Die Hopfenbrockerin Eine Erzählung aus dem Bayerwald und der Holledau von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Meiner hochverehrten Landsmännin Frau Anna Neumaier in Eschlkam mit herzlichem Gruße zugeeignet                                                       vom Verfasser     I. »Vaterl, schau nur g'rad, die Pracht! Da is's ja wunderschön!« Das war der Ausruf eines jungen Mädchens, das in Gesellschaft einer Truppe ärmlich aussehender Leute an einem schönen, aber sehr schwülen Augustabend das Sträßchen von Cham gegen Falkenstein dahergewandert kam. Bis jetzt hatte eine Waldung die Aussicht gehemmt, an deren Saum angelangt, aber eröffnete sich den Blicken der Wanderer die geradezu paradiesische Landschaft von Falkenstein. Rings umher prächtige Nadel- und Buchenwälder, im Thal saftiggrüne Wiesen, durch welche sich in sanften Windungen ein hellglitzernder Forellenbach hinzieht; inmitten des Thalkessels aber, auf einem mit mächtigen Tannen und Eschen bewachsenen kegelartigen Berg die kühn im Gevierte erbaute Warte des Schlosses Falkenstein, eine der schönsten Ruinen des Bayerlandes. Die über die westlichen Waldberge sinkende Sonne überflutete die Burgruine, sowie den Berg, an dessen Fuß sich die hübsche Ortschaft Falkenstein anschmiegt, mit rötlichem Duft. Die östlichen Wälder schienen mit purpurnen Schleiern überdeckt, und ein in allen Farbentönen prangender, sich allmählich in das Blau des Zeniths verlierender Himmel überwölbte dieses Eden, die Perle des oberen bayerischen Waldes. 8 Der ältliche, hagere und in gebückter Haltung dahinschreitende, sichtlich ermattete Mann, an welchen obiger Ausruf gerichtet war, warf wohl einen Blick auf das prächtige Landschaftsbild, aber er hatte an dessen Schönheit weniger Interesse als an der Weite der Entfernung, welche ihn noch von der Ortschaft trennte, wo Rast und Nachtherberge genommen werden sollte. So antwortete er der Tochter nur: »Hätt'n wir nur scho' a Nachtherberg! Mei', Traudl, i bin so viel müad!« Müde und ermattet waren auch alle anderen, die sich in Gesellschaft der beiden befanden. Es waren durchwegs sehr arme Familien, zwei Männer abgerechnet, nur aus Weibern und Kindern bestehend, von denen die kleinsten von den Müttern auf dem Rücken, in Tüchern eingewickelt, getragen wurden. Wer kein Kind trug, war mit einem Pack belastet, in welchem sich die notwendigsten Kleidungsstücke befanden. Das war auch bei Traudl der Fall, während ihr Vater einen alten Lederranzen um die Schultern hatte. Mit Ausnahme dieser letzteren waren alle barfuß. Den Kopf hatten die Frauen durch ein dreieckiges, unter dem Kinn gebundenes, leichtes, buntfärbiges Tuch geschützt. Allen rann der Schweiß von der Stirne, einige Kinder weinten wegen Ermüdung, Hunger oder Durst, während die Eltern beschwichtigten und auf baldige Ruhe und Verpflegung in dem nun um ein gutes Teil näher gerückten Falkenstein vertrösteten. »I muaß a bißl ausschnaufen, Traudl,« sagte der Alte. »Da lauft a Quellbach übers Straßl; a frischer Trunk wird mir wohlthun.« Damit setzte er sich unter eine riesige, zunächst des 9 Weges stehende Eiche. Die übrigen Wanderer ließen sich dadurch in ihrem Weitermarsch nicht aufhalten. »Kannst es nimmer damachen, Schleifer-Toni?« riefen ihm einige zu. »Gelt, gegen d' Franzosen is's halt leichter ganga als zum Hopfenfeldzug in d' Holledau?« »Ja, ja,« entgegnete der Alte, »bin halt aa jünger gwen. Geht's nur zua, i kimm bald nachi.« Sie gingen auch, sich nicht weiter um den Alten und seine Tochter bekümmernd, sondern nur für sich und die Ihrigen besorgt, der nahen Raststätte zu. Es waren durchwegs Leute aus einer am Fuße des Osser gelegenen Spiegelschleife, welche infolge Uebereinkommens sämtlicher deutscher Spiegelwerke auf längere Zeit ihre Arbeit eingestellt hatte, um einer Ueberproduktion vorzubeugen. Um den Entgang des Verdienstes teilweise zu decken, wanderten nun die Leute zum Hopfenbrocken in die Holledau, wo ihrer auf etliche Wochen ein verhältnismäßig guter Verdienst wartete, zu dem selbst der leichten Arbeit wegen die Kinder beitragen konnten. Traudl hatte sich zum Quellenbächlein begeben und füllte einen gläsernen Becher, welchen ihr der Vater aus seinem Ranzen gereicht, mit frischem Wasser. Das Mädchen, welches die umgebende herrliche Natur betrachtet hatte, war von hoher Gestalt und einer geradezu auffallenden Schönheit, welche durch den ärmlichen, aber sauberen Anzug nicht beeinträchtigt wurde. Traudl hatte ein längliches Gesicht, mandelförmig geformte, dunkle Augen, von langen Wimpern beschattet, frische rote Lippen, welche beim Oeffnen zwei Reihen perlengleicher weißer Zähne zeigten. Um ihren mit schwarzen Zöpfen umflochtenen Kopf trug sie ein gelbes, unter dem Kinn gebundenes 10 Tuch, den Leib umschloß ein ausgewaschenes rötliches Perskleid und eine blaue Schürze. Ihr Vater war in einen Zwilchanzug gekleidet, der zwar gewaschen, doch allenthalben die rötliche Farbe der in Glasschleifereien verwendeten roten Erde durchschimmern ließ. Als Kopfbedeckung trug er eine mit Fuchspelz verbrämte, alte schirmlose Mütze. An seinem Janker hingen die Kriegsdenkmünzen der beiden letzten Feldzüge an verblaßten Bändchen, deren Farbe kaum mehr zu erkennen war. Ein grauer Vollbart umrahmte sein blasses Gesicht, nach welchem jetzt das mit dem gefüllten Becher zurückkommende Mädchen besorgt blickte, da es bemerkte, wie schwer er atmete. »So, Vaterl, iatz trink und wohl bekimm's dir!« sagte Traudl. Der Alte trank den Becher leer und legte ihn dann neben sich. Auch Traudl ließ sich nun neben ihm nieder und band den Pack von ihrem Rücken los. »Gelt, bist aa recht müd?« fragte der Alte. »No', so passabl,« entgegnete die Tochter lächelnd. »Aber seit i den wunderschön Anblick da hab', moan i grad, i fühl mi wieder so frisch und munter, wie heut fruah, wo wir unser Roas antreten ham.« Und sie blickte wieder mit Vergnügen in die herrliche Landschaft. »Unser Roas?« wiederholte spöttisch lächelnd der Alte, »sag, unsern Hopfenfeldzug. Hätt' freili nöt denkt, daß i's no' mal so weit bring. No', in Gottsnam, d' Füaß halten scho' no' aus, trotz die Feldzüg' – aber halt 's Herz, dös will nimmer pariern. A bißl halt no' ausschnaufen, daß's wieder in richtigen Gang kimmt.« »Rast' di nur aus. Eh's Nacht wird, kömma ma 11 scho' no' auf Falkenstoa und i tracht' scho', daß wir a gscheite Nachtherberg kriegen.« »In ara Streuschupfen, wenn's guat geht,« meinte der Alte. »A Bett giebt's nit für uns in dem Feldzug, wo's uns ja dennast – hat's ja am Herweg scho' g'sehgn – nur als a G'sindel betrachten. I wollt', wir wär'n scho' wieder dahoam. D' Muatta wird a Angst hab'n um uns; wenn's nur nöt wieder krank wird; und wir san so weit furt von ihr!« »Sie is ja, gottlob, wieder guat beisamm', und d' Mändlnachbarin hat uns ja heili versichert, daß 's b'sorgt sei' will um sie, und ihra Sohn, der Fritz schreibt uns schon diemaln, wie's ihr geht.« »Ja, der Fritz hat's uns g'hoaßen,« meinte der Alte. »Ueberhaupts hat er si brav ang'nomma um seine Landsleut, hat uns in Wolnzach beim besten Hopfenbauer eindingt, und is uns redli beig'standen mit sein' Rat.« »Und 's G'leit hat er uns aa no' geb'n heut in aller Fruah. I glaub', er wär' am liebsten ganz mitganga.« »Ins Hopfenbrocken moanst?« entgegnete mit bitterem Lächeln der Alte. »Wär'n ma scho' am Ziel! Der weite Weg in d' Holledau – der weite Weg!« »Es is nöt gar so weit, Vaterl. Von Regensburg ab fahr'n ma mit der Bahn gen Ingolstadt zua, und so kömma ma leicht ans Ziel.« »Wenn nur 's Geldei langt für d' Bahn!« meinte der Vater. »Dös hab' i scho' auf der Seiten,« versicherte Traudl;»'s is mei' Erspart's von der Fabrik.« »Aber halt sunst ham wir so viel wie nix!« warf der Alte ein. 12 »Wenn alle Strick reißen, verkauf i dös goldne Ringl da vom Bruada Franz,« versetzte das Mädchen, den schmalen goldenen Reif an ihrem linken Goldfinger betrachtend. »Red nix von dem, durch den will i koa' Wohlthat erfahr'n – lieber betteln!« rief der Alte, schneller atmend. »Vater, er is ja dei' oanziger Sohn!« beschwichtigte das Mädchen. »Gottlob! daß i nöt mehr solche hab,« entgegnete der Vater. »Er kennt uns nimmer, seit er's zu was bracht hat. Er schaamt si, daß wir grad Schleifersleut san und hat's vergessen, daß i und 's Muaderl unser Herzbluat für eam geben hätten. Sei' Zahlung is Undank, dös schlechteste, was 's giebt auf der Welt: Undank gegen d' Eltern!« »Aber Vater, woaßt denn nöt, daß sei' Frau an allem schuld is?« »D' Frau? Der Mann, der an' Charakter hat, laßt si'n durch d' Frau nöt nehma. Wir ham unser Alles g'opfert, daß wir 'n was Rechtschaffens ham lerna lassen, ham 'n in d' Handelsschul g'schickt in d' Stadt, und als er firti is gwen, hat eam unser Fabrikherr an' guaten Posten z' Nürnberg verschafft. Nöt lang is's herganga, hat er si mit der Tochter von sein' Prinzipal in Verspruch geben und hat s' g'heirat. Er is a g'machter Mann worn, is Teilhaber im großen G'schäft von Kleinschwert, hat a schön's Haus, und i, sei' Vater, muaß in meine alten Tag ins Hopfabrocka wandern, auf daß wir uns Erdäpfel und a Kraut für'n Winter kaufa könna –« »Vaterl,« beschwichtigte Traudl, »muaßt nöt so scharf 13 sei', er woaß's halt aa nöt, wie's mit uns steht, seit d' Fabrik aufg'lassen is.« »So guat, wie wir, woaß er's. Moanst, i woaß nöt, daß eam d' Muatta verstohlns g'schrieben hat, wie i so krank gwen bin im Auswärts (Frühjahr) und d' Not am irgsten war? Um a bißl a Geld hat s' 'n bitt', daß wir die bös' Zeit überdauern kinna. I hab' sei' Antwort g'lesen, ganz zuafälli bin i dahinter kömma – woaßt, wie die g'laut' hat?« »Vaterl, reg' di nöt auf!« bat Traudl. »Sei' Frau erlaubt's nöt, daß er uns a Geld schickt und – wir soll'n uns halt besser einschränken und – pfui Teuf'l, i mag gar nöt dran denken!« »Davon woaß i nix,« versetzte Traudl, über die Herzlosigkeit des von ihr geliebten Bruders errötend. »I kann's aa nöt begreifen. Aber Vaterl, wie moanst? Kannst scho' wieder marschier'n? Es möcht' spät wern, bis wir ins Quartier kömma.« »Ja, ja, genga ma. Aber z'erst no' an frischen Trunk! Mi hat die G'schicht ganz damisch g'macht.« Das Mädchen sah besorgt nach dem sichtlich mit Unwohlsein kämpfenden Vater, und eilte zur Quelle, um den Glasbecher zu füllen. In diesem Augenblick kam ein offener Zweispänner die Straße von Cham hergefahren, in welchem ein in einem eleganten Sommeranzug gekleideter, etwa dreißigjähriger hübscher Mann, dessen Oberlippe ein kleines, dunkles Schnurrbärtchen zierte, saß. Er schien von der sich plötzlich eröffnenden, schönen, herrlich im Abendschein liegenden Landschaft ebenfalls überrascht zu sein und hatte sich, um 14 besser sehen zu können, im Wagen erhoben, als er des alten Schleifers und seiner Tochter ansichtig ward. »Fehlt dem Mann dort etwas?« fragte er das Mädchen und befahl dem Kutscher, zu halten. »Müad is mei' Vaterl vom weiten Marschieren,« erwiderte Traudl, »und übers Herz klagt er.« »Da kann ich vielleicht helfen,« versetzte der junge Herr, sprang rasch aus dem Wagen, und eilte zu dem Schleifer hin. »Da, nehmt einen Schluck von diesem Kognak,« sagte er, ein Fläschchen aus seiner Tasche ziehend; »das befördert die Herzthätigkeit besser als das leere Wasser hier. Trinkt nur und wohl bekomm's Euch!« Der Alte that einen kräftigen Schluck. »Vergelt's Gott!« sagte er dann. »Dös is an' echter, den kenn i von Frankreich her.« »Ah, Ihr seid Veteran?« versetzte der fremde Herr, die Feldzugszeichen an des Schleifers Janker bemerkend. »Da ist es ja heilige Pflicht jedes Deutschen, Euch beizustehen in der Not. Behaltet das Fläschchen; Ihr braucht es nötiger, wie ich.« Jetzt erst faßte er das nebenanstehende Mädchen näher ins Auge, das dankerfüllten Blickes zu ihm aufsah. Der Zauber der Unschuld, der aus diesen wunderbaren, dunklen Augen sprach, das auffallend schöne Gesicht im Verein mit der schlanken, ebenmäßigen Gestalt machten den jungen Mann im ersten Augenblick etwas verwirrt. Sein Auge war wie gebannt auf dieses Mädchen, über dessen Schönheit er die ärmliche Kleidung ganz übersah. »Wohin geht euer Marsch?« fragte er endlich. »Für heut auf Falkenstoa,« erwiderte Traudl, »dann weiter Regensburg und Ingolstadt zua in d' Holledau.« 15 »Da kann ich euch in meinem Wagen bis Falkenstein mitnehmen,« entgegnete der Fremde. »Vaterl,« rief Traudl erfreut, »dös is ja a wunderbars Glück!« Dem alten Schleifer entging es nicht, wie des Fremden Blick fortwährend mit einer Art Bewunderung auf seiner Tochter haftete. Auch er sah jetzt aufmerksam nach dem Mädchen, dessen schönes Gesicht von der untergehenden Sonne rosig angehaucht war, und in diesem Augenblick erkannte er es vielleicht zum erstenmal, wie schön seine Tochter sei, daß sie zur Jungfrau aufgeblüht, und es kam ihm der Gedanke, daß der Fremde weniger aus Barmherzigkeit gegen ihn, als aus Wohlgefallen an seiner Tochter ihm so gütig entgegenkam. Deshalb sagte er: »I dank schön, Herr, für Enkern guaten Will'n, aber i kann's Fahr'n nöt vertragen; bald bin i wieder zamg'richt, und der kloane Weg strengt mi nimmer an.« »Aber Eurer Tochter wär's doch lieber, wenn –« »Mei' Edeltraud thuat dös lieber, was i will,« entgegnete der Alte bestimmt. »Also vergelt's Gott –« Der Fremde merkte aus dem Ton des Alten wohl, daß derselbe Mißtrauen gegen ihn hatte. »Ich hab Euch Beistand leisten wollen,« sagte er, »Ihr weist ihn zurück, also kann ich wieder gehen. Ich wünsche Euch recht gute Besserung, und Euch – Edeltraud nannte Euch der Vater? – so viel Glück, als Ihr begehrt. Lebt wohl – das Fläschchen aber behaltet: ich bitte!« Dann begab er sich zu seinem Wagen, und nochmals seinen Florentinerhut lüftend, fuhr er grüßend von dannen. Noch einmal wandte er sich um und sah, daß Traudl ihm 16 nachblickte. Er grüßte zurück und erhielt von dem Mädchen den Gruß durch Erheben des Armes erwidert. »Traudl!« rief der Vater, da das Mädchen wie traumverloren dastand. »Traudl, wo bist denn?« »Bin schon da, Vaterl,« erwiderte diese rasch. »Aber moanst nöt, daß 's den braven Herrn kränkt hat, daß wir nöt mitg'fahr'n san?« »Müaßt si guat ausnehma, wenn Hopfenbrockaleut in ara Herrenkutschen daherg'fahr'n kömmaten. Wir san auf unsere Füaß ang'wiesen. Traudl, hör, du bist iatz koa' Kind mehr. Lass' di nöt anfechten durch a schön's Wort von an' Fremden. Trau neamd und denk alleweil dran, daß die schönst Zier und der größt Reichtum von an' Deandl ihra Unschuld is. Und iatz probiern wir's wieder – d' Sunna is drunt, trachten wir aa awi ins Quartier.« Traudl hing sich den Pack auf den Rücken, half dem Vater in die Höhe, und beide machten sich langsamen Schrittes auf den Weg. Die prachtvolle Färbung entschwand allmählich; immer mehr breiteten sich die Schatten über die Landschaft. Nur rosige Wölkchen schwebten noch auf dem goldgrünen Himmelshintergrund. Traudl war ihrem sonst heiteren Temperament entgegen nachdenkend. War es die Rede des Vaters, war es der Blick des jungen Mannes, sie fragte sich immer wieder, was fand er an ihr? Der Alte sprach fast nichts. Nur hin und wieder hing er sich fester an den Arm der Tochter, als fürchte er, daß sie ihm entrissen werden könnte. All seinen Gedanken gab er wohl in den Worten Ausdruck: »Liebe Traudl, i wollt, mir wären scho' wieder dahoam beim Muaderl.« 17 II. Es dämmerte bereits, als der Schleifer und seine Tochter die ersten Häuser von Falkenstein erreichten, wo sie die ersehnte Nachtherberge zu erhalten hofften. Aber diese Aussicht war sehr fraglich, denn noch standen die vorausgeeilten Hopfenbrocker jammernd und weinend vor dem Eingang zum Ort. Ein langer, hagerer, durch einen großartigen Schnurrbart martialisch aussehender Mann, nach der blauen Dienstmütze und dem langen blauen, rot eingefaßten Rock als Polizei- und Magistratsdiener erkennbar, verwehrte den Leuten den Eintritt, indem er dabei mit seinem Stocke herumfuchtelte, und sie aufforderte, anderswo Nachtherberge zu suchen. Die Ursache dieser Maßregel war ein in vergangener Nacht in einer Scheune ausgebrochener Brand, in welcher ebenfalls Hopfenbrocker genächtigt hatten, die aus Unvorsichtigkeit das Unglück verschuldet. Nur mit angestrengtester Mühe war es gelungen, des Feuers noch rechtzeitig Herr zu werden. Die Bevölkerung Falkensteins war infolgedessen heute hocherregt und man wollte den Ort von den durchziehenden Leuten, die nur in Scheunen herbergten, wenigstens für die nächsten Tage freihalten. Dazu waren wegen des morgigen Markttages in St. Quirin ohnedies sämtliche Wirtshäuser bereits von Kaufleuten überfüllt. Der Polizeidiener also fuchtelte mit seinem Stock und schien taub zu sein gegen das Geschrei der Weiber und das Weinen 18 der Kinder, die sich nach Rast und Nahrung sehnten, aber er kämpfte dabei sichtlich mit seinem guten Soldatenherzen. Das eiserne Kreuz und zwei Kriegsdenkmünzen waren ja an seinem Rock sichtbar. Er wurde jeden Augenblick weniger scharf, und es klang sogar gemütlich, als er sagte: »Liebe Leutln! I weiß, es is hart, daß ihr für dös G'sindel von gestern nacht büßen müßt, aber der hohe Magistrat muß vom höhern Standpunkt die Sache betrachten. Leutln, schaut's, daß's in die nächsten Bauerndörfer unterkömmt's, in Ruderszell, in Postfelden, da kriegt's Stroh und Millisuppen mit Jakobi-Erdäpfel. Und so schwenkt's rechts ab. Marsch!« Aber die Leute ließen sich nicht so leicht abweisen. Sie suchten zu vermitteln, und einige kleine Mädchen nahten sich ihm auf Geheiß ihrer Mütter und baten mit aufgehobenen Händen: »Bitt gar schön, Herr, laßt's uns eini!« »Patscherle, kloane, i därf ja nöt. Wißt's, was Pflicht is? Gel, dös wißt's nöt? Was i iatz thua, is Pflicht, is Disziplin, Gehorsam dem Befehl der Obern –« Er konnte nicht weiter belehren, denn Traudl und ihr Vater kamen herbei und wollten ohne Aufenthalt weiter. »Halt!« rief ihnen der Polizist zu. »Es wird nix passiert.« »Mei' Vaterl is krank,« erwiderte Traudl, »er kann nimmer weiter. Wir zahl'n unser Sach und betteln um nix.« »Bitt gar schön! Bitt gar schön!« schrieen die Kinder dazwischen, sich teilweise an des Polizisten langen Füßen anklammernd. 19 Dieser sah jetzt mit großen Augen nach dem hübschen Mädchen. »Donnerkeil!« rief er, »solche Augen schießen Bresche durch Stein und Eisen.« Aber er besann sich sofort wieder und fügte bei: »Mädel, es fällt mir schwer – aber es giebt keine Ausnahmen, so gerne ich auch – Donnerkeil!« »Bist iatz du nöt der Schirmer-Hans, der früher G'freiter bei die Elfer (11. Regiment) – fünfte Kumpanie – der 's eiserne Kreuz kriegt hat bei Wörth – Höllsaxendi – freili bist es!« rief jetzt der Schleifer-Toni. »Und ob i der bin!« erwiderte stolz der Polizist. »Mi kennt die ganz' Welt, aber du – was sehg i, du tragst ja d' Feldzugszeichen, bist Veteran! Kriegskamerad – ja für di gilt mei' Maßregelung nöt. Sag mir, wie 's d' hoaßt.« Dabei wollte er sich dem Schleifertoni nähern, aber die Kinder ließen nicht los von ihm und schrieen fortwährend wie aus einer Kehle: »Bitt gar schön! Bitt gar schön!« »Kannst di nimmer erinnern an 'n Anton Lechner von deiner Kumpanie?« fragte ihn dieser. »Donnerkeil! Der Anton Lechner! Mei' Kumpaniespezl! Ja, du bist es! Grüaß di Gott tausendmal!« Dabei drängte er sich zu dem Alten und reichte ihm herzlich die Hand, indem er fortfuhr: »Ja, freili, jetzt kenn i di so z'nach und z'nach. Woaßt no', wie wir nebeneinand den Sturm auf Wörth g'macht hab'n. Hurra! Bruderherz – solche Leut laßt ma nöt vor der Thür stehen. Du bist mei' Gast! Is dös dei' Tochter?« »Ja, mei' Edeltraud.« »Ah, pardon – Edeltraud? – Der Nama erinnert 20 mich – aber jetzt kommt's nur in mein Palais, daß wir uns dort ausplaudern könna.« Jetzt bemerkte er, daß der ganze Troß der Hopfenleute noch immer dastand und auf Einlaß hoffte. »Leutln!« rief er, »i hab' strengsten Befehl, heut koa' G'sindel in 'n Markt z'lassen. Also thuats, wie i Enk g'hoaß'n hab.« »Aber lieber Schirmer,« sagte der Schleifertoni, »wir, i und mei' Tochter g'hör'n ja aa zu dem G'sindel. Es san meine Landsleut, arme Schleifersfamilien, die gleich mir brotlos worn san. Druck halt an' Aug zua und hab a Herz!« »A Herz? Und ob i a Herz g'habt hon! I moan, dös sollst du wissen, und daß i no' oans hab, dös sollst glei sehn.« Und zu den Leuten sich wendend, rief er dann: »Auf die Fürsprach von mein' lieben Kriegskameraden Anton Lechner will ich, obwohl 's mir einen Verweis eintragen wird, Gnad für Recht ergehen lassen, denn, so viel ich jetzt erkenne, seid's ös koa' G'sindel, und mein Auftrag is nur gegen a solches g'richt'. Aber i bitt' mir aus, daß ihr euch nur in die äußeren Straßen begebt, damit –« »Die Leut soll'n nur mir nachgeh'n,« sagte jetzt ein herzugekommener, freundlich aussehender Bürger Falkensteins, »ich bring's schon unter. Kommt's nur – und zu essen sollt's auch kriegen!« Ein Jubelruf folgte diesen Worten. Schirmer aber rief: »Da seht ihr's, das is das goldene Herz von Falkenstein. Man kennt die Werke der christlichen Barmherzigkeit. Und also, habt wohl acht auf Feuer und Licht, das bitt ich mir aus und somit guate Nacht alle mitanand!« 21 Frohen Mutes folgten die Leute dem voranschreitenden Bürger. Schirmer aber sagte zu seinem Kriegskameraden und dessen Tochter: »Euch zwei nehm i ins Quartier. Mei' Weiberl wird 22 a mentische Freud haben, wenn s' di kenna lernt. Hab viel von dir diskriert.« Er plauderte auf dem ganzen Weg. Teils waren es Lobsprüche auf sich selbst, teils auf »sein Weiberl« und seinen »Muckl«, das einzige Kind. Die Falkensteiner guckten neugierig nach dem Alten und seiner schönen Tochter, sie glaubten nicht anders, als daß eine Arretierung stattfinde; man hielt die Leute für Böhmen. Die gemütliche Art und Weise, in welcher der Polizist mit den vermeintlichen Arrestanten verkehrte, hatte nichts Auffallendes; man war das von dem Veteranen gewohnt. Der Weg führte sie am Gasthaus »Zur Post« vorüber, in welchem der junge Mann, der ihnen seine Hilfe angeboten, abgestiegen war. Er blickte soeben aus einem Fenster des oberen Stockes und erkannte sofort die beiden wieder. Mit diesem Mädchen hatte er sich, seit er es gesehen, in Gedanken beschäftigt. Er erschrak förmlich, als er dasselbe jetzt als vermeintliche Arrestantin sah. Daß diese Leute nichts Uebles verschuldet, das verstand sich für ihn von selbst; es konnte also nur ihre Armut Anlaß zu einer solchen Behandlung gegeben haben. Sofort nahm er sich vor, beim Bürgermeister des Ortes für die Fremden einzustehen und ihnen seine Hilfe in jeder Weise anzubieten. Schirmer lenkte jetzt in ein Seitengäßchen ein, in welchem seine Behausung lag, die nach wenigen Schritten erreicht war. Es war ein kleines, sauberes Häuschen mit einem Vorgärtchen, in welchem Blumenflor und Gemüsebau sichtlich wohlgepflegt waren. Frau Schirmer, ein starkes, 23 robustes Weib, war gerade mit Ausjäten von Unkraut beschäftigt, als ihr Mann mit den Gästen ankam. »Weiberl!« rief er ihr zu, »da bring i mein' ehemaligen Kumpaniespezl, woaßt, 'n Anton Lechner, von dem i dir viel erzählt hab. Er und sei' Tochter – schau's nur an – der Lechner hat so a Tochter! – sind auf ara Fußreis begriffen und da hab i's eing'laden, bei mir ihr Absteigquartier z'nehmen, und so sag ihnen »Grüß Gott!« Lenerl.« Frau Schirmer musterte erst den alten, krank aussehenden Mann mit nicht gerade befriedigten Blicken, dann dessen Tochter. Beim Anblick derselben nahm ihr Gesicht sofort eine freundlichere Miene an, und mit angeborener Gutherzigkeit den Leuten die Hand reichend, sagte sie: »Grüß Gott alle zwei! Was mei' Mannerl thut, is mir recht, und so seid's willkommen. Kömmt's nur glei eini in d' Stuben.« Dort hieß sie die Fremden ihre Gepäckstücke ablegen und sich niedersetzen, was sich der Schleifer nicht zweimal sagen ließ. »Müad, müad!« seufzte er. »So rast's Enk nur aus. Was z'essen kriegt's glei,« sagte die Frau. »Nachher könnt's in der obern Stuben, die für unsern Muckerl alleweil imstand is, auf an' guat'n Bett g'höri schlafen. Für d' Tochter richt i schon a was z'am.« »O, mei',« versetzte der Schleifer, »wir möchten koa' Ung'legnat machen; für uns is ja an' Unterschluf im Heuboden aa guat gnua.« »Ja, wenn wir oan hätten, an' Heuboden!« versetzte lachend Schirmer, der jetzt seinen Dienstrock ausgezogen 24 hatte und sich im kurzen Gradelspenser präsentierte. »Bruderherz, jetzt san wir nöt in Frankreich, sondern z' Falkenstoa', der Perle des bayerischen Waldes, und als Gast von an' eisernen Kreuzritter kriegt mei' Kriegskamerad a Bett und koa' Heu, und sei' Tochter – wie hoaßt's jetzt glei wieder?« »Edeltraud oder kurzweg Traudl,« sagte das Mädchen. »Edeltraud! Der Nama erinnert mi – i woaß nöt glei –« »G'wiß wieder an a alte Bekanntschaft!« unterbrach ihn lachend seine Frau. »Kann wohl sein,« entgegnete der Mann, seinen langen Schnurrbart nach aufwärts drehend – »also, was hab i sag'n woll'n? – Ja, für d' Jungfer Edeltraud wird mei' Weiberl schon auch a entsprechende Liegerstatt herrichten. Jetzt aber mach, Lenerl, daß wir was z'essen krieg'n; für's Trinken sorg i schon, dös vergiß i nöt.« »O, unserthalben braucht's nöt viel,« versicherte der Schleifer abermals bescheiden. »A warm's Millisupperl – höchstens. Sunst hab i nach nix Verlange.« »A Millisupperl?« rief Schirmer. »Dös is nöt zu verachten, wenn ma nix anders hat. Aber – wenn man einen Herrn Sohn besitzt, der fürstlich Taxischer Jäger is, und dieser Herr Sohn, mit Namen Muckl, hin und wieder seinen Herrn Eltern ein Wildbret zukommen läßt, wenn's grad auch nöt die edelsten Teile vom Hirsch oder Reh sind: Spezl, dann menagiert man hochadelig, wie's einem Ritter vom Eisernen Kreuz ziemt. Und also, heut mittag war ein solcher Hirschragout-Tag mit Knödel, und abends is Repetitionsessen der reichlichen Ueberbleibsel, dazu ein 25 famoser Trunk aus unserm fürstlichen Brauhaus! Bruderherz, so was hält Leib und Seel zam!« Der alte Schleifer mußte lachen über den noch fortwährend anhaltenden guten Humor seines alten Kameraden. »Du bist halt alleweil no' der Alte!« sagte er. »Mei', dir geht's halt guat. Sag' – so is enk der Sohn halt recht anhängli?« »Der Muckerl? Dös versteht si! Unser Muckerl lebt und stirbt für uns,« rief Schirmer. »Dös muaß wahr sein,« fiel die Frau ein, welche den Tisch deckte. »Alleweil hat er no' Zeitlang nach uns, und so oft's eam sei' Dienst erlaubt, macht er uns die Freud' und b'sucht uns, is's aa nur auf etli Stunden. Und wie er moant, daß er uns a Freud machen kann, so g'schieht's. Ja, der Muckerl is scho' recht! Er halt dös vierte Gebot in Ehren.« »Dös könna nöt alle Eltern von ihre Kinder sagen,« meinte seufzend der Schleifer. »Vater!« rief Traudl bittend. »Wie moanst dös? Hast du aa an' Sohn?« fragte Schirmer. Der Schleifer nickte nur bejahend mit dem Kopf. Edeltraud aber antwortete für ihn und sagte nur, daß ihr Bruder Kaufmann in Nürnberg sei. Die Eheleute hörten das mit sichtlicher Verwunderung. »Donnerkeil!« sagte Schirmer mit einem Blick des Bedauerns auf die armselig gekleideten Gäste. »Und es is eam recht, daß sei' alter Vater ins Hopfenbrocken geht?« »Dös woaß er ja nöt,« erwiderte, wie entschuldigend, Traudel. »D' Arbet in der Fabrik is halt auf längere 26 Zeit eing'stellt worn und warum sollten wir feiern, wenn uns in der Holledau a kloana Verdeanst sicher is.« »Und da woaß der Bruada nix davon?« fragte Schirmer kopfschüttelnd und fuhr dann, zu seinem Freunde gewendet, fort: »Woaßt, Spezl, mei' Wort gilt was bei unserem Veteranenverein, i sorg, daß d' a G'schenk kriegst –« »Dös laßt bleiben, Schirmer!« unterbrach ihn der Alte. »I nimm koa' G'schenk. Was wir zur Roas' brauchen, dös ham ma. An' Almosen mag i nöt.« »No', wie 's d' willst! Aber von seine Kameraden därf ma schon ebbas annehma. Hast ja du im Feld aa mit manchem dei' Bißl teilt, was d' übri g'habt hast. Mi, Spezl, hast amal trinken lassen, just wie wir auf Wörth g'stürmt ham. Mei' Feldflaschen hat mir a Kugel wegg'rissen g'habt und mi hat dürst', mei' Zung war wie'r a Stückl trocken's Leder. Toni, hab i g'sagt, laß mi an' Schluck aus deiner Flaschen thoa. Mit Freuden! hast mir g'antwort. Trink, auf daß wir firti wern mit die afrikanischen Affen! Den Trunk vergiß i dir niemals, Bruderherz! Wir ham eahnas aber aa zoagt, dena Kerls. Bissen ham's wie d' Katzen und g'schrieen wie d' Teufel, aber es hat eahna halt nix gnutzt: die boarischen Teufel ham si nöt g'forchten und so um a Dutzend rum hab i schon zahm g'macht. – Aha! Spürt's den Duft vom Wildbret? Jetzt herg'sessen zum Tisch und zuagriffen nach Herzenslust!« Nach einem kurzen Tischgebet, welches die Frau vorsprach, setzte man sich zur Abendmahlzeit. Freilich konnte der Schleifer nur wenig davon genießen, so sehr ihm der Kamerad auch zusprach und mit 27 dem vollen, steinernen Maßkrug anstoßend, den im Volk der Umgebung bekannten Spruch des durstigen Falkensteiner Ritters Heinrich zitierte: »Ich bin der Herr von Falkenstein, Sauf aus und schenke ein! Hei! Das ist ein lustiges Junkerleben, So lange die Bauern Steuern geben.« »So hat's der Ritter amal g'halten auf unserer Burg oben, der mit 'n Humpen in der Hand no' abbild't is,« erklärte dann Schirmer. »Ja, die Burg, Leut'ln, müaßt's enk anschau'n!« »Dort oben muaß's schön sein!« meinte Edeltraud. »Die Schönheit sollst morgen seh'n,« versprach die Hausfrau. »Und mei' Weiberl expliziert alles so schö', wie der Pfarrer auf der Kanzel,« fügte Schirmer bei. »Ihr werd'ts es scho' sehg'n morgen.« »Morgen?« meinte Edeltraud, »da heißt's frühzeitig wieder weiter wandern, daß ma auf Regensburg kömma.« »Weiter nix?« rief Schirmer. »Auf Regensburg in oan Tag – bei acht Stunden Wegs! Daß mei' Spezl no' ganz auf'n Weg liegen bleibt? Da wird nix draus! Und morgen is Dienstag vor Bartlmä, wo in der Quer (St. Quirin) der berühmte Jahrmarkt abg'halten wird, zu dem von allerwärts her Waldler kömma. Mein Muckl erwarten wir auch. Also hoaßt's für morgen: dableiben! So laut' der Regimentsbefehl.« »Ganz richti!« setzte Frau Schirmer hinzu. »In der Fruah geh'n wir auf d' Burg und nachmittags auf'n Kirta. Is's, daß der Vater nöt mit will, so soll er dahoam bleiben und 's Haus hüaten.« 28 Traudls Augen glänzten vor Freude über diese ihrer harrenden Genüsse. Der Schleifer freilich meinte, daß er unmöglich dem Kameraden länger zur Last fallen könne, aber Schirmer sagte kategorisch: »I bin dei' erster Vorg'setzter als G'freiter bei der Kumpanie gwen, und heut stehst wieder unter mein' Befehl, und wie's 's Lenerl expediert hat, so g'schieht's. Verstandiwu? Und also sollst leben! Und jetzt sollst noch a Liadl hör'n aus unserer Feldzugszeit. Lenerl, bring' mir d' Guittar! Denn wißt's, Leutln, bei mir wird alleweil no' frisch g'sunga und 's liebste Lied is mir »Die Wacht am Rhein« – da geht mir's Herz auf und i moan, i seh's wieder vor mir, die Zuaven und Turkos, die wir glei' bei Weißenburg und Wörth bei die Ohren packt ham, so wild, daß's aa g'schrieen haben. Also singt's mit, allezam, denn dös Lied gilt so viel wie'r a Gebet für an' echten Deutschen.« Sofort ward denn auch das Lied angestimmt. Da war es denn Edeltraud, welche sogleich die erste Stimme sang, denn als die Tochter eines Veteranen war ihr das Lied von frühester Jugend auf bekannt und lieb, aber auch der Schleifer stimmte gern mit ein und es war ihm, als vergäße er alle Müdigkeit und alles Leid, das sein Herz erfüllt. Es klang gar prächtig in die laue Sommernacht hinaus. Die Fenster standen offen, außen gleißte das Mondlicht auf den Georginen und Malven, die sich leicht bewegten, als lauschten sie vergnügt dem Gesange im friedlichen Heim. Aber nicht die Blumen allein, sondern noch andere lauschten vor dem kleinen Häuschen, nämlich der Bürgermeister von Falkenstein in Begleitung des jungen 29 Mannes, welcher sich ganz besonders für die armen Leute zu interessieren schien. Derselbe war, wie erwähnt, zum Bürgermeister gekommen, um sich wegen der Arretierung der beiden zu erkundigen; er erfuhr indessen, daß von seiten des Polizisten keinerlei Anzeige eingetroffen. Er hatte sich dem sehr gefälligen Ortsvorstand als Otto Bergwald, Kunstmaler aus Nürnberg, vorgestellt. Bergwald hatte sich als Künstler schon einen Namen gemacht und dem Bürgermeister, der die Kunstberichte der Zeitungen mit Interesse verfolgte, war er nicht unbekannt. Otto war zunächst Genremaler und so hatte ihn die Szene, da er die beiden Fremden zum ersten Mal erblickte, wie die Tochter dem todmüden Veteranen aus dem Quellbächlein Wasser schöpfte, und ihre Gestalt von der untergehenden Sonne magisch beleuchtet war, sofort mächtig erfaßt und er suchte sie in seinem Skizzenbuch so gut wie möglich festzuhalten. Es war das Künstlerauge, das die Züge des fremden Mädchens sozusagen verschlang und dieses dadurch ganz eigentümlich berührte. Der Bürgermeister geleitete den jungen Künstler zur »Post« zurück, in deren Gastzimmer mehrere Einheimische und zur Sommerfrische anwesende Gäste ihr Abendbier tranken. Da ließ es aber Otto keine Ruhe. Er wünschte durchaus zu erfahren, welches Reiseziel die beiden Leute hätten. Des Mädchens so überaus ansprechendes, edles, unschuldsvolles Gesicht mit den wundervollen Augen, er mußte es nochmals sehen, ihr Bild womöglich mit seinem kleinen Handphotographenapparat fixieren und sah, wie jeder Künstler, schon dieses fertige Kunstwerk vor seinen 30 Augen, das er für die nächste Ausstellung in der Hauptstadt bestimmen wollte. Der Bürgermeister, welcher an dem Kunsteifer des jungen Mannes sein Wohlgefallen hatte, war erbötig, sofort nähere Nachrichten bei dem Amtsdiener einzuholen und lud den Künstler ein, ihn zu dessen Behausung zu begleiten. Sie erfuhren aber schon auf dem Weg dahin durch Nachbarsleute Schirmers, daß die Fremden Bekannte des Amtsdieners und dessen Gäste seien. Sie waren nahe an Schirmers Häuschen gekommen; nun lockte sie der Gesang weiter an und beide lauschten mit sichtlichem Vergnügen den schönen Tönen, die selbstredend nur von dem fremden Mädchen kommen konnten. Als das Lied zu Ende war, rief Schirmer: »Hochachtung, Jungfer Edeltraud! Das heißt man singen, da geht einem das Herz im Leib auf. Du kannst ja singen, wie r a Zeiserl. Da möcht i schon was extras von dir hör'n. Kannst was?« »Freili kann's was!« erwiderte der Vater. »Sing eahna a Liedl aus unserm Wald, woaßt, dös der Mändlfritz so gern singt,« und zu den andern setzte er erläuternd hinzu: »Dös is nämli der Sohn von unserm Nachbar und unser Schullehrer, a g'scheiter, a Raritäts-Herr!« »Und a g'mütlicher Herr!« vervollständigte Traudl. »Es war a Freud', bei dem was z'lerna. Und d' Musi versteht er, wie nöt leicht einer. Er komponiert selm die schönsten Lieder. Dös Lied vom Bayerwald hat aber an' ehemaliger Tischlerg'sell aus der Gegend von Eisenstein g'macht – 'n Dichterfritz hoaßen's 'n. Und also, Sie 31 begleiten mi?« bat sie Schirmer. »Es geht mit 'n G-dur-Akkord.« »Also guitarrkundig?« rief Schirmer. »Verstärkte Hochachtung! Sing – i bin g'richt'.« Und Traudl sang mit ihrer hübschen Naturstimme das Lied vom Bayerwald: »Dort wo die Bayerwaldler Riesen steh'n, Ihr kennt's es all', ihr habt's es all' scho' g'seh'n. Beim Burgstall, Arber und beim Ossaspitz, Dort is mei' allerliebster Heimatsitz. Dort rauscht das Bacherl hell, Ja wohl, bei meiner Seel, Wie nirgend sunst im ganzen Bayerland. Dort san die Leut' so bieder, fromm und treu Sie kenna d' Falschheit nöt, san allzam glei', Sie ham an' kecken Sinn, an' frischen Muat – D'rum bin i, Bayerwald, dir guat.« »Leut'ln, ja wie is mir damals g'wen, Wie i' mi' hab' im blau'n G'wandl g'sehn Und wie s' mi' ham in d' Kasern einidruckt, Wie hat's da d'rin im Herzel zuckt: Denn von mein Bayerwald, Da geh' i' g'rad mit G'walt, Wenn mi' der Herrgott einmal rufen thuat! Und wie i' kömma bin dann wieder z' Haus, Vor Freud' hab' g'laubt, i' kenn' mi' gar nöt aus, Hab' g'lacht, hab' g'jauchzt, hab' g'weint, ja nur daweg'n, Weil i' den Bayerwald hab' g'sehg'n.