das Xuthus Mißfällt er dir, daß du befremdet murmelst? Kreusa Ich wünsche Heil dir mit dem schönen Fund. Xuthus Ja, stolz erkenn' ich mein Geschlecht in ihm. Kreusa Du nahmst ihn an als Sohn? Xuthus Ich fand ihn mein. Kreusa Wie? Doch das ziemt der Gattin nicht zu fragen. Xuthus Verhüten es die Götter, daß ich jemals Dein Recht verletzt und das Gelübd' der Eh'! Des Sechzehnjährgen Alter zeigt dir schon, Daß ich sein Vater ward, eh meine Taten Mit unserm Bund das Zepter von Athen Mir noch erworben, eh ich dich gekannt. Doch, was der jugendliche Trieb gefehlt, Darf nun mich nicht gereun, es ist entschuldigt, Da es zur Freude dir, wie mir, gedeiht, Wenn du ihn auch als deinen achten willst. Kreusa Zu gütig gibst du Rechenschaft, mein König. Das Weib, das seinem Gatten keine Kinder bringt, Ist schon zufrieden, duldet man sie nur Im Hause, dessen Hoffnung sie betrog; Und neben ihr sich andre zu gesellen, Aus deren Liebe beßrer Segen blüht, Ist Männerrecht und mehr der Könge noch. Allein wo ist die Mutter deines Sohnes? Xuthus Wir wissen nicht, wie nah, wie fern sie ist, Ob sie noch lebt, ob sie dem Orkus schon Vermählt ward; unbekannt war ihre Heimat Und Name mir, kaum würd' ich der Gestalt Mich noch entsinnen, sah' ich jetzt sie wieder: Denn mich umgaben der Betäubung Wolken Den einen Augenblick, der uns verband, Und viele Jahr' entrückten sie seitdem. Kreusa Du redest Rätsel, aber was geschehn Ist klar und wird sich mehr und mehr entfalten. Und weiß auch Ion nichts von seiner Mutter? Ion Ich sagte dir vorhin schon, Königin, Daß sie sich nie mir zeigte, daß auch Pythia, Die meiner Kindheit ihre Sorg' ersetzt, Noch keine Spur von ihr entdecken konnte. Kreusa Ja, doch die Zeiten ändern alle Dinge, Nichtwissen, Wissen, selbst Gemüt und Sinn. Viel schwerer sind wohl Mütter auszuforschen, Wenn Dienstbarkeit und Armut sie verbirgt, Als wenn sie eines Fürsten mächtge Gunst Zu sich erhebt: da finden sie sich an, Und man erkennt sie auf den ersten Blick. Ion O denke nicht von mir, verehrte Fürstin, Ich könnte mich der ärmsten Mutter schämen. Wie niedrig auch, unedel war sie nicht, Sagt mir die innre Seele. Bei dem Wunsch, Der dich hieher geführt, bei deiner Hoffnung, Ihn künftig auch für dich erfüllt zu sehn! Nicht einer Mutter Herrlichkeit begehr' ich, Die blendend über mich den Glanz verbreite; Der Mutter Herz, das seine süße Wärme Zu einem Strom der Lieb' in meins ergieße. Gewähre du, Kreusa, mir ein solches, Was deiner Großmut leicht ist: und das meine Gelobt – nicht mehr, das könnt' ich nicht – so sehr Als meine wahre Mutter dich zu lieben. War' sie gefunden, o wir wollten beide Hier deine Knie umfassen und dich flehn, Die Eintracht deines Hauses nicht durch uns Gestört zu wähnen. Kein ehrsüchtig Streben Regt sich in einer lieberfüllten Brust: Wir werden keinen Anspruch machen, als Einander Sohn und Mutter ganz zu sein, Von allem dem, was dein ist, nichts bedürfen Zu unserm Glück als deine Freundesblicke. Xuthus Du siehst, Kreusa, wie dich zu gewinnen Der Eifer meinen wackern Sohn beseelt. Doch wenn als nah verwandt sich plötzlich die Betrachten sollen, die sich fremd gewesen, So tritt erst zwischen sie das blöde Staunen. Und, an sich selber irr, mißtrauen sie, Wie es auch dir und mir geschah, mein Ion, Und unsrer Freude Flut zu ebben zwang, Bis sie den Damm des Zweifels überschwoll. Nur die beisammen durchgelebte Zeit, Gesellge Näh' und frohe Gegenwart Kann der Vertraulichkeit Gewöhnung stiften: So wird es bei Kreusen auch und dir. Laßt denn sogleich das Leben uns beginnen, Zwar auf der Reise hier und fern der Heimat, Das um den Herd der Götter unsers Hauses Uns immer wirtlicher versammeln soll. Das Erstlingsfest der Tage meines Kindes Mahnt, wie ein Gläubiger, der lang geschwiegen, Mich heut, und mit dem angehäuften Wucher So manchen Jahres will ich ihm Gnüge leisten. Apoll hat nicht vergebens mich erinnert, Ihn hoch zu ehren, dessen Seherwink Den holden Sohn mir zugeführt: Es soll Ihm eine volle Hekatombe fallen Und rings umher an jeglichem Altar Der Päan von geschmückten Chören jubeln. Indessen teile, wer da will, mit uns Der Becher Lust und ein gemeinsam Mahl; Herolde sollen Delphis rühmliche Bewohner laden, unsre Feier zu begehn, Daß sie in Zukunft auch des Tags gedenken, Wo Xuthus den erwünschten Erben fand. Komm, Sohn, laß selbst uns sorgen und beschicken, Daß Überfluß dies Gastmahl zier' und Ordnung Und nichts, was unsre Würde heischt, gebreche. Du sollst Bewirter sein und sollst dir selber Den huldigenden Zoll der Ehrengaben Darbringen, nicht empfangend, sondern gebend, Aus meinem reichen Schatz mit vollen Händen Ihn ausstreun unter ein glückwünschend Volk. Da will ich sehn, wie du zum ersten Mal Ein Fürstenamt verwalten lernest: denn Freigebig spenden ist des Herrschers Pflicht, Und seine Pracht dien' allen zum Genuß. Ion Ich folge dir, mein königlicher Vater. Vierter Auftritt Kreusa, Phorbas Phorbas O Tochter des Erechtheus! Enkelin Des Erichthonius! Du mein Pflegekind! Wir werden ausgestoßen und verdrängt. Kreusa So meinst du, Alter? Siehst du noch so scharf? Phorbas Das war es, einem eingeschlichnen Fremdling Das heilge Diadem ums Haupt zu winden, Was nur ein Erechthide tragen sollte! Kreusa Ach immer unglückselges Los der Fraun, Doch zehnfach mehr der Fürstentöchter noch? Uns bleibt nach freier Neigung keine Wahl, Die mit dem Leib auch das Gemüt vermählte: Wir werden wie ein Eigentum verhandelt. Wie man ein Roßgespann, ein künstlich Erz, Zum Preis beim Wettspiel wohl dem Sieger setzt, Hat man für Schlachten mich zum Lohn erteilt. Phorbas Und wer bloß mit des Arms Gewalt ein Glück Erobert, das ihm nicht beschieden war, Hält den Besitz als Raub, und übermütig Schätzt er das Unverdiente noch gering: So Xuthus deine Ehgenossenschaft. Kreusa Fürwahr, nie hätt' ich selber sie erkoren. Phorbas Wenn sie an Kindern ungesegnet blieb, War doch nichts anders schuld, als daß Minerva Dem Abkömmling mißgönnte, in den Boden Des attischen, von ihr gepflegten Gartens Ein wild ausländisch wuchrend Reis zu pflanzen. Kreusa Wer weiß, worüber sonst die Göttin zürnt! Phorbas Statt nun mit allem Fleiß sie zu gewinnen, Lockt er dich hier zu andern Göttern her, Die trefflich mit ihm einverstanden sind. Kreusa So scheint's. Er muß viel gelten beim Apoll. Phorbas Laß nicht voreilig uns den Gott verklagen. Die Himmlischen sind wahrhaft und gerecht: So wenig als die Richter drunten läßt Des Delphiers Orakel sich bestechen. Doch was es redlich ausspricht ohne Falsch, Dem schieben ihre Ränke Menschen unter Und wissen, eben weil es unbekümmert Auf grader Bahn geht und in keine Krümmen Sich einläßt, dienstbar es dem Trug zu machen. Glaubst du, es habe Xuthus nicht gewußt, Hier wachs' ein Sohn von ihm zum Jüngling auf? Kreusa Weswegen trieb er sonst so oft nach Delphi? Phorbas Er ließ ihn heimlich auferziehn vor dir: Sei 's, daß er ihn erzeugt, wie er beteuert, Eh' er dein Gatte ward zu sein gewürdigt; Sei 's, daß er höher auch des Knaben Alter angibt, Um zu verhehlen, daß seitdem Er einem unerlaubten Bett gefrönt. Nun offenbart er sich und weiß die Schuld Gar schlau mit heilgem Ansehn zu bemänteln, Den höchsten Seher feierlich befragend Um das, was er nur allzugut gewußt. Kreusa Ich muß ihm gar ein Freudenfest begehn, Daß er nicht länger den Verrat darf bergen. Phorbas Die Mutter soll verschwunden sein, von ihr Will keiner wissen: doch der ihren Sohn So gut versorgt, hat sie wohl auch bewahrt. Wie scheue unglückdrohnde Vögel, die Man nicht bemerkt bei Tag, erst mit der Dämmerung Ausfliegen, wird sie bald zum Vorschein