« Die Außenstehenden waren nicht weniger von diesem Volksgesang entzückt, als Schirmer und seine Frau, was der Hausherr durch ein Hoch auf die ausgezeichnete Sängerin und einen tüchtigen Trunk bekräftigte. Der Bürgermeister aber versprach dem jungen Künstler, er werde morgen alles 32 Nähere über Schirmers Gäste in Erfahrung bringen, und beide begaben sich wieder ins Gasthaus zurück. Für die Wanderer aber war es jetzt Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. Vorher aber ward noch der Schlaftrunk eingenommen, bestehend in einem »selbstangesetzten Heidelbeergeist.« »Das ist unser Falkensteiner Kognak,« sagte Schirmer. »Mei' Weiberl versteht si auf den Hoabeerlwein, sie macht 'n selm und – trinkt 'n aa selm. Also auf ihra Wohlsein, auf euer Wohlsein, und auf dös von mein' Muckerl! Alle soll'n leben!« »Und du daneben!« rief der Schleifertoni. Man stieß an und trank aus. Schirmer geleitete dann den Kameraden in Muckels Stube im oberen Stock, wo dessen Photographiebild, mit einem Eichenkranz umgeben, an der Wand hing, rings umgeben von Reh- und Hirschgeweihen und einem ausgestopften, falzenden Auerhahn. »Mein' Muckerl sei' Residenz!« berichtete Schirmer. »Du wirst 'n morgen scho' kenna lerna – a Prachtbua!« Traudl erhielt ein kleines Gemach nebenan angewiesen, doch blieb sie am Bett des Vaters, bis er einschlief. Er hatte noch im Halbschlaf an seinen Sohn gedacht, denn leise entfuhr es seinen Lippen: »'s müaßt schön sei', so an' Sohn z' haben!« 33 III. Am frühen Morgen des nächsten Tages hatten sämtliche Wäldler ihren Marsch nach Regensburg fortgesetzt, mit Ausnahme des Schleifer-Toni und seiner Tochter. Jener fühlte sich, trotzdem er ordentlich ausgeruht, doch noch sehr angegriffen. Der Frühstückstisch war in der Laube des kleinen Vorgartens hergerichtet, wo bereits der Hausherr, eine lange, mit Quasten versehene Pfeife im Munde, ein rotes Fez auf dem Kopf und mit seinem weißen Spenser bekleidet, eine großmächtige Kaffeetasse vor sich, Platz genommen hatte. Traudl hatte schon abends vorher ihr besseres Kleid aus ihrem Rückentuch herausgenommen und zurechtgerichtet. Es war von violetter Farbe, dazu eine weiße, mit Spitzen versehene Schürze, und um den Hals hatte sie einen weißen Spitzenkragen, beides von ihr selbst geklöppelte Arbeiten. Ein gelbseidenes Knüpftüchel vervollständigte ihren Anzug. Die üppigen, schwarzen Zöpfe hatte sie zu einem Nest aufgesteckt. Auch der Schleifer hatte sein Sonntagsgewand angezogen, bestehend in Janker und Beinkleid aus blauer Leinwand, einer Weste aus geblümtem Seidenstoff und einem rotseidenen Knüpftüchel unter dem weißen, umgelegten Hemdkragen. Die Kriegszeichen auf dem Janker waren mit besseren Bändern versehen, als auf dem gestrigen Gewand. »Donnerkeil!« rief Schirmer, da er die Gäste 34 herankommen sah. Der Ausruf galt dem schönen Mädchen. Er bot ihm galant die Hand zum Morgengruß und hieß Traudl neben sich Platz nehmen. Dann grüßte er den alten Freund, dem er den Ehrenplatz, d. h. denjenigen, von dem er die schönste Aussicht hatte, einräumte. Während der üblichen Nachfragen über das »Wie geschlafen?« und »Was geträumt?« schenkte die Hausfrau den Kaffee ein und bot dazu frischgebackene Semmeln an. »Schmecken lassen!« sagte sie, »die Sach ist da und euch von Herzen vergunnt.« »Nehmt euch ein Exempel an mir!« sagte Schirmer. »A guater Kaffee halt Leib und Seel z'am. Weißt ja Lechner, wie wohl er uns gethan hat in Frankreich drin.« »Ja,« meinte der Angeredete, »wenn wir halt oan g'habt ham!« »O, mir is er selten ausganga. Die Madames und Mademoiselles haben mir stets beim Abschied nebst einem – ich mein, eine Quantität Kaffeepulver mitgeben.« »Du hast es halt aa verstanden!« entgegnete der Schleifer lachend. »Hab' ich auch!« erwiderte, sich den Bart streichend und nach aufwärts drehend, der Amtsdiener. »I glaub', da könnt i schöne G'schichten erfahr'n?« versetzte die Hausfrau. »Aber i glaub, es is besser, i weiß's nöt. Was i nöt weiß, macht mir nöt heiß.« »Sag mir einer, ich hab' koa' g'scheit's Weiberl!« rief Schirmer. »Jetzt aber 's Programm für den heutigen Tag: Vormittag Besuch der Burg, was mei' Frau mit Jungfer – halt! heut muß man Fräulein sagen, meiner Seel!« »Bitt' schön, sagen S' kurzweg Traudl!« 35 »Nein, Edeltraud ist mir ansprechender. Also weiter: Nachmittag geht 's in die Quer zum Volksfest, wo ich dienstlich zugegen sein muß, um Gesetz und Ordnung zu handhaben. Du, Toni, bleibst natürli z' Haus, giebst mir auf alles, was da is, wohl acht und laßt dir's wohl sein. I hoff', daß der Muckl bis Mittag aa da is und – da werd's schaugn! Und daß i nöt vergiß! Zwoa Häuser weg von mir wohnt der Regensburger Bot', der Werner, gleichfalls an' Elfer von Anno 70, den b'suachst, der wird a Freud' haben! Jetzt aber muaß i aufs Rathaus, der Herr Bürgermeister erscheint pünktlich, und ich bin die Pünktlichkeit selbst. Also her 's Patscherl, liab's Edeltrauderl, gute Unterhaltung auf der Burg! Du, Lechner, kannst es von da herunt anschaug'n, und sollt' dir a Sehnsucht nach an' Radi kömma, dort steckens drin, g'fälliger Verlaub! Vergiß aber 'n Werner nöt!« Damit empfahl er sich, legte seinen Dienstrock an, setzte die Dienstmütze auf und verließ in wichtigem Dienstschritt sein Häuschen. Das vorgeschriebene Programm ward getreulich befolgt. Da Frau Schirmer wegen des Mittagsmahles frühzeitig wieder nach Hause mußte, machte sie sich, einen großen Strohhut auf dem Kopf, in Begleitung Edeltrauds, die zum Schutz vor den Sonnenstrahlen ein mit Spitzen besetztes weißes Tuch über den Kopf geworfen, sofort auf den Weg zur Burg. Traudel sah in ihrer heutigen Kleidung noch reizender aus, und alle Leute, welche den beiden im Markt begegneten, sahen mit Wohlgefallen nach dem schönen Mädchen, das nicht darauf achtete, da es gar keine Ahnung hatte, daß ihm diese Blicke galten. Die Hauptstraße des 36 schönen, äußerst freundlichen Marktes durchschreitend, kamen sie am Gasthaus »Zur Post« vorüber. Ganz zufällig blickte Edeltraud zu den Fenstern im oberen Stock empor, und bemerkte an einem derselben, den jungen Mann, seine Zigarre rauchend, der sich gestern so hilfreich gegen ihren Vater gezeigt. Sie fand es selbstverständlich, freundlich hinauf zu grüßen, was der Obenstehende natürlich erfreut erwiderte. Frau Schirmer nahm das Mädchen sofort »ins Gebet« und Traudl erzählte, was sich gestern ereignete. »No', dös war ganz schön von ihm, und es thut auch nichts zur Sach, daß d'n heunt grüßt hast,« sagte Frau Schirmer, »denn der Mensch muaß dankbarli sein für jede Guatthat. Aber i möcht' di doch warna, trau koan Mannsbild, den im Herrnstand scho gar nöt, denn du bist a brav's, sauber's Deandl, aber halt a Glasschleifers Tochter, an' arm's Hascherl, no' ja –« Und nachdem sie eine Weile geschwiegen, fragte sie geradeweg: »Sag' mir amal aufrichti, hast no' koa' Anfechtung von irgend wem g'habt?« »I?« fragte Traudl lachend. »Wie kömmet i dazua? Auf unserer Schleif völli einsam im Waldthal!« »No', überall giebt's Mannsleut, die an' Aug auf a schön's Deandl hab'n. I moan nöt d' Fabrikarbeiter. Es giebt ja andere gnua, Buchhalter, an der Grenz giebt's Aufseher oder Schullehrer, die schöne Lieder machen könna – hast ja gestern so oans g'sunga – wia?« »Dös Lied vom Mändlfritz moant's?« fragte Traudl und das freundliche Bild des Genannten stand plötzlich vor ihrem geistigen Auge. Den Gedanken, welchen Frau Schirmers Frage hervorgerufen, suchte sie dann sofort durch 37 die Antwort zu unterdrücken: »An so was hab' i no' gar nöt denkt.« »Denk' aa künfti' nöt d'ran! Denk, der Satanas steckt in an' jeden Mannsbild, der umherschleicht und zu verschlingen droht.« »No', Ausnahmen wird's wohl geben?« meinte das Mädchen, schalkhaft lächelnd. »Zum Beispiel Enka Mann, der Herr Schirmer, und Enka Sohn, der Herr Muckl –« »Ja, dene hab i 'n Teufel rechtzeiti austrieben!« Und möglichst hochdeutsch sprechend, fuhr sie fort: »Ueberhaupt's ist das die Kunst einer Frau. Du wirst schon g'hört haben, wie man Rosenwildlinge veredeln kann, so veredelt das Weib auch den Mann, daß er sich nur nach ihrem Willen nach und nach entwickelt. Du verstehst das noch nöt. Aber hüte dich! Der Versucher schreitet umher, wie ein brüllender Löwe. Aber jetzt muß i's Reden aufhörn, der Schloßberg macht schnaufen.« Der Bergkegel, auf welchem die Burg Falkenstein thront, ist über und über mit Granitblöcken besät, welche teils von der Natur, teils durch die Kunst mit Tannen und Eschen bestockt und mit grünem Buschwerk überzogen sind. Vielfache Wege und Stege führen durch diesen herrlichen Park zur Burg empor, teils durch enge Felsenklüfte oder weite Felsenthore, über kleine mit Stegen aus Baumzweigen überbrückte, lustig murmelnde Quellenbächlein, an Abgründen vorüberführendem, durch Naturholzgeländer geschütztem Pfad; hie und da eröffnet sich ein lachender Ausblick in das Thal und in die Ortschaft hinunter, überhaupt ein Naturpark, wie er schöner und großartiger nicht gedacht werden kann. Der ganze deutsche Wald mit seinen vorzüglichsten Bäumen und Sträuchern ist hier vertreten, 38 zahllose farbenprächtige Waldbäume zwischen üppigen, samtenen Moospolstern und schwankenden riesigen Farnwedeln eingestreut, erfreuen das Auge. »No', was sagst da?« fragte Frau Schirmer ihre Begleiterin. »I moan, i bin wieder dahoam in unsere Berg,« erwiderte Traudl, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Ja, was d' sagst! So schön kann 's ja dengerst bei enk im Wald nirgends sein?« »O ja,« erwiderte die Gefragte lebhaft. »Am Osser, am Arber und am Hohenbogen, da is 's grad so; freili nöt so bequem herg'richt't, aber halt viel größer, weiter, mächtiger, i kann mi nöt ausdrucken. Ja, ja, recht schön is 's da heroben scho', aber bei uns dahoam is's halt aa viel schö'. I freu mi scho' wieder auf hoamzu.« Frau Schirmer war nicht sonderlich ergötzt, daß das Mädchen den »hinteren Wald,« den sie stets nur als ein Sibirien bezeichnet hörte, einen Ort, »wo Hund und Katzen einander gute Nacht sagen«, schöner fand, als diesen wunderbaren Park. Indessen kamen sie am Thorbogen an, durch welchen man in den Burghof gelangt, welcher teils von dem Hauptstock des Schlosses, teils von schon verfallenen Arkaden umgeben ist. Daran stößt die ältere Schloßkapelle, zu welcher von diesem Bogen aus eine eigene steinerne Treppe emporführt. Der höchstgelegene Felsblock trägt den im Geviert erbauten und mit Zinnen geschmückten Wartturm, von dessen Höhe man eine prächtige Aussicht genießt. Frau Schirmer erzählte dem Mädchen von den tiefen Verließen, welche der Turm im Innern birgt. In einem noch erhaltenen Gewölbe desselben zeigt man viele 39 Porträts ehemaliger Besitzer, darunter auch jenes des Ritters mit dem Pokal, dessen Trinkspruch gestern abend Schirmer angeführt. Burg Falkenstein war ursprünglich eine Pertinenz der Grafschaft Bogen, kam später an die Landgrafen von Leuchtenberg und dann an die Herzoge von Oberbayern. Im Jahr 1641 von den Schweden zerstört, gelangte die Burg später an die Grafen von Türring-Jettenbach und 1829 durch Kauf an den Fürsten von Thurn und Taxis, welchem man die sorgfältige Erhaltung der Burgruine und der herrlichen Anlagen des Parkes verdankt. Am meisten interessierte Edeltraud die sogenannte »Weiberwehr«, ein befestigter Platz beim Einlaßthor. Hier hatten die Frauen des Marktes Falkenstein im Hussitenkriege den stürmenden Feind abgewehrt, welcher darauf in der Nähe von Cham von den Bürgern genannter Stadt und dem gesamten Landvolk der Umgegend aufs Haupt geschlagen wurde. Auf diese Merkwürdigkeit, die »Weiberwehr«, legte Frau Schirmer ganz besonderes Gewicht, indem sie, belehrend daran anknüpfend, mit Nachdruck sagte: »Da hat man ein Beispiel, was wir Weiber alles vermögen. Die Falkensteiner Weiber ham d' Hussiten vertrieben, die 's ganz' Deutschland in Schrecken g'setzt und große Heerhaufen überwunden haben.« Während dieser und anderer Gespräche hatten sie das »Schanzl« erstiegen, einen isoliert dastehenden Felsenkegel, mit dem Burgplatz durch eine Brücke verbunden, ungefähr 40 Meter hoch, mit herrlicher Aussicht in die blumige, von den Silberwellen des Perlenbaches durchschlängelte Thalmulde und auf die mit blauem Luftschleier umsäumten Höhenzüge des bayerischen Waldes. 40 Ein Ausruf des Entzückens entfuhr da dem Mädchen, aber es schwieg sofort wieder, denn der junge Mann von gestern lag hier auf den Fels hingestreckt und machte Zeichnungen in sein Skizzenbuch. Als er die beiden Frauen 41 bemerkte, erhob er sich und grüßte, sich an Traudl mit den Worten wendend: »Ah – wir kennen uns schon, nicht wahr? Wie geht's heute Ihrem Vater? Hat er sich erholt?« »I dank der Nachfrag,« entgegnete Traudl, »es geht ihm scho' besser – wir san ja so guat unterbracht, da bei Frau Schirmer.« »Habe die Ehre!« sagte der Künstler auf diese Vorstellung hin grüßend zu der Frau. »Die Ehr ist ganz meinerseits,« entgegnete diese verbindlich. »Ich habe recht bedauert, daß Ihr Vater gestern meinen Wagen nicht benützte,« wandte sich nun jener wieder an Traudl. »Aber Sie möchten vielleicht wissen, wer ich bin? Ich heiße Otto Bergwald und bin Kunstmaler aus Nürnberg.« »Kunstmaler?« versetzte Traudl. »Wie muß dös schön sein, wenn ma' dös, was ein' g'fallt, im Bild festhalten kann.« »Ja, gewiß ist das schön, sowohl bei der Landschaft, wie bei Personen, für die man Interesse hat.« »Da haben's g'wiß unser schön's Falkenstein zeichnet?« fragte Frau Schirmer. »Kann man's nöt sehn?« »Warum nicht? Es ist aber nur eine angefangene Skizze.« »Ja, ja, noch nöt ausg'führt,« that Frau Schirmer verständnisvoll. »Dös thuat nix. Lassen's mir's nur sehn. – Ah – schön – schön! Muaß sagen: Schön! Sprechend ähnlich!« »Was sagen Sie?« fragte der Künstler Traudl. »I kenn' ja nix und erlaubet mir gar nöt, zu urteilen,« lautete ihre Antwort. »Ach so, Sie kennen ja die Gegend noch gar nicht. Aber ich will Ihnen eine Skizze zeigen, über die können Sie vielleicht Ihr Urteil abgeben?« Er schlug einige Blätter in seinem Buch zurück und hielt dieses dem Mädchen hin. Es war eine mit Wasserfarben ausgeführte, flüchtige Skizze, welche einen erschöpft am Boden liegenden, alten Mann zeigte. »Jeß, mei' Vaterl!« rief Traudl. »Ja, wie is dös nur mögli, so natürli! Und sogar die zwoa Kriegszeichen! Dös is ja wundervoll!« »So sah ich ihn gestern zum erstenmal, als er Rast hielt,« sagte der Künstler erklärend zu Frau Schirmer, und dann zu Traudl: »Nun, da es Ihnen gefällt, zeige ich Ihnen noch eine weitere Skizze.« Er blätterte abermals im Buch und das Erstaunen Traudls ward aufs neue hervorgerufen. Sie sah ihr eigenes Bild, so wie sie gestern gekleidet war, mit dem gelblichen Kopftuch und dem rötlichen Perskleid nebst der blauen Schürze. »Herrjegerle!« rief sie, die Hände zusammenschlagend, »dös bin ja i! Dös bin i wahrhafti!« »Also hab' ich Sie getroffen?« fragte der Maler, sichtlich erfreut über diese Wirkung seiner Skizze. Statt des Mädchens antwortete Frau Schirmer, welche neugierig in das Buch geblickt hatte: »Ja, dös is d' Edeltraud, wie's leibt und lebt! Hexen Sie die Leut nur so in Ihra Büchl hinein? Da is ma ja koan Augenblick sicher, wo ma nöt aa verewigt wird.« Bei diesen Worten richtete sie sich den Hut etwas 43 zurecht, als erwartete sie, daß sie von dem Künstler sofort »verewigt« würde. Dieser jedoch schien sie nicht zu verstehen. Sein Auge war auf Traudl gerichtet, es war wieder derselbe durchdringende Blick wie gestern, der das Mädchen gleichsam gefangen nahm, ohne es jedoch aus der Fassung zu bringen. So fing es auch sofort wieder zu plaudern an. »Warum haben's grad mi in dös Buach 'nei'g'malt, an' arm's Schleiferdeandl? Und no' dazua im Wertag'wand.« »Weil Sie mich gerade so interessiert haben. Edeltraud – das ist doch Ihr Name? – wenn Sie in vornehmen Kleidern gesteckt wären, hätte ich Sie vielleicht weniger beachtet; das sieht man ja überall. Ich mache aber meine Studien mit Vorliebe im Volk, wo die Natur noch unverfälscht, wo noch Poesie zu finden ist.« »Ja, wir in Falkenstein sind noch poetisch, das muß wahr sein!« stimmte Frau Schirmer im schönsten Hochdeutsch bei. Der Künstler lächelte. Edeltraud aber meinte: »Da sollten's zu uns in 'n Wald kömma, da seheten's d' Natur unverfälscht, 'n schwarzen See mit der grausigen Seewand, 'n Rachel, rings von Urwald und Felsen eing'faßt, und erst wenn ma' oben steht am Osser oder Arber, wo's d' weit einisiehgst ins Böhmerland, und außa ins Boarn, und bis hin zu die Tiroler Riesenberg – no' freili, so was laßt si nöt malen – da wird oan grad betet z' Muat, aber es bleibt oan in Gedanken, aa ohne daß ma's in an' Büachl mit hoam nimmt.« 44 Der Künstler blickte mit Wohlgefallen auf das für seine Waldheimat so begeisterte Mädchen, dann sagte er: »Sie haben recht. Der Anblick einer großartigen Landschaft, der unser Inneres ergriffen und begeistert hat, lebt mit uns fort, auch ohne erst durch stümperhaftes Menschenwerk im Gedächtnis erhalten zu werden. Aber, nicht alle Menschen vermögen von einer Landschaft groß begeistert zu werden. Jeder sieht sie mit eigenen Augen und mit eigenem Herzen an; es kommt auf die Seele, auf das Gemüt des Beschauers an; wie diese das Bild wiederspiegeln, so wirkt es auf uns und so bleibt es uns in der Erinnerung.« »Ja, es kimmt auf d' Stimmung an,« bestätigte Traudl. »I hätt' gestern grad aufjauchzen könna, wie i aus 'n Wald rauskimm und die Gegend da bei Sonnenuntergang sah, während mei' arm's Vaterl an gar nix dabei denkt hat, als wie lang no' der Weg is zur Nachtherberg. Gottlob, wir ham's guat troffen beim Herrn Schirmer. Er is ja a Kriegskamerad von mein' Vater und d' Frau Schirmer hat's uns so guat g'macht, daß wir ihr nöt gnua danken könna.« »Das ist sehr edel von Ihnen, verehrte Frau,« sagte der Künstler und setzte, seinen Hut lüftend, hinzu: »Mein Kompliment!« »O bitte; dös is ja gar nöt der Red wert,« entgegnete Frau Schirmer geschmeichelt. »Uebrigens, wollen S' mir a Freud machen, so lassen S' uns no' mehr Bilder in Ihrem Buch seh'n. I bin nämli a große Kunstfreundin, müssen S' wissen.« Der Künstler war gern hiezu bereit und zeigte die Blätter, welche teils Landschaften, teils Genrebilder 45 enthielten. Dabei machte er Traudl auf die erst jüngst aufgenommenen Skizzen der vorzüglichsten Ruinen des Bayerwaldes aufmerksam, wie Weißenstein bei Regen, Kollenburg, Nußberg, Lichtenegg, Neuenrandsberg, Runding usw., deren Aufnahme der Zweck seiner Waldreise gewesen. Als dann auch die Porträtskizze eines jungen Mannes erschien, rief Traudl plötzlich überrascht: »Dös is ja mei' Bruada, der Franz! Ja, ja, er is's, mei' Bruada Franz!« »Was sagen Sie da?« rief der Künstler überrascht. »Das wäre Ihr Bruder? Franz Lechner?« »Also hab' i's erraten? Ja, der is's!« »Den muaß i mir genau anschaugn,« sagte Frau Schirmer, »damit i woaß, wie r a Sohn ausschaut, der im Hanfsama sitzt und seine alten Eltern in Not und Elend laßt.« »Aber Frau Schirmer!« rief Traudl verweisend. »Ist das hier bei Lechner der Fall?« fragte der Maler. »No', was denn!« entgegnete die Frau rückhaltslos. »Müassen die arma Leut da, die 'n letzten Pfenning für seine Büldung g'opfert haben, jetzt ins Hopfenbrocken zieh'n z'wegen 'n kloan Verdeanst. So was wenn i von mein' Muckl erleben müßt! Mir kehret si 's Herz im Leib um, wenn i dran denk!« »Aber, Frau Schirmer, es is doch koa' Schand, wenn ma arbeit,« beschwichtigte Traudl verlegen. »Feiern, wenn d' Not im Haus is, dös wär a Liaderlichkeit.« Und sich dann an den jungen Mann wendend, fragte sie: »Sie kenna also mein' Bruada, Herr? Wie geht's eam denn? Mei', i hab'n so viel gern g'habt, und gar nix mehr laßt er von eam hör'n!« 46 Otto Bergwald war von dem Gehörten aufs höchste überrascht. Ohne die anklagenden Aeußerungen Frau Schirmers hätte er sofort enthüllt, in welchem Verhältnis er zu dem Original seines Bildes stand, jetzt aber fand er es für besser, nur zu sagen: »Franz Lechner ist ein guter Bekannter von mir und so viel ich weiß, befindet er sich wohl.« »Dös freut mi!« erwiderte Traudl. »I möcht 'n so gern wieder amal sehgn!« »Warum kommen Sie nicht nach Nürnberg?« meinte Bergwald. »Er müßte sich ja auch freuen, seinen Vater und seine Schwester wiederzusehen.« »Na', na',« versetzte Traudl rasch, »er müaßt si ja schaama wegen uns arme Leut – obwohls koan bravern und ehrlichern Mann auf der Welt giebt, wie mein Vater. Aber der Franz kann halt aa nöt, wie er will. Sei' Frau hat halt 's Geld g'habt und da muaß er si halt fügen. Es is aa besser, er kimmt mit'n Vater nöt zam; sie könnten sich nöd guat reden mitanand.« »Kennen Sie seine Frau?« fragte der Maler, dessen Gesicht eine förmliche Schamröte übergossen hatte. Es schien, als schäme er sich für seinen »guten Bekannten«. »Sei' Frau?« fragte Traudl. »Wie sollt i die kenna? Nöt amal a Bildl hat er uns g'schickt von ihr.« »Auch nicht von seinem kleinen Buben?« »Was? An' Buam hat er? Da is er wohl recht glückli? Wie mi dös freut!« »Da sehen Sie! Ich habe Mutter und Kind hier skizziert. Das Kind hat wahrhaftig Ihre Züge. Jetzt begreife ich, was mir beim ersten Blick an Ihnen so 47 auffiel. Es waren diese Augen, diese Züge; da sehen Sie nur!« Traudl hatte die Hände gefaltet und konnte sich an dem Bilde des Kindes nicht satt sehen. Ihre Augen schwammen in Thränen. Ihre Rührung wurde wohl in etwas gemildert, als sie das Bild der Mutter betrachtete. Das waren keine einnehmenden Züge; es sprach aus diesem Gesicht eine gewisse Kälte, eine unverkennbare Herzlosigkeit. So wenigstens schien es Traudl. »Hat's ihra Kinderl gern?« fragte sie. Der Künstler bejahte. »No', dann will i's aa gern haben,« sagte Traudl. Auch Frau Schirmer musterte die Skizze, und das Ergebnis waren die Worte: »'s Büabl g'fallt ma schon.« Dann aber mahnte sie ihren Gast daran, daß es Zeit sei, nach Hause zu gehen, damit das Mittagessen zeitig fertig werde, und sie nicht zu spät in die Quer kämen. »St. Quirin? Das ist auch mein Nachmittagsziel,« sagte der Künstler. »Da sehen wir uns also wieder. Ich möchte dort Studien machen.« »Studien?« fragte Frau Schirmer. »Sie suchen wohl interessante Köpfe? Da schau'n S' nur, daß S' mein Schirmer erwischen, den alten Veteran, der –« »Sie meinen den Amtsdiener? Den hab' ich mir schon gestern geholt,« sagte der Künstler, lachend der Frau das wohlgetroffene Porträt ihres Mannes zeigend. »Maria und Josef! Hat 'n schon!« rief die Frau. »Ham S' mi etwa aa scho' beim Bandl?« »Noch nicht, verehrte Frau! Aber sicher sind Sie nicht vor mir.« »Geh'n ma!« drängte Frau Schirmer ihre Begleiterin. »In dem Huat will i nöt g'macht sei'; der ander, den i zum Kirta aufsetz, steht mir besser. Und also, auf Wiedersehen in der Quer!« »Ich werde Sie also wiedersehen,« sagte der Künstler zu Traudl. »Macht es Ihnen Freude, so mache ich Ihnen das Bildchen Ihres Neffen zum Geschenk.« Damit löste er das Blatt aus dem Buch und gab es Traudl. »Vergelt's Gott tausendmal! Dös g'freut mi scho' recht,« versicherte Traudl. »Dann müassen S' mir aa no' erzähl'n von mein' Bruadern, 'n Franz? Gel?« »So viel Sie wollen!« versprach Bergwald. »Auf Wiedersehen!« Traudl trat mit Frau Schirmer den Abstieg an. Als sie noch einmal zurückblickte, bemerkte sie, wie ihr der Künstler aufmerksam nachsah. Gruß und Gegengruß erfolgten nochmals. Wie war doch alles so sonderbar! Schweigend folgte Traudl ihrer Begleiterin. Sie schreckte förmlich zusammen, als diese plötzlich zu ihr sagte: »Hast nöt vergessen, was i im Raufweg zu dir g'sagt hab'? I moan, vom Satanas, der in jedem Mannsbild steckt –« »Aber halt Ausnahmen giebt's aa,« unterbrach sie Traudl, in ihre natürliche Heiterkeit zurückverfallend. »Und a solche moanst, is der Maler dort, vor dem koa' Mensch sicher is, daß er 'n in sei' Büachl 'nei' verhext?« »Dös moan i und möcht's als g'wiß behaupten.« »So? Warum denn?« »Ham S' seine Augen g'seh'n, wie s' so guat und 49 freundli g'schaut haben? Und hoaßt's nöt: In den Augen liegt das Herz?« »Mi hat er ja kaum ang'schaut,« meinte die Frau scherzend. »I bin halt koa' so frisch's Bleamal mehr wie du.« »I? Mei' Gott, i bin ja gar nix als an' arm's Schleiferdeandl.« »Reich bist, wenn's d' brav bleibst und dei' unschuldis Herz b'haltst,« entgegnete Frau Schirmer. »Mei' Herz?« fragte das Mädchen. Dann schwiegen beide. Fremde, welche zur Burg aufstiegen, schritten an ihnen vorüber. Frau Schirmer betrachtete jeden mit Neugierde, grüßte auch jeden Unbekannten und empfing Gegengrüße. Traudl merkte nicht auf das alles. Ihre Gedanken waren bei den Bildern des jungen Malers, bei diesem selbst. Seine Augen schwebten ihr vor im Geist, aus ihnen blickte sicherlich kein – Satanas. 50 IV. »'s Muckerl is da!« rief Schirmer seiner Hausfrau entgegen, als diese nach Hause kam. 's »Muckerl« war ein großer, breitschulteriger junger Mann mit dickem, schwammigem Gesicht, das von einem langen Schnurr- und blonden Backenbart umrahmt war. Auf dem grünen Kragen seiner grauen Joppe war ein Eichenlaub in Gold gestickt und seine jetzt am Fensterkreuz hängende Mütze zeigte das fürstlich Taxissche Wappen. »Muckerl, du bist schon da?« rief die hocherfreute Mutter. »Das is ja a höllische Freud für mi!« Der Sohn begrüßte die Mutter freundlich und sagte dann: »A paar Rebhendl hab' i dir in d' Kuchel g'legt.« »Rebhendl? Da giebt's glei an' Festbraten für heut. Schau nur, wir ham ja Gäst! Woaßt es scho'? Da – da is d' Edeltraud, die Tochter von an' Kriegskameraden von dein' Vater. Was sagst da?« »Grüaß Gott!« sagte Traudl, dem Forstmann freundlich die Hand reichend. »No', wie g'fallt's Ihna bei uns da?« fragte Nepomuk. »Wie könnt's anders sei', als guat!« versetzte Traudl;»i erfahr ja nur Liab's und Guat's.« »Bei so an' schön' Madl versteht si dös von selm,« meinte der Jäger. 51 »Der Muckerl hat's glei heraus, was eam g'hört,« sagte die Mutter wohlgefällig. Schirmer aber lachte und fügte bei: »Ganz mei' Bluat! Jetzt aber muaß i wieder auf 'n Magistrat. Der Lechner-Toni is beim Regensburger Boten droben auf B'suach, aa r a Veteran von die Elfer. Der nimmt 'n heut' nacht mit nach Regensburg. Er hat eam an' extra bequemen Sitz eing'richt' auf sein' Frachtwagen. I hab zwar dagegen Einspruch erhoben und hab' g'moant, der Lechner und sei' Deandl – pardon, Jungfer Edeltraud – sollten heut no' bei uns über Nacht bleiben, aber der Toni halt's für g'scheiter a so, er fürcht, er könnt' z' spät in d' Holledau kömma.« »In d' Holledau?« fragte Muckl. »Zu die Roßdiab ins Schelmenlandl? Was thuat's denn dort?« »An' Veteran b'suachen,« antwortete rasch der alte Schirmer, um den Sohn nicht gleich wissen zu lassen, daß er Hopfenbrockersleute im Hause habe. »No', da könna S' was Schön's erleben,« lachte Nepomuk. »In d' Holledau, die da anfangt, wo die g'scheiten Leut' aufhören und wo jetzt alles G'sindel vom ganzen Land z'sammkimmt zum Hopfenbrocken.« Traudl errötete und wollte etwas erwidern. Aber Frau Schirmer gab ihr ein Zeichen, zu schweigen. Schirmer aber gab seinem Sohne ebenfalls einen leichten Rippenstoß zum Zeichen, daß er schweigen solle. Dieser kannte aber dieses Stoßes Bedeutung nicht und fuhr fort: »In der nächsten Woche geht mei' Urlaub an. Da könnt i mir dös Landl aa r amal anschau'n. Während meiner Dienstzeit war bei meiner Kompagnie a vermöglicher Hopfenbauerssohn von Au, der mi eing'laden hat, 52 daß ich 'n amal b'suachen soll. I wär' neugieri auf die Leut', die dreiundachtzig Tänz haben. Sie müassen nämli wissen, Fräuln –« »Traudl, wenn i bitten därf,« unterbrach ihn diese. »I bin g'wiß koa' Fräuln.« »Sie müassen nämli wissen, daß i fürs Leben gern tanz. I freu mi scho' auf d' Quer heunt. Sie kommen hoffentli aa hin?« »Natürli geht's hin,« versetzte Schirmer. »Aber um fünfe muaß 's wieder da sein, weil der Bot um die Zeit scho' abfahrt. Es is freili nöt angenehm, so d' Nacht durchi z'fahr'n.« »O, dös macht mir nix,« entgegnete Traudl. »In unserer Fabrik is oft Tag und Nacht g'arbet worn; da fragt der Vater nix darnach, und i aa nöt. D' Hauptsach is, daß der Vater ohne Anstrengung auf Regensburg kimmt. Und no' dazua is ja jetzt Vollmond, da is's schön und kühl bei der Nacht.« »No' also, da geht ja alles nach Wunsch!« antwortete Schirmer. »Also, daß d' Rebhend'ln hübsch dünst' wern, schön Speck überlegen und so weiter –. I b'fehl' mich einstweilen. Muckerl, laß dir nix abgeh'n – trinkst eh a Seidel im Postgarten oben?« »Heut könnt' i's g'raten,« sagte Nepomuk mit einem Blick auf Traudl. Schirmer lachte. »Ganz wie i! Ganz wie i!« Damit verließ er eiligst das Haus. »Da wird 's mit 'n Kirta in der Quer nix sei' für mi,« meinte jetzt Traudl. »Warum nöt?« entgegnete Frau Schirmer. »Wir 53 müassen uns halt scho' zeitig wieder am Hoamweg machen; freili wird's da erst am schönsten.« »I geh' scho' alloa' hoam, Frau Schirmer. Meinthalben sollt 's nöt geniert sei', nöt um alles.« »Das wird sich schon finden,« sagte Nepomuk in galantem Ton, sich den Schnurrbart streichend. »I bin vorhin mit'n Vater schon bekannt wor'n, mit dem werd' i schon alles richten.« »Muckerl! Muckerl!« drohte die Mutter mit dem Finger. Der Eintritt des Schleifers verhinderte die Fortsetzung dieses Gespräches. Er meinte, es sei ihm ein Stein vom Herzen genommen, daß er nicht zu Fuß nach Regensburg gehen müsse. Ein Glas Wein, das er mit dem Kriegskameraden getrunken, hatte ihn sehr erheitert, sie hatten dabei von dem und jenem geplaudert, von den großen Siegen, die sich jetzt Tag für Tag jährten und auf das Deutsche Reich getrunken, das sie mitgeholfen hatten zu begründen. »I bin an' armer Teufl,« sagte er noch in Erinnerung des vorigen Gespräches, »i hab' nix vom Deutschen Reich, muaß in meine alten Tag so viel wia betteln geh'n, aber wenn i z'ruck denk an diesel' groß' Zeit, da vergiß i auf die Lumpen von mein' Gwanta, da schlagt mir 's Herz wieder frisch und jung, dös Gedenka wär' mir um nix feil, därft's mir 's glauben, um gar nixi.« »Dös sagt mei' Schirmer aa,« sagte die Frau. »Dem geht nix über die Vergangenheit.« »Und mir nix über d' Gegenwart,« fiel Nepomuk lachend ein, sich eine Zigarre anzündend und dabei nach Edeltraud schielend. 54 »Muckerl! Muckerl!« drohte die Mutter wieder. »I geh' jetzt, d' Rebhendeln herz'richten. Unterhalt einstweilen unsere Gäst', aber nöt zu galant, bitt i mir aus!« Da übrigens Nepomuk die »Elfemesse« in der Post doch nicht gern versäumte, so währte seine Anwesenheit nur so lange, bis Traudl die Hausfrau bat, ihr in der Küche helfen zu dürfen, welche Beihilfe sich die Frau gern gefallen ließ. Bald nach dem Mittagessen machte sich die Schirmersche Familie mit Traudl auf den Weg nach St. Quirin. Der Schleifertoni nahm schon jetzt von seinen freundlichen Wirten herzlichen Abschied. Besonders zwischen den beiden Kriegskameraden war dieser Abschied ein sehr inniger und Schirmer sagte: »Es versteht si per se , daß d' am Rückweg wieder mei' Gast bist. Mit oan Tag is's aber dann nöt abthan, gelt, dös mirkst dir, alter Kumpaniespezl; i kommandier' 's als Brigadebefehl, und also, i bitt' mir Subordination aus. Eing'schlag'n – a Mann, a Wort!« Der Schleifertoni schlug in die dargereichte Rechte und sicherte dem Kameraden zu, am Rückweg wieder zuzukehren. Darüber beruhigt, trat dann Schirmer mit den Seinen den Weg »in die Quer« an. Sankt Quirin liegt drei Viertelstunden nordöstlich von Falkenstein in ziemlicher Höhe auf dem Abhang des sogenannten Galgenberges, vom Volk St. Quer geheißen. Hier finden während der Dienstage von Benno, Bartlmä und Wolfgang Jahrmärkte statt, die sich stets zu einem Volksfest der von allen Seiten zahlreich heranströmenden Wäldler gestalten. In alten Zeiten erschien auf diesen Märkten jedesmal der oberste Beamte des 55 Gerichtssprengels in Person, teils um die jählings ausbrechenden Streitigkeiten zu schlichten, teils um die Zollgebühr an Vieh zu erhalten. Gaunern und Langfingern aller Orte war der Zutritt gestattet, doch mußten sie für ihre Praxis dem gestrengen Herrn dreißig Kreuzer Gebühr per Kopf erlegen und erhielten dafür die Warnung, sich nicht auf der That erwischen zu lassen. Zur bestimmten Stunde wurde dann unter Trommelschlag verkündet, die Marktgäste möchten sich in acht nehmen, es seien »geschwinde Leute« da. Der Frohn hatte das Monopol der Kegelbahn, der Reuter (Rollbügelspiel) und anderer Hazardspiele, aus welchen der Diener der Gerechtigkeit ansehnlichen Gewinn zog. Derartige Vorkommnisse gehören jetzt freilich nicht mehr unter den Schutz des Gesetzes. Die Langfingerei hat sich aber gleichwohl, wie bekannt, bei Massenzusammenkünften in voller Blüte erhalten, wie nicht minder die verschiedenen Glücksspiele, wenn auch in anderer Form oder mit anderen Namen. Der Viehmarkt hatte in den Vormittagsstunden stattgehabt, nachmittags war nur mehr »Leutemarkt«, d. h. neben dem Tanzplatz waren Buden aufgeschlagen, in welchen Bier, Fleisch und Brot zu haben war; ferner standen da die Buden der Lebzelter, Verkaufsstände für Mund- und Zugharmonikas, Röhrpfeiferln, Spielsachen aller Art, auch solche mit Kleidungsstücken, schönen seidenen Tüchern, Stiefeln, Schuhen, Hüten waren vertreten, daneben zeigte sich das fahrende Volk, Guckkasten vertraten die Stelle von Panoramas, Seiltänzer zeigten ihre Künste, ja sogar ein aus Leinwand aufgeschlagener Zirkus befand sich hier, worin sich einige Veteranen der Kunst, vormals angestaunte 56 Künstler, noch kümmerlich produzierten und mit einer Art Galgenhumor das Volk zum Lachen zwangen. Dabei fehlten nicht die Marktschreier aller Art, wie sie überall bei solchen Gelegenheiten sich einfinden. Wer am ärgsten schrie, hatte das größte Publikum. Wie jedesmal, war auch heute der Marktplatz von Gästen geradezu überfüllt, von nah und fern waren die Wäldler herangekommen, teils als Käufer und Verkäufer, teils nur zum Vergnügen; dieses war besonders die Triebfeder für das junge Volk. Burschen und Mädchen, die von Gesundheit und Lebenslust strotzten, hatten sich, da das Wetter so günstig, zahlreicher denn je eingefunden und drängten sich um die Buden, besonders um jene der Lebzelter, wo schön bemalte, mit Versen versehene Herzen eine gesuchte Ware waren, mit welchen die Burschen die Mädchen beschenkten. Dafür erhielten sie von diesen künstliche Blumensträußchen als Schmuck auf den Hut. Zahlreiche Instrumente, wie Harmonikas, Kindertrompeten, Kuckezer, Pfeifen und Ratschen, brachten den bekannten Jahrmarktspektakel hervor, der auf das Landvolk durchaus keine unangenehme, sondern mehr eine die Kauflust anregende Wirkung hervorbringt. Schirmer war, wie schon erwähnt, in dienstlicher Eigenschaft anwesend und suchte sich überall die nötige Autorität zu verschaffen. Sein Sohn hatte sich aber schon ein schattiges Plätzchen am Schänkplatz ausgewählt und für die nachkommenden Frauen belegt. Die Vorsicht wäre übrigens nicht nötig gewesen, denn es versuchte ohnedies niemand in seiner unmittelbaren Nähe Platz zu nehmen. Die Burschen waren dem Jäger nicht besonders grün, teils seiner Stellung halber, in welcher 57 er sehr gewissenhaft war und schon vielfach Wild- und Holzfrevler zur Strafe gebracht, teils seiner Person selbst wegen, da er, wenn auch sonst gemütlicher Natur, doch sobald er einige Maß Bier getrunken, leicht in Streit und Händel geriet, und sich auf seine Stärke wohl mehr einbildete, als recht war. Er hatte bei der großen Hitze einen »Heidendurst« und er sorgte mit größter Sorgfalt für sein leibliches Wohl. Sehr erschöpft traf seine Mutter mit Edeltraud am Platz ein und sie nahmen sofort ihre Plätze an der Seite des Jägers. Die Burschen an den Nebentischen guckten sehr neugierig nach dem fremden Mädchen, das man allgemein für eine Böhmin hielt. Nachdem sich die beiden Frauen »ausgeschnauft« hatten, was bei Frau Schirmer mehr als not that, führte sie Nepomuk durch die Budenreihen, wobei er nicht verfehlte, der schönen Traudl ein zuckernes Herz anzubieten und ihr auch ein Gläschen Met zu kredenzen. »Ja, mei' Muckerl woaß halt, was die Madln gern ham,« sagte Frau Schirmer lachend. Dann gingen sie, da soeben eine Vorstellung begann, in den Zirkus. So etwas hatte Edeltraud noch nie gesehen. Sie fand auch keinen Gefallen daran. Die Art oder vielmehr der Mangel an Kleidung bei den Reiterinnen machte sie erröten, dagegen mußte sie über die tollen Späße des Hanswursts herzlich lachen. Monsieur Klein, wie er stets angerufen wurde, hatte das Gesicht so übermalt, daß er ganz jugendlich aussah. Er machte seine Sprünge und Purzelbäume ohne sichtliche Anstrengung, und so war Traudl nicht wenig überrascht, als ihr Nepomuk erzählte, der Mann 58 sei bereits über 60 Jahre alt, sei früher selbst Direktor eines nicht unbedeutenden Zirkus gewesen, habe durch verschiedenes Unglück sein Vermögen verloren, und müsse nun in hohem Alter sein bißchen Brot als Hanswurst und Clown bei dieser herumziehenden Gesellschaft verdienen. Auf diese Nachricht hin vermochte Traudl nicht mehr zu lachen, und als sie jetzt sah, wie eine Reiterin, welche infolge falschen Reifstellens von seiten des Hanswurstes vom Pferd springen mußte, diesen mit der Reitpeitsche über den Rücken hieb, daß er sich seufzend krümmte, da konnte sie einen Schrei des Mitleids nicht unterdrücken und war nicht mehr imstande, dem weiteren Verlauf der Vorstellung anzuwohnen. Sie erhob sich und versprach, draußen auf ihre Begleiter zu warten, die alles für ungemein lustig hielten und ihr Eintrittsgeld bis zur Neige ausnützen wollten. So trat Edeltraud aus dem Leinwandzelt. Ohne daß sie es ahnte, war ihr Otto Bergwald gefolgt, der sie bis jetzt aufmerksam und von ihr unbeachtet betrachtet hatte und recht gut sah, wie das Mädchen über die Brutalität der frechen Reiterin empört war. »Es scheint Ihnen wie mir zu gehen,« sagte er, nachdem er Traudl begrüßt hatte; »mich ekelt die Sache da drinnen an.« »So was is doch unerhört!« meinte sie empört. »Is der Hanswurst so alt wie mei' Vater und muaß Purzelbaam machen und si von dem jungen Ding mit der Reitpeitschen hauen lassen, er, der selm amal der Herr war.« Es standen ihr wirklich Thränen in den Augen als sie das sagte. »Lassen Sie sich dadurch nicht aufregen,« entgegnete 59 Otto. »Gewiß macht dieses Mitgefühl Ihrem Herzen alle Ehre, aber es ist nicht so schlimm wie es aussieht. Glauben 60 Sie, wenn man diesem Monsieur Klein eine kleine, aber ausreichende Pension für Lebenszeit anböte mit der Bedingung, seiner »Kunst«, wie er es nennt, zu entsagen und sich irgendwo ruhig niederzulassen, er würde da zugreifen? Sicherlich nicht. Er bliebe lieber bei seinem freien, ungebundenen Vagabundenleben. Solche Leute wollen und können aus ihrer Umgebung nicht heraus. Empörend aber ist die Thatsache, daß diese Miß Luzie die leibliche Tochter dieses Mannes ist, den sie vor den Augen des Publikums anstandslos mit der Peitsche züchtigt.« »Is denn so was mögli?« rief Traudl. »In der Welt ist gar vieles möglich,« meinte der Maler. »Da wollt i scho', i hätt' dahoam bleib'n könna in mein' Wald,« sagte Traudl. »Andere würden das segnen, was Sie als nicht geschehen wünschten,« erwiderte Otto. Traudl verstand ihn nicht. Sie waren während dieses Gespräches etwas über die Buden hinausgekommen und hatten jetzt wieder einen Blick in die Landschaft. Traudl blickte wohl in das Thal hinab, aber nicht mehr mit derselben Begeisterung, wie gestern und heute morgen. Das was sie vorhin gehört und gesehen, hatte ihr Gemüt geradezu verletzt. Und so sagte sie auch jetzt: »So a traurige G'schicht könnt am d' Freud' an der schönsten Gegend verderben.« »Das sollte es nicht,« sagte der Künstler. »Im Gegenteil, der Anblick der herrlichen Schöpfung muß das Gleichgewicht in unserem Innern wieder herstellen, muß uns dem lieben Gott näher bringen, muß die Niedertracht der Welt vergessen lassen oder doch erträglich machen. Ein frommes 610 Herz wird sich stets über das Elend in der Welt erheben können, und selbst wenn es das eigene Elend wäre. Sind Sie nicht in ähnlicher Lage? Hab ich Sie doch gestern abend so fröhlich singen und jodeln hören, trotzdem Sie durch unverschuldete Verhältnisse gezwungen sind, mit Ihrem alten Vater eine beschwerliche Reise zu machen, um einige Pfennige zu verdienen.« »O, dös macht mi g'wiß nöt trauri,« rief Traudl. »Aber Ihren Vater desto mehr. Sein reicher Sohn hätte ihm helfen können, helfen müssen und mir kommt es fast vor, als hätte Ihr Vater von ihm, wenn auch nicht in Wirklichkeit, so doch moralisch einen ebensolchen Peitschenhieb der Undankbarkeit erhalten, wie ihn Miß Luzie ihrem Vater verabreichte.« »Na', na', der Franz könnt' so was niemals thuan!« rief Traudl. »Es is nöt schön von eam, daß er 'n Vater so in der Patsch sitzen laßt, dös is wahr, aber wer woaß denn, was für Umständ' da mithelfen. Er sollt's aa nöt erfahren, wie übel wir dran san und gelt, Sie sagen eam nix davon, wie 's uns troffen ham? Um dös bitt' i eahna scho' recht.« Der Künstler versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, meinte aber, es wäre ein Naturgesetz, daß das Vergehen der Kinder an ihren Eltern früher oder später vergolten werde. Dann fragte er Traudl nochmals genauer aus über ihr Reiseziel, wie sie den Weg dorthin zurücklegen würden, wo sie Arbeit fänden und noch manches andere. Traudl beantwortete diese Fragen so gut sie es vermochte, und als sie erwähnte, daß sie und der Vater noch heute abend mit dem Botenfuhrwerk nach Regensburg fahren würden, empfahl er ihr, in Brennberg, wo der Fuhrmann 62 sicher abfüttern würde, diese Zeit zu benützen, um das dortige Schloß zu besteigen, wo sie von der Höhe desselben bei Sonnenuntergang oder Vollmond den bayerischen Wald nochmals sehen könne. »Da steig' i freili auffi,« entgegnete Traudl. »I sehn mi ja so danach, mir is, als müaßt i wieder hoamzua. Mir is grad', als wär' was im Anzug – i kann nöt sagen was – aber mir is so schwer ums Herz.« Ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Das ist das Neue, Unbekannte,« meinte tröstend der Künstler. »Der Anblick der heimatlichen Berge wird Ihnen wie ein lieber Gruß von dort erscheinen, er wird Sie wieder heiter stimmen, Sie werden wieder das Lied vom Walde singen, so fröhlich, wie ich es gestern abend von Ihnen gehört.« »Sie ham mi singn hör'n?« fragte Traudl errötend und zugleich erstaunt . . . . »Da is's ja!« Diese Worte unterbrachen die weitere Unterhaltung der beiden. Frau Schirmer und ihr Sohn hatten das Mädchen gesucht und waren überrascht, es endlich außerhalb der Budenreihen mit dem jungen Künstler zusammen zu treffen. »I sag's ja,« sagte sie zu Nepomuk, »der Satanas hat's scho'!« Vielleicht war es diese Aeußerung, vielleicht natürliche Unhöflichkeit, welche Nepomuk veranlaßten, das Mädchen ganz ungeniert zu fragen: »Wer is denn der Herr?« Daß er bei dieser Frage den Künstler mit gewissem Mißtrauen anblickte, war selbstverständlich 63 Ebenso verstand es sich von selbst, daß letzterer die Beantwortung der Frage übernahm. Nachdem er Name und Stand genannt, fuhr er fort: »Ich durfte gestern dem Vater dieses Mädchens einen kleinen Dienst erweisen, wodurch wir uns kennen lernten. Heute früh begegneten wir uns wieder in Gegenwart – ah, da sind Sie ja selbst,« redete er Frau Schirmer an, als erblickte er sie jetzt erst. »Ja, ja, wir kennen uns schon,« sagte diese freundlich. »Nun darf ich wohl auch bitten, mir zu sagen, wer die Auskunft verlangt hat, die ich, wie ich glaube, zur Befriedigung gegeben?« Er blickte nun auch seinerseits den Jäger scharf an. Aber dieser schien mit den Umgangsformen wenig bekannt zu sein, denn er erwiderte: »Wer und was i bin, siehgt jeder und ausfragen laß i mi nöt lang. Kommen's jetzt, Edeltraud.« Damit wandte er sich zum Gehen. Frau Schirmer aber suchte die Roheit ihres Sohnes gut zu machen, indem sie sagte: »Wissen's, Herr, dös is mei' Muckerl, fürstlich Taxisscher Jäger. Er hat halt a so a Gradausmanier, mei', er moant's nöt so – und also b'fehl mi.« Und mit einer gewissen Verlegenheit wandte auch sie sich zum Gehen. Traudl sah ängstlich nach des Künstlers Gesicht, es schmerzte sie, daß er um ihretwillen Unangenehmes zu dulden hatte. Bergwald merkte das wohl und reichte ihr die Hand mit einem freundlichen: »Auf Wiedersehen!« Traudl und ihre Begleiter hatten die früheren Plätze am Tisch wieder inne. Das war aber nicht anstandslos möglich gewesen. Einige Burschen hatten die leeren Plätze 64 in Besitz genommen, obwohl die umgelehnten Sitze darthaten, daß sie belegt seien. Der Jäger hieß sie deswegen kurzweg Platz machen, und als sie nicht rasch genug Folge leisteten, schob er sie einfach von der Bank. Das gab zu sehr unlieben Aeußerungen Anlaß. An den Nebentischen postierte Burschen riefen ihren Kameraden zu: »Kommt's zu uns her und laßt's 'n Jaga dort Herr sei'.« Diese Einladung ward sofort angenommen, aber es war damit der Anfang zu Mißhelligkeiten gemacht. Einer der Burschen nahm seine Mundharmonika hervor und spielte, diesem Beispiel folgte ein zweiter und dritter, und bald begannen die Schnadahüpfeln, diese Stegreifgesänge, ihre Blüten zu treiben. Erst harmlos, ging es nach und nach mehr und mehr über den Jäger her, wie folgende Texte zeigen: »Im Wald is mei' Hoamat. Im Wald leb' i gern. Im Summa is's kalt, aber Im Winter zum Dafrern. Drei Vierteljahr Winta, Ein Vierteljahr kalt, Aber alleweil lusti, So geht's halt im Wald. Vom Wald san ma außa, D'rum san ma so frisch, Weil Winta und Summa Da Schnee drinnat is. Vom Wald san ma außa, Vom Tannzapfareut (Tannenzapfenreut). Vom Tannzapfawasser! (Ozon) Da kriegt ma a Schneid. Im Wald is a Leb'n, Kann koa' schöners nöt geb'n, 65 Wenn 's Büchserl erst knallt Und der Rehbock umfallt. A bißl was schwärz'n A bißl was jag'n Und a Deanderl zum gern hab'n, Laß i ma' zwoamal nöt sag'n. Da Jaga und da Grenzer San kreuzbrave Leut, Aber dennast wern's allzwoa Koan Waldlabuam z' gscheit. Lieber a Wildschütz Als a Jagasknecht sei', Därf der Herrschaft nix liefern, Was i schieß, dös g'höt mei'. Willst alleweil a Wildschütz sei', Traust dir in koa' Holz nöt nei', Schießen thuast aa spottschlecht, Du waarst der recht! Schaugt's nur den Jagersknecht, Wie 'r a si' broseln möcht'! Buam, lacht's 'n g'höri' ans, Rührt a si', haum ma 'n z'haus.« »I werd' enk's glei' lerna!« unterbrach sie jetzt Nepomuk, den dieses Ansingen schon lange geärgert. »Mit enk Bauernfünfer werd i firti, dös sollt's glei sehg'n!« Er eilte zu dem Tisch der Burschen. Diese erhoben sich wie ein Mann und drohten, den Ankömmling mit ihren Bierkrügen zu empfangen. Da stürzte sich Schirmer zwischen die Parteien und gebot: »Ruhe im Namen der Obrigkeit!« »Sie singa mi aus!« rief der Sohn seinem Vater zu. 66 »Laß 's singa!« versetzte dieser. »Wo man singt, da setz dich ruhig nieder! Böse Menschen haben keine Lieder.« Damit zwang er den Sohn auf seinen Sitz zurück. Die Burschen nebenan lachten, und damit war die Sache abgethan. Jetzt begann der Tanz. »Juchhe!« hallte es von überall her. »So, jetzt tanzt's, daß d' Fetzen davon fliegen!« rief Schirmer. »Dös is g'scheita wie 's Aussinga und 's Raufa. Wißt 's nöt, daß ma da san zum Lusti sei'!« Die Burschen achteten des Jägers nicht mehr. Sie holten sich flotte Waldlerdeandln zum Ländler. Auch Nepomuk besann sich nicht lange und wandte sich an Traudl mit einem: »Is's g'fälli?« Diese war aber von der soeben stattgehabten Szene noch so erschreckt, daß sie sagte: »I möcht lieber nöt tanzen.« »Dös giebt's nöt!« rief der Jäger, nahm das Mädchen am Arm und führte es zum Tanzboden. Traudl getraute sich nicht zu widersprechen. Es ging sehr lebhaft auf dem Tanzpodium zu, an eine Ordnung war nicht zu denken, alles tanzte durcheinander, dazu pfeifend, singend und juchzend. Traudl fand durchaus kein Vergnügen, als sie sich von dem Arm des kecken Mannes umschlungen fühlte und sah, wie rücksichtslos ihr Tänzer gegen die andern war. Als der Tanz zu Ende, nahte sich ihr Bergwald und bat sie um die nächste Tour. Der Anblick des Künstlers war ihr wie eine Erlösung und freudig sagte sie: »Recht gern.« 67 Aber der Jäger war anderer Meinung. »Die ersten drei Tänz g'hörn mir,« sagte er; »so is's der Brauch bei an' Gast. Nöt wahr, Deandl?« Traudl wußte nichts zu antworten. »Dös hab' i nöt g'wußt,« sagte sie dann eingeschüchtert. »Also halt nachher,« wendete sie sich zu dem Künstler. »No', so wissen Sie 's jetzt,« sagte Muckl kurz, und da soeben der zweite Tanz begann, mischte er sich mit seiner Tänzerin sofort wieder unter die Tanzenden. Bergwald war ihnen gefolgt. Bald sah er, wie der Jäger seine Tänzerin in ungeniertester Weise an sich drückte, wie sich diese vergebens gegen seine Zärtlichkeiten wehrte und ihm zu entrinnen suchte. Doch er folgte ihr und schlang den Arm von neuem um ihre Schulter. Wieder suchte sich Traudl diesen ihr geradezu widerlichen Zärtlichkeiten zu entziehen. Sie flüchtete zu dem in ihrer Nähe stehenden Maler. Der Jäger folgte nach, aber Bergwald erklärte ihm, daß sich das Mädchen jetzt unter seinen Schutz begeben und er es nicht dulden werde, daß dasselbe in so ungezogener Weise von einem Tänzer behandelt werde. »Dös woll'n ma sehgn!« rief der durch den Biergenuß und den gehabten Aerger schon sehr erregte Mann und versuchte, das Mädchen wieder an sich zu ziehen. Bergwald versetzte ihm einen Stoß auf die Brust, daß er zurücktaumelte, zum Hohngelächter der umstehenden Burschen. Das reizte den Jäger nur noch mehr. Er zog seinen Hirschfänger, und mit den Worten: »Dös sollt's büaßen!« drang er auf seinen Gegner ein. Dieser aber hatte blitzschnell einen Taschenrevolver hervorgezogen und drohte zu schießen, wenn der Gegner ihn angreife. Doch dieser, wutentbrannt wie er war, 68 achtete nicht darauf und drang vor. Da knallte ein Schuß. Dem Angreifer entfiel die Waffe, die Kugel war ihm in den Arm gedrungen. Es entstand ein Auflauf. Die Musik brach plötzlich ab, alles eilte dem Platz zu, wo sich der Vorfall innerhalb 69 weniger Augenblicke abgespielt. – Der bramabarsierende Jäger war totenbleich zu Boden gesunken und fing nun laut zu jammern an. Die Gendarmen, welche zur Handhabung der Ordnung auf dem Platz waren, eilten herbei und bemächtigten sich sofort des Künstlers. Die Zunächststehenden nahmen sich aber lebhaft seiner an und erklärten, daß sie bezeugen könnten, wie der Herr nur aus Notwehr gehandelt, was schon daraus ersichtlich, daß der blanke Hirschfänger neben dem Verwundeten lag. Jetzt kam auch der Polizeidiener herbei, gefolgt von seiner Frau, die gleich ihrem Sohn in Wehklagen ausbrach und nur immer weinend rief: »Mei' Muckerl! Mei' Muckerl! Ach Gott, mei' Muckerl!« Schirmer dagegen ging der Sache sofort auf den Grund. Nachdem er erkannt, daß der Schuß, in den linken Oberarm eingedrungen, keine schwere Verletzung, sondern nur eine Fleischwunde erzeugt und eine Lebensgefahr nicht vorhanden, forderte er einige Burschen auf, ihm zu helfen, den Verwundeten nach dem Meßnerhaus zu tragen, um ihm dort die erste Hilfe angedeihen zu lassen. Nepomuk wurde in die Höhe gehoben und konnte, von den Burschen unterstützt, selbst langsam in die Meßnerei gehen. Er machte dabei ein jammervolles Gesicht und blickte Mitleid suchend überall herum; statt dessen vernahm er aber mehrmals die Aeußerung: »Recht is eam g'scheh'n!« Der Chirurg von Falkenstein war glücklicherweise zur Stelle und ordnete das Nötige an. 70 »Wie is nur dös kömma?« fragte Frau Schirmer. »Wer is denn da schuld dran?« »Dös böhmisch Deandl,« erwiderten einige Mädchen, die schon lange mit Neid auf die schöne Fremde geblickt, die allerdings in ihrer Tracht für eine Böhmin gelten konnte, und mit Mißvergnügen bemerkt hatten, wie die Burschen ihre Augen wohlgefällig nach Traudl richteten. »Die Edeltraud?« rief Frau Schirmer. »Da hat ma's! 's Unglück hat er als Gast ins Haus bracht, mei' guata Patschi von an' Mo'. Der Maler – der Satanas! – Hat 's mir doch g'schwant! Aber wo is denn 's Deandl?« Dieses war nicht mehr zu sehen. Frau Schirmer hatte auch keine Zeit, darüber lange nachzudenken. Sie half dem Chirurgen bei Anlegung des Verbandes und sagte nur hin und wieder: »Arm's Muckerl, thuat's dir recht weh? Der Satanas! Lebenslängli soll er eing'sperrt wer'n!« 71 V. Der allzustrenge Wunsch der Frau Schirmer sollte nicht in Erfüllung gehen. Bergwald konnte seine Identität nachweisen, zudem trat auch der Bürgermeister von Falkenstein für den Künstler ein. Es ward ein Platzprotokoll über den Vorfall von seiten des Gendarmerie-Kommandanten aufgenommen, wobei mehrere Augenzeugen ihre Erklärungen zu gunsten Bergwalds abgaben und aussagten, daß er nur aus Notwehr gehandelt habe. Dieser ward vorerst auf freien Fuß gesetzt, doch riet ihm der Bürgermeister, den Marktplatz zu verlassen, da recht wohl einige Partei für den Jäger nehmen und ihm Unannehmlichkeiten bereiten könnten. Bergwald war ohnedem willens, wegzugehen, und, nachdem er noch Nachricht über das Befinden seines Gegners eingezogen und zu seiner Freude erfahren hatte, daß die Wunde ganz ungefährlich sei, schickte er sich an, Traudl nochmals aufzusuchen, welche die unschuldige Veranlassung des Streites war, und unter dieser Thatsache gewiß zu leiden haben würde. Aber sie war nirgends zu sehen. Endlich erfuhr er, daß sie flüchtigen Schrittes und weinend den Weg nach Falkenstein eingeschlagen habe. Dorthin kehrte auch er kurz darauf in Begleitung des Bürgermeisters zurück. Aber auch hier traf er Edeltraud nicht mehr an. Das Mädchen war in sehr aufgeregtem Zustand von der 72 »Quer« zurückgekommen und alsbald in Begleitung ihres Vaters mit dem Regensburger Boten abgereist. Bergwald hatte sich schon früher vorgenommen, eine Fußtour über den Brennberg nach Walhalla zu machen; jetzt wurde er in diesem Vorsatz nur bestärkt. Das schöne Mädchen zog ihn förmlich nach. Schon in der nächsten Viertelstunde ging er rüstigen Schrittes Brennberg zu. Er wählte bei Postfelden den Weg durch die »Hölle«, eine wildromantische Felsen- und Waldpartie, eine der großartigsten Naturszenerien ihrer Art. Das furchtbare Getöse unterirdischer Wasserfälle, die kolossalen, auf rätselhafte Weise hergekommenen, hier liegenden Granitblöcke und Baumstrunke, das Dämmerlicht, durch riesige Fichten und Tannen hervorgerufen, die eisige Kälte, welche selbst an den heißesten Tagen hier herrscht, erklärt es wohl, daß man dieses Felsenlabyrinth, durch welches sich die Wiesent zwingt, mit der »Wolfsschlucht« vergleicht, wie man sich dieselbe im »Freischütz« vorstellt. Der junge Künstler hatte für jetzt nur ein paar Striche in sein Buch skizziert, er nahm sich vor, morgen von dem nahen Brennberg wieder hieher zu gehen, um eingehendere Studien an dieser Stelle zu machen. Die Sonne war dem Untergang nahe, er hoffte den Botenwagen noch einzuholen. Und so eilte er den Hang des sogenannten Staufenwaldes hinauf, wie der nordwestliche Teil des vorderen Gebirgsstockes des bayerischen Waldes oder des Donaugebirges genannt wird, auf dessen erhabenstem Punkt die mächtige Feste Brennberg, ein Hochhaus in vollem Sinne des Wortes emporragt. Hier hoffte er die Gesuchte wieder zu finden. Edeltraud hatte auf den Vorfall hin ihre ganze Fassung 73 verloren. Als sie den Sohn ihrer freundlichen Wirtsleute, wenn auch, wie sie sofort vernahm, nicht gefährlich verwundet, am Boden liegen und ihren Beschützer, den jungen Künstler, von den Gendarmen ergriffen sah, als sie die verletzenden Aeußerungen vernahm, welche über sie laut wurden, wußte sie nichts Besseres zu thun, als sich eiligst von dem Platz zu entfernen und zu ihrem Vater zurückzukehren. Dieser war ihr schon eine Strecke Weges entgegengegangen, da der Fuhrmann mit der Abfahrt drängte, weil er in Brennberg noch eine Ladung erhalten sollte. Der alte Schleifer war aufs unangenehmste überrascht, als er erfuhr, was in St. Quer vorgefallen. Aus dem Eifer, mit welchem Edeltraud für den Künstler eintrat, erkannte er, wie dieser eine gewisse Macht über das Mädchen hatte. Was er gestern abend gleichsam ahnte, war zur Gewißheit geworden und konnte für das unerfahrene junge Mädchen verhängnisvoll werden. Doch kannte er zu seiner Beruhigung Herz und Charakter seiner Tochter genau, um hoffen zu dürfen, daß ein ernstes Wort von ihm genüge, sie gegen die Anfechtungen des jungen Mannes zu wappnen. Allerdings fiel dieses ernste Wort sehr barsch aus, worüber Traudl heftig zu weinen begann. Werner, der Fuhrmann, suchte nach Möglichkeit zu vermitteln und drängte zur Abfahrt. Ihm that das arme Kind leid. Was konnte Traudl dafür, daß sie schön war und gefiel. In ähnlichem Sinn besänftigte er den alten Kriegskameraden. Werners Frau versprach, den Dank der Schleifersleute für genossene Gastfreundschaft dem Schirmerschen Ehepaar nochmals zu übermitteln und Traudl zu entschuldigen, daß sie ohne Abschied von ihnen gegangen. Der Lederranzen 74 des alten Schleifers war von der wohlthätigen Frau mit Lebensmitteln gefüllt worden, denen sie ein Fläschchen Wein beigegeben, da sie schon durch Schirmer erfahren, daß der Schleifer sich durch Geschenke von Bargeld verletzt fühlen würde. Der Fuhrmann hatte die mit Decken belegten Plätze so eingerichtet, daß Traudl vorne neben ihm, deren Vater aber mehr rückwärts im Wagen zu sitzen kam. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen, setzte sich das Gefährt langsam in Bewegung. Werner sprach jetzt von dem und jenem, um Vater und Tochter auf andere Gedanken zu bringen. »Daß i nöt vergiß,« sagte er unter anderm, »in der Holledau is a Kamerad von uns ansäßi, woaßt, der Michel Herrnhauser von Mainburg.« »Der Michl Herrnhauser?« rief der Schleifer. »Ja, der war a guater Freund von mir. Den möcht i schon wieder sehgn.« »So suach'n halt auf. I woaß, er hat große Hopfengärten, bei dem kannst glei a Arbet krieg'n.« »Arbet hat uns unser Schullehrer scho' b'sorgt,« entgegnete Lechner. »Alle von der Schleif könna ma dort einsteh'n.« »Dernthalben kannst ja unsern Kameraden dennast aufsuachen,« meinte der Fuhrmann. »Wenn er si halt nöt schaamt mit mir, an' Hopfenbrocka, an' arma Teufel –« »Ah was! Die Arma und die Reichen ham zamg'holfen im Frankreich zum großen Sieg, und – es is ja hart, daß ma' im Alter so gern vergessen wird. Aber a Schand is d' Armut nöt. Geh nur auf Mainburg und 75 richt' an' Gruaß von mir aus. Er laßt 's dir an nix feihl'n.« Und da der Fuhrmann sah, daß Traudl noch immer sehr traurig war, richtete er seine Rede mehr an sie und zeigte ihr einige Merkwürdigkeiten, die man von der Straße aus sehen konnte. So deutete er mit der Geißel nach einer kleinen, am Hang des Berges stehenden Kapelle und erzählte, daß dort ein ganz merkwürdiges Bild aus Holz gemalt zu sehen sei, welchem eine sogenannte wahre Begebenheit zu Grunde liegen solle. Ein Mädchen aus der Umgegend habe sieben Jahre hintereinander unehelich geboren und jedesmal das Kind in die unterirdischen Gewässer der »Hölle« versenkt. Da sei dieser unnatürlichen Mutter endlich die Reue gekommen und sie habe in der Klosterkirche des nahen Frauenzell dem Priester ihre Verbrechen gebeichtet. Dieser wollte sie lange nicht absolvieren, auf ihre sichtlich wahrhafte Reue hin aber erteilte er ihr die Absolution unter der Bedingung, daß sie das erste Tier, welches ihr auf dem Heimwege begegne, küsse und dann sieben Jahre lang mehrere Stunden des Tages Bußgebete verrichte. Das Weib trat den Heimweg an. Da lag auf der Straße eine große Natter, welche sich in der Sonne wärmte. Dem Spruch des Priesters gemäß, suchte die Sünderin das Tier zu küssen. Kaum war dies geschehen, ringelte sich die Natter auf und biß sich blitzschnell im Nacken der Aermsten fest. Diese, von heftigem Schmerz gequält, war nicht imstande, das Reptil zu entfernen; auch niemand anderer vermochte es. Die giftige Natter saugte dem Weibe alles Blut aus; sieben Jahre lang mußte sie dies unter heftigen Schmerzen dulden, und erst, als ihr die letzte Lebenskraft ausgesogen war, sank das 76 Tier herab, zugleich war aber auch die Büßerin von ihren Schmerzen und ihrem Leben erlöst. »Was an der G'schicht wahr is, woaß i nöt,« schloß der Fuhrmann seine Erzählung. »I für mein' Teil glaub's amal nöt. Aber so oft i dös Bild sehg, geht's mir lang nachi.« »I glaub's aa nöt,« sagte Traudl, die trotz ihres Jammers aufmerksam zugehört hatte; »so grausam is unser Herrgott nöt, an' reuigen Sünder ge'nüber.« »Recht hast,« meinte der Fuhrmann. »Grausam san grad d' Menschen. Was ham die in der guaten alten Zeit für Martern ausg'sunna! Anemal muaß i dran denken, wenn i so an' alte Burg siehg, von dene jede ihr Burgverließ hat, und oft an die Marterwerkzeug, wo aufg'hoben san von dera Zeit her, wo's Herrn und elende Knecht geben hat. Da is unterhalb Frauenzell dös alte Gschloß am Hailsberg, wo a Raubritter ganz greuliche Missethaten ausg'führt hat. Da geht d' Sag', daß er als Geist umirrt und auf Erlösung warten muaß, bis a Tanna, die aus'n Wartturm 'rauswachst, so hoch is, daß ma aus ihrem Stamm Bretter zu ara Wiegen sägen kann. Der Bua, der in dera Wiegen liegen wird, muaß zum Priester g'weiht sei', und dem sei' fromm's Gebet erst kann dem Geist Erlösung bringa.« »Dös san alles Sagen,« meinte der Fuhrmann dann. »Aber in Brennberg – dort schaugt's scho' awa – da is a wirkliche Thatsach' denkwürdi'. Oana von die ersten Brennberger Grafen (Reimar II.) hat a wunderschöne Tochter g'habt und die is a Hoffräul'n g'wesen bei der Frau von an' bayrischen Herzog, i moan, Ludwig den Strengen ham's 'n g'hoaßen.« 77 »Die G'schicht kenn' i,« fiel Traudl ein; »i woaß's no' von der Schul her. Von da is's dahoam gwen, die unglückli Helika?« Mit größtem Interesse blickte sie zu der Burg empor. »So erzähl's,« forderte sie ihr Vater auf. »Ja, erzähl's,« fügte auch der Fuhrmann. »Du woaßt es leicht besser, wie r i.« Und Edeltraud erzählte angesichts der heimatlichen Burg das tragische Schicksal dieses Edelfräuleins. Marie von Brabant war die junge Gemahlin Herzog Ludwigs II. von Bayern, sie war ihm erst vor kurzem angetraut worden, und der Herzog liebte sie sehr. Doch mußte er sie verlassen, um gegen die adeligen Raubritter ins Feld zu ziehen, deren Burgen er brach. Während dieses Feldzuges begleitete ihn als Feldhauptmann ein Graf von Hirschau, welchem die junge Herzogin die Sorge um ihren Gemahl angelegentlich empfohlen hatte, denn der Herzog war jähzornig und ließ sich leicht zu einem unüberlegten Schritt hinreißen. Deshalb hoffte sie von dem ruhigeren Feldhauptmann, daß er über ihren Gemahl wachen werde. Die junge Fürstin lebte während dieses Feldzuges auf dem Schlosse Donauwörth nur in Gesellschaft ihres Hoffräuleins, eben dieser Helika von Brennberg, beschützt von dem Burgvogt und nur wenigen Dienern. Als sich die Abwesenheit des Herzogs weit über die bestimmte Zeit verlängerte, beschloß sie, ihn zur Heimkehr zu bewegen. Sie schrieb an ihren Gemahl einen Brief mit den Versicherungen ihrer heißesten Liebe und Sehnsucht und beschwor ihn, bald zu ihr zurückzukehren. Zugleich mit diesem Briefe sandte sie einen solchen an den Feldhauptmann, in welchem sie den Grafen bat, seinen ganzen Einfluß aufzuwenden und 78 den Herzog zur Heimkehr zu veranlassen. Die beiden Briefe siegelte sie, da der Ueberbringer des Lesens unkundig war, auf verschiedene Weise. Der an den Herzog trug ein rotes, jener an den Grafen, der ihm aber insgeheim übergeben werden sollte, ein schwarzes Siegel. Der Bote verstand unglücklicherweise falsch. Der Herzog erblickte, als der Ueberbringer den Brief überreichte, in dessen Tasche das zweite Schreiben. Auf die Frage, für wen es bestimmt, wollte der Bote nicht gleich mit der Antwort heraus, gestand aber dann, daß es für den Feldhauptmann bestimmt sei. Der Herzog riß das Siegel entzwei und las mit steigender Verwunderung den zärtlichen Brief seiner Gemahlin, welcher für ihn selbst bestimmt, den aber der irregeführte Herzog an den Grafen gerichtet glaubte. Sofort erfaßte ihn heftiger Argwohn, und in unbändiger Wut streckte er den Boten tot nieder, so daß dieser seinen Irrtum nicht mehr eingestehen konnte. Dann warf er sich, ohne das andere Schreiben gelesen zu haben, in blinder Leidenschaft aufs Pferd und raste gegen Donauwörth. Den Schloßvogt durchbohrte er mit seinem Schwert. Helika von Brennberg, welche ihm von der Herzogin zur Begrüßung entgegengeschickt worden, ließ er von der Zinne des Turmes hinabstürzen. Dann kam die Reihe an die Herzogin selbst, welche er, ohne sie zu hören und von ihr Rechenschaft zu fordern, noch in derselben Stunde im Burghof enthaupten ließ. (18. Januar 1256.) Bald sollte der Herzog sein Unrecht einsehen, der zweite Brief, den ihm der Feldhauptmann sofort nachgesendet, überzeugte den Herzog von der Unschuld seiner Gemahlin, leider zu spät. Seine Reue über den an ihr verübten Mord war so groß, daß ihm binnen wenigen 79 Tagen das Haar weiß geworden war. Durch schwere Bußübungen und eine Pilgerfahrt nach Rom suchte er die wilde That zu sühnen und das Kloster Fürstenfeld bei München verdankt dieser Sühne sein Entstehen. Im Volke aber nannte man ihn von dieser Zeit an den »Strengen«. Edeltraud hatte ihre Erzählung beendet; die Männer machten ihre Bemerkungen über jenes Vorkommnis, während die Pferde langsamen Schrittes den Wagen den Berg hinaufzogen, auf dessen oberstem Teil chaotisch übereinander gestürzte Blöcke porphyrartigen Gesteins aufgetürmt sind, welche auch den Untergrund der stolzen Burg bilden, während sich unterhalb derselben ein zweites, jetzt ruinenhaftes Schloß auf einem ungeheuren Granitblock erhebt, an welchen sich dann die etwa 380 Einwohner zählende Ortschaft mit dem weit bekannten Brau- und Gasthaus »Zum Rabel« schmiegt. Hier machte der Fuhrmann Halt, um neue Ladung aufzunehmen. Der Schleifer-Toni begab sich inzwischen mit seiner Tochter in die Gaststube, um eine Erfrischung einzunehmen. Traudl aber erinnerte sich daran, daß ihr der Maler gesagt, sie könnte von der Hochburg Ausschau halten nach ihren heimatlichen Bergen. Es war höchste Zeit hiezu, denn schon war die Sonne im Untergehen begriffen. Der alte Schleifer hatte nichts dagegen, als ihm die Tochter ihren Wunsch mitteilte und er sagte nur: »Grüß mir d' Waldlerberg und 's Muatterl!« Das Mädchen eilte den Burgberg hinan, von dem man südwärts die große Donauebene bis an die Alpen hin, im Osten und Norden das Bergrelief des Bayerwaldes und der Oberpfalz überschaut. Traudls Augen hafteten sofort auf den wie mit Purpur übergossenen 80 Waldbergen, dem Osser, Arber, Rachel und dem langgestreckten Hohenbogen, vor dem sich der runde Turm der Ruine Lichtenegg wie ein Vorposten ausnahm, der den historisch berühmten Paß von Neumark bewacht. Traudl warf Kußhände nach den Bergen hin und ihre 81 Augen füllten sich mit Thränen. Ein mächtiges Heimweh ergriff sie nach der Mutter, nach diesen Bergen. Das Bild des Mändelfritz, des jungen Lehrers, stand ebenfalls vor ihr. Seit Frau Schirmer heute morgen jene Herzensfrage an sie gestellt, erschien ihr vieles erklärlicher und dennoch unklar. Ueber dem Ossergebirge stieg die hellgelbe Vollscheibe des Mondes empor, es dünkte ihr wahrlich, wie ihr der Künstler gesagt, wie ein Gruß aus der Heimat – aber froh, wie Bergwald meinte, froh machte sie das alles nicht. Sie mußte jetzt wieder an den jungen Mann denken, der ihretwegen ins Unglück geraten, ihretwegen, eines so unbedeutenden Mädchens halber, einer Bettlerin, die nichts für ihn sein konnte und durfte. Derjenige, dessen sie in diesem Augenblick mit Rührung gedachte, rief sie jetzt mit den Worten an: »Nun, Edeltraud, gefällt es Ihnen hier oben nicht?« Traudl stieß einen Ruf freudigen Schreckens aus und sie wußte kaum, was sie that, als sie dem jungen Mann die Hand hinreichte, und rief: »Gott sei's gedankt, daß Sie frei san! Wie mi dös freut! Ja, jetzt g'fallt's mir da, jetzt scho'!« Dabei wischte sie sich mit der freien Hand die Thränen von den Wangen, die unaufhaltsam über dieselben herabperlten. »Warum weinen Sie?« fragte Bergwald, sie glücklich anblickend. »Warum? I woaß's selm nöt. An Ihna hon i denken müassen und es hat mi g'schmerzt, daß i die Ursach war von dem Unglück. Gelt, Sie san mir nöt bös deswegen – i kann nix dafür. No', daß S' nur wieder frei san! Jetzt bin i schon wieder tröst', jetzt wird mir wieder leichter 82 ums Herz. Jetzt g'fallt's mir da. Sehen S' dort, wo der Mond aufsteigt, grad über die zwei Osserspitzen, dort am Fuaß vom Berg is unser Hoamat, dort is's so friedli, so schö'! Und d' Muatta schaugt leicht in dem Augenblick aa auffi zum Herr Ma' (Mond), wie 's bei uns drin sagen und schwant's (ahnt) vielleicht, daß i dessell thua. I freu' mi scho' recht wieder auf hoam.« »Ich verstehe das,« meinte der Maler. »Nun, Ihre Abwesenheit währt ja nur kurz. Ich aber möchte Sie um etwas bitten. Singen Sie angesichts Ihrer herrlichen Waldberge das Lied, das Sie gestern abend sangen. Wollen Sie mir die Freude machen?« »Dös Lied von Mändlfritz? Gern, recht gern! Jetzt sing i und lach i wieder, weil nur – Aber was is's denn mit'n Muckl?« unterbrach sie sich dann. »Die Schirmer Leut war'n so guat mit uns. 's wird eam do nöt ans Leben ganga sein?« »Gott sei Dank! Nein. Er ist nur leicht verwundet und kann vielleicht schon morgen wieder Dienst machen. Ohne gerichtliche Verhandlung wird es freilich nicht abgehen, aber es wird gnädig ausfallen. Seien Sie ganz unbesorgt und singen Sie.« »Aber i bin halt dran schuld!« meinte Traudl in sie selbst vorwurfsvoll treffendem Ton. »Lassen Sie das! Es wird alles wieder gut; glauben Sie mir!« »Ja, Ihna glaub i,« versicherte Traudl. Und mit wieder freudigerem Blick die Heimatsberge betrachtend, fing sie leise zu singen an: »Beim Burgstall, Arber und beim Ossaspitz Dort is mei' allerliebster Heimatsitz usw. 83 Der Künstler sang die ihm nun schon bekannte einfache Melodie mit. Als die schönen Klänge verhallt, blickten beide schweigend nach der Pracht am Himmel und auf Erden – ihre Hände hatten sich unwillkürlich gefaßt. Kein Wort unterbrach die Weihe der folgenden Minute. Jetzt wurde nach Traudl gerufen. Es war die Stimme ihres Vaters. »I muaß geh'n,« sagte sie mit dem Ausdruck herzlichen Bedauerns. »Die Fahrt geht weiter.« »Leben Sie wohl, Edeltraud,« versetzte Bergwald. »Gott geleite Sie und erhalte Sie, so wie jetzt, für immerdar.« Traudl sah ihn mit ihren frommen Augen an. Ein ganzer Himmel sprach für Bergwald aus diesem Blick »B'hüt Gott!« sagte sie. »I werd' an Sie denken, so lang i leb.« »Wir sehen uns wieder! Bald, bald!« entgegnete Otto bewegt. Sie eilte den Burgberg hinab. Der Fuhrmann war zur Abfahrt bereit. Der Vater saß bereits auf dem Wagen. Sobald auch sie Platz genommen, ging es von dannen, in die helle Mondnacht hinein. Außerhalb des Ortes vernahmen die Reisenden vom Burghügel herab deutlich einen Gesang, das Lied vom Bayerwald. Mit angehaltenem Atem lauschte Traudl. Als der Sänger geendet, schickte sie einen hellen Juhschrei hinauf zu der Stätte, wo dieser sich befand. »Dös laß i mir g'falln,« meinte der leutselige Fuhrmann. »Juchezen schickt si scho' ehnder für so a jungs Bluat als wie's Flenna. Jetzt g'fallst mir wieder, Deandl!« 84 »Was hat di denn so schnell g'wend't?« fragte freundlich der Vater. Das Mädchen erwiderte: »I woaß 's nöt z' sag'n, Vater.« »Der G'sang is's halt,« meinte dieser. »Ma' sollt's nöt glauben – kennt ma' dös Lied vom Mändl-Fritz so weit heraußen! Dös wird 'n gfreun, wenn er's hört!« Traudl schwieg. Sie dachte des Sängers, sie wußte, der Gesang hatte ihr gegolten. Wie sie das freute. Bald nahm der Staufer Forst das Fuhrwerk auf. Das Mondlicht flirrte um die Wipfel der riesigen Fichten und Tannen und spielte in den Blättern der mächtigen Buchen längs der Straße. Am Himmel erglänzten die Sterne. Sie dünkten Traudl noch nie so schön wie heute, und mit glücklichen Gefühlen blickte sie zu ihnen hinauf. Infolge öfteren längeren Aufenthalts und Aufnahme von Frachtstücken in den am Wege gelegenen Ortschaften ging es schon stark dem neuen Tag entgegen, als das Fuhrwerk die letzte Strecke des bewaldeten Vorgebirges längs des fürstlich Taxisschen Tiergartens hinabfuhr zur Donauebene. Die Sonne stieg über die östliche Gebirgskette herauf, die mit hellgrünem, gleichsam bengalischem Licht überflutet war, der breite Strom, von großen Frachtschiffen belebt, schien flüssiges Gold zu sein, und rosige Wolken zogen am lichtblauen Himmel dahin, als hätten sie sich geschmückt zum festlichen Empfang der herannahenden Königin des Tages. Jetzt ertönte es wie ein feierlicher Choral. Von nah und fern hörte man Geläute zum Ave Maria. Es klang so wunderbar durch die klare Morgenluft. Von diesseits und jenseits der Donau, selbst bis vom Regensburger Dom her tragen die Tonwellen die 85 mächtigen metallenen Klänge und vereinigten sie mit den übrigen zur Andacht erregenden Gottesfeier. »'s kimmt mir vor, als wär's an' andere Welt!