kommen: Denn das Erechtheus Sonne ging ja unter, Du schimmerst noch, ein matter Abendstern, Bald überschattet Dunkel Attika. Kreusa O hätt' ich nimmer diesen schwarzen Tag erlebt! Phorbas Schon seh' ich mit dem schmucken dreisten Knaben Die Buhlerin in deinem Hause herrschen. Des Erben Mutter – und hat Xuthus nicht Aus eigner Macht Bastarde seines Bluts Zu Erben unsrer Pallasburg erklärt? – Des Erben Mutter ist die wahre Gattin, Das unfruchtbare Weib wird nichts geachtet Und muß der andern Sklavendienste leisten. Sieh, diese grauen Haare möcht' ich mir Bestreun mit Asch' und Staub, wenn ich bedenke, Was deiner wartet, teure Königin! Kreusa So läßt du mich erniedern, meiner Väter Beschützerin? Hast du dich, strenge Jungfrau, Denn gänzlich von Kreusen abgewandt? Phorbas Noch nicht genug. Solang es möglich ist, Daß sich dein Königsstamm, der teure Ölbaum, Einheimisch nur bei uns, jetzt kaum noch grünend, Aus deinem Schoß mit neuen Sprossen ziere, Sind ihres Raubes jene nicht gewiß. Dich zu verstoßen wagt nicht der Tyrann, Er muß Empörung der Athener fürchten. Sie stehn dir also heimlich nach dem Leben; Du bringst nun keinen Becher an den Mund, Daß du nicht vor dem Gifte schaudern müßtest, Womit ihn buhlerischer Neid und Haß Des Stiefsohns, gärend, reichlich sättgen wird. Kreusa Mir gilt es gleich, es komme, was da will. Was soll ich ängstlich um mein Leben sorgen? Möcht' ich doch gleich den Unmut meiner Seele, Mit mir, von jenes Berges Höhen stürzend, In Klüften der Vergessenheit begraben. Phorbas Du wärst bequem, dich selber wegzuräumen, Daß sie ihr Fest dann doppelt feiern dürften. So willst du all die Schmach geduldig tragen? Und willst, die Enkelin von Pallas' Zögling, Ein Spott jedwedem Freigesinnten sein? Kreusa Was kann ich tun? Ich bin ein schwaches Weib. Phorbas Ein Weib ist unsre Heldengöttin auch; Nicht das Geschlecht, der Mut macht schwach und stark. Gedenke deiner Schwestern, die freiwillig Und standhaft sich dem Vaterland geopfert. _ Ganz andre Opfer, minder reine, heischt es jetzt, Von dir die Pflicht nur, dich ihm zu erhalten: Das Heil Athens ruht ja auf dir allein. Kreusa Sprich denn, was rätst du mir? Gleich heimzueilen Und dort mein Volk zum Beistand aufzurufen? Damit wir die thessalschen Könige, Die wir einst töricht dankbar aufgenommen, Samt dem Gefolge mißerzeugter Söhne, Aus unsern Grenzen jagen mit Gewalt? Phorbas Unzuverlässig ist die blöde Menge; Sie sind gewöhnt, dem Fremdling zu gehorchen: Was er noch nicht getan, war 's auch gewisser Als Abend oder Morgen, dessen wirst du sie Zu überzeugen dich umsonst bemühn. Vertraun wir uns allein und führen das, Was jetzt notwendig, nicht gewaltsam wild Wie übereilte Jünglingstaten, sondern Bedächtig und verschwiegen sinnend aus. Kreusa Was achtest du notwendig, teurer Greis? Phorbas Der aufgedrungne Stiefsohn darf nicht leben. Kreusa Den zarten Knaben muß die Rache treffen? Phorbas Entfiel dir alles, daß dich dies befremdet? Kreusa Mich dau'rt die Unschuld seiner blühnden Jugend. Phorbas Willst du durchaus an dir ihn schuldig sehn? Kreusa Wohlwollend, schien es, kam er mir entgegen. Phorbas Des Falschen Freundlichkeit hat dich betört. Kreusa In seinen Blicken las ich sein Gemüt. Phorbas Und lasest dein Verderben nicht darin? Kreusa Wie weißt du, daß es mich von ihm bedroht? Phorbas Gedenk an des Trophonius Weissagung. Verwarnt er nicht, ihr würdet statt erwünschter Nachkommenschaft nichts als Verderben eures Geschlechts, Zerrüttung eures Hauses finden? Hier gilt 's entweder leiden oder tun. Noch lächelt dir dein Unheil in dem Knaben, Wiewohl er es ja sichtlich schon begonnen, Indem er dir den Gatten umgewandt. Kreusa Er selber trotzte, ganz verwandelt, mir. Phorbas Ha! Das ist Kleines erst. Verstoßung deiner, Mord deiner künftgen Söhne, Ausrottung Von deinem Stamm, mit Wurzeln, Zweigen, Blüten, Sei dir gewärtig, wenn du nicht zuvorkommst. Kreusa Wohlan, es muß geschehn. Doch wie vollbringen wir's Phorbas Vernimm: Das Schicksal legt in meine Hand Ein schleunig wirkend, doch verborgnes Mittel. Athene gab dem alten Erichthonius Im kleinen Goldgefäß, zwiefach gesondert Zwei Tropfen von der furchtbarn Gorgo Blut, Des Ungeheuers, das sie selbst erlegt. Der eine fristet Sterbenden das Leben; Der andre, aus des Herzens linker Ader Entquollen, tötet sicher, augenblicklich, Als wenn durch innerlichen Schlag den Gliedern Die Lebensregung plötzlich war gehemmt. Dein Ahn verwahrte heilig dies Geschenk Und hinterließ, als ihn der Himmel aufnahm, Das köstliche Vermächtnis seinem Sohn. Mir hat es dann Erechtheus anvertraut, Da er zum letzten Kampf ging, selbst im Siege Vorahnend seinen Fall, auf daß es nicht Mit ihm zugrunde ginge. Jetzo ruft uns Die Zeit, die Not und die Gelegenheit Zu würdigem Gebrauch der Göttergabe. Mich dünkt, ich sehe deine Väter winken Mit ernster Mahnung, dich, ihr Blut zu retten, Mein Alter nicht als feiger Knecht zu schänden. Nein! Euch ergeben will ich mich bewähren: Den Todestropfen misch ich unvermerkt In des verräterischen Buben Wein. Kreusa Ich schäme mich so hinterlistgen Mordes. Phorbas Mein sei der Ruhm der Tat, dein der Gewinn. Kreusa Doch wenn sie uns zurückfällt auf das Haupt? Phorbas Meins will ich freudig dar zum Opfer bieten: So end ich wohl die allzu langen Tage. Nur einmal tragt noch frisch mich, alte Glieder! Und ihr, erloschne Augen blicket scharf, Damit ich nichts versäume, noch versehe! Komm Fürstin, eilen wir zum Gastmahl hin, Wozu sich die Geladnen schon versammeln, Und birg in Fröhlichkeit, was wir bereiten. Kreusa Fort, töricht Mitleid, das die Brust beklemmt! Das eigne Kind gab ich den wilden Tieren: An diesem will ich selbst zur Löwin werden. Apoll hat ihn gepflegt; er ist sein Diener, Sein Eigentum, noch mehr, sein Ebenbild. Ihn liebt Apoll, der mich verschmäht, vergißt. Ja, Ion, ja! Das büße mir dein Tod! (ab) Dritter Aufzug Erster Auftritt Kreusa mit fliegenden Haaren Weh mir, weh! Wohin entflieh ich? Welche Rettung find ich aus? Zu durchbohren meinen Busen, tausendfach von Qual durchbohrt. Kaum, o kaum noch hab ich Atem, meine Schritte hemmt die Angst, Statt sie leichter zu beflügeln, und ich sterb und sinke hin. Nein! Ich will noch nicht erliegen; aufgerafft die letzte Kraft! Hier am Tempel gilt kein Weilen, feindlich ist dies Heiligtum Phöbus ließ auf mich ja selber los des wilden Knaben Grimm, Und ihm war 's willkommnes Opfer, troff mein Blut hier am Altar. Drum, ihr Nymphen des Parnassus, rettet das verlorne Weib, Rettet, helft, empfanget, berget, die ihr an den Quellen wohnt, In den korycischen Bacchus-Grotten, und Dryaden und Napän, Habt ihr Höhlen, habt ihr Dickicht, manche dunkle Felsenschluft, O da laßt mich unterschleichen, wie ein aufgejagtes Wild! (ab) Zweiter Auftritt Ion ohne Mantel, Pfeil und Bogen in der Hand. Wohin floh die giftge Mutter? Find ich hier sie oder dort? Lief sie wohl schon weit vorüber oder weilt sie in der Näh? Doch ein solches Ungeheuer trägt der heilge Boden nicht, Den ihr Fuß befleckt: Er stößt sie in die wüste Wildnis aus. Ihre Spuren seh ich dorthin, ja sie soll mir nicht entgehn. O ihr Götter! O Apollo, der du dies Geschoß mir gabst, Zu verscheuchen, zu vertilgen wilden Raubgefieders Brut! Laß ein größres jetzt gelingen! Jetzt begünstge meine Jagd! Daß ich nicht das Ziel verfehle, ihre morderfüllte Brust. Bist du doch der Drachentöter, der, von hohem Zorn entbrannt, Einst die Mutter Erd entlastet, da du hier den Python schlugst. Trägt die Schlange Weibesantlitz, die ich stracks erlegen will, Ist sie grimmer doch als Python, ihre Augen sprühen Gift. Nun, wohlauf! Was