« sagte Traudl, nachdem sie ihre Morgenandacht vollendet und staunenden Blickes den breiten Strom und die endlose Ebene jenseits desselben betrachtet. »Ja,« meinte der Fuhrmann, »so über Nacht da ändert si gar viel.« Traudl nickte beistimmend mit dem Kopf. Viel hatte sich über Nacht nicht nur in der äußerlichen, sondern auch in ihrer inneren Welt geändert, viel, seit Otto Bergwald sie so innig angeblickt und ihr die letzten Worte zugerufen: »Bald! bald!« Sie konnte sich diesen süßen Gedanken nicht lange hingeben. Der Vater machte sie auf den zur Rechten der Straße auf der Höhe prangenden Prachtbau der Walhalla aufmerksam, deren weiße Marmorwände jetzt rosig angehaucht waren. Mit Bewunderung blickte sie zu dem Tempel mit der breiten Marmortreppe auf, sie hatte ihn schon im Bild gesehen und konnte sich jetzt kaum satt schauen an der Großartigkeit und Pracht dieses Baues, dessen Schöpfer König Ludwig I. war. »Wennst erst eini kämst, da würest schauen,« meinte der Vater. »I bin etlimal oben g'wen, wie i z' Regensburg in Garnison war. Es san die Büsten drin von die berühmten Leut, so lang ma 's Deutschland denkt.« »Und der letzte, der z'nachst eini komma is, dös is der Kaiser Wilhelm g'wen,« fuhr der andere Veteran fort. »Ma ham 'n gar oft g'sehg'n drin in Frankreich. Hellseiten! Dös war a Mann, und der Moltke dazu und 86 nacha der Bismarck, so a Kleeblattl giebt's alle hundert Jahr nur oamal, wenn's g'wiß is.« »Und dennast wern's diermal g'schänd't, daß 's a Graus is,« meinte der Schleifer. »Von wem denn?« fragte der andere. »Nur von solche, die während 'n Krieg hinter'm Ofen g'sessen san und hintnach gar no' lieber g'sehgn hätten, daß wir d' Schläg' kriegt hätten. No', die wereten g'schaut haben, wenn dös afrikanische G'sindel ins Land kömma wär und alles ausg'sogen hätt', alles plündert, Weib und Kind nöt g'schont, und wir 's sobald aa nimmer weiterbracht hätten. Da, Bruader, wereten's anders g'sunga hab'n! Gottlob! daß 's nöt so kömma is. Und so oft i da vorbeifahr und die Walhalla dort oben seh', bild i mir ein, sie stellt 's deutsche Reich vor, an dem die Boarischen – wir, d' Elfer san aa dabei g'wen – mitbaut ham, daß 's der Prachtbau wor'n is, wie'n die ganz Welt jetzt anstaunt – an' ewig's Werk!« Und sofort begann er sein Lieblingslied zu singen: »Deutschland, Deutschland über alles,« in welches sein Kriegskamerad und dann auch Traudl kräftig einstimmten und erst zu singen aufhörten, als sie die ersten Häuser von Donaustauf erreicht hatten, in welchem Ort sich die Sommerresidenz des Fürsten von Thurn und Taxis befindet. Am Fuß des Schloßberges vorüber, auf dem sich die schöne Staufer Ruine zeigt, ging es nun dem altehrwürdigen Regensburg zu, das mit seinen herrlichen, weißschimmernden gotischen Türmen die Nahenden begrüßt. Noch war es die Fahrt über die steinerne Brücke und der Blick von dort nach der zur Linken von den Vorgebirgen 87 des bayerischen Waldes begleiteten Donau, welche Traudl einen Ausruf des Entzückens entlockte, dann ging es hinein in die uralte Stadt mit ihren engen Gassen, zum Einkehrhaus des Boten. Nach einem ergiebigen Frühstück, mit welchem der Falkensteiner Veteran seine Fahrgäste traktierte, und nach herzlichem Dank und Abschied von dem treuen Kameraden machten sich Vater und Tochter sofort auf dem Weg zum Bahnhof, um mit dem nächsten nach Ingolstadt abgehenden Zug ihrem Bestimmungsort zufahren zu können. Dank der in den letzten Tagen freien Bewirtung hatte das Bargeld bis Wolnzach ausgereicht, und da durch die Fürsorge der Botenfrau auch noch der Lederranzen des Schleifer-Toni mit Lebensmitteln gefüllt war, fuhren sie, frei aller Sorgen und in heitersten Stimmung, dem gesegneten Hopfenland zu, der Holledau. 88 VI. Die Hallertau Als Quelle wurde Dr. T. B. Prechtls vortreffliches Werk: »Geschichte der Märkte Au, Wolnzach, Mainburg und Nandlstadt« benützt. , im Volksmund Holledau genannt, ist ein etwa drei Quadratmeilen umfassendes, altbayerisches Ländchen zwischen Amper, Ilm, Donau und Abens gelegen, ein aus Waldhügeln, Wasserscheiden, zahllosen kleinen Quellengebieten bestehendes und teilweise von großen Forsten umrahmtes Terrain. Hart an dem Thor der Hallertau liegen die Städte Moosburg, Abensberg, Neustadt a. D. und Pfaffenhofen. Schon in uralten Zeiten war die Hallertau sehr bevölkert und mit vielen Ortschaften, Herrenhäusern und Schlössern versehen, obgleich der Boden, aus losem Sand und Lehm gemischt, nicht zu dem dankbarsten gehört. Dieses zwischen großen, belebten Heerstraßen gelegene Gebiet war früher gleichsam eine Insel, an welcher die Welt vorbeizog. Nur eine einzige größere Straße führte mitten durch die Hallertau von Freising nach Abensberg, welche mit Recht eine Straße der Armut genannt wurde. Viele Tausende fahrenden Volkes, Handwerksburschen, Komödianten, Gaukler, Zigeuner, Hausierer, Vagabunden u. a., ziehen alljährlich dieses Weges. Kein Wunder, daß unter ihnen viele waren, welche die Begriffe von Mein und Dein nicht streng nahmen und namentlich sollen die Roßdiebstähle während und nach dem 89 dreißigjährigen Krieg derart überhand genommen haben, daß die kurfürstliche Regierung von Landshut in einem Erlaß die strengste Bestrafung der Roßdiebe androhte und befahl, daß an den vier Grenzen der Hallertau, nämlich an den Pfleggerichtsgrenzen Freising, Moosburg, Abensberg und Pfaffenhofen vier Galgen als warnendes Zeichen für die Diebe errichtet wurden. Seit jener Zeit gilt der Spruch: Die vier Galgen zu Freising, Moosburg, Abensberg und Pfaffenhofen hüten die Grenzen der Holledau. Infolgedessen spricht man von den »Roßdieben in der Holledau«, obgleich nur »Landfahrer und umvagierte Leith« dieses Verbrechens bezichtigt wurden, so daß die Holledauer nicht sowohl die Diebe als die Bestohlenen waren. Daß ein solch abgeschlossenes Ländchen oft vortreffliche Schlupfwinkel für die Spitzbuben bildete, ist erklärlich, und mußte es sich deshalb auch den Namen »Schelmenländl« gefallen lassen. Die Holledauer ließen sich aber den Spott der Nachbarn nicht nur gefallen, sondern machten sich in ihrem angeborenen Humor und ihrer Schalkhaftigkeit selbst über die ihnen angedichteten Dinge lustig. Das Volk lacht, scherzt und spottet gutmütig über sich selbst, womit es aber nicht verzichtet, unberufene Spötter sich gehörig zu »leihen« zu nehmen. Die Holledauer sind ein kräftiger, altbayerischer Menschenschlag. Im Vergleich zu den andern altbayerischen Gegenden ist ihre Nahrung eine ganz vortreffliche. Das Geselchte von selbstgezüchteten Schweinen bildet eine Nationalspeise; dazu trinkt der Hallertauer auch an Wochentagen sein Bier, ja dieses bildet sozusagen mit die Hauptnahrung, und beim Hallertauer Bier wird gewiß der Hopfen nicht gespart. 90 Das weitere beliebte Stichwort, daß die »Holledauer da anfangen, wo die gescheiten Leute aufhören,« haben die Holledauer gründlich zu Schanden gemacht, denn sie waren im Gegenteil sehr gescheit, daß sie den Hopfenbau in ihren Gebieten einführten, für welchen die Bodenmischung ihres Landes, die sanften Anhöhen, die Flußthäler mit sonniger, südlicher Lage sich ganz besonders eignen. Obwohl schon vor tausend Jahren hier wie überall in Oberbayern teilweise eingeführt, ist der Hopfen doch erst seit den Dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hier die Hauptquelle des Wohlstandes geworden. Statt ausschließlich meist kümmerliches Getreide, baut jetzt der Holledauer seinen Hopfen, eine Handelspflanze, welche fast jede Familie, selbst die kleinsten Leute in den Strom eines ganz neu gesteigerten Arbeitslebens gezogen hat. Vorzugsweise wird dieses Gewächs in Wolnzach und Umgebung, in Mainburg, Au, Pfaffenhofen und anderen Orten gepflanzt, um daraus den weltbekannten Nektar zu bereiten. Jeder, selbst der Taglöhner hat sein Hopfengärtchen und löst aus demselben ein Stück bares Geld. Mitten im Wald stößt man auf einen geschützten, gegen Süden geneigten Fleck, der mit Hopfen bedeckt ist, man sieht Kirchhöfe ganz in Hopfen versteckt und aus den steilsten Schluchten der zerrissenen Sandhügel, wo sonst kaum eine Ziege weidete, ragt ein Wald von Hopfenstangen. Die an Stangen oder an Drähten sich aufschlingenden, üppigen, mit unzähligen Trollen bewachsenen grünen Ranken gemahnen an Weinberge und stechen anmutig ab gegen die dunklen Nadelwaldungen und das leuchtende Grün der Wiesen. 91 Da herrscht schon vom ersten Frühjahr an ein wimmelndes Leben in den Hopfengärten, der Boden wird gehäufelt, gedüngt, gesäubert und die Hopfenfexer werden beschnitten, alsdann werden die Reben aufgebunden und es wird den ganzen Sommer über dem Gewächs die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt zugewendet. Hängt doch die ganze Jahreseinnahme von dem mehr oder minder guten Gedeihen der Trollen ab und der Holledauer Hopfen ist zur Zeit einer der gesuchtesten in Bayern. Selbst Engländer haben an mehreren Plätzen, wie in Marzell, im Empfenbachthal und am Haunerhof, zunächst Wolnzach, große Grundstücke erworben, um hier in großartigem Maßstab die Hopfenkultur zu betreiben. Ist dann der Herbst erschienen, so öffnet die vordem so abgeschlossene Holledau ihre Thore. Trotz der Lokalbahn, welche jetzt durch das Wolnzach und Abensthal führt, kommen immer noch wenige Holledauer in die Welt, aber die Welt kommt zu ihnen in die Holledau, zunächst in Gestalt von Hopfenhändlern und des aus aller Welt herbeiströmenden Volkes der Hopfenbrocker. Da kommen ganze Familien aus der Oberpfalz, dem bayerischen Wald, aus Böhmen, Mähren, sogar auch Norddeutsche und bringen ein lustiges Leben in das Ländchen. Frohe Gesänge hallen durch die Thäler, denn die Arbeit ist keine mühselige; alte Leute und Kinder sind dabei verwendbar, und darum betrachten arme, aber mit Kindern reich gesegnete Familien diese Arbeit in den grünen, würzig duftenden Hopfengärten und der gesunden, frischen Luft gleichsam als eine Art Sommerfrische, als Erholung in ihrem sonstigen schweren Leben. Schlechtweg betrachtet man diese Hopfenbrocker nur als 92 Gesindel, was aber durchaus nicht zutreffend ist. Zweifellos befinden sich unter den an fünftausend aus aller Herren Länder Zugereisten viele fragwürdige Persönlichkeiten, aber die meisten sind doch nur arme Leute, arbeitsam und Verdienst suchend, die man oft kurzweg mit »Gesindel« zu bezeichnen pflegt und damit ehrliche, brave Leute beschimpft. Manche Hopfenbrocker kommen aus bestimmten Ortschaften schon seit vielen Jahren und sorgen in deren Heimat die Leute selbst dafür, daß nur gut Beleumundete sich ihnen anschließen. Dieses Verhältnis war auch bei der Karawane der Fall, welcher sich der alte Schleifer-Toni und seine Tochter angeschlossen. Letztere hatten infolge ihrer Eisenbahnfahrt einen Vorsprung vor ihren Landsleuten erhalten und kamen einen Tag vor diesen in dem lieblichen, am Wolnzachflüßchen in einem weiten, grünen Thal gelegenen Markt an. Der schöne Ort zählt bei 2200 Einwohner, die in den Lokalgewerben, hauptsächlich aber in der sehr stark betriebenen Hopfenkultur, welche bis in die Straßen des Marktes sich erstreckt, sehr anständige Nahrungsquellen finden. Lechner und seine Tochter fragten sofort nach dem Brauereibesitzer, für dessen Hopfengärten sie in Arbeit genommen waren und an den sie durch den Lehrer ihres Ortes, den Mändlfritz, empfohlen waren. Sie waren nicht wenig überrascht, als sie, in dem schönen Haus ihres Arbeitgebers angekommen, ihren Namen genannt, dort von der Familie sehr freundlich empfangen und ihnen ein hübsches Gemach zur Wohnung angewiesen wurde, mit dem Bemerken, daß sie Frühstück und Abendmahlzeit hier auf ihrer Stube, das Mittagessen aber im Hopfengarten 93 mit den andern erhalten würden. Für heute – es war gerade Mittagszeit – sollten sie im Gastlokal ihr Mahl einnehmen. Der alte Lechner, den diese Zuvorkommenheit etwas befremdete, meinte zwar, sie verlangten nichts Besseres als ihre Kameraden, aber der Brauer meinte mit einem Blick auf die Kriegsdenkmünze, man müsse bei einem Veteranen, der die siegreichen Schlachten mitgekämpft, eine Ausnahme machen, und er, der selbst längere Zeit gedient, wisse solche Leute zu schätzen. Edeltraud aber empfand dankbar das Entgegenkommen, das sie bei der Frau und der mit ihr etwa im gleichen Alter stehenden Tochter des Hauses, »Lorli«, gefunden, die sie mehr als »Hoa'gast«, denn als Hopfenbrockerin zu betrachten schienen. Nachdem Lechner und seine Tochter ein recht bürgerliches Mittagessen eingenommen, wollten sie sofort an die Arbeit gehen und erbaten sich deshalb die nötige Anweisung. Aber man bedeutete ihnen, daß der heutige Tag zum Ausruhen von der Reise bestimmt sei, und da abends auch die übrigen Landsleute eintreffen müßten, erst morgen die Arbeit beginnen würde. Dem Schleifer-Toni kam das freilich sehr erwünscht. Die Nachtfahrt hatte ihn doch angegriffen, auch hatte er sich von dem Anfall am vorgestrigen Tag noch nicht völlig erholt, besonders aber hatten die Vorkommnisse in Falkenstein sein Gemüt erregt. Hätte er gewußt, daß der fremde Künstler sich wiederholt und noch in Brennberg seiner Tochter genähert, er würde wieder in große Unruhe und Sorge gekommen sein. Dagegen hätte es ihn sicher recht gefreut, wenn ihm der Hopfengutsbesitzer mitgeteilt hätte, daß der »Mändl-Fritz« an ihn einen Brief des Inhalts 94 gerichtet, er möchte den alten Veteranen als solchen respektieren, und ihn und dessen Tochter mehr als Gäste behandeln, wie als Hopfenbrocker, doch ohne, daß diesen von der Mitteilung eine Andeutung gegeben werde. Eine Postanweisung zur Deckung der Kosten war gleichfalls erfolgt, doch ließ der Brauer den Betrag sofort wieder zurückgehen und schrieb im gleichen Sinn, wie er sich dem Veteranen und seiner Tochter gegenüber geäußert. Während der Vater ruhte, besah sich Traudl vom Fenster aus das Leben und Treiben auf der Straße. Hunderte von Leuten passierten den Markt in den buntesten Gruppen, man hörte alle möglichen Mundarten, worunter die böhmische Sprache stark vertreten war. Teils zogen sie weiter in das Innere der Holledau, Mainburg und Au zu, teils blieben sie in Wolnzach und meldeten sich bei den Hopfenbauern, von welchen sie bestellt oder schon in den Vorjahren beschäftigt waren. Mitunter zeigten sich freilich Figuren, welche auf den ersten Blick eher Strolchen als ehrlichen Arbeitern glichen und das erstere auch in der That waren. Es sind dies arbeitsscheue Leute, welche sich durch die Wanderung in die Holledau dem Auge der Sicherheitsbehörden entziehen wollen, sich einige Tage mit Hopfenzupfen befassen und das dafür erhaltene Geld sofort wieder verjubeln. Sie kommen meist aus der Residenzstadt, wo sie Stadtverweis erhielten, hierher, wohl auch in Gesellschaft ihrer Zuhälterinnen, und diese Leute tragen dann die Schuld, daß man über das Volk der Hopfenbrocker so schlimm aburteilt und von dem »Gesindel in der Holledau« spricht, das aber glücklicherweise nur zur Zeit der Hopfenernte dort ist und nach Beendigung derselben zum Trost der Holledauer wieder von dannen zieht. 95 Gegen Abend trafen endlich, vom weiten Marsch erschöpft, auch Traudls Landsleute aus dem Regenthal ein. Sie wurden alle in den großen Räumlichkeiten des Brauhauses so gut wie möglich untergebracht und verköstigt und sie ließen sich das ihnen Vorgesetzte trefflich munden. Am darauffolgenden Morgen ging es dann freudig in die Hopfengärten hinaus. Die Lerchen jubelten im blauen Aether und schienen sich des Getriebes unter ihnen zu freuen, aber auch die Kinder jubelten, neben ihren Eltern herlaufend, denn bei den meisten war es der erste Lohn, den sie für ihre Arbeit empfangen sollten, und schon jetzt griffen sie nach den leeren Geldbeutelchen in der Hoffnung, daß es noch heute in denselben »scheppern« werde. Bald lagerten sich die Leute gruppenweise oder in Familien unter den üppigen, grünen Hopfenreben, die heuer ganz vorzügliche Trollen hatten und den Besitzern die besten Aussichten auf einen guten Preis erhoffen ließen. Die Reben werden je nach Bedarf von den Balken, zu welchen sie sich an Schnüren hinaufgeschlungen, herabgerissen, und die Trollen nun emsig von den Leuten in Körbe gezupft. Hat man einen Metzen voll gezupft, so trägt man die Trollen zum Kassier, der in der Mitte des Hopfengartens Platz genommen, schüttet den eingebrachten Hopfen in das Maß und erhält dann die dafür bestimmte Taxe von 20 bis 25 Pfennigen sofort ausbezahlt. So gering diese Taxe auch für die Zupfer sein mag, so stark läuft sie bei dem Hopfenbauer ins Gewicht, da auf einen Zentner präparierten Hopfen etwa zehn Mark Zupferlohn trifft. Ein sehr guter Zupfer bringt es auf zwei 96 Mark per Tag und auch etwas mehr, Familien mit Kindern auf etwa vier Mark. Sobald es in den Taschen der armen Leute zu »scheppern« beginnt, mit anderen Worten, sobald sie einen handgreiflichen Erfolg ihrer Arbeit verspüren, erheitert sich unwillkürlich ihre Stimmung, sie werden gesprächig, fangen zu erzählen und alsbald auch zu singen an und geben gern ihre Volkslieder zum Besten, deren Melodien man weithin vernimmt. Die Wäldler gehen da allen andern voran und ist es namentlich das allbekannte Lied vom Böhmerwald, welches durch die grünen Rebengelände hallt und in welches dann nicht nur die Wäldler, sondern auch alle anderen Arbeiter freudig einstimmen: Es war im Böhmerwald, Wo meine Wiege stand, Im schönen grünen Wald. 97 VII. Auf dem Bahnhof zu Wolnzach waren mit dem Schnellzug aus Nürnberg zwei junge Männer angekommen, welche es bei dem herrlichen Morgen vorzogen, zu Fuß den eine Stunde weiten Weg nach dem Markt Wolnzach auf gut gehaltenem Sträßchen zurückzulegen, statt auf den erst in einigen Stunden stattfindenden Abgang des Lokalzuges in die Holledau zu warten. Der eine dieser Herren war Otto Bergwald, der einen kleinen Photographieapparat um die Schulter hängen hatte, der andere, ein großer, schlanker Mann mit einem sehr einnehmenden Gesichte, von dunklem Vollbart umrahmt, war Franz Lechner, der Bruder Edeltrauds. Er glich der Schwester wohl Zug für Zug, hatte dasselbe längliche Gesicht, die gleichen Augen, sogar seine Sprache erinnerte den Künstler an jene der schönen Wäldlerin. Diese Erinnerung allein war es, welche es ihm ermöglichte, eine gewisse Gereiztheit gegen seinen Begleiter zu unterdrücken. »Ich weiß wirklich nicht,« sagte Franz, »wie du dazu kommst, Schwager, dich auf einmal in das Geschäft einzumischen, dem du doch bis jetzt fern gestanden? Du weißt doch, daß wir bis jetzt unsern Hopfen stets von Spalt bezogen haben. Nun sollen wir plötzlich in Wolnzach einkaufen und du willst persönlich dabei sein? Warum das?« »Ich finde eben Gefallen daran, einmal die Sache mit anzusehen, bei der ich als stiller Mitinhaber der Firma 98 Kleinschwert beteiligt bin und wobei mich mein Prokuraträger Lori vertritt,« versetzte Otto. »Nun, ich hoffe, du wirst mit meiner Geschäftsführung nicht unzufrieden sein. Die Rente, welche du aus dem Geschäfte ziehst, ist keine geringe.« »Ich bin auch damit zufrieden, deshalb lebe ich ausschließlich nur meiner Kunst, die selbst mein Pseudonym »Bergwald« deckt.« »Nun, jedenfalls rentiert deine Teilnehmerschaft am Geschäft besser als die Kunst,« meinte Franz mit etwas spöttischem Lächeln. »Aber das, was mir die Kunst einbringt, ist mir unendlich mehr wert, als was mir dein Gewinnkonto auswirft, und die längst gehegte Idee, mich ganz aus dem Geschäft zurückziehen und mir irgendwo in schöner Gebirgsgegend ein Heim zu gründen, wird immer lebendiger in mir.« »Das ist doch dein Spaß?« entgegnete Franz lächelnd und sein inneres Erschrecken bekämpfend. »Durchaus nicht. Hast du und meine Schwester Marga doch schon mehrmals den Wunsch ausgesprochen, alleinige Inhaber der Firma zu werden.« »Der Wunsch ist entstanden durch das oft kleinliche Vorgehen deines Prokuraträgers, des alten Lori.« »Aber Lori war ja das Faktotum meines seligen Vaters, er ist die ehrlichste Seele von der Welt, dem nur die Blüte unseres Hauses am Herzen liegt und dem wir ein gut Teil des Vermögens verdanken – das ist doch ein Glück, diesen Mann im Geschäft zu haben? Uebrigens, wenn du imstande bist, das Haus, welches mein alleiniges Eigentum ist, abzulösen, kann dein Wunsch erfüllt werden. 99 Du machst ja mit Glück in Differenzgeschäften, erwirbst Geld –« »Das hat dir gewiß der spionierende Lori hinterbracht.« »Das weiß ich vom Bankhaus selbst, welches einmal irrigerweise deine Nota an die Firma schickte, statt an deine private Adresse. Daraus ersah ich, daß du gewonnen hast. Doch, um auf das vorige Thema zurückzukommen, die Idee, mich vom Geschäft zurückzuziehen, ist mir neuerdings gekommen, als ich jüngst im bayerischen Wald war. Sag mir doch, – du bist doch selbst aus dem Wald? Woher?« »Aus dem Regenthal.« »Was ist dein Vater?« »Mein Vater? Der ist in einer Spiegelschleife beschäftigt, so eine Art Magazinier, Aufseher –« »Hast du noch weitere Angehörige?« »Das weißt du ja: Mutter und Schwester.« »Ach du Glücklicher! Dir leben noch Eltern! Das muß dich doch freuen? Du besuchst sie doch öfter?« »Dazu läßt mir das Geschäft keine Zeit,« erwiderte Franz errötend. »Aber treibt dich denn nicht das Herz dazu?« »Das Herz? Im Geschäft kommt das erst in zweiter Reihe.« »Aber ich dächte, die Liebe zu den Eltern hätte mit dem Geschäft gar nichts zu thun? Hätte ich meinem guten Vater nur ein Jahr seines Lebens erkaufen können, ich hätte mein ganzes Erbe dahin gegeben.« »Um dann selbst zu darben,« meinte der andere. »Das sind Phrasen, die vor der Vernunft nicht stand halten.« 100 »O doch. Wären meine Eltern hilfsbedürftig gewesen, es wäre mir eine Lust gewesen, sie zu unterstützen, meinen Verdienst mit ihnen zu teilen und so die kindliche Dankbarkeit nach bestem Können zu bethätigen. Du warst vielleicht in solcher Lage und kannst dich darüber freuen.« »Ich? Nein. Auch bin ich ganz anderer Ansicht. Alles hat seine Grenzen, auch die kindliche Dankbarkeit. Es ist doch nur Pflicht, was die Eltern an ihren Kindern thun. Sie müssen diejenigen, welchen sie das Leben gegeben, zu ordentlichen Menschen zu erziehen trachten, damit sie selbstständig werden. Das ist ihre Pflicht und dafür können sie doch keine Entschädigung verlangen?« »Kindliche Liebe können sie verlangen,« versetzte Otto. »Und wer sollte ihnen Hilfe in der Not bringen, wenn nicht die eigenen Kinder? Hilfe in der Not kann jeder Bedrängte von seinem bessergestellten Nebenmenschen verlangen, um wie viel mehr vom eigenen Sohn. Gesetzt den Fall, deine Angehörigen würden in unverschuldete Not geraten, die Fabrik, wo sie beschäftigt, hätte die Arbeit eingestellt. Wenn sie zum Beispiel, um sich vor Hunger zu schützen, wie so viele andere hierher wandern müßten, um Verdienst zu suchen – als Hopfenbrocker, würdest du, als wohlhabender Mann, das nicht verhindern?« »Dieser Fall ist nicht denkbar,« protestierte Franz. »Wie könnten meine Angehörigen so tief sinken, dieses Hopfengesindel zu vermehren. Wie du nur einen solchen Fall ausdenken kannst! Da sieh einmal,« suchte er seinen Begleiter abzulenken, »das Paar, das uns dort entgegenkommt. Das sind Leute, wie man sie bei den Hopfenbrockern findet. Knöpfe deinen Rock zu, damit sie die 101 goldene Kette nicht sehen. Das Gesindel ist zu allem fähig.« Zwei in ihrem Anzug herabgekommene, verlotterte Burschen von kaum zwanzig Jahren wackelten sichtlich betrunken die Straße daher. Sie hielten sich umschlungen und plärrten mehr als sie sangen: »Heiliger Castulus Es ist hier die Wallfahrtskirche St. Kastl auf dem nahen gleichnamigen Berg bei Röhrbach gemeint. Das Lied ist eine Nachäffung des bekannten Pinzgauerschen Wallfahrtsliedes und hat folgenden Ursprung: Etliche Strolche hatten einen Schimmel gestohlen und denselben, als sie sich verfolgt sahen, in eine Feldkapelle versteckt. Sie konnten aber das Tier nicht rechtzeitig wieder holen, und als später die Kapelle geöffnet wurde, fand man den Schimmel verhungert. Darum nennt man, wie schon oben erwähnt, fälschlich die Holledauer auch »Schimmelfänger« und die vereinzelten Kapellen, welche dort und da die Hügel krönen, »Schimmelkapellen«. und uns're liabe Frau, Oes werd's uns ja wohl kenna, wir san von der Holledau; Förden san ma neune gwen, heuer sched grad drei, Sechse san beim Schimmelstehl'n; Maria steh uns bei.« Sobald die Strolche bei den beiden Herren angekommen, hielten sie im Gesang inne und baten um eine Beisteuer zu ihrem Reisegeld. Während sie eine Gabe empfingen, fragte Bergwald: »Warum sucht ihr nicht Verdienst beim Hopfenbrocken?« »Haben gezupft,« erwiderte der eine, »zwei Tage gezupft unter Weibern und Kindern, aber weil wir freie Männer sein wollen, haben wir nach unserem Belieben gezupft, und unser Belieben geht nit schon um sechse an, wo wir unsern Rausch von gestern noch nit ausg'schlafen 102 haben, kurz, wir zupfen, wann's uns beliebt. Aber der Hopfenherr sagte uns, er wolle das nicht, und so sind wir wieder Freiherren geworden.« »Wo reist ihr jetzt hin?« »Hinaus aus dem Schelmenlandl, benamst Holledau, fort von den Schimmeldieben und dem Zupfergesindel, mit dem wir nichts gemein haben, fort nach der Residenz, wo man uns achtet und selbst der Herr Polizeipräsident von uns Notiz nimmt. Haben's nit noch a Zigarrl?« Otto mußte über die Unverschämtheit dieser Taugenichtse lachen. Er gab jedem noch die verlangte Zigarre, welche auch sofort in Brand gesetzt wurde. Dann wanderten sie weiter, wieder das Lied anstimmend: »Heiliger Castulus usw.« Aber Otto rief sie nochmals zurück. »Bei wem seid ihr in Arbeit gestanden?« fragte er sie. »Beim Bichlbräu in Wolnzach. Glei an der Straßen, wenn ma den Berg hinab is, liegt sei' Hopfengarten. Sie wer'n dös Zupferg'sindel glei sehg'n. Und also merci und Servus.« Damit entfernten sie sich singend. Otto blickte ihnen mit sichtlichem Vergnügen nach, dann machte er rasch einige Striche in sein Skizzenbuch. »Ich glaube gar, die Lumpen gefallen dir?« fragte Franz. »Ja, die beiden gefallen mir,« entgegnete Otto. »Auch dich werden die Hopfenzupfer interessieren. Hilf mir, einige hervorragende Figuren suchen; du weißt schon, wie ich sie liebe.« »Dich reizt alles, was fahrendes Volk heißt,« meinte Franz geringschätzig. 103 »Sieh da, wie prächtig der Hopfen hier zu beiden Seiten der Straße steht. Hei! Das ist ein Segen! Das ist Wolnzacher Siegelhopfen. Erste Qualität. Prachtvoll!« »Der Preis wird für die Käufer auch prachtvoll sein,« lachte Bergwald. »A bah! Bei der anzunehmenden Ueberproduktion haben wir Nürnberger schon den Preis festgesetzt. Uebrigens der Wahrheit die Ehre: das Holledauer Gewächs giebt dem Spalter nichts mehr nach.« Er riß einige Trollen ab, rieb sie in der Hand, und schlürfte mit Wohlbehagen den Duft ein. Während dann Franz an der immer herrlicher werdenden Hopfenkultur seine Augen weidete, suchte Otto den von den Strolchen bezeichneten Hopfengarten des Bichlbräu, in welchem, wie ihm ja bekannt, Franzens Vater und Schwester arbeiteten. Es währte nicht lange, hatten sie die Stelle erreicht und damit auch den ersten Platz, an welchem zahlreiche Hopfenbrocker beschäftigt waren. Es war ein buntes Bild, das sich ihnen darbot, wie die Familien beisammen saßen und um die Wette die Trollen von den Ranken zupften, einzelne Personen mit gefüllten Körben zum Kassier eilten, dort die Messung vornehmen ließen und nach erhaltenem Lohn wieder fröhlich zurückeilten zu ihren Standpunkten. Otto schlug das Herz in freudiger Erwartung, das Mädchen wiederzusehen, dessen er stets gedachte. Dabei war er aber auch neugierig, welchen Eindruck es auf seinen Schwager machen würde, wenn er seine Angehörigen unter den von ihm so verachteten Hopfenbrockern erkannte. Das sollte die Strafe sein für seine Herzlosigkeit, für das Benehmen eines Emporkömmlings, der sich seiner niederen 104 Herkunft schämte und dem der ihm so plötzlich zugefallene Reichtum das Herz versteinert, jede tiefere Regung selbst für seine armen Angehörigen hinweggenommen. »Geh' du von hier oben in den Hopfengarten, ich thue das Gleiche von der Mitte aus,« schlug Bergwald vor; »am Ende dort unten kommen wir wieder zusammen, und hast du eine hübsche Gruppe gefunden, wie sie sich für mich eignet, so führst du mich hin.« »Ob ich das Talent habe, für dich etwas Passendes auszufinden, lasse ich dahingestellt,« entgegnete Franz. »Mich interessiert der schöne Hopfen mehr als diese Leute, aber ich will doch sehen –. Also auf Wiedersehen!« Damit schritt er in die Hopfenkultur hinein. Die Arbeiter achteten nicht viel auf ihn, da ja fortwährend Hopfenhändler die Gärten besuchen. Aber nach einigem Umherwandern ward seine Aufmerksamkeit für das Hopfenzupfervolk doch in Anspruch genommen. Er glaubte die von ihm noch nicht vergessene Mundart seiner Waldheimat zu vernehmen, und näher zusehend, waren es bekannte Gesichter, die er erblickte, Fabrikarbeiter aus dem Regenthal. Es war ihm doch eigen zumute, sich so plötzlich unter seine Landsleute versetzt zu sehen; doch ließ er sich von niemand scharf ins Auge fassen, obwohl sie ihm einen »Guten Morgen« wünschten, was er aber in seinem Hochmut unerwidert ließ. Plötzlich hielt er inne. Dort auf einem Haufen Ranken saßen ein älterer Mann und ein Mädchen. Ersterer erinnerte ihn sofort an seinen Vater. Und als er näher hinsah, erkannte er ihn wirklich. Es war kein Zweifel, der Hopfenzupfer war sein Vater. Das Mädchen konnte er nur 105 etwas von der Seite sehen, aber er erkannte in ihr sofort seine Schwester Traudl. Er hatte diese als vierzehnjähriges Kind verlassen; jetzt war sie zur Jungfrau herangewachsen, er vernahm ihre Stimme, ja, es waren bekannte Laute, die an sein Ohr schlugen. Es überkam ihn ein eigentümliches Gefühl. Das Blut schoß ihm zu Kopf. Nur mit Mühe konnte er einen Ausruf der Ueberraschung unterdrücken. Unwillkürlich trieb es ihn, sich den Seinen zu nähern, sie zu begrüßen, es war ein Moment, in welchem das kindliche Gefühl in ihm die Oberhand gewann, aber schon im nächsten Augenblick überwog jene Regung das Gefühl der Schande, seine Angehörigen in solcher Beschäftigung zu sehen. Rasch wandte er sich ab, und ohne sich noch weiter um das übrige Volk zu kümmern, schritt er zur Straße hinaus, wo ihn sein Schwager bereits zu erwarten schien. Dieser hatte durch den Kassier inzwischen schon erfahren, daß die Leute aus dem Regenthal hier beschäftigt seien und sah mit Spannung der Ankunft des Schwagers entgegen. Im höchsten Grad erregt, kam dieser jetzt herbei. »Nun?« fragte Otto. »Was ist dir?« »Nichts, nichts,« log Franz, sich mit Gewalt zur Ruhe zwingend. »Hast du kein Motiv für mich gefunden?« »Ein Motiv? Ach ja, ich habe eines gefunden – eines, bei dem ich selbst –« Er stockte. »Du mußt Landsleute getroffen haben. Der Kassier sagte mir, es seien Leute aus dem Regenthal hier, also aus deiner Heimat.« »Die hab' ich gesehen. Sie grüßten mich.« »Und du hast sie wieder begrüßt?« »Begrüßt? Nein, das nicht.« »Nicht? Du schämtest dich wohl dieser Bekanntschaft? Aber sprich doch – du bist so aufgeregt?« »Was soll ich sagen? Das Ungeheuerliche ist eingetroffen; was ich nie für möglich gehalten, es ist wirklich der Fall.« »Erkläre dich deutlicher; ich verstehe dich nicht.« 107 »Verstehe ich's? Denke nur, unter den Hopfenbrockern ist mein Vater, meine Schwester!« »Edeltraud?« fragte Bergwald sich vergessend. »Du kennst ihren Namen?« Franz sah ihn überrascht an. »Weiter, weiter!« drängte Otto. »Weiter? Du siehst mich fassungslos. Ich weiß gar nicht, was da zu thun ist. Am besten wird es sein, ich reise sofort ab.« »Ohne die Deinen gesprochen zu haben?« rief Otto. »Nicht möglich! War deine Mutter nicht dabei?« »Die Mutter? Nein, sie sah ich nicht.« »Wenn sie krank daheim läge? Wenn deine Schwester, dein Vater hier Verdienst suchten, um daheim der Not zu steuern? Franz, denkst du nicht an diese Möglichkeit? Liegt dir so wenig an deiner Mutter, daß du nicht erfahren willst, wo sie blieb, wie es ihr geht? Hat dich das bißchen erheiratete Geld denn ganz verknöchert? Wenn dem so ist, will ich dein Teilhaber nicht mehr sein. Ich ziehe mein Kapital aus dem Geschäft und thue, was mir mein Herz gebietet.« »Aber was soll ich denn thun?« »Deine Pflicht. Geh zurück und begrüße sie. Es sind brave, ehrliche Leute, du brauchst dich ihrer nicht zu schämen.« »Dahin zu ihnen zurückkehren? Nein, das kann ich nicht!« »So lasse sie ins Gasthaus bitten und thue dann, was dir, – ich will nicht sagen dein Herz, denn es scheint wirklich fraglich, ob du eines hast – sondern was dir die Vernunft vorschreibt.« 108 »Ja, du hast recht, ins Gasthaus will ich sie kommen lassen,« versetzte Franz entschlossen. »Und was willst du mit ihnen?« »Sie müssen heim!« »Müssen? Du kannst sie nicht zwingen. Du kannst sie höchstens bitten, von dir so viel anzunehmen, daß ihre augenblickliche Notlage, denn eine solche ist es sicherlich, gestillt wird. Ich gestatte dir, das auf unser Geschäftskonto zu setzen, gleichviel, wie hoch die Summe ist, denn es ist auch eine Schmach für unsere Firma, die weltbekannte Hopfenhandlung, wenn man erfährt, daß –« »Schweig!« rief Franz erregt. »Freilich ist es eine Schmach. Sie dürfen hier nicht länger bleiben!« Im Gasthause zum Bichlbräu angekommen, ließen sie sich zwei ineinander gehende Zimmer geben und war es dann das erste, daß Franz den die Gäste bewillkommnenden Wirt bat, den alten Lechner und dessen Tochter kommen zu lassen. »Ah,« sagte der Gastgeber, »Sie sind wahrscheinlich der Herr Lehrer Mändl, welcher sich so warm um die Leute annimmt? Nun, Sie werden selbst von ihnen hören, daß es ihnen an nichts fehlt. Und meine Tochter hat die Traudl wirklich sehr lieb gewonnen. Habe ich Sie als richtig erkannt?« Franz wußte nicht zu antworten, aber Bergwald versetzte für ihn: »Er ist nicht der, für welchen Sie ihn halten, sondern er ist der Bruder; möchte aber nicht, daß seine Angehörigen von seinem Hiersein eher erfahren, als bis sie ihm gegenüber stehen.« 109 Der Gastgeber entfernte sich, um dieser Weisung zu folgen. Inzwischen nahm Bergwald ein kleines Gabelfrühstück ein und unterhielt sich nebenbei mit der Tochter des Gasthofbesitzers, welche zufällig im sogenannten Herrenzimmer zu thun hatte. Er brachte das Gespräch auf die Regenthaler und fand vollauf bestätigt, was ihr Vater schon gesagt. Sie erging sich in Lobeserhebungen über Edeltraud, die wahrlich ein besseres Los verdiente, denn als Hopfenbrockerin verwendet zu werden, die für ein Landmädchen einen ganz ungewöhnlichen Bildungstrieb besitze, regen Sinn für alles Höhere und Schöne hätte und eine prächtige Stimme besäße. »Da hat sie Ihnen gewiß auch schon das Lied vom Bayerwald vorgesungen?« fragte Otto. »Schon recht oft; das vom Bayer- und vom Böhmerwald und eine Menge anderer Volkslieder. Es ist rührend, sie von ihrer Heimat sprechen oder singen zu hören, und ich hätte beinahe Lust, den Vater zu bitten, mit mir einmal den bayerischen Wald zu bereisen, um Traudls Heimat kennen zu lernen.« Bergwald war von diesem Gespräch aufs angenehmste berührt. Die Unterhaltung wurde jedoch unterbrochen, da man durchs Fenster den alten Lechner mit seiner Tochter herankommen sah. Sie waren in Arbeitskleidung und schienen sich in Vermutungen darüber zu ergehen, warum man sie mitten im Tage zurückrufe. »Ich will mich nun auch auf mein Zimmer begeben,« sagte Bergwald. »Haben Sie einstweilen Dank für Ihre Mitteilungen.