zaudr' ich länger? Und sobald den Pfeil ihr Blut Rötet, häng ich dir im Tempel diese frommen Waffen auf. (ab) Dritter Auftritt Pythia Welch ein Getümmel und ein Aufruhr schlägt An diese Pforte, diese stillen Hallen, Die brünstiges Gebet nur und der Hymnen Melodische Gewalt bestürmen sollte? Schon seh ich niemand mehr: Doch eben erst Vernahm ich deutlich Stimmen und Geschrei, Der Flucht und der Verfolgung irre Tritte. Hat sich die Freude bei dem Gastmahl, brausend Wie junger Traubensaft, in sich entzweit? Und fechten, wie die Thrazier, mit Bechern Die Gäste des athenischen Beherrschers? Wofern nur nicht der Übermut, der dort, Von lauter Lust herbeigerufen, tobt, Im Taumel schweifet bis zur blutgen Tat, Und, wenn die angerichtete Zerstörung Ihn kalt ernüchtert hat, in Maß und Schranken Zu spät zurückkehrt mit vergebner Reu. Mein Ion (ach, nicht mein mehr!) war dabei: Galt ihm der Zwist? Betraf ein Unfall ihn? Wer kann mir 's melden? Doch ich höre nahn. Vierter Auftritt Pythia, Xuthus, dessen Gefolge den Phorbas in Fesseln herbeiführt Xuthus (noch hinter der Szene:) Hier führt ihn her! Hieher! Und gebt wohl acht, Daß er euch nicht entrinne. (auftretend:) Priesterin! Zum Glücke treff ich dich: denn dein bedarf 's. Pythia Was stürmt zu solcher Eil dich her? Xuthus Ein Frevel ohnegleichen ist verübt. Pythia Sag an: Ich bin auf Schreckliches gefaßt. Xuthus Noch fehlen Worte dem verstörten Mut. Pythia Hat Blut die Becher deines Mahls genetzt? Xuthus Gift und der Furien Geifer troff hinein. Pythia Wen zu verderben wurden sie gemischt? Xuthus Mein teures Pfand, den kaum gefundnen Sohn. Pythia Ist Ion hin? Schlang ihn der Orkus ein? Xuthus Vorbei an seinen Lippen ging der Todestrank. Pythia O himmlisches Gewölk! Ich atme wieder. Xuthus Auch ohn' Erfolg bleibt, was sie war, die Tat. Pythia Wer hat sie ausgesonnen? Wer vollbracht? Xuthus Kreusens Rat und dieses Knechtes Hand. Pythia Dein treuer Diener und dein liebend Weib? Xuthus Wenn Treu Verrat ist, Liebe Meuchelmord. Pythia O der Verblendung sterblicher Geschlechter Und ihrer vom Beginn heillosen Werke! In der Verwirrung suchen sie Gedeihn, Aus nächtlicher Verbrechen Graun soll ihnen Die Sonne eines neuen Glücks hervorgehn. Da ist kein noch so stark gewobnes Band Des Bluts, der Liebe, der Genossenschaft, Das hielte, wenn hier stolze Herrschbegier, Dort eignen Vorteils Sucht gewaltsam reißt, Indes die Fäden Tück' und Neid zernagt; Nur der lebt ruhig, der der Lebensgüter Sich ganz verziehn, wie abgeschiedne Seelen. Kaum daß mein teurer Ion aus dem Hafen Des Heiligtums den kleinen Nachen wagt, So wirbeln ihn die trüben Strudel fort, Und an der Klippe lag' er schon zerschmettert, Wenn nicht der Göttersorge günstger Wind Ob ihm gewaltet und in die Umarmung Der stillen Bucht ihn hätte heimgeführt. Ach, daß er nimmer sie verlassen dürfte! So müßt' ich nicht nachschauend stehn am Ufer, Und sorgenvoll ihm mit Gelübden folgen, – Doch melde mir, o König, den Verlauf: Wie es ans Licht gekommen, welch ein Wunder Von unserm Ion die Gefahr gewandt; Denn noch kann sich mein Geist nicht überzeugen, Daß nicht ein falscher Argwohn euch verstört. Xuthus Nur zu gewiß ist, was die Sonn' erröten, Die heilgen Haine schauern machen muß, Was der Stiefmütter schon verhaßten Namen Noch schwärzer zeichnet und in ihrer Brust, Dem Kelch der Mutterliebe sonst bei Frauen, Die milde süße Milch in Gift verwandelt. Hör an! Auf daß du glaubest, was unglaublich ist. Dort auf der frisch begrünten Wiesenfläche Vor Delphi ward das Mahl mit Fleiß bereitet. Die ganze Ebne wimmelte von Dienern, Die hin und wieder Opfertiere führten Und mancherlei Gerät in Händen trugen. Ich selber sorgte für der Speise Fülle, Und was zur Lust und Anmut sonst gehört, Für Salben, Kränze, Blumen, Weihrauchdüfte; Mein Knab' indessen übernahm, die Stätte Den Gästen anzuordnen, wie er es Gar wohl verstand und oft zuvor gesehn. Für ein geräumiges Gezelt den Platz Maß er und steckt' ihn ab; und in die Ecken Hieß er die Zimmerleute Fichtenstämme Als Pfeiler treiben, die er obenher Mit quergelegten Balken fest verband. Dann wurden sie mit Teppichen bekleidet, Die euer reicher Tempelschatz verwahrt Für solche Festlichkeiten und worunter Die köstlichsten er mir zu Ehren wählte. Die Häupter schirmte vor den Sonnenstrahlen Ein Himmel, kunstreich in den blauen Stoff Gewirkt mit Gold und Silber, wo der Mond Mit seinen Hörnern und die mildre Fackel Des Hesperus zu sehn war; hier am Rande Die Nacht, umwallte vom sternbesäten Schleier, Hinanfuhr und ihr gegenüber sich Der Sonnengott mit seinen Flammenrossen, Forteilend, in den Schoß der Fluten tauchte. So waren auch die rings behangnen Wände Mit Kämpfen der Zentauren, wilden Jagden, Der Satyrn und Bacchanten lustgen Tänzen Bevölkert und belebt: Es schien der Bau Des schnell emporgewachsnen Saals, damit Der Gäste Blick sich nicht ins Freie sehnte, In seinem engern Raum die Welt zu fassen, Des Äthers Umschwung und das Erdgewühl. Nicht war nach Mittag zu die offne Seite, Noch auch nach Mitternacht gerichtet, sondern Ließ zwischen beiden Luft, nicht Sonne, zu. Als zum Empfang nun für des Mahls Genossen Die Polster ringsumher gebreitet waren, Und in des Zeltes Mitte aufgestellt Die Krüge Weins und Tische mit den Schalen: Da trat der Herold auf die Zehn und rief: Wer schmausen wolle, sei hereingeladen. Der Greis hier nun bewies sich gleich geschäftig, Den Wein zu mischen und dann einzufüllen, Auch muntert' er die Diener hier und dort Ihn hinzureichen auf, geschürzt und rüstig, Als hätt' er sich vor Freude ganz verjüngt. Das Mahl ging fort: Es tönten schon die Flöten, Dazwischen priesen viele Zungen laut Athen und seine glücklichen Beherrscher. »Was sollen noch die kleinen Trinkgefäße, Die kaum die Lippen netzen?« sprach der Alte. »Laßt tiefe Becher kommen, denen voller Die Fröhlichkeit als ihrem Quell entsprudle.« Er hoffte wohl im allgemeinen Rausch Sein Tun den Zeugen leichter zu entziehn. So trugen denn die Diener, schwer von Silber Und Gold, in Körben neu Geschirr herbei. Das wurde stracks gefüllt, und einen Becher, Mit schön getriebner Zierat auserlesen, Nachdem er ihn mit klarem Naß gekränzt, Bot seinem neuen Fürsten Phorbas dar. Mein Sohn trat vor, Trankopfer erst zu spenden; Doch eben da entfuhr ein frevelnd Wort Der Knechte einem in geschäftger Hast. Der holde Jüngling, fromm und rein gewöhnt, Für schlimme Vorbedeutung dies erachtend, Trank nicht, goß allen Wein aus auf den Boden Und hieß die andern auch das gleiche tun. Erwartung war nun im Gezelt und Stille, Bis man die Becher wiederum gefüllt. Und sieh! Indem kam eine Schar von Tauben, Die zahm und furchtlos hier im Haine schwärmen, Hereingeflattert durch das Tor. Sie ließen Sich nieder, pickten die Brosamen auf Und tauchten ihre Schnäbel in den Wein, Der hier und da noch stand in kleinen Seen. Die nun an andern Stellen dies getan, Erlitten nichts; doch zwei, die da getrunken Und durstig in den glatt beflaumten Hals Den süßen Trank geschlürft, wo Ion eben Den Becher hingoß, fingen an zu taumeln Mit schlaffen Fittigen, wehklagend girrten Sie seltsam dumpfen Laut und streckten zuckend Die Purpurfüßchen aus und waren tot. Erstaunen faßte jeden, der es sah; Mein Ion aber warf den Kranz vom Haupt, Zerriß den Mantel und mit lauter Stimme: »Dank dir, Apoll, der mich prophetisch warnte! Sonst war dahin mein Leben«, rief er aus. Alsbald erhob sich ein verwirrt Geschrei, Beschuldigend den Alten, der den Wein Gemischt und dargereicht. Ich, voll Entsetzens, Ergriff ihn schleunig, stellt' ihn hart zur Rede, Der, auf der Tat gefangen, nicht versuchte Zu leugnen, sondern trotzig rühmend gar Beteuerte, es wisse niemand drum, Er hab's allein entworfen und vollbracht. Mit Müh' hielt ich die Menge nur zurück, Die schon im ersten Grimm ihn steingen wollte. Da sprang, bacchantisch wild, Kreusa plötzlich Hervor und schrie: »Er lügt! Glaubt nicht dem Greise Unschuldig ist er, ich gebot die Tat. So tötet Pallas mit dem Gift der Gorgo Durch meine Hand Bastarde fremden Bluts, Die ein sich drängen in ihr Königshaus! Dies dacht' ich triumphierend jetzt zu rufen: Doch es mißlang, und nur Verzweiflung bleibt mir.« Als ob die Schlangen Gorgo selber schüttelte, Starrt alles bei der Greuel Offenbarung, Und niemand dachte, Hand an sie zu legen; Ich selbst war wie von Finsternis betäubt. Doch Ion duldet' ihren schnöden Frevel nicht, Nach seinen Waffen rannt' er, welche friedlich Am nächsten Baume hingen, Pfeil und Bogen, In ihres Herzens Blut die gastlichen Schutzgötter und dies Heiligtum zu rächen. Da sie den Jüngling mit hochglühnder Wange Und mit des Zorns verachtungsvollem Blick Ein auf sie stürmen sah, hielt sie's nicht aus; Es wandelte die Frechheit sich in Zagen, Und sinnlos riß sie sich durch alle hin und floh. Pythia Und wo ist nun Kreusa? Wo ist Ion? Xuthus Sie wandten sich hierherwärts, mir voraus. Pythia Ich hörte hier vorbeifliehn und verfolgen, Doch weit war alles weg, als ich hinaustrat. Xuthus Sie hofft sich wohl in des Gebirges Irren Zu retten, doch ereilen wird er sie, Denn ihre Schuld umstellt sie wie ein Netz. Pythia O sende, König, deinem Sohne nach, Laß eiligst ihn zu dir zurück entbieten, Eh er den Streich gewaltsam rasch vollführt, Der ihn – wer weiß? – dann ewig könnte reun. Xuthus Zwar lieb ich, Pythia, den hohen Zorn Des Jünglings, der sich königlich bewährt; Audi ist Kreusens Haupt dem Tod verfallen: Die Straf ist ihr so oder so gewiß. Doch nicht mit wütgen Händen, wie bei Raub und Krieg, Ziemt es dem Herrscher, an des Schuldgen Leibe Die Rache zu ersättgen: Nach Gesetz Und Spruch des Rechts teil er Vergeltung aus, Entäußre selber sich des Richteramts, Wo das Verbrechen gegen ihn gerichtet war. Drum geb ich deinem weisen Rat Gehör. – Geht ihr, sucht mir den Prinzen, sagt, er solle Für jetzo den gerechten Grimm noch hemmen; Und greift die Königin, wo ihr sie trefft. (Einige aus dem Gefolge ab) Pythia So willst du deine Gattin nach Athen In Fesseln führen, wie den Diener dort? Xuthus Mitnichten. Nimmer sollen sie die Heimat wieder Mit Augen sehn: Der Ort, den ihre Mordsucht Befleckt hat, sei auch der Vertilgung Bühne, Und diese Sonne geh nicht drüber unter. Es gibt ja hier in Delphi Richtersitze, Gibt Urnen, welche Todeslose still In sich versammeln und ans Licht dann bringen. Ein Gast auf diesem Boden, laß ich nicht Mein Zepter furchtbar winken, sondern will Nur Kläger sein; nackt liegt der Greuel da; Das ganze Volk ruf ich zum Zeugen an. Pythia Jedoch, wenn du nun heimkehrst in dein Reich Verwitwet von der Enkelin und Tochter Der Helden, die sie göttlich dort verehren, Mit einem unbekannten Sohn des Auslands Auf deinen Stamm geimpft, dem du bestimmst, Auf jenen heimisch eignen Thron zu steigen: Bedenk, was für ein Argwohn aller Bürger Aufrührisch murmelnd dich umgeben wird. Xuthus Das Recht ist stark, wenn Mannheit es behauptet. Pythia So laß es Richter dort an ihr verwalten. Xuthus Bald wird die Schlaue da sich schuldlos lügen, Wo niemand Spuren ihres Frevels sah. Die alte Gunst besticht dann, Mitleid mit Dem Rest des Fürstenhauses spricht sie los. Pythia Habt ihr nicht dort des Mords geschworne Richter, Areopag genannt von ihrem Sitz, Die Griechenland als unbestechlich kennt, Wo selbst die Waage der Gerechtigkeit Minerva hält und strengen, ernsten Blicks Auf jedes Schwanken ihres Züngleins merkt? Dort stelle sie, bis dahin schieb es auf! Nur jetzt verfahre wider sie nicht weiter, Weil dich die erste Heftigkeit erregt. Xuthus Die Erechthiden liebt und hegt ja Pallas Und würfe wohl hinzu das weiße Steinchen, Das gleich die Zahl macht und die Schuldgen löst. Pythia O glaube mir, kein ganz verfluchtes Haupt Ist das, worüber noch Olympier Die Hände waltend strecken! Scheint es doch, Als wäre nicht ohn' eines Gottes Obhut Der Tat Erfolg vereitelt und verwehrt, Daß augenblicklich rasende Verblendung Ein ewig unersetzlich Unheil schaffte, Damit der Weg der Sühnung offen bliebe. Xuthus Dein Ansehn wähnt' ich hilfreich mir zu finden, Allein du scheinst dem Weibe sehr befreundet, Das am Apollo frevelnd, deinen Pflegesohn, Von ihm als mein verkündigt, morden wollte. So will ich denn von hinnen, in der Stadt Die Alten, denen obliegt, Recht zu sprechen, Auf mahnen zum Gericht; in Delphis Schutz Begab ich mich als Fremdling mit den Meinen: Sie werden mir nicht weigern, was bei Griechen Die Sitte heischt, was selbst Barbaren täten. Pythia Laß, eh du gehst, den Greis hier mich befragen. Sprich, hat Kreusa mit darum gewußt? Phorbas Sie litt nur, was ich aussann und betrieb. Pythia Und was bewegte dich, ihr so zu raten? Phorbas Uralte, unerschütterliche Treu. Pythia Du übtest doch Verrat an deinem Herrn. Phorbas An dem; die Längstgestorbnen ehr' ich mehr. Pythia Den Erichthonius und Erechtheus meinst du? Phorbas Sie zeugen bei den Schatten noch von mir. Pythia Und strebte heut dein Anschlag auch für sie? Phorbas Ja, vom Verderben ihr Geschlecht zu retten. Pythia Stand das bevor von dem harmlosen Knaben? Phorbas Trophonius hat es deutlich prophezeiht. Pythia Das war es, daß ihr nicht Apollen euch Allein vertraut und jenes Nachtweissagers Aussprüche mit den seinigen gepaart. Die Unterwelt wühlt aus den düstern Klüften Herauf und möchte gern was Köstliches Zu sich herunter ziehn: So schickt sie Träume, Manch ängstigendes Phantom, das wirklich wird, Weil wir es fürchten; so erteilt sie Sprüche, Die der Erfüllung Grund bloß in sich tragen. Nicht wilde Triebe haben dieses Tags Begebenheiten blindlings mißgeordnet, Ein wunderbar Verhängnis ahn' ich drin, Das dich und deine Gattin, edler König, Und, samt euch beiden, den geliebten Sohn, Verstrickt hat: Bald entwirrt wird dieser Faden, Gesponnen an der Parzen ewgen Spindeln, Aus Labyrinthen der Feindseligkeit In liebeselige Gefild' euch führen, Auf daß ihr glauben lernt an höhern Rat. Der Gott will nicht bestürmt sein: Freie Gabe Ist des Orakels Wort, und fruchtlos wär's, Das Gefragte wiederum zu fragen. Doch hier in seiner Nähe darf ich ruhn, Mich einsam still versenken in Beschauung, Ob er mir Licht in die Gedanken sendet; Durch Wolken strahlen ist ja seine Art. Du, zögre noch zu handeln, opfre, bete, Daß neuverliehne Gabe nicht um den Besitz Dich täuschen mag, daß nicht sich Sohn und Gattin Einander wechselweise dir entziehn. Xuthus Tu, was dir weise dünkt; ich, was mir geziemt. Ich führ' es aus, was ich dir angekündigt: Denn Ungestraftheit ist Entheiligung, Und wer die Bösen anklagt, dient den Göttern. (Pythia zieht sich unter die Vorhalle des Tempels zurück. Xuthus mit Phorbas und Gefolge ab.) Vierter Aufzug Erster Auftritt Kreusa Es sei drum, länger halt ich es nicht aus. O diese Angst ist tausendfacher Tod! So will ich lieber hier die Stirn ihm bieten, Daß er mit einem Streiche rasch mich treffe Und von der Qual mich lös' und von der Schmach. Die lange Stunde hab' ich hier und dorthin Versteckt umher gezittert, wie die Hindin, Wenn sie den jungen Löwen brüllen hört. Ich hört' ihn brüllen: Wald und Felsenklüfte Beschwor er, ihm mein Haupt doch zu verraten, Das er mit aller Götter Fluch belud. Ringsum verdoppelte der Widerhall Die Stimme des Verfolgers, und dann riefen Ihm Ion! Ion!