« 110 VIII. Der Gastwirt hatte den alten Lechner und seine Tochter bis zur Thüre geleitet, welche zum Zimmer Franzens führte. Er war ihren Fragen geschickt ausgewichen. Auch übergab er ihnen einen morgens eingetroffenen Brief. Er war von der Mutter, und Traudl versorgte ihn einstweilen in ihrer Tasche. Nun öffnete er die Thür, hieß sie eintreten und nachdem er sie selbst wieder geschlossen, entfernte er sich rasch. »Franz! Dös is ja unser Franz!« rief Traudl, als sie den jungen Mann erblickte, der, sichtlich erschrocken, sich bei dem Eintritt der beiden vom Sofa erhoben, nun nach ihnen starrte. »Grüß di Gott, Franz! Gelt, du bist's?« »Wer?« fragte der Vater, die Tochter zurückhaltend, welche auf den Bruder zueilen wollte. »Unser Franz is's!« rief Traudl wieder. »So, so!« machte der Alte, mit einem vielsagenden, vorwurfsvollen Blick nach dem Sohn schauend. Dieser trat jetzt herbei, indem er verlegen dem Vater die Hand hinreichte und ein »Grüß Gott, Vater und Traudl« stammelte.. Der Alte zögerte einen Augenblick, dann aber reichte er ihm auf einen bittenden Blick Traudls hin wohl die Hand, aber ohne jene des Sohnes zu drücken. 111 »Was willst?« fragte er ihm »Warum haltst uns von der Arbeit ab?« »Sagt's mir vor allem, wo is d' Mutter?« fragte Franz, indem er nun Traudl die Rechte reichte, welche diese mit zitternder Hand ergriff. »Die is guat aufg'hoben,« erwiderte trocken der Vater. »Doch nicht g'storben?« rief Franz erblassend und mit einem jetzt wirklich vom Herzen kommenden Ton. »Na', nu', gottlob, sie lebt!« sagte Traudl rasch. »Der Vater moant nur, sie is in guater Pfleg. D' Frau Mändl, unser Nachbarin, sorgt für sie, es geht ihr nix ab, wir haben ihr schon etli Mark schicken könna von unserm Verdeanst da –« »Von eurem Verdienst?« »Ja; und wenn's so fort geht, bringa ma schon a dreiß'g Mark hoam, zumal die Rückreis' mit der Bahn frei is,« versetzte Traudl. »Jetzt aber sei so guat, Franz, und hoaß 'n Vater niedersitzen. Er klagt alleweil über Müdigkeit.« »Na', na',« erwiderte der Alte, »mit dem Arbeitsgwanta setz i mi nöt auf die samtenen Sessel. I kann schon steh'n. Sag' mir nur, was d' von mir willst.« »Nichts will ich von euch,« versetzte jetzt Franz. »Ihr sollt nur thun, was ich euch vorschlage. Ihr wißt, ich bin Teilhaber der Firma Kleinschwert, wir handeln auch stark in Hopfen, und da geht es nicht an, daß meine Familie unter den Hopfenbrockern ist. Wenn das jemand erfahren würde, das wäre für unser Geschäft von größtem Nachteil, und für mich eine Schande. Darum müßt ihr heimreisen, sobald als möglich. Ich gebe euch reichlich, 112 was ihr hier verdient hättet und noch darüber – und – und –.« Er konnte nicht weiter sprechen. Hoch aufgerichtet stand der alte Lechner vor ihm und mit geradezu vernichtendem Blick sagte er: »Bevor i von dir etwas annehmet, sollt' mir d' Hand vom Arm fall'n! Dei' Ehr, moanst, leid't unter unserer Arbeit, und schaama muaßt di über uns? Kann's denn an' ausg'schamtern, ehrvergeßner'n Sohn geben, als di, der si seiner Eltern schaamt, die in ehrlicher Arbeit ihr hart's Leben fristen? Pfui Teufel! Kimm mir nimmer unter d' Augen – i kenn di nimmer – i hab' koan Sohn mehr! Traudl, kimm!« Damit eilte er zur Thür hinaus. Franz war erblaßt und stand wie angewurzelt, die Hand auf den in der Mitte des Zimmers stehenden runden Tisch gestützt. Traudl fing laut zu weinen an. Jetzt trat Bergwald aus dem Nebenzimmer. Er näherte sich dem Mädchen und rief sie beim Namen. Traudl blieb überrascht stehen. »Herr Bergwald? Sie da?« rief sie. Sie suchte ihre Thränen zu trocknen und ergriff seine dargereichte Hand. Es fiel ihr gar nicht ein, zu fragen, wie er hergekommen, sie war zufrieden, daß er hier war, sie erkannte in ihm den Helfer, dem sie vertrauen durfte. »Ham Sie 's g'hört?« fragte sie, ihn traurig anblickend. »Alles hab' ich gehört,« sagte er, »und nun sollen Sie auch wissen, daß ich eigentlich Kleinschwert heiße, und der Schwager und Teilhaber Ihrer Bruders bin.« »Mein Verräter bist du!« schrie Franz. »Du hast mich dahergelockt, um mich in diese peinliche Lage zu 113 bringen, dich an meiner Verlegenheit zu freuen. Meine Schwester – wie kommt es, daß ihr euch kennt? Was willst du von meiner Schwester?« »Nach dem, wie du dich zu deinen Angehörigen stellst, geht dich das eigentlich gar nichts an. Damit du aber gleich vom Anfang klar siehst, sollst du wissen, daß ich bemüht bin, mir Edeltrauds Vertrauen zu gewinnen, damit sie mich nicht zurückweist, wenn ich einmal komme, sie zu fragen, ob sie mit mir das Leben teilen, ob sie mein Weib werden will.« Franz trat vor Ueberraschung einen Schritt zurück. Traudl blickte mit einem unaussprechlichen Gefühl in die Augen des ihr so teuren Mannes. Doch konnte sie kein Wort erwidern, denn in diesem Augenblick ertönte ein Schreckensruf, die Thür ward aufgerissen – der alte Lechner lag, wie vom Schlage dahingestreckt, vor derselben. Es war für Edeltraud ein entsetzlicher Uebergang von einem der seligsten Augenblicke ihres Lebens zu dem schrecklichsten: den geliebten Vater wie tot am Boden liegen zu sehen. Mit einem gellenden Schmerzensschrei warf sie sich über ihn. Otto untersuchte rasch den Leblosen und rief: »Er ist nicht tot – nur ohnmächtig. Vorwärts, Franz, hilf mir, den Vater auf sein Zimmer zu bringen. Wo ist es?« »Im Nebenbau,« rief Traudl. »Tragen Sie ihn nur glei hier herein,« sagte der herbeieilende Gastwirt, indem er eine nach rückwärts gelegene Stube öffnete. Franz und Otto legten den Ohnmächtigen auf das Bett und Bergwald wendete rasch die in solchem Fall 114 nötigen Vorsichtsmaßregeln an. Es wurde selbstverständlich sofort nach dem Arzt geschickt, inzwischen aber brachten Frau und Töchterlein des Hauses Essenzen und Tropfen, und noch ehe der Arzt erschien, schlug der Alte die Augen wieder auf und gab zu verstehen, daß er sich sterbensmatt fühle. Er griff nach der Hand seiner Tochter – diese hatte dem Bruder ein Zeichen gegeben, daß er sich für jetzt dem Blick des Vaters entziehe. Auch Bergwald zog sich ungesehen von dem Alten zurück. Dafür trat alsbald der Doktor ein. Es stellte sich heraus, daß es sich nur um eine vorübergehende Ohnmacht handle, hervorgerufen durch die vorhergegangene Aufregung. Eine Gefahr schien nicht vorhanden. Bald war Traudl wieder allein mit dem Vater, dessen Hand in der ihrigen ruhte. Der Alte schien zu schlafen. Nach einer Weile schlug er die Augen auf. Lange blickte er schweigend nach der geliebten Tochter, dann sagte er mit leiser Stimme: »Moanst nöt, Traudl, es is ausbrockt bei mir?« »Dös geht vorüber, Vaterl,« tröstete sie. »Denk an nix Schlimmes.« »An di denk i und an d' Muatta. Ge, les' mir dös Brieferl vür, dös s' uns g'schrieben hat.« Traudl hatte den Brief ganz vergessen; nun kam sie sofort dem Wunsch des Vaters nach. Das Schreiben der Mutter lautete: »Ihr Lieben! Mit Freude habe ich euren Brief erhalten und daraus ersehen, daß ihr gesund dort angekommen seid, und es euch gut geht. Auch ich bin auf der Besserhand, ich kann schon hinüber zu den Mändl-Nachbarn 115 gehen, die es mir an nichts fehlen lassen. Der Fritz sitzt oft stundenlang bei mir und vertreibt mir die Zeit. Leider muß er bald fort. Er ist befördert worden als Lehrer auf einem schönen Posten in Eschlkam, da hat er eine schöne Einnahme und weil er von Haus aus auch nicht leer ausgeht, es sind ja nur zwei Geschwister auf dem schönen Mändlbauer-Anwesen, so kann er schon zufrieden sein. Er fragt halt immer nach unserer Traudl und freut sich, daß sie sein Lied vom Bayerwald so gern singt. Am Frauentag, hat er gesagt, geht er nach Neukirchen zum »heiligen Blut,« da will er die Himmelmutter um etwas bitten, daß ihm etwas, was er sich wünscht, in Erfüllung geht. Ich kann mir schon denken, was das ist. Und also soll ich euch tausendmal grüßen vom Fritz und seiner Mutter und seinem Bruder, und zum Schluß kann ich euch noch zu wissen thun, daß die Arbeit in der Fabrik in drei Wochen wieder angeht, bis wohin ihr ja gottlob längst wieder glücklich daheim seid bei eurer euch über alles liebenden Mutter.« Traudl faltete den Brief wieder zusammen und blickte dann wie traumverloren zu Boden. Der Vater betrachtete sie eine Weile, dann sagte er mit leiser Stimme: »Woaßt, was mei' Herzenswunsch is? An' braven ehrlichen Mann für di und – i woaß's ja, der Mändl-Fritz hat di gern und hofft auf di. Der wird di glückli machen.« »Der Mändl-Fritz, der Lehrer?« fragte Traudl überrascht. »Vater, i hab' ja no' gar nöt an so was denkt.« »Aber i, aber i – seit Falkenstoa'. I bitt' di um Gottswilln, tracht' nöt außi über dein' Stand. Grad hat 116 mir traamt, der Herr is wieder da von Falkenstoa' und will dir 'n Kopf verdreh'n –« »Dös hat dir traamt?« unterbrach ihn Traudl. Ihre Hand zitterte. »Warum zittert denn dei' Hand so?« fragte der Alte dagegen. »I woaß's nöt,« antwortete Traudl unsicher. »Aber i woaß's – i woaß's, was in dein' unschuldin Herzen vorganga is. Du denkst allerweil an den Maler, bist oft verhofft, wenn i di anred', und siehgst, iatz wirst rot – i hab' scho' recht.« »Ja, Vater, du hast recht. Aber was sagst dazua, wenn der Herr nix anders wollt, als mi heiraten? Wenn er mi wirkli gern hätt'? Er is a berühmter Künstler und sei' rechter Nam' is Kleinschwert, er is der Bruader vom Franz seiner Frau, sei' G'schäftsteilhaber, kurz, a reicher, aber aa r a braver Mann.« »Hör' auf, Deandl, hör' auf! Soll i di aa verliern in dem G'schäftshaus, wie i mein' oanzigen Buam verlorn hab? Soll i di ins Unglück renna sehgn? I hab' amal z' Regensburg auf da Wach' a Büachl g'lesen, »'s Lorle oder d' Frau Professorin« hat's g'hoaßen, dös schau, daß d' kriegst, dös les' und vergiß nöt auf 'n Mändl-Lehrer. Mir is die G'schicht wieder eing'fall'n, weil d' Tochter von unserem Wirt aa »Lorl« hoaßt. Vielleicht verschafft dir dö dös Büachl. Dös muaßt lesen!« Es fielen ihm jetzt wieder die Augen zu. Sein tiefes Atmen zeigte bald, daß er in einen erquickenden Schlaf verfallen war. Dem Bruder, welcher, leise die Thüre öffnend, fragend hereinblickte, gab Traudl ein Zeichen, er möge den 117 Schlafenden nicht stören. Dann schloß auch sie die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um die auf ihr Herz und ihr Gemüt einstürmenden Empfindungen einigermaßen in Ordnung zu bringen. Es gelang ihr aber nicht. Wie wäre das auch möglich gewesen! Binnen weniger Minuten war das bescheidene Mädchen gleich von zwei Freiern begehrt. Erfreute Traudl, soweit dieses bei der Sorge um den kranken Vater möglich, einerseits das Geständnis Bergwalds, der seit dem ersten Begegnen einen so unerklärlichen Eindruck auf sie gemacht, so erfüllte sie doch auch die Erinnerung an den ihrer Familie so liebenswerten Mändl-Fritz, den Sohn ihres Nachbars, mit dem sie von Jugend auf in herzlichstem Einvernehmen lebte, der sich als Lehrer mit ihr so viele Mühe gab, mit nicht zu bewältigender Rührung. Dazwischen drängten sich die aufregenden Gedanken über die Anwesenheit ihres Bruders, dessen Aussöhnung mit dem Vater sie jetzt als ihre erste Pflicht betrachtete. 118 IX. Da der Vater fest schlief, wagte es Traudl, ihn auf kurze Zeit zu verlassen und den Bruder aufzusuchen. Dieser hatte sie schon lange erwartet. Sein erstes war, daß er die Schwester aufforderte, doch ihre Arbeitskleidung mit einer besseren zu vertauschen. »Is dös alles, was d' mir z' sagen hast?« fragte sie. »Frag 'n Herrn Bergwald, ob den mei' Arbeitsg'wand geniert? Der schaut nöt aufs G'wand –« »Aber –« wollte Franz einwenden. »Für jetzt muaßt mi schon nehma, wie i bin,« unterbrach ihn Edeltraud, deren Gefühl sich allmählich gegen den Bruder auflehnte. »Dei' Hochmuat, Franz, glaub mir, kimmt no' vor'n Fall. Hast denn dei' ganzes Herz verlor'n? Nöt gnua, daß d' ohnedem seit fünf Jahr uns vergessen hast, kimmst da plötzli daher und machst uns Vorwürf', daß wir di in d' Schand bringa. Wer giebt dir denn a Recht dazua? Woaßt, i hab' dir bis jetzt d' Stang g'halten, hab' dir alleweil guat g'red't, i und d' Muatta, wir ham 'n Vater, der mit Recht auf di sirri is, besser auf di umstimma woll'n. Aber er kann halt den Brief nöt vergessen, den's d' an d' Muatta g'schrieben hast, und wo's d' ihr den Rat geben hast, wir soll'n uns besser einschränken. No', so was war nöt weni dumm! Wie kann ma' si' denn einschränken, wenn ma' so nix hat! Dös kannst du sagen, weilst im Glück schwimmst.« 119 »Wer sagt dir denn das? Wer sagt dir denn überhaupt, daß ich glücklich bin?« entgegnete Franz, das Gesicht abwendend. »So wärst es nöt?« rief Traudl überrascht. »Du, der reiche Mann?« »Ich wollt', ich wüßt' nichts von dem Reichtum,« bekannte Franz. »Mit 'n Reichtum hat mei' Sorg' ang'fangen und war mein Frieden dahin.« »Wieso dös?« »Meine Frau ist mit dem, was 's G'schäft abg'worfen hat, nie auskommen, es hat ihr Privatvermögen herhalten müssen. Wir haben zu spekulieren ang'fangen, haben viel Glück g'habt, aber auch wieder Verlust, und wie ich gerad' von einem solchen erfahren und wirklich die letzte Mark zur Deckung hab' hergeben müssen, da kam der Brief von der Mutter. Ich hab' keine Ahnung g'habt, wie 's wirklich um euch steht, und so hab' ich in mein' Verdruß halt die Antwort geben. Freili, wie ich jetzt seh', hätt' die Mahnung besser für mich und meine Frau paßt. Aber du hast kein Begriff, Traudl, wie einen solche Differenzgeschäfte aufregen, wie sie alles G'fühl abtöten, wie man Tag und Nacht an nichts anderes denkt, alles andere vergißt, wie man nur zwei Gedanken hat, wie man gewinnen oder das Verlor'ne zurückerobern kann.« »Und jetzt – hast jetzt verlor'n?« »Dir kann ich's ja sagen: ich fürcht', alles. Noch weiß Otto nichts davon, es kann sich ja mit einem Schlag wieder zum Guten wenden – aber wenn mein Geschäftsanteil bei ihm mit Beschlag belegt würde, wenn die Firma Kleinschwert erfährt – ich mag gar nicht daran denken.« 120 »Ja, Franz, da warst ja viel besser dran, so lang's d' arm warst?« rief Traudl. »Ich hab' schon manchmal den Bettler auf der Straße beneidet, der gewiß weiß, daß er nichts hat, und an den niemand einen Anspruch macht, der nicht Tag und Nacht zu rechnen braucht und nicht von einer Aufregung in die andere kommt. Aber ich seh's ein, ich hab's verdient, hab's verdient an euch –« Er stützte den Kopf in die Hand, und die Schwester merkte wohl, wie ihm die Thränen über die Wangen herabrollten. Nach einer Weile sagte sie: »Jetzt glaub' i, daß i di mit 'n Vater aussöhna kann. D' Muatta war dir trotz alledem eh nöt bös. Und wenn wir dir helfen könnten – dös glaubst, gel? – wie gern g'schehet's!« »Du kannst mir helfen!« rief jetzt Franz, der Schwester Hand ergreifend. »Du, Traudl, kannst helfen, du ganz allein! Du bist mei' unverhoffte Hilf', die mir der Himmel schickt!« »I? Wie wär' dös mögli?« »Wennst 'n Otto sein Antrag annimmst. Er, der bis jetzt nichts von Frauen hat wissen wollen, hat mir vorhin wiederholt g'sagt, wie gern er dich hat, und daß es sein sehnlichster Wunsch wär', daß du sein Weib würdest.« »Aber Franz,« versetzte Traudl errötend, »i kenn' ja den Herrn Bergwald no' gar nöt näher, nur an' etlimal ham ma uns troffen, und er is wegen meiner in St. Quirin in arge Verlegenheit komma –« »Ich weiß alles,« unterbrach sie der Bruder. 121 »No', da woaßt g'rad nöt viel. Daß i'n Herrn Bergwald guat leiden kann, dös is wahr. I bin eam guat seit dem Augenblick, wo er unserem Vater sei' Hilf anboten hat. Aber er steht so hoch über mir, i bin nur a arm's Deandl, daß i an a Liab no' gar nöt denkt hab'. Jetzt aber muaß i zum Vater, nachischaug'n, ob eam nix fehlt.« Sie erhob sich. »Nun, und was darf ich Otto sagen? Darf ich ihm Hoffnung machen?« »Sag eam no' nix. I muaß erst mit die Eltern Rücksprach' nehma. Die Sach' kommt mir z'gaach, i bin mir da selm no' nöt im klaren.« »Vergiß nicht, Traudl, daß 's für dich und für mich ein Glück wär'. Du wirst eine vermögliche Frau und mir hilft er aus der Verlegenheit und rettet so mich und seine Schwester vor dem Ruin, den er jetzt glücklicherweise noch nicht ahnt. Ich erhielt vorhin eine Depesche meiner Frau. Wenn er sein Giro giebt, bin ich gerettet, aber so, wo nehme ich fünfunddreißigtausend Mark her!« »Weiß er, um wie viel sich's handelt?« fragte Traudl mit stockendem Atem. »Er braucht's nicht zu wissen, er würde nur erschrecken. Aber es hat keine Gefahr für ihn, wenn er blanko unterschreibt.« »I woaß guat, denn der Mändl-Fritz hat mi' in der Buchhaltung unterricht', was a Blankogiro is. Der Herr Bergwald soll sei' Unterschrift auf a leeres Papier geben und du setzt die Summe hintnach ein, die 's d'magst. Na', Brüaderl, dös is nöt ehrli.« »Die Aktien, um die sich's handelt, müssen 122 innerhalb eines Vierteljahres wieder steigen und aller Verlust ist hereingebracht,« beteuerte Franz. »Du hast Einfluß auf Otto. Gieb ihm Hoffnung und verlang' als ersten Beweis seiner Liebe, daß er meinen Wunsch erfülle. Bei dir allein liegt meine ganze Hoffnung!« »Bei mir?« rief jetzt Traudl mit höhnischem Lächeln, »bei der arma Hopfenbrockerin, die dir no' vor etli Stunden so viel Schand g'macht hat! Franz,« fuhr sie dann fort, »dös siehgt ja aus, als ob du verlangest, i soll mi für di opfern? Zu was i mi 'n Herrn Bergwald gegenüber entschließ', woaß i no' nöt, jedenfalls aber, dös mirk dir, bleibst du außer Betracht, du und dei' G'heimnis. I hab's nöt wissen wolln, und jetzt, da i's woaß, kann i 'n Herrn Bergwald nimmer so treuherzi in d' Augen schauen, wie bisher. Woaßt was, Franz, hilf dir selber. Wenn i vor a halben Stund no' wankelmüati war, jetzt bin i mit mir im reinen: i hab' 'n Herrn Bergwald zu gern, als daß i 'n durch mei' Jawort in Schaden bringa wollt. Jetzt laß mi zum Vater.« Da sie aus der Thür treten wollte, erschien Bergwald in derselben. »Edeltraud, wie geht es Ihrem Vater?« fragte er. »Er schlaft,« erwiderte Traudl. »I bin Ihna soviel Dank schuldi, daß Sie sich wiederum so lieb um ihn ang'nomma hab'n.« »Darf man ihn nicht besuchen? Ich möchte so gern Rücksprache mit ihm nehmen.« »Heut' nöt!« beeilte sich Traudl zu sagen. »Der Doktor hat strengste Ruh geboten. Ich dank' für den guten Willen.« »So wollen Sie mich wenigstens anhören. Ich möchte 123 wissen, wie Sie sich zu der Erklärung stellen, welche ich, ich gestehe es, in meiner Erregung vor der Zeit abgegeben. Ich möchte Sie bitten, über jene Erklärung nachzudenken und mir das Ergebnis dieses Nachdenkens dann mitzuteilen. Es braucht nicht heute, nicht morgen zu sein. In einem solchen Fall will sich die Tochter mit Vater und Mutter besprechen, das ist ja selbstverständlich. Ich warte schon, bis Sie wieder zu Hause sind – und dann hole ich mir in Ihrem stillen Waldthal die Antwort. Ist es recht so?« »Ja, so is's recht, Herr Bergwald,« erwiderte Traudl. »Alles, was Sie thuan, is recht, is guat.« Sie reichte ihm die Hand, zugleich aber warf sie einen vielsagenden Blick auf den Bruder. Dieser hatte mit Spannung zugehört. Er meinte jetzt: »Warum etwas auf unbestimmte Zeit verschieben, was durch ein kurzes »Ja« sofort erledigt werden könnte?« »Wir sind anderer Ansicht, nicht wahr, liebe Traudl?« sagte der Maler, der wohl merkte, daß das Mädchen noch unschlüssig war. »Sie müssen mich ja auch noch näher kennen lernen.« »Und Sie mi!« warf Traudl lächelnd ein. »O, Sie sind leicht erkennbar – ein Blick in Ihre Augen, und alles ist offenbar.« »Ja, d' Augen könna nöt lügen,« meinte Traudl, diesesmal zärtlich in Bergwalds leuchtende Augen blickend. »Für jetzt – Sie verzeih'n – i muaß zum Vater.« »Ja, das ist jetzt Ihre Pflicht,« entgegnete Otto. »Auf Wiedersehen, Edeltraud!« Er drückte ihr die Hand und blickte der sich 124 Entfernenden in glücklichster Stimmung nach. Dann wandte er sich zu dem Schwager. »Du nennst deine Familie arm? Thörichter, du scheinst blind zu sein, den Schatz nicht zu erkennen, den sie besitzt an diesem herrlichen Mädchen!« Franz benützte diese glückliche Stimmung, um den Schwager, der wohl ein genialer Künstler, aber durchaus kein Geschäftsmann war, zu überreden, ihm das gewünschte Giro zu geben, um Deckung für einen, wie er sagte, »allenfallsigen« Differenzverlust zu haben, und versprach ihm dafür, die Schwester als Braut zuzuführen. Dem Künstler kam nicht der leiseste Verdacht, daß Franz in seiner verzweiflungsvollen Lage nicht ehrlich mit ihm handle, und nur seine glückliche Zukunft im Auge habend, überdachte er nicht strenge, welche Folgen diese Handlung für ihn haben könne. Aber Traudl ließ es keine Ruhe. Sie ahnte und fürchtete, daß Franz die sorglos glückliche Stimmung des Freundes zu einer unehrenhaften Handlung mißbrauchen könnte, und diese Ahnung wurde ihr zur Gewißheit, als sie eine Zimmerglocke ertönen und gleich darauf das Stubenmädchen an Franzens Thür um Begehr fragen hörte. Er verlangte ein Wechselformular. Nachdem aber das Mädchen erklärte, es sei von der Herrschaft niemand zu Hause, versetzte Franz sofort, daß er selbst das Gewünschte beim Buchhändler gegenüber holen wolle. Als dann der Bruder eilig das Zimmer verlassen, um das Wechselformular zu holen, da überfiel sie eine tödliche Angst. Sie fühlte, daß der Freund in Gefahr sei, und wenn sie ihn davor warnte, verhinderte sie zugleich, daß der Bruder eine Schlechtigkeit begehe. 125 Rasch entschlossen, riß sie die leere Seite von dem Brief ihrer Mutter ab und warf folgende Worte darauf: »Nichts unterschreiben! Ehe alles genau wissen und eingetroffene Depesche von Franzens Frau gelesen.« Dann eilte sie zur Thüre von Bergwalds Zimmer, klopfte an und drückte dem Oeffnenden den Zettel in die Hand. »Lesen!« flüsterte sie. »Aber i bitt', haben S' Nachsicht mit 'n Franz.« Im nächsten Augenblick war sie wieder in ihrem Zimmer. Als Franz zurückkam, bemerkte er sofort in des Schwagers Gesicht eine Aenderung. »Du hast heute eine Depesche erhalten?« fragte ihn dieser. Franz errötete. »Ja, von Marga,« sagte er dann zögernd. »Darf ich sie lesen?« Franz that, als hörte er die Frage nicht. »Sieh, hier ist ein Formular,« sagte er. »Ich acceptiere obenauf, setze du deinen Namen hier unter den meinigen, das übrige besorge ich selbst. Dann laß uns den Hopfenkauf besorgen, denn mit jeder Stunde kommen mehr Händler hieher. Es ist höchste Zeit. Hast du schon unterschrieben?« »Nein. Ich habe mir die Sache anders überlegt. Ich werde nicht unterschreiben.« »Nicht unterschreiben?« fragte Franz. »Warum?« »Es hat Zeit, bis wir nach Nürnberg zurückkommen. Ich will ohne den alten Lori nichts thun.« »Aber Schwager!« 126 Otto nahm seinen Hut. »Gehen wir zum Hopfenkaufen,« sagte er. »Du unterschreibst wirklich nicht? Du bist gewarnt worden?« Otto blieb stehen. »Giebt es dabei etwas zu warnen?« fragte er. »Ah – die Depesche! Warum weigerst du dich, sie mir zu zeigen?« »Weil – weil – da lies!« sagte er dann, mit einem plötzlichen Entschluß dem Schwager das Papier hinreichend. »Lies und – laß mich bankerott werden, den Mann deiner Schwester, den Bruder Edeltrauds!« Bergwald las die Depesche, sie lautete: »Bankhaus verlangt Giro von Otto, sonst Vorsichtsverfügung im Geschäft angedroht. Marga.« Otto heftete einen strengen Blick auf den Schwager. »Du hast also Pech gehabt mit deinen Spekulationen,« sagte er dann. »Und du wolltest deinen verschobenen Karren auf meine Kosten wieder flott machen? Das war nicht ehrenhaft von dir. Ein Unglück in Vermögenssachen kann jeden treffen, ich mache dir deshalb keinen Vorwurf. Aber deine Handlung mir gegenüber war unstatthaft. Man muß in jedem Fall ehrlich bleiben. Um Edeltrauds willen will ich für jetzt darüber schweigen; doch reise ich sofort nach Nürnberg zurück. Erledige du das Hopfengeschäft hier und folge mir morgen nach. Dann werden wir sehen, was zu thun und was zu unterlassen ist. Also adieu!« Franz warf sich erschüttert auf das Sofa. Bergwald ging in die Gaststube hinab. Dahin ließ er Edeltraud nochmals bitten. Er sagte ihr herzlichen Dank und Lebewohl und versprach ihr, dem Bruder zu 127 helfen, wenn es in seiner Macht stünde. Daran fügte er die Bitte, seiner freundlich zu gedenken und ihn recht bald in der Heimat zu erwarten. Er verhehlte ihr nicht, daß nur ihr entschlossenes Handeln ihn und den Bruder gerettet, denn Hilfe wäre unmöglich gewesen, wenn er die Thorheit begangen, vor der ihn Traudl glücklicherweise bewahrt; denn dann hätte ihn Franz mit in den Abgrund gerissen, vor dem er ihn jetzt noch zu retten vermöge. »Guter, edler Mann!« sagte Traudl, mit feuchten Augen ihm die Hand zum Abschied reichend. »Sie reisen in Gedanken mit mir, Edeltraud,« sagte er lächelnd. »Ich werde Ihrer stets gedenken. Auf frohes Wiedersehen!« – – – Der alte Schleifer-Toni hatte sich wieder so weit erholt, daß er ohne Beihilfe seine frühere Stube aufsuchen konnte. Er fragte nicht mehr nach dem Sohn, und Traudl vermied es vorerst, das Gespräch auf ihn zu bringen. Doch merkte der Alte wohl, daß das Gemüt des sonst so ruhigen Mädchens in einer gewissen Erregung war. So fragte er sie einmal ganz unvermittelt: »Woher woaßt denn, daß der Herr von Falkenstoa',« so nannte er Bergwald stets, »der Kleinschwert is?« »Er selber hat mir's heut' g'sagt.« »Heut? Is er denn scho' wieder da?« »Freili is er da gwen. Er war's ja, der di mit 'n Franz in d' Stuben tragen hat. Er hat si um di ang'nomma, wie um sein' leibhaftigen Vater. »So, so? Merkwürdi, daß der anemal bei der Hand is, wenn i moan, es geht auf d' letzt.« 128 »Und anemal hilft er dir,« warf Traudl ein. »I bin eam scho' recht dankbarli.« »So, dankbar bist eam? Und Kleinschwert hoaßt er?« »Und 'n Franz sei' Schwager is er,« setzte Traudl hinzu. »Er is mit eam von Nürnberg komma zum Hopfeneinkauf. D' Hauptsach' aber war, daß er uns 'n Franz wieder zuag'führt hat.« »Dös hätt' er bleiben lassen könna! Hätt'n nimmer z'sehg'n braucht, mein Herrn Sohn. Schaamt si über uns, weil er im Glück is!« »Aber Vaterl, der Franz is ja gar nöt glückli. Sorg' und Kummer hat er und die ham sei' Herz auf a Zeit lang abtöt' für alles, selm für uns.« »Was d' sagst! Dös versteh' i nöt.« Nun weihte Traudl den Vater in die Verhältnisse des Sohnes ein, soweit sie diese selbst kannte und begriff. Sie verschwieg dabei natürlich Franzens Versuch, den Schwager zu schädigen. Sie erzählte dem Vater nur, wie Franz durch seine verschwenderische Frau so tief herabgekommen sei und nun auf die Hilfe Bergwalds angewiesen wäre. Jetzt, zum erstenmal, teilte sie dem Alten auch mit, daß er Großvater sei, daß sein Enkel bald drei Jahre alt wäre, und sie weinte bei dem Gedanken, daß das Kind auch wieder in Armut aufwachsen sollte. »Nacha machst glei, daß dös Büawerl zu uns kimmt,« meinte der Alte. »Der soll koa' Not leiden, dem z'lieb bettel' i beim Veteranenverein um a Unterstützung.« »Es wird ja nöt so weit kömma!« hoffte Traudel. »Der Franz is jung und g'schickt, und wenn sei' Lag' wieder in Ordnung is, wird er a ganz anderer Mensch wer'n. Aber dazua is's nöti, daß eam nix mehr am 129 Herzen frißt, aa nöt die Furcht, daß 'n seine Eltern verstoßen hab'n.« »Wer hat 'n verstoßen?« rief der Alte. »Du, Vaterl. Hast nöt g'sagt, du hast koan Sohn mehr.« »Dös schon. Aber wenn er unglückli is, wenn eam was an uns g'legen is, wenn's 'n reuen sollt', daß er –« »Ja, ja, es reut 'n so viel,« behauptete Traudl. »Aber du woaßt ja jetzt, wie's mit eam g'standen, und er moant halt, du wirst eam niemals verzeih'n könna.« »Nöt verzeih'n könna? An' unglücklichen Kind! G'straft is er ja ohnedem gnua. Ja, ja, 's vierte Gebot laßt nöt aus.« »So magst 'n also no'mal sehgn? Er is ja no' da in Wolnzach, und er wart' drauf, daß i eam guate Botschaft von dir bring'.« »So soll er halt kömma, i werd' eam 'n Kopf nöt abreißen.« »Vergelt's Gott, Vaterl!« rief Traudl erfreut. »Er is jetzt aufs Hopfenamt ganga, um 'n Hopfen z' kaufen. Sobald er z'ruck is, werd' i 'n zu dir führ'n.« »Zum Hopfeneinkauf is er ganga? Ja, hat er denn no' so viel Geld?« »'s G'schäft scho', nämlich die Firma. Nur 's Privatvermögen, dös sei' Frau mitkriegt hat, ham s' verspekuliert.« »No', das is ja soweit nöt g'fehlt,« meinte der Alte. »Da is ja nöt alles verlorn. Also bring 'n halt in Gottsnam! Aber nacha müassen ma scho' 's Arbeitsg'wand ausziehgn und uns besser g'wanden. Es is wegen die Leut. Dumm siehgt's grad scho' aus, wenn der Hopfenkäufer seine Leut als Hopfenbrocker sehgn muaß –« 130 »Aber Vaterl! No', i thua nach dein' Will'n. Aber i möcht trotz allem Jammer lachen.« »So lach halt; is mir lieber als dös G'flenn. Und woaßt was? Nachdem d' Arbeit in der Fabrik bald wieder anfangt, und d' Ruckroas' auf der Bahn nix kost', so mach ma, daß ma hoam kömma. A bißl a Geldei' bring' ma ja dennast der Muatta mit hoam. Und so pack' nur morgen mei' zwilchas Klüftl (Gewand) glei' z'samm, i werd nur mehr 's Feiertagg'wand anlegen, daß i nöt gar so meschant ausschau. Und also moanst, es hat sei' Richtigkeit, daß eam 's G'schäft bleibt?« »Dös wird der Herr Bergwald scho' richten.« »So, so, der Herr Bergwald! Aber der scheint mir aa koa' richtiger G'schäftsmann z'sein, wenn er nix thuat, als Bilder malen.« »Der hat ja an' G'schäftsführer, auf den er si verlassen kann. Und seine Bilder trag'n eam schon aa was ein, denn er is g'schickt. Da will i dir nur a kloans Bildl zoagn, dös er g'macht hat – i hab's in mein' Gebetbüachl, da schau her.« Sie zeigte dem Vater die Skizze von dem Kinde ihres Bruders, die ihr Bergwald geschenkt. »Meiner Seel!« rief der Schleifer-Toni, »dös is ja der Franzl als a junga.« »Sei' Büawerl is's,« berichtete Traudl. »Gelt, dös g'fallt dir?« Der Alte betrachtete mit Rührung das Bild. »Dös, wenn d' Muatta sehget!« wünschte er. »Mei', dös erinnert mi an a schöne Zeit. Da bin i an' anderer Mann gwen, wie jetzt! Nöt oamal sched hab' i den Buam auffitragen auf meiner Achsel auf 'n Arber, wenn z' 131 Bartlmä der Kirta war, und der Bua hat a Freud' g'habt und g'juchezt hat er, daß mir 's Herz im Leib g'lacht hat. Und nacha hab' i halt aa g'juchezt und d' Muatta hat's aa kinna, so frisch und hell, wie halt no'mal a Waldlerskind! Jetzt könnt' i mi alloa' nimmer auffischleppen. Ja. ja, die Zeit liegt weit hinten! Und gar so viel is halt anders worn, so ganz anders, als ma' denkt hat.« Er blickte wieder lange sinnend auf das Kinderbild. Traudl hatte inzwischen ihr besseres Gewand angezogen, dann sagte sie: »I will ge' nachschau'n, Vater, ob der Franz schon da is; unterhalt di nur daweil mit dem Bildl.« Und als sie aus der Thür trat, bat sie nochmals: »Aber gel, nix nachtragen!« Einige Minuten später traf sie den Bruder. Dieser war, wie sich leicht denken läßt, noch in sehr gedrückter Stimmung. Traudl suchte ihn zu trösten und aufzuheitern. »Trag' in Gottsnam, was d' verschuld' hast und flenn 'n Verlorna nöt nach,« meinte sie. »Denk vorwärts; mach' guat, was d' g'fehlt hast. D' Hauptsach is, daß d' a guat's G'wissen hast, und daß d' 'n Herrn Bergwald offen in d' Augen schauen kannst.« »Warum sollt' ich das nicht können?« fragte er. »Wenn er nach dein' Willen den Wechsel unterschrieben hätt', dann könnt'st es nimmer,« sagte Traudl. »Und daß nix zwischen uns is, so sag i dir's offen, i hab' dös Unglück abg'wend't, i hab's verhindert, daß er unterschrieben hat.« »Du?« rief Franz, zornig aufbrausend, »du?« »Ja, i. Und sag' selm, muaßt mir nöt dankbar dafür sein? Durch a Schlechtigkeit hätt'st di für 'n Augenblick 132 retten woll'n, und dein' besten Freund, dein' nächsten Verwandten hätt'st in Schaden bringa und dir zum Feind machen woll'n. Sag', sei ehrli – denk', der Vater will di wieder in Lieb' aufnehma und wart' auf di – sei ehrli: könnt'st dein' alten Vater frei in d' Augen schau'n, wenn di die Schuld am G'wissen drucket?« »Du hast recht, Traudl,« versetzte jetzt Franz gerührt. »Ich muß dir's wirklich danken mein Leben lang. Ich hab' mich groß verfehlt gegen euch alle. Könnt' ihr mir wieder gut werden?« »So kimm nur glei zum Vater, der wird dir Antwort geben. Er unterhalt' si g'rad mit dem Bildl von dein' Buam. Kimm und unterhalt di mit eam. Laß uns nöt säuma.« Es waren ein paar köstliche Stunden, welche den drei Personen beschieden waren. Kein Wort des Vorwurfes ward von seiten des Vaters laut, und Franz sah jetzt wohl ein, wie falsch seine Ansicht war, die er Bergwald gegenüber geäußert, daß die Eltern von ihren erwachsenen Kindern nichts zu fordern hätten. Er fühlte es, in dieser Stunde wenigstens und wenn auch nur vorübergehend, als ein Glück, dieselben lieben und ehren zu dürfen, so lange sie leben, und daß nichts zufriedener machen kann, als die Liebe und der Segen der Eltern. 133 X. Muckerl war schon nach etlichen Tagen wieder körperlich gesund und dienstfähig, aber seelisch befand er sich in einem Zustand, wie man einen solchen bis jetzt noch nie an ihm gewohnt war. Er mußte ohne Unterlaß an das schöne Waldblüml, die Edeltraud, denken. Sie hatte es ihm angethan, schon in den ersten Stunden des Beisammenseins mit ihr. Daß er seiner so wenig Herr war und das Mädchen am Tanzboden mit seiner Zärtlichkeit belästigte, das sah er jetzt wohl halbwegs ein, aber das Vergehen dünkte ihm nicht so schlimm. Ohne das unberufene Dazwischentreten des Künstlers hätte sich die Sache sicherlich, so meinte er, in Wohlgefallen aufgelöst. Gegen diesen Künstler hatte er deshalb eine solche Wut empfunden, umsomehr, als er annehmen zu müssen glaubte, daß dieser sich nur ein loses Spiel, wie es die Stadtherren so gerne thun, mit dem unschuldigen Kind erlauben wollte. Dieses war hauptsächlich das Motiv seines aufbrausenden Wesens gegen den Fremden, dazu kam noch die Eifersucht, zu welcher ihm das vertrauliche Benehmen Traudls Bergwald gegenüber Veranlassung gab. So sehr ihm der Gedanke an den unberufenen Beschützer in Zorn brachte, so angenehm war ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen, das einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Seine Mutter hatte ihm auch gelegentlich von Traudls 134 Bruder in Nürnberg erzählt, und da stellte es sich heraus, daß Muckl mit demselben gleichzeitig die Realschule in Regensburg besuchte und sogar einige Zeit mit ihm befreundet war, und er erinnerte sich, daß Lechners Sparsamkeit schon damals beinahe an Geiz grenzte. Er war daher nicht sehr verwundert über das, was er erfuhr und schimpfte weidlich auf »den neidischen Gesellen«, dem er gelegentlich seine Meinung sagen werde. Umsomehr, meinte er, brauche Traudl einen Freund und Beschützer und er schloß mit den Worten: »Sobald i a Forstwartei krieg, wird 's Deandl g'heirat.« »Natürli, sunst nixen?« entgegnete lachend Frau Schirmer. »Warum nöt?« fragte Muckl. »Für di paßt nur a Frau mit an' Huat,« meinte die Mutter. »Den kauf i ihr schon,« entgegnete Muckl. »A Deandl, dös nix hat, wie 's geht und steht?« »Brav is's und schön is's –« »Aber halt koan Kreuzer hat's.« »No', Muatterl, du stammst aa von koan Millionär ab und bist doch a richtige Frau wor'n.« »Aber a Fabrikdeandl war i nöt und aa koa' Hopfenzupferin in der Holledau.« »Wie so?« fragte Muckl. »A Hopfenzupferin? I hab' gmoant, der Lechner macht mit seiner Tochter a Lustroas' in d' Holledau?« »Ja no', die mehrern von die Hopfenbrocker halten's aa für a Lustroas',« erwiderte die Frau. 135 »A Hopfenbrockerin?« sagte Muckl nachdenklich. Es folgte eine lange Pause. »Wo brocken's denn?« fragte er dann. »No', halt in der Holledau. Um 's nähere hab' i's nöt g'fragt.« »No', d' Holledau wird so groß nöt sei', da wird ma's leicht erfragen könna!« »Möchtst eahna nöt nachreisen, die Hopfebrockerleut?« fragte die Mutter spöttisch. »Warum denn nöt? 's giebt dennast unter die Hopfenbrocker aa viel ordentliche und brave Leut'. Und is's denn nöt beim Vater, an' Veteran?« »'s Deandl is brav, da sag i nöt na',« versetzte Frau Schirmer, »und d' Arbet, is's was da will für oane, bringt ihr koa' Schand, aber – laß g'scheit mit dir reden – wenn ma' amal sagen könnt, dei' Frau, die Frau Forstwartin Schirmer is a Hopfenbrockerin gwen, so hätt' dös grad scho' seine Mucken, abg'sehn von allem andern.« »Wie hast dir denn nacha du mei' Frau vorg'stellt?« »A Bürgerstochter, hätt' i gmoant, von dahier, oder a Tochter von an' Vorg'setzten von dir, der dir amal weiter hilft. Woaßt, der Mensch muaß alleweil höher streben. Moanst, es fuxt mi nöt oft, daß dei' Vater alleweil katzenbuckeln muaß vor jedem Bürgersmann, er, der Eisernkreuzritter? Er, bei sein' Geist! Aber er hat halt neamd g'habt, der 'n protischiert hat und ohne 's Protischiern geht 's heuntigen Tags nöt vorwärts.