« die Gefährten zu, Als wäre dieser Nam' ihr Jagdgeschrei, Womit sie mich von allen Seiten schreckten. Da riß ich endlich mich hervor: Ich wag' es, Und stelle mich dem Licht des Tages dar. Was hau' ich wohl zu wagen? Ach Kreusa! Unseliges, verzweiflungsvolles Weib: Nach dem, was du getan und was erlitten, Ist dir noch andres übrig auf der Welt, Als gleichen Mutes deinen Tod bestehn? Wie hat dich denn die Feigheit übermannt? Doch nein, ich will nicht fälschlich mich verklagen; Es ist der Tod nicht, dessen Blick ich scheue: Daß ihn des Jünglings Hand mir geben soll, Das, das fällt mich unüberwindlich an, Verwirrend, scheucht in Raserei mich fort; Und wie ich auch mit angeschwelltem Stolz Die Brust von innen mir zu stählen suchte, Sooft ich sie dem Pfeil entgegentrug, Zerrann des kalten starren Muts Ägide In Furcht und weiche Lebenshoffnung wieder. Laß sehn, ob uns dies Heiligtum beschirmt. Wie sollt es? Mich verfolgt ja sein Bewohner. Gleichviel, ich wähle dennoch diesen Sitz, Erwarte hier mein Schicksal, unablöslich Mit meinen Armen den Altar umstrickend. (Sie setzt sich auf die Stufen des Altars und umfaßt ihn) (Sie sinkt in Ermattung) Und wenn ich sterben muß, so soll mein Blut Die Opferstätte wenigstens beflecken, So gräßlich sie beflecken, daß kein Weihrauch Und keine Reinigung sie je entsühnt. Mein letzter Schrei soll durch die Lüfte dringen Zum selgen Göttersitz, so herzzerreißend, Daß er, der mich verdirbt, erblassen muß. Das ist die einzge Rache ja des Weibes, Hilflos und sterblich, ihre Jammerseele Vor des Vernichters Antlitz auszuatmen. Weh! Lohnst du so der Geliebten, Apoll? O wie anders gelobt hast du mir damals, Als ein arglos Kind jungfräulichen Tritts Ich allein lustwandelt' auf Frühlings Aun Und der Blumen, des Laubs hellfarbigen Putz In das faltig geschürzte Gewand las. Da erschienest du mir holdselig und groß, Goldlockig das Haupt in ambrosischem Duft, Lächelnd in ewiger Jugend und Schönheit, Und ergriffst süßschmeichelnd mit Worten die Hand, Daß der blumige Schatz, unschuldig beklagt, Der sich Sträubenden, ach, aus dem Busen entfiel. Sanft riefst du mir zu: Nymphe, getrost! Laß Den verwelklichen Schmuck auf den Boden sich streun, Lieblich und zahllos schwellen ja selbst dir Auf den Lippen die purpurnen Blüten der Lust, Neu sprossend, sooft sie ein'n Kuß da pflückt. Die laß sich entfalten, und siehe, wie schön Liebe sie dir zum unsterblichen Kranz flicht. So umhauchtest du mich mit berauschendem Wahn, Nicht half ohnmächtiges Rufen, wie rasch Zu der Höhle des Pan du mich hinzogst. Weh, wehe dir, Tag! Heimliches Lager du, Götterumarmungen, schwanger mit Unheil! Weh, weh euch gesamt! Wie ein Meer wild braust, so umdrängten mich bald Träumende Wehmut, hinschmachtender Gram, Die errötende Scheu und erblassende Angst. Der Verwaisten gebrach weiblicher Zuspruch, Still trug ich allein des Geheimnisses Last Und des Lebens, das Tod mir zu drohn schien. Wes Mund spricht aus der Gebärerin Not, Der Verlaßnen von Göttern und Sterblichen ganz? Und sodann, o Schmach! Wie Verbrechen und Raub Zu verleugnen Apolls heiligen Sprößling! Kundige Felskluft, wo ich ihn hintrug, Zu dem Lager, das erst ihm den Ursprung gab, Schweigen und Finsternis, Mitwisser allein! Zeuget mein endlos wehklagendes Leid, Ihr vernahmt es ja, da der Knabe nach mir Ausstreckte die Händchen, begehrend die Brust, Die auf immer von ihm grausam sich losriß. Doch ich ließ ihn dort wie ein köstliches Pfand, Nicht wie ein unnütz lästiges Besitztum, Welches in Eil auf die Straße man hinwirft; In die Windeln gehüllt, die ich emsig gestickt, Oft sie mit Tränen genetzt bei der Arbeit. Auch manch Kleinod legt' ich ihm bei noch Und die Schlangen von Gold, des erhabnen Geschlechts Urkundlich Bild, Die mich selbst ehmals in der Wiege bewacht. Du aber, Apoll, hast ihn verwahrlost, Undankbar dem liebenden Lager und mir, Wie der rauhste Barbar nie hätte getan; Gabst Raubtieren des Waldes dein Kind Und den Vögeln des Himmels zum Gastmahl, Während du ruhig im heitern Olymp dort Knüpfend die traubigen Locken des Haupthaars, Anstimmest der Zither geselliges Spiel, Das melodische Herz mit Gesänge dir labst Und der Musen unsterblichen Chor führst. Noch nicht genug! Da lange kinderlos Ich endlich den gerechten Stolz vergesse Und dem Orakel nah' um Rat und Trost, Beschließt der große Gott mich wegzuräumen, Weil meine Gegenwart ihn hier beschämt. Dem Gatten, dem ich duldend mich gesellt, Weist er als Sohn zu seinen Tempeldiener, Den ich mit Wohlgefallen töricht sah, Der schmeichlerisch erst mein Vertraun entlockt. Doch bald bestellt ihn Phöbus mir zum Mörder Und überläßt, wie ein zu kleines Ziel, Die einst geliebte Brust dem falschen Knaben. O allzu schmähliche Erniedrigung! Bin ich nicht einen deiner Pfeile wert? Hier sitz' ich, biete deinem Zürnen Trotz: Triff mich mit deinen blitzenden Geschossen Erbarmungsvoll und ende meine Qual! Denn alles, was einst Niobe gefühlt, Als du ein Volk von Kindern ihr erwürgt Und grausam auch nicht eines übrig ließest, Das fühl ich um den Säugling, deinen Sohn. Ach, dies zu denken, ist's, was mich versteinert! Schon stockt der harte Marmor mir im Herzen Und wächst durch meine Glieder eisig fort. Wenn ich den schnellen Tod vergeblich rufe, Soll hier mein Auge diese Pforte hüten, Als schaut ich gegenüber dir ins Antlitz, Bis ich ein tränenvoller Fels geworden, Zum Denkmal deiner Liebe, deiner Lust! (Sie sinkt in Ermattung) Zweiter Auftritt Kreusa, Pythia hervortretend unter dem Säulengang des Tempels Pythia Was hör ich? Ja, die Hoffnung trog mich nicht, Es wird mir Licht gewährt. Ich kann nicht zweifeln: Sich ohne Zeugen wähnend hat die Arme Ihr Innres ohne Rückhalt offenbart. Nun erst begreif ich ganz des Spruches Sinn, Durch mich erteilt. Gesegnet diese Stunde, Die alles freundlich löst. Ich geh, ich eile, Das Denkmal der Geburt des teuren Pfleglings Herbeizuholen, das die jetzt Erbitterten Zum engsten Liebesbund vereinen wird. (ab) Dritter Auftritt Kreusa, Ion Ion Vergeblich alles! Jede schroffe Spitze Hab' ich erklommen, stieg in jede Schluft hinab, Kein zweifelhaft Gebüsch und Dickicht ließ Ich undurchspäht, und nirgends ihre Spur! Verschlang die Erde sie? Hat sie verzweifelnd Von des Parnassus Gipfeln sich gestürzt In unermeßnen Abgrund, oder hat Der Himmlischen einer mir die Verfolgung Vereitelt, um die Straf ihr abzuwenden? Doch seh' ich recht? So ist's. – Kreusa, höre! Dich ruf ich, dich. Kreusa (sich aufrichtend:) Was soll ich noch vernehmen? Ion Ich heiße diese Stätte dich verlassen. Kreusa Als Schutzgenossin faß' ich den Altar. Ion Errötest du nicht vor des Tempels Stirn? Kreusa Eh sollte Phöbus wohl vor mir erröten. Ion Du fügst zum Frevel noch den Übermut. Kreusa Und dich verblendet unbelehrte Jugend. Ion So jung ich bin, erkenn' ich doch das Recht. Kreusa Denkst du an mir es durch Gewalt zu üben? Ion Fort von geweihter Stätte, noch einmal! Kreusa Nicht einem Knecht gehorcht die Königin. Ion Doch reinem Priesterwort die Mordbefleckte. Kreusa Mit welchem Mord hätt' ich mich befleckt? Ion Mit meinem, wandt' es anders nicht der Gott. Kreusa Du siehst, er beut auch der Verfolgten Zuflucht. Ion So willst du nicht freiwillig sie verlassen? Kreusa Heil oder Tod trifft mich entschlossen hier. Ion Ich reiße dich mit stärkerm Arm herab. Kreusa Wie schön der Tempeldiener seinen Herrn doch ehr Ion Nun wohl: Auch dort ereilet dich mein Pfeil. Kreusa Der Flehnden Blut wird den Altar besudeln. Ion Es wird ihm als willkommnes Opfer fließen. Kreusa Ich bin bereit. Jetzt naht sich mein Verhängnis. Lisch, Sonnenlicht, mir