« »Aber i verlang' mir ja nöt höher auffi als bis zur a schön' Forstwartei, schö' g'leg'n im Wald, und dazua a Weiberl, dös i gern hab' und nöt heirat, daß i 136 avanschier. Und so a Deandl is d' Edeltraud. Sollt mir's oana schiach anschaug'n, dem zoaget i's!« »Natürli! Alleweil raufen, daß d' vom G'richt gar nimmer wegkimmst. Wirst scho' sehgn, was dir dösmal passiert.« »Dösmal passiert mir nix, sollt's aber sein, so will i's gern leiden fürs Deandl, dös i halt gern hab'n muaß, dös i nimmer aus'n Kopf außi bring'.« »Was moanst denn, daß der Vater zu so was saget?« »Der Vater? Dem g'fallt's selber, der saget höchstens: ganz wie i, ganz wie i!« Frau Schirmer schien von dieser Behauptung nicht sehr erbaut. »Dös is nur so rapidi capiti,« meinte sie. »In ara kurzen Zeit woaßt nix mehr davon.« »Dös wirst scho' sehg'n!« »Ja, dös werd' i sehg'n,« sagte die Mutter in einem Ton, der anzeigte, wie sehr sie überzeugt sei, daß die Sache im Sand verrinne. Als dann Schirmer herzukam und seine Frau ihm von der plötzlich erwachten Leidenschaft des Sohnes erzählte, lachte er laut auf und sagte: »Ganz wie i! Ganz wie i! Strohfeuer!« Muckl aber meinte nur kurzweg: »Oes werd's es scho' hör'n.« Die Eltern hörten es auch bald durch einen Brief ihres Sohnes, in welchem er ihnen mitteilte, er habe zu seiner Erholung einen achttägigen Urlaub erhalten, und diesen benütze er zu einer Reise in die Holledau. Er kenne den Spruch: Wolnzach, Nandelstadt und Au sind die drei größten Städte in der Holledau, und an diesen Plätzen werde er Edeltraud schon auffinden usw. 137 »Jetzt macht der Lalli wirkli die Dummheit und roast der Hopfenbrockerin nach!« rief Frau Schirmer. »Laß 'n roasen,« entgegnete der Vater; »'s is erst a Frag', ob er's find't. Dös müaßt völli a Glückssach sei'. Der stellt si d' Holledau vür, wie unser Falkenstoanerthal, moant leicht, wenn er schreit: Edeltraud, wo bist? so lauft's glei daher und sagt: Da bin i, Muckerl! Der Patschi! Glaub' mir, dem vergeht's Schreien und 's Suachen wird eam aa bald z'wider wer'n, denn d' Holledau is ja größer, wie unser ganz's Amtsgericht; da suach, wenn 's d' nöt woaßt, wo aus und wo an.« »Liaba Gott,« erwiderte Frau Schirmer, »wenn's nur seiner G'sundheit nöt schad't, so rumz'suachen aufs g'ratwohl in der Leidenschaft.« »Dös is ja g'rad g'sund,« sagte Schirmer, »dös kühlt d' Leidenschaft wieder ab. Wenn ma' ebbas gar so lang suachen muaß und nöt find't, giebt ma's auf. Dös war aa mei' Fall.« »So? Also hätt'st mi nöt lang g'suacht?« »Di? Ja, ja, grad' scho', i glaub' scho', aber bei dir hab' i 's Suachen nöt nöti g'habt, di hab' i a so glei g'funden – immerhin,« sprach er hochdeutsch, »aber war es ein vierblätteriges Kleeblatt, sozusagen ein Glücksfund, als ich dich erblickt haben thu.« Diese poetische Wendung schien Frau Schirmer wohlgefällig aufzunehmen, denn sie erwiderte heiter: »Der Mensch kann halt sein' Schicksal nöt entgeh'n!« »Dös is aa mei' Glauben, und also lassen wir 'n Muckerl sein'n Schicksal über und wart ma's ab. Wir wer'n ja sehg'n, wie's eam geht in der Holledau.« – Dem sein Glück in der Holledau suchenden Forstmann 138 war es aber bis jetzt sehr wechselvoll ergangen. Sein Ziel war vorerst Au, wo sein ehemaliger Kollege, der, früher in fürstlich Taxisschen Diensten, nunmehr im Schlosse zu Au als Jäger angestellt war. Von ihm hoffte er thatkräftige Unterstützung seiner Angelegenheit. Deshalb verließ er in Abensberg, dem Geburtsort des berühmten Geschichtsschreibers Aventinus, die Bahn, welche er von Regensburg aus benutzt hatte, und schritt wohlgemut im hübschen Abensthal hinauf, gegen Mainburg und Au zu. Er trug eine graue Joppe ohne Forstmannsabzeichen, um seine Stellung nicht jedem sofort kenntlich zu machen, ein graues Hütchen und einen festen Stock mit einem aus einem Rehgewichtl verfertigten Griff. In seiner Tasche hatte er seinen Monatsgehalt, und war also frohen Mutes, der durch das prächtige Wetter und die hübsche Gegend, welche er durchwanderte, noch erhöht wurde. Er war noch nicht weit gekommen, als er schon an den Hügeln zu beiden Seiten des Weges auf Hopfenpflanzungen stieß, die gleich Weinbergen, jedoch höher und dichter, anzusehen waren und einen äußerst freundlichen Anblick gewährten. Unter und zwischen den grünen, dicht mit Trollen besetzten Reben gewahrte er am Boden lagernd mehrere Gruppen von Arbeitern, welche nur Hopfenbrocker sein konnten. Ein des Weges kommendes Bäuerlein ward deshalb von ihm mit der Frage angehalten: »Wie heißt man's denn da herum?« »Da hoaßt ma's halt in der Holledau,« entgegnete der Gefragte und schritt rüstig weiter. »In der Holledau? Ja, bin i denn schon in der Holledau?« fragte sich Muckl. »Der halt' mi halt zum Narren. Bis Au müssen ja noch fünf bis sechs 139 Gehstunden sein.« Er hielt es deshalb für ganz überflüssig, unter den Hopfenbrockern hier herum nach Edeltraud zu suchen. So kam er an Siegenburg vorüber, einer freundlichen, jenseits der Abens gelegenen Ortschaft. Er sah schwer beladene Wagen die Straße herfahren, welche auf den Weg nach Siegenburg ablenkten. Die Ladung erkannte er sofort als Hopfen. Muckl fragte einen der Fuhrknechte, welcher angehalten, um an dem Sattelzeug etwas zu richten: »Woher, Schwager?« »Aus der Holledau,« entgegnete ihm dieser. »So, so, von Au?« fragte Muckl. »Na', von Marzoll, wo d' Engländer ihre Hopfengärten haben. Der Hopfen kimmt aus Siegenburg, wo er präpariert wird, woaßt, dörrt und g'schwefelt.« »Wo liegt denn Marzoll?« »Im Empfenbachthal – halt in der Holledau,« erwiderte der Fuhrknecht und trieb mit einem »Hi! hi!« seine Pferde wieder an, indem er dem Fragenden noch einen »Laß dir da Weil!« wünschte. Muckl schüttelte den Kopf. Er meinte, der habe ihm auch nur so etwas »vorgeschwefelt.« Der schöne, zu seiner Rechten sich hinziehende Dürrenbacher Forst nahm jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch, wie nicht minder die vielen dies- und jenseits der Abens gelegenen Ortschaften, deren Häuser sämtlich durch besonders hohe Dächer auffallen, weil auf den Dachböden der Hopfen getrocknet wird, wo noch nicht eigene Hopfendörren errichtet sind. Vor jedem dieser Häuser stehen in der ganzen 140 Holledau Hopfendarren, das sind breite Holzsiebe, auf welchen die erste Trocknung der Trollen stattfindet. In einer dieser Ortschaften kehrte Muckl ein, da er bei der zunehmenden Schwüle einen gewaltigen Durst verspürte. Auf der Gred vor dem Dorfwirtshause saßen etwa sechs Bauern, ihre Pfeifchen schmauchend und Bier trinkend. Es waren Hopfenbauern, die jetzt auf das Resultat ihrer diesjährigen Ernte mit banger Neugierde warteten. Muckl grüßte, setzte sich an einen Nebentisch und bestellte sich eine Maß Bier. Die Bauern sahen neugierig nach dem Gast, sie hielten ihn für einen Hopfenhändler. Einer jener Leute, welche den Verkauf vermitteln, ein sogenannter Schmuser, näherte sich nach einer Weile und fragte Muckl geradeweg: »I kann Enk an' guaten Hopfen verraten, Herr, soll's sein, daß's oan suacht's?« Muckl strich sich den Schnurrbart. Es schmeichelte ihm, daß man ihn für einen vermöglichen Hopfenhändler hielt. Unwillkürlich griff er in die Hosentasche, wo er sein gefülltes Portemonnaie verwahrt hatte. »Wie steht denn der Preis?« fragte er. »Ja no', den werd's Ihr schon b'stimmt haben. Wie moant's ebba, was er heuer gilt?« Nun erinnerte sich Muckl, daß ihm sein Kamerad oft gesagt, der Zentner habe schon einmal sechzig Mark gekostet. Er wußte nicht, ob das viel oder wenig sei, aber er sagte frischweg: »No', bis auf vierzig Mark wird er kömma.« »Ihr moant's: hundert und vierzig Mark!« versetzte der andere. »Warum nöt gar! Vierzig moan i!« 141 »Was?!« rief der Schmuser, und die andern Bauern, welche zugehört hatten, schrieen ebenfalls wie aus einem Mund. »Was? Der will uns uzen? Glaubt der, wir ham Holzbirn zu verkaufa! Wenn er nöt macht, daß er weiter kimmt, so –« Muckl sah sich die sechs Gesellen an und fand es für klug, andere Saiten aufzuziehen. »Seid's nur ruhig, Manna!« rief er. »Was versteh' i von eure Hopfenpreis! I versteh mi nur drauf, ob reiner Hopfen im Bier is. Das is hier der Fall und so stoß ma an und trinken auf unser G'sundheit, das is immer das g'scheitste, was der Mensch thun kann.« Die Leute waren mit dieser Erklärung zufrieden, und stießen lachend an. »Was is nacha in Wirklichkeit heuer der Preis?« fragte jetzt Muckl. »Heuer is a guat's Jahr,« erwiderte der Schmuser, »die Trollen sind fett und schö' grean (grün); der Landhopfen wird si wohl auf zwoahundert aussiwachsen per Zentner. Der Siegelhopfen kommt aber bedeutend höher.« »Was is dös? Siegelhopfen?« fragte Muckl. Man erklärte ihm hierauf, wie der anerkannt beste Hopfen, wie er um Wolnzach, Mainburg und Au wachse, unter Aufsicht einer eigenen Kommission, dem Hopfenamt, in Ballen verpackt, und dann zum Zeichen seiner Echtheit mit rotem Siegel versiegelt wird. »Wie viele Zentner baut ma denn auf oan Tagwerk?« fragte der wißbegierige Jäger. »Unterschiedli; fünf, sechs, ja oft acht Zentner, je nach 'n Sorten.« »Da tragt ja a Tagwerk, wie zum Beispiel da herum 142 sechzehnhundert Mark? Da müaßt's ja lauter reiche Leut sei'! Da sind wir draußen im Getreideland ja die reinsten Fretter gegen euch,« meinte Muckl. »Warum baut's denn da überhaupt no' a andere Frucht als Hopfen. I bauet lauter Hopfen, überall Hopfen; was Rentablers giebt's ja gar nöt.« Die Bauern lachten und wiesen mit den Pfeifenstummeln auf den Schmuser, womit sie sagen wollten, der kann dir drauf d' Antwort geben. Er gab sie auch. Er erzählte, wie er der gleichen Ansicht gewesen und bei Uebernahme seines nicht unbedeutenden, väterlichen Hofgutes durch verstärkten Hopfenbau schnell reich werden wollte. Die ersten Jahre ging es vortrefflich, trotz der großen Arbeitslöhne, welche der Hopfenbau beansprucht, er fühlte sich als wohlhabender Mann. Plötzlich trat aber eine Mißernte ein, dann folgte Ueberproduktion, kurz, der Ertrag deckte nicht einmal mehr die Herstellungskosten und nach etlichen Jahren mußte er Schulden halber den Hof verkaufen, es blieb ihm nichts übrig, als selbst zu taglöhnern und nebenbei im Herbst einen Schmuser oder Hopfenmakler zu machen. Eine Art Trost fand er darin, daß es mehr solch dumme Leute in der Holledau gebe. Doch verlege man sich in neuerer Zeit mehr auf den Getreidebau und kultiviere nur so viel Hopfenbau, um bei einer allfallsigen Mißernte wirtschaftlich nicht ruiniert zu werden. Er beendete seine Erzählung resigniert mit den Worten: »Jetzt wär' i freili g'scheita, wie halt jeder, der aus Schaden klug wird. Aber was hilft mir's trauri sein? D' Hauptsach is, daß mir's Bier schmeckt und dennast no' 143 a bißl a Schmusg'schäft geht.« Er trank mit Wohlbehagen seinen Krug leer. »Laßt Euch auf meine Rechnung einschenken,« erlaubte Muckl großmütig. »Hochachtung!« erwiderte der Schmuser und fing beim Anblick des neugefüllten Kruges zu singen an: »Heiliger Sankt Castulus, um was i' dich no bitt': Um hunderttausend Gulden, und bring' mir's Geld glei' mit, Um hunderttausend Gulden, und noch einmal so viel, Alle Jahr ein anders Weib und in Himmel 'nein – wann i will.« Die Bauern stimmten in den Gesang sofort ein und auch Muckl fühlte sich von der guten Stimmung der Gesellschaft angeheitert und sang kräftig mit. Nun begann aber der Schmuser auch noch echte Holledauer Schnadahüpfeln zum Besten zu geben: I bin von Niederboarn, Die Holledau gehört zum Teil zu Oberbayern, zum Teil zu Niederbayern. Leb' in der Holledau, Da is's so wunderschö' Wie ninderst, schau. Bei uns geht's lusti zua, Wenn viel der Hopfa kost', Na' werd koa' Wasser trunk'n Und 'gessen aa koa' Obst. Wenn aber der amal So viel kost' als wie nix, Werd Wasser plempert viel Und g'spart aa d' Stiefelwix. Wo o'geht d' Hollerdau, Dös woaß koa' Mensch nöt g'wiß, Wo's ebba aufhör'n thuat, Erst recht unsicher is. 144 Dös oane woaß ma sched Und is gar wohl bekannt: Is hoch der Hopfapreis, Werd's groß wie's halbet Land. Hat aber der a Jahr O Jeß! an' Preis recht schlecht, Na' luigat si' alles weg, Dazua g'hör'n neamt mehr möcht. Nochmals wurden die Krüge gefüllt und ausgetrunken, dann aber dachte Muckl daran, seinen Marsch fortzusetzen und zahlte seine Zehrung. »Wo geht der Marsch hin?« fragten ihn die Leute. »In d' Holledau,« entgegnete Muckl. Die Leute lachten. »Da seid's ja schon,« erwiderte man ihm. »Wieso?« »Wir g'hören ja schon in d' Holledau, 's ganze Abensthal.« Muckl erinnerte sich an das im Gesang soeben Gehörte und meinte: »Aha, heuer ist der Hopfen teuer. Sagt's mir doch, wo san denn eigentli die Grenzen von der Holledau?« So harmlos er die Frage auch stellte, so glaubten die Anwesenden doch, darin eine Schelmerei erkennen zu müssen, sie meinten, er spiele auf die vier Galgen an, welche spottweise die Grenzsteine der Holledau genannt werden, und Muckl war nicht wenig verwundert, als er ohne weiteres von den Männern angepackt und auf die Straße gedrängt wurde. Dies war in Anbetracht von Muckls noch nicht brauchbarem linken Arm um so leichter gewesen, als er sich nichts Schlimmes versah. Dieser, seiner Ohnmacht sich bewußt, hielt er es für 145 das beste, natürlich in seiner Weise gegen dieses Verfahren protestierend, den Marsch fortzusetzen. Je näher er Mainburg, dem prächtig an der Abens gelegenen Markt zukam, vermehrten sich die großartigen Hopfenanlagen, die mit goldigen Getreidefeldern abwechselten. Allenthalben sah er in den Hopfengärten Leute mit Brocken beschäftigt. Er fragte dort und da, ob keine Wäldler da wären, erhielt aber teils deutsch, teils tschechisch eine verneinende Antwort, man bedeutete ihm aber, daß die Wäldler in Au oder Wolnzach sein könnten. In Mainburg beschloß er, Mittag zu machen. Der geschäftsreiche Markt gefiel ihm außerordentlich, namentlich die vielen Brauereien. Eine derselben, hart am Fuße des mit einer Wallfahrtskirche gekrönten Salvatorberges gelegen, schien ihm besonders einladend. Man konnte im Freien unter riesigen Laubbäumen sitzen, zunächst einer wundervollen Kegelbahn, auf welcher das Spiel soeben lustig betrieben wurde. Muckl, ein Liebhaber des Kegelns, schaute während seiner Mahlzeit aufmerksam den Spielern zu, und er konnte nicht umhin, als wiederum ein neues »Lavenedel« begann, die Männer zu fragen, ob er sich beteiligen dürfe, um ihnen zu zeigen, wie man eigentlich »werfen« solle. Den »Brosler« wollten die Mainburger sich »zu leihen nehmen«, und da doch einige vorzügliche Kegler unter ihnen waren, so begannen sie alsbald zu wetten. Muckl, anfangs seiner Sache sicher, bekam immer mehr Mut; als er aber ins Verlieren kam, verlor er auch seine Ruhe und wollte mit Gewalt siegen. Das ließ sich aber nicht erzwingen und es währte nicht lange, so hatte Muckl sein bis jetzt wohlgefülltes Portemonnaie so weit entleert, daß er nur mit genauer Not seine Zeche begleichen 146 und mit weniger als einer Mark die Reise nach Au fortsetzen konnte. Er hatte sich gedacht, die Holledauer seien in Wirklichkeit, wie ein boshaftes Sprichwort ihnen andichtet, dumm, dalkert und »dappi«, und er würde nur leichtes Spiel mit ihnen haben, aber »Prost Mahlzeit!« es war ihm schon nach etlichen Stunden eine ganz andere Meinung beigebracht worden. Jetzt war guter Rat teuer. So ganz ohne Mittel in einer fremden Gegend, das war bitter. Unter dem schadenfrohen Gelächter der Kegelschieber entfernte er sich und stieg die Treppe zum Salvatorberg hinan. Dort oben wollte er eine Aussicht genießen und eine Einsicht erhalten. Die erstere war in der That großartig. Er sah das Abensthal hinauf bis über Siegenburg hinaus, sah deutlich die Ortschaft, wo er der Grenzfrage wegen hinausspediert worden war, und hörte von unten herauf das Kegeln und den Juhschrei auf »alle Neun.« Er trat in die schöne Kirche ein und setzte sich in einen Stuhl, um sich zu sammeln. Nebenan beteten soeben die dortigen Mönche ihre Hora. Muckl kam der Gedanke, ob sie es nicht schöner hätten, als er; sie brauchten sich um nichts zu kümmern, sie waren Bettelmönche. Aber dann dachte er an den grünen Forst, an die Jagd und wie neu belebt erhob er sich mit dem Gedanken: D' Freiheit is halt doch 's Schönste auf der Welt und 's Allerschönste der Wald und d' Jagd. Es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als abermals zu Fuß den noch drei Stunden langen Weg nach Au zurückzulegen, da ihm das Geld für die Fahrtaxe der von hier ausgehenden Lokalbahn fehlte. Was lag daran! Sein 147 Kollege in Au würde ihm das nötige Geld schon vorstrecken, um seine Nachforschungen nach Edeltraud fortsetzen zu können. Es war ein langer und infolge anhaltender Trockenheit sehr staubiger Weg. Die Eisenbahnstation Au ist von dem gleichnamigen Ort etwa drei Viertelstunden entfernt. Ein schönes Gasthaus zunächst der Haltstelle, hart an der Landstraße, lud den nun wirklich ermüdeten und über und über bestaubten Wanderer zur Ruhe ein. Die Pfennige, welche er in seiner Tasche zusammensuchte, reichten gerade zu einer Maß Bier. Der freundliche Gastgeber setzte sich alsbald zu ihm an den Tisch. Er hatte recht gut bemerkt, wie Muckl seine letzten »Rappen« aus allen Taschen zusammensuchte und fragte nun ganz ungeniert, ob er Verdienst als Hopfenbrocker suche. Muckl mußte lachen. Vormittags galt er für einen Hopfenhändler, jetzt für einen Hopfenzupfer. Er bemerkte dem Frager auch, ob er denn einen so gewöhnlichen Eindruck mache? Doch dieser meinte, ein so leicht verdientes Geld könne man ja mitnehmen. Es wäre Mangel an Zupfern und man befürchte einen baldigen Umschwung der Witterung. Es wäre für den Hopfen sehr nachteilig, wenn er bis dahin nicht vollständig abgezupft wäre. Uebrigens brauche sich niemand dieser Arbeit zu schämen, es seien sehr »noblichte« Leute dabei, so ein Fräulein aus der Residenzstadt, das mit Hut und Schleier gekommen. Jetzt freilich liegen Hut und Schleier auf ihrer Stube, während sie im Hopfengarten ist. Wenn ihm also das »Gerstl« ausgegangen sei, könne er bei ihm jede Stunde in Arbeit treten. Muckl dankte lachend für den guten Willen des Wirtes 148 und schlug dann den Weg nach Au ein, nachdem er vorher noch seine Kleider ausgebürstet und sich am Brunnen den Schweiß vom Gesicht gewaschen, um vor seinem Kollegen anständig zu erscheinen. Er atmete erleichtert auf, als nach kurzer Wendung des Weges die Ortschaft Au und das großartige, reichbetürmte Schloß, dessen zahlreiche Fenster von der untergehenden Sonne magisch beleuchtet waren, sich seinem Blick zeigten. Er war müde, durstig und hungrig und dazu arm wie eine Kirchenmaus. Doch der Kollege hier würde schon für sein leibliches Wohl sorgen – das gab ihm Mut und so schritt er stolz durch die Straße des Marktes. Vor den Häusern standen überall die Hopfendarren und in den offenen Schupfen erblickte man überall ganze Familien, zupfend, lachend und singend, mitunter auch neugierig nach dem hübschen Wanderer Ausschau haltend. Muckl marschierte geraden Weges dem prächtigen, freiherrlich Beckschen Schloß zu, wo er seine müden Glieder zur Ruhe zu legen hoffte. Der ihm höchst angenehme Malzgeruch, welcher vom freiherrlichen Bräuhaus her kam, wo soeben Bier gesotten wurde, ließ ihn eine schöne Perspektive eröffnen auf die »frischen Steine«, die er mit seinem Freund im Bräustübchen leeren wollte, dabei vergaß er jedoch nicht, einige von den Hopfengärten kommende Zupfer nach den Wäldlern zu fragen, worauf er die bestimmte Antwort erhielt, es wären hier nur Oberpfälzer und Münchener; die Wäldler wären auch nicht in Nandelstadt, vielleicht aber in Wolnzach. Jetzt kam er zum Schloßpark, der sich zwischen dem Schloß und der Ortsstraße ausdehnt und durch seine wundervollen Blumenanlagen das Auge entzückt. Auf 149 einem Postament ruht ein in Kupfer getriebener Hirsch in Lebensgröße, das Hauswappen derer von Beck. Dem Muckl lachte das Herz im Leib, als er das sah. Er blieb vor dem Monument stehen und zählte die Enden des Geweihes; als er sich von einem Kammerdiener des Barons angesprochen hörte: »Was wünschen Sie?« »Grüß Gott,« erwiderte Muckl. »Der Hirsch da g'fallt mir; Donnerkeil, saget mei Vater, das is ein Prachtexemplar! Aber ja so! Was i wünsch? Mein' Freund und Kollegen möcht i b'suachen, 'n Leibjäger vom Herrn Baron, 'n Rudolf Münsterer. Der wird überrascht sein, wenn er mi auf amal sieht. Er wird wohl z' Haus sein? Wie?« »Der Leibjäger Münsterer? Nein, mein lieber Freund, der ist jetzt nicht hier, der ist mit unserem gnädigen Herrn verreist.« 150 Dem Muckl brachen förmlich die Knie. »Das kann ja gar nöt sein!« rief er in einer Art Verzweiflung. »Erst gestern ist er abgereist.« »Und wann kommt er wieder?« »In ungefähr vierzehn Tagen.« »Ja, was is denn da z'machen?« fragte Muckl, bald blaß, bald rot werdend. Seine leere Tasche, sein Hunger und Durst wirbelten vor und in ihm. »Bedaure!« meinte der Kammerdiener achselzuckend. »Jetzt bin i eigens so weit herg'reist,« sagte Muckl fast jammernd. »Wer sind Sie denn?« Muckl stellte sich jetzt vor und ließ durchblicken, daß er gehofft, einige Tage bei seinem Kollegen bleiben zu können, und daß er jetzt – es begann bereits zu dämmern – gar nicht wisse, wo aus und wo an. »O,« meinte der Kammerdiener, »gleich gegenüber dem Schloßpark ist die Post, da bekommen Sie sehr gutes Quartier, ich kann es Ihnen empfehlen; man speist auch sehr gut dort.« »So, so,« machte Muckl. »Aber wird halt teuer sein?« preßte er dann heraus, und etwas mutiger setzte er dann hinzu: »Wenn der Münsterer da wär', hätt' ich schon bei ihm Quartier bekommen.« »Das glaub' ich sicher,« erwiderte der andere, »aber er ist halt nicht da. Kann ich ihm etwas ausrichten, wenn er wieder hierher kommt?« »Halt an' schön' Gruß von sein' Kollegen Muckl Schirmer; merken's Ihna nur: Muckl.« »Schön, schön! Aber Sie verzeihen, ich muß jetzt 151 das Parkthor sperren; es lauft jetzt so viel Gesindel herum; den Hopfenbrockern darf man nicht trauen. Sie verstehen mich schon?« »Ja, ja, vollkommen!« erwiderte Muckl. »Vollkommen!« »Vielleicht sehen wir uns noch abends auf der Post. Soll mich freuen.« »Mich auch!« entgegnete Muckl und schritt wie geistesabwesend zum Thor hinaus, durch welches er vor einigen Minuten mit so großen Hoffnungen hereingekommen war. »Was nun thun?« war jetzt die Frage. Uebernachten mußte er irgendwo, essen und trinken ebenfalls. Aber wo? Er nannte wohl eine Uhr sein eigen, an welcher auch ein schönes Uhrgehänge befestigt war, aber wie würde es sein Freund übel nehmen, wenn er erfahren würde, daß Muckl auf Pump in der Post Quartier genommen. Und was wollte er dann morgen und die nächsten Tage anfangen? Diese Vergnügungsreise fing an, ihm fürchterlich zu werden. Während er so dastand, wie Herkules am Scheideweg, rannten mehrere Hopfenleute vergnügt an ihm vorüber. Was hatte der Wirt zu ihm gesagt? Noble Leute und Fräulein brocken und verdienen auf solche Weise Geld – »Muckl, dir kann geholfen werden!« sprach er entschlossen zu sich. »Brock Hopfen und erzupf dir so viel, daß d' wieder weiterschwimmen kannst. Gott verläßt keinen Deutschen nicht!« Er lief jetzt förmlich die Dreiviertelstunden Weges wieder zur Haltestelle zurück. Es war Nacht geworden, als er am Ziel ankam. Der Wirt begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Muckl nahm ihn zur Seite, gab ihm seine Uhr und sagte: 152 »Ich hab mich entschlossen, Eurer Zupfernot abzuhelfen. Heben's mir vorderhand die Uhr gut auf, und jetzt möcht ich essen – trinken.« »B'halten's nur die Uhr,« sagte der Wirt lächelnd. »Setzen's Ihna, und lassen's Ihnen bedienen.« »Wer sind denn die Damen und der alte Herr dort?« fragte Muckl die ihn bedienende Kellnerin. »Sind lauter Hopfenzupfer,« antwortete sie. »Es sind brave lustige Leut. Was s' 'n Tag über verdienen, veressen's und vertrinken's am Abend wieder.« Alsbald stand vor ihm ein frugales Abendessen und ein Krug voll schäumenden Bieres. Mit Lust machte er sich darüber her; hernach zündete er sich eine Zigarre an und machte Reflexionen. »Edeltraud, kommst du mir nicht zu teuer zu stehen?« fragte er sich. Er erwog und wog, aber auch sein Haupt wogte bald hin und her, bis er plötzlich aufschreckte. Der Wirt stand vor ihm und sagte: »Gehen S' doch lieber zur Ruh, sonst fallen S' über 'n Stuhl 'nunter. Morgen früh heißt's zeitig 'raus!« Die »Damen« am Nebentisch lachten laut. »Ja so!« machte Muckl. »Wahrhafti, i bin müad. Wo is denn mei' Nachtlager?« »Im Stadel draus auf an' ganz frischen Heu.« Auf dem Weg zu seiner Schlafstätte dachte Muckl über die Veränderlichkeit alles Irdischen nach. Anstatt als fürstlicher Jägersmann im freiherrlichen Schloß zu Au, übernachtete er im Heustadel als angehender Hopfenbrocker! Der gesunde Schlaf ließ ihn bald alles vergessen. 153 XI. Ein wunderbarer Herbstmorgen folgte der im gesunden Schlaf der Jugend wie im Flug dahin entschwundenen Nacht. Muckl hatte nicht viel Zeit mit Ankleiden zu verlieren, und zur Toilette diente ihm der Brunnen im Hof. Er war soeben mit der Ordnung der Haare fertig, als eine der »Damen«, die er gestern abend so lustig in der Wirtsstube beisammen sah, sich ihm nahte und freundlich einen »guten Morgen« wünschte, was Muckl selbstverständlich gebührend erwiderte. »Sie müssen entschuldigen,« sagte das Fräulein, »ich wollte nur wissen, ob ich mich nicht täusche. Sie haben so große Aehnlichkeit mit einem jungen Mann, der mir schon viele Thränen verursacht hat.« »Ich? Thränen?« fragte Muckl, das Mädchen genauer betrachtend. Da war es ihm ebenfalls, als hätte er dieses Gesicht schon einmal gesehen. Dasselbe zeigte nicht mehr die erste Jugend, aber es lag etwas darin, so etwas gewisses Fesches, was den Jäger sofort für sie einnahm. Fesch war sie auch, wie sie vor ihm stand, den rechten Fuß vor, mit einer Georgine, die sie in der Hand hielt, wie mit einer Reitgerte spielend. Ihr schönes, üppiges Haar hatte sie mit einem lila Schleier bedeckt. Ihre Gestalt war schlank und zeugte von schönstem Ebenmaß. Gesehen mußte er dieses Mädchen schon einmal haben, aber Muckl konnte sich dessen nicht näher erinnern. 154 Dieses aber lächelte und sagte: »Vielleicht irre ich mich doch. Es sind erst wenige Wochen her, da habe ich den, welchen ich meine, tot vor mir gesehen.« »Mich?« fragte Muckl, sich bemühend, möglichst hochdeutsch zu sprechen. »Ich kann Ihnen mein Wort darauf geben, ich war noch niemals tot.« »Nun, sagen wir bewußtlos,« meinte das Fräulein. »Der betreffende war ein blühender hübscher Forstmann; er erhielt einen Revolverschuß infolge eines Streites. Ich kam dazu, als man ihn vom Platz trug. Man hielt ihn für verloren. Solch ein schöner Mann verloren! Wer sollte da nicht gerührt werden? Ich mußte weinen, und nicht um die Welt hätte ich an jenem Tag mehr gearbeitet.« »Wo ist denn das alles g'schehn?« fragte Muckl, dem doch allmählich der Zusammenhang klar zu werden schien. »In St. Quirin bei Falkenstein war's. Aber nein, Sie können das nicht sein. Er war ja ein fürstlich Taxisscher Jäger, während Sie, gleich mir und meinen Kollegen, durch die Umstände veranlaßt sind, eine Zeitlang in den Hopfengärten Landaufenthalt zu nehmen.« »Jetzt kenn ich Sie!« rief Muckl. »Sie sind die fesche Kunstreiterin, Fräulein –?« »Lucie!« ergänzte sie. »Ja, die bin ich. Außer Dienst aber heiße ich Else. Und Sie?« »Ich bin schon der, für den Sie mich halten.« »Also doch? Aber wie kommt es, daß Sie auch –« »Sie meinen, daß ich Hopfen zupfe?« sagte er errötend. »Das war ja nur Spaß. Ich bin auf einer Urlaubsreise begriffen und wollte mir einen Jux machen.« »Ah so!« versetzte Else. »Dasselbe ist bei uns der 155 Fall. Wir haben unsere paar Rößlein im nächsten Bauerndorf untergebracht, bis das Volksfest in Pfaffenhofen beginnt; einstweilen machen wir uns das Vergnügen, Hopfen zu zupfen. Es ist das eine so nette Arbeit, und man muß verdienen, um anständig leben zu können. Vielleicht leisten Sie uns Gesellschaft, Sie so viel Beweinter?« setzte sie mit einem vielsagenden koketten Lächeln hinzu. Muckl war es ganz eigentümlich zu Mute. In Gesellschaft dieses hübschen Mädchens sein zu dürfen, war nicht so von der Hand zu weisen. Aber er war erkannt. Es konnte kein Geheimnis bleiben, daß er durch Hopfenbrocken sich Geld verdiente. Was würde sein Kollege Münsterer sagen, wenn er das erführe und – »Heiliger Gott!« wenn es seinen Vorgesetzten oder gar dem Fürsten zu Ohren käme – das kostete ihn seine Stelle; mit Schanden entlassen, das mußte die Folge sein! Jetzt kam ihm plötzlich ein erlösender Gedanke. »Wie können Sie denken, daß es mir einen Augenblick ernst war, selbst zu zupfen. Nur sehen wollte ich die Arbeit in den Hopfengärten, nicht selbst arbeiten. Ich warte hier nur eine telegraphische Geldanweisung ab, um dann meine Fußreise fortzusetzen.« »Ah so, dacht' ich mir's doch!« sagte Else. Dann aber setzte sie neckisch hinzu: »Dann wünsche ich nur, daß diese Anweisung recht lange ausbleibt, damit wir uns Ihrer Gesellschaft erfreuen können. Mittags sind wir freilich nur kurze Zeit, abends aber desto länger hier. Der Hopfengarten indessen ist nicht weit von da, sehen Sie, dort an jenem Hügel. Und nun, mein Herr Forstmann, auf Wiedersehen!« Sie reichte ihm freundlich lächelnd die Hand, die Schirmer eifrig erfaßte, indem er freudig erregt sagte: 156 »Ich bleib' da – darauf können Sie sich verlassen, Fräulein Else!« Mit gehobener Stimmung blickte er der Davoneilenden nach. Den Wirt, der zu ihm herantrat, fragte er, ob man von der Bahnstation aus telegraphieren könne, und bat ihn, ihm auf seine Uhr so viel zu leihen, als die Depesche koste, durch welche er Geld nachgesendet verlange. Er wäre fürstlich Taxisscher Jäger und brauche sich nicht durch Hopfenzupfen Geld zu verdienen. Das sei nur ein schlechter Witz gewesen. Er schickte sodann folgende Depesche ab: »Herrn Schirmer, Falkenstein im Walde. Bitte sofort 25 Mark als telegraphische Anweisung Bahnstation Au in der Holledau senden. Näheres mündlich. Muckl.« Dann schlug er den Weg nach dem Hopfengarten ein, in welchem die Kunstreiterinnen beschäftigt waren. Der alte Klein, der frühere Zirkusdirektor und Vater Elses, saß ebenfalls dabei und zupfte die Trollen in den vor ihm stehenden Korb. Froher Gesang hallte durch den Hopfenwald. Es schienen glückliche Menschen zu sein, nur für den Augenblick lebend, für das Heute; für morgen würde der liebe Gott schon sorgen. Dem Muckl gefiel das ungemein. Noch mehr gefielen ihm die feurigen Augen Elses, die mehr auf ihn, als auf die Hopfentrollen gerichtet waren. Mittags traf die telegraphische Anweisung dann ein, gerade als Muckl am Tisch der Künstler sein Mittagsmahl einnahm. »Sie reisen doch noch nicht?« fragte Else, anscheinend betrübt. »Nein. Wenn Sie es wünschen, so bleibe ich wenigstens heute noch,« entgegnete Muckl galant. 157 Aber abends, als er im Kreise der Kunstreiter vergnügte Stunden verlebt, konnte er die Versicherung geben, daß er auch morgen noch bleibe. Auf das »morgen« folgte ein »übermorgen«, und an dem »übermorgen« war die Ursache zu Muckls Lustreise, nämlich Edeltraud, vergessen. Was war sie, die nicht einmal einen »Hut« trug, die nicht zum Vergnügen, sondern aus Not Hopfen zupfte, mit ihrer mangelnden Bildung gegen die gewandte Else, welche gewiß als »Frau Forstwart« besser repräsentieren könnte! Fräulein Else däuchte ihm die richtige Frau für ihn zu sein und so sah er sich veranlaßt, nach einigen Tagen wiederholt um Geld nach Hause zu telegraphieren. »Die Richtige gefunden,« telegraphierte er. »Schickt mir nochmals 25 Mark.« Das Geld kam wohl, aber auch der väterliche Befehl, sofort nach Hause zu kommen. Muckl aber blieb, solange das Geld reichte. Das schmolz zusammen, wie Schnee in der Sonne, besonders nach dem Besuch einer Hausiererin, welche mit Goldwaren handelte, von denen einige Exemplare Fräulein Else so ausnehmend gefielen, daß Muckl nicht umhin konnte, sie ihr zum Geschenk zu machen. Bald war in seiner Kasse abermals eine solche Ebbe eingetreten, daß sie kaum mehr zur Bezahlung der Bahnfahrt ausreichte und ihm auf der Heimreise strengste Diät auferlegte. So rüstete er sich denn endlich, nachdem er mit Else alles besprochen und abgemacht, zur Abreise über Ingolstadt und Regensburg. Selbstverständlich gab es einen zärtlichen Abschied, bei welchem ihm eine Kollegin Elses einen Zettel in die Hand drückte mit dem Bemerken, ihn erst auf der Fahrt zu lesen. Es war Frauentag, Maria Geburt, als Muckl in den 158 nach Wolnzach abdampfenden Zug einstieg und von dannen fuhr. Mit Kußhänden und Tücherschwenken wurde er verabschiedet. Trotz der leeren Taschen war der Verliebte in sehr feiertäglicher Stimmung. »Wer hätte das gedacht, daß mir die Holledau, die ich am ersten Tag so verwünschte, so viel Glückseligkeit brächte!« sagte er zu sich selbst. »Ja, die Else ist ein Prachtmädel!« »Donnerkeil!« würde sein Vater sagen, wenn er sie ihm als Schwiegertochter vorstellen würde. Wie ihr der Hut heute gestanden! Fesch! Fesch! Da müßte auch seine Mutter zufrieden sein, mit so einem Hut – So weit war er in seinen Träumereien gekommen, als ihm der übergegebene Zettel einfiel. Neugierig zog er ihn hervor und las: »Sie gutmütiger Mensch thun mir wirklich leid, ich muß Ihnen die Augen öffnen. Else ist schon zweimal verheiratet gewesen und zweimal geschieden. Wollen Sie der dritte Bethörte sein?« Die Augen, das Gesicht Muckls, wie er nach diesen Zeilen starrte und sie immer und immer wieder las, das alles muß sehr dumm und komisch gewesen sein, denn die nebenan sitzenden Reisenden hatten Mühe, ihm nicht direkt ins Gesicht zu lachen. Er konnte sich lange nicht fassen, endlich aber gab er seinen Gefühlen in den Worten Ausdruck, die er zwischen den Zähnen hervorpreßte: »Wenn nur der Kuckuck die Holledau holet! Fort! Naus! Hoam möcht' i!« Wie Hohn mutete es ihn an, als der Zug anhielt und der Schaffner »Wolnzach« rief. Und dieser Ort lag so hübsch, so einladend da. Hier hätte er sicher diejenige 159 gefunden, um deretwillen er die Reise gemacht. Wäre er doch gleich hieher; er wäre jetzt um 100 Mark reicher und um soundsoviel Schande und Dummheiten ärmer – und – und –. Seine Gewissenserforschung ward plötzlich durch ein Ereignis unterbrochen, das sich auf dem Platz vor der Station abspielte und sein vollstes Interesse in Anspruch nahm. Während der ganzen Zeit, in welcher Hopfen geerntet wird, ist der Festtag Maria Geburt der einzige Rasttag der Hopfenbrocker. Da kleiden sich die Leute in ihr Sonntagsgewand, besuchen die Kirche, lungern in den Straßen herum oder machen Ausflüge in die Umgebung. Daß es bei solcher Gelegenheit nicht immer friedlich hergeht, besonders wenn die Leute dem braunen Saft, mit dessen Hauptbestandteil sie die ganze Zeit über in innigster Berührung gewesen, mehr zugesprochen, als ihnen zuträglich, begreift sich. Da wird in den Wirtshäusern der großen Bauerndörfer gezecht, gesungen und, es währt nicht lange, auch getanzt. Jede Landsmannschaft hat ihre eigenen Tänze, ihre eigenen Gesänge, aber auch ihre eigenen Mädchen, die zu Eifersuchtsszenen Veranlassung geben, zu Streit und förmlichen Raufereien, wobei das Messer eine Rolle spielt und nicht selten gefährliche Verletzungen, ja selbst Totschläge vorkommen. Aber zu dem Auflauf, welcher schon gleich nach dem Morgengottesdienst in Wolnzach vor dem Gasthaus des Bichlbräu stattfand, hatte übermäßiger Biergenuß oder Eifersüchtelei keine Veranlassung gegeben. Es waren die Wäldler, welche von der gestrigen Begegnung des unter ihnen allbeliebten Schleifer-Toni mit seinem Sohn, 160 niemand wußte wie, Kenntnis erhalten hatten. In der Heimat wurde ja längst mit offenem Tadel von dem Sohn gesprochen, der »steinreich« war und sich seiner armen, braven Eltern zu schämen schien, sie weder mehr besuchte, noch in irgend einer Weise in ihrer Drangsal unterstützte. Als die Hopfenbrocker nun hörten, daß dieser Sohn jetzt in Wolnzach als Hopfenhändler sei und seinem Vater vorgeworfen habe, daß er ihm durch seine Arbeit hier Schande angethan, so daß der Vater vor Aufregung vom Schlag getroffen worden, wuchs ihr beleidigtes Rechtsgefühl, ihre Erbitterung dermaßen, daß sie ihrer Empörung laut Luft machen mußten. Franz hatte sich von Vater und Schwester verabschiedet mit dem Versprechen, sie in allernächster Zeit in der Heimat zu besuchen, wohin er sie so rasch als möglich zurückzukehren bat. Der Alte, welcher sich heute besser fühlte, meinte aber, es sei ratsamer, noch acht Tage hier zu bleiben, in welcher Zeit die Arbeit ohnedem beendet und sie dann mit den Landsleuten zusammen heimkehren könnten. Eine dargebotene Unterstützung des Sohnes wies er entschieden zurück, indem er meinte, es sei besser, Franz sei jetzt für sich und seine Familie, für seine Ehre besorgt. »Darf ich dem Schwager Hoffnung geben?