aus! Empfange mich, Nie aufgehelltes Dunkel, Nacht des Erebus! ( Sie verhüllt sich ) Ion Ihr, hohe Parzen, lenket meine Hand. (Tritt zurück und legt einen Pfeil an den Bogen) Vierter Auftritt Die Vorigen, Pythia mit einer Dienerin, die ihr einen Korb nachträgt. Pythia (tritt zwischen sie:) Halt ein, verwegner Jüngling! Lehrt' ich so Dich die Asyle deines Gottes ehren? Ion Befrein ja will ich eben dieses da Von ihr, der Schuldgen, die es frech entweiht. Denn weilt sie hier, so zieht die blutge Spur Stiefmütterlichen Mordes bald ihr nach Die Rachejungfraun aus der Nacht uraltem Reich, Ein scheußlich Graun in diesen lichten Hain. Pythia Dir ziemt es nicht zu richten noch zu strafen, Denn dich empört der Jugend heftig brausend Blut. Dankopfer und Gelübde solltest du Dem Sohne Latonens bringen, welcher dich, Vorschauend, an des Orkus Toren warnte Und denen, die dir Feindliches ersannen, Wer weiß, von welches Dämons Wahn besessen, Die endlos namenlose Reu erspart. Laß jetzt die Waffen und dein wild Beginnen, Und hör', da du nun bald aus Delphi wanderst, Mein scheidend Wort, und nimm die letzte Gabe. Bei diesem greisen, längst verblichnen Haar! Wie eine Mutter hab' ich dich von Anfang Geliebt, gepflegt, im Herzen dich getragen. So hofft ich, auch als Sohn dich zu erwerben: Das ist ja süßer Ehrenlohn der Eltern, Auch sterbend noch fortblühen sich zu sehn; Der Tod kommt wie in Freundesnäh ein Schlummer, Wenn Kindeshand die müden Augen zudrückt. Ich hoffte, hier dich einem frommen Leben Zu hinterlassen, wenn ich bald nun schiede; Nicht einsam selbst nach dir zurückzubleiben. Der Götter Rat beschloß es anders. Wohl! Apoll, der stets dich väterlich versorgte, Hat unter Sterblichen dir einen Vater Nun zugewiesen, dem du folgen mußt. Noch bist du mutterlos: Drum siehe hier, Was dir die Mutter finden helfen kann. Bisher hielt ich es sorgsam dir verborgen, Damit dich nicht ein unruhvoller Trieb Auf blinde Abenteu'r ins Weite risse; Auch bangend, das Geheimnis deiner Abkunft Möcht' unerfreulich, heillos sich enthüllen. Doch des Gebieters Wink vom Dreifuß heißt Auch diesen Zeichen einen Mund mich leihn: Jetzt mögen sie dir sagen, was sie können. Da nimm das Körbchen zur Begleitung mit Auf deinen Weg, worin ich erst dich fand, Samt allem, was es Köstliches enthielt: Dich, einzig Kleinod, nahm ich nur heraus. (Die Dienerin setzt das Körbchen vor Ion nieder) Ion Wie dank ich dir, du Segensspenderin? Was du mir weise vorenthalten, Pythia, Gewährst du gütig, da die Zeit gekommen. O süße Wiege! Kleiner Nachen du, Worin ich, auf des Lebens wüsten Meeren Bewußtlos ausgesetzt, umhergeschwankt, Wie einer, der vom Schiffbruch kaum sich rettet! Seh' ich dich wieder? Bist du 's wahrhaft auch? Ich grüße dich mit liebevollen Augen, Die über dir von milder Ahnung taun: Denn Bürge bist du mir und Pfand, daß ich Nun meine Mutter bald umarmen werde. Ich muß den Deckel heben, um von innen Dich zu betrachten. Sieh, da sind die Windeln, (Er kniet hinter den Korb und nimmt die beschriebenen Sachen heraus.) Die meine schwachen Glieder erst umhüllt. So zart von weiblich kluger Hand gestickt! Ein Zeichen, daß, die mich gebar, die Müh' Nicht schonte, mich zu pflegen, wenn sie nur Ihr seid mir teurer, kindische Gewänder, Als golddurchwirkter Purpur, den fortan Ich als der Sohn des Herrschers tragen soll. Was find ich hier? Geschmeide, Perlen, Spangen, Wie königliche Jungfraun sie besitzen. So reich war sie und doch so unbeglückt; Gezwungen, ihren Erstling auszustoßen! Da, hier ein Ölzweig; wie? Was deutet der Wohl anders an als die Herkunft aus Athen, Der ölbegrenzten Stadt der hohen Pallas? Und frisch noch, nach so viel verfloßnen Jahren? Von welchem Wunderbaum ward er gepflückt? Zwei goldne Schlangen endlich hier, beweglich Geringelt, gleich als wenn sie Leben hätten; Was muß ich denken, und wie löst sich dies? Hört' ich nicht erst, im Erechthidenstamm Sei 's Sitte, die den Kindern beizulegen? Ich staun' und staun' und kann es nicht enträtseln. Kreusa (die gegen das Ende der vorigen Rede aufmerksam geworden ist, sich entschleiert und aufgerichtet hat, stürzt sich vom Altar herunter in Jons Arme:) Mein Sohn! Mein Sohn! Ion Wie ist mir? Du, Kreusa! Kreusa Sieh deine Mutter, Ion. Ion Ja, du bist's. Kreusa Mein und Apollos Sohn! Ion O hohes Wunder! Kreusa O Wonn' und Jubel! Ion Freudenreiches Licht! Kreusa Ich halte dich, du lebst. Ion Fand ich dich wirklich? Kreusa Dir wollt' ich einen Todesbecher reichen! Ion Nach diesem Busen hat mein Pfeil gezielt! Kreusa Kannst du mir je verzeihn? Ion Ach süße Mutter! Kreusa Fast nahm ich dir zum zweiten Mal das Leben. Ion Du gabst es mir und, was ich bin, ist dein. Kreusa Noch quillt die Lieb in ungehemmten Strömen. Ion Und hat des Zornes Gluten längst gelöscht. Kreusa Entzücken, unaussprechliches Entzücken! Wie Lüfte der glückselgen Inseln haucht es Um meine Brust und hebt und wiegt mich fort In taumelnder Bezaubrung aller Sinne. Bin ich es noch? Die schwer verworrnen Träume Sind wie im Lethe weggespült, vergessen Ist alles sonst, nur eines halt ich fest: Daß du mein Sohn, Apoll dein Vater ist. Ion Die so sich freut, muß meine Mutter sein. Ich glaub auch, ja ich glaube stolz und kühn Mich aus des Welterleuchters Lieb entsprossen, Zu dem stets kindlich mein Gemüt sich wandte, Die Wolken durch, dem blauen Äther zu. Doch wie es zuging, kann ich noch nicht fassen. Hast du von einer Freundin nicht erzählt, Die aus Apollos heimlicher Umarmung Ein Kind empfangen und es ausgesetzt? Kreusa Die war ich selbst, versteckt mich dir verratend, Ich sprach mit dir von dir und wüßt' es nicht. Pythia Ich war dir unvermutet nah, Kreusa, Als einsam du in schmerzlich Angedenken Und, wie verschmäht, in Klagen dich ergössest. O hättest du dich früher einer Freundin Vertrauen mögen, die, bejahrt und ruhig, Gern ein geängstigt Herz der Last entledigt! So hättest du in der Verblendung nicht Die Nächsten dir entfremdet und beinah Um ein Erröten all dein Glück verscherzt. Kreusa Dir unterwerf ich willig meine Schuld: Nicht bloß der Zukunft weise Deuterin, Ich seh in dir die hohe Schicksalsgöttin, Die, was sie prophezeit, selbst erfüllt. Drum walte, Pythia, ferner über uns. Pythia Sprich, denke von der Sterblichen mit Maß, Die dadurch nur Unsterblichen sich nähert, Daß sie in Demut ganz dahin sich gibt. Ion Wie ich's betrachten mag und drüber sinnen, Stets mit der Freud' erneut das Wunder sich. Wie kam mit mir dies Körbchen her nach Delphi, Wenn du mich in Athen ans Licht gebarst? Gabst du's vielleicht vertrauten Händen mit? Kreusa Ich bracht' es selber in die Grotte Pans, Empfahl es da der Obhut aller Götter, Vor allen deines Vaters, der, so scheint's, Von dort zu seiner Wohnung dich entrückte. Ion Und wann geschah's, daß wir uns so verloren? Kreusa Die vorge Nacht erfüllte sechzehn Jahr seitdem. Ion So lang ist's grade, seit mich Pythia Frühmorgens auf der Tempelschwelle fand. So weit her kam ich in so kurzen Stunden! Pythia Den Göttern, Kind, ist noch viel Größres leicht Ion Allein, wenn Apollo mich zu sich nahm Und aufzog als den Seinen, ihm zum Dienst: Wie führt' er jetzt dem Xuthus mich entgegen, Als dessen echten leiblichen Erzeugten? Pythia Nicht trüglich war des Gottes Ausspruch, aber Voreilig hat ihn Neigung mißgedeutet. Er hieß den Gatten deiner wahren Mutter Als Sohn dich nur erkennen, weil bei deiner Geburt die Fackel Hymens nicht gestrahlt, Auf daß dir ein Geschlecht und Erbteil würde; Und Xuthus wünscht' und wähnte dich sein eigen. Ion So laß uns, teure Mutter, zu ihm eilen, Auch ihm zu lösen, was sich uns gelöst. Ich bin nun euer beider: dein geboren Und ihm geschenkt durch des Erzeugers Wahl. Ich, der ich wider Willen euch entzweit, Muß euch zur schönsten Eintracht neu vereinen. Kreusa Mitnichten, holder Knabe! Hoffe nicht Das auszugleichen, was unheilbar ist. Ich habe dich, du wirst von mir nicht lassen, Und nimmer kehr ich zum Gemahl zurück. Dich zu verderben strebt' ich Rasende, Da du, mir fremd, von ihm entsprossen schienst; Nun, da sich's wendet und ans Licht hervortritt, Daß ich dich zwar Verlornen heimlich hatte, Nicht kinderlos zuvor, bei ihm es blieb, Und des vertrauten Betts Genossenschaft Seit der Vermählung so viel Jahre täuschte: Wie kann ich Xuthus' Antlitz je noch sehn Ohn' unauslöschlich brennendes Erröten? Ion Weh mir! So schämst du mein, des Armen, dich? Kreusa Du, Götterjüngling, bist mein Stolz und Ruhm, Der sterbliche Gemahl beschämt mich nur. Schon der Gedanke ist mir unerträglich. O laß uns fliehn, eh' er uns überrascht! Ion Wohin entfliehn? Kreusa Fort zu entfernten Städten. Ion Dein Vaterland, den Thron willst du verlassen, Bedürftig, hilflos in die Fremde wandern? Kreusa Du bist mir Reichtum, bist mir Heimat nun, Bist mir des Erichthonius Heldenhaus Und aller schutzverwandten Götter Tempel. Mit dir bedarf ich keines andern Glücks. Pythia Zum zweiten Male, Königin Athens, Reißt heute schon Verblendung und der Eifer Des stolz mißtrauenden Gemüts dich fort. Die besten Gaben, hast du selbst erfahren, Verkehrt ein Sinn, der sie nicht still empfängt. Es wird dich, mir zu folgen, nicht gereun. Wenn du dich mit dem Sohn vom Gatten wendest, Verschmähst du ihn nicht bloß, du lehnst dich auf Des Gottes deutlich kundgegebnen Willen. Er hieß den König selbst ja seinen Ion An Sohnes Statt aufnehmen in eur Haus, Um euer aller Bündnis zu begründen. Kreusa Doch wird mir Xuthus glauben, dieser Jüngling Sei wahrhaft aus olympischem Geblüt? Und daß ich nicht die irdsche Schuld zum Wunder Jetzt zu verklären suche? Hab ich doch Kein andres Zeugnis als die eignen Schwüre. Pythia Er wird gewiß. Die wundervolle Rettung Des Säuglings; seine Pfleg' im Heiligtum; Apollos Sorg und Obhut, die, entlassend, Ihn einem edlen Vater übergab; Eur Wiederfinden, eur Erkennen, hier Am selben Ort, der Jons erstes Los bestimmt, Wie vor des Gottes huldgesenktem Antlitz; Und selbst der Zeiten Kreislauf, dieser Tag: Das alles spricht mit vieler Zeugen Mund. Wohl nichts von solchem schnellen Wechsel ahnend, Wird Xuthus die erkornen Bürger Delphis, Noch eifernd, wie er drohte, rufen zum Gericht. Geh, Ion, such ihn auf: Erzähl' ihm alles, Wie sich 's begeben, und bered ihn her. Wir wollen die Versöhnung dann vollenden. Indes erhole du, Kreusa, dich, Von Leid erschüttert und gewaltger Lust. (Alle ab) Fünfter Aufzug Erster Auftritt Ion, Xuthus Ion So ist es, teurer Vater, wie ich sagte; Du weißt den Hergang nun der ganzen Sache. Xuthus Sehr Wunderbares muß ich da vernehmen, Fürwahr! Allein auf deinen Lippen wohnt Die offne Redlichkeit, du kannst nicht lügen; Du glaubst an die unglaubliche Verknüpfung: Doch weißt du, ob nicht Trug sie dir gewebt? In höchst gelegnem Augenblick erschienen Die Zeichen deiner Herkunft: Konnten sie Nicht vorbereitet sein, um deinen Zorn Wie Zauberlieder zu besänftigen Und dich, sirenengleich, an ein Gestade Verderblich falscher Liebe hinzulocken? Ion Es hat sie Pythia verwahrt. Du wolltest An Lügenkünsten die mitschuldig achten, Durch deren Mund Apollo Wahrheit redet? Xuthus Die Priesterin hat mit beredten Worten Sich für Kreusas Rettung erst verwandt. Doch richt' ich nicht; schon kommen Delphis Älteste Zusammen, diese mögen das entscheiden. Ion O nein, nicht so, mein Vater und mein Fürst! Was zwischen dir allein und deiner Gattin In stiller Traulichkeit und ohne fremde Dazwischenkunft geschlichtet werden muß, Das ziemt sich nicht vor ein Gericht zu stellen. Entlaß es gleich, wenn du mich irgend liebst. Xuthus Mir schenkte das Orakel dich zum Sohn, Und scheinst du gleich abtrünnig fast geworden, Will ich doch gern mich väterlich beweisen. Dies ist der Erstling deiner Bitten, Kind, Die darfst du nicht vergeblich tun. Es sei. Ion Begnadge denn auch jenen greisen Knecht, Den treuen Kindheitspfleger des Erechtheus, Den bloß Verblendung feindlich mir gemacht. Entlad ihn deines Zorns und seiner Fesseln. Xuthus Ein großes Wunder, wahrlich, ist geschehn, Was es auch sei: Denn völlig umgewandelt Erkenn ich dich nicht mehr. Ich glaubt in dir Vorhin des eignen Blutes Art zu sehn, Ein königlich Gemüt und tapfern Trieb. Nun bist du voll unmännlichen Erbarmens, Wie ein von Weibern auferzogner Knabe. Ich achte den für einen wackern Mann, Der seinen Freunden wohlzutun versteht, Doch Feinden Böses vielfach auch vergilt. Wohl! Mir geliebt es, töricht sein mit dir: Er lebe denn, ihn strafe seine Schmach. Nur andre Schenken wollen wir bestellen, Er bleibe stets von unsern Bechern fern. Ion Du spottest, Xuthus, über mein Begehren. Doch laß mich fragen, ist's nicht auch zuweilen Mannhafter Seelen wert, enthüllte Tücken Mit Gleichmut übersehn, vergessen, die Ohnmächtig an uns abgeglitten sind? Der Gott gab selber uns der Großmut Wink, Da er vorbeugend seine Boten sandte, Daß der Versuch nicht bis zur Tat gedieh. Xuthus Der Götterwinke priesterliche Kunde Mag Ion besser wohl als ich verstehn. Von Sterblichen genügt dir überhaupt Kein Vorbild mehr; du strebst nun einzig, uns Des Latoniden Abglanz darzustellen. Ion Bist du nicht auch Olympiern verwandt? O bei dem Zeus, der deinen Vater zeugte, Der gern die Gast' und Fremdlinge geleitet, Wie ich, ein Gast, zu dir eintreten soll! Nein, stoße mich nicht von dir, bester Vater! Ich lasse nimmer ab: denn das Orakel Gab ja nur darum mich zu eigen dir, Daß ich dir nach und deinen Taten eifre, Die durch die Welt des Ruhmes Fittig trägt. So leite denn mich, väterlich gesinnt, Und lehr mich Herrscher sein und Held wie du. Xuthus Du ehrst die Abkunft, wessen du auch seist, Mein wackrer Ion; denn wie bildsam Wachs Soll in des weisen Alters Hand die Jugend Sich fügen, bis sie sich herausgestaltet Und felsenfest in Männerkraft nun dasteht. So ward die Vorwelt groß: Sie schreibt uns vor, Die Väter achten. Einen solchen Jüngling, Wie dich, wünsch' ich zum Sohn mir oder keinen, Er sei nun leiblich oder angenommen. Laß küssend mich von neuem segnen deine Stirn. Zweiter Auftritt Die Vorigen, Pythia Pythia Ja, dieser Anblick ist mir festlich wert; Ich sehe, mein geliebter Zögling fand Nicht bloß des Vaters Namen, auch sein Herz, Und bin getröstet, daß er von mir geht. O König: Eine düstre Wolke hatte Sich um uns her gelagert, doch sie hat In Blitzen ausgewittert, die nicht trafen, Und heiter ist der Himmel, wie zuvor. Xuthus Spurlos vergehn die neblichten Gebilde Von irdschem Ursprung an des Äthers ewgem Blau, Doch unverwüstbar ist nicht das Gemüt; Wenn fremder Leidenschaft geschwollner Strom In des Wohlwollens fruchtbare Gefilde Feindselig einbricht, so zerreißt er sie Mit tiefen Furchen, die sich nimmer ebnen. Wie kann ich es Kreusen je vergessen, Was sie getrachtet wider diesen Knaben, Als er nur mein und nicht der ihre schien? Jetzt, da sich 's ganz verschieden offenbart, Steh' ich ihr gegenüber, wie sie mir vorhin, Stiefvater ihres zugebrachten Kindes; Und muß sie Gleiches nicht von mir besorgen? Pythia Dein Edelmut verbürgt ihr, daß du nicht Den Liebling, den wie eine Himmelsgabe Du von Beginn dir angeeignet hast, Der Mutter Schuld entgelten lassen wirst. Und wenn du deren noch gedenken magst, So denk auch, daß ein flüchtger Wahnsinn sie Ergriffen hatte, daß sie in dem Ausspruch, Der ihr den längst vermißten Sohn zurück Durch deine Hände schonend reichte, nur Getäuschte Hoffnung und Verzweiflung sah. Ihr Glück lag ihr zu nah, es wahrzunehmen. So schwärmte sie in ferner Übel Furcht. Auch was Trophonius geweissagt, hat Sie irrgeleitet: denn ihr Argwohn deutete Das Unheil auf den dir verliehnen Knaben, Was über sich sie selbst herbei nun zog. Du, ruhiger und weiser, wirst nicht recht Zum zweiten Mal dem finstern Seher geben, Indem du dich von deiner Gattin wendest Und Zwietracht nährst und so dein Haus zerrüttest. Xuthus Wahr ist 's, wenn ich in mir herauf sie rufe, Die Bilder, welche mich in jener Höhle Lichtlosen Blitzen gleich umgaukelt haben, Erkenn' ich wohl, was sie mir angekündigt, Und seh' es schon erfüllt. Ein Jüngling zielte Nach eines Weibes Brust, doch schoß er nicht; Des Argwohns Nattern, die ein liebend Paar Umwanden, konnten wieder sich entwirren, Wie diese ganze Schattenwelt zerfloß. Nicht jenseits ihrer Deutung noch zu toben, Verwarnt uns das: Mit diesen leeren Schrecken War abgeküßt der Neid der Unterwelt, Und des Besitzes Ruhe könnte nun Beginnen, aber unbefriedigt läßt Mich das Orakel von sich, mir verlieh Es nicht, was meine Frage bittend meinte. Denn mit dem angenommnen Sohne noch Bleib ich ja erb- und kinderlos, und Hellens Geschlecht versiegt in mir und Jovis Blut. Pythia Einmal Verheißnes wieder zu verkünden, Verschmähte wohl der zuverläßge Gott, Doch ist es dein, wenn du es nicht vereitelst. Er hieß fortan dich dankbar ehren, wer Des Sohnes holde Gabe dir verliehn. Das zogst du auf den Scher selbst; es galt, Wie nun sich 's offenbart, der Mutter, die, Zwar furchtsam schweigend, dir ihn zugebracht. Vorbeugend sprach 's Apollos Fluid, damit Nicht seiner frühen Liebe spät enthüllte Frucht Dein und Kreusens Bündnis stören möchte, Auf welchem schöne Hoffnung ruht. Xuthus Ein leichtes Spielwerk, seh ich, sind wir Sterblichen Dem Doppelsinn der Göttersprüche nur. Sie auszulegen ziemt wohl der Prophetin, Doch, Pythia, du schmeichelst mir zuviel. Denn wird Erechtheus' Tochter, die Genossin Des Delphiers, nun anerkannt von ihm, Noch nach dem irdischen Gemahle fragen, Das altgewohnte Lager nicht verschmähn? Es blüht ein Sprößling ja der Erechthiden, Dem Thron des heiligen Athen ein Erbe; Und unwillkommne Nebenbuhler nur Könnt' unsre Ehe diesem Erstling schaffen. Pythia Wie fern ist solch ein Übermut von ihr! Sie fühlt ein innig Unrecht gegen dich, Im langen Schweigen der Vergangenheit Und in den wilden Taten dieses Tages. Du stehst als Sieger rein und ruhmvoll da, Wenn du des Zornes Regung nur bezähmst. Ein edler Mann nutzt nicht die Übermacht, Noch tiefer ein beschämtes Weib zu beugen. Xuthus Wo weilt sie aber? Sie vermeidet mich. Pythia Sie zögert bangend, bis sie erst vernommen, Was meine Red' auf dein Gemüt vermocht, Und, irr ich nicht, ist sie uns nahe Zeugin. Dritter Auftritt Die Vorigen, Kreusa Kreusa (wirft sich vor Xuthus nieder, mit der Linken seine Knie umfassend, die Rechte gegen sein Kinn erhoben:) Mein königlicher Gatte, kannst du mir Verzeihn, daß ich ein hoffnungslos Geheimnis (So schien es mir) mit dem verschwundnen Säugling Vor dir in Schweigen und des Orkus Nacht begrub? Ach, es vergessen könnt' ich nimmer doch, Und sechzehn Jahr' beklemmt es meine Brust, Bis heute, da ein mißverstandner Ausspruch Der Hoffnung letzte Stütze mir entzog, Es über mich hereinbrach, wie ein fallend Haus, Daß ich, vernichtend, zu vergehn beschloß Und mich den Furien ganz zum Raube gab. Für mich begehr' ich nichts, für Ion einzig Das Wiederkehren deiner Freundlichkeit. Gewähre denn mir Frieden, daß wir nicht Sein Herz entzwein, wenn er uns feindlich sieht, Dir angehörig durch des Gottes Willen, Mir durch des mütterlichen Schoßes Recht. Xuthus Steh auf, Kreusa, Königin, steh auf, Und kenne besser mich! Nicht jugendlich Von heftig unbedachtem Mut getrieben, Lehn' ich dem waltenden Geschick mich auf, Noch mag ich rechten mit der Götter Tun. Ich glaube deinem Wort, daß unser Liebling Des Latoniden echt Erzeugter sei: Doch das genügt nur mir, ihn zu erkennen. Gab' uns ein sichtbar Zeichen der Olymp, Das der erstaunten Welt den Zweifel nähme, So wollt ich diesen Tag zum zweiten Mal Als Fest begehn: Der nah verwandte Gott Würd' unsern Bund verjüngen, höher weihn; Ein neuer, jubellauter Hymenäus Sollt angestimmt uns werden, und ich führte In bräutlich frohem Pompe nach Athen dich heim. Kreusa Nicht eiteln Ruhmes halb, um vor den Menschen Zu prangen in dem Kranz der Götterwahl, Den langes Leid um meine Stirn gewelkt, Um deinetwillen wünsch' ich solch ein Zeichen, Doch darf ich es nicht hoffen; denn Apoll, Des ich mich lang geschämt, schämt wohl sich meiner. Drum laß dir genügen: Die allmächtge Liebe, Die mich in diesem Jüngling neu gebiert Und mir ergebnem Sinn wie nie zuvor Dir, seinem zweiten Vater, hin mich gibt, Beweise dir, es sei ein göttlich Pfand. Ion O Wonn und Segen, ihr geliebten Eltern, Zum ersten Mal gemeinsam mir begrüßt! Kreusa! Xuthus! Fehlt nur das, den schönsten Verein euch zu vollenden und mein Heil? Wohlan! Es hebt und regt ein schwellend Hoffen, Begeistrung atmend, dies mein junges Herz: Ich bitte dreist, was zweifelnd ihr begehrt. O du, der dieses Tempels Räum' erfüllt Mit unsichtbarer hehrer Gegenwart Und droben himmelwandelnd, herrlich strahlt Und nimmer fern ist und mein Flehn vernimmt! Schon da ich bildlich nur dich Vater nannte, Sehnt ich mich oft, dein Antlitz einst zu sehn; Ich wandte wie der Sonnenblume Kelch Mich ahnungsvoll zu deinem ewgen Licht. Jetzt bitt ich heißer, brünstiger und kühner; Ich maße mir nicht an, wie Phäton Die Flammenross' am Firmament zu lenken, Verkennend mein Vermögen und mein sterblich Los: Der Lieb Erwidrung fordr' ich kindlich nur Und meines Ursprungs himmlische Gewißheit. O bei der Süßigkeit des Vaternamens! Gib mir dein Anschaun, wenn du mich erzeugt. (Donner und Blitz) Pythia Mein Ion, welch Erkühnen! Aber wie? Der Boden scheint zu beben, und mit Stamm Und Laub und Ästen wankt der heilge Lorbeer, Es blitzt, ein Schein vergoldet rings den Hain. Ja, die Erhörung naht sich: Zaget nicht! Vierter Auftritt Die Vorigen, Apollo erscheint in der Pforte des Tempels Apollo Her komm ich von Olympus' wonnelichtem Saal, Wo mich, inmitten ewgen Musenchorgesangs, Fernher umsäuselt deine Sehnsucht, lieber Sohn. Mein bist du, das beteur' ich, nicht beim schwarzen Styx, Bei meiner Roßhufquelle Silbersprudeln dir. Drum schau ins Antlitz kühn mir, wie des Adlers Sohn Den jungen Fittig gleich der Sonn entgegenschwingt, Und dieser Leier unverstimmbar reiner Klang Hall in deines Lebens Harmonien nach. – Empfang ihn du, Kreusa, wohl bewahrt zurück, Der schönen Lust Andenken, die mich noch entzückt, Denn unvergänglich ist der Dank der Himmlischen. Flicht, lang noch blühend, um dein glorreich Diadem Lorbeer zusammen mit des Ölbaums eignem Laub. Du, Xuthus, wirst das holde Lager nicht verschmähn Ob meiner offenbarten Mitgenossenschaft. Gottgleiche Schönheit lockte Götter oft ja schon Zu nahn in Liebe; so entsproß Heroenkraft. Sei Jons Vater, wie dein Ahn Deukalion Mit Zeus gemeinsam Vater deines Vaters hieß. Eh das Gestirn den Jahresumlauf noch vollbringt, Trägt einen zweiten Sprößling deiner Gattin Schoß, Den nenn Achäus: Hochgewaltig wird sein Ruhm In Pelops' Eiland; unsers Erstlings Nam und Volk Soll aus Athen aufblühen weit nach Asien. Nun feiert mit Päanen dieses Tages Rest Und kehret friedeselig morgen alle heim. Gedenkt, mir gastbefreundet, fern an Delphi noch, Der sonnumstrahlten Erde Mittelsitz und Thron.   (Der Vorhang fällt unter Donner und Blitz)