« fragte Franz noch einmal die Schwester, ehe er ging. »I kann eam erst d' Antwort geben dahoam, im Wald.« Franz verließ den Gasthof. Er war nicht wenig erstaunt, vor dem Haus eine Ansammlung von Hopfenbrockern zu sehen, und, wie er erkannte, Leute aus seiner Heimat. Dieselben brachen bei seinem Erscheinen in Hohnrufe und Schimpfreden aus. Obwohl es ihm gelang, sich 161 rasch den Weg zu bahnen, konnte er es nicht verhindern, daß ihm die Leute folgten. Hunderte gesellten sich dazu, die nicht wußten, um was es sich handle, aber gegen den jungen Mann sofort Partei nahmen, als sie hörten, daß er seinen Vater »mißhandelt« habe, weil er ein Hopfenbrocker sei. Die Kinder schrieen ihm zu: »Neidkragen, Neidkragen! Hast dein' Vater im Bett daschlagen.« Dies wurde wie aus einem Mund immer und immer wiederholt und dem jungen Mann in die Ohren geschrieen, einige Pfiffe mischten sich darein, und als Franz mit seinem Stock nach den ihn bedrängenden Jungen hieb, entriß ihm ein Mann denselben und zerbrach ihn. Erst an der Bahnstation angelangt, war es der herbeigeeilten Sicherheitswachmannschaft möglich, dem Bedrängten den nötigen Schutz angedeihen zu lassen. Die Hopfenbrocker aber ließen nicht nach, im Chor immer zu wiederholen: »Neidkragen, Neidkragen! Hast dein' Vater im Bett daschlagen.« So war die Lage, als der Bahnzug in der Station einfuhr und Muckl aus seinen Gedanken gerissen wurde. Er sah den von der Wachmannschaft Beschützten und die tobende Menge. Muckl sah sich den Mann näher an und erkannte in ihm seinen ehemaligen Mitschüler, Edeltrauds Bruder. Kaum hielt der Zug an, als Franz auf den nächsten Wagen zueilte, auf jenen, in welchem Muckl sich befand. Schweißtriefend setzte er sich in eine Ecke, tief aufatmend, einem gehetzten Flüchtling gleich, während die Menge draußen johlte, bis der Zug sich in Bewegung setzte. Jetzt hörte sich Franz angesprochen, und als er 162 aufblickte, sah er sich Muckl gegenüber, den er ebenfalls sofort erkannte. »Du bist doch der Franz Lechner?« fragte dieser. »Was zum Kuckuck is's denn mit dir?« »Die elende Bande!« knirschte Franz. »Hätt' ich nur einen Revolver da!« »Was wollen denn die Leute von dir? Was soll denn das Geschrei?« »Ich weiß nicht!« »Hast denn dein' Vater erschlagen? 'n alten, braven Veteranen? Der Edeltraud ihren Vater?« fragte Muckl erschrocken. »Unsinn!« stieß Franz hervor. »No', hör', so a Ehrengeleit muaß sein' Grund haben.« Auch die Mitreisenden betrachteten den so seltsam Gefeierten voll Neugierde. »Sag' mir vor allem,« begann jetzt Muckl wieder, »is dei' Schwester in Wolnzach?« »Ja, mit 'n Vater. I war überrascht, sie da zu treffen. I hab' allerdings gestern mit dem Vater einen kleinen Disput gehabt. Der war aber nicht schuld an dem Anfall, den er bald darauf bekommen, von dem er sich, Gott sei Dank, bald wieder erholt hat. Ich wenigstens kann nicht glauben, daß das schuld gewesen ist.« »Was hast denn für an' Disput mit eam g'habt?« »Weil ich mich geschämt hab', meine Leute unter den Hopfenbrockern zu sehen und verlangte, daß sie gleich heim sollten in den Wald,« sagte Franz, aber so leise, daß es keiner der Mitreisenden hören konnte. »So, so!« machte Muckl. »G'schämt hast di doch? Weißt, i bin nur a gering besoldeter Förster, aber i gebet 163 meinen Eltern den letzten Pfennig, wenn i s' in Not wüßt, und lasset s' nöt ins Hopfenbrocken geh'n, obwohl dös ja koa' Schand is, und i selber –«. Verlegen hielt er inne. Dann fuhr er fort: »Du hast schon g'seh'n, wie sich's Volk gegen dich g'stellt hat. Und i, du sollst es lieber glei erfahren, bin in d' Holledau, um dei' Schwester z'suchen. I hab s' aber nirgends g'funden. Weißt, i hätt' mir s' direkt aus 'n Hopfengarten g'holt. Jetzt muß i freili hoam; aber i werd' mir s' schon no' holn, g'setzt, sie nimmt mei' Werbung an.« Franz blickte überrascht auf den Jäger. »Ja, woher kennst denn du meine Schwester?« fragte er. »Von Falkenstoa' her halt. Sie war ja mit dein' Vater bei uns im Quartier; unsere Väter san ja Kriegskameraden und die besten Freund. Ihrethalben hab i 'n Schuß in Arm kriegt von dem Malerfexen, der si ans Deandl g'macht hat, was i nöt leiden hab woll'n.« »Ein Maler?« fragte Franz. »Wie heißt er denn?« »Bergwald.« »Er?« rief Franz und setzte dann lächelnd hinzu: »Lieber Freund, ich glaub', du kommst zu spät. Er hat gestern um Traudl g'freit –«. »Was? Hat's »ja« g'sagt?« »Sie hat sich Bedenkzeit ausgebeten.« »Und gestern war's?« rief Muckl sich vergessend. »Und ich Simpel hock in die Hopfengärten 'rum und laß mi an der Nasen rumführ'n, dieweil – Kreuzschockschwerenot! I möcht mir selm an' Rippenstoß geben!« »Wolnzach, Bahnhof! Alles aussteigen!« rief der Schaffner. 164 Beide stiegen eilig aus. »Wo fahrst denn hin?« fragte Franz. »Mit 'n Personenzug über Ingolstadt nach Regensburg,« antwortete Muckl und fragte dann den Schaffner: »Is er dös?« Ein Zug brauste heran. »Nein, das ist der Schnellzug nach Nürnberg,« gab dieser zur Antwort. Der Zug hielt an, die Coupeethüren flogen auf. »Einsteigen nach Nürnberg!« hieß es. »Das geht mich an,« sagte Franz. »Adieu, Schirmer.« »Also meinst, mit der Traudl is's nix mehr?« fragte Muckl dem Wegeilenden nach. Dieser zuckte die Achseln. »Kannst's ja probieren!« rief er zurück und eilte davon. Muckl sah ihm verblüfft nach. »Probiers!« sagte er zu sich. »Wenn nur den Bergwald der Teu–« Er vollendete nicht, sondern brütete still vor sich hin. Dabei kam er an der Bahnhofrestauration an, wo schäumendes Bier und appetitliche Bratwürste seinen Blick fesselten. »Wie soll man einen vernünftigen Gedanken fassen können mit leerem Magen und leerer Tasche!« seufzte er. »I merk's schon, für mi is d' Holledau a Schmerzenslandl. Drum fort von da, dorthin, wohin i g'hör und wo i hoffentli wieder vernünfti werd', in den Wald – in den grünen Wald.« 165 XII. »Hoam in unsern Wald!« war kurz darauf die Parole sämtlicher in Wolnzach beschäftigten Wäldler. Auch der alte Lechner und Traudl, welche von der ihrem Sohn und Bruder zu teil gewordenen Volksjustiz auffallenderweise gar nichts erfuhren, hatten bis zum Schluß treu bei ihren Landsleuten ausgehalten, und alle traten die Rückreise in glücklichster Stimmung an. Infolge der ihnen gewährten freien Heimfahrt auf der Bahn konnten die Leute ihren vollen ersparten Lohn beisammen behalten und fühlten sich verhältnismäßig reich. Bestand dieser Reichtum auch nur in etwa fünfzig Mark für die Familie und vielleicht fünfunddreißig für eine einzelne Person, so leuchtete doch aus den Blicken der Heimkehrenden die helle Freude über das Erworbene und die Befriedigung, einen Notpfennig für den Winter zu haben. Als sie die Bahn in die Waldberge zurückgebracht, grüßte jeder mit Freude und Rührung die altbekannten Gebirgszüge und Hochwarten. In der Ferne wurden sich ja die Leute erst recht wieder der Schönheit und der Liebe zu ihrer Heimat bewußt. »Siehgst 'n Hohenbogen und 'n Keitersberg! Und dort d' Ossaspitzen und ganz hinten 'n Arber!« so riefen die Kinder, in die Hände klatschend, und die Alten stimmten wie auf ein gegebenes Zeichen das Lied vom Bayerwald an, 166 das der Mändl-Fritz, ihr Landsmann, gemacht, das sie so oft in den Hopfengärten gesungen und das jetzt im Angesicht der heimatlichen Berge und in der herrlichen Waldluft noch um vieles schöner und freudiger erklang. Traudl jedoch hatte nicht mit eingestimmt in den Gesang, der ihr doch sonst so viel Vergnügen bereitet und wobei sie stets mit Wärme des Komponisten, ihres Lehrers und Nachbarn, gedachte. Seit ihr der Vater den Brief der Mutter erklärt, laut welchem der von ihr so hochverehrte Mann eine Herzensneigung zu ihr hatte und die Eltern sogar schon an eine feste Verbindung der beiden dachten, schien der Weg, welcher bislang ihre Gedanken froh und gern zu dem Freund hingleiten ließ, plötzlich mit einem Hindernis versperrt zu sein. Wie konnte sie denken, daß der Mann, vor dem sie stets nur höchste Verehrung empfand, dem sie so vieles zu danken hatte, der sich so viel Mühe gegeben, sie mehr zu lehren als alle übrigen Schülerinnen, der stets so unbefangen mit ihr geplaudert, als wäre er ihr Bruder, nun den Gedanken hätte, ihre Hand zu begehren! Und sie mußte das fast in derselben Minute erfahren, du auch Otto Bergwald ihr für seine Person die gleiche Eröffnung gemacht. Die Gedanken an letzteren kamen Traudl zwar immer nur wie ein schönes Traumbild vor, während die Erinnerung an den Mändl-Fritz greifbare Wirklichkeit war. Hatte sie der Zauber der Persönlichkeit des Malers, seine glühenden Blicke willenlos gefangen genommen und sah sie mit Bewunderung und Demut zu ihm empor, der, ihrer Niedrigkeit vergessend, sie zu sich emporheben wollte, was trotz aller Bescheidenheit doch auch ihrer Mädcheneitelkeit schmeicheln mußte, so sah sie doch vor sich eine unbekannte Welt, 167 vor der ihr bangte, und die sie nicht zu begreifen fürchtete; bei dem Landsmann aber, dem Mändl-Fritz, lag die Welt, die Zukunft offen vor ihr; es war die Welt, in der sie aufgewachsen, in der sie sich allein glücklich fühlen konnte. Und doch! So viel war sicher, daß in ihrem bis jetzt harmlosen, von wärmeren Herzensregungen freien Leben die Begegnung mit Bergwald eine Aenderung hervorgerufen hatte. Mit dem Augenblick aber, wo sie sich dieser Aenderung bewußt geworden, wo ihr Herz lebendig ward, war sie auch vor die schwierige Wahl der Entscheidung gestellt. Gehörte dieses Herz nicht etwa unbewußt schon längst dem treuen Landsmann? Und dazu hatte ihr der Bichlbräu beim Abschied noch mitteilen zu müssen geglaubt, daß sie es dem Lehrer Mändl zu verdanken hätte, daß man ihr und dem Vater von allem Anfang an eine besondere Aufmerksamkeit erwies. Das war eine recht brüderliche That, welche sie wirklich rührte. Der Vater nützte diese Stimmung ordentlich aus und erging sich in steten Lobeserhebungen über den jungen Mann, bis es Traudl doch zu arg wurde und sie den Vater bat: »I woaß's ja, Vater, wo's d' nauswillst, aber i bitt' di, laß mi die Sach' alloa' ausmachen mit meinem Herzen.« Das Ende der Bahnfahrt war erreicht und es galt nur noch, den drei kleine Stunden betragenden Weg zu dem Fabrikdörfchen zurückzulegen. Schon kamen die dort zurückgebliebenen Angehörigen den Heimkehrenden entgegen. Es gab ein fröhliches Begrüßen, ein Fragen und Antworten, als hätte es sich um eine jahrelange Trennung, um eine Reise über den Ozean gehandelt. 168 Einer der Nachbarn nahm auch Traudl den Pack ab und überbrachte ihr im voraus die Willkommgrüße der Mutter, die sich auf das Wiedersehen von Mann und Tochter kindisch freue. Das Gleiche war ja auch bei letzteren der Fall, und der alte Veteran schritt so rüstig und eilig dahin, als wäre er niemals eine Stunde krank gewesen. Das Fabrikdörfchen ist auf einem vom Regenbach umspülten, ziemlich erhöhten Plateau gelegen. Die nur aus Holz hergestellten Häuser mit hohen Holzschindeldächern sind ebenerdig und immer zwei miteinander verbunden. Die samtbraune Farbe der Häuser und die oft bedenkliche Verschrobenheit der Balken lassen das hohe Alter dieser Arbeiterhäuser erkennen. Sie gewähren indessen einen freundlichen Anblick, da sie ungemein sauber gehalten sind. An den kleinen blanken Fenstern sind weiße Vorhänge angebracht, und vor wie hinter denselben sieht man die farbenprächtigsten Blumen in Töpfen aufgestellt, bei welchen ein unverkennbarer Wetteifer in der Pflege ersichtlich ist. Meist sind es feurigrote Geranien, welche mit dem Samtbraun der Häuser eine ganz reizende Wirkung hervorbringen. Ein Kranz von riesigen Bergen umgiebt in nächster Nähe dieses Dörfchen, dessen Hauptvorzug aber darin besteht, daß nachbarliche Zwistigkeiten fast niemals vorkommen und sämtliche Fabriksleute in schönster Harmonie, gleichsam als gehörten sie alle zu einer friedlichen Familie, neben einander leben. Vom Thal herauf, wo die Glashütten und Schleifwerke stehen, hört man das Rauschen des rasch dahinfließenden »weißen Regens.« Frohe Laute mischten sich in dasselbe, die näher und näher kamen, und 169 bald hielten die Heimkehrenden zur allgemeinen Freude ihren Einzug in ihr bescheidenes, aber liebtrautes Heim. Der Hüttenherr und seine Frau begrüßten die Ankommenden und ersterer verkündigte ihnen die freudige Botschaft, daß schon in der nächsten Woche die Arbeit wieder beginne und voraussichtlich längere Zeit andauere, was von den Leuten mit Jubel aufgenommen wurde. Der Schleifertoni und Traudl fanden die Eingangsthür zu ihrer »Hirwa« mit Blumenguirlanden und einem »Willkommen« geschmückt. Die kränkliche Mutter weinte vor Rührung, als sie den Ihrigen die Hand zum Gruß reichte. Neben ihr standen Frau Mändl und deren Sohn Fritz, der Lehrer, deren kleines Bauernanwesen unfern des Arbeiterdörfchens auf erhöhtem Standpunkt gelegen. Zum erstenmal geschah es, daß Traudl errötete, als ihr der junge Mann die Hand zum Gruß bot. Der Brief der Mutter, die Worte des Vaters standen ihr im Gedächtnis. Sie war nicht imstande, dem langjährigen Freund unbefangen in die Augen zu schauen und im nächsten Augenblick huschte sie in das Haus. »Was hat denn 's Deandl?« fragte verwundert die Mutter. »Was wird's haben,« versetzte der Vater lächelnd. »In den drei Wochen is's Deandl guatding um drei Jahr älter worn, als Kind hab i's mitgnomma, anders bring i's hoam, aber brav und fromm, wie sunst, dös därft's mir glauben.« Er gab dem Lehrer wiederholt die Hand und zeigte damit an, daß er dessen Gefühle kenne und ehre. Der Lehrer war ein hübscher, junger Mann mit offenem, aufrichtigem Gesicht, in welchem eine große 170 Bescheidenheit erkennbar war. Doch blitzten seine Augen hin und wieder wie in Begeisterung auf, dann auch wieder starrten sie wie traumverloren ins Weite. Waren es neue Melodien, welche sein Kompositionstalent erweckte, waren es Herzensgefühle, denen er nachsann? Niemand fragte danach. Fritz war zuerst zum geistlichen Stand bestimmt gewesen und trat vom Gymnasium aus in das Schullehrerseminar ein, welches er mit der ersten Note absolvierte. Da er die folgenden Konkurse mit Auszeichnung bestand und sich das Vertrauen seiner Vorgesetzten in vollem Maße errang, kam er rasch vorwärts, so daß er nach verhältnismäßig kurzer Dienstzeit einen sehr guten Posten als selbständiger Lehrer in Eschlkam, einem seiner Heimat benachbarten Marktflecken, erhielt, einen Posten, der ihm gestattete, einen eigenen Herd zu gründen, und wie Frau Lechner schon in ihrem Brief mitgeteilt, war Traudl, seine vormalige Schülerin, das Ziel desfallsiger Wünsche. Frau Mändl, ein seelengutes Weib, war von Jugend auf mit der alten Lechnerin befreundet. In der harten Zeit der Krankheit und nach dem Tode des Bauers war ihr diese eine große Stütze gewesen, und es war später eine Lieblingsidee der befreundeten Mütter, ihre Kinder einmal verbunden zu sehen, doch wollten sie der Sache ihren freien Lauf lassen. Der junge Lehrer schien jenen Plänen am ehesten aus eigenem Antrieb nachzukommen. Traudl war als Feiertagsschülerin und in der Fortbildungsschule seine beste und liebste Schülerin. Durch ihre geistigen Fortschritte, ihr Auffassungsvermögen übertraf sie riesengroß die übrigen Schülerinnen, aber der Lehrer gab sich auch mit keiner 171 solche Mühe. Er wollte, daß das Mädchen mit der Zeit nicht in der Fabrik, sondern im Kontor Verwendung finde, und er gab ihr deshalb die nötige Anleitung in der Buchhaltung. Der Fabrikherr hatte ihm auch zugesagt, daß bei einer demnächstigen Aenderung im Personal auf des Lehrers Empfehlung hin Traudl berücksichtigt und im Kontor verwendet werde. Fritzens Neigung zu Traudl war bald allen unverkennbar, nur das Mädchen allein sah in ihm fortgesetzt den Jugendfreund und zugleich den Lehrer, den sie hochverehrte, dessen Nähe ihr stets willkommen war, an dessen Liedern sie sich erfreute, und dem sie es verdankte, ein wenig die Guitarre spielen zu können, was ihr so viel Vergnügen machte. Niemals dachte sie an etwas anderes, und der stets bescheidene junge Mann gab ihr auch niemals die geringste Veranlassung dazu. Und nun war die Sache plötzlich verändert worden! Fritz Mändl war im gleichen Alter mit Traudels Bruder. Sie waren Schulkameraden und Jugendfreunde, und durch Mändl war es auch ermöglicht, daß Franz sich in Regensburg weiter ausbilden konnte, indem er mit Fritz das Quartier teilte, was für die Lechnersche Familie eine große Erleichterung war. Die beiden jungen Männer hielten auch stets treu zusammen. Seit fünf Jahren jedoch, seit Franz geheiratet, vergaß er auch des Jugendfreundes, wie er alle vergessen hatte in dem »armseligen Heim.« Daß Edeltraud mit ihrem Vater zum Hopfenbrocken ging, war dem Lehrer freilich nicht angenehm, aber da er es nicht ändern konnte, wollte er ihr die möglichste Erleichterung verschaffen, indem er an den Hopfengutsbesitzer in Wolnzach, dem er alljährlich eine Anzahl 172 Arbeiter zuschickte, die bekannte Weisung ergehen ließ. So wußte er wenigstens das Mädchen, zumal es in Gesellschaft des Vaters war, gut aufgehoben. Daß sich übrigens schon auf der Hinreise so wichtige Dinge ereigneten, ahnte er freilich nicht. Frau Lechner lud die Nachbarn ein, mit in die Stube zu treten, aber diese wollten für jetzt nicht stören. Dagegen mußte Frau Lechner versprechen, mit den Ihrigen abends in den Nachbarhof hinauszukommen, wo der Abschied des Sohnes gefeiert wurde, da Fritz schon am nächsten Tag in aller Frühe nach seinem neuen Bestimmungsort, dem etwa vier Stunden entfernten Markt, abreisen mußte. Selbstverständlich ward die Einladung angenommen, und daß auch Traudl sicher mitkomme, dazu verpflichtete sich die Mutter. In der geräumigen Stube der Lechnerschen Wohnung stand auf dem Tisch eine Platte mit goldgelben Kücheln, welche Frau Mändl gebracht, und die Mutter trug einen Topf Kaffee herbei, womit die Angekommenen sich vorerst stärken sollten. »Dahoam is halt dahoam!« sagte der alte Schleifer, indem er sich mit Wohlbehagen in dem alten Lehnstuhl niederließ und sofort dem Dargereichten wacker zusprach. Traudl hatte der Mutter von der Reise einige Leckereien mitgebracht, die sie in Regensburg gekauft, woselbst sie einige Stunden Aufenthalt gehabt, und diese nahm das »Mitbringets« freudig in Empfang. Am freudigsten aber empfand sie es, als ihr das Ergebnis des Hopfenzupfens, die Summe von rund vierzig Mark, auf den Tisch gezählt wurde. Und dann ging es an ein Erzählen, obwohl es keine Neuigkeiten für die Mutter mehr waren. 173 Das Erstaunen Traudls und des Vaters war nicht gering, als ihnen jene sagte, sie wisse bereits alles und noch viel mehr dazu. Sie sah Traudl dabei aufmerksam an, und es leuchtete eine gewisse Befriedigung, ein Mutterstolz aus ihren Blicken, als sie scherzend sagte: »Liabs Deandl, du därfst nimmer außi aus unsern Wald! Dös is ja aus der Weis, was du alles ang'richt hast.« Dabei nahm sie zwei Briefe aus ihrem Strickkörbchen und sie ihrem Mann überreichend, sagte sie: »Der is vom Franz aus Nürnberg und der ander von dein' Freund, 'n Schirmer in Falkenstoa'.« »Dem müaß'n ma glei' schreiben, daß's uns nimmer mögli war, z'kömma,« meinte der Schleifer; »leicht, daß er scho' drüber raisonniert. Les' dös Briefl, Traudl!« Diese blickte einige Augenblicke auf das Blatt, worauf, Spinnenfüßen gleichend, die Buchstaben herumgaukelten, als tanzten sie soeben Française. Sie erkannte aber schon nach den ersten Zeilen, daß der Inhalt des Briefes sich nur auf sie beziehe, und sie sagte deshalb: »I richt mi jetzt in meiner Kammer wieder ein; lest's nur alloa, mi verinteressiert die Sach nöt, und was der Franz g'schrieben hat, werd i ja nacha hör'n. Nur soviel möcht i wissen, is er aus der G'fahr heraus, in der er gwen is?« »Von ara G'fahr schreibt er nix,« versetzte die Mutter, »wohl aber, daß si die Sach, von der du woaßt, wird richten lassen. Les halt den Brief!« »Les'n nur 'n Vater vor; i les'n lieber für mich.« So sprechend, begab sie sich in ihre Kammer, welche 174 oben auf dem Hausboden war und in einem kleinen Zimmer bestand. »So les' halt!« sagte der Schleifer zu seiner Frau. »Aber z'erst vom Schirmer, der schreibt nur lusti und is halt alleweil der Alt.« Frau Lechner setzte die Zwickbrille auf und las nicht ohne viel Mühe: »Lieber Spezl, Kriegs- und Friedenskamerad! Nachdem ich in der Zeitung ersehe, daß die Hopfenzupfer freie Fahrt nach Hause haben, wird mein alter Spezl mit Jungfer Edeltraud unser Falkenstein abseits liegen lassen, und wir dürfen uns nicht mehr auf euren Besuch freuen. Deshalb, Bruderherz, muß ich dir schriftlich kund und zu wissen thun, daß mein Herr Sohn, der Muckl, in dein Mädel auf eine Art verschameriert ist, die selbst mir ungewöhnlich vorkommt. Reist er ihr denn nicht auch in die Holledau, sucht's wie das verlorene Paradies (wie unser sehr gebildeter Feldwebel immer sagte), verbraucht über 100 Mark Geld, denn das Suchen, sagt er, kost enorm Geld, und find's nicht. Er find's nicht sieben Tage lang, am achten endlich erfährt er von deinem Sohn, wo sie ist, aber der Urlaub und noch etwas anderes waren tralarum, er mußte heim. Aber es ist der alte Muckl nicht mehr. Seine Wunde an der Achsel ist zwar geheilt, aber eine andere Wunde hat ihm dein Mädel, die Edeltraud, geschlagen, nämlich in sein Herz, wie er sich poetisch ausdrückt. Kurz und gut, er ist eben verschameriert. Der Lali trifft nix mehr, d' Rebhühner fliegen ihm an der Nasen vorbei, er laßt sie fliegen, er sagt, er kann nicht mehr töten, weil er immer an sein »verlorenes Paradies« denken muß. Auf Ehr und Seligkeit, seit acht Tagen 175 hat er uns zu keinem Ragout mehr verholfen, noch weniger zu ein paar Feldhühnern, was ich sehr bedauern muß und eine Aenderung dieses paradoxen Zustandes herbeiwünsche. Und so halte ich es für das kürzeste, man gebe den beiden jungen Leuten Gelegenheit, sich auszusprechen. Da mein Muckl seiner Intelligenz wegen wohl bald befördert werden muß, so könnte er eine Frau Forstwartin wohl ernähren, zumal er auch seinerzeit mein bißl Sach ererbt und es so deiner Edeltraud nicht schlecht erginge. Also schreib mir, ob der Muckl kommen darf. Er erzählte mir zwar schon, daß auch jener bewußte Maler aus Nürnberg, der ein reicher Mann sein soll, auf Edeltraud ein Auge hat, aber Bruderherz, ein Waldblümlein gedeiht nicht im Flachland, und wer weiß, das sind ja doch nur so Flatusen, wie wir sie ja auch von unserer Militärzeit her kennen. Und also meine allerschönsten Grüße an die holde Jungfer Edeltraud und an deine liebe Frau und besonders an dich alten Kameraden von deinem treuen M. Schirmer.« Der Schleifer mußte einigemal laut auflachen, dann aber sagte er: »I werd mein' Kameraden glei antworten, natürli ganz höflich, der Herr Muckl soll nur dahoam bleiben, für den is dös Waldbleamel nöt b'stimmt.« »Dös is aa mei' Glauben,« versetzte die Mutter. Und sie nahm den zweiten Brief hervor, der von Franz geschrieben war. Dieser war im Gegensatz zu dem ersten sehr verkünstelt geschrieben, enthielt zu Anfang einige vage Entschuldigungen, daß er so lange nichts von sich hören ließ, und kam dann gleich auf die Begegnung mit den Seinen in Wolnzach zu sprechen, indem er versicherte, daß er sich gefreut habe, dieselben zu treffen. 176 »Dös is a Lug!« fiel der Alte ein. »G'schaamt hat er si.« Die Frau aber las weiter, was Franz von seinem Schwager schrieb, dies lautete wörtlich: »Ein solches Glück kann Traudl nicht von der Hand weisen, sie wird eine reiche, angesehene Frau, die in der Equipage herumfahren kann, und ich werde ihr zeitlebens dankbar sein, denn dann läßt sich die Sache wieder ganz richten, von der sie weiß. Also begründet sie auch mein Glück aufs neue und das meiner Frau und meines Knaben. Liebe Mutter, an dir liegt es jetzt, auf Traudl in meinem Sinn zu wirken, und sehe ich baldigst einer Antwort entgegen, wie sie sich entschlossen hat, wenn es da überhaupt noch ein Bedenken geben kann, wo es sich um Glück und Reichtum handelt.« »Hör auf! Hör auf!« rief der Alte. »Wie glückli der Reichtum macht, hat er ja selm erfahren. Jetzt, wo eam 's Wasser an'n Hals geht, woaß er's wieder, daß er Eltern hat und a Schwester, die eam außerhelfen sollen aus der Patsch!« »Lieber Gott!« meinte die Mutter, »'s is ja dennast unser Sohn; wer woaß denn, wie's kömma is – d' Hauptsach is, daß er wieder hoamzua denkt.« »Ja, weil er von uns was z'kriegen hofft, und dös is nöt wen'ger, als unser Tochter, unser oanzigs Glück!« »Ge zua, Alter,« erwiderte die Frau einschmeichelnd, »du muaßt eam's Wiederkömma zu uns nöt erschwer'n. Mi freuet's scho' recht, wenn i sei' Büaberl sehgn könnt. Und i moan halt b'stimmt, daß sei' Herz nöt ganz tot is für uns.« »Aber die ewi Hetz und 's Spekulier'n, dös kimmt mir vor, wie's Waldungeziefer, dös die schönsten Baam 177 zum Absterben bringt,« versetzte der Alte. »Der, dem sei' Herz nur am Geld hängt, hat koa' Zeit, an die z' denken, von denen er nix z' hoffen hat. Sobald er si aber dabei an' Vorteil siehgt, glei is er wieder da, dös siehgt ma jetzt. Na', na', Bua! Mei' Glauben in di is no' nöt herg'stellt. Weder an uns, weder an der Traudl ihrem Glück liegt eam ebbas, eam is's nur um 'n Herrn Bergwald z'thuan, weil er an' Nutzen davon hat.« »Aber warum denn grad 's Schlechteste denken von sein' oanzigen Sohn!« warf die Mutter ein. »Wie stellt si denn 's Deandl überhaupt zu dem Bergwald? Wie kimmt der dazua?« Der Alte erzählte nun, was er wußte. Er sprach nicht ohne Achtung von dem Künstler, aber er verwarf aufs bestimmteste den Gedanken an eine Verbindung mit ihm, weil er Traudl nur mit dem Mändl-Fritz verheiratet sich als glücklich denken konnte, worin ihm seine Frau vollkommen beistimmte. »'s Büachl vom Lorle muaß's lesen,« sagte der Schleifer. »Die Tochter von unserem Wirt in Wolnzach hat mir's verschafft. Dös muaß's lesen; d'rüber kann's dann nachstudiern, was ihr besser thuat.« Die Mutter versuchte dann noch dem Sohn gut zu reden und den Vater zu seinen Gunsten umzustimmen, aber der Veteran ehrte wohl die Bemühung des Mutterherzens, doch machte ihn nichts in seiner Ansicht wankend. Als es Zeit war, nach dem Mändlhof zu gehen, um der Einladung Folge zu leisten, machten sich die Eltern mit Traudl auf den Weg dorthin. Letztere hatte auf Befehl der Mutter ihr bestes Gewand angezogen und versprach ihr, heiter, wie sonst zu sein, und das stille Hinbrüten, 178 welches sie seit ihrer Ankunft zur Schau trug, beiseite zu lassen. Auch Frau Lechner hatte ihr Feiertagskleid angezogen und das schwarzseidene Kopftuch, das sie nur an Festtagen trug, umgebunden. Die Sonne war eben im Verscheiden, als sie den Hang zum Hof hinaufschritten. Die Ferne tauchte sich in Purpur und Violett von den zartesten bis zu den tiefsten Nuancen; die ganze Natur, die Berge und der Himmel schwammen in einem Aether von überirdischer Glorie. »'s is dennast nirgend's schöner, als in unserm Wald herin!« meinte der alte Schleifer. »Mi bringt koa' Teufi mehr außi!« »Mi g'wiß aa nöt!« stimmte die Frau lachend bei. Traudl aber schwieg. Sie umspannte mit ihrem Blick die sich ihr darbietende Herrlichkeit, sie dachte an nichts Bestimmtes, nur so viel war ihr klar, daß sie sonst diese Herrlichkeit nicht so zu erfassen vermochte, wie eben jetzt. Fritz Mändl kam den Gästen entgegen und führte sie nach dem Hof. Die Stube, deren Wände bis zur Hälfte der Höhe getäfelt waren, zeichnete sich durch große Sauberkeit aus. Tische, Bänke und Kasten waren blau mit roten Blumen bemalt. Der grüne Kachelofen trat weit in die Stube vor. Der Tisch in der Ecke, in welcher das Hausaltärchen angebracht, war mit schönem weißem Linnen gedeckt, blanke Zinnteller standen bereit; die Gäste wurden sofort eingeladen, Platz zu nehmen. Frau Mändl war schon viele Jahre Witwe. Trotz des schon silberschimmernden Haares leuchtete ihr eine jugendlich warme Seele aus den Augen. Von mehreren Kindern waren ihr nur zwei geblieben, Fritz, der Lehrer, 179 und ein jüngerer Sohn Namens Michel, welcher die Wirtschaft betrieb und seinerzeit das Gütchen übernehmen sollte. Diese beiden Söhne waren bemüht, das Alter der Mutter nach Thunlichkeit zu verschönern, und bestand der Hauptreichtum auf dem Mändlhof in der Zufriedenheit. Die Abendmahlzeit, welche den Gästen vorgesetzt wurde, hatte nichts gemein mit den vier Elementen der Waldlerkost: Kraut, Selbers (d. i. saure Milchsuppe), Erdäpfel und Brein, sondern sie bestand aus gebratenen Hühnern und gebackenen Forellen, welch letztere Michel aus dem zum Hause gehörigen Fischwasser gefangen, und noch mancher süßen und sauren Zuspeise. Nachdem abgespeist war, zeigte Frau Mändl dem Schleifer-Ehepaar die bisherigen Ergebnisse der heurigen Obsternte und forderte sie auf, ihr zu diesem Zweck in die Obstkammer zu folgen. Da auch Michl schon vorher die Stube verlassen, war Fritz mit Traudl allein zurückgeblieben. Diese merkte sofort, wo das hinaus wollte, und ihr angeborener Humor und ihre Schalkhaftigkeit, welche seit einigen Wochen ganz zurückgedrängt wurden, gewannen auf einmal wieder die Oberhand. Es erheiterte sie schon das sichtliche Bestreben des Lehrers, den günstigen Augenblick zu einer Erklärung nicht nutzlos vorübergehen zu lassen. Aber in der Verlegenheit, welche ihn befiel, als er sich zu der entscheidenden That aufraffen sollte, brachte er nichts heraus als: »Ja, ja, morgen muß ich halt fort!« Und bis ihm diese merkwürdige Neuigkeit einfiel, brauchte er wohl fünf Minuten. 180 Traudl richtete an der neubesaiteten Guitarre herum und fragte: »Nehmen S' dös Instrument aa mit?« »Natürlich,« erwiderte der Lehrer. »Aber Traudl, ich möcht doch, daß du zu mir auch »du« sagtest.« »Das schickt sich nöt, ich »du« sagen zu mein' ehemaligen gestrengen Lehrer!« »War ich denn streng?« »No', mitunter!« »Gegen dich hab ich nie Ursache gehabt, streng zu sein. Aber was ich fragen wollt –« »Ja, i wollt auch fragen,« unterbrach sie ihn. »Seid's z'frieden mit'n Obst heuer?« »Mit'n Obst? Ja freilich.« »Habt's viel Birn kriegt von dem obern Baam, im Feld, unter dem a Bankl anbracht is, wo i so gern sitz im Feierabend?« »Ja, recht viel. Jetzt aber, Traudl, möcht ich –« »Daß ich Ihnen was vorsing? Sehn's, i hab' Ihnen grad recht schön bitten woll'n, daß Sie was singen. I hör' Ihna so gern zu, aber was Lustig's!« Der Lehrer hätte aber lieber sprechen mögen, er wollte sich erklären. Singen konnte er das, was er im Sinn hatte, nicht, wenigstens nicht in lustiger Weise, es war ja so ernst, es handelte sich um sein Lebensglück, das konnte er nicht so scherzend behandeln. Er stimmte die Guitarre, oder besser, er verstimmte sie vor lauter Stimmen. Dann begann er das alte Volkslied, das ihm am besten für den Augenblick zu passen schien: »Ach wie wär's möglich dann, Daß ich dich lassen kann, 181 Hab dich von Herzen lieb, Das glaube mir! Du hast die Seele mein So ganz genommen ein, Daß ich kein' andre lieb, Als dich allein.« Und jetzt hatte er sich Mut angesungen. Er legte die Guitarre zur Seite und sagte: »Jetzt, Edeltraud, muß's einmal heraus; du sollst wissen –« In diesem Augenblick kamen die anderen zur Thür herein. Die Obstvisitation war vorüber, ebenso die Gelegenheit für Fritz, mit der Geliebten allein zu sein, und mit einem Seufzer mußte er der Mutter, die ihn heimlich fragte, ob's in Richtigkeit sei, antworten: »Wäret's länger ausblieben!« Frau Mändl merkte sich diesen Verweis und wollte, nachdem die Gäste etwas Bier getrunken, wiederholt mit diesen die Stube verlassen, um das »Kaibl« zu besichtigen, das vor einigen Tagen zur Welt gekommen. Da aber Traudl sofort erklärte, das interessiere sie ebenfalls und auch sogleich aufstand, so schlug diese Finte der guten Frau zum Aerger des Lehrers abermals fehl. Bald darauf, nachdem Traudl noch einige Lieder des Lehrers zum besten gegeben, wodurch dieser wieder in glücklichere Stimmung versetzt wurde, galt es, den Heimweg anzutreten. Es war eine herrliche Nacht. Am lasurblauen Himmel hatte der liebe Gott seine Leuchtfeuer angezündet, von denen jedes eine Welt ist. Gegen den Arber strahlte der Mars wie ein tröstendes, funkelndes Auge Gottes. 182 »Zu dem werd ich oft herschauen,« sagte Fritz; »von meinem neuen Bestimmungsort werde ich aufschauen zu ihm, wenn ich mich einsam und verlassen fühle.« »Warum g'rad zu dem?« fragte Traudl. Jetzt raffte sich Fritz auf, die Dunkelheit gab ihm Mut, so daß er antwortete: »Traudl, das weißt du so gut wie ich. Sollst du's nicht wissen wollen, dann werd' ich's ja bald erfahren. Und jetzt b'hüt di Gott! Morgen in aller Früh geht's fort. Bald seh'n wir uns wieder.« Er drückte des Mädchens Hand, wie er es nie zuvor gethan. Traudl fühlte wohl, daß das mehr als Freundschaft sei, wie seine Hand zitterte, und sie konnte nicht anders, als in innigem Ton erwidern: »Leben's wohl, Herr Fritz. Auf glücklich's Wiederseh'n!« Nachdem sich Fritz auch von Traudls Eltern verabschiedet, trat er den Heimweg an. Die letzten Worte Traudls hatten sein Herz mit neuer Hoffnung erfüllt. Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel und Fritz beeilte sich, den Wunsch auszudenken: Traudl! Mein Weib! 183 XIII. Ein frischer Luftzug wehte durch das Land. Die Stimmung des Herbstes mit seinem sonnigen Glanz und seinem schwermütigen Hauch des Vergänglichen lagerte über der Schöpfung. Die Lärchen hatten sich schon golden gefärbt und der gelbe Ahorn hob sich in vielfältiger Pracht ab von dem kraftvollen Hintergrunde der Schwarztannen und dem ernsten Rotbraun der Buchen. Traudls Auge glitt oft träumerisch über die wehenden weißen Fäden, dann schimmerte es wieder in feuchtem Glanz oder blitzte jäh auf, gleich einem Wetterleuchten in dunkler Nacht. Sie hatte Auerbachs »Frau Professorin« gelesen, aber dieses Buch hatte durchaus nicht die Wirkung hervorgebracht, welche der alte Schleifer davon erwartet. Ein Maler Reinhardt, ein übermütiger Mann, verliebt sich ins Lorle, die Tochter eines Dorfwirtes, heiratet sie, nachdem er eine Anstellung als Professor erhalten und zieht mit ihr in die Stadt. In ihrer neuen Stellung macht nun Lorle, die ja nur auf dem Dorfe erzogen und nichts als ihren Mutterwitz hat, eine Menge Verstöße in der noblen Gesellschaft, worüber ihr Mann sich nach und nach so empört, daß er ihr das Leben sauer macht und es dazu bringt, daß Lorle sich veranlaßt sieht, im geheimen sich von ihm zu scheiden und wieder in ihr Heimatdorf zurückzukehren, um dort enttäuscht von erträumtem Glück freudlos ihr Leben hinzubringen. 184 Traudl fand in dieser Erzählung keine Nutzanwendung auf sie selbst, und wie es der Vater wohlmeinend glaubte, auch nicht auf Bergwald. Dieser war ein gesetzter Mann, den sie einer niedrigen Handlung gar nicht für fähig hielt, und was »Lorle« anbelangt, so konnte sie sich diese gar nicht recht vorstellen. Und daß sie schließlich ihren Mann verließ, wollte ihr schon gar nicht in den Sinn, denn Traudl wußte nichts anderes, als daß die Ehe unzertrennlich und beide Gatten in Leid und Freud aushalten müssen bis zum Tod. Mit dem Ergebnis dieser Lektüre war aber durchaus nicht gesagt, daß Traudl in Bezug auf Bergwald mit sich einig war. Sie dachte wohl recht oft in herzlicher Verehrung an ihn; sie mußte bei jeder Gelegenheit an ihn denken. Auch war ja fortwährend von ihm die Sprache. In dem Nachbardorf wurde ein neues Schulhaus gebaut und es war der Wunsch des Schulinspektors, daß Mändl mit nächstem Jahr wieder hieher komme, da er so glänzende Resultate in seiner Schule erzielt. Traudl sah oft von ihrer Gredbank aus hinüber zu dem Hügel, auf welchem der Schulhausbau rüstig vorwärts schritt. Gleich daran stieß ein prächtiger Laubwald, der sich jetzt in die buntesten Farben gekleidet hatte. Von dort hatte man auch eine ausgedehnte Fernsicht über das künische Gebirg und den Arberstock, dann hinab in das reizende Thal, durch welches der von Erlenbäumen begleitete Regenbach rauschte. Es mußte dort schön zu wohnen sein, zumal sich auch ein Obst- und Ziergarten beim Haus befand, den der Mändlfritz angelegt hatte. Von dort konnte man auch herüber sehen zur Wohnung der alten Eltern, man konnte sie jede Stunde besuchen oder sie bei sich 185 empfangen, ihnen mit Milch und Butter aushelfen, denn es waren für das Futter von zwei Kühen reichende Grundstücke bei dem Anwesen, kurz, man konnte sich gegenseitig helfen, mit Wort und That. Und wie konnte sie sich selbst nützlich machen als Frau des Lehrers. Sie hatte Spitzen klöppeln, sticken und nähen gelernt und war dann imstande, den Schulmädchen Arbeitsunterricht zu geben, welcher bis jetzt fehlte, sie konnte also beitragen zur besseren Erziehung der Jugend, konnte thätig sein zum Besten der Menschheit. Und das an der Seite eines braven, charaktervollen Mannes, keines »Reinhardt«. Wie war die Zukunst so schön! Sonderbar! Aehnliche Gedanken überwogen mit jedem Tag mehr die Erinnerung an Bergwald. Das Bild, welches ihr der Bruder vorgemalt, reizte sie nicht. Das Leben in der Stadt unter lauter unbekannten Leuten konnte sie sich nicht als ein angenehmes vorstellen. So ungeschickt, wie das Lorle meinte sie, würde sie sich zwar nicht benehmen, aber wenn man dort erführe, daß sie schon als Hopfenbrockerin gearbeitet, so würde man sie dort wohl über die Achsel betrachten, was sie hier nicht zu fürchten hatte. Alle diese Erwägungen brachten das Herz des Mädchens dem Landsmann immer näher, und daß die Eltern die zunehmende Glut eifrig schürten, verstand sich von selbst. – – – Lehrer Mändl hatte sich in seiner neuen Heimat Eschlkam möglichst gut eingerichtet, nur fühlte er sich in der großen ihm zur Verfügung gestellten Wohnung sehr vereinsamt, so daß er mehr, als er es gewöhnt war, im Gasthaus die Abende zubrachte. Es fanden sich dort fast täglich durchreisende Touristen ein, welche die schöne Herbstzeit noch zu Ausflügen in das Waldgebirge anlockte, 186 namentlich auf den nahen Hohenbogen mit seiner weiten Fernsicht. Der Lehrer konnte da manchen guten Rat erteilen, denn er kannte den ganzen Bezirk auf das genaueste, nicht nur in örtlicher, sondern auch in geschichtlicher Hinsicht. Er unterrichtete auch seine Schüler mit besonderer Vorliebe in jenen beiden Gegenständen, der Ortskunde und der Heimatsgeschichte, wozu ja gerade der berühmte Paß von Eschlkam und Neugedein so unerschöpflichen Stoff bietet, jene merkwürdige Wasserscheide, welche nicht nur die Zu- und Nebenflüsse der Donau und Elbe von einander trennt, sondern auch die Sprache, Sitte, Tracht und sogar die Bauart so auffallend scheidet. Da dankte dem Lehrer denn mancher Tourist und setzte mit gesteigertem Interesse seine Wanderung fort, wo Sage und Geschichte ihm das Geleite gaben. Am Michaelitag, der im Walde als ein halber Feiertag gehalten wird, war zwischen den Waldvereinen der Umgegend eine Bergfahrt nach dem Burgstall vereinbart worden, und es wollten sich daran auch viele Deutsche aus Böhmen beteiligen, die schon am Vorabend in Eschlkam eintrafen, um dort in dem altrenommierten Neumaierschen Gasthause Nachtquartier zu nehmen, so daß das Haus völlig besetzt war. Infolge dessen brachte ein gegen Abend ankommender Herr, der hier übernachten wollte, die Wirtin in große Verlegenheit, dies umsomehr, als sich derselbe als ein Nürnberger vorstellte und diese stets zu den willkommensten ständigen Sommerfrischlern dortselbst zählen. Die einzige Rettung war das Schulhaus, in welchem Lehrer Mändl ein wohleingerichtetes Fremdenzimmer besaß und er war auch sofort bereit, den Fremden, der einen sehr sympathischen Eindruck auf ihn machte, zu beherbergen. 187 Dieser Fremde war Otto Bergwald, der im Begriff war, sich zu Edeltraud zu begeben, um sich den Entscheid auf seine in Wolnzach an sie gerichtete Anfrage zu holen. Da der Lehrer den Namen Bergwald noch nicht gehört, ihm überhaupt über dessen Verhältnisse zu Traudl nichts bekannt war, so ahnte er nicht, daß er seinen Nebenbuhler bei sich beherberge. Als der Maler als sein Reiseziel das Regenthal und die Ersteigung der Arbers nannte, so nahm Fritz an, der Fremde würde den Besitzer der dortigen Glasfabrik besuchen, der mit Bergwalds Vater, dem alten Kleinschwert, bekannt war. Beide junge Männer fühlten sich rasch zu einander hingezogen, jeder erkannte in dem andern sofort den ehrlichen Charakter und das treue, deutsche Gemüt, welches sich in ihren Reden offenbarte. Der Abend, den sie im Gasthaus verbrachten, verging in anregendster Unterhaltung, der Lehrer interessierte sich für Bergwalds Kunst und letzterer war überrascht von dessen gesunden Anschauungen betreffs der jetzigen Kunstrichtung. Ihre Gespräche wurden oft durch die heiteren Gesänge der vergnügten Bergfahrer unterbrochen und auch Mändl trug seinen Teil hiezu redlich bei. Erst spät traten die beiden jungen Männer den Heimweg an und Bergwald erfreute sich eines gesunden Schlafes in dem traulichen Heim des Lehrers. Gugelhupf und Blumenstrauß, welche am darauffolgenden Morgen den Kaffeetisch zierten, deuteten auf ein Fest und der Maler erfuhr alsbald, daß der Lehrer heute seinen Geburtstag feiere, wozu er ihm nicht nur herzlich gratulierte, sondern ihm auch versprach, ein Bild zur Ausschmückung seinen jungen Heims zu schicken, dem, wie er 188 meinte, nur eine liebenswürdige Hausfrau fehle. Der Lehrer dankte und meinte, er wüßte sich schon eine solche und hoffe auf Verwirklichung seiner diesfallsigen Wünsche. Nun war es aber Zeit zur Bergfahrt nach dem Hohenbogen. Die fröhlichen Bergfahrer klopften an Thüren und Fenster des Lehrerhauses, um Mändl aufzufordern, sich ihnen anzuschließen. Dem Maler fiel es schwer, sich so bald von seinem liebenswürdigen Wirt zu trennen und dieser schlug ihm vor, die Bergfahrt auf den Hohenbogen mitzumachen und von dort nach dem jenseitigen Thal abzusteigen, von wo aus ihn dann die Lokalbahn bis zum Fuß des Arber brächte. Falls er den Besitzer der dortigen Glashütten besuchen wolle, finde er im Dorf daselbst eine sehr gute Restauration, die ihm treffliches Unterkommen gewähre. Der Plan fand Bergwalds sofortige Zustimmung und nach wenigen Minuten waren die beiden, vom herrlichsten Herbstwetter begünstigt, auf dem Wege nach dem vielbesuchten Hohenbogen. Der Hohenbogen bildet im westlichen Böhmerwald einen über zwei Stunden langen, malerischen, im Bogengestalt sich majestätisch erhebenden Waldrücken gleichsam als Hintergrund zu dem historischen Paß und Einbruchsthor zwischen dem Osser und Czerchow. Er bildete ehemals auf seiner höchsten Erhebung, dem 3360 Fuß hohen Burgstall eine Grenzhut mit einer Grenzwacht, welche die so oft bedrohte Umgegend schützte und bewachte. Der Lehrer erklärte den hier Fremden während des Aufstieges, wo sie über ein Meer von Felsblöcken gingen, wie diese von den Bergstürzen herrühren, welche dieses Gebirge infolge einer furchtbaren Katastrophe wahrscheinlich in der 189 Eiszeit zu erleiden hatte. Die jetzigen Gebirge des Bayer- und Böhmerwaldes wären ja nur die imposanten Ueberreste einstiger riesiger Größe, welche dem Hochgebirge nichts nachgab, ja vielleicht sogar überragte. Er erklärte ihm, daß das jetzige Hochgebirge überhaupt viel später infolge einer großen Erruption sich emporgehoben habe. Das herzynische Gebirge, zu welchem der Böhmerwald gehöre, war also schon früher vorhanden als die Alpen, aber seine einstigen Gipfel liegen als Felsblöcke zu seinen Füßen, und nur riesige Stumpen, abgebrochene Kegel, seien zurückgeblieben. »So wandern wir über Trümmer, die vielleicht schon vor Millionen von Jahren hieher geschleudert wurden?« meinte Bergwald. »Nun sehe ich sie schön und üppig mit Moos überzogen und bewaldet, und zwischendurch rieseln klare Quellen, und wollte ich jedes schöne, sich uns darbietende Motiv skizzieren, wir kämen nie vorwärts.« Aus letzterem Grund machte er nur einigemal etwas länger Halt, wenn die übereinander gestürzten Felsblöcke ganz eigentümlich seltsame Bildungen veranlaßt hatten. Nachdem die Diensthütte erreicht war, wo kurze Rast gehalten und in der dortigen Restauration ein Imbiß eingenommen worden, stieg die Gesellschaft auf den nahen Burgstall. Hier zeigte sich dem spähenden Auge eine weite, herrliche, entzückende, ja unbeschreiblich schöne Aussicht nach Böhmen und Bayern. Die Bergfahrer stimmten angesichts dieser herrlichen Ausschau, welche durch eine klare Luft und die goldig blaue Beleuchtung noch erhöht wurde, das hehre Lied an: »Wer hat dich du schöner Wald Aufgebaut so hoch da oben \&c.« 190 Bergwald aber suchte auf den vorgelagerten Donauhöhen die Ruine Brennberg, und als er sie mit dem Fernglas entdeckte, gedachte er mit seligen Empfindungen jener Stunde, wo er von dort mit Edeltraud hereingeschaut nach ihren heimatlichen Bergen. Unwillkürlich wandte er sich mit der Frage an den Lehrer, ob man von hier aus das Regenthal mit seinen Fabriken sehen könne. »Leider nein!« entgegnete der Lehrer. Er wollte noch weiter sprechen, da wurde er plötzlich durch den Ruf unterbrochen: »Donnerkeil! Ist das nicht der Herr Bergwald?« Es war Muckl Schirmer, der diesen Ausruf ausgestoßen. Er stand, ein Mädchen am rechten und eine ältere Frau am linken Arm führend, vor dem Künstler, der gerade nicht freudig über dieses Zusammentreffen überrascht war. Doch wurde er alsbald beruhigt, denn Muckl fuhr fort: »Geben S' mir nur Ihre Hand; ich bin ein guter Kerl, der nicht nachträgt. Man hat halt hie und da so einen Rappel. Aber die Ursache hievon ist jetzt abgethan – hier stell ich Ihnen meine neueste Braut vor, Fräulein Rosa, und hier die Tante, Frau Thekla Pankratz –« »Nun, da gratuliere ich,« erwiderte Bergwald, erheitert durch die komischen Knixe, welche Braut und Tante ihm zuteil werden ließen. Er reichte jeder die Hand und fragte erstere: »Darf man wohl bald zur Hochzeit Glück wünschen?« »O bitte,« machte das Fräulein, »mein lieber Nepomuk muß ja erst definitiv werden, und muß sich dann in eine gute Lebensversicherung einkaufen, damit ich als Witwe auch ein angenehmes Leben habe.« 191 Bergwald und Mändl konnten nur mit Mühe das Lachen unterdrücken. »Sie müssen wissen,« entschuldigte Muckl, »mein Bräutl ist halt noch sehr jung und sehr naiv.« »O, ich finde, daß sie sehr vernünftig ist,« erwiderte Bergwald. Muckl wollte ihm nun erzählen, wie er, von einer Lustreise in die Holledau heimkehrend, während der Stellwagenfahrt von Regensburg nach Donaustauf seine Braut kennen gelernt, aber Bergwald schien nur Interesse für die herrliche Aussicht zu haben. »No', und darf man Ihnen gratulieren?« fragte er endlich den Künstler. »Ich weiß ja vom Bruder selbst, wieviel es geschlagen hat.« »Entschuldigen Sie! Ich möchte mir jetzt die Rundschau hier betrachten,« entgegnete Bergwald ziemlich abweisend. »Es ist hier so wundervoll.« »Ja, wundervoll!« rief die Tante; »das ist das richtige Wort. Wundervoll!« Bergwald grüßte und entfernte sich dann mit seinem Begleiter. Nachdem die Runde um den weiten Wall des Burgstalls gemacht war, ging es wieder zurück zur prächtig im Schatten mächtiger Eschen und Ahornbäume gelegenen Diensthütte zum bereitgehaltenen Mahl. Bald nach diesem drängte es Bergwald, seinem Reiseziel zuzueilen. Einige Vereinsmitglieder, welche in gleicher Richtung ihren Wohnort hatten, übernahmen mit Vergnügen die Führung des Künstlers und versprachen, ihm auch noch die am Fuße des Berges liegende Ruine Lichtenegg zu zeigen. Bergwald verabschiedete sich somit herzlich 192 von seinem liebenswürdigen Wirt und bat ihn, indem er ihm seine Karte reichte, um seinen gelegentlichen Besuch in Nürnberg. Der Lehrer begleitete ihn noch eine kleine Strecke, und beim Abschied wünschten sie sich beide Glück auf ihrem weiteren Lebenswege. Dann nahm Bergwald sein Ränzchen, das ihm der Lehrer zuvorkommend getragen, auf den Rücken, und wanderte mit seinen Begleitern vergnügt von dannen. Fritz Mändl sah ihm nach, so lange er in seinem Gesichtskreis war; schließlich schickte er ihm noch einen Juhschrei nach, der von den Fortgehenden freudig erwidert wurde. Da er sich auf seinen Platz zurückbegeben wollte, sprach ihn Muckl Schirmer an und erneute mit ihm die Bekanntschaft aus der Studienzeit zu Regensburg, indem er den Lehrer gleich mit »du« ansprach. Im Laufe des Gespräches fragte er: »Wo aus macht der Herr Bergwald?« »Er geht nach Regenthal und dann auf den Arber,« antwortete der Angeredete. »So, Regenthal zu? Also is's richti, hat er si dös Waldlerblüml erobert? Die Sach hätt' mir bald 's Leben kost', und dös alles wegen einer Hopfenzupferin. Ich will ihr deshalb nicht zu nah treten, ich kenn noble Leute, die ebenfalls in der Holledau waren –« »Was hat denn die Holledau mit Herrn Bergwald zu thun?« fragte Fritz. »Auf der Reise ins Schelmenlandl hat er's ja bei uns in Falkenstoa' kennen g'lernt.« 193 »Wen denn? Die Tochter vom Glasfabrikanten in Regenthal?« »A Narr! Die Tochter vom Schleifer,« versetzte Muckl. »Du kennst ja 'n Franz Lechner ebenfalls, der gleicher Zeit mit uns in Regensburg war. Er ist jetzt, was man so sagt, ein Geldprotz und Teilhaber des Hauses Kleinschwert in Nürnberg. Der Kleinschwert is aber der Herr Bergwald, der Schwager vom Franz, den's jüngst in Wolnzach außig'scheitelt ham.« »Hör auf!« rief jetzt der Lehrer, »Mensch, du machst mich ganz dumm!« »Ein solches Kunststück bring ich nöt zam,« erwiderte lachend der andere. »Aber sollt dir der Maler wirkli nöt g'sagt haben, daß er's auf'n Lechner sei' Schwester, d' Edeltraud, abg'sehn hat?« »Edeltraud?« fragte der Lehrer, über und über errötend. »Schirmer, ich muß dich bitten, von dem Mädchen nur mit größter Hochachtung zu sprechen, sonst –« »Sonst schießt du mir auch eins auffi? Aber auf Ehr und Seligkeit, es is a so. I hätt ja die Traudl selber mögen, unter uns g'sagt; aber ihr Vater hat mir abwinken lassen, weil ihra Herz schon vergeben is; natürli an den reichen Nürnberger. Der Lechner hat mir ja selber g'sagt, daß sei' Schwager um der Traudl ihra Hand ang'halten hat, und daß die Sach' in Richtigkeit is, das ist klar, sonst reiset er nöt hintri zu ihr nach Regenthal. Mir is's recht. I hab mi anderwärtig entschädigt und gönn eam sei' Glück. Aber was hast denn?« unterbrach er sich. »Du bist ja kasweiß?« Der Lehrer konnte sich in der That kaum mehr auf den Füßen halten. 194 »Schirmer,« sagte er mit zitternder Stimme, »was du mir da erzählst, ist ein Dolchstich in mein Herz. Traudl hab ich mir ausersehen als meine künftige Hausfrau –« »No', so sind wir unser drei!« unterbrach ihn Schirmer, roh lachend. Er nahm aber sofort eine ernstere Miene an, als er in des Lehrers Gesicht blickte, und er gab ihm den wohlgemeinten Rat: »Mach dir nöt so viel daraus. Mach's, wie ich und denk dir: A andere Mutter hat auch a schön's Kind!« Mändl war aber nicht von so flatterhafter Anlage. »Du glaubst also wirklich,« fragte er nochmal, »daß der Maler und Traudl –«. Er stockte. »Daß die zwei zamspinnen, halt ich für a Thatsach,« erwiderte Schirmer. »Ich hab dir nur g'sagt, was ich weiß. Es kann dir nöt schwer fall'n, zu erfahr'n, was der Maler im Regenthal hinten für G'schichten malt. Adis einstweilen! Meine Angebetete blinzelt mir schon lange zu, wieder zu ihr zu kommen, denn weißt, ich bin ihr unentbehrlich.« Damit eilte er seiner »Angebeteten« zu. Fritz Mändl aber kehrte nicht mehr in den Kreis der lustigen Bergfahrer zurück. Es war ihm zu Mute, als ob plötzlich das Gebäude seines Glückes, das er wachend und träumend sich aufgebaut, ein Opfer der alles zerstörenden Flammen geworden. als wäre die Windsbraut über die stolzen Forste hingesaust und hätte die Jahrhunderte alten Riesen des Waldes hinweggefegt und nichts zurückgelassen, als ein grausiges Feld von zersplitterten Baumleichen. Die ganze Welt schien ihm verstümmelt, weil seine Hoffnungen zerstört waren. Der einzige vernünftige Gedanke, den er zu fassen 195 vermochte, war der, sich sofort an Ort und Stelle von alledem zu überzeugen, was er soeben vernommen. Er nahm sich vor, sofort nach Eschlkam zurückzukehren, sich vom Schulinspektor Urlaub für den nächsten Tag zu erbitten und dann zur Heimat zu eilen. Wie er über den Hang des Hohenbogens auf weglosem Pfad, den er selbst eingeschlagen und wobei er über Felsen und Klüfte springen mußte, ungefährdet hinab kam, konnte er später selbst kaum begreifen. Die Leute, welche ihm dann im Thal begegneten und ihn grüßten, schien er gar nicht zu sehen, so daß ihm mancher kopfschüttelnd nachblickte. In unbeschreiblicher Gemütsstimmung kam er endlich nach Hause. Als er zu seinem Schulhause stürmte, erblickte er zu seiner Ueberraschung seine Mutter, die ihn schon die Straße heraufkommen sah und ihm zum Gruß entgegeneilte. Sie erschrak aber nicht wenig, als sie das blasse, von Schmerz verzerrte Gesicht des Sohnes sah. »Ja, Fritz, was is dir denn?« fragte sie und folgte ihm in die Stube, wo er sich erschöpft, wie ein gehetztes Wild, niederließ. »Ach, Mutter,« rief er, »ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt! Mein ganzes Leben ist verpfuscht, meine schönsten Hoffnungen sind vernichtet, alles, alles ist dahin!« »In Gottes heiligen Nam'! Was is denn g'schehn?« jammerte die Mutter. »Red doch!« »D' Edeltraud, mein Alles, sie ist für mich verloren!« »D' Traudl? Verloren? Wieso denn?« »Sie hat sich mit einem Nürnberger, ihrem Schwager, verlobt. Ich selbst hab ihn bei mir beherbergt und ihm 196 den Weg ins Regenthal gezeigt! Man könnte lachen, wenn's nicht zum Verzweifeln wär!« »Aber Fritz, was willst denn da machen?« fragte die Mutter. »Ich weiß nur so viel, daß ich ohne Traudl nicht leben mag – daß ich –« Er vollendete nicht. Die Nebenthüre öffnete sich und zu seiner größten Ueberraschung trat Traudl in die Stube. »So sollst mi zur Straf haben müassen für Zeit und Ewigkeit!« sagte sie tief errötend. »Da, Fritz, nimm mei' Hand, und kann i di glücklich machen, so g'schieht's. Dir alloa' g'hört mei' Herz.« Der Uebergang im Gemüt des jungen Mannes von der schmerzlichsten Aufregung zur höchsten Freude war derartig, daß er im ersten Augenblick nicht wußte, ob er wache oder träume, und bald nach der Mutter, bald nach Traudl starrte. Erstere lachte und sagte: »No', was verlangst no' mehr? Jetzt hast ja, was d' willst.« 197 Dann wandte sie sich zum Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Sie wollte nicht sehen und nicht hören, was hinter ihrem Rücken vorging. Gesprochen wurde nichts; aber bewegungslos schien das junge Paar auch nicht zu sein. Endlich preßte es dem glücklichen Fritz aber doch die Frage heraus: »Ja, wie kommt's denn, daß ich dich mit der Mutter da find, g'rad jetz da find zu mein' Heil, in der fürchterlichen Lag?« Das war bald erklärt. Es war ja des Lehrers Geburtstag, den er in der Folge ganz vergessen hatte. Die Mutter wollte ihm in seinem neuen Wohnort persönlich gratulieren, und sie glaubte ihm eine besondere Freude zu machen, wenn sie Traudl mitbrachte. So fuhren denn die beiden Frauen zusammen nach Eschlkam, und als sie dort den Lehrer nicht antrafen und hörten, daß er wohl erst abends zurückkehren werde, beschlossen sie, auf ihn zu warten und quartierten sich im Gasthaus ein, wo heute wieder Platz für sie frei geworden. Dann aber kam die Rede auf Bergwald. Traudl erzählte dem Lehrer nun, wie sie diesen kennen gelernt, wie er ihr gleichsam Auge und Herz geöffnet, und verhehlte auch nicht, daß Bergwald wirklich um sie geworben und daß sie, nachdem sie erfahren, daß Fritz ihr ebenfalls gut sei, einen qualvollen Kampf durchgekämpft habe. Schließlich sei ihr aber die Erkenntnis gekommen, daß ihr Herz, ohne daß sie es wußte, ihm, dem Mändl-Fritz, gehörte. Hätte sie aber noch daran gezweifelt, so wußte sie es, seit sie vorhin durch seinen verzweiflungsvollen Schmerz erkannt, wie stark seine Liebe zu ihr sei. Daß Bergwald 198 schon so bald käme, sich ihre Antwort zu holen, das hatte sie nicht erwartet, und nun sollte ihr Fritz Rat erteilen, wie Bergwald, ohne ihn zu kränken, die nötige Mitteilung zu machen sei. Traudl hatte alles in so offener und herzlicher Weise hervorgebracht, daß in dem Lehrer nicht das leiseste Fünkchen von Mißtrauen aufkommen konnte. Er riet ihr, an Bergwald einige Zeilen zu schreiben und diese dem Kutscher, der sie hergefahren, nach Regenthal mitzugeben. Sie selbst solle mit seiner Mutter erst wieder dorthin zurückkehren, wenn Bergwald von dort abgereist. Auch Traudl zog es vor, diesem jetzt nicht zu begegnen. So schrieb sie denn an der Maler folgende Zeilen: »Lieber Herr und Schwager! Auf Ihren Antrag hin, der mich armes Mädchen so hoch ehrt, habe ich mein Herz geprüft, lange, lange, und jetzt war es mir erst klar, daß ich dieses Herz schon lange, ohne daß ich es selbst recht wußte, verschenkt hatte an einen wackeren Mann, meinen Nachbar und Lehrer Fritz Mändl, der das schöne Lied vom Bayerwald mir gelernt hat, das Ihnen so gefällt. Sie kennen ihn jetzt, denn Sie waren ja gestern sein Gast. Mit ihm kann ich in der Heimat bleiben, die ich nie verlassen möchte. Für eine Dame in der Stadt passe ich nicht. Ich würde Sie nur in Verlegenheit bringen und Sie unglücklich machen. Aber seien Sie überzeugt, daß ich Sie nie vergessen werde, so lange ich lebe, daß ich Ihnen in treuer Freundschaft zugethan bleibe und sehnlichst wünsche, daß es Ihnen gut gehe, und Sie so glücklich werden, wie Sie es so hoch verdienen. Dank für alles, was Sie meinem Bruder edelmütig gethan, Dank für jedes liebe Wort, das Sie mir gegeben. Leben Sie wohl, verzeihen Sie mir und 199 denken Sie auch ferner nicht ungern an Ihre stets dankbar ergebene Edeltraud Lechner.« Mit diesem Schreiben wurde der Kutscher nach Regenthal zurückgeschickt. Er ward beauftragt, den Brief bei Lechner abzugeben und erst auf dessen Weisung hin wieder hieher zu kommen. Ein zweiter Brief des Lehrers verständigte dessen künftige Schwiegereltern von dem Vorgefallenen und bat sie um ihren Segen. Und dann wurde Verlobung gefeiert, erst im engsten Familienkreis, dann, als die Bergfahrer zurückgekommen, im Gasthaus in fröhlichem Kreis. Mutter und Braut hatten sich zwar zeitig auf ihr Zimmer zurückgezogen, der Lehrer aber hielt tapfer aus und erfreute die Gesellschaft durch seinen Gesang, der ihm noch nie so schön und freudig aus der Kehle gedrungen, wie an diesem Tag, der so jäh namenloses Weh in unendliches Glück verwandelt. 200 XIV. Bergwald war inzwischen in dem Gebirgsdörfchen angekommen, in dessen Nähe sich Glashütte und Spiegelschleife befanden, in welch letzterer der alte Lechner beschäftigt war. Nachdem er sich im Gasthaus ein Nachtquartier gesichert, drängte es ihn, in die Nähe seiner Erkorenen zu kommen. Er wollte indessen zuerst dem Fabrikherrn seinen Besuch machen, um von diesem Näheres über seine Verwandten zu hören; nicht als ob er mißtrauisch gegen dieselben gewesen, aber man erfährt durch Fragen mancherlei, was zu wissen vorteilhaft ist. Der Hüttenherr empfing ihn sehr zuvorkommend, denn der Name des Künstlers war ihm nicht unbekannt. Er freute sich, diesen persönlich kennen zu lernen, und als ihm Bergwald sagte, daß er die Spiegelfabrikation noch nie gesehen, erbot er sich sofort, ihn nach den Glasöfen zu führen, die jetzt wieder in vollem Betrieb waren. Auf dem Wege dahin sah er auch die etwas höher erbauten, braunen Holzhäuser, welche den Arbeitern zur Wohnung dienten. »In einem dieser Häuser ist wohl auch Lechner zu Hause, der mit Kleinschwert in Nürnberg associert ist?« fragte Bergwald. »Ganz richtig,« antwortete der andere. »Es ist das zweite Haus von rechts, das mit den schönen Blumenstöcken am Fenster. Ich selbst habe ihn ja seinerzeit in 201 das Geschäft gebracht und ihm so zu seinem Glück verholfen. Seine Eltern leben mit ihrer Tochter noch hier, und ich werde diese von Neujahr ab im Kontor verwenden, wenn sie sich vorher nicht in anderer Weise bindet.« »Wie so? Ist sie verlobt?« fragte Bergwald. »Man hält sie dafür, der Lehrer, der bis vor kurzem hier war, soll der Bräutigam sein. Er ist jetzt in Eschlkam, wird aber, sobald das neue Schulhaus dort oben fertig ist, wahrscheinlich wieder hieher versetzt.« Bergwald horchte diesen Worten mit angehaltenem Atem. Er glaubte falsch gehört zu haben. »Das ist vielleicht nur eine Vermutung?« fragte er, ängstlich nach dem andern blickend. Dieser zuckte die Achseln. »Ich war heute über Nacht im Schulhaus zu Eschlkam,« fuhr Bergwald fort. »Ich kenne Lehrer Mändl; er sagte aber kein Wort davon, daß er verlobt sei.« »Dann ist es jedenfalls noch nicht so weit,« meinte der Fabrikherr. »Auf dem Land giebt es so wenig Neuigkeiten, daß man nach allem hascht, was halbwegs von Interesse ist.« Sie waren jetzt bei den Fabriksgebäuden angekommen, aber Bergwald hatte alles Interesse für die Fabrikation verloren. Er empfahl sich auch alsbald von dem Hüttenherrn, um nach dem Hause des alten Lechner zu eilen. Sein Herz klopfte schneller, als er vor Traudls Wohnung stand. Die prächtigen Blumen vor dem Fenster wurden sicher durch ihre fleißigen Hände so gut gepflegt. Mit wohlgefälligem Blick musterte sie der Künstler. Nun trat er in den Hausflur. Er fand die Thür, welche in 202 die Wohnstube führte, angelweit offen, aber niemand war zu sehen. Der Raum, in den er blickte, erschien ihm wie ein Heiligtum. Bei aller Einfachheit war es hier so sauber und traulich, daß man sofort erkannte, daß hier eine sorgsame Hand waltete, daß es das Heim braver Leute sei. Nachdem er sich eine Weile an dem Anblick dieser Stube ergötzt, klopfte er mit seinem Stock an die offene Thür, um sich bemerkbar zu machen. Da kam, wie es schien, aus der an die Stube angrenzenden Küche Traudls Mutter. Sie sah den Fremden einen Augenblick prüfend an, dann schlug sie die Hände zusammen und rief: »Oes seid's der Herr Bergwald? Is's nöt so?« Bergwald blickte mit rührender Ehrerbietung nach der würdigen alten Frau mit dem etwas blassen, doch anmutvollen Gesicht, das Edeltrauds Züge unverkennbar trug. »Sie haben es erraten,« entgegnete der Maler. »Darf ich eintreten?« »Natürli; kommen's nur eina in d' Stuben und setzen's Ihnen nieder. Wir haben viel miteinander z' diskrieren. Alle Stund hab i Ihna erwart. I kann mir's denken, nach wem's umschau'n, aber d' Traudl is nöt dahoam – sie is über Land – heut fruah schon mit der Mändl-Nachbarin.« »Aber sie kommt doch heute noch zurück?« »I kann's nöt sagen, wie lang sie si in Eschlkam verhalten.« »In Eschlkam?« fragte Bergwald erblassend. »Ja, dorthin is's mit der Nachbarin; dera ihra Sohn is dort Schullehrer und –« 203 »Und?« fragte Bergwald mit stockendem Atem. »Sei' Geburtstag is heut. – Sie guater Herr!« begann dann die alte Frau mit Wärme, wohl erkennend, wie weh sie dem jungen Mann, der ihr sofort volles Vertrauen einflößte, thun müsse, wenn sie ihm die Wahrheit offen eingestehe. »Mei', d' Traudl red't von Ihna, wie's nöt lieber reden könnt' und Sie san ja der Schwager von unserm Franz. I woaß, wie schön daß 's an eam g'handelt haben; der Herr vergelt's Ihna! Es is ja g'wiß, es is nöt recht, daß er uns so lang verkehrt hat, aber i trag eam's nöt nach und i bet alle Tag, daß's eam wieder guat geh'n soll.« »Das Mutterherz läßt halt nicht aus,« meinte Bergwald gerührt. »Wie wäre ich glücklich, noch eine so liebende Mutter zu haben, oder noch eine solche zu bekommen – kurz, Euch, liebe Frau, da Sie ja alles zu wissen scheinen, Mutter nennen zu dürfen.« Frau Lechner blickte jetzt mit unverhohlenem Wohlgefallen nach dem jungen Mann, dann sagte sie: »I seh's, d' Traudl hat wahr g'red't – sie kann ja nöt anders reden – aber, därf i ganz offen sein? – ja, ja, i muaß offen reden – und i kann nöt glauben, daß mei' arm's, bei uns auferzogenes Deandl wo anders hin paßt, als zu uns in 'n Wald eina. Sie san a reicher, ang'seh'ner Herr, a Deandl von an' Schleifer taugt nöt für die Welt, in der Sie hausen. Dös hat der Vater b'haupt und d' Traudl hat's mahli aa eing'seh'n, hat's eing'seh'n und –« »Was wollen Sie damit sagen?« unterbrach sie der Maler. »Sollte es Grund haben, daß der Lehrer –« 204 »Ja, ja, dös hat scho' Grund. Der Mändl-Fritz hat seit etli Jahr an nix anders denkt und hat's so viel gern.« »Und d' Traudl?« fragte Bergwald ungeduldig. »Mei', dös Deandl hat's selm nöt g'wußt, wie guat daß's eam is. Erst jetzt, wie's vor d' Wahl g'stellt is worn, wie's Enk, guater Herr, hat kenna g'lernt und viel über die Sach nachdenkt hat – die Wahl is ihr mentisch schwer worn – aber sie hat doch dös Richtige troffen, sie hat's selm dakennt, daß's für a gnädige Frau nöt paßt, daß's nöt so hoch außi därf. Ich woaß's nöt, wie's heut ebba ganga hat in Eschlkam. Da hör i's Wagl; jetzt kimmt's. Da kann's Ihna glei alles selber sagen.« Sie stand auf und eilte zum Fenster. Bergwald war über die Rede der alten Frau wie halb betäubt. Grausam vernichteten ihre Worte die schönsten Hoffnungen, von denen sein Herz erfüllt war. Er mußte sich an der Stuhllehne festhalten, als er jetzt ebenfalls aufstand, um, wie er glaubte, Traudl eintreten zu sehen. Aber es kam nur der Knecht mit zwei Briefen, wovon der eine für Traudls Eltern, der andere für Bergwald bestimmt war. Hastig griff letzterer nach diesem und als er ihn gelesen, suchte er die Thränen von den Wangen zu trocknen, die unaufhörlich seinen Augen entquollen. Die alte Lechnerin, welche den Brief ihrer Tochter an sie ebenfalls gelesen, sah ihn tief bewegt an. »Gel,« sagte sie, »Sie fluachen mein' Deandl nöt?« »Nein,« entgegnete der junge Mann, »ganz gewiß nicht. Sie hat mir zwar in diesem Augenblick sehr weh gethan, aber dennoch will ich sie segnen, solange ich lebe. Sie war das erste Mädchen, das mich zu fesseln verstand, 205 sie soll das einzige bleiben.« Dann zog er ein Etui, einen wertvollen Schmuck enthaltend, aus der Tasche und fuhr fort: »Hier, diesen Schmuck habe ich als Brautgeschenk ihr zugedacht, Sie sollen ihn ihr am Hochzeitstag übergeben – nicht eher, versprechen Sie mir das! Aber ein paar Zeilen möchte ich ihr hinterlassen, ehe ich dieses Thal verlasse, nach dem ich mit so seligen Hoffnungen kam. Und so leben Sie wohl, gute Mutter!« Er drückte der Frau die Hand und bat sie, auch ihren Mann, der noch in der Schleiferei beschäftigt war, zu grüßen. Weinend geleitete sie den jungen Mann zur Thür und sah ihm nach, so lange es anging. Langsamen Schrittes schlug er den Weg zum Dörfchen und seinem Quartier ein. Die Felsenspitzen des Osser glühten noch, während die Waldhänge schon im Schatten lagen. Schmerzlich blickte der Künstler zu den Bergspitzen auf. »Wie lange werdet ihr noch leuchten!« sagte er. »Ein paar Minuten und der Schatten steigt zu euch hinauf, denn nichts ist beständig auf dieser Welt, am unbeständigsten aber das Glück.« In seinem Quartier angekommen, begab er sich sofort auf sein Zimmer. Dort saß er lange am offenen Fenster und blickte in die sternenhelle Nacht hinaus. Der Anblick der leuchtenden Gestirne wirkte lindernd auf seinen Schmerz. Es ist ja sicher, daß jeder Schmerz etwas Religiöses hat, das immer tröstend auf das Gemüt wirkt. Das fühlte auch Bergwald, und es fiel ihm der Spruch eines griechischen Philosophen ein, der sagte: »Schmerz, du bist kein Uebel. Du führst die Geister 206 zur Erkenntnis, den richtigen Weg zur Geistesfreiheit zu gelangen und spornst an zu edlen Thaten.« So gestärkt und gesammelt, schrieb er dann an Edeltraud. Erst spät legte er sich zur Ruhe. Der neckische Traumgott gaukelte ihm heitere Bilder vor, alles Mögliche, nur die nicht, welcher er zuletzt so heiß, so schmerzlich gedachte. Am nächsten Morgen sandte er den Brief an Traudls Eltern. Die Morgensonne stieg soeben über dem künischen Gebirge auf, als er zum Wanderstock griff und den Weg über den Brennespaß einschlug, um auf den Arber zu gelangen. Er blieb öfter stehen und blickte zurück nach der ärmlichen Hütte, dem Heim Traudls, es war ihm, als sähe er Traudls Eltern ihm teilnahmsvoll nachgrüßen. »So arm und doch so reich!« sagte er sich. »Aber ihr sollt nicht arm bleiben, sollt keine Not mehr leiden, ich will an euch thun, was ich als Sohn gethan hätte.« Mit diesem Vorsatz schritt er dann rüstig aufwärts zur Kronenkuppe des Arber, des Königs vom Böhmerwald. Eine ganze Welt eröffnete sich dort seinen Blicken, unendliche Waldmassen, unzählige Kuppen, Seen und Flüsse, aber das alles konnte ihn heute nicht begeistern. Wie glücklich stimmte ihn gestern, wo sein Herz noch freudiger Hoffnungen voll war, die Herrlichkeit der Schöpfung! Heute streifte er sie nur flüchtig. Nur auf einem Punkt verweilte lange sein Blick, auf dem von hier aus wohl erkennbaren Dörfchen, wo die ärmliche Hütte stand, aus welcher er sich den köstlichsten Schatz seines Lebens zu holen gedacht. Als er den Abstieg begann, war es ihm, als wäre es eine Lebenswende, ob zum Guten oder Schlimmen, wer 207 weiß das! An dem unfern des Gipfels von Urwald umrandeten, tief dunklen See machte er Halt. Hier herrschte Todesstille, nur hin und wieder fiel ein welkes Laub aus dem überhängenden Ahorn in das schwarze, unbewegliche Wasser. Lange blickte der Künstler sinnend hinein. »Da müßte sich's gut ruhen, tief unten, vergessen und –« Doch sofort ermannte er sich, und den Abstieg fortsetzend rief er: »Auf zu neuem Leben! Zu neuem, schönem Schaffen! Arbeit läßt alles überdauern, jeden Verlust überwinden. Mein Ideal aber bleibt das Mädchen vom Regenthal.« – Erst gegen Abend desselben Tages kehrte das Gefährt mit Frau Mändl und Edeltraud wieder zurück, begleitet von Fritz, dem glücklichen Bräutigam. Nachdem die erste Begrüßung und die üblichen Glückwünsche vorüber, unterrichtete die Mutter Traudl von dem Besuch Bergwalds und gab ihr dessen Brief. Traudl wollte ungestört lesen. Sie suchte ihren Lieblingsplatz auf, die Bank unter dem Feldbirnbaum, dessen Blätter der Herbst bereits rot und gelb gefärbt. Hier öffnete sie das Schreiben des von ihr so hoch verehrten Mannes, von dem auch die Mutter mit so viel Wärme sprach. Der Brief hatte folgenden Inhalt: »Meine liebe, teure Freundin Edeltraud! Wenn es wahr ist, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, so müssen wir arme Menschenkinder uns der höheren Fügung willig unterwerfen. Geistig bleibe ich doch mit Ihnen vermählt, denn stets werde ich jener weihevollen Stunden gedenken, wo mich der Zauber der heiligen Unschuld, welche 208 mir aus Ihrem schönen Auge entgegenstrahlte, für immer gefangen nahm. Mein Leben will ich fortan, wie bisher, nur der Kunst weihen. Sollte es mir an Idealen gebrechen, wird mir die Erinnerung an Sie die verkörperte Muse der echten Kunst vorführen, deren Weihekuß mich begeistern soll für das ewig Schöne und Wahre. Wandere ich auch weiter, ein Teil meiner Seele bleibt bei Ihnen zurück. Grüßen Sie mir Vater und Mutter, wie nicht minder Ihren Bräutigam. Er darf mich zu seinen besten Freunden zählen. Stets ihr treuer Freund Otto Bergwald.« Traudl las das Schreiben unter vielen Thränen, die auf das Blatt niederfielen. Dann blickte sie lange zu dem von der untergehenden Sonne goldig beleuchteten Steig, auf welchem der Künstler sich entfernte. War es ihr doch, als hätte auch er einen Teil ihrer Seele mit sich genommen. – Der Bräutigam kam und weckte sie aus ihren Träumen. Sie reichte ihm den Brief zum Lesen hin. »Wir wollen ihn stets in Ehren halten,« sagte Fritz, nachdem er gelesen. »Ich will mich seiner Freundschaft würdig zeigen, indem ich mich bestrebe, dich glücklich zu machen.« Dann schritten sie schweigend mit verschlungenen Händen dem Elternhaus zu. – – – – – Ambach